Georg Christoph Lichtenberg'ö vermischte Schriften nach dessen Tode gesammelt und herausgegeben von Ludwig Christian Lichtenberg Sächs. Goth. üegatlonirath« und Friedrich Kries Professor am Eothaischen Gymnasium. Dritter Band. Göttingen bey Heinrich Dieterich. i 8oi. V o r b e r i ch r. Alit diesem Bande fängt die Sammlung der bereits gedruckten Schriften des Verfassers an, die wir eben so, wie die vorher angedruckten, in zwey Haupt-Classen getheilt haben: in die Schriften verm.ischcen, und in die Schriften mathematischen und physikalischen Inhalts. Um die Zahl der Titel nicht zu vermehren, lassen wir die gedruckten mit den angedruckten Schriften von jeder Classe in einer Reihe fortgehen, ohne die Hauptworte des Titels zu ändern, und machen den Unterschied nur durch eine kleine Aenderung in den Nebenbestim- Mungen desselben bemerklich. Die Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche bleibt von dieser Sammlung ganz ausgeschlossen, da sie für sich eine Reihe von Bänden ausmacht, IV die ausschließend einen einzigen Gegenstand betreffen, und noch Exemplare davon vorräthig sind. Sre würde auch, wegen der Menge der Kupfer, diese Sammlung für viele Freunde der Lich- tenbergstchen Muse zu kostbar machen, und dadurch ihrer Verbreitung eher nachtheilig, als beförderlich seyn. Uebrigens werden wir sorgfältig Alles zusammen zu tragen suchen, sowohl was der Verfasser besonders herausgegeben hat, als was von ihm hier und da in periodischen Schriften zerstreuet ist; und wenn wir etwas geflissentlich zurück lasten, so werden wir es, nebst den Gründen, warum es geschieht, anzeigen. Im Ganzen werden wir dabey der chronologischen O dliiing folgen, doch nicht so genau, daß wir »ichc Sachen, die ihrem Inhalt oder ihrem Ton nach verwandt stiid, zusammenstellen lollcen, wenn sie auch ursp ünglich nicht auf einander folgen. Das erste Stück in diesem Bande ist aus dem Hannoverischen Magazin vom Jahr 1766 genommen, und gehört also, wie man auch leicht V aus seiner innern Beschaffenheit abnehmen kann, in die früheste Periode der schriftstellerischen Laufbahn des Verfassers. Das zweyte Stück: Patriotischer Beytrag zur Methyologie der Deutschen — gewiß eines der witzigsten Produkte — erscheint hier mit einigen Redensarten, wodurch daö Betrunkenseyn in un,erer Sprache ausgedrückt wird, vermehrt. Auch der Timor uö hat einige, wiewohl nur unbedeutende Verbesserungen, die von dem Verfasser ange- merkt waren, erfahren. Der Anhang aber, nämlich die Epistel an einige Journalisten, die eigentlich für den Fall, daß der TimoruS angegriffen werden sollte, bestimmt war, und der Bericht von Photorins Vorfahren — sind neu hinzugekommen. Das lehre Stück war vielleicht für «inen zweyten Theil des TimoruS bestimmt. Wenigstens ist der Verfasser mit der Idee umgegangen, noch einen solchen zu liefern, und darin, wie im ersten, verschiedene Gegenstände der Sitten und der Litteratur satyrisch zu behandeln. Unter seinen Papieren fanden sich noch ein Paar Briefe von Mägden die über die Litteratur urtheilen, die er Willens war, in diesen zweyten Theil aufzunehmen. Hoffentlich wird eö den Lesern nicht unangenehm seyn, wenn wir diese B.iefe hier mittheilen. Sie zeigen, aus wie mancheriey Weise sich Lichtenbergs WiH äußerte, und können als ein Beytrag zu dem, was er über die weiblichen Bedienten in seinem Orbi8 giolus gesagt hat, gelten. Erster Brief. Des Klaserö Dorte hat mich gesagt, daß Sie sie auch halten wollte, die gelehrte Zeitung, und da schicke ich ihr ein Blatt, ße darf sich nicht eckeln lasten, es ist ein Oei Flecken, der mich unten dran gekommen, aber man kanns doch noch lesen. Absonderlich aber wird sie der Brihf vom Schulmeister in Wehnde gefallen, theils weil mich dey Plan hinten am Ende wohlgefällt, son- dsrn hauptsächlich weil der Wilhelm auch Per Scepter nicht gut ist. Es ist auch wahr, unsre Litteratur sieht doch auch nun recht melaucolisch aus und Wilhelm hat sich eine in Brihfen verschrieben von Berlin. Das wird ste all auch lernen, wenn ste des Abends in unsre theutjche Gesellschaft, aber es sind auch Mädchen drin, hineinkommen wird, Poch sie nur an der Speiß- kammer, oder ruf ste zum Goßitein herein, so will ich ihr aufmachen. Er will den Abend zum erstenmal den Kiop- stockljchen lochen muormgen, und uns daraus vvrachlre». Gestern lastn wir in Vatter Mekum Lustigen Leuten; aoer dann kann ich ihr versichern, daß mir der hohe Geschmack und der riefe Geschwulst weit mehr besser gefallt, denn ich habe neulich in einer erhabenen trockenen Filosophie gelesen, daß es oor witsige giebt um einen der tiefen Schwulst besitzt. Wie ich denn zeitlebens bin Eure besonder^ bockaeehrttste Dienerin» , Die Gretel thut auch, als wenn sie Litteratur hätte, aber die rothen Doffeln, die sie auf dem Wall anhatte, sind ein Bresrik, ich weiß es wohl, ich wollte so was nicht haben. Zweyter Brief. Unsre Leß - Gesellschaft ist nun zum Ausbruch gekommen, und soll ich sie dieses Buch zustellen, und sie soll es dem Wilhelm geben oder des Bernhards Lui auf den Posten bringen, er schildert heute unter dem Stockhaus-Fenster um c>i bis 21. Es wird ihr gewiß gefallen, aber es ist viel Hoheit darin von den Urjprung und von den Sprachen. Der Audor soll von einem Mann, der mit in die Sociaität in Berlin gehört ein Stück Geld wie der Vollmond groß bekommen haben. Das wäre was vor uns, du liebste Zeit, aber das Buch ist doch auch gut. Mir hat die Fabel von dem Schlaf recht kritisch geschienen, und der ganze Plan ist ideenhaftig. Seh sie einmal das Babier am Einband an, cs hat leibhaftig die Kulehr von dem Leibchen, das mir die lahme Nickel gemacht hat. Die Mamsell will mir auch «och zur Jacke geben. Das Zeichen ist ein Schmppelchen Von unsrer Mamsell ihren Brautschuhen. Das war ihr heut wieder einmal ein Specktagei am Fleisch. Ich habe nun noch eine Theolochie für das Jahr 177z und eine Theorie, die aber nicht mehr zu gebrauchen, denn sie ist vom vorigen Jahr, und Wilhelm hat mir die deutsche Pisselle Dorleang gebracht, das ist affrehs, ich habe es aber auch doppelt und doppelt verschlossen, ich möcht das nicht agircn, in Barihs sollen ste es osc spielen. Der Anschlag - Zeddel im Namen des Taschenspielers Philadelphia ist schon einmal in der Berliner Monatsschrift (im September 1/96), noch bey Lebzeiten des Verfassers wiederholt worden, jedoch ohne die Holzschnitte, die das Original zierten, und die hier, nur verkleinert) beygefügt morden sind. Die Veranlassung zu diesem Aoertisse- ment war die Ankunft jenes berühmten Taschenspielers in Göttingen zu Ansauge des Jahrs 1777. Noch ehe er Zeit X - hatte, seine Kunststücke selbst anzutun« digen, geschweige etwas davon >rhen zu «asten, war diese Ankündigung m femem Namen geschrieben, gedruckt und öffentlich angeschlagen. Einfall und Ausführung war die Sache einer Nacht. Ilnd dte Wirkung davon war, daß der Magier den andern Morgen in aller Stille von Göctingen abzog, und dort nichts wieder von sich sehen ließ. Die Holzschnitte konn.en also auch n-cht eigends dazu verfertigt werden, sondern wurden unter den vorhandenen Druckerstöcken hervoi gesucht; und es war ein glückliches Ungefähr, daß sich ein Paar fanden, die Nicht übel dazu paßten. Das oberste hat ei» abentheuerlicheö, furchtbares Ansehen: eL stellt die ganze heil. Drey- fai.igkeir, nebst den guten und bösen Geistern vor, (die die Zaubrer oft genug im Munde zu führen, und deren Beystandes sie sich zu rühmen pflegen) und die letztem noch überdieß sehr geschäftig, die sündhaften Menschen im höllischen Pfuhl herum zu schüren. Die Umschrift sagt entweder nichts oder etwas Albernes, und ist zugleich aus eine mystische Weise (als ein Ehro« nostichon) geschrieben; so paßt sie am besten für Zauberformeln und Kunststückchen, die gleichfalls nichts oder etwas Albernes, unter dem Anstrich des Wunderbaren, enthalten. Der Georg Möller, dem zu Ehren sie abgefaßt ist, war, w:e es in der Berliner Monatsschrift vortrefflich ausgedrückt ist, ein Taschenspieler andrer Art, ein Tabacksspinner, der sich einfallen ließ, geistliche Conventikeln zu galten und theologische Bücher zu schreiben, die voll fanatischer Salbung sind. Einige Nachrichten von ihm finden sich in Iocherö Gelehrten - Lcxiron. In hcm andern Holzschnitte, der die S:adt Göttingen vorstellt, scheinen die Fahnen auf den Kirchrhürmen, mit Beziehung auf das erste Kunststück, so hervorstechend gemacht zu seyn. Dieser Zusatz mag neu seyn, und konnte leicht in her Gelchwindigkeit verfertigt werden. Die Briefe aus England haben in den ersten Jahrgängen des Deutschen Museums gestanden. Hier sind sie unverändert wiederholt worden; unter Nr. Vlll. aber liefern wir einige Bruchstücke aus den Tagebüchern von der Reise deö Verfassers nach England und seinem Aufenthalt daselbst, die bisher noch nicht gedruckt worden sind. Nr. IX enthalt die Abhandlung über Physiognomik, die zuerst nn Göttinger Taschen Ealender sür 1778 erschien, und nachher etwas erweitert besonders gedruckt wurde. Auch zu dieser wollte der Versaster einen zweyten Theil liefern, wie sich aus mehrern Stellen des beygefügten Anhangs, besonders aus der zweyten Beylage ergibt. Ja dieser Anhang ist unstreitig selbst nur der Ansang deö zweyten TaeilS gewesen; denn er führt in dem Mauuseript des Verfassers denselben Titel, den der erste Theil hat, und wird auch in einer Stelle bald im Anfange eine Fortsetzung seiner Gedanken über Physiognomik genannt. Indessen ist der Verfasser, wie man sieht, nicht weit damit gekommen. Er wollte, wie er selbst sagt, die Gründe seiner Abneigung gegen Physiognomik erklären, und die Erzählung von dsn über XIII die erste Abhandlung entstandenen Streitigkeiten nur aiö Einleitung vorausschicken. , Man ßndec aber von der Hauptsache mchrs^ und nur die Erzählung der Screitig.reiten, die als ein merkwürdiger Beycrag zur Litterär-Ge-! schichte und zur Geschichte der Verhältnisse des Verfassers wopl des Aufbehal- tens werth war. Auch die erste Beylage ist nur ein Fragment, über die zweyte aber gibt der Versaster selbst in seiner Erzählung hinlänglichen Ausschluß. Das Fragment von Schwänzen ist zuerst in BaldingerS neuem Magazin für Aerzte zcen Bande erschienen. Noch stehen in dem Deutschen Museum von 1777 und 78 ein Paar Briese von der Hand des Verfassers, die uns aber zu unbed«>urend scheinen, als daß wir sie seht noch einmal abdrucken lasten sollten. Der eine (im Februarsrück von 1777) enthält eine kurze und simple Nachricht von den Bewohnern des FeuerlandeS, nebst einer (schlechten) Adbidung, die uns von ihrer Physiognomie und ihrem dürftigen LIV Aufzuge einen Begriff geben soll. Bey- des verdankte der Verfasser Hrn. Förster und Hrn. HodgeS in England. Jetzt kennen wir den Zustand und das Ansehen dieser elenden Pescherah'S aus der Forsterischen und Cook'schen Reisebeschreibung so genau, daß diese Nachricht überflüssig wäre. Der andere Brief(im Aprilstück von i?78) enthalt einige litterarische Neuigkeiten von England, aus einem Briese von Förster, die jetzt längst veraltet sind» Gotha, im April 1821. Die Herausgeber» Z tt h ü l t< t. Von dem Nutzen, den die Mail,ennmk einem Lei bringen kann. S. r ll. Patrivlücher Beytrag zur Metrologie der Deutschen, nebst einer Vorrede über das me- tbyvlogiiche Studium überhaupt. S. ly HI. Timorus, daß ist, Vertheidigung zweyer Jsraeliten rc. S» 4Z S. Schreiben Conrad Pbowrins an einige Journalisten in Deutschland. S> iz- b. Conrad Photorins Bericht von seinen Dorfabren. S. iqS IV. Epistel an Tobias Göbhard in Bamberg, über eine, aus Johann Cbristian Dieierich in. Gbllinaen bekannt gemachte Schmähschrift» S. 197 . 4L1, ^ V. Friedrich Eckard an den Der» faffer der Bemerkungen rc. S. 197 VI. Anschlag - Zeddel im Namen von Philadelphia. S. 2zr VII Briefe aus England. S. 23- VIII. Bruchstücke aus dem Tagebuche von der Reise nach England. S. 27z IX. Ueber Physiognomik wider die Physiognomen rc. S. qor s. Nachricht von den über die vorhergehende Abhandlung entstandenen Streitigkeiten, nebst Beylagen. S. 527 Erste Beylage. Conrad Photo- rin an Tobias Göbhard rc. S. zqä Zweyte Beylage. An die Leser des Deutschen Museums. S- 582 X. Fragment von Schwänzen. S. L89 I. Vo» dem Nutzen den die Mathematik einem Lei Ls^rir bringen kann. NI. A Ungeachtet wir jetzt in so aufgeklärten Zeilen leben, daß Niemand leicht mehr den Nutzen der Mathematik leugnet, von dem Logiker an, der sie sonst beschuldigte, sie mache ihre Verehrer zu Zweiflern, da er halte sagen sollcm, zu Leuten, die nicht glauben können, was nicht wahr ist, bis zu dem.galanten, allerliebsten leeren Kopfe, der, weil er nicht Geld ge- nug hat seinen Verstand und seine Sitten zu Paris in loco selbst zu verderbe»/ sich in Deutschland mit läiüoires reules, und I^ettreg Zslgntes eben so weit bringt; ungeachtet, sage ich, diese den Nutzen der Mathematik nicht mehr A -r 4 leugnen, so kam, es doch zuweilen nütz« lich seyn, ihn noch in besonderen Fallen darzuthu», wo er nicht so deutlich in die Augen fallt. Auf diese Art hat uns ein großer deutscher Meßkünstler ihre» Nutzen in der Moral gezeigt und ihren Werth gewiesen, wenn man sie als einen Zeitvertreib betrachtet. Ohne meine Untersuchung im geringsten, sowohl was die Richtigkeit des Gegenstandes, als die Ausführung selbst betrifft, den eben erwähnten Abhandlungen an die Seite zu setzen, will ich meinen Lesern zeigen, daß auch die so genannten Schöndenker, oder witzigen Köpfe von Profession, Nutzen aus der Mathematik ziehen könnten, wenn sie Deutsch genug dächte», dieselbe weiter zu erlernen, als bis an die Geometrie im Wölfischen Auszuge aus einem Auszuge. Dieses ist freylich schon viel von einem schönen Geiste verlangt. Ich habe dieses etwas zu spat bedacht. Wenn mich also die meisten, denen ich eigen! lieh nützlich sey» wollte, nicht verstehen sollten, so muß ich mich mit der Unmöglichkeit entschuldigen, Leuten deutlich zu schreiben, die in der ganzen Reihe der menschlichen Wissenschaften überhaupt nur bis an die freundschaftlichen Briefe, oder bis aus die gemeine poetische Kenntniß von Mädchen, Wein und Westwinden gekommen sind. Die Gelegenheit zu dieser Untersuchung gab mir das Vorurtheil, welches ich schon laugst unter einigen Leuten bemerkte, daß sie nähmlich glauben, die Schäfer - Natur sey nur allein fähig, Gleichnisse und Anspielungen abzugeben, alle andere Dinge hatten die Kraft nicht, und die Mathematik sey ganz ungeschickt 6 dazu. Ich werde also diesen Herren zu Gefallen einen Versuch machen, und ein Paar, auch in andern Absichten erbauliche Wahrheiten mit solchen Anspielungen vortragen; vielleicht, wenn sie dieselben loben hören, so werden sie aus Neugierde Mcßkünstler, so wie sie aus Neugierde Steganographcn oder Freymaurer werden. Der Begriff von entgegengesetzten Größen, und der schöne Ausdruck: weniger als nichts, sind von vielen Schriftstellern mit Vortheil gebraucht worden. Jedermann weiß es, wie erbaulich der letzte schon langst dem Stutzer geworden ist. Denn weniger als nichts ist vielmals ihr Vermögen. K äst n er. Ich gestehe gern, daß er schon schön an und snr sich ist, ohne daß'man ihn 7 als eine Anspielung auf gewisse Lehren in der Mathematik betrachtet. Er ist es auch wirklich ohnedem gewesen. Im Ka. Psalm wird er gebraucht, und er sagt so Vieles mit so vieler Kühnheit, als zwanzig Hexameter mit aller ihrer genauen Weitläufigkeit nicht sagen würden. Einige Schriftsteller haben sich sehr an diesem Ausdrucke geärgert, Herr von Justi greift ihn in einer Schrift an, wo man es vielleicht nicht gesucht hätte "0, allein auf eine Art, die mich zweifeln läßt, ob er ihn jemals, so wie ihn der Mathematiker braucht, verstanden habe. Er sagt, das Nichts habe keine Grade; aber wer wird denn dieses nicht wissen? Und wer wird mit allen Zurüstungen der Metaphysik einen so unschuldigen Ausdruck anfallen? Heißt dieses nicht so Staatswtrthschaft. r.I, x. 47z. 8 viel, als Anstalten zum Begräbniß machen, wenn ein Erschrockener spricht: Ich bin des Todes; oder wenn ein verliebter Marquis mit gesundem Herzen sagt: sss meurs ä'smour? Meine Absicht ist nicht, diese» Ausdruck zu erklären; es ist dieses schon langst geschehen -), und wenn nach dieser Erklärung, auf die ich hier den Leser verweise, noch einige Zweifel übrig bleiben, der thut überhaupt besser, wenn er sich mit andern Dingen abgibt, die den Verstand nicht so angreifen, und ihn in der Falte ruhig lassen, die er im 15. Jahre angenommen hat. Ich will hier nur überhaupt erinnern, daß sich der Mcßkünstler oft solcher Ausdrücke bedient, um schnell und kurz zu sagen, was sonst kaum ein langsam convergirender Para- ') Kästner'S AnstmgSgründe der Arithmet. u. Geometrie. Ox. I. §.95. 9 graphe würde gesagt haben, und dieses verdiente in allen Wissenschaften, wo es ohne Undeutlichkcit geschehen kann, nachgeahmt zu werde»; allein vielleicht fürchtet man sich vor einer solchen Erfindung in denen'* Wissenschaften, wo noch Platz übrig ist, und wo nicht, wie in der Mathematik, Alles noch voll bliebe, wenn man auch gleich ganze Capitel durch eine einzige Zeile darstellte. Wem bekannt ist, was man in der höheren Geometrie Asymptote nennt, wird Vieles in der Natur kurz, und dennoch mit der Deutlichkeit beschreiben können, deren selten eine Umschreibung fähig ist. So kann man sagen, Homer und Virgil waren die Asymptoten der neueren epischen Dichter; Prariteles und Lysippus der Bildhauer; Raphael der Zeichner. Wenn ich sagen wollte, die IO Natur sey es, so ist dieses nicht mehr so eigentlich gesprochen; die Künstler bleiben bey der größten Näherung noch immer unendlich weit von der Natur weg; das Bild in der Camera obkcura ist schon viel weiter, als der Künstler jemals kommt; hier ist die Wolke gemahlt, daß sie sich bewegt, und die Sonne ist nicht allein rund und helle, sondern sie brennt auch» Ich hoffe, es wird Niemanden befremden, daß ich den Homer und Virgil zu Asymptoten gemacht habe. Sie waren es wirklich bisher, man hat nach diesem Muster gearbeitet, und dieses mit Recht. Diese Schriftsteller sind, so zu reden, Charten von der Natur, auf die man sich fast immer verlassen kann, wenn man in diesem Felde gehen will. Allein man konnte mit der größten Bemühung nicht richtiger gehen als sie, weil so gehen wie sie, bloß richtig hieß. Da man aber jetzt anfängt, die Regeln nicht mehr im Homer, sondern da zu suchen, wo sie Homer selbst gesucht hat ^), so ist vielleicht noch eine andere Linie die eigentliche Asymptote, da es Homer nur in einer sehr großen Lange noch zu seyn schien, und mein Gedanke falsch. Gleichung. Wenn ich sage, die Gleichung für manchen Herrn käme heraus, wenn ich in der Gleichung für seinen Bedienten verschiedene Eigenschaften — o setzte, so erhalte ich dadurch, wenn ich nur eine» Bedienten recht kenne, zugleich einen Begriff von vielen Herren, der noch den moralischen Nutzen hat, daß er uns die nahe Verwandtschaft von beiden sehr lebhaft zu erkennen gibt, und ") Vorrede zur deutschen Uebersetzung von Ho« mcrL Lrundsötzc» der Kritik. 12 zeigt, wie alle Tage einer aus dem andern werden kann. Um ein sehr lehrreiches Ercmpel zu geben, so setze man einmal, die relative Grobheit des Bedienten werde absolut, ich glaube nicht, daß ein stolzerer Herr möglich ist, alS der, den diese Formel gibt. Moment. Das Moment des Eindrucks, den ein Mann auf das gemeine Volk macht, ist ein Produkt aus dem Werth des Rocks in den Titel. Eben so kann man den Schaden, den ein Staat leidet, wenn ein Mann in demselben leidet, nach dem Produkt aus der Wichtigkeit des Mannes in die Größe seines Unglücks schätzen. Man hat bemerkt, daß dieses Produkt verschwindet, wenn ei» Goldmacher den Hals bricht, da nun das Halsbreche» gewiß nichts geringes ist, so muß wohl der andere Factor sehr klein seyn. Größte und Kleinste. Dieses Capitel in der Rechnung des Unendlichen ist überhaupt sehr lehrreich für viele Leute, die es verstehen könnten, aber nicht verstehen. Denn ich wüßte nicht, ob es einen Stand in der Welt geben kann, worin es unnütz sey zu wissen, daß, bey immer zunehmenden Bemühungen zu einem Endzwecke zu gelangen, der Endzweck zuweilen gänzlich verfehlt werden kann. Ich bin bey Gelegenheit einer Haus-Apotheke auf diesen Gedanken gekommen: denn es ist hier klar, daß bey wachsender Vorsorge für die Gesundheit, diese ein Größtes werden kann, wenn die Vorsorge offensiv wird. Mittlere Richtung der Kräfte. Ich habe bemerkt, daß die Denkungsart vieler Leute die mittlere Richtung ist, die der Geist nehmen muß, wenn er von Jurisprudenz und Possen, Medicin und Possen, oder belles lettres und Possen zugleich gezogen wird. Schwerpunkt« Wenn man den gemeinschaftlichen Schwerpunkt der Häuser in einer Stadt suchte, und hernach den gemeinschaftlichen Mittelpunkt der Leute, die darinnen wohnen, so würden sie oft weit von einander liegend angetroffen werden. Mir ist eine Stadt bekannt, wo der erste auf den Markt, der andere ganz nahe an die Stadtmauer fallen würde. Ich übergehe hier die Lehren vom anziehenden Mittelpunct, von der zusammengesetzten Verhältniß und andere Dinge, die von neuern Schriftstellern mit vielem Vortheil sind gebraucht worden, sehr geschwind und kräftig zu sagen, was sie sage» wollten. Außerdem aber, daß man zuweilen mit der Mathematik witzig thun kann, so werden ihre Lehren ganz, wie sie sind, in ein Gedicht gebracht, wenn es mit Kunst geschiehet, für den denkenden Theil der Gelehrten (denn es gibt ja noch einen andern) allemal ein Vergnügen seyn. Die alten, und die ihnen ähnlichen neuern Dichter sind voll davon. Aber wie viel unter unsern schönen Geistern in Duodez wissen wohl, was aguo- kus Orion ist. Ja, wenn sich Minellius deutlicher erklärte, und waS sind die Hnndstage? Warum heißen sie so? Ey, weil die Hunde nm die Zeit toll werden. Gut! Also werden im Jenner die Esclstage fallen, weil um diese Zeit alle Esel erfrieren würden, wenn sie nicht im Stalle standen, oder keine Motion hatten. Solche Folgerungen lasten sich aus einer so ungeschickte» Erklärung machen. Dieses waren einige Proben, wie sich Lehren der Mathematik im Discours gebrauche» lassen, und wie wenig man sie auch in Kleinigkeiten entbehren kann. , Dessen ungeachtet wird sie von dieser Gattung von Leuten, die ich oben erwähnt habe, nie erlernt werden, so lange man nur ihren Nutzen im Ernst zeigt. Vernünftige erlernen zwar immer die Wissenschaften ihres Nutzens wegen, aber der galantere Theil der Welt fangt erst alsdann an zu lernen, wenn man ihm durch einen Beweis, der auch ein Spaß seyn muß, zeigt, daß man auch eine Wissenschaft zum Spaß lernen kann, oder unr damit zu spielen. Daher sind die Re- erestions mstlrematigues, die Erquick- stunden, die Methoden Schiffe zu rechnen entstanden; daher muß oft der größte Natnrkündiger in seinem Vertrag einen mittleren Weg zwischen dem Lustigen und Ernsthaften nehmen. Schwenter's Aufgabe, eine Sonne zwischen zwey Monde zu mahlen, hat mehr Stutzer zum Nachdenken gebracht, als eine Mondfinsterniß. Ich tadle dergleichen nützliche Betrüge- rcycn nicht, nur muß man sie nicht in Bücher einmischen, die auch der Vernünftige lesen soll, der sich dergleichen Dinge selbst erfindet, oder, wenn er sie lesen will, sie unter dem Titel Spielsachen, und nicht in einer erleichterten Geometrie sucht. Ich finde, daß eine gewisse lustige Narion diese Methoden liebt. Alles ssoll leicht gemacht werden, und man glaubt dazu nur zwey Wege offen: das Flüchtige und das Lustige. Vermuthlich wird man auch bald anfangen, die Religion m. B sv vorzutragen, zumahl da man selbst im Spanischen geistliche Eomvdicn 2) hat. In Deutschland »vollen diese Methoden nicht recht fortkommen. Enklides und seine großen Nachfolger haben bey uns ihr Glück gemacht, und sie werden nicht eher wieder durch die obigen verdrängt werden, als bis der Hanswurst wieder die Bühne betritt, und, wie vor sechs Jahren in einer berühmten Hauplsiadt mitten in der rührendsten Scene der ganzen Alzire, die Hose» hebt, und das weinende Parterre versichert, daß seine Katze sechs Jungte bekommen habe. *) I>trers conoernin§ tlie Lxanitlj. Nation. ir. Patriotischer Beytrag rur M e t h y o l o g i e der Deutschen. NebL einer Vorrede üb» das methpologische Studium überhaupt. D 2 Allen Hochwürdigsten, Hochgeborne» Hochwürdige», Hochwohlgebyrne» Wohlwürdige», Wohlgeborncn Ehrwürdige» und Hochcdelgcbornen, wie auch allen Großachtbarcn, Wvhledelu Wtz Wohlchrcnfesten tauylgrn Rothen Nasen Nahmentlich also und schlechterdings ausgeschlossen alle diejenigen,, die hier und da au Haubensticken oder Hanbensthckey ähnliche» Kölssen fitzen, eignet diesen Beytrag sy llnterthLnigkeit der Sammler. Vorrede. Unter uns Deutschen gesprochen. Wo ich nicht sehr irre, so sind die Zeiten, da Europa die Systeme so von den Deutschen nehmen mußte,, wie das Gewürz von den Holländern, ihrem Ende sehr nahe, oder vorbey. Ein Theil unserer Landslcute ist jetzt in den allgemeinen kritischen Aufstand und in das Recensiern omnium contra omnss so verflochten, daß er nicht hört, und der andere hat seine Augen in Empfindsamkeit so geschlossen, daß er nicht sieht, was um ihn vorgeht. Der tabellarische Vorcrag siegt gänzlich., und überall gebricht es an Heiden für daS System - Wesen. Es können keine Systeme mehr gemacht, folglich auch keine mehr verführt werden. Was ist natürlicher, als daß die Ausländer auf den Einfall gerathen, sich selbst welche zu bauen, und cS uns am Ende, da es ihnen weder an Materialien noch an Pvlhohe fehlt, darinnen gleich oder wohl gar zuvorthun und den ganzen Handel an sich ziehen? Was auf einem schlechten Boden geräth, kommt auch wohl auf einem guten fort, aber nicht umgekehrt. Der Geist der Freyheit, und was davon sein Leben hak, erfordert, was man auch dawider einwenden mag, guten Wicsenwachs. Man kann es, anderer Beweise zu geschweige», schon allein aus dem Umstände schließe», daß man heut zu Tage kaum sagen kann, welches besser schmeckt. Holländische, Schweizerische und Englische Freyheit, oder Holländische, Schweizerische und Englische Käse. So daß es uns schwer werden wird, wieder ein Branche des Handels jener Nation an uns zu ziehen. Hingegen der Geist des Systems und was unter ihnen lebt, kommt sogar in den nördlichen Landern fort, wo man zuweilen, statt plumpusllinx, Eichenrinden kauet. Mir haben uns also i» Zeiten wohl vorzusehen. Was mich hauptsächlich hierauf aufmerksam gemacht hak, ist der Einfall, den ein Engländer zwar noch nicht gehabt hat, denn sonst käme mein guter Rath zu spät, aber vermuthlich haben wird, ich meine den Gedanken, die Kunst zu trinken systematisch zu behandeln, wozu wir Deutschen, da wir, was daS Practische hierin betrifft, nun einmal bey Auswärtigen zum Sprüchwvrt geworden sind, 26 »lachst den Lapithc« und Centauren vorzüglich aufgelegt wären "). Daß ihn *-) Mit vielem Vergnügen sehe ich, daß vxiS ein großer Mann, der zwar ein geborner Schotte gewesen, aber scjne Weltkenntniß in dem wei-. sen Frankreich erlernt hat, U) diesem Stück Eierechttgkeit widerfahren läßt. Der berühmte sagt nähmlich Labile, k. IV. es;). §. von uns: Immenka err^iättas i>o- Iii)ero, illam ^eutem inkesist. sä. volrixtsrem tairruna Irsec DlirLeies lidiäo esi» kcä in ^>arte ^omirslis er ;>srre e^r/er-, ' Daß dieses keine Schmeicheley ist, siehet' man aus andern höchst treffenden Zügen, vnscrs Charakters, ,d!.e er an: angeführte^ Orte darlegt. Zumahl erhellet aus Folgendem, daß er sich lange iA Deutschland aufgehalten - haben müsse: Itznots ilri ^ersiäia» sagt er, ekism in vensli iorütriäine siipenäis. me- ^c;niv,m. i/rxen,in.m ^niäcrn Frsnäiz Lii.r oäis snl) nmieltise I.nu1i5 Istent: er vmninO inAeixti.r leelers vereer^räi xo« ^nli simplioilss i^norst. Aber wie sehr wir uns doch in manchen Stücken geändert haben, erhellet au.4 Folgendem. I^itl.er. 1 -?, spricht er, in mulris loois culrao irrrer I'.o- rsines r?rr'-LU§ Lr.ttrV^ c/o- §s// schöpfe müssen gewesen ftp"! 28 densarten, worunter keine einzige ist, die nur bloß in einem einzigen Hause gebräuchlich wäre, deren doch der Engländer ein§ oder etliche in seinem Verzcich- niß anführt. Ich zweifle nicht, daß sich überhaupt nicht noch viele, zumahl in unserm seefahrende» Deutschland, sollten hinzu finden lassen, da kein Gegenstand in der Natur geschickter ist, die Bewegungen, Richtungen und Zufalle eines Betrunkenen geschickter, lebhafter und lehrreicher auszudrücken, als ein Schiff, Ja ich zweifle sehr, ob ich einmahl alle dse ganz allgemein recipirten werde gefunden haben. Es ist der menschlichen Unart sehr angemessen, in allen Dingen, vor, nehmlich aber in philosophieis, immer erst in, weiten Felde und dann zu Hause zu suchen, wie denn auch nicht zu lcug- rien ist, daß das Wkilhergehohllk durch 29 etwas Gewisses recht, wovon Niemand als der Weirherhohlende selbst einen Begriff hat und haben kann. Zur Bestätigung dessen, was ich hier sage, dient der Umstand, daß wirklich unter den angegebenen Redensarten der Ausdruck: er ist berauscht, einer von den letzten gewesen ist, die man gefunden hat. Ich habe aber noch ungleich mehr zur Erweiterung dieser Wissenschaft beygetragen, ich habe die Wörter Methyo logier) und methyo logisch, Methy- stik, und methystisch, Pinik und pinisch eigenhändig zusammengesetzt, und gedenke über den allgemeinen methyo- lvgi scheu Blick und das methyolo, gische Gefühl Abhandlungen zu schrei- ') Man hat dieses Wart, seines bessern AeuKer- lichen wegen, den, richtigern Metholagt« mtt Fleiß i>orgej»gen. den, die ihren Titeln vielleicht entsprechen sollen. Überhaupt höbe ich mir bey der Wbrterverfertigung den Plan gemacht» in allen Bezeichnungen meiner Begriffe die Züge so zu verwaschen, daß ein Jeder das Seine darinnen zu erkennen glaubt, welches eine Liebe zur Wissenschaft in jungen Gemüthern erweckt, die nicht zu beschreiben ist. Was aber die Wissenschaft selbst betrifft, so ist allzu bekannt, daß die Mc- thystik, oder, mich deutlicher auszudrücken, die Wissenschaft, die Lander jenseits der Bouleille mit Nutzen zu bereisen, bisher in einer schändlichen Vergessenheit geschmachtet, und man braucht nicht die stärkste Vergrößerung aufzustecken, um zu sehen, daß dem menschlichen Geschlechte durch eine philosophische Behandlung dieses Sujets wichtige Vortheile zu- wachsen müssen. Es ist hier gar der Ort nicht, dieses umständlich, und wie es wohl die Wichtigkeit des Gegenstandes verdiente, aus einander zu setzen; doch kaun ich eine Betrachtung nicht ganz übergehen. Der berühmte Baco v o n Ve r u la m sagt in seinem schönen Buche anAmen- tis lcleMisrum, daß in einer Wissenschaft nicht viel mehr geleistet werde, so bald man sie systematisch zu behandeln anfange. Vielleicht würde also dadurch den kühnen Versuchen in dieser Wissenschaft etwas vorgegriffen, oder mich populärer auszudrücken, dein leidigen Trinke» gesteuert. Ich denke, die großen Trinker, die.Genies, sollen nach und nach abnehmen, so wie die Vorschriften, es mit Absicht und v er» unfern äß ig zu thun, zunehmen. Denn ehe dieses geschieht, zumahl ehe das termino- logische Fach gut versehen ist und man Etwas hat, das man einstweilen vorläufig brauchen kann, bis man die Wissenschaft erlernt hat, ist an keine Stümper zu gedenken. Außerdem ist ja den Kindern bekannt, daß ohne etwas Wein und etwas Beyfall keine poetische AVer offen gehalten werden kann, und es verdient wenigstens einmahl versucht zu werde», was auch die Vernunft aus den Flügeln des Champagners ausrichten könne, da die Einbildungskraft Wunder auf denselben thut. Usrratur et prikor Llatonis 8sspe mero csluiste virtus. Da ich euch also, lieben Landslcute, »richt allein den Nutzen dieser Wissenschaft selbst, sondern auch die Gefahr, die uns augenscheinlich von England aus droht, mit solchen Gründen, als es meine Fähig- keit und die Nahe der Messe erlaubt, vorgestellt, ja, da ich euch selbst vorgearbeitet habe, so ersuche ich euch freundschaftlich, steckt die kritischen Schwerter und Messer ein, verlaßt die Nüsse der Tändeley, und nützt die Felder, die unsere Vorfahren schon ernährt hüben, anstatt daß ihr Mit einent ungewissen Erfolgs Neue anbaut. Lacht aber auch nicht, daß ich euch diesen Rath in einem Dü- chclchen gebe, das kaum z gr. kostet, den» es wäre Mir ein Leichtes gewesen, es zu ir gr. auszuarbeiten, ohne daß ihr für einen Pfennig mehr Ware bekommen hättet, welches ich auch wirklich, wenn es meine Zeit und Kräfte erlauben, bey einer zweyten Auflage einmahl zu thun gedenke. Geschrieben vor der Iubilate- Messe i?7Z. Der Beytrag selbst» Redensarten, womit die Deutschen die Trunkenheit einer Person andeuten. Hochdeutsche» Er spürt den Wein. Er hat einen Schuß. Er ist angeschossen» Er hat einen Hieb. Er hat einen Strich. Er hat einen Jesuiter« Er hat etwas zu viel. Er ist besoffen. Er ist benebelt. Er hat einen heiligen Schein. Er hat einen Rausch. Er ist begeistert. Er ist voll. Er hat etwas im Köpft Er hat genug» Er hat einen Haarbeutel. Er hat ein Glas zu viel getrunken» Er hat zu tief ins Glas geguckt» Er ist illuminirt» Er taumelt» Die Junge ist ihm schwer. Er kann die Junge nicht mehr heben» Er kann auf keinem Bein mehr stehen» Er ist berauscht. Er ist betrunken» Er ist dabey gewesen» Er ist fertig» Er ist hiu. Er ist weg. Er ist selig. Er sieht den Himmel für eine Baßgeige an. C r — z6 — Er sieht die Buchstaben doppelt. Er ist Himmelhagel dick. Er halt einen Calenberger Bauern für eine Erdbeere ^). Der Kopf ist ihm schwer. Er hat trübe Augen. Er ist i-n Oberstübchen nicht richtig. Er hat Glas-Augen. Er »Ekelt. Er hat etwas im Dache. Er ist toll und voll. ^ E^ hat seine Ladung. Er war an einem guten Ort. Er ist geliefert. ') ÄuS Gründen/ die hier unmöglich auk einander gesetzt werden können, erhellet, daß ein Ealenberget Bauer, öder vielmehr sein rother Kittel, der hier allein in Betracht kommt, ungefähr 8-> Fuß entfernt seyn muß, um von einem Betrunkenen für eine Erdbeere, dt» nur einen Fuß entfernt wäre, gehalten zu werden. 37 Er ist gedeckt. Er steht zwey Sonnen. Er ist zmdelhagel dick. Er geht als ryenn aste Hänser sein ge« ^ hörten? Er ist ganz P?g, Er segelt mit yosten Segeln. Er hat sich an Laden gelegt. Er ist Pudel dick« Er hat seinen l'slis, ^ Er hat sein Theil, Er kann nicht mehr über den Bart spucken. Er macht einen pss srlle, Er ist dick. Er hat des Guten zn viel gethan. Er hat pocnlirt, Ex schwebt, Et kreutzt. Er hat satt, Gr sah Schleifkgnnrn M Himmel. zz - Er ist fo voll, daß er es mit den Fingern im Halse fühlen kann, Er kaun keine Ecke vorbey kommen. Er hat sich einen Vart gemacht, Er geht einen M Strich (il ksit 6es 88). Er ist guc gesegnet. Er hat schief geladen. ' Er hat sich schwarz gemacht. Es spukt ihm im Giebel, Er laviert, Er hat Etwas im Krüsel, ». Er ist Katzen dick. Er hat sich bsspühlt. Er hat geschnappst, Er hat sich was bene gethan. Er hat sich gut vorgesehen. Er hat einen Tummel, ^ Er kann kann, lallen, Er hat Moses Junge, Er ist herunr geführt, -9 Er ist unter dem Tische. Er sieht eine Thnrmspitze für einen Zahnstocher an. Er hat sich bcsabclt. Er hat sich die Nase begossen. Er hat sich begäbet. Er kaun nicht mehr lallen. Er hat sich Etwas zu Gemüthe geführt. Er ist ä taut. Er hat sich bctubekt. Er hat einen Schnurren. Er hat einen Ditto. Er hat runde Füße. Er hat zu viel nbcrgebeugt. Er ist stcrnblind dick. Er riecht nach der Fuselbulle. .Die Zunge ist ihm gelahmt, Man hat ihn begraben. Er ist blind Hagel voll. Er ist so voll wie ein Dudelsack. 42 Er sieht aus wie ein gestochen Kalb. Er sieht aus wie eine Ente wenns Wettet leuchtet, Plattdeutsche« He hct veel unter de Nase gegoten. He iS fette. He is to lauge up der Dößke wesen. He is Knüppel dicke. He is so dick as cn Täck. He hefft to yeele püchelt. He is to lange linder den Wachholder- haume wesen. He is sncrrk. He hat sich todecket, He hat wat in d? Krone, He hat wat in, Timpen, He is ahmig, He hefft de Planken ty leey, He hefft to necle sipsölket. He het wat im Sticksel. He geht up den Knobben na Huß. He kann keen Küken nöhmen. He is so dicke as en Beest. He hefft de Jacke voll. He hak wat im Knaupe. He hefft to yeele knipset. He kükt «t fif Augen. He hefft den Teckcn dicke. He js en Swinigel. He hett flammet, He hefft den Pigel dicke. He is so dicke as en Pedde, He is so dicke as en Swin. He hat den Boden sehen, He is bemüselt. He het in kenen Rank arbetet, He grallögt. He js duhn. He is carthövven, 42 He is so dicke as en Schindertieve. He swimsiaget. He is Carthannen dick. He hak sick wat i»t Auge wisset« He hette qualmet. He is half sieve». He heffc to veele pullet. He is so stramm as en Trummes» He is söhlig, He is döfft, He is dull und vull» He is en Suput. He is en Supkumpan. He hett sick bcpnmpelt. He hett en Rummel» He sweckt. He het sick begigelt, He hett sick den Ars begvten. He hett to dccp tni Glas keken. He hett to veel nipt. Dr Wün is em int Capitylium siegen. !1l. T i m o r u ö das ist Vertheidigung zweyerJsraeliten d i e durch die Krüfrigkeit d c c 4avaterischen Beweisgründe und der Göttingifchen Mettwürste bewogen den wahren Glauben angenommen haben von Conrad Photvrin der rhesiogi« und De«es LeltreS Csndidaten. An die Vergessenheit. Allerdurchlauchtigste, Großmächtigste Monarchinn, Äer besondere Schutz, desicn Ew. König l. Majestät jederzeit die bisherigen Produkte meines Geistes gewürdigt haben, und die Ueberzeugung, daß dieses Werkchen, wegen seines Inhalts, über kurz oder lang doch an Höchst die selben gelangen werde- haben mich aufgemuntert, es lieber gleich selbst zu Höchst- dero Füßen in tiefster Untetthänigkeit zu legen. Ich darf um so weniger an einer gnädigsten Aufnahme desselben zwei, feln, als es eine Religionsstreitigkeit betrifft, und Ew. Königl. Majestät bekanntlich dieser Art von Schriften Dero vorzügliche Protektion gönnen, wie sie es denn auch ihrer Wichtigkeit, und der Mäßigung, Gewißheit und Klarheit wegen, die in denselben zu herrschen pflegt, vorzüglich verdienen. Da Ew. Königl. Majestät nunmehr in Dero unermeßlichen Staaten den allernenestcn Französischen Witz eingeführt haben, so habe ich Höchstdero weisen Absichten gemäß, denselben überall so viel als möglich zN erreichen gesucht, und mich durchaus eines ri!;ori8 Aallici in äemonlirrmUo beflissen, hingegen Alles vermieden, was nach der allerdings be- jammcruswerkhcn Einfalt des blinden Heidcnlhums schmeckt. Ich ersterbe in tiefster Devotion Allcrdürchlauchti'gste^ Großmächtigste MonarchilM, Ew. Königl. Majestät «nterthlinigst devotester Knecht Conrad Photorin. Vorrede des Herausgebers» Lieber Leser, Ehe du an das Werkchen selbst kommst (und wenn du nicht so weit kommen solltest, so wollen wir kein Work deßwegen verlieren), nimmt sich der Thürhüter im Nahmen seines Herrn die Frcyheit, dich um eine Kleinigkeit anzusprechen. Du wirst beym Eingang so gut seyn und ein Paar Vorurtheile ablegen, sie nützen dir inwendig aufweine Ehre so viel, als ein Degen in einer Bildergallerie oder i» Vanrhall» — 48 — Für das erste mußt du nicht glauben, mein Herr habe nachstehendes Büchlein aus jener zügellosen Begierde, die sich um die Zeit des ersten Barts einzustellen pflegt, in die Welt gesetzt, ich meine auS dem Trieb, Bücher zu schreiben und seinen Witz sehen zu lassen, sondern es ist vielmehr ganz aus reinem Triebe und über die Halste aus kalter Pflicht entsprossen. Er leugnet zwar nicht, wie er wohl sicher thun konnte, wenn er allein ein Mensch und du etwa ein Orang Outang wärest, daß ihn jene Begierde zwar öfters angewandelt, er hat ihr aber allezeit mit Muth widerstanden und den festen Vorsatz gefaßt, seine Feder Nicht eher zu gebrauchen, bis ihn Pflicht und Gewissen dazu aufforderten, aber alsdann auch nicht eher nieder zu legen, bis ein Schandfleck auf- oder einer zugedeckt ist» 49 Für das zweyte bittet er, ja nicht zu glauben, daß er eö böse mit dem Pu- blicü meine, mit dem er es hauptsächlich zu thun hat. Nichts weniger. Wenn er eifert, so ist es immer ein geistlicher Eifer, und wenn er flucht, so sind es immer Segcnsfläche. Ja er ist vielmehr bereit, für jeden Dürftigen sein Blut oder wenigstens seine Dinte zu verspritzen, wie er es mit dem einen, der Dinte nähmlich, schon für diese Wiedergeborncn gethan hat» Dieses ist es, warum ich dich vorläufig ansprechen wollte, und wogegen ich dich von der Wahrheit des Gesagten, bey der Ehrlichkeit eines Thürhüters versichern kann» in. D -- — Es leuchtet zwar die gute Absicht meines Herrn überall aus dem Büchel- chen selbst sattsam hervor, ich habe aber doch auch diese Versicherung gleichsam als einen Zoll entrichten sollen, den man der Würde der menschlichen Natur schuldig istt denn thun können auch die Ochsen und die Esel, aber versichern kann noch zur Zeit der Mensch nur allein. Geschrieben im August 1771» 9)?an sollte sich zwar nicht wundern, wenn der Satan, det ohnehin sonst wer tng oder nichts zu thun hat, sich Täg und Nacht bemühet, hiek und da den Kindern der Kirche Netze und Schlingen zu legen, ant allerwenigsten, wenn er diejenigen zu verfolgen sucht, die er schon einmahl in seinen höllischen Pfoten hatte, die ihn aber durch Uns wieder abgejagt worden sind. Man sollte vielmehr den Fürsten der Finsterniß töbcn lassen und mit jenem Liede gelassen sprechen ödet singen: Laßt den Teufel brummen, Er muß doch verstuMmen.- D a — 52 — Allein, wenn seine satanischen Kniffe ein ganzes Publicum verblenden; wenn er ^ nicht bloß ein Paar Christen krankt, sondern sich hierzu'selbst tausend Anderer bedienet, ja, wenn dieses verblendete Pu- ^ blicum auf einer ansehnlichen Universität lebt: welcher natürlich ehrliche Mann, von den künstlichen will ich gar nicht einmahl reden, wird dazu stille sitzen können? Man bedenke nur selbst: Aus den meisten Deutschen Universitäten sind, wie > man sicher annehmen kann, gewiß täglich an die zweyhnndert Federkiele, die Vleystifte nicht einmahl gerechnet, beschäftigt, das Wort so rein als möglich zu halten, ja man hat daselbst durch die sinnreichsten und tiefsinnigsten sowohl aus den Schätzen, als dem Schutt des Morgenlandes hergehohltcn Erklärungen, schweren und feinen Muthmaßungen und 5Z gleichsam durch eine Art von exegetischen Sclbstschüssen, Pallisaden, Spanischen Reutern n»d Kartätschen die Religion so verrammelt und verschanzt, daß man glauben sollte, dem Satan selbst müsse einmahl der Kitzel vergehen, die Leute an» zuzapfen, die innerhalb des Walles wohne» , und dennoch thut er es. Nun denke mau einmahl: wenn eS in der Festung so zugeht, was will aus dem platten Lande werden? Doch ich wende mich so früh zur Sache als möglich. Es haben sich diesen Sommer in und bey G..... zwey ehrliche Israeliten zum wahren Glauben bekehrt und die Taufe glücklich empfangen. Konnte das kleine Haustein der lutherischen Kirche wohl eins größere Conquele machen, als dadurch, daß es über die Hartnäckigkeit zweyer Beschnittenen ge- ^ 54 siegt hat? Es hätte die Ueberlauftk mit Sanstmuth und Milde aufnehmen sollen, um ihnen recht zu zeigen, was sie für einen Dienst verlassen und was für einen sie angenommen haben, daß sie aus dem Nassen in das Trockene, aus der Tiefe in die Höhe, aus der Dämmerung in das Licht gekommen wären; bisher hatten sie Mit den Falschen Gemeinschaft gehabt, jetzt aber mit den Guten und Ehrlichen, Aber pfuy; was thaten die Bürger? Kaum waren sie getauft, kaum waren ihnen, so zu reden, die Köpft trocken geworden, so schrie man: Man hätte die Betrüger und Landstreicher Nicht annehme» sollen; sie wäre» nicht durch Beweisgründe, so»? der» durch Mettwürste bekehrt worden; ein ehrlicher Mann andere seine Religion niemahls mit 55 so große» Umständen, und was ders gleichen zum Theil recht freygeisterischö Reden mehr gewesen sind« Aber ist daS christlich gesprochen, sagt? Wie muß das den.beyden ehrlichen Männern durch die Seele gehen? Kein Wunder fürwahr, wenn sie gerade unsere Heerde verließen, in ein anderes Land gingen und entweder wieder Jude» würden, oder wenigstens durch ein zweytes Bad der Wiedergeburt sich in andere Hürden eintreiben ließen, wie man denn dergleichen traurige Exempel leider mehr als zu viele hat. Aber wer will es ihnen verdenken? Ich will gar nicht einmahl erwähnen, was die an?, dern Juden von uns denken müssen? Werden sich die wohl bekehren lassen? Werden sich die Vbgel fangen lassen, wenn ihr so mit Prügeln darunter werft? Ich höre zwar, haß sich dessen ungeachtet wieder einige gemeldet haben, die sich wollen annehmen lassen; allein glanbt mir nur auf mein Wort, das sind gewiß arme Tröpfe oder Betrüger, die bey diesen nassen Jahren nicht mehr wissen, wo sie hin sollen. Die rechten fetten kommen euch gewiß nicht, wenn ihr ihnen solche feine Titel gebt, so bald ihr sie drinnen habt. Stellt euch nur selbst einmahl an ihre Stelle. Welcher ehrliche Jude, der sein gutes Auskommen hat, wird sich, seinem Handel und Wandel zum Nachtheil, hinsetzen, unsere an sich heut zu Tage schwer zu prüfende Religion zu untersuchen zu was Ende? um sich Betrüger und Landstreicher schelten zu lasse». Die Ehre haben sie ja schon, wir halten ja die meisten schon für Galgenvogel, was haben sie nöthig, deßwegen erst Christen zu werde»? Das — 57 — wäre ja lächerlich. Also seht ihr, ihr selbst mit euren losen Mäulern seyd Schuld daran, daß die meisten Juden, die wir zu taufen kriegen, hungrige Schlucker oder Betrüger sind. Wer Phasanen schießen will, muß sich stille hallen, der Sperlinge kommen ohnehin genug in allen Fallen. Ich sage hiermit gar nicht, daß unsere beyden Neubekchnen Schelme waren. Das sey ferne von mir. Gegentheils habe ich mir vorgenommen, sie mit Gründen, und wenn das nicht helfen will, mit Eifer gegen die ruchlosen Beschimpfungen unserer Mitbürger zu vertheidigen. Ueberall, wo man nähmlich hinkommt, sagen die Leute einmüthig; der Jude, der inW.«.. getauft worden wäre, sey einer der größten Spitzbuben, der nur lebendig gedacht werden könne; und doch, wenn man nach einem Beweis deS Behaupteten fragt, so halten sie am Berge und wisse» nichts vorzubringen. Es fehlt ihnen zwar nicht an Scheingründe», womit sie ihre boshaften Ver- läumdungen wahrscheinlich zu mache» suchen, als z. E. sie sagen, er habe gestohlen, habe zu B.... lange im Stock? Hause gesessen, sey des Landes verwiesen worden, und was dergleichen Sophismata mehr sind. Ich leugne zwar nicht, daß dieses Alles wahr sey, denn es ist gerichtlich bestätigt; aber kann der Jude nicht deßwegen ein ehrlicher Kerl seyn? Hierauf allein kommt es au. Denn ob er gestohlen oder nicht gestohlen, im Stockhaus gesessen oder nicht gesessen habe, ob er verwiesen oder nicht verwiesen worden sey, mit einem Wort, das wollen wir llicht wissen, Die ganze Frage lauft — 59 — darauf hinaus: ist der Kerl ehrlich, und konnte er zur Taufe gelassen werden? Können wir dieses beweisen, so gibt es sich mit dem einfältigen Steh^ len, Stockhaussitzen und Landcsverweiien von selbst. Aber nun hört einmahl, was ihr mit euren vermeintlichen Beweisen hiergegen ausrichtet. Nichts, gar nichts. Denn erstlich wollen wir einmahl euer verwiesen worden und eure Landstreicher seyn beleuchten. Ich denke noch immer nicht, daß ihr dieses im Ernste anführt, den Mitbruder verdächtig zu machen; thut ihr es aber, so verrathet ihr dadurch eure grobe Unwissenheit in der Gelehncn- Kirchen- und politischen Geschichte, Denn Ivem ist unbekannt als euch, daß mau die größten Gelehrten, die frömmsten Männer und die erfahrensten SkMslente öfters des Landes verwiesen? Ihr leset nicht einmahl die Zeitung mit Aufmerksamkeit, sonst müßtet ihr wissen, daß vor kurzem der Oue 6s (choikeul und das ganze Parlament von Frankreich verwiesen worden ist, und zwar, wohl gemerkt, gerade deßwegen, weil sie ehrliche und patriotische Leute waren. Ja, einige heilige Leute des neuen Testaments haben sich dieses aus eben dem Grunde müssen gefallen lassen. Ihr müßt mir nicht mit dem schalen Einwürfe kommen, und sprechen: jene Leute seyen nur auf ihre Güter gegangen; wo halte der Jude Güter? Er haue keine, und, fürwahr, wenn ich nirgends Etwas habe, welches der Fall unsers Mitbruders ist, so will ich gewiß nicht in dem Lande bleiben, aus dem ich bin verwiesen worden. Mit einem Wort, die Historie ist so reich an Beyspielen -- """ ^ ^ von ehrlichen Leuten, die verwiesen worden sind, hingegen so arm an welchen von verwiesenen Betrügern, daß wir Menschen, die wir in den wenigsten Dingen zu einer mathematischen Gewißheit kommen können, es recht als ein Criterium von der Ehrlichkeit eines Mannes anzusehen haben, wenn er des Landes verwiesen worden ist. Was ich hier von dem Lande überhaupt sage, behauptet ein großer Gelehrter von den Palla- sten der Großen, die doch als der Sitz der Seele eines Landes angesehen werden müssen, ein Mann, dessen Buch die Ehre gehabt hat, die sonst nur allein der Bibel zu widerfahren pflegt, daß der Tod zwey der größten Männer, den Cardinal Richelieu und den Herrn von Leib- nitz, darüber angetroffen. sagt nähmlich in seiner I.ib.1. 62 rrgp. III. X^UNL kortung InMuit» vk in multig FLNtibus prope lit e^re^ii snimi inäioium arceri g re^üs, gut in illis iscere, welches man im Deutsche» so geben könnte: Nun ist es einmahl nicht anders, wenn ihr seht, daß ein Mann entweder vorn Hofe gejagt worden ist, oder es an demselben nicht über die Bratenwenderstelle zu bringen weiß, so denkt mir sicherlich, es ist ein ganzer Mann» Ferner sagt ihr, er sey ein Landstreicher» Aber, ums Himmels willen, sagt, was ist Unehrliches in einem Landstreicher? Ich weiß es wohl (und es ist eine unmittelbare Folge unsers natürlichen Verderbens), daß die Erfinder der Sprachen gewöhnlich einen geringen Grad von einer sonst guten Eigenschaft mit einem besondern Worte bezeichnen, auf welches sie gleichsam den Accetit der Unehrlichkeit ge- legt haben. So nennen wir einen kleinen Poelen einen Reimschmidt, einen Poeta- sier oder einen Schmierer, ein Nahme der in meinen Ohren fast klingt wie Ketzer, Bastard, oder Comödiant; einen geringen Grad von Reinlichkeit nennen sie Schweinerey, von Advocatie Zungendre- scherey, von Mahlerkunst Weißbindcrey. Ein Mensch, der nur eine geringe Courage besitzt, heißt gleich eine alte Hure, ein kleines Werkchcn, ein Wisch u. s. rv. Ja in unsern Zeiten machen wir es nicht besser, ein kleiner Journalist wird gleich ein Iiegra, ein kleiner Grad von Süßigkeit laeobiümus genannt. Also wenn ein Armer seinen angebornen Trieb zu Reisen zu Fuß eine Gnüge thun will, so heißt er ein Landstreicher. Aber ist dieses philosophisch und christlich gedacht und gesprochen? Alle honette Deutsche Gesell« 64 schaften sollten alle ihre Macht, und wenn es nicht anders seyn konnte, wenigstens ihre Ohnmacht anwende», einem solchen Uebel zn steuern, und entweder das Wort von dem Begriff durch Gelin- digkeit scheiden, oder, wenn die Scheidung nichr angeben sollte, den ganzen Plunder mit einem Mahl wegwerfen. Denn wenn dieses noch -oc> Jahre so fortgeht, so weiß ich nicht, was wir mittelmäßigen Köpfe endlich ansangen wollen. Die güldene Mittclsiraße und alle, die darauf wandeln, werden mit solchen Wörtern belegt werden, daß man sich lieber auf dem Wege zum Galgen als auf demselben wird antreffen lassen. Alle können wir doch fürwahr nicht immer mit sechfcn fahren, oder mit vieren im Meßcatalogns stehen. Die Manns - und Weibssiühle im Tempel der Ewigkeit sind heut zu 65 Tage alle besetzt, was will man denn anfangen? Man mnß sich nach der Decke strecken. Und üm Ende, was hat denn ein Landstreicher Besonderes, ist denn unser zu Hause Sitzen verdienstlicher? Ja die Seele des so genannten Landstreichers hat gemeiniglich ein gewisses allgemeines, in alles passendes Wesen, daö der beynahe thierischen, eingeschränkten Seele des Genies weit vorzuziehen ist. Denn Erster«, kann man überall nutze«,, hier zum Ausfüllen, dort zum Zuschmieren, und überhaupt da, wo nichts Anders dient; hingegen das Letztere, wenn es nicht gerade dahin kommt, wo es Eckstein oder Schlußstein werden kann, daS ist mit Quadratwurzeln und Reihen spi- len, von Planeten fabeln, nnter halbverfaulten Muskeln kramen, oder Gesetze geben kann, ist ein fo sperrigtcS, nr. E -66 unbrauchbares, ärgerliches Ding- als ein Kachelofen im Sommer. Ich kann nicht laugnen, daß ich fast wünschte, es möchte einmahl ein Landstreicher, der ein großer Mann wäre und die Gabe hatte, aufstehen, uud auf unser zu Hause Sitzen einen ähnlichen Accenk legen, wie würden wir da schwärmen, und eben dadurch unsern Vatern, den alten Deutschen, ähnlicher werden, bey denen solche Stadthöker, wie ihr und eures Gelichters, eben so unehrlich gewesen waren, als ihr die Landstreicher jetzt gehalten wisse» wollt. Was ich oben von der Gemeinnützigkeit der Landstreicher gesagt habe, will ich noch mit dem Zeugnisse zweyer der größten Kenner des menschlichen Herzens in diesem Jahrhundert, ich meine des Grafen von Zinzendorf und des General Fischers, belegen. Der letztere hat 6 ? nähmlich versichert, daß die kapscrstcn Leute in seinem Corps jederzeit die so genannten Landstreicher, Vagabunden nnd Verwiesenen gewesen wären, und der erstere soll ebenfalls gefunden habe», daß rriemand der Fahne des Lammes treuer folge, als eben diese Leute, zumahl, wenn sie zu gesetzten Jahren gekommen sind, und sich unter derselben einmahl recht ein- gedienr haben» Wem ist ferner unbekannt, daß das weise England seinen Co- lvnien täglich solche Leute zuschickt, um jene immer mehr und mehr in den Flor zu bringen» Also seht ihr, drey Cardi- ual-Tugenden: Tapferkeit, Religion und Industrie, finden sich, nach dem Zeugnisse der größten Männer und der weisesten Nation, in dem Lorpors der Vagabunden, und ihr wollt sie verdammen, ihr, die ihr vielleicht — seht zu solchen Eröffnun- E § 68 gen bringt ihr mich —- die ihr vielleicht keine von allen dreyen besitzt? Euch zu Liebe breite ich mich über diesen Artikel nicht weiter aus, sondern lasse euch mit Fleiß diesen Dorn in eurem Gewissen und gehe weiter. Er hat aber gestohlen, sagt ihr. Nun, gestohlen, gut — was ist denn? Seyd ihr etwa gar Noch Stoiker und laugnet die Grade der Moralität? Ich weiß es so gut als ihr, daß es Diebstahle gibt, auf denen der Strang steht, und die ihn verdienen; aber ich weiß auch, daß es Dicbstähle gibt, wobey man der ehrlichste Mann von der Welt seyn kann. Denkt nur selbst nach, was heißt stehlen? Wenn ich nicht sehr irre, so heißt es so viel, als seinem Nächsten das Seine wider seinen Willen, ohne Gewalt entwenden. Ohne Gewalt, merkt es wohl. — 69 — da sitzt der Knoten, der euch Blöde so bedüstett hat, Aber macht das unehrlich? Nichts weniger. Denn sagt mir einmahl, wie könnten so viele honett? Leute bey Hofe und in der Stadt, die den reichen Kaufleuten ihren Ueberflnß abnehmen, borgen und nicht bezahlen, sy viele ehrliche Vormünder, die ihre» Pupillen das Ihrige entwende», wie könnten das ehrliche Leute seyn? Es wird sich Niemand unterstehen, auch sich nur im Mindesten merken zu lassen, daß er es nicht glaubte, und man thut wohl« Warum schimpft man denn bey diesem arme» Teufel yvn einem Juden von Morgen bis iy dj? Nacht, und dort regt sich Niemand? Deßwegen, weil dies? Personen nicht allein Belescnheit genug besitzen, allenfalls einen Beweis zu führen, sondern auch Macht, einer solchen müssigc» Ver- sanmdung mit Nachdruck zu begegnen. Ich, der ich Gott Lob auch einen Beweis zu führen gelernt habe, trete also hiermit öffentlich für den Juden auf, und erkläre; Wer da sagt, daß der Jude ein Schelm sey, weil er gestohlen habe, der ist ein L ü g u er, Warum haben die Leute ihre Effecten nicht besser in Acht genommen? Hatte der Jude gefehlt, das ich aber nicht zugebe, so hat er weiter nichts als eine Pflicht gegen seinen Nächsten verabsäumt, das ist Alles; aber der Andere, der nicht beständig auf seiner Hut ist, verabsäumt eine weit heiligere Pflicht, die Pflicht gegen sich selbst, von welcher heut zu Tage die Welt und unsere besten Systeme der Moral so gerade abhängen, daß ss ausgemacht ist: sollten diese Pflichten nicht lychr beobachtet Werden, so ging? nicht allein Alles in der PVelt zn Grunde, sondern alle unsere braven Phi? losophc» hatten auch Unrecht. Ich für meine Person hielte es also gar nicht für ungereimt, wenn man ein Gesetz gäbe, vermöge dessen der Dieb zwar eine Strafe geben, z.E. 6s Procent des Gestohlenen in die Schatzkammer, aber der Bestoh- lcne, ohne weiteren Proceß, aufgeknüpft werden müßte, Ich habe auch bereits vernommen, daß das Licht dieses Ge« sctzcs schon in einigen Provinzen unsers Deutschen Vaterlandes, dämmern soll, wo nähmlich der Staubbesen und Verlust des Vermögens demjenigen drohen, vpn dem es stadtkundig wird, daß er von einem bekannten angesehenen Manne ist bestoh? len worden, und man hat Hoffnung, die? fes Gesetz auch auf die Spitzbuben vvm Bauernstände ausgcdehyt zu sehen, 72 Noch unüberlegter rasonniren diejenigen, welche da sagen; es könne deßwegen mir dem Juden »ichk so ganz richtig seyn, weil er etliche Mahl im Stockhanse gesessen. Nun wahrlich, wenn dieses Argument nicht vom Jauue gebrochen ist, so verstehe ich es nicht. Meint ihr denn, jeder, der im Stockhause säße, wäre ein Mörder, ein Coinödianl, ei» Gotteslästerer, ein Possenreißer oder ein Straßenränder? O glaubt nur sicherlich, das sind zuweilen die ehrlichsten Leute, deren es innerhalb des Slockhanses eben eine solche Menge gibt, als Spitzbuben außerhalb. Die Geschichte des Ursprungs der Skockhäuser bekräftiget dieses selbst, wie ich einmahl in dem höchst raren Werke; Von, Ursprung d e r L y b e s - und Le- bensstrofen und deren tidigen Gebrnk und Mod, so aus der Göt- 73 tingischen Bibliothek befindlich, gelesen habe. Die Stelle ist naiv und wegen des eigenen Dialekts merkwürdig, daher ich sie hier ganz einrücke. Es heißt nähmlich daselbst, Seite 17 ; "In de olle Tiden, do weren alle de Gewisse» der Lüe (Leute) vcel genuer eramineeret und de Schelmen und de Galgcnschwengels vecl scharper strost; man heb nit ousecn de Persohn, ob he was en gemeen Kerl or ob he was en söniehmb Kerl, dar was alle likeveel, Do wurden ups lest de Karzers so füll, dar en Rechtsman den Vorschlag dcd, ob es nit better was, de ehrliken Lüe von de Galgens.-wengels aftpsnndern as de Gals genschwengels von de ehrliken Lüe, sink der Galgcnschwengels veel mehr weren als der ehrliken Lüe, Dese Vorschlag dkd — 74 - Byfalk finden und man ded höie (hohe) Muren med hoie Thoren upsbhrcn umb de Stadt und alle Stadt wurden KarzcrS för de Galgenschwengels. Wann de Prediger or de RechtSlüe (denn de wcren de oulige seinzige) chrliken Lüe in en Stadt) säen (sahen) bat en Man hed en Beafi sung (vermuthlich kommt das Englische dz^ls Hang, Neigung daher) to en ehr- lik Kerl, so fette se hem ul den Dore, und lct hem fry. Dadurch seynd nach und nach Dvrperö entstanden und erbuet worden, wo de ehrliken Lüe wohnten, de den Galgenschwengels in de Stadt upö leßt njt Eten und Dr-inken to toföhrcu -ermögtcn, do ded en he?l kunning (recht durchtriebener) Rechts Man, her selber e>; tzou den Galgenschwengels ma wcst syu, r„ andex Vorschlag, hak wyl der ehkliseu Lüe veel to wenig weren, de au- — 75 — der to underhollcn, so motc (müßte oder mögle) man es mcd de Galgenschwcnge- lcy nit so gnu nehmen, damit der ehr- liken Lüe mehr worden, und es ward re- solvecrt, dat keen Kerl sor cn Galgen- schwengel passieren sulde, wenn he nit en arm Düoel wcre, or nit kunning (schlau) nngh syue Muserycn to bergen, und diß wird nülig gchollcn bis up den hängen Dag. Do fand sich es denn sanz, (bald) dat en cnselt Thorm grot nngh wer fhr de Convention^«Schelme, de armen Düvcls :c." So weit unser Autor, woraus sattsam erhellet, daß es bloß von einem Anfall herrühret, daß diese Unglücklichen cingessierrt werden, TfLürde einmahl (und man kann nicht wissen, ob sich dieses nicht einmahl noch ereignen tvird) ihre Anzahl größer als der Unsri? gen« so müßten Mir si> dje Gefängnisse, — ?6 — wovor uns aber doch der Himmel bewahre» wolle. Aber nun gesetzt auch, der Jude habe sich so ausgeführet, daß man ihn wirklich für eine» Schelme» erkennen, und als einen solche» halte einsperren müssen, glaubt ihr den», daß er ohne so etwas zu uns übergetreten wäre. Bedenkt nur, wie kann ei» armer Jude, der mit Kopf und Handen den ganzen Tag zu arbeite» hat, um nur Nahrung für heute z» fin? den, wie kann sich der hinsetzen, seine Religion und die mistige prüfen, und Argumente abwägen? Er könnte zehnmahl verhungern, ehe er eine einzige unsrer Vertheidigungen oder Beweise der Wahrheit der christlichen Religion durchstudiert hätte und zu einem Entschluß kommen könnte. Allein die dunkeln festen eines Stockhauseö, wo Tod, Jammer und Ver- 77 wcsung uns aus jedem Winkel anfletschen; wo die Sorgen der Nahrung uns nicht quälen; wo beständiges Wasser und Brot zwischen Geist und Fleisch Friede machen, und der Wage des Urtheils die erwünschte Richtigkeit geben, da ist der Orr, die Religion mit Muße zu prüfen; da konnte der Jude Gründe gegen Gründe, System gegen System abwägen, da konnte er untersuchen, welches am besten gerundet sey, die Aeßchen zählen, »m welche jenes zu leicht und dieses zu schwer war; im Stockhause konnte er dieses thnn, nicht in seiner Hütte, nicht auf der Landstraße, nicht in der Synagoge und nicht auf der Wechselbank. Ja es ist mir, indem' ich dieses schreibe, als wenn mir innerlich etwas sagte: Der Jude hat mit Fleiß gestohlen und sich greifen lassen, um Muße zu bekommen. — 73 — das Werk anzufangen. Widersprechendes hat es nichts in sich. O der Durst nach der wahren Lehre ist bey manchem sehr brennend, und die Art und Weise, es Mit dessen Löschung anzufangen, ist bey einem Menschen nicht wie bey dem andern. Beherzigt einmahl dieses, betrachtet einmahl den Juden in diesem Licht und sagt, ob ihr, um des Evangelii willen, das wagen wurdet, was er gewagt hat? Wie man eine Hand umwendet, so hatte er können aufgeknüpft werden. Bedenkt, aufgeknüpft, und nicht der Religion wegen, sondern als Spitzbube, als Schelm aufgeknüpft, ohne daß nur eine Zunge oder eine Feder je gesagt hatte? da hängt der Märtyrer. Wenn ich dieses Alles zusammen nehme, so werde ich immer mehr und mehr in einem Gedanken bestärkt/ auf den ich ein- 79 mahl bey Durchlcsnng des vortrefflichen Büchleins deS Herrn Vccltaria von Verbrechen und Strafen, gekommen bin, ein Gedanke, der diesem Kopf von weit geringerer Polhöhe, als der meinige, (ich meine eben diesen scharfsinnigen Jtaliäner,) entwischt ist. Daß nähmlich Spitzbuben, Räuber und Beu- rclschneidcr, oder die nachhcrigen Karre- gefangenen, Galecrcnsclaven und Arrestanten bey weiten die niedrigen, verwerflichen Glieder der Gesellschaft nicht sind, die man aus ihnen zu machen überall sich befleißiget Sie sind zwar nicht das Salz der Gesellschaft, so nothwendig sind sie freylich nicht, aber unter dem Pfeffer, dünkt mich, kann man ihnen einen Platz nicht wohl versagen» Den» man beliebe nur zu bedenken, wenn es keine Menschen mehr gäbe, die ihr 8o Genie antriebe, sich der Karre oder der Galeere zu widmen, so müßte» wir so genannten ehrlichen Leute am Ende fürs Geld selbst hinein. Ich lebe auch in Wahrheit der Hoffnung, daß, so wie wir die Bastarde und die Schäfer jetzt unter die ehrlichen Leute rechnen, die unsere Vorfahren Nicht dafür erkennen wollten, wir mit der Zeit auch dem bedrängten Orden der Spitzbuben eine ähnliche Gerechtigkeit werden angedcihen lassen. Ja sie sind schon so gut als gesichert, wenn sich die mit Recht beliebte mitleidige Empfindsamkeit unter Richleru und Advocaten immer weiter ausbreitet, die für jeden Bettler ein Dreygroschen- stück, und für jeden Eingekerkerten eine Thräne hat. O, Freunde, ich sehe schon mit Entzücken die Morgenröthe einer empfindsamen peinlichen Halsgerichtsordnung über dem Horizont von 1800 heraufdämmern, da Niemand mehr im Gefängnisse lebendig modern, oder kein Unschuldiger mehr den Raben zu Theil werden wird. Freylich werden alsdann unsere Gassen und unsere Landstraßen nicht mehr, ich möchte fast sagen, so schrecklich sicher seyn als jetzt, allein wie Noth um das? Wir schaffen unsere, ohnehin unbrauchbare Taschenuhren nur ab, und tragen an deren Stelle ein Paar weit nützlichere Taschenbuffcr, die bey hundert ändert, kleinen Vorfallen noch zu gebrauchen sind. Dieses konnte für mich und den Juden schon hinlänglich seyn hier aufzuhören, wenn es mir bloß um den Ruhm eines guten Logici oder Advocaten zn thun wäre; aber höhere Pflichten fordern von mir, weiter zu gehen, und zu ril. F 82 zeigen, wie viel natürliche Bosheit, modischer Leichtsinn, ja sogar, wenn ich es recht genau nehme, Gotteslästerung in euren schändlichen Aeußerungen verborgen liegt. Vor allen Dingen sagt mir einmahl, glaubt ihr, daß ein Jude, als Jude, selig werden könne, oder nicht? Doch ich will nicht hoffen, daß ihr glauben werdet, daß wir dereinst im Paradiese wieder mit Juden umgehen sollen» Ihr gebt also zu, daß jeder Jude, der als Jude stirbt, im höllischen Feuer mit dem Teufel und seinen Engeln ewig glühen muß, und so weit, Freunde, denkt ihr anständig und billig. Allein nun frage ich euch: kann wohl ein Jude, der nun einmahl ein Opfer der ewigen Flamme werden soll, und zu dessen Verdammung Gott seine weisen Ursachen gehabt haben muß, seine Sache dadurch schlimmer ma>- — 8Z — chen, daß er hingeht und ein Paar Gänse stiehlt, wofür er eingesteckt wird. Merkt ihr wohl, wo ich hinaus will? Gott hat sie verstoßen, und wir dulden sie dennoch, bis sie uns erst ein Paar Groschen stehlen, alsdann verstoßen wir sie auch. Ey wer sind wir denn? wir Würmer, wir Staub? daß wir Geschöpfe, die vorn höchsten Richter verworfen sind, gleichsam noch auf die Probe annehmen, um zu sehen, ob sich auch jener Richter nicht vielleicht geirrt habe. Ich will es euch selbst überlassen, die schrecklichen Con- sequenzen hieraus zu ziehen und nur noch im Vorbeygehen die kleine Anmerkung machen: daß ich es gar nicht tadle, wenn ihr diese Verworfenen verfolgt, ja ich glaube ihr könnt den Himmel verdienen, wenn ihr-O! Er dort oben weiß es, daß meine Absichten gerecht sind — 8 - — mit der Scharfe des Schwerts — doch ihr versteht mich, lieben Brüdcr! — ich radelte euch nur deßwegen, daß ihr den Geist der erlaubten Verfolgung erst durch ein nichlswürdigcs, weltliches Vergehen habt in euch erwecken lassen. Nun rechnet einmahl zusammen und zieht eine Summe, was heißt dann nun euer ganzes elendes Geschwätz: wir wundern uns, daß mau einen Betrüger und Spitzbuben zur Taufe laßt? Heißt es nur eine Sylbe mehr, als: wir wundern uns, daß man einen Juden zur Taufe läßt, oder daß man einen Febricitanten zum Arzt weiset. Seht, so schal, elend, neidisch und gottesvcrgessen sind eure Reden, daß nzgu es mir nicht verdenke» könnte, wenn ich einmahl die Ruthe gegen euch gebrauchte; aber ich will mich — 85 — dieses Mahl damit begnüge», sie euch über den verstockten Köpfen geschüttelt zu haben, und weiter gehen, Was sagt ihr denn von dem andern Juden, der in G.... selbst getauft worden ist? Ist der etwa auch ei» Betrüger? Wie? Nein! Selbst unter euren fertigen Lästerzungen zählt man kaum zwey oder drey, die ihm etwas anzuhängen getrachtet haben. Ja ihr wißt so wenig von ihm, daß ihr nicht einmahl sagen könnt, wo er her ist; ein Glück für den armen Mann, sonst würden gleich zwanzig aufstehen und sprechen: ich habe einen Brief bekommen, worin steht; oder ich habe einen Durchreifenden gesprochen, der hat mir gesagt: er sey ein unruhiger, sich verstellender Landstreicher; wir sollten unS — 86 — durch seine Demuth nicht blenden lassen, maßen das ja bekanntlich die Tugend aller Schelmen sey; dort würde ein Anderer schreyen: recht, das ist er, ich habe ihn in einer Zeitung beschrieben gelesen, er ist aus einem Gefängniß entsprungen. Aber so kann man mit Recht von ihm sagen, was ein sonst gottcsvcrgesse- »er Zweydentigkeitenreißer sehr schön von einem Unschuldigen sagt: Die scharfsichtig st e V e r l a u m d u n g k a n n n i ch t das kleinste Häkchen an ihm entdecken, um auch nur den geringsten Verdacht daran zu hängen» Denn ich will um aller Welt willen nicht hoffen, daß ihr ihm als ein Vergehen anrechnet, daß er neulich, als er einen seiner ehemahligen Glaubensgenossen besuchte, etwas mitgenommen hat. Mitgenommen, sprechen die Leute, daö ist die wahre Sprache der kriechende»/ ängstlichen, raunenden Verlaum- dung, die, wenn sie sonst nichts, sich im Fall der Noth zu decken, finden kann, sich im Worte selbst noch eine» Schlupfwinkel baut. Warum sagt ihr nicht gleich gerade heraus, gestohlen? Aber ich habe Materie genug, ich will dieses ungebraucht liege» lassen und lieber gleich fragen, um kurz von der Sache zu kommen: wem hat er es gestohlen? Einem Jnden oder einem Christen? Einem Juden, sagt ihr. Also gut. Zeigt aber dieses nicht eine edelmüthige Verachtung seiner ehemahligen Glaubensgenossen an? und daß eine wahre Sinnesänderung bey ihm vorgegangen ist? Wer nicht recht bis aus den Boden bekehrt ist, wird immer heimlich seinem alten Glauben anhangen und heimlich seine ehemahligen 88 Bruder lieben. Aber wie edel ist dieses nicht! Nicht einmahl so viel würdigt er sie, daß er seinen Fingern Einhalt thut, welches wir alte Christe» doch noch selbst gegen die Ungläubigen thun. Sollte man die That auch nicht billigen, so ist doch nicht zu laugnen, daß der Anlaß dazu etwas verräth, was man mir den Herrn- Hütern ein gesalbtes Wesen nennen mochte. Alles Uebrige, was man von ihm weiß, gereicht ihm znr größte» Ehre, daß er das Hebräische tief studiert hat; daß er sich auf die Sterne versteht und im Stande ist, ein ehrliches Stück Brot mit Wahrsagen aus den Händen zu verdienen u. dgl. Mir ist zwar nicht »»bekannt, was die heutigen superklugen und nahmentlich die Professoren zu G .... gegen sein Hebräisch einwenden: er verstände kein Arabisch. Gut, er versteht — 89 — auch keines, aber dafür ist er ein gekörter Jude, und das sind wir nicht. Im Englischen läßt sich Vieles durch das Plattdeutsche erklären, lernen deßwegen die Engländer Plattdeutsch? Keineswe- ges. Und am Ende sagt mir, wessen Sprache ist das Hebräische? Des Volkes Gottes. Gut. Wessen Sprache ist das Arabische? Des Volkes des Teufels. Richtig. Aber nun sagt mir ferner- ums Himmels willen, muß mau, um die Sprache des Volkes Gottes zn erlernen, beym Volk des Teufels in die Schule gehen? Ich weiß wohl, daß wir es thun, aber wenn der Teufel hierunter keine Ranke hat (sagt nur, ich hätte es gesagt), so ist er der Teufel nicht mehr. Er sucht unsere besten Leute alle au diese Grenze zu locken, und auf der andern Seite, wo alles offen ist, auf der — yo — Fleisch- und Blutseite, fällt er ein, und fonragirt uns alles weg. Ich will zwar damit nicht in Abrede seyn, daß man dem Teufel manches herrliche Schlupfloch mit einer Arabischen Etymologie mag verkleistert haben; aber daß es so gar nöthig sey, kann ich mir deßwegen nicht vorstellen, weil einige Hanptwänner unserer Kirche nicht einmahl das Hebräische verstanden haben. O ich erinnere mich noch immer mit Vergnügen an meinen seligen Herrn Taufpathcn, den Herrn Doctor und Consistorial-Rath W.... Sie waren der ansehnlichste, liebreichste Mann, hatten eine rechte Segensmiene, eine rechte Gnade im Predigen, und verstunden, wie Sie sich zuweilen, wenn Sie aufgeränmt waren, merken ließen, kein Wörtchen Hebräisch. Ja, ich darf kühn behaupten, hat jemahls ein Mann — 9l — die Kanzel und den Beichtstuhl mit Anstand gefüllt, so waren Sie es. Wieder auf die Gelehrten zu kommen, wer »«parteyisch seyn will, der muß bekennen, daß steh i» unsere Bibelerklä- rungeu ein gewisser schädlicher Lurns cin- geschlichcn hat, so daß man wünschen möchte, Michaelis, Keunicot und Schul- teus hätten die Küsten von Arabien nie befahren. Sie haben uns allerley Lcckcr- bißlein von dorther zugeführt, ohne die sich so gar die Weibsstühle in den Kirchen jetzt nicht mehr wollen abspeisen lassen. Wie viel bequemer und gesunder wäre es, wenn sie uns in unserer Ein, fält, bey unserm Roggencaffee und Gcr- stenbier, ich meine bey Luthers Ueber-- setzung gelassen hätten, so könnte man sein Gedächtniß auf andere Dinge verwenden, womit dem Menschen mehr ge- dient wird; die Prediger könnten ihr Geld, das jetzt für Arabische Lcvica, Rcisebe- schreibungen und neue Bibelübersetzungen weggehet, in der Haushaltung gebrauchen, ihre Besoldungen würden hinreichen und sie Hütten nicht nöthig, den ganzen Tag die Arbeitsleute zu hüten oder auf der Aehntwache zu stehen. Dem sey aber wie ihm wolle, so muß man keinem ehrlichen Menschen vorwerfen, er verstehe etwas gar nicht, wenn er es nicht so versteht, wie andere Leute, von denen man weiß, daß sie es verstehen. Denn zwischen dem, ein Ding verstehen und ein Ding nicht verstehen, gibt es viele Classen, in denen sich/§ des menschlichen Geschlechts ganz commode aufhalten. Man könnte, wenn es nöthig wäre, aus allen Standen viele Beyspiele von Leuten anführen, die ihr Amt mit An- 93 stand geführt und doch nicht verstanden haben, was dazu nöthig ist; also kann es einem keine Schande rpachen, etwas nicht z» verstehen, das man sich zu verstehen ausgibt, und ist Bosheit, Jemanden ein solches menschliches Gebrechen vorzurücken. Aber, höre ich euch sprechen,^ sind die Astrologie und Chiromantie nicht herrliche und einem Christen höchst anständige Wissenschaften? O ihr Schalke, ich sehe es wohl, daß ihr dieses nur aus Spott sagt, aber höchst alberner Spott ist es. Warum einem Christen unanständig? Glaubt ihr etwa noch, der Teufel mische sich drein? ihr Einfältigen. Der Teufel weiß es so gut als ihr, daß man mit dergleichen Wissenschaften nicht mehr weit kommt, es müßte denn unter den Blöden seyn. Nein, wenn er Menschen vcr» — 94 — führen will, so weiß er es besser anzufangen, er bringt sie zu Mord, Hurerei), zwcydeutigen Einfallen, Straßenraub, verliebte Comödicn, Traucrspicl-- schrciberey, Mordbrcnncrcy oder Verleumdung getaufter Juden; das thut der Teufel, er macht einen Käsebier ") oder Shakespear aus euch, läßt euch euren Nächsten um das Seine bringe», oder gar lachen machen, wenn er beten könnte, da geht er sicherer. Mit Stern- nnd Händegucken hat Fleisch und Blut nichts zu schaffen, und ihr konnt mir glauben, wo der Teufel nicht eines von diesen beyden wenigstens zur Decke nehme» kann, da bleibt er gewißlich weg. Nein, wenn ihr denn doch etwas sagen wollt, so sagt lieber, es verräth eine Schwachheit deS Ein Deutscher Straßenränder. ") Ein Englischer Lragättenschretber. — 95 — Verstandes bey dem Juden, und da will ich gerne schweigen, nicht als wenn ich euch recht gäbe: gar nicht; sondern weil mich dieses nichts angeht. Hier will ich nur beweisen, daß er ein guter Bekehrter sey, und bey Bekehrungen haben wir ja mit dem Verstände nichts zu thun. Ein Lahmer am Verstände kann so gut selig werden, als ein Lahmer am Leibe» Ja man hat durch vielfältige Erfahrung befunden, daß ein etwas stumpfer Verstand, oder die Art Leute, von denen man zu sagen pflegt, sie hatten das Pulver nicht erfunden, zur Bekehrung und geistlichen Behandlung die fähigsten sind. Der Wurm des Zweifels nagt sie nicht und der Geist des Widerspruchs plagt sie nicht. Uebrigens wer hat euch denn gesagt, daß die Chiromantie eine so gar nichts- — y6 — würdige Kunst sey? Daß man aus dem Gesichte wahrsagen könne, ist ausgemacht, und ihr selbst habt Manches, was ihr von diesen Neubekehrten sagt, aus ihren Gesichtern geschlossen. Ich war selbst einmahl in einer Gesellschaft, wo einer sagte: Sieht der hiesige Jude nicht aus wie Oliver Eromwell nnd nickte mit prophe- zeyhendeni Stillschweige»; wie Richard Cromwell, sagte ein Zweyter, nnd lächelte sicher; wie Sancho Pansa, sagte ein Dritter, und lachte ganz laut. Geht aber dieses bey dem Kopfe an, so geht es auch bey den Handen an"), da bey Der Aufschub, den der Abdruck gegenwärtiger Werthetdigung erlitten, setzt mich nunmehr in den Stand, dem Leser sagen zu können, daß ich mein-, vor zwey Jahren im Text geäußerte Muthmaßungen und Gedanken, durch den Beyfall eines'jungen Gelehrten vom ersten Rang, ich meine des Hrn. Dia- eoni LavaterS, bestätigt sehe. ES sagt nähmlich derselbe in bei» sten Theile seiner 97 ganz ander» Leinen, als wir sind, die Hände Kopfsdienste lhun müssen. Daher liest man häufig von Gespenstern, die ihre Köpfe in den Handen, aber nie von welchen, die ihre Hände im Maule her- vortrefflichen Phijsioznomlk, daß man aus den Händen den ganzen Mann erkennen könne. Wohlverstanden, er meint nicht bloß, daß man dadurch einen Grobschmidt von einem Accoucheur, einen Matrosen von einem Lautenisten, oder einen Biaufärber und Hutmacher von einem Beckerknccht unterscheiden könne, sondern daß man sehen könne, ob Jemand ein Christ oder" Antichrist, ein Genie oder Ron-Genie, eine Jungfer ober Non- Jungser, ein Spitzbube oder ehrlicher Kerl sey, daS ist, finden, ob einer mit Strichen oder mit Fiupionen rechnet, ob die Hand, die ich fühle, mir etwas in den Hut werfe» oder aus der Ficke ziehen will rc. ES ist demnach jener Gebrauch der stch Schämenden, daß sie die Hand vor das Gesicht halten, höchst ungereimt, denn die Hände, und nicht baS Gesicht, sind die Fenster in der Brust. ES kommt mir dieser Gebrauch eben so thöricht vor, als wenn Jemand,-den man im Hemds überraschte, aus Scham sein Gesicht mit dem Zipfel desselben zudecken wollte, m. G — 98 — umgetragcn hatten. Unsere Vorfahren, die wahrscheinlicher Weise diese Historien aus weisen Absichten erfunden haben, um in diesen veliiculis schon in der zarten Kindheit durch die Ammen den Kindern allgemeine Wahrheiten beyzubringen, haben vermuthlich damit sagen wollen, was Andere anders bewiesen haben: ohne Hände sey nichts anzufangen, aber der Kopf sey nur eine Art von Hut, den man zwar zuweilen trage, der aber beiden eigentlichen Gallabegebenhciten unsers Lebens abgenommen werden müsse. Daher auch die gütige Natur dem Menschen zwey Hände, aber nur einen Kopf gegeben hat. Eben so viel und weit mehr noch könnte ich für die göttliche Astrologie anführen, wenn es nicht eine unerlaubte Verschwendung wäre, Zeit und Papier in Vertheidigung des Verstandes eines 99 Subjects gleichsam wegzuwerfen, die man besser zur Vertheidigung des Herzens desselben anwende» kaun. Ich hoffe es nunmehr so weit gebracht zu habe», daß wohl nicht leicht Jemand rmrcr euch mehr aufstehen und den abgenutzte» alten Gemeiuort aller Ver- laumder, womit sie ihren Nächsten anzuschwärzen Pflegen, ich meine die höchst zweydcurigen und schwankenden Stichelreden von Stehlen, Betrügen, Land streichen u. s. w. gegen meine Freunde gebrauchen werde. Da also dieser Schlupfwinkel abgeschnitten, so hoffe ich euch nun mit Hülfe der Philosophie noch aus dem letzten heraus zu treiben. Ihr sagt, es könne nicht gelungner werden, daß nicht die Beweisgründe, sondern die Mettwürste das Beste bey der Sache gethan hätten. Einfältig, G r IOO Als wenn Mettwürste nicht auch Beweisgründe waren. Wenn ihr Logik gehört hättet, so würde ich gerade sagen, ihr wäret Tröpfe, und euch sofort in die Schule schicken; da ihr aber Leute seyd, die nicht einmahl wissen, wie Leib und Seele auf einander wirken, ja die zum Theil das Wort Psychologie nicht einmahl buchstabiern können, so muß ich euch nur diese Kleinigkeiten erklären. Daß man Krankheiten der Seele, worunter bekanntlich der ansteckende Pa- pismus und der bösartige Judaismus die fürchterlichsten sind, und wodurch mehr Seelen an einem Sonntage oder an einem Sonnabend hingerafft werden, als a» den schrecklichen Abenden zu Drurylane in ») Eine Gegend In London, wo ein Gebäude befindlich Ist, in welchem unter der Anführung eines berüchtigten DosewichtS, Nahmens Earrik, dem Teufel sechsmahl die Woche gSttiiche Ehre erwiesen wird. 101 einer Comödie oder in einen Ballet; daß nian, sage ich, solche Krankheiten nur durch moralische Mittel heilen könne, ist ein Vornrtheil, welch.es unsere allen See- lenqnacksalber von einem -ähnlichen der gemeinen Quacksalber und Marktschreyer hergenommen haben. Die letzter» haben nähmlich lange geglaubt, Krankheitendes Körpers ließen sich nur durch physische Mittel heilen. Wie unsere guten Alten aber in diesem Puncte so lange haben im Finstern herum tappen können, verstehe ich nicht so ganz recht. Denn laßt sie Jnflnrionisten, laßt sie Occasionalisten, laßt sie Harmonisten gewesen seyn, ja laßt sie mein bekanntes Pulver-System gekannt haben, welches zwischen das erste und zweyte der oben erwähnten fällt; so hatten sie allemahl auf diese Entdeckung ') Hiervon wird unten geredet werden. gerathen müssen. Man hat aber freylich den Grund dieser und mancher andern Olcitanz unserer Vater in der besondern Einfalt und dem guten Herzen derselben zu suchen, wovon ihnen der Himmel, zum äußersten Nachtheil ihres Verstandes und Witzes, doppelte Portion zugemessen hatte. Mit der Entdeckung ist es ungefähr so zugegangen. Die Aerzte habe» nähmlich schon lange bemerkt, daß man, um gewisse Krankheiten zu heilen, die Arzeneyen auf die den kranken Gliedern gerade entgegengesetzten Theile des Leibes applicireu müsse. Wenn Jemand z. B. ein Brausen in den Ohren verspürte, so steckte man ihm die Füße in laulichteS Negenwaffer; halte der Schlag Jemanden auf der rechten Seite gelahmt, so öffneten sie eine Ader auf der linken; hatte Jemand die Kratze auswendig auf der Haut, so schmierten sie den Patienten nicht auswendig, sondern inwendig; saß endlich die Seele Jemanden auf der Zunge, gut, so legten sie Blascupflaster auf die Wade». Ja, Einige gingen so »veit, daß sie glaubten, unheilbare Krankheiten könnten ihren Sitz nur in solchen Theilen des Leibes haben, die keine entgegengesetzten hatten, und daß der Tod diejenige Krankheit sey, die den Aerzten seit jeher am meisten zu schaffen gemacht, rühre einzig und allein daher, daß er alle Theile auf einmahl so angreife, daß gar keine entgegengesetzten mehr übrig blieben. Dieses war auch die Zeit, da wenn die Frau in Kiudesnöthen war, den Manu in einen Topf blasen ließ, oder daß sich der letztere gar in das Bette legte, wenn die erstere durch eine Niederkunft geschwächt worden war. Nun war nur noch ein kleiner Schritt zu thun, so leicht, daß, so bald er gethan war. Jedermann gleich sah, daß er ihn auch harte thun können. Der ihn aber gethan har, ist vergessen, so wie es allen denjenigen braven Männer» geht, die ihre Entdeckungen auf der geraden Heerstraße, und nicht auf absichtslos angestellten Srreifercyc», und von ungefähr machen. Der Schritt war folgender: Die Seele ist ein dem Körper gerade entgegengesetzter Theil des Menschen, wie also, wen» man alle Krankheiten, nahmentlich die, deren Sitz in der Flache liegt, durch welche der Mensch in zwey gleiche und ähnliche Hälften getheilt wird, durch eine auf die Seele applicirte Cur zu heilen suchte? Und umgekehrt, Krankheiten der Seele durch Mittel am Leibe. Seht, dieses ist die ganze, simple Theorie der Heilart, von der ich jetzt etwas Mchre- res gedenken werde. Einen recht herrlichen, gründlichen und dabey faßlichen Beweis von der Richtigkeit der Heilart selbst, bey Krankheiten des Leibes sowohl, als deren gehörigen Ucbertragung auf die Krankheiten der Seele, gibt das Beyspiel von den beyden zusammengewachsenen Mädchen, wovon man in zwey, sonst unter uns Geistlichen unbekannten Büchern, ich meine in den TransEio- nibus pknlolopliicis und in Hrn. R e i- mari, eines Weltlichen, Buch: von der natürlichen Religion, Nachricht findet. Die Sprüchwörler, oder die Philosophie der Thoren, spricht zwar den Gleichnissen die Starke eines Beweises ab, omne 6- wile clsuäiLst, sagen sie, ferner ümilla illulkrant non probant, welches einer von uns, aber ein Lcanäalum ecclelwe, der PräbcudariuS Sterne zu Bork ^ -rsv Trvpo's nach seiner skurrilen Unart durch: Br, llenwischen ist noch kein Syllogismus, übersetzt. Aber was hat man sich um solche Possen zu bekümmern, man muß ihnen nicht einmahl die Ehre anthun, sie wegzuräumen, wenn sie über den Weg Hinliegen, sondern gelassen und frisch zu marschiren. Diese Mädchen waren das vollkommenste Ebenbild von Leib und Seele, das mau seit der Schöpfung gesehen hat. Durch diese Erscheinung hat gleichsam die Seele den Weltweisen, nach einer Blokade von ein Paar tausend Jahren, die Schlüssel zu ihren Geheimnissen präscntiren müssen. Diese Mädchen waren von Jugend an zusammengewachsen, wie Leib und Seele; Eine war munterer, geistiger Natur und stellte die Seele, die Andere trag und schläfrig und stellte den Körper vor. Sie halse» sich wechfelsweisc, wie Leib und Seele, und lagen sich zuweilen einander in den Haaren wie, mut. rnut. Leib und Seele auch. Zuweilen wollte die Eine da hinaus, wenn die Andere dort hinaus wollte, da denn die Stärkste die Andere auf den Buckel nahm und hinging, wo sie hin wollte, so wie wir an Leib und Seele sehen. War Helena lustig, siugs war es Judith (so hießen sie) auch; hingegen ließ Lenchcn den Kopf hangen, so hielt ihn Jüdchen auch nicht mehr. Doch halten beyde auch eigene Krankheiten, und da hat man denn Folgendes befunden. Wenn Jüdchen sich den Magen überladen hatte, so wurde Lenchen purgirt; hingegen schlug man Jüdchen eine Ader, wenn Lenchen über Wallung klagte. Verfuhr man anders, so wurde der Einen nicht allein nicht geholfen, sondern die Andere wurde auch krank. Die Ursache davon liegt am Tage, den» daß Cure» Krankheiten sind, kann man außer den schönen Beweisen, die Hr. Unzer in seinem Arzt für diesen Satz anführt, allein schon daraus sehen, daß man daran sterben kann. Hatte nun Eine von Beyden schon eine Krankheit, und man kam mit noch einer angezogen, so mußte allerdings die Verwirrung so groß werden, daß sie sich auf die Andere erstreckte. Aus diesem Allen gehörig zusammen genommen, erhellet nun sonnenklar, daß man bey Seelenkrankheiten die Mittel auf den Leib appliciren müsse. Ja, wenn man die Alten nachschlagt, so findet man, so wie überhaupt von allen unsern leidigen Entdeckungen, schon Spuren dieser Heilart, die schon ihren bloß natürlich guten Köpft» nicht entwischt ist. Die Ruthe ist nähmlich schon seit jeher als das kräftigste Mittel gegen einige Krankheiten des inneren Kopfs bekannt gewesen. Freylich hat diese ihre besondere Wirksamkeit auch dem doppelten Gegensatz zu danken, der bey ihrem Gebrauche Statt findet. Denn erstlich wird sie nicht bloß auf den Leib, als das Entgegengesetzte der Seele, sondern auch auf einen solchen Theil des Leibes applicirt, der dem Kopfe, als'dem Sitze derselbe», gerade entgegengesetzt ist, zumahl wenn der Mensch im natürlichen Zustande ist, und auf allen Vieren geht. Vom Irrthum abbringen, heißt aber bekehren, also bekehrte man schon lange durch körperliche Mittel. Ja in dem klugen England find daher täglich an die 1000 Hände beschäftigt, selbst erwachsene Herzoge und Lords auf diese Art zur i ia Wahrheit zu führen und vou der auge- bornen Unart abzubringen. So wie man aber nicht alle Krankheiten mit Rhabarber und China heilt, sondern auch zuweilen wabre Leckerbißlcin, Zunge, Magen und Herz stärkende Tropfen, warme, kräftige Brühen und wohlriechende Aufschlage gebrauchen muß, so eben auch hier. So versprechen die gelehrten Gesellschaften 50 Ducatcu demjenigen Körper, dessen Seele die beste Abhandlung über eine gewisse Materie liefert, und heilen dadurch oft die Schlafsucht, in welche die Seelen eines ganzen Districts verfalle» waren; die Gefäße eröffnen sich, die Ideen sammeln sich und die Schlüsse ergießen sich. So könnte ich mit leichter Muhe hundert Beyspiele anführen; allein was dem Schriftsteller gar zu leicht wird, muß er dem Leser überlassen. Ich fahre also in der Hauptsache nunmehr wieder fort. Ich habe nähmlich die Antwort auf die Frage: ob die Bekehrung, die durch Mettwürste geschieht, billig und rechtmäßig, ob solche Christen für achte zu erkennen, oder ob sie, wie die Prinzen vom Berge Libanon, oder wie die Greifswaldischcn Magister zu Upsal, nicht für voll anzusehen seyen, dahin gebracht, daß nur ein Unmündiger oder Verstockter noch an der .Gültigkeit solcher Christen zweifeln kann. Denn ich will nicht hoffen, daß ihr euch an dem Worte Mettwurst stoßet, alsdann könnte ich euch wiederum eure kindische und recht läppische Art zu denken vorrücken, denn wahrend als ihr Andere verlacht, die sich durch Mettwürste haben bekehren lassen, laßt ihr euch selbst durch den Schall des Worts Metl- 112 wurst verleite»/ die Schwere eines überwiegenden Arguments nicht zu fühle». Welches ist ärger? Sprecht ihr Kurzsichtigen, wenn ihr anders gefaßt habt, was ich euch gepredigt habe. Doch aus Liebe zu euch, aus Mitleiden mit eurer Blödsinnigkeit und weil ihr von dem (lornmercio snimse et norpolis gänzlich nichts wißt, nehme ich mir die Mühe, euch etwas in die Seelenlehre zu führen, ob ich gleich weiß, daß solche Sache» selten haften, wenn sie nicht zur Zeit des leidenden Sludicrens erlernet werden, so lange sich nähmlich der Probirstcin, auf den im Alter alles gestrichen werde» soll, noch selbst ein wenig nach den Sachen bequemt. Wenn ich sage, daß Jemand durch eine Mettwurst auf eine bessere Meinung verleitet werden könne, so verbinde ich damit keinen so rohen Begriff, als ihr vielleicht denkt. Ich meine nicht, daß ein Gcnichtheilchen, das sich von der Wurst losreißt, dutch einen Stoß die Seele auf aiidere Gedanken bringen könne. Dieses sind rohe, sündliche Ideen, die von Änfang Zwar der Einbildungskraft etwas schmeicheln, über ehe man sich es versieht, so sieht man in der Mitte Zwischen l.a IVlettrie und dem Teufel. Ein körperlicher Stoß ist noch kein geistischer Bewegungsgrund. Wenn Ge- ruchcheile durch ihren Stoß den Gedanken hervorbringen könnten, oder der Gedanke die Bewegung Ware, so müßte umgekehrt der Gedanke die Geruchtheilchen wieder stoßen können; Mit einem Wort, man würde in den meisten Fallen rieche» können, was die Menschen denken, und so mit andern Sinne». So ist es nicht. Es sind zwar von der Nase bis an die ril. H Seele, vorausgesetzt daß sie zu Hause ist, etwa drittehalb Pariser Zoll, wenn man zwischen allen Meinungen ein arithmetisches Mittel nimmt. Aber, wohlverstanden, jenes bleibt immer die erste, und dieses die letzte Instanz, und nichts kann doch weiter von einander seyn, als das erste und das letzte. Ich stelle mir die Sache so vor (und dieses ist mein oben erwähntes System, welches ich, wegen des Anlasses zur Erfindung, das Pnlversystem genannt habe). Alle Entschlüsse, von dem sich selbst zu ermorden angerechnet, bis zur Selbstvergöttcrung und allen unendlich dazwischen, fallenden, liegen in der Seele, so wie der sb'r llxua im Schießpulvcr, und so wie diesen ei» einziges Fünkchc» löse» und die fürchterlichsten Wirkungen hervorbringen kann, so eben auch da. Ihr berührt mir einem kleinen Finger den Drücker einer Flinte, und ein Schwein sinkt in den Staub. Eine Wurst-Partikel trifft den Genichner- vcn eines Jndcn, und der Jude wird bekehrt. So,- glaube ich, liegt in alle» Jndcn der Entschluß, sich lausen zu lassen, nur das Fleckchen, wo das lösende Fünk- chen auffallen muß, ist uns verborgen. Wald ist rS hier, bald dort, ja bey diesem Menschen anders als beym andern, der geralh in Flammen durch leibliche, der durch geistische Zündmaterialien. Ich verbitte mir alle Einwürfe, und versichere, daß ich sie alle heben kann, aber es erfordert mehr Zeit, als ich darauf zu, verwenden verbunden bin, da überhaupt diese ganze Ausschweifung ein LeckkucheN ist, den ich euch aus väterlicher Liebe vor eure lofe Manlib halte, und den ich ganz hatte können stecken lassen» Weil ich aber H L gus vielfältiger Erfahrung weiß, daß der Ungläubige einen Beweis in geistlichen Dingen nicht glanbt, wo er nicht die Sache auch im Weltlichen wahr findet, so will ich noch ein Beyspiel anhangen von einer sonderbaren SeelenwirkuNg, welcher durch einen physischen Stoß, nach meinem Pulversystcm, Luft gemacht worden ist, woraus ihr zugleich sehe!, könnt, wie wunderbar zuweilen die Natur bey einem Menschen das zu einem Entschluß gehörige Zündloch angebracht hat, so daß ich glaube, daß eine vollständige Theorie dieser Zündlöcher der höchste Flug des theorisirendcn Menschen wäre, wogegen des albernen, vberwahnte» Präbendarii Sterne, mit so vielem praktischen Wörs tLrkram versprochene Theorie von Veit Knopflöcher», wahres, Kehricht und Seii-> tinisches Gewäsch seyn müßte» Die Ges schichte ist die: Warum der Mond ohnx Nagel und Strick dort oben hangt, ohne r„is auf die Köpfe zu fallen, wenn wir drunter weggehen, hat ein alter Inspektor bey der Münze zu London errathen, gls ihm einmahl ein Apfel, der nicht größer §ls eine Faust war, von einem Baume auf die Nase fiel, Nun haben die Philosophen über diese Materie seit jeher schon sii ihren Nasen gegrübelt, auswendig daran gegrübelt, den Zeigefinger daran gerieben, die ganze Nase in ein Puck) gesteckt, sie wieder herausgezogen, in di? ganze Hand genommen, Brillen darauf gesetzt, sie an die Tnbos angestoßen, za gar, wie Thales und N! anchsni, bey her Nacht beym Nbservircy gestolpert und darauf gefallen, und doch haben sie das Fleckchen nichs getroffen, vermuthlich weil es hcy allen diesen Leuten nicht auf her Nase gelegen hat. Hier bey diesem Manne war die Entdeckung gewacht, so wie her Apfel die Nase berührte- Fühlt ihr nun die Stärke der Demonstration. Nb ich aber gleich gezeigt habe, wie eine? solche Bekehrung als gültig ohne weitere Probe zu erkennen sey, so müßt ihr wift scn, daß es doch theils noch feiner wir der Bekehrung zugegangen seyn kann, und wie ich. aus gewissen Umstanden schließen kann, wirklich zugegangen ist§ theils auch die Leute keine Vorwürfe ver^ dienen würden, wenn es auch noch gröber und körperlicher zugegangen wäre, Nun habe ich euch zwischen zwey Feuern, und außerdem könnte ich euch noch in die Luft sprengen, Ich sage es euch voraus, Hutgehen konnt ihr mir nicht mehr, ihr wögt gelinder? Saiten ausspannen oder gröber?, ober auf den gften fort siedeln. Laßt einmahl sehen, was ihr anführe« könnt, zu beweisen, daß die Würste nicht die Veranlassung, sondern die Hauptur- sache gewesen wären. Der eine Jude, sagt ihr, und meinet den hiesigen, habe sich gar nicht halten können, und lange vor der Wiedergeburt Wurst gegessen, damit habe sich der Betrüger verrathen. Schweigt mit den satyrischen Beynamen stille, sage ich euch, könnt ihr denn keinen Menschen anklagen, ohne solche schielende Ausdrücke zn gebrauchen? Ich sage, die Handlung ist edel, Wurst essen ist eine christliche Handlung, wozu ein neu- bckehrrer. Jude am ersten Gelegenheit, zumahl in G,..,. sinket, wo man in allen Häusern welche antrifft. Hingegen zur Ausübung anderer Pflichten eines Christen, alsz.E. der allgemeinen Menschenliebe, Verträglichkeit, und zur Er- I2Ü füllung des Plles was ihr wollet, dazu sitzen die Gelegenheiten nicht so dick, ja es hat wyhl eher graubartige Christen, und selbst welche unter uns Geistlichen gegeben, die in ihrem ganzen Leben »ich? ein einziges Mahl dazu haben Gelegenheit finden können, Ich glaube noch immer, die Würste waren eine Nebensache, denn haben sie nicht alle beyde ihr Glaubens- bekenntniß mit dem gehörigen Gesicht abgelegt? oder sie stich just der unendlich klein? Ansschlag gewesen, der noch nöthig war, die schon bereits sinken wollend? Achale nieder zu drücken, und da ist eine Wurst allemadl etwas, so lange man nicht beweisen kann, daß st? gax Nichts ist, Ich stelle mir vyr, der Jude fand eine Gleichheit der Gründe für heydx Religionen; ich schließe dieses aus dem Gesichte, das er einmahl machte, als er mir auf einem einsamen Spatziergange begegnete, und nun hing er zwischen zwey Religionen wie Buridans Esel zwischen zwey Heubüscheln, hier kamen die Würste auf unsrer Seite dazu, nun drehten sich erst die Augen, dann der Kopf und so war es geschehen» Ohne diesen Umstand hätte er zwischen zwey Religionen unschlüssig hangen können, bis ihn her Teufel abgeschnitten hätte, Gesetzt aber auch, das wäre alles nicht gewesen, die Würste sollen ihnen einmahl weder die Augen zum Beweis geöffnet, noch auch zum Anlaß gedient haben, ihr Licht leuchten zu lassen, sondern sie sollen schlechtweg dadurch bewogen worden seyn, Christen zu werden, ist denn das so etwas gqr Entsetzliches? Ich sehe es nicht ab, Denn für das Erste, ss heißt bekehren so viel, als werben. Daher auch der berühmte St. Whitfield in Eng- land einen Tambour, der die Werbetrommel in der Gegend schlug, wo er selbst, mit vutloro zu reden, die Wer- Lccanzel rührte, einstmahlen so anredete r Höre, guter Freund! wir werben bevde, du für deinen König, ich f ü r meinen Crlöser, laßuns, u n ö einander nicht um unsere Recru- ten bringen. Selbst der Tambour fühlte die ganze Schwere dieser Aehulich- kcit, und ging so weit weg, daß weder St. Whiisield seine, noch er St. Whil- ficlds Trommel hören konnte. Wenn über nun bekehren, werben heißt, so bedenkt einmahl selbst, wie viel Reentten würde der König von Preußen in den Gchlefischen Ku'egen bekommen haben, >— I2Z —^ wenn er sie durch lauter deutliche Vor* stcllungen seiner gerechten Ansprüche auf Schlesien hatte anwerben wolle»? Ant- wert: Vielleicht gar keine. Gründe sind nicht für jeden Magen. Aber so wurde de.r Eine mit Gewalt, der Andere mir List, ein Dritter mit Geld, ein Vierter mir Branntwein, der Fünfte mit Versprechungen zur Erkenntniß des Systems der Ansprüche geführt. Die Ueberzeugung war da, und wenn der Kerl hieb, so sah man dem Sä-! bel nicht an, ob die Kraft, die ihn führte, aus dem-Kopf oder aus dem Magen kam. Ja, unter uns Protestanten gesprochen, wenn wir nicht, wie andere Christen, anfangen, besseres Handgeld Zu geben, und weniger Vernnnftschlüffe gebrauchen, so werden wir nicht allein keine Recruten mehr machen, sondern unsere Leute werden uns durchgehen, wie die HolländSt- 124 Für das Zwenke heißt bekehren so viel als umkehren, das ist, das Endehinbringen, wo vorher das Ende k gewesen war. Von der An, wie solches zugegangen, kommt und gehört nichts in die Definition, und es verrath Unverstand, wenn man es hineinbringen will, oder muffige Nengierde, wenn man von einem Dinge, das man umgekehrt haben wollte, das man einem auch umgekehrt hat, noch wissen will, auf was Art man es umgekehrt habe, O wollte nunmehr» der Himmel, daß dieses eure Einwürfe alle gewesen waren l daß ich jetzo abtrete» könnte, da ich euch euren Unverstand, müssiggängerische Bosheit, philosophische Kleinmcisterey, Uner- sahrcnhcir u»d Schalkheit genugsam vyr die Augen und die Nase gelegt habe! Aber noch dqrf ich nicht schweigen, Bisher habe ich den sanften Wichten eines — 125 — Ädvocaten obgelegen, nun beobachte ich die strengeren und herberen eines Richters. Bisher hat Gottes Langmnth aus meinen Vcrnunftschlüssen gelächelt, nun, Würmer! höret seinen Donner. O! die Stunde eurer Geburt wollte ich segnen und den Tag eures Todes in der Asche begehen, wäre? ihr bloß dumm und unverständig, vielleicht wäret ihr doch fromme Bürger. Aber so merke ich, daß die Seuche der Freydenkercy und des Leichtsinns, ja daß der so genannte schlichte Menschenverstand, und sogar die satanische Unterscheidung der Begriffe Theologe und Gesandter Gottes, die doch einerley, in eure Werkstatt? eingedrungen sind. Aber der Geruch eurer Bosheit ist zu nnö und zum Himmel gestiegen, dessen Voten wir sind — wartet — der Zorn wird über euch kommen. Habe» gleich unsere protestantischen theologischen Facuttami keine Schwerdeer und keine Flammen, wie-die theologischen Faculla- Leu zu Mexico -und Japan, so sind wir dennoch schrecklich, unser gelähmten weltlicher Arm ist noch iwtuer stark genug, solche Insecken zu' zerknn scheu, und solchen Mücken zu wehren. Wißt ihr wie? Ein Federstrich macht euer Vergehen zu Straßenraub und Gotteslästerung; ein Fa!tch>en im Gesicht zur Stunde gezogen, «ine. Achsel im Audienzsaal gehörig gezuckt, ein Seufzer mir Bedacht eingeschaltet, fällt eurer steigenden Beförderung in die Flügel und Macht euch zu ewigen Hofmeistern, ewigen Adbocäten oder ewigen Musketieren. Zittert hierbey und denket nach. Ich werde warm. Dem Himmel sey es tausend Mahl gedankt, daß ich LS noch 127 werden kann. Welcher rechtschaffne Can- didat wird es nicht werden, wenn er eine Rotte blinder Lotlersünver sprechen hört: (Mit Abscheu wiederhohle ich die Blasphemien) Man sollegarkei neP rose lyten mehr machen; ein rechtschaffner Mann bleibe bey seiner Religion, oder andere sie vor Gott allein, heimlich und ohne Pomp; Lavakcr habe.seinen Unverstand und Mangel an Philosoph bischer Welt verrathen, daß er mitMendelsohns philosophischer Ruhe, als mit seinem Eigenthnin ungebethe» gespielt, und diesen Weisen habe bekehren wollen; Er habe sich durchseinlangesGucken in die Ewigkeit die Augen ganz fnr den zeitlichen Horizont verdorben; Er solle, statt solche 128 Dinge zu un lerne hmeu, lieber zu seiner eigenen h ö ch st n ö r h i g e n und nicht lange mehr aufzuschiebenden Cnr, ei» weltliches Buch lese n, Z. E. den Apollvnius vonKegel sch n i t t e n , und was dergleichen unverschämte, Minute, zoteiiänige Tiradeu mehr sind. Was? keine Proselyten mehr machen? Keine Seelen mehr retten? Wißt ihr, was die Folgen seyn würden? det Teufel würde Proselyten zu taufenden machen. Atheistcrey, Toleranz, geistliche Anarchie, allgemeiner Umgang mit Juden, Heyden uns Heybamacken, würde daraus entspringen. Einen Juden, der ein natürlich ehrlicher Mann wäre, würde man für seinen Nebenmcnschen ansehen, ja gar vielleicht manchem Christen vorziehen. ES ist ohne Schauder nicht daran zu ge- - 129 - denken. Aber lieb ist es mir doch in gewissem Betracht. Ich habe schon ein üecsnruum vorausgesehen. Das sind die Folgen von eurem verfluchten Studium deS Alterthums, von euren geheimen Geschichten des Herzens, von eurer Sce- Icnanatomie und Physiologie, von euren feinen Pädagogiken, euren mathematischen Naturlehre» und populären Art euch auszudrücken, daß wir nun eine Nordwestliche Durchfahrt zum Teufel entdeckt haben, worauf sich jetzt jeder Schafskopf in seinem Schlafrock selbst hinsinken kann. Zeigt mir, wo haben unsere Vorfahren solche Reden geführt? sie haben sich um ihrer Hände Arbeit bekümmert, aber wenn sie an uns und an die Religion gedachten, da war ihr Wahlspruch: zittere und bethe an, und nicht wie jetzt: denke und unter« suche, und ich möchte fast hinzusetzen! und fahre zum Teufck Ein rechtschaffener Mann ändere seine Religion gar nicht, oder doch nicht mit Pomp. Ist das nicht schändlich? Wißt ihr auch- Leute, dag die Hölle auf solchen Reden sieht? Antworten auf solche Blasphemien .gehören nicht für die Kanzel und den Katheder, sondern sär das Rad und den Block, welche die Lauigkeit unserer Vorfahren, leider! z» weit von der Kanzel abgerückt haben. Nicht mit Pomp» Pomp! Was war denn für Pvmp bey der Zndentanfe? Nicht mehr als bey Liner MagisierproMotioN, und kaum so Viel. AVer OppoUenten hatten sie genug, höre ich einige sprechen. O ihr Wölfe in Schafskleidern, meint ihr, ich sahe nicht- daß dieses ein witziger Ein- fall styl, soll? Aber auf Witz lasse ich mich nicht ein; wenn ihr kämpfen wollt- so nehmet Waffen wie ich- und kommt herauf, damit man Ehre davon hat, wenn mau euch in den Staub legt. Und du guter Lavater, wie hadert sie dir mitgespielt; Ich weiß es wohl, Was dich antrieb, deine Briefe UUd deine Vorreden zu schreibe»; Es schmerzte dich langst, so gut wie Mich- daß es Christen gibt- die noch jüdische Bücher über die Unsterblichkeit der Seele lesen könneN; Det Schande! Als wenn man von einet Zudensecle auf die nnsrige schließen könnte- Ich weiß es wöhl, daß du dich schon int Geiste die Stütze det christlichen Kirche Und den Unsterblichen Bekehret Mendelssohns wirst habe» Neutren hören. Ich sehe gar zu tzeutlich- wie sehr es dich schmerzen muß, da dir nun Alles mißlmMN ist, ja da du, wiewohl unschuldiger Weise, die Sache schlimmer gemacht hast, als sie vorher gewesen war, indem mancher Jude, der uns noch wohl einmahl gekommen wäre, es jetzt brav wird bleibe» lassen. Denn wie viel Nachdenken ist jetzt den andern Juden durch diese Standhaftigkeir des weisesten unter ihnen erspart worden, ja eine rechte Stütze ihrer Hartnäckigkeit, die gegen alle unsere Erempel von Judenbckehrungen aushält, haben sie jetzt dadurch erhalten. Denn sagt- welcher Jude kennt seine und unsere Religion besser, als Mendelssohn (unsere Prv- selyten nehme ich der Erleuchtung wegen aus)? Welcher Jude unter den lebendigen führt eine so feine Wage, Gründe abzuwägen, als er? Und wiegt nicht ein Kopf voll bon lens ganze Herzen voll Wärme, voll frommer Glut und voll rcolicher Absichten, auf? Ja es muß dich, theurer Freund, um so mehr betrübe», da dir deine schöpferische Einbildungskraft noch alle jene Vorstellungen mit Farben der Engel ausgemahlt haben Wird; ich kann mir vorstellen, daß du selbst da Göltersprüche in der Hofsprache des Himmels zu reden geglaubt habe;, wirst, wo Mendelssohn nur gutes schweizerisches Deutsch und gute warme Absichten sahe. Desto mehr, theurer Märtyrer, schmerzt es mich, da du von vielen für einen ohnmächtigen Enthusiasten gehalten wirst, daß du dich so betrogen findest. Habe aber Dank von mjr, der Wirst dereinst, wenn du in peuetrablem Licht wandeln, und durch Crystalllinsen, deren Prennpunct du selbst berechnet hast, jn die Ewigkeit hinau.öschaueu kannst. reichlich dafür belohnt werden. Dann wirst du das Vergnügen, das du jetzt oft zwischen Wachen und Schlafen empfindest, ganz wachend, mit starken Nerven durch alle Poren einsangen, daß nicht so viel verloren geht, als in der Hölle oder in dem Cabinct eines Mcß- künstlers anzutreffen ist. Es ist aber unstreitig eine Schande unsers Zeitalters, paß man so viel warme Religion in einem so jungen Manne verkennt. Bey dem geringsten Spruch aus der Bibel verfallt er in geistliche Zuckungen, scheint im Meer der ewigen Wonne zu schwimmen, und in nie gefühlte Empfindung aufgelöst, spricht er, und mit dem Unaussprechlichen schwanger, wallt sein sterblicher Ausdruck daher, so daß man leicht, an einem schönen Abend, die Schwill- AWZ-tt sängt und iu einer andächtigen und unaussprechlich heiligen Entzückung wegdammcrt. Ihr Philosophen solltet es nicht einmahl dulden, daß man ihn der-, kennt; sagt, wo findet ihr, daß ich eure Sprache rede, mehr psychologischen Stoff- als iu des frommen Mannes Aussichten in die Ewigkeit? Mir graute zuweilen,! wenn ich ihm nachsah; auf der Scheidewand, zwischen Wahnwitz und Vernunft, wo sie am dünnsten ist, lauft er euch hin, wie wir auf der gleichen Erde, und kommt selten ohne eine Ladung des Uns säglichen wieder zurück. Ich sage, er ist und bleibt ein außerordentlicher Mann. Daß unsere Prosclpreu seinen Beweisen vieles zu danke» habe«, hab; ich auf dem Titel allein anzuzeigen fü» nöthig erachtet, indem LicsiS den Juden Niemand zur Last leget, und ich habe lieber haö Publikum, ygy -S glaubt, so gerade dabey lassen, als durch Beweise, daß eS wirklich aridem sey, der leidige» Zweifel- sucht einen Plan .in die Hände spielen wollen, nach welchem sie auch von dieser Seile uns zn weitläuftigcr» Aeußerungen bringen würden, als die ganze Sache Werth ist, da wir einmahl, wie ich hoffe, die Nechtmaßigksit, Aufrichtigkeit, das ungehenchelte Wesen uns die Sinnesänderung unserer Neugcbornen in das klarste Acht gesetzt haben, Ich wende mich nunmehr noch zuletzt Hu euch, meine Freunde und Bruder! Glaubt nicht, daß ich durch den Timv- rus etwas von euch oder euren Bekehren, zu erhalten trachte. Meine Absichten sind rein, völlig frey von allem Eigennutz und finden ihre Belohnung iu eurer künftigen Sicherheit vor allen müßigen Verlaum- dungen« Sowohl die feinere, die um den Caffectisch lebt, als ihre grobe Schwester, die nn den Ecken der Gassen sieht, wird die Hand auf den Mund legen, Ware ich bey euch geblieben, so halle ich meinen Nahmen gewiß verschwiege», um euch die allezeit erniedrigende Mühe her Danksagung zu ersparen; da ich aber gewiß weiß, daß ich vor Bekanntmachung dieser Schrift nicht mehr bey euch seyn werde, so habe ich es nicht unterlassen wollen. Ehret mich aber ja nicht mehr als andere Christen, oder schließet mich nicht allein in euer Gebeth ein. Denn der beste Theil der Stadt deicht so von euch wie ich, der ich nur ein schwaches Werkzeug abgegeben habe, ihre Gesinnungen der schlimmeren Halste mit Ernst und Nachdruck bekannt zu machen, Nachdruck in dem Verstände genommen, worin wir es nehmen, nähmlich da wir, wenn die Widerlegung mit Gründen geschehen ist, noch h! ntenuach mit Eifer d r ü ck e n. Zum Zeichen, dast ich es gut mit euch meine, und um selbst einige eurer Feinde zu nöthigen, euch Gutes zu thun, ss hübe ich die Veranstaltung getroffen, daß das für diese Vertheidigung cinkom-; mende Geld euch unverzüglich zugestellt werde. Wachset im Glauben. Eeschrie- den zu G. .. , im August i77i<> Schreiben Conrad Photorins an einige Journalisten in Z) eutschla „ d, Hochzuchrcnde Herren! Ich habe nur eine einzige Hauptfrage ü» Sie z» thun, und ob ich mehrere thun werde, weiß ich wenigstens jetzt noch Nicht» Sagen Sie mir r»n aller Welt willen, womit habe ich es verdient, daß Sie meines TimoruS in Ihren Blattern gedenken? Dieses halten Sie vielleicht für etwas Unschuldiges, aber verzeihen Sie mir: es hält zwar der Wandrer es für unschuldig, einen Wurm zu zertreten, allein der Wurm kennt wenigstens keine größere Schandthat, Sie haben ryich durch Ihr unüberlegtes Verfahren des Glücks bcrauh?, des größte» dns ich kenne, daß meine Schuft Sr. Majestät der Königinn Vergessenheit, der ich sie allein gewidmet hatte, für die ich allein lehe, und für die ich allein dereinst zu sterben wünsche, allein eigen geblieben ist, Wissen Sie Wohl, daß Ihro Majestät wirklich die Schrift mit ungnädigen Augen angesehen § bloß weil sie gehört, daß man sie in allen Aeinmgsbudcn hat? Sie wissen es selbst, meine Herren! wje eigensinnig diese Dame mit ihren Büchern ist. Sie haben zwar das Vergnügen, dgß sie Ihre Recension mit besonderin Wohlgefallen ausgenommen hat, mußten Sie aber, um sich bey ihr in Gunst zu setzen, gerade mich lind mein Vnchclchcn bey ihr in Ungnade bringen? Waren Ihnen hierzu nicht noch hundert andere Wege offen? Und hätte Ihr natürliches Talent das Herz dieser Dame zu gewin- neu, das aus Ihrer Recension hervor« leuchtet, Ihnen diese nicht entdecken sollen? Aber es sey drum, ich gönne Ihnen das Glück am Throne zu glänzen, und hoffe, daß es mir dereinst nach Ihrem Beyspiel auch noch gelingen soll, den Unwillen der Monarchinn zu besiegen. 142 Conrad Photol'iliS Bericht von seinen Vorfahren» Mein Urgroßvater, der als Ölaus Photorinns z6 Jahr in Kaiserlichen Diensten gestanden, starb in demselben Dienste als Olaus von Photorinus» Derjenige Leser, der den Unterschied zwischen beiden Benennungen gemerkt hat, muß wissen, daß die letztere, so wenig sie auch von der ersten unterschieden zu seyn scheint, es doch wirklich ist. Mein Urgroßvater erhielt das Recht zu diesem Titel vom Kaiser unmittelbar, ob er gleich ohne desselben Einwilligung sich die Freyheit, ihn zu führen, öfters in seiner Jugend genommen hatte, wenn er an Stadtthore» oder in fremden Landern um seinen Nahmen gefragt worden war» Es kostete ihn damahls Nichts, als ro Procent Abgabe, womit ihn die Wirthe in den Wirthshäusern zn ihrem eigenen Genuß öfters beschwerten. Mein Großvater, ein offener ehrlicher Man», der sich mit einem Handschlag so sehr verbinden könnte, als Andere mit Notarius und Zeugen, leicht zu bekriegen, aber dem Betrug so gram, als dem Galgen und dem Teufel, fand sich durch den Titel äußerst bedrängt. Bald konnte er in eine Gesellschaft nicht gehen, weil er von Adel war, und in eine andere nicht, weil er neu gebacken war. Kinder, sagte er eines Tages zn meinem Vater und zu Meinem Onkel, euer Vater ist ein ehrlicher Mann, aber das würde euch nichts helfen, wenn ihr selbst Spitzbuben wäret; nicht wahr? Ein Schein vom Pastor und Amtmann darüber würde den Richter 144 nicht anders stimmen, der euch nach seinem Gewissen zum Galgen verkam nt haue» Für einen Schilling eigene Ehrlichkeit ist euch mehr nütz, als alle Frömmigkeit der Erzvater, die eure Ahnen sind. Und wie Mancher ist schon aufgeknüpft worden, der in gerader Linie von Abraham abstammt! Doch dieses ist es nicht allein: Gute Zeugnisse erwecken die Erwartung der Leute, und die will immer mehr haben, je mehr ihr derselben gebt; und wehe euch, wenn ihr sie nicht satt mache» könnt! Euer Großvater war ein verdienstvoller Mann, er hat sein Blut für seinen Herrn gewägt, er hat Alles bezahlt, hat nie ein Drcygroschenstück weggeworfen, aber manches weggeschenkt, war verschwiegen wie die Vergessenheit selbst, und von unverbrüchlicher Treue im Dienst. Dafür hat er die Erlaubniß er? halten, sich künftig von Pl, otorin zu schreibe». Ich sehe aber nicht. Jungen, waZ euch dieser Titel nützt; er paßt euch so wenig, als eures Großvaters ledernd Hosen, die er in der Schlacht auf dem weißen Berge trug. Ihr sollt ihn nicht führen, es ist mein Wille; und der erste- .der sich so nennt oder schreibt, den werft ich zum Hanse hinaus. Es geschieht zu eurem Vortheil, Kinder; wtnn ihr es Noch nicht versteht, so glaubt es eurem Vater, der euch noch nie belogen hat, Ihr werdet's in der Folge einsehen und mir Dank wissen, oder ihr wäret nicht werth, daß euch die Sonne beschiene. Diesen Nachmittag bleibt zu Hause, ich will euch wieder in den Bürgerstand erheben. — Man muß seyn, was'mau sich nennt. Das Titelgcbcn soll ein rei« in. K — 146 — sender Graf bey einem Apotheker gelernt haben, dessen Apotheke aus leeren Büchsen mit Aufschriften bestand. Wir finden keine Spur von Adel sonst in der Natur, als bey den Englischen Pferden. Mir der Zeit, glaube ich, werden gar die Doelor- und Magister-Titel erblich werde»! und was wird das geben, wenn man sich sogar Verdienste nicht mehr verdient, sondern sie umsonst hat?-- !V. Epistel an Tobias Göbhard in Bamberg übst ein« auf Johann Christian DieLerich in Göttinge» bekannt gemachte Schmähschrift.. Porerinnerung der Herauegebers. ^Nachstehender Bri'ef ward eigentlich von dem Verfasser nicht zum Druck be- stimmt, sondern sollte auf der Post dem Manne zugeschickt werden, an den er hauptsächlich gerichtet ist. Aber auch dieses geschah nicht, und der Verfasser begnügte sich bloß, denselben einigen Freunden vorzulesen, unter deren Anzahl sich der Herausgeber befindet, lauter Personen, denen Göbhards Schmähschrift bekannt war. Da aber der Gbbharde, zum großen Nachtheil der Schrift keller sowohl als der ehrlichen Buchhändler, mehr sind. als man glauben sollte, und dieser Brief einige derhe Wahrheiten gerade i» dem Ton gesagt enthält, den dieses Gesinde! allein versteht, das übrigens als Vogels frey für die Schriftsteller keiner Achtung und Schonung werth ist: so glaubt der Herausgeber weder Leu Unwillen des Verfassers noch den Undank des Publikums zu verdienen, wenn er ihn auf diese Art nicht an Einen Göbhard, sondern an alle gelangen läßt. Friedrich Cckard. Ew. Habei, Recht gethau, daß Sie dem Wcrkchen, daS neulich bey Ihnen gegen Hrn. Dieter ich in GZttingen er« schienen ist, keine Aufschrift vorgesetzt haben. Die Büchertitel wären gänzlich entbehrlich, wenn man sie allezeit so glücklich, wie dort geschehen,. durch Unter, schriften zu ersetzen wüßte. Die Unterschrift sagt nähmlich bey jenem Büchel, chen alles mit zwey Worten, was der Leser in demselben zu suchen hat; Lügen, äußerst schlecht erfunden, und noch schlechter gesagt; abgenützte Iesuiten?Kniffe, mit einem Grad — IZ2 — von Dummheit wieder gebraucht, der in unseren Gegenden von Deutschland unerhört ist; Vertheidigung von Betrug und Die- berey auf jeder Seite, in einer Art von Babel vorgetragen, wie es sich für eine solche Sache, und in einer Sprache, wie sie sich vo» einem solchen Vertheidiger erwarten läßt; — und diese zwey Worte sind Ihre und des Verfassers Nahmen: Tobias Göbhard. Beschuldigungen , mit diesem Lügenzeichcn gebrand- markt, würde kein ehrlicher Mann Glauben beymesscn, auch wenn sie gegen streitige Ehrlichkeit und schwankenden Credit gerichtet waren; aber was soll man gar sagen, da sie Dieter ichen treffen sollen, der durch seine bekannte Ehrlichkeit, die noch täglich von Betrügern von allerley — i;z — Stand gemißbraucht wird, mehr verloren hat, als Sie durch Ihre Spitzbübcrcyen je gewinnen werden? Also wozu meine Widerlegung, da schon eine so herrliche in Ihrer Unterschrift steckt? Ich bekenne eS gern, die Correspondenz, womit ich Sie beehre, hat wenig Aufmunterndes für mich. Ich schreibe an einen Mann von solchen Gesinnungen und solchem Fell, daß von ihm Ehre gar nicht, und Besserung kaum zu erwarten sieht; widereine Classe von Menschen, die außer Betrug und Gewinn nichts aufmerksam wacht, und sicherlich außer Peitsche und Pranger nichts bessert; und endlich wider eine Sache, bey deren Widerlegung sich sonst noch Witz und Scharfsinn anbringen ließ, bis Sie nun durch Ihre unehrliche Vertheidigung auch diese schändlich leicht gemacht haben. Die Ursache, warum ich Ihnen schreibe, muß ich Ihnen also in wenig Worte» erklären. Es ist nicht Privat« Interesse, denn ich bin weder Buchhändler noch Schriftsteller, aber ein warmer Freund von beyden, und was Sie wohl kaum glauben werden, unter alle» denen, die Sie und Dicke riehen in diesem Lande kennen, vielleicht der Einzige, der noch erträglich von Ihnen denkt: und da sollte dieser Brief ein Versuch seyn, zu erfahren, ob man Sie ferner z» Ihrer Besserung noch gehen lassen soll, oder ob es nun schon bereits Zeit sey, ein so fettes Stück, wie Sie, endlich zum allgemeinen Besten Deutscher Schriftsteller mit einem derben Streich am Altare des Apoll zu schlachten, denn ein Vertrauter dieses Gottes hat mir gesteckt ^), daß er *) Kallimachus, tndcm er sagt: klroekuN itsrnicräi». solche Opfer mit unter die größten Lecker« bissen zahle. Auch dieser ehrlichen Absicht haben Sie es zuzuschreiben, daß ich Jh« ren Lügen und schimpflich schlechten Argumenten noch dieses Mahl mit einigem Ernst und einem Anstand begegne, der, so frey er auch, gegen jeden Andern gebraucht, scheinen möchte, gegen Sie immer einer Zurückhaltung ähnlich sehen muß. Doch ehe ich mich auf Ihre Vertheidigung des Nachdrucks einlasse, muß ich erst die ungeschickte Blendung von Lügen wegräumen, die Sie ihr vorgeschoben haben. "Dieterichs Preise seyen unerhört, sagen Sie, und führen zum Beweis an, daß er Hrn» von Sinds Stallmeister, den er für 6 Thaler verkaufe, Trattnern für r Thaler überlassen habe, so bald ihm derselbe mit einem Nachdruck gedroht: ferner, daß er für k'm Blick vom Hrn. Pros. Feder, worüber der gegenwärtige Streit entstanden ist, i Rthlr. 16 Ggr. fordere, das Sie im Nachdruck genüg lich für r Rthlr. verkanfen könnten." Wenn Dieterich auch nur zuweilen seine Käufer übernähme, oder sich nur nicht so vorzüglich durch geringe Preise, zumahl bey ausländischen Werken, auszeichnete, so wollte ich Ihnen verzeihen, daß Sie einen an sich wahren Satz einmahl durch ein erlognes Beyspiel halten bestätigen wollen: allein so ist, ganz in der Göbhardischen Manier, beydes, Satz und Beweis, erlogen. Denn ick kann, glaube ich, getrost alle ehrliche Deutsche, von denen Sie und Ihre Bande, versteht sich, ausgeschlossen sind, auffordern, ohne einen Einspruch zu befürchten, mir ein Buch zu nennen, das Dieterich theurer verkauft hätte, als an- dere ehrliche Buchhändler: hingegen könnten ich und meine Freunde, wenn es verlangt würde, Bücher genug nennen, die uns Dieterich für fünf lieferte, wenn andere sieben forderten. Mein seinen eignen Verlag verkauft er unerhört theuer, sagen Sie. Gut. Alles nun zu Ihren Beweisen. Es ist wahr, Dieterich verkaufte Hrn. von Sinds Stallmeister den Buchhändlern für 6 Thaler/ aber mit dem bekannten Rabat von zz^ ff. 6. das ist, für vier. Dafür erhielten ihn alle; die unehrlichen so gut- als die rechtschaffenen, Göbhard so gut, als Nikolai und Reich; dafür, und um keinen Pfennig geringer, erhielt ihn auch Trattner. Was aber diesen bewog, Dieterichen mit einem Nachdruck zu drohen, (übrigens wie ich zu Trattners Ehre bekennen muß- so freundschaftlich/ — IZ8 — als es sich nur drohen laßt:) war nicht die Höhe des Preises, sondern die Art der Bezahlung. Dieter ich verlangte baareö Geld, und Trattncr wollte Bücher geben, die jener damahls nicht nutzen konnte. Als endlich nach drey oder vier Briefen, worin Trattncr von nachdrucken sprach, auch einer kam, worin wirklich ein Bogen des Nachdrucks lag; so wendete sich Dieter ich an seinen nunmehr verewigten Beschützer in Hannover, auf dessen Vorschreiben Tratt- tieru der Nachdruck untersagt wurde; den er, um Dieter ichen bloß zu schrecken, vielleicht nie weiter, als die ersten Bogen, zu treiben gedachte. Sehen Sie, so verfahrt Trattncr, der, wie man auch aus dieser allerdings nicht ganz zu lobende» Handlung sieht, Noch mehr Edles an sich haben muß, als den Ti.tel. Nie hat er ein Ercmplar für r Thaler erhalt ten. Sie verwechseln doch wohl nicht gar die zweyte Ausgabe mit der ersten? Jene verkauft Dieterich für 4 Thaler; den Nabat abgerechnet, für r Thalet und einen Gulden; und diesen Gulden herunter gelogen, genau für r Thaler. Be» der zweyten Beschuldigung rücken Sie mir einem Ihrer andern Talente hervor. Hier gesellt sich nähmlich zur Lüge Ihre eiserne Unverschämtheit. Sie verkauften, sagen Sie, Hrn. Pros. FederS Buch gen »glich für einen Thaler, das wäre also Logik und Metaphysik für einen halben. Hier habe ich einmahl vor einige» Monaten ein Verzeichniß von Ihren gestohlenen Büchern herumschleiche» sehen, darin steht dieses Buch zu einem Gulden angesetzt, und eben dafür verkauft rs auch Dielerich hierr also wäre der Unterschied bloß im verschiedenen Münz- fuß, und betrüge etwa ein Paar gute Groschen, und ist das alles? Sehe» Sie, was Sie für ein Mann sind. Sie sind nicht einmahl ein ehrlicher Dieb. Ich wollte wetten, Kasebier hatte das Eremplar für 6 Gxosche» gelassen, uliv Kasebier hatte es mit Vortheil noch immer thun können. Denn einmahl hätte er dem Autor nichts bezahlt, nichts für das Mspt. und nichts für die neuen Auflagen. Dieter ich bezahlt für jedes gleichviel und reichlich. Ferner hätte sich Käsebier so gut wie Sie gehütet/ ein Buch nicht eher nachzudrucken- bis er gewerkt hätte, daß es wie warme Semmel ginge. Dieterich hingegen muß wagen, und verliert oft an Einem nützlichen Buche, was er am andern gewann; gewinnt ckber auch freylich zuweilen an rinem unnützen, was er an einem nütz!!« chen verlor u. s. fort. Aus Ehre hatte Kasebier so gut wie Göbhard sicherlich auch nichts unternommen- wie Dieterich thut, dessen Eifer- seinen Büchern alle äußere Zierde zu ertheilen, eine gnre Strecke weiter bekannt ist, als Ihre Sckande (kein geringer Ruhm, fürwahr!) Und alle Göttmgische Druckereyen auf eitlen bessern Fuß gebracht hat. Und den Mann nennen Sie einen Schurken, weil er seine Bücher nicht so wohlfeil geben kann, als der Dieb, der nichts bezahlt- ünd nirgends verliert, so lange er nicht fest sitzt? Und wo wollen Sie denn aufhören? Gesetzt, er verkaufte sein Buch für einen halben Thaler, würde der Dieb nicht auf ro Ggr. fallen? u. s. w. Bringen Sie also Beyspiele von ehrlichen Buchhändlern bey, wenn Sie Diete- rir. ? richs Preise verdächtig machen wollen; und kommen Sie nicht mit Ihren eigenen, denn das letztere ist beydes, unehrlich für Dieterichen, und ohne die mindeste Beweiskraft für Sie. Doch so viel von diesen Lügen, wenistenö hier, und nun zu Ihren übrigen Argumenten! Daß ich Ihrer Scharteke alles entgegen setze, was mau wider den Nachdruck überhaupt sagen kann, werden Sie kaum erwarten. In einem Brief wäre der Ort nicht dazu, und in einem an Sie wäre es weggeworfen. Was sich aber gegen Ihren Nachdruck und gegen Ihre Beweise von der Rechtmaßigkcil desselben sagen läßt, das will ich Ihnen sagen, und hoffentlich Ihrem Paar Ohren vernehmlicher, als vielleicht noch geschehen ist. Wenn Sie sich weiter unterrichten wollen, als hier geschehen kann, so lesen Sie, was einer unserer größten Rechtslehrer über diese Sache geschrieben hat «); ja sollte es Ihnen je einmahl wieder einfallen, ein ehrlicher Mann zu werden, so rathe ich Ihnen, damit der Uebergang wenig« sicns nach dem Gesetz der Stetigkeit geschehe, drucken Sie dieses Buch nach. Dieser einzigen Handlung wegen, würden Sie zum letzten Mahl von allen ehrlichen Buchhändlern als Nachdrucker verflucht, und zum ersten Mahl als ehrlicher Mann gegrüßt werden. Dieses thun Sie künftig einmahl; je eher, je besser. Wir zusammen hier können leichter und geschwinder fertig werden. Denn obgleich die Beantwortung der Frage: Ist der Nachdruck erlaubt? im Allgemeinen alle die Ge- ,*) Der Bücher > Nachdruck nach echten Grund» sitzen des Rechts geprüft von 2 . St> Pütter. Götttngin. 1774. L - lehrsamkeit und den Prüfnngsgeist des Mannes erfordert/ dessen Buch ich Ihnen so eben empfohlen habe; so ist sie doch gemeiniglich in einem besondern Fall/ wenn alle Umstände bekannt sind, leicht, und in dem Fall zwischen Ihnen und Dieterichen so seht auffallend leicht, daß, glaube ich, außerhalb des Toll-Zucht- und Stvckhauses kein Mann für Sie sprechen wird, er sey nun Gdltinger, oder Vamberger, oder Grönländer, Vieles von dem Unbegreiflichen, das Sie und Ihre Bande noch in den Beweisen von der Unrechtmaßigkeit des Nachdrucks finden, steckt in dem Wort Nachdruck und Nachdruck er selbst, daS Mir allerdings auch nicht gefallt. Mich dünkt, wenn es von Ihnen gebraucht wird, müßte nothwendig mehr vom Spitz- huben hinein. Ich will, bis mir ein besseres angegeben wird, die Wörter Schleicht» rucker und Schleichdrnck gebrauchen, wenn ich von Ihnen und Ihrem Verfahren rede. Die Verwandtschaft mit Schleichhandel würde Niemand leicht wegen ihrer Bedeutung in Zweifel lassen, und daß ich sie zuerst von Ihnen brauche, bestimmt ihre Unchrlichkcit völlig. Sie haben Recht, Nachdrucken laßt sich so wenig allgemein verdammen, als Menschenblut vergießen. Für das letztere gibt es Belohnungen, von dem seidenen Band an, das man an den Mann hangt, bis zu dem hänfenen, an das der Mann gehenkt wird, und so auch für das erstere. Betrachten sie einmahl die folgende Leiter von Nachdrnckern, und sagen Sie, ob ich Unrecht habe: Richter in Altcnburg, Trattner in Wien, Göbhard in -— r66 — Bamberg, und Mitchel in London. Der erste unter diesen verdient das seidene Band, von dem ich so eben geredet habe, und der letztere hat das hänfene wirklich empfangen. Viele würden die Stufen ? schon in diesem Umriß erkennen, allein für Sie, sehe ich, muß ich sie mehr aus- schattiren. Richter in Altenburg druckt die Werke der Ausländer nach, ohne ihren Verlegern zu schaden, und ohne ihnen », schaden zu wollen, ja vielleicht ohne sich einmahl einen andern Vortheil zu verschaffen, als den, für welchen die Bande der Schleichdrucker kein Gefühl hat: Ehre. Er erzeigt dadurch seinen Laudsleiiten einen Dienst, die jene Werke kaum erhal- ^ ten konnten, und nie, ohne durch Postgeld beträchtlich vertheuert, erhielten. Ein solcher Mann verdient die größte — 167 — Aufmunterung, und man sollte ihn nicht einmahl Nachdruckn- nennen, seitdem dieses Wort in der Gesellschaft von Ihrem Namen angesteckt worden ist« ? Trattner in Wien, der von einem Artikel fünf bis sechshundert Exemplare zu nehmen im Stande ist, kann von einem Verleger allerdings billigere Bedingungen erwarten, als ein anderer, der nur ein Dntzcnd nimmt; gewährt ihm diese der Verleger nicht, so droht er mit einem Nachdruck; die Bedingungen werden noch nicht eingegangen, kann man es ihm so sehr verdenke», wenn er alsdann endlich wirklich nachdruckt? und zwar nicht unter der Aufschrift: Hanau und Leipzig, sondern schlechtweg: Wien bey Tratt- nern. Hierinnen ist, was auch darin seyn mag, nichts Schleichendes, und für das, was dieses Verfahren tadelhaftes an sich hat, hat der gute Mann nunmehr schon hundertfach dadurch gebüßt, daß Sie ihn für Ihres Gleichen gehalten. Göbhard in Bamberg, der ohne die mindeste Ursache, als die jeder Dieb hat, picht unter seinem Namen, und nicht unter dem Namen seiner Stadt, ohne, anch die billigsten, Bedingungen eingehen zu wollen, nachdruckt; zu faul, sein eigenes Feld zu baue», und vermuthlich zu ungeschickt, es zu können, erndtet, wo er nicht gesäet hat; ehrlichen, emsigen Leuten, und ihren rechtschaffenen Familien, denen, so gut als ihm, der Vortheil des Schleichdruckö offen stünde, wenn sie ihre Gewissen über den kleinen Nachtheil, Spitzbuben zu heißen, beruhigen könnten, ihr Brot raubt: was ist der? und was soll man ihn nennen? Sagen Sie selbst, was ist ein Spitzbube, wenn 169 — das keiner ist? Wer dieses thut, den nennt man so; hier zu Lande wenigstens, Niüssen Sie wissen, und man würde Sie so nennen und rvenn Sie der Edle von Göbhard waren, ja wenn Sie des Heil. R. N.-doch ich will Ehrwürdige Titel, die sich vor Ihrem Namen gar nicht denken lassen, nicht einmahl durch eine symbolische Verbindung mit demselben schänden. Glauben Sie etwa, Dieter ich bezahle Geld für Mspte. wie der König von Frankreich für Recepte wider den Bandwurm? Wagte oft einen Theil seines Vermögens, um solchen Heckcn- Verlegern, wie Sie, sichern Profit zu verschaffe», den Sie noch, aus Erkenntlichkeit für seine Mühe, allein von dem seinigen nehmen? Was? Warum lassen Sie sich nicht dort Metaphysiken schreiben, es ist ja in Bamberg alles wahr, was - I7O - hier wahr ist, ein Paar Kleinigkeiten ausgenommen. Ich verspreche Ihnen, wenn sie Ihnen in diesem Lande, wo der Schleichdrucker unehrüch ist, nachgedruckt werden, den Schaden mit zoo Proccnt zu erstatten. Dietcrich ist Bürge für die Bezahlung. Und warum setzen Sie nicht schlechtweg unter Ihre gestohlene Waare: Bamberg bey Göb- hard? Hakten Sie das gethan, wahrlich Dieterich haue Sie verklagt und bewundert. Das Erzene im Character verdient und erhalt auch überall seinen Grad von Achtung, anstatt, daß Sie jetzt jeder ehrliche Buchhändler anspcyt, so hätte man alsdann vielleicht gesagt: Schade, daß der Mann ei» Betrüger ist, es hatte etwas aus ihm werden können. Doch es ist noch Eine Stufe zurück, für mich ausznschattircu, und für Sie (wenn .Sie anders weiter zu gehen Zeder,, ken), zu besteigen: die Milche lsche. Mitchel in London, der Unglücklichste unter allen Schleichdruckern, aber sicherlich der geschickteste, druckte mit unglaublicher Knust und großem Nisico auf sehr feinem Papier gewisse einblätterige Wcrkchen nach, worauf die Bank in England allein das Verlagsrecht hat, und wurde, so wie alle, die sich, wie er, diesen Kunst befleißigen und bekannt werden, ohne die mindeste Hoffnung einer königlichen Gnade aufgeknüpft. Ich weiß es wohl, Ihr Fall und der Mitchelsche sind allerdings unterschieden; allein, daß bey dem ersten, der Schaden geringer und die beleidigte Person minder Ehrwürdig ist, macht das die That erlaubt? Oder hat man Sie gelehrt, der Spitzbube und 172 der ehrliche Man» seyen nur dem Grade nach unterschieden? Sie müssen mir hier nicht von Ersetzen sprechen, die noch nicht gegeben waren. Ein empfindliches Gewissen und ein gerader Menschenverstand sind, so wie die getreusten Ausleger, also auch die besten Vertreter der Gesetze, und lassen ihren Besitzer über die Rechtmaßig- kcit einer Handlung selten in Ungewißheit; da hingegen ein arglistiger Betrüger oft in dem klaren Buchstaben desselben noch Schlupflöcher findet, im Fall der Noth einmahl mit heiler Haut durchzuwischen» Wenn ein Reichsstand zuweilen noch das, was er keinem seiner Unterthanen wider den andern erlaubt, gegen einen Fremden zu thun verstattet, wer sieht nicht, daß das von andern Umstanden, als von Zweifeln über die Rechtmäßigkeit der Sache herrühren muß? So lange wir nickt im Krieg mit nns selbst leben, so müssen Schwierigkeiten daran Ursache seyn, die nach der jetzige» Verfassung des Deulscken Reichs nicht so leicht zu überwinden sind, über hoffentlich einmahl werden überwunden werden. Und was kann denn endlich das Positiv-Gesetz thun, wenn es kommt? Sagen Sie. Etwa aus einer billigen Handlung ein Verbrechen machen? Bcwakre der Himmel! Nein! ich will es Ihnen sagen r Das Positiv-Gesetz wird mache», daß der Schleichdrucker, den man jetzt bloß zur Erstattung des Schadens anhalten kann, ün den Pranger gestellt, gebrandmarkt und nach Befinden der Umstände auch aufgeknüpft wird. Das wird es thun. Wenn frey herum gehen dürfen so viel sagt, als ein ehrlicher Mann seyn, und der Betrug erlaubt ist, der durch Löcher geschieht, die das Gesetz offen gelassen 174 — hat: dann wehe uns von zarterem Gewissen, wenn die Spitzbuben anfangen sollten, die Rechte zu studieren! Sie wissen, was die Chicane schon zur Vertheidigung von Verbrechen hervor gebracht hat, die ohne sie, mit Bewußtsev» der Unrechlmaßigkeit, und gegen das klare Gesetz begangen worden sind. Wie wenn die Chicane nun gar selbst anfinge, den Plan zum Betrüge zu entwerfen? Es geht mir durch die Seele, wenn ich bedenke, daß in diesem erleuchteten Theil von Europa, ja daß unter Deutschen, deren Redlichkeit bey Auslandern zum Sprüchwort gediehen ist, noch Leute frey herum gehen, ja öffentlich bekennen dürfen, sie halten Dinge für erlaubt, die Vernunft und Gewissen verbieten, bloß weil noch kein Positiv-Gesetz dem Scharwachter oder dem Henker Vollmacht er- — r?5 "" theilt, seinen Dienst an ihnen zu verrichten. Schändlich fürwahr! Allein hören Sie doch einmahl. Sollten wir denn so ganz und gar kein Gesetz haben, das uns auch noch etwas mehr bände, als den Hnronen? Ich weiß nicht, was Sie in Bamberg haben, wir, hier zu Lande, haben eines, das auch unsere Bauern Deutsch lesen dürfen, das heißt: Was ihr wollet, das euch die Leute nicht thun sollen, das thut ihr ihnen auch nicht. Kenne» Sie den, der das Gesetz gegeben hat? Ich fürchte fast, Sie kennen weder den Gesetzgeber noch das Gesetz, und statt beyder nur die schimpfliche Glosse zum letzteren: tiseretiLis non elb lerusuäa Lcles. Loch ich will weiter gehen. Sagen Sie mir nur um aller Welt willen, wer hat Ihnen den desperate» — 176 — Satz angegeben, auf den Sie sich so viel zu Gute thun, daß, wer Sie und Ihre Bande Diebe nennt, der Kaiserlichen Krone kein geringschätziges Kleinod entwende und sich des Lasters der beleidigten Majestät schuldig mache. Also nun wissen wir es: Gdb- hard druckt ehrlichen Leuten ihre Bücher nach, um die Kaiserlichen Revenüen durch einzuholende Privilegia zu vermehren. Eine vortreffliche Entschuldigung! Sie bringen rechtschaffene Leute um ihr ehrlich erworbenes Brot, um dem Kaiser zü dienen? Wie? Ehemahls diente man in gewissen Ländern, die Sie kennen werden, Gott dadurch, daß matt seinen Nächsten plünderte, oder ihm auch wohl im Diensteifer einmahl den Hals abschnitt; aber wehe dem, der Joseph dem Zweyten einen solchen Dienst anböte« Wir leben, dem Himmel sey Dank! unter einem Kaiser, unter dem, wenn man Recht und Gerechtigkeit und folglich de» Beyfall aller Rechtschaffenen für sich hat, man es frey sagen darf, unbekümmert wegen Folgerungen, die ein arglistiger Kriecher oder schiefer Jesnitenkopf daraus zieht. Nein! damit Sie es doch wissen, was der Kaiserlichen Krone (wich Ihres Ausdrucks zu bedienen) dieses Kleinod geraubt hat. Göbharde haben es gethan. Göbharde haben Kaiserliche Privilegia anfangs nöthig gemacht, und Göbharde machen, daß man sie jetzt wieder unzulänglich findet. Anstatt, daß, nach Ihrer Art zu schließen, die Schleichdrucker mehr Kaiserliche Privilegia hervorgebracht hätten, haben sie vielmehr gemacht, daß man sie fast gar nicht mehr einholt, und warum? weil man gefunden hat, daß rlt. M — 178 — Drohungen vom ersten Thron der Welt/ so wenig wie die vom Himmel, kräftig genug sind, einen gewissenlosen Spitzbu, ben zu schrecken« Der Taugenichts, der glauben kann, diene einem Kaiser/ wenn er stiehlt/ glaubt auch wohl mit eben so leichter Mühe einmahl, sich für seinen Dienst bezahlt zu machen/ wenn er dessen Privilegia Nicht achtet« Ja, können Sie wohl glauben, man hat mir gesagt, daß Man sogar Privilegia nachdruckt? und das soll ein Mann gethan haben, der deßwegen vor zwey Jahren, bey Nacht, vor dem Schwert der Gerechtigkeit aus Leipzig flüchten mußte, und sich seit der Zeit dort nicht mehr blicken läßt« Wo ich nicht irre, so hieß erauchGöb- harv, und was noch sonderbarer ist, war auch aus Bamberg. Ich hoffe nicht, — l?9 —' daß Sie es gewesen sind, sonst zerrisse ich meinen Brief auf der Stelle. Was? Weil Privilegia einigeii Personen besondern Schutz versprechen, darf tnan deßwegen die Bücher nachdrucken/ die diese« Schutz nicht haben? den Man« anfallen- der sich nicht wehren kann- oder nicht Geld und Nicht Gelegenheit hät, sich Gewehr zu kaufen; in die Garten steigen- üN deren Thür kein Blech Selbste schüsse verkündigt? Baume in Alleen umhauen, wenn kein Pfahl mit StanpbeseN droht? Öder den Pflug stehlen, oder auch Nur gebrauchen, weil er Nnangeschlossei, aus dem Felde liegt? Ö herrlich! Uebrigctts verdient die Entschuldigung: Man habe gestohlen, UM manchen Leuten Diäte» jtt verschaffen, die Aufmerksamkeit aller Spitz- huben; sie ist neN und in Unsern ruchlv- N - sen, aber öconomischcn Zeiten jener frommen der vorige» Welt weit vorzuziehen, da die Missethäter noch sagen konnten: der Teufel habe sie verführt. Was Sie von der Hanancr Messe sagen, daß man dort die Schleichdruckek schütze, die daher also keine Spitzbuben seyn könnten, und daß Dieter ich, der das letztere behaupte, sich wiederum des Lasters der Majestät schuldig mache, versiebe ich nicht. Ich will wetten, das Wahre, das diese Nachricht enthielt, ist verdunstet, indem es durch Ihre Fede-r geflossen ist, und Sie haben es reichlich mit Lügen wieder erstattet. Man sollte die Schlerchdrucker in Hanau schützen? das ist unmöglich. Sie wollten vermuthlich sagen, man will es dort nicht so genau nehmen, man will nicht lange mühsam untersuchen, was nachgedruckt und nicht nachgedruckt ist, sondern die Sache lieber dem Gewissen der Leute selbst überlassen. Denn stellen Sie sich vor, wenn man die Scbleichdrucker dort schützte, würde Dieterich, die Wittwe Van- denhoeck, Nicolai, Reich, Voß, Bohn und einige andere, die Deutschland auch außerhalb Ehre bringen, und die es eigentlich sind, die die Messen machen, würden die nach jener Messe ziehen? Seyn Sie versichert, wo Schleichdruckcr geschützt werden, da bleiben ehrliche Buchhändler sicherlich weg. Auch selbst mit dem nicht so genau Nehmen wird es sich endlich geben, wen» Hanau ein Leipzig wird. Von Anfang läßt man solche Sachen geschehen, und muß sie geschehen lassen, es ist den Regeln einer gesunden Politik wenigstens nicht zuwider. Mancher Staat und Manche Colonie haben ihren Ursprung einem Zusammenfluß von Menschen zu danken gehabt, die man hundert Jahre nachher darin aufgeknüpft hakte. Uebri- geus laßt es ssch ohne Unwillen nicht lesen, daß ein elender Bambcrgischek Schleichvrucker so sehr für hie Majestät der Großen besorgt ist, er, der genug zu thun hat, seinen eigenen Hals gegen jene Majestäten zu verwahren, Die Majestät braucht Ihre unehrliche Vertheidigung nicht, allein thun müssen Sie, was die Leute thun, die ich gegen Sie vertheidige, wenn Sie länger vor dem Arm der Majestät sicher seyn wollen, Wenn Sie doch ein Gewissen hätten/oder wenn es bloß schliefe, wie kurz hätte ich alsdann seyn können! Ich hätte es mit ein Paar Worten wieder aufgedonnert, Weißt du, lMx jch gerufen, der du -— r83 so sehr von Majestäten sprichst, wc sscn Maj estä t d u b e l eidigt ha st? Niid halle auf den Gesetzgeber hingewiesen, von dem ich oben geredet habe, und dessen Bild vermuthlich jn Ihrem Zimmer hangt! Aber so muß ich, anstatt an einem erstochenen Gewissen mich müde zn schütteln und zn rufen, mich an den armseligen Rest von Menschenverstand, den Sie noch besitzen, wenden, und Ihnen das Falsche in Ihren Schlüssen, und das Kahle und Lächerliche in Ihren Entschuldigungen weiter fort zeigen- Das Waysenhaus zu Salzburg habe Ihnen, sagen Sie, Ignaz Sehnn ds Catechistcn nachgedruckt, und doch stehe es unter hohem Schutz, Das ist wieder eine Entschuldigung/ so wie man sie gewöhnlich kurz por der gänzlichen Ueber- führung, bey bei roste nein und über die — l84 — Hälfte schon bekennendem Gesicht vor den Schranken der Gcrichtssinbe heranSsiot- tern hört. Verhält sich die Sache so, wie sie muß, um für Sie zu streiten, woran ich sehr zweifele, so hat das Salzburgische Wayscnhaus Unrecht. Waysenhäuser sollten sich, da ihnen so viele rechtliche Wege offen stehen, sich ein Einkommen zu verschaffen, nicht einmahl einen wählen, über dessen Billigkeit noch gestritten wird, am allerwenigsten aber einen so entschieden unehrlichen. Es bringt sicherlich keinen Segen. Warum verklagen Sie das Way- senhaus nicht beym Erzbischos? Aber da haben wir's, wer würde nur die Aufschrift einer solchen Klage ohne Lächeln lesen können? Göbhard contra das Waysenhaus zu Salzburg xto eines verübten Nachdrucks. ^ — i85 — Aber eine der schönsten und lustigsten Stellen ist die S. 12, wo Sie sagen, daß ein gewisser Xaver Nienner in Würz- burg, der selbst bey Ihnen als Diener gestanden, Ihnen Ihre Bücher jetzt nach- druckte, da er doch, wegen Ihres damahligen sowohl als nachherigen Betragens gegen ihn, zu einem solchen Schritt gar nicht Uesach haue. Sie sehen also hieraus, was für Leutchen aus Ihrer Schule kommen. Konnte wohl der Erfolg anders seyn, so lange jener kein heil. Xaver war? Er thut, was sein Patron that, wie die meisten Menschen, und daß er ein Dieb geworden ist, davon ist die Ursache leicht zu finden: Sein Patron war einer. Mir ist dabey Mac Heath in Gay's Bettler-Oper eingefallen; dem ehrlichen Mann geht es eben so. Mae Hcarh ist einer von den reitenden Göb- — 186 ,— harden in England, die die Taschenuhren auf den Messen ganz genüg!!ich wohlfeiler lassen können, als die ehrlichen Uhrmacher, weil sie sie nichts weiter ko« sten, als ihren ehrlichen Nahmen und im schlimmsten Fall das Leben. Dieser halt eine Menge Diener, die ihm des Abends die Uhren und Schnupftücher bringen, die sie auf der Straße gestohlen, oder wich eines Ihrer Ausdrücke zu bediene,,, Von unbekannter Hand in Commission bekommen haben, Er dankt ihnen für ihren Diensteifer, stecht die Beute ein, und geht ab, Indem er aber weggeht, so schleicht sich ein schlauer Fuchs von einem Aaver Rienner hinter ihm her, und holt ,uit derselben, Kunst, die ihn sein Patron gelehrt hat, des Patrons beste Schnupftücher wieder aus der Tasche heraus. Sie scheu, die Welt ist sich i87 überall gleich, rmd wenn man die Ger schichte manches Mannes so druckte, wie die Zvllzctkel und Frachtbriefe, mit leer? gelassenen Stellen, so kostete es oft weite? nichts, die Leben von zweyen zu beschreib bcn, als daß man hier hinein schriebe, Uhren, Schnupftücher und Mae Hcath, und dort, Logik, Metaphysik und Göb? hard, — Aber das ist noch lange das Schönste nicht in der angeführten Stelle, Dieses ist es: Sie sagen, Sie hätten so etwas an Nicnnern gar nicht verdient» Höchst vortrefflich; Sie sehe», wie unwiderstehlich die Mackt der Wahrheit ist. Selbst Sie, Selbst Göhhard muß sie wider Willen reden, in einem Büchelchen, wo sonst Lüge an Lüge stößt, und gerade an der Stelle, wo er ihr den derbsten Stoß zu versetzen glaubt» Also ist es doch wenigstens Unrecht, einem Bücher l88 nachzudrucken, und zwar noch Unrecht in der Meinung des Mannes, der es andere lehrt, das ist alles mögliche. Sie haben es also nicht an Ricnnern verdient? Sagen Sie mir, womit verdiente es Dieser! ch an Ihnen? Dadurch vielleicht, daß er ein Ketzer ist? Ich fluchte fast. Pfny schämen Sie sich vor den Neu-Seelandern! Mehr als hundert Männer, sagen Sie auf der izten Seite, könnten Sie nennen, die alle nachdruckten, machen aber doch zugleich den involuntaren Ansatz wieder, es möchte manchem darunter nicht lieb seyn. Warum nicht lieb? Das müssen recht verworfene Sünder seyn, was man auch für Grundsätze annimmt, Dieterichjsche oderGöbhar- d i sch e; nach jenen sind sie Schleichdrncker und Diebe, und nach diesen, noch was weil ärgeres, Leute, die sich einer guten That schäme»»« Und hundert sollten in Deutschland seyn? Welche Hecatombe für die Mnscn, wenn man die Hcerde beysammen hatte! Nun das wäre es, was ich gegen Ihre Lügen, gegen Ihre Jesuiten-Kniffe und erbärmliche Entschuldigungen zu sagen halte, und nun noch ein Paar Worte von Ihrer Sprache und einer Drohung, womit Sie das Schandbüchelchen schließen. Wenn ich Ihre Sprache betrachte, wahrhaftig, so lahmt mir der Anblick fast alle Einschließung mich mit Ihnen abzugeben. Gütiger Himmel! Was für ein eitelcs, elendes, hinfälliges Ding ist es um Büchertitel-Kenntniß, wen» der Mann, der sein Leben mit ihnen zugebracht hat, in dessen Kopf alles von ihnen voll ist, waS Betrug und Arglist leer gelassen Habs«, der sie ewig abschreibt und wieder abschreibt, wenn der am Ende so Lenkt, wie der gewissenloseste Dieb, und so buchstabirt und spricht, wie der Gassenjunge, der ein Buch noch Nicht von einem Backstein unterscheiden kann! Und doch (ich werde fast weich- tnüthig) ist Büchertitek-Kenntniß das, was leider noch heut zu Tage oft Geschichte der Gelehrsamkeit, ja Gelehrsamkeit selbst genannt wird! Es ist allerdings traurig, einen ManN, wie Sie, schreiben zu sehen t Dieter ich komme in Rasche, und dann ihn, den Sie beraubt und so empfindlich beleidigt haben, auf jeder Seite, noch Schurken, Lotterbuben, ehrenrührigen Kerl und schlechten Burschen nennen zrt hören t Es ist betrübt, sage ich, allein übel nehmen wir es Ihnen hier zu Lande nicht, Jeder Mensch hat, so gnt wie jedes Land, seine eigenen Gebräuche und Sitten, und ich werde Ihre Schimpfwörter sicherlich so wenig erwiedern, als Ähre Schnitzer wider die Orthographie« Nur die einzige Anmerkung will ich machen, die Ihnen künftig bey Ihren Streitschriften von Nutze» seyn kann: die Laco- tiischen Beweise, die Sie so sehr lieben, ich meine die Wörter Schurke und Lotterbube u. dergl. erhalten ihre Stärke vöN der Beschaffenheit der Junge, die sie üusspricht, Und sie verlieren oft ihre Wit- kung ganz, oder gehen gar in das entgegengesetzte über, wenn dieses beweisende Glied homogen mit dem Beweise ist. Ich will mich dnrch die Anwendung erklären. Wenn Ihre Zunge Dieterich en einen Schurken nennt, sö bringt es ihm die größte Ehre: hingegen hätte sie ihn Freund Und Consorten geschimpft- so wäre ihm - l— kein Professor und kein Pursche mehr in Laden, und kein ehrlicher Bürger mehr über die Schwelle gegangen. Aber was soll ich zum Beschluß Ihrer Scharteke sagen? Oder was würde Ihnen ein Mann antworten, der minder zurückhaltend wäre, als ich? "Dreymahl habe ich deine Schandperiode ") gelesen, würde er sagen, und noch weiß ich nicht, ') Die Stelle, worauf der Wirf. anspielt, ist folgende: "Ich behalte mir mein weiteres Ltccht gegen einen solchen Lügner und Wer- läumder bevor; umsonst hoffst derselbe durch eine angekündigte neue Auflage der obbcreg» ten Werke des Hrn. Prost Fcdcrs das Publikum zu tauschen, ich erwarte sehnlich diese vermehrte Auflage, und wenn dieselbe das kicht erblickt, so werde Ich zu einer geringen und einSweiiigen Genugthuung den Nachdruck nicht scheuen, und alSdann erst das Publikum durch die Verschiedenheit des Preises zu überführen, wie diesem Verleumder um nichts zu thun sc:>, als seine Hab - und Gewinnsucht zu befriedigen. Anmerkung des Herausgebers. was in derselben mehr auffallend ist, deine galgenmaßige Frechheit, wodurch du einem Manne, der in dem ganzen Streit von Jedermann (unter Christen wenigstens) alö der beleidigte Theil erkannt wirb, ein Werk nachzudrucken drohest, „och ehe es heraus ist, oder deine an Wahnwitz grenzende Dummheit, die sich mehr von einem geschwänzten Menschen, als einem Bamberger Buchhändler erwarten ließe, womit du es dir zum Verdienst anrechnest, daß du nachgedruckte Bücher wohlfeiler geben kannst, als der Verleger Weißt du, daß du außer Dieterich Mit deinen Spitzbuben - Drohungen auch Noch den verehrungswürdigen Verfasser beleidigest, ja daß du den Wissenschaften selbst schadest, würde ich sagen, wenn solcher Pöbel, wie du, wüßte, was Wissenschaft ist, oder wenn man solchem Lehm N in. tretenden Gesinde! wie dir glauben machen dürfte, sie könnten durch ihre Unehrlich- keit im Arbeiten den Bau eines Tempels des Jupiter aufhalten? Und ist es denn, würde er fortfahren, ist es denn fo etwas ungewöhnliches, daß die Schuster, die das Leder stehlen, die Schuhe wohlfeiler geben können? Nimm lieber sechs der Handfestesten aus deinem Hundert, breche hier geradeweg bey Dieterichen iin, oder schlage seinen Fuhrmann zwischen Göttingen und Leipzig einmahl zur guten Stunde auf den Kopf." So würde der Mann sagen, und hatte Er unrecht? Allein Ich, ich liebe ein allezeit laues Blut und Barmherzigkeit. Auch weu» ich es recht bedenke, so ist in jener Schlußperiode so sehr pro mit contra und contra mit pro verwechselt, auf der eine» Seite so viel Tücke, und aus der andern wieder so viel possierliche Albernheit, daß niau nicht weiß, was man glauben, oder wo man anfassen soll. In einem solchen Fall halte ich es, nach einer bekannte» hermenevtische» Regel, die die Lösung solcher Schwierigkeiten, wenn sie der Vernunft zu schwer werden, der Menschenliebe übertragt, für meine Pflicht, zu glauben, daß Sie wenigstens zuweilen nicht klug sind, oder, daß Sie aus Achtung gegen Ihren großen Vorgänger im Betrug, welchem Göbhard, der betrügerische Schlcichdrucker, freylich besser Gesellschaft leisten könnte, als Dr.Fanst, der ehrliche Buchdrucker, Ihren Abschied vorn Leser mit transscendentem Gestank zu nehmen gedacht haben. Ich meines Theils denke immer: Ende gut, alles gut! und anstatt Ihre Drohungen mit einer einzigen zu erwiedern, will ich Ihnen lieber zwey Ermahnungen geben. Für das erste- wen» Sie den Tausenden von Redlichen, die mit mir stimmen, antworten wollen, so thun Sie es Ihrer Ehre, jetzigen und künftigen N r Ruhe wegen (die jenseit des Grabes nicht ausgeschlossen), durch Besserung mit der That, und nicht durch eine schriftliche Antwort. Merken Sie wohl, was Ihnen dieser Rath für Ehre anthut? Mehr, als ich Ihnen zugedacht hatte, da ich wich zu diesem Brief niedersetzte. Er setzt voraus, daß Sie noch ein besserer Bürger werden könnten, wenn Sie wollten, und daß Sie nur zum Schriftsteller und Advocatcn unwiederbringlich verdorben sind. Für das zweyte wollte ich Ihnen auch nicht rathen, die Feder eines andern zu gebrauchen. Die Köpfe, die Witz und Kunst genug besitzen, eine böss Sache, zumahl eine, die der Nahme Göb- hard drückt, gut zu vertheidigen, sind überhaupt in Deutschland selten, und wenn man dem Himmel für die Seltenheit derselben danke» muß, so ist ihm, dünkt mich, Ihr Vaterland vorzüglichem Dank schuldig. Leben Sie wohl. Ich bin n. s. w. V. Friedrich Eckqrh an den Verfasser der Bemerkungen zu seiner Epistel an Tobias Göbhard. Mein Herr, Ebenn Ihre Bemerkungen zu meiner Epistel so mit Gründlichkeit geschrieben waren, wie sie eö mit Mäßigung sind, so könnte ich Ihnen wenigstens den schnöden Ruhm, eine schlechte Sache mittelmäßig vertheidigt zu haben, nicht versagen. Allein, da Sie mich nicht verstanden haben, da auch Sie, wie Göbhard, Iesniicn-Kniffe gebrauchen, und den Beyfall, den Ihnen die Vernunft als Preis unmöglich zuerkennen kann, als Almosen der Schwachherzigkeit zu erkriechcn suchen; so muß ich bekennen, daß Ihr Büchel- chcn gerade das ist, was ich von Vam- berg erwarteter Eine elende Ver- 200 theidigung einer elenden Sache. Sie könnten es mir also anch nicht verargen, mein Herr, »renn ich Sie die Geißel empfinden ließe, die Ihr nichts- rvürdiger Client empfunden hat. Gelegenheit dazu gibt wenigstens jede Zeile Ihres Biiefs an die Hand. Allein Sie können so ziemlich vor wir sicher seyn. Ich verehre in Ihnen auch den Anschein von Billigkeit, und verzeihe in einem Gegner herzlich gern dem leeren Kopfe» seines ehrl'chen Gesichts »regen. Hauen Sie nur die Halste der Aufmerksamkeit, dje, ich »rill nicht sagen, der Widerlege»', sondern der bloße Lesex seinen» Schriftsteller schuldig ist, auf weine Epistel verwendet, so hallen Sie sich von den 14 Seiten, woraus Ihre Schrift besieht, gerade r° ersparen können. Denn auf den »0 Seilen sagen Sie 2ol schlechterdings nichts, was wider mich stritte, und die übrigen wären alsdann von selbst weggeblieben, denn auf denen sagen Sie gar nichts. Meiner so eben angelobten Schonung wegen, will ich nickt sehr genau untersuchen, was Sie bewogen haben kann, den Nahmen und daS Ansehen des Kaisers überall so unverantwortlich einzumischen, Bey denen Lesern, für die Sie vielleicht schreiben, mag dieser Jesuiten- Kniff seine Wirkung thun; bey den mcini- gen erwarte ich wenigstens ein Onent von Scharfsinn, und sy viel ist hinreichend, den Kaiser, aller Ihrer Verwickelung ungeachtet, in einem Wink von dieser Streitigkeit zu trennen, ja zu sehen, daß Ich es eigentlich in diesem Streit bin, der sein Ansehen vertheidiget, indem ich seine Drohungen unmittelbar 2O2 — neben die vom Himmel stelle. Ich be-- keime dieses frey, ob Sie mich gleich (vermuthlich aus der Ueberzeugung, daß ich ein Recht dazu hatte) von einem solchen Bekenntniß abzuschrecken suchen, wo Sie, demüthigst in den Staub hiuge- beugt, etwas von der Verachtung wimmern, mit welcher der Kaiser auf Sie und alle, die seine Rechte vertheil) i g e n, a l s a u f E r d e n s ch w a m m e herabsehe. O mein Herr, wenn Sie das vom Kaiser glauben, so kenne» Sie den Monarchen nicht. Joseph der II, sollte auf die, die seine Rechte vertheidigen, mit Verachtung herabsehen? Auf feine Feinde, wollen Sie sagen, oder solche demüthige Freunde. Und da haben Sie Recht. Denn das sind Erden- schwamme, die des Schattens der erhabenen Kaiserseiche nicht werth sind, untcx 20Z welcher sie aufwuchsen. Pfuy, wer wird sich für einen Erdenschwamm hallen, wenn er Recht thut und ein gutes Gewissen hat? das heißt den Gott entehren, der uns alle geschaffen hat, und der selbst auf die, die seine Rechte vertheidigen, mit Gnade herabsieht. So denken wahrhafte Kaiserliche Unterthanen, und so denken wir hier, unter dem Schutz eines großen und guten Königs, dessen Stolz es ist, über Menschen zu herrschen, die Ihn, mit Gefühl ihrer eigenen Würde, wie ihr Leben lieben — und nicht Über Pilze» Wenn Sie denn doch nur mit einigem Schein von Kunst den Kaiser eingemischt, hätten: so hätte ich doch wenigstens bey der Widerlegung der Sophisterei) vielleicht etwas gedacht. Aber lesen Sie nur einmahl Ihre Bemerkungen, und sehen Sie, was Sie gemacht haben. Anstatt ein falsches Licht auf meine Gründe, und ein voitheUhanes auf Ihre Folgerungen zu werfen, was lhun Sie? Sie sticken mir Satze an, die mir nicht in den Sinn gekommen sind, und das, ohne einmahl zu sagen: es dünkt mich. Hören Sie nur einmahl, Sie sagen; Ich behaupte, das Recht des Kaisers, Puvjlegia zu ertheile», sey ein Hirnge- spinust? Wo sage ich das? und mit welchen Worten? Vermuthlich an der Stelle, wo ich sage, die zchen Gebote seyen ein Hirngespinnst; denn aus den Stellen meiner Epistel, aus denen sich der erste Satz heraus winden laßt, winde ich Ihnen allemahl auch den letzten heraus. Ich verspreche es Ihnen, Sie sagen ferner; Ich gestünde den Rcichöstanden das Recht, Privilegien zw — 2OZ — ertheilen, zu, aber nicht dem Kaiser. Allein ich sage dieses so wenig, daß ich vielmehr noch auf diese Stunde nicht begreife, wie Jemand einsaitig genug seyn kann, so etwas von einem andern zu behaupten. Sie sagen drittens: Ich behaupte, wer dem Kaiser das Recht, Privilegiä zu ertheile», einräume, suche dessen Revenüen durch unerlaubte Wege zu vermehren. Hierbcy kömmt es mir fast vor, als wenn Sie unter dem, was ein Mann gesagt hat, auch alle die Anagrammen mit verstünden, die sich aus seinen Worten setzen lassen. Ich sage: wer Schade» thut, um den Leuten, die den Schaden besehen und darüber erkennen müssen, Diäten zu verschaffen, oder Schaden thut, damit andere Leute sich Schutz erbitten lind Schutzgeld bezahlen müssen, ist ein 2v6 ehrloser Böscwicht: obgleich die Obrigkeit alsdann das Recht hat, Schutz zu ertheilen, und das Recht haben mag, neues Schutzgcld zu nehmen. Viertens sagen Sie endlich, und zwar nicht bloß gegen mich, sondern überhaupt, daß man hierselbst (zu Göttiugen) die Regel: alles was ihr wollt, das euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen, nicht mit der zu vereinigen wisse: gebet demKaiscrwaS des Kaisers ist. Aus dieser Beschuldigung, die Sie mir vermuthlich bloß des Klangs wegen machen, weil der Kaiser zweymahl darin vorkommt, leuchtet in der That eine Albernheit hervor, die bis zum Drollichten seltsam ist. Ich sage, Buchhändler besteh lt euren Nächsten nicht; und der Mann sagt, ich gebe dem Kaiser Pas Seine nicht. Ich sage: Kaufleute, thut euren Vrüdern, so wie ihr wollet, daß sie euch thun sollen; und Er schreyt dazwischen: so bekömmt aber der Kaiser nicht was des Kaisers ist. Ich sollte dem Kaiser nicht geben was des Kaisers ist, da ich sage: gebt so gar dem Kaufmanns was des Kaufmanns, ja, gebt dem Bettler was des Bettlers ist? Ich sollte die Vorschrift, die das Gesetz und die Propheten enthält, befolgt wissen wollen, und gegen den eine Ausnahme machen, von dessen Macht und Güte allein ich endlich die gänzliche Sicherheit des ehrlichen Buchhändlers erwarte? gegen Joseph den II.? Wäre das Christenthum? oder wäre das nur Logik, die Regel fest setzen, und die Anwendung nicht damit zu vereinigen wissen? Wo haben Sie hingedacht? Sagen Sie. Vermuthlich an - 208 - die geweihten Henker, die die Regel: dtt sollst nicht todten, nicht mit der haben vereinigen könne»: du sollstdei- nenNachsten seines Glaubens wegen nicht braten, zumahl du ihn nicht essen kannst. Aber waren die Leute Christen? oder nur Logiker? Mau braucht nur eines zu seyn, um jene Vorschriften der Bibel zu vereinigen, und die Leute, denen Sie eine Unschicklichkeit in deren Vereinigung Schuld geben, sind beydes. Wie konnten Sie überhaupt so unüberlegt sey», mein Herr, Ihre liederliche Sache vor den Nichterstnhl der Bibel zu spielen? wo, wenn Sie unglücklich genug seyn könnten, Ihren Proceß zu gewinnen, Sie Ihre ganze zeitliche Glückseligkeit verlieren müßten. Da Sie also in Ihrer ganzen Schrift entweder nichts sagen, wie ich unten zei- — 209 — gen will, oder mir Dinge Schuld geben, die ich nicht gesagt habe, was habe ich denn nun gesagt? Ich will es Ihnen «och einmahl wiederhvhlen, und zwar, um alle» Mißverstand zu vermeiden, kurz: Was ich gesagt habe, noch glaube, immer glauben werde, und mir gegcti alle Jesuiten der ganzen Welt zu vertheidige» getraue, ist: Wenn ein Buchhändler seinen Autor aufs Ungewisse reich, lich bezahlt; aufs Ungewisse große Summen auslegt; Verbindungen mit Gelehrten sucht; diese Verbindungen oft mit Kosten und Zeitverlust unterhält, um Werke aus Licht zu bringen, die ohne seine Betreibung, ohne seine Veloh- «ungen und oft ohne eine, durch des Mannes besondere Verdienste bewirkte, Fürsprache anderer nicht herauegelvm- »nen waren; und ei» NichtSwürdiger, der in. O sich zwar einen Buchhändler nennt, aber so wenig zu dieser würdigen Gesellschaft gehört, als die Dragoner-Apostel und ihre geweihten Sender unter die Heiligen, druckt dem Manne sein Buch nach, ss bald er hört, daß der gute Absatz nicht mehr ungewiß ist; schlagt dadurch den eifrigen Mann fürs künftige nieder, ja rninirt ihn unter gewissen Umstanden: daß dieser Schleichdrucker ein Dieb ist, so gut als irgend einer, mit dessen Ge- tippe der Wind spielt, das habe ich gesagt, glaube es noch, und will es gegen alle Jesuiten der Welt vertheidigen. Ja ich will noch mehr sagen. Wer einen solchen Schleichdrucker öffentlich beschützt, beschützt einen Dieb, und macht sich deS Diebstahls theilhaftig; es habe nun daS Buch ein Privilegium oder nicht: das Privilegium macht das Verbrechen größer und die Strafe gewisser, allein es macht nicht den Dieb. Was wollen Sie nun weiter? Den Beweis, nicht wahr? O dazu kann ich Ihnen helfen. Gehen Sie hin zu Göb- hardcn, der hat ihn über tausend Mahl gedruckt. Schlagen Sie Hrn. Pros. Fe- ders Naturrecht im zweyten Hauptsiück nach. Und hat Göbhard gehalten, waS er versprochen hat (vermuthlich hat er rS gethan, denn es war eine Dieberey, was er versprach), ich meine, hat er die neueste Ausgabe des Fedcrschen BuchS nachgedruckt, so lese» Sie auch die neue Vorrede des Verfassers, wenn anders dem Bambergischen Setzer hierbcy die Hände den Dienst nicht versagt haben. Soll man, sagt der Hr. Pros. Feder (wo er die Gründe angibt, warum er Zusätze nicht besonders drucken lasse:), S s 212 soll man dem diebischen Nachdrucket — denn dieses ist er nicht allein nach der Moral, sondern selbst nach den natürlichen Begriffen der äußerlichen Gerechtigkeit — auch diesen Vorschub noch thun? Sehen Sie, das sagt Feder, den Selbst Sie vortrefflich nennen-und zittern. Wer doch in aller Welt Gvb- harden überhaupt gerathen haben mag, Logiken und Praktische Philosophien nachzudrucken? Denn die, die ihm Geld einbringen, brechen ihm über kurz oder lang den Hals, und die, die ihm den Hals nicht brechen, bringen ihm sicherlich kein Geld ein. Allein, mein Herr, Sie haben nach dem Beweise meines Satzes gefragt. Nun erlauben Sie mir auch einmahl ein Paar Fragen: Warum zweifeln Sie denn an dem Satz? den» ich kenne nur zwey Secten, die ihn hauptsächlich bezweifeln: die Pyrrhonisten, und die Eskimaur» Bekenne» Sie sich zu den erster» oder den letzter»? Dieses wird sich augenblicklich zeigen, wenn Sie mir unmaßgeblich sagen wollen, was Sie Recht unv Unrecht und was Sie Eigenthum heißen; und, unter uns gesprochen, was Sie in Bamberg Dieb stahl nennen. Denn nun merke ich wohl, daß sich die Verschiedenheit unserer Meinungen nicht erst beym Schleichdrucker anfangt: sondern, daß sie sich bis an die Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit, ja, daß sie sich über diese Grundsätze selbst erstrecken muff» Beantworten Sie mir diese Fragen, und dann wollen wir mit einem Wink ausmachen, wer von uns beyden in der Wiege verdorben ist. Ich oder Sie. Den» 214 ,'n der Wege und der Confirmanten- Stunde müssen wir es suchen. Ich thue es jetzt mit Fleiß nicht, Aber einen Gedanken von mir hierüber, der gewiß mehr als Muthmaßung ist, sollen Sie künftig einmahl hören. Ja ich will nicht leugnen. Mein Herr, hatten Sie wir den Beweis des Satzes, daß der Nachdrnckcr ein Lieh sey, der ein Buch, das kein Privilegium hat, nachdruckt, mündlich abgefordert, so hätte ich Ihnen denselben zwar nicht versagt: aber das hätte ich auch gethan, ich hätte erst meiue Uhrkette weggesteckt. Denn der,, dessen Gewissen ein solcher Callus bedeckt, daß er das nicht fühlt, ist wahrhaftig ein gefährlicher Mann; U»d ohne ein Kaiserliches Privilegium über Börse und Leben rcisete ich nicht mit ihm allein des Nachts durch den Speßhard. Sehen Sie, solchen Folgerungen fetzt sich ein Mann aus, der einen Schleich- drucker vertheidigt. Aber ich, der ich iiicht neue Grundsätze schaffe, um hier ein Individuum zu vertheidigen, und dort einem andern zu schmeicheln, sondern, der ich die Vertheidigung des Individuums aus den allgemeinsten Grundsätze» der Billigkeit hergeleitet wissen will, die ohne eine gänzliche Zerrüttung der Gesellschaft nicht bezweifelt werden können; der ich weiter ja nichts verlange, als nur Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit in allen Ständen, was für Folgerungen setze ich Mich aus? «'Ich schmälere die Rechte desKaisers, undgebeihm Das Seinige nicht." Nein, mein Freund! Ehrlichkeit und- Gewissenhaftigkeit in allen Standen, im Bürger - und Soldaten-Stande, sind der Fels, auf dem selbst die Thronen stehen, die an den Himmel reiche». Wie leicht man sie gegen einen König übertritt, wenn man sie einmahl geaen seinen Mitbruder zu ü betreten gelernt hat, hätten Sie aus der Aeichng wissen können. Sie können versichert seyn, mein Herr, ich declawire ungern über solche Materien, zumahl mit Ihnen. Mein National-Stolz leidet darunter. So will ich es dieses Mahl, wenigstens, was daS Allgemeine anbetrifft, hierbey bewenden lassen. Denn Sie werden nicht leugnen können: wenn mau nach taufenden von Jahren noch keinen Schritt breit gewonnen haben soll, sondern einem noch immer solche Dinge vordcmonstriren muß, als wären wir erst gestern Menschen geworden: so ist es (verzeihen Sie mir diesen Ausdruck, der nicht aus Leichtsinn, - 217 - sondern aus lebhaftem Gefühl der Würde des Christen entspringt), so ist es der Mühe nicht werrh, ein Christ zu seyn. Es wäre, sagen Sie weiter, dem Verleger ein Leichtes, das wenige Geld für ei» Privilegium z» bezahlen. Ganz gut, mein Herr, wenn es auch nur dem Reichs - Fiscal ein Leichtes wäre, dem beleidigten Buchhändler Recht zu verschaffen. Aber stellen Sie sich einmahl vor, Ihr Wunsch wäre erfüllet, jedes gute Buch, oder wenigstens jedes, das gut abgeht, habe ein Kaiserliches Privilegium, glauben Sie etwa, den Schleichdrucker würde das schrecken? das callöse Gewissen? O ich glaube, Göbhard allein, wenn er reicher und klüger wäre, würde alsdann 10 Reichs - Fiscale beschäftigen. Mir graut, wenn ich dahin sehe. De- cennia würden hingehen, bis die Sache zum Spruch käme; Reichsgerichts - Visitationen würden entstehen und vergehen; Kläger und Beklagte könnten wegsterben; der Schuldige könnte am Ende in zehn Mahl nicht ein Mahl den Schaden und die Kosten ersetzen; Kummer und Zeitverlust würden nie ersetzt. Nein, nach der jetzigen Verfassung verstattet die menschliche Natur keine schnellere Hülfe, gesetzt auch alle Stellen und Augange zu denselben wären mit den redlichsten Leuten besetzt. Denn in einem Reiche, wie Deutschland, ist es leicht möglich, daß der Fiscal, der Verleger, und der Schleichdrucker in den drey Spitzen eines Triangels wohnten, wovon jede Seite hundert Meilen lang wäre; und doch bliebe das menschliche Leben auf der andern Seite bey seiner ungewissen 70, und wenn's hoch kommt 80, wenn sie nicht gar Kum- mer und Verdruß zu einer armseligen 5-> heruntersetzte. Soll der redliche Buch» Händler, der in so mancher Provinz Deutschlands noch allein Mäecnsstelle vertritt, soll der die Gerechtigkeit so suchen? da ihm geholfen wäre, wenn man ein Paar Nahmen, die Bam- borg, Frankfurt, Carlsruh, Offenbach, Höchst oder Homburg hergäben, an etwa Galgen schlüge? Und ist die Abgabe, wenn sie gering ist, auch billig? Sind Ihnen auch die Abgaben des ehrlichen Verlegers alle bekannt? Wissen Sie, wie viel Eremplare er schon jetzt verschenken muß; was für Fracht weggeht, wie er Papier gegen Papier tauscht, hin - und hergibt, ohne Geld zu erhalten; heute ein Buch in den Ballen gewickelt bekommt, und morgen um den Ballen gewickelt wieder wegschickt?— und doch wollte ich nichts gegen diese Abgabe sagen, den» die ließe sich durch eine Taxe auf den Leser und den armen Verfasser wieder herausbringen, — wenn ich nur sahe, daß der vorgesetzte Zweck dadurch erreicht wurde. Allein, wie gesagt, je mehr Privilcgia, desto mehr Processe und Uebertrerer; denn drucken sie schon jetzt Privilcgia nach, da die besten Bücher oft noch keine haben, die ihnen also, nach ihrem Grundsatz wenigstens, zum Nachdruck frey stünden; was werden sie alsdann thun, wenn es bloß privilc- girte Bücher gibt? Bedenken Sie dieses bey sich selbst, mein Herr, schließen Sie sich ein, wenn es nicht gleich gehen will, und überheben Sie mich der Mühe, Ihnen solche Dinge ferner zu erklären; ein Nachdenken von einer Stunde erspart Tage von Leclüre, und verdirbt die Augen nicht. 22 ! Aber nehmen Sie ja die Betrachtung mit in Ihre Kammer: daß, wenn ich sage, der Schleichdrncker sey ein Dieb; der beleidigte Buchhändler solle sein Recht eben so erhalten, wie es jeder gekränkte Kaufmann erhält; man solle überall keine Schleichdrncker dulden, wie man keine Falschmünzer duldet, um auf diese Art den Gelehrten aufzumuntern, dem ehrlichen Buchhändler sicher und schnell zu helfen, ja den Wissenschaften zum Vortheil zu arbeiten: daß das nicht heißt, bey unserer jetzigen Verfassung seyen Kaiserliche Privilegia Hirn- gespinnste; das letztere aus dem ersteren folgern, ist nicht Sophisterei), sondern Wahnwitz. Ich sage hier mit Fleiß noch einmahl: den Wissenschaften zum Vortheil, weil Sie mir vorwerfen, ich hätte dieses 222 Haupt-Argument in meiner Epistel vergessen. In gewissem Verstände haben Sie Recht: denn ich sagte es auch nicht sowohl selbst, als vielmehr der Mann, den ich gegen das Ende derselben redend eingeführt habe Ich komme un» noch zu besondern Stellen Ihres Briefs, und besondern Umstanden bey der Sache. Denn da wir nun einmahl unsere Corrcsponden; öffentlich führen, so kann es auch nützlich seyn, zuweilen eine Sache, des fremden LeserS wegen, besonders vorzunehmen. Also nicht für Sie allein, mein Herr, sondern auch für den fremden Leser zugleich, sind wenigstens einige der folgenden Anmerkungen. Sie nennen also den Gelehrten inter- rssirt, der sich jede Auflage seines VuchS, ') Seite izz. Zeile 17. wir das neue bezahlen laßt? Du gerecht« ler Himmel! der ein sehr mäßiges unter Bedingungen fordert, die unter hundert Mahl nicht ein Mahl eintreten, und nie ohne größer» Vortheil des Verlegers eintreten können. Das sind etwa in einem ganze» Leben ein Paar hundert Thaler für einen Band, wenn Goldsmith riooo für ein Paar Comödicn in einem Jahre zieht. Ich kann nicht leugnen, ich bin fast eben so neugierig jetzt Ihren Maßstab für Werke des Geistes zu sehen, als Ihr schwarzes oder rothes Register moralisch indifferenter Handlungen. Mein Freund, wem sagen Sie dieses? Dem Deutschen Gelehrten, der ohnehin selten etwas hat, oder dem reichen Deutschen, der ihm ohnehin selten etwas gibt? Was belohnt denn der Verleger? die Gedanken oder nur die Mühe der Erzählung? Kaum kann er das letztere thun. Wenn Sie glauben, das eigentliche Werk des Ge- lehrten lasse sich per Bogen schätzen, so erniedrige» Sie ihn zum Büchermüller. Ich bitte Sie, lassen Sie den Deutschen Gelehrten in Nnh, Sie versündigen sich» Betrachten sie ihn einmahl, wie es (dem Himmel sey Dank! nicht bey uns) allein in den meisten Provinzen Deutschlands noch um ihn aussieht: Vogelftey für jeden Primaner, der bey einem Recen- sioiis - Comtoir oder in einer Uebcrsetze- rey in die Lehre gethan ist; verwechselt mit dem viclwissendcn Geschöpf ohne Menschenverstand, das aus eilf Büchern ein zwölftes zu machen, oder das Werk eines Ausländers mit stumpfer Kohle durchzuzeichnen weiß; einem Publicum Unterthan, das metrisches Babel, oder dithyrambische Seher-Philosophie, oder Jour- „als für Werke des Genies, Meß-Catas logos für Bücher, und Schmetterlings- Hlstorie für Wissenschaft halt: das ehr« liche, verlassene Geschöpf wollen Sie noch um sein Weniges bringen, wenn Tau« sende auf nichtswürdige Müßiggänger ver" schwendet werden? Vertheidigen Sie dafür lieber die Buchhändler, und die Rechte die ihnen die Natur geschenkt hat. Die Musen werden es Ihnen an den Orten Dank wissen, wo sie noch unter den Bedienten stehen, oder vor den Schloßbrücken frieren. Auch die Gelehrten werden auf diese Art ihren Endzweck sicherer erreichen, als durch den unseligen Einfall, ihre Zeit zwischen der Bibliothek und dem Comloir zu theilen, und ihre Bücher selbst zu verlegen und zu vertheuern oder wohl gar mit Leinöhl und Kienruß im Bart selbst zu drucken, m. P Sie halten sich über meinen Witz auf? Also auch be» Ihnen draußen hat betroffene Impotenz diesen Weg zur Ausflucht schon gefunden? Mein Herr, ich weiß es so gut wie Sie, daß Witz kein Richter ist, aber er sitzt doch einmahl mit im Rath, und da muß er in solchen Fallen, wie der Göbhardische, nach einem alte» Gebrauch unserer Vorfahren, wenn Ver, nunft daS Urtheil gesprochen hat, als letzter Schöffe die Ereculion verrichten. Uebrigcns ist es allerdings merkwürdig, daß in Deutschland, wo Witz vielleicht seltner ist, als unter irgend einer schreibenden Naiion, Jedermann über zu viel Witz schreyt. Es ist zumahl dieses der rechte Lieblings-Seufzer der Weisen in den obern Facultäten geworden, wo man alles, was mit Lächeln gesagt wird, gern für Possen, und alles was mit bewölkter Stirne vorgetragen wird, für tiefe Weisheit gehalten wissen wollte: hingegen nicht bedenkt, daß die eigentlichen ins Große gehenden Svlisen, womit sich ganze Fakultäten vor ganzen Zeitaltern lächerlich gewacht haben, meistens mit der Miene der betitulten und besoldeten Bcdächtlichkeit und der altklugen Hcrabsehnng sind begangen worden. Ich wünschte von Herzen, daß Jemand eine Apologie dieser schönen Eigenschaft unsers Geistes übernähme, die, wen» sie von früh an mit dem noch jungen Scharfsinn zugleich erzogen wird, entweder ohne großen Nachtheil des Besitzers ihr Feuer verliert, oder mit ihm zugleich heranwachsend, dem Geist die Wendung gibt, ohne die kein großer Schriftsteller seyn kann. Ich wünschte dieses von einem Weltweisen ausgeführt, ehe noch die immer geschäftigen Unweisen P r der Welt es diesem Worte machen, wie sie es schon manchem gemacht haben, daS Eigenschaften ausdruckt, die sie nicht besitzen. Ich kenne leider bejahrte Menschen, die jetzt unter Witz alle Arie» brotloser Feoerkünste, Oden und Zoten, Leber- Ncime und Chronosticha, prangermaßige Satiren, und französische Stichelredcn auf den lieben Gott verstehen, und auf und ab auch diese Dinge wieder unter einander für einerley halten. Doch nun ab hiervon. Schließlich ersuche ich Sie noch, mein Herr, warnen Sie den betrügerischen Göbhard in meinem Nahmen, sagen Sie ihm, ich hatte langst einen Mann, wie ihn, für die Satire gesucht» Denn ich denke, nächst dem nie zu hoffenden gänzlichen Mangel an Dummköpfen und Betrügern, ist ein vogelfreyer Dummkopf und Betrüger das größte Geschenk der Natur für ein sündiges Land, so lange es noch nicht an Geißeln fehlt, Stiiemen zu schlagen, und noch nicht an Muth, sie ohne Menschenfurchl zu führen. Fahrt Göbhard fort, meine Freunde und Mitbürger zu berauben, so ist es ihm hiermit feyerlich versprochen, er soll nirgends vor mir sicher seyn, als unter dem Schilde der Tugend und Ehrlichkeit, und so weit mich mein Quentchen (mit Talenten rechne ich nicht) in die Ewigkeit tragt, und 4, 5 Messen sind doch auch ein Theil der Ewigkeit, so soll Er, an der Hand oder an den Haaren, sicherlich mit hinein. Und Ihnen, mein Herr, gebe ich folgende Betrachtung zum Abschiede zu beherzigen. Ich kenne zwey Männer, die behaupte», der Schleichdrucker sey ein Dieb: davon ist der eine ein großer Rechtslehrer, und der andere ein großer Weltweiser, beyde von dem Grad, daß sie Deutschland Ehre machen; und dann weiß ich auch noch von zwey Vertheidigern der Schleichdruckerey, davon ist der eine zu Leipzig im Zuchthause gestorben, und der andere sind-Sie. Leben Sie wohl. VI. Anschlag-Zeddel im Nahmen von Philadelphia. ^llcn Liebhabern der übernatürlichen Physik wird hierdurch bekannt gemacht, daß vor ein Paar Tagen der weltberühmte Zauberer Philadelphus Philadelphia, dessen schon Cardanus in seinem Buche ile nstura fupernstursli Erwähnung thut, indem er ihn den von Himmel und Hölle Beneideten nennt. allhier auf der ordinären Post angelangt ist, ob es ihm gleich ein Leichtes gewesen wäre, durch die Luft zu kommen. Es ist nähmlich derselbe, der im Jahr 1482 zu Venedig auf öffentlichem Markt einen Knaul Bindfaden in die Wolken schmiß und daran in die Luft kletterte, bis man ihn nicht mebr gesehen. Er wird mit dem yten Jenner dieses Jabres anfangen, seine Ein - Tbalerkünste auf dem hiesige» Kaufhause öffentlich-heimlich den Augen deS Pnblici vorzulegen, und wöchentlich zu bessern fortschreiten, bis er endlich zu seinen Louisd'o,'-Stücken kommt, darunter sich einige befinde», die, ohne Prahlerey zu reden, das Wunderbare selbst übertreffe», ja, so zu sagen, schlechterdings unmöglich sind. Es hat derselbe die Gnade gehabt, vor allen hohen und niedrigen Potentaten aller vier Wclttheile und noch vorige Woche auch sogar im fünfte» vor Jhro Majestät der Königinn Oberen aufOta- heile mit dem größten Beyfall seine Künste zu machen. Er wird sich hier alle Tage und alle Stunden des Tages sehen lasse», ausgenommen Memlags und Donnerstags nicht, da er dem ehrwürdigen Congreß seiner Landslcute zu Philadelphia die Grillen verjagt, und nicht von n bis ir des Vormittags, da er zu Constankinopel engaqirt ist, und nicht von ir bis i, da er speiset. Von den Alltags-Stückchen zu einem Thaler wollen wir einige angeben, nickt sowohl die besten, als vielmehr die, die sich mit den wenigsten Worten fassen lassen, i) Nimmt er, ohne aus der Stube zu gehen, den Wetlerhah» von der Jacobi Kirche ab und sitzt ihn auf die Johannis Kirche, und wiederum die Fahne des Johannis Kirch- thurms auf die Jacobi Kirche. Wenn sie ein Paar Minuten ge- 2z6 steckt, bringt er sie wieder an Oxt und Stelle. IW. AllcS ohne Magnet durch die bloße Geschwindigkeit. r) Nimmt er zwey von den anwesenden L'nmens, stellt sie mit den Köpfen anf den Tisch, und laßt sie die Meine in die Höhe kehre»; stößt sie alsdann an, daß sie sich mit unglaublicher Geschwindigkeit wie Kräusel drehen, ohne Nachtheil ihres Kopfzeugs oder der Anständigkeit in der Richtung ihrer Röcke, zur größten Satisfactivn aller Anwesenden. z) Nimmt er 6 Loth des besten Arseniks, pulrciisirl und kocht ihn in r Kannen Milch und tractirt die Damcns damit. So bald ihnen übel wird, laßt er sie - bis z Löffel voll geschmolzenes Vley nachtrinken , und die Gesellschaft geht gutes Muihs und lachend aus einander. 4) Laßt er steh eine Holz-Art bringen und schlagt damit einem Chapeau vor den Kopf, daß er wie todt zur Erde fällt. A»r der Erde versetzt er ihm den zweyten Streich, da dann der Ckapeau sogleich aufsteht und gemeiniglich fragt: wasdaS für eine Musik sev? Uebri- gcns so gesund wie vorher. 5) Er zieht drey bis vier Damens die Zahne sauft aus, laßt sie von der Gesellschaft in einem Beutel sorgfältig durch einander schütteln, ladet sie alsdann in ein kleines Feldstück, und feuert sie besagten Damen auf die Kögfe, da denn jede ihre Zahne rein und weiß wieder hat. 6 ) Ein mekhaphysisches Stück, sonst gemeiniglich mors pb^stoa genannt, worin er zeigt, daß wirklich etwas zugleich seyn und nicht seyn kann. Ersordeit große Zubereitung und Kosten, und gibt er es bloß der Universität zu Ehren für einen Thaler. 7) Nimmt er alle Uhren, Ringe und Juwelen der Anwesenden, auch bares Geld, wenn es verlangt wird. 2 Z 8 und stellt Jedem einen Schein aus. Wirft hierauf alles in eine» Koffer, und reifet damit nach C-fsel. Nach 8 Tagen zerreißt jede Person ihren Schein, und so wie der Riß durch ist, so sind Uhren, Ringe und Juwelen wieder da. Mit diesem Slück hat er sich viel Geld verdient» Diese Woche noch auf der obern Stube des Kaufhauses, künftig aber hoch in freyer Lust über dem Marklbrun- ncn. Den» wer nichts bezahlt sieht nichts. Eöllingen den 7. Jenner 1777. 6ö^1noie>. Engt and. « n Heinrich Christian Boye. Erster Brief. London, den istin Oktober 177z. ^)hr Verlangen, mein lieber B., Ihnen etwas von Hrn. Garrick zu schreiben, kann ich nun hoffentlich bester befriedigen, als damahls, da Sie es zum ersten Mahl gegen mich äußerten. Ich harre diesen außerordentlichen Mann zu der Zeit gerade zwey Mahl gesehen, und das war zu wenig, um ihn ruhig zu beobachten, und nicht lange genug her, um an einen Freund ruhig darüber zu schreiben. Hier kommen nun einige meiner Bemerkungen; Q irr. lischt alle; Sie sollen künftig die übrigen haben, wenn Sie wollen; Beobachtung und Raisonnement durch einander, und wahrscheinlicher Weise wehr Ausschweifung als beyde zusammen; alles, wo möglich, geradeweg, ich meine in der Ordnung und mit den Ausdrücken, die mir die Laune der Minute da> biethet, in welcher ich schreibe. Ich weiß, Sie verzeihen mir dieses; ich mache mich gae nicht gerne an Briefe, wo ich das nicht thun darf, oder vielmehr, ich schreibe sie immer lieber morgen und dann — in Ewigkeit nicht. Noch eins, ob ich gleich, nächst deklarieren! Nonsense, nichts im Styl mehr hasse, als den Boswcllsschen festlichen, weissagenden Ton, womit manche Schriftsteller gleich jeden großen Mann, den sie beschreiben, zum Engel und sich zum Propheten erheben, und 24Z eine gewisse Feyertagsprvse zu stammeln anfangen, die der Wahrheit so trefflich zu Statten kommt, so könnte es doch seyn (ich hoffe es nicht), daß mir mein Gegenstand einen kleinen Streich spielte. Merken Sie so etwas, mein Freund, so berechnen Sie den Rabat gleich selbst, und danken mir indessen, daß ich Ihnen nicht gleich anfangs geschrieben habe. Ich habe Hrn. Garrick nunmehr gerade acht Mahl spielen sehen, und darunter in einigen seiner vorzüglichsten Rollen. Ein Mahl als Abel Drugger in Ven Johnson's sehr verändertem Alchymisten; ein Mahl als Archer in Farguhar's LtratsAem; ein Mahl als Sir John Brute in Vanbrugh's provokeä >viks; zwey Mahl alsHamlet; ein Mahl als L n- signan in der von Hill veränderten Zaire; ein Mahl als Benedick in Sha- Q s — 244 — kespears mucli uäo about notbinF, und endlich als Don Leon in Beau- Mvnts und Flctchers rule s vife nnä kave g vife. Außerdem habe ich ihn selbst gesprochen, und habe nunmehr freyen Zutritt in seine Loge. Unter den erwähnten Charakteren soll es ihm Weston im Abel Drngger gleich thun, so wie Quin ehemahls im Sir John Brute; allein noch hak kein Mann seinen Fuß auf ein brittischeS Theater gesetzt, der es ihm in den übrigen gleich gethan hatte, auch ist jetzt keiner da, der zu einem solchen Manne nur im Einzelnen die mindeste Hoffnung gäbe, und am allerwenigsten zu einem, der alles zugleich werden könnte. Vermuthlich leidet auch jene Vergleichung mir Quin und Weston noch eine Einschränkung. Quin im Sir John Brute habe ich Zwar nicht sehen können, und den Weston in Abel Drugger nicht gesehen; allein ähnliche Urtheile über Gar- ricken, und zwar in Rollen, wo ich die Vergleichnng anstellen konnte, haben mich sehr mißtrauisch gemacht. Ich bin nunmehr ziemlich überzeugt, daß ihn in Rollen, die er einmahl übernimmt, schlechterdings Niemand übertrifft, der nicht Garrick ist, ich meine, in dessen Seele und Körper sich kein solches System von Schauspielcrtalenten findet, als bey ihm; und einen solchen Mann hat England außer ihm noch nicht gesehen, wenigstens auf seinen Schaubühnen nicht. . Was es mit dem Urtheil jener Personen über Weston für eine Vewandpiß hat, und über O.uin gehabt haben mag, muß ich erklären; es wird sich hierbey manches von Hm. Garrick beybringen lassen, das ich sonst vergessen möchte, und außerdem wollte ich auch nicht, da ich einmahl so viel gesagt habe, daß Sie lange glaubten, es gefiele mir Weston nicht, ein Mann, der jetzt der Liebling des Volks ist, und der mich wehr Lachen gemacht hat, als alle übrige englische Schauspieler zusammen genommen. Ich sage Ihnen künftig einmahl mehr von ihm, jetzt mag zu meiner Anficht Folgendes genug seyn. Weston ist eines der drolligsten Geschöpfe, die mir je vor die Augen gekommen sind. Figur, Stimme, Anstand und Alles erweckt Lachen, ob er es gleich nie zu wollen scheint, und nie selbst lacht. Kaum erscheint er auf dem Theater, so vergißt ein großer Theil der Versammlung wohl gar ihm zu Gefallen das Stück, und steht ihn isolirt seine Künste machen. Sie sehen, vor solchen Richtern kann ein 247 solcher Mann nicht schlecht spielen. Z>ke Leute wollen nur ihn sehen. Mit Gar- rick ist es ganz anders, man will immer i» ihm den wirksame» Theil des Ganzen, „nd den rauschenden Nachahmer der Natur finde»! er könnte also seldst vor sei« nem England seine Rolle schlecht spielen, wenn er wollte, aber das könnte Westen schwerlich. Nun hat Bcn Johnson nur wenig Punkte von Abel Drug- gers Charakter gegeben, wenn ein Schauspieler durch diese seine Linie ziehen kann, so kann er ziemlich a son sise fortgehen, ohne zu fürchten, daß er übertreten werde. Eine vortreffliche Gelegenheit für Westen, seine eigene Person gut leß zu werden, zumahl in den langen -Zwischen« räumen, wo Abel Drngger stumm ist, in einer Stube, wo außer einem Paar Scemscher und Teufelöbanner, Scelete von Menschen, Krvkodille, Straußeyer und leere Recipienten stehen, worin wohl gar der Teufel selbst sitzen konnte. Mich dünkt, ich sähe ihn, wie er bey jeder heftigen Bewegung der Astrologen, oder dem geringsten Gelöse, das sich nicht gleich selbst erklärt, erstarrt, und mit parallelen Füßen da steht wie eins Mumie, und dann, wenn es vorüber ist, erst mit den Bugen zu leben und zu untersuchen anfangt, und dann den Kopf langsam dreht u. s. w. Der größte Theil der Versammlung klatscht und lacht, selbst der Kenner lächelt mit, über den närrischen Teufel; aber bey Garricks Abel Drngger — da sängt der Kenner mit dem Beyfall an. Das ist ein ganz ande, res Geschöpf, aus der Absicht des Dichters abstrahirt, durch die ausgebreiletste Kenntniß individualisirender Umstände vero — 249 — bessert, und von der obersten Gallone herab leserlich ausgedrückt. Die Gcber- densprache fehlt ihm nicht, wenn ich so rede» darf, in einer bequemen, alles ver» schlingenden Erstarrung, die am Ende doch unnatürlich läßt, sondern in jeder Minute äußert der arme Abel seinen Charakter, Aberglauben und Einfalt, mit neuen Zeichen. Ich erwähne nur eines Zugs, den Hr. Weston nicht einmahl nachmachen, geschweige erfunden haben könnte, und an den der Dichter vermuthlich auch nicht gedacht hat. Wenn die Astrologen den nunmehr großen Nahmen Abel Drug- ger aus den Sternen heraus buchstabiren, so sagt der betrogene arme Tropf mit inniger Freude: das ist mein Nahme. Garrick macht daraus eine heimliche Freude, denn sich so gerade heraus zu freuen, wäre wider den Respect. Garr rick dreht sich also von ihnen al', nnd freut sich ein Paar Augenblicke so in sich selbst hinein, daß er wirklich die rothen Ringe um die Augen kriegt, die allemahl eine große, wenigstens zum Theil gewaltsam unterdrückte Freude begleiten, und so sagt er: das ist mein Nahme, zu sich selbst. Dieses weise Heimlichlhun that eine unbeschreibliche Wirkung, denn man sah nicht bloß den einfältigen, Hintergangenen passiven Pinsel, sondern einen noch weit lächerlichern, der mir einer Art von innern: Triumph sich noch wohl gar für einen durchtriebenen Gast halt. So etwas muß man von Wcston nicht erwarten. Wo aber seine besondere Simplicität und Figur dem Stück zu Statten kommt, da thut er Wunder. So erscheint er in /ood,'§ clei,vil upon tvvo Lticks als Dr. Last, als Mawworm — 2;i — im Scheinheiligen und als Scrub im Srratagem. Ich habe ihn in allen dreyen gesehen, im letzter» mit Garricken zugleich in einigen Scenen. Das sind Scenen, mein lieber B., ich glaube, selbst ....'s abgcfrömmeltc, dem Zeitlichen längst nicht mehr reitzbare Wange faltete sich hier wohl einmahl wieder zu einem irdischen Lächeln! - Eine ähnliche Beschaffenheit hatte es vermuthlich mit QuinS Sir John Brute. Die Leute, die ihn hierin Gar- rick gleich setzten, und gar hier und da vorzogen, sngt enhinzu, Qnin wäre selbst eine Art von Sir John gewesen, und das machte, bey mir wenigstens, ihr Urtheil sehr verdächtig. Es gehört Kraft dazu, einen Schwachen auf der Bühne gut vorzustellen, und Kenntniß der feinen Well und des Werthes der guten — 2Z2 Sitten, um den versoffenen, liederlichen Sir John, wenigstens für Leute von Weit uns Geschmack, zu machen. ES gibt leider! Sir Johne in allen Standen, und da, stelle ich mir vor, machte Quin den weidmännischen Taugenichts für die Fuchsjager, Landjunker und Renommisten; Garrick hingegen den Taugenichts von Geburt und Stand für' den Hof und Leute von Geschmack. Daß dieses ein Schauspieler oft thun könne, ohne dem Dichter zu nahe zu treten, ist gewiß nicht zu leugnen. Wie sehr ist z. E. nicht das langsame, schleppende hol' mich der .,., das beym herabhangenden schweren Pfeiftnkopf im Walde gesprochen wird, von dem schnellen, fast partikel- maßigen unterschieden, das zwischen einem Paar artigen Lippen auf dem Billard oder der Parade hervorfliegt. Ueberdieß — 2ZZ — hat man aber auch starke Veränderungen mir dem Stück selbst gemacht. Noch muß ich anführen, daß so wie Gar- ricks Feinde von der einen Seite ihm den Quin an die Seite setzen, weil der wirklich ein Sir John gewesen wäre, so habe ich sie auf der andern nachtheilig auf Garricks Charakter schließen hören, weil er den Sir John Brüte so gut spielte. Das letztere habe ich sogar in einem öffentlichen Blatte gelesen. Sie sehen also, daß Garrick noch täglich seine Rebhune *) sinket. Aus dem, was ich hier angeführt habe, werden Sie leicht, ohne daß ich nöthig hätte eine Summe zu ziehen, abnehmen, was das sagen will: Westen und Quin thun es Garricken gleich. Die eine Partey , ') Anspielung auf den Charakter von Mr. Par- trtdge in Toni Zone«. schätzt den Werth des komischen Schauspielers nach der Größe des Kitzels, den er ihnen verursacht, ohne zu untersuchen, ob er es als Schauspieler durch eine vorzügliche Auszeichnung seiner Rolle, oder als isolirter Hanswurst thut, und die andere verlangt aus Mangel an Geschmack oder Wcltkenntniß allzu starke Züge, und findet bey dem so genannten allzu Natürlichen ihre Rechnung oder gar im Affektieren. Solche Leute würden oft Garrickcn schlechtweg tadeln, wenn sie es sicher thun könnten, allein sie würden zu viel für ihre» Credit wagen, da, her äußert sich ihr schlechter Geschmack und ihre Unerfahrenheit uur zuweilen darin, daß sie ihn einem schlechtem Schauspieler gleich setzen. Das gebe ich gerne zu (und wer wird es nicht zugeben?), daß taufende nicht alles sehen. waS Garrick zu sehen gibt, darin geht es ihm nickt um ein Haar besser, a!S seinen beyden nahen Geistesverwandten Shakespear und Hogarth. Um bey ihnen alles z» sehen, muß man zu der gewöhnlichen Erleuchtung noch sein eigenes Lichtchen mitbringen. Was gibt denn aber nun diesem Manne die große Ueberlegenheit? Der Ursache», mein Freund, sind sehr viele, und ein lehr großer Theil derselben liegt in der höchst glücklichen Bildung des Mannes. Allein ob ich gleich ihre Wirkung in der Summe bis znm Hinreißenden ma hiig gesnhlr habe, so wage ich es dech nicht, sie in einem jeden gegebenen Fall zu analrsiren. Es gehört mehr Kenntniß der Welt und mehr Uebung in dieser Analyse dazu, als ich babe, und eine öftere Derglcichung, als ich anstellen konnte. Indessen, da einem manches im Umgänge mit Menschen von allerley Stand, Form und Anstand unvermuthel klar werden kann (manches ist mir jetzt schon demlicher als es anfangs war), und ich den Mann in den Hanplsituationen mit Figur und Gesicht immer wie lebendig vor mir sehen kann, so könnte es seyn, daß ich künftig einmahl, wenn ich wieder bey Ihnen bin, etwas Zusammenhängenderes über ihn sagen könnte. Jetzt müssen Sie es selbst hier und da aus meinen Briefen heraus suchen. Man hat mich einmahl versichern wollen, daß hier ein Mann an einem Werke für die Schauspieler arbeite, das Regeln enthalten soll, von Garricken absnahirk, aber durch Philosophie auf Grundsätze zurückgebracht, verbunden und geläutert. Ich habe nachher nichts wieder davon gehört. — 2Z7 — Wenn es an dem ist, so gebe der Himmel, daß der Mann ein Lessing ist, aber die sind leider! hier so selten als in Deutschland. Er sollte noch jung seyn, und das macht mir bange, denn auch hier wimmelt es so gut, als in Deutschland, von jungen geniesüchtigen Originalköpfen, wie sie sich nennen, die ihr halb Ausgedachkes halb gesagt bey jeder Gelegenheit darbiethen, ihren jungen schwärmerischen Aubethcrn zum Wonnegefühl, allein dem eigentlichen Denker, dem ihr Schwall von Gölterprose nicht ein Körnchen Nahrung zuführt, zum Abscheu. Nun näher zur Sache. Hr. Garrick hat in seiner ganzen Figur, Bewegung und Anstand etwas, daS ich unter den wenigen Franzosen, die ich gesehen habe, ein Paar Mahl wenigstens zum Theil, und unter den vielen Englan- N m. dem, die mir vorgekommen sind, gar nie wieder angetroffen habe. Ich meine hier Franzosen, die wenigstens über die Mitte des Lebens hinaus sind; aus der guten Gesellschaft, das versteht sich hvohl. Wenn er sich z. E. mit einer Verbeugung gegen Jemanden wendet, so sind, nicht der Kopf allein, nicht die Schultern, nicht die Füße und Arme allein beschäftigt, sondern jedes gibt dazu einen gemäßigten Antheil in der gefälligsten und den Umständen angemessensten Verhältniß her. Wenn er, auch ohne Furcht, Hoffnung, Mißtrauen »der irgend einen Affekt hinter den Scenen hervortritt, so möchte man gleich nur ihn allein ansehen; er geht und bewegt sich unter den übrigen Schauspielern, wie der Mensch unter Marionetten. Hieraus wird nun frevlich niemand Hrn. Garricks Anstand kennen lernen, den nicht schon etwa vor- her das Betragen eines solchen wohlerzo- ^ genen Franzosen aufmerksam gemacht hat, in dem Fall wäre dieser Wink die beste Beschreibung. Folgendes wird die Sache vielleicht klarer machen. Seine Statur ist eher zu den kleinen als den mittlern zu rechnen, und sein Körper untersetzt. Seine Glievmaßcn haben das gefälligste Ebenmaß, und der ganze Mann ist auf die niedlichste Weise beysammen. Es ist an ihm kein dem geübtesten Auge sichtbares Gebrechen , weder in den Theilen, noch in der Ausammensitzung, noch In der Bewegung. In der letztem bemerkt man mit Entzücken immer den reichen Vorrath an Kraft, der, wenn er gut gezeigt wird, wie Sie wisstn, mehr gefällt als Aufwand. Es schleudert und schleift und schleppt nichts an ihm, und da, wo andere Schauspieler in der Bewegung der Arme und N s 26s Beine sich noch einen Spielraum von sechs und mehr Zollen zu beyden Seiten des Schönen erlauben, da trifft er es, mit bewundernswürdiger Sicherheit und Festigkeit/ auf ein Haar. Seine Art zu gehen, die Achseln zu zucken, die Arme einzustecken, den Hut zu setzen, bald in die Augen zu drücken, bald seitwärts aus der Stirne zu stoßen, alles mit der leichten Bewegung der Glieder, als wäre jedes seine rechte Hand, ist daher eine Erquik- kung anzusehen. Man fühlt sich selbst leicht und wohl, wenn man die Stärke und Sicherheit in seinen Bewegungen sieht, und wie allgegenwärtig er in den Muskeln feines Körpers scheint. Wenn ich mich selbst recht verstehe, so trägt sein untersetzter Körper nicht wenig dazu bey. Von dem starken Schenkel herab verdünnt sich das richtig geformte Bein immer mehr. 26l und schließt sich endlich in dem nettesten Fuß, den sie sich denken können, und eben so verdünnt sich der starke Arm nach der kleinen Hand zu. Was das sür eine Wirkung thun muß, können Sie sich leicht vorstellen. Allein diese Starke ist nicht bloß scheinbar. Er ist wirklich stark und äußerst geübt und stink. In der Scene im Alchymisten, wo er sich bort, läuft er und hüpft er von einem dieser netten Beine auf das andere mit bewundernswürdiger Leichtigkeit, daß man glaubt, er schwebe; auch in dem Tanz in muck s6o sbout notkwA unterscheidet er sich vor andern durch die Leichtigkeit seiner Sprünge; als ich ihn in diesem Tanz sah, war das Volk so zufrieden damit, daß es die Unverschämtheit hatte, seinem Noscius encors zuzurufen. In seinem Gesichte sieht jedermann, ohne viel physiogno- misches Rafincmcnt, den glücklichen schönen Geist auf der heitern Stirne, und den wachsamen Bedachter und witzigen Kopf in dem schnellen, funkelnden und oft schalkhaften Auge. Seine Mienen sind bis zur Mittheilung deutlich und lebhaft. Man sieht ernsthaft mit ihm aus, man runzelt die Stirne mit ihm, und lächelt mir ihm; in seiner heimlichen Freude, und in der Freundlichkeit, wenn er in einem Beyseite den Zuhörer zu seinem Vertrauten zu machen scheint, ist etwas so Zuihunlichcs, daß man dem entzückenden Manne mit ganzer Seele entgegen fliegt. Von seiner Gabe, das Gesicht zu verändern , haben Sie vermuthlich, so wie ich, in Deutschland schon gehört. Der Enthusiasmus seiner Landsleure und der Reisenden hat wohl etwas hier zugesetzt, aber ich glaube doch, daß mehr als die Hälfte wahr ist, und das heiß' ich für den Enthusiasmus gut vbservirt. Hr. G. hat es allerdings hierin zum Erstaune» weit gebracht. Ich werde unter der Hand hiervon Beyspiele geben, wenn ich ihn in besondern Rollen beschreibe; hier erwähne ich nur, daß mich z. E. im Sir John Brute, wo ich ihn ganz in der Nähe beobachtete, sein Mund aufmerksam machte, so bald er auf die Bühne trat. Er hatte nähmlich die beyden Winkel desselben etwas herabgezogen, wodurch er sich ein äußerst liederliches und versoffenes Ansehen gab. Diese Figur des Mundes behielt er bis aus Ende bey, nur mit dem Unterschiede, daß sich der Mund etwas mehr öffnete, so wie sein Rausch anwuchs; diese Figur muß sich also, in dem Manne, so mit der Idee eines Sir Johns Brut's assvciirt haben, daß sie sich ohne Vorsatz gibt. — 264 — sonst, sollte man denken, müßte er sie einmahl in dem Lärm vergessen, dessen er fürwahr in diesem Stück nicht wenig macht. Nun bedenken Sie weiter: seitdem dieser vortrefflich gebildete und dabey mit allen Geistesgaben eines großen Schauspielers von der Natur ausgerüstete Mann, in seinem vier und zwanzigsten Jahre, als Ercandidatus Juris, auf einmahl auf dem Theater in Govdmansfields erschien, und gleich bey seiner ersten Erscheinung alle Schauspieler seiner Zeit zurückließ, ward er der Abgott der Nation, die Würze der guten Gesellschaft und der Liebling der Großen. Fast alle die neuer» englischen Schriftsteller, die man bey uns so sehr liest, nachahmt und nachäfft, waren seine Freunde. Er half sie bilden, so wie sie ihn wiederum bilden halfen. Der Mensch i — 26; — lag seinem beobachtenden Geiste offen, von dem ausgebildeten und ausgekünstelten in den Sälen von S. James's an, bis zu den Wilden in den Garküchen von S. Giles's. Er besuchte die Schule, in welche Sha- kcspear ging, wo er ebenfalls, wie jener, nicht auf Offenbarungen paßte, sondern studierte, (denn in England thut das Genie nicht alles, wie in Deutschland) London meine ich, wo ein Mann mit solchem Talent zur Beobachtung seinen Erfahrungssätzen in einem Jahre leicht eine Nichtigkeit geben kann, wozu kaum in einem Städtchen, wo alles einerley hofft und fürchtet, einerley bewundert und einerley erzählt, und wo sich alles reimt, ein ganzes Leben hinreichend wäre. Ich wundere mich daher gar nicht, wenn sich dort zuweilen ein Mann bildet, dessen Werke hernach Leute an andern Orten und von minderer Erfahrung zum Maßstab ihres Wachsthum- in der Kenntniß des Menschen gebrauche» können, ich meine, in denen man immer mehr findet, je mehr man selbst zur Lesung mitzubringen hat, sondern ich mim-rune mich, daß London nicht mehrere bildet, ich meine nicht mehrere Garricke oder Hoqarthe oder Fieldinge, sondern Leute, die zwar etwas anderes waren, aber es so würden, wie jene- Kenntniß der Welt gibt dem Schriftsteller in jeder Klasse Ueber- legenbeir. Sie gibt, wo nicht in allen Fällen seinem Was, doch immer seinem Wie eine Stärke, gegen die der große nachahmende Zauberer nicht aufkommt, so sehr auch Er, oder sein Club oder sein Städtchen das Gegentheil glauben mag, und unter drn Umständen glauben muß. Wenn man daher die Welt selbst etwas kennt, so wird man leicht gewahr, daß Garrick auf der Bühne von Kenntnissen Gebrauch macht, die man, dort gezeigt, fast weggeworfen nennen mochte, vermuth? lich aber nur so lauge, als man ihrer selbst noch nicht viele wegzuwerfen hat. Denn es mag damahls, als ich nach Gar? kicken hinsah, noch manches Paar Augen nach ihm gesehen haben, das mehr in ihm erblickte als ich, oder wohl gar nicht einmahl alles fand, was es suchte. Stellte G. z. E. den wollüstigen Fresser vor, und wollte mit den Fingern untersuchen, ob sein Capaun oder fein Phasan zur völligen Reise am Spieß gediehen sey, so wollte ich wohl wetten, er sondirte ihn auch mit dem vierten Finger der linken Hand. I» allen übrigen wäre dazu zu viel Stärke und zu wenig Gefühl. Man muß aber dergleichen Dinge selbst finden; wenn man sie andern beschreiben will, so läuft man — s6z — oft gerade alsdann, wenn man sich am weisesten dünkt, Gefahr, lächerlich zu werden. Außer den einem guten Schauspieler mehr wesentlichen Eigenschaften besitzt der Mann noch eine Menge anderer, womit man in allen Standen des Lebens sein Glück macht und die Menschen hinführen kann, wo man sie hin haben will. Dahin rechne ich seine Gabe, einzelnen Menschen so wohl, als dem Publicum seine Schwachheiten sehr geschwind abzumerken. Dieses setzt ihn in den Stand, in einem Nothfall dem natürlichen Schönen noch den Zusatz von konventionellem zu geben, ohne welches es in dem Jahr, ja ich möchte fast sagen, an dem Tage den Eindruck nicht gemacht haben würde, den es macht. Ich habe selbst bemerkt, daß, wenn ihm z- E. bey einem neuen Vers«- che der laute Beyfall, oder die gewohnte Todesstille der Versammlung ausbleibt, so weiß er es sicherlich noch vor dem Schlüsse der Handlung so zu wenden, daß sie erfolgen müssen. Nun, mein lieber B., wenn Sie sich anders aus dem, was ich gesagt habe, schon einen Garrick haben bilden können, so folgen Sie mir jetzt mit ihm in einige Scenen. Ich will heute, weil ich eben dazu aufgelegt bin, die aus dem Hamlet nehmen, wo ihm der Geist erscheint. Sie kennen ihn schon in diesen Scenen aus Meister Rebhuns vortrefflicher Beschreibung im Fündling. Die meinige soll jene nicht enibehrlich machen, sondern nur erklären: Hamlet erscheint in einem schwarzen Kleide, dem einzigen, das leider! noch am ganzen Hofe für seinen armen Vater, der kaum ein Paar Monathe todt ist, getragen wird. Horazio und Marcellns find bey ihm und haben Uniform; Sie erwarten den Geist; die Arme hat Hamlet hoch untergesteckt, und den Hut in die Augen gedrückt; es ist eine kalte Nacht, und eben zwölfe; das Theater ist verdunkelt und die ganze Versammlung von einigen Tausenden wird so stille, und alle Gesichter so unbeweglich, als wären sie an die Wände des Schauplatzes gemahlt; man könnte am entferntesten Ende des Theaters eine Nadel fallen hören. Auf einmahl, da Hamlet eben ziemlich tief im Theater, etwas zur Linken, geht, und den Rücken nach der Versammlung kehrt, fährt Horazio zusammen: Sehe» Sie, Mylord, dort kommtö, sagt er, und deutet nach der Rechten, wo der Geist schon unbeweglich hingepflanzt sieht. ehe man ihn einmahl gewahr wird. Gar- rick, auf diese Worre, wirft sich plötzlich herum und stürzt in demselben Augenblicke zwey bis drey Schritte mit zusammenbrechenden Knien zurück, sein Hut fallt auf die Erde, die beyden Arme, hauptsächlich der linke, sind fast ausgestreckt, die Hand so hoch als der Kopf, der rechte Arm ist mehr gebogen und die Hand niedriger, die Finger stehen aus einander, und der Mund offen, so bleibt er in einem großen aber anständigen Schritt, wie erstarrt, stehen, unterstützt von seinen Freunde», die mit der Erscheinung bekannter sind, und fluchteten, er würde niederfallen; in seiner Miene ist das Entsetzen so ausgedrückt, daß mich, noch ehe er zu sprechen anfing, ein wie- derhvhltes Grausen anwandelte. Die fast fürchterliche Stille der Versammlung, die 2?2 vor diesem Auftritt vorherging, und machte, daß man sich kaum sicher glaubte, trug vermuthlich nicht wenig dazu bey. So spricht er endlich, nicht mir dem Anfange, sondern mit dem Ende eines Athemzugs und bebender Summe: Engels gnä minitiers ok groce riefend us! Worte, die alles vollenden, was dieser Scene noch fehlen könnte, sie zu einer der größten und schrecklichsten zu machen, deren vielleicht der Schauplatz fähig ist. Der Geist winkt ihm, da sollten Sie ihn sich von seinen Freunden, die ihn warnen nicht zu folgen und fest halten, los arbeiten sehen, immer mit den Augen auf den Geist, ob er gleich mit seinen Gefährten spricht. Aber endlick, da sie es ihm zu lange machen, wendet er auch sein Gesicht nach ihnen, reißt sich mit großer Heftigkeit los, und zieht mit einer Geschwindigkeit, die einen schaudern macht, den Degen gegen sie: Kesven I'II mske a Zkoü ok Kim» tkst lets me, sagt er. Das ist genug für sie; alsdann legt er den Degen gegen das Gespenst aus: on I'll kollovv tkee: so geht der Geist ab» Hamlet steht noch immer still, mit vorgehaltenem Degen, um mehr Entfernung zu gewinnen, endlich da der Zuschauer den Geist nicht mehr sieht, fängt er an ihm langsam zu folgen, steht zuweilen still und geht dann weiter, immer mit ausgelegtem Degen, die Auge» starr nach dem Geist, mit verwirrtem Haar und noch außer Athem, bis er sich ebenfalls hinter den Scenen verliert« Mit was für einem lauten Beyfall dieser Abzug begleitet wird, können Sie sich leicht denken. Er fängt an, so bald der S in. Geist fort ist, und dauert bis Hamlet ebenfalls verschwindet. Was das für ein Triumph ist! Man sollte denken, ein solcher Beyfall auf einem der erste» Schau- platze der Welt und vielleicht von dem gefühlvollsten Pnblicum der Welt, müßte jeden Funken von Schauspielergenie in einem Zuschauer zu Flammen fachen. Allein da sieht man's, so handeln, wie Garrick, und so schreiben wie Shakespear, sind Wirkungen von Ursachen, die sehr tief liegen. Sie werden freylich nachgeahmt, nicht sie, sollte man sagen, sondern das Phantom, das sich der Nachahmer nach Maßgabe seiner eigenen Kräfte von ihnen schafft. Dieses erreicht er oft, übertrifft es wohl gar, und bleibt dessen ungeachtet weit unter dem wahren Original. Der Weißbinder hält sein Werk für so vollkommen als der Mahler das seinige, oder wohl gar für vollkommner. Nicht jeder Schauspieler, der die flachen Hände von ein Paar hundert Menschen allezeit zu commandiren weiß, ist deßwegen ein Garrick, und nicht jeder Schriftsteller, der ein Paar so genannte Heimlichkeiten der menschlichen Natur, in einer altvaterische» Prose, und mit Prunkschnitzern gegen Sprache und gute Sitten auszuplaudern gelernt hat, ist deßwegen ein Shakespear. Der Geist wurde von Hrn. Branöby vorgestellt. Er erschien allemahl sehr gut, ganz über und über in einem Harnisch, den man durch einen Anzug von stahlblauem Atlas ausdrückt; selbst von dem Gesicht sieht man nichts als die bleiche Nase und etwas Weniges zu beyden Seiten derselben, S - — 276 — Dieses mag für heute von Hrn. Gar- kick genug seyn, aber schließen kann ich unmöglich, ohne einmahl »ach den Schauspielern meines Vaterlandes zurück zu sehen. Einige meiner Freunde in Deutschland haben befürchtet, ich möchte mich durch mein häufiges Besuchen der englischen Schauplatze so verwöhnen, daß ich an den deutschen künftig keinen Geschmack mehr finden könnte. Dem Himmel sey Dank! einen solchen Baderstolz hat mir Mein Bischen Reisen noch nicht beygebracht, und der müßte es seyn, oder noch etwas schlechteres, wenn ich bey meiner jetzigen Ueberzeugung die Verdienste unserer Schauspieler verkennen wollte. Gerade umgekehrt, ich werde künftig die bra^ ven Leute noch weit mehr bewundern, als ehemahls, da sie es in den Umstanden, in welchen sie sich gemeiniglich bey uns be- finden, so fehl weit gebracht haben, wie ich jctzo besser, als ehemahls, einsehe. Unter denen, die ich in Göltingen, Hannover und Hambnrg gesehen habe (die andern Schauplatze kenne ich nicht), könnten nicht allein viele in Drurylane mitspielen, sondern einige würden sogar Aufsehen machen. Ein so allgemeiner Schauspieler, als z.E. Hr. Eckhof, ist, wenn ich Hr». Garrich ausnehme, auf dem englischen Theater jctzr schlechterdings nicht, ob es gleich noch viele gibt, die es i» besondern Rollen sehr weit wo nicht zur Vollkommenheit gebracht haben. I.E.jn Drurylane, King, Smith, Dodd, Parsons, Palmep und hauptsächlich der drollige Weston; alsdann in Coventgardcn, Barry, Lewis (der zu einem guten allgemeinen Schauspieler Hoffnung gibt), Lee, Macklin, S h u- ter und Woodward. Allein gleich Hr. Smith in Drurylane, ein ziemlich beliebter Schauspieler und schöner Mann, der auch zu Anfang des Winters, eheGarrick sich sehen laßt, und gegen das Ende, wenn er wieder verschwindet, dessen Rollen, Hamlet, Richard III u. s. w. mit vielem Beyfall spielt, ist weit unter Hrn> Eckhof» Die Ursache ist, er hat seine Kunst auch nicht an der Quelle gehöhlt, er ist der Kenner des Menschen nicht, der Hr. Eck« Hof seyn muß. Dieses wird aus folgender Anccdote erhellen, die mir ein glaubwürdiger Mann erzählt hat. Vor mehreren Jahren, da freylich Hr. Smith der Mann »och nicht war, der er jetzo ist, erschrak er zwar als Hamlet in der oben beschriebenen Scene, zog aber zugleich aus Respect gegen den Geist seines gnädigsten Hrn. Vaters den Hut mit einer liefen Verbeugung ab. Sehen Sie, so gehts — 279 — den Leute» zuweilen unversehens, die glauben, sie könnten mit Nachahmen auskommen. So etwas hätte Hr. Eckhof in seinem zwölften Jahre nicht gethan nnd nicht thun können. Aber dafür kriegte auch Hr. Smith damahls den Namen Uonüeur Uamlet ab, den man ihm nun wieder vergessen hat. Den Tod der jünger» Mamsell Ackermann habe ich in einem englischen Blatte vor einigen Monathen nicht ohne die größte Bewegung gelesen. Ist das nicht traurig, mein lieber B.? Ich mag es nicht über mich nehmen, zu untersuchen, welcher englischen Schauspielerinn sie härte gleich werden können: jetzt wäre es ein trauriges Geschäft, und allemahl würde es ein schweres gewesen sevu. Von ihrem Alter ist keine da, die das wäre, was sie war, und die zwey oder drey der äl- - 2Z2 - teren, die sie jetzt übertreffen, hatte sie unter gleichen Umständen vielleicht in ihrem acht und zwanzigste» Jahre alle übertreffen. Sie Hai uns indessen gezeigt, was wir in Deutschland mit unsern Treibhaus- chen ausrichten können. Wie wenn nun unsere Pflanzen erst gar die Sonne hatten, die sie in England haben, wo sie noch außerdem vor dem Strahl sicher sind, für den bis jetzt in Deutschland noch kein Fränklin einen Ableiter gefunden hat, obgleich manche Stadt und manches Sadt- chen seinen Richmann zahlt, der für den Vorwitz, mit ihm spielen zu wollen, mit seinem Verderben hat büßen müssen. Ich bin u. s. w. Zweyter Brief. London, den iO. October 177z Ohne eine Antwort von Ihnen, mein werthester B., auf meinen letzten Brief, und den Leitfaden von Fragen abzuwarten, durch den ich den Weg zu Ihrer Befriedigung geschwinder finden konnte, schreibe ich Fhnen schon wieder. Ich habe jetzt gerade Zeit und Muth darnach herum zu suchen, und beyde mochten mir fehlen, wenn Sie mir den Leitfaden zuwerfen. Lassen Sie also sehen, ob ich sie nicht ohne ihn finden kann.- Ich habe zuweilen, wenn ich Hin. Garrick mit so vieler Kraft da stehen sah, wenn ich so reden darf, gedacht, ob nicht mancher Schauspieler, der nicht so gut von der Natur ausgebildet ist, als er, dieses durch Kunst einigermaßen er- 282 setzen könnte. Ich möchte wohl wissen, ob um» sich auf den Theatern ausstopft, um sich zu verschönern, meine ich, so wie man sich bemahlt. Thut man es, woran ich kaum zweifeln sollte, so ist wohl so viel gewiß, man versteht sich nicht überall darauf. Das Knochenge- böiide manches deutschen Schauspielers ist nicht so schlecht, als der Ueberzng der Muskeln und des Fettes, an denen Zeit und Krankheit, und i» den parisischen Provinzen unsers Vaterlandes, auch noch Hunger und Kummer unaufhörlich nagen. Die erquickende Sicherheit und Festigkeit in der Bewegung, den Vorrath von Kraft, kann ja die Versammlung nicht suhlen, hören will sie sie nicht, also muß sie sie sehen; und die sehe man ein» mahl in einem Paar spitzen Schultern, cp- lindrischcn Schenkeln oder leeren Aermeln, oder lattenförmigen Beinen. Ich bin überzeugt, daß °es oft eine Kleinigkeit in der Form des Arms ist, was einem Por- tebras ein lahmes Ansehen gibt. Eine Säule, deren Würfel nur um ^ höher wäre als breit, sieht einem geübten Auge gleich aus, als könnte sie das Gebäude nicht mehr tragen. Und was ist die Schönheit einer Säule gegen die vom menschlichen Körper, wovon das Auge der geborne und durch hundertfaches Interesse wachsam erhaltene Richter ist? Bey den Portcbras fallt mir Mrs. Vatcs ein, die erste Schauspielerinn im hohen Tragischen auf Garricks Schauplatz. Diese Frau ist nicht mehr jung, über dieß von der Art der hagern, und hat vermuthlich nicht die besten Arme. Auch habe ich ihre Arme nie entblößt gesehen, ja nicht einmahl im bloßen Handschuh. — S84 — Jedesmahl, auch in solchen Charakter», wo sich ein schöner Arm schwerlich ver, steckt halle, lief der völlige, aber nicht leer scheinende Aermel, sich von der Schütter an allmählich verengend, bis an die Hand herab, an die er nah und enge anschloß. Die Einförmigkeit, die ein solcher Anzug dem Arm hatte geben können, zu vermeiden, hatte sie etlichemal»! eine von der Farbe des Kleides stark abstechende Frisur darum gewunden. Die angenehme konische Form des Aermels, die jedem Zuschauer nicht bloß Freyheit ließ, sondern Anlaß gab> sich den schönsten Arm darunter zu denken, gab ihm auch sichtbare Stärke. Auch wußte sie den Arm so mächtig zu führen, daß man von dieser Frau allein eine Chiro- nomie abstrahiern könnte, Die Schauspieler sollten hierin nicht nachlässig seyn. Und sich diesen Anschein von Geschicklich- keit nicht versagen, so lang die wirkliche fehlt; denn obgleich die Zuschauer sich nicht alle deutlich sagen können, wo der Fehler liegt, so fühlen sie doch, daß er irgendwo liegen muß, an dem geschwächten Eindruck, den die Handlung auf sie macht, desto gewisser, je weniger sie noch zur Zeit hierüber aus Büchern zu plaudern gelernt haben. Die unbeschreiblich gefällige Leichtigkeit, Stärke und Sicherheit in der Bewegung, (dieses sind noch immer die besten Wörter, die ich dafür finden kann,) wodurch sich Hr. Garrick so sehr auszeichnet, möchten wohl nicht so leicht zu erhallen seyn, ob ich gleich nicht läug- nen will, daß die richtige Form seiner Glieder etwas dazu beyträgt. Ich fürchte, es ist vieljahrige Zeit und Schweiß kostende — 286 — Uebung des Leibes, die sich endlich zn dieser Ungezwungenheit aufgeklärt hat, und die, durch beständige Beobachtung schöner, von Personen beiderley Geschlechts bewunderter und beneideter Männer verherrlicht, jetzt bey ihm aussieht, alS hätt' er sie umsonst. So wie etwa die Leichtigkeit mit Kraft im Styl der Oligographcn des Alterthums nicht so wohl die Frucht eines Schlaraffenklima's, als vielmehr die Folge durch tiefes Studium erworbener deutlicher Begriffe, und der Geist aus ganzen Bänden vom Erer- ciliis seyn mag, die sie verbrannt haben. Hierzu kommt nunmehr bey diesem Manne das sccleustärkende Gefühl seiner Ueberlegeuhcit. Er hat nichts zu fürchten. Das ganze Pnblicum sieht aufwärts nach ihm, und die wenigen, die über ihn seyn mögen, sind gewiß von der Classe derer, bis stille schweigen. Was Wunder, wen» diese Begeisterung zuweilen ein Licht um ihn verbreitet, das alle übrige Schauspieler verdunkelt? In allem was er thut, oder sagt, ist daher nicht die flüchtigste Spur eines ängstlichen Bestrebens zu gefallen, wodurch so mancher Schauspieler mißfallt. Weiler; wenn er den Hofmann macht, so tritt in ihm kein armer Teufel auf, sondern es ist der Man» von Welt selbst, den man steht; der Mann, der diesen Abend au dem papiernen Hof in Drurylane und morgen Vormittag an dem gvldnen in St. James's glänzt. Wie viel Hofleute, und was sage ich Hvfleute? Wie viel Hamlete mögen denn überhaupt wohl in der Welt seyn, die das sind, was der Mann zwischen seine» vier Wanden ist? Dieses waren wieder ei» Paar Pinselstriche — 288 — au seinem Porträt als Garrick. Nun noch ein Paar an Hamlet. In dem vortrefflichen Monolog: O that tkis too, too loliä üesb xvoulll weit etc. bringt er, um mich astronomischer Kunstwörter zu bedienen, wieder eine Menge von den kleinen Gleichungen an, womit er die Handlung eines mittleren Menschen zur Wahrheit und Bestimmtheit deS Individuums verbessert. Die Thränen des gerechtesten Schmerzes für einen tugend« haften Vater, um den eine leichtsinnige Mutter, nicht allein keine Trauer, sondern kein Leid mehr tragt, zu einer Zeit, da die Schmarotzer noch schwarz tragen sollten, die unaufhaltsamsten unter allen Thränen, vielleicht, da sie bey einem solchen Kampf von Pflicht mir Pflicht die einzige Erleichterung sind, die sich ein rechtschaffenes Herz verschaffen kann, über- — 289 — wältigen Garrickcn völlig. Von den Worten: 80 excellent 3 geht das letzte ganz verloren; man sieht es nur an der Bewegung des Mundes, der sich gleich darauf fest und zitternd schließt, um den allzu deutlichen Ausdruck des Schmerzes durch die Lippen, der sich ins unmännliche ziehen könnte, zu hemmen. Diese Art Thränen fallen z» lassen, di? mit der ganzen Last des innern Schmerzes auch zugleich die männliche Seele zeigt, die unter ihr leidet, theilt sich unaufhaltsam mit. Ist man aber erst einmahl Shakespearn m der Reihe, so wird jedes Wort ein Schlag, wenn es Garrick spricht. Am Ende des Monologs mischt sich gerechter Unwille mit seinem Schmerz, und einmahl, da sein Arm heftig, wie mit einem Streich, herunter fällt, um einem Wort im Unwillen Nachdruck zu geben, bleibt dieses m. — 290 — Wort, unerwartet für die Zuhörer, von Thränen aufgehalten aus, und kömmt erst nach einigen Augenblicken mit den Thränen zugleich nach. Ich und wein Nachbar, mit dem ich noch kein Worr gesprochen hatte, sahen unö hier einander an, und sagten etwas. Es war »»widerstt blich. Der berühmte Monolog: 1"o be or not to b« etc. macht natürlich den großen Eindruck auf den Zuhörer nicht, und kann ihn nicht machen. Er thut aber doch ungleich mehr, als man von einem Rasonncment über Selbstmord und Tod in einem Trauerspiel erwarten sollte, deßwegen, weil ihn nicht allein ein großer Theil der Versammlung wie ein Vater Unser auswendig weiß, sondern auch, möchte ich sagen, jedeunann wie ei» Va- 1 ?r Unser sprechen hört, zwar freylich nicht mit den großen begleitenden Ideen unsers geheiligten Gebeths, aber doch mit einem Gefühl von Feyerlichkeit und Würde, wovon sich jemanden, der England nicht kennt, kein Begriff geben läßt. Shaks« spear ist auf dieser Insel nicht berühmt, sondern heilig; man hört seine Sittensprü- che überall; ich selbst habe sie am 7. Februar, an einem wichtigen Tage, im Parlement gehört. So - verwachst sein Nahme mit den ehrwürdigsten Ideen; man singt aus ihm und von ihm, und daher lernt ihn ein großer Theil der englischen Jugend eher kennen als das ABC und den Pontius Pilatus. Hamlet, der, wie ich schon erinnert habe, in Trauer ist, erscheint hier, weil er schon angefangen hat, den Verrückten zu spielen, mir dickem, losem Haar, davon ein Theil über die Eine Schulter hervor« hängt; einer von den schwarzen Strümpfen T 2 ist herunter gefallen, und laßt den weiße» Untcrstrumpf sehen, auch eine Schlinge des rothen Kniebandes bangt über die Mitte der Wade herab. So tritt er langsam und in tiefer Betrachtung hinter den Scenen hervor; das Kinn unterstützt er mit der rechten Hand, und den Elbogen des rechten Arms mit der linken, und sieht mit großer Würde seitwärts auf die Erde nieder. Hierauf, indem er den rechten Arm von dem Kinn wegbringt, aber, wo ich mich recht erinnere, ihn noch durch den linken unterstützt hält, spricht er die Worte 1o be or not to bs etc. leise, aber wegen der großen Stille (und nicht aus einer besondern Gabe des Mannes, wie sogar in einigen Schriften steht) überall vernehmlich. Eine kleine Sprachanmerknng muß ich hier machen. In der vierten Zeile diese» Monologs schlagen doch einige vor, axsink gsssilmA trüubleg anstatt aZsinck s fea ok troubies zu lesen, weil man gegen ein Meer die Waffen nicht ergreifen könne. Herr Garrick sagt dessen ungeachtet sgsink a kea of troubles. Ich gebe Ihnen hier bloß Garricks Stimme; was er für Autoritäten für sich hat, untersuche ich nicht. M-r würde es hier schwer werden, und Sie können das auf der göttingifchen Bibliothek in einem Wink ausmachen. Eben so mit Anständigkeit verwirrt ist auch zuletzt, da die Vernunft von ihr gewichen ist, der Anzug der Ophelia. Sie ward von Mrs. Smith, einer jungen Frau, die sich für diese Rolle vortrefflich schickt, (ob sie gleich für viele andere, die sie spielt, nicht Leben genug hat) einer guten Sängerinn, vorgestellt. Ihr langes flachftnes Haar hing zum Theil den — 294 —, Rücken herab und zum Theil über die Schulter hervor; in der Linken hielt sie einen Büschel unverworrenes Stroh, und ihr ganzes Thun in ihrem Wahnsinn war sanft, so wie die Leidenschaft, die dir Ursache davon war. Die Lieder, die sie vortrefflich sang, hatten etwas so klagendes, sanftes und melancholisches, daß ich sie «och lange nachher in der Nacht, wenn ich allein war, zu hören glaubte. Ueber- haupr ist diese ganze Scene bis zum Schmerz rührend, und laßt eine Wunde in der Seele zurück, die Shakespear so ganz forkschmerzen laßt, daß man wünschen möchte, man hatte die arme, unglückliche Ophelia nicht gesehen. Ware doch Voltaire hier gewesen und hätte Mrs. Smith über den Shakespear commentiren hören! Ich traue es fast dem ungewöhnlichen Manne zu, daß er bereut haben würde, was er wider diese Scenen gesagt hat. Das weiß ich, bäite ich je so was geschrieben, mit vvltairiichem Witz und Einfluß auf die Schwachen versteht sich, und hatte nachher gesehen, was ich gesehen habe, fürwahr, ich hätte Sbakespears Geist in den Zeitungen um Vergebung gebethen. Aber Einen Sieg bat doch Voltaire in Drurylane erhalten. Die Todten- gräberscene bleibt weg. In Coventgarden behält man sie noch bey. Das hätte Gar- rick nicht thun müssen. Ein so altes, herrliches Stück mir aller seiner charakteristischen, rohen Stärke aufgeführt, hätte doch, in dieser süßen Zeit, wo auch hier die Sprache der Narur konventionell schönem Gewäsch zu weichen ansängt, den Fall zuweilen wieder einmahl gebrochen, wenn es ihn auch nicht hätte aushalten können. — 296 — Einige der schönsten Scenen muß ich übergehen, unter andern die, wo er die Schauspieler unterrichtet, und dann die, in welcher er seiner Mutter die Verglci- chung zwischen seinem Onkel und seinem Vater ins Herz donnert, und der Geist darüber erscheint; ein Schlag auf den andern, ehe man sich noch erhvhlt hat. — Er führt ins Unendliche. Ich beschließe also'hier das Trauerspiel und gebe Ihnen nur noch eine kurze Farce. Sir John Brüte ist nicht bloß ein liederlicher Hund, sondern Garrick macht auch einen alten Gecken aus ihm. Das letztere ist gleich im Anzug sichtbar. Auf eine Perücke, die noch so ziemlich zu seinen Jahren paßt, hat er ein kleines bor- dirtes Modehütchen, so leichtfertig hingeworfen, daß es schlechterdings nichts von der Stirne bedeckt, was nicht schon von der Perücke bedeckt wäre. In seiner Hand halt er einen von den eichenen Hakenstöcken, mit denen sich die jungen Pol- trons im Park des Morgens (so heißt hier die Zeit von iv bis z Uhr) das Ansehen von verteufelten Kerlen geben. Es ist eigentlich ein Prügel, an dem nur dünne Spuren von Kunst und Cultur zu sehen sind, gerade so wie gemeiniglich auch an dem menschlichen Bengel, der ihn tragt. Diesen Stock braucht Sir John, seine Worte mit. Gcpoltcr zu unterstützen, zumahl wenn nur Frauenzimmer gegenwärtig sind, oder auch einmahl in der Hitze hinzuschlagen, wo niemand sieht, der es übel auslegen könnte. — — Auf allen Schauplätzen gibt es fast immer irgend einen oder den andern Schauspieler, der den Betrunkenen mehr als erträglich macht. Die Ursache ist — 293 — leicht zu finden. Es fehlt nirgends an Gelegenheit zur Beobachtung, und, was wohl der Hauptgrund seyn mag, dergleichen Rollen haben ihrer Natur nach, weder enge, noch sehr scharf abgeschnittene Gränzen. Dessen ungeachtet spiel! Hr. Garnck den betrunkenen Sir John so, daß ich gewiß den außerordentlichen Mann in ihm erkannt haben wüide, auch wenn ich nie etwas von ihm gehört, und ihn selbst in diesem Stück nur in Einer Scene gesehen hätte. Dom Anfange sitzt die Perücke noch gerade, und man sieht daS Gesicht voll und rund. Nun kommt er äußerst betrunken nach Hans, da sieht es aus wie der Mond ein Paar Tage vor dem letzten Viertel; fast die Halste ist von der Perücke bedeckt; der Theil, den man noch sieht, ist zwar etwas blutig und glänzt von Schweiß, ist aber dafür äußerst freundlich, so daß er den Verlust des andern wieder ersetzt. Die Weste ist von oben bis unten offen, die Strumpfe voller Falten, und die beyden Strumpfbänder hangen herab, und zwar — sehr mystisch — zwcyerlcy Strumpfbänder; es ist nur ein Wunder, daß er nicht gar Schuhe von beyderley Geschlecht erwischt hat. In diesem betrübten Zustand kommt er zur Frau in die Stube, und auf ihr ängstliches Befragen, was ihm fehle (und sie hat Ursache so zu fragen), antwortet er mit gesammelten Kräften: Frau, gesund wie ein Fisch im Wasser, und doch regt er sich nicht vom Thürpfosten weg, an dem er fest sitzt, als wenn er sich den Rücken reiben wollte. Dann wird er grob und thut auf einmahl wieder so weinklug und so freundlich, daß die ganze Versammlung in einen Aufruhr von Beyfall ausbricht. In der Scene, wo er einschläft, hat er mich In Erstaunen gesetzt. Die Art, wie er bey geschlossenen Augen, schwimmendem Kopf, und blaß mit der Frau zankt, und mit r und l einen Mittellant zusammengeschmolzen, bald schimpft und bald eine Sittenlehre zu lallen scheint, wovon er das scheußlichste Wi- derspiel ist; wie er die Lippen bewegt, daß man nicht weiß, ob er kaut, oder schmeckt, oder spricht, das alles war so weit über meine Erwartung, als irgend etwas, was ich von diesem Manne gesehen habe. Sie sollten ihn nur das Wort xraero^stive anssprechen hören; er kommt ohne zwey, drey Versuche niemahls auf die dritte Sylbe. Vanbrugh hat dieses herrlich gebraucht. Es ist das rechte Losungswort zu Schlagen in den politischen Biergesellschaften von England, wo man sich um den Begriff nichts bekümmert, und kann sehr gefährlich werden, wenn die Mitglieder so weit sind, daß sie es nicht mehr auslprechen können. So schön aber auch dieses Stück gespielt wird, denn Lady Brute wird von Miß Voung und Lady Fancvful von der berühmten Mrs. Abingtou vorgestellt: so wäre es, dünkt mich, doch besser, es nie auf das Theater zu bringen. Mau hak zwar die schändliche Scene, wo sich Sir John Bruce in einen Geistlichen verkleidet, und so mit der Schaarwache balgt, dahin abgeändert, daß er diese großen Thaten nur im Neif- rock, Saloppe und Kopfzeug verrichtet, wogegen man nichts mehr einzuwenden hat, allein dessen ungeachtet sind hier und da noch abscheuliche Sachen, beleidigend für Ohren und Augen. Ich habe schon neulich gesagt, daß Garrick die Gabe, alles zu invividualisi- ren, in einem so sehr hohen Grade besitzt, daß dieses nicht wenig zu seiner Ueber- lcgenheit beytragt, und doch, sollte ich denken, müßte sich das mir etwas Aufmerksamkeit, nicht auf Schauspieler, sondern auf Menschen in Gesellschaft, zum Theil wenigstens, leicht erhalten lassen. Wenn nur die Schauspieler erst wüßten, worauf sie Acht haben sollten. Der Tkea- termensch kann, trotz ftinsr Aussteuer vorn Dichter, doch immer frieren, wenn ihn der Schauspieler nicht warm anzieht, zumahl, wenn der erstere nur französische Zeuge gibt. Garrick greift, wenn cS nöthig ist, mit der linken Hand lieber in die rechte Tasche, ehe er eine Prise Schnupftaback wechselt, die er zwischen den Fingern der rechten hat. Er kann, in einen unerfahrnen unbeholfenen Menschen verkleidet, sein erstes spanisches Rohr so tragen, daß man glaubt, er trüge es für seinen Herrn zum Silberschmidt, oder feil, oder hätte ein Barometer darin. Eine Gleickungstafel, die solche Züge enthielte, wäre kein geringes Geschenk für die Schauspieler, und, unter uns, für unsere dramatischen Dichter und .Romanenschreiber. Alle (man darf wohl so allgemein sprechen, wo nur zwey oder drey ausgenommen werden können, deren Werth bekannt genug ist) schreiben, als fehlte es ihnen an Stoff zur Beobachtung oder an Geist dazu, und die meisten, als fehlte es ibncn an beyden. Wenn ein Jurist ausgeführt wird, so kann man sicher darauf rechnen, daß und nur der Justinian vorkommen; der Advokat erscheint allemahl mit seinen weitlaustigen — Z04 — Zeilen und langen Processen; der Fäkm- drich flucht, oder spricht von Prügeln, und ihre Menschenfreunde haben, wo sie gehen und stehen, eine Thräne in den Augen und einen harten Gulden in der Hand. Das ist nun alles ganz gut, und wag für die'.Primaner genug seyn, und für 9 unter lo von ^den ««ibo-c die ihre Meinungen über Bücher gedruckt sagen. Aber ist das Shakespcars Kunst? Fürwahr so wenig als Krcuzmachen Christenthum. Ich sollte denken, der Advocat, der Gastwirth, der Kaufmann, der Krämer, der Barbier, der Ladendicner, der Consul im Städtchen, alle hätten ihre eigene Staatsklugheit, ihre eigenen Grundsätze des guten Geschmacks, ihre eigene Physiognomik, ja ihre eigene Astronomie. Wer sich das Vergnügen wachen will darauf zu achten, wird eS bald finden. — 5o> — Am deutlichsten zeigen sie sich, wenn diese Leute in Gegenwart ihrer Untergebenen sich mit einem Mann vom Fach das Ansehen einer Collegialschast geben wollen. Ich zeigte einmahl einer Gesellschaft, die wenig oder nichts von Astronomie wußte, den zunehmenden Mond durch ein Fernrohr, das stark vergrößerte. Verschiedene darunter fragten, ob nicht Tropfen auf dem Glase hingen? Die Flecken im Monde haben in den Viertel» wirklich einige Aehnlichkcit mit Regentropfen an einer Fensterscheibe, in denen sich etwa die gegenüberstehenden Hauset dunkel und der Himmel hell darstellt. Dieses war alles gut, es waren Frauenzimmer, die keinen Anspruch auf Gelehrsamkeit machten, und ihrer Empfindung getreu fragten. Allein auf einmahl wendete sich ein Mann gegen mich, und U m. drückte dir Unwissenden sansr zurück: sagen Sie Mir einmahl, fragte er, sind die Tropfen nicht eigentlich was man inliu- xum lunse pk^ücum nennt? Wiederum, in einer sehr gemischren Gesellschaft in einem Gasthofe fragte mich ein anderer: Nicht wahr, Herr. die Polhöhe ist, wenn man des Abends hinaus geht und sieht in die Höhe? Dabey sah er wirklich unter einem Winkel in die Höhe, der vermuthen ließ, daß ihm einmahl jemand den Polarstern gezeigt haben mußte. Ein Muster von einer konfusen Idee cen- sus ausgedrückt. Können Sie wohl rathrn, wer diese Leute waren? LavaterS Engel, der aus einem gegebenen Iahn den Mann restiluirt, dem er zugehört«, müßte dieses augenblicklich wissen. Ihnen will ich eS sagen, wenn Sie daS Räthsel allenfalls jemanden ausgeben wollen. Der letztere war ein eingebildeter reicher Krämer- der sich bey einigen der gegenwärtigen ein Ansehen von Gelehrsamkeit geben wollte, wenn eS auch mit einigem Verlust bey den übrigen verbunden seyn sollte, und der erstere ei» nicht mehr ganz nüchterner katholischer Kanonikus. Für heute mag das genug seyn. Künftig sage ich Ihnen erwaS über Garricks Bildnisse, etwa- von Wcston vielleicht, und den Frauenzimmern, vermuthlich auch von Gabriel! i, die Sie aus Brydone's Reise kennen werden. Sie ist hier, und wird ehestens als Dido erscheinen» Leben Sie wohl! London, den zo. Novemb 177z. Dritter B Ein unangenehmer Verfall, die Unpäßlichkeit eines meiner Reisegefährten, gibt mir jetzt ganz »«vermuthet Zeit zur Erfüllung meines Versprechens, Ihnen, liebster B . ., »och einmahl vor meiner Abreise zu schreiben, welches mir sonst unmöglich gewesen wäre. Ich wende nun «inen Theil dieser Frist mit desto größerer Bereitwilligkeit auf diese Beschäftigung, als sie mir, außer dem Vergnügen, daS mir jede Unterhaltung mit Ihnen gewährt, auch nvch den Mangel an freundschaftlichem Umgang ersetzt, den ich, als ein, «ach bereits genommenem Abschied, pro »bleute Erklärter, gewisser Maßen hier leide. Ohne das mindeste von dem zu vergessen, was ich Ihnen von Weston und — zog — einigen Schauspielerinnen auf den englischen Bühnen versprochen habe, fange ich wieder mit Garrick an. Mich dünkt, ich habe Ihnen schon einmahl gesagt, daß er den Hamlet im französischen Kleide spielt. Es scheint allerdings sonderbar. Ich habe ihn deßwegen öfters tadeln hören, aber doch niemahls zwischen den Acten, oder bey'm Nachhausefahren, oder hintendrein bey'm Abendessen, sondern immer nach verloschenem Eindruck, und bey wieder erwach- tem Kopf, im kalten Gespräch, wo, wie Sie wissen, sehr oft gelehrt für gut, und auffallend für scharfsinnig angenommen und gegeben wird. Ich muß gestehen, dieser Tadel hat mir nie so recht einge- wollt. Und bedenken Sie nur, ob eS so sehr schwer war, so bchuthsam zu seyn. Einmahl wußte Ich: Garrlck ist ein äußerst scharfsinniger Mann, der daS genaueste Register über den Geschmack seiner Nation führt, sicherlich nichts ohne Ursache auf der Bühne unternimmt, und überdieß das ganze Haus voller allen Trachten hän, gen hak; ferner ein Mann, bey dem jedes Tages Erfahrung nicht zu monströser Er. Weiterung des Maulwerks, sondern zu Be« ftrdcrung harmonischen Wachsthums von einem gesunden Kopf den gehörigen Stellen zugeführt wird. Und der Man» sollte nicht sehen können, was jeder londonsch» Macaroni mit Händen greifen zu können glaubt? Er, der schon vor zo Zahren war, was feine meisten Tadler ziemlich erbettelt jetzt sind? Anstalt also einzustimmen, sing ich an bey mir zu überlegen, was ihn wohl bewogen haben könnte, sp etwas zu thun. Ich dachte lange um- her, wenigstens zu meiner eigenen Seru- higung etwas zu finden, als ich bey der zweyten Vorstellung dcS Hamlet, die Ich fich, in dem Augenblick, da er den Degen gegen den Horazio zieht, vermuthlich mit GarrickS Empfindung zusammentraf. Nach meinem System ist er nun entschuldigt; er würde sogar bey mir verlieren, wenn er anders erschiene. Ich lasse jedermann seine Freyheit, llamus petimusque. Ich weiß es sehr wohl, daß man bey solchen Dingen durch eine gewisse vermeintliche Anspannung nur allzu oft durch den Weg des Superfeinen endlich zu demselben Irrthum geleitet wird, den der andere auf dem weit bequemeren der Uebereilung geschwinder findet. Aber dem sey, wie Ihm wolle, verschweige» kann ich Ihnen meine Gründe nicht, die, wenn sie auch gleich nicht GarrickS seyn sollten, doch den- sende Schauspieler hier und da auf etwas besseres leiten könnten. Mir kommt es vor, als wenn alte Trachten auf der Bühne -für uns, wenn wir nicht gar zu gelehrt sind, immer eine Art von Maskeradehabit wären, der zwar, wenn er schön ist, gefällt, allein, das geringe Vergnügen, das er gewährt, kann selten ganz zu der Summe des übrigen geschlagen werden, das den Eindruck des Stücks vermehrt, Es geht mir hierin, wie mit den deutschen Büchern mit lateinischen Lettern. Für mich sind sie immer eine Art von Uebersetzung. Der Augenblick, den ich anwenden muß, mir diese Zeichen in mein altes darmstädtisches ABC zu übersetzen, ist dem Eindruck nachtheilig. Ein Sinngedicht würde bey mir die ganze Kraft des Erstenmahls verlieren, wenn ich es z. B. bey umgekehrtem Buch heraus ZIZ buchstabiern müßte. Von den subtilen Fäden, an denen unser Vergnügen hienieden hängt, ist es Sünde, auch nur einen ohne Noth durchzuschneiden. Da also, sollte ich denken, wo unsre jetzige Kleidung in einem Schauspiel nicht die empfindliche Majestät unserer Schulgelchrsamkeit beleidigt, sollen wir sie auf alle Weise beybehalten. Unsere französischen Röcke sind längst zur Würde einer Haut / und ihre Falten zur Bedeutung von Mienen gediehen, und alles Ringen, Krümmen, Fechten und Fallen in einer fremden Tracht verstehen wir zwar, aber wir fühlen es nicht. Den. Fall eines Hutes während eines Kampfes fühle ich völlig, den von elmm Helm weit weniger, er könnte sich auf die Ungeschicklichkeit dcS Acteurs schieben lassen, und lächerlich aussehen. Ich weiß nicht, wie fest ein Helm sitzen muß und kann. Als Garrick sit obm erwähnter Stellung den Rücken zum Theil gegen die Versammlung kehrte, und ich bey seiner Anstrengung die bekannte Diagonalsalte von der Schulter nach der entgegengesetzten Hüfte erblickte, fürwahr, ich halte selbst sein Gesicht ein Paar Mahl dafür hingegeben. In dem dintigen Mantel, von dem Hamlet einmahl spricht, hätte ich bey weiten das nicht gesehen. Ein gut gebauter Schauspieler (und das sollten wenigstens alle die seyn, die sich mit dem Trauerspiel abgeben) verliert allemahl in einer Tracht, die sich zu sehr von der entfernt, die irgend einem im Leben, bey einem früher, bey'm andern später, keiner der geringsten Gegenstände unserer Wünsche, und die süßeste Befriedigung jugendlicher Eitelkeit waren, und in der unser Auge daS zu viel und zu wenig bis zu Sirvhhalmebreiten anzugeben weiß. Wohl verstanden, daß ich hiermit nicht sage. Cäsar und Englands Heinriche und Richarde sollten in Gardcuniform mir Scherpe und Ringkragen einher treten» Diese und ähnliche Abweichungen von einem allgemeinen Gebrauch zn empfinden und zu ahnden, hat jedermann Kenntnisse und antiquarischen Stolz in der Schule »nd von Kupferstichen, Münzen und Ofcnplatten gesammelt. Ich mein« rmr, wo der Antiquar in den Köpfen eines Publikums über einen gewissen Artikel noch schlummert, da soll der Schauspieler nicht der erste form, der ihn wecken will. DaS kleine episodische Vergnügen, wenn ich so reden darf, das mir der schnöde Prunk eines Maskeradenhabits macht, ersetzt mir den Eintrag nicht, der dadurch dem Stück von jener andern Seite geschiehet. Alle Zuschauer leiden den Verlust, fir glauben pur nicht alle, daß das die Ursache sey. Doch ist hierin der Geschmack eines einsichtsvollen Schauspielers, der die Starke und Schwache der Augen kennt, vor die er treten soll, über alle Regeln. In dem Fall, den ich voraussetze, findet sich London in Absicht auf den dänischen Hamlet, und hat da Garrick nöthig, es zum Schaden beyder Parteyen klüger zu machen? Garrick entbehrt gern von der einen Seite ein Bischen Lob seiner Gelehrsamkeit, wenn ihm von der andern die Herzen zu taufenden zufallen. Nun komme» Sie, mein Freund, wegen dieses ästhetischen Schattenspiels, aus dem vielleicht etwas für den Genius Luinqiiemiii zu machen gewesen wäre, wenn einer unserer philosophischen Sa- poyardcn sein erhabenes Babel dazu hätte einstimmen wollen, sollen Sie nun, wo nicht schadlos gehalten, doch wenigsten» durch Abwechselung erquickt werden. Ich will Ihnen den drolligen Weston, von welchem ich Ihnen, als ich seinen Charakter im ersten Briese flüchtig entwarf, etwas niedreres versprach, ein Paar Scenen zeigen. Dieses sonderbare Geschöpf kam aus der Küche von St. James, wo sein Vater Koch vvm zweyten Range war, auf einmahl aufs Theater, mit einer Figur, die, tm Vorbeygehen auf der Straße gesehen, so wenig für dasselbe gemacht zu seyn scheint, daß in der That ein Garrick und ein Föote nöthig war, es zu finden. Denn die fanden's. Er ist von kleiner hölzerner Statur, und seine Staatspositur ist daher die mit den beyden Händen in den Rocktaschen. Seine Ge- fichksbildung ist äußerst roh, die Lippen etwas dicke, und die Nase von der Fa- — zi8 — milie der Schuhleistsdrmigen» Allein aus den Augen, die daher kaum in dieses Gesicht zu gehören scheinen, blickt der beobachtende Schalk und Garricks glücklicher Nebenbuhler, in dem Fache nähmlich» Seine Stimme ist gedrückt und pelzig, und seine Rede langsam» Ich habe solche Figuren fast in allen Städten, wo ich gewesen bin, des Sonntags gesehen, ich weiß nicht, ob es Seilwinde» oder Ge- müsegärtncr waren» nicht ganz so glatt und auch nicht so geschmeidig» als die Becker. Ich muß mich näher erklären. In einem Stück, worin ich mir ihn eben jetzt gedenke, trug er einen Rock von himmelblauem Tuch, das sich ins Redliche zog, eine rothe Weste, schwarze Beinkleider und blaue Strümpfe; die Schuhschnallen saßen, dünkt mich, etwas am äußern Abhang d«S Fußes, und das ungebundene Haar hing ihm in Gruppen, wie gelbe Wurzeln, »m den Kopf. Wenn er daher aufs Theater «ritt, so glaubt man, es hätte sich jemand, ohne bemerkt zu werden, von der Straße dabin verlausen, so natürlich kleidet er sich, und so ungezwungen erscheint er» Das verräth nichts Gemeines. Sie sehen auS allem, zum Chamäleon ist er verdorben, er thut alles, was er thut, durch den Fuchs. Die Rarur, die ihn vcn der einen Seite bestimmt zn haben scheint, Lachen zu erregen, scheint ihn von der andern der Fähigkeit beraubt zu haben, selbst zu lachen. Er ist immer ernsthaft, oder lächelt nur, und dieses selten; auch wahrt eS lang, bis eS im ganzen Gesicht herumkommt. Ich habe es einmahl gesehen, da ihm in einem Stück ein niedliches Kammermädchen, um ihn ins Interesse ihrer Dame zu ziehen, die Backen tätschelt. Das Gesicht klarte sich zwar langsam, endlich aber auch zu einem solchen Grade auf, dass wenigstens zwey Dutzend Zähne herauskamen, worunter mancher nicht klein war. Da war schwerlich ein Mund im Schauspielhause, der nicht, ein jeder nach seiner Art, mit gelacht oder gelächelt hälte. Weil er bey allem diesem so sehr halsstarrig original, und keinem Cbaracter einen Schritt zu Gefallen geht, so haben die Dichter die Charaktere zu ihm hingebracht. So soll ^err)r 8neak In koo- te's ok Qarret. welchen er so unnachahmlich spielt, nach Weston geformt seyn, uud da ists freylich kein Wunder. Auch der Bediente in einem Stück, daS jetzt viel Lärm macht, l'lie msiä ok tlrs oaks, wird nicht bloß von Weston vor- gestellt, sondern der Dichter hat Wcsto» zum Bedienten im Stück gemacht. Ich habe, glaub' ich, in meinem ersten Briefe einer Scene in Farguhar's 8trLtsZem erwähnt, worin ich Garrick und Weston beysammen gesehen habe. Ich will sie Ihnen gern nach Vermögen beschreiben, wiewohl ich noch sehr zweifle, ob ich nur einen erträglichen Schattenriß davon werde machen können. Der Schauspieler sowohl als der Zuschauer sind beyde immer mehr im Lustspiel zu Haus, als im Trauerspiel, und was der erstere auch selbst durch die feinste Kunst im Trauerspiel hervorbringt, läßt sich immer, dünkt mich, leichter in Worte fassen, als was die unerschöpfliche Natur im erstern sowohl thut, als bemerkt. Ich kann eine solche Scene, worin die beyden Lieblinge eines erleuchteten Volks sich bemühen, m. Zk zu ihrem langst gegründeten Ruhm, ohne Uebertreibung in dem Zaum der geübtesten Vernunft, etwas hinzu zuthun, nicht beschreiben. Alles, was ich thun kann, ist, einer Einbildungskraft, deren Wirkungskreis mir unbekannt ist, auf Ge- rathewohl einige Winke zu geben, sich selbst etwas ähnliches zu schaffen. Garrick macht den Archer, einen Herrn von Stande, der sich aus leicht zu errathenden Ursachen in einen Bedienten verkleidet hat, und der arme Weston den Scrub, einen Aufwärter in einem armseligen Wirthsbause, worin jener einkehrt, und wo man alle Bedürfnisse des Magens und Ergotzlichkeilen des Gaumens immer gestern hatte, und morgen wieder haben wird, aber niemahls jetzt hat. Garrick hat himmelblaue Livree, mit funkelndem Silber reich besetzt, einen blendenden Bortenhnt mit einer rothen Feder, spielt ein Paar weiße, glänzende seidene Waden, und ein Paar Schnallen- die nicht besser seyn können, und ist ein entzückender Kerl. Und Weston, den die schwere Last einer schmierigen Aufwartung unter zehn verschiedenen Rubriken drückt, der arme Teufel, erscheint ihm gegenüber in einer traurigen abgeregneten Perücke und einem grauen Kamisol, das vor etwa dreyßig Jahren für einen glücklichern Bauch geschnitten seyn mochte, mit rothen wollenen Strümpfen und einer grünen Schürze. Er gerath in eine Art von andächtigem Erstaunen, da dieser Herr Bediente (wie das göltingische Mädchen sagte) auftritt. Garrick, frisch, schalkhaft und schön wie ein Engel, den niedlichen Hut mit fast gefälliger Leichtfertigkeit seitwärts aus dem hellen Gesicht X - gestoßen, tritt munter und voll Vertrauens auf seine Waden und neuen Anzug, fest und stramm daher, und fühlt sich um ein Drittel größer neben dem trübseligen Scrub. Und Scrub, der ohnehin wenig ist, scheint auch noch das zu verlieren, und zittert mit den Knien, vor lauter Gefühl des dreyfachen Con- trasts zwischen Aufwarter — und Bedienten, und folgt bey gefallenem Unter- kinn in einer Art von Anbetung Gar« kicken bey allen Bewegungen mir den Augen nach. Archer, der den Scrub zu seinen Absichten braucht, wird bald gnädig. Sie setzen sich neben einander nieder« Dieser Theil der Scene ist in Kupfer gestochen, und Sayer hat eine Cvpie davon unter seine bekannte» Bildchen aufgenommen. Allein weder Weston noch Garrick gleichen sich da sonderlich, zumahl ist der letztere, der sich sonst in eben dieser Bildchensammlung als Abel Drng- ger und Sir John Brute so herrlich gleicht, daß fast nichts drüber geht, abscheulich mißhandelt. Wer die unwiderstehliche Macht des Contrastes auf dem Theater kennen lernen will, wenn er vom Dichter und dem Schauspieler gut und nach beyden Seiten gleich stark durchgesetzt wird, damit nicht die Srructur, deren ganze Schönheit im richtigen Gleichgewicht besteht, nach einer Seite umgeschmissen wird, wie gemeiniglich geschiehet, der muß diese Scene sehen. Garrick wirft sich mit der ihm eigenen Leichtigkeit auf den Stuhl, schlägt den rechten Arm über Westons Lehne, und biegt sich zum vertraulichen Gespräch nach ihm hin; die herrliche Livree liegt rückwärts geschlagen, und eine Schönheitslinie schließt sich in Rock und Mann an — Z?6 die andere. Westen sitzt auf der Mitte des Stuhls, wie es sich gebührt, nur etwas zu weit nach vorn und auf jedem Knie eine Hand, stark versteinert da, mit den Schalksangen auf Garricken gewendet, Wenn etwas auf seinem Gesicht ausgedrückt ist, so ist es Affectation von Würde mit lähmendem Gefühl des schrecklichen Contrasts. Hierbey bemerkte ich etwas an Weston, das sich herrlich aus- nahm. Wahrend als Garrick mit einer gefälligen Nachlässigkeit in sich selbst ruhte, suchte ihm Weston mit steifem Rücken all- mäblig die Höhe abzugewinnen, theils des Anstaudcs wegen und theils auch zuweilen wenn Garrick ihm nicht in's Gesicht sieht, mit mehr Sicherheit eine neue Verglci- chung zwischen sich und ihm zu stehlen. Wenn Archer endlich mit großer Leichtigkeit die Beine über einander schlagt, so versucht Scrub ei» Gleiches, und bringt es auch endlich, jedoch nicht ohne einige Hülfe der Hände, glücklich zu Srande, alles entweder bey starrenden, oder heim- sich vergleichenden Augen. Endlich da Archer die herrlichen seidenen Waden zu streicheln anfangl, so will auch Westen mit seinen armseligen rothen wollenen ein Gleiches thun, reiirirt sich aber wieder, und zieht mit Mitleid erregender Demüthigung die grüne Schürze langsam über das Ganze. In dieser Scene that die natürlich dumme Miene des Westen, sein treuherziges Wesen, daß bey ihm aus allem hervorleuchtet, und durch den unasfectirten Pelz seiner Stimme nicht wenig gewinnt, fast Garricken Abtrag. Das ist viel gesagt. Er hatte die Götter §) und die ') Auf den englischen Schauplätzen nennt man hie Zuschauer auf der obersten SaUnie Eöi> — Z28 - Teufel auf seiner Seite. Als Bedienter in tks msiö ok tlre osks ist er in glück« kichern Umstanden, und geputzt, aber doch auch so, daß man sieht, es kommt nicht allein selten an ihn, sondern es ist auch sogar seine Sache nicht einmahl. Seine Haare hat er in einen wcgstehenden Ogpsuä elend eingepackt, oben und an den Seiten sind sie zum Theil gepudert, wie mir'S vorkam, nur mir den Fingern oder Papier- schnitzeln; dabey hat er einen grauen Rock, wieder rothe Strümpfe an, und ein herrliches Bouquet vor. In diesem Stück unterscheidet er sich vorzüglich durch hölzerne Behendigkeit und eine Art von ««nöthiger Geschäftigkeit, die, trotz des Schweißes, den sie ihm auspreßt, den Gang der Sache, den sie befördern soll, nicht wenig ter (llre 6oä«), und der Verfasser nennt daher in seiner Laune die tzom Parterre und k«gen die Teufel, aufhält. Er will immer, kann aber vor lauter Wollen selten, nnd hält sich dessen ungeachtet, wenn sonst die Herrschaft nicht dabey ist, nicht undeutlich für eine der wichtigsten Personen dieses Tags. Ihm, Mrs. Aoington, Hrn. Dodd und den un- gemein prächtigen Decorationen, die sich zuweilen dem Opcrelysischen nähern, hat es dieses Stück auch zu danken, daß es zu Anfang dieses Jahrs drey und zwanzig Mahl aufgeführt worden ist. Wie gern beschriebe ich Ihnen den Mann, wie er als Schuhflicker im hinkenden Teufel (vevik upon tvo üiekis) ein Paar Schuh, die er unter dem Rock stecken hat, in die Ecke hinlegt, um mit desto mehr Anstand auf einen Schemel zu steigen, auf welchem ihn Foote zum Doctor creirt. Aber wenn ich das durchlaufe, was ich gesagt habe, so vergeht mir alle Neigung mehr von ihm ZZO zu sagen. Es ist zwar ein Vergnügen, den Totaleindruck, den der Anblick eines solchen Wundergeschöpfes auf einen macht, in seine Bestandtheile zu zerlegen, und Empfindungen zu Buche zu bringen; (ich habe mir solche Beschreibungen zum Vergnügen eine Menge gemacht,) aber die Absicht, einem Andern ein ähnliches Vergnüge» zu verschaffen, wird meist verfehlt, weil die unvermeidliche Unvollständigkcit der Zahl dieser entwickelten Gefühle, dem Leser bey ihrer Hcrabstimmung zur Klarheit Raum genug übrig läßt, neben dem Endzwck des Verfassers vorbey zu schleichen, ober noch schlimmer ihm den Vor« Wurf zu machen, er habe zu viel gesehen. Zwey Anecdoten von ihm, die mich mehr unmittelbar in des Mannes Seele sehen lassen, muß ich Ihnen noch erzählen: Vor einigen Jahren wählte sich dieses hölzerne Gestell zu seinem Beneficestück Sie rathen sicherlich nicht, was? - Richard den Dritten. Daß das Haus voll werden mußte, zum Bersten, das konnte wohl Weston so gut vorher wissen, als Sie es mir jetzt glauben. Und dieses ist wohl das einzige Mahl gewesen, daß Shakespear auf dem Schauplatz von Drurylane vorsätzlich ist geschändet worden; in Coventgarden hat es SHüter mehrmahls gethan. Mir fiel, als ich es hörte, der Affen - Laokoon ein, wo sich die Schlange um drey Affen, Vater und Söhne, schlingt, die alle drey erbärmlich zusammen schreyen. Es mag toll hergegangen seyn. — Als er am Ende starb, so bestand das Volk darauf, er sollte wieder aufstehen, und noch einmahl sterben, und das vermuth- lich mit einem Getöse, das wohl einen Todte» halte erwecken können. Der hätte in dem bekannten Monolog sagen müssen: sr> Als, an als, Kin^ä om kor rm/^ks! Die andere macht ihm mehr Ehre, auch war ich selbst Zeuge. In dem Rivas Eanäiäates, demselben Stück, worin er von dem Mädchen getätschelt wird, sprach er in diesem Jahr den Epilog in Gesellschaft eines großen Hundes, den er am Ring des Halsbandes hätt, und der ihm fast bis an die Hüfte reicht. Es ist ein allerliebstes Thier, und klotzt seinem drolligen Führer, während er spricht, zuweilen so menschlich herauf ins Gesicht, und dieser streichelt ihn wieder mit so vieler Herablassung, daß niemand zwischen beyden die Seelenvcreinigung verkennen kaum Diesen Epilog zu spreche», wurde Weston zum ersten Mahl überdrüssig, als ich das Stück zum zweyten Mahl sah, und wollte nicht erscheine»; das Volk nahm dieses sehr übel, und LpiloZue! Lpilogue! erschallte aus allen den Kehlen, die Richard den Dritten von den Todten erwecken wollten; Weston erschien immer nicht. Viele Leute aus der Loge gingen weg, allein ich war entschlossen, den Ausgang abzuwarten. Auf einmahl regnete es erst Birnen, dann Orangen, hierauf Quar- tierbouteillen auf das Theater, und einmahl flog eine, die wohl drey Quartier halten niochte, an eine» der KrysiaUIcuch- ter hin, und alles sah einem Aufruhr ähnlich, als Weston so gelassen, als würde er alle Mahl so gerufen, mit Dragon (so hieß der Huno) hervortrat. Es wurde ein wenig hie und da gezischt, aber das legte sich bald. Nun ist in dem Epilog eine Stelle, worin er den ZZ4 — Hund anredet, indem er, wie ich glaube, von Kritiken spricht: Und was hangst du denn den Schwanz, Dragon? sie werden dir nichts thun: Diese Stelle veränderte Westen, aus dem Stegreif, ohne weder dem Reim, noch dem Vers zu nahe zu treten, in diese: Und warum hangst du denn den Schwanz, HanS Narre? dir werden sie keine Bonteillcn an den Kopf werfen. Diese in der That in einer solchen kritischen Lage und einer gereimten Rede angebrachte höchst sinnreiche Veränderung machte alles gut« Man hörte nicht auf zu klatschen, und zu rufen. Alles das machte auf Westens Gesicht nicht so viel Veränderung als auf einer Ofenplatte. Da war keine Freude, keine Miene innerer Sarisfaction; gar nichts, so wenig als auf dem Gesicht seines vierbeinigen Freundes. So viel dieses Mahl von Westen, von dem ich ungern schweige, weil es mir vorkommt, als hätte ich ihm Unrecht gethan, weil ich mir selbst nicht Genüge gcihan habe» Ehe ich nun zu dem Frauenzimmer komme, will ich Ihnen noch eine Frage beantworten, die Sie in einem Ihrer Briefe gethan haben: ob denn Garrick so ganz durch und durch muadelhafl spiele, und ob ich nicht zuweilen wenigstens etwas bemerkt, das ich weggewünscht hatte? Ihnen Fehler von Garrick anzuzeigen, liebster B., davor werde ich mich wohl hüten, allein wenn Sie wissen wollen, waS mir, dessen Empfindungen ich allein hier entwickele, ohne sie mit ästhetischen Fundamentalgesetzen zusammen zu halten, zuweilen nicht an ihm gefallen hat, da lasse ich mich eher ein, wiewohl auch dieses nur sehr unbeträchtlich seyn wird» — zz6 — Denn einmahl müssen Sie bedenken: er spielt jetzt nur Stücke, die er sich völlig eigen gemacht , und über die er nun ei» Vierteljahrhundcrt durch in seiner ausge« suchten Gesellschaft das Urtheil der größten Kenner des Menschen empfangen hat. Selbst den Strumpf, der ihm so herabhangt, kann man denken, hat ihm vielleicht Fielding herabgezogen, und den Hut, der da so schön seitwärts sitzt, Sterne oder Goldsmith zurückgestoßen. Bey so bewandken Umständen, mein Freund, gibts viel zu lernen, und wenig zn tadeln. Ferner, leugne ich nicht, sein Ruhm blendet bald mehr, bald weniger; es ist schon kein geringes Vergnügen, ich will nicht sagen Glück, ehe der Vorhang aufgezogen wird, dem Schauplatz gegenüber zu sitzen, auf dem in einigen Minuten ein Mann auftreten soll, der nach — ZZ7 — einem ziemlich einstimmigen Urtheil dek erste Schauspieler der neuen Zeit ist. Außerdem der Freund, Lehrer und Zögling einiger der größten Schriftsteller dieses Jahrhunderts. Ist das nichts? Ich bin, um Garricken spielen zu sehen, einmahl von Morgens halb zehn an, einen Weg von sechs deutschen Meilen gereiset, habe nicht zu Mittag gegessen, und erst nach eilf Uhr zu Abend. Ich habe mit einer Art von wohllüstiger Bangigkeit die Musik anfangen hören, die vor dem Stück herging, in welchem ich ihn zum ersten Mahl sah. Und was Wunder? Hätte Garrick unter einem wärmern Himmel, von einem engern und höhern Gerüste, mit gleicher Kraft gesprochen und Herzen erschüttert, so würden einst seine Lumpen etwas ähnliches thu». Es ist sehr menschlich, und wird so gehen bis an das V m. Ende der Welt. Ich erinnere mich daher jetzt nur eines einzigen Mahls, und zwar im Hamlet, daß Garrick etwas auf eine Art sagte, die eine üble Wirkung auf mich that/ und einen Mchklang mit meiner damahligen Empfindung machte, die vielleicht falsch gestimmt war. Ich will Ihnen sagen, was es gewesen ist. Vor Anfang des Monologs, der auf die Scene svlgt> in weicher sich der Geist dem Hamlet über den Mord eröffnet, steht Garrick, als wäre er Hamlet selbst, bis zur Unthälig- keit und fast zur Zerrüttung gerührt da, und wenn endlich die Betäubung, in welche eröffnete Gräber, Greuel ohne Gleichen und schreyendes Vaterblut die vortreffliche Seele gestürzt hatten, nach und nach weicht, und das dunkle, schmerzhaft« Gefühl sich zu Vcrrachtung und Worten aufklärt, und zum heimlichen Entschluß — ZZ9 — sammelt, so hat Shakespear dafür gesorgt, daß diese Betrachtung und Worte von der Tiefe und dem Tumult zeugen, aus dem sie hervorbrechen, und Garnck sorgte, wie Sie leicht denken können, von seiner Seite auch dafür, daß jeder Gesrus auch einem tauben Zuschauer wiederum von dem Ernst nnd Gewicht der Worte gezeugt hätte, deren Begleiter sie waren. Eine einzige Zeile ausgenommen, die, nach meinem Gefühl, so wie sie damahls Garrick sprach, weder dem tauben Zuschauer, noch dem blinden Zuhörer hätte gefallen können. Er sprach die physivgnomische Bemerkung, die er auch in seiner Schrcibtafel trägt: that one Lmiie snä Lmüs, snci bs z Vülsin, mit der Miene und dem Ton der kleinlichen Nachspötterey, fast als wollte er den Mann damit auszeichnen, der immer lächelte und lächelte, und doch dabey ly s — Z4c> — ein Schurke war. Ich kann nicht leugnen, dieses fiel mir in meiner damahligen Verfassung so auf, daß ich den Augenblick erwachte. Wehe meinem Briefe über Garrick, wenn Sie und Ihre Freunde anders stimmen sollten. Ich fürchte es nicht; denn bey der zweyten Vorstellung des Hamlet, der ich beywohnte, hatte ich das für mich schmeichelhafte Vergnügen, ihn dieselben Worte meiner Empfindung durchaus gemäß anösprechen zu hören, nähmlich mit dem Ton der wohlbedachten Anzeichnung zu nahem Gebrauch. Das Lächeln des Schurken, den Hamlet meint, war für ihn von der einen Seite zu wichtig, und zu scheuslich von der andern, steh dagegen bey einem Selbstgespräch mir mimischem Spott zu kühlen. Die Lippen, die so gelächelt hatten, mußte der Tod aus Ham- lets Händen (und nichts anders) Ernsthaftigkeit lehren, und das je eher je besser. Was Ga>kicken bewogen haben mag, jene Worte damahls so zu sprechen, will ich nicht ausmachen. Ich dachte, die schönen und sanften Worte Lmile sn6 smile möchten vielleicht schwer ohne Mienen, die wenigstens zur Familie der lächelnden gehörten, auszusprechen gewesen seyn, allein ich glaube doch nun, daß es eher ein Versuch, als ein unvermulheter Streich seiner Zunge und ihrer Nachbarschaft war. Sehen Sie, ist das nicht herrlich? Ich merke so eben erst, daß ich des Mannes Kunst auf Kosten seines Verstandes vertheidige. Also kein Wort mehr davon. Unter den hiesigen Schauspielerinnen ist nach meinem Geschmack Mrs. Barry noch immer die größte, oder doch die allgemeinste, und die einzige, die in diesem — Z42 — Punkt eine Vergleichung mit Garrick aus- hält. Sie kann, zu einem eiteln Kam- merpüppchen zusammengeschnürt, sich mit süßer Selbstgefälligkeit tänzeln und zieren, und trippeln, daß den kleinen Mamsellen und den großen Bedienten das Herz inr ganzen Hause ausgeht; und dann wieder mit einem Strom von rauschender und riefelnder Seide hinter sich her, mit hohlem Nucken und stolz zurückgewandtem Angesicht cinhertretcn, wie die Eitelkeit, wenn sie sich am Zug ihrer Schleppe weidet. Sie ist eine große Schönheit, und, wie mir gesagt worden, auch selbst ohne Schminke bey'm Sonnenlicht auffallend schö», eine geborne Schauspielerinn. Ihr Geburtsort ist dag schöne, romantische Bath, wo ihr Vater Apotheker war. In ihrem zehnten Jahr (wie mir eine Dame erzählt hat, die sie damahls kannte) warf sie ihr Strickzeug weg, schlich sich mit dem Shakespear auf den Boden des Hauses, und sprach mit den Schvrsteinen. Ihre Schönheit gehört zur Classe der Heiligen, und der herrschende Ausdruck in ihren Mienen und dem Klang ihrer über alles reitzenden Stimme, ist sanfte Unschuld und entgegenkommende Güte. Ein Weib, so wie sie der Himmel haben wollte! Sanft, nachgebend, und so wenig saty- risch als heroisch. O, sie erschrickt vor einem 6oü üsmn! als wenn eine Bombe spränge. Ich habe sie als Cordelia im König Lear gesehen, wie sie die von Thränen glänzenden großen Augen nach dem Himmel hob, dann sprachlos die Hände hochringend, mit dem Anstand und, wie mich dünkte, dem Glanz einer Verklärten, ihrem alten verlassenen Vater entgegeneilte und ihn umarmte. Es ist das — 344 — größte was ich in der Art von einer Schauspielerinn gesehen habe, noch jetzt das Fest meiner Phantasie, und ich werde das Andenken an diese Scene nur mit meinem Leben verlieren. Als ich vor fünf Jahren hier war, sah ich sie schon als Desdemona in Othello. Ich habe Ihnen gewiß in Göltingen davon erzählt. Auch erinnere ich wich kaum, jemahls so stark Partey in einem Stück genommen zu haben, als damahls. Reddish, der den teuflischen Jago vorstellte, ist mir noch jetzt unausstehlich. Wehe allen Lippen und Nasen, die der seinigen gleichen, wenn ich einmahl eine Physiognomik schreibe! Damahls war Mrs. Barrv noch in D:urolane; jetzt spielt sie in Coventgar- den. He. Barry, ihr Mann, ehemahls ein angebeteter und noch jetzt immer be- Z4Z — kiebter Schauspieler, ist alt und steif. Hr. Garrick ließ also diese vortreffliche Frau, vielleicht ihres Mannes wegen, gehen, den er theuer bezahlen mußte, und nicht sonderlich mehr brauchen konnte, und zog dafür Hrn. Uates und seine Frau aus Coventgardcn an sich, wovon jener kein übler drolliger Schauspieler, und das vermuthlich für wenig Geld ist, diese aber im hohen Tragischen nächst M>s. Barry sicherlich die größte Schauspielerinn, die England hat. Mrs. Barry bekommt, wie mir ein Mann gesagt hat, der es wissen kann, jährlich I8oc> Pfund, nehme ich nun an, daß ihr Mann nur die Hälfte hat, und setze außerdem die Revenüe an ihren Benefizabenven auf Pfund, (Miß Cailen, eine mmh- willige, beliebte Sängerinn, bekam an ihrem Benefizabend, wie ich genau weiß. — z§6 — zoy Pfund;) so genießt dieses Ehepaar für die wenigen Winterabende, an welchen es spielt, ein jährliches Einkommen von säst 20,000 Thalern. Da laßt sich freylich gut für spielen, wenn, wie bey diesen Personen, Trieb der Natur einen schon ohne Besoldung zum Schauspieler macht. Den Sommer bringen sie auf einem herrlichen Landgute in Suroey zu, das ich einmahl in der Ferne habe liegen sehen. Ich stand aus eine halbe Stunde stille, und doch konnte ich mich an dem mannigfaltigen Jauberlichte nicht satt sehen, welches meine Phantasie auf das Haus und die Gegend warf, in welcher es stehet. Nun komme ich auf eine Schauspielerinn, die ich schon einige Mahl genannt habe, Mrs. Abington, eine in mehr als einer Rücksicht so merkwürdige Frau, — 347 — daß ich Ihnen leicht ein kleines Werk Über sie schreiben könnte. Und Kälte ich Ihnen durch eine solche Schrift die Talente dieser ungewöhnlichen Seele genau entwickelt, so würde ich, glauben Sie mir, stolzer darauf seyn, als auf irgend ein approbirtes Werk in diesem Fach. In einem Brief so etwas auch nur zu versuchen, habe ich jetzt weder Zeit noch Geduld, und es gehörig durchzusetzen, wenn ich aus den Urtheilen der Leute schließe» darf, von welchen ich sie habe bewundern hören, auch sicherlich weder hinlängliche Kenntnisse noch Erfahrung. Das W'irige, Las ich von ihr sagen werde, sitze ich nur deßwegen her, weil es nach einer solchen Entschuldigung, nach dem Plan meiner Briefe, die Ihnen eine kleine Nachricht von allen guten Schausptelcrn in London geben sollen, eben — Z48 — so unverzeihlich seyn würde, ganz von ihr zu schweigen, als das erwähnte Werk, dem ich nicht gewachsen bin, wirklich zu unternehmen. Mrs. Abington ist von MrS. Vates und Mrs. Barry so unterschieden, wie die komische Muse von der tragischen. An Majestät und Ausdruck sanfter Empfindung steht sie ihnen, zumahl der letztem, nach, und übertrifft sie an Talent, die bittere Wahrheit, mit allen den kleinen begleitenden Zügen, den Zeichen der eigenen Bemerkung, tief ins Herz zu reden, daß jeder glauben muß, sie meinte ihn; und dann auch an leider allzu früh geübter Kunst; bey allem diesen, den herrlichsten Wuchs mit einem gefälligen Strich von Absicht zu zeigen, der dieser großen Schauspielerinn noch aus der gefährlichen Schule anklebt, in — Z49 — welcher ihr« Reitze ausgebildet worden und--noch ehe sie die Bühne betrat, ihren Lohn empfangen haben. An Geist ist sie sicherlich allen englischen Schauspielerinnen sehr weit überlegen. Man merkt es ihr an, die papierne Welt in Drurylane ist ihr zu enge, auch ist eS jetzt, da ich dieses schreibe, bereits mehr als Muthmaßung, daß sie dereinst ihre Rolle in dem großen Original selbst spielen wird. Ihr Gesicht ist nichts weniger als schön; sie ist blaß und dabey zu stolz sich zu schminken, ihre Nase etwas aufgestülpt und der Mund keiner von den feinsten. Allein ihre Blicke schneiden unter den schönen Augenbraunen oft mit einem gewissen unbeschreiblichen Lächeln über entdeckte Thorheit begleitet, so mächtig hervor, daß dem bange werden muß, den sie treffen. Der Schnitt. ihrer Kleidung und ihr Kopfputz ist, wie mich Damen versichert haben, deren Unheil ich zur Ergänzung sowohl als Beglaubigung der meinigcn anführe, jederzeit im allergrößrcn Geschmack; sie tritt daher selten auf das Theater, daß nicht die Mode der feinen Welt hinter ihr hcrlräte. In den stummen Rollen, oder wenn sie etwas gesagt hatte, dem sie mir stummen Auf- und Abgehen Kraft geben wollte, ging sie, wider die Gewohnheit der Schauspieler, oft gerade vom Zuschauer ab nach der Tiefe deS Theaters. Da hätten Sie sie sehen sollen, mit welchem Anstande sie sich in den Hüften wog, und mit jedem Tritt die Blicke des kopirenden Neides und der kopirenden Bewunderung, die ihr aus tausend Augen folgten, noch mmh- willig schärfen zu wollen schien. So wenig sie für das Trauerspiel geschaffen ist, so wenig ist sie es für daö Niedrigkomische. Ihre Rede ist langsam, und wenn sie Thorheiten kopiren soll, so müssen es nur solche seyn, die sich mit affectiner oder unaffeclirter Grazie im Anstand vertragen. Wahrend als sich daher die Gemahlinn des Harlekins mit den Albernheilcn des armen und reichen Pöbels hcrumzausct, so schlagt sie sich nach den bestimmten Gesetzen eines anständigen Duells mit den Thorheiten der Großen. Hierin ist, wenn meine Empfindung nicht trügt, ihre hanpcsächlichste Stärke, und zeigt von einer gewissen Würde der Seele, die alle niedrige Mittel den Beyfall der Menge zu haschen verachtet. Auch die niedrigen Rollen weiß sie von dem Staub der Werkhalle und Spinnstube zu reinigen: wenn dieses nicht allemahl zu billigen seyn sollte, so hat doch, einer solchen Künstlerinn gegenüber, die Kritik selten Unbarmherzigkcik oder kaltes Blut genug, das am Ganzen hän« gend fehlerhaft zu finden, waS isolirt gewiß vortrefflich wäre. Ich habe sie sehr oft spielen sehen, auch einige Mahl mit Garrick zugleich. Am meisten gefiel sie mir in tke provokeä XVile; tirs lZeuu's LtrutZAem; in rulo u VVike snä lisve a >vike; in tiie Lon 1*on; in muck sllc» sboat notinn§ und tks msiä ok tks Osks, einem Stück, welches sich auf eine wahre Geschichte gründet und vom General Bnrgoyne seiner Nichte Lady Derby zu Ehren ist geschrieben worden. Wenig Stücke in der Welt werden wohl mit so viel geschmackvoller Pracht und so vollkommen gut aufgeführt, als dieses, denn es ist mehr als wahrscheinlich, daß — z;z — der Verfasser sich die Schanpieler gewählt, und bey Zeichnung der Charaktere ihren besondern Character in Betracht gezogen hat. Die Dekorationen hat Lutherberg gemahlt und kosten gegen lO,ooo Thaler. Sie hat, wie man sagt, hauptsächlich durch ihren Geist, einen Mann gefesselt, der an Glücksgütern, Stand und Ruhm nur wenige seines Gleichen in England hat, keinen Neuling. Er ist ein Witwer, und hat ihr Verbindungen antragen lassen, denen zur Vollkommenheit nichts fehlte, als die priesterliche Einweihung. Da ste mit dieser Art von Verbindung sehr bekannt ist, (denn auch Hr. Abington, dessen Nahmen und Vermögen sie besitzt, war ibr gesetzmäßiger Mann nicht,) so ging sie dieselben, wie man sagt, unter folgenden Bedingungen b m. ein: Sie müsse Besuche annehmen dürfen, vor wie nach, und welche sie wolle; der Lord müsse sie nie in ihrem Hauke besuchen; er müsse ihr ausser Pferden und Karosse wöchentlich 50 Pfund aussetzen, und endlich niemahls von ihr verlangen das Theater zn verlassen. Es wurde alles eingestanden. Ein Sieg, weßwegen sie nicht allein von allen ihres Gewerbes, sondern auch von einem großen Theil der züchtigern Schönheiten Englands beneidet wird, und der desto merkwürdiger ist, als er sich weder auf Jugend noch glühende Wangen, noch überhaupt Schönheit des Gesichts gründet. Diese Anecdote, für deren Wahrheit in allen Stücken ich eben nicht haften will, steht, dünkt mich, hier nicht am unrechten Ort, da sie einiges zu belegen dient, was ich von dieser Schauspielerinn gesagt habe. Wenn — Z55 — Sie sie einmahl im Spiegel sehen wollen, so kaufen Sie sich ein gewisses Porträt von ihr, das nach Rciuolds von Elisabeth Judkins in schwarzer Kunst vortrefflich gearbeitet worden ist. Ein wahrhaftes Muster einer leichten Stel, lung, und nalürlichcn Ordnung der Hände, vermuthlich von dieser leichten Here selbst angegeben. Es sollte billig von manchen deutschen Porkrälmahlern studiert werden, deren Favorilstellung der Hände noch immer von der Lage der Flügel an einem gebratenen Huhn geborgt zu seyn scheint. Ich besitze es, und es wird vermuthlich auch in meinen kleinen Porkrätsammlung hasten, die sonst, wie Sie wissen, eben so, nur in flüchtigern Generationen, kommt und geht, wie die schnöden Sterblichen, deren Abbildungen sie enthält. Doch ich breche Z s — z;6 — meinem Versprechen gemäß hier ab, werde aber dieser merkwürvigen Dame doch noch einmalil an einer Stelle meines Briefes Erwähnung thun, wo Sie es schwe-lich vermuthen. In Coventgaiden ist noch Mrs. Hart» ley merkwürdig. Ihr großer Ruhm gründet sich minder auf ihre Kunst, als ihre an hohes Ideal grenzende Form. Die Londonschen Macaroni haben ihr den Nahmen Mediceische Venus gegeben. Sehr armielig, wie mich dünkt; sie ist nichts weniger, als ein niedliches winziges Venus - Figürcken, sondern, wenn sie eine Tochter Jupiters ist, so ist gewiß Juno ihre Mutier. In Mason's El- frida hat sie eine Rolle, worin sie kniet, und da lauft London zusammen, Mrs. Harrley knien zu jeden. Ich habe sie ein einziges Mahl gesehen, aber nicht auf den Knien, sondern als Lady Macbeth. Die Scene, wo sie im weißen, dünnen Gewand, nachtwandelnd einhertrilt, und das Adnigoblut, von dem sie träumt, von ihren Händen wischt, schwebt mir noch immer vor, ob sie gleich gar nicht in Shakespears Geist spielte, und bey so viel Güte in den Mienen und der Stimme kaum konnte. Ich glaubte eine H ilige z» sehen, die sich die schwere Buße auflegt, ein Paar Mumien die Gcberden eines Teufels nachzumachen. Nun, mein Freund, will ich einmahl mit Ihnen auf ein Paar Augenblicke zur Abwechselung die Welt in einer N»ß, Drurylane und Cvventgarden verlassen, und zu der N»ß im Flittergold einer Welt, der italienischen Lcher im Hay Market, herab — nicht wahr? herab- steigen. Ich habe die vergötterte Ga- brielli gesehen und gehört, und hätte sie sprechen können, wenn ich gewollt häkle; es ist mir einige Mahl angetragen, und sogar verdacht worden, daß ich es nicht gethan habe. Sie kennen sie ge« wiß aus Brydone's Weisen, aus denen ich sie schon in Götlingen kennen gelernt hatte. Ich hatte, nach jener Beschreibung, ein säst größeres Verlangen sie zu hören, als Garricken. Sie war lange mit mir in demselben London, ehe sie erschien. Das wachte die Sache sehr viel schlimmer, wie Sie wissen. Auf einmahl wurde angekündigt: Opora O i rl o, Dicio, Ti^ncws 6abrielli. Ich ging eine Stunde vorder nach der Oper», und wurde abgewiesen: 8ij;nor3 wäre krank. Einige Tage darauf wurde wieder avertirt: DI6o, Lignors 6sbrieIIi. Ich ließ mich in der Sänfte hintragen, und wurde wieder abgewiesen: 8ignors hätte die inüuenLS, so nannte man in jenen italienischen Tagen in London den Schnupfen. Zum dritten Mahl fuhr ich hin. Ich war eben vorher bey Dr> Förster zu Tisch und verließ, Gabrielli's wegen, eine höchst angenehme Gesellschaft von Gelehrten, die fürwahr von Olaheite und Neu-Seeland sprachen, wie unser einer von Eimbcck. Ich mußte wieder abziehen: viäo wäre noch nicht wohl« Endlich acht Tage nachher, es war der rite November dieses Jahrs, schien die Sache Ernst zu werden. Signvra hatte die Influenza verloren, und eine bis zur Raserey gestiegene Influenza, Signora zu sehen, hatte London befalle». Nun ging ich wieder zu Fuß, aber dafür — z6o — auch zwey geschlagene Stunden vorher. Mein Geld wurde genommen, und ich lief die Treppe hinauf voll von Vergnügen Ihnen dereinst von Gabriel!! schreiben zu können, die ich selbst noch nickt gesehen halte. Als ich an die Thür der Gallerie kam, für welches Glück man drillehalb Gulden bezahlt, sahe ich, bey dem Licht einer düstern Laterne, eine Dame stehen, die sich sorgfältig in die eine Ecke der Thür gepreßt hatte. Sie halte sich fest i„ eine Saloppe gewickelt, die Kappe übergeschlagen, und bauchte tief in einen Fcdermuff, so daß ich von ihrem ganzen Gesicht nichts seheb konnte, als etwas von der Stirne und die Augen, allein das war auch für mich mehr als hinreichend, den Augenblick Mrs. Abington zu erkennen. Also Mis. Abiugrvn und ich halten unter 820,ooo Seelen, die London enthalt, wo nicht die größte Neugierde Signvra Gabriel!! zu sehen, doch gewiß unter allen die größte Vorsicht gebraucht, sie für drittehalb Gulden zu befriedigen. Ich suchte so geschwind ich konnte mein bestes Englisch zusammen: Es würde vermuthlich diesen Abend sehr voll werden, sagte ich; Das glaube sie auch, sagte Sie, und weil in demselben Augenblick unsere Prophezeihung mit Macht anfing in Erfüllung zu gehen, und ich sür rathsam hielt, mich in die andere Ecke der ziemlich breiten Thür zu stellen, um wenigstens, wenn die Schleuße geöffnet rvürde, bey der zu vermuthenden Geschwindigkeit des einbrechenden Stroms den traurigen Schutz der Friclion zu genießen, so wurde unsere Unterredung, die, nicht wahr? so herrlich angefangen hatte, unterbrechen, und ich habe nie wieder die Ehre gehabt. Denn in der erschrecklichen Kataracte nach Eröffnung der Thür, wovon Mrs. Abington und ich die ersten Tropfen waren, verlor ich sie aus dem Gesicht. Als ich aber saß und mich erhohlt hatte, fand ich, daß zwischen Ihr und mir nur zwey Personen, Mann und Frau vermuthlich saßen, und ich unter fünfen nach dieser Seite der einzige war, der ein Opern- büchelchen hatte. Da nun MrS. Abington doch immer gern wissen wollte, wann Gabriel!« wieder erscheinen würde, so ging mein Buch bis an sie hin. Als Daher Oillo zum letzten Mahl abtrat, so erhielt ich, aus alter Bekanntschaft an der Thüre, mein Buch mit einer Verbeugung wieder zurück, für die Lord,..,. der sie besser hatte deuten können als ich, den Wochcnaehalt vielleicht verdoppelt hätte. Was man nicht für Bekanntschaften macht, wenn man reiset! Nun geschwind, Gabriel!!. Der Vorhang fuhr unter einem Donner von zwanzig Pauken und Trompeten auf, der meinen Athem aufhielt, und Dtdo Gabriel!!, in Gold und weißer Seide, flog vor eurer silbernen rarthaginensischen Garde, unter dem Beyfall Londons daher. Es ist keine Kleinigkeit,, so was zu sehen und zu hören. Stellen Sie sich vor, unter den Carthaginensern, ganz hinten, entdeckte ich unsern alten sonderbaren George H-n mit Uniform, Schcrpe pnd Ningkragen der englischen Garde. Er hatte die Wache bey'm Opernhaus« diesen Abend und kannte Dido vermuthlich. Er kauete dieses Mahl nicht an seinem Jopf, rvie ehemahls auf der Weender Straße, und »ahm sich bey dieser Musik nickt übel aus. Allein dieser Auftritt war auch fast das beste, was ich diesen Adend hatte. Stellen Sie sich unter Gabriclli eine F>au vor, mit rundlichem Gesicht, viel eher klein als groß, und der bereits die Tag - und Nachtgleichcn des Lebens aus den Augen stehen; die schlechterdings keine Action hat, und im Vertrauen auf ihre Stimme ihre Arien, drey Viertel des Gesichts gegen die Zuschauer gewandt, abgurgelt, oft bey schiefgedrebtem Hals, mit den Augen auf eine individuelle Lage gerichtet, so habe» Sie sie ganz. Einige Arien, als unter andern — gleich im ersten Act: 8cm lik-^ins; e iono smsnks kl l'imporic» io lols vo^Iln, Del mio 8o^lio, e ciel wio cor. — z6z — Darm! in vsn pretenöe 6ln' l'srhitrio s me contenöe Oc-IIs xxloris, e ciell' amor. sang sie vortrefflich, allein mich dünkt, ich bade es in meinen Traumen besser gehört. Mit einem Wort, ich wollte eine Viertelstunde in Drurylane, an einem schönen Abend, so wenig für diese Divo geben, als ein bequemes warmes Landhaus in Buckinghamshire, oder der Bergstraße, für ihr papiernes Carthago. Damit Sie aber doch dietcm Unheil, das übrigens mit dem beste» Theil von London einstimmt, nicht zu viel trauen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich nicht so ganz unparrevisch bin. In einem Kopf, an welchem ein solches Paar ungeübter, oder vielleicht «„verwöhnter Ohren sitzr, wie der meiniae, kann der feine Kitzel einer complicirten Musik un- — z66 — möglich die schmerzhaften Stiche auch nur lindern, die ihm die unübersehwengiichen Absurditäten der italienischen Oper alle Augenblick geben muß. Statt des vir- gilischen Aeneas und des wackern Mon- tezunia, der 200 schwangere Gemahlinnen auf Einmahl hakte, sehe ich hier einen gemästeten Hemling mit Waden bis an die Fersen, die Hand an ein schlappes Herz gelegt, hoch von Liebe trillern, daß sich die Steine erbarmen möchten. Ich kann und mag nicht mehr sagen. Sind Sie zufrieden damit? Doch ehe ich die Oper verlasse, muß ich Ihnen noch etwas von einem Mädchen sagen, das alle Aufmerksamkeit verdient, und auch vermuthlich schon hat, einer Tänzerinn, der kühnen Nebenbuhlerinn unserer vergötterten Heinel, die ich in der Oper habe tanzen sehen. Bacelli, eine junge (so schien sie mir wenigstens) aber große Meisterinn inr höher» Tanz, ein allerliebstes Geschöpf. Wenn Bacelli ein italienisches Ohr an Kuß erinnern könnte, so sollte ich denken, halte sie sich Bacelli genannt, wie sich der malthesische Nachahmer der Nachtigall, Rossignol. Sie ist keins von den winddürren, mit Fleischfarbe überstrichenen Gerippen, deren Tanz im Mondschein bey gemeinem Anzüge einem Geipensterpickenick auf einem Kirchhof ähnlich sehen müßte. Sie ist eher stark als mager, und ihr Körper hak jene glückliche Länge, die bey aller Niedlichkeit sich im Nothfall auch mit Majestät verträgt. Auch in ihren Sprün, gen behält sie eine unbeschreibliche Grazie immer bey, und im mehr sanften Tanz weiß das Auge kaum, was es Haupt- — z6Z — sachlich fassen soll, die Arme oder die Füße oder irgend einen andern Zug des wallenden Umrisses. Was das für ein Vergnügen ist, zu sehen, wie auf das Signal einer bezaubernden Musik sich das Gewühl figurirender Lufispringer wie eine See bricht, um diese junge Venus zu einem Solo hervorschweben zu lassen; wenn man das Solo nennen kann, wo tausend Herzen mithüpfen- Nun, dem Himmel sey Dank, mit einem Vergnügen, wie Miltvn aus der Hölle, kehre ich nach Coventgarden und Drurylane zurück, und hohle noch einiges nach. Sie verzeihen mir diese Sprünge, mein Freund, und ich wage sie desto getroster, als ich Ihnen unter meinen vielen Versprechungen, das weiß ich, sicherlich keine Ordnung in meinen Briefen versprochen habe. Den wegen — zsy — seiner großen Verdienste, seines Processes, und seiner Physiognomie berühmten Macklin habe ich den Shylock in Shakespeare K a n fmann vonVenedig spielen sehen. Sie wissen, Macklin als Shylock klingt auf dem Zettel so schön, wie Garrick als Hamlet. Es war gerade der Abend, an dem er zum ersten Mahl, nach geendigtem Proceß, wie- der erschien. Als er heraustrat, wurde er Mit einem dreymahligen allgemeinen Klat- scheu, wovon jedes wohl eine Viertelminute dauerte, empfangen. Es ist nicht zn langnen, diesen Juden zu sehen, ist mehr als hinreichend, in dem gesetztesten Mantt auf einmahl alle Vorurtheile der Kindheit gegen dieses Volk wieder aufzuwecken. Shylock ist keiner von den kleinlichen, beredten Betrügern, die über die Tugenden einer goldenen Uhrkette aus in. A a 37 « Tdmbakk eine Stunde plaudern können; er ist langsam, in unergründlicher Sch'auig- keit stille, und wo er das Gesetz für sich hat, bis zur Bosheit gerecht. Stellen Sie sich einen etwas starke» Mann vor, niit einem gelben, rohen Gesicht, und einer Nase, die an keiner der drey Dimensionen sonderlichen Mangel leidet, einem langen Untcrkinn und einem Mund, bey dessen Schkitznng der Natur das Messer auögefahreu zu seyn schien, bis an die Ohren, auf einer Seite wenigstens, wie mich dünkte. Sein Kleid ist schwarz und lang, seine Beinkleider ebenfalls lang und weit, und sein Hut dreykantig und roth, nach Art der italienischen Juden vermuthlich. Die ersten Worte, die er sagt, wenn er auftritt, sind langsam und bedeutend: l^trree tchoulanst OucatL. Das doppelte tl. — z?l — und das zweymahlige s, zumahl das letzte uach dem t, das Macklin so lecker, hast lispelt, als schmeckte er die Dnca- tcn, lind alles, was man dafür kaufen kann, auf einmahl, geben dem Mann, gleich bey'in Eintritt, einen Credit, der nicht mehr zu verderben ist. Drey solcher Worte so, und an der Stelle gesprochen, zeichnen einen ganzen Charakter. In der Scene, wo er seine Tochter znm erste» Mahl vermißt, erscheint er ohne Hut, mit aufgesträubtem Haar, woöoii einiges Fingerlang vom Wirbel senk- recht in die Höhe steht, bey dieser Miene wie von einem Galgenlüftchen gehoben. Die beyden Hände sind geballt. Und seine Bewegungen kurz und convuls sivisch. Einen sonst ruhigen, entschlossenen Betrüger in solchen Bewegungen zu sehen, ist fürchterlich. Hinterdrein wurde ein Nachspiel I,ovs s la moSs aufgeführt, wovon Macklin der Verfasser ist, und worin er selbst die Rolle des Sir Harry Mac Karcason uns Aas nachahmlich spielt, und fast (vermuthlich als Autor) nicht vom Theater wegkömmt. Es ist sehr unterhaltend und strotzt von Witz. Ich habe denselben Schauspieler auch als Macbeth gesehen, in derselben Rolle, die ihm ehemahls den Aus.uhr verursachte, der die Ursache des Processes war« Ich kann nicht sagen, daß er wir hier sehr gefallen hat, ob e- gleich mit großem Verstand spielte, allein der Mann hat nicht allein die Jahre, sondern auch die Steifigkeit des Alters. Es thut mir immer weh, wen» ich einen alten Schauspieler auf den, Theater niederstürzen sehe, weil ich weiß, es Muß ihm auch weh thun. Ich glaube, (ich fürchte, sollte ich jetzt sagen) ich werde Ihnen noch einmahl schreiben. Mein Reisegefährte hac sich in den drey Tagen verschlimmert. Leben Sie wohl. London, den December 177;. vm. Bruchstücke dem Tagebuch von per Reise nach England. sonnabends 2), als den 7. April, ka- nie» wir in Helvoetsluys an, wo wir im goldene» Löwen einkehrten. Der Ort ist sehr angenehm lebhaft, durch die groß- Menge von Matrosen, die auf den Straßen auf und ab marschieren. Man kann bey mäßiger Bewegung der See das Rauschen derselben im Wirthshaus«: hören. Hier versuchte ich, wie das Seewasier schmeckt. Wegen widrigem Winde lag das englische Paguetboot schon einige Tage im Hafen; um ir Uhr Mittags klarte sich das Wetter auf, und der Wind schien sich etwas zu unserm Vortheil zu drehen. Es wurde Der M'rfaffer ist zu zwey verschiedenen Mahlen in England gewesen, zuerst tm Jahr 1770, pnd dpnn 1774 blS 177g. Dieses erste Frag, vient Ist noch von der ersten Reise, die übrigen aber »»» der zweyten. — z^ß — also beschlossen, deS Nachts um i° Uhr an Bord zu gehen, und um I Uhr abzusegeln. Bey einem kleinen Spatziergange, den ich des Abends bcy'm Mondscheine noch nach der See that, schien mir die Farbe des Mondes schon nicht die beste Witterung zu verspreche»; und viel Kummer hatte uns erspart werden können, wen» der Capitals, nur nach einem Barometer halte sehen wollen. Unterdessen nahmen wir noch eine gute Mahlzeit ein, und gingen um halb n Uhr in der Nacht vor dem Palmsonntage sehr lustig an Bord- Der Capital» hieß Sl»ry und war ein angenehmer nnd erfahrner Mann, der etliche Mahl die Fahrt nach Amerika gemacht harte. Unter unsern Reisegefährte» befand sich Capirajn Douglas, ein Mann von großer Einsicht und Erfahrung, der Amerika mit erobern half. Z 7 ? und die englische» Maihemaiiker, die den Durchgang der Venus am Nord?Cap ob» scrvire» wollte», dahin brachte. Seine Gesellschaft war für uns eine rechte Er» qnickung. Ungefähr um 10 Uhr Morgens besam ich die ersten Anfalle der Seekrankheit, die überhaupt bis um ; Uhr Nachmittags anhielt- Der Zustand ist nicht sehr angenehm, aber doch nicht so schlimm, wie ibn die Leute zuweilen mache»; oder die Krankheit muß mich nicht so angegriffen haben, als andere auf dem Schiffe, die sich förmlich zum Tode bereiteten. Weit nnangenehncr war für mich der Sturm, der sich mit Regen, Hagel und Schnee erhob, und das Schiff in solche Bewegung setzte, daß große Kisten von einer Seite zur andern stürzten und ein Gemse machten, daß man glaubte, das Schiff müßte " 37 ? — in Stücken springen. Der Capital,, selbst wurde einmahl mit großer Heftigkeit zn Woden geworfen; mir schlug eine Welle ins Bett herein, und ich mußte die Wet? tcn wechseln, welches bey dem großen Schwanken des Schiffes, das den Lernen kaum zu gehen erlaubte, sehr langsam von Statte» ging. Endlich riß unser Vorder- segcl, und alle Matrosen bis auf zwey yder drey wurden krank. Nun war kein Mittel mehr, als das Schiff auf tiefe Sc? zu bringen, und übrigens Harwich auf ek yige Zeit zu vergessen. So schwammen wir herum bis es Tag Wurde, und der Wind sich zu unserm Vortheil drehte, da wir denn in 16 Stunden den ganzen Fehler wiedergutmachten, so daß, ungeachtet wir bis an Uarmouth herauf gekommen waren, wir doch des — 97S — Abends den 9. April nach ic, Uhr in Har- wich ankerten. Die Zollbedicntcn kamen an unser Schiff, und visitirrcu uns die Taschen, und unter den Kleidern mit der größten Grobheit. Aus dem Schiffe mußten wir beynahe mit Lebensgefahr unter Regen und Wind und großen Wellen in ei» kleines Boot hinun- terklettcrn, das uns in einer Viertelstunde aus Land brachte. Iu England fallt gleich bey'm ersten Eintritt die Geschwindigkeit, Bereitwilligkeit und Richtigkeit, womit alles gethan wird, was man verlangt, und die Menge schöner Mädchen in die Augen. Selbst die gemeinsten sind alle so niedlich, daß Jemand, der sich von diese? Seite nicht viel zuzutrauen hat, aus Eng- land wegbleiben muß. Sie wissen sich dabey durch ihren Anzug, in welchem deutsche Tagelöhncr-MädK?n schön aussehen würden, noch zu erheben. Von Harwich bis London sind 74 Mei, lcn. Der Weg ist vortrefflich, und alle Meile steht ein Stein, auf dem die Entfernung bis London bezeichnet ist. Die Postillons fahren mir einer Geschwindigkeit, daß einem die Ohren brausen, und sind so ganz mit Augen u»id Handen in ihrem Dienst, daß man glauben sollte, sie waren Leute von Stande, denen aber heute der Einsall eingekommen wäre, einmahl zum Dienst einiger guten Freunde den Po? stilion zu machen. Die Oerrer, wo wir Pferde wechselten, waren Colchester und Jngatestone. Der erstere Ort ist von beträchtlicher Größe und voller Kramladen. Seine Austern sind durch ganz England bekannt, und werden täglich um die rechte Zeit auf den Tafeln der Großen gegessen. Die Muschel an sich ist dünn, und kaum halb so groß, als die, die wir bey uns kennen/ die Auster füllt aber das ganze Gehäuse aus, und ist größer als die gemeine. Vor Jngalestone passirlen wir ei» Dorf, wo just Kirmeß war, und als der Postilio» au einem Haufe anhielt, hatten wir sogleich über roo Jungen um unfern Wagen herum, die sich über uns lustig machten, bald auf diesen, bald auf jenen unter uns zeigten, und sagten: look, tkere is g bullock. Aber ich weiß nicht, es ist eine Art von gutherziger Grobheit in diesen Lenken, und ganz verschieden von der Grobheit meines Vaterlandes, wo der Pöbel sich freylich weniger um Fremde bekümmert, als in England; aber wenn er sichs auch einmahl einkommen laßt, diese Mühe über sich zu nehme», so ist keine Rettung. Ich kam erst gegen halb n Uhr des Nachts den rc>. April in London an. unv es wurde ir, ehe ich in des Lorv Bostons Hanse abstieg. Dessen ungeachtet war das Getose auf den Straßen so groß, als an andern Orten üm hellen Mittage. Dieses darf einen nicht befremden, wenn man bedenkt, daß n »nd halb ir in vielen vornehmen Familien die eigentliche Nachtessenszcit ist, und daß nm diese Zeit in dieser berühmten Handelsstadt die Arten von Handel anfangen getrieben zu werden, die am Tage keinen Fortgang haben würden. » S » Von GöttiNgc» reisete ich ab Montags den -9. Augusts 1774 um ir Uhr Vormittags, und setzte den Fuß in Essev aus Land den r;. September nm z Uhr Nachmittags, nach einer Seefahrt von -4 Stunden. Den r?» September kattr ich in London an und stieg ,'n Oxford, Street ab. o In Drnrylanc sah ich tlre b'si,- (Funker nebst tlre Llopement aircl tde navsl Reviexv. Hr. Moody war Cvm- Niodore Flip, und machte seine Sachen vortrefflich, sonst schien mir das Stück von keiner Meisterhand. Hr. Westen in der Rolle eines Matrosen, sehr drolligr. Nach Sir Franc is Aussage ist die Vorstellung der See-Revue sehr gut; er hat ste selbst mit angesehen. Mir gefiel nichts so sehr als der Gesang: Ilrittrmia rule tlie main eto. es ist etwas Großes darin» Viele Personen von der Eallerie sangen mit, welches sich sehr prächtig ausnahm. — M,s Llopemenk ist eine mit sehr vieler Pracht ausgeführte Pantomime, worin Harlekin — 584 — allerley Streiche nach seiner Art spielt; die Lecoraiion ist wundervoll. « k Bunbury, ein Mann von großem Vermögen, hat eine große Gabe das Lächerliche in menschlichen Figuren zu hasche», und in der Geschwindigkeit mit vielem Geschmack übertricben hin z» zeichnen. Seine Fertigkeit darin ist unglaublich. Mau sagt, daß er zuweilen, wenn er etwas beobachtet und darauf nach Hause kommt, aus der Kutsche springt, in sein Hans lauft, und ehe Noch seine Frau, die ihm folgt, in das Zimmer tritt, schon alles gezeichnet hat. Bey dem Pferderennen zu Epsom wurden Zoooo Pf. St. verspielt. Für — Z8; — das Pferd, welches gewann, wurden Ü002 Guineer, geboten. Vor mehreren Jahren sagte einmahl ein nicht ganz kluger Kerl von der Leibgarde in London, es würde an einem gewissen Tage, den er nannre, London durch ein Erdbeben untergehen. Ein großer Theil der Einwohner wurde hierdurch in solches Schrecken gefetzt, daß fast alle Boote auf der Themse für diesen Tag vermicthct waren, in die sich nähmlich die Leute bcy'm Anfange deS Erdbebens retten wollten. Sie hatten sich zu dem Ende in der Nahe bey den Treppen aufgehalten. Der verstorbene Prinz von Wallis, der sich damahls in Cliffden auf dem Lande aufhielt, kam in der Absicht in die Stadt, um den an. Bb — Z86 — Leuteü durch sein Beyspiel Muth zu machen; allein es half nichts. -2 «- 'Das Nachspiel war eine Operette ttis Oobler c>r u xvlks ok ten tlroulanä. Das Stück ist neu und die Musik von Dibdin, der eine der Hauptrollen im Stück hat. Es wurde an dem Abend, da ich gegenwärtig war, ausgezischt. Ein größeres Getöse, als da gemacht wurde, kann man sich nicht denken: ein Theil zischte, ein Theil klatschte, ein anderer rief on, on, orr, o», on, und ein anderer eben so eifrig oA o^. Man kann leicht denken, daß hier die (M's über die On's siegen müssen, weil die On's eben so gut lärmen müssen, als die Ock's, und die Ock's bey einem langen Lärmen den Sieg davon tragen. Nachdem ich über eine Viertelstunde die guten ActeurS beklagt hatten, die da standen, und nicht wußten, was sie thun sollten, so -machte endlich Hr. Dibdin ein Cvmpliment gegen die Zuschauer, und der Vorhang fiel. Dieses ist unter allen Stücken, die ich je gesehen, das einzige, das nicht ausgespielt worden ist. Den folgenden Tag brachte es Hr. Garrick wieder aus das Theater, jedermann wunderte sich, und es erhielt Beyfall, und wird heute, da ich dieses schreibe, wiederum aufgeführt. Ä- N Am 25. Februar, einem völligen Sommertage, gierig ich mit Hrn. Jrby in Tcnsington Garten spatzieren. Unterwegs zeigte er mir eine kleine Capclle in einer ziemlichen Entfernung und sagte: das ist der Kirchhof, auf welchem Sterne begraben liegt. Wir gierigen Bb 2 — Z88 — zusammen hin. Eine alte Frau zeigte uns sein Grab, daS mir einem armseligen Stein bezeichnet ist, den ihm zwey Freymaurer W. und S. gesetzt haben. Die poetische Inschrift darauf könnte besser seyn. Vielleicht dient dieser elende Stein einmahl einem gefühlvollen Reichen die Stelle anzudeuten, wo er ein würdigeres Denkmahl hinsetzen soll. Uebrigens liegt das Grab kaum einen Büchsenschuß von der Stelle, wo die Missethäter hingerichtet werden (Kyburn). s « s Mr. de Grey erzählte mir, daß Vorick ein sehr plagender Besucher gewesen ist. Er kam öfters zu Leuten um y Uhr des Morgens, und verließ sie alsdann selten vor y Uhr deö Abends. Wenn sie ausgiengen, so gieng er mit aus. — Z89 -- und kam mit ihnen zurück. Er war sehr arm. K Ä Am 7 . März wurde ein Gesellschaft in Wychstreet aufgehoben, die alle Dienstage zusammen kam. Sie besiand aus Bedienten, Handwerksgesellen und Lchr- jungc'n. Jedes Mitglied erlegte an einem solchen Abend vier Peuce, und dafür hatte es Musik und ein Mädchen umsonst; für das übrige wurde besonders bezahlt. Zwanzig von den Mädchen wurden vor Sir John Fiel ding gebracht, wo einige darunter wegen ihrer Schönheit allgemein bewundert wurden. « --- « Den ly. März gicng ich mit Mr. Vurrows nach Newington - Green spatzieren; er zeigte mir ein Wirthshaus, mit einem kleinen bedeckten Altane, wo zuweilen an einem Sommer - Nachmittage 2 Pipes, das ist 242 Gallons-Thee verschenkt werden. «SS Den IZ. speiset« ich in Gesellschaft des General Paoli bey Hrn. von Al- yens leben. Paoli ist ein sehr schöner Mann, der die feinste Lebensart besitzt. Er sieht nicht kriegerisch auS, sondern hat eher etwas sanftes in seinem Auge, und man würde ihn nicht leicht für den Mann halten, der so lange das Haupt eines kriegerischen Volks gewesen ist. Man sollte eher glauben, er wäre am Spieltisch aufgewachsen. Er spricht sehr gut, machte einige sehr perti- nente Vergleichungen zwischen Rom und Sparta, und äußerte, daß die Engländer noch durch ihre Kaufleute kriegerischer gemacht werden würden — ein Gedanke, der sonderbar genug ist. N N H Den sgsten wurde ich Hrn. So land er auf dem Museo prasentirt, der den Mann aus Ulietea, Omai, bey sich hatte, mit dem ich mich etwas unterhielt. Er gab mir die Hand und schüttelte sie nach englischer Art. Er ist wohl gewachsen, und seine Miene hat nicht das Unangenehme und Hervorstehende der Neger; seine Farbe ist ein gelbliches Braun. Ich fragte ihn, ob ihn England besser gefiele, als sein Vaterland, und er sagte ja. konnte er nicht sagen, sondern es klang fast wie Ich ließ ihn das englische t// aussprechen, welches er ziemlich gut konnte. Auf die Frage, wie ihm der Winter in England — Z92 — bekommen wäre, sagte er co/ck, co/ck, und schüttelte den Kopf. Er wollte sagen, daß man in seinem Vaterlande keine oder nur dünne Hemden trüge, und dieses anzudeuten, griff er an die Krause des Oberhemdes und zog die Weste weg. — Sein Englisches ist sehr nnvernehmlich, und ohne den Beystand des Hr». Planta halte ich, glaube ich, nicht einmahl dieses verstanden. Er hatte in seinen Mienen etwas sehr Angenehmes und etwas Bescheidenes, das ihm sehr wohl ansteht, und besten kein afrikanisches Gesicht fähig ist. Seine Hände sind mit blauen Flecken bemerke; um die Finger der rechten Hand gehe» sie in Ringen herum; er zeigte sie und sagte und bey der linken sagte er /Hra?L. Dieses war alles, was ich an diesem Tage mit ihm sprechen konnte; die Gesellschaft war sehr groß, und wir — Z9Z — beide etwas scheu. Es war mir nicht unangenehm, meine rechte Hand in einer andern z» sehen, die gerade vorn entgegengesetzten Ende der Erde kam. Den 2 zstcn fiühstücktc ich mit Hr,,. Solander und Lmai inVanks Stube. Hr. Banks war auf die Jagd gegangen. Omai wurde neben mich gesetzt. Er ist sehr belebt. So bald er uns alle gegrüßt harre, segle er sich vor den Thectisch nieder und machie den Thee mit vielem Anstand. Ich ließ ihn den Nahmen seiner Insel aussprechcn, und es klang fast wie Ulieta-je. Er kann kein 8 aussprechen, wenigstens nicht im Anfange eines Worts, äo/arrch'r- spricht er aus wie TolanilO. Ich fragte ihn ob sein Vater und Mutter noch am Leben wären, und er hob die Augen auswärts, schloß sie alsdann, und — Z94 — neigte den Kopf nach einer Seite, um zu verstehen zu geben, sie wären beide todt. Als ich nach seinen Geschwistern fragte, hielt er erst zwey Finger in die Höhe und sagte, dann drey Finger und sagte, me», wodurch er zwey Schwestern und drey Brüder andeuten wollte. Neugierds scheint er wenig zu besitzen: er trägt eine Uhr, bekümmert sich aber wenig um den Gang derselben. Als wir die schönen Zeichnungen von Island, Pomona und andern Inseln durchsahen, setzte er sich an das Camin und schlief gar einmal ein. Man zweifelt sehr, ob er ein Zar Peter für seine Nation werden wird, ob er gleich diese Reise unternommen hat, sich ein Ansehen zu geben. Saddlcrs Well hat ihm vorzüglich 'gefallen, und er mußte den andern Tag gleich wieder hingehen; hernach war er gleichgültig dagegen. Er S95 spielt Schach. Bey'm Frühstück aß er kein Backwerk, sondern einen nur wenig gesalzenen fast rohen Lachs. Ich versuchte diesen mit ihm, und mir wurde so übel, daß ich mich kaum jetzt, ü Stunden nachher, recht wieder crhohlt habe. Hr. So land er erzählte, daß, als Omai angekommen wäre, so wäre er nach dem Kaffeehause hingegangen, wo Capitain Fourneaux und er damals waren; ehe er aber noch in das Zimmer getreten wäre, in dem Omai gewesen, hätte dieser ihn schon an der Stimme erkannt, und ausgerufen: daist Tolandv! und wäre ihm darauf entgegen gekommen; da er ihn aber, vermuthlich seines veränderten Anzugs und Ansehens wegen, von Gesicht' nicht erkannt hätte, so hätte er etliche Mahl gerufen: lolanäo Ipeslc, fpeak! und als Solander gesprochen. — Z96 — wäre er sogleich auf ihn zugelaufen. Hrn. Banks hätte er gleich erkannt, und doch erinnern weder Banks noch So- lander sich ihn je auf seiner Insel gesehen zu haben. Seine Zahne sind sehr schön weiß, regelmäßig und geschlossen. 'S rS »s Den iz. April, als am Sonnabend vor Ostern, -gicng ich des Abends »ach dem Thee im Hyde Park spatzicren. Der Mond war eben aufgegangen, voll, und schien über Wrstminsters - Abtey her. Die Feyerlichkeit des Abends vor einem solchen Tage machte, daß ich meinen Lieblingsbetrachtungen mit wohllüstiger Schwernuirh nachhieng. Ich schlenderte hierauf Pmvdilly und den Hcnmarkt hinunter nach Whitchall, theils die Stalüe Carls des ersten wieder gegen den hellen — Z 97 — westlichen Himmel zu betrachten, und theils ben'm Mondlichr mich meinen Betrachtungen bey dem Banquetting-Hans, dem Hause, aus welchem Carl I. Lurch ein Fenster auf das Schafott trat, zu überlassen. Hier fügte stchs, daß ich einem von den Leuten begegnete, die sich bey den Orgelmachern Orgeln miethen, davon zuweilen eine 40 bis 50 Pf. St. kostet, und damit des Tages und AbendS auf den Straßen herumziehen, und so lange im Gehen spielen, bis sie irgend jemand anruft und sie für Sirpence ihr Stück durchspielen laßt. Die Orgel war gut und ich folgte ihm langsam auf den Fußbänken, indeß er selbst mitten in der Straße gieng. Auf einmahl sing er den vortrefflichen Choral: In allen meinen Thaten u. s. w. zu spielen an, so melancholisch, so meiner damahligen Der- Z98 fassung angemessen, daß mich ein unbeschreiblich andachriger Schauer überlief. Ich dachte da an meine entfernten Freunde zurück, meine Leiden wurden mir erträglich und verschwanden ganz. Wir waren auf 2OO Schritte über dem Banquctling- Hause weg; ich rief dem Kerl zu und führte ihn naher nach dem Hause, wo ich ihn das herrliche Lied spielen ließ. Ich konnte mich nicht enthalten für mich die Worte leise dazu zu singen: "Hast du es denn beschlossen, so will ich unverdrossen, an mein Verhängn iß gehn." Vor mir lag das majestätische Gebäude vom vollen Monde erleuchtet, es war Abend vor Ostern, hier zu diesem Fenster stieg Carl hinaus, um die vergängliche Krone mit der unvergänglichen zu vertauschen! — Gott waS ist weltliche Größe!- « « c.- Wrest ist der Sitz der ehemahligen Herzoge von Kent. Lord Hardwycke hat die Erbinn davon geheyrarhel und Z99 ist Herr des Gutes, hat es aber seinem Tochicrmann Lord Polwarth zum Gebrauch überlassen. Garten und Park sind entzückend, von Brown angelegt. Von dem Hause auf dem Hügel ist der Prospekt offen und schön, sonst Hegt das Wohnhaus und der Garten etwas tief. Der Mangel an einer weiten Aussicht im Garte» wird aber durch die angenehmen nahen Grünstücke, durch die niannichfalligen Gebüsche, durch Pavillion und Obelisk, durch die Menge der Rehböcke, die unter den verloren gepflanzten Bäumen herumwandcrn, durch die schöne Außenseite des Haukes, und andere angenehme Gegenstände hundertfach ersetzt. In dem Hause ist eine vortreffliche Bibliothek, hauptsächlich von historischen Büchern, Reisebcschrcibungen, und architektonischen Werken. Zwey Meilen von Wrest zu Flitkon ist das Familienbegräb- rriß der Herzoge, wo ein sehr schönes Monument über dem Gewölbe des letzten Herzogs und seiner Gemahlinn steht. * « s - ^oo — Ich habe se bst Jemanden sebr un- panhcyisch die Rechte der Amerikaner vertheidigen hören; er sagte: das glaube ich, das ist meine Meinung, allein wenn mir der Hof üoo Pfund jährlich giebt, so will ich anders — sprechen. So denken vielleicht alle. Ueppigkeit und Verschwendung sind zu einer Höbe gestiegen, wie vielleicht nie in der Welt, und was das traurigste ist, wie Dr. Price bemerkt, so ist eben diese Ueppigkeit, die von einer Seite der Ruin des Landes ist, von der andern die Stütze desselben. Man bar Billets zu Maskeraden ausgegeben, die 50 Gmneen zu zeichnen gekostet hauen. So ist das En- treebillet zu einer Maskerade im Pantheon von Cypriani gezeichnet und von Bar- tolozzi gestochen worden. Der Engländer kocht seine Suppen im Magen, und da ist er sicher, daß die Kräfte nicht verfliegen. IX. Ueber Physiognomik wider die Physiognümen» Zu Beförderung der Mönscheriliehs und Menscheoktniitniß. ni. Ee An den Verleger bey der zweyten Auflage. Äir, guter Mann, führe ich hier auf Verlangen zum Zweytenmal ein Geschöpf vor, das Dir in seiner Kindheit viel Vergnügen gemacht hat. Du kleidetest es damals in Gold und Seide, und so gefiel es: jetzt, etwas mehr erwachsen, aber noch nicht viel weiser, hat es jenen Flitterstaat abgelegt und wird schwerlich mehr gefalle». Im mannlichern Habit werden Fehler beides merklicher und unverzeihlicher. Versage aber deßwegen Deinem ehe- malichen Liebling Deinen Beystand noch nicht. Unter meiner beständigen Aufsicht sollen künftig seine kleinen Untugenden, wo nicht ausgelotet, doch gezäumt, und Ce r — 404 — seine Tugenden, die Du auch durch das wilde Feuer und den dreisten Blick nicht verkennen wirst, genährt, und zum stehenden Charakter gestärkt und befestigt werden. Bcy'm nächsten Besuch wird es als Mann erscheinen, in dem vorrheilhaftesien Putz, den ich von Chodowiecky für ihn erhalten kann; und dann, mein Freund, sollen hoffentlich Chedowiecky, Du und ich, ein jeder nach seiner Art, Vergnügen Und Unterstützung von ihm genießen. Ich bin Dein aufrichtiger Freund der Verfasser. Einleitung zur zweyten Auslgge, ^Nachstehende Abhandlung über Physiognomik, die in dem Göttingischen Taschen-Calender für dieses Jahr zuerst erschien, und bloß für ihn allein geschrieben war, erscheint hier auf vielfältiges Verlangen in einem gröber» Druck. Un- leferlichkeit des Drucks war, nach dem Urtheil jener Freunde, der hauptsächlichste Fehler der Abhandlung. Wie nun auch dieses Lob gemeint gewesen seyn mag, so habe ich es so verstanden, wie man gemeiniglich sein Lob gern versteht, und, außer dem gröber» Druck, wenig auf Verbesserungen gedacht. Zusähe, die auch der flüchtigste Leser des ersten Abdrucks, — 406 — nicht leicht in diesem übersehen wird, kann ich nicht ganz hieher rechnen, sie sind großtentheils des Lichts wegen hinzugekommen, wodurch nicht jede Schrift, so wie nicht jedes Gesicht, gewinnt. Die meisten darunter stunden schon im Manuskript des Aufsatzes und wurden mir, wahrend des Abdrucks, damit nicht ein ganzes, kostbares Sedez-Band- chen mit Physiognomik angefüllt würde, hier und da ausgehoben. Ich hoffe durch sie, so wenig ich auch sonst damit gewinnen mag, wenigstens be» den bequemeren Köpfen einer feigeren Mißdeutung meiner Absicht vorzubeugen. Diese war gar nicht, ein bekanntes weitlaufiiges Werk zu widerlegen. Wer dieses thun wollte, müßte es wenigstens nicht in Scdez bey einem Publikum unternehmen, bey welchem groß — 42 ? — Quart «o viel ist als Demonstration. Ich wollte vielmehr einigen gefährlichen Folgerungen begegnen, die schon hier und da von Jünglingen und Matrone» aus jenem Werk gezogen zn werden an» fingen; Ich wollte hindern, daß man nicht zu Beförderung von Menschenliebe physiognomisirle, so wie man ehemahls zu Beförderung der Liebe Gottes sengte und brennte; Ich wollte Behutsamkeit bey Untersuchung eines Gegenstands lehren, bey welchem Irrthum leichter ist und gefährlicher werden kann, als bey irgend einem andern, Religion ausgenommen; Ich wollte Mißtrauen erwecken gegen jene transscendente Ventriloqnenz, wodurch mancher glauben gemacht wird, etwas das auf Erven gesprochen ist, käme vvm Himmel; Ich wollte hindern, daß, da grober Aberglaube aus der feinern Welt — 406 — nicht leicht i» diesem übersehen wird, kann ich nicht ganz hiehcr rechnen, sie sind größtentheils des Lichts wegen hinzugekommen, wodurch nicht jede Schrift, so wie nicht jedes Gesicht, gewinnt. Die meisten darunter stunden schon im Manuscript des Aufsatzes und wurden nur, wahrend des Abdrucks, damit nicht «in ganzes, kostbares Sedez-Bündchen mit Physiognomik angefüllt würde, hier und da ausgehoben. Ich hoffe durch sie, so wenig ich auch sonst damit gewinnen mag, wenigstens bev den bequemeren Köpfen einer ferneren Mißdeutung meiner Absicht vorzubeugen. Diese war gar nicht, ein bekanntes weitlaufiigcs Werk zu widerlegen. Wer dieses thun wollte, müßte es wenigstens nicht in Sedez bey einem Publikum unternehme», bey welchem groß Quart lo viel ist als Demonstration. Ich wollte vielmehr einigen gefährlichen Folgerungen begegnen, die schon hier und da von Jünglingen und Matronen aus jenem Werk gezogen zu werden an» fingen; Ich wollte hindern, daß man nicht zu Beförderung von Menschenliebe phyfiognomisirte, so wie man ehemahls zu Beförderung der Liebe Gottes sengte und brennte; Ich wollte Behutsamkeit bey Untersuchung eines Gegenstands lehren, bey welchem Irrthum leichter ist und gefährlicher werden kann, als bey irgend einem andern, Religion ausgenommen; Ich wollte Mißtrauen erwecken gegen jene transscendente Venlriloqnenz, wodurch mancher glauben gemacht wird, etwas das auf Erven gesprochen ist, käme vorn Himmel; Ich wollte hindern, daß, da grober Aberglaube aus der feinern Welt 408 yerbannt ist, sich nicht ein klügelnder An dessen Statt cinschliche, der eben durch die Maske der Vernunft, die er trägt, gefährlicher wird, als der grobe,. Wir denken feiner, reden feiner und faseln feiner. Jetzt sind es Zeichen an der Siirne die man deuten will, ehemahls waren es Zeichen am Himmel; Ich wollte endlich zeigen, daß man, durch ei» Paar armselige Beyspiele von Hunden, Pferden, Dreygwschen - Stücken und Obst, die man allenfalls noch, (nicht immer,) aus dem Acußern beurtheilt, verleitet, poch nicht vvm Leib auf ein West» schließen könne, dessen VerbindungSart piit ihm uns nnbekannt ist, und überhaupt nicht auf den Menschen schließen kann; auf diese Wels von Chgmäleonism mit Freyheit; auf das Thier, das selbst den Galgen auf dek Vtirn? Lüge strafen 409 und Leidenschaften ermorden könnte, so gut wie sich selbst, wenn es wollte; das, von Ehr - oder Geldgeitz oder Liebs angestammt, alles vermag, oder doch sehr viel mehr als der bisherige Sclavs der Gebräuche seiner Vater noch weiß. Was für ein unermeßlicher Sprung von der Oberfläche des Leibes zum Innern der Seele! Hätten wir einen Sinn die innere Beschaffenheit der Körper zu erkennen, so wäre jener Sprung noch immer gewagt. Es ist eine ganz bekannte Sache, daß die Instrumente nicht den Künstler machen und mancher mir der Gabel und einem Gänsekiel bessere Nisse macht, alH ein anderer mit einem englischen Besteck, Der gerade Menschenverstand sieht auch dieses bald; es ist nur der Ncuerungs- geist, der es nicht sehen will, und die sich jn falschen Hvffmwgep wsi'gessye muffige Klngelcy, die es nicht sieht. Wenn ei» Schiffs Capital» einem Kerl, der sich ihm mit Enthusiasmus zum Dienst anbietet, antwortet: Dein Wille ist gut, allein du taugst dessen ungeachtet nicht für mich, deine Schultern sind zu schmal und du überhaupt zu dünne und aufgeschossen, so muß der gute Kerl die Hand vielleicht auf den Mund legen. Aber wenn Jemand sagte: du handelst zwar wie ein ehrlicher Mann, ich sehe aber aus deiner Figur, du zwingst dich und bist ein Schelm im Herzen; Fürwahr eine solche Anrede wird bis ans Ende der Welt von jedem braven Kerl mit einer Ohrfeige erwiedert werden. Doch ich will der Abhandlung selbst durch die Einleitung nicht langer vorgreifen. Dieses waren meine Absichten bey der (ich gestehe es) flüchtig geschriebenen Ab- Handlung für einen Calender, dessen Dauer auf dem Titel viel zu groß angegeben ist, und der gemeiniglich mit dem Christgartchcn und übergoldeten Wall- müsseu schon verschwindet, in deren Gesellschaft er, ein gleiches buntes Geschöpf, erscheint. Zum Theil habe ich sie gewiß hier und da erreicht. Wenn nicht ganz, was schadet's? Diese Schrift soll, wenn mir der Himmel Gesundheit gewährt, weder die einzige, noch die kleinste, noch auch frcymüthigste seyn, womit ich sie zu erreichen wenigstens suchen will. Habe ich die Warnungs-Linie hier und da allzu weit vom Abgrund gezogen, so muß ein solcher Fehler bey einer Absicht gewiß verzeihlich seyn, bey welcher selbst Sophisterei) verzeihlich wäre. Die Wahrheit gewönne auch alsdann noch. Sie steht nie aufrechter, als wenn sie, dem kräftigen pro gegenüber, von einem kräftigen contra gestützt wird. Ich habe gesagt, ich wollte der Abhandlung selbst in der Einleitung nicht länger vorgreifen, über schließen kann ich die Einleitung besten ungeachtet noch nicht eher, alö ich mich über einiges erklärt habe, was dort theils zu sehr Zerstreuen könnte, theils auch vorher zu wissen nöthig ist, Ware die schnelle Ausbreitung der Physiognomik in unserm Vaterlands die Frucht eines sich über alles erstreckenden Bcobachtungsgeistcs, gut, so könnte man einer solchen Ausschweifung desselben einmal desto gelassener zusehen, je früher er alsdann davon zurück kommen würde. Allein wer unserm Zeitalter herrschenden Veobachtungs- geist zuschreibt, der muß nicht wissen, was Beobachrungsgeist ist, oder kennt unser Vaterland nicht. Die schnelle Ausbreitung wird weit leichter und natürlicher aus dem so gemein gewordenen Bestreben erklärt, sich mit den wenigst- möglichen Kenntnissen den größk- möglichen Anschein davon zu geben; eine Aufgabe aus einer Mathematik, die unsere sonoren Philosophen und Aristarchen verstehen und ausüben, vt apes 6eo- 'Nietriam. Denn wo ist es leichlcr, sich das Ansehen eines denkenden Kopfs zu geben,-als in Untersuchungen, wo Schwierigkeiten etwas Zusammenhangendes und Bleibendes zu sagen an physische Unmöglichkeit grenzt, und wo folglich der graubärtige Untersuchet immer Verwirrung und Ungewißheit genug antreffen muß, auch die Beobachtung des jüngsten Plaudcrkopfs wichtig zu finden? Ucberdieß erwirbt die vermeintliche Ein» weihmig in die Mysterien der Physiognomik in der Gesellschaft, znmal der schwachen, jene Air heimlichen, und daher schmeichelhaften Zutrauens, welches gutherzige Geschöpfe und Mädchen nie denen versagen, die die natürlichen Schwachheiten ihres Herzens naher keimen als die Menge. Es ist ein Mittel zwischen Freundschaft und Liebe, und ahn- licht darin einem gewisse» Credit der Hebammen, denen, wie man mir gesagt hat, auch die ledigen, unschuldigen Mädchen gewogen seyn sollen. Das übrige, was ich noch zu sagen habe, betrifft einen Gegenstand, von welchem ich mich, so angenehm er mir auch zwischen meinen vier Wanden seyn mag, nicht gern öffentlich unterhalte: Mich selbst. Ich hatte es aber sür meine Pflicht, eine kurze und aufrichtige Rechenschaft von meine» physiognvmischen Bemühungen zu gebe». Leid ist es mir, daß ich es selbst thun muß, indessen wäre auch rechtskräftige Bestätigung von allem, was ich sagen werde, noch zur Zeit in meinen Handen, und ich bin außerdem stolz genug zu glauben, daß wenigstens einige in der Abhandlung gemachte Anmerkungen, so lang bis mir jene abgefordert wird, die Stelle vertreten werden. Von meiner ersten Jugend an waren Gesichter und ihre Deutung eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ich habe mich und andere gezeichnet, ehe ich die geringste Absicht sah. Ich habe nicht einzelne Blätter, sondern Dutzende von Bogen voll Gesichter gekritzelt und ihre Bedeutung nach einem dunkeln Gefühl darunter geschrieben; oft mit einzelnen Worten und oft in Zeilen: Dekonomie; Noch zur Zeit nicht gehenkt ir, d. gl. Sehr früh habe ich mir Dinge unter Wildern gedacht, die sich andere entweder nicht unter diesen Wildern denken, oder wenigstens mit dem Bleysiift aus, zudrücken nicht in sich selbst erwacht genug sind. Daß die Distanz von r bis ic,o in unserer Vorstellung größer ist, als die von ioo bis ;oo, hübe ich sehr früh bemerkt, und durch Linien und Flachen auszudrücken gesucht. Ich habe Bilder von Wochentagen gezeichnet, wozu mir Schulzwaug und Schulftryheit, und vermuthliche Beschaffenheit der Mittagskvst, und, wo ich mich selbst verstehe, der Laut deS WvrtS, die Striche hergaben. Der Tisch wird noch in D. vorhanden seyn, auf den ich, zu nicht geringen» Vergnügen meiner Spielgefährten, -or fast -o Jahren, das Bild mit Dinte zeichnete, das ich mir von dem halb- freyen, wochehalbirende und zwischen Freyheit und Zwang selbst wieder getheilte», wohlthätigen Mittewochcn machte. Die Schlüsse, die ein feinerer Kopf, als der meinige, hieraus auf meine übrigen Fähigkeiten ziehen wag, achte ich in der That wenig. ES ist unendlich schwerer, der Welt glauben zu machen, man sey, was man nicht ist, als wirklich zu werden, was man z» seyn scheinen will. Es ist ein Unterschied zwischen O.ninqnenniums - Credit und Nachruhm. Die Menschen können hier und da hin- tergangen werden, der Mensch nie. Ich setze diese Ausschweifungen her, und überlasse dem Leser sich selbst den Faden aufzusuchen, durch den sie mit Physiognomik zusammen hangen. In der m. D d Abhandlung selbst wird einiges vorkommen, was die Aufsuchung erleichtert. Im Jahr 1765 und 1766 las ich drey Abhandlungen im hiesigen historischen Institut öffentlich vor, die ich aber nachher unterdrückte. Sie setzten eine Idee aus einander, die ich mir damals von einer vollkommenen Schilderung eines Chatakters in einer Gesckichts-Erzählung machte, mit einer Anwendung auf einige Charaktere des Sallust, Sie enthielten viel Physiognomisches und waren die hauptsächlichste Veranlassung, daß nachher, als Hrn. Laoaiers erster Entwurf im Hanöverschcn Magazin erschien, ein Göriingischer Lehrer mich für den Verfasser dieses schön geschriebenen Aufsatzes hielt. Die «»gegründete, aber für mich allemal schmeichelhafte Muthmaßung dieses Gelehrten munterte mich nicht wenig 4l9 auf fortzufahren. Ein junger Schwede von ungcwöhnkichem Geist, mein vertrauter Freund, bestärkte mich in meinem Vorsatz sowohl durch seine eigene Beobachtungen, als auch durch die Versicherung, daß sein Landsmann Graf Tcssin es in Physiognomik ehemals zum Erstaunen weit gebracht haben sollte. Im Jahr 1770 sowohl als in r ?74 und 1775 stellte ich in England mit großem Eifer physiognomische Beobachtungen an, die oft so gefährlich waren, als die über die Gewitter-Elektricität, und einmal hätte nicht viel gefehlt, so wäre ich ein physioguomischer Richmann geworden. Ich- habe dorr Männer gesehen und gesprochen, berühmte und berüchtigte durch einander, die mit unter die merkwürdigsten der neuern Zeit gehören, und deren Werth und Unwerih, durch das Dd.,s Urtheil der besten Köpfe von Petersburg bis Madrit langst entschieden ist. Nicht junge, geniesüchlige, keuutnißlcere Köpfe, die, von dem Strahl eines AciiungSlobs erwärmt, sich ein wenig erheben, und bald darauf zn taufenden auf immer hinfallen; Keine von unsern berühmten nachäffenden Originalen, deren Ruhm erst von einer freundschaftlichen Caudida- ten Junto posaunt, nun nur noch als Echo aus leeren Köpfen wiederhallt, und deren Profile dessen ungeachtet gebraucht worden sind, Punkte für die physiogno- mische Linie der Kraft zu finden. O waS wird die Nachwelt sagen, wenn sie von der daunigtcn, hinbrütenden Warme des Genies und dem Wort: Es werde, das man von den Schattenrissen dieser Leute so zuverlässig weglas, als hätte es Dieterich dahin gedruckt, nicht eine 421 Spur in den Werken derselben finden roird?. Wie wird sie lächeln, wenn sie dereinst an die bunten Wörtergehause, die schönen Nester abgeflogener Mode, und - die Wohnungen weggestorbener Verabredung ankiopfen, und alles, alles leer finden wird, auch nicht den kleinsten Gedanken, der mit Zuversicht sagen könnte; herein? Allein was war am Ende das Resultat aller meiner Bemühungen? Nichts, als ein wenig nähere Bekanntschaft mit dem Menschen und Mir, und dann ein Mißtrauen gegen alle Physiognomik, das einen so gänzlichen Bruch zwischen ihr und mir veranlaßte, das ich fürchte, zu einer Ausbesserung desselben, oder selbst nur zum Einschluß es wieder zu versuchen, würde mehr Zeit nöthig seyn, als ich zu leben hoffen kann. Einige Gründe hiervon stehe» in der Abhand- lmiq. Alle «»zugeben hinderte mich zwenerlcn: Einmal, die Absicht der Schrift, die anet) bicr wieder als Calcn- der - Abhandlung erscheint, das ist, mehr für die Menge als den Gelehrten; und dann die gewisse Hoffnung, die mir zu der Gelegenheit ist gemacht worden, die übrigen noch in diesem Jahr anzubringen. Eben da ich dieses schreibe, wird mir der November des Wcimarschcn Merkurs gebracht, mir der Versicherung, daß sich darin schon jene Gelegenheit Zeige. Es war aber nichts; eine bloße xotrio« ssnnu, (Nachruf nennt sie der Verfasser ) die ein gewisser Z. dieser Abhandlung wegen hinter wir anstimmt. Außer einem hofdcuisch - französischen Schimpfwort, und einem für diesen galanten Schriftsteller sehr ungeschickten Uebergang von vermeintlichem Spott zu 423 wenig ermunterndem Lob, und am Ende einem kleinen Spaß für die auf dem z Groschen Platz, habe ich wenig ge« funden, was wider mich wäre. Was der Verfasser für Physiognomik sagt, ist unbeträchtlich, und in der Abhandlung selbst hinlänglich widerlegt; und was er wieder Paihognomik mir Mühe vorbringt, ist wohl aus Mißverständniß dahin gekommen, denn ich, ich selbst habe ihre Unirüglichkeit im Calendcr schon besser bcstntlen als Er. Mein Schattenbild, wenn er es zu haben wünscht, kann er bey dem Verleger abfordern. Ich fürchte aus innerer Ueberzeugung den Physiognomen für Ehre deßwegen so wenig, als jeden andern Handschaner und Aeichendeuicr für Brovt; und weniger. Ein schwärmender Beobachter, der einmal in seinem System 424 ohne Hoffnung zn einem Zurückzug steckt, ist allemal verdächtig, da hingegen der Hunger, zumas in Gesellschaft des schlauen Betrugs, fast so gut beobachtet als er kocht. Auf Lob oder Tadel, auf meinen Schattenriß gegründet, würde ich nichts erwieder, als: Nimm dich in Acht, Voreiliger, der Beyfall unserer Zeit ist verdächtig; und doch gebiert Ueber- redung anderer, rückwärts Selblrüberzeu- gung vor wie nach; unterscheide ihn genau und trenne den Tribut von, Allmosen; wage einmal die Stimme» für und wider dich, die du bisher bloß gezählt hast, und bey jedem Schluß, den zu ziehst, frage dich wenigstens Einmal ehe du ihn niederschreibst: Ist dieses nicht vielleicht ein Gaßner der mich betrügt? Götlingen im Ienner 1778, G. C, L. Ueber Physiognomik. v^ewiß hat die Zollfreyheit unserer Gedanken und der geheimsten Regungen unsers Herzens bey uns nie auf schwächer» Füßen.gestanden als jetzt, wenn man aus der Emsigkeit, der Menge und dem Muth der Heiden und Heldinnen, die sich wider sie auflehnen, aufihren baldigen Umsturz schließen darf. Man dringt von allen Seiten auf die znkommlichsten Werke ihrer Befestigung, und wo man sonst geheimen Verrath vermuthet, mit einer Hitze ein, die mehr einem gothisch-wandalischen Sturm als einer überdachten Belagerung ähnlich sieht, und viele behaupten, eine förmliche Uebergabe könne schlechterdings nicht mehr weit seyn. Es giebr aber auch eine Menge minder sanguinischer Menschen, die dafür halten, die Seele liege über ihrem geheimsten Schatz noch jetzt so unzukommlich sicher, als vor Jahrtausenden, und lächle über die anwachsenden babylonischen Werke ihrer stolze» Stürmer, überzeugt, daß sich, lange vor ihrer Vollendung, die Sprachen der Arbeiter verwirren, und Meister und Gesellen aus einander gehen werden. Die Sache, wovon hier die Rede ist, ist die Physiognomik, und die erwähnten Parteyen kein geringer Theil der guten Gesellschaft unsers Vaterlandes. Nach beider Grundsätzen lassen sich zerstreuete Anmerkungen darüber in einem Taschen-Ca- lender rechtfertigen« Nach ersteren ist es 42 ? das epochemachende Weltumschaffende, und nach letzteren Brauchbarkeit für daö Jahr 1778 bey der Toilette. Der Verfasser ist nicht von der Partey jener Belagerer, und man wird also in nachstehendem Aufsatz keinen förmlichen Unterricht in der Physiognomik erwarten. Es ist auch in der That zu dieser Zeit Unterricht nicht mehr so nöthig, als es dio Ermahnung ist, ihn an den bekannten Orten mit Behutsamkeit und selbst mit Mißtrauen zu suchen; und diese allein enthält der Aussatz. Denn ob Physiognomik überhaupt, auch i» ihrer größten Vollkommenheit, je Menschenliebe befördern werde, ist wenigstens ungewiß; daß aber mächtige, beliebte und dabey thätige Stümper in ihr der Gesellschaft gefährlich werden können, ist gewiß. Indessen alle Aufsuchung physiognomischcr Grundregeln hem- — 428 — wen zu wollen, hat der Verfasser so we- nig die Absicht, als das Vermögen, und ferne sey es von ihm, sich Bemühungen zu widersetzen, die vielleicht, wie die ihnen ähnlichen, den Stein der Weisen zu finden, auf nützlichere Dinge leiten können, als ihr Zweck, ich meine: in diesen traurigen Tagen der falschen Empfindsamkeit Beobachtnngsgcisi aufwecken, zu Selbsterkenntnis führen, und den Künsten vorarbeiten. Um allem alten Mißverständniß auszuweichen und ncnem vorzubeugen, wollen wir hier einmal für allemal erinnern, daß wir das Wort Physiognomik in einem eingeschränkteren Sinn nehmen, und darunter die Ferngkcit verstehen, aus der Form nnd Beschaffenheit der äußeren Theile des menschlichen Körpers, haupisachlich des Gesichts, ausschließlich aller vorübergehen- den Zeiche» der Gemüthsbewegungen, die Beschaffenheit des Geistes und Herzens zu finden; hingegen soll die ganze Semio- tik der Affekten, oder die Kenntniß der natürlichen Zeichen der Gemüthsbewegungen, nach allen ihren Gradationen und Mischungen Pathognomik heißen« Das letztere Wort ist schon zu diesem Gebrauche vorgeschlagen worden. Es wird hier nicht nöthig seyn, ein neues Wort zu machen, das beide unter sich faßte, oder welches besser wäre, statt des ersten, ein anderes zu suchen, und dann Physiognomik znm allgemeinen Ausdruck anzunehmen, wie jetzt gewöhnlich ist, und wie es auch deßwegen in der Ausschrift zu diesem Aussatz genommen worden. Niemand wird laugnen, daß in einer Welt, in welcher sich alles durch Ursache und Wirkung verwandt ist, und wo nichts — 4Z° — durch Wunderwerke geschieht, jeder Theil ein Spiegel des Ganze» ist. Wen» eine Erbse in die mittelländische See geschossen wird, so könnte ein schärferes Auge, alS das mistige, aber noch unendlich stumpfer als daö Auge dessen, der alles sieht, die Wirkung davon auf der chinesischen Küste verspüren. Und was ist ein Lichtthcilchcn das auf die Netzhaut des Auges stößt, verglichen mit der Masse des Gehirns und seiner Aeste, anders? Dieses setzt uns oft in den Stand, aus dem Nahen auf das Ferne zu schließen, aus dem Sichtbaren auf daS Unsichtbare, auS dem Gegenwärtigen auf das Vergangene und Künftige. So erzählen die Schnitte auf dem Boden eines zinnernen Tellers die Geschichte aller Mahlzeiten, denen er beyge- wobnr hat, und eben so enthält die Form jedes Landstrichs, die Gestalt semer Sand- Hügel und Felsen, mit natürlicher Schrift die Geschichte der Erde, ja jeder abgerundete Kiesel, den das Weltmeer auswirft, würde sie einer Seele erzählen, die so an ihn angekettet würde, wie die unsrige an unser Gehirn. Auch lag vermuthlich daö Schicksal Roms in dem Eingeweide des geschlachteten Thieres, aber der Betrüger, der es darin zu lesen vorgab, sah es nicht dabin. Also wird ja wohl der innere Mensch auf dem äußern abgedruckt seyn? Auf dem Gesicht, von dem wir hier hauptsächlich reden wollen, werden Zeichen und Spuren unserer Gedanke», Neigungen und Fähigkeiten anzutreffen seyn. Wie deutlich sind nicht die Zeichen, die Clima und Handrhierung dem Körper eindrucken? Und was ist Clima und Handthierung gegen eine immer wirkende Seele, die in jeder Fiber lebt und schafft? An dieser absvlu- ten Lesbarkeit von allem in allem zweifelt Niemand. Auch ist es nicht nöthig, zum Beweis, daß es eine Physiognomik gebe, Erempel in Menge bevzubnnge», wo man aus dem Aenßern eines Dinges auf das Innere zu schließen pflegt, wie einige Schriftsteller gethan haben. Der Beweis wird sehr kurz, wenn man sagt: unsere Sinne zeigen uns nur Oberflächen, und alles andere sind Schlüsse daraus. Besonderes Tröstliches folgt hieraus für Physiognomik, ohne nähere Bestimmung, nichts, da eben dieses Lesen auf der Oberfläche die Quelle unserer Irrthümer, und in machen Dingen unserer gänzlichen Unwissenheit ist. Wenn das Innere auf dem Aenßern abge, druckt ist, steht es deßwegen für unsere Augen da? und können nicht Spuren von Wirkungen, die wir nicht suchen, die bedecken und verwirren, die wir suchen? So qzz wird nicht verstandene Ordnung endlich Unordnung, Wirkung nicht zu erkennender Ursachen Anfall, und wo zu viel zusehen ist, sehen wir nichts. Das Gegenwärtige, sagt ein großer Weltweiser *), von dem Vergangenen geschwängert, gebiert das Künftige. Sehr schön. Aber was für ei- leles, elendes Stückwerk ist nicht gleich unsere Wetterweißheit? Und nun gar unsere prophetische Kunst! Trotz den Banden meteorologischer Beobachtungen ganzer Academien, ist es noch immer so schwer vorher zu sagen, ob übermorgen die Sonne scheinen wird, als es vor einigen Jahrhunderten gewesen seyn muß, den Glanz des Hohenzollerischen Hauses voraus zu sehe». Und doch ist der Gegenstand der Meteorologie, so viel ich weiß, eine bloße Maschine, deren Triebwerk wir mit ') r«tbn»tz, rn. Ee — 434 b^er Zeit näher kommen können. Es steckt kein freyes Wesen hinter unsern Wetterte» Änderungen, kein eigensinniges, eifersüchtiges, verliebtes Geschöpf, das um einer Geliebte Willen einmal im Winter die Sonne wieder in den Krebs führte. Entwickelten sich unsere Körper in der reinsten Himmelsluft, bloß durch die Bewegungen ihrer Seelen modificirt, und durch keine äußere Kräfte gestört, und bequemte sich die Seele wiederum rückwärts mit tznalogischer Biegsamkeit nach den Gesetzen, denen der Körper unterworfen ist: so würde die herrschende Leidenschaft, und bas'vvr- züglicke Talent, ich laugne es nicht, bey verschiedenen Graden und Mischungen verschiedene GestchtSformen hervorbringen, so wie verschiedene Salze in verschiedene Formen anschießen, wenn sie nicht gestört werden. Allein gehört denn unser Körper der Seele Allein zu, oder ist er nicht ein gemeinschaftliches Glied sich in ihm durchkreuzender Reihen, deren jeder Gesetz er befolgen, und deren jeder er Genüge lei->- sien muß? So hat jede einfache Steinart im reinsten Zustand ihre eigne Form, allein dir Anomalien, die die Verbindung mit andern hervorbringt, und die Zufälle, denen sie ausgesetzt sind, macht, daß sich auch oft der geübteste irrt, der sie nach dem Gesicht unterscheiden will. So steht unser Körper zwischen Seele und der übrigen Welt in der Mitte, Spiegel der Wirkungen von beiden; erzählt nicht allein unsere Neigungen und Fähigkeiten, sondern auch die Peitschenschlage des Schicksals, Clima, Krankheit, Nahrung und tausend Ungemach, dem uns nicht immer unser eigener böser Entschluß, sondern oft Zufall und oft Pflicht aussetzen. Sind die — 4Z6 — Fehler, die ich in einem Wachsbilde bemerke, alle Fehler des Künstlers, oder nicht auch Wirkungen ungeschickter Beta- ster, der Sonnenhitze oder einer warmen Stube? Aeußerste Biegsamkeit des Körpers, Perfcktibililat und Corruptibilitat desselben, deren Grenze man nicht kennt, kommt hierin dem Zufall zu statten. Die Falte, die sich bey dem einen erst nach tau.- fendfacherWiederholung dcrselbenBewegung bricht, zeigt sich bey dem andern noch weniger; was bey dem einen eine Verzerrung und Auswuchs verursachet, den selbst die Hunde bemerken, geht dem andern »»bezeichnet, oder doch menschlichen Augen unmerkbar hin. Dieses zeigt, wie biegsam alles ist, und wie ein kleiner Funke das Ganze in dem auffliegen wacht, der in dem andern kaum einen versengten Punkt zurücklaßt. Bezieht sich denn alles im Gesicht auf Kopf und Herz? Warum deutet ihr nicht den Monath der Geburt, kalten Winter, faule Windeln, leichtfertige Wärterinnen, feuchte Schlafkammern, Krantheile» der Kindheit aus den Nasen? Was bey dem Mann Farbe wirkt, wirkte bey dem Kind Form, grünes Holz wirft sich bey dem Feuer, an dem ein rrocknes bloß braim wird. Daher vermuthlich die regelmäßigeren Gesichtszüge der Vornehmen und Großen, die sicherlich weder an Geist noch Herz Vorzüge b-sitzcn, die wir nicht auch erreichen könnten. Oder ist Versehen der Seele und der Amme einerley, »nv wird die erstere nach der Verdrehung ihres Körpers ebenfalls verdreht, daß sie nun gerade einen solchen Körper bauen wü>de, wenn sie wieder eine» zu bauen kriegte? Wie? Oder füllt die Seele den Körper etwa wie ein elastisches Flüssige, das alle« zeit die Form des Gefäßes annimmt: sv daß, wenn eine plane Nase Schadenfreude bedeutet, der schadenfroh wird, dem man die Nase platt drück:? Ein rohes Bey» spiel, aber nm Fleiß gewählt. In unsers» Körper selbst und den Säften desselben liegen hundert Quellen von gleich merklichen, aber minder gewaltsamen Verande» rungen. Ferner, ihr laugner nicht, daß lange nach Formirung der festen Theile des Körpers der Mensch einer Verbesserung und Verschlimmerung fällig ist. Aber überzieht sich die blanke Stirne mit Fleisch, oder stürzt die couvere ein, wenn das Gedächtniß verschwindet? Mancher kluge Kerl fiel auf seinen Kopf und wurde ein Narr, und ich erinnere mich in den Me» Moiren der Pariser Akademie gelesen zu haben, baß dort einmal ein Narr auf den Kopf stürzte und klug wurde. 2» beiden Fällen wünschte ich das Schattenbild des Anteccssors neben dem Schattenbild seines Successors zu sehen, und die Lippen und Augenknochcn beider zu vergleichen» Die Beyspiele sind freylich gesucht. Allein wollt ihr denn bestimmen, wo Gewaltthätigkeit anfängt und Krankheit aufhört? Die Brücke, die zwey Ideen-Reihcn verbindet«, kann so gut einstürzen, wenn ich mich erkälte, als wenn ich auf den Kopf falle, und am Ende wäre wohl gar Mensch seyn so viel als krank seyn. Ich habe in meinem Lebe» etwa 8 Seciionen vom menschlichen Gehirn beygewohnt, und aus wenigstens fünfen wurden die falschen Schlüsse Wie rothe Fäden herausgezogen und die I»3plus mernorise wie Sandkörner. Also schon hieraus (unten wird mehreres vorkommen) sieht man, wie unvorsichtig es ist, auö Aehnlichkeit der, Gesichter auf Ähnlichkeit der Coaraktere zu schließen, auch wenn diese Ähnlichkeit vollkommen wäre; allein wer ist den» der Richter über sie? Ein hinfälliger Sinn, dessen Eindruck durch vorgreifende Schlüsse und as- sociirte Vorstellungen so leicht geschwächt und verdreht wird, daß es noch in weit einfachere» Fällen als dieser, wo keine Leidenschaften mitwirken, und selbst nach erwiesenem Irrthum, fast unmöglich ist, Urtheil von Empfindung zu trennen. Wäre man einmal so weit, daß man mit Zuverlässigkeit sagen könnte, unter io Bösewichkern rc. sah immer einer so aus, so könnte man Charaktere so berechnen, wie die Mortalität. Allein hier zeigen sich gleich unübersteigliche Schwierigkeiten, völlig von dem Schlag derer, denen die Prophetik ihre Zuverlässigkeit zu danken hat. Denn obgleich im ge« weinen Leben, un er dem geschriebenen Ersetz und vor dem menschliche» Niedrer die Entscheidung über den Charakter leicht seyn mag, so ist es doch, wo nicht eine einzige That gerichtet, sondern auf einen ganzen Eharakier geschlossen weisen soll, sehr schwer, und vielleicht unmöglich in einem besondern Fall zu sagen, was ein Vösiwichl sey; und an Wahnsinn grenzende Vermessenheit, zu sagen, derjenige, der aussieht wie der Kerl, den dieses oder jenes Städtchen für eine» Bösewicht halt, ist auch einer. Es ist eine currente Wahrheit: Daß es wenig böse Thaien giebt, die nicht aus Leidenschaften verübt worden waren, die, bey einem andern System von Umstanden der Grund großer und lobenswürdiger hatten werden können. So abgeschmackt freylich eine solche Entschuldigung nach vollbrachter Uebelthat wäre, so sehr verdient sie bey dem noch unbescholtene» oder wenigstens unbekannten Mann erwogen zu werden, der eine Voraussetzung von meiner Vernunft von Gott und Rechtswegen fordern kann, die jener meiner Menschenliebe, abbettelte. Was wollt ihr also aus Aehnlichkeit der Gesichter, zumal seiner festen Theile, schließen, wenn derselbe Kerl, der gehenkt worden ist, mit alle» seinen Anlage» unter andern Umstanden statt des Stricks den Lorbeer Hütte empfangen können? Gelegenheit macht nicht Diebe allein, sie macht auch große Männer. Hier hilft sich der Physiognome leicht, er sucht ein Prädicat, das vorn großen Mann und vom Spitzbuben zugleich gilt: Sie hat- ten beide große Anlage. Eine herrliche Ausflucht! Wer mir noch hundert solcher Delphischen Wörter giebt, dem will ich den Ansqang des Amerikanischen Kriegs voraus sagen. Um- aller Welt Willen, was ist für uns in prsxr eine verdorbene gute Au'age? nichts weiter als eine gerade Linie, die man krumm gebogen hat; eine krumme. Niemand kennt seine gute» und bösen Fähigkeiten alle. Es wäre eine Art von psychologischem Schachspiel, und ein unerschöpfliches Feld von lehrreicher Beschäftigung für die dramatischen Dichter und Romancnschreibcr, zu gewissen gegebenen Graden von Fälligkeiten und Leidenschaften Umstände und Vorfälle zuzuerfinden, um den Knaben, der sie besitzt, nach jedem gegebenen Auftritt durch wahrscheinliche Schritte hinznleiten» Ich glaube, wenn wir den Mensche» genau kennten, so würden wir finden, daß die Auflösung selten unmöglich werden würde, und daß, wenn wir diejenigen meiden wollten, die unter einem gewissen System von Umstanden gefährlich werden könne», wir 99 in ico meiden müßten. Und diese Perfektil'ilüüt oder Corrnptibi- lilat, die weiter nichts ist, als erstere i» enigegengesetzler Richtung wirkend, ist es eben, was den Menschen macht, und was ihn von dem Sprengel der Physiognomik aus ewig ausschließe» wird. Er steht allein auf dieser Kugel, wie Gore, der ihn nach seinem Bilde geschaffen hak, allein in der Natur. Gesetzt der Phnsiognome haschte den Menschen einmal, >0 käme es nur aus einen braven Entschluß an, steh wieder auf Jahrhunderte unbegreiflich zu machen. Das Vertrauen auf Physiognomik mußte also allerdings in einem Lande zunehmen, wie Deutschland, in welchem, aus den 445 Schriften abzunehmen, worin sie sich zeigen könnte, die Selbstbeobachtung und Kenntniß des Menschen in einem fast schimpflichen Verfall liegt, und in einer Enlncrvung schmachtet, aus welcher sie allein nur, sollte man denken, der stärkende Winterschlaf einer neuen Barbarcy zu ziehen im Stande ist. Es ist hier der Ort nicht, es zu beweisen. Ich bin aber überzeugt, daß die besten Kopfe meines Vaterlandes mit mir stimmen werden, und es wird sich hoffentlich bald die lang gewünschte Gelegenheit finden, es auch den schwächeren durch Beyspiele aus den Schriften ihrer Götze» begreiflich zu machen. Eine nicht genügsame Beherzignng einiger dieser Wahrheiten, verbunden mit ungewöhnlicher Unbekanntschaft mit der Welt und dem Menschen, und einem eben daher entspringenden, Unheil stiftenden Be« streben Heil zu stiften, dem ein Tbeil unsers Publikums, frommschwärmend ds glaubt, wo es höchstens verzeihen sollte, haben, als wäre alles andere schon außer Streit, nun gar den äußerst unüberlegten und niederschlagenden Gedanken erzeugt, die schönste Seele bewohne den schönsten Körper, und die häßlichste den häßlichsten. Also mit einer bloßen Veränderung der Metapher, vielleicht auch die größte Seele den größten und die gesundeste den gesundesten? Gütiger Himmel! washarSchöns heit des Leibes, deren ganzes Maß ursprünglich vielleicht verfeinerte und unter Neben-Ideen ihre Grobheit versteckende sinnliche Lust ist, und deren Zweck hier erreicht wird, mit Schönheit der Seele zu thun, die mit dieser Lust so sehr streitet und sich in die Ewigkeit erstreckt? Soll — 44 ? -° das Fleisch Rickler seyn vvm Geist? Der Verfasser glaubt, und wird am Ende alles dahin zusammenziehen, daß Tugend, und zumal die himmlische Aufrichtigkeit und Bewußtseyn der Unschuld, einem Gesicht in den Augen ihres Kenners große und unaussprechliche Rcitze mittheilen. Allein es ist Unerfahrcnheit und antiquarische Pedanterey, zu glauben, diese Schönheit sey das, was Winkelmann Schönheit nennt. Der Verfasser hat einiges erworbene Ge« fühl auch für die letztere, muß aber aufrichtig bekennen, daß er in Gesichtern redlicher. Personen beiderlei- Geschlechts, die von Leuten, die ihre Tugend nicht kannten für häßlich gehalten wurden, Ausdrücke gesehen hat, die er gegen alle die uns eins gepredigten Reitze, und oft aus mehr Ges falligkeit als Gefühl gerühmte Gesichter des Landes, wo die Banditen schön sind. —- 448 — nicht vermißt haben wollte. Der obige Gedanke, der hier keine förmliche Wider» lcgnng erhalten kann, nnd überhaupt kaum einer ernstlichen würdig ist, hat noch einen andern erzeugt, nämlich durch Verschönerung der Seele endlich den Körper zu Jdea, len griechischer Künstler hinauf zu formen» Tugend und Aufrichtigkeit möchten hierbey wenigstens allein nicht hinlänglich seyn, sonst könnten wir leicht den Weg verfehlen, und für alle unsere Mühe mit den Affengestchiern der Einwohner von Malli- co'o belohnt werden, die der Haupimann Cook auf seiner letzten Reise besucht hat, und deren Redlichkeit und Häßlichkeit gleich merkwürdig und fast unerhört war. Hingegen möchte der kürzeste Weg, unsere deutsche Gesichter jene» griechischen zu nähern, wobey aber unsere Tugend vielleicht nicht viel gewinnen würde, wohl der seyn. 449 auf welchem die Engländer ihre Schafe und Pferde spanischen und arabischen Ideale» genähert habe». Wie ein solcher Satz, der nicht erwiesen, sondern bloß erclamirt worden ist, der nie erwiesen werde» wird, und nie erwiesen werden kann, noch hier und da hat Eingang finden können, ist kaum, und nnr in dem jetzigen Deutschland begreiflich. Denn sind nicht die Ge- schichlbücher und alle große Städte voll von schönen Lasterhaften? Freylich, wer schöne Spitzbuben, glatte Betrüger und reitzende Waisenschinder sehen will, muß sie nicht gerade immer hinter den Hecken und in Dorf-Kerkern suchen. Er muß hingehen, wo sie aus Silber speisen, wo sie Gesichter - Kenntniß und Macht über ihre Muskeln habe», wo sie mir einem Achselzucken Familien unglücklich machen, und ehrlichen Namen und Credit über den Hau- Ff in. — 4?o — feil wispern, oder mit affectirter Unschlüs- sr'gkeit wegstottern. Die Anlage war da, antwortet alsdann der Physiognomie, aber der corruptible Mensch hat sich selbst verdorben. Die Anlage? Wozu? Zu dem was ersolgte, oder dem was nicht erfolgte? Lehrst du weiter nichts, möchte ich antworten, so ist dein Buch des Aufmacheus nicht werth. Was der Mensch könnte geworden seyn, will ich nicht wissen. Was hatte nicht Jeder werden können? Sondern ich will wissen, was er ist. Und doch auch von der Seile wieder genommen, wenn ( um ein abgenutztes Beyspiel noch Einmal zu nutzen) Zopyrns dem Sokrates seine böse Anlage im Gesicht sah, warum sah er denn die stärkere Kraft nicht jene zu verbessern, und sein eigener Schöpfer zu werden? Denn wenn die erstere in einem Faunskopf stecken mußte, so vcr- — 45 r — diente die letztere fürwahr ein Familicn- geffcht des Jupiter. So geht jetzt, da ich dieses schreibe, der Verbrecher ohne Gleichen, (und das ist er gewiß) der Nachtmahlvergifter, selbst in Jürch, unerkannt herum, also doch wohl mit einem Gesicht das seines Gleichen hat. Der Schauspieler Macklin in London, von dessen Gesicht O.uin den bekannten Aus- spruch that: Wenn dieser nicht ein Schelm ist, so schreibt Gott keine leserliche Hand, erhielt im Jahr 177;, von Lord Mans- ffeld, vor einer großen Versammlung in Kings Beuch öffentliches Lob, wegen seines höchst edlen und großmüthigen Verfahrens gegen seine nichtswürdigcn und zum Theil reitzeud gebildeten Feinde. Diese hatten gesucht, ihn seiner Verdienste wegen um Brot und Credit zu bringen, und er erließ ihnen eine schwere Genug- Ffs — 4Z2 — thuung, zu der sie verdammt worden waren, mit einer Art, die selbst diese Schelmen rührte. Dieser Zug aus dem Leben dieses ehrlichen und berühmten Mannes verdiente wenigstens eben so bekannt zu werden, als jener Ausspruch des liederlichen Quin. Macklin lebt jetzt ruhig, von seinen Feinden selbst verehrt, da D. Dodd, dem seine seichten Declamationen nicht den Anlauf würden verschafft haben, wenn er nicht der einnehmende Mann gewesen wäre, am Galgen gestorben ist. Ich kenne einen denkenden Kopf, der sich den Teufel als die schönste Person denkt, als einen Engel ohne Flügel. Ich weiß keine Ursache anzugeben, als daß er ein fleißiger Leser des Milton, und auö dem Lande ist, in welchem die meisten, die an den Bettelstab oder den Galgen kommen r durch Engel ohne Flügel dahin ge- bracht werden. Freylich müssen wir das schöne Gesicht nicht oft bey seinen Ten» sclsihatcn antreffen, sonst wird es sich bald in unsern Augen verteufeln; und wir werden bald einen vorher unbemerkten Zug abscheulich finden. So verhaß- licht uns das Gesicht eines Feindes tausend andere Gesichter, so wie hingegen die Miene einer Geliebten wiederum Reitz über taufende verbreitet. So fanden Cartesius und Swift, und vermuthlich unzählige Unbekannte, das Schielen reihend; und so hat eine lispelnde Zunge, die in einem Juden, der uns um unsere Louiöd'or bringt, abscheulich ist, vermuthlich manchen meiner Leser um sein Herz gebracht» JdeeniAssociacion erklärt eine Menge von Erscheinungen in der Physiognomik, ohne daß man nöthig hätte, zu Schmälerung der Rechte der Vernunft, neue Sinnen — 454 — anzunehmen, mit denen falsche, bequeme Philosophie und Neucrungsgcist seil jeher sehr freygebig gewesen sind. Allein, ruft der Physiognome, Was? Newtons Seele sollte in dem Kopf eines Negers sitzen können? Eine Engels-Seele in einem scheußlichen Körper? der Schöpfer sollte die Tugend und das Verdienst so zeichnen? das ist unmöglich. Diesen seichten Strom jugendlicher Deklamation kann man mit einem einzigen Und waruin nicht? auf immer hemmen. Bist du. Elender, denn der Richter von Gottes Werken? Sage mir erst, warum der Tugendhafte so oft sein ganzes Leben in einem siechen Körper jammert, oder ist immerwährendes Kränkeln vielleicht erträglicher als gesunde Häßlichkeit? Willst du entscheiden, ob nicht ein verzerrter Körper, so gut als ein kränklicher, (und — 455 --- was ist Kränklichkeit anders als innere Verzerrung?) mit unter die Leiden gebort, denen der Gerechte hier, der bloßen Vernunft unerklärlich, ausgesetzt ist? Sage mir, warum Tausende mit Gebrechen geboren werden, einige Jahre durchwinseln und dann wegsterben? Warum das hoffnungsvolle Kind, die Freude seiner Ackern, dahin stirbt, wenn sie anfangen seiner Hülfe zu bedürfen? warum andere gleich nach ihrem Eintritt in die Welt wieder hinaus müssen, und nur geboren werden um zu sterben? Löse du mir diese Aufgaben auf, so will ich dir die deinigen auflösen. Wenn du einmal eine Welt schaffst, oder mahlst, so schaffe und mahle das Laster häßlich, und alle giftige Thiere scheußlich, so kannst du es besser übersehen, aber beurtheile Gottes Welt nicht nach der deinigen. Beschneide hu deinen — 4;6 — Bucbsbaum wie du willst, und psianze deine Blumen nach dir verständlichen Schaktii ringen, aber beurtheile nicht den Garten der Natur nach deinem Blumen- gäuchen. Hieraus lassen sich die Beweise widerlegen, die man für die Phvsiogno- »uik aus Christus - Köpfen hat herleiten wollen. Und doch anch, dem Phvsiogno- men nicht mit bloßem Rasvnnemcut zu begegnen, ließe sich. wenn hier der Ort dazu wäre, leicht zeigen, wie wenig Dost er aus den Physiognomien der Wilden für sein System zu hoffen bat. Ich will nur etwas weniges für den Neger sagen, dessen Profil man recht zum Ideal von Dummheit und Hartnäckigkeit und gleichsam zur Asymptote der Europäischen Dummherls« und BosheilS-Linie ausgcstoche» hat. Was Wunder? da man Sclaven, Matrosen und Pauker, die Sclaven waren, einem Osnäiöst on Helles lettrss gegenüber stellt. Wenn sie jung in gute Hände kommen, wo sie geachtet werden, wie Menschen, so werden sie auch Menschen; ich habe sie bey Buchhändlern in London über Bücher- titel sogar mit Zusammenhang plaudern hören, und mehr sürwahr verlangt man ja kaum in Deutschland von einem Bel- Esprit. Sie sind äußerst listig, dabey entschlossen und zu manchen Künsten außerordentlich aufgelegt, und sollten daher, da der Versuche mit ihnen noch so wenige sind, gar nicht von Leuten verachtet werden, die immer von Anlage ohne Bestimmung und Kraft ohne Richtung plaudern. Gegen ihre westindischen Schinder sind sie nicht treulos, denn sie haben ihren Schindern keine Treue versprochen. Der weiße dünnlippige Zuckerkrämcr ist der Nichlswürdige im Handel. Jeder brave — 458 — ^ Deutsche, mit dem sein Nebenmensch gleichen Vichhandel treiben wollte, würde gleiche Unbicgsamkcit beweisen. Vergeht sich irgend einer einmal auch gegen einen guten Herrn, so bedenke man, was bey uns, im Licht der wahren Religion, Vorur- theil, Auferzichung und Aufhetzung nicht vermocht hat; bloß die Wörtchen es ist und es bedeutet; dort gilts die Wörter Freyheit und geschunden werden. Wo aber der Funke aus dem Lichlmecr der Gottheit, Vernunft einmal glimmt, da kann auch eine Flamme entstehen, wenn man sie anzufachen weiß, und gewiß ist die Hälfte von dem, was unS Krämer und »»philosophische Neiscbeschrei- ber, die immer nur bestätigen oder zusetzen , von ihnen sagen, nicht wahr. Das ruhige Durchschauen durch verjährte Vorurtheile; die Scharfsichtigkeit, durch — 459 — das verwilderte Gebüsch den geraden Stamm zn erkennen; die philosophische Selbstvcrläugnung, zu gestehe», mav habe nichts Wunderbares gesehen, wo alles von Wundern wimmeln soll, und die von Durst nach lauierer Wahrheit und von Menschenliebe begleirele Unpancylichkcit ohne Mcnschcnfuicht, ist ein kostbarer Apparatus, der selten mit an Bord genommen wird, wenn man »ach entfernten Ländern segelt; im Reich der Körper so gut, als der Gedanken. Doch, alles dieses weggeschmissen, wäre es nicht Unsinn zu sagen, weil der Mohr dumm und tückisch ist, so ist es der Deutsche ebenfalls, dessen Nase und Lippe sich der Lippe »nd Nase des Schwarzen naher», oder ähnlicht ihm mit der Verhältniß im Charakter, nach welcher sich Nase und Lippe ähnlich sind, da der eine eines sanften Himmels genoß. während der andere von deim seinigen bis in den Sitz der Seele gerostet und gekocht wird? Andere Umstände zu ge- schweigen. Was ist Unsinn, wenn dieses keiner ist? Die Seele baut aber doch ihren Körper, und kann man nicht aus dein Gebäude auf den Baumeister schließen? Dieses unnütze Lieblings - Sätzchcn der Phy- siognomcn kann man ohne Anstand zugeben, wenn man sich vorläufig über den Begriff von bauen vereinigt, und die kleine Einschränkung macht, daß man, unr dieses Unheil richtig zu fällen, auch die ganze Absicht des Gebäudes kennen müsse. Offenbar bauen wir unsere Körper nicht so, wie wir Backofen bauen, und ohne die Einschränkung könnte ein Grönländer, der etwa ein Gradir-Hauö sähe, auch schließen: der diese Wohnung baute, — 46 l — war sicherlich ein Tbvr, erst läßt er den Wind durch die Wände streichen, und dann sorgt er obendrein dafür, daß es auch bey heilerem Himmel mehr an Re- genwctler fehlt. Diesem guten Tropf würde ich amworlen: Lerne erst daS Land kennen, in welchem dieses Gebäude steht, so wirst du, wenn du je so weil kommst, die Weisheit bewundern müssen, womit es aufgeführt ist. Wenn man sich ein wenig umsieht, so wird man finden, es fehlt dem Phy- siognomen in dieser Art zu schließen nicht an Gesellschaft, die ihm auf alle Art Ehre macht. Der, der zuerst dem unendlich guten Wesen ein unendlich böses zugesellte, und die klugen Kopfe, die noch jetzt den Teufel anbeten, haben vermuthlich durch Schmerz, Erdbeben, Pestilenz und Krieg verleitet ihre ähnlichen Schlüsse — 462 —- gezogen. Ein trauriges Beyspiel, wohin Vernunft ohne Offenbarung führen kaun, und desto trauriger je verzeihlicher. Der Schluß aus den Werken der Natur auf einen Allmächtigen, Allgütigen und All- weisen Schöpfer, ist mehr ein Sprung der instrnirlen Andacht, als ein Schritt der Vernunft. Die Natur zeigt ihrem eingeschränkten Beobachter nichts als einen Urheber, der ihn weit übertrifft. Wie weit? das sagt ffe ihm nicht. Die Offenbarung versichert, es sey unendlich weit, und nach dem jetzigen Anschein zu urtheilen , werden auch Tausende von Jahrhunderten dem endlichen Beobachter keinen Grund an die Hand geben, an jener Versicherung mit Vernunft zu zweifeln. Ja es macht dem menschlichen Geist nicht wenig Ehre, daß er bereits tief genug in jene Weisheit hinein schaut, zu — 46z — vermuthen, das, was er übersieht, sey gegen das Ganze ein Nichts. Also Du, der du glaubst, die Seele schaffe ihre» Körper, horche auch du auf das, was Sie dir auf einem andern Wege, als dem ihres Geschöpfs, offenbart: halte den für weise, der weise handelt, und den für rechtschaffen, der Rechtschaffenheit übt, und laß dich nicht durch Unregelmäßigkeit in der Oberfläche irren, die in einen Plan gehören, den du nicht überstehst, in / den Plan desjenigen, nach dessen Vorschrift die Seele wenigstens ihren Körper bauen mußte, wenn sie ihn gebaut hat. Rede, sagte Svkrateö zum Charmidcs, damit ich dich sehe, und an ihren Früchten sollt ihr sie erkenne», steht in einem Buch, das wenig wehr gelesen wird, nnd, merkwürdig, in einer Rede zweymal hinter einander, von — 464 — welcher gleichwohl jedes Wort vor Gott gewogen ist. Allein a»f diese Art könnte man die ganze Physik verdächtig machen, antwortet man; wir wissen zwar nicht, wie Dummheit und dicke Lippen zusammen kommen, und brauchen es auch nicht zu wissen, genug wir sehen sie beysammen, und das ist hinreichend. Die Antwort hierauf ist langst in allen Logiken gegeben: Das ist es eben, worüber wir streiten. Wir gebe» dem Physiognomen gerne zu, sich unter die Naturlehrer zu zahlen, nur muß er keinen größer» Rang unter ihnen behaupten wollen, als der Prophet unter den Sraatsklugeu. Den eigentlichen Phvsikcr und den Physiognomen kann man schlechterdings nicht zusammen stellen. Der erstere irrt oft menschlich, der andere irrte seit jeher eminent. Der erstere geht mit seinen Schlüssen nie aus der Maschine, deren Gang er kennen lernen will, und deren Räder einförmig «nd treibende Kräfte scharf bestimmt und unveränderlich sind, heraus; er beobachtet nicht bloß den natürlichen Gang des Ubrwerks, sondern versucht auch, und zwingt Erscheinungen, welche, bloß leibend abzuwarten, ein tausendjähriges Leben voll Aufmerksamkeit erfordert hätten, in einen Tag zusammen; und was hundert Jahre von Versuchen wiederum nicht hätten lehren können, lehrt ihn eine Stunde Rechnung, und monathlange Rechnung wird vielleicht am Ende in ein Blättern von 5 Minuten verwandelt. Jeder Körper, möcht' ich sagen, den der Physiker mit der Hand umfaßt, ist ihm ein Modell der Schöpfung, mit dem er machen kann, was er will. So ist es Gg m. — 466 — freylich kein Wunder, wenn, durch solche Maschinen gehoben, der Mensch eine Höhe erreicht, die ihn schwindeln macht. Nun betrachte man einmal den Phy- fsognomen, wie hülflos, und doch wie verwegen, er da steht. Er schließt nicht etwa von langem Unterkinn anf Form der Schienbeine, oder aus schönen Armen auf schöne Waden, oder wie der Arzt aus Puls, Gesichts - und Jungenfarbe auf Krankheit, sondern er springt und stolpert von gleichen Nasen auf gleiche Anlage des Geistes, und, welches unverzeihliche Vermessenheit ist, aus gewissen Abweichungen der äußeren Form von der Regel auf «»alogische Veränderung der Seele. Ein Sprung, der, meines Erachten» nicht kleiner ist, als der von Come« tenschwanzen auf Krieg. Wenn ich in einer kurzen Sentenz die Bedeutung jedes — 467 — Wortö nur um eine» Zoll verschiebe, so kann sich der Sinn um Meile» andern. Wohin haben nicht unbesiimmre Wörter geführt? Was in der Haushaltung wenig schadete, leitete in Wissenschaften gerade nach entgegen gesetzten Richtungen. Fer« ner ist es dem Phvsiognomen schon unendlich schwer, den ersten festen Punkt zu finden; die erste unläugbare Erfahrung. Ein dummes Faltchcn hinter den Mundwinkeln, oder ein Iahn, den man erst bey',» seltenen Lachen entdeckte, könnten Newtons Nase zur Lügnerinn machen, und so von zwey bis ins unendliche. Die innere Verzerrung nicht einmal gerechnet, die, so unMcrklich sie auch dem Auge seyn könnte, Folgen haben kann, die dem Geist nur allzu merklich sind. Können doch unmerkliche Veränderungen im Gehirn den Tod verursachen, wie viel leichter Sin- Gg 2 «esänderung? Wie sind Sinnes-Unterricht und Geistes-Erleuchlung abgewogen? Ein Zusatz von i im Sinn, könnte eine Erleuchtung von 1000 bewirken. Die Veränderung des Gehirns immer in der Verhältniß zu sehen, in welcher sich die Veränderung im Geist zeigt, dazu haben wir keinen Sinn. Wir sehen nur Farbe und Figur, und diese kann vorn begleitenden Gedanken für einen fremden Sinn so gut um eins abweichen, als um tausend» Das ist einerley« Eine große Veränderung im Gehirn für unser Auge, könnte eine sehr kleine für die Seele sevn, von der es bewohnt wird, und umgekehrt. Und ihr wollt gar aus dem Gewölbe über dieses Gehirn schließen? Doch ich will Worte sparen und werde unverständlich» Was ist nun die Folge aus obigen Betrachtungen? Diese: die Physiognomik — 469 — wird in ibrem eigenen Fett ersticken. In einem Cenlner schweren physiognomischen Alias entwickelt, läge der Mensch nicht um ei» Haar deutlicher als jetzt in seinem Leibe. Ein weitlänftiges Werk, und zwar eines, welchem Weitiäuftigkeit wesentlich ist, zusammen zu denken, ist fürchterlich, da den Menschen aus der ersten Hand zu studieren uns tausendfaches Interesse des Leibes und der Seele anlockt und antreibt. Endlich ist auch der Phy- siognome noch von dem Weg, durch Versuche zur Wahrheit zu gelangen, fast gänzlich abgeschnitten; alles dieses zu>am- Nien macht seine Sache desperat Der Semiocikcr wird doch „och bald gewahr, ob ihn seine Zeichendeutniig trügt. Also von der einen Seite unendlich mehr Schwierigkeit als in der Naturlehre, und von der andern sehr viel weniger Hülse. Was 4?o kann daraus werden? Die Achsel zucken und stille schweigen wäre freylich alles, was der gesunde Mensch thun könnte; dem verblendeten Stolz fehlt es nie an Worten. Aber es ist doch g»t zu versuchen, was man auch hierin vermag? Antwort: nicht ganz, weil das Leiden einer einzigen unschuldigen Seele, wahrend des Versuchs, mehr Rücksicht verdient, als die ganze leere Schwärmerei) werth ist. Und ist es nicht schon seit jeher vergeblich versucht, ohne sich ernstlich zu fragen: Warum? Gut konnte es am Ende allemal seyn, aber mich dünkt, Eichen pflanzen ist besser. Ist denn aber Physiognomik ganz unsicher? Wir schließen ja täglich aus den Gesichtern, jedermann thut es, selbst die, die wider Physiognomik streiten, thun es in der nächsten Minute, und strafen ihre eigenen Grundsätze Lügen. Diese Einwürfe wollen wir nun näher beleuchten. Unstreitig giebt es eine unwillkürliche Gcberdcn-Sprache, die von den Leidenschaften in allen ihren Gradationen über die ganze Erde geredet wird. Verstehen lernt sie der Mensch gemeiniglich vor seinem fünf und zwanzigsten Jahre in großer Vollkommenheit. Sprechen lehrt sie ihn die Narur, und zwar mit solchem Nachdruck, daß Fehler darin.zu machen zur Kunst ist erhoben worden. Sie ist so reich, daß bloß die süßen und saure» Gesichter ein Buch füllen würden, und so deutlich, daß die Elephanten nnd die Hunde den Menschen verstehen lernen. Dieses hat noch niemand geleugnet, und ihre Kenntniß ist, was wir oben Pathognomik genannt haben. Was wäre Pantomime und alle Schauspielkunst ohne sie? Die Sprachen aller Zeiten und aller Völker sind voll von pathvgnomischen Bemerkun- gen, und zum Theil unzertrennlich mit ihnen verwebt. Man hat sich die Mühe nicht genommen, sie heraus zu suchen, und für die Haushaltung besonders vorzutragen, weil man um die Zeit, da man diese Bücher verstehen würde, die Sache schon gemeiniglich besser versieht, als sie gelehrt werden kann. Sie ist so »«nöthig, als «ine Kunst zu, lieben. Sie nach Regeln auszuüben, die die eigene Beobachtung Nicht schon gelehrt harte, würde, in einer wie in der andern, in Irrthum verleiten und lächerlich machen. Hingegen sind uns scre Sprachen höchst arm mi eigentlich physiygnomischen Beobachtungen. Ware etwas Wahres darin, die Völker hatten es gewiß ebenfalls in diese Archive ihrer Weiß- heil gelegt. Wo man Spuren antrifft, so find sie immer verdächtig, mid scheinen aus einer einzigen Beobachumg gemacht zu seyn, wie Spitzlopf >m Deutsche», so können selbst Nomina Propria cnvlich in Volks Schimpfwörter übergehen. Laster im Deutschen heißt nr'prünglich Verstümmelung , und nicht Gebrechen, gehört also zu Poliron. Auch stammt häßlich nicht von Hassen. Die Nase kommt in hundert Sprüchwörtern und Redensarten vor, aber immer pathognomisch, als Zeichen vorübergehender Handlung, und niemals physio- gnomisch, oder a>s Zeichen stehenden Cba, racters oder Anlage, Es fehlt ihm über der Nase, sagt man im gemeinen Leben von einem, der nickt viel Verstand hat; nach der neuern Physiognomik müßte man sagen, es fehlt ihm an der Naie. ES giebt allerdings Sprüchwörter, die der Physiognomik das Wort rede»/ aber was läßt sich nicht mit Sprüchwörtern erweisen? Hüte dich vor den Gezeichneten ist ein Schimpfwort, dem die Gezeichneten von einer gewissen Classe der nicht Gezeichneten in der Welt seit jeher ausgesetzt gewesen sind. Mit größerem Recht könnten also die Gezeichneten sagen: hüte dich vor den nicht Gezeichneten. In einem schönen Leibe wohnt eine schöne Seele gehört auch hierher. Auch k'rsnt, nullstiile-;. DieSprüch- wörtcr leben in ewigem Krieg, wie alle Regeln, die nicht der Unkcrsnchungsgeist, sondern die Laune giebt, Phädrus antwortet den eben angeführten in der simpeln Sprache der gesunden Vernunft: klälLllls wsZis t>oo tlictum, guam Vers selkimo, s)nsnüc> et kormoloL saepo ipueni pelkimos Lt tnrpi kacie multos co^noui optimos. Shakespeare, der die entferntesten Begriffe, und die sich vielleicht nie in einem Menschenkopf vorher begegnet sind, zu seiner Absicht zu verbinden weiß, der im Stande war, die Welt ein O, und endlich gar die Schaubühne ein hölzernes O zu nennen; der über das mehr Bemer- kungsgeist und Gabe besitzt, von klaren Dingen mit Deutlichkeit zu reden, als vielleicht noch ein Schriftsteller besessen hak: Dieser Shakespeare ist sehr arm an eigentlich physioguo wischen Bemerkungen» Es könnte sehn, daß hier und da etwas in ihm steckte; der Verfasser hat ihn nie in der Absicht ganz durchgclesen, aber in acht seiner Stücke, die er deßwegen durchgegangen hat, hat er nichts gefunden, was Aufmerksamkeit verdient- Hingegen ist er voll der herrlichsten pathognomischen Beobachtungen, auf die glücklichste Weife — 476 — ausgedruckt. Unter diesen finden sich sogar manche, die noch nicht so current sind, a s sie zu scvn verdienten, z E» seine immer lächelnde, ninsikscheuen Vöse- wichter und seine Lügner von polirter Lebensart, wen» man solche Bemerkungen hierher rechnen^ darf. Seine Schimpfwörter, die nur die Oberfläche treffen, und deren ganzer Zweck ist, Mangel an Schönheit aufzurücken, gehören nicht hierher. Seinem durchschauenden Auge wäre die dicklippige Dummheit, der horizontal und dünnlippige Verstand mit seinen eckigen Augenknocheu sicherlich nicht entgangen. Ader in dem großen steinernen 0, worin er lebte und schrieb, konnte er sich sehr bald von dem Satz überzeugen: Es giebt keine Physiognomik von einem Volk zum ander», von einem Stamm zum andern und von einem Jahrhundert zum andern. Shakespeare Palhognomik verdiente eine eigene Behandlung, von einem Mann, der einen stehenden Fond von Philosophie hatte, damit er nicht nach verübter That, unvermerkt das Gesetz gäbe, nach welchem er sich richtet, oder es mit der Vernunft so hielte, daß er es nicht mit der Unvernunft verdürbe. Er müßte mit einem Herzen voll Menschenliebe arbeiten, aber ja ums Himmels Willen! voll Menschenliebe die ein Heller Kopf leitet. Thätige Menschenliebe ohne Verstand verfehlt so gut ihren Zweck als Mcnschenhaß ohne Macht: so wie dieser oft mehr gue les stiftet als böses, so stiftet jene nur allzu oft mehr böses als gutes. Nur mit dem traurigen Unterschied, daß ich den, der in der Absicht mir zu schaden mein Glück befördert, am Ende mit Lächeln bestrafen, hingegen den, der mich — 478 — aus Menschenliebe unglücklich macht, auch nicht einmal mit gutem Gewissen verklagen kann. Ferner mußte der Mann tiefe Kenntniß der englische» Sprache, hauptsächlich der Narion, des Menschen und seiner Selbst besitzen. Lhne einen hohen Grad von allen vieren läßt sich zwar Shakespeare noch immer mit Vergnügen lesen, aber man wird gerade daS verlieren, waS ihn zu einem so ungewöhnlichen Mann macht. Dieses erklärt die Verschiedenheit der Urtheile über diesen Schriftsteller, wovon wir in diesen Tagen wieder merkwürdige Beyspiele gehabt haben. Mich wundert es nicht. Die Menschen sind geneigt zu glauben, daß sie jedes Bück), worin nichts von krummen Linie» und algebraischen Formeln vorkommt, lese» könnten, so bald sie die Sprache verstünden, worin sie geschrieben sind, ES ist — 479 — aber grundfalsch. Es könnte Jemand so wenig von dr» obigen Erfordernissen zur Lesung deS Shakespeare mitbringen, und so wenig Begierde haben in sich selbst zu erwachen, daß er am Ende wohl nichts verstünde, als seine Aoten, seine Flüche und einige seiner ausschweifendsten Metaphern. So wird es aber bis an jenen Tag allen großen Geistern ergehen, die mit tiefcrEinsichl über den Menschen schreiben. Solche Werke sind Spiegel; wenn ein Affe hinein guckt, kann kein Apostel heraus sehen. Ich lenke nun von dieser kleinen Ausschweifung wieder ein. Ich sagte oben, Shakespeare sey sehr arm an eigentlich physiognomischcn Bemerkungen, wenigstens in den Stücken, die ich in der Absicht, sie zu suchen, durchgelesen habe. Unparteyische Leser werden sehen, daß dieses nicht sagen will, ex enthalte ganz unb gar keine. Shakespeare schildert Menschen, und die Menschen haben wohl seit jeher physiognomisirt und geirrt, auch irre» sich Shakcspears Phnsiognomen. Ich verstand vielmehr darunter solche Bemerkungen, die unter andere Erklärungen gleichbedeutend hingeworfen, zugleich die Sache bezeichneten, und den Ernst sehen ließen, womit er es meint. Z. E wenn er Leuten, deren Geist und Herz Er aus der Geschichte kannte, ohne ihre Figur zu kennen, eine Bildung beygelegt haue, die ihm nach seiner Empfindung sprechend gedünkt hätte. Sein broi>ljtronteä Lselsr wäre eine solche Bemerkung, aber zum Unglück lesen andere Ausgaben hulllkron- teä. Die koolilli ksn^in^ bs>-klierlip, die in einem dieser Stücke vorkommt, beweiset noch weniger. Der Phnlrvanome, de> sich den Shakespeare durch Wörterbücher auf- — 48i — klärt, muß jä nicht- durch Systems, gcist verleitet, glauben, daß er hier eine Entdeckung gemacht Haber Der Engländer nennt alles soolissi was er nicht leiden kaum Auch muß man bey einem Schriftsteller- der den Mensche», mit solcher Anschauung schildert, genau erwagen, tvem er die Bemerkung in den Mund legt. Sage Mir- was hat Oclavia für ein Gesicht, frügt bey'm Shakespeare die eifersüchtige Cleopatra den Courier- jst's länglich oder rund? Bis zum Fehler rund, ist die Antwort. Das sind gemeiniglich Närrinnen- die so aussehen, sagt Cleopatra. Wer sieht hier nicht- daß dieses ein tiefer Blick ins Herz der Cleopatra ist- der uns über die innere Beschaffenheir des Kopfs der Octavia völlig beh'm Alten läßt? Nun weiter. Die parhognomischen Zeichen- oft wlcderhvhlk, verschwinden Nicht irt. Hh — 482 — allemal völlig wieder, und lassen vhysio- gnomische Eindrücke zurück. Daher entsteht zuweilen das Thorheits-Faltchen, durch alles bewundern und nichts verstehen j das scheinheilige Betrüger-Falicheri, die Grübchen in den Wangen, das Eigensinns-Fält- chen, und der Himmel weiß, was für Fälichen mehr. Pathognomische Verzerrung- die die Ausübung des Lasters begleitet, wird noch überdas oft durch Krankheiten- die jenem folgen, deutlicher und scheußlicher, und so kann pathognomischer Ausdruck von Freundlichkeit- Zärtlichkeit, Aufrichtigkeit, Andacht- und überhaupt moralische Schönheit in physische für dcn Kenner und Verehrer der moralischen übergehen. Dieses ist der Grund der Gellert- scheit Physiognomik- (wenn sich dieses Wort noch von einer Sammlung von Bemerkungen- die einen Grund zu wahrscheinliche» — g8Z SchlüsseN voM Charakter auf die Gcsichis- bilduüg- aber Nicht Umgekehrt- enthalten- gebrauchen läßt) der einzigen wahren- wenn es eine wahre giebr- die für die Tugend alle- »Uat von unendlichem Nutzen ist- und die sich in wenig Worte fassen läßrr Tugend macht schönet- Laster häßlicher. Allein diese Züge beurtheilte Mau Mit der größten Behutsamkeit- sie lügen zum Erstaunen öst- und zwar hauptsächlich aus folgenden Ursachen- Es ist schon oben krinUert worden- daß der eine gleich ge-s zeichnet wird für etwas- was dem ändern tausendmal unbeZeichnek hingeht. Dent einen fallt nach einer durchgeschwärmten Nacht die Wange in die Zahnlücke - da den andern die ausgehende SoUNe so jugendlich hinter der Böuteille Und bey'm Mädchen sieht- als ihn die untergehende gesehen hat« Die Bedeutung jedes Zugs ist — 484 — also in einer zusammengesetzten Verhältniß aus der Brüchigkeir der Fibern und der Zahl der Wiederhohlungen. Ferner, (und dieses kann sich der voreilige Physiognvme nicht genug merken) ist denn der, der bey ruhendem Gesicht aussieht, wie mein Freund oder Ich, wenn ich spotte, deßwegen ein Spötter, oder der bey Hellem Wachen aussieht, wie ich, wenn ich schläfrig bin, deßwegen ein schläfriger? Keine Urtheile sind gemeiner als diese, und keine können falscher seyn. Denn einmal können jene Züge auch durch andere Ursachen dahin gekommen seyn- als durch Spottübüng und Schlafrizkcit oder Schuld, und auch noch selbst durch Schuld, aber nicht durch Spottübüng und Schläfrigkeit. Und darin ist freylich der Mensch von allen bekannten erschaffenen Wesen unterschieden. Ich meine Nachäffung und Bestreben- seine — 485 — Oberfläche der Oberfläche berühmter, bewunderter und beliebter Menschen ähnlich zu machen, ibre Fehler und lächerliche, ja blse Angewohnt,eilen nachzuahmen, bringt erstaunliche Revolutionen auf dem Gesicht hervor, die sich gar nicht bis in das Herz oder den Kopf erstrecken. So werden Kvpfhängen hochweises Stirnerunzeln, Lispeln, Stammeln, Gang, Stimme, die horchende Kopfhaltung, das kurzsichtige gelehrte Minzen, vornehmes Trübsehen, empfindsame Melancholie, leichtfertige Lebhaftigkeit, das bedeutende Augenwinken und die satyrische Miene, andern nachge- than, so gut als daS Gähnen; von einigen vorschlich und vvrm Spiegel studiert, von andern ohne daß sie es wissen. ES giebt Leute, denen die Satyre selbst aus den Augen zu winken und zu spötteln scheint, und die dabey so unschuldig sind. — 486 — wie die Lämmer, und eben so stumpf. Der Verfasser dar einen simgen vortrefflichen Menschen gekannt, der sich in Gesellschaft eines berühmten Mannes ein deeisives Auswerfen des Kopfs und verachtendes Herabziehen der Mundwinkel, bey allem was er sagte, angewöhnt hqtte, das ihm gar picht yyn Herzen gieng, und sich o"ch wieder abgewöhnte- Er würd? sich gewiß damit an seinem Glück geschadet haben, Es gehört viel Weltkenntnis, und Augenh dazu, die Uede von einem solchen Gesicht begleitet, zu entschuldigen^ pnd nicht das Gesicht in die Red? über zu tragen, Doch bleiben palhognvmische Ausdrücke ist einem Gesicht allemal eine Sprache für die Augen; mit schlechten Worten unharmonisch Verbunden, laßt sich so gut etwas Vernünftiges sagen, als mit den ausgesuchtesten und aller Macht des NWierns etwas sehr Unvernünftiges. Das erstere im Gleich- uiß haben einige unserer altern Schriftsteller durch ihr Beyspiel gezeigt, und von den letzten, haben unsere Tage größere Proben auszuweisen, als Rom und Griechenland zusammen genommen. Fast lächerlich ist der Beweis für die Zuverlässigkeit der Physiognomik, den man aus der täglichen ja stündlichen Ausübung derselben herleiten will. So bald wir einen Menschen erblicken, so ist es allerdings dem Gesetz unsers Denkens und Empfindens gemäß, daß uns die nächst- ähnliche Figur, die wir gekannt haben, sogleich in hen Sinn kommt, und gemeiniglich auch unser llrthcil sogleich bestimmt, Wir urtheilen stündlich auS dem Gesicht, und irren stündlich. So weissagt der Mensch von Zeitläuften, Erbprinzen, urd Witterung; der Bauer hat — 488 — seine Tage, die die Witterung des ganzen Jahrs bestimmen, gemeiniglich Festtage, weil er da wüsstg genug ist zu physioguomisiren. Jeder Mensch ist des Tages einmal ein Prophet- Ja die angehenden Phpsiognome» schließen sogar aus den Namen, und die Pglilrasare scheinen ihnen den Friedrichen nachzustehen. Ich glaube, es sind wenig Menschen, die nicht irgend einmal etwas diesem ähnliches gethan und gedacht haben, so lächerlich es auch klingen mag. Die angenommenen Namen satvrischer Schriftsteller Merken nach solchen Regeln zusammen gesetzt. Wollten wir die Leute, von denen wir nach dem ersten Anblick urtheilen, alle durch jahrlangen, genauen Umgang prüfen, ich glaube, es würde der Physiognomik ärger ergehen, als der Astrologie. Einbildungskraft und Witz kommen — 489 — hie>bey gefährlich zu Statten, daher sind die licfsicn Denker gcuieiniglich die schlech- tesien Physioguomen. Sie sind mit einer flüchtigen Achnlichkeit nicht so leicht befriedigt, da der flüchtige Physiognome in jedem Dintenfleck ein Gesicht und in jedem Gesicht eine Bedeutung findet, Alles dieses ist aus Ideen - Association begreiflich, Vergnügen gewähren diese Hypothesen allemal. Wer des Nachts aus einer Postkutsche gereisct ist, und im Dunkeln Be» kannlschast wir Leuten gemacht hat, dix er nie gesehen hak, wird die Nacht über sich ein Bild von ihnen formst! haben, nnv sich am Morgen so betrogen finden, als sich der Phxfiognvme an jenem großen, feyerlichen Morgen betrogen finden wird, an dem sich unsere Seelen zum erstenmal von Angesicht 'chanen werden. Der Verfasser Hai lange, ehe Physiognomik Mode — 490 — geworden ist, auf eine Art in Physiognomik ausgeschweift, die er nun, da ihn Erfahrung zurückgebracht hat, dem Leser picht vorenthalten kann; Er hat einen Nachtwächter, der ihn einige Jahre durch aus dem Schlaf hörnte und brüllte, um ihm zn sagen wie viel Uhr es sey, nach her Stimme zu zeichnen versucht. Man höre den Erfolg. Seine Stimme erweckte jn ihm das Bild eines langen, hagern Übrigens aber gesunden Mannes, mit länglichem Gesicht, in die Länge herunter gezogener Nase, strachem ungebundenem Haar, und langsamen, säendem, gravitätischem JJitt. Er ward nach dieser Porstellung begierig, den Mann am Tage zu sehen, wozu er bald Gelegenheit bekam, Die Abweichung der Zeichnung vom Original war unerhört groß, schlechrerdings nichts war get?offen, Der Maun war der Natur nach unter den Mittelmäßigen, munter ;,nd geschwind, selbst sein Haar hatte er i» ein wegffchendcs Zöps- chen zusammen gediehet, worin mehr Bindfaden als Haar war, Es ist hierbey eine angenehme Beschäftigung, die dem Psychologen wichtig werden kann, jene Ideen wieder zu dlssyrciircn. Der Verfasser hat seinem Nachtwächter oft nachgespürt, und endlich gefunden, daß er die lange Figur der durchdringenden Baßstimme zu danken hatte, die er in seiner Kindheit einigemal beysammen gesehen: hingegen war das bedächtige, hagere, schleichende, nach genauer Untersuchung, von weit edlerer Abkunft, denn ?s verlor sich irr dichterische Ideen von der Göttin der Nacht, und einiger Gespenster männlichen Geschlechts, m>t denen der Verfasser in seiner Jugend bekannt geworden war, Auf der Schule in D. befand sich mit mir zugleich ein Mensch von sehr lebhaftem Witz und nicht gemeinen Talenten, aus dem etwas hatte werden können, wenn er dieses wilde Feuer durch ernste Wissenschaft zu zweckmäßiger Erwärmung zusammen ZU halten, früh genug wäre gezwungen worden. Dieser rühmte sich im Ernst, daß er den Leuten ansehen könnte, wen» sie Caspar hießen. Er irrte sich nicht wenig wie man mir gerne glauben wird, allein er blieb, kleine Abänderungen nicht gerechnet, (recht physiognomssch) jm Ganzen bey seiner Meinung, und Caspar war ein Nahme, womit er einen sehr zusammen gesetzten Charakter bezeichnete. Da ich einigen von den Leuten, die er mit diesem Nahmen belegte gekannt habe, so würde ich sie dem Leser gerne nach Vermögen hinzeichnen, wenn ich nicht — 4SZ — fürchtete mich verdrüßlichen Deutungen auszusetzen. Ein anderer, weit alter und auf einer höheren Schule fand eS seltsam, und hatte bey dickerem Blut in seinem Glauben dadurch irre gemacht werden können, daß von drey großen christlichen Gelehrten- die er fast zur Anbetung verehrte, der eine Abraham, der ünderr Jsaac und der dritte Jacob hieß. Dabey war er doch ein großer Bewunderer vo» Gellert, als er mir daher einmal seine Bemerkung klagte, so antwortete ich ihm, Gellert halte Fürchtegott geheißen, und daran sollte er sich halten. Allein es gibt noch weit schmeichelhaftere und subtilere Feinde der Physiognomik, die man erst nach Bearbeitung eines noch sehr verwilderten Feldes, der Philosophie ganz kennen lernen wird. Ein Wort kaun in uns zu einem Gesicht werden, und ein — 494 — Gesicht zu einem Wort, durch Association. Wir sehen die Helden der Romanen, die wir lesen, alle wie bor uns, auch die Plane der Städte. Lange vorher , ehe ich daS Pctcrat des Generals der Amerikanischen Rebellen Lee, gesehen halte, habe ich Mir ein Bild bort ihm gemacht, das aus Deserteur und doppeltem e so wunderbar zusammen gesetzt ist, baß ich nie ohne Vergnügen daran denke. Wer über den Ursprung der Wörter nachgedacht hat, wird diese Bemerkung nicht unwichtig finden, und sie leicht an andere anzuketten wissen, die schon wehr ins Reine gebracht sind. Diese subtilen Feinde der Wahrheit, beten eine tmzäh- lige Menge in uns liegt, entfliehen bey hell-tagender Vernunft, einzeln, bey den meisten, aller Beobachtung. Kaum hat sich aber auch jener Tag in den Iwi- — 495 — fchenräumen eines unruhigen Schlafs, in einer Fieberhitze oder schwärmerischen Aus-e ficht auf Nrstaurator-Ehre zur Dämmen rung geneigt, so steigen sie oft zu einem hohen Grad von Klarheit vergrößert hervor- ich habe davon einige mit großem Vergnügen gehascht- und zu künftigem psychologischen Gebrauch in meinem Cabi- net aufbewahrt. Jene Frau, die glaubte der Pabst müßte ein Drache, oder ein Berg oder eine Canons seyn, verdient Mehr Aufmerksamkeit als Spott. Es geht uns allen so- wenn wir träumen Und wer will die Gränze zwischen Wachen und Träumen angeben; so wie Nicht jeder träumt, der schläft- so schläft auch Nicht jeder der träumt, Jedermann macht sich nach feinet Lage in der Welt- Und feinet Ideen im Kopf- nach seinem Interesse, Laune und — 496 — Witz, weil er das ganze Gesicht nicht fassen kann, einen Aussig daraus, der nach seinem System das merkwürdigste enthalt und den richtet er, daher sieht jeder in vier Punkte etwa so geordnet ein Gesicht, und nicht alle einerley; eben daher auch das dispnireu über die Aehn- lichkeil der Porträte und Aehnlichkeir zweyer Leute. Zwey schließen aus dem Anblick eines Brustbildes, auf die Lange des Mannes, der eine, er sey groß der andere er sey klein, und keiner kann sagen warum. Beym Pferd und Ochsen gings an, wenn der Maaßstab dabey wäre, über bey'm Menschen auch wieder nicht, und doch will man aus Stirne, Nasen und Mund Schlüsse ziehen, deren Vetwer genhcit gegen jene gerechnet unendlich ist. Allein Felix Heß und Lambert halten einerley Nasen, das ist doch sonderbar- — 497 — Allerdings sonderbar, daß zwey Leute einerley Nasen haben, die Himmel weit von einander unterschieden sind, und wovon keiner der andere hätte werden können, auch wenn er gewollt hatte. Aber beyde waren tiefsinnige Männer. Fürwahr mir gehen die Augen über, wenn ich das Meisterstück der Schöpfung, das bereits einzusehen gelernt hat, daß es von den Absichten, warum es da ist, nur die wenigsten kennt, so behandelt sehe. Es regnet aüemal, wenn wir Jahrmarkt haben, sagt der Krämer, und auch allemal wenn ich Wäsche trocknen will, sagt dir Hausfrau. Gesetzt auch gleiche Nasen würden von gleichen Ursachen geformt, so ist erst noch auszumachen, ob sich Lam- berk und Felix Heß nicht noch in andern Stücken geglichen haben, die der eigent- kicheu Nasenwurzel naher, als den Juni. — 498 — sirumenten des Tiefsinns lagen. Und können nicht sehr verschiedene Ursachen denselben scheinbaren Effekt vorbringen? Ist dieses nicht; können dieselben Nasen und Stirnen nicht durch verschiedene Ursachen entstehen; und kann nicht, nachdem Nase und Stirne einmal sieben, inneres Fortwachsen biegsamer Theile noch immer Formen schaffen, die den Phy- siognomen auf ewig zum besten haben werden: so möchte ich wohl wissen, wer das bewiesen bat, oder beweisen will. So gut einer bey schön geformtem äußern Ohr nicht bloß taub werden, sondein sogar taub geboren seyn kann, so gut kann einer bey der schönsten Nase schlecht riechen und ein Narr seyn, und noch leichter etwas, das nicht so ausgezeichnet als der Narr ist; eines der unzähligen Geschöpfe über und unter den Mittelmaß, gen. Dem Himmel sey auch Dank, daß' es so gewiß tiefsinnige Köpfe ohne Lam- berkiiche Nasen gibt, als, so lange die Welt steht, die Lamberrischen Nase« gemeiner seyn werden als die Lamberte. Die festen und unbeweglichen Theile, zumal die Form der Knochen, trügen, einmal, weil sie bey jeder Art von Verbesserung des verbesser lichen Geschöpfs, die noch lange nachher Platz hat, nachdem Liese ihre völlige Festigkeit erreicht haben, noch Statt findet; und zweykens, weil, da ihre Form so wenig von unserm Willen abhängt, auch der Einfluß äußerer Ursachen unvermeidlicher ist, und ein einziger Druck oder Stoß allmählich Veränderungen wirken kann, deren Fortgang keine Kunst mehr aufzuhalten im Stande ist. Auch, wenn sich etwas daraus herleiten ließe, so wären die festen Theile doch immer nur eine beständige Größe, ein einziges, in unzähligen Fällen unbeträchtliches Glied der unendlichen Reibe, durch die der Charakter des Menschen gegeben ist. Herr Lavater hält die Nase für das bedeutendste Glied, weil keine Verstellung auf sie wirkt. Sehr gut, wenn Uebergang von Wahrheit zu Verstellung Und von Verstellung zu Wahrheit die einzige Veränderung im Menschen wäre. Allein bey einem Wesen, das nicht allein durch moralische, sondern physische Ursachen wirklich verändert werden kann, ohne daß die Nase deßwegen folgt, sollte ich denken, wäre ein so unveränderliches Glied, nicht allein für die Wahrheit unbedeutend, sondern wider dieselbe verführerisch. Je feiner und folgsamer der Thoo, desto richtiger und wahrer der Abdruck. Die beweglichen Theile des Gesichts, die nicht allein die palhognomische», unwillkürlichen Bewegungen, sondern auch die willkürlichen der Verstellung angeben und aufzählen, sind daher meines Erachrens weit vorzuziehen. Selbst Zurückgang im Charakter kann hier „»alogischen Zurückgang im Weiser verursachen. Der Weiser kann trügen. Freylich leider! Aber was die Form der festen Theile bcdeuiendes hat, ward ihnen durch ähnliche Ursachen unter ähnlichen Bedingungen eingedruckt» Ich gestehe gern, mich das ruhende Gesicht mit allen seinen palhognomischen Eindrücken, bestimmt den Menschen noch lange nicht. Es ist hauptsächlich die Reihe von Veränderungen in demselben, die kein Porträt und vielweniger der "abstrackte Schattenriß darstellen kann , die den Charakter ausdrückt, ob man gleich oft glaubt, was uns die letzteren gelehrt haben, habe man von den erstem gelernt. Die pathogno- ,nischen Abänderungen in einem Gesicht sind eine Sprache für das Auge, in welcher man, wie der größte Physiolog! sagt, nicht lügen kann. Und zehn Wörter aus der Sprache eines Volks sind mir mehr werth als loo ihrer Sprachorganc» in Weingeist. So wie wir hier besser hören, als wir sehen, so sehen wir dort mehr, als wir zeichnen. Die beweglichen Theile und die verschiedenen Folgen in den Bewegungen sind nicht Corollaria aus einem durch die festen gegebenen Satz. Es sind nothwendige Bedingungen, ohne die die Auslösung immer unbestimmt bleibt. Ja die letztem sind sogar wichtiger als jene, je naher sie wirklichen Handlungen liegen. Drey Köpfe, die sich, wie aus einer einzigen Form gegossen, glichen, könnten, wenn sie zu lächeln oder zu spre- — zoZ — chen anfingen, alle Aehnlichkeit verlieren. Wer kann dieses lauguen, als der, der eS nicht versteht. Diesem Räionnement muß man nicht die angeblichen Erfahrungen der Pbysio- gnomen entgegensetzen wollen. Sie irren sich, wenn sie aus Schattenrissen oder Porträten von Personen urtheilen, die sie gar nicht kennen, so entsetzlich, daß, wenn man die Treffer mit den Fehlern verglichen sähe, das Glückspiel gleich in die Augen fallen würde. Sie machen es aber wie die Lottvspielcr, puhliciren Blaitchen voll glücklicher Nummern, und behalten die Quananten, die man mir unglücklichen anfüllen könnte, für sich. Auch die getroffenen sind es oft nur in Orakclwöricrn, mit Spielraum für den Sinn; und oft sieht der Physiognome Forschungsgeist in den Augenknochen, oder poetisches Genie in den Lippen des Mannes, weil er sie in dessen Schriften ans Mangel an Kenntnissen und Geschmack oder durch Journale verführt, zu finden glaubt, Dem Denker, der jene Schriften leer findet, wird dadurch die ganze Kunst verdächtig. Wache, nüchterne Vernunft sieht wohl, woher dieses Irren entspringt, und gibt sich nicht mit Untersuchungen ab, die nicht für sie sind; wagt sie sich je ohne Plan in solche Felder, welches freylich zuweilen sehr großen Leuten begegnen kann, so geschieht es gemeiniglich nur in den Stunden, wo sie in der Gesellschaft des muntern Witzes und der verführerischen Einbildungskraft, einen kleinen Hieb hat. Man untersuche daher einmal die Physio- gnomen, und man wird finden, es sind gemeiniglich Personen, deren lebhafte Einbildungskraft ihnen beym Anblick der mei-r stcn Gesichter, die verwandten Züge anderer und mit ihnen ganze Lcbcnslänfe und Privatgcschichtchcn vo> stellt, und die dieses bey jeder Gelegenheit der Gesellschaft darlegen. Gemeiniglich mit vielem Witz, weil so sehen und so sprechen einerley Ursprungs sind. Auch richtet die Gesellschaft solche Bemerkungen nicht als baare Philosophie, sintern als Witz, dessen Reitz wohl gar durch den Strich von verwegner Leichtfertigkeit »och gewinnt, der die erstere geschändet hatte. §)ft sind sie unschuldiger, »nd sehen den Leuten nur das an, was sie schon von ihnen wissen. Die Prüfung der Bemeikung ist in den meisten Fällen so flüchtig, als die Bemerkung selbst. Ma» esse einmal den Scheffel Salz, welchen schon Aristoteles verlangt, mir dem Mann, über dessen Herz und Kopf man so flüchtig urtheilte, und man wird finden, was alsdann werden wird. Aber Inen ist menschlich; nicht immer, es ist zuweilen.. ., weit weniger. Das hohe Aller der Physiognomik zeigt von ih>cm verführerischen Rcitz und ihr schlechter Fortgang, (Jurückgang könnte man sagen,) bey immer zunehmenden Hülfs- Mitteln, von ihrer Nichtigkeit. Was aber unserm Unheil aus Gesichtern noch so oft einige Richtigkeit gibt, sind die, weder physiognomischen und pa- thoauomischcn, untiüglichcn Spuren ehemaliger Handlungen, ohne die kein Mensch auf der Straße oder in Gesellschaft erscheinen kann. Die Liederlichkeit, der Geitz, die Bettele» u. s. w. haben ihre eigene Livree, woran sie so kenntlich sind, als der Soldat an seiner Uniform, oder der Eaminsegcr an der sciniqen. Eine einzige Partikel verräth eine schlechte Er- ;v7 ziebung, und die Form unseres HnteS und A>k ibn zu setzen, unsern ganzen Umgang und Grad von Geckcrey. Selbst die Rasenden wurde» öfters unkenntlich seyn, wenn sie nichr handelten. Es wird wehr aus Kleidung, Anstand, Eompli- wenl bey'm erste» Besuch, und Aufführung in der ersten vicnhel Stunde in ein Gcsichr hinein erklärt, als die ganze übrige Zeit aus demselben wieder heraus. R iue Wasche und ein simpler Anzug bedecken auch Züge des Gesichts. Doch wir müssen abbrechen, und wellen statt neuer Erläuterungen, die sich ins unendliche vervielfältigen ließen, lieber die Hauptsätze kurz zusammennehmen, damit man ein so wcitläusriges Werk Nicht Wieder falsch verstehe und dem Leser überlassen, sich nach seiner Lage in der Welt, entweder den bequemsten Beweis oder die bequemste Widerlegung dazu selbst aufzusuchen. Ausgemacht scheint uns Folgendes: il Obgleich objektive Lesbarkeit von allem in allem überall statt finden mag, so ist sie es deßwegen nicht für uns, die wir so wenig vorn Ganzen übersehen, daß wir selbst die Absicht unsers Körpers nur zum Theil kennen. Daher so viel scheinbare Widersprüche für uns überall. 2) Von der äußeren Form des Kopfs, in welchem ein freyes Wesen wohnt, muß man nicht reden wollen wie von einem Kürbis, so wenig als Begebenheiten, die von ihm abhängen, berechnen, wie Son? nenfinsternissen. Man sagt mit eben dem Grad von Bestimmtheit, der Charakter des Menschen liege in seinem Gesicht, indem mau sich auf die Lesbarkeit von allem in allem beiuste, als man, sich aus den — ZO9 — Satz des zureichenden Grundes stützend, behauptet, er handle maschinenmäßig. z) Die Form der festen Theile sowohl als der beweglichen, hangt auch von äußeren Ursachen ab, die gemeiniglich geschwinder und kräftiger wirken, als die inneren; und doch gibt der Mensch jedem sichtbaren Eindruck, selbst der Verzerrung durch die Pocken, Zahnlücken u. s. w. physiognomischen Sinn. Das menschliche Gesicht ist nemlich eine Tafel, wo jedem Streich transscendente Bedeutung beygelegt wird; wo geringer Kramps aussehen kann wie Spötterev, und eine Scdmarre wie Falschheit. Eben so hindert Widerstand von außen, Zähigkeit der Theile, allen pathognomischen Eindruck. 4) Jeder Bewegung der Seele korrespondier in verschiedenen Graden von Sichtbarkeit, Bewegung der Gesichts- Muskeln, daher sind wir geneigt, auch ruhenden Gesichtern, die jenen bewegten ähnlich sind, die Bedeutung der leytern beyzulegen, und dehnen daher die Regel zu weit aus. 5) Selbst den dauernden Spuren ehemaligen pathognomischen Ausdrucks auf dem Gesicht, von dem noch das wenige sichere abhängt, das die Physiognomik hat, ist nur in den äußersten Fällen zu trauen, wo sie so stark sind, daß man die Leute gezeichnet nennen möchte, und auch alsdann nur, wenn sie in Gesellschaft mit andern Kennzeichen stehen, die schon eben das weisen; da bestärken sie freylich. Umgekehrt kann man gar nicht schließen: wo diese Züge nichr sind, ist keine Bosheit. Bey den Gesichtern der gefährlichsten Menschen koimre man sich oft nichts denken. Alles steckte hinter einem — zu — Flor von Melancholie, durch den sich nichts deuten ließ: Die Muskel» hangen solchen Leuten oft wie eine Gallert am Kopf, in welcher man so vergeblich Bedeutung sucht, als organischen Bau in einem Glaswasser. Wer das noch nicht bemerkt hat, kennt den Menschen nicht. Die Bösewichter werden immer unkenntlicher, jemehr sie Erziehung gehabt haben, jemehr Ehrgeiz sie besitzen und je wichtiger die Gesellschaft war, mit der sie umgingen. Stärkere paihognomische Züge sind nicht ein Zeichen von siärkercm Laster, sondern größerer Brüchigkeit der Muskeln, größerer Ungezogenheit und roherer Sitten. Da ferner diese Verzerrungen oft nur scheinbar paihognomisch sind, und durch andere Ursachen entstanden seyn können, so sieht man, wie vorsichtig man in Schlüssen aus pathognomiichen Zügen auf moralische — 5 12 — Häßlichkeit seyn müsse; moralische Schönheit im Gesicht zu lesen ist nicht so schwer. Auch sind Zaghaftigkeit und Leichtsinn, bey herrschender Neigung zur Wollust und Müssigganq, gar dem Unheil nicht gemäß gezeichnet, das sie in der Welt anrichten: hingegen sieht Entschlossenheit seine Rechte gegen jeden, er sey wer er wolle, zu vertheidigen, und Gefühl des entschiedenen Werthes seiner selbst, auch der paucornm, bominum bomo, zumal bey nicht lächelndem Mund, oft trotzig, und daher manchen sehr gefährlich aus. 6) Daß der Mahler und der Dichter ihre Tugendhaften schön, und ihre Lasterhaften häßlich vorstellen, kommt nicht von einer durch Intuition erkannten nothwendigen Verbindung dieser Eigenschaften her, sondern weil sie alsdann Liebe und Haß mit doppelter Kraft erwecken, wovon die eine den Menschen üm Geist, die andere am Fleisch anfaßt. Mahlte» oder schrieben sie für ein einziges Volk, oder gar für eine» einzigen Menschen, so würde die Volks - Schönheit, oder das Gesicht der Geliebten, des Herzens - Freundes n»d deS verehrte» Vaters, noch sicherer die Tugend empfehlen. So entstunden italienische Christus-Gesichter» Sokrates, wenn wir ihn nicht naher kennte», würde ein ähnliches in der Römischen Schule erhalten haben. Es ist landesübliche Schönheit jener Gegend, ohne Spur widriger, und selbst nur bey schwachen Zeichen an, genehmer, die sanfteste Gemüthsstille nur wenig aufhebender Affekten. Von der andern Seite hat selbst Schwanz, Schwärze und Klaue dienen müssen, das Laster und die Bosheit für eine gewisse Classe von Menschen zu zeichnen. Bey andern wählte Kk ill. der Mahler feinere Farben und Zeichen, nach Maßgabe seiner Erfahrung. Holdem macht eine» schmierigen, häßlichen Vet- teljuden aus seinem Judaö, das er dcch rvokl schwerlich war. Die schleichenden Betrüger, zumal die, die, wo nicht mit einem Kuß verrathen, doch küssende Verrathet sind (ich habe ibrer mehrere gekannt und suhle es leider noch, daß ich sie gekannt habe); ferner die, die wie eine gewisse Art unbrauchbare Hunde jedermann schwänzeln, jedermann apvrriren, und über jedermanns Stock springen, immer unglaublich treu thun und selten da sind, wenn man sie haben will; Und endlich die, die alles thun, was derjenige will, der ihnen den Geldbeutel oder die Ketten der Finsterniß oder die Peitsche über dem Kopf schüttelt, sehen freundlicher aus. Ich halle den Judaö schöner und gewiß mit einem frömmelnden Lächeln, mich die Haare um den Kopf geleckter gemahlt. Vielleicht wäre ich von den wenigsten verstanden worden, aber die, die es gefunden halten, hätten es mir desto herzlicher gedankt. 7) Tugend macht schöner, aber die größte Schönheit, die sie unter einem gewissen Himmelssirichc hervorbringt, ist so sehr von jener Winkelmannischen unterschieden, daß vielmehr bis ans Ende der Welt jeder ehrliche deutsche Bauer darin von jedem Neapolitanischen Dieb übertraf- fen werden wird, und ihr Reitz bestehet so wenig in dem, was die Wollust so nennt, als das Glück, das die Tugend gewahrt, iit einer eisernen Gesundheit und einer Revenüe von 22020 Thalern. Lastet macht allezeit häßlicher, jedoch bey übrigens gleichem Grad von Starke- Mit sehr Kk s — ;i6 — verschiedenem Grad von Sichtbarkeit. Zuweilen ist es nur ein kleiner Zug, der sich erst beym genauen Umgang zeigt. 8) Talent und überhaupt die Gaben des Geistes haben keine Zeichen in den festen Theilen des Kopfs. Dieses zu beweisen, muß man den ausgesuchten Silhouetten von denkenden Köpfe» - auch ausgesuchte von nicht denkenden und Narren beyfügen, und nicht Gelehrten von sorgfältiger Erziehung, einen Dorf-Narren gegenüberstellen. Bedlam wird-von Leuten bewohnt, die, wenn sie nicht wie versteinert vor sich hinstarrten, odet mit den Sternen lächelten- oder auf den Gesang der Engel horchten, oder den Sirius aus- blasen wollten, oder mit uNtcrgesteckten Armen schaudernd zusammenführen, Respect einflößen würden. Noch weniger wird sich ZI? aus der Form der Knochen allein schließen lassen. Um einen Kopf von jedem Ekelet, der nicht monströs wäre, würde ein geschickter Künstler, ohne aus dem Wahrscheinlichen herauszugehen, eine Hülle von Muskeln und Haur aus Wachs schlagen, und ihr Eindrücke geben können, jede beliebige Pbsicht dadurch zu errcicheg. 9) .Physiognomik ist also äußerst trug- lieh, Die wirkenden Leidenschaften haben zwar ihre Zeichen, und lassen oft merkliche Spuren zurück, das ist unläugbar, und daher rührt das, was die Physiognomik Wahres har. Es ist aber auch djescs bey dem größten Theil des menschlichen Geschlechts so unsicher und schwankend, daß wir, trenn wir die Köpfe ohne Hut und Perücke, ohne Pflaster, Schminke, Schmarren, Kupfer, Finnen und Bewegungen sä- hen, den Charakter mit eben so vieler Sicherheit herauswürftln, als aus den Zügen errathen würden. In den Bewegungen der Gcsichtsmuskeln und der Augen liegt das meiste, jeder Mensch, der in der Welt lebt, lernt es finden; es lehren, heißt den Sand Zahlen wollen, Nützlicher wäre ein anderer Weg, den Charakter der Menschen zu erforschen, und der sich vielleicht wissenschaftlich behandeln ließe; »amlich aus bekannten Handlungen eines Menschen, nnd die zu verbergen er keine Ursache zu haben glaubt, anders nickt eingestandene zn finden. Eine Wissenschaft, welche Leute von Welt iu einem höheren Grad besitzen, als die armen Tröpfe glauben können, die ihr Vpfer täglich werden. So schließt man von Lst'hrutng jn hex Wohnstube auf Ordnung ;i9 — im Kopf, von scharfem Augenmaß auf richtigen Verstand, von Farben und Schnitt der Kleider in gewissen Jahren auf den ganzen Charakter mit größerer Gewißheit, als aus hundert Silhouette» von hundert Seiten von eben demselben Kopf. Wer sagt, ich bin ein hitziger Kopf, wenn ich anfange, ist ein gntcs Lamm; und dex fromme Schwärmer, der jeden Augenblick ausruft, ich bin ein schwaches Werkzeug, wurde sich ttiiversdhnlich beleidigt glaube», wenn man ihm antwortete: das haben wir langst gedacht. Verschwiegenheit hat unzertrennlich verschwistcrte Tugenden, AuS der Manesse schließt man auf den Mann, wenigstens auf viele seiner Verhältnisse gegen uns. Wer gegen sein Gesinde gut ist, ist meistens im Grunde gut: man verstellt sich nicht leicht gegen Leute, die man für ihre Dienste bezahlt und von - Z20 - einem abhängen, die man der Ehre der Verstellung gegen sie nicht würdig achtet, und die man nicht fürchtet. Die guten Romanen - und Schauspieldichker, Le Sage und Shakespeare enthalten solche Züge, wie weggeworfen. Der letztere in Menge, über ohne alle prahlhasie Hinweisiing, daher man sie so oft übersieht. Aber was hilft das alles bey der schlanksten und gefährlichsten Elaste von Menschen? Nichts. Jede neue Attaque erzeugt eine neue Bc- festignngskunst, die dem pcrfectibelste«, und eorruptibelsten Geschöpf immer einschlagt. Allein was auch sophistische Sinnlich? keit eine Zeitlang dagegen einwenden mag, so ist wohl der Satz gewiß, es ist kein dauernder Reitz ohne unverfälschte Tugend möglich, und die auffallendste Häßlichkeit- so lange sie um nicht echelhaft ist, ver- mag sich dadurch Reitze zu geben, die irgend jemand unwiderstehlich sind. Die Beyspiele dieser Art unter Personen beyderley Geschlechts sind freylich selten, allein nicht seltener als die Tugenden, die jene» Reitz hervorbringen. Ich meyne hier vorzüglich die bimmlische Aufrichtigkeit, das bescheidene Nachgeben ohne Wegwerfnng seiner selbst, das allgemeine Wohlwollen ohne dankverdieuensche Geschäftigkeit, die sorgfältige Schonung der Delikatesse anderer Personen auch in Kleinigkeiten, Bestreben jedem in Gesellschaft unvermerkt Gelegenheit gehen sich zu zeigen, ferner Ordnungsliebe ohne kleinliches Putzen und Reinlichkeit ohne Geckcrey im Anzug, Dem Verfasser sind Beyspiele hiervon von Frauenzimmern bekannt, die, wenn er sie hersetzen könnte, auch die Häßlichsten rgik Mnth erfüllen würden- Was diese Tu- gcnden wirken, wen» sie sich znr Schönheit gesellen, wird jeder Leser leichter finden, wenn er in die Geschichte seines eigenen Heizens sehen will, als ich es hier beschreiben könnte. Eben so kann daS Lasier, wo es biegsamen Stoff findet, in einem, hohen Grade verzerren, zumal wenn dazu, bey roher Erziehung und gänzli-! chem Mangel an Kenntniß sittsamer Fals teu, oder gar an Willen sie anzunehmen, «S nicht ein einzigesmal des Tages, in irgend einer Stunde der bezahlten Pflicht, Zeit findet die Risse auszuflicken. Diese Betrachtung haben den Verfasser langst begierig gemacht, von einem gebonien Beobachter des Menschen, der dabey ein großer Zeichner wäre, und in einer gror ß§N Stadt gelebt hätte, denselben Knaben und dasselbe Mädchen auf zween verschiedenen Pfaden des Lebens vorgestellt — Z2Z — zu scheu; und zwar sollte ihre Geschichte mehr durch Züge des Gesichts als Handlung gezeigt werden. Er glaubte damals schon, gnd der Beyfall einiger Gelehrten, die lange vor ihm über diese Materien gedacht haben, hat ihn nachher in diesem Glauben bestärkt, daß die Ausführung dieses Gedankens des größten Künstlers nicht unwürdig wäre. Alles, was der Künstler je über Schönheit und Häßlichkeit bemerkt, und alle übrige Beobachtungen, dir er über den Menschen angestellt hatte, könnte er hier zeigen, und mir wie vielem Vortheil für die Tugend! Was Hogarlh hierin geleistet hat, ist bekannt, Er war in den Verschönerungen nicht so glücklich als in den Verschlimmerungen» Die Ursache ist leicht einzusehen, Unter allen lebenden Künstlern, die mir bekannt geworden sind, wäre Hr. Ehydonchecky in — 524 — Berlin der einzige, der diesem Gegenstand gnct) für den geübtesten Beobachter deS Menschen g-nugthnend auszuführen im Stande wäre. Seine kleinen Kopfe, vorzüglich einige im Nothanker, werden durch den Geist, über dem man fast vergißt, daß es Striche sind, nicht bloß Unterhaltung, sondern Gesellschaft; für mich we^ nigstxns, Er lebt übcrdas in einer Stadt, wo ein Künstler, wenn er durch den Wink eines Fremden auf ein nicht ganz bekanntes Feld geleitet wird, durch eigene Beobachtungen, leicht alles nöthige bald nach? holen kann, zumal wy der große Foich von Beobachtungen und die glückliche Anlage die neuern instinktmüßig zu hasche» schon dg ist, wie bey diesem Mann. Was er in diesem Feld, selbst für eine» Taschen-Calender auf meinen Vorschlag gethan hat, ist von allen, die den Ge- danken verstanden haben, mit dem grdßie» Beyfall aufgenommen worden. Schade nur, daß durch das häufige, nicht allemal ganz gefchickte Abdrucken/ die Kupferstiche endlich Veränderungen erlitten haben - die gerade Hrn. Chodowiecky's und meiner Absicht entgegen waren. Die Undcutlichkeit der Züge, durch die die Tugend verliehet/ ist dem Laster vortheil- haftZ wäre also noch langer fortgebracht worden, so harten beide Reihen, die auS einem Punkt entsprangen, bald darauf sich stark trennten, sich endlich wieder in einem Punkt vereinigt; und dieses wäre, wenn man den letzten Punkt nicht etwa vor der Verwesung verstanden hatte, ei» Satz mit Kupferstichen erläutert gewesen, die gerade das Gegentheil lehren. Hier sind ähnliche Kupferstiche weggeblieben, dort wurden sie als eine Erläuterung eines einzigen Satzes zur Zierde des Almanachs gebraucht: hier hätten sie nicht erscheinen können/ ohne auch andern Satze», die es mehr bedurften, ähnliche Erläuterungen beyzufügen, wozu jetzt die Zeit viel zu kurz, und überhaupt der Aufsatz noch zu unvollkommen war. 52 ? Anhang, enthaftend einen Bericht von den übet die vorhergehende Abhandlung entstandenen Streitigkeiten, nebst Beylagen. Nach einer ^Pruse von zwey Jahren und drüber fahre ich endlich fort, über Physiognomik drucken zu lassen. Darüber gedacht und geschrieben habe ich indessen sehr oft. Hatte ich eine größere Meinung von mir selbst, als ich wirklich habe, so würde ich die Ursache meines langen Stillschweigens vielleicht angeben: allein Schriftsteller» von meinem Range geziemt es, dünkt mich. besser zu sagen, warum sie drucken lassen, wenn sie wirtlich drucken lassen, als warum sie schweigen, wenn sie geschwiegen haben. Die Veranlassung zu dieser und der künftigen Fortsetzung meiner Gedanken über Physiognomik ist hauptsächlich eine Aufforderung eines, wie ich weiß, einsichtsvollen Neecnsenten meiner Caleu- der-Abhandlung in der allgemeine» deutschen Bibliothek. Er wünscht von mir die Ursachen zu vernehmen, die mich so sehr abgeneigt von Physiognomik gemacht harten. Gut. Ich will sie ihm alle angeben, mit so vieler Deutlichkeit, als meine Einsichten verstatten, und mit so vieler Kaltblütigkeit und Ruhe, als mir die erhabenen Seelen lasse» werden, die sich so gern in fremde Streitigkeiten mischen, ohne dadurch die Frage der Entscheidung, oder die Parteyen dem Vergleich näher zu bringe», oder selbst ohne einmal die Frage zu verstehen. — 5-9 — Allein hier kaun ich unmöglich nnisr- lassen snnd man würde mir es verdenken- wen» ich eS unterließe), alles dasjenige etwas umfiänvlich zu erwähnen- waö mit drey Gelehrte von sehr ungleichen Einsicht reu in dieser Materie, Herr M rubel- söhn, Herr Lavütek und Herr Hefrach ZiMMetmanu gegen weine Gedanken theils eingewendet haben, theils eingewen- det haben sollen. Was würde es wir helfen, fortzufahren, vhne das, was fle wie in den Weg gelegt haben, so weit wenigstens bey Seite zu schaffen, als ich kann? So ist doch Hoffnung weiter zu kommen, allein ohne dieses liefe ich Gefahr, aller Sorgfalt ungeachtet, umzuschmeißen. Uebcr- bieß hoffe ich selbst durch weine Antwort auf diese Einwürfe schon vorläufig dem Verlängert des Berlinischen Recensenten fi) weit ein Genüge zu thun; als ihm bey Nr, ht dieser Gelegenheit nur von mir geschehen kann. Um alles desto besser zu verstehen, will ich hier eine kleine Geschichte deö an sich unbeträchtlichen Streits einrücken. Als im Jahr 1777 im Sommer Nie- dersachsen von einer Raserey für Pbysi'o- gncniik befallen wurde, die allen Vernünftigen, welche wußten, mir was für unermeßlichen Schwierigkeiten die Sache verbunden ist, abscheuijch vorkomme» mußte, so dachte ich, dem nach Herrn Professor Errlebens Tode die Ausgabe des hiesigen Taschen - Calcnders aufgetragen worden war, ich könnte den Calendcr nicht nützlicher machen, als wenn ich einige Mittel gegen diese Seuche darin vorschriebe, indem ich dem gemeinen Haufen zeigte, daß man wenigstens behutsam verfahren müßte, und daß man den Menschen auö seiner äußern Form nicht so Heu, theilen könnte, wie die Viehhändler die Ochsen. Ich suchte zu zeigen, daß bey einem so unergründlichen Geschöpfe, als der Mensch, das uütei- übrigens gleiche Anlage, durch Kunst übet alles, was wir jetzt wissen, verschlimmert und verbessert werdet, könnte, aus seiner äußern Form urtheilen wollen, was es sey. Nicht viel weniger wäre, als weissagen. Man könne es freylich in dem äußersten Falle» aber man könne auch in dem äußersten Falle weissage». Das, was so viele Leute für Physiognomik einnehme, sey eigentlich das Patbognomische, Nnd die Bewegung beweglicher Theile. Aus ruhenden Gesichtern lasse sich wenig oder nichts urtheilen, und das wenige sey pathognomlsch. Was die festen Tbeile angehe, so könne man vielleicht in dem alleräußersten Falle, auf monströse Genies — — und monströse Dummköpfe etwas schließen, aber für die meisten, mir denen wir zu ihun haben, lasse sich nichts finden. Das waren tbeils Meine Worte, iheils der Sinn derselben. So wenig sich aber hieraus eine wissenschaftliche Propheiik würde festsetzen lassen, so wenig werde man je zu einer wissenschaftlichen Physiognomik gelangen- Ja noch weniger, denn eine neue Physiognomik werde einen neuen Menschen schaffen, so wie eine neue Venheidigungs- art eine neue BefestigungSkunst. Und endlich widersetzte ich mich dem fast an Thorheit grenzenden Einfall: Harmonie zwischen dem, waS die Welk z. E. das Frauenzimmer Schönheit, und dem, was sie Verstand und Tugend nennt, zu suchen. Alles dieses schrieb ich in einigen Morgenstunden zusammen, von der Hand weg zur Presse, so daß ich zuweilen, um fort- fahren zu können, mein Manuskript wieder aus der Druckerey holen lassen mußte. Ich habe wissentlich niemand besonders darin gemeint: freylich sprach ich von Schwärmern, allein die Schwärmer waren auf taufende angewachsen, und daß man meine Ausdrücke so sehr auf einen gewissen Mann deutete, war, dünkt mich, ein sicheres Zeichen, daß man überzeugt war, der gewisse Mann - sey ein Schwärmer. Kaum war der Ealender so lange ausgegeben, als Zeit nöthig ist, für einen Brief von Hannover nach Zürich und von da wieder zurück zu lausen; sy wurde ich von einer dritten Hand benachrichtigt, meine Abhandlung werde derb und kräftig widerlegt werden, und bald darauf erhielt Herr Dieter ich einen eigenhändigen Brief pom Herrn Hofrath Zimmermann, die Anriphysiognomik Werde derb und kräftig widerlegt wer« den. Weis immer bloß von derb und kraklig geredet wurde, und nichls von Gründlichkeit vorkam, so dachie ich; sollte wohl der Herr Hofralh gar selbst Hand anlege» wollen2 Ich wußte. Deutsch? land sah auf ihn als — — wenigstens den jetzigen weltlichen Arm der Pbysio; gnomik, und sein? herkulische Laune, die sich leicht, wenn er seinen Stolz gekrankt glaubt, sogar i»H Avhrsperlmgische zieht« Mr wir bekannt, Einig? Monath? darauf, ich glaube -s war im Februar, r/78, hekam ich auch wirklich Nachricht, der Herr Hvs- rath würde im deutschen Museum di? Begriffe über die Harmonie von Schön? heit und Tugend deutlich aus einander setzen, pnd meine Behauptung widerlegen, »- Allein — ich weiß nicht warum; ich lächelte bey dieser Nachricht. Dem» ich muß bekennen, kräftige Widerlegung erwartete ich nun täglich aus diesem Onaniere, allein Auseinandersetzung der Begriffe, und zumal eine deutliche, die erwartete ich schlechterdings aus diesem Orientiere nicht, denn ich wußte, der Herr Hofrath haue keine Zeit dazu. WaS ich gemulhmaßet hate, traf ein. Ein Freund, der besser in der Sache unterrichtet war, schrieb mir, Herr Men- delsohn würde die Begriffe von Harmonie zwischen Schönheit und Tugend deutlich auseinander setzen, und Herr Hos-- raih Zimmer mann, der Mkndclsvhns Abhandlung von Berlin erhalten hätte, bloß eine Einleitung dazu machen. Ran verstund ich die Sache und glaubte sie auch. Denn Begriffe deutlich auseinan- drr zu setzen, ist gemeiniglich sehr schwer, — 5Z6 — und Einleitungen duzn zu schreiben, gemeiniglich sehr leicht. Jetzt war alles klar, Ja, ich freute mich herzlich zu sehen, daß die Physiognomen, und namentlich der Herr Hofralh, nach so vielen nicht sehr fruchtbaren Bemühungen, Pracht-Phrasen urw Silhouetten, nach einem mehr politischen als wissenschaftlichen Plan, nach Zürich zu schicken endlich anfingen, sich deutliche Begriffe von Berlin zu verschreiben, Meine Begierde nach der Abhandlung des Herrn Men- des söhn war indessen außerordentlich. Schaden konnte sie mir schlechterdings nicht, Denn alles, was ich im äußersten Fall erwarten konnte, war — daß ich etwas lernte, und wenn das Nicht Vortheil ist, was in der Welt ist Vortheil? Der März des Museums er, schien« und fürwahr, als ich ihn erblickte, so konnte ich meinen Augen nicht krauen. Eine Einleitung, voll Unverstand, knarrender mühsamer Schweizer-Prose, Sii- cdcleyen, auf mich, die von den reihen Kamm, und dem sich gekrankt glaubenden Hochmuth des Schreibers zeugten, unbesiimmtes, superlatipes Lob von Men- delsohn, so wie es jeder Primaner austheilen kann, der Herrn Mendel- sohn aus Recensionen kennt, Klatschereien über Göbharp, Timorus u„d Philadelphia, die Wörter Maulauf sper? ren, pon einem HannöverIschen Publikum, das den Schreiber sehr weit übersieht: Calender wacher, pon mir, da alles mit dem Calender eigentlich nichts zn thu» halte; nnd Knips für mich, von einem seichten elenden Wirrwarr? von Abhandlung jm Merkur *), von der dem Herr Hofrath Wie land, d«r Hrrausarbk,» dsr Slt>ha„d>rr»g, has n>ts in «in»!!! d»s fol- Herrn Hoffath vermuthlich von seinen Derirouten aufgebunden worden war, sie sey derb und kräftig. Das war die Einleitung. Hinter drein folgte die Abhandlung, aus der ich zwar nichts neues gelernt habe, aber eS gicrrg alles darin aus den Punkt, und alles war in der logischen Ordnung, mit der Einsicht und dem allgemeinen Wohlwollen abgefaßt, daß den rechtschaffenen Mendeksohn auszeichnet. An der That, wenn ich alles so zusammen nehme, Einleitung und Abhandlung; so muß ich bekennen, ich habe in meinem ganzen Leben nur ein einzi- gesmak etwas ähnliches gesehen, und daS war — — ein Psalter hinter einem Eu- lensxiezel gebunden. Der Ausdruck ist genden Gisste ganz unaufgefordert deßwegen alle die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die ich von elneni so einsichtsvollen und Vnxaxte^Ischen Dtanile verlangen konnre. — 5Z9 — hart, allein die Leser getrosten sich nur-, ich will alles, alles beweisen. Nicht ,nit Auösprüchen anderer Gelehrten über -lese Schriften, denn wenn ich die vorbringen wollte, so wäre kein Ende. Ich verachte diese Schüler-Methode zu dispu- tiren, und ich müßte sehr gerecht werden, wenn ich andere mir ehrwürdige Name» in diesen Streit ziehen sollte. Ich will die Leser in d,n Stand sehen, selbst zu richten. Allein dafür bitte ich mir etwas von ihnen aus; sie müssen schlechterdings keinen Namen ansehen; die sind Nichts. Man muß nicht, wie ein französischer Abbe oder ein englischer Ckerk darauf sehen, wer etwas sagt, sondern was er sagt. In Deusschland jst ja ohnehin bey dem eingerissenrn Journal? und Zeitungs-Lcscrgeist, der Rabm eines schönen Schriftstellets das schnödssir — 54 ° — Gut der Erde. Mit etwas Correlpon- penz, panegyuschen Pracht - Briefen, und einem schicklichen Wiederrauchern des Raur chere>s, erwerben sich Tausende eine kleine Ebrenwacke vor ihr HanSchen, und den Namen eines schönen Geistes. Am Ende ists bloßes Keller-Eseloglück. Auch die heißen Tausendfüße unv haben eigentlich nur vierzehn. Das macht, der eine kann nicht zählen, der andere sieht nicht ein, warum er zahlen soll. unv der dritte mag des verhenkerten Füßelns wegen nicht zählen. Der Naturforscher, der indessen gezählek hat, sitzt stille, ändert wohl gar den Sprachgebrauch nicht einmal, nnd denkt im Herzen: Dcx Tausendfuß hgt nur vierzehn Füße. Nun, el)d ich zur Sache schreite, nur noch ein Paar Anmerkungen, Als ich die Einleitung erhielt, so dachte ich — Z4i — doch wieder, das hat Zimmermann nicht geschrieben, sollte der Mann, der dich wohl ehemals seinen Freund nannte, lind dich gar einmal zu seinem Vertrauten machte, den du wissentlich nie beleidigt hast, der dich ehemals so impertinent lobte, sollte dich der jetzt gleich so impertinent tadeln, ohne dich in Briefen, die er dir sonst wohl ohne Ursache schrieb, zu warnen, oder, wo du geirrt hast, Zum Widerruf zu bewegen? Äu hast zwar gegen Herrn Lavarer geschrieben, aber was geht das ihn an? Herr La Vater kann sich ja selbst vertheidigen, Und welcher vernünftige Mann wird den» seinen Freund so vertheidigen? so vertheidigt ein Lackey oder ein Pajazzo seinen Herrn, Kurz, ich dachte, es Ware Göb- harv zu Bamberg, und in dieser Meinung wurde ich bestärkt, als ich die Noten , — )-!2 — zum ersten Stück im April "y las. Ich setzte mich gleich hin mid schrieb meine» vritten Brief an Göbhard, uns diesen Bri>f ließ ich drucken Nachher dachte ich- sollte wohl Herr Boye gegen mich, seinen Freund, seinen treuen, nnd wenn die Urtheile einiger Richter nichr rrügen, nicht ganz unbeträchtlichen Mitarbeiter am Museum, solches rinfälti« ges Zeug ins Museum einrücken lassen, wenn der Verfasser kein anderer Mann wäre, als Göbhard? Das gab mir Veranlassung zu einem Avertissement in dem Hamburger Correspondenlcn (vom 8 - Iuny 1778- Nro- 8 y) Dieses Averkisse- Menl ließ nun Herr Hofrath Zimmermann wörtlich in das deutsche Museum ») Des bctitscheü ÄkusttimS vüit 177g. Siehe hie erste Äeylvge. *") Stehe die zweyte Beylage — §4Z »— (MoNath Julius 1778) einrücken, und gestund, Er, Er sey der Verfasser, nicht Gbbhard. Ich halte ini Avertissement gesagt, der Verfasser vvn der Einleitung habe Mendelsvhns Abhandlung nicht verstanden, schlechterdings nicht, und in den Noten herrsche eine Bostonische Laune. Allein ganz nach seiner bequemen Art erwiederte der Herr Hofraih hiergegen nichts, vermuthlich fehlte es damals gleich an Pbrastbus und an Zeit zur Untersuchung, sondern unten stund istatt alles andern bloß von oben herab: Johann Georg Zimmermann, Königlicher Großbritannischer Hvfrath und Leibarzt zu Hannover. ()uoä erst äemonstranllum, schrieb ich mir in meinem Eremplar dazu. — — Allein um aller Welt willen, kann denn ein Königlicher Großdritannischer Tirular - Hofraih Und Leibarzt zu Hannover »richt einfältiges Zeug schreiben? Kann, frage ich, ein Königlicher Oroßbritaiinischer Titnlar-Hof- taih und Leibarzt zu Hauiwver nicht irren? Auch alsdann Nicht, »rvnn er sich in Fächer begiebt, wo sich die Natur iiicht hilft? Wie? Ich sollte es denke»». Ich weiß es wohl, die Vorgänger des jetzigen Herrn Leibarztes haben sich dieser allgemeinen Freyheit aller Schriftlicher ti ie bedient, allein Dieser hat es, ohne jetzt weiter zurück zu gehen, nicht allein in dieser Einleitung und Noten, sondern Noch neuerlich in seinen herausgegebenen Tischreden so augenscheinlich bewiesen, daß, glaube ich, kein vernünftiger Mann in Deutschland nicht daran zweifelt; und sollte irgend ein vernünftiger Mann noch daran zweifeln, so bitte ich ihn mich aufzufordern, ich will ihm, auf Ehre, — 545 — entweder sagen, warum er zweifelt, oder ihn überführen. Allein zn Richtern verbitte ich mir alsdann Einmal für Allemal alle Matronen, alle Kraft-Barden, alle Ordokrafen und hauptsächlich alle die noch Jünglinge sind, oder die es schon wieder zu werden anfangen. Und ich will meiner Seits, wenn ich es nicht thue, willig alle» Anspruch auf Geschmack und Witz aufgeben und bekennen, daß ich nicht verstanden habe, was mir meine hiesigen Lehrer und Freunde je von Witz und Geschmack gesagt haben. Sind diese Bedingungen nicht billig?- Mm rn. 546 Erste Beylage. Conkad Photon» an Tobias Göbhard^ des letztem Einleitung zu einer Men- deljohnischen und Note» zu einer la- vatcriichen Abhandlung in den stür- mijchen Monathen des deutschen Museums betreffend. Porrede des Herausgebers. Lieber Leser, Dir alle Umstände zu erzählen, durch dic mir nachstehender Brief in die Hände gefallen, würde mehr Zeit kosten, als ich jetzt habe, und mehr Worte, als Du gemeiniglich gerne bezahlst. Genug, daß ich ihn besitze, wie Du schon allein daraus siehst, daß ich ihn herausgebe» kann» Er Z47 erlautert einiges in der galanten Litterär- Geschichke unserer Zeit, und Du wirft allezeit etwas finden, das Dich intcressirt. Du seyst nun letsteur pskssnr oder lekieur ssigneur» oder Phystvgnonw, oder Phy- sioguvstiker, oder keins von beiden» Lebe wohl! F. L» 2 548 8w Hochedelgcb. Geehrtes, sub 6ato Damberg den 6. April, ist mir richtig zu Handen gekommen. Ich ersehe daraus mit Vergnügen, daß Ihnen mein Timorus gefallen, und daß solches geringe Product Dieselben veranlaßt hat, so obligeant in meinen sonst schwachen Armen die Hülfe zu suchen, die ich jenen Jsraeliien habe «»gedeihen lassen. Die Lage, in die Sie sich durch Ihre Einleitung zu MendelsvhnS und Ihre Noten zu Lavarers Abhandlung gesetzt, «st freylich traurig, und vielleicht trauriger als Sie selbst wissen. Allein, da Ew. ein Mann von Moire sind, auch die zeitlichen Mittel haben einen Beweis zu führen, so nehme ich Dero Auftrag mit Vergnügen au, und habe bereits conside« rable Ordres wegen des Papieres gestellt, auch eine von meinen untern Pro-Schub- laden ausgeräumt. Das ich Ihnen noch Einmal schreibe, geschieht auö Pflicht, theils gegen Sie, theils gegen mich selbst. Emmal wollte ich Sie bitten, mir, wo möglich, mehr tela zu überwachen, als die bereits »herschickten, welche mehren- theilS nichts taugen, und denn beyläufig zu wissen zu thun, wie vielSie wohlaufdie Sache verwenden können, damit beideS Piänumerarion und Streckung in Zeiten ralculirt und die Einschießung vorgenommen werden kann. Hauptsächlich aber schreibe ich, Sie nie!« über den Stand der Sache ex Eis zu belehren, welches Ihnen her zu sammelnden telorum wegen nöthig ist, wobey Sie denn zugleich meinen Muth nicht wenig bewundern werden, die Vertheidigung einer Sache übernommen zu haben, die eine der tollsten ist, die ich in meinem Leben gehabt habe; und ohne Wunder fast gänzlich ungewmnbar aussieht. Da dieses, aber ohne die vertraulichste und ernstüchste Entwickelung der Schwache unserer Sache nicht geschehen kaun: sy biete ich- verbrennen Sie diesen Brief- wo möglich, Blatt für Blakt, wie Sie ihn lesen, denn käme er in die Hände unserer Gegner, dergleichen Sie genug haben, heimliche und öffentliche- so wäre alle Hoffnung fort, als wäre sie nie gewesen, Sie haben Recht, lieher Gö, bhard- ehe man darauf denkt, wie man einen Proceß-, der noch picht lauft, gewinnen willst, muß man erst denken, ob man ihn vermeiden kann. Dir Lihvoeateu nennen die-/ seS den trockenen Weg abzukommen. Diesen können wir hiey abex schlechterdings pich! einschlagen, Denn erstlich- was Sitz r;ch ?h ?s yicht möglich warr- das Publikum zu bereden: Sie hätten jene Dinge nicht geschrieben, mein Herr, das geht nicht. Dem, «er in aller Well könnte sie sonst in Deutschland geschrieben haben, alS Sie? Halten Sie einmal Ihren letzten Brief an Eckard dagegen, und sagen Sie selbst: gleichen Sie sich nicht wie Zwillinge? In beiden dieselbe Ihnen eigene Bostonisch? Urbanität, derselbe Conveulionö- Rhythmus unserer Zeit, dieselben sogenannten öxprestioser deroieae, und dann wieder Ihre fatale Gewohnheit immer unter Pauken und Trompeten zu predigen, daß man kein Wort verstehen kann. Sehen Sie, wie wollte ich das machen? Iwe y- teus meinen Sie, "ob ich es nicht da? hin einleite» könne, zu beweisen, einer Ihrer ärgsten Feinde hätte es geschrieben, dadurch würde die Sache wahrscheinlich, und sie zugleich gcrychen, und also zwey Fliegen mjk einer Klappe geschlagen." Der -Einfall ist sinnreich, und würde mir es in jedem andern Falle wahrscheinlich gemacht haben, Sie waren der wirkliche Verfasser nicht. Aber sehen Sw, wen soll ich nehmen, hier wo ich lebe, haben Sie keine Feinde, und die wenigen, die Sie haben, schreiben alle ungleich besser. Und daß Sie mir 500 Thaler wollten auszahlen lassen, wenn ich sagte. Ich hatte es geschrieben, mein Herr, das hat mich fast verdrossen. Ich muß mich kümmerlich nähren, allein das nehmen Sie mir nicht übel, und wenn Sie wir 5002 versprochen hatten, so wollte ich so was nicht thun, denn, unter uns, (was könnte es helfen, wenn wir beide Complimente machen wollte») jedermann hier sagt, eS wäre abscheuliches Zeug, und man nennt Sie öffentlich hier den M usenm - Schande r. Aber wo nicht der unklugste, doch gewiß der boshafteste Vorschlag ist sicherlich Ihr letzter? Ich soll dem Publikum fein beweisen, ein gewisser berühmter Mann in Hannover hatte es aus allzu großer Warme für Herrn Lavater geschrieben. Nun fürwahr, das würde ein feiner Beweis werden, da haben Sie freylich recht. Aber Scherz bey Seite: Bekennen Sie mir frey, haben sie den Vorschlag nicht schon bey sonst jemand angebracht? Wenn daS ist, so wollte ich Ihnen nur sagen, daß Ihr Commissiouair sein Geld ehrlich verdient hat, denn das Gerücht hat sich schon unter den gemeinen Leuten in und außer Deutschland ausgebreitet. Aber lassen Sie sichs um aller Welt Willen nicht öffentlich merken, daß Sie die Sache angegeben haben, denn sonst wirft Ihnen der berühmte Mann 554 — ein«» Injurien-Proceß an Hals, und ich dachte, wir halten au diesem einen bereits genug auf einige Zeit. Der Einfall, wenn ichs recht bedenke, ist im Grunde auch höchst simpel, wenn sie mirs nicht wollen übel nehmen» Mein Himmel! Wisset, Sie denn nicht, daß der Autor der kleinen Aniiphysiognvmik und der berühmte Mann die besten Freunde sind? Wenigstens waren sie es, wie sie noch ein halbes Jahr jünger waren. Das kann ich Ihnen durch Briefe beweisen, wenn Sie es haben wollen. Nun bedenken Sie Einmal Ihren Einfall. Das war Eins. Aber auch vorauSgefttzt, die beiden wären Feinde , glauben Sie denn, Sie würden der Welt weiß machen können, jener große Wann habe Dinge geschrieben, deren sich jeder- Policey - Jäger schämen würde § und Hass ein so erhabenes Genie, das gewiß auf den Professur in stolzer Ruhe würde herabgelachelt haben, sich wie ein Schulkunde hin fetzen könne, sich deutliche Begriffe von Berlin zu verschrei- den, um ein Paar Calciider-Blüttchen zu widerlegen? Was? Das wäre ja la, cherlich? Nicht wahr? Solche Leute haben die deutlichen Begriffe liegen, wie Ihres Gleichen die Schimpfwörter, Die dürfen nur greifen, so jsts geschehen- '-'Und aus Freundschaft gegen Herr Lava- ter." Das wäre mir eine schöne Freundschaft- Wenn Herr Lgvater noch drey solcher Freunde kriegte, so wäre er verloren, wissen Gi? das? Herr Lavatrr kehrt und predigt Menschenliebe, und sein Freund evereiN sie mit dem Prügel. DgL find schön gleich geschaffene Seelen, fürwahr, Ich glaube, die Ausdünstungen ihrer Leider müßten WM — zz6 — Mikroskop >» einander haken, wie zwey Billard-Kugel», die sich einander begegnen. Mit einem Won: Herr Lava, ter müßte sich des Manneö schämen, und entweder dessen Silhouette umstechen, oder den Tert dazu Umdrucken lassen, oder eS wäre vaö eine Widerlegung seiner Grund, sätze, die ihres Gleichen an Stärke noch nicht gehabt hat. Nein, mein lieber Mann, den Gedanken, Ihr Zeug einem andern aufzubür» den, müssen wir hier aufgeben. Sie ha, hen es nun einmal geschrieben, und wer« den es geschrieben haben, so lange die Welt steht. Das müssen wir lassen. Die Frage ist, können wir helfen, ohne so etwas zu thun? Wir könnten es, Niki« nen Sir, auch für Saiyre ausgeben» Wie? das verstehe ich nicht» Vvm Holz, ') S. Vtusrnm »77». S. 417- — 557 — markt vielleicht? aber schwerlich für die vom Horaz, Kästuer, Lcssmg, Rabener, Swift, Churchill, Boileau u. s. w. Ich wagte es wenigstens nicht. Wissen Sie denn auch wohl, was Salyre ist? Sehen Sie, ich will es Ihnen erklären. Ich bin selbst keiner von den Leuten, die glauben, Satyre müsse nur Thorheiten in allgemeinen Ausdrücken bestrafen. Solche Sätze bessern entweder gar nicht, oder nur die, die schon auf dem Wege der Besserung sind. Nein, anstatt zu sagen, schände das Mujeum nicht, Bewohner Germaniens, würde ich allemal lieber sagen: du Göb» hard, wenn du Noten zu anderer Leute Abhandlungen, die sie nicht bedürfen, schreiben willst, so bleibe damit aus dem Museum heraus. (Sehen Sie, ich nehme dieses unter uns nur so zum Scherz jetzt an ) Wenn ein anderer predigte, es giebt ge- — 5>3 — wisse nützliche Wahrheiten, von denen eö freylich zu wünschen wäre, daß sie am rechten Ort bekannt würden; ja die am rechten Ort nie bekannt genug werden können, aber wenn du sie lehren willst- so bedenke wie und wo dn sie sagst; das Korn der Besserung, das du auszustreuen suchst, fallt vielleicht hundert gegen eins auf ein böses, böses Land; so wie man nicht alles Gute und Nützliche auf dem Marktplatz thun darf, 'so darf man auch nicht alles Gute und Nützliche in Mo- nathsschrifren predigen; so würde ich al- lcmal lieber sagen: wenn du wider die kleinen Mamsellen schreibst, so so »lasch ire sie nicht mit deinen Kupferstichen in Toilertenbüchelchcn, oder du sollst bey aller deiner guten Absicht in Schwcinsle- der hinter den kortrer rlss Lkial'trenx gebunden werden« So etwas fruchtet doch koch zuweilen — wenn es nicht auf eitt böses, böses Land fällt. Aber, mein lieber Göbhard, Sie sind eben so weit über die eigentliche Satyrs hinanögcgangcn, als die matte allgemeine hinter ihr ist. Selbst Schimpfwörter und Flüche im Stilo sind so übel nicht/ zumal im Lateinischen, und Ihnen hätte man sie ohnehin verziehen; Sie thun oft eine vortreffliche Wirkung, wie Sie wissen, wenn man einen Satz gerne beziehen will, und doch nicht Zeit hat, den Beweis auszubauen. Auch gebe ich Ihnen gerne zu/ der Grund, Grundsatz alles Guten und Schönen ist: Laßl's laufen. Allein — Sie sind ungezogen, wo Sie bitter seyn sollten, zornig, wo Sie lächeln sollten, lächeln, wo Sie widerlegen sollten, widerlegen, wo Sie schweigen sollten, und schweigen, wo Sie sprechen sollten, und besieigett — ;6o — Ihren schmutzigen Triumphwagen mit einem Anstand vor dem Sieg, daß einem die Augen vor Lachen und Weinen übergehe». O merke» Sie sichs, Göbhard, Einem Vergehen aufrücken und Gebrechen, das ist zwcyerley. In Doste» mag das letzrcre Artigkeit seyn; hier zu Lande, wo wir unter dem strengsten Despotismus Vergüten Silken schmachten, ist es-doch nur gelinde, hier zu Land« ist'S Ungezogenheit. Wir müßten sagen, es könnte sich bey der unerschöpflichen Unergründlichkeit des menschlichen Herzens einmal ein Fall ereignen, daß einer aus allzu großer Höflichkeit grob würde. Das gienge an» Es giebt wirklich Fälle, aber das Argument hat auch seine gar bösen Seiten, die unsere Gegner gleich ausfinden würden» Und gesetzt auch, wir hatten auf diese Weise die Seile des Heizens etwas ins Reine, so sehe ich platterdings nicht, wie wir ihre» Verstand retten sollen. Den» wissen Sie wohl, daß Herr» Mcndclsohns Abhandlung nicht für Sie, sondern gerade für Ihren Gegner ist? Höre» Sie, eS that mir einen Stich durchs Herz, wie ich das bemerkt habe. Nein, ich schreibe gerne für Leute, aber sich auch so zu verhangen und zu verwickeln, daß weder Aufknüpfen noch Aufschneiden etwas hilft, das ist zu arg. Denn ich muß Ihnen etwas im Vertrauen sagen, wissen Sie wohl, daß Ihr Göningischer Gegner vor einiger Zeit einen Brief von einem berühmten Berlinischen Gelehrten erhalten hgl, darin folgende Zeilen befindlich sind? "Die Abhandlung, heißt es, von Herrn Moses, in einem der letzten Stücke des deutschen Mnsenmö, ist nichts wenige!', Nrr in. 562 — als wider Sie gerichtet, obgleich der Mann (dieses Wort schiebe ich ein, denn es steht ein anderes da, das sich nicht mit einem M anfangt, ich aber nicht lesen 'kann), der einen Vorbeiicht dazu gemacht hat, einen solchen Wink giebt. Diese Abhandlung entstund schon vor anderthalb Jahren, ehe der Dinrichsche Calender herauskam, bey Gelegenheit meiner Unterredungen mit He-rn Moses über diese Materie. Er berichtigte nach seiner gewöhnlichen präcisen Art meine Zweifel über LavarerS Behauptung von der Schönheit. Ich glaube übrigens, es sey diese Abhandlung gar nicht widerSie, sondern widerlege vielmehr Lavaters Gedanken über die Schönheit physiognomisch betrachtet auf das komplettste, den» wenn man Herrn Moses Satze in ihrer Präcision nimmt, so sieht man, das Lavater wirklich getraumct hat." Sehen Sie, lieber Göbhard, das schreibt der Mann selbst, für den die Abhandlung eigents lich geschrieben war, ohne des Professor- Verlangen, bloß zur Steuer der Wahrheit und zur Züchtigung Ihres Unverstandes. "Was nun?" Ja freylich waS nun, das ist e§ eben, was ich selbst wissen möchte. Scheu Sie nur hin was Sie gemacht haben: Sie wollen eines fremden philosophische Abhandlung über die Harmonie zwischen Schönheit, Tugend und Verstand herausgeben, und schreiben dazu eine Einleitung, worin weder Philosophie noch Schönheit, noch Tugend, noch Verstand ist. Inwendig bey dem Philosophen nichts als Menschenliebe, deutsche Philosophie, deutsche Redlichkeit und simple Sprache der gefunden Vernunft; auswendig bey Ihnen nichts Rn s — 564 — als blinder Groll gegen einen Mann der Sie nie beleidigt hat, nichts als Witz- zwang, ausländischer Prunk sich bewußter Impotenz uns die so kenntliche Sprache der ängstlich werdenden Mäklercy. Was ist das? Und dann sagen Sie, der Aufsatz rühre von einem Philosophen her, der in Europa niemand ücer sich hätte, und Sie selbst schreiben fürwahr, als wenn Sie in allen fünf Weinhcilcn keinen unter sich hatten. Sehe» Sie, das ist traurig, und muß einen ehrlichen Ad- vocaten abschrecken. Sie können nicht glauben, was das die Spötter gekitzelt hat. Vor einigen Tagen gicng ich, eben nm tels aufzulesen, in ein Coffec-Haus. Da hörte ich Dings, die Haare stehen mir noch zu Berge. Oben saß ein gesetzter Mann, der zwang sein Lächeln, und sagte langsgm: "Nein, ich kann's nicht sagen, — ;6z — ich finde die Einleitung zu Mendelsohus Abhandlung zweckmäßig und billig. Denn nach so vielen kostbaren Beweisen, die die Phvfiogiiomcn von ihrerM cnschenkennt» niß bisher ihren Subscribemeu gegeben haben, war es nicht mehr wi'e billig, daß sie ihnen für ihr Geld auch endlich einmal eine von der Menschenliebe gäben, die der Titel verspricht, und die durch ihre Lieblings Wissenschaft in erhabenen Seele» untrüglich bewirkt werden soll. Ich könnte nicht sagen, daß diese erste Lieferung oder Fragment, wie sie eS nennen, für daS Spoktgeld so schlecht wäre." "O eine noble Allegorie, sagte ein Zweyter, so schön alö'irgend eine unter den Alten: E i n e P h i s a n r h r o p i a m i t e i« e m Prügel. Die verdiente eine Medaille.'' "Wir haben sie schon, lächelte ein Dritter, auf den Wildemanns-Gulden." züü "Ja, ja, fing ein Vierter an, und bliest den Ranch, wü fingeren«: non Lo cheerent, die verhenkerte kleine An- tiphysiognomik, sie sagen, es sey ein elendes Scharleckchen, und werden so bvö darüber, daß unser einer glauben sollte, sie hielten es für ein gutes." " Und mich hat der Ausdruck kleines Gift des Göttingischen Gegners am ineisten gefreut. Mein Himmel, wenn das Gift so gar klein ist, wozu dann die ellenlangen Recepte dagegen?" sagte ein Fünfter, und lachte in sich selbst hinein, als wen» er der Apotheker dabey wäre. "Ja, die kleinen Gifte, hustete ein Sechster, indem er kftngeüe, schwitzt wohl die Natur noch aus, aber die großen Cur ren hat der Henker gesehen. Wer nicht recht gesund ist, und einen guten Magen hat, hält sie nicht aus," — 567 — Hierauf las ein schwärzlicher FranzvS Ihre Noten, "OK le zoli Lckoliske!" sagte er. One är-s kinttentots psrmi voiis'." und warf das Museum auf den Tisch. Das ist zu hart für deinen Clienten, dachte ich, et x-n-mi Vous, sagte ich, und so gierig der Franzoö weg. Sehen Sie, so gchts nicht allein hier, sondern überall den ganzen lieben lange» Tag. O das Wörtchen klein, lieber Mann, hatten Sie auch vor dem Wörtchen Gift und Antiphysiognomik weglassen müssen. Sie sprechen es nicht wir dem rechten Accent; wenn ich es so lese, so denke ich immer an die Leute, die sagen, da lach' ich dazu, wenn sie dazu weinen möchten. Sehen Sie, Sie müssen die Menschen erst besser kennen lernen, ehe Sie Satyr — ;68 ren schreiben. Ich versichere Ew. Hoch- edelgeb. es giebt feine Leute darunter, die einen schon durchsehen, ehe man glaubt, sie hätten einen angeguckt. Ich weiß nicht, was der Verfasser der kleinen A n t i p h y si og n o in i k Ihnen auf Ihre wirklich kleine Satyre hierin ant- Worten wird. Er schreibt, wie ich höre, ün einem zweyten Theil seiner Fragmente, wo wir vermuthlich noch etwas abkriegen werden, allein wenn ich an seiner Stelle wäre, wissen Sie, was ich Ihnen antwortete? "Hm, würde ich sagen, kleine Anliphysiogno in i k, das ist nichts Bö? sis« Ihr Tadel ist weiter nichts, als eine unerlaubte Erweiterung eines Lavateri- sebeii Grundsatzes und dessen Anwendung auf Bücher. Denn so wie nach jener Erweiterung kein Mensch leicht etwas langen möchte, der nicht si Fuß lang ist, fo tauge auch keine Physiognomik etwas, die nicht aus papiernen Onadcrstücken bestehet. Habe ich, würde ich fortfahren, in meinem Büchclchen die Wahrheit gelehrt, so danke ich dem Himmel, der mir so viel Sieg auf so wenigen Blattern verliehe» hat; und habe ich Nonsense geschrieben, so bin ich ihm doppelten Dank schuldig, daß mich seine Barmherzigkeit über bis Köpfe und die Beute! meiner Landslents schon auf dem zehnten Duodez - Manchen hak aufhören lasten." Was wollten Sis hierauf antworten? Ich will Ihnen nun auch sagen, was Ich antworten würde, wenn ich an Ihrer Stelle wäre. Ich würde sagen: ES ist wahr. Im Vertrauen, wein Herr, wlvn man es recht überlegt, so haben die Leute so ganz Unrecht nicht, ob sie sich gleich znm Theil etwas warm ausgedruük haben. — z?« — Denn bedenken Sie nur, oder, wenn Ihnen dieses zu weilläufrjg seyn sollte, so hören Sie »ur: Sie mache» «in solch entsetzliches Lärmen vor dem Namen Mendclsohns her. Es ist wahr, sein Name bat bey den Nichtoenkern eben so viel Gewicht, als des vortrefflichen Mannes Schlüsse bey Denkern haben, und bey Denkern und Nichtoenkern verlieren, das heißt freylich bey der ganzen gelehr» ten Welt verlieren. Aber sagen Sie war, um hätte Ihr Görtingischer Gegner Menr delsohn fürchten sollen? Er kannte des Mannes philosophische Unpaneylichkcjt, und feine von aller gelehrten Stockjobber rey entfernte Wahrheitsliebe, und den Profit, für seine Physiognomik hatte er damals außerdem schon baar in der Tasche. Das Lob des größten Philosophen hätte ihm keinen Pfennig hinein, und sein Ta- del keinen heraus bringen können. Das ist klar. Das Schlimmste also, was ihm härte begegnen können, war: Ueherführn ng eines Irrthums. Sie halten dieses für einen unersetzlichen Schaden, das weiß ich. Aber mein Herr, Sie haben nun schon so tausendmal gefunden, daß Leute das für scheußlich hallen, was Sie schön finden; hätten Sie nicht denken sollen, es könne ja auch wohl einmal jemand geben, der Unterricht für Vortheile hielte. Doch auch selbst dieses Geschrey, als wenn es Ihnen im Ernst nicht um Belehrung Ihres Gegners, sondern nur um dessen Unterdrückung zu thun wäre, möchte auch noch hingehen. Es verräth höchstens ei» bischen Gallen- sucht und ein bischen innere Ueberzeu« gung, und das sind Kleinigkeiten, und das Seltsame darin hat gar nichts auf sich, denn es verliert sich größtenteils ganz, wenn man bedenkt, daß das Geschrey von Ihnen kommt. Allein unglückseliger Meise für uns und zum bleibenden Exempel der betrübten Folgen, der blinden Hitze des sich gekrankt glaubenden Stolzes, ist die Abhandlung gar nicht wider Ihren Gegner. Sehen Sie, daS wird ein gefährliches telum in der Hand desselben werden; es trifft Kopf und Herz zugleich« Im Vertrauen auf Ihre Selbstver- käugnung und i» der Hoffnung, daß Sie mich dieses Unterrichts wegen nicht für Ihren Feind erklären, denn ich gebe ihn ja nicht öffentlich, will ich Ihnen kurz sagen, wie ich mir die Sache vorstelle« Beruhigen Sie sich indessen, wir wollen am Ende doch> wohl Rath schaffe». — 575 — Nach meiner gelingen Einsicht, haben so wohl die Feinde als Freunde unserm Götlingischen Antagouisten Unrecht gethan. Das ist ein Umstand, wenn er den gewahr wird, so weiß ich kaum, was wir antworte« wolle». Ich versichere Sie, könnte ich alle Original-Urkunden dazu alle auf einen Bündel kriegen, so wollte ich unseren Proceß mit einem Frcudenfeuer aus denselben eröffnen, und sie, wie es unser einem zukommt, alle mit EiuS durch dx» Schornstein jagen. Was ich meine, ist dieses: Ehe der Ealender heraus kam, waren die Animositäten zwischen Physio- gnomen und Aiiliphysiognomen, hauptsächlich aber zwischen Physiognostikern und Antiphysiognomcn — aufs höchste gestiegen. AIS nun der Ealender erschien, sehen Sie, so schrieen die Anti'S: da habt ihrs endlich, und die Pro's glaubten wirklich, sie Haltens endlich, und vertheidigten sich so laut und so vortrefflich und so schnell, daß man anfangen mußte zu glauben, sie hätten Unrecht. Aber, lieber Göbbard, sehen Sie nur inS Bü- chelchen, man darf sich nur ein einziges- mal den Bart streicheln, um einzusehen, daß der Mann nicht beweisen will, man könne gar nichts aus den Gesichtern schließen *). Wozu hatte er ') Herr kavaler Ist In seinem Aufsatz Im lVten Theil seiner Physiognomik häufig in denselben Fehler verfallen, vermuthlich weil man Ihm »um Erstenmal die kleine Abhandlung mit Vieeommenkation, ohne sie selbst gelesen oder verstanden zu haben, zugeschickt hat. Laher wird es ihm so leicht, Widersprüche zu finden Vnd Sätze SuSzUzieheN, die für ihn sind. Einer Beantwättung diese» Lavatrrischen Aufsatzes, nebst einigen andern Bemerkungen übet sein Werk überhaupt, und einzelne Kapitel wird der Verfasser dem zweyten Theil seiner Anmti!. klingen über Physiognomik allein widmen. Er wird da mit Hrn. Lavater alleil» reden, und Ihn sorgfältig von seinen Unwürdigen Vertheidigern und Schülern tremnen. An m. b. H. — 575 — denn sein Kupfer siechen lassen. Er sagt ja ausdrücklich, er wolle nur Behutsamkeit erwecken, das ist, Herrn Lavatern bedächtigere Leser verschaffen, und ihn selbst vorsichtiger machen, und bewegen bestimmter zu sprechen, und dann hauptsächlich das Heuschrecken-Heer von Physiogno stikern zu zerstreuen, das unsere Gesellschaften schändet, und welches gleichwohl jenes Mannes Wärme unvor« sätzlich ausgebrütet hat. O! es giebt unter diesem Volk gar unüberlegte Leute, die, so lange man ihnen schmeichelt, einige gewisse Züge als Collisiouen, und so bald man ihren Hochmuth kränkt, für Physiognomische Zeichen beulen. Nein, wenn ich Ihren Göitingischen Gegner recht verstanden habe, so läugnet er nichts weniger als alle Physiognomik. Er scheint vielmehr selbst eine Phy- — Z76 — siögnomik für d e n M a h! c r l c h r e n zu wol! eii, die allen verständlich ist, mit welcher man aber bey Anwendungen in der Welt nicht wcilko m m t- Jene M ahlc r-S »räche besteht nach ihm aus firirten pa- thognvmischeu guten und schlechte n Z ü g e ii n a ch i h r e n G r a o a r i o n e n, mit organischer und thierischer Schönheit und HaßIichkeil zweck- maßig versetzt. Da aber jene pa- thog nomisch eu Züge gemeiniglich nur bey Seelen von wenig Stärke und Festigkeit, oder wie man eö bey guten Gemüthern nennt, von Weichlichkeit, sehr dcutlichsind; so sind sie zwar vortrefflich ein Alphabet für den Mahler Hera nö zu suchen, aber wenn er bey der n n- zä hlbaren Menge voiiCollisio neu in der Welt, damit lesen will, so wird es ihm gehen, wie dem Propheten, von dessen Kunst, mu- tseis mutsnills, alles das, was für und wider Physiognomik gesagt wird, auch gilt. Dieses veranlaßte bey dem Verfasser das Gleichniß von Steinarten und Salzen. Wer sie bloß nach ihrer b'iZurs >Zetorm!- nsts kennen lernen will, ohne die chemischen und andern Hülfsmittel, wird sich meistens sehr irren. Und was den Menschen vom Stein unterscheidet, macht gerade die Sache noch schwerer. Daher schließt er mit den ausdrücklichen Worten: Physiognomik ist äußerst unsicher. So verstehe ich es, ich weiß nicht, ob ich recht bin. Herr Lavater sagt: nur beobachtet, und sein Göttingischer Gegner sagt zwar Oo m. dieses nicht ausdrück.ich, aber das sieht man ja leicht, daß er es meint: nur eure Regeln angewandt- in der Welt, will er sagen, diesseits und jenseits des Meeres, und ibr wer- dets finden: immer loo Nieren gegen einen Treffer Weher das kommen möge, erklärt er umständlich, zumal in der 2ken Auflage. Ich wollte wohl Herrn Lavater und Ihn zusammen bringen, zum Beweise, daß ick beyde verstanden habe. Ich würde Herrn Lavater etwa so anreden: Komme, du hast nunmehr eine Menge von Zeichen zusammen getragen, um einmal einen Versuch in der pbzrsio^ncimics inv«rl», oder in der Kunst aus dem gegebenen Charakter das Gesicht zu zeichnen, mit Glück zu wagen. Ich will dir einen ganz simpeln Charakter ausgeben, der häufig vorkommt. Zeichne mir das Gesicht dessen, der sich bemüht den Namen eines Mannes von Einsicht, Geschmack und Lebensart zu behaupten, der sich dabey der Physiognomik und folglich der Mens schcnliebe befleißigt, hauptsächlich aber den Welkweisen macht; den Mann, der seine Bekannten mit hoch gewürztem Lob im Cantaten-Stil tractirt, allein kaum sich von ihnen, ja nur von ihres Freundes Freunden beleidigt glaubt, (und er glaubt geschwind), auf sie zuschlägt, nicht wie ein gerechter Vater, sondern mit der unbesonnenen Hitze eines Scharwachters, der zu viel hat, ohne sich zu bekümmern, ob sem ehemaliger Freund auch gebessert wird, wenn er nur liegt; und ohne sich selbst zu bekümmern, ob durch einen solchen Streich der Natur nicht wieder das mühsame Gebäude einer Oo s — 58o — zweyjabrigen Bffcctätion hin ist, wie ein Traumgesichk. — Und wäre dieses Bild gezeichnet, so würde ich ein wohlgciroffe- »es Porträt des Mannes darneben stellen, und den Zürcher und Göttinger allein lassen. Ich wette, der letztere würde sagen, du hast Recht, ich verstehe deine Züge auch, und der erstere, du hast auch Recht, durch Sandstein ist nichts zu erkennen. — Sehen Sie nun, wie es Einer mahlerischen Sentenz geht. so wird es mit allen gehen bis wir die Col- lisstonen alle aufzuzeichnen, und die Aufzeichnungen richtig anzuwenden wissen, das ist, bis in alle Ewigkeit. Ein anderes ist, hier und da etwas aus Physiognomik heraus nehmen, und etwas sehr p^ausibeles und schönes darüber sagen, lind ein anderes, Physiognomik wirklich ausüben; vorausgesetzt, so lange nur von — 58i — ruhenden Zeichen die Rede Ist. So versiebe ich diese Schrift, als Ihr Advokat zu meiner größte» Bekümmerniß. Doch ich wollte Jbnen Herrn Mendelsohns Abhandlung ein wenig aus einander setzen: Ich stellte mir dft Sache so vor: Herr. M schrieb die Abhandlung einmal für allemal nichl für Sie, sondern für einen Denker. Daher ist sie äußerst kurz, und eS darf nur ein wenig im Kopf poliern, so übersteht man leicht etwas Wesentliches. Der Mann, für dc» sie geschrieben ist, bedurfte nur einen Wink, bey Ihnen ist wohl etwas mehreres nöthig. 582 Zweyte Beylage. An die teser des deutschen Museums. Es vergeht selten ein Posttag, daß ich nicht durch Briefe, und fast kein Tag, daß ich nicht mündlich befragt werde, ob ich denn gar nichts auf die Verschiedenen Angriffe erwiedern wollte, die man in den stürmischen Monathen des Mmeums von diesem Jahr auf die kleine Amiphysioqnomik, und auf mich gcrkan hat. Man halte, setzte kürzlich J->manv hinzu, mein Stillschweigen hier und da für Ueberzeugung, und die Un? Pvlirten fingen bereiiS an zu triumpbiren. Ich stehe alio keinen Augenblick länger an, diesen Freunden wein Vorhaben öffentlich und bestimmt zu erklären. — 58Z — In jene» Monathen ist eigentlich Di^rcrlen enthalten, das Mich anfleht. /^) Eine philosophische Avhanoinng über die Harmonie zwischen Schönheit, Tugend und Verstand, von Herrn Mendel- sohn, nebst v) einer Einleiinnfl dazu, worin weder Philosophie, noch Schönheit, noch Tugend, noch Verstand ist. 6) Eine schön geschriebene Abhandtmig von Herrn Lavater wider mich mit v) einem Paar Ndien von Tobias Göb- hard dazu. Auf werbe ich nicht antworten r 1) weil der Aussatz nicht wider mich gerichtet, sondern schon ein Jabr vor Ausgabe des Calenders durch einen Freund des Herrn Mendelsohn veranlasset worden ist, der mir dieses selbst berichtet bat. 2 ) Weil er nickt mit meinen Sätzen streitet, sonder», die schone Bezeichnung — ?84 — der Begriffe und deren logische Ordnung ausgenommen, das meiste davon schon im Calender steht, und weil z) derselbe Freund Menvelsohns völlig mit wir darin eins ist, daß nach gehöriger Entwickelung der gedrängten Sätze, die er enthält, Herrn Lavaters Gedanken über das Pbysiognomi- sche in der Schönheit dadurch auf das Com- pleteste (das sind seine Wone) widerlegt werden. Dieses werde ich in dem zweyten Theil meiner Schrift wider die Phvsiogno- nien, die künftige M sse erscheinen wird, und auch ohne diese Schriften nicht eher erschienen seyn würde, deutlich zeigen. Daraus wird sich dann in Rücksicht auf L) von selbst ergeben, daß a) der Kopf des Verfassers, der die Abhandlung nicht verstanden hat, eben so schwach seyn muß, als seine Absicht boshaft, und seine Aufführung ungezogen war, und daß eS ihm d) nicht sowohl um Bekehrung seines Gegners, als um dessen Unterdrückung zu thun war, anderer Betrachtungen jetzt nicht zu gedenken. 6) werde ich umständlich beurtheilen. Herr Lavaker wird daraus sehen, daß er sich mit Beobachtung der güldenen Regel: Wenn dir die Widerlegung deines Gegners gar zu leicht wird, so frage dich zuweilen: habe ich ihn auch verstanden? will er mir auch überall widersprechen? drey Berte! seines Aufsatzes hätte ersparen können. Wo ich mit ihm allein rede, kann er allezeit auf Bescheidenheit rechnen; aber er wird mir auch verzeihen, wenn ich, vor wie nach, auf das Heuschreckenheer von Pkvsiognvstiker», das seine Wä>me ausgebrütet hat, losschlage, wo es mir da- — 586 — zwischen fliegt, unv seine polternden Apostel, zwischen welchen unv ihm schon jctzr, im sechsten Jahr der wieder hervor,zesuchten Phrsioqnomik, ein Unterschied ist, wie zwischen Groß-Jnquisiior und Paulus, znchrige, wenn sie mir unter Pauken und Trompeten dazwischen predigen wollen. Was endlich v) angeht, so kann der Verfasser darauf rechnen, ich werde seine vogelfreye Grobheit nie erwiedern. - Sakyre muß sich jeder gefallen lass.«, und also auch ich. Icho' pointeä st m^solk be 8stire kreo, Vo lrer'tis plessurs snä no psin to ms. Allein, dieser Mann ist offenbar über die Linie hinaus gegangen, die den Pöbel voni Mann von Erziehung unterscheidet, dem diese Bostonische Urbanität gewiß — Z87 — immer unerreichbar bleiben wird. Man antwortet nur auf Angriffe, die wenigstens einigen Personen treffend geschienen haben; ich habe aber noch zur Zeit nicht einen einzigen vernünftigen Mann angetroffen, nicht einen einzigen, der gesagt haue, ein vernünftiger und ein rechtschaffener Mann könne so schreiben, wie die Verfasser von 8 und v an eini» gen Stellen. Ich verlange keinen größer» Sieg. Allein äußerst nahe geht es mir. daß es einigen müssigcn Dcrläumdern beliebt hat, auszusprengen, ein gewisser berükm- ter Mann, mein geneigtester Gönner, sey der Verfasser von 8 und v. Ich widerspreche hiermit diesem ehrenrührigen Gerücht auf daS Feyerlichste, und veclarire: wofern sie fortfahren, mir solchem Schand- gevisper ihre Nachbaren anzustecken, so — ;88 — will ich aus meine eigene Kosten einen bereus bekannten Venkeidiger der Unschuld bestellen, der diese Lästermaules gewiß auf ewiq stopfen soll. Gdllingen, den st. May 1778. Fragment von Schwänzen l) Heroische, kraftvolle. Em Sauschwanz. L. Englischer Doggenschwanz enn du in diesem Schwanz nicht sie heft, lieber Leser, den Teufel in Lauheit, (obgleich hoher Schweinsvrang bey a) nicht deutlich erkennest den Schrecken Israels in c, nicht mit den Augen riechst, als hattest du die Nase drinn, den niedern Schlamm in dem er aufwuchs bey 6, und mein zu treten scheinst in den Abstoß der Natur und den Abscheu aller Zeiten und Völker, der sein Element war — so mache mein Buch zu; so bist du für Physiognomik verloren. Dieses Schwein, sonst geborenes Ur« Genie, luderte Tage lang im Schlamm hin; vergiftete ganze Straßen mit unaussprechlichem Misigcruch, brach in eine Synagoge bey der Nacht, und eniweihete sie scheuslich; fraß, als sie Mutier ward, mit unerhörter Grausamkeit drey ihrer Jungen lebendig, und als sie endlich ihre kannibalische Wuih an einem armen Kinde auolas- sen wollte, fiel sie in das Schwert der Rache, sie ward von den Bettelbuben er- 59Z schlagen, und von Henkersknechten halb gar gefressen. L. Der du mit menschlichem warmen Herzen die ganze Natur umfängst, mit andächtigem Staunen dich i» jedes ihrer Werke hinführst, lieber Leser, theurer See- lenfreund, betrachte dwseu Hundeschwanz, und bekenne, ob Alexander, wenn er einen Schwanz hatte tragen wollen, sich eines solchen hatte schämen dürfen. Durchirr. P p aus nichts weichlich/ ' hundselndes, nichts damenschösigtes, zuckernes" mausknappern- deö, winziges Wesen. Uederall Mannheir, Drangdruck, hoher erhabener Bug und ruhiges, bedächtliches, kraslherbergendes Hinstarren, glcichweir entfcrnk von nnierthä- nigem Verkriechen, zwischen den Beinen, undhnhncrhinioischer, wilvwilternbcr, ängstlicher, unschlüfsigerHorizonkalität. Stürbe der Mensch aus, wahrlich der Scepter der Erde fiele an diese Schwänze. Wer fühlt nicht hohe an menschliche Jdiodiiat angrenzende Hundheil in der Krümmung bey a. An Lage wie nach der Erde, an Bedeutung wie nach dem Himmel. Liebe, Herzenswonne, Natur, wenn du dereinst dein Meisterstück mit einem Schwänze zieren willst, so erhöre die Bitte deines bis zur Schwärmerey warmen Dieners, und verleihe ihm einen wie Dieser Schwanz gehörte Heinrich deS VIll. Leibhunde zu. Er hieß und war Cäsar. Aus seinem Halsbande stand das Motto: sut Lselsr, uut nilril, mit goldenen Buchstaben, und in seinen Augen eben dasselbe, weil leserlicher und weit feuriger. Seinen Tod verursachte ein Kampf mit einem Löwen, doch starb der Löwe fünf Minuten früher als Cäsar. Als man ihm zurief, Marx der Löwe ist todt, so wedelte er drey Mahl mit diesem verewigten Schwänze, und starb als ein gerochener Held. Llolliter osta guielcaM. 6. Silhouette vom Schwänze eines, leider! zur Mettwurst bereits bestimmten Schweins - Jünglings in G... von der größten Hoffnung, den ich allen warmen, elastischen, beschnittenen und unbeschnitts- nen Aenie ausbrütenden Vtutzern, von Mensch? und Sauheit bitterweinend empfehle. Füblt's, hört's! und Donner werde dem Fleischer, der dick anpackt. Pp r 596 Noch zur Zeit nickt ganz entserkelt; mutterschweinische Weichmuth in schlappe» Hang, und lappische Milchheit in der Fah- nenspitze. Aber doch bey p schon keimen« des Korn von Keilenalcnt; ja wäre bey N »ickr sichrbarlich städtische Schwache nnd mehr Spickespeck, als Heugeist, und wäre unter dem Schwanz bey o minder Rauchkammer- als Ruhms - Tempel, und minder Mettwurst als Triumph, so sagte ich: dein Ahnherr überwand den Adouis, und der Ebergeist des Herkules-Bekampserö ruht auf deinem Schwanz. Einige Silhouetten von unbekannten meist thatlosen Schweinen. » b c ä e k verstümmelt a, Schwach arbeitende Thatkraft; b, physischer und moralischer Speck; c, unverständlich , entweder monströs oder Himmelsfunken lodernder Keim vom Wanderer zertreten; 6, vermuthlich verzeichnet, sonst — 597 — blendender, auffahrender Eberblitz; k, Kraft mit Speck vcrlhallofct. Acht Silhouetten von Purschcnschwän- zen zur Uebung, v I 2 Z 598 Erklärungen. v. i. Ist fast Schwanz-Ideal. Germanischer eiserner Elarcr im Schafft; Adel in der Fahne; offensiv liebende Zärtlichkeit i» der Rose; aus der Richtung fletscht Pdilistcrtod und unbezahltes Conto. Durchaus mehr K>ast als Besonnenheit. 2. Hier überall mehr Besonnenheit als Kraft. Aenqlllich gerade, nichts Hohes, Aufbrausendes, weder Newton noch Rütlgcrot süßes Stutzerpeilsch- chen, nicht zur Zucht, sondern zur Zierde, und zartes Marcipanherz ohne Fcncr- Puls. Ein Liebchen sein höchster Flug, ein Küßchen sein ganzer Wunsch. 3. Eingezwängter Füllorang. Eine Pulvcrkonne unter einem Feuerbeckeu vergessen, wnins auffliegt, füllts dir Welt. Edler, vortrefflicher Schwanz, englisch in beiderlei» Verstand. Schade, daß du von sterblichem Nacken hcrabstarrst. Flögst du durch die Himmel, die Cometen würden sprechen: welcher unter uns will es mit ihm aufnehmen. Studiert Medicin» g. Salyrmäßig verdrehte Meerrertig- form. Der Kahlköpfigkeit letzter Tribut, an Schwanzheit bezahlt. Alte Feldmar- schallskraft, zu Fähnbrichs Natur auf- pomadet, ausgekämmt und ausaffectirt. Kampf zwischen Natur und Kunst, wo ') Rü tigerst war ein Mörder, der zu Eim- bkck 4 Meilen von Gökltngen gerädert wurde. S. kavater« Phystognemische Fragment«, — 599 — beyde auf dem Platz bleiben. Strecke' du das Gewehr, armer Teufel/ und laß die Perücke einmarfchiren. 5. Au Schneidcrgcsellheit und Lade grenzende schöne Litteratur. In dem scharfen Winkel, wo das Haar den Bindfaden verläßt, wo nicht Göthe, dvch gewiß Bethge bot,er Federzug mit Nadelstich. Polemik in der horizontalen Richtung, Frevtisch in der Quaste. In der fast zu dünne gezeichneten Wnrzcr Winzigkeit mit Hände reibender Pufilla- «imital. Jnformirr auf dem Eiaviere. 6. Sicherlich entweder junger Kater oder junger Tiger, mit einem Haar- Uebergewrchl z»»i letztern. 7. Abscheulich. Ein wahrhaftes Pfuy! Wie kannst du a» einem Kopf gesessen haben, den Musen geheiligt. Im trunkenen Streit mußt du vielleicht einmahl irgend einem Badergesellen oder Sradt- inusikünten entrissen und aus Triumph am Pnrfchenhaar geknüpft seyn. Elendes Werk, nicht der Natur, sondern des Seilwinders. Hanf bist du, und als Hanf hättest dn dich besser geschickt, den Hals deines geschmacklosen Besitzers an irgend einen Galgen zu schnüren. 8. Heil dir und ewiger Sonnenschein, glückseliges Haupt, das dich tragt. Stünde Lohn bey Verdienst, so müßtest *) Bethge war der berühmteste Schneider t» Eiitttnzen, r» seiner Zeit. du Kopf seyn, vortrefflicher Zopf, und du Zopf beglückter Kopf. Welche Güte in dem seidenen zarten ülbbang, wirkend ohne Hanf herbergendcs maskirendcs Band, und doch Wonne lächelnd wie geflochtene Sonnenstrahlen. So weit über selbst gekrönte Haarbeutel als Heiligenglorie über Nachtmütze. SechZ solcher Schwänze in einer Srudt, und ich wollte barfuß deine Thore suchen, du Gesegnete, die Schwelle deines Rath- hauses küssen und mich glücklich preisen, mit meinem eigenen Blut unter die Zahl deiner letzten Beysassen eingezeichnet zu werden. Fragen zur weiter« Uebung. Welcher ist der kraftvollcste? Welcher hat am meisten Thatstar- rendes? Welcher Schwanz wird schwankn? Welcher ist der Jurist? der Medici- ner? oer Theologe? der Weltweise? der Taugenichts? der Taugewas? Welcher ist der verliebteste? Welcher aliernirl mit dem Haarbeutel? Welcher bat den Freytisch? Welchen könnte Gdihe getragen haben? Welchen würde Homer wählen, wenn er wiederkäme?