D i e B e st i m m u n g d e s Mensche n. Da rs est cllt von Johann Gottlieb Fichte. Berlin/ in der Vvssi schon Buchhandlung, i 8 cr o. Vorrede. >ö?as außer der Schule brauchbar ist von der neueren Philosophie, sollte den Jur halt dieser Schrift ausmachen; vorgetragen in derjenigen Ordnung, in der es sich dem kunstlosen Nachdenken entwickeln mußte. Die tiefern Zurüstungen, welche gegen Einwürfe und Ausschweifungen desverkün- stelten Verstandes gemacht werden, das, was nur Grundlage für andre positive Wissenschaften ist, endlich, was bloß für dis Pädagogik im weitesten Sinne, d. h. für die bedachte und willkührliche Erziehung deS Menschengeschlechts gehört, sollte aus dem Umfange derselben ausgeschlossen bleiben. Jene Einivürfe macht der natürliche Verstand nicht; die positive Wissenschaft aber überlaßt er seinen Gelehrten, und die Erziehung des Menschengeschlechts, in wiefern sie vom Menschen abhangt, seinen Volks- lehrcrn und Staatsbeamten. Das Buch ist sonach nicht für Philosophen von Profession bestimmt, und diese werden nichts in demselben finden, was nicht schon in andern Schriften desselben Verfassers vorgetragen wäre. Es sollte verständlich seyn für alle Leser, die überhaupt ein Buch zu verstehen vermöchten. Von denjenigen, die nur schon ehemals auswendig gelernte Redensarten in einer etwas veränderten Ordnung wiederholen wollen, und dieses Geschäft des Gedacht, nisses für das Verstehen halten, wird es ohne Zweifel unverständlich befunden wero-u. Es sollte anziehen und erwärmen, und den Leser kräftig von der Sinnlichkeit zum Uebersinnlichen fortreißen; wenigstens ist der Verfasser sich bewußt, nicht ohne Begeisterung an die Arbeit gegangen zu seyn. Oft verschwindet wahrend der Mühe der Ausführung das Feuer, mir welchem man den Zweck ergriff; eben so ist man im Gegentheil unmittelbar nach der Arbeit in Gefahr, über diesen Punkt sich selbst Unrecht zu rhun. Kurz, ob diese Absicht gelungen sei), oder nicht, kann nur aus der Wirkung entschieden werden, welche die Schrift guf die Leser machen wird, denen sie bestimmt ist, und der Autor har hierüber keine Stimme. Noch habe ich — für wenige zwar, zu erinnern, daß der Ich, welcher im Buche redet, keincswcgeö der Verfasser ist, so»- vr dem daß dieser wünscht, sein Leser möge es werden; — dieser möge nicht bloß historisch fassen, was hier gesagt wird, sondern wirklich und in der That wahrend des Lesens mit sich selbst reden, hin und her überlegen, Resultats ziehen, Entschließungen fassen, wie sein Repräsentant im Buche, und durch eigne Arbeit und Nachdenken, rein aus sich selbst, diejenige Denkart entwickeln, und sie in sich aufbauen, deren bloßes Bild ihm im Buche vorgelegt wird. Erstes B u ch. Zweifel, >^o wohl glaube ich nunmehr einen guten Theil der Welt, die mich umgiebt, zu kennen; und ich habe in der That Mühe und Sorgfalt genug darauf verwendet. Nur der übereinstimmenden Aussage meiner Sinne, nur der beständigen Erfahrung, habe ich Glauben zugestellt; ich habe betastet, was ich erblickt, ich habe zerlegt, was ich betastet hatte; ich habe meine Beobachtungen wiederholt, und mehrmals wiederholt; ich habe die verschiedenen Erscheinungen unter einander verglichen; und nur, nachdem ich ihren genauen Zusammenhang einsah, nachdem ich eine aus der andern erklären, und ableiten, und den Erfolg im Voraus berechnen konnte, und die Wahr- nehmung des Erfolgs lueiucr Berechnung entsprach, habe ich mich beruhigt. Dafür bin ich nun auch der Nichtigkeit dieses Thcils meiner Erkenntnisse so sicher, als meines eignen Da- scyns, schreite mit festem Tritte in der mir bekannten Sphäre meiner Welt einher, und wage in jedem Augenblicke Dascyn und Wohl, scyn auf die Untrüglichkeit meiner Uoberzeu- gungcn. Aber, — was bin ich selbst, und was ist meine Bestimmung? Ueberflüßige Frage! Es ist schon lange her, daß meine Belehrung über diesen Gegenstand geschlossen ist, und cs würde Zeit erfodern, um alles das, was ich hierüber ausführlich gehört, gelernt, geglaubt habe, mir zu wiederholen. Und auf welchem Wege bin ich denn zu diesen Kenntnissen gelangt, welche zu besitzen ich mich dunkel erinnere? Habe ich, getrieben durch eine brennende Wißbegier, mich hindurch gearbeitet durch Ungewißheit, durch Zweifcl, uud Widersprüche? Habe ich, so wie etwas glaubliches sich mir darbot, meinen Beifall aufgchalten, das Wahrscheinliche geprüft, und wieder geprüft, und geläutert, und verglichen, — bl-' eine inure Stimme unverkennbar und unwiderstehlich mir zuricf: So, nur so ists, so wahr du lebest und bist? — Nein, ich erinnere mich keines solchen Zustandes. Jene Belehrungen wurden mir entgegen gebracht, che ich ihrer begehrte; es wurde mir geantwortet, ehe ich die Fragen aufgeworfen hatte. Ich hörte zu, weil ich es nicht vermeiden konnte; es blieb in meinem Gedächtnisse hängen, soviel als der Zufall fügte; ohne Prüfung, und ohne Theilnahme ließ ich alles an seinen Ort gestellt seyn. Wie könnte ich sonach mich überreden, daß ich in der That Erkenntnisse über diesen Gegenstand des Nachdenkens besitze? Wenn ich nur dasjenige weiß, und von ihm überzeugt bin, was ich selbst gesunden, — nur dasjenige — 6 Wirklich kenne, was ich selbst erfahren habe, so kann ich in der That nicht sagen, daß ich über meine Bestimmung das geringste wisse; ich weiß blos, was andre darüber zu wissen behaupten; und das einzige, was ich hierum wirklich versichern kann, ist dies, daß ich so oder so über diese Gegenstände sprechen gehört. Zeh habe sonach bisher, indeß ich mit ge/ nauer Sorgfalt das minderwichtigc selbst untersuchte, in Ansehung des Wichtigsten auf die Treue und die Sorgfalt Fremder mich verlassen. .Ich habe andern cincTheilnahme für die höchsten Angelegenheiten der Menschheit, einen Ernst, eine Genauigkeit zugetraut, die ich in mir selbst kelnesweges gefunden hakte. Ich habe sic unbeschreiblich höher geachtet als mich selbst. — Was sie etwa wahres wissen, woher können sie es wissen, außer durch eignes Nachdenken? Und warum sollte ich durch dasselbe Nachdenken nicht dieselbe Wahrheit finden, da ich eben so viel bin als sie? Wie sehr habe 7 ich bisher mich selbst herabgesetzt und verachtet ! Ich will, daß es nicht langer so scy! Mit diesem Augenblicke will ich in meine Rechte cintrctcn, und Besitz nehmen von der mir gebührenden Würde. Alles Fremde sey aufgc- gcbcn. Zch will selbst untersuchen. Scy es, daß geheime Wünsche, wie die Untersuchung, endigen mögen, daß eine verliebende Neigung für gewisse Behauptungen, in mir sich rege; ich vergesse und vcrlaugne sie, und ich werde ihr keinen Einfluß auf die Richtung meiner Gedanken verstauen. Zch will mit Strenge und Sorgfalt zu Werke gehen, ich will mir alles aufrichtig bekennen. — Was ich als Wahrheit finde, wie es auch immer laute, soll mir willkommen seyn. Zch will wissen. Mit derselben Sicherheit, mit welcher ich darauf rechne, daß dieser Boden mich tragen wird, wenn ich darauf trete, daß dieses Feuer mich verbrennen würde, wenn ich mich ihm näherte, will ich darauf rechnen können, was 8 ich selbst bin, und was ich scyn werde. Und sollte man ccwa dies nicht könne»/ so will ich wenigstens das wissen, daß man cü nicht kann: Und selbst diesem Ausgange der Untersuchung will ich mich unterwerfen, wenn er sich mir als Wahrheit entdeckt. — Ich eile meine Auft gäbe zu lösen. ^Zch ergreift die ftrteilcnde Natur in ihrem Fluge, und halte sic einen Augenblick an, fasse den gegenwärtigen Moment fest ins Auge, und denke nach über ihn! — über diese Natur, an welcher bisher meine Denkkraft cnt-- wickelt, und für die Schlüsse, die auf ihrem Gebiete gelten, gebildet wurde. — Ich bin von Gegenständen umgeben, die ich als für sich bestehende, und gegenseitig von einander geschiedene Ganze anzuschen mich ge- nöthigt fühle: Zch erblicke Pflanzen, Baume, Thiere. Zch schreibe jedem Einzelnen Eigenschaften und Merkmale zu, woran ich sie von einander unterscheide; dieser Pflanze eine solche Form, der andern eine andere; diesem Baume solche, dem andern anders gestaltete Blätter. Zeder Gegenstand hat seine bestimmte Anzahl von Eigenschaften, keine darüber. noch darunter. Auf jede Frage, ob er dieses scy, und jenes, ist für den, der ihn durchaus kennt, ein entscheidendes Za möglich, oder ein entscheidendes Nein, das allem Schwanken zwischen Seyn und Nichtsein ein Ende macht. Alles was da ist, ist etwas, oder es ist dieses etwas nicht; ist gefärbt oder nicht gefärbt; hat eine gewisse Farbe, oder hat diese Farbe nicht; ist schmackhaft, oder nicht schmackhaft; ist fühlbar, oder nicht fühlbar, und so in das Unbestimmte fort. Zeder Gegenstand besitzt jede dieser Eigenschaften in einem bestimmten Grade. Gicbt cs einen Maasstab für eine gewisse Eigenschaft, und vermag ich ihn anzuiegcn, so findet sich ein bestimmtes Maas derselben, welches sic nicht um das mindeste überschreitet, ncch unter ihm znrückblcibt. — Messe ich die Höhe dieses Daums; sie ist bestimmt, und er ist um keine Linie höher oder niedriger als er ist. Betrachte ich das Grün seiner Blätter; es ist ein bestimmtes Grün, nicht um das min- II beste dunkler, oder Heller, frischer oder verblichener, als cs ist; ob cs mir gleich am Maasstabe und am Worte für diese Bestimm mnng fehlt. Werfe ich meinen Blick ans diese Pflanze; sie sieht auf einer bestimmten Stufe zwischen ihrem Entkeimen, lind ihrer Reife; beiden nicht um das mindeste näher oder entfernter, als sic cs ist. — Alles was da ist, ist durchgängig bestimmt; cs ist was cs ist, und schlechthin nichts anderes. Nicht etwa, daß ich überhaupt nichts zwischen widersprechenden Bestimmungen in der Mitte schwebendes zu denken vermöchte. .Ich denke allerdings unbestimmte Gegenstände, und mehr als die Hälfte meines Denkens besteht aus dergleichen Gedanken. Zch denke einen Baum überhaupt. Hat dieser Daum überhaupt, Früchte oder nicht, Blatter oder nicht, und falls er welche hat, welches ist ihre Anzahl? Zu welcher Gattung von Bäumen gehört er? Wie groß ist er? und so weiter. Alle diese Fragen bleiben unbeantwortet, und mein Denken ist hierüber unbestimmt, so gewiß ich nicht einen besonder!! Baum, sondern den Baum überhaupt zu denken mir vornahm. Nur spreche ich diesem Baume überhaupt — das wirkliche Daseyn ab, eben darum, weil er unbestimmt ist. Alles wirkliche hat seine bestimmte Anzahl von allen möglichen Eigenschaften des Wirklichen überhaupt, und hat jede derselben in einem bestimmten Maaßc, so gewiß es wirklich ist; ob ich mich gleich beschcide, vielleicht nicht Eines Gegenstandes Eigenschaften durchaus erschöpfen, und den Maasstab an dieselben an- legcn zu können. — Aber die Natur eilt fort in ihrer stätcn Verwandlung: Und indcß ich noch rede über den ausgcfaßtcn Moment, ist er entflohen, und alles hat sich verändert; und che ich ihn auffaßte, war gleichfalls alles anders. Wie cs war, und wie ich cs auffaßte, war es nicht immer gewesen, es war ko geworden. Warum mm und aus welchem Grunde war cö gerade so geworden, wie cs geworden war; warum hatte die Natur unter den unendlich mannigfaltigen Bestimmungen, die sie annehmcn kann, in diesem Momente grade diese angenommen, die sie wirklich angenommen hatte, und keine andere? Deswegen, weil ihnen gerade diejenigen vorhergingen, die ihnen vorhergingen, und keine möglichen andern; und weil die gegenwärtigen gerade ihnen, und keinen möglichen andern folgten. Wäre im vorhergehenden Momente irgend etwas um das mindeste anders gewesen, als cs war, so wurde auch im gegenwärtigen irgend etwas anders seyn, als es ist. — Und aus welchem Grunde war im vorhergehenden Momente alles so wie es war? Deswegen, weil es in dem, der diesem vorhcrging, so war, wie es in ihm war. Und dieser hing wieder ab, von dem der ihm vorherging; dieser letzte abermals von seinem vorhergehenden; — und so aufwärts ins unbestimmte fort. Eben so wird in dem zunächstfolgendcn Momente die Natur bestimmt seyn, wie sie cs seyn wird, deswegen, weil sie im gegenwärtigen so bestimmt ist, wie sie cs ist; und es würde noth- wcndig in diesem zunächst folgenden Momente irgend etwas anders seyn, als es seyn wird, wenn im gegenwärtigen nur das mindeste anders wäre, als cs ist. Und in dem Momente, der diesem folgen wird, wird alles so seyn, wie cü styn wird, deswegen, weil in dem zu- nächstfolgcnden Momente alles so seyn wird, wie cö seyn wird; und so wird sein nachfolgender wieder von ihm abhängen, wie er von seinem vorhergehenden abhängen wird; und so abwärts in das unbestimmte fort. Die Natur schreitet durch die unendliche Reihe ihrer möglichen Bestimmungen ohne Anhalten hindurch; und der Wechsel dieser Bestimmungen ist nicht gesetzlos, sondern streng gesetzlich. Was da ist in der Natur, ist noth- wendig so, wie es ist, und es ist schlechthin unmöglich, daß es anders sey. Ich trete ein in eine geschlossene Kette der Erscheinungen/ da jedes Glied durch sein vorhergehendes bestimmt wird, und sein nachfolgendes bestimmt; in ebnem festen Zusammenhang, da ich aus jedeni gegebenen Momente alle mögliche Zustände des Universums durch bloßes Nachdenken würde finden können, aufwärts, wenn ich den gegebne» Moment erklärte, abwärts, wenn ich aus ihm ablcitete; wenn ich auswärts die Ursachen, durch welche allein er wirklich werden konnte, abwärts die Folgen, die er noth- wendig haben muß, aufsuchte. Zeh empfange in jedem Theilc das Ganze, weil jeder Theil nur durch das Ganze ist, was er ist; durch dieses aber nothwcndig das ist. Was ist es denn also eigentlich, das ich so eben gefunden habe? Wenn ich meine Behauptungen im Ganzen übersehe, so finde ich dies als den Geist derselben: Jedem Werden ein Scyn vorauszusetzen, woraus und wodurch es geworden ist, jedem Zustande einen andern Zustand, jedem Seyn ein anderes Seyn voraus- zudenken, und schlechthin nichts aus dem Nichts entstehen zu lassen. Verweile ich hiebei langer, entwickle und mache mir vollkommen klar, was darin liegt! — Denn cs könnte leicht seyn, daß von meiner klaren Einsicht in diesen Punkt meines Nachdenkens, das ganze Gluck meiner fernem Untersuchung abhinge. Warum, und aus welchem Grunde sind denn nun die Bestimmungen der Gegenstände in diesem Momente gerade diejenigen, die sic sind, — Hub ich an zu fragen. Zeh setzte sonach ohne weitern Beweis, und ohne die mindeste Untersuchung, als ein an sich bekanntes unmittelbar wahres und schlechthin gewisses voraus, — wie es denn auch ist, und wie ich es noch jetzt finde, und stets sin,den werde — ich setzte, sage ich, voraus, daß sic einen Grund hätten; — daß sie nicht durch sich selbst, sondern durch etwas außer ihnen liegendes des/ Daseyn und Wirklichkeit hätten. Ich fand ihr Daseyn für ihr eignes Daseyn nicht hin- länglich, und fühlte mich genöthigt, um ihrer selbst willen noch ein anderes Daseyn, außer ihnen anzunehmcn. Warum nun wohl fand ich das Dafeyn jener Beschaffenheiten oder Bestimmungen nicht hinlänglich; warum fand ich cö als ein unvollständiges Daseyn? Was mag es scyn in ihnen, das mir einen Mangel Verrats) ? Dies ohne Zweifel ist es: zuförderst sind jene Beschaffenheiten gar nichts an und für sich, sie sind nur etwas an einem andern; Beschaffenheiten eines Beschaffenen, Formen eines Geformten; und ein solches die Beschaffenheit einnehmende und tragende,— ein Substrat derselben, nach dem Ausdrucke der Schule, — wird für die Denkbarkeit derselben immer vorausgesetzt. Ferner, daß ein solches Substrat eine bestimmte Beschaffenheit habe, drückt einen Zustand der Ruhe, und des Stillestehens seiner Verwandlungen, ein Anhalten seines Werdens aus. Versetze ich es in Ver- h 2 ) änderung, so ist in ihm keine Bestimmtheit mehr, sondern ein Uebergehen aus einem Zustande in den entgegengesetzten andern durch Unbestimmtheit hindurch. Der Zustand der Be, stimmthcit des Dinges ist sonach Zustand, und Ausdruck eines bloßen Leidens; und ein bloßes Leiden ist ein unvollständiges Daseyn. Es bedarf einer Thatigkeit, die diesem Leiden ent- sprecbe, aus welcher sich dasselbe erklären, durch, und vermittelst welche cs sich erst denken lasse; oder, wie man sich gewöhnlich ausdrückt, die den Grund dieses Leidens enthalte. Was ich dachte, und zu denken gcnöthigt war, war daher kcincsweges dies, daß die vcr- schiedcnen ans einander folgenden Bestimmungen der Narur, als solche einander bewirken; — daß die gegenwärtige Beschaffenheit sich selbst vernichte, und in dem künftigen Momente, da sie selbst nicht mehr ist, eine andere- die nicht sie selbst ist, und die in ihr nicht liegt, an ihrer Stelle hervorbringc, welches völlig undenkbar ist, Die Beschaffenheit bringt weder sich selbst, noch etwas anderes außer ihr hervor. Eine rhätige, dem Gegenstände eigenlhüm- liehe und sein eigentliches Wesen ausmachendc Kraft ist es, welche ich dachte und denken mußte, um die allmählige Entstehung, und den Wechsel jener Bestimmungen zu begreifen. Und wie denke ich mir diese Kraft, welches ist ihr Wesen und die Art ihrer Aeuße- rung? Keine andere, als die, daß sic unter diesen bestimmten Umständen, durch sich selbst, und um ihrer selbst willen diese bestimmte Wirkung, — und schlechthin keine andere — diese aber auch ganz sicher und unfehlbar, hcrvorbringe. — Das Princip der Thätigkeit, des Entstehens und Werdens an und für sich ist rein in ihr selbst, so gewiß sie Kraft ist, und in nichts außer ihr; die Kraft wird nicht getrieben, oder in Bewegung gesetzt, sie setzt sich selbst in Bewegung. Der Grund davon, daß sie gerade auf diese bestimmte Weise sich entwickelt, liegt thcils in ihr selbst, weil sie diese Kraft ist und keine andere, theils außer ihr selbst, in den Umständen, unter de, nen sie sich entwickelt. Beides, die innere Bestimmung der Kraft durch sich selbst, und ihre äußere, durch die Umstande, muß sich vereinigen, um eine Veränderung hervorzubringen. Was das erste anbelangt: die Umstände, das ruhende Seyn und Bestehen der Dinge bringen kein Werden hervor, denn in ihnen selbst liegt das Gegcntheil alles Werdens, das ruhige Bestehen. Was das zweite betrift: Jene Kraft ist, so gewiß sie denkbar seyn soll, eine durchgängig bestimmte; aber ihre Bestimmtheit wird vollendet, durch die Umstände unter denen sie sich entwickelt. — Eine Kraft denke ich nur; eine Kraft ist für mich nur in wiefern ich eine Wirkung wahrnehme; eine unwirksame Kraft, die doch eine Kraft seyn sollte und kein ruhendes Ding, ist völlig undenkbar. Jede Wirkung aber ist bestimmt, und da die Wirkung nur der Abdruck, nur eine andere Ansicht des Wirkens selbst ist, — die wirkende Kraft ist im Wirken bestimmt, und der Grund dieser ihrer Bestimmtheit liegt theils in ihr selbst, weil sie außerdem gar nicht als ein besonderes und für sich bestehendes gedacht würde, theils außer ihr, weil ihre eigene Bestimmtheit nur als eine bedingte gedacht werden kann. Es ist hier eine Blume dem Boden entwachsen, und ich schließe daraus auf eine bildende Kraft in der Natur. Eine solche bildende Kraft ist für mich überhaupt da lediglich, in wiefern cs für mich diese Blume und andere, und Pflanzen überhaupt, und Thicre gicbt; ich kann diese Kraft nur durch ihre Wirkung beschreiben, und sic ist für mich schlechthin nichts weiter, als — das — eine solche Wirkung hcrvorbringende; das — Blumen, und Pflanzen, und Thicre, und überhaupt organische Gestalten erzeugende. Ich werde ferner behaupten, es habe an diesem Platze eine Blume, und diese bestimmte Blume entsprie-' ßen können, lediglich in wiefern alle Umstände sich vereinigten, um dieselbe möglich zu machen. Durch diese Dereilligung aller Umstande für ihre Möglichkeit aber ist mir die Wirklichkeit der Blume nach keinesweges erklärt; und ich bin geuöthigt, noch eine besondere, durch sich selbst wirkende, ursprüngliche Naturkrafc anzn- nehmcn; und zwar bestimmt eine Blumenhcr- votbringende; denn eine andre Naturkraft würde vielleicht unter denselben Umständen gänz etwas anders hervorgebrachc haben. Ich erhalte sonach folgende Ansicht des Universum. Es ist, wenn ich die sämtlichen Dinge als Eins, als Eine Natur ansehe. Eine Kraft; es sind, wenn ich sie als Einzelne betrachte, mehrere Kräfte, — die nach ihren innern Gesehen sich entwickeln, und durch alle mögliche Gestalten, deren sie fähig sind, hindurch gehen; und alle Gegenstände in der Natur sind nichts anderes, als jene Kräfte selbst in einer gewissen Bestimmung. Die Aeußcrung jeder einzelnen Naturkraft wird bestimmt, — wird zu derjenigen, die sie ist, — kheils durch ihr inneres Wesen, theils durch ihre eignen bisherigen Zleu- ßcrungcn, theils durch die Acußcrungcn aller übrigen Naturkräfte, mit denen sie in Verbindung sicht; aber sie sicht, da die Natur ein zusammenhängendes Ganzes isi, mit allen in Verbindung. — Sie wird durch dieses alles unwiderstehlich bestimmt: Nachdem sic nun einmal ihrem inneren Wesen nach diejenige ist, die sie ist, und unter diesen Umständen sich äußert, fällt ihre Acußcrung nothwcndig so aus, wie sie ausfällt, und cs ist schlechterdings unmöglich, daß sie um das mindeste anders sey, als sie ist. Zn jedem Momente ihrer Dauer ist die Natur ein zusammenhängendes Ganze; in jedem Momente muß jeder einzelne Thci^ derselben so sevn, wie er ist, weil alle übrigen sind, wie sie sind; nnd du könntest kein Sandkörnchcn von seiner Stelle verrücken, ohne dadurch, vielleicht unsichtbar für deine Augen, durch alle Theilc des unermeßlichen Ganzen hindurch etwas zu verändern. Aber jeder Moment dieser Dauer ist bestimmt durch alle abgclaufcucn Momente, und wird bestimmen alle künftigen Momente; und du kannst in dem gegenwärtigen keines Sand- korncs Lage anders denken, als sie ist, ohne, daß du genöthigt würdest, die ganze Vergangenheit ins Unbestimmte hinauf, und die ganze Zukunft ins Unbestimmte herab dir anders zu denken. Mache, wenn du willst, den Versuch mit diesem Körnchen Flugsandes, das du erblickst. Denke es dir um einige Schritte weiter landeinwärts liegend. Dann müßte der Sturmwind, der cs vom Meere Hertrieb, stärker gewesen scyn, als er wirklich war. Dann müßte aber auch die vorhergehende Witterung, durch welche dieser Stnrmwind und der Grad desselben bestimmt wurde, anders gewesen scyn, als sie war, und die ihr vorhergehende, durch die sie bestimmt wurde; und du erhältst in das Unbestimmte und Unbegränzte hinauf eine ganz andere Temperatur der Luft, als wirklich statt gefnnden hat, und eine ganz andere Be- schaffcnhcit der Körper, welche auf diese Temperatur Einfluß haben, und auf welche sie Einfluß hat. — Auf Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit der Länder, vermittelst dieser und selbst unmittelbar auf die Fortdauer der Menschen, hat sic unstreitig den entscheidendsten Einfluß. Wie kannst du wissen, — denn da es uns nicht vergönnt ist, in das Innere der Natur einzudringen, so reicht cs hier hin Möglichkeiten anfzuzeigen, — wie kannst du wissen, ob nicht bei derjenigen Witterung des Universum, deren es bedurft hatte, um dieses Sandkörnchcn weiter landeinwärts zu treiben, irgend einer deiner Vorväter vor Hunger, oder Frost oder Hihc, würde »mgekommcn scyn, ehe er den Sohn erzeugt hatte, von welchem du abstam- mest? — Daß du sonach nicht seyn würdest, und alles, was du in der Gegenwart, und für die Zukunft zu wirken wähnest, nicht scyn würde, weil — ein Sandkörnchen an einer andern Stelle liegt. Zch selbst mit allem, was ich mein nenne, bin ein Glied in dieser Kette der strengen Na- turnothwendigkeit. Es war eine Zeit, — so sagen mir andere, die in dieser Zeit lebten, und ich selbst bin durch Folgerungen gcnöthigt, eine solche Zeit, deren ich nicht unmittelbar mir bewußt bin, anzunehmcn — es war eine Zeit , in der ich noch nicht war, und ein Moment, in welchen, ich entstand. Zch war nur für andere, noch nicht für mich. Seitdem hat allmahlig mein Sclbstbewußtseyn sich entwickelt, und ich habe in mir gewisse Fähigkeiten, und Anlagen, Bedürfnisse und natürliche Begierden gesunden. — Zch bin ein bestimmtes Wesen, das zu irgend einer Zeit entstanden ist. Ich bin nicht durch mich selbst entstanden. Es wäre die höchste Ungereimtheit anzunch- men, daß ich gewesen scy, ehe ich war, um mich selbst zum Dascyn zu bringen. Zch bin durch eine andere Kraft außer mir wirklich worden. Und durch welche wohl, als durch 27 die allgemeine Naturkraft, da ich ja ein Theil der Natur bin? Die Zeit meines Entstehens, und die Eigenschaften, mit denen ich entstand, waren durch diese allgemeine Naturkraft der stimmt; und alle die Gestalten, unter denen sich diese mir angebohrncn Grundcigenlchaftcn seitdem geäußert haben, und äußern werden, so lange ich seyn werde, sind durch dieselbe Naturkraft bestimmt. Es war unmöglich, daß statt meiner ein Anderer entstände; cs ist unmöglich, daß dieser nunmehro Entstandene in irgend einem Momente seines Dascynö anders sey, als er ist und seyn wird. Daß meine Zustände nun eben vonBewnßt- scyn begleitet werden, und einige derselben, — Gedanken, Entschließungen, und dergleichen — sogar nichts anders zu seyn scheinen, als Bestimmungen eines bloßen Bewnßtscyns: darf mich in meinen Folgerungen nicht irre machen. Es ist die Naturbestimmung der Pflanze, sich regelmäßig auszubildcn, die des Thiers, sick- zweckmäßig zu bewegen, die des Menschen, zu denken. Warum sollte ich Anstand Nehmen, das letzte eben so für die Aeußerung einer ursprünglichen Naturkraft anzuerkcnnen, als das erste und zweite? Nichts, als das Erstaunen könnte mich daran verhindern; indem das Denken allerdings eine weit höhere und künstlichere Naturwirkung ist, als die Bildung der Pflanzen, oder die cigenthümliche Bewegung der Thicre; aber wie könnte ich jenem Affekte Einfluß vcrstatten auf eine ruhige Unterst» chung? Erklären kan» ich freilich nicht, wie die Naturkraft den Gedanken hcrvorbringe; aber kann ich denn besser erklären, wie sie die Bildung einer Pflanze, die Bewegung eines Thierü hcrvorbringe? Aus bloßer Zusammensetzung der Materie das Denken abzuleitcn, — auf dieses verkehrte Unternehmen werde ich freilich nicht verfallen; könnte ich denn daraus auch nur die Bildung des einfachsten Mooses erklären? — Jene ursprünglichen Naturkräfte sollen überhaupt nicht erklärt werden, noch können sie erklärt werden; denn sie selbst — 29 " sind cs, aus denen alles Erklärbare zu erklären ist. Das Denken ist nun einmal,' cs ist schlechthin, so wie die Bildungükraft der Natur nun einmal ist, und schlechthin ist: Es ist in der Natur; denn das Denkende entsteht und entwickelt sich nach Naturgesetzen: es ist sonach durch die Natur. Es giebt eine ursprüngliche Dcnkkrast in der Natur, wie eS eine ursprüngliche Bildungökraft giebt. Diese ursprüngliche Denkkraft des Universum schreitet fort, und entwickelt sich in allen möglichen Bestimmungen, deren sie fähig ist, so wie die übrigen ursprünglichen Naturkräfte sortschrciten, und alle mögliche Gestalten annehmen. Ich bin eine besondere Bestimmung der bildenden Kraft, wie die Pflanze; eine besondere Bestimmung der eigenthümlichcn Bewegungskraft', wie das Thier; und überdies noch eine Bestimmung der Denkkraft: und die Vereinigung dieser drei Grundkräfte zu Einer Kraft, zu Einer harmonischen Entwicklung, macht das unterscheidende Kennzeichen meiner Gattung aus; so wie cs die Unterscheidung der Pflanzengattung auömacht, lediglich Bestimmung der bildenden Kraft zu seyn. Gestalt, eigeuthümliche Bewegung, Gedanke in mir hangen nicht etwa von einander ab, und folgen auseinander: so daß ich meine, und mit ihr die mich umgebenden Gestalten und Bewegungen so dachte, weil sie so sind; rder daß umgekehrt sie so würden, weil ich sie so dächte, sondern sic sind allzumal und unmittelbar die harmonierenden Entwicklungen einer und eben derselben Kraft, deren Aeußerung nochwcndig zu einem mit sich innig zusammen- stimmcndcn Wesen meiner Gattung wird, und die man Menschenoildendc Kraft nennen könnte. Es entsteht in mir ein Gedanke schlechthin, und eben so schlechthin die ihm entsprechende Gestalt, und eben so schlechthin die beiden entsprechende Bewegung. Zeh bin nicht was ich bin, weil ich es denke oder will; noch denke oder will ich es, weil ich es bin, sondern ich bin und denke, — beides schlechthin; bei- des aber stimmt aus einem höheren Grunde zusammen. So gewiß jene ursprünglichen Naturkräste etwas für sich sind, und ihre eignen inner» Gesetze und Zwecke haben, so gewiß müssen die einmal zur Wirklichkeit gekommenen Acuße- rungen derselben, falls nur die Kraft sich selbst überlassen bleibt, und nicht durch eine fremde ihr überlegne unterdrückt wird, eine Zcitlang Lauern, und einen gewissen Umfang von Verwandlungen beschreiben. Was in demselben Augenblicke verschwindet, da es entstand, ist gewiß nicht Acußernng einer Grundkraft, son, dcrn nur Folge von der Zusammcnwirkung mehrerer Kräfte. Die Pflanze, eine besondere Bestimmung der bildenden Naturkraft, geht sich selbst überlassen von ihrem ersten Entkeimen, bis zur Reife dcsSaamens. Der Mensch, eine besondere Bestimmung aller Naturkräfte» in ihrer Vereinigung, geht sich selbst überlassen von der Geburt fort zum Tode vor Alter. Daher die Lebensdauer der Pflanze wie des Menschen, und die verschiedenen Bestimmim. gen dieses ihres Lebens. Diese Gestalt, diese cigenthümliche Bewegung, dieses Denken, in Harmonie mit einander, — diese Fortdauer aller jener wesentlichen Eigenschaften unter mancherlei außerwesentli- chen Verwandlungen, kommen mir zu, in wiefern ich ein Wesen meiner Gattung bin. — Aber die Meuschenbildende Naturkraft hat sich schon dargcstellt, che ich entstand, unter mancherlei äußern Bedingungen und Umstanden. Diese äußern Umstände sind es, welche die besondere Weise ihrer gegenwärtigen Wirksamkeit bestimmen, in denen sonach der Grund liegt, daß gerade ein solches Individuum meiner Gattung wirklich wird. Dieselben Umstände können nie zurückkchrcn, weil dann das Natur-Ganze selbst zurückkchrcn, und zwei Naturen statt Einer entstehen würden: cs können daher diejenigen Individuen nie wieder wirklich werden, die cs schon einmal waren.— Ferner, die Meuschenbildende Naturkraft stellt sich sich dar in derselben Zeit, da auch ich bin, unter allen in dieser Zeit möglichen Umstanden. Keine Vereinigung solcher Umstande ist derjenigen vollkommen gleich, durch welche ich wirklich wurde, wenn nicht bas Ganze steh in zwei vollkommen gleiche, und unter einander nicht zusammenhängende Welten theilen soll. Es können zu derselben Zeit nicht zwei vollkommen gleiche Individuen wirklich scyn. Dadurch ist denn bestimmt, was ich, ich, diese bestimmte Person, seyn mußte; und das Gesetz, nach welchem ich der wurde, der ich bin, ist im Allgemeinen gefunden. Ich bin dasjenige, was die Menschenbildcnde Kraft, — nachdem sie gewesen ist, was sie war — nachdem sie noch außer mir ist, was sie ist, — nachdem sie in diesem bestimmten Verhältnisse zu andern ihr widerstreitenden Naturkräften sich befindet — werden konntcj und, weil in ihr selbst kein Grund liegen kann, sich zu beschränken, da sie es konnte, nothwendig werden mußte. Ich bin, der ich bin, weil in diesem Zusarm — 54 — menhange des Naturganzen nur rin solcher und schlechthin kein anderer möglich war; und ein Geist, der das Innere der Natur vollkommen übersähe, würde aus der Erkenntnis eines einzigen Menschen bestimmt angcben können, welche Menschen von jeher gewesen, und welche zu jeder Zeit scyn würden; in Einer Person würde er alle wirkliche Personen erkennen. Dieser mein Zusammenhang mit dem Natur- ganzen ist cs denn, der da bestimmt, alles was ich war, was ich bin, und was ich scyn werde: und derselbe Geist würde aus jedem möglichen Momente meines Daseyns unfehlbar folgern können, was ich vor demselben gewesen sey, und was ich nach demselben scyn werde. Alles was ich je bin und werde, bin ich und werde ich schlechthin nothwendig, und es ist unmöglich, daß ich etwas anders sey. Zwar bin ich meiner selbst, als eines selbständigen/ und in mehreren Begebenheiten niest neS Lebens, freien Wesens mir innigst bewußt; aber dieses Bewußtseyn laßt ans den ausgestellten Grundsätzen sich sehr wohl erklären, und mit den so eben gezogenen Folgerungen sich vollkommen vereinigen. Mein unmittelbares Bewußtst!)«, die eigentliche Wahrnehmung, geht nicht über mich selbst und meine Bestimmungen hinaus, ich weiß unmittelbar nur von mir selbst; was ich darüber hinaus zu wissen vermag, weiß ich nur durch Folgerung, — auf die Weise, wie ich so eben auf ursprüngliche Naturkräfte geschlossen habe, die doch keilt esweges in den Umkreis meiner Wahrnehmungen fallen. Ich aber, das was ich mein Ach, meine Person nenne, bin nicht die Men- schenbildendc Naturkraft selbst, sondern nur eine ihrer Acußerungen: und nur dieser Acuße- rung bin ich mir, als meines Selbst, bewußt, nicht jener Kraft, auf welche ich nur, durch dft Nochwendigkeit mich selbst zu erklären schließe. Diese Aeußcrmig aber ist, ihrem wirklichen Sey» nach, allerdings etwas aus einer ursprünglichen und selbstständigen Kraft hccvorgehendcs, und muß im Bewußtsein, als solches gefunden werden. Deswegen finde ich mich überhaupt als ein selbstständiges Wesen. — Aus eben diesem Grunde erscheine ich mir als frei in einzelnen Begebenheiten meines Lebens, wenn diese Begebenheiten Aeuße- rungen der selbstständigen Kraft sind, die mir für mein Individuum zu Thcil geworden; als zurückgehalten und eingeschränkt, wenn durch eine Verkettung äußerer Umstände, die in der Zeit entstehen, nicht aber in der ursprünglichen Beschränkung meines Individuum liegen, ich nicht einmal das kann, was ich Meiner individuellen Kraft nach wchl könnte; als gezwungen, wenn diese individuelle Kraft durch die Uebermacht anderer ihr entgegengesetzten, sogar ihrem eigenen Gesetze zuwider, sich zu äußern genöthigt wird. Gieb einem Baume Bewußtsein, und laß ihn ungehindert wachsen, seine Zweige verbreiten, die seiner Gattung cigenthümlichen Blät- ^ 5 / -- ter, Knospen, Dlüthcn, Früchte hervoröringen. Er wird sich wahrhaftig nicht dadurch beschränkt finden, daß er nun gerade ein Daum ist, und gerade von dieser Gattung, und gerade dieser Einzelne in dieser Gattung; er wird sich frei finden, weil er in allen jenen Acußerungcn nichts thut, als was seine Natur fodert; er wird nichts anderes thun wollen, weil er nur wollen kann, was diese fodert. Aber laß sein WachSthnm, durch ungünstige Witterung, durch Mangel an Nahrung, oder durch andere Ursachen zurückgehaltcn werden; er wird sich begrenzt und gehindert fühlen, weil ein Trieb, der wirklich in seiner Natur liegt, nicht befriedigt wird. Binde seine frei umhcrstrcbenden Acste an ein Geländer, nLthige ihm durch Einpfropfung fremde Zweige auf; er wird sich zu einem Handeln gezwungen fühlen: seine Aeste wachsen allerdings fort, aber nicht nach der Richtung, die die sich selbst überlassene Kraft genommen haben würde; er bringt allerdings Früchte, aber nicht die, die seine ursprüngliche Natur federte. — Zm unmittelbaren Selbstbewußtst!)» erscheine ich mir als frei; durch Nachdenken über die ganze Natur finde ich, daß Freiheit schlechterdings unmöglich ist-, das crsterc muß dem letztem untergeordnet werden, denn cü ist selbst durch das letztere sogar zu erklären. Welche hohe Befriedigung gewährt dieses Lehrgebäude meinem Verstände! Welche Ordnung, welcher feste Zusammenhang, welche leichte Ueberstcht kommt dadurch in das Ganze meiner Erkenntnisse! Das Bewußtst!)» ist hier nicht mehr jener Fremdling in der Natur, dessen Zusammenhang mit einem Scan so unbegreiflich ist; cs ist einheimisch in derselben, und selbst eine ihrer noch- wendigen Bestimmungen. Die Natur erhebt sich allmählich in der bestimmten Stufenfolge ihrer Erzeugungen. Zn der rohen Materie ist sic ein einfaches Scyn; in der organsi 1 — Z9 sirten geht sie in sich selbst zurück, um auf sich innerlich zu wirken, in der Pflanze, sich zu gestalten, im Thicrc, sich zu bewegen; im Menschen, als ihrem höchsten Meisterstücke, kehrt sie in sich zurück, um sich selbst anzuschauen, und zu betrachten: sie verdoppelt sich gleichsam in ihm und wird aus einem bloßen Seyn, Seyn und Bewußtsein in Vereinigung. Wie ich von meinem eignen Seyn, und den Bestimmungen desselben wissen müsse, ist in diesem Zusammenhänge leicht zu erklären, Mein Seyn, und mein Wissen hat denselben gemeinschaftlichen Grund; meine Natur überhaupt. Es ist kein Seyn in mir, das nicht eben darum, weil es mein Seyn ist, zugleich von sich wisse. — Eben so begreiflich wird das Bewußtseyn der kLrperlichcn G e- gcnst ände außer mir. Dis Kräfte, a«S deren Aeußerung meine Persönlichkeit besteht, die bildende, die sich selbst bewegende, die denkende Kraft in mir, sind nicht diese Kräfte in der Natur überhaupt, sondern nur ein bestimm- ter Theil derselben; und daß sie nur dieser Thcil sind, kommt daher, weil außer mir noch so und so viel anderes Seyn statt findet. Aus dem ersten laßt sich das letztere berechnen, aus der Beschränkung das Beschrankende. Weil ich dieses oder jenes, das doch in den Zusam- nienhang des gestimmten Seyns gehört, nicht bin, darum muß dasselbe außer mir seyn; so folgert und berechnet die denkende Natur in mir. Meiner Beschränkung bin ich mir um mittelbar bewußt, weil sic ja zu mir selbst gehört, und nur durch sic ich überhaupt da bin; das Bewußtseyn des Beschränkenden, dessen, was ich nicht selbst bin, ist durch das crstcre vermittelt, und fließt aus ihm. — Weg also mit jenen vorgegebnen Einflüssen, und Einwirkungen der äußern Dinge auf mich, durch die sie mir eine Erkenntlich von sich ein- strömen sollen, die in ihnen selbst nicht ist, und von ihnen nicht ansströmen kann. Der Grund, warum ich etwas außer mir annehme, liegt nicht außer mir, sondern in mir selbst, in der Beschränktheit meiner eignen Perlon; vermittelst dieser Deschrankck eit geht die denkende Natur in mir, — heraus aus sich jclbst, und erhält eine Uebersicht ihrer selbst im Ganzen; jedoch in jedem Individuum aus einem eignen Gesichtspunkte. — Auf dieselbe Weise entsteht mir der Begriff von denkenden Wesen meines gI ci- chen. Zeh, oder die denkende Natur in mir, denkt Gedanken, die aus ihr selbst, als individueller Naturbesiimmung, sich entwickelt haben sollen, andere, die sich nicht aus ihr selbst entwickelt haben sollen. Und so ist cö dann in der Tvat. Die erster» sind allerdings mein eigcnchümlicher, individueller Beitrag zu dem Umfange des allgemeinen Denkens in der Natur; die letztem sind aus den erster» nur gefolgert, als solche, welche in diesem Umfange allerdings auch statt finden müssen, aber da sie nur gefolgert sind, nicht in mir, sondern in andern denkenden Wesen; und von hieraus schließe ich erst auf denkende Wesen außer wir. — Kurz: dir Natur wird in mir ihrer selbst nn Ganzen sich bewußt; aber nur so, daß sie von dein individuellen Bewußtsein meiner anhebe, und von ihm aus fcrtgchc zum Bewußtsein des allgemeinen Scyns, durch Erklärung nach dein Satze des Grundes: das heißt, daß sic die Bedingungen denke, unter denen allein eine solche Gestalt, solche Bewegung, ein solches Denken, aus welchen meine Person besteht, möglich wurde. Der Satz des Grunde» ist der Punkt hes 'lebergauges von dem Besonder!,, das sie selbst ist, zu dem Allgemeinen, das außer ihr ist; das unterscheidende Kennzeichen beider Arten der Erkenntlich ist dies, daß die erste — unmittelbare Anschauung, die letzte — Folgerung ist. Zn jedem Individuum erblickt die Natur sich selbst aus einen: besonder,, Gesichtspunkte. Ich nenne mich ich, und dich du: du nennest dich ich, und mich du: ich liege für dich außer dir, wie Lu für mich außer mir liegst. Ich begreife außer mir zuerst, was mich zu- nächst begränzt; du was dich zunächst begränzt: von diesem Punkte aus gehen ww durch seine nächsten Glieder hindurch weiter, — aber wir beschreiben sehr verschiedene Reihen, die sich wohl hier und da durchschneidcn/ aber nirgends nach derselben Richtung neben einander sortlaufcn —. Es werden alle mögliche Individuen, sonach auch alle mögliche!, Gesichts- punkte des Bcwußtscyns wirklich. Dieses De- wußtscyn aller Individuen zusammcngcnommcn macht das vollendete Bewußtsein des l-lnivcr- snm von sich selbst aus; und es giebt kein anderes, denn nur im Individuum ist vollendete Bestimmtheit und Wirklichkeit. Die Aussage des Dcwußtseyns eines jeden Individuum ist untrüglich, wenn cs nur wirklich das bis jetzt beschriebene Bewußtscyn ist; denn dieses Bewußtscyn entwickelt sich aus dem ganzen gesetzmäßigen Laufe der Natur; aber die Natur kann nicht sich selbst widersprechen. Ist irgendwo irgend eine Vorstellung, so muß es wohl auch ein derselben entsprechendes Seyn geben, denn die Vorstellungen werden nur mit der Erzeugung des ihnen entsprechenden Scyns zugleich erzeugt. — Jedem Individuum ist sein besonderes Bcwußtscyn durchaus bestimmt, denn dasselbe geht aus seiner Natur hervor: keiner kann andere Erkenntnisse, und einen andern Grad ihrer Lebhaftigkeit haben, als er wirklich hat. Der Inhalt seiner Erkenntnisse wird bestimmt durch den Standpunkt, welchen er im Universum einnimmt. Die Deutlichkeit und Lebhaftigkeit derselben durch die höhere oder geringere Wirksamkeit, welche die Kraft der Menschheit in seiner Person zu äußern vermag. Gieb der Natur eine einzige Bestimmung einer Person, scheine sic so gcring- fügig als sie wolle, sey cs der Lauf eines einzigen Muskels, die Biegung eines Haares, und sic sagt dir, wenn sie ein allgemeines Bewußtsein hätte, und dir antworten könnte, alle Gedanken, welche diese Person, die ganze Zeit ihres Bewußtseins hindurch denken wird. Eben so begreiflich wird in diesem Lehrge- bäudc die bekannte Erscheinung in nnserm Bc- wußtseyn, die wir Willen nennen. Ein Wol, len ist das unmittelbare Bewußtscyn der Wirksamkeit einer unserer inncrn Naturkräfte: Das unmittelbare Bewußtscyn eines Strebens dieser Kräfte, das noch nicht Wirksamkeit ist, weil es durch gegenstrcbende Kräfte gehemmt wird, ist im Bewußtsey» Neigung, oder Begierde; der Kampf der streitenden Kräfte, Unentschlossenheit; der Sieg der einen, Willens- Entschluß. Ist die strebende Kraft bloß diese, nigc, die uns mit der Pflanze, oder dem Thicre gemein ist; so ist in unscrm inncrn Wesen schon eine Trennung und Herabsetzung erfolgt, das Begehren ist nnserm Range in der Reihe der Dinge nicht gemäß, sondern unter demselben, und kann nach einem gewissen Sprachgebrauchs sehr wohl ein niederes genannt werden. Zst jenes Strebende die ganze ungctheilte Kraft der Menschheit; so ist das Begehren unsrer Natur gemäß, und kann ein höheres genannt werden. Das Streben der letztem überhaupt gedacht, läßt sich füglich ein sittliches ^Gesetz nennen^ Eine Wirksamkeit der letzter:! ist ein tugendhafter Wille, und die daraus erfolgende Handlung Tugend. Ein Sieg der crstcrn ohne Harmonie mit der letzter,! ist Untugend; ein Sieg derselben über die letztere und gegen ihren Widerstreit ist Laster. Die Kraft, welche jedesmal siegt, siegt nothwendig; ihr Uebergewieht ist durch den Zusammenhang des Universum bestimmt: sonach ist durch denselben Zusammenhang auch die Tugend, die Untugend nud das Laster jedes Individuum unwiderruflich,chcstimmt. Gieb der Natur nochmals den Lauf eines Muskels, die Biegung eines Haares an einem bestimmten Individuum, und sie wird dir, wenn sie im E-anzcn denken, und dir antworten könnte, daraus alle guten Thatcn, und alle Unthaten seines Lebens von Anbcgin bis an sein Ende angcbcn. Aber darum hört die Tugend nicht auf Tugend, und das Laster Laster zu scyn. Der Tugendhafte ist eine edle, der Lasterhafte eine unedle und verwerfliche, jedoch aus dem Zusammenhänge des Universum nochn endig erfolgende Natur. Es giebt Neue, und ste ist das Bewußt- fern des fortdauernden Screbens der Menjch- heit in wir, auch nachdem dasselbe besiege worden, verbunden mit dem unangenehmen Gefühl, daß es besiegt worden; ein beunruhige!» des aber doch köstliches Unterpfand unsrer edle-, ren Natur. Aus diesem Bewußtscyn unfcrü Erundtricbcs entsteht auch das Gewissen, und die größere oder geringere Schärfe und Reizbarkeit bis zu dem absoluten Mangel desselben bei verschiedenen Individuen. Der Unedlere ist der Reue nicht fähig, weil die Menschheit in ihm auch nicht einmal so viel Kraft hat, um niedere Triebe zu bestreiten. Belohnung und Strafe sind die natürlichen Folgen der Tugend und des Lasters zur Hervorbriu- guiig neuer Tugend und neuen Lasters. Durch häufige bedeutende Siege nemlich wird unsre eigenthümliche Kraft ausgcbrcitet, und verstärkt; durch Mangel an aller Wirksamkeit, oder häufigen Niederlagen, wird sic immer schwacher. — Nur die Begriffe, Verschuldung uud Zurechnung haben keinen Sinn, außer den für das äußere Recht. Verschuldet hat sich derjenige, und ihm wird sein Vergehen zugerechner, der die Gesellschaft uöthigt, künstliche äußere Kräfte anzuwendcn, um die Wirksamkeit seiner der allgemeinen Sicherheit nachthciligen Triebe zu verhindern. Meine Untersuchung ist geschlossen, und meine Wißbegier befriedigt. Ich weiß, was ich überhaupt bin, und worin das Wesen meiner Gattung besteht. Ich bin eine durch das Universum bestimmte Acußerung einer durch sich selbst bestimmten Naturkrast. Meine bcsondcrn persönlichen Bestimmungen vermittelst ihrer Gründe einzuschcn, ist unmöglich, denn ich kann: in das Znncrc der Natur nicht ein- dringen. Aber ich werde mir derselben um m i t- — 49 ' — ui ittel bar bewußt. Ich weiß ja wohl, was ich in dem gegenwärtigen Momente bin, ich kann mich größtentheils erinnern, was ich ch- mals wae, und ich iverdc ja erfahren, was ich seyn werde, dann, wenn ich es seyn werde. Von dieser Entdeckung Gebrauch für mein Handeln zu machen, kann mir nicht cinsallcn, denn ich handle ja überhaupt nicht, sondern in mir handelt die Natur; mich zu etwas anderem zu machen, als wozu ich durch die Natur bestimmt bin, dies kann ich mir nicht vornehmen wollen, denn ich mache mich gar nicht, sonder» die Natur macht mich selbst und alles was ich werde. Ich kann bereuen, und mich freuen, und gute Vorsähe fassen; — ohnerach- tet ich der Strenge nach auch dies nicht einmal kann, jondern alles mir von selbst kommt, wenn cs mir zu kommen bestimmt ist; — aber ich kann ganz sicher durch alle Neue, und durch alle Vorjätze nicht das geringste au dem ändern, was ich nun einmal werden muß. Ich stehe unter der unerbittlichen Gewalt der L 4 H strengen Nothwendigkcit; bestin.nit sie mich zu einem Thoren und Lasterhaften, so werde ich ohne Zweifel ein Thor und ein Lasterhafter werden; bestimmt sie mich zu einem Weisen und Guten, so werde ich ohne Zweifel ein Weiser und Guter werden. Es ist nicht ihre Schuld noch Verdienst, noch das mcinige. Sie sicht unter ihren eigenen Gesetzen, ich unter den ihrigen: Es wird, nachdem ich dies mische, das Beruhigendste scyn, auch meineWüii- siche ihr zu unterwerfen, da ja mein Seyn ihr völlig unterworfen ist. O, diese widerstrebenden Wünsche! Denn warum sollte ich mir länger dicWehmuth, den Abscheu, das Entsetzen verhehlen, welche, so wie ich cinsah, wie die Untersuchung, endigen werde, mein Inneres ergriffen? Ich hatte cs mir heilig versprochen, daß die Neigung keinen Einfluß auf die Richtung meines Nachdenkens haben sollte; und ich habe ihr in der That mik Bcwußtscyn keinen verstattet: Aber darf ich es mir darum am Ende nicht gestehe!?, daß dieser Ausgang meinen tiefsten innersten Ahndungen, Wünschen, Foderungen widerspreche? Und wie kann ich, troh der Richtigkeit, und der schneidenden Schärfe der Beweise, die mir in dieser Uebcrlegnng zu scyn scheint, an eine Erklärung meines Daseyns glauben, die der innigsten Wurzel meines Daseyns, die dem Zwecke, um dessen willen ich allein scyn mag, und ohne welchen ich mein Daseyn verwün- schc, so entscheidend widerstreitet? Warum muß mein Herz trauern und zerrissen werden, von dem, was meinen Verstand so vollkommen beruhigt? Da nichts in der Natur sich widerspricht, ist nur der Mensch ein widersprechendes Wesen? — Oder, vielleicht nicht der Mensch, sondern nur ich und diejenigen, welche mir gleichen? Hätte ich vielleicht hingehen sollen in dem freundlichen Wahne, der mich umgab, mich in dem Umfange des unmittelbaren Bcwußtseyns meines Scyns halten, und die Frage nach den Gründen desselben, deren Beantwortung mich jetzt elend macht, nie erheben sollen? Aber wenn diese Beantwortung recht hat, so mußte ich jene Frage erheben; ich erhob sie nicht, sondern die denkende Natur in mir erhob sie. — Zeh war zum Elende bestimmt, und ich beweine vergebens die vcrlohrne Unschuld meines Geistes, welche nie zurückkehrcn kann. Aber Muth gefaßt! Verlasse mich alles andere, wenn nur dieser mich nicht verlaßt. — Um der bloßen Neigung willen, und liege sie noch so tief in meinem Innern, und erscheine sie noch so heilig, kann ich freilich nicht aufgcbcn, was aus umvidersprcehlichen Gründen folgt; aber vielleicht habe ich in der Untersuchung geirrt, vielleicht habe ich die Quellen, aus denen sie geführt werden mußte, ,mr halb aufgcfaßt, und einseitig angesehen. Ich sollte die Untersuchung von dem cntgec gengeschtcn Ende ans wiederholen; damit ich mir einen Anfangspunkt für sie habe: — Was ist es denn doch, bas in jener Entscheidung mich so gewaltig zurückstößt, und beleidigt? Was ist cs, das ich statt derselben gefunden zu haben wünschte? Mache ich mir nur vor allen Dingen jene Neigung recht klar, aus weiche ich mich berufe! Daß ich bestimmt seyn sollte, ein Weijer und Guter, oder ein Thor und Lasterhafter, ;u seyn, daß ich an dieser Bestimmung nichts andern, von dem erstercu kein Verdienst, und an dem letzteren keine Schuld haben sollte, — dies war es, was mich mit Abscheu und Entsetzen erfüllte. Zcner Grund meines Seyns, und der Bestimmungen meines Seyns außer mir selbst, dessen Acußerung wiederum durch andere Gründe außer ihm bestimmt wurde, — er war es, der mich so heftig zurücksticß. Zcnc Freiheit, die gar nicht meine eigne, sondern die einer fremden Kraft außer mir, und selbst an dieser nur eine bedingte. nur eine halbe Freiheit war, — sie war es, die mir nicht genügte. Ich selbst, dasjenige, dessen ich mir als meiner selbst, als meiner Person bewußt bin, und welches in jenem Lehrgebäude als bloße Acußerung eines hoher» erscheint, — ich selbst will selbstständig, — nicht au einem andern, und durch ein anderes, sondern für mich selbst Etwas scuu; und will, als solches, selbst der letzte Grund meiner Be, stimmungen seyn. Den Rang, welchen in jenem Lehrgebäude jede ursprüngliche Naturkraft einnimmt, will ich selbst cinnchmcn; nur mit dem Unterschiede, daß die Weise meiner Äußerungen nicht durch fremde Kräfte bestimmt scy. Zch will eine innere cigcnthümlichc Kraft haben, mich aus unendlich mannigfaltige Weise zu äußern, eben so wie jene Naturkräftc: und die sich nun gerade so äußere, wie sie sich äußert, schlechthin aus keinem andern Grunde, als weil sic sich so äußert; nicht aber, wie jene Naturkräftc, weil cs gerade unter diesen äußern Bedingungen gejchiehr. Welches soll mm diesen, meinem Wunsche zufolge der eigentliche Sitz und Mittelpunkt jener cigcnthüuilichcn Kruft des Zch scyn? Offenbar nicht mein Körper: den ich, wenigstens seinem Scyn nach, wenn auch nicht nach seinen weitern Bestimmungen, für eine Acuße- rung der Naturkräfte gern gelten lasse; auch nicht meine sinnlichen Neigungen,,die ich für eine Beziehung dieser Kräfte auf mein Be- wußtseyn halte: — Sonach mein Denken und Wollen. Zch will nach einem frei entworfenen Zweckbcgrissc mit Freiheit wollen, und dieser Wille, als schlechthin letzter, durch keinen möglichen höheren bestimmter, Grund soll zunächst meinen Körper, und vermittelst desselben, die mich umgebende Welt bewegen und bilden. Meine thätige Naturkraft soll nur unter der Botmäßigkeit des Willens stehen, und schlechthin durch nichts anders in Bewegung zu setzen seyn, außer durch ihn. — So soll cs sich verhalten : — cs soll ein Bestes geben nach geistigen Gesetzen; dieses mitFrciheit zu suchen, bis ich cs finde, es dafür zu erkennen, wcnn ich cs gefunden habe, soll ich das Vermögen haben, und es soll meine Schuld cyn, wenn ich es nicht gefunden. Dieses Beste soll ich wollen können, schlechthin weil ich cs will; und wcnn ich statt desselben etwas anderes will, soll ich die Schuld haben. Aus diesem Willen soll meine Handlung erfolgen, und ohne ihn soll überhaupt durch mich keine Handlung erfolgen, indem cö gar keine mögliche andere Kraft meiner Handlungen geben soll, als meinen Willen. Erst jetzt soll meine durch den Willen bestimmte, und in seiner Botmäßigkeit stehende Kraft in die Natur cingrcifen. Zch will der Herr der Natur scyn, und sie soll mein Diener seyn; ich will einen meiner Kraft gemäßen Einfluß auf sie haben, sic aber soll keinen haben auf mich. Dies ist der Inhalt meiner Wünsche und Fodcrungcn. Völlig gegen diese hat eine lln- — 57 — tcrsuchung gesprochen, die meinen Verstand befriedigt. Wenn ich der ersten zufolge unabhängig scyn soll von der Nätnr, und überhaupt von irgend einem Gesetze, das ich mir nicht selbst gebe, so bin ich nach der zweiten ein durchaus bestimmtes Glied in der Kette der Natur. Ob nun eine solche Freiheit, wie ich sic wünsche, auch nur denkbar ist, und wenn sie cs scyn sollte, ob nicht in einem durchgeführten und vollständigen Nachdenken selbst Gründe liegen, die mich nöthigcn, dieselbe als wirkli ch anzunehmcn, und mir sie zuzuschrei- bcn, — wodurch sonach der Ausgang der vorigen Untersuchung widerlegt würde, davon ist die Frage. Zch will frei scyn, auf die angegebene Weise, heißt: ich selbst will mich machen, zu dem, was ich scyn werde. Ich müßte sonach, — dies ist das höchstbefremdcnde, und dem ersten Anscheine nach völlig widersinnige, was in diesem Begriffe liegt, — ich mußte, was ich werden soll, in gewisser Rücksicht schon seyn, che sch es bin, um mich dazu auch nur machen zu können; ich Müßte eine doppelteArt des Scyns haben, von denen das erste den Grund einer Bestimmung des zweiten enthielte. Beobachte ich nun hierüber mein unmittelbares Selbst- bewußtscyn im Wollen, so finde ich folgendes. Ich habe die Kcnntniß mannigfaltiger Han- delsmLglichkcitcn, unter denen allen, wie cs mir scheint, ich auswählcn kann, welche ich will. Ich durchlaufe den Umkreis derselben, erweitere ihn, klare mir das einzelne auf, vergleiche es gegen einander, und wage ab. Ich wähle endlich eins unter allen, bestimme darnach meinen Willen, und cs erfolgt aus dem Willenscntschlussc eine demselben gemäße Handlung. Hier bin ich nun allerdings im bloßen Denken meines Zwecks vorher, was geh hernach, und zufolge dieses Denkens, durch Wollen und Handeln wirklich bin; ich bin vorher als Denkendes, was ich kraft des Denkens späterhin als Handelndes bin. Ich mache mich selbst: Mein Scyn durch mein Denken; mein — 59 Denken schlechthin durch das Denken.— Man kann auch dem beschämten Zustande einer Acußerung der bloßen Naturkraft, als etwa einer Pflanze, einen Zustand der Unbestimmtheit vorausdcnkcu, in welchem ein reichhaltiges Mannigfaltiges von Bestimmungen gegeben ist, die sie, sich selbst überlassen, annchmcn könnte. Dieses mannigfaltige Mögliche ist mm allerdings in ihr, in ihrer cigcuthümlichen Kraft gegründet; aber es ist nicht für sie, weil sie der Begriffe nicht fähig ist, sic kann nicht wählen, sie kann nicht durch sich selbst der Unbestimmtheit ein Ende machen; äußere Bestimmungs-Gründe müssen cs seyn, welche sie auf das Eine von allen möglichen einschranken, worauf sie selbst sich nicht, einschranken kann. Zn ihr kann ihre Bestimmung nicht vor ihrer Bestimmung vorher stattfiuden, denn sic hat nur Eine Weise bestimmt zu seyn, — die ih, rem wirklichen Seyn nach. Daher kam cs auch wohl, daß ich mich oben gcnöthigt fand, zu behaupten, daß die Aeußerung jeder Kraft 6« ihre vollendete Bestimmung von außen erhall tcn müsse. Zeh dachte ohne Zweifel nur an solche Kräfte, die sich lediglich durch ein Senn äußern, aber des Bewußtseyns unfähig sind. Von ihnen gilt denn auch die obige Behauptung ohne die mindeste Einschränkung; bei Intelligenzen findet der Grund dieser Behauptung nicht stark, und es scheint sonach übereilt, auch über diese sie nuszudehnen. Freiheit, wie sie oben gefodcrk wurde, ist nur in Intelligenzen denkbar, in ihnen aber ist sie cs ohne Zweifel. Auch unter dieser Voraussetzung, ist der Mensch sowohl, als die Natur vollkommen begreiflich. Mein Leib, und mein Vermögen in der Sinnen-Welt zu wirken, ist eben so, wie in dem obigen Systeme, Acußcrung beschränkter Naturkräfte; und meine natürlichen Neigungen sind die Beziehungen dieser Aeußerung auf mein Bewußtst»», Die bloße Erkenntniß dessen, was ohne mein Zuthun da ist, emsteht unter dieser Voraussetzung einer Freiheit gerade so, wie in jenem Syste- me; und bis auf diesen Punkt kommen beide überein. Nach jenem aber, — und hier hebt der Widerstreit beider Lehrgebäude an — nach jenem bleibt das Vermögen meiner sinnlichen Wirksamkeit unter der Botmäßigkeit der Natur, wird fortdauernd durch dieselbe Kraft in Bewegung gesetzt, die cs auch hcrvorbrachte, und der Gedanke hat dabei überall nur das Zusehen; nach dem gegenwärtigen fällt dieses Vermögen, nachdem es nur einmal vorhanden ist, unter die Botmäßigkeit einer über alle Natur erhabenen, und von den Gesehen derselben gänzlich befreiten Kraft, der Kraft der Zweckbegriffe, und des Willens. Der Gedanke hat nicht mehr blos das Zusehen, sondern von ihm geht die Wirkung selbst aus. Dort sind cs äußere, mir unsichtbare Kräfte, die meiner Unentschlossenheit ein Ende machen, und meine Wirksamkeit, jo wie das unmittelbare Bewußtsein! derselben, meinen Willen, auf Einen Punkt beschränken; eben so wie die durch sich selbst unbestimmte Wirksamkeit der Pflanze beschränkt wird: hier bin Ich cs selbst, unabhängig und frei vom Einflüsse aller äußern Kräfte, der seiner Unentschlossenheit ein Ende macht, und durch die frei in sich hervorgebrachtc Erkenntlich des Besten sich bestimmt. Welche von beiden Meinungen soll ich ergreifen? Bin ich frei und selbstständig, oder bin ich nichts an mir selbst, und lediglich Erscheinung einer fremden Kraft? Es ist mir so eben klar geworden, daß keine von beiden Behauptungen hinlänglich begründet ist. Für die erste spricht nichts als ihre bloße Lenkbarkeit; für die letzte dehne ich einen an sich und in seinem Gebiete ganz wahren Satz weiter aus, als sein eigentlicher Grund reicht. Ist die Intelligenz bloße Natur-Aeußerung, so thue ich ganz Recht daran, jenen Satz auch über sie auszudchncn: aber, ob sie es sey, davon ist eben die Frage; und diese soll durch Folgerung snS andern Sätzen beantwortet, nicht abek eine einseitige Antwort jchon beim Anfänge dev Untersuchung vorausgesetzt, und aus dieser wie, der abgeleitet werden, was ich selbst erst in sto hineinlcgte. Kurz, aus Gründen zu erweisen, ist keine von den beiden Meinungen. Eben so wenig entscheidet in dieser Sache das unmittelbare Dewußtseyn. Weder dev äußern Kräfte, die in dem Systeme der allgemeinen Nothwcndigkeit mich bestimmen, noch meiner eignen Kraft, durch welche in dem der Freiheit ich mich selbst bestimme, kann ich mir je bewußt werden. Welche von beiden Meinungen ich sonach ergreifen möge, ergreife ich fic immer schlechthin darum, weil ich sie nun einmal ergreife. Das System der Freiheit befriedigt, das entgegengesetzte tödtet und vernichtet mein Herz. Kalt und todt dastehen, und dem Wechsel der Begebenheiten nur zusehen, ein träger Spiegel der vorüber fliehenden Gestalten — dieses Da- - 6 -, - fcyn ist mir unerträglich, ich verschmähe und verwünsche es. Ich will lieben, ich will mich in Theilncchme verlieren, mich freuen und mich betrüben. Der höchste Gegenstand dieser Thcil- nähme für mich bin ich fclbst; und das einzige an mir, womit ich dieselbe fortdauernd ausfnl- len kann, ist mein Handeln. Ich will alles aufs beste machen; will mich meiner frenen, wenn ich recht gcthan habe; will mich über mjch betrüben, wenn ich unrecht that; und sogar diese Betrüblich soll mir süß seyn; denn es ist Theilnahme an mir selbst, und Unterpfand der künftigen Besserung. — Zn der Liebe nur ist das Leben, ohne sie ist Tod und Vernichtung'. Aber kalt und frech tritt das entgegengesetzte System hin, und spöttelt dieser Liebe. Ich bin nicht, und ich handle nicht, wenn ich dasselbe höre. Der Gegenstand meiner innigsten Zuneigung ist ein Hirngespinst, eine greif- lich nachzuweisende grobe Täuschung. Statt meiner meiner ist und handelt eine fremde mir ganz unbekannte Kraft; und es wird mir völlig gleichgültig, wie diese sich entwickle. Beschämt stehe ich da mit meiner herzlichen Neigung, und mit meinem guten Willen; und crröthe vor dem, was ich für das Beste an mir erkenne, und um wessen willen ich allein seyn mag, als vor einer lächerlichen Thorheit. Mein Heiligstes ist dem Spotte preiögegcöen. Ohne Zweifel war cs die Liebe dieser Liebe, das Interesse für dieses Interesse, welches mich ohne mein Bewnßtseyn trieb, ehmals, ehe ich die Untersuchung erhob, die mich jetzt verwirrt und zur Verzweiflung führt, ohne weiteres mich für frei und für selbstständig zu halten: ohne Zweifel war es dieses Interesse, wodurch ich eine Meinung, die nichts für sich hat, als ihre eigne Denkbarkcit. und die Unerweislichkeit ihres Gegentheils, bis zur Uebcr, zeugung ergänzte; war cs dieses Interesse, wodurch ich bis jetzt vor dem Unternehmen be- wahrt wurde, mich selbst und mein Vermögen weiter erklären zu wollen. Das entgegengesetzte System, trocken und herzlos, aber unerschöpflich im Erklären, erklärt selbst dieses mein Interesse für Freiheit, diesen meinen Abscheu gegen die widerstreitende Men imng. Es erklärt alles, was ich aus meinem Bewußtseyn gegen dasselbe anführc, und so oft ich sage, daß es so und so sich verhalte, antwortet es mir immer gleich trocken und unbefangen ; dasselbe sage ich auch, und ich sage dir noch überdies die Gründe, wodurch es noch- wendig so wird. Du siehst, wird es mir auf alle meine Klagen antworten, indem du von deinem Herzen, deiner Liebe, deinem Interesse sprichst, im Standpunkte des unmittelbaren Bewußtseynö deines Selbst; und du gestehst dies, indem du sagst, daß du selbst der höchste Gegenstand deines Interesse seyest. Und hierüber ist denn bekannt, und schon oben aus einander gesetzt, daß dieses Du, wofür du dich so lebhaft lntcressirst, imvicftrn es nicht Wirksamkeit, beim doch wenigstens Trieb den ncr eigcnthümlichcn innern Natur ist; eö ist bekannt, daß jeder Trieb, so gewiß er dies ist, in sich selbst zurückkchrt, und sich zur Wirksam, keil antrcibt; und cs ist sonach begreiflich, wie dieser Trieb sich im Dcwußtseyn als Liebe, und Interesse für ein freies, und eigenthüm, liches Wirken nothwcndig äußern müsse. Ver, sehest du dich aus diesem engen Gesichtspunkte des Sclbstbcwußtseyns, in den höher» Stand, punkt der Uebcrsicht des Universum, den du cinzunchmcn dir ja versprochen hast, so wird dir klar, daß, was du deine Liebe nanntest, nicht deine Liebe ist, sondern eine fremde Liebe: — das Interesse der ursprünglichen Na, turkraft in dir, sich selbst als eine solche zu erhalten. — Und so berufe dich denn nicht weiter auf deine Liebe; denn wenn dieselbe auch außerdem etwas beweisen könnte, so ist hier jogar die Voraussetzung derselben un- richtig. Du liebst dich nicht, denn du bist überhaupt nicht; es ist die Natur in dir, die für ihre eigne Erhaltung sich intcrcssirt. Daß, ohnerachtet in der Pflanze ein eigen« thümlichcr Trieb ist, zu wachst», und sich zu bilden, die bestimmte Wirksamkeit dieses Triebes dennoch von außer ihr liegenden Kräften abhänge, giebst du ohne Widerstreit zu. Leihe dieser Pflanze auf einen Augenblick Bcwußt- seyn, so wird sie ihren Trieb zu wachsen mit Interesse und Liebe in sich fühlen. Ucbcrzeuge sie durch Verminstgründe, daß dieser Trieb für sich nicht das geringste auezurichtm vermag, sondern daß ihm das Maas seiner Acußcrung immer durch etwas außer ihm bestimmt wird; sie wird vielleicht gerade so reden, als du eben geredet hast; sie wird sich gebehrden, wie es einer Pflanze zu verzeihen ist, dir aber, als einem höhern, das Ganze der Natur denkenden Naturprodukte, keiueswcgcö anstcht. Was kann ich gegen diese Vorstellung ein- — 6y — wenden? Begebe ich mich auf ihren Grund und Boden, auf den so gerühmten Standpunkt einer Uebcrsicht des Universum, so muß ich ohne Zweifel mit Erröthcn verstummen. Es ist also die Frage, ob ich überhaupt auf diesen Standpunkt mich stellen, oder in dem Umfange des unmittelbaren Selbst-Bcwußt- seyns mich halten; ob der Erkennmiß die Liebe, oder der Liebe die Erkcnntniß untergeordnet werden solle. Das letztere sicht in üblem Rufe bei verständigen Leuten, das crstere macht mich unbeschreiblich elend, indem es mich selbst aus mir selbst vertilgt. Ich kann das letztere nicht thun, ohne mir selbst als unüberlegt und thörigt zu erscheinen; ich kann das crstere nicht, ohne mich selbst zu vernichten. Unentschieden kann ich nicht bleiben: an der Beantwortung dieser Frage hängt meine ganze Ruhe, und meine ganze Würde. Eben so unmöglich ist cs mir, mich zu entscheiden: ich habe schlechthin keinen Entschcidungö-Grund weder für das Eine noch für das Andere. Unerträgliche,' Zustand der Ungewißheit, und der Unentschlossenheit! Durch den besten, und den muthigstcn Entschluß meines Lebens mußte ich in dich gerathen! Welche Macht kann mich von dir, welche Macht kann mich von mir selbst retten? Zweite« Blich. Wisse ri Illiiilttch und Angst nagte an meinem Innern. Ich verwünschte die Erscheinung des Tages, der mich zu einem Leben rief, dessen Wahrheit und Bedeutung mir zweifelhaft worden war. Ich erwachte die Nachte aus beunruhigenden Träumen. Ich suchte ängstlich nach einem Lichtschimmer, um aus diesen Irrgän- gcn des Zweifels zu entkommen. Ich suchte, rmd fiel stets tiefer in das Labyrinth. Einst um die Stunde der Mitternacht schien eine wunderbare Gestalt vor mir vorüber zu gehen, und mich anzurcdcn: Armer Sterblicher, hörte ich sagen; du häufest Fehlschlüsse auf Fehlschlüsse, und dünkcst dich weise. Du erbebst vor Schrcckbildern, die du dir selbst erst mit Mühe geschaffen hast. Erkühne dich wahrhaft weise zu werden. — Ich bringe dir kein- neuen Offenbarungen. Was ich dir iehrcn kann, das weißt du längst, und du sollst dich jetzt desselben nur erinnern. Zch kann dich nicht tauschen; denn du selbst wirst wir in allem Recht geben, und würdest du doch getauscht, so würdest du c§ durch dich. Ermanne dich; höre mich, beantworte meine Fragen. >— . Zch faßte Much — Er beruft sich auf meinen eignen Verstand. Zch will cs darauf wagen. Er kann nichts in mich hinein Lemke»; was ich denken soll, das muß ich selbst denken, eine Ucberzeugung, die ich fassen soff, muß ich selbst in mir erzeuge». — Rede, rief ich, was du auch seyst, wunderbarer Geist, ich will hören; frage, ich will antworten. Der Geist. Du nimmst doch an, daß diese Gegenstände da, und jene dort, wirklich außer dir vorhanden sind? Ich. Allerdings nehme ich das an. D.G. Und woher weißt du, daß sie vor- I- Ich sehe sie, ich werde sie fühlen, wenn ich sie betaste, ich kann ihren Ton hören; sie offenbaren sich mir durch alle meine Sinne. D. G. So! — Du wirst vielleicht weiterhin die Behauptung, daß du die Gegenstände sehest und fühlest, und hörest, zurück- nehmcn. Zcht will ich reden, so wie du redest, als ob du wirklich vermittelst deines Sehens, Fühlcnö u. s. w. Gegenstände wahrnch- mest — Aber auch nur vermittelst deines Sehens, Fühlens, und deiner übrigen äußern Sinne. Oder ist cs nicht so: Nimmst du anders wahr, außer durch die Sinne; und giebt cs für dich irgend einen Gegenstand außer dadurch, daß du ihn sichest, oder fühlest, n. s. w. I. Keinesweges. D. G. Also, cs sind wahrnehmbare Gegenstände für dich vorhanden, lediglich zufolgs einer Bestimmung deines äußern Sinnes: du weißt von ihnen lediglich vermittelst deines Wissens von dieser Bestimmung deines Se- hens, Fuhlens u. 5 f. Deine Aussage: es sind Gegenstände außer mir, stützt sich auf die, ich sehe, höre, fühle, u. s si I. Dies ist meine Meinung. D. G. Nun, und wie weißt du denn wieder, daß du siehst, hörst, fühlst? I- Zch verstehe dich nicht. — Deine Frage scheint mir sogar sonderbar. D. (3. Ich will das Verständlich derselben erleichtern. — Siehst du etwa wieder dein Sehen, und fühlst dein Fühlen; oder auch, hast du etwa noch einen besonderen höheren Sinn, durch den du deine äußern Sinne, und die Bestimmungen derselben wahrnimmst? I. KcincSweges. Daß ich sehe, und fühle, und was ich sehe und fühle, weiß ich unmittelbar, und schlechthin; ich weiß es, indem cs ist, und dadurch, daß cs ist, ohne Vermittelung und Durchgang durch einen andern Sinn. — Darum kam mir eben deine Frage sonderbar vor, weil sic diese Unmittelbarkeit des Bewußtscyns in Zweifel zu setzen schien. 77 D. G. Dies war nicht ihre Absicht; sie füllte dich nur veranlassen, dir selbst diese Un- inittelbarkcit recht klar zu machen. Also du hast ein unmittelbares Bcwußcscyn deines Se, hens und Fuhlens? I- La- D. <3- Deines Sehens und Fühlcnö, sagte ich. Du bist dir sonach das Sehende im Sehen, das Fühlende im Fühlen; und indem du des Sehens dir bewußt bist, bist du dir ebner Bestimmung, oder Modificarion deiner selbst bewußt? I. Ohne Zweifel. D. G. Du hast ein Dewußtscyn deines Sehens, FühlcnS, u. s.w. und dadurch nimmst du den Gegenstand wahr. Könntest du ihn nicht wahrnehmen auch ohne dieses Bcwußt- scyn? Könntest du nicht etwa einen Gegen, stand erkennen durch das Gesicht, oder durch das Gehör, ohne zu wissen, daß du sähest oder hörest? I. Keincsweges. — 73 — D. S. Sonach wäre das unmittelbare Bcwußtscyn deiner selbst und deiner Bestimmungen die ausschließcnde Bedingung alles andern Bcwußtscyns, und du weißt etwas, nur in wiefern du weißt — daß du dieses etwas weißt: — cs kann in dem letzter» nichts Vorkommen, was nicht in dem erster» liegt. I. So meine ich es. D. S. Also, daß Gegenstände sind, weißt du nur dadurch, daß du sie siehst, fühlst u. s. w. und daß du siehst oder fühlst, weißt du nur dadurch, daß du es eben weißt, daß du es unmittelbar weißt. Was du nicht unmittelbar wahrnimmst, das nimmst du überhaupt nicht wahr? I- Zch sehe das ein. D. G. Zu aller Wahrnehmung nimmst du zunächst nur dich selbst, und deinen eignen Zustand wahr; und was nicht in dieser Wahrnehmung liegt, wird überhaupt nicht wahrge- nommen? I. Du wiederholst, was ich dir schon zugegeben habe. D. G. Und ich würde nicht müde werden, öS in allen Wendungen zu wiederholen, wenn ich befürchten müßte, daß du es noch nicht begriffen, dir noch nicht uuvcrtilgbar cingeprägt härtest. — Kannst du sagen: ich bin mir äußerer Gegenstände bewußt? I. Keincswegcs, wenn ich cs genau nehme: denn das Scheu und Fühlen- u. s. iv. womit ich die Dinge umfasse, ist nicht das Dcwußtseyn selbst, sondern nur dasjenige, dessen ich mir am ersten und unmittelbarsten bewußt bin. Der Strenge nach könnte ich nur - sagen: ich bin mir meines Sehens oder Fühlcnö der Dinge bewußt. D. G. Nun, so vergiß denn nie wieder, was du jetzo klar Ungesehen hast. Zn aller Wahrnehmung nimmst du lediglich deinen eignen Zustand wahr. Aber ich will deine Sprache fortredcn, weil sie die gewöhnliche ist. Dn sichst, fühlst, hörst — Lo —- die Dinge, sagtest du. Wie, das heißt, mit weichen Eigenschaften siehst oder fühlst du dieselben ? I- Ich sehe jenen Gegenstand roth, diesen blau; ich werde, wenn ich sie betaste, diesen glatt, jenen rauh, diesen kalt, jenen warm fühlen. D. G. Du weißt sonach, was das ist: roth, blau, glatt, rauh, kalt, warm? I. Ohne Zweifel weiß ich es. D. G. Willst du mir cs nicht beschreiben? I. Das laßt sich nicht beschreiben. — Siehe, richte dein Auge nach diesem Gegenstände; was du durch das Gesicht empfinden wirst, indem du ihn stehst, dies nenne ich roth. Betaste die Fläche dieses andern Gegenstandes; was du dann fühlen wirst, dies nenne ich glatt. Auf dieselbe Weise bin ich zu dieser Kenntuiß gelangt, und es giebt keine andere, sie zu erwerben. D. S. Aber kann man denn nicht wenigstens — 8i -- srciis aus einigen schon durch die unmittelbare Empfindung bekannten Eigenschaften andere von ihnen verschiedene durch Schlüsse finden? Wenn z. B. jemand zwar die rothe, grüne, gelbe, aber nie die blaue Farbe gesehen, zwar das Saure, Süße, Salzige, aber nie das Bittere ge'chmeckt hätte, würde dieser nicht durch bloßes Nachdenken, und Vergleichung erkennen können, was blau oder bitter sey, ohne etwas der Art zu sehen oder zu schmecken? I. Kcinesweges. Was Sache der Empfindung ist, läßt sich nur empfinden, nicht denken; es ist kein abgeleitetes, sondern ein schlechthin unmittelbares. D. G. Sonderbar: Du rühmst dich einer Erkenntlich, von welcher du mir nicht angeben kannst, wie du zu ihr gelangt scyst. Denn siehe, du behauptest dieses am Gegenstände zu sehen, ein anderes zu fühlen, ein drittes zu hören; du mußt sonach das Sehen, vom Fühlen, und beides vom Hören zu unterscheide» vermögen? s 6 Z 82 I- Ohne Zweifel. D. G. Du behauptest ferner diesen Gegenstand roch, jenen blau zu sehen, diese» glatt, jenen rauh zu fühlen. Du mußt sonach roth von blau, glatt von rauh unterscheiden können? I. Ohne Zweifel. D. S. Nun hast du diesen Unterschied nicht durch Nachdenken und Vergleichung dieser Empfindungen in dir selbst gelernt, wie du so eben versichert. Aber vielleicht hast du in Vergleichung der Gegenstände außer dir durch ihre rothe oder blaue Farbe, durch ihre glatte oder rauhe Oberfläche, gelernt, was du in dir selbst als roth oder blau, als glatt oder rauh zu empfinden habest? I. Dies ist unmöglich; denn die Wahrnehmung der Gegenstände geht von der Wahrnehmung meines eignen Zustandes aus, und wird durch diese bedingt, nicht aber umgekehrt. Gegenstände unterscheide ich erst dadurch, daß ich meine eignen! Zustände unterscheide. Daß — 6Z — diese bestimmte Empfindung mit dem völlig willkührlichen Zeichen roth, und jene mit dem Zeichen blau, glatt, rauh, bezeichnet werde, kan» ich lernen; nicht aber, daß, und wie sie als Empfindungen unterschieden scyen. Daß sie verschieden sind, weiß ich schlechthin dadurch, daß ich von mir selbst weiß, daß ich mich fühle, und daß ich in beiden mich anders fühle. Wie sie verschieden sind, kann ich nicht beschreiben; aber ich weiß cs, sie sind so verschieden, wie mein Selbstgefühl in beiden verschieden ist; und diese Unterscheidung der Gefühle ist eine unmittelbare, kcincsweges eine erlernte und abgeleitete Unterscheidung. D. G. — Die du unabhängig von aller Erkenntnis der Dinge machen kannst? I. Die ich unabhängig von ihr machen muß, denn diese Erkennmiß ist selbst von jener Unterscheidung abhängig. D. G. .Die dir sonach unmittelbar durch das bloße Selbstgefühl gegeben ist? 84 I. Nicht anders. D. S. Aber dann solltest dn dich beginn gen, zu sagen: ich fühle mich afficirt auf diejenige Weise, die ich roth, blau, glatt, rauh, nenne; du solltest diese Empfindungen lediglich in dich selbst versetzen: nicht aber sie aus einen gänzlich außer dir liegenden Gegenstand übertragen, und für Eigenschaften dieses Gegcw staudes ausgeben, was doch nur Heine eigne Modifieation ist. Oder sage mir; nimmst du, wenn du den Gegenstand roth zu sehen, glatt zu fühlen glaubst, mehr, und etwas anderes wahr, als daß du auf eine gewisse Weise afficirt bist? I. Ich habe im Vorhergehenden klar ein- gesehcn, daß ich in der That nicht mehr wahr- nehme, als du sagst; und jene Ucbcrtraguug dessen, was nur in mir ist, auf etwas außer mir, deren ich mich doch nicht enthalten kann, scheint jetzt mir selbst höchst sonderbar. Ich empfinde in mir selbst, nicht im Ge, Zenstande, denn ich bin ich selbst, und nicht Ser Gegenstand; ich empfinde sonach nur mich selbst, und meinen Zustand, nicht aber den Zustand des Gegenstandes. Wenn es ein Be- wußtseyn des Gegenstandes gicbt, so ist dasselbe wenigstens nicht Empfindung, oder Wahrnehmung; so viel ist klar. D- G. Du folgerst rasch. Laß uns die Sache von allen Seiten überlegen, damit ich mich sicher setze, daß du nicht einst das jetzt freigebig zugestandcnc wieder zurücknchmest. Giebt es denn an dem Gegenstände, wie du dir ihn gewöhnlich denkst, noch etwas anderes, außer seiner rochen Farbe, seiner glatten Fläche und dergleichen, kurz, noch etwas, außer den Merkmalen, die du durch die unmittelbare Empfindung erhältst? I- Äch glaube ja: außer diesen Eigenschaften ist noch das Ding, welches dieselben an sich hat; der Träger der Eigenschaften. D. G. Diesen Träger der Eigenschaften, — g6 — durch welche» Sinn magst du ih» wohl wahr- »chnien? Sichst du ihn, oder fühlst du ihn, hörst ihn, u. f. w. oder gicbt es etwa für ihn noch einen besonder» Sinn? I. Nein—, ich denke ich sehe ihn und fühle ihn. D. G. Zn der Thar? Dies laß uns doch näher untersuchen! Bist, du jemals deines Sehens überhaupt dir bewußt, oder immer nur eines bestimmten Sehens? I- Ich habe allemal eine bestimmte Ge, sichtScmpfindung. D. G. Und welches war diese bestimmte Gesichtsempfindung in Hinsicht des Gegenstandes da? I. Die der rochen Farbe. D. S. Und dieses Noch ist etwas positives, eine einfache Empfindung, ein bestimmter Zustand deiner selbst? I. Dies habe ich begriffen. D. G. Du solltest sonach das Nothe schlechtweg als einfaches sehen, als mathcma- — 67 — tischen Punkt, und siehst es auch wohl nur als solchen. Zn dir wenigstens, als deine Assertion, ist es doch offenbar ein einfacher bestimmter Zustand, ohne alle Zusammensetzung, den man als mathematischen Punkt bilden müßte. Oder findest du e6 anders? I. Ich muß dir Recht geben. D. G. Nun aber verbreitest du dieses einfache Roth über eine breite Flache, die du ohne Zweifel nicht sichst, da du ja nur roth schlechtweg sichst. Wie magst du zu dieser Fläche kommen? I, Es ist allerdings sonderbar. — Doch, ich glaube die Erklärung gesunden zu haben. Ich sehe die Fläche freilich nicht, aber ich fühle sie, indem ich mit meiner Hand über sie hinweggleitc. Meine Empfindung durch das Gesicht bleibt während dieses Fühlens fortdauernd dieselbe; und darum dehne ich die rothe Farbe über die ganze Flache aus, welche ich fühle, indcß ich immer dasselbe Roth sehe. 66 D. G. So könnte es sich verhalten, wenn du nur die Fläckc fühltest. Aber laß uns sehen, ob dies möglich Ist. Du fühlst doch nie überhaupt, fühlst dein Fühlen, und bist min desselben dir bewußt? I. KeineswegeS. Jede Empfindung ist eine bestimmte. Es wird nie nur bloß gesehen, oder gefühlt, oder gehört, sondern immer etwas Bestimmtes, die rothe, .grüne, blaue Farbe, das Kalte, Warme, Glatte, Rauhe, der Schall der Violine, die Stimme des Menschen, und dergleichen, gesehen, gefühlt, gehört. — Laß das unter uns abgemacht scyn. D. G. Gern. — Du fühlst sonach, indem du die Fläche zu fühlen vorgicbst, unmittelbar doch nur — glatt, oder rauh oder des etwas? I. Allerdings. D. G. Dieses Glatte oder Rauhe ist nun doch wohl eben so, wie die rothe Farbe, ein Einfaches, ein Punkt in dir, dem Empfindenden? — Und ich frage mit demselben Rechte, warum du das Einfache eines Fühicns über eine Fläche verbreitest, mit welchem ich fragte, warum du mit einem Einfachen des Gesichts so verfuhrest? I. Aber diese glatte Fläche ist vielleicht nicht in allen Punkten gleich glatt, sondern in jedem in einem andern Grade glatt, nur daß es mir an Fertigkeit, diese Grade bestimmt von einander zu unterscheiden, und an Wortzeichen gebricht, sie zu behalten und anzuge- bcn. Doch unterscheide ich etwa, mir selbst unbewußt, setze dieses Unterschiedene neben einander, und so entsteht mir die Fläche. D. G. Kannst du in demselben ungcthcil- tcn Momente auf entgegengesetzte Art empfinden — auf eine sich gegenseitig aufhcbcnde Weise assieirt scyn? I. Kcincswegcs. D. G. Jene verschiedenen Grade der Glatte, die du annehmcn willst, um zu erklären, was du nicht erklären kannst, sind doch wohl, inwiefern sie verschieden sind, entgegengesetzte Empfindungen, die in dir aufeinander folgen? I- Zch kann dies nicht läugncn. D. G. Du solltest sie sonach, wie du sie wirklich empfindest, als nach einander folgende Veränderungen desselben mathematischen Punkts setzen, wie du auch bei andern Gelegenheiten wirklich verfährst; keines- Weges aber nebeneinander, als gleichzeitige Eigenschaften mehrerer Punkte in einer Flache. I. Zch sehe dies ein, und finde, daß durch meine Voraussetzung nichts erklärt ist.— Aber — meine Hand, mir der ich den Gegenstand berühre, und ihn bedecke, ist ja selbst eine Fläche, nnd dadurch nehme ich den Gegenstand als Fläche wahr; nnd als größere Fläche, denn meine Hand, indem ich diese mehrmals über ihn verbreiten kann. D- <8. Deine Hand ist eine Fläche? Wie weißt du denn das? Wie kommst du überhaupt zum Bcwußtseyn deiner Hand? Giebt es eine andere Weise als die, daß du entweder durch sic etwas anderes fühlest, daß sie Werkzeug ist, oder daß du sie selbst vermittelst eines ander» Thcils deines Leibes fühlest, daß sie Gegenstand ist? I. Nein, es gicbt keine andere. Ich fühle durch meine Hand etwas Bestimmtes, oder ich fühle sic durch einen andern Thcil meines Leibes. Ein unmittelbares absolutes Gefühl meiner Hand überhaupt habe ich nicht, eben so wenig als meines Sehens oder Fühlens überhaupt. D. G. Bleiben wir gegenwärtig bei dem Falle stehen, da deine Hand Werkzeug ist, im dem dieser auch für den zweiten mit entscheidet! — Zn der unmittelbaren Wahrnehmung derselben, kann in diesem Falle nichts weiter liegen, als was zum Fühlen gehört, was dich und hier insbesondere deine Hand, als das Betastende im Betasten, das Fühlende im Fühlen vorstellt. Nun fühlst du entweder einerlei; so sehe ich nicht, warum du diese einfache Empfindling über eine fühlende Fläche verbreitest, und nicht an einem fühlenden Punkte dich begnügest ; oder du fühlst verschiedenes, so — 9 - — fühlst du dasselbe doch nach einander, und ich sehe abermals nicht ein, warum du diese Gefühle nicht in einem und eben demselben Punkte einander folgen laßt. — Daß dir deine Hand als Flache erscheint, ist eben so «ner- klärlich, als daß dir überhaupt eine Fläche außer dir erscheint. Bediene dich sonach nicht des ersten zur Erklärung des zweiten, ehe du nicht das erste selbst erklärt hast.— Der zweite Fall» da deine Hand, oder welches Glied deines Körpers du willst, selbst Gegenstand eines Gefühls ist, ist aus dem ersten leicht zu beurtheilen. Du fühlst dieses Glied vermittelst eines andern, welches dann das fühlende ist. Ich erhebe über dieses letztere dieselben Fragen, welche ich so eben über deine Hand erhob, und du wirst sie mir eben so wenig beantworten können, als du diese beantworten konntest. So verhält es sich mit der Fläche deiner Augen, und mit jeder Fläche an deinem Leibe. Es mag wohl scyn, daß dasBewußtseyn einer Ausdehnung außer dir von dem Bcwußtscp» deiner eignen Ausdehnung, als materiellen Leibes, ausgeht, und dadurch bedingt ist. Aber dann hast du nur zunächst diese Ausdehnung deines materiellen Leibes zu erklären, I. Es ist genug.' Ich sehe schon klärlich ein, daß ich die Flächen-Ausdehnung der Eigenschaften an den Körpern weder sehe, noch fühle, noch durch irgend einen andern Sinn fasse: ich sehe ein, daß es mein beständiges Verfahren ist, zu verbreiten, was doch ei, gcntlich in der Empfindung nur ein Punkt ist; nebeneinander zu stellen, was ich doch eigentlich nacheinander setzen sollte, indem in der bloßen Empfindung schlechthin kein nebeneinander, sondern nur ein nacheinander statt findet. Zch entdecke, daß ich in derThat eben so verfahre, wie der Geometer mich seine Figuren eonstrniren läßt, und den Punkt zur Linie, die Linie zur Fläche ausdehne. Es nimmt mich Wunder, wie ich dazu komme. D. G. Du thust noch mehr und noch wunderbareres. Diese Oberfläche, die du am ' 1 . — 94 — Körper annimmst, kannst du freilich weder sehen noch fühlen, noch durch irgend einen Sinn wahrnchmen; aber man kann doch in einem gewissen Zusammenhänge sagen, daß du auf ihr die rothc Farbe erblickst, oder die Glätte fühlst. Aber du führst nun selbst diese Oberfläche fort, und dehnst sie ans zum mathematischen Körper; wie du eben zugcstandcn hast, daß du die Linie zur Flache ausdchust. Du nimmst noch ein dascycndeü Inwendiges des Körpers hinter seiner Oberfläche an. Sage mir, kannst du denn hinter dieser Obberfläche etwas sehen, oder fühlen, oder durch irgend einen Sinn wahrnchmen? I. Keinesweges; der Raum hinter der Oberfläche ist mir nndurchsichtig, nnd nndurch- greifbar, und fällt in keinen meiner Sinne. D. G. Und doch nimmst du ein solches Inwendiges an, das du schlechthin nicht wahrnimmst. I. Ich gestehe es; und meine Verwunderung vermehrt sich. I D. G. Was ist denn mm das, was du hinter der Oberfläche denkst? I. Nun, — ich denke etwas der Ober- flache ähnliches; etwas Empfindbares. D. G. Wir müssen dies bestimmt wissen. — Kannst du die Masse, aus welcher dir nun der Körper besteht, theilcn? I- Ich kann sie, versteht sich nicht mit Instrumenten, sondern in Gedanken, ins Unendliche theilcn. Kein möglicher Theil ist der kleinste, so daß er nicht wieder getheilt werden könnte. D. G. Kommst du in dieser Thcilung auf irgend einen Theil, von dem du dächtest, daß er an sich nicht mehr wahrnehmbar, nicht sichtbar, nicht fühlbar u. s.w. sey — an sich, sage ich, wenn er es auch etwa für deine Sinnen- Werkzeuge sepn sollte? I. Kcinesweges. D. G. Sichtbar, fühlbar überhaupt? —- oder mit einer bestimmten Eigenschaft, Farbe, Glätte, oder Rauhheit oder dergleichen? — y6 — I. Auf die letzte Weise. Es giebr nichts Sichtbares oder Fühlbares überhaupt, weil es kein Sehen oder Fühlen überhaupt giebt. D. <3. Du verbreitest sonach die Empfind- barkeit, und zwar deine eigne, die dir bekannte Empfindbarkeit, die Sichtbarkeit als gefärbt, die Fühlbarkeit als rauh oder glatt u. s. w. durch die ganze Masse hindurch; und diese selbst ist überall nichts anders, als das Empfindbare selbst. Oder findest du cs anders? I. Keineswcges; was du sagst, folgt aus dem, was ich so eben eingeschen und dir zugestanden habe. D. t3. Und doch empfindest du wirklich hinter der Oberfläche nichts, und hast hinter ihr nichts empfunden? I- Wenn ich sie durchbreche, werde ich eanpfindcn. D. <3. Das weißt du sonach im voraus. — Und die Theilunq ins Unendliche, in welcher du nie auf ein schlechthin Unempfindbares stoße» zu - Y7 — zu können behauptest, hast du doch nie ausgtz führet, noch kannst du sie ausführe»? I. Ich kann sie nicht aus führen. D. G. Du denkst sonach zu einer Empfindung, die du wirklich gehabt, eine andere hinzu, die du nicht gehabt? I. — Zeh empfinde nur, was ich auf die Oberfläche sehe; ich empfinde nicht, was hinter derselben liegt, und nehme doch auch da ein Empfindbares an. — Za ich muß dir Recht geben. D. G> Die wirkliche Empfindung kommt zum Thci! mir dem, was du über sie vor ihr voraus vorhersagtest, überein? I. — Wenn ich die Oberfläche des Kür, pers durchbreche, finde ich Hincer derselben in der That ein Empfindbares, wie ich cs vorhersagte. — Za ich must dir auch hierin Recht geben. D. G. Zum Theil aber sagst du etwas über die Empfindung aus, was in gar keiner wirklichen Wahrnehmung Vorkommen kann, L 7 ) I. — Ich sage aus, daß ich bei einer Thcilimg der körperlichen Masse ins Unendliche doch nie auf einen Thcil stoßen würde, der an sich unempfindbar scy, da ich doch mich bescheide, die Masse nicht ins Unendliche Heilen zu können. — Za ich muß dir auch hierin Recht geben. D. S. Also, cs bleibt nichts an deinem Gegenstände übrig, als das Empfindbare — das was Eigenschaft ist; dieses Empfindbare nun verbreitest du durch einen zusammenhängenden ins Unendliche Heilbaren Raum, und der wahre Träger der Eigenschaften des Dinges, den du suchtest, wäre sonach der Raum, den es clttnimmt? I. Ähncrachtet ich mich nicht dabei beruhigen kann, sondern innerlich fühle, daß ich außer diesem Empfindbaren, und diesem Raume noch etwas anderes am Gegenstände denken muß, so kann ich dieses Andere dir doch nicht aufzeigen, und muß dir daher zugestehen, daß ich bis jetzt als Träger nichts finde, denn den Raum selbst. D. G. — Gestehe immer, was du eben jetzt cinstchst. Die noch vorhandenen Dunkelheiten werden sich allmählich aufklärcu, und das Unbekannte wird bekannt werden. — Der Raum selbst aber wird nicht wahrgenommen, und du begreifst nicht, wie du zu demselben gelangst, und wie du dazu kommst, ein Empfindbares durch ihn auszubreitcn? I. So ists. D. G. Eben so wenig begreifst du, wie du überhaupt zur Annahme eines Empfindbaren außer dir gelangst, da du doch nur deine eigne Empfindung in dir, nicht als Eigenschaft eines Dinges, sondern als Assertion deiner selbst wahrnimmst? I. So ists. .Ich sehe klar ein, daß ich nur mich selbst, meinen eignen Zustand schlechthin, aber nicht den Gegenstand wahrnchme; daß ich diesen nicht sehe, nicht fühle, nicht höre u. s. w., sondern daß vielmehr gerade da, wo der Gegenstand seyn soll, alles Sehen, Fühlen u. s. w. ein Ende hat. Aber ich habe eine Ahnung. Empsindum gen, als Assertionen meiner selbst, sind schlechte hin nichts Ausgedehntes, sondern ein Einfaches; und verschiedene sind nicht neben einander im Raume, sondern sie folgen nach einander in der Zelt. Nun aber verbreite ich dennoch dieselben durch einen Raum. Wie wäre cs, wenn gerade durch diese Verbreitung, und unmittelbar mit ihr, das, was eigentlich nur Empfindung ist, sich mir in ein Empfindbares verwandelte, und wenn cs gerade dieser Punkt wäre, von welchem aus ein Bewußtsein des Gegenstandes außer mir entstände? D. S. Deine Ahnung dürfte sich bewähren. — Aber wir würden, wenn wir auch unmittelbar sic zur Ueöerzcugung zu erheben vermöchten, dadurch noch immer keine vollständige Einsicht erhalten, denn cs würde stets die noch höhere Frage zu beantworten übrig bleiben: wie kommst du denn nun erst dazu, die Empfindung durch einen Raum zu verbreiten? Fassen wir daher gleich diese Frage; und fas- ftn wir sie — ich habe meine Gründe dazu — gleich allgemeiner auf felgende Weife: wie magst du überhaupt dazu kommen, mit deinem Vewußtseyn, das doch unmittelbar nur Bewußtsein deiner selbst ist, aus dir herauszugc, chen, und zu der Empfindung, die du wahr, nimmst, ein Empfundenes und Empfindbares hinzu zu setzen, das du nicht wahrnimmst? I. Süß, c-der bitter, eben so übel, oder wohlriechend, eben so rauh oder glatt, kalt oder warm am Dinge bedeutet, was einen solchen Geschmack und Geruch, und ein solches Gefühl in mir erregt. Eben so ist eö mit den Tonen. Zmmer wird eine Beziehung auf mich bczeich, net, und cs fällt mir nicht ein, daß der süße, oder bittere Geschmack, der Wohlgcruch oder der üble u. s. w. in dem Dinge sey; er ist in mir, und wird meiner Ansicht nach durch das Ding nur erregt. Zwar scheint es mit den Empfindungen durchs Gesicht, mit den Farben, 102 welche nicht reine Empfindling, sondern ein Mittelding seyn mögen, sich anders zn vcrhal-- ten; wenn ich cs aber genan überlege, so bedeutet roch, und dergleichen, doch gleichfalls dasjenige, was eine gewisse bestimmte Gesichts- cmpsindung in mir hcrvorbringt. Und dies leitet mich zur Einsicht, wie ich überhaupt zu einem Dinge außer mir kommen möge. Ich bin affieirt, dies weiß ich schlechthin: diese meine Assertion muß einen Grund haben: in mir liegt dieser Grund nicht, sonach außer mir: So schließe ich schnell, und mir unbewußt; und sehe einen solchen Grund, den Gegenstand. Dieser Grund muß ein solcher seyn, aus dem sich gerade diese bestimmte Assertion erklären lasse; ich bin auf die Weise affieirt, welche ich den süßen Geschmack nenne; der Gegenstand muß sonach von der Art seyn, daß er süßen Geschmack errege, oder mit einer Rcde- verkürzung, er muß selbst süß seyn. Dadurch erhalte ich die Bestimmung des Gegem standcs. D. G. ES dürste an dem, was du sagst, einiges Wahre seyn, ohucrachtet es nicht alles wahr ist, was darüber zu sagen wäre. Wie es sich hiemit verhalte, werden wir ohne Zweifel zu seiner Zeit finden. Da du jedoch in andern Fällen ganz unstreitig zufolge des Satzes vom Grunde — ich will die Behauptung, die du so eben machtest, daß etwas, hier deine Assertion, einen Grund haben müsse, den Satz vom Grunde nennen, — da du, sage ich, in andern Fällen unstreitig zufolge dieses Satzes dir etwas erdenkst, so kann cs nicht überflüssig seyn, dieses Verfahren genau kennen zu lernen, und uns völlig klar zu machen, was du eigentlich thust, indem du es anwcndcst. Sehen wir vorläufig voraus, daß deine Erklärung vollkommen richtig sey, und daß du durch einen unvermerkten Schluß vom Begründeten auf den Grund, übcrhanpt erst zur Annahme eines Dinges kommest — was war es, dessen du dir als deiner Wahrnehmung bewußt märest? I. Daß ich auf eine bestimmte Weise af- sieirt scy. D. G. Aber eines dich afficircndcn Dürr Ae6 wärest du, wenigstens als einer Wahrnch- nuing, dir nicht bewußt? I. Keineswegcs, ich habe dir dies schon jugcstandcn. D. G. Du setzest sonach, vermittelst des Satzes vom Grunde, zu einem Wissen, das du hast, ein anderes, das dn nicht hast? 2- Du drückst dich sonderbar aus. D. G. Vielleicht gelingt cs mir, diese Sonderbarkeit zu heben Uebrigens laß du meine Ausdrücke dir seyn, was sie dir seyn kLnnen. Sie sollen dich nur leiten, daß du dcnstlben Gedanken innerlich in dir erzeugest, den ich selbst in mir erzeugt habe, nicht aber dir zur Vorschrift dienen, wie du zu reden habest. Hast du den Gedanken einmal fest, und klar ergriffen, dann drücke ihn selbst aus, wie du willst, und so mannigfaltig als du willst, du bist sicher, daß du ihn immer gut ausdrük- kcn wirst. Wie und wodurch weißt du von der Affectiv» deiner selbst? I. Es wird mir schwer, meine Antwort in Worte zu fassen: — Weil inein Bewußt- seyn als siibjertives, als Bestimmung meiner, inwiefern ich überhaupt Intelligenz bin, unmittelbar aus diese Assertion, als ihr Bewußtes geht, und damit un'ertrcnnlich vereinigt ist; weil ich überhaupt Bewußtsemi nur habe, inwiefern ich von einer solchen Assertion weiß; von ihr weiß, so wir ich von mir überhaupt weiß. D. G. Du hast sonach gleichsam ein Organ, das Bewußtseyn selbst, womit du deine Assertion fassest? Za. D. G. Aber ein Organ, mit welchem dn den Gegenstand fassest, hast du nicht? I. Seitdem du mich überzeugt hast, daß ich den Gegenstand weder sehe noch fühle, noch durch irgend einen äußern Sinn fasse, finde ich mich genöthigt, zu gestehen, daß ich kein solches Organ Hab». D. G. Bedenke dich hierbei wohl. Es kLimce dir verübelt werden, daß du mir dies zugestchst. — Was ist denn dein äußerer Sinn überhaupt, und wie kannst du ihn einen äußern nennen, wenn er sich nicht auf äußere Gegenstände bezieht, und das Organ für dieselben ist? I. Zch will Wahrheit, und kümmere mich wenig darum, was man mir verübeln werde. — Ich unterscheide schlechthin, weil ich es unterscheide, grün, süß, roth, glatt, bitter, Wohlgcruch, rauh, Violinenschall, Uebelgeruch, Klang der Trompete. Unter diesen Empfindungen sehe ich nun einige in gewisser Rücksicht eben so schlechthin gleich, wie ich sie in anderer Rücksicht schlechthin unterscheide; so empfinde ich grün und roth unter sich; süß und bitter unter sich, glatt und rauh unter sich u. s. w. als gleich, und diese Gleichheit empfinde ich als sehen, schmecken, fühlen u. s. w. Sehen, Schmecken u. s. w. sind ja »icht selbst wirkliche Empfindungen, denn ich sehe, oder schmecke nie schlechtweg, wie du schon vorhin bemerkt hast, sondern sehe immer roth oder grün, u. s. w. schmecke immer süß oder bitter u. s. w. Sehen, Schmeckc/? und dergleichen, sind nur höhere Bestimm n:'» wirklicher Empfindungen, sind Sassen, denen ich die letztem, jcdcch nicht wilikührlick), sondern durch die unmittelbare Empfindung selbst geleitet, unterordne. Ich sehe sonach in ihnen überall keine äußeren Sinne, sondern nur besondere Bestimmungen des Objects, des inner» Sinnes, meiner Assertionen. Wie sic mir zu äußeren Sinnen werden, oder genauer, wie ich darauf komme, sie dafür zu halten, und so zu nennen, davon ist jetzt eben dis Frage. — Zch nehme mein Gcständniß, daß ich kein Organ für den Gegenstand habe, nicht zurück. D. G. Nun redest du doch von Gegenständen, als ob du wirklich von ihnen wüßtest, und ein Organ des Wissens fürste hättest? D. G. Und dies thust du, deiner obigen Voraussetzung »ach, zufolge des Wissens, das d» wirklich hast, und wofür du ein Organ hast, und um dieses Wissens willen. I- So ist's. D. S. Dein wirkliches Wissen, — daS von deinen Affectionen, ist dir gleichsam ein unvollständiges Wissen, das, deiner Behauptung nach, durch ein anderes ergänzt werden muß. Dieses andere Neue denkst du dir, beschreibst du dir, nicht als ein solches, das du hast, denn du hast cs keineswegcs, sondern als ein solches, das du eigentlich noch über dein wirkliches ha« ben solltest, und haben würdest, wenn du ein Organ dafür hattest. Du scheinst gleichsam zu sagen: von den Dingen weiß ich freilich nichts; aber cs müssen doch Dinge seyn, und — wenn ich sie nur finden könnte, so würden sie sich finden. Du denkst dir ein anderes Organ, welches freilich das Deinige nicht ist, und die« scs beziehst du auf sie, damit fassest du sic auf, immer n«r in Gedanken, wie sich versteht. Du hast der Streng- nach kein Bewußtseyn der Dinge, sondern nur ein (eben durch das Herausgehcn aus deinem wirklichen Bewußtseyn vermittelst des Satzes vom Grün» de erzeugtes) Bewußtseyn von einem (scynsolienden, und an sich nothwcndigen, wenn gleich dir nicht zukommenden) Bewußtseyn der Dinge: und jetzt wirst du einsehen, daß du deiner Voraussetzung nach, allerdings zu einem Wissen, da^ du hast, ein anderes hinzu» fügst, das du nicht hast. I. Zch muß cs zugcben. D. G. Nennen wir von nun an dieses zweite, zufolge eines andere angenommene Wissen ein vermitteltes, und das erste das un mittel bar-Wissen.— Eine gewisse Schule nennt das so eben beschriebene Verfahren, inwiefern wir cs nehmlich beschrieben haben, eine Synthesis; wobei du dir wenigstens hier nur kein Verknüpfen zweier schon vor dem Verknüpfen vorher vorhandenen Glieder, sondern ein Anknüpfen, und Hinzuthun eines ganz neuen, erst durch das Anknüpfen entstehenden Gliedes, au ein anderes, unabhängig von demselben vorhandenes, zu denken hast. Also das erste Dcwußtscyn findest du ser-- tig, so wie du dich selbst findest, und du findest dich nicht ohne dasselbe; das zweite erzeugst du erst zufolge des ersten. I. Nur nicht in der Zeit nach dem ersten ; denn ich bin mir des Dinges in demselben ungethcilten Momente bewußt, da ich mir meiner selbst bewußt werde. D. G. Von einer solchen Folge rede ich kcineswegcs, sondern, meine ich, wenn du hinterher über jenes ungethcilte Bcwußtscyn deiner selbst, und des Dinges nachdcnkst, beide unterscheidest, und nach ihrem Zusammenhänge fragst, so findest du, daß das letztere durch das erstcre bedingt, — nur unter Voraussetzung des erster» als möglich zu denken sey, nicht ober umgekehrt? I. So finde ich'S; und wenn du mir das sagen wolltest/ so gebe ich dir deine Behauptung zu, und habe sie dir schon zugegeben. D. G. Du erzeugst, sage ich, das zweite Bewußtsein,: dn bringst es durch einen wirklichen Akt deines Geistes hervor. Oder findest du eü anders? I. Ich habe dir freilich mittelbar auch schon dies zugegeben. Ich setze zu dem Be, wußtseyn, das ich finde, so wie ich mich selbst finde, ein anderes hinzu, das ich keinesweges in mir finde; ich ergänze, und verdopple gleichsam mein wirkliches Bewußtscyn, und dies ist denn allerdings ein Akt. Aber ich gerathe in Versuchung entweder mein Gesiändniß, oder meine ganze Voraussetzung zurückzunehmen. Der Akte meines Geistes nemlich, bin ich als solcher mir sehr wohl bewußt: ich weiß cs, wenn ich einen allgemeinen Begriff bilde, oder in zweifelhaften Fällen eine von den möglichen Handelsweisen, die vor mir liegen, wähle; des Akts aber, durch welchen ich deiner Be, — 7IL Häuptling nach die Vorstellung eines Gegen, standes außer mir hervsrbringe» soll, bin ich nur auf keine Weise bewußt. D. G. Laß dich dadurch nicht irre machen. Der Akte deines Geistes wirst du dir nur bewußt, inwiefern du durch einen Zustand der Unbestimmtheit und Unenrsthlossnhcit hin, durchgehest, dessen du dir gleichfalls bewußt wirst, und welcbeni jene Akte ein Ende machen. Eine solche Unentschiedenheit findet in zinserm Falle nicht statt: der Geist braucht nicht erst zu berakhschlagen, welchen Gegenstand er zu seiner bestimmten Empfindung hinzu zu sehen habe, es kommt ihm von selbst. Man hat auch dafür eine Unterscheidung in der philosophischen Sprache. Ein Akt des Geistes, dessen wir uns als eines solchen bewußt werden, heißt Freiheit. Ein Akt, ohne Be- wußtseyn des Handelns, bloße Spontaneität. Bemerke wohl, daß ich dir ein unmit, telbarcs Bcwußcseyn des Acres, als eines solchen, keineswegeö anmuchc, sondern nur dies, daß. daß, wenn dn hinterher darüber nachdcnkst, du findest, cs '.misse ein Akt scyn. — Die höhere Frage, was es scy, das eine seiche Unentschlossenheit, und das Bcwußtseyn nnsers Handelns nicht anfkom'.nm lasse, wird sich ohne Zweifel ticser unten von selbst lösen. Man nennt diesen Akt deines Geistes denken, welches Worts ich mich auch bisher, mit deiner Beistimmung bedient habe; und man sagt, daß das Denken mit Spontaneität ge- geschehe, zum Unterschiede von der- Empfindung, welche bloße Rceeptieitat sey. Wie kommst du nun in deiner obigen Voraussetzung dazu, zu der Empfindung, die du allerdings hast, noch einen Gegenstand hinzu zu denken, von welchem du nichts weißt? I. Meine Empfindung muß einen Grund haben u setze ich voraus, und folgere miss weitest D. G. Willst du mir nicht zusördcrst sagen , was dies, heiße, ein Grund? I. Zch finde etwas so oder so bestimmt.- s U s. Ich kann mich nicht damit begingen, zu wissen, daß es so ist: und nehme an, cö sey so geworden, und zwar nicht durch sich selbst, sondern durch eine fremde Kraft. Diese fremde Kraft, die cs so machte, enthält den Grund, und die Acußcrung, durch welche sie es so machte, ist der Grund dieser Bestimmung des Dinges. Meine Empfindung hat einen Grund, heißt, sie ist durch eine fremde Kraft in mir hervorgebracht. D. G. Diese fremde Kraft denkst du nun zu deiner Empfindung, der du dir unmittelbar bewußt bist, hinzu, und so soll dir die Vorstellung eines Gegenstandes entstehen? — Es sc»> Nun bemerke wohl: wenn die Empfindung einen Grund haben muß, so gebe ich dir die Nichtigkeit deines Schluffes zu, und sehe ein, mit welchem vollkommenen Rechte -u Gegenstände außer dir anmmmst, ohncrach, tet du von ihnen nichts weißt, noch wissen kannst. Aber wie weißt du denn, und wie — ItZ — denkst du mir denn zu erweisen, daß sie einen Grund haben müssen? Oder in der Allgemein, heit, in der du den Sah oben aufstelltest; warum kannst du dich denn nicht damit begnügen, zu wissen, daß etwas so ist; warum nimmst du denn an, daß cs so geworden scy; oder, wenn ich dir das übersehen wollte, daß es durch eine fremde Kraft so geworden scy? Ich bemerke, daß du dies immer nur vorausschest. I. Ich bekenne es. Aber ich kann in der That nicht anders, als so denken. — Es scheint, ich weiß es unmittelbar. D. E. Was diese Antwort, du wissest es unmittelbar, bedeuten könne, wollen wir sehen, wenn wir ans dieselbe, als die einzig mögliche, zurnckgcbracht werden sollten. Zeht wollen wir erst alle andere mögliche Wege versuchen, um jene Behauptung, daß etwas einen Grund haben müsse, abzuleiten. Weißt du es etwa durch unmittelbare Wahrnehmung? — — I. Wie könnte ich, da in der Wahrnehmung immer n::r liegt, da-; in mir etwas sei), eigentlich wie ich bestimmt scy: nie aber daß cs geworden scy, noch viel weniger, daß cö durch eine fremde, ausser aller Wahrnehmung liegende Kraft geworden sey? D. G. Oder ist es ein Sah, den du durch Beobachtung der Dinge ausser dir, deren Grund du stets ausser ihnen selbst findest, dir gebildet und zur Allgemeinheit erhoben hast, und jetzt nun auch ans dich selbst und deinen Zustand anwendest? I. Behandle mich nicht wie ein Kind, und muthc mir nicht greifuchc Absurditäten an. Zeh gelange durch den Satz des Grundes erst zu Dingen ausser mir; wie kann ich denn hinwiederum erst durch sic, diese Dinge ausser mir, zu diesem Satze gelangt scyn? Nicht die Erde auf dem großen Elephantcn, und der große Elephant — wiederum auf der Erde? D. G. Oder ist etwa jener Satz Folgejatz aus einer andern allgemeinen Wahrheit? I. — Welche hinwiederum weder in der unmittelbaren Wahrnehmung, noch in der Beobachtung der aussern Dinge begründet seyn könnte, und nach deren Ursprung du abermals Frage erheben würdest? — Ich könnte diese vorausgesetzte Grund Wahrheit doch auch nur unmittelbar wissen. Besser, ich sage sogleich dasselbe von dem Satze des Grundes, und bleibe über deine Mnthmaßung unentschieden. D. G. Es sey: wir erhielten sonach, ausser dem ersten unmittelbaren Wissen durch Empfindung unsers Zustandes, noch ein zweites unmittelbares Wissen, das ans allgemeine Wahrheiten geht. I. So scheint cs. D. G. Das besondere Wissen, von welchem hier die Rede ist: daß deine Assertionen einen Grund haben müssen; ist völlig unabhängig von der Erkeniitniß der Dinge? I. Freilich; diese wird ja selbst erst durch jenes vermittelt. D. G. sind du hast es schlechthin in dir selbst? I. Schlechthin: denn erst vermittelst desselben gehe ich aus mir selbst heraus. D. G. Du schreibst sonach aus dir selbst und durch dich selbst, und durch dein unmittelbares Wissen dem Seyn, und dem Zusam, mcnhange desselben Gesetze vor? 2- Wenn ich cs recht bedenke, so schreibe ich nur meinen Vorstellungen über das Seyn und seinen Zusammenhang, Gesetze vor, und cs wird vorsichtiger seyn, diesen Ausdruck zu wählen. D. S. Es sey. — Wirst du dir nun wohl dieses Gesetzes auf eine andere Weise bewußt, als indem du darnach verfährst? I. — Mein Bcwußtseyn hebt an mit der Empfindung meines Zustandes; unmittelbar damit verknüpfe ich die Vorstellung eines Gegenstandes nach dem Gesetze des Grundes; beides, das Bcwußtseyn meines Zustandes, und die Vorstellung eines Gegenstandes, sind unzertrennlich vereint, es fällt zwischen sie kein Dewußtscyn, es fällt vor diesem Einem un- — I1Y — heilbaren Bewußtscyn kein anderes Bewußt- seyn. — Nein, es ist unmöglich, daß ich dieses Gesetz eher und anders mir bewußt werde, «ls indem ich darnach verfahre. D. G. Also du verfährst darnach, ohne dir desselben besonders bewußt zu seyn; du verfährst unmittelbar und schlechthin darnach. — So eben aber warst du dir desselben bewußt, und drücktest es als allgemeinen Satz aus. Wie magst du zu diesem besonder« Be- wußtscyn gelangen? I. Ohne Zweifel so: ich beobachte mich späterhin, und werde inne, daß ich so verfahre, und fasse dieses Gemeinsame meines Ver- fabrcns in einen allgemeinen Satz. D. E. Du kannst dir also deines Verfahrene bewußt werden? I. Ohne Zweifel. — Zch errathe die Absicht deiner Fragen; — hier liegt die oben erwähnte zweite Art des unmittelbaren Bewußt, seyne, das meines Thuns, so wie die Em, pfindung die erste Art ist, das Bewußtseyn meines Leidens. D. G. Richtig. — Du kannst, sagte ich, deines Verfahrens dir bewußt werden hin.- terher, durch freie Beobachtung deiner selbst, und Reflexionen über-dich selbst; aber du mußt dir dessen nicht bewußt werden: — du wirst dir dessen nicht unmittelbar bewußt, so wie du nur innerlich handelst? I. Ich muß mir desselben doch ursprünglich bewußt werden, denn ich bin mir ja dcr Vorstellung des Gegenstandes unmittelbar mit der Empfindung zugleich bewußt. — — Ich habe die Auflösung gesunden: Ich werde mir meines Thuns unmittelbar bewußt; nur nicht als eines solchen, sondern cs schwebt mir vor als ein gegebenes. Dieses Bewußtscyn ist Bewußtscyn des Gegenstandes. Hinterher, durch freie Reflexion kann ich mir desselben auch als eines Thuns bewußt werden. Mein unmittelbares Bewußtscyn ist zusammengesetzt aus zwei Bcstandtheilcn, dein Bewußtscyn meines Leidens, dcr Empfindung; und dem meines Thuns, in Erzeugung eines Gegenstandes nach dem Satze des Grundes; ivelches letztere cm die crstere sich unmittelbar auschließt. Das Bewußtsein des Segen, fr an des ist nur ein nicht dafür ernanntes Be, wnßtseyn meiner Erzeugung einer Vorstellung vom Gegenstände. Um diese Erzeugung weiß ich schlechthin dadurch, daß ich cs selbst bin, der da erzeugt. Und so ist alles Bewußtsein! nur ein unmittelbares, ein Bewußtseyn meiner selbst, und ist nun- mehro vollkommmeu begreiflich. Folgere ich dir so recht? D. S. Unvergleichlich. Aber woher die Nothwendigkcit und Allgemeinheit, mit der du deine Satze, so wie hier den Sah vom Grün, de, aussagst? I. Aus dem unmittelbaren Gefühle, daß ich nicht anders verfahren kann, so gewiß ich Vernunft habe, und kein vernünftiges Wesen ausser mir anders verfahren kann, so gewiß es ein vernünftiges Wesen ist. Alles Zufällige, dergleichen hier meine Assertion war, hat ei, neu Grund, heißt: ich habe von jeher ei, »cn Grund hinzugedacht, und jeder, der nur denken wird, wird gleichfalls genöthigt seyn, einen Grund hinzu zu denken, D. G. Du siehst sonach ein, daß alles Wissen lediglich ein Wissen von dir selbst ist, daß dein Dewußtscyn nie über dich selbst hin« ausgeht, und daß dasjenige, was du für ein Dewußtscyn des Gegenstandes hältst, nichts ist, als ein Dewußtscyn deines Sehens ei« nes Gegenstandes, welches du nach einem inner» Gesetze deines Denkens mit der Em« pfindung zugleich nothwendig vollziehst? Folgere nur muthig fort: ich habe dich nicht stören wollen, und habe sogar selbst geholfen, die beabsichtigten Schlüsse zu ent, wickeln. — Zcht «her ernsthaft: ich nehme meine ganze Voraussetzung, daß ich vermittelst des Satzes vom Grunde auf Dinge ausser mir komme, zurück; und habe sie innerlich zu- rückgenommcn, sobald wir dadurch auf eine grcifliche Unrichtigkeit gestoßen waren. Nchmlich auf diese Weise, würde ich mir auch nur einer bloßen Kraft außer mir, und dieser als eines nur gedachten bewußt werden; sowie ich etwa zur Erklärung der magnetischen Erscheinungen eine magnetische, zur Erklärung der elektrischen Erscheinungen eine elektrische Kraft in der Natur denke. Als ein solcher bloßer Gedanke, und Gedanke einer bloßen Kraft, erscheint mir nun meine Welt nicht. Sie ist etwas Ausgedehntes; etwas durch und durch, nicht wie die Kraft nur durch ihre Acußcrung, sondern an sich. Empfindbares; sic bringt nicht, wie diese, hervor, sondern sie hat Eigenschaften; ich bin mir ihres Auffassens innerlich ganz anders bewußt, als ich eines bloßen Denkens mir bewußt werde, cs erscheint mir als Wahrnehmung, uncrachtct bewiesen ist, daß cs keine sey, und es mir schwer fallen dürfte, diese Art de? BcwußtseynS zu beschreiben, und von den andern Arten zu sondern. D. S. Dn mußt denn doch eine selche Beschreibung versuchen; außerdem verstehe ich dich nicht, und wir kommen nie ins Klare. I. Zch will versuchen, mir einen Weg zu derselben zu bahnen. — Ich bitte dich, Geist, wenn dein Organ dem meinigen gleich ist, so hefte dein Auge auf den rochen Gegenstand da vor uns, gieb dich unbefangen dem Eindrücke hin, und vergiß indessen deine Schlaft se; und nun sage mir aufrichtig was in die vorgeht. D. G. Zch kann mich in die Weise deines Organs völlig hinein versehen; und es ist nicht meine Sache, irgend einen nur wirklich vorhandenen Eindruck abzuläugncn. Sage mir nur, was in mir Vorgehen soll. I. Ncbcrsiehst und fassest du nicht die Fläche, ich sage, die Fläche, unmittelbar mit einem Blicke; steht sic nicht auf einmal ganz vor dir da? Bist du nur auf die entfernteste dunkelste Weise die dieses Ausdehnens eines einfachen rochen Punktes zu einer Linie, und dieser Linie, zu einer Fläche bewußt, wovon du oben redetest. Hinterher erst thcilst du diele Fläche, und denkst dir auf ihr Punkte und Linien. Wurdest du nicht, und würde nicht jeder, der sich nur unbefangen beobachtet, unabhängig von deinen obigen Schlüssen, behaup- ren, und darauf bestehen, daß er wirklich eine Fläche, eine so und so gefärbte Fläche, sähe? D. G. Ich gebe dir alles zu; und finde mich in der Selbstbeobachtung gerade so, wie du es beschreibst. Aber znsörderst hast du doch nicht vergessen, daß cs nicht unsre Absicht ist, einander zu erzählen, was im Bewußtsein, vorkommt, wie in einer Zeitung des menschlichen Geistes; sondern die verschiedenen Begebenheiten desselben im Zusammenhänge zn denken, und eine durch die andere zu erklären, und aus der andern abzuleiten: daß sonach keine deiner Beobachtungen, die freilich nicht gelängnet, sondern er- klärt werden müssen, keinen meiner richtigen Schlüsse nmstoßen können? I. Ich werde dies nie aus den Augen lassen. D. S. Dann übersiehe nicht über der merklichen Ähnlichkeit dieses VewußtseynS der Körper außer dir, welches du noch nicht benennen kannst, mit der wirklichen Wahrnehmung, die große Verschiedenheit, die denn doch auch zwi, scheu beiden statt findet. I. Ich war so eben im Begriffe, die Verschiedenheit anzugeben. Beides erscheint allerdings als ein unmittelbares, nicht erlerntes, oder erzeugtes Bewußtscyn. Aber die Empfindung istBcwußtseyn meines Zustandes. Nicht so das Bewußtscyn des Dinges, in welchem zunächst schlechthin keine Beziehung auf mich liegt. Ich weiß, daß cs ist, uud damit gut; mich geht es nicht an. Wenn ich in der ersten mir erscheine als ein weicher Ton, der bald so bald so geformt, und gedruckt, und gepreßt wird; erscheine ich mir im zweiten als ein Spiegel, vor welchem die Gegenstände bloß vorüber gehen, ohne daß er leibst im Mindesten dadurch verändert wird. Aber dieser Unterschied spricht für mich. Ich lcheine um w mehr ein oelondercs, von Her Empfindung meines Zustandes völlig unabhängiges Bewußtseyn von einem Seyn, — ich sage von einem Seyn, — außer mir wirklich zu haben, da dieses letztere sich von dem crstereit auch der Art nach verschieden findet. D. G. Du beobachtest gut; übereile dich nur nicht im Schließen. Wenn das, worüber wir oben uns einvcr, standen haben, wahr bleibt, — und du unmittelbar nur deiner selbst dir bewußt seyn kannst; wenn das Bewußtseyn, von welchem hier die Rede ist, ein Bewußtseyn deines Leidens nicht ist, ein Bewußtseyn deines Thuns nicht sevn soll, könnte cs denn nicht etwa ein nur nicht dafür erkanntes Bewußtseyn deines eignen Seyns seyn? — Deines Seyns, inwiefern du wisl eri d, oder Intelligenz bist? I. Ich verstehe dich nicht, aber hilf mir nach, denn ich wünjchre dich zu verstehen. D. 6. Zch muß deine ganze Aufmerksamkeit in Zlnspruch nehmen, denn ich bin gc- nöthigt hier tiefer zu gehen als? je, und weit anszuhvleu. Was bist du? I. Um dir deine Frage auf das allgemein,: sie zu beantworten; ich bin Zeh, ich selbst. D. S.. Ich bin mit dieser Antwort sehr, wohl zufrieden. — Was bedeutet das, wenn du sagst: Zch: was liegt in diesem! Begriffe, und wie bringst du ihn z» Stande? r ' I. Zch kann mich hierüber nur dnrch.Ent, gegcnschung deutlich machen. — Das Ding soll etwas seyn außer mir dem Wissenden. I ch bin das Wissende selbst, Lins mir dem Wissenden. — Es entsteht über das Vcwußtsemi des erstem die Frage: wie kann, da das Ding nicht von sich weiß, ein Wissen vom Dinge entstehen; wie kann, da ich nicht scibst das Ding bin, noch irgend eine seiner Bestimmungen, gm, da alle diese Bestimmungen desselben le< diglich in dm Umkreis seines eigenen ScynS fallen, keineöwegcs aber in den des meinigm, ein Bewußescy» des Dinges in mir entstehen? Wie kommt das Ding herein in mich? Welches ist das Band zwischen dem Subjcete, Mir, und dein Objecte meines Wissens, dem Dinge? Diese Frage findet in Absicht meiner nicht statt. Zeh habe das Wissen in mir selbst, denn ich bin Intelligenz. Was ich bin, davon weiß ich, weil ich cs bin, und wovon ich unmittelbar dadurch weiß, daß ich überhaupt nur bin, das bin ick. well ich unmittelbar davon weiß. Es bedarf hier keines Bandes zwischen Subjekt und Objekt; mein eignes Wesen ist dieses Band. Ich bin Subjekt und Objekt: und diese Subjekt- Objektivität, dieses Zurückkeh- ren des Wissens in sich selbst, ist cs, die ich durch den Begriff Ich bezeichne, wenn ich dabei überhaupt etwas bestimmtes denke. D. G. Allo, Identität beider, des Sub- s 9 ) Ms, und Objekts, wäre dein Wesen, als Zn» telligcnz? I. Zn. D. G. Kannst du nun diese, die Identität, das, was weder Subjekt, noch Objekt ist, sondern beiden zum Grunde liegt, aus dem erst beides wird, — kannst du es fassen, desselben dir bewußt werden? I. Kcineswegcs. Es ist Bedingung alles meines Vewußtseyns, daß das Bewußt- seyende, und das Bewußte als zweierlei erscheine. Ein anderes Bcwußtscyn kann ich mir nicht einmal denken. Wie ich mich finde, finde ich mich als Subjekt und Objekt, welche beide aber unmittelbar verbunden sind. D. S. Kannst du des Moments, da das unbegreifliche Eine sich in diese beide trennt, bewußt werden? I. Wie könnte ich, da ja mein Bewußt- seyn erst mit, und durch ihre Trennung möglich wird; da mein Bewußtseyn selbst es ei- gentlich ist, welches sie trennt? Aber über das Bewußtst,)!, hinaus giebt es kein Dewußtstyn. D. S. Diest Getrenntheit sonach wäre dasjenige, was dii nothwendig in dir findest, so wie du deiner dir bewußt wirst? Sie wäre dein eigentliches ursprüngliches Seyn? I- So ist's. D. S. Und worin wäre dieselbe gegründet? I. Ich bin Intelligenz, und habe das Bewußtst,),, in mir selbst. Jene Getrenntheit ist Bedingung- sie ist Resultat des Bcwußtscyns überhaupt. Sie ist sonach in mir selbst gegründet, wie dieses. D. G. Du bist Intelligenz, sagtest du, wenigstens ist hier allein davon die Rede; und du wirst dir als solche Objeet. Dein Wissen sonach als objeetlvcS stellt sich vor dich selbst, vor dein Wissen als snbjectivcü hin, und schwebt demselben vor; freilich, ohne daß du dieses Hin- stcllcns dir bewußt werden kannst? I. So ists. D. S. Kannst du nicht etwas zur genauer» Charakteristik des subjeeiiven, und des vbjeetiven, nemlich so wie dasselbe nn Bewußt« scyn erscheint, beibringen? I. Das Subjeerive erscheint, als in sich selbst enthaltend, den Grund eines Bewußt« scyns der Form nach, keineswegcs aber ln Rücksicht des bestimmten Zuh.Gs. Daß ein Bemußrseyn, ein inneres Schauen und Bilden da ist, davon liegt der Grund 'in ihm selbst; daß gerade dies geschaht wird, darin hängt es von dem objeetivcn ab, darauf cs geheftet ist, und durch welches es gleichsam forrgcrissen wird. Das Objcetive im Gegcntheil enthalt den Grund seines Seyns ln sich selbst, cs ist an und für sieh, ist, wie cö ist, weil es nun einmal so ist. — Das Subjeetive erscheint als der leidende und siillhaltcnde Spiegel des Ob« jeetiven; das letztere schwebt dem ersten vcr> — Daß das crstere abspiegclt, davon liegt der Grund in ihm selbst. Daß gerade dies und nichts anderes in ihm abgespiegelt wird, da« von liegt der Grund im letztem. D. G. Das Subjcetive überhaupt, feiner inner,, Natur nach, wäre sonach gerade so besthaffen, wie du oben insbesondere,das Be? wußtsepn eines SeynZ außer dir belchriebst? I. Es ist wahr: und diese Ucbcrcinstim, muug ist merkwürdig. Ich fange an zur Half, te glaublich zu finden, daß aus den innen-Gesehen meines B.ewußtseyns selbst die Vorseel, lung ven einem ohm- m-in Zuthun außer mir stattjrudendeir Senn he,Vorgehen, und diese Vorstellung dock im Grunde nuhts anders scyn könne, als die Vorstellung dieser Gesetze leibst. D. G. Warum nur zur Halste? I. Weil ich noch mehr einsehe, warum es gerade zu einer solchen Vorstellung ihrem Inhalte nach, zu einer Vorstellung von einer durch den zusammeiwangcndeii Raum ausgedehnte» Masse, aussalle. D. G. Daß es dem, doch nur deine Ein, pfindung scy, die du durch den Raum verbreitest, hast du schon oben eingcsehcn; daß diese in ein Empfindbares gerade durch ihre Aus- dehnung in dem Raume sich verwandeln möge, hast du geahnet. Wir hätten cs sonach vor der Hand lediglich mit dem Raume selbst zu thun, und nur dessen Entstehung aus dem bloßen Bcwußtseyn begreiflich zu machen. I. So ist cs. D. S. So laß uns den Versuch anstellen. Zeh weiß, daß Lu dir deiner intelligenten Thä, tigkcit nicht als solcher bewußt werden kannst, inwiefern sie ursprünglich und unvcran- derlich auf Eins geheftet bleibt; in diesem Zustande, der mit ihren: Scyn anhcbt, und der nicht vertilgt werden kann, ohne daß ihr Seyn mit vertilgt werde, und ein solches Bewußtwerdcn werde ich dir sonach nicht an- mnchcn. Aber du kannst dir ihrer bewußt werden, inwiefern sie von einem veränderlichen Zustande innerhalb des unveränderlichen fortschwcbt zu einem andern veränderlichen. Wenn Lu sie nun in dieser Verrichtung vor dich hinstellst; wie erscheint sie dir — diese inncreAgilitat deines Geistes? I. Mein geistiges Vermögen scheint sich Innerlich hin und her zu bewegen, schnell von einem auf das andere zu fahren; kurz, eü erscheint mir als ein Linien ziehen. — Ein bestimmtes Denken macht einen Punkt in dieser Linie. D. (8. Warum nun gerade als ein Li- nicnzichm? I. Soll ich Gründe angeben für dasjenige, aus dessen Umkreise :ch nicht heraus gehen kann, ohne aus meinem eigner? Dascyn heraus- zugchcn? — Es ist schlechthin so. D. <8. So demnach erscheint dir ein besonderer Akt deines Vewußtseyns. Wie wird dir nun dein, nicht hcrvorgebrach- tes, sondern angestammtes Wissen überhaupt, von welchem alles besondere Denken nur die Erneuerung und weitere Bestimmung ist — wie wird cs dir im Bilde erscheinen? I. Offenbar als ein solches, in welchem man nach allen Richtungen hin Linien ziehen/ und Punkte machen kann: also als — Raum. D. G. Und nun wird dir vollkommen klar scyn, wie etwas, das doch aus dir lest hcrvorgcht, dir als ein Seyn außer dir erscheinen könne, ja nochwendig erscheinen müsse. Du bist zur wahren Quelle der Vorstellungen von Dingen außer dir hindnrchgedrnngen. Diese Vorstellung ist nicht Wahrnehmung, du nimmst nur dich selbst wahr: sie ist eben so wenig Gedanke; die Dinge erscheinen dir nicht, als ein bloß gedachtes. Sie in wirklich, und in der Thar absolue mmnttelrares Bewnßrseyi« eines Scyns außer die, eben so wie die Wahrnehmung unmittelbares Bewußtseyn deines Zustandes iss — Laß dich nicht durch Sophisten, und Halbphilosophcn übcrräuben: die Dinge erscheinen dir nicht durch einen Repräsentanten; des Dings, das da ist, und seyn kann, wirst du dir unmittelbar bewußt; und cs gicbt kein anderes Ding, als das, dessen du dir bewußt wirst. Du selbst bist dieses Ding; du selbst bist durch den innersten Grund deines Wesens, deine Endlichkeit, vor dich selbst hingcstellt, und aus dir selbst herausgeworfen; und alles, was du außer dir erblickst, bist immer du selbst. Man hat dieses Bewußtscyn sehr paffend Anschauung genannt. Zn allem Bcwußtseyn schaue ich mich selbst an; denn ich bin Zeh: für das Subjcetivc, das Bewußtseycnde, ist cs Anschauung. Und das Objcetive, das An- geschaute und Bewußte, bin abermals ich selbst, dasselbe Zeh, welches auch das anscheinende ist, — nur eben objcetiv, vorschwcbend dem Sub- jcetiven. Zn dieser Rücksicht ist dieses Bewußt- seyn — ein thätigcs Hinschauen, dessen, was ich anschaue; ein Hcraueschauen meiner selbst aus mir selbst; Hcrauötragcn meiner selbst aus mir selbst durch die einige Weise des Handelns, die mir zukommt, durch das Schauen. Zch bin ein lebendiges Sehen. Ich sehe — Be, wußtseyn — sehe mein Sehen — bewußtes. Darum ist auch dieses Ding dem Auge deines Geistes durchaus durchsichtig, weil es dein Geist selbst ist. Du thcilst, du begränzcst, du bestimmst die möglichen Formen der Dinge, — iZ6 — und die Verhältnisse dieser Formen von aller Wahrnehmung vorher. Kein Wunder; Lu begrenzest und bestimmst dadurch immer nur dein Wissen selbst, wovon du ohne Zweifel weißt. Darum wird ein Wissen vom Dinge möglich. Es ist nicht im Dinge, und strömt nicht von ihm aus. Es strömt »on dir aus, indem cs ist, und dessen eigenes Wesen cs ist. Es Liebt keinen äußern Sinn, denn cS gicbt keine äußere Wahrnehmung. Wohl aber gicbt cs eine äußere Anschauung — nicht des Dinges — sondern diese äußere Anschauung — dieses, außerhalb des subjektiven und ihm als vorschwebend erscheinende. Wissen — ist selbst das Ding, und cs giebt kein anderes. Durch diese äußere Anschauung hindurch wird nun auch selbst die Wahrnehmung als eine äussere, und die Sinne, als äußere, erblickt. Es bleibt ewig wahr, denn cs ist erwiesen: Ach sehe oder fühle immer die Fläche: wohl aber schaue ich an mein Schcn, oder Fühlen, als Sehen oder Fühlen einer Flache. Der er- leuchtete, durchsichtige, durchgrcifliare und durchdriugliche Raum, das reiuste Bild meines Wissens, wird nicht gesehen, sondern ungeschaut, und in ihm wird mein Sehcir selbst an., geschaut. Das Licht ist nicht außer mir, l- n dem in mir, und ich selbst bin das Licht. Du antwortetest oben auf meine Frage: wie du von deinem Sehen, Fühlen n. s. w. über. Haupt von deinem Empfinden wissest: du rois fest unmittelbar davon. Zeht wirst du mn vielleicht dieses unmittelbare Bcwußtscyn deines Empfindens näher bestimmen können» I. Es muß ein doppeltes seyn. Die Empfindung ist selbst- ein unmittelbares Bewußt, seyn; ich empfinde mein Empfinden. Da, durch entsteht mir nun kcineswcges irgend eine Erkenntnis eines Scyns, sondern nur das Gefühl meines eignen Zustandes. Aber ich bin ursprünglich nicht bloß empfindend, sondern auch anschauend; denn ich bin nicht bloß ein praktisches Wesen, sondern auch Intelligenz» Zch sch auc mein Empfinden auch an; und so — 1^0 - entsteht mir aus mit selbst und meinem Wa- sen die Eekcnntniß eines Senns. Die Empfindung verwandelt sich in ein Empfindbares; meine Affection, Noch, Glatt und dergleichen, in ein Rothes, Glattes u. s. w. außer mir: welches — und dessen Empfindung, ich im Raume ansel-aue, weil .nein Anschauen selbst der Raum ist. So wird auch klar, warum ich Flachen zu sehen oder zu fühlen glaube, die ich doch in der That weder sehe noch fühle. Zch schaue nur an mein Sehen oder Fühlen, als Sehen oder Fühlen einer Fläche. D. S. Du hast mich, oder eigentlicher, dich selbst, wohl verstanden. I. Aber dann entsteht mir das Ding gar nicht, weder bem-wkt noch unbemerkt durch einen Schluß vermittelst des Satzes vom Grunde; sondern es schwebt mir unmittelbar vor, und steht schlechthin vor meinem Bcwußtscyn, shiic irgend eine Folgerung. Ich kann nicht- wie ich so eben thac, sagen, daß die Empfindung sich in ein Empfindbares verwandle. Daß Empfindbare, als solches, ist im Bewußk- seyn das erste. Nicht von einer Assertion, die da roth, glact uno dergleichcir, sondern von einem Rochen, Glatten n. >. w. außer mir, hebt das Bewußt,eyn an. D. G. Wenn du mir nun aber erklären sollst, was das seu, Noch, Glatc und dergleichen; wirst du nur andres antworten können, als, es sey, nras dich auf eine gewisse Weise affieire, die du roch, glatt und dergleichen nennest? I. Wohl — wenn du mich fragst, und ich auf deine Frage, und auf das Erklären überhaupt mich cinlasse. Ursprünglich aber fragt mich Niemand, und ich selbst frage mich nicht. — Ich vergesse mich selbst gänznch, und verliere mich in der Anschauung; werde mir meines Zustandes gar nicht, sondern nur eines Scyns außer mir, bewußt. Das Rothe, Gru- ne und dergleichen ist eine Eigenschaft des Dingos, es ist eben roch oder grün, und damit gut. Es wird nicht weiter erklärt; eben so wenig, als unsrer obigen Uebereinknnft nach, dasselbe, als Assertion weiter erklärt werden kann. — Bei der Gesichtsempsindung ist dies am anfallendsten. Die Farbe erscheint außer mir, und der sich selbst überlassene, nicht weiter über sich nachdenkrnde Menschenverstand möchte wohl schwerlich daraus gerathcn, Noch oder Grün zu erklären, als dasjenige, was eine bestimmte Assertion in ihm errege. D. G. Ohne Zweifel aber auch süß oder sauer? — Es gehört nicht hierher zu untersuchen, ob der Eindruck durchs Gesicht überhaupt reine Empfindung, — ob er nicht vielmehr ein Mittelding zwischen Empfindung und Anschauung, und das Verbindungsmittel beider in unsrem Geiste scy. — Aber ich gebe dir deine Bemerkung vollkommen zu, und sic ist mir höchst willkommen. Du kannst allerdings dir selbst in der Anschauung verschwinden; und ohne eine besondere Aufmerksamkeit auf dich selbst, oder ohne Interesse für irgend ein äußeres Handeln, verschwindest du dir sogar na- türlich und nothwendig. — Dies ist die Bemerkung, ans welche die Verthcidigcr eines vorgeblichen Bewußtseyn -- an sich außer uns vorhandene Dinge, sich berufen, wenn man ihnen zeigt, daß der Satz des Grundes, durch welchen auf sie geschlossen werden könnte, doch nur in uns sey; sie läugncn dann, daß über/ Haupt ein Schluß gemacht werde; und dieß muß man ihnen, in wiefern sie von dem wirk« liehen Bewußtseyn in gewissen Fällen reden, ja nicht abstreiten wollen: — dieselben Ver- theidiger, welche, wenn man ihnen nun die Natur der Anschauung aus den eignen Gcsez- zen der Intelligenz erklärt, selbst wiederum den Schluß machen; und nicht müde werben zu wiederholen, daß denn doch etwas außer uns seyn müsse, welches uns nöthige, gerade so vorzustellcn. I. Ereifre dich jetzo nicht über diese/ soi» Lern belehre mich. Ich habe keine vorgehißte Meinung, sondern will die wahre Meinung erst suchen. D. S. Dennoch geht dieAnschauuttg noch- wendig aus von der Wahrnehmung deines eigenen Zustandes, nur daß du dieser Wahrnehmung dir nicht immer deutlich bewußt wirst, wie du oben durch Schlüsse eingesehcn hast. Auch ist sogar in demjenigen Bcwußtscyn, da bu im Objecte dich selbst verlierst, stets etwas, das nur durch ein unvermerktes Denken an dich selbst, und genaues Beobachten deines eignen Zustandes, möglich ist. I. — Daß sonach stets, und allgegenwärtig das Bcwußtscyn des Seyns außer mir von dem, nur nicht bemerkten, Bewußtseyn meiner selbst begleitet würde? D. G. Nicht anders. 1. — Das erstere durch das letztere bestimmt würde; — so würde, wie es ist? D. G. So meine iclss. 2. Zeige mir dies, so genügt mir. D. G. — 145 — D. G. Setzest du die Dinge überhaupt nur im Raume, oder setzest du jedes als aus.' füllend einen bestimmten Thell des Raums? I. Das letztere, jedes Ding hat seine bestimmte Größe. D. S. Und die verschiedenen Dinge, fal.' len sie dir in dieselben Theile des Raums? I. Keincsweges; sie schließen einander aus. Sie sind neben, über und unter, hinter und vor einander; mir näher, oder von mir entfernter. D. G. Und wie kommst du zu diesem Messen und Ordnen derselben im Raume? Zst es Empfindung? I. Wie könnte cs, da der Raum selbst keine Empfindung ist. D. <8. Oder Anschauung? I. Dies kann nicht scyu. Die Anschauung ist unmittelbar und untrüglich. Was in ihr liegt, erscheint nicht als hcrvorgebracht, und kann nicht täuschen. Aber überdem nach Gutdünken Schätzen, und Ermessen und Ueberlegen f ic, ) der Größe eines Gegenstandes, seiner Entfett ming, seiner Lage zu andern Gegenständen, betreffe ich mich sogar; und es ist eine jedem Anfänger bekannte Bemerkung, daß wir ursprünglich die Gegenstände alle in derselben Linie neben einander erblicken, daß wir erst lernen müssen, ihre größere Entfernung oder Nähe zu schätzen, daß das Kind nach dem entfernten Gegenstände greift, als ob derselbe unmitelbar vor seinen Augen liege, und daß der Blindgebornc, der plötzlich das Gesicht erhielte, dasselbe thun würde. Jene Vorstellung ist sonach ein Urtheil; keine Anschauung, sondern ein Ordnen meiner mannigfaltigen Anschauungen durch den Verstand. — Auch kann ich in dieser Schätzung der Größe, Entfernung u. s. w. irren; und die sogenannten Gesichtstäuschungen scheinen gar nicht Täuschungen durch das Gesicht, sondern irrige Urthcile zu scyn über die Größe des Gegenstandes, über die Größe seiner Theile im Verhältniß gegen ciuandcr, und was daraus folgt, über seine wahre Figur, über seine Entfernung von mir und andern Gegenständen. Im Räume überhaupt, indem ich ihn anschauc, ist er wirklich, und die Farbe die ich an ihm sehe, sehe ich gleichfalls wirklich; und hierin befindet sich keine Täuschung. D. G> Und welches mag wohl das Prim cip dieser Beurthcilnng — daß ich den bestimmtesten und leichtesten Fall sehe, — der Veurtheilung der Nähe oder Entfernung der Gegenstände von dir scyn? wonach magst du sie schätze-«, diese Entfernung? I. Ohne Zweifel nach der grbsscrn Starke oder Schwäche übrigens gleichartiger Eindrücke. — Ich erblicke vor mir zwei Gegenstände von demselben Roth. Der, dessen Farbe ich deutlicher sehe, ist mir näher; der dessen Farbe ich schwächer erblicke, entfernter, und um so viel entfernter, als ich sic schwächer ecr blicke. D. G. Also nach dem Maße der Stärke oder Schwäche benrthcilst du die Entfernung: «Iid diese Stärke oder Schwache selbst beuv- theilst du? — I. Offenbar mir, inwiefern ich auf meine Assertionen als solche merke, und noch dazu auf einen sehr feinen Unterschied in denselben, merke. — Du hast mich besiegt. Alles Be- wußtfeyn des Gegenstandes außer mir ist durch das klare, genaue Bewußtseyn meines eignen Zustandes bestimmt, und es wird in demselben immer ein Schluß vom Begründeten in mir auf einen Grund außer mir gemacht. D. G. Du giebst dich bald besiegt, und ich muß nun selbst statt deiner den Streit gegen mich fortführcn. — Mein Beweist kann doch nur gelten für diejenigen Fälle, da ein eigentliches Erwägen und Ueberlege» der Grösse, der Entfernung, der Lage des Gegenstandes statt findet, und du dir dessen bewußt wirst. Du wirst aber gestehen, daß dies das Gewöhnliche nicht ist, daß du vielmehr meisten- theils unmittelbar in demselben ungetheilcen Momente, da du dir des Gegenstandes be- — 14Y — mußt wirst, dir zugleich seiner Grösse, Entfernung u. s. w. bewußt wirst. I. Wenn einmal die Entfernung des Gegenstandes nur nach der Stärke des Eindrucks beurtheilt wird, so ist dieses schnelle Urtheil lediglich die Folge des ehemaligen Erwägens. Ich habe durch lebenslängliche Ucbung gelernt, schnell die Stärke des Eindrucks zu bemerken, und die Entfernung darnach zu benrtheilcn. Es ist ein schon ehemals durch Arbeit Zusammengesetztes aus Empfindung, Anschauung, und ehemaligem Urtheil, — von welchem meine gegenwärtige Vorstellung ansgehr; welcher letztem allein ich mir bewußt werde. Ich fasse nicht mehr überhaupt das Roth, Grün und dergleichen außer mir, sondern ein Noch oder Grün, von dieser, und dieser, und dieser Entfernung auf; dieser letzte Zulatz aber ist bloße Erneuerung eines schon ehemals durch Ueberlegung zu Stau- de gebrachten Urt Heils. D. G. Ist dir nun nicht zugleich klar ge- worden, ob du das Ding außer dir anschauest, oder ob du cs denkest, oder ob du beides chust, und in wiefern jedes von beiden? I. Vollkommen; und ich glaube jetzt die vollständigste Einficht in die Entstehung der Vorstellung von einem Gegenstände außer mir erlangt zu haben. 1) Ich bin schlechthin, weil Ich Ich bin, meiner selbst mir bewußt; und zwar thcils als eines praktischen Wesens, thcils als einer Intelligenz. Das erste Bcwußtseyn ist Empfindung, das zweite die An' schauung, der unbegränzte Raum. 2) Unbcgränztcs kann ich nicht fassen, denn ich bin endlich. Ich bcgranze daher durch Denken einen gewissen Raum im allgemeinen Räume, und setze den ersten zum letzten in ein gewisses Verhältnis. ?) Der Maasstab dieses begränzten Raums ist das Maas meiner eignen Empfindung» nach einem Satze, den man sich etwa den kcn , und so ausdrücken könnte: was mich in dem und dem Maaße affieirt, ist im Raume in dem und dem Verhältnisse zu dem übrigen mich affirirenden zu schein Die Eigenschaft des Dinges stammt aus der Empfindung meines eignen Zustandes; der Raum, den cS erfüllt, aus der Anschauung. Durch Denken wird beides verknüpft, die erste- re auf den letztem übertragen. Es ist allerdings so, wie wir oben sagten: dadurch daß es in den Raum gesetzt wird, wird mir Eigenschaft des Dinges, was eigentlich nur mein Zustand ist; aber cs wird in dem Raum gesetzt nicht durch Anschaucn, sondern durch Denken, durch messendes und ordnendes Denken. Ein Erdenken, Erschaffen durch Denken, liegt gedoch in diesem Akte nicht, sondern lediglich ein Bestimmen des durch Empfindung und Anschauung, unabhängig vom Denken, gegebnen. D. S. Was mich in dem und dem Maaße affieirt, ist in dem und dem Verhältnisse zu setzen; folgerst du beim Begrenzen und Ord. neu dcr Gegenstände ün Räume. Liegt nun der Behauptung, daß dich etwas in einem gewissen Maaße afsieirc, nicht die Voraussetzung zum Grunde, daß cs dich überhaupt asficire? I. Ohne Zweifel. D. G. Und ist irgend eine Vorstellung eines äußern Gegenstandes möglich, dcr nicht ans diese Weise im Raume begränzr und geordnet werde? I. Nein; kein Gegenstand ist überhaupt im Raume, sondern jeder ist in einem bestimmten Raume. D. G. Sonach wird in dcr That, ob du dir nun dessen bewußt werdest, oder nicht, jeder äußere Gegenstand vorgestcllt, als dich afficirend; so gewiß er vorgestcllt wird, als einen bestimmte» Raum einnehmend. I. Das folgt allerdings. D. G. Und welche Art von Vorstellung ist die von einem dich affieirendcn? I. Offenbar ein Denken; und zwar ein Denken nach dem oben erörterten Satze des Grundes. — Zch sche jetzt noch bestimmter cm, daß das Bewußtscyn des Gegenstandes ans zweierlei Art an mein Sclbstbcwußtscyn gleichsam angehcftet ist, thcils durch die Anschauung, thcils durch das Denken nach dem Satze des Grundes. Der Gegenstand ist, so sonderbar dies scheine, beides; unmittelbares Objcet meines Bewußtscyns, und erschlossen. D. G. Beides wohl in verschiedener Rücksicht und Ansicht. — Du mußt dieses Denkens des Gegenstandes dir doch bewußt werden können? I. Ohne Zweifel; nncrachtet ich desselben gewöhnlich nicht bewußt werde. D. G. Du erdenkst dir sodann zu dem Leiden in dir, deiner Affcction, eine Thätigkeit außer dir hinzu, so wie du oben das Denken nach dem Satze des Grundes beschriebest? I- Ja. D. G. Und mit derselben Bedeutung und Gültigkeit, als du cs oben beschriebest. Du denkst nun einmal so, und mußt so denken, du kannst cs nicht andern, und kannst weiter nichts wissen, als daß dn so denkest? I. Nicht anders. Wir haben alles dies im Allgemeinen schon ans einandergesetzt. D. G. D» erdenkst dir den Gegenstand, sagte ich: inwiefern er das Gedachte ist, ist er Produkt lediglich deines Denkens? I. Allerdings; denn so folgt cs aus dem obigen. D. G. Und was ist nun dieser gedachte, dieser nach dem Satze des Grundes crschlvßne Gegenstand? I- Eins Kraft außer mir. D. S. Die du weder empfindest, noch anschauest? I. Kcincsweges. Zch bleibe mir immer sehr wohl bewußt, daß ich sie schlechthin nicht unmittelbar, sondern nur vermittelst ihrer Aen- ßcrmigcn fasse; ungeachtet ich ihr ein Daseyn unabhängig von mir zuschrnbe. Zch werde affieirt, denke ich; es muß sonach doch etwas geben, das mich assieirt. D. G. Sonach sind allerdings das ange- schaute Ding, und das gedachte Ding, zwei sehr verschiedene Dinge. Das dir wirklich unmittelbar vorschwebcndA, und durch den Raum verbreitete, ist das ange sch ante; die innere Kraft in demselben, die dir gar nicht vorschwebt, sondern deren Daftyn du nur durch einen Schluß behauptest, ist das gedachte Ding. I. Die innere Kraft in demselben, sagtest du; und ich bedenke mir eben, daß du Recht hast. Zch setze diese Kraft selbst auch in den Raum, trage sie auf die denselben auü- ftillende angeschaute Masse über. D. G. Wie sollen denn, deiner nothwen- digcn Ansicht nach, diese Kraft und diese Masse sich gegen einander selbst verhalten? I. So: Die Masse mit ihren Eigenschaften ist selbst Wirkung und Acußcrung der Innern Kraft. Diese Kraft hat zwei Wirkungen; eine, wodurch sie sich selbst erhält, und sich diese bestimmte Gestalt giebt; in der sie erscheint; eine andere aus mich, da sie mich ans eine bestimmte Weise afficirt- D. G. Du suchtest vorhin noch einen andern Träger der Eigenschaften, als den Raum, >n welchem sie sich befinden; noch ein anderes dauerndes in dem Wechsel der Veränderungen, als ihn, diesen Raum? I- Wohl, und dieses dauernde ist gefunden. Es ist dis Kraft selbst. Sic bleibt bei allem Wechsel ewig dieselbe, und sie ist's, welche Eigenschaften annimmt und trägt. D. G. Acht einen Blick auf alles bis jetzt Gefundene. Du fühlst dich in einem gewissen Zustande, den du roch, glatt, süß n. s. w. nennest. Du weißt darüber nichts, als daß du dich eben fühlst, und dich so fühlst, oder weißt du mehr? — Liegt im bloßen Gefühle noch etwas anderes, als — das bloße Gefühl? I. Nein. D. G. Es ist ferner die Bestimmung deiner selbst als Znrelligenz, daß dir ein Raum vorschwebt. Oder weißt du hierüber mehr? I. Keincswcges. D. G. Zwischen jenem gefühlten Anstande, und diesem die vorschwebcnden Raume ist nun nicht der geringste Zusammenhang; außer, daß nun einmal beides in deinem Bewußtseyn vorkommt. Oder sichst du etwa noch einen andern Zusammenhang? I. Ich sehe keinen. D. G. Nun aber bist du auch denkend, eben so schlechthin, wie du fühlend und anschauend bist; und du weißt darüber nichts weiter, als, daß du cs eben bist. Du fühlst deinen Zustand nicht bloß, sondern du denkst ihn auch; aber er gicbt dir keinen vollständigen Gedanken; du bist gcnöthigt, im Denken noch etwas anders zu ihm hinzusehcn, einen Grund desselben außer dir, eine fremde Kraft. Weißt du nun hierüber mehr, als — daß du eben so denkst, und eben genöthigt bist, so zu denken? I. Ich kann darüber nicht mehr wissen. Zch kann mir nichts außer meinem Denken denken; denn dadurch, daß ich es denke, wird cs ja mein Denken, und fällt unter die unvermeidlichen Gesetze desselben. D. G. Durch dieses Denken entsteht dir. nun erst ein Zusammenhang zwischen deinem Zustande, den du suhlst, und dem Raume, de» du anschauest, du denkst in den letztem den Grund des erster» hinein. Oder ist cs nicht so? I. Es ist so. Daß ich den Zusammenhang beider in meinem Bcwußtscyn nur durch mein Denken hcrvorbringe, und daß dieser Zusammenhang weder gefühlt, noch ange- schaut wird, hast du klarlich nachgcwiesen. Von cincm Zusammenhänge außer meinem Bewußtsein aber kann ich nicht reden, einen solchen kann ich auf keine Weise darstcl- lcn; denn eben, indem ich davon rede, weiß ich ja davon, und, da dieses Bewußtsein! nur ein Denken seyn kann, denke ich ihn ja; und es ist ganz derselbe Zusammenhang, der in meinem gemeinen natürlichen Bewußtsein! vorkommt, und kein anderer. Zch bin über dieses Bewußtsein! um keines Haares Breite hinaus gekommen; eben so wenig, als ich je über mich selbst hinweg springen kann. Alle Versuche, einen solchen Zusammenhang an sich, ein Ding an sich, das mit dem Zeh an sich, an sich zusammenhängt, zu denken, sind lediglich ein Zgnorircn nnscrs cignM Denkens, ein sonderbares Vergessen, daß wir keinen Gedanken haben können, ohne ihn — eben zu denken. Zcncs Ding an sich ist ein Gedanke; der — ein stattlicher Gedanke scyn soll, und welchen doch niemand gedacht haben will. D. G. Von dir also habe ich keine Einwendungen zu fürchten gegen die entschlossene Aufstellung des Satzes, daß das Bewnßc- seyn eines Dinges außer uns absolut nichts weiter ist, als das Produ kt u n - sers eignen Vorstellungs-Vermögens, und daß wir über das Ding nichts weiter wissen, als was wir darüber — eben wissen, durch unser Bewußtseyn setzen, — dadurch, daß wir überhaupt Bewußtseyn, und ein so bestimmtes, unter solchen Gesetzen stehendes Bewußtseyn haben, hervorbringcn? I- Ich kann nichts dagegen einwenden; es ist so. D. S. — Keine Einwendungen gegen den kühnem Ausdruck desselben Satzes: daß wir bei dem, was wir Erkenntniß und Betrachtung der Dinge nennen, immer und ewig mir uns selbst erkennen, und betrachten, und in allem unserm Bewußtsein: schlechterdings von nichts wissen, als von uns selbst, und unsern eignen Bestimmungen. Ich sage: auch dagegen wirst du nichts einwendcn können; denn wenn einmal das außer uns überhaupt uns nur durch unser Bewußtsein, selbst entsteht, so kann ohne Zweifel auch das Besondere und Mannigfaltige dieser Außenwelt auf keinem andern Wege entstehen; und wenn der Zusammenhang dieses Außer uns mit uns selbst nur ein Zusammenhang in unsern Gedanken ist, so ist der Zusammenhang der mannigfaltigen Dinge unter einander selbst ohne Zweifel kein anderer. Zch könnte die Ge- setzc, setze, nach denen die ein Mannigfaltiges von Gegenständen entsteht, die doch unter sich zn- saminenhängen, mir eiserner Nochwendigkeit einander gegenseitig bestimmen, und auf diese Weise ein Weltsystem bilden, wie dn cs dir selbst sehr wohl beschrieben hast — ich könnte dicje Gejctze dir eben so klar in deinem eignen Denken Nachweisen, als ich jetzt die Entstehung eines Gegenstandes überhaupt und seines Zusammenhanges mit dir selbst dir darin nachge- wiesen habe; und ich überhebe mich dieses Geschäftes lediglich darum, weil ich finde, daß du mir das Resultat, worauf allein es mir ankommt, ohne dies zugeben mußt. I- Zch sehe alles ein, und muß dir alles zugeben. D. G. Und mit dieser Einsicht, Sterblicher, sey frei, und auf ewig erlöset von der Furcht, die dich erniedrigte und guälce. Du wirst nun nicht länger vor einer Nothwendig- keit zittern, die nur in deinem Denken ist, nicht länger fürchten von Dingen unterdrückt zu werden, die deine eignen Produkte sind, nicht länger dich, das Denkende, mit dem aus dir selbst hcevorgchcnden Gedachten, in Eine Klasse stellen. So lange du glauben konntest, daß ein solches System der Dinge, wie du cs dir beschrieben, unabhängig von dir außer dir wirklich existier, und daß du selbst ein Glied i» der Kette dieses Systems scyn möchtest, war diese Furcht gegründet. Jetzt nachdem du eingesehen hast, daß alles dies nur in dir selbst und durch dich selbst ist, wirst du ohne Zweifel nicht vor dem dich fürchten, was du für dem eignes Geschöpf erkannt hast. Von dieser Furcht nur wollte ich dich be, freien. Jetzt bist du von ihr erlöst, und ich überlasse dich dir selbst. I. Halt, betrüglicher Geist. Ist dies die Weisheit ganz, zu der du mir Hoffnung gemacht hast, und rühmst du, daß du so mich befreiest? — Du befreiest mich, es ist wahr: Du sprichst mich von aller Abhängigkeit los; indem dn mich selbst in Nichts, und alles um mich herum, wovon ich abhängen könnte, in Nichts verwandelst. Du hebst die Nothwcn- digkeit auf, dadurch, daß du alles Seyn auf« hebest, und rein vertilgst. D. v. hat, in welchem dieses Vermögen ruht, oder wie du etwa diesen Gedanken fast sen willst — wie g'lange ich denn dazu? Werde ich desselben mir unmittelbar bewußt? Wie könnte ich? Nur des wirklichen bestimmten Vorstellcns, Denkens, Wollen«, als einer bestimmten Begebenheit, in mir, werde ich mir unmittelbar bewußt, kcineöweges aber des Vermögens dazu, und noch weniger eines Wesen«, in dem dieses Vermögen ruhen soll. Ich schaue unmittelbar an dieses bestimmte Denken, das ich im gegenwärtigen Momente vornehme, und dieses und dieses in andern Momenten; und hiebei hat diese innre intclleetuellc Anschauung, dieses unmittelbare Bewußtseyn sein Ende. Dieses innerlich angeschaute Denken, denke ich nun selbst wieder; aber dasselbe ist nach den Gesehen, unter denen nun einmal mein Denken steht, ein Halbes und Unvollständiges für mein Denken; eben so wie oben — -66 — das Denken meines bloßen Zustandes in der Empfindung nur ein halber Gedanke war. Wie ich oben zu dem Leiden unvermerkt eine Thatigkcit hinzudachre, so denke ich hier zu dem bestimmten (meinem wirklichen Denken oder Wollen) ein bestimmbares, (ein unendlich mannigfaltiges mögliches Denken oder Wollen) hinzu: weil ich muß, und aus demstlben Grunde, ohne meines Hinznden- kcns, als eines solchen, mir bewußt zu werden. Dieses mögliche Denken fasse ich weiter als ein bestimmtes Ganze auf; abermals weil ich muß, da ich nichts unbestimmtes fassen kann, und so wird es mir ein endliches Vermögen zu denken; und sogar, da durch dieses Denken mir etwas unabhängig von dem Denken Vorhandenes vorgcstellt wird, ein Scyn und Wesen; das dieses Vermögen hat. Doch: es läßt sich aus höher» Prinzipien »och anschaulicher machen, wie dieses denkende l , — r6y — Wesen bloß durch sein eignes Denken sich erzeugt. — Mein Denken ist überhaupt genetisch: — eine Erzeugung des unmittelbar Gegebnen voraussitzcnd, und dieselbe beschreibend. Die Anschauung liefert das nackte Factum, und nichts weiter. Das Denken erklärt dieses Factum, und knüpft cs an an ein anderes, in der Anschauung keincsweges liegendes, sondern rein durch das Denken selbst erzeugtes, ans welchem es, (dieses Factum) hcrvorgche. So hier. Zch bin mir eines bestimmten Denkens bewußt; so weit und nicht weiter das anjchauende Bewußtsein. Zch denke dieses bestimmte Denken; das heißt, ich lasse cö aus einer, jedoch bestimmbaren, Unbestimmtheit hcrvorgehcn. — To verfahre ich mit jedem Bestimmten, das- im unmittelbaren Bewußtsein: vorkommt, und daher entstehen mir alle diese Reihe» von Vermögen, und von Wesen, die diese Vermöge» besitzen, welche ich annehme. D. G. Du bist dir st nach, auch in Ab, sicht deiner selbst, nur bewußt, daß du diesen oder jenen bestimmten Zustand empfindest, st bestimmt anschauest, so bestimmt denkest? I. Daß Ich empfinde, Ich anschaue, Ich denke? — als Nealgrund das Empfiu, den, Anschaucn, Denken hervorbriuge? — KeincswegeS. Auch nicht so viel lassen mir dci, ne Grundsätze übrig. D. G. Auch wohl möglich! I. Auch nothwcndiq, denn siehe nur selbst: Alles was ich weiß, ist mein Bewußt, styn selbst. Jedes Bcwußtscyn ist entweder ein unmittelbares, oder ein vermitteltes. Das crstcre ist Sclbsibewußtscyn, das zweite. De, wußtscvu dessen, was nicht ich selbst ist. Was ich Ich neune, ist sonach schlechthin nichts an, dcrs, als eine gewisse Modification des Be, wußtseyus, welche Modification Ich heißt, eben weil sie ein unmittelbares, ein in sich zurückgehen- des, und nicht nach außen gerichtetes Bewußt, scyii ist. — Da alles Vcmußtsct-n nur unter Bedingung des unmittelbaren Vcwußtseyns möglich ist, so versteht sich, daß das Be,' wußtseyn Ich alle ineinc Vorstellungen begleitet, in ihnen, wenn auch nicht immer von mir deutlich bemerkt, nothwendig liegt, und ich in jedem Momente meines Bewußtseyns sage: Zch, Ich, Zch, und immer Zch — nemlich Zch, und nicht das bestimmte in diesem Momente gedachte Ding außer mir. — Aus diese Weise würde mir das Zch in jedem Memcntc verschwinden und wieder neu werden; zu jeder neuen Vorstellung wurde ein neues Zch entstehen; und Zch würde nie etwas anders bedeuten, als Nicht- d i n g. Dieses zerstreute Selbstbewußtsepn wird nun durch das Denken, durch das bloße Denken, sage ick, in der Einheit des — erdichteten Vermögens vorzustellen; znsammengefaßt. Alle Vorstellungen, die von dem unmittelbaren Be- 172 wußtscyn meines Vorstellens begleitet werden, sollen, zufolge dieser Erdichtung, aus Einem und demselben Vermögen, das in Einem und demselben Wesen ruht, hervorgehen; und so erst entsteht mir der Gedanke von Identität, und Perjönlichkcit meines Ich und von einer wirkenden und reellen Kraft dieser Person; uochwcndig eine bloße Erdichtung, da jenes Vermögen und jenes Wesen selbst nur erdichtet ist- D. G. Du folgerst richtig. I. Und du hast deine Freude daran? — Ich kann sonach wohl sagen: cs wird gc- dacht — doch: kaum kann ich auch dies sa- gcrr — also, vorsichtiger, es erscheint der Gedanke: daß ich empfinde, anschaue, denke; kcinesweges aber: ich empfinde, schaue an, denke. Nur das erstere ist Factum; das zweite ist hinzu erdichtet. D- E. Wohl ausgedrückt! I. Es giebc überall kein Dauerndes, wo- der außer mir, noch in mir, sondern nur einen unaufhörlichen Wechsel. Ick weiß überall von keinem Seyn, und auch nicht von meinem eignen. Es ist kein Sern. — Zeh selbst weiß überhaupt nicht, und bin nicht. Bilder sind: sie sind das Einzige, was da ist, und sie wissen von sich, nach Weise der Bilber: — Bilder die vorüberschwebcn, ohne das etwas scy, dem sie vorüberschweben; die durch Bilder von den Bildern Zusammenhängen, Bilder, ohne etwas in ihnen Abgcbildctes, ohne Bedeutung und Zweck. Zeh selbst bin eins dieser Bilder; ja, ich bin selbst dies nicht, sondern nur ein verworrenes Bild von den Bildern. — Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt; in einen Traum, der in einem Traume von sich selbst znsainmcnhängt. Das An schauen ist der Traum; das Denken, — die Quelle alles Seynö, und aller Realität, die ich mir einbilde, meines SeynS, meiner Kraft, meiner Zwecke, — ist der Traum von jenem Traume. D. (o. Du hast alles sehr gut gefaßt. Bediene dich immer der schneidendsten 'Ausdrücke und Wendungen, um dieses N u tat verhaßt zu machen, wenn du dich ihm :"r unterwerfen mußt, lind dies mußt du. Du hast klar eingeschcn, daß es nun einmal nicht anders ist. Oder — möchtest du etwa dein Geständnis zurückuehmen, und diese Zurücknahme mit Gründen rechfertigen? I. Keiaesweges. Zch habe cingeschen, nnd sehe klar ein, daß eö so ist; ich kann cs nur nicht glauben. D. G. Du siehst es ein; nnd kannst eS nur nicht glauben? Das ist ein anderes. I. Du bist ein ruchloser Geist: deine Erkenntnis selbst ist Ruchlosigkeit, und stammt aus Ruchlosigkeit, und ich kann cs dir nicht danken, daß du mich auf diesen Weg gebracht hast. D. G. Kurzsichtiger! Das nennen deines gleichen Ruchlosigkeit/ wenn man sich getraut, zu sehen, was da ist, und so weit sieht als sie selbst; und dann auch noch weiter. — Ich habe dich nach Wchlgssallen die Resultate unserer Untersuchung ziehen, aus einander setzen, in gehässige Ausdrücke fassen lassen. Glaubtest du denn, daß diese Resultate mir weniger bekannt wären, und daß ich nicht sowohl begriffe, als du, wie durch jene Grundsätze alle Realität durchaus vernichtet, und in einen Traum verwandelt würde? Hast du mich denn scheinen blinden Verehrer und Lobredner dieses Systems, als vollständigen Systems des menschlichen Geistes, gehalten? Du wolltest wissen; und hattest dafür einen sehr falschen Weg cingeschlagcn; du suchtest das Wissen da, wohin kein Wissen reicht, und hat,, tcst dich schon überredet, etwas einzuschen, das gegen das innere Wesen aller Einsicht streitet. Ich fand dich in diesem Zustande. Ich wollt, dich von dcincm falschen Wissen befreien; keineswegs aber dir das wahre bcibringen. Du wolltest wissen von dcincm Wissen. Wunderst du dich, daß du auf diesem Wege auch nichts weiter erfuhrst, als — wovon du wissen wolltest, von deinem Wissen selbst; und möchtest du, daß cs anders sey? Was durch das Wissen, und aus dem Wissen entsteht, ist nur ein Wissen. Alles Wissen aber ist nur Abbildung, und cs wird in ihm immer etwas gefodert, das dem Bilde entspreche. Diese Foderung kann durch kein Wissen befriedigt werden; und ein System des Wissens ist noth- wcndig ein System bloßer Bilder, ohne alle Realität, Bedeutung und Zweck. Hast du etwas anders erwartet? Willst du das innere Wesen deines Geistes ändern, und deinem Wissen anmuthen mehr zu seyn, denn ein Wissen? Die Realität, die du schon erblickt zu haben glaubtest, eine unabhängig von dir vorhandene Sinnen- Snmcnwekt, deren Selav du zu werden fürchr tetest, ist dir verschwunden; denn diese ganze Sinncmveit entsteht nur durch das Wissen, und ist selbst unser Wissen; aber Wissen ist nicht Realität, eben darum, weil cs Wissen ist. Du hast die Täuschung cingcsehen, und kannst, ohne deine bessere Einsicht zu verläug- ncn, dich nie derselben wieder hingcben. Und dies ist denn das einige Verdienst, das ich an Lein Systeme, das wir so eben mit einander gefunden, rühme: cs zerstört und vernichtet den Zrrchum. Wahrheit geben kann cs nicht; denn eü ist in sich selbst absolut leer. Nun suchst du denn doch etwas, außer dem bloßen Bilde liegendes Reelles — mit deinem guten Rechte, wie ich wohl weiß — und eine andere Realität, als die so eben vernichtete, wie ich gleichfalls weiß. Aber du würdest dich vergib bcns bemühen, sie durch dein Wissen, und aus deinem Wissen zu erschaffen, und mit deiner krkenntniß zu umfassen. Hast du kein ander L ls Z res Organ, sie zu ergreifen, so wirst du sie nimmer finden. Aber du hast ein solches Organ. Belebe cs nur, und erwärme es; und du wirst zur vollkommensten Ruhe gelangen. Ich lasse dich mit dir selbst allein. Drittes Buch. Glaube. deine Unterredung hat Mich niedergeschmct- ccrt, furchtbarer Geist. Aber du verweilest mich an mich selbst. Und was wäre ich auch, wenn irgend etwas außer mir mich unwiderbringlich Niederschlagen könnte? Zch werde, o ich werde sicher deinem Rache folgen. Was suchest du doch, mein klagendes Herz? Was ist es, das dich gegen ein Lehrgebäude empört, dem mein Verstand nicht die geringste Einrede entgegen sehen kann? Dies ist es: Zch verlange etwas außer der bloßen Vorstellung Liegendes, das da ist, und war, und seyn wird, wenn auch die Vorstellung nicht wäre; und welchem die Vorstellung lediglich znsieht, ohne es hervor znbringen, oder daran das Geringste zu ändern. Eine bloße Vorstellung sehe ich für ein trügendes Bild an; meine Vorstellungen solle«? etwas bedeuten, und wenn meinem gesummten Wissen nichts außer dem Wissen entspricht, so finde ich mich um mein ganzes Leben betro- gen. Es ist überall nichts außer meiner Vorficlluug — ist dem natürlichen Sinne ein lächerlicher thörichter Gedanke, den kein Mensch in vollem Ernste äußern könne, und der keine Widerlegung bedürfe. Er ist dem unterrichteten Urtheile, welches die tiefen, durch bloßes Räsonnement unwiderlegbaren Gründe desselben kennt, ein nlederschlagcndcr und vernichtender Gedanke» Und welches ist denn dieses außer der Vorstellung Liegende, das ich mit meinem heißesten Sehnen umfasse? Welches die Gewalt, mit der es sich mir aufdringt? Welches ist der Mittelpunkt in meiner Seele, an welchen cs sich hängt und anhestet — nur zugleich mit ihr selbst vcrtilgbar? Nicht bloßes Wissen, sondern nach deinem Wissen Thun ist deine Bestimmung: so ertönt es laut im Znnersten meiner Seele, so bald ich nur einen Augenblick mich sammle und auf mich selbst merke. Nicht zum müßigen Beschauen und Betrachten deiner selbst, oder zum Brüten über andächtigen Empfindungen, — nein, zum Handeln bist du da; dein Handeln und allein dein Handeln bestimmt deinen Werth. Diese Stimme führet mich ja aus der Vorstellung, ans dem bloßen Wissen heraus auf etwas außer demselben Liegendes, mid ihm völlig Entgegengesetztes; auf etwas, das da mehr und höher ist, denn alles Wißen, und den Endzweck des Wissens selbst in sich enthält. Wenn ich handeln werde, jo werde ich ohne Zweifel wissen, daß ich handle, und wie ich handle; aber dieses Wissen wird nicht das Handeln selbst scyn, sondern ihm nur zusehen. — Diese Stimme also kündigt mir gerade das an, was ich suchte; ein außer dem Wissen Liegendes, und seinem Scyn nach von hm völlig Unabhängiges. So ist cs, ich weiß cs unmittelbar. Aber sch habe mit der Spceulation mich einmal ein, gelassen; die Zweifel, welche sie in mie erregt hat, werden insgeheim fortdauern, und mich beunruhigen. Nachdem ich nun in diese Lage mich gesetzt habe, kann ich keine vollkommne Befriedigung erhalten, che nicht alles, was ich annehme, selbst vor dem Richterstuhle der Specularion, gerechtfertigt ist. Zeh habe mich sonach zu fragen: wie wird es so? Woher entsteht jene Stimme in meinem Znnern, wel, che mich aus der Vorstellung heraus weist? Es ist in mir ein Trieb zu absoluter, unabhängiger Sclbstthätigkcit. Nichts ist mir unausstehlicher, als nur an einem andern, für ein anderes, und durch ein anderes zu scyn: ich will für und durch mich selbst etwas seyn und werden. Diesen Trieb fühle ich, so wie ich nur mich selbst wahrnehme; er ist unzertrennlich vereinigt mit dem Bewußtsein meiner selbst. Zeh mache mir das Gefühl desselben durch das Denken deutlich, und setze gleichsam dem «n sich blinden Triebe Augen ein, durch den Begriff. Zeh soll, zufolge dieses Triebes, als ein schlechthin selbstständiges Wesen handeln; so fasse und übersetze ich jenen Trieb. Ich soll selbstständig scyn. — Wer bin Zeh? Subjeet und Object in Einem, das allgegenwärtig Be- wußtseyende und Bewußte, Anschauende und Angcschautc, Denkende und Gedachte zugleich. Als beides soll ich durch mich selbst scyn, was ich bin, schlechthin durch mich selbst Begriffe entwerfen, schlechthin durch mich selbst einen außer dem Begriffe liegenden Zustand Hervorbringen. Aber wie ist das letztere möglich? Schlechthin von Nichts kann ich kein Scyn anknüpfcn; aus Nichts wird nimmer Etwas; mein objectivcs Denken ist nothwendig vermittelnd. Ein Seyn aber, das an ein anderes Scyn an geknüpft wird, wird eben dadurch durch dieses andere Seyn begründet, und ist kein erstes ursprüngliches, und die Reihe auhcbcndce, sondern ein abgeleitetes Seyn. Anknüpfen muß ich; an ein Seyn kann ich nicht anknüpsen. Nun aber ist mcin Denken und Entwerfen eines Zwcckbegrisss seiner Natur nach absolut frei — und etwas aus dem Nichts hcrvorbrin- §end> An ein solches Denken müßte ich mcin Handeln anknüpfen, wenn cS als frei und als schlechthin aus mir selbst hervorgehend soll betrachtet werden können. Aus folgende Weise also denke ich meine Selbstständigkeit als Zeh. Zch schreibe mir das Vermögen zu, schlechthin einen Begriff zu entwerfen, weil ich ihn entwerfe, diesen Begriff zu entwerfen, weil ich diesen entwerfe, aus absoluter Machtvollkommenheit meiner selbst als Zntclligenz. Zch schreibe mir ferner das Vermögen zu, diesen Begriff durch ein reelles Handeln außer dem Begriffe darzustel- len; schreibe mir zu eine reelle, wirksame, ein Scyn hcrvorbringende Kraft, die ganz etwas anderes ist, als das bloße Vermögen der Begriffe. Jene Begriffe, Zweckbegriffc genannt, sollen nicht wie die Erkenntnißbegliffc, Nachbilder eines Gegebnen, sondern vielmehr Vor- bildcr eines Hervorzubringenden scyn; die reelle Kraft soll außer ihnen liegen, und als solche für sich bestehen; sie soll von ihnen nur ihre Bestimmung erhalten, und die Erkemitniß soll ihr zusehen. Eine solche Selbstständigkeit muthe ich mir, zufolge jenes Triebes, wirklich an. Hier, scheint cs, liegt der Punkt, an welchen das Bcwußtscyn aller Realität sich anknüpft; die reelle Wirksamkeit meines Begriffs, ,md die reelle Thatkraft, die ich mir zufolge jener znznschrcibcn genöthigt bin, ist dieser Punkt. Verhalte es sich indcß mit der Realität einer Sinnenwelt außer mir wie cs wolle: Realität habe ich, und fasse ich: sie liegt in mir, und ist in mir selbst einheimisch. Zch denke diese meine reelle Thatkraft, aber ich erdenke sie nicht. Es liegt diesem Gedanken das unmittelbare Gefühl meines Triebes zur Selbstthätigkeit zu Grunde; der Gedanke thut nichts als dieses Gefühl abbil- den, und es aufnehmen in seine eigne Form, die Form des Denkens. Dieses Verfahren scheint vor dem Nichtcrstuhle der Speeulatio» bestehen zu können. Wie? will ich abermals wissentlich und ab, sichtlich mich selbst täuschen? Dieses Verfahren kann vor jenem strengen Gerichte schlechterdings nicht bestehen. Ich fühle in mir ein Treiben und Streben weiter hinaus; dieses scheint wahr zu seyn, und das einzige Wahre, was an der Sache ist. Da Ich es bin, der dieses Treiben fühlt, und da ich über mich selbst, weder mit meinem ganzen Bewußtseyn, noch insbesondere mit meinem Gefühle hinaus kann, da dieses — Ich selbst das letzte bin, wo ich jenes Treiben erfasse, so erscheint es mir freilich als ein in mir selbst gegründetes Treiben zu einer in mir selbst gegründeten Thätigkcit. Könnte es nicht aber doch, nur von mir unbemerkt, das Treiben einer mir unsichtbaren fremden Kraft, und jene Meinung von Selbstständigkeit ledig- kg Täuschung meines auf mich selbst eingeschränkten Gesichtskreises scyn? Ich habe keinen Grund dies anzunehmen; aber eben so wenig einen Grund, es zu läugncn. Ich muß mir bekennen, daß ich darüber schlechthin nichts weiß, noch wissen kann. Fühle ich denn etwa auch jene recke Thar- kraft, die ich mir — wunderbar genug — an- muthe, ohne etwas von ihr zu wissen? Keincs- wcges; sie ist das nach dem wohlbekannten Gesetze des Denkens, wodurch alle Vermögen und alle Kräfte zu Staude kommen, zu dem Bestimmten, der gleichfalls erdichteten reel, len Handlung, hinzu erdichtete Bestimm- b a r e. Ist jenes Hcrausvcrwcisen ans dem bloßen Begriffe auf eine vermeinte Realisieung desselben etwas anders, als das gewöhnliche und wohlbekannte Verfahren alles objeeriven Denkens, da cs kein bloßes Denken seyn, sondern noch etwas außer dem Denken bedeuten will? Durch welche Unredlichkeit, soll dieses Versah- - 1Y0 - reu hier mehr gelten, als anderwärts; — soll es bedeutender scyn, wenn zu dem Gedanken eines Denkens noch eine Wirklichkeit dieses Denkens hmzugesetzt wird, als wenn zu dem Gedanken dieses Tisches noch ein wirklicher Tisch hiiizugesetzt würde? — „Der Zweckbe- „griff, eine besondere Bestimmung der Begebenheiten in mir, erscheint doppelt, Heils als „ein Subjektives, ein Denken, theils als ein „Objektives, ein Handeln," — welche Ver- nnnftgründe könnte ich aufbringcn gegen diese Erklärung, die ohne Zweifel auch einer genetischen Deduktion nicht ermangeln würde? Ich fühle nun einmal jenes Treiben, sage ich: das sage ich denn doch wohl selbst, und denke cö, indem ich es sage? Fühle ich denn nun auch wirklich, oder denke ich etwa nur zu fühlen: ist nicht etwa alles, was ich Gefühl nenne, lediglich durch mein objeetivirendcS Denken vor mich hingestcllt, und etwa der eigentliche erste Durchgangspunkt alles Objektivs rens? Und denke ich denn auch wirklich oder denke ich nur zu denken? Und denke ich wirklich zu denken, oder denke ich etwa nur ein Denken des Denkens? Was kann die Spekulation verhindern, so zu fragen, und so fort- zufragcn ins Unendliche? Was kann ich ihr antworten, und wo ist ein Punkt, da ich ihren Fragen Stillcstand gebieten könnte? — Zch weiß allerdings, und muß der Spekulation gestehen, das man auf jede Bestimmung des Bcwußtseyns wieder rcflektiren, und ein neues Bewußtseyn des ersten Bewußtseins erzeugen könne, daß man dadurch das unmittelbare Bewußtseyn stets um eine Stufe höher rückt, und das erste verdunkelt, und zweifelhaft macht; und daß diese Leiter keine höchste Stufe hat. Ich weiß, daß alle Skepsis auf dieses Verfahren, ich weiß, daß jenes Lehrgebäude, das mich so gewaltig erschüttert hat, auf die Durchführung und auf das deutliche Bewußtseyn dieses Verfahrens sich gründet. Ich weiß, daß, wenn ich mit diesem Lehrgebäude nicht bloß ein andere verwirrendes Spiel treiben, sondern nach demselben wirklich verfahren will, ich jener Stimme in meinem Innern den Gehorsam versagen muß. Ich kann nicht handeln wollen, denn ich kan» nach jenem Lehrgebäude nicht wissen, ob ich handeln kann; ich kann nie glauben, daß ich wirklich handle; das was mir als meine Handlung erscheint; muß mir völlig unbedeutend und als rin bloßes trngliches Bild Vorkommen. Aller Ernst und alles Interesse ist denn rein ans meinem Leben vertilgt, und dasselbe vcrwan, Lelt sich, eben so wie mein Denken, in ein bloßes Spiel, das von nichts ausgcht und «uf nichts hinauslauft. Soll ich jener innern Stimme den Gehör, sam versagen? — Ich will es nicht thun. Ich will jene Bestimmung mir freiwillig geben, die der Trieb mir anmuthet; und will in diesem Entschlüsse zugleich den Gedanken an seine Realität und Wahrhaftigkeit, und an die Rea, lität alles dessen, was er voraussetzt, crgrei, An. Ich will in dem Standpunkte des na< tue. — IYZ — tätlichen Denkens mich halten, ans welchen dieser Trieb mich versetzt, und aller jener Grübeleien und Klügeleien mich ratschlagen, wcl-> che nur seine Wahrhaftigkeit mir zweifelhaft machen könnten. Ich verstehe dich jetzt, erhabner Geist. Ich habe das Organ gefunden, mit welchem ich diese Realität, und mit dieser zugleich wahr/ scheinlich alle andere Realität ergreife. Nicht das Wissen ist dieses Organ; kein Wissen kann sich selbst begründen und beweisen; jedes Wissen setzt ein noch Höheres voraus, als seinen Grund, und dieses Aufstcigen hat kein Ende. Der Glaube ist cö; dieses freiwillige Beruhen bei der sich uns natürlich darbictenden Ansicht, weil wir nur bei dieser Ansicht unsere Bestimmung erfüllen können; er ist es, der dem Wissen erst Beifall giebt, und das, was ohne ihn bloße Täuschung scyn könnte, zur Gewißheit, und Ucberzeugung erhebt. Er ist kein Wissen, sondern ein Entschluß des Willens, das Wissel; gelten zu lassen. s rZ ) Sv halte ich denn auf immer. au diesem Ausdrucke fest, was kciuc bloße Unterscheidung in den Ausdrucken, sondern eine wahre ticfgc- gründete Unterscheidung ist, von der wichtigsten Folge für meine ganze Gesinnung. Alle meine Ueberzeugung ist nur Glaube, und sie kommt aus der Gesinnung, nicht aus dem Verstände. Nachdem ich dies weiß, werde ich mich auf Disputircn nicht einlasscn, indem ich voraussehe, daß damit nichts gewonnen werden kann; ich werde mich durch dasselbe nicht irre machen lassen, weil die Quelle meiner Ueberzcu- gung hoher liegt, als aller Disput: ich werde mir nicht Unfällen lassen, einem andern diese Ueberzeugung durch Vernunftgründc aufdringen zu wollen, und nicht betreten werden, wenn ein solches Unternehmen mißlingt. Zch habe meine Denkart zunächst für mich selbst angenommen, nicht für andere, und will sie auch nur vor mir selbst rechtfertigen. Wer meine Gesinnung hat, den redlichen guten Willen, der wird auch meine Ueberzeugung erhalten: ohne jenen aber ist diese auf keine Weise hcrvorzu- bringen. — Nachdem ich dieses weiß, weiß ich von welchem Punkte alle Bildung meiner selbst, - und anderer ausgehen müsse: Von dem Willen, nicht von dem Verstände. Ist nur der crstcre unverrückt und redlich auf das Gute gerichtet, so wird der letztere von selbst das Wahre fassen. Wird lediglich der letztere geübt, indeß der crstcre vernachläßigt bleibt, so entsteht nichts weiter, als eine Fertigkeit, ins unbedingt Leere hinaus zu grübeln, und zu klügeln. — Ich vermag, nachdem ich dieses weiß, alles falsche Wissen, das sich gegen meinen Glauben erheben könnte, niederzuschlagcn. Zch weiß, daß jede vorgebliche Wahrheit, die durch das bloße Denken hcrausgcbracht, nicht aber auf den Glauben gegründet seyn soll, sicherlich falsch und erschlichen ist, indem bas durchaus durchgeführte, bloße und reine Wissen lediglich zu der Erkenntniß führt, daß wir nichts wissen können; weiß, daß ein solches falsches Wissen Nie etwas anders findet, als was es erst durch den Glauben in seine Vordersätze gelegt hat, aus welcher e6 vielleicht weiter hin unrichtig schließt. — Zeh besitze, nachdem ich dieses weiß, den Prüfstein aller Wahrheit, nnd aller lieber- zeugung. Aus dem Gewissen allein stammt die Wahrheit: Was diesem, und der Möglichkeit, und dem Entschlüsse, ihm Folge zu leisten, widerspricht, ist sicher falsch, und eS ist keine Ucberzeugnng davcn möglich; wenn ich auch etwa die Trugschlüsse, durch die es zu Stande gebracht ist, nicht entdecken könnte. Nicht anders verhält es sich mit allen Menschen, welche je das Licht der Welt erblickt haben. Auch ohne sich dessen bewußt zu scun, fassen sie alle Realität, welche für sie da ist, lediglich durch den Glauben; und dieser Glaube dringt sich ihnen aus mit ihrem Daseyn zw gleich, ihnen insgesamt angebvhren. Wie könnte es auch anders seyn? Liegt im bloßen Wissen, im bloßen Hinschauen und Hindenken, einmal kein Grund, unsre Vorstellungen für mehr zu halten, als für bloße, jedoch mit Nvthwendig- — 197 — keit sich aufdringcnde, Bilder, warum halten wir sie denn alle für mehr, und legen ihnen etwas unabhängig von aller Vorstellung vorhandenes zu Grunde? Haben wir alle das Vermögen und den Trieb, über unsre erste natürliche Ansicht hinaus zu gehen, warum gehen denn so. wenige darüber hinaus, und wehren sich sogar mit einer Art von Erbitterung, wenn man sie dazu zu veranlassen sucht? Was hält sie doch in jener ersten natürlichen Ansicht befangen? Vernunftgründc sind cs nicht, denn cs giebr keine dieser Art; dasZntcrcsse für eine Realität ist's, die sie hcrvorbringen wollen; — der Gute, schlechthin um sie hervorzubringen, der Gemeine und Sinnliche, um sie zu genießen. Von diesem Interesse kann keiner scheiden, der da lebt; und eben so wenig von dem Glauben, den dasselbe mit sich führt. Wir werden alle im Glauben geboh- ren; wer da blind ist, folgt blind dem geheimen und unwiderstehlichen Zuge; wer da sieht, folgt sehend; und glaubt, weil er glauben wiss. Welche Einheit und Vollendung in sich selbst, welche Wurde der meuschlicbcn Natur! Unser Denken ist nicht in sich selbst, unabhänaig von unsern Trieben, und Neigungen, gegründet; der Mensch besteht nicht aus zwei nebeneinander fortlaufenden Stücken, er ist absolut Eins. Unser gesummtes Deusen ist durch unfern Trieb selbst begründet; und wie des Einzelnen Neigungen sind, so ist seine Erkenntnis. Dieser Trieb nöthigt uns eine gewisse Denkart auf, nur solange als wir den Zwang nicht erblicken: aber der Zwang verschwindet, sobald er gesehen wird; und cs ist nun nicht mehr der Trieb, der durch sich, sondern wir selbst sind es, die zufolge des Triebes unsre Denkart bilden. Aber ich soll die Augen eröffnen; soll mich selbst durchaus kennen lernen; ich soll jenen Zwang erblicken; dies ist meine Bestimmung. Zch soll sonach, und werde unter jener Voraussetzung nothwendig mir meine Denkart selbst bilden. Absolut selbstständig, und durch mich selbst vollendet und fertig stehe ich denn da. Die Urquelle alles meines übrigen Denkens und meines Lebens, dasjenige, aus dem alles, was in mir, und für mich und durch mich seyn kann, hcrflicßt, der inuerste Geist meines Geistes, ist nicht ein fremder Geist, sondern er ist schlechthin durch mich selbst im eigentlichsten Sinne hervorgcbracht. Ich bin durchaus mein eignes Geschöpf. Zch hatte blind dem Zuge meiner geistigen Natur folgen können. Ich wollte nicht Natur, sondern mein eignes Werk seyn; und ich bin cs geworden, dadurch daß ich cs wollte. Ich hätte durch unbegränzte Klügelei die natürliche Ansicht meines Geistes zweifelhaft machen und verdunkeln können. Zch habe mich ihr mit Freiheit hingcgebcn, weil ich mich ihr hingebcn wollte. Die Denkart, welche ich habe, habe ich mit Bedacht und Absicht und Ueberlegung aus andern möglichen Denk, arten ausgewählt, weil ich sie für die einzige meiner Würde und meiner Bestimmung ange, messene erkannt habe. Ich habe mit Freiheit 200 undBewußtseim mich selbst in dcn Standpunkt zurückversetzt, auf welchem auch meine Narur mich verlassen hatte. Zch nehme dasselbe an, was auch sie auesagt; aber ich nehme cs nicht an, weil ich muß, sondern ich glaube cs, weil ich will. Mit Ehrfurcht erfüllt mich die erhabene Bestimmung meines Verstandes. Er ist nicht mehr jener spielende und leere Bildner von Nichts, und zu Nichts: er ist mir zu einem großen Zweck verliehen. Seine Bildung für diesen Zweck ist mir anvcrtraut; sie steht in meiner Hand, und wird von meiner Hand gee fordert werden. — Sie steht in meiner Hand. Zch weiß unmittelbar, und mein Glaube braucht bey dieser Aussage meines Bewußtseyns ohne weitere Klügelei; — ich weiß, daß ich nicht gcnüthigt bin, meineGedanken blind und zwecklos hcrumsiattcen zu lassen, sondern daß ich meineAufmerksamkeit willkührlich zu erwecken, und zu richten, sie non diesem Gegenstände i'ocgznwcnden, und ans einen andern zu heften vermag; weiß, daß es nur bei mir steht, von der Erforschung dieses Gegenstandes nicht ab-- zulasten, bis ich ihn ganz durchdrungen habe, und bis die vollendetste Uederzeugung ans ihm mir entgegen strahlt; weiß, daß es weder eine blinde Nsthwendigkcit ist, die mir ein gewisses System des Denkens aufdringt, noch ein leeres Shngesahr, daß mit meinem Denken spielt, sondern daß Ich es bin, der da denkt, und daß ich bedenken kann, was ich bedenken will. So eben durch Nachdenken habe ich noch mehr gefunden; habe gefunden, daß lediglich ich selbst durch mich selbst meine ganze Denkweise und die bestimmte Ansicht, die ich von Wahrheit überhaupt habe, hcrvorbringe; indem cs bei mir steht, durch Grübelei mich alles Sinnes für Wahrheit zu berauben, oder durch gläubigen Gehorsam mich derselben hinzugebcn. Meine ganze Denkweise, und die Bildung, welche mein Verstand erhalt, sowohl, als die Gegen- stände, auf welche ich ihn richte, hangt ganz von mir ab. Nichtige Einsicht ist Verdienst; Verbildung meines Erkcnntnißvermögens, Gedankenlosigkeit, Verfinsterung, Zrrthum und Unglaube ist Verschuldung, Es gicbt pur Einen Punkt, auf welchen ich unablaßig alles mein Nachdenken zu richten habe: was ich thun solle, und wie ich dieses Gebotene am zweckmäßigsten ausführcn könne. Auf mein Thun muß alles mein Denken sich beziehen, muß sich als wenn auch entferntes Mittel für diesen Zweck betrachten lassen; außerdem ist cs ein leeres zweckloses Spiel; ist Kraft- und Zeit-Verschwendung, und Verbildung eines edlen Vermögens, das mir zu einer ganz andern Absicht gegeben ist. Ich darf hoffen, ich darf mir sicher versprechen, ein solches Nachdenken mit Erfolg zu treiben. Die Natur, in welcher ich zu handeln habe, ist nicht ein fremdes, ohne Rücksicht auf mich zu Stande gebrachtes Wesen, in welches ich nie eindringcn könnte. Sic ist durch meine eigne Dcnkgesctzc gebildet, und muß wohl mit denselben übercinstimmcn; sie muß wohl mir überall durchaus durchsichtig, und erkennbar, und durchdringbar seyn bis in ihr Znncres. Sie drückt überall nichts aus als Verhältnisse und Beziehungen meiner selbst zu mir selbst, und so gewiß ich hoffen kann, mich selbst zu erkennen, so gewiß darf ich mir versprechen, sie zu erforschen. Suche ich nur, was ich zu suchen habe; ich werde finden: frage ich nur, wornach ich zu fragen habe; ich werde Antwort erhalten. I, Jene Stimme in meinem Znncrn, der ich glaube, und um deren Willen ich alles andere glaube, was ich glaube, gebietet mir nicht überhaupt nur zu thun. Dieses ist unmöglich; alle diese allgemeinen Satze werden nur durch meine willkührliche Aufmerksamkeit, und Nachdenken über mehrere Thatsachen gebildet, drücken aber nie selbst eine Thalsache aus. Sie, diese Stimme meines Gewissens, gebietet mir in jeder besonder!! Lage meines DaseynS, was ich bestimmt in dieser Lage zu rhun, was ich in ihr zu meiden habe: sie begleitet mich, wenn ich nur aufmerksam auf sic höre, durch alle Begebenheiten meines Lebens, und sic versagt mir nie ihre Belohnung, wo ich zu handeln habe. Sie begründet unmittelbar Ueberzeugung, und reißt unwiderstehlich meinen Beifall hin: es ist mir unmöglich, gegen sie zu streiten. Auf sie zu hören, ihr redlich und unbefangen ohne Furcht und Klügelei zu gehorchen. Lies ist meine einzige Bestimmung, dies der ganze Zweck meines DaseynS. — Mein Leben hört auf ein leeres Spiel ohne Wahrheit und Bedeutung zu scyn. Es soll schlechthin etwas geschehen, weil cs nun einmal geschehen soll: dasjenige, was das Gewissen nun eben von mir, von mir der ich in diese Lage komme, fordert; daß cs geschehe, dazu, lediglich dazu bin ich da; um es zu erkennen, habe ich Verstand; um es zu vollbringen, Kraft. Durch diese Gebote des Gewissens allein kommt Wahrheit und Realität in meine Vorstellungen. Ich kann jenen die Aufmerksamkeit und den Gehorsam nicht verweigern, ohne meine Bestimmung aufzugebcn. Ich kann daher der Realität, die sie herber führen, den Glauben nicht versagen, ohne gleichfalls meine Bestimmung zu verlaugnen. Es ist schlechthin wahr, ohne weitere Prüfung und Begründung, es ist das erste Wahre, und der Grund aller andern Wahrheit und Gewißheit, daß ich jener Stimme gehorchen soll: es wird mir sonach in dieser Denkweise alles wahr, und gewiß, was durch die Möglichkeit eines solchen Gehorsams als wahr und gewiß vorausgesetzt wird. Es schweben mir vor Erscheinungen im Raume, auf welche ich den Begriff meiner selbst übertrage: ich denke sie mir als Wesen meines gleichen. Eine dnrchgeführte Spekulation hat mich ja belehrt, oder wird mich belehren, daß diese vermeinte Vcrnunftwesen außer mir nichts sind, als Produkte meines eignen Vorstcllens, daß ich nun einmal, nach aufzuweisenden Gesehen meines Denkens, ge- nöthigt bin, den Begriff meiner selbst außer mir selbst darzustellcn, und daß, nach denselben Gesehen, dieser Begriff nur auf gewisse bestimmte Anschauungen übertragen werden kann. Aber die Stimme meines Gewissens ruft mir zu: was diese Wesen auch an und für sich scvn, du sollst sie behandeln, als für sich bestehende, freie, selbstständige, von dir ganz und gar unabhängige Wesen. Sehe als bekannt voraus, daß sie ganz unabhängig von dir und lediglich durch sich selbst sich Zwecke sehen können, störe die Ausführung dieser Zwecke nie, sondern befördere sie vielmehr nach allem deinem Vermögen. Ehre ihre Freiheit: ergreife mit Liebe ihre Zwecke, gleich den deinigen. — So soll ich handeln; auf dieses Handeln soll,— aus dieses Handeln wird und muß nothwcn- dig, wenn ich auch nur den Vorsah gefaßt habe, der Stimme meines Gewissens zu ge- horchen, — alles mein Denken gerichtet scyn. Zch werde sonach jene Westn stets als für sich bestehende unabhängig von mir vorhandene, Zwecke fassende, und ausführende Wesen bc- trachten; ich werde sie in diesem Standpunkte nicht anders betrachten können, und jene Spe- kulation wird wie ein leerer Traum vor meinen Augen verschwinden. — Zch denke sie als Wesen meines gleichen, sagte ich so eben: aber der Strenge nach ist es nicht der Gedanke, durch welchen sie mir zuerst als solche dargestellt werden. Die Stimme des Gewissens ist cs; das Gebot: hier beschranke deine Freiheit, hier vermuthe und ehre fremde Zwecke — dieses ist cs, das erst in den Gedanken: hier ist gewiß und wahrhaftig, und für sich bestehend ein Wesen meines gleichen, übersetzt wird. Um sie anders anzuschen, muß ich erst die Stimme meines Gewissens — im Leben — verleugnen — in der Spekulation — von ihr wegschen. Es schweben mir vor andere Erscheinungen, die ich nicht für Wesen meines gleichen halte, sondern für vernunftlose Sachen. Eö macht der Spekulation keine Schwierigkeit, nachzu- weisen, wie die Vorstellung solcher Sachen sich lediglich aus meinem Vorsiellungsvcrmögcn und dessen nothwendigcn Handlungsweisen entwickle. Aber ich umfasse dieselben Dinge auch durch Vedürfniß, und Begierde, und Genuß. Nicht durch den Begriff, nein durch Hunger, und Durst, und Sättigung, wird mir etwas zu Speise und Trank. Zeh werde wohl genöthigt an die Realität dessen zu glauben, das meine sinnliche Existenz bedroht, oder allein sie zu erhalten vermag. Das Gewissen tritt hinzu, indem cs diesen Naturtrieb zugleich heiliget, und beschranket. Du sollst dich selbst, und deine sinnliche Kraft erhalten, üben, stärken,denn es ist im Plane der Vernunft auf diese Kraft mit gerechnet. Aber du kannst sie nur erhalten durch zweckmäßigen, durch einen den eignen inncrn Gesehen dieser Sachen angemessenen Gebrauch. Und außer dir sind noch mehrere deines? — 20Y — deinesgleichen, auf deren Kraft gerechnet ist, wie auf die deinige, und die lediglich aus die gleiche Weise, wie die deinige, erhalten werden kann. Verstaue ihnen denselben Gebrauch an ihrem Thciie, der dir an dem deinigen geboten ist. Ehre, was ihnen zukommt, als ihr Eigen- thum; behandle, was dir zukommr, zweckmäßig als das deinige. — So soll ich handeln; diesem Handeln gemäß muß ich denken. Ich werde sonach genöthigt, diese Dinge zu betrachten, als stehend unter ihren eignen, von mir unabhängigen, obwohl durch mich zu erkennenden Natur-Gesetzen; ihnen sonach allerdings ein von mir unabhängiges Daseyn zuznschrei- bcn. Ich werde gcnbrhigt, an jolche Gesetze zu glauben, es wird mir Aufgabe, sie zu erforschen, und jene leere Spekulation verschwindet, gleichwie der Nebel, sobald die erwärmende Sonne erscheint. Kurz, cs gicbt überhaupt kein bloßes reines Scyn für mich, das mich nicht anginge, und welches ich anschaute, lediglich um des c 14 Z Lio Anscbauens willen; nur durch seine Beziehung aus mich ist, was überhaupt für mich da ist. Aber es ist überall nur Eine Beziehung auf mich möglich, und alle andere sind nur Unterarten von dieser: meine Bestimmung, sittlich zu handeln. Meine Welt ist — Object und Sphäre meiner Pflichten, und absolut nichts anderes; eine andere Welt, oder andere Eigenschaften meiner Welt gicbt es für mich nicht; mein gesaimnteö Vermögen und alles Vermögen der Endlichkeit reicht nicht hin, eine andere Welt zu fassen. Alles was für mich da ist, dringt nur durch diese Beziehung seine Existenz und Realität m!r auf, und nur durch diese Beziehung fasse ich es — und für eine andere Existenz fehlt cs mir gänzlich am Organ. Aus die Frage: ob denn nun in der That eine solche Welt vorhanden sey, wie ich mir sie vorstelle, kann ich nichts Gründliches, nichts über alle Zweifel Erhabenes antworten, als dies: ich habe gewiß und wahrhaftig diese bestimmten Pflichten, welche sich mir als Pflich- ton gegen solche »nd in solchen Objecten dar- scellen; diese bcsrimmten Pflichten, die ich mir nicht anders vorzustellen, und sie nicht anders ausznführen vermag, als innerhalb einer solchen Welt, wie ich mir eine vorflelle. — Selbst demjenigen, der seine eigne sittliche Bestimmung sich nie gedacht hätte, wenn es einen solchen geben konnte — oder der, wenn er sie sich überhaupt gedacht hätte, nicht den leisesten Vorsatz hegte, sie irgend einmal in einer unbestimmten Zukunft zu erfüllen — selbst ihm entsteht seine Sinncnwelt, und sein Glaube an die Realität derselben auf keinem andern Wege, als aus seinem Begriffe von einer moralischen Welt. Umfaßt er dieselbe auch nicht durch den Gedanken seiner Pflichten, so thuc er es doch sicher durch die Foderung seiner Rechte. Was er sich selbst vielleicht nie anmuthet, muthct er doch gewiß andern gegen sich an: — daß sie ihn mit Besonnenheit undUeberlegung, nnd Zweckmäßigkeit, nicht als ein vernunftio- ses Ding, sondern als ein freies und sclbsistäm 212 digcs Wesen behandeln; mW so wird er aller/ dings, damit sic nur diese Anforderung erfüllen können, gcnLchigr, auch sie- als besonnen, und frei, und selbstständig, und unabhängig von bloßer Natur-Gewalt zu denken. Echter sich auch etwa beim Gebrauche und Genüsse der ihn umgebenden Objecte nie einen andern Zweck, als den, sic zu genießen, so fordert er doch wc- nigsicns diesen Genuß, als ein Recht, in dessen Besitze andere ihn ungestört lassen müsse»; und umfaßt sonach auch die vernunftlose Sinnen- tvclt durch einen sittlichen Begriff. Diesen Ansprüchen ans Achtung für seine Vernünftigkeit und Selbstständigkeit, und Erhaltung kann keiner entsagen, der mitBewußtsepn lebt; und an diese Ansprüche wenigstens knüpft sich in seiner Seele Ernsthaftigkeit und Verlängnung des Zweifels, und Glauben an eine Realität, wenn sie sich nicht an die Anerkennung eines sittlichen Gesetzes in seinem Innern anknüpft. — Greife nur den, der seine eigne sittliche Be stimmung, und deine Existenz, und die Existenz einer Körperwclt anders, als zum bloßen Versuche, was die Spekulation vermöge, ablcug- net — greife ihn nur thätlicb an; führe nur seine Grundsätze ins Leben ein, und handle, als ob er entweder gar nicht vorhanden, oder ein Stück rohe Masse sev, — er wird bald des Scherzes vergessen, und ernsthaft unwillig über dich werden; es dir ernsthaft verweisen, daß du ihn so behandelst; behaupten, daß du dies gegen ihn nicht sollest, noch dürfest: dir sonach durch die That zugcstchen, daß du allerdings auf ihn zu handeln vermögest, daß er scy, und du scyst, und ein Medium deiner Einwirkung auf ihn sev, und daß du wenigstens Pflichten gegen ihn habest. Also nicht die Einwirkung vermeinter Dinge außer uns, welche ja für uns, und für welche ja wir nur insofern sind, inwiefern wir schon von ihnen wissen; eben so wenig ein leeres Bilden durch unsere Einbildungskraft und unser Denken, deren Produkte ja wirklich als solche Produkte, als leere Bilder, erscheinen würden, — nicht diese sind cs, sondern der nothwcndige Glaube an unsere Freiheit, und Kraft, an unser wirkliche«; Handeln, und an bestimmte Gesetze des menschlichen Handelns ist es, welcher alles Bcwujftscyn einer außer uns vorhandenen Realität begründet — ein Bc- wußtseyn, das selbst nur ein Glaube ist, da cs aus einen Glauben sich gründet, aber ein aus jenem nothwcndig erfolgender Glaube. Wir sind gcnöthigt auzunchmcn, daß wir überhaupt handeln, und daß wir auf eine gewisse Weise handeln sollen; wir sind gcnöthigt, eine gewisse Sphäre dieses Handelns auzunchmcn: diese Sphäre ist die wirklich und in der That vor- handene Welt, so wie wir sie antrcffen; und umgekehrt — diese Welt ist absolut nichts anderes, als jene Sphäre, und erstreckt auf keine Weise sich über sic hinaus. Von jenem Bedürfnisse des Handelns acht das Bewußtseyn der wirklichen Welt aus, nicht umgekehrt vom Bewußtseyn der Welt das Bedürfnis des Handelns; dieses ist das erste, nicht jenes, jenes ist das abgeleitete. Wir handeln nicht, weil wir erkennen, sondern wir erkennen, weil wir zu handeln bestimmt sind; die praktische Verminst ist die Wurzel aller Vernunft. Die Handelsgesetze für vernünftige Wesen sind unmittelbar gewiß: ihre Welt ist gewiß nur dadurch, daß jene gewiß sind. Wir können den erstem nicht absagen, ohne daß uns die Welt, nnd mit ihr wir selbst in das absolute Nichts versinken; wir erheben uns aus diesem Nichts, und erhalten uns über diesem Nichts lediglich durch unsre Moralität. II. Ich soll schlechthin etwas thun, dainit eS geschehe, etwas unterlassen, damit es unterbleibe. — Aber kann ich handeln, ohne einen Zweck außer dem Handeln im Auge zu haben; ohne auf Etwas, das durch mein Handeln, und allein dadurch, erst möglich werden kann und soll, meine Absicht ju richten? Kann ich wollen, ohne Etwas zu wollen? Nimmermehr! dies widerspräche gänzlich der Natur meines Geistes. An jede Handlung knüpft in inest nein Denken unmittelbar und nach den bloßen Gesttzcn des Denkens sich an, ein in der Zukunft liegendes Seyn, ein Zustand, zu dem das Handeln sich verhält, wie das Wirkende zu dein Bewirkten. Nur soll dieser Zweck meines Handelns nicht für sich, etwa durch das Naturbcdürfniß, mir gesetzt seyn; und nach diesem Zwecke hinterher erst die Handelswcise bestimmt werden: ich soll nicht einen Zweck haben, weil ich ihn nun einmal habe, und erst nachher suchen, wie ich handeln müsse, um diesen Zweck zu erreichen; meine Handlung soll nicht vom Zwecke abhängen: sondern ich soll schlechthin auf eine gewisse Weise handeln, weil ich es einmal soll; dies ist das erste. Aus dieser Handelswcise erfolgt Etwas, sagt mir die Stimme in meinem Innern. Dieses Etwas wird mir nun nothwendig Zweck, weil ich die Handlung vollziehen soll, die dazu, und nur dazu das Mittel ist. Ich will, daß etwas wirklich werde, weil ich handeln soll, daß cs wirklich werde; — gleichwie ich nicht hungre, weil Speise für mich vorhanden ist, sondern etwas mir zur Speise wird, weil ich hungre; eben so handle ich nicht so, wie ich handle, weil mir etwas Zweck ist, sondern es wird mir etwas Zweck, weil ich so handeln soll. Ich habe den Punkt, nach welchem hin ich meine Linie ziehen will, nicht schon vorher im Auge, und lasse nun durch seine Lage die Richtung der Linie, und den Winkel, welchen sie machen wird, bestimmen; sondern ich ziehe meine Linie schlechthin in einen rechten Winkel, und dadurch werden die Punkte bestimmt, in welche meine Linie treffen muß. Der Zweck bestimmt nicht den Inhalt des Gebots, sondern umgekehrt, der unmittelbar gegebne Inhalt des Gebots bestimmt den Zweck. Ich sage, das Gebot des Handelns selbst ist cs, welches durch sich selbst mir einen Zweck >cht: dasselbe in mir, was mich nbthigt, zu denken, daß ich so handeln solle, nöthigt mich, zu glauben, daß aus diesem Handeln etwas erfolgen werde; es cröfnet dem Auge meines Geistes die Aussicht auf eine andere Welt; die da allerdings Welt ist, ein Zustand ist, und kein Handeln, aber eine andere und bessere Weit, als die für mein sinnliches Auge vorhandene; es macht, daß ich diese bessere Welt begehre, sie mit allen meinen Trieben umfasse, und ersehne, nur in ihr lebe, und nur an ihr mich befriedige. Zencs Gebot bürgt mir durch sich selbst für die sichere Erreichung dieses Zwecks. Dieselbe Gesinnung, mit der ich mein Mizcs Denken und Leben auf dieses Gebot richte und hefte, und nichts sehe außer ihm, führt zugleich die unerschütterliche Ueber- zeugung bei sich, daß die Verheißung desselben wahr und gewiß scy, und hebt die Möglichkeit auf, das Gegenthcil auch nur zu denken. Wie ich im Gehorsam lebe, lebe ich zugleich in der Anschauung seines Zwecks; lebe ich in der bessern Welt, die er mir verheißet. — 2IY — Auch schon in der bloßen Betrachtung der Welt, wie sie itr, abgesehen vom Gebote, am ßcrt sich in meinem Innern der Wunsch, das Sehnen, — Nein, kein bloßes Sehnen, — die absolute Federung einer bessern Welt. Ich werfe einen Blick ans das gegenwärtige Vor- hältniß der Menschen gegen einander selbst, und gegen die Natur; ans die Schwäche ihrer Kraft, auf die Stärke ihrer Begierden und Leidenschaften. Es ertönt unwiderstehlich in meinem Innern: So kann es unmöglich bleu ben sollen; es muß, o, cs muß alles anders, und besser werden. Ich kann mir die gegenwärtige Lage der Menschheit schlechthin nicht denken als diejenige, bei der cs nun bleiben könne; schlechthin nicht denken, als ihre ganze, und lohte Bestimmung. Dann wäre alles Traum und Täuschung; und es wäre nicht der Mühe wcrrh gelebt, und dieses stets wiedcrkehrendc, aus nichts ausgehende, und nichts bedeutende Spiel mit getrieben zu haben. Nur inwiefern ich diesen Zu- ' j >,al Gj« 220 stand betrachten darf, als Mittel eines bessern, als Durchgangspunkt zu einem hohem, und vollkommnern, erhält er Werth für mich; nicht um sein selbst, sondern um des Bessern willen, das er vorbereitet, kann ick) ihn tragen, ihn achten, und in ihm freudig das Mciuige vollbringen. Zn dem Gegenwärtigen kamt mein Gcmürh nicht Platz fassen, noch einen Augenblick ruhen; unwiderstehlich wird es von ihm zurückgesroßcn; nach dem Künftigen und Bessern strömt unaufhaltsam hfn mein ganzes Leben. Ich äße nur, und tränke, damit ich wiederum hungern, und dürsten, und essen und trinken könnte, so lange, bis das unter meinen Füßen cröffncce Grab mich verschlänge, und ich selbst als Speise dem Boden entkeimte? Zch zeugte Wesen meines gleichen, damit auch sic essen und trinken, und sterben, und Wesen ihresgleichen hintcrlassen könnten, die dasselbe thun werden, was ich schon that? Wozu dieser nnablaßig in sich selbst zürückkehrmde Zirkel, dieses immer von neuem auf dieselbe Weise wieder angehende Spiel, in welchem alles wird, um zu vergehen, und vergeht, um nur wieder werden zu können, wie cs schon war; dieses Ungeheuer, unaufhörlich sich selbst verschlingend, damit es sich wiederum gebahren könne, sich gebahrcnd, damit es sich wiederum verschlingen könne? Nimmermehr kann dies die Bestimmung scyn meines Seyns, und alles Seynö. Es muß etwas geben, bas da ist, weil es geworden ist; und nun bleibt, und nimmer wieder werden kann, nachdem es einmal geworden ist; und dieses Bleibende muß im Wechsel des Vergänglichen sich erzeugen, und in ihm fortdauern, und unversehrt fortgerragen werden auf den Wogen der Zeit. Noch erringet mit Mühe unser Geschlecht leinen Unterhalt und seine Fortdauer von der widerstrebenden Natur. Noch ist dis größere Hälfte der Menschen ihr Leben hindurch unter harte Arbeit gebeugt, um sich und der kleinen Halste, die für sie denkt, Nahrung zu verschaffe»; sind unsterbliche Geister genöthigt, alles ihr Dichten und Trachten, und ihre ganze Anstrengung auf den Boden zu heften, der ihre Nahrung trägt. Noch ereignet es sich oft, daß, wenn nun der Arbiter vollendet hat, und für feine Mühe sich feine und seiner Mühe Fortdauer vcrsp icht, eine feindfeeligc Witterung in einem Augenblicke zerstört, was er Jahrelang langsam und wohlbedachtig verbreitete, und den fleißigen und forfä Ingen Mann, unverschuldet, dem Hunger und dem Elende Preis giebt; noch immer oft genug, daß Wasserflächen, Sturmwinde, Vulkane, ganze Lander verheeren, und Werke, die das Gepräge eines vernünftigen Geistes tragen, mit ihren Werkmeistern zugleich dem wilden Chaos des Todes und der Zerstöhrung vermischen. Noch raffen Krankheiten die Menschen ins «»zeitige Grab, Männer in der Dlüthe ihrer Kräfte, und Kinder, deren Dafcyn ohne Frucht und Folge vorüber gehr; »och ziehen Seuchen durch blühende Staaten, lassen die wenigen, die ihnen entgehen, verwaiset und des gewohnten Beistandes ihrer Genessen beraubt, einsam da- srehcn, und thun alles, was an ihnen ist, um das Land der Wildniß zurück-ugebcn, welches der Fleiß der Menschen sich schon zum Eigen- thume errungen hatte. — Co ist es: so kann es nicht immerdar bleiben sollen. Kein Werl, das das Gepräge der Vernunft trägt, und unternommen wurde, um die Macht der Verminst zu erweitern, kann rein verlohrcn seyn im Fortgange der Zeiten. Die Opfer, welche die unregelmäßige Gcwaltthätigkeit der Natur von der Vernunft zieht, müssen jene Gewalt- thätigkcit wenigstens ermüden, ausfüllen, und versöhnen. Die Kraft, welche außer der Regel geschadet hat, kann cs auf diese Weise nicht mehr sollen, sie kann nicht bestimmt seyn, sich zu erneuern, sie muß durch Einen Ausbruch von nun an auf ewig verbraucht seyn. Alle jene Ausbrüche der rohen Gewalt, vor welchen die mensihlichc Macht in Nichts verschwindet. — L2H — jene verwüstenden Orkane, jene Erdbeben, jene Vulkane können nichts anderes seyn, denn das letzte Strauben der wilden Masse gegen den gesetzmäßig fortschreitenden, belebenden und zweckmäßigen Gang, zu welchem sie ihrem eignen Triebe zuwider gezwungen wird — nichts, denn die letzten erschütternden Striche der sich erst vollendenden Ausbildung unscrs Erdballs. Jener Widerstand muß allmählich schwacher, und endlich erschöpft werden, da in dem ge- i sehmäßiqen Gange nichts liegen kann, das seine ! Kraft ernenre; jene Ausbildung muß endlich vollendet, und das uns bestimmte Wohnhaus fertig werden. Die Natur muß allmählich in die Lage cintrctcn, daß sich auf ihren glcich- ! mäßigen Schritt sicher rechnen und zählen las- ^ se, und daß ihre Kraft unverrückt ein bestimm- j tes Verhältniß mit der Macht halte, die be- , stimmt ist, sic zu beherrschen,— mit der menschlichen. — Inwiefern dieses Verhälcniß schon » ist, und die zweckmäßige Ausbildung der Natur schon festen Fuß gewonnen hat, soll das Menlchen- Menschenwerk selbst, durch sein bloßes Daseyn, und durch seine, von der Absicht seines Werkmeisters unabhängigen Wirkungen wiederum in die Natur eingreifen, und ein neues belebendes Princip in ihr darstellen. Angebaute Länder sollen den trägen und feindseeligen Dunstkreis der ewigen Wälder, der Wüsteneien, der Sümpfe beleben und mildern; geordneter und mannigfaltiger Anbau soll rund um sich her neuen Lebens- und Befruchtungs-Trieb in die Lüfte verbreiten, und die Sonne soll ihre belebendsten Strahlen in diejenige Atmosphäre aus- strömen, in welcher ein gesundes, arbeitsames und kunstreiches Volk arhmet. — Im Andrange der Noch zuerst geweckt, soll späterhin besonnener und ruhig die Wissenschaft eindringen in die unverrückbaren Gesetze der Natur, die ganze Gewalt dieser Natur übersehen, und ihre möglichen Entwicklungen berechnen lernen; soll eine neue Natur im Begriffe sich bilden, und an die lebendige und thätige eng sich anschmie- gen, und auf dem Fuße ihr folgen. Und jede 226 Erkemttniß, welche die Vernunft der Natur abgcrungen, soll aufbehalten werden im Laufe der Zelten, und Grundlage neuer Erkenntniß werde» für den gemeinsamen Verstand unserS Geschlechts. So soll uns die Natur immer durchschaubarer, und durchsichtiger werden bis in ihr geheimstes Innere, und die erleuchtete und durch ihre Erfindungen bewafnete menschliche Kraft soll ohne Mühe dieselbe beherrschen, und die einmal gemachte Eroberung friedlich behaupten. Es soll allmählich keines größer» Aufwandes an mechanischer Arbeit bedürfen, als ihrer der menschliche Körper bedarf zu seiner Entwicklung, Ausbildung und Gesundheit, und diese Arbeit soll aufhören Last zu seyn; — denn das vernünftige Wesen ist nicht zum Lastträger bestimmt» Aber es ist nicht die Natur, es ist die Freiheit selbst, die die meisten und die fürchterlichsten Unordnungen unter unserm Geschlechte verursacht; des Menschen grausamster Feind sst der Mensch. Noch durchirren gesetzlos Hordel, von Wilden ungeheure Wüsteneien; sie begegnen sich in der Wüste, und werden einam der zur festlichen Speise; oder, wo die Cultur die wilden Haufen endlich unter das Gesetz zu Völkern vereinigte, greifen die Völker einander an mit der Macht, die ihnen die Vereinigung gab, und das Gesetz. Den Mühseligkeiten und dem Mangel trotzend, durchziehen die Heere friedlich Wald und Feld; sie erblicken einander, und der Anblick von ihres gleichen ist des Mordes Losung. Mit dem Höchsten, was der menschliche Verstand ersonnen, ausgerüstet, durchschnciden die Kriegsflotten den Oeean; durch Sturm und Wellen hindurch drangen sich Menschen, um auf der einsamen unwirthbaren Fläche Menschen zu suchen; sie finden sie, und trotzen der Wuth der Elcmem te, um mit eigner Hand sie zu vertilgen. Zm Innern der Staaten selbst, wo die Menschen zur Gleichheit unter dem Gesetze vereinigt zu seyn scheinen, ist es großen Theils noch immer Gewalt und List, was unter dem ehrwürdigen — L2g — Namen des Gesetzes herrscht; hier wird der Krieg um so schändlicher geführt, weil er sich nicht als Krieg ankündigt, und dem Befehdeten sogar den Vorsatz raubt, sich gegen ungerechte Gewalt zu vertheidigen. Kleinere Verbindungen freuen sich laut der Unwissenheit, der Thorhcit, des Lasters und des Elender, in welche die größer» Haufen ihrer Mitbrüder versunken sind, machen es sich laut zum angelegensten Zwecke, sie darin zu erhalten, und sie tiefer hinein zu stürzen, damit sie dieselben ewig zu Sklaven behalten; — und jeden zu verderben, der es wagen sollte, sie zu erleuchten und zu verbessern. Noch kann überall kein Vorsatz irgend einer Verbesserung gefaßt werden, der nicht ein Heer der mannigfaltigsten, selbstsüchtigen Zwecke aus ihrer Ruhe aufrcge, und zum Kriege reize; der nicht die verschiedensten und einander widersprechendsten Denkarten zum cinmüthigen Kampfe gegen sich verbinde. Das Gute ist immer das schwächere, denn es ist einfach, und kann nur um sein — sry — selbst willen geliebt werden; das VLse lockt jeden Einzelnen mit der Versprechung, die für ihn die verführcndste ist, und die Verkehrten, unter sich selbst im ewigen Kampfe, schließen Waffenstillstand, sobald das Gute sich blicken läßt, um diesem mit der vereinigten Kraft ihres Verderbens entgegen zu gehen. Zedoch, kaum bedarf es ihres Widerstandes; denn noch immer bekämpfen aus Mißverstand und Zrr- thum, aus Mißtrauen, aus geheimer Eigenliebe die Guten einander selbst, — oft um fs heftiger, je ernstlicher jeder von seiner Seite, was er fürs Beste erkennt, durchzusetzen strebt; und reiben eine Kraft, die vereinigt kaum dem Bösen die Wage halten würde, im Streite gegen einander selbst auf. Da tadelt einer den andern, daß er mit stürmischer Ungeduld alles übereile, und nicht erwarten könne, bis der gute Erfolg gehörig vorbereitet sey; während der andere diesen beschuldigt, daß er aus Zaghaftigkeit und Feigheit nicht» aueführen, gegcu seine bessere Ueberzeugung alles lassen wollen wie es ist, und daß für ihn die Stunde des Handelns wrhl nie anbrechen werde: und nur der Allwissende könnte sagen, ob einer, und welcher von beiden in diesem Streite Recht habe. Da hält säst jeder daS Geschäft, dessen Nothwendigkeit ihm gerade am meisten ein, leuchtet, und zu dessen Ausführung er sich die meiste Fertigkeit erworben, für das wichtigste und angelegenste, für den Punkt, von welchem alle andere Verbesserung ausgehcn müsse; so- dert alle Guten auf, ihre Kräfte mit ihm zu vereinigen und sie ihm für die Ausführung seines Zwecks zu untcrordncn, und hält eS für Verrath an der guten Sache, wenn sie sich dessen weigern; indeß die andern von ihrer Seite dieselben Ansprüche an ihn machen, und ihn desselben Vcrraths beschuldigen, wenn Er sich weigert. So scheinen alle guten Vorsätze unter den Menschen in leere Bestrebungen zu verschwinden, die keine Spur ihres Dascyns hinter sich lassen; indessen alles so gut oder so schlecht geht, als es ohne diese Bestrebungen durch den blinden Naturmechanismns gehen kann, und ewig fortgchcn wird. Ewig fortgehen wird? Nimmermehr; wem» Nicht das ganze menschliche Daseyn ei» zweckloses und nichts bedeutendes Spiel ist. — Zene wilden Stämme können nicht immer wild bleiben sollen: es kann kein Geschlecht erzeugt scyn, mit allen Anlagen zur vollkommenen Menschheit, das da bestimmt wäre, diese Anlagen nie zu entwickeln, und nie mehr zu werden, als das, wozu die Natur eines künstlichem Thicrcs völlig hinrcichtc. Jene Wilden find bestimmt, die Stammväter kräftiger, gebildeter und würdiger Generationen zu seyn; außerdem ließe sich kein Zweck ihres Daseyus denken, noch die Möglichkeit dieses DaseynS in einer vernünftig eingerichteten Welt begreifen. Wilde Stämme können cultivirt werden, denn sie sind es schon geworden, und die cul- tivirtestcn Völker der neuen Welt stammen selbst — 2ZL — von Wilden ab. Ob nun die Bildung unmittelbar aus der menschlichen Gesellschaft sich natürlich entwickle, oder ob sie immer durch Unterricht und Beispiel von außen kommen müsse; und die erste Quelle aller menschlichen Cultur in einem übermenschlichen Unterrichte zu suchen scy; — auf demselben Wege, auf welchem die ehemaligen Wilden nunmehro zur Cultur gelangt sind, werden allmählich auch die gegenwärtigen sie erhalten. Sie werde» allerdings durch dieselben Gefahren und Verderbnisse der ersten blos sinnlichen Cultur hindurchgehen, von welchen gegenwärtig die gebildeten Völker gedrückt sind; aber sie werden dadurch denn doch in Vereinigung mit dem großen Ganze» der Menschheit treten, und fähig werden, an den weitern Fortschritten desselben Anthcil zu nehmen. -- Es ist die Bestimmung unsers Geschlechts, sich zu einem Einigen, in allen seinen Thcilcn durchgängig mit sich selbst bekannten, und al, lenthalbcn auf die gleiche Weise ansgebildeten Körper zu vereinigen. Die Natur, und selbst die Leidenschaften und Laster der Menschen haben von Anfang an gegen dieses Ziel Hingetrieben; es ist schon ein großer Theil des Weges zu ihm zurückgelegt, und es läßt sich sicher darauf rechnen, daß dasselbe, die Bedingung der weiteren gemeinschaftlichen Fortschritte, zu seiner Zeit erreicht scyn werde. Befrage man doch die Geschichte nicht, ob die Menschen im Ganzen rein sittlicher geworden.' Zn ausgedehnter, umfassender, gewaltiger Willkühr sind sie hcrangewachsen; aber beinahe wurde es nothwendig durch ihre Lage, daß sie diese Willkühr fast nur znm Bösen anwcndeten. Befrage man sie eben so wenig, ob die auf einige wenige Punkte zusammengedrängte Acsthetische Bildung, und Verstandes-Cultur der Vor, Welt nicht die der neuern Welt dem Grade nach übertroffen haben möchte! Es könnte kom, men, daß man eine beschämende Antwort erhielte, und daß in dieser Rücksicht das Menschengeschlecht durch sein Alter nicht vorgerückt, svndern zurückgekommen zu seyir schiene. Aber befrage man sie, diese Geschichte, in welchem Zeitpunkte die vorhandne Bildung am weite? sten ausgebreitet, und unter die mchresten Einzelnen vcrtheilc gewesen; und man wird ohne Zweifel finden, daß vom Anfänge der Geschich- ie an, bis auf unsre Tage die wenigen lichten Punkte der Cultur sich von ihrem Mittelpunkte aus erweitert, und einen Einzelnen nach dem andern, und ein Volk nach dem andern ergriffen haben, und daß diese weitere Verbreitung der Bildung unter unfern Augen fortdau- re. — Und dies war das erste Ziel der Menschheit auf ihrer unendlichen Bahn. Bis dieses erreicht, bis die vorhandene Bildung jedes Zeitalters über den ganzen bewohnten Erdball vertheilt, und unser Geschlecht der uneingeschränktesten Mitthcilung mit sich selbst fähig ist, muß eine Nation die andere, ein Wclttheii den andern auf der gemeinschaftlichen Bahn erwarten, und jeder dem allgemeinen Bunde, um dessen willen allein sie selbst da sind, seine — -35 — Jahrhunderte des scheinbaren Stillstandes, oder Rückganges zum Opfer bringen. Nachdem jenes crstcZicl erreicht seyn wird, nachdem alles Nützliche, was an einem Ende der Erde gefunden worden, sogleich Allen bekannt und mitgethcilt werden wird, dann wird ununterbrochen, ohne Stillstand und Rückgang, mit gemeinschaftlicher Kraft, und mit Einem Schritte die Menschheit zu einer Bildung sich erheben, für welche eS uns an Begriffen mangelt. Im Innern jener sonderbaren Verbindungen, die das vernunftlofe Ohngcfähr zusam- mengebrachr, und welche man Staaten nennt, erhält, nachdem sie nur eine Zeitlang ruhig bestanden haben, der, gegen die noch neue Unterdrückung gereizte Widerstand, erschlaff ist, und die Gährung der verschiedenen Kräfte sich gesetzt hat, — der Misbrauch durch seine Fortdauer, und durch die allgemeine Duldung eine Art von fester Form; und die herrschende» Stände, im unbestrittenen Genüsse ihrer errungenen Vorrechte, haben nichts mehr zu thun, als dieselben zn erweitern, und auch der Er- weicerunZ dieselbe feste Form zu geben. Durch ihre Unersättlichkeit getrieben, werden sie dieselben von Geschlecht zu Geschlecht erweitern, und nimmer sagen: Hier ists genug; bis endlich die Unterdrückung das höchste Maas erreicht har, und völlig unerträglich geworden ist; und die Unterdrückten von der Verzweiflung die Kraft zurückcrhaltcn werden, die ihnen ihr schon seit Jahrhunderten ausgetilgter Muth nicht geben konnte. Sie werden dann nicht länger irgend einen unter sich dulden, der sich nicht begnügt, allen gleich zu scyn, und zu bleiben. Um vor gegenseitiger Ge- waltthärigkeit untereinander selbst, und vor neuer Unterdrückung sich zu schützen, werden sie alle untereinander sich die gleichen Verbindlichkeiten auflegcn. Zhre Verabredungen, in welchen jeder über sich selbst beschließt, was er beschließt, und nicht über einen Untergebenen, dessen Leiden ihm selbst nie weh thun, und dessen Schicksal ihn selbst nie treffen wird; diese Verabredungen, nach denen keiner hoffen kann, daß Er es seyn werde, der die «erstattete Ungerechtigkeit aus üben, sondern jeder befürchten muß, daß er sie erdulden werde; — diese Verabredungen, welche allein den Namen einer Gesetzgebung verdienen, die ganz etwas anders ist, als jene Verordnungen der verbündeten Herren an die zahllosen Herden ihrer Sklaven, diese Verabredungen werden Noth- wendig gerecht seyn, und einen wahren Staat begründen, in welchem jeder Einzelne durch die Sorge für seine eigne Sicherheit unwiderstehlich gezwungen wird, die Sicherheit aller andern ohne Ausnahme zu schonen, da, zufolge der getroffenen Einrichtung, jede Beschädigung, die er dem andern zufügen will, nicht den an, dern trist, sondern unfehlbar auf ihn selbst zu, rücksällt. Durch die Errichtung dieses einigen wahren Staates, diese feste Begründung des innerli, chen Friedens, ist zugleich der auswärtige Krug, wenigstens mit wahren Staaten, seiner Mög- — LZS —> kichkcit nach angeschnitten. Schon um seines eignen Vorthcils willen, schon um in seinem eignen Bürger keinen Gedanken an Unrecht, Raub und Gcwaltchätigkcit aufkommen, und ihm keine Möglichkeit des Gewinnes übrig zu lassen, außer durch Fleiß und Arbeitsamkeit in der vom Gesetze angewiesenen Sphäre, muß jeder Staat die Verletzung eines Bürgers des benachbarten Staates eben so streng verbieten, so sorgfältig verhindern, so genau ersetzen lassen, und so hart bestrafen, als ob sie an den» eignen Mitbürger auögeübt wäre. Dieses Gesetz über die Sicherheit der Nachbarn ist noch- wendiges Gesetz jedes Staates, der kein Näu- berstaat ist. Und hierdurch ist dann die Mög» lichkeit jeder gerechten Klage eines Staates gegen den andern, und jeder Fall der Nothwchr unter den Völkern völlig aufgehoben. Es giebt nicht nothwcndig und fortdauernd unmittelbare Verhältnisse der Staaten, als solcher, zu einander, über die sie in Streit gcrathen könm ren; es giebt in der Regel nur Beziehungen der einzelnen Mitbürger eines Staates auf die einzelnen Mitbürger des andern; nur in der Person eines seiner Bürger könnte ein Staat verletzt werden; aber diese Verletzung wird auf der Stelle erseht, und so der beleidigte Staat befriedigt. — Es giebt zwischen solchen Staaten keinen Rang, der da beleidigt, keinen Ehr» geitz, der da verletzt werden konnte; zur Ein- Mischung in die inner» Angelegenheiten eines fremden Staates ist kein Beamter bevollmächtigt, noch kann er dazu versucht werden, indem ihm für seine Person nicht der geringste Vortheil aus einem solchen Einflüsse entstehe» könnte. Daß eine ganze Nation beschließen solle, des Raubes halber ein benachbartes Land mit Kriege zu überziehen, ist unmöglich, indem in einem Staate, in welchem alle gleich sind, der Raub nicht die Beute einiger Wenigen werden, sondern unter Alle sich gleich verteilen müßte, dieser Antheil des Einzelnen aber ihm nimmermehr die Mühe des Krieges lohnen würde, Nur da, wo der Vortheil den wenige» Unterdrückern zu Theile wird, der Nachtheil aber, die Mühe, die Kosten, auf das zahllose Heer der Sklaven fällt, ist ein Raubkrieg möglich und begreiflich. — Nicht von Staaten ihres gleichen könnten diese Staaten Krieg zu befürchten haben; lediglich von Wilden, oder Barbaren, die die Ungeschicklichkeit, durch Arbeit sich zu bereichern, zum Rau» be reihte, oder von Sklavenvölkern, die durch ihre Herren auf einen Raub ausgetrieben würden, von welchem sie selbst nie etwas genießen werden. Gegen die erstem ist ohne Zweifel schon jeder einzelne Staat durch die Künste der Culmr der stärkere; gegen die letzter» durch Verbindung sich zu stärken, heischt der gemeinsame Vortheil Aller. Kein freier Staat kann Verfassungen, deren Oberhcrren Vortheile davon haben, wenn sie benachbarte Völker unterjochen, und die daher durch ihr bloßes Da- seyn die Ruhe der Nachbarn unaufhörlich bedrohen, vernünftigerweise neben sich dulden; die Sorge für ihre eigne Sicherheit nöthigt alle — — alle freie Staaten, alles um sich herum gleichfalls in freie Staaten umzuschaffcn, und so um ihres eignen Wohls willen das Reich der Cultur über die Wilden, das der Freiheit über die Sklavenvölker rund um sich her zu verbreiten. Bald werden die, durch sic gebildeten oder befreiten Völker, mit ihren noch barbarischen oder sklavischen Nachbarn in dieselbe Lage gcrathcn, in welcher die früher freien vor Kurzem noch mit ihnen selbst waren, und genö- thigt scyn, dasselbe für diese zu thun, was so eben für sie geschah', und so wird denn, nachdem nur einige wahrhaft freie Staaten entstanden, nothwendig das Gebiet der Cultur, und der Freiheit, und mit ihm des allgemeinen Friedens, allmählich den ganzen Erdball umschlingen. So erfolgt nothwendig aus der Errichtung einer rechtlichen Verfassung im Innern, und aus der Befestigung des Friedens zwischen den Einzelnen Rechtlichkeit im äußern Verhältnisse der Völker gegen einander, und allgemeiner s >6 ) Friede der Staaten. Jene Errichtung einer rechtlichen Verfassung im Znncrn aber, und die Befreiung des ersten Volks, das da wahr- hastig frei wird, erfolgt uothwendig aus dem stets wachsenden Drucke der herrschenden Stan- de auf die beherrschten, so lange, bis er unleidlich wird; — ein Fortschritt, welchen man den Leidenschaften und der Verblendung jener Stande, auch wenn sie gewarnt werden, sehr ruhig überlassen kann. Zn diesem einzig wahren Staate wird überhaupt alle Versuchung zum Dösen, ja sogar die Möglichkeit, vernünftigerweise eine böse Handlung zu beschließen, rein abgeschnittcn sehn, und es wird dem Menschen so nahe gelegt werden, als es ihn: gelegt werden kann, seinen Willen auf das Gute zu richten. Es ist kein Mensch, der das Böse liebe, weil es Böse ist; er liebt in ihm nur die Vortheile, und Genüsse, die cs ihm verheißet, und die es ihm in der gegenwärtigen Lage der Menschheit mchreiitheils wirklich gewahrt. So — 2>1Z — lange diese Lage fortdaucrt, so lange ein Preis auf das Laster gesetzt ist, ist eine gründliche Verbesserung der Menjchen ini Ganzen kaum zu hoffen. Aber in einer bürgerlichen Vcrfas- sung, wie sie seyu soll, wie sie durch die Vernunft gefodert wird, wie der Denker leicht sie beschreibt, ohnerachter er bis jetzt sic nirgends findet, und wie sie sich unter dem ersten Volke, das sich wahrhaftig befreit, noth- wendig bilden wird — in einer solchen Verfassung zeigt das Böse keine Vortheile, sondern vielmehr die sichersten Nachtheilc, und durch die bloße Selbstliebe wird die Ausschweifung der Selbstliebe in ungerechte Handlungen unterdrückt. Nach der untrüglichen Einrichtung in einem solchen Staate ist jede Bevortheilung und Unterdrückung des andern, jede Vergrößerung auf desselben Kosten nicht nur sicher vergeblich, und alle Mühe dabei verloren, sondern sie kehrt sich sogar gegen ihren Urheber; und ihn selbst trist unausbleiblich dasUe- bcl, das er dem andern znfügcn wollte. Zn feinem Staate, außer seinem Staate, auf dem ganzen Erdboden trist er keinen, den er ungestraft beleidigen könne. Aber es ist nicht zu erwarten, daß jemand Böses beschließen werde, bloß um Böses zu beschließen, ohncr- achtet er cs nie ausführen kann, und nichts daraus erfolgt, als sein eigner Schade. Der Gebrauch der Freiheit zum Bösen ist aufgehoben ; der Mensch muß sich entschließen, diese seine Freiheit entweder gänzlich aufzugeben, und geduldig ein leidendes Nad in der großen Maschine des Ganzen zu werden, oder dieselbe auf das Gute zu wenden. Und so wird denn auf dem so vorbereiteten Boden leicht das Gute gedeihen. Nachdem keine selbstsüchtige Absichten mehr die Menschen zu theilen, und ihre Kräfte im Kampfe untereinander selbst aufzu- rciben vermögen, bleibt ihnen nichts übrig, als ihre vereinigte Macht gegen den einigen gemeinschaftlichen Gegner zu richten, der ihnen noch übrig ist, die widerstrebende, ungebildete Natur; nicht mehr getrennt durch Privatzwecke, — 245 — verbinden sie sich nothwendig zu dem einigen, gemeinsamen Zwecke, und cs entsteht ein Kör« per, den allenthalben derselbe Geist und dieselbe Liebe belebt. Zeder Nachtheil des Einzelnen ist nun, da er nicht mehr Vortheil für irgend einen andern scyn kann, Nachthcil für das Ganze, und für jedes einzelne Glied desselben, und wird in jedem Gliede mit demselben Schmerze empfunden, und mit derselben Thätigkeit erseht; jeden Fortschritt, den ein wlensch gemacht hat, hat die ganze menschliche Natur gemacht. Hier wo das kleine, enge Selbst der Personen schon durch die Verfassung vernichtet ist, liebt jeder jeden andern wahrhaft als sich selbst, als Bestandthcil jenes großen Selbst, das allein für seine Liebe übrig bleibt, und von dem auch er nichts mehr ist, als ein bloßer Bestandthcil, der nur mit dem Ganzen zugleich gewinnen oder verlieren kann. Hier ist der Widerstreit des Bösen gegen das Gute aufgehoben, denn es kann kein Böses mehr aufkommen. Der Streit der Guten un- 246 ter einander, selbst über das Gute, verschwindet, nun cs ihnen erleichtert ist, das Gute wahrhaft um sein selbst, nicht um ihrer selbst willen, als der Urheber davon, zu lieben; nun eö ihnen nur noch darum zu thun seyn kann, daß cs geschehe, daß die Wahrheit gefunden, daß die nützliche That ausgeführt werde, nicht aber, durch Wen cs geschehe. Hier ist jeder immer in Bereitschaft, seine Kraft an die Kraft des andern anzuschlicßcn, und sie der des andern uuterzuordncn; wer nach dem Urtheile Aller das Beste am besten ausführcn wird, den werden Alle unterstütze», und dos Gelingens mit gleicher Freude genießen. Dieses ist der Zweck nnfcrS irdischen Lebens, den uns die Vernunft anfstcllr, und für dessen unfehlbaren Erreichung sic bürgt. Es ist dies kein Ziel, nach dem wir nur zu streben hätten, um unsre Kräfte an etwas Großem zu üben, dessen Wirklichkeit aber wir etwa ausgs- — 247 — ben müßten: es soll, cs muß wirklich werden, es muß in irgend einer Zeit erreicht seyn sollen dieses Ziel; so gewiß eine Sinncnwelr ist, und ein vernünftiges Geschlecht in der Zeit, bei welchem außer jenem Zwecke sich gar nichts Ernsthaftes und Vernünftiges denken läßt, und dessen Daseyn allein durch jenen Zweck begreiflich wird. Soll nicht das ganze menschliche Leben sich verwandeln in ein Schauspiel für einen bösartigen Geist, der den Armen dieses unaustilgbare Streben nach dem Unvergänglichen einpflanzte, bloß um sich an ihrem unaufhörlichen Ringen nach dem, was sie unaufhörlich flicht, an ihrem jedesmal wiederholten Haschen nach dem, was ihnen abermals entschlüpfen wird, an ihrem rastlosen Herumtreibcn im sretS wicdcrkehrcndcn Kreise zu belustigen, und ihres Ernstes beim abgeschmackten Possenspiel zu lachen; soll nicht der Weise, der dieses Spiel bald durchschauen, und den es verdrießen wird, seine Rolle in demselben fortzuführen, das Leben von sich werfen, und der Augenblick des Erwacbens zur Vernunft der Augenblick des irdischen Todes werden: — so mich jener Zweck erreicht werden sollen. O, er ist erreichbar im Leben und durch das Leben, denn die Vernunft gebietet mir zu leben; er ist er, rcichbar, denn — ich bin. III Aber wenn er nun erreicht scyn, und die Menschheit am Ziele stehen wird, was wird sie bann thun? Es giebt über jenen Zustand keinen höher» auf Erden; das Geschlecht, das ihn zuerst erreichte, kann nichts weiter thun, als in demselben verharren, und ihn kräftigst behaupten, sterben, und Nachkommen hintcrlas- sen, die dasselbe thun werden, was sie schon thaten, und die abermals Nachkommen hinterlassen werden, welche dasselbe thun. Die Menschheit stünde dann still auf ihrer Bahn; darum kann ihr irdisches Zlcl nicht ihr höchstes Ziel scyn. Dieses irdische Ziel ist begreiflich, und «reichbar und endlich. Denken wir immer die vorhergehenden Generationen, als Mittel für die letzte vollendete; wir entgehen dadurch nicht der Frage der ernsten Vernunft, wozu denn nun wiederum diese letzte sey. Nachdem einmal ein Menschengeschlecht auf der Erde da ist, soll cs freilich kein vernunftwidriges, sondern ein vernünftiges Daseyn haben, und zu allem werden, wozu cs auf der Erde werben kann; aber warum sollte es denn überhaupt da scyu, dieses Menschengeschlecht, und warum blieb es nicht eben sowohl im Schoße des Nichts? Die Vernunft ist nicht um des Dascyns, sondern das Dasein ist um der Vernunft willen. Ein Dascyn, das nicht durch sich selbst die Vernunft befriedigt, und alle ihre Fragen löset, ist unmöglich das wahre Sey». Und dann, sind denn auch wirklich die durch die Stimme des Gewissens, durch diese Stimme, über deren Aussage ich nicht klügeln darf, sondern ihr stumm gehorchen muß — sind die durch sic gebotenen Handlungen auch Wirklich die Mittel, und die einigen Mittel, den irdischen Zweck der Menschheit hcrbcizu- fnhren? Daß ich nicht anders kann, als sie auf diesen Zweck beziehen, und keine andere Absicht mit ihnen haben darf, als diese, ist unstreitig; aber wird denn diese meine Absicht immer erreicht? Bedarf es nichts weiter, als das Beste zu wollen, damit es geschehe? O, die ineisten guten Entschließungen gehen für diese Welt völlig verloren, und andere scheinen sogar dem Zwecke entgegen zu wirken, den man sich bei ihnen vorletzte. Dagegen führen sehr oft die verächtlichsten Leidenschaften der Menschen, ihre Laster und ihre Unthatcn, das Bessere sicherer herbei, als die Bemühungen des Rechtschaffenen, der nie Böses thun will, damit Gutes daraus erfolge; und cö scheint, daß das Welt-Beste, ganz unabhängig von allen menschlichen Tugenden oder Lastern, nach seinem eignen Gesetze, durch eine unsichtbare und unbekannte Kraft, wachse und gedeihe, eben sowie die Himmels-Körper, unabhängig — LZI — von allen menschlichen Bemühungen, ihre angewiesene Bahn durchlaufen; und daß diese Kraft alle menschlichen Absichten, gute und böse, in ihren eignen höher» Plan mit fortreiße, und, was für andere Zwecke unternommen wurde, übermächtig für ihren eignen Zweck gebrauche. Wenn also auch die Erreichung jenes irdischen Ziels die Absicht uusers DaseynS scy» könnte, und der Vernunft dabei keine Fragen übrig gelassen würden, so wäre dieser Zweck wenigstens nicht der einstige, sondern der jener unbekannten Kraft. Wir wissen keinen Augenblick, was diesen Zweck befördert; uns bliebe nichts übrig, als jener Kraft durch unsre Handlungen irgend einen Stoff, ganz gleich welchen, hinzngeben, und es ihr zu überlassen, daß sie denselben ihrem Ziele gemäß bearbeite. Es würde zur höchsten Weisheit, uns nicht um Dinge zu bemühen, die uns nicht angehen; zu leben, wie cs uns jedesmal auwandelte, und Len Erfolg ruhig jener Kraft zu überlassen. Das Ciktengesctz in unserm Znncrn wurde leer und überflüßig, und paßte schlechthin nicht in ein Wesen, das nicht mehr vermöchte, und zu nichts Höherem bestimmt wäre. Um mit uns selbst einig zu werden, müßte» mir der Stimme desselben Len Gehorsam versagen, undsic, als eine verkehrte und thöxichtcSchwärmerei in uns, unterdrücken. Nein, ich will ihr den Gehorsam nicht versagen, so wahr ich lebe und bin, ich will ihr gehorchen, schlechthin weil sie gebietet. Dieser Entschluß sey das Erste und Höchste in meinem Geiste, dasjenige, wonach alles andere sich richte, der aber sich selbst nach keinem andern richte, noch von ihm abhnnge; er sey das innerste Princip meines geistigen Lebens. Aber schlechthin für nichts, und um nichts kann ich als vernünftiges Wesen, dem durch seinen bloßen Entschluß schon ein Zweck hin- gcsteklt wird, nicht handeln. Soll ich jenen Gehorsam für vernünftig anzuerkcnnen v-rmL- gen, soll es wirklich die mein Wesen bildende Verminst, nicht eine selbst erdichtete, oder eine irgend woher angcworsenc Schwärmerei sryn, welche mir den Gehorsam gebietet, so mich dieser Gehorsam doch irgend einen Erfolg haben, und zu irgend etwas dienen. Er dient offenbar nicht für den Zweck der irdischen Welt; cs muß sonach eine überirdische Welt geben, für deren Zweck er diene. Der Nebel der Verblendung fällt von meinem Auge; ich erhalte ein neues Organ, und eine neue Welt geht in demselben mir auf. Sie geht mir auf, lediglich durch das Vernunft- gebot, und schließt nur an dieses in meinem Geiste sich an. Zch umfasse diese Welt — ich muß wohl, durch meine sinnliche Ansicht beschränkt, das Unnennbare so benennen — ich umfasse diese Welt lediglich in dem Zwecke und unter dem Zwecke, den mein Gehorsam haben — 254 muß; sie ist ganz und gar nichts anders, als dieser nothwendige Zweck selbst, den meine Vernunft dem Gebote hinzufügt. Wie könnte ich auch, alles übrige abgerechnet, glauben, daß dieses Gesetz für die S n- ncnwclr berechnet sey, und der ganze Zweck des Gehorsams, den dasselbe fordert, in ihr liege; da dasjenige, worauf es bei diesem Gehorsam allein ankommt, in ihr überhaupt zu nichts dient, nie Ursache werden, noch Folgen haben kann. Zn der Sinnenwelt, die an der Kette der materiellen Ursachen und Wirkungen fortläuft; in welcher das, was erfolgt, von dem abhängc, was vorher geschähe, kommt es nie darauf an, wie, mit welchen Absichten und Gesinnungen eine That unternommen würde, sondern nur, welches diese That sey. Wäre das die ganze Absicht unsers Da- scyns, einen irdischen Zustand unsers Geschlechtes hervorzubringen, so bedürfte es lediglich euies unfehlbaren Mechanismus, der unser äußeres Handeln bestimmte, und wir brauchten nichts mehr zu seyn, als der ganzen Maschine wohlcingepaßte Näder. Die Freiheit wäre dann nicht bloß vergebens, sondern sogar zweckwidrig; der guce Wille vollkommen überflüssig» Die Welt wäre höchst ungeschickt eingerichtet, und gienge mit Verschwendung und durch Umwege zu ihrem Ziele. Hättest du, mächtiger Weltgeist, diese Freiheit, die du nur mit Mühe und durch eine andere Veranstaltung deinen Planen anpassm mußt, uns lieber genommen, und uns geradezu genöthigt, zu handeln, wie wir für deine Plane handeln sollten! du kämst dann auf dem kürzesten Wege zum Ziele, wie der geringste der Bewohner deiner Welten dir sagen kann. — Aber ich bin frei; und darum kann ein solcher Zusammenhang der Ursachen und Wirkungen, in welchem die Freiheit absolut überflüssig und zwecklos ist, meine ganze Bestimmung nicht erschöpfen. Ich soll frey seyn; denn nicht die mechanisch hervorgebrachte That, sondern die freie Bestimmung der Frei- — LgS — heit lediglich um des Gebotes, und schlechthin um keines andern Zwecks willen — so sogt uns die innere Stimme des Gewissens — diese allein macht unser» wahren Werth aus. Das Band, mit welchem das Gesetz mich bindet, ist ein Band für lebendige Geister: cs vcr< schmäht, über den todtcn Mechanismus ;» herrschen, und wendet sich allein an das Lebendige, und Sclbstrhakige. Diesen Gehorsam verlangt cs; dieser Gehorsam kann nicht überflüssig sel-n. Und hiermit geht die ewige Welt Heller vor nur auf, und das Grundgesetz ihrer Ordnung steht klar vor dem Auge meines Geistes. Zn ihr ist rein und bloß der Wille, wie er im geheimen Dunkel meines Gemüths vor allen sterblichen Augen verschlossen liegt, erste« Glied einer Kette von Folgen, die durch das ganze unsichtbare Reich der Geister hindurch- läust; so wie in der irdischen Welt dieThat, eine gewisse Bewegung der Materie, erstes Glied Glied einer materiellen Kette wird/ die das ganze System der Materie durchstießet. Der Wille ist das Wirkende, und Lebendige der Vernunftwelt, so wie die Bewegung das Wirkende, und Lebendige der Sinnenwelc ist. Zch stehe im Mittelpunkt zweier gerade entgegengesetzter Welten, einer sichtbaren, in der die That, einer unsichtbaren und schlechthin unbegreiflichen, in der der Wille entscheidet; ich bin eine der Urkräfte für beide Welten. Mein Wille ist cs, der beide umfaßt. Dieser Wille ist schon an und für sich selbst Bestandtheil der übersinnlichen Welt; so wie ich ihn durch irgend einen Entschluß bewege, bewege und verändere ich etwas in dieser Welt, und meine Wirksamkeit fließt fort über das Ganze, und bringt Neues, ewig Dauerndes hervor, das da nun ist, und nicht mehr gemacht zu werden bedarf. Dieser Wille bricht aus in eine materielle That, und diese That gehört der Sinnenwelt an, und wirkt in derselben, was sie wirken kann. Nicht erst, nachdem ich aus dem Anfang menhange der irdischen Welt gerissen scyn werde, werde ich den Eintritt in die überirdische erhalten; ich bin und lebe schon jetzt i» ihr, weit wahrer, als in der irdischen; sthon jetzt ist sie mein einziger sestcr Standpunkt, und das ewige Leben, das ich schon längst in Besitz genommen, ist der einige Grund, wa, rum ich das irdische noch sortsühren mag. Das, was sie Himmel nennen, liegt nicht jcn, seit des Grabes; cs ist schon hier um unsere Natur verbreitet, und sein Licht geht in jedem reinen Hurzen auf. Mein Wille ist mein, und er ist das einige, das ganz mein ist, und vollkommen von mir selbst abhangt, und durch ihn bin ich schon jetzt ein Mitbürger des Reichs der Freiheit, und der Vernunftchätig- keit durch sich selbst. Welche Bestimmung meines Millens — des einzigen, wodurch ich vom Staube herauf in dieses Reich cingreifc, — in die Ordnung desselben passe, sagt mir in jedem Augenblicke mein Gewissen, das Band, — LZY — ?! an welchen! jene Welt unablässig mich hält, und mit sich verknüpft; und cs hängt ganz von mir selbst ab, mir die gebotene Bestimmung zu geben. .Ich bearbeite dann mich selbst für diese Welt, arbeite sonach in ihr, und für sic, indem ich eines ihrer Glieder bearbeite; verfolge in ihr, und nur in ihr, ohne Wanken und Zweifel nach einer festen Regel meinen Zweck, - des Erfolgs sicher, indem da keine fremdartige Macht meinem Willen entgegen steht. — Daß in der Sinncnwclt mein Wille, sofern er nur wirklich Wille ist, wie er soll, auch noch zur That wird, ist lediglich das Gesetz dieser sinnlichen Welt. Zch wollte nicht so die That, wie den Willen; nur der letztere war ganz und rein mein Werk, und er war auch alles, was rein aus mir selbst hcrvvrgieng. Es bedurfte nicht noch eines besonder« Akts von meiner Seite, um an ihn die That anzuknüpfcn: sie knüpfte sich selbst an ihn an, nach dem Gesetze der zweiten Welt, mit welcher ich durch meinen Willen zusammenhänge, und in welcher dieser Wille gleichfalls Urkraft ist, wie in der ersten. — Zch bin freilich, wenn ich den durch das Gewissen mir geborenen Willen, als Thar, und als wirkende Ursache in der Sinnenwelt ansehe, genökhigt, ihn auf jenen irdischen Zweck der Menschheit als Mittel zu beziehe»: nicht, als ob ich dann den Weltplan erst übersehen, und nach dieser Einsicht berechnen müßte, was ich zu thun hätte; sondern das unmittelbar durch das Gewissen mir gebotene bestimmte Handeln stellt sich mir ohne weiteres dar, als dasjenige, wodurch allein in meiner Lage ich zur Erreichung jenes Zwecke beitragen könne. Hb es mir nun nach der That scheine, als ob Lurch sie der Zweck nicht befördert, ja, als ob er sogar gehindert worden wäre; reuen kann mich die That darum nicht, an mir selbst dar, über irre werden kann ich nicht, so wahr ich nur meinem Gewissen gehorchte, indem ich sie vollzog; welche Folgen sic auch für diese Welt haben möge, für die andere Welt kann nichts anderes, denn Gutes aus ihr folgen. Und selbst für diese Welt gebietet mir nun, eben, weil die That für ihren Zweck verloren zu scyn scheint, mein Gewissen, dieselbe zweckmäßiger zu wiederholen, oder, weil ste denselben gehindert zu haben scheint, das Nacktheilige aufzu- heben, und das dem Erfolge Widerstrebende zu vernichten. Zch will, wie ich soll; und die neue That erfolgt. Es kann geschehen, daß die Folgen dieser neuen That in der Sinnen« weit mir nicht ersprieolicher erscheinen, als die der erstem; aber ich bleibe eben so ruhig über sie, in Rücksicht der andern Welt, und für die gegenwärtige ist es mir nun aufgelegt, durch neues Wirken das Vorhergehende zu ver« bessern. Und so möchte es immer scheinen, daß ich durch mein ganzes irdisches Leben das Gute in dieser Welt nicht um eines Haares Breite weiter bringe, aufgcbcn darf ich es doch nicht; nach jedem mißlungenen Schritte muß ich glauben, daß doch der nächste gelingen könne; für jene Welt aber ist kein Schritt verlor - 7 - L6r — reu. — Kurz, den irdischen Zweck befördere ich nicht lediglich um sein selbst willen, und als lehren Endzweck; sondern darum, weil mein wahrer letzter Zweck, Gehorsam gegen das Gesetz, in der gegenwärtigen Welt sich mir nicht anders darstellc, denn als Beförderung jenes Zwecks. Zhn dürfte ich aufgcbcn, wenn ich nur jemals dem Gesetze den Gehorsam verweigern dürfte, oder, wenn sich dasselbe nur in diesem Leben jemals anders darstcllen könnte, denn als ein Gebot, diesen Zweck in meiner Lage zu befördern; ihn werde ich wirklich aufgegeben haben in einem andern Leben, in welchem das Gebot mür einen andern hienie- den völlig unbegreiflichen Zweck setzen wird. Zn diesem Leben muß ich ihn befördern wollen, weil ich gehorchen muß; ob er durch die That, die aus diesem gesetzmäßigen Wollen erfolgt, wirklich befördert werde, ist nicht meine Sorge; ich bin nur für den Willen, der hicniedcn freilich nur auf den irdischen Zweck gehen kann, nicht aber für den Erfolg verantwortlich. Vor dcr That kann ich diesen Zweck nie ausgebcn; die That aber kann ich, nachdem sie vollbracht ist, wohl ausgebcn, und sie wiederholen, oder verbessern. Zch lebe und wirke sonach schon hier, meinem eigentlichsten Wesen und meinem nächsten Zwecke nach, nur fstr die andere Welt, und die Wirksamkeit für dieselbe ist die einzige, dcr ich ganz sicher bin; für die S Innenwelt wirke ich nur um der andern willen, und darum, weil ich für die andere gar nicht wirken kann, ohne für diese wenigstens wirken zu wollen. Ich will mich feftsehen, ich will mich einheimisch machen in dieser mir ganz neuen Ansicht meiner Bestimmung. — Das gegenwärtige Leben läßt sich vernünftiger Weise nicht als die ganze Absicht meines Daseyns, und des Daseyns eines Menschengeschlechts überhaupt denken; es ist in mir Etwas, und cs wird von mir Etwas gefordert, das in diesem ganzen Leben keine Anwendung findet, und für das Höchste, was auf der Erde hervorgebracht werden kann, völlig zwecklos, und überflüssig ist. Der Mensch muß sonach einen über dieses Leben hmausllegenden Zweck haben. Soll aber das gegenwärtige Leben, welches ihm dennoch aufgelegt wird, und das nicht lediglich zur Entwickelung der Vernunft bestimmt scyn kann, indem ja die schon erwachte Vernunft uns gebietet, dasselbe zu erhalten, und Len höchsten Zweck desselben ans allen Kräften zu befördern — soll dieses Leben nicht völlig vergebens und unnütz seyn in der Reihe un- sers Daseyns, so muß es sich zu einem künftigen Leben wenigstens verhalten, wie Mittel zum Zwecke. Nun gicbt cs in diesem gegenwärtigen Leben nichts, dessen letzte Folgen nicht auf der Erde blieben, nichts, wodurch es mit einem künftigen Leben Zusammenhängen könnte, außer dem guten Willen; welcher hinwiederum in dieser Welt, zufolge des Grundgesetzes derselben, an sich nichts fruchtet. Der — LÜZ — gute Wille nur kann es scyn, er muß es seyn, durch den wir für ein anderes Leben, und für bas erst dort uns auszustclleude nächste Ziel desselben arbeiten; die uns unsichtbaren Folgen dieses guten Willens sind cs, durch die wir in jenem Leben erst einen festen Standpunkt, von welchem aus wir dann weiter in ihm fortrücken können, uns erwerben. Daß unser gute Wille an und für, und durch sich selbst Folgen haben müsse, wissen wir Ichon in diesem Leben, denn die Vernunft kann nichts Zweckloses gebieten; welches aber diese Folgen seyen, ja wie es nur möglich sey, daß ein bloßer Wille etwas wirken könne, darüber können wir auch nicht einmal etwas denken, so lange wir noch in dieser materiellen Welt befangen sind, und es ist Weisheit, eine Erforschung, von der wir schon vorher wissen können, daß sie uns mißlingen werde, gar nicht zu unternehmen. In Rücksicht der Be- s66 schassenheit dieser Folgen ist also das gegenwärtige Leben in Beziehung aus ein künftiges, ein Leben im Glauben. Zm künftigen Leben werden wir diese Folgen besitzen, denn wir nwrdcu mit unsrer Wirksamkeit von ihr aus- gehen, und auf sie fortbanen; dieses andere Leben wird sonach in Beziehung auf die Folgen unscrs guten Willens im gegenwärtigen, ein Leben des Schavens scyn. Wir werden auch in diesem andern Leben ein nächstes Ziel für dasselbe ausgestellt erhalten, wie wir cs im gegenwärtigen hatten; denn wir müssen fort thätig scyn. Aber wir bleiben endüeheWe- sen — und für endliche Wesen ist jede Thä- tigkcit eine bestimmte; und bestimmte That hat ein bestimmtes Ziel. Wie im gegenwärtigen Leben zum Ziele desselben sich verhält die vor, Händen gefundene Welt, die zweckmäßige Einrichtung dieser Welt für die uns gebotene Arbeit, die sehen erreichte Culcur und Güte unter den Menschen, und unsre eignen sinnlichen Kräfte: so werden im künftigen Leben zum — 267 —- Ziele desselben sich verhalten die Folgen unscrs guten Willens im gegenwärtigen. Das gegenwärtige ist der Anfang unsrer Existenz; cs wird uns eine Ausstattung für dasselbe und ein fester Vodcn in ihm frei geschenkt: das künftige ist die Fortsetzung dieser Existenz; für dasselbe müssen wir einen Anfang, und einen bestimmten Standpunkt uns selbst erwerben. Und nun erscheint das gegenwärtige Leben nicht mehr als unnütz und vergeblich; dazu, und nur allein dazu, um diesen festen Grund in einem künftigen Leben zu gewinnen, ist cs uns gegeben, und allein vermittelst dieses Grundes hängt cs mit unfcrm ganzen ewigen Da- seyn zusammen. — Es ist sehr möglich, daß auch dieses zweiten Lebens nächstes Ziel durch endliche Kräfte mit Sicherheit und nach einer Regel eben so unerreichbar scy, als das Ziel des gegenwärtigen Lebens cs ist; und daß auch dort der gute Wille als überflüssig, und zwecklos erscheine. Aber verlohnen kann er dort eben so wenig seyn, als er cs hier seyn kann, denn er ist das nothwendig fortdauernde, und von ihr unabtrcui'.üche Gebot der Verminst. Seine nothwendige Wirksamkeit würde sonach in diesem Falle uns auf ein drittes Leben hin- weisen, in welchen! die Folgen des guten Willens aus dem zweiren sich zeigen würden, und welches folgende Leben in diesem zweiten auch nur geglaubt würde; zwar mit festerer, und unerschütterlicher Zuversicht, nachdem wir die Wahrhaftigkeit der Vernunft schon durch die That erfahren, und die Früchte eines reinen Herzens in einem schon vollendeten Leben treu aufbcwahrt wieder gefunden hätten. Wie in dem gegenwärtigen Leben allein aus dem Gebote einer bestimmten Handlung unser Begriff eines bestimmten Ziels, und aus diesem die ganze Anschauung der uns gegebenen Sinncnwelt entsteht, eben so wird im künftigen auf ein ähnliches, jetzt für uns völlig undenkbares Gebot der Begriff eines nächsten Ziels für dieses Leben, und auf dieses die Anschauung einer Welt, in der uns die Folgen — §6y «nserS guten Willens im gegenwärtigen Lebe» vorausgegcbcn sind, sich gründen. Die gegenwärtige Welt ist überhaupt nur durch das Pflichtgebot für uns da; die andere wird uns gleichfalls nur' durch ein anderes Psiichtgcbot entstehen: denn auf eine andere Weise giebt es für kein vernünftiges Wesen eine Welt. Dies sonach ist meine ganze erhabene Bestimmung, mein wahres Wesen. Zch bin Glied zweier Ordnungen; eu er rein geistigen, in der ich durch den bloßen reinen Willen herrsche, und einer sinnlichen, in der ich durch meine That wirke. Der ganze Endzweck der Vernunft ist reine Thatigkeit derselben, schlechthin durch sich selbst und ohne eines Werkzeugs außer sich zu bedürfen, — Unabhängigkeit von allem, das nicht selbst Vernunft ist, absolute Unbedingtheit. Der Wille ist das lebendige Prineip der Vernunft, ist selbst die Vernunft, wen» sie rein und unabhängig ausgesaßt wird; die Vernunft ist durch sich selbst thätig, heißt: der reine Wille, bloß als solcher, wirkt und herrscht. Unmittelbar und lediglich in dieser rein geistigen Ordnung lebt nur die unendliche Vernunft. Der Endliche, der nicht die Vc>e- nunstwelr selbst, sondern nur ein Einzelnes unter mehreren Gliedern derselben ist, lebt noch- wendig zugleich in einer sinnlichen Ordnung, das Heist, in einer solchen, die ihm noch ein anderes Ziel, außer der reinen Verimuftthä- tigkeit, darstellt; einen materiellen Zweck, — zu beordern durch Werkzeuge, und Kräfte, die zwar unter der unmittelbaren Bothmäßig, kcit des Willens sichen, deren Wirksamkeit aber auch noch durch ihre eigne Naturgesetze bedingt ist. Doch muß, so gewiß die Vernunft Vernunft ist, der Wille schlechthin durch sich selbst, unabhängig rwn den Naturgesetzen, durch welche die Thar bestimmt wird, wirken; und darum deutet jedes sinnliche Leben des Endlichen auf ein höheres, ui das ihn der Wille bloß durch sich selbst einsühre, und ihm st» demselben Besitz verschaffe — ein Besitz, der sich uns freilich wieder sinnlich darstellen wird, als ein Instand, keincswcgcs als ein bloßer Wille. Diese zwei Ordnungen, die rein geistige, und die sinnliche, welche letztere aus einer unübersehbaren Reihe von besonderen Leben bestehen mag, sind von dem ersten Augenblicke der Entwickelung einer thätigen Vernunft an, !n mir, und laufen neben einander fort. Die letztere Ordnung ist nur eine Erscheinung für mich selbst, und für diejenigen, die mit mir m dem gleichen Leben sich befinden; die crstere allein giebt dem letztem Bedeutung, Zweckmäßigkeit, und Werih. Zch bin unsterblich, unvergänglich, ewig, sobald ich den Entschluß fasse, dem Vcrnunftgcsctze zu gehorchen; ich soll cs nicht erst werden. Die übersinnliche Welt ist keine zukünftige Welt, sie ist gegenwärtig; sie kann in keinem Punkte des endlichen Daseins gegenwärtiger scyn, als in dem andern; nach einem Dascyn von Myriaden Leccnslän- — 272 — gen nicht gegenwärtiger seyn, als in diesem Au.- gcnblicke. Andere Bestimmungen meiner si n n- lichen Existenz sind zukünftig; aber diese sind eben so wenig das wahre Leben, als die gegenwärtige Bestimmung es ist. Ich ergreife durch jenen Entschluß die Ewigkeit, und streife das Leben im Staube und alle andere sinnliche Leben, die mir noch bcvorstehcn können, ab, und versehe mich hoch über sie. Zeh werde mir selbst zur einigen Quelle alles meines Scyns, und meiner Erscheinungen; und habe von nun an, unbedingt durch etwas außer mir, das Leben in mir selbst. Mein Wille, den ich selbst, und kein Fremder in die Ordnung jener Welt füge, ist diese Quelle des wahren Lebens, und der Ewigkeit. Aber auch nur mein Wille ist diese Quelle; nur dadurch, daß ich diesen Willen für den eigentlichen Sih der sittlichen Güte erkenne, und zu dieser Güte ihn wirklich erhebe, erhalte ich die Gewißheit und den Besitz jener übersinnlichen Welk. Ohne Ohne Aussicht auf irgend einen begreiflichen und sichtbaren Zweck, ohne Untersuchung, ob aus meinem Willen irgend etwas anderes erfolge, als das Wollen selbst, soll ich geseh, mäßig wollen. Mein Wille steht allein da, ab, gesondert von allem, was er nicht selbst ist, bloß durch sich, und für sich selbst seine Welt; nicht bloß, daß er absolut Erstes sev, und daß es vor ihm kein anderes Glied gebe, das in ihn eingreife, und ihn bestimme; sondern auch, daß aus ihm kein denkbares und begreifliches Zweites folge, und dadurch seine Wirksamkeit unter ein fremdes Gesetz falle. Gienge aus ihm ein Zweites, aus diesem ein Drittes u. s. f. hervor in einer uns denkbaren der geistigen Welt entgegengesetzten Sinnenwelt: so würde durch den Widerstand der in Bewegung zu sehenden selbstständigen Glieder einer solche» Welt, seine Kraft gebrochen; dis Art der Wirk, samkcit entspräche nicht mehr ganz dem durch das Wollen ausgcbrückten Zweckbegriffe, und der Wille bliebe nicht frei, sondern er würde s >ü s> zum Theil durch die eigenthümlichcn Gesetze seiner heterogenen Wirkungssphäre beschränkt. — So muß ich auch wirklich in der gegenwärtigen, mir allein bekannten sinnlichen Welt den Willen ansehcn. .Ich bin freilich genöthigt, zu glauben, das heißt, zu handeln, als ob ich dächte — daß durch mein Wollen meine Zunge, meine Hand, mein Fuß in Bewegung gesetzt werde» könnten; wie aber ein bloßer Hauch, ein Druck der Intelligenz auf sich selbst, wie der Wille es ist, Princip einer Bewegung in der schweren irdischen Masse seyn könne, darüber kann ich nicht nur nichts denken, sondern selbst die bloße Behauptung ist vor dem Nichterstuhle des betrachtenden Verstandes reiner baarer Unverstand; und auf diesem Gebiete muß die Bewegung der Materie sogar in mir selbst, rein aus inner» Kräften der bloßen Materie erklärt werden. Eine Ansicht von meinem Willen, wie die beschriebene aber erhalte ich nur dadurch, daß ich in mir selbst inne werde, derselbe scy nicht etwa bloß höchstes thatiges Prineip für birst West, welches er allerdings ohne alle eigentliche Freiheit durch den bloßen Einfluß des gesummten Weltsystems werden könnte, vhngc- fahr so, wie wir uns die bildende Kraft in der Natur denken müssen: sondern er verschmähe schlechthin alle irdische, und überhaupt alle außer ihm liegende Zwecke, und stelle sich selbst um sein selbst willen als letzte» Zweck hin. Aber lediglich durch eine solche Ansicht von meinem Willen, werde ich in eine übersinnliche Ordnung hinüber gewiesen, in welcher derWille rein durch sich selbst, ohne alles außer ihm lie, gcnde Werkzeug, in einer ihm gleichen, rein geistigen, von ihm durchaus durchdringbaren Sphäre, Ursache werde. — Daß das gesetzmäßige Wollen schlechthin um sein selbst willen gefordert werde —' eine Kcnntuiß, die ich nur als Thatsache in meinem Innern finden, und welche auf keinem andern Wege an mich gelangen kann — dies war das erste Glied meines Denkens. Daß diese Fodcrung Vernunft, mäßig, und die Quelle und Richtschnur alles andern Vcrnunftmäßigen sey, daß sic nach nichts sich richte, alles andere aber nach ihr sich richten, und von ihr abhängig werden müsse — eine Ucberzeugung, zu welcher ich abermals »licht von außen, sondern nur innerlich gelangen kann, durch den unerschütterlichen Beifall, den ich, mit Freiheit, jener Forderung gebe — dies war das zweite Glied meines Denkens. Und erst von diesen Gliedern ans kam ich zum Glauben an eine übersinnliche, ewige Welt. Hebe ich die erster» auf, so kann vom letzter» nicht weiter die Rede sepu. Eben, wenn es so sich verhielte, wie Viele sagen, und es ohne weitern Bcweiß als von selbst sich verstehend vorausschen, und es als den höchsten Gipfel der Lebensweisheit anpreisen, daß alle menschliche Tugend stets nur einen bestimmten äußern Zweck vor sich haben, und daß sie der Erreichbarkeit dieses Zwecks erst sicher seyn müsse, ehe sie handeln könne, und ehe sie Tugend sey — daß sonach die Vernunft gar nicht in sich selbst -77 rin Princip und eine Richtschnur -ihrer Tätigkeit enthielte, sondern diese Richtschnur erst von außen her durch die Betrachtung der ihr fremden Welt erhalten müßte — wenn es ss sich verhielte, dann wäre hienieden der Endzweck uusers Daseyns; die menschliche Natur wäre durch unsre irdische Bestimmung vollkommen erschöpft und durchaus erklärbar, und es gäbe keinen vernünftigen Grund, mit mstern Gedanken über das gegenwärtige Leben hin- auszugcheu. Aber, wie ich so eben mit mir selbst gesprochen, kann jeder Denker, der jene ersten Glieder irgend woher historisch, etwa aus Sucht nach dem Neuen und Ungewöhnlichen angenommen, und nun von ihnen aus nur richtig weiter fort folgern kann, reden und lehren. Er trägt uns dann die Denkart eines fremden Lebens vor, nicht die seines eignen; alles schwebt ihm leer, und bedeutungslos vorüber, weil er ihm nm Sinne mangelt, wodurch man dc« Realität desselben ergreift; er ist ein Blinder, der auf einige historisch gelernte wahre Sähe von den Farben, eine durchaus richtige Theorie derselben gebaut hat, ohnerachtet cs für ihn gar keine Farbe gicbt; er kann sagen, wie es unter gewissen Bedingungen scy» müsse; aber ihm ist cs nicht so, weil er unter diesen Bedingungen nicht steht. Den Sinn, mit welchem man das ewige Leben ergreift, erhält man nur dadurch, daß man das Sinnliche und die Zwecke desselben wirklich aufgicbt, und aufopfert für das Gesetz,, das lediglich unser» Willen in Anspruch nimmt, und nicht unsre Thatcn; es aufgicbt, mit der festen Ueborzcn- gung, daß dieses Verfahren vcrnunftmäßig, und das einzige vernunftmaßigc scy. Erst durch diese Vcrzichtleistung auf das Zrdifche tritt der Glaube an das Ewige hervor in unsrer Seele, und wird isolirt hingestellt, als die einige Stütze, an die wir nns noch halten können, nachdem wir alles andere aufgegcben, — als das einige belebende Princip, das unfern Busen noch hebt, und unser Leben noch begeistert. Wohl muß man, nach den Bildern einer heiligen Lehre, der Welt erst abstcrbcn, und wiedel-geboren werden, um in das Reich Gottes cingchcn zu kSnncn. Ich sehe, o ich sehe nun klar vor mir liegen den Grund meiner chmaligen Achtlosigkeit, und Blindheit über geistliche Dinge. Von irdischen Zwecken angefüllt, und in sie mit allem Dichten und Trachten verloren, nur durch den Begriff eines Erfolgs, der außer uns wirklich werden soll, durch die Begier darnach, und das Wohlgefallen daran, in Bewegung gesetzt, und getrieben, unempfindlich und todc für den reinen Antrieb der durch sich selbst gesetzgebenden Vernunft, die uns einen rein geistigen Zweck aufstcllt, bleibt die unsterbliche Psyche angehestet an den Boden, und ihre Fittige gebunden. Unsre Philosophie wird die Geschichte unsers eignen Herzens, und Lebens, und wie wir uns selbst finden, denken wir den Menschen überhaupt und seine Bestimmung. Nie anders, als durch die Begier, de nach dem, was in dieser Welt wirklich werden kann, getrieben, gicbt es für uns keine wahre Freiheit, — keine Freiheit, die den Grund ihrer Bestimmung absolut, und durch, aus in sich selbst hatte. Unsre Freiheit ist höchstens die, der sich selbst bildenden Pflanze; nicht ihrem Wesen nach höher, nur im Erfolge künstlicher, nur nicht eine Materie hervorbrin- gend mit Wurzeln, Blättern, Vlüthen, sondern ein Gemüth mit Trieben, Gedanken, Handlungen. Von der wahren Freiheit vermögen mir schlechterdings nichts zu vernehme», weil wir nicht im Besitze derselben sind; wir ziehen, wenn von ihr geredet wird, die Worte zu unsrer Bedeutung herab, oder schelten die Rede kurz und gut für Unsinn. Mir der Erkenntniß der Freiheit geht uns zugleich der Sinn für eine andere Welt verloren. Alles von dieser Art schwebt vor uns vorüber, wie Worte die an uns gar nicht gerichtet sind, wie ein aschgrauer Schatten, ohne Farbe, und Bedeutung, den wir an keinem Ende anzu- fassen, und fest zu halten vermögen. Wir lassen, ohne die geringste Thcilnnhme, alles an seinen Ärt gestellt. Oder treibt uns ein rüstigerer Eifer, dasselbe jemals ernstlich zu betrachten, so sehen wir klar ein, und können beweisen, daß alle jene Ideen unhaltbare und gehaltlose Schwärmereien sind, die der verständige Mann wegwirft; und wir haben nach den Voraussetzungen, von denen wir ausgehn, und die aus unsrer eignen innersten Erfahrung geschöpft sind, vollkommen Recht, und sind unwiderlegbar und unbelehrbar, so lange wir diejenigen bleiben, die wir sind. Die mitten unter unscrm Volke mit einer besonder» Autorität versehenen vorcreflichen Lehren, über Freiheit, Pflicht und ewiges Leben, verwandeln sich für uns tn abcniheucrliche Fabeln, ähnlich denen vom Tartarus und den Elysaischcn Fel- — LZ2 — dem, ohne Laß wir gerade unsre wahre Herzensmeinung entdecken, indem nur es gcrathe» finden, durch diese Bilder den Pöbel bei der äußern Ehrbarkeit zu erhalten; oder sind wir weniger uachdenkcnd, und selbst noch durch die Bande der Autorität gefesselt, so sinken wir selbst zum wahren Pöbel herab, indem wir glauben, was, so verstanden nur läppische Fabel wäre, und in jenen rein geistigen Hindcutungen das Versprechen finden, dasselbe erbärmliche Wesen, das wir hicnicdcn treiben, in alle Ewigkeit sortzu setzen. Um mir Alles in Einem zu sagen: — nur durch die gründliche Verbesserung meines Willens geht ein neues Licht über mein Dascyn, und meine Bestimmung mir auf; ohne sie ist, so viel ich auch Nachdenken, und mit so vorzüglichen Geisicögabcn ich auch ausgestattet scyn mag, eitel Finsternis in mir, und um mich. Nur die Verbesserung des Herzens führt zur wahren Weisheit, Nun so ströme denn nnaufhaltsam mein ganzes Leben auf dieser» Auen Zweck hin! IV. Mein gesetzmäßiger Wille, bloß als solcher, an und durch sich selbst, soll Folgen haben, sicher und ohne Ausnahme; jede pstichru.äßige Bestimmung meines Willens, ob aus ihr auch keine That erfolgte, soll wirken in einer mir unbegreiflichen andern Welt, und außer dieser pflichtmäßigcn Willensbcstimmung soll in ihr nichts wirken. — Was denke ich doch, indem ich dies denke, was setze ich voraus? Offenbar ein Gesetz, eine schlechthin ohne Ausnahme geltende Regel, nach welcher der pflichtmäßige Wille Folgen haben muß; eben so, wie ich in der irdischen Welt, die mich umgicbt, ein Gesetz aunchmc, nach welchem dieje Kugel, wenn sie durch meine Hand mit dieser bestimmten Kraft in dieser bestimmten Richtung angestoßen wird, nochwendig in einer solchen Richtung mit einem bestimmten Maaße von Schnelligkeit sich fortbewcgt, etwa eine andere Kugel mit diesem Maaße von Kraft anstbßt, welche nun selbst mit einer bestimm-- ten Schnelligkeit sich fortbcwegt, — und so weiter ins Unbestimmte. Wie ich hier schon in der bloßen Richtung und Bewegung meiner Hand alle auf sie folgende» Richtungen und Bewegungen erkenne und umfasse, mit derselben Sicherheit, als ob sie schon gegenwärtig vorhanden, und von mir wahrgenommen wären: eben so umfasse ich in meinem pflichtmäßigen Willen eine Reihe von nothwendigen und unausbleiblichen Folgen in der geistigen Welt, als ob sie schon gegenwärtig wären; nur daß ich sie nicht, wie die Folgen in der materiellen Welt bestimme» kann, — das heißt, daß ich lediglich weiß, daß, nicht aber wie sie seyn werden; — und eben, indem ich dieses thue, denke ich ein Gesetz der geistigen Welt, in welcher mein reiner Wille eine der bewegenden Kräfte ist, gleichwie meine Hand eine der bs- LÜ5 wegenden Kräfte in der materiellen Welt ist. Jene Festigkeit meiner Zuversicht, und der Gedanke dieses Gesetzes einer geistigen Welt sind ganz Eins und eben dasselbe; nicht zwei Gedanken, deren einer durch den andern vermittelt wurde, sondern ganz derselbe Gedanke; eben so, wie die Sicherheit, mit welcher ich auf eine gewisse Bewegung rechne, und der Gedanke eines mechanischen Naturgesetzes dasselbe sind. — Der Begriff: Gesetz, drückt überhaupt nichts anders aus, als das feste unerschütterliche Beruhen der Vernunft auf einem Satze, und die absolute Unmöglichkeit, das Gegcntheil anzunehmcn. Ich nehme an ein solches Gesetz einer geistigen Welt, das nicht mein Wille gicbt, noch der Wille irgend eines endlichen Wesens, noch der Wille aller endlichen Wesen zusam, men genommen, sondern, unter dem mein Wille, und der Wille aller endlichen Wesen selbst steht. Weder ich, noch irgend ein endliches, und eben darum auf irgend eine Weise — Lg6 — sinnliches Wesen vermag auch nur zu begrei, fcN, wie ein bloßer reiner Wille Folgen habcn- »nd wie diese Folgen beschaffen seyn können- indem darin eben das Wesentliche ihrer End» lichkeir bestellt, daß sie das zu begreifen nicht vermögen; — zwar den bloßen Willen als solchen rein in ihrer Gewalt haben, die Folgen desselben aber durch ihre Sinnlichkeit noth- wendig als Zustande erblicken;— wie könnte denn also ich, oder irgend ein endliches Wesen dasjenige, was wir alle schlechthin nicht denken noch begreifen können, sich als Zwcckbe- griff setzen, und cs dadurch wirklich machen? — Ich kann nicht sagen, daß in der materiellen Welt meine Hand, oder irgend ein Körper der in dieser Welt mit begriffen, und durch das allgemeine Grundgesetz der Schwere bestimmt ist, das Naturgesetz der Bewegung gebe; die» scr Körper steht selbst unter diesem Naturge» setze, und vermag einen andern Körper zu bewegen, lediglich diesem Gesetze gemäß, und i» wiefern er zufolge desselben an der allgemein KM bewegenden Kraft in der Natur Tbeil bat. Eben so wenig gicbk eil' endlicher Wide der übersinnlichen Welt, die kein endlicher Geist umfaßt, das Gesetz; sondern alle endliche Willen stehen 'unter dem Gesetze derselben, und können ln dieser Welt etwas hervorbriu- gm, nur inwiefern dieses Gesetz schon vorhanden ist, und sie selbst, nach dem Grundgesetze derselben für endliche Willen, durch Pflichr- maßigkeit unter die Bedingung desselben sich fügen, und in die Sphäre seiner Wirksamkeit eintreten; durch Pflichtmäßigkeit, sage ich, das einige Band, das sic an diese Welt bindet, der einige Nerv, der aus ihr zu ihnen herab-- gcht, und das einige Organ, durch welches sie in dieselbe zutückzuwirken vermögen. Wie die allgemeine Anziehungskraft alle Körper halt, und mit sich und dadurch untereinander vereinigt, und nur unter ihrer Voraussetzung Bewegung des Einzelnen möglich ist, so vcretz nigt und halt in sich, und ordnet unter sich jenes übersinnliche Gesetz alle endliche Vernunft- wesen. — — Mein Wille, und der Wille aller endlichen Wesen kann angesehen werden aus einem doppelten Gesichtspunkte: thcils als bloßes Wollen, ein innerer Akt auf sich selbst; und insofern ist der Wille in sich selbst vollendet, und durch den bloßen Akt geschlossen; thcils als Etwas, ein Factum. Das letztere wird er zunächst für mich, inwiefern ich ihn als vollendet ansche; aber er soll es auch werden außer mir; in der Sinnen weit, bewegendes Princip etwa meiner Hand, aus deren Bewegung wieder andere Bewegungen erfolgen; in der übersinnlichen Welt, Princip einer Reihe von geistigen Folgen, von denen ich keinen Begriff habe. Zn der erstem Ansicht, als bloßer Akt, steht er ganz in meiner Gewalt; daß er das letztere überhaupt wird, und cs als erstes Princip wird, hängt nicht von mir ab, sondern von einem Gesetze, unter welchem ich selbst stehe, dem Naturgesetze in der Sinnenwelt, einem übersinnlichen Gesetze in der übersinnlichen Welt. Was Was ist denn nun dies für ein Geseh der geistigen Welt, das ich denke? — Zch will Mir nemlich diesen Begriff, der nun da steht, fest und gebildet, und welchem ich nichts Hinzuthun kann oder darf, nur erklären, und aus einander sehen. — Offenbar kein solches, wie in meiner, oder in irgend einer möglichen Sin- Nenwelt, dem etwas anderes, als ein bloßer Wille, dem ein bestehendes, ruhendes Seyn, aus welchem sich etwa durch den Anstoß eines Willens eine innere Kraft loswik- keltc, voraüsgeseht würdet Demi — dies ist ja der Inhalt Meines Glaubens — mein Wille soll schlechthin durch sich selbst, ohne alles seinen Ausdruck schwächende Werkzeug, in einer ihm völlig gleichartigen Sphäre, als Vernunft auf Vernunft, als Geistiges auf Geistiges, wirken; — in einer Sphäre, der er je, doch das Geseh des Lebens, der Thätigkeit, des Fortlaufens nicht gebe, sondern, die cs in sich selbst habe; also auf selbstthä tige Vernunft, Äbek selbstthätige Vernunft ist Wille. Das L >9 ) Gesetz der übersinnlichen Welt wäre sonach ein Wille. Ein Wille, der rein, und blos als Wille wirkt, durch sich selbst, schlechthin ohne alles Werkzeug, oder sinnlichen Stoff seiner Einwirkung, der absolut durch sich selbst zugleich That ist, und Produkt, dessen Wollen Geschehen, dessen Gebieten Hinstcllen ist; in welchem sonach die Forderung der Vernunft, absolut frei, und sclbstthätig zu seyn, dargestellt ist. Ein Wille, der in sich selbst Gesetz ist, der nicht nach Launen, und Einfällen, nach vorherigem Ucberlegcn, Wanken und Schwanken sich bestimmt, sondern der ewig und unveränderlich bestimmt ist, und auf den man sicher und unfehlbar rechnen kann, so wie der Sterbliche sicher auf die Gesetze seiner Welt rechnet. Ein Wille, in welchem der gesetzmäßige Wille endlicher Wesen unausbleibliche Folgen hat; aber auch nur dieser ihr Wille; indem er für alles andere unbeweglich, und alles andere für ihn so gut als gar nicht vorhanden ist. F ' Jener erhabne Wille geht sonach nicht abgesondert von der übrigen Vernunftwclt seinen Weg für sich. Es ist zwischen ihm und allen endlichen vernünftigen Wesen ein geistiges Band, und er selbst ist dieses geistige Band der Vcr- nunftwelt. — Ich will rein und entschieden meine Pflicht, und Er will sodann, daß cs mir, in der geistigen Welt wenigstens, gelinge. Jeder gesetzmäßige Willcnsentschluß des Endlichen gehet ein in ihn, und — bewegt, und bestimmt ihn, nach unsrer Weise zu reden, — nicht zufolge eines augenblicklichen Wohlgefallens, sondern zufolge des ewigen Gesetzes seines Wesens. — Mit überraschender Klarheit tritt er jetzt vor meine Seele, der Gedanke, der mir bisher noch mit Dunkelheit umringt war, der Gedanke: daß mein Wille, bloß als solcher, und durch sich selbst Folgen habe. Er hat Folgen, indem er durch einen andern ihm verwandten Willen, der selbst That, und das einige Lebens-Prineip der geistigen Welt ist, unfehlbar und unmittelbar vernommen wird; l„ ihm hat er seine erste Folge, und erst durch ihn auf die,übrige Geisterwclt, welche überall nichts ist, als ein Produkt jenes un- endlichen Willens. So fließe Ich, — der Sterbliche muß sich der Worte aus seiner Sprache bedienen — so fließe Ich ein auf jenen Willen; und die Stimme des Gewissens in meinem Innern, die in jeder Lage Meines Lebens mich unterricht tet, was ich in ihr zü thun habe, ist es, durch welche Er hinwiederum auf mich einfließt. .Jene Stimme ist das — nur durch meine Umgebung versinnlichte, Und durch mein Vernehmen in meine Sprache übersetzte Orakel aus -er ewigen Welt, das mir verkündiget, wie ich an meinem Theile in die Ordnung der geistigen Welt, oder in den unendlichen Willen, der ja selbst die Ordnung dieser geistigen Welt ist, mich zu fügen habe. Ich überschaue und durchschaue jene geistige Ordnung nicht, und ich bedarf dessen nicht; ich bin nur ein Glied in ihrer Kette, und kann über das.Ganze eben — ry5. — so wenig urthcilen, als ein einzelner Ton im Gesänge über die Harmonie des Ganzen ur- theilen könnte. Aber was ich selbst scyn solle in dieser Harmonie der Geister, muß ich wist scn, denn nur ich selbst kann mich dazu ma< chen, und es wird mir unmittelbar offenbart durch eine Stimme, die aus jener Welt zu mir herüber tönt. So stehe ich mit dem Ei» neu, das da ist, in Verbindung, und nehme Theil an seinem Scyn. Es ist nichts wahrhaft Reelles, Dauerndes, Unvergängliches an mir, als diese bcivcn Stücke: die Stimme meines Gewissens und mein freier Gehorsam. Durch die erste neigt die geistige Welt sich zu mir herab, und umfaßt mich, als eins ihrer Glieder; durch den zweiten erhebe ich mich selbst in diese Welt, ergreife sie und wirke in ihr. Jener unendliche Wille aber ist der Vermittler zwischen ihr und mir; denn er selbst ist der Urquell von ihr und von mir. — Dies ist das ciuzbge Wahre und Unvergängliche, nach welchem hin meine Seele aus ihrer innersten Tieft sich bewegt; alles Andere ist bloße Erscheinung, und schwindet, und kehrt in einem neuen Scheine zuruck. Dieser Wille verbindet mich mit sich selbst; derselbe verbindet mich mit allen endlichen Wesen meines gleichen, und ist der allgemeine Vermittler zwischen uns allen. Das ist das große Gchcimniß der unsichtbaren Welt, und ihr Grundgesetz, in wiefern sie Welt oder System von mehreren einzelnen Willen ist: jene Vereinigung, und unmittelbare Wechselwirkung mehrerer selbstständiger und unabhängiger Willen mit einander; ein Geheimniß, das schon im gegenwärtigen Leben klar vor aller Augen liegt, ohne daß cs eben jemand bemerke, oder es seiner Verwunderung würdige. — Die Stimme des Gewissens, die jedem seine besondere Pflicht auslegt, ist der Strahl, an welchem wir aus dem Unendlichen auögehen, und als einzelne, und besondere Wesen hingestellt werden; — Lyz — sie zieht die Eranzen unsrer Persönlichkeit; sie also ist unser wahrer Urbestandtheil, der Grund und der Stoff alles Lebens, welches wir le- ben. Die absolute Freiheit des Willens, die wir gleichfalls aus dem Unendlichen mit herab- nehmcn in die Welt der Zeit, ist das Princip dieses unscrö Lebens. — Ich handle. Die sinnliche Anschauung, durch welche allein ich zu einer persönlichen Intelligenz werde, voraus- gescht, — laßt sich sehr wohl begreifen, wie ich von diesem meinem Handeln nothwcndig .wissen müsse; ich weiß es, weil ich selbst cs bin, der da handelt; — es läßt sich begreifen, wie vermittelst dieser sinnlichen Anschauung mein geistiges Handeln mir erscheine als That in einer Sinnen weit, und wie umgekehrt, durch dieselbe Versinnlichung, das an sich rein geistige Pflichtgebot mir erscheine, als Gebot einer solchen That; — eS läßt sich begreifen, wie eine vorliegende Welt, als Bedingung dieser That, und zum Theil, als Folge und Produkt derselben, mir er- scheine, Zch bleibe hierbei immer nur in mir selbst, und auf meinem eignen Gebiete; al- Ics, was für mich da ist, entwickelt sich rein, und lediglich aus mir selbst; ich schaue überall nur mich selbst an, und kein fremdes wahres Se»n außer mir.-Aber in dieser meiner Welt nehme ich zugleich an: Wirkungen anderer Wesen, die von mir unabhängig und selbstständig scyn sollen, eben so, wie ich selbst cs bin. Wie diese Wesen für sich selbst von den Wirkungen, die aus ihnen selbst hervorgehen, wissen können, läßt sich begreifen; sie wissen davon auf dieselbe Weise, wie ich von den meinigen weiß. Aber wie ich davon wissen könne, ist schlechthin unbegreiflich, eben so, wie es unbegreiflich ist, wie sie von meiner Existenz und von meinen Aeußerungcn wissen können, welches ich ihnen ja doch anmuthe. Wie fallen sie in meine Welt, und ich in die ihrige? — da ja das Prineip, nach welchem das Bewußtscyn unsres Selbst, und unsrer Wirkungen, und der sinnlichen Bedingungen derselben sich aus uns entwickelt — daß nem- sich jede Intelligenz unstreitig wissen müsse, was sie thnc — da dieses Prineip hier schlechterdings nicht anwendbar ist? Wie haben freie Geister Kunde von freien Geistern? — nachdem wir wissen, daß freie Geister das einige Reelle sind, und an eine selbstständige Sinnen- wclc, durch welche sie auf einander cinwirkten, gar nicht mehr zu denken ist. Oder willst du mir doch sagen: ich nehme die vernünftigen Wesen meines gleichen wahr durch die Veränderungen, die sic in der Sinncnwclt Hervorbringen; so frage ich dich hinwiederum, wie du denn diese Veränderungen selbst wahrzunehmen vermagst? Ich begreife sehr wohl, wie du Veränderungen wahrnimmst, die durch den bloßen Naturmechanismns bewirkt werden; denn das Gesetz dieses Mechanismus ist nichts anderes, als dein eignes Dcnkgcsctz, nach welchem du die mit einem Male gesetzte Welt dir weiter entwickelst. Aber die Veränderungen, von denen wir hier reden, sollen ja nicht — Ly8 — durch den Nattirmechanismus, sondern durch einen über alle Natur erhabenen freien Willen bewirkt seyn, und lediglich, inwiefern du sie dafür ansichst, schliefest du von ihnen au- auf freie Wesen deinesgleichen. Welches wäre denn nun das Gesetz in dir, nach dem du die Bestimmungen anderer von dir absolut unabhängiger Willen dir entwickeln könntest? — Kurz, diese gegenseitige Erkenntniß und Wechselwirkung freier Wesen schon in dieser Welt, ist nach Natur- und Dcnkgefctzen völlig unbegreiflich, und läßt sich erklären lediglich durch das Eine, in dem sic Zusammenhängen, nach dem sie für sich getrennt sind, durch den unendlichen Willen, der alle in seiner Sphäre hält und trägt. Nicht unmittelbar von dir zu mir, und von mir zu dir strömt die Erkenntniß, die wir von einander haben; wir für uns sind durch eine unübersteigliche Grcnzscheiduug abgesondert. Nur durch unsre gemeinschaftliche geistige Quelle wissen wir von einander; nur in ihr erkennen wir einander, und wirken wir — 2YY — auf einander. — Hier achte das Bild der Frei, heit auf der, Erde, hier ein Werk, das dersck- bcn Gepräge tragt: ruft innerlich die Stimme jenes Willens mir zu, die mit mir redet, nur inwiefern sie mir Pflichten auflegt; und dies allein ist das Prineip, durch welches hindurch ich dich und dein Werk anerkenne, indem das Gewissen mir gebietet, dasselbe zu achten. Dann, woher denn unsre Gefühle, unsre sinnliche Anschauung, unsre diecursiven Denk, gcsehe, — auf welches alles sich die Siunen- welt gründet, die wir erblicken, und in der wir auf einander cinzufließen glauben? Zn Absicht der beiden letzten!, der Anschauung und der Denkgcsetze, antworten: es fegen dies die Gesetze der Vernunft an und für sich, — hieße keine befriedigende Antwort geben. Für uns freilich, die wir auf das Gebiet derselben gebannt sind, ist cs sogar unmöglich, andere zu denken, oder eine Vernunft, welche unter andern steht. Aber das eigentliche Gesetz der Vernunft an sich, ist nur das praktische Gesetz, das Gesetz der übersinnlichen Welt, oder jener erhabene Wille. — Und wenn man dieses einen Augen-' blick uncrörtcrt lassen wollte, woher denn unser aller Uebercinstimimwg über Gefühle, die doch etwas Positives, Unmittelbares, Unerklärbares sind? Von dieser Ucbereinstimmung über Gefühl, Anschauung, und Denkgcsche aber hängt es ab, daß wir alle dieselbe Sin- ncnwclt erblicken. Es ist dies eine übereinstimmende unbegreifliche Beschränkung der endlichen Vernunft« yiesen unsrer Gattung, und eben dadurch, dgß diese übereinstimmend beschränkt sind, werden sie zu Einer Gattung, — antwortet die Philosophie des bloßen reinen Wissens, und muß dabei, als bei ihrem Höchsten stehen bleiben. Aber, was könnte die Vernunft beschränken, außer, was selbst Vernunft ist; — und alle endliche Vernunft beschränken, außer der unendlichen? Diese Uebereinstimmung unser aller über die zum Grunde zu legende, gleichsam vorausgegebene Sinnenwelt, als Sphäre unsrer Pflicht, welche, die Sache genau angesehen, eben so unbegreiflich ist, als unsre Ucbercin« stimmung über die Produkte unsrer gegeuseiti» gen Freiheit, — diese Uebereinstimmung ist Resultat des Einen, ewigen unendlichen Wil- lens. Unser Glaube an sie, den ich oben be- trachtete, als Glauben an unsre Pflicht, ist eigentlich Glauben an Ihn, an Seine Vernunft, und an Seine Treue. — Was ist denn nun doch das eigentlich, und rein Wahre, das wir in der Sinnenwelt annehmen, «nd an welches wir glauben? Nichts anderes, als daß aus unsrer treuen, und unbefangenen Vollbringung der Pflicht in dieser Welt ein unsre Freiheit, und Sittlichkeit förderndes Leben in alle Ewigkeit sich entwickeln werde. Findet dies statt, dann hat unsre Welt Wahrheit, und die einzige für endliche Wesen mögliche; es muß statt finden, denn diese Welt ist Resultat des ewige» Willens in uns; aber dieser Wille kann zufolge der Gesetze seines Wesens keinen andern Endzweck mit Endlichen haben, als den angegebnen. Jener ewige Wille ist also allerdings Welt- schöpfer, so wie er es allein seyn kann, und wie cs allein einer Schöpfung bedarf; in der endlichen Vernunft. Diejenigen, welche ihn aus einer ewigen trägen Materie eine Weit bauen lassen, die dann auch nur träge und leblos seyn könnte, wie durch menschliche Hände verfertigte Gerathe — und kein ewiger Fortgang einer Entwickelung aus sich selbst, oder die cs sich anmuthen, das Hcrvorgchen eines materiellen Etwas aus dem Nichts zu denken, kennen weder die Welt, noch Ihn. Es ist überall Nichts, wenn nur die Materie Etwas seyn soll, und es bleibt überall und in alle Ewigkeit Nichts. Nur die Vernunft ist; bis unendliche an sich, die endliche in ihr, und durch sie. Nur in unfern Gemüthcrn erschaft er eine Welt; wenigstens das, woraus wir sie entwickeln, und das, wodurch wir sie entwickeln: — den Ruf zur Pflicht; und übereinstimmende Gefühle, Anschauung und Dcnk- sefetze. Es ist sein Licht, durch welches wir — 5°3 — das Licht, und alles was i» diesem Lichte uns erscheint, erblicken. Zn unfern Gemächern bildet er fort diese Welt, und greift ei» in dieselbe, indem er in unsre Gemächer durch den Nus der Pflicht eingreist, sobald ein anderes freies Wesen etwas in derselben verändert. In unser» Gemächern erhalt er diese Welt, und dadurch unsre endliche Existenz, deren allein wir fähig sind; indem er fortdauernd aus unfern Zuständen andere Zustände entstehe» läßt. Nachdem er seinem HLHern Zwecke gemäß uns sattsam für unsre nächste Bestimmung geprüft, und wir für dieselbe uns gebildet haben werden, wird ec durch das, was wir Tod nennen, dieselbe für uns vernichten, und uns in eine neue, das Produkt unsers pflichtmäßigen Handelns in dieser, einführen. Alles unser Leben ist Sein Leben. Wir sind in seiner Hand, und bleiben in derselben, und niemand kann uns daraus reißen. Wir sind ewig, weil Er es ist. Erhabner lebendiger Wille, den kein Name — 5^4 — nennt, und kein Begriff umfaßt, wohl darf ich mein Gcmülh zu dir erheben; denn du und ich sind nicht getrennt. Deine Stimme ertönt in mir, die meinige tönt in dir wieder; und alle meine Gedanken, wenn sie Nur wahr und gut sind, sind in dir gedacht. — Zn dir, dem Unbegreiflichen, werde ich mir selbst, und wird Mir die Welt vollkommen begreiflich, alle Näthscl meines Dafeyns werden gelös't, und die vollendetste Harmonie entsteht in meinem Geiste. Am besten fasset dich die kindliche, dir ergebne Einfalt. Du bist ihr der Herzenekündi, ger, der ihr Inneres durchschaut, der allgegenwärtige treue Zeuge ihrer Gesinnungen, der allein weiß, daß sie es redlich meint, und der allein sie kennt, ob sie auch von aller Welt miß- kannt würde. Du bist ihr der Vater, der es immer gut mit ihr meint, und der alles zu ihrem Besten wenden wird. Zn deine gütigen Beschlüsse giebt sie sich ganz mit Leib undSee- le. Thur mit mir, wie du willst, sagt sie, ich — Zaz — ich weiß, daß es gut seyn wird, so gewiß Da cs bist, der cs thut. Der grübelnde Verstand, der nur von dir gehört, nie aber dich gesehen hat, will uns dein Wesen an :-ch kennen lehren, und stellt ein widersprechendes Mißgeschöpf hin, das er für dein Bild ausgiebt, lächerlich dem bloß Verständigen, verhaßt und abscheulich dem Weisen und Guten. Zeh verhülle vor dir mein Angesicht, und lege die Hand auf den Mund. Wie du für dich selbst bist, und dir selbst erscheinest, kann ich nie einsehcn, so gewiß ich nie du selbst werden kann. Nach tausendmal tausend durchlebten Geisterlcben werde ich dich noch eben so wenig begreifen als jetzt, in dieser Hütte von Erde. — Was ich begreife, wird durch mein bioßcs Begreifen zum Endlichen; und dieses läßt auch durch unendliche Steigerung, und Erhöhung sich nie ins Unendliche umwandeln. Du bist vom Endlichen nicht dem Grade, sondern der Art nach verschieden. Sie machen dich durch jene Steigerung nur zu einem grö- f 20 Z - ^6 ßern Menschen, und immer zu einem größer«; nie aber zum Gotte, zum Unendlichen, der keines Maaßcs fähig ist. — Ich habe nur dieses diseursiv fortschreitende Vewußtseyn, und kann kein anderes mir denken. Wie dürfte ich dieses dir zuschreiben? Zn dem Begriffe der Persönlichkeit liegen Schranken. Wie könnte ich jenen auf dich übertragen, ohne diese? Zch will nicht versuchen, was mir durch das Wesen der Endlichkeit versagt ist, und was mir zu nichts nützen würde; wie du an dir selbst bist, will ich nicht wissen. Aber deine Beziehungen und Verhältnisse zu mir, dem Endlichen, und zu allen Endlichen, liegen offen vor meinem Auge: werde ich, was ich scyn soll! — und sie umgeben mich in hellerer Klarheit, als das Bcwußtseyn meines eignen Daseyns. Du wirkest in mir die Erkennt« niß von meiner Pflicht, von meiner Bestimmung in der Reihe der vernünftigen Wesen; wie, das weiß ich nicht, noch bedarf ich es zu wissen. Du weißt und erke n n st, was — 3°7 — ich denke und will; wie du wissen kannst; — durch welchen Akt du dieses Bewußtscyn zu Stande bringst, darüber verstehe ich nichts; ja ich weiß sogar sehr wohl, daß der Begriff eines Akts, und eines besonder» Akts des Be- wußtseyns mir von mir gilt, nicht aber von dir, dem Unendlichen. Du willst, denn du willst, baß mein freier Gehorsam Folgen habe in alle Ewigkeit; den Akt deines Willens begreife ich nicht, und weiß nur so viel, daß er nicht ähnlich ist dem meinigen. Du thust, und dein Wille selbst ist That; aber deine Wirkungsweise ist der, die ich allein zu denken vermag, geradezu entgegengesetzt. Du lebest und bist, denn du weißt, willst, und wirkest, allgegenwärtig der endlichen Vernunft; aber du bist nicht, wie ich alle Ewigkeiten hindurch allein ein Seyn werde denken können. In der Anschauung dieser deiner Beziehungen zu mir dem Endlichen will ich ruhig und selig seyn. Ich weiß unmittelbar nur, was ich soll. Dieses will ich unbefangen, freudig, und ohne Klügelei thun; denn es ist deine Stimme, die es mir befiehlt, die Verordnung des geistigen Weitplans an mich; und die Kraft, mit der ich cs ausrichte, ist deine Kraft. Was durch jene mir geboten, was durch Kiese ansgerichtet wird, ist in jenem Plane gewiß und wahrhaftig gut. Ich bin ruhig bei allen Ereignissen in der Welt, — denn sie sind in deiner Welt. Nichts kann mich irren, oder befremden, oder zaghaft mache», so gewiß Kn lebst, und ich dein Leben schaue. Denn in dir, und durch dich hindurch, o Unendlicher, erblick- ich selbst meine gegenwärtige Welt ln einem andern Lichte. Natur, und Naturerfolg in den Schicksalen und Wirkungen freier Wesen, wird dir gegenüber zu einem leeren, nichts bedeutenden Worte. Es ist keine Natur mehr; du, nur du bist. Es erscheint mir nicht mehr, als Endzweck der gegenwärtigen Welt, daß nur jener Zustand des allgemei, — — lim Friedens unt:r dm Menschen und ihrer unbedingten Herrschaft über den Nanu--Mechanismus hervorgebracht werde, bloß damit er sey, sondern, daß er durch die Menschen selbst hervorgebracht werde; und der er eruf alle berechnet ist, doch er durch alle, als Eine große, freie, moralische Gemeine hervorgebracht werde. Nichts Neues und Besseres für einen Einzelnen', außer durch seinen psiichrmechigen Willen; nichts Neues und Besseres für di? Gemeine, außer durch den gemeinschaftlichen pslichtmäßigcn Willen: ist Grundgesetz, des gro- jftn sittlichen Reichs, wovon das gegenwärtige Leben ein Thcil ist. Da: um ist der gute Wille des Einzelnen für Liese Welt so oft verloren, weil er nur noch der des Einzelnen ist, und der Wille der Mehrheit mit ihm nicht znsam- menstimmt; und seine Folgen fallen bloß in eine zukünftige Welt. Darum scheinen sogar die Leidenschaften und Laster der Mensche» zur Erreichung des Bessern mitzuwickeu; — nicht an und für sich; in diesem Sinne — ZIO — kann aus dem Bösen nie Gutes hervorgehen, sondern, indem sie den entgegengesetzten Lastern das Gleichgewicht halten, und endlich durch ihr Uebermaaß diese, und mit ihnen zugleich sich selbst vernichten. Die Unterdrückung hätte nie die Oberhand gewinnen können, wenn nicht Feigheit, Niederträchtigkeit, und gegenseitiges Mißtrauen der Menschen unter einander ihr den Weg geebnet hatten. Sie wird so lange steigen, bis sic die Feigheit und den Sklavensinn ausrottet, und Verzweiflung den verlornen Muth wieder weckt. Daun werden die beiden entgegengesetzten Laster einander vernichtet haben, und das Edelste in allen menschlichen Verhältnissen, dauernde Freiheit, wird aus ihnen hcrvorgegangen seuu. Die Handlungen freier Wesen haben der Strenge nach nur auf andre freie Wesen Fol, gen; denn in diesen und für diese allein ist eine Welt; und dasjenige, worüber alle übereinstimmen, ist eben die Welt. Aber sic haben Folgen in ihnen nur durch den unendlichen, alle Einzelne vermittelnden Willen. Aber ein Ruf, eine Bekanntmachung dieses Willens an uns ist stets eine Aufforderung zu einer bestimmten Pflicht. Also — sogar das in der Welt, was wir böse nennen, die Folge des Mißbrauchs der Freiheit, ist nur durch ihnr und sie ist für alle, für die sie ist, nur, indem ihnen dadurch Pflichten aufgelegt werden. Wäre es nicht in dem ewigen Plane unsrer sittlichen Bildung, und der Bildung unsers ganzen Geschlechts, daß gerade diese Pflichten uns aufgelegt werden sollten, so würden sie uns nicht aufgelegt, und dasjenige, wodurch sie uns aufgelegt werden, und was wir BSse nennen, wäre gar nicht erfolgt. Insofern ist alles gut, was da geschieht, und absolut zweckmäßig. Es ist nur Eine Welt möglich, eine durchaus gute. Alles, was in dieser Welt sich ereignet, dient zur Verbesserung und Bildung der Menschen, und vermittelst dieser zur Herbeiführung ihres irdischen Ziels. Dieser höhere Weltplan ist es, was wir Natur nennen. wenn wir sagen: die Natur führet den Menschen durch Mangel zum Flciße, durch die Nebel der allgemeinen Unordnung zu einer rechtlichen Verfassung, durch die Drangsale ihrer unaufhörlichen Kriege zum endlichen ewigen Frieden. Dein Wille, Unendlicher, deine Vorsehung allein ist diese höhere Natur. — Am besten fasset auch dieses die kunstlose Einfalt, wenn sie dieses Leben für eine Prüflings, und Bildungs-Anstalt, für eine Schule zur Ewigkeit anerkennt; wenn sie in allen Schicksalen, von denen sie betroffen wird, den ge, ringfügigstcn, wie den wichtigsten, deine Fügungen erblickt, die sie zum Guten führen sollen; wenn sie fest glaubt, daß denen, die ihre Pflicht lieben, und dich kennen, alle Din, ge zum Besten dienen müssen. O, wohl habe ich die vergangenen Tage meines Lebens mich im Finstern befunden; wohl habe ich Jrcthümer auf Zrnhümer auf- gebaut, und mich für weise gehalten. Jtht erst versiehe ich ganz die Lehre, weiche mich so sehr befremdete, aus deinem Munde, wunderbarer Geist, ohnerachtet mein Verstand ihr nichts entgegen zu setzen hatte; denn erst jetzt übersehe ich sie in ihrem ganzen Umfange, in ihrem tiefsten Grunde, und nach allen ihren Folgen. Der Mensch ist nicht Erzeugnis! der Sin- ncuwclt, und der Endzweck seines DaseynS kann in derselben nicht erreicht werden. Seine Bestimmung geht über Zeit, und Raum, und alles Sinnliche hinaus. Was er ist, und wozu er sich machen soll, davon muß er wissen; wie seine Bestimmung erhaben ist, so muß auch sein Gedanke schlechthin über alle Schranken der Sinnlichkeit sich erheben können. Er muß es sollen; wo sein Seyn einheimisch ist, da ist es nothwendig auch sein Gedanke; und die wahrhaft menschlichste, ihm allein anständige Ansicht, die, wodurch seine ganze Denk- Krasc dargcstcllt wird, ist diejenige, wodurch er sich über jene Schranken erhebt, und wodurch alles Sinnliche sich ihm rein in Nichts verwandelt-, in einem bloßen Widerschein des allein bestehenden Unsuinlichen in sterbliche Augen. Viele sind ohne künstliches Denken, lediglich durch ihr großes Herz, und durch ihren rein sittlichen Instinkt zu dieser Ansicht erhoben worden, weil sie überhaupt vorzüglich nur mit dem Herzen, und in der Gesinnung lebten. Sie verläugnetcn durch ihr Verfahren die Wirksamkeit und Realität der Sinnen- weit, und ließen in Bestimmung ihrer Entschließungen und Maßregeln sür Nichts gelten, wovon sie sich freilich durch Denken nicht deutlich gemacht hatten, daß es selbst für die Denkkraft Nichts sey. Diejenigen, die da sagen dürsten: Unser Bürgerrecht ist im Himmel, wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige suchen wir; diejenigen, deren Hauptgrundsatz cs war, der Weit abzusterbcn, von neuem geboren zu werden, und schon hier in ein anderes Leben einzugchen, — setzten ohne Zweifel in alles Sinnliche nicht den min- beste» Werth, und waren, um des Ausdruk- kes der Schule mich zu bedienen, praktisch transcendenrale Idealisten. Andere, welche außer der uns allen augebor- nen sinnlichen Handlungsweise auch noch durch ihr Denken in der Sinnlichkeit sich bestärkt, und in sie verwickelt haben, und mit ihr gleichsam zusammcngcwachscn sind, können nur durch fortgeführtes, und bis zu Ende gebrachtes Denken sich dauerhaft, und vollkommen über sie erheben; außerdem wurden sie selbst bei der reinsten sittlichen Gesinnung immer wieder durch ihren Verstand herabgezogen werden, und ihr ganzes Wesen würde ein stets sortge- letzter unauflöslicher Widerspruch bleiben. Für diese wird jene Philosophie, die ich erst jetzt durchaus verstehe, die erste Kraft, welche Psychen die Naupcnhülle abstreise, und ihre Flügel entfalte, auf denen sie zunächst über sich selbst schwebt, und noch einen Blick aus die verlaßne Hülle wirst, um sodann in höhern Sphären zu leben und zu walten. . — Zi6 — Gesegnet sey mit die Stunde, da ich zum Nachdenken über mich selbst und meine Bestimmung mich entschloss. Alle meine Feagei» sind gelöst; ich weiß, was ich wissen kann, und ich bin ohne Sorge über dach waü ich nicht wist sen kann. Ich bin befriedigt; eS ist vvllkomm- ne Nebereinflimniung und Klarheit in meinem Geiste, und eine neue herrlichere Existenz desselben beginnt. Meine ganze vollständige Bestimmung begreife ich nicht; was ich werden soll, und was ich seyn werde, übersteigt alles mein Denken. Ein Thcil dieser Bestimmung ist mir selbst verborgen — nur einem, dem Vater der Geister) sichtbar, dem sie anverlraut ist. Ich weiß nur, daß sic mir sicher, und daß sie ewig und herrlich ist> wie er selbst. Denjenigen. Theil derselben aber, der mir selbst anvcr- tran.'t ist, kenne ich, kenne ich durchaus, und er ist die Wurzel aller mein..' übrigen Erkenntnisse. Ich weiß in jede:» Augenblicke meines Lebens sicher, was ich ihm thuu soll: und -dies ist meine ganze Bestimmung, inwiefern dieselbe von mir abhängt. Hiervon,, da mein Wilsen nicht darüber hinausreicht, soll ich nicht abgehen; ich soll darüber hinaus »ichiS wisse» wollen; ich soll in diesem einigen Mittelpunkte seststehen, und darin cinwnrzcln. Aus ihn soll alles mein Dichten und Trachten, und mein ganzes Vermögen gerichtet seyn, er soll mein ganzes Daseyn in sich verweben. Zch soll meinen Verstand ausbiidcn, und mir Kenntnisse erwerben, so viel ich irgend vermag; aber in dem einigen Vorsätze, um dadurch der Pflicht in mir einen größer»Umfang, und eine weitere Wirkungssphäre zu bereiten; ich soll Vieles haben wollen, damit viel von mir gefordert werden könne. Zeh soll meine Kraft und Geschicklichkeit in jeder Rücksicht üben, aber lediglich, um an mir der Pflicht ein taugüchercö und geschicktere» Werkzeug zu verschaffe»; denn so lange, bis das Gebot aus meiner ganzen Perscn heraus i» die äußere Weit Antritt, bin ich meinem Ge< wissen dafür verantwortlich. Zch soll in mir dir Menschheit in ihrer ganzen Fülle darstel- ten, so weit, als ich cs vermag, aber nicht um der Menschheit selbst willen; diese ist an sich nicht von dem geringsten Werthe, sondern, um hinwiederum in der Menschheit die Tugend, welche allein Werth an sich hat, in ihrer höchsten Vollkommenheit darzustellen. Zch soll mit Leib und Seele, und allem, was an und in mir ist, mich nur betrachten, als Mittel für die Pflicht, und soll nur dafür sorgen, daß ich diese vollbringe, und daß ich sie vollbringen könne, so viel es an mir liegt. Sobald aber das Gebot, — wenn es nu» wirklich das Gebot ist, dem ich gehorcht habe, und wenn ich nur wirklich der einigen reinen Absicht, ihm zu gehorchen mir bewußt bin — sobald das Gebot aus meiner Person heraus ln die Welt eintritt, habe ich nicht mehr zu sorgen, denn es tritt von da an ein in die Hand des ewigen Willens. Von nun an weiter zu sorgen, wäre vergebliche Qual, die ich mir selbst znsügts; wäre Unglaube und Mißtrauen gegen jenen Willen. Es soll mir nie cinsallen, statt Seiner die Welt regiere» zu wollen, die Stimme meiner beschrankten Klugheit statt seiner Stimme in meinem Gewissen zu hören, und den einseitigen Plan eines kurzsichtigen Einzelnen an die Stelle seines Plans, der über das Ganze sich erstreckt, zu sehen. Ich weiß, daß ich dadurch nothwendig aus seiner Ordnung, und ans der Ordnung aller geistigen Wesen heraus fallen würde. So wie ich Liese höhere Fügung durch Ruhe und Ergebung ehre, eben so soll ich die Freiheit andrer Wesen außer mir in meinem Handeln ehren. Es ist nicht davon die Frage: was sie nach meinen Begriffen thun sollen, sondern davon, was ich thun darf, um sie zu bewegen, daß sie cs thun. Aber ich kann unmittelbar nur auf ihre Ueberzeugung und auf ihren Willen wirken wollen, soweit die Ordnung der Gesellschaft, und ihre eigne Einwilligung cs verstat- tet; keinesweges aber ohne ihre Ueberzeugung Z20 und ohne ihren Willen auf ihre Kräfte und Verhältnisse. Sic thun auf ihre eigne Vcraut- wortuug, was sie thun, wo ich cs nicht ändern kann, oder nicht darf, und der ewige Wille wird alles zum Besten lenken. Mir ist mehr daran gelegen, daß ich ihre Freiheit ehre, als, daß ich verhindere oder aufhebe, was mir beim Gebrauche derselben böse scheint. Zch erbebe mich in diesen Standpunkt, mid bin ein neues Geschöpf, und mein ganzes Vcrhältnlß zur vorhandenen Welt ist verwandelt. Die Faden, durch weiche bisher mein Gcmüth an diese Welt augeknüpft war, und durch deren geheimen Zug es allen Bewegungen in ihr folgte, sind auf ewig zerschnitten, und ich siehe frei, und selbst meine eigne Welt, ruhig, und unbewegt da. Nicht mehr durch das Herz, nur durch das Auge ergreife ich die Gegenstände, und hänge zusammen mit ihnen, und dieses Auge selbst verklärt sich in der Frei- Freiheit, und blickt hindurch durch den Ir/ lhum und die Mißgestalt bis zum Wahren und Schönen, so wie auf der unbewegten Wasserfläche die Formen rein und in einem mildern Lichte steh abfpiegeln. Mein Geist ist auf ewig verschlossen für die Verlegenheit und Verwirrung, für die Ungewißheit, den Zweifel, und die Acngstlich- keit; mein Herz für die Trauer, für die Reue, für die Begier. Nur Eins ist, das ich wissen mag: was ich thun soll, und dieß weiß ich stets unfehlbar. Uebcr alles andere weiß ich nichts, und weiß es, daß ich darüber nichts weiß, und wurzle fest ein in dieser meiner Unwissenheit, und enthalte mich, zu meinen, zu muthmaßcn, mit mir selbst mich zu entzweien über das, wovon ich nichts weiß. Kein Ereigniß in der Welt kann durch Freude, kcins durch Betrübniß mich in Bewegung setzen; kalt und ungerührt sehe ich auf alle herab, denn ich weiß, daß ich kein einziges zn deuten, noch seinen Zusammenhang mit dem, f 21 ) woran allein mir gelegen ist, cinzusehcii vermag. Alles, was geschieht, gehört in den Plan der ewigen Welt, nnd ist gnt in ihm, soviel weiß ich; was in diesem Plane reiner Gewinn, oder was nur Mittel scy, um ein vorhandenes Ucbci himvegzuschaffcn, was daher mich mehr oder weniger erfreuen solle, weiß ich nicht. I» seiner Welt gedeihet Alles; dieses genügt mir, und in diesem Glauben steh ich fest, wie ein Fels; was aber in seiner Welt nur Keim, was Blüthe, was die Frucht selbst ist, weiß ich nicht. Das Einige, woran mir gelegen feyn kann, ist der Fortgang der Vernunft und Sittlichkeit im Reiche der vernünftigen Wesen; und zwar lediglich um sein selbst, um des Fortgangs willen. Ob ich das Werkzeug dazu bin, oder ein anderer; ob es Meine That ist, die da gelingt, oder gehindert wird, oder, ob die eines andern, gilt mir ganz gleich. Ich betrachte mich überall nur als eins der Werkzeuge des Vernunftzweüs, und achte und liebe mich, und nehme Anthcil an mir nur als solches, und wünsche das Gelingen meiner That nur, in wiefern sie auf diesen Zweck geht. Ich betrachte daher alle Wcltbegebenheiten ganz auf die gleiche Weise nur in Rücksicht auf diesen einigen Zweck; ob sie nun von mir ausgehen, oder von andern, unmittelbar auf mich sich beziehen, oder auf andere. Für Verbrich über persönliche Beleidigungen und Kränkungen, für Erhebung aus persönliches Verdienst ist meine Brust verschlossen; denn meine gesummte Persönlichkeit ist mir schon langst in der Anschauung des Ziels verschwunden und unterge- gangen. Mag es immer scheinen, als ob nun die Wahrheit völlig zum Schweigen gebracht, und die Tugend ausgetilgt werden sollte, als ob die Unvernunft und das Laster diesmal alle Kräfte aufgcboten hatten, und sich schlechthin nicht davon würden abbringcn lassen, für Vernunft und wahre Weisheit zu gelten; mag »ö gerade, indem alle Guten hofften, daß es best ser mit dein Mcnschengeschlechte werden sollte, so schlimm mit ihm werden, als nie; mag das wohl und glücklich angchobcne Werk, worauf mit fröhlicher Hoffnung das Auge des Gutgesinnten ruhte, plötzlich und unversehens in das Schändlichste sich umwandeln: das soll mick- eben so wenig aus der Fassung bringen, als ein andermal der Anschein, daß nun auf einmal die Erleuchtung wachse und gedeihe, daß Freiheit und Selbstständigkeit sich mächtig verbreiten, daß mildere Sitten, Friedlichkeit, Nachgiebigkeit, allgemeine Billigkeit unter den Menschen zunehmen, — mich träge und nachlässig und sicher machen soll, als ob nun alles gelungen wäre. — So erscheint cs mir; oder auch es ist so, es ist wirklich so, für mich; und ich weiß in beiden Fällen, wie überhaupt in allen möglichen Fallen, was ich nun weiter zu thun habe. Ueber alles übrige bleibe ich in der vollkommensten Ruhe, denn ich weiß nichts über alles übrige. Jene mir so traurige Ereignisse können in dem Plane des Ewigen — 325 daü nächste Mittel seyn für einen sehr guten Erfolg; jener Kampf des Dösen gegen das Gute kann der letzte bedeutende Kampf desselben seyn sollen, und es kann ihm diesmal vergönnt sepn, alle seine Kräfte zu versammeln, um sie zu verlieren, und in seiner ganzen Ohnmacht sich in das Licht zu stellen. Jene mir erfreulichen Erscheinungen können auf sehr verdächtigen Gründen beruhen; cs kann vielleicht nur Vernünftele! und Abneigung gegen alle Zdeen seyn, was ich für Erleuchtung; Lüsternheit und Zügellosigkeit, was ich für Selbstständigkeit, Ermattung und Schlaffheit, was ich für Milde und Friedlichkeit gehalten habe^ Ich weiß dies zwar nicht, aber, so könnte es seyn, und ich hätte dann eben so wenig Grund über das erstcre mich zu betrüben, als des letzter» mich zu erfreuen. Das aber weiß ich, daß ich in der Welt der höchsten Weisheit und Güte mich befinde, die ihren Plan ganz durchschaut, und ihn unfehlbar ausführt; und in dieser Ueberzeugung ruhe ich, und bin selig. Daß cs freie, zur Vernunft und Sittlichkeit bestimmte Wesen sind, welche gegen die Vernunft streiten, und ihre Kräfte zur Beförderung der Unvernunft und des Lasters auf- bicten, kann mich eben so wenig aus meiner Fassung bringen, und der Gewalt des Unwillens und der Entrüstung mich hingcben. Die Verkehrtheit, daß sie das Eure haßten, weil cs gut ist, und das Böse beförderten, aus reiner Liebe zum Bösen als solchem, welche allein meinen gerechten Zorn reihen könnte, — diese Verkehrtheit schreibe ich keinem zu, der menschliches Angesicht trägt; denn ich weiß, daß dieselbe nicht in der menschlichen Natnr liegt., Ich weiß, daß cs für alle, die so handeln, inwiefern sie so handeln, überhaupt kein Böses oder Gutes, sondern lediglich ein Angenehmes oder Unangenehmes giebc; daß sie überhaupt nicht unter ihrer eignen Bothmäßigkcit, sondern unter der Gewalt der Natur stehen, nnd daß nicht sie selbst cs sind sondern diese Natur ihn ihnen, die das crstere mir aller ihrer Macht sucht, und das letztere flieht, ohne Rücksicht, ob es übrigens gut oder böse scy. Zch weiß, daß sie, nachdem sie nun einmal sind/ was sie sind, nicht um das Mindeste anders handeln können, als sie handeln; und ich bin weit entfernt, gegen die Noth- wcndigkeit mich zu entrüsten, oder niit der blinden und willenlosen Natur zu zürnen. Allerdings liegt darin eben ihre Schuld und ihreUnwürde, daß sie sind, was sic sind, und baß sie, anstatt frei, und etwas für sich zu scyn, sich dem Strome der blinden Natur hingcbcn. Dies allein könnte es seyn, das meinen Unwillen erregte; aber ich falle hier mitten in das absolut Unbegreifliche hinein. Ich kan» ihncn ihren Mangel an Freiheit nicht zurechnen, ohne sie schon voraus zu sehen, als frei, um sich frei zu machen. Zch will mich über sie erzürnen, und finde keinen Gegenstand für meinen Zorn. Was sie wirklich sind, verdient diesen Zorn nicht; was ihn verdiente, sind sie — ALS «licht, und sie würden ihn abermals nicht verdienen, wenn sie es waren. Mein Unwille träfe ein offenbares Nichts. — Zwar muß ich sie stets behandeln, und mit ihnen reden, als ob sie wären, wovon ich sehr wohl weiß, daß sie es nicht sind; ich muß ihnen gegenüber stets voraussehcn, wodurch allein ich ihnen gegenüber zu stehen kommen, und mit ihnen zu handeln haben kann. Die Pflicht gebietet mir einen Begriff von ihnen für das Handeln, dessen Ge< gcnthcil mir durch die Betrachtung gegeben wird. Und so kann cs allerdings geschehen, daß ich mit einer edlen Entrüstung, als ob sie frei wären, gegen sie mich kehre, um sie selbst mit dieser Entrüstung gegen sich selbst zu entzünden; eine Entrüstung, die ich selbst in meinein Innern vernünftiger Weise nie empfinden kaum Nur der handelnde Mensch der Gesellschaft in mir ist cs, der der Unvernunft und dem Laster zürnt, nicht der auf sich selbst ruhende, und in sich selbst vollendete, bsc trachtende Mensch. — Z2Y Körperliche Leiden, Schmerz und Krankheit, wenn sie mich treffen sollten, werde ich nicht vermeiden können z» fühlen, denn sie sind Ereignisse meiner Natur, und ich bin und bleibe hicnieden Natur; aber sie sollen mich nicht betrüben. Sie treffen auch nur die Natur, mit der ich auf eine wunderbare Weise zusammenhänge, nicht Mich selbst, das über alle Natur erhabene Wesen. Das sichere Ende alles Schmerzes, und aller Empfänglichkeit für den Schmerz ist der Tod; und unter allem, was der natürliche Mensch für ein Nebel zu halten pflegt, ist es mir dieser am wenigsten. Zch werde überhaupt nicht für mich sterben, sondern nur für andere — für die Zurückbleibenden, aus deren Verbindung ich gerissen werde; für mich selbst ist die Todes- Stunde Stunde der Geburt zu einem neuen herrlichem Leben. Nachdem so mein Herz aller Begier nach dem Irdischen verschlossen ist, nachdem ich in der That für das Vergängliche gar kein Herz mehr habe, erscheint meinem Auge das Universum in einer verklärten Gestalt. Die rodce lastende Masse, die nur den Raum aucssopste, Ist verschwunden, und an ihrer Stelle fließt, und woget und rauscht der ewige Strom von Leben, und Kraft und That—vom ursprünglichen Leben; von Deinem Leben, Unendlicher: denn alles Leben ist Dein Leben, und nur das religiöse'Auge dringt ein in das Reich der wahren Schönheit. Ich bin dir verwandt, und was ich rund um mich herum erblicke, ist Mir verwandt; es ist alles belebt und beseelt, und blickt aus Hellen Geister-Augen mich an, und redet mit Geister - Tönen an mein Herz. Auf das mannigfaltigste zertheilt und getrennt schaue in allen Gestalten außer mir ich selbst mich wieder, und strahle mir aus ihnen entgegen, wie die Morgensonne in tausend Thaukropfen mannigfaltig gebrochen sich selbst entgegen glänzt. Dein Leben, wie es der Endliche zu fassen vermag, ist sich selbst schlechthin durch sich selbst bildendes. bildendes/ und darstellendes Wollen; dieses Leben flieste/ — im Auge des Sterblichen mannigfach versinnlicht, — durch mich hindurch herab in die ganze unermeßliche Natur. Hier strömt es, als sich selbst schassende und bildende Materie durch meine Adern und Muskeln hindurch, und setzt außer mir seine Zülls ab im Baume, in der Pflanze, im Grase. E i n zusammenhängender Strom, Tropfe an Tropfe, fließt das bildende Leben in allen Gestalten, und allenthalben, wohin ihm mein Auge zu folgen vermag; und blickt mich an, — ans jedem Punkte des Universum anders, — als dieselbe Kraft, durch die es in geheimem Dunkel meinen eignen Körper bildet. Dort woget es frei, und hüpft, und tanzet als sich selbst bildende Bewegung im Thicre, und stellt in jedem neuen Körper sich dar, als eine andere eigne für sich bestehende Welt: dieselbe Kraft, welche, mir unsichtbar, in meinen eignen Gliedmaßen sich reget, und bewegt. Alles was sich regt, folgt diesem allgemeinen Zuge, diesem s 22 f einigen Princip oller Bewegung, das von einem Ende des Universum zum andern die harmonische Erschütterung forrleicen das Thier ohne Freiheit; ich, von welchem in der sichtbaren Welt die Bewegung ausgeht, ohne daß sie darum in mir gegründet scy, mit Freiheit. Aber rein und betlig, und deinem eignen Wesen so nahe, als im Auge des Sterblichen etwas ihm scyn kann, fließet dieses dein Leben hin als Band, das Geister mit Geistern in Eins verschlingt, als Luft und Aether der Einen Vernunftwelt; undenkbar und unbegreiflich, und doch offenbar da liegend vor dem geistigen Auge. Zn diesem Lichtstrome fortge- leicet schwebt der Gedanke, unaufgehalten und derselbe bleibend von Seele zu Seele, und kommt reiner und verklärt zurück aus der verwandten Brust. Durch dieses Geheimniß findet der Einzelne sich selbst, und versteht, und liebt sich selbst nur in einem andern; und jeder Geist wickelt sich los nur von andern Geistern, und es giebt keinen Menschen, sonr drrn nur eine Menschheit, kein einzelne« Denken, und Lieben, und Hassen, sondern nur ein Denken, und Lieben, und Hassen, in und durch einander. Durch diese« Geheimniß strömt die Verwandtschaft der Geister in der unsichtbare» Welt fort bis in ihre körperliche Natur, und stellt sich dar in zwei Geschlechtern, die, wenn auch jede« geistige Band zerreißen könnte, schon als Naturmese» genöthigt sind, sich zu lieben; fließt aus in die Zärtlichkeit der Eltern und Kinder, und Geschwister, gleich als ob die Seelen eben so aus Einem Blute entsprossen wären, wie die Leiber, und die Gemürher Zweige und Blüthen desselben Stammes wären ; und umfasset von da au« in engern oder weitern Kreisen die ganze empfindende Welt. Selbst ihrem Hasse liegt der Durst nach Liebe zum Grunde, und es entsteht keine Feindschaft, außer aus versagter Freundschaft. Dieses ewige Leben und Regen in allen Adern der sinnlichen, und geistigen Natur erblickt mein Auge, durch das, was andern todte ' 334 Masse siheint, hindurch; und siehst dieses Le» den stets steigen und wachsen, und zürn ge!» sichern Ausdrucke seiner selbst sich verklären. Das Universum ist mir nicht mehr jener in sich selbst zurücklauftnde Cirkel, jenes unaufhörlich sich wiederholende Spiel, jenes Unge- Heuer, das sich selbst verschlingt, um sich wie» der zu gcbähren, wie es schon war: cs ist vor meinem Blicks vergeistigst, und trägt das eigne Gepräge des Geistes; stetes Fortschrciren zum Vvllkommnern in einer geraden Linie, die in die Unendlichkeit geht. Die Sonne gehet auf, und gehet unter, und die Sterne versinken, und kommen wieder und alle Sphären halten ihren Llrkeltanz; aber sie kommen nie so wieder, wie sie verschwanden, und In den leuchtenden Quellen des Lebens ist selbst Leben und Fortbilden. Jede Stunde, von ihnen herbeigcsührt, jeder Morgen und jeder Abend sinkt mit neuem Gedeihe» herab auf die Welt; neues Leben, und neue Liebe entträufelt den Sphären, wie die Thautropfcn " 355 der Wolke, und umfängt die Natur, wie die kühle Nacht die Erde. Aller Tod in der Nacur ist Geburt, und gerade im Sterben erscheint sichtbar die Erhöhung des Lebens. Es ist kein tödtendes Princip in der Natur, denn die Natur ist durchaus lauter Leben; nicht dcrTod tödtek, sondern das lebendigere Leben, welches, hinter dem alten verborgen, beginnt, und sich entwickelt. Tod und Geburt ist bloß das Ringen des Lebens mit sich selbst, um sich stets verklärter und ihm selbst ähnlicher darzustellen. Und Mein Tod könnte etwas anders seyn — meiner, der ich überhaupt nicht eine bloße Darstellung und Abbildung des Lebens bin, sondern das ursprüngliche, allein wahre, und wesentliche Leben in mir selbst trage? — Es ist gar keilt möglicher Gedanke, baß die Natur ein Leben vernichten solle, das aus ihr nicht stammt; die Natur, um deren willen nicht ich, sonder» die selbst nur um meinetwillen lebt. Aber selbst mein natürliches Leben, selbst diese bloße Darstellung des innern unsichtbaren Lebens vor dem Bücke des Endlichen, kann sie nicht vernichten, weil sic sonst sich selbst müßte vernichten können; sie, die bloß für mich, und um meinetwillen da ist, und nicht ist, wenn ich nicht bin. Gerade darum, weil sie mich tödtet, muß sie mich neu beleben; es kann nur mein in ihr sich entwickelndes höheres Leben scyn, vor welchem mein gegenwärtiges verschwindet; und das, was der Sterbliche Tod nennt, ist die sichtbare Erscheinung einer zweiten Belebung. Stürbe kein vernünftiges Wesen auf der Erde, bas da nun einmal ihr Licht erblickt halte, so wäre kein Grund da, eines neuen Himmele und einer neuen Erde zu harren: die einzig mögliche Absicht dieser Natur, Vernunft darzusiellen und zu erhalten, wäre schon hienieden erfüllt, und ihr Umkreis wäre geschlossen. Aber der Akt, durch den sie ein freies selbstständiges Wesen tödtet, ist ihr feierliches aller Vernunft kündbares Hinüberschreiten über diesen Akt, und über die ganze Sphä- 337 re, die sie dadurch beschließt; die Erscheinung des Todes ist der Leiter, an welchem mein geistiges Auge zu dem neuen Leben meiner selbst, und einer Natur für mich hinübergleitet. Zeder meinesgleichen, der aus der irdischen Verbindung herauötritt, und der meinem Geiste nicht für vernichtet gelten kann — denn er ist meinesgleichen — zieht meinen Gedanken mit sich hinüber; er ist »och, und ihm gebührt eine Stätte. Zndeß wir hienieden um ihn trauern, so wie Trauer seyn würde, wenn sie könnte im dumpfen Reiche der Bewußtlosigkeit, wenn sich ihm ein Mensch zum Lichte der Erdensonne entreißt, ist drüben Freude, daß der Mensch zu ihrer Welt geboren wurde, so wie wir Erdenbürger die unsrigen mit Freude empfangen. Wenn ich einst ihnen folgen werde, wird für mich nur Freude seyn; denn die Trauer bleibt in der Sphäre zurück, die ich verlasse. Es verschwindet vor meinem Blicke, und versinkt di« Welt, die ich noch so eben bewun- dcrte. Zn aller Fülle des Lebens, der Ord, nung, und des Gedeihens, welche ich in ihr schaue, ist sie dock) nur der Vorhang, durch die eine unendlich vollkomnmere mir verdeckt wird, und der Keim, aus dem diese sich ent- wickeln soll. Mein Glaube tritt hinter diesen Vorhang, und erwärmt, und belebt diesen Keim. Er sieht nichts Bestimmtes, aber er erwartet mehr, als er hienieden fassen kann, und je in der Zeit wird fassen können. So lebe, und so bin ich, und so bin ich unveränderlich, fest, und vollendet für alle Ewigkeit; denn dieses Ser,n ist kein von außen angenommenes, es ist mein eignes, einiges wahres Seyn, und Wesen,