Europa die Revolution G ö r r e s. Ausgeschnittene oder besn,mutzte Ercmplare können nicht zurück geuemmeu werden. 7 ^>' s. WVWWDM Europa und die Revolution von G ö r r e s. Stuttgart, in der 2- B. Metz ler's chen Buchhandlung. 1821. Europa und die Revolution. E i n l e i t u n g. Mach alter Sage kam die Sibylle von Cuma mit neun Büchern heiliger Weissagung vor Tar- quinins Prisms, damit sie ihm die Tafeln zum Kaufe biete. Der König fand den Preist zu hoch, den die Seherin darauf gefetzt, und sie gieug hin und verbrannte drey der heiligen Bücher, und isi dann zum zweytcumal vor ihn hingctreten, dieselbe Summe, wie vorhin, für den Rest begehrend. Da erschien dem König ihr Thun thö- richt, und unbillig ihr Ansinnen, daß er für sechs dm gleichen Preist, wie für neun, bezahle, und er weigerte sich abermals, sie an sich zu nehmen. 2 Europa und die Revolution. Sie aber gieng heraus, um drey andere Bücher zu verbrennen, und kam zurück, die drey letzten wieder um die erste Summe anzubieten. Da wurde der König nachdenklich, und befragte die Auguren, und die riechen, die geheimnisvolle Priesterin des Verhängnisses nicht zum drittenmale abzuweiscn; und so erkaufte er die drey Tafeln um den Preist, für den ihm alle neun geboten waren. Die Seherin aber hieß sie wohl bewahren, weil die Ankunft des Reiches in ihnen beschlossen sey, und ward dann ferner nicht mehr gesehen. — Wie hier die Wahrsagerin am alten Römer-König, so ist an den Machthabern dieser Zeit die Geschichte zum öfteren vorbeygegangen, ihnen bietend Wort, Hcrmesschlüsscl und Schlangenstab, um die Ankunft zn besprechen, die besprochene aufzuschliesten, die erschlossene zn beherrschen. Der Preist, den sie auf ihr Geschmk gesetzt, war Selbsibeschrankung in der Einsicht von dem, was der Zeiten Lauf unvermeidlich hei- beygeführt, und freywillige Gestattung dessen, Einleitung. 3 was Recht und Billigkeit verlangen. Aber der Preiß schien zn hoch einmal und abermal; wie mag die süße Gewohnheit der Herrschaft ab lassen von dem, der sich ihr hingegcben? Die Seherin aber streng und herb und zürnend ob der Zögerung, kam armer jedesmal vor die Zaudernden, immer höhere Gabe für das, was sie zu bieten hatte, im Tausch ansprechend. Leicht möchte die Zeit jetzt nicht ferne seyn, wo sie zum letztcnmale naht, und ihr letztes Kleinod, und mit ihm den Frieden, dem Jahrhundert bietet, wenn es dem Raths der Auguren folgt. Aber ihre Sendung ist nicht an die Fürsten bloö ergangen, sondern an die Völker gleicherweise, wo sie Machthaber geworden. Wenn sie Jenen deutet, wie sie um so mehr gewähren müssen, je langer sie mit Kargheit in Gestattung dessen, was gerecht ist, zögern wollen; so den Andern, daß sie in dem Verhältnis einbüßen, wie sie über das Maaß hinaus au sich nehmen; und daß sie mehr verarmen, wie sie gieriger an sich reißen. Aber vergebens winkt die 1 4 Europa und die Revolution. Nemesis: dort bewacht der Geiz die gesammelten Schatze, hier sucht die Habsucht Lilles zu erraffen, nur in Einem sind Alle eins, den Rath der Mäs- sigung schnöde von sich abznweiscn. Als der Congreß von Carlsbad eine bis zur Schlaffheit ruhige Nation ohne Noth mit geistigem Znter- dict belegte, da hatte die kurzsichtige Politik jenen großen Zusammenhang der europäischen Gesellschaft gänzlich aus dem Auge verloren, worin alle Völker wie Glieder eines Organismus sich berühren, jegliches, wenn auch dunkel, die Unbill des andern in Mitleidenschaft wahrnimmt, und das Fernste oft gegen den entlegensten Angriff auf das allgemeine Lebensprineip reagirt. Was die Empiriker dort unbehutsam von der Oberstäche weg in das Innere eines Organs hiucingetriebcn, machte sich weitab durch Metastase Luft, indem der Feuerstoff, der an einem Orte durch Binden latent geworden, am andern durch verstärkte Spannung um so gewaltsamer mit erhöhter Schnellkraft sich entwickelte, wie man gefunden, daß die Erd- Einleitung. 5 beben heftiger sich regen, wenn die Answürfe der Vulkane nachgelassen, nnd mit ihrem Toben sich beruhigen. So ist Spanien für Teutfchland ein- gctreten, und wahrend, was jener Eongrcß ber- vorgerusen, alünählich sich in sich selbst auflvst, hat die Ve vegnng, die sich dort angezündet, sich über Land nnd Me?r nach allen Gegenden hinverbreitet, und eine Masse von Wirkungen und Rückwirkungen hcrvorgcrufen, deren letztes Erg-eb- uiß sich nicht leicht absehen laßt. Die Rechte von vorhin sind Machte jetzt geworden, die gehorsamsten Bitten und Gesuche eigenmächtige Beschlüsse, die Unterwürfigkeit ist mitunter in frechen Hohn gewandelt, für Grundsätze und Systeme sind bewaffnete Massen eingestanden. Neue Congreffe sind über das fiebernde Europa abge- halten, aber heftiger stets werden die Paroriömen der Krankheit. Nicht mehr, ob Verfassungen seyn sollen, streiten ferner die Diplomaten, sondern, in welcher Art, und nach welchen Grundsätzen sich das Verfassungswerk gestalte. Aber was die 6 Europa und die Revolution. Volker noch vor wenig Jahren mit Danke angenommen, das scheint ihnen jetzt, wo sie sich mit Gewalt in Besitz gesetzt, ein geringes Ding, un- werth der Beachtung. Alle Vorstellungen über das zu Viele, das sie an sich gerissen, achten sie so gering, als man vorher auf ihre Klagen über das zu Wenig eingegangen. So schießen denn aller Orten Constitutionen binnen wenig Stunden, wie der Nostoch im Staub der Straßen nach einem Gewitterregen, auf. Die Urheber dieser Verfassungen theilen, wie der Löwe gctheilt, den Knochen den Einen, das Fleisch den Andern, auf die Seite des Volks und seiner Delcgirtcn wird alle Gewalt hingelegt, die Autorität aber zu einer Magistratur herabgezogen, alles Historische vor- beygegangen, alles Urkundliche vernichtet, aller Besitz moralischer Persönlichkeiten zerstreut. So hat der Centralisationswuth in natürlicher Gegenwirkung eine eccentrische Furie sich entgegengesetzt, und über die Kluft, die Europa täglich mehr cnt- zweyt, soll nun das Schwerdt die Brücke schla- gen. Aber die Gewalt ist die uachthciligsie Ver- theidigungswasse, zu der die Autorität ihre Zuflucht nehmen mag, denn, indem sie das Schwerdt als obersten Richter anerkennt, hat sie sich ihm selber unterwürfig gemacht, und im Augenblicke, wo sie es gegen den Aufstand richtet, gicbt sie diesem die mangelnde Rechtskraft eben im Recht des Starkern. Daß der Sieg entscheidend sich auf keine Seite neige, liegt in der Natur der Dinge; das; sein letztes Ergebnis für beyde Theile nach schweren Opfern nicht mehr scyn wird, als sie jetzt weit wohlfeiler haben könnten, wenn sie thnn wollten nach dem Rechte und der Gerechtigkeit, laßt sich eben so leicht voraussehen. Wieder, daß wie die Ereignisse sich fortan entwickeln mögen, für die europäische Freyheit nichts zu befahren sey, scheint kaum zweifelhaft; minder sicher aber, ob die Geister, die seither für sie gestritten gegen übermüthige Willkühr, nicht vielleicht allzn bald ans Seite der Autorität gegen die Licenz zu kämpfen sich rüsten müssen, wahrend die feigen 6 Europa und die Revolution. Schmeichler der Gewalt, die durch Ohrenblaserey und giftigen Argwohn fle zur Tiranney getrieben, steh verkriechen, oder wohl auch sie an die Demagogen verrathen. Am Uebergange liegt eine, vielleicht sehr beschrankte Zeit, vor Allein für Teutsch- land wichtig, das dem Sturme noch seitab liegt. Man fangt an einznsehcn, daß das Heil gegen irgend ein Ucbermaß nicht auf die Dauer im entgegengesetzten Extreme liege. Da andrerseits die Zusagen der Machthaber an die Völker, die eigenmächtig sich genommen, wohl auch den eigenen gelten, die ruhig und gehorsam sich gehalten, so hat der eine Theil sich selbst eine Gränze der Mäßigung gesetzt, die der andere seinerseits noch praktisch nicht überschritten, und so sind entgegengesetzte Ansprüche zu einer vorübergehenden ruhigen Centralisation gelangt, die einen freyen, par- theylosen Blick über das weite, mit Tumult und Meinnngszwist erfüllte Feld gestattet. In dieser klaren Spiegellnst, die jeder großen Wetterveran- derung voranzugehen pflegt, und dem Auge das Einleitung. 9 Fernste in Formen und Färbung, wie in Tönen, nahe rückt, sey es dem Geiste, der schon öfter aus dein Verfasser dieser Blätter geredet, vergönnt, noch einmal von einer der hohen Alpensirnen der Zeit, dem Schauplatz der arbeitenden Partheyen selbst entrückt, die weite tief bewegte Gegenwart mit all ihren Gewittern, die langsam und drohend ans der Ferne durch ihre Klüfte herangezogen kommen, zu überschauen, und das Rundgemälde dessen, was er erblickt, hier darzulegen. Daß es kein Lügengeist sey, der bisher ans ihm geredet, hat sich nun wohl dem Blindesten erwiesen. Jener Jehova, vor dem her die Wetter dräuend gehen, hinter dem die Gerichte erfüllen, was die voranschreitenden Bothen gedroht, sie haben die Verkündigung seiner Nähe als ein leeres Schreckbild verlacht. Wohl! jetzt ist er Allen erscheinend über den Gesichtskreis herauf- gesiiegen, und die Weltklugeu stehen zagend, und die Verwegenen glauben mit den Speeren das Bild des Schreckens abzutreiben. Aber es 10 Europa und die Revolution. soll Keiner zagen, der im Rechte sieht, und Keiner, der in der Macht, dem Herrn trotzen; denn Keiner ist starker, als er. Der Wahrheit aber, wo sie herkomme, soll Niemand sich verschließen. Den isicn Marz 1821 1. O r i e n t i r u n g. Zn Zeiten, wo die sittliche Welt in allen ibren Tiefen bewegt erscheint, nnd die Gesellschaft in großen Wellen schlagt nnd brandet, iß cs notwendig für Jeden, der sich dein Spiel der Elemente nicht Preis; geben will, daß er sich zuerst nach den Standstcrucn des Himmels zurecht zn finden suche, damit er einen Halt gewinne an dein, was fest bleibt in Mitte der Bewegungen, und damit er die Weltgegenden erkenne, und wisse, woher Windcszug und Wafferströmung kommen, und wohin sie wieder ziehen. Jede geistige Gahrung entspringt aber, wie die chemische, aus dem Stoß und Kampf von Gegensätzen, und je tiefgreifender diese Gahrung das Geistcrreich bewegt, je gründlicher und ernstlicher alle großen Elemente von Staat und Kirche in Streit begriffen sind, um so größere Allgemeinheit werden jene Gegensätze gewinnen; und da jeder notwendig in einem Zwiespalt der Triebe wurzelt, werden endlich alle Grundtricbe der menschlichen Europa und die Revolution. I 2 Natur, in den Kampf hineingezogen, sichtbar in der stärksten Bewegung arbeiten, und wenn sie das Höchste ihrer Thatigkeit erreicht, den Streit der aufgeregten Kräfte endlich zur Entscheidung treiben. Es deutet aber jeder Grundtrieb eben durch seine Allgemeinheit auf ein Bleibendes und Festes, um dessen Mitte das Wandelbare seine Bahnen und Wellenlinien schließt; sie also, diese Grundtriebe eben, sind das Stehende in der sittlichen Natur, und bezeichnen die Himmelsgegenden, nach denen sie selbst mitten im Sturme kämpfender Leidenschaften sich orieutiren mag. Die ruhige Betrachtung darf daher mitten im Aufruhr nur achten auf jene großen Züge von Bewegungen, an die sich die kleineren nnd die kleinsten unterordnend fügen; auf jene machtigern Strömungen, die in ihrem Bette gleichsam alle Nebenadern und Seitenzweige vereinigen, und diesem Hanptstrom dann bis zu seiner Quelle nachgehen, um sich ohne Schwierigkeit aus den Zrr- salen so vielfältig verschlungener Bestrebungen herauszusinden. Einem klaren, festen Auge aber, das auf solchem Wege zu lichter Anschauung hinstrebt, und, durch alle Zufälligkeiten und alle scheinbare Verwirrung ungcirrt, zu freyer klebersicht gelangt, erscheinen drey große Gegensätze, gehend durch I. Orient i r u n g. 1 5 Kirche und Staat und alle Bewegungen der Zeit, die aber wieder in einem Vierten größeren, der Alle umschließt, begriffen sind. Jene drey Gegensätze sind in größter Allgemeinheit ausgedrückt: erstens Stoff und Kraft im Räumlichen; zweytens, Ve r g a n g e n h e i t undIn k un ft, oder U e- berlieferung und Neuerungstrieb im Zeitlichen; drittens: Autorität undEi'genwillen im Geistigen; der vierte aber, der sie Alle umgreift, diffeits die Welt des Wissens und des Schauens, und jenseits die des Glaubens. Jeder dieser Gegensätze aber spielt zwischen einem bindenden und einem spannenden Grundtrieb, einer Bejahung und Verneinung in der menschlichen Natur, und die vier Bänder und die vier Spannkräfte, wirkend in den vier Elementen der sittlichen Welt, sind es, die dort alle gesellschaftlichen Verbindungen, und überhaupt alles Thun und Lassen auf Erden Zusammenhalten, hier vor Erstarrung sie bewahren. Das erste jener Bänder knüpft im ersten Verhältniß den Menschen und jegliche Genossenschaft durch dunkelemsige Instinkte und den Besitzstand an ein Vaterland fest; im zweytcn sind durch Pietät und das leise Walten der Angewöhnung die Generationen der Menschen, wie sie auch die Zeiten trennen, doch in stetigem Aufam- »4 Europa und dle Revolution. incnhaug !n eine lebendige Nationalität verbunden; das dritte endlich vereint im Gehorsam und jener instinktartigen fügsamen Unterordnung in eine Gemeinschaft der Staats Verbindung, was sonst sich ungesellig flieht. Aber in diesen Vereinen wirken die Spannkräfte gleich treibenden Fermenten jenen bejahenden, setzenden Trieben entgegen, daß sie nicht in sich selbst ver- dnmpsen, sondern in stets regem Widerspruch das innere Leben sich wach erhalte. Und zwar kämpft jener rege, freye Lebenstrieb, der schon das Thier von den Banden der Erde lost, als erste Verneinung jenem pflanzenhaften, versteinernden Inge der Natur entgegen, und setzt die Welt dem engen Vaterland gegenüber; damit aber das Beharrliche in der Geschichte nicht zur Trägheit und Verstockung führe, ist jener selbstthätige schaffend fortschreitende Neu erungs trieb in die menschliche Seele hiucingclcgt, der die sonst beschlossene, verknöchernde Nationalität in steter Wiedergeburt durch die fortlaufende Metamorphose führt; auf daß endlich die Autorität nicht in Tiranney ausarte, ist ihr als entgegeuwirkende Springfeder der freye Eigenwille der menschlichen Persönlichkeit, die dritte Verneinung entgegengesetzt, die durch steten Antagonism das Leben des Staats in reger Pulsirung gespannt I. Orientirung. erhält. Alle drey Bänder aber sind nur die Fäden, die in ein viertes, höheres durchgreifendes l. Bund znsammenwachsen, das im Glauben, die unsichtbare Welt mit der sichtbaren verknüpft, wahrend die drey Spannkräfte nur als die Ausflüsse jenes Lichtgeisies erscheinen, der ^ von oben die irdische Dunkelheit erleuchtet, und alles Wissen ursprünglich begründet. Im Ver- hältniß jenes Glaubens zu diesem Wissen nach oben und nach unten zurückbezogen, ist aber das Verhältniß von Kirche und Staat in seinem innersten Grunde ausgesprochen. Wie aber nun in Zeiten des. ruhigen Fortgangs der Begebenheiten jene drey Gegensätze, spielend in dem vierten, leise und gleichsam unter der Oberfläche ihre Wechselwirkungen in stetig fortschreitende unendliche Reihen knüpfen; so treten sie in stürmischen Zeiten großer Umbildungen in der ganzen Schärfe ihres Widerspruchs, weil die Innerlichkeit der Dinge sie nicht langer mehr fasten mag, an den Tag hinaus, und bilden dort in der Zerrissenheit des Ganzen die Partheyun- gen. Ans jenem ersten und größten Zwiespalt, und fortdauernd in ihm befaßt, werden daher zunächst sechs solcher Partheyen und Ansichten sich ergeben, die, wenn in ihrem Widerspruche wirklieb alle Grnndtriebe der menschlichen Natur, und alle i6 Europa und die Revolution. Grundtöne und Selbstlauter der Menschenbrust zur Sprache kommen, innerhalb ihres Bereiches den ganzen Umkreis möglicher Meinungsverschiedenheit umschreiben, und die Intervalle jener Tonleiter in ihn übertragen. Es möchte also wohl rathsam seyn, vor Allem die Aufmerksamkeit gegen jene Punkte hinzuwenden, aus denen die sechs Hauptwinde der Meinung blasen, drey wärmend und belebend in ihrer Mäßigung, aber sengend, dörrend und verzehrend in ihrem Uebermaß; und eben so die drey andern kühlend und erfrischend, aber auch erstarrend und tödtend, wenn sie über ihre Schranken brechen. Es entwickeln sich aber zuvörderst aus jenem ersten Gegensätze im Naturgebieth zwey verschiedene Ansichten in der Politik, die wir die der Naturalisten und der Mechaniker nennen können, die man aber sonst auch enger gefaßt wohl mit dem Namen der Aristokraten und Levellers bezeichnet hat. Die eine dieser Partheyen gründet in der Aristokratie des Besitzes das Volk ausschließlich auf das Vaterland, alle Unterordnung auf das Bedürfniß, und indem sie nun alle die mannigfaltigen ancignenden, ansscheidenden, bindenden, lösenden, steigernden und belebenden pflanzenhaften Instinkte in der Masse walten läßt, entsteht ihr der erste Staats- I. Orlen tirriug. verein ans dem Naturzustände, eben so unbegreiflich, aber nach denselben Gesetzen, wie die erste Pflanze aus der Elementenwelt. Einmal gebildet aber, wurzeln beyde in der Erde Tiefen, und wachsen über ihr, Eichen gleich, in alle Lüfte, indem dieselben Instincte, die sie zuerst gestaltet, fortdauernd ihre Organe, die sie sich selbst ausgeprägt, im Wachsthum mehr und mehr entfalten. Das Gewächs grünt und blüht, und pflanzt sich, seine Saamen nm sich streuend, in Eolonien fort; die Wurflinien der organischen Bewegungen, bis zum höchsten Gipfel Hinaufgetrieben, breiten sich durch das ganze Geäder aus; das Gebilde verästelt sich oben in die reichen Blatterschirme in dem Maße, wie es seine Wurzeln tiefer in die breite, feste Unterlage des Grundbesitzes treibt, und so gewinnt jede solche Pflanze je nach ihrer Art eigenthümliche und geschiedene Gestalt, Ausgehend von jenem patriarchalischen Verhältniß, wo der eingewanderte Stammesvater Besitz vom Land genommen, es je nach Gauen unter seine Nachkommen vertheilt, diese es dann in Loosen ihren Genossen und Abkömmlingen übertragen, die nun als freye Wehren oder Patrimonialher- ren in Mitte ihres Besitzes sich gesetzt, und ihre Hörigen in Liebe und Eintracht und wechselseitiger Hülfleistung um sich sammeln, erscheint der 2 i8 Europa und die Revolution. ganze Staat ausschließlich auf den Ackerbau gegründet, und der Untergebene tauscht Nahrung, Unterhalt und ein gesichertes Alter um anhängliche Treue, die er seinem Herrn, und arbeitsamen Fleiß, den er seinem Acker zngewendet. Alle Autorität entspringt daher ans dem Besitz, wie hier im einzelnen Familienbande der Grund- Herrlichkeit, so im großen Staatsverbaude, wo der erste ursprüngliche größte Besitzer, oder derjenige, der im Verlauf der Zeiten dazu erwachsen ist, als Landesherr die Genossen, als seine Hintersassen, nach dem gleichen Gesetze wechselseitiger Hülfleistung beherrscht, und die ganze Verfassung also nur als die große Bewirthschaftuug des Grundgebiets erscheint. In solcher Ordnung mag das Ganze nur in ruhiger Häuslichkeit gedeihen, und durch ein stilles, leises Vegetiren im Sonnenscheine heiterer Zeiten, allen Störungen der unruhigen geistigen Triebe, allem Tumulte der Partheyungen und aller Kriegsgewalt entzogen. Sein ganzer Bedarf und alle Formen seines Bestandes wachsen ihm dann von innen zu, und es ist die Thorheit aller Thorheiten, neue Formen auszn- sinnen, und sie wie künstliche Blätter dem Gewächse aufzusetzen, um seine Lebenstriebe darin anfzufangen, und nach bestimmten Ansichten umzubilden. Cs keimt und sproßt vielmehr, aller I. Orientirnng. '9 Nachhülfe künstlicher Berechnung völlig unbcdürf- tig, Alles von selber auf, wenn seine Zeit ge- ' kommen, und vergeht wieder still und langsam schwindend, wenn sie vorbeygegangen. Ihnen gegenüber und in den entschiedensten Gegensah haben jene sich gestellt, die oben mit dem Namen Mechaniker bezeichnet sind. Ihnen ist der Mensch keineswegs der Scholle angeheftet, und sie begründet mit Nichten das Abhängigkeits- verhältniß des Dieners zu dem Herrn; vielmehr ist die Erde, wie die Luft, als gemeinsamer Besitz der Menschheit angewiesen; denn die lebendige Kraft ist höher, als die todte Masse, die ihr zur Dienstbarkeit geschaffen worden, und darum keine Herrschaft verleihen kann. Es kann aber jeder von diesem Gemeinbesitz so viel zu seinem Eigenthume an sich ziehen, als sein Bedürfnis! fordert, und er mit seiner Hände Arbeit bemei- stern mag; und da nun Kräfte und Bedürfnisse ohngefähr gleich unter alle Menschen vertheilt erscheinen, so haben auch Alle vom Ursprung her Anspruch auf ohngefähr gleiche Loose bey der Ver- theilung. Nichtig sind daher jene ersten Besitzergreifungen ganzer Landesstriche; nichtig ist die Befestigung des Besitzstandes durch Tesiirung und Majorate; nichtig jene sclavische Lehre von der pflanzenartigen Natur der Gesellschaft; tirannisch 20 Europa und die Revolution. jene empörende Usurpation, die aller Patrimonial- Herrschaft zum Grunde liegt, und die durch solche Fiction sich zu befestigen sucht. Jene große Gütermassen sind das eigentlich lahmende Princip in der Gesellschaft; die höchste Vertheilung des Ackerbodens, daß er beweglich, wie jede Waare, leicht in den Umlauf der Güter tritt, ist das Ziel, dem sie zustreben muß, und darum auch ist der freye Erwerb, der nur auf dem Verdienste, nicht auf der Ueberlieferung ruht, höher der Art nach, als der gebundene Gutsbesih, und somit auch tauglicher, eine lebendige Verfassung auf ihn als Basis zu begründen. Dieselbe Kraft, die mit dem Pstnge die Scholle bezwingt, die in der Industrie ihr emsiges Streben über die ganze Erde hin verbreitet, die den Umlauf des Geldes und in ihm den Pulsschlag der Gesellschaft regelt, waltet auch als die eigentlich plastische Thatigkeit, als der wahrhaft eingeborne B'ildungstrieb in der Gesellschaft. Wie sie dort mit dem Eisen bustro- phische Furchen zieht, wie sie hier Schiffe in ihren Bahnen über den Meeresplan und Caravanen durch die Wüste führt, so umschreibt sie mit Linien alle Verfassungsformen. Sie kämpft mit jener ersten Usurpation und allen Tragheitskraf- ten, die ihr verbündet sind, und hat das Recht, nötigenfalls mit Gewalt jene unnatürlichen I. Orientirung. 21 Schranken einzureißen, die den ordentlichen Lauf der Dinge mit künstlichen Interessen und Berechnungen aufhalten wollen, um so den ursprünglichen Instand der Gleichheit des Besitzes wieder herzustellen, und dann auf gleiche Akzien, mit freyen Wehren auf gleichgemessenen Ackerloosen, nach mechanischen Gesetzen rationeller Atomistik eine gerechte Verfassung wieder herzustel- len, die allein auf die Bedingung der Ausgleichung jenes schreyenden Gegensatzes tiefer Armuth, neben übermüthigem Ucberstuß, durch ein agrarisches Gesetz zu begründen ist. Der zweyte Widerspruch im geschichtlichen Gebiete spaltet sich in zwey andere entgegengesetzte Ansichten, die man gemeinhin mit den Namen der historischen, und der re form ireu den, oder eigentlich revolutionirenden bezeichnet. Von den Heyden Richtungen, die aus der Gegenwart in die unendliche Jeit hindeuten, haben die Ersten sich in jene gesetzt, die in die Vergangenheit rückwärts führt, und finden die Norm und Regel für alles Vorhandene allein in dem, was da gewesen ist. Welche Jeit als die Normale gelten soll, hangt bey jenen Anhängern dieser Lehre, die blos der Gewöhnlichkeit oder groben Interessen sich ergeben, von zufälligen Convenien- zeu ab, und zumeist wird die Wahl auf nicht rr ^ Europa und die Revolution. läugstvergangeue Epochen fallen, aus denen noch viele Beziehungen des Eigennutzes in die Gegenwart hinüber laufen. Diejenigen aber, die aus höherem Gesichtspunkt ihre Ansicht folgerecht bis zu ihrem Grund hinführcn, müssen, da in der vielgliedrigen Kette der Cansalität, an die sie die Gegenwart zu fesseln sich bestreben, jedes Glied, das einst selbst eine solche Gegenwart gewesen, keinen unmittelbaren Primat vor den andern in Anspruch nehmen kann, nothwendig bis zum ersten Ring aufsteigen, da, wo die ganze Reihe aus der ersten Ursache, die allein in Gott ist, sich entwickelt, und nun die Ordnung, die sie als die stehende geltend machen wollen, als die ursprünglich göttliche verkünden. Darum müssen sie einen ersten, vollkommueren Instand der Menschheit voraus setzen, wo diese, dem überirdischen Ursprung der Dinge naher, mehr von jenem göttlichen Lichte in sich trug, und in Einfalt und Unschuld sich im Durste nach jenem geistigen Lichte, und im eingepstanzten Triebe, in göttlichen Symbolen sich zu sättigen, um einen gottgesendeten, von oben begeisterten, Seher sammelten, der nun die zerstreuten Kinder Gottes in einen geistlichen Staat vereint, wo er als Meister unter den Jüngern lehrt, und als Hirte die Heerde der Gläubigen weidet. Dieser gesellschaftliche Verein in theo- I. Orientirung. 2 kratischen Formen im ersten Weltalter ist dar, um nothwendig der vollkommenste, weil bey seiner Bildung noch die lebendigste Erinnerung aus dem früheren, seligeren Instand obgewaltet, mrd Gold ist deßwegen seine Signatur. Aber es vergröbert sich das edle Metall zu Silber, und dann zu Erz, bis es endlich bey zunehmender Erkältung der Idee zu Eisen sich gestählt. Aber wie auch die Zeiten entartet seyn mögen, es brechen durch ihr Verderben noch immer, wenn auch umhüllt und vom Bösen verschlackt, die ursprünglichen Formen jenes ersten Gottesreiches durch, und wenn dieses Böse, das in frevelhaften Aufständen des menschlichen Hochmuths seine ursprüngliche Reinheit getrübt, in alle Weise bekämpft werden must, so ist jene durchklüjftende Goldader das Einzige, was festzuhalten der Mühe sich verlohnt. Und weil diese Ader im Fortschritt der Zeiten immer unergiebiger sich erweißt, und weil es vom Schlimmen immer zum Schlimmeren geht, darum kann Wechsel und Veränderung kein Heil der gebrechlichen Zeit gewähren; das ist allein durch Beharrlichkeit, oder, wo möglich, durch Rückgang zur ersten crystallhellen Quelle alles Guten auf Erden zu gewinnen, zu jenem Borne ewiger Zugend, zu dem die Ueberlieferung uns den leitenden Faden giebt» 2-i Europa und die Revolution. Anders Jene, die für die entgegengesetzte Ansicht sich entschieden. Wie ihnen Alles, was einer vergangenen Zeit angehört, für die Gegenwart ohne Bedeutung ist, so muß ihnen auch jene erste Uuschuldswclt ein Kindermährchen seyn, und die Fabel von den Weltaltern, die auf vier, drey, zwey Füßen gehen, nichts als das Räthsel der Sphynr, dessen Lösung der Mensch selber in seinen Lebensaltern ist. Hülflos hat ihn die Natur ausgesctzt, ein Findelkind seinen Schicksalen Preiß gegeben; so hat er in seiner Ohnmacht in Mitten physischer Schrecken sich gefunden, die von allen Seiten auf ihn angedrnngen, und wie die Angst seiner Herr geworden, ist der Aberglaube bey ihm eingekehrt. Da hat die Schlauheit Botschaft von oben an ihn vorgegeben, die Leichtgläubigkeit hat die unterschobene Urkunde anerkannt, und so hat sich jener ungeheuere Betrug gespielt, der den von der Natur Ausgestoßenen noch obenekn um all seine geistigen Rechte bestohlen. Dieser Betrug ists, der durch alle Zeiten nachgewirkt; mit ihm haben tausend und abermal tausend kühne, freye Geister schon gerungen; Viele haben ihr Leben darum hingegeben, und sie haben ihn nur langsam und Stück vor Stück nicdergekampst. Was die Geschichte Großes und Erhebendes hat, ist Alles ihr Werk gewesen; durch ihre Anstrengun- 25 I. Orientirung. gen haben sie der Tiranney einen großen Theil der usurpirten Rechte wieder abgestritten; ihr Bey- spiel ist Alles, was die Vorzeit zur Nacheiferung uns zu bieten hat: die übrige Erbschaft, die sie uns übertragt, ist nichts, als jene große, durch Amortisation noch lange nicht gänzlich getilgte Schuld. Nicht also ist es, wie jene blinden Anbeter des Alten vorgeben, daß die Zeiten stets sinkend sich mehr und mehr zum Schlimmer« neigen; von jenen großen Geistern geleitet, sind sie, von roher Dumpfheit ausgehend, zu lichter Geistigkeit hinangesiiegen; und so sollen sie fortgeführt werden von den Geschlechtern, die jetzt leben, und denen, die da kommen werden. Dazu ist jedes an die eigne Kraft in frischer, lebendiger Gegenwart gewiesen; die Vergangenheit aber ist ein leerer Traum, gestern oder vor Zähren und Jahrhunderten ansgeträumt, der, wenn er ins nüchterne Wachen hinübergaukelt, dieses nur stören und verwirren kann. Die da vorübergegange», haben ihren Tag gelebt; ihre Rechte und Befugnisse sind allein auf dem Leben haftend geblieben, und die Geschichte ist keineswegs eine Macht, nur ein Buch, gut zur Belustigung und zum Unterrichte, und etwa, wie die Tragödie, zur Reinigung der Leidenschaften. Das ist ein krankes Streben, das Hülfe bey den Tobten sucht, und ein schwäch- -6 Europa und die Revolution. lich sentimentales Treiben, das stets hinter sich blickt: nach vorwärts stießt der Strom des Lebens, dahin wendet sich alle rechte Kraft, die in müßigem Beschauen sich nicht verzehren will. Nicht an der alten Kette ewig schleppen, sondern schöpferisch neue Reihen in die Zukunft aussenden, ist ein Geschäft, würdig, daß der Mensch all sein Können und Vermögen daran setze. Darum ist die Stabilität allein das Prinzip des Trägen, Wandelbarkeit aber die Bedingung alles Lebens, und unbcgränzte Perfektibilität seine Aufgabe. Deßwegeu soll der Rüstige eine Masse von Mißbrauch nicht eines kleinen Brauches wegen schonen: noch allen Schlamm der Vorzeit um wenigen Goldschlich bis zum Grund aufrühren: denn ihm ist der Stein in die Hand gegeben, der das unedle Metall in edles wandelt. Darum ist das alte Paradies, jenes Schlaraffenland, wovon kindische Phantasie so viel gefabelt, nirgendwo gewesen ; wohl aber wird ein solches Eden am Ende der Zeiten liegen, wenn der Mensch alle seine inwohnenden Vermögen ausgebildet, und damit die blinden Naturkräfte gänzlich bezwungen hat. Aber in diesem Garten grünt kein Baum, den er nicht im Schweiße seines Angesichts gepflanzt. Zm dritten Gegensätze, der auf dem Rechtsgebiete steht, wird sich dieEntzweyung der Ser- I. Orientirung. -7 vilen und Liberalen, wie man sie jetzt zu neu« ucn pflegt, ergeben. Die Ersten lassen überall die Pflicht, als das absolut Bedingende, das Recht, <— und die Autorität, die da gebietet, jede persönliche Frey heit, die gegenwirken will, aufheben und vernichten. Diese Autorität steht ihnen als reine Thatsache da, ruhend auf sich selber, nach deren Ursprung man mit unstatthafter Grübeley nicht fragen, sondern die man nehmen soll, wie sie sich giebt und sindet. Ob die Macht von Gott gekommen, ob sie als Grundherrlichkeit erwachsen aus dem Boden: sie ist einmal faktisch in die Erscheinung eingetretcn, und ihr Sollen zwingt mit seiner moralischen Nö- thigung, wie das Mußen mit physischer, und beyden wird aus gleichem Grunde sich jedes Widerstreben fügen. Wie jedoch die aristokratische Ansicht die Gewalt am liebsten von der Grund- Herrlichkeit ableitet, die historische von der Priesterherrschast, so diese dritte am cousequentesten vom Schwerdte des Eroberers, das die geforderte Macht am dauerhaftesten begründet, und den Gehorsam am festesten in den Formen der Subordination der Kriegsgenossen unter ihren Führer faßt und bindet. Dem Muthe, der heroischen Kraft und dem Geschicke den Feldherrn aber entspricht das Bedürfniß des Schutzes in der Menge; 28 Europa und die Revolution. diese unterwirft sich daher blind im Naturinstinkte des Gehorsams, und er wird ihr Schirmherr, und wahrt hinter einer festen Schildburg seine Getreuen gegen jegliche Gewalt und Ungebühr: die aber sein Schwerdt im offenen Kampf bezwungen, müssen ihm ohnehin von Rechts wegen dienstbar seyn. Die Autorität aber ist ihrer Natur nach wesentlich eins, weil mit der Mehrheit Widerspruch und Entzwcyung sich eiuzusiuden pflegt; sie ruht daher in der Regel aus einem Haupte in der Monarchie, obgleich die aristokratische Form darum dieser Ansicht keineswegs ganz widersteht. Sie ist wesentlich bejahend, und keine Verneinung darf ihr entgegentreien, weil sonst das Verneinende selbst die wahre und eigentliche Gewalt besäße. Sie ist wesentlich zwingend mit strenger Nothwendigkeit, die Alles, was in ihrem Wirkungskreise liegt, umfaßt; darum kann ihr gegenüber keine besondere Freyheit selbstständig auf eignem Grunde ruhen, sie muß ihre Ermächtigung von oben her erlangen. Endlich ist sie die Ursache von Allem, was im Staate verursacht wird, und also die erste Gewalt, von der alle abgeleitete ein Ausfluß ist, und mithin die gesetzgebende Macht, die allein, ohne Hemmung durch den Einspruch der Untergebenen, alle Gesetze gründet. Die erste Ursache kann aber nimmer vom I. Orient irnng. 29 Verursachten entspringen» Denn so wenig, wie von den Kindern der Vater kömmt, von den Schülern der Meister, und der Reiche vott den Armen, und so wenig wie die Blöden dem Verständigen Weisheit geben, so wenig mögen die Schwachen dem Mächtigen seine Kraft gewähren, und die Unterthancn ihren Fürsten setzen. Die erste Ursache muß vielmehr vor Allem Ursache von sich selber seyn; von Gottes Gnade angeordnet, erkennt sie nur Gott über sich, einzig durch die Gesetze der Naturnothwendigkeit und das innere Pflichtgebot beschränkt. Kein Untergeordnetes aber kann seine abgeleitete Autorität gegen ihre Quelle richten, keine sogenannte Volksvertretung darf im Antagonism der Kräfte der Majestät eine Gränze zu setzen wagen. Diese gepriesene öffentliche Meinung ist ein wesenloses Gespenst, das jeden Augenblick Gestalt und Farbe wechselt; der Geist der Zeit aber ist ein Geist des Widerspruchs und Aufstandes von gestern her, und morgen vergehend. Nicht auf so losem Grunde kann der Staat in Festigkeit bestehen; auf Zwist, Hader, -Argwohn und Unfriede mag nimmer eine dauerhafte Ordnung ruhen, wie auf vulkanischem Boden nie eine ruhige Anstedlung gedeiht. Nicht also soll der Aufruhr eine sogenannte Constitution in Formen bringen, und jede tumultuarifche Thä- Zo Europa und die Revolution. tigksit in ihr Ermächtigung gewinnen. Nein, auf Friede, Liebe, Eintracht soll alles Bestreben gerichtet seyn, also daß alle Glieder im Verbände mit ihrem Haupt ein ewig heiteres Reich des stillen Gottcsfriedens bilden, wo überall Wohlwollen ohne Selbstsucht herrscht, das strenge Recht durch liebreiche Schonung gemäßigt erscheint, überall freywilliger, gläubiger Gehorsam dem Machtgebote entgegenkömmt, und ein Band der Gemeinschaft das Ganze also einträchtiglich umschlingt, daß Alle sich wechselseitig schützen und beleben. Träumerische Thoren, diese! die von solchem Liebeleben fabeln, und die Thiere der Wüste in die Pferche ihrer arcadischen Schäferey einzuhegen sich bemühen: also hadern ihnen die Liberalen von der strikten Observanz entgegen, die sich gegenüber ans andere Ende hingesetzt. Das ist die große Verschwörung, die seit Anbeginn bestanden, und die, indem sie Recht und Gerechtigkeit und die Natur der Dinge selbst umgekehrt, die heilsame Staatsgewalt in jene drückende Tiranney verwandelt, daß der Staat überall zu einem finstern Correktionshaus für Züchtlinge geworden. Aus dem, was die Aristokratie bey der ersten Besitznahme errafft, oder sonst mit Gewalt und List den Andern abgedrungen, hat sie dieser Tiranney den Purpurmantel zusammengeflkckt, darauf haben I. Orientirung. 3r die Theokraten, nachdem sie die blöde Menschheit um ihrer Angen Licht betrogen, ihr die geweihte Krone aufs Haupt gesetzt, und nun geben ihr diese das Schwcrdt statt des Zepters in die Linke, damit der Wolf also über blöde Schaafe herrsche, und jene erste Usurpation der übermüthigen Stärke verewigt werde, die, indem sie unbefugt ihre Gewalt in Recht, den Gehorsam in Pflicht verwandelte, alles Despotisms, und der aus ihm entsprungenen Sclaverey Anfang und Grund gewesen. Sie fordern eine Unterwerfung ohne Gränzen unter solche schrankenlose Autorität, vergessend, daß eine solche schon in ihrem Beginnen widersprechend ist der menschlichen Natur, die sich hier selbst entsagen soll, und nichtig, weil sie für das höchste Opfer die kleinste Entschädigung bietet, darum auch nur dauernd so lange, als der Grund besteht, der sie erzwungen hat. Denn was die Gewalt gebildet, und die Schwäche sich gefallen lassen, kann nur so lange währen, als die Ohnmacht gegenüber der Macht besteht, wie die väterliche Gewalt im Familienverhältniß mit der Mündigkeit zu Ende läuft. Weder also kann durch blinde Unterwerfung ein rechtliches, noch auch ein dauerndes Verhältniß begründet werden; dieß mag nur allein durch gemeinsame Uebereinkunft aller Staatsgenossen in einem Socialpakte geschehen. Europa und die Revolution. 3r Eine solche Uebereinkunft gründet sich auf die Voraussetzung, daß die Rechte früher, als die Pflicht gewesen, und indem die Gleichberechtigten, Freygeborenen ein Mittel ausgesucht, um von den Uebeln des Natnrstandes sich zu bcfreyen, haben sie dieß in der Vereinigung all ihrer Kräfte zur Bezwingung dieser Uebel aufgefunden, und so jenen Urv ertrag geschloffen. Zn diesem Vertrage hat jeder seine natürliche, nur durch das Maß der ihm einwohnenden Kraft beschrankte, unendliche Freyheit willig an die allgemeine Freyheit hingegeben, daß diese der schrankenlosen Granzen setze. Jeder hat seine Person, sein Leben und alle Kräfte, die ihm zu Gebote stehen, in die Genossenschaft eingelegt, und sie von ihr gewahrt und gesichert wieder zurück erhalten, und Alle, indem sie an das Ganze sich ganz verloren, haben sogleich als Element desselben sich wiedergefunden, und, der Gesammtheit sich unterwerfend, allein sich selbst gehorcht. Und weil Jeder sich nur der Allheit giebt, keineswegs aber einer Klasse oder Persönlichkeit, darum bleiben nach dem Vertrage Alle einander gleich, wie sie es zuvor gewesen, und Keiner ist, der ein Vorrecht in Anspruch nehmen könnte. Darum darf keine Gliederung, kein Staat im Staate geduldet werden, vielmehr wird, was im Naturstande durch physische Stärke I. Orkentirung. 55 oder geistige Überlegenheit ungleich war, durch den Sozialcontrakt erst vollkommen ausgeglichen. . Das Volk also, mit sich selbst den Vertrag abschließend, ist auch über sich selbst einziger Gebieter, und aus der Summe aller Willenskräfte erwachst jener Gesammtwille, der als Souveraini- tät dem Volke inhärirt, und durch keine Delegation übertragen werden mag, sondern allein in der versammelten Nation durch Einstimmigkeit, oder nach der Mehrzahl, Gesetze giebt. Dem also gesetzgebenden Volke ist aber das wesentlich gehorchende, vermöge des Vertrages, unterworfen; der Gebieter also nicht, wie bcy den Servilen, eine dynamisch einwohnende Kraft, die ans einer höheren Wurzel hervorgegangen, sich die Formen und Organe ausgestaltct, sondern vielmehr eine Summe aus kleinen Erdkrusten zn- sammengelegt, ein Kapital aus dem Scharflein der Einzelnen erwachsen. Zwischen dem Volke, das da gebietet, und dem, das da gehorcht aber fleht die Regierung als Mittelmacht, theilneh- mend an der Natur des Thatigcn und des Leidenden. Sie, die Kraft, die erst die Beschlüsse des Gesammtwillens in Vollziehung setzt, kann darum keineswegs die Quelle der Macht in sich selber tragen, sondern sie hat die ihrige, durch Delegation ans dem Brunnen aller Autorität, der ^ l I X 24. Europa und die Revolution. Souveränität des Volkes abgeleitet, und darum, je nachdem diese auf eine Person, eine Minderzahl oder Mehrzahl der Individuen gestellt ist, wird sie monarchisch, aristokratisch oder demokratisch seyn, auf jeden Fall aber mit der Zurückziehung des Mandats erlöschen. So rufen die Partheyen jede ihre kecke einseitige Betrachtung der Dinge aus; es krentzcn sich die Reden, Grundsätze, Urtheile und Handlungen; die Meinung, aus allen Weltgegenden angeblasen, bald nach der einen, bald nach der andern Seite hingerissen, läuft im Wirbel um die ganze Windrose herum, und weiß nicht, wo ste sich feststellen soll; unterdessen geht die Geschichte in Mitte der Windsbraut ruhig ihren großen Gang, denn sie faßt eben die Wurzeln und Häupter aller der Richtungen, deren äußerste Verbreitungen nur in diesen unruhigen Bewegungen sich abmüdeu, in einem Aauberring zusammen, und lenkt von da ans den Lauf der Begebenheiten also, daß die entgegengesetzten Kräfte ihr wie Sporn und Zügel dienen, um den Wagen durch die Rennbahn hinzutreibcn. Darum, wie sehr die bezeichneten sechs Gegensätze gegen einander aufsteigen, und im Kampfe der Meinungen jede die andere vernichten und verschlingen möchte, so werden sie, weil Alle in gleich vielen Grundtrieben der menschlichen Seele, von I. Orientkrung. 3L denen drey passiver, und die drey andern aktiver Natur sich erweisen, wurzeln, doch in keine Weise > sich ansrotten können, und vielmehr im ordentlichen Lauf der Dinge in ihrer Gegenwirkung sich wechselseitig beschranken und mäßigen, so daß in ihrem Wechselkampfe nothwendig drey große Temperaturen sich entwickeln. Und zwar wird im ersten Verhältniß die lebendige Kraft sich allerdings der todten Materie Meister machen, aber sie wird, wie dem Zuge der physischen, so dem der moralischen Schwere sich nie ganz entziehen, noch den Ackerboden in Dunst zerstäubt, in die Lüfte der Theorie entführen. Wäre aller Boden in einer Hand vereint, diese wurde ihren Besitz gegen die nagenden, auflösenden Kräfte in der Gesellschaft nimmer auf die Länge schützen können; wären alle Güter heute gleich vertheilt, ihre bindenden, sammelnden, auhäufenden Tendenzen würden morgen schon ihr Werk beginnen, und die Ungleichheit wäre schnell wiederhergestellt. Darum hat, so lange die Geschichte besteht, die Wirksamkeit dieser Kräfte bald gleichzeitig, bald wechselnd nie nachgelassen, und im Verlauf der Zeiten die ersten mehr und mehr das Uebergewicht gewonnen, indem nach und nach der Lehnbesitz mit dem Kasteneigenthum, das Allodial mit dem Lehne, das Geld dann und der Erwerb mit dem Allodium, das Papier sofort mit dem Gelde und der Credit endlich mit Allen gestritten und Alle überwunden. Zn diesem Streite haben die Staaten all- mahlig von ihrem ersten pflanzeuhaften Daseyn sich losgewunden, und sind in der sogenannten heroischen Zeit in das Thierische übergeschritten, um dann allmahlig durch alle Stufen der Entwicklung sich zur freyen Geistigkeit fortarbeitend zu erheben. Aber wo sie irgend auf dieser Stufenleiter sich sinden mögen, das beharrliche Naturprinzip wird nie ganz von ihnen lassen; mitten in der vielgctheilten Ungleichheit des Besitzes wird uothwendig eine Gränze sich ergeben, an der die theilenden Kräfte sich zurückwendcn müssen, und durch allen Wandel wird jene Beharrlichkeit ihre siill und unsichtbar bindende Kraft erweisen, und so das erste nothwendige Postulat der Gesellschaft bilden. Mit diesem statischen Momente der Verfassung kämpft dann jene freyere organische Lebenskraft, die jetzt zu einer, mit Bewußtseyn messenden und rechnenden, geworden, und auf den Grund des Axioms gegenüber dem Postulat die Gesetze des Gleichgewichtes zu begründen, und die Staaten nach mathematischen Natnrprinzkpien zu regeneriren sich bemüht. Eben so ist es um das zweyte Verhaltniß gethan. Jede Gegenwart hat ein fließendes Element in sich, wodurch sie eben I, Orientirnng. 3 ? Gegenwart geworben; sie hat ein anderes beharrliches, wodurch sie nach ihrem Verflusse > Vergangenheit wird. Eben so lebt jede Generation der Menschen mit der einen ungezählten Le- benshalste in der vergangenen, mit der andern aber, die in der Summe der Menschenalter zahlt, in der folgenden, und nach einer weisen Natur? ordnung strebt überdem jedesmal Trieb und Neigung aus der einen Zeit in die andere vorwärts und zurück. Darum sind ihre bildenden Kräfte immer selbst durch eine frühere Bildungskrast bedingt, und sic erhalten überdem allen bildsamen Stoff aus der Vergangenheit, wie jeder Frühling nur die Knospen des vorigen Jahrs entfaltet. Darum, wie im Naturgebiete das fortschreitende Werden sich nie vom ruhigen Seyn des Besitzstandes lossagen kann, so mag das Gewordene in jeder Gegenwart sich nie der Einwirkung des Gewesenen entziehen. Gleicherweise, wie dort jene wechselnde Contraktion und Erpansion des Besitzstandes im alternirenden Vorherrschen der beyden chemischen Kräfte sich entwickelt; so wird hier in der Ueberwncht einer der beyden historischen Beziehungen um die andere, jener Wechsel in der Geschichte sich ergeben, der, wie er beym einzelnen Menschen bald den Schlaf vorherrschen läßt und dann das Wachen; so in allen Zeiten Z3 Europa und die Revolution. und bey allen Völkern unverkennbar hervortrktt in den großen historischen Phasen, wo sie bald dem stehend gewordnen Vergangenen hingegeben, - Ln seinen erstarrten Formen Jahrhunderte zu schlafen scheinen, und dann wieder, wie plötzlich von der Zukunft ergriffen und ausgeweckt, jene Formen von sich stoßen, und nun in gleich anhaltend fortgesetzter Thatigkeit rastlos bis zur Erschöpfung sich abmüden. Wenn also perkodenwekse eine Kraft die andere überwiegt, dann wird jeder Moment doch auch hier nur aus dem Conflikt beyder sich entwickeln, und darum wird die in diesem Streite beschrankte, positive, historische Thätkgkeit als das zweyte Postulat der Gesellschaft erscheinen, die verneinende aber ihr die Macht des Zweyten Ariomes entgegensetzen. Die Überlieferung wird dann jedesmal die objektive, plastische, stehende Schranke geben, gegen die alle subjektiven zeugenden Kräfte ohne Unterlaß ankämpfen, und in diesem Kampfe nach historischen Gesetzen, das Bleibende beweglich machen, und das Fließende begründen. Endlich würde im dritten Verhältniß die Autorität, die sich schlechthin selber setzt, ewig in ihrer Einsamkeit beharren müssen, und nirgend die Brücke finden, dis zu Untergebnen führt, wenn diese sie nicht selbst «rst im dunkeln Instinkt und dann in fortdauern- I. Orientirung. 59 der, freyer Unterwerfung gebaut. Eben so würde eine absolute Gewalt, die alle Selbstständigkeit in den Unterworfenen vernichten wollte, sich selbst ausreiben, weil das Willenlose znr Sache wird, die nur besessen, aber nicht mit Autorität beherrscht werden mag. Hinwiederum muß der So- zialcoutrakt, um sich aus dem Zirkel herauszuhel- fess, daß ein Volk ohne Bildung und Recht sich doch mit höchster Bildung und Rechtlichkeit eine Verfassung geben, und also die Wirkung schon znr Ursache machen soll, entweder eine äußere Sanktion durch eine wirkliche oder vorgegebene Gemeinschaft des Gesetzgebers mit höheren Wesen, oder ein Zwangsrecht der erleuchteten oder mächtigen Minderzahl, die Mehrzahl unter das Gesetz zu nöthigen, in beyden Fällen also eine positiv wirksame Autorität voraussetzen. Gleicherweise wird auch ein Volk, das sich selbst beherrscht, allerdings ein hochmögender Gebieter thronen; das Volk aber, das da gehorcht, wird nur in der Abstraktion vorhanden seyn, und darum nichts Bleibendes und Bindendes sich gestalten können, da selbst der Grundvertrag jeden Augenblick wieder auflöslich ist, weil nach rechtlichen Grundsätzen Niemand sich gegen sich selbst verbindlich machen kann. Darum wird jene ethische Notwendigkeit, das Sollen, das von der Autorität aus- 4o Europa und die Revolution. geht, sich mit jener rechtlichen Freyhekt, die den Untergebenen wesentlich beywohnt, zur moralischen Möglichkeit verbinden, und in der > Gegenwirkung beyder werden zugleich mit den Pflichten auch die Rechte sich gestalten, die, indem sie der Gewalt ihre sittliche Schranke setzen, die Unterwerfung zu einer freywilligen erheben. So ist also die Autorität das dritte nothwendige Postulat in der Gesellschaft, der dritte Grundpfeiler jeglicher Verfassung, gegen den alle die progressiven Freyheitskräste der menschlichen Natur stets mit der Macht des dritten moralischen Arioms andringen, und brechend, wie selbst gebrochen, in immer regem Antagonism die gerade vorbrechende Strömung in eine umlaufende einbeugen, und also im Gebiet der Willenskräfte das Beharrliche stets wandelbar, das Wandelbare aber beharrlich machen, jedoch also, daß im Lauf der Zeiten in den verschiednen regelmäßig sich folgenden Verfassnugsformen bald das Eine, dann das Andere überwiegt. In diesen drey Temperaturen erscheint die blos äußerliche Vermittlung jener Gegensätze dargestellt, die in ihrer äußersten Verbreitung sich begegnen; aber es gkebt eine andere höhere, ideale Einheit, in der sie in der ganzen Fülle ihrer Bedeutsamkeit auf eine dem Begriffe unerklaxbare I. Orkentirurig. Weise vereinigt sind. Jede bindende Thätigkeit ist ihrer Natur nach eine solche, die Alles, was in ihren Wirkungskreis fallt, gegen einen Mittelpunkt znrückbezieht; die entgegengesetzte lösende wird darum nothwendig von dieser Mitte ans in abgewendcter Richtung gegen den Umkreis ihre Einwirkung hiuverbrcitcn. Die Mitte selbst, für die eine Thatigkeit Veziehungs-, für die andere Ausgangspunkt, wird eben darum beyde in ihrer höchsten und unendlichen Steigerung in einer völlig idealen, dem sondernden Verstände entrückten, Steigerung in sich vereinigen; von da an gegen den Umkreis aber werden beyde in stets sinkender Allgemeinheit sich dem Begriff allmählich verschlies- sen, bis sie am Umkreis selbst, ins Einzelnste geschieden, in jenen äußerlichen Temperaturen in untergeordneter, individueller Verbindung sich wieder vereinigen. So wird also die Temperatur der Gegensätze durch diesen Umkreis selbst ausgedrückt, indem, was flüchtig von der Mitte in die Weite ausgegangen, an der äußersten Gränze von der Mitte wieder ergriffen wird und eingelenkt, im Kampfe seines Eigenwillens mit der Einheit, so daß, indem diese in ihrer Ruhe fließend geworden, wie der Andere beharrlich in seiner gerad ansstrebenden Bewegung, beyde sich in jener umlaufenden Temperatur vereinigen. Dieser Um- 42 Europa und die Revolution. schwnng irdischer Dinge in der Mäßigung wechselseitiger Gegensätze, wird für die äußere Anschauung in der überall sich selbst gleichartigen Kreislinie erfolgen, wenn jene Gegensätze in ihrer höchsten Steigerung in der Mitte vollkommen in einem Punkte, dem Mittelpunkte, sich durchdrungen. Wofern aber beyde Gegensätze dort für die Anschauung in einer Richtung sich aufgeschlossen, und verschieden mitten in der Vereinigung auseinander treten, indem sie sich zu beydcn Seiten der nun blos idealen Mitte in zwey Brennpunkte setzen; dann wird die Kreislinie in eine Oblonge ausgezogen, die überall mitten in der Gleichartigkeit ungleichartig ist. Es wird sich alsdann eine lange Achse bilden, an deren bey- den Enden selbst wieder in der Temperatur einer der Gegensätze um den andern vorherrschend erscheint, während über die umschreibende Linie hinaus der Tummelplatz der gelösten Kräfte fällt. Aber dreyfach ist, wie sich ergeben, der Gegensatz der Richtungen, die in größter Allgemeinheit betrachtet, wieder in einem ersten großen Widerspruche wurzeln, der nur jedesmal in einem verschiedenen Gebiete uns entgegentritt. Da nun nur drey solcher Gebictstheile, das räumliche, das zeitliche, und das geistige in der Natur der Dinge möglich sind, so ist damit dargethan, daß jene I. Orient irung. 43 Dreyzahl die Summe aller möglichen Grundent- zwcyungen erschöpft; dadurch aber, daß alle drey in der menschliche» Natur vereinigt sind, ist ihre ursprüngliche Einheit vollkommen begründet. Jene drey Bänder, deren Eines die Familie in Liebe an Vaterland und Heimath knüpft, das zweyte in Pietät die lebenden Geschlechter an die vergangenen, das dritte in Treue und Gehorsam Alle unter einander und mit dem Staate eint, werden nur als verschiedene Aeußcrungen einer und derselben geistigen Schwerkraft erscheinen, die mit der Einheit jener drey Postulats das Geisterreich in sich verbindet. Eben so werden die drey Schwungkräfte: jene bewegende, die mit Emsigkeit in Industrie und Verkehr den steten Güterwechsel unterhält, die treibende, vergnügende, die alle volksmäßige Entwicklung selbstthätig durch die Geschichte führt; endlich jene persönliche Freyheit, auf der die Ehre, wie des' Ganzen, so jedes besonder» Gliedes der Gesellschaft ruht, nur die Farben desselben dreyfach gebrochenen Strahles geistiger Freyheit seyn. Beyde Kräfte, die innersten Grundkräfte der menschlichen Natur, wie sie darum in die innerste Tiefe der Menschheit zn- rückgehend, sich verbergen, werden von dieser Mitte aus jenes dreyfache Gebiet beherrschen, indem sie in jedes den ihm eigenthümlichcn Gegensatz ein- Europa und die Revolution. 44 tragen. Um diese Mitte werden sich also, wenn wir das Ganze in einer klaren, sinnlichen Anschauung übersehen wollen, jene drcy Achsen, weil sich in ihnen die drey verschiedenen Widersprüche ausdrücken sollen, in drey verschiedenen Ebenen also ordnen, daß sie mit ihren Mittelpunkten in einen einzigen zusammeufallen, und von da ans sich rechtwinklicht kreuhend, in ihren Umkreisen in eine vollkommene oder oblonge Kugelgestalt verbreiten, je nachdem der Mittelpunkt die getheilten Kräfte wirklich oder nur scheinbar in sich vereint. An die Enden der drey also gestellten Achsen werden nun die äußersten Gegensätze, die irgend die Wirklichkeit verträgt, sich ordnen; au die zwischen- liegenden Punkte sodann alle die vielfach gemischten Temperaturen sich vertheilen, und gegen die Mitte durch die Brennpunkte bis zu ihrer idealen Vereinigung alsdann die stetig anwachsenden Erponenten der beyden bildenden Grundkräfte ansteigcn. Und so wird durch die drey Durchschnittsstächen, die durch die drey möglichen Schnitte dieser Gestalt gegeben st'nd, und durch ihre Achsen die dveyfache Grundentzweyung in allen menschlichen Angelegenheiten vollkommen ansgedrückt, während die vielfachen Beugungen in den verschiedenen Längen und Breiten, die ganze Fülle möglicher Temperaturen darstellen, und von da an ge- I. Orientirung. §5 gen die Mitte das allmahlige Anwachsen der or- gauisreuden Kräfte in stets zunehmender Allgemeinheit, endlich in der Mitte selbs, dem 8enso- rlum eoinmnnL, die geforderte höhere Einheit aller Richtungen und Gegensätze gegeben is. Die Kugel aber, die sch solchergestalt gebildet hat, wird keine andere als eben die Erde selber seyn, oder vielmehr die über ihre Obersache verbreitete Menschheit mit all' ihren Partheyungen, Meynungskämpsen, Ansichten und Entzweyungen, umrankend den Planeten mit allen den Gebilden und Formen, in denen sch die Geiserwelt in Staat und Gesellschaft mannigfaltig ausgesaltet; ihn umziehend in allen den Strömungen, in denen sie nie rasend sch bewegt. Ein Blick auf dies bunte Formen-umrankte Rund zeigt, daß jene drey Achsen keineswegs willkührlich in zufälliger Richtung liegen, sondern daß sie vielmehr durch ein sonderbar scheinendes Zusammentreffen gegen bestimmte Punkte vorherrschend gesellt erscheinen. Die Erse, die natürliche Grundlinie, auf die alle andern sch nach abwärts hin basiren, wird von oben nach unten, ans dem Uebcxirdischen ins Unterirdische als Fortsetzung der senkrechten Achse im Menschen gehen,, und dort in ihren äußersten Gegensätzen als Stoff und Kraft zu Tage treten. Aller Stoff, in sofern er als Besitz in die Gesellschaft tritt, is seiner » 46 Europa und die Revolution. Natur nach trag und die Tiefe suchend; aller Reichthum ist unterirdischer Natur und flammt ans den Finsternissen; das Saatkorn selbst muß seine Wurzeln zu ihnen hinuntersenden, damit sie in Schacht und Stollen die Schatze zusammensuchen, die es in der Aehre nkederlegt; und so sind alle Instinkte an den Stoff gebunden, gleichfalls blind und gnomischcr Natur. Die lichten, selbstbewußten Kräfte aber suchen stets Luft und Höhe; sie streben, sich vom Stoffe loszuringen, um ihn von oben herab, nach anderen Gesetzen, als den seinkgen, zu meistern und zu beherrschen, und ihre Bildungen aus ihm heraus an das Licht zn treiben. Dieser Gegensatz druckt sich daher auch wieder in jenen beyden Erdhälften ans, von denen die Eine mit Schätzen gesegnet, still und reich in sich selber vegetirt; während die Andere, die sogegenannte alte Welt, in steter Bewegung von allen Federkräften umgetrieben, stets stürmt, und wie ein Lnstkreis, immer aufgeregt, nie zum Ausschwanken- kömmt. Die andere Achse, die im historischen Gebiete liegt, zieht sich deutlich vom Ausgange zuut Niedergang. Denn in den Orient setzt alle Überlieferung den Anfang der Geschichte; dort stehen noch zu dieser Stunde, gleich den versteinerten Wäldern und Baumstämmen in der Wüste, jene alten Formen, die von dem Vorherrschen des be- I. Orlen tirung. 4? harrlkchen Prinzips Zengniß geben; während noch jetzt, was am Himmel und auf Erden sich dort bewegt, einen langsamen, gleichförmigen, immer in sich zurückkehrenden Gang befolgt, und der sittlichen Welt jene festen, stehenden Naturtypen bietet, an denen sie sich in gleich unwandelbarer Gestalt ausprägt. Von Osten aber ist die Geschichte, stets unruhiger und stets freyer in ihrem Fortschritt, in den Westen hingezogen; aus der rückwärts erstarrten Vergangenheit hat mit immer zunehmender Lebendigkeit eine stets fortschreitende Gegenwart sich hcrausgewunden, und ein ohne Unterlaß reger Verjüngungstricb hat die alten Formen bald langsam aufgenagt, bald sie mit Gewalt zerbrochen. Die dritte, in ihrem irdischen Elemente, in dem sie hier allein betrachtet wird, ist eberr so sichtlich jene, die von Süden nach Norden geht. Der Süden hat zu aller Zeit, als das Land der vorwiegenden Autorität gegolten; die dauerndsten Vereine haben dort kn jenen regen Naturinstinkten sich gebildet, und der Despotism bis zur gewaltthätigsten Ausartung hat in dieser Himmelsgegend leicht Platz gegriffen. Eben so aber hat der Norden von je als die Heimath der Freyheit sich erwiesen; die germanischen Stämme insbesondere haben zu aller Zeit in ihrer eigentümlichsten Natur das Prinzip persönlicher Selbst- 48 Europa und die Revolution. fiändigkeit getragen, und dies Streben nach einem unabhängigen, nur durch freywillige Selbsibe- schränkung gebundnen Dascyn, gegen jeden inncrn und äußern Eingriff, durch alle Geschichte mit Gut und Blut zu vertheidigen gewußt. So ordnet sich vor dem Blicke die scheinbare Verwirrung der Formen und ihres Streites, indem jedes Aeußerste sich an bestimmte Punkte knüpft, und diese nun rund um sich her Raum lassen für alle Uebergänge und Zwischenstufen, die von selbst sich in das Netzwerk der großen und kleinen Kreise fügen. Der tauglichste Standpunkt zur Ueberschauung aller dieser Verhältnisse wird in jene Mitte fallen, die zugleich ihr höchster Gipfel ist, wo die Häupter aller Elemente der Gesellschaft krentzeud sich verschlingen, und man wird diesen Standpunkt zum Ucberblicke aller der vielfältig verzweigten, irdischen Beziehungen füglich den geocentri scheu nennen können. Indem aber die Betrachtung, die sich in ihn verseht, alles unter ihm liegende Irdische beherrscht, fühlt sie selbst wieder von einem Höheren sich bemeistert, dem gegenüber sie sich nothwendig als ein Tieferes, Abhängiges erkennen muß. Jenes dreysache Band geistiger Schwere, das sich von diesem Punkte abwärts durch alle irdischen Dinge schlingt- > erscheint keineswegs in ihm abgerissen und durch I. Orientirung. 49 sich selbst verursacht; es seht sich vielmehr nach auswärts fort, und wo jene Erden schwere iu ihrem innersten Anfang zu enden scheint, knüpft sich eine höhere Sonnen schwere an sie an, und es führt dieselbe Strömung, die alles Irdische gegen seine Mitte treibt, hinauf zu einem andern Mittelpunkte, der seinem Wesen nach überirdisch ist. Eben so wird jene innere Spannung, die dasselbe Irdische durchquillt, und ihren Ausstrahlnngs- punkt eben in jener Mitte hat, iu ihren äußersten Verbreitungen an der Oberfläche von einer andern Spannung, die strahlend aus der Sonne strömt, sich zugleich beschränkt, und in dieser Beschränkung erweitert und erwärmt erblicken, und diese Begrenzung und Belebung wird sich bis zu jenem Brennpunkt hin reflekriren, und die Betrachtung auch hier ans ein Prinzip Hintreiben, das nicht von hie- »ieden ist, von dem vielmehr dieses alle seine Kraft und Thätigkeit erlangt. Aridem, was hier bildlich durch die Beziehung von Sonne und Erde dargestellt erscheint, auf jenes höhere Verhältnis des irdisch Vergänglichen zu dem, „dessen Stuhl der Himmel ist, während die Erde sich als Schemel seinen Füßen unterbreitet," erweitert wird, tritt jener früher erwähnte vierte und höchste Gegensatz ' des Ewigen zu dein Zeitlichen hervor. Zn diesem Verhältnis in solcher Allgemeinheit 5o Europa und die Revolution. gefaßt, erscheint durch die Religion jener siebcnge- färbte Bogen des Friedens und der höheren Versöhnung wie eine Brücke aus der ewig unwandelbaren, auf sich selbst ruhenden, und darum in Mitte aller Bewegung unbeweglich beharrenden Welt des Seyns, in die immerdar wechselnde, unstete, in ihren Kreisen und Wirbeln umgetriebene Welt des fluchtigen Daseyns hinübergeschlagen. Dort die Substanz aller Substanzen in ursprünglicher Wesenheit, die Ursache aller Ursachen, die Idee aller Ideen, der Geist aller Geister; hier ein Sonnenstäubchen, abgeschlagen von jener ewigen Substanz; ein getrübter Strahl, herabgefahren ans den Lichtkreisen jener Ideenwelt; ein Funken, nur ausgesprüht ans der stets allein an sich zehrenden Flamme jenes Geisterreiches; eine Ursächlichkeit, die beynahe nur Wirkung ist, und nur m innerster Wurzel durch eine unendliche Kettenreihe vbn Ueberlieferungen ihre Selbstständigkeit erhält; und doch über die unendliche Kluft jene Götterbrücke ausgespannt. Ob auch im Lichte jener Geistersonne alles Irdische erbleicht; ob auch vor jenem Quellpunkt aller Lebendigkeit, vor dieser ewig unergründlichen Mitte des Alls, die ferne, trübe Erde mit all' ihren Gegensätzen in einen untheilbaren Punkt zusammenschwindet: doch hat jene ewige Liebe, die alle Elemente der natürlichen wie der I. Orken tirn ng. 5i sittlichen Welt Zusammenhalt, sie nicht kn die leere Wüste außerhalb den Granzen des Universums hknausgestoßen; sie hat auch um sie eines jener Bänder hergeschlnngen, die wie Spannadern zu jenem ewig pulsireuden Herzen führen, und von ihm aus die Lebenswärme über alle Theile hin verbreiten. In diesem Bande isi die leitende Verbindung geknüpft, durch die alle Erscheinung mit ihrem Grund zusammenhängt, und indem die Lebensgeister durch diese Leitung nach auswärts schlagen, sehen sie mit demBrunnquell ihrer Thätigkeit sich in steten Verkehr, und es ist die Möglichkeit gegeben, daß jenes unendlich kleineDifferenzial, das in die irdische Erscheinung eingetretcn, nach seiner Integration' in jener wandellosen Unendlichkeit streben mag. Diesem Streben geschieht aber zunächst alsdann seine Genüge, wenn jene dreysach geschiedenen Doppelkräfte, die in die Bildung des Staates eingegangen, aus ihm wieder heraus sich noch eine Stufe höher steigern, um jener höchsten Wahrheit und Liebe zu nahen, die in unendlicher Fülle vereint um die auf sich selbst ruhende Mitte beysammen wohnen. So wird jene Neigung, die den Menschen geheimnißvoll an die Erde seines Vaterlandes knüpft, in solcher Steigerung, veredelt in die Hoffnung der bessern Heimath jenfeits, zu der ihn ein inneres Heimweh l D 5r Europa und die Irevolution. zieht. Gleicherweise wird jener Zug in die Vergangenheit, dies feste Anhängen an alles geschichtlich Ueberlieferte, das Gedächtniß der Völker, das eben jede Gegenwart unsterblich macht, zu jenem Glauben sich erheben, der eine Geschichte über und darum vor ihr anerkennt; der die blassen Nach- erinuerungen, die das Geschlecht mit in seine Endlichkeit hinabgenommen, oder jene Blitzlichte, mit denen seither die Idee die Macht der Zeiten durchstrahlt, tief in treuem Andenken bewahrt, und in dem unausrottbaren Zuge, worin er sich selbst begründet fühlt, klar eine der Grundwirkungen jener höheren Schwerkraft vernimmt. Endlich wird jene Treue, die alle Genossen des Vereins, wie unter sich mit der Autorität verknüpft, anfgehen in jene höhere Liebe, die erwiedernd die Fülle der Erbar- mung, die bey der Allmacht wohnt, in gleichförmiger Hinneigung Aller gegen denselben Mittelpunkt, in ihm die Gemeinschaft mit dem stärksten Bande unter allen dreyen, weil es als das geistigste erscheint, unter sich vereint. Eben so werden die drey entgegengesetzten Kräfte in gleicher Steigerung geläutert werden; und zwar so, daß jene Lebenskräfte, die untersten von allen, weil sie mit der Natur im unmittelbarsten Verkehre stehen, die, indem sie als Ausflüsse einer höheren Gnade sich betrachten, auch für eine höhere Welt verkehren, ihre Weihe; die I. Orientirung. 52 * mittleren historischen aber, indem sie für die Erweiterung des Reiches Gottes sich wirksam beweisen, ihre Heiligung; die höchsten aber, jene Frcy- heitskraste des persönlichen Daseyns, ihre höhere Befreyung erlangen, dadurch, daß sie mit frey- williger Unterwerfung entgehen in die Rathschlüsse der höchsten Frcyheir, von der alle persönliche ein Ausfluß ist, und die aus allen Banden der Noth- weudigkeit, die sie selbst beherrscht, erlöst. Indem diesen Bestrebungen eine Offenbarung von oben entgegen kömmt, und vor dem her- absteigenden, lichtumflossenenHimmelsgeiste der ansteigende, dunkle Erdengeist sich beugt, wird in ihm der Tag aus der Nacht geboren, indem sich der Strahl von oben im geistig irdischen Lustkreis bricht; und es erbaut sich nun über dem Staat die Kirche. Es ist aber der erste Strahl dieses Lichtes am ersten Pfingstseste über jene uralte Priester- und Propheten - Schule herabgekommcn, die dem Ursprung der Dinge auf Erden, und dadurch jenem äensoiium c«mn>una am nächsten gestanden, und sie baden dies empfangene Licht in den Mysterien in alle Welt hiuansgctragcn. Aber die Völker, jugendlich sinnlich noch, begriffen nur dunkel das Licht, das in die Finsternisse herab geschienen, und ergözten sich lieber an jenen in bunten Schimmer spielenden Refleren, in denen es ih- Az» Europa und die Revolution. non von den Elementen und der crystallenen Him- melsvcste widerstrahlte. So entstand die alteStcr- mennacht des Heidenthums, in der erst dämmernd, dann morgenroth das Zudenthum, verheißend eine bessere Ankunft, mehr und mehr über den Gesichtskreis stieg. Als die Tage seiner Verheißung verlaufen waren, gieng dann jene längst verkündete Geister-Sonne selber auf, die bisher in jenemHimmelsheere nur ihre Boten vvrgesendet, und goß im Chri stenthume den Tag über jene alte, verhüllte Nacht herab. Nicht mehr sollte die Offenbarung durch die Pforte der Natur oder geistiger Erdenkräfte gehen; eine Saat neuer Symbole sollte von oben herab auf die umgebrochene Erde fallen; der Logos selber sollte uiedersicigen, und mit ihm eine neue höhere Schöpfung beginnen; das ursprünglich Wesenhaste selbst sollte sich disse- renzircn, um im Endlichen die Verhältnisse des Unendlichen zu ordnen, und die gestörte Harmonie beyder wiederherznstellen. Ans dem Grunde, den er in die Vesten der menschlichen Natur gelegt, erhob sich die sichtbare Kirche in der Christenheit. Es steht aber diese Kirche ans jener Höhe, wo, wie oben sich erwiesen, alle ansteigenden Reihen menschlicher Grundkräfte, die in den Organism der Gesellschaft sich verweben, in einen Knotenpunkt zusammenlausen, und sie faßt nun diese Reihen, I. Orientrrung. 55 und bildet sie zu ihren eigenen, irdischen Wurzeln mn, indem sie auf räumlicher Vasis zur Sichtbarkeit gelangt, an die Geschichte ihre zeitliche Dauer und das Aeußerliche ihrer Ueberlieferung knüpft; endlich im geistigen Reiche auf die Autorität iyre Hierarchie begründet: also daß die Kirchenmacht aus dem Primate ruht, die Freyheit aber, so weit es die Unwandclbarkeit des Dogma gestatten will, vermittelt ist, durch das lebendige Vcrhältniß des Hauptes zu den Gliedern in den Concilien. Ueber dieser Begründung steigt nun ihr in Glaube, Hoffnung und Liebe dreyfach getheilter und wieder verwachsener Stamm himmelan, und es sind der Hoffnung ihre Verheißungen geboten, dem Glauben seine Lehre, der Liebe ihr höchster Gegenstand, und es ringen die selbstständigen, freyen, ihnen verbundenen Kräfte nach jener Heiligung durch die Gnade, die sie von Erdkräften zu Gotteskräften macht. Denn es duldet die nothwendige Unwandelbarkeit der Lehre in ihrem Umkreis nur eine solche persönliche Freyheit, die, allein sich selbst getreu, aller Persönlichkeit sich entäußert hat, weil eben die höchste Bejahung alle frevelhafte Verneinung als das Radikalböse ausschließcn muß. Darum kömmt mit der Lehre auch die Weihe ans der einen wohlcentrirten Mitte, in der jene aufwärts fortgesezten Reihen abermals zusammenlaufen, und 56 Europa und die Revolution. ein zweytcs Lensorium commune bilden, das, wie jenes Erste aus der Mitte des Irdischen abwärts die Fülle der Erscheinungen Zusammenhalt, so über dieser Mitte, nach der Höhe, für das Ueberirdische wirkt und ordnet und erzieht, und dort in jene höhere unstchtbare Kirche übergeht. Weil aber im Laufe der Jahrhunderte die sichtbare Kirche, in ihrer Umhülle aus Irdischem gebaut, auch von der Wandelbarkeit des Irdischen nicht frey geblieben, und in den allmählig erstarrenden Organen die feineren Lebensgeister träger sich bewegt, wahrend der Erdgeist stets gekraftigt und verjüngt durch die Fülle, die ihm die allzeit nahe Mutter darge- b'otcu, immer starker und gewaltiger angewachsen, hat er zulezt von seiner Freyheit auch in Glan- benssachen Gebrauch gemacht, und indem er auch hier Selbstständigkeit des Geistes und des Willens zum Grundsätze gemacht, hat jene Glaubensspal- lung sich ergeben, aus der dann der Protestan- tism hervorgegangen. Ihm ist der Mensch, nach dein göttlichen Ebenbilde geschaffen, selbst göttlicher Natur; darum kann alle Offenbarung nur enthüllen, was schon zum voraus in ihm verborgen liegt, und alle ihre Wahrheit muß erst die Prüfung der Vernunft bestehen, soll sie bindende Kraft erlangen. Da aber alle Wissenschaft unendlich ist, wie die Vernunft, so ist auch die des Höheren in I. Orkentkruug. 5 ? einem steten Fortschritt kn unendlicher Entwicklung zu immer größerer Vervollkommnung begriffen, und eine Autorität, die dieser Evolution positive Schranken sezt, eben darum aller Usurpationen ärgste. Ihrem Ansehen tritt darum mit Recht jener der menschlichen Seele eingepflanzte Freyheitstrieb entgegen; jeder Einzelne, selbst zur Glaubettsherrschast berufen, sich selbst Priester und Deuter der Lehre, ist befugt, die Fesseln solcher gewaltsamen Kirchen- herrschaft zu zerbrechen, und gegen sie das höchste Gut der Menschheit, die Denkfreyheit, in alle Weise zu vertheidigen. Darum tritt an die Stelle der Hoffnung, die alle Beseeligung als eine freye Gabe nimmt, die Zuversicht, die sie als Resultat eigener Anstrengung und alsPreiß der erworbenen Würdigkeit zu gewinnen sich versichert hält. Für den Glauben steht das Wissen ein, das nicht mit ewig unwandelbarer Sicherheit in freudiger Entsagung einem tkefUnbegreiflichen sich hingeben will, um in der Idee wieder zu gewinnen, was im Begriffe verloren gegangen, sondern in stetigem Fortschritt, sich selbst klar und bewußt, das Irrationale durch eine unendliche Reihe rational zu machen sich bemüht. Statt der Liebe, die sich nur an Gott verlieren will, um in seinem Willen den eigenen wiederzugebäreu, tritt die freye Selbstbestimmung zu strenger Sittlichkeit nach ethischen Ge- 56 Europa und die Revolution. setzen, und den Gebotendes ka teg orischen Imperatives ein. Damit aber dieser innere Widerspruch in der unsichtbaren Kirche auch in der sichtbaren vortreten möge, hat die Reformation die drei) Bänder, die das alteKirchengebäude in sich zusammengehalten, durchgerissen; da sie aber, sollte die neue Kirche nicht in ganzlicherAnarchie auseinander gehen, nicht lose im Winde des Zufalls flattern durften, hat sie das Eine an die Bibel, die andern beydcn aber an den Staat wieder angeknu^ft, und diesen dadurch zum herrschenden gemacht, während in der alten Lehre die Kirche als das Erste in geistiger Würde bestanden. So hat sich also dem geocentrischen Standpunkt gegenüber, auf den der Protestantism, in engem Bunde mit dem Erdgeist, doch darum dem Solarischen keineswegs verschlossen, sich hingestellt, ein anderer Hel io cen tri sch er gefunden, aus dem der Katholizism und mehr oder weniger das Prie- sterthum aller Zeiten die Dinge dieser Welt betrachtet. Zwar ist über beyden noch eine dritte Stelle, auf jenem höchsten geistigen Gipfel aller Anschauung, wo die Erde mit allen ihren Achsen und Gegensätzen kn einen dkmensionslosen Punkt verschwindet: ein Atom, schwebend in der einsamen Wüste der Nichtigkeit, aufgeblasen in wesenlosem Schein, und die hohle Leere mit Eitelkeiten und I. Orientkrung. 5g sich selbst aufhcbcndcn Verneinungen angefüllt. Aber diese Anschauung, die in Beziehung auf den ersten Grund ihre tiefe Bedeutung hat, aber nach abwärts in ihrer Ueberschwenglichkeit alle Gegensätze völlig vernichtet, schließt eben darum alle Würdigung irdischer Verhältnisse ans, die, wie es nun immer gekommen seyn mag, in diesen Gegensätzen und Entzweyungcn verstrickt und befangen erscheinen. Darum muß die Beschauung, jene Höhe stets über sich, der beweglichen Erscheinung näher treten, und da bietet sich ihr jener Standpunkt, der in relativer Ruhe in der Mitte des Wandels steht. Da erscheint ihr die Erde dann schwebend, eine Scheibe zwischen Licht und Finsterniß getheilt, wandelnd auf und nieder in ihrer Sonnenbahn, und dabey rastlos sich um ihre eigene Achse wälzend. Vier sittliche Elemente sind es, die in vielfach wirksamer Wahlverwandtschaft eingchen in Alles, was sich auf ihr gestaltet und ereignet. Jenes erste räumliche, der festen Erde selber zu vergleichen, die in der Arkstocratie des Besitzes Berg und Thale gründet, ans ihrem Schooße die Metalle in die Gesellschaft sendet, und die Lebenskräfte hegt, die ihren Betrieb bedingen. Oben darüber jener geistige Luftkreis ansgespannt, in dem die Willenskräfte sich umtreiben, und stets wach sich in ihrer Thätigkeit versuchen, und die Fülle wandel- 6c> Europa und die Revolution. barer und flüchtiger Meteore bilden. Zn der Mitte, beweglich wie des Wassers Fluth, das historische Element, das seine Strömungen durch Länder und Provinzen sendet, die sich zuletzt alle in demselben uferlosen Ozean zusammcnfinden. Endlich über Allen des Feuers Lohe, die gegen die Höhe, Heimath des Lichtelementes, steigt, und dort jenen reineren Aether sucht, in dem die verwandten Himmclslichter, wie ohne irdische Nahrung, so ohne Rauch und Trübe nuverlöschlich brennen. Es werden aber diese Elemente, wie durch die solarische Schwere gehalten, so durch das gleiche Licht erwärmt und begeistet, und diese Bindung und Spannung erfolgt nothwendig am kräftigsten in der Ebene der Sonnenbahn, deren Berhältniß zur Erde durch die Achsenneigung derselben bedingt erscheint. Darum die Bedeutsamkeit der Tropenländer, wie in der Naturhistorie, so auch in der höheren Geschichte der Geisterwelt. Wie der Garten der Erde dort noch zu dieser Stunde blüht, so setzt die Sage das alte Paradies in diese irdischen Sonnenländer, und in ihm sind alle jene heiligen Symbole, wie Lebensbäume, anfgesproßt; auch die Wiege jenes Wunderkindes, das dis Hirten, wie die Könige angebetet, hat unter Blumen in ihm gestanden, alle Religionen sind von ihm ausgegangen, selbst die Poesie hat in diesem uralten Rosengarten zuerst I. Orientirung. 61 geblüht. Der Norden aber hat immer ernst und streng in seiner Beschlossenheit gestanden, protesti- rend gegen Trug, Mißbrauch und Entartung, wo sie im Lauf der Zeiten eingetreten, bewaffnet mit dem ethischen Flammenschwerdte zur Rache jeglicher Ungebühr. Zudem aber nun in jener Wechselwirkung der höheren Ursächlichkeit mit der irdischen Substanz und ihrer Begeistiguug diese in der Erden bahn um die ruhende Mitte getrieben wird, kehren die drey Achsen mit ihren Gegensätzen und ihren Temperaturen auch in diesem höheren Berhältniß wieder. Die Tag- und die Nachtseite des Jahres ist, wie in den halbjährigen Polartagen sichtbar wird, die Sommer- und Wknterhälfte; die erste Achse wird daher jene seyn, die von einem Son- ueuwendepunkt zum andern, von der Erdferne zur Erdnähe, zieht. Indem die Erdachse in bestimmte Neigung gegen die allgemeine Beziehungsebene des Systemes tritt, wird die Ebene der Bahn, da, wo sie jene höhere schneidet, die zweyte, höhere Achse setzen, die von Osten nach Westen zieht, und den Lauf der Wandelsterne in der Ordnung der Zeichen begründet. Indem endlich drittens die Erdachse gegen die Umlaufs-Ebene in einem bestimmten Winkel geneigt erscheint, und in dieser Neigung das Verhältniß von Sommer und Winter für 6- Europa und die Revolution. beyde Erdhälften sich entwickelt, wird die dritte uordsüdliche Achse in ihr begründet. Es ist aber durch sich selber klar, wie diese Achsen höherer Ordnung die irdischen in ihrer Wesenheit bedingen; da Alles, was Richtung auf Erden ist, durch die solarischeu Einflüsse erst seine Orieutirung erhalt, und alle Gegensätze unten, ihre Scheidung und Wieder-Vereinigung durch andere von oben begründet sehen. So wird also Nord und Süd an der Erde durch Souuennord und Sonnensüd zuerst gesezt; die Tag- und Nachtseite der Erde hat zuerst Bedeutung durch die Souue und jene Licht- und Schattenhälste im Jahr gewonnen; da die gemeine Tagnacht nichts, als die zerbröckelte Polartagnacht, und die Achsendrehung nichts, als der individuelle Umlauf ist; und so ist auch endlich Morgen und Abend auf Erden, durch jenes höhere Ostwest an den Himmelszeichen, ursprünglich gewiesen. Zn dem Spiele aller dieser Achsen gegeneinander, der höheren unter sich und gegen die tieferen, die von ihnen abhängig sind, und unter der Wirkung der verschiedenen Welt- und Gotteskräfte, die im Universum vertheilt erscheinen, bilden sich aber die mannigfaltigen Vibrationen, Perturbationen, Aberrationen, Sekular- gleichungen und W l^jabre, und unter diesen vor allen jenes große, wo im Rücklauf der 63 I. Orientirung. Aequinoctien auf dem Erd- oder Sonncnäqualor die Jahrtausende der Geschichte an jenem lichten Sternenkreis ablaufen, dessen Ende sich in seinen Anfang schlingt, und also jene große Periode schließt, nach deren Endigung der Weltzeiger wieder eine neue Zeit zu zahlen beginnt. Zn der sittlichen Welt lauft also die Betrachtung ihrer großartigen Bewegungen, Umläufe, Phasen und Wiederkehren auf dasselbe Problem der drey Kräfte, die in drey verschiedenen Ebenen auf einen Punkt einwirken, in höchster Abstraktion hinaus, worauf auch die Mechanik des Himmels den ganzen Apparat ihrer Formeln und Beobachtungen zuletzt hinwendet, und dessen Lösung, als der Schlußstein des Gewölbes, ihren ganzen stolzen Ban zusammenhält. Aber es sind nicht blinde Naturkräfte, die in jenen großen Umläufen der Weltgeschichte, die das sinnige Alterthum mit dem Namen Phönirjahre bezeichnet hat, wirksam sich beweisen; es sind geistige Kräfte, die zwar durch ihre leibliche Bindung allerdings in die Zauber- k.eise der Jahre und Jahrhunderte hineingezogen sind, aber in ihren höheren Bestrebungen völlig von diesem Banne gelöst sich finden. Darum ist es hier kein lenkender Centralkörper, der am Zügel der Nothwendigkcit die blind gehorchende Materie führt; es ist eine höhere Willenskraft, die Xi ^ ' 64 Europa und die Revolution. über freye Geister herrscht, und keine andere, als eine freywillige Unterwerfung will. Frey ist die Wahl allen Elementen dieser höheren Welt gegeben; sie mögen nach eigner Willkühr selbst zum Abfalle sich bestimmen, aber auf die Gefahr hin, durch ihre Verneinung mit ihrem Bestreben im Nichtigen sich zu verlieren, dem Alles anheimfällt, was in blos selbstsüchtigem Triebe von der Weltordnnng sich lossagen will. Geben sie aber, ohne auf ihre Selbstständigkeit darum Verzicht zu leisten, vielmehr durch den frcyesten Entschluß, dessen dieselbe fähig ist, sich jener Leitung von oben hin, die ethisch im Gewissen schon leicht vernehmlich spricht; dann fließt ihr Wille mit dem höheren, von dem sie ausgegangen, ohne sich selber zn verlieren, in Eins zusammen, und sie wirken in seiner Kraft und Stärke, und die Vorsehung führt ihre streitende Kirche nun durch jene Bahnen, die von der höchsten Freyheit selbst gezogen, freye Denkformen dem Geisterreiche, für die Natur aber eben die bannenden Aauberkreise sind, die sie in blinder Nothwendigkeit gefangen halten. Es hat sich aber eben in der Betrachtung dieser cyklischen und epicyklischen Umläufe der Welk ge schichte der äußerste Gegensatz jenes vierten Verhältnisses in dem großen Widerspruche der Priester und der Weltweisen kund gegeben. I. Orientirung. 65 von denen die Einen von jenem helioceuirischen Standpunkt herab in die vielfach verschlungenen Bewegungen der Tiefe niederblicken, die Lindern uns dem geoeentrischen ihr Verschrecken und ihre Rückläufe sich zu deuten suchen. Es lassen aber Jene, beginnend beym ersten Uranfang der Dinge, und fassend in ihrem Verlause nur die großen Wendepunkte, wo die höhere, unsichtbar hinschrei- tcude Geschichte sichtbar in Knoten mit der irdischen sich durchkreutzt, also sich vernehmen: Als der Mensch zuerst durch jene tödtliche Verschuldung, in der er in: Mißbrauch seiner Freyheck von Gott abgesalleu, sich von dem ursprünglich fertigen Anstand selber ausgeschlossen, da ist er aus dem Paradiese durch die Pforte des Niederganges zuerst in diese Schättenwelt herabgestiegcn, und es hat der mühselige Umlauf der Geschichte und das große Weltjahr mit der Herbstnachtgleiche zum erstenmal begonnen. Vergiftet durch jenes lauernden Skorpionen Biß, hat das kranke Leben sich in Siechheit hingeschleppt; Schatten des Todes hatten seine früher ungetrübte Heiterkeit in ewiger Wiederkehr zu Tag und Nacht gespalten, und in Mühsal und stechende Lust war die alte seelig stille Ruhe in sich entzweyt. Einmal von ihrem Ursprung ausgewichen, taumelte die alte Zeit mit all' der Fallkraft, die sie in jcucm unge- heuern Sturz aus der Idee in die Endlichkeit er- ! laugt, immer tiefer in die Finsterniß der leeren Schcinwelt hinab; immer schwarzer dunkelte die Nacht auf ihr, der tödrende Frost der Eigensucht ! erstarrte alles Lebendige, und die Mühsal wollte die Lust verschlingen. Da entbrannte diese in fres- ! senden Feuers-Flammen und in wüthender Zornes- ! lohe, um durch eignes Lebensfeuer sich des grimmen Winters zu erwehren. So nahm die Macht des Bösen überhand, jeglicher Frevel und jede Gewaltthat zerrütteten die sittliche Welt, ^ denn das Ungeheure war in der Mitternacht- ! stunde der Zeiten aus dem Abgrund aufgestiegeu. Da entbrannte der Zorn des Herren über die in ! wüthendem Aufruhr empörten Erdenkrafte, die ^ Schleußen des Himmels wurden ausgethan, und j jene Urne goß Fluthcn großer Wasser über die ^ flammenden Gletscher und das dampfende Eismeer ans. So wurde die erste Zeit mit ihren Greueln in den Tiefen des Meeres begraben; und jener blühende Garten, der langst abgewelkt, im Grund zerstört, und die alten Felsen uahmen die Eindrücke seiner Saulcnpalmen in ihrem Gesteine auf. Aber die Erbarmung, die nur straft zur Besserung, und aus dem Tod immer neues Leben Wiedergeburt, hatte den jungen Keim im Schooß der sterbenden Zeit geborgen; als die Wasser sich I. Orientirung. 67 verlaufen/ wurde er in die erneute Erde eingepflanzt , und mit dem verjüngten Gcschlechte ein neuer Bund errichtet. Allein Reines und Unreines, wie es die Erde zeugt, war in die Arche ausgenommen; so mußte es sich daun auch aus ihr wieder über die ans Winters Mitte ncugeschaffne Zeit verbreiten. Aus neuem Frevel wurde der Fluch der Knechtschaft ausgeborett, mit ihr kam die Tiranney wilder Eroberer, die in jenem Thnrme das Capitol der Iwingherrschaft über alle Welt zu begründen sich bemühte. Da verwirrte der Herr die Sprache der Bergewälzenden Titanen, sie mußten sich um den Erdenkreis zerstreuen, und indem jeder in eigener Heimath eigenen Heerd erbaute, wurden Völker und Reiche zuerst begründet. Auf jenem Sternenaltar, auf dem das erste, reine Himmelsfetter, die Flamnre unverfälschter Offenbarung zuerst gelodert, als der neue Stammvater sein erstes Rettungsopfer dargebracht, hatten die Häupter der Völker jedes einen Funken im Mark der ircrnla geborgen, und mit ihm das Centralfetter des Stammes im Heiligthnm des Volks gezündet. Aber die Flamme artete nach der irdischen Nahrung, die ihr gröber hier, und reiner dort zu Theile wurde: blutroth in den Tempeln Molochs, blau Und bleich erdnnkelnd im ägyptischen Schattenreiche, grün wie 5 * btt Europa und die Revolution. Pflanzenblut im Garten Indiens, lichtgelb erglänzend auf Persiens Fenerfeldern, purpurn glühend an Griechenlands Olymp, im reinen, ungetrübten, weiß verklärten Himmetsglanze allein auf Sion. Gebunden war das Böse, und der Erdgeist eingelenkt, daß er nicht tiefer in die finstere Wüste streifte; gebrochen war des alten Winters Macht, aber er würkte noch nach über den Wendepunkt hinaus, durch die anssteigeuden Zeichen des Heidenthums hin. Darum war Gewaltthat mächtig immerfort durch alle Lande; es erhob sich jener Traumriese, die'metallenen Glieder langsam immer weiter aus der Erde windend; eine Weltmonarchie um die andere stieg auf den Scherbenberg, der ein Todtenmal mit Trümmern die Leiche der früheren umbaute; das Schwerdt war der Hirtenstab der blöden Heerde, die von ihrem Führer weg in die Berge hinausgcftohen. So hatte Babel in Sünden ihre Zeit gelebt; Medien, Persien waren, als ihre Blüthe vorbey- gegangen, in Weichlichkeit zerflossen; dann mußte griechischer Leichtsinn zur Meisterschaft gelangen; bis eisernes Beharren römische Arglist siegreich machte über Alle. So giengen trübe Tage über die Erde her, die alte Nacht hatte den weiten Mantel um ihre Orgien und ihre Träume hergebreitet; blasser Mondschein, von einer verhüll- I. Orientirung. 69 tcn Sonne wiederstrahlend, ergoß sich ans den Mysterien über die Träumenden: aber am Gesichtskreis stand tröstend die alte Verheißung in mildem Schimmer, gleich der Säule des Zodia- kallichtes. Lange hatten dieMagier im Morgenlande auf der Warte des verkündeten Gestirns geharrt, das, von Strahlen umwoben, eines Kindes Gestalt bergen sollte; endlich, als die Zeiten verlaufen waren, erschien das langst ersehnte, und geleitete sie hin zum Fuße des Libanon. Da war im Zeichen des Lammes das Wunderkind geboren, mit dem Wintersende nun herangekom- mcn, und nach dem Schluffe der zweyten Zeit Frühlingsanfang beginnen sollte. In furchtbaren Bewegungen hatte das gewaltige Römer- reich beym Nahen der Nachtgleichen gestürmt; jetzt, als die junge Geistersonne, der Lichtträger in der Finsterniß aufgegangcn, war heitere Ruhe und ein stiller Friede über alle Erde ausgebreitct. Der Knabe, von den Himmlischen mit Jubel begrüßt, von der Einfalt im Hirtenlaude um die Jordanquellen freudig ausgenommen, von der Tücke arger Ti- ranney schon ln der Wiege angefochten, wuchs fröhlich heran; großeWnndergaben waren aus sein Haupt gelegt, milde Lehre stoß von seinen Lippen, nicht zu den Schriftgelehrten, sondern in des Volkes Herzen; der Geist, der von oben kömmt, war immerdar 70 Europa und die Revolution. mit ihm, und in ihn: hatte er den Erdgeist, der als Versucher vor ihn hingctreten, siegreich abgetrieben. Als nun erfüllt waren alle Weissagungen, gieng er hinauf zu jener Hohe, auf daß er überantwortet werde, und seine Sendung zu ihrem Ende komme. Und jenes Kreutz, das da stand aus der Schadelstatte der alten Welt, wurzelnd in der Erde Mitte, und hinanstcigeud in alle Himmel reichte, sollte der fernsten Ankunft ein Zeichen der Versöhnung werden. Als das Sühnopfer vollzogen war, da wand der alte Drache sich tief im Grunde, daß die Erde bebte, und die Gräber ihre Todten gaben, und die Sonne sich verstnsterte: er aber stieg hinab in seine Höhle, und der Schlange wurde der Kopf zertreten. Siegreich fuhr er dann wieder ans dem Unterreiche, er der Phönir, der aus eigener Asche aufgestogen, um durch die aufsteigende Pforte, nachdem er Tod und Sünde überwunden, zur Rechten der Kraft zurückzukehreu. Nun stieg immer höher am Sternenpfad über die Winternebcl das Lichtgcstirn; und mit ihm schritt der junge Frühling seine Erdcubahn von Mittag nach Mitternacht. Das hc.,e Alpenland der Erde, der germanische Norden, hatte in der großen Polarnacht durch Jahrhunderte in starrer Beschlossenheit gelegen; im geflammten Nordisches» der Odiuslehre kalt erglühend lagen die I. Orientirung. Stamme, Schneefeldern gleich, an seinen Bergen, und unter blauen Eisgewölben stand Mimers Brunnen, die Völkerscheide. Jetzt zündete die steigende Sonne den Eisblink an ihren Alpenhäuptern, fliegende Nebel fuhren zu Berge, in den warmen, zugewehten Lüften mußte der Schnee zerrinnen, und der alte Winter unwillig tiefer ins Polarmeer flüchten. Da brachen die E'isgewölbe, überlief der Riesenbrunncn, die Völker, wie Gletscherbäche vom Bergessturm gejagt, crgoßen sich über den Süden her, damit die alte Zeit von ihren Greueln durch eine vicljahrige Lustxation gereimt werde, und alle Welt Theil nähme an der neuen Heiligung. So entstand die Völkerwanderung, und als die den alten Moder weggeschwemmt, begann die dritte Zeit schnell aus der Verwirrung sich zu ordnen. Awey hohe Gipfel, die Brennpunkte des germanischen Europa, hatten aus den: zufammenstürzeuden Alterthum sich erhoben: Rom mit der Hierarchie, und am Rheine basKaiserthnm; geistliche und weltliche Macht; die Zwillinge im Himmclszeichen, unsterblich der Eine und dem Aether zngewendet, sterblich der Andere, und dem Schattenreiche zugeneigt. Und es fügten sich die Erdenkrafte willig unter bcyde Mittelpunkte, und cs wuchs und gedieh die Christenheit, und Gottes Reich zukam ^ 2 , . Europa und die Revolution. der Erde, Heiligung tauschte der Staat von der Kirche um den Schutz, den er ibr gewahrte. Da ergrimmte der Erdgeist ob solcher Herrlichkeit. Hatten die Gerichte des Herren, als der Widerlager um die Wintersmitte des Weltjahrs in seiner Glorie geherrscht, ihn in den Abgrund hinab- gcschleudcrt, und die gerettete Geschichte wieder gegen die Psorte des Ausgangs zurückgelenkt; so sollte auch jetzt der solarische Geist nicht Meister bleiben im Unterrciche, und die Za über kreise brechen, in die alles Irdische gebannt erscheint. Darum trat er nun jetzt mit verstärkter Thatigkeit hervor, und rang, wuthender stets, je mächtiger der Schwung die höheren Kräfte steigerte, die anstre- beude Geschichte nun auch seinerseits gegen die Psorte des Niederganges wieder eiuzulenkeu. Und cs rührte der Drache, der nach der Weissagung tausend Jahre gebunden gelegen, sich in seinem Abgrund, und blies zwischen jenen Dioscurcn, die dem unsterblichen Vater die sterbliche Mutter geboren, mit dem Hochmuth, Zwietracht und Krieg und Hader, daß der Jheil der Sterblichkeit in Vermessenheit aufstieg gegen das Unsterbliche, um auch zu werden, wie Einer der Himmlischen. Da hat sich der gallenbittre Krieg zwischen der geistlichen und weltlichen Macht, den Kaisern und den Pabsten zuerst entzündet, in dem Europa, I. Orientirung. ?3 besessen von allen bösen Geistern, von den guten mübsam nur geschirmt, in furchtbaren Zuckungen heiliger Krankheit, im Krampfe der edelsten Lebcustheile stch innerlich ausrieb und zerrüttete. Zugleich brach, vom zornigen Erdgeiste angetrieben, jener heißblütige Löwe würgend in die Christenheit. Zn den grimmen Propheten von H e d sch a z war dieser Zorngeist mit allen ihm dienstbaren Machten des Uuterreiches ckngesahren, und hatte alle Paradiese der Erde, die er dem Staunenden in der Spiegelung des heißen Sandmeers vorge- gaukelt, zum Lohne dafür ihm verheißen, daß er ihn angcbetet. Und es brach die Lohe des Glutwinds der Wüste aus dem Munde des Berauschten, und die Flamme, die ihn verzehrte, brannte in den Adern seines Stammes in heißer Gluth; und sie kamen aus der Einöde, um mit dem Schwerdte die verheißenen Paradiese in den vier Theilen der Welt in Besitz zu nehmen. So waren sie auch zu jener Höhe hingedrungen, die zuerst die Verdammnis des Todes gebrochen sah, und es sollte des Drachen Panner an der Statte seiner Niederlage wehen. Darum entbrannte der Geist von oben in zorniger Entrüstung, und wassnete die Seinen, um die wilden, reißenden Erdkruste von dem Orte der Weihe abzuwehren. Und es stritt sich also neben jenem ersten, inneren Streit der EnropaZund die Revolution. 7 4 zweyte nach außen hin, und nnlange nach dem Beginnen dieses Doppeltkampfes des Drachen und des Löwen mit der Jungfrau, war unter Sturmes Toben und Blitzcsfchlagen, und dem Wachen der Typhone, die von Mittag kamen und von Mitternacht, die andere Sonnenwende des großen Weltjahrs cingetrcten. Mehr als anderthalb Jahrhunderte dauerte der größte Streit, den die Erde noch gesehen, da mußte endlich die geflügelte Jungfrau aus den blutgcdüngtcn Feldern an den Sternenhimmel weichen, und siegreich schien der hundertarmige Riese, des Abgrunds Ausgeburt. Gebrochen war die Kraft des Orients mit der des Oecidents, und das Grab verloren; Friede war endlich zwischen Staat und Kirche eingetreten; aber im Kampfe hatten beyde an einander sich verblutet, und siechten durch lange Zeiten hin. Die Häupter der geistlichen Macht büßten, was sie verschuldet hatten, durch schmahlige Gefangenschaft im fernen Lande; über die weltlichen aber war der Fluch gesprochen, daß der Purpur von ihnen genommen sey. Sofort begann die Zerrüttung im starken Reiche der Germanen; Glied um Glied löste sich vom lockern Verbände, und suchte in Selbstständigkeit sich auszubilden; nur ein Schatten des früheren Lebens, der von den Trümmern der alten Herrlichkeit nicht laßen konnte, blieb im vielge- I. Orientirnng. 7 » Heilten Volk der Teutscheu. Kürzer wurden nnn die Tage, länger die Schatten und die Nachte; wie die Erde allmählig erkaltete, dampften die Nebel aus den Tiefen, und verhüllten die lichten Höhen und des Himmels Antlitz, daß sein Licht immer ärmlicher uud trüber zu ihr nieder drang. In den Dünsten flieg der Erdgeist höher in seinen Stolze, und vermaß sich, seinen Stuhl zu siellen über den des Herren, und zu richten über seine Gerichte, und zu messen mit irdischem Maße das Unermeßliche. Neben den Baum des Lebens, den im Kreutze der Erlöser wieder in die Erde eingepflanzt, hatte er einen neuen Baum der Erkennt- niß hingestellt, und die Schlange, die sich uni ihn hcrgewunden, zischte von neuem die Menschen an: eßt von meinen Früchten, die ans Mißgunst die Elohim neidisch Euch verboten, und Ihr werdet ihnen gleich in Wissen und aller Herrlichkeit! Da ließen die Thörichten, wie früher ihr Urvater, sich verlocken, und es erfolgte in der Reformation der zweyte Sündenfall. Ueber den aber ist der andere Fluch gekommen: weil Ihr dies gc- than, darum soll die Idee fortan von Euch genommen seyn, und Ihr sollt in mühsamer Begriffs- Verbindung die Verlorne in Mühe und Arbeit suchen, und nimmer finden, was Euch ewig flieht! Dieweil Ihr dem Glauben abgesagt, wird mit dem Unglauben der Tod die verlorne Herrschaft wieder über Euch gewinnen, und unter den Schmerzen der Wiedergeburt allein könnt Ihr, was der Frevel Euch genommen, auf's neue im Schweiße Eures Angesichtes Euch erwerben. Die Schlange des Hochmuths aber, die Euch verfuhrt, soll fortan im Staube kriechen, mit irdischen Gedanken und irdischer Mühsal sich schleppend immerdar. Und es erfolgte nun jene unheilschwere Glaubenstreu- nung, in der die Kirche, wie es ihrem Stifter geschehen, von Nord nach Süden gekrcutzigt wurde; und es theilte sich Teutschland in den Stammen, und die Halste wich von der alten Höhe, auf deren Felsen der gemeinschaftliche Tempel gegründet war, und baute ans Garizim andere Altäre, um einem andern Gotte, als dem Gott ihrer Vater, an ihnen zu dienen. Und es entzweyten sich die Brüder, da jeglicher die Erstlinge seines Fleißes auf den Altar gelegt, und die Rauchsäule von des Hirten Opfer gerade auf himmelwärts stieg, die des Ackerbauers aber schwer und dick auseinander stoß, und es erfolgte jener dreyßigj ahrige Brudermord, die erste Rache der begangenen Sünde. Als die Pforte des Niedergangs zum zweyten Male hinter den Gefallenen sich geschlossen, da dunkelte wieder tiefer die sinstre Erde; mehr und mehr verschlang die Nacht des Lichtes, und die fünfte Zeit zog unheilschwanger langsam herauf. Der Erdgeist aber I 77 O rienti r u n g. machte den Seinen die Elemente dienstbar, daß sie ihnen Helfer waren in des Lebens Mühen; Künste und Gewerbe erfand er ohne Zahl zu ihres Leibes Nothdurft und zum Zeitvertreibe in den langen Winteruächten; Wissenschaften, die im Brennpunkte ihres Hohlspiegels die auf Sonnenstäubchen gaukelnden Begriffe in eine irdische Sonne vereinen wollen; schöne Künste dann zumahl, Wortgesausel, Farbeulügen, blinde Götzen, buhlende Töne, bestrickend mit ihrem Zauber alle Sinne. Dadurch ließen die Kinder des Lichtes sich verführen, daß sie mit den Töchtern der Erde sich verbanden, und daraus gieng das neue Riesengeschlecht hervor, Himmelsstürmer, Gottesleugner, jedes geistigen Frevels Heger, Anbeter des Drachen, dem sie in jenem Baalstempel seine Orgien feyerten, und von dieser Höhle aus ihr Satan sreich des neuen Hei de nt hums über alle Welt verbreiteten. Da ! wurde aus dem Basilisken-Ey die Revolution ^ gebrütet, da bebte die Kirche in ihrem Grunde, da ^ wankten alle Throne, da brach die alte Europas- ! bürg. Und es werden alle Zornschalen über die ^ Erde ausgeleert, Erdbeben zucken ohne Unterlaß durch die zerrüttete Gesellschaft, die Furien schütteln ihr Schlangeuhaar, die Zwietracht hat sich ! im Geschlechts festgewühlt, und will nicht von ihm lassen, bis es sich selber aufgerieben. So ist das ! ! 78 Europa und die Revolution. Ungeheure herangekommen, und alle Schrecken, denen gegeben ist, den Frieden von der Erde wegzn- nehmen, wollen sich losreißen aus den Finsternissen, denen sich die winterliche Zeit mehr und mehr entgegenwälzt. Aber auch hier ist mitten in die Dunkelheit von "der starken Hand ein Ziel gesetzt, wo der Arm des Bösen gekürzt soll werden übermal, und wieder befreyt das Licht, das die Abgründe gefangen halten. Nicht Mehr soll die Erde getilgt werden in Wassers Finthen, also lautet die Verheißung; sondern, wenn die Zahl der Ilmlause vollendet ist, die der Herr gezahlt, dann wird er, der der Erste ist, und auch der Letzte, als Richter der Welt an jenem Tage nieder kommen, und an die Pforte des Ausgangs seinen Richtersiuhl hin- siellen, und scheiden auf immerdar das Licht von den Finsternissen, und jeden Theil hin zu seinem Ursprung senden. Daun wird jene Schlange, die den Schweis mit ihrem Haupte fassend, die Bahn dev Geschichte und alle Umlaufe auf Erden gründet und beschließt, gezwungen, daß sie sich selbst fahren lasse, und indem also der Anfang sich vom Ende löst, wird die Kreislinie in die Parabel aufgeschlossen, die in der Auferstehung ihre Schenkel gegen den Himmel geöffnet halt. Und alle Gerechten muß der Drache, der keine Gewalt hat über sie, entlassen zur Fahrt in die lichten Raume, I. Orientirung. 79 wo eine neue Erde unter neuen Sternen steht; um die Ungerechten aber wird er krampfhaft sich zusammenschließen, und auf immerdar in seinem Schweife sie gefangen halten, im Pfuhle, wo Tod und Sünde und Verdammniß beysammen wohnen. Also Diese, aus jener Uralten großen Welt-Anschauung, die, wie der Adler auf seinem Sonnen- Fluge, oben von der Höhe allum die Dinge dieser Welt beherrscht. Ihnen entgegen aber rühmt sich der Erdgeist, mit Othins Auge aus Mimers tiefem Quellbrunn alles Irdischen uni sich blickend, also aus dem Munde deren, die seines Glaubens sind: Von der Schlange habt Ihr viel geredet, die die Geschichte im ewigen Kreislauf Zusammenhalt: wohl! ich bin selber diese Schlange, aber vom Geschlechte jener Himmlischen, von der die Mysterien Kunde geben, daß, wenn sie die Augen öffnet, mit Glanzlichte sich die Welt erfüllt, wahrend Nacht und Finsterniß sie deckt, wenn sie die Augen schlummernd schließt. Als der Geist Uranbeginns überden Wassern schwebend brütete, da war ichs, der bey ihm war; und als er sinnend Schöpfung dachte, war ich Mitschuldiger der That, die mit dem Guten auch alles Böse zuerst hervorgebracht. Weil der Meister mich als seiner Geister stolzesten, und kunstreich vor den Andern in seinem Trieb erkannte, hat er mich nieder in die Tiefe der Was- 8o Europa und die Revolution. ser hinabgescndet, daß ich dort am Grunde, ein Proteus, bildend und gestaltend wirke, und stets austcigcud auf meiner Gebilde Leiter, nach Aconen , endlich wieder zu ihm kehre, und zu seiner Rechten sitze, ihm gleich in Macht und Herrlichkeit. Um diesen Preiß bin ich, ein kühner Taucher, zum Abgrund hingefahren; am tiefen Grunde hat die heilige Lotos den Niedersteigeuden in ihrem Kelche ausgenommen; ihr süß berauschender Dust hat mit zartem Netz den Feuergeist umwoben, und vom Zauber fest gebunden, ist er in betäubendem Schlummer hingesunkcn, und die Blumenblätter haben über seinem Schlummerbette sich-geschlossen. Da haben, als die Mitternachtstunde ausgcschla- gen, schwere, riesenhafte, grauenvolle Traume den Schlafenden umfangen. Nicht leere, gaukelnde Luftgesialten, wie in des Menschen Traum, sondern Thaten, von innen heraus lebendig, wilde Ausgeburten schassender Thatigkeiten, sind sie, mit dem Athemzuge des Schlafenden, in die in Ebbe und Fluth bewegten Wasser ausgczogen; und Titanengezücht/ mit den Schlangensüßen sich in einander flechtend, ist langsam widerstrebend, über den Grund dahin gekrochen, und die Ungethüme, ansgetraumt, haben in Bergeszügeu weitverbreitet sich hingelegt. Nach ihnen hat ein zweytes und dann ein drittes Geschlecht hundertarmiger Riesen durch die Traumes- 4. Orientirung. üi> Pforte sich gedrängt, und die Brut, in Knäueln verstrickt, mit allen Gliedern sich erfassend, des , Schlafes Kinder, selbst schlaftrunken, hat sich dehnend über die Andern ausgestreckt. Und da die Traumwelt, wie Alpes Druck, sich immer lastender dem Träumenden aufgewälzt, da ist er über sein eigen Werk ergrimmt, und hat Zvrnesfeuer unter sie gesendet. Und wie die Flammen durch die in Nacht begrabenen Uugethüme hiugezückt, haben die Untersten sich wuthentbrannt gebäumt, und die in der Mitte glutschnaubeud die Bäumenden umkrallt, und die Obersten wie im Starrkrampf sich um Alle her-gewunden; und von Blitzen durchschossen, von den Schlangen durchzischt, vom Geiser flammender Lava umronnen, vom wilden Toben aller reißenden Naturkräfte durchwühlt, haben die Ungeheuer sich würgend durch einander in blinder Wuth gerungen, bis endlich der Typhon ansgetobt, und das Ungeheuerste im Abgrund gebunden lag, die Wässer oben aber die Gebeine der Erwürgten in den Finthen rollten, und in Dünen an das Leichenfeld hinwalzten. Nun war der Grund über die Fluche» hinansgestiegrn, und es wiegte sich die Lotos auf den letzten schwindenden Wellen, der Geist hatte die erste buntgefleckte Hülle abgestreift, mit ihr war die tiefste Betäubung von seinen Sinnen hiugewichen, und er träumte jetzt Lr Europa uud die Revolution. lichtere Morgentraum'e. Mit tausend Hellen Augen blickten die Sterne in seinen Schlaf, und er blickte freudig mit tausend Blumenaugen wieder ^ zu ihnen aus; von der Lotos rankte die neuge- borne Pflanzenwelt über die Wasser durch die Gefilde an den Bergen sich hinan, und um den Schlafenden erbleichte jener Garten des Glückes und der Unschuld, von dem die Sage rühmend so viel erzählt. Zum zweytenmale hatte die heilige Schlange sich gehäutet, und die Hülle war zum grünenden und blühenden Erdgewand geworden, die Verwandelte aber regte sich im Kelche, denn es wehte Morgenluft sie mit frischer Kühle an. Da gierigen in ihr dämmernde Gestalten ans, schwebend zwischen Schlaf und Wachen, ringend ans der Nacht, die sie gefangen hält, fich an den Tag hinauf zu winden. Und wie das träumerische Leben im bildenden Geiste sich bewegte, da stob es in tausend Funken aus, und jeder nahm eigene Gestaltung an, damit er ein Ganzes für sich selber werde. So war die dritte abgesireifte Hülle unter die sprühenden Lebensfunken ausge- theilt, und die vielartig gestalteten Thiergeschlechter bevölkerten den Garten alle immerdar, die Erde begreifend mit den Füßen, zum Zeichen ihrer Dienstbarkeit, Alle genährt durch das Blut des Lebensbanmes, die alte Lotos, die jetzt in Einleitung. 85 Mitte des Gartens hoch aufgerichtet stand, und im Blüthenkelche die schaffende Kraft bewahrte. Endlich gierig das Gestirn am Gesichtskreise auf, das die Mvrgenröthe längst verkündet hatte; ihr erster Strahl traf die Blume auf des Baumes Wipfel: da schlug ste brechend und tönend ihre Blüthenblätter auseinander, Staubfaden und Staubweg stand als die erste Awillingsgeburk des Mensche» da. Der Aauber der Betäubung war in jenen Formen hingeschwuuden, und ich, der Geist, war wieder anfgewacht; nur die Menschenschöpfnng, meines Wirkens Krone, war in den süßen, bewußtlosen Schlummer der Neugebvruen tief versunken. Da war ichs, der wieder in Schlangengestalt mich um ihres Baumes Stamm gewunden, und ihnen die Frucht der Erkenntniß bot, damit ste zum Bcwußtseyn erwachen möchten. Das Weib, vom richtiger! Natnrgefühl getrieben, nahm zuerst die Gebotene; der Mann that nach, wie sie zuvor gethan: mit dem ersten Biffe, indem ste die nährende Muttermilch aus des Baumes Mark verschmähten, riß die Nabelschnur, die ste mit der Natur verbunden; mit dem ersten freyen Athem- znge trat der eigene, selbstständige Kreislauf durch Herz und Adern ein. Sie waren nun erst recht ans Licht erboren, und, wie ich ihnen verheißen, den Göttern gleich geworden, denn ste waren freu 6 * L4 Europa uud die Revolution. durch ihres Entschlusses Kraft. Zwar dorrte der Baum, der sie getragen; zwar welkte der Garten, der sie behalten; zwar entwichen die Thiere, folgend ihrem wilden Triebe, da der Mensch, ihr Meister, sich von ihnen losgesagt: aber es konnte nicht anders ergehen, da das neue Geschlecht seines Glückes selbsteigner Schöpfer werden sollte. Darum trat, wie der Schlaf zwischen die Lebenstage, so der Tod zwischen die Geschlechter, erquickend ein, damit er im Quelle ewiger Jugend das Alternde verjünge, und das Erdorrte aus frischem Samen treibe, statt daß das Leben ohne die Erkenntniß pstanzenhaft durch Knospen sich fortzutreiben gedrungen war. Ich selber wohnte fortan in dem Geschlechts im Verborgenen, aus dem Jnstincte zu ihm redend geheime Sprache, und lehrte es die Künste üben, die es zu seines Lebens Nothdnrft brauchte, und znm Kampfe mit den Elementen, die ihm feindlich waren. Zwar rissen noch einmal wüthende Aorneskrafte, die ich in der Tiefe gebunden glaubte, sich von den Banden, die sie gefesselt hielten, und spieen Wassersstuthen über meine Schöpfung her; aber ich hatte die Meinen schon die Kunst gelehrt, in hohlen Schiffen gegen der Wellen Toben sich zu wahren; so rettete sich ein Theil auf Berges Höhen. Als die Uugethüme wieder mur- 85 1. ^Trientirung. reud in ihre Höhlen zurückgekrochen, verbreitete sich ans neuer Wurzel ein anderes Geschlecht am Euphrat hin. An seinen Usern wollten die, engen Geistes, ans immerdar sich Hütten bauen, und Pfahlbürger in ihnen siedeln; ich mußte unter die Bauleute Zwist aussaen, daß sie sich fortan nicht länger mehr verstanden, und über alle Zonen der Erde sich zu verbreiten gezwungen waren. Da lehrte ich jeden Stamm nach seiner Art, jeglichen unterrichtend in allen Friedenskünsten, die ihm dienlich waren; die Geheimnisse der Natur und der grauen Zeiten Kunde schloß ich meinen Propheten aus, und hieß sie die verborgene Weisheit in Tempeln niederlegen, um die Sänlenhauser aber, als Vorhallen, die Staaten bauen. So bildete sich jene Wunderblume in der Geschichte, die vielblättrige Nymphca, wo Iran im innersten Blumenboden die Geheimnisse des Ursprungs wahrte, und rund umher in Indien, Saba, Aegypten, Syrien, Palästina, Phrygien, und Turan die bunte Blatterpracht sich zusammenschloß. Als die ihre Blüthe ausgeblüht, da weckte ich Männer strengen Sinnes, eiserne Naturen, in Wider- dcrwartkgkeit stahlhart ausgehartet, daß sie mit der Sense des Schwerdtcs das dürre Heu wegmähten, damit das junge Leben Raum gewinne. Da kamen die Helden und Eroberer auf, Lö- 86 Europa und die Revolution. wen in Muth und Willenskraft und Körperstärke, die da Krone trugen über Alle, die der Hülfe bedürftig waren, und von denen die Volker singen ^ und sagen bis an der Zeiten Ende. Es war meine Kraft, die in ihren Adern würkte; es war meine Begeisterung, die in den Sängern ihre Tha- teu verewigte; durch sie wurde das Ungeheure in der menschlichen Natur zuerst bezwungen, und die Schrecken der Tiefe wurden gebändigt in hartem, schwerem Streit, damit der Frieden Wurzel fasse im beruhigten Geschlecht. Und weil dazu allein der Stärkste taugte, darum gierig jedesmal der Zepter der Macht vom Schwächer» auf den, der am meisten vermögend war, und so entstand der Wechsel der Herrschaft in den großen Monarchieen. Und weil das Leben, und mit ihm die Kraft und die Herrlichkeit, im Sonnenpsade von Osten nach Westen drang; darum wanderte die Herrschaft in gleicher Richtung in die Abendländer, und ich zog mit den Ziehenden: die im Aufgang aber, die in ihren Formen kraftlos und feig erstarrten, ließ ich sstzen, als Klageweiber bey ihren Mumien im Todtenhanse. Den Griechen, vor allen meinen Kindern reich begabt, schenkte ich zuerst die Krone und die Macht mit dem Ruhme. Sie, meine Lieblinge, hatte ich vor den Andern nach meinem Herzen mir erzogen. Ich hatte die l. Orien tkrung. 87 Fülle plastischer Kräfte, Naturgeister, die ich im Reich der Elemente für sie cingefangen, in ihr Inneres gelegt, jenen Schatz von Tönen nnd Klangen, den ich in der innersten Natnrtiefe aus ihrem Schlaf erweckt, hatte ich in ihre Brust verborgen; ich hatte mit jenem fröhlichen Natnrstnn ste ausgestattet, ich ihnen das schöne Ebcnmaaß der Kräfte eingeübt, und zuletzt mit dem schmeidigenden Oele leichter Gewandtheit ihr ganzes Wesen übergossen, das nnn geläutert und verklärt aus ihren Götterbildern wiederstrahlt. Darum gab ich, nachdem schon alles Schöne und Große ihren Anstrengungen zu Theil geworden, zuletzt auch die ganze Erde mit allen Schätzen und Herrlichkeiten ihrem königlichen Heldenjüngling hin. Aber er übernahm sich in der Fülle, auch seinem Volke wollte der Reichthum nicht gedeihen; darum wurde das Diadem auf seinem Haupt zerrissen, zögernd nur und langsam mocht' ich von ihnen weichen. Nieder fuhr ich auf die Stadt der sieben Hügel, die nicht verlangst die Tiber zuerst begrüßt. Da war junge, frische Kraft mit jenem Tages vom Pfluge aus hetrurkscher Erde ausgepflügt, noch grünend im Ruche deS frisch umbrochenen Bodens. Fröhlich waltete ich in der neuen Welt, zum Sitze der Herrschaft hatte ich mir sie ansersehcn, diese Bauern sollten mir Gebieter werden über alle Lande. Darum 68 Europa und die Revolution. mußte das Volk schon in der Wiege mit Schlau-- geu im Kampfe sich versuchen, und auf seiner Heldenbahn aller zwölf Mühsale des alten Herakles sich unterwinden. Nimmer ließ ich ruhen den Krieg um ihre Heimath, und damit cs selbst im sparsam seltenen Frieden dem Ringer nie an Stacheln und Uebung fehle, hatte ich jenen großen Zwist tief in alle Lebenstheile hineingerissen, daß innerer Drang und Streit und Kampf die Lebensgeister ohne Rast nmtrieb, wenn äußerlich die Glieder ermüdet der Ruhe sich hingcgeben. So wuchs denn das Urbild jenes Torso ans, und wo der Gewaltige sich zum Streite gürtete, da wichen scheu alle Gewalten neben ihm ans Erden, und die Völker beugten ihre Häupter vor dem Adler, der ihnen vorauf flog. Und cs wurde das mächtige Reich gegründet, das vom Ursprung der Geschichte am Euphrat, bis zum Ende im fernen Abendlande reichte. In ihm wurden die alten mythischen Wälder vollends ausgetilgt, die Löwen, Leoparden, Simnrge, Mardichore, Eber und Minotauren der Heldenzeit vertrieben, und die Drachen mit den Drachentödtern ausgerottet. Gelichtet war nun die Welt, geordnet die Gesellschaft, gebändigt die blinde Naturgewalt, und der Acker lag zur Aufnahme höherer Saat bereit. Das war's, was ich mst dem Römerrcich gewollt; I. Orien tkrung. 69 nachdem der Zweck erreicht, war das Mittel ent? bchrlich worden, und ich zerbrach bas Werkzeug, . das ferner unbrauchbar wurde. Da kein äußerer Feind mehr nahen wollte, wüthete der Athlete mordgrimmig in den eigenen Eingeweide», denn stets im Blute trunken, waren durch lange Völle- rey seine Safte im heißen Brand entzündet, und scheusliche Zerflcifchnng wütheuder Bürger-Kriege mochte kaum das Brennende erkühlen. Als das starke Volk verblutet war, hatte es ohnmächtig all seine Freyheit in eines Sterblichen schwache Hand gelegt. Da war es Zeit, daß ich meine Kräfte aussendete, und ich hatte, als ich die Tage meiner Verwandlung nahen fühlte, mich laugst im alten Wunderlande am Jordan eingesponnen. Die alten Zeiten hatte ich durch der Propheten Mund in den Mysterien des Werdens unterrichtet, und die Geschichte meiner Metamorphosen ihnen knnd gethan. Meine Nisderfahrt aus Himmels-Höhen, meine erste Erlösung, nachdem ich in tiefen Abgründen die Kinder der Nacht und die Scheusale der Tiefe ausgeboren; die zweyte aus den Banden finsterer Naturgewalten im Pflanzenreich, dessen Nachtseyer noch alljährlich die Saat begebt, wenn fie nach Winters Verlauf fröhlich aus dem Schattenreiche hinauf zum Lichte steigt; die dritte und vierte aus der Pflanze in steigen- 9 » Europa und die Revolution. dem Fortschritt zur Thiernatur hinauf, und endlich zum Menschen hin, der, wie das Saatkorn, sich auch durch den ersten Lebenswinter im Schooße birgt: . das Alles war in der Geheimlehre ausgesprochen, und wie alles Leben also aus der Tiefe zum Lichte steige, um durch die Planetenpforten endlich zu seiner Quelle zurück zu kehren. Das war die Naturoffeubarung des Heidenthums, die bis an die Schwelle des Tempels von Judäa hingeführt, wo andere Verheißungen das Aufgehen einer neuen Durchgaugspforte aus dem Naturreich ins Geistige als nahe verkündeten. Da ergriff ich, nun die alten Träume ausgetränmt, und die alten Götter« Spiele ausgespielt, die Menschen längst zu langweilen begonnen, die dunkle Sage jenes neuen tausendjährigen Reiches, die so lange unter ihnen umgegangen, um kn ihr die alte Zeit wieder jung zn machen. Vorüber gieng ich bey aller ^ Pracht und Herrlichkeit der Welt, bey Pallast, Forum, Academie, Tempel, Synagoge, und weilte im Alpenthale Palästinas, wo ich unter Hirten und Fischern aufgewacht. Aus ihrer Mitte wählte ich mir die Heroen des Glaubens und der sittlichen Willensstärke für die neue Lehre, die die erstorbene Welt wieder grünend machen sollte. Nicht mehr war in ihr von jenen Naturpforten die Rede, durch die der Mensch aus dem Abgrund I. Orientirung. 9 » herauf ins frische, lichte, fröhliche Leben hinange- stiegen, um dann wieder nach kurzem Spiel in's , Schattenreich zurückzukehren. Dies Sinnenlcben, jetzt nach langer Zeiten Lauf verödet und ausgebrannt, konnte selbst als eine Erscheinung jener Nebelwclt nur gelten, und alle Sinnenlnst als die feiste, bleiche Asphodilblume im Schattenlande; nur der Tod sollte, war erst die alte Schuld des Granatapfelbijfcs im Unterreich getilgt, in die rechte, höhere Welt einführen, die ein unvergängliches, geistiges Licht durchstrahlte. Da weckte ich den liebreichsten und mildesten aller Propheten und Bekenner, daß er Hermes und Seelenführer durch diese Pforte dem Geschlechts werde, und nachdem er sein Leben zur Sühne jener Schuld hingegeben, das drcyköpfige Unthier des Abgrunds in Ketten lege. Und es geschah also; in der Auferstehung hatte ich mit der alten Welt die fünfte Hülle abgestreift; zum füuftenmal war das Geschlecht erlöst, und es giengen die Propheten, über die ich in Feuersflammen herabgekommen, andere Triptolcme im Schlangenwagen, aus in alle Welt, um den neuen Samen in die bereitete Erde auszusäen. Alber Inden konnten nicht die Erneuerer der Zeiten seyn, darum trieb ich jene nordischen Helden aus ihren Berges-Klüften, die noch einzig auf Erden altes Dickicht des Urwaldes be- 92 Europa uud die Revolution. deckte, in dem lichtglänzende, mythische Vögel sangen, und Ure und Wisente gierigen. Sie kamen und brachen den morschen Ban der alten -> Zeit zusammen; in ihrem Herzen war das neue Saatkorn nicht ans die Felsen und unter Dornen hingesalleu, und weil sie wirkten und handelten im Geist der Zeit, darum gab ich ihnen die Herrschaft über sie. So trat das Reich der Germanen an die Stelle des Römischen, aber auf den ruinenbedeckccnTodtenhügel der alten Welt stellte ich den Stuhl der neuen geistigen Herrschaft, umgossen von dem gläsernen Meer des Glaubens und der Ideen, das durch das ganze Geisterreich hinstuthete. Und sie saßen aus ihren Stühlen, handhabend die zwey Schwerster, so lange sie meinen Planen willig dienten; als sie aber in ihrer Macht und Herrlichkeit sich zu fühlen begannen, da wurden sie übermüthig, und sannen auf Tiran- ney, und wie sie Beyde im Vereine mein Geschlecht und mich, der als seine Seele in ihm handelte, in unzerreißliche Fesseln legen mögten. Da warf ich den Apfel der Zwietracht unter sie, daß ^ sie, wie die Geburt der Schlangensaat, unter einander sich erwürgten, und über die Kämpfenden sandt, ich, um sie vollends aufzureiben, die Löwen aus dem Sarazenenlande. Da war ihr stolzer Mnth gebrochen, und ihre Arglist auf ihr Haupt gekom- I. Orienkirung. 9.) men; aber zerrüttet lag nun freylich der große Organism der neuen Zeit; doch die Frcyhcit, und mit ihr das Leben in neuen Keimen, war gerettet. Ist die Alleinherrschaft des Despotism einmal erst gebrochen, dann kheilt sich der Strom der Gewalt im Natnrgange bald in viele Arme, bis er endlich in schwachen Adern befruchtend in die Erde siegt. So ist es der Kirche zuerst ergangen; jener Mönch, der kühn ein Jahrtausend aus ihrer Geschichte riß, um es den Flammen hinzugeben, und seine gute Ueberzeugung hart neben die Untrüglichkei t ans den Stuhl hingcseht, hat von der dreyfachen Krone die eine dem Staate zugewvrfen, die andere unter seine Amtsgenoffen ausgetheilt, die dritte hat im Fortgange der Reformation das Volk zerrissen, und zum Hans-Altare heimgenommen. Im Staate haben die gleichen Kräfte das Kaiserthum untcrwühlt, im allgemeinen Weltlanf ist alles Kraut Busch geworden, die Büsche sind zu Bäumen aufgeschossen, und die haben der alten Eiche, der ste Alle entsproßt, Luft und Licht hinweggenommen, daß sie hohl und innerlich angesault nur auf der Rinde mühsam sich erhielt. So hat das Reich lauge Zeiten durch gesiecht; als es endlich kraftlos, dumm und dürr geworden bis ins tiefste Leben hin, habe ich den Feuerbrand der Revolution ins dürre Gestrüpp hineiugeworfen- und 9- Europa und die Revolution» den Flammen den wildenJager nachgesendef. Sein wildes Halloh hat über Berg und Thal ge- klungen; dann hat auch ihn der Uebermuth gedrungen, daß er, meiner Hände Werk, gegen den Meister aufgcstanden. Da habe ich ihn durch Winters Grimm zuerst bezwungen, dann die Furie der Pest ihm nachgeseudet, endlich durch Schwerstes Gewalt ihn aufgeriebeu, damit er ein Zeichen den kommenden Zeiten sey, daß keine Tiranney ferner in der Geschichte geduldet wird. Da die wilde Holzung nun ausgelichtet, steht der junge Anflug der Bürgerfreyheit grün und vielversprechend über alle Höhen und durch die Gründe, und alle Hoffnung der künftigen Geschlechter ist an sein Gedeihen angeknüpft, und die sechste Zeit in ihm vorbereitet. So habe ich gehandelt und gewirkt in der Zeiten Lauf, und so werde ich sie weiter zum vorgesteckten Ziele leiten. Seht rückwärts, so weit euer Blick in die Nebel der Ferne dringt, was Ihr gewahrt, alles ist meines Triebes und meiner Begeisterung Werk. Jene Tempelhöhlen in die Nacht der Berge hineingcbrochen, die hohen Sau len Häuser au ihren Fuß gebaut, die Pyramiden in Hieroglyphen stammelnd von den Wundern der Zeiten, wo sie noch jung gewesen, die Obelisken in Hymnen-ans zur Sonne strebend, Balbek mit seinen Saulenstraßeu, TrojaS I. Orient iruug. 95 vielbesungene Veste, Susa und Babylon, Griechenlands heitere Tempelhöhen und seine Cyolopen- werke, Noms Prachtgebände und des Nordens runenbeschriebene Felsenhänpter: alle habe ich sie gebaut, und mit meinem Finger die Symbole höherer Weisheit in sie eingcgraben. Jene Münster des Mittelalters, in ihren Massen von Riesen aufgethürmt, in ihren Einzelnheiten von kunstreichen Zwergen bis in's Feinste ausgeführt, mit ihren schwebenden Lichtgestalten in Feuersgluth im Glasesfluß gemahlt, mit den Steinbildern, die von allen Wänden niederschauen: ich war's, der sie gegründet, und durch Jahrhunderte hindurch zum Ziele geführt. Was der Pinsel Kunstreiches in Farben hervorgebracht, was von der geschwungenen Saite in die Lüfte tönt, Hab' ich Alles an den Tag gerufen. Die Sprachen, diese verkörperte Gedankenwelt, nicht die bösen Dews, wie die Priester erzählen, sondern ich selbst habe sie zuerst erfunden; die Schrift, nicht böser Othins Zauber, sondern ich selbst habe den Ton an sie zu fesseln gelehrt; der Druck,'— nichtSatanas hat ihn dem Meister des Höllenzwanges eiugegeben, ich war's, der ihn unterrichtet in der edeln Kunst. Der Schah des Wissens, den ich in großen Goldbarren in die Tempel niedergelegt, ist dadurch ausgemünzt, immer rascher in den allgemeinen Um- g6 Europa und die Revolution. lauf ekngetreten, uud indem jede Zeit sters die Zinsen zu dem Capital geschlagen, ist der unge- ^ heure Stock der Wissenschaft allmählich ange- ^ wachsen. Sie ist mit dem Grubenlicht in mein altes Haus im Schoost der Erde hinabgestiegen, und hat meine Traumgestalten an's Licht des Tags hinausgesührt. Sie hat jene Blumensterne in ! Sternbilder je nach ihrer Art sich zugeordnet, und ! die Thiere je nach ihren Gattungen geschaart. ^ Au den Himmel hat sie dann ihr Maß gelegt, uud seine Bewegungen an die Formel festgebun- ! den. Die Stromkarte der Geschichte in allen - ihren Wendungen, Erweiterungen, Wasser-schnellen und Sturzen hat sie von der Quelle bis zu seiner jetzigen Verbreitung ausgenommen. Einen Fuß also setzend in der Zeiten Ursprung, den andern in des Raumes Mitte, hat sie daun stolz ihr Haupt erhoben in den Geisterhimmel, und die Vernunft zuerst in ihre Würde eingesetzt, daß sie göttlicher Natur theilhaftig in der Idee, tragend in sich den alleinigen Maststab aller Wahrheit, auch im Begriffe in unendlicher Entwicklung schaffend und gestaltend nach eigenem Typus, Gott gleich, ja ein Gott selbst zu werden berufen sey, und zu sitzen mit ihm ans dem Thron der Herrschaft. Das ist meine Lehre, so Hab' ich gedichtet und getrachtet bis heran, und so werd' ich's halten immerdar, 97 I. Ori entiru ng. Diese Wiederkehren und Umläufe, ich kenne sie nimmer mehr; ich habe sic längst bey meinen ab, gestreiften Naturhüllen zurückgelasscn, wo sie pul- sirend noch den Schein des Lebens unterhalte» müssen. Viele solcher Mnmiendecken des Zrrthums werde ich noch von mir streifen auf meinem Auge, der in gerader Linie ohne Beugung geht, wie's allein der Freyheit geziemen will. Zn dieser Linie bin ich herabgefahren, durch sie kehre ich wieder, wo ich hcrgekommen, auf meiner Himmelfahrt. Zn dem Hader, der die beyden Geister hier entzweyt, in dem Streite, den Glauben und Wissen durch alle Zeiten streiten, liegt die innerste Wurzel des Zwistes, der jetzt, wie immer, die Welt entzweyt, und der erste Grund aller Bewegungen, die sie in allen ihren Elementen aufgeregt. Was wieder im Gebiet des Glaubens den Protestantism von der alten Kirche geschieden hält, was im Wissen den Skepticism vom Dogmatism trennt, was im Verhältniß beyder die Rationalisten mit den Superna, turalisien entzweyt, ist ein und dasselbe schon im Ursprung innerlich verschiedene zwiefache Prinzip, das in verschiedenen Bildungen verlarvt, doch immer das gleiche bleibt, und zugleich auch in den politischen Partheyungen als das innerste Ferment erscheint. Das ist der doppelte Zanuskopf, 7 98 Europa und die Revolution. unter dessen zwiefacher Signatur alle Dinge dieser Welt ausgehen, und in ihrer irdischen Befangenheit sich nie des eingebornen Zwiespalts cntschla- ^ gen mögen. Das eine Haupt bergend, unter dem Sternenschleyer der Sybille Antlitz in edeln, ern- - siien, strengen Zügen; das dunkle, begeisterte Auge gegen höhere Welten aufgehoben, deren Licht aus seinen Tiefen widerstrahlt; der Mund geöffnet zu jenem gewaltigen Choräle, in dem sie in schweren, dunkeln, feyerlichen Tönen, die langsam durch die Gewölbe des Himmels gleich fernen Donnern rollen, die Apocalypse des Alls und der ^ Geschichte singt. Das andere Haupt unter Helmes Dach, fest, keck, scharf in allen Zügen, die ! Augen trotzig in eigenem Lebensfener sprühend, in ! Blitzschlägen die innere Gedankenwelt entladend, ! von den Lippen fließend Heldengesang, das große Epos der Geschichte. Von beyden Erdregenten ^ gebührt jenem sonder Zweifel die erste Würde, l denn sein Gebiet ist das Weseuhafte, das wahre, s auf sich selbst begründete Seyn; das Schauen der ! Seherin ist jenes ewige Wissen, das nicht gewußt ; werden kann, und dessen stille Genüge sich selber unbegreiflich und unfaßlich ist; und was sie davon in Symbolen ausgesprochen, ist der Same jener ewigen Wahrheit, aus der alles Leben sich entwickelt, und die darum für alle Zeiten sich be- 99 I. Orientirung. ! währt, weil sie das Gesetz der Zeiten selber in sich beschließt. Der Andere aber ist, tief im trüglicheu - Schein des Daseyns verstrickt, über wandelbare Schemen zum Regenten bestellt; dort muß er in Mitte der Luftgefechte spielender Gegensätze mühsam die Herrschaft führen, und mühsam Gedanken zu Gedanken fügend, allgemeine Begriffe zusammensetzen, die innen der Wurm des Jrrthums nagt; nur bedingte Wahrheit ist daher sein Theil, und nur in dichterischer Freyheit mag er das Unbedingte sich gestatten. Aber Beyde, der Sterbliche und die Unsterbliche in ihrer irdischen Erscheinung ^ angesehen, sind doch aus demselben Ledas-Ey her- l vorgegangen, und beyde engverbundcne Häupter ^ sind doch Einem Körper aufgesetzt, und dieser Kör- ! per ist, wie an den alten Canopen, die runde Erde ^ selber, die also auch jenes höhere Prinzip, das ^ einmal in ihre Kreise menschwerdend eingetreten, I mit elementarischem Stoff tingirt. Muß doch auch jener reine Sonnenstrahl, wenn er auf irdische Materie trifft, sich gefallen lassen, daß sie ihn augenblicklich in die Fesseln der Schwere geschlagen, von seinem geraden Weg ablenkt, ihn in Hellen oder tiefen Farbentönen mehr oder weniger trübt, ihn polarisireud um seine Achse her schwingen macht, und ihn in die Dienstbarkeit chemischer Kräfte zwingt. So muß auch jenes geistig Höhere, wenn l 100 Europa und die Revolution. ! es werkthatig kn Institutionen und geschichtlichen ^ Ereignissen ins Daseyn tritt, eben in ihnen Theil ^ haben an dem Daseyn, und in seiner Incaruatiou ^ alle Gebrechen der Endlichkeit ans sich nehmen. > Hinwiederum ist das andere Irdische keineswegs ! bis zum innersten Grunde wesenlos, und aus dem ! bloßen Schaum der Nichtigkeit ohne verborgenen ' Kern und einige inwohneude Substanz ausgeblasen. ^ Vielmehr hegt die Tiefe in ihm dasselbe Prinzip, ^ das oben in der Höhe ansschließcnd wirksam er- ! scheint; weil eben das Tiefste und das Höchste in der Wurzel der Wesenheit zusammenwachsen, und um diese Mitte nur der metallische Kern des ScynS im Daseyn sich verschlackt. Darum ist der Erdgeist ! allerdings, wie er sich gerühmt, göttlichen Ur- i sprungs; aber er lügt sich selber an, wenn er sich i Gott gleich halt. Er ist keineswegs seines Seyns, nur seines Daseyns Grund und erste Ursache; und gerade dieses Daseyn, das ihm seinen spezifischen ! Charakter giebt, eben seine Beschränkung, und als ! solche das Werk seiner Verschuldung, während sein ! Seyn allein die That der höheren Ursache ist. Ms hervorgebracht aber ist er abhängig und bedürftig, darum mag er keineswegs die Quelle des ! Lichtes in sich tragen, sondern muß durch ein Hör ^ heres erleuchtet werden. Wie darum ohne die ! Sonne auf Erden keine Pflanze grünte, so möchte , I. Orientirung. 101 jener Geist ohne höheren Trieb nimmer bestehen; aber wie der Same doch mit Recht von sich aus- sagen mag, daß er den Baum getragen, also kann das Weseuhafte in ihm seine Ideen doch mit gleichem Recht sein eigen nennen. Denn als geistige Natur ist seine Unterwerfung keineswegs eine knechtische; unbedingt frei) in seiner innersten Wesenheit sich zu entscheiden zur Rechten oder zur Linken hin, mag er das Licht aufnehmen, oder sich ihm verschließen; sich dem Zuge hingeben, der nach oben, oder jenem, der nach unten führt. So hat er schon im Ursprung sich entschieden, und in diesem Entschlüsse ist sein von Natur aufsteigendes Wesen eben absteigend geworden. Zwar sagt er klüglich, es sey der betäubende Duft der Sinnenwelt gewesen, Maia den Indiern genannt, der ihn in den Schlaf der Endlichkeit hinabgezogen; aber noch immer deutlich genug spricht das Gewissen dem Geschlechts von einer altergranen Schuld, von der ihm eine dunkle, verwitterte Erinnerung geblieben; und nur zu klar ist sich der innere Sinn bewußt, daß die Wahl nicht zum Guten ausgeschlagen, die die edelsten Kräfte an die sinnliche Beschränkung festgebunden, und die Geister von oben in die Schlangenhöhle der Leidenschaften eingesperrt. Aber wie es auch immer nun gekommen, der Abgestiegene hat die Verheißung der isr Europa und die Revolution. Rückkehr mit hinabgenommen, und diese erfolgt, wenn er, nach dem Ebenbilde der Idee geformt, diese in der Endlichkeit in ihrer ganzen Fülle aus- ^ zupragen, das Integral im Differenzial wiederzugeben sich bestrebt. Es faßt aber jedes gegebene Endliche nimmer den Rcichthum derZdcc, und wie die ursprünglich Schaffende nur in einem in Raum und Zeit unbegrenzten Universum einen einigermaßen entsprechenden Ausdruck gefunden, so kann die Nachbildende gleichfalls nur in einem unendlichen Fortschritt zu einer erschöpfenden Aequation gelangen. Diese Gleichung, in der der Erdgeist seine eingeborne Idee in einer unendlichen Reihe sich entgegengesetzt, ist nun die Geschichte, die also ^ Vichts ist als die große Seelen wan derun g der i uiedergestiegenen Idee, die, indem ste fortschreitend die Fesseln jener bindenden Naturkrafte von sich streift, mehr und mehr aus dem Reich des Todes i in das des Lebens überdrkngt, und mehr und mehr ^ jener indifferenten Beschloffenheit entrissen, in die beyden Richtungen der bindenden und spannenden ! Kräfte sich erschließend, also ihre Rückkehr ftyert, ! und in dem Maße ihre geistigen Rechte und die höchste Freyheit in Anspruch nimmt, wie sie sich ihrer würdig gemacht. Wohl steht die höchste Idee ^ in ihrer wandellosen Beschloffenheit über dem Aek- ! tenlauf; die ewige Wahrheit kann nur dem An- , I. Orientirnng. roZ fang so nahe, wie dem Ende seyn; aber in ihrem Eintritt in diese Zeiten hangt sie von den Fassungskräften derselben ab; je weiter ihr Gedankenkreis, um so vollkommener wird der irdische Ausdruck seyn, und je größer die Brennweite des Weltspiegels, und je vollkommener seine Gestalt geworden, um so tiefer wird er in die Abgründe des Himmels dringen, und um so scharser seine verborgenen Wunder wieder geben. Darum ist diese freye Entwicklung durch den Laus der Zeiten, wie sie der Erdgeist mit vollem Rechte in Anspruch nimmt, seine eigenste Natur, sein innerster, ihm von Gott selbst eingevflanzter Trieb; und es sind Tiranuen, die vom eigenen, nichtigen Hochmuth angetrieben, ihn auf seinem Heldenlauf zu hemmen und zu irren sich unterfangen; auch hat er ihre ohnmächtigen Dämme von je durchbrochen, und alle Fesseln, die sie mit List oder Gewalt ihm angelegt, immer schnell mit einem Ruck durch- rissen. Aber er selbst darf sich nicht auch seinerseits in gleichem Hochmuthe aufs Nichtige sehen, und in frevelhaftem Aufstand Streit an seinem Ursprung suchen. In jener äußeren symbolischen Darstellung der Geisterreichs, im Weltsysteme, ist der gemeinschaftliche Beziehungspuukt aller Schwungkräfte, die da die Erde treiben, leer geblieben, damit ihre untergeordnete individuelle Natur bezeich- !o/j Europa und die Revolution. uct werde; das Solarische aber hat im andern Brennpunkte sich zusammengedrängt, und von da aus sirahlt ein Licht, dessen Spannung keineswegs nur die im Brennraum gesammelte Summe irdischer Spannungen ist; und es kömmt von dort ein Zug zur Erde nieder, der mit Nichten von ihr gesetzt wird, sondern sie selbst erst in dem ihrigen bedingt. Aber diese irdischen Schwung- und Schwerkräfte, wenn auch niederer Natur, sind doch in ihrem Bestände wirklich, und als constante Größen in den Weltban ausgenommen; sie können daher ans dem höheren Gesichtspunkte keineswegs als nichtig eliminirt, oder gar als wesentlich im Argen liegend betrachtet werden. In jener Priester- Anschauung hat dieselbe Erdkraft, die die Weltgeschichte nach ewigen Gesetzen von der Sommer- Sonnenwende zur winterlichen in die Fknsterniß hinabgetrieben, sie aus dieser in der andern Jahreshälfte, die Verheißung erfüllend, wieder zum Lichte hinangeführt: sie kann also weder nichtig, noch bös seyn in der Wurzel, sondern nur eben, wie alles Irdische, in Licht und Dunkelheit ge- theilt. Wie es gekommen, daß in die erste seelkge Ruhe die Unruhe der Geschichte hineingetreten, darüber kann die höhere Ansicht allein Antwort geben; aber in der Geschichte selbst, nun sie einmal vorhanden ist, behauptet das irdische Prinzip, als eine der Bedingungen, durch die sie I. Orkentkrung. i besteht, mit allem Grunde seine Rechte innerhalb des Gebietes, das ihm zugetheilt erscheint. Im Kampfe der beyden Richtungen dieses Prinzips, deren eine nach oben fuhrt, die andere in den einmal genommenen endlichen Bestrebungen zu beharren sucht, wird nun allerdings die große Weltbahn der Geschichte zurückgelegt, aber schon die unverkennbare Verkürzung der Perioden, wie sie der Gegenwart naher kommen, deutet sichtbar, daß mit der strengen, geschlossenen Naturform jener Prie- steranschauuug sich ans dem geocentrischen Standpunkte im Geisterrekche noch ein anderes Element verbindet, das ihre allzu herbe Strenge mäßigt. Es kann dies Element nur darin liegen, daß die ansteigende Bewegung des Erdgeistes, von allen zufälligen oder nothwendigen Schwingungen und Rückgängen abgesehen, in ihrer geradlinigen Bestrebung nicht gleichförmig, sondern im Fortgang der Zeiten gleichförmig beschleunigt ist, sowohl dadurch, daß im Verlaufe der Entwicklung die Schwingen der aufstrebenden Kräfte größer angewachsen, als auch darin, weil bey größerer Würdigkeit und innerer Freyheit der Zug von oben mit größerer Intensität würken mag. Nur bey solcher Annahme kann begreiflich seyn, daß das Christenthum, indem es die alte Reihe gänzlich abgebrochen, und eine neue von oben herab angeknüpst, damit ausgesprochen, daß io6 Europa und die Revolution. in ihm nicht blos ein Uebergang aus einem historischen Winter in den Sommer, sondern würklich aus einer tieferen Bahn ans unterer Bildungsstufe, in eine höhere, der Idee naher verwandte gegeben scy. Indem aber eine solche gleichförmig beschleunigte, ansteigende Bewegung mit einer irdisch beharrlichen sich verknüpft, wird im Kampfe beyder allerdings wieder die elliptische Bahn jener Priester-Anschauung hervorgebildet, ^ aber die Wirkung der inner» Beschleunigung wird sich dadurch kund geben, daß die Ellipse in ihrem Laufe sich stets verengt, und ihre Wiederkehren in eben so vielen Wendungen eine Beziehungs-Achse umkreisen, mit der ste endlich zusammenfallen. ^ Diese elliptische Spirallinie wird also aus , jenem Gesichtspunkt die eigentlich historische, das schicklichste Symbol der höheren Geschichte seyn, in > dem die Verbindung des Natur- und Freyheits- j Princips, wie sie alles Irdische bezeichnet, den angemessensten Ausdruck findet. In ihr wird das oben bezeichnete Verkürzen der Perioden, so wie die zunehmende innere Differenz mit der Näherung an die Mitte leicht gedeutet, zugleich aber auch j dargestellt, in welcher Weise Wendepunkte, die, wie j die Reformation z. B., in ihrer Richtung würk- ^ lich rückläufig sind, und von der Mitte ab zum ' Endlichen hinführen, doch als nothwendige Durch- ^ I. Orient krung. 107 gangspuukte sich ergeben, die in dem, was an ihnen Begeisterung ist, zu einer noch größeren Näherung führen. So wird die Wahrhaftigkeit jener uralten, großen Weltanschauung gerettet, ohne daß dein Irdischen und Endlichen irgend ein wohlbegründetes Recht entzogen, oder irgend ein ange- maßtes eingeräumt werden darf, und die Geschichte erscheint nun wirklich als die wahrhafte und einzig mögliche, durchgreifende Vermittlung jener großen Gegensätze, und der ihnen inbegriffenen kleinern, die in jeder einzelnen Zeit nur theilweise bewirkt werden kann. Aus dem eben Entwickelten ergiebt sich leicht, was von dem Streit der andern Liefern Gegensätze zu halten sey, die von jenem höheren nur ihre innere Bindung und Spannung erlangen können. Es ist zunächst eine zwiefache Irrlehre, blos aus den zwey entgegengesetzten gleich einseitigen Standpunkten irdischer Partheyung ausgegangen, die eine, die da wähnt, jene geistige Schwungkraft in allen ihren centrifugalen, lösenden Thätigkeiten und Richtungen sey das allein Positive, Würdige im Leben, in ihr beruhe einzig das höhere Prin- cip, das herabgekommen, die an die Fesseln der in Nacht und dunkeln: Instinkt befangenen Schwerkräfte gebundenen Geister zu befreyen, und die in Geistesunmündigkeit, blindem Glauben hingegebene iv3 Europa und die Revolution. Welt wieder iu's Lichtreich der Freyheit einznfüh- ren. Die andere dann, die da meint, einzig diese bindenden Kräfte, indem sie unverrückt gegen den ewigen Polarstern des Universums hindeutcten, könnten die in Zrrsalcn der Endlichkeit umhcrgc- triebcne Menschheit durch das nachtbedeckte, sturmbewegte Meer glücklich zum Hafen leiten; sie allein, indem sie alle Herzen mit Liebesbanden an die Mitte fesselten, hielten die Hülflosen sicher über jenem gähnenden Abgrund schwebend, der immerfort in seiner bodenlosen Tiefe sie zu verschlingen droht, und in sich eben jene Schule des Satans beschließt, in der die wilden, losgebundenen Freyheitskräste zerstörend toben, und unaufhörlich in ohnmächtiger Verneinung an dein in Liebe und Eintracht verbundenen Gottesrckche nagen. Es liegt diesem Jrrthum eine grobe Verwechslung des im Irdischen entwickelten Gegensatzes der Richtungen mit dem höheren Verhältnisse des Ewigen zu dem ihm untergeordneten Endlichen zu Grunde. Der Begriff trägt in dieser Verwechslung spielend bald das Eine, bald das Andere seiner Elemente ein in die Idee, und indem er die Gegensätze also zwischen ihr und sich selbst, oder gar zwischen Gott und den Satanas vertheilt, verwirrt und stört er jenes vierte und höchste Verhaltniß des Ewigen zum Irdischen, durch die Gegensätze, die in diesem I. Orientirung. 109 Lchtcrn enthalten sind, und verwechselt das ewige Jenseits, dem zeitlichen Diesseits gegenüber, mit den ganz irdischen Beziehungen von oben und von unten, oder gar von rechts und links. Zn dieser Verwechslung, die nicht das Licht selbst, sondern das Farbenspektrum, als Brücke, von der Sonne zur Erde schlagt, liegt die tiefste Wurzel der Ideen- Verwirrung, wie im Leben, so in aller Wissenschaft, und der Geist der Zwietracht, der von je die Welt zerrüttet, hat besonders hier genistet, bald durch Irrthum, bald durch geflissentliche Bosheit diese Verhältnisse durch einander zerrend, und ihre gesonderte Klarheit durch Vermischung trübend. Laßt die Anschauung sich durch diesen Trug nicht irren, dann hat das Versiandniß des Wahrhaften in diesen Beziehungen bey seiner Einfalt keine Schwierigkeit. Das Höhere ruht wesentlich in der idealen Einheit der irdischen Gegensätze iu innerster Wurzel, die wir für die Erde an den Durchkrcutzungspunkt ihrer in die Menschheit hineiugebildeten Achsen, in jenes 8en80i'inru comunan« der Vernunft gesetzt, indem sie gegen die höhere Welt sich öffnet, und mit ihr in eine geheimnißvolle Gemeinschaft tritt. Da wo die Gegensätze um diesen Punkt sich zuerst in ihrer leisesten Entzweyung regen, beginnt die irdische Endlichkeit; ihr eigentliches Gebiet aber ist jenes Peripherische, in dem sie sich in ihrer HO Europa und die Revolution. ! äußerlichen Wiederverbindung durchdrungen haben, und nun jene Temperaturen, Formenzüge und Um- ^ länfe bilden. Die Brücke aber, die von den Zdea- ? len in der Mitte zu diesen äußersten Verbrei- j tungen hinsührt, geht durch die unendlichen, im ^ Werthe stets fallenden Erponentialreihen, die an die verschiedenen Achsen geknüpft erscheinen, und an ihnen, wie Nerven, vom Haupte gegen die äusseren Gliedmaßen hinunterlausen. Beyde entge- ^ gengefttzten Kräfte, deren jede ihre eigenen Reihen vorherrschend bildet, sind aber in ihrem Ursprung gleicher Würde: nach aufwärts geht die eine in ein Versenken in das Höhere, Ewige, die andere in ein Erschließen für seine Einwirkung auf; nach i abwärts haben ste beyde gleichen Theil an der Bil- ! düng des Endlichen, das ohne ihre beiderseitige ^ Jusammenwirkung nicht bestehen «tag. Auch die- ! ses Endliche selbst ist in seiner Wurzel keineswegs i ganz nichtig, noch weniger radical bös; es hängt z vielmehr eben durch jene Reihen, aus denen es den ^ Ursprung genommen, mit der Idee zusammen, und j wird durch sie geleitet und geführt. Aber eben, ! weil es in seiner äußersten Verbreitung in völli- ! ger Durchdringung der Gegensätze in seinem eigent- ! lichsten Charakter der Endlichkeit gedacht, nur als ! das letzte, unendlichkleinste Glied jener sich durchdringenden Reihen erscheint, darum steht es als i s I. Orientkrung. m solches dem O am nächsten, und ist von ihm nur um einen Werth unterschieden, der kleiner als , jede angebliche Größe erscheint. In dieser äußersten Zerfaserung der Grund-Kräfte ist also das geistige Atom an eine Gränze gesetzt, wo einerseits die Fälle des Dascyns durch eine unendliche Folge von Mittelstufen hinauf zum ursprünglich Wesen- Haften führt, andrerseits aber das Nichtseyn, die ! Nullität, die Lüge in ihrer Selbstvernichtung, ^ das wahre Radicalböse in unendlicher Leere sich dehnt, eine verneinte wesenlose Allheit in seiner Ausbreitung, eine gleich verneinte, unwesenhafte Einheit in seiner kalten Beschlossenheit im ausge- lcerten o. Und weil das Endliche an der Gränze der Fülle und der nichtigen Leere steht, darum nimmt es auch leicht an der Natur beyder Theil, ^ und da in der unendlichen Zahl von Einern, in > welche die Einheit sich in ihm gespalten, jeder in , seiner Besonderheit geschieden seyn muß von dem andern, darum muß nothwendig ein unerfüllter Raum, die Atome trennend, zwischentreten, und so wird jene äußere Leere der Nichtigkeit als Vaeuum 6 t 556 lliinatum sich in alle Bildungen der Endlich- i keit ergießen. Darum kann in ihr kein Tag ge- ^ setzt werden ohne die Nacht, kein Licht ohne Fin- ! sterniß, keine Warme ohne Frost, kein Leben ohne ^ den Tod, kein Gutes ohne die Möglichkeit seiner 112 Europa und die Revolution. ^ Selbstvernichtung in Nichtswürdigkeit. Die kör- ^ perliche Natur aber, die äußerlichste Verbindung der ^ höheren Gegensätze, der tiefste Niederschlag, der in ^ der Mischung des Weltbechers an den Grund sich l angelegt, und darum im Gebiet der Endlichkeit j die befangenste, gesondertste und gebundenste Bil- ! düng, wird an der äußersten Gräuze des Daseyns am Rande der Nichtigkeit stehen, ja in die Leere selbst hinausgebaut, die wie ein uferloser von al, ^ lem Elemente ausgeleerter Ocean, zwischen die erfüllten Räume tritt, die als Weltkörper in be- ! stimmten Umläufen nach einem Gesetze, starr, wie sie selber, in ihm rastlos, gleich den aufs Rad geflochtenen Titanen des Tartarus, zu schweben ver- ^ urtheilt sind, weil sie eben am tiefsten in Selbst- ! beschauung vom ursprünglich Wesenhaften abgefal- , len. Aber an ihrer Oberfläche, wo eine höhere, solarische Macht ihnen die innere, schlafende Be- ^ geistigung abgekämpft, dort ist ihre Erlösung an ' eine frcyere geistige Natur geknüpft, die an der l Himmelsleiter jener Reihen aus dem Nichtigen hinauf zur Idee gedrungen, und dort erst ihre rechte Vefreyung gefunden hat. Darum ist, wie die physische Natur zwischen die geistige und das leere > Nichtseyn tritt, so die geistige zwischen sie und das ! Göttliche gesetzt, und der Mensch reicht im Leiblichen j in die Eine hinab, wie er im Seelischen zur An- ^ l ! I. Orientirung. n5 dem sich erhebt, Ansteigen und Niederstekgen an jener Erponentenleiter aber ist in seine frcye Wahl gegeben. Wo diese znm Niederfahren sich entschieden, muß er sich auf seinen Eigenwillen, das ato- mistisch Beschränkte im Willensreiche setzen, und wie er vom Himmel höherer Freyheit in die Befangenheit der Uuterreiches niedertaucht, wird er ein Genosse und Lehnsmann des Fürsten, der dort herrscht. Das Gesetz seiner Seele ist dann nicht ferner mehr jenes religiös ethische, sondern das Naturgesetz; von der Führung der Vorsehung hat er sich losgesagt, dafür ist er den Schicksalsmachten anheim- gesallen; die Seele ist im Leibe in gänzlicher Bindung latent geworden, und sie ist in jenen Naturschlaf zurückgesunken, der alle frey bewegliche» Gliedmaßen in Fesseln hält. Er kann nun, ein kühner Nachtwandler, am Rande des Abgrunds gehen, und in äffischer Thatigkeit die Geschäfte des Tages treiben, aber auf die Gefahr, in die Tiefe hinabznstürzen, wenn die Stimme aus ihr ihn bey Namen nennt. Gleichartige Atome mag er nach den Gesetzen der sie alle beherrschenden Wahlverwandtschaft an sich ziehen, die wachsende Masse ins Gebiet der mechanischen Kräfte tretend, mag in ihnen in weitem Umkreis noch andere Massen sich anfügen, daß die arbeitenden irdischen Mächte Berge ans Berge wälzen, aber das Werk Europa urrd die Revolution. über seine Höhe hinaus gelangt, muß nach ewigen Gesetzen des Himmels Blitze auf sich ziehen, und unter seiner eignen Last erliegen. Hat die Wahl aber gegen die andere Seite sich gewendet, da begegnen der Persönlichkeit, die zwar von der Eigensucht, aber keineswegs von der Selbstständigkeit sich losgesagt, jene hülfreichen Geister, die stets zwischen der Idee und dem wirklichen Daseyn, als vermittelnde Machte, auf- und niedersteigen, sein Geistiges wird der organische Leib dieser Gotteskräfte, und sie würken nun als Seele und Leben in diesem Organe, und der Tod ist bezwungen durch diese neue Begeistiguug, und fortan ganz ins Leibliche gebannt. Es sind aber die beyden entgegengesetzten Seelentriebe, die bindenden, wie die spannenden, dort gleich schuldig an der absteigenden , wie hier gleich theilhaftig des Verdienstes an der aufsteigeuden Bewegung. Denn sie eben sind es, die als Elemente und Faktoren aller geistigen Thatigkeit, auch hier im Willensgebiete, den freyen Entschluß hervorgerufen, und dadurch eben die Wahl entschieden haben. Darum soll keine dieser Kräfte sich höher halten, dann die andere, noch minder dürfen sie aufsieigen über einander, um sich auszurotten. Zn jenen seltenen, glücklichen Zeiten, wo die Gesellschaft geregelt in einem schönen, gerundeten Ebenmaß, in innerlich wohlgestimmter Harmonie, in der Fülle einer ungetrübten, klaren. I. Orientirung. n5 sich selbst durchsichtigen Gesundheit blüht, treten sie beyde unsichtbar in den Organism zurück, und sind es, die dort als die ihm einwohnenden Lebenskräfte wirken und walten, und in ihrer Wechsel- Wirkung jenes harmonische Daseyn inuerlich begründen. Wird diese Heiterkeit aber! durch störende Einwirkung getrübt, die harmonische Stimmung durch Mißlaute zerrissen, und die Wurzel des Lebens durch eine organische Krankheit angegriffen, dann brechen sie in den Partheyungcn aus ihrer Verborgenheit, und indem sie nun heftige Stürme, große Fieberbewegungen und krankhafte Zuckungen erregen, sind sie es, die als Heilkräfte der Natur das gestörte Gleichgewicht wieder herzu- siellen sich bemühen. Es werden aber diese Störungen am häufigsten dadurch hervorgebracht, daß eine oder die andere der Tätigkeiten vorwiegend sich erhebt, um sich gewaltsam ans der harmonischen Temperatur der GesamMtheit loszureißcn. Dann treten die Gegensätze sogleich in ihrer heilkräftigen Wirkung hervor, und stumpfen durch ihre Thätigkeit die Schärft jener lururiirenden Kraft. Wenn in solcher Weise die Autorität sich im Despotism übernimmt, sind es die individuellen Freyheitskräste, die am andern Ende des Hebels entgegenwirken. Wenn die Ungleichheit des Besitzes bis zum Uebermuth gediehen, dann erfolgt 2 Ä >? n6 Europa und die Revolution. durch die Gegenwirkung der mechanischen Kräfte in gleicher Weise leicht eine jener großen E.rplosio- nen, die im allgemeinen Gütcrwechsel das verlorne Gleichgewicht wieder herzu stellen sucht. Wie hier die irdischen, so werden auch die höheren Gegensätze immerfort durch die Geschichte in stetem Streite sich begegnen, damit sie sich wechselseitig vor jeder Aberration bewahren. So bedarf das solarische Prineip an der Erde, irdisch als Kirche dargestellt, irdischen Stoffes und menschlicher Willenskräfte, um im Endlichen zur Wirksamkeit zu gelangen. Mit diesem eingetretenen Elemente aber ist die Gebrechlichkeit in ihr eingekehrt, und im Zwiespalt der Wahl kann sie, wie jede menschliche Institution, in der Erscheinung in ihren Gliedern zum Nieder- stcigcn sich bestimmen, und in Trägheit und feister Sinnlichkeit erstarren, oder in Hochmuth sich entzünden. Dann ist es der Erdgeist, der mit der Verknöcherung und der Entzündung kämpft, und die gestörte Ordnung wieder gewinnt; wahrend er selbst seinerseits im vermessenen Ansteigen oder verworfener Versunkenheit seinen Meister an jenem höheren Principe findet. Wenn daher nach einer alten Lehre durch den Zwist ursprünglich die Welt geworden, nach anderer durch den ersten Eros; st sind es beyde, Streit und Wiederversöhnung in der Eintracht, die sie in ihrem Bestand erhalten, 1. D r i e n r i r u u g. > > 7 und es wird der Geschichte uimmer au Streitern fehlen, wenn sie deren bedarf, noch auch an der Vermittlung, wenn die Zeit dazu herbeygekommcn. Die streitenden und zusammenwirkenden Kräfte aber sind die dienstbaren Geister, deren sie zu ihrem Werk bedarf; und zwey weiße, lichtglänzcnde Sonnenrosse und zwey schwarze irdische Willenskräfte vorgespannt, also lenkt sie ihren Wagen durch die Himmelsbahn. Vier andere Rosse aber, nicht wie jene aus dem Feuer geboren, sondern Neptunischen Ursprungs, dem Meer entstiegen, sind es, die in stetem Kreislauf abwechselnd aus dem Tag in die Nacht überschreitend, den Umschwung alles Irdischen um seine Achse in periodischer Wiederkehr begründen. II. Vergangenheit. Nachdem die Betrachtung auf dem bisher verfolgten Wege zur Verständigung getaugt, und sich in Mitte des Widerstreites möglicher Meinungsverschiedenheit zurecht gefunden, setzt sie sich in jenen Standpunkt, den wir den geocentrischen genannt, um von da aus das Gebiet des wirklich Vorhandenen in Einem Blicke zu überschauen. Es beschließt aber dieser Punkt praktisch zunächst die höchste Autorität in der Gesellschaft, gegen die alle bindenden Kräfte neigen, und auf die alle spannenden sich zurückbeziehen; er ist mithin die gemeinsame Lebeusmitte, die das Spiel und die Wirksamkeit aller socialen Tätigkeiten bedingt, und von ihnen hinwkedrum ihre Bedingung erhält. Er ist aber auch geistig, der gemeinsame Brennpunkt aller Anschauungen, Einsichten und Begriffe, die durch die Gesellschaft verbreitet sind, in denen ihr Selbstgefühl und das Verständniß ihrer Stellung zum Aeußeren beruht, kurz dessen, was man die öffentliche Meinung nennt. Wenn in der Autorität und ihren Verhältnissen zur Gcsammt- heit die Leitung der Willenskräfte des Erdgeistes und aller seiner zeugenden und erhaltenden 11. Bcrgangenheir. 119 Lebensthätigkciten delegirt erscheint, so tritt in dev Meinung seine Intelligenz hervor in politischen Angelegenheiten, das was der Geist von oben in kirchlichen, und selbst nur eine Inkarnation dieses Geistes, wenn sie, die vox pmpuli, zur wirklichen vox vei sich gelautert hat. Sie mag aber nimmer Gottes Stimme seyn, wenn ste nicht ohne Frömmelet» religiös ist in innerster Wurzel, und nicht als ihr tiefstes Geheimniß die Scheu vor einem Unsichtbaren in sich trägt, das ihr erst Grunze gibt, und Maß und Regel und innere Harmonie. Sie wird sich dann in ihrem Gesammtcharakter nicht in irgend eine wüste Einseitigkeit verstricken, sondern, wie der Geist und die Geschichte, ohne Zagen alle, auch die schroffsten Gegensätze in sich hegen, aber alle bemeisiert durch die höhere Idee, aus der sie iu ihrer Entzweyuug herausgeschlagen; und alle wieder vermittelt praktisch durch jene Billigkeit, die mitten im Streit der Meinungen ein Unbestrittenes stehen laßt, in dem alle getheilten Ansichten stillschweigend sich einverstehen. Sie wird dann anerkennen, daß die Autorität allerdings göttlichen Ursprungs sey, aber da die Rechte und die Freiheiten des Volkes aus derselben Quelle fließen, so wird sie diese Rechte mit dem gleichen Muthe gegen tirannische Will- kühr schirmen, womit sie die Pflichten gesetzlicher 120 Europa und die Revolution. Unterwürsigkeit gegen jeden Frevel sichert. Sie erkennt, daß eine große Bindung vom Ursprung her durch alle Zeiten geht, die in der Folge der » Geburten und Lebensalter die Geschlechter aneinander knüpft; darum will sie, was als Sitte, Herkommen, Ueberliefernng aus einem Jahrhundert ins andere hinüberrankt, nicht mit Einem Griffe durchgerissen sehen, sondern vielmehr gepflegt und geschützt, so lange das grünende Leben nicht aus ihm gewichen. Darum aber will sie keineswegs den Tod zum Herren des Lebens machen, noch das geschiedene Jahr in dürren Herbarien ausgetrocknet gegen die Verwesung schirmen; sie laßt vielmehr jeden Frühling sein Laub und seine Blüthen treiben, damit jeder Gegenwart ihr Recht werde und ihr Theil, wie sich gebührt. Sie begreift, wie jener stille Zug der Häuslichkeit und stttiger Liebe, in dem die Familie in sich und mit der Heimat!) zusammenhangt, die eigentlich lebendige Cohästons- kraft der Gesellschaft sey, daß aber noch eine andere Lebensthatigkeit, der Genre ingeist, diese Elemente wieder in ein Ganzes verbinden, und das Verbundene in der Gemeinschaft erhalten müsse, wenn es in seinem Bestände beharren und gedeihen soll. Sie ist endlich zur klaren Einsicht darüber gelangt und zur Verständigung, daß es eine und dieselbe Einheit sey, die mit der ober» II. Vergangenheit. 121 Welt die untere, den Staat mit der Kirche, beyde wieder in sich selbst und wie mit ihrer natürlichen Unterlage, so mit ihrer Zukunft und Vergangenheit verknüpft, und mit ihren vielfach geschiedenen Tätigkeiten diese Institutionen spannend Zusammenhalt, und haltend spannt und treibt. Die Autorität aber, wenn ste einer solchen Meinung gegenüber in ihrer praktischen Bedeutung sich behaupten will, muß in gleicher Steigerung auf derselben Höhe ethischer Würde und Lauterkeit über der kampfenden Zwietracht erhaben stehen, und aller streitenden Elemente Uranfänge in sicherem, festem Willen beschlossen tragen. Sie de- müthigt sich dann vor jener Macht, die ste zur Herrschaft über freye Geister berufen hat, und, wie sie selbst im Welthaushalt über Knechte nicht gebieten will, so auch im bürgerlichen Verkehr auf Erden keinem Sterblichen eine Delegation zur Tiranney übertragen kann. Sie übt Gerechtigkeit vor allen Dingen, weil, wenn ste Unrecht sich gestattet, die innerste Quelle des Rechts vergiftet ist. Sie läßt sich nie zur Gewalt verleiten, weil jede Gewalt- thätigkeit in der Rückwirkung, die sie hervorruft, sich selbst ausreibt. Sie läßt nie durch feigen Argwohn ihre ruhige Fassung stören, weil Argwohn das Laster kleiner Seelen, der Große des Berufes widerspricht, und Feigheit nimmer solchen ziemt, irr Europa und die Revolution. die auf der Höhe Allen sichtbar stehen. Sie giebt sich nie dem Streite der Partheyen Preiß, weil ihre Würde Gefahr laufen würde, im Getümmel der Leidenschaften und Streitigkeiten. Aber sie scheut keine Kraft, und laßt jede Thätigkeit innerhalb der gesetzlichen Schranken in ihrem Thun gewahren; denn sie will nicht, daß die lebendigen Triebe in Trägheit und plumper Unbehülstichkeit erstarren, damit die eigene Ohnmacht der Ohnmächtigen leichter Meister werde. Sie fördert vielmehr in alle Weife den Antagonism der Tätigkeiten, und jene ruhige, frische Freyheit der Geii ster und Bestrebungen, wobey allein im Gebiet lebendiger Kräfte ein tüchtiges Werk gedeihen mag. Sie kann sich dann mit vollem Rechte von Gottes Gnaden nennen, weil sie in seinen Rathschlüssen und in der Kraft des moralischen Welt- ^ gesetzcs wirkt und handelt; wahrend jede Tiran- ncy gesetzt wird in des Satans Grimm, und darum jenes Gesetz zu ihrem Verderben gewaffnet findet. Eine sd harmonische Ineinanderbildung aller Elemente der Gesellschaft, wo die Autorität nur die praktisch gewordene öffentliche Meinung ist, ^ diese aber nur der ans der wirklichen Ausführung abgezogene Begriff, kann begreiflich nur in hochbegünstigten Zeiten das Ergebniß einer glückliche» II. Vergangenheit. irä Fügung der Umstände seyn, oder wird vielmehr iu ihrer ganzen Vollendung in der Wirklichkeit nie gefunden werden. Der Staat ist eingerichtet, damit die wilden, thierischen Triebe in der Gesellschaft gebändigt, die schlafenden, tragen Kräfte aber geweckt und angctrieben werden, durch das Höhere, Bessere in der menschlichen Natur, indem durch den Organism der Verfassung dein Geistigen eine künstliche Uebermacht über dis physisch-stärkere rohe Masse gegeben ist. Aber es verwirrt sich diese Ordnung leicht wegen ihrer Künstlichkeit, indem die gemischte Natur aller ihrer Organe, in denen die reißenden Triebe sich hinaus bis in die höchsten Institutionen, dafür aber auch das geistige Licht wieder bis zur Tiefe hinab verbreitet, sich mit ihr in einem stetigen Widerspruche versetzt, und nun die Meinung sich nicht leicht rein erhält von der Trübung der Leidenschaften, noch die Autorität von der allgemeinen Gebrechlichkeit menschlicher Natur. Darum ist in den neueren Verfassungen angenommen, daß ein Zwiespalt zwischen beyden, zur Oekonomie der Gesellschaft unentbehrlich, sich bewahre, damit das in der Masse verbreitete Licht ihre Willenskraft erleuchte, und die Meinung der Autorität als ihr äußeres, auseinandcrgezogenes Gewissen entgegen trete, und richtend nach einem Gesetze, das sie beyde als Europa und die Revolution. ,24 -4 über sich bestehend anerkennen, selbst hinwiedrnm durch die gelauterte Einwirkung der Autorität, die es hervorgerufen, gelautert werde, so daß beyde in wechselseitiger Hülfleistung sich durch einander steige- ' und reinigen. Aber cs ist allein gänzlich zerrütteten und mir sich zerfallenen Zeiten, wie die gegenwärtigen, Vorbehalten, daß beyde sich feindselig einander entgcgenstellen, und als Gegenfüßler in einen unversönlichen Streit eiutreten. Es beschuldigt alsdann die Meinung die ihr feindlich opponireude Autorität der Tiranney; diese hinwiederum, indem sie sich gegen ein vorausgesetztes revolutionäres Streben in ihr zu sichern sucht, übt Gewaltthätigkeiten aus von vielfältiger Art, die dann wieder der Meinung als untrügliche Beweise des vorausgesetzten Mißbrauchs der Gewalt dienen, und indem sie die Unzufriedenheit noch höher steigern, zu neuen repressiven Gewaltthaten Veranlassung geben, so daß statt der wechselseitigen Reinigung, vielmehr in einer ununterbrochenen Folge von Wirkungen und Rückwirkungen eine immer gesteigerte Erbitterung sich entwickelt. Es setzt der Eintritt eines solchen Zustands schon voraus, daß im Inneren der Gesellschaft eine bedeutende Verrückung des Schwerpunktes vorgcgangen, in Gefolge welcher der Stützungspunkt derselben in der Autorität in keine Weise mehr mit jenem idealen k II. Vergangenheit. 12Ä Schwerpunkt, gegen den die Meinung dringt, zusammenfällt, und nun nothwcndig stetige Schwankungen, ja Umstürze, als Folgen des gestörten Gleichgewichts erfolgen müssen. Was diese Verrückung herbeygeführt, wird sich allein aus der Geschichte der Vergangenheit begreifen, und die Betrachtung findet sich daher dahin getrieben, aus jenem Punkte, in den sie sich gesetzt, zuvorderst einen Blick auf die nächsten Jahrhunderte hinzuwersen, die der Gegenwart vorangegangen, und die Keime ihrer Ereignisse in sich beschlossen haben. Es ist aber die Gegenwart in all' ihrer Zerrüttung, in ihren Kämpfen und Umstürzen, in ihrer Trostlosigkeit und allen ihren Hoffnungen das Werk zweyer großen Catastrophen, die sich im Natnrgange der Geschichte aus dem großen Streite der geistlichen und weltlichen Macht, der das Mittelalter zersiört, entwickelt haben. Todtwund waren beyde Streiter aus diesem Kampf hervorgegangen; die innersten Lebeusthcile der europäischen Gesellschaft erkrankten in ihrem Siechthum; die alte Lebensweise konnte nimmer fortbestehen; große Krisen mußten sich entwickeln, und in ihnen die Regeneration des zerrütteten Organism sich verbreiten. Vieles wirkte zusammen, um den ersten Ausbruch dieser Krisen in die Kirche, die zärteren Gewebes am ersten die große Veränderung der Aspekte em- psinden mußte, zu versetzen. Die Krenzzüge und die Gottessahrten, die in ihrem Gefolge cingctrc- ten, Hutten wieder den ersten Pfad zu dem seit ^ Jahrhunderten wild verwachsenen Orient getreten, ^ und es pilgerte nun auf der alten wieder gcöffnc- ^ ten Götterstraße eine neue Ideenwelt mit den Heim- > kehrenden in den Oceident. Anderer Glauben, an- ^ dere Propheten, andere Weisheit wurden zum er- > stenmal bekannt in der seither streng in sich be- ! schloffeueu oceidentalischrn Christenheit; neue Thier- gestalren und Gedaukenformen, andere Bilder und andere Tonleiter der Empfindungen, neue Sitten und ungekannte Weltanschauungen traten an die ! alten , geläufigen heran, so lange die Feindschaft i der streitenden Religionen glühte, sie im Wider- > spruche stärkend und bevestigend, dann aber, als ^ der Haß erkaltete, sie langsam unternagend. Als ^ mit dem Sturze von Byzanz die Maneu der alten j geistigen Heroen endlich den Todtenhügel ihres ^ Volkes zu verlassen sich entschließen mußten, führ- ! ten sie den Westen ein in die Zeit, in der sie hei- i misch waren: Altgriechenland stieg nun herauf, > wie durch Sarazenischen Zauber aus dem Todten- ! reich beschworen, — damit es verführerisch die ! Fülle schöner Sinnlichkeit dem strengen Ernst der ! Lehre entgegensetze. DieZdecnwelt des Alterthnms i war mit den Bildern aufgewacht, und die söge- l II. Vergangenheit. I27 * nannte klassische Bildung sieng an, als zweytes Auflösungsmittel die herrschende Gedankenwelt anzugreifen. Bald als jene blinde Seherin, die magnetische Somnambule, die Wegweiserin auf ödem, pfadlosem Meere in Amalfi gefunden war, gierig eine neue, dritte Welt, zu den beyden eben entdeckten, den erstaunten Zeitgenossen auf. Da kamen neue, ungesehene und unerhörte Naturbildungen herangezogen; Edelsteine mit dem lauterster! Krystallwasser getränkt; Erze mit allen Reichthümern der Unterwelt gesättigt; Pflanzen in wunderseltsamen Gestalten; Thiere, als hätten sie von den Arabesken der Phantasienwelt sich losgerissen ; neue Geschlechter der Menschen, so gestaltet, als gehörten sie anderen Planeten an. So war plötzlich ein neues Eden aufgethan, und seine Thiere und Kreaturen traten abermals vor den Herren der Schöpfung hin, auf daß er sie zähle, und sie beyrn Namen rufe. Und er that nach ihrem Verlangen, und die Zeit warf sich nun mit der ganzen Kraft eines durch die scholastische Gymnastik seit lange her geschärften Verstandes auf die Naturwissenschaften, und ermüdete nicht zu forschen in dem Buche, das die Meisterin selbst geschrieben, und seither unter sieben Siegeln geschlossen erhalten. Selbst ein neuer Himmel hatte diesem Streben sich aufgethan, und in den Fahrten nach bey- 128 Europa und die Revolution» den Indien sich ein anderes Firmament mit neuen Standsiernen entdeckt, und ein anderer Feuerwagen als jener, in dem die Propheten zur Höhe fuhren, ließ das gewaffnete Auge in die neu entdeckten Raume dringen» So hatte der Fürst der Welt auf einmal alle seine geheimen Schatzkammern aufgeschlossen; was das Alterthnm je Herrliches herausgebildet, was die Morgensonne von geistigen Aromen im Palmenlande hervorgetrieben, was magische Zauberkräfte aus der Erde Schoos herauf- beschworeu, was hinter dem Umfange des Firmamentes sich geheimnißvoll verbarg: Alles mußte an's Licht heraus, damit das Menschenkind sich an ihm ergötzen möge» Vor solcher Pracht des Wissens, die nun mit einemmale sich erhoben, mußte das stille Licht des Glaubens unscheinbar erbleichen, und die alte Einfalt und Armuth im Geiste konnte nimmer vor diesem Psanenspiegel bestehen, der in hundert Augen den eingesogenen Lichtglanz der Welt widerstrahlte» Jene Symbole, in denen die Idee sich oft an's Unbedeutendste gehangen, konnten eben darum dem sondernden Begriff keinen Stoff darbieten, und als er seine Scheiduugsmittel an die dürftige Hülle legte, schwand ihm die Be- geistigung im Augenblicke, wo sie ihre Wirkung begannen. Da er also bey der schärfsten Untersuchung nichts als etwas Phlegma und einen uns »29 II. Vergangenheit. bedeutenden Rückstand irdischer Elemente als <:a- jzur morimnm vorgefunden, so mußten ihm die Gegenstände seiner ehemaligen Verehrung noth- wendig bald als ein kindischer Aberglauben erscheinen, und die Religion nicht viel mehr als eine Luftspiegelung irdischer Objecte in Himmelsdünsten, die jetzt bey der eingetretenen Kühlung im Thaue niederfielen. So trat der Zweifel, und mit ihm die kritische Betrachtung ein; die Lehre, von Wissenschaften umbaut, wurde zuletzt selbst als Wissenschaft betrachtet, und die Resultate der über sie verhängten Untersuchung durch den Druck im ganzen Geisterreiche ansgebreitet. So konnte die Catastrophe, von allen Seiten vorbereitet, mit ihrem Eintritt nicht lange zögern. Der polemischen Richtung, die aufsolchemWege allmählich der Geister sich bemächtigt hatte, bot der Zustand der Kirche nur allzu reichlich Stoff und Widerhalt. Die Macht der Päpste war in jenem Kampfe vom vergifteten Schwerdt getroffen worden, aber sie konnte nicht sterben, wie der Held auf Montsalvatz, weil der Graal bey ihr war. Aber das Gift brannte in den Eingeweiden, und das entzündete Blut trieb, wenn die Gelegenheit es gab, mitunter zum Frevelhaften. Sicbenzig Jahre trieben die Päpste in französischer Knechtschaft sich iu jener Lastergrube an der Quelle von Vaucluse 9 »Za Europa und die Revolution. um. Italienische Verderbniß verband sich hier mit gallischer, das Conclave wurde zur Schule der Jutrigue, und daraus erwuchs das Acrgerniß der ^ Gegenpäpste, die die Drachenhaupter gegen eiuau- dcr weckten, und sich wechselsweise bannten und mit Gift anbließen. Da das wilde Feuer ausge- tobt, war die neue Zeit mit ihrem Glimpf hcr- angekommen, und brachte ihre Arglist und Lugen- künste mit, und man sah das Cabinctt der Sic- benhügelstadt nur allzu oft Theil nehmen an den Nichtswürdigkeiten trugvoller Politik, die an die Stelle unverhohlener Gewalt getreten. Das Skech- thum des Hauptes mußte sich in allen Gliedern fühlen. Die Kirchenfürsten, zum Theil zu Lan- dessürsten verkörpert, verknöcherten mehr und mehr, und der Geist wurde dem Fleische dienstbar. So dörrte das innerste Mark langsam von oben nach unten ab; bis in die Klöster hinunter verbreitete sich die Lähmung, da ihre Gesetzgeber gegen die durch steigenden Reichthnm hcrbeygesührte Verderbniß Vorsehung zu thun vergessen hatten. Die Symbolik, im Verhältnis wie ihre Begeistiguug verflog, ließ die Form erstarrt zurück, und man ließ diese nun, im Verhältnis wie die innere Anschauung erblindete, sich statt der abgeschiedenen Idee gefallen. Wohl hatten die Concilien geeifert und gewahrt; aber sie erkrankten selber an . II. Vergangenheit. dem Uebel, das sie bekämpfen sollten. Da mußte endlich die Steuer, die man zum Bau der ersien > Metropolitankirche der Christenheit ausgeschrieben, die veranlassende Ursache ihrer Trennung werden» Kühne Männer aus dem Volke träte« dem Mißbrauche der Judulgenzen entgegen, und griffen mit kecker Hand an die tiefen Schäden, an denen die Hierarchie erkrankt. Früher hatten ihre Vorgänger gleiche Kühnheit in: Flammentod gebüßt, aber jetzt waren die Zeiten zum Werke reif geworden, und ihr Bestreben wurde von einer entschiedenen Meinung im Volk getragen. Jener Geist des Wissens und Erkennens war nun ausgereift; ihm war das herrschende System zu enge worden, und im Uebermuthe des neuen Selbstgefühls drängte er gegen alle Schranken an, die seine Ausbreitung hemmen wollten. Zn solchen Zeiten erwacht dann zugleich mit einem fröhlichen Bildungstriebe jene furchtbare Zerstörungskraft, die wohl Jahrhunderte in der Gesellschaft, wie nicht vorhanden, schlafen mag, daun aber plötzlich mit aller Macht einer sinstern, dämonischen Gewalt in ihrem Abgrunde sich ausrkchtet, und um sich wüthet. Mit Mäßigung hatten die Reformatoren im Beginne nur das Gerechteste, ja weniger als das, begehrt. Aber wie es sich zu begeben pflegt, wenn ein krankes System durch sich selbst sich regeneriren soll. i.^2 , Europa und die Revolution. daß die krankhaften Organe, die selber nur wieder Krankes erzeugen mögen, den Dienst versagen, so mußte es auch hier geschehen. Die Leidenschaften, die eben, indem sie den löblichen Brauch zu sich hinabgezogeu, rhu zum Mißbrauch verdorben ha- ^ ben, hüten nun mit heuchlerischem Eifer das Entartete, indem sie stets auf seinen besseren Ursprung sich berufen, und reden damit leicht der gutmüthi- gen Beschränktheit ein, nicht bas Kleinste im Werke dürfe von der Stelle rücken. So beharr- ten die Einen eigensinnig, und die Andern erzürnten, daß man so Gerechtes versage; Alpen und ^ weite Landerstriche trennten die Streitenden, und hinderten jede Verständigung. Zn Italien war ^ der Mittelpunkt der Kirche, im Lande, das zu aller Zeit das Herrlichste getragen, aber auch zugleich im Verderbniß edler Kräfte alle moralischen und physischen Gifte erzeugt. Die Reformation ihrer- ^ seits aber war von Teutschland ansgegangen, wo das Volk in treuherzigem Glauben die Religion immer anfs Ernsilichste genommen, und jetzt nicht ^ ganz grundlosen Verdacht geschöpft, daß frecher Unglaube frevle Spiele mit seiner Einfalt treibe. Als darum italischer Uebermuth höhnisch das Ansinnen der Sprecher abgewiesen, erwachte jener ^ ethische Ingrimm, der dies Volk von je zum Werkzeug der Nemesis gemacht, und schirmte die An- . II. Vergangenheit. i35 gesochtenen. Nun geschah, was nie ausbleiben kann, wenn es zu solchem Aeußersten gekommen; die Leidenschaften forderten, eine um die andere, sich heraus, Gewalt machte sich auf, um Gewalt abzutreiben, Tücke weckte Bosheit, und der Arglist suchte plumpe Rohheit, so gut sie konnte, zu' begegnen. So konnte nimmer das Maß gefunden werden, noch eine billige Mitte zwischen denen, die nichts gestatten mogten, und denen, die Alles zu fordern nach und nach gelernt. Die Habsucht, der nach den Kirchengütern gelüstete, hatte sich früh eingemischt, die neu entstandenen Interessen drängten auf ihre Gewahr in gänzlicher Trennung. So mußten die kampfenden Elemente, die sich nicht wieder vertragen konnten, nothwendig in einer äußern Spaltung auseinander reißen, und es schied sich der Norden vom Süden. Man ließ thöricht die Ideen entgelten, was die Menschen verschuldet hatten; die Reformation, im Eifer, alles Brandichte bis zum Grunde abzulöscn, schnitt in eiliger Hast in die gesunden Lebenstherle, die ihr dann aus der geretteten Wurzel nicht wieder trieben. Die alte Kirche aber, verblutend aus vielen Wunden, wurde stillstehend auf lange Zeit, weil mit der neuen Kirche der Trieb aus ihr gewichen. Und ganz Europa war nach den zwey Richtungen geschieden, und es gieng der Riß durch iZL Europa und die Revolution. Irland im Kanäle, der dies Land von England trennt, gegen die Mündungen des Rheins, den Strom hinauf, den Mayn entlang, zum Böhmerwalde, durch die Oder bis zu den Gräuzen der dritten Kirche, der altgrichischen, die sich schon früher abgerissen. Und cs beharrte im Süden dieser Linie das alte, geistige Continent in seinem Fortbestand; im Norden aber hatten die Fluthen der neuen Glanbensfreyheit es bedeckt, und wahrend jenes Feste in Inseln und Halbinseln sich ins neue, bewegliche Element erstreckt, ist das in vielen Buchten, Meerbusen und Binnenseen seinerseits ins alte Continent eingedrnngen. So war der Kampf des Mittelalters nach einer Richtung ausgekämpst, indem die eine Kirche in zwey Reiche sich geschieden, ein mitternächtliches und ein mittägliches, die fortan gegeneinander sich in feindliche Opposition versetzten. Es war leicht abzusehen, daß in der andern Richtung, der des weltlichen Regiments nämlich, gleiche Entwicklung zu ohngefähr gleichem Ziele führen müsse. Dieselben Gährungsstoffe, die im Glanbensgebkete zuletzt zu jener Trennung geführt, mußten in dem europäischen Staatskörper dieselbe Fermentation entzünden, die bey seiner gröberen Natur zwar später, aber zuletzt doch unausbleiblich, in eine ähnliche Crise sich entschied. All» die inner» II. Vergangenheit. i35 Contractionskräfte, die dem politischen Organism des Mittelalters Ton gegeben, und kräftige Irritabilität in straffer Faser, waren im Verlauf der Zeiten in stch erschlafft; dafür mußte, wie der innere Zusammenhang loser auseinander wich, die Erregbarkeit gesteigert werden, und in den leichter zugänglichen Organen stch mehr und mehr die Masse des abgesetzten äußern Stoffes mehren. Eben dieselbe Entdeckung der neuen Welt, die jene gewaltige Fülle neuer Begriffe in den allgemeinen Gedaukenumlauf eingetragen, hatte in den Kreislauf der Güter plötzlich eine Masse edler Metalle hineingeworsen, die alle Verhältnisse des alten Besitzstandes umgekehrt. Ueber dem Ackerboden hatte eine zweyte Stufe des Eigenthums jetzt erst seine genügende Naturbasts erlangt, und das städtische Wesen konnte nun erst die rechte Wurzel in der neuen metallischen Erde treiben. Die Gewerbe hatten zu ihren specifischen Abscheidungen die nöthige Fülle des Nahrungssafts gewonnen; zugleich wurde durch die Erweiterung des Vertriebs in ferne Welten die Vlutbahn in weiter gezogenen Kreisen ausgebreitet, und dadurch mußte der Umschwung des Mobils in steter Zunahme beschleunigt werden. Darum sogen alle einsaugendeu Gefäße mit lebhafter Thätigkeit, alle Pulse schftrgen schneller, voller und gespannter; iZ6 Europa und die Revolution. alle Gefäße des früher trocknen, saftlosen Körpers füllten sich reichlich; die Lebenswarme nahm zu in allen Theilen, es rundeten sich die Glieder, und es bildeten sich jene Ablagerungen aus dem allgemeinen Lebenssirome, die die Behaglichkeit des bürgerlichen Wohlstandes begründeten. Der alte, stehende Besitz war nun durch den neuen, fließenden wandelbar geworden; und die erbliche Ehre, die auf jenem haftete, wurde eine persönliche, auf den jedesmaligen Inhaber des beweglichen Reichthums lautend. Der Aristokratie, auf den Grund fundirt, stellte die des Goldes sich entgegen; der alten Patrimonialherrschaft das Bürgerthum, der stillen, ewig in sich gekehrten, kreisförmigen Bewegung des Ackerbaus die kühnen, vielfach verschlungenen Linien künstlich mechanischer Gewerbe, und dem Ortssinne, den jene vorzüglich gepflegt, der Weltsinn, den der Handel begründete. Eine ähnliche Revolution hatte die neue Waffenart, und die darauf gebaute Kriegskunst im andern politischen Elemente hervorgebracht. Das ferntreffende Geschoß forderte nicht mehr die Uebung eines ganzen Lebens; da die Person in den zweyten Rang hinter das Werkzeug trat, mußte auch hier der Mechanism bald die Persönlichkeit verschlingen. Wo aber allein die Masse gilt, war das Individuum gleichgültig geworden, und jedes, was II. Vergangenheit» 1Z7 sonst nur dre nöthige Kraft besäst, würbe gleich tauglich, um unmittelbar ans dem Leben einzutre- tcn. So hörte die Waffenehre auf, ausschließlich dem Adel anzuhangcn, und, wie durch Handauflegung und Weihe, von ihm auszufließen, sie gieng über aufs Bürgerthum und bis zum Bauernstand hinab, und verstärkte bey der allgemeinen wehrhaften Rüstigkeit den Stolz und das Selbstgefühl der Stande, und es begann das Volk gegenüber den höheren Claffen in seiner Selbstständigkeit sich zu gefallen. Eben so waren die neuen Begriffe, wie das Geld in die Oekonomie, so in die Ueber- liefernng eingedrnngen. Jene alten Pergamentbücher, die wie Acker oder Wald als ein Familienschatz von Geschlecht zu Geschlechts fortgeerbt, wurden verdrängt durch die Masse fliegender Blätter, die die Presse ohne Mühe und Aufwand ins Unendliche vervielfältigen konnte. Die alte Poesie, die in Sage und Gesang im Munde des Volks stets lebendig mit ihm durch die Zeiten durchgegangen, verstummte in der emsigen Betriebsamkeit des Lebens, das stets mehr Arbeitstage und weniger Tage der Sammlung und der Feyer gewann, und wurde vergessen, oder in Druck und Schrift eingcsargt. Die Geschichte, die zum Theil getragen von jenen fliegenden Tönen, in stets wacher Erinnerung fortgelebt, trat mit ihnen in den Vü- ,58 Europa und die Revolution cherstaub zurück, und wie die Vergeßlichkeit wuchs, ^ mußte die Vergangenheit mehr und mehr erblei- > chen. Die Ehre der Dynastien und Geschlechter, !. die vorhin im Munde der Sänger bis an die mythischen Zeiten hinanfgereicht, war nun, da der Faden abgerissen, im Gedächtniß des Volkes ausgelöscht; unansehnlich und thatenlos, wie sie in der schon beginnenden Entartung unter ihm wandelten, begriff es nicht, worauf ihre Ansprüche auf Macht und Herrlichkeit sich gründen wollten. Das Volk von heute war selbst dem Volk von ehehin entfremdet, und das dritte Geschlecht rückwärts schon ins Dunkel zurückgetreten; darum hörte die Gegenwart auf, die Institutionen der Vorzeit zu begreifen, und da sie nur allzu oft neuen Bedürfnissen und Ansprüchen hemmend entgegen traten, entwickelte sich schon früh ein stets zunehmender Haß gegen alles Historische. Dafür quoll und trieb die neu eingesogene Gcdankenmasse mit einer immer wachsenden Federkraft; das Gefühl des Unzureichenden in den alten Verhältnissen gesellte sich zu jenen unruhigen Trieben, die Lust und Entwicklung suchten; und so unterwühlte vom untersten Grunde heraus ein innerer zerstörender Geist die alten Formen, die fortan nur durch ihre Trägheit sich behaupteten. An den dxey Achsen, die die bürgerliche Gesellschaft Zusammenhalten, hatten n. Vergangenheit. iZg nnmerklich alle Hebelarme nach der positiven Seite sich verkürzt, wahrend die gegen die andere hin in gleichem Maße sich verlängert hatten; der mathematische Schwerpunkt war längst vom faktischen abgelöst, und wie sie bcyde in immer größerer Scheidung auseiuanderwichen, mußte endlich die Zeit drohend nahen, wo die stets zunehmende Wucht der neuernden Kräfte jene Trägheit überwog, und in der Gesellschaft das Unterste sich zu oberst kehrte. Inzwischen war, so lange die nachwirkende Gewalt der Religion in der Kircheneinheit ihren Einfluß behauptete, der Fortschritt der inneren Zersetzung ansgehalten, indem die bindende Kraft des Glaubens und die stille Gewohnheit der Unterwerfung des Willens unter eine höhere Führung ergänzte, was den andern Bändern durch all- mahlige Lösung und Erschlaffung an Bindungs- Vermögen abgegangen, und die Ausbrüche jener Schwungkräfte innerhalb gewisser Schranken hielt. Als aber in der Reformation das Wissen diesen Glauben besiegt; als die Menschen in ihr gelernt, sich keck auf ihre Ueberzeugung zu setzen, und diese jeder Autorität und Neberlieferung entgegenznstel- len, konnte nichts mehr verhindern, daß auch in politischen Dingen die persönliche Frcyheit als höchste Schicdsrichterin im Widerstreit der Rechte und Pflichten endlich sich geltend machte, Europa und die Revolution» wenn auch die größere zwingende Gewalt, die kn einmal festgesetzten irdischen Verhältnissen wohnt, die praktische Ausdehnung der Grundsätze verspätete. Darum war seit der Reformation bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts hin die innere politische Lage jedes Landes abhängig von der Weise, wie diese Weltbegcbenheit in ihm sich entwickelt und gestaltet hatte; und alle großen Veränderungen in der Gesellschaft haben seither mit ihr in genauem Zusammenhang gestanden. Nach England hatte sie ein launischer, gewalttätiger Tirana verpflanzt, der mit einem zaghaften, in Familieninteressen verstrickten, Papste um ein Weib gehadert, und sie war in seiner Hand zum Werkzeug des willkührlichsien gewalttätigsten Despo- tisms ausgeschlagen. Aber als sie erst in dem kecken Volke, in dem alle jene Schnellkräfte längst frey geworden, sich verbreitet hatte, gab ste bas Losungszeichen zu jener gewaltigen Bewegung, die ihre ganze Gewalt gegen die Macht wendete, die sie für ihre eigensüchtigen Zwecke hcreingeführt, und nach dem Sturze der Tiranney, und mit der Einführung einer doppelten Aristokratie in Staat und Kirche den Grund zu der bürgerlichen Frey- heit legte, die seither in dieser Insel sich entwickelt hat. In Frankreich aber von einer tiefer befestigten königlichen Macht abgewiesen; von der großen Masse II. Vergangenheit. »4» des Volkes mit minderer Theilnahme ausgenommen; von der Geistlichkeit mit größerem Erfolg bestritten, da sie in der seit lange zum Gehorchen gewöhnten Menge geringeren Brennstoff vorgesunden; von oben mit aller Klugheit wohlverständig- ter Einsicht, mit aller Arglist verschmitzter Politik auf Tod und Leben bekämpft: wurde sie endlich nach langen Bürgerkriegen bcynahe um die gleiche Zeit, wo sie in England entschieden gesiegt, mit der Aufhebung des Edikts von Nantes gänzlich ausgctrieben, und damit der völlige Sieg der königlichen Macht und der Untergang der gemeinen Freyheit entschieden, zugleich aber auch damit die Revolution von ferne hervorgernfcn. Zn Teutschland aber war nach hergebrachter Weise die Bewegung, die in ihm zuerst entsprungen, in gewohnter Halbheit ausgegangen, und das Reich hatte, da es weder die Freyheit der Engländer, noch die Einheit Frankreichs im Streit gewonnen, nichts als die greuelvollste Verwüstung und die furchtbarste Auflösung für seinen Theil davon getragen. Das Volk hatte bcynahe ausschließlich in religiösem Sinne die neue Lehre ausgenommen, aber seine Fürsten hatten ihr in ihrem Interesse erst die politische Richtung mitgetheilt. Als der Kaiser, wie natürlich, für die alte Kirche sich erklärte, nahmen die Nordischen Parthey für die »4r Europa und die Revolution. neue Lehre, weil sic in ihr leicht eine mächtige Helferin erkannten in dein Streite, den sie schon längst mit der kaiserlichen Autorität geführt, und « her jetzt zum öffentlichen Ausbruch kam. Es war , die teutsche Freiheit, für die sie nach ihrem Vorgeben dem Kampfe sich unterzogen; die im Süden und Westen aber, geistliche Fürsten, oder solche, die des kaiserlichen Ansehens noch bedurften, traten auf des Kaisers Seite, um für die Legitimität Streites sich zu uuterwägen. Das, stolze Resultat dieses legitimen Freiheitskrieges, in dem das blödsinnige Teutschland, zerrissen von seinen eigenen Kindern, zerstampft von den Heeren aller Mächte, sein Herzblut vergoß, war, daß die Laudesherrlichkeit im Norden großmüthig in die Ti- ranncy des Papstes und des Kaisers sich getheilt, während beydes in einem äffischen Nachbilde Frankreichs im Süden fortbestand^ Das Reich . blieb schwebend zwischen Seyn und Nichtseyn stehen im Anstand tiefster Ohnmacht, während Frankreich als einziger Sieger hervortrat aus dein Kampfe. Schon der Streit Carls V. und Franz I. war der Streit der Awillingsbrüder um das Kaiserthum der neuern Zeit; jetzt hatte der Gallier obgelegen, und während die Engländer in ihrem Freyheitstriebe über alle Meere sich verbreiteten, war die Herrschaft des Coutinentes bis zu Teutsch- ll. Vergangenheit. r-Z lavbs Wiedergeburt Frankreich anheimgefallen, und es rüstete sich bald, die gewonnene Erbschaft in Besitz zu nehmen. Zn keinem andern Lande ist von je der Zn- stinct des Despotisms reger und thätiger gewesen als dort, wo er seit der Trennung von Tcutsch- laud in den Capetingern unverrückt auf einer und derselben Linie zur absoluten Gewalt vorangeschrit- ten. Die neuliche große Verrückung in dem Schwerpunkte der Gesellschaft, veranlaßt durch die plötzliche Veränderung in den Momenten ihrer innern Bewegungskräfte, war seiner Wachsamkeit keineswegs entschlüpft, und er war schnell Raths geworden, durch Zerstörung aller Mittelmachte ein neues Moment der Kraft sich zu gewinnen, das, dem verkürzten Hebelarm der Autorität zugelegt, daS gestörte Gleichgewicht wieder hcrzustellen im Stande sey. Die Hauptstadt war frühe schon als Königin der Städte anerkannt; sie wurde die Thurmkrone auf des Königs Haupte, bergend in sich die gesammte Intelligenz des Staates, während den Provinzen nur die thierischen Verrichtungen Angewiesen blieben. Wie die Hauptstadt die Provinzen bezwungen, so wußte die Landesherrlichkeit die Gewalt der Stände zu bemeistern. Die größeren Territorialhoheiten waren in vieljährigen Kriegen und durch alle Künste der Politik allmählich un- ,44 Europa und die Revolution. terjocht; der Adel, da er später sich aus gleichem ! Grunde, wie die teutschen Fürsten, für die Re- ^ formation erklärt, mußte mit ihr untergeben, sei- ^ ne Schlösser wurden gebrochen, seine Selbststän- - digkeit war zerstört, und die stolzen Varoue fanden sich gedrungen, ins Gefolge des Königs ein- zutreten. Der Geistlichkeit wurde mit der Frey- hcit aufgeholfen, und die gallikanische Kirche von Rom abgerissen, ihre Unabhängigkeit aber dann, wie natürlich, bey Hof in Depositum genommen. Der König vergab ihre reichen Pfründen an den Adel, wenn er schmiegsam und unterwürfig sich bezeigte; die Prälaten mußten nun, wie die Barone, zu Gefolge gehen, und aus bcyden wurde die Glorie des Hofs gebildet. Hier war nun die hohe Schule aufgcthan, wo die Unterwürfigkeit praktisch gelehrt wurde und gewiesen; und die blinde persönliche Ergebenheit mit der ganzen Mimik und dem äußern Ueeorum wohlgezogencr Willkühr eingcübt, und die Tradition unbedingter Gewalt als das Geheimniß den Eingeweihten mit- getheilt. Und wenn der Lehrling durch alle Grade bis zur Meisterschaft hin vorgedrnugen, dann wurde mit der Lossprechung nun ihm wieder ein Thcil der Macht delegirt, daß er hingehe, und sie mit gleicher Absolutheit übe, dieselbe Unterwürfigkeit nach abwärts gebietend, und sein Mandat wie- i^5 II. Vergangenheit. der the.ilweise dem leidenden Gehorsam als Preiß aussetzcnd. So wurden die rauhen, scharfkantigen, vieleckichten Charaktere des trotzigen Mittelalters zuerst in den derben, großen Geschieben ansgcschlissen und polirt, und wenn sie nun das Glanzlicht im rechten Wasser erlangt, als schimmernde Edelsteine in jene Thurmkrone eingesetzt; mit dem Demantstaube aber, der bey diesem Schleifen abgesallen, wurden allmählich auch die kleineren brillantirt. Der Hof, die Werkstätte dieser Bijouterie, wurde der Mittelpunkt der feinen Sitte, der guten Gesellschaft, des leichten Tones und der Gewandtheit in allen Verhältnissen des geselligen Umgangs. Die Sprache, im unaufhörlichen Geplauder leichter Con- versation ohne Unterlaß umgetrieben, rundete sich ab, wie jene Steingeschiebe, die Jahrhunderte lang die Ströme walzen, und erhielt dieselbe Glatte, Gewandtheit, Geschmeidigkeit und allgemeine Charakterlosigkeit, wie die Gesellschaft, die sie zn ihrem Organ gemacht. Die schönen Künste, anmuthige Verführerinnen, wurden mit galanter Willfährigkeit ausgenommen und courfahig erklärt. Die Dichter in ihrem Gefolge zogen in ihren Laboratorien wohlriechende Essenzen ans Kräutern und Blüthen ab, und parfümirten damit ihre künstlichen Blumensträußer, daß der feinste Geschmack sie nimmer mehr von natürlichen unterscheiden »o i§6 Europa und die Revolution. mogte. Was von der wilden, rauhen Natursage, und der alten, kecken, derben Dichtung noch im Volke gieng, wurde von diesen Blumisten in die Berge fortgetriebcu, und das flache Land nun in jenem tiefsinnigen Gartengeschmacke angelegt, der, wie er Baume und Menschen an Spalieren zog, so Baume wieder zu Menschen und Thieren zuzuschneiden wußte. Die Weltgeschichte war natürlich Geschichte der feinen Welt geworden, und die Hof- Historie wurde auf die zierlichste Weise in den Denkwürdigkeiten, goldene Aepfel in silbernen Schaaleu, ansgegebeu. Akademien in den Vorzimmern des Hofes richteten die Wissenschaften ab, daß sie anständig sich vor der Gewalt verneigten, und von Zeit zu Zeit ihre Kunststücke producirten; wahrend die Prälaten den starren Glauben geschmeidig machten, und die Lehre dem Volk zum Ringe durch die Nase, den Vornehmen zum süßen Joche und zur leichten Bürde. So war im Mittelpunkte für Alles vorgesorgt, und alle Lenkseile waren kundigen Händen anvertraut; aber der an Zahl und intensiver Cenrrisugalkrast furchtbar gewachsene dritte Stand forderte eigene, kräftigere Vorrichtungen. Man hatte zu diesem Zweck, nach Abschaffung der unbequemen Feudalheere, die besoldeten Armeen, erst während der Dauer des Krieges, dann aber als stehend zu aller Zeit, n. Vergangenheit. r/,7 elngeführt; eine Garde im großen Styl der Gewalt zur Huth, ein eisernes Band um alle jene treibenden, federnden Kräfte hergeschlagen. Der leidendste Gehorsam ohne eine Spur von Rückwirkung in den Untergebenen, mußte in dieser Institution mit der unbedingtesten Gewalt, ohne Möglichkeit eines Widerspruches, in den Befehlshabern verbunden werden, auf daß man des Apparates immerdar sicher seyn konnte, und damit die Feldherren Könige des Walselds wurden, die in den Heeren, wie Schachspieler in den Steinen, ringen mit einander um den Siea. Die Leichtigkeit, mit der dies Prinzip zur Ausführung gelangte, und die praktische Brauchbarkeit, die es in der Anwendung bewies, legte den Gedanken nahe, seine erprobte Nützlichkeit auch in ben größer« bürgerlichen Verhältnissen zu versuchen. So wurde dem Kriegsheere ein Friedens- Heer in dem Beamtenwesen beygefügt; eine Stufenfolge militärisch disciplinirter, später sogar uniformirter, allmählich ansteigender Staatsdiener, gehorchend zugleich und befehlend; in genauer Ceu- trirung mehreren Mittelpunkten, und diese wieder zuletzt einem Einzigen untergeordnet. Und die neue Burcaukratie erhielt in der Rangordnung ihre eigene Ehre durch äußere Decorationen aus- > gezeichnet, eigene Taktik und besonderes Erercier- Reglement, eigenes Gehcimniß, und im abgeson- 10 i^8 Europa nud die Revolution. derteu Staudesgeist eigene Gestnnuug und Interessen. Ein neuer, tauglicher Leiter war in ihr für die Thätigkeit der vollziehenden Macht in der Au- torität gefunden; allgemeine Verwaltnngsgrundsätze ^ wurden als Normal fortan im Cabinette fcstge- i stellt, statistische Regeln und Gesetze abgezogen, ^ Regiernngstheorien ausgefunden, und was nun nach solchen Regulativen im Mittelpunkte beschlos- l sen war, verbreitete der angelegte Telegraph schnell und gleichförmig in alle Theile. So wie dieser l Apparat allmählich sich in Thätigkeit versetzte, traf l er auf alle jene Hindernisse, die in den subjektiven i Freyheitskräften in der Gesellschaft aller Centrali- > sation sich entgegenznsetzen pftegen: die provinziell- ^ len Eigenthümlichkeiten, vielfältige örtliche Rechte, j die verschiedentlich erworbenen Privilegien, die Vor- ^ rechte einzelner Körperschaften, den Einstuß städti- 4 scher Gemeinheiten, die Nachwirkung früherer Ein- richtungen, das Widerstreben historischer Erinneruu- l gen, die Macht des Herkommens und der Gewöhn- i heit, die Abneigung eingewurzelter Sitten und Ge- bräuche, den Stolz selbstständiger, unabhängiger Ge- ^ stnnung, und die Rückwirkung der Einsichten und Ta- s lente. Das Alles, wie es der neuen Korporation hem- ^ mend entgegen trat, mußte ihr nothwendig als feindsee- » lig erscheinen; sie setzte sich daher mit ihm in stetig l ununterbrochenen Kampf, und es gelang ihr durch l II. Vergangenheit. i/,y langwierig unermüdetes Fortwirken nach und nach alle jene stehenden Typen specifischer Eigenthüm- lichkeit ansznrotten, ihre allgemeinen Abstraktionen an die Stelle derselben einznpflanzen, und das Princip der Subordination, in dem sie selbst erzogen war, auch außer ihrem Organism auch auf die Untergebenen auszudehnen, und diese allmählich in Massen zu conglomeriren, in denen sie nur als Zahlen und Ziffern galten, die nicht durch sich, sondern allein durch ihre Stellung allen Werth erhielten. Nachdem man den dritten Stand, eben wie früher die beyden andern, nach und nach von aller charakteristischen Selbstständigkeit ausgeleert, blieb die productive Masse allein zurück, und er wurde nun als der eigentliche Nährstand für sich und Andere, als der vierfache Blättermagen, der Kraut und Gras in Milchsaft wandelte, betrachtet. Und es ward nun in der Finanzparthie ein drittes System angeordnet, das als eiusaugen- des in zahllosen Saugwarzen sich an diesen Dauungsapparat und sonst überall anlegte, als Mauth unter der äußern Oberfläche sich verbreitete und wieder in den Provinzen alle Gliedmaßen umflocht, innerlich in alle Verrichtungen eingriff, vom Ertrage des Ackerbaues seinen Theil hinnahm, und aus dem Kreislauf des Handels seine Nimesse zog, allen Verkehr und alle Gewerbe ansaugte. roc, Europa und die Revolution. iu der Verkäuflichkeit der Stellen selbst die nächsten Organe der Autorität beschützte, und dann ansteigend wie ein Pumpenwerk, in vielen Sätzen » übereinander, das Gesogene höher förderte, bis es endlich die Millionen in den Schatz ausgoß. Das also geordnete und innerlich wohlbesestigte System aber schien nicht gesichert, wenn nicht stets reger, nie schlafender Argwohn es immerfort bewachte; darum wurde für den nächtlich unterirdischen Theil noch ein vierter Apparat, genannt hohe Polizei), hinzugefügt; das Ohr des Dionys, der aufgesperrte Löwenrachen am Sitzungshause, die horchende, spähende, lauernde, im Finstern umhcr- schleichende, minirende Macht, die geheime Parthie beyin Friedcnshecre. Alle diese Anstalten lagen in der Entwicklung der Zeiten, und dürfen darum in keine Weise unbedingt verworfen werden. Die Kriegskunst war in ihren Abstraktionen allen andern Wissenschaften gefolgt, und die äußere Einrichtung der Heere mußte dem umgewandelten Geiste ' nachgebildet seyn. Die größere Verwicklung aller : Verhältnisse des öffentlichen Lebens, die von der monarchischen Gewalt bemeistert gehalten werden sollten, führte nochwendig ans einen zahlreicheren Beamtenstand- der bald von selbst, wie nach logischen Gesetzen, sich centrirte. Die wachsende Fi- yanznoth forderte ihren Tröster, selbst das Bedürft II. Vergangenheit. i5i „iß einer Anstalt, um mit der Finsterniß das Finstere zn bezwingen, und den Ehrgeiz stch crhe- » bender Partheyeu und ihrer Häupter im Zaum zu halten, war nicht gänzlich abzuweise». Nur das Maß entschied, und das Maß war schnell über» schritten. Jene alte Lehre, daß das Gute in der Mitte zwischen zwey Ertremen liegt, bewährt sich, selbst blos äußerlich genommen, nirgend so sehr, als in den gesellschaftlichen Verhältnissen des öffentlichen Lebens, das zwar von großen Gegensätzen getragen wird und getrieben, aber in seinem äußeren Bestände, eben wie der Wasserspiegel, alle Dimensionen stets in einer wagrechten Ebene ans- zngleichen sucht. Wird das Gleichgewicht von je einer Seite in irgend durchgreifender Weise gestört und aufgehoben: dann hängen sich sogleich au die übertretende, aus der Harmonie des Ganzen gewichene Richtung, alle ihre entgegengesetzten Triebe und Tätigkeiten, alle erhaltenden und bewahrenden Kräfte, die im Innern verborgen liegen, und nun, weil ihre Bindung weggeuommen, wach und strahlend werden, und streben, sie mit Macht wieder ins Gleichgewicht zurückzuziehen. Und wenn nun durch ihr vereintes Wirken die vorstrebende Tendenz überwunden ist, dann erfolgt in der Regel durch den Rückprall der angestrengten Tätigkeiten, über das Gleichgewicht hinaus, eine entgegen- Europa und die Revolution. i5r gesetzte Schwingung, die eben so weit auf der andern Seite von der harmonischen Mitte und ihrer Ruhe sich entfernt, wie jene in ihrem Bestreben . auf der entgegengesetzten von ihr ausgrwichen. Es giebt aber eine zwiefache Weise, in der die Autorität von ihrer Seite dies Gleichgewicht stören kann. Einmal, indem sie die Gewalt, die sie an sich gezogen, gegen die ihr entgegenstrebenden Freyheitskrafte wendet, und diese nun von außen herein in gewaltsamer Compression Zusammenhalt. Dann aber, wenn sie jene narcotischen Gifte und die asthsnistrenden Mittel, die arglistige Politik und lururiirende Ueberdildung bereiten lehren, gegen sie richtet, und sie nun, wie dort mechanisch zusammenzupressen, so hier innerlich und organisch abzn- lähmen und zu entkräften sucht. Die Rückwirkung, von der eben gesprochen worden, wird dann gleichfalls jeder Wirkung in ihrem eigenen Gebiet begegnen, und, was sie gesetzt, durch einen gleichge- spannten Gegensatz negiren. Und zwar wird, da nach dem bekannten Naturgesetz, das für geistige wie für physische Kräfte gilt, jede comprimirte Schnellkraft um so starker federt, je härterer Druck ihre verborgene Thatigkeit herausgefordert, jene erste, mechanische Weise, wenn sie sich nicht selber begränzt, diese Gränze durch eine plötzliche Erploston erhalten, in der die aufs II. Vergangenheit. i5Z äußerste geängsteten Kräfte endlich ihre Banden sprengen. Der zweyte Weg aber wird, da jene Gifte, ihrer Natur nach flüchtiger Art, zunächst und unmittelbar auf die höheren Systeme betäubend wirken, eiucstheils auf eine Selbstvergiftung der Autorität hinanslaufen, während die unteren vegetativen Kräfte, gegen ihren Reiz in spceifisch geringerer Erregbarkeit abgestumpft, andererseits zu jener übermüthigen Afterbildung sich entzünden, die jede Liccnz bezeichnet; und zuletzt, wenn die Scheidung der Kräfte zum höchsten Punkt gekommen, in einer plötzlichen Repulsion sich gewaltsam auf die gelähmten Organe werfen. Da der moderne Despotien rathsam gefunden, beyde Mittel zu seinem Schutze gleichzeitig anznwenden: so mußten nothwendig auch beyde Rückwirkungen zu seinem Untergange sich verbinden. Jene depo- tencireuden Tinkturen, die man in den Laboratorien des Hofes bereitete, um sie dem Volke einzugeben, sandten ihre feinsten Geister sogleich nach dem Haupt zurück; und das edelste Organ wurde am ersten in Schwindel und Betäubung stumpf und abgelähmt. So lange noch rohe Kräfte am Hofe vorgehaltcn, rieben die sich zu jener geschliffenen Glätte und eleganten Delicatesse ab, die als eine ästhetische Entwicklung ihre sehr achtbare Seite hatte. Als aber das Reibende sich aufge- 1Z4 Europa und die Revolution. rieben, mußte die Politur an sich selber nagen, und es kam nun jenes flache, lappische Wesen, Vas sich in den Müßiggang einnifletc, und bald, da es in tödtlicher Langeweile zu vergehen drohte, nachdem aller Ernst und alle Gesinnung entwichen, die Religion lächerlich geworden, die Moral aber ein pedantischer Aberglaube, in zügellose Lüderlich- keit überging. Die Zeiten der Cäsare waren zu- rückgekehrt, und mit ihnen alle die viehischen Greuel, die diese Zeiten befleckt, an den Höfen des Regenten und Ludwig XV. wieder aufgestanden; und die Hauptstadt, an sich der Pfuhl, in dem mit allen Talenten zugleich aller Unrath des Landes zusammenfloß, lag umher ein wahres Lutetia, und brütete Fänlniß und Ungeziefer in schwüler Atmosphäre. Aus dieser Schule giengen nun die hohen Beamten des Reiches aus, nicht Würdeträger, wie sie sollten, sondern nur allzu oft, >— Kreaturen der Weiber und Jntriguen — Träger der Unwürdigkeit und des Verderbens, das in der Mitte sich ««gefressen, und in ihnen nun auch die fernen Organe mit dem Krebsstoff inficirte. Jedes Institut selber, außer den Miasmen, die ihnen also die herrschende Influenza zugeführt, barg noch eigene Keime des Verderbens, die sich schnell entwickelten. Das Soldateuwescn, stets gesteigert, extensiv wie intensiv, in dem Maße, wie mit II. Vergangenheit. i55 wachsender Tiranney die Feigheit zugenommcn, hatte seine Schlachtopfer allmählich zu völligen > Eunuchen des Willens herabgewürdigt, deren Treiben, zwischen Nichstthun und Dressur gethcilt, alle Lasier eines geschäftigen Müßiggangs erzeugte, und in der Gesellschaft weiter verbreitete. Die Beamtenwelt in dumpfer, dicker, ^ schwüler Stubenluft ewig über Papieren und Schreibereyen brütend, hatte in gleicher Weise einen förmlichen Cretknism in sich entwickelt, der, alle höheren, geistigen Kräfte stumpfend, die schleimabsondernden, drüsenartigeu Thätigkeiten dafür bis zur Monstrosität steigerte. Das stets steigende Bedürfniß, durch muthwillig angefangene, meist von Weibern geleitete Kriege herbeygeführt, oder durch jene sinnlose Verschwendung eines launischen Despotisms, der in seinen Bauwerken selbst der widerstrebenden Natur gebieten wollte, veranlaßt, hatte das Finanzwesen zu einem Systeme der drückendsten Avanien gemacht, gehandhabt von jenen Generalpächtern, die über die Gier der Gewalt hinaus, noch die eigene der Nation aufluden. Alle Gcwaltthätigkeiten und Schelmereyen, hier unaufhörlich im Kleinen geübt, wurden endlich bey stets steigender Genialität in dem Law'schen Papiersystem in eine einzige Staatsbeutelschneiderey im größten Style ccntrirt, und das Vermögen der Nation, aber zugleich auch »56 Europa und die Revolution. all' ihre Achtling und ihr Vertrau«, im MAstppi begraben. Das System aber, das fich iu derHei- mach so wohl bewahrt, wurde i« Filialanstalttn «ach Ztalicn and Spanien biuwberverpstauzt, und indem es dort mit alles gleichartige« Elementen und der eigenthwmlicheu Lawdesart stch leicht verband, wwrde es stets mehr veredelt und tiefer aus- gegründet. Deutschland, seit es seine waOew, tr^nherZige Eigeathümlichkeit verloren, war vernr- cheilt, de«- Asten jeder fremden ZHorbekt, nnd die -Rarrikatnr jeder AbgeschMaiikrhrir vorrnsteRem, und es fügte stch z»r BelNstignwg der übrigen Welt Willig in die «e«e Rolle. Seine Fürsten, zwm Theil von Frankreich penstomirt, »gagirr» stch MW freywWg als Ktonbeamm« seines »och nn- stchMmrem enropäifchew Reiches, »nd «nrdr« fchaam- roH über nichts, als wenn die sorbrechende Ratnr «o« .AÄ M beit nnfeine Streiche spielte. So «mr dieKlnH diefes Despotis« über dem gaaHe« WeLir- Heill hergestiezew, nnd brandete an den Granxew SibirSens, wo Peter der Große die nngefchllachte eiwhemMfche TiranMH b» den fremd» Meistern des Hofs in Incht nnd sichre gegÄM». Und Paris war die -Rabla, Wohin gan^ Enrepa in brÜM Wger Andacht bliOle, denn dort «nr der Stern der men» Mldang ansgegang»; dir nene PoWM Hmiue dort ihre Mtüre anfgeba«, nnd die Nöpllo- II. Vergangenheit. i5? matik diente und räucherte als Priester!», und der Gott, der in Dünsten aus der Tiefe qualmt, begeisterte sie zu sinnreichen Sprüchen, nach denen die Europäische Meinung sich richtete. Die absolute Gewalt, die sich dort über die alten Freiheiten der Nation constituirt, schien Allen ein annehmlich Ding, und jeder verpflanzte von der Herrlichkeit so viel in die eigene Heimath, als die dort herrschende Barbarey und der Mangel an Aufklärung gestatten wollte. Nachdem aber die Fluth ihre Zeit gewährt, kam Ebbe herangezogen, indem die Wasser zurück- fließend gegen den Punkt sich häuften,, von dem sie ausgegangen. Die Gewalt, die in Unenthaltsamkeit sich übernommen, traf auf jene rächenden Machte, die jedes Uebermaß zu strafen berufen sind. Das Volk, erbittert durch den Druck, dem es erlag, haßte seine Dränger zuerst, und lernte sie verachten, als das Geheimniß ihrer Schwäche ihm verrathen war. Das System hatte allen Gemeinsinn in ihm ertödtet, indem es alle bürgerliche Freyheit und alles Gefühl von Selbstständigkeit zu nichts machte, uud den Bürger aus- trieb, damit der Knecht einkehren könne. Bald aber siengen die im Zurücktreiben nur stärker gespannten Freyheitskräfte sich in der Erbitterung an zu fühlen; und da im Staate für sie keine Stelle i58 Europa und die Revolution. war, betrachteten sie sich als mit ihm in feindseligen Gegensatz gesetzt. Man hatte die Menschen, indem man sie zu politischer Leerheit ansgeweidct, zu bloßen Nummern gemacht, die nur nach dem Ertrage zahlten; jetzt siengen diese Einer an, sich selber zu summiren, und entdeckten, daß ihr Name Legion sey, und die Gewalt folglich bei) ihnen siche, wenn sie znsammenhaltcn wollten. Kein ge- sezliches Organ zur Aufnahme und Regulirnng des Widerspruchs und zur Ableitung der Unzufriedenheit, war besiehend geblieben, die alten Rcichs- siände waren in Abgang gerathen, und die Parlamente, obgleich achtungswerth, unabhängig, und mitten im Verderben sich in wirklich bewundernswürdiger Weise rein erhaltend, bildeten mit ihrem Rechte der Einregistriruug eine allzu sehr zufällige, äußerliche, abgerissene Opposition, die wohl einzelnes Böse verhindern mogte, aber nichts Befriedigendes zu setzen im Stande war. Darum warf sich der ganze erwachte Widerspruch auf jenen stillen Bürgerkrieg der Völker mit den Regierungen, der den großen Erplosionen unserer Zeit um mehr als ein Jahrhundert vorangegangen. Die ersten Plänkler der Revolution waren die mit List und Gewalt bewaffneten Schmugglerbanden, in denen das Volk neuerer Zeit zuerst den Gedanken eines Widerstandes gegen Unterdrückung articulirte, und die Ele- II. Vergangenheit^ 169 mentarschule des Aufstandes sich orgauifirte. Je mehr die Beamten in ihre Schreibereyen sich vertieften, und dem Leben entfremdet, in einer eigenen, nicht zwar fantastischen, aber darum nicht minder erlogenen Welt, heimisch wurden, um so mehr emancipirte sich die wirkliche von ihrem Thun und Treiben. Wahrend sie ihre Papiere admini- strirten, lernte die Welt allmählich sich selbst regieren; die Begebenheiten, die sie zu lenken glaubten, registrieren sie nur ein, und indem sie mühsam ihre Tabellen in Ordnung brachten, wuchs draußen die Unordnung mehr und mehr, und die Licenz nahm zu, je sichtbarer ihre Ohnmacht zur Abwehr wurde. Die Religion konnte dem Strome eigensüchtiger Triebe, die sich der guten Sache der Frey- heit und des Rechtes frühe angehängt, nur einen ohnmächtigen Widerstand entgegensetzen; denn das Geheimniß der Höflinge, daß sie nur gemacht sey, die Einfalt zu berücken, war unter dem Volke ansgekommen. Die Kirche war gesunken in der Achtung, seit manche ihrer hohen Prälaten in den Lüsten des Hofes sich mit hernmgewälzt, und an aller Schlechtigkeit seiner Politik Theil genommen, die Beyspiele großer Tugenden, wahrhafter Religiosität und gründlicher Gelehrsamkeit aber, die sich fortdauernd häufig im Clerus zeigten, verschwanden, wenigstens für die leichtsinnige Hauptstadt, l6o Europa und dke Revolution. gegen die Frivolität, der sich ein anderer zahlreicher Theil desselben hingegeben. Die Sitten, von oben herab vergiftet, versagten gleichfalls ihre Hülse; in der Auflösung aller Grundsätze von Recht und Sittlichkeit war nichts nnzersezt geblieben, als die zersetzende Kraft selbst, der Witz, der nun, nicht wie ein schaffender, sondern als ein zerstörender Geist über der Masse brütete. Die Schriftsteller, die früher zu Hof gegangen, hatten, als sie dort ihre Schule abgemacht, sich nun zum Volk geschlagen, und brachten ihm andere Lehre von dem Gott, der in der Materie wohnte, von dem Himmel in seinen Sinnen, von der Moral, die in der » Klugheit liege, und von der Glückseligkeit, die im Genüsse zu finden, und wie alles darüber eitel Betrug und Gaukelwesen der Pfaffen bey Hofe und in der Kirche sey. Jene warme Anschauung der mittleren Zeit, die, wie das Alterthum Berge, Quellen, Bäume belebt, so den Staat in allen seinen Gliedern und Gliedesgliedern als ein Lebendiges angeschaut, und ihnen nun, als eben so vielen wesenhaften Persönlichkeiten, Neigung, Liebe und Affekt zugewendst, war längst erloschen und ansgestorben. Dafür war jene materialistische Lehre von oben herab gekommen, und hatte, statt des warmen Lebens, kühle Abstraktionen, Ziffern und geometrisch scharfe Formen, die überall drückend in'S II. Vergangenheit. 161 Privatleben cinschnitten, geboten, und solcher Nüchternheit mogte niemand eine Neigung abgewinncn. Jener Theil des Adels, der a>n Hofe entartet, war dem Volk verächtlich worden; der bessere, der auf seinen Gätern wohnend, noch manche alte Tugend pflegte, war als Besitzer des großen Eigen- thums, drückender Armuth gegenüber, verhaßt, und sein Ansehen wurde durch den Uebermuth des flets wachsenden Geldreichthums untergraben. So erschlafften alle Bänder in dem Maße, wie die innere Gespanntheit aller Verhältnisse wuchs; die Autorität half bald gutwillig unbesonnen mit an der Zerstörung, bald kämpfte sie erschrocken mit ihr in ohnmächtiger Gegenwirkung durch Policeyen und Bastillen, und sandte dann wieder ihre Heere über Meer, um in Amerika die Schule der Frey- hcit zu besuchen. So war Alles zum Schlage vorbereitet, und als dieselbe Geldnoth, die in den Zndulgenzen die Reformation herbeygesuhrt, die Stande des Reiches zu versammeln nöthigle, brach die Revolution herein. Die drey Stände hatten einstimmig ihreAbgord- neten nur zu einer Reformation instruirt; jezt, nachdem ein volles Mcnschenalter seither abgelaufen, fallt in die Augen, wie viel Unheil erspart gewesen wäre, wenn es dabey geblieben. Aber es nahten große Gerichte, ein dicker, dumpfer, stockender 11 162 Europa und die Revolution. Luftkreis hatte über ganz Europa sich hergelegt, und das ganze gesellschaftliche Leben drohte in sich zu vermodern und in Fanlniß sich aufznlösen; da- t. rum kamen Stürme dahergefahren, um mit Bli- ^ tzen zugleich zu strafen und zu reinigen. Wie ein > Berg, den die Verwitterung innerlich aufgelöst, ; dessen feste Thcile der Frost gesprengt, dessen losere Massen der Regen erweicht, dessen Grundschichtcn . tiefe verborgene Wasseradern unterwaschen, in die- ! sem Augenblicke noch mit Wäldern überdeckt, von l grünenden Matten umzogen, mit Wohnungen ruhiger ^ Menschen bebaut, unerschütterlich auf seinen Grundfesten zu ruhen scheint; dann aber plötzlich sich in ganzer Masse zuckend rührt, und nun, innerlich in sich zusammenbrechend, mit donnerndeut Getöse, Felsenstücke, Stcinbrocken, Geschiebe, Baume und Hauser, alles übereinander stürzend ins Thal her- niederwälzt, daß seine Statte nicht mehr gefunden wird: so geschah es Frankreich, als das letzte Band, die Gewohnheit des Gehorsams, gebrochen war. Die wilden Geister des Wissens und der freyen Ungebundeuheit, die in das schwache Nervensystem des Staatskörpers hineingefahren, wahrend zwey Milliarden baaren Geldes in seinem fiebernden Adersysteme kreisten, waren mehr, als seine sieche Lebenskraft bemeisiern konnte; zu unmachtig, um sich aus sich selbst zu ergänzen und wiederzu- . l i63 H. Vergangen!) e i t. gebären, ließ er der Natur keinen Ausweg übrig, als ihn bis zum Grunde zu zersetzen, und ihn dann ans den Atomen durch Hülfe der individuellen Lebenskräfte wieder aufzubauen. So wurde denn, als ob nie vorher eine Nation bestanden, bis zum ursprünglichen Chaos der Gesellschaft, bis zum sogenannten Natnrstande zurückgegangen, und keine frühere Übereinkunft anerkannt, die etwa der neuen irgend eine bestimmte Norm gegeben hätte. Nichts konnte also übrig bleiben, als die Summe jener allgemeinen Abstraktionen, die Rechte des Menschen genannt, aus der freyen Selbstständigkeit seines vernünftigen Willens abgeleitet, vor denen alles als Betrug und Ungerechtigkeit verschwand, was ihnen widersprechen wollte, und gegen die keine Präscriptiott als gültig genommen wurde. Auf diesem Grunde rein chemischer Kräfte mußte, war erst das Alte weggeschafft, die neue Crystalli- sation erwachsen, und in dieser Plastik mußte das Milleporenhaus der geistigen Monade sich erbauen. Ein starkes Bollwerk der alten Ordnung, stand der große Besitzstand in den Händen des Clerus da; dies Werk mußte zuerst genommen seyu, damit aus seinen Trümmern ein neues Eigenthumssystem und somit ein neues Interesse der Revolution gebildet werde. Darum wurde es sogleich in Beschlag genommen, und zu seiner Mobilistruug ohne Verzug ein Papiergeld darauf hypothccirt. Wie das Eigenthum in jener Masse sich angchäuft, so hatte in der Überlieferung gleichfalls der Schah des Wissens, der Beobachtung und Erfahrung in Gesehen, Verwaltungsmarimen und Rcchtsgrundsatzen sich gesammelt; auch diese Sammlung wurde zerstreut, und dafür ein zweytes Papiergeld von neuen Theorien, Grundsätzen und Abstraktionen als leitend für die Ankunft kreirt. Ebenso hatte in der Autorität, durch die Hinterlegung eines Antheils der persönlichen Freyheiten aller Individuen, damit der Rest durch das Ganze seine Gewähr und sreye Entwicklung erlangen möge, sich ein gleiches Depositum gebildet, das in herkömmlicher Ordnung die Gesellschaft zusammcnhielt: auch dies war mit dem Sturz der Autorität zerstreuet, und ein drittes Papiergeld in der geschriebenen Constitution daraus fundirt. So war die große Bank gesprengt, die das öffentliche, bey ihr hinterlegte Vermögen der Nation bewahrt, jeder war fortan auf seine eigene Kraft, seinen eigenen Besitz und seine Thätigkeit angewiesen. Zn gleichem Sinne wurden die Stände ausgeglichen, die Corporationen aufgelöst, alle Unterschiede des Ranges und der Auszeichnung vernichtet, selbst die alten Eintheilungen der Provinzen aufgehoben, und an ihre Stelle andere mathematische gesetzt. So war das Niederreißen glück- n. Vergangenheit. i65 lich vollbracht, aber beym Wiederaufbauen zeigte sich bald größere Schwierigkeit. Der Natnrsiand, der vor der Gesellschaft hergegangen, war nicht ein Stand des Rechts und gegenseitiger Anerkenntniß, sondern vielmehr das Reich der Gewalt und wachender Leidenschaften, in denen das menschliche Raubthier sich selbst Alles, und dem Andern nichts gestattet. Noch furchtbarer aber ist jener künstliche Naturstand, der aus der Auflösung des schon vorhandenen Staates in seine Elemente sich entwickelt. Au den Giften, die die Natur grausam und unerbittlich in ihrer Werkstätte bereitet, sind die feineren Präparate der Gesellschaft hinzugetreten, und haben das Blut, das in den reißenden Trieben brennt, angesteckt, daß jede Wunde, von der Tatze der Leidenschaft geschlagen, tödtlich wird. Die Größe der inneren Verderbniß, die so lange die bürgerliche Ordnung bestanden, unter gleißender Hülle äußerer Decenz sich zu verberget» wußte, kam an den Tag, als die freye Luft zu den inneren Geschwüren Bahn gesunden. Wie in jener Sage die Geliebte des alten Kaysers zehn Jahre, nachdem sie schon gestorben, blühend auf ihrem Bette lag, aber als man den magischen Ring unter ihrer Aunge weggcnommen, plötzlich in scheuslichcn Moder zerfiel, in dem Maden, Kröten, Molche, Schlangen aller Art wimmelten, so regte und rührte sich's im ,66 Europa und die Revolution. alten Reiche, als der Rest jenes Zaubers, den die ordentliche Staatsgewalt auf die Leidenschaften übt, hinweggcsallen. Darum mußte die weinichte Gah- k rung, jener schöne Llnflug von Begeisterung für Frcyheit, Unabhängigkeit, und alles, was den Menschen ehren und erheben mag, nur allzu schnell vorüber gehen, und es trat bald die zweyte Fermentation in die gährende Masse ein, und der esstgsauren Scharfe mischten gallenbittre Leidenschaften ihren Wermnth ein. Nur allzu schnell war der kurze Frühling vorbeygegangen, ihm folgten in Sommers Brand schlagende Gewitter; denn das Kind, in Lust empfangen, mußte in Mühen ^ getragen, und in Schmerzen an's Tageslicht geboren werden. ^ In den inneren Antrieben, die ans der Schwache und Iweyzüngigkeit des Hofes, der Zügellosigkeit der Menge gegenüber, unaufhörlich sich entwickel- i ten, war von außen ein neuer Stachel und neue ^ Ausforderung hinzugckommen. Die auswärtigen Höfe hatten die neue Lehre gelten lassen, so lange ^ sie die eigenen Interessen und die Licenz begünstigten; aber da sie in plötzlichem Umschlag nun Heyden drohend gegenübcrstanden, erschien, was eben zzoch als Hofphilosophie lieb und werth gewesen, . mit einem Male als verdammlichcr Jacobiner- greuel. Kaiser Joseph hatte kaum eben in Wien ^ 167 II. Vergangenheit. dem Papste Pius VI., an dem selbst die alten Sünden heimgcsucht werden sollten, erbauliche Vorlesungen im Zansenism gehalten, und wie al- les Kircheugut, ursprünglich vom Staate kommend, ihm fortdauernd angchöre: jetzt nach wenig Zähren drang derselbe Zansenism in politischer Gestalt schon gefahrdrohend gegen seinen Nachfolger an, und nun sollten die Waffen Hülfe geben. Da die Bewegung die Bildsäule auf dem großen Marktplatz nmgestürzt, die Allen zum Kanon gedient, fanden sich natürlich Alle in dem Vorbild angegriffen und bedroht, und Alle hatten sich verbunden, den Aufstand gemeinsamer Hand zurückzutreiben. So verpflanzte die ebbende Bewegung, die in Frankreich zuerst begonnen, sich nach und nach über ganz Europa vom Westen bis zum äußersten Osten fort; und die Heere der Koalition bewegten sich von allen Seiten gegen die Mitte, die jene Bewegung hervorgerufeu. Aber mögen die Mensche« sich zusammen thun, ein Erdbeben zu stillen; mögen sie Ströme Wassers in einen fcuerspeyenden Berg hinleiten: er wird nur um so wüthender entflammen, und verstärkte Lavaströme aus der Tiefe würgen. Wie die Aerzte öfter der kranken Natur, deren bittere Ironie auf ihr Thun und Treiben sie nicht begreifen, gegenüber stehen, und die großen Bewegungen im Organism, natürliche :63 Europa und die Revolution. Erscheinungen der Krankheit, als Folgen ihrer Arzneymittcl betrachten: so die Koalition, in der allein England mit Hellern Verstände um sich schaute, vor dem Typhus, der in der französischen Nation wüthete. Sie beschwor die reinen und die unreinen Geister mit derselben Formel, und so vermochte ihr Erorcism auch den Schwächsten nicht zu bannen; wohl aber machte er die Starken nur um so grimmiger. Wahrend die Heere an den Granzen schlugen, lief innen die Krankheit durch alle Stadien. Da nichts mehr galt nach der gänzlichen Austilgung alles Bestehenden, kein Fundamentalgesetz, kein Herkommen, keine Sitte, kein fester Anlehnungspnnkt, nichts als jenes allgemeine, corrostve Auflösungsmittel, in dem das Alles zergangen war; so mußte nothwendig eine allgemeine Anarchie jeder Bildung vorangehen, und diese dann selbst allmählich erst mit mislungenen und darum wieder zerstörten Gestaltungen beginnen, gleich jenen Ungeheuern, die aus dem alten Chaos vor der ordentlichen Schöpfung ansgetaucht, und deren Bilder nach alter Sage der Belustem- pel an seinen Wänden ausbewahrte. Mit jener großen Nationalbank hatte man auch das große Depot aller Laster und Verbrechen, die sich in der Liccnz der Sitten, dem Unglauben, der moralischen Entwürdigung und der allgemeinen Verderbniß II. Vergangenheit. 169 der höhern Stande entwickelt hatten, in der Hauptstadt aufgebrochen, und wie ein Waarcnballen, unvorsichtig geöffnet, die Pest in einem ganzen Lande verbreiten kann, so verpflanzte sich auch hier die Ansteckung schnell durch die ganze nur allzu empfängliche Masse. Da man im Circus alle Behälter der Bestien aufgeriegelt, kamen sie ohne Verzug hervorgestärzt, und alle wüthcndc, blutdürstige, treulose, tückische, boshafte , verwegene, frevelnde Naturtriebe, von der Kette losgelassen, würgten durch einander. Zn Mitte des Wüthens war der Herr herabgekommen, und saß unter der .Donnereiche a»i Malberg, und richtete zuerst über die Greuel vielhundertjähriger Tiranney. Da die Geschlechter der Menschen solidarisch in allen Gliedern haften für die Unthaten, die sie befleckt, so traf das Loos den unschuldigsten, wohlwollendsten in der ganzen Felge der Herrscher, daß er nach den furchtbarsten Prüfungen blute für sie Alle, an deren Leichen nur die Sentenz vollzogen wurde. Dann aber gieng der Richter über die neue Blutschuld in's Gericht, und gab die Rache den Leidenschaften. Da begann jener wilde Bürgerkrieg, der, während das Schwcrdt außen seine Opfer fraß, nach innen in den Eingeweide» wühlte; und jene Parthey- wuth, die wechselseitig mit ihrem Geifer in Blutdurst sich entzündete. Die Naturelcmente selbst, 170 Europa und die Revolution. wie es schien, mit den gesellschaftlichen in gleicher Wuth entbrannt, mußten in Masse Werkzeuge des Todes werden, und Eisen, Feuer und Wasser fraßen ihre Opfer. Der Terrorism wüthete mit Nojaden und Mitrailliaden, Proscriptionen, Kon- fiscationen, dem Maximum, Requisitionen und all, gemeiner Plünderung; öffentlicher Bankerott und Hungersnoth schlossen den Zug der Furien. Unter diesen Wehen war die Republik, ein todtgebornes Kind, an den Tag getreten, in ihr war die Ebbe zu ihrem tiefsten Punkt gelangt, nach kurzem Stillstand mußte nach Naturgesetzen die zweyte Fluth beginnen. Je tiefer das bewegliche Element unter die Wasserebene herabgesnnken, um so mehr mußte das in der Mitte Angehänfte sich wieder auszubrciten streben, und dies Bestreben trieb den neuen Rückfluß gegen den Umkreis hin, daß er alle Buchten und Lagunen des Kontinents erfüllte. In der Direktorialherrschaft trat als erstes Symptom dieser rückläufigen Bewegung wieder eine concentrirte Wahlaristocratie hervor. Nun, da die wilden Kräfte ansgetobt, war sichtbare Erschöpfung eingetreten; die Feuerfelder, in denen die wilde Flamme gewüthet, dampften nur noch, nachglimmend im innern Brande. Die Zeit der zweyten Gährung war vorbeygegangen, und die dritte, fäulichte, bezeichnete den Charakter » 7 » II. Vergangenheit. der neuen Herrschaft, und in ihr jene furchtbare Auflösung aller moralischen Kräfte, die allein die Gesellschaft erhalten mögen; jene innere Hinfälligkeit und Abgeschlagenheit des Lebensgefühls und jene Erschlaffung und Lähmung aller Lebensgeister, die großen Ausschweifungen zu folgen pflegen. Nur die Heere hatten in der ununterbrochenen Hebung des Krieges sich kräftig und lebendig zu erhalten gewußt; in der Waffenehre hatte sich bey ihnen ein Stock neuer Ueberlieferung angehäuft; ein neuer Adel des Schwerdtes hatte sich gebildet, den die Beute Europas zu bereichern angefangeu; und in der Subordination unter die Macht, die Talente und das Glück der Anführer hatte eben so, mitten in der Anarchie, ein mächtiger Keim durchgreifender Autorität sich angesetzt. Da das bürgerliche Regiment in Verachtung gefallen, konnte eine neue, ehrfurchtgebietende Herrschaft nur von daher kommen. Nachdem Mehrere ohne Entschlossenheit nach der Gewalt gegriffen, fiel sie endlich dem Glücklichsten anheim, und er bestieg als Con- sul erst den curulischen Stuhl, bald als Kaiser den Thron. Er hatte Frankreich sich mit dem Heer erobert, und sah bald ein, daß er das Gewonnene, wie ein Feldlager, nach allen Grundsätzen politischer Strategie befestigen und vertheidigen müsse. Darum sollte der Despotismus der alten VS rsr Europa und die Revolution. Könige wieder auserstchen, und die Revolution mit der ganzen Gewalt ihrer Grundsätze zu seiner unerschütterlichen Begründung dienen. Er hatte Frankreich eben im Momente jener Abspannung und Ohnmacht überrascht, die der revolutionären Berscrkcrwuth gefolgt, und es ließ sich binden und knebeln ohne Widerstand. Darum ordnete er nun leicht das Planetarium seiner Herrschaft, wo um seine Mitte alle Planeten, um diese wieder die Trabanten kreisten, alle von Federn und Gewichten getrieben, die er selbst in seinem Calcule abgewogen. Zn diesem Sinne stellte er, selbst allen Glauben höhnend, doch die Kirche wieder her, damit sie ihm das Departement der Angelegenheiten jener Welt für die blöden Gläubigen verwalte, und ihre Geisterschrecken an jene Hetze, die etwa gegen seine Gewalt aufstehen mögten. So regelte er die Erziehung, damit ihm ein Geschlecht erwachse, das gehorche aus Gewohnheit, und die Freyheit kaum nach dem Namen kenne. So ordnete er die Rechtspflege, damit die Gewaltthatig- keit, die Andere roh und brutal ausübtcn, mit Gravität und Würde gehandhabt werde, und fügte ihr das dnrchgeführte Doppeltestem von Policey und Gegenpolicey als eine Art von rostförmigen Peudul bey. Zn gleichem Sinne restaurirte er das alte Beamtensystem sich zum Organe seines -II. Vergangenheit. ich5 Willens, und die Finanzen, daß sie ihm gaben an Blut und Gold, so viel ihn gelüsten mogte. Und der Böse sah sein Werk, und fand, daß es gut war, und da er nun die alte Tiranney wieder hergestellt, ja weit übertroffen erblickte, so gab er ihm auch die Herrschaft Europas, die sie unablässig gesucht und belüstet hatte. Nachdem das neue Reich innerlich wohl befestigt war, brach sein Meister gegen die Andern auf, damit sie Frankreich dienstbar wurden, wie Frankreich es ihm geworden. Die Coalition, die uuermüdet mit alle» früheren Formen fortgestritten, hatte vielleicht mit dieser letzten sich vertragen, wenn nicht der neue überlegene Despotism gegen den alten, erstorbenen den Nachen ausgesperrt, um ihn zu verschlingen. Mit Noth hatte vorhin das gefammte Europa der Anarchie der Revolution gestanden, nimmer konnte es jetzt ihrer starken Einheit gewachsen seyn. Darum wurde ihm nun das Werk ein leichtes Spiel; die Meisten taumelten von selbst in den gesperrten Rachen; verführt wurden die Einen, die Andern überlistet, und mit ihnen die Dritten über den Haufen geworfen: so zerstob aller Widerstand vor ihm wie leere Spreu. Und es wurde auf diesem Wege Italien leicht verschlungen, und die Eroberung fraß östlich fort bis zum alten gälischen Stammlande in Zllyrieum und zu den »74 Europa und die Revolution. Granzen des Vyzantinerrciches; nordwärts den Rhein zuerst, dann seine Anschwemmungen, endlich alle Marschen bis zur Eydcr. So war, wie es ^ scheinen wollte, die sechste Monarchie wirklich eingetrcten; das Frankenreich Karls des Großen, aber in gälischer Junge, war wieder hergestellt; und es ließ die aulaufende zweyte Fluth sich nicht von den Pyrenäen halten, nicht von den alten, ceraunischen Bergen, noch den suevischen; und die Fluchen, wie sie von der Mitte hinsiürzten gegen Aufgang und Niedergang, rissen auf ihren Wegen alles mit Gewalt in ihrer Strömung fort. Alle Meeresufer hielt die übermüthige Macht für ihr Continentalsystem besetzt, alle Strommündungen verstopft, daß das Blut in allen Pulsadern stok-- ! keud schlich, und der Umlauf still zu stehen drohte. Die Völker waren zu Heloten herabgewürdigt, die Regierungen zur Dienstbarkeit; und zum Lohne, daß sie ihre Unabhängigkeit der Tiranney hingegeben, wurden ihnen die Freyhciteu der Untergebenen Preis gelassen. So schritt nun dieselbe Plünderung, die in Frankreich für die Revolution das Depositum seiner ganzen Geschichte rückwärts aufgezehrt, im größeren Masstab für die Tiranney durch ganz Europa fort, und ließ nicht nach, so lange etwas unzerstört noch aufrecht stand. Aber wenn in Frankreich die Nation, sich selbst aus- s n. Vergangenheit. 175 raubend, in Masse nicht ärmer, sondern vielmehr beym allgemeinen Wechsel des Eigenthums noch reicher wurde, so mußte hier der Erlös als Kaufpreis der Sklaverey in die Hauptstadt des fremden Reichs getragen werden; die Länder wurden nur reich an Schande, in dem Maße, wie sie ihr Capiral von Ehre, Eigenthum und Ueberlieft- rung vergeudeten, und sich selbst bestehlend zu ihrer Armnth noch die Erniedrigung mir Muhe sich erfeilschen giengen: nur der Hohn wurde mit Großmuth unentgeldlich den Beschimpften in den Kauf gegeben. So wüthete diese tirannische Gewalt durch Europa, die Macht beugte sich vor ihr, und fand sich ab mit ihr, so gut sie konnte; die Völker wurden zur Verzweiflung Hingetrieben. Da hatte endlich die Springfluth das höchste Maß ihrer Höhe erreicht; sie stand still einen Augenblick, nnk> wendete sich dann gegen den Punkt, von dem sie ansgegangen. Bis zu den Säulen des Herkules war sie in Westen vorgedrungen, da wurde ihr von jenem Volke Maß gesetzt, das schon einmal jene sarazenische Sündfluth aufgehalten; während im Osten der Winter des Nordens die Strömung, die sich über ihn ergossen, ergriff, und in Erstarrung gefesselt hielt. Da war der eine Arm des Titanen geschmiedet an die Pyrenäen, der andere an den Ural, und die Völker erkannten, daß ihm 176 Europa und die Revolution. Gott die Kraft genommen; sie standen auf, und nun trat der zweyte, große Ausfluß, die zweyte Ebbe ein. Stamme, zahlreich, wie jene, deren Verzeichnis Herodot in den Perserzügen mitgetheilt, strömten vom fernen Aufgang; vom Norden und vom Mittag und vom Untergange kam der Anzug herangeeilt; jedes Volk hatte eigene Uubilde zu rachen, und eigene Genugthuung zu verlangen. Und Alles zog gegen dieselbe Mitte an, von der ans sie vorher die Richtung zu wechselseitigem Verderben erhalten hatten; und Alle begegneten sich zuletzt, nachdem sie zum höchsten Ansteigen gelangt, auf der Hohe jener Hauptstadt, die, eine neue Roma, in die Zeit getreten. Gefallt war der Baum, gebrochen die Weltherrschaft', zerschmettert die eiserne Krone, die um Europa geschmiedet war. Iweymal war nun die Welt von einem Aeußersten zum Andern herübergetanmelt; zwey- mal hatte der menschliche Hochmuts) ans die höchste Zinne des Irdischen sich gestellt, und von da ans die Welt verwirrt; zweymal war diese dagegen augestiegen, um das Unerträgliche von sich abzuwenden. Die Verhängnisse hatten zum Ungemessenen gedrängt, und zu den Gerichten, die dort harrend den Frevel erwarteten; darum war es nicht der Nationalversammlung gegeben, von unten her- II. Vergangenheit. 177 auf entgegengesetzte Ansprüche in einer billigen Mitte zu vereinigen, noch Napoleon vergönnt, dies Werk ^ von oben herab zu vollbringen. Jetzt aber, schien es, scyen die Gerichte crsüllt, und die rächende Gerechtigkeit sey durch jenes furchtbare Beyspiel versöhnt, in dem die beyden Extreme wilder Anarchie und absoluter Tiranney sich durcheinander aufgerieben, und dann wieder das Werkzeug der Rache zerbrochen war. Die Idee einer gemeinsamen großen Verschuldung und einer unverdienten Begnadigung war unter den Menschen, die Zeugen des Gerichts gewesen, anerkannt; die Fürsten selbst hatten vor Gott gezeugt, daß sie den Sieg und ihre Wiederherstellung nächst ihm der Begeisterung ihrer Volker willig verdankten, und diese hatten, da das alte Schuldbuch vernichtet war, in erneuter Liebe den alten Geschlechtern sich verbunden, die sie aus den Flnthen wilder Umwälzung sich gerettet, und cs war kein Wunsch in ihnen, denn auf sie, als der Grundfeste ihrer Zukunft, ihr Wohlseyn zu begründen. Es war allgemein anerkannt, daß der alte Zustand der Dinge nicht mehr fortbestehcn möge. Dieser Zustand durch ganz Europa war aus französischer Wurzel hervorgegangen, die nun verdorrt; und t das Urbild in sich zusammenstürzend, hatte jene furchtbare Catastrophe hervorgebracht, die die in- 178 Europa und die Revolution. uere Zerrüttung, die Unzulänglichkeit und die Ohnmacht der matten Abbilder ans Tageslicht gezogen. Die Revolution hatte die alte Ordnung ^ in ihrem innersten Grunde untergraben, und sie durch den Widerstand, den ste vernünftiger wie unvernünftiger Freyheit entgegensetzte, verhaßt gemacht; in dem Napoleonischen Despotism, der Alles, was in ihr gewaltsam war und tirannisch, weit überboten, und ste selbst in ihrer Schwäche zum Werkzeug der Unterdrückung in seinem alleinigen Vortheile gebraucht, war ste überdem der l! Welt in ihrer Abgenutztheit verächtlich worden. H So war Alles auS seinen Fugen hcrausgetrieben, ; der ganze Bau, in dessen Mitte jene furchtbare Mine gesprungen, und den darauf Napoleon mit Trümmern überdeckt, war morsch, innerlich mürb, , alle Mauern aus dem Senkel herausgewichen, in allen Grundfesten erschüttert, in allen Theilen wankend und den Einsturz drohend. Dem sollte der Congreß nun Hülse bringen, das Wankende befestigen, das Umgesiürzte neu erbauen, den Schutt zur Seite schassen, die faulen Streben mit neuen ersetzen, damit der gänzliche Ruin abgcwendct bleibe. Die Völker betrachteten ihr Interesse als ! im Interesse der Regierungen selbst beschlossen; ! ste hatten sich nichts ausbedungen, und Alles al- > lein der Großmuth der Fürsten anheimgestellt, und ^ l ! i »79 II. Verg augenhei t. es wurde von ihrer Seite mm mit gutem Willen au das Werk gegangen. Aber es schien Hauptgeschäft, vor Allem die Länderverthcilungen zu machen, die der Masse der Verbündeten auheim- gefallen. Da ergab sich bald, daß eben, wie zu Rastadt und Lüneville, Teutschland, als sen es allein Gegenstand des allgemeinen Kreuzzugs, und darum die Beute des Siegs gewesen, als die einzige Etttschädiguugsmass: betrachtet werde, über deren Vertheilung sogar Frankreich seine gültige Summe gab. Das schien eine Schmach dem wiedererwachten Geiste der Nation, und er begann Sorge zu fasten um den Ausgang, als er den Hader gewahrte, der über dem Streite der Interessen erwachte, und die Aufmerksamkeit von allen wichtiger» Gegenständen ab auf sich hin- lcnktc. Mehrere der durch die Revolution vertriebenen Geschlechter, die Bourbonen in Frankreich und das Oranische in Belgien, waren mit einer Charte in der Hand znruckgekommen. Die Meinung hatte den Völkern, denen sss angehört, diese Wohlthat in keine Weise misgönut; aber der Gedanke hätte ihr damals unerträglich geschienen, daß den Siegern selbst voreuthalten werde, was sie den Besiegten erkämpft. Aber als die Resultate ruchbar wurden, sah man die alten Geschlechter, wie recht war, befestigt durch das Princip der Legiti- rr * 180 Europa «nb die Revolution. mltät, aber der Rechte der. Völker war nur im Vorbeygehcn erwähnt; solche, die in langer Trennung sich abgeneigt geworden, waren verbunden nach politischer Convenienz, lang Verbundene getrennt und aufgelöst; Polen hatte um den-Preiß seiner Unabhängigkeit eine Constitution erlangt, und Teutschland den i 3 ten Artikel. Warnend hatte die Meinung lange, wie der Chor in der Tragödie, gestanden vor der engen Bühne, auf der wenige Menschen über die Schicksale Europas entschieden; aller Iurnf hatte vergeblich sich bewiesen. Von neuem »rußte Europa sich erheben, um den Zrrthum, der den Scheintod für den wirklichen genommen, wieder gut zu machen; ganz nahe gieng die Gefahr nochmaliger härterer Unterjochung vorüber an den Völkern; sie wurde durch den Muth der in der alten Begeisterung nachglühenden Heere abgewendet. Die Charte siegte über die Additionalakte, die Bourbonen trieben die Napoleoniden aus, und befestigten sich gründlicher; im übrigen Europa wurden nur die Stipulationen des Wiener Traktats in Vollziehung gesetzt. Die Völker wiesen nun in aller Bescheidenheit die Anweisungen vor, die der Con- greß auf die einzelnen Regierungen ausgestellt; sie wurden alle prolongirt, weil man die nöthigcn Vorbereitungen noch nicht getroffen» Größer wurde II. Vergangenheit. 181 die Sorge um den AuSgang, und bas mehr und mehr erwachende Mißtrauen rechtfertigte sich durch das, was in früheren Zeiten bey ähnlichen Gelegenheiten wohl vorgefallen. In Frankreich hatte gleich nach der Restauration der große Kampf der alten Ordnung mit der Revolution innerhalb dem Gebiete der Charte selbst begonnen. Auf hoher Bühne standen die beredten Streiter, im Angesichte Europas wurde der Kampf gekämpft, und eS schien den Völkern, als ob die Liberalen ihre Sache führten, die Ultras aber die Meinung und die Absichten der Regierungen versuchsweise geltend machten. Wenn so auf der einen Seite Grundsätze in Umlauf kamen, denen die Volker in ihrer gegenwärtigen Stimmung willig ihr Ohr öffneten, so kamen auf der andern Seite Dinge zur Sprache, denen die andere Parthey beyfällig ihre Zustimmung gab, und so breitete die Spaltung, die Frankreich trennte, allmählich immer weiter klaffend, sich durch alle Völker aus, und der Streit der Ultras und Liberalen wurde ein europäischer. Teutschland vor Allen nahm zu seinen übrigen unseligen Entzweyungen auch diese willfährig auf. Als man es aus dem Napoleo- nischen Hexenkessel, in dem es als ein zweytes dienstbares Gallien wiedergeboren werden sollte, sorgfältig am Congresse herausgeschöpft, fanden Europa und die Revolution. sich beym Zahlen noch mehr Thcile vor, als der Zauberer hiucingefüllt. Durch seine Sprüche und Kräutersäfte hatte jedes Glied eigene Seele angenommen, und Alle waren nun, kleine Microcos- men, davon gelaufen, jedes eigene Gestalt anneh- mend, wie die Larven in der Versuchung jenes heiligen Einsiedlers. Da Jeder, wie die Schildkröte, sich in dis Schaale zog, oder die Stacheln dem Nachbar entgc'geukehrte, zeigten sich schnell die Folgen dieser Heilsorbnung in allgemeiner, stets zunehmender Verarmung, Zerrüttung aller Industrie, ja förmlicher Hungersuoth. Armuth ist aber von je die Mutter aller gewaltsamen Umwälzungen gewesen, wie Ausgelassenheit der Leidenschaften als Vater zu ihnen gestanden. Wohl hatten allmählich mehrere südliche und östliche Re-, gierungen sich ehrenvoll gelöst; so Bayern rasch weg in frischem Entschluß; Würtemberg gründlich und verständig nach langen wechselseitigen Erörterungen; Baden im Gedränge der Ansprüche, die seine Integrität bedrohten; Nassau als Lösung, mit der es sich noch im Verlauf des Krieges vom rheinischen Bunde weg in Teutschland wieder eingekauft; aber cs hatte da und dort schon sichtlich ein unheilbringender Machiavellism sein Haupt erhoben, um die der Zeit gemachten Einräumungen - ^ wieder durch Arglist znrückzunehmen. Der Nor- »33 ll. Vergangenheit. den und Osten zauderte und weigerte sich beharrlich ; Preußen verbot die Erfüllung des »5leu Artikels auf dem Petitiouswege, erst bcym Bundestage, daun selbst bcy der eigenen Behörde nachzusuchen, wahrend von anderer Seite eine Interpretation dieses Artikels verlautet hatte, die alles darauf begründete Recht auf ein Erwartungsrecht reducften wollte. So wurde die Meinung zunehmend immer heftiger gereiht und mehr und mehr erbittert; der Argwohn des Volkes, daß die Regierungen nach unbeschrankter Gewalt strebten, erzeugte von ihrer Seite den entgegengesetzten, daß es auf Revolutionen abgesehen; und wenn jener Verdacht im Drucke des Napoleouischen Despo- tisms und der Erinnerung dessen, was zur Zeit seiner "Herrschaft in Teutschland vorgcfallen, jede Nahrung fand, so ängstigte und vergiftete sich dieser im Gedanken der Greuel, die in der Revolution seit Menschcngedcuken sich entwickelt hatten. Die Jugend, die ihrer Natur nach am meisten in der Zukunft lebt, die sie mit Recht als ihr Eigenthum betrachtet, fühlte natürlich um so starker von der Gegenwart sich geängstet und gedrückt, je mehr sie an der Ehre der nächsten Vergangenheit Theil genommen. In ihrer Ungeduld wurde sie daher nur allzu leicht versucht, jene Zukunft versuchsweise vorweg zu nehmen, und ergab Europa und die Revolution. sich abenthenerlichcn Plänen und allen Illusionen einer gänzlich uupractischcn Metapoliu'k. Schon hatte sich das Ankampfen gegen die widersinnigsten öffentlichen Verhältnisse, die ein Volk Pt seinem Verderben heimsucheu können, iü einzelnen gewaltthatigen ' Handlungen Platz gemacht, und die Licenz der Meinungen und die. große Unzufriedenheit der Gemüthcr ließ allerdings ein Mehreres befürchten. Die Meinung mißbilligte diese Verirrungen, und hatte eine maßhaltende repressive Rückwirkung wohl begründet gefunden; aber was nun geschah, mußte ans die Vermu- tl'ulng fiffr.n, man habe den willkommenen Vorwand nur ergriffen, um lange gehegte Vorsätze i nun mit einem Scheine von Recht in Ausführung zu bringen^ Wie die jungen Leute auf die Noch und das Recht des Vaterlandes sich berufen, als sie den Dolch als Richter in seiner Sache führten, so hörte man mitten im Reiche der Gesetze jetzt von einem Nothrecht reden, das jede Gewalt und jede ungesetzliche Verfolgung entschuldigen sollte, und die Polizey sollte gelten als ^ das höchste Reichsgericht. Der Congreß von Carlsbad hatte die Rückwirkung zu ihrem Acus- sersten getrieben; vergessend, daß kein guter Feldherr alle Reserven auf einmal in die Schlacht einsührt, und kein guter Arzt alle seine Arzncyen ' II. Vergangenheit. i85 auf einmal ohne Noch dem Kranken mit Hast einschüttet. Darum war dieser Congrcß der Wendepunkt jener rücklausenden Bewegung, die wieder einzubrechen begonnen; es entstand eine trügerische Stille weniger Augenblicke, der aber bald der Sturm mit neuer Gewalt folgen sollte. Die Weissagung, die Burke vor mehr als einem Mcnschenalter gethan, es werde die Zeit kommen, wo die Fürsten aus Politik Tirannen würden, weil die Nnterthanen Rebellen aus Prineip geworden, war nun eingetrcten; aber auch die entgegengesetzte, daß die Ilnterthanen Rebellen werden aus Politik, weil die Fürsten Tirannen aus Grundsätzen. Man hatte, wie bey der Bildung der Glastropfcn im physikalischen Experiment, den Fluß der Begeisterung plötzlich im eiskalten Wasser der allernüchternsten Politik abgelöscht; darum waren alle Spannungen ins Innere einer schnell verhärteten Rinde mühsam eingeschlossen: man konnte das scheinbar feste Aeußere mit allen Kräften schlagen, ohne das Ganze zu verletzen; aber nur die kleinste Spitze abgebrochen, und plötzlich schlagen alle gebundenen Federkräfte los, und in Staub geschmettert, zerfährt die ganze Masse. Längst schon hatte drückende Schwüle und ein unterirdisch Brausen das kommende Erdbeben an- i?,6 Europa und die Revolution. gekündigt, endlich kam denn das Drohende heran. Vom fernsten Abendlands und gerade von derselben Insel, an der die Waffen Napoleons gewendet hatten, kam der erste Anstoß ansgegangen. Zu Spanien war Wirkung und Gegenwirkung, wie es ans seinen ercentrischen Verhältnissen sich ergab, am gewaltthätigsten erfolgt, cs mußte daher dort auch am ersten znm Bruche kommen. Tw Cortes, die ohne König sich geholfen, hatten ihn auch in ihrer Constitution für entbehrlich gehalten, und das Königthnm zu einer sorgenvollen Sinecure gemacht. Der König seinerseits hatte die Cortes, da sie mit seiner Rückkehr ihren Zweck vollkommen erreicht, völlig entbehrlich zum Regiment gefunden, und als er die Zustimmung seines Heeres sich versichert hatte, sie mit ihrer Constitution ausgetrieben, und seine Camerilla an ihre Stelle hingesetzt. Nach der kurzen unbedeutenden Episode der Invasion, und einigen wenigen damit verknüpften Blutvergießens, würde nun gerade an dem Punkte fortgefahren, wo die Tage von Aran- juez abgelassen, und jener unmachtige Despotism, der vor Napoleon sich in Staub gebeugt, organi- st'rte nun seinerseits ein System des wnthendsten Terrorisms gegen Alle, die mit Ehre gegen den Tirannen gestanden hatten. Europa war aufmerksam, und harrte auf das Zwischentreten jener II. Vergangenheit. 187 Mächte, die sich zur Erhaltung des Friedens vcr- bimden, und die Constitution der Corres anerkannt hatten. Nie war eine Vermittlung nothwcndiger gewesen, denn nie war jener Friede auf eine ver« wcgenere Weise gefährdet worden, nie hatte ans andere so viel Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Erfolgs zur Vereinigung der Partheyen 'n einem billigen Austrag dargeboten, und nie hätte eine andere im Falle des Gelingens ersprießlicher für das Heil des zerrütteten Welttheils sich bewiesen. Aber sie unterblieb, und damit waren die Loose geworfen zu neuem Unheil, dessen Folgen noch jetzt nicht zu berechnen sind. Das Heer war von der Autorität als Bundesgenosse angenommen; es begann sich zu fühlen in seiner Würde, und lernte sich selbst für die wahre und rechte Autorität zu halten. War die erste autorisirte Verschwörung gegen die Cortes gerichtet, so folgten jetzt andere gegen die königliche Macht, natürliche Folgen jener ersten; und als diese sich durch Rückwirkung derselben zu erwehren suchte, versöhnte die wachsende Erbitterung die Partheyen wieder in dem gleichen Interesse. Dieselbe Gewalt, durch die sich die alte Ordnung hatte einführen lassen, verwarf sie nun wieder, und setzte die neue an ihre Stelle. Die Cortes herrschten abcrmal, und der König diente. Zu .groß war die Spannung im i88 Europa und die Revolution. ganzen übrigen Europa, zu ähnlich die Lage der Dinge in so Vielem anderwärts, als daß der Riß, einmal angefangen, sich nicht weiter hatte verbreiten sollen. Nur das vereinende Wort hatte gefehlt, ein bestimmter Ausdruck für das Wollen und Bestreben, das war nun in der spanischen Constitution gefunden. Italien insbesondere war nach Verschlingung bedeutender integrirender Theile in alter' Trennung äußerlich wieder hergestellt, aber innerlich war ein Gefühl der Einheit in den Gemächern erwacht. Ein Vertrag band die wieder eingesetzten Regierungen, ihren Völkern nicht mehr Freyheit zu gestatten, als Oesterreich seinen wiedergewonnenen und neu erworbenen italienischen Provinzen mit karger Hand gewahrte. Zn Neapel war, wohl in Gefolge dieser Vertrage, eine früher gegebene Constitution wieder aufgehoben; darum kam dort der Rückschlag des Blitzes, der in Cadir sich entladen, am ersten zum Vorschein, und das leichtgesinnte Volk, das den Vesuv umwohnt, verpflanzte die Cortes in seine Hei- math. Abermal zündete ein anderer Strahl in Portugall, und wieder dann in Piemont, und lief sofort unter Meer und Erde hin, bis er im alten Dazien wieder zu Tage trat, und plötzlich das Volk der Griechen gegen seine alten Unterdrücker unter die Waffen rief. So hatte zum II. Vergangenheit. drittenmal Fluth und Ebbe im Jdeenmeer gewechselt, und nahe ist die Weissagung erfüllt, die Revolution werde die Umreise um ganz Europa halten. LII. Gegenwart. Getragen vom Strome der Ereignisse ist die Betrachtung nun in der Gegenwart angelangt. Was sich ihr kund gegeben, ist ein furchtbares Hin- und Herüberschwanken, ein beständiges, eon- vulsivisches Abspringen von einem Aeußersten zum Andern. Wie die Magnetnadel nur in kurzem Stillstand ihre Beruhigung in der Richtung zum Pole findet, dann aber nnstät suchend, sie weis nicht was, und wie jede Natnrkraft, blind im Finstern um sich tappend, immer weiter nach Osten weicht; und wenn sie ihr Gelüste dort nicht befriedigt gefunden, wieder zurück dasselbe eben so weit nach Westen hin verfolgt, und so in Secularpe- rkoden hin und herüber oscillirt: so die Gesellschaft in der neuern Zeit. Seit das altgermani- sche System, das Carl der Große in seiner Be- gränznng vollendete, zerrüttet worden, sucht Europa in diesen unaufhörlichen Schwankungen und 1 1 HI. Gegenwart. Igl Schwingungen den verlornen Schwerpunkt wieder, immer zu jedem Aeußersteu getrieben, und wenn es dort angelangt, sich wieder nach der Mitte sehnend; und hat es seinen Anlauf dahin genommen, nicht sie gewinnend, sondern mit der durch den Rückgang erlangten Geschwindigkeit immer wieder über sie hinaus bis zum andern Extrem getrieben. Bald hat die Einheit die allgemeine Seligmachnng über sich genommen, und sie abstra- hirt, und zieht und saugt und pumpt und centralis'rt mit größtem Eifer, daß alle Safte beklemmend und erstickend sich in den innern Lebenöthei- lcn Haufen, wahrend die äußern Gliedmaßen kalt und erstorben, unempfindlich und steif und schwer krampfhaft zucken oder Flocken lesen. Wenn die Seligkeit der (Neutralisation dann aufs Aeußerste gekommen, sofort gehen die Glieder zu Nathe, wie sie des Joches der habsüchtigen Mitte sich entledigen, und sie ziehen nun ihrerseits alle Schleusen auf, und bringen alle Pulse zum Schlagen, und lassen alle Haargefäße saugen, und alle Muskeln sich zusammenziehen, und es stürzt der Le- beusstrom nun von der Mitte gegen die Oberstäche, und es glüht diese in jener falschen, entzün- dungsartigen Lebensröthe: aber innen die Mitte ist blutlos, leer, verarmt, bleich, gelähmt, und wie sie mehr ermattet, und die innere Bindung ig2 Europa und die Revolution. sich löst, wird das Lebensfeuer immer flatternder, ein bloser phosphoresckrender Schein, weil die innere Gediegenheit zerflossen. So wird Europa von den Parorismen dieses Wechselflebers heimgesucht, bald in den Schauern des Despotisms zähneklappernd, dann wieder von fliegender, Revo- lntivnshihe heiß überlaufen, immer kraftloser und hinfälliger und matter, und dies Fieber, das zuerst ein feculares gewesen, hat sich in der Reformation ans Menschenalter cingezogeu, in der Revolution ist cs auf Stufen alt er znrückgegan- gen, jetzt aber beynahe jährig geworden und fast ohne Intermisston, deutet es auf die stets zunehmende Verfeichtung der Lebenskräfte, zugleich aber auch auf das Annahen der entscheidenden Crise. Vis dahin wird der Aufruhr fortdaneru in allen Lebensgeistern, indem alle Elemente und alle Triebe, die bestimmt sind, in gemeinsamer Zusammen- wirkung das Leben zu begründen, einander abgesagt, und eine allgemeine Protcstation Aller gegen Alle sie auseinander hält. So ist alles innere Le- bensmaß unmäßig worden, der Organism von innen heraus ansgehöhlt, das krankhafte Lebensgefühl eine falsche Gesundheit lügend; nur jene unstäte, hastige Unruhe und Unsicherheit in allem Thun, Las diese Zeit bezeichnet, verräth die Größe des inner» Uebels. Zu trüg zu einer kräftigen, dau- »93 III. Gegenwart. erndcn, nachhaltenden Lebensverrichtnng; zu bewegt, gespannt und aufgeregt, um sich der Ruhe - hiuzugeben; zu unruhig für den Despotism, zu stlavisch für die Freyheit, sucht sie immer aus jenem sich an die Unabhängigkeit zu retten, und ist > sie dort angelangt, erwacht wieder ein sentimentales Sehnen nach den Fleischtöpfen der Dienstbarkeit. Um allen diesen widersinnigen Trieben und verwirrten Bewegungen mehr auf deu Grund zu sehen, wird es nothwendig seyn, das; die Betrachtung einen Augenblick in der Gegenwart verweile, und auf der großen Bühne dieser Verwirrung um sich sehe. Vom eigenen Vaterlands ausgehend, rrnd auf dasselbe sich zurückbeziehend, wird sie es zum Standpunkt wählen, und von da ans, wie eben erst das Successive, so jetzt das Coeristirende in großen Massen zusammenfassen, damit die Beziehung derselben, wenn das Besondere nicht die Aufmerksamkeit verwirrt, klarer und bestimmter in die Augen falle. Auf Italien fällt zuerst der Blick, wenn er über die Alpen niedersteht. Von je hat ein wunderbares, geheimnißvolles Verhältniß bestanden zwischen Teutschland und diesem Lande; die Schicksale beyder Völker waren, als seyen sie unter einem Stern geboren, auf's genaueste verschlungen und verwickelt in einander; wie sie auch die Na- »3 194 Europa und die Revolution. tur geschieden durch hohe Bergeszüge und noch tiefere geistige Klüfte, sie mogtcn nicht lassen von einander, sich wechselseitig zum Segen und Verderben. Im Kampfe mit Rom hat die Geschichte den Namen der Germanen zum ersten Male genannt. Seither war die Siegerin über Berg und Meer gezogen, um das Asgard aufzusuchcn, das ihr jene Schaaren zugesendct, vor denen sie einmal, und das auderemal und zum drittenmal gezittert hatte, und fortan ruhte Jahrhunderte lang nicht mehr der Krieg Othius mit dem capito- linischen Jupiter. Als der Asengott endlich vor den Mauern des Süderfürsten steigend angelangt, da war das Haus des Donnerers wüst geworden, und mit allen Göttern der bezwungenen Völker, die er im Pantheon um sich versammelt hatte, war er in die sieben Hügel eingczogen. Ihm waren dreyßig Generationen der Menschen voran- gegaugen mit allen Triumphen und Trophäen und den gewonnenen Siegeskronen, mit allen Schätzen und allein Ruhm und aller Herrlichkeit der Welt, aber auch mit aller Blutschuld, die sie darum auf sich geladen, und die Todtenhügel waren hinter ihnen verschlossen worden, noch tönte die Todten- klage, und die Priester eines andern Gottes sangen Threnodien über die alte Welt, und begrüßten jubelnd die neue Verheißung, die sie erfüllt gese- HI. Gegenwart. ig5 her. Da entwich bey solchem Anblick der alte Ase in den dunkeln Urwald seines Nordlands; die '' Seinen aber, die er fliehend zurückgclaffen, huldigten dem Christengotte; und seither war das Band geknüpft, das noch bis diese Stunde, wenn anch loser, als ehmals, das Land diesseits der Berge mit dem von jenseits verknüpft. Zudem immer neue Ströme nordischen Blutes sich in die Adern des italischen Volks ergossen, wurde in dieser Transfusion das alte ausgelaugte, augefleckte, abgestorbene ausgespült, und au die Stelle neue plastische Lymphe eingcfüllt; und so war der welke hinfällige Körper in der Wiedergeburt mehrerer ä Jahrhunderte auf's neue vergnügt und lebenskräftig, > ohne daß er darum seine alte, charakteristische Ei- > genthümlichkeit eingebüßt. Und wahrend dies Volk >' in solcher Weise sich regeucrirt, hatte die Welt umher eine andere Gestalt gewonnen; die Herr- ' schüft war von Rom genommen, die Drangsale des Kriegs, alle Schrecken der Völkerwande- ' rnng hatten die Pracht der Vergangenheit umge- stürzt; Feuer und Schwcrdt hatten das Altcrthum gefressen, und auf dem großen Gottesacker, mitten ^ unter Leichen und Gräbern, war die neue Kirche ' aufgebaut. Da hatte das Volk, Jeuge und Schlacht- f epftr so furchtbarer Umwälzungen, erschüttert durch l bas grauenvolle Schauspiel des Todteskampfes einer iZ » ,g6 Europa und die Revolution. gewaltthätig sterbenden Zeit, erschreckt von den Zuckungen, in denen das scheidende Leben sich losriß von der alten. Hülle, tief ergriffen von dem Gefühle' der 'Vergänglichkeit alles Irdischen, sich zum Altar geflüchtet, und hatte dem Christenthum die ganze Seele zngeweudet, und v»n nun an war Charakter und Richtung festgestellt für alle Zeiten, in denen die Lehre dauern wird. Die althetru- rische Priesterrichtnng in ihrem ganzen, dunkeln Tiefsiun war wieder hergestellt, und das römische Kriegeswesen, das episodisch störend zwischengetreten , hatte durch die Umwälzung der Zeiten sein End' gefunden. Das Vorherrschende des Volkscharakters ist seither jener religiöse Instinkt geworden, der als bewußtloser Trieb,, wurzelnd tief im Innersten, hat er einmal in wundersamer Befruchtung die Idee in sich ausgenommen, sie in geheimer Werkstatte hegt, ihr die Fülle des Stoffes, durch alle wirksamen Kräfte und Tüchtigkeiten gebildet und geformt, zur Hülle bietet, daß sie Gestalt gewinnt und wächst, ohne äußeres Znthun, und also zur Zncarnation gelangt. Und durch dasselbe Organ, womit dies Volk die Religion von oben in sich ausgenommen, muß auch die Welt umher in seine Seele treten; indem sie die Fülle der Anlagen einer reichen Sinnlichkeit voll Gesundheit, Wärme, Le- III. Gegenwart. r97 ben und Leidenschaft, die ganze Geschmeidigkeit eines reizbaren, zartgestimmteu, feinsinnigen Em- pfindungsvermögens, allen Zauber einer lebhaften, brennenden Imagination, und die Energie aller übrigen überfließenden Gemüthskräfte, gezügelt allein durch ein zartes Naturgefühl für Schönheit und Ebenmaß, zu Vermittlern nimmt, um zu einem ungebildeten, aber der Anlage nach scharfsichtigen und tiefsinnigen Verstände zu gelangen, der aber allein nach Empfindungen und äußeren Erfahrungen zu urtheilen sich gewöhnt. Mit solchen Anlagen ifl das Volk in die Weltgeschichte cinge- treten, und diese hat es in ihrer Schule groß gezogen, daß zweymal die Herrschaft ihm zu Theil geworden, / und nach allen Katastrophen und vieljähriger Entartung ifl immer noch der neue Jtalianer zurückgeblieben, lebendig, geistreich ans Mutterwitz, voll gesunden Verstandes und schneller Fassungskraft, nachdenklich, ernsthaft, mäßig, nüchtern, arbeitsam, ^ gutmüthig und frohsinnig, aber auch wieder heftig, - leidenschaftlich und reizbar, jähzornig, rachsüchtig, sinnlich, raffinireud, übermüthig im Gefühle geistiger Ueberlegeuheit und dem Gewinn ergeben bis zur Ungebühr. Diesem so gestimmten Volke hat nun ^ die Geschichte zu stetem Antagonism die germa- ^ Nischen Völker beygesellt, in Anlage und Aus- ig8 Europa und die Revolution. bildung beynahe in Allem das Gegentheil. Nicht so stnncskraftig und minder heiß elektrisch und ge- witterhaft in den Trieben der mittleren und unteren Region, hat das Bewußtfeyn in ihnen von jeher größere Gewalt erlangt; weniger von außc- , ren Rührungen abhängig, hat eine größere Selbst- thätigkeit in ihnen sich entwickelt, die nun lieber von innen nach außen bestimmend wirkt, als sich von außen her bestimmen laßt; und innerlich wieder von oben nach unten nachdenklich und beson- neu und in ruhiger Ueberleguug sich und die Er- ' scheinungen der Welt zu ordnen sucht. Darum ist das Christenthum minder durch eine Art von Naturosfeubarung im Gemüthe, als vielmehr durch eine geistige Ueberzeuguug an die Teutschen gelangt, und es hat bey ihnen immer einen Vorherr- s schend skrengen, ernsten, ethischen Charakter behauptet, und selten oder nie die freundliche, liebliche Sinnlichkeit wie in Italien gewonnen. Derselbe Gegensatz hat sich auch in den Künsten ausgewiesen, die diese Re- ' ligion zu Hülfe genommen. So hat die Baukunst in ^ Italien jenen griechisch romanischen Styl gefunden, ! indem ste in den leichten, zierlichen, heiteren Wer- ! ken der Constantinischen Zeit die Naturplastik der antiken Kunst in's Christenthum hineingebildet. Der Norden aber hat diese Werke schwerer fassend i Anfangs in longobardifche, sächsische, fränkische Weise . 199 III. Gegenwart. mngestaltet; dann aber, als er erst in seiner Eigcn- thümlichkeit sich znrecht gefunden, in seinen Munstern aus Zahlen, Wurzeln, Formen und Verhältnissen, in bestimmter Fügung nach einem durchgehenden Grundgesetz bis in's Einzelnste geordnet, der Idee ein Kleid gewebt und eine leibliche Gestalt, große analytische Formeln in vielen Gliedern und Reihen, tiefsinnige Compositionen, nach den Regeln des reinen Satzes durchgcsetzt, als Seele in den todten Stein eintragend. Und wahrend das klangreiche Italien diese Kirche mit jenem würdigen, aus großen Massen einfach gefügten, in unverzierten Bogen- stcllungen langsam und feyerlich hinziehendcm Sang erfüllte, und außen jene Fülle reicher Modulationen aus dem Innersten der Seele quellen ließ: mogte es dem teutschen Geist allein gelingen, die ganze Welt der Klänge aufzuthun und alle Töne loszulassen, aber im Fliehen wieder sie zu fassen, und unter das Gesetz der Harmonie zurück zu zwingen. So haben die Teutschen das trockene, herbe Symbol alter Mahlerey durch die Treue der Wahrheit zuerst gesprengt, und durch die milde Strenge, verbindend so technisch wie geistig das schmeidigende Oel mit dem widerstrebenden ^Stoss, bis Raphael in diese Begeistigung wieder die schöne Sinnlichkeit seines Volkes eintragen konnte. 200 Europa und die Revolution. So bedeutende Unterschiede in Charakter und Sinnesart, konnten sich im öffentlichen Leben nicht verläugnen. Alles, was im Naturelemcnte lebt, ist eben im eigensten Charakter des Natürlichen scharf ausgeprägt, bestimmt umschrieben, derb, und eigenthümlich, und hat einen Trieb ekngcpflanzt, diese Eigenthümlichkeit zu schützen und zu bewahren, ein Trieb, der im öffentlichen Leben als Frcy- heitssinn erscheint. Diesen Freyheitösinn haben die Ztalianer durch ihre ganze Geschichte wohl bewahrt, und er ist, nachdem sie Jahrhunderte lang unter willkührlichen Regierungsformen gelebt, noch bis auf diesen Tag unvertilgbar in ihrer Brust geblieben. Der Affekt ordnet sich dem nur willig unter, was ihn hinreißt, und mit instinktartigem Zauber ihn bemeisiert; er laßt sich nicht gebieten, wie die Liebe, nur gewinnen, und wenn er auch der Gewalt sich fügen muß, so lehnt er sich wenigstens mit tiefem Haß gegen das Unabwendbare ans. Darum hat das italische Volk sich zu aller Zeit dem Glauben gern gefügt; es hangt mit unbedingter Hingabe an den Satzungen der Kirche; aber wenn diese mit weltlicher Gewalt ein Well- liches begründen wollte, dann hat seine Eigenthümlichkeit immer aufs Entschiedenste widerstrebt, und es hat den Päpsten nie gelingen können, eine politische Einheit in der Halbinsel zu begründen. 2vr III. Gegenwart. Dasselbe iss, obgleich aus andern Motiven, auch in Teutschland von je der Fall gewesen. Die ssolze Selbstständigkeit der Germanen hat sich nie ganz, und nie anders als im Gefolge eines selbst- gefaßten freyen Entschlusses hinacgebcn; ihr Herr und Kaiser war immer der Mann ihrer Wahl; und wenn sie diesem willig sich subordinirt, so hat sie immer noch ein Element der Coordi Nation sich Vorbehalten zum bleibenden Zeichen ihrer Ebenbürtigkeit vom Anfang herein. Selbst das Feudalsystem, das sie in ihren Eroberungen einge- sührt, war nichts als eine wohlberechnete, mit klarer Besonnenheit abgewogene Vertheilung zugleich der Macht und der Dienstbarkeit unter alle freyen Genossen, die durch eine abgestufte Reihe von Mittelmächten die Beherrschten mit der herrschenden Gewalt verknüpfte. Als darum der Streit, der in Italien zwischen der Eigenthümlichkeit der Stämme und der Allgemeinheit im weltlichen Elemente der Kirche gestritten wurde, in jenen größeren Streit zwischen Papst und Kaiser aufgegangen, mußte so Italien wie Teutschland in jene große Partheyung der Welfen und der Gibel- linen zerfallen, die Teutschland wie Italien zerrüttet hat. Was wechselseitig sich ergänzen sollte, deckend je des Einen Armuth durch den Reichthum, t 202 Europa und die Revolution. den der Andere besaß, mußte, in Feindschaft ent- zweyt, sich gegenseitig aufreiben und vernichten; und wie sie beyde in Eintracht die ganze Lehre und ihre Discipliu, die Hierarchie und das Kir- ! chensystem einerseits, und andererseits die ganze ^ politische Verfassung Europas geordnet hatten, so - mußten sie in ihrer Zwietracht die Ursache der ganzen ^ Verwirrung der folgenden Zeiten werden. Als das Papsithum mehr und mehr dem Despotien, das Kaiserreich der Anarchie zuneigte, suchten die deutschen, noch immer durch den Ernst ihres religiösen Strebens ausgezeichnet, in den Concilien . die Kirche, indem sie das aristokratische Priucip gegen das monarchische bewaffneten, zu regcneriren; ^ erst als der Versuch mislungen war, trat die völlige Kirchentrennung ein. Italien hatte nun in ! Teutschland zugleich sein geistiges Ferment und seine physische, zusammcnhaltende Einigung verloren; Teutschland in Italien die kräftigende Lebensfülle und die geistige Einheit, und so mußten nun beyde in sich zerfallen. Die italianischeu Städte, von der kaiserlichen Macht befreyt, strebten immerfort, ihre Freyheit gegen die Politik der Päpste und der kleinen ! Tirannen zu wahren, und die großen Kämpfe im i Innern dieser Republiken, die Reste freyer Muni- cipalverfaffung in fast allen Städten dieses Landes, ^ können Zeugniß von dem Eifer geben, den sie da- i k ! l III. Gegenwart. 2vZ bey an Tag gelegt; aber da das Land, eben wie Teutschland, der Tummelplatz aller fremden Völker wurde, mußte, eben wie dort, die stadische Freyhcit vor der stets um stch greifenden Territorialherr- schaft vergehen. Zn solcher Weife haben zu aller Zeit beyde Reiche im Glücke wie im Unglück gleiches Schicksal getheilt, und auch jetzt bieten beyde ganz dasselbe Schauspiel der jammervollsten Auflösung dar. Jenseits der Alpen wie diesseits dieselbe Zerrissenheit, ohne Spur einer Einigung; dieselbe Trennung des kraftvollen Stammes in Theile, die Convenienz und Zufall allein verbunden, und die stch nun wechselseitig Haffen; der gleiche Untergang aller Freyheiten der Nation in bodenloser Willkühr; darum derselbe Zerfall des Gemeingeistes, derselbe Untergang alles öffentlichen Lebens, das in die Zsolirung der Privatverhaltnisse stch zerstückt; dieselbe Vergeßlichkeit für alle Thaten einer größeren und besseren Vergangenheit; dieselbe Flachheit und Leerheit aller gesellschaftlichen Verhältnisse; dieselbe Entartung und Abgestorbenheit für die Idee in der Beschlossenheit starrer Eigensucht. Darum aber auch dieselbe Schmach in der Geschichte; derselbe Vcrrath der Jnterresseu der Nation an's Ausland; die gleiche Anfeindung streitender Interessen; dieselbe periodische Unterdrückung «nd Aus- ro4 Europa und die Revolution. Plünderung von außen herein, und nun auch dieselbe Verzweiflung in den Gemüthcrn über den Zustand der deutlichen Angelegenheiten; dieselbe Gahrung und Unzufriedenheit; der gleiche Haß gegen alle Unterdrückung; dasselbe insiinktartige Sehnen aus der Zerrissenheit gegen eine Einheit zurück, die mit der Eigenthümlichkeit des Besonder» sich vertragt; dasselbe allmähliche Wiedcraufwachen des Nationalgefühls und aller bisher schlummernden Kräfte in der Masse; dieselben Ideen von Feeyheit, Bürgerthnm und Verfassung im allgemeinen Umlauf unter den Gebildeten. Diese Stimmung hat in neuerer Zeit zum öfteren in heftigen Ausbrüchen, wie es einem vulkanischen Lande voll schlafenden Brennstoffs natürlich ist, sich geäußert. Einmal, als die Waffeu der Franzosen über die Alpen vorgedrungen, und nun plötzlich langverhaltene Kräfte losfchlugen in Neapel, dem Kirchenstaate, Mayland, Venedig, Sardinien und Piemont. Alle Bestrebungen scheiterten damal, theils weil die Führer aus dem Charakter des Volkes fallend, sich nicht volksmäßig zu machen gewußt, hauptsächlich aber an der Arglist französischer Politik, die sich das Land zu ihrer Beute ausersehen. Dann neuerdings in jenen Bewegungen, die durch die Vorgänge in Spanien veranlaßt worden, und hier war es das Interesse der alten Ordnung und III. Gegenwart. 2v5 Oesterreichs, das sich mit schwachen Monarchien, wie ehemals das Direktorium mit ohnmächtigen Republiken zu umgeben sucht, die durch ihre Gegenwirkung die zum zwcytenmal auflodernde Flamme erstickt. Seit die Religion von der Politik in Enrona überwachsen worden, hat Frankreich schnell seinen rechten Mittelpunkt und Wirkungskreis in ihr gefunden, und seither ist es an die Stelle Italiens im Verhaltniß zu Teutschland eingetreten. Zwar haben schon in den frühesten Zeiten lebendige Wechselwirkungen zwischen beyden Völkern bestanden, und die heftigsten Kriege wütheten zwischen Galen und Germanen, zum Theil jenseits des Rheines, viele Jahrhunderte früher, als Rom in die Geschichte eingetreten. Als die Romaburg gebrochen war, mußte auch in Gallien eine Regeneration durch deutsches Blut geschehen; darum hatten die Gothen westlich im alten Aquitanien ihr Reich gegründet; die Burgundionen im Osten vom Rheine bis zum Arelat; in die Mitte aber hatten die Franken sich ergossen, und als die zum herrschenden Volk geworden, war Gallien unter Carl dem Großen zu einer der Hauptpro- vinzen des großen germanischen Reichs erwachsen. Zn der Vermischung der Stämme ist dann aus dem alten Gallien das heutige Franzosenvolk ge- 2o6 Europa und die Revolution. worden, jedoch also, daß der gälische Stammcharakter bey weitem das entschiedene Uebcrgewicht behauptet; und darum, obgleich in anderer Weise und in verschiedenen Elementen, derselbe nur beschranktere Gegensatz, wie zwischen Italien und Deutschland sich entwickelt hat. Man kann sagen, daß kein Volk auf Erden so recht eigentlich zn Hause scy, wie das Französische, so daß man füglich diesen Stamm, den eigentlich irdischen, oder wenigstens vorzugsweise Europäischen nennen könnte. Keinem Andern ist ein solcher Weltverstand zu Theil geworden, um die Beziehungen der Dinge mit Leichtigkeit zn durchschauen, die Gelegenheit im rechten Augenblick zu fassen, und den Umstanden dienstbar auzuschmie- gen; keinem solches Geschick, sich schnell in allen verworrenen Verhältnissen zurecht zu finden, und mir Geschmeidigkeit in alle Formen sich zu finden, und in alle Lagen sich einzupassen. Keines kann bey gleicher Betriebsamkeit in Verfolgung bestimmter Zwecke sich solcher Gewandtheit rühmen, das Spiel persönlicher Beziehungen, Interessen und Leidenschaften ohne Aufsehen und großes Nachdenken durch bloßen Takt zum eigenen Vortheil hinzuwenden, und das Streitende bewußtlos zum dienstbaren Werkzeuge sich umzuschaffeu. Keinem Andern ist solche Fertigkeit geworden, die III. Gegenwart. 207 Dinge in dem glücklichsten Augenpunkt zu fassen, wo ihr ganzer Schein in der vollsten Wirkung sich zusammen findet; noch solche Gabe, das Leben und die Leidenschaft und den Affekt und die Gesinnung, und alles was wescnhaft ist, ans der Tiefe herauf an der Oberfläche ausznbreitcn, daß sie wie geschlagenes Gold den möglichst großen Effekt bewirken. Keinem ist gegeben, bey so leichtem, fröhlichen Blute, - mit solcher Zierlichkeit das Leben aufznfassen, die geselligen Verhältnisse mit so gewandter Leichtigkeit zu ordnen, und mit dem Ernste so unbedingt sein Spiel zn treiben, daß er selbst zur Leichtfertigkeit sich bequemen muß. Und diesen: leichtgesinnten, beweglichen Vogelgeschlechte gegenüber nun die Tcut- schcn, schwerfällig und ungelenk, als ob sie ans Vieren gierigen, in allen Anlagen und Richtungen ' das Gegentheil, das Aeußerste bey jenen ihnen gegen innen umgewendet; darum in allem Thun und Sinnen in sich gekehrt; unverständig bey starker Vernunft, lebendige Phantasie bey stammelndem Organ, tiefe Empfindung ohne Takt, große Willensstärke, ohne äußeres Geschick, ihn auszulassen; lebend in der Zukunft oder der Vergangenheit, darum nie in der Gegenwart heimisch; strebend in allen Dingen nach dem Höchsten und dem Tiefsten, darum immer verlierend das Erreichbare, ! das in der Mitte liegt, und nichts vollführend bis 2o8 Europa und die Revolution. zum Ende; nur in der Ruhe oder der heftigsten Bewegung mit Gemessenheit gewandt, in allen gemäßigten Uebergangen ohne Haltung, und darum > in der Regel an der Gelegenheit unentschlossen vorübergehend. Darum hat die Religion, die dem Teut- schen von je als die Meisterin des Lebens gegolten, sich bey den Franzosen früh znr Dienstbarkeit bequemt; und wahrend jene in ihr, wie in Kunst und Wissenschaft, stch immer zur Idee gehalten, haben diese, die in den Ideen nur Fictiouen bis zu dieser Stunde sehen, sich zu Herren und Mei- ssern des Begriffs erhoben, und handhaben nun in der Wissenschaft die analytische Formel, in der Kunst die Regel, in der Praris die technischen Griffe mit ungemeiner Fertigkeit. Ganz und gar auf die Politik angewiesen, haben sie seit lauge ihre größte Meisterschaft in ste gesetzt, und bey ihnen ist die Diplomatik, diese geistige Analysis des Endlichen, gemeinschaftliche Erfindung der modernen Höfe, zu jener Ausbildung gekommen, der zwar die Teutschen frühe schon nachgeeisert, in der sie es aber, weil die Natur widerstrebt, selten zu etwas Erklecklichem gebracht. Zn der ganzen Entwicklung der Geschichte beyber Völker, und in der ganzen Wendung, die ihre Politik genommen, hat diese Verschiedenheit, ^ die sie im Leben trennt, sich ausgewiesen. Seit ^ 209 III. Gegenwart. nn Streit der Enkel Carls des Großen in der Schlacht von Fontenay die Blüthe der fränkischen Ritterschaft gefallen, und dadurch die Macht der Teutschen in Frankreich gebrochen war, Hub sich der Zwist zwischen ihnen und dem galischen Stamme, der sich wieder heraufgearbeitet, ein Streit, der zuletzt in die gänzliche Trennung unter dem einheimischen Geschlecht der Capetinger ausgeschla- gcn. Ohne Verzug beganu nun der Kampf der königlichen Macht mit dem Feudalsystem. Der Feudalbaron, mit seiner srcyen Selbstständigkeit auf das Allodialgut gefestet, in seiner Unterwerfung unter das Haupt auf den Lehnbesih angewiesen, und den Vasallen durch dasselbe Band wieder an sich knüpfend, Hauptmann der Seinen im Felde, Richter im Frieden, war in jenem doppelten Character zugleich Organ der königlichen Macht, um den Eroberten in Unterwürfigkeit zu halten; und Schranke, in ihrer Ausbreitung auf die Eroberer. So wie daher die Eroberung sich befestigt hatte, wurde der Schwerdtgenosfe der Macht in seinem einen Elemente entbehrlich, in dem andern gehässig; hinwiederum aber schien die Autorität dem Vasallen in seinem Charakter als Unterthan drückend, der selbstständigen Frcyheit aber verdächtig und gefährlich, und so mußte dann jener Streit deS i 4 2 10 Europa und die Revolution. Allodiums mit dem Lehn sogleich beginnen. Dieser Kampf in Frankreich, von erblichen Könige» im dunkel gefühlten Einvcrstandniß mit der unterjochten Nation und dem kleineren einheimischen Adel gegen die Repe der Eroberer in den höheren Vasallen, dann auch gegen jene Bundsgenossen selbst mit der ganzen Schlauheit einheimischer Politik geführt, mußte ganz zum Vorthcil der Krone sich entscheiden. In Teutschland hingegen von einem wählbaren Oberhaupt gegen einheimische Barone, in Mitte eines Volkes, das nie sich erobert betrachten konnte, nach dem Untergange der Hohenstauffen meist lau und kleinlich, blos im Hausinteresse geleitet, ist er zuletzt in eine gänzliche Theilung ausgeschlagen, in der das Oberhaupt ein neues Kaiserthum aus dem Concurs für sich gewonnen, die Vasallen aber Königreiche und Herzogthümer sich zugelegt. Bey solchem Ausgang des langen Streites hatte Frankreich mit der Einheit die Macht für sich genommen; Teutschland war mit der Vielheit die Ohnmacht zu Tbeil geworden; und die Gelegenheit war allzu lockend, als daß die Politik ihr hätte widerstehen mögen. Sobald daher die Könige die englischen Invasionen abgewendct, und ihre Alleinherrschaft befestiat hatten, wendeten sie sogleich die Taktik, die ihnen in diesem Streit sir III. Gegenwart. zum Sieg geholfen, gegen außen nach Teutschland hin; und wie die Papste früher, nachdem ste in tapferen: Kampfe die Kirche von der Abhängig, keit vom Kaiferthum befreyt, bald übermüthig dasselbe nun ihrerseits zu unterjochen trachteten; so suchte Frankreich gleichfalls die dreyfache Krone Earls des Großen, die durch seine Trennung zerbrochen war, wieder auf seinem Haupte zu verei, uigen, und es wurde von da an stehende, unablässig verfolgte Idee Teutschland, wie Italien, durch List und offene Gewalt dem Franzosenrciche zu gewinnen. Seither begann das Getümmel in beyden Landern, das sie Jahrhunderte lang mit Brand und Raub und Blut gefüllt, und innerlich zerrüttet und verdorben hat. Teutschland, im Verhältnis; mehr sich selbst entfremdet, wie Frankreich in seiner Politik sich mehr und mehr gefunden, wurde im westphälischen Frieden entwaffnet, im Lüneviller in Besitz genommen; und nachdem . es mit Schmach gefallen, als eine Provinz z.pm großen Kaiserreich geschlagen. Indem aber also das mit kunstreicher Hand durch lange Jahre gelenkte Werk, eben der letzten Vollendung genaht, sind mit einem Male die Zeiten umgeschlagen, indem die Teutschen nach ihrer Art, langmüthig bis zur Einfalt, und passiv bis zum Blödsinn, endlich, als alle Geduld ausgegangen, mit Einem 14 * Male von der geliebten, alten Bärenhaut sich ' langsam aufgehoben, und in einer Anwandlung ^ jenes von je gefürchteten kuror das ^ Werk der verschlagenen Weltklugheit, durch so ! viele Jahrhunderte mit unablässigem Eifer fortgc- s führt, an Einem Tag zerstörten. ss Seither isi Frankreich in das alte Verhalt- f niß zurückgetreten, wie es vor Franz dem Ersten s bestanden; ein mächtiges Reich in der günstigsten ! Lage von Europa, nicht so einsam wie Spanien, f aber auch nicht so unbequem beym Kreutzwcg an s genreiner Heerstraße wie Teutschland; nicht so ^ reich wie England, noch so gesegnet wie Italien, ^ aber mit allen Bedürfnissen des Lebens und seit l dem Kriege noch darüber mit allem Ueberstusse ^ ausgestattet; gesichert durch Meere, Berge und die große Laudesmauer seiner Festungen; bewohnt s von einem Volke, stark durch Zahl, Zusammen- s halten, Gemeingcist, Betriebsamkeit und den Reichthum von Taletilen jeder Art; eben genesend von jener zwiefachen Umwälzung, die einmal überstan- l den, das wankende Leben ausZahrhunderte befestigt; , und auf diese Weise -Alles in sich vereinend, was ' zu einem gesicherten, glücklichen und ehrenvollen Daseyn führt, wenn es sch selbst genügen, und dem alten Lieblingsgedaukcn der Herrschaft entsagen könnte. Glücklich für Teutschland, daß die » III. Gegenwart. 213 Ereignisse den Erisapfel in die furchtbare, geschlossene Einheit dieses Staats geworfen, der die Vertagung dieser Projecte auf geraume Aeir noth- wendig macht, und der teritschen Schwerfälligkeit die uöthige Frist gestattet, gegen ihre künftige Wiederkehr gemächlich in Fassung sich zu setzen. Dieselbe Entzweyung nämlich, die früher die Reformation Teutschland gebracht, hat die Revolution seit dem Sturze Napoleons nun für Frankreich herbeygesührt. Aber diese Entzweyung ist hier keineswegs, wie in Teutschland, eine äußerliche, räumliche, örtliche, indem die Nation, je nach ihren Stämmen, theils für die alte, theils für die neue Lehre sich erklärt. Zwar ist die alte Abtheilung dieses Landes in die cl'ew und die lEAue ll'oui immer noch nicht ganz erloschen, und Südfrankreich, reiner von germanischem Blut und Sitten, eben so wie kn anderer Anise die Westprovinzen, haben allerdings von der zustim- menden religiösen und politischen Richtung mehr behauptet, als der mehr gsrmamsrrte Norden und Osten; aber doch verschlingen sich in beyden Abtheilungen entgegengesetzte Interessen so vielfältig durch einander, daß jener äußere Widerspruch im Ganzen wieder verwischt und ausgeglichen wird. Dafür ist die Entzweyung hier in eine innerliche, organische, vitale ausgeschlagen, die sich durch die 2 14 Europa und die Revolution. ganze Nation verbreitet, und sie nun von innen heraus zersetzt und polarisirt. Diese Spaltung aber ist daher gekommen, daß der alte Herrscher- siamm zugleich mit der alten Aristokratie, nicht etwa wie Wilhelm der Eroberer, an der Spitze von 60,000 kriegerischen Baronen nach glanzenden Siegen in England, so in Frankreich eingezogen, sondern km Gefolge jener großen Occupatio», in der das bewaffnete Europa gekommen, um sich selbst Bürgschaft seiner künftigen Ruhe und Sicherheit zu holen. Dadurch ist es geschehen, daß die rückkehrende Dynastie, nicht etwa wie die Nor- > mannen, ein erobertes Land durch eine starke Fcu- ! dalität in Unterwürfigkeit an die Einheit festge- ! Kunden; sondern sie hat sich in die Nothwendig- keit versetzt gesehen, mit der Revolution und ih- ! ren Interessen eine Capitulation abznschließen, in der sie gegen die Zurücknahme eines Theiles ihrer alten Gerechtsame der Nation gewisse Freyheiten gelassen und gewisse Concessionen bewilligt hat, und dann das Ganze urkundlich in der Charte niederlegte. Zudem die Autorität aber nun in diesem neuen Verhältniß, nach Maßgabe jener billigen Abkunft, sich zu entwickeln begann, zeigte sich bald die furchtbare Kraft der ihr entgegenste- hendcn Verhältnisse. Eine Revolution, die wie «in Orkan über die alte Monarchie eingebrochen, III. Gegenwart. 216 hatte alle ihre Institutionen entwurzelt und um- gcstürzt, und neue Rechte, Verhältnisse, Einrichtungen und Marimen geschaffen, die durch Pre- siription seit einem Menschenalter verjährt, nun schon sogar in alter Ansicht vollkommen rechtlich begründet erscheinen, und darum unumstößlich sind. Das alte große Eigcnthum ist zum großen Theile zerrissen und aufgelöst, und eine neue zahlreiche Classe von Besitzern in dasselbe einge- waudert, deren Rechte unantastbar geworden, deren Besorgnisse bey der neuen Ordnung der Dinge aber darum nicht weniger gespannt und rege sind. Eine Periode äußeren Glanzes und stolzer Waffenehre, wie sie die Nation früher nie gekannt, war aus der Umwälzung des alten Systems hcr- vorgegangen, die jede noch dämmernde Erinnerung der alten Geschichte gänzlich ausgelöscht; während die Rückkehr der Bourbonen sich gerade an das Erbleichen dieses Glanzes und die erfolgte große Demüthigung knüpfen mußte. Indem also das verletzte Natisualgefühl, in der Nachcrinnerung jener Triumphe, sich um so stärker und nachdrücklicher auf Alles wirft, was diese herbeygeführt; muß in gleichem Maße das Alte, und was mit ihm fern oder nahe zusammcnhängt, ihr gänzlich widerwärtig und verhaßt erscheinen. Jene starke Faust, die in der kaiserlichen Tirana ey die Zügel 216 Europlr und die Revolution. hielt, hatte endlich alle Lcnkseile durchgerissen; seither hatten die Schwungkräfte in der Gesellschaft, getragen und stets noch augetriebcn durch eine mächtige Meinung, ein entschiedenes Übergewicht erlangt, und bäumten sich nun übermü- thig gegen die schwächere, des Herr scheu ö ungewohnte Hand. Das alte Geschlecht, das die Zeit von vorhin gesehen, ist größtentheils abgetreten; die lebende Generation ist erwachsen in dem großen Umschwung der Dinge, und hat zum großen Theile thatig dabey mitgewirkt; eine Jugend drangt sich heran, von ihr erzogen; lebendig, betriebsam, klug und gewandt, keck bis zur Verwegenheit, erfahren in aller Weisheit und allen Lüsten der Welt, dabey bis zum Fanatism allem Alten abgeneigt, und schon langst mit Ungeduld der Zeit erwartend, wo sie Theil nehmen mag am öffentlichen Leben, dazu die Reste des alten Heeres, unversöhnliche und natürliche Feinde der neuen Ordnung, die sie entbehrlich macht; die Unzufriedenen aller Farben, die quiescirenden Dignitarien des alten Kaiserreichs: Alles im Bunde mit jenen Antipathien und Abneigungen mußte das Anwachsen des neu aufgesetzten Reises beyuahe unmöglich machen. Da so viel Widriges sich vereinigte, war es nicht zu verwundern, daß wenig Hundert Menschen hingereicht, binnen vier- 217 HI. Gegenwart. zehn Tagen den wicderaufgerichteten Thron um- zu stürzen; und auch, nachdem er zum zwcyten Male wieder hergcstellt worden, sind zwar die unmittelbar wirksamsten Kräfte gebrochen und beseitigt, aber die allgemeinen, stetigen und bestiudi- gen so thatig als je geblieben. Gegen me Aristokratie hatte vom Anfang herein der Hon der Nation am entschiedensten sich ausgesprochen, weil sie in richtigem Takt hier die gefährlich st' Gegenwirkung sich bereiten sah. Es kann auu) von den Gegnern derselben nicht gclaugnet werden, daß ihr mitten unter einer Masse abgeschmackter, in ihren Anmaßungen bis zur Albernheit beschrankter, erstarrter und erstorbener Menschen, trotz der gänzlichen Umwälzung und -Austilgung, die sie erfahren, manches bedeutende Talent geblieben, das in der Schule des Schicksals sich auszubilden Gelegenheit gesunden, und sich nun schnell in der neuen Stellung zu orientiren wußte. Von ihnen geleitet, suchte die neue Opposition sogleich tiefe und feste Wurzeln in die innersten Grundfesten der Gesellschaft hiuein-utreibeu. Da noch immer die stärkere Halste alles großen Privateigenthums in ihren Händen vereinigt war, so wurde dies und das darauf stehende Landinteresse, nach englischen Grundsätzen, zum Damme gegen das in der Revolution so mächtig gewordene Geldinteresse, die 2i8 Europa und die Revolution. Regsamkeit der vielen in ihr entstandenen kleinen Eigenthümer, und der vielfach angeregten Betriebsamkeit des Erwerbes ausersehen, und die durch die Charte angeordncte Repräsentation, und neuerdings das gcsammte Gemeindewesen, mit aller Anstrengung in der Elaste dieser Meistbecrbten zu vereinigen getrachtet. Jenem Freyhektsgeiste, der stets zum Uebermaße neigt, und der unwiderstehlichen Lebenswarme vielfach entwickelter Talente, suchten sie durch Wiederherstellung der Corpora- tionen Schranken und Maß zu setzen, damit in den also centrirten Massen die moralischen Elemente der Gesellschaft, die einzeln durch ihre entwickelte Schnellkraft jeder Handhabung entfliehen, durch innere Gegenwirkung sich selbst beschrankend, folgsamer in die allgemeine Ordnung sich fugen lernten. Den Clerus, der, als das erste Opfer der Revolution, zwar seinen ganzen physischen Besitzstand, aber keineswegs seinen moralischen Einfluß auf die Masse des Volkes eingebüfit, mußte sie natürlich als ihren Verbündeten erkennen; und der Eifer vieler Glieder desselben, der in den Missionen der Religion wieder verstärkten Einfluß auf die Gemüther zu verschaffen, mit Erfolge sich bemühte, gab in der Rückwirkung diesem Bunde auch im Politischen eine practisch wichtige Bedeutung, die durch die Erziehung, die -19 III. Gegenwart. aufs neue den geistlichen Orden vielfältig übergeben wurde, eine noch größere Wichtigkeit zu gewinnen versprach. Alle diese Bestrebungen waren durch die Natur der Sache herbeygeführt; so wie ein monarchisches Prineip gesetzt ist, muffen auch alle rechtlichen Mittel ihm gestattet seyn, sich innerlich dauerhaft, nicht auf eine künstliche Weise, sondern natürlich und organisch also zu befestigen, daß es im Ganzen lebend zugleich ein Leben in sich selber habe, uud nicht, wie etwas blos Aggregates nur einen äußerlichen Bestand gewinne, der jedem Zufall Prciß gegeben, zu aller Zeit von den Umständen abhängig ist. Aber es war eben so natürlich und durch die Verhältnisse herbeygeführt, daß die Democratie diesem Bestreben sich entgegensetzte, und das Bewurzeln durch die Aristokratie so lange als möglich verspätete. Sie hatte große Interessen zu verwahren, durch große Opfer erworbene Rechte zu vertheidigen, positive, feyerlich gemachte Zusagen aufrecht zu erhalten; gewarnt durch das, was' die Geschichte von früheren ähnlichen Verhältnissen aufbcwahrt, so wie durch das, was täglich rund um sie her im übrigen Europa sich begab, war sie durch ihre Stellung gedrungen, selbst das Gerechte abzuwsisen, damit dem Ungerechten nicht Thür und Thor geöffnet werde. 220 Europa und die Revolution. So mußten die Verschnitte der Aristokratie, wenn sie auch mit Mäßigung und Besonnenheit sich geltend gemacht, in der .Wachsamkeit der Nation v hestigen Widerspruch erwecken; als aber zu dem Verhaßten, das schon im Gemäßigten lag, heftige Uebertreibungen sich beygesellten, und jene Hastigkeit der Ungeduld, die nie das ruhige Ru- i cken der Dinge abwarten mag, und der Groll der r Leidenschaft, die in einer gewaltthatigen Rcactiou » Befriedigung suchte: da konnte es nicht fehlen, z die Revolution ihrerseits mußte nun auch ihre l ganze leidenschaftliche Macht, die ganze Heftigkeit k ihrer hassenden Affekts, die ganze Schroffheit ih- k rer Grundsätze zum Widerstand aufbieten, um die- I sen Leoparden, der sich in ihren Nacken eingebis- c sen, abzusthütteln. So enstand der heftige Parteykampf zwischeu den Liberalen und den Ultras; dieser Streit, in dem das alte Frankreich mit den: neuen unversöhnlich streitet, und der Vermittler nicht kommen will, der in Billigkeit diesen großen Krieg schlichten und vertragen mag. Die Regierung selbst suchte lauge, auf der Charte fußend, diese Vermittlung zu vollfuhren; aber auf so schmalem, beschranktem Grunde mogte sie nur mit Mühe sich selbst gegen den Andrang beyder Parteyen S verthcidigen, und fand für ihre Selbsterhaltung ! III. Gcgenw a r t. 221 zA jenem verhaßten Schaukelsysteme sich gedrungen. Indem aber die Untreue dieses Systems die hadernden Geister nur noch mehr erhitzte, und die Unsicherheit, die es verrieth, die Licenz mehr ,md mehr entkettete, brach endlich der Frevel jenes Mordes, wie ein Blitzschlag, aus der dicht gedrängten Masse, und raffte den Thronfolger als Opfer hin. Seither hat die Regierung, erschüttert und entsetzt, die alte Stellung ausgegcben, und nun ist jener erste Hebel mit gleichen Armen, dadurch, daß der Untcrstützungspunkt gegen die eine Seite hingctreten, einstweilen in einen ungleicharmigen verwandelt worden, und die Aristokratie hat den laugen Arm gewonnen, wo ihr geringeres Moment der Masse durch das größere, räumliche ausgeglichen wird; damit also nach statischen Gesetzen ein Gleichgewicht in den Momenten der Bewegung von alter und neuer Zeit gefunden werde. Zwischen diesen Gegensätzen dauert nun der Kampf ununterbrochen fort, und die Charte selbst ist dem Zwiespalt zwischen dem Buchstaben und der Interpretation keineswegs entgangen. Die alte Einheit ist nun innerlich entzwcyt, in einen politischen Ultramontanism, für den die eine Seite streitet, unter dem Schutze der Autorität im Bunde mit aller Erblichkeit, die noch nicht ausgegangen; allen Überlieferungen, die noch nicht erloschen; allen Erinnerungen, die noch nicht erbleicht; mit dem Elerus und Allem, was ihm § von Ansehen noch geblieben; und mit allen Hülfs- L Mitteln ausgerüstet, die der Besitz der Macht j überall, und in Frankreich mehr als irgendwo k gewährt. Dann gegenüber auf der andern Seite ein gleicher politischer Protestantism, den der Mittelstand mit allen den Kräften, die unversiegbar aus dem Innern einer stets verjüngten Masse quellen; mit aller Gewandtheit, die eine bewegte, thatenreiche Zeit entwickelt; mit allem Verstände, den so vielfältig sich kreutzende Verhältnisse angeregt; mit aller Einsicht, die ein vielfach versuchtes Leben gewähren kann; mit aller Theilnahme, die die wichtigsten materiellen Interessen wecken; mit allem Feuer, das die stets fortdauernde Reibung unterhält; endlich mit der ganzen Gewalt der herrschenden Ansichten und Neigungen vertheidigt. Und in diesem Wirken und Gegenwirken sind aus dem einen Volke zwey Völker geworden, nicht neben, sondern in einander, die sich hassen, aber nicht von einander lassen können; zwey Zungen und zwey Sprachen; zwiefaches Regiment und zwiefache Logik, zwie- > fache Sitte und Gesinnung; doppeltes Leben, ja selbst zwiefache Kunst und Wissenschaft. Aber III. Gegenwart. 225 der Streit, d»en hier Nothwcndigkeit und Frey- heit führen, ist eine große Schule geworden für die Nation, vor deren Augen der Krieg nach allen Regeln der Kunst, gleich fertig im Angriff, wie in der Vertheidigung, sich führt. Die Liberalen haben ihrerseits, wie nicht zu laugnen, großes Talent, und vor allem rühmliche Beharrlichkeit, die durch keine Schwierigkeit sich ermüden, und durch kein Mißlingen sich abschrcckcn laßt, entwickelt, und ihren Gegnern laßt sich bey schwächeren Talenten wenigstens große Sicherheit des Instinkts und Entschiedenheit des Willens in keine Weife abfprechen. Wenn aber beyde Parteyen gleich sehr von den heftigsten Leidenschaften sich beherrschen lasten, so darf man nicht vergessen, daß zwar der Verstand im Winkel kaltblütig seine Plane spinnt, im Leben aber der Affekt sie voll- sichren muß, und daß eine Kammer eben auch die Masse streitender Leidenschaften zu repräsentiren hat. Nur der Regierung ist die Ruhe und das Maß wesentlich, und nur, wenn sie fortdauernd besinnen das Steuer fuhrt, meidend jedes Ertrem, aufrichtig jeden gerechten Anspruch der Zeit erfüllend, jeden ungerechten, maßlosen entschlossen von sich weisend, keiner Neaetion sich hingebend, noch irgend einem Mißbrauche der Gewalt, nur das Nothwendige vollbringend, nie die Zukunft vorweg- 1 224 Europa und die Revolution. » nehmend, noch eigensinnig sich an's Vergangene hän- l gend, wird es ihr gelingen, mit der Rückkehr wech- s selseitigen Vertrauens auch die Rückkehr wechselseitiger Billigkeit zu bewirken, und dadurch die Ruhe von Europa zu begründen. Von eigentlicher, rechter, gedeihlicher Freiheit für Frankreich kann aber ersi nach der Emancipation der Gemeinde die Rede seyn. Seit Handel und Gewerbe zu der weit umgreifenden Wichtigkeit gelangt, daß sie beynahe die Politik überwachsen haben, isi Teutschlaud neuerdings in bedeutende Verhältnisse zu England getreten. Jene charakteristischen Gegensätze, in denen sich das Französische und das Teutsche Volk durch ihre ganze Geschichte hindurch, jedes in eigcntbnm- z licher Weise, entwickelt haben, sind im Englischen in einer Art von Doppelschlachtigkeit verbunden, so daß England ebenso die Brücke zwischen Tcntsch- ! land und Nordsrankrcich, wie Südfrankreich die zwischen Italien und Spanien bildet. Die Geschichte des Inselreichs kann diese Durchdringung beyder Eigenthümlichkeiten leicht begreiflich mache». Ursprünglich bewohnt, Britannien von Belgischen und Lettischen, Irland und Westschottland größten- theils von Celtiberischen, Ostschottland, wie es scheint, schon in sehr alter Zeit, von germanischen Stammen, war bekanntlich, als das große germanische Reich über Europa sich zu gründen begann, Mi- ! 220 III. Gegen w a r t. raun len dem Sassischen Stainine zugefallen, nnd diese hatten dort, nachdem die Eingebornen tyeilS auSgerottet, theils aufgerollt und in dis Alpen von Wallis nnd Eornwallis vertrieben worden, die Heptarchie mit freyen germanischen Verfassungen qe- gründet, die von heftigen, innern Kämpfen zerrissen, endlich zur Einheit, und -unter Alfred zum höchsten Glanz gelangte. Die dänische Eroberung, indem sie einen neuen Strom rein germanischen Blutes in die Masse des alteren, nun schon elimatisch ungeeigneten ergoß, konnte vielleicht eine Verbindung der zurückgebliebenen Resse des galischcn mit dem sasssschcn vermitteln, aber er mogte dem rein germanischen Geiss der Masse keinen Eintrag thun, noch ihn in seinem Totalcharaktcr umssimmen und verfälschen. Als aber der Eroberer mit seiner Schaar Normannen herüberkam, die zwar selbst wieder aus einem Mehrthcil gälischcn und einem Mindertheil germanischen Bluts gemischt erschien, da begann eine zweyte Aneignung beyder Stämme, die in der Folge durch die Eroberungen irr Frankreich und die mit so vielen Provinzen dieses Landes geknüpfte Lehnsvcrbindung vermehrt und befördert wurde, wobey jedoch diesmal das germanische Blut die Oberhand gewann. Es entstand nun die neue Sprache, in der das angelsächsische, germanische und das galische Element sich genau / 226 Europa und die Revolution. in denselben Verhältnissen verbunden, und durch- i drmrgen haben, wie im Volkscharakter, in der Sitte, Gesinnung und Verfassung, so jedoch, daß wieder das katholische Irland vorherrschend galisch, das presbyterianische Nieder-Schottland Vorherr, sehend germanisch, England aber eigentlich als das Vermittelnde von beydcn erscheint. Wie aber die Sprache aus so verschiedenen birst offen sich gemischt, so haben auch die Stammes- An lagen an einander und in einander sich gesetzt, indem beyde, der Eine wie Aufzug, der Andere wie Einschlag, in ein sehr dauerhaftes, festes Gewebe sich zusammenfngten. Darum erscheinen in diesem Volke scheinbar gänzlich sich widersprechende Anlagen, wie durch einen glücklichen Wurf, in eine homogene Masse zusammen versschmolzen, so daß, was blos mechanisch gemischt, verworren, unklar, spröde wird, hier in chemischer Durchdringung einen vollkommen durchsichtigen Fluß gebildet. In diesem Doppelcharakter erscheint der Engländer häuslich, im Familienleben treu, anhänglich und innig wie der Germane, und doch auch wieder in der höheren Geselligkeit eines lebendigen Gerneingeistes dem Ganzen eng verbunden, als sey das wieder die größere Familie, die ihn in ihrem Schoße ausgenommen, und der er nun auf Tod f und Leben in Freud' und Leid verbunden bleibt. IH. Gegenwart. 227 Darum ist die Insel, ans der dies Gemeinwesen seine Wurzeln geschlagen, die Heimath der großen Genossenschaft, wie ihr gemeinsames Vaterhaus, Allen lieb und werth; und doch treibt stets ein unruhiger Trieb ste wieder in die Fremde, als sollte die Welt ihnen wieder die größer-e heimath- liche Insel werden. An den Boden geheftet, wie der alte Sassische Wehre, der stolz und einsam in Mitte seines Eigenthumes wohnt, dem sein Haus die Burg seiner Freyheit ist, wie das Gemeinwesen die Acropolis der Nation, läßt er doch wieder, kampfend mit dem Wankelmuthe der bewegten Elemente, von ihrer Strömung sich fernab von dem geliebten Heerde treiben, und siedelt in allen Zonen. Finster, verschlossen, abstoßend, kalt und stolz im gewöhnlichen Leben; und wieder wohlwollend, mittheilend in der Begeisterung ; karg, gewinnsüchtig und oft geizig im Privatleben, in ihren öffentlichen Anstalten aber menschenfreundlich, großmüthig und liebreich; wilde, reißende Thiere in ihren Bürgerkriegen, im Frieden mild, emsig, betriebsam und leicht sich fügend. In der Religion dem Buchstaben ergeben, wie in der Gerechtigkeitspflege, und doch wieder durch die innere Natur zur fteyen Untersuchung hingetrie- ben, find ste Protestanten gewesen, schon zu der Zeit, als sie noch ftwholisch waren; selbst ihr Cle- 228- Europa nud die Revolution. rus, eifersüchtig auf seine Freyheiten, hat mit Rom beynahe öfter kn Zwist gelebt, als im Einverständnis;; und seit der Reformation hat ihre Episkopalkirche wieder das eine Element für sich genommen, während die vielfachen diffentirenden Sekten mehr im andern sich gebildet. Wenn in der Wissenschaft ihnen die speculatkve Höhe der Teut- schen verschlossen geblieben, und sie die analytische Fertigkeit der Franzosen nicht erreicht: so hat ein offener Natursinn und eine scharfe Beobachtungsgabe sie zu den bedeutendsten Entdeckungen in den Naturwissenschaften geführt; in der Geschichte aber haben sie mit großem Weltversiand zwischen der Ueberschwenglichkeit der Teutschen und der leichten französischen Manier, eine bequeme Mitte aufgefaßt, in der sie viel Achtbares hervorgebracht. Wenn ihnen die Natur das Talent für die bildenden Künste größtentheils versagt zu haben scheint, so find sie dafür mit einer wahren Genialität für die mechanischen ansgestattet, und sie mußten daher in ihnen zur höchsten Meisterschaft gelangen. Die Redekunst, ihrer Natur nach schwebend zwischen Kunst und Wissenschaft, wie zwischen der Idee und dem Begriffe, dem inneren Gedanken und dem äußeren Leben, mußte aber darum gleichfalls als beynahe ausschließliches Eigenthum ihnen zu Theil werden, und sie haben diese Nationaldo- IH. Gegenwart. mäne auch ohne Verzug in Besitz genommen, und Wunder in ihr hervorgebracht. Eben aus dem gleichen Grunde, und bey der ganz praktischen Richtung, die der Nationalgcifl genommen hat, mußte auch die Politik der eigentliche Athemzug seines Lebens werden, und zwar nicht jene frühere französische, die nur an das Erraffen und Zusammenschnüren, nicht die schlaffe tcutsche, die nur auf's Zerreißen und Zerfließen geht; sondern jene erhaltende, die mit der Einheit die Freyheit, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu verknüpfen sich beflrebt. Zn dieser Politik, und jenem Doppelcharakter getreu, hat ihre Verfassung sich gebildet, die durch die langsame An* schwemmuug der Jahrhunderte wie ein Flötzgebirge erwachsen iss. Das alte Reich der -Angelsachsen war in allen seinen Theilen nach den Grundsätzen germanischer Freyheit aufgebaut, in denen die Rechte des Volks durch seine Theilnahme an den Witten- agemotts vollkommen gesichert waren. Ais aber in der Eroberung Schwerdtes-Recht über Men- schen-Recht gesiegt, da wurden die Germanen Tagewerken der Normannen; ihre Freyheiten hatte der Sieger an sich genommen, und legte ihnen mit dem Joche die ganze Last der Pflichten und Leistungen eines besiegten Volkes, bey spärlich cinge- raumten Rechten, auf. Ueber dieser Unterlage Lös Europa und die Revolution. eines Stammes, dem alle Selbstständigkeit genommen, wurde von dem Eroberer der Siegende, als die zweyte höhere Nation, also organistrt, daß er allzeit im Stande scy, jene erste in der Knechtschaft zu erhalten, und zwar dadurch, daß, indem nach den Grundsätzen des Lehnssystems Selbstständigkeit in den Untergebenen mit Dienstbarkeit sich verband, das Ganze einem auf Grundbesitz fundirten, bey jedem Ansgebot allzeit schlagfertigen Heere glich. Zn dieser Ordnung war die Krone das herrschende Prinzip; Kirche und Adel, die in die Lehne bey- nahe in gleichen Theilen sich getheilt, waren in solcher Weise mit ihr verbunden, daß das Princip der Selbstständigkeit in ihnen weit von dem der Dienstbarkeit Überwegen wurde, die dann zuletzt ganz ungetheilt auf die Masse des unterworfenen Volkes drückte. Der Fürst, oberster Lehnsherr und selbst reichster Grundbesitzer, Oberrichter im Frieden, Feldherr im Kriege, in der vollziehenden Macht völlig ungebunden, in der gesetzgebenden nur durch Rath und Zustimmung der im Feudalparlament vereinigten Prälaten und Barone beschrankt, behauptete in dieser Ordnung das entschiedenste Uebergewicht, und so entwickelte sich das monarchische Princip in ^er Verfassung, und blühte, wahrend das aristocratiscye und hierarchische beyde sich langsam befestigten, durch die ersten an- III. Gegenwart. 2.11 derthalb Jahrhunderte nach der Eroberung. Als aber dies Prineip in dem tiranmscheu, feigen, un- .» beständigen, launischen Johann in zügellosen Despotism ausgeartet, da bildete, als der Tirann durch Zaghaftigkeit die franzö fliehen Provinzen verloren, dann, um sich vom Bann zu lösen, der Curie lehuspflichtig sich ergeben, dem Volke aber durch seine Bedrückung verhaßt geworden, der Clerus unwillig zugleich über die Anmaßungen des Papstes und die Gewaltthätigkeit des Königs, -jenen Bund der Barone, der dem Tirannen endlich die IN3FN.1 (lliai'M abgedrungen. Diese Charte, die wieder auf eine altere Heinrich I., wie diese auf eine noch altere, sich zurückbezog, begründete nun zuförderst die Freiheit und Selbstständigkeit der Kirche und der Aristocratie, zugleich aber leitete sie durch einige, dem Volke eingcräumte Gerechtsame die Emaucipation desselben ein. Fortan entwickelte sich nun das Zweyte aristokratische Element der Verfassung unter dem Schutze dieser Freiheiten in solcher Weise, daß es unter der schwachen Regierung Heinrich III. im Rathe der 2 ^ Barone schnell zur Oligarchie erwuchs, die, während der Clerus einerseits sich beynahe ganz von der weltlichen Gewalt losgesagt, andrerseits die königliche Prärogative an sich riß. Zn dem Bürgerkriege, der im Gefolge dieser Anmaßungen sich entzündete, gewann das Volk, das schon längst in seiner Zahl 2Ä2 Europa und die Revolution. und Stärke sich zu fühlen begonnen, zunehmend an Einfluß, und da die Stadre für die Oligarchie gestritten, wurden ihre Abgeordneten von ihr zum erstenmal iu's Parlament berufen. Als durch Eduards rüsiige Kraft das Triumvirat gebrochen war, erkannte der Sieger wohl den Wechsel der Zeiten, und die Abnutzung des Feudalsystems. Darum hieß er den untern Adel zum Gegengewicht des höheren, je nach Grafschaften gewählte Repräsentanten, und eben so die Städte ihre Deputieren zum Parlamente schicken, die zuerst mit den Pairs vereinigt in Einer Kammer faßen, bald aber, da der kleine Adel durch zunehmende Verarmung den stets reicher werdenden Gemeinen immer naher rückte, beyde zur Stütze der Krone, von ihnen getrennt, eine eigene Kammer bildeten. Und so war nun das dritte democratische Element gesetzlich in die Verfassung eingetrcten, und in ihm hatte der altgermanische, durch die Eingewanderten unterjochte Stamm, sich von der Unterdrückung wieder losgewundcn, und fing nun au, die alten ihm entrissenen Rechts wieder anznsprechen. Diese Ansprüche wurden in dem Verhältnis: unal weiblicher, je mehr hier, wie überall, im Verlaus der Zeiten die Macht des dritten Standes zuzunehmen begann, wahrend die der Hierarchie und der Aristo- cratke gekrochen wurde, und je öfter die Krone in III. Gegenwart. -33 - ihren auswärtigen Kriegen des guten Willens der Gemeinen bedürftig wurde. Als nun vollends im Gefolge der Ideen, die durch die Reformation in Umlauf gekommen, die untere Hierarchie zerstört, die höhere in ihrem Grunde erschüttert war, ihre Gewalt aber wieder größtentheils dem dritten Stande zugefallen, konnte nach dem Lauf der Dinge auch - hier der Uebermuth nicht ferne bleiben, und in der Revolution, die nun erfolgte, wurde das de- mocratische Element nun auch seinerseits, wie die andern vor ihm, der Reihe nach, alleinhcrrfchend, < und nachdem es alle Stufen der wildesten und f ausgelassensten Zügellosigkeit, alles in religiösen Formen, durchgclanfen; nachdem cs alle wüthenden Leidenschaften losgelasscn, allen Wahnsinn der Theo- ! - l rien durchgcmercht, und den König auf das Blutgerüst - geschleppt, zuletzt won einem fanatischen Despvtism wieder seinerseits bezwungen. Und da nun die > Feuersflammen in den Wasseröfluthen erloschen waren, wurde endlich mit der neuen Dynastie jener billige Compromiß in der Declaration der Rechte abgeschlossen, der seither als die Verfassung des Landes gilt. ! Zn dieser Verfassung erscheinen die drey all- i mählich entwickelten wesentlichen Elemente also abgewogen, daß die Monarchie, regiert durch Gesetze, die der Buchstabe befestigt hat, verbunden auf's unzertrennlichste mit der Kirche, im Mittelpunkte steht; ccmtrolirt in erster Stufe durch die erbliche Maste aller Reichthümer und Würden in der Nation; beyde zusammen in zweyter Instanz wieder unterworfen der Gegenwirkung der durch die Ge, meinen repräsentieren Nationalintelligeuz; alle mit einander endlich wieder in dritter Stufe beherrscht durch eine geehrte, mächtige, in ihrer Frcyheit gesetzlich gesicherte öffentliche Meinung, die durch die Gesammthekt gebildet, und durch die freye Presse ausgesprochen wird. Jedes dieser verschiedenen, also verknüpften Elemente erscheint gewahrt durch selbstständige, unabhängige Institutionen, damit es auf eigenem Schwerpunkt sicher ruhend, in einen wirklichen, nicht blos scheinbaren Constiet eintreten möge. Die Religion, als Grundstein aller Gesetzgebung, Weihe aller weltlichen Bestrebungen, Quelle aller Güter angesehen; und die Kirche daher als der Verfassung wesentlich, keineswegs aber als eine zufällige und darum wieder zerstörbare Fiktion des Staats betrachtet; sie darum ständig und bleibend an den Boden gefestet; ihr Eigenthum nicht als schwebend in todter Hand, der Raubsucht der Finanzen hingegebcn, sondern als unantastbar dem Schutze und der Gewahr- der Gesammt- hcit anvertraut; und ihre Organe daher wie vom Fiscus, so von der Gunst des Volkes völlig -35 III. Gegenwart. unabhängig, und durch persönlichen Adel ausgezeichnet. Dann die Aristokratie, der Idee nach personificirend das Ansehen, befestigend die Achtung, Träger historischer Erinnerungen, Bewahrer der Ehre, des edeln Stolzes, anständiger Würde, unabhängiger Gesinnung in sicherem Selbstgefühle; gleichfalls auf ein großes Eigcuthum gesetzt, das die Verfassung anerkennt und schützt; und sie nun mit den Würdeträgern der Kirche vereinigt in der ersten Kammer, die ans den Besitz gegründet und die Tradition, beyde handhabt in höchster Instanz, und das erste Drittheil der Gesetzgebung übt. Dann die Democratie, auf eine Menge von Municipalcor- pvrationcn basirt, durch die Selbstständigkeit der Gemeinde gesichert, durch die herrschende Oessent- lichkeit in der Vertheidigung ihrer Interessen geübt, durch die Geschworuen in ihren bürgerlichen Rechten geschützt, durch den gemeinen Wohlstand dotirt, endlich durch ein, wenn auch in der Vertheiluug fehlerhaftes Wahlsystem, in die Möglichkeit gesetzt, alles, was die Nation Ausgezeichnetes enthält, durch erblichen oder erworbenen Reichthum, Rang, Talente, Erfahrung und Tüchtigkeit, zum Vertreter ihrer Interessen zu erlesen, und es in eine-zweyte, persönliche, nie geschlossene, sondern immer zugängliche Arisiocratie gesammelt, ins Unterhaus zu senden, wo sie das zweyte Drittheil der Gesetzgebung übt. Oben «v -Ä -56 Europa und die Revolution. über bcyden dann die Monarchie; durch Erblichkeit gesichert, durch Unvcrantwortlichkeit über alle ihre Organe hinaus gehoben; durch Unverletzlichkeit gehe,- > ligt, durch eine reichliche Dotirung in Unabhängigkeit gesetzt; mit allen Prärogativen ausgesiattet, die zur Handhabung der Macht nothwendig sind; und also durch ihr Gewicht das Ganze zusammen haltend, während von unten auf eine Alles durch- ! dringende und Alles durchschauende Meinung als siets wirksames Ferment es treibt und spannt. So isi es um diese Verfassung gethan, deren Ursprung mit dem Ursprung der Nation zusammen fällt; die in ihren Rechten und Pflichten aus der angelsächsischen Zeit in die dänische und normännische in allmählicher Entwicklung und siätiger Überlieferung fortgegangen; in der lNmiNa nur zum geschriebenen Gesetz geworden, das dann mehr als dreymal bestätigt und beschworen mit der Nation siets sich erweiternd fortgeschritten; durch eine furchtbare, revolutionäre Auflösung durchgeschlagen; und so endlich aus das jetzige Geschlecht gekommen. Sie wird darum mit Recht als ein ewiger, einseitig nicht'aufzulösender Vertrag, abgeschlossen zwischen den vergangenen Geschlechtern und den künftigen, als Vertrag der Verträge, und darum die Quelle aller besonder» Uebereinkömmnisse angesehen; eine III. Gegenwart. rZ) »Substitution, wie Leben und Eigenthum im Ver- machtmß von den Vorfahren erlangt, und so wieder auf die Nachkommen zu überliefern. Und weil ein Volk, nicht wie die Eintagsfliege des individuellen Lebens nur im Sonnenstrahls eines Mittags spielt, sondern, wenn auch aus vergänglichen Theilen bestehend, doch ein unsterbliches, unvergängliches Ganze bilden soll, darum ist für den Bestand dieser Verfassung das Pn'ncip der organischen Assimilation angenommen; so dass wie in der leiblichen Natur auf dem statkg fortdauernden Grund des Ganzen das Ueberflüssige, Erstorbene, nur nach und nach weggesogen, eben so allmählich durch neuen Ansatz sich erzeugt; so auch nie auf einmal und nie ganz das Alte weggenommen, und jede Verbesserung nur also gemacht werde, daß der haltbare Grund unangetastet bleibt, und also das Ganze, immer dasselbe und doch immer ein Anderes, mitten in allen Veränderungen stets in seinem ursprünglichen Charakter steh bewahre. Auf solchen Grundsätzen hat sich nun jenes berufene Werk gestaltet, das seither den furchtbarsten Angriffen und den größten Fährlichkeiten Trotz geboten. Der Abfall einer wichtigen Kolonie; die Nähe jener furchtbaren Erplosion in Frankreich; die Meuterei) des Schiffsvolks, die eine schwimmende Republik neben die alte Monarchie gesetzt; 233 Europa und die Revolution. ^ der Aufwand in Irland und Feindes-Landung; ein bald dreyßigjährigcr Continentalkrieg in die Runde - herum beynahe mit allen Machten; die Handels- ! sperre, die in seinem Gefolge war; das Aufgebot ! zahlreicher stehenden Armeen; vielfältige Tumulte > der Bolkspartheyen; zuletzt noch das öffentliche Aergerniß in der regierenden Familie; nichts hat den wohlgefügten Bau erschüttern mögen; für Alles hat ein Mittel sich gefunden, daß die Krise immer ohne sonderlichen Schaden vorbeygegangen. Zn der Disciplin einer solchen Verfassung hat der Nationalcharakter die Festigkeit, Kühnheit, Sicherheit, und das stolze Selbstgefühl erlangt; das Gepräge unerschütterlichen, ruhigen, in sich gewahrten Bestandes hat stch von ihr aus dem Volke mitge- theilt, daß es jene Stätigkeit gewonnen, die immer sich selbst gleich, sichern Verlaß fordert und gewährt, und die Beharrlichkeit, die lebendig, wie im Ganzen, so im Einzelnen, stch entwickelt. Zn ihr hat sich auch jenes feste, folgerechte System gebildet, das in allen öffentlichen und bedeutenden Vorkommnissen immer dasselbe Ziel im Auge halt, und in dein das Volk ans seiner Insel Wurzeln durch alle Meere durchgetrieben, die in alle Conti- nente wieder stch eingeschlagen, und so die ganze Erde mit dem tausendfältigen Geäder seiner Industrie umstricken, das allen Nahrungsfaft der III. Gegenwart. 25 g Länder dem alten Wunderbaum zuführt, den alle andern Völker Europas kaum umspannen, hinter ihrem Schuhe hat ein kunstreicher Geist jene wunderbare Maschinenwelt geschaffen, worin die Natur dem Menschen Helotendienste leistet; wo die Elementargeister der Lust und des Wassers im Rade gehen; wo die Dampfe und die Schwaden, grollend ihrem Meister, und ergrimmt um ihre Dienstbarkeit, im engen Verschlüsse sich bäumend, bald die Starke von fünfzig Rossen üben, bald wie Hercules unwillig an der Spindel Faden ziehen; lauernd immerdar, ob der Herr, der sie gebunden, im Banne nicht ein Wort versehen, daß sie, schmetternd die Gerathe, im Zorne von dannen fahren. Das Alles hat sie bewirkt, und sie selber ist wieder aus dem Allem hervorgegangen; Künstler zugleich und Kunstwerk, gebend und empfangend, zeugend immerfort und immerfort gezeugt. Aber cs darf nicht geläugnet werden, daß mitten in dieser Blüthe starke Keime des Verderbens sich entwickelt haben. Alles große Eigenthnm iss wie selbst trag, so, gleich ,der Fettablagerung im menschlichen Körper, zur Trägheit disponirend. Dasselbe ist der Charakter aller Überlieferung, die, so wie sie stehend geworden in traditioneller Formel, sogleich ihren lähmenden Einfluß bemerk- lich macht. Beyde daher, die natürliche Opposition 2.'jO Europa und die Revolution. gegen allen revolutionären Ungestüm, muffen, st wie der Kampf ermattet, sogleich zur Erstarrung und Verstockung führen. Die Aristocratie in ihrer Sattheit wird dann unthatig, stolz, wegwerfend und übcrmüthig; der Clerus der Idee entfremdet, vom Irdischen ganz befangen, ausschließlich zum Politischen hinabgezogen, wird trag, feist, gemächlich, mürrisch, prosaisch und profan. Die Wissenschaft selbst, im Banne der Universttäten, von wohlgenährten Fellows gehütet, wird nüchtern, beschränkt, stationär, todt, mechanisch, atomistisch, ganz auöschließend auf's Nützliche' gerichtet, und mit kleinlicher Pedanterie allem Fortschritt sich verschließend ; die Gesetzgebung aber häuft ihre rohen Massen, daß ste selbst zu einem liegenden Besitze werden, den keine menschliche Kraft zu beherrschen im Stande ist. Als man das große Eigenthum aus der Maste ausgeschieden, mogte zur damaligen Bevölkerung ein gewisses Verhältnis beobachtet stynz so daß, was die Aristokratie nicht direkt oder indirekt erhalten und bemeistern konnte, im Privatbesttz und den Gewerben sein billiges Auskommen gefunden. Bald aber überwuchs die steigende Bevölkerung die Zahl, die der mehr vertheilte Kroubesitz, wüste, des Anbans fähige Striche, die erweiterten Gewerbe und der umgreifende Handel ausuehmeu und beschäftigen konnten, und so trat den Besitzenden III. Gegenwart. -4* bald ein Demos von Armen und Hekmathlosen gegenüber, den das Fabrikwesen noch vermehrte, indem es den mehr getheilten Wohlstand des früheren Betriebs der Gewerbe in wenigen Händen vereinigte, und bald wieder durch die Maschinen die Menschen entbehrlich machen lernte. Indem die großen Capitalisten dem Staate für seine Bedürfnisse ihre Gelder anvertrauten, wurde allerdings in der Nationalschuld eine große Masse des beweglichen Eigenthnmes consolidirt, und durch diese Consolidation die Zahl der festem Eigenthümer vermehrt; aber das Volk verarmte um das Capital des Theils der Zinsen, den cs fortan auf- bringen mußte. Zur Dienstbarkeit des Hintersassen auf Grund und Boden, war nun noch eine neue im Gefolge dieser consolidirten Geldaristokratie hin- zngekommen, die, weil sie den Druck nur fühlt, ohne ihren Herren zn kennen, viel gehässiger ist, als jene andere, und in dem unbestimmten Miß- muthe, den sie erweckt, um so gefährlicher. So mußte nach und nach eine dritte, gleichsam nachgeborene Nation erwachsen, die, da sie sich in die Transaction, die früher die beyden andern unter sich und mit der Krone abgeschlossen, nicht ausgenommen fand, bald ihre Rechte geltend machte, und ihre Zulassung zu dem großen Vertrage in Anspruch nahm. Zu ihrer sehr achtbaren Opposition gesellte i6 X ! 2^, Europa und die Revolution. sich, wie natürlich, bald übertreibend, jener sogenannte Fabrikmobb und die furchtbare Masse des Pöbels in diesem Lande, der in der greuelvollsten moralischen Entartung erwachsen, alle thierischen Leidenschaften der Nation in sich zu vereinigen scheint, und indem nun der Contrast der drückendsten Armuth mit dem hochmüthigsien Reichthum die Gemächer mehr und mehr erbitterte, und täglich die überfliegenden Fcuersunken ans der Revolution in diesen gehäuften Brennstoff sielen, bildete sich jener Partheykampf der Radikalen und der Stabilen aus, der seit Jahren schon die Insel bewegt. Die Aristocratie, durch ihren Andrang eben so geangstigt, wie die Episcopalkirche durch die ueuernugssüchtige Thatigkeit der Dissenters, centrirte sich nun in jener ministeriellen Oligarchie, die in der Schule Indiens und des Continentcs in allen despotischen Künsten eingcübt, oft versucht durch die Gelegenheit, öfter durch die Noch gedrungen, sie bald mit allen ihren Bestechungskünsten, dem Spionenwesen, den stehenden Heeren, und allen sonstigen Attributen willkührlicher Gewalt herübervcrpflanzte und gegen jene stürmende Masse der Reformers richtete. So geschah es, daß hier, wie überall, eine Parthey, die nichts gestatten will, einer andern entgegen tritt, die Alles verlangt und Alles in Anspruch nimmt. Ueber III. Gegenwart. -43 dem Principe der Erhaltung ist das Princip der Verbesserung aufgegeben oder ausgesctzt, und da nun die lebendige Erneuerung durch organische Assimilation stockt, muß der innere Organism mehr und mehr verknöchern und erstarren. Zn solcher Lage, wenn sie dauernd wäre, müßte hier wie überall sich eine Revolution bereiten. Denn was im Lauf der Zeiten nicht in allmählicher Metamorphose von innen heraus langsam sich erweitert, muß, wenn die Spannung zum höchsten Punkt gelangt, endlich mit einen: plötzlichen Ruck auseinander reißen; solche Plötzlichkeit aber ist eben das, was eine Revolution bezeichnet. Die Stadien in der Annäherung zu dieser Krise scheinen mit denen, durch die die Nationalschuld allmählich wächst, parallel zu gehen; so daß entweder die Zinsen in ihrer Unerschwinglichkeit unmittelbar zu einem gewaltsamen Ansbruch führen, oder mittelbar, wenn bey drohender Zahlungsunfähigkeit die Geldbesitzer mit den Grundbesitzern sich entzweyen, und jene, um ihre Hypothek, das feste Eigenthum, angreifen zu können, sich auf die Seite der Reformers schlagen, und dieser Parthey die Häupter geben, die ihr zu fehlen scheinen. Die Sicherheit Englands ist daher auf jeden Fast an die Ruhe des Kontinents geknüpft. Als mit der Entdeckung der neuen Welt das i6 " -44 Europa und die Revolution. im Westen geschlossene europäische System plötzlich eine neue Ausbreitung erhielt, ist Spanien neuerdings mit verstärktem Gewichte in dasselbe eingetreten, und hat auch auf Tentschland den bedeutendsten Einfluß ausgeübt. Ein Land, als das äußerste Vorwerk des Welttheils in's Atlantische Meer hiuausgebant, in dem eine Hochebene, nach allen Seiten mit den Flüssen ihre Bergeszngc sendend, sich den Pyrenäen und ihrer Fortsetzung in Biscaya, Asturien und Gallicien vorgelcgt, darum in solchem Natnrbau fest in sich geschlossen und ge- ründet, und nach allen Seiten in seiner Absonderung wohl begräuzt und sicher ans eigener, innerer Einheit ruhend, hat ein Volk in sich ausgenommen, das seiner Anlage nach von der ersten Formation, kräftig und gediegen, bald der Heimath nachgeartet. Dies Volk, nur in seinen äußersten Verbreitungen nordwärts mit Gälen, südwärts mit Griechen und Phönieiern gemischt, hat sich dort in ungestörter Eigenthümlichkeit umgepflanzt, und unter Hannibals Anführung schon im dritten Jahrhundert vor Christus mit den Römern um die Herrschaft der Welt gerungen. Als Italien, nicht durch die Schuld der Angreifenden, siegreich aus dem Kamps hervorgegangen, sind die Iberier in ihre einsame Heimath zurückgckehrt, und haben in stolzer Ruhe sich hingelegt, ferner nicht mehr die III. Gegenwart. Weltgeschichte suchend; aber die Geschichte ist zu ihnen hingekommen, und hat sie nie ihrer unwcrth gefunden. Zn langem, muthigem Streite harten sie mit den Römern um Freyheit und Unabhängigkeit gekämpft; den Verhängnissen, die dies Volk erfüllen sollte, mogten sie nicht widerstehen; und so waren sie mit Ehre gefallen, und dienten dem großen Reiche, das alle Umwohner des mittelländischen Meeres in stch begriff. Als die Herrschaft an die Germanen gefallen, wurden sie in großer innerer Zerrüttung überrascht, und vier germanische Völker theilten sich in die leicht gewonnene Beute. Durch Jahrhunderte blühte nun dort selbstständig in seinen Bergen jenes westgothische Reich, bis dis Sarazenen kamen, und mit Verrath des Landes Meister wurden. Da floh die Kraft des Volkes in jene nordischen Pyrenäen, und von hier aus begann der Kampf mit den Eingcdrungenen, her, entflammt durch alle Leidenschaften des Haffes und der Eifersucht und die Gluth des Glaubenscifers, beyspiellos in der Geschichte, acht Jahrhunderte durch gedauert, und endlich die unbiegsame Beharrlichkeit mit Siege krönte; jedoch also, baß im langen Verkehre der Sieger Sitte, Gesinnung, Sprache einer orientalischen Beymischung nicht hat entziehen können. In solcher staten Uebung vom übrigen Europa ausgeschlossen, und auf eigenem I / rä6 Europa und die Revolution. Boden um alle Güter des Lebens kampfend, mußte sich nothwendig eine ganz specifisch eigenthümliche Natur entwickeln. Alle Kräfte eines noch gediegeneren Naturells als das italiänische, ohne Unterlaß auf Einen Punkt hiugerichtet, und nicht, wie bey diesen, immer nach allen Richtungen zerstreut, mußten in ihrer Concentration dem ganzen natio- uellen Wesen ein charakteristisches Gepräge geben, das keinem andern Volke in diesem Grade zu Theil geworden. Da der Streit mit den afrikanischen Atlantiden durch seine lange Dauer eine ganze, thatenreiche, großartige, in sich abgeschlossene Geschichte wurde, ein gewaltiges Drama, in seinen drey Einheiten wohl abgerundet und in sich gedrängt, stets um die beyden großen Gegenstände, Religion und Vaterland, sich bewegend; so mußte das Ge- dächtniß dieser Ereignisse, je mehr der Widerstand alle Kraft in Anspruch nahm, um so tiefer in allen Affekten der Nation Wurzel schlagen, und ihre Phystonomie bestimmen. Religion, Vaterland und die Erinnerung der Vergangenheit wurden ihr daher, wie Seele, Leib und Leben, welches Dritte aus den beyden Andern kömmt, objectiv die Penaten ans dem Hausaltar und die Stammesgüter im Nationalheiligthum. Diesem Boden, um den sie so heiß gekämpft, und den sie mit ihrem Blut gedüngt, war ihre ganze Liebe zugewendet; - 4 ? III. Gegenwart. sie hatten ihn mit allen ihren Kräften ins Herz geschlossen, nnd waren also ein ganz heimathliches Vvlk geworden; im Gegensatz der Nordischen, die in jenem sieten Wandertriebe allerwarts sich angc- siedelt, nnd wie Zugvögel überall dem Frühling nachgezogen. Da auch die Geschichte, die auf diesem Schauplatz spielt, sich gleich selbstständig und heimathlich entwickelt hat, so war auch diese ihnen ein werthes Eigenthum geworden, rein durch eigenen Erwerb gewonnen, und als ein Volkshort auf Seite gelegt; und wie sie mit Treue an ihrem Voden gehangen, so mit Stolze an ihrer Vergangenheit, die wie eine siete Gegenwart im Selbstgefühle befestigt lag. Selbst der Glaube hat denselben specifischcn Charakter angenommen, 'während bey den Ztalianern die Religion durchaus iu epischer Objectivität, welthistorisch und weltbcherrschend, sich ausgebreitet; ist sie dort ganz lyrisch, subjektiv in die brennenden Gemüther hineingetreten; nnd da sie äußerlich nicht in jener Fülle der Gestaltung, wie dort, sich entwickeln konnte, hat sie innerlich sich in die unergründliche Tiefe der menschlichen Natur hinabgezogen, und ist zur verborgensten Seele der ganzen Nation geworden. Darum konnte die Autorität, der sie gehorchte, picht wohl anders als durch eine Delegation von oben sich geltend machen; mau mögte ihre Verfassung daher beynahe r/,3 Europa und die Revolution. ^ eine theocratische nennen, wo der König Großmei, sier zugleich und Vogt und ältester Sohn der z Kirche, Hüter jenes Graales war, den ein edles Heldengeschlccht, geistliche Ritter, in denen Glaube, Andacht, Treue, Ehre, Beharrlichkeit und alle ! ritterlichen Tugenden sich in eine Genossenschaft verbunden, bewahrt; und dessen Haus, wie der , Escurial, zugleich Kloster, Pallast und Todten- ^ Wohnung, alle Künste der Erde zu schmücken, sich j vereinigen, wie es uns der Titurcll, dieser Spiegel E Altspaniens und sein eigenstes Werk, aufbewahrt. ^ werfung doch ihr volles Selbstgefühl bewahren; da sie an der Ehre ihrer Geschichte gleichmäßig Theil genommen, so durfte sie jene Gleichheit in Anspruch gewonnen wird; und sie fühlte sich daher in Masse gothischen Blutes wegen diesen Adel angesprochen; zum herrschenden geworden; wahrend der wackere Biscayer, stolz und frey auf seinen Wehrgütern, den sogenannten Republiken, wohnend, ihn als ältester Urbewohner durch die Erblichkeit von den Die Nation aber, einer solchen von oben gesetzten H Autorität sich willig fügend, durfte in der Unter- ^ nehmen, die nicht durch das Herabziehen der Hö- L Heren, sondern durch das Ansteigen der Geringeren s so forderte ihn der Kastilier, weil sein Stamm adelich. Wenn darum der Asturier seines rein III. Gegenwart. 2^9 Vätern erlangt, und durch die Könige nur erneuern und bestätigen lassen. Zn solcher Weise hat sich dies Volk gestaltet, und so stand es lange, ein großer, ernster Einsiedler, blickend herab von der Höhe seines Montserrat aus die wechselnden Schicksale der Welt, und das eigene, innere, tiefbewegte Leben; und stolz verschmähend alle irdische Größe, weil es ste mit jenem höheren Maß gemessen, und zu klein und geringfügig befunden. Während alle anderen europäischen Reiche großen übereinander geschwemmten Völkerflötzen glichen, stand es noch allein am reinsten im ersten Urcharakter da; seine drey Be- siandtheile, Treue, stolzes Selbstgefühl und Vaterlandsliebe, durch die innere Bindung eines festen, unerschütterlichen, religiösen Glaubens im crystalli- nischen Gefüge eines bestimmten scharfgeprägten Charakters, in einen dichten Granit verwachsen. Ein solches Naturell, urplötzlich aus seiner Einsamkeit in die Weltgeschichte hinausgestoßen, mußte mit eincmmale, wie eine langgeschlossene, endlich anfbrechende Knospe, die ganze Fülle der innery Natur anfthun, in dein Maße, wie stch ihr selbst die äußere aufgeschlossen. Das geschah, als im ibten Jahrhundert die Welt diesem Volke mit einemmale entriegelt wurde, und es war, als ob die Erde ihm unter die Füße gegeben sey, und s5c» Europa und die Revolution. an seinen Stolz der Beruf gelangt, daß er sey ihr Herr und Meister. Und es verstand recht wohl in die Sendung sich zu fügen, und füllte alle Länder mit dem Glanze seiner Waffen und seiner Thaten. In dieser neuen Schule hat sich der Spanier jenes Jahrhunderts ausgebildet; der Welt nun angehörend, aber immer noch in alter Liebe an der Heimath hängend, über deren Wohl in Krieg und Frieden seine Cortes wachten; noch immer von frommem Eifer zu Thaten angetrieben, in Krieg und Abentheuer sich viel und oft versuchend ; kalt zugleich und heftig, reitzbar in der Liebe wie in der Ehre, ernsthaft, strenge, ja finster in seiner Stimmung; freystnnig, edelmüthig und standhaft in seinem Thun; die Fülle des Selbstgefühles, in seiner bilder- und wortreichen, gravitätischen, wohlklingenden Sprache überfließend. Aber dieselbe Sonne, die diese stolze, prangende, brennende Granate schnell entwickelt hatte, mußte stc in gleich schnellem Durchgang verderben und entblättern. Nach stebzehn Jahrhunderten von Abgeschiedenheit plötzlich aus dem Baterhause ins Getümmel hinausgetreten, hatte die Nation zwar überall mit Ehre und Würdigkeit bestanden, aber einer inneru Irrung und Verwirrung konnte sie nicht entgehen. Gleichzeitig westlich r'u eine neue körperliche Welt, und östlich in der Reformation in III. Gegenwart. r5r die Strudel einer neuen geistigen hknekngerkssen, l mußte die überschwengliche Masse von Gegenstän- - den, die mit einemmal andrang, einen in einfacher Beschlossenheit sehr erregbar gewordenen Sinn mit Ucberrcitz berühren, während innen die Masse neuer ^ Gedanken und Wahrnehmungen, eben wie die Menge neuer Provinzen den Schwerpunkt des Staates, so das Gleichgewicht der geistigen Kräfte verrückte. Sie hatten dort einen von der Natur vergrabenen j Schatz gefunden, und der innere Liebestrieb, der ^ in der Heimath sich gegen Boden und Vaterland - gerichtet, warf sich uun in seiner ganzen Inbrunst - auf das verführerische Metall, und wurde in brennender Eifersucht zu wüthendem Geitz entzündet. Als Hüter dieser Schätze hatten sie in den Einwohnern eine andere Gattung Sarazenen vorgesunden; aber schwache, kraftlose Barbaren, wie i diese Neuatlantiden waren, konnten sie nicht die ! ritterliche Gesinnung, wie die maurischen, erwecken; i sie mogten nur den Blutdurst und alle würgenden, i zerfleischenden, zerreißenden Leidenschaften reihen, und den Sieger, der sie in die Sclaverey gezwungen, dadurch entwürdigen. Da sie die abgejagten Schätze in die Heimath schleppten, äußerten diese, weil sie l keine schwunghaften Kräfte vorgefunden, die sie zu ! handhaben und umzutreiben wußten, ihre ganze betäubende, asthenift'rende Wirkung, und vergifteten t r5r Europa und die Revolution. alle innerlichen, selbstthatigen, productiven Kräfte. Indem sie überdem stets neue Abentheuer hin zu zu dem verzauberten Lande lockten, wo die gist, und zahnlose Schlange brütend auf ihnen lag; st wurde das Mutterland in geilem Fortpflanzungstriebe, der Colonie auf Colonie aussandte, erschöpft, und in seiner Lebensquelle angegriffen. Zu gleicher Zeit war, was in Spanien, das seit einem Jahrtausend keine Ketzerei) erzeugt, unerhört und unbegreiflich schien, ein neuer Glaube ausgegangcn, der sich doch christlich, ja ausschließlich evangelisch nannte, und die Nation wurde bald in die Kriege hinemgezo- gen, die im Gefolge dieser großen Zdeenumwälzung entbrannten. Versehet in ihrem eigensten Leben und ihren innersten Affecten; auf's tiefste durch den Widerspruch verletzt, auf den sie hier gestoßen; erbitterte sich die zormnüthkge Natur in ihr immer heftiger, verstockte in unbiegsamer Harte, und verwilderte in den Greueln zügelloser Kriege, und den blutigen Rückwirkungen, die im Gefolge des Abfalls der Provinzen kamen. Wahrend sie also durch ihren Streit den Katholicism in Süddeutschland retten half, wie Schweden dem ProtestantiSm den Norden erhielt, brachte ste von da neue Keime des Verderbens in die Hcimath mit, wo unterdessen ein unbeschränkter Dcspotism, nachdem er alle Freyheiten des Volkes verschlungen und die III. Gegenwart -53 Portes beseitigt hatte, um sich gegriffen, und, indem er die geistige Tätigkeit der Nation gegen die Intrigue hillgewendet, der eigentliche Erfinder jener scheußlichen Betrugspolitik neuerer Zeit geworden war. Darum verband sich mit diesem Stamme so leicht der neue Zweig, den ihm von Frankreich aus pragmatische Sanctionen eingeimpft, und zu der spanischen fügte sich die moderne französische Politik, und es erfolgte nun dort, was gleichzeitig allerwärts sich begeben. Die neue Regierung, durch scheußliche Finanzoperationen um das Vertrauen der Nation ' gebracht, herrschte, stets kämpfend mit ihren Abneigungen, unbeschränkt, aber, wie beyuahe alle Fürsten des vorigen Jahrhunderts, gntmüthig, in flacher Ansicht aufklärend, künstelnd an der Industrie, spielend mit den Wissenschaften, verschwenderisch lebend in den Tag hinein. Unter ihr verkam der alte Adel vollends, die Kirche verfiel, das Volk vegetirte schlaftrunken, und verlor allmählich die Erinnerung der Vergangenheit; was aber davon geblieben, bildete den neuen Spanier, der, immer zehrend am alten Ruhme, nachdem das Verdienst verloren, die Ansprüche aufzugeben sich nicht entschliefen mag, und nun in seiner bedächtlichen, phantastisch-pathetischen Haltung nicht mit. Unrecht den Beynamen des tragischen Gascogners sich zugezogen. Es hat aber dieselbe Rückwirkung, die durch -54 Europa und die Revolution. das ganze übrige Europa im Mittelstände gegen diesen Idiotism der Höfe sich vorbereitete, auch - über die Pyrenäen sich verpflanzt. Wie die sogenannte große Welt, an diesen Höfen groß gesäugt, über alle Länder in gleichen Grundsätzen, in glei- ^ cher Physionomie, in derselben Flachheit, Leerheit ^ und Kraftlosigkeit sich abgeschliffen; so flutheten dieselben allgemeinen Grundsätze von Freyheit, durchgängiger Gleichheit, angestammten Rechten und ihrer Unverjährbarkeit, von der Souverainität des Volkes oder der uothwendigen Delegation aller - Gewalt von unten herauf, von jener Flachheit ! theils unbemerkt, theils sogar von ihr begünstigt, : durch diesen Mittelstand, und indem das geflügelte Wort und die Schrift sie allerwärts nmgetragen, , hatten sie sich überall ohugefähr in die gleiche wagrechte Ebene gesetzt. Auch Spanien war in dieses Gleichgewicht getreten; der Großinquisitor selbst, den jetzt als Greis die Liberalen deportirt, stand, während er sonst sehr verdienstlich für die Bildung seines Clerus wirkte, an der Spitze der ji Subskribenten auf die französische Encyclopedie; die l Bibel war ausdrücklich zu lesen erlaubt, die Inquisition gebunden, und selbst die Mönche interes- ^ sirten sich für wissenschaftliche Bildung. So bil- r dete sich hier, wie überall, eine Claffe, die nicht so sehr Spanien, als vielmehr der allgemeinen - / III. Gegenwart. -55 europäischen Kultur angchörte, und in dem Maste, wie sie in sich selbst das Nationelle verwischt, bald I mit allem Charakteristischen im Volke sich in Streit versetzte, und, mit den Höfen in Verachtung des Vaterländischen wetteifernd, in Begriffen, Meinungen, Sitten und dem ganzen Aeußern mit dem Volke in den auffallendsten Kontrast gcrieth. Zn solcher Fassung traf die Revolution dieses Reich; und wahrend sie-ihrc Ansichten in ihm in Umlauf setzte, stritt der Hof eine Zeit lang ohne Nerv und ohne Mark mit ihr, bis endlich der Mächtige kam, der hundert gemeiner Tiranncn Starke in sich vereinigte. Vor dem Hauch des Mundes war der Hof in Jauche hiugefloffen; da warf er einen prüfenden Blick hin auf die Nation, und der alte Fels stand da, verwittert, von Flechten und Moos und Schimmel überwachsen, und wie es schien, gerundet und abgenagt und zahm und dienstbar. Das täuschte das sonst versuchte Auge des schlauen Unterjochers, er griff zu; da rührte sich der Stein im Grunde, es war wieder das alte Volk von ehemals, das die Herausforderung für seinen König angenommen. Da die große Welt unsichtbar worden, mußte jener Mittelstand an die Spitze der Rückwirkung gelangen. Die eine Hälfte seines ' Thuns, die Vertreibung des verhaßten Feindes, war dem Volk wohl begreiflich, und es nahm mit -56 Europa und die Revolution. ganzer Seele Antheil an dem Werke; die andere Hälfte, seine Konstitution, blos auf jene europäischen allgemeinen Abstractioneü gegründet, war ihm unverständlich, und der Mehrheit nach gleichgültig; eS ließ daher geschehen, daß man sie ein, geführt, wieder abgerufen und von neuem zurückgebracht. Seinem heimathlichen Sinne ist diese welthistorische Verfassung eben so fremd, wie es der allgemeine abstrahirte Despotism der letzten Zeit gewesen; der eben so auf gewissen, unter der europäischen Oligarchie verbreiteten Einheitsbegrif- fen ruht, wie sein Gegentheil ans anderwärts gras- sirenden absöluten Freyheitsgedanken. Dem Volke, am allermeisten dem spanischen, ist Natur und Gemüth alles, die Theorie gar nichts; was in jenen wurzelt, wird ihm schnell vertraut und werth; was aber nur auf die andere sich bezieht, schwebt über ihm wie eine Lufterscheinung, zu der es aufsieht, mit Verwunderung oder Schrecken, die ihm aber selbst fremd bleibt und seinem Bereich entrückt. Eine Verfassung also, die ihm lieb werden soll, muß sich an seine Gefühle, seine Gesinnungen, seine Sitten und Gewohnheiten, ja selbst an seine Vorurtheile schließen, und in allen ihm werthen Erinnerungen und Neigungen Wurzel schlagen, daß eS sich in ihr selbst'wieder erkennt, wenigstens Schutz und Sicherheit für seine wertheste» Güter in ihr Hl. Gegenwart. 267 erblickt. Diese Constitution der Cortes aber, die den König zur Dienstbarkeit verdammt, ihn zum bloßen Vollzieher dictirter Gesetze macht, die Autorität an eine überküustlich gebildete, dem Volke entrückte Wahlaristocratie bindet, den Glauben als etwas Aeußerliches nur gewahren laßt, die Kirche blos duldet, und nicht etwa in besserer Vertheilung der Güter reformirt, sondern sie gewaltsam aus ihrem Besitze treibt, die den Adel ignorirt, alle geschichtliche Erinnerung von sich weis't, und, sich also in Widerspruch mit allem specisisch Eigenthümli- chen, Oertlichen, Rationellen, Charakteristischen setzend, ein neues Spanien auf ihre Hand beginnt, kann eben darum im alten Spanien eine so ganz erotische Natur nicht fortdauernd behaupten. Sie könnte eben so, wie der mit ihr streitende Despo- tism, im Lande nnr heimisch werden, wenn ihr gelänge, entweder das Volk nach sich selbst umzubilden, oder, wenn sie sich dazu verstände, ihm sch anzupassen. Der Despotism seinerseits hat jenes seit Jahrhunderten versucht, mit welchem Erfolge, hat die Erfahrung der letzten Zeit ausgewiesen; die Verfassung wagt die Probe nun an ihrer Seite, mit welcher Frucht, wird die nächste Zukunft lehren. Eine solche Umbildung eines Vol, kcs könnte nur durch eine gänzliche, innere Um- , Walzung, einen wüthenden, lang dauernden Terro- > 7 ' r 58 Europa und die Revolution« rism kn ihrem Gefolge, und die Erschaffung ganz neuer, allgemein durchgreifender, revolutionärer Interessen gelingen. Das mögte aber kaum im Frier denszustand möglich seyu, wo die erhaltenden Kräfte, mit aller Zähigkeit am Bestehenden hangend, einen stetigen Widerstand gegen alles Uebermaß ausüben ! und gegen dasselbe in eine auf die Länge unwiderr l stehliche Opposition sich znschnmenthun, die aber l bey Krieg und fremder Invasion, bey jedem Volke, dem ein lebendiges Nationalgefühl beywohut, mit k dem einheimischen Gegner gegen den gemeinschaftlichen Feind, nach Machiavellis bekannter Regel, s sich zu vereinigen pstegt. So lange darum der i äußere Frieden sich behauptet, werden die neuen Freyheitsbegriffe als Correctiv der alten despotischen wirksam sich beweisen, indem die Heilkraft der Natur, Gift mit Gift abtreibend, ein Aeußersies , dem andern entgegensetzt. Ist dann der lange i Schlaf in narcotkscher Betäubung erst vollends i ansgeschlafen, und dazu nach den Forderungen ewiger Gerechtigkeit die alte Schuld gesühnt, dann ! wird sicher das Widersprechende sich in einem der ! Nation, die sich selbst wiedergefnnden, angemessenen Temperament vereinigen. Bis dahin wird I jener Kampf, wahrscheinlich nicht ohne Blutvergießen, auf der Halbinsel sich fortstreiten müssen; seinem Wesen nach ganz das Gegentheil von dem, III. Gegenwart. -69 den wir in Frankreich sehen. Wie hier nämlich die Monarchie sich in die neue Democratie ein- drangt, und mehr und fester in ihr zu wurzeln sacht: so drangt sich dort die junge Democratie in 'die alte, kindisch gewordene Monarchie, und strebt nach Befestigung in dem- wieder erwachten Selbstgefühl. Seit die stehenden Heere mächtig geworden in Europa, ist Rußland in die Geschichte eingetreten, und mit Teutschland in näheren Verkehr gekommen. Wie seine Ahnfrau, die scythische Schlangenjungfran im Hyläerlande, die dem Hercules die Rosse entführt, und mit der er dann in der Bergeshöhle die drey Stammväter des Volks erzeugt: so vereinigt das Reich in sich zwey Naturen: sein Schlangenleib dehnt sich weit über den Norden Asiens bis nach Amerika hinüber, wohl zwanzig Nationen, verschieden in Sprache, Religion, Sitten und Gesinnung, in seinen Ringen fassend; am Gürtel des Urals aber ist dem Drachenkörper die menschliche Hälfte aufgesetzt, und die zieht sich tief in Europa fort gegen den Pruth, die Karpathen und die Oder hin. Und wie jene ägyptischen Thiere, nach alter Sage im Nilschlamm ausgeboren, als sie vom ersten Blitzlicht getroffen ans dumpfem Schlaf erwacht, mit der Hinteren Hälfte formlos noch in der bergenden Mutter sich z6o Europa und die Revolution. gefunden, während die vordere schon vollendet über die Erde sich erhob: so ist auch dies Reich nach Einer Seite in europäischer Cultur nach seiner Art ausgebildet, ja überbildet, in der asiatischen Hälfte aber fötusartig, noch gleichsam befangen in der Völkerscheide, und demSchooße der Natur noch nicht entwunden, und wächst und reift und zeitigt fortdauernd, wie kein anderes, indem es stets neue Barbaren stamme sich aueignet, und in den Kreis der Cultur hinüberzkeht. Ein offenes, beynahe ganz ebenes, waldbedecktes Land, hatte viele Jahrhunderte zum Durchzug der großen Völkermassen gedient, die sich vom Aufgang gegen den Niedergang hin gewälzt, und konnte darum nur unsiat nm- schweisende, stets wechselnde Horden in seinem Umkreis hegen. Endlich, als Europa sich angefüllt, stand die Strömung, und nun lud das im Süden besonders sehr fruchtbare Land ein, zu bleibender Ansiedlung und zum Ackerbau. Ein Zweig des großen Slavenstammes, von der Donau vertrieben, folgte der Einladung, und baute Städte in der neuen Heimath, und erwuchs allmählich zu jenem Volke, das kräftig, stark, derb, ausdauernd, robust in seiner physischen Anlage, seinem Charakter nach gutmüthig, fröhlich, bildsam und geschmeidig in seinen Gefühlen, lebhaft, aber wandelbar, schnell wechselnd in seinen Leidenschaften, darum mehr NI. Gegenwart. 26t regsam als fest, flüchtig und beweglich bis zur Treulosigkeit in kindischem Unbestand, mit nüchternem, anstelligen Verstände, leichtem Begriffe, und großem Nachahmungstalente,' dabey schlau, listig und verschlagen, in seinen Sitten einfach, gastfrey, dienstfertig, gesellig durch seine ganze Geschichte sich erwiesen. Im offnen, flachen Lande, das nirgendwo iä Gebirgen Schutz gewahrte, den Einfallen der benachbarten Tataren, Chazaren, Ungarn, Pohlen ausgesetzt, sagten sie bald zu einander, wie ihr Nestor erzählt: laßt uns eine« KnäS aufsuchen, der uns regiere, Ordnung halte, und uns gerecht richte! und sie giengen über Meer zu den Maragern in Scandiuavien, und sprachen zu ihnen: unser ganzes Land ist groß, gnt, und mit Allem gesegnet, aber keine Ordnung ist darin; kommt, bey uns Kuäsen zu feyn, und uns zu regieren! Und es kam nun Rurik mit den Brüdern und ihren Familien und großem Gefolge, und gründete, ein halbes Jahrhundert nach Karl dem Großen, das russische Reich, die östlichste Verbreitung jenes germanischen, das damal über ganz Europa sich erstreckte. Der Velike Knas, an der Spitze seiner Marager Russen, die ein allzeit schlagfertiges, stehendes Soldheer bildeten, schützte nun sein Volk, und hatte, wie es scheint, eine gleiche Verfassung Angeführt, wie jene, die Harald 262 Europa und die Revolution. Harfagra etwas spater in seine norwegischen Eroberungen gebracht; indem er die freyen ackerbauenden Wehren auf ihren Othols zinsbar machte, nnd statt der unabhängigen kleinen Könige seine Jarls in die Provinzen sendete, daß sie Gesetz gäben, und Landesrecht nnd Strafen und Schatzung sammelten, und dem König die nöthigen Heermänner anshöben. In Rußland, wie in Skandinavien war diese Dienstbarkeit jenem früheren patriarchalischen Verhältniß aufgesetzt, wo der Grundherr als Vater des Hauses in Mitte der Hintersassen seinen Sitz genommen, von da aus die Feldgeschäfte leitend, den Haushalt im Großen führend, Gastsreyheit gegen Fremde'übend, richtend in Streitigkeiten unter den Genossen, und sie anführend, wenn Zwist mit den Nachbarn in Thatlichkeiten ausgeschlagen, oder sonst äußere Gewalt abzutrei- ben war. Das keimende Schwcrdtrecht aber entwickelte sich schnell in dem passiven Volke. Seine Knäse hörten bald auf, zu wohnen in Mitte ihres Eigenthums; sie zogen zu Hofe, und lebten dort gesellig und sicher unter dem Schutz des Hauptes, aber auch wehrlos unter seine Ruthe gebeugt. Die Velikes wurden bald Eroberer; nach der Einnahme Casans nannten sie sich Czare, und wurden mit Iwan Wasilewitsch, den sie den Befreyer nennen, Autokraten und unabhängige Lrspoten, nicht',einmal III. Gegenwart. 263 an Hansgesetze für den Nachfolger gebunden. Seither hat jene scheußliche Tiranney in diesem Land begonnen, die das Volk zur tiefsten Erniedrigung hcral'gewürdigt, und die Geschichte häufig mit den furchtbarsten Greueln befleckt. Nicht etwa, daß wie im übrigen Europa die Gewalt, unter Ebenbürtige sich vertheilend, in ein Feudalsystem sich ansgebildet hatte. Nirgend will eine Spur sich zeigen von jenem ritterlichen Geiste, der, indem er mit kühnem Stolze sich unterordnet und mit dem Herzen sich unterwirft, damit das Gefühl seiner Freyheit sich ungekräukt bewahrt, und mitten in der conventionellen Ungleichheit eine moralische Gleichheit sich zu retten weiß. Nichts von jener romantischen, abentheuerlichen Stimmung will fich rühren, nichts von jener höheren Liebe, die das Leben veredelt: die arme Sage weiß nur von einigen Riesengeschichten im Geiste der böhmischen, von etwas Jauberwesen, und einigen listigen Anschlägen ihrer Helden zu erzählen; nichts von jener zarten Ehre, die wie ein Heller Spiegel beym kleinsten Hauche angelaufeu, nichts von Zweykäm- pfen, Lanzen, noch Tyosten. Nirgendwo läßt etwas von einer Versammlung der Barone fich verspüren für Gründung der Gesetze, Handhabung von Recht und Gerechtigkeit, und zur Berathuug über Krieg und Frieden; nie, weder als Ruriks Geschlecht r6i Europa und die Revolution. ausgegangen, noch spater bey den häufigen, gewalt- thatigen Regierungsveranderungen, hat der Adel an eine inaAna (lkunta auch nur für sich selbst ge- dacht. Unbeschrankt herrscht der Czar, nicht nach Gesehen, sondern nach Ucasen, so absolut gebietend über seine Großen, wie diese über ihre Leibeigenen; sie sind die freyen Grnndeigenthümer, Dworannoi, i aber nicht edel und ebenbürtig, und darum persönlich dienstbar. Und diese also abhängige An- ^ stoerakie hatte in eine vollkommen orientalische Kaste ! sich geschlossen, die in den Rosradbüchern ihre Ge- ^ nealogie auf's genaueste geordnet hielt, ihre Farm- > lienvorrechte darin auf's schärfste bezcichnete, nnd nun je nach Rang nnd Alter in dieser Abstammung alle Stellen im Krieg und Friedcnsstande unter sich vertheilte: so daß nie irgend ein Glied der Genossenschaft, unter einem solchen zu dienen verbunden war, der im Range geringer war dann er, oder dessen Ahne im entferntesten Geschlecht je dem seinigen gedient. Wie der Adel nnd das Heer, so wurde der Clerus, in eine gleiche geschlossene Kaste vereinigt, in Dienstbarkeit unterjocht, nnd seine Glieder als Sclaven der Krone angesehen. Frühe schon hatte die byzantinische Kirche sich in das Land verbreitet, aber dies Volk konnte ihr nimmer werden, was die Germanen der lateinischen geworden. Eine . an sich reine und vernünftige Lehre, bekanntlich IH. Gegenwart. 265 nur in drey Dogmen von der römischen unterschieden; ein Dienst, der nach dem Charakter der , ersten Kirche, nachdem das Wesentlichste jedoch r schon geordnet war, beybehalten, mit reichem Pomp, anständig würdigen Gebrauchen, und strengen Fasten geseyert, aber keinerlei) Art von Unterricht dem Volke bietend: solche Lehre wurde ohne Schwierigkeit dort ausgenommen, aber da ste keinerlei) Art von treibender Kraft vorgefunden, mußte ste sogleich stehend werden und erstarren. Wenn ste daher, friedlich und vertraglich, nicht, wie anderwärts, die Nation in fanatischem Neligionskämpfen cntzweyte, so hat sie dagegen auch keinen neuen eigcnthümlichen Lebenstrieb von ihr empfangen, nnd ihre alte, strenge Symbolik, im hohen Norden fernab von der Sonne nie entfaltet, mußte verkümmern unter dem starren Himmel. Eine so wenig selbstständige Kirche konnte dem um sich greifenden Despotism in keinerley Weise eine Schranke setzen; ste gerietst vielmehr bald nicht blos in die Abhängigkeit vom Staate, sondern in seine Leibeigenschaft; der untere Clerus, dem höheren zur Entschädigung wieder mehr als sklavisch untergeben, entartete thierisch in Brutalität, Völlerey und Unwissenheit, die Menge aber, nahend i ih'cm Gotte, gleich einem Tirannen, in knechtischer - Uitcrwürfigkeit, verwilderte nur noch mehr in rodten um starren Gebräuchen. z66 Europa und die Revolution. Da das Volk in solcher Weise nicht beym Altäre, noch beym Schwerdte seiner Edeln irgend eine Zuflucht gefunden, und sein gutmüthig passiver, flüchtig beweglicher Charakter nur eine schwache Schutzwehr für seine Freyheit bot, so mußte es wohl in jene schmähliche Sclaverey verfallen, unter der es seit Jahrhunderten sich geschleppt. Bauend seinem Herren das Land nur um den dürftigsten Unterhalt; von ihm verkauft, vertauscht, vermie- thet, gestraft, nach Willkühr; ohne Begriff von Eigcnthum, Habseligkeit, und Besitz, die ihm angehören und die er vererben könnte; ohne Weib und Kinder, die er sein nennen mögte; darum ohne Namen, wie ohne Heimath und Gesetze, ein bloßes Hausthier, dem sein Zustand zur andern Natur geworden, kann dem Mißhandelten kein Gefühl seiner Selbst und der persönlichen Ehre übrig bleiben; kein Gemeingeist mag seiner Gleichgültigkeit für alle Verbesserung entgegenwirken; kein edler Stolz kann ihn über seine knechtische Unterwürfigkeit erheben; noch irgend ein Trieb in ihm erwachen, durch emsigen Fleiß sich und den Seinen das Leben zu verschönen. Arbeitend nur ans Zwang; -sorglos, weil er nur von einem Augenblicke zum andern lebt; leichtsinnig und treulos, weil er, wie nichts Eigenes, so auch keinen eigenen Charakter hat; liederlich, weil kein Gefühl von Liebe nnd Hänslichkit 267 III. Gegenwart. ihn an die Familie bindet, die der Herr, wie seinen Viehstand, in eigenem Interesse ordnet; sind alle seine Laster das Werk seiner Unterdrücker, und seine bösartige Tücke, seine rachsüchtige Wildheit, die Verhärtung und Niedertracht, nur die Rückwirkung der geängsteten Natur gegen die schändliche Tiranney. Unter solcher Unterdrückung ist das russische Volk, wie so viele seiner Stammes- Verwandten, seit Jahrhunderten entartet; aber die Tugenden, die ihm noch geblieben, zeugen gegen seine Unterdrücker; und rührend lebt noch in der Schwermut!) seiner Volkslieder die Erinnerung eines besseren früher« Zustandes, aus dem es die Tiranney vertrieben. Also aus zwey oienstbaren Kasten und einem dritten Stamme leibeigner Parias gefügt, hat diese Autocratie sich ganz nach den Formen orientalischer Reiche in nordischer Härte ausgebaut, und Jahrhunderte hindurch denselben stehend gewordenen Typus festgehalten. Das fortschreitende-europäische Princip ist da zum erstenmale in sie eingetreten, als 1682 auf Galizins Vorschlag der Czar Fedor Aleriewitsch die Familienvorrechte aufgehoben, und die Rosrädbücher verbrennen ließ. Bald erhub sich nun Peter, diese einzige gigantische Gestalt in der modernen Geschichte, in Wahrheit einer der Helden von Wladimirs Tafelrunde, und riß mit starkem Arm, wie ein alter Stierbän- r63 Europa und die Revolution. diger, sein Volk gewaltsam in die Kultur. Seither ist der Zwiespalt, der ganz Europa theilt, selbst diesem Reiche nicht ganz fremd geblieben. Wie bey Gelegenheit von Nicons Neuerungen die altgläubigen Roskolniks in allen Ständen sich von denen geschieden, die diese liturgischen und linguistischen Neuerungen sich gefallen lassen, so hat auch die Aristocratie gleichfalls in zwey abweichende Elemente sich getrennt. Die Staroi Wertst, Russen von altem Schrot und Korn, einerseits, Anhänger dessen, was vordem gewesen, hassend alles Fremde, jeder Veränderung abgeneigt, jede Civilisation für verderblich achtend, voll starrer Unwissenheit und barbarischer Vorurthcile, aber häufig noch von reinen, einfachen Sitten und häusliche Tugenden besitzend. Dann die Gegner, die sich an die Cultur geschlossen, und wie jene meist in Moscau ehmals sich vereinten, so nach Petersburg zu Hof gezogen, und aus deren Mitte nun jene - verworfene Geschlecht von Parasiten und Höf M hervorgegangen, das uns die Geschichten dieses Hofes im verflossenen Jahrhunderte geschildert haben; zugleich aber auch viele Männer von großen Verdiensten, kenntnisreich und wohl unterrichtet, die ihr Vaterland zu seiner gegenwärtigen Bedeutung erheben helfen. So hat selbst dies geschlossene Reich sich jener III. Gegenwart. 26g Bewegung nicht entziehen können, die seit Menschenaltern gährend die Zeit bewegt; und cs ist langsam, wie ein großes, Hauendes Eisfeld, in der Strömung mitgeschwommen. Vorzüglich aber seit in neuester Zeit große Schicksale ihm nahe getreten, und nun wirklich eine großartige Geschichte sür dasselbe begonnen, hat die Rückwirkung des thatigen historischen Verkehrs auch aufseine innern Verhältnisse sich geäußert, und man muß die Verdienste der jetzigen Regierung in dieser Hinsicht, und ihre milde, menschliche Gesinnung rühmend anerkennen. Durch sie hat der Priesterstand in seinen höheren Gliedern an Achtung und Würde, in seinen unteren an Bildung und Unterricht gewonnen, indem acht und fünfzig Seminarien junge Leute auf öffentliche Kosten zum Dienste der Kirche bilden, während die sechs wohl ausgestatteren Universitäten dem Staate seinen Bedarf liefern. Zn Liefland, Curland und Esthland ist auf eine verständige Weise die allmähliche Emancipation der Leibeigenen beynahe vollzogen, die Bauernordnnng festgesetzt, Gemeindegerichte und Bezirksgerichte eingeführt, und in Finnland Vergleichsgerichte zur Verminderung der Processe eiugeleitct. Allen Bauern im Reiche ist das Recht ertheilt, Fabriken und Manufacturen anzulegcn, was vorher nur dem Adel und den Kausteuten erste» und zwepteu Ranges -7«) Europa und die Revolution. zugestanden. Indem dasBeyspiel der Krone einen löblichen Wetteifer beym Adel erregt, ist überall eine mildere Behandlung der Hörigen eingetreten, und durchs ganze Reich sind durch freye Ueberein- kunft mit ihren Gutsherren Viele der Leibeigenschaft entlassen worden. Die sogenannten Odno- worzji, angeblich zwey Millionen an der Zahl, sind beym Besitz ihrer persönlichen und Gütersreyheit gehandhabt worden, so daß sie die Ihrigen verkaufen und Neue sich erwerben können, und vom Adel nur durch Dicnstpftichtigkeit unterschieden sind. Sie zusammen mit den sechs Millionen Bürgern, die in 1800 Städten wohnen, und allen austre- tcnden durch die Reichsgesetze frey erklärten Soldaten, deren Dienstzeit auf 26 Jahre festgesetzt worden, bilden den Keim eines selbstständigen dritten Standes, der nach der Natur der Dinge stets anwachsen muß. Und wie hier für den inner» Wohlstand, so ist für die äußere Sicherheit durch jenen Gürtel der Colonisation gesorgt, der vom baltischen zum schwarzen Meere sich hinunterzieht, und in dem man eine Kriegerkaste ganz nach den Grundsätzen des Feudalsystems, in der Weise jener früher» Niederlassungen der Kosaken in der Ukraine organisirt, angesiedelt. IV. Zukunft. Wenn die Gegenwart in der Fortschreitnng und dem Gesetze der Vergangenheit fließend wird, entwickelt sie aus sich die Zukunft. Lassen wir daher in den Bestand der Dinge, wie ihn uns eben der Umblick in dein gegenwärtig Vorhandenen gezeigt, die Strömung treten, die sich uns früher im geschichtlich Vergangenen ausgewiesen, dann können wir alle Bewegungen der letzten fünf Jahrhunderte in wenig Worte einer kurzen Formel znsammenfassen; daß in ihnen nichts als die allmähliche Auflösung des großen europäisch-germanischen Reiches vor sich gegangen, begleitet von einer gleichmäßig fortschreitenden Reorganisation aller gesellschaftlichen Verhältnisse auf anderem Grunde, als dein, worauf das alte Werk gestanden. Der Römer Schwerin in immer größeren Kreisen um das Capitol geschwungen, hatte zuerst die ursprünglich freyen Völker des Alterthums unterjocht, und das große Weltreich, das durch die Eroberung angewachsen, wo nicht Wüsten und Meere es be- 272 Europa und die Revolution. ^ gräuzten, mit der Brustwehr von Wallen, Gräben, Strömen und Festungen umgürtet. Und wie in Asten zwischen Iran und Turan, so war zwischen dem Römerreich und den germanischen Stammen ein ewiger, unversöhnlicher Krieg entbrannt; seit dem Tcutonenzuge hatten die Nordischen durch viele : Jahrhunderte unaufhörlich jene große Römerburg - gestürmt, und endlich mußte es ihrer Beharrlichkeit gelingen, die Mauern zu ersteigen. Da folgte dem Monsoen, der eine historische Zeit vonSüden nach Norden hinauf geweht, ein anderer, der von l Mitternacht nach Mittag blies; ganz Europa war ^ des Sieges Beute; alle europäisch-römischen Provinzen wurden germanisch, selbst ein Theil der afrikanischen mußte sich zu dem Nordrcich fügen. Dies Reich, wie Altgermanicn, eine große euro- ^ paische Republik, war unter Karl dem Großen unter der Frankenherrschaft zu einer Monarchie erwachsen, die zwischen dem Ebro, der Eyder, der Raab uud dem Erarchate sich weit hin dehnte, und außer Britannien, durch seine Jusellage isolirt, und Scandinavien, das anderem Glauben folgte, alle einheimischen und auswärts angesiedelten germanischen Stämme in sich begriff, und mit zwiefachem Schwerdte ste beherrschte, dem weltlichen, das der Kaiser sich Vorbehalten, und dem geist- ' liehen, das er dem Papste anvertraut. Aber beyde > Schwerster wurden zerbrochen im Lauf der Zeiten, und die Stücke jedes in ein besonderes Waffen- geschmeide umgefchmiedet. Mahomets Lehre hatte das Außereuropäische von der Glaubenscinheit abgerissen ; spater trennte sich die griechische Kirche von der lateinischen; bald in der Reformation der Norden von dem Süden; zuletzt suchten in diesem wieder die Nationalkirchen in eigener Selbstständigkeit sich zu befestigen. Eben so trennte sich zuerst Spanien nnd Frankreich, im Vertrag von Verdun vom Reiche; die Habsburger entsagten darauf Italien ; dann folgte die Schweiz, das bnrgundische Reich, Holland, Lothringen; und indem also stückweise der innere Verband sich löste, legten an das stets cinschwindende teutsche Teutschland cin russisches, schwedisches, dänisches, cngländisches, holländisches, französisches, schweizerisches, zuletzt ein preußisches und österreichisches, als Schlingpflanzen sich an; und nachdem sie endlich den alten Stamm ganz ausgesogen, ist er zuletzt in sich zusammengebrochen, und die parasitischen Gewächse sind zu selbstständigen Bäumen für sich erwachsen. Wie aber also äußerlich ein trennendes Schwerdt zwischen den Gliedern des Ganzen durchgefahren, so haben auch innerlich einschneidende, chemisch scheidende Kräfte fortgewirkt, um es in feine Elemente zu zersetzen, nnd in der Zersetzung umznbilden. Die Könige der getrennten Theile, nicht ferner mehr von der Macht des ,6 274 Europa und die Revolution. ^ Mittelpunktes gehalten und geschützt, hatten mir dem Adel, den angesiedelten und angeeigneten Er- , oberern des Landes, und der Priesterschaft, in dem " großen Feudalvertrage sich vereint, um die Eroberten fortdauernd in der Unterwürfigkeit zu halten. Als die Verbündeten aber sich im Verlauf der Zeiten bald entzwcyt, indem die Könige nach unbeschränkter Herrschaft, die Aristokratie nach der Oligarchie gestrebt, sind die Unterworfenen allmählich zum dritten Stand erwachsen, nun dem einen, dann dem andern der streitenden Theile beygetreten, und haben sich zuletzt, bald durch Gewalt im offenen Aufstand, bald durch gütliche Vertrage, ihr altes verlornes Recht wieder zurückgcwonnen. Das ist in der Kürze die Geschichte der Zeiten, die nach dem Verlauf des Mittelalters eingetreten; ganz das Umgekehrte derjenigen, die ihm vorangegangen und es herbeygeführt. Wie dort nämlich die Germanen von außen herein die römische Herrschaft allmählich untergraben, und Glied um Glied vom großen Körper ihres Reiches abgehanen; so ist es hier der Aufstand der von den Germanen bezwungenen Völker gegen ihre Herrschaft, der von innen heraus ihr großes Reich aufgelöst, und auf seinen Trümmern eine neue europäische Republik begründen will. Und es ist in beyden nur ein zwiefacher ! Athemzug der Geschichte dargestellt, die, einathmend ' IV. Z tt k u u ft. 275 und ausathniend, bald in der Herrschaft das Getrennte vereint, bald in der Freyheit das Vereinte wieder trennend zerstreut; und wenn sie daö Schwerdt der Gewalt über schlaffe, entartete Völker sendet, doch nie gestattet, daß auf die Lange Schwerdtes- recht über Menschenrecht gehe. Wenn wir aber nun die Vergangenheit statig in solcher Linie fortschreiten sehen, Mnn die ganze Gegenwart beharrlich in ihrem Geleise sich hinbewegt, dann wird dis Ankunft gleichfalls nicht aus der Larve weichen, deren Natur und Elemente durch bcyde eben so gegeben sind, wie die Bühn eines Himmelskörpers durch drey Beobachtungen, die ihn in drey hinreichend von einander entfernten Orten seines Laufes aufgefaßt. Die Zukunft Europas wird die hinschreitende Evolution weiter führen, indem sie einerseits den angefangeuen Zersctznngsproceß zu seinem Ende drangt, und andrerseits die begonnene Umbildung bis zu ihrer vollen Reife leitet. Wahrend daher die täglich fortschreitende Zerstörung des Alten die Anhänger der Stabilität, und diejenigen, die zur Erhaltung des Bestehenden berufen sind, ängstigt ohne Unterlaß: werden dem aufmerksamen Blicke immer sichtbarer die Ansätze zur neuen Ordnung, die sich gestalten will, und die plastischen Kräfte, die in wirksamer Arbeit die Masse durchfahren, treten immer unverhüllter mit i8 * ihrem Werk an's Tageslicht hinaus. Da mit der Uebermacht des Schwerdtes auch die Uebermacht der einzelnen störenden Willkühr weggesallen, so gestaltet sich das Werk nicht ans einer Mitte fortschreitend, nach einem bestimmten Vorgesetzten Typus, sondern vielmehr wie ein Naturgebilde von ^ «nten herauf durch den Kampf vieler glcichgewo- l gencn, aber specisisch verschiedenen Kräfte, indem !' jede, zwar von einem eigenen Punkt ausgehend, ^ doch wieder in das Ganze hinüberwirkt; und Alle, l indem sie sich ihre gesonderten Systeme abgranzen, i dieselben wieder durch einander treiben, daß sie . gleichmäßig sich verflechten, und jedes, obgleich ein s Theil des Ganzen, doch wieder für die Andern das Ganze wird. So ist Italien fortdauernd ein solcher Mit- - telpunkt für alle religiösen Verhältnisse ge- l blieben; der alte Felsen hat fünfzehn Ellen hoch ! über die höchste Fluth der neuen geistigen Uebcr- l schwemmnng herausgeragt; und der Altar des ! neuen Bundes wird immer auf dieser Höhe des s Ausgangs stehen. Mag in diesem Lande, wie ! allerwärts, religiöse Gleichgültigkeit sich durch alle Stände verbreitet haben; mag die Priesrerschast s selbst in eine Minderzahl von beschränkten Eiferern s und Ungläubigen, und eine Mehrzahl von Zndis- ^ ferenten sich vertheilen; mag die Idee, in Formen s IV. Zu kirnst. r?7 erstarrt, wie im Winterschlaf«! liege»; bas Alles ist blos negativer Art und darum vorübergehend; die unvertilgbare Wurzel des Positiven, die sich unter der Umhülle verbirgt, bedarf nur eines Sonnenblickes, nur fröhlich und schnell wieder aus- zuschlagcn, und bald die Blatterschirme wieder in den erwärmten Lüsten umzubreitcn. Wie die Heklaqncllen ihren heißen Wasserstrahl nun hinauf zur Höhe treiben, und dann wieder abwechselnd ihn hinunter in die Tiefe schlingen, daß die Brunnen versiegt scheinen und ausgetrocknet: so ist cs um die religiöse Stimmung gethan, die, weil sie auf einem Vedürsniß der menschlichen Natur begründet ist, abgewiesen, immer wiederkehrt, und wenn sie sich entzogen, wieder auf's Neue gefordert wird. Jetzt, wo die Systole ausgehört, naht die Dyastole; aus Unglauben neigt die Zeit wieder zum Glauben hin; und der innere Brunnquell, der ausgesetzt, beginnt wieder zu stießen. Im Verhaltniß aber, wie diese Idee sich mehr belebt, wird auch ihre äußere Darstellung in der Kirche sich wieder mehr centriren; und das in ihr verjüngte Rom wird auf's Nene sein altes Recht behaupten. Der protestantische Norden aber wird sich ihm keineswegs zu entziehen im Stande seyn; gehalten von dem Bande des gemeinsamen Christenthums, wird er in ihm die heilsame Opposition fortführen, und »78 Europa und die Revolution. also, wie Umkreis und Mittelpunkt sich wechselseitig voranssetzen, sich bedingt finden von dem Eemrum, wie selbst bedingend. Die dritte, griechische Kirche aber wird als eine untere und äußerliche Vermittlung durch den Uebergang zwischen Hey de treten. Wie in solcher Weise Rom fortdauernd sür ganz Europa die Mitte und der Anknüpfungspunkt aller wieder belebten religiösen Ideen seyn wird: so soll, wie es sich anlaßt, Frankreich füro- hin als Mitte und Auschießungspuukt aller politischen Verhältnisse fortbesichen. Die Lehren, die theoretisch die Revolution cingeleitet, und die diese dann praktisch ausgeführt, haben in der Sprache durch den ganzen Welttheil sich verbreitet, und einen neuen politischen Glauben gegründet, der seine Märtyrer und Bekenner, seine Apostel und Kirchenvater gesunden, und bald auch inConsesstonen und symbolischen Büchern sich befestigt und Secten und Partheyen allerwärts gegründet hat. Dieser neue Glaube hat stch bald mit der Ausartung des Alten im Schisma eutzweyt, und diese Ausartung hatte eben in dem Despotism, der jener Revolution vorange- garrgen, wieder in demselben Lande ihren Mittelpunkt gefunden, und von da aus gleichfalls Parthey im übrigen Europa gemacht. Seit nun die Restauration cs also gefügt, daß bcyde Secten in der Verfassung sich einander entgegengetreten, ha- IV. Zukunft. ^ 279 ben alle Fäden des Partheykampfes, der den Welt- theil entzweyt, sich n-ie natürlich an sie geknüpft, und die Sache Europas wird dort zur Sprache gebracht, nud der große Pxoccß insiruirt und durch alle Instanzen dnrchgetrieben, che er anderwärts vollzogen wird und ausgefochten. Darum gehen fortdauernd unsichtbare Faden von diesem Lande aus in alle Lander, verknüpfend die Gleichgesinnten in organischem Verkehre; und es fügt um diese überall das Einverstandene sich in Sympathie zusammen, während in ihrem inner» Widerspruche das Feindliche in Antipathie sich flieht. Auf der Tribüne aber begegnen sich in wechselseitiger Herausforderung die in Brennpunctcn vereinigten großen europäischen Gegensätze, und die Geistesfunken, die in ihrer Reibung sich entwickeln, verbreitet die Presse über die ganze Gesellschaft, und die Sprache führt durch ihre Leitung den eleetrischen Feuersioff in die entferntesten Organe. Eben wie Frankreich die seit drey Jahrhunderten in der europäischen Gesellschaft neu ausgeprägte Gedaukenmasse ohne Widerspruch beherrscht, so hat England sich zum Mittelpunkt des großen Weltverke h r s erhoben. Diese Insel hat, seit der Sonnenstrahl der Freyheit erwärmend sie beschienen, in ihrem Ocean gleichsam zu keimen angefan- gen; eine große Wasserpflanze, hat sie ihre Wurzeln ! 2k?c> Europa und die Revolution. über allen Meeresboden hiugctrieben, und der stolze Wipfel, den sie gehoben, überschattet nun die ganze Erde. Langsam und allmählich, wie > Roms tiefbegrüi'.dcte Macht, ist diese Herrschaft angewachsen: eine große Tradition von Geist, Kraft, Math, Industrie und Beharrlichkeit hat sie in stiller Entwicklung hervorgebracht, im Fortschritte i hat sie eine stets zunehmende Masse von geistiger s Betriebsamkeit aus dem Innern der Nation her- - vorgetrieben, und indem jedes Geschlecht stets die ^ Anisen, die seine Anstrengungen erworben, zum - Stock des Nationaleigenthums hinzugcschlagen, ist jenes ungeheure Kapital erwachsen, ans das sie fortan ! unerschütterlich sich bastrt. Dies Kapital aber be- ' steht dynamisch aus jener Masse erfinderisch betrieb- ! sanier Geisteskräfte, aus jenem fertigen, durch ! lange Erfahrung erworbenen Geschick; aus dem l reichen Fonds practischeu Verstandes, der sich äuge- s haust, und dem regen Gemeinsinn, den die enge f Association hervoraebracht; endlich ans dem erlch i benden Selbstgefühl, das ans dem Gelingen sich - erzeugt: physisch aber ist es erwachsen aus dem i Ungeheuern Besitzstand, den diese Thatigkeiten im i Lauf der Zeiten dieser Nation erworben; indem durch weite Länderstriche ganze Völker als hörige i Hintersassen sich an die Insel knüpfen, die aus dem unermeßlichen Material ihrer Werften die IV. Zukunft. Flotten rüstet, in denen der große Verkehr des Mutterlandes mit den Colouien vermittelt wird, und im Umlauf die Güter zwischen ihnen hin und her pulsireu. Und so ist dies Land die Mitte des ganzen Kreislaufs der irdischen Industrie geworden; was es unten in seinen Colouien und Ansiedlungeu, wie durch chylösc Gesäße, eingesogen, das verarbeitet oben seine Waschinenwelt, wie in den Lungen das rohe Blut sich lautert; und das Herz, das in zwey Kammern in dieser Insel schlagt, sendet es als Waare wieder ans in alle Welt, und zieht dafür Linderes, das es im Tausch erworben, wieder an: das Geld aber ist der Nervengcist, der sich ans dieser Lymphe abgeschieden, und die Bank von England mit dem ganzen Systeme der Pro- vincialbaukcn gleichsam der sympathische Nerve, der die ganze Bewegung leitet. Und es steht Al- bion, ein zweyter Fels im Norden, worauf ein anderer Glaube eine andere Kirche aufgebaut, die ihren Gläubigern auch zugesagi, daß die Pforten des Abgrundes sie nie überwinden sollten. Wie hier Süd und Nord, so sieht in anderer Richtung West und Ost sich gegenüber; nnd dem heroischen Spanien, das immer noch die atlantische Welt in Europa reprasentirt, und, hat es sich erst selbst wieder gesunden, fortan, wie früher,Aden erblichen Adel der Gesinnung, und die sichere Würde 28r Europa und die Revolution. eines frcycn und stolzen Selbstbewußtseyns in Europa vertreten wird, setzt steh Rußland, das Reich der Slavcn und der Sclaven, die allmählich der Freylastuug cntgegcnreifen, darum das Land der Bauern und der stehenden Heere, aus dem Asien unaufhörlich herüberdroht, entgegen. Die alte Steppe, die so lange zahlreiche Völkerschwarme auSgeseudct, ist in ihm zum Ackerlande urbar gemacht; und die alten Hirten sind Heerdeu jetzt geworden, die der Wille eines Einzigen treibt. Der Geist der Russen ist der eigentliche und wahrhafte Geist der stehenden Heere: zu folgen jedem Stoße, der von oben hernieder kömmt; — willenlos selbst — zu seyn, was der höhere Wille gebietet; nicht in der Begeisterung den Much zu schöpfen, sondern in der Furcht vor der Strafe, die die Feigheit ahndet; treu zu seyn, nicht aus Anhänglichkeit und Liebe, sondern aus Gehorsam; Verstand, Gefühl, Wille, Kraft und Leben, und das ganze Daseyn zu rcsigniren auf ein Machtgebot, daß nichts als die sich selbst aufziehende Maschine übrig bleibt: das ist die Forderung der Disziplin, und kein Volk erfüllt sie treuer als diese Moscowitcn; keines ist dazu noch so reichlich mit der thierischen Naturkraft ausgcstattet, unverwüstlicher gegen alle Kricgsbeschwcr, und gegen die Elemente abgehärtet. So lange daher das eure- IV. Zukunft. r63 päische System in dieser Mechanik sich bewegt, wird Rußland stets sein Ruhcpunct seyn; die stehenden Heere, mit Allem, was ihnen verbunden ist, werden nur als seine Fortsetzung erscheinen, als das Asten, das in Europa Übertritt, das orientalische Princip mitten im Occident. Es entsteht die Frage, was, nachdem in solcher Weise alle Momente der Zukunft in Europa sich verthcilt, für Teutschland übrig bleibe? Der Priester, der Staatsmann, der Kaufherr, der Edelmann, der Bauer und Soldat, jedes hat seinen Mann gefunden; und es will sich aulasten, als ob der Teutsche allein leer ausaehe. Er war eh- mals der Fürst, der über Alle geherrscht; vom Ural bis zu den Säulen des Atlas, vom chronischen Meere bis zur Wendilsee war seine Macht geehrt, geachtet und gefürchtet; es scheint billig, ha er für die Herrschaft zu klein und schwach geworden, sein Land aber, das einst das Reich der Mitte gewesen, zum Reich der Mittelmäßigkeit in allen Dingen herabgcsunken, daß er, nachdem ihn die Geschichte aller seiner Würden entsetzt, jetzt Allen diene als Söldner, Schreiber, Dienst- lwte, je nachdem die Umstande fallen wollen. Wenn Rußland in seiner Verbreitung die größte Masse des Erdelemcntes angchört, und im Cha- rcn'ter seines Volkes das Erdhafte, Gebundene, 284 Europa und die Revolution. Trage vorherrschend ist; wenn England, wie cS alle Meere beherrscht, durchhin in Sinnesart, Verfassung, Leben und Geschichte, den elementarischen . Charakter des Wassers ausgeprägt, das aus zwey ! entgegengesetzten Grundstoffen gemischt, in seiner s Form bald in fester Erstarrung gesteht, bald in ^ lustiger Gestalt zur Höhe sich erhebt, in der Regel i aber in freycr und doch plastischer Beweglichkeit - die Mitte halt; wenn Frankreich das Reich der ! Atmosphärilien beherrscht, und jene untere, der s Erde nahe Gedankenwelt, in der die herrschenden s Begriffe wie Miasmen grassiren; wenn endlich im st spanischen Wesen das gebundene Feuer, das nur s der Stoß entkettet und befrcyt, wie im Ztaliänischen, ! die strahlende, frey strömende, alle andern Elemente ! durchdringende Warme sich kund thut: so ist der teut- ß sehe Charakter in ein verworrenes, trübes, unklares , s Gemisch von allen vier Elementarnaturen ausge- ^ gangen, und Teutschland selbst eine ursprüngliche, ! chaotische Flüssigkeit geworden, worüber der Geist p noch schwebend brütet. Es liegt in der Natur ^ der Dinge, daß wenn ein großer Organismus sich ^ selbst von innen heraus umgestaltet, dies nur - durch eine vollkommene Umkehr geschehen kann, l indem das Erste zum Letzten, das Innerste zum ? Aeußerstcn wird, wo dann die Wiedergeburt gleich- l sam in rückläufiger Bewegung von außen herein ! IV. Zukunft. 289 fortschreitend erfolgt. Dies ist aber der Fall beider großen Umwandlung des europäischen Systems gewesen, und darum hat Alles, was von neuer Gestaltung sich im Welttheil zeigt, auf Unkosten Teutschlands sich gebildet; in der Solution des großen germanischen Reiches find alle jene Kristallisationen angefchossen, und das jetzige Tcutsch- land ist endlich als das letzte Ueberbleibsel des großen Alkahests zurückgeblieben, eingcschlossen in den umgebenden, in der Bildung schneller vorgerückten, festen Formen, wie ein Vergkrystall oft in seiner Mitte in wenig Wassertropfen die Reste der Feuchtigkeit beschließt, aus der er sich gebildet hat. Dieser Charakter des Chaotischen geht durch alle Verhältnisse des teutschen öffentlichen Lebens als wesentlich bezeichnend durch. Zn den religiösen z. B. hat das alte, heilige Reich sich zu einem Lebermecre umgestaltet, wie es die alten griechischen Seefahrer im Norden gefunden: nicht Wasser, Land noch Luft, sondcru ein dickes, geronnenes Magma von Allen. Der organische Zustand der Kirche, das wechselseitige Vcrhaltniß der Confes- sioncn, die innere Entwicklung der religiösen Uebcr- zeugungen; in Einem spiegelt sich jedesmal das Andere, und in Allem die gleiche Auflösung und Verwirrung. Die Kirche, in banlosen Stand versetzt, der Chor verödet, die Altäre ausgeraubt, der 236 Europa und die Revolution. Boden im Schiffe mit Gras bedeckt, die Stürme in den Gewölben heulend, das Bley der Kuppeln in Kugeln, die Glocken in Kanonen umgegosscu, ' die Nebengebäude in Casernen umgewandelt, weil Alles eine Domäne des Staats geworden. Die Konfessionen, die der Wesiphälische Friede mühsam auseinander gehalten, daß jede, so viel thuulich, eigen Land, eigenen Gebietsteil, und eigenen, abgeschlossenen Wirkungskreis gewonnen, übereinan- u der gestürzt; je eine der andern, oder je zwcy der ö dritten untergeordnet, daß in naher Berührung und vielfältigen Conflieten alle erloschenen Feind- ' schäften erwachen, und mit den neuen politischer Art verbunden, als gewaltige Fermente in der Masse gahren und sie erhitzen. Dann die Gattungen, Arten, Spielarten religiöser Ueberzeugun- gen, jene reichbesetzte Tabulatur von Tönen und Schattirungeu in Glaubenssachen; die bunte Mischung von Grundsätzen und Ansichten, die bas - Glaubeusgebict in unzahlichen Rissen und Thei- snugen bis zum Grunde spalten, daß das Dissen- tirende kaum Gleichartiges genug zusammeustndet, um sich, wie in England, wenigstens in Secten zu vereinigen. Mitten im losen, grundlosen Sand- meer, bas der Wind umtrcibt, nun ein schwaches, flaches, theils gutmüthkgcs, Heils absichtliches Be- I streben, das Getrennte von oben herab Zu vereini- IV. Zukunft. 2^7 »igen, und mit demselben Föderationskleister, der die politischen Formen Zusammenhalten soll, die Confessionen zusammen zu pappen, die alles daS leidend ohne weitere Theiluahme, die es allein zu etwas machen könnte, geschehen lassen, weil auch selbst km Glauben der Tcutsche passiv geworden, indem sein Charakter sich, wie sein Vaterland, zerstückt. Dies ist in wenig flüchtigen Zügen ein Bild der religiösen Consusion. Es folgt zunächst die politische, die Gebühren» und Nährmutter aller Anderen. Neun und dreyßig Staaten, verschieden an Macht und iunerm Bestand, von Sternen erster Größe bis zum kaum sichtbaren, telescopischen herab, haben sich vereint, um nach Rousseaus Grundsätzen in einem (loulraer social, den die Bnndesakte und die Wiener Additionalacte enthält, eine vollkommene Democratie zu bilden, die jedoch also gehalten sey, daß sie stets zwischen dem gesellschaftlichen Zustand und dem Natyrstand schwebend sich behaupte. Bekanntlich ist dieser Natur- siand ein Stand vollkommuer Freyheit, Gleichheit und Unabhängigkeit innerhalb der Schranken eines natürlichen Gesetzes, das in die Herzen aller Menschen gegraben ist, und alle vor jeder positiven Staatsverbiudung theoretisch einen großen menschlichen Verein verknüpft. In diesem Verein r88 Europa und die Revolution. ist jedes Glied dem andern gleich von Natur; der Größte dem Kleinsten au Rechten in keine Weise überlegen; Vortheile und Leistung sind unter Alle gleichmäßig vcrtheilt, und alle Gewalt und Jurisdiction erscheint überall vollkommen wechselseitig durch einander bedingt. Frey sind Alle, ihre rechtlichen Handlungen zu ordnen nach eignem Wohlgefallen, und über Leib, Leben und Besitz und all' ihr Thun nach eigner Willkühr zu verfügen. Unabhängig ist ein Jeglicher, Herr seiner eignen Person, unterworfen keinem Andern; jeder ein König, ruhend ans sich selber, und keine Autorität anerkennend, die über ihn zu richten berufen wäre. Und weil das Naturgesetz, das die Vernunft gegründet, verbietet, daß irgend Einer den Andern schädige an seinem Bestände, Leben und Eigeuthnm, und dem freyen Gebrauche seiner Kräfte, darum ist Zeder in diesem Stande befugt, zu thun, was ihm für seine Erhaltung zuträglich dünkt, und jede Verletzung des Vers uunftgcbots zu ahnden: das heißt, er übt i>r eigner Person, so weit das Gebiet seiner Freyheit reicht, zugleich die gesetzgebende und die vollziehende Gewalt. Diese bisher blos theoretisch gangbaren, und sonst von loyalen Staatsrechtslehrern gänzlich geläugneten Grundsätze, hat die Vundesaete nun feyerlich sauetionirt, und dadurch p raerisch gemacht, IV. Ankunft. 289 daß sic dieselben als Fundament ihrem Gebäude untergelegt. Da aber ihre Urheber wohl erkannt, daß die Menschen in der Neger, wo kein Zwang sie bindet, selten strenge Beobachter von Recht und Billigkeit zu seyn pflegen, haben sie die Gefahren . ^ dieses Zustandes Ungesehen, und sind über einige Modifieatiouen desselben übcreingekommen, indem sie sichtlich die Grundsätze des (lonirai social befolgt, und dabey durch den Vorbehalt der lum slngulorum innerlich, und des Rechtes, Bündnisse abzuschließen, äußerlich, einen möglichen Rücktritt nach Maßgabe der Umstande vermittelt haben. Da sie nach dem ersten Buche im fünften Kapitel sich überzeugt, daß, da alle Vergangenheit nichtig geworden, alle Ueberlieserung ausgcgangcn, und alle Autorität erloschen, das Werk nothwendig vom Grunde aus in einem neuen Socialpaet beginnen müsse, haben sie ohne Verzug einen solchen in der Acte improvisirt. Da nach K. 3. desselben Buches das Recht des Starkern nimmer vor der ursprünglichen angebornen Gleichheit bestehen kann, haben sie diese Gleichheit unter den Genossen eingeführt, und der kleinsten Hansestadt dasselbe Stimmrecht, wie dem Kaiser cingeräumt. Da sie nach K. 6. eingesehen, daß die Frey heit des Menschen in der Gesellschaft darin bestehe, daß er an keine gesetzgebende Macht gebunden sey, die er 19 nicht durch seine Delegation gesetzt, haben sie die Souverainität des Bundes in die Masse aller seiner Glieder hineiugelegt, und also die Demo- cratie eingeführt. Da nach dem zweyten Buche Kap. i., und dem dritten, K. iS. die Souverainität, wesentlich beruhend im Gesammtwillen, immer dieselbe oder eine andere ohne Mittelding nicht von ihm abgesondert, noch übertragen werden kann, haben sie mit Nichten einen unabhängigen Bundestag gesetzt, sondern blos verantworrliche, an ihre Instructionen gebundene Staatsdiener zu mechanischen Stimmführern des souverainen Volks gemacht. Da nach dem vierten Buche K. 2. unter allen Gesetzen der Socialpact von allen Handlungen des freyen Menschen diejenige, die am meisien seinem freyen Entschlüsse anheim gegeben seyn muß, allein die volle Einstimmigkeit aller Con- trahirenden erfordert, so haben sie folgerecht für alle organischen Gesetze die Einhelligkeit aller Stimmen zum unnachlaslichcn Gesetz gemacht. Da nach B. II. K. s. die Souverainität wesentlich uutheilbar ist, die Urheber der Constitution aber doch die Eintheilung in die gesetzgebende und vollziehende Gewalt beliebt, so haben sie diese Aerfal- lnng geschickt in zwcy Kammern unter Einem Dach versteckt, wo in der Einen im Plenum das ganze versammelte Volk die Gesetze von sich giebt, und dann dasselbe Volk im Gleichen nur immer mit 291 IV. Zukunft, -l t, der Zahl vier multiplicirten Stimrnvcrhältniß die Vollziehung der beliebten Gesetze durch den engeren Ausschuß bewirkt. Während man aber für die Verhandlungen jener Behörde die Einhelligkeit der Stimmen als nothwendig festgesetzt, hat man für diese jedoch die Mehrheit sich gefallen laßen, weil man gefunden, daß diese Mehrheit nothwendige Bedingung der Wirksamkeit jedes Vereins ist, da jede zusammengesetzte Maße non vielen Kräften getrieben, wenn sie sich als solche bewegen soll, nothwendig in der Diagonalrichtung nach der Seite der Mehreren gehen muß. So hat diese wundersame Verfassung sich aufgebaut, die kühn und keck das Wort jenes polnischen Palatins: Mi>!c> ^ericulosam libertärem, guam gnietuin servil!um zum Motto sich genommen. Indem sie ein nicht zwar einiges und mttheilbares, wohl aber uneiniges und rheilbares Reich in die Wirklichkeit gesetzt, und es durch die Klausel der geforderten Einhelligkeit, wobey Jeder, obgleich er im Vereine lebt, gesetzlich fortdauernd nur seinem eignen Willen zu folgen braucht, sogleich wieder aufgehoben, hat sie den Einwurf, den man dem Lontrat sooiol gemacht, daß, wie nach ihm rechtmäßig eine bürgerliche Gesellschaft entstanden, sie auch eben so rechtmäßig in demselben Augenblicke wieder aufgehoben werden könne, ,9 ^ 2Y2 Europa und die Revolution» durch die That zugleich glücklich bestätigt und nachdrücklich widerlegt. Ihre Fortdauer bcy allem inneren Widerspruche hat zugleich die Ans führ- ^ barkcit der unausführbaren Hirngespinnste des st Genfer Publicisten klärlich dargethan und nachge- st wiest«. Peripherie ohne Mittelpunkt, Eigenwille st ohne Autorität, bloße Schwungkraft ohne innere Bindung, müßte man ste als Musterbild aller st demagogischen anklagen, wenn man sie nicht als st eine bestehende, legitime zu ehren hätte; wenigstens st Überbieter sie Alles, was man der Constitution st von 1793 mit Grunde vorgeworstn; und die der st. Cortes, die man mit Feuer und Schwerdt bc- h kämpft, muß ihr gegenüber als ein sehr monar- st chisches Werk gepriesen werden. Da überall nur ein gebietendes Volk vorhanden, so hat sich seither ^ in allen Zwistigkeiten nirgendwo ein gehorchendes ^ zeigen wollen. da die Größeren keine Neigung, ^ die Schwächeren keine Verpflichtung dazu in >>ch st gesunden. Indem Oesterreich und Preußen, beyve amphibischer Natur, nur mit einem Oheile ihres i Bestandes in das Zususorium hiunberrcichend, mit ist vorwiegender Masse state Pcrtnrbationen in ihm st bewirken, so liegt die Versuchung und der Verdacht - des Mißbrauchs der Kräfte nahe bey einander, st und die Abwehr jeder Aumaaßung ist rechtlich wohl ^ begründet, wie solches kürzlich noch die bekannte ^ IV. Zukunft' 2t)Z Hahnenfeder in ihrem Manuskripte mit großer, treffender Wahrheit geschildert hat. Seit dem P Mißlingen des Aufstandes von 1809 hat die frühere Einheit, die noch matt in Oesterreich nachge- balten, dem Reiche gänzlich stch entzogen: am Tage nach der Schlacht von Eßling gieug der Geist von Alttentschland zum letztenmal am alten Kaiserhaus vorüber, und es hat ihn nicht begriffen, noch beschworen. Seither ist es dem neuen Tcutfch- land in seiner Politik fremd geworden, in vielen Verhältnissen feindlich, in vielen, die heilsam stch erwiesen, wenn ein natürliches Gegengewicht vorhanden geweseu, hat beym Mangel desselben sein Einfluß nachtheilig stch gezeigt. Preußen, dem das Gegengewicht) an der Spitze des konstitutionellen Teutfch- lands dem stabilen Principe jener Macht entgegen, anvertrant gewesen, hat seine Bestimmung seit Gi6 gänzlich verkannt, und darüber, indem die Idee völlig von ihm gewichen, seine sociale Bedeu- ^ tung in Teutschland, und mit ihr seine politische in Europa, wo es fortan nur als eine untergeordnete Macht vom dritten Range gilr, eingebüßt. So ist Alles unheilbar, verschoben und verrückt; der Teutschs hat stein Vaterland, wie er gehofft, - gewonnen, denn Teutschland ist nur eine diploma- - tische Fiction geworden, und das Naturrecht ist ^ sein Staatsrecht; aber es fehlt der Vollziehung Europa und die Revolution. i ! - - -94 desselben alle Gewahr, um die zu finden jeder gesellschaftliche Verein geschlossen wird. Darum wird, wie überall, in ihm die Willkühr streiten mit der Anarchie, bis entweder jene siegt mit Schwerdtes Gewalt; oder aus der Mitte dieser ein Gemeingeist mit Macht aufsteht, und mit der. Einheit die Gewahr der Selbstständigkeit der Thcile sich gewinnt. Derselbe Streit zwischen Willknhr und Anarchie, der stets dein Bunde Gefahren droht, hat in nothwendiger Folge auch durch seine wichtigsten Elemente sich verbreitet. Nach dem Untergange aller Freyheiten der Nation war in den verschiedenen Gebietethcilen des Reichs nichts als mit der Territorialherrschast die Dictatur und die absolute Gewalt zurückgeblieben. Schon Locke hat lange zuvor, che Zacobiner und Carbonaris aufgekommen, den Beweis gemacht, daß die absolute Monarchie gar keine Negierungssorm, daß fie vielmehr der Natnrstand selber, ja schlimmer als dieser sey, weil fie keine Gewähr gebe gegen Schaden und Ungebühr gerade von der Seite, wo die stärkste Hand fie znfügt,^ und doch die Selbsthülfe des Naturrechts ausgeschlossen hält. Der drcyzehnte i Artikel, in der Znsatzacte später nicht befestigt, nur > , verkümmert, hatte zugesagt, diese rohe Natnrgewalt, I aus den Kriegen übergebliebeu, in eine gesetzlich IV. Zukunft. 295 beschrankte Form zu bringen, und sie dadurch legitim zu machen; aber sie zauderte im Norden, wie es schien, unwillig, ungewiß, sinnend auf ein durchführbares Minimum. Irr natürlicher Folge mußte der dieser kargen Zähigkeit entgegenkampsende Trieb, der, in gesetzliche Form gefaßt, die inneren Lebcns- bewegungen in schwunghafter Thatigkeit erhalt, da er keine organische Bindung fand, übertreten, und in demagogischer Rückwirkung sich der Willkühr entgegensetzen. Eine Anzahl junger Leute hielt sich berufen, über die Mittel nachzudenken, wie der antocratische Natursiand in einen demokratischen zu verwandeln sey; und da die Grundsätze des (loirti-ar socüal neuerdings in den höher« Verhältnissen eine so glückliche Anwendung gefunden, glaubte sie dieselben auch füglich auf jene Liefern übertragen zu dürfen. Hatte Teutschlaud in den Salons wieder die vorige Gestalt gewonnen, ein Marbod im civilisirten Marcomanuenland nach Süden hin, ein Herrmann im Cheruskcrlande im Norden, dazwischen lose, lockere Bünde, so gieng ihre antike Liebhaberey vielmehr auf die alte Waldnacht, und die urgermanische Ordnung, wo die Könige nur über das Unbedeutende gefragt wurden, das Volk aber hinter dem Schilde in gemeiner Versammlung durch Murren oder Jauchzen über alles Wichtige selbst entschied, auch wohl mitunter gar ' ^ 296 Europa und die Revolution. kein König der freyen Selbstbestimmung der Gemeinde im Wege stand. Ihre Verfassungsplaue in der Theorie waren nichts als die Bundesacte in Runen auf hölzerne Stabe eingekerbt, aber die Vater erkannten ihr eigenes Kind nicht mehr in der Verhüllung der unleserlichen Schrift, und in der rohen Umschreibung, die ihr Werk erfahren. Was für moralische Einheiten gegolten hatte, sollte für physische nicht Geltung haben, doch mußte wieder, was diese gesündigt hatten, die moralische Einheit der Nation entgelten. Diese hatte jenen jungen Leuten keine Vollmacht ausgestellt, schien auch keine Lust zu haben, ihre unbekannten Plane in Vollzug zu setzen; doch wurde sie in Masse abgestraft, außer dem Gesetz erklärt, und auf fünf Jahre mit geistigem Interdikt belegt. Es war der wohlbekannte teutsche Don O.uirotte gewesen, der seit Jahren schon in Leben, Kunst, Wissenschaft durch die elende Flachheit zur Verzweiflung gebracht, das große Philisterium durchzogen, und jetzt auch einen Ritt in sein Hauptquartier, die Politik, versucht. Als die hohe Policey durch gute Kundschaft glaubwürdige Nachricht von diesem Zug erhalten, zu dem sie keine Passe ausge-- fertigt, hat sie sogleich Teutschlaud in Belagerungsstand erklärt, und den ganzen Landsturm znm Auszug aufgeboten. Ihr wurde ohne Anstand / IV. Zukunft. -97 sogleich die Dictatur über die Justiz im Reiche eingeräumr, denn sie harte die Fälle, die vorgc- kommen, als königliche Fälle, wie man sonst sie wohl zu uennen pflegte, erkannt; und darum wurde die ordentliche Gerechtigkeit ohne Verzug suspendirt, der gewöhnliche Jnstanzenzug unterbrochen, in der gemeinen Landesnoth das Noth- recht als einzig gültiges Laudrecht erklärt, und für geeignete Fälle eigenes, selbst rückwirkendes Gesetz eingeführt; Ankläger, Richter, Vollzieher der llr- theile in eigener Sache wurden in derselben Person vereint, willkührliche Verhaftungen verhängt, die Augeschuldigten ihrem natürlichen Richter entzogen, und die Inquisition Hub nun au, unbescholtene Personen nicht auf bestimmte, klar zu Tage liegende Thatsachen, sondern auf verborgene, vermuthete Gesinnungen zu inqnirireu, und auf die Folter ihrer fünf und zwanzig hundert und fünfzig Fragsiücke zu spannen. Was herausgekommen, hat die verwunderte Welt gesehen; nichts, was nicht auf dem gesetzlichen Wege eben so leicht zu erhalten gewesen wäre: Tentschland aber hat seine letzte Ehre, die es zu verlieren hatte, die ' einer unverletzlichen Gerechtigkeitspflege eiugebüßt, und es ist ihm klar geworden, daß mit der politischen Freybeit auch seine bürgerliche in der Staats- raison untergegangen, die Nachwelt aber wird voll- 2g8 Europa und die Revolution. kommen begreifen, worin der Grund des unaufhörlichen Geschreyes nach Verfassung in dieser Zeit gelegen. Wie also die Territorialmacht durch ihrZwk- schentreten und Voueiuanderhalten nach oben jede Einheit in Teutschlaud ohnmöglich gemacht, so hat sie bisher in der größeren Halste des Reiches die gemeine Frevheit gebunden gehalten, daß sie sich in keine Weise entwickeln kann. Da dem Geiste der Nation dadurch zugleich die Höhe und die Tiefe genommen worden, so ist ihr nichts als jene Mittelmäßigkeit geblieben, die spießbürgerlich sich an's Engste und Aermste haftet, und nachdem sie alle Gesinnung, alle Würde, alles Selbstgefühl, und allen Gcmeingcist ausgetilgt, sie der nächsten Invasion zur sichern Beute vorbereitet. Dazu findet Teutsch- land in die günstigste Lage sich gesetzt, indem es in seinem Contknentalverhältniß zwischen zwey europäische Systeme, das russische und das englisch- französische, in die Mitte tritt, die es in gedrungener Masse trennen und isoliren mußte, die sich aber bey seiner jetzigen leichten Zersetzbarkeit bey jeder Gegenwirkung in ihm entladen werden. Rußland, in unzugänglicher Ferne gebietend über eine mm militärisch größtentheils coucentrirte Masse von 5 r Millionen Menschen, mit dem kleinsten Theile seiner europäischen Gräizze an die Türkey c IV. Zukunft. -99 § stoßend, in der große Massen seines Stammes oder Glaubens ihm znhalten, mit dem größeren Th eile an Teutschland gräuzend, wo vor der geschlossenen Fronte andere Abzweigungen seines Stammes wie Inseln sich in's alte Reich verbreiten, so dringt es auf Europa an, und findet, wie im Kaukasus dreyßig lose, gebundene Stamme. Nach seiner autokratischen Verfassung isi diese Kraft ganz auf das Haupt des Czars gelegt, ein Tirann kann sie zum Verderben Europas wenden, wie sie ein milder, menschlicher Fürst zn seinem Besten braucht; aber auch dieser wird sich von der hergebrachten Politik nie ganz loszusagen vermögen, da selbst Alexander sich mit dem Erwerb der Kaukasischen Länder, Bessarabiens, Pohlens und Finnlands, bey ihr abzukanfen genöthigt gewesen, ehe er einer höheren, freyern, würdiger» sich hingeben gekonnt. Da jeder Krieg fortan eines idealen Vorwands zu seiner Beschönigung bedarf, so wird es nun die alte Ordnung und die neue Ordnung seyn; und wenn der Norden für die Eine kämpft; > so wird, je nachdem die Land- oder die Seeinteressen sich verwickeln, Frankreich oder England an der Spitze des Südens für die andere mit ohnge- sähr gleich gemessenen physischen, aber mit weit überwiegenden, moralischen Kräften streiten. Deutsch-- Zoo Europa und die Revolution. land, iu die Mitte des Hebels gesetzt, den die feindli- ! cheu Bestrebungen in entgegengesetzter Richtig solli- citiren, würde iu sich geschloffen, durch einen großen, ' starken Gemeingeist iu sich verbunden, seinen natürlichen Beruf erfüllen, das Gleichgewicht zu handhaben in Europa, und das Getümmel der Kräfte, wenn sie ja zum Streite kommen, wenig- ! steus vom eigenen Gebiete abzuweisen. Aber bey u der gänzlichen Nullität dieses Gemeingeistes, beym Ä völligen Mangel aller Einheit, in einer Genoffen- l schuft selbstständiger Souverainitaten, bey denen das ! Recht der Selbsterhaltung gesetzlich anerkannt über alle Pflichten gegen die Gemeinschaft geht, ist I aller innere Halt gewichen; der Schwerpunkt, um- ! herirrend, sucht eine andere Statte, wo er sich be- ? festigen möge; und Teutschland, aus ihm heraus- j geworfen, wird gänzlich passiv, und wie es der j Anfall fügt, bemeistert von dieser oder jener Seite, g Da der Riß zwischen der alten und der neuen j Ordnung, eben wie im Religionswesen, wieder ! weit klaffend durch die Mitte seines Gebietes geht, so wird es in der Regel sich zwischen beyde Systeme theileu; in seinem Umkreis wird der Tum- ^ melplatz der streitenden Partheyen liegen; wovon die Eine es mit einem neuen Feudalsysteme, die t Andere mit neuen Proeonsulaten bedroht; es wird j die Unkosten d-es Krieges tragen, und zuletzt die i IV. Zukunft. 2or Beute des Sieges werden; indem entweder die Parthcyen bey gleichgewogenem Waffenglück sich in die Masse tbeilcn, oder sie der siegenden ganz zu fallt, wie beydes noch vor wenig Jahren nach einander dicht au ihm vorbeygegangen. Die Last eines großen, stehenden Heeres, die es im Friedensstand erdrückt, wird ihm daher imKriegsstand keine Sicherheit gewahren; da die Centralisation der bewaffneten Macht, so wenig, wie seine politische Verfassung, irgend eine Garantie hat: weder in einer durchgreifenden Autorität, noch in einem geachteten und gefürchteten Gemsingeiste; noch in der Gesinnung der Regierungen; noch in einer historischen Erinnerung, die durch die Macht der Gewohnheit die Divergenz verhinderte; noch auch in irgend einer Gewalt der Umstande, die als unwiderstehlich betrachtet werden könnte. Wie um die Sicherheit, so ist es ohngefähr auch um den inneren Wohlstand Teutschlands bestellt. Eine Nation bedarf zn ihrem physischen Wohlbefinden, außer dem reichlich zngcmessenen Capital, das im allgemeinen Verkehre durch ihre Adern kreist, und in gemäßigter Vollsaftigkeit das rechte Mas von Lebenswarme hegt; und neben dem von Natur festen Eigent hu me, das gleichsam ihr Knochengerüste sammt den damit verbundenen festen Organen bildet, auck noch 3or Europa und die Revolution. ein drittes Consolidirtes, das von dem Flüs- ^ si'gen ausgeschieden und in's Feste abgelagert, an der Natur beyder Theil nilinnt, und am Ueber- > gange beyder sieht. Dies hinterlegte, der Circn- ! lation unmittelbar entzogene Capital; dieser Sparpfennig des Volkes, der langsam im Laufe von Jahrhunderten angewachsen, giebt ihm mit der äußeren Fülle und Turgescenz zugleich das Gefühl einer inner» Sicherheit, eines festen Rückhalts, und eines verborgenen Lcbcnsfondes, der in ge- st wohnlichen Zeiten, wie der Ballast den Laus des st Schiffes, so die Lebcnsbewegungcn regulirt; in I ungewöhnlichen Uebcln und bey znstoßenden Un- Z fallen aber seine verborgenen Schatzkammern öffnet, st " und durch die innere Heilkraft der Natur das ß Unheil abwcndct. Diesen Rückhalt hatte ehemals das emsige teutsche Volk, wie kein anderes, sich ! erworben, als die erste große Plünderung im drey- > ßigjährigen Kriege ihm denselben zum großen Theil j geraubt. Verwüstet, kraftlos, abgefallen, bis in's ! Innerste zerrüttet, war es aus diesem Krieg her- ! vorgegangen; doch hatten anderthalb Jahrhunderte r von Gewerbfleiß und Sparsamkeit, bey einiger Theilnahme an dem Welthandel, die Lücken, frey- ? lich nur zum kleineren Theile, wieder ausgefüllt, ' als die zweyte Plünderung in der Revolution das , Neuerworbene mit dem Reste des Alten weggc- IV. Zukunft. 3o5 nommeu, und es zum Kaufpreis seiner Sclaverey gemacht. Der spätere Sieg hatte ein Kleines zurückgebracht, da fremde Großmuch das Größere freygebig weggeschenkt; allein dies mag in keine Weise reichen zum Bebarfe; und wahrend nun Frankreich nach seinem Unglücke kräftig und gedeihlich in seinem Wohlstände stets zunehmend erscheint, stecht und kränkelt Tentschland nach seinem Siege: innerlich auszehrend wird es von jeder äußeren Bewegung fieberhaft angeregt; ein verborgener Brand zehrt im Marke seiner Gebeine; cs ackert und pflügt die Felder seiner Industrie mit altem Fleiße, aber die schmächtigen Halme wollen kaum die Aussaat wiedergeben, denn die Fluchen haben die Dammerde weggespült und ausgelaugt; selbst eine gesegnete Erndte auf seinem Ackerboden ist diesem schwachen Leben verderblich geworden, wie ein Nochjahr; der unsolide, windige Lurns, der ihm geblieben, ist nur ein Symptom weiter der sloriden Schwindsucht, die seine Lebenskräfte unterwühlt; und der Papierhandel, den es mit seinen Regierungen treibt, nur die hektische, umschriebene Röthe auf dem bleichen Angesicht. Ware die Theilnahme an dem Welthandel dem Lande noch vergönnt, dann wäre seinem Zustande wenigstens noch eine Hoffnung zurückgeblieben; aber seine Häfen und Flußmündungen hat man 3o4 Europa und die Revolution. im Frieden weggegeben; die Flüsse selbst halt die starre.Eigensucht wie mit ewigem Eis geschlossen; seine Mautheu, als bloße Auflagen auf den Ruin gelegt, vollenden nur das Verderben, indem sie innerlich allen Verkehr gcdrittheilt und geviertheilt haben, und äußerlich bey der innern politischen Gestaltung den Nachbarn allzu lächerlich erscheinen, als daß sie ihnen eine billige Reoiprocität abge- winnen sollten. Teutschland, auf solche Weise vom Welthandel völlig ausgeschlossen, ist nichts als der verkümmerte Jahrmarkt allein geblieben, auf dem alle Ausländer', den armseligen Erwerb noch thei- len mit der inländischen Industrie, ohne daß sie dieser das Gleiche in der eigenen Heimath gestatteten. Und während die Nation also, die Verzweiflung im Herzen, sich mehr und mehr hinschwinden sieht, wird der Haushalt des Staates stets kostbarer und verworrener; er allein läßt es in der allgemeinen Armuth an nichts ermangeln; hat nur die Gegenwart ihre Befriedigung gefunden, mag die Zukunft weiter sorgen. Was sie aber bringen möge, so viel ist gewiß, daß auf diesem Wege Teutschland im Verflufse des laufenden Jahrhunderts dahin gelangen wird, wo Spanien im verflossenen gestanden: seine Städte verödet, seine Straßen mit Gras bewachsen, die Reste seiner Industrie ausaewandert, seine Gewerke verarmt, IV. Zukunft. 2o5 seine arbeitsamen Hände in andern Welttheilen nugesiedelt. Das ist die Darstellung der verzweifelten Lage Teutschlands, nur in den allgemeinsten Beziehungen aufgefaßt, da bey dem Besonderen sich nicht ohne die Gemüthsbewegung verweilen laßt, die nur allzu leicht über das Maß hiuübersührt, das durch die Umstande noch mehr als durch positive Beschränkungen geboten ist. Hier fließen die reichlichen Quellen des Unmuthes, der sich der Nation bemeistert hat, und den man durch das geistige Jntcrdict von der Oberfläche weg auf die inneren Lebenstheile hingetricben, wo er nur um so gefährlicher nagt und um sich frißt. Ein Volk, das ein ganzes Mcnschcnalter hindurch mit seinem Wohlstand und seinem Blute alle die unglaublich gehäuften Fehler und Mißgriffe wieder gut gemacht, die aus einem aufgelösten, verwitterten, krankhaften Regierungssystem hervorgegangen; und nun nicht einmal jene Verbesserungen dieses Systems erlangt, die ihm gegen die Rückkehr dieser Fehler bey der nächsten Invasion wenigstens einige Garantie gewahren, würde durch die verworfenste Schlaffheit und geistige Trägheit sein Schicksal verdienen, wenn es in keine Weift dem Verderben, das es auf sich herandringen sieht, entgegenwirkte. Mag man den Zuckungen des in seiner innersten 20 Zu6 Europa und die Revolution. Wurzel Versehrten Lebens, und dem Schrey des sich erwehrenden Naturgesühls durch tausend Sophisten Unvernunft zureden lassen; mag man es besprechen und mit Vaunformeln und Eror- cismen cs beschwören; mögen dienstfertige Knechte der Gewalt auf jeden glimmenden Funken der Begeisterung ihre Wassereimcr gießen, damit Alles recht kahl und seelenlos und abgestanden werde, wie sie selber; doch muß werden, was die Zeiten mit sich bringen; das Kind ist empfangen, es muß an den Tag hinaus, wenn auch böses Nesielknüpfen die Gebahrerin in langen Wehen halt. Allerdings soll man die Anklage für Thor- heit achten, die etwa die Uebcl, die auf dem Vaterlands drücken, für das Werk einzelner Menschen, allenfalls der zeitigen Machthaber halt, und eben so die Zumuthung, die ihnen die plötzliche Abhülse anslnnen wollte. Was Teutschland zerrüttet hat, ist nicht Dieser oder Jener; es ist nicht der eine oder der andere Mißgriff; nicht die oder jene Ver- saumniß: es ist der Inbegriff aller Entartung, Schlaffheit und Teutschvergessenheit durch alle Stande und alle Klassen; aller Eigensucht und Zwietracht, die zum Verrath am Vaterland geführt; aller Flachheit und Liederlichkeit, in der die Ehre der Nation verkommen, nicht blos in dieser Zeit und in diesem Geschlechts, obgleich dies IV. Zukunft. darin allein für ein Jahrhundert füglich gilt, sondern durch fünf, zehn, fünfzehn Generationen. So lauge Zeit ohngefahr, als die Engländer auf den Bau ihrer Größe verwendet, haben wir an unserer Schande und unserem Untergang einträchtig- lich gearbeitet; und so viel diese au positiven Schätzen in ihrer Nationalbank ausgehäuft, so viel ohngefahr haben wir verschleudert und zu Grunde gerichtet, um zuletzt nichts als eine durchgängige reine Negation darzufiellen. Wenn aber in solcher Weise der Zustand der Gegenwart als das gemeinsame Werk der Ereignisse und des Mißbrauches unserer Freyhcit, unseres Unglücks und unserer Schuld,'—- was historisch ganz dasselbe gilt, >—> anerkannt wird: dann ist es siebenfache Thorheit, sich dem Fortschritte aus diesem Zustande durch Thun oder Unterlassen entgegen zu stellen, und die Nation, die sich selbst wieder zu finden ange- sangen, und nun wieder aus dem Abgründe heraufzusteigen beginnt, revolutionärer Gesinnung an- zuklagen. Zn allen Dingen ist das Aeußerste jedesmal der Wendepunkt zu seinem Gegensätze, und dieselbe Geschichte, die unter Mitwirkung unserer Uutüchtigkeit auf dem oben geschilderten Wege Tentschland nach ihrem ewigen Kreislauf in seinen Buudesverhaltnissen wieder zu dem Zustand zurückgeführt, wie er vor mehr als anderthalb Zahrtau- 20 3o8 Europa und die Revolution. senden in den Wäldern Altgermaniens bestanden, wird es aus ihm heraus, unter gleicher Mitwirkung besserer Kräfte, wieder weiter treiben in ihrer Bahn; zuvörderst, indem sie seine Fürsten nöthigt, nach der alten Weise in Treue und auf Tod und Leben beym Tüchtigsten zu Gefolge zu gehen, ihre Selbstständigkeit aber an die Freyhcit ihrer Völker bindet. Denn cs ist nicht also ge- theilt, daß schrankenlose Frcyheit und Gleichheit den Wenigen werde, absolute Dienstbarkeit aber allen Andern; das Maafi der Freyhcit ist hier, wie überall, durch die Intensität der Einheit bedingt. Ob feige Tiranney vor der Kraft erschrickt, die in der innern Entwicklung der Zeiten liegt: ob sie, unfähig, ein muthig rasches Roß mit sicherer Hand zu lenken, dem edcln Thier allmählich sein Herzblut abzuzapfen versucht; ob sie Mühlsteine ihm an die Füße bindet: es wird, wie Bayart, wenn die Zeit gekommen, mit einem Rucke sie von sich schlendern, und frey und stolz die Rennbahn laufen, auch ohne Reuter, wenn stch Keiner seiner werth befindet. Seit Jahren schon sucht der Instinct des Volkes, der wie jenes dunkle Gefühl der Thiere, bevorstehende Erdbeben, so das nahende Verderben, mit mehr Sicherheit erkennt, als jene flache Unnatur, die in die sogenannte höhere Bildung sich verstiegen, einen Ausweg, indem er ängstlich und IV. Ankunft. Zog unsicher, sich bald gegen diese, bald gegen jene Seite wendet. Neuerdings hat er sich zum Schrek- ken Aller, die seit Jahren unermüdet an der Aufklärung gearbeitet, ans die Religion geworfen; ja es will sogar scheinen, als ob der Katholicism, den man längst sicherlich begraben, sich wieder in seinem Grab aufrichte, und die Ruhe der Lebenden mit neuer Unruhe bedrohe. Man darf sich aufrichtig über diese Wendung der Dinge freuen, da der Teutsche nur dann seine alte Kraft, Energie und innere Sicherheit wieder zu gewinnen hoffen darf, wenn er seine alte Religiosität gewonnen. Es mag seyn, daß Arglisi da oder dort in dieser Sache wirkt; aber die Tücke wird ans das Haupt ihrer Urheber fallen; denn hier ist jedes arge Spiel, wie innerlich, durchaus verrucht, so am sichersten verderblich für den falschen Spieler. Mag die Willkühr, wie früher in der Geschichte, so jetzt zum Altäre flüchten, den sie selber ausgcpländert; jede gesetzliche, rechtliche, wohlbegründete Macht sindet dort ihre sicherste Gewähr; aber keine Tiranney wird von der ewigen Gerechtigkeit gehegt, und wollten ihre Diener zu argem Bunde sich vereinen, sie würden, wie schon mehr als einmal geschehen, nur Genossen des Verderbens werden. Das teutsche Volk sucht allerdings einen äußeren Schwerpunkt, auf dem es mit seinem irdischen Bestände ruhe; aber über diesem hat cs einen andern höher«, idealen, auf den Zlc, Europa und die Revolution. jener wieder sich begründet, und erst als der Eine wankend geworden, hat der Andere sich verloren. Nur I erst, seit man das Heiligthum in der Brust zer- ^ stört; seit man das Roßgesiampfe der Leidenschaft z tcu von da vernimmt, wo sonst der Altar gestan- i den; seit pfäffische Höflinge und höfische Pfaffen » die Metzen ihrer Lüste, und die Schule ihre kal- n ten Abstractionen als Surrogate an die Stelle Z der Idee hingesetzt, ist die Nation irre an sich selbst geworden; der innere Verlaß ist von ihr s gewichen, das Band ihrer geistigen Natur ist ab- ! gerissen, und da der Schlußstein des ganzen Ge- Z wölbes weggekommen, ist Alles übereinander ge- j stürzt, und die Kirche hat in ihren Sturz den !! Staat mit hineingeri'ffen. Wenn es daher in den Ruinen wieder zu sprossen und zu grünen ange- ! fangen, so kann das, wie in allen Keimen, nur dadurch geschehen, daß ein neu gesaetes Leben nach abwärts, im Nationalgefühle seine Wurzeln in die Erde sendet, zugleich aber auch ein Ansteigendes sich seiner Beschlossenheit entwindet und « gegen die Höhe rankt. So hat es sich in den Jahren der Begeisterung, diesen Werktagen für das ganze neue Jahrhundert bewährt, und so ? wird es fortdauernd in Allem, was Tüchtiges und ! Bleibendes geschieht, sich fernerhin erweisen; denn, anders wie bey den Franzosen, ist bey den Teut- IV. Zukunft. Zir schen, so wenig die rechte Politik, wie die rechte Philosophie, mit der Religion weder im offenen, noch geheimen Widerspruch und Gegensatz. Auch das muß erfreulich für Jeden feyn, der sich die Vorzeichen der kommenden Zeiten zu deuten weiß, daß der Katholicism wieder sein Haupt erhebt. Seit die Kirche stehend geworden im Geiste solcher Priester, die nur als Nutznießer und Pfründner ihres irdischen Gutes allein ihr Irdisches gepflegt, war sie allerdings der geistigen Entwicklung gegen ihre eigentliche Bestimmung feindselig in den Weg getreten, und hatte durch ihre Verknöcherung den freyen Umlauf der Lebensgeister vielfältig gehemmt. Darum war der einwohnen- den Freyheit des Geistes ein Recht gegeben, gegen diese hemmende Schranke anzukämpfcu, und die Erploston im Kampfe dieser Federkräfte war eben die Reformation, die nur jene versteinerte Rinde sprengte, und die Idee befreyte, die nun unter die neue und die alte Kirche sich vertheilte, und mit ihrem freyen Elemente dem fortdauernd Gebundenen, zu ihrer beyderseitigen Belebung, entgegenwirkte. Dieser Kampf der siegreich gewordenen Federkräfte mit ihrer Bindung mußte endlich zu einem Grad von Erpanfion hinführen, wo in der höchsten Befrcyung alle Spannung sich verliert; wo in der äußersten Ausbreitung die Freyheit in's 2i2 Europa und die Revolution. Leere zerstießt, und die geistige Kraft an der fernsten ! Schranke des Dascyns umznkehren genöthigt ist, um ' nur sich selbst wieder zu finden, und ihrer wieder froh ^ zu werden. An diesem Puncte ist der Protestantism schon seit geraumer Zeit angelangt; er ist bis zu jenen unwirthbaren Regionen vorgedrnngcn, wo das Blau des Himmels in finsterer Schwarze dunkelt; wo dem Geiste in dünner Luft der Athem versagen z will, und die Schwingen ihn nicht ferner tragen ! mögen; wo schweigende Einsamkeit ihn überall ^ umfangt, und keine Stimme in der weiten Wüste > ihm auf seine Fragen.Antwort giebt. Darum ist er rückgängig geworden, und nähert sich nach dem j allgemeinen Naturgesetz, dein sich nichts Irdisches entzieht, wieder der Mitte, wo die freye Bindung s mit der freyen Entfaltung alternirt, und die Kräfte ! nun wieder ihre Befriedigung finden, die vorher geruht. Und es kreuzt sich diese rückgängige Be- j wegnng mit der vorschreitenden, die in politischen r Dingen in der Gesellschaft noch in vollem Schwünge sich entwickelt; weil der Staat gegenwärtig auf ! demselben Punkte augekommen, wo die Kirche im sechszehnten Jahrhundert gestanden; gleich erstarrt und hemmend alle geistige Thätigkeit in der Na- tion, die nun mit aller Kraft sich auflehnt gegen diese Banden, und sie mehr und mehr auseinander j treibt: glücklich, wenn eine sichere, feste Hand ^ IV. Zukunft. 5i5 beyde Bewegungen an ihrem Durchkrenzungspunkte zu fassen und zu befestigen wüßte! Daher veröden jene atheistischen, naturalistischen und rationalistischen Kapellen, die die Glaubenssreyheit gegründet hat, und die ihren Fanatism gehegt, so gut, wie jene, die sie zu verdrängen gesucht, in dem Ver- haltuiß, wie sich die alte wieder füllt, und selbst die strengere, eigentlich protestantische Lehre im Sinne ihrer Gründer will Vielen zu arm und eng erscheinen, und innerlich sich selber widersprechend, und sie sagen sich los von ihr. Sie sind die Boten, die da kommen, die Wiederverjnngnng der alten Lehre anzusagen, deren Nahen früher schon die Künste verkündet haben. Schon hat im Cle- rus, der endlich aus langer Lethargie erwacht, eine unerwartete und erfreuliche Masse von Leben und Talent sich offenbart; und in derJugend, die zu einer bessern Richtung sich hingewendet, wird ihm ein stets erfrischender Zuwachs nimmer fehlen. Die Geistlichkeit in ihrer neuen Stellung wird keineswegs jenem Liberalem fröhnen, der alle religiöse Gesinnung unter die Füße tritt, noch jener frechen Ungebundeuheit das Wort reden, die nichts ist, als eine verlarvte Tiranney, die von unten herauf mit dem Iaeobinism von oben um die Herrschaft streitet; aber sie wird auch nicht an die Willkühr ihr heiliges Amt verrathen, noch um ihre irdische Begründung, die ihr doch nicht langer vorenthalten werden kann, ihren Glauben zu einem Werkzeuge des Dcspotism höfisch entwürdigen. Da ihre Lehre siegreich alle Angriffe der wilderen und ungebundensten Freygeisterey überdauert, darf sie fortan das Licht der Wahrheit nimmer scheuen, und ihre Diener werden nicht einem feigen Obskurantism sich ergeben. Wo sie zur Polemik sich gedrungen finden, werden sie nicht gehässiger Feindseligkeit oder roher Gemeinheit Preis gegeben, die Reinheit ihrer Sache verdächtig machen, sondern durch gehaltene Würde in gesichertem Selbstgefühle ihre Gegner siebenmal schlagen, wie Stolberg gegen jenen unwürdigen Angriff es gehalten, und so wird ihre Kirche in- ! uerlich die triumphirende werden, schon weil sie ! äußerlich die ceclesia ist. Gegen eine solche ! Wiedergeburt kann dann nur der beschränkteste ! Sectengeist feindselig sich erweisen, der nicht be- ! greisen will, daß die Verjüngung des Geistlichen - wie des Weltlichen, wenn auch auf entgegengesetzte Weise, doch in demselben Quelle ewiger Jugend geschehen muß, der mit der Geschichte selbst her- vorgeqnollen, und nun stets neben ihr niederläuft. Wo die Priester Tirannen wurden, haben sie oft mit den weltlichen Tirannen gemeine Sache gemacht, aber in den Republiken Italiens, der Schweiz, kV. Zukunft. " ^ 5,5 und wo sonst die Freyheit auch in Monarchien sich entwickelt, hat die Verträglichkeit der Con- fcssion mit jeder Staatssorm sich hinlänglich ausgewiesen. Eben so ist es um den Protestan- tism beschaffen, mit dem in England die Demo- cratie begonnen, wahrend in Nordteutschland alle öffentliche Frey heit mit ihm zu Grund gegangen, und er sich dort noch bis zu dieser Stunde unterwürfig jeder Willkühr beugt, und nur tapfer jene Opposition dnrchficht, in der Luther früher alle Gefahr aus sich genommen. Feigheit und elende Leidenschaften haben zu allen Zeiten Sclaven gemacht, und nie und nirgendwo der Glaube; und wo man ihn mit in's Spiel gezogen, ifi cs nur zur Beschönigung der eigenen Niedertracht geschehen. Der religiöse Untcrwersungsact unter die Idee ist seiner Natur nach gerade das Werk der höchsten Freyheit, gegen die schon der Zwang der Wahrheit im wissenschaftlichen Ariom als eine Noth- wendigkeit erscheint; in einem solchem Acte kann nichts liegen, was eine unbedingte politische Unterwerfung begründen könnte. Durch die Entwicklung der Idee, die der Katholicism an die Gattung, der Protestantism an das freye Individuum weist, kann eben so wenig Unterschied zwischen beyden gegeben seyn, da das Individuelle, bis zum Grunde durchgeführt, nothwendig mit der Gattung zusammen fallt. Zi6 Europa und die Revolution. Zwar ist zu vermachen, daß auch bey der Wiederbelebung des religiösen Gefühles krankhafte Ausartungen dem gesunden Zustaude vorangehen, und manche fratzenhafte Verzerrungen, nach der Weise dieser Zeit, das Schlichte, Einfache und Rechte verhüllen und unkenntlich machen werden. Die Gemeinheit pflegt in dem höheren Gebiete alles, was sie nicht begreift, kurzweg Mysticism zu schelten; inzwischen ist unter dem Mancherlei), das sie mit diesem Namen zu bezeichnen pflegt, allerdings Verschiedenes, dessen Umstchwuchern, eben weil es das Symptom der höchsten geistigen Erschlaffung ist, in jetziger Zeit keineswegs erfreulich wäre. Es ist dies jene Schwarzkunst, die die innere, geistige Leere mit einem qualmenden Dunste zerflogener Gefühle füllt, und in die schwankende Rauchsäule dann die eigenen gaukelnden Gedanken mahlend, mit den selbstgezogencn Gespenstern, wie mit objectiveu Dingen, kindisch spielt; jene leere Affectation, die von Natur aus für die nüchternste Prosa gemacht, sich selbst mit Ueberschwenglichkeit anlügt, und um der Langweile eines müßigen Lebens los zu werden, erhabene Gefühle, wie der Morgenländer das Opium, zu sich nimmt, und nun die Schwelgerey für Frömmigkeit verkauft; diese Schlaffheit, die, nachdem sie mit dem Lehen, der Lust, der Kunst und Wissenschaft IV. Zukunft. 2i 7 oberflächlich und ohne inncrn Ernst verkehrt, in schneller Ucbersattigung alles weggeworfen, und nun allen Ansprüchen des Lebens und der Zeiten sich entzieht; mit großen Reden hoch über alle äußere Pflicht hinfährt; mit eigensüchtiger Kalte sich lossagt von allen Opfern und Leistungen; und wenn sie mit Feigheit nnterkriecht, sich noch mit frommen Formeln brüstend, in Hoffart auf jede löbliche Anstrengung niedersteht; endlich bey den Kraftigern jener Hochmnth, der, nachdem er, wie der Ritter in der Legende, allen Herren bis znm Satanas gedient, endlich dem Stärksten sich verschrieben, um in seiner Macht zn prahlen und zu herrschen, zu verdammen und seelig zu preißen. Ein solches Unwesen, wofern es besonders unter der Jugend sich verbreiten wollte, müßte allerdings als eine Nationalcalamitat erachtet werden, wenn es nicht wieder, wie gewöhnlich ist, die entgegensetzte Narrheit weckte, und sich an ihr ausriebe. Mögen solche, die hoch begabt, mehr der Idee als dem Staube angehören, die Schwingen regen, und dem inneren Triebe folgen; mag das Alter, nachdem ein thätiges Leben der Welt die Schuld bezahlt, sich sammeln in stiller Einkehr bey sich selber; mögen die Frauen flüchten aus dumpfer Gegenwart in die heitere Gedankenwelt; mag Zeder, der den Ernst des Lebens erkennt, dem 3i8 Europa und die Revolution. Höheren auch in der Beschauung sein Recht gestatten: aber die Religion der Jugend muß vorherrschend werkthatig seyn; nicht blos Hörer muß das Wort bey ihr finden, sondern Thatcr; ihre Kirche ist die streitende, und ihr Glaube jener lebendige, der, weil er die feste Ueberzcngung vom endlichen Sieg des Guten in sich tragt, auch in ihr den Sieg gewinnt. Wohl enthalt schon das Gebet des Herren Alles, was die Zeit bedarf: daß Gottes Reich komme, das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit; daß sein Wille geschehe, der nur das Wohl und die Freyheit und das Gluck Aller wollen kann; daß ein gesicherter Wohlstand des Leibes Nothdurft leiste; daß die alte Schuld der Natur, die die Enkel heimsucht, endlich gesüh- net werde mit der eigenen; daß die Verzweiflung die Völker nicht in die Versuchung führe, durch gewaltsamen Aufstand ihr Recht sich selbst zu nehmen, sondern schonende Billigkeit, die Jedem gestattet, was ihm gebührt, sie erlöse von dem Uebcl. Aber die Formel kann nicht bringen, um was sie fleht, wenn die That müßig bleibt; nur wenn der Ackersmann den Pflug geführt, und die Saat der Erde auvertraut, laßt der Himmel die Sonne scheinen über sie; nnd wenn die Zeit gekommen, ist die Erndte reif geworden. Darum kann nur eine freudige, wackere, rüstige Religiosität dem Vaterlande frommen; aber eine trage, träumende, IV. Zukunft. 519 Phantastische würde, wenn allgemein verbreitet, nur die Uevel mehren, die es drucken. Negt sich aber in solcher Weise das Leben in der Masse, dann laßt sich auch der heiligen Allianz ansiunen, daß sie selbst auch endlich praktisch und werkthatig werde. Sie hat für den Naturstand der Staaten statt des schwankenden Völkerrechts die christliche Moral als Gesetzbuch angenommen; möge sie denn auch das menschlich milde Christen-, recht unverbrüchlich üben! In der That sind an diesem Geschlecht der Zeichen genug geschehen, daß den Herrschern, wie den Beherrschten, ein Maaß in die Hand gegeben ist, daran zu messen all ihr Thun und Lassen. Seit Menschengedcnken ein Autokrat mitten in der Ausübung seiner unbeschrankten Machtvollkommenheit erwürgt; ein Anderer am Ort der Freude vom tödtlicheu Schuß getroffen; dort ein König mit den Seinen auf's Blutgerüst geschleppt, und sein dritter Thronfolger vom Dolch durchbohrt. Im übrigen Europa lauge Zeit die alten Geschlechter dienstbar oder ausgetrieben, und ihre Stühle besessen von den Angehörigen des Mannes, dem gegeben war, den Fuß zu setzen auf den Nacken der Könige; dieser dann wieder von der Höhe herabgeworfen, und an jenen Felsen bis zum Tod geschmiedet; sein Geschlecht aber verzagt und einer aus dessen Mitte nach seinem eigene» Gesetz gerichtet. Nachdem nun jeder 320 Europa und die Revolution. Stolz gedemüthigct, jeder alte Hochmuth erniedrigt, jede pochende trotzende Macht gebrochen, ! jede Hoffart mehr als einmal zu Schanden ge- - macht, jede innere Nichtigkeit unbarmherzig an den Tag gezogen, jede verborgene Nichtswürdigkeit aufgedeckt worden, nach Hinnahme jeder tiefsten Erniedrigung endlich die Befrcyung als ein unverdientes Geschenk, als eine Erbarmung vom Himmel hcrabgesendet. Als aber, wie es schien, auch dies noch nicht gefruchtet; als die Herzenshartigkeit zurückgekehrt, und mit ihr Gewaltkhat und Unge- Gerichte ansgegangcn; viele der Wiedergekehrten sind abermal zu schmählicher Dienstbarkeit ihren Völkern überantwortet und hingegeben; an Andern ! ist das Verderben dicht vorbcygcgangen und sie haben nur mühsam von dem Verderben neue Frist erlangt; unter so viel Andern zittert stets die bewegte Erde, und sie scheinen verurthcilt, in steter Angst und Sorge ihr Leben hinzubringcn. Das und viel Anderes noch war Lehre für die Mächtigen auf Erden. Dann aber alle Greuel eines wüthenden Krieges beynahe ein Menschenalter hindurch jeden Winkel Europas heimsuchend; acht Millionen zum Mindesten vom Schwerin gefressen, im Frost erstarrt, von Krankheit hingewürgt; zwei- große Schadelpyramiden am Ebro und an der Berestna als Granzsaulen der Heereszüge auge- rechtigkeit wieder das Haupt erhoben, sind neue IV. Zukunft. 02 1 - häuft; alle Schrecken des Bürgerkrieges losgclasi sen, die Factionen sich zerfleischend, die Blutgerüste . bald im Rainen der Freyheit, bald in dem der ^ Legitimität errichtet; alle inneren Verhältnisse in ^ der Gesellschaft zerrüttet und aufgelöst, alle Wahr- I heit, Ruhe, und alles sittliche Ebenmaß aus ihnen i lstnwezgenommen, und dafür gleißende, geschminkte ^ Lügen und Phrasen eingefüllt; alle Genüge, ge-- ^ mcssene Fülle und aller stille Wohlstand der Staa- ^ ten wie der Genossen zerstört, und jeder einzelne ^ und Alle insgesammt in stater Sorge um des Le- ! bens Nothdnrft in schwindelnder Hast umherge- j trieben, und das Allgemeine mit dem Besonder» ^ in statem, innerem, stillem Bürgerkrieg cntzwent; ! das und viel Anderes war, wie Lehre, so Strafe ^ für die Völker. Wir hören viel reden, es seyen s die bösen Grundsätze, die dies Unheil eingerichtet: ^ allerdings haben sie viel verschuldet; aber es sind l nie blos diejenigen, die die Klager der einen Seite i anklagen, und sie datircn, wie wir gesehen, nicht j von heute und gestern, sondern von Iah rhu über, i ten her. Es ist die späte Nemesis, die langsam ! dem Frevel nachgeschrittcn; cs sind die Gerichte ! verhängt, um die Werkzeuge jener treulosen Po« i litik heimzusuchen, die seit so viel Jahrhunderten s in Europa Recht und Wahrheit und Sittlichkeit l unter die Füße getreten. Es ist alle die Sünde s und die Schande, die Wortbrüchigkeit, der Verrath, Zrr Europa und die Revolution. ! die Verruchtheit, womit sie seit dem Vertrage von ^ Cambray die Geschichte befleckt; es sind die treulosen s! Künste, die sie erfunden, die machiavellisiischen Mari- ^ men, die sie schaamlos als Staatsmoral ausgerufen, und ansgeübt; es ist die ruchlose, uichtswürdige, freche Doktrin, zu der sie unverhohlen sich bekannt, und durch die sie zuerst jedes bessere, edlere, fromme Gefühl im Herzen des Volkes entwurzelt hat; cs sind die gebrochenen Eide, wozu sie in frevelndem Leichtsinn angeleitet, die Gewaltthateu, die sie von thie- rischer Eigensucht getrieben, ausgeführt, die Kriege, die sie um uichtswürdige Interessen entzündet, und das Blut von viel hundert Millionen Schlachtopfcru, die sie hingewürgt, und das gegen sie zum Himmel Jahrhunderte hindurch geschrieen; es sind die Plünderungen, zu denen sie fluchwürdige Gier gereizt; alle jene Besitznahmen, Theilungen, Reunionen, Sekularisirungen, Mediatisirungen, alle jene gewaltthatigen Zerreißungen und Vereinigungen, wozu sie den Plan entworfen; alle jene leichtsinnigen Vergeudungen, zu denen sie angetrieben; es ist endlich jene scheußliche Sittenlosigkeit, die sie an den Höfen hcrvorgernfen, und die, wie ein verborgener Krebs, die innersten Lebenstheile angegriffen: Alles das vereint, hat die rächende Gerechtigkeit lange vermessentlich herausgefordert, bis ihre Gerichte die Verbrecherin endlich heimgesncht , und gefunden haben. Sie hat ihr Unwesen so IV. Zukunft. 323 lange fortgetrieben, bis endlich die geängstete, erbitterte Natur, wie die Erde den Typhon, so aus ' der Mitte des scheußlichen Despotisms, den ste in die Welt gebracht, jenen Geist der Anarchie geboren, damit die Geburt sich gegen ihren Ursprung kehre, und ein Scheusal das andere verschlinge. Und wie der Thurm, den jener alte König der Bretonen zu bauen unternommen, am Tage angefangen, allnächtlich immer wieder eingestürzt, bis der Zauberer Merlin tief im Grunde unter ihm die beyden Drachen aufgedeckt, die durch ihr Streiten stets das Werk zerstört; so kämpfte auch tief unter den Grundfesten dieser Zeit im weißen Drachen und im rochen Drachen die Herrschsucht, Habgier, Gewalttätigkeit, Frechheit, Hochmuth, und welche Leidenschaften sonst noch die Welt zerrütten, und die Heuchelet) weiß geschickt Religion, Ordnung, Gesetzlichkeit, Legitimität und Stabilität, Liberalität uud Freyheitsliebe als stattliche Vorwände vorzuschreiben. Und wie ste streiten in der Tiefe, will oben der Bau nicht sichen; nicht Ruhe, Glück, noch Segen, will einkehren in dem Hause, von dem die bösen Geister Besitz ergriffen; die Völker aber, denen cs zur Wohnung gegeben war, werden unter dem Fluche, den die Nemesis darauf gelegt, stets ärmer und unglücklicher. Daß dies als die wahre Gestalt und Farbe dieser Zeit übrig bleibe, wenn man die Lüge, mit 2t 324 Europa und die Revolution. der sie ihre Todtcnbleiche aufgehöht, weggenom- men, hat neuerdings in der Entwicklung der ita- lianischen Angelegenheiten vor den Augen des zuschauenden Europas sich ausgewiescu. Seit in diesem Lande ein Verlangen nach besseren gesellschaftlichen Einrichtungen, und lebhafter noch ein Bedürfnis, sich als Nation zu fühlen, in den Bewegungen der Zeit erwacht, iss auch dort, wie in Tentfchland, der gemeinen, stumpfsinnigen Politik völlig unbemerkt, wirklich eine Nation entstanden, dadurch, daß die einzelnen Instinkte, die sich lange gesucht, in diesem Gefühle eine Vereinigung gefunden, und endlich in eins zusammengefiossen. Diese Nation hat sich vor beynahe einem Meu- schenalter schon einmal sehr ernstlich gerührt, und ob sie gleich damal der französische liberale Desvo- tism mit Gewalt entwaffnet und unterdrückt, hat doch der innere Grund ihrer Einheit sortbestan- den, und da der Wiener Congreß über die Wiederherstellung des alten, abgelebten Zustandes hinaus, nichts ausgcsonnen, was jene neuerwachten Bedürfnisse auch nur einigermaßen befriedigen konnte, so waren erneute Bewegungen eben dadurch unausweichlich herbcygeführt. In der Weife, wie diese Bewegung angefangen und abgelanfcn, hat sich die leere Spiegelfechterei) des ganzen jetzigen Tumultes an einem schlagenden Bcyspiel ausge- wiesen, und die gleiche, hohle, gespenstische Nichtig- ! IV. Zukunft 3r5 kcit der alten Ordnung und dessen, was sich häufig an ihre Stelle zu drängen sucht. Ein Commando von fünfzig Soldaten hat hingereicht, diese alte Ordnung umzustürzen; wie eine Leiche, die vor langen Zeiten ekngesargt, noch ihre Gestalt behalten, aber bey der ersten Berührung in Staub und Asche zerfallt, so ist sie beym leichtesten Stoß zerstäubt; keine Hand hat zu ihrer Veitheidigung sich gerührt; sie selbst hat gleich ans den ersten Angriff besinnungslos sich hiugegeben; keine Aufwallung irgend eines cdeln, würdigen Gefühles, kein Aufflammen irgend eines männlichen Entschlusses ist ihrem Sturz vorangegangen; wie ein nichtiges Wolkengebilde hat ein schwacher Windzug sie spurlos hinweggeblasen, und nichts als Schwache, Ohnmacht, Feigheit ist bey ihrem Untergänge sichtbar worden. Aber die ganze tiefe Schmach dieses Ereignisses hat sich der Welt erst dann entdeckt, als sich die Erbärmlichkeit derjenigen weiteren Erfolge ausgewieseu, die nur gewählte Hebebaume gebraucht, um dies morsche Werk umzustürzen; als zwar das Parlament nicht ohne Haltung und einige Festigkeit, obgleich ohne alle Vorsicht sich benommen, aber die Führer das leicht begonnene Unternehmen mit Leichtsinn fortgeführt, mit frivoler Sorglosigkeit seine Entwicklung dem Zufall Preis gegeben, zu seiner Verthei- digung nichts als elende Histrionenkünste aufge- wendet, und nun, als der Ernst auf sie angedrungen, alles in einem Nu in Dunst und Gestank zerstäubte, daß die bedächtliche Vorsicht, mit der man beym Angriffe verfahren, bcynahe lächerlich geworden. Daß unter der Voraussetzung der Gewahr jedes rechtlichen Anspruchs die Coalition der Fürsten gegen ein nahe auf sie andringendcs Uebermaß sich rüstete, war nicht zu tadeln; daß ein frevelhaftes Unterfangen, ohne das Bewnßtseyn innerer Thatig- keit mit Verwegenheit auf die Spitze gestellt, zu Fall gekommen, ist wenig zu bedauern; daß viel ausgebrochener liberaler Ucbermuth in und außer Italien eine heilsame Demüthiguug gefunden, kann nicht schädlich seyn: aber nun, nachdem die Gegensätze an einander sich aufgericben, fehlt wie immer und üverall in dieser Zeit die vermittelnde Billigkeit, und nachdem der Acker aufgeräumt ist, will kein Sämann kommen. Als in den ersten Tagen des März die österreichische Armee nicht ohne gegründete Besorgnisse, ein kleines Häuflein, gegen die schneebedeckten, Gefahr drohenden, zahlreich besetzten Alpen Süd- Italiens herangezogen; — als die ganze Halbinsel, erwartend des ersten Stoßes harrte, und es nur eines Unfalles, oder auch nur wenige Tage tapfern Widerstandes in den unzugänglichen Schluchten bedurfte, um durch das ganze Land im Rücken des Heeres, nach dem Vorgänge Piemonts, das Feuer des Aufstands zu verbreiten, daß es in ekne große Lohe zu- IV. Zukunft. 32 7 sammenschlug;—> als auch im übrigen Europa sich die gleiche Spannung zeigte, und alle Staatspapiere in plötzlichem Sturz gefallen; -—> als Unruhen in Frankreich sich zu regen begannen, die Truppen schon da und dort den Gehorsam weigerten, und es nur einer Siegesbotschaft bedurfte, um das demokratische Frankreich, nach zerrissener Charte, an der Spitze des ganzen lateinischen Südens und der Ideen zu sehen, führend einen Kreuzzug nun an seiner Seite gegen den germanischen Norden, und ihm zwiefach Alles wieder- veraeltend, was der Zug der Nordischen in entgegengesetzter Richtung an U-'bcln ihm gebracht: damal waren critische Tage für Alt-Europa, wo über Tod und Leben der alten Ordnung die Loose sielen. Kleinlaute Aeußerungen sind uns zu dieserZeit mitunter zu Ohren gekommen,und halb vfficielleEingestandnisse, von der unheilbringenden Verzögerung des Verfass simgswerkes durch so manche Regierungen; es schien, als habe die Noth zur Billigkeit zurückgeführt, und man wolle endlich aufhören, Gott und die Geschichte langer zu versuchen. Aber als nach vierzehutagiger Angst die Crise vorbeygegangen, schienen die besseren Vorsatze zugleich mit der Gefahr verraucht. Die alte Gewalt wurde in ihrer gänzlichen Unbeschrankt- heit in Iralien wieder hergestellt; der Preis, um den sie diese Restitution erkauft, aber war solcher Art, daß dieser Sieg ihr und derAutoritat überhaupt moralisch noch verderblicher sich erweisen muß, als ihre frühere 223 Europa und die Revolution. Niederlage. Da alle die Baude zerrissen sind, die sie mit der sittlichen Natur des Menschen zusammcn- knüpfen, so isi sie allen Rückwirkungen der Leidenschaften Preis gegeben; und in einen ewigen Kriegszustand versetzt, kann sie nur durch Gewalt und Blut ihren Bestand so lange fristen, bis etwa eine neue Fluth im Welttheil kömmt, und mit allen andern, die auf ihren Wegen gehen, unter den Trümmern der alten Ordnung sie begräbt. Der Congreß aber, dessen Werk nach der Wiederherstellung erst recht hatte beginnen sollen, damit wenigstens in Italien geschehe, was, in Spanien unterlassen, so viel Unheil hcrbeygeführt, hat sich 8> ><: llcmo gosw aufgelöst. Aber was nicht wohl gemacht ist in dieser Zeit, muß wieder anders gemaclst werden; und es kömmt immer auf's Neue jene verschleierte Hand aus der Wolke herausgefahren, um unbarmherzig niedcrzu- reissen, was menschlicher Dünkel eigenwillig aufgc- baut, und ihn mit Gewalt dahin zu führen, wo er nicht hin will. Jene alte schuldbedeckte Sünderin, die Politik, sie ist langst den Mächten des Untcrreichs vcrfchmt, endlich den Rachegcisicrn hingegebcn, und von Schlangen gepeitscht, wird sie mit ihren Anhängern unaufhörlich abgehetzt, und keine Heoresinacht kann sie vor den Verfolgern schirmen, noch eine geweihte Stätte ihr ein Asyl gewahren. Der Geist, der zürnend in die Geschichte eingetreten, hat jenen wirklich großartigen Tyrannen nicht darum gestürzt, I V. A ll kuuf t. Z29 und an den Klippen jenes Eylandcs ihn zerschlagen, . damit ein Gern sie kleiner, schwächlicher Tiranneyen ? an seiner Stelle seinen Garten überziehe. Dreymal pflegt in gewissen Nebeln den Kranken die Natur zu laden, daß er ihr die Schuld bezahle. Dreymal isi er darum auch vor Napoleon getreten: bey A spe rn, Eylau und bey Moskau, und darauf hat er in drcy Schlagen: au derBeresina, bey Leipzig und bey Waterloo ihn niedcrgeworsen. Dreymal isi, wie wir gesehen, Ebbe und Fluth verheerend durch die neue Zeit gegangen; einmal hat sie religiös den ganzen Norden, die bcyden andernmal politisch » den ganzen Wessen umgesialter: abermal und abcr- ^ mal wird das aufgeregte Element heran und hernieder sieigcn; die Damme, die bloße Gewalt ihm entgegenwirst, werden nur seinen Muth vermehren, und cs wird dem Osten thun, wie es dem Wessen gethan, wenn die G e r e ch t i g k e i t, der allein Gewalt gegeben isi über sein Toben, ihm nicht Schranken setzt. Darum isi jenerGeisi, der groß und furchtbar diese Zeit durchschreitet, kein säumiger, der mit lahmem Fuße mühsam sich durch den Anlauf der Begebenheiten schleppt, und zögernder oder ganz . hinten bleibender Vollführung ein langgedchntes i Dränen voransendet. Uncrmüdct emsig hat der alte j Maulwurf in der Tiefe fortgewühlt, sein Arbeiten ^ und Pochen und. wie er da angeklopft und dann wie- ^ der an jener Statte, hat jedes aufmerksame Ohr ver- 23o Europa und die Revolution. vernommen; zum andern Welttheil hat er seine Gänge Hingetrieben, und da er nun eben noch im Cyclopen- Laude, wo nach alter Fabel Typhon tief unter brennenden Bergen sich windet, gegraben, und die Staats- klugen ihn dort zu sahen und auf lange zu binden vermeint, ist er unter Erd' und Wasser auf geheimen Wegen davon gezogen, und da die Gesendeten zur Stelle kamen, haben sie Alles ruhig und still gefunden; der Widersager aber war geschäftig, fernab in l Dacien und in Hellas die Grundfesten der alten ! Pforte zu unterwühlen, daß die gerüttelte furcht- ! bar, den Erschrockenen fern vernehmlich, in ihren ^ Angeln dröhnte. Und hier ist er endlich nach vielfältigen Versuchen am rechten Punkte angclangt, und s hat im rechten Schaffte eingeschlagen, wo seit Fahr- j Hunderten der meiste Brennstoff sich angehaust, in der tiefsten Minenkammer, die gesprengt ganz Europa erschüttern muß. Schnell hat sich auch die ganze s Furchtbarkeit dieser neuen Katastrophe dargethan; wie ein Orkan im Südland aus kleiner, finstern Wolke j sich entwickelt, die schnell sich über den ganzen Himmel dehnt; so hat die Begebenheit in kurzen Tagen z ihre verderbenschwangere Natur enthüllt; schon im s Beginnen aller diplomatischen Kunst und aller menschlichen Klugheit entwachsen, hat sie mit reißender Gewalt um sich gefressen; Leben ist ihr wie Staub auf ' dem Wege, und wie leere Spreu gewesen; kein Erbarmen, kein menschlich Gefühl hat noch der rasenden i Natnrgewalt genaht; nicht Besorgnisse, Rücksichten, i Zu spräche, Gründe, haben sie in ihrem Wüthen bc- deuten mögen; Städte hat sie in ihrem Wirbel wie leichte Halme nmgetrieben; Völkerschaften, ob sie gewollt oder nicht gewollt, hat sie in ihren Strom hineingerissen, und in kurzen Fristen große Landschaften wüst gelegt, und die Machte, die vor wenig Wochen noch das ganze Unternehmen laut mißbilligt haben, und stch gänzlich von ihm losgesagt, müssen im Sturmschritt ihre Heere zu den Gränzen senden. So eilig schreiten die Schicksale in dieser Seit daher; so nichtig erweisen sich alle menschlichen Abstraktionen vor jenem gewaltigen Naturin stinkt, derbem blöden menschlichen Verstände die Zügel, die er so lange schlecht und zum Verderben der Welt geführt, wegzureißcn sich ausgemacht, und wenn es ihm damit gelungen, die Dinge auf seine Weise, aber wahrlich nicht sanft und gemach ans ebenem Wege zum Ziele führen wird, das ihnen die Verhängnisse gesetzt. Als die Begebenheit zuerst ruchtbar worden, hat sich auch an ihr der große Zwiespalt zwischen den Völkern und Regierungen sogleich auf eine auffallende Weise kund gethan. Die Völker, blos jenen Gefühlen hingegebcn, die in jeder Menschenbrust laut zu Gunsten jedes Bedrängten sprechen, und getrieben von dem Hasse, den jeder rohe Mis- brauch der Gewalt des Stärkeren gegen dcn Schwä- 353 Europa.und die Revolution. cheru iu jedem Geinüth erweckt, erklärten sich ohne Verzug für die Sache der Griechen, und die Meinung hatte schnell durch ganz Europa ihre Parthey ergriffen. Die Cabinette aber, die freylich noch sonst manches zn bedenken haben, überrascht durch ein Ereigniß, das schnell, wie eine Protestation des Himmels herabgekommen, gegen die Erklärung, daß er unbedingt für die Grundsätze, die sie seither geleitet hatten, sich ausgesprochen, fanden sich bald in einen unauflöslichen, inneren Widerspruch verwickelt, der den Zwiespalt der Welt klar aufdeckte, indem Christenthum und absolute Willkühr in einer Allianz gänzlich unverträglich sind. Die Diplomatik, die ihrem Naturell gemäß, Herz und Eingeweide in versiegelter silberner Capsel bey sich führt, hatte nach reiflichem Nachdenken in edler Consequenz nicht übel Lust, die Türken als* liebe Bundesgenossen zu begrüßen s aber die neuen Freunde benahmen sich bald so unzart und ungeberdig, daß sie beschämt und verwirrt uud betreten die gebotene Bruderhand wieder an sich zog. Selbst die entschiedensten Götzendiener der absoluten Macht, jene brutalen Rathgeber und Ohrenbläser, die sie stets zu plumper Gewaltthätigkeit antreiben, traten betroffen vor der wüthendeu Ungebühr zurück, die sich hier kund gethan, und erschraken, als ihre Marimen, in so scheuslichcn Gestalten That geworden, ihnen entgegen kamen, und ihre kecksten IV. Zukunft. 53 Gedanken als kleinlich und kindisch zu Schanden machten. Seither ist eine verlegene Stille einge- treteu, in der inan aus dem Labyrinthe einen Ausgang zu finden fisch bemüht; unterdessen schallt durch Europa nur um so lauter, der Nothschrcy des unglücklichen Volkes, das gegen das nahende Verderben angstvoll nach allen Seiten um Hülse ruft. Und in der That, so wie die Dinge liegen, ist es nicht möglich, daß Europa müßig zusehe, wenn an seiner Schwelle ein Volk hingewürgt wird, dessen einziges Verbrechen ist, daß es unerträgliche Ketten abzuwerfen versucht. Der Ausbruch der Türken, in dem seine Selbstständigkeit zu Grund gegangen, war der letzte Akt der Völkerwanderung, die in Westeuropa im großen germanischen Reiche langst zum Stehen gekommen, aber da derBrunnguell des teutschen Norden ausgelaufen, den Osten einem fernen tatarischen Stamme Preiß geben mußte. So kam diesmal ein Völkcrstrom vom Gihou queer über Vorder-Asten hergestürzt, ein rohes, aber kriegerisches Geschlecht, das sich ein Brudervolk der Franken nannte, verschlang das in furchtbarer Fäulnis; modernde byzantinische Reich. Die Sieger kapitulieren nun nicht, wie die Germanen in einem milden, billigen Vertrage, wo sie etwa den Burgnndiouen gleich, eher als Freunde und Genossen, denn als Ueberwindcr der 534 Europa und die Revolution. Galen sich erwiesen; sondern sie führten zwar für sich selbst Gesetzlichkeit und eine gewisse feudale ! Freyheit ein, die Ueberwundenen aber wurden auf immerdar als ewige Knechte des Osmannenreiches j von aller bürgerlichen Gemeinschaft der Rechte ! ausgeschlossen, und rechtlos unter den Fuß der ! stolzen Sieger hingelegt. Keine moralische Vcr- ^ pstichtung, auf freywillige Unterwerfung oder j irgend einen Vertrag gegründet, knüpft sie also j an diesen Verband; nur so lange die Unterdrück- ? kung mächtig ist, die ste in die Sklaverei) gedrun- i gen, müssen sie sich dieselbe gefallen lassen; so wie ; sie selbst des Schwerstes Herr geworden, haben sie ein beiliges Recht, ihre Banden zu zerhauen, und ^ ihre Ehre und Freyheit den Unterdrückern wieder ! abzufordern. Und wahrlich, wenn Tcutschland .zum Aufstand gegen die Franzosen ein wohlbc- j gründetes Recht gehabt, so ist der Griechen Recht i ein siebenfaches, und das Kreuz hat auf der Stirne i seiner Jünglinge und in den Fahnen seiner Heer- ^ schaaren erst seine rechte und tiefe Bedeutung gewonnen, und kein christlich Volk soll wagen, gegen dieses Zeichen aufzustehen. Ob es Vermessenheit einiger Wenigen gewesen, die zu diesem ! Aufstande die Gelegenheit gegeben, darauf kömmt gar nichts an; es ist der Raturschrey eines seit Jahrhunderten mißhandelten und zertretenen Volkes, der mit einem Male sich aus der gepreßten 335 ! IV. Z li ku 11 ft. ! Brust Luft gemacht; die blutigen Folgen sind die j spat gereifte Erndte der früher ansgesacten Cün« ^ den in Schlaffheit, Niedertracht und Entartung - auf der einen Seite, und durch Uebermuth, Var« ! barcy und frevelhafte Willkühr auf der andern. Die verzweifelte Natur hat endlich alle Adern , aufgerifscu, damit das verdorbene Blut aus tau« ! send Wunden au die Erde rinne, und ein besseres ? Raum gewinne, in dem sich des neuen Lebens ! Frucht gestaltet. > Die Stimme, die hierüber durch ganz Europa geht, hat sich auch im russischen Volke, das in - dieser Zeit gleich den andern sich fühlen gelernt, ! vernehmen lassen; durch die eingewurzelte Erb, ^ fcindschaft, die zwischen ihm und den Untcrdrük, keru, und die Glaubensverwandtschaft, die mit den Unterdrückten besteht, zuerst aufgeweckt. Die alte ^abiuetspolitik dieses Landes, die zu jeder andern ^ Zeit ganz Europa gegen sich bewaffnet hatte, sieht sich mit einem Male mitten im Geleise der Zdeen- ! flrömung; laugst gehegte, wie es schien, auf lange vertagte Wünsche wachen wieder auf, autorisi'rt durch die Acclamation der ganzen gesitteten Welt; und die gemeinsten Interessen erscheinen durch ih- ! reu Gegenstand geadelt, und können sich als from« ^ me, humane, gottesfürchtige und liberale Motive i geben. So viel Aufforderung mögte leicht unwi- i derstrhlich sich beweisen; und dies Zusammentref, -j 556 Europa und die Revolution. fen so wunderbarer Verhältnisse, das zugleich alle edleren Gefühle und alle schlechten Leidenschaften für die Theilnahme gewinnt, mögte bey dem Nahen großer Verhängnisse, auf die es sichtlich deutet, Jeden mit Granen erfüllen, der den Glauben an eine waltende Vorsehung in sich erkalten lassen. Zwar wird die Politik nicht unterlassen, den nahenden Sturm durch Anspruch zu beschwören, aber so weit haben die Flammen schon um sich gefressen, daß kaum glaublich scheint, daß selbst diejenigen, die sie augezündet, sie wieder zu bemeistcrn im Stande seyen. Und ist das Schwerdt in dieser Sache erst einmal gezogen: keines Menschen Geist kann sich erkühnen, die Folgen dieses Krieges zu ermessen. Der Leichtsinn dieser Zeit hat es als ein uuschwieriges Unternehmen ausgerufen, die Türken aus Europa zu vertreiben; aber leicht mögte auch hier, wie schon so oft, durch die Ereignisse, der Caleül dieser oberflächlichen Wcltansi'cht zu Schanden werden. Schwerlich kann für die > Vertheidigung eines entschlossenen Volkes eine günstigere Oertlichkeit erfunden werden, als jene, j die ihr Land denOsmannen bietet; umgürtet, wie i es liegt, in erster Linie von dem kaum zugänglichen i Hämusgcbirge, in zweyter von vielen Strömen großer Wasser, Provinzen umschließend, die entweder durch niedrige Lage den feindlichen Heeren L tödtlich, oder durch Geburge, Schlösser, Festungen ^ IV. Ankunft. 3Z7 Und tapfere Einwohner geschützt, ihnen jeden Inga leg erschweren; alle aber unwirthlich und durch die Abstehenden selbst wüst gelegt, ihren Bestand aus die Länge unmöglich machen. Venn das türkische Reich in neuerer Jeit tief an Macht gesunken, so ist es, wie überall, durch die Schlaffheit der Regierung geschehen; da die Padischahe die Jügcl tose faßten- hat, wie in Teutschland, das Besondere schnell das Allgemeine überwachsen. Da aber nun im Hause die Knechte gegen die Herren ausgestanden, müssen begreiflich bey diesen schnell die getrennten Interessen sich vereinigen; und mitten in aller Verweichlichung hat es in diesem Lande dem regierenden Geschlecht, dessen Blut stets vom Kaukasus her sich erfrischt, nie att einem energischen Haupt gefehlt, wenn, die Umstande ein solches herausgesordert. Die aber, so die Nation selbst träge und weichlich schelten, mögen der Vorwürfe sich erinnern, die man früher den Spaniern gemacht. Eben jene rücksichtlose Gewalt, in der sich seither die Gegenwirkung bey ihnen kund gethan, jene blutige Grausamkeit, mit der sie gegen die Christen gewüthet, mag einen Blick in die Tiefe öffnen, ans der bald angeregte, religiöse, natlonehe, und politische Begeisterung leicht daS Ungeheure herauf beschwören mag, dem ein weiter Landerkreis, durch denselben Glauben eng verbunden, bis in's innerste Asien 2 2 538 Europa und die Revolution. und in die uumidischcn Wüsten reichend, reichliche Nahrung beut. Haben also in solcher Weise die Verhältnisse sich ge- -- stellt; darfderUntcrgang des Griechrnvolkes nicht zugegeben werden, ohne daß sein Blut vom übrigen Europa gefordert werde; kann dies aber auch andrerseits eine weitere Vergrößerung Rußlands nicht gestatten, und muß es sich zugleich gegen ein mögliches Aufflammen des alten osmannischeu Fanatism in Fassung setzen, so wäre es wohl endlich Zeit, euren ernsten Blick auf seine eigene innere Lage hinzuwerfen. Zwar fehlt es ihm nicht an allen mechanischen Mitteln zum Angriff / wie zur Vertheidigung; und die Schlangensaat der j Militärdespotie hat uns Geharnischte genug aus allen Furchen, die die feuerschnaubenden Stiere tief ein- ^ schneidend in die Zeit gezogen, hervorgetricben. Seit Schwerdtes Gewalt die alte ehristlicheTheokratie zerstört, ist ein Soldatenreich an die Stelle des Priester- reichs getreten; Europa ist ein Feldlager geworden, und die Fürsten Kriegsobristen; laut lärmt die Trommel auf allen Wegen und auf allen Stegen; an Flur- tcn, Bajonetten und Kanonen ist kein Mangel; aber Z es wohnen nur physische Kräfte in dieser Höllenma- sch ine, und keine erhebende Begeisterung naht dieser - Werkstätte blinder, lebloser Betriebsamkeit. Seit man die Idee, dieAlles einst zu einem Ziel verbunden, als gefährlich und entbehrlich ansgetrieben, und der j IV. Zukunft» 0Z9 Dienst des einen, wahren Gottes sich in jeneVkelgötte- ren aufgelöst, ist die Zwietracht suchend eingckehrt, und es harren die Gewappneten nur des Steines, geschleudert durch des Schicksals Hand, um sich wechselweise zu erwürgen. Alle die Ehen, die politische Kuppeley zwischen Völkern und Stammen nach bloßer Convenienz geschloffen, ohne weder Neigung noch Abneigung zu befragen, haben als unglückliche sich erwiesen, und nur zu Hader, Feindschaft und Aerger- niß geführt. Wo in die Runde der Blick hiufällt, überall trifft er auf nichts als Unfriede, Haß und wechselseitige Befehdung unverträglicher Elemente. Da, wo im Norden das europäische Festland zuerst aus dem Meere steigt, beginnt auch schon diese Ent- zweyung, und wir sehen durch unverhohlene Abneigung Norwegen von Schweden stärker getrennt, als durch die Berge, die sich zwischen ihnen herunterziehen. In Pohlen will ein stolzer, freygestnnter Adel feine Gefühle nicht verhehlen; knirschend beißt er in die goldene Kette, die die Selbstständigkeit seines Volkes an die fremde Herrschaft bindet, und der verschüttete Nationalgeist dampft, und stammt überall, wo er irgend Lust gewinnt. Zn einem großen Theile Tentschlands schärfen sich stets die Gefühle von Unwille und Erbitterung, wie Schaam und Ehre sich stumpfen und abnuhen; während in Italien kleinliche Reaktionen aus Einem Gegner hundert machen, A.js> Europa und die Nevolution. und scheu lose Wortln'ächiakeir die Nation zugleich dt- moralistrt und empört. In Frankreich stehen fortdauernd die Interessen , die durch die Ncvolution Alles gewonnen baden, mit denen, die durch sie Alles verloren, stets in der allergrößren Nahe und Zujam- mendrangung st-indseelig einander gegenüber, sich ohne Unterlaß herausfordernd und wechselseitig schärfend und erbitternd, und die lenkende Mitte muß zwischen den Streitenden mühseelig von einem Tag zum andern Fristung suchen. In Belgien sehen wir die Verblendung in höhnifchein Ueoermuth alle Gefühle kranken und versekren, alle Leidenschaften wecken, und wie von finsteren Machten angetrieben, zwey Völker politisch wie religiös zu unversöhnlichen Feinden machen, und den Aufruhr mit Gewalt herbeydeschwören. Und fahrend in Spanien alte Zeit und neue Zeit in grimmer Feindschaft sich befehden, hat in England dieselbe Zwietracht, die das Königshaus entzweyt, sich durch die ganze Nation verbreitet; das Volk und seine Mächtigen, die Armut!) und der Reichthum baffen sich, wie jene C'hegenoffen, tödtlich, und der Tod, der eben den einen derselben schnell zürnend weggerafft, muß jenen Haß noch schärfen und tiefer cinfreffend machen. Düs ist in wenig Zügen die Fassung von Europa, mit der es der neuen großen Crise entgegen geht, wo cs, schon mit Amerika im Streite, vielleicht Nord- oder Süd-Asiens steh bald erwehren muß. IV. Ankunft. i Darum nochmal und abermal: Lernet gewarnt Gerechugkeit üben, und nicht unsachten die Gottheit.' So hoch isr die Masse des Verderbens angelaufen, so eilig folgen sich die Schlage, und drangen sich die Zeichen, so laut und immer lauter rufen alle Summen aus der Geschichte, daß wohl endlich Recht und Billigkeit zum Worte kommen sollten, und die Regierungen ernstlich denken auf den Frieden mit den Völkern, und hinwiederum. Man hat alle Surrogate schon versucht, und eines nach dein andern unzulänglich befunden; man hat alle Künste aufgewendet, und es ist immer schlimmer daraufgeworden; nur Recht und Gerechtigkeit stehen blöde und bescheiden, ob man sie nicht endlich auch zu Hülfe rufe. Nicht daß des Streites weniger werde, können sie verheißen, wohl-aber, daß der Sieg, der bey getheiltem Rechte stets hin und hcrüberschwaukt, dem treu bleibe, der treu und aufrichtig zu ihnen halt. Jene treulose, eigensüchtigePo- litik, die nach außen alles Befitzthum zu erraffen, nach innen alle Rechte den Völkern zu entreißen gestrebt, hat im Bunde mit der Frivolität und Zügellosigkeit der Zeit, alles Unheil herbevgeführt, und den Frieden aus allen Gemüthern zuerst verbannt. Sie hat, um ihre Usurpationen durchzusetzen und zu vcrtheidigcn, ganz Europa mit jenen stehenden Heeren bedeckt, die in Teutschland allein auf ein Capital von mehr als einer Milliarde vom Nationalvermögen gepfründet. Z4? Europa und die Revolution. im Frieden das Mark der Länder fressen, jene viel- j faltigen Finauzkünste, die die Welt zerrütten, noch- ^ wendig gemacht, jene ungehenent Schuldenmassen i aufgehäust, und zuletzt das Papiersystem herbeyge- ! führt haben, in dem Europa eine große Spielbank i worden, wo der bankhaltende Fiskus und die Völker ^ ihr Glück versuchen. Man entsage endlich jener lei- j digen Führerirr, die in die unwirthliche Wüste hin- ^ ausgesührt, damit die Wiederkehr des inner« Frie- - denszustandes die Abwehr äußerer Gefahr möglich ! mache, und der drohende Umsturz der ganzen alteuro- s päischen Ordnung, wenn es noch thnnlich ist, ver- j hindert werde. Wohin die Gewalt geführt, hat sich - nun nach allen Seiten ausgewiesen, die Macht? die ! man auf die Compresst'on verwendet, hat sich an stets > wachsenden Federkräften aufgezehrt, und nun, nach- j dem eine fremde, unvorgesehene Gefahr sie nach ! außen in Anspruch nimmt, ist nur ein kleiner Rest ! zur Verfügung zurückgeblieben, während das ganze i Unternehmen nach innen das Uebel verschlimmert hat. ! Um die Schnellkraft der Ideen durch irgend ein com- ! primirendes Mittel zurückzuhalten, müßte eine Materie erst ansgefnnden seyn, die die Ideen sperrte, und ohne alle Leitungskraft für sie gänzlich ihrem Zugang ^ sich verschlösse. Heere aber, zu diesem Zwecke ge- ! braucht, sperren das geistige Element, ohngefähr - wie Eis die Wärme, das zwar die ansströmende nicht IV. Zukunft. 24Z durch seine Masse läßt, aber sie dafür in sich selbst verschluckt, und nachdem es lange ohne alle äußere Temperaturvcränderung scheinbar völlig gleichgültig gestanden, endlich plötzlich, wenn es sein Maß gebunden, in Flüssigkeit zerrinnt. Das hat die Erfahrung der letzten Zeit dem Blindeste» bewiesen, da die Heere nicht, wie sonst Könige über das Gesetz,-sondern Gesetze über Könige gesetzt, weil von sklavischem Gehorsam zur Licenz nur ein kleiner Schritt hinüber- führt, der völlig gefahrlos wird, wenn Viele ihn gleichzeitig mit einander thun. Der Zauber, der frühe die blinde Gewalt umgeben, ist längst größtentheils durch ihre Schuld zerstreut; sie muß, will sie ihre Bedeutung fortan behaupten, beseelt und vernünftig werden. Als die Blitze des Zeus so oft in seine eigenen Tempel gefahren, als die Vögel in den Haaren seiner colossalen Bilder nisteten, und mancherlei) Gethier sich zu ihrem Inneren durchgenagt, da wurden die Menschen nachdenklich über den Gegenstand, den sie verehrt, und sie sagten nun bald ab dem todten Naturgötzen, und wendeten sich zur Lehre vom lebendigen Herren des Himmels. Darum ist Gerechtigkeit und Billigkeit und Maßhalten besser dann die Gewalt, die die Völker in Sclaven und Tiranneu und ihre Helfershelfer scheidet, und zuletzt mit dem gleichen Verderben Aller endet. Eine erste und unausweichliche Bedingung die- 5 z, Europa und die Revolution. scs Friedenszustandes müßte die Freygebung des Weltverkehres scyn. Die Natur, indem ste jedes Land mit eigenen Gütern gesegnet, die dem Andern fehlen, hat ' dadurch, daß sie jeden Mangel an einen Uebcrfluß gewiesen, Alle durch ein gemeinsames Band verknüpft, und von selbst die Bahnen vorgezeichnet, in denen steh der Verkehr bewegen soll, der Jedem gebend, und von Jedem nehmend, am Ende Keinen zu kurz kommen laßt vor dem Andern. Da sind aber nun diese Klügler herangekommcn, die überall alles Leben, das sie berührt, nicht zwar, wie jener alte Asenkonig, in Gold, sondern in tobte Formeln und Buchstaben, und alle sreycn Bewegungen in Ziffern und Linien verwandelt - haben; tiefsinnige Theorien sind von ihnen ausgegangen , in denen sie die Natur eines Besseren belehrt; die Spuren, die sie selbst mit leisem Finger dem Güterumläufe gezogen, haben sie mit plumpen Füßen ausgetreten, und dafür ihre eigenen, straffen, geradausgehenden Abstraktionen hinrastrirt. Indem ste sich mit jener Eigensucht verbunden, die Alles seyn will in Allem, Alles fressen und dem Andern nichts vergönnen, allein leben und Andern das Gleiche nicht gestatten mag, jenem unersättlichen, wolfsartigen Fi- nanzhunger, der Alles verschlingt, ohne daß er je zur Genüge käme, oder es ihm gedeihlich wäre, haben ste die Länder, wie Thiergarten, abgehegt, an alle Gräu- zen Wegelagerer hingesetzt, und alle Glieder des großen l IV. Zukunft. 3^5 europäischen Körpers eng unterbunden, daß der große Umlauf in allen stockt, und jeder Theil in örtlicher Entzündung seinen eigenen kümmerlich sich selbst bilden muß. Die Folge ist, daß auch hier der Krieg Aller gegen Alle bleibend geworden mitten im Friedens- stande; und daß dieser Krieg in Teutschland, sogar vorbildend den künftigen bewaffneten, zu einem förmlichen Bürgerkriege ausgeschlagcn, in dem alle Lebenskräfte sich allmählich anfreiben, alle Industrie siecht in stets zunehmender Hinfälligkeit, eine Lebensverrichtung um die andere stockt und verlischt, und die allgemeine Abgcschlagenheit die stets zunehmende Auslosung verkündet. Solche Symptome sollten billig die Negierungen stärker schrecken, als die geheimen Umtriebe, und sie zu einer Revision ihres Systems vermögen, und da keine für sich allein abhelfen kann, so würde hier der Segen ihres Bundes Allen sichtbar werkchätig erscheinen, wenn sie in ihm dieMöglichkeit fänden, Hülse anszumitteln, nicht dadurch, daß, wie man ohnlängst einmal insinuirt, jede Negierung in christlicher Gesinnung jede Uebervortheilung der Manchen des Nachvars mit aller Macht zu verhindern suche, sondern indem jede den Verkehr derUntertha- nen des benachbarten Staates befreyt, damit dieser den der ihrigen gleichfalls frey geben könne. Erst nach Wegräumung dieser negativen Hemmungen, die allen Wohlstand und mit ihm die Zn- 3/^6 Europa und die Revolution. sriedenheit der Völker untergraben, können schon bestehende oder noch einzuführende Verfassungen ans positive Weise gedeihlich sich beweisen. Erst als die alte Ordnung in die höchste Unordnung ausgeartet; als dieWillkühr mit allen Rechten und Freyheiten der Nationen alle ihre Lebenskräfte au sich gezogen, und nun das ganze Kapital im verwegenen Spiel gewagt und verloren, hat sich endlich der Naturtrieb der Selbsterhaltung in den Völkern geregt, und sie haben, um die Reste ihres Eigenthumes sich zu retten, ihr Depositum zurückverlangt, und alle nun nach einer bleibenden und festen Ordnung, nach einem, in eigener Handfeste geschriebenen, durch ihre eigene Beiziehung gewahrten Gesetz gerufen, und wollen nicht ferner mehr die schrankenlose Gewalt anerkennen, die, weil ste gegen Gott, die Natur und die Geschichte ist, nothwendig zum Verderben führt. Da die Regierungen, ungern von der süßen Gewohnheit lassend, der billigen Forderung sich entzogen, sind diese in natürlicher Rückwirkung unbillig und ungestüm geworden, und so ist jenes Getümmel entstanden, das seit einem Menschenalter die Welt zerrüttet. Da in diesem Streite allas in großen kolossalen Massen sich bewegt, so ist die Weltgeschichte, die in diesen mächtigen Augen vor den Augen der Menschen sich ausgeschrieben, auch den Kurzsichtigsten leserlich geworden, und die Ueber- IV. Zukunft. 347 trcibungen, die zu beydeu Seiten der Mitte liegen, sind Keinem unbekannt geblieben; aber auch das, was diese Mitte als unbestreitbares Recht enthalt, und dies hat sich iustinktartig und unausrottbar im allgemeinen Begehrungsvermögen festgesetzt. Ob der Despotismus der Demokratie ohne Furcht und Sorge, weil die Strafe, wo Viele sündigen, die Schuldigen nie erreicht, und ohne Scheu und ohne Schaam, weil die Menge nach eigenem Maßstab richtend über Gut und Bös, und sich selbst im Schlechtesten den Beyfall nicht vorenthaltend, durch kein Gefühl von Schande und keine Furcht vor der Meinung sich zurückhaltcn läßt, angetrieben von wilden Demagogen und von uichtswürdigen Sykophanten verführt, mit wüthender Blutgier jede Gewaltrhatigkeit ausübt, oder ob sie, von der unbeschrankten Willkühr des Einzelnen ausge- gangeu, sich durch das Org.an verworfener Werkzeuge der Tiranney von oben nach unten hin verbreitet, muß, wie im Erfolge völlig gleichgeltend, so auch im Grunde gleich verwerflich erachtet werden. Ob der Despotismus, au dem Gesetz vorübergehend, willkührlich mit dem Leben und der Freyheit der Untergebenen schaltet, in eigener Sache nach der Laune des Augenblicks zu Gerichte sitzt, oder nach eigenen: Ermessen vorbehaltene Fälle nach Ercep- tionsgesctzen durch Erceptions-Herichte beurtheileu 5/,8, Europa und die Revolution. läßt; oder ob demokratische Körperschaften mit gewaltsamen Gelegenheit dekreten jeder Opposition begegnen, Militärgerichte Und Revolutions- Tribunale ordnen, den königlichen Fallen sogenannte große Maßregeln für das öffentliche Heil an die Seite setzen, und Recht und Gesetz drehen nach der Convenienz des Augenblicks: bcydes, wie es allein von frevelhafter Gewalt ausgeht, muß, mit welchen scheinbaren Vorwänden es sich beschönigen möge, nothweudig zum Verderben führen. Ob jener heißblütige reißende Ter- rorism seine Schlachtopfer in die Schlangcnhöhle wirst, wo giftige Ottern sie nmstrikten, und ihrem Leben schnell ein Ende machen; oder ob wohlge- zogene Schergen einer zahmen, weißblütigen, kalten, langweiligen politischen Jngnisitiou die Ihrigen langsam mit unzähligen, kleinen, schmerzlosen Nadelstichen zum Tode bringen, wird in der Wirkung ganz dasselbe seyn. Ob eine absolute Regierung willkührlich über das Vermögen ihrer Untergebenen verfügt, indem sie für ihre Verschwendungen unerschwingliche Abgaben von ihnen erpreßt, und etwa gar zu Gunsten einiger Privile- girten die Masse des Volkes zum Ruine treibt; oder ob Demagogen eben diesen vorher Privilo- girten in gewaltsamem Raub ihr Eigen rhnm entziehen, um es dem Volke, oder vielmehr sich sel- IV. Ankauf t. 2/, 9 ber zuzuwenden; beydes wird gleichfalls, nur jedesmal in anderer Gestalt, nichts als dieselbe schnöde Gewalt offenkundig machen. Ob endlich Günstlinge ein Land bedrücken, oder Auktionen es zerreißen; obBureaucrateu ihre Eentralisations- erperimente an ihm üben, und unaufhörlich Massen von Gewalt zusammenhäufen, die zu trag»» ihr markloses Gebein unvermögend ist; oder ob ein zerstörender anarchischer Trieb alles stets zu vereinzeln, zu zerreißen, und alle innere Einheit zu zerstören sich bemüht; ob es allgemeine Abstraktionen von der Gewalt, von der ursprünglichen und angebornen Herrsch« ft, von der Herrlichkeit der unbeschränkten Sonveraiuitat heim suchen, öder andere von der unbedingten Frey heit und der ursprünglichen Gleichheit dasselbe plak- ken; es wird gleich sicher seinem Verderben entgegen gehen. Dreyßig Jahre hat die Welt dies Spiel getrieben, und nicht die Fürsten, noch die Völker haben dabey gewonnen; jene haben das Blutgerüst bestiegen, wenn das Glück gegen sie Parthey genommen, und die Völker sind glücklich oder unglücklich beydemal zu Grund gegangen. Darum haben die Zeiten den Menschen, ihnen selber unbewußt, ein Maß in's Gewissen eiugeprägt, das alle Partheyen der Einsicht nach recht wohl 35o Europa und die Revolution. erkennen, wenn sie gleich im Handeln es wechselseitig sich zerstören. Es beruht aber dies Temperament, wie es aus dreyßigjahrigen Kämpfen her- vorgegangeu, auf wenigen weltbekannten Sätzen, so einfach und doch so weit umgreifend im Gebiete geistiger Freyheit, wie die Naturgesetze im Wclt- bau. Daß die Autorität, — die ideale Mitte des Staates, >— seine Intelligenz, seine Willenskraft und sein Leben in ihrer innersten Einheit in sich bergend, das lebendige Gesetz, der sichtbare Jmpe. rativ, das personificirte Selbstbewußtsten, die gesammelte Fülle aller freyen Kräfte, und darum unverantwortlich, unverletzlich und unabhängig, mit aller Gewalt, Würde, Achtung, Ehre ausgestattet sey, die zur Erhaltung des inner» Bestandes der Verfassung und der Stabilität der Gesetze noth- wendig ist. Daß ihr gegenüber die Masse aller Staatsgenossen, die sich zum geselligen Verein verbunden, mit bestimmten angebornen Rechren über Leben. Freyheit, Vermögen zum Zweck der Gesammtheit verfügend siehe, und daß diese Masse, die äußerlich gewordene auseinander gezogene Idee, ihre Vielheit freywillig der innerlichen Einheit jener nnterordne, und die Ausübung ihrer besondern Rechte an die Erfüllung allgemeiner Pflichten binde. IV. Zukunft. Z5i Daß ein Monarch die Autorität im Staats- Verein repräsentire, daß aber die Idee geknüpft sey wesentlich an seine Würde und nur zufällig an seine Person, die mit ihren Menschlichkeiten, Gebrechlichkeiten und Leidenschaften, wie sie in der Kirche nichts als ein Glied der Gemeinde isi, so auch im Staate wie der geringste Unterthau dem Gesetze pflichtig sey. Daß, da jedoch im Falle der Uebertretuug jede Ahndung gegen die strafbare Person die unverletzliche Majestät antasien würde, die Strafbarkeit allein auf die verantwortlichen Werkzeuge gelegt werde, au die sie zur Ausübung ihrer öffentlichen Verrichtungen gebunden ist. Daß, da eben so auf der andern Seite die Ausübung der Rechte der Gesammtheit nicht ohne vielfältige Nachtheile in großen Staaten durch die Gesammtheit selbst geschehen kann, die Handhabung derselben durch eigene, ihr verantwortliche Delegirte bewerkstelligt werde, die nun als Repräsentanten der Gerechtsame aller Staatsgenoffen den Repräsentanten der Autorität im Ministerium entgegen treten. Daß, wie in dieser letzten Repräsentation die verschiedenen Funktionen der Autorität zur Vertretung gelangen; so in der andern die verschiede- 23 55 - Europa und die Revolution. neu Elemente und Interessen des Vereines Gewahr und Sicherheit finden müssen. Daß daher die Überlieferung im Besitzstand, in Geschichte und der Glaubenslehre einerseits in den großen Eigeuthümern, dem Adel und der Priesterschaft; und das freye, lebendige, fortschreitende Princip in jeder Gegenwart andrerseits in den Delegirten der andern Stande des Volkes, der Bauern, Bürger, Gelehrten in zwey Massen zur Repräsentation gelange, die in einfacher oder doppelter Kammer als die zwch Brennpunkte des Staatsvereins an jene ideale Mitte treten, und daß an ihre Einwilligung die Gültigkeit jedes in der Initiative von den Ministern eiugebrachten Gesetzes über Leben, Freyheit und Eigeuthum gebunden sey. , Daß endlich in der Verwaltung die Gemeinde nur in innerer Selbstständigkeit dem Ganzen verbunden sey; daß in allen Leistungen an den Staat ohne Ansehen der Person alle Verpflichtung im Verhältuiß mit der Berechtigung stehe; daß in der Gerechtigkeitspstcge im Angesicht des Volkes das Recht durch die Genossen gesunden werde; und daß die Rede auf Verantwortlichkeit frey seh, wie der Gedanke, die Schrift aber der Rede gleich gehalten, weil Wahrheit reden und hören dem Manne ziemt, Feiglinge aber allein beydes scheuen» IV. Zukunft. 353 Dies ohngefähr sind die mittleren Momente, in denen sich entgegengesetzte Uebertreibnngen anf- 1° gehoben, und über die ihrem wesentlichen Inhalte ^ nach alle Verständigen in ihren Ansichten sich ein- ! verstanden. Daß die Staaten in ihren inneren Verfassungen und in ihrem äußeren wechselseitigen Verkehr im Kriegs- und Fricdensstande, ans jenen unnatürlich gespannten, angestrengten, gewaltsamen Verhältnissen, in die sie unersättliche Eigensucht, frevelnde Gewalt und eine uichtswürdige Politik hiuaufgetrieben, zu einfacheren, natürlichen, menschlich und christlich mildern znrückkehren müssen, wenn Ruhe und Zufriedenheit gedeihen sollen, dar- ^ über geht ein Ruf und Wink durch die ganze europäische Gesellschaft, und es mogte rathsam seyn, endlich darauf zu hören. Immer nur gegen ^ die Symptome wüthen, und während der innerliche Grund des Uebels unangetastet fortbesteht, nur die äußere Erscheinung mit Schneiden und ! mit Brennen abwehren, kann nie die Weise einer ! rechten Staatskunst seyn; nur eine verwegene po- ^ litische Quacksalberei) kann sich eine solche Miß- s Handlung der Natur erlauben, und einen solchen s Streit mit ihr beginnen, worin sie zuletzt doch mit Schande den Kürzern zieht, nachdem sie hart großes Unheil angerichtet. Die Nehmenden als tz Aufrührer mit den Waffen abzuweißen, die gedul- 35^ Europa und die Revolution. dkg Harrenden als schon vollkommen Beglückte und keiner Gewährung Bedürftige zu bescheiden, mögte zwar im hergebrachten Weltlauf liegen, aber in der Anwendung auf die jetzige Spannung der Zeiten nimmer aus die Lange gutthuend sich beweisen. Aus kleiner Noth, die man also bestritten, ist stets die größere erwachsen; die Kränkung ist zur Entrüstung, diese zu bitterem Haß geworden und die Unzufriedenheit, also intensiv gesteigert, hat zugleich erteusiv über stets größere Massen sich verbreitet. Wenn ein Streit um vorenthaltenes, verweigertes Recht entbrennt, dann ist im Verlauf desselben gewöhnlich Unbill und Unrecht, wie der Schaden unter die streitenden Partheyen gleich vertheilt; aber die letzte Verantwortung des Unheils hastet auf der, die in Allem sich die Initiative Vorbehalten, und nun hartnäckig zu thuu unterläßt, was ihres Amtes ist. — Ein ernster, strenger Geist hat seinen Stuhl unter die Lebenden hinge- stcllt; obgleich unsichtbar hat der Blödeste im Volke sein Nahen doch vernommen; jedem Vergehen hat er seither seinen Tag gesetzt, über jeden Frevler ist er zu Gericht gegangen, jedes Unmaß hat er in seine Schranken zurückgewiesen; die argen Willen trugen, sind vor ihm vergangen; die ihrer klugen Listen sich gefreut, sind nach einander zu IV. Zukunft. 255 Schanden worden; die Hochmüthigen sind zu Fall gekommen, die Gewalt ist vor ihm zerronnen in Nichtigkeit, nichts ist vor ihm bestanden, als Wahrheit, Recht und Billigkeit, und das sittliche Maß, worauf er mit Wohlgefallen uiedersteht. Wie er es in solcher Weise bis heran gehalten, so wird er auch thun in den Zeiten, die noch kommen werden, und fort und fort handhaben die Gerechtigkeit. Leicht blickt er durch die tragischen Larven großer hohler Worte durch, womit Hencheley, Falschheit, Zweyzüngigkekt, Treulosigkeit, Gcwaltthätigkeit und alle schlechten Leidenschaften in dieser Zeit sich zu verhüllen wissen; sie werden ihm für nichts gelten, wo nicht Thaten mit ihnen reden. Mögen anarchische Gelüste unter dem Vorwände der Freyheit immer auf's Nene versuchen, die Welt zu verwirren ; sie werden, je heftiger sie zum Ziele eilen, um so schneller, auf überlegene Gewalten stoßen, die sie so weit hinter dasselbe zurückwerfen, als sie über dasselbe hinaus gedrungen. Mögen despotische Instinkte in der Finsternis Werke des Trugs und der Gewalt verüben, jener Geist wird ihnen immer neue Kräfte wecken, die sich zum Streite rüstig zeigen, und den Bau niederwerfen, ehe er zum End gekommen. Auf neue Fluthen werden neue Rückläufe folgen; wie das irdische Element auch 256 Europa und die Revolution. ! stürmend sich bewege, es wird nur dienen, den ! Willen dessen zu erfüllen, der in der Geschichte gebietet, und der auch dann wahr machen wird, was V jener königliche Sänger schon von ihm gesungen: Doinirius i'6A68, jueii- eakik in N3iioniI)U8, iin^Iedit ruina8, eonHUL88a1iit ca^ita inul- ! ioruni! Verbesserungen, Seite 20, Zeile 19 v. 0. Mt: in der lies: in dieser — 22, — 25 s r — sammelten — sammelte — 54 , — 7 - - — jede — jede an ihrem Theile — 55 , ' — 25 r s — die — haben die — 4 i, — 12 - - — Steigerung — Durchdringung — - — - - — verschließen — erschließen -— ^ 5 , — 16 - - — vergnügende — verjüngende — 5 s, — 9 - - — Macht — Nacht - 62, — 75- — erbleichte — erblühte - L->' — 12 - r — meine — neue — 117, 7 11. 3 . zwe» schwarze irdische Willenskräfte vorgespannt, lies: zwch schwarze, irdische Willenskräfte, vorgespannt. — räo. — 5 - - — weckten — reckten — > 55 , — 12 s r — Repulsion — Rcvulsion — 18K, — 20 - r — würde — wurde — iga. — 5 - - — an — in — - 9 ^' — l 5 - - — steigend — siegend — ig 5 . — 1- - - — vergnügt — verjüngt - 2 20, — 7 - - — Rücken — Reifen - 225 , — 2 - - — diese hatten — dieser hatte — 2 »6, — i 3 - - — drepmal — dreyßigmal