MM tz-, r-s/? )Olil. oorr rr ^ §1)S-0 1?«LL»L «L?o von Cal i U lilrros de irnit^tione (üliristi in- eomparadili antkore Itiorna a Lerapis con- 8eripto8, ek a Ono k^iiip^o 6o6beI in idlo- ma Aerinanieuin krarr8l3to8 , dlorrcins 3N- eontoi'M68 66 N 860 . O 3831 N.^u>5- i-rani snno 1820 , guu ^uZU 8 ti. .lOU. I^LO^^KVVS (>ORK^VV8 Iil7l.^vlv, 6an. 1^66l68!S6 6attiedia1i8. ?6rmikr.irnu8 nn^rrmi. ^^ni8g1'3N> 1 OU ^UgU 8 ti 1820 . I?0NLL, Vi63liu8 66N6r3Ü8 , ^ 8edö vaeante. keiin^riini koirnittitur. 1i'6viii8 in VieariLtu 06N6raIi 2 gmr> l^o- V6intiri8 i8Zi. Vieaiiu8 06ner3Ü8, ,/b^esi'uche Liebe —sagt -er heilige AugusiinuS— bauere zwei Städte: Eigenliebe, welche bis zur Verachtung Gottes ging, -le irdische, Liebe zu Gott, welche bis zur Verachtung seiner selbst ging, die huumlische." So mannichfach auch das Treiben der Menschen auf dieser Erde ist, so hat es doch seine Richtung und seinen Ausgang nach diesen zwei Städten : die Einen wandern auf dem breiten und gebahnten Wege naei) der irdischen, die Ander» ans dem engen und beschwerliche» nach der himmlischen Stadt. Die freunde des Irdischen suche» ihre Glückseligkett und Beruhigung fern vsn der Liebe Gottes, in der Zerstreuung und Unruhe. Nichts mag sie ergötzen als das tausendgestaltige, immer wechselnde Schauspiel der Sinnlichkeit. Sie stürzen sich in den verworrenen, laut rauschenden Strom der Welt, worin die stille, geheime Stimme der inahnenden Wahrheit durch das große Getümmel übertäubt, und das innere, bessere Ich verschlungen wird. Die bösen, listigen Wächter halten sie gefangen in der falschen Herberge durch ergötzliche Gaukelspiele, daß sie keinen Ausgang finden mö- X gen; denn die Eigenliebe und irdische Begierde umstricket sie ,e länger je mehr, und ihres Herzens Wurzel greift vor großer Unersättlichkeit immer weiter und tiefer um sich und sucher Nahrung und Erquickung in der Erde, da doch unten in der Finsternis; keine ist, sondern nur oben, über allen Sinnen, wird das innere Leben gestärkt und erleuchtet, durch das läutere, verklärende Licht, das uns eine göttliche Hand vom Himmel sendet.— Sie haben sich selbst verlohnen in ihrer Liebe zu den irdischen Dingen, und können sich nicht wieder finden, können auch nicht zu Gott gelangen, weil sie ihn nicht allein und über alles lieben; denn nur allein die reine Liebe, die entfernt von aller Eigenheit, alles nur in Gott und um Gottes willen, mit Verfassung alles Irdischen und Ungöttli- chen liebt, vercmiat uns mit ihm. Anders ist es mit jenen ruhigen, stillen Menschen, die sich zum I nnern kehren, deren Welt ihr Gemüth, ihr besseres Ich ist. Ihr Höchstes ist, sich selbst und ihren Schöpfer zu kennen. Sie fliehe» des äußern Lebend verworrene Unruhe, und wenden sich in Stille und Einsamkeit zu sich selbst und zu ihrem Gott. Zu ihm erheben sie in stetem innern Gebet!) die Augen ihres Gemüthes, beklagen in Demutsi ihre Entfernung von ihm und ihre udischen Unvollkommenheiten, und sehnen sich ohne Unterlaß nach den höher» Gütern der göttlichen Tugend und Liebe. Unbekümmert über ihrer Tage irdisches Schicksal, vergessen sie in keiner Stunde, daß sie Arbeiter Gottes sind an dem großen Werke, welches er ihnen auferlegt hat. Sie betrachten ihren Lauf alS eine immerwährende Kreisbewegung um de» Drun- guell alles Lebens und Lichtes. Von chm bekonu XI men sie de» Lebens Regung, und alles Licht deS LeibeS und der Seele. Er halt sic fest mir jeiner Kraft und seinen Licbcsstrahlen, gleich als die Gestirne gehalten werden van dem großen Himmelslichte. Jede Abweichung ans dieser Bahn betrachten sie als eine unglückselige Verirrung, einen Abfall von dem ewigen Lichte, welcher sie nothwen- dig in dieFiustcrniß der Eigenliebe stürzt, die stets hochmüthlg strebt sich selbst ein Licht zu sevn, und sich rebellisch lvsreißt auS der großen Kette, wo jedes Glied einen vom ewigen Welt-Regierer angewiesenen Platz hat. Darum trachtet der innere Gott ergebene Mensch, — um fern von solcher Vermessenheit zu bleiben — als ein Vergessener zu leben, und fürchtet sich bekannt und gelobt zu werden, auf daß er nicht zerstreut werde, sondern einsam mit sich selbst und mit Gott wandeln könne. Er verlaßt sich selbst, auf daß er sich selbst finde. Was dir gebricht (sagt er) suchst du vergeblich außer dir s inwendig in deinem Herzen, da ist dein wahres Gut, dein bester Freund ist bei dir drinnen, warum wolltest du ausgehen und ihn allein lassen? — Dieser Freund ist Jesus, er ist der einige Gegenstand seiner Liebe, der Bräutigam seiner Seele, und alle andere Dinge sind nur Brautgeschenke und Liebeszeichen, die er nicht an seiner Statt liebt, noch glaubet, daß sie allesammt genug sepen, ohne ihn : damit er nicht beides, diese und ihn vertiehre: denn er lasset wohl zu, daß man vieles gebrauche um seinetwillen, aber er will auch, daß wir nichts genießen sollen an ferner Statt. — Gedenke du sepst mit ihm allein in der der Welt, so wirst du große Beruhigung finden. Dies sehnliche Verlangen zu Gottnnd ihrem Heiland, gibt ihnen die übernatürliche Kraft, sich von allen irdische» Ergvhlichkeiten, die sre alv beichweren- de und gefährliche Bürden und Banden betrachten, gänzlich loS zu machen — denn nur ein Wanderer, der non allem entblößt ift, wandelt überall sicher —, auf daß sie sich frei mögen erheben, und gelangen in den weiten Raum des höchsten tzft- inuthcs, wo keine Enge erfunden wird, und welcher alle Ereatur unendlicher Weife übersteiget. Dort werden alle Zweifel und alle Angst deS Herzens verschlungen von dem Lichte der einigen, unveränderlichen Wahrheit, und alles Eitele und Fremde, welches die Wahrheit nicht ist, vergehet und verschwindet, gleichwie ein nichtiger Ranch- von einem starken Winde.— Und ob dann schon trübe Wolken ihr Licht bedecken und ihren Wege verfinstern wollen; obwohl Widerwärtigkeiten und Versuchungen sie umlagern und von allen Seiten auf sic embrechen, so furchte» sie diefelbcn doch nicht: denn das Licht der Wahrheit gibt ihnen Kraft und Geduld sie mit Freudigkeit zu tragen; damit ihr innerer Mensch desto mehrere Fruchte der Tugend bringen, und ihre Liebe möge geprüfte werden, wie wahrhaftig, stark und teufet sie sev, welches die Versuchung am besten offenbaret. 'So sieht nun ein solcher Mensch oben auf den, Grenzgebirge der irdischen Welt, weit über der Erde und ihrem nieder» Treiben, und harrend des ewigen heitern Tages, hat er sein reineS Auge nnverrückt gerichtet sin das Land, wohin er sich stetS inbrünstig, wie nach seiner wahren Heimat gesestnet, und wohin sein Geist so oft auf denn verklärenden, göttlichen Liebesstrahl getragen ward. xm Nichts mangelt ihm hier mehr, nichts mag ihn nun mehr hindern; den» die äußern vergängliche» Dinge gehören ihm nicht mehr an, und können ihm nichts mehr geben, noch nehmen. Auf diesen Weg zum inneren Leben und zur göttlichen Anschauung und Vereinigung, führet uns das Büchlein von der Nachfolge Christi. Als Mittel dahin zu gelangen, werden uns darin angepricfeu: die Vcrfchmähung der Welt und ihrer Eitelkeiten, die Verläugnnng unserer selbst, und die Vereinigung unseres Willens mit dem göttlichen Wohlgefallen. Ohne Verschmähung aller Eitelkeiten der Welt, kann niemand in sich selbst einkehren. Ohne Selbttverläugnung ist niemand geschickt, zu Gott und zur Tugend zu gelangen; denn die Eigenliebe hindert uns an der Ausübung des vor- nehmtten Gebotes: der reine» Liebe Gottes und unseres Nächsten. Durch Selbstverläugnung stirbt sich der alte, irdische Mensch selbst ab, und ans seinem Tode kann erst der neue, himmlische ge- bohren werden; daher sie auch der Anfang und Grund der geistlichen Wiedergeburt ist. Ohnellebereinstimmung unseres WillenS mit dem göttlichen Wohlgefallen, kann unsere Absicht nicht rein zu Gott gerichtet sepn; wir können ihn nicht aufrichtig suchen, und daher auch nicht finden, noch kennen lernen. Durch gänzliche Ergebung in den göttlichen Witten, hört alle irdische Furcht und Sorge ans — wir gehen durch alle Sorgen ^ gleich als ohne Sorge, hindurch —; wir stellen ihm atteS anheim, wir übergeben und opfern uns ihm ganz und gar; wir gehen aus uns selbst heraus und in Gott hinein, gelangen dadurch zur vollkommenen Freiheit Xlv dev Eemüthes, zum Helle» Lieht der ewigen Weisheit und Liebe, zur Ruhe und Freude in Gott. Eben so wie nun die Mittel zum höchsten Gut zu gelangen, dreifach sind, so ist auch der Weg deS Christen dreifach, nämlich: reinigend, erleuchtend und vereinigend. Er fängt an mit der' Reinigung, gehet fort zur Erleuchtung und endiget in der vollkommenen göttlichen Vereinigung. Alle Vollkommenheiten sind in diesen Mitteln begriffen, und fließen von selbst daraus; so wie aus der Liebe, diesem vornehmsten und größten Gebot, alle christliche Tugenden entspringen. Denn die reine Liebe (wie auch vom wahren Glanben gesagt wird) wirket ohne Unterlast Gutes, fraget auch nicht ob gute Werke zu thun sind, sondern ehe man fraget, hat sie sie gcthan, und ist immer im Thun: also, daß Werk von der Liebe scheiden, eben so unmöglich ist als Brennen und Leuchten vom Feuer mag geschieden werden. Ohne Liebe, wie ohne Glauben, sind keine guten Werke: weil sie nicht aus dem gute» Schatz des Herzens kommen, woraus Gott allein siehet. Darum ist's auch den Klugen, die das Herz nicht kennen wollen, verborgen, und den Einfältigen offenbaret. Diese wenigen Andeutungen sollen dem Leser nichts sevn als eine ermunternde Hinweisung auf das Büchlein selbst. Dorthin, zur Quelle selbst, verweise ich ihn. Es ist vielleicht das einige Buch, das der heiligen Schrift durch einfältigen Glauben, ungefärbte Frömmigkeit, und Erleuchtung von oben, unter allen Büchern am nächsten kommt. Den» es ist darin verborgen eine gewisse göttliche Kraft, die auf eine kaum merkbare Weise in die Seele deS Lesers »ndHörerS dringt, und sic wie „nt geistigen gl,igeln von den Ereaturen hinauf zu dem Stopfer tragt. — Wer eS aufmerksam und mit einem frommen Sinn durchlieft, der wird es immer mehr lieb gewinnen, und wunderbarlich dadurch erquicket werden: denn seine Worte sind wie köstliche Saamen, die in einein Herzen, welches sie aufnimmt, die herrlichsten Früchte der Reinigung und Erleuchtung tragen. Eine Anleitung dasselbe mit Nutzen und Erbauung zu lese», — wie sie wohl pflegt gegeben zu werden — erwarte man hier nicht. Sie würde völlig überflüssig und unnütz sevn: denn wer konnte wohl einem Liebenden sagen, wie er lieben sollte, wenn er es nicht selbst schon empfände? Zudem ist eines jeden Bedürfnis;, nach seinem innen. Zustande verschieden. , Wen daher dürstet, der trinke nur, gleichviel wie, und an welchem Orte der Quelle. Auch daS Wieviel mag ihm sein Durst sagen; so wie seine eigene Empfindung ihm sein wahres und „othigstes Bedürfnis; am sichersten zu erkennen geben wird. Es ist genug, wenn er nur überall das Eine suchet, was noth ist. — Welcher aber noch nie ein solch Heilwasser gekostet hat, der versuche es, und trinke öfter auS dieser Quelle, so wird er — sofern er ein fühlend Herz hat, und eine Ahndung eines Höher», als das gegenwärtige, verworrene Streben — bald inne werden, daß die Helle» Strahlen, welche i» diesem Büchlein, wie in einem getreuen Spiegel göttlicher Schrift leuchten, Strahlen der reinen, ewigen Wahrheit sind, die Jahrtausende erleuchtet haben, und nimmermehr mögen von der Finsterniß über- wunden werden. Dennoch sehe ich Manche, die stch die . Klugen und Verständigen nennen, und wohl gern alle» klar haben und in Worte und Zahlen aufiösen mochten, an dem mystischen Inhalt dieses Büchleins einen Anstoß nehmen, weil dazu keine Saite in ihrer erstorbenen Brust recht erklingen will. — Wissen ste denn nicht, das; alle wahre Religion auf dem Boden heiliger Mysterien ruht? Erklären kann man ihnen diese Geheimnisse nicht, jedes Gcmiith muß fic selbst in stch erleben. ES stnd Facta höherer Arr, die nur der innere, höhere Mensch ahnden kann. Aber glauben ste denn auch nicht, waS ste nicht erklären können? Glaube» ste deswegen nicht an Gott und Natur, weil ste ste nicht »üt ihren kleinen Gedanken umfassen und nut armseligen Worren beschreiben können? Begreift» ste stch etwa selbst? Haben ste mit ihrem Verstände je die Fäden erkannt, woran daS Gewebe ihres zwischen Geburt und Grab eingeengten LcbenS angezettelt ist, und wo ste weiter hinaus laufen — Wissen ste woher er kommt und wohin er geht jener Lebensfunke, heransgeschlagen durch schöpferische Allmacht aus der Finsternis; verborgener Stätte, einen Augenblick schimmernd, und dann wieder verschlungen von nndurciidringlicher Dunkelheit — ? Sind sie nie in ihr eigen Gemüth herabgestiegen, und haben es mit dem Licht ihres Verstände-) beleuchtet und mit klaren Worten begreiflich gemacht? Oder finden ste darin keine Tiefen, die tiefer stnd, als ihr alltägliches, einförmiges Da- seyn und Treiben? Vermögen ste die geheimnlßvollen Töne in der dunkeln Menschenbrust, mit erklären- XV ir -en Worten zu beschreiben? Oder haben sie nie andere Töne vernommen, alö die ihr anderes Ohr durch materielle» i^toff erschüttern? Eie kennen die Gefühle nur durch Beschreibungen, und ihr hohleö üe- bearmeS Her^ glaubt und empfindet nichts, ivaS nicht ihr klügelnder stopf ans dem Wege einer handwerksmäßigen Logik gnden kann. Die Quelle deö LebcnS, die sie nur durch die scharfen Messerschnitte ktncr immer feiner und feiner spaltenden nnd trennenden Zergliederung materiell zu gnden wähnen, entfliehet unter den Händen dieser geistlosen Anatomen. Diese Uneingeweihten werden sie nie ergreifen. Wie nun alle wahre Religion von Gott kommt, und daher nvthwendig aus einem geheimiußvollen, unbegreiflichen Grunde sprossen muß, so auch alle achte Wissenschaft und Ruust. Der Blitz ihres Lichts kommt aus einer dunkeln Wolke, die wir nur von unten sehen, die aber oben gen Himmel gekehrt ist, und daher für uns nur vorwärts, aber nicht rückwärts leuchtet. Jenseits dieser ist das Land deS Glaubens, jenes gcheimnißvolleLand, in welches nnr das gläubige Auge eines kindlichen Gemuthes hinüber schaut. Zhm ist es klar und gewiß, ohne Worte, mir einer solchen Zuversicht, daß es tausendmal darüber stürbe. Diesem ächten Mvsiieismus (wenn er ja so genannt werden soll) sind alle Erscheinungen der sichtbaren Welt nur Hüllen des unsichtbare» unendlichen Lebens, welches wie ein lebendiger Strom von Gottes Thron ausgehet. Nur dem andächtigen, beschauenden Gemüthe wird dieses göttliche Leben offenbar, und auch Natur, höhere Wissenschaft und Aui,st kann nur durch ächte Mpsiik vollkommen verstanden, oder vielmehr nur im Glauben ange- schaut werden. Alles Höhere und Göttliche ist über/ Haupt von der Art, daß man es erst glaube» muß, ehe man es verstehe» kan». Es ist so beschaffen, daß das gewöhnliche Verstehen, worauf sich klügelnde Köpfe so viel dünken, als etwas ganz Unnützes und Entbehrliches zu betrachten ist; den» wer'es ganz innig empfindet und im Glauben ^besitzt, der spürt keinen Mangel und wird aller streitenden und verwirrenden Mepnungen auf immer ledig. Darum ist auch hier dem reinen, einfältigen Gemüthe offenbar, was den Klugen verborgen ist. Wohl dem Herzen, das in sich der höheren Sehnsucht und Liebe Raum gibt, und auf ihren mächtigen Flügeln getragen wird in das Reich des Glaubens, wo aller irdische Krieg von quälenden Zweifeln, beunruhigenden Gedanken und verwirrenden Worten, in den Friedens - und Lobgeffingen Gottes sich harmonisch auflöset und verliehrct. Wohl denen, die ihr Herz dem reinen, milden Glaubenslichte von oben kindlich öffnen, und Hinaustreiben das scharfe, fressende Flammenlicht des irdischen Zornfeuers, daS nur am Dösen zehrend, das Gemüth »»erquickt und unerleuchtet laßt. Oeffner mit Sehnsucht eure Brust dieser unerschöpflichen, segenreichen Lichtquelle, trinket einen unendlichen Zug daraus; so wird sich der düstere Traum eures Gemüthes lösen, und eure inneren Augen werde» vom milden, tröstenden Lebenslichte strahlen. „Geht hin zum Wttnderstamme, Gebt stiller Sehnsucht Raum, Aus ihm geht eine Flamme, Die zehrt'den schweren Traum." XIX Was nun die gegenwärtige Ucbersetznng bc» trifft, sv bade ich dieselbe hauptsächlich nach der bekannten Autwcrpner Ausgabe des Roswcidus gemacht, und durchgängig fast wörtlich getreu bearbeitet. Ich habe mir durchaus keine Umschreibungen erlaubt, am allerwenigsten mir angemaßt, das Original irgendwo verschönern oder verbessern zu wollen; sondern bin im Gegcnthcil auf's eifrigste bemüht gewesen, dessen Simplizität und gemüthlichcn Sinn mit heiliger Scheu zu berühren , und sie in Ton, Ausdruck und Wortstellung, so viel möglich getreu wieder zu geben, wozu die heutige Convcrsationssprachc wenig geschickt gewesen wäre. Das Religiöse, das im Gcmüthc wohnt, muß auch die Sprache des Gemüthes fübrcu, wenn es getreu und würdig soll ausgesprochen und innig empfunden werden. Wie der Dichter die Ausdrücke des gewöhnlichen Lebens — weil sic schon durclf den gemeinen Gebrauch herabgewürdigt sind, und ihre unschuldige, cdele Bedeutung verloren haben — als nnheilig verschmähet, und seine Zuflucht zu alten verklungenen Tönen, und andern Wortstellungen — dem Versbau — nimmt; so kann auch die Sprache des Gemüthes nicht die Ausdrücke und Wortstellungen des äußern Lebens zu würdiger Darstellung des innern gebrauchen. — Dieses vorausgesetzt, bleibt mir nur der Wunsch übrig, daß die Ausführung nicht allzu weit hinter meinem Vorsatz möge zurückgeblieben scyn! Möchte man in diesem neuen Kleide, überall den alten frommen Ver- XX fasser in Gestalt und Zügen, wie m eurem rrcnen Bilde, wiedererkcnnc», und ergriffen von dieser Vorstellung, den Uebcrsetzer gänzlich darüber vergessen kennen' — Dann würde auch mein sehnlichster Wunsch erfüllt werden, diesen köstlichen Edelstein, der so lange in einer geringen, unansehnlichen Gestalt verborgen und unbeachtet geblieben, oder sich höchstens nur zuweilen ui einem unreinen Glanze gezeigt, durch eine würdigere Fassung wieder zu seinem ursprünglichen und schönsten Lichte erhoben, auch in dein Schmuck der höheren Stände glänzen zu sehen. Anmerkungen und Erläuterungen habe ich gar keine hinzngcfügt, weil ich sie thcils für völlig überflüssig halte — sofern nur der Leser den Sinn des Buchs mir einem rein religiösen Gcmüthe auffaßt; und sonst würde doch alles vergeblich seyn — , tbcils finde ich es überhaupt mißlich, einem so Eigcnthümlichcn etwas znfügcn oder zur Seite stellen zu wollen, was in Sinn nnd Form — wie gut und nützlich cs auch seyn möchte — mit dem Tert so sehr kontrastircn, nnd daher den Eindruck, den derselbe auf das Gcmüth des Lesers macht, uothwcndig stöhrcn muß. Statt solcher eigenen Zusätze, habe ich cs für nützlicher erachtet, die beziehenden Stellen der. heiligen Schrift alten und neuen Testaments, überall anzuführen, welches sowohl dem Kenner, als dem forschenden Christen weit willkommener seyn wird. Wer der eigentliche Verfasser dieses Büchleins sey, darüber ist lange gestritten worden. Einige haben es dem frommen und berühmten Kanzler der Pariser Universität Johann (Char- lier aus) Gerson (geb. 1363 , gest. 1439), Andere dem Thomas von Kcmpis zngc- schrieben. Die letztere Meinung, welche durch mehrere Mannscripte, viele Zeugnisse und Bü- cherkatalogen damaliger Zeit unterstützt wird, bat endlich die Oberhand behalten, und schwerlich ist wohl irgend eine gedruckte Ausgabe zu finden, worin ein anderer Verfasser als Thomas von Kempis genannt würde. Dem geliebten Leser, welcher gewiß gerne diesen gottseligen Mann näher zu kennen wünscht, will ich hier die wichtigsten Begebenheiten seines Lcbenö kürzlich mitthcilen. Thomas a KempiS wurde zu Kempen, einem Städtchen im damaligen Erzbiöthume Eöln, im Zahr 1380 geboren, woher ihm auch der Beiname a Kemp iS geblieben, da sonst sein eigentlicher Familienname Thomas Hämin erken, d. i. Hämmerlein (auch Mulloolus), gewesen. Nachdem er seine Kindessabre unter den Angen seiner frommen, aber armen Aeltern zngebracht, und zur Erlernung der Wissenschaften geschickt schien, begab er sich in einem Alter von dreizehn Zähren nach Deventcr in den Niederlanden, wo damals die Studien der guten Künste vorzüglich blübeten. Wie er dahin kam, war seine erste Sorge seinen altern Bruder Johannes anfzusnehen, welcher zu Windcscm im Kloster war. Dieser veranlaßt!! ihn wieder nach Dcvcntcr zum 0. Florentius, einem frommen und gelehrten Manne XXII znrückznkchren, dcr ihn auf seine Empfehlung liebreich in sein 5?aus aufnahm, und wie ein Vater mit allen leiblichen und geistigen Bedürfnissen versorgte. Da nun der Jüngling, dcr von Natur ein gutes Gcmüth und ehrbares Wesen hatte, unter frommen und gelehrten Männern täglich wandelte, die in des Florentius Gesellschaft lebten, und wie dieser in der Gottesfurcht, Unschuld des Lebens und Rcinigkeit der Sitten dervorlcuchtctcn, so nahm er auch bald deren Tugenden an, und machte in den Wissenschaften und in der Frömmigkeit große Fortschritte, — „Ich weiß mich nicht zu erinnern, (drückt sich unser Kcmpis über die Versammlung dieser frommen Männer ans) daß ich je zuvor dergleichen Menschen, so andächtig und brünstig in dcr Liebe Gottes und dcö Nächsten gesehen habe, welche, da sie unter den Menschen dcr Welt lebten, nichts vom weltlichen Leben an sich hatten, und gleich als Lichter des Himmels inmitten des unordentlichen Wesens der Welt leuchteten, und sich um keine irdischen Händel bekümmerten; sondern stille zu .Hause blieben, sich fleißig beschäftigten, und stets dem Lesen heiliger Schriften und andächtigen Betrachtungen oblagen. Unter ihrer Arbeit nahmen sic zu ihrem Trost und Stärkung ihre Zuflucht zum stillen Gcbcth; des Morgens waren sie früh in der Kirche, und opferten Gott die Erstlinge ihrer Lippen und ihres Herzens Seufzer; man sah sie gebückt liegen, und ihre reinen XXIII Hände und Angen gen Himmel erheben, um durch Gebet!) und Thranen Gottes Gunst und Gnade zu suchen." — Nachdem Kempis beinah neben Jahre den Umgang dieser Männer genossen, fing in ihm jene Inbrunst der Gottesfurcht an zu brennen, deren Funken Florentius so häufig in seine Seele geworfen hatte. Er ging daher im Jahr 1399, noch ehe Florentius daS irdische Leben verlieh, (denn dieser starb erst 1400) in das neu angelegte Kloster der regulierten Canoniei des Augustiner-Ordens zum Berge St. Agnes bei Zwoll, worin sein Bruder Johannes damals Prior war. Damit er nicht leichtfinnig und voreilig handele, blieb er sechs Jahre lang in der Probezeit, und verband sich erst im stebenten mit dem heiligen Gelübde zum klösterlichen Leben. Hier leuchtete er nun vornehmlich hervor in ausnehmender Gottseligkeit, in Ehrerbietung gegen seine Obern und in Liebe und Wohlwollen gegen seine Mitbrüder. Dem Müßiggänge als der 'Quelle aller Uebel, gab er niemals Kaum; sondern übte sich entweder im Lesen, oder Abschreiben, oder auch Verfassen heiliger Bücher, womit er oster ganze Nächte, nicht ohne Nachtbeil seiner Gesundheit, zubrachte. So ist unter andern »och von seiner eigenen Hand übrig die ganze Bibel in st Theile abgetheilet, wie auch einige Werkcheu deS h. Bernärd's, welche er mit großem Fleiß, gar kunstreich abgesehriebe». ES ifi schwer zu sagen mit welchem' ehrerbietigen und andächtigen Gemüth er sein geistliches Amt verrichtete. Wenn er Psalmen saug stand er stets mit aufgerichtetem Körper und hatte die Augen gen Himmel erhoben, und war von der XXIV unglaublichen Kraft derselben, wie von einer Heft ligen Begeisterung entstammt, und gleich als außer sich entzückt; so daß er kaum die Erde zu berühren schien, und auch mit dem Körper gleichsam auft wärts zum Himmel strebte, wo er mit seiner Seele und seinem Verlangen beschäftigt war. Im Bcthr zimmer war er sowohl bei Nacht als bei Tage beim Eintreten stets der Erste, so wie beim Heraus- gehen der Letzte. Der Dienst Gottes und die geistliche Zierde lagen ihm wunderbarlich am Herzen. Seine ganze Rede war von Gott und der heiligen Schrift, und wenn in seiner Gegenwart von äußern, weltlichen Dingen gehandelt wurde, so scsiwieq er still, und saß wie ein Stummer und Sprachloser da, gleich als ob er dieser Dinge gänzlich unkundig wäre; außer wenn er durch einen einleuchtenden Nutzen zum Sprechen angereizet wurde. War hingegen die Rede von Gott und von himmlischen Dingen, und man begehrte seine Mep- unng zu wissen/ so stoffen göttliche Worte auS seinem Munde, gleich als lebendige Ströme aus der lautersten Quelle. Daher wurden seine Predigten, die er zuweilen hielte, von ganzen Schnuren Zuhörern ans den entferntesten Städten und Gegenden besucht. Nicht weniger waren seine Brüder von Bewunderung erfüllt', wenn sie seine Geduld und Standhaftigkeit erwogen, mit welcher er freudig alle Widerwärtigkeiten erduldete, so wie seine Langmuth, womit er nicht allein Anderer Fehler gleichmüthig trug, sondern sie auch sanstmüthig entschuldigte; desgleichen auch in seinem ganzen Leben seine Massigkeit, Schamhaftigkeit, Bescheidenheit, und Fleiß in der Sorge für der Brüder Bestes, seine In- xxv^ brünstigkeit und Anhalten im Gebeth, Vergießung häufiger Lhränen und anderer Kennzeichen einer gründlichen Frömmigkeit. So groß war in ihm die Verachtung der Eitelkeiten und Anlockungen der Welt, daß er alle vergängliche Dinge, und was nicht göttlich war, gleichsam als ihm nicht angehörend so, gar vernachlässigte und unwerth hielt, daß ihre Benennung und Gebrauch zu wissen ihm beschwerlich war, und fie nicht einmal zu lernen begehrte. Er liebte so sehr das Lesen heiliger Bücher und die Einsamkeit seiner Zelle, daß er diesen Wahlspruch oster zu sage» pflegte und in seine Bücher schrieb: ,, Ueberall habe ich Ruhe gesucht, aber nirgend gefunden, als nur in einem Winkel mit einem Büchlein." *) Wodurch er nnzeigen wollte, daß die Ruhe nur zu finden sep in der Abgeschiedenheit und Einsamkeit, und in heiligen Büchern. Seines leutseligen und sanftmüthigen Wandels wegen, wählte man rhn da er noch ziemlich jung war, einhellig zum Snbprior des Klosters; obwohl er sich sehr widersetzte. Hernach ist er Schaffner oder Vorsteher der Oekonomie geworden; weil man an ihm eine sonderbare Liebe 'und Mildthätigkcir gegen die Armen verspürte. Dieses Amt nahm er zwar fleißig wahr; weil eS ilin aber von der Beschauung und von dem Schreiben gottseliger Bücher zu sehr abhielt, so wurde er durch die gütige Rnckstcht seiner Brüder davon entbunden, und ei- t» c»»»!I,us i'e^uiein csuzestvt, sell »o»inve»>i, »ist I» !>»°e1to t!U>» libello. Nach Andern t» ano-ellis eL IUellls. " nigeJahre nachher wieder zumSubprkor— seinem vorigen Amte — erwählet. Oftmals trug es sich zu, daß er während seiner Unterredung mit den Brüder», vernehmlich spürte, daß Gott inwendig ihm zujprach, wo er dann be- scheidentlich Abschied von ihnen nahm, und in sein Kämmerlein entwich , gleich als ob jemand daselbst auf ihn wartete. Hier ergoß er nun sein Herz vor Gott, und schöpfte diejenige Weisheit, welche ln seinen heilige» Büchern alle Frommen bewundern. Eine Menge stndirender Jünglinge umlagerte häufig seine Zelle, um sich i» seinen sanften Sitten zu spiegeln, und seine süß ergießenden belebenden Worte genießen zu können. Und auch nicht einer kam dahin, der nicht gelehrter und frommer von da zurückgekehret wäre/ Als ein bemerkeuöwerther Umstand seines Lebens, verdient übrigens noch angeführt zu werden, daß er sein nun so berühmtes Büchlein von der Nachfolge Christi, im 61sten Jahre -seines Alters, also erst nach vieljährigen Uebungen und Prüfungen in den Wegen Gottes, geschrieben hat. Von Leibes-Statur soll er etwas unter mittclmäsr siger Größe, männnlicher Gestalt, und dunkelbräunlicher, aber lebhafter Gesichtsfarbe- gewesen seyn. Seine Augen waren so scharf, daß sie bis in sein höchstes Alter völlig ungeschwächt blieben. Er ist endlich an der Wassersucht krank geworden, und nachdem er 7l Jahre (die Probezeit mit einbegriffen) zumBerge St. Agnes ein gottseliges Leben, zu seinem und seiner Brüder großen Ruhm und Heil geführt hatte, wurde er im 92stcn Jahre seines Lebens, — 1471, den 25. Julius — von Gott zur Ewigkeit abgerufen, wohin er seine blicke stctS gerichtet und stch so oft geschnet hatte, um dort für feine Arbeit und Geduld, für feine Treue und Liebe die Krone deS Lebens zu ererben, und im Lande des sichern und festen Friedens, ui reinem, ungetrübtem Genüsse göttlicher Anschauung, ewig auSzuruhen. Obwohl nun das gegenwärtige Büchlein eine so große Verbreitung erfahren, als außer der heiligen Schrift, wohl keinem andern in der ganzen Welt zu Theilgeworden — denn mehr als l800 mal wurde es fast ui allen Sprachen gedruckt; sogar grieelstsch, arabisch und türkisch —, und schon beinah jvier Jahrhunderte hindurch, wie ein Licht in der Finsternis! geschienen, nnd unzählige bedrängte Herzen heilsam erleuchtet hat, und noch immerfort erleuchtet; so habe ich dennoch erachtet, daß es den Freunden desselben nicht unwillkommen sepir würde, die Stimmen einiger frommen und gelehrten Männer voriger nnd neuerer Zeit, darüber zu vernehmen, und so auch aus ihrem Munde dessen Werth nnd Ansehen bestätigen zu hören. Der fromme und gelehrte Bellarmin sagtda- von: „Dies Büchlein ist gewiß höchst nützlich, und billig in der ganzen Kirche mit größter Einstimmung angenommen und gebraucht worden. Ich habe eS von Jugend auf bis in mein hohes Alter sehr oft gelesen, und doch ist mir sein Inhalt stets neu vorgekommen, und noch immer empfindet mein Her; daran ein wunderbares Vergnügen." *) Baro< n i n spffegte zu sagen: daß es unmöglich sev, daß ein gegen Gott wohl gcstnnter Christ dies Büchlein ohne geistliche» Nutzen lesen könne. *) LeHsi-nnn cle Lerche. Locgezl.ist. lg. 242. xxvni Der gottselige Philipp Nerius schöpfte darr aus jenen gottesfurchtigen Geist, ber beseelte. Der Stifter eines eyemalv berühmte» OrdenS, laS täglich zwei Capucl darin, eines nach derürdnnng des Bums, daö andere, wie cs ihn, denn Aufschläge» verkam. einige gottesfurchtige Männer trur gen dasselbe als einen unzertrennlichen Gefährten shres Lebens rinnicr bei sich. Cin gar kräftiger und großer Man» dev Mittel- alterv sagt:,, Dies edele Büchlein, als arnr un- geschmuckr cs ist in Worten und menschlicher Weisheit, also und vielmehr reicher und nbcrköglich in es in Kunst und göttlicher Weisheit. Und ist ,nir nächst der h. Schrift und dem h. Augustinus nicht Vorkommen ein Buch, daraus ich mehr erlernet Hab und weiß was Gott, Christus, Mensch und alle Dinge sind.ES hat dieS Büchlein der allmächtige Gott ausgesprochen durch einen weisen, verständigen, wahrhaftigen, gerechten Männ, seinen Freund, und lehret manchen lieblichen Unterschied göttlicher Wahrheit, und besonders, wie und womit man erkennen möge die wahrhaftigen, gerechten Gottes Freunde, und auch die ungerechten) falschen, die der heiligen Kirche gar schädlich sind." *) Eben so berühmte und gelehrte Männer neuerer Zeit, gaben ihm die herrlichste» Zeugnisse, die ein Buch erhalten kann. Der vortreffliche Fönte nelle sagt davon: „Die Nachfolge Christi ist das schönste Buch, welches ans eines Menschen Hand hervor- Worte die wobt auf alle dergleichen wahrhaft christliche Büchlein mit Recht mögen gedeutet werden. XXIX gegangen ist; denn das Evangelium kam nicht ans Menschenhand." * * ) Der große Leibnitz druckt sich also darüber aus : „Die Nachfolge Christi ist eines der vortrefflichsten Werke/ die jemals sind geschrieben worden. Wohl dem, der seinem Inhalte nach- lebt, und sich nicht damit begnügt, eS blos zu bewundern." Gottfried Arnold führt darüber eine Menge Lobreden und Zeugnisse berühmter Lehrer an ; J ohann Arnd, Johann Olearius und Philipp Jacob Spener, haben dieses Büchlein mehrmal herausgegeben, und allen Christen sehr empfohlen. Der letztere sagt davon: „Dies liebe Büchlein hat so viel Frucht in der Christenheit hin und wieder geschaffet, als vielleicht jemals irgend ein anderes." ***) Eben so rühmeil dasselbe v. Joachim Hildebrand, Johann Heinrich Ursinus, I. H. Hotting er, G. Voet, Robert Barclay u.m.a. Der fromme Gerhard Ter Steegen, der dasselbe auch herausgegeben, nennt es das allgemeine Handbuch der Christen. Derselbe führt auch die merkwürdigen Worte eines gottesfürch- tigen Mannes an, welcher Zusagen pflegte: wenn sein Haus in Flammen stünde, so würde er zuerst die heilige Schrift und dieses Büchlein ergreifen. *) I^'imit-itioii «8t I« livr« Is ch»8 besu cjiii 8oit P-ii'ti de I-i d' 11,1 Iioimiie, jini^ne I'L vaiiAi- leii'en vient pas. Vi« du ^ r s 11 d 6 o rn e i 11 e. I.'iiilititioii de de8U8-6IiiÜ8t «8t u>i d«8 ^Iii8 ex- cellens ti-iit«8 gui -i)ent st« liits. Heuieux ee- lui, «ii pratchue I« ooiiteiiu, uou coiitent de I'sdinii-ei'. I^etti «8 p. 7?. L^eiiei- ^>r»ek. sd liuleinui. Statt diese schon so bedeutende Zahl von Zeugnissen noch mehr zu vermehren, führe ich auö der neuesten Zeir nur noch an, wie sehr der Verfasser dieses Duchleinv auch von dem fromme» und gelehrten Grafen Friedrich L e o p o l d z u Sto I- b erg verehret wurde, welcher ihn in seinem letzten berühmren Werte bald einen weisen, bald einen frommen, gottseligen und heiligen Man» nennt. *) So "drückt sich auch ein unter den gebildeten Ständen viel verbreitetes Werk eben so günstig über ihn auS: „Als die Scholastiker (heißt es darin) im Mittelalter die Religion aus fehl lesend als Verstandessache behandelten, war es sehr heilsam, daß neben ihnen Mystiker austraten, und unläugbar haben ein Johann Tauler und ein Tvn>aS a Lcm- vis"mehr als ein Petrus Lombard» s oder ein Albertus Magnus für die Beförderung der Religiosität gewirkt." **) Schließlich mag mau auch die nachfolgende Dichtung ***) noch als ein Zeugniß und frommen Ausdruck eines von religiösem Gefühl und zartem poetischen Sinn innig begeisterten Gemüthes auscheu, und dieselbe als eine Weihe betrachten, womit ich das Büchlein allen frommen und reine» Seelen, zu ihrem Heil und Erquickung übergebe. »)G-sch>chre dcrR-ligio» JcsuShristi, erstcAufl. Th. > S. 73, WZ,2dst. Allgem. d. R-al - CulyclopiiSie, Ute Aust. Art. Mysticism u S. S. Rostorf's Dichtergarün. A ii dies Büchlein O Büchlein du so wnndersüß, Bon wundcrhoher Güte, Bist aus des Himmels Paradies Einer ew'gen Blume Blüte; Du bist aus unsers Herren Schrein Ein hellfunkelnder, kostbarer Edelstein. Auf steigst du wie ein mächtiger Baum Mit klaren güldnen Zweigen, Umzogen mit einer Glorie Saum Stehst du als ein ewiges Zeichen, Dein Wort ein göttlicher Liebespfeil Zst bedrängten Seelen ein Trost und Heil. Du bist eine Flamme hoch und hell. Von himmlischer Liebe entzündet; Du brennst als eines ew'gen Feuers Quell, Des Tiefe Niemand ergründet, Du schmüzest mit deiner Gluten Schein Die Herzen wie fließend Metall so rein. Du bist das Bächlein Silberflut, Entsprungen in blauen Reichen, Dein Wasser ist so sUß und gut. Ein Labetrunk ohne Gleichen; Wer diesen genießt mit gier'gem Mund, Den dürstet nimmer, er wird gesund. Du bist der Thqu, der bald erquickt Die müden und kranken Herzen, Durch dich werden binweggerückt Die Leibes - und Seelenschmerzen; Wer sich fühlt matt, arm, elend, krank, Geneset von diesem erquickende» Trank. Du hältst die ächte Signatur In deinem Schoße verborgen, Wo man findet die sichre Spur Zu dem ewigen, lichten Morgen.' Du zeigst uns strahlend für und für Des ew'gcn Lebens güldne Thür. Du bist der ächte, wahre Magnet, Die Radel vom göttlichen Stahle, Deine Richtung nach dem himmlischen Norden steht Zu dem ewigen Friedensmahle! Ist unser Schifflein in Gefahr Zeigst du nach Golgatha immerdar! i. Lapitel. Von der Nachfolge Christi, und Verschma- hung aller Eitelkeiten der Welt. 1. Ä)er mir nach folg et, der mandelt nicht in der Finsternis, spricht der Herr. *) Dies sind Worte Christi, wodurch wir ermahnet werden seinem Leben und Sitten nachzufolgen, so wir anders wollen wahrhaftig erleuchtet und von aller Blindheit des Herzens befreiet werden. Darum soll unser höchster Fleiß seyn, daS Leben Je- Jesu Christi zu betrachten. 2. Die kehre Christi iibertrist aller Heiligen Lehre; nnd wer den Geist Gottes hat, der findet darin das verborgene Manna. ES geschieht aber. Joh. 8, 12. 1 tÜWi 0 / daß viele vom öfter» Hören deä Evangelii wenig Begierde darnach fühlen; weil sie den Geist Christi nicht haben. Wer aber will die Worte Christi vollkommen genießen und verstehen, der muß sich bemühen, sein ganzes Leben ihm ähnlich zu machen. -i. Was nützet dir hohes Streiten über die Dreieinigkeit, so dir die Demuth mangelt, ohne welche du der Dreieinigkeit mißfällst? Hohe Worte machen wahrlich nicht den Heiligen und Gerechten; sondern ein tugendsam Leben machet Gott lieb. Ich will lieber wahre Zerknirschung empfinden, als zu sagen wissen, was sie ftp. Und ob du die ganze heilige Schrift auswendig wüßtest, und aller Weisen Sprüche, was hülfe dir dies alles, ohne GottcS Liebe und Gnade? Eitelkeit der Eitelkeiten? Alles ist Eitelkeit, *) ausser Gott lieben und ihm allein dienen. Das aber ist die höchste Weisheit, durch Vcrschmähung der Welt nach dem Reich GotteS trachten. 4. Darum isi's Eitelkeit, vergängliche Reich- thümer suchen und auf sie hoffen. Auch isi's Eitelkeit, nach Ehren trachten, und sich in hohen *) Pved. 1, 2, ' * - ^ 7 Stand erheben. Eitelkeit ist's, sich den Lüsten deS Fleisches ergeben, und das begehren, wodurch man sich in der Folge schwere Strafen zuziehet. Eitelkeit ist's, ein langes Leben wünschen, und um ein frommes Leben sich wenig bekümmern. Eitelkeit ist's, nur auf das gegenwärtige Leben achten, und nicht vorsehen, das was zukünftig ist. Eitelkeit ist's, dasjenige lieben, welches so gar schnell vorübergehet, und nicht dahin eilen, wo ewige Freude weilet. 5. Gedenke oft an den Spruch: das Auge stehet sich nimmer satt, und das Ohr höret sich »immer satt.*) Darum bemühe dich, dein Herz abzuziehen von der Liebe der sichtbaren Güter, und es zu erheben zu den unsichtbaren: denn die ihrer Sinnlichkeit folgen, beflecken ihr Gewissen, und verliehren die Gnade Gottes. ) Pred. 1, 8. 2. LapiLel. Von Geriiigschäßung seiner selbst. 1. Ein jeglicher Mensch ist von Natur wißbegierig; was hilft aber die Wissenschaft ohne Furcht Gottes? Wahrlich, ein demüthiger Dauer, der Gott dienet, ist besser denn ein stolzer Philosoph , der den Hinnnclslauf betrachtet, und sich selbst versäumet. Wer sich selbst recht erkennet, hält sich für geringe, und hat an Meuschenlob feinen Gefallen. Und hätte ich alle Weisheit der Welt, aber die Liebe nicht, waS hüls' eS mir vor Gott, der mich richten wird nach meinen Werken? 2. Laß ab von unmäßiger Wißbegier, denn es wird darin viel Zerstreuung und Betrug erfunden. *) Die, so viel wissen, wollen gern gesehen und für weise gehalten werden. Es gibt viel Dinge, die der Seele zu wissen wenig oder- gar nichts nütze sind. Und der ist sehr thoricht, der da trachtet nach andern Dingen, als nach 0 denen, die zu seinem Heil dienen. Viel Werte sättigen die Seele nicht, aber ein gottselig Leben erquicket dasGemüth, nnd ein rein Gewissen gibt große Zuversicht zu Gott. ^ 3. Je mehr du weißt, und je besser du es ein- stehest, desto strenger wirst du gerichtet werden, wenn du nicht desto heiliger lebest. Darum über- hcbe dich nicht einer Kunst oder Wissenschaft; sondern furchte dich vielmehr, um der Erkenntlich willen, die dir gegeben ist. Dünkct dich, daß du viel wissest und gründlich verstehest, so bedenke doch, daß es noch weit mehr Dinge gibt, die du nicht weißt. Darum wolle nicht das Hohe wissen, sondern bekenne vielmehr deine Unwissenheit. Warum willst du dich über andere erheben, da doch viel gelehrtere, und im Gesetz Gottes erfahrnere Männer als du, erfunden werden? Willst du etwas Nützliches lernen und wissen; so sep gerne unbekannt und für nichts geachtet. 4. Dies aber ist die höchste und nützlichste Wissenschaft: sich selbst recht erkennen nnd gering schätzen. Von sich selbst nichts halten, und von andern immer eine gute und hohe Mcpnung haben, das ist große Weisheit und Vollkommenheit. 10 Sähest du sogar stmand offenbar sündigen, o°der ein groß Laster begehen, so sollst du dich dennoch nicht für besser halten; weil dn nicht weißt, wie lange dn noch im Guten stehen kannst. Wir sind alle gebrechlich; dn aber sollst niemanden für gebrechlicher halten, als dich selbst. 3. Capitel. Von der Lehre der Wahrheit. 1. Selig ist, welchen die Wahrheit durch sich selbst unterweiset, nicht durch Gestalten und verhallende Worte, sondern wie sie an sich ist. Denn unsere Mepnungen und Sinne betrügen uns gar oft, und sehen wenig. Was hilft's, viel zu grübeln über verborgene und dunkele Dinge, um derentwillen wir nicht werden gestrafet werden am Tage des Gerichts, daß wir sic nicht wissen? Es ist eine große Thorheit, daß wir nachstreben vorwitzigen und schädlichen Dingen, und darüber 11 versäumen die nützlichen und nöthigen. Wir ha, den Augen und sehen nicht. 2. Was kümmern uns die Schulbegriffe von Geschlechtern und Arten? Zu welchem das ewi, ge Wort spricht, der wird vieler Meynungen ledig. Denn aus Einem Wort sind alle Dinge,*) und alle Dinge reden nur Eins: und dieses ist der Anfang, der auch zu uns'redet, **) ohne den nie, mand etwas verstehet, noch recht urtheilet. ***) Wem alle Dinge EinS sind, und der alle Dinge anfEinS beziehet, und alle Dinge in Einem flehet, der kann wohl ein beständig Herz haben, und fried, selig in Gott ruhen. O Gott, du Wahrheit! Mache mich mit dir Eins, in ewiger Liebe! ****) Viel lesen und Horen, ist mir oft zuwider; denn in dir ist alles, was ich will und begehre. Schweigen sollen alle Lehrer, stille fern vor deinem Angesicht alle Creaturen; du allein aber rede zu mir. *) I°h. 1, 3. **) Jot). 8, 25. im Griechischen und Lateinischen : „?rln- ' ^ul et loc^uor vvbis." ***) Joh. 1, S. *"*) J°h. 17, 23. 12 3. Je mehr ein Mensch mit sich selbst einig ist, und je einfältiger in seinem Innern, desto mehr und höhere Dinge wird er ohne Mühe verstehen; weil er von oben empfähct das Licht der Erkcnntnisi. Ein lauterer, einfältiger und beständiger Geist, wird durch viel Geschaffte nicht zerstreuet; weil er alles thut zu GotteS Ehre, und innerlich trachtet frei zu sepn von allem eigenen Gesuch. Was hindert und belästiget dich mehr, als deines Herzens uugetödtete Begierde? Der fromme und andächtige Mensch ordnet zuvor inwendig die Werke, die er äußerlich soll vollbringen. Sie reisien ihn auch nicht hin zu bösen Begierden, sondern er lenket sie nach dem Urtheil einer richtigen Vernunft. Wer hat wohl einen stärker» Kampf zu kämpfen, als der sich selbst zu überwinden trachtet? Und das sollte unser Geschäfft sevn: uns selbst überwinden, über uns selbst täglich stärker werden und im Guten etwas zunchmen. 4. Alle Vollkommenheit in diesem Leben, hat etwas Unvollkommenes an sich, und all' unser Forschen ist mit einiger Dunkelheit umgeben. Eine de- müthige Erkenntnist deiner selbst ist ein gewisserer Weg zu Gott, denn tiefes Forschender Wissenschaft. 1 ?. Doch soll man die Wissenschaft nicht tadeln, noch irgend eine unschuldige Erkenntniß eines Dinge», welche an sich betrachtet, gut und von Gott also geordnet ist; aber man soll allezeit vorziehen ein gut Gewissen und ein tugendhaft Leben. Denn viele bemühen sich mehr nm das Wissen als um ein gottselig Leben; darum irren sie oft, und trage» wenig oder fast keine Früchte. 5. O, möchten sie doch anwenden solchen Fleiß die Sünde zu tilgen, und die Tugend einzupflanzen, wie sie sich befleißigen unnütze Fragen aufzu- werfen; nimmer würde dann so viel Uebel und Aegerniß unter dem Volke, noch solche Zügellosigkeit unter den Geistlichen herrschen. Wahrlich, man wird uns am Tage deL Gerichts nicht frage», was wir gelesen , sondern waS wir gethan haben; nicht wie schön wir gesprochen, sondern wie fromm wir gelebt haben. Sage mir doch, wo sind jetzt jene Herren und Lehrer, die du fo wohl gekannt, da sie noch lebten und in ihrer Gelehrsamkeit blühcten? Ihre Einkünfte besitzen nun Andere, und ich weiß nicht, ob sie ihrer noch gedenken. In ihrem Leben schienen sie etwas zu scyn, nun aber 'chiveiget man von ihnen. 6. O, wie bald vergehet die Herrlichkeit der Welt! Möchte doch ihr Leben mit ihrer Wissenschaft übcreingestimmt haben! O, dann hätten sie wohl studirt und gelesen. Wie viele in dieser Welt gehen durch eitles Wissen in ihr Verderben, die sich wenig bekümmern um den Dienst Gottes! Und weil sie lieber erwählen groß zu sevn, denn demiithig, so kommen sie um in ihrem Dichten und Trachten. Wahrhaftig groß ist, der große Liebe hat. Wahrhaftig groß, der in sich selbst klein ist, und alle hohe Ehren für nichts achtet. Wahrhaftig weise ist, der alle irdische Dinge für Staub achtet, auf daß er Christum gewinne; *) und der ist wahrhaft wohl gelehrt, der Gottes Willen thut, und seinen eigenen Willen verläßt. 4. Capitel. Von Vorsichtigkeit im Handeln. 1. Glaube nicht einem jeglichen Worte und Antriebe; sondern prüfe vorsichtig und bedachtsam ei/ ') Phil. 3, 8. 1Ö ne jede Sache, nach GotteS Willen. Leider glauben und reden wir von andern lieber Böses denn Gutes: so schwach sind wir! Aber vollkommnere Männer glauben nicht leicht jeder Erzählung; denn sie wissen, daß die menschliche Schwachheit zum Bosen geneigt ist, und in Worten leicht strauchelt. 2. Es ist eine große Weisheit, in seinem Thun nicht übereilt seyn, noch hartnäckig bestehen auf eigenem Sinn. Hiezu gehöret auch daß man nicht jedes Menschen Wort Glauben beimesse, noch was man höret oder glaubet, alsbald andern wiedererzähle. Nehme Nath mit einen» weisen und gewissenhaften Manne, nud laß dich lieber von einem Frommeren belehre», denn daß du deinen eigenen Gedanken folgest. Ein frommes Leben macht den Menschen weise in Gott, und erfahren in vielen Dingen. Je dcmüthiger jemand in sich selbst, und je unterwürfiger er Gott ist, desto weiser und rußiger wird er sevn in allen Vorfällen. 16 s. Capitel. Vom Lesen der heiligen Schrift. 1 . In der heiligen Schrift muß man die Wahrheit suchen, nicht die Beredsamkeit. Man muß die heilige Schrift lesen in demselbigcn Geine, in welchem sie ist verfaßt worden. Wir muffen in derselben mehr den Nutzen suche», denn die Zierlichkeit der Rede. So muffen wir eben so gerne lesen, andächtige und kunstlos geschriebene Bücher, denn hohe und tiefsinnige. Laß dich auch nicht irren durch das Ansehen eines Schriftstellers, ob er unter die große» oder geringer» Gelehrte» gehöre; sondern allein die Liebe der lautern Wahrheit ziehe dich zum Lesen. Du sollst nicht fragen, wer es gesagt hat; sondern darauf merken, was gesagtwird. 2. Die Menschen vergehen, aber die Wahrheit Gottes bleibet ewiglich. *) Gott redet zu uns auf mancherlei Weise, ohne Ansehen der Person. Unser Torwitz hindert uns oft im Lesen der heiligen Stbrift, so wir daS wollen verstehen und erfor- Pü 117, 2. 17 scheu, was wir einfaltiglich sollten übergehen. Willst dn Nutzen schöpfen, so lies demüthig, einfältig und getreulich, und wolle niemals den Namen haben der Gelehrsamkeit. Frage gern, und höre stillschweigend die Worte der Heiligen; laß dir auch nicht mißfallen die Gleichnisse der Alten,*) denn nicht ohne Ursache haben sie dieselben gebraucht. 6. Lapitel. Von unordentlichen Begierden. 1. So oft der Mensch etwa? Unordentliches begehret, so wird er alSbald in sich selbst unruhig. Der Stolze und Geizige haben nimmer Ruhe; die Armen aber und Dennithigen im Geist, wandeln in der Fülle des Friedens. Ein Mensch, der sich selbst noch nicht vollkommen abgestorben ist, wird leicht angefochten und überwunden in kleinen und geringfügigen Dingen. Denn wer am Geiste schwach. ') Sir. 8, g. 11. 14 und einigermaßen »och fleischlich geil»»et ist, und zur Sinnlichkeit geneigt, der kann sich schwerlich von irdischen Begierden ganz und gar losreißen. Darum wird er oft traurig, wenn er sich denselben entziehet, und leicht unwillig, so ihm jemand widerstehet. 2. Wenn er aber auch das erlanget, was er begehret, so drückt ihn alsbald die Schuld seines Gewissens, weil er seiner Leidenschaft gefolget ist, die nicht zum Frieden hilft, den er gesucht hat. Daher wird wahrer Friede des Herzens nur gefunden im Widerstande der Leidenschaften, nicht aber in ihrem Dienste. Darum ist kein Friede im Herzen des fleifchlichgeflnntenMenschen, noch indem, der sich ergeben hat den äusserlichcn Dinge», sondern nur in dem inbrünstigen und geistlichen Menschen. *) Nc'.n. 8, 6. 19 7. CapiLel. Eitele Hoffnung und Hochmuth soll man fliehen. 1. Eitel ist, der seine Hoffnung setzet aufMen- schen oder andere Creaturen. Schäme dich nicht, um der Liebe Jesu Christi misten, andern zu dienen, und für arm gehalten zu werden, in dieser Welt. Stehe nicht ans dir selbst, sondern setze deine Hoffnung auf Gott. Thue so viel an dir ist, so wird Gott ftp» mit deinem guten Willen. Verlast duli nicht ans deine Wissenschaff. , noch auf irgend eines Menschen List; sondern vielmehr auf GotteS Gnade, welcher den Dcmüthigcn hilft, und die Hochmüthigen erniedriget. 2. Rühme dich nicht des ReichthumS, wenn du dessen besitzest, noch deiner Freunde, wenn sie mächtig sind; sondern rühme dich in Gott, der asteS gibt, und über alle Gaben, sich selbst »och geben null. Ueberhebe dich nicht der Große und Schönheit deines Leibes, welcher durch eine geringe Krankheit zerstöret und verwüstet wird. Gefaste dir nicht selbst in deiner Geschicklichkeit oder an- 20 gebohrnen Geistesgabe, auf daß du nicht Gott miß- fallest, von dein alles kommt, was du von Natur Gutes hast. 3. Achte dich nicht besser denn andere, aufdaß du nicht bei Gott für schlimmer gehalten werdest, der wohl weiß, was im Menschen ist. Sey nicht stolz auf deine guten Werke; denn Gott urtheilet anders, als die Menschen, welchem oft mißfallt, was den Menschen wohlgefallt. Hast du etwas Gutes, so glaube von andern noch Besseres, auf daß du die Demuth bewahrest. Es schadet nicht, wenn du dich allen Menschen nachsetzest; eS schadet aber viel, so da dich auch nur einem Einigen vor/ setzest. Mit dem Demüthige» ist beständiger Friede, aber im Herzen des Hochmüthigen ist oft Eifer und Unwille. 8. Lapitel. Wie man sich vor allzngroßer Vertraulichkeit hüten soll. 1. Offenbare dein Herz nicht einem jeden, *) sondern überlege deine Sache mit einem weisen 0 Sir. 8. 22. 21 und gotteSfürchtigen Manne. Halte dich selten zu jungen und fremden Leuten. Schmeichle nicht den Reichen, und erscheine nicht gerne vor den Großen. Geselle dich zu den Demüthigen und Einfältigen, zu den Andächtigen und Sittsamen, und unterhalte dich mit ihnen über erbauliche Dinge. Meide allen vertraulichen Umgang mit dem weiblichen Geschlechte, und befiehl insgemein alle fromme Weiber dem Herr». Allein mit Gott und seinen Engeln wünsche Gemeinschaft zu haben, und meide die Bekanntschaft der Menschen. 2. Liebe soll man haben zu allen Menschen, aber vertraulich sepn mit allen ist nicht nütze. ES trägt sich oft zu, daß ein unbekannter Mann durch ein gut Gerücht hervorlcuchtet, deß Ruhm jedoch, wenn er gegenwärtig ist, verdunkelt wird, in den Augen derer, die ihn scheu. Wir vermepncn manchmal andern zu gefallen durch unfern Umgang; da wir ihnen doch vielmehr mißfallen, durch die bösen Sitten, welche sie an uns wahrnehmen. 9. Capitel. Von dem Gehorsam und der Unterwerfung. 1. Es ist etwas Großes, im Gehorsam stehen, unter einem Vorgesetzten lebe», und nicht sein eigener Herr scpn. Es ist viel sicherer unterthan seyn, denn Vorgesetzter. Viel aber sind unter dem Gehorsam, mehr aus Zwang denn aus Liebe: diese gramen sich und murren leicht; werden auch nimmer erlangen die wahre Freiheit des Geistes, sie unterwerfen sich denn von ganzem Herzen, um Gottes willen. Gehe wohin du willst, so findest du doch keine Ruhe, als in demüthigcr Unterwerfung unter die Negierung eines Vorgesetzten. Die Vorstellung und Veränderung der Orte hat viele betrogen. 2. Es ist wahr, ein jeglicher handelt gern nach seinem eigenen Sinn, und neiget sich am meisten zu denen, die mit ihm gleiches Sinnes sind. So aber Gott unter uns ist, müssen wir auch unfern Sinn zuweilen fahren lasse», um des Friedens willen: denn wer ist so weise, der alle Dinge vollkommen wissen kann? Darum traue nicht zu viel -einem eigenen Sinn; sondern höre auch gern An- -erer Meynung. Ist -eine Meynung gut, und -u stehest davon ab, um Gottes willen, und folgest einem Andern, so wirst du dadurch desto mehr im Guten zunehmen. 3. Denn ich habe oft gehöret, es sey sicherer. Nach hören und annehmc», denn Nath geben. Und ob es wohl seyn kann, daß eines jeden Meinung gut ftv, so ist doch andern nicht nachgeben wollen, da es Vernunft oder Umstände erfordern, ein Zeichen des Stolzes und der Hartnäckigkeit. io. Capitel. Von Vermeidung überflüssiger Worte. 1. Hute dich, so viel du kannst, vor dem Getümmel der Menschen : denn in weltliche Geschüffte sich einlassen, hindert gar sehr, ob cS schon in einfältiger Meynung geschiehct. Denn wir werden bald durch Eitelkeit beflecket und gefangen. Ich wollte, daß ich öfter geschwiegen hätte, und wäre 2 * 24 nicht gewesen unter den Menschen. Warum aber reden und schwatzen wir so gern miteinander; da wir doch selten ohne Verletzung des Gewissens, znm Stillschweigen zurückkehren? Darum reden wir so gern miteinander, weil wir in der Unterredung einander zu trösten suchen, und unser Herz, das von vielen Gedanken ermattet ist, zu erleichtern wünschen. Auch denken und reden wir gern viel von dem, was wir sehr lieben und begehren, oder auch von dem, was uns widerwärtig ist. 2. Leider aber, ist alles daS eitel und vergeblich : denn diese änsserliche Tröstung ist nicht ein geringer Schade des inwendigen göttlichen Trostes. Darum sollen wir wachen und bethcn, daß uns d'ie Zeit nicht unnütz dahin gehe. Wo es zu reden erlaubt und nützlich ist, da rede von Dingen, die erbaulich sind. Die böse Gewohnheit, und die Vernachläßigung unserer Förderung, tragen viel bei zur Unbchutsamkeit unserer Zunge. Jedoch hilft eine andächtige Unterredung von geistlichen Dingen nicht wenig zu unserem geistlichen Wachsthum: vornehmlich wo sich in Gott versammeln, die Eines Sinnes und Geistes sind. *) *) Matth. 18, 20. 25 ii. Capitel. Wie man den Frieden erlangen, und in seiner Forderung eifrig seyn soll. 1 . Wir konnten vielFrieden haben, sowirunS nicht bekümmern wollten nm Anderer Worte und Werke, die uns nicht angehen. Wie mag der lange im Frieden bleiben, der sich in fremde Sachen mischet; der äusserliche Gelegenheiten suchet, und sich wenig oder selten innerlich sammelt? Selig sind die Einfältigen, denn sie werden viclFricdcn haben. 2. Warum sind etliche Heiligen so vollkommen gewesen, und zu einer solchen Beschauung gelangt? Weil sie sich bemühet haben allen irdischen Begierden gänzlich abzusterben: und darum konnten sie Gott mit ganzem innersten Herzen anhangcn, und sich frei mit sich selbst beschäftigen. Wir haben allznoiel zu thun mit unfern eigenen Leidenschaften, und bekümmern uns zu sehr um vergängliche Dinge. Auch überwinden wir selten ein Laster völlig, und werden nicht entzündet zu täglichem Fortgang: darum bleiben wir lau und kalt. 3. Wenn wir uns selbst wären vollkommen ab- 26 gestorben, und innerlich ganz und gar nicht verwickelt, so konnten wir auch göttliche Dinge verstehen , und von der himmlischen Beschauung etwas erfahren. Das größeste und einige Hindernis; ist, daß wir nicht frei sind von Leidenschaften und Begierden, und nnS nicht bemühen, zu betreten de» vollkommenen Weg der Heiligen. Denn wenn uns auch nur eine geringe Widerwärtigkeit begegnet, so werden wir gar zu bald kleinmüthig, und kehren uns zu menschlichen Tröstungen. st. Wenn wir uns aber bemüheten zu stehen im Streit wie starke Männer, wahrlich, wir würden über uns sehen, die Hülfe des Herrn vom Himmel. Denn er ist bereit zu helfen denen, die da streiten und hoffen ans seine Gnade: sintemal er uns Gelegenheit gibt zu streiten, auf daß wir überwinden. Wenn wir aber unsere Förderung im geistlichen Leben, allein setzen in die Beobachtung der äusserlichen Gebräuche, so wird unsere Andacht bald ein Ende haben. Darum lasset uns die Axt an die Wurzel legen, auf daß wir gerciniget werden von unseren Leidenschaften, und ein friedsclig Gemüth besitzen mögen. 5. Wenn wir alle Jahre auch nnr Eine Sün- de tilget«», so'würden wir bald vollkommene Männer werden. Nun aber finden wir oft im Ge- gcntheil, daß wir besser und reiner waren im Anfang unserer Bekehrung, denn viel Jahre nach getanem Gelübde. Unser Eifer und Fortgang im Guten sollte billig täglich wachsen: aber jetzt wird schon für groß geachtet, so jemand nur behalten kann einen Theil seines anfänglichen Eifers. Wollten wir uns im Anfang nur eine kleine Gewalt anthun, so würden wir in der Folge alles leicht und mit Freuden können ausrichten. 6. Schwer ist's alte Gewohnheiten ablegen, aber noch schwerer, gegen seinen eigenen Willen angehen. Ueberwindest du aber nicht- kleine und leichte Dinge, wie wirst du schwerere überwinden? Widerstehe im Anfänge deiner Neigung, und gewöhne dir ab die böse Gewohnheit, auf daß fie dich nicht allmählig führe in größere Beschwerniß. O, wenn du bedächtest, welchen Frieden du durch dein Wohlverhalten selbst gewinnen, und welche Freude du andern dadurch machen könntest, ich mev- ne, du würdest größere Sorge haben um deine geistliche Förderung. 28 12. Capitel. Vom Nutzen der Widerwärtigkeir. 1. Es ist uns gut, -aß wir zu Zeiten einige Beschwernisse und Widerwärtigkeiten haben; denn dadurch wird der Mensch oft wieder zu seinem Herzen zurückgerufen, damit er erkenne, daß er hie in der Verbannung lebe, und seine Hoffnung nicht setze ans die Dinge dieser Welt. Es ist auch gut, daß wir zuweilen Widerspruch leiden, und daß man uns für unvollkommen halte; ob wir gleich gut handeln, und eine gute Absicht haben. Eben dieses dienet uns oft zur Demuth, und behütet uns vor eitcler Ehre. Alsdann suchen wir desto eifriger Gott, den inwendigen Zeugen, so wir äußerlich von den Menschen für gering geachtet werden, und man nichts Gutes von unS glaubet. 2. Darum soll sich der Mensch in Gott dergestalt befestigen, daß er nicht nöthig hat, viel menschlichen Trost zu suchen. Wenn ein Mensch, der eines guten Willens ist, beängstiget, ange- fochten, oder durch böse Gedanken betrübet wird. 22 -ann wird er inrie, daß ihm Gott sehr nothwen- dig sei), und er erkennet, daß er ohne ihn nicht? Gute? vermag. AlSdann wird er betrübt, seufzet und bcthet wegen des Elendes, so er leidet; wird seines Lebens müde, und wünschet sich den Tod, damit er möge anfgelöset werden, und bei Christo ftp». Dann nimmt er wahr, daß keine vollkommene Sicherheit und völliger Friede, bestehen können in dieser Welt. 13. Capitcl. Wie man den Versuchungen widerstehen soll. 1. So lange wir in der Welt leben, können wir nicht sepn ohne Anfechtung und Trübsal. Daher stehet geschrieben im Buch Hiob: Des Menschen Leben ans Erden ist Versuchung. Darum soll ein jeglicher sorgfältig Acht haben auf seine Versuchungen, und wachsam scvn im Gebeth, aufdaß der böse Feind nicht Raum finde ihn zu betrügen; denn er schläft nimmer, sondern gehet umher, und suchet, welchen er per- I 30 schlinge. *) ES ist niemand so vollkommen und Heilig, der nicht zu Zeiten Anfechtungen habe, und mir können denselben nie ganz entgehen. 2. Jedoch find die Versuchungen dem Menschen oft sehr nützlich, obwohl stc ihm beschwerlich und drückend find: denn dadurch wird er qedemüthiget. geläutert und unterrichtet. Alle Heiligen find gegangen durch viel Trübsale und Versuchungen, und haben zugenommen. Die aber die Anfechtungen nicht tragen konnten, find verworfen und abtrünnig worden. Es ist kein Stand so heilig, noch ein Ort so verborgen, wo nicht Anfechtung und Widerwärtigkeit wäre. 3. So lange der Mensch lebet, ist er nimmer ganz sicher vor Versuchungen; denn rn uns selbst ist, wodurch wir versucht werden; weil wir ge- bohrcn find in sündlichcr Begierde. Und wenn eine Versuchung oder Trübsal aufhvret so kommt die andere; also daß wir immer etwas werden zu leiden haben: denn wir haben verlohnen das Gut unserer Glückseligkeit. Viele trachten den Versuchungen zu entfliehen, und fallen noch tiefer in dieselben. ) 1. Petr. 5, 3. 31 Durch dle Flucht allem können wir nicht überwinden, sondern durch Geduld und wahre Demuth werden wir stärker denn alle unsere Feinde. ü. Wer nur allein äußerlich die Versuchungen meidet, und niclit die Wurzel ausrottet, der wird wenig gefördert: ja sie kehren nur desto eher wieder, und er fühlet sie um so stärker. Durch Geduld und Langnnlth, wirst du sie allmählig mit Gottes Hülfe leichter überwinde», denn mit Härte und eigenem Ungestüm. Nimm oft Rath in deiner Anfechtung. Sen nicht hart gegen Ange- fochtene, sonder» gib ihnen Trost ein, wie du wünschest, daß dir geschiehet. 5. Aller bösen Versuchung Anfang, ist dielln- beständiakeit des GemüthS, und das kleine Vertrauen zu Gott. Denn gleich wie ein Schiff ohne Steuer von den Wogen hin und her getrieben wird; also wird ein läßiger Mensch, der von seinem Vorsatz abtäßt, mannigfaltig angefochtcn. Das Feuer bewähret das Eisen, und die Versuchung den Gerechten. Wir wissen oft nicht, was wir vermögen; aber die Versuchung macht offenbar, was wir sind. Doch müssen wir vornehmlich im Anfang der Versuchung wachsam sepn; denn alsdann wird der 32 Feind am leichtesten überwunden, so man ihn mit Nichten einlasset durch dieThüre desGemüthS, und ihm draußen widerstehet, sobald er anklopfet. Da.- her sagt jener Schriftsteller: Widerstehe dem Anfänge, sonst kommt die Arzenei zu spat. Denn anfänglich kommt ins Gcmüth ein bloßer Gedanke, dann eine starke Einbildung, darnach die Lust und die böse Begierde und Einwilligung. Also schleichet sich der böse Feind allmählig ganz ein in den Menschen, wo ihm nicht gleich im Anfänge widerstanden wird. Und je länger einer säumet ihm Widerstand zu thun, desto schwächer wird er täglich in sich selbst, der Feind hingegen immer stärker. 6. Etliche leiden die schwcresten Anfechtungen im Anfang ihrer Bekehrung; etliche am Ende; etliche aber haben eS übel ihr ganzes Lebenlang. Etliche werden nur gelinde angefochtcn, nach der Weisheit und Gerechtigkeit göttlicher Verordnung, welche erwäget der Menschen Zustand und Werth, und alles vorher bestimmt zum Heil seiner Aus- erwählten. 7. Darum sollen wir nicht verzagen, wenn wir angefochtcn werden: sondern desto inbrünstiger zu Gott bethcn, daß er uns seines Beistandes in aller 33 Trübsal würdig halte, welcher gewiß machen wird, wie Paulus spricht: daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß wir's können ertragen. *) Darum lasset uns in aller Trübsal und Versuchung, unsere Seele demiithigcn unter die Hand Gottes. **) Denn die dcmiithiges Geistes stnd, wird er erretten und erhöhen. ***) 8. In Versuchungen und Trübsalen wird der Mensch geprüfet, wie viel er im Guten zugenom- »icn; darin bestehet sein größerer Werth, und seine Tugend wird besser offenbar. Es ist nichts Großes, daß der Mensch andächtig und inbrünstig ist, wenn er keine Beschwernis; fühlet: so er aber zur Zeit der Widerwärtigkeit geduldig aushält, dann ist Hoffnung eines großen Fortganges. Etliche werden bewahret vor großen Versuchungen, und in den kleinen täglichen oft überwunden, auf daß ste gcdemüthiget werden, und nicht zu viel auf sich selbst vertrauen in großen Anfechtungen, die in so kleinen unterliegen. ') 1. Cer. 10, 13. ") 1. Petr. 5, 6. *") Ebend. 5, 5. 31 i4. Lapitel. Von Vermeidung leichtfertiger Urtheile. >. Kehre deine Augen ans dich selbst; und hüte dich zu richten über anderer Menschen Thun. Denn »rer andere richtet, der arbeitet vergeblich, irret oft, und versündiget sich leicht. Wer aber sich selbst erforschet und richtet, der arbeitet immer mit Nutzen. Gleichwie uns eine Sache am Herzen liegt, also ur- theilen wir gemeiniglich davon: denn das richtige Urtheil, gehet leicht über der Eigenliebe verlohren. Wenn aber Gott immer die reine Absicht wäre unseres Verlangens, so würden wir nicht so leicht beunruhiget werden, über den Widerstand gegen unser» Willen. 2. Oft lieget innerlich etwas verborgen, oder eS kommt auch etwas von aussen hinzu, welches unS in gleicher Weise anziehet. Viele suchen heimlich in allem, was sie thun, nur sich selbst, und wissen's doch nicht. Sie scheinen auch in gutem Frieden zu stehen, wenn alles nach ihrem Sinn und Willen gehet; geht cs aber anders als sie wünschen, so werden sie alsbald bewegt und traurig. Wegen Verschiedenheit des Sinnes uird der Mey- nung, entstehet oft Zwiespalt nnter Freunden und Mitbürgern, unter Geistlichen und frommen Seelen. 3. Alte Gewohnheit läßt sich schwerlich abge- gewöhnen, und über eigene Einsicht hinaus, will sich niemand gerne führen lassen. Stützest du dich mehr ans deine Vernunft und Klugheit, als ans die unterwerfende Kraft Jesu Christi, so wirst du selten und spät ein erleuchteter Mensch werden: denn Gott will, daß wir uns ihm vollkommen unterwerfen, und durch eine brennende Liebe alle Vernunft übersteigen. i6. Capitel. Von den Werken, die aus Liebe geschehen. 1. Keinem Dinge der Welt, noch irgend einem Menschen zu lieb, sollst du einig Böses thun. Aber zum Besten eines Bedürftigen, mag man zuweilen ein gutes Werk freiwillig unterlassen, oder 30 auch cm besseres thun an dessen Statt: denn dadurch wird das gute Werk nicht zerstöret, sondern in ein besseres verwandelt. Ohne Liebe ist ein äußerlich Werk nichts nütze: was aber aus Liebe geschie- het, wie gering und verachtet cs auch seyn mag, das wird ganz und gar fruchtbar. Denn Gott stehet mehr an die Geflnnung cineS Menschen, als das Werk, was er thut. 2. Der thut viel, der viel liebet; der thut viel, der eine Sache wohl thut; wohl thut der, welcher mehr dienet dem gemeinen Nutzen, denn seinem eigenen Willen. Oft scheinet etwas Liebe zu seyn, waS doch vielmehr nur fleischlicher Sinn ist: weil die natürliche Neigung, der eigene Wille, die Hoffnung der Wiedervergcltung, der Trieb zur Bequemlichkeit, selten aus dem Spiel bleiben. 3. Wer wahre und vollkommene Liebe hat, der suchet in keinem Dinge sich selbst, sondern wünschet nur, daß alles geschehe zur Ehre Gottes. Er neidet auch keinen, weil er keine eigene Freude verlanget: er will sich nicht in sich selbst freuen; sondern wünschet in Gott allein, über alle andere Güter, beseliget zu werden. Er schreibet auch niemand etwas Gutes zu, sondern führet alles zurück auf 37 Gott, von -em alle Dinge ursprünglich ausgehen, und in welchem alle Heiligen endlich im Genüsse ruhen. O, wer doch hatte ein Fünklein wahrer Lier be! wahrlich, der würde empfinden, daß alle irdische Dinge voller Eitelkeit find. 16. Capitel. Wie man Anderer Fehler mit Geduld tragen soll. 1. Was der Mensch an sich selber, oder an andern nicht bessern kann, soll er mit Geduld tra gen, bis Gott es anders ordnet. Denke, daß es vielleicht also besser sep zu deiner Prüfung und Geduld, ohne welche unsere guten Werke nur geringe Erwägung verdienen. Jedoch sollst du in solchen Hindernissen Gott bitten, daß er dich seines Beistandes würdige, damit du dieselben sanftmüthig ertragest. 2. So jemand, der ein - oder zweimal ermah- 38 net worden, nicht folget, mit dem sollst du nicht zanken, sondern es gänzlich Gott anheim stellen, auf daß sein Wille geschehe, und seine Ehre in allen seinen Dienern befördert werde; denn er kann wohl VöseS in Gutes kehren. Bemühe dich geduldig zu senn, in Ertragung mancherlei fremder Fehler und Schwachheiten; weil auch du derselben viele hast, welche andere ertragen müssen. Wenn dir dich nun selbst nicht machen kannst, wie du willst, wie verlangest du denn andere zu haben nach deinem Gefallen? Andere wollen wir gern vollkommen haben, unsere eigenen Fehler aber bessern wir nicht. 3. Wir verlangen, daß andere streng gezüchtiget werden; aber wir selbst wollen nicht gezüchtiget sevn. Uns mißfällt der Andern große Freiheit, und doch wollen wir nicht, daß man uns versage, waS wir bitten. Wir wollen gern andere durch Gesetze cinschranken; wir selbst aber wollen uns in keiner Weise weiter binden lassen. Dadurch wird also offenbar, wie selten wir unser» Nächsten beurthei- len, wie uns selbst. Wären alle vollkommen, was hätten wir dann von andern um Gottes willen, zu leiden? 4. Nun aber hat es Gott also geordnet, daß 39 wir lernen sollen einer deö Andern Last tragen;*) weil niemand ohne Fehler, niemand ohne Last, niemand sich selbst genug, und niemand für sich weise genug ist. Darum müssen wir einander tragen, einander trösten, einander helfen, unterweisen und ermahne». Wie groß aber eines jeglichen Tugend sev, wird am besten offenbar zur Zeit der Widerwärtigkeit: denn Gelegenheiten machen den Menschen nicht schwach, sondern zeigen nur, wer er scp. 17. Capitel. Von dem geistlichen Leben. 1. Du mußt in vielen Dingen lernen deinen Willen brechen, wenn du Frieden und Einigkeit halten willst mit andern. Es ist nichts Geringes, mit andern zusammen leben, ohne Klage mit ihnen umgehen, und in seiner Pflicht getreu bleiben bis in den Tod. Wohl dem, der in solchem Stande recht Gal. 6, 2 . "" lebet und glücklich vollendet. Willst du wohl bestehen, und im Guten znnehmcn, so betrachte dich als einen vertriebenen Pilger aufErden. Du mußt ein Thor werden, um Christi willen, so du willst ein geistlich Leben führen. 2. Das geistliche Kleid und sonstige äussere Auszeichnung, rhun wenig dazu; sondern die Besserung der Sitte», und die gänzliche Abtastung der Leidenschaften, machen den wahren Geistlichen. Wer etwas anderes suchet, denn allein Gott und seiner Seesen Heil, der wird nichts anderes finden, denn Trübsal und Leiden. Der kann auch nicht lange im Frieden stehen, welcher nicht trachtet zu scvn der Geringste und Unterwürfigste unter allen. 3. Du bist nicht hieher kommen zu herrschen, sondern zu dienen. Wisse, daß du bist berufen zum Leiden und zum Arbeiten, nicht zum Müssiggchen und Schwatzen. Denn hie werden die Menschen geprüfet, gleich wie das Gold im Ofen. Hie kann niemand bestehen, es sey denn, daß ersteh von ganzem Herzen demüthigen wolle, um Gottes willen. Von den Beispielen der heiligen Väter. 1. Betrachte die lebendigen Beispiele der heiligen Väter, ans denen herrorlenchtet die wahre Vollkommenheit nnd Gottesfurcht; so wirst du sehen, wie klein, ja wie fast gar nichts das ist, was wir thnn. Ach, waS ist unser Leben, wenn es verglichen wird mit dem ihrigen. Denn die Heiligen und Frennde Christi, haben Gott gedienet in Hunger und Durst, in Frost und Blöße, in Mühe und Arbeit, in Wachen und Fasten, in Bethen und heiligen Betrachtungen, in vielfältiger Verfolgung nnd Schmach. 2. O, wie viel und schwere Trübsale haben erlitten die Apostel, die Märterer, die Bekenner, die Jungfrauen und die Andern alle, die Christi Fuß- stapfen folgen wollten ! Denn sie haben ihr Leben in dieser Welt gehastet, auf daß sie cs in jener Welt möchten besitzen. O, welch ein streng und abgeschieden Leben haben die heiligen Väter geführet in der Wüste! Welche lange und schwere Anfechtungen haben sie ertragen! Wie vielfältig sind sie ge- 42 plaget worden vom bösen Feinde! Wie viel und inbrünstige Gebethe haben sie Gott dargebracht! In wie strenger Enthaltsamkeit haben sic gelebet Wie großen Eifer und Inbrunst haben sic gehabt zuzunehmen in der geistlichen Vollkommenheit! Wie schweren Kampf haben sie gekämpfet, zu Bezähmung ihrer sündlichen Begierden! Wie rein und unverrückt blieb ihre Absicht gerichtet auf Gott! Bei Tage arbeiteten sie, und die Nächte hindurch brachten sie zu in unablässigem Gebeth; obwohl sie auch in ihrer Arbeit, nimmer aufhöreten vom inwendigen Gebeth ihres Gemüths. 3. Ihre ganze Zeit brachten sie nützlich zu; jede Stunde ihrer Beschäftigung mit Gott, schien ihnen kurz zu sepn; und vor großer Süßigkeit der Beschauung, vergaßen sie sogar des Leibes „othdürftige Erquickung. Sie entsagten allen Neichthümern, Würden und Ehren, allen Freunden und Verwandten, begehrten nichts zu haben von dieser Welt, und nahmen kaum die unentbehrlichen Bedürfnisse des Lebens: dem Leibe selbst in seiner Nothdurft zu dienen, war ihnen schmerzlich. Darum waren sie arm an allem Irdische», aber sehr reich an Gnade und Tugend. Aeußerlich waren sie dürftig, inner- lich aber wurden sie erquicket mit göttlicher Gnade und Trust. st. Der Welt waren sie fremd, aber Gottes nahe und vertraute Freunde. Sie hielten sich selber gleichsam für nichts und von der Welt für verachtet; aber in Gottes Augen waren stetheuer und köstlich. Sie standen in wahrer Demnth, lebten in einfältigem Gehorsam, und wandelten in der Liebe und Geduld. Und darum nahmen sie täglich zn im Geiste, und erlangten große Gnade bei Gott. Sie sind aufgestellt zum Vorbilde allen Frommen, und sollen uns mehr anreizen zum Fortgang im Guten, denn diegroße Anzahl der Lauen zur Lässigkeit. 5. O, wie groß war der Eifer der Geistlichen im Anfang ihrer heiligen Einsetzung! Wie groß ihre Andacht im Gebeth! Wie groß ihre Nacheiferung in der Tugend! Wie strenge ihre Zucht! und welche Ehrerbietung und Gehorsam gegen die Vorschriften ihres Lehrers zeigte sich in allen. Die hinter- lassencn Spuren bezeugen noch heutiges TageS, daß sie gewesen sind wahrhaftig heilige und vollkommene Männer, die da ritterlich gestritten, und die Welt überwunden haben. Jetzt hält man den schon 44 schon für groß, der nicht die Gebote Übertritt, und der mit Geduld ertragen kann, was ihm auferleget ist. 6. O, der Lauigkeit und Lässigkeit unseres Standes, daß wir sobald sind abgewichen von dem ersten Eifer, und uns fast verdrießet zu leben vor Trägheit und Lauigkeit! Wollte Gott, daß der Fortgang der Tugend nicht so gar in dir schliefe, der du so viel Beispiele gottseliger Männer vor dir gehabt hast! *) 19. Capitel. Von den Uebungen eines guten Geistlichen. 1. DaS Leben eines guten Geistlichen soll hervorleuchten in allen Tugenden ; auf daß er ein Solcher scy innerlich, wie er äusscrlich scheinet vor den Leuten. Ja er soll billig innerlich noch viel mehr sepn, als wofür man ihn äusscrlich hält. Denn Gott schauet in unser Inneres, den sollen wiral- *) Hebe. 22, 1. 45 lenthalben aufs höchste verehren, und rein wandeln vor seinem Angesicht, gleich wie Engel. Täglich sollen wir erneuen unsern Vorsatz zum Guten, und uns erwecken zu einem inbrünstigen Eifer, gleich als ob wir uns heute erst bekehret hätten, und sollen bethen: Hilf mir, Herr mein Gott, in meinem guten Vorsatz und in deinem heiligen Dienst; und verleihe mir, noch heute vollkommen anzufangen, weil cs noch nichts ist, was ich bisher gethan habe. *) 2. Wie unser Vorsatz ist, also ist auch der Lauf unserer Förderung, und viel Fleiß ist dem noth, der im Guten will zunehmen. Unterlieget nun derjenige oft, der einen festen Vorsatz nimmt, wie wird's dem ergehen, der sich selten, oder nicht so fest etwas vornimmt? Nun geschiehst es aber auf mancherlei Weise, daß wir unsern Vorsatz verlassen ; und auch eine kleine Unterlassung unserer Ue- bunge», läuft nicht selten ab ohne einigen Schaden. Der Gerechten Vorsatz hängt mehr ab von der Gnade Gottes, denn von ihrer eigenen Weisheit: darum vertrauen sie auch immer auf ihn, in all ihrem ') Phil. 3, 12. 13. 14. SS». WWl»» 46 Vornehmen; denn der Mensch denkt'?, aber Gott lenkt'?, und des Menschen Weg stehet nicht in sei.' ner Gemalt. *) 3. Wird eine gewöhnliche Ucbung auö frommer Absicht, oder de? brüderlichen Nutzens wegen, bisweilen unterlassen, so kann das hernach leicht wieder eingebracht werden; unterlasset man sie aber leicht aus ttcberdrusi des Gcmüths, oder Nachläßig- kcit, dann ist es sträflich genug, und man wird empfinden, wie schädlich es ftp. Wir mögen uns bemühen, so viel wir können, dennoch wird cs »ns an vielem gebrechen. Doch sollen wir «ns immer etwas Gewisses vornehmen, insbesondere wider dasjenige, was unS am meisten hinderlich ist. Unser Aeusseres undInneres müssen wir auf gleiche Weift prüfen und ordnen; denn beides ist förderlich zu unserer Besserung. 4. Kannst du dich nicht anhaltend sammeln, so thn es doch zuweilen, und zum wenigsten einmal des Tages, nämlich Morgens, oder Abends. Am Morgen fasse deinen Vorsatz, am Abend untersuche deine Sitten, wie du den Tag über gewandelt hast Spr. 16, 9. in Worten, Werken und Gedanken: denn hierin hast du vielleicht oft gesündiget wider Gott und deinen Nächsten. Rüste dich wie ein Mann, wider die List des bösen Feindes. Bezähme die unmäßige Begier im Essen und Trinken, so wirst du desto leichter überwinden alle fleischliche Neigung. Sey iiimmcr ganz müßig; sondern lies entweder, oder schreibe, oder bethe, oder betrachte, oder arbeite zum gemeinen Wohl. Jedoch sind leibliche Uebun- gen mit Vorsicht vorzunehmen, und von allen nicht ans gleiche Weise. 5. Uebungen, die nicht gemeinsam sind, soll man nicht äußerlich zeigen; denn besondere Ucbnn- gen werden sicherer insgeheim verrichtet. Hüte dich jedoch, daß du nicht läßig seyst in den gemeinsamen Uebungen, und zu deinen besondern bereitwilliger: sondern wenn du ganz und treulich gethan hast, was du schuldig wärest und dir auf-- erleget wurde, und dann noch Zeit übrig bleibet, so kehre wieder zurück zu dir selbst, nachdem es deine Andacht verlanget. Nicht alle können einerlei Uebnng haben; denn dem Einen bienet dies mehr dem Andern daS. Auch sind nach Schicklichkeit der Zeit verschiedene Uebungen erforderlich: 48 denn etliche schicken sich mehr an Festtagen, etliche an gemeinen Tagen. Wir bedürfen anderer Uebnngcn zur Zeit der Versuchung, und anderer zur Zeit der Ruhe und des Friedens. Wir denken gern an andere Dingen, so wir traurig sind, und an andere, so wir fröhlich sind, in dem Herrn. 6. An den vornehmsten Festtagen soll man die guten Ucbungen erneuern, und Gott inbrünstiger aurnfen. Von einem Feste zum andern sollen wir unfern Vorsatz erneuern, als müßten wir ans dieser Welt wandern und znm ewigen Feste gehen. Darum müssen wir uns sorgfältig vorbereitcn in den Zeiten der Andacht, und andächtiger wandeln, und strenger wahrnehmen alle geistliche Ordnung, gleich als sollten wir in kurzer Zeit von Gott empfangen den Lohn unserer Arbeit. *) 7. Und so diese Zeit noch verzieht, müssen wir denken, daß wir noch nicht genugsam vorbereitet, und so großer Herrlichkeit noch nicht werth sind, die an uns wird offenbaret werden zur bestimmten Zeit; und sollen uns noch besser vorbereiten zu nn- serm Endc. Selig ist der Knecht (spricht der Evan- *) Luc. 6, 23. 49 gellst Lucas), *) -en der Herr, so er kommt, wachend findet. Wahrlich ich sage euch, er wird ihn über alle seine Güter setzen. 20. Capitel. Von der Liebe zur Einsamkeit und zum Stillschweigen. 1. Suche eine schickliche Zeit dich mit dir selbst zu beschäftigen, und gedenke oft a» die Wohlthaten Gottes. Fliehe den Vorwitz. Lies solche Bücher, die mehr dienen zu Beförderung der Neue, denn zur Beschäftigung. Wenn du dich enthältst des unnützen Geschwätzes, des müßigen Herumlaufens, und des Jagens nach Neuigkeiten und Gerüchten; so wirst du genügsame und gelegene Zeit finden, gute» Betrachtungen obzuliegen. Die größten Heiligen haben die menschliche Gesellschaft gemieden, wo sie Luc. 42, 37. 44. 50 konnten, und erwählet Gott im Verborgenen zu diene». 2. Ein Weiser sagte einst: So oft ich unter Menschen gewesen, bin ich weniger als Mensch zurück gekommen. Dieses erfahren wir oft, wenn wir lange miteinander geschwatzt haben. Es ist leichter ganz schweigen, denn im Reden Maas; und Ziel halten. Es ist leichter daheim verborgen bleiben, denn sich draußen genugsam bewahren. Darum, wer zum inwendigen und geistlichen Leben kommen will, der muß mit Jesu die Menge meiden. Niemand erscheinet sicher unter den Menschen, als der gerne verborgen lebt. Niemand redet sicher, als der gerne schweiget. Niemand stehetsicher andern vor, als der gerne untergeben ist. Niemand bestehlt sicher, als der wohl gelernet hat zu gehorchen. 3. Niemand freuet sich sicher, er habe denn in sich das Zeugniß eines guten Gewissens. Jedoch ist der Heiligen Sicherheit immer sehr gottesfürch- tig gewesen. Sie waren auch nicht weniger sorgfältig und demuthig in sich selbst; obwohl sie her- vorleuchtcten an großen Tugenden und Gnaden. Der Gottlosen Sicherheit aber entspringet aus Hoch- muth und Vermessenheit, und kehret sich am Ende 51 in Selbstbetrug. Versprich dir nimmer Sicherheit in diesem Leben, ob du gleich für einen frommen und gottseligen Mann gehalten wirst. 4. Oft sind, die in den Augen der Menschen die Frommsten waren, wegen zu vielSeblstvertrau- en in die größte Gefahr gerathen. Darum ists vielen nützlicher, daß sie nicht ganz ohne Versuchung bleiben, sondern öfter angefochten werden, damit sie nicht zu sicher scpn, und sich in Hochmut!) erheben, und zu leicht kehren mögen zu äußerlichem Tröste. O, wie ein gut Gewissen, würde der behalten, der nimmer eine vergängliche Freude suchte, und sich nimmer bekümmerte um die Welt. O, wie große Ruhe und Frieden würde der besitzen, der alle eitele Sorgen verließ, und nur gedächte a» heilsame und göttliche Dinge, und seine ganze Hoffnung auf Gott stellte! 5. Niemand ist würdig des himmlischen Trostes, es sep denn, daß er sich fleißig habe geübt in heiliger Zerknirschung. Willst du in deinem Herzen zerknirschet werden, so gehe in dein Käim merlein, und schließ aus alles Getümmel der Welt, wie geschrieben stehet: In eurem Kämmerlein be- 52 reuet eure Sünden. *) In deiner Kummer findest du, was du draußen oft verlichrest. Gewöhnest du dich darin zu bleiben, so wird sie dir ein süßer Aufenthalt; bist du aber selten darin, so wird sie dir lästig. Wenn du im Anfang deiner Bekehrung, ffcis- sig in ihr wohnest und ste wohl hütest, so wird sie dir hernach fern eine liebe Freundin» nnd eine angenehme Trösterin». 6. In der Stille und Ruhe wird eine andächtige Seele gefördert, und lernet verstehen die Geheimnisse der Schrift. Da findet sie Thränenbäche, in welchen sie sich alle Nächte wüschet und reiniget, auf daß sic mit ihrem Schöpfer in desto nähere Gemeinschaft komme, je entfernter sie lebet von allem Getümmel der Welt. Wer sich also abziehct von Freunden und Bekannten, dem wird sich Gott nahen mit seinen heiligen Engeln. Es ist besser verborgen sepn, und für seine Seele sorgen, denn Wunder thun und sich dabei versäumen. Einem frommen Manne ist's löblich selten ansgehen, nicht gerne sich sehen lassen, nnd auch andere Menschen.zu sehen vermeide». 7. Warum willst du sehe», was du nicht ha- ben darfst? Die Welt vergehet mtt ihrer Lust. *) Die flnnlichen Begierden reizen den Menschen zum Herumschweifen. Wenn aber die Stunde vergangen ist, was bringest du denn anders zurück, als ein beschwert Gewissen und ein zerstreut Gemiith? Ein fröhlicher Ausgang gebiert oft eine traurige Wiederkehr. Ein fröhlicher Abend bringet oft einen traurigen Morgen. Also hat alle fleischliche Freude einen lieblichen Anfang, aber am Ende bringet sie Pein und Verderben. Was kannst du auch anderswo sehen, das du daheim nicht flehest? Siche an den Himmel und die Erde, und alle Elemente; denn daraus flnd alle Dinge gemacht. 8. Was kannst du irgendwo sehen, das lange bestehen möge unter der Sonne? Du mey- nest vielleicht gesättigct zu werden, aber dahin wirst du nimmermehr können gelangen. Denn sähest du auch alle Dinge auf Erden, was wäre cs denn anders als eine eitele Erscheinung? Erhebe deine Augen zu Gott in der Höhe, und bitte für deine Sünde undHinläsigkeit. Laß den Eitel», was eitel ist, du aber richte dein Gemüth auf jene Dinge, die 1 . Loh. 2 , 17. 4 54 dir Gott geboten hat. Schließ die Thür hinter dir zu, und rufe zu dir Icsum, deinen Geliebten. Bleibe bei ihm in deinem Kämmerlein, denn du findest nirgend so großen Frieden. Wärest du nicht ausgegangen, und hättest Neuigkeiten gehöret, so würdest du besser geblieben sevn im guten Frieden. Sobald dich aber gelüstet zuweilen etwas Neues zu Horen, so mußt du auch darauf Beunruhigung des Herzens erfahren. 21. Lapitel. Von der Zerknirschung des Herzens. 1. Willst du im Guten zunehmen, so bewahre dich m der Furcht Gottes, und sep nicht gar zu frei; sondern halte deine Sinne in der Zucht, und überlaß dich nicht ausgelassener Frende. Gib dich hin der Zerknirschung deines Herzens, so wirst du Andacht finden. Die Zerknirschung bringet viel Güter, welche Zügettofigkeit bald wieder verliehret. Es ist ein Wunder, daß der Mensch, welcher er- wäget und bedenket seine Verbannung, und soviel Gefahren seiner Seele, in diesem Leben jemals kann recht fröhlich werden. 2 . lieber dem Leichtsinn des Herzens und der Vernachlässigung unserer Fehler, suhlen wir nicht die Schmerzen unserer Seele; sondern sind oft eitel genug zu lachen, wo wir billig sollten weinen. Es ist keine wahre Freiheit, noch rechte Freude, denn nur allein in der Furcht Gottes und in einem guten Gewissen. Wohl dem, der jedes Hinderniß der Zerstreuung von sich werfen, und sich sammeln kann zur Einigkeit einer heiligen Zerknirschung. Selig, der allem absagct, das sein Gewissen kann beflecken und beschweren. Streite männlich, Gewohnheit wird überwunden durch Gewohnheit. Weißt du von den Menschen zu lassen, so werden sie dich auch ungestört lassen in deinen; Thun. 3. Nimm dich nicht an Anderer Sachen, und verwickele dich nicht in die Händel der Großen. Richte allezeit zuvor deine Augen auf dich, und vor allen deinen liebsten Freunden, ermahne sonderlich dich selbst. Besitzest du nicht die Gunst der Menschen, so werde darum nicht traurig; aber das mag dich wohl drücken, daß du dich nicht so wohl und be- hutsanr hältst, wie es zu wandeln geziemet einem Diener Gottes und einem andächtigen Geistlichen. Es ist oft mehr nütze und sicherer, daß der Mensch nicht viel Trost habe in diesem Leben, sonderlich dem Fleische nach. Aber daß wir den göttlichen Trost nicht haben, oder so selten empfinden, ist unsere eigene Schuld; weil wir nicht suchen des Herzens Zerknirschung, noch auch gänzlich von uns werfen den citelen und äußeren Trost. ^.Erkenne, daß du unwürdig sepst des göttlichen Trostes und vielmehr viel Trübsal verdienest. Wenn der Mensch ist vollkommen zerknirschet, so ist ihm die ganze Welt eine bittere Last. Ein frommer Mensch findet Ursache genug zu traurcn und zu weinen; denn er mag sich selbst betrachten, oder an seinen Nächsten denken, so erkennet er, daßnic- mand hie ohne Trübsal lebet. Und je aufmerksamer er sich selbst betrachtet, desto trauriger wird er. Die Ursachen unseres gerechten Schmerzes, und unserer inner» Zerknirschung, sind unsere Sünden und Laster, in welchen wir so verwickelt liegen, daß wir selten himmlische Dinge betrachten können. 5. Gedächtest du öfter an deinen Tod, denn an ein langes Leben, so würdest du ohne Zweifel ernst- sicher deine Besserung suchen. Bedächtest du auch von Herzen die künftigen Strafen der Holle, so würdest du gerne erdulden Mühe und Schmerz, und dich vor keiner Beschwerniß fürchten. Weil uns aber alles dies nicht zu Herzen gehet, und wir immer noch lieben die sinnlichen Ergötzungen, so bleiben wir kaltsinnig und träge. 6. Oft ist eS nur Geistesarmuth, daß sich der der elende Leib so leicht beklaget. Darum bitte der müthig den Herrn, daß er dir geben möge den Geist der Zerknirschung, und sprich mit dem Pro- pheten: Speise mich Herr mit Thräncnbrot, und tränke mich mit großem Maß voll Thränen. *) 22. Lapitel. Von der Betrachtung des menschlichen Elends. 1. Du magst sepn wo du willst, und dich wem den wohin du willst, so du dich nicht zu Gott kehrest, bist du immer elend. Warum beunruhigest 53 du dich, wenn dir's nicht gehet nach deinem Wilsen und Verlangen? Wer ist wohl, der. alles nach seinem Willen hat? Weder ich, noch du, noch irgend ein anderer Mensch auf Erden. Niemand ist in der Welt ohne Trübsal und Plage, er sep König oder Papst. Wer ist, der es besser hat, als der um Gottes misten etwa? leiden kann? *) 2. Viel unoerstandige und schwache Menschen sagen oft: stehe, wie dieser ein so gut Leben hat! wie reich, wie groß, wie mächtig er ist, und wie hoch er stehet! Mer richte dein Herz auf die himmlischen Güter, so wirst du sehen, daß aste diese zeitliche Güter nichtig und gar unsicher und beschwerlich sind; weil man ste nie besitzen kann ohne Furcht und Sorge. Des Menschen Glückseligkeit bestehet nicht im Ueberfinß der zeitlichen Güter; sondern ein bescheiden Theil ist ihm genug. DaS Leben auf Erden ist ein wahres Elend; und je geistlicher ein Mensch seyn wist, desto bitterer wird ihm dieses Leben; weil er besser empfindet und klarer einstehet die Gebrechen menschlicher Verderbnis;. Denn essen, trinken, wachen, schlafen. *) Matth. 5, 10. 11. ruhen, arbeiten, und den übrigen Bedürfnissen der Natur unterworfen seyn, ist wahrlich ein groß Elend, und eine Plage dem Frommen, welcher gerne mochte erlöset und frei sepn von aller Sünde. 3. Denn durch die Bedürfnisse des Leibes wird der innere Mensch sehr beschweret, in dieser Welt. Darum bittet der Prophet andächtig, daß er von denselben möge befreiet werden, indem er spricht: Herr, führe mich aus meiner Noth. *) Wehe aber denen, die ihr Elend nicht erkennen! und zweimal wehe denen, die da lieb haben dieses elende und hinfällige Leben! Denn etliche hängen so fest daran, daß, ob sie gleich kaum ihre Noth- dürft haben durch Arbeit und Betteln, ste sich dennoch* nichts kümmern würden um das Reich Gottes, wenn sie immerdar hie leben könnten. 4. O, der unstnnigen und ungläubigen Herzen, die so tief im Irdischen liegen, daß sie an nichts Geschmack haben, denn nur an sinnlichen Lüsten! Aber diese Armen werden's noch schwer empfinden an ihrem Ende, wie verächtlich und nichtig das war, was sie so lieb hatten. Die Heili- -M' gen Gottes, und alle andächtige Freunde Christi achteten nicht auf die Dinge, die dem Fleisch ge- sielen, noch auf das, was im Ansehen stand in dieser Zeit, sondern ihre ganze Hoffnung und Absicht sehnete sich nach den ewigen Gütern. Ihr ganz Verlangen war aufwärts gerichtet nach den bleibenden und unsichtbaren Dingen, auf daß sie nicht durch die Liebe des Sichtbaren herabgezogen würden zu dem Irdischen. Verkehre doch nicht lieber Bruder, die Zuversicht zu deinem geistlichen Fortgänge; denn noch ist Zeitj und Stunde da. 5. Warum willst du deinen Vorsatz verschieben auf morgen ? Mache dich auf, und fange alSbald a», und sprich: Jetzt ist's Zeit zu wirken, jetzt ist'S Zeit zu streiten, jetzt ist's schickliche Zeit mich zu bessern. Wenn es dir übel gehet, und du betrübet wirst, alsdann ist's Zeit Gottes Gnade zu erwerben. Du mußt gehen durch Feuer und Wasser, ehe du zur Erquickung gelangest. Es sey denn, daß du dir Gewalt anthuest, so wirst du die Sünde nicht überwinden. So lange wir tragen diesen gebrechlichen Leib, können wir nicht seyn ohne Sünde, noch leben ohne Schmerz und Ueberdruß. Wir möchten gerne Ruhe haben von allem Elend; weil wir aber durch die Sünde verlohnen habe» unsere Unschuld, so haben wir auch die wahre Seligkeit eingebüßet. Darum müssen nur soll halten an der Geduld, und warten auf Gottes Barmherzigkeit, bis diese Verderbnis, vorübergehe, und die Sterblichkeit verschlungen werde von dem Leben. *) 6. O, wie groß ill die menschliche Gebrechlichkeit, die allezeit geneigt ist zur Sünde! Heute bekennest du deine Sünden, und morgen begehest du die bekannten wieder. Jetzt nimmst du dir vor, dich zu hüten, und über eine Stunde thust du wieder, als ob du dir nichts hättest vorgenommen. Weil wir nun so schwach und unbeständig sind, sollten wir uns billig demüthigen, und nimmer etwas Großes halten von uns selbst. Es kann auch gar bald verkehren gehen durch Nachlässigkeit, was man mit viel Mühe kaum endlich erlanget hat durch die Gnade. 7. Was wird noch am Ende aus unS werden, die wir schon so frühe lau sind? Wehe uns, *) 1. Cor. 15, 53 — 55. 2. Cor. 5, 4. wenn wir uns also schon zur Ruhe neigen wollen, als ob wir bereits Frieden hatten und Sicherheit; da doch in «nserm Wandel noch keine Spur erscheinet der wahren Heiligkeit! Es thäte wohl noth, daß wir gleich guten Jüngern, von neuem wieder angeführt würden zu bessern Sitten; ob vielleicht noch Hoffnung wäre zu einiger künftigen Besserung, und zu größerem geistlichen Wachs- thum. 2S. CapiLel. Von der Betrachtung des Todes. 1. Es ist hie gar bald um dich geschehen. Darum siehe zu, daß du ein ander Leben führest: denn heute ist der Mensch, und morgen tst er nicht mehr; und ist er aus den Augen, so ist er auch bald ans dem Sinn. O, des menschlichen Herzens'Gefühllosigkeit und Härte, das nur denket auf die Gegenwart, und nicht vielmehr vorsichet das Zukünftige '. Du solltest dich also verhalten in allen Ge- 63 danken und Werken, als ob du heute müßtest stcr- ben. Hattest du ein gut Gewissen, so wurdest du den Tod wenig fürchten. Es wäre besser die Sünde fliehen, denn den Tod. Bist du heute nicht bereit, wie wirst du eS denn morgen seyn? Morgen ist ein ungewisser Tag, und wie weißt du, ob du den morgenden Tag wirst erleben? 2. Was hilft's lange leben, so wir uns doch so wenig bessern? Ach, langes Leben bessert nicht immer, sonder» vergrößert oft nur die Schuld. Wollte Gott, daß wir nur Einen Tag wohl gewandelt hätten in dieser Welt! Viele zählen die Jahre ihrer Bekehrung, und doch ist oft geringe die Frucht ihrer Besserung. Jst's fürchterlich zu sterben, so ist's vielleicht noch gefährlicher, länger zu leben. Wohl dem, der immer vor Augen hat die Stunde seines Todes, und sich täglich zum Sterben anschicket. Hast du etwa einen Menschen sehen sterben, so gedenke, daß du auch wandeln wirst denselbigcn Weg. 3. Wenn der Morgen kommt, so stelle dir vor, das; du nicht zum Abend kommen werdest. Ist aber der Abend kommen, so versprich dir nicht den Morgen. Darum sey immer bereit, und lebe so, -aß dich der Tod nimmer unbereitet finde. Viele sterben plötzlich und unversehens: denn des Menschen Sohn wird kommen zu einer Stunde, da man's nicht mcpnet. *) Wenn nun die letzte Stunde kommen ist, so wirst du anfaugen, viel anders zu denken von deinem ganzen vergangenen Leben; und es sehr beklagen, daß du bist so lau und laßig gewesen. 4. Wie selig und weise ist, der sich bestrebet ein Solcher zu sepn in seinem Leben, als er wünschet im Tode erfunden zu werden! Denn die vollkommene Verschmähung der Welt, das inbrünstige Verlangen in der Tugend zuzunchmen, die Liebe zur Zucht und Ordnung, die Mühseligkeit der Buße, der willige Gehorsam, dieVerlaugnnng seiner selbst, und die Ertragung aller Widerwärtigkeiten, um der Liebe Christi willen, geben dem Menschen eine große Zuverficht selig zu sterben. Du kannst viel Gutes thun so lange du gesund bist; wirst du aber krank, so weiß ich nicht, was du vermögen werdest. Wenig Menschen werden durch Krankheit gebessert; wie auch die selten heilig werden, die viel wallfahrten. Matth/ 24, 44. 65 5. Setze nicht deine Zuversicht anfdeine Freunde und Verwandten, und verschiebe nicht dein Heil auf die Zukunft; denn die Menschen vergessen dein eher, als du mepncst. Darum ist's besser jetzt bei Zeiten dich vorsehen, und im voraus Gutes thun, denn auf Anderer Hülfe hoffen. Bist du jetzt nicht sorgfältig für dich selbst, wer wird dann in Zukunft für dich sorgen. Jetzt ist die Zeit sehr köstlich; jetzt sind die Tage des Heils; jetzt ist die angenehme Zeit. *) Ach, daß du diese nicht nützlicher anwendest, in welcher du erwerben kannst, wovon du ewig lebest! Es wird die Zeit kommen, daß du dir auch nur Einen Tag oder Eine Stunde wünschen wirst zu deiner Besserung, aber ich weiß nicht, ob du sie erlangen werdest. 6. Ans wie großer Gefahr, aus wie großer Furcht, würdest du dich erretten können, mein lieber Freund, wenn du nur stets befürchtet und auf deiner Huth wärest vor dem Tode! Bemühe dich also so zu lebe», daß du in der Stunde des Tode? dich eher könnest freuen den» fürchten. Lerne jetzt absterbeu der Welt, auf daß du alsdann an- *) 2. Cer. 6, 2. fangest zu leben mit Christo. Lerne jetzt altes verschmähen, auf daß du alsdann frei mögest zu Christo gehen. Züchtige jetzt deinen Leib durch Buße, aufdasi du alsdann haben mögest eine gewisse Zuversicht. 7. Ach du Thor, waS gedenkest du lange zu leben, da du keinen Tag sicher hast? Wie viel wurden betrogen, die unverhofft von ihrem Leibe geschieden sind! Wie oft hast du erzählen hören: der ist durch daS Schwert gefallen, der ist ertrunken, der stürzte von der Höhe hinab und kam um, der starb über Tisch, der über dem Spiel; ein Andererfand seinen Tod im Feuer, ein Anderer durch die Waffen, dieser durch die Pest, jener durch die Räuber. Also ist ihr aller Ende der Tod, und des Menschen Leben gehet schnell dahin, wie ein Schatten.*) 8. Wer wird deiner gedenken nach dem Tode, und wer wird für dich bitten? Darum thue jetzt, mein Lieber, thue jetzt, was du thun kannst: den» du weißt nicht, wen» dusterben wirst, weißtauch nicht, was dir folgen wird, nach deinem Tode. Weil du noch Zeit hast, so sammle dir unvergängliche Neichthümer. Gedenke-sonst an nichts, als an dein Heil, und sorge nur für das, was Got. *) Hiob 8, 9. 67 tes ist. Habe stets vor Augen die Heiligen Gottes, und folge ihren Werken, auf daß, wenn du scheidest von diesem Leben, du ausgenommen werdest in die ewigen Hütten. 9. Halte dich auf dieser Erde als einen Pilger und Fremdling, *) den der Welt Geschaffte nichts angehen. Behalte dein Herz frei und aufwärts zu Gott gerichtet; denn du hast hie keine bleibende Stätte. **) Dahin richte deine täglichen Gebethe, Seufzer und Thränen, aufdaß dein Geist nach dem Tode gewürdigct werde, selig zum Herr» hinüber zu gehen. Amen. 24. Lapitel. Vom Gericht und von der Strafe der Sünder. 1. In allen Dingen bedenke das Ende, und wie du bestehen werdest vor dem strengen Richter, 9 1. Pct. 2, 11. Hebe. 13, 14. 63 dem nichts verbergen ist, der nicht versöhnet wir- durch Geschenke, noch Entschuldigungen annimmt; sondern richten wird, was recht ist. O, du elender und thörichtcr Sünder, der du dich oft furchtest vor dem Angesicht eines erzürnten Menschen, was wirst du Gott antworten, der alle deine Sünden weiß? Warum flehest du dich nicht vor auf den Tag des Gerichts, da keiner durch den Andern kann entschuldiget oder verthcidiget werden, sondern ein jeglicher wird genug haben an seiner eigenen Last? Jetzt kann deine Arbeit noch fruchtbar, dein Weinen noch angenehm, dein Seufzen noch erhöret werden, und dein Schmerz dir noch zur Gcnugthuung und Reinigung dienen. 2. Ein groß und heilsam NcinigungSfeuer hat der geduldige Mensch, welcher, wenn ihm unrecht geschiehst, mehr beklaget des Andern Bosheit, denn seine eigene Kränkung; der gerne bctyct für feine Widersacher, und die Beleidigung von Herzen vergibt; der nicht verziehet andere um Vergebung zu bitten; der sich leichter erbarmet, denn erzürnet; der sich selbst oft Gewalt .'"thut, und sich bemühet sein Fleisch gänzlich dem Geiste zu unterwerfen. Es ist besser jetzt sich reinigen von seinen 69 Sünden, und dem Laster Einhalt thun, denn die Reinigung behalten auf die Zukunft. Wahrlich, wir betrügen uns selbst, durch die unordentliche Liebe, die wir zum Fleische haben. z. Was anders, als deine Sünden, wird jenes Feuer verzehren? Je mehr du dein jetzt schonest, und deinem Fleische folgest, desto härter wirst du hernach dafür leiden, und desto mehr Stoff behältst du für jenes Feuer. *) Worin der Mensch sündiget, darin wird er auch schwerer gestraft werden. Dort werden die Tragen angetrieben mit glühenden Spornen; und die Schlemmer geguälet mit großem Hunger und Durst. Dort werden die Ausschweifenden und Wollüstigen überschüttet mit brennendem Pech und Schwefel; und die Neidischen vor Schmerz heulen wie wütende Hunde. 4. Es ist keine Sünde, die nicht ihre eigene Qual haben wird. Die Hochmüthigcn werden dort überhäufet mit Schmach, und die Geizigen gedrük- ch Matth. 25, 30. 41. 46. Gal. 6, 8. Nöm, 2, 6. 5 ket von jämmerlicher Armuth. Da wird Eine Stunde schwerer sepn in der Pein, denn hie hundert Jahre in der schweresten Buße. Da ist für die Verdammten keine Ruhe, kein Trost: hie aber ruhet man zuweilen auS von der Arbeit, nndgenies- sct der Freunde Trost. Darum sep nun sorgfältig und beklage deine Sünden, auf daß du am Tage des Gerichts mögest sicher sepn mit den Seligen. Alsdann werden die Gerechten stehen in großer Beständigkeit, wider die, so sie haben gcangstiget und gedrückct. Alsdann wird der zu Gericht sitzen, *) welcher sich jetzt dcmüthig unterwirft dem Urtheil der Menschen. AlSdann wird große Zuversicht haben der Arme und Demüthige; aber der Stolze wird sich überall fürchten. 5. Alsdann wird man sehen, daß der ist weise gewesen in dieser Welt, der gelernet hat, um Christi willen ein Thor sepn, und verschmähet zu werden. Alsdann wird uns gar lieb sepn geduldig erlittene Trübsal, und alle Ungerechtigkeit wird verstummen müssen. Dann werden sich freuen alle Frommen, und alle Gottlosen trauern. Dann ') 1. Cor. 6, 2, 71 wird das gekreuzigte Fleisch mehr frohlocken, als wäre es immerdar genähret worden in Lüsten. Dann wird ein schlecht Kleid glänzen, und ein köstlich Kleid verdunkelt werden. Dann wird eine arme Hütte mehr gelten, denn ein übergoldeter Palast. Dann wird mehr Helsen eine standhafte Geduld, denn alle Macht der Welt. Dann wird mehr erhöhet werden ein einfältiger Gehorsam, denn alle weltliche Arglist. 6. Dann wird ein rein und gut Gewissen mestr erfreuen, denn gelehrte Weltweishcit. Dann wird die Verfchmähnng des Ncichthums mehr gelten, denn aste irdische Schatze. Dann wirst du mehr getröstet werden durch ein andächtig Gcbcth, denn durch ein köstlich Mahl. Dann wirst du dich mehr erfreuen deines Stillschweigens, denn eines langen Geschwätzes. Dann werden heilige Werke mehr gelten, denn viel schöne Worte. Dann wird ein strenges Leben und eine harte Buße mehr gefasten, denn aste irdische Ergötzung. Darum lerne hie kleine Leiden tragen, auf daß du dort mögest von größer» befreiet werden. Versuche hie erst, was du dort wirst vermögen. So du nun hie so wenig ertragen kannst, wie wirst du dort leiden kön- * 72 nen die eloige Pein? Macht dich hie ein klein Leiden so ungeduldig, was wird dann nicht die höl- tische Pein thnn? Siehe, du kannst wahrlich nicht zwiefache Freude haben, hie in dieser Welt dich ergötzen, und dort mit Christo herrschen. 7. Hattest du bis auf den heutigen Tag immerdar gelebet in Ehren und Lüsten, und müsstest zur Stunde sterben, was hülfe es dir alles? Darum ist alles Eitelkeit, auster Gott lieb haben, und ihm allein dienen. Wer Gott von ganzem Herzen liebet, der fürchtet weder Tod noch Marter, weder Gericht noch Holle: denn vollkommene Liebe bahnet einen sichern Zutritt zu Gott. Kein Wunder, daß der den Tod fürchtet und das Gericht, welchen die Sünde noch gelüstet. Wenn dich nun die Liebe noch nicht abhült vom Bösen, so ist's doch gut, daß dich zum wenigsten die Furcht vor der Hölle davon abschrecke. Wer aber die Furcht Gottes hintenansetzet, der kann nicht lange im Guten stehen, sondern wird desto schneller fallen in die Stricke des bösen Feindes. 2,5. Capitcl. Von ernster Besserung unseres ganzen Lebens. 1. Sey wachsam und fleißig im Dienste Gottes; und gedenke oft, wozu du dich begeben, und warum du die Welt verlassen hast. Jst'S nicht darum, daß du Gott lebctest und ein geistlicher Mensch würdest? Darum befleißige dich mit Eifer deiner Besserung; denn du wirst den Lohn deiner Arbeit bald empfangen, und wird hinfür bei dir weder Furcht noch Leiden sepn. Hie arbeitest du eine kleine Zeit, darnach aber wirst du große Ruhe, sa ewige Freude finden. Wirst du getreu und inbrünstig im Guten bleiben, so wird Gott auch ohne Zweifel getreu und reich seyn im Belohnen. Damit du aber die SiegeSpalme erringen wogest, mußt du eine gute Hoffnung behalten; aber nicht sicher sepn, auf daß du nicht trage werdest oder hochmüthig. 2 . ES war ein Mensch sehr beängstiget, und ward oft hin und her getrieben zwischen Furcht und Hoffnung. Der kam eines Tages ganz traurig in die Kirche, fiel daselbst im Gebcth nieder 74 vor dem Altar, und gedachte und sprach bei sich j 7, selbst, also: Ach, daß ich wüßte, ob ich noch würde k beständig bleiben! Und er hörctc alsbald eine gött- j ; liche Antwort inwendig sprechen: Wenn du das i ; nun wüßtest, was wolltest du dann tchun? Thue ^ L jetzt, was du alsdann thun wolltest; so wirst du ^ sicher seyn. Und alsbald hiedurch getröstet und ge- ^ ^ stärket, befahler sich dem göttlichenWillen: da höre- j " te die ängstliche Ungewißheit in ihm auf. Er wollte j s auch hinfort nicht mehr vorwitzig erforschen und ^ : wissen, was ihm künftig begegnen würde; sondern ^ ^ bemühete sich vielmehr zu erfahren, welches Got-; " tes wohlgefälliger und vollkommener Wille wäre,' um jegliches gute Werk anzufangen und zu jvoll- ^ bringen. k 3. Hoffe auf den Herrn, und thue Gutes (sagt h ? der Prophet). Wohne im Lande, so wirst du ernäh-t s ret von ftinem Uebcrsiuß. *) Eines ist, was viele! ^ abhält von ihrer Förderung und ernstlichen Besse- t rung, nämlich die Furcht vor Beschwerlichkeit oder ß M die Arbeit des Kampfes. Gleichwohl aber neh- men diejenigen vor andern am meisten zu in der! ^ ') Ps. 37, 3. Tugend, welche dasjenige männlich trachten zu überwinden, was ihnen am beschwerlichsten ist, und am meisten widerwärtig. Denn dcr Mensch nimmt eben da am meisten zu im Guten, und findet die großeste Gnade, wo er sich selbst am meisten überwindet, und im Geiste tvdtet. g. Es haben aber nicht alle gleichviel, daS sie überwinden, und dem sie absterben müssen. Dennoch wird ein »»ermüdeter Nachcifercr, ob er gleich mehr Leidenschaften zu überwinden hat, stärker zu- nchmcu, denn ein anderer wohlgefittetcr Mensch, der aber nicht so inbrünstig ist in dcr Tugend. Zwei Dinge dienen insbesondere zu einer großen Besserung: erstlich sich mit Gewalt dessen enthalten, wozu die Natur sündhaftcrweise geneigt ist; zweitens, eifrig dem Guten nachstrcben, des; man am meisten bedarf. Denn du mußt dich bemühen, dasjenige am meisten zu meiden und zu überwinden, welches dir an andern an; meisten mißfällt. 5. Suche überall deine Forderung; daß wenn du gute Beispiele stehest oder hörest, du dadurch zur Nachfolge entzündet werdest. Bemerkest du aber etwas, das sträflich ist, so hüte dich, daß du nicht eben dasselbe thust; oder wenn du es etwa schon ge- than hättest, so suche dich bald wieder zu besser». Denn gleichwie dein Auge andere bemerket, also wirst du hinwieder von ihnen bemerkt. Wie erfreulich und angenehm ist's doch, inbrünstige und andächtige, wohlgcssttete und ordnungsliebende Menschen . zu sehen! Wie traurig und drückend ist's hingegen , solche zu sehen , die einen unordentlichen Mandel führen, und nicht ausüben das, wozu sie berufen sind! Wie schädlich ist's den Zweck seines Berufs versäumen, und daS Herz zu solchen Dingen neigen, die uns nicht obliegen! 6. Sey eingedenk deines gefassten Vorsatzes, und stelle dir vor das Bild des Gekreuzigten. Wenn du anschauest das Leben Jesu Christi, so mochtest du dich wohl schämen, daß du dich noch nicht mehr beflissen, ihm ähnlich zu werden, obgleich du schon lange den Weg Gottes betreten hast. Ein geistlicher Mensch, der sich sorgfältig und andächtig übet in dem heiligen Leben und Leiden des Herrn, wird darin alles reichlich finden, was ihm nützlich und noth ist; und nicht bedürfen außer Jesu etwas Besseres zu suchen. O, wenn der gekreuzigte Jesus in unser Herz käme, wie so bald würden wir M lehrt genug seyn ! 77 7. Eüt inbrünstiger frommer Man», nimmt alles, was ihm anftrlegt wird, willig auf sich, und trägt es gerne. Ein nachläßiger und lauer hingegen, hat Plage über Plage, und leidet Angst von allen Seiten; denn ihm mangelt der innere Trost, nnd den äußeren darf er nicht suchen. Ein Frommer , der die Zucht verläßt, ist einem schweren Fall nahe. Wer Freiheit suchet und Erleichterung, wird immerdar in Aengsten sevn; denn bald mißfällt ihm dies, bald das. 8. Wie thun so viel andere fromme Leute, die in strenger Zucht leben? Sie gehen selten auS, und leben abgeschieden, sie essen ärmlich, sind schlecht gekleidet, arbeiten viel, reden wenig, wachen lange, stehen frühe auf, bethen ohne Unterlaß, lesen fleißig, nnd bewahren sich in aller Zucht. Sie stehen oft in der Nacht auf den Herrn zu loben. Darum wäre es eine Schande, daß du solltest laß werden in einem so heiligen Werke, da so viel fromme Seelen Gott loben und preisen. 9. O, daß wir nichts Anderes zu thun hätten, als den Herrn unseren Gott loben mit ganzem 78 Herzen und Munde! O, daß du nimmer bedürftest zu essen, zu trinken, oder zu schlafen, sondern immerdar konntest Gott loben, und nur allein obliegen den geistlichen Uebungen und Betrachtungen! Dann wurdest du glückseliger scvn, als jetzt, da du deinem Fleisch dienen mußt in allerlei Bedürfnis;. Wollte Gott, daß wir nicht nothig hätten dieser leiblichen Bedürfnisse; sondern nur allein der Seelen geistliche Speise, welche wir leider, selten genug kosten! 10. Wenn ein Mensch dahin kommt, daß er in keiner Creatur seinen Trost suchet, alsdann erst fängt er an, Gott vollkommen zu empfinden; alsdann ist er auch wohl zufrieden, mit allem, was ihm widerfährt. Dann wird ihn auch nichts Großes mehr erfreuen, noch etwas Kleines betrüben; sondern er setzet sich mit ganzem Gemüthe und Vertrauen in Gott, welcher ihm alles ist in allem; dem nichts vergehet noch stirbt; sondern dem alle Dinge leben, und zu dienen bereit find, auf einen Wink. i l. Gedenke stets an das Ende, und daß die verlohrene Zeit nicht wiederkehret. Ohne Sorge und Fleiß wirst du nimmermehr Tugend erlangen. 79 Wenn du anfängest lau zu werde», ft wird's dir «bel gehen. Ergibst du dich aber einem inbrünstigen Eifer, ft wirst du großen Frieden finden, m d die Mühe leichter fühlen, durch Gottes Gnade und die Liebe zur Tugend. Der inbrünstige, gottliebende Mensch, ist zu allem bereit. ES ist eine größere Mühe den Lastern und Leidenschaften widerstehen, denn im Schweiße des Angesichts körperliche Arbeiten verrichten. Wer kleine Fehler nicht vermeidet, fällt allmählig in größere. Hast du den Tag nützlich zugebracht, ft wirst du dich am Abend immer erfreuen. Wache über dich selbst, ermuntere dich selbst, ermahne dich selbst; und wie es auch um andere stehen mag, versäume du dich nur selbst nicht. Wie viel du dir selbst Gewalt anthust, so viel wirst du auch zunehmen im Guten. Amen. , Von der Nachfolge Christi. Zweites Buch. Ermahnungen zu einem inneren Leben. « '!->» '.lil i. Capitel. Von dem inneren Wandel. 1. §)as Reich Gotteö ist inwendig in euch, spricht der Herr. *1 Bekehre dich von ganzem Herzen zum Herrn, und verlaß dicse elende Welt, so wird deir ne Seele Ruhe finden. Lerne das Aenßere verschmähen , und begib dich zum Innern; so wirst du sehen das Reich Gottes in dich kommen: denn das Reich Gottes ist Friede und Freude in dem heiligen Geist, **) welches den Gottlosen nicht gegeben wird. Christus wird zu dir einkehren, und dir seinen Trost erzeigen, so du ihm im In- Luc. 17, 21. ") Rom. 14, 17. Gal. 5, 22. 84 nern wirst bereitet haben eine würdige Wohnung. Alle seine Herrlichkeit und Zierde ist von innen, und daselbst gefallt es ihm wohl. Er suchet öfter heim den inwendigen Menschen mit süßem Gespräch, mit angenehmem Trost, mit vielem Frieden, und gar wunderbarer Vertraulichkeit. 2. Wohlan, du getreue Seele, bereite diesem Bräutigam dein Herz, auf daß er dich würdige zu dir zu kommen und in dir zu wohnen. Denn also spricht er: Wer mich liebet, der wird mein ^ Wort halten, und wir werden zu ihm kommen, i und Wohnung bei ihm machen. *) So gib nun Christo Raum, und wehre allem klebrigen den Eingang. Wenn du Christum hast, so bist du reich, und hast genug an ihm. Er wird dein Fürsorger sepn, und in allem dein getreuer Sachwalter; auf daß du nicht nöthig habest auf Menschen zu hoffen: denn die Menschen ändern sich bald, und sind schnell dahin; Christus aber bleibet ewiglich, ! und stehet fest bei dir bis an's Ende. ! 3. Auf einen schwachen sterblichen Menschen soll man kein groß Vertrauen setzen; wäre er dir *) Joh. 14, 23. 85 auch noch so nützlich und lieb. Auch daraus keine große Detrübuiß nehmen, wenn er sich zuweilen dir widersetzet und widerspricht: denn die heute mit dir sind, können morgen wider dich sepn, und werden hinwiederum oft umgewendet wie der Wind. Stelle deine ganze Zuversicht auf Gott, er sep deine Furcht und deine Liebe. Er wird für dich antworten, und es wohl machen, wie es am besten sepn wird. Du hast hie keine bleibende Stätte, *) und wo du immer sepn magst, bist du ein Fremdling und Pilger, und wirst nimmer Ruhe finden, du sepst den» mit Christo inniglich vereiniget. 4. Was stehest du dich hi'e um, da dies doch nicht der Ort ist deiner Ruhe? Im Himmlischen soll deine Wohnung sepn, **) und alles Irdische sollst du nur anscyen, wie im Vorübergehe»: denn alle Dinge vergehen, und du zugleich mit ihnen. Siehe zu, das, du ihnen nicht auhängcst, damit d» nicht gefangen werdest und umkommest. Bei dem Allerhöchsten sep dein Gedanke, und dcin Ge- Hebr. 13, 14. **) Phil. 3, 20. 6 86 beth werde ohne Umerlerlaß zu Christo gerichtet. Ift'S dir nicht gegeben, zu betrachten hohe und himmlische Dinge, so ruhe in dem Leiden Christi, und wohne gern in seinen heiligen Wunden. Denn so du andächtig deine Zuflucht nimmst zu Jesu Wunden und köstlichen Wählzeichen, so empfindest du eine große Stärkung in Trübsalen, und wirst nicht viel achten der Menschen Geringschätzung, auch betrübende Worte der Verkleinerung leicht ertragen. 5. Christus war auch in der Welt verschmähet von den Menschen, und in der größten Noth von Bekannten und Freunden verlassen unter Schmach und Hohn. Christus hat wollen leiden und verschmähet werden, und du wolltest dich über etwas beklagen? Christus hat Widersacher gehabt und Widersprecher, und du wolltest alle zu Freunden haben und Wohlthätcrn? Woher wurde deine Geduld gckrönet werden, so dir keine Widerwärtigkeit begegnete? Wie kannst du ein Freund Christi seyn, so du nichts Widerwärtiges leiden willst? Leide mit Christo und um Christi willen, so du mit Christo herrschen willst. *) H Röm. 8, 17. 87 6. Wärest du einmal vollkommen eingegangen in das Innere Jesu, und hättest nur ein wenig gekostet von seiner brennenden Liebe; so würdest du nicht achten den eigenen Vortheil oder Nach- theil, sondern dich vielmehr frcnen der angethanen Schmach: denn die Liebe Jesu lehret den Menschen sich selbst verschmähen. Ein Freund Jesu und der Wahrheit, und ein wahrer innerer Mensch, der frei ist von unordentlichen Neigungen, kann sich frei zu Gott kehren, und sich über sich selbst erheben im Geist, und im Genüsse ruhen. 7. Der alle Dinge erkennet wie sie sind, und nicht wie man davon spricht, oder sie beurtheilet, ist wahrhaftig weise, und mehr von Gott gelehret denn von Menschen. *) Wer inwendig weiß zn wandeln, und die äußeren Dinge wenig zu achten, der sichet nicht auf den Ort, wartet auch nicht auf bestimmte Zeiten, seine Andacht zu verrichten. Der innere Mensch sammelt sich bald wieder, weil er sich nimmer ganz vermehret in den äußeren Dingen. Ihm ist die äussere Arbeit nicht h in der- *) 2°h. 6, 45. Jes. 54, 13. 6 * 88 lich, noch auch andere zu gewisser Zeit nöthige Geschaffte; sondern wie die Sachen Vorkommen, so bequemet er sich dazu. Wer inwendig ist wohl bestellt und geordnet, der achtet nicht des wunderlichen und verkehrten Treibens der Menschen. Der Mensch wird nur in so fern gehindert und zerstreuet, als er sich die Dinge anziehet. 8. Wenn es wohl um dich stunde und du recht gereiniget wärest, so würde dir alles zum Guten gereiche» und zur Förderung. Darum aber wird dir vieles mißfallen und oftmals dich beunruhigen, weil du dir selbst noch nicht vollkommen abgestorben und von allen irdischen Dingen abgeschieden bist. Nichts beflecket und verwickelt des Menschen Herz so sehr, als die unreine Liebe zu den Crea- tnreu. So du dich aber entziehest dem äußeren Tröste, wirst du die himmlischen Dinge betrach- ' ten, und oft innerlich frohlocken können/ 2. Lapitel. Von der demüchigen Unterwerfung. 1. Achte nicht groß, wer mit dir oder wider dich ist, sondern das thue und sorge, daß Gott mit dir sep, in allem was du thust. Habe ein gut Gewissen, so wird dich Gott wohl beschirmen. Denn welchem Gott helfen wist, dem wird keine Bosheit schaden können. *) Weißt du zu schweigen und zu leiden, so wirst du ohne Zweifel sehen des Herrn Hülfe. Er kennet Zeit und Weise dich zu befreien; darum sollst du dich ihm ergeben; denn ihm kommt es zu, zu helfen und zu befreien von aller Verwirrung. Es ist oft sehr nützlich zu Bewahrung größerer Demuth, daß andere unsere Fehler wissen und uns darüber strafen. 2. Wenn sich der Mensch seiner Fehler wegen demüthiget, dann besänftiget er ohne Mühe andere, und thut leicht genug denen, die ihm zürnen. Den Demüthigen beschirmet und erretet Gott; den Demüthigen liebet und tröstet er; zu dem De- 90 müthigen neiget er sich; dem Demüthigen gibt er große Gnade, und erhebet ihn nach seiner Unterdrückung zur Herrlichkeit. Dem Demüthigen offenbaret er seine Geheimnisse, und ziehet und ladet ihn freundlich zu sich. Der Demüthige ist auch nach empfangener Schmach in genügsamem Frieden ; denn er stehet in Gott und nicht in der Welt. Halte nicht dafür, daß du im Guten zugenommen habest, du achtest dich denn für dm Geringsten unter allen. I. Capitel. Von einem guten und friedfertigen Menschen. 1. Erhalte dich selbst zuerst im Frieden, alsdann wirst du auch bei andern Frieden stiften können. Ein friedfertiger Mensch nützet mehr, denn ein hochgelehrter. Ein leidenschaftlicher Mensch wendet auch das Gute zum Bösen, und glaubet leicht das Böse: ein guter friedfertiger Mensch aber wendet alles zum Guten. Wer in gutem Frie- 31 dm ist, der hat gegen niemand Argwohn; wer aber in Unfrieden ist und Unruhe, der wird beweget von mancherlei Argwohn: er selbst hat keine Ruhe, nnd lasset auch andern keine Nahe. Er saget oft, was er nicht sagen sollte; und unterlasset oft, waö ihm am nützlichsten wäre zu thnn. Er achtet fleißig auf daS, was andere zu thun schuldig sind, aber seine eigene Schuldigkeit versäumet er. Darum eifere zuvor über dich selbst, alsdann magst du auch mit Recht eifern über deinen Nächsten. 2. Du weißt wohl zu entschuldigen deine Handlungen , nnd ihnen zu geben einen guten Schein: aber Anderer Entschuldigungen willst du nicht an- nehmcn. Es wäre gerechter, daß du dich beschuldigtest, nnd entschuldigtest deinen Bruder. Willst du, daß man dich ertrage, so ertrage auch einen Andern. Siehe, wie fern du noch bist von der wahren Liebe und Demuth, welche über niemand kann zürnen, oder unwillig werden, denn allein über sich selbst. Es ist nichts Großes mit Frommen und Eanfmüthigen umgehen. Das gefällt von Natur allen Menschen; denn ein jeglicher hat gern Frie> den, und liebet am meisten die, so mit ihm eines 92 Sinnes sind. Aber im Frieden leben können mit hartherzigen und verkehrte», oder ungesitteten und uns widerstrebenden Menschen, das ist eine große Gnade, daS ist sehr lobcnswerth und männlich. 3. Es gibt Menschen, die mit sich selbst im Frieden sind, und auch mit andern Frieden hast te». Wieder andere gibt es, die weder selbst Frieden haben, noch andere im Frieden lassen: diese fallen andern beschwerlich, aber allezeit sich selbst noch beschwerlicher. Es gibt auch Menschen, die sich selbst im Frieden erhalten, und sich auch bemühen, andere zum Frieden zu bringen. Jedoch muß all' unser Friede in diesem elenden Leben, mehr gesetzet werden in ein demiithig Dulden, denn in die Befreiung von den Widerwärtigkeiten. Wer am beßten verstehet zu leiden, der wird den grosse.- sten Frieden habe». Ein Solcher ist fein eigener Ueberwinder, ein Herr der Welt, ein Freund Christi und ein Erbe des Himmels. 4. Capitel. Von einem reinen Gemüth und einfältiger Absicht. 1. Mit zwee» Flügeln wird der Mensch empor gehoben von allen irdischen Dinge», nämlich mit Einfalt und Lauterkeit. Einfalt soll fern in der Absicht, Lauterkeit in der Neigung. Einfalt zielet auf Gott, Lauterkeit erlanget und genießet ihn. Keine gute Handlung wird dich hindern, so du innerlich frei bist von aller unordentlichen Neigung. Wenn du nichts anders bezweckest und suchest als Gottes Wohlgefallen und deines Nächsten Nutzen, so wirst du genießen die innere Freiheit. Wäre dein Herz tugendhaft, so wäre dir alle Creatnr ein Spiegel des Lebens, und ein Buch der heiligen Lehre. Denn es ist keine Creatnr so klein und schlecht, welche nicht darstellete Gottes Güte. 2. Wärest du innerlich gut und rein, so würdest du alle Dinge sehen ohne Hinderniß, und sie wohl verstehen. Ein rein Herz durchdringet den Himmel und die Hölle. Wie ein jeglicher im Innern 94 ist, also urtheilet er auch im Aeußern. Wenn Freude ist in dieser Welt, dann besitzet ste gewiß ei» Mensch, der reines Herzens ist. Und so irgendwo Trübsal und Angst ist, so weiß dies am besten ein böses Gewissen. Gleich wie das Eisen, dasmanin's Feuer leget, den Nost vermehret, und ganz hellleuchtend wird, also ein Mensch, der sich ganz zu Gott kehret, wird von dem Leibe ausgezogen, und in einen neuen Menschen verwandelt. 3. Wenn der Mensch anfängt lau zu werden, so scheuet er die geringste Mühe, und empfanget gern äußerlichen Trost. Wenn er aber anfängt stch selbst vollkommen zu überwinden, und männlich zu wandeln ans dem Wege Gottes, so achtet er dieDin- ge gering, die ihm zuvor beschwerlich däuchten. 6. Lapitel. Von Betrachtung seiner selbst. t. Wir dürfen uns selbst nicht zu viel trauen; weil uns oft die Gnade und Erkenntniß man- gelt. Es ist ein kleines Licht in uns, und diese-s verkehren wir gar bald durch unsere Nachlässigkeit. Oft nehmen wir auch nicht einmal wahr, daß wir innerlich so blind sind. Oft handeln wir übel, und entschuldigen uns noch übler. Zuweilen werden wir beweget von der Leidenschaft, und halten es für frommen Eifer. Geringe Fehler tadeln wir an andern, und unsere eigenen größern übergehen wir. Was wir von andern leiden, empfinden wir bald genug, und halten es für schwer; wie viel aber andere von uns leiden, nehmen wir nicht wahr. Wer wohl und richtig erwöge seine eigenen Handlungen, der würde andere nicht so strenge richten. 2. Der innere Mensch setzet die Sorge seiner selbst allen andern Sorgen vor; und wer fleißig achtet auf sich selbst, der schweiget gerne von andern. Nimmermehr wirst du werden ein innerer, andächtiger Mensch; es scp denn, daß du von andern schweigest, und sonderlich sehest aufdich selbst. Wenn du dein Gemüth gänzlich richtest auf dich selbst und auf Gott, so wird dich wenig bewegen, was du von außen wahrnimmst. Wo bist du, wenn du dir selbst nicht gegenwärtig bist? Und hät- 96 tcst du die ganze Welt durchlaufen, was würde es dir nützen, so du dich selbst darüber versäumet hattest? Willst du Frieden haben und wahre Einigkeit, so mußt du alles hintcnansetzcn, und dich selbst allein vor Augen haben. 3. Daher wirst du viel zunehmen, so du dich frei erhältst von aller zeitlichen Sorge; und wirst sehr abnehmen, so du dich mit zeitlichen Dingen bekümmerst. Nichts scy dir groß, nichts hoch, nichts angenehm, nichts werth, denn nur allein Gott, oder was von Gott ist. Achte alles eitel, was dir auch könnte für Trost widerfahren von irgend einer Creatur. Eine Gott liebende Seele verschmähet alle Dinge, die unter Gott sind. Der ewige, unermeßliche Gott, welcher alles erfüllet, ist allein der Seele Trost, und des Herzens wahre Freudigkeit. 97 6. Capitel. Von der Freudigkeit eines guten Gewissens. 1. Der Ruhm eines guten Menschen, ist daS Zcugnifi eines guten Gewissens. Habe ein gut Gewissen, und du wirst allezeit fröhlich sepn. Ein gut Gewissen kann gar viel ertragen, und ist sehr fröhlich in Widerwärtigkeiten. Ein böses Gewissen ist immer in Furcht und Unruhe. Du wirst gar sanft ruhen, so dein Herz dir keinen Vorwurf machet. Freue dich nicht, als nur dann, wenn du hast Gutes gethan. Die Bösen können nimmer recht fröhlich sepn, und empfinden auch nicht den inner» Frieden: denn die Got vsen haben nicht Frieden, spricht der Herr. *) Und wenn sie sagen: Wir find im Frieden, über uns kommt kein Unglück; und wer darf uns schaden? so glaube ihnen nicht; denn der Zorn Gottes wird plötzlich über fic kommen, und ihr Thun zu nichte machen, und ihre Anschläge verderben. 2 . Sich rühmen in Trübsal, rst einein lieben- H 2es. 57, 21. W den Menschen nicht schwer; denn also sich rühmen, ist seinen Ruhm suchen im Kreuze des Herr». Kurz ist die Herrlichkeit, die von Mensche» gegeben und genommen wird; und die Herrlichkeit dieser Welt, wird immer begleitet von Traurigkeit. Der Frommen Ruhm ist in ihrem Gewissen, und nicht in dem Munde der Menschen. Der Gerechten Freude ist über Gott und in Gott; und ihre Fröhlichkeit ist über die Wahrheit. Wer suchet wahren und unvergänglichen Ruhm, der achtet nicht de» Zeitlichen; und wer suchet zeitlichen Ruhm, oder denselben nicht verschmähet von ganzem Herzen, der beweiset dadurch, daß er wenig liebet den himmlischen Ruhm. Große Seelenruhe hat der, welchen weder Lo'^ bekümmert noch Tadel. 3. Der ist leicht zufrieden und beruhiget, der ein rein Gewissen hat. Dn bist nicht heiliger, so du gelobet wirst, noch schlechter, so du getadelt wirst. Was du bist, das bist du: denn du magst nicht größer gehalten werden, als dn vor Gott bist. Wenn du wahrnimmst, was du bist in deinem Innern; so wirst du nicht sorgen was die Menschen von dir sagen. Der Mensch stehet an die That, Gott aber erwäget die Absicht. Alle<' SS zeit recht thun, und wenig von sich selbst halten ist ein Zeichen einer demüthigen Seele. Von keiner Creatur wollen getröstet werden, ist ein Zeichen einer großen Lauterkeit und inneren Zuversicht. 4. Wer für sich von außen kein Zeugniß begehret, der zeiget dadurch an, daß er sich habe Gott gänzlich befohlen. Denn nicht, der sich selber lobet, spricht der heilige Paulus, ist bewähret, sonder» den Gott lobet. *) Mit Gott inwendig wandeln, und keiner äußern Begierde anhängen, ist der Zustand eines innern Menschen. 7. Capitel. Von der Liebe Jesu über alles. 1 . Selig ist der Mensch, welcher weiß, was es sep, Icsum lieben, und um Jesu willen sich ') 2 . Cor. 10, 13. 100 selbst verschmähe!!. Man muß das Geliebte ver, lassen um deS Geliebten willen; weil JefuS allein über alles will geliebet sevn. Die Liebe der Crew tur ist betrüglich und unbeständig; aber die Liebe Jesu ist getreu und beständig. Wer der Creatur anhänget, der fällt mit dem Hinfälligen; wer sich aberhält anAefum, der stehet fest für und für. Liebe den, und halte dir zum Freunde den, der dich nicht verlasset, wenn alle von dir weichen, noch zugibt, daß du am Ende verderbest. Von allem Andern mußt du dereinst scheiden, du magst wollen oder nicht. 2. Halte dich bei Jesu, im Leben und im Sterben, und befiehl dich feiner Treue; weil er dir allein kann helfen, wenn alle dich verlassen. Cs ist deinem Geliebten eigen, daß er keinen Andern zu dir lasset; sondern allein will dein Herz haben, und wie ein König sitzen auffeinem eigenen Thron. JesuS würde gerne bei dir wohnen, so du dich nur gänzlich scheiden könntest von allen Crcaturen. Du wirst finden, daß alle Hoffnung, die du außer Jesu setzest auf Menschen, fast gänzlich verlohnen ist. Verlaß und stütze dich nicht auf ein Rohr, das vom Winde beweget wird: denn alles Fleisch IM ist wie Heu, und alle seine Herrlichkeit fällt dahin, wie die Blume des Grases. *) 3. Siehest du allein ans den äußeren Schein der Menschen, so wirst du bald betrogen werden: denn wenn du deinen Trost und Gewinn suchest in andern, so wirst du öfter Schaden leiden. Suchest du in allen Dingen Iesum, so wirst du auch gewiß Iesum finden; suchest du aber dich selbst, so wirst du auch dich selbst finde»; aber zu deinem Verderben. Denn wenn ein Mensch Iesum nicht suchet, so ist er sich selbst viel schädlicher, als ihm die ganze Welt scpn kann, und alle seine Feinde. 8. Capitel. Von der vertraulichen Freundschaft mit Jesu. 1. Wenn Jesus bei dir ist, so ist alles gut, und nichts scheinet dir schwer zu sepn; ist aber Jesus nicht zugegen, so fällt dir alles hart. Wenn ') 2-s. 40, 6. 7. 8. 7 102 Jesus innerlich nicht spricht, so ist aller Trost vergeblich; spricht aber Jesus nur Ein Wort, so empfindest du einen großen Trost. Stand nicht Maria Magdalena eilend auf von der Stätte, da sie weincte, als Martha ihr sagte: der Meister ist da, und rufet dich? *) Selig die Stunde, da Jesus rufet von den Thronen zur Freude des Geistes! Wie bist du fo dürre und hart ohneJefum! Wie so nnweise und eitel, so du etwas begehrest außer Jesu! Ist es dir nicht ein größerer Schade, als ob du die ganze Welt verkehrest? 2. Was kann dir die Welt geben ohneJefum? Ohne Jesum sepn, ist eine schwere Hvlleuquaal; aber bei Jesu sepn, ist ein süßes Paradis. Ist Jesus mit dir, so kann kein Feind dir schaden. Wer Jesum findet, der findet einen guten Schatz, ja ein Gut über alle Güter; wer aber Jesum verliehest, verliehrct sehr viel, ja mehr denn die ganze Welt. Wer ohne Jesum lebet, ist der Allerärmste; wer aber wohl mit Jesu stehet, ist der Allerreichste. z. Mit Jesu wissen zu wandeln, ist eine große g Loh. 11, 28. 1V?> Kunst, und Iesum wisst» zu behalten, eine große Weisheit. Sep demiithig und friedfertig, so wird Jesus mit dir fern. Sep andächtig und ruhig, so wird Jesus bei dir bleiben. Du kannst Iesum bald entfernen, und seine Gnade verliehre», so du dich »eigen willst zu äußeren Dingen. Wenn du ihn -aber entfernest und vermehrest, zu wen» willst du fliehen, und welchen Freund alsdann suche»? Denn ohne Freund kannst du nicht wohl leben-, und so Jesus nicht vor allen Andern dein Freund ist, so wirst du sehr traurig und trostlos seyn. Darum handelst du thoricht, so du auf einen Andern vertrauest, oder dich in ihm erfreuest. Erwähle lieber, die ganze Welt wider dich zu haben, als den beleidigten Iesum. Von allen deinen theuern Freunde», sep Jesus allein dein sonderlich Geliebter. 4. Man soll alle Menschen lieben um Jesu willen, Iesum aber um sein selbst willen. Man soll Iesum Christum allein insbesondere lieben: denn nur er allein wird gut und getreu erfunden vor allen Freunden. Um seinetwillen, und in ihm, seven dir sowohl Freunde als Feinde lieb und wcrtb. Und für alle diese soll man Iesum bitten. 104 das; sie ihn Mägen erkennen und lieben. Begehre nimmer, daß du sonderlich werdest gelobet undge- liebet; weil dies allein Gott gebühret, der seines gleichen nicht hat. Wolle auch nicht, daß sich jemand in seinem Herzen mit dir beschäftige; eben so wenig beschäftige du dich mit eines Andern Liebe; sondern es sep Jesus in dir, und in jedem frommen Menschen. 5. Scp rein und frei von innen, ohne Einmischung einiger Creatur. Du mußt bloß sepn, von allem, und Gott ein rein Herz bringen, so du willst frei sepn, und sehen wie lieblich der Herr sep. Und wahrlich, dahin wirst du nicht gelangen, er komme dir denn zuvor mit seiner Gnade, und ziehe dich an sich; damit du befreiet und entbunden von allen Dingen, allein mit ihm, dem Alleinigen, vereiniget werdest. Denn wenn die Gnade Gottes zu dem Menschen kommet, so wird er vermögend zu allen Dingen: weichet sie aber von ihm ab, so wird er arm und schwach, und gleichsam der Strafe anheim gegeben. Darüber soll er aber nicht fleinmüthig werden, noch verzweifeln; sondern dem Willen GotteS gleichmüthig stille halten, und alles, waS über ihn kommet, standhaft I«5 tragen zum Lobe Jesu Christi: Denn nach dem Winter kommt der Sommer, nach der Nacht kehret der Tag wieder, und nach dem Sturm große Heiterkeit. 9. Capitel. Von dem Mangel alles Trostes. 1. Menschlichen Trost verschmähe», so wir den göttlichen besitzen, ist nicht schwer: aber göttlichen und menschlichen Trost zugleich entbehren, und zu GotteS Ehre gern deZ Herzens Verbannung tragen wollen, und in keinem Dinge sich selbst suche», noch auf eigen Verdienst sehen, ist groß, ja sehr groß. Was ist's Großes, daß du fröhlich und andächtig bist, wenn die Gnade kommt? Diese Stunde ist allen angenehm. Der reiset gar sanft, den die Gnade Gottes traget. Was Wunder, daß der keine Last suhlet, der getragen wird von dem Allmächtigen, und gefiihret wird von dein höchsten Führer? 106 2. Wir haben gern etwas zum Tröste, und schwerlich wird der Mensch von ihm selbst ausge- zagen. Der gottselige Marterer Laurentius hat die Welt überwunden und auch seinen Priester; weil er alles verschmähete, was in der Welt ergötzlich schien, und um der Liebe Christi willen, gelassen ertrug, daß der oberste Priester Sixtus, den er sehr liebte, ihm entrissen wurde. So hat er also durch die Liebe des Schöpfers, überwunden die Liebe zu einem Menschen, und für menschlichen Trost, lieber erwählet Gottes Wohlgefallen. Also lerne du auch einen Verwandten und lieben Freund verlasse», um der Liebe Gottes willen. Auch laß eS dir nicht schwer fallen, so du verlassen wirst von einem Freunde; da du weißt, daß wir endlich» alle von einander scheiden müssen. 3. Der Mensch muß viel und lange in sich kämpfen, bevor er lernet sich selbst völlig überwinden, und seine ganze Neigung aufGott richten. Wenn der Mensch allein auf sich selbst stehet, so verfällt er leicht auf menschlichen Trost; aber ein wahrer Freund Christi und eifriger Anhänger der Tugend, verfällt nicht auf solchen Trost, und suchet auch nicht dergleichen angenehme Empfindungen; 107 sondern will lieber strenge Hebungen und schwere Mühseligkeiten, um Christi willen, ertragen. 4. Darum so dir von Gott gegeben wird geistlicher Trost, empfange denselben mit Danksagung; wisse aber, daß es Gottes Gabe sey, und nicht dein Verdienst. Erhebe dich also nicht, freue dich nicht zu sehr, und habe auch keine eitele Anmas- snng; sondern sep vielmehr desto dcmüthiger, nm der Gabe willen, und desto behutsamer und vorsichtiger in all' deinem Thun: denn diese Stunde gehet vorüber, und darnach folget die Versuchung. Wenn dir der Trost genommen wird, so verzage nicht alsobald; sondern warte mit Demuth und Geduld der himmlischen Heimsuchung: denn Gott ist mächtig genug, dir zu geben einen noch größeren Trost. Dies ist nicht neu noch fremd denen, die erfahren haben den Weg Gottes: denn solcher Wechsel ist gar oft gewesen bei den großen Heiligen und alten Propheten. 5. Darum sagt einer derselben, da die Gnade noch bei ihm war: Ich aber sprach, da mir's wohl ging: ich werde nimmermehr darnieder liegen. Mas er aber in sich erfahren, als die Gnade von ihm gewichen, setzt er hinzu, und sagt ferner: 103 Aber da du dein Angesicht von nur abwandtest, erfchrack ich. Indeß verzaget er dennoch nicht, sondern bittet den Herrn nur noch inständiger, und spricht: Ich will zu dir rufen, Herr; zu meinem Gott will ich flehen. Endlich erlanget er die Fr ucht seines Gebcths, und bezeuget, daß er erhöret sep, indem er spricht: Der Herr hat mich erhöret, und hat stch mein erbarmet: der Herr ist mein Helfer worden. Worin aber? Du hast, spricht er, meine Klage verwandelt in Frohlocken, und mich mit Freuden umgürtet.*) Ist solches aber geschehen bei großen Heiligen, so müßen wir arme und schwache Menschen nicht verzagen, wenn wir bisweilen inbrünstig, bisweilen kalt sind: denn der Geist kommet und gehet wieder, nach seinem Wohlgefallen. Daher sagt Hiob: Du suchest ihn heim in der Frühe, und prüfest ihn plötzlich. **) 6. Worauf kann ich denn hoffen, worauf soll ich vertrauen, als nur allein auf die große Barmherzigkeit Gottes, und auf die einige Zuversicht verhimmlischen Gnade? Denn was helfen mir from- *) Ps. 30, 7. 8. 9. 11. 12. ") Hiob 7, 18. E me Mensche», andächtige Mitbrüder, getreue Freunde, heilige Bücher, schöne Abhandlungen, liebliche Lieder und Lobgesänge, wenn ich von der Gnade gewichen, und überlassen bi» meiner eigenen Ar- inuth? Alsdann ist kein besser Mittel als Geduld, Verläugnung seiner selbst, und Ergebung in den Willen Gottes. 7. Ich habe noch keinen frommen und andächtigen Menschen gefunden, dem nicht zuweilen die Gnade wäre entzogen worden, und der nie empfunden hätte eine Abnahme seiner Inbrunst. Kein Heiliger ist je so hoch entzückt und erleuchtet gewesen, der nicht früher oder später wäre versuchet worden. Der ist nicht würdig der hohen Beschauung GotteS, welcher nicht um Gottes willen genbet worden ist in einiger Trübsal. Denn die vorhergehende Anfechtung, pfleget ein Zeichen zu seyn der nachfolgenden Tröstung. Denen, die durch Versuchung bewähret sind, ist verheißen himmlischer Trost: Wer überwindet, sagt die Schrift, dem will ich zu essen geben von dem Baume des Lebens. *) 8. Dazu aber wird der göttliche Trost gegeben. Offenb. 2, 7. L Iw damit der Mensch stärker fey Widerwärtigkeiten zu tragen. Es folget auch darauf Anfechtung, damit er sich nicht überhebe des Guten. Denn der Feind schläft nicht, und das Fleisch ist noch nicht gestorben. Darum laß nicht ab, dich zu rüsten zum Kampfe; denn eS sind Feinde zur Rechten und zur Linken, die nimmer ruhen. io. Lapitel. . Von der Dankbarkeit für die Gnade Gottes. 1. Warum suchest du Ruhe, da du doch geboh- ren bist zur Arbeit? Stelle dich mehr ans Geduld, denn auf Trost, und mehr anf Krenz, denn auf Frende. Denn welcher weltliche Mensch empfing nicht gerne geistlichen Trost und Frende, so er sie immer könnte erhalten? sintemal der geistliche Trost weit übertrift alle weltliche Frende», und Lüste des Fleisches. Denn alle weltliche Freuden sind entweder eitel, oder schändlich; die geistlichen Frenden aber sind allein angenehm und ehrbar; weil 111 sie sind anS der Tugend gebehren, und von Gott eingegossen den reinen Seele». Niemand aber kann diesen göttlichen Trost allezeit genießen nach seiner Neigung; denn die Zeit der Versuchung bleibet nicht lange aus. 2. Gar hinderlich aber ist der himmlischen Heimsuchung die falsche Freiheit desGemüths, und das große Selbstvertrauen. Gott thut wohl, daß er die Gnade des Trostes gibt; aber der Mensch thut übel, wenn er Gott nicht alles erwiedert mit Danksagung. Und darum können uns nicht zufließcn die Gaben der Gnade, weil wir undankbar sind gegen den Geber, und nicht alles wieder ergießen in die Urquelle. Denn dem, der würdig dafür danket, wird immer Gnade verliehen, und einem Hoch- müthigcn wird genommen, was einem Demüthigen wird gegeben. 3. Ich will den Trost nicht, der mir nimmt meine Herzenszerknirschung, noch strebe ich nach der Beschauung, welche zum Hochmuth führet. Denn nicht alles Hohe ist heilig, noch alles Angenehme gut, noch jedes Begehren rein, noch alles Gott angenehm, was uns lieb ist. Gern empfange ich die Gnade, wodurch ich stets demüthi- 112 gcr und behutsamer, und mich selbst zu verlassen, bereitwilliger werde. Wer belehret ist durch daS Geschenk der Gnade, und unterwiesen durch die Strafe ihrer Entziehung, der wird sich selbst nichts Gutes znschreibc» dürfen; sondern sich vielmehr bekennen müssen als arm und bloß. Gib Gott, was Gottes ist, und schreibe dir zu, was dein ist: daS ist, sage Gott Dank für die Gnade; dir aber ullein erkenne die Schuld zu, und derselben verdiente Strafe. 4. Begib dich allezeit Mt Niedrigsten, so wird dir das Höchste gegeben werden; denn daS Höchste bestehet nicht ohne daß Niedrigste. Die höchsten Heiligen vor Gott, sind die.Geringsten in ihren eigenen Augen; und je herrlicher, je demüthiger sind sie in sich selbst: denn die voll sind der Wahrheit und der himmlischen Herrlichkeit, sind nicht eitler Ehre begierig. In Gott gegründet und befestiget, mögen sie in keiner Weise übermüthig seyn. Und die Gott alles zuschrciben, was sie haben Gutes empfangen, die suchen nicht Ehre von einander; sondern wollen nur die Ehre, die von Gott allein ist. *) Sie begehren, daß Gott in ih- «) 2oh. 5, 44. h neu und tn allen Heilige» Wer alle? gelobet wer- I . -e, und darnach trachten sie allezeit, i 5. Sey also dankbar für das Geringste, so ! wirst du auch würdig sepu Größeres zu empfangen. ^ Laß dir das Geringste das Grvßeste sepn, und das - Verächtlichste achte für eine sondere Gabe. Wenn st' man ansiehet die Würdigkeit des Gebers, so wird keine Gabe klein scheinen oder schlecht: denn daS ! ist nicht klein, waS vom höchsten Gott gegeben wird. Auch wenn er Strafen und Züchtigungen z schicket, so soll es unS doch angenehm scpn; denn E er thut alles um unseres Heils willen, waS er ^ auch über uns kommen lasset. Wer die Gnade Got«. s tes will behalten, der ftp dankbar, für die gegebe- j ne Gnade, und geduldig, so sie ihm entzogen wird. ^ Er bitte, daß sie wiederkehre, und sep behutsam und demüthig, damit er sie nicht wieder verliehre. 114 ii. CapiLel. Von der geringen Anzahl der Freunde des Kreuzes Christi. 1. Jesus hat jetzt viel Freunde seines himmlischen Reiches, aber wenig, die sein Kreuz tragen. Er hat viel, die seinen Trost, aber wenig, die seine Trübsal verlangen; viel Genosse» seines Tisches, aber wenig Genossen seiner Enthaltsamkeit. Alle wünschen sich mit ihm zu freuen, aber wenige wollen etwas leiden um seinetwillen. Viel folgen Jesu nach bis zum Brechen des Brotes, aber wenig bis zum Trinken des Kelchs seiner Leiden. Viel verehren seine Wunder, aber wenig folgen der Schmach des Kreuzes. Viel haben Je- sum lieb, so lange ihnen keine Widerwärtigkeit begegnet. Viel loben und preisen ihn, so lange sic einigen Trost von ihm empfangen; verbirgt sich aber Jesus, und verlasset sie nur ein wenig; so fallen sie entweder in Klage, oder in allzu große Klcinmüthigkeit. 2. Die aber Jesum lieben um Jesu willen, IIS ! und nicht ihres eigenen Trostes wegen, die preise» ihn in aller Trübsal und Herzensangst, gleichwie in dein höchsten Tröste. Und ob er ihnen auch nimmermehr Trost senden wollte, so würden sie ihn ^ dennoch allezeit loben und ihm danksagen, j 3. O, wie viel vermag die reine Liebe zu Zesu, ! unvermischet mit Eigennutz und Eigenliebe! Sind § nicht alle die Mietylinge zu nennen, die immer ! Trost suchen? Beweisen sie nicht, dasi sie sich selbst ! mehr lieben, denn Christum, weil sie immer bedenken ihren eigenen Vortheil und Gewinn ? Wo wird ein Solcher gefunden, der Gott umsonst die- ^ nen will? ! 4. Selten findet man einen so geistlich gcssn- ! net, daß er von allen Dingen frei wäre und ent- i blößct: denn wer findet einen der wahrhaftig wäre ; arm am Geist, und von allen Creature» entblößet? ! Ein solch Kleinod findet man kaum in den ferne- ! steu Landen. Gab' ein Mensch all' seine Habe da- - hin, so ist's noch nichts. Und thate er gleich schwe- re Buße, so ist's immer noch gering. Und hatte i er auch alle Wissenschaft begriffen, dennoch ist er - noch fern davon. Hätte er sogar große Tugend und die inbrünstigste Andacht, auch dann mangelt f !i ji 116 ihm noch viel, nämlich daS Eine, das ihm höchst „oth ist. Was ist aber dieses? Das ist's, daß er, nachdem er alles hat verlassen, auch sich selbst verlasse, und ganz auS sich selbst herausgehc, und nichts mehr von eigener Liebe behalte. Hat er nun alles das gethan, was er vermepnete thun zu muffen, so soll er glauben, er habe noch nichts gethan. 5. Der Mensch halte nicht für groß, was etwa kann groß geachtet werden; sondern nenne sich in Wahrheit einen unnützen Knecht, wie die Wahrheit selber spricht: Wenn ihr alles gethan habet, was euch befohlen ist, so sprechet: wir sind unnütze Knechte. *) Alsdann kann er wahrhaftig arm und bloß sepn am Geiste, und mit dem Propheten sagen: Ich bin einsam und arm.**) Dennoch ist niemand reicher, niemand mächtiger, und niemand freier, denn der sich und, alles kann verlassen, und am tiefsten erniedrigen. ') Luc. 17, io. Ps. 102, 8. 117 i2. Capitel. Von dem königlichen Wege des heiligen Kreuzes. 1. Vielen scheinet hart zu sepn diese Rede: Verlängne dich selbst, nimm dein Kreuz auf dich, und folge Jesu nach. *) Aber noch viel härter wird'v sepn, zu Horen jenes letzte Wort: Gehet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer. **) Welche aber jetzt gern Horen das Wort des Kren» zes, und ihm folgen, die werden stch alsdann nicht furchten vor dem Ausspruch der ewigen Verdammnis;. Dies Zeichen des Kreuzes wird erscheinen am Himmel, wenn der Herr wird kommen zu richten. ***) Alsdann werden alle Diener des Kreuzes, die stch dem Gekreuzigten haben ähnlich gemacht in ihrem Leben, mit großer Zuversicht treten zu Christo dem Richter. 2 . Was fürchtest du dich also, das Kreuz auf *) Matth. 16, 24. ") Ebend. 25, 41. '*") Ebend. 24, 30. 8 dich zu nehmen, durch- welches man eingchet in daS Reich Gottes? Im Kreuz ist daö Heil, im Kreuz das Leben, im Kreuz Beschirmung vor den Feinden; in, Kreuz ist Eingießung himmlischer An- rnuth, im Kreuz Stärkung des Gcmiiths, im Kreuz Freudigkeit des GcistcS, im Kreuz der Inbegriff aller Tugend, in, Kreuz vollkommene Heiligkeit. Ohne daS Kreuz ist kein Seelenheil, noch Hoffnung deS ewige» Lebens. Darum nimm dein Kreuz auf dich, und folge Jesu nach; so wirst du cingchen in das ewige Leben. Er ist dir ja vorgegangen, hat sein Kreuz getragen, und ist für dich am Kreuz gestorben, auf daß du auch dein Kreuz tragest, und am Kreuze zu sterben begehrest. Denn wirst du mit ihm sterben, so wirst du auch mit ihm leben. Und wirst du ein Genosse sepn seiner Leiden, so wirst du auch sepn ein Genosse seiner Herrlichkeit. 3. Siehe, im Kreuz bestehet alles, und im Sterben lieget alles; und ist kein anderer Weg zum Leben und zum wahren inner« Frieden, denn nur der Weg des heiligen Kreuzes, und der täglichen Abstellung. Gehe wohin du willst, und suche was du willst, du findest keinen hohen. Weg droben, keine» sicherem Weg hienicden, als den 119 Weg deS heiligen Kreuzes. Füge und ordne alles „ach deinem Willen und deinem Dünken, so findest du doch immer etwas zu leiden, es geschehe willig oder unwillig ; und so wirst du in allem das Kreuz finden: denn entweder findest du leibliche Schmerzen, oder du mußt in deiner Seele auS- stehen Leiden des Geistes. 4. Zuweilen wirst du von Gott verlassen, zuweilen betrübet werden von deinem Nächsten, und was noch mehr ist, dir selbst oft zur Last seyn; und doch wirst du dich durch kein Mittel noch Trost davon befreien oder darin erleichtern können, sondern cs leiden müßcn, so lange Gott will. Denn Gott will, daß du Trübsal erdulden lernest, ohne Tröstung; damit du dich ihm gänzlich unterwerfest, und durch Trübsal demüthiger werdest. Niemand empfindet so inniglich im Herzen das Leiden Christi, als der ähnliche Leiden erfahren hat. Darum ist das Kreuz immer bereitet und wartet deiner überall; und du kannst ihm nicht entrinnen, du magst fliehen wohin du wollest: denn wohin dn auch kommen mögest, nimmst dn dich selbst mit, und wirst dich immer selbst finde». Kehre dich nach oben, keßre dich nach unten, kehre dich nach aus- 8 * 12(1 seit, kehre dich nach innen; du wirst überall Kren; finden. Darum ist dir noch, dasi du überall Geduld behaltest, so du innern Frieden haben, und erwerben willst die unvergängliche Krone. 5. Tragest du das Kreuz willig, so wird es dich auch tragen, und zu dem erwünschten Ziel« führen, wo alles Leiden ein Ende hat; obwohl dieS hie nicht scvn kann. Tragest du aber daS Kreuz unwillig, so machest du dir selbst eine Last, beschwerest dich nur noch mehr, und muht es dennoch tragen. Wirfst du ein Kreuz von dir, so wirst du ohne Zweifel ein anderes finden, und vielleicht ein schwereres. 6. Glaubest du dem zu entgehen, dem keiir Sterblicher hat entgehen können? Welcher Heilige in der Welt, ist gewesen ohne Kreuz und Trübsal? Ja selbst Jesus Christus, unser Herr, war keine Stunde ohne Leidensschmerze», so lange er lebete. Christus muhte leiden und von den Tobten auferstehen, und also in seine Herrlichkeit entgehen. *) Und warum suchest du einen andern Weg, denn diesen königlichen Weg, dm Weg nämlich des heiligen Kreuzes? H Luc. 24, 26. 121 7. DaS ganze Leben Christi war Kreuz und Marter: und du suchest dir Ruhe und Freude? Du irrest, ja du irrest, so du anderes suchest, als Trübsal zu leiden; denn dies ganze sterbliche Leben ist voller Elend, und überall mit Kreuz bezeichnet. Und je mehr einer in; Geiste hat zugenommen, desto schwerer Kreuz findet er oft; weil die Pein seiner Verbannung, durch die Liebe nur noch mehr wachst. 8. Jedoch ist dieser also vielfältig geplagte Mensch, nicht ohne erleichternden Trost; weil er empfindet, daß ihm die größeste Frucht erwachst auS dein geduldigen Tragen seines Kreuzes. Denn wenn er sich ihm freiwillig unterwirft, so wird ihm jede Last der Trübsal verwandelt in Zuverficht göttlicher Tröstung. Und je mehr das Fleisch durch Trübsal gebrücket wird, desto mehr wird der Geist gestartet durch innere Gnade. Ja zu Zeiten wird er aus Begierde zur Trübsal und Widerwärtigkeit, und aus Liebe sich ähnlich zu machen dem Kreuze Christi, so sehr gestärket, daß er ohne Schmerz und Trübsal nicht scpn will; Weiler glaubet, Gott um so viel angenehmer zu sepn, je mehr und schwerere Leiden, er um Gottes willen hat tragen köiu 122 neu. DaS ist aber nicht die Kraft des Menschen, sondern die Gnade Christi, welche so viel wirket und vermag im schwachen Fleische, daß er das mit inbrünstigem Geiste nnternimmt und liebet, welches er sonst immer von Natur verabscheuet und fliehet. 9. Es ist dem sinnlichen Menschen nicht gemäß, das Kreuz tragen, das Kreuz lieb haben, den Leib züchtigen und dienstbar machen; die Ehren fliehen, die Schmach gerne leiden, sich selbst verschmähen, und wünschen von andern verschmähet zu werden; allerlei Widerwärtigkeit und Schaden leiden, und von keinem Glück dieser Welt etwas begehren. Wenn du dich selbst betrachtest, so wirst du keines von diesem allen aus dir vermögen; vertrauest du aber auf den Herrn, so wird er dir Stärke vom Himmel verleihen, und die Welt und das Fleisch werden unterworfen werden deiner Herrschaft. Auch wirst du den Feind, den Geist der Hölle, nicht fürchten, so du mit Glauben bewaffnet, und mit dem Kreuz Christi bezeichnet bist. 10. Mache dich also gefaßt, als ein guter und getreuer Diener Christi, männlich zu tragen das Kreuz deines Herrn, der ans Liebe zu dir gekreu- 123 ziget ist. Bereite dich, viel Widerwärtigkeit und mancherlei Ungemach zu erdulden, in diesem elenden Leben; denn also wird es dir doch ergehen, du sepst wo du wollest, und so wirst du es wahrlich finden, du verbergest dich wo du wollest. Denn es 1 muß so sepn, und es gibt kein ander Mittel zu j entgehen den Trübsalen, Nebeln und Schmerzen, alö s daß du dich geduldest. Trinke den Kelch des Herrn ^ mit Freuden, so du sein Freund sepn, und Theil ; mit ihm haben willst. Die Tröstungen stelle Gott ; anheim, er mache es damit, wie eS ihm am best - ten gefällt. Du aber mache dich gefaßt Trübsale t zu trage», und achte dieselben für den größten Trost: denn dieser Zeit Leiden sind nicht werth der zukünftigen Herrlichkeit; *) wenn du sie auch alle allein tragen könntest. 11. Wenn du dazu gelangest, daß dir die Trübsale süß sind, und du sie angenehm findest, um Christi z willen, alsdann halte dafür, daß es gut um dich ! stehe; denn du hast gefunden das Paradis aufEr- den. So lange dir das Leiden schwer ist, und du j ihm suchest zu entfliehen, so lange wird es dir >) Röm. 8, 18. 124 übel gehe», und die Trübsale, die dir fliehest, werden dir überall felgen. 12. Schickest dn dich dazu an, wozu du sollst, nämlich zum Leiden, und zum Sterben, so wird's bald besser werden, und du wirst Friede» finden. Und würdest du auch gleich Paulus in den dritten Himmel entzückt, so wärest dn deswegen nicht sicher keine Widerwärtigkeit zu leiden. Ich will ihm zeigen, spricht Jesus, wie viel er leiden mnsi, um meines Namens willen. *) Gefällt dir's nun, Je- sum zu lieben und ihm zu dienen für und für, so bleibet dir nichts übrig denn leide». 13. Wollte Gott du wärest würdig, um des Namens Jesu willen etwa? zu leiden! Wie große Herrlichkeit würde dir das bringen, wie große Freude wär' cs allen Heiligen Gottes, und welche Erbauung deinem Nächsten! Denn jeder preiset die Geduld, obwohl wenig find, die leiden wollen. Dlllig solltest du gerne ein wenig leiden, um Christi willen, da viele weit Größeres leiden, um der Welt willen, 14. Wahrlich wisse, daß du ein Leben führen *) Ap. Gesch. 9, 16. 125 mußt, gleich einem Sterbenden; denn je mehr einer sich selbst stirbt, desto mehr fängt er an in Gott zu leben. Niemand ist geschickt himmlische Dinge zu begreifen; es scp den», daß er sich ergeben habe, um Christi willen Widerwärtigkeiten zu leiden. Es ist Gott nichts angenehmer, noch dir heilsamer in dieser Welt, denn um Christi willen gerne leiden. Und hättest du zu wählen, so müßtest du mehr wünschen, um Christi willen Widerwärtigkeiten zu leiden, denn mit vielem Trost erquicket zu werden; weil du alsdann Christo ähnlicher sepn würdest, und allen Heiligen gleichförmiger. Denn unsere Tugend und die Förderung unseres Zustandes, bestehet nicht in vielen Annehmlichkeiten und Tröstungen, sondern vielmehr in Ertragung großer Beschwernisse und Trübsale. 15. Wäre aber etwas zum Heil der Menschen besser und nützlicher gewesen, denn leiden ; so hätte es Christus gewiß in Wort und Beispiel gezeiget. Denn die Jünger, die ihm nachfolgeten, und alle, die ihm nachzufolgen begehren, ermahnet er ausdrücklich das Kreuz zu tragen, und spricht: Wer mir folgen will, der verläugne sich selbst, und 126 nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir nach. *) Nachdem wir nun alles durch lesen und erwogen haben, so sey dles der endliche Schluß: Daß wir durch viel Trübsal müssen in das Reich Gottes gehen. **) *) Luc. 9, 23. ") Ap. Gesch. 14, 22. Von der Nachfolge Christi. Drittes Buch. Von dem inneren Tröste. i. CapiLel. Vom inneren Reden Jesu zu einer gläubigen Seele. Die Seele. 1. ^ch will Horen, was Gott der Herr in mir redet. *) Selig ist die Seele, die den Herrn in sich reden höret, und das Wort des Trostes cmp- fahet aus seinem Munde. **) Selig sind die Ohren, die da ausnehmen die Stimme des göttlichen Einsprechens, und von den Einlispelungen dieser Welt nichts vernehmen. Ja fürwahr, selig sind die Ohren, die nicht horchen auf die Stimme, die von außen tönet, sondern auf die innerlich lehrende Wahrheit. Selig sind die Augen, die da verschloß- 130 sen sind den äußerlichen Dingen, auf die inner! lichen aber gerichtet sind. Selig sind die Men- scheu, die das Innere durchdringen, und sich durch tägliche Hebungen immer mehr geschickt zu machen bemühen, zum Begreifen der himmlischen Geheim.- nisse. Selig sind, die sich freuen Gott zu dienen, und sich losreißen von allem weltlichen Hinderniß. Nimm dieses zu Herzen, meine Seele, und verschließ die Thüre deiner Sinnlichkeit, auf daß du hören mögest, was in dir der Herr, dein Gott redet. 2. Siehe, dieses spricht dein Geliebter: Jesus. Ich bin dein Heil, dein Friede, und dein Leben. Halte dich bei mir, so wirst du Frieden finden. *) Verlaß alles Vergängliche, und suche das Ewige. Denn was ist alles Zeitliche anders als Verführung? Und was helfen alle Creatnren, so du verlassen bist von dem Schöpfer? Darum, sage ab allen Dingen, und gib dich treu und wohlgefällig deinem Schöpfer, auf daß du mögest ergreifen die wahre Seligkeit. *) Hiob. 22, 21. 131 2. CapiLel. Oie Wahrheit redet inwendig ohne Geräusch der Worte. Die Seele. 1. Rede Herr, denn dein Diener höret. Ich bin dein Diener, gib mir Verstand, auf daß ich wisse deine Zeugnisse. Neige mein Herz zu den Worten deines Mundes. Deine Rede fließe wie der Than. Einst sprachen die Kinder Israel zu Mose: Rede du mit uns, wir wollen dich hören, und laß den Herrn nicht mit uns reden, wir möchten sonst sterben. *) Nicht also Herr, nicht also bitte ich, sondern flehe vielmehr demüthig und sehnlich mit dein Propheten Samuel: Rede Herr, denn dein Diener höret! **) Nicht Mose rede zu mir, oder einer von den Propheten; sondern du vielmehr rede, mein Herr und Gott, du Eingeber und Erleuchten aller Propheten: denn du allein kannst mich *) 2. Mos. 20, lg. ") 1. Sam. 3, 10. 132 ohne sie vollkommen unterweisen, sie aber vermögen nichts ohne dich. 2. Worte mögen sie wohl ertönen lassen, aber den Geist geben sie nicht. Sie reden schön, wenn du . aber schweigest, so entzünden sie das Herz nicht. Sie ! geben den Buchstaben, du aber eröfnest den Sinn, t Sie verkündigen die Geheimnisse, du aber schlieft ^ sest den Verstand auf der versiegelten Dinge. Sie § thun die Gebote kund, du aber hilfst sie vollbringen. Sie zeigen den Weg, du aber gibst Kraft ihn zu wandeln. Sie wirken nur äußerlich, du aber unterrichtest und erleuchtest die Herzen. Sie befeuchten äußerlich, du aber gibst das Gedeihen. Sie rufen mit Worten, du aber gibst dem Gehör das Verständniß. 3. Darum rede nicht zu mir Mose, sondern du Herr, mein Gott, du ewige Wahrheit: denn ich möchte sonst sterben, und ohne Frucht bleiben, so ich allein äußerlich würde ermahnet, und innerlich nicht entzündet. Laß mir auch nicht zum Gericht gereichen dein Wort, daS ich gehöret, aber nicht gethan; das ich erkannt und nicht geliebet; das ich habe geglaubet, und nicht gehalten. Darum rede du Herr, weil dein Diener höret: denn du 133 hast Worte deS ewigen Lebens. *) Rede zu mir zum Trost meiner Seele, und zur Besserung meines ganzen Lebens; dir aber zum Preis und Ruhm, und immerwährender Ehre. 9. Capitel. Gottes Wort soll man demüthig Horen, welches viele nicht erwägen. Jesus. 1. Höre mein Sohn, meine Worte, Worte voller Lieblichkeit, welche iibertreffen alle Wissenschaft der Weisen und Klugen dieser Welt. Meine Worte sind Geist und Leben, **) und nicht nach menschlichem Sinn zu erwägen. Man soll sie nicht deuten nach eitelem Gefallen, sondern sie hören in der Stille, und mit aller Demuth und großer Begierde aufnehmen. Joh. 6, 68. ") 2°h. 6, 63. 9 134 Die Seele. 2. Und ich sprach: Selig ist, welchen duHerr unrcrweisest, und lehrest ihn dein Gesetz; ans daß dn ihm linderst die dösen Tage, und er nicht trostlos werde auf Erden. Jesus. 3. Ich, spricht der Herr, habe die Propheten gclehret von Anbeginn, und höre nicht auf bis auf diese Stunde zu allen zu reden; viel aber find taub nnd hart vor meiner Stimme. Viel hören lieber die Welt, denn Gott, und folgen leichter der Be- gierde ihres Fleisches, denn Gottes Wohlgefallen. Die Welt verheißet nur zeitliche und geringe Güter, nnd es wird ihr gedienet mit großer Begierde: ich aber verheiße die höchste» nnd ewigen Güter, nnd die Herzen der Menschen bleiben dabei trage nnd gefühllos. Wer dienet und gehorchet mir in allem mit so großer Sorge, als man der Welt dienet und ihren Herren? Erröthe Si- don, spricht das Meer. * **) Und fragest du um die Ursache, so höre warum. Um eine kleine Pfründe H Ps. 94, 12. 13. **) Lcs. 23, 4. 135 lauft mau einen weiten Weg; aber um das ewige Leben wird van vielen kaum ein Fuß erhoben von der Erde. Einem geringen Gewinne jaget man nach; um ein Stück Geld entstehet oft ein schändlicher Zank; um eine citele Sache, und eine kleine Verheißung, scheuet man nicht sich abznmühen Tag und Nacht. st. Aber, o der Schande! um das unwandelbare Gut, um den unschätzbaren Lohn, um die höchste Ehre und ewige Herrlichkeit, sich auch nur ei» wenig bemühen, ist man zu trage. Darum schäme dich dn träger und klagender Knecht, daß jene bereitwilliger erfunden werden zum Verderben, denn du znm Leben; daß jene sich mehr erfreuen an der Eitelkeit, denn du an der Wahrheit. Zwar werden sie oft betrogen in ihrer Hoffnung; aber meine Verheißung trüget niemand, und wer mir vertrauet, den lässet sie nicht vergeblich von sich. Was ich verheißen habe, werde ich geben; was ich gesagt habe, werde ich erfüllen; so fern der Mensch getreu bleibet in meiner Liebe, bis an's Ende. Ich bin ein Vergelter aller Guten, und ein starker Prüfer aller Andächtigen. 5. Schreibe meine Wort« in dein Herz, und 9 * 136 lerne sie fleißig: denn sie werden dir sehr noth seyn zur Zeit der Versuchung. Was du nicht verstehst, wenn du cs liesest, das wirst du erkennen am Tage der Heimsuchung. Meine Auserwählten suche ich heim auf zwiefache Weise, nämlich mit Anfechtung und mit Trost. Ich gebe ihnen täglich zweierlei Lehren: eine wodurch ich ihre Sünde» strafe, die andere, wodurch ich sie ermahne zum Wachsthnm in der Tugend. Wer meine Worte Hat und verachtet sie, der findet seinen Richter am jüngsten Tage. Gebeth um die Gnade der Andacht zu erlangen. Die Seele. 6. Herr, mein Gott, du bist all' mein Gut: und wer bin ich, daß ich zu dir reden darf? Ich bin dein ärmster Diener, und der verwerflichste Wurm; viel ärmer und verächtlicher, als ich weiß und sagen darf. Gedenke doch Herr, daß ich nichts bi», nichts habe und nichts vermag. Du allein bist gut, gerecht und heilig; du vermagst alles, 137 gibst alles, erfüllest alleS; nur den Sünder lassest d» ohne deine Gaben. Gedenke deiner Barmherzigkeit, und erfülle mein Herz mit deiner Gnade; denn d» willst nicht, daß deine Werke vergeblich seyen. 7. Wie konnte ich's anshalten in diesem elende» Leben, so mich nicht startete deine Barmherzigkeit und Gnade. Kehre nicht von mir dein Angesicht; verziehe nicht mit deiner Heimsuchung; entziehe mir nicht deinen Trost; ans daß meine Seele dir nicht werde, wie ein Land ohne Wasser. Herr, lehre mich thun deinen Willen; lehre mich wandeln vor dir würdiglich und demüthig: denn du bist meine Weisheit, der du mich kennest in der Wahrheit, und mich gekannt hast, che die Welt war, und ehe ich gebohren wurde. 138 4. CapiLel. Wir sollen in der Wahrheit und Demuth vor Gott wandeln. Jesus. 1. Mein Sohn, wandele vor mir in der Wahrheit, und suche mich allezeit in der Einfalt deines Herzens. Wer vor mir wandelt in der Wahrheit, der wird beschirmet vor bösen Anfällen, und die Wahrheit befreiet ihn von aller Verführung und Verläumdung der Gottlosen. So dich die Wahrheit frei machet, so wirft du wahrhaftig frei sepn,*) und dich nicht bekümmern um der Menschen eitele Worte. Die Seele. 2. Herr, es ift wahr, wie du sagest, und also bitte ich, daß mir geschehe. Deine Wahrheit lehre mich, sie behüte mich und erhalte mich bis an mein selig Ende. Sie mache mich frei von aller bösen Begierde und unordentlichen Liebe; so wer- H Joh. 8, 32. 36. 139 ! ! l de ich wandeln mit dir in großer Freiheit des Herzens. I esu s. 3. Ich will dich lehren, spricht die Wahrheit, was recht ist nnd vor mir wohlgefällig. Bedenke deine Sünden mit großem Mißfallen und Traurigkeit, und mcyne nicht, daß du etwas sepst um deiner guten Werke willen. *) Wahrlich, du bist ein Sünder, nnd vielen Lcidenschafen unterworfen, welche dich verstricken. Aus dir flbst neigest du dich stets zur Nichtigkeit; fällst bald und wirst bald überwunden; wirst bald traurig, bald ausgelassen; und hast nicht, dcß du dch konntest rühmen, aber viel, das dich erniedriget, denn du bist schwächer, als du begreifen ki..>„st. 4. Darum von allem das du thust, v.Ne,. nichts groß, nichts vortrefflich nnd bewunde»,?,, werth, nichts achtnngswerth, nichts erhaben, nicht, wahrhaftig lobens-und wünschenSwcrth, denn nur waS ewig ist. Die ewige Wahrheit soll dir gefallen über alles, nnd deine große Niedrigkeit dir allezeit mißfallen. Fürchte, tadle nnd-fliehe nichts ") Luc. 17, io. 140 ! so sehr, alS deine Laster und Sunden; welche dir wcbr sollen mißfallen, denn aller zeitliche Verlust. Etliche wandeln nicht aufrichtig vor mir, sondern ! wollen au? Vorwitz und Vermessenheit meine Ge- : Heimnisse wissen, und die Tiefen der Gottheit er- s forschen; versäume» aber dabei sich selbst und ihr ^ eigen Heil. Diese fallen oft in schwere Verfn- chnngen und Sinden, um ihres Hochmuths und Vorwitzes willen, denn ich bin wider sie. 5. Fürchte lleGerichte Gottes, zittere vordem ' Zorn des Mmichtigcn. Erforsche nicht die Werke l des Höchsten, sondern untersuche vielmehr deine ! Sünden, nie viel du hast n-sieblt, und wie viel < Gutes du versäumet. Etliche haben ihre Andacht > in Büchen, e^-che in Bildern, etliche aber in < äußert""" Zeichen und Gestalten. Etliche führen ^ s „,^-ftiu Munde, aber es ist wenig im Herzen. ! ' m.dere sind erleuchtet in ihrem Verstände, und ^ gereniget in ihren Neigunacn, und sehnen sich alle- s zeit nach dem Ewigen; hören ungern von dem Ir- ' Luschen, und dienen den Bedürfnissen der Natur ^ nur mit Betrübniß. Diese empfinden, was der - Geist der Wahrheit in ihnen redet: denn er lehret ^ " sie das Irdische verschmähen, und das Himmlische 14 k lieben-, die Welt geringschcchen, und Tag und Nacht verlangen nach dem Himmel. 6. Lapitel. Von der wunderbaren Wirkung göttlicher Liebe. Die Seele. 1. Ich preis« dies-, himmlischer Vater, Vater meines Herrn ^esu Christi, daß du mich Armen gcwiirdiget hast, an mich zu gedenken. O du Vater aller Barmherzigkeit, o du Gott alles Trostes, ich danke dir,, daß du mich Unwürdigen zuweilen erblickest mit deinem Tröste. Ich preise dich allezeit, und vwherrlichc dich mit deinem cingebohr- ncn Sohne, und dem Tröster, dem heiligen Geiste, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Wohlan, mein Herr und Gott, nein heiliger Geliebter, wenn du kommest in men Herz, so wird mein ganzes Innere frohlocken. Du bist mein Nubm und meines Herzens Freude Du bist meine Hoffnung und meine Zuflucht in den Tagen meiner Trübsal. *) ') Ps. 31, 2. 142 2 . Weil ich aber noch schwach bin in der Liebe, und noch unvollkommen in der Tugend, so ist mir noch, von dir gestärket und getröstet zu werden. Darum besuche mich oft und unterweise mich in heiliger Zucht. Befreie mich voi den bösen Leidenschaften, und heile mein Herz von allen unordentliche» Begierden, auf dast ich innerlich gesund, und wohl gc>einiget, und geschickt werde zum Lieben, stark zum Leiden, und standhaft zum Ausharren. 3. Es ist ein groß Ding um die Liebe, und ist gewiß ein groß Gilt, das allem leicht machet jede Last, und alles Ungleiche traget mit gleichem Muthe. Denn sie traget alle Last ojne Last, und machet alles Bittere süß und angenelim. Dieedele Liebe Jesu treibet uns an große Dime zu thun, und erwecket uns, immer das Vollkonmnere zu begehren. Liebe strebet aufwärts, und mag durch niedere Dinge nicht aufgehaltcn werdai. Liebe will frei seyn, und fremd aller weltlichen Legier; keimt sie in ihrer inwendigen Vcschanmg nicht gehindert, und durch zeitlichen Vorthel nicht verstricket werde, oder durch Ungemach unterliege. Nichts ist süßer, nichts starker, nihts höher, nichts umfassender, nichts erfreulicher, nichts vollkommener noch besser, denn Liebe, weder im Himmel noch auf Erden: denn sie ist gebohren aus Gott, und kann nirgend ruhen, den» allein in Gott, weit über allen erschaffenen Dingen. st. Ein Liebender flieget, lauft, und freuet sich, ist frei, und lasset sich nicht halten; er gibt allcS für alles, und hat alles in allem; denn er ruhet in Einem Höchsten über allen Dingen, woraus alles Gute kommt und ausfließet. Er flehet nicht auf die Gaben, sondern schwinget sich über alle Güter, zu dem Geber. Die Liebe weiß oft kein Maß, sondern ist inbrünstig über alle Maßen. Die Liebe fühlet keine Last, sie achtet keiner Mühe; sie bestrebet sich über ihre Kräfte; klaget nicht über Unmöglichkeit, denn sie glaubet, daß ihr alles gezieme und möglich sey. Darum ist die Liebe tüchtig zu allen Dingen, vollbringet viel, und führet ans, wo einer der nicht liebet ermüdet und darnieder lieget. 5. Die Liebe ist wachsam, und schlafend schläft sie nicht; ermüdet wird sie nicht müde, von Bedrängnis, wird sie nicht bedränget, von Schrecken wird sie nicht beunruhiget; sondern wie eine le- 144 l'endiqe Flamme, und eine brennende Fackel, strebet sic empor in die Höhe, und dringet sicher durch. Wer liebet, kennet die Stimme der Liebe. Ein §rosi Geschrei ist in den Ohren Gottes die brennende Begierde der Seele, welche spricht: Mein Gott, meine Liebe, du bist ganz mein, ich bin ganz dein. 6. Erweitere mich in der Liebe, daß ich kosten lerne im Inneren meines Herzens, wie lieblich Lieben sey, und in Liebe zerschmelzen und schwimmen. Die Liebe halte mich, wenn ich über mich selbst hinausgehe vor zu großer Inbrunst und Erstaunen. Laß mich singen den Gesang der Liebe; laß mich dir, meinem Geliebten folgen in die Höhe, und vor Liebe frohlockend, meine Seele sich verzehren in deinem Lobe. Laß mich dich mehr lieben, denn mich selbst, und mich nur, um deinetwillen. Laß mich in dir alle Menschen liebe», die dich wahrhaftig lieben, wie es befiehlt das Gesetz der Liebe, welches aus dir hervorleuchtct. 7. Liebe ist schnell, aufrichtig, fromm, fröhlich und angenehm; stark, geduldig, treu, klug, langmüthig, männlich, und suchet nimmer sich selbst: denn wo einer sich selbst suchet, da fällt 145 t er ab von der Liebe. Liebe ist behutsam, demü- l thig, und will das Rechte; ist nicht weichlich, nicht ^ leichtfertig, und trachtet nicht nach eitel» Dingen. ^ Sie ist nüchtern, keusch, beständig, ruhig, und ! wohl bewahret in allen Sinnen. Die Liebe ist un- j terwürfig und gehorsam den Vorgesetzten; sich selbst ^ ist sie geringe und verächtlich, vor Gott aber an- ! dächtig und dankbar; vertrauet und hoffet ans ihn j allezeit, auch alsdann, wenn sic ihn nicht in sich § empfindet; weil ohne Schmerz niemand in der Lie- i be lebet. ! 8. Wer nicht bereit ist alles zu leiden, und E dem Geliebten nicht in allem zu Willen stehet, der 'ist nicht würdig ein Liebender genannt zu werden, i Denn ein Liebender muß jedes Beschwerliche und j Bittere gerne umfassen, um seines Geliebten willen, ' und keiner widerwärtigen Zufälle wegen von ihm ! abweichen. Z l ,! ! 146 6. Capitel. Don der Prüfung eines wahren Liebenden. Iesu 8. 1 . Mein Sohn, deine Liebe ist noch nicht stark und weise genug. Die Seele. 2. Warum nicht, o Herr? Jesus. 3. Weil du um einer kleinen Widerwärtigkeit willen. Müssest von dem Angefangenen, und gar zu begierig Trost suchest. Starke Liebe stehet fest in Versuchungen, und glaubet nicht den listigen Ueberredungen des Feindes. Und wie ich ihr gefalle im Glück, so mißfalle ich ihr auch nicht im Unglück. 4. Weise Liebe stehet nicht so sehr an die Gabe des Liebenden, als die Liebe des Gebenden. Sie achtet mehr auf das gute Herz, als ans den Werth der Gabe, und setzet alle Gaben weit unter den Geliebten. Edele Liebe ruhet nicht in der Gabe, sondern über allen Gaben in mir. Darum ist 147 aber »och nicht alles verkehre», wenn du zu Zeiten nicht so große Liebe fühlest zu mir und meinen Heiligen, als du gerne wolltest: denn die gute und süße Empfindung, die du zuweilen wahr- nimmst, ist eine Wirkung der gegenwärtigen Gnade, und ein gewisses Vorgefühl des himmlischen Vaterlandes; worauf du dich aber nicht zu sehr verlassen mußt, weil sie bald kommet, bald wieder gehet. Aber kämpfen wider die bösen Regungen des GemüthS, die dir begegnen, und die Eingebungen des Feindes verachten, das ist ein Zeichen der Tugend und eines großen Vorzuges. 5. Darum laß dich nicht beunruhigen durch fremde Einbildungen, die durch mancherlei Gegenstände in dir hervorgebracht werden. Bewahre deinen guten Vorsatz, und deine ans Gott gerichtete Absicht. Es ist keine Täuschung, wenn du zuweilen gähling aus dir hinaus entzückt wirst, und dann bald wieder zurückkehrest zu den alten Thor- heitcn deines Herzens. Denn diese leidest du mehr wider Willen, als daß du sie thust: und so lange sie dir mißfallen und du ihnen widerstehest, so ist es ein Gewinn und kein Verderben. 6. Wisse, daß der alte Feind gänzlich trachtet 148 Zu verhindern deinen Eifer Zum Guten, und dich abzuziehcn von aller andächtigen Uebung, nämlich von dem frommen Gedächtnis; meiner Leiden, von nützlicher Betrachtung der Sünden, von der Bewahrung deines eigenen Herzens, und von dem festen Vorsatze in der Tugend zuzunehmcii. Er gibt dir viel böse Gedanken ein, damit er Uebcr- druß und Abscheu bei dir erwecke, und dich abziehe vom Ecbeth und geistlichen Lesen. Ihm mißfällt ein demüthig Sündenbekenntniß, und wäre cs ihm möglich, so würde er dich auch abhalten von der heiligen Communion. Glaube ihm nicht, und bekümmere dich nicht um ihn, ob er dir gleich öfter be- trügliche Fallstricke legcte. Rechne es ihm zu, wenn er dir cingibt böse und unreine Gedanken. Sprich zu ihm: Hebe dich weg, du unreiner Geist! schäme dich, du Elender! gar unrein bst-, du, daß du solche Dinge mir cinlispelst. Weiche von mir, du böser Verführer! du wirst an mir kein Tlieil haben; sondern Jesus wird mit mir sepn, wie ein starker Streiter, und du wirst mit Schande bestehen. Lieber will ich sterben und alle Pein leiden, als dir zu Willen seyn. Schweige und verstumme! ich will dich nicht ferner hören, mögest 149 du mir auch noch so viel Plagt» erwecken. Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich furchten? *) lind wenn ganze Heere wider mich aufttiinden, so wird sich doch mein Herz mehl jurchten: denn der Herr ist mein Helfer und mein Erlöser. ") 7. Kämpfe wie ein tapferer Streiter; und wenn du zuweilen niederstntest ans Schwachheit, so sammle wieder grössere Kräfte als die vorigen, im Vertrauen auf meine grössere Grade, und hüte dlch sonderlich vor eitelem Selbstgefallen und Stolz. Dadurch werden viel in Irrthum geführct, und fallen bisweilen in fast unheilbare Blindheit. Der Fall dieser Hochmuthigcn, die thörichterwcife sich lelbst vermessen, diene dir zur Behutsamkeit und steten Dcmuth. ') Pt- 27, i. ") Pf 28, 7 '.0 150 7- Capitel. Wir sollen die Gnade Gottes verborgen halten, unter dem Schüße der Demuth. Jesus. 1. Mein Sohn, es ist dir nützlicher und sicherer, daß du verbergest die Gnade der Andacht, und dich derselben nicht zu hoch überhebest, noch viel darüber redest, oder nachgrübelst; sondern vielmehr dich selbst verachtest und fürchtest, gleich als ob sie einem Unwürdigen gegeben wäre. Du mußt dich an diese Gcmüthsbewegung nicht so fest hängen; denn sie kann bald in das Gegentheil verwandelt werden. Zur Zeit der Gnade bedenke, wie elend und hülstos du ohne dieselbe sepn würdest. Auch ist darin nicht so viel Förderung des geistlichen Lebens, so du die Gnade der Tröstung bast, als wenn du ihre Entziehung ertrügest mit Demuth, Geduld und Verläugnung deiner selbst. So, daß du alsdann nicht erkaltest im Eifer deS Gebeths, noch gänzlich unterlassest die übrigen Werke, dke du nach deinem Gebrauch zu verrichten hast; 151 sondern so viel an dir ist, gerne thnest, wie dn es am besten kannst und verstehest; und dich auch nicht ganz versäumest, wegen der Dürre und Angst, worin sich dein Gemüth befindet. 2. Denn es sind viel, die alsbald ungeduldig und träge werden, wenn es ihnen nicht wohl von statten gehet. Es ist aber der Weg des Menschen nicht immer in seiner Gewalt; sondern es stehet bei Gott, zu geben und zu tröste», wenn er will, wie viel er will, und welchen er will, so wie es ihm gefällt und nicht mehr. Etliche Unbehutsame haben sich selber zu Grunde gerichtet, wegen der Gnade der Andacht; weil sie mehr thun wollten, als sie konnten, und nicht erwogen das Maß ihrer geringen Kräfte; sondern mehr folgeten dem Triebe ihres Herzens, denn dem Urtheil der Vernunft. Und weil sie sich vermaßen Größeres zu thun, als Gott wohlgefällig war, so haben sie die Gnade bald verlohren. Sie sind arm, niedrig und verlassen worden, die bis in den Himmel steigen wollten; damit sie gedemüthiget und verarmet, lernen möchten, nicht mit eigenen Flügeln zu flie, gen, sondern zu hoffen unter dem Schutze meiner Flügel. Diejenigen, welche noch neu und'uner- 10 * fahren sind in den Wege» des Herrn, können leicht betrogen und getäuscht werden, wo sie sich nicht richten nach dem Rath der Verständigen. Z. Wollen sic aber mehr ihrem eigenen Sinn folgen, als Andern Erfahrner» glauben, und sich nicht abziehen lassen von ihrem Vorsatz, so werden sie ein gefährlich Ende nehmen. Die selbst klug sind, lassen sich selten demüthig regieren durch andere. Es ist besser, wenig wissen mit Demuth und geringer Einsicht, denn große Schätze von Wissenschaften besitzen mit eitelem Selbstgefallen. Es ist dir besser wenig haben, denn viel, wodurch du konntest übermüthig werden. Der handelt unklug , der sich gänzlich der Freude übcrlässet, und vergißt seiner vorigen A'rmuth und lauteren Gottesfurcht, die stets besorget zu verliehren die verliehene Gnade. Auch des; Tugend ist noch nicht weise genug, welcher zur Zeit der Widerwärtigkeit und Beschwernis;, sich allzu kleinmuthig ge- behrdet, und weniger Zuversicht zu mir trägt, als er sollte. 4. Wer allzu sicher will sepn zur Zeit des-Friedens, wird oft gar zu kleinmuthig und furchtsam erfunden werden zur Zeit des Kampfes. Konntest / 153 im allezeit klein und demüthig in dir selbst bleiben, und deinen Geist wohl mäßigen und regieren, du wurdest nicht so bald in Gefahr und Sünde fasten. Es ist ein guter Nath, daß du nach empfangenem Geist der Inbrunst bedenkest, was darnach kommen kann, da das Licht von dir gewichen ist. Wenn nun solches geschiehet, so de-ll kc, daß das Licht auch von neuem kann wieder- kehrcn, das ich dir zur Warnung, und mir zur Verherrlichung, auf eine Zeitlang entzogen habe. 5. Eine solche Prüfung ist dir oft mehr nütze, als wenn alles stets glücklich ging nach deinem Willen. Denn darnach kann man zemands Tugend nicht abmessen, wenn er viel Erscheinungen oder Tröstungen hat, oder auch wohlerfahren ist in der Schrift, oder in einen höher« Grad erhoben wird; sondern darnach, daß er gegründet sep in der wahren Demnth, und erfüllet von der göttlichen Liebe; daß er Gottes Ehre allezeit lauter und redlich suche; von sich selber nichts halte, und ssch in Wahrheit verachte, ja ssch mehr freue- daß er von andern verschmähet und gedehmüthiget, denn ge- ehrct werde. 154 8. Lapitel. Von Geringschätzung seiner selbst, in den Augen Gottes. Die Seele. 1. Darf ich reden mit meinem Herrn, der ich Staub und Asche bin? Wenn ich mich höher achte, stehe, so stehest du wider mich, und meine Sünden geben ein wahrhaftig Zeugnis;, daß ich nicht widersprechen kann. So ich mich aber selbst erniedrige und vernichte, und ablege alle eigene Schatzung und mich zu Staub mache, wie ich denn auch bin; alsdann wird deine Gnade mir günstig und dein Licht nahe seyn meinem Herzen, und auch die allergeringste Selbstschätzung versenket werden in der Tiefe meiner Nichtigkeit, und auf immer untergehen. Daselbst zeigest du mich mir, wie ich bin, wie ich gewesen, und wohin es mit mir gekommen ist: denn ich bin nichts, und habe es nicht gewußt. Wenn ich nur werde selbst überlassen, siehe, so bin ich nichts, und lauter Schwachheit. Siehest du mich aber unvermuthet wieder an; so 155 weide ich alsbald gestartet, und erfüllet mit neuer Freude. Und ist wohl ein groß Wunder, daß du mich so gar schnell wieder erhebest, und so gü- ^ tig umfangest, der ich durch meine eigene Schwere , immerdar werde zum Abgrunde gezogen. ! 2. Das' wirket deine Liebe, die mir unverdient zuvor kommet, und mir hilft in vielfältiger Noth; mich auch behütet vor schweren Gefahren, und in l Wahrheit errettet von unzähligen Nebeln. In 1 thörichter Eigenliebe hatte ich mich verlohren, da i ich aber dich allein suchte und lauter liebete, ha- i be ich mich und dich zugleich gefunden, und aus f Liebe mich noch tiefer vernichtet. Denn du, o > mein Süßester, thust mit mir über mein Verdienst, 1 und über alles, was ich darf hoffen und bitten. ! 3. Gelobet fepst du, mein Gott; denn ob ich j schon unwürdig bin alles Guten, so höret doch dei- l ne erhabene und unendliche Güte nimmer auf, auch , sogar wohlzuthun den Undankbaren, und denen, ^ die sich fern von dir gewendet haben. Bekehre r uns zu dir, auf daß wir dankbar, demüthig und ; andächtig seyen: sintemal du unser-Heil, unsere z Tugend, und unsere Stärke bist. 155 9. Lapttel. ^ Wir sollen alle Dinge beziehen auf Gott, als > auf das lchte Ziel. ! Jesus. i 1 . Mein Sohn, ich muß dein höchstes und letz- ^ tes Ziel sepn, so du wahrhaftig wünschest selig - zu werden. Durch diese Abstcht wird deine Be- > gierde gereiniget, die stch oft verkchrtcrwcise zu ^ dir selbst, und zu den Creaturen neiget. Denn ^ so du dich selbst suchest in irgend einem Dingo, so ft wirst du bald hinlässig und dürre in dir werden. ^ Darum beziehe aste Dinge vornehmlich auf mich ; i denn ich bin's, der alles gegeben hat. Also bctrach- ^ te auch alles als einen Ausfluß aus dem höchsten - Gut; und führe daher alles zu mir, als zu sei- ^ nein Ursprünge zurück. i 2. Denn klein und groß, arm und reich,' schöp- ft fen aus mir, als aus einer lebendigen Quelle, le- l bendig Wasser; und welche mir frei und willig ; dienen, die werden Gnade um Gnade empfahen. r Welche aber außer mir ihren Ruhm, oder in ei- i nigem eigenen Gut ihre Ergötzung suchen, die werden nicht befestiget werden in der wahren Freude, noch in ihrem Herzen erweitert, sondern vielfältig gehindert und geängstiget. Darum sollst du dir nichts Gute? zuschreiben, noch irgend einem Menschen eine Tugend beimessen; sondern alles gib Gott, ohne welchen der Mensch nichts hat. Ich habe alles gegeben, ich will auch alles wieder haben, und fordere mit großer Strenge Danksagung dafür. 3. Dies ist eine Wahrheit, wodurch die eirele Ruhmbegier entfernet wird. Und wo die himmlische Gnade eingehet und die wahre Liebe, da wird nicht mehr sevn Neid, noch Beklemmung des Herzens, auch nicht Eigenliebe mehr statt finden. Denn die göttliche Liebe überwindet alles, und erweitert alle Kräfte der Seele. So du recht weife bist, wirst du dich in mir allein erfreuen, und aufmich allein hoffen: weil niemand gut ist, denn Gott allein, *) welchen man muß über alles loben, und in allen Dingen preisen. ). Matth. 19, 17. 158 IO. Capitel. Wie süß es ist Gott zu dienen, mit Verachtung der Welt. Die Seele. 1. Abermal will ich rede», Herr, und nicht schweige». Ich will reden vor den Ohren meines Gottes, meines Herrn und meines Königes, der rn der Höhe ist. O Herr, wie groß ist die Fülle deiner Süßigkeit, die du aufbchalten hast denen, die dich fürchten! Was bist du aber denen, die dich lieben? Was denen, die dir von ganzem Herzen dienen? Walwlich, unaussprechlich ist die Süs- srgkctt deiner Beschauung, welche du mittheilest denen, die dich lieben. Dari» aber hast du mir am meisten gezeiget die Süßigkeit deiner Liebe, daß du mich hast geschaffen, da ich nicht war, und mich zurückgeführet, da ich ferne von dir irrte; auf daß ich dir dienete, und dich liebele, wie du geboten hast. 2. O Quelle der ewigen Liebe, was soll ich von dir sagen? Wie könnte ich dein vergesse», 159 der du mich gewürdiget hast, meiner zu gedenken, auch da ich verschmachtet war und verlohnen. Du ^' hast Barmherzigkeit gethan an deinem Diener, über j alle Hoffnung, und ihm erzeiget unverdiente Gna- s de und Freundschaft. Was soll ich dir erwiedern . für diese Gnade? Denn nicht allen ist's gegeben, j daß sie mit Entsagung aller Dinge, auf die Welt Verzicht thun, und ein geistlich Leben aufangen. Ist's denn etwas so Großes, daß ich dir diene, dem jede Creatur dienen muß? Nein, es soll mich nicht groß dünken, dir zu dienen; aber das soll mir vielmehr groß scheinen und wunderbar, daß - dir einen so Armen und Unwürdigen werth hältst ^ anzunehmen als deinen Diener, und zuzugesellen - deinen geliebten Dienern. j 3. Siehe, alles ist dein, was ich habe, und womit ich dir diene. Jedoch aber dienest du mir ^ mehr, als ich dir diene. Siehe Himmel und Er.- de, die du erschaffen zum Dienste der Menschen, ^ sind bereit und thun täglich, was du ihnen gebo' s ten hast. Und daS ist noch wenig, da du auch t hast verordnet die Engel zum Dienste des Men- ^ scheu. Dies aber übersteiget alles, daß du dich 160 selbst herabgelassen dem Menschen za dienen, and verheißen dich selbst ihm hinzngeben. 4. Was soll ich dir gebe», für all'diese viel tausend Güter? Ach, das; ich dir könnte dienen all' die Tage meines Lebens! Ja mocht'e ich nur Einen Tag dir würdig zu dienen vermögen! Denn du bist wahrlich würdig alles Dienstes, aller Ehre, und eines ewiges Lobes. Wahrlich, du bist mein Herr, und ich dein armer Diener, der ich schuldig bin, dir zu dienen aus allen Kräften, und nlmmer soll müde werden deines Lobes. Also will ich, und also begehre ich auch; und was mir daran mangelt, daß wollest du ersetzen. 5. Es ist große Ehre und großer Ruhm dir dienen, und alles verschmähen um deinetwillen. Die aber werden große Gnade haben, welche sich freiwillig unterwerfen deinem heiligsten Dienste. Die werden finden den süßesten Trost des heiligen Geistes, welche um deiner Liebe willen wegwerfen alle fleischliche Ergötzung. Die werde» erlangen große Freiheit des GemüthS, welche um deines Namens willen betreten den engen Weg, und verlassen alle weltliche Sorgen. 6. O angenehmer und erfreulicher Dienst Got- 161 tes, wodurch der Mensch wahrhaftig frei wird ,„id heilig! O heiliger Stand des geistlichen - Dienstes, welcher den Menschen versöhnet mit ^ Gott, ihn den Engeln gleich, den bösen Geistern schrecklich, und allen Gläubigen werth machet. O liebenswürdiger und allezeit wünschenswertster i Dienst, durch welchen das stöchste Gut erlanget, - und eine Freude erworben wird, die für und für ! bleibet! _ ii. Lapitel. Die Begierden des Herzens sott man prüfen und mäßigen. Jesus. 1. Mein Sohn, du mußt noch viel lernen, ! was du noch nicht wohl geleruet hast. H Die Seele. E 2. Herr, was ist dieses? 1 Jesus. / 3. Dies ist's: daß du dein Begehren ganz set- ; zest auf mein Wohlgefallen, und nicht dich selbst ! ! ! ! 162 lieb habest; sondern meinem Willen eifrig folgest. Deine Begierden entzünden dich oft heftig; erwäge aber, ob du beweget werdest um meiner Ehre, oder um deines eigenen Nutzens willen. Bin ich die Ursache, fo wirst du wohl zufrieden feyn, wie jch's auch ordnen möge: lieget aber etwas darunter verborgen von deinem eigenen Gesuch, stehe, so ist's das, waS dich hindert und beschweret. 4. Hute dich also, daß du dich nicht ohne meinen Rath zu viel stützest, auf dein vorgesetztes Begehren; damit dich nicht nachmals etwa gereue oder mißfalle, was dir anfangs gefiel und was du gleich als das Beste, eifrig suchtest. Denn man muß nicht einer jeglichen Begierde, die gut scheinet, alsbald folgen, noch auch jegliche, die uns widerwärtig dünket, sogleich fliehen. Es ist ^ auch zuweilen nützlich, das du dich mäßigest, sogar in frommen Neigungen und Begierden; auf daß du nicht durch Ungestüm gerathest in Zerstreuung des Gemüths, noch andern Aergerniß gebest, durch dein unordentlich Wesen; noch auch durch anderer Widerstand zu bald beunruhiget werdest und fallest. 5. Zuweilen aber muß man Gewalt brauchen, 163 ! und männlich widerstehen der sinnlichen Begierde, Mid nicht darauf achten, was das Fleisch will, und was es nicht will; sondern vielmehr sich bemühen, daß es auch wider Willen sich dem Geiste unterwerfe, und so lange werde gezüchtiget, und zur Dienstbarkeit angehalten, bis es zu allem bereit ist, und gelernet hat sich an wenigem zu genügen, und am Einfältigen zu erfreuen, und auch nicht zu murren wider daS Mißfällige. s 12. Capttel. ; Von Unterweisung in der Geduld, und vom ^ Streit wider die fleischlichen Begierden. I - i Die Seele. ! 1. Herr, mein Gott, wie ich sehe, ist mir s Geduld sehr iwthig ; weil in diesem Leben viel Wir ^ dmvartigkeiten Vorkommen. Denn wie ich's auch ordne zu meinem Frieden, so kann mein Leben doch nicht sepn ohne Kampf und Schmerzen. Jesus. 2. So istzs, mein Sohn. Ich will aber nicht, das? du einen solchen Friede» suchest, der ohne Versuchungen oder ohne Widerwärtigkeiten scv; >om dcrn alsdann erst glaube den Frieden gefunden zu haben, so du geübt sepn wirst in mancherlei Trüb- salen, und geprüft in vielfältigen Widerwärtigkeiten. Sprichst du aber, du konntest nicht viel teiden, wie willst du alsdann das höllische Feuer ertragen? Von zweien Ucbeln muß man immer Pas kleinestc wählen. Auf daß du also entgehe» mögest der zukünftigen ewigen Strafe, so bemühe dich die gegenwärtigen Nebel, um Gottes willen, mit Gleichmuth zu ertragen. Mepnest du, daß die Menschen dieser Welt nichts, oder so wenig zu leiden haben? Das wirst du nicht finden, und wenn du gleich die Ncppigsten darum bcfragetest. 3. Diese aber haben, sagst du, viel Ergötzungen und folgen ihrem eigenen Willen; darum achten sie so wenig ihre Trübsale. si. Gefetzt, es wäre also, daß sie hätten, was sie wollten; wie lange aber mepnest du, wird es dauern? Siche, die Uebcrfluß habe» in der Welt, werden vergehen gleich wie der Rauch, und wird i 165 kein Andenken sepn ihrer vergangenen Freuden. Aber auch dieweil f?e noch leben, wogen sie darin nicht ruhen ohne Bitterkeit, Ueberdruß und Furcht. Denn eben die Dinge verursachen ihnen oft Schmerzen zur Strafe, wovon sie Vergnügen empfangen. Es geschiehet ihnen recht, daß sie die Ergötzungen, die sie unordentlich suchen, und denen sie nachlaufen, nicht können genießen ohne Schande und Bitterkeit. O wie kurz, wie trüg- lich, wie unordentlich und schändlich sind alle Lüste! Dennoch verstehen sie solches nicht vor Trunkenheit und Blindheit; sondern laufen wie diever- nunftlosen Thiere, in den Tod und in's Verderben ihrer Seele, um einer geringen Ergvtzlichkeit willen dieses hinfälligen Lebens. Du aber, mein Sohn, folge nicht deine» Lüsten, sondern brich deinen Willen. *) Habe deine Lust an dem Herrn, der wird dir geben, was dein Herz wünschet. **) 5. Denn willst du dich wahrhaftig erfreuen, und überschwänglich von mir getröstet werden; siehe, so wird in der Verschmähung aller weltlichen Sir. 18, 30. ") Ps. 37, 4. 11 166 Dinge, und in der Entsagung aller niedrigen Er- gotzlichkeiten, dein Segen sepn, und dir gegeben werden die Fülle des Trostes. Und je mehr du dich entziehest von allem Tröste -er Creaturen, desto sicheren und kräftigeren Trost wirst du in mir finden. Aber anfänglich wirst du nicht dazu gelangen ohne einige Traurigkeit und Arbeit des Kampfes. Die alte eingewurzelte Gewohnheit stehet dir entgegen, wird aber überwunden durch eine bessere Gewohnheit. Das Fletsch wird wider- spänstig sepn, aber bezähmet werden durch Inbrunst des Geistes. Die alte Schlange wird dich anrei- zen und erbittern, aber vertrieben werden durch's Gebeth: auch wird ihr der große Zugang verwehret durch nützliche Beschäftigung. 167 i3. Capitel. Vom Gehorsam eines demüthig Untergebenen, nach dem Beispiel Jesn Christi. Jesus- 1. Mein Sohn, wer sich will dem Gehorsam entziehen, der entziehet sich auch der Gnade, und wer suchet zu besitzen etwas Eigenes, der vermehret das Gemeinsame. Wer nicht gern und freiwillig sich unterwirft feinem Obern, der gibt dadurch zu erkennen, daß ihm sein Fleisch noch nicht vollkommen gehorsam sep; sondern öfter wider- spänstig rst und murret. Lerne also, ohne Verzug dich unterwerfen deinem Obern; so du wünschest dein eigen Fleisch zu unterjochen. Denn der äussere Feind wird leichter überwunden, so dep innere Mensch noch »»verwüstet ist. Die Seele hat keinen beschwerlicheren und schlimmeren Feind, als dich selbst, wenn du nicht recht mit deinem Geiste einig bist. Wahrlich, du mußt ganz und gar annehmen die Verachtung deiner selbst, willst du anders dem Fleisch und Blut obsiegen. Dieweil du 11 * 168 noch eine allzu ungeordnete Liebe zu dir selbst hast, darum furchtest du dich gänzlich zu ergeben in den Willen eines Andern. 2. Was ist'S denn Großes, so du, der du Staub und Nichts bist, um Gottes willen, dich einem Menschen unterwirfst, da ich, der Allmächtige und Höchste, welcher Alles ans Nichts erschaffen hat, mich um deinetwillen, demüthig den Menschen unterworfen habe, und der demüthigste und niedrigste unter allen worden bin; damit du mochtest überwinden deinen Hochmuth, durch meine Demuth. Lerne gehorchen, du Staub! Lerne dich dcmüthigen, du Erde und Thon! und dich beugen unter aller Menschen Füße. Lerne deinen Wille» brechen, und dich hiugeben aller Unterwerfung. 3. Erzürne wider dich selbst, und leide nicht, daß Hochmuth in dir sep; sondern stelle dich dar also unterwürfig und klein, daß alle über dich hingehen, und gleich wie Staub auf der Gasse, nut Füßen treten können. Was hast du zu klagen, du eiteler Mensch? Wie kannst du widersprechen, du unreiner Sünder, denen die dich tadeln, der du so oft Gott beleidiget, und so vielmal die Hölle verdienet hast? Aber mein Auge hat dein verschonet, weil deine Seele vor meinem Angestcht köstlich war; auf daß dn erkennen möchtest meine Liebe, und allezeit dankbar wärest fürsmeineWohl- thaten; dich wahrer Unterwürfigkeit und Demnth ohne Unterlaß hingebest, und geduldig ertragest die eigene Verachtung. ^4. Capitel. Gottes verborgene Gerichte sollen wir bedenken, auf daß wir uns des Guten nicht nberheben mögen. Die Seele. 1. Herr, du lassest erschallen über mir deine Gerichte, und erschütterst meine Gebeine mitFurcht und Schrecken, und meine Seele erschrickt gar sehr. Ich stehe bestürzt und bedenke, daß auch die Himmel nicht rein sind vor deinem Angestcht. *) So du in den Engeln hast Sünde gefunden, und ihrer 170 nicht geschonet, *) was wird aus mir werde»? Sterne sind gefallen vom Himmel, und ich Staub, was will ich mich vermessen? Welcher Werke lob/ lich schienen, sind tief herab gefallen, und welche aßen das Brot der Engel, sah ich an den Trebern der Saue sich vergnügen. 2. Darum ist reine Heiligkeit, wo du Herr, deine Hand entziehest. Keine Weisheit nützet, wo du aufhörest zu regieren. Keine Stärke hilft, wo du nicht bewahrest. Keine Keuschheit ist sicher, wo du sie nicht beschützest. Eigene Huth nützet nichts, wo deine heilige Wachsamkeit fehlet. Denn so wir verlassen werden, versinken wir und kommen um; so du uns aber heimsuchest, richten wir uns wieder auf und leben. Wir sind unbeständig, aber durch dich werden wir gestärket. Wir erkalten, aber du entzündest uns wieder. 3. O, wie niedrig und verworfen muß ich mich selbst fühlen! Wie muß ich'S gering achten, was ich Gutes zu haben scheine! O wie tief Herr, H Hiob. 4, 18. 2. Petr. 2, 4. Ep. Jud. 6. 171 muß ich mich unterwerfen deinen unergründlichen Gerichten; wv ich finde, daß ich nichts anders bin, als Nichts und abermal Nichts! O unermeßliche Last! o unüberschiffbar Meer, wo ich nichts von mir wiederfinde, als im Ganzen Nichts! Wo soll fich nun verbergen mein Ruhm? Wo bleibet mein Vertrauen auf eingebildete Tugend? Verschlungen ist all' mein eiteler Ruhm von der Tiefe deiner Gerichte über mich. 4. Was ist alles Fleisch vor deinem Angesicht? Wird fich wohl der Thon rühmen wider den Töpfer, der ihn bildet.*) Wie kann fich der erheben durch eitele Rede, dessen Her; in Wahrheit Gott unterworfen ist? Denn welchen die Wahrheit fich unterworfen hat, den mag die ganze Welt nicht übermüthig machen. Noch wird durch aller Menschen Lob der beweget, welcher alle feine Hoffnung in Gott befestiget hat. Denn stehe, die da reden, find alle selbst Nichts, und werden vergehen mit dem Schall ihrer Worte; die Wahrheit aber des Herrn bleibet ewiglich. *) Jes. 29, 16. ff 172 i5. Capitel. Wie inan reden und sich verhalten soll in allem, was wir wünschen. I e sn s. 1. Mein Sokin, sprich also in allen Dingen: Herr, wie eS dir gefällt, so geschehe eS; Herr, gereichet es zu deiner Ehre, so geschehe es in deinem Namen: Herr, siehesi dn, das; es mir dienlich ist, und erkennest dn es für nützlich, so gib mir, daß ich'S gebrauche zu deiner Ehre. Erkennest du aber, daß es mir schädlich ist, und dem Heil meiner Seele nicht forderlich, so nimm von mir ein solches Begehren. Denn nicht ein jeglich Begehren kommet von dem heiligen Geiste, ob es gleich dem Mensche» recht und gut schiene. Es ist schwer, richtig zu urtheilen, ob dich ein guter Geist oder ein böser antreibe zn diesem oder jenem Begehren; oder ob du dazu angetriebe» werdest auS eigenem Geiste. Viel sind am Ende betrogen worden, die anfänglich schienen von einem guten Geiste gesühret zu werden. 173 2. Darum muß man immer mit Gottesfurcht nndDemuth des Herzens wünschen und bitten, was -cm Gemüthe Wünschenswertstes begegnet; sonderlich aber mit Hingebung seiner selbst mir alles anheimstellen, und also sprechen: Herr, du wcissest wre eS am besten ist! Thue diesen oder jenes, wie cS dir gefällt. Gib, was du willst, und wieviel du willst, und wenn du willst. Thue mit mir, wie du weißt, wie es dir am besten gefällt, und wie eS zu deiner größeren Ehre gereichet. Stelle mich wohin du willst, und handle mit mir frei in allen Dingen. Ich bin in deiner Hand, wende und kehre mich um und um. Siehe, ich bindein Diener und zu allem bereit: denn ich begehre nicht mir zu leben, sondern dir; mochte ich's nur wiir- diglich und vollkommen können! Gebeth um Gottes Wohlgefallen zu erfüllen. Die Seele. 3. Verleihe mir, gütigster Jesu, deine Gnade, daß sic mit nur sev, mit mit arbeite, und bei mir 174 bleibe bis an mein Ende. Gib, daß ich allezeit begehre und wolle, was dir am angenehmsten ist und am meiste» gefällt. Dein Wille sey der inest nige; und mein Wille folge immer dem deinigen, und stimme am besten mit ihm überein. Laß mich mit dir einerlei wollen und nicht wollen: noch ein Anderes wollen oder nicht wollen können, denn nur, was du willst und nicht willst. 4. Gib, daß ich allen weltlichen Dingen abster- bc, und um deinetwillen gerne in der Welt verschmähet und unbekannt sep. Gib mir, vor allen meinen Wünschen, daß ich möge in dir ruhen und mein Herz in dir befriedigen. Du bist des Herzens wahrer Friede, du bist die einige Ruhe; und außer dir ist alles Deschwerniß und Unruhe. Laß mich in diesem Frieden, ja darin, das ist in dir, dem einigen höchsten und ewigen Gut, schlafen und ruhen. *) Amen. 7 Ps. 4, 9. 17L r6. Capite!. Wahren Trost muß man allein in Gott suchen. Die Seele. 1. Was ich auch wünschen und erdenken mag zn meinem Tröste, das erwarte ich nicht hie, sondern von der Zukunft. Denn ob ich gleich allein hätte alle Tröstungen dieser Welt, und könnte genießen alle Freuden, so ist's doch gewiß, daß sie nicht lange könnten dauern. Darum, meine Seele, kannst du nicht vollkommen getröstet und erquicket werden, denn nur allein in Gott, dem Tröster der Armen, und Beschützer der Demüthi- gen. Warte ein wenig, meine Seele, warte auf die göttliche Verheißung, und du wirst Ucberfluß haben an allen Gütern im Himmel. So du aber den gegenwärtigen Gütern nachjagest mit unordentlicher Begierde, wirst du die ewigen und himmlischen verliehrcn: denn die zeitlichen Güter sollst du nur haben im Gebranch, die ewigen aber im Verlangen. An keinem zeitlichen Gnt kannst 176 du dich sättigen, dieweil du zu dessen Genüsse nicht geschaffen bist. 2. Hättest du auch alle erschaffene Güter, so könntest du doch dadurch nicht glücklich und selig werden; sondern in Gott allein, der alle Dinge erschaffen hat, bestehet dein ganzes Glück und deine Seligkeit; und nicht eine solche, wie sie wird angesehen und gepriesen von den thörichten Freunden der Welt; sondern eine solche, wie sie erwarten die frommen Gläubigen Christi, und wovon zuweilen einen Vorgeschmack haben, die reinen und geistlichen Herzen, derer Wandel im Himmel ist. *) Eitel und kurz ist aller menschliche Trost; aber selig und wahrhaftig ist der Trost, der inwendig empfangen wird von der Wahrheit. Ein andächtiger Mensch traget allenthalben mit sich seinen Tröster Jesum, und spricht zu ihm: Sep bei mir, Herr Jesu, allenthalben und zu aller Zeit. Und daS sep inein Trost, gerne allen menschlichen Trost entbehren wollen. Und wenn mir dann dein Trost mangeln sollte, so sep mir dein Wille und gerechte Prüfung der höchste ) Phil. 3 20. 17 ' Trost: dem, du zürnest nicht immerdar, und dräuest nicht ewiglich. 17. Capitel. Alle Sorge muß man Gott anheim stellen. JesuS. 1 . Mein Sohn, laß mich mit dir machen, was ich wist; denn ich weiß, was dir nütze ist. Du denkest, wie ein Mensch, und urtheilest in vielen Dingen, wie menschliche Neigung dich überredet. Die Seele. 2. Herr, es ist wahr, was du sagest: deine Sorgfalt für mich ist größer, als aste Sorge, die ich für mich selbst haben kann. Denn der hänget gar zu sehr von, Zufall ab, welcher nicht aste seine Sorge dir anheim stellet. Herr, wenn nur mein Wiste immer recht und fest in dir bleibet, so thue mit mir, wie dir's wohlgefästt. Denn was du mit mir thust, kann nicht anders 178 als gut sepn. Willll du, daß ich in Finsternis! ftp, so sep gelobet; willst du, daß ich im Lichte sep, so ftp abermal gelobet. Würdigest du mich deines Trostes, so ftp gelobet; willst du mich beimsuchen mit Trübsal, so sep eben so immerdar gelobet. I esus. 3. Mein Sohn, also muß es mit dir stehen, sv du begehrest mit mir zu wandeln. Du mußt eben so bereitwillig sepn zum Leiden, als zur Freude. Du mußt eben so gern in Dürftigkeit und Ar- muth sepn, alS in Fülle und Neichthum. Die Seele. st. Herr, ich leide gerne um deinetwillen alles, was du willst, daß über mich komme. Gleich- müthig will ich von deiner Hand Gutes empfangen und Böses, Süßes und Bitteres, Frölichesnnd Trauriges, und für alles, was mir begegnet, Dank sagen. Bewahre mich vor aller Sünde, so werde ich weder Tod fürchten noch Hölle. Wenn du mich nur nicht ewig verwirfst, und austilgest aus dem Buche des Lebens; so wird mir kein Trübsal schaden, welches auch über mich kommen mag. 179 18. Capitel. Das zeitliche Elens soll man gleichmüthig tragen, nach dem Beispiel Christi. Iesu Z. 1. Mein Sohn, ich bin vom Himmel kommen, um -eines Heils willen. Ich habe dein Elen- auf mich genommen, nicht weil ich mußte, sondern weil mich die Liebe dazu gezogen; damit du möchtest Geduld lernen, und nicht unwillig trügest das zeitliche Elend. Denn von der Stunde meiner Geburt an bis zu meinem Tode am Kreuz, bi» ich nicht gewesen ohne Leiden. Ich habe grossen Mangel gelitten an zeitlichen Gütern; ich mußte oftmals viel Klagen wider mich Horen, und habe Schmach und Schande sanstmüthig ertragen. Für Wohlthaten habe ich empfangen Undank, für Wunder Gotteslästerungen, und für meine Lehre Tadel. Die Seele. 2. Herr, weil du in deinem Leben bist geduldig gewesen, und dadurch vornehmlich den Willen 180 erfüllet hast deines VaterS; so ist's billig, daß ich elender Sünder auch geduldig leide, naeli deinem Willen, und so lange du willst, deS hin- fälligen LedenS Last trage, um meines Heils willen. Denn obwohl dies gegenwärtige Leben beschwerlich fallt; so ist's doch nun durch deine Gnade sehr verdienstlich, und durch dein Beispiel und die Fußstapfen deiner Heiligen, den Schwachen erträglicher und klarer worden. Denn jetzt ist's viel tröstlicher, als es gewesen ist unter dem alten Gesetz, da die Pforte des Himmels verschlossen blieb, und auch dunkler schiene der Weg zum Himmel; weil so wenige sich bemüheten das Himmelreich zu suchen. Ja auch die damals gerecht, und wcrth waren der Seligkeit, konnten nicht eingehen in's Himmelreich vor deinem Leiden und Schuldopfer deines heiligen Todes. 3. O welchen Dank bin ich dir schuldig, daß du mich und alle Gläubigen gcwürdiget hast, uns zu zeigen den richtigen und guten Weg zu deinem ewigen Reich! denn dein Leben ist unser Weg; und durch die heilige Geduld wandeln wir zu dir, der du bist unsere Krone. Wärest du uns nicht vorgegangen, und hättest uns nicht gelehret, wer 181 würde sich befleißigen dir nachzufolgen? Ach, wie viel würden weit dahinten bleiben, wenn sie nicht vor Augen hätten deine vortrefflichen Beispiele! Siehe, wir sind noch lau, da wir doch gehöret haben von so vielen deiner Zeichen und kehren. Was würde geschehen, wenn wir nicht so viel Licht hätten dir nachzufolgen? 19. Capitel. Von Erduldung des Unrechts, und wer als ein wahrer Dulder bewähret werde. Jesus. 1. Was redest du, mein Sohn? Höre auf zu klagen, und bedenke mein und anderer Heiligen Leiden. Du hast noch nicht gekämpfet bis auf's Blut. *) Wenig ist'?, was du leidest in Vergleichung derer, welche so viel haben gelitten, so stark sind angefochten, so schwer betrübet, so vielfältig sind geprüfet und geübt worden. Darum ') Hebr. 12, 4. 12 152 mußt du dir zu Gemüthe führen der Andern schwerere ^ Leiden, auf daß du desto leichter ertragen mögest l deine geringer«. Und wenn sie dir nicht gering zu scyn scheinen, so siehe zu, daß dieses nicht herkomme von deiner Ungeduld. Doch es möge klein oder . groß scyn, was du leidest, so bemühe dich alles ! geduldig zu ertragen. 2. Je besser du dich anschickest zum Leiden, desto weiser handelst du, und desto mehr wirst du gefördert. Du wirst es auch leichter ertragen, so du dich fleißig dazu vorbereitet hast in deinem Ge- ^ müthe und in der Uebung. Daß du aber nicht i sagest: das kann ich nicht leiden von einem solchen Menschen, und bin auch nicht schuldig solches zu leiden; denn er hat mir großen Schaden habe; von einem Andern aber will ich gerne leiden, so ich sehe, wie ich's leiden kann. Thöricht sind solche Gedanken, welche die Tilgend der Geduld nicht erwägen, noch von wem sie wird ge- i krönet werden; sondern vielmehr ansehen die Per- i sonen und die anqethanen Beleidigungen. - 3. Der ist kein wahrer Dulder, welcher nicht mehr leiden will, als es ihm gutdünket, und von ^ gethan, und gibt mir Schuld, das ich nie gedacht l 183 wem es ißm gefällt. Ein wahrer Dulder aber flehet nicht darauf, von welchem Menschen er im Leide» geübt wird, ob von seinem Vorgesetzten, oder von seines gleichen, oder auch von einem Geringer«; ob von einem guten und heiligen Manne, oder von einem bösen und unwürdigen. Sondern wie viel und wie oft ihm auch etwas Widerwärtiges begegnet, von irgend einer Creatur; so nimmt er's dankbar und ohne Unterschied an von der Hand Gottes, und achtet es für einen großen Gewinn: denn nichts, wie gering es auch sey, das man um Gottes willen leidet, kann bei Gott «»vergolten bleiben. 4. Darum sey gerüstet zum Streit, so du den Sieg erhalten willst. Ohne Kampf kannst du nicht erlangen die Krone der Geduld. Willst du nicht leiden, so willst du auch nicht gekrvnet werden. Verlangest du aber gekrönet zu werden, so streite männlich, und trage geduldig. Ohne Arbeit kommt man nicht zur Ruhe, und ohne Kampf gelanget man nicht zum Sieg. Die Seele. 5. Herr, es werde mir möglich durch die Gnade, waS mir unmöglich scheinet nach der Natur. 184 Du weißt, daß ich wenig leiden kann, und bald kleinmiithig werde, so sich nur eine kleine Widerwärtigkeit erhebet. Laß mir eine jegliche Uebnng der Trübsal lieb und erwünscht sepn, um deines Namens willen: denn leiden und bedränget werden, um deinetwillen, ist meiner Seele gar heilsam. 20. CapiLel. Von dem Bekenmniß eigener Schwachheit, und dem Elend dieses Lebens. Dre Seele. 1. Ich will wider mich selbst bekennen meine Ungerechtigkeit; ich will dir Herr, bekennen meine Schwachheit. Oft ist's ein Kleines, das mich muth- los und traurig macht. Ich nehme mir vor, kräftig zu handeln, kommt aber eine geringe Versuchung, so wird mir sehr angst. Zu Zeiten ist'S ein gar gering Ding, wodurch eine schwere Versuchung kommet. Und wenn ich mich ein wenig 185 sicher glaube, so finde ich mich bisweilen, ehe ich mir's versehe, fast überwunden von einem bloßen Hauch. 2. Siehe also an Herr, meine dir wohlbekannte Niedrigkeit und Gebrechlichkeit. Erbarme dich mein, und reiße mich aus dem Schlamme, daß ich nicht darin versinke, und ganz darnicdergeworfen bleibe. Das ist'S, was mich oft zerschlägt und vor dir zu Schanden machet, daß ich so hinfällig und schwach bin im Widerstande der Leidenschaften. Und obwohl ich gar nicht darein willige, so ist es mir ! doch lästig und beschwerlich, daß ich von ihnen ^ verfolget werde, und verdrießet mich sehr, also s täglich im Streit leben. Daraus erkenne ich meine Schwachheit, daß die bösen Einbildungen allezeit viel leichter bei mir Eingang finden, als sie wieder von mir weichen. , 3. Ach, möchtest du starker Gott Israels, du Eiferer aller gläubigen Seelen^ doch anfehen deines Dieners Mühe und Schmerz, und ihm beistehen in allem seinem Vornehme». 'Stärke mich mit der himmlischen Stärke, auf daß nicht in mir ' herrschen möge der alte Mensch, und daS elende Fleisch, so dem Geiste noch nicht völlig nnterwor- 186 fen ist; wider welches wir wohl werden streiten müs- sen, so lange wir athmen in diesem elenden Leben. Ach, was ist doch dieses Leben, wo Trübsal nnd Elend nimmer fehlen; wo alles voller Fallstricke und Feinde ist! Denn wenn eine Trübsal oder Anfechtung vorüber ist, so kommt schon die andere; ja, da wir mit der einen noch im Streit sind, kommen unvermnthet schon mehr andere über uns. 4. Wie kann man nun das Leben lieben, da§ so viel Bitterkeiten hat, nnd unterworfen ist so vielem Jammer und Elend? Ja, wie kann man das auch nur ein Leben nennen, welches so mancherlei Plagen und Tod gebiert? Und dennoch wird es geliebet, und viel suchen darin ihre Ergötzung. Die Welt wird oft beschuldiget, daß sie betrüglich und eitel sep, und doch verlaßt man sie nicht gern; weil die Begierden des Fleisches zu sehr herrschen. Denn einige Dinge ziehen uns an, die Welt zn lieben, andere sie zu verschmähen. Zur Liebe der Welt ziehet uns Fleischeslust, Augenlust und hof- färtiges Leben; aber die Pein nnd das Elend, welche ihnen gerechterweise folgen, gebühren Haß und Ueberdruß der Welt. 187 5. Aber leider! überwindet die böse Lust das weltergcbcne Gemüth, indem cs mcynet Ergötz- lichkcitcn zu finden unter Dornen; dieweil eS Gottes Lieblichkeit und der Tugend innere Anmuth, weder gesehen noch gekostet hat. Welche aber die Welt vollkommen verschmähen, und sich befleißigen Gott zu leben, in heiliger Zucht, die kennen die göttliche Lieblichkeit, die verheißen ist denen, die da wahrhaftig allem absagcn; und sehen klar ein, wie so schwer die Welt irret und so mannich- saltig betrogen wird. 21. CapiLel. In Gott soll inan ruhen, über allen Gütern und Gaben. Die Seele. 1. O, meine Seele, du mußt ruhen in dem Herrn allezeit, über allen Dingen, und in allen Dingen; dieweil er ist der Heiligen ewige Ruhe. Gib mir süßester und geliebtester Jesu, daß ich 188 in dir ruhen möge, über aller Creatur, über aller Gesundheit und Schönheit, über aller Ehre und Herrlichkeit, über aller Macht und Würde, über aller Wissenschaft und Scharfstnnigkeit, über allen Reich- thümern und Künsten, über aller Fröhlichkeit und allem Frohlocken, über allem guten Nufuud Lob, über aller Lieblichkeit und Tröstung, über aller Hoffnung und Verheißung; über allem Verdienste und Begehren, über allen Gaben und Geschenken, tue du geben und eingießen kannst: über aller Freude und allem Jubel, so dasGemüth fassen und empfinden kann; ja über allen Engeln und Erzengeln, und über allem Heer des Himmels; über allen sichtbaren und unstchtbaren Dingen, und über allem, was du mein Gott, nicht bist. 2. Denn du Herr, mein Gott, bist vor allen Dingen der Beste; du allein bist der Höchste, du allein der Mächtigste, du allein der Allgenugsam- ste, und die höchste Fülle; du allein der Lieblichste und der Trostreichste; du allein der Schönste und Liebenswürdigste; du allein der Vortrefflichste und Herrlichste, vor allen Dingen, in welchem alle Güter vereiniget und vollkommen sind, allezeit waren, und sepn werden. Und darum ist mir alles 189 wenig und unzureichend, was da mir gibst, ohne Lieh selbst, oder was du mir offenbarest oder verheißest von dlr, so ich dich selbst nicht sehe und völlig erlange. Tenn mein Herz kann nicht wahrhaftig ruhen, noch gänzlich befriediget werden, es ruhe denn in dir allein, und ubersteige alle Gaben und alle Creaturen. 3. O Jesu, mein liebster Bräutigam, mein reinester Freund, Beherrscher aller Creaturen, wer gibt mir Flügel wahrer Freiheit, hin zu stiegen zu dir und in dir auSzuruhen? O, wenn wird mir vollends gegeben zu schauen, und zu erfahren wie freundlich du mein Herr und mein Gott bist? Wenn werde ich mich völlig wieder sammeln in dir, daß ich vor Liebe zu dir, mich selbst nicht, sondern dich allein empfinde, über alle Empfindung und Weise, und auf eine Art, die nicht allen bekannt ist? Nun aber seufze ich oft, und trage mit Schmerzen meine Unglückseligkeit-, weil mir begegnen viel Uebel in diesem Jammerthal, die mich öfter beunruhigen, betrüben und verfinstern, öfter hindern und zerstreuen, anlocken und verwik- keln, daß ich keinen freien Zutritt zu dir habe, noch genieße deiner lieblichen Umarmungen, deren 190 sich immer erfreuen die seligen Geister. Laß dich bewegen mein Seufzen und mein vielfältiger Jammer auf Erden. 4. O, Jesu, du Glan; ewiger Herrlichkeit, du Trost der wallenden Seele. Bei dir ist mein Mund ohne Stimme, und mein Stillschweigen redet zu dir. Wie lange verziehet mein Herr, zu kommen? Ach, daß er käme zu mir Armen, und mich erfrcuete; daß er mir seine Hand reichte, und mich Elenden entrisse aller Angst. Ach komme, komme! denn ohne dich habe ich keinen fröhlichen Tag noch Stunde; weil du meine Freude bist; und ohne dich ist mein Tisch leer. Ach bin elend, und gewissermaßen eingckerkert und mit Fesseln beschweret, bis du mich erquickest durch das Licht deiner Gegenwart, mich der Freiheit wieder- gibst, und mir dein freundlich Angesicht zeigest. L. Andere mögen statt deiner Anderes suchen, und wa» ihnen beliebet; mir aber gefällt indcß nichts Anderes, noch wird etwas Anderes gefallen, als du mein Gott, meine Hoffnung, mein ewig Heil. Ich werde nicht schweigen, noch zu bitten aufhvrcn, bis deine Gnade zurnckkehrct, und du innerlich wieder mit mir redest. 191 Jesus. 6. Siebe, hiebin ich. Siehe, ich komme zu dir, weil du mich gerufen hast. Deine Thranen und -einer Seele Verlangen, deine Demnthigung und Zerknirschung deines Herzens, haben mich zu dir geneigct und zu dir gefnhret. Die Seele. 7. Und ich sprach: Herr, ich habe dich gerufen, und begehret deiner zu genießen, bereit, alle Dinge um deinetwillen zu verschmähen. Denn du hast mich zuvor erwecket, ans daß ich dich suchen möchte. Sep also gelobet, Herr, der du diese Güte an deinem Diener gcthan hast, nach der Fülle deiner Barmherzigkeit. Was soll denn dein Diener weiter vor dir sagen, als nur, daß er sich sehr demüthige vor dir, allezeit eingedenk seiner- eigenen Ungerechtigkeit und Niedrigkeit? Denn dir ist nichts gleich, unter allen Wundern des Himmels und der Erde. Deine Werke sind sehr gut, deine Gerichte sind wahrhaftig, und deine Vorsehung regieret alle Dinge. Dir sey also Lob und Ehre, o Weisheit des Vaters. Dich lobe und preise mein Mund und meine Seele, sammt aller Creatur. 192 22. Capitel- Von Erinnerung an die vielfältigen Wvhl- thaten Gottes. Die Seele. 1. Oeffne Herr, mein Herz in deinem Gesetze, und lehre mich wandeln in deinen Geboten. Gib, daß ich erkenne deinen Willen, und deiner Wohlthaten gedenke im Allgemeinen und im Besonder», in großer Ehrfurcht und fleißiger Betrachtung ; auf daß ich dir würdiglich dafür danken möge. Doch ich weiß, und bekenne in Wahrheit, daß ich dir auch im Allergeringsten nicht darbringen kann die schuldige Lob - und Danksagung. Ich bin zu gering für alles Gute, so du mir erwiesen hast; und wenn ich betrachte deine Hoheit, so schwindet mein Geist vor solcher Große. 2. Alles, was wir haben nach Leib und Seele, und was wir besitzen innerlich oder äußerlich, natürlich oder übernatürlich, sind deine Wohlthaten, welche dich uns anprelsen als einen wohlthätigen, frommen und guten Gott, wovon wir empfaheu 193 ' haben alles Gute. Und obschon einer hat mehr - empzahen, der Andere weniger; so ist'S doch altes ^ dein, und ohne dich kann niemand d-aS Geringste E haben. Welcher mehr hat empfahen, mag sich nicht rühmen seines Verdienstes, noch erheben über i andere, noch Geringere verachten; sintemal der em j Größerer und Besserer ist, welcher steh selbst weniger znschreibet, und demüthiger und andächtiger ! ist in der Danksagung. Und welcher sich für den ^ Geringsten und Unwürdigsten achtet unter allen, der ist am geschicktesten Größeres zu empfahen. ' 3. Der aber weniger empfahen hat, soll sich j nicht betrüben, noch unwillig seyn, noch dem Reichern mißgünstig ; sondern vielmehr auf dich sehen, , und deine Güte preisen, daß du so überschwang- ; sich, so gar umsonst und gerne austheilest deine Gaben, ohne Ansehen der Person. Alle Dinge u. kommen aus dir, und darum bist du zu loben in > ^ allen Dingen. Du weißt, was einem jeglichen zu l geben nütze ist, und warum dieser weniger und je- r ner mehr haben soll, welches nicht uns, sondern j dir gebühret zu entscheiden, bei dem eines jeden ^ Vorzüge bestimmt sind. > 4. Daher, o mein Herr und Gott, achte ich'L i - i' 194 auch für eine große Wohlthat, nicht viel zu haben, davon äußerlich vor den Menschen zu erwarten ist Lob und Ehre: also, daß wenn jemand erwäget seine eigene Armuth und Niedrigkeit, so soll er daraus keine Beschwernis«, Traurigkeit oder Kleinmüthigkeit schöpfen; sondern vielmehr Trost und große Freudigkeit: dieweil du, o Gott, dir die Armen und Niedrigen, und von dieser Welt Verachteten, hast erwählet zu Vertrauten und Hausgenossen. Davon sind Zeugen deine Apostel selbst, welche du zu Fürsten gcsetzet hast über die ganze Erde. Dennoch haben sie ohne Klage gewandelt' in der Welt, so demüthig und einfältig, ohne alle Bosheit und Arglist, daß sie sich auch freueten um deines Namens willen Schmach zu leiden, und mit großem Eifer umfaßten, was die Welt verabscheuet«;. 5. Nichts also soll den so sehr erfreuen, der dich lieb hat, und deine Wohltsiaten erkennet, alS dein Wille hierin, und wie du es wohlgefällig von Ewigkeit her geordnet hast. Hiemit soll er so zufrieden seyn und getrost, daß er eben so gern sepn will der Geringste, als etwa ein Anderer wünschen möchte der Größeste zu sein,. Er soll 1 ! k 195 eben so zufrieden und vergnügt sepn in der niedrigsten Stelle, als in der höchsten; und eben so gern verachtet und verworfen, ohne Namen und ohne Ruhm, als geehrter und großer in der Welt, denn andere. Denn dein Wille und die Liebe deiner Ehre, muß über alles gehen, und ihn mehr trösten und ihm besser gefallen, denn alle Wvhl- thaten, die er empfahen hat, oder noch empfa- lien könnte. 23. Capitel. Von vier wichtigen Stücken, welche großen Frieden bringen. Jesus. 1. Nun will ich dich lehren, mein Sohn, den Weg deS Friedens und der wahren Freiheit. Die Seele. 2. So thue denn Herr, wie du sagest, denn solches ist mir angenehm zu hören. / l9ö Jesus. 3. Befleißige dich, mein Sohn, vielmehr eines Andern Willen zu thun, denn deinen eigenen. Erwähle allezeit lieber weniger zu haben, denn mehr. Suche immer die niedrigere Stelle und allen unterthan zu sepn. Wunsche und bethe allezeit, dasi Gottes Wille vollkommen in dir geschehen möge. Siehe, ein solcher Mensch gehet ein in das Reich des Friedens und der Ruhe. Die Seele. ll. Herr, diese deine kurze Rede enthält viel Vollkommenheit. Arm ist sie an Worten, aber voller Sinn, und reich an Frucht. Wenn ich sie treulich könnte bewahren, so würde in mir nicht so leicht Unruhe entstehen: denn so oft ich mich fühle beunruhiget und beschweret, finde ich, daß ich abgewichen bin von dieser Lehre. Du aber, der du alles vermagst, und allezeit liebest der Seelen Förderung, gib mir größere Gnade, auf daß ich erfüllen könne deine Lehre, und vollbringen mein Heil. 19 " Gebeth wider böse Gedanken. Die Seele. 5. Herr, mein Gott, weiche nicht von mir. Siehe darauf, Herr, mir zu helfen: denn in mir steigen auf mancherlei Gedanken »nd aroste Schrecken, welche meine Seele betrüben. Wie soll ich »»beschädiget hindurch dringen? Wie soll ich sie durchbrechen? 6. Ich, sprichst du, Witt vor dir her gehen, nid demüthigen die Stolzen dieser Erde. Ich will .mfschließcn die Thüren des Gefängnisses, und dir offenbaren die Geheimnisse verborgener Dinge. 7. So thue denn nun, Herr, wie du sprichst, »>d alle böse Gedanken werden fliehen vor deinem fngesicht. Das aber ist meine Hoffnung und mein Her Trost, daß ich in aller Trübsal zu dir flie- vertraue, ans meinem Innersten dich irufe, und geduldig auf deinen Trost warte. 13 193 Gebeth um Erleuchtung des Gemüths. Die Seele. 8. O gütiger Jesu, erleuchte mich mit der Klarheit des inwendigen Lichts, und vertreibe aus der Wohnung meines Herzens alle Finsterniß. Unterdrücke die mancherlei ausschweifenden Gedanken, und nimm von mir die Versuchungen, die mir Gewalt anthun. Streite mit Macht für mich, und bezwinge die bösen Thiere, nämlich die anreizende» Begierden, auf daß Friede werde durch deine Kraft, und dein Lob überschwänglich erschalle in deinem heiligen Tempel, das ist, in dem reinen Gewissen. Gebiete dem Winde und Wetter, sprich zum Meer: ftp ruhig; und znm Nordwinde: wehe nicht, und es wird eine große Stille sevn. 9. Sende aus dein Licht und deine Wahrheit, daß sie leuchten auf Erden; denn ich bin eitel wüstes Land, bis du mich erleuchtest. Gieß aus deine Gnade von oben; befeuchte mein Herz mit himmlischem Thail; leite herab die Wasser der Andacht, zu benetzen das Erdreich, auf daß es hervorbringe 19Z gute und herrliche Früchte. Nichte aufmein Gemüth, welches durch die Last der Sünden gedrückt ist, und erhebe meine ganze Begierde zu den himmlischen Dingen, auf daß, so ich gekostet die Anmuth der himmlischen Glückseligkeit, es mich verdrieße noch zu gedenken an die irdischen Dinge. 10. Entziehe und entreiße mich allem vergänglichen Trost der Creaturen; denn nichts Erschaffenes mag mein Verlangen völlig stillen und mich trösten. Verbinde mich mit dir, durch das Band der unzertrennlichen Liebe: denn du allein bist genug dem Liebenden, und ohne dich sind alle Dinge eitel. 24. Capitel. Man soll vermeiden eines Andern Leben vorwitzig zu erforschen. Jesus. 1. Mein Sohn, sep nicht vorwitzig, und beschäftige dich nicht mit eiteln Sorgen. Was gehet 13 * 200 sckSr . . / /r: 1 ,, dich die'es an oder jenes? Folge dn mir nach. *) Denn was kümmerst dn dich, ob dieser so ist oder so, und jener so oder anders thut oder redet? Du bedarfst nicht zu antworte» für andere, sondern wirst Rechenschaft geben müssen für dich selbst. Was verwickelst du dich denn? Siehe, ich kenne alle Menschen, und sehe alle Dinge, die unter der Sonne geschehen; und weiß wie es stehet um einen jeglichen, was er denket, und was er will, und zu welchem Ende seine Abstcht gehet. Darum stelle mir alles anheim; du aber bewahre dich in gutem Frieden, und laß treiben die Unruhigen, was sie wollen. Was sie thun oder sagen, wird über sie kommen; denn mich mögen sie nicht betrügen. 2. Sorge nicht um den Schatten eines großen Namens, noch um vieler Menschen Vertraulichkeit und sonderliche Freundschaft; denn dieses bringt Zerstreuung und große Verfinsterung des Herzens. Gerne wollte ich zu dir mein Wort reden, und dir offenbaren die verborgenen Dinge; so du nur flechsig wartetest meiner Zukunft, und mir aüsthätest * ) J°h. 21, 22. 201 . die Thüre deines Herzens. *) Sey vorsichtig, und wache im Gedeihs und demüthige dich in allen Dingen. 2§. Capitel. Worin der beständige Friede des Herzens und die wahre Förderung bestehe. Jesus. 1. Mein Sohn, ich habe gesagt: den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch: nicht gebe ich euch wie die Welt gibt. **) Den Frieden wünsche» zwar alle; aber was gehöret zum wahren Frieden, darnm kümmern sich nicht alle. Mein Friede ist mit denen, die sanstmüthig sind und von Herzen demüthig. ***) Dein Friede ist in vieler Geduld. Wirst du mich Horen und meiner Stimme folgen, so kannst du viel Frieden genießen. Offenb. 3, 20. ") Joh. 14, 27. Matth. 11, 29. 202 Die Seele. 2. Was soll ich denn thun? Jesus. 3. In allen Dingen habe Acht auf dich selbst, was du-thust und redest, und richte deine ganze Abstcht dahin, daß du mir allein gefallest, und außer mir ni Js begehrest oder suchest; daß du auch Anderer Worte und Werke nicht vermessen richtest, noch dich mischest in Dinge, die dir nicht obliegen; so kann's geschehen, daß du wenig oder selten beunruhiget werdest. Aber nimmer einige Beunruhigung haben, noch einige Beschwerniß leiden des Herzens oder des Leibes, ist nicht der Zustand dieser Zeit, sondern der ewigen Ruhe. Darum halte nicht dafür, daß du gefunden habest den wahren Frieden, so du keinerlei Beschwerniß suhlest; noch daß alsdann alles gut sep, so dir niemand widerwärtig ist; noch auch, daß das die Vollkommenheit sep, so alles nach deinem Sinn geschiehst. Halte dich auch nicht für groß, oder sonderlich geliebt, so du in großer Andacht oderSüs- sigkeit bist; denn an solchen Dingen wird nicht erkannt der wahre Freund der Tugend, noch bestehet darin des Menschen Fortgang und Besserung. 203 Die Seele. 4. Worin bestehet'» denn, Herr? Jesus. 5. Darin, daß du dich von ganzem Herzen aufopferst dem göttlichen Willen, und nicht suchest was dem ist, weder im Großen, noch im Kleinen, weder in der Zeit, noch in der Ewigkeit: also daß du mit einem gleichen Gcmüth beharrest in der Dankbarkeit, so im Gluck wie im Unglück, und alles mit rechter Wage abwägest. Und so du in der Hoffnung also stark sepn wirst und langmüthig, daß du, wenn dir gleich entzogen ist der inwendige Trost, auch dein Herz noch bereitest Größeres zu leiden, und dich nicht rechtfertigest, als hättest du nicht verschuldet so viel zu leiden; sondern mich rechtfertigst und heilig preisest in allen meinen Fügungen: alsdann wandelst du auf dem wahren und rechten Wege des Friedens, und deine Hoffnung wird ungezweifelt sepn, daß du in Frohlocken wieder schauen wirst mein Angesicht. Und so du gelangest zu vollkommener Verschmähnng deiner selbst, so wisse, daß du alsdann wirst genießen die Fülle des Friedens, so viel es in deiner Pilgerschaft möglich ist. 204 26. Capitel. Von Vortrefflichkeit eines freien Gemüths, welches mehr erlanget wird durch demüs thiges Gebeth, denn durch Lesen. Die Seele. 1. Herr, das ist nur das Werk eines vollkommenen Menschen, nimmer das Gemüth al'wenden von seiner Abstcht zu himmlischen Dingen; zwischen vielen Sorgen, gleich als ohne Sorge, mitten hindurch gehen; und zwar nicht aus Trägheit, sondern durch einen gewissen Vorzug eines frei- M Gemüths, welches keiner Creatnr anhängt in unordentlicher Neigung. 2. O du mein gütigster Gott, ich bitte dich inständig, bewahre mich vor den Sorgen dieses Lebens, daß ich nicht zu sehr darein verwickelt werde; bewahre mich vor vielen leiblichen Bedürfnissen, auf daß ich nicht gefangen werde von den Lüsten; und vor allen Hindernissen der Seele, daß ich nicht muthlos darnieder geworfen werde durch die Beschwernisse. Ich spreche nicht von solchen 205 Dingen, wonach die weltliche Eitelkeit mit ganzer Begierde trachtet; sondern von den Armseligkeiten, welche die Seele deines Dieners peinlich beschiveren mit dem gemeinsamen Fluch der Sterblichkeit, und verhindern, daß sie nicht mag einge- hcn in die Freiheit des Geistes, so oft sie miss. 3. O mein Gott, dn unaussprechliche Süßigkeit, verkehre mir in Bitterkeit allen fleischlichen Trost, welcher mich abziehet von der Liebe ewiger Dinge, und mich schädlich anlocket, durch den Anblick irgend eines zeitlichen angenehmen Guts. Laß doch mein Gott, laß mich nicht überwunden werden, durch Fleisch und Blut; möge mich nicht betrügen die Welt und ihre kurze Herrlichkeit; möge mich nicht darnieder werfen der böse Feind und seine Arglist. Gib mir Stärke zu widerstehen, Geduld zu leiden, und Beständigkeit auszuharren. Gib mir für allen Trost der Welt die liebliche Salbung deines Geistes. Und für die fleischliche Liebe, gieße mir ein die Liebe deines Namens. 4. Siehe, Speise, Trank, Kleidung, und was sonst gehöret zu des Leibes Unterhalt, sind einem inbrünstigen Geiste zur Last. Darum gib, daß ich solche Leibesbednrfnisse mäßig gebrauche, damihich 206 nicht durch zu große Begierde darein verstricket werde. Alle diese Dinge wegwerfen kann man zwar nicht, dieweil die Natur muß erhalten werden; die überflüssigen aber begehren, und die am meisten ergötzen, solches verbietet das heilige Gesetz; denn sonst würde sich das Fleisch erheben wider den Geist. In diesen Dingen wolle mich deine Hand leiten und lehren, daß in keinem zu viel geschehe. 27. Capitel. Eigenliebe hält am meisten ab von dem höchsten Gut. Jesus. 1. Mein Sohn, du mußt dich ganz geben für das Ganze, und dir selbst nichts mehr seyn. Wisse daß nichts in der Welt dir mehr schadet denn Eigenliebe. Je nach deiner Liebe und Neigung, die du zu etwas tragest, Hanger dir ein jeglich Ding mehr oder weniger an. Wäre deine Liebe rein. X 207 einfältig und wohl geordnet, so wurdest du von keinem Dinge gefangen werden. Begehre nicht, was du nicht haben kannst; wolle nicht haben, was dir kann hinderlich sepn, und dich um deine innere Freiheit bringen. Es ist ein Wunder, daß du dich mir nicht anvertrauest aus ganzem Grunde des Herzens, mit allem, was du begehren oder besitzen magst. 2. Warum verzehrest du dich in eiteler Traurigkeit? Warum mattest du dich ab mit unnützen Sorgen? Halte meinem Wohlgefallen stille, so wirst du keinen Schaden leiden. Suchest du aber dieses oder jenes, und willst hie und da sepn, um desto mehr deine Bequemlichkeit zu haben und dein eigen Wohlgefallen; so wirst du nimmer in Ruhe sepn, noch frei von Sorge: denn in jedem Dinge findet sich ein Mangel, und an jedem Orte ein Widerfacher. 3. Darum hilft dir auch keine Sache, die du äußerlich erlangest, oder vermehrest; sondern vielmehr, so du sie verachtest und mit der Wurzel ans dem Herzen austilgest. Und das sollst du nicht nur verstehen von Geld und Neichthum; sondern auch von der Bewerbung um Ehre, und der Begierde ? ' 208 eitelen Lobes, welches alles vergehet mit dieser Welt. Wenig schätzet dich der Ort, so des Geistes Inbrunst dir mangelt. Es wird auch nicht lange bestehen der Fr iede, den du äußerlich suchest, wenn dem Zustande des Herzens der wahre Grund fehlet, daS ist, so du nicht in mir stehest. Du kannst dich wohl verändern, aber deswegen noch nicht verbessern: denn sobald die Gelegenheit kommt und du ste ergreifest, wirst du wieder finden, was du geflohen hast, und noch mehr. Gebeth um Reinigung des Herzens und um himmlische Weisheit. Die Seele. 4. Befestige mich o Gott, durch dieGnadedes heiligen Geistes. Gib mir Kraft, daß mein innerer Mensch gestärket, mein Herz von aller unnützen Sorge und Angst befreiet, und nicht angezogen werde von den mancherlei Begierden zu irdischen Dingen, sic seyen gering oder köstlich; sondern daß ich alle Dinge ansehe als vergänglich, und gedenke, daß ich zugleich mit ihnen vergehen werde. Denn eS ist nichts Bleibendes unter der Sonne, wo alle? ist Eitelkeit und Betrübniß des Geistes. O wie weise ist der, welcher alles also betrachtet! 5. Gib mir Herr, die himmlische Weisheit, auf daß ich lerne dich über alles suchen und finde», über alles verstehen und lieben, und alle andere Dinge erkennen möge nach der Ordnung deiner Weisheit, so wie sie an sich sind. Gib mir auch, daß ich mit Klugheit meiden möge den Schmeichler-, und geduldig ertrage den Widerwärtigen: denn das ist große Weisheit, nicht beweget werden von einem jeglichen Wind der Worte, noch Gehör geben der schädlich schmeichelnden Sirene. Also wandelt man sicher auf dem angefangenen Wege. 210 28. Capitel. Wivcr die bösen Zungen der Verläumder. Jesus. 1. Ertrage es nicht unwillig, mein Sohn, so etliche übel von dir denken, und von dir reden, was du nicht gerne hörest. Du mußt von dir selbst das Schlimmste halten und niemanden gebrechlicher glauben, als dich selbst! So du inwendig wandelst, wirst du nicht viel achten der flüchtigen Worte. Es ist keine geringe Klugheit, so man zur bösen Zeit schweiget, und sich innerlich zu mir kehret, und stch nicht beunruhigen läßt von dem Urtheil der Menschen. 2. Dein Friede sep nicht im Munde der Menschen; denn ob sie deine Werke gut oder übel auslegen, so bist du doch darum kein anderer Mensch. Wo ist aber wahrer Friede und wahre Ehre, so sie nicht in mir sind? Und wer nicht begehret den Menscheu zu gefallen, noch fürchtet ihnen zu mißfallen, der genießet viel Frieden. Denn aus uns geordneter Liebe und eiteler Furcht, kommet alle Unruhe des HcrzenS und alle Zerstreuung der Sinne. 29. Capitel. Wie man Gott zur Zeit der Trübsal soll an- rufen und preisen. Die Seele. 1. Dein Name, 0 Herr, sey gelobet ewiglich, der du wolltest über mich kommen lassen diese Versuchung und Trübsal. Ich kann ihr nicht entrinnen, sondern mnß zu dir meine Zuflucht nehmen, auf daß du mir helfest, und sie mir zum Guten kehrest. Herr, jetzt bin ich in Trübsal, und es ist meinem Herzen nicht wohl; denn ich werde viel geplaget von dem gegenwärtigen Leiden. Und nun, lieber Vater, was soll ich sagen? Bedrängnisse haben mich ergriffen. Errette mich aus dieser Stunde. Darum aber bin ich in diese Stunde kommen, auf daß du verkläret werdest, so ich sehr gcdemüthiget, durch dich befreiet werde. Möge es dir gefalle» Herr, daß du mich herausreißest: de»» was kann ich Armer thun, und wohin soll ich gehen, ohne dich? Gib mir Geduld Herr, auch diesmal. Hilf mir mein Gott, so werde ich mich nicht fürchten, so sehr ich auch beschweret werde. 2. Was soll ich aber nun sagen in dieser Noth? Herr, dein Wille geschehe! ich habe wohlverdient betrübet und beschweret zu werden. Ich muß es ja doch tragen; ach daß ich's nur geduldig trüge, bis dieser Sturm vorüber wäre, und es besser würde! Stark genug aber ist deine allmächtige Hand, um auch diese Versuchung von mir zu nehmen, und zn lindern ihr Ungestüm, auf daß ich nicht gar unterliege; wie du zuvor öfter an mir gethan hast, o mein Gott, meine Barmherzigkeit. Und je schwerer es mir ist, desto leichter ist's dir, zu wenden die Rechte des Höchsten. Man soll Gott um Hülfe anrufen, und Zu, verficht haben zu Wiedererlangung der Gnade. Jesus. Ich bin der Herr, mein Sohn, der dich stärket in den Tagen der Trübsal. Komme zu mir, wenn es dir nicht wohl gehet. Das aber ist's, was am meisten hindert den himmlischen Trost, daß du dich so spät zum Gebeth wendest. Denn ehe du mich ernstlich bittest, suchest du indeß vielen Trost, und ergötzest dich an äußerlichen Dingen: darum geschieht's, daß dir alles wenig hilft, bis du wahrnimmst, daß ich's sep, der da errettet, die auf mich hoffen. Außer mir ist keine wirksa' me Hülfe, kein heilsamer Naty, noch ein dauerhaft Mittel. Nun sich aber der Geist wieder hat gesammelt nach dem Sturm, so stärke dich wieder im Lichte meiner Erbarmung; denn ich bin nahe, spricht der Herr, auf daß ich alles wieder herstel.- 214 le, nicht allein vollständig, sondern auch überschwänglich und über die Maßen. 2. Ist mir wohl etwas schwer, oder bin ich etwa dem gleich, der da etwas saget und nicht thut? Wo ist dein Glaube? Stehe fest und harre aus; sey langmüthig und stark wie ein Mann, so wird dir Trost kommen zu rechter Zeit. Warte auf mich, warte, ich will kommen und dich heilen. Es ist eine Versuchung, so dich plaget, und eine eitele Furcht, so dich erschrecket. Was bringet dir die Sorge um zukünftige Dinge anders, denn daß du Traurigkeit habest über Traurigkeit? Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.*) Sich bekümmern oder erfreuen über künftige Dinge, die vielleicht nimmer geschehen, ist eitel und unnütze. 3. Es ist aber menschlich von dergleichen Einbildungen getäuscht werden, und ein Zeichen eines noch schwachen Gemüths, daß man sich so leicht läßt verführen von den Eingebungen des Feindes. Denn diesem gilt's gleich, ob er jemand täusche «nd betrüge durch Lüge oder Wahrheit; oder ihn ') Matth. 6, 34. 215 stürze durch Liebe der gegenwärtigen Dinge, oder durch Furcht der zukünftigen. Dein Herz aber bekümmere und fürchte sich nicht. *) Glaube an mich, «ud habe Zuversicht auf meine Barmherzigkeit. Wenn du mepnest, ich sey ferne von dir, so bin ich oft am nächsten. Wenn du fast alles hältst fürverloh- ren, alsdann ist oft die Gelegenheit da zu erwerben den größten Gewinn. Nicht ist alles verkehren, so eine Sache widrig ausfällt. Du mußt nicht urtheilen nach deinem gegenwärtigen Gefühl; auch keiner Deschwerniß, woher sie auch kommen möge, also anhängen und sie so aufnehmen, als ob alle Hoffnung heraus zu kommen dir genommen sey. 4. Halte dich nicht für ganz verlassen, ob ich dir wohl eine Zeitlang Trübsal geschicket und dir entzogen habe den gewünschten Trost: denn also gehet man ein in's Himmelreich. Und das ist dir und meinen übrigen Dienern ohne Zweifel mehr nühe, daß ihr geübet werdet durch Widerwärtigkeiten, als wenn ihr alles nach Wunsch hättet. Ich weiß die verborgenen Gedanken, und daß es ' -s-. ^ -- M > ' 14 * ') 2oh. 14, 1. 2lÜ zu deinem Heil viel nütze scy, daß du zuweileu vH ne Empfindung gelassen werdest für meine Gnade ; damit du nicht etwa des guten Fvrtganges dich überhebest, und dir selbst gefallen mögest in dem, das du nicht bist. Was ich habe gegeben, kann ich wieder nehmen; und auch wiedergeben, so es mir gefällt. 5. Wenn ich's gebe, so ist es mein; wennich's wieder entziehe, so habe ich das deine nicht genommen: denn mein ist alle gute Gabe, und alle vollkommene Gabe. *) So ich dir einige Beschwerniß zuschicke oder Widerwärtigkeit, so werde nicht unwillig, und dein Herz verzage nicht: denn ich kann bald erleichtern, und alle Last verwandeln in Freude. Dennoch bin ich gerecht und sehr lobenswür- dig, wenn ich also mit dir thue. 6. Wärest du nun recht weise, und sähest es au in der Wahrheit; so würdest du nimmermehr so kleinmüthig werden und traurig um der Widerwärtigkeit willen; sondern dich vielmehr freuen und Dank dafür sagen: ja das für deine einige Freude achten, daß ich dich mit Schmerzen betrübe 2->c. 1, 17. 2l7 und dein nicht schone. Gleich wie mich mein Vater gelicbet hat, also liebe ich euch auch,*) sprach ich einst zu meinen geliebten Jüngern: welche ich ja nicht gesandt habe zu zeitlichen Freuden, sondern zu großem Kampf; nicht zu Ehren, sonder» zur Schmach; nicht zur Muße, sondern zur Arbeit; nicht zur Ruhe, sondern viel Frucht zu bringen in Geduld. Gedenke mein Sohn, dieser Worte. 3i. Capite!. Wie man alle Creatur soll verschmähen, auf daß man den Schöpfer finden möge. Die Seele. 1. Herr, ich bedarf noch größerer Gnade, so ich dahin soll gelangen, wo mich kein Mensch, noch irgend eine Creatur mehr hindern mag. Denn so lange mich einig Ding festhält, kann ich nicht *) Joh. 15, 9. 2l8 frei aufstiegen zu dir. Der begehrte frei aufzuflie- gen, welcher sprach: Wer gibt mir Flügel als einer Tanbe? so will ich fliegen, daß ich ruhen möge. *) WaS ist ruhiger denn ein einfältig Auge? und was freier, als der auf Erden nichts begehret? Darum muß man alle Creatnr übersteigen, sich selbst vollkommen verlassen, und in Entzückung des GemüthS stehen, und sehen wie du Schöpfer aller Dinge nichts gemein habest mit den Creaturen. Es sep denn, daß einer ledig sey von aller Creatur, kann er seinen Geist nicht frei richten auf göttliche Dinge. Denn darum werden gefunden so wenig beschauende Seelen, weil wenige wissen sich gänzlich zu trennen von den vergänglichen Dingen und Creaturen. 2. Dazu aber wird erfordert große Gnade, welche die Seele erhebe, und über sich selbst hinaus entzücke. Es sep denn, daß ein Mensch im Geist erhoben, und von allen Creaturen frei sey, und ganz vereiniget mit Gott; so ist alles nicht groß zu achten, was er auch möge wissen und besitzen. Der wird lange klein bleiben und unten ') Ps. 55, 7. 2lL liege», der etwas Anderes groß achtet, denn allein das einige, unermeßliche, ewige Gut. Denn was Gott nicht ist, das ist nichts-, und muß für nichts geachtet werden. Es ist ein großer Unterschied zwischen der Weisheit eines erleuchteten und andächtigen Menschen, und der Wissenschaft eines gelehrten und siudirten Geistlichen. Viel vortrefflicher ist die Lehre, welche ansfließet von oben aus göttlichem Einfluß, als die, welche mühsam erworben wird durch menschlichen Geist. 3. Viel werden gefunden, welche sich ein beschaulich Leben wünschen; aber waS dazu erfordert wird, befleißigen sie sich nicht auszuüben. Es ist ein groß Hinderniß, daß man sichen bleibet bei den Zeichen und sinnlichen Dingen, und wenig hält von dem vollkommenen Absterben. Ich weiß nicht, was es ist, und welcher Geist uns leitet, und was wir vorschützen können, die man geistlich zu nennen Pfleget, daß wir so große Mühe und noch größere Sorge wenden auf vergängliche und nichtige Dinge, und hingegen an unser Inneres kaum oder selten gedenken mit völliger Sammlung unserer Sinne. 4. Ach leidet'! kehren wir uns nach geringer 220 Sammlung wieder zum Aeußern, und erwäge» unsere Werke nicht mit strenger Untersuchung. Wo unsere Begierden liegen, merken wir nicht, und wie unlauter all' unsere Handlungen sind, beklagen wir nicht. Alles Fleisch hatte seinen Weg verderbet, *) darum kam die große Sündstuth. Sintemal nun unsere inneren Neigungen gar sehr verderbet sind, so müssen nothwendig die daraus folgenden Handlungen, als Anzeigen des Mangels innerer Kraft, auch verderbet werden. Denn aus einem reinen Herzen gehet hervor die Frucht eines guten Lebens. 5. Man fraget nur, wie viel der Mensch ge- than habe; aber aus wie großer innerer Tugend, wird nicht viel erwogen. Man fraget auch nur, ob einer sey stark, reich, schön, geschickt, ein guter Schriftsteller, ein guter Sänger, ein guter Arbeiter; aber wie arm am Geist, wie geduldig und sanftmüthig, welch andächtiger und inwendiger Mensch er sey, wird von vielen verschwiegen. Die Natur stehet an das Aeußerliche des Menschen, die Gnade aber kehret sich zu dem Inwen- H 1. Mos. 6, 12. 221 - digen. Jene wird oft betrogen, diese aber hoffet in Gott, damit sie nicht betrogen werde. 32. Capitel. Von der Selbstverläugnung und Entsagung aller Begierde. Jesus. 1. Es scy denn, mein Sohn, daß du dich gänzlich selbst verlängnest, so kannst du keine vollkommene Freiheit besitzen. Verstricket und gefangen sind alle Eigensüchtigen und die sich selbst lieben, alle Habsüchtigen und Vorwitzigen, alle die her- nmschweifen und suchen stets ein üppig Leben, und nicht was Christi ist; sondern oft aussinnen und stiften, das nicht bestehen mag. Denn es wird alles vergehen, was nicht aus Gott gebohren ist. Behalte diese wenigen und vollkommenen Worte: Verlaß alles, so wirst du alles sinden; verlaß die Begierde, so findest du Ruhe. Dieses betrachte 222 in deinem Gemüthe, und so du es erfüllest, wirst du alle Dinge verstehen. Die Seele. 2. Herr, das ist nicht das Werk Eines Tages, noch eine leichte Sache: ja in diesen wenigen Worten lieget alle Vollkommenheit eines geistliche:! Menschen. Jesus. 3. Mein Sohn, du mußt nicht Massen, noch so bald klcinmüthig werden, so du hörest von dem Wege der Vollkommenen; sondern vielmehr dadurch angetrieben werden zu hoher» Dingen, oder zum wenigsten darnach seufzen aus herzlichem Verlangen. Wollte Gott, daß es also mit dir stünde und du dahin gekommen wärest, -aß du dich selbst nicht licbetest; sondern bereit stündest auf meinen Wink allein, und deß den ich dir vorge- setzet habe zum Vater. Alsdann hätte ich Wohl- 1 gefallen an dir, und dein ganzes Leben würde dahin gehen in Freude und Friede. Doch noch hast du viel zu verlassen. Und so du mir es nicht gänzlich übergibst, so wirst du nicht erlangen, was du begehrest. Ich rathe dir, daß du Gold von mir kaufest, das im Feuer geläutert ist, ans daß du 22Z reich werdest, *) das ist, die Himmlische Weisheit erwerbest, die alles Irdische untertritt. Setze hintenan alle irdische Weisheit, und alles menschliche und eigene Wohlgefallen. 4- Ich habe gesagt, daß du kaufen muffest das Geringe für das Köstliche und Hohe, in menschlichen Dingen. Denn sehr geringe und klein, und fast vergessen scheinet die wahre himmlische Weisheit, welche nicht hoch von sich selbst denket, noch sich zu erheben suchet auf Erden. Viele verkündigen sie zwar mit dem Munde, weichen aber in ihrem Leben fern davon ab. Gleichwohl ist sie eine köstliche Perle, **) die vielen verborgen ist. H Offenb. 3, 18. Matth. 13, 45. 46. 33. Capitel. Von der Unbeständigkeit des Herzens, und daß wir unfern letzten Zweck auf Gott richten müssen. I e su s. 1. Mein Sohn, traue nicht deiner Gemüths- bewegung. Die du jetzt Haft, wird bald verändert werden in eine andere. So lange du lebeft, bist du unterworfen der Veränderlichkeit, auch wider deinen Willen: so daß du erfunden wirft bald fröhlich, bald traurig, bald ruhig, bald unruhig, bald andächtig, bald ohne Andacht, bald fteißig, bald träge, bald ernsthaft, bald leichtsinnig. Aber der Weife und im Geist wohl Unterrichtete stehet über dieser Veränderlichkeit: denn er achtet nicht, was er in sich empfindet, oder woher der Wind wehet der Unbeständigkeit; sondern daß die ganze Absicht seines Gemiiths gefördert werde zu dem gebührlichen und erwünschten Ende. Denn also mit dem einfältigen Auge seiner Absicht, in so mancherlei EM 225 ZaMeu ohne Unterlaß auf mich gerichtet, kann er unerschiittert ein und derselbe bleiben. 2. Je reiner aber das Auge der Absicht ist, desto standhafter gehet man auch durch so mancherlei Stürme hindurch. Aber in vielen Dingen ist das Auge der reinen Absicht verfinstert; denn man stehet bald zurück auf etwas Ergötzliches, das unS begegnet; und wird selten einer gefunden, der ganz frei ist von dem Flecken des eigenen Gesuchs. Al- so kamen einst die Juden nach Bethanien zu Martha und Maria, nicht allein um Jesu willen, sondern auch, daß sie Lazarnm sähen. Darum muß man daS Auge der Absicht reinigen, damit es einfältig und richtig ftp, und über alle verschiedene Mittel hinaus, auf mich gerichtet werde. -7 , 226 34. CapiLel. Ein Liebender empfindet Gott über alle Dinge, und in allen Dingen. Die Seele. 1. Siche, mein Gott und mein Alles, was will ich mehr und was kann ich Glückseligeres begehren? O liebliches und süßes Wort! aber nur dem, der das Wort liebet, und nicht die Welt, noch was darin ist. Mein Gott und mein Alles! Dem der's verstehet, ist dies genug gesagt ; und es oft wiederholen ist dem Liebenden angenehm. Denn wenn du zugegen bist, so find uns alle Dinge erfreulich; bist du aber abwesend, so ist uns alles voller Traurigkeit. Du bringest dem Herzen Ruhe und großen Frieden und festliche Freude. Du gibst uns eine gute Gesinnung ein gegen alle Menschen, und machest, daß man dich preiset in allen Dingen. Nichts kann ohne dich lange gefallen; sondern solle» wir es angenehm finden und es recht genießen, so muß deine Gnade dabei sepn, 227 ! und mit der Würze deiner Weisheit muß es ge- ^ würzet werden. ! 2. Wer dich erkennet, was wird der nicht recht erkennen? Und wer dich nicht erkennet, was könnte dem noch Freude machen? Aber in dei- ! «er Weisheit kommen zn kurz die Weisen dieser Welt, und die fleischlich gesinnet flnd: weil bei jenen viel Eitelkeit, und bei diesen der Todgefun- den wird. Welche aber durch Verschmähung der weltlichen Dinge und Abtödtung deS Fleisches dir Nachfolgen, die werden erkannt als wahre Weisen; weil sie hinüber geführet werden von der Eitelkeit zur Wahrheit, und von dem Fleisch zudem Geiste. Solche erkennen Gott, und was Gutes gefunden wird in den Creaturcn, beziehen sie alles auf das Lob ihres Schöpfers. Verschieden aber ist, ja sehr verschieden die Erkenntniß deS Schöpfers und der Crcatur, der Ewigkeit und der Zeit, des unerschaffenen Lichts und des erleuchteten Lichts. 3. O ewiges Licht, das alles erschaffene Licht übersteiget, leuchte mit deinem Strahl aus der Höhe, und durchdringe alles Innerste meines HerzenS. Reinige, erfreue, verkläre und belebe > . 7' ' meinen Geist sainntt seinen Kräften, daß er dir anhänge mit überschwänglichem Jubel. O wenn wird kommen die selige und erwünschte Stunde, da du mich sättigest mit deiner Gegenwart, und mir sepn wirst Alles in Allem? So lange mir dieses nicht wird gegeben, werde ich keine vollkommene Freude habe». Aber ach! noch lebet in mir der alte Mensch, noch ist er nicht ganz gekreuzi- get, noch nicht vollkommen gestorben. Noch gelüstet er gewaltig wider den Geist; erreget innerliche Kriege, und leidet nicht, daß das Reich der Seele ruhig sey. 4. Aber du, der du herrschest über die Gewalt des Meeres, und stillest das Toben seiner Wellen, mache dich auf und hilf mir. Zerstreue die Volker, die Krieg begehren, und Zermalme sie durch deine Kraft. Ich bitte dich, zeige deine große Macht, so wird Leine Rechte verherrlichet werden: denn es bleibet mir keine andere Hoffnung noch Zuffncht, als du, mein Herr und mein Gott. 35. Capitel. In diesem Leben ist keine Sicherheit vor Versuchung. Jesus. 1. Mein Sohn, du bist nie sicher in diesem Leben; sondern so lange du lebest, sind dir stets nöthig geistliche Waffen. Du wandelst unter Fern.- den, und wirst angefoefften zur Rechten und zur Linken. Wenn du nun nicht überall gebrauchest den Schild der Geduld; so wirst du nicht lange unverwundet bleiben. So du überdies dein Herz nicht fest auf mich setzest, mit dem lautern Willen alles zu leiden, um meinetwillen; so wirst du nicht können aushalten die Hitze des Kampfes, nocb erringen die Palme der Seligen. Dü mußt also männlich durch alles hindurch dringen, und mit mächtiger Hand angehen gegen alles, was dir widerstehet. Denn dem Ueberwinder wo d gegeben das himmlische Manna, *) dem Trägen aber bleibet viel Elend. 230 2. So du Ruhe suchest in diesen» Leben, wie willst du denn gelangen zur ewigen Ruhe? Mache dich nicht gefaßt auf viel Ruhe, sondern auf große Geduld. Suche nicht den wahren Frieden auf Erden, sondern im Himmel; nicht in den Menschen noch in andern Crcaturen, sondern in Gott allein. Um der Liebe Gottes willen mußt du alles willig leiden, Mühseligkeiten und Schmerzen, Versuchungen und Plagen, Angst und Nolh, Krankheit und Unrecht, Widerspruch und Tadel, Demüthigung und Beschämung, Strafe und Verachtung. Diese helfen zur Tugend, diese bewahren den Jünger Christi, diese bereiten die himmlische Krone. Ich gebe ewigen Lohn für kurze Muhe, und unendliche Herrlichkeit für vorübergehende Schmach. 3. Mepnest du, daß du immer haben werdest geistlichen Trost, nach deinem Willen? Meine Heiligen haben ihn nicht immer gehabt; sondern mußten viel Beschwernisse, mancherlei Versuchungen und große Trostlosigkeit leiden. Sie haben aber alles geduldig getragen, und Gott mehr vertrauet als sich selbst; denn sie wußten wohl, daß dieser Zeit Leiden nicht werth sind der zukünftigen Herrlichkeit. Willst du so bald erlangen, was 231 viele kaum haben erhalten nach vielen Thränen und großer Arbeit? Harre dev Herrn, halte dich männlich, und stärke dich. *) Mißtraue nicht, weiche nicht; sondern wage deinen Leib und deine Seele standhaft zur Ehre Gottes. Ich werde es dir reichlich vergelten, und will mit dir sepn in aller Trübsal. **) 36 . Capitel. ^ Wider die eitelen Urtheile der Menschen. Jesus. 1. Mein Sohn, setze dein Herz fest auf den Herrn, und fürchte nicht der Menschen Urtheil, wo du nach deinem Gewissen rechtschaffen und unschuldig bist. Es ist gut und selig dergleichen leiden, und wird auch nicht schwer seyn einem de- müthigen Herzen, das Gott mehr vertrauet denn *) Ps. 27, 14. ") Ps. 91, 15. 15 * t 2Z2 sich selber. Viele rede» viel, und darum ist ihnen wenig zu glauben. Aber auch allen Menschen genug senn ist nicht möglich. Obwohl Paulus sich bemühet hat allen zu gefallen, in dem Herrn, und allen ist alles worden, hielte er's doch für ein Geringes, daß er gerichtet wurde von einem menschlichen Tage. *) 2. Er arbeitete genug für anderer Heil und Erbauung, so viel an ihm war und er vermochte; dennoch hat er's nicht wehren können, daß er nicht zuweilen von andern gerichtet und verachtet wurde. Darum stellte er alles Gott anheim, dem alles bekannt war, und verantwortete sich mit Geduld und Demuth wider die bösen Lästerer, und die, so eitel und irrig von ihm dachten, und muthwillig allerlei wider ihn ausstreuetcn. Doch antwortete er ihnen bisweilen, damit die Schwachen an seinem Stillschweigen kein Aergerniß nähmen. 3. Wer bist du, daß du dich fürchtest vor einem sterblichen Menschen? Heute ist er, und morgen stehet man ihn nicht mehr. **) Fürchte Gott, *) 1. Cor. 4, 3. Ies. 51, 12. 23Z so wirst du dich nicht entsetzen vor den Schrecken der Menschen. Was kann dir einer schaden mit Worten und Schmähungen? Er schadet sich selbst vielmehr denn dir, und wird nicht entrinnen können dem Gerichte Gottes, wer er auch immer sepn mag. Habe du Gott vor Augen, und streite nicht mit klagenden Worten. Scheinest du gleich gegenwärtig zu unterliegen und Schmach zu leiden, die du nicht verdienet hast; so werde darum nicht unwillig, auf daß du nicht minderst durch Ungeduld deine Krone; sondern schaue vielmehr auf zu mir in den Himmel, der ich mächtig bin dich zu erretten aus aller Schmach und Ungerechtigkeit, und einem jeglichen zu vergelten nach seinen Werken. *) Offenb. 2, 23. 'Mt 234 37. CapiLel. Von der lautern und gänzlichen Ergebung seiner selbst, um die Freiheit des Herzens zu erlangen. Jesus. 1. Mein Sohn, verlasse -ich, so wirst du mich finden. Sep ohne Wahl und ohne alles Eigene, so wirst du allezeit dabei gewinnen. Denn es wird dir noch größere Gnade ertheilet, so bald du dich selber aufgibst und dich nicht wieder znriicknimmst. Die Seele. 2. Herr, wie oft muß ich mich anfgeben, und in welchen Dingen mich verlassen? Jesus. 3. Allezeit und zu jeder Stunde; wie im Großen so auch im Kleinen. Ich nehme nichts aus, sondern will, daß du in allen Dingen bloß erfunden werdest. Wie kannst du anders mein und ich dein sepn, so du nicht innerlich und äußerlich beraubet bist von allem eigenen Willen? Je schnell ler du solches thust, desto besser wirst du es ha- bei«; und je vollständiger und aufrichtiger, desto mehr wirst du mir gefallen und desto Größeres gewinnen. 4. Etliche ergeben sich zwar, aber mit einigem Vorbehalt: denn sie vertrauen Gott nicht vollkommen, darum sind sie geschäftig sich selbst zu versorgen. Andere geben sich mir anfänglich ganz und gar dahin, darnach werden sie augefochten und kehren wieder zum Vorigen zurück: darum nehmen sie in der Tugend gar wenig zu. Diese gelangen nicht zu der wahren Freiheit eines reinen Herzens, noch zu der Gnade meiner freundlichen Vertraulichkeit-, es sey denn, daß sie sich mir zuvor ganz und gar ergeben, und täglich zum Opfer bringen; ohne welches eine fruchtbare Vereinigung nicht bestehet, noch bestehen wird. 5. Ich habe es dir oft gesagt, und sage dir'» abermak: verlaß dich und ergib dich mir; so wirst du großen inwendigen Frieden genießen. Gib alles um alles, nimm nichts aus, und fordere nichts zurück; stehe in mir rein, und hänge mir ganz an; so wirst du mich haben, und im Herzen frei sepn, und keine Finsterniß wird dich Niederdrücken. Darnach strebe, darum bitte, und dies begehre; 236 damit da alles Eigenen beraubet werden, und arm dem armen Jesu »achfelgen, dir sterben, und mir ewiglich leben mögest. Alsdann werden vergehen alle eitele Einbildungen, alle schädliche Beunruhi- gungen und unnütze Sorgen. Alsdann wird auch die unmäßige Furcht weichen, und die unordentliche Liebe sterben. 38. Capitel. Man soll sich wohl beherrschen in äußerlichen Dingen, und in Gefahren seine Zuflucht zu Gott nehmen. I e su S. 1. Mein Sohn, dahin mußt du fleißig trachten, daß du an jedem Ort, und bei jeder Handlung und äußerlichen Beschäftigung, innerlich frei ft pst und dein selbst mächtig; daß alle Dinge unter dir seven, und du nicht unter ihnen : damit du seyest ein Herr und Regierer deiner Handlungen, und nicht ein Knecht; nichtein erkaufter Sklave, sondern viel- 237 mehr ein freier und wahrer Israelit, der da gelanget zum Erbtheil und zur Freiheit der Kinder Gottes, welche über dem Zeitlichen stehen und betrachten das Ewige; welche das Vergängliche nur mit dem linken Auge, das Himmlische aber mit dem rechten ansehen; welche von zeitlichen Dingen nicht angezogen werden, ihnen anzuhüngen; sondern vielmehr diese anziehen, daß sie ihnen zu dem dienen, wozu sie geordnet und bestimmt sind von Gott dem höchsten Werkmeister, der nichts Ungeordnetes gelassen hat in seinen Creaturen. 2. Wenn du auch in allen Vorfällen nicht stehen bleibest bei dem äußerlichen Schein, noch mit einem fleischlichen Auge ansiehest, was du gehöret und gesehen hast; sondern in jeglicher Sache alsbald mit Mose eingehest in das Heiligthum, den Herrn um Rath zu fragen; so wirst du zuweilen göttliche Antwort hören, und unterrichtet von vielen gegenwärtigen und zukünftigen Dingen zurück kommen. Denn immer hat Mose bei aufznlösen- den Zweifeln und Fragen seine Zuflucht genommen zur Stiftshütte, *) und suchte dann Hülfe imGe- *) 2. Mss. 33, 7 - 11. -- - ' l 238 bcth, zu Abwendung der Gefahren und Bosheiten der Menschen. Also sollst du auch fliehen in deines HerzenS heimlich Kämmerlein und die göttliche Hülfe inbrünstig anrufcn. Darum liest man auch, wie Josua und die Kinder Israel betrogen worden von den Gibeonitern, weil sie nicht zuvor gefraget den Mund des Herrn, *) und zu leicht geglaubet hatten den süßen Worten, und also durch falsche Frömmigkeit getäuschet wurden. 39. Capitel. Der Mensch soll nicht ungestüm seyn in seinen Geschäften. Jesus. 1. Mein Sohn, befiehl mir stets deine Sache, ich werde sie zu seiner Zeit wohl fügen. Erwarte meine Anordnung, so wirst du davon Förderung erfahren. 9 Jos. 9, 14 - 22. 239 Die Seele. 2. Herr, ich will dir gern alles anheimstellen; - denn mein Denken kann wenig ausrichten. Möchte ich doch nicht zu viel anhängcn den zukünftigen Zufällen; sondern mich ohne Verzug aufopfern deinem Wohlgefallen! ' Iesuö. 3. Mein Sohn, oft treibet der Mensch eine Sache mit Eifer, die er wünschet; so er aber dieselbe hat erlanget, fangt er an anders zu denken: dieweil die Neigung dazu nicht dauerhaft ist, sondern ihn vielmehr treibet von einem zum Andern. Darum ist'ö nichs Kleines, auch in den geringsten Dingen sich selbst verlassen. 4. DeS Menschen wahre Förderung bestehet in Verlaugnung seiner selbst; denn welcher Mensch sich selbst verlängnet, ist sehr frei und sicher. Aber der alte -Feind, der Widersacher alles Guten, höret nicht auf zu versuchen; sondern erreget Tag und Nacht schwere Nachstellungen, ob er vielleicht einen Unbehutsamen stürzen möchte in seine bc- trüglichen Fallstricke. Wachet und bethet, spricht der Herr, daß ihr nicht in Versuchung fallet. *) H Matth. 26, 41. 240 4o. Capitel. Der Mensch hat nichts Gutes aus sich sei« ber, und kann sich keines Dinges rühmen. Die Seele. 1. Herr, was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, und des Menschen Kind, daß du es heim- suchest? Was hat der Mensch verdient, daß du ihm deine Gnade gebest? Herr, wie kann ich mich beklagen, so du mich verlassest? oder was mit Recht worwcnden, so du nicht thust, warum ich dich bitte? Gewißlies, kann ich wohl dieS in Wahrheit denken und sprechen: Herr, ich bin nichts, ich vermag nichts, ich habe nichts Gutes aus mir selber; sondern cs fehlet mir in allen Stucken, und ich neige mich stets zur Nichtigkeit. Und wenn du mir nicht hilfst und innerlich unterweisest, so werde ich ganz lau und hinlässig. 2. Du aber Herr, bist allezeit derselbe, und bleibest ewiglich gut, gerecht und heilig; du thust *) Ps. 8, 5. 241 alles wohl, gerecht und heilig, und fügest es in deiner Weisheit. Ich aber, der ich mehr geneigt bin znm Rückgänge denn zum Fortgange, bleibe nicht allezeit beständig in einerlei Zustande; denn sieben Zeiten wechseln über mir. Jedoch wird's alsbald besser, so es dir gefällt, und du deine hülfreiche Hand auSstreckest; denn du allein kannst mir helfen ohne menschlichen Beistand, und so sehr stärken, daß mein Angesicht nicht ferner werde abgewendet zu verschiedenen Dingen; sondern mein Herz sich kehre zn dir, dem Einigen, und in dir ruhe. 3. Darum, wenn ich wohl wüßte zu entsagen allem menschlichen Tröste, sep'S um Andacht zu erlangen, oder so ich aus Noth gezwungen würde dich zu suchen, weil kein Mensch ist, der mich trösten möge; dann könnte ich billig hoffen ans deine Gnade, und frohlocken über die Gabe eines neuen Trostes. 4. Dank dir, von dem alles herkommt, so oft mir etwas wohl von statten gehet. Ich aber bin eitel und nichts vor dir, ein unbeständiger schwacher Mensch. Woher mag ich mich denn rühmen, oder warum verlange ich hoch angesehen zu wer- 242 den? Etwa wegen meiner Nichtigkeit? Das wäre höchst eitel; ja wahrlich ein leerer Ruhm, «ne böse Pest, die größte Eitelkeit; weil sie uns abziehet von dem wahren Ruhm, und uns beraubet der himmlischen Gnade. Denn indem der Mensch sich selber wohlgefällt, mißfällt er dir; indem er begierig trachtet nach Menschenlob, vcr- liehret er darüber die wahre Tugend. 5. Wahrer Ruhm aber, und ein heilig Frohlocken ist, sich in dir rühmen, und nicht in sich selbst; sich freuen in deinen, Namen, und nicht in eigener Tugend, noch sich ergötzen in einiger Creatur, es sey denn um deinetwillen. Gelobet werde dein Name, nicht der meinige; verherrlichet werde dein Werk, nicht das meinige. Gepriesen werde dein heiliger Name, mir aber werde nichts zugerechnet vom Lobe der Menschen. Du bist mein Ruhm, du bist das Frohlocken meines Herzens. In dir will ich mich rühmen, und frohlocken den ganzen Tag; von mir selbst aber will ich mich nichts rühmen, ohne meiner Schwachheit. *) *) 2. Cor. 12, 5. 243 ! 6. Mögen doch die Juden Ehre von einander ' ^ suchen; ich will die Ehre suchen, die von Gott ,! allein ist. *) Denn aste menschliche Herrlichkeit, , aste zeitliche Ehre, alle weltliche Hoheit, vergli- s chen mit deiner ewigen Herrlichkeit, ist Eitelkeit j und Thorheit. O meine Wahrheit und meine ! ^ Barmherzigkeit, mein Gott, du selige Dreieinig.' ^ , keit, dir allein sep Lob, Ehre, Kraft und Herr.' ^ ! lichkeit, ohne Ende, bis in Ewigkeit. ! 4i. Capitel. Von Verschmähung aller -eitlichen Ehre. I e su s. 1. Mein Sohn, ziehe eS dir nicht zu Herzen, so du andere stehest geehret und erhoben, dich aber verachtet und gedemüthiget. Erhebe dein Herz zu mir in den Himmel, so wird dich nicht betrüben die Verachtung der Menschen auf Erden. *) Ioh.' 5, 44. 244 Die Seele. 2. Herr, wir sind in Blindheit, und werden bald verführet durch Eitelkeit. Wenn ich mich recht ansehe, so ist mir nie Unrecht geschehen von einiger Creatur; darum habe ich auch auch nicht mit Recht zu beklagen über dich. Dieweil ich aber oft und schwer wider dich habe gesündiget, so rüstet sich billig alle Creatur wider mich. Daher gebühret mir mit Recht Schande und Verachtung; dir aber Lob, Ehre und Ruhm. Und wo ich mich nicht dazu bereite, das; ich gerne wolle verachtet und verlassen werden von aller Creatur, und ganz und gar nichts scheinen-, so kann ich innerlich nicht befriediget und befestiget, noch geistlich erleuchtet und völlig mit dir vereiniget werden. 245 4r. Capite!. De» Frieden soll man nicht auf Menschen setzen. Jesu s. 1. Mein Sehn, setzest du deinen Frieden auf irgend einen Menschen, nach deiner Empfindung oder weil du mit ihm umgehest; so wirst du unbeständig ft an und verwickelt. Nimmst du aber deine Zuflrucht zu der Wahrheit, die immerdar lebet und bleibet, so wirst du nicht betrübet werden, so dich ein Freund verläßt oder stirbt. In mir soll die Liebe des Freundes stehen; und um meinetwillen sollst du lieben den, welcher dir scheinet gut zu ftpn und sonderlich werth in diesem Leben. Ohne mich gilt und dauert keine Freundschaft; noch gibt es wahre und reine Liebe, die ich nicht stifte. Du mußt all' solcher Neigung zu geliebten Menschen so abgestorben ftpn, daß du, so viel es dich betrifft, wohl ftpn möchtest ohne alle menschliche Gesellschaft. Ein Mensch nähert sich um so mehr Gott, je mehr er sich entfernt von allem irdischen Tröste. So viel hö- 16 '-40 her singet er auch auf zu Gvtr, je tiefer er hiuab- steiget in sich selbst, uud je mehr er sich selbst erniedriget. 2. Welcher aber sich selbst etwas Gutes beimißt, der hindert daß die Gnade Gottes zu ihm kommet; weil die Gnade deS heiligen Geistes stets ein demüthig Herz suchet. So du dich könntest vollkommen vernichten, und aller geschaffenen Liebe entledigen, alsdann müßte ich mich mit großer Gnade in dich ergießen. Wenn du aber zurück- schauest ans die Creaturcn, so wird dir entzogen die Anschauung deS Schöpfers. Lerne dich überwinden in allen Dingen, um deS Schöpfers willen, alsdann wirst du können gelangen zu göttlicher Erkenntniß. Wie gering auch etwas sepn mag, wenn eS unordentlich wird geliebet und angesehen, so hält cs ab vom höchsten Gut und bringet Verderben. 43. Capite!. Wiver eitese unv weltliche Wissenschaft. Jesuö. 1. Mein Sehn, laß dich nicht bewegen durch die schönen und spitzfindigen Werte der Menschen: denn daS Reich Gottes bestehet nicht in Worten, sondern in Kraft. *) Merke auf meine Worte, welche die Herzen entzünden und die Gemü- ther erleuchten; sie wirken Zerknirschung und bringen mancherlei Trost. LieS nie mein Wort zu dem Ende, daß du gelehrter und weiser scheinen mögest. Befleißige dich der Abtödtung deiner Sünden; weil dir dies mehr Nutzen bringet, denn die Erkenntnis vieler schweren Fragen. 2. Ob du wohl viel liesest und erkennest, so mußt du doch allezeit wieder znrückkehren zu dem einigen Ursprünge. Ich bin's, der ich den Menschen lehre die Wissenschaft, und verleihe den Kleinen eine hellere Erkenntniß, als sie könnte von dem Menschen gelehret werden. Zu welchem ich l6 * *) 1. Cor. 4, 20. 1 213 rede, der wird bald weise sey», und viel zuneh- Men im Geiste. Wehe denen, die viel vorwitzige Dinge erforschen von den Menschen, und sich wenig bekümmern um den Weg, wie man mir dienen soll. Es wird die Zeit kommen, da erscheinen wird Christus der Meister aller Meister, der Herr aller Engel, zu prüfen eines jeglichen Er- kenntniß, das ist, zu erforschen eines jeden Gewissen. Und alsdann wird Jerusalem durchsuchet mit der Leuchte, und offenbar werde», was im Finstern verborgen ist, und alles Streiten der Zungen wird aufhörcn. 3. Ich bin'S, der ich das demüthige Gemüth in einem Augenblick so hoch erhebe, dasi es mehr Erkenntniß erlanget der ewigen Wahrheit, als hätte einer viel Jahre in den Schulen siudirt. Ich lehre ohne Geräusch der Worte, ohne Verwirrung der. Meinungen, ohne Prunk der Ehre, ohne Streit mit Beweisgründen. Ich bin's, der ich lehre das Irdische verachten, das Gegenwärtige aus Widerwillen verschmähen, daS Ewige suchen und erkennen, die Ehren fliehen, Aerger- nisse ertragen, alle Hoffnung in mich fetzen, am- 249 ler mir nichts begehren, und mich über alles in, brünstig lieben. 4. Denn jemand, der mich inniglich lieb hatte, lernete göttliche und redete Wunderdinge; er „ahm mehr zu, da er alles verließ, denn da er spitzfindige Dinge zu erforschen suchte. Mit einigen aber rede ich von gemeinen Dingen, mit andern von besonderen. Einigen erscheine ich lieblich in Zeichen und Gestalten, andern offenbare ich Geheimnisse in einem großen Lichte. Es ist Eine Stimme in den Büchern, aber nicht alle unterweiset sie in gleicher Weise: denn ich bin innerlich ein Lehrer der Wahrheit, ein Herzensprüfer, t ein Kenner der Gedanken, ein Beförderer guter Werke, der einem jeglichen austheilet, nachdem er ihn für würdig halt. 250 44. Capitel. Man soll sich der äußeren Dinge nicht annehnrcn. Jesus. 1. Mein Sehn, du mußt in vielen Dingen unwissend sepn, und dich gleichsam für einen Tobten achten auf Erden, welchem die ganze Welt gekreuzigct ist. *) Du mußt auch viel lassen vor- übergehen, wie vor einen! tauben Ohre, und mehr an daS denken, waS zu deinem Frieden dienet. Es ist mehr nütze, daß du deine Augen abwendest von den mißfälligen Dingen, und einem jeglichen seinen Sinn lassest, denn daß du dich in Wortstreit begibst. So du mit Gott wohl stehest und auf fein Urtheil stehest, so wirst du es leichter ertragen können, wenn du überwunden wirst. Die Seele. 2. O Herr, wohin ist's doch mit uns gekommen'. Siehe, einen zeitlichen Schaden beweinet ') Ga!. 6, 14. 251 man, nm einen geringen Gewinn läuft und arbeitet man; der geistliche Schaden aber wird vergessen, und kaum kehret man noch spät wieder zurück. Was wenig oder nichts nütze ist, darauf achtet man, und was höchst noth ist, wird nachlässig übergangen; dieweil der ganze Mensch sich zu den äußerlichen Dinge» hinnciget, und so er sich nicht bald wieder besinnet, auch gerne darin liegen bleibet. 4S. Capitel. Daß man nicht jedermann glauben müsse; und wie leicht man in Worten straucheln könne. Die Seele. 1. Herr, hilf mir aus meiner Trübsal, denn Menschenhülfe ist eitel. *) Wie oftmals habe ich da keine Treue gefunden, wo ich sie zu finden ver- ZW -v'i' '' M ' W- H Ps. 60, 13. 252 niepnett. Und wie vielmal habe ich sie da ange- troffen, Ivo ich sie am wenigsten vermuthete. Darum ist die Hoffnung auf Menschen eitel, das Heil aber der Gerechten in dir, mein Gott. Gelobet seyst du Herr mein Gott, in allem, was uns widerfährt. Wir sind schwach und unbeständig, werden bald betrogen, und ander» uns bald. 2. Welcher Mensch ist, der sich mag bewahren in allen Dingen so behutsam und vorsichtig, daß er nicht zuweilen falte in einigen Betrug oder Verwirrung? Wer aber auf dich Herr, vertrauet, und suchet dich mit einfältigem Herzen, jder fällt so leichtlich nicht. Und wenn er auch in einige Trübsal geriethe, und auf welcherlei Weise er auch darin verwickelt wäre, so würde er doch alsbald durch dich errettet oder getröstet werden: denn du verläsest den nicht, der auf dich hoffet bis an's Ende. Selten ist der getreue -Freund, der beständig bleibet in allen Bedrängnissen des Freundes. Du Herr, du allein bist der Getreueste in allem, und außer dir ist kein Solcher wie du. 3. O, wie weife war jene heilige Seele, welche sprach: Mein Gemüth ist befestiget und in 252 Christo gegründet. Wenn es mit nur auch also stünde, so würde mich menschliche Furcht nicht so leicht bekümmern, noch mich bewegen die Pfeile der Worte. Wer aber kann alle Dinge vorsehen, wer verhüten alle künftige Nebel? So unS nun oftmals schadet das Vorgesehene, wie hart wird uns dann nicht treffen daS ttnvorgese- hcne? Warum aber habe ich Elender mich nicht besser vorgesehen? Warum habe ich auch andern so leicht geglaubet? Doch wir sind Menschen, nichts als gebrechliche Menschen sind wir, ob wir wohl von vielen für Engel gehalten und aus- gegeben werden. Wem soll ich glauben, Herr? Wem, außer dir? Du bist die Wahrheit, die da nicht trüget noch betrogen werden kann. Alle Menschen hingegen sind lügenhaft, *) schwach, unbeständig und straucheln leicht, sonderlich in Worten; also, daß man kaum fest glauben muß, was dem Ansehen nach scheinet richtig zu fepn. 4. Wie weislich hast du nicht gewännet, daß man sich hüten müsse vor den Menschen: **) und *) Ps. 116,11. ") Matth. 10, 17. 254 weil des Menschen Feinde seine eigenen Hausgenossen sind, *) müsse man auch nicht glauben, so jemand sagte: Siche hie, oder siehe da. **) Durch meinen Schaden bin ich klug worden; mochte es mir nur dienen zn größerer Vorsicht, und nicht zur Thorheit! Sey behutsam, sagte einst einer zu mir, sey behutsam, behalte bei dir, was ich dir sage; und da ich's verschwieg und geheim glaubte, konnte er selbst nicht verschweigen, was er begchrete daß ich verschweigen möchte; sondern vcrricth alsbald mich und sich, und ging davon. Vor solchen geschwätzigen und unvorsichtigen Menschen bewahre mich, Herr, daß ich nicht in ihre Hände falle, noch dergleichen jemals selbst begehe. Gib in meinen Mund ein wahrhaftig und beständig Wort, und thue von mir eine listige Zunge. Was ich nicht leiden will, das muß ich selbst auf alle Weise vermeiden. 5. O wie gut und friedsam ist's, daß man von andern schweiget, und nicht ohne Unterschied alles glaubt, noch leichtlich weiter sagt; daß man *) Matth. 10, 36. Lue. 17, 23. sich selbst wenigen offenbaret, dich als den Schauer des HerzenS allezeit suchet, und sich nicht von jedem Wind der Worte Herumtreiben läßt; sondern wünschet, daß alles Innere und Aeußere vollbracht werde nach dem Wohlgefallen deines Willens. O wie sicher ist's zu Bewahrung der himmlischen Gnade, daß man den menschlichen Schein meidet, und nicht begehret, was äußerlich Bewunderung zu erregen scheinet; sondern mit allem Fleiß nach dem trachtet, das dem Leben Besserung bringet und Inbrunst. Wie vielen Halls geschadet, daß ihre Tugend bekannt und zu frühzeitig gelobt worden ist. Wie sehr nützlich ist's hingegen andern gewesen, daß sie die Gnade haben verborgen gehalten in diesem gebrechlichen Leben, welches mit Recht ganz Versuchung und Kampf genannt wird. 256 46. Capitel. Von dem Vertrauen, das man zu Gott bas ben soll, wenn sich Lästerungen wider uns erheben. IcsuS. j. Mein Sohn, stehe fest und hoffe auf mich. Was sind denn Worte anders als Worte? Sie fliegen durch die Luft, aber sie verletzen keinen Stein. Hast du gefehlet, -so scy darauf bedacht, daß du dich gerne wollest bessern; bist du dir aber nichts bewußt, so denke, daß du es gerne leiden wollest um Gottes willen. Es ist ja wenig genug, daß du zuweilen ertragest einige Worte, der du noch keine harten Schläge ertragen kannst. Und warum gehen dir zu Herzen so geringe Dinge, gls weil du noch bist fleischlich gestnnet, und auf die Menschen mehr achtest, als du solltest? Denn weil du Verachtung fürchtest, willst du nicht bestrafet werden wegen deiner Übertretungen, und suchest dich zu decken mit Entschuldigungen. 2. Beschaue dich aber besser, so wirst du er- 257 kennen, d-rß noch in dir lebet die Welt und die eitcle Liebe den Menschen zu «gefallen. Denn indem du scheuest erniedriget und beschämet,zn werden wegen deiner Fehler; so ist's ja offenbar, daß du weder wahrhaft dcmüthig sepst, noch wahrhaftig der Welt abgestorben, iwch die Welt dir gekreuziget scp. Aber höre nur mein Wort, - und du wirst nicht achten alte Worte der Menschen. Siehe, wenn auch allen wider dich gesagt würde, waö konnte ersonnen werden auf die boshafteste Weise, was würde es dir schaden, so du es gänzlich ließest rorübergehen, und nicht mehr darauf achtetest denn ans einen Grashalm? Würde es dir wohl ein Haar von deinem Haupte rauben können? 3. Aber wer sein Herz nicht nach innen gekehr ret, und Gott nicht vor Augen hat, der wird leicht beweget durch ein beleidigend Wort. Wer aber auf mich vertrauet, und nicht begehret zu bestehe» auf seinem eigenen Sinn, der wird ohne Menschensurcht sepn. Denn ich bin der Richter und Erkenner aller verborgenen Dinge; ich weiß, wie eine Sache geschehen ist; ich kenne beide, den Beleidiger und den Beleidigten. Von mir ist aus- 2SZ gegangen jenes Wort, durch meine Zulassung ist'S also geschehen, auf daß vieler Herzen Gedanken ^ offenbar würden. *) Ich werde den Schuldigen 1 und den Unschuldigen richten; ich habe sie aber r beide zuvor wollen prüfen durch mein verborgenes » Gericht. « 4. Das Zeugniß der Menschen trüget oftmals; mein Gericht ist wahrhaftig, und wird bestehen und nicht umgestosien werde». Es ist meist vcr- ^ borgen, und wenigen insbesondere offenbar. Den- ' noch irret eS nie, und kann nicht irren, obwohl eS nicht recht scheinet in den Augen der Thoren. - Darum soll man in allem Urtheil seine Zuflucht t zu mir nehmen, und sich nicht verlassen auf sein eigen Gutdünken. Denn der Gerechte wird nicht betrübet werden, was ihm auch von Gott zugefiu get wird; und ob auch wohl etwas Unrechtes wider ihn vorgebracht würde, so wird's ihn nicht viel bekümmern. Aber er wird sich auch nicht eitel freuen, so er von andern vernünftig entschuldiget wird: denn er erwäget, daß ich's bin, der die Herzen und Nieren erforschet, **) der ich nicht richte *) Luc. 2, 35. ") Offenb. 2, 23. 259 „ach dem Schein und menschlichen Ansehen. Denn waS lobenswert!) scheinet nach menschlichem Urtheil, wird in meinen Augen oft sträflich erfunden. Die Seele. 5. Herr Gott, du gerechter, starker und geduldiger Richter, der du erkennest der Menschen Gebrechlichkeit und Verkehrtheit, sep du meine Stärke und meine ganze Zuversicht: denn mein Gewissen ist mir nicht genug. Du wußtest, waS ich nicht wußte, und darum hätte ich mich müssen demüthigen, bei aller Strafe, und ste müssen sanft- müthig ertragen. Vergib mir auch gnädiglich, so oft ich nicht also gethan habe, und gib mir wiederum die Gnade einer größeren Geduld. Denn mir ist besser deine reiche Barmherzigkeit Vergebung zu erlangen, als meine vermevnte Gerechtigkeit zu Rechtfertigung meines verborgenen Gewissens. Und ob ich mir wohl nichts bewußt bin, so kann ich mich doch damit nicht rechtfertigen: *) sintemal ohne deine Barmherzigkeit, vor dir kein Lebendiger gerecht ist. **) 1. §or. 4, 4. Ps. 143, 2. 260 47. Capite!. Alle Beschwernisse muß man erdulden um. des ewigen Lebens willen. JefuS. 1. Mein Sohn, laß dich nicht Niederdrücken von den Mühseligkeiten, die du hall auf dich genommen um meinetwillen, noch dich die Trübsale ganz und gar darnieder werfen; sondern meine Vcr- bcißung starke und tröste dich in allen Zufüllen. Denn ich bin genugsam zu vergelten über alle Maßen und Weise. Du wirst hie nicht lange arbeiten, noch immerdar beschweret seyu mit Leiden. Warte nur ein wenig, so wirst du sehen ein baldig Ende deiner Uebel. Es wird eine Stunde kommen, da aufhoren wird alle Mühe und Getümmel. Gering und kurz ist alles, was vorübergehet mit der Zeit. 2. Thue mit Fleiß, was du thust: arbeite getreulich in meinem Weinberge, ich will dein Lohn kenn. Schreibe, lies, singe, seufze, schweige, Sethe, trage ümannlich die Widerwärtigkeiten, daS 261 ewige Leben ist werth aller dieser Kampfe, und noch größerer. Der Friede wird kommen auf ei- »e»Tag, der dem Herrn bekannt ist: und es wird sepn nicht Tag noch Nacht, wie in dieser Zeit, sondern ein ewig Licht, eine unendliche Klarheit, ein fester Friede und eine sichere Ruhe. Alsdann wirst du nicht sagen: Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? *) Wirst auch nicht ans» iIlsen: Wehe mir, daß meine Pilgerschaft noch länger wahret; **) denn der Tod wird gestürzet werden, und das Heil wird vollkommen sepn; es - wird keine Bedrängniß mehr sepn, sondern eine selige Freude, eine liebliche und stattliche Gesellschaft. 3. O, hättest du gesehen die unvergänglichen Kronen der Heiligen im Himmel, und in wie grosser Herrlichkeit die jetzt frohlocken, die zuvor in ^ dieser Welt für verächtlich gehalten wurden und ^ gleichsam für unwürdig des Lebens. Wahrlich, du i würdest dich alsbald demüthigen bis zur Erde, und vielmehr trachten allen unterthan denn einem *) Rom. 7, 24. ") Ps. 120, 5. nach der Vulgata. 17 Ei lügen vorgesetzt zu sepn. Auch würdest du keine fröhlichen Tage begehren in diesem Leben; sondern dich vielmehr freuen Trübsal zu leiden, um Gottes willen, und für den größten Gewinn halten, für nichts geachtet zu werden von den Menschen. O, wenn dir dieses gefiele und tief zn'Her- zen ginge, wie dürftest du dann auch nur ein einig Mal klagen? Sollte man nicht für -as ewige Leben ertragen alle Mühseligkeiten? Es ist nichts Kleines das Reich Gottes vermehren oder gewinne». Daher erhebe dein Angesicht gen Himmel. Siehe, ich und alle meine Heiligen mit mir, die in dieser Welt einen großen Kampf gehabt haben, erfreuen sich nun und werden nun getröstet; sie sind nun sicher, sind nun in Ruhe, und werden ohne Ende mit mir bleiben in meines Vaters Reich. ^! 46. Capitel. Von dem Tage der Ewigkeit, und den Bedrängnissen dieses Lebens. Die Seele. 1. O seligste Wohnung der himmlischen Stadt! O flauester Tag der Ewigkeit, welchen keine Nacht verfinstert, sondern immerdar bestrahlet die höchste Wahrheit. O allezeit fröhlicher, allezeit sicherer Tag, welcher sich nimmermehr verwandelt in Widerwärtigkeit. O daß doch schon erschienen wäre dieser Tag, und all' dies Zeitliche ein Ende genommen hätte! Er leuchtet zwar den Heiligen mit ewig leuchtender Klarheit, aber den Pilgern auf Erden nur von ferne und gleich wie durch einen Spiegel. 2. Die Bürger des Himmels wissen, wie voll Freuden jener Tag ist; die verbannten Kinder Eva aber seufzen, daß dieser ist so bitter und traurig. Die Tage dieser Zeit sind kurz und böse und voller Schmerzen und Angst; in denen der Mensch durch viel Sünden beflecket, durch viel Leidenschaften ge- ,17 * 264 reizet, durch viel Furcht beklemmet, durch viel So» gen abgewendet, durch viel Vorwitz zerstreuet, durch viel Eitelkeit verwickelt, mit viel Jrrthü- mcrn umringet, durch viel Mühseligkeiten aufgerieben, durch Versuchungen beschweret, durch sinnliche Lüste entkräftet, und durch Mangel geqnälet wird. 3. O, wenn wird doch ein Ende seyn dieser Nebel? Wenn werde ich befreiet werden von der elenden Knechtschaft der Sünde? Wenn Herr, werde ich gedenken an dich allein? Wenn werde ich vollkommen mich erfreuen in dir? Wenn werde ich seyn in der wahren Freiheit, ohne alle Hindernist und Veschwernist des Leibes und desGemiiths? Wenn wird seyn dauerhafter Friede, unzerstörlicher und sicherer Friede, Friede innerlich und äußerlich, Friede der fest ist in allen Stücken? Gütiger Jesu, wenn werde ich stehen vor deinem Angesicht und dich anschauen, wenn betrachten die Herrlichkeit deines Reichs? Wenn wirst du mir seyn Alles in Allem? O, wenn werde ich mit dir seyn in deinem Reiche, welches du bereitet hast deinen Geliebten von Ewigkeit her? Ich bin arm und verbannt, in feindlichem Lande verlassen, wo täglicher Krieg ist und groß Unglück. 4. Ach tröste mich in meiner Verbannung, lindere meine Schmerzen; denn nach dir seufzet all' mein Verlangen. Alles ist mir eine Last, was mir die Welt anbietet zum Tröste. Mich verlanget dich innigst zu genießen, aber ich kann nicht zu dir gelangen. Ich wünsche auzuhängen den stimmst scheu Dingen, aber die zeitlichen Dinge und die imgetvdteten Leidenschaften drücken mich nieder. Meine Seele will sich erheben über alle Dinge, das Fleisch aber zwinget mich ihnen unterthan zu ftpn wider meinen Willen. Also streite ich unglückseliger Mensch mit mir selbst, und bin mir selbst beschwerlich, da der Geist hinaus, das Fleisch aber abwärts will. 5. O was leide ich innerlich, wenn ich in meinem Gemüth mich beschäftige mit himmlischen Dingen, und mir dann plötzlich im Gebeth in den Sinn kommen eine Menge fleischlicher Gedanken. Mein Gott, entferne dich nicht von mir, und welche nicht im Zorn von deinem Diener. Dein Licht erscheine mir gleich wie ein Blitz und zerstreue diese Gedanken. Sende deine Pfeile, so werden ver- scheuchet alle Einbildungen des Feindes. *) Sammle meine Sinne zu dir; laß mich vergessen alle weltliche Dinge; gib, daß ich eilend wegwcrfe und verachte alle siindliche Verstellungen. Komm mir zu Hülfe, du ewige Wahrheit, damit mich nicht bewege irgend eine Eitelkeit. Komm zu mir du himmlische Amnnth, auf daß alle Unreinigkeit fliehen möge vor deinem Angesicht. Vergib mir auch, und siehe mir barmherzig nach, so oft ich im Gedeih gedenke an etwas Anderes als an dich. Denn ich bekenne in Wahrheit, daß ich oft sehr zerstreuet bin, indem ich vielmals mich nicht da befinde, wo ich leiblich stehe oder sitze; sondern vielmehr da bin, wohin mich meine Gedanken tragen. Ich bin da, wo meine Gedanken sind. Meine Gedanken aber sind vielfältig wo das ist, was ich liebe. Das kommt mir leicht in den Sinn, was mich von Natur ergötzet, oder aus Gewohnheit gefällt. 6. Daher hast du, o Wahrheit, auch ausdrücklich gesagt: Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. **) Habe ich den Hinmiel lieb, so geden- *) Ps> 27, 9. Ps. 18, 15. ") Matth. 6, 21. fe ich gern an himmlische Dinge; habe ich die Welt lieb, so erfreue ich mich an der Glückseligkeit der Welt, und betrübe mich über ihre Widerwärtigkeit. Habe ich das Fleisch lieb, so stelle ich mir oft vor was fleischlich ist; liebe ich aber den Geist, so ergötze ich mich zu denken an das Geistliche. Denn von den Dingen, die ich lieb habe, rede und höre ich gern, und trage derselben Bilder mit mir heim. Selig aber ist der Mensch, welcher um deinetwillen o Herr, Abschied gibt allen Crcaturcn; welcher Gewalt anthut der Natur, und kreuziget die Begierden des Fleisches durch die Inbrunst des Geistes; auf daß er mit geläutertem Gewissen dir darbringe ein rein Gebets), und nachdem er äußerlich und innerlich ausgeschlossen alles Irdische, würdig werde zu sep» unter den Choren der Engel. 263 4g. Lapitel. Vom Verlangen nach dem ewigen Leben, und wie große Güter den Streitenden verheißen sind. Jesus. 1. Mein Sohn, wenn du empfindest, das; dir von oben ein Verlangen eingegossen wird nach der ewigen Seligkeit, und du begehrest auszugehe» aus der Hütte des Leibes, damit du betrachten mögest meine Klarheit ohne Schatten und Wechsel; so erweitere dein Herz, und nimm mit allem Verlangen auf diese heilige Eingebung. Sage den größcstcn Dank der höchsten Güte, welche also würdiglich mit dir handelt, so gütig dich heimsuchet, so eifrig erwecket, und so mächtig aufrichtet, ans daß du nicht zum Irdischen wieder herabfallest durch deine eigene Last. Denn du empfä- hest solches nicht durch dein Denken oder deine Bemühung; sondern allein durch die Würdigung der höheren Gnade und göttlichen Rücksicht; damit du zunehmest in der Tugend und größeren Demuth, und dich bereitest zu dem künftigen Kämpft dich besseißigest mir anzuhangen mit gan- zer Neigung deS Herzens, und mir zu dienen mit inbrünstigem Willen. 2. Mein Sohn, oftmals brennet da? Jener, aber ohne Rauch steiget die Flamme nicht auf. Also brennet mich einiger Menschen Verlangen »ach himmlischen Dingen, und sind dennoch nicht frei von der Versuchung fleischlicher Begierden. Daher thnn sie auch nicht ganz rein zu GotteS Ehre, was sie von ihm so sehnlich bitten. So ist auch oft dein Verlangen beschaffen, das du für so heftig auSgibst. Denn nicht daS ist rein und vollkommen, waS mit Eigennutz angesieckt ist. 3. Bitte nicht um das, was dir ergötzlich und vorthcilhaft ist, sondern was mir angenehm ist, und zu meiner Ehre gereichet: denn so du recht urtheilest, mußt du meine Verordnung befolgen und vorziehen deinem Verlangen und allem, waS du begehrest. Ich kenne dein Verlangen, und habe gehöret deine vielfältigen Seufzer. Du möchtest gerne jetzt schon sepn in der Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes; schon ergötzet dich die ewige Wohnung, und das himmlische Vaterland voller Freuden. Aber diese Stunde ist noch nicht gekommen; denn noch ist's eine andere Zeit, 270 nämlich die Zeit des Kampfes, die Zeit der Arbeit und Prüfung. Du wünschest erfüllet zu werden mit dem höchsten Gut, aber das kannst du jetzt noch nicht erlangen. Ich bin's, warte auf mich, spricht der Herr, bis das Reich Gottes komme. 4. Du mußt auf Erden noch gcprüfet und in vielem geübet werden. Zwar wird dir zu Zeiten Trost gegeben, aber die Fülle der Sättigung wird dir nicht eingeräumct werden. Darum stärke dich und sey tapfer, sowohl im Thun als im Leiden deß, was der Natur widerwärtig ist. Du mußt anziehen den neuen Menschen, und verwandelt werden in einen andern Menschen. Du mußt oft thun, was du nicht willst, und unterlassen, waS du willst. Was andern gefällt, wird gelingen, was dir aber gefällt, wird keinen Fortgang haben. Was andere sagen, das wird man höre», was du aber sagest, wird für nichts geachtet werden. Andere werden bitten, und sie werden empfangen; du aber wirst bitten, und wirst nichts erhalten. 5. Andere werden groß sepn in dem Munde dtt Menschen, von dir aber wird man schweigen. 271 Andern wird man dies »der jenes anvertrauen, dich aber zu nichts tüchtig halten. Um deßwillen wird die Natur sich zuweilen betrüben, und cs wird viel sepn, so du es mit Stillschweigen ertrügest. In diesen und viel ähnlichen Dingen, pfleget geprüft zu werden ein treuer Diener des Herrn, wie er sich selbst könne verläugnen und in allem seinen Willen brechen. Kaum ist irgend etwas, in dem du bedarfst so sehr dir abzusterben, als wenn du das mußt sehen und leiden, was deinem Willen widerwärtig ist; sonderlich aber, wenn dir Dinge befohlen werden, die unschicklich sind, und dir wenig nütze scheinen. Und dieweil dn dich nicht getrauest zu widerstehen der höheren Gewalt des Obern, worunter du stehest; so scheinet's dir hart, zu folgen dem Wink eines Andern, und fahren zu lassen allen eigenen Sinn. 6. Aber bedenke mein Sohn, die Frucht dieser Mühseligkeit, das baldige Ende, und den sehr große» Lohn; so wirst du darüber keine Beschwerniß haben, sondern den stärkesten Trost deiner Geduld. Denn auch für diesen geringen Willen, welchen du jetzt freiwillig verlässcst, wirst du allezeit deinen Willen haben im Himmel. Da wirst 272 >L du finden alles, waS du willst, und was du begehren magst. Da wird dir beiwohnen das Ver, mögen alles Guten, ohne Furcht eö zu verlieren. Da wird dein Wille, der immer mit mir eins ist, nichts Fremdes begehren noch Eigenes. Da wird niemand dir widerstehen, niemand über dich klagen, niemand dich hindern, nichts Widerwärtiges dir begegnen; sondern alles waS du verlangest wird zugleich vorhanden seyn, und deine ganze Begierde erquicken, und sie auf's höchste erfüllen. Da werde ich geben Herrlichkeit für erlittene Schmach, die Fülle des Lobes für deine Traurigkeit, und für die niedrigste Stelle einen Sitz deS ewigen Reichs. Da wird erscheinen die Frucht des Gehorsams, die Mühseligkeit der Buße dich erfreuen, und herrlich gckrönet werden die demü- thige Unterwerfung. 7. Darum so beuge dich nun demüthig unter die Hand aller Menschen, und bekümmere dich nicht darum, wer dies oder das gesagt oder befohlen hat; sondern sorge mit Fleiß dafür, daß, so dein Oberer, oder ein Jüngerer, oder einer deines gleichen, etwas von dir fordert, oder durch einen Wink dir zu verstehen gibt, du dasselbe gut 27Z aufuehmest, und eS zu erfüllen dich bemühest mit aufrichtigem Willen. Möge dieser dies suchen, jener ein Anderes: dieser in diesem sich rühmen, jener in jenem, und vielfältig gelobt werden; so erfreue du dich dennoch weder in diesem noch in jenem; sondern allein in der Verschmähung deiner selbst, und in meinem Wohlgefallen und meiner Ehre. Das mußt du wünschen, daß in keben und Tod, Gott allezeit in dir verherrlichet werde. 5o. EapiLel. Wie sich ein trostloser Mensch in die Hand Gottes geben soll. Die Seele. 1. Herr Gott, heiliger Vater, sey hoch gelo« bet von nun an bis in Ewigkeit; denn wie du wolltest, so ist's geschehen, und was du thust, das ist gut. In dir freue sich dein Diener, nicht in sich, noch in irgend einem Andern: denn du 274 Herr, bist allein die wahre Freude, du bist meine Hoffnung und meine Krone, meine Freude und mein Ruhm. Was hat dein Diener anders, als was er von dir empfangen hat, auch ohne sein Verdienst? Dein ist alles, was du gegeben und gemacht hast. Ich aber bin arm und mühselig von meiner Jugend ans;*) und meine Seele wird oft betrübet bis zu Thronen, und auch zuweilen beunruhiget in stch selbst, um der Leidenschaften willen, die in ihr aufsteigen. 2. Mich verlanget nach der Freude des Friedens, nach dein Frieden deiner Kinder, welche von dir geweidet werden in dem Lichte deines Trostes. Gibst du mir den Frieden, gießest du in mich ein die heilige Freude; so wird die Seele deines Dieners sevn voll lieblichen Gesanges, und andächtig in deinem Lobe. Entziehest du dich aber, wie du gar oft zu thun pflegest; so kann er nicht wandeln den Weg deiner Gebote, sondern muß vielmehr seine Kniee beugen und an die Brust schlagen, weil es nicht um ihn stehet wie gestern und vorgestern, da dein Licht leuchtete über sei- *) Ps. 88, 16. nach der Vulgata. 275 nem Haupte, und er beschirmet wurde unter dem Schatten deiner Flügel vor den eindringenden Versuchungen. 3. Gerechter und allezeit lobenSwürdiger Vater, die Stunde ist hie, daß dein Diener geprü- fet werde. Geliebter Vater, es ist billig, daß dein Diener etwas leide in dieser Stunde, um deinetwillen. Ewig verehrungswürdiger Vater, die Stunde ist gekommen, deren Zukunft du vorher wußtest von Ewigkeit, daß dein Diener äus- serlich unterliege auf eine kleine Zeit, innerlich aber stets bei dir lebe; daß er eine kurze Zeit werde gcringgeschatzet und gedemüthiget, und abnehme vor. den Menschen, und niedergedrückt werde durch Leiden und Schwachheiten, auf daß er wiederum mit dir auferstehe in der Morgen- röthe des neuen Lichts, und verkläret werde in dem himmlischen Wesen. Heiliger Vater, du hast es also gewollt und geordnet, und cs ist geschehen, was du selbst geboten hast. 4. Denn das ist eine Gnade für deinen Freund, daß er leide und betrübet werde in der Welt, um deiner Liebe willen, so oft und von wem du es auch zuläffest. Ohne deinen Rathschluß und deine Vorsehung, und ohne Ursache geschiehet nicht? auf Erden. ES ist mir gut, Herr, daß du mich ge. demüthiget hast, damit ich lerne deine Rechte, und von mir werfe allen Uebermuth und Vermessenheit des Herzens. Wohl mir, daß Schmach mein Angesicht bedecket hat; auf daß ich dich mehr zu meinem Trost begehre denn die Menschen. Auch habe ich hieraus gelcruet fürchten dein uner- forschlich Gericht, der du den Gerechten betrübest wie den Gottlosen, aber nicht ohne Billigkeit und Recht. 6- Ich sage dir Dank, daß du nicht verschonet hast meiner Uebelthaten, sondern mich zermalmet mit harten Schlägen, da du mir Schmerzen zufügetest, und Bedrängnisse zuschicktest von innen und von außen. Nichts ist, das mich trösten möge, von allem was unter dem Himmel ist, als nur du o Herr mein Gott, du himmlischer Seelenarzt: denn du schlagest und heilest wieder, du führest in die Grube hinab und wieder herauf. **) Deine Züchtigung über mir, und deine Ruthe selbst, soll mich unterweisen. *) Ps. 119, 71. 277 6. Siehe, geliebter Vater, ich bin in deinen Händen, ich beuge mich unter deine Znchtruthe. Zerschlage meinen Rücken und meinen Nacken, daß ich beuge meine Verkehrtheit unter deinen Willen. Mache mich zu einem frommen und demüthigen Junger, wie du es wohl pflegtest zu thun, auf daß ich wandte nach einem jeglichen deiner Winke. Ich befehle dir mich und all' das Meine zur Züchtigung: denn es ist besser hie gestrafet werden, als in der Zukunft. Du weißt alles und jedes, und nichts ist dir verborgen im menschlichen Gewissen. Du weißt was da kommen wird, ehe es geschehet, und dir ist nicht voth, daß jemand dich lehre oder erinnere, was auf Erden sich zuträgt. Du weißt, was nütze ist zu meiner Forderung, und wie sehr mir dienet die Trübsal mich zu reinigen von dem Roste meiner Sünden. Thue mit mir nach deinem erwünschten Wohlgefallen, und ver, schmähe mich nicht um meines sündigen Lebens willen, welches keinem besser und klarer bekannt ist, denn dir allein. 7. Verleihe mir Herr, zu wissen, was ich wissen muß; das zu lieben, wes ich lieben soll; das zu loben, was dir am höchsten gefällt; das hoch- k8 27S zuachtcn, was vor dir köstlich ist; das zu verschmähen, waS in deinen Augen verächtlich ist. Laß mich nicht richten nach dem Ansehen der äusseren Augen, noch sprechen nach dem Gehör un- erfahrner Menschen; sondern mit einen» wahrhaftigen Urtheil unterscheiden in sichtbaren und geistlichen Dingen, und vor allem stets erforschen deinen wohlgefälligen Willen. 8. Denn der Denschen Sinne werden oft betrogen in ihren Urthsilen; und auch die Freunde dieser Welt werden betmgen, indem sie nur allem lieben die sichtbaren Dinge. Was ist denn der Mensch dadurch besser, daß er von dem Menschen größer geachtet wird? Es betrüget ein Betrüger den andern, ein Eiteler den andern, ein Blinder den andern, ein Schwacher den andern, indem er ihn durch Lob erhebet; aber wahrlich er beschämet ihn vielmehr, da er ihn ohne Ursache lobet. Denn so viel einer ist in deinen Augen, so viel ist er, und nichts mehr, *) sagt der fromme dcmiithigc Franciscus. ') 2. Cor. 10, 18. 279 6i. Lapitel. Man soll nicdn'gern Werken obliegen, wenn man zu höheren zu schwach ist. Jesus. 1. Mein Sohn, du kannst nicht immer stehen in dem brünstigen Verlangen nach der Tugend, noch dich stets behaupten auf der höheren Stufe der Beschauung; sondern deiner ursprünglichen Verderb.' niß halben, ist's dir zuweilen noth, daß du dich herablassest zu niedriger« Dingen, und tragest die Last des hinfälligen Lebens, auch wider Willen und mit tteberdruß. So lange du trägst diesen sterblichen Leib, wirst du Ueberdruß empstnden und Beschwer- niß des Herzens. Daher wirst du im Fleisch oft seufzen müssen über die Last des Fleisches; weil du dadurch nicht ungestöret kannst anhänge» den geistlichen Beschäftigungen, und der göttlichen Beschauung. 2. Alsdann ist's nützlich, daß du deine Zuflucht nehmest zu niedrigen und äußeren Werken, und dich erquickest in guten Handlungen, und mit fe- 18 * 280 ster Zuversicht wartest auf meine Zukunft und himmlische Heimsuchung; auch geduldig tragest deine Verbannung und Gcistesdürre, bis du wieder- mn von mir wirst heimgcfuchet und erlöset von allen Bedrängnissen. Denn ich will machen, daß du deiner Mühseligkeit vergissest, und innerliche Ruhe genießest. Ich will vor dir ausbreiten die Auen der heiligen Schrift, auf daß du mit erweitertem Herzen anfangest zu wandeln den Weg meiner Gebote. Alsdann wirst du sagen: dieser Zeit Leide» sind nicht werth der zukünftigen Herrlichkeit, die in unS wird offenbaret werben. *) 52. Capitel. Der Mensch soll sich nicht werth halten des Trostes, sondern vielmehr schuldig der Strafe. Die Seele. 1. Herr, ich bin nicht werth deines Trostes, noch einiger geistlichen Heimsuchung; und darum Rom. 8, 18. 231 thust du recht mit mir, so du mich lassest ohne Hülfe und Trost. Ja könnte ich so viel Thronen vergieße» als Tropfen sind im Meer, so wäre ich dennoch nicht werth deines Trostes. Daher verdiene ich nur Geißel und Strafe; dieweil ich dich oft und schwer habe beleidiget und in vielem sehr gesündiget. Erwäge ich's also mit wahrer Vernunft, so bin ich nicht werth des geringsten Trostes. Aber du gütiger und barmhcrziger Gott, der du nicht willst, daß deine Werke verlohnen gehen, damit du beweisest den^eichthnm deiner Güte an dem Gefäße der Barmherzigkeit, würdigest du auch deinen Dicner, daß er getröstet werde ohne alles eigene. Verdienst, über alle mcaschliche Weife: denn deine Tröstungen sind nicht wie Menschenworte. 2. Was habe ich gethan, Herr, daß du mir verleihest einigen himmlischen Trost? Ich erinnere mich nicht, daß ich hätte etwas Gutes gethan; sondern ich bin allezeit gewesen zur Sünde geneigt, und träge zur Besserung. So ist's, und ich kann'ß nicht läugncn: wenn ich anders sagte, so würdest du wider mich stehen, und niemand wäre der mich vertheidigtc. Was habe ich anders verdient für 282 meine Sünden, denn die Hölle und das ewige Feuer? Ach bekenne es in Wahrheit, daß ich werth bin alles Spottes und aller Verachtung, und nicht verdiene gezählet zu werden unter deine Andächtigen. Und ob ich dieses wohl ungern höre, so will ich dennoch um der Wahrheit willen, wider mich selbst meine Sünden bekennen, auf daß ich desto eher würdig werde deine Barmherzigkeit zu erlangen. 3. Was soll ich sagen, ich Sünder, voll aller Schmach? Ich habe keinen Mund zu reden, als nur dieses Wort: Ach habe gesündiget, Herr, ich habe gesündiget; erbarme dich mein, vergib mir! Laß mich eine Weile, daß ich mein Elend beklage, ehe ich hrnabfahre in die dunkele Erde, die bedecket ist mit Finsterniß des Todes. Was forderst du denn mehr von einem armen, schuldvollen Sünder, als daß er zerknirschet werde und sich demüthige, um seiner Missethaten willen? Wahre Zerknirschung und Demüthigung des Herzens gebiert die Hoffnung der Vergebung, und versöhnet wieder das zerrüttete Gewissen; die verlohreuc Gnade kommt wieder, der Mensch wird beschirmet vor dem zukünftigen Zorn, und es begegnen einander im heiligen Kuß Gott und die reuige Seele. 4. Eine demüthige Zerknirschung des Sünders, ist dir Herr, ein angenehm Opfer, welches vor dir einen viel angenehmern Geruch hat, denn angezündeter Weihrauch. Dies ist auch jene angenehme Salbe, die du wolltest, daß sie dir auf deine heiligen Füße gegossen wurde: *) denn ein zn-knirscht und gedemüthigt Herz hast du nie verschmähet. In ihm ist der Zufluchtsort vor dem Angesicht des zornigen Feindes. In ihm wird gebessert nnd abgewaschcn, was auch anderswo mag sepn verschuldet und beflecket worden. 33 . 284 63. Capitel. Die Gnade Gottes läßt sich nicht vermischen mit der irdischen Weisheit. Jesus. t. Sohn, meine Gnade ist köstlich; sie leidet nicht, daß sie vermischet werde mit fremden Dingen noch mit irdischen Tröstungen. Darum mußt du wegwerfen alte Hindernisse der Gnade, so du zu empfangen wünschest derselben Eingießung. Suche dir einen einsamen Ort, wohne gern bei dir allein, suche keines Menschen Gespräch; sondern ergieß dich vielmehr in einem andächtigen Gebeth vor Gott, auf daß du behaltest ein zerknirscht Ge- nliith und ein rein Gewissen. Die ganze Welt achte für nichts, und ziehe vor die Beschäftigung mit Gott allen äußeren Dingen: denn du kannst dich nicht beschäftigen mit mir und zugleich ergötzen in vergänglichen Dingen. Von Bekannten wid theuern Freunden mußt du dich entfernen, und das Gemüth abgeschieden halten von allem zeitlichen Tröste. Also ermahnet der heilige Apostel Petrus, *) daß die Gläubigen Christi, als Fremdlinge und Pilger in dieser Welt, sich von allem enthalten sollen. 2. O wie große Zuversicht wird ein Sterben« der haben, den keines Dinges Begierde zurückhält in dieser Welt! Aber ein solch abgeschieden Herz haben von allen Dingen, fasset ein schwach Ge- müth noch nicht; auch kennet nicht der natürliche Mensch die Freiheit eines inwendigen Menschen. Will er jedoch wahrhaft geistlich gesinnet sepii, so muß er absagen sowohl Verwandten als Frennden, und sich vor niemand mehr hüten, kenn vor sich selbst. Hast du dich selbst vollkommen überwunden, so wirst du alles Andere desto leichter überwinden. Ein vollkommener Sieg ist, sich selbst überwinden. Denn welcher sich selbst unterwürfig hält, daß die Sinnlichkeit der Vernunft, die Vernunft aber tu allen Dingen mir gehorchet, der ist wahrlich ein Ueberwinder seiner selbst, und ein Herr der Welt. 3. Bist du begierig bis zu diesem Gipfel auf- justeigen; so mußt du männlich anfangen, und die Axt an die Wurzel legen, daß du ansrottell und *) 1. Petr. 2, 11. 286 zerstörest dü geheime unordentliche Liebe zu dir selbst, und zu allem eigenen und irdischen Gut. An diesem Laster, daß nämlich der Mensch chch selbst zu unordentlich liebt, hänget säst alles, waS in der Wurzel muß zerstöret werden. Ist dieses Ilebel überwunden und unterdrücket, so wird für und für sepn großer Friede und Ruhe. Dieweil aber wenige sich bemühen sich selbst vollkommen abzusterben, noch völlig aus sich herauszugehen; so bleiben sie in sich verwickelt, und können sich nicht im Geist über sich selbst erheben. Welcher aber begehret frei mit mir zu wandeln, dem ist noth, daß er tödte alle seine böse und unordentliche Neigungen, und keiner Creatnr begierig anhänge aus eigener Liebe. 287 S4. Lapitel. Von den verschiedenen Regungen der Natur und der Gnade. Jesus. 1. Mein Sohn, merke fleißig auf die Regungen der Natur und der Gnade, weil sie einander sehr entgegen sind, und sich so fein bewegen, daß sie kaum von jemand unterschieden werden; eS sey denn von einem geistlichen und inwendig erleuchteten Menschen. Alle haben zwar ein Verlange» »ach dem Guten und wenden etwas Gutes vor m ihren Worten und Werken; aber daher werden auch viele betrogen unter dem Schein des Guten. 2. Die Natur ist listig, ziehet viele an, verstricket und betraget sie, und hat sich immer selbst zum Zweck; aber die Gnade wandelt einfaltiglich, meidet allen bösen Schein, gehet nicht um mit Betrug, und thnt alles ganz allein um Gotteswillen, in welchem sie auch endlich ruhet. 3. Die Natur will ungerne sterben, nicht gedrückt noch überwunden werden, will mcht unter- -Mi st st 2»S than sepn, noch sich willig unterwerfen: die Gnade aber ist bemühet, sich selbst abzusterben, widerstehet der Sinnlichkeit, will gern unterworfen sepn, begehret überwunden zu werden, und will ihrer eigenen Freiheit nicht gebrauchen; es ist ihr lieb, daß sie unter der Zucht gehalten werde, sie begehret über niemand zu herrschen, sondern unter Gott immer zu leben, zu stehen, und zu sepn, und ist bereit sich um Gottes willen demüthig zu beugen, unter alle menschliche Creatur. 4. Die Natur arbeitet für ihren eigenen Nutzen, und ist aufmerksam auf den Geivinn, der ihr von andern erwächst; die Gnade aber erwäget nicht so sehr, was ihr nützlich und vortheilhaft ist, als vielmehr was vielen förderlich sepn kan». 5. Die Natur nimmt gern Ehre an und Ehrenbezeigungen ; die Gnade aber schreibet alle Ehre und Ruhm getreulich Gott zu. 6. Die Natur fürchtet Schande und Verachtung; die Gnade aber freuet sich Schmach zu leiden, um des Namens Jesu willen. 7. Die Natur liebet Muße und leibliche Ruhe; die Gnade aber kann nicht müßig sepn, sondern nimmt gerne Arbeit auf sich. 2s9 8. Die Natur suchet das Seltsame und Schone und verabscheuet das Schlechte und Gemeine; die Gnade aber hat Lust am Einfältigen und De» müthigen, sie verachtet nicht das Rauhe, und scheuet sich nicht bekleidet zu sepn mit einem schlechten Kleide. 9. Die Natur stehet aufdas Zeitliche, siefreuet sich über irdischen Gewinn, betrübet sich über Schaden, wird entrüstet über ein jeglich beleidigend Wort; die Gnade aber achtet auf daß Ewige, hänget nicht an zeitlichen Dingen, wird nicht betrübet über ihren Verlust, auch nicht erbittert über harte Worte; weil sie ihren Schatz und ihre Freude gesetzet hat in den Himmel, wo nichts verloh- ren gehet. 10. Die Natur ist habsüchtig und nimmt lieber als sie gibt; sie liebet das Ihrige und das Eigene; die Gnade aber ist wohlthatig und gemeinsam, meidet das Besondere, lasset sich an wenigen: genügen, und hält geben für seliger denn nehmen. 11. Die Natur neiget sich zu de» Creaturen, zum eigenen Fleisch, zur Eitelkeit und zum Herumschweifen; die Gnade aber ziehet zu Gott und 290 zur Tugend, entsaget den Ereaturen, fliehet die Welt, hasset die Begierden des Fleisches, schränket ein die Ausschweifungen, schämet sich zu erscheinen vor den Leuten. 12. Die Natur hat gerne äußerlichen Trost, in welchem sie ihre Sinne ergötzet; die Gnade aber suchet in Gott allein getröstet, und im höchsten Gut erfreuet zu werden, über alle sichtbare Dinge. 13. Die Natur thut alles des Gewinnes und eigenen Nutzens halben, sie kann nichts umsonst thun; sondern hoffet zu erlangen für ihre Wohl- thaten entweder ein Gleiches oder Besseres, oder Lob, oder Gunst, und begehret, daß man ihre Handlungen und Gaben für wichtig halte; die Gnade aber suchet nichts Zeitliches, und fordert keinen andern Lohn, denn Gott allein; begehret auch weiter nichts von zeitlichen Bedürfnissen, als nur so viel diefelbigen dienen können zu Erlangung des Ewigen. 14. Die Natnr freuet sich vieler Freunde und Anverwandten, rühmet sich ihres hohen Standes und ihrer Geburt, ist gefällig den Mächtigen, schmeichelt den Neichen, lobet ihres gleichen; 291 die Gnade aber liebet auch ihre Feinde, erhebet sich nicht wegen der Me«ge ihrer Freunde, achtet nicht Stand noch Geburt; es sep denn, daß darin größere Tugend gewesen; erzeiget sich dem Armen günstigtr denn dem Reichen, hat mehr Mitleie den mic dem Unschuldigen denn mit dem Mächtigen, freuet sich mit dem Wahrhaftigen und nicht mit dem Betrüglichen; sie ermahnet allezeit die Frommen nachzustreben den bessern Gnadengaben, nnd dem Sohne Gottes durch Tugend ähnlich zu werden. 15. Die Natur beklaget sich leicht über Entbehrung und Deschwerniß; die Gnade aber trägt standhaft jeden Mangel. 16. Die Natur ziehet alles auf sich selbst, / sie streitet für sich, und strafet andere; die Gnade aber führet alles zurück aufGott, von welchem es ursprünglich ausffießet; sie schreibet sich nichts Gutes zu, ist nicht hochmüthig vermessen, sie zanket nicht, hält ihre Meynung nicht für besser denn Anderer Meynung; sondern unterwirft ihren Verstand und Meynung der ewigen Weisheit und göttlichen Prüfung. 17. Die Natur ist begierig Geheimnisse zu wist 292 len und Neues zu hören; sie will äußerlich ge- sichen seyn, und viel durch ihre Sinne erfahren; sie will anerkannt seyn und thnn, was Lob bringet und Bewunderung; die Gnade aber bekümmert sich nicht um NcueS und Seltsames; veil alle diese Dinge Herkommen ans der alten Verderb- niß, und nichts Neues noch Bleibendes ist auf Erden. Darum lehret sie bezähmen die Sinne, eitel Wohlgefallen und Großthun vermeiden, was löblich ist und bewnndernswerth demüthig verbergen, und in einer jeglichen Sache und Wissenschaft suchen die Frucht des Nutzens und Gottes Lob und Ehre. Sie will nicht sich und ihre Werke ausgerufen haben; sondern sie wünschet das Gott möge gepriesen werden in seine» Gaben, welcher alles gibt ans lauterer Liebe. 18. Diese Gnade ist ein übernatürlich Licht, und eine sonderliche Gabe Gottes, daS eigentliche Siegel der Auserwählten, und das Pfand des ewigen Heils. Sie erhebet den Menschen von dem Irdischen zur himmlischen Liebe, und macht aus dem fleischlichen Menschen einen geistlichen. Je mehr nun die Natur unterdrücket und überwunden wird, desto größere Gnade wird uns eingegossen, und den inwendige Mensch wird täglich erneuet durch neue Heimsuchungen, nach dem Bilde Gottes. 55. LapiLel. Von der Verderbnis; der Natur und der Wirk, samkeit göttlicher Gnade. Die Seele. 1. Herr, mein Gott, der du mich geschaffen hast nach deinem Bilde und Gleichniß, verleihe mir die Gnade, welche du mir hast gezeiget als so groß und nothwendig zu meinem Heil, auf daß ich überwinden möge meine böse Natur, die mich ziehet zur Sünde und zum Verderben. Demi ich fühle in meinem Fleisch das Gesetz der Sünde, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüthe, und nimmt mich gefangen, der Sinnlichkeit zu gehorchen in vielen Dingen: *) also daß ich nicht widerstehen kann ihren Neigungen/ so mir nicht bei- 294 stehet deine heilige Gnade, die du meinem Herzen inbrünstig hast eingegossen. 2. Deine Gnade ist nöthig, ja große Gnade, auf daß die Natnr überwunden werde, die allezeit > geneigt ist zum Bösen, von Zugend auf: denn ^ nachdem sie ist gefallen durch Adam den ersten ! Menschen, und verderbet durch die Sünde, ist die ! Strafe dieser Befleckung kommen auf alle Menschen; so daß die Natur selbst, welche von dir ist geschaffen worden gut und recht, nun genommen , wird für die Sünde und Schwachheit der verderbten Natur, darum, daß ihre Regung, so sie sich selbst wird überlassen, zur Sünde ziehet und zu den niederen Dingen: denn die wenige Kraft, die über- ^ blieben, ist gleich einem Fünklein, das verborge» ! lieget in der Asche. Dieses ist die natürliche Vernunft, welche mit großer Finsterniß umgeben ist, und noch ein Urtheil hat des Guten und Dösen, und eine Unterscheidung des Wahren und Falschen, obwohl sie unvermögend ist alles zu erfüllen, was sie für gut hält, und weder des vollen Lichts der Wahrheit, noch der Gesundheit ihrer Neigungen theilhaftig wird. 3. Daher kommt's, mein Gott, daß ich Lust 205 habe an deinem Gesetz, nach dem inwendigen Menschen, *) da ich weiß, daß dein Gebot ist gut, gerecht und heilig, **) strafet das Bose, und will daß ich die Sunde fliehen soll. Nach dem Fleisch aber diene ich dem Gesetz der Sünde, da ich mehr gehorche der Sinnlichkeit, denn der Vernunft; und ob auch das Wollen des Guten in mir lieget, so finde ich doch nicht das Vollbringen. ***) Daher nehme ich mir zwar oft viel Gutes vor; weil aber die Gnade fehlet, meiner Schwachheit zu helfen, so weiche ich zurück, und unterliege bei einem kleinen Widerstande. So geschieht'-., daß ich zwar erkenne den Weg der Vollkommenheit, und klar genug sehe, wie ich handeln foll, aber niedergedrückt durch die Last der eigenen Verderbniß, mich nicht kann erheben zur Vollkommenheit. 4. O wie so sehr noth ist mir Herr, deine Gnade, das Gute anznfangen, darin fortzugehen und es zu vollenden. Denn ohne dieselbe kann ich nichts thun; aber gestartet durch sie, vermag ich *) Rom. 7, 22. ") — 7, 12. *") — 7, IS. 19 * 29ä alles kn dir. O lehrhaft hinnnlische Gnade, ohne welche nichts sind die eigenen Verdienste, und auch nichts zu achten die Gabe» Natur; auch nichts, Herr, vor dir gelten die Künste, nichts der Neichthmn, nichts die Schönheit und Starke, nichts die natürliche Geistesgabe, noch die Beredsamkeit Denn die Gaben der Natur sind den Guten gemein und den Bösen; die eigene Gabe aber der Aus, erwählten ist die Gnade oder die Liebe, wodurch sie ausgezeichnet sind, würdig gehalten zu werden des ewigen Lebeus. So gar vortrefflich ist diese Gnade, daß weder die Gabe der Weissagung, noch die Kraft Wunder zu thun, noch die tiefste Erforschung der Wissenschaft, ohne sie sind für nichts zu achten. Ja weder Glaube, noch Hoffnung, noch andere Tugenden, sind dir angenehm, ohne die Liebe und Gnade. 5. O seligste Gnade, die du reich machest de» Armen im Geist, und von Herzen demüthig den, der an vielen Gütern reich ist! Komm, steige herab zu mir, erfülle mich frühe mit deinem Trost, auf daß meine Seele nicht gar erliege vor Ermattung und Dürre des Gemürhes. Ich bitte dich, Herr, laß mich Gnade finden vor deine» Augen; 2S7 denn deine Gnade ist >m'r genug, so ich auch nicht erlange das Uebrige, was die Natur begehret. Und ob ich gleich würde versuchet und geplaget mit vielen Trübsalen, so werde ich dennoch kein Uebel fürchten, so deine Gnade mit mir ist. Sie ist meine Stärke, sie verleihet mir Rath und Hülfe. Sie ist mächtiger denn alle meine Feinde, und weiser denn alle Weisen. 6. Sie ist eine Meisterin» der Wahrheit, eine Lehrerinn der Zucht, ein Licht des Herzens, ein Trost in Bedrängniß, vertreibet die Traurigkeit, benimmt die Furcht, nähret die Andacht, und brinr get Thränen hervor. Was bin ich ohne sie, als ein dürres Holz, und ein unnützer Stamm, den man auswirft? Darum o Herr, laß deine Gnade mir immerdar zuvorkommen und Nachfolgen, und verleihen, daß ich ohne Unterlaß möge trachten nach guten Werken, durch Iesum Christum, deinen Sohn. Amen. 298 66. Capitel. Wir sollen uns selbst verläugnen, und Christo durch'ö Kreuz Nachfolgen. Jesus. 1. Mein Sohn, so viel du kannst heransgehen aus dir selbst, so viel wirst du in mich eingehen. Gleichwie man dadurch erlanget den inneren Frieden, daß man äußerlich nichts begehret, also verewiget man stch auch dadurch mit Gott, daß man stch innerlich verlasset. Ich will, daß du lernest dich vollkommen selbst verläugnen in meinem Willen, ohne Widerrede und Klage. Folge mir nach, ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. *) Ohne Weg kann man nicht wandeln, ohne Wahrheit nicht erkennen, ohne Leben nicht leben. Ich bin der Weg, welchem du folgen sollst; die Wahrheit, welcher du glauben sollst; daS Leben, welches du hoffen sollst. Ich bin der unverletzliche Weg, die untrügliche Wahrheit, das un- 9 J°h. 14, 6. 299 endliche Leben. Ich bin der richtigste Weg, die höchste Wahrheit, das wahre Leben, das selige Leben, das »»erschaffene Leben. So du bleibest ncn; und die Wahrheit wird dich frei machen, *) und du wirst das ewige Leben erlangen. so verläugne dich selbst. **^*) Willst du das ft- Leben. *****) Willst du erhöhet werden imHim- sinden den Weg der Seligkeit, und deS wahren Lichts. *) Joh. 3, 31. 32. ") Matth. 19, 17. »") — 19, 21. **") — 16, 24. *.*..) — 16, 25. ***«*») — 18, 4. 8, 17. 2. Willst du zum Leben eingchen, so halte die Gebote. **) Willst du die Wahrheit erkennen, so glaube mir. Willst du vollkommen sepn, jo verkaufe alles. ***) Willst du mein Jünger sepn. mel, so erniedrige dich in der Welt. ******) Willst du mit mir herrschen, so trage mit mir das Kreuz:*******) denn allein die Diener des Kreuzes, lige Leben haben, so verschmähe das gegenwärtige auf meinem Wege, wirst du die Wahrheit erken- 300 Die Seele. 3. Herr Jesu, dieweil dein Leben war voll Be? drangniß und von der Welt verachtet; so gib auch, daß ich dir möge Nachfolgen, mit Verachtung der Welt. Denn der Knecht ist nicht größer als sein Herr, noch der Jünger über seinen Meister. *) Laß mich, deinen Diener, wohl genbet werden in deinem Leben; denn darin ist mein Heil und die wahr re Heiligkeit. Was ich auch außer demselben möge lesen oder hören, erquicket und ergötzet mich nicht. 4. Mein Sohn, weil du die? weißt und alles gelesen hast; so wirst du selig sepn, wenn du es thust. Wer meine Gebote hat, und hält sie/der ist's, der mich liebet, und ich werde ihn lieben, und mich ihm offenbaren, **) und ihn mit mir sitzen lassen im Reich meines Vaters. Die Seele. 5. Herr Jesu, wie du gesagt und verheiffen hast, ja, so geschehe cs, und verleihe mir, daß ich's möge verdienen. Ich habe auf mich genom ') Matth. 10, 24. ") Loh. 14, 21. 301 . men, ja ich habe auf mich genommen daS Kreuz aus deiner Hand: ich will's auch tragen, ja ich will's tragen bis an meinen Tod, wie du es mir hast auferleget. Wahrlich, das Leben eines Fromr .men ist ein Kreuz, aber eS führet zum Paradis. Es ist einmal angefangen, ich darf nicht mehr zu.' rückweichen, und nicht «blaffen. 6. Wohlan, meine Brüder, lasset uns mit ein- ander fortwandeln, Jesus wird mit uns seyn. Um Jesu willen haben wir dieses Kreuz auf uns genommen, um Jesu willen lasset uns auch bei dem Kreuze ausharren. Der wird unser Helfer seyn, der unser Führer und Vorgänger ist. Sehet, unser König geht vor uns her, er wird für uns streite». Lasset uns männlich folgen; niemand fürchte sich vor Schrecknissen. Lasset uns bereit seyn mu- ehig zu sterben im Streite, und unserer Ehre den Vorwurf nicht znfügen, -aß wir von den; Kreuze fliehen, 302 67. Capitel. Der Mensch soll nicht gar zu kleinmüthig seyn, so er in einige Fehler fällt. Zesus. 1. Mein Sohn, Geduld und Denntth in Widerwärtigkeiten gefallen mir mehr, denn viel Trost und Andacht im Glück. Warum betrübet dich ein so Geringes, das wider dich gesagt wird? So es auch mehr gewesen wäre, hätte es dich doch nicht bewegen müssen. Nun aber laß es vorüber gehen; es ist nicht das Erste, noch etwas Neues, noch wird's das Letzte sepn, so du lange lebest. Du bist männlich genug, so lange dir nichts Widerwärtiges begegnet. Du gibst auch andern guten Math, und weißt sie zu stärken mit Worten; wenn aber eine plötzliche Trübsal vor deine Thür kommt, so fehlt's dir an Nath und Stärke. Merke doch auf deine große Gebrechlichkeit, welche du oft erfährst in geringen Vorfällen: doch geschieht's zu deinem Heil, so dir diese oder ähnliche Dinge begegnen. 2. Laß es fahren auS deinem Sinn, so gut d» kannst; und hat's dich betroffen, so laß dich's nicht darnieder werfen, noch lange verwickeln. Trage es zum wenigsten mit Geduld, so du es nicht kannst tragen mit Freudigkeit. Und ob du es auch nicht gerne hörest, und dich darüber entrüstest, so enthalte dich dennoch, und gib nicht zu, daß aus deinem Munde gehe ein unziemlich Wort, wodurch die Kleinen geärgert werden. Bald wird wieder ruhen die erregete Bewegung, und besänftiget werden der innerliche Schmerz durch die wiederkehren- de Gnade. Ich lebe noch, spricht der Herr, und bin bereit dir zu helfen, und dich mehr zu trösten alS zuvor, so du mir wirst vertrauen und mich andächtig anrufen. 3. Sey gleichmüthiger, und rüste dich zu grösseren Leiden. Es ist nicht alles vergeblich, so du dich oft findest betrübet und schwer angcfochten. Du bist Mensch, und nicht Gott; du bist Fleisch und nicht Engel. Wie könntest du allezeit verbleiben in demselben Stande der Tugend, da solches nicht vermochte jener Engel im Himmel, noch der erste Mensch im Paradise? Ich bin's, der ich aufrichte die Traurigen aus ihrer Betrübniß, und erhebe zu meiner Gottheit, die da erkennen ihre Schwachheit. Die Seele. 4. Hoch gepriesen sey dein Wort, o Herr, und süßer meinem Munde denn Honig und Honigseim. Was würde ich doch anfangen in so vielen Trübr salen und Aengsten, so du mich nicht stärketest mit deinen heiligen Worten? Wenn ich endlich nur gelange zu dem Hafen meines Heils, was küm- mert's mich dann, was und wie viel ich werde gelitten haben? Gib mir ein gutes Ende; gib mir einen seligen Uebergang aus dieser Welt. Gedenke meiner, mein Gott, und führe mich auf dem rechten Wege in dein Reich. Amen. ' 68. Lapitel. Die hohen Dinge und die verborgenen Gerichte Gottes soll man nicht erforschen. Jesus. 1. Mein Sohn, hüte dich, daß du nicht streitest über hohe Dinge und verborgene Gerichte Got/ 305 tes: warum nämlich dieser st verlassen, und jener ausgenommen wird zu st großer Gnade; warum auch dieser so sehr gedrücket wird, und jener st sonderlich erhoben. Solche Dinge übersteigen allen menschlichen Verstand, und keine Vernunft oder Wortstreit mag ergründen das göttliche Gericht. Wenn dir also der Feind solches eingibt, oder dich auch darum fragen vorwitzige Menschen, so antworte dieses mit dem Propheten: Herr du bist gerecht, und dein Gericht ist recht; *) und ferner: Die Gerichte des Herrn sind wahrhaftig, und gerechtfertiget in sich selbst. **) Meine Gerichte soll man fürchten, aber nicht erforschen; dieweil sie unbegreiflich sind dem menschlichen Verstände. 2. Forsche und streite auch nicht über die Vorzüge der Heiligen, welcher vor dem andern heiliger ftp, oder welcher der größere ftp im Himmelreich. Dergleichen bringet oft unnützen Streit und Zank; nähret auch den Stolz und die eitele Ehre, woraus Neid entspringet und Zwietracht, da dev Eine stch bemühet diesen Heiligen, der Andere je- *) Ps. 119, 137. Ps. 19, 10. «eii, hochmüthig vor-zuziehen. Solche Dinge aber wissen und erforschen wollen, bringet keine Frucht, sondern mißfällt vielmehr den Heiligen selbst; dieweil ich kein Gott bin der Zwietracht, sonderndes Friedens, der mehr bestehet in der wahren De- mnth, denn in der eigenen Erhebung. 3. Etliche werden durch einen LiebeSeifer gezogen zu diesem Heiligen, oder jenem, mit größerer Neigung, die aber mehr menschlich ist denn göttlich. Ich bin's, der ich erschaffen habe alle Heiligen; ich habe ihnen geschenkt die Gnade, ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit. Ich kenne eines jeden Vorzüge, ich bin ihnen zuvorgekommen mit den Segnungen meiner Lieblichkeit. Ich habe vorher erstaunt meine Geliebten, ehe die Welt war; ich habe sie erwählet von der Welt, sie haben mich nicht erwählet. Ich habe sie berufen aus Gnade, und an mich gezogen aus Barmherzigkeit; ich habe .sie gesiihret durch mancherlei Versuchungen; ich habe ihnen köstlichen Trost eingegossen; ich habe ihnen Beharrlichkeit gegeben; ich habe ihre Geduld gekrvnet. 4. Ich kenne den Ersten und den Letzten; ich umfasse sie alle mit unschätzbarer Liebe. Ich muß 307 i gelobet werden in allen meinen Heiligen; ich muß j gepriesen werden über alles, und gcehret in allen ! und jeden, die ich habe so herrlich gemacht und zuvor bestimmt, ohne alle vorhergehende eigene ? Verdienste. Darum, wer verachtet meiner Geringsten einen, der ehret auch nicht den Größten; denn ich habe geschaffen beide den Kleinen und den Großen. Und welcher verkleinert einen der Heili- ^ gen, der verkleinert auch'mich und alle die Uc- I brigen im Himmelreich. Alle sind eins durch das I Band der Liebe; sie sind eins gesinnet, sie wollen i eins, und lieben sich alle in Einem, k S. Aber welches noch viel höher ist, sie lieben R mich mehr, als sich selbst und ihre Tugenden. Denn über sich selbst hinaus entzückt, und aus ihrer eigenen Liebe herausgezogcn, gehen sie gänzlich ein in meine Liebe, in welcher sie im Genüsse ruhen. Nichts kann sie von mir abwenden noch Niederdrücken; denn weil sie voll sind der ewigen Wahrheit, so brennen sie von dem Feuer einer unauslöschlichen Liebe. Darum mögen nur schweigen die fleischlichen und sinnlichen Menschen, und nicht red«i von l dem Zustande der Heiligen, da sie nichts anderes wissen, denn ihr eigen Vergnügen zu lieben. Sie tyun dazu und davon nach ihrer Neigung, nicht wie es gefallt der ewigen Wahrheit. 6. Bei vielen ist's Unwissenheit; sonderlich bei denen, die noch wenig erleuchtet sind, und selten jemand zu lieben wissen mit vollkommener geistlicher Liebe. Diese werden noch viel auS natürlicher Neigung und menschlicher Freundschaft, bald zu diesen hingezogen, bald zu jenen; und wie es sich ver- Hält im Irdischen, also stellen sie sich auch vor das Himmlische. Aber es ist ein unvergleichlicher Unterschied zwischen dem, was unvollkommene Menschen denken, und dem, was erleuchtete Männer einsehen durch höhere Offenbarung. 7. Darum hule dich, mein Sohn, vorwitzig zu handeln von solchen Dingen, die deine Wissenschaft übersteigen; sondern darum bekümmere dich vielmehr, und darnach trachte, daß du auch nur mögest erfunden werden der Geringste im Reiche Gottes. Und ob auch einer Wüßte, wer heiliger wäre denn ein Anderer, oder für größer gehalten würde im Himmelreich, waS nützte ihm diese Kenntniß, so er sich nicht vor mir demüthigte durch diesen Gedanken und wieder anfrichtete zu größerem Lobe meines Namens? Viel angenehmer ist bei Gott derjeni- 309 ge, dcr da bedenket die Größe seiner Sünden, und die Nichtigkeit seiner Tugenden, und wie fern er noch Mehrt von der Vollkommenheit der Heiligen, denn dcr, welcher darüber streitet, wer unter ihnen grösser oder kleiner scy. Besser ist's, die Heiligen an- flchcn mit andächtigen Bitten und Thräncn, und mit dcmnthigcm Eemüth anrufen ihre glorreiche Fürbitte, denn ihre Geheimnisse ergründen wollen mit eiteler Forschung. 8. Sie sind vollkommen wohl zufrieden, so nur die Menschen könnten zufrieden scyn, und sich enthalten ihrer unnützen Reden. Sic rühmen sich nicht ihrer eigenen Verdienste; weil sie sich selbst nichts Gutes, sondern alles mir zuschrciben, der ich ihnen alles habe geschcnkct aus meiner unendlichen Liebe. Sie sind erfüllet mit so großer Liebe der Gottheit, und so überschwänglicher Freude, daß ihnen nichts gebricht an ihrer Herrlichkeit, und nichts mangeln kann an ihrer Glückseligkeit. Alle Heiligen, je höher sie sind an Herrlichkeit, desto dcmüthiger sind sie in sich selbst, und mir desto näher und geliebter. Daher stehet geschrieben, *) Offenb. 4, io. 20 310 daß sie ihre Kronen nicderlcgten vor Gott, und nicdcrfielen auf ihr Angesicht vor dem Lamme, und anbethetcu den, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit. 9. Viele fragen, wer der Größcste sey in dem Reiche Gottes, welche nicht wissen, ob sie würdig sind, gezahlet zu werden unter die Geringsten. Es ist schon ein Großes, auch nur der Geringste seyn im Himmelreich, wo alle groß sind; weil sic alle Kinder Gottes heißen und seyn werden. Mus dem Klcincsten sollen tausend werden,*) und der Sünder von hundert Jahren soll sterben.**) Denn da die Jünger fragcten, wer der Größcste sey im Himmelreich? erhielten sie zur Antwort: Wo ihr euch nicht umkehrct, und werdet wie die Kindlein, so könnet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer sich nun selbst erniedriget, wie dies Kind, der ist der Größcste im Himmelreich. ***) 10. Wehe denen, die verschmähen, daß sie sich freiwillig erniedrigen wollen mit den Kleinen ! denn Jes. 60, 22. **) Jes. 65, 20. ***) Matth. 18, 1 - 4. 311 die niedrige Pforte des Himmelreiches lasset solche nicht ein. Wehe auch den Reichen, welche auf dieser Welt ihren Trost dahin haben! denn wenn die Armen cingchcn in das Reich Gottes, so werden sie draußen stehen und heulen. Freuet euch ihr Demüthigen, und frohlocket ihr Armen; denn euer ist das Reich Gottes, so ihr anders in der Wahrheit wandelt. 69. Capitel. Alle Hoffnung und Zuversicht soll man auf Gott allein setzen. h -44 F ll n s ! b ^4, Die Seele. 1. Herr, was ist meine Zuversicht, die ich habe in diesem Leben? Oder was ist mein größester Trost ans allen Dingen, die unter dem Himmel sind? Bist du cs nicht Herr, mein Gott, deß Erbarmungen unzählig sind? Wo ist's mir je wohl gegangen, ohne dich? Oder wenn konnte cs mir übel gehen, wo du gegenwärtig wärest? Ich will 20 * N 312 lieber arm scyn um deinetwillen, denn reich ohne dich. Ich erwähle mir lieber, mit dir zu wallen auf Erden, denn den Himmel zu besitzen ohne dich. Wo du bist, da ist der Himmel; wo du nicht bist, da ist der Tod und die Holle. Nach dir stehet mein Verlangen; darum muß ich zu dir seufzen, rufen und bitten. Auf niemand kann ich ganz vertrauen, der mir helfe zu rechter Zeit in meiner Noth, denn nur allein auf dich, mein Gott. Du bist meine Hoffnung, du bist meine Zuversicht; du bist mein Tröster und mein Getreuester, in allen Dingen. 2. Alle Menschen suchen das Ihre; du verlangest nur mein Heil und meine Förderung, und kehrest mir alles zum Guten. Setzest du mich auch aus mancherlei Versuchungen und Widerwärtigkeiten, so ordnest du doch alles dies zu meinem Besten, der du pflegest zu prüfen deine Geliebten auf tausendfältige Weise. In diesen Prüfungen soll ich dich nicht minder lieben und loben, als wenn du mich crfüllctest mit himmlischen Tröstungen. 3. Darum setze ich auf dich.Herr, mein Gott, meine ganze Hoffnung und Zuflucht, und stelle dir anheim alle meine Trübsal und Angst: weil ich alles schwach finde und unbeständig, was ich aus- 313 ser dir sehe. Dein: viel Freunde können nicht nützen, noch starke Hcljer helfen, noch kluge Nath- gebcr nützlichen Nath geben, noch Bücher der Gelehrten trösten, noch kostbare Dinge befreien, noch irgend ein geheimer und anmuthiger Ort beschirmen, wo du selbst nicht bcistchcst, hilfst, stärkest, tröstest, unterweisest und behütest. 4, Denn alles, was zu dienen scheint zum Frieden und zur Glückseligkeit, ist nichts, wo du nicht bist, und gibt in Wahrheit keine Glückseligkeit. Du also bist das Ziel aller Güter, die Höhe des Lebens und die Tiefe der Unanssprcchlichkcit, und auf dich hoffen über alles, ist der stärkcste Trost deiner Diener. Auf dich sind gerichtet meine Augen, auf dich vertraue ich, mein Gott, du Batcr der Barmherzigkeit. Segne und heilige meine Seele mit dem himmlischen Segen, daß sic werde deine heilige Wohnung, und der Sitz deiner ewigen Herrlichkeit; daß auch nichts werde erfunden in dem Tempel deiner Würdigkeit, das beleidigen könne die Augen deiner Majestät. Siehe mich an nach der Größe deiner Güte, und nach der Fülle deiner Barmherzigkeit, und erhöre das Gcbcth deines armen Dieners, der da ferne verbannt wallet in dem 314 Schattcnlande des Todes. Beschütze und bewahre die Seele deines Dieners in so mancherlei Gefahren dieses hinfälligen Lebens; und deine Gnade leite und führe ihn auf dem Wege des Friedens, zum Vatcrlande der ewigen Klarheit. Amen. l Viertes Buch. Von dem heiligsten Sakramente des Altars. A n d ä ch t. i g e Ermahnung zu r heiligen C o m m u n i o n. Die Stimme Christi. Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seyd, ich will euch erquicken.*) Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, für das Leben der Welt.**) Nehmet und esset, das ist mein Leib, der für euch wird dahin gegeben werden; solches thut zu meinem Gcdachtniß. ***) Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der *) Matth. 11, 28. Jvh. 6, 52. ***) Matth. 26, 26. Marc. 14, 22. Luc. 22, 19. 1. Cor. 11, 24. 318 bleibet in mir, und ich in ihm. *) Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und Leben. **) i. Capitel. Mit wie großer Ehrfurcht man Christuni empfangen soll. Die Stimme des Jüngers. 1. Dies sind deine Worte, Herr Jesu, du ewige Wahrheit, obwohl sie nicht gesagt worden zu Einer Zeit, noch geschrieben stehen an Einer Stelle. Dieweil sie aber deine Worte, und wahrhaftig sind; so muß ich sic alle dankbarlich und getreulich annehmen. Sie sind dein, und du hast sie ausgesprochen; und sind auch mein, denn du hast sie gesagt um meines Heils willen. Willig nehme ich sie auf aus deinem Munde, auf daß sie desto Zoh. 6, 57. **) 3°h. 6, 64. / 319 stärker eingcpflanzet werden in mein Herz. Worte von so viel Milde, so voll Süßigkeit nnd Liebe, richten mich auf; aber meine eigenen Sünden er- > schrecken mich, und mein unreines Gewissen stoßt mich zurück von dem Genüsse so großer Geheimnisse. Tie Süßigkeit deiner Worte locket mich an, aber die Menge meiner Sünden beschweret mich. 2. Tn befiehlst, daß ich soll zu dir treten mit Zuversicht, so ich will Theil an dir haben; und daß ich soll empfangen die Speise der Unsterblichkeit, so ich begehre zu erhalten das Leben und die Herrlichkeit. Kommet her zu mir alle, sagst du, die ihr mühselig und beladen seyd, ich will euch erquik- kcn. O süß und freundlich Wort in dem Ohre des Sünders, daß du Herr, mein Gott, einladcst den Dürftigen und Armen, zur Gemeinschaft deines heiligsten Leibes. H Aber wer bin ich, Herr, daß ich cs wage, mich zn dir zu nahen? Siche, die Himmel der Himmel fassen dich nicht, und du sprichst: Kommet her zu mir, alle! 3. Was soll denn diese so gütige Herablassung und freundliche Einladung? Wie darf ich zu dir 1. Cvr. 10, 16. 17. 320 kommen, der ich mir nichts Gutes bewußt bin, das mir könnte den Muth dazu geben? Wie möchte ich dich einführen in meine Wohnung, der ich so oft beleidiget habe dein gütig Angesicht? Die Engel und Erzengel sind voller Ehrfurcht vor dir, die Heiligen und Gerechten fürchten dich, und du sagst: Kommet her zu mir, alle! Wenn du Herr, es nicht sagtest, wer würde es wohl glauben können? Wenn du cs nicht gebötest, wer würde cs wagen, sich dir zu nahen? 4. Siche, Noah der gerechte Mann, baucte hundert Jahre an der Arche, auf daß er mit wenigen würde gerettet: und ich, wie werde ich mich bereiten können in Einer Stunde, daß ich möge empfangen mit Ehrfurcht den Schöpfer der Welt? Mose dein großer Diener und sonderlicher Freund, machte die Bundeslade aus unverweslichem Holze, und übcrklcidete sie mit dem rcincstcn Golde, daß er darein legte die Tafeln deiner Gesetze: und ich, eine verwesliche Creatur, dürfte es wagen, dich den Gesetzgeber, den Geber des 1 Mos. 6, 14 - 22. **) 2 Mos. 25, 10. 11. 16. - 37, 1. 2. — 40, 20. 321 Lebens, so leichtsinnig zu empfangen? Salomo der weiseste König in Israel, banete den herrlichen Tempel, in sieben Jahren, zum Lobe deines Namens,*) und feierte das Fest der Weihe acht Tage lang, opferte tausend Fricdcnsopfer, und ließ setzen die Bnndcsladc an die zubcrcitete Stätte, mit großer Feierlichkeit unter Posanncnschall und Jubel:**) und ich unglückseliger, armer Mensch, wie mag ich dich cinführcn in meine Wobnung, der ich kaum kann andächtig zubringcn eine halbe Stunde? Ja hätte ich auch nur würdiglich angewcn-- dct ein einig Mal, sogar eine kürzere Zeit! 5. O mein Gott, wie viel haben sich jene beflissen zu thun, um dir zu gefallen. Ach wie gering ist doch, was ich thue. Wie gar kurze Zeit wende ich an, mich vorzubereiten zur heiligen Com- mnnion. Selten bin ich ganz gesammelt, und noch seltener frei von aller Zerstreuung. Und wahrlich, in der heilsamen Gegenwart deiner Gottheit, sollte kein unziemlicher Gedanke in mir aufsteigen, auch keine Creatur mich beschäftigen; denn es ist *) 1. Kön. 6, 37. 38. 1. Kön. 8. 322 kein Engel, sondern der Herr der Engel, welchen ich soll aufnchmcu in meine Herberge. *) 6. Es ist aber ein gar großer Unterschied zwischen der Bnndeslade und ihren Heiligthümern, und deinem rcinestcn Leibe mit seinen unaussprechlichen Tugenden; zwischen jenen Opfern des Gesetzes, welche nur ein Borbild waren des Zukünftigen, und dem wahren Opfer deines Leibes, welches aller alten Opfer Erfüllung ist.**) 7. Warum werde ich denn nicht starker entzündet bei deiner hochwürdigen Gegenwart? Warum bereite ich mich nicht vor, dein Hciligthum zu empfange» mit größerer Sorgfalt; so doch jene alten heiligen Patriarchen und Propheten, Könige und Fürsten, mit dem ganzen Volke, bezeiget haben so große Begierde der Andacht bei dem Dienste Gottes? 8. Tanzcte doch der fromme König David aus allen Kräften vor der Lade Gottes, ***) indem er gedachte der Wohlthatcn, die einst waren erwiesen *) Jvh. 14, 23. Matth. 5, 17. Rom. 10, 4 . Gal. 3, 24. 25. Ephes. 2, 14. 15. 16. Hebe. 9, 8. 9. 11. 12. ***) 2. Sam. 6, 14. 323 worden seinen Vätern. Er ließ verfertigen allerlei Instrumente der Musik, dichtete Psalmen, und vcrordnetc daß sie wurden feierlich abgcsungcn, und sang sie auch selbst oft zur Harfe, wenn er erfüllet war von der Gnade des heiligen Geistes. Er lch- rete das Volk Israel Gott loben von ganzem Herzen, und ihn preisen und verkündigen alle Tage, mit einhelligem Munde. War nun damals so große Andacht und Gedächtm'ß des göttlichen Lobes, vor der Lade des alten Gesetzes, wie große Andacht und Ehrfurcht sollte nicht ich haben und alles christliche Volk, in Gegenwart des heiligsten Sakramentes, bei Empfangung des göttlichen Leibes Christi! 9. Es laufen viele nach verschiedenen Orten, zu sehen die Reliquien der Heiligen, und verwundern sich, wenn sie ihre Thatcn hören; sie beschauender Tempel große Gebäude, und küssen die heiligen Gebeine, die in Seide und Gold gefaßt sind: und siche, du mein Gott, du Heiliger der Heiligen, du Schöpfer der Menschen und Herr der Engel, bist hie bei mir gegenwärtig auf dem Altar. Oft ist's der Vorwitz und das Neue des nie Gesehenen, welches die Menschen beweget zur Beschauung solcher Dinge, und darum bringen sie auch zurück so 324 wenig Frucht der Besserung; sonderlich wo solch Hcrnmlaufcn leichtfertig gcschiehct und ohne wahre Hcrzcnszcrkm'rschung. Hie aber in dem heiligsten Sakramente des Altars, bist du ganz gegenwärtig, als Gott und als Mensch Jesus Christus; wo auch wird erlanget die Fülle des ewigen Heils, so oft du wirst würdiglich und andächtig empfangen.*) Hiezu ziehet uns aber nicht Leichtfertigkeit, noch Borwitz oder Sinnlichkeit; sondern ein fester Glaube, eine andächtige Hoffnung und eine aufrichtige Liebe. 10. O Gott, du unsichtbarer Schöpfer der Welt, wie wunderbar handelst du mit uns! Wie liebreich und voller Gnade fügest du es mit deinen Auserwählten, denen du dich selbst gibst zu gemessen in dem heiligsten Sakramente! Dies übersteiget allen Verstand, und ziehet auch sonderlich zu dir die Herzen der Andächtigen, und entzündet ihre Begierde. Denn selbst deine wahren Gläubigen, welche ihr ganzes Leben wenden an ihre Besserung, empfangen oft eine große Gnade der Andacht und Liebe der Tugend aus diesem hochwürdigcn Sakramente. *) 1. Cor. 10, 16. 17. - 11, 26. 325 11. O wunderbare und verborgene Gnade des Sakramentes, welche nur bekannt ist den Gläubigen Christi, die aber nicht können erfahren die Ungläubigen und die der Sünde dienen. H In diesem Sakramente wird verliehen die geistliche Gnade, und in der Seele wieder hergcstellct die verlohrcne Tugend, und kommt wieder ihre Schönheit, so durch die Sünde verunstaltet worden. Es ist auch zu Zeiten diese Gnade so groß, daß nicht nur die Seele, sondern auch der schwache Leib fühlet größere Kräfte, aus der Fülle der verliehenen Andacht. 12. Es ist aber sehr zu beklagen und zu bedauern, daß wir aus Lauheit und Nachlässigkeit nicht werden angetrieben, Christum zu empfangen mit größerem Eifer, in welchem doch flehet alle Hoffnung und Verdienst derer, die da wollen selig werden : denn er ist unsere Heiligung und Erlösung/'") er ist der Trost der wallenden Pilger, und der Heiligen ewiger Genuß. Auch ist sehr zu beklagen, daß viele so 'wenig achten auf dies heilsame Geheimniß, welches den Himmel erfreuet, und die /ff? W Uffl *) 1. Cor. 11, 27. 29. RvM. 3, 22. 24. 28. Gal. 2, 10. Cph, 2, 8. 9. 21 326 ganze Welt erhält. *) O der Blindheit und Harte des menschlichen Herzens! daß es nicht höher schätzet einso unaussprechlich Geschenk, und sogar inGleich- gültigkeit verfallt durch dessen täglichen Gebrauch. 13. Denn würde dieses heiligste Sakrament nur geopfert an einem einigen Orte, und nur gesegnet von einem einigen Priester in der Welt: mit welcher Begierde würden nicht die Menschen eilen nach diesem Orte und zu einem solchen Priester Gottes, auf daß sie sähen opfern die göttlichen Geheimnisse ! Nun aber sind ang-eordnct viel Priester, und Christus wird geopfert an vielen Orten, auf daß desto größer erscheine die Gnade und Liebe Gottes gegen die Menschen, je weiter die heilige Com- munion ist ausgcbreitet durch die Welt. Ich danke dir gütiger Jesu, ewiger Hirte, der du hast ge- würdiget zu erquicken uns Arme und Verbannte mit deinem köstlichen Leibe und Blute, und uns einzuladen zum Genuß dieser Geheimnisse, durch das Zureden deines eigenen Mundes, indem du sprichst: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seyd; ich will euch erquicken. *) Loh. 6, 33. S2. Col. 1, 20. — 1. Loh. 2, r. 327 2. Capitel. Es wird dem Menschen in diesem heiligsten Sakramente Gottes große Güte und Liebe bewiesen. Die Stimme des Jüngers. 1. Voll Vertrauen auf deine Güte und große Barmherzigkeit, nahe ich mich zu dir Herr, ein Kranker zu seinem Heilande, ein Hungriger und Durstiger zum Brumiquell des Lebens, ein Dürftiger zum Könige des Himmels, ein Diener zu seinem Herrn, ein Geschöpf zu seinem Schöpfer, ein Trostloser zu seinem milden Tröster. Aber woher wird mir das, daß du zu mir kommest? Wer bin ich, daß du dich selbst mir hingibst? Wie darf ein Sünder erscheinen vor dir? Und wie kannst du einen Sünder würdigen, zu ihm zu kommen? Du kennest deinen Diener, und weißt, daß er nichts Gutes in sich hat, woher du ihm dieses verleihest. Darum bekenne ich meine Niedrigkeit, und erkenne deine Güte, lobe deine Milde und sage Dank für deine große Liebe. Denn um deiner selbst 21 * 328 willc,l chiist du dieses, nichr wegen meiner Verdienste; aus daß nur noch mehr bekannt werde deine Güte, noch reichlicher Angegossen deine Liebe, und mir die Demuth noch vollkommener an's Herz gelcget werde. Und dieweil dir nun dies wohlgcfällt, und du befohlen hast, daß es also geschehen soll; so gefällt auch mir diese deine Herablassung: möchte mir doch meine Sünde nicht im Wege stehen! 2. Q süßester und gütigster Jesu, wie große Ehrfurcht und Danksagung und ewiges Lob bin ich dir schuldig, daß ich empfangen mag deinen heiligen Leib, dcß Würdigkeit kein Mensch vermögend ist auszusprechcn. Was soll ich aber gedenken bei dieser Commnnion, da ich zu meinem Herrn nahe, welchen würdiglich zu verehren ich nicht fähig bin, und doch begehre ihn mit Andacht zu empfangen? Was soll ich besser und heilsamer gedenken, als daß ich mich ganz demüthige vor dir, und über mich erhöhe deine unendliche Güte? Ich preise dich mein Gott, und erhöhe dich in Ewigkeit. Ich verachte mich selbst, und unterwerfe mich dir in den Abgrund meiner Niedrigkeit. 3. Siehe, du bist der Heilige der Heiligen, und ich der unreineste aller Sünder. Siehe, du neigest 329 dich zu mir, der ich nicht werth bin, daß ich zu dir anfschaue. Siche, du kommest zu mir, du willst bei mir scyn, du ladest mich zu deinem Mahl. Du willst mich speisen mit der himmlischen Speise, und mit dem Brot der Engel: fürwahr kein anderes, denn du selbst, Las lebendige Brot, das vom Himmel kommen ist; und gibt der Welt das Leben. *) 4. Siche, welch Ucbermaß der Liebe und Herablassung leuchtet hieraus hervor! Wie große Danksagung und Lob bin ich dir dafür schuldig! O wie heilsam und nützlich war dein Nathschlnß, da du dies Sakrament cinsetztest. Wie so lieblich und süß ist das Mahl, darin du dich selbst gibst zur Speise! Wie wunderbar, Herr, ist dein Werk, wie gewaltig deine Kraft, wie unaussprechlich deine Wahrheit! Denn du sprachst, und alle Dinge wurde» gemacht; und auch hierin ist geschehen, was du selbst befohlen hast. 5. Es ist ein Wunder, würdig unseres Glaubens, obwohl cs übersteiget allen menschlichen Verstand, daß du, inein Herr und Gott, ganz bist begriffen als wahrer Gott und Mensch, unter Joh. 6, JZ. 51. 52. 330 dcr geringen Gestalt des Brodes und Weines, und genossen wirst von dem Genießenden ohne Verzehrung. Du Herr aller Crcaturen, der keines Dinges bedarf, du wolltest in uns wohnen durch dies Sakrament. Bewahre unbcflecket mein Herz und meinen Leib, auf daß ich öfter könne feiern deine Geheimnisse mit fröhlichem und reinem Gewissen, und sie empfangen zu meinem ewigen Heil, die du vornehmlich hast gehciligct und ein- gesetzet zu deiner Ehre und ewigem Gedächtm'ß. 6. Erfreue dich, meine Seele, und sage Gott Tank für ein so vortrefflich Geschenk und sonderliche Tröstung, die er dir hat hinterlassen in diesem Jammerthal. Denn so oft du betrachtest dies Geheimniß, und cmpfähcst den Leib Christi, so oft wirkest du auch das Werk deiner Erlösung, und wirst theilhaftig aller Verdienste Christi; denn die Liebe Christi wird nimmer gemindert, und nimmer erschöpfet die Größe seiner Gnade. Und darum sollst du dich stets dazu vorberciten mit neuer Erneuung des Gemüths, und erwägen das große Geheimniß des Heils mit aufmerksamer Betrachtung. Und wenn du das Meßopfer verrichtest oder ihm beiwohnest, so soll dir diese Handlung so groß, 331 neu und erfreulich scheinen, als ob an diesem Tage Christus erst herabgesticgen in den Leib der seligsten Jungfrau , und Mensch geworden wäre; oder am Kreuz hängend, jetzt noch litte und stürbe für das Heil der Menschen. 3. CapiLel. Wie nützlich es ist, oft zur heiligen Commu- nion zu gehen. Die Stimme des Jüngers. 1. Siehe, Herr, ich komme zu dir, daß mir wohl werde durch deine Gabe, und ich mich erfreue an deinem heiligen Mahl, welches du mein Gott, in deiner Lieblichkeit bereitet hast dom Armen. Siche, in dir ist alles, was ich begehren kann und soll; denn du bist mein Heil und meine Erlösung, meine Hoffnung und meine Starke, meine Zierde und mein Ruhm. Erfreue heute die Seele deines Dieners, denn zu dir Herr Jesu, habe ich sie erhoben. Ich begehre dich zu empfan- 332 gen iiiii Andacht und Ehrftircht; ich begehre dich einzuführcn in meine Wohnung, auf daß ich mit Zachäo möge verdienen von dir gesegnet zu werden, und gezählct zu den Söhnen Abrahams. H Meine Seele begehret deinen Leib, mein Herz wünschet mit dir vereiniget zu werden. 2. Gib dich mir hin, so ist cs genug: denn außer dir gilt kein Trost. Ohne dich kann ich nicht scyn, und ohne deine Heimsuchung kann ich nicht leben. Darum muß ich oft zu dir nahen, und dich empfangen als ein Mittel meines Heils; damit ich nicht etwa unter Weges erliege aus Mangel der himmlischen Speise. Denn also, barmherzigster Jesu, hast du einst gesagt, als du lch- rctest die Völker und sie Heiletest von mancherlei Gebrechen: Ich will sie nicht ungespeiset von mir , lassen: auf daß sie nicht verschmachten auf dem Wege.**) Thue auch also mit mir, Herr, der du zum Tröste der Gläubigen dich hast gegenwärtig gelassen in dem heiligsten Sakramente. Denn du bist der Seele eine liebliche Erquickung, und wer Luc. lt>, s. «' ) Matth. 15, 32. dich würdiglich genießet, der wird thcilhaftig und ein Erbe scyn der ewigen Herrlichkeit. Dieweil ich aber so oft falle und sündige, so bald hinlässig werde und erliege, so ist mir noch, daß ich durch öfteres Gebcth, und durch öftere Beichte und heiligen Genuß deines Leibes, mich erneue, reinige und entzünde; damit ich nicht etwa abwciche, durch längeren Verzug, von meinem heiligen Vorsatze. 3. Tenn des Menschen Sinn ist zum Bösen geneigt von Jugend auf, und wo ihm nicht zn Hülfe kommet die göttliche Arznei, so fällt er bald in noch ärgere Ucbel. Es ziehet ihn aber die heilige Commnnion ab von dem Bösen, und stärket ihn im Guten. So ich denn jetzt so oft säumig und, lau bin, da ich die Communion empfange oder das Meßopfer verrichte, was würde erst geschehen, wenn ich dies Heilmittel gar nicht nähme, und nicht suchte diese so große Hülfe? Und ob ich gleich nicht alle Tage geschickt bin noch wohl vorbereitet, zu verrichten dies heilige Opfer; so will ich doch allen Fleiß thnn, daß ich zn schicklichen Zeiten empfange die göttlichen Geheimnisse, und mich thcilhaftig mache so großer Gnade. Denn das ist einer gläubigen Seele vornehmster Trost, 334 so lange sie fern von dir wallet in dem sterblichen Leibe, daß sie öfter eingedenk sey ihres Gottes, und mit andächtigem Gemüth anfnehme ihren Geliebten. 4. O wundervolle Herablassung deiner Milde gegen uns, daß du mein Herr und Gott, Schöpfer und Lebensquell aller Geister, würdigest eine arme Seele zu ihr zu kommen, und zu stillen ihre Begierde mit deiner ganzen Gottheit und Menschheit! O glücklich Gemüth, und selige Seele, welche würdig ist andächtig aufzunehmen dich ihren Herrn und Gott, und erfüllet zu werden bei deiner Aufnahme mit geistlicher Freude! O welch großen Herrn, welch geliebten Gast nimmt sie auf, welch freundlichen Gefährten cmpfähet sie, welch treuen Freund nimmt sie zu sich, welch schönen und cdelen Bräutigam umpfähet sie, der verdienet geliebt zu werden vor allen Geliebten und über alles Wünschens- wcrthe! Vor deinem Angesicht, mein süßester Geliebter, müssen verstummen Himmel und Erde und all' ihre Zierde: denn alles, was sie Lobenswcrthes haben und Schönes, kommet von deiner gütigen Freigebigkeit, und erreichet nimmer die Zierde deines Namens, dcß Weisheit unermeßlich ist. 335 4. Capitel. Den.m die mit Andacht die heilige Commu- nion empfangen, werden viele Güter verliehen. Die Stimme des Jüngers. 1. Mein Herr und Gott, komme zuvor deinem Diener mit den Scgnnngen deiner Lieblichkeit, auf daß ich verdienen möge, mich würdig und andächtig zu nahen deinem höchsten Sakramente. Erhebe mein Herz zu dir, und erwecke mich aus der schweren Betäubung. Suche mich heim in deinem Heil, daß ich möge kosten im Geiste deine Süßigkeit, welche in Fülle verborgen ist in diesem Sakramente, gleich wie in einer Quelle. Erleuchte auch meine Augen, anzuschauen ein so groß Geheimnis;, und stärke micl,, dasselbige zu glauben mit ungc- zwcifeltcm Glauben. Denn dein Werk ist nicht menschliche Kraft, nicht menschliche Erfindung deine heilige Einsetzung. Und dies Geheimnis! zn begreifen und zu verstehen wird niemand geschickt erfunden durch sich selbst, da es sogar übersteiget , 'Ä M - ^ ! - V ä . ^ 336 den hohen Verstand der Engel. Wie sollte denn >ch un> würdiger Sünder, der ich Erde bin unt Asche, können erforschen und begreifen ein so hohes heiliges Echei'mniß? 2. In Einfalt meines Herzens, in gutem festen Glauben, und auf dein Geheiß, nahe ich mich zu dir, Herr, mit Hoffnung und Ehrfurcht, und glaube wahrhaftig, daß du hie gegenwärtig bist in diesem heiligsten Sakramente, als Gott und Mensch. Du willst also, daß ich dich soll anf- nehmen, und mich vereinigen mit dir in der Liebe. Daher flehe ich an deine Güte, und bitte dich, dn wollest mir hiezu verleihen eine sonderliche Gnade, auf daß ich ganz zerschmelze in dir, und in Liebe zerfließe, und mich nicht ferner entlasse in fremden Trost. Denn dieses höchste und würdigste Sakrament ist ein Heil der Seele und des Leibes, eine Arzenci gegen alle Krankheit des Geistes, wodurch die Sünden gchcilet, die Leidenschaften bezähmet, die Versuchungen überwunden oder gemindert werden; es wird dadurch Angegossen eine größere Gnade, die angcfangeue Tugend vermehret, der Glaube befestiget, die Hoffnung gestartet, und die Liebe entzündet und erweitert. 337 . 3. Du, mein Gott, der du aufnimmst meine Seele, du Heiland der menschlichen Gebrechen und Geber alles inneren Trostes, dn hast ausgc- theilct in diesem Sakramente, und Heilest oft noch aus, viele Güter deinen Geliebten, die cs andächtig empfangen. Denn du gießest ihnen ein vielen Trost wider mancherlei Trübsal, und richtest sic auf aus dem Abgrunde eigener Verworfenheit zu der Hoffnung deines Schutzes, erquickest und erleuchtest sie innerlich mit neuer Gnade; daß die, so sich fühlen voll Angst und ohne geistliche Begierde vor deinem heiligen Mahl, darnach, da sic erquicket sind mit himmlischer Speise und Trank, sich verwandelt finden in bessere Menschen. Und du handelst darum also weislich mit deinen Aus- crwählten, auf daß sie wahrhaftig mögen erkennen und offenbar erfahren, wie schwach sie sind aus sich selbst, und wie viel Güte und Gnade sie von dir empfangen. Tenn aus sich selbst sind sic kalt, hart und ohne Andacht; durch dich aber werden sie inbrünstig, erweckt und andächtig: denn welcher ist, der dcmuthig hinzugchet zur Quelle der Süßigkeit, und nicht ein wenig davon zurückbringe ? Oder welcher stehet an einem großen Feil- 338 er, der nicht davon empfange ein wenig Wärme! Und du Herr, bist der Brunnqucll, der immer voll ist und überfließct, das Feuer, das immerdar brennet, und nimmer erlischt. 4. Ist mir nun nicht verliehen zu schöpfen aus der Fülle des Quelles, noch daraus zu trinken zur völligen Gnüge, so laß mich doch meinen Mund legen an das himmlische Nöhrlcin, damit ich nur möge daraus empfangen, ein kleines Tröpflcin zur Stillung meines Durstes, daß ich nicht gar verschmachtc- Und wenn ich gleich noch nicht seyn kann ganz himmlisch, und eitel Feuer, wie die Cherubim und Seraphim; so will ich mich doch befleißigen der Andacht obzuliegen, und mein Herz vorzubcrci- ten, daß ich auch nur möge empfangen ein klein Fünklein des göttlichen Feuers, aus dem dcmüthigen Genüsse des lebendigmacheuden Sakramentes. Was mir aber noch mangelt, das wollest du milde und gnädig für mich erstatten, o gütiger Jesu, heiliger Erlöser, der du alle gcwürdiget hast zu dir zu rufen, da du sagst: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen scpd, ich will euch erquicken. 5. Ich arbeite zwar im Schweiß meines Angesichts, werde gequäkt von Herzensangst, bin be- 339 ladcn mit Sünden, beunruhiget mit Anfechtungen, und verwickelt und gedrückt durch viele böse Leidenschaften, und ist niemand der da helfe, niemand der erlöse und heile, denn du allein, mein Herr und Gott, mein Erlöser. Dir befehle ich mich und all' das Meine, auf daß du mich behütest, und cinführcst in das ewige Leben. Nimm mich auf zu Lob und Ehre deines Namens, der du mir bereitet hast deinen Leib und dein Blut zur Speise und zum Trank. Verleihe mir, mein Gott und Heiland, daß die Begierde meiner Andacht wachsen möge, durch den öfter» Genuß deines Geheimnisses. 5. C a p i t e l. Von der Vortrefflichkeit des heiligsten Sakramentes , und dem Priesterstande, Die Stimme des Geliebten. 1. Wärest du rein wie ein Engel, und heilig wie der heilige Johannes der Täufer; so wärest du 340 doch nicht würdig zu empfangen dieses Sakrament, noch daffclbigc zu wandeln. Denn das kann mau nicht zuschreiben dem menschlichen Verdienste, daß ein Mensch wandele das Sakrament Christi, und als Speise genieße das Brot der Engel. Großes Gehcimniß, und große Wurde der Priester, welchen gegeben ist, was auch den Engeln nicht ist verliehen! Denn allein die Priester, die gcweihct sind nach Ordnung der Kirche,. haben die Macht zu verrichten das Meßopfer, und zu wandeln den Leib Christi. Jedoch ist der Priester nur der Diener Gottes, welcher sich bedienet des göttlichen Wortes, nach Gottes Geheiß und Einsetzung; Gott aber ist'ö, der hie eigentlich handelt und unsichtbar wirket, dem alles unterworfen ist, was er will, und alles gehorchet, dem er gebeut. 2. Du sollst also mehr glauben Gott dem Allmächtigen, in diesem hochwürdigen Sakramente, denn deinen eigenen Sinnen, oder einigen sichtbaren Zeichen. Darum muß man auch nahen mit Furcht und Ehrerbietung zu dieser Handlung. Habe Acht ans dich, und siehe zu, welch' Amt dir übergeben ist durch die Handauflcgung des Bischofs. Sieh, du bist nun ein Priester morden, und ge- 341 weihet zum Dienste des Altars. Siehe nun, wie du getreulich und andächtig Gott darbriiigcst dieses Opfer, zu seiner Zeit, und dich selbst unsträflich darstellcst. Du hast nicht erleichtert deine Last, sondern bist gebunden durch ein enger Band der Zucht, und gehalten zu viel vollkommncrcr Heiligkeit. Ein Priester soll geschmücket seyn mit allen Tugenden, und andern ein Beispiel geben eines frommen Lebens. * * ) Sein Wandel soll nicht seyn auf dem gemeinen Wege der Menschen, sondern mit den Engeln im Himmel, oder mit vollkommenen Männern auf Erden. 3. Ein Priester, angethan mit dem geweihten Kleide, vertritt Christi Statt, ans daß er Gott bitte mit Erfurcht und Dcmnth für sich, und für das ganze Volk. ***) Er hat vor sich und hinter sich das Zeichen des heiligen Kreuzes, zum beständigen Gcdächtniß des Leidens Christi. Er trägt vor sich das Kreuz auf dem Meßgewande, daß er ») 2. Cor. 6, 3— 10. - 1. Tim. 3, 2. 3. 8. 97 Tit. 1, 7. 8. 9. — 1- Petr. 5, 2. 3. 2*) 2. Cor. 5, 20. ***) 1. Tim. 2, 1—4. 22 A 342 - > - MV r k fÄL f ^ -> "> V'.-Sr-.-', . - > - " .> fleißig betrachte Christi Fnßstapfen, und sich bemühe densclbigcn inbrünstig nachznfolgen. Hinter sich ist er bezeichnet mit dem Kreuze, auf daß er sanft- müthig und um Gottes willen trage alle Widerwärtigkeiten, so ihm von andern zugefügct werden. Vor sich trägt er das Kreuz, daß er betraure seine eigenen Sünden; hinter sich, daß er auch Anderer Sünden beklage aus Mitleid, und wisse, daß er ein Mittler gesetzct scy zwischen Gott und den Sünder,*) damit er nicht Nachlasse im Gebcth und heiligen Opfer, bis er Gnade erflehet und Erbarmung. Wenn ein Priester das Meßopfer verrichtet, so ehret er Gott, erfreuet die Engel, erbauet die Kirche, hilft den Lebenden, erwirbt Ruhe den Verstorbenen, und machet sich selbst theilhaftig aller Güter. *) 3oh. 21, 15. 16.17. Ap. Gesch. 20, 23. - 2.Cor. 5, 13 — 20. — 2. Tim. 2, 2. — 1. Petr. 5, 2. 34 2 6. Capitel. Frage, wie man sich zur heiligen Communion vorberciten soll. Die Stimme des Jüngers. 1. Herr, wenn ich erwäge deine Würdigkeit und meine Unwürdigkeit, so erzittere ich und werde beschämet in mir selbst. Denn wenn ich nicht zu dir nahe, so fliehe ich das Leben; nahe ich aber zu dir unwürdig, so falle ich in eine schwere Sünde. Was soll ich also thun, mein Gott, du mein Helfer und Rathgebcr in aller Noth? 2. Zeige du mir den rechten Weg, und lehre mich eine kurze schickliche Vorbereitung zur heilst gen Communion. " Denn cs ist nützlich zu wissen, wie ich dir soll vorbereiten mein Herz mit Andacht und Ehrfurcht, um heilsam zu empfangen dein heiligstes Sakrament, oder auch zu verrichten dies große und göttliche Opfer. *) i. Cor. 11, 27. 29. 22 * 344 7« Kapitel, Antwort: Man erforsche sein eigen Gewissen, und fasse den Vorsatz der Besserung. Die Stimme des Geliebten. 1. Vor allen Dingen soll ein Priester Gottes hinzu gehen zur Verrichtung, Wandelung, und zum Genüsse dieses heiligsten Sakramentes, mit der größten Demuth des Herzens, mit der tiefsten Ehrfurcht, "mit vollem Glauben, und in der frommen Absicht Gott zu ehren. Erforsche sorgfältig dein Gewissen,*) und so viel an dir ist, reinige es und verkläre cs, durch eine wahre Hcrzenszer- kuirschung und eine dcmüthige Beichte; also daß du nichts Drückendes habest, oder wissest, das dich naget, und den freien Zutritt hindert. Du sollst insgemein ein Mißfallen haben an allen deinen Sünden, und insbesondere beweinen und beklagen deine täglichen Ucbcrtretungen; und so es die Zeit leidet, Gott bekennen im Geheimen deines Herzens , alles Elend deiner bösen Begierden. *) i. Cor. 11, 28. 2. Seufze und klage, daß bli noch bist so fleischlich und weltlich gesinnet, so unabgcstorbcn de» Leidenschaften, so voll Regungen böser Lüste, so unbehutsam in den äußerlichen Sinnen, so oft verwickelt in viel citele Einbildungen, so sehr geneigt zu äußerlichen, so lässig zu inwendigen Dingen, so leicht zum Lachen und zur Ausgelassenheit, so hart zum Meinen und zur Zerknirschung des Herzens, so bereit zum freieren Leben und zur leiblichen Bequemlichkeit, so träge zum Ernst und inbrünstigen Eifer, so begierig Neues zu hören und schöne Dinge zu sehen, so ungeneigt dich zu befassen mit niedrigen und geringen Dingen, so begierig viel zu haben, so karg im Geben, so geizig im Behalten, so unbedachtsam im Reden, so uncnthaltsam im Schweigen, so unordentlich in den Sitten, so ungestüm in Handlungen, so unmäßig im Essen, so taub gegen Gottes Wort, so schnell zur Ruhe, so langsam zur Arbeit, so wachsam zum Schwätzen, so schläfrig zum nächtlichen Gottesdienste, so eilend zum Ende, so flüchtig im Ausmerken , so nachlässig im Stundengcbeth, so lau in Verrichtung des heiligen Meßopfers, so dürre beim Genuß der heiligen Eommuniou, so bald zerstreut, so selten ganz 346 in dir gesammelt, so schnell bewegel zum Zorn, so loscht andern zu mißfallen, so geneigt andere zu richten, so strenge im Strafen, so ausgelassen im Glück, so verzagt im Unglück, dir so oft viel Guteö vornchmend, und so wenig vollbringend. 3. Nachdem du diese und andere Fehler hast bekannt und beweinet, mit Schmerz und großem Mißfallen der eigenen Schwachheit; so nimm einen festen Vorsatz, dein Leben immcrmehr zu bessern, und im Guten stets znzunchmen. Darnach opfere dich selbst auf dem Altar deines Herzens, mit völliger Ergebung und redlichem Willen, als ein immerwährend Brandopfer, zur Ehre meines Namens; das ist, befehle mir getreulich deinen Leib und deine Seele, auf daß du also würdig werdest, dich Gott zu nahen zur Darbringung dieses Opfers, und heilsam zu empfangen das Sakrament meines Leibes. 4. Denn cs ist kein würdiger Opfer und größere Genngthuung, zu Abwaschung der Sünden, als daß man sich in der Messe und Communion selbst rein und ganz Gott aufopfere, mit dem Opfer des Leibes Christi. So oft der Mensch thut, was an ihm ist, und wahrhaftige Reue hat; so oft er zu 347 mir kommet Vergebung zu erlangen und Gnade, so spricht der Herr: So wahr ich lebe, ich will nicht den Tod des Sünders; sondern vielmehr, daß ex sich bekehre und lebe: denn seiner Sünden will ich hinfort nicht mehr gedenken, *) sondern sie sollen ihm alle vergeben scyn. 8. Capitel. Von dein Opfer Christi am Kreuz, und der eigenen Ergebung. Die Stimme des Geliebten. 1. Gleichwie ich mich selbst an dem Kreuze mit ansgcstrccktcn Armen und entblößtem Leibe, Gott dem Vater habe freiwillig geopfert, für deine Sünden, so daß nichts an mir überbleibe, das nicht ganz wäre übergegangcn in das Opfer der göttlichen Versöhnung; also sollst auch du alle Tage in der heiligen Messe, dich selbst mit ganzer Inbrunst O Czech. 33, 11. 16. 349 willig darbringcn zum reinen und heiligen Opfer, mit allen deinen Kräften und Begierden. WaS fordere ich mehr von dir, als daß du dich beflcis- sigcst dich mir ganz zu ergeben? Was du mir gibst außer dir selbst, das achte ich nicht; denn ich suche nicht deine Gabe, sondern dich. 2. Gleichwie dir nicht genng wäre, wenn du auch alles hättest, ohne mich; also kann mir auch nicht gefallen, was du mir gibst, so du dich nicht selbst gibst. Opfere dich mir ans, und gib dick- ganz dahin für Eoit, so wird das Opfer angenehm sepn. Siche, ich habe mich meinem Vater ganz aufgcopfert für dich. Ich habe dir auch gegeöen meinen ganzen Leib und Blut zur Speise und Trank, auf daß ich ganz dein wäre, und du mein bliebest. Willst du aber in dir selber stehen, und dich nicht freiwillig dahin geben meinem Willen, so ist es kein vollkommen Opfer, und wird keine völlige Vereinigung zwischen uns seyn. Daher soll vor allem, was du thust, vorhcrgchcn eine freiwillige Hingebung deiner selbst in die Hand Gottes, so du anders willst Freiheit erlangen und Gnade, Denn darum werden so wenig Menschen innerlich erleuchtet und frei, weil ste sich selbst 349 nicht können ganz verlängncu. Dies sind meine unveränderlichen Worte: .Der nicht absaget allem, das er bat, kann nicht mein Jünger sepn. Willst dn alp) mein Jünger scpn, so opfere mir dich selbst, mit allen deinen Begierden. 9. Capitol. Wir sollen uns selbst und alles, was wir haben, Gott opfern, und für alle Menschen bethcn. Die Stimme des Jüngers. 1. Herr, alle Dinge sind dein, die im Himmel sind und aus Erden. Darum begehre auch ich mich selbst dir zu opfern in einem freiwilligen Op" fer, und immerdar dein zu bleiben. So opfere ich mich dir denn heute in Einfalt meines Herzens, zu einem ewigen Diener in deinem Dienste, und zu. einem Opfer des ewigen Lobes. Nimm mich also Luc. ich 55. 1 350 ans mit diesem heiligen Opfer deines köstlichen Leibes, welches ich dir heute opfere in Gegenwart der Engel, die demselben unsichtbar beiwohnen, daß es mir und deinem ganzen Volke zum Heil gereiche. 2. Herr, ich opfere dir auf deinem Sühnaltar alle meine Sünden und Misscthatcn, die ich begangen habe vor dir und deinen heiligen Engeln, von dem Tage an, da ich zuerst habe sündigen können, bis auf diese Stunde; auf daß du sic alle anzün- dest und verbrennest mit dem Feuer deiner Liebe, und austilgcst alle Flecken meiner Sünden, mein Gewissen reinigest von aller Schuld, und mir wieder schenkest deine Gnade, die ich verlohren habe durch die Sünde, auch mir alles vollkommen vergebest, und mich barmherzig zu dir nehmest mit dem Kusse des Friedens. 3. Was kann ich thun für alle meine Sünden, als sie dcmüthig bekennen und beweinen, und ohne Unterlaß anflchcn deine Milde? Ich bitte dich, du wollest mich gnädiglich erhören, da ich vor dir, meinem Gott stehe. Denn alle meine Sünden mißfallen mir auf's höchste, und ich will sie hinfort nimmer mehr begehen, sondern beklage sic und will sic b» klagen mein Lebenlang, und bin bereit zur Buße, und genug zu thun nach meinem Vermögen. Vergib mir Herr, vergib mir meine Sünden, um deines heiligen Namens willen; errette »reine Seele, welche du erlöset hast mit deinem köstlichen Blute. Siehe, ich befehle mich deiner Barmherzigkeit, und übergebe mich ganz in deine Hände. Thue mit mir nach deiner Güte, und nicht nach meiner Sünde und Ungerechtigkeit. 4. Ich opfere dir auch alle meine gute Werke, obwohl sie gar gering sind und unvollkommen; damit du sie verbesserst und heiligest, daß sie dir wohlgefällig scyn mögen; damit du sie dir angenehm machest, und sie immermehr zum Besseren förderst, auf daß du mich tragen und unnützen Menschen führest zu einem seligen und preiswürdigen Ende. 5. Ich opfere dir auch alle fromme Begierden andächtiger Menschen, und alle Anliegen meiner Acltcrn, Freunde, Brüder, Schwestern und aller, die mir theucr sind, so wie derer, die mir oder andern Gutes gcthan haben, um deiner Liebe willen, desgleichen derer, die Gcbethe und Messen von mir begehret haben für sich und die Jln 352 rigen, sic mögen noch leben, oder ans dieser Gell verschieden seyn; damit sie alle kommen sehen die Hülse deiner Gnade und deines Trostes, deinen Schutz vor Gefahren, und die Befreiung von aller Pein, und von allen Nebeln erlöset, dir mit Freuden den herrlichsten Dank sagen mögen. 6. Auch opfere ich dir Gcbcthe und Sühnopfer, sonderlich für jene, die mich irgendwo beleidiget, betrübet oder gcschmahet, oder mir einigen Schaden oder Bcschwcrniß zugcfüget haben; auch für alle, die ich zuweilen habe betrübet, beunruhiget , beschweret und geärgert, mit Worten oder Werken, wissend oder unwissend; auf daß du uns allen gleicher Weise vergebest unsere Sünden und einander zugefügten Beleidigungen. Nimm hinweg Herr, von unseren Herzen allen Argwohn, Unwillen , Zorn, Zanksucht, und alles, was kann die Liebe verletzen, und mindern die brüderliche Eintracht. Erbarme dich Herr, erbarme dich aller, die deine Barmherzigkeit begehren; gib Gnade den Bedürftigen; und laß uns so leben, daß wir würdig seyn mögen, zu genießen deine Gnade und forU zuwaudeln auf dem Wege zum ewigen Leben. Amen. 353 io. Capitel. Die heilige Communion soll man nicht leicht unterlassen. Die Stimme des Geliebten. 1. Du mußt oft deine Zuflucht nehmen zu dem Brunnquell der Gnade, zu dem Brunnquell der Güte und aller Lauterkeit, so du willst gehcilet werden von deinen Leidenschaften und Sünden, und stärker und wachsamer werden wider alle Versuchung und Trug des bösen Feindes. Denn der Feind, der da weiß die Frucht, und das große Heilmittel, welches lieget in der heiligen Communion, trachtet auf alle Weise und bei jeder Gelegenheit, zu hindern und abzuhalten die gläubigen und andächtigen Seelen, so viel er kann. 2. Daher leiden etliche am meisten von den bösen Eingebungen des Feindes, wenn sie sich vor- bereiten wollen zur heiligen Communion. Denn der böse Geist kommt, wie geschrieben stehet im Buch Hiob *), unter die Kinder Gottes, daß er sic plage mit seiner List, oder furchtsam und verwirrt mache, damit er ihre Begierde mindere, oder ih- *) Hiob 1, 6. 354 neu den Glauben raube, durch solche Anfälle; ob sie vielleicht die Coinmunion gar unterließen, oder mit Lauigkeit hinzugingen. Aber man soll nichts besorgen von seinen listigen Anschlägen und Vorspiegelungen, wie schändlich und schrecklich sie auch seyn mögen: sondern all' solche Blendwerke aus ihn selbst zurücktrciben. Man soll diesen elenden Geist verachten und verspotten, und um seiner Anfälle und Regungen willen, so er erwecket, die heilige Coinmunion nicht unterlassen. 3. Oft hindert uns auch eine allzu große Bc- sorgniß um Andacht, und eine gewisse Beängstigung wegen der Beichte. Folge der Weisen Rath, und lege ab alle Angst und peinliche Unruhe; denn sie hindert die Gnade Gottes, und stöhret die Andacht des Gcmüthcs. Um einer kleinen Beunruhigung und Beschwerniß willen, unterlaß nicht die heilige Com- munion; sondern gehe eilend zur Beichte, und vergib gerne allen, die dich beleidiget haben; hast du aber jemand beleidiget, so bitte dcmüthig um Vergebung, so wird dir Gott gerne vergeben. 4. Was nützt's, die Beichte lange verziehen, oder die heilige Communion aufschicben? Reinige dich vor allen Dingen , wirs alsbald aus das Gift, 355 und eile die Arzcuei zu nehmen, so wird dir besser werden, als wenn du lauge verziehest. Unterlassest du heute die Communion um dieser Hiudcr- niß willen, so begegnet dir morgen vielleicht eine noch größere: und also könntest du lange an der Communion gehindert, und noch nntüchtiger dazu werden. Darum reiße dich los, so bald du kannst, von deiner gegenwärtigen Beschwerniß und Trägheit; denn es ist nicht nütze sich lange ängstigen, lange mit Unruhe umgehen, und sich wegen täglicher Hindernisse entfernen von dem Göttlichen. Ja Vielmehr ist's sehr schädlichdie Communion lange aufschieben; denn dies pfleget zu bringen große Trägheit. Leider gibts etliche laue und leichtfertige Menschen, die gerne annehmcn jeden Aufschub der Beichte, und darum begehren aufzuschicbcn die heilige Communion, damit sie nicht gehalten scyen, zu größerer Wachsamkeit über sich selbst. 5. Ach, wie geringe Liebe und schwache Andacht haben diejenigen, die so leicht hintenan setzen die heilige Communion! wie selig aber und Gott angenehm ist derjenige, der also lebet und bewahret sein Gewissen in einer solchen Lauterkeit, daß er auch jeden Tag bereit und wohl geneigt wäre, die Coiumu- 356 uiou zu empfangen, so man es ihm erlaubte und er es ohne Aufsehen thun könnte. Wer sich zu Zeiten enthält aus Demuth, oder aus einer andern erheblichen Ursache, der ist lobenswerth, um seiner Ehrerbietung willen. Ucberschleichct aber jemand eine Trägheit, so soll er sich selbst ermuntern, und thun so viel an ihm ist: alsdann wird der Herr seyn mit seinem Begehren, um des guten Willens willen, den er sonderlich ansichet. 6. 2st aber Jemand rechtmäßig verhindert, so soll er immerhin haben einen guten Willen und ein ' fromm Verlangen zur Communion, und alsdann wird ihm nicht mangeln die Frucht des heiligsten Sakramentes. Denn jeder andächtige Mensch mag täglich und stündlich, und ohne Verwehrung, geistlicher Weise, zu seinem Heil genießen die Communion Christi. Doch soll er auch an gewissen Tagen und festgesetzten Zeiten, mit inbrünstiger Ehrfurcht empfangen den Leib seines Erlösers, nach dem Sakrament, und dabei mehr suchen Gottes Lob und Ehre, als seinen eigenen Trost. Tenn so oft einer andächtig betrachtet das Geheimniß der Menschwerdung und das Leiden Christi, und wird entzündet in seiner Liebe, so oft empfähet er geistlicher 357 Weise die Communion, und wird dadurch unsichtbar erquicket. 7. Wer sich sonst nicht vorbereitet zur heiligen Communion, als auf ein bevorstehend Fest, oder weil ihn die Gewohnheit dazu antrcibet, der wird oft unvorbereitet seyn. Selig, wer sich dem Herrn darbringet als ein Brandopfcr, so oft er das Meßopfer verrichtet oder die Communion empfähet. Im Mcssclesen scy nicht zu geschwinde noch zu langsam, sondern behalte die gute gemeine Weise derer, bei denen du lebest. Du sollst andern nicht Bcschwerniß und Verdruß machen; sondern den gemeinen Weg halten, nach Anordnung unserer Väter, und mehr dem Nutzen anderer dienen, denn der eignen Andacht oder Neigung. r - «! ; v.' K 23 358 ii. C a p i t c l. Der Leib Christi und die heilige Schrift sind einer gläubigen Seele höchst nöthig. Die Stimme des Jüngers. 1. O süßester Herr Jesu, wie groß ist die Süßigkeit einer andächtigen Seele, die da isset mit dir an deinem Mahl, wo ihr keine andere Speise wird vorgesetzet, denn nur du ihr einiger Geliebter, welcher ihr wünschcnswcrth ist über alle Wünsche ihres Herzens. Auch mir würde es süß scyn, zu weinen in deiner Gegenwart aus innigster Empfindung, nnd mit der frommen Magdalena zu benetzen deine Füße mit Thräncn. Aber wo ist diese Andacht; wo solch häufig Vergieße» heiliger Thränen? Wahrlich, mein Herz müßte mir brennen und weinen vor Freude, in deiner und deiner heiligen Engel Anschauung; denn ich habe dich wahrhaft gegenwärtig in dem heiligsten Sakramente, obwohl verborgen unter einer fremden Gestalt. 2. Denn dich anschauen in eigener Gestalt und göttlicher Klarheit, könnten meine Augen nicht er- 359 tragen; ja, die ganze Welt würde nicht aushal- Ml in dem Glanze der Herrlichkeit deiner Majestät. Hierin bedenkest du also meine Schwachheit, daß du dich verbirgst unter diesem Sakramente. Ich habe wahrhaftig den und bethe an den, welchen die Engel anbethen im Himmel; ich zwar zur Zeit noch im Glauben, jene aber in der wahren Gestalt und ohne Hülle. Ich muß mich begnügen mit dem Licht des wahren Glaubens, und darin wandeln, bis der Tag anbricht der ewigen Klarheit, und die Schattenbilder vergehen. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird aufhö- rcn der Gebrauch der Sakramente; *) sintemal die Seligen in der himmlischen Herrlichkeit nicht bedürfen der Arzenei des Sakramentes; denn sie erfreuen sich ohne Ende in der Gegenwart Gottes, als die da schauen seine Herrlichkeit von Angesicht zu Angesicht, wie in einem Spiegel, und werden umgewandelt von Klarheit zu Klarheit der unergründlichen Gottheit,**) und genießen das Wort Gottes: das Fleisch worden ist, wie 1 . Cor. 13, io. s*) S. Cor. 3, 18. 23 * 360 cs war von Anbeginn, und bleiben wird in Ewigkeit. 3. Wenn ich gedenke dieser Wunder, so wird mir auch beschwerlich jeder geistliche Trost; denn so lange ich nicht offenbar anschaue meinen Herrn in seiner Herrlichkeit, achteich für nichts,'alles, was ich sehe und höre in dieser Welt. Du Herr, bist mein Zeuge, daß nichts mich kann trösten, keine Creatur mich beruhigen, denn nur du allein, mein Gott, welchen ich begehre ewig anzuschauen. Aber das ist nicht möglich, so lange ich lebe in dieser Sterblichkeit. Darum muß ich mich fassen mit großer Geduld, und mich selbst dir unterwerfen in jeglicher Begierde. Denn auch deine Heiligen, Herr, die jetzt mit dir frohlocken im Himmelreich, haben, da sie noch lebten, gewartet im Glauben und großer Geduld, auf die Zukunft deiner Herrlichkeit. Was diese haben geglaubt, das glaube ich auch, was sie haben gehofft, das hoffe ich auch; wohin sie sind kommen, dahin vertraue ich auch zu kommen, durch deine Gnade. Gestartet durch die Beispiele der Heiligen, will ich indeß wandeln im Glauben. Auch habe ich ja die hei- rta->n Bucker zu meinem Tröste und Spiegel des Z61 Lebens; und über das alles, deinen heiligsten Leib zum besonderen Heilmittel und Zuflucht. 4. Zweierlei Dinge aber sind mir höchst noth hicnieden, ohne welche mir unerträglich wäre dies elende Leben. In dem Kerker dieses Leibes auf- gehalten, bedarf ich nämlich der Speise und des Lichts. Darum hast du mir schwachen Menschen gegeben deinen heiligen Leib, zu einer Speise meiner Seele und meines Leibes, und hast gesetzet dein Wort zu einer Leuchte meiner Füße. *) Ohne diese zwei Dinge könnte ich nicht wohl leben: denn das Wort Gottes ist das Licht meiner Seele, und dein Sakrament das Brot des Lebens. Diese mögen auch wohl genannt werden zween Tische, davon einer hie, der andere dort stehet, in der Schatzkammer der heiligen Kirche. Einer ist der Tisch des heiligen Altars, worauf sich befindet das heilige Brot, das ist der köstliche Leib Christi; der andere ist der Tisch des heiligen Gesetzes, welcher enthält die heilige Lehre, die uns unterweiset im rechten Glauben, und uns fesiiglich hinführet bis in das Innerste des Vorhanges, wo das Aller« *) Pf. ns. 105. 362 heiligste ist. Ich sage dir Dank Herr Jesu, Licht beS ewigen Lichts, für den Tisch der heiligen Lehre, welchen du uns bereitet hast durch deine Die- s ncr die Propheten, die Apostel und andere Lehrer. j 5. Ich sage dir Dank, Schöpfer und Erlöser ^ der Menschen, der du bereitet hast zu Offenbarung ! deiner Liebe ein groß Abendmahl der ganzen i Welt, in welchem dn uns nicht hast zum Genuß ^ gegeben das figürliche Lamm, sondern deinen heilig- § sten Leib und Blut. Dn erfreuest durch dieses i Mahl alle Gläubigen, und tränkest sie mit dem Kelch ! des Heils, in welchem alle Freuden des Paradic- ^ ses sind; und die heiligen Engel speisen mit uns, aber mit noch süßerm und seliger»: Genüsse. ^ 6. O wie groß und ehrwürdig ist das Amt > der Priester, welchen gegeben ist zu wandeln den s Herrn der Majestät, mit den heiligen Worten; § ihn zu preisen mit ihren Lippen, zu halten mit ih- ! rcn Händen, zu genießen mit ihrem Munde, und ! andern mitzuthcilen! O wie rein sollen seyn die ! Hände, wie rein der Mund, wie heilig der Leib, wie unbefleckt das Herz des Priesters, zu welchen: so oft einkehrct der Urheber aller Neinigkcit! s Aus dem Munde eines Priesters, der so oft emp- 36Z sähet das Sakrament Christi, soll kein ander Wort ausgchen, denn ein heiliges, ein ehrbares und ein nützliches. 7. Seine Angen, die anschaucn den Leib Christi, sollen scyn einfältig und züchn'g; die Hände, welche halten den Schöpfer des Himmels und der Erde, sollen sep» rein und zum Himmel erhoben. Den Priestern wird insbesondere gesagt in dem Gesetze: Scyd heilig, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott. 8. Möge uns deine Gnade bcistehen, allmächtiger Gott, auf daß wir, die wir cmpfahcn haben das priesterliche Amt, dir dienen würdiglich und andächtig, in aller Rcinigkeit und mit gutem Gewissen. Und wenn wir nicht können wandeln in solcher Unschuld des Lebens, als wir sollen; so verleihe uns doch, daß wir rcnmüthig mögen beweinen die Sünden, die wir begangen haben, und dir hinfür desto inbrünstiger dienen, im Geiste der Dcmuth, und mit dem Vorsätze eines guten Willens. *-) 3. Most 19, 2. — '1, 44. — 1. Pete. !, 16. 36L i2. Capitel. Wer Christum will empfangen in der heiligen Communion, soll sich mit allem Flösse dazu vorbereiteu, Die Stimme des Geliebten. 1. Ich bin ein Freund der Lauterkeit und ein Geber aller Heiligkeit. Ich suche ein rein Herz, und darin ist die Statte meiner Ruhe. Bereite mir einen großen gepflasterten Spcisesaal, so werde ich bei dir die Ostern halten mit meinen Jüngern. Willst du, daß ich zu dir komme, und bei dir bleibe, so säubere dich zuvor von dem alten Sauerteige,*) **) und reinige die Wohnung deines Herzens. Schließ aus die ganze Welt, und aller Sünde Getümmel, sitze wie ein einsamer Sperling auf dem Dache, ***) und bedenke deine Ueber- tretungcn mit reuevollem Herzen. Jeder Lie- *) Matth. 26,18. Marc. 14,14. 15. Luc. 22,11> 12» 1. Cor. 5, 7. ***) Ps. 101, 8. 3ii6 ;! bende aber bereitet seinem geliebten Freunde die !i beste und schönste Stätte; denn dadurch wird er- ^ kannt die Liebe dcß, der seinen Geliebten ciiip- ^ sähet. 'f 2. Wisse aber, daß du nicht genugsam bist, diese Vorbereitung zu vollbringen aus eigenem Verdienst deiner Werke, und ob du dich gleich ein ganzes Jahr lang vorbereitetest, und nichts anderes gedächtest; sondern nur allein durch meine Milde und Gnade wird dir gestattet zu nahen mci- ^ nein Tische: gleich als wenn geladen wird ein Ar- f! mcr zu dem Tische eines Reichen, und jener nichts anderes hat, diese Wohlthaten zu vergelten, als - daß er sich dcmüthige gegen ihn, und ihm Dank ' sage. Thue, soviel an dir ist, und thue cs mit , ,, Fleiß: nicht aus Gewohnheit, nicht aus Noth, ^ sondern mit Furcht und Ehrerbietung, und herzlicher Begierde, empfange den Leib deines geliebten i Herrn und Gottes, welcher dich würdiget zu dir zu kommen. Ich bin's, der ich dich habe gerufen, ich habe cs dir geheißen; ich will erstatten, was dir mangelt: komm und nimm mich auf! .I .,4 *) Rem. 3, 24. 27. 28- - 4, 6. 16. Cph. 2, 8. 9. 366 3. Wenn ich die verleihe die Gnade der Andacht, so sage dafür Dank deinem Gott: nicht daß du dcß würdig scyst, sondern weil ich mich dein erbarmet habe. Hast du aber nicht die Gnade der Andacht, und fühlest dich dürre, so halte an im Gcbeth, seufze und klopfe an, und laß nicht ab, bis du gewürdiget werdest zu empfangen eine Brosame, oder ein Tröpflciu meiner heilsamen Gnade. Du bedarfst meiner, ich bedarf nicht deiner. Tu kommst nicht um mich zu heiligen, sondern ich komme um dich zu heiligen und zu bessern. Du kommst, daß du von mir werdest gchciligct, und mit mir vereiniget; daß du empfangest meine Gnade und werdest von neuem entzündet zur Besserung. Versäume nicht diese Gnade; sondern bereite dein Herz mit allcmFleiß, und führe darein deiuenGelkebten. 4. Tu mußt dich aber nicht allein zur Andacht bereiten vor der Commnuion, sondern dich auch sorgfältig darin erhalten nach dem Genuß dieses Sakramentes. Und wird nicht wenigem Wachsamkeit darnach erfordert, als eine andächtige Vorbereitung vor derselben. Denn die nachfolgende Wachsamkeit ist hinwiederum die beste' Vorbereitung zu Erlangung einer größeren Gnade. Darum wird auch der Mensch gar untüchtig, so er sich alsbald wieder zu sehr begibt zu dem äußeren Tröste. Hüte dich vor vielem Reden, bleibe im Verborgenen, und genieße deines Gottes: denn du hast den, welchen dir die ganze Welt nicht kann rauben. Jcli biu's, dem du dich mußt ganz ergeben: also, daß du hinsür nicht lebest in dir, sondern in mir, ohne alle Sorge. i3. Capitol. Eine andächtige Seele soll von ganzem Herzen trachten nach ihrer Vereinigung mit Christo, im Sakramente. Die Stimme des Jüngers. 1. Wer verleihet mir, Herr, daß ich dich allein finde, und dir eröffne mein ganzes Herz, und dich genieße, wie cs meine Seele begehret; mich auch hinfort niemand mehr verachte, noch mich bewege oder ansche irgend eine Crcatnr, sondern daß du allein mit mir redest, und ich zu dir rede, wie ein Geliebter pfleget zu reden zum Geliebten, und ein Freund umgehet mit einem Freunde? ^Tas bitte 368 ich, das begehre ich, daß ich ganz vereiniget werde, rmd mein Herz abzichc von allen erschaffenen Dingen, und durch die heilige Communion, und das öftere Meßopfer lerne erkennen die himmlischen und ewigen Dinge. Ach, Herr Gott, wann werde ich ganz scyn mit dir vereiniget, und in dich versenket, und meiner selbst ganz vergessen? Du in mir, und ich in dir; verleihe, daß wir also gleicher Weise in Einem bleiben. 2. Wahrlich du bist mein Geliebter, ans Tausenden mein Auscrwähltcr, in welchem meiner Seele gefallt zu wohnen alle Tage ihres Lebens. Wahrlich, du bist mein Friedensstifter, in welchem ist der höchste Frieden und wahre Ruhe, und ausser ihm Mühseligkeit und Schmerz, und unendlich Elend. Wahrlich, du bist ein verborgener Gott,*) und dein Rath ist nicht mit den Gottlosen, sondern deine Rede mit den Demüthigcn und Einfältigen. Wie lieblich ist, o Herr, dein Geist, daß du würdigest deine Kinder zu erquicken mit dem süßesten Brote, das vom Himmel kommen ist; damit du an ihnen beweisest deine Freundlichkeit! Wahrlich, es ist kein ander Volk so groß, *) 2es. 45, 15- 369 welches Götter habe, die sich ihm nahen, wie dir > unser Gott nahe bist allen deinen Gläubigen, denen du dich selbst gibstzn genießen als eine Speise, zum täglichen Tröste, und um ihr Herz gen Himmel zu erheben. 3. Denn welch ander Volk ist so berühmt, als das christliche? Oder welche Crcatur unter dem Himmel ist also geliebt, wie eine andächtige Seele, zu welcher Gott eiugchct, daß er sie weide mit seinem köstlichen Fleische? O unaussprechliche Gnade, o wundcrwerthe Herablassung, o unermeßliche Liebe, so an den Menschen sonderlich ist verwendet worden! Aber wie vergelte ich dem Herrn diese Gnade, diese ungemeine Liebe? Nichts ist, was ich angenehmer geben kann, denn daß ich dem Herrn darbringe mein ganzes Herz, und es mit ihm inniglich vereinige. Alsdann wird frohlocken mein ganzes Innere, wenn meine Seele wird vollkommen mit Gott vereiniget seyn. Alsdann wird er zu mir sagen: Willst du mit mir seyn, so will ich auch mit dir seyn. Und ich werde ihm antworten: Herr, würdige mich, bei mir zu bleiben, ich will gerne bei dir seyn. Denn das ist mein ganzes Verlange», daß wein Herz möge mit dir vereiniget seyn. 370 74. Capitel. Von etlicher andächtigen Menschen inbrünstiger Begierde nach dem Leibe Christi. Die Stimme des Jüngers. 1. O wie groß ist die Fülle deiner Freundlichkeit, Herr, die du aufbehalten hast denen, die dich fürchten! Wenn ich gedenke, wie mit großer Andacht und Begierde etliche fromme Menschen hinzu gehen,;» deinem Sakramente, so werde ich oft beschämt in mir selbst, daß ich so lan nud kalt gehe zu deinem Altar, und zum Tische der heiligen Communion; daß ich so dürre bleibe und ohne Begierde des Herzens, daß ich nicht werde ganz entzündet vor dir meinem Gott, noch so heftig angezogen und beweget in meinem Gcmüthe, wie viel andächtige Seelen gewesen sind, welche vor großer Begierde der Communion, und empfindsamer Liebe des Herzens, sich nicht konnten enthalten des Weinens; sondern mit dem Munde des Herzens und des Leibes zugleich, nach dir Gott dem lebendigen Brunnqucll, inniglich schmachteten, und ihren Hunger nicht anders konnten mäßigen 37t noch stillen, bis sie empfangen hatten deinen Leib mit aller Freude und geistlicher Begierde. 2. O wahrhaft brennender Glaube dieser Menschen, welcher ist ein bewahrt Zeichen deiner heiligen Gegenwart! Diese erkennen wahrhaftig ihren Herrn am Brechen des Brots, *) da ihr Herz so mächtig brennet in ihnen von Jesu, der mit ihnen wandelt. Oft ist ferne von mir eine solche Begierde und Andacht, eine so heftige Liebe und Inbrunst. Scy mir gnädig, gütiger, liebreicher und freundlicher Jesu, und verleihe mir armen Dürftigen, daß ich doch zuweilen empfinde, bei der heiligen Commnm'on, ein wenig vm deiner herzlichen Begierde und Liebe; damit mein Glaube werde mehr gestärkt, meine Hoffnung auf deine Güte zunch-- mc, und die Liebe nimmer abmhmc, nachdem sie einmal vollkommen entzündet wirden, und gekostet hat das himmlische Manna. 3. Deine Barmherzigkeit aber ist mächtig genug, mir auch zu verleihen diese begehrte Gnade, und mich gnädiglich hcimznsnchcn mit dem Geiste der Inbrunst, zur Zeit deines Wohlgefallens. Und *) L»e. sch 30. 31. 372 obwohl ich nicht bin entzündet von der großen Begierde deiner so sonderlich geliebten nnd andächtigen Seelen, so habe ich doch durch deine Gnade ein Verlangen nach solcher großen brennenden Begierde, indem ich bcthe und begehre, daß ich möge thcilhastig werden aller deiner inbrünstigen Freunde, und beigezählt ihrer heiligen Gesellschaft. i^. Capitel. Die Gnade der Andacht wird erlanget durch Demuth und Verläugnung seiner selbst. Die Stimme des Geliebten. 1. Du mußt iie Gnade der Andacht inständig suchen, mit Begierde darum bitten, mit Geduld und Zuversicht daraufwarten, sie dankbar empfangen, demüthig bewahrm, fleißig mit ihr wirken, und Gott anheimstcll'N die Zeit uud Weise der himmlischen Heimsuchung, bis sie kommt. Du sollst dich vornehmlich demüthigen, so du inwendig wenig oder gar keine Andacht empfindest: aber nicht zu kleinmüthig werden, noch dich über die Maßen betrüben. Denn Gott gibt oft in einem Augen- 373 blicke, was er eine lange Zeit hat versaget; er gibt zuweilen am Ende des Gebeths, was er zn geben verzögerte im Anfänge. 2. Würde die Gnade allezeit sogleich gegeben, und käme nach Wunsch, so könnte sie der schwache Mensch nicht wohl tragen. Darum muß man warten auf die Gnade der Andacht, in guter Hoffnung und demüthiger Geduld. Messe cs jedoch dir selbst zu und deinen Sünden, so sie dir nicht wird gegeben, oder verborgener Weise entzogen. Es ist zuweilen ein Geringes, was die Gnade verhindert oder verbirgt; so man anders das ein Geringes, und nicht ein Großes soll nennen, was uns entziehet ein so grosses Gut. Und wenn du nun dies Geringe oder Große hast weggeräumct und vollkommen überwunden, so erlangest du, was du begehrctcst. 3. Denn sobald du dich Gott wirst übergeben haben von ganzem Herzen, und nicht dies suchest oder jenes, nach deinem Belieben oder Wollen, sondern dich ganz in ihn setzest; so wirst du dich mit ihm vereiniget und beruhiget finden: denn es wird dir nichts so angenehm seyn und erfreulich, als das Wohlgefallen des göttlichen Willens. Wer also seine Absicht erhebet hinaus zu Gott mit rin- 24 374 fälligem Herzen, und sich entledigt von aller unordentlichen Liebe oder Abneigung irgend eines Dinges, der wird am geschicktesten seyil die Gnade zu cmpfahen, und würdig der Gabe der Andacht; denn der Herr gibt da seinen Segen, wo er ein leer Gefäß findet. Und je vollkommener der Mensch absaget den niederen Dingen, und je mehr er sich selbst abstirbt durch eigene Verschmäh- ung, desto schneller kommt zu ihm die Gnade, desto reichlicher kehret sie ein bei ihm, und desto höher erhebet sie sein freies Herz. 4. Alsdann wird er sehen seinen Reichthum, und sich wundern, und sein Herz wird sich erweitern in ihm; denn die Hand des Herrn ist mit ihm und er hat sich ganz übergeben in dicsclbigc für immerdar. Siche, also wird gesegnet der Mensch, der Gott suchet von ganzem Herzen, und nichts Eiteles einläfset in seine Seele. Ein solcher erwirbt eine große Gnade göttlicher Vereinigung, durch den Genuß des heiligsten Sakramentes; dieweil er nicht sichet auf eigene Andacht und Trost, sondern über alle Andacht und allen Trost, ans Gottes Ehre und Verherrlichung. 16. Capirel. Wir sollen Christo unser Anliegen offenbaren, und ihn um seine Gnade bitten. Die Stimme des Jüngers. 1. O süßester und gclicbtcster Jesn, welchen ich jetzt begehre andächtig zu empfangen, dn weißt meine Schwachheit und die Noth, die ich leide, in wie großen liebeln und Sünden ich liege; wie oft ich werde beschweret, angcfochten, betrübet und beflecket. Ich komme zu dir um Arzcnei, und bitte dich um Trost und Erleichterung. Ich rede zu dir, der alles weiß, welchem offenbar ist mein ganzes Innere, und der mich allein kann vollkommen trösten und helfen. Du weißt, welcher Güter ich vor allen bedarf, und wie arm ich an Tugend bin. 2. Siehe, ich stehe vor dir arm und bloß, und bitte um Gnade, und rufe an deine Barmherzigkeit. Erquicke mich Armen, und stille meinen Hunger, entzünde meine Kalte mit dem Feuer deiner Liebe, erleuchte meine Blindheit mit der Klarheit deiner Gegenwart. Verwandele mir alles Jrdi- 24 * 376 schc in Bitterkeir, alle Beschwerniß und Widerwärtigkeit in Geduld, alles Niedrige und Erschaffene in Verachtung und Vergessenheit. Richte mein Herz auf zu dir gen Himmel, und laß mich nicht herum irren auf Erden. Du allein sollst mir lieblich seyn, von nun an bis in Ewigkeit: denn du allein bist meine Speise und mein Trank, meine Liebe und meine Freude, meine Seligkeit und mein ganzes Gut. 3. O, daß du mich ganz entzündetest durch deine Gegenwart, Verbrennetest und in dich verwandeltest; damit ich mit dir Ein Geist würde, durch die Gnade der inwendigen Vereinigung, und durch die Zerschmelzung einer brennenden Liebe! Leide nicht, daß ich nüchtern und dürre von dir zurückkehre; sondern handle mit mir barmherzig, wie du oft so wunderbar gethan hast mit deinen Heiligen. Was Wunder, wenn ich ganz durch dich verbrennete, und verzehrete in mir selbst; dieweil du bist ein immer brennend Feuer, das nimmermehr erlischt, und eine Liebe, die da reiniget die Herzen und erleuchtet den Verstand. 377 ?7. Capitel. Von der brennenden Liebe und heftigen Be- gierde Christum zu enrpfangen. Die Stimme des Jüngers. 1. Mit höchster Andacht und brennender Liebe, mit gautzer Begierde und Inbrunst meines Herzens, begehre ich dich Herr, zu empfangen, wie viel heilige und andächtige Seelen dich begehret haben in der Commnnion, welche dir vornehmlich gefielen durch die Heiligkeit ihres Lebens, und in der inbrünstigen Andacht waren. O mein Gott, du ewige Liebe, mein ganzes Gut, unendliche Glückseligkeit, ich verlange dich zu empfangen mit der heftigsten Begierde und der würdigsten Ehrfurcht, die je ein Heiliger gehabt hat, und empfinden konnte. 2. Und wiewohl ich unwürdig bin zu haben alle jene Empfindungen der Andacht, so opfere ich dir doch die ganze Neigung meines Herzens, als ob ich allein hätte alle angenehme, brennende Begierden. Auch alles, was ein fromm Gcmüth den-- 378 km und begehren mag, das gcbc und bringe ich dir dar, mit der höchsten Ehrfurcht und innigsten Neigung; nichts will ich mir Vorbehalten, sondern dir gerne und freiwillig anfopfcrn mich selbst und alles, was ich habe. Mein Herr und mein Gott, mein Schöpfer und mein Erlöser, ich begehre dich heute zu empfangen mit solcher Begierde, Ehrfurcht,' Lob und Ehre, mit solcher Dankbarkeit, Würdig« kcit und Liebe, mit solchem Glauben, Hoffnung und Reinigkeit, wie dich empfangen und begehret hat deine heiligste Mutter, die glorreiche Jungfrau Maria, als sic dem Engel, welcher ihr verkündigte das Gehcimniß der Menschwerdung, de- müthig und 'andächtig antwortete: Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe nach deinem Wort.*) 3. Und gleichwie dein seliger Vorbote, Johannes der Täufer, der vortrefflichste unter den Heiligen, in deiner Gegenwart fröhlich hüpfctc aus Freude des heiligen Geistes, da er noch im Mutterleibs war;**'» und wie er nachmals, als er Luc. i, 38. Luc. 1 , 41- 44. 379 dich Herr Jesu, sähe wandeln unter den Menschen, sich tief dcmüthigte und mit andächtiger Begierde ausricf: Der Freund aber des Bräutigams stehet und höret uns zu, und freuet sich hoch über des Bräutigams Stimme: also wünsche ich auch entflammt zu werden mit großer und heiliger Begierde, und mich dir dahin zu geben von ganzem Herzen. Darum opfere und gebe ich dir aller andächtigen Herzen Jubel, ihre brennenden Begierden, ihre Gcistcsentzückungcn und übernatürlichen Erleuchtungen, und himmlischen Gesichte, sammt allen Tugenden und Lobpreisungen, die dir dargcbracht worden sind, und noch dargebracht werden von aller Crcatur im Himmel und auf Erden; diese opfere ich dir für mich und alle, die befohlen sind meinem Gcbethe, auf daß du werdest von allen würdiglich gepriesen und immerdar verherrlichet. 4. Nimm an, mein Herr und Gott, meine Gelübde und die Begierde dich zu loben und zu preisen, ohne Ende und über alle Maßen, welches dir rechtmäßig gebühret nach der Fülle deiner unaus- *) 3oh. 3. 2S. 380 sprechlichcn Größe. Das gebe und wünsche ich dir zu geben an jedem Tage, und IN jedem Angcnblik- ke meines Lebens; ich bitte und lade auch ein mit ganzer Begierde, alle himmlische Geister, und alle deine Gläubigen, daß sie mit mir mögen dir Dank und Lob sagen. 5. Dich sollen loben alle Völker, Gcschlcchte und Zungen, und sollen hoch erheben deinen heiligen und süßen Namen, mit dem höchsten Jubel *) und der inbrünstigsten Andacht. Mögen alle, die mit Ehrfurcht und Andacht wandeln dein höchstes Sakrament, und dasfclbige empfangen mit vollkommenem Glauben, bei dir Gnade finden und Barmherzigkeit, und dcmüthig bitten für mich elenden Sünder. Und nachdem sie sind theilhaftig worden der gewünschten Andacht und genußreichen Vereinigung, und wohl getröstet und wunderbar erquicket zurückkehren von dem heiligen himmlischen Tische, mögen sie dann auch mich Armen würdigen, mein zu gedenken! Ps. 65, 1. 2. 38 t 18 . Capitel. Der Mensch soll dieses heiligste Sakrament nicht vorwitzig erforschen, sondern demüthig Christo Nachfolgen, und seine Vernunft dem heiligen Glauben unterwerfen. Die Stimme des Geliebten. 1. Hüte dich vor vorwitziger und unnützer Erforschung dieses unergründlichen Sakramentes, so du nicht willst versinken in dem Abgründe des Zweifels. Wer die Majestät will erforschen, den erdrücket ihre Herrlichkeit. *) Gott kann mehr wirken, als der Mensch mag begreifen. Dennoch ist nicht zu verwerfen eine fromme und demüthige Erforschung der Wahrheit, die allezeit bereit ist, sich belehren zn lassen, und sich befleißiget zu wandeln nach den weisen Lehren der Väter. 2. Selig ist die Einfalt, die da verlasset die beschwerlichen Wege der Forschung, und wandelt auf den ebenen und festen Pfaden der Gebote Got- *) Spe. 25, 27. tcs. Viele haben verloren die Andacht, da sic bohr Dinge wollten ergründen. Glaube und ein aufrichtig Leben wird von dir gefordert; nicht hoher Verstand, nicht Erkenntniß der tiefen Geheimnisse Gottes. So du nicht verstehest noch begreifest die Tinge, die unter dir sind, wie willst du denn begreifen, die über dir sind? Unterwirf dich Gott, und beuge deine Vernunft unter den Glauben, so wird dir gegeben werden das Licht der Erkcnntniß, so weit es dir nützlich und nöthig ist. 3. Etliche werden schwer angcfochtcn über den Glauben und dieses Sakrament; aber dies muß man nicht ihnen, sondern vielmehr dem Feinde zurechnen. Scy nicht bekümmert, streite nicht mit deinen Gedanken, antworte auch nicht auf die Zweifel, die der Feind dir eingibt; sondern glaube den Worten Gottes, glaube seinen Heiligen und Propheten, so wird von dir fliehen der böse Feind. Oft ist's sehr nützlich, daß ein Diener Gottes dergleichen leide: denn der Feind versuchet nicht die Ungläubigen und Sünder, die er schon sicher besitzet; sondern die Gläubigen und Andächtigen versuchet und plaget er, auf mancherlei Weise. 4. Wandele also mit einfältigem und ungezwei- 383 feltem Glauben, und gehe zu diesem Sakramente mkt dcmüthi'gcr Ehrfurcht. Und was du nicht kannst verstehen, das befiehl sicher dem allmächtigen Gott. Gott trüget dich nicht; aber der wird betrogen, welcher sich selbst zu viel glaubet. *) Gott wandelt mit den Einfältigen, offenbaret sich den De- müthigen, gibt Verstand den Kleinen, eröffnet den Sinn den reinen Seelen, **) und verbirgt die Gnade den vorwitzigen und Hochmüthigcn. ***) Tie menschliche Vernunft ist schwach, und kann irren, aber der wahre Glaube kann nicht irren. 5. Alle Vernunft und natürliche Erforschung soll dem Glauben folgen, und nicht Vorgehen,****) noch ihn untergraben. Denn der Glaube und die Liebe, zeigen sich sonderlich in diesem heiligsten und unübertrefflichsten Sakramente, und wirken darin aus verborgene Weise. Der ewige und unermeßliche Gott, von unendlicher Macht, thnt große *) Gal. 6, 3. Matth, s, 8.-18, 4. 10. -23, 12. Marc. 10 . 14. IS. Luc. 18, 14. 16. 17. »**) Matth. 23, 12. Lue. 18, 14. - 16, 15. ****) 2. Cor. 10, 5. 384 und unerforschliche Dinge, im Himmel und auf Erden; und niemand kann ergründen seine wunderbaren Werke. Denn wären die Werke Gottes so beschaffen, daß sie leicht könnten begriffen werden von der menschlichen Vernunft, so waren sie nicht wunderbar noch unaussprechlich zu nennen.