Georg Christoph Lichtenbergs Neue vermehrte, von dessen Söhnen veranstaltete Original-Ausgabe. Mit dem Portrait, Facsimile und einer Ansicht des Geburtshauses des Verfassers. Dritter Band. Göttingcn, Verlag der Dieterichschcn Buchhandlung. 1844. Inhalt des dritten Bandes. Fragment e. 8. Dien bare Betrachtungen für junge Gelehrte in Deutschland, hauptsächlich auf Universitäten S. a. ö. Zur Biographie Kunkel's Gehöriges .... — 1Z. Rede dem Andenken des sel. Kunkel's gewidmet. In einer Versammlung von Studenten gehalten. Worin vieles zur gelehrten Geschichte der letzten Monate Gehöriges vorkommt . . — 20. 10. Auf den in der Vorrede zum zweiten Bande der ersten Ausgabe erwähnten Roman Bezügliches. — 48. Von dem Nutzen, den die Mathematik einem Lei Lsprit bringen kann — 53. Patriotischer Beitrag zur Methyologie der Deutscheu. Nebst einer Vorrede über das methyvlogische Studium überhaupt — 63. Timorus, das ist Vertheidiguug zweier Israeliten, die durch die Kräftigkeit der Lavaterischen Beweisgründe u»d der Göttingischen Mettwürste bewogen den wahren Glauben angenommen haben, von Conrad Pho- torin der Theologie und Beiles Lettrcs Candidatcn S. 79. Schreiben Conrad Photorins an einige Journalisten in Deutschland — 129. Conrad Photorins Bericht von seinen Vorfahren — 131. Briefe von Mägden über Literatur — 134. Epistel an Tobias Gebhard in Bamberg über eine ans Johann Christian Dicterich in Göttingen bekannt gemachte Schmähschrift l — 137. Friedrich Eckard an den Verfasser der Bemerkungen zu seiner Epistel an Tobias Gebhard ...... — 133. Anschlagzettel im Namen von Philadelphia . . . . — 181. Auszug aus dem Briefe des Buchhändlers Dicterich in Güttingen, an den Legationsrath Lichtenberg in Gotha, vom Octobcr 1799 ........ — 189. Briefe aus England — 197. Bruchstücke aus dem Tagcbuchc von der Neisc nach England . . . . . . — 269. Fragmente*) ') Wir lassen hier die unter den Papieren des Verfassers noch aufgefundenen, bisher ungedruckten Fragmente folgen. t ' 8. Dienbare Betrachtungen für junge Gelehrte in Deutschland, hauptsächlich ans Universitäten. Es ist ausgemacht, was auch unsere Gedanken sein mögen, wie oder von was sie hin und her getrieben werden, so gibt es in uns zuweilen gewisse Passatwindc, die ihnen eine beständigere Richtung geben, wogegen kein Steuern und kein Lavircn hilft. Es ist kein geringer Vorthcil für das moralische Commerz, diese Zeiten und diese Richtungen zu kennen; man segelt mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit. Ich kann es an mir deutlich bemerken, in den Decemberabcndcn streichen alle meine Gedanken meistens zwischen Melancholie und ängstlicher Selbstverkleinerung. Dieses ist die Zeit, wo jedermann ohne weitere Bestechung gradzu zu meinem Herzen kommen kann, und die Zeit, wo ich in der Besserung meiner selbst wieder Alles so in den alten Stand stelle, daß man glauben sollte, es hätte das ganze Jahr so gestanden. Eine solche Zeit, habe ich schon längst einmal gedacht, wo vielleicht mancher guter Mensch eben in den Ilmständen ist, vielleicht gern an sich besserte, wenn er nur 6 wüßte, wo der Riß wäre, das Ware vielleicht die beste Zeit, meinen jungen Mitbürgern etwas zu sagen, die beste Zeit für mich und für sie. Ihnen schreibe ich mein Werkchcn zu, ungenannter Verfasser der paradoxen Wünsche, aus vielerlei Ursachen, vorzüglich aber, weil mir Ihre Schrift auch etwas von dem Wasser bei sich zu haben scheint, wovon ein Tropfen das gesundeste Schriftstellcrblut unumgänglich gerinnen macht, eine gewisse laue Geschmacklosigkeit, die seit einigen Jahren in den jungen Schriftstellern unserer Nation epidemisch ist, und wider welche diesmal vorzüglich meine Betrachtungen streichen werden. Sechs ganzer Jahre habe ich bei gesunder Vernunft auf einer berühmten Universität zugebracht, ich habe die ersten Schritte von mehr als hundert jungen Leuten gemessen, auf die man vorzüglich sah, unter diesen, ich wette wohl hundert gegen eins, werden keine zwei, vielleicht keiner den gelehrten Fond unseres Vaterlandes um einen Groschen bereichern. Ihre große Belc- scnheit, und ihre vielfachen Bemühungen spitzen sich gemeiniglich am Ende in ein paar Liedchen, oder in eine Übersetzung zu, woran Deutschland nichts liegen kann und liegt, und dann ist es ein Glück für den Staat, der um einen Kopf ärmer ist, wen» er noch die beiden Hände brauchen kann. Sie schreiben gemeiniglich eine Art von unbiegsamcr Candidatenprosa, die der Kenner wegwirft und der Mann im Dienst oft für zu schon hält. Dieses Übel ist größer, als vielleicht Viele glaube», die es hindern könnten. Die alte bekannte Barbarei, wie sie noch jung war, mein Herr, sah damals in Rom vielleicht noch reizender 7 aus, als diese Schöne unscrn jungen Schriftstellern zulächelt, ich meine natürlich die Zeit, che sie sich in ein Kloster warf und Aristotelische Philosophie lehren wollte. So muß es eine junge Barbarei anfangen, wenn sie Anhang finden will; glauben Sie denn, Rom würde sie gehört haben, wenn sie gleich die Sprache vom Jahre Christi l!00 geredet hätte? Das römische Publikum? Das Angsburgische würde sie kaum jetzt eines Seitenblicks würdige». Nein, sie sprach erst wie tändelnder Witz auf plaudernde Philosophie angewendet, balancirte Antithesen und schmachtete zärtliche Nonsense, bis endlich durch sie Geschmack, von Natur und Wahrheit getrennt, eine bloße Mode ward, die jeder kritische Schneider nach Willkür lenkte, und jeder junge Herr auch ohne Zurückhalten mitmachte. Die Ursachen dieses Verderbens können mannichfaltig sein, ich überlasse es einem Andern, die nicht fruchtlose Mühe über sich zu nehmen, die Naturgeschichte der Barbarei zu liefern, oder eine Pathologie des Geschmacks zu schreiben. Ich zweifle nicht, daß die Ursachen dieses Übels nicht sehr viele sein sollten, die für den Arzt schwer zu treffen sind, für de» heilenden sowohl als den beschreibenden. Ich schreibe für eine gewisse Classc von Menschen, die ich genau kenne, und wer sich die Mühe nehmen will, sich 3 Tage unter sie zu mischen, wird vielleicht meine Bemerkungen treffend finden. Dieses war eine kleine Verbeugung gegen den Lehrstuhl der Kritik. Nun komme ich der Sache näher. Der Trieb der Selbstcrhaltung und zur Fortpflanzung äußern 8 sich auf so verschiedene Art, treiben hier und da unter so mancherlei Gestalten, daß der Philosoph die Lust verliert, sie unter der Hülle aufzusuchen. Ein jeder hat tausend Löcher, herauszukommen. Stopft man das Loch zu, so guckt er zum Loch 1! heraus, und wenn das Loch L zugehalten wird, so steht er hinter dem Loche L u. s. w. Es ist vergeblich; gebt euch keine Mühe mehr, sie zu zähmen. Um die Zeiten des ersten Barts pflegt sich noch ein Dritter zu ihnen zu gesellen, der eben so heftig ist, als diese Beiden, aber an schrecklichen Folgen gewiß ärger, und dieses ist der Trieb, Bücher zu zeugen, oder überhaupt eine Begierde, die Majorcnnität seiner Seele in Gedanken und Worten, gesagt oder gedruckt, darzuthun. Dieser, besonders mit dem erstem verbunden, ist fähig, die mühsamsten Werke zu liefern, mit dem zweiten verknüpft, schafft er nur kleine, als Briefe und Lieder, und findet er keine majorenne Seele, die lächerlichsten Geburten, weit unter der Würde der Vernunft und der Einbildungskraft eines Menschen. Ich bin beinah überzeugt, daß wir dem Trieb der Fortpflanzung mehr alberne Possen zu danken habm, als Menschenkinder, aber auch sehr viele Werke des Genies vom größten Gehalt, davon bin ich auch überzeugt. Das Übel, welches die jungen Schriftsteller drückt, die ich meine, hat seinen Grund unstreitig in einer unglücklichen Verbindung des Autortriebs mit dem Trieb der Fortpflanzung, Liebe mag man sagen, wenn man will, mir ist es einerlei, doch wünschte ich, daß man dieses Wort lieber von jener Seelenmischung verstehen möge, die vielleicht manchen ehrlichen Deutscheu glücklich macht, zu deren unaussprechlichen Erscheinungen aber unter uns Wieland zuerst die Sprache gesunden hat, der Empfindungen so ausspricht, daß sie augenblicklich wieder Empfindungen werden, durch deren Wärme die kleinsten Körner einer glücklichen Schwärmerei zu Gefilden von Glückseligkeit aufblühen können. Aber was ihr meistens Liebe nennt, ist Hunger, und wird noch keine Liebe durch die zärtliche Etiquette, womit ihr euch selbst zu blenden sucht, oder ist tändelnder Wörtertausch, den ein hoher Grad von unmännlicher Eitelkeit unterstützt; dieses Letztere ist die eigentliche Schwindsucht der Vernunft, wie sie Hofmannswaldau heißt, die Mutter unendlicher schlechten Schriften und vorzüglich das Übel, das ich meine. Eine Empfindung mit dem größten geistigen Appetit in sich selbst genossen, ist ihm nichts Werth, wenn sie nicht in ein Bricfchcn gebracht werden kann. Sie schätzen den Werth ihrer Empfindung nach der Tändelei, die sie ihnen darreicht, und kennen nicht den Genuß seines eignen Selbst, wodurch der philosophische Trinker oder Liebhaber sich wieder mit dem Helden ins Gleichgewicht bringt und Thaten aufwiegt, wovon der Ruf durch Jahrtausende durchhallt. Der größte Thcil denkt von Allem so einfältig, wie von der Liebe, er getraut sich aber allein in diesem Fach zu schreiben, weil sich hier die Natur vielleicht am mindesten vergreifen läßt, und weil Meisterstücke in dieser Art den Unwissenden eher durch den Schein einer Leichtigkeit zur Nachahmung einladen. Also nicht Genie, sondern Verfall der Sec- lenkräfte, nicht Sammlung derselben zu einem Punkt, sondern 10 Neigung, mit so wenig Kruft als möglich so viel als möglich zu thun, das ist es, was so viele unserer jungen Herrn begeistert, wenn eine wahre Entgcisterung diesen Namen anders verdient. Sobald ein solches Geschöpf einmal glaubt, es singe sanfte Empfindungen ins Herz, singe den Scherz der Freude und der Grazien, mit einem Wort, wenn es einmal glaubt, sein poetisches Zuckcrgebackenes sei die einzige würdige Speise für die menschliche Seele und ein Brot des Lebens für das Herz, alsdann ist es so schwer, ihm mit Gründen bcizukommen, als dem Idealisten, der durch den Zauberstab seiner Imagination mit einem Streich Widerlegungen zu tauscndcn schafft, durch welche keinem Fleisch zu dringen verstattet ist. Es gibt keine Sprache, die, ohne den Kopf des Andern nöthig zu haben, grade in sein Herz, oder ohne das Herz nöthig zu haben, grade in seinen Kopf gehen könnte. Was ich Andern sage, sagen sie sich eigentlich selbst, nur auf meinen Befehl. Wie soll ich also einen jungen Schwätzer überzeugen, bei dem der Tag der Vernunft sich zu einer weichlichen Dämmerung geneigt hat, bei der nur Weniges sichtbar bleibt, aber freilich allemal hinlänglich, eine verzärtelte Einbildungskrast mit Bildern einer tändelnden Wollust zu versehen. Wieland und Gleim sind also keine Gründe, meine Herrn, die sich so anfangen: tändelt wie Wieland und Gleim, und das Löste Jahrhundert wird es euch noch Dank wissen, hier finde ich den Menschen, so wie in den neueren Meisterstücken des Erster?» überall. Hätte ich geschrieben, was sie geschrieben haben, ich wollte einem Gericht der schärfsten II Aristarchcn aller Zeiten mit solcher Zuversicht unter die Augen treten, als ich mit meinem jetzigen Pfund einem gewissen Nc- ccnsenten thun wollte. Jacobi hat sehr schöne Sachen geschrieben, sie sind aber für die Nachahmer gefährlicher, in seinen Liebchen weiß er sich mit unglaublicher Leichtigkeit auf der Linie zu erhalten, auf der man allein von pedantischer Artigkeit, und kindischer Tändelei gleich weit entfernt ist. Allein sein Brief an die Gräfin, die ihm Musarivn schenkte, hier war Jacobi gewiß von der Linie herunter; nach welcher Seite, läßt sich leicht entscheiden, wenn man bedenkt, daß er nicht leicht pedantisch sein kann. Dichter von Range sollten solche Sachen nicht von sich sehen lassen, sie allein können gutes uud böses Exempel geben. Eine große Seele braucht zum Scherz und der Freude solche Briefe so wenig, als eine Lorcnzodose, um tugendhaft zu sein. Sic entbehrt aber ungern oder mit Schaden, komische Erzählungen, Agathons, Musarious oder Porickische Reisen. Ich habe von Jugend auf mit dem wenigen Vergnügen, das mir Constitution uud Umstände zuließen, sehr ökonomisch gelebt, und gar zuweilen gefastet, seit einer gewissen Zeit lasse ich mehr aufgehen, ohne mir zu schaden, und dicß ist, seitdem Agathon heraus ist. Ich heiße eine Seele majorenn, nicht wenn der ihr zugegebene Leib sich dreimal die Woche rasiren läßt, sondern die mit einer bescheidenen Überzeugung, daß sie nun die Welt auch aus ihrem Standpunkt mit ihren Augen sehen uud mit ihre» Händen greifen könne, im Rath der Menschen über Wahrheit und 12 Jrrthum Sitz und Stimme nehmen kann. Es ist diese Majo- rennität an kein Alter gebunden, wie schon aus der einzigen Erfahrung erhellt, daß sie bei vielen Menschen niemals eintritt. Die Bemühung, selbst zu beobachten, kann uns nicht früh genng beschäftigen; aber doch wünschte ich, daß man selbst darauf verfiele. Denn ich glaube immer, logische Vorschriften zu nutzen, ist von Anfang schwerer, als sich selbst die ersten wenigstens durch Zweifeln zu finden, und sie werden mir alsdann, und alsdann auch gewiß mit Vortheil studirt, wenn man sie mehr liest, um seinen eigenen Fond daraus zu bereichern, als ein Capital daraus anzulegen. Aus jeder Wissenschaft, die man studirt, sollte man vorher schon etwas auf die Art gelernt haben, die man dem eigentlichen Studiren immer entgegen setzt, durch eigene Erfahrung. Ich bin überzeugt, dieses war der Weg der größten Geister. Allen künstlichen Fertigkeiten, und allen Wissenschaften entsprechen gewisse natürliche; diese müssen uns erst bekannt gemacht, bestimmt und so stufenweise erhöht werden, daß der Übergang aus dem eigenen Borrath ins Buch kaum merklich ist, denn ich nehme hier an, daß die wenigsten Bücher sich bis zu einem solchen Unterricht erniedrigen und sich erniedrigen können, ohne in das verdrießliche Abzehrende zu verfallen. Es erfordert schon Standhaftigkeit, Sachen zu lesen, die man mit eben so viel Zeit oder etwas mehrerer Zeit, aber mehr Vergnügen, selbst finden könnte; allein Dinge zu lesen, die man leichter selbst herausbringt, ist in allem Betracht eine Kasteiung der Seele, die mancher guter Tropf von einem Studenten, wie 13 Mönche die Kasteiung des Fleisches, in dem Wahn, ein gutes Werk zu thun, unternimmt, und sich dabei heimlich mit der zukünftigen Belohnung, Ruhe, Ehre und Unsterblichkeit schmeichelt. — Aber vergeblich —. Wenn wir im Studircn keine Sprünge machen, niemals wider unsere Empfindung und Überzeugung reden, so machen wir den individuellen Menschen aus, und sind für uns richtig; wir können widerlegt werden, das schadet nicht; ein Mcnschengesicht verdient immer diesen Namen, wenn es gleich nicht das schönste ist. Etwas, das durch verschiedene Stufen zur Vollkommenheit steigt, ist demohngcach- tet richtig, wenn es gleich noch unvollkommen ist, dafür ist es im Steigen begriffen. Es gibt mehr vernünftige Kinder und alte Leute, als zwischen 18 und 45, und doch ist diese Zeit von 27 Jahren die Zeit, wo die vortheilhastcstcn Winde wehen, wenn der Steuermann etwas taugt, so muß es gut gehen. Das Allgemeine in der Lehre von Bestimmung der Glänzen der Fehler, welche die Mathematiker seit einiger Zeit sehr erweitert haben, kann auch hier genutzt werden. Unser ganzes System von Leib und Seele können wir als ein Instrument ansehen, welches uns in die Hände gegeben ist, unfern Weg durch dieses Jammcrthal geschickt durchzufinden. Erziehung und andere äußere Umstände haben ihm schon eine gewisse Form gegeben, ehe wir es eigentlich zum rechten Gebrauch bekommen, Wir finden uns in Neigungen und Meinungen mitten innc, wenn wir so zu sagen aus dem thicrischen Leben in das mensch- 14 liche erwachen, wenn wir uns umsehen, da finden wir uns in einer ganzen Gesellschaft Dingen. Daß ein Ding oft ist gesagt worden, beraubt keinen Menschen des Rechts, es noch einmal zu sagen. Es fragt sich, ob es oft ist gelesen worden, und ist auch dieses geschehen, ob es ist verstanden worden. Wenn man Alles, was von sogenannten Wahrheiten auf zwei Messen einkommt, nach 3 Jahren wieder betrachtet, so wird man sicher finden, daß in 3 Jahren S0 Pro- ccnt ausgeschossen werden, um 30 Procent wird gestritten, die übrigen werden wieder verloren, oder nicht genutzt. Ich dachte, von den letzteren könnten manche Schriftsteller welche nehmen, und damit hausiren gehen, wer selbst etwas zu verkaufen hat, gut, der biete es mit an. Unsere meisten Schriftsteller, auch etliche von den sogenannten besten, sind bloße Trödler, aus der zweiten, dritten und vierten Hand haben sie ihre Waarcn, aufgefärbt gehe» sie doch noch den Bogen ä 1 Dncatcn...... 15 9. Zur Biographie Kunkel's Gehöriges^). Wir haben den Antiquarius Jonas Kunkel verloren. Unter dein boshaften Gezische nnd Gepfisse eines parteiischen Publikums, in welchem sich der Beifall von 3 bis 4 paar hohlen Händen, die die Sache besser verstanden, nothwendig verlieren mußte, schlich Er sich im Decembcr des vorigen Jahrs hinter die Coulissen dieser Welt. Bis auf heut gerechnet, also schon vier völlige Monate, und niemand hat nur im mindesten sich gegen jenen Machtspruch öffentlich geregt. Also wird er nun ohne weitere Appellation in alle Ewigkeit fort gelten, dachte ich; diesem Gedanken folgte bei mir eine Bewegung in der Gegend, wo der poiut ä'llonneur sitzt, dieser Bewegung ein gerechter Unwille, und diesem gerechten Unwillen endlich der Entschluß, dem der Leser dieses Buchclchcn zu danken hat. Sollte, dachte ich, (dieses war der Schritt von der ersten Bewegung zum gerechten Unwillen) sollte unter den paartauscnd Federn, welche, die Bleistifte nicht mitgerechnet, täglich zum Dienst der Wahrheit in unserer Stadt geschäftig sind, nicht eine einzige sein, ') Lk. Band I p->z. XV. die unscrm Jonas Kunkel einen kleinen Dienst erweisen wollte? Nur so viel Nachruhm, als man gewöhnlich demjenigen ertheilt, von dem man sagt: Er war doch eine gute Haut; wenn auch dieser Nachruhm nicht langer dauerte, als eine Studenten- gcneration. Ewigkeit verlangte Jonas Kunkel nicht einmal jemals im Scherz; wie viele Federn unter 3 tauscndcn würden sie ihm auch gewähren können? Er hatte in dieser Zcitlichkeit eine solche Stellung genommen, daß sein verwegenster Wunsch selten ein halbes Jahr voraus ging, und seine entfernteste Erinnerung nicht viel länger hinter drein. Also ich bin sein Freund gewesen, und er war der »reinige, wenn er sonst nichts zu thun hatte; könnte ich diese kleine Collecte nicht selbst für ihn heben? Kein Geld, meine Herren, nicht einmal eine Thräne, jenes braucht Er nicht mehr, und auf diese hat er in seinem ganzen Leben nicht viel gehalten. Ich meine nur etwas leidlichere Gesinnungen von seinem Charakter, und wenn ich nur so viel heraus kriege, als guter Narr und ehrliche Haut ohngefähr zusammen beträgt, so will ich es an seinen Aschcnkrug hinlegen und kein Wort mehr sagen. So ging ich vom Unwillen zum Entschluß über. Der Mann, lieber Leser, mit dessen Charakter ich dich etwas genauer bekannt machen will, war kein Gelehrter, wenigstens hat er keine von den 9 Musen jemals mit Wissen erkannt; auch nicht vom Adel, pbz'sico gewiß nicht, Beförderer der Wissenschaften im eigentlichen Verstände war er auch nicht, ohnerachtet er es als Büchcrtrödler doch noch mehr war, als der 17 Buchhändler, cr brachte nicht allein Bücher wohlfeil an die Hungrigen, sondern nahm sie auch denen auf eine billige Art wieder ab, die deren zn viel hatten. Weswegen war er denn also merkwürdig? Dadurch daß er alles dieses hätte werden können, wenn cr vor ohngefähr 3ü Jahren gewollt, und seit 20 Jahren her gekonnt hätte, durch die sonderbare Lage seines Standpunktes in der Welt, dadurch war cr mir merkwürdig, den meisten Menschen war cr es durch Eigenschaften, die in jenen ihren Grund hatten, durch seine» Hang, in dem bekannten Zustand zu sein, in welchen wir Christen uns durch den Wein und die Türken durch Opium sich zu versetzen Pflegen, und überhaupt durch eine Lebensart, die bis ans den sechsten Nachbar zur Rechten und zur Linken und gegen über mit gerechnet sehr rauschend war. Dafür war cr aber, vermöge einer gewissen Gleichgültigkeit, in seinem Leben so billig, gegen ein leichtzugcwährendes Stillschweigen, das die Nachwelt bei seinen Fehlern beobachten sollte, auf alles Lob seiner Tugenden Verzicht zu thun. Es ist aber, wie eö scheint, nie zu diesem Vergleich gekommen, die Nachwelt straft ihn nicht mit öffentlicher Satyrc, sondern mit einer kleinstädtischen schleichenden Famo- sität, die bei dem Ärgerlichen der kaltblütigsten Bergcssung so bitter ist als die gedruckte Satyre. Hätte er jemals bekannt zu werden verlangt, so hätte er mit gleichem Verlust an Credit und einem minderen an Kraft durch eben so viel Quadratmci- len bekannt werden können, als er es jetzt durch Ouadratfuße ist, wenn cr hätte nur die Blöße von Seiten des Genies geben III. 2 18 wollen, die er von einer andern gegeben hat. Also die Nachkommenschaft hat von ihrer Seite den Vergleich gebrochen, dieses ist eine schöne Gelegenheit für einen Schriftsteller wie ich, um den sich die Welt wenig bekümmert, es im Namen eines Andern mit ihr aufzunehmen Vorrede zn der Siede. Nachstehende Siede war nicht eigentlich zum Drnck bestimmt; so wie es aber mit vielen Dingen geht, sie erreichen oft ihre eigentliche Bestimmung nicht, so ging es auch dieser Declama- tion, sie ward gedruckt und wird nun immer gedruckt bleiben, wenn man auch noch so oft wünschen sollte, daß sie es nicht sein möchte. Unterdessen verdiente dieser Mann wirklich mehr bekannt zu sein, er hatte in der That viel Eigenes; wäre er eine Pflanze gewesen, so würde man ihn als eine seltsame Spielart vielleicht in Kupfer gestochen haben; nun er aber Mensch und zwar Antiquarius war, und weil sich das Sonderbare in ihm eben nicht immer zeigte, so will man ihn vergessen. Die Gelehrten sollten sich schämen, daß sie nur sich oder andere Gelehrte, und höchstens Prinzen und Helden, und diese oft nur gegen Bezahlung, bekannt machen. Es ist nur gut, daß der gemeine Mann sich nicht viel um Ruhm bekümmert, sonst konnte er wirklich bei dem Ruhme manches Gelehrten sagen, was er gewöhnlich sagt, wenn er dem Taschenspieler unter den Tisch geguckt hat: Ja, so ist's keine Kunst. Was die meisten Menschen an Kunkeln vermissen, war 19 Bescheidenheit, und ich als aufrichtiger Redner muß bekennen, daß ich sie auch an ihm vermisse. Und wenn es immer die Pflicht eines Lvbredners ist, zu entschuldigen, so muß ich bekennen, daß ich hier nur zwei Wege vor mir sehe, es mit meinem Kunkel zu thun. Die eine Art ist die allgemeine Entschuldigung der menschlichen Schwachheiten, daß wir schwache Werkzeuge sind, daß wir unsere Gebrechen haben müssen, weil wir Menschen sind, und dann noch mit dem Satz eines großen praktischen Philosophen sitz plülosoplio bienlaisaut) '), der im vierten Theile seiner vortrefflichen Werke sagt: I.» moäostio äovroil ölro I-i vertu lls eoux ü gni los autros m-ingueiU, Aber Kunkel hatte genug andere. ") Stanislaus I. sLecziuski) König von Polen, nachher Herzog von Lothringen und Bar, geb. 1677, starb 1766. Oeuvres nannt als die ersten Stifter ihres immer wachsenden Namens? Der Verdruß, meine Herren, den ich zugleich mit der Verzeihung meiner Ausschweifung auf Ihren Augen lese, ist gerecht, ich merke, Sie fühlen die ucmlichc patriotische Bewegung über die ganzliche Vergessenheit, womit man unseres verklärten Kun- kels Verdienst auf gut Göttingisch zu belohnen sucht. Sein Sic aber ruhig, ich will Sic und meinen Kunkel wo nicht an einem strafbaren Publikum rächen, doch gewiß durch eine genauere Erörterung der Verdienste dieses Mannes demselben zeigen, wie ihrem mindern Werth schon gleiche Vergessenheit droht, die schon den feuchten Schwamm in ihrer Rechten schüttelt, um mit einem Zug die vermeintlich ewigen Annalen, die ihre Thatcn enthalten, wegzuwischen. Ich weiß es allzuwohl, meine Herren, daß Viele auch sogar unter Ihnen meine ganze Rede für Satyre halten werden; ein sicheres Zeichen, wie wenig man den wcrthcn Mann gekannt hat. Ohnstrcitig ist dieses der traurigste Zustand, in den der Charak- Eislebcn, gest. 180V als Professor der Beredsamkeit u. Dichtkunst zu Giessen. *) Johann Carl Wilcke, Professor der Experimentalphysik zu Stockholm, gest. 1796. ") Johann Ernst Wichmann, Leibarzt zu Hannover, geb. 1739 gest. 180S. 23 ter eines Sterblichen kommen kann, wenn nmn Tadel desselben für wahr nnd Lob für Satyre halt, ein solcher Zustand ist mit dem des bekannten Epaminondas in der letzten Schlacht einerlei, von welchem die damaligen Feldschcrcr behaupteten, daß er allemal endlich hätte sterben müssen, man hätte nun den Speer herausziehen oder stecken lassen mögen. Auch dem Redner, der zur Vcrtheidigung einer solchen Person auftritt, ist es schwer, der Person recht beizukommcn. Denn was helfen ihm alle seine Bemühungen, wenn der Zuhörer noch immer freie Hand behält, sie zu erklären wie er will, und was helfen alle Versicherungen, seitdem Liscov') auf sein Wort versichert hat, Phi- lippi sei ein großer Mann gewesen. Es bleibt mir nur ein Weg übrig, mich meinem Kunkel mit Anstand zu nähern, und das ist, zu zeigen, daß dasjenige, was er that, und was jedermann weiß, daß er gethan hat, auch einer andern Erklärung fähig sei, und daß mehr die einmal durch ein Ohngefähr in den Strom gebrachte Laune eines flatterhaften Publikums, als eine absolute Possirlichkeit des Mannes, allen seinen Handlungen dieses zweifelhafte Licht ertheilt habe. Daß es oft in der Welt so gehe, sehen wir, (deuten Sie, meine Herren, dieses'Glcich- niß nicht eher, bis Sie es ganz gehört haben) an dem Esel; eine etwas burlesque Figur, wozu er nichts kann, und dabei das un- ') Christian Ludwig Liseov aus Wittenberg (1701—1760), Satyriker, richtete seine Angriffe hauptsächlich gegen den Professor Philippi, der 1734 zu Güttingen den Freidenker herausgab. 24 schuldige Ansehen Huben vcrmuthlich einen muthwilligen Possenreißer einmal verleitet, seinen Witz an diesem guten Thiers zu kühlen, und da nun einmal das Loch gebohrt war, so zog sich Alles darnach, »nd der Esel ist nun das Gespülte der Gassenjungen und das Gelächter von ganz Europa geworden. Wer will es dem Esel übelnehmen, wenn er uns von seiner Seite wiederum hinter seinem harten Fell mit einer verstellten Faulheit neckt, und den Stock, den einzigen Dolmetscher zwischen Menschen und ihm, nicht erkennen will. In Arabien, wo die Leute sich mehr auf Mathematik legten, mehr griechisch verstanden und überhaupt vernünftiger dachten als in Deutschland, denken sie auch hierin ganz anders, der Esel heißt bei ihnen „der aufgeweckte, der pfiffige«") und ist unser völliger Fuchs. Wer weiß, ob Kunkel in Arabien nicht der Niedliche, der Herzhafte, der Patriot geheißen hätte, da ihn unsere Stadt (mit Unwillen nenne ich die Worte) den Trunkenbold, den Taugenichts, den elenden Kerl und dergleichen, unaufhörlich nannte, was Wunder denn, wenn er zuweilen wie der Esel ausschlug, und gegen alle Verweise taub, und selbst gegen den Stock der Obrigkeit fühllos, statt aller gehofften Besserung einmal den Schwanz wedelte, und seines alten Ganges fort ging? Thun Sie dieses nicht, meine Herren, es ist immer gefährlich, in einer gar zu tiefen Gleise zu fahren, fahren sie einmal eine neue Spur, betrachten Sie Kunkeln wieder einmal selbst und ") Gölt. gel. Anz. 1767. S8. St. 25 nicht das lächerliche Bild, welches eine spöttische Stadt von ihm gemacht hat, und welches desto betrüglichcr ist, weil es Wahrheit mit Caricatnr verflochten enthält, die man von Anfang als eine Strafe für die crstere für billig und zuletzt gar auch für wahr ansieht. Betrachten Sic erst die Verdienste des Anti- quarius, des Büchcrkenners, des standhaften Bürgers; ja, Kunkel, du warst standhaft; betrachten Sic den mesallürten Ehemann, halten Sic dieses mit seinen Lastern, die außer de» beiden Nachbarn nie Andere beleidigten, zusammen, so werden Sie das gemeine Gemisch finden, das man menschliche Natur heißt und das des großen Lärmens, das man davon machte, gar nicht Werth ist. Soviel ich habe erfahren können, so hat unser Kunkel, als er noch grade Glieder hatte, mit Gläsern gehandelt, nicht mit optischen, denn seine schon damaligen Kenntnisse des Zustandcs der Gelehrsamkeit seines Vaterlandes hielten ihn ab, einen Handel zu treiben, der in Deutschland, wo sich die Reichsten wenigstens mit der Natur in so fern sie mit den bloßen Augen erkannt wird, schon behelfen, grab zum Bettelstab führt. Nein! Er hat sich zu seiucm Fach die weniger abstrakten und mehr gebräuchlichen Trinkgläser gewählt, anfangs in dem einträglichen Verstand, da sie eine Waarc bedeuten, und bei veränderter Lebensart behielt er sie noch, aber auch in einem veränderten Verstände bei. Es ist merkwürdig, daß sich schon ein Kunkel') in dieser Materie hervorgethan hat und zwar ein Verwandter un- ') Johannes Kunkel (von Löwenstern) Chemiker, gest. um 17M, schrieb üo arte vilriaria. sercs erblaßten Glashändlers, nämlich der berühmte Verfasser der Glasmacherkunst. Der Unterschied zwischen beiden besteht eigentlich nur darin, daß jener Glas und Gläser verfertigen lehrt, dieser aber sie in seiner Jugend gerne verkaufte und im männlichen Alter gerne austrank. Freilich ein beträchtlicher Unterschied, den aber der Selige in der That einigermaßen wieder dadurch aufhob, daß er ihn völlig fühlte. Eine nicht ganz launlosc Vergleichung seiner mit seinem großen Vetter war sein Lieblingsartikel, und beinah sein Steckenpferd. „ Dieses Buch, Herr, hat mein Vetter geschrieben," sagte er, und zeigte die Glas- machcrkunst, „das war ein anderer Mann als ich," so klang ohngcfähr die Einleitung zu der Vergleichung, in der er sich aber doch nie dasjenige von der Ehre vergab, was ihm aus einer solchen Verwandtschaft von Gott und Rechtswegen gehörte und das ihm jeder Zuhörer als eine Vergütung für die größere Demüthigung von der andern Seite auch gerne zugestand. Nun sagen Sie selbst, meine Herren, wer ist der größte Mann, der Junker, der auf eine Kette von Wildschützen stolz ist, davon keiner mit jenem Kunkel, vielleicht nicht allemal mit diesem in Vergleichung kommt, oder der Buchtrödler, der nach einer offenherzigen Abrechnung mit seinem Vorsahren, Ursache hat auf ihn stolz zu sein? Er hat es erkannt, daß sein Vetter groß war, und hat es erkannt, daß er selbst nichts war, das Letztere hat man schon öfters Adel der Seele geheißen, um durch diese Benennung sehr sorgfältig die beiden Arten von Adel von einander zu unterscheiden. Wer, meinen Sie wohl, ist der Größte? Ohne Ihre Antwort abzuwarten, kann ich bei dem 27 Denkmal unseres Erblaßten ausrufen: Hier war mehr als Junker. Bielleicht wäre unser Freund dom Gläserhandel noch auf das Gläscrmachen und von da auf das Silbermachen, so wie sein Wetter gestiegen, wenn nicht ein trauriger Zufall, der seinem Körper begegnete, seinen Scelcnkräften eine ganz andere Richtung gegeben hätte. Diesen Zufall kann ich Ihnen unmöglich verschweigen, denn was kann wichtiger sein als ein Umstand, der Leib und Seele zugleich ändert? Unser Kunkel war einer von den Glashändlern, die ihre Waare in einem Korbe an einem Riemen vor stch hcrtragen. Ich muß gestehen, daß mir diese Art mit Glas zu handeln allzeit seltsam vorgekommen ist. Einen großen Theil seiner zeitlichen Güter an einem Riemen, der an den Korb, in welchem sie sind, nur allzeit schwach befestigt werden kann, so zu tragen, daß sie dasjenige, was zu ihrer Erhaltung billig doch zu sehen sehr nöthig ist, die Füße, dem Auge ganz verdecken, ist in der That etwas, das der Betrachtung eines aufmerksamen Menschen unmöglich gleichgültig sein kann, wenn er es auch nur so ganz schlechtweg ansteht. Aber wenn er zugleich typischen Witz liebt, so findet er hier reichen Stoff zu Betrachtungen über Glück und Leben, Vorsicht und Vergänglichkeit. Etwas, das leicht zerbrechen kann, an einem schwachen Riemen hängt, das auch noch fallen kann, ohne daß der Riemen bricht, an den man nur allein gedacht hat, Augen, die allzeit in die Ferne sehen und das Nahe nicht sehen können und wollen zc., wie reiche Materie ! die ich aber nun nicht verarbeiten will und in einer solchen Versammlung auch nicht zu verarbeiten nöthig habe. Kunkel 28 Mir also ein solches wandelndes Sinnbild der menschlichen Hinfälligkeit, er fiel auch wirklich und zerbrach wohl über drei viertel seiner zeitlichen Güter, wenn ich auch das Bein, das er zugleich brach, noch so geringe anschlagen wollte. Ob er schon damals seine Gläser zu etwas Mehrerem als zum Verkaufe brauchte, oder ob, wie es nun vielen feinen Männer» geht, das gute Pflaster in einigen Straßen ihm seine Füße für das schlechte in den andern unbrauchbar gemacht hatte, so wie Leute, die das Klavier zu spielen gewohnt sind, gewöhnlich auf der Orgel ins Stocken gerathen, will ich hier nicht untersuchen, weil ich es schon ehedem einmal vergeblich untersucht habe. Genug für unseren Schmerz, wir wissen, er brach sein Bein auf eine solche Art, daß nach langer Überlegung, ob man ein beständiges Hinken oder den Tod erwählen sollte, die Barbiere beinah das Letztere gewählt hätten, hätte der Selige nicht allezeit hartnäckig auf dem Erster?» bestanden. Er ward also lahm, und das mit genauer Noch, weil wirklich die Barbiere ihre unbcschworcncn Pflichten nicht gerne der Eapricc eines Glashändlers aufopfern wollte», und sie würden obgesiegt haben, hätte nicht der Zufall sich ins Mittel geschlagen und endlich über die Feldschercr trium- phirt. Das eine Bein ward um einen halben Fuß kürzer, und weil ein Gestell mit Einem Fuß oder, welches nicht viel besser ist, mit zwei ungleichen, nicht mehr für Gläser taugt, so ward dieses Feld von unscrm Freund verlassen und dafür ein anderes gewählt, für welches wir den zweiten Theil unserer Gedächtniß- rcde aufbehalten. 29 Zweiter Thcil. Die Seele mag nun da sitzen, wo die Schenkel sich durchkreuzen würden, wenn sie sich durchkreuzten, wie einmal ein Philosoph behauptet hat, oder in den Schenkeln selbst, welches gewiß noch einer einmal behaupten wird, oder da wo sie wirklich sitzt, so wird keine Serie leicht leugnen können, daß, wenn man einen Schenkel bricht, so daß der höchste Absatz, der nur möglich ist, kaum den Verlust ersetzen kann, daß, sage ich, die Seele dadurch allemal eben so sehr kann in Schrecken gesetzt werden, als eine Spinne, welcher man einen Hauptfaden entzweireißt. In der That Kunkcls Seele sah dadurch einen von ihren Hanptfädcn zerrissen, und sobald als sie wieder völlig zu sich gekommen war, spann sie einen neuen nur mit dem Unterschiede, daß sie ihn weislich an einem anderen Fleck anheftete. Ich meine, nachdem der Selige diejenigen Glaser, die damals ganz geblieben waren, und die wenigen, die er noch im Hause hatte, theils verkauft und theils zum eigenen Gebranch hingestellt hatte, erwählte er sich diejenige Lebensart, mit welcher nur in großen Städten oder freien Universitäten einiger Nutzen verbunden ist, ncmlich den Handel mit alten oder wenigstens gebundenen Büchern. Man Pflegt Leute, welche diese Bahn betreten, Antiquarios zu nennen. Wer etwas über das Fortrücken der Titel in der Welt nachgedacht hat, wird sich nicht wundern, wie diese Leute zu einem solchen Titel gekommen sind. Es ist der menschlichen Natur nichts so gemäß als wie dieses beständige Bestreben zum Höheren, und ein Hauptargument gegen 30 die Bcrnunft der Thiere, daß sie sich jetzo »och immer einander so rufen, wie sie sich im meckio aevo und lange vorher schon gerufen haben. Dafür daß die Buchtrödler jetzo .^utiguarii heißen, heißen die ehemaligen ^miguarii jetzo Palävlogcn, Archäologe», zweite Winkelmanns n. d. gl. und haben außerdem heutzutage den großen Vorzug, daß ihre Bemühungen sogar das Favoritstudium der Philosophen, der Damen und der Stutzer geworden sind. Kunkel ward also Kutiguarius, oder wie er es im Ernste selbst nannte, er legte sich auf steiles lockres. Ein Ausdruck, aus dein ich mir wenigstens eben so viel Moral herauszuziehen getraute, als aus dem oben erwähnten Glaskorbe, wenn er es ernstlich gemeint hat, und hat er es im Scherz gesagt, eben so viel zur Ehre der Denkungsart meines Freundes, als ich aus seiner Prahlerei mit Ahnen gezogen habe. Ich will mir gar nicht zu Nutz machen, daß man heutzutage Bücher- titul- oder liistitionen - und Necensioncnkenntniß öfters bollos leckres heißt, man leugne, daß der leutselige Kunkel je ein Humanist gewesen sei, so wird man nicht leugnen, daß er wirklich dadurch, daß er Antiquarius war, und zwar ein solcher wie Er, mehr als Belletrist war, daß er Beförderer des Geschmacks gewesen ist. Große Gönner der Gelehrsamkeit haben gewöhnlich nur einen Weg, zu ihrem Endzweck zu gelangen, sie geben denjenigen, die Lust und Genie haben, die Werkzeuge in die Hände, wodurch sie in den Stand gesetzt werden, etwas Tüchtiges auszurichten; unser Kunkel hatte noch einen anderen eingeschlagen, er nahm auch denjenigen, die die Werkzeuge sonst woher hatten und nicht 31 gebrauchen konnten, dieselben weg, um sie (dieses ist der schon erwähnte Weg) in bessere Hände spielen zu köuueu. Dieses begreiflicher zu machen, muß ich den Begriff von einem Univer- sitätsantiquarius nothwendig vorher in ein etwas helleres Licht setzen, als dasjenige ist, womit er gewöhnlich beleuchtet wird. Wem schon bekannt ist, was man unter Mäkler in einer Handelsstadt versteht, dem kann ich viel Nachdenkens dadurch ersparen, wenn ich sage, daß der Nntiquarius etwas Ähnliches im Handel und Wandel zwischen dem Apoll und andern Göttern und Göttinnen ist. Wenn diese die Waarcn jenes nicht annehmen wollen, weil sie dieselbe nicht brauchen können, so schlägt sich der Antiquarius ins Mittel, und setzt sie nm. So hebt er auf einmal oft die Schwierigkeiten, welche die schönste Göttin immer macht, wenn sie Pandekten, Dogmatikcn, Reißzeuge u. d. gl. für baar annehmen soll; verwandelt Atlante in seidene Schnupftücher, chronologische Tabellen in Bänder, Spitzen, und dem taumelnden Gott zu gefallen setzt er elastische Dichter in baaren Wein, und Hefte in Punsch um. Der Göttin der Jagd zu gefallen, schmelzt er aus dem unverstandenen Agathon Hagel und Kugeln, um diese dem Liebling der Musen, dem Studenten, in Hasen- oder Schnepfengcstalt schmackhafter zu machen. Auch mir hat der Selige ein Buch, das ich bei einer Subscribeutcn- pressung nehmen mußte, in ein mir weit brauchbareres italienisches Lexikon umgesetzt, womit ich mir seitdem ganz andere Aussichten verschafft habe. O lebte er jetzo noch, da mich Leichtgläubigkeit und Recensentenbetrug mit einem Schwärm von Büchern end- 32 lieh überladen hat! ich vermisse den Reiniger meiner Bibliothek n»d Güttingen mit mir den Mann, der gedruckten Witz gehörig zu vertheilcn wußte, der als ein Werkzeug der Vorsicht geschaffen gewesen zu sein scheint, hier den harten Griechen oder Römer aus einer Bibliothek von französischer Zärtlichkeit heraus- zustechen, um dort eine Lücke zu füllen, die der hohe Meßpreis vielleicht noch lange offen gehalten hätte. Sagen Sie mir hier nicht, meine Herren, daß noch andere Männer leben, die sich hierzu schickten, Sie würden mich allein durch den Gedanken, daß Kunkel wieder könne ersetzt werden, durch diesen Gedanken, sage ich, allein schon abschrecken können, seine Verdienste weiter zu entwickeln. Denken Sie nur an seine Billigkeit im Handeln, ich weiß, Sic werden mir antworten, forderte er nicht immer dreimal mehr für ein Buch als es Werth war? ist das billig? Nur einen Augenblick Geduld, meine Herren, ich versichere Sie, Kunkel war in keinem Stück billiger, als in diesem. Denn was heißt es eigentlich, dreimal mehr fordern als ein Buch Werth ist? Kunkel forderte nie mehr, als der Meßpreis betrug, und meistens sehr viel darunter, also muß man mir zeigen, daß ein gebundenes Buch allezeit 3 mal weniger Werth ist, als es roh kostet, oder ich drücke den ersten Satz der Menschlichkeit gemäßer so aus: Kunkel nahm allezeit mit einem Dritt heil von demjenigen vorlieb, was er anfangs forderte, und diesen Verstand hat auch der eiste Satz wirklich bei jedem, der ihn wenigstens von Kunkel behauptet, und es ist bloß populär!« -iura, die ihn bald so bald 33 anders ausdrücken lehrt. Hier könnte ich vieles sehr Tiefsinniges über der Göttin Fama wunderliche Art sich heutzutage auszudrücken sagen, die, wie ich gefunden habe, nicht allemal in ihren 2 Trompeten Grund hat, wie Butler') glaubt, und wie ich nach vielfacher Abstraction endlich gefunden habe, daß der Ruf wirklich etwas Reelles sei, und nicht ein bloßes avciäeris, sondern eine Substanz, die auch plaudern würde, wenn sie auch gleich nichts von dem Dinge zu plaudern wüßte, von dem sie sich zu plaudern vorgenommen hat. Ohnstreitig sind Betrachtungen über das Phantom, das man Credit nennt, das Erste, was sich einem darbietet, sobald man nur einen Blick auf Kunkels Leben wirft. Er hatte beständig mit diesem Gespenst etwas zu lhun, und bis auf den letzten Augenblick lagen sie einander in den Haaren. Noch um die Zeit des letzten Schützenhofs, also Vi- Jahr vor seinem Tode, hat Kunkel ihm den derbsten Streich gespielt, den sich nur 2 Feinde spielen können, doch kamen sie endlich wieder ein bißchen zusammen, bis Kunkel starb und sein Feind ihn völlig verließ. Ich kann mich aber unmöglich dabei verweilen, weil ihre Streitigkeiten mich auf verdrießliche Particu- laritäten führen würden, die allzeit eine schlimme Wirkung auf den Zuhörer thun müssen, wenn er das Subjcct nicht völlig kennt, dem man sie aufbürdet. Doch kann ich einen Umstand nicht unerwähnt lassen, von dem, wenn Fama hundert Zungen hat, wenigstens täglich 99 derselben in beständiger Bewegung zur ') Samuel Butler H16I2 — 1689) Verfasser des Iluäibras. III. 3 34 Verunglimpfung unseres Freundes waren. „ Er trinkt wie ein Vieh" fugte seine Frau, »das ist freilich wahr," antwortete die ganze Stadt, und „es kann vielleicht sein," sag' ich, trotz seiner Frau und der ganzen Stadt. Wundern Sie Sich nicht, meine Herren, über meine Zurückhaltung, ich habe über keine Materie mehr gedacht als über diese, und doch bin ich nie zurückhaltender, als wenn es darauf ankommt, zu sageu, ob es recht oder uurccht sei zu trinken, und zwar so, was die Leute zu viel triukeu ucnneu. Wir kennen die Vorschriften einer gesunden Pinik bis jetzt noch viel zn wenig, das was der menschlichen Seele noch jenseits der Boutcillc zugehört, ist noch viel zn unbekannt, und bisher mehr besehen als bebauet worden. Wie wenn Kunkels Frau zu wenig getrunken hatte? Ist Nüchternheit eine billige Richtcrin für den Trinker? Ich glaube, wer weiß, was suüex compolons ist, wird mit mir die Frage mit Nein beantworten. Es gibt eine Art Wein zu trinken, die sich zu der gewöhnlichen niedrigen, die der Deutsche mit Saufen bezeichnet, eben so verhält, als wie die platonische Liebe zu der thierischen. Sie erlauben mir dieses ein platonisches Trinken zu nennen, dieses könnte ohnstrcitig wissenschaftlicher behandelt werden als die Liebe, und meinen Entwurf dazu werde ich Denselben vielleicht anderswo mittheilcn. Freilich werden dazu noch Genies erfordert, die mit der Gabe zn trinken, ein gutes Vermögen und eine gute Logik besitzen, mit einem Wort, reiche und studirtc Knnkels, die ihren Agathon neben der Bouteille liegen haben, sonst ist Alles vergebens. Kunkels Neigung zum Trünke wird 35 man also vielleicht in späteren Zeiten Genie zn einer noch nicht entwickelten Wissenschaft nennen, so wie unsere Zeiten die Zauberer, Empcdoklcs, Faust und Roger Baco als große Geister verehren. Warum vermehrt die Natur den Wein in einer Proportion, die gar nicht der Vermehrung der Menschen entspricht? bloß um durch eine mehr sublimirtc Nahrung die nun schon seit S000 Jahren fallenden Kräfte der menschlichen Natur Plötzlich wieder ans die erste Stufe zn stellen, und gleichsam aufzuwinden, daß sie hernach wieder 5 andere tausend Jahre, ohne sich zu verlieren, fallen können. Was kann Kunkel dazu, daß dieser Trieb zur Erhöhung in ihm sich in einem Jahrhunderte regte, da er in dem meisten Thcile der Menschen noch etwas mehr schlief. Daß wir einen Trinker liederlich nennen, und ihn aus aller honnctten Compagnie ausgeschlossen wissen wollen, scheint mir mit dem lächerlichen Verfahren unser gutherzigen Vorältcrn, die Heren zu verbrennen, keine geringe Ähnlichkeit zu haben, wer weiß, wo der Christian Thomasius der zweite lebt sin Deutschland gewiß), der seinem Vaterland in überzeugenden Vcrnunfr- schlüssen, wovon die meiuigen nur ein bloßer Schatten sind, die große Wahrheit begreiflich machen wird, die ich, ein Deutscher, in dieser Barbarei schon erkannt zu haben, mich rühmen darf. II üoit coiniuo uu /^Ilom-mä, sagt der Franzose, sc» Ire üoos, 8ir, Ira ärlulcs lilco a täLi-mau, antwortete der Engländer u. d. gl. Aber wie, wenn hierin der Grund unserer Empfindsamkeit läge, unser Hang zu plülosoplücis, zur Martialischen Kritik, der Grund zu unserer lächelnden Gründlichkeit, zn unserm süßen 3 ' 36 Emst, ohne welche wir so gut Franzosen wie jene, oder so gut Engländer, als wie diese sein konnten? Und wenn nnn der Deutsche trinkt, so frage ich, für was für ein Publikum hat Kunkel getrunken, für ein französisches oder für ein deutsches? Ohnstreitig müssen wir von unfern Mitbrüdern klein denken, wenn wir sie mit französischen Augen betrachten, da wir wissen, wie wir bei den Franzosen stehen. Allein, liebe Landslcute, wann, frage ich, wann wollen wir anfangen, mit unfern eigenen guten deutschen Augen zu sehen? Wann wollt ihr euch einmal so zeigen, so wie jeder will, daß ihr zwischen dem Rhein und der Donau aussehen könnt und eigentlich aussehen sollt? französische Tracht, französische Sprache, französische Philosophie, französische Sitten überall. Umsonst ruft die gelehrte Zeitung, gebt uns deutsche Charaktere, ihr Brüder, was Hilsts? Kunkel trat als Original auf, er hätte in einem deutschen Originalroman wirklich brillirt, nichts hielt den Deutschen auf, er füllte seine Sphäre ganz mit deutschem hermlischen Fleiß; aber was sagte das Publikum: L'est un pauvro misörable guo cet bomme^ il boit oommv un ^Ilomanü. So, liebes Publikum, bemühst du dich vergeblich um Originale, wenn du sie, sobald sie austreten, mit einer französircnden Kritik wieder niederschlägst, So ist es nicht schwer, ineine Herren, zu dcmonstrircn, das wir überhaupt noch wenig große Leute gehabt haben, nur frisch durch den Battcur geguckt, so wird man wenige unserer größten Schriftsteller mehr sehen. Und ich soll es dulden, daß man dich, deutsches Original, so französisch behandelt, bloß weil du nicht 37 vornehm genug wärest, verewigter Kunkel! Schande für dich, Deutschland, ewige Schande, daß du Männer Trunkenbolde und Taugenichtse nennst, deren gnädige Weste du vielleicht geküsset hättest, wenn sie an einem Hofe oder auf einem Rittergute gesoffen hätten. Ich merke, ich werde warm, und danke es meinen Lehrmeistern, daß ich es hierbei werden kann. Nein, Kunkel, unter deiner alten rothcn Weste stoß ein Blut, das verdieute, unter cirsp üurzent und Inocsüs zu fließen, dort gehörtest du hin; hättest du 30,0»» «K jährliche Einkünfte gehabt, um dir einen andern Standpunkt zu kaufen, so würdest Du einem District von 3» Meilen vielleicht in dem Licht erschienen sein, in welchem dich nun nur allein der Philosoph erblickt. Sic haben nun schon, werthcste Zuhörer, hinlänglich gesehen, was die Stadt von ihm dachte, die ihn beständig als ein monströses und sogar schädliches Glied ansah, da sie ihn doch höchstens nur als ein an sich sehr gesundes, aber ausgefallenes hätte ansehen sollen. Ich habe Ihnen auch gezeigt, was der unparteiische Bemerker davon sagen muß, Sie haben aber noch nicht das Ganze dieses Mannes übersehen können, hauptsächlich seines schönsten Theiles, seiner Seele. Ich werde also den dritten Theil meiner Rede dazu anwenden, ihn von dieser Seite zu schildern, und eine solche glückliche Verbindung von Kräften in einer Seele wird mir zu keiner geringen Entschuldigung gereichen, wenn Sie bisher geglaubt haben, daß ich die Sache zuweilen anders vorzustellen gesucht habe. Denn wo die innere Einrichtung einer Maschine gut ist, da haben wir die üblen 38 Wirkungen allezeit in den äußern Dingen zu suchen, und so mußte ich uothwcndig in Runkels Seele Vieles für Phänomene erklären, was ich bei jedem Andern in der üblen Einrichtung seiner selbst würde gesucht haben. Dritter Theil. Ich habe am Ende der vorigen Abtheilung gesagt, daß ich diesen dritten und letzten Theil der Seele des Verstorbenen widmen wollte. Ich wünschte, daß ich sogleich, ohne Weitläuftig- kcit zu machen, zu Werke gehen könnte; allein blindes Vorur- thcil, Vcrläumdung und Mißgunst muß bei'jedem Schritt erst bekämpft werden, wenn er mir einiger Sicherheit gethan werden soll. Es ist unglaublich, wie ein einziger gegründeter Tadel tausend ungcgründctc, ein Zweifel, der mit Recht gemacht wird, hundert andere kleine und große Muthmaßnngcn aushekt, so daß derjenige, der sich gegen sie auflehnt, oft nicht recht weiß, wie ihm der Kopf steht. In welchem Land, außer dem Göttingi- schen, würde man wohl nöthig haben, solchen Zweifeln zu begegnen, als ich gleich zu Anfang meiner dritten Abthcilung thun muß. O thencrstcr Freund, rechne es mir nicht zu, wenn dir selbst eine solche Vertheidigung beleidigend vorkommt, es sind Zweifel eines verblendete» Publici, die dein Vcrthcidiger mit Thränc» wiederholt, ja meine Herren, mit Thränen muß ich es Ihnen sagen, daß man hier öffentlich gezweifelt hat, ob der Erblaßte eine Seele gehabt habe. Rasende, tollkühne Bosheit! O wenn doch jeder, der daran zweifelte, allemal die Eri- 39 stcnz seiner eigenen hatte darthun müssen, vielleicht Ware nie gezweifelt wenden. Doch was erhitze ich mich mit solchen Gegnern! sah er nicht aus wie andere Menschen, von denen man behauptet, sie hätten Seelen, ja wenn er frifirt war und sein gutes Kleid auhatte, so sah er aus wie unser einer, Ihr Mit- brüdcr. Er hatte eine Büchersammlung, ich weiß wohl nur zum Hinstellen oder zum Verkaufen größtcuthcils, allein er las auch. Er hatte, so wahr ich ehrlich bin, Sie können mir glauben, er hatte den Ncnomistcn gelesen und mit Empfindung, sogar habe ich ihn gefunden, daß er im Voung las, ohnerachtet er mir frcimüthig gestand, daß er ihm zu mathematisch wäre; Sic müssen sich über diesen Ausdruck nicht wundern, er heißt ost bei dergleichen Leuten so viel als dunkel, und wird von etwas vornehmeren, der Ncbcnideen halber, nicht leicht mehr gebraucht. Er focht vortrefflich, und seine übrige Lcibcsstärke machte, daß der Gegner selten einigen Nutzen aus den ungleichen Schenkeln der Verstorbenen schöpfen konnte, da er hingegen von seiner Seite, die Vortheile, die dieser Naturfchler ihm zuweilen wenigstens gewährte, allezeit zu gebrauchen wußte. Auf ein gutes Lager beim Fechten hielt er sehr viel, dieses gab er oft dadurch zu verstehen, daß er auf das vorgesetzte Knie mit Heftigkeit schlug, und dabei die Worte lue wurus alwnous est», mit einer Stimme donnerte, die bei einer ernstlichen Gelegenheit dem Lager selbst nicht wenig Nachdruck würde haben verschaffen können. Können wir also einem solchen lächerlichen Zweifel noch Gehör geben ? Wer wollte uns widrigenfalls denn 40 zuweilen gut dafür sein, daß wir Seele hätten. Kunkel trank; trinken wir nicht auch? Er verkaufte seine Bücher, ohne sie gelesen zu haben; thun wir dieses nicht auch zuweilen? Wie? Ja, aber er prügelte seine Frau? seltsames Argument gegen das Dasein einer Seele! Haben dieses nicht große Männer vor ihm gethan? Ich will nur den einzigen Dechant Swift nennen, dein vielleicht der witzige Lamettric selbst seine Seele nicht streitig machen würde. Ich übergehe die Borthcile, die ich selbst aus diesem Argument gegen meine Gegner ziehen könnte. Haben wohl je die Naturgeschichtschreiber bei dem unvernünftige» Vieh so etwas als Uneinigkeit in der Ehe bemerkt, zumal von Seiten des Männchens? Wenn ich also daraus schließen wollte, daß Vernunft dazu gehört, seine Frau zu prügeln, so könnte es mir niemand verdenken, aber ich lasse diese Waffen stecken, und sage, wie Scipio einmal etwas Ähnliches bei einer ähnlichen Gelegenheit sagte: kommt Freunde, laßt den Narren reden, wir wollen von etwas Andrem sprechen. Also nun, geliebte Mit- brüdcr, bei dieser Seele, deren Dasein wir nun erwiesen haben, fällt augenblicklich in die Augen eine beinah stoische Stand- hastigkeit, so eisern, als nur immer eine auf Grundsätze aufgeführte sein konnte. Sich immer gleich; Vcrläumdung, Gelächter, Schimpfen, nichts konnte ihn biegen; nie sich verleugnet, allzeit so fest Kunkel, als nur immer Cato Cato war; darauf lebte er, und darauf starb er. Er hätte am rechten Orte Wunder gethan. Hätte ich einen Wahlspruch für ihn zu wählen, so müßte es dieser sein: ü-> milri guo peüem ligam et terr-un mo- 41 vobo. Er konnte einen ganzen Trupp von Jungen, dem sich vielleicht Epiktct selbst entzogen hätte, so kalt um sich stehen sehen, als ich einen Trupp Hühner, keine Runzel, kein Zug machte einen Absatz mit dem Hauptgang seines unerschütterlichen Vorsatzes. Er hörte oft des Abends in seiner Stube das Schimpfen der Vorübergehenden gegen ihn, und wie hörte er es? so wie der Weise das Geplauder der unermüdcten Lästerzunge in seiner Reise durch dieses Leben. Sagte er zuweilen etwas, so war es mehr in der Form einer kalten Betrachtung, als einer Bewegung des Ehrgeizes, die der Absicht des Schimpfers corres- pondirte; seine Augen blieben unverrückt, wie seine oontonanco, er trank fort, mit der Miene des platonischen Trinkers, der mit einem Glas Hochheimer, den ihm sein Mädchen reicht, die Gunst oder den Haß einer Welt und alle curas inanes mit heiterer Miene aufwiegt. Ich kenne Zeiten, da der Student ihm des Abends seine Leibesgebrcchcn mit lauter Stimme vorrückte, ja, meine Herren, eine Schande für unsere Akademie, ich erinnere mich, daß es für eben so brav gehalten wurde, dieses zu thun, als vor einem Jahr: schleifen lassen, zu rufen. Aber wie verhielt sich Kunkel bei diesen: Zeitvertreib des nicht studi- rcndcn Studenten? Wo nicht wie ein Fels, doch gewiß so gut als irgend ein praktischer Philosoph. Er sah gegen die Gasse hin mit einem Kopfschüttcln höherer Art, das sich in gute Betrachtungen würde entladen haben, hätte eben der Kopf, der geschüttelt wurde, gewußt, daß diese Ausbrüche oft mehr geschätzt werden, als die That selbst. Kurz, meine Herren, da man 42 selbst gewisse große Eigenschaften sonst reißender Thicrc dem Menschen empfiehlt, so kann ich nm so mehr hier ausrufen, seid standhaft wie Kunkel, gleichgültig bei dem Gespötte der Thoren, wie dieser Antiquarins war, so wird man euch, Menschen, wenn ihr weniger trinkt, vielleicht als die Epiktetc und Scnceas eurer Kirchspiele, noch lange kennen. Ich lasse hier den standhaften Kunkel, und wende mich nun zu dem witzigen. Ja, meine Herren, Kunkel hatte wirklich Witz, zwar nicht von dem ganz feinen, so wie ihn Kästner schreibt, oder Reich in Leipzig gerne verlegt, aber doch immer Witz; eine Gabe, seinen rohen Vorrath von Begriffen unter gewisse Classen zu bringen, und mit dem groben Band einer zuweilen ekelhaften Ähnlichkeit zwei und zwei immer zusammen zu kuppeln, diese besaß er in einem sehr hohen Grade. Smrrilische Briefe und eine Bibliothek der elenden Scribcntcn hätte er schreiben können, und er hat wirklich so viel in der Materie gesprochen, als 6 Stücke austragen. Daß lrunons ein Klotz *) heißt, hat er mit Bnr- mann und Wilckcn zugleich gesehen, ohne einen oder den andern gelesen zu haben. Ich bedaurc nichts mehr, als daß wir diesen Mann zu einer Zeit verloren haben, die er sich so sehr zu überleben wünschte. Die kriegerische Kritik war sein Favoritdisconrs, und er gab wirklich nach dem Krieg die kriegerischen politischen ') Christian Adolf Klotz (1738—1777), 1762- 1763 Professor in Böttingen, bekannt durch seine literarischen Fehden mit Lcssing und Burmann, Professor zu Amsterdam (1714—1778). 43 Zeitungen auf und hielt sich lange statt derselben kriegerische gelehrte Zeitungen und Journale, bis Pauli sich zu zeigen ansing, da er denn die Hamburger wieder wählte. Einer seiner größten Wünsche war, daß er den Antikritikus einmal bei Grabenstciner oder auf dem Kruge vor dein Gcismarthore finden möchte, die Klotzische Partei hätte sich viel von ihm zu versprechen gehabt, denn er pflegte gewöhnlich Streitigkeiten, worin er sich mischte, entweder zu endigen, oder sie wenigstens in eine andere zwischen ihm und der Obrigkeit zu verwandeln. Daher kam wirklich einer seiner Hauptfehler, ein heimlicher Groll gegen die Obrigkeit; er glaubte nämlich, daß Gerechtigkeit aus der zweiten Hand nur halbe Gerechtigkeit wäre. Ich habe gefunden, daß sich Alles bei ihm auf einen gewissen falschen Satz gründete, er meinte, Alles was er gerne thäte, sei Beruf; diesem Worte, das er immer in einem sehr weitläufigen Verstände nahm, wenn es darauf ankam, eine Handlung zn entschuldigen, niuß man Vieles von dem Ungewöhnlichen zuschreiben, das man in dem Leben des Mannes antraf, denn Sie glauben kaum, meine Herren, was ein solcher Begriff sich unter allerlei Gestalten zeigen kann, wenn er sich in einem Kopfe festsetzt, der niemals ist, ohne etwas zu wollen. Seine Frau, sagte z. E. dieser unglückliche Philosoph, prügelte er niemals, als wenn er in sich einen Beruf von allen Seiten, wie er es nannte, dazu spürte, und es flösse ihin auch nicht sonst, und er könne deßwcgen gar nicht begreifen, wie Leute so verstockt sein könnten, bei jeder kleinen Ursache auf ihre Weiber zuzuschlagen. Traurig, liebe Zuhörer! aber menschlich; 44 erinnern Sie Sich der famosen Distinction zwischen per so und s so, erinnern Sic Sich, was Mandcville') geglaubt hat? Ich hoffe, Sie werden mit mir dieses dem Verstorbenen zu gut halten; einen Theil rechnen wir für die menschliche Natur, und den andern für etwas, was man Halbgclehrsamkcit nennt, die ich eine Fertigkeit nenne, eine Menge falscher Begriffe richtig anzuwenden. Außerdem, meine Herren, hat man mich versichert, daß Kunkel nichts weniger als Gefahr lief, den Tod des Poggius") zu sterben; er machte sich also desto weniger ein Gewissen daraus, eine Gesellschafterin, die ihm gegeben war, einem gewissen Beruf zu entsprechen, den er selten verspürte, für einen andern Nutzen, der ihm öfter ankam, zu gebrauchen. Ich führe dieses an, um zu zeigen, daß dieser Mann durch falsche Distinc- tioncn hätte unsterblich werden können, wenn er noch die vier Gaben gehabt hätte, ein großer Mann zu werden: Modernen Witz, Latein, Kühnheit und einen Verleger. Kunkel. Er hatte die Munterkeit des Rheinländers mit cisleinanischer Inorl^. — ') Bernhard von Mandevillc, Arzt in Dortrecht, starb zu London 1733, bekannt durch sein berüchtigtes Buch lim kalllo ol lllo lloor. 1706. ") Guceius Poggius, geb. 138V, als Staatsmann und Philologe ausgezeichnet, lebte zu Florenz und Rom, und starb 79 Jahr alt, angeblich in Folge seiner Verheirathung mit einer jungen Frau. 45 In einer Einleitung zu dem Kunkel von Göttingen könnte von der Nachahmungssucht der Deutschen gehandelt werden. Aus ihrem entsetzlichen Hange, aus den Goldköruchen ihrer Nachbarn Drath zu ziehen. Ein paar Fußstapfen machen noch keinen Fußsteig. — (Kunkel solus.) Wetter! was ist das? (Die Augen reibend) Staub, Schlaf oder Schnupftaback. Wollte der Himmel, ich hätte geträumt. Ich fürchte, es ist tiefer, wahr und wahr ist verdammt tief. Es ist so viel Zusammenhang, so viel nexus in der tollen Geschichte, keine Lücke so breit als ein Aber, oder ein wie befinden Sie Sich, oder ein Amen.— Hier und hier fühle ich die Stöße der Kutsche, dieser (seinen Geldbeutel auf den Tisch werfend) war um ^ Hundert schwerer, als ich einstieg, und da (auf sein Herz drückend) und da — o viel, viel leichter ! — In dem Drama Kunkel von Göttingen, könnte das am besten angebracht werden, was Hr. Nicolai von den Original- scribenten gesagt wissen will. In der Vorrede: Manches Auge in Deutschland, das mein Held ehemals blau schlug, wird dieses lesen, und manche Faust wird es anfassen, die dem seinigen gleiche Ehre erwiesen hat. Selbst in England, Schweden, Rußland, Dänemark, Holland und Helvetica sprechen noch jetzt Zeugen, die ihn ehemals gelästert haben, und in allen diesen Ländern lebt noch hier und da ein Buckcr, der von ihm vollge- 46 schimpft worden ist. Mancher Gallier sagt noch jetzt, der Deutsche trinkt gern, ist brav, treu und wehrt sich mit einem Prügel, aus einer schlanken Harztanne gebrochen, gegen vier Degen, die Bayonne gespitzt hat, und denkt sich, indem er es sagt, allein Kunkeln. — Kunkel sprach eine Art von Plattphilvsophischem. — A. Sehen Sic, hören Sie nun? Kunkel (indem er ihm eine Ohrfeige gibt). Riechen Sic einmal. — Wenn man nicht selbst in der Welt lebte, so sollte man kaum glauben, daß Alles wahr sei, was die Menschen von einem so angenehmen Ding, als das Leben ist, behauptet haben. Einige haben gesagt, es sei nichts als ein Marioncttcnspicl, andere, es sei nicht besser, als die schlechteste Seifenblase, noch andere haben es gar mit Gras und mit Wind verglichen. Aber es ist wirklich an dem, und wie ich nach eigner Erfahrung weiß, so ist es kaum die Halste, was die Leute sagen. Alle diese Gleichnisse gehen meistens nur auf die Vergänglichkeit und nur das einzige von dem Marioncttcnspiel scheint von etwas größerem Umfang. Allein wenn man Alles wohl zusammen nimmt, so wird man finden, daß der Mensch außer den vielen Vorzügen, die er vor andern Kreaturen besitzt, auch noch diesen hat, daß er mit nichts recht verglichen werden kann, als mit sich selbst. Diese Betrachtung, die hier voran steht, stand eigentlich 47 in meinem Kopfe hinter einigen andern, die den Standpunkt meines Runkels in der Welt betrafen, und die jctzo kommen sollen. Diese Zahl (11,111,111) wird ausgesprochen: eilf Millionen ein hundert und eilf tausend einhundert und eilf. Man sollte es der ersten Eins nicht ansehen, daß sie so viel gilt, als zehn Millionen der letztem. Ich habe diese Zahl schon längst zu meinem Denkspruch gewählt, mit der Umschrift 8n!tt>r(Iil>at>»n. Kunkel war eine Ziffer der letzten Classe, in glücklichen Augenblicken stieg er bis 3, 6, 7, hätte er alsdann in einer andern Classe gelegen, so hätte er mit eben dieser Mühe 60 bis 70 Millionen gelten können; aber der arme Teufel konnte es nie bis auf 10 in seiner Classe bringen, und dieses ist der Grund, warum Er uie auf 00 und 70 Millionen kam. Seine Tugend und seine Fähigkeiten waren mit der Tugend und den Fähigkeiten vieler bekannten Männer zuweilen in einem Verhältuiß wie 2 zu 3, aber eben deswegen, weil diese Männer mehr herauf zu lagen, so las die Welt wie 2 zu 3 Millionen. Diese Abweichungen sind bloß scheinbar, stellen wir uns in den Mittelpunkt des ganzen Systems, wo der Philosoph immer stehen muß (wenn er philosophirt): so verschwindet Alles, und das Verhältniß heißt nicht mehr und nicht weniger als 2 zu 3. (Auch was im ersten Bande pag. 260 unten mit den Worten beginnt: „Der beständige Ilmgang den K. . . l u. s. w." bezieht sich auf Kunkel.) 10. Auf de»» in der Vorrede zum zweite» Bunde der ersten Ausgabe erwähnten Roman Bezügliches "). In dem Noman muß ein sehr lustiger witziger Mann aufgeführt werden. Und der müßte alle den Witz sprechen, der in manchen Büchern steht. 1735 den 7 Oktober sspes.) beschlossen, einen Noman zu schreiben, Alles anzuwenden. Roderik Random gelesen. Es ist doch nichts Rechts! widrige Geschichte und <7ui>rrels ohne viele tiefe Menschenkenntnis?; das muß in einem Noman Alles besser werden. Absicht. Exjcsnitcn auf alle Weise durchgezogen. Elende Prinzen, die man dennoch die besten Fürsten nennt, wie den Churfürstcn von Pfalzbaicrn an Galgen geschlagen. Vieles von Religion und Judenpolizci. Langsamkeit der Arbeiter. Bürgermeister, die dieses nicht besser wissen w. ') ck. Band I pag. xxiv sf. 49 In den Noman muß nothwcndig ein Mensch hinein gebracht werden, der immer nur von einer Sache spricht, und die an sich selbst sehr geringfügig ist. Z. E. von der Prosodie der Lateiner. fCraiiuniltica marclnca zu brauchen.) Im Noman ja einen Gefälligen aufzuführen, der sich durch sein Complimentemachcn in 100V Verlegenheiten bringt. Er muß es nicht ernstlich meinen, sondern nur so sprechen. Cheilitis ist ein sehr gutes Subjcct dazu, auch Lion, der in geschwätziger Gefälligkeit sich zu Dingen versteht, die er gleich darauf bereut, und daher, wenn er Wort hält, wenigstens die Sache nicht so unternimmt, als seine Bereitwilligkeit erwarten ließ. In dem Noman könnte ein großer Verehrer des Königs von Preußen vorgestellt werden, der noch immer den 24stcn Januar feiert, als des Königs Geburtstag, und da wird der 7jährige Krieg auf der Tafel vorgestellt mit Fressen und Saufen, das Lager der Sachsen bei Pirna eine Pastete, die Artillerie durch Wein :c. Zwei in die Insel Otaheity und deren Sitten verliebte junge Leute vertauschen ihre Namen, dadurch entsteht bei den Eltern durch die Nachricht von ihnen allerlei Verwirrung, denn in den Briefen an ihre Eltern behalten sie ihre wahren Namen bei. III. 4 50 Der Mann, der immer Verschwiegenheit verspricht, und wider seinen Willen ausplaudert. Der Mann muß wiederum aus Vergessenheit gerade dem das Gcheimniß erzählen, der es ihm verboten hat. Er muß also zugleich ein Vergessener sein. Der Roman muß nothwcndig der zusammengewachsene Mensch werden. Sie hatten eine Stelle, wo es allen beiden wehe that, da wurden sie darauf geschlagen. Eine rechte Hand und ein Kopf kam zuerst. Am Ende fand es sich, daß die rechte Hand nicht dem gehörte, dessen Kopf zuerst kam, sondern dem Andern. Bcrgleichung der rechten Hand mit dem Kopf. Die Hofleutc lassen ihre Kinder zusammen heilen, worüber viele sterben. Der eine liebt die Bälle, der andere die Astronomie. Doppelter Prinz. Janus und Janustcmpcl, der doppelte Adler. Doppelte Ducaten und Louisd'or. Es ist keine Folge, daß ein doppelter König mehr Werth ist, als ein einfacher. Alles Doppelte muß hcrvorgcsucht werden. Vertheidigung wegen Leib und Seele, der Mensch sei eigentlich ein doppelter Prinz, wobei nicht bedacht wurde, daß ein solcher doppelter Prinz, wie Ihre Majestät, eigentlich ein vierfacher wäre. Das doppelte Buchhalten. In dem Roman ja recht darauf zu bestehen, daß wir ei- 31 geutlich nicht in Gesellschaft gehen, sondern nur eine» Bevollmächtigten hinschicken, der über den eigentlichen Zustand seines Hofes das geheimnißvollste Stillschweigen beobachten muß, zumal gegen die, die man zu fürchten hat, hingegen mit den armen Teufeln schon etwas deutlicher zu sprechen. Dieses hat mir die Gesellschaft der meisten Menschen und hauptsächlich der Professoren verhaßt gemacht. Einmal zur andern Zeit zu entwickeln, was die Profcssorengcsellschaftcn unangenehm macht, zumal der jungen, die vor kurzem in einer Zeitung gelobt worden sind. Das sind unerträgliche Geschöpfe. Im Roman könnte auch der Gedanke gerügt werden, von der Vollkommenheit aller Anstalten auf einer Universität, Haus- Garten- Feldbau, Polizei, damit Alles da lehrt durch That. In dem Lande des doppelten Prinzen sagt man nicht, er hat die und die Nation bekriegt, sondern er hat seine Baucrn- kerle hinter die Nation gesetzt. Es ist eigentlich eine Völkerhctze, der Krieg. Man sollte die Sachen ausdrücken, so wie sie sind. Er verlangte immer angeredet zu werden: Zweieinigcr, Höchstdero Zweieinigkeit. Nur eine Amme. Dadurch wird fast immer Streit oder Friede. 4' Dic Statur nach drin Tode nicht zu vergessen. Doppelter Prinz. Dic ungarische Mißgeburt ist eigentlich 1701 in dem Dorfe Syonp, in der Komorncr Gespannschast geboren. Eine authentische Nachricht davon findet sich in des Herrn von Windischen Geographie S. 40. (Nicolai Reisen, B. XII Zusätze S. 76.) V o l! d e ttt Nutze lt den die Mathematik einen» «vi HsZiARt bringen knnn ) Zuerst gedruckt im Hnnnovcrschen Mngnzi» vvn 17S6. Ungeachtet wir jetzt in so aufgeklärten Zeiten leben, daß niemand leicht mehr den Nutzen der Mathematik leugnet, von dem Logiker an, der sie sonst beschuldigte, sie mache ihre Verehrer zu Zweiflern, da er hätte sagen sollen, zu Leuten, die nicht glauben können, was nicht wahr ist, bis zu dem galanten, allerliebsten leeren Kopfe, der, weil er nicht Geld genug hat, seinen Verstand und seine Sitten zu Paris in loeo selbst zu verderben, sich in Deutschland, mit Ilistoiros amourousos und Uottros galantos eben so weit bringt; ungeachtet, sage ich, diese den Nutzen der Mathematik nicht mehr leugnen, so kann es doch zuweilen nützlich sein, ihn noch in besonderen Fällen darzuthun, wo er nicht so deutlich in die Augen fällt. Auf diese Art hat uns ein großer deutscher Meßkünstler ihren Nutzen in der Moral gezeigt und ihren Werth gewiesen, wenn man sie als einen Zeitvertreib betrachtet. Ohne meine Untersuchung im geringsten, sowohl was die Nichtigkeit des Gegenstandes, als die Ausführung selbst betrifft, den eben erwähnten Abhandlungen an die Seite zu setzen, will ich meinen Lesern zeigen, daß auch die so genannten Schönden- kcr, oder witzigen Kopfe von Profession, Nutzen aus der Mathematik ziehen könnten, wenn sie Deutsch genug dächten, dieselbe weiter zu erlernen, als bis an die Geometrie im Wölfischen 36 Auszuge aus einem Auszuge. Dieses ist freilich schon viel von ciucm schönen Geiste verlangt. Ich habe dieses etwas zu spät bedacht. Wenn mich also die Meisten, denen ich eigentlich nützlich sein wollte, nicht verstehen sollten, so muß ich mich mit der Unmöglichkeit entschuldigen, Leuten deutlich zu schreiben, die in der ganzen Reihe der menschlichen Wissenschaften überhaupt nur bis an die freundschaftlichen Briefe, oder bis auf die gemeine poetische Kcnntniß von Mädchen, Wein und Westwinden gekommen sind. Die Gelegenheit zu dieser Untersuchung gab mir das Vor- urthcil, welches ich schon längst unter einigen Leuten bemerkte, daß sie nämlich glauben, die Schäfcrnaiur sei nur allein fähig, Gleichnisse und Anspielungen abzugeben, alle andern Dinge hätten die Kraft nicht, und die Mathematik sei ganz ungeschickt dazu. Ich werde also diesen Herren zu Gefallen einen Versuch machen, und ein Paar, auch in andern Absichten erbauliche Wahrheiten mit solchen Anspielungen vortragen; vielleicht, wenn sie dieselben loben hören, so werden sie aus Neugierde Mcßkünst- ler, so wie sie aus Neugierde Steganographcu oder Freimäurer werden. Der Begriff von entgegengesetzten Größen, und der schöne Ausdruck: weniger als nichts, sind von vielen Schriftstellern mit Vorthcil gebraucht worden. Jedermann weiß es, wie erbaulich der letzte schon längst dem Stutzer geworden ist. Denn weniger als nichts ist vielmals ihr Vermögen. Kästner. 57 Ich gestehe gerne, daß er schon schön cm und für sich ist, ohne daß man ihn als eine Anspielung auf gewisse Lehren in der Mathematik betrachtet. Er ist es auch wirklich ohnedem gewesen. Im 62. Psalm wird er gebraucht, und er sagt so Vieles mit so vieler Kühnheit, als zwanzig Hexameter mit aller ihrer genauen Weitlauftigkeit nicht sagen würden. Einige Schriftsteller haben sich sehr an diesem Ausdrucke geärgert. Herr von Justi greift ihn in einer Schrift an, wo man es vielleicht nicht gesucht hätte'), allein auf eine Art, die mich zweifeln läßt, ob er ihn jemals, so wie ihn der Mathematiker braucht, verstauben habe. Er sagt, das Nichts habe keine Grade; aber wer wird denn dieses nicht wissen? Und wer wird mit allen Zurüstungen der Metaphysik einen so unschuldigen Ausdruck anfallen ? Heißt dieses nicht so viel als Anstalten zum Begräbniß machen, wenn ein Erschrockener spricht: Ich bin des Todes; oder wenn ein verliebter Marquis mit gesundem Herzen sagt: 4 Vorrede zur deutschen Übersetzung von Homers Grundsätzen der Kritik. 60 hat bemerkt, daß dieses Product verschwindet, wenn ein Goldmacher den Hals bricht, da nun das Halsb rechen gewiß nichts Geringes ist, so muß wohl der andere Factor sehr klein sein. Größte und Kleinste. Dieses Kapitel in der Rechnung des Unendlichen ist überhaupt sehr lehrreich sür viele Leute, die es verstehen könnten, aber nicht verstehen. Denn ich wüßte nicht, ob es einen Stand in der Welt geben kann, worin es unnütz sei zu wissen, daß, bei immer zunehmenden Bemühungen, zu einem Endzwecke zu gelangen, der Endzweck zuweilen gänzlich verfehlt werden kann. Ich bin bei Gelegenheit einer Hausapotheke auf diesen Gedanken gekommen: denn es ist hier klar, daß bei wachsender Vorsorge für die Gesundheit, diese ein Größtes werden kann, wenn die Vorsorge offensiv wird. Mittlere Richtung der Kräfte. Ich habe bemerkt, daß die Dcnkungsart vieler Leute die mittlere Richtung ist, die der Geist nehmen muß, wenn er von Jurisprudenz und Possen, Medicin und Possen, oder IwIIos lottros und Possen zugleich gezogen wird. Schwerpunkt. Wenn man den gemeinschaftlichen Schwerpunkt der Häuser in einer Stadt suchte, und hernach den gemeinschaftlichen Mittelpunkt der Leute, die darinnen wohnen, so würden sie oft weit von einander liegend angetroffen werden. Mir ist eine Stadt bekannt, wo der erste auf den Markt, der andere ganz nahe an die Stadtmauer fallen würde. Ich übergehe hier die Lehren vom anziehenden Mittelpunkt, von dem zusammengesetzten Verhültniß und andere Dinge, die KI von neuein Schriftstellern mit vielem Vorthcil sind gebraucht worden, sehr geschwind und kräftig zu sagen, was sie sagen wollten. Außerdem aber, daß man zuweilen mit der Mathematik witzig thun kann, so werden ihre Lehren ganz, wie sie sind, in ein Gedicht gebracht, wenn es mit Kunst gcschiehct, sür den denkenden Theil der Gelehrten (denn es gibt ja noch einen andern) allemal ein Vergnügen sein. Die alten, und die ihnen ähnlichen neuern Dichter sind voll davon. Aber wie viel unter unsern schönen Geistern in Duodez wissen wohl, was aguosus Orion ist? Ja, wenn sich Mincllius deutlicher erklärte, und was sind die Hundstage? Warum heißen sie so? Ei, weil die Hunde um diese Zeit toll werden. Gut! Also werden im Jenncr die Eselstagc fallen, weil um diese Zeit alle Esel erfrieren würden, wenn sie nicht im Stalle ständen, oder keine Motion Härten. Solche Forderungen lassen sich aus einer so ungeschickten Erklärung macheu. Dieses waren einige Proben, wie sich Lehren der Mathematik im Discours gebrauchen lassen, und wie wenig man sie auch in Kleinigkeiten entbehren kann. Dessenungeachtet wird sie von dieser Gattung von Leuten, die ich oben erwähnt habe, nie erlernt werden, so lange man nur ihren Nutzen im Ernst zeigt. Vernünftige erlernen zwar immer die Wissenschaften ihres Nutzens wegen, aber der galantere Theil der Welt fängt erst alsdann an zu lernen, wenn man ihm durch einen Beweis, der auch ein Spaß sein muß, zeigt, daß man auch eine Wissenschaft zum Spaß lernen kann, oder um damit zu spielen. Daher sind die 62 llscroations matlrsmatiguos, die Erguickstunden, die Methoden, Schiffe zu rechnen, entstanden; daher muß oft der größte Natur- kündiger in seinem Bortrag einen mittleren Weg zwischen dem Lustigen und Ernsthasten nehmen. Schwenkers ') Aufgabe, eine Sonne zwischen zwei Monde zu malen, hat mehr Stutzer zum Nachdenken gebracht, als eine Mondsinsterniß. Ich tadele dergleichen nützliche Betrügereien nicht, nur muß man sie nicht in Bücher einmischen, die auch der Vernünftige lesen soll, der sich dergleichen Dinge selbst erfindet, oder, wenn er sie lesen will, sie nnter dem Titel Spielsachen, und nicht in einer erleichterten Geometrie sucht. Ich finde, daß eine gewisse lustige Nation diese Methoden liebt. Alles soll leicht gemacht werden, und man glaubt dazu nur zwei Wege offen: das Flüchtige und das Lustige. Bermuthlich wird man auch bald anfangen, die Religion so vorzutragen, zumal da man selbst im Spanischen geistliche Komödien ") hat. In Deutschland wollen diese Methoden nicht recht fortkommen. Euklidcs und seine großen Nachfolger haben bei uns ihr Glück gemacht, und sie werden nicht eher wieder durch die obigen verdrängt werden, als bis der Hanswurst wieder die Bühne betritt, und, wie vor sechs Jahren in einer berühmten Hauptstadt mitten in der rührendsten Scene der ganzen Alzire, die Hosen hebt, und das weinende Parterre versichert, daß seine Katze sechs Junge bekommen habe. ') Daniel Schwenter, Prof. der oriental. Sprachen u. Posta laursatus zu Altdorf; geb. 1333, starb 1636. ") Iwttsrs conoerninA tlw Lpanislr Nation. Patriotischer Beitrag zur M e t h y o l o g i e der Deutschen. Nebst einer Vorrede über das methyologifche Studium überhaupt. Allen Hochwürdigstcn, Hochgeborncn Hochwürdigen, Hochwohlgcbornen Wohlwürdigcn, Wohlgeborncn Ehrwürdigen und Hochcdclgebornen, wie auch a l l c I? Großachtbaren, Wohlcdeln und Wohlehrenfcstcn launigen Rothen Nasen namentlich also und schlechterdings ausgeschlossen alle diejenigen, die hier und da an Hanbcnstöcken oder Hanbenstöckcn ähnlichen Köpfen sitzen, eignet diesen Beitrag in Untcrthänigkcit zu der Sammler. s B o r r e d e. Unter uns Deutschen gesprochen. Wo ich nicht sehr irre, so sind die Zeiten, da Europa die Systeme so von den Deutschen nehmen mußte, wie das Gewürz von den Holländern, ihrem Ende sehr nahe oder vorbei. Ein Theil unserer Landsleute ist jetzt in den allgemeinen kritischen Aufstand und in das Nccensircn omuium ooutra omuvs so verflochten, daß er nicht hört, und der andere hat seine Augen in Empfindsamkeit so geschlossen, daß er nicht sieht, was um ihn vorgeht. Der tabellarische Vortrag liegt gänzlich, und überall gebricht es an Händen für das Systemwcsen. Es können keine Systeme mehr gemacht, folglich auch keine mehr verführt werden. Was ist natürlicher, als daß die Ausländer auf den Einfall gerathen, sich selbst welche zu bauen, nud es uns am Ende, da es ihnen weder an Materialien noch an Polhöhe fehlt, darinnen gleich oder wohl gar zuvorthun und den ganzen Handel an sich ziehen? Was auf einem schlechten Boden geräth, kommt auch wohl auf einem guten fort, aber nicht umgekehrt. Der Geist der Freiheit, und was davon sein Leben hat, erfordert, was man auch dawider einwenden mag, guten Wiesen- S" L8 wachs. Man kann es, anderer Beweise zu geschweige!,, schon allein aus dem Umstände schließen, daß man heutzutage kaum sagen kann, welches besser schmeckt, holländische, schweizerische und englische Freiheit, oder holländische, schweizerische und englische Käse. So daß es uns schwer werden wird, wieder eine Branche des Handels jener Nation an uns zu ziehen. Hingegen der Geist des Systems und was unter ihnen lebt, kommt sogar in den nördlichen Ländern fort, wo man zuweilen, statt pIumpn-IckinA, Eichenrinden kauet. Wir haben uns also in Zeiten wohl vorzusehen. Was mich hauptsächlich hierauf ausmcrksam gemacht hat, ist der Einfall, den ein Engländer zwar noch nicht gehabt hat, denn sonst käme mein guter Rath zu spät, aber vermuthlich haben wird, ich meine den Gedanken, die Kunst zu trinken systematisch zu behandeln, wozu wir Deutschen, da wir, was das Praktische hierin betrifft, nun einmal bei Auswärtigen zum Sprnchwort geworden sind, nächst den Lapithcn und Ecntauren vorzüglich aufgelegt wärenDaß ihn aber dieser Gelehrte ') Mit vielem Vergnügen sehe ich, daß uns ein großer Mann, der zwar ein gcborner Schotte gewesen, aber seine Wcltkenntniß in dem weisen Frankreich erlernt hat, in diesem Stück Gerechtigkeit widerfahren läßt. Der berühmte «/o/i. sagt nämlich Sslgrio. l>. IV. eap. 5. von uns: Immens-, eupiclims polus, sam conkesso vilio, ickeogue iinizis iibero, illam gen- tem inkeslst. ssee sei voluptatem lantun, Iisec ll'kraeic-, lilniln est, ssä in parle comit-ztis et pene Daß dieses 69 früh oder spät haben wird, fürchte ich daher, weil er i» irgend eniein Magazine 8S Redensarten angidt, die seine Nation habe, die Trunkenheit eines Mensche» zn bezeichnen. Jedermann, dein bekannt ist, wie bald man mit einer Wissenschast fertig ist, wenn man einmal die Kunstwörter weg hat, wird dieses mit mir fürchten. Ich habe also, sobald als möglich, meinen theucr- sten Landslcnten eben dieses herrliche Hülfsmittcl in die Hände geben und zugleich dadurch zeigen wollen, daß wir den Engländern, wie überhaupt in nichts, also auch nicht in diesem Punkte zu weichen Ursache haben. Ich übergebe ihnen nämlich hier eine Anzahl ähnlicher Redensarten, worunter keine einzige ist, die nur bloß in einem einzigen Hause gebräuchlich wäre, deren dock der Engländer eins oder etliche in seinem Verzeichnis anführt. Ich zweifele nicht, daß sich überhaupt nicht noch viele, zumal keine Schmeichelei ist, sieht man ans andern höchst treffenden Zügen unsers Charakters, die er am angeführten Orte darlegt. Zumal erhellet aus Folgendem, daß er sich lange in Deutschland aufgehalten haben müsse: ignola ilü porückia, sagt er, vtimn in renal! stn tituüino stipouüia inerontiuin. inzvniliin gui- üem lrauckis mit oüiii suli mnieitise litulis latent: et oinnino ingontia sceleiÄ verecunüi popnli simzüieitas ignorat. Aber wie sehr wir uns doch in manchen Stücken geändert haben, erhellet aus Folgendem. I.itterao, spricht er, in inullis locis eul- tao inter Iroinines »iinnr rcicnckt amckor ckocencki. stlina guam legorint soribunt: et suam kmn-iin ex voliirniniim, guse eüunt, nuinero mit iniignitucline liestimant. Was doch unsere guten Voreltern für drollige Geschöpfe müssen gewesen sein! 70 in unserem seefahrenden Deutschland, sollten hinzu finden lassen, da kein Gegenstand in der Natur geschickter ist, die Bewegungen, Richtungen und Zufälle eines Betrunkenen geschickter, lebhafter und lehrreicher auszudrücken, als ein Schiff. Ja ich zweifle sehr, ob ich einmal alle die ganz allgemein recipirtcn werde gefunden baben. Es ist der menschlichen Unart sehr angemessen, in allen Dingen, vornehmlich aber in plülosoplücis, immer erst im weiten Felde und dann zu Hause zu suchen, wie denn auch nicht zu leugnen ist, daß das Weithcrgeholte durch etwas Gewisses reizt, wovon niemand als der Wcitherholende selbst einen Begriff hat und haben kann. Zur Bestätigung dessen, was ich hier sage, dient der Umstand, daß wirklich unter den angegebenen Redensarten der Ausdruck: er ist berauscht, einer von den letzten gewesen ist, die man gefunden hat. Ich habe aber noch ungleich mehr zur Erweiterung dieser Wissenschaft beigetragen, ich habe die Wörter Mcthyologie') und methyo logisch, Methystik und mcthystisch, Pinik und pinisch eigenhändig zusammengesetzt, und gedenke über den allgemeinen mcthyologischen Blick und das methyo logische Gefühl Abhandlungen zu schreiben, die ihren Titeln vielleicht entsprechen sollen. Überhaupt habe ich mir bei der Wörter- Verfertigung den Plan gemacht, in allen Bezeichnungen meiner Begriffe die Züge so zu verwaschen, daß ein Jeder das Seine *) Man hat dieses Wort, seines bessern Äusscrlichen wegen, dem richtigem Mcthologie mit Fleiß vorgezogen. 71 darinnen zu erkennen glaubt, welches eine Liebe zur Wissenschaft in jungen Gemüthcrn erweckt, die nicht zu beschreiben ist. Was aber die Wissenschaft selbst betrifft, so ist allzu bekannt, daß die Mcthystik, oder, mich deutlicher auszudrucken, die Wissenschaft, die Länder jenseits der Bouteille mit Nutzen zu bereisen, bisher in einer schändlichen Vergessenheit geschmachtet, und man braucht nicht die stärkste Vergrößerung aufzustecken, um zu sehen, daß dem menschlichen Geschlechte durch eine philosophische Behandlung dieses Sujets wichtige Vvrthcile zuwachsen müssen. Es ist hier gar der Ort nicht, dieses umständlich, und wie es wohl die Wichtigkeit des Gegenstandes verdiente, aus einander zu setzen; doch kann ich eine Betrachtung nicht ganz übergehen. Der berühmte Baco von Berulam sagt in seinem schönen Buche clo augmcmtis scientiarum, daß in einer Wissenschaft nicht viel mehr geleistet werde, sobald man sie systematisch zu behandeln anfange. Bielleicht würde also dadurch de» kühnen Versuchen in dieser Wissenschaft etwas vorgegriffen, oder mich populärer auszudrücken, dem leidigen Trinken gesteuert. Ich denke, die großen Trinker, die Genies, sollen nach und nach abnehmen, so wie die Borschriften, es mit Absicht und vernunftmäßig zu thun, zunehmen. Denn ehe dieses geschieht, zumal che das terminologische Fach gut versehen ist und man etwas hat, das man einstweilen vorläufig brauchen kann, bis man die Wissenschaft erlernt hat, ist an keine Stümper zu gedenken. Außerdem ist ja den Kindern bekannt, daß ohne etwas Wein und etwas Beifall keine poetische Ader 72 offen geholten werden kann, und es verdient wenigstens einmal versucht zu werden, was auch die Vernunft ans den Flügeln des Champagners ausrichten könne, da die Einbildnngskrast Wunder ans denselben thnt. Karratur et grisoi Latonis 8aopo moro oaluisso virtus. Da ich euch also, lieben Landsleute, nicht allein den Nutzen dieser Wissenschaft selbst, sondern auch die Gefahr, die uns augenscheinlich von England ans droht, mit solchen Gründen, als es meine Fähigkeit und die Nähe der Messe erlaubt, vorgestellt, ja, da ich euch selbst vorgearbeitet habe, so ersuche ich euch freundschaftlich, steckt die kritischen Schwerter und Messer ein, verlaßt die Nüsse der Tändelei, und nützt die Felder, die unsere Borfahren schon ernährt haben, anstatt daß ihr mit einem Ungewissen Erfolg neue anbaut. Lacht aber auch nicht, daß ich euch diesen Rath in einem Büchelchen gebe, das kaum 3 gr. kostet, denn es wäre mir ein Leichtes gewesen, es zu 12 gr. auszuarbeiten, ohne daß ihr für einen Pfennig mehr Waare bekommen hättet, welches ich auch wirklich, wenn es meine Zeit und Kräfte erlauben, bei einer zweiten Auflage einmal zu thun gedenke. Geschrieben vor der Jubilatcmesse 1773. 73 Der Beitrag selbst. Ncdenöartcn, womit die Deutschen die Trunkenheit Person andeuten. Hochdeutsche. Er spürt den Wein. Er hat eine» Schuß. Er ist angeschossen. Er hat einen Hieb. Er hat einen Strich. Er hat einen Jcsuiter. Er hat etwas zu viel. Er ist besoffen. Er ist benebelt. Er hat einen heiligen Schein. Er hat einen Rausch. Er ist begeistert. Er ist voll. Er hat etwas im Kopf. Er hat genug. Er hat einen Haarbeutel. Er hat ein Glas zu viel getrunken. Er hat zu tief ins Glas geguckt. Er ist illnininirt. Er taumelt. Die Zunge ist ihm schwer. Er kann die Zunge nicht mehr heben. Er kann auf keinem Bein mehr stehen. Er ist berauscht. Er ist betrunken Er ist dabei gewesen. Er ist fertig. Er ist hin. Er ist weg. Er ist selig. Er sieht den Himmel für eine Baßgeige an. Er sieht die Buchstaben doppelt. Er ist Himmclhagel dick. Er hält einen Calenberger Bauern für eine Erdbeere'). Der Kopf ist ihm schwer. Er hat trübe Augen. Er ist im Oberstübchen nicht richtig. Er hat Glasaugen. Er wackelt. Er hat etwas im Dache. Er ist toll und voll. Er hat seine Ladung. ') Aus Gründen, die hier unmöglich aus einander gesetzt werden können, erhellt, daß ein Calenberger Bauer, oder vielmehr sein rother Kittel, der hier allein in Betracht kommt, ungefähr 8» Fuß entfernt sein muß, um von einem Betrunkenen für eine Erdbeere, die nur einen Fuß entfernt wäre, gehalten zu werden. 75 Er war an einem guten Ort. Er ist geliefert. Er ist gedeckt. Er sieht zwei Sonnen. Er ist pudelhagcl dick. Er geht als wenn alle Häuser sein gehörten. Er ist ganz weg. Er segelt mit vollen Segeln. Er hat sich an Laden gelegt. Er ist Pudel dick. Er hat seinen Talis. Er hat sein Thcil. Er kann nicht mehr über den Bart spucke». Er macht einen pss trisö. Er ist dick. Er hat des Guten zu viel gcthan. Er hat poculirt. Er schwebt. Er kreuzt. Er hat satt. Er sah Schleifkannen am Himmel. Er ist so voll, daß er es mit den Fingern im Halse fühlen kann. Er kann keine Ecke vorbei kommen. Er hat sich einen Bart gemacht. Er geht einen M Strich sil kait äes 88). Er ist gut gesegnet. Er hat schief geladen. Er hat sich schwarz gemacht. Es spukt ihm im Giebel. Er lavirt. Er hat etwas im Krüsel. Er ist Katzen dik. Er hat sich bespult. Er hat geschuappst. Er hat sich was bona gcthau. Er hat sich gut vorgesehen. Er hat einen Tuunnel. Er kann kaum lallen. Er hat Moses Zunge. Er ist herum geführt. Er ist unter dem Tische. Er sieht eine Thurmspitze für einen Zahnstocher an. Er hat sich besäbelt. Er hat sich die Nase begossen. Er hat sich begäbet. Er kann nicht mehr lallen. Er hat sich etwas zu Gemüthc geführt. Er ist ä tont. Er hat sich betudclt. Er hat einen Schnurren. Er hat einen Ditto. Er hat runde Füße. Er hat zu viel übergcbcugt. Er ist sternblind dick. Er riecht »ach der Fuselbulle. Die Zunge ist ihm gelähmt. Man hat ihn begraben. Er ist blind Hagel voll. Er ist so voll wie ein Dudelsack. 77 Er sieht ans wie ein gestochen Kalb. Er sieht aus wie eine Ente Wenns Wetter leuchtet. Plattdeutsche. He hct veel unter de Nase gegotcn. He is fette. He is to lange up der Dvßke Wesen. He is Knüppel dicke. He is so dik as cn Tack. He hcfft to vccle pnchclt. He is to lange undcr den Wachholderbaumc Wesen. He is sncrrt. He hat sick todcckct. He hat wat in de Krone. He hat wat im Timpen. He is ähmig. He hefft de Planken to lccv. He hefft to vcelc sipsölkct. He het wat im Sticksel. He geht up den Kilobbcn na Hus. He kann kern Küken nöhmen. He is so dicke as cn Bcest. He hefft de Jacke voll. He hat wat im Knaupe. He hefft to veele knipset. He kükt nt fif Augen. He hcfft den Teckcn dicke. He is cn Swinigel. He hett flammet. He hefft den Pigel dicke. He is so dicke as en Pedde. He is so dicke as cn Swin. He hat den Boden sehen. He is bemüsclt. He het in kcncn Rank arbctct. He grallögt. He is duhn. He is carthövvcn. He is so dicke as cn Schindcrticoe. He swimslaget. He is Carthauncn dick. He hat sick wat int Auge wisket. He hette qualmet. He is half sieven. He hcfft to vcele pullet. He is so stramm as cn Trummcl. He is söhlig. He is döfft. He is dull und vull. He is cn Suput. He is cn Supkumpan. He hctt sick bepumpclt. He hett cn Rummel. He swcckt. He het sick begigelt. He hett sick den Ars begoten. He hett to dccp int Glas keken. He hett to Verl nipt. De Wün is cm int Capitolium siegen. T i in o r u s das ist Verth eiöigung zweier Israeliten die durch die Krästigkcit der Lavaterischcn Beweisgründe und der Göttingischen Mettwürste bewogen den wahren Glauben angenommen haben von Conrad Pliotorin der Theologie und Beiles Lcttres Eandidatcu'). ') Erschien zuerst Berlin (Güttingen) 1773, durch Lavaters gegen Moses Mendelssohn gerichteten zudringlichen Bckehrungs- cifcr hervorgerufen. An die Vergessenheit. Allerdurchlauchtigste, Großmächtigste Monarchin, Der besondere Schutz, dessen Ew. Koni gl. Majestät, jederzeit die bisherigen Productc meines Geistes gewürdigt haben, und die Überzeugung, daß dieses Werkchen, wegen seines Inhalts, über kurz oder lang doch an Höchstdicsclben gelangen werde, haben mich aufgemuntert, es lieber gleich selbst zuHöchstdero Füßen in tiefster Unterthänigkeit zu legen. Ich darf um so weniger an einer gnädigsten Aufnahme desselben zweifeln, als es eine Religionsstrcitigkeit betrifft, und Ew. Koni gl. Majestät bekanntlich dieser Art von Schriften Dero vorzügliche Protection gönnen, wie sie es denn auch ihrer Wichtigkeit, und der Mäßigung, Gewißheit und Klarheit wegen, die in denselben zu herrschen Pflegt, vorzüglich verdienen. Da Ew. Koni gl. Majestät nunmehr in Dero unermeßlichen Staaten den allerncuesten französischen Witz eingeführt haben, so habe ich Hvchstdero weisen Absichten gemäß, den- III. k 82 selben überall so viel als möglich zu erreichen gesucht, und mich durchaus eines rigoris gallivi in (lomonstranllo beflissen, hingegen Alles vermieden, was nach der allerdings bcjammcrnswer- thcn Einfalt des blinden Heidcnthums schmeckt. Ich ersterbe in tiefster Devotion Allerdurchlauchtigstc, Großmächtigste Monarchin, Ew. Königl. Majestät unterthänigst devotester Knecht Conrad Photorin. 83 Vorrede des Herausgebers. Lieber Leser, Ehe du an das Wcrkchen selbst kommst (und wen» du nicht so weit kommen solltest, so wollen wir kein Wort deßwegcu verlieren), nimmt sich der Thürhütcr im Namen seines Herrn die Freiheit, dich um eine Kleinigkeit anzusprechen. Du wirst beim Eingang so gut sein und ein Paar Vorurtheilc ablegen, sie nützen dir inwendig auf meine Ehre so viel, als ein Degen in einer Bildergallerie oder in Vaurhall. Für das erste mußt du nicht glauben, mein Herr habe nachstehendes Büchlein aus jener zügellosen Begierde, die sich um die Zeit des ersten Barts einzustellen Pflegt, in die Welt gesetzt, ich meine aus dem Trieb, Bücher zu schreiben und seinen Witz sehen zu lassen, sondern es ist vielmehr ganz aus reinem Triebe und über die Hälfte aus kalter Pflicht entsprossen. Er leugnet zwar nicht, wie er wohl sicher thu» könnte, wenn er allein ein Mensch und du etwa ein Orang Outang wärest, daß ihn jene Begierde zwar öfters angewandelt, er hat ihr aber allezeit mit Much widerstanden und den festen Vorsatz gefaßt, seine Feder li " nicht eher zu gebrauchen, bis ihn Pflicht und Gewissen dazu aufforderten, aber alsdann auch nicht eher niederzulegen, bis ein Schandfleck auf- oder einer zugedeckt ist. Für das zweite bittet er, ja nicht zu glauben, daß er es böse mit dem Publikum meine, mit dem er es hauptsächlich zu thun hat. Nichts weniger. Wenn er eifert, so ist es immer ein geistlicher Eifer, und wenn er flucht, so sind es immer Sc- gcnsflüche. Ja, er ist vielmehr bereit, für jeden Dürftigen sein Blut oder wenigstens seine Dinte zu verspritzen, wie er es mit dem einen, der Dinte nämlich, schon für diese Wiedergebornen gethan hat. Dieses ist es, warum ich dich vorläufig ansprechen wollte, und wogegen ich dich von der Wahrheit des Gesagten, bei der Ehrlichkeit eines Thürhütcrs versichern kann. Es leuchtet zwar die gute Absicht meines Herrn überall aus dem Büchelchen selbst sattsam hervor, ich habe aber doch auch diese Versicherung gleichsam als einen Zoll entrichten sollen, den man der Würde der menschlichen Natur schuldig ist: denn thun können auch die Ochsen und die Esel, aber versichern kann noch zur Zeit der Mensch nur allein. Geschrieben im August 1771. 85 an sollte sich zwar nicht wundern, wenn der Satan, der ohnehin sonst wenig oder nichts zu thun hat, sich Tag und Nacht bemühet, hier und da den Kindern der Kirche Netze und Schlingen zu legen, am allerwenigsten, wenn er diejenigen zu verfolgen sucht, die er schon einmal in seinen höllischen Pfoten hatte, die ihm aber durch Uns wieder abgejagt worden sind. Man sollte vielmehr den Fürsten der Finsterniß toben lassen und mit jenem Liede gelassen sprechen oder singen: Laßt den Teufel brummen , Er muß doch verstummen. Allein, wenn seine satanischen Kniffe ein ganzes Publikum verblenden; wenn er nicht bloß ein Paar Christen kränkt, sondern sich hierzu selbst tausend Anderer bedienet, ja wenn dieses verblendete Publikum auf einer ansehnlichen Universität lebt: welcher natürlich ehrliche Mann, von den künstlichen will ich gar nicht einmal reden, wird dazu stille sitzen können? Man bedenke nur selbst: Auf den meisten deutschen Universitäten sind, wie man sicher annehmen kann, gewiß täglich an die zweihundert Federkiele, die Bleistifte nicht einmal gerechnet, beschäftigt, das Wort so rein als möglich zu halten, ja man hat daselbst durch die sinnreichsten und tiefsinnigsten, sowohl aus den Schätzen, als dem Schutt des Morgenlandes hergeholten Erklärungen, schweren und feinen Muthmaßungen und gleichsam durch eine Art von exegetischen Selbstschüsscn, Pal- lisaden, spanischen Reutern und Kartätschen die Religion so verrammelt und verschanzt, daß man glauben sollte, dem Satan selbst müsse einmal der Kitzel vergehen, die Leute anzuzapfen, die innerhalb des Walles wohnen, und dennoch thut er es. Nu» denke man einmal: wenn es in der Festung so zugeht, was will aus dem platten Lande werden? Doch ich wende mich so früh zur Sache als möglich. Es lmben sich diesen Sommer in und bei G zwei ehrliche Israeliten zum wahren Glauben bekehrt und die Taufe glücklich empfangen. Konnte das kleine Häuflein der lutherischen Kirche wohl eine größere Conquete machen, als dadurch, daß es über die Hartnäckigkeit zweier Beschnittenen gesiegt hat? Es hätte die Überläufer mit Sanstmuth und Milde aufnehmen sollen, um ihnen recht zu zeigen, was sie für einen Dienst verlassen und was für einen sie angenommen haben, daß sie ans dem Nassen in das Trockene, aus der Tiefe in die Höhe, aus der Dämmerung in das Licht gekommen wären; bisher hätten sie mit dem Falschen Gemeinschaft gehabt, jetzt aber mit dem Guten und Ehrlichen. Aber pfui! was thatcn die Bürger? Kaum waren sie getauft, kaum waren ihnen, so zu reden, die Kopfe trocken geworden, so schrie man: Man hätte die Betrüger 87 un d Land strcich er nicht annehmen fallen; siewärcu nicht durch Beweisgründe, sondern durch Mettwürste bekchrt wordcn; ein ehrlicher Mann ändere seine Religion niemals mit so großen Umständen, und was dergleichen zum Thcil recht sreigcisterische Reden mehr gewesen sind. Aber ist das christlich gesprochen? sagt! Wie muß das den beiden ehrlichen Männern durch die Seele gehen? Kein Wunder fürwahr, wenn sie gerade unsere Heerde verließen, in ein anderes Land gingen und entweder wieder Juden würden, oder wenigstens durch ein zweites Bad der Wiedergeburt sich iu andere Hürden eintreiben ließen, wie mau denn dergleichen traurige Erempel mehr als zu viele hat. Aber wer will es ihnen verdenken? Ich will gar nicht einmal erwähnen, was die andern Juden von uns denken müssen? Werden sich die wohl bekehren lassen? Werden sich die Vögel fangen lassen, wenn ihr so mit Prügeln darunter werft? Ich höre zwar, daß sich dessen ungeachtet wieder einige gemeldet haben, die sich wollen annehmen lassen; allein glaubt mir nur auf mein Wort, das sind gewiß arme Tröpfe oder Betrüger, die bei diesen nassen Jahren nicht mehr wissen, wo sie hin sollen. Die rechten fetten kommen euch gewiß nicht, wenn ihr ihnen solche feine Titel gebt, sobald ihr sie drinnen habt. Stellt euch nur selbst einmal au ihre Stelle. Welcher ehrliche Jude, der sein gutes Auskommen hat, wird sich, seinem Handel und Wandel zum Nachthcil, hinsetzen, unsere an sich heutzutage schwer zu prüfende Religion zu untersuchen — zu was Ende? um sich Betrüger und Landstrei- 88 cher schelten zu lassen? Die Ehre haben sie ja so schon, wir halten ja die meisten schon für Galgenvögel, was haben sie nöthig, deßwege» erst Christen zu werden? Das wäre ja lächerlich. Also seht ihr, ihr selbst mit euren losen Mäulern seid Schuld daran, daß die meisten Juden, die wir zu taufen kriegen, hungrige Schlucker oder Betrüger sind. Wer Phasancn schießen will, muß sich stille halten, der Sperlinge kommen ohnehin genug in allen Fällen. Ich sage hiermit gar nicht, daß unsere beiden Neubckehr- tcn Schelme waren. Das sei ferne von mir. Gegentheils habe ich mir vorgenommen, sie mit Gründen, und wenn das nicht helfen will, mit Eifer gegen die ruchlosen Beschimpfungen unserer Mitbürger zu vcrtheidigcn. Überall, wo man nämlich hinkommt, sagen die Leute einmüthig: der Jude, der in W getauft worden wäre, sei einer der größten Spitzbuben, der nur lebendig gedacht werden könne; und doch, wenn man nach einem Beweis des Behaupteten fragt, so halten sie am Berge und wissen nichts vorzubringen. Es fehlt ihnen zwar nicht an Schcin- gründen, womit sie ihre boshaften Berläumdungen wahrscheinlich zu machen suchen, als z. E. sie sagen, er habe gestohlen, habe zu B .. .. lange im Stockhausc gesessen, sei des Landes verwiesen worden, und was dergleichen Sophismata mehr sind. Ich leugne zwar nicht, daß dieses Alles wahr sei, denn es ist gerichtlich bestätigt; aber kann der Jude nicht deßwegen ein ehrlicher Kerl sein? Hierauf allein kommt es an. Denn ob er gestohlen oder nicht gestohlen, im Stockhaus gesessen oder nicht 89 gesessen habe, ob er verwiesen oder nicht verwiesen worden sei, mit einem Wort, das wollen wir nicht wissen. Die ganze Frage läuft darauf hinaus: ist der Kerl ehrlich, und konnte er zur Taufe gelassen werden? Können wir dieses beweisen, so gibt es sich mit dein einfältigen Stehleu, Stockhaussitzen und Landcsverwciscn von selbst. Aber nur hört einmal, was ihr mit euren vermeintlichen Beweisen hiergegen ausrichtet. Nichts, gar nichts. Denn erstlich wollen wir einmal euer verwiesen worden und euer Landstreicher sein beleuchten. Ich denke noch immer nicht, daß ihr dieses im Ernste anführt, den Mitbruder verdächtig zu machen; thut ihr es aber, so verrathct ihr dadurch eure grobe Unwissenheit in der Gelehrten-, Kirchen- und politischen Geschichte. Denn wem ist unbekannt als euch, daß man die größten Gelehrten, die frömmsten Männer und die erfahrensten Staatslcutc öfters des Landes verwiesen? Ihr leset nicht einmal die Zeitung mit Aufmerksamkeit, sonst müßtet ihr wissen, daß vor kurzem der Duo . 10kut in Ulis sacoro, welches man im Deutschen so geben könnte: Nun ist es einmal nicht anders, wen» ihr seht, daß ein Mann entweder vom Hofe gejagt worden ist, oder es an demselben nicht über die Bratcnwcnderstclle zn bringen weiß, so denkt nur sicherlich, es ist ein ganzer Man». Ferner sagt ihr, er sei ein Landstreicher. Aber, ums Himmels willen, sagt, was ist Unehrliches in einem Landstreicher? Ich weiß es wohl sund es ist eine unmittelbare Folge' unsers natürlichen Verderbens), daß die Erfinder der Sprachen gewöhnlich einen geringen Grad von einer sonst guten Eigenschaft mit 91 ciiicm besondern Worte bezeichnen, auf welches sie gleichsam den Acecnt der Unehrlichkeit gelegt haben. So nennen wir einen kleinen Poeten einen Reimschmidt, einen Poetastcr oder einen Schmierer, ein Name, der in meinen Ohren fast klingt wie Ketzer, Bastard, oder Komödiant; einen geringen Grad von Reinlichkeit nennen sie Schweinerei, von Advocatic Zungcn- drcscherei, von Malcrkunst Wcißbinderei. Ein Mensch, der nur eine geringe Courage besitzt, heißt gleich eine alte Hure, ein kleines Werkchcn, ein Wisch u. s. w. Ja, in unfern Zeilen machen wir es nicht besser, ein kleiner Journalist wird gleich ein Ziegra, ein kleiner Grad von Süßigkeit ^scoliismus genannt. Also wenn ein Armer seinem angcborncn Trieb zu Reisen zu Fuß eine Gnüge thun will, so heißt er ei» Landstreicher. Aber ist dieses philosophisch und christlich gedacht und gesprochen? Alle honette deutsche Gesellschaften sollten alle ihre Macht, und wenn es nicht anders sein konnte, wenigstens ihre Ohnmacht anwenden, einem solchen Übel zu steuern, und entweder das Wort von dem Begriff durch Gelindigkeit scheiden, oder, wenn die Scheidung nicht angehen sollte, den ganzen Plnnder mit eincmmal wegwerfen. Denn wenn dieses noch 20li Jahre so fortgeht, so weiß ich nicht, was wir mittelmäßigen Kopfe endlich anfangen wollen. Die güldene Mittclstraße und alle, die darauf wandeln, werden mit solchen Wörtern belegt werden, daß man sich lieber ans dem Wege zum Galgen als auf demselben wird antreffen lassen. Alle können wir doch fürwahr nicht immer mit sechscn fahren, oder mit vieren im Mcßcatalogus 92 stehen. Die Manns- und Weibsstühle im Tempel der Ewigkeit sind heutzutage alle besetzt, was will man denn anfangen? Man muß sich nach der Decke strecken. Und am Ende, was hat denn ein Landstreicher Besonderes, ist denn unser zu Hause Sitzen verdienstlicher? Ja, die Seele des so genannten Landstreichers hat gemeiniglich ein gewisses allgemeines, in Alles passendes Wesen, das der beinah thierischen, eingeschränkten Seele des Genies weit vorzuziehen ist. Den Erstcrn kann man überall nutzen, hier zum Ausfüllen, dort zum Zuschmieren, und überhaupt da, wo nichts Andres dient; hingegen das Letztere, wenn es nicht gerade dahin kommt, wo es Eckstein oder Schlußstein werden kann, das ist mit Quadratwurzeln und Reihen spielen, von Planeten fabeln, unter halbverfaulten Muskeln kramen, oder Gesetze geben kann, ist ein so sperriges, unbrauchbares, ärgerliches Ding, als ein Kachelofen im Sommer. Ich kann nicht leugnen, daß ich fast wünschte, es mochte einmal ein Landstreicher, der ein großer Mann wäre und die Gabe hätte, aufstehen, und auf unser zu Hause Sitzen einen ähnlichen Accent legen, wie würden wir da schwärmen, und eben dadurch unfern Bätern, den alten Deutschen, ähnlicher werden, bei denen solche Stadthökcr, wie ihr und eures Gelichters, eben so unehrlich gewesen wären, als ihr die Landstreicher jetzt gehalten wissen wollt. Was ich oben von der Gemeinnützigkeit der Landstreicher gesagt habe, will ich »och mit dem Zeugnisse zweier der größten Kenner des menschlichen Herzens, in diesem Jahrhundert, ich meine des Grafen von Zinzendorf und des Ge- 93 ncral Fischers, belegen. Der Letztere hat nämlich versichert, daß die tapfersten Leute in seinem Corps jederzeit die sogenannten Landstreicher, Vagabunden und Verwiesenen gewesen wären, und der Erstere soll ebenfalls gefunden haben, daß niemand der Fahne des Lammes treuer folge, als eben diese Leute, zumal wenn sie zu gesetzten Jahren gekommen sind, und sich unter derselben einmal recht eingedient haben. Wem ist ferner unbekannt, daß das weise England seinen Colonien täglich solche Leute zuschickt, um jene immer mehr und mehr in den Flor zu bringen? Also seht ihr, drei Cardinaltugendcn: Tapferkeit, Religion und Industrie, finden sich, nach dem Zeugnisse der größten Männer und der weisesten Nation, in dem Lorporo der Vagabunden, und ihr wollt sie verdammen, ihr, die ihr vielleicht — seht, zu solchen Eröffnungen bringt ihr mich — die ihr vielleicht keine von allen dreien besitzt? Euch zu Liebe breite ich mich über diesen Artikel nicht weiter aus, sondern lasse euch mit Fleiß diesen Dorn in eurem Gewissen, und gehe weiter. Er hat aber gestohlen, sagt ihr. Nun, gestohlen, gut — was ist denn? Seid ihr etwa gar noch Stoiker, und leugnet die Grade der Moralität? Ich weiß es so gut als ihr, daß es Diebstähle gibt, auf denen der Strang steht, und die ihn verdienen; aber ich weiß auch, daß es Diebstähle gibt, wobei man der ehrlichste Mann von der Welt sein kann. Denkt nur selbst nach, was heißt stehlen? Wenn ich nicht sehr irre, so heißt es so viel, als seinem Nächsten das Seine wider seinen Willen, ohne Gewalt entwenden. Ohne Gewalt, merkt es wohl, da 94 sitzt der Knoten, dcr euch Blödc so bedüstert hat. Aber macht das unehrlich? Nichts weniger. Denn sagt mir einmal, wie könnten so viel honnette Leute bei Hofe und in dcr Stadt, die den reichen Kauslcnten ihren Überfluß abnehmen, borgen und nicht bezahlen, so viele ehrliche Vormünder, die ihren Pupillen das Ihrige entwenden, wie könnten das ehrliche Leute sein? Es wird sich niemand unterstehen, auch sich nur im mindesten merken zu lassen, daß er es nicht glaubte, und man thut wohl. Warum schimpft man denn bei diesem armen Teufel von einem Juden von Morgen bis in die Nacht, und doch regt sich niemand? Deswegen, weil diese Personen nicht allein Belcscnhcit genug besitzen, allenfalls einen Beweis zu führen, sondern auch Macht, einer solchen massigen Bcrläumdung mit Nachdruck zu begegnen. Ich, dcr ich Gott Lob auch einen Beweis zu führen gelernt habe, trete also hiermit öffentlich für den Inden ans, und erkläre: Wer da sagt, daß dcr Jude ein Schelm sei, weil er gestohlen habe, der ist ein Lügner. Warum haben die Leute ihre Effecten nicht besser in Acht genommen? Hätte dcr Jude gefehlt, was ich aber nicht zugebe, so hat er weiter nichts als eine Pflicht gegen seinen Nächsten verabsäumt, das ist Alles; aber dcr Andere, dcr nicht beständig auf seiner Hut ist, verabsäumt eine weit heiligere Pflicht, die Pflicht gegen sich selbst, von welcher heutzutage die Welt und unsere besten Systeme dcr Moral so gerade abhängen, daß es ausgemacht ist: sollten diese Pflichten nicht mehr beobachtet werden, so ginge nicht allein Alles in der Welt zu Grunde, sondern alle unsere braven Phi- 93 losophcn hätten auch unrecht. Ich für meine Person hielte es also gar nicht für ungereimt, wenn man ein Gesetz gäbe, vermöge dessen der Dieb zwar eine Strafe geben, z. E. kti Pro- ccnt des Gestohlenen in die Schatzkammer, aber der Bestohlene, ohne weiteren Proccß, aufgeknüpft werden müßte. Ich habe auch bereits vernommen, daß das Licht dieses Gesetzes schon in einigen Provinzen unsers deutschen Vaterlandes dämmern soll, wo nämlich der Staubbesen und Verlust des Vermögens demjenigen drohen, von dem es stadtkundig wird, daß er von einem bekannten angesehenen Manne ist bestohlcn worden, und mau hat Hoffnung, dieses Gesetz auch auf die Spitzbuben vom Bauernstände ausgedehnt zu sehen. Noch unüberlegter räsonnircn diejenigen, welche da sagen: es könne deswegen mit dem Juden nicht so ganz richtig sei», weil er etlichemal im Stockhausc gesessen. Nun wahrlich, wenn dieses Argument nicht vom Zaune gebrochen ist, so verstehe ich es nicht. Meint ihr denn, jeder, der im Stockhause säße, wäre ein Mörder, ein Komödiant, ein Gotteslästerer, ein Possenreißer oder ein Straßcnräuber? O glaubt nur sicher, das sind zuweilen die ehrlichsten Leute, deren es innerhalb des Stvckhauscs eben eine solche Menge gibt, als Spitzbuben außerhalb. Die Geschichte des Ursprungs der Stockhäuscr bekräftigt dieses selbst, wie ich einmal in dem höchst raren Werke: Vom Ursprung der Lybes- und Lebensstrofen und deren tidigen Gebruk und Mod, so auf der Göttingischcn Bibliothek befindlich, gelesen habe. Die Stelle ist naiv und wegen des cigc- 90 um Dialekts merkwürdig, daher ich sie hier ganz einrücke. Es heißt nämlich daselbst, Seite 17: ,/In de olle Tiden, do wcrcn alle de Gewissen der Lüe (Leute) vecl gcnuer examinieret und de Schelmen und de Galgenschwengels veel scharpcr strost; man dcd nit vnscen de Pcrsohn, ob he was en gcmeen Kerl or ob he was en förnchmb Kerl, dat was alle like veel. Do wurden ups lest de Karzers so füll, bat en Nechtsman den Vorschlag dcd, ob es nit bettcr was, de ehrlikcn Lüe von de Galgenschwengcls aftosundcrn as de Galgenschwengels von de ehrlikcn Lüe, sint der Galgenschwengcls veel mehr weren als der ehrlikcn Lüe. Dcse Vorschlag dcd By- fall finden und man dcd hvie (hohe) Muren mct hoie Thoren upföhren umb de Städt und alle Stadt wurden Karzers för de Galgenschwengcls. Wann de Prediger or de Rcchtslüe (denn de weren de onlige (einziges ehrlikcn Lüe in en Stadt) saen (sahen) dat en Man hcd en Beassung (vermuthlich kommt das englische d/ass Hang, Neigung daher) to en chrlik Kerl, so sette se Hein ut den Dore, und let hcm sry. Dodurch seynd nach und nach Dörpers entstanden und erbuct worden, wo de ehrlikcn Lüe wohnten, de den Galgcnschwcngels in de Stadt ups leßt nit Eten und Drinken to toföhrcn vermögten, do dcd en hecl knnning (recht durchtriebener) Rechts Man, der selber en von den Galgcnschwcngels ma wcst syn, en ander Vorschlag, dat wyl der ehrlikcn Lüe veel to wenig weren, de ander to nn- derhollcn, so möte (müßte oder mögtc) man es med de Galgen- schwengelcy nit so gnu nehmen, damit der ehrlikcn Lüe mehr 97 worden, und es ward resvlvcert, dat kccn Keil für en Galgcn- schwcngel passccren sulde, wenn he nit cn arm Düvel were, or nit kunning (schlau) nugh ft)ne Muserycn tc> bergen, und biß wird trülig geholten bis up de» hütigen Dag. Do fand sich es denn sonn (bald), dat en cnselt Thvrm grvt nngh wer sör de Conventions-Schelme, de armen Düvels u." So weit unser Autor, woraus sattsam erhellet, daß es bloß von einem Zufall herrühret, daß diese Uuglücklichcn eingesperrt werden. Würde einmal (und man kann nicht wissen, ob sich dieses nicht einmal noch ereignen wird) ihre Anzahl großer als der Unsrigcn, so müßten wir in die Gefängnisse, wovor uns aber doch der Himmel bewahren wolle. Aber nun gesetzt auch, der Jude habe sich so aufgcführet, daß man ihn wirklich für einen Schelmen erkennen, und als einen solchen hatte einsperren müssen, glaubt ihr denn, daß er ohne so etwas zu uns übergetreten wäre. Bedenkt nur, wie kann ein armer Jude, der mit Kopf und Händen den ganzen Tag zu arbeiten hat, um nur Nahrung für heute zu finden, wie kann der sich hinsetzen, seine Religion und die unsrigc prüfen, und Argumente abwägen? Er könnte zehnmal verhungern, ehe er eine einzige unsrcr Berthcidigungcn oder Beweise der Wahrheit der christlichen Religion durchstudirt hätte und zu einem Entschluß kommen könnte. Allein die dunkeln Zellen eines Stock- hanses, wo Tod, Jammer und Verwesung uns aus jedem Winkel anfletschen; wo die Sorgen der Nahrung uns nicht quälen; wo beständiges Wasser und Brod zwischen Geist und Fleisch Friede machen, und der Wage des Urthcils die erwünschte Nich- III. 7 98 tigkcit geben, da ist der Ort, die Religion mit Mnße zu prüfen; da konnte der Jude Gründe gegen Gründe, System gegen System abwägen, da konnte er untersuchen, welches am besten gcrändct sei, die Äßchcn zählen, um welche jenes zu leicht und dieses zu schwer war; im Stockhause konnte er dieses thnn, nicht in seiner Hütte, nicht auf der Landstraße, nicht in der Synagoge und nicht auf der Wcchselbank. Ja es ist mir, indem ich dieses schreibe, als wenn mir innerlich etwas sagte: Der Jude hat mit Fleiß gestohlen und sich greifen lassen, um Muße zu bekommen, das Werk anzufangen. Widersprechendes hat es nichts in sich. O der Durst nach der wahren Lehre ist bei Manchem sehr brennend, und die Art und Weise, es mit dessen Löschung anzufangen, ist bei einem Menschen nicht wie bei dem andern. Beherzigt einmal dieses, betrachtet den Juden in diesem Licht und sagt, ob ihr, um des Evangelii willen, das wagen würdet, was er gewagt hat? Wie man eine Hand umwendet, so hätte er können aufgeknüpft werden. Bedenkt, aufgeknüpft, und nicht der Religion wegen, sondern als Spitzbube, als Schelm aufgeknüpft, ohne daß nur eine Zunge oder eine Feder je gesagt hätte: da hängt der Märtyrer. Wenn ich dieses Alles zusammen nehme, so werde ich immer mehr und mehr in einem Gedanke» bestärkt, auf den ich einmal bei Durchlcsung des vortrefflichen Büchleins des Herrn Bec- caria von Verbrechen und Strafen gekommen bin, ein Gedanke, der diesem Kopf von weit geringerer Polhöhe, als der mcinige (ich meine eben diesen scharfsinnigen Jtaliäner), cnt- 99 wischt ist. Daß nämlich Spitzbuben, Räuber und Beutelschnci- der, oder die nachhcrigcn Karregefangencn, Galeerensklaven und Arrestanten bei weitem die niedrigen, verwerflichen Glieder der Gesellschaft nicht sind, die man aus ihnen zu machen überall sich befleißiget. Sie sind zwar nicht das Salz der Gesellschaft, so »vthwendig sind sie freilich nicht, aber unter dem Pfeffer, dünkt mich, kann man ihnen einen Platz nicht wohl versagen. Denn man beliebe nur zu bedenken, wenn es keine Menschen mehr gäbe, die ihr Genie antriebe, sich der Karre oder der Galeere zu widmen, so müßten wir sogenannten ehrlichen Leute am Ende fürs Geld selbst hinein. Ich lebe auch in Wahrheit der Hoffnung, daß, so wie wir die Bastarde und die Schäfer jetzt unter die ehrlichen Leute rechnen, die unsere Vorfahren nicht dafür erkennen wollten, wir mit der Zeit auch dem bedrängten Orden der Spitzbuben eine ähnliche Gerechtigkeit werden angedeihen lassen. Ja, sie sind schon so gut als gesichert, wenn sich die mit Recht beliebte mitleidige Empfindsamkeit unter Nichtern und Ad- vocaten immer weiter ausbreitet, die für jeden Bettler ein Dreigroschenstück, und für jeden Eingekerkerten eine Thräne hat. O, Freunde, ich sehe schon mit Entzücken die Morgenrvthe einer empfindsamen peinlichen Halsgerichtsordnung über den Horizont von 1800 heraufdämmern, da niemand mehr im Gefängnisse lebendig modern, oder kein Unschuldiger mehr den Raben zu Thcil werden wird. Freilich werden alsdann unsere Gassen und unsere Landstraßen nicht mehr, ich möchte fast sagen, so schrecklich sicher sein als jetzt, allein wie Roth um das? 100 Wir schaff«! unsere, ohnehin unbrauchbaren Taschenuhren nur ab, und tragen an deren Stelle ein Paar weit nützlichere Ta- schenbnffcr, die bei hundert andern kleinen Vorfällen noch zu gebrauchen sind. Dieses könnte für mich und den Juden schon hinlänglich sein hier aufzuhören, wenn es mir bloß um den Ruhm eines guten Logici oder Advocaten zu thun wäre; aber h ö h er e Pflich- ten fordern von mir, weiter zu gehen, und zu zeigen, wie viel natürliche Bosheit, modischer Leichtsinn, ja sogar, wenn ich es recht genau nehme, Gotteslästerung in euren schändlichen Äußerungen verborgen liegt. Vor allen Dingen sagt mir einmal, glaubt ihr, daß ein Jude, als Jude, selig werden könne, oder nicht? Doch ich will nicht hoffen, daß ihr glauben werdet, daß wir dereinst im Paradiese wieder mit Juden umgehen sollen. Ihr gebt also zu, daß jeder Jude, der als Jude stirbt, im höllischen Feuer mit dem Teufel und seinen Engeln ewig glühen muß, und so weit, Freunde, denkt ihr anständig und billig. Allein nun frage ich euch: kann wohl ein Jude, der nun einmal ein Opfer der ewigen Flamme werden soll, und zu dessen Verdammung Gott seine weisen Ursachen gehabt haben muß, seine Sache dadurch schlimmer machen, daß er hingeht und ein Paar Gänse stiehlt, wofür er eingesteckt wird ? Merkt ihr wohl, wo ich hinaus will? Gott hat sie verstoßen, und wir dulden sie dennoch, bis sie uns erst ein Paar Groschen stehlen, alsdann verstoßen wir sie auch. Ei, wer sind wir denn? wir Würmer, wir Staub? daß wir Geschöpfe, die vom höchsten Richter ver- 101 werfen sind, gleichsam noch auf die Probe annehmen, um zu sehen, ob sich auch jener Richter nicht vielleicht geirrt herbe. Ich will es ench selbst überlassen, die schrecklichen Conscqucnzcn hier- .rus zn ziehen, und nur noch im Vorbeigehen die kleine Anmerkung machen: daß ich es zur nicht tadle, wenn ihr diese Verworfenen verfolgt, ja, ich glaube, ihr könnt den Himmel verdienen, wenn ihr O! Er dort oben weiß es, daß meine Absichten gerecht sind — mit der Schäfte des Schwerts — doch ihr versteht mich, lieben Bruder ! — ich tadelte euch nur dcßwc- gen, daß ihr den Geist der erlaubten Verfolgung erst durch ein nichtswürdiges, weltliches Vergehen habt in euch erwecken lassen. Nun rechnet einmal zusammen nnd zieht eine Summe, was heißt dann nnn ener ganzes elendes Geschwätz: wir wundern uns, daß man einen Betrüger undSpitzbuben znrTanfc läßt? Heißt es nur eine Sylbe mehr, als: wir wundern uns, daß man einen Juden znr Taufe läßt, oder daß man einen Fcbricitanten zum Arzt weiset. Seht, so schal, elend, neidisch und gottcsvcrgcsscn sind eure Reden, daß man es mir nicht verdenke» könnte, wen» ich einmal die Ruthe gegen euch gebrauchte; aber ich will mich diescs- mal damit begnügen, sie euch über den verstockten Köpfen geschüttelt zu haben, und weiter gehen. Was sagt ihr denn von dem andern Juden, der in G . . . . selbst getauft worden ist? Ist der etwa auch ein Betrüger? Wie? Nein! Selbst unter euren fertigen Lästerzungen zählt man kaum zwei oder drei, die ihm etwas anzuhängen gctrach- 102 tet haben. Ja, ihr wißt so wenig von ihm, daß ihr nicht einmal sagen könnt, wo er her ist; ein Glück für den armen Mann, sonst würden gleich zwanzig aufstehen und sprechen: ich habe einenBriefbekommen; oder ich habe einen Durchreisenden gesprochen, der hat mir gesagt: er sei ein unruhiger, sich verstellender Landstreicher; wir sollten uns durch seine Demuth nicht blenden lassen, maßen das ja bekanntlich die Tugend aller Schelmen sei; dort würde ein anderer schreien: recht, das ist er, ich habe ihn in einer Zeitung beschrieben gelesen, er ist aus einem Gefängniß entsprungen. Aber so kann man mit Recht von ihm sagen, was ein sonst gottesvcrgcssener Zwcideutigkeitcnreißcr sehr schön von einem Unschuldigen sagt: Die scharfsichtigste Verläumdung kann nicht das kleinste Häkchen an ihm entdecken, um auch nur den geringsten Verdacht daran zu hängen. Denn ich will um aller Welt willen nicht hoffen, daß ihr ihm als ein Vergehen anrechnet, daß er neulich, als er einen seiner ehemaligen Glaubensgenossen besuchte, etwas mitgenommen hat. Mitgenommen, sprechen die Leute, das ist die wahre Sprache der kriechenden, ängstlichen, raunenden Verläumdung, die, wenn sie sonst nichts, sich im Fall der Roth zu decken, finden kann, sich im Worte selbst noch einen Schlupfwinkel baut. Warum sagt ihr nicht gleich gerade heraus, gestohlen? Aber ich habe Materie genug, ich will dieses ungebraucht liegen lassen und lieber gleich fragen, um kurz von der Sache zu kommen: wem hat er es gestohlen? Einem Juden oder einem Christen? 103 Einem Juden, sagt ihr. Also gut. Zeigt aber dieses nicht eine cdclmüthigc Verachtung seiner ehemaligen Glaubensgenossen an? und daß eine wahre Sinnesänderung bei ihm vorgegangen ist? Wer nicht recht bis auf den Boden bekehrt ist, wird immer heimlich seinem alten Glauben anhangen und heimlich seine ehemaligen Bruder lieben. Aber wie edel ist dieses nicht! Nicht einmal so viel würdigt er sie, daß er seinen Fingern Einhalt thut, welches wir alte Christen doch noch selbst gegen die Ungläubigen thun. Sollte man die That auch nicht billigen, so ist doch nicht zu leugnen, daß der Anlaß dazu etwas verräth, was man mit den Hcrrnhutern ein gesalbtes Wesen nennen möchte. Alles Übrige, was man von ihm weiß, gereicht ihm zur höchsten Ehre, daß er das Hebräische tief studirt hat; daß er sich auf die Sterne versteht und im Stande ist, ein ehrliches Stück Brot mit Wahrsagen aus den Händen zu verdienen u. dgl. Mir ist zwar nicht unbekannt, was die heutigen superklugen und namentlich die Professoren zu G ... . gegen sein Hebräisch einwenden: er verstände kein Arabisch. Gut, er versteht auch keines, aber dafür ist er ein geborner Jude, und das sind wir nicht. Im Englischen läßt sich Vieles durch das Plattdeutsche erklären, lernen deßwcgen die Engländer Plattdeutsch ? Keincswegcs. Und am Ende sagt mir, wessen Sprache ist das Hebräische? Des Volkes Gottes. Gut. Wessen Sprache ist das Arabische? Des Volkes des Teufels. Nichtig. Aber nun sagt mir ferner ums Himmels willen, muß man, um die Sprache des Volkes Gottes zu erlernen, beim Volk des Teufels in die 104 Schule gehe» ? Ich weiß wohl, daß wir es thuu , adcr wenn der Teufel hierunter keine Ränke hat (sagt nur, ich hätte es gesagt), so ist der Teufel nicht mehr. Er sucht unsere beste» Leute alle an diese Grenze zu locken, und auf der andern Seite, wo Alles offen ist, auf der Fleisch- und Blutscitc, fällt er ein, und fouragirt uns Alles weg. Ich will zwar damit nicht in Abrede sein, daß man dem Teufel manches herrliche Schlüpfloch mit einer arabischen Etymologie mag verkleistert haben; aber daß es so gar nöthig sei, kann ich mir deswegen nicht vorstellen, weil einige Hauptmänner unserer Kirche nicht einmal das Hebräische verstanden haben. O ich erinnere mich »och immer mit Vergnügen an meinen seligen Herrn Taufpathcn, den Herrn Doctor und Consistorialrath W ... . Sic waren der ansehnlichste, liebreichste Mann, hatten eine rechte Segensmicne, eine rechte Gnade im Predigen, und verstanden, wie Sie sich zuweilen, wenn Sic aufgeräumt waren, merken ließen, kein Wört- chcn Hebräisch. Ja, ich darf kühn behaupten, hat jemals ein Mann die Kanzel und den Beichtstuhl mit Anstand gefüllt, so waren Sic es. Wieder auf die Gelehrten zu kommen, wer unparteiisch sein will, der muß bekennen, daß sich in unsere Bibelcrklärnngcn ein gewisser schädlicher Lnrus eingeschlichen hat, so daß man wünschen mochte, Michaelis, Kennieot und Schultens hätten die Küsten von Arabien nie befahren. Sic haben uns allerlei Lcckcr- bißlein von dorther zugeführt, ohne die sich sogar die Wcibs- stllhlc in den Kirchen jetzt nicht mehr wollen abspeise» lassen. 105 Wie viel bequemer und gesünder wäre es, wenn sie uns in unserer Einfalt, bei unscrin Nvggcnkaffec und Gerstcnbier, ich meine bei Luthers Übersetzung gelassen Hütten, so kennte man sein Gcdüchtniß auf andere Dinge verwenden, womit dem Menschen mehr gedient wird; die Prediger konnten ihr Geld, das jetzt für arabische Lcrika, Nciscbcschrcibungcn und neue Bibelübersetzungen weggehet, in der Haushaltung gebrauchen, ihre Besoldungen würden hinreichen und sie hätten nicht nöthig, den ganzen Tag die Arbeitsleute zu hüten oder auf der Zchntwachc zu stehen. Dem sei aber wie ihm wolle, so muß man keinem ehrlichen Menschen vorwerfen, er verstehe etwas gar nicht, wenn er es nicht so versteht, wie andere Leute, von denen man weiß, daß sie es verstehen. Denn zwischen dem, ein Ding verstehen und ein Ding nicht verstehen, gibt es viele Classen, in denen sich Vro des menschlichen Geschlechts ganz commode aufhalten. Man könnte, wenn es nöthig wäre, aus allen Stünden viele Beispiele von Leuten anführen, die ihr Amt mit Anstand geführt und doch nicht verstanden haben, was dazu nöthig ist; also kann es einem keine Schande mache», etwas nicht zu verstehen, das man sich zu verstehen ausgibt, und ist Bosheit, jemanden ein solches menschliches Gebrechen vorzurücken. Aber, höre ich euch sprechen, sind die Astrologie und Chiromantie nicht herrliche und einem Christen höchst an stü n d i g c W i s sen s ch a st c n? O ihr Schälke, ich sehe es wohl, daß ihr dieses nur aus Spott sagt, aber höchst 106 alberner Spott ist es. Warum einem Christen unanständig? Glaubt ihr etwa noch, der Teufel mische sich drein? ihr Einfältigen. Der Teufel weiß es so gut als ihr, daß man mit dergleichen Wissenschaften nicht mehr weit kommt, es müßte denn unter den Blöden sein. Nein, wenn er Menschen verführen will, so weiß er es besser anzufangen, er bringt sie zu Mord, Hurerei, zweideutigen Einfällen, Straßenraub, verliebten Komödien, Traucrspielschreiberei, Mordbrennern oder Vcrläumdung getaufter Inden; das thut der Teufel, er macht einen Käsebicr') oder Shakespeare") aus euch, läßt euch euren Nächsten um das Seine bringen, oder gar lachen machen, wenn er beten konnte, da geht er sicherer. Mit Stern- und Händegucken hat Fleisch und Blut nichts zu schaffen, und ihr könnt mir glauben, wo der Teufel nicht eines von diesen beiden wenigstens zur Decke nehme» kann, da bleibt er gewißlich weg. Nein, wenn ihr denn doch etwas sagen wollt, so sagt lieber, es vcrräth eine Schwachheit des Verstandes bei dem Juden, und da will ich gerne schweigen, nicht als wenn ich euch recht gäbe: gar nicht; sondern weil mich dieses nichts angeht. Hier will ich nur beweisen, daß er ein guter Bekehrter, und bei Bekehrungen haben wir ja mit dem Verstände nichts zu thun. Ein Lahmer am Verstände kann so gut selig werden, als ein Lahmer am Leibe. Ja, man hat durch vielfältige Erfahrung befunden, daß ein etwas ') Ein deutscher Straßenräuber. ") Ein englischer Tragödienschrciber. 107 stumpfer Verstand, oder die Art Leute, von denen man zu sagen pflegt, sie hätten das Pulver nicht erfunden, zur Bekehrung und geistlichen Behandlung die fähigsten sind. Der Wurm des Zweifels nagt sie nicht und der Geist des Widerspruchs Plagt sie nicht. Übrigens wer hat euch denn gesagt, daß die Chiromantie eine so gar nichtswürdige Kunst sei? Daß man aus dem Gesichte wahrsagen könne, ist ausgemacht, und ihr selbst habt Manches, was ihr von diesen Neubekchrtcn sagt, aus ihren Gesichtern geschlossen. Ich war selbst einmal in einer Gesellschaft, wo einer sagte: Sieht der hiesige Jude nicht aus wie Oliver Cromwcll? und nickte mit prophczeihcudem Stillschweigen; wie Richard Cromwell, sagte ein Zweiter, und lächelte sicher; wie Sancho Pausa, sagte ein Dritter, und lachte ganz laut. Gehl aber dieses bei dem Kopfe an, so geht es auch bei den Händen an'), da bei ganz andern Leuten, als wir sind, die Hände ') Der Aufschub, den der Abdruck gegenwärtiger Vertheidi- gung erlitten, setzt mich nunmehr in den Stand, dem Leser sagen zu können, daß ich meine vor zwei Jahren im Text geäußerten Muthmaßungcn und Gedanken durch den Beifall eines jungen Gelehrten vom ersten Rang, ich meine des Hrn. Diarönt Lavaters, bestätigt sehe. Es sagt nämlich derselbe in dem 2ten Thcile seiner vortrefflichen Physiognomik, daß man aus den Händen den ganzen Mann erkennen könne. Wohlverstanden, er meint nicht bloß, daß man dadurch einen Grobschmidt von einem Accoucheur, einen Matrosen von einem Lau- tcnistcn, oder einen Blaufärber und Hutmacher von einem Bcckerknecht unterscheiden könne, sondern daß man sehen könne, ob Jemand ein Christ oder Antichrist, ein Genie oder Non-Genie, eine Jungfer oder Non-Jungser, ein Spitzbube oder ehrlicher Kerl sei, das ist, finden, ob einer mit Strichen oder mit Flurioncn rechnet, ob die Hand, die ich suhle, mir etwas in den Hut werfen oder ans der Fickc ziehen will w. Es ist demnach jener Gebrauch der sich Schämenden, daß sie die Hand vor das Gesicht halten, höchst ungereimt, denn die Hände, und nicht das Gesicht, sind die Fenster in der Brust. Es kommt mir dieser Gebrauch eben so thvrichl vor, als wenn jemand, den man im Hemde überraschte, aus Scham sein Gesicht mit dem Zipfel desselben zudecken wollte. Kopfsdicnstc lhun müssen. Daher liest man häusig von Gespenstern, die ihre Köpfe in den Händen, aber nie von welchen, die ihre Hände im Manle herumgetragen hätten. Unsere Vorfahren, die wahrscheinlicher Weise diese Historien aus weisen Absichten erfunden haben, um in diesen vclüoulis schon in der zarten Kindheit durch die Ammen den Kindern allgemeine Wahrheiten beizubringen, haben vcrmuthlich damit sagen wollen, was Andere anders bewiesen haben: ohne Hände sei nichts anzufangen, aber der Kopf sei nur eine Art von Hut, den man zwar zuweilen trage, der aber bei den eigentlichen Gallabegebcnhcitcn unscrs Lebens abgenommen werden müsse. Daher auch die gütige Natur dem Menschen zwei Hände, aber nur einen Kopf gegeben hat. Eben so viel und weit mehr noch konnte ich für die göttliche Astrologie anführen, wenn es nicht eine unerlaubte Verschwendung wäre, Zeit und Papier in Verthcidigung des Vcr- 109 standes eines Subjccts gleichsam wegzuwerfen, die man besser zur Vcrthcidignng des Herzens desselben anwenden kann. Ich hasse es nunmehr se> weit gebracht zn haben, daß wohl nicht leicht jemand unter euch mehr aufstehen und den abgenutzten allen Gemeinvrt aller Berläumdcr, womit sie ihren Nächsien anzuschwärzen pflegen, ich meine die höchst zweideutigen und schwankenden Stichelreden von Stehlen, Betrugen, La ndstr eichen n. f. w. gegen meine Freunde gebrauchen werde. Da also dieser Schlupfwinkel abgeschnitten, so hoffe ich euch nun mit Hälfe der Philosophie noch ans dem letzten heraus zu treiben. Ihr sagt, es könne nicht geleugnet werden, daß nicht die Beweisgründe, sondern die Mettwürste das Beste bei der Sache gctha» hätten. Einfältig. Als wenn Mettwürste nicht auch Beweisgründe wären. Wen» ihr Logik gehört hättet, so würde ich gerade sagen, ihr wäret Tröpfe, und euch sofort in die Schule schicken; da ihr aber Leute seid, die nicht einmal wissen, wie Leib und Seele auf einander wirken, ja die zum Theil das Wort Psychologie nicht einmal buchstabircn können, so muß ich euch nur diese Kleinigkeiten erklären. Daß man Krankheiten der Seele, worunter bekanntlich der ansteckende Papismus und der bösartige Judaismus die fürchterlichste» sind, und wodurch mehr Seelen an einem Sonntage oder an einem Sonnabend hingerafft werden, als an den schrecklichen Abenden zn Drnrylane') in einer Komödie oder in einem ') Eine Gegend in London, wo ein Gebäude befindlich ist, Ballet; daß man, sage ich, solche Krankheiten nur durch moralische Mittel heilen könne, ist ein Vorurtheil, welches unsere alten Seelenquacksalbcr von einem ähnlichen der gemeinen Quacksalber und Marktschreier hergenommen haben. Diese letztem haben nämlich lange geglaubt. Krankheilen des Körpers ließen sich nur durch physische Mittel Heileu. Wie unsere guten Alten aber in diesem Punkte haben im Finstern herum tappen können, verstehe ich nicht so ganz recht. Denn laßt sie Jnflurionistcn, laßt sie Occasivnalisten, laßt sie Har- monisten gewesen sein, ja laßt sie mein bekanntes Pulver- systcm') gekannt haben, welches zwischen das erste und zweite der oben erwähnten fällt; so hätten sie allemal auf diese Entdeckung gcrathen müssen. Man hat aber freilich den Grund dieser und mancher andern Oscitanz unserer Väter in der besondern Einfall und dem guten Herzen derselben zu suchen, wovon ihnen der Himmel, zum äußersten Nachtheil ihres Verstandes und Witzes, doppelte Portion zugemessen hatte. Mit der Entdeckung ist es ungefähr so zugegangen. Die Ärzte haben nämlich schon lange bemerkt, daß man, um gewisse Krankheiten zu heilen, die Arzneien auf die den kranken Glieder» gerade entgegengesetzten Thcile des Leibes applicircn müsse. Wenn jemand z. B. ein Brausen in den Ohren verspürte, so steckte man ihm in welchem unter der Anfuhrung eines berüchtigten Bösewichts, Namens Garrik, dem Teufel sechsmal die Woche göttliche Ehre erwiesen wird. ') Hiervon wird unten geredet werden. III die Füße in laulichtcs Regenwasscr; hatte der Schlag jemanden auf der rechten Seite gelähmt, so öffneten sie eine Ader auf der linken; hatte jemand die Krätze auswendig auf der Haut, so schmierten sie den Patienten nicht auswendig, sondern inwendig; saß endlich die Seele jemanden auf der Zunge, gut, so legten sie Blasenpflaster auf die Waden. Ja, Einige gingen so weit, daß sie glaubten, unheilbare Krankheiten könnten ihren Sitz nur in solchen Thcilcn des Leibes haben, die keine entgegengesetzten hätten, und daß der Tod diejenige Krankheit sei, die den Ärzten seit jeher am meisten zu schaffen gemacht, rühre einzig und allein daher, daß er alle Theile auf einmal so angreife, daß gar keine entgegengesetzten mehr übrig blieben. Dieses war auch die Zeit, da man, wenn die Frau in Kindesnöthen war, den Mann in einen Topf blasen ließ, oder daß sich der letztere gar in das Bette legte, wenn die erstere durch eine Niederkunft geschwächt worden war. Nun war nur noch ein kleiner Schritt zu thun, so leicht, daß, sobald er gethan war, jedermann gleich sah, daß er ihn auch Hütte thun können. Der ihn aber gethan hat, ist vergessen, so wie es allen den>enigen brave» Männern geht, die ihre Entdeckungen auf der geraden Heerstraße, und nicht auf absichtslos angestellten Streifcreicn, und von ungefähr machen. Der Schritt war folgender: Die Seele ist ein dem Körper gerade entgegengesetzter Thcil des Menschen, wie also, wenn man alle Krankheiten, namentlich die, deren Sitz in der Fläche liegt, durch welche der Mensch in zwei gleiche und ähnliche Hälften gctheilt wird, durch eine auf die 112 Seele applicirte Cur zu heilen suchte? Und umgekehrt, Krank- heiten der Seele durch Mittel um Leibe. Seht, dieses ist die ganze, simple Theorie der Hcilart, von der ich jetzt etwas Mchreres ge- denken werde. Einen recht herrlichen, gründlichen und dabei faßlichen Beweis von der Nichtigkeit der Hcilart selbst, bei Krankheiten des Leibes sowohl, als deren gehöriger Übertragung auf die Krankheiten der Seele gibt das Beispiel von den beiden zusammengewachsene» Madchen, wovon man in zwei, sonst unter uns Geistlichen unbekannten Büchern, ich meine in den '1 ransactionibus plülosoplstris und in Hrn. Ncimari, eines Weltlichen, Buch: von der natürlichen Religion, Nachricht findet. Die Sprüchwörtcr, oder die Philosophie der Thoren, spricht zwar den Gleichnissen die Stärke eines Beweises ab, omno si- inile olaucüoat, sagen sie, ferner similia illustrant, non Proliant, welches einer von uns, aber ein scanüalum eoclosiae, der Prä- bendarius Sterne zn Port »ist ir roö 710^'? nach seiner ftnrrilen Unart durch: Brillenwischen ist noch kein Syllogismus, übersetzt. Aber was hat man sich um solche Possen zu bekümmern, man muß ihnen nicht einmal die Ehre anthun, sie wegzuräumen, wenn sie über den Weg hinliegcn, sondern gelassen und frisch zu marschiren. Diese Mädchen waren das vollkommenste Ebenbild von Leib und Seele, das man seit der Schöpfung gesehen hat. Durch diese Erscheinung hat gleichsam die Seele den Weltwcisen, nach einer Blocade von ein Paar tausend Jahren, die Schlüssel zu ihren Geheimnissen präsentste» müssen. Diese Mädchen waren von Jugend an zusam- kI3 mengcwachsen, wie Leib und Seele; eine war munterer, geistiger Nntur und stellte die Seele, die andere trag und schläfrig und stellte den Körper vor. Sie halfen sich wechselswcise, wie Leib und Seele, und lagen sich zuweilen einander in den Haaren wie mut. mut. Leib und Seele auch. Zuweilen wollte die eine da hinaus, wenn die andere dort hinaus wollte, da denn die stärkste die andere auf den Buckel nahm und hinging, wo sie hin wollte, so wie wir an Leib und Seele sehen. War Helena lustig, flugs war es Judith (so hießen sie) auch; hingegen ließ Lencheu den Kopf hängen, so hielt ihn Jüdchen auch nicht mehr. Doch hatten beide auch eigene Krankheiten, und da hat man denn Folgendes befunden. Wenn Jüdchen sich den Magen überladen hatte, so wurde Lenchcn purgirt; hingegen schlug man Jüdchen eine Ader, wenn Lenchcn über Wallung klagte. Versuhr man anders, so wurde der einen nicht allein nicht geholfen, sondern die andere wurde auch krank. Die Ursache davon liegt am Tage, denn daß Euren Krankheiten sind, kann man außer den schönen Beweisen, die Hr. Unzer in seinem Arzt für diesen Satz anführt, allein schon daraus sehen, daß man daran sterben kann. Hatte nun eine von beiden schon eine Krankheit, und man kam mit noch einer angezogen, so mußte allerdings die Verwirrung so groß werden, daß sie sich auf die audcrc erstreckte. Ans diesem Allen gehörig zusammen genommen, erhellet nun sonnenklar, daß man bei Scclcukrank- hciten die Mittel ans den Leib applicircn müsse. Ja, wenn man die Alten nachschlagt, so findet man, so wie überhaupt III. 8 114 von allen unser» leidigen Entdeckungen, schon Spulen dieser Heilart, die schon ihren bloß natürlich guten Köpfen nicht entwischt ist. Die Ruthe ist nämlich schon seit jeher als das kräftigste Mittel gegen einige Krankheiten des inneren Kopfs bekannt gewesen. Freilich hat diese ihre besondere Wirksamkeit auch dem doppelten Gegensatz zu danken, der bei ihrem Gebrauche Statt findet. Denn erstlich wird sie nicht bloß auf den Leib, als das Entgegengesetzte der Seele, sondern auch auf einen solchen Thcil des Leibes applicirt, der dem Kopfe, als dem Sitze derselben, gerade entgegengesetzt ist, zumal wenn der Mensch im natürlichen Zustande ist, und auf allen Vieren geht. Vom Jrrthum abbringen, heißt aber bekehren, also bekehrte man schon lange durch körperliche Mittel. Ja, iu dem klugen England sind daher täglich an die lölw Hände beschäftigt, selbst erwachsene Herzoge und Lords auf diese Art zur Wahrheit zu führen und von der angcborncn Unart abzubringen. So wie man nicht alle Krankheiten mit Rhabarber und China heilt, sondern auch zuweilen wahre Lcckerbißlcin, Zunge, Magen und Herz stärkende Tropfen, warme, kräftige Brühe» und wohlriechende Ausschläge gebrauchen muß, so eben auch hier. So versprechen die gelehrten Gesellschaften Sl> Ducaten demjenigen Körper, dessen Seele die beste Abhandlung über eine gewisse Materie liefert, und heilen dadurch oft die Schlafsucht, in welche die Seelen eines ganzen Districts verfallen waren; die Gesäße eröffnen sich, die Ideen sammeln sich und die Schlüsse ergießen sich. So könnte ich mit leichter Mühe hundert Beispiele anführen; allein 115 was dem Schriftsteller gar zu leicht wird, muß er dem Leser überlassen. Ich fahre also in der Hauptsache nunmehr wieder fort. Ich habe nämlich die Antwort auf die Frage: ob die Bekehrung, die durch Mettwürste geschieht, billig und rechtmäßig, ob solche Christen für ächte zu erkennen, oder ob ste, wie die Prinzen vom Berge Libanon, oder wie die Grcifswaldischcn Magister zu Upsal, nicht für roll anzusehen seien, dahin gebracht, daß nur ein Unmündiger oder Verstockter noch an der Gültigkeit solcher Christen zweifeln kann. Denn ich will nicht hoffen, daß ihr euch an dem Worte Mettwurst stoßet, alsdann könnte ich euch wiederum eure kindische und recht läppische Art zu denken vorrücken, denn während als ihr Andere verlacht, die sich durch Mettwürste haben bekehren lassen, laßt ihr euch selbst durch den Schall des Worts Mettwurst verleiten, die Schwere eines überwiegenden Arguments nicht zu fühlen. Welches ist ärger? Sprecht, ihr Kurzsichtigen, wenn ihr anders gefaßt habt, was ich euch gepredigt habe. Doch aus Liebe zu euch, aus Mitleiden mit eurer Blödsinnigkeit und weil ihr von dem Lommvr- cio aiümae ct corporis gänzlich nichts wißt, nehme ich mir die Mühe, euch etwas in die Seelenlehre zu führen, ob ich gleich weiß, daß solche Sachen selten haften, wenn sie nicht zur Zeit des leidenden Stndircns erlernet werden, so lange sich nämlich der Probirstein, ans den im Alter Alles gestrichen werden soll, noch selbst ein wenig nach den Sachen bequemt. Wenn ich sage, daß jemand durch eine Mettwurst ans eine bessere Meinung vcr- 8' 116 leitet werden könne, so verbinde ich damit keinen so rohen Begriff, als ihr vielleicht denkt. Ich meine nicht, daß ein Geruch- thcilchcn, das sich von der Wnrst losreißt, durch einen Stoß die Seele auf andere Gedanken bringen könne. Dieses sind rohe, sündliche Ideen, die von Anfang zwar der Einbildungskrast etwas schmeicheln, aber ehe man sich es versieht, so steht man in der Mitte zwischen La Mettrie') und dem Teufel. Ein körperlicher Stoß ist noch kein gcistischer Bewcgungsgrund. Wenn Geruch- thcile durch ihren Stoß den Gedanken hervorbringen könnten, oder der Gedanke die Bewegung wäre, so müßte umgekehrt der Gedanke die Gcruchthcilchcn wieder stoßen können; mit einem Wort, man würde in den meisten Füllen riechen können, was die Menschen denken, und so mit andern Sinnen. So ist es nicht. Es sind zwar von der Nase bis an die Seele, vorausgesetzt daß sie zu Hause ist, etwa drittchalb Pariser Zoll, wenn man zwischen allen Meinungen ein arithmetisches Mittel nimmt. Aber, wohlverstanden, jenes bleibt immer die erste, und dieses die letzte Instanz, und nichts kann doch weiter von einander sein, als das Erste und das Letzte. Ich stelle mir die Sache so vor (und dieses ist mein oben erwähntes System, welches ich, wegen des Anlasses zur Erfindung, das Pulvcrsystem genannt habe). Alle Entschlüsse, von dem sich selbst zu ermorden angerechnet, bis zur Sclbstvergötterung und allen unendlich dazwi- ') Julien Ojjroy de la Mettrie, geb. 170L, gestorben 1751. Arzt, bekannt durch seine materialistischen Ideen. 117 schen fallenden, liegen in der Seele, so wie der vor lixus im Schießpulver, und so wie diesen ein einziges Fünkchcn lösen und die fürchterlichsten Wirkungen hervorbringen kann, so eben auch da. Ihr berührt mit einem kleinen Finger den Drücker einer Flinte, und ein Schwein sinkt in den Staub. Eine Wurst- partikcl trifft den Geruchnerven eines Juden, und der Jude wird bekehrt. So, glaube ich, liegt in allen Juden der Entschluß, sich taufen zu lassen, nur das Fleckchen, wo das lösende Fünk- chcn auffallen muß, ist uns verborgen. Bald ist es hier, bald dort, ja bei diesem Menschen anders als beim andern, der geräth in Flammen dnrch leibliche, der durch geistische Zündmaterialicn. Ich verbitte mir alle Einwürfe, und versichere, daß ich sie alle heben kann, aber es erfordert mehr Zeit, als ich darauf zu verwenden verbunden bin, da überhaupt diese ganze Ausschweifung ein Lcckkuchcn ist, den ich euch aus väterlicher Liebe vor eure losen Mäulcr halte, und den ich ganz hätte können stecken lassen. Weil ich aber aus vielfältiger Erfahrung weiß, daß der Ungläubige einen Beweis in geistlichen Dingen nicht glaubt, wo er nicht die Sache auch im Weltlichen wahr sinket, so will ich noch ein Beispiel anhängen von einer sonderbaren Seelcnwir- kung, welcher durch einen physischen Stoß, nach meinem Pul- versystcm, Luft gemacht worden ist, woraus ihr zugleich sehen könnt, wie wunderbar zuweilen die Natur bei einem Menschen das zu einem Entschluß gehörige Züudloch angebracht hat, so daß ich glaube, daß eine vollständige Theorie dieser Zündlöcher der höchste Flug des theorisirenden Menschen wäre, wogegen 118 des albernen, oberwähnten Präbcndarii Steine, mit so vielem prahlerischen Wörtcrkram versprochene Theorie von den Knopflöchern, wahres Kehricht und Sentinischcs Gewasch sein müßte. Die Geschichte ist die: Warum der Mond ohne Nagel und Strick dort oben hängt, ohne uns auf die Köpfe zu fallen, wenn wir drunter weggehen, hat ein alter Inspektor bei der Münze zu London crrathcn, als ihm einmal ein Apfel, der nicht größer als eine Faust war, von einem Baume auf die Nase fiel. Nun haben die Philosophen über diese Materie seit jeher schon in ihren Nasen gegrübelt, auswendig daran gegrübelt, den Zeigefinger daran gerieben, die ganze Nase in ein Buch gesteckt, sie wieder herausgezogen, in die ganze Hand genommen, Brillen darauf gesetzt, sie an die Tubos angestoßen, ja gar, wie Thüles und Bianchiui'), bei der Nacht beim Obscrvircn gestolpert und darauf gefallen, und doch haben sie das Fleckchen nicht getroffen, vcrmuthlich weil es bei allen diesen Leuten nicht auf der Nase gelegen hat. Hier bei diesem Manne war die Entdeckung gemacht, so wie der Apfel die Nase berührte. Fühlt ihr nun die Stärke der Demonstration. Ob ich aber gleich gezeigt habe, wie eine solche Bekehrung als gültig ohne weitere Probe zu erkennen sei, so müßt ihr wissen, daß es doch theils »och feiner mit der Bekehrung zugegangen sein kann, und wie ich aus gewissen Umständen schließen kann, wirklich zugegangen ") Franz Bianchini, geb. 1662, gest. 1729. Theolog u. Mathematiker. 119 ist, thcils auch die Leute keine Borwürfe verdienen wurden, wen» es auch noch grober und körperlicher zugegangen wäre. Nun habe ich euch zwischen zwei Feuern, und außerdem könnte ich euch noch in die Lust sprengen. Ich sage es euch voraus, entgehen könnt ihr mir nicht mehr, ihr mögt gelindere Saiten aufspannen oder gröbere, oder auf den alten fort fiedeln. Laßt einmal sehen, was ihr anführen könnt, zu beweisen, daß die Würste nicht die Veranlassung, sonder» die Hauptnrsachc gewesen wären. Der eine Jude, sagt ihr, und meinet den hiesigen, habe sich gar nicht halten können, und lange vor der Wiedergeburt Wurst gegessen, damit habe sich der Betrüger verrathen. Schweigt mit den satyrischen Beinamen stille, sage ich euch, könnt ihr denn keinen Menschen anklagen, ohne solche schielende Ausdrücke zu gebrauchen? Ich sage, die Handlung ist edel. Wurst essen ist eine christliche Handlung, wozu ein neubekchrter Jude am ersten Gelegenheit, zumal in G findet, wo man in alle» Häusern welche antrifft. Hingegen zur Ausübung anderer Pflichten eines Christen, als z. B. der allgemeinen Menschenliebe, Verträglichkeit, und zur Erfüllung des Alles was ihr wollet, dazu sitzen die Gelegenheiten nicht so dick, ja es hat wohl eher graubärtige Christen, und selbst welche unter uns Geistlichen gegeben, die in ihrem ganzen Leben nicht ein einzi- gcsmal dazu haben Gelegenheit finden können. Ich glaube noch immer, die Würste waren eine Nebensache, denn haben sie nicht alle beide ihr Glaubcnsbekcnntniß mit dem gehörigen Gesicht abgelegt? oder sie sind just der unendlich kleine Ausschlag ge- wcsen, der noch nöthig war, die schon bereits sinken wollende Schale niederzudrücken, und da ist eine Wurst allemal etwas, so lange man nicht beweisen kann, daß sie gar nichts ist. Ich stelle mir vor, der Jude fand ciue Gleichheit der Gründe sür beide Religionen; ich schließe dieses aus dem Gesichte, das er einmal machte, als er mir auf einem einsamen Spaziergange begegnete, und nun hing er zwischen zwei Religionen wie Buridans Esel zwischen zwei Hcubüschcln, hier kamen die Würste auf uusrcr Seite dazu, nun drehten sich erst die Augen, dann der Kopf, und so war es geschehen. Ohne diesen Umstand hätte er zwischen zwei Religionen unschlüssig hängen können, bis ihn der Teufel abgeschnitten hätte. Gesetzt aber auch, das wäre Alles nicht gewesen, die Würste sollen ihnen einmal weder die Augen zum Beweis geöffnet, noch auch zum Anlaß gedient haben, ihr Licht leuchten zu lassen, sondern sie sollen schlechtweg dadurch bewogen worden sein, Christen zu werden, ist denn das so etwas gar Entsetzliches? Ich sehe es nicht ab. Denn für das Erste, so heißt bekehren so viel, als werben. Daher auch der berühmte S. Whitfield") in England einen Tambour, der die Werbetrommel in der Gegend schlug, wo er selbst, mit Lntloro zu reden, die Werbekanzcl rührte, ") George Whitsield, geb. 1714. gest. 1770. Methodistischer Prediger, Stifter des großen Waisenhauses bei Savannah, in Georgien. 121 einstmalen so anredete: Höre, guter Freund! wir werben beide, du für deinen König, ich für meinen Erlöser, laß uns uns einander nicht um unsere Re ernten bringen. Selbst der Tambour fühlte die ganze Schwere dieser Ähnlichkeit, und ging so weit weg, daß weder St. Whitfield seine, »och er St. Whitfields Trommel hören konnte. Wenn aber nun bekehren, werben heißt, so bedenkt einmal selbst, wie viel Recrutcn würde der König von Prenßcn in den schlcsischcn Kriegen bekommen haben, wenn er sie durch lauter deutliche Vorstellungen seiner gerechten Ansprüche auf Schlesien hatte anwerben wollen? Antwort: Biel- leicht gar keine. Gründe sind nicht für jeden Magen. Aber so wnrdc der Eine mit Gewalt, der Andere mit List, ein Dritter mit Geld, ein Vierter mit Branntwein, der Fünfte mit Versprechungen zur Erkenntniß des Systems der Ansprüche geführct. Die Überzeugung war da, und wenn der Kerl hieb, so sah man dem Säbel nicht an, ob die Kraft, die ihn führte, aus dem Kopf oder aus dem Magen kam. Ja, unter uns Protestanten gesprochen, wenn wir nicht, wie andere Christen, anfangen, besseres Handgeld zu geben, und weniger Vernunftschlüsse gebrauchen, so werden wir nicht allein keine Rccrnten mehr machen, sondern unsere Leute werden uns durchgehen, wie die Holländer. Für das Zweite heißt bekehren so viel als umkehren, das ist, das Ende."V hinbringen, wo vorher das Ende ü gewesen war. Bon der Art, wie solches zugegangen, kommt und gehört nichts in die Definition, und es vcrräth Unverstand, wenn man es hincinbrin- 122 gcn will, oder müßige Neugierde, wenn man von einem Dinge, das man umgekehrt haben wallte, das man einem auch umgekehrt hat, noch wissen will, auf was Art man es umgekehrt habe. O wollte nunmchro der Himmel, daß dieses eure Einwürfe alle gewesen waren! daß ich jctzo abtreten könnte, da ich euch euren Untierstand, müßiggängerische Bosheit, philosophische Klein- mcistcrei, Unerfahrcnhcit und Schalkheit genugsam vor die Augen und die Nase gelegt habe! Aber noch darf ich nicht schweigen. Bisher habe ich den sanften Pflichten eines Advocatcn obgelegen, nun beobachte ich die strengeren und herberen eines Nichters. Bisher hat Gottes Langmuth aus meinen Bernnnftschlüssen gelächelt, nun, Würmer! höret seinen Donner. O! die Stunde eurer Geburt wollte ich segnen und den Tag eures Todes in der Asche begehen, wäret ihr bloß dumm und unverständig, vielleicht wäret ihr doch fromme Bürger. Aber so merke ich, daß die Seuche der Freibeuterei und des Leichtsinns, ja daß der sogenannte schlichte Menschenverstand, und sogar die satanische Unterscheidung der Begriffe Theologe und Gesandter Gottes, die doch einerlei, in eure Werkstätte eingedrungen sind. Aber der Geruch eurer Bosheit ist zu uns und zum Himmel gestiegen, dessen Boten wir sind — wartet — der Zorn wird über euch kommen. Haben gleich unsere protestantischen theologischen Facnltätcn keine Schwerter und keine Flammen, wie die theologischen zu Mexico und Japan, so sind wir dennoch schrecklich, unser gelähmter weltlicher Arm ist noch immer stark 123 genug, solche Jnscctcn zu zerknirschen, und solchen Mücken zn wehren. Wißt ihr wie? Ein Federstrich macht euer Vergehen zu Straßenrand und Gotteslästerung; ein Fältchen im Gesicht zur Stunde gezogen, eine Achsel im Audienzsaal gehörig gezuckt, ein Seufzer mit Bedacht eingeschaltet, fällt eurer steigenden Beförderung in die Flügel und macht euch zn ewigen Hofmeistern, ewigen Advocatcn oder ewigen Musketieren. Zittert hierbei und denket nach. Ich werde warm. Dem Himmel sei es tausendmal gedankt, daß ich es noch werden kann. Welcher rechtschaffne Cantidat wird es nicht werden, wenn er eine Rotte blinder Lottcrsünder sprechen hört: (mit Abscheu wiederhole ich die Blas- phemieen) Man solle gar keine Proselyten mehr machen; ein rechtschaffner Mann bleibe bei seiner Religion, oder ändere sie vor Gott allein, heimlich und ohne Pomp; Lavatcr habe seinen Unverstand und Mangel an philosophischer Welt verrathen, daß er mitMcndelssohns philoso phischcrNu he, als mit seinem Eigen thum ungebeten gespielt, und diesen Weisen habe bekehren wollen; Er habe sich durch sein langes Gucken in die Ewigkeit die Augen ganz für den zeitlichen Horizont verdorben; Er solle, statt solche Dinge zu unternehmen, lieber zn seiner eigenen höchstnöthigcn nndnichtlangc mehr aufzuschiebenden Cur, ein weltlichcsBuch lesen, z.E. den Apoll onius von Kegelschnitten, und was dergleichen unverschämte, Minute, zotenartigc Tiradcn mehr sind. 124 Was? keine Proselytcn mehr machen? Keine Seelen mehr retten? Wißt ihr, was die Folgen sein würden? der Teufel würde Proselytcn zn taufenden machen. Atheistcrci, Toleranz, geistliche Anarchie, allgemeiner Umgang mit Juden, Heiden und Heidamacken, würde daraus entspringen. Einen Juden, der ein natürlich ehrlicher Mann wäre, würde man für seinen Nebcnmcnschen ansehen, ja gar vielleicht manchem Christen vorziehen. Es ist ohne Schauder nicht daran zu gedenken. Aber lieb ist es mir doch in gewissem Betracht. Ich habe schon ein äooenniiuri vorausgesehen. Das sind die Folgen von eurem verfluchten Studium des Alterthums, von euren geheimen Geschichten des Herzens, von eurer Seclcnanatomie und Physiologie, von euren seinen Pädagogiken, euren mathematischen Natnrlchren und populären Art euch auszudrücken, daß wir nun eine nordwestliche Durchfahrt zum Teufel entdeckt haben, worauf sich jetzt jeder Schafskopf in seinem Schlafrock selbst hinfindcn kann. Zeigt mir, wo haben unsere Vorfahren solche Reden geführt? sie haben sich um ihrer Hände Arbeit bekümmert, aber wenn sie an uns und an die Religion gedachten, da war ihr Wahlspruch: zittere und bete an, und nicht wie jetzt: denke und untersuche, und ich möchte fast Hinznsetzen: und fahre zum Teufel. Ein rechtschaffener Mann ändere seine Religion gar nicht, oder doch nicht mit Pomp. Ist das nicht schändlich? Wißt ihr auch, Leute, daß die Holle auf solchen Reden steht? Antworten auf solche Blasphemie?» gehören nicht 125 für die Kanzel und den Katheder, sondern für das Rad und den Block, welche die Lauigkeit unserer Vorfahren, leider! zu weit von der Kanzel abgerückt haben. Nicht mit Pomp. Pomp! Was war denn für Pomp bei der Judcntaufc? Nicht mehr als bei einer Magisterpromotion, und kaum so viel. Aber Opponenten hatten sie genug, höre ich Einige sprechen. O ihr Wölfe in Schafskleidern, meint ihr, ich sähe nicht, daß dieses ein witziger Einfall sein soll? Aber auf Witz lasse ich mich nicht ein; wenn ihr kämpfen wollt, so nehmet Waffen wie ich, und kommt herauf, damit man Ehre davon hat, wenn man euch in den Staub legt. Und du guter Lavater, wie haben sie dir mitgespielt! Ich weiß es wohl, was dich antrieb, deine Briefe und deine Vorreden zu schreiben. Es schmerzte dich längst, so gut wie mich, daß es Christen gibt, die noch jüdische Bücher über die Unsterblichkeit der Seele lesen können. Der Schande! Als wenn man von einer Judcnseelc auf die unsrigc schließen könnte! Ich weiß es wohl, daß du dich schon im Geiste die Stütze der christlichen Kirche und den unsterblichen Bekehrcr Mendelssohns wirst haben nennen hören. Ich sehe gar zu deutlich, wie sehr es dich schmerzen muß, da dir nun Alles mißlungen ist, ja da du, wiewohl unschuldiger Weise, die Sache schlimmer gemacht hast, als sie vorher gewesen war, indem mancher Jude, der uns noch wohl einmal gekommen wäre, es jetzt brav wird bleiben lassen. Denn wie viel Nachdenken ist jetzt den andern Juden durch diese Stand- haftigkcit des weisesten unter ihnen erspart worden, ja eine rechte 126 Stütze ihrer Hartnäckigkeit, die gegen alle unsere Erempcl von Judcnbckehrungcn aushält, habe» sie jetzt dadurch erhalten. Denn sagt, welcher Jude keimt seine und unsere Religion besser, als Mendelssohn (unsere Proselytcn nehme ich der Erleuchtung wegen aus)? Welcher Jude unter den lebendigen führt eine so feine Wage, Gründe abzuwägen, als er? Und wiegt nicht ein Kopf voll bau oens ganze Herzen voll Wärme, voll frommer Glut und voll redlicher Absichten, auf? Ja, es muß dich, thenrer Freund, um so mehr betrüben, da dir deine schöpferische Einbildungskraft noch alle jene Vorstellungen mit Farben der Engel ausgemalt haben wird; ich kann mir vorstellen, daß dn selbst da Göttersprüche in der Hofsprache des Himmels zu reden geglaubt haben wirst, wo Mendelssohn nur gutes schweizerisches Deutsch und gute warme Absichten sah. Desto mehr, theurer Märtyrer, schmerzt es mich, da du von Vielen für einen ohnmächtigen Enthusiasten gehalten wirst, daß dn dich so betrogen findest. Habe aber Dank von mir, du wirst dereinst, wenn du in pcnctrablcm Licht wandeln, und durch Krystalllinscn, deren Brennpunkt du selbst berechnet hast, in die Ewigkeit hinaus- schaucn kannst, reichlich dafür belohnt werden. Dann wirst du das Vergnüge», das du jetzt oft zwischen Wachen und Schlafen empfindest, ganz wachend, mit starken Nerven durch alle Poren einsaugen, daß nicht so viel verloren geht, als in der Hölle oder in dem Cabinet eines Meßkünstlers anzutreffen ist. Es ist aber unstreitig eine Schande unsers Zeitalters, daß man so viel warme Religion in einem so jungen Manne verkennt. Bei 127 dem geringsten Sprnch aus der Bibel verfällt er in geistliche Zuckungen, scheint im Meer der ewigen Wonne zu schwimmen, und in nie gefühlte Empfindung aufgelöst, spricht er, und mit dem Unaussprechlichen schwanger, wallt sein sterblicher Ausdruck daher, so daß man leicht, an einem schönen Abend, die Schwingungen fängt und in einer andächtigen und unaussprechlich heiligen Entzückung wegdämmert. Ihr Philosophen solltet es nicht einmal dulden, daß man ihn verkennt; sagt, wo findet ihr, daß ich eure Sprache rede, mehr psychologischen Stoff, als in des frommen Mannes Aussichten in die Ewigkeit? Mir graute zuweilen, wenn ich ihm nachsah; auf der Scheidewand, zwischen Wahnwitz und Vernunft, wo sie am dünnsten ist, läuft er euch hin, wie wir auf der gleichen Erde, und kommt selten ohne eine Ladung des Unsäglichen wieder zurück. Ich sage, er ist uud bleibt ein außerordentlicher Mann. Daß unsere Proselyten seinen Beweisen Vieles zu danken haben, habe ich auf dem Titel allein anzuzeigen für nöthig erachtet, indem dieses den Juden niemand zur Last leget, und ich habe lieber das Publikum, das es glaubt, so gerade dabei lassen, als durch Beweise, daß es wirklich andern sei, der leidigen Zweifelsucht einen Plan in die Hände spielen wollen, nach welchem sie auch von dieser Seite uns zu wcitläustigcrn Äußerungen bringen würden, als die ganze Sache Werth ist, da wir einmal, wie ich hoffe, die Rechtmäßigkeit, Aufrichtigkeit, das uugeheuchelte Wesen und die Sinnesänderung unserer Neugcbor- ncn in das klarste Licht gesetzt haben. 128 Ich wende mich nunmehr noch zuletzt zu euch, meine Freunde und Brüder! Glaubt nicht, daß ich durch den Ti morus etwas von euch oder euren Bekehrern zu erhalten trachte. Meine Absichten sind rein, völlig frei von allem Eigennutz und finden ihre Belohnung in eurer künftigen Sicherheit vor allen müssigcn Bcrläumdungcn. Sowohl die feinere, die um den Kaffeetisch lebt, als ihre grobe Schwester, die an den Ecken der Gassen steht, wird die Hand auf den Mund legen. Wäre ich bei euch geblieben, so hätte ich meinen Namen gewiß verschwiegen, um euch die allezeit erniedrigende Mühe der Danksagung zu ersparen; da ich aber gewiß weiß, daß ich vor Bekanntmachung dieser Schrift nicht mehr bei euch sein werde, so habe ich es nicht unterlassen wollen. Ehret mich aber ja nicht mehr als andere Christen, oder schließet mich nicht allein in euer Gebet ein. Denn der beste Theil der Stadt denkt so von euch wie ich, der ich nur ein schwaches Werkzeug abgegeben habe, ihre Gesinnungen der schlimmeren Hälfte mit Ernst und Nachdruck bekannt zu machen. Nachdruck in dem Verstände genommen, worin wir es nehmen, nämlich da wir, wenn die Widerlegung mit Gründen geschehen ist, noch Hintennach mit Eifer drücken. Zum Zeichen, daß ich es gut mit euch meine, und um selbst einige eurer Feinde zu nvthigen, euch Gutes zu thun, so habe ich die Veranstaltung getroffen, daß das für diese Bcrthci- digung cinkvmmendc Geld euch unverzüglich zugestellt werde. Wachset im Glauben. Geschrieben zu G .... im August 1771. 129 Schreiben Conrad Photorins an einige Journalisten in Deutschland ). Hochzuehrende Herren! Ich habe nur eine einzige Hauptsrage an Sic zu thun, und ob ich mehrere thun werde, weiß ich wenigstens jetzt noch nicht. Sagen Sie mir um aller Welt willen, womit habe ich es verdient, daß Sie meines Timorus in Ihren Blättern gedenken? Dieses halten Sie vielleicht sür etwas Unschuldiges, aber verzeihen Sie mir: es hält zwar der Wandrer es für unschuldig, einen Wurm zn zertreten, allein der Wurm kennt wenigstens keine größere Schandthat. Sie haben mich durch Ihr unüberlegtes Verfahren des Glücks beraubt, des größten, das ich kenne, daß meine Schrift Sr. Majestät der Königin Vergessenheit, der ich sie allein gewidmet hatte, für die ich allein lebe, und für die ich allein dereinst zu sterben wünsche, allein eigen geblieben ist. Wissen Sic wohl, daß Jhro Majestät wirklich die Schrift mit ungnädigen Augen angesehen, bloß weil sie gehört, daß man Zuerst in der ersten Ausgabe der vermischten Schriften gedruckt, und anscheinend für den Fall, daß der Timorus angegriffen werden sollte, bestimmt. III, 9 sie in allen Zeitnngsbndcn hat? Sic wisscn es selbst, meine Herren! wie eigensinnig diese Dame mit ihren Büchern ist. Sic haben zwar das Vergnügen, daß sie Ihre Reccnswn mit beson- derm Wohlgefallen aufgenommen hat, mußten Sie aber, um sich bei ihr in Gunst zu setzen, gerade mich und mein Bnchcl- che» bei ihr in Ungnade bringen ? Waren Ihnen hierzu nicht noch hundert andere Wege offen? Und hätte Ihr natürliches Talent das Herz dieser Tarne zu gewinnen, das ans Ihrer Ne- eension heroorlcuchtct, Ihnen diese nicht entdecken sollen? Aber es sei drum, ich gönne Ihnen das Glück am Throne zu glänzen, und hoffe, daß es mir dereinst nach Ihrem Beispiel auch noch gelingen soll, den Unwillen der Monarchin z» besiegen. 131 Conrad Photorins Bericht von seinen Vorfahren Mein Urgroßvater, der als Ol aus Photvrinus 36 Jahr in kaiserlichen Diensten gestanden, starb in demselben Dienste als Olaus von Photvrinns. Derjenige Leser, der den Unterschied zwischen beiden Benennungen gemerkt hat, muß wissen, daß die letztere, so wenig sie auch von der ersten unterschieden zu sein scheint, es doch wirklich ist. Mein Urgroßvater erhielt das Recht zu diesem Titel vom Kaiser unmittelbar, ob er gleich ohne desselben Einwilligung sich die Freiheit, ihn zu führen, öfters in seiner Jugend genommen hatte, wenn er an Stadt- thorcn oder in fremden Ländern um seinen Namen gefragt worden war. Es kostete ihn damals nichts, als 2V Proeent Abgabe, womit ihn die Wirthc in den WirthShäusern zu ihrem eigenen Genuß öfters beschwerten. Mein Großvater, ein offener ehrlicher Mann, der sich mit einem Handschlag so sehr verbinden konnte, als Andere mir Notarius und Zeugen, leicht zu betrügen, aber dem Betrug so ') Bermuthlich mit den folgenden Briefen von Mägden für einen zweiten Thcil des Timorus bestimmt und zuerst in der ersten Ausgabe enthalten. 9 ' gram, als dem Galgen und dem Teufel, fand sich durch den Titel äußerst bedrängt. Bald kannte er in eine Gesellschaft nicht gehen, weil er von Adel war, und in eine andere nicht, weil er neu gebacken war. Kinder, sagte er eines Tages zu meinem Vater und zu meinem Onkel, euer Bater ist ein ehrlicher Mann, aber das würde euch nichts helfen, wenn ihr selbst Spitzbuben wäret; nicht wahr? Ein Schein vom Pastor und Amtmann darüber würde den Richter nicht anders stimmen, der euch nach seinem Gewissen zum Galgen verdammt hätte. Für einen Schilling eigene Ehrlichkeit ist euch mehr nütz, als alle Frömmigkeit der Erzväter, die eure Ahnen sind. Und wie Mancher ist schon aufgeknüpft worden, der in gerader Linie von Abraham abstammt ! Doch dieses ist es nicht allein: Gute Zeugnisse erwecken die Erwartung der Leute, und die will immer mehr haben, je mehr ihr derselben gebt; und wehe euch, wenn ihr sie nicht satt machen könnt! Euer Großvater war ein verdienstvoller Mann, er hat sein Blut für seinen Herrn gewagt, er hat Alles bezahlt, hat nie ein Dreigroschenstück weggeworfen, aber manches weggeschenkt, war verschwiegen wie die Vergessenheit selbst, und von unverbrüchlicher Treue im Dienst. Dafür hat er die Er- laubniß erhalte», sich künftig von Photoriu zu schreiben. Ich sehe aber nicht, Jungen, was euch dieser Titel nützt; er paßt euch so wenig, als eures Großvaters lederne Hosen, die er in der Schlacht auf dem weißen Berge trug. Ihr sollt ihn nicht führen, es ist mein Wille; und der erste, der sich so nennt 133 oder schreibt, den werft ich zum Hause hinaus. Es geschieht zu eurem Vorthcil, Kinder; wenn ihr es noch nicht versteht, so glaubt es eurem Vater, der euch noch nie belogen hat. Ihr werdet's in der Folge einsehen und mir Dank wissen, oder ihr wäret nicht Werth, daß euch die Sonne beschickte. Diesen Nachmittag bleibt zu Hause, ich will euch wieder in den Bürgrr- stand erheben. — Man muß sein, was man sich nennt. Das Titclgcben soll ein reisender Graf bei einem Apotheker gelernt baben, dessen Apotheke aus leeren Büchsen mit Aufschristen bestand. Wir finden keine Spur von Adel sonst in der Natur, als bei den englischen Pferden. Mit der Zeit, glaube ich, werden gar die Doctor- und Magistertitel erblich werden! und was wird das geben, wenn man sich sogar Verdienste nicht mehr verdient, sondern sie umsonst hat? Briefe von Mägden über Literatur. Erster Brief. Des Klascrs Dortc hat mich gesagt, daß Sic sie a»ch halten wollte, die gelehrte Zeitung, und da schicke ich ihr ein Blatt, sie darf sich nicht cckeln lassen, es ist ein Ölflecken, der mich unten dran gekommen, aber man kanns doch noch lesen. Absonderlich aber wird sie der Brihf vom Schulmeister in Wehnde gefallen, thcils weil mich der Plan hinten am Ende wohlgefällt, sondern hauptsächlich weil der Wilhelm auch Per Secptcr nicht gut ist. Es ist auch wahr, unsre Littcratnr sieht doch auch nun recht mclaneolisch aus und Wilhelm hat sich eine in Brihfcn verschrieben von Berlin. Das wird sie all auch lernen, wenn sie des Abends in unsre thenlschc Gesellschaft, aber es sind auch Mädchen drin, hineinkommen wird. Poch sie nur an der Spcißkammcr, oder ruf sie zum Goßstcin herein, so will ich ihr ausmachen. Er will den Abend zum erstenmal den Klop- stvckischen Othen mitbringen, und uns daraus vorachircn. Gestern lasen wir in Vatter Mekum Lustigen Leuten; aber dann kann ich ihr versichern, daß mir der hohe Geschmack und der tiefe Geschwulst weit mehr besser gefällt, denn ich habe neu- 135 lich in einer erhabenen trockenen Filosophic gelesen, daß es 001 witsige giebt nm einen der tiefen Schwulst besitzt. Wie ich denn zeitlebens bin Eure besonders hochgcebrtestc Dienerin. Die Grethcl thut auch, als wenn sie Litteratnr hatte, aber die rothen Dösseln, die sie ans dem Wall anhatte, sind ein Brcscnt, ich weiß es wohl, ich wollte so was nicht haben. Zweiter Brief. Unsre Leßgesellschaft ist nun zum Ausbruch gekommen, und soll ich sie dieses Buch zustellen, und sie soll es dem Wilhelm geben oder des Bernhards Lui auf den Posten bringen, er schildert heute unter dem Stockhausfenster um 01 bis 21. Es wird ihr gewiß gefallen, aber es ist viel Hoheit darin von den Ursprung und von den Sprachen. Der Audor soll von einem Mann, der mit in die Sociaität in Berlin gehört, ein Stück Geld wie der Vollmond groß bekommen haben. Das wäre was vor uns, du liebste Zeit, aber das Buch ist doch auch gut. Mir hat die Fabel von dem Schaf recht kritisch geschienen, und der ganze Plan ist ideenhaftig. Seh sie einmal das Babicr am Einband an, es hat leibhaftig die Kulchr von dem Leibchen, das mir die lahme Nickel gemacht hat. Die Mamsell will mir auch noch zur Jacke geben. Das Zeichen ist ein Schnippelchcn 136 von unsrer Mamsell ihren Brautschuhen. Das war ihr heut wieder einmal ein Spccktagel am Fleisch. Ich habe nun noch eine Theolochie für das Jahr 1773 und eine Theorie, die aber nicht mehr zu gebrauchen, denn sie ist vom vorigen Jahr, und Wilhelm hat mir die deutsche Pisselle Dorleang gebracht, das ist affrehs, ich habe es aber auch doppelt und doppelt verschlossen, ich möchte das nicht agiren, in Barihs sollen sie es oft spielen. Epistel an Tobias G ö b h a r d in Bamberg über eine auf Johann Christian Dieterich in Güttingen bekannt gemachte Schmähschrift 5). ") Diese und die folgende Epistel erschienen zuerst zu Güttingen 1776. Göbhard hatte in diesem Jahre einen Vcrlagsar- tikel des Buchhändlers Dicterich nachgedruckt, und auf dessen darüber erhobene Beschwerde sich öffentlich vcrlheidigt. Voverinnerung des Herausgebers. Nachstehender Brief ward eigentlich von dem Verfasser nicht zum Druck bestimmt, sondern sollte auf der Post dem Manne zugeschickt werden, an den er hauptsächlich gerichtet ist. Aber auch dieses geschah nicht, und der Verfasser begnügte sich bloß, denselben einigen Freunden vorzulesen, unter deren Anzahl sich der Herausgeber befindet, lauter Personen, denen Gobhards Schmähschrift bekannt war. Da aber der Göbharde, zum großen Nachtheil der Schriftsteller sowohl als der ehrlichen Buchhändler, mehr sind, als man glauben sollte, und dieser Brief einige derbe Wahrheiten gerade in dem Ton gesagt enthält, den dieses Gesindel allein versteht, das übrigens als vogclfrci für die Schriftsteller keiner Achtung und Schonung Werth ist: so glaubt der Herausgeber weder den Unwillen des Verfassers noch den Undank des Publikums zu verdienen, wenn er ihn ans diese Art nicht an Einen Göbhard, sondern an alle gelangen läßt. Friedrich Eckard. ^w. ''haben Recht gcthan, daß Sie dem Werkchen, das neulich bei Ihnen gegen Hrn. Dieterich in Göttingen erschienen ist, keine Aufschrist vorgesetzt haben. Die Büchcrtitel wären gänzlich entbehrlich, wenn man sie allezeit so glücklich, wie dort geschehen, durch Unterschriften zu ersetzen wußte. Die Unterschrift sagt nämlich bei jenem Büchelchen Alles mit zwei Worten, was der Leser in demselben zu suchen hat: Lügen, äußerst schlecht erfunden, und noch schlechter gesagt; abgenützte Jcsuitenkniffe, mit einem Grad von Dummheit wieder gebraucht, d er in un scrcn G eg enden von Deutschland unerhört ist; Verthcidigung von Betrug und Dieberei auf jeder Seite, in einer Art von Babel vorgetragen, wie es sich für eine solche Sache, und in einer Sprache, wicsie sich von einem solchen Verthcidiger erwarten läßt; und diese zwei Worte sind Ihre und des Verfassers Namen: Tobias Göbhard. Beschuldigungen, mit diesem Lügenzcichcn gcbrand- markt, würde kein ehrlicher Mann Glauben beimessen, auch wenn sie gegen streitige Ehrlichkeit und schwankenden Credit gerichtet wären; aber was soll man gar sagen, da sie Diete- 141 richen treffen Mm, der durch seine bekcinntc Ehrlichkeit, die noch täglich von Betrügern von allerlei Stand gemißbraucht wird, mehr verloren hat, als Sie durch Ihre Spitzbübereien je gewinnen werden? Also wozu meine Widerlegung, da schon eine so herrliche in Ihrer Unterschrift steckt? Ich bekenne es gerne, die Corrcspondenz, womit ich Sie beehre, hat wenig Aufmunterndes für mich. Ich schreibe au einen Mann von solchen Gesinnungen und solchem Fell, daß von ihm Ehre gar nicht, und Besserung kaum zu erwarten steht; wider eine Classe von Menschen, die außer Betrug und Gewinn nichts aufmerksam macht, und sicherlich außer Peitsche und Pranger nichts bessert; und endlich wider eine Sache, bei deren Widerlegung sich sonst noch Witz und Scharfsinn anbringen ließ, bis Sie nun durch Ihre unehrliche Vertheidigung auch diese schändlich leicht gemacht haben. Die Ursache, warum ich Ihnen schreibe, muß ich Ihnen also in wenig Worten erklären. Es ist nicht Privatinteresse, denn ich bin weder Buchhändler noch Schriftsteller, aber ein warmer Freund von beiden, und was Sie wohl kaum glauben werden, unter allen denen, die Sie und Dicke richen in diesem Lande kennen, vielleicht der Einzige, der noch erträglich von Ihnen denkt: und da sollte dieser Brief ein Versuch sein, zu erfahren, ob man Sic ferner zu Ihrer Besserung noch gehen lassen soll, oder ob es nun schon bereits Zeit sei, ein so fettes Stück, wie Sie, endlich zum allgemeinen Besten deutscher Schriftsteller mit einem derben Streich am Altäre des Apoll zu schlachten, denn ein Vertrauter dieses Gottes hat 142 mir gesteckt'), daß er solche Opfer mit unter die größten Leckerbissen zähle. Auch dieser ehrlichen Absicht haben Sie es zuzuschreiben, daß ich Ihren Lügen und schimpflich schlechte» Argumenten noch diesesmal mit einigem Ernst und einem Anstand begegne, der, so frei er auch, gegen jeden Andern gebraucht, scheinen möchte, gegen Sie immer einer Zurückhaltung ähnlich sehen muß. Doch che ich mich auf Ihre Vcrthcidigung des Nachdrucks einlasse, muß ich erst die ungeschickte Blendung von Lügen wegräumen, die Sie ihr vorgeschoben haben. „Dieterichs Preise seien unerhört, sagen Sie, und führen zum Beweis an, daß er Hrn. von Sinds Stallmeister, den er für 6 Thaler verkaufe, Trattnern für 2 Thaler überlassen habe, sobald ihm derselbe mit einem Nachdruck gedroht: ferner, daß er für ein Buch vom Hrn. Prof. Feder, worüber der gegenwärtige Streit entstanden ist, 1 Nthlr. 16 Ggr. fordere, das Sie im Nachdruck genüglich für 1 Nthlr. verkaufen könnten." Wenn Dielerich auch nur zuweilen seine Käufer übernähme, oder sich nur nicht so vorzüglich durch geringe Preise, zumal bei ausländischen Werken, auszeichnete, so wollte ich Ihnen verzeihen, daß Sic einen an sich wahren Satz einmal durch ein erlognes Beispiel hätten bestätigen wollen: allein so ist, ganz in der Göbhardr- ') Kallimachus, indem er sagt: Ooloctant pingnia l'Iuzebum aslnicicü-i. scheu Manier, beides, Satz und Beweis, erlogen. Ten» ich kann, glaube ich, getrost alle ehrliche Deutsche, von denen Sie und Ihre Bande, versteht sich, ausgeschlossen sind, auffordern, ohne einen Einspruch zu befürchten, mir ein Buch zu nennen, das Dieterich thcurcr verkauft hätte, als andere ehrliche Buchhändler: hingegen konnte» ich nnd meine Freunde, wenn es verlangt würde, Bücher genug ncnucu, die uns Dietcrich für fünf lieferte, wenn andere sieben forderten. Allein seinen eigenen Verlag verkauft er unerhört theucr, sagen Sie. Gut. Also nun zu Ihren Beweisen. Es ist wahr, Dietcrich verkaufte Hrn. von Sinds Stallmeister den Buchhändlern für 6 Thalcr, aber mit dem bekannten Rabatt von 33^/z p. L. das ist, für vier. Dafür erhielten ihn alle; die unehrlichen so gut, als die rechtschaffenen, Göbhard so gut, als Nicolai und Reich; dafür, und um keinen Pfennig geringer, erhielt ihn auch Trattner. Was aber diesen bcwog, Dicterichen mit einem Nachdruck zu drohen, (übrigens wie ich zu Trattners Ehre bekennen muß, so freundschaftlich, als es sich nur drohen läßt:) war nicht die Höhe des Preises, sondern die Art der Bezahlung. Dietcrich verlangte baarcs Geld, und Trattner wollte Bücher geben, die jener damals nicht nutzen konnte. Als endlich nach drei oder vier Briefen, worin Trattncr von nachdrucken sprach, auch einer kam, worin wirklich ein Bogen des Nachdrucks lag, so wendete sich Dietcrich an seinen nunmehr verewigten Beschützer in Hannover, auf dessen Vorschreiben Trattncr» der Nachdruck untersagt wurde; den er, um Diet- richcn bloß zu schrecken, vielleicht nie weiter, als die erste» Bogen, zu treiben gedachte. Sehen Sie, so verfährt Tra tili er, der, wie man auch aus dieser allerdings nicht ganz zu lobenden Handlung sieht, noch mehr Edles an sich haben muß, als den Titel. Nie hat er ein Exemplar für 2 Thalcr erhalten. Sie verwechseln doch wohl nicht gar die zweite Ausgabe mit der ersten? Jene verkauft Dietcrich für 4 Thaler; den Rabatt abgerechnet, für 2 Thalcr und einen Gulden; und diesen Gulden herunter gelogen, genau für 2 Thaler. Bei der zweiten Beschuldigung rücken Sie mit einem Ihrer andern Talente hervor. Hier gesellt sich nämlich zur Lüge Ihre eiserne Unverschämtheit. Sie verkauften, sagen Sie, Hrn. Prof. Feders Buch genüglich für einen Thaler, das wäre also Logik und Metaphysik für einen halben. Hier habe ich einmal vor einigen Monaten ein Verzeichniß von Ihren gestohlenen Büchern herumschlcichen sehen, darin steht dieses Buch zu einem Gulden angesetzt, und eben dafür verkauft es auch Dieterich hier: also wäre der Unterschied bloß im verschiedenen Münzfuß, und betrüge etwa ein Paar gute Groschen, und ist das Alles? Sehen Sic, was Sic für ein Mann sind. Sie sind nicht einmal ein ehrlicher Dieb. Ich wollte wette», Käscbier hätte das Exemplar für li Groschen gelassen, und Käscbier hätte es mit Vvrthcil noch immer thun können. Denn einmal hätte er dem Autor nichts bezahlt, nichts für das Mspt. und nichts für die neuen Auflagen. Dietcrich bezahlt für jedes gleichviel und reichlich. Ferner hätte sich Käscbier so gut wie 145 Sie gehütet, ein Büch nicht eher nachzudrucken, bis er gemerkt hätte, daß es wie warme Semmel ginge. Dieterich hingegen muß wagen, und verliert oft an Einem nützlichen Buche, was er am andern gewann; gewinnt aber auch freilich zuweilen an einem »»nützen, was er an einem nützlichen verlor u. s. fort. Aus Ehre hätte Käsebier so gut wie Göbhard sicherlich auch nichts unternommen, wie Dietrich thut, dessen Eifer, seinen Büchern alle äußere Zierde zu crthcilcn, eine gute Strecke weiter bekannt ist, als Ihre Schande (kein geringer Ruhm, fürwahr!) und alle Göttingische Druckereien auf einen bessern Fuß gebracht hat. Und den Mann nennen Sie einen Schurken, weil er seine Bücher nicht so wohlfeil geben kann, als der Dieb, der nichts bezahlt, und nirgends verliert, so lang er nicht fest sitzt? Und wo wollen Sie denn aufhören? Gesetzt, er verkaufte sein Buch für einen halben Thaler, würde der Dieb nicht auf 10 Ggr. fallen? u. f. w. Bringen Sie also Beispiele von ehrlichen Buchhändlern bei, wenn Sie Dieterichs Preise verdächtig machen wollen; und kommen Sic nicht mit Ihren eigenen, denn das Letztere ist beides, unehrlich für Dictcrichen, und ohne die mindeste Beweiskraft für Sic. Doch so viel von diesen Lügen, wenigstens hier, und nnn zu Ihren übrigen Argumenten ! Daß ich Ihrer Scharteke Alles entgegen setze, was man wider den Nachdruck überhaupt sagen kann, werden Sie kaum erwarten. In einem Brief wäre der Ort nicht dazu, und in einem an Sic wäre es weggeworfen. Was sich aber gegen III. 10 Ihren Nachdruck und gegen Ihre Beweise von der Rechtmäßigkeit desselben sagen läßt, das will ich Ihnen sage», und hoffentlich Ihrem Paar Ohren vernehmlicher, als vielleicht noch geschehen ist. Wenn Sie sich weiter unterrichten wollen, als hier geschehen kann, so lesen Sie, was einer unserer größten Rechtslchrer über diese Sache geschrieben hat'); ja sollte es Ihnen je einmal wieder einsallcn, ein ehrlicher Mann zu werden, so rathe ich Jbueu, damit der Übergang wenigstens nach dem Gesetz der Stetigkeit geschehe, drucken Sie dieses Buch nach. Dieser einzigen Handlung wegen, würden Sie zum letztenmal von allen ehrlichen Buchhändlern als Nachdrucker verflucht, und zum erstenmal als ehrlicher Mann gegrüßt werden. Dieses thun Sic künftig einmal; je eher, je besser. Wir zusammen hier können leichter und geschwinder fertig werden. Denn obgleich die Beantwortung der Frage: Ist der Nachdruck erlaubt? im Allgemeinen alle die Gelehrsamkeit und den Prüfungsgcist des Mannes erfordert, dessen Buch ich Ihnen so eben empfohlen habe; so ist sie doch gemeiniglich in einem besonder» Fall, wenn alle Umstände bekannt sind, leicht, und in dem Fall zwischen Ihnen und Dieterichcn so sehr auffallend leicht, daß, glaube ich, außerhalb des Toll- Zucht- und Stockhauses kein Mann für Sie sprechen wird, er sei nun Göttiuger, oder Bambcrger, oder Grönländer. ') Der Büchernachdruck nach ächten Grundsätzen des Rechts geprüft von I. St. Pütter. Göttingen l774. 4. 147 Vieles von dein Unbegreiflichen, das Sie und Ihre Bande noch in den Beweisen von der Unrcchtmäßigkeit des Nachdrucks finden, steckt in dem Wort Nachdruck und Nach druck er selbst, das mir allerdings auch nicht gefällt. Mich dünkt, wenn es von Ihnen gebraucht wird, müßte nothwendig mehr vom Spitzbuben hinein. Ich will, bis mir ein besseres angegeben wird, die Wörter Schleich druck er und Schleich druck gebrauchen, wenn ich von Ihnen und Ihrem Verfahren rede. Die Verwandtschaft mit Schleichhandel würde niemand leicht wegen ihrer Bedeutung in Zweifel lassen, und daß ich sie zuerst von Ihnen brauche, bestimmt ihre Unehrlichkeit völlig. Sie haben Recht, Nachdrucken läßt sich so wenig allgemein verdammen, als Menschenblut vergießen. Für das Letztcrc gibt es Belohnungen, von dem seidenen Band an, das man an den Mann hängt, bis zu dem hänfenen, an das der Mann gehenkt wird, nnd so auch für das Erstcre. Betrachten Sie einmal die folgende Leiter von Nach druckern, und sagen Sic, ob ich Unrecht habe: Richter in Altenbnrg, Trattner in Wien, Göbhard in Bamberg, und Mitchel in London. Der erste unter diesen verdient das seidene Band, von dem ich so eben geredet habe, und der letztere hat das hänfene wirklich empfangen. Viele würden die Stufen schon in diesem Umriß erkennen, allein für Sie, sehe ich, muß ich sie mehr ausschattiren. Richter in Altcnburg druckt die Werke der Ausländer nach, ohne ihren Verlegern zu schaden, und ohne ihnen schaden zu wollen, ja vielleicht ohne sich einmal einen andern Vorthcil zu 10' 148 verschaffen, als de», für welche» die Bande der Schleichdrnckcr kein Gefühl hat: Ehre. Er erzeigt dadurch seinen Landcsleuten einen Dienst, die jene Werke kaum erhalten konnten, und nie, ohne durch Pvstgcld beträchtlich verthcncrt, erhielten. Ein solcher Mann verdient die größte Aufmnntcrung, und man sollte ihn nicht einmal Nachdrucket nennen, seitdem dieses Wort in der Gesellschaft von Ihrem Namen angesteckt worden ist. Trat tu er in Wien, der von einem Artikel fünf bis sechshundert Exemplare zu nehmen im Stande ist, kann von einem Verleger allerdings billigere Bedingungen erwarten, als ein anderer, der nur ein Dutzend nimmt; gewährt ihm diese der Verleger nicht, so droht er mit einem Nachdruck; die Bedingungen werden noch nicht eingegangen, kann man es ihm so sehr verdenken, wenn er alsdann endlich wirklich nachdruckt? und zwar nicht unter der Aufschrift: Hanau und Leipzig, sondern schlechtweg: Wien bei Trattncrn. Hierinnc» ist, was auch darin sein mag, nichts Schleichendes, und für das, was dieses Verfahren Tadelhaftes an sich hat, hat der gute Mann schon hundertfach dadurch gebüßt, daß Sie ihn für Ihres Gleichen gehalten. Göbhard in Bamberg, der ohne die mindeste Ursache, als die jeder Dieb hat, nicht unter seinem Namen, und nicht unter dem Namen seiner Stadt, ohne, auch die billigsten, Bedingungen eingehen zu wollen, nachdruckt; zu faul, sein eigenes Feld zu bauen, und vcrmuthlich zu ungeschickt, es zu können, erntet, wo er nicht gesäcl hat; ehrlichen, emsigen Leuten, 149 und ihr«, rechtschaffenen Familien, denen, so gut als ihm, der Vortheil des Schlcichdrncks offen stände, wenn sie ihre Gewissen über den kleinen Nachtheil, Spitzbuben zn heißen, beruhigen konnten, ihr Brot raubt: was ist der? und was soll man ihn nennen? Sagen Sie selbst, was ist ein Spitzbube, wenn das keiner ist? Wer dieses thnt, den nennt man so, hier zu Lande wenigstens, müssen Sie wissen, und man würde Sie so nennen und wenn Sie der Edle von Göbhard wären, ja wenn Sic des Heil. R. N. doch ich will ehrwürdige Titel, die sich vor Ihrem Slawen gar nicht denke» lassen, nicht einmal durch eine symbolische Verbindung mit demselben schänden. Glauben Sie etwa, Dieterich bezahle Geld für Msple. wie der König von Frankreich für Ncccpte wider den Bandwurm? Wagte oft einen Thcil seines Vermögens, um solchen Heckenverlegern, wie Sie, sichern Profit zu verschaffen, den Sic noch, aus Erkenntlichkeit sür seine Mühe, allein von dem sci- nigen nehmen? Was? Warum lassen Sie sich nicht dort Metaphysiken schreiben, es ist ja in Bamberg Alles wahr, was hier wahr ist, ein Paar Kleinigkeiten ausgenommen. Ich verspreche Ihnen, wenn sie Ihnen in diesem Lande, wo der Schleichdrncker unehrlich ist, nachgedruckt werden, den Schaden mit 300 Pro- cenl zn erstatten. Dieter ich ist Bürge für die Bezahlung. Und warum setzen Sie nicht schlechtweg unter Ihre gestohlene Waarc: Bamberg bei Göbhard? Hätten Sic das gcthan, wahrlich Dieterich hätte Sie verklagt und bewundert. Das Erzene im Charakter verdient und erhält auch überall seinen Grad von Achtung, anstatt, daß Sie jetzt jeder ehrliche Buchhändler anspeit, so hätte man alsdann vielleicht gesagt: Schade, daß der Mann ein Betrüger ist, es hätte etwas aus ihm werden können. Doch es ist noch Eine Stufe zurück, für mich ausznschat- tircn, und für Sie (wenn Sie anders weiter zu gchcu gedenken), zu besteigen: die Mitchclschc. Mitchel in London, der Unglücklichste unter allen Schleich- druckcrn, aber sicherlich der geschickteste, druckte mit unglaublicher Kunst und großem Risico auf sehr feinem Papier gewisse ein- blättcriche Werkchen nach, worauf die Bank in England allein das Verlagsrecht hat, und wurde, so wie alle, die sich, wie er, dieser Kunst befleißigen und bekannt werden, ohne die mindeste Hoffnung einer königlichen Gnade aufgeknüpft. Ich weiß es wohl, Ihr Fall und der Mitchelsche sind allerdings unterschieden z allein, daß bei dem crstern der Schaden geringer und die beleidigte Person minder ehrwürdig ist, macht das die That erlaubt? Oder hat man Sie gelehrt, der Spitzbube und der ehrliche Mann seien nur dem Grade nach unterschieden? Sie müssen mir hier nicht von Gesetzen sprechen, die noch nicht gegeben wären. Ein empfindliches Gewissen und ein gerader Menschenverstand sind, so wie die getreusten Ausleger, also auch die besten Vertreter der Gesetze, und lassen ihren Besitzer über die Rechtmäßigkeit einer Handlung selten in Ungewißheit; da hingegen ein arglistiger Betrüger oft in dem klaren Buchstaben desselben noch Schlupflöcher findet, im Fall der Roth einmal 151 mit heiler Haut durchzuwischen. Wenn ei» Ncichsstand zuweilen noch das, was er keinem seiner Unterthaneu wider den andern erlaubt, gegen einen Fremden zu thuu verstattct, wer sieht nicht, daß das von andern Umständen, als von Zweifeln über die Sache herrühren muß? So lange wir nicht im Krieg mit uns selbst leben, so müssen Schwierigkeiten daran Ursache sein, die nach der jetzigen Verfassung des deutschen Reichs nicht so leicht zu überwinden sind, aber hoffentlich einmal werden überwunden werden. Und was kann denn endlich das Positivgcsctz thun, wenn es kommt? Sagen Sie. Etwa aus einer billigen Handlung ein Verbrechen machen? Bewahre der Himmel! Nein! ich will es Ihnen sagen: das Positivgesetz wird machen, daß der Schleichdruckcr, den man jetzt bloß zur Erstattung des Schadens anhalten kann, an den Pranger gestellt, gebrandmarkt und nach Befinden der Umstände auch aufgeknüpft wird. Das wird es thun. Wenn frei herum gehen dürfen so viel sagt, als ein ehrlicher Mann sein, und der Betrug erlaubt ist, der durch Löcher geschieht, die das Gesetz offen gelassen hat: dann wehe uns von zärtercm Gewissen, wenn die Spitzbuben anfangen sollten, nie Rechte zu studircn! Sie wissen, was die Chi- cane schon zur Vcrtheidigung von Verbrechen hervorgebracht hat, die ohne sie, mit Bewußtsein der Unrechtmäßigkeit, und gegen das klare Gesetz begangen worden sind. Wie wenn die Chicanc nun gar selbst anfinge, den Plan zum Betrüge zu entwerfen? Es geht mir durch die Seele, wenn ich bedenke, daß in diesem erleuchteten Theil von Europa, ja daß unter Deutschen, deren 152 Redlichkeit bei Ausländern zum Sprüchwort gediehen ist, noch Leute frei herum gehen, ju öffentlich bekennen dürfen, sie halten Dinge für erlaubt, die Vernunft und Gewissen verbieten, blvß weil noch kein Positivgcsctz dem Scharwnchter oder dem Henker Vollmacht crtheilt, seinen Dienst an ihnen zn verrichten. Schändlich fürwahr! Allein hören Sie doch einmal. Sollten wir denn so ganz und gar kein Gesetz haben, das uns auch noch etwas mehr bände, als den Huroncn? Ich weiß nicht, was Sie in Bamberg haben, wir, hier zn Lande, haben eines, das auch unsere Baurcn Deutsch lesen dürfen, das heißt: Was ihr wollet, das euch die Leute nicht thun sollen, das thut ihr ihnen auch nicht. Kennen Sie den, der das Gesetz gegeben hat? Ich fürchte fast, Sie kennen weder den Gesetzgeber noch das Gesetz, und statt beider nur die schimpfliche Glosse zum letzteren; Iiaereticis uon est servanel» liüos. Doch ich will weiter gehe». Sagen Sie mir nur um aller Welt willen, wer hat Ihnen den desperaten Satz angegeben, auf den Sie sich so viel zn Gute thun, daß, wer Sic und Ihre Bande Diebe nennt, der Kaiserlichen Krone kein geringschätziges Kleinod entwende und sich des Lasters der beleidigten Majestät schuldig mache. Also nun wissen wir es: Gebhard druckt ehrlichen Leuten ihre Bücher nach, um die kaiserlichen Ncvenüen durch einzuholende Privilegia zu vermehren. Eine vortreffliche Entschuldigung! Sie bringen rechtschaffene Leute um ihr ehrlich 153 erworbenes Brod, um dem Kaiser zu dienen? Wie? Ehemals diente man in gewissen Ländern, die Sie kennen werden, Gott dadurch, daß man seinen Nächsten plünderte, oder ihm auch wohl im Diensteifer einmal den Hals abschnitt; aber wehe dem, der Joseph dem Zweiten einen solchen Dienst anböte. Wir leben, dein Himmel sei Dank! unter einem Kaiser, unter dem, wenn man Recht und Gerechtigkeit und folglich den Beifall aller Rechtschaffenen für sich hat, man es frei sagen darf, unbekümmert wegen Folgerungen, die ein arglistiger Kriecher oder schiefer Jesuitenkopf daraus zieht. Nein! damit Sic es doch wissen, was der kaiserlichen Krone (mich Ihres Ausdrucks zu bedienen) dieses Kleinod geraubt hat. Göbharde haben es gcthan. Göbharde haben kaiserliche Privilegia anfangs nöthig gemacht, und Göbharde machen, daß man sie jetzt wieder unzulänglich findet. Anstatt, daß, nach Ihrer Art zu schließen, die Schleichdruckcr inchr kaiserliche Privilegia hervorgebracht hätten, haben sie vielmehr gemacht, daß man sie fast gar nicht mehr einholt, und warum? weil man gefunden hat, daß Drohungen vom ersten Thron der Welt, so wenig wie die vom Himmel, kräftig genug sind, einen gewissenlosen Spitzbuben zu schrecken. Der Taugenichts, der glauben kann, er diene einem Kaiser, wenn er stiehlt, glaubt auch wohl mit eben so leichter Mühe einmal, sich für seinen Dienst bezahlt zu machen, wenn er dessen Privilegia nicht achter. Ja, können Sie wohl glauben, man hat mir gesagt, daß man sogar Privilegia nachdruckt? und das 154 soll ein Man» gethan haben, der deßwegcn bor zwei Jahren, bei Nacht, bor dem Schwert der Gerechtigkeit aus Leipzig flüchten mußte, »nd sich seit der Zeit dort nicht mehr blicken laßt. Wo ich nicht irre, so hieß er auch Gebhard, und was noch sonderbarer ist, war auch aus Bamberg. Ich hoffe nicht, daß Sic es gewesen sind, sonst zerrisse ich meinen Brief auf der Stelle. Was? Weil Privilegia einigen Petsoncn besvndcrn Schutz versprechen, darf man deßwegcn die Bücher nachdrucken, die diesen Schutz nicht haben? den Mann anfallen, der sich nicht wehren kann, oder nicht Geld und nicht Gelegenheit hat, sich Gewehr zu kaufen; in die Gärten steigen, an deren Thür kein Blech Selbstschüsse verkündigt? Bäume in Alleen umhauen, wenn kein Pfahl mit Staupbcsen droht? Oder den Pflug stehle», oder auch nur gebrauchen, weil er unangcschlossen auf dem Felde liegt? O herrlich! Übrigens verdient die Entschuldigung: man habe gestohlen, um manchen Leuten Diäten zu verschaffe», die Aufmerksamkeit aller Spitzbuben; sie ist neu und in uusern ruchlosen, aber ökonomischen Zeiten jener frommen der vorigen Welt weit vorzuziehen, da die Misscthäter noch sagen konnten: der Teufel habe sie verführt. Was Sic von der Hanauer Messe sagen, daß man dort die Schleichdrucker schütze, die daher also keine Spitzbuben sein könnten, und daß Dieterich, der das Letztere behaupte, sich wiederum des Lasters der Majestät schuldig mache, verstehe ich nicht. Ich will wetten, das Wahre, das diese Nachricht enthielt, ist 155 verdunstet, indem es durch Ihre Feder geflossen ist, und Sie haben es reichlich mit Lügen wieder erstattet. Man sollte die Schleichdrncker in Hanau schützen? das ist unmöglich. Sie wollten vermuthlich sagen, man will es dort nicht so genau nehmen, man will nicht lange mühsam untersuchen, was nachgedruckt und nicht nachgedruckt ist, sondern die Sache lieber dem Gewissen der Leute selbst überlassen. Denn stellen Sie sich vor, wenn man die Schleichdrucker dort schützte, würde Dicterich, die Wittwc Banden ho eck, Nicolai, Reich, Boß, Bohn und einige andere, die Deutschland auch außerhalb Ehre bringen, und die es eigentlich sind, die die Messen machen, würden die »ach jener Messe ziehen? Sein Sic versichert, wo Schleichdrncker geschützt werden, da bleiben ehrliche Buchhändler sicherlich weg. Auch selbst mit dem nicht so genau Nehmen wird es sich endlich geben, wenn Hanau ein Leipzig wird. Von Anfang läßt man solche Sachen geschehen, und muß sie geschehen lassen, es ist den Regeln einer gesunden Politik wenigstens nicht zuwider. Mancher Staat und manche Colonie haben ihren Ursprung einem Zusammenfluß von Menschen zu danken gehabt, die man hundert Jahre nachher darin aufgeknüpft hätte. Übrigens läßt es sich ohne Unwillen nicht lesen, daß ein elender bambergischer Schleichdrucker so sehr für die Majestät der Großen besorgt ist, er, der genug zu thnn hat, seinen eigenen Hals gegen jene Majestäten zn verwahren. Die Majestät braucht Ihre unehrliche Vcrthcidigung nicht, allein thun müssen Sie, was die Leute thun, die ich gegen Sie verthcidige, wenn Sie UlNgei. vor vciu ,t.r»r ^r..t.» Sie doch ein Gewissen hätten, oder wenn es bloß schliefe, wie kurz Hütte ich alsdann sein können! Ich Hütte es mit ein Paar Worten wieder aufgedonnert. Weißt du, Hütte ich gerufen, der du so sehr von Majestäten sprichst, wessen Majestät du beleidigt hast? und hätte ans den Gesetzgeber hingewiesen, von dem ich oben geredet habe, und dessen Bild vermuthlich in Ihrem Zimmer hängt! Aber so muß ich, anstatt an einem erstorbenen Gewissen mich müde zu schütteln und zu rufen, mich an den armseligen Nest von Menschenverstand, den Sic noch besitzen, wenden, und Ihnen das Falsche in Ihren Schlüssen, und das Kahle und Lächerliche in Ihren Entschuldigungen weiter fort zeigen. Das Waisenhaus zu Salzburg habe Ihnen, sagen Sic Jgnaz Schmids Katechistcn nachgedruckt, und doch stehe es unter hohem Schutz. Das ist wieder eine Entschuldigung, so wie man sie gewöhnlich kurz vor der gänzlichen Überführung, bei betroffenem und über die Hälfte schon bekennendem Gesicht vor den Schranke» der Gerichtsstube herausstottcrn hört. Verhält sich die Sache so, wie sie muß, um für Sic zu streiten, woran ich sehr zweifele, so hat das salzbnrgischc Waisenhaus Unrecht. Waisenhäuser sollten sich, da ihnen so viele rechtliche Wege vffcn stehen, sich ein Einkommen zu verschaffen, nicht einmal einen wählen, über dessen Billigkeit noch gestritten wird, am allerwenigsten aber einen so entschieden unehrlichen. Es bringt sicherlich keinen Segen. Warum verklagen Sie das Wai- 157 senhaus nicht beim Erzbischof? Aber da haben wirs, wer wurde nur die Aufschrift einer solchen Klage ohne Lächeln lesen können? Göbhard conti--- das Waisenhaus zu Salzburg eines verübten Nachdrucks. Aber eine der schönsten und lustigsten Stellen ist die S. 12, wo Sic sagen, daß ein gewisser Laver Nicnner in Würz, bürg, der selbst bei Ihnen als Diener gestanden, Ihnen Ihre Bücher jetzt nachdruckte, da er doch, wegen Ihres damaligen sowohl als nachherigen Betragens gegen ihn, zu einem solchen Schritt gar nicht llrsach hätte. Sie sehen also hieraus, was für Leutchen aus Ihrer Schule kommen. Konnte wohl der Erfolg anders sein, so lange jener kein heil. Laver war? Er thut, was sein Patron that, wie die meisten Menschen, und daß er ein Dieb geworden ist, davon ist die Ursache leicht zu finden: Sein Patron war einer. Mir ist dabei Mac Hcath in Gay's Bcttlcroper eingefallen; dem ehrlichen Mann geht es eben so. Mac Heath ist einer von den reitenden Gebharden in England, die die Taschenuhren auf den Messen ganz gcnüglich wohlfeiler lassen können, als die ehrlichen Uhrmacher, weil sie sie nichts weiter kosten, als ihren ehrlichen Namen und im schlimmsten Fall das Leben. Dieser hält eine Menge Diener, die ihm des Abends die Uhren und Schnupftücher bringen, die sie auf der Straße gestohlen, oder mich eines Ihrer Ausdrücke zu bedienen, von unbekannter Hand in Kommission bekommen haben. Er dankt ihnen für ihren Diensteifer, steckt die Beute ein, und geht ab. Indem er aber weggeht, so schleicht sich ein schlauer Fuchs von einem 3aver Nienner hinter ihm her, und holt mit derselben Kunst, die ihn sein Patron gelehrt hat, des Patrons beste Schnupftücher wieder aus der Tasche heraus. Sie sehen, die Welt ist sich überall gleich, und wenn man die Geschichte manches Mannes so druckte, wie die Zollzettel und Frachtbriefe, mit leergelassenen Stellen, so kostete es oft weiter nichts, die Leben von zweien zu beschreiben, als daß man hier hinein schriebe, Uhren, Schnupftücher und Mac Heath, und dort, Logik, Metaphysik und Göbhard. — Aber das ist noch lange das Schönste nicht in der angeführten Stelle. Dieses ist es: Sie sagen, Sie hätten so etwas all Ricn- nern gar nicht verdient. Höchst vortrefflich! Sie sehen, wie unwiderstehlich die Macht der Wahrheit ist, Selbst Sie, Selbst Göbhard muß sie wider Willen reden, in einem Büchelchen, wo sonst Lüge au Lüge stößt, und gerade an der Stelle, wo er ihr den derbsten Stoß zu versetzen glaubt. Also ist es doch wenigstens Unrecht, einem Bücher nachzudrucken, und zwar noch Unrecht in der Meinung des Mannes, der es andere lehrt, das ist alles Mögliche. Sie haben es also nicht an Nicnnern verdient? Sagen Sic mir, womit verdiente es Dicterich an Ihnen? Dadurch vielleicht, daß er ein Ketzer ist? Ich fürchte fast. Pfui, schämen Sie sich vor den Neuseeländern! Mehr als hundert Männer, sagen Sic auf der 13ten Seite, könnten Sic nennen, die alle nachdruckten, machen aber doch zugleich den iuvoluntaircn Zusatz wieder, es möchte manchem darunter nicht lieb sein. Warum nicht lieb? Das müssen recht 159 verworfene Sünder sein, was man anch für Grundsätze annimmt, Dicterichische oder Göbh ardische; nach jenen sind sie Schleichdrucker und Diebe, und nach diesen noch was weit Ärgeres, Leute, die sich einer guten That schämen. Und hundert sollten in Deutschland sein? Welche Hekatombe für die Musen, wenn man die Heerde beisammen hätte! Nun das wäre es, was ich gegen Ihre Lügen, gegen Ihre Jesuitenkniffe und erbärmlichen Entschuldigungen zu sagen hätte, und nun noch ein Paar Worte von Ihrer Sprache und einer Drohung, womit Sie das Schandbüchelchcn schließen. Wenn ich Ihre Sprache betrachte, wahrhaftig, so lähmt mir der Anblick fast alle Entschließung, mich mit Ihnen abzugeben. Gütiger Himmel! Was für ein citcles, elendes, hinfälliges Ding ist es um Büchertitelkcnntniß, wenn der Mann, der sein Leben mit ihnen zugebracht hat, in dessen Kopf Alles von ihnen voll ist, was Betrug und Arglist leer gelassen haben, der sie ewig abschreibt und wieder abschreibt, wenn der am Ende so denkt, wie der gewissenloseste Dieb, und so bnchstabirt und spricht, wie der Gassenjunge, der ein Buch noch nicht von einem Backstein unterscheiden kann! Und doch sich werde fast wcich- müthig) ist Büchcrtitelkenntniß das, was leider noch heutzutage oft Geschichte der Gelehrsamkeit, ja Gelehrsamkeit selbst genannt wird! Es ist allerdings traurig, einen Mann, wie Sie, schreiben zu sehen: Di et er ich komme in Rasche, und dann ihn, den Sie beraubt und so empfindlich beleidigt haben, auf jeder Seite, noch Schurken, Lotterbuben, ehrenrührigen Kerl und schlechten Burschen nennen zu hören: es ist betrübt, sage ich, allein übel nehmen wir es Ihnen hier zu Lande nicht. Jeder Mensch hat, so gut wie jedes Land, seine eigenen Gebräuche und Sitten, und ich werde Ihre Schimpfwörter sicherlich so wenig crwicdcrn, als Ihre Schnitzer Wider die Orthographie. Nur die einzige Anmerkung will ich machen, die Ihnen künstig bei Ihren Streitschriften von Nutzen sein kann: die Lakonischen Beweise, die Sie so sehr lieben, ich meine die Wörter Schurke und Lotterbube u. dergl., erhalten ihre Stärke von der Beschaffenheit der Zunge, die sie ausspricht, und sie verlieren oft ihre Wirkung ganz, oder gehen gar in das Entgegengesetzte über, wenn dieses beweisende Glied homogen mit dem Beweise ist. Ich will mich durch die Anwendung erklären. Wenn Ihre Zunge Dicterichen einen Schurken nennt, so bringt es ihm die größte Ehre: hingegen hätte sie ihn Freund und Consortcn geschimpft, so wäre ihm kein Professor und kein Pursche mehr in Laden, und kein ehrlicher Bürger mehr über die Schwelle gegangen. Aber was soll ich zum Beschluß Ihrer Scharteke sagen? Oder was würde Ihnen ein Mann antworten, der minder zurückhaltend wäre als ich? „Dreimal habe ich deine Schandpe- riodc') gelesen, würde er sagen, und noch weiß ich nicht, was ') Die Stelle, worauf der Verf. anspielt, ist folgende: „Ich behalte mir mein weiteres Recht gegen einen solchen Lügner und Berläumdcr bevor; umsonst hoffet derselbe durch eine angekündigte neue Auflage der obberegtcn Werke des Hrn. Prof. Fcders das Publikum zu täuschen, ich erwarte sehnlich diese vermehrte Auflage, »ud wenn dieselbe das Licht erblickt, so werde ich zu einer geringen und einswciligcn Genugthuung den Nachdruck nicht scheuen, und alsdann erst das Publikum durch die Verschiedenheit des Preises zu überführen, wie diesem Berläumder um nichts zu thun sei, als seine Hab- und Gewinnsucht zu befriedigen. Anmerkung des Herausgebers. 161 in derselben mehr auffallend ist, deine galgcnmäßige Frechheit, wodurch du einem Manne, der in dem ganzen Streit von Jedermann (unter Christen wenigstens) als der beleidigte Theil erkannt wird, ein Werk nachzudrucken drohest, noch ehe es heraus ist, oder deine an Wahnwitz grenzende Dummheit, die sich mehr von einem geschwänzten Menschen, als einem Bambcrger Buchhändler erwarten ließe, womit du es dir zum Verdienst anrechnest, daß du nachgedruckte Bücher wohlfeiler geben kannst, als der Verleger. Weißt du, daß du außer Dieter ichen mit deinen Spitzbubcndrohungen auch noch den vcrchrungswürdigen Verfasser beleidigest, ja daß du den Wissenschaften selbst schadest, würde ich sagen, wenn solcher Pöbel, wie du, wüßte, was Wissenschast ist, oder wenn man solchem Lehm tretenden Gesindel wie dir glauben machen dürste, sie könnten durch ihre Unehrlichkeit im Arbeiten den Bau eines Tempels des Jupiter aufhalten? Und ist es denn, würde er fortfahren, ist es denn so etwas Ungewöhnliches, daß die Schuster, die das Leder stehlen, die Schuhe wohlfeiler geben können? Nimm lieber sechs der Handfestesten aus deinem Hundert, breche hier geradeweg bei Dicterichen ein, oder schlage seinen Fuhrmann zwischen Göttingen und Leipzig einmal zur guten Stunde auf den Kopf." So würde der Mann sagen, und hätte Er unrecht? Allein Ich, ich liebe ein allezeit laues Blut und Barmherzigkeit. Auch wenn ich es recht bedenke, so ist in jener Schlußpcriode so sehr pro mit contra und contra mit pro verwechselt, auf der euren Seite so viel Tücke, und auf der andern wieder so viel possierliche Albernheit, daß man nicht weiß, was man glauben, oder wo man anfassen soll. In einem solchen Fall halte ich es, nach einer bekannten hermeneutischen Regel, die die Lösung solcher Schwierigkeiten, wenn sie der Vernunft zu schwer werden, der III. 11 162 Menschenliebe überträgt, für meine Pflicht, zu glauben, dnß Sie wenigstens zuweilen nicht klug sind, oder, daß Sie aus Achtung gegen Ihren großen Vorgänger im Betrug, welchem Göbhard, der betrügerische Schleichdrucker, freilich besser Gesellschaft leisten könnte, als Dr. Faust, der ehrliche Buchdrucker, Ihren Abschied vom Leser mit transcendentem Gestank zu nehmen gedacht haben. Ich meines Theils denke immer: Ende gut, Alles gut! und anstatt Ihre Drohungen mit einer einzigen zu crwiedern, will ich Ihnen lieber zwei Ermahnungen geben. Für das erste, wenn Sie den Tausenden von Redliche», die mit mir stimmen, antworten wollen, so thun Sie es Ihrer Ehre, jetzigen und künftigen Ruhe wegen (die jcnscit des Grabes nicht ausgeschlossen), durch Besserung mit der That, und nicht durch eine schriftliche Antwort. Merken Sie wohl, was Ihnen dieser Rath für Ehre anthut? Mehr, als ich Ihnen zugedacht hatte, da ich mich zu diesem Brief niedersetzte. Er setzt voraus, daß Sie noch ein besserer Bürger werden könnten, wenn Sie wollten, und daß Sie nur zum Schriftsteller und Advocaten unwiederbringlich verdorben sind. Für das zweite wollte ich Ihnen auch nicht rathcn, die Feder eines Andern zu gebrauchen. Die Köpfe, die Witz und Kunst genug besitzen, eine böse Sache, zumal eine, die der Name Göbhard drückt, gut zu vertheidigeu, sind überhaupt in Deutschland selten, und wenn man dem Himmel für die Seltenheit derselben danken muß, so ist ihm, dünkt mich, Ihr Baterland vorzüglichen Dank schuldig. Leben Sic wohl. Ich bin ri. s. w. Friedrich Eckard an den Verfasser der Bemerkungen zu seiner Epistel an Tobias Göbhard. Mein Herr, Wenn Ihre Bemerkungen zu meiner Epistel so mit Gründlichkeit geschrieben wären, wie sie es mit Mäßigung sind, so könnte ich Ihnen wenigstens den schnöden Nuhm, eine schlechte Sache mittelmäßig vcrthcidigt zu haben, nicht versagen. Allein, da Sic mich nicht verstanden haben, da auch Sie, wie Göb- hard, Jesuitenknissc gebrauchen, und den Beifall, den Ihnen die Vernunft als Preis unmöglich zuerkennen kann, als Almosen der Schwachherzigkeit zu crkriechen suchen: so muß ich bekennen, daß Ihr Büchelchen gerade das ist, was ich von Bamberg erwartete: Eine elende Bertheidigung einer elenden Sache. Sie könnten es mir also auch nicht verargen, mein Herr, wenn ich Sie die Geißel empfinden ließe, die Ihr nichtswürdiger Elient empfunden hat. Gelegenheit dazu gibt wenigstens jede Zeile Ihres Briefs an die Hand. Allein Sie können so ziemlich vor mir sicher sein. Ich verehre in Ihnen auch den Anschein von Billigkeit, und verzeihe in einem Gegner herzlich gerne dem leeren Kopfe, seines ehrlichen Gesichts wegen. 1KV Hätte» Sic nur die Hälfte der Aufmerksamkeit, die, ich will nicht sägen, der Widcrleger, sondern der bloße Leser seinem Schriftsteller schuldig ist, ans meine Epistel verwendet, so hätten Sie sich von den 14 Seite», woraus Ihre Schrift besteht, gerade 10 erspare» können. Denn auf den 10 Seiten sagen Sic schlechterdings nichts, was wider mich stritte, und die übrigen wären alsdann von selbst weggeblieben, denn auf denen sagen Sie gar nichts. Meiner so eben angelobten Schonung wegen, will ich nicht sehr genau untersuchen, was Sie bewogen haben kann, den Namen und das Ansehen des Kaisers überall so unverantwortlich einzumischen. Bei denen Lesern, für die Sie vielleicht schreibe», mag dieser Jesuitenkniff seine Wirkung thun: bei den mci- nigen erwarte ich wenigstens ein Ouent von Scharfsinn, und so viel ist hinreichend, den Kaiser, aller Ihrer Verwickelung ungeachtet, in einem Wink von dieser Streitigkeit zu trennen, ja zu sehen, daß Ich es eigentlich in diesem Streit bin, der sein Ansehen vcrthcidigct, indem ich seine Drohungen unmittelbar nebe» die vom Himmel stelle. Ich bekenne dieses frei, ob Sie mich gleich svcrmnthlich aus der Überzeugung, daß ich ei» Recht dazu hätte) von einem solchen Bckcnntniß abzuschrecken suchen, wo Sie, demüthigst in den Staub hingcbeugt, etwas von der Verachtung wimmern, mit welcher der Kaiser auf Sie und alle, die seine Rechte Verth ei digcn, als auf Erden schwämme herabsehe. O mein Herr, wenn Sie das vom Kaiser glauben, so kennen Sie den Monarchen nicht. 167 Joseph der II. sollte auf die, die seine Rechte vertheidigen, mit Verachtung herabsehen? Auf seine Feinde, wollen Sie sagen, oder solche dcmüthigc Freunde. Und da haben Sic Recht. Denn das sind Erdcnschwämme, die des Schattens der erhabenen KaiserSeiche nicht Werth sind, unter welcher sie aufwuchsen. Pfui, wer wird sich für einen Erdschwamm halten, wenn er Recht thut und ein gutes Gewissen hat? das heißt den Gott entehren, der uns alle geschaffen hat, und der selbst auf die, die seine Rechte verthcidigcn, mit Gnade herabsieht. So denken wahrhafte kaiserliche Unterthanen, und so denken wir hier, unter dem Schutz eines großen und guten Königs, dessen Stolz es ist, über Menschen zu herrschen, die Ihn, mit Gefühl ihrer eigenen Würde, wie ihr Leben lieben — und nicht über Pilze. Wenn Sic denn doch nur mit einigem Schein von Kunst den Kaiser eingemischt hätten: so hätte ich doch wenigstens bei der Widerlegung der Sophisterei vielleicht etwas gedacht. Aber lesen Sic nur einmal Ihre Bemerkungen, und sehen Sic, was Sie gemacht haben. Anstatt ein falsches Licht auf meine Gründe, und ein vorthcilhaftes auf Ihre Folgerungen zu werfe», was thun Sic? Sic flicken mir Sätze au, die mir nicht in den Sinn gekommen sind, und das, ohne einmal zu sagen: es dünkt mich. Hören Sic nur einmal. Sie sagen: Ich behaupte, das Recht des Kaisers, Privilegia zu crtheilen, sei ein Hirngcspinnst? Wo sage ich das? und mit welchen Worten? Vcrmuthlich an der Stelle, wo ich sage, die zehn Gebote seien ein Hirugc- spinnst: denn aus den Stellen meiner Epistel, ans denen sich der erste Satz heraus winden läßt, winde ich Ihnen allemal auch den letzten heraus. Ich verspreche es Ihnen. Sie sagen ferner: Ich gestünde den Rcichsständen das Recht, Privilegien zu crthcilcn, zu, aber nicht dem Kaiser. Allein ich sage dieses so wenig, daß ich vielmehr noch auf diese Stunde nicht begreife, wie jemand einfältig genug sein kann, so etwas von einem Andern zu behaupten. Sie sagen drittens: Ich behaupte, wer dem Kaiser das Recht, Privilegia zu crtheilcn, einräume, suche dessen Revenuen durch unerlaubte Wege zu vermehren. Hierbei kommt es mir fast vor, als wenn Sie unter dem, was ein Mann gesagt hat, auch alle die Anagrammcn mit verstünden, die sich aus seinen Worten setzen lassen. Ich sage: wer Schaden thut, um den Leuten, die den Schaden besehen und darüber erkennen müssen, Diäten zu verschaffen, oder Schaden thut, damit andere Leute sich Schutz erbitten und Schutzgeld bezahlen müssen, ist ein ehrloser Bösewicht: obgleich die Obrigkeit alsdann das Recht hat, Schutz zu ertheilen, und das Recht haben mag, neues Schutz- gcld zu nehmen. Viertens sagen Sie endlich, und zwar nicht bloß gegen mich, sondern überhaupt, daß man Hierselbst (zu Güttingen) die Regel: Alles was ihr wollt, das euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen, nicht mit der zu vereinigen wisse: Gebet demKaiser was desKaisers ist. Aus dieser Beschuldigung, die Sic mir vcrmuthlich bloß des Klangs 169 wegen machen, weil der Kaiser zweimal darin vorkommt, leuchtet in der That eine Albernheit hervor, die bis zum Drollichten seltsam ist. Ich sage, Buchhändler bestehlt euren Nächst c n nicht, und der Mann sagt, ich gebe dcmKaiser das Seine nicht. Ich sage: Kaufleutc, thut euren Brüder», so wie ihr wollet, daß sie euch thun sollen; und Er schreit dazwischen: so bekommt aber derKaiser nichtwas desKai- scrs ist. Ich sollte dem Kaiser nicht geben, was des Kaisers ist, da ich sage: gebt sogar dem Kaufmannc, was des Kaufmanns, ja, gebt dem Bettler, was des Bettlers ist? Ich sollte die Vorschrift, die das Gesetz und die Propheten enthält, befolgt wissen wollen, und gegen den eine Ausnahme machen, von dessen Macht und Güte allein ich endlich die gänzliche Sicherheit des ehrlichen Buchhändlers erwarte? gegen Joseph II.? Wäre das Christcnthum? oder wäre das nur Logik, die Regel fest setzen, und die Anwendung nicht damit zu vereinigen wissen? Wo haben Sie hingedacht? Sagen Sie. Vcr- muthlich an die geweihten Henker, die die Regel: du sollst nicht tödten, nicht mit der haben vereinigen können: d n sollst deinen Nächsten seines Glaubens wegen nicht braten, zumal du ihnnicht essen kannst. Aber waren die Leute Christen? oder nur Logiker? Man braucht nur eines zu sein, um jene Vorschriften der Bibel zu vereinigen, und die Leute, denen Sic eine Unschicklichkeit in deren Vereinigung Schuld geben, sind Beides. Wie konnten Sie überhaupt so unüberlegt sein, mein Herr, Ihre liederliche Sache vor den Nich- genug sein könnten, Ihren Prozeß zu gewinnen, Sic Ihre ganze zeitliche Glückseligkeit verlieren müßten. Da Sie alsv in Ihrer ganzen Schrift entweder nichts sagen, wie ich unten zeigen will, oder mir Dinge Schuld geben, die ich nicht gesagt habe, was habe ich denn nun gesagt? Ich will es Ihnen noch einmal wiederholen, und zwar, um allen Mißverstand zu vermeiden, kurz: Was ich gesagt habe, noch glaube, immer glauben werde, und mir gegen alle Jesuiten der ganzen Welt zu vertheidigeu getraue, ist: Wenn ein Buchhändler seinen Autor aufs Ungewisse reichlich bezahlt; aufs Ungewisse große Summen auslegt; Verbindungen mit Gelehrten sucht; diese Verbindungen oft mit Kosten und Zeitverlust unterhält, um Werke aus Licht zu bringen, die ohne seine Betreibung, ohne seine Belohnungen und oft ohne eine, durch des Mannes besondere Verdienste bewirkte, Fürsprache Anderer nicht herausgekommen wären; und ein Nichtswürdiger, der sich zwar einen Buchhändler nennt, aber so wenig zu dieser würdigen Gesellschaft gehört, als die Dragoncrapvstel und ihre geweihten Sender unter die Heiligen, druckt dem Manne sein Buch nach, sobald er hört, daß der gute Absatz nicht mehr ungewiß ist; schlägt dadurch den eifrigen Mann fürs künftige nieder, ja ruinirt ihn unter gewissen Umständen: daß dieser Schleichdrucker ein Dieb ist, so gut als irgend einer, mit dessen Gerippe der Wind spielt, das habe ich gesagt, glaube es noch, und will es gegen alle Jesuiten der 171 Welt verthcidigcn. Ja, ich will »och mehr sagen. Wer eine» solchen Schlcichdruckcr öffentlich beschützt, beschützt einen Dieb, nnd macht sich des Diebstahls theilhaftig; es habe nun bas Bnch ein Privilegium oder nicht: das Privilegium macht das Verbrechen großer nnd die Strafe gewisser, allein es macht nicht den Dieb. Was wollen Sic nun weiter? Den Beweis, nicht wahr? O dazu kann ich Ihnen helfen. Gehe» Sie hin zu Gebharden, der hat ihn über tausendmal gedruckt. Schlagen Sic Hrn. Prof. Fcders Naturrecht im zweiten Hauptstück nach. Und hat Gebhard gehalten, was er versprochen hat (vermuthlich hat er es gethan, denn es war eine Dieberei, was er versprach), ich meine, hat er die neueste Ausgabe des Federschen Buchs nachgedruckt, so lesen Sie auch die neue Vorrede des Verfassers, wenn anders dem Bambergischen Setzer hierbei die Hände den Dienst nicht versagt haben. Soll man, sagt der Hr. Prof. Feder (wo er die Gründe angibt, warum er Znsätze nicht besonders drucken lasse:), soll man dem diebischen Nachdrucket — denn dieses ist er nicht allein nach der Moral, sondern selbst nach den natürlichen Begriffen der äußerlichen Gerechtigkeit — auch diesen Vorschub noch thun? Sehen Sie, das sagt Feder, den selbst Sic vortrefflich nennen und zittern. Wer doch in aller Welt Göb- harden überhaupt gcrathen haben mag, Logiken und Praktische Philosophien nachzudrucken? Denn die, die ihm Geld einbringe», breche» ihm über kurz oder lang den Hals, und die, die ihm den Hals nicht brechen, bringen ihm sicherlich kein Geld ein. Allein, mein Herr, Sie haben nach dem Beweise meines Satzes gefragt. Nun erlauben Sie mir auch einmal ein Paar Fragen: Warum zweifeln Sie denn an dem Satz? denn ich kenne nur zwei Serien, die ihn hauptsächlich bezweifeln: die Pyrrhonistcn, und die Eskimaur. Bekennen Sie sich zu den Erstern oder den Letztem? Dieses wird sich augenblicklich zeigen, wenn Sie mir unmaßgeblich sagen wollen, was Sie Recht und Unrecht und was Sie Eigenthum heißen; und, unter uns gesprochen, was Sie in Bamberg Diebstahl nennen. Den» nun merke ich wohl, daß sich die Verschiedenheit unserer Meinungen nicht erst beim Schleichdrucker anfängt: sondern, daß sie sich bis an die Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit, ja, daß sie sich über diese Grundsätze selbst erstrecken muß. Beantworten Sie mir diese Fragen, und dann wollen mir mit einem Wink ausmachen, wer von uns beiden in der Wiege verdorben ist. Ich oder Sie. Denn in der Wiege und der Consirmanten- stunde müssen wir es suchen. Ich thue es jetzt mit Fleiß nicht. Aber einen Gedanken von mir hierüber, der gewiß mehr als Muthmaßung ist, sollen Sic künftig einmal hören. Ja, ich will nicht leugnen, mein Herr, hätten Sie mir den Beweis des Satzes, daß der Nachdrucke! ein Dieb sei, der ein Buch, das kein Privilegium hat, nachdruckt, mündlich abgefordert, so hätte ich Ihnen denselben zwar nicht versagt: aber das hätte ich auch gethan, ich hätte erst meine Uhrkette weggesteckt. Denn der, 173 dessen Gewissen ein solcher Gallus bedeckt, daß er das nicht fühlt, ist wahrhastig ein gefährlicher Mann; und ohne ein kaiserliches Privilegium über Börse' und Leben reiscte ich nicht mit ihm allein des Nachts durch den Speßhard. Sehen Sic, solchen Folgerungen setzt sich ein Mann aus, der einen Schleichdrucker vertheidigt. Aber ich, der ich nicht neue Grundsätze schaffe, um hier ein Individuum zu vertheidi- gcn, und dort einem andern zu schmeicheln, sondern, der ich die Vcrthcidigung des Individuums aus den allgemeinsten Grundsätzen der Billigkeit hergeleitet wissen will, die ohne eine gänzliche Zerrüttung der Gesellschaft nicht bezweifelt werden können; der ich weiter ja nichts verlange, als nur Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit in allen Ständen: was für Folgerungen setze ich Mich aus? ,/Jch schmälere die Rechte des Kaisers, und gebe ihm das Seinige nicht." Nein, mein Freund! Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit in allen Ständen, im Bürger- und Soldatenstande, sind der Fels, auf dem selbst die Thronen stehen, die an den Himmel reichen. Wie leicht man sie gegen einen König übertritt, wenn man sie einmal gegen seinen Mitbruder zu übertreten gelernt hat, hätten Sie aus der Zeitung wissen können. Sic können versichert sein, mein Herr, ich dcclamirc ungern über solche Materien, zumal mit Ihnen. Mein Nationalstolz leidet darunter. So will ich es diesesmal, wenigstens, was das Allgemeine betrifft, hierbei bewenden lassen. Denn Sie werden nicht leugnen können: wenn man nach taufenden von Jahren »och keine» Schritt breit gewönne» haben soll, sondern einem noch immer solche Dinge vordcmonstriren muß, als wären wir erst gestern Menschen geworden: so ist es (verzeihen Sie mir diesen Ausdruck, der nicht aus Leichtsinn, sondern aus lebhaftem Gefühl der Würde des Christen entspringt), so ist es der Mühe nicht Werth, ein Christ z» sein. Es wäre, sagen Sie weiter, dem Verleger ein Leichtes, das wenige Geld für ein Privilegium zu bezahlen. Ganz gut, mein Herr, wenn es auch nur dem Reichsfisral ein Leichtes wäre, dem beleidigten Buchhändler Recht zu verschassen. Aber stellen Sie sich einmal vvr, Ihr Wunsch wäre erfüllet, jedes gute Buch, vder wenigstens jedes, das gut abgeht, habe ein kaiserliches Privilegium, glauben Sie etwa, den Schleichdrucker würde das schrecken? das callöse Gewissen? O ich glaube, Göbhard allein, wenn er reicher und klüger wäre, würde alsdann 10 ReichSfis- cale beschäftigen. Mir graut, wenn ich dahin sehe. Decennia würden hingehen, bis die Sache zum Spruch käme, Ncichsge- richtsvisitationcn würden entstehen und vergehen; Kläger und Beklagte könnten wegsterben; der Schuldige könnte am Ende in zehnmal nicht einmal den Schaden und die Kosten ersetzen; Kummer und Zeitverlust würden nie ersetzt. Nein, nach der jetzigen Verfassung vcrstattet die menschliche Natur keine schnellere Hülfe, gesetzt auch alle Stellen und Zugänge zu denselben wären mit den redlichsten Leuten besetzt. Denn in einem Reiche, wie Deutschland, ist es leicht möglich, daß der Fiscal, der Verleger, und der Schleichdrucker in den drei Spitzen eines Triangels wohnten, 175 wovon jede Seite hundert Meile» lang wäre; und doch bliebe das menschliche Leben auf der andern Seite bei seiner ungewissen 70, und wenns hoch kommt 80, wenn sie nicht gar Kummer und Verdruß zu einer armseligen 50 heruntersetzte. Soll der redliche Buchhändler, der in so mancher Provinz Deutschlands noch allein Mäcensstelle vertritt, soll der die Gerechtigkeit so suchen? da ihm geholfen wäre, wenn man ein Paar Namen, die Bamberg, Frankfurt, Karlsruh, Osscubach, Höchst oder Homburg hergäben, au etwa 10 Galgen schlüge? Und ist die Abgabe, wenn sie gering ist, auch billig? Sind Ihnen auch die Abgabe» des ehrlichen Verlegers alle bekannt? Wissen Sie, wie viel Exemplare er schon jetzt verschenken muß; was für Fracht weggeht, wie er Papier gegen Papier tauscht, hin- und hergibt, ohne Geld zu erhalten; heute ein Buch tu de» Ballen gewickelt bekommt, und morgen um den Ballen gewickelt wieder wegschickt? — und doch wollte ich nichts gegen diese Abgabe sagen, denn die ließe sich durch eine Taxe auf den Leser und den armen Verfasser wieder herausbringen, — wenn ich nur sähe, daß der vorgesetzte Zweck dadurch erreicht würde. Allein, wie gesagt, je mehr Privilegia, desto mehr Processi und Übertreter: denn drucken sie schon jetzt Privilegia nach, da die besten Bücher oft noch keine haben, die ihnen also, nach ihrem Grundsatz wenigstens, zum Nachdruck frei stünden; was werden sie alsdann thun, wenn es bloß privilegirtc Bücher gibt? Bedenken Sie dieses bei sich selbst, mein Herr, schließen Sic sich ein, wenn es nicht gleich gehen will, und überheben Sie 176 mich der Mühe, Ihne» svlchc Dinge ferner zu erklären; ein Nachdenken von einer Stunde erspart Tage von Lcctürc, und verdirbt die Augen nicht. Aber nehmen Sie ja die Betrachtung mit in Ihre Kammer: daß, wenn ich sage, der Schleichdrncker sei ein Dieb; der beleidigte Buchhändler solle sein Recht eben so erhalten, wie es jeder gekränkte Kaufmann erhält; man solle überall keine Schleichdrucker dulden, wie man keine Falschmünzer duldet, um auf diese Art den Gelehrten aufzumuntern, dem ehrlichen Buchhändler sicher und schnell zu helfen, ja den Wissenschaften zum Vortheil zu arbeiten: daß das nicht heißt, bei unserer jetzigen Verfassung seien kaiserliche Privilegia Hirngespinste; das Letztere aus dem Erstere» folgern, ist nicht Sophisterei, sondern Wahnwitz. Ich sage hier mit Fleiß noch einmal: den Wissenschaften zum Vortheil, weil Sic mir vorwerfen, ich hätte dieses Hauptargument in meiner Epistel vergessen. In gewissem Verstände haben Sie Recht: denn ich sagte es auch uicht sowohl selbst, als vielmehr der Mann, den ich gegen das Ende derselben redend eingeführt habe'). Ich komme nun noch zu besonder» Stellen Ihres Briefs, und besonder» Umständen bei der Sache. Denn da wir nun einmal unsere Correspondenz öffentlich führen, so kann es auch nützlich sein, zuweilen eine Sache, des fremden Lesers wegen, besonders vorzunehmen. Also nicht für Sie allein, mein Herr, ') Seite 161. Zeile 11. 177 sondern auch für den fremden Leser zugleich, sind wenigstens einige der folgenden Anmerkungen. Sie nennen also den Gelehrten intcressirt, der sich jede Auflage seines Büchs, wie das neue bezahlen läßt? Du gerechter Himmel! der ein sehr mäßiges unter Bedingungen fordert, die unter hundertmal nicht einmal eintreten, und nie ohne großem Borthcil des Verlegers eintreten können. Das sind etwa in einem ganzen Leben ein Paar hundert Thaler für einen Band, wenn Goldsmith Illwv für ein Paar Komödien in einem Jahre zieht. Ich kann nicht leugnen, ich bin fast eben so neugierig, jetzt Ihren Maßstab für Werke des Geistes zu sehen, als Ihr schwarzes oder rothes Register moralisch indifferenter Handlungen. Mein Freund, wem sagen Sie dieses? Dem deutschen Gelehrten, der ohnehin selten etwas hat, oder dem reichen Deutschen, der ihm ohnehin selten etwas gibt? Was belohnt denn der Verleger ? die Gedanken oder nur die Mühe der Erzählung? Kaum kann er das Letztere thun. Wenn Sie glauben, das eigentliche Werk des Gelehrten lasse sich per Bogen schätzen, so erniedrigen Sic ihn zum Büchcrmüllcr. Ich bitte Sie, lassen Sie den deutschen Gelehrten in Ruh, Sie versündigen sich. Betrachten Sie ihn einmal, wie es (dem Himmel sei Dank! nicht bei uns) allein in den meisten Provinzen Deutschlands noch um ihn aussieht: Vogelfrci für jeden Primaner, der bei einem Reccnsionscomtoir oder in einer Übersetzern in die Lehre gcthan ist; verwechselt mit dem vielwissenden Geschöpf ohne Menschenverstand, das aus eilf Büchern ein zwölftes zu machen, oder III. 12 178 das Werk eines Ausländers mit stumpfer Kohle durchzuzeichnen weiß; einem Publikum untcrlhan, das metrisches Babel, oder dithyrambische Seherphilosophie, oder Journale für Werke des Genies, Mcßcatalvgos für Bücher, und Schmctterlingshistorie für Wissenschaft hält: das ehrliche, verlassene Geschöpf wollen Sic noch um sein Weniges bringen, wenn Taufende auf nichtswürdige Müsfiggängcr verschwendet werden? Verthcidigcn Sie dafür lieber die Buchhändler, und die Rechte, die ihnen die Natur geschenkt hat. Die Musen werden es ihnen an den Orten Dank wissen, wo sie noch unter den Bedienten stehen, oder vor den Schloßbrückcn frieren. Auch die Gelehrten werden auf diese Art ihren Endzweck sicherer erreichen, als durch den unseligen Einsall, ihre Zeit zwischen der Bibliothek und dem Comtoir zu thci- len, und ihre Bücher selbst zu verlegen und zu verthcuern oder wohl gar mit Leinöl und Kienruß im Bart selbst zu drucken. Sie halten sich über meinen Witz auf? Also auch bei Ihnen draußen hat betroffene Impotenz diesen Weg zur Ausflucht schon gefunden? Mein Herr, ich weiß es so gnt wie Sie, daß Witz kein Nichter ist, aber er sitzt doch einmal mit im Rath, und da muß er in solchen Fällen, wie der Göbhardische, nach einem alten Gebrauch unserer Vorfahren, wenn Vernunft das Urtheil gesprochen hat, als letzter Schösse die Exemtion verrichten. Übrigens ist es allerdings merkwürdig, daß in Deutschland, wo Witz vielleicht seltner ist, als unter irgend einer schreibenden Nation, jedermann über zu viel Witz schreit. Es ist zumal dieses der rechte Lieblingsseufzer der Weisen in den ober» 179 Facultätcn geworden, wo man Alles, was mit Lächeln gesagt wird, gern für Possen, und Alles, was mit bewölkter Stirnc vorgetragen wird, für tiefe Weisheit gehalten wissen wollte: hingegen nicht bedenkt, daß die eigentlichen ins Große gehenden Sottisen, womit sich ganze Facultätcn vor ganzen Zeitaltern lächerlich gemacht haben, meistens mit der Miene der betitulten und besoldeten Bedächtlichkeit und der altklugen Herabsehung sind begangen worden. Ich wünschte von Herzen, daß jemand eine Apologie dieser schönen Eigenschaft unsers Geistes übernähme, die, wenn sie von früh an mit dem noch jungen Scharfsinn zugleich erzogen wird, entweder ohne großen Nachthcil des Besitzers ihr Feuer verliert, oder mit ihm zugleich heranwachsend, dem Geist die Wendung gibt, ohne die kein großer Schriftsteller sein kann. Ich wünschte dieses von einem Weltwcisen ausgeführt, che noch die immer geschäftigen Unweisen der Welt es diesem Worte machen, wie sie es schon manchem gemacht haben, das Eigenschaften ausdruckt, die sie nicht besitzen. Ich kenne leider bejahrte Menschen, die jetzt unter Witz alle Arten brotloser Federkünste, Oden und Zoten, Lebcrreime und Chro- nosticha, prangermäßige Satyren, und französische Stichclredcn auf den lieben Gott verstehen, und auf und ab auch diese Dinge wieder unter einander für einerlei halten. Doch nun ab hiervon. Schließlich ersuche ich Sie noch, mein Herr, warnen Sie den betrügerischen Göbhard in meinem Namen, sagen Sie ihm, ich hätte längst einen Mann, wie ihn, für die Satyre gesucht. Denn ich denke, nächst dem nie zu hoffenden gänzlichen Mangel 12' 180 an Dummköpfen und Betrügern, ist ein vogclfreier Dummkopf und Betrüger das größte Geschenk der Natur für ein sündiges Land, so lange es noch nicht an Geißeln fehlt, Striemen zu schlage», und noch nicht an Muth, sie ohne Mcuschenfurcht zu führen. Fährt Göbhard fort, meine Freunde und Mitbürger zu berauben, so ist es ihm hiermit feierlich versprochen, er soll nirgends vor mir sicher sein, als unter dem Schilde der Tugend und Ehrlichkeit, und so weit mich mein Quentchen (mit Talenten rechne ich nicht) in die Ewigkeit trägt, und 4, S Messen find doch auch ein Theil der Ewigkeit, so soll Er, an der Hand oder an den Haaren, sicherlich mit hinein. Und Ihnen, mein Herr, gebe ich folgende Betrachtung zum Abschiede zu beherzigen. Ich kenne zwei Männer, die behaupten, der Schlcichdruckcr sei ein Dieb: davon ist der eine ein großer Nechtslchrer, und der andere ein großer Wcltwciser, beide von dein Grad, daß sie Deutschland Ehre machen; und dann weiß ich auch noch von zwei Vertheidigern der Schleichdruckerei, davon ist der eine zu Leipzig im Zuchthanse gestorben, und der andere sind Sie. Leben Sic wohl. Anschlagzette im Namen VVN Philadelphia. Anschlagzettel. Über die Entstehung dieses Zettels, — der schon bei Lebzeiten des Verfassers in der Berliner Monatsschrift, September 1790, jedoch ohne die Holzschnitte, ist wiederholt worden, — wird der demselben nachfolgende Auszug aus einem Briefe des Buchhändlers Dictcrich in Göttingen an den Herausgeber der ersten Ausgabe, Bruder des Verfassers, die beste Auskunft cr- theilen. Zur Erklärung der dabei benutzten Holzschnitte lassen wir die Worte der Vorrede zum dritten Theile der ersten Ausgabe folgen: »Die Holzschnitte konnten also auch nicht eigens dazu oerfertigt werden, sondern wurden unter den vorhandenen Drncker- stöckcn hervorgesucht; und es war ein glückliches Ungefähr, daß sich ein Paar fanden, die nicht übel dazu paßten. Das oberste hat ein abenteuerliches, furchtbares Ansehen: es stellt die ganze heil. Dreifaltigkeit, nebst den guten und bösen Geistern vor, — (die die Zauberer oft genug im Munde zu führen, und deren Beistandes sie sich zu rühmen Pflegen) und die lctztrrn noch übcr- dieß sehr geschäftig, die sündhaften Menschen im höllischen Pfuhl herum zu schüren. Die Umschrift sagt entweder nichts oder etwas Albernes, und ist zugleich auf eine mystische Weise salS ein Chronodistichon) geschrieben; so paßt sie am besten für Zauberformeln und Kunststückchen, die gleichfalls nichts oder etwas Albernes, unter dem Anstrich des Wunderbaren, enthalten. Der Georg Müller, dem zu Ehren sie abgefaßt ist, war, wie es in der Berliner Monatsschrift vortrefflich ausgedrückt ist, ein Taschenspieler anderer Art, ein Tabacksspinner, der sich einfallen ließ, geistliche Eonventikcln zu halten') und theologische Bücher zu schreiben, die voll fanatischer Salbung sind. Einige Nachrichten von ihm finden sich in Jöchcr's Gelehrtenlerikon. — In dem andern Holzschnitte, der die Stadt Göttinge» vorstellt, scheinen die Fahnen auf den Kirchthürmcn, mit Beziehung auf das erste Kunststück, so hervorstechend gemacht zu sein. Dieser Zusatz mag neu sein, und konnte leicht in der Geschwindigkeit verfertigt werden. ') In Hamburg 1636; wurde 1694 ins Gefängniß geworfen, und bald nachher aus der Stadt gejagt. Allen Liebhabern der übernatürlichen Physik wird hierdurch bekannt gemacht, daß vor ein Paar Tagen der weltberühmte Zauberer Philadelphus Philadelphia, dessen schon Cardanus in seinem Buche äs natura superuaturali Erwähnung thut, indem er ihn den von Himmel und Hölle Beneideten nennt, allhicr auf der ordinären Post angelangt ist, ob es ihm gleich ein Leichtes gewesen wäre, durch die Lust zu kommen. Es ist nämlich derselbe, der im Jahr 1482 zu Venedig auf öffentlichem Markt einen Knaul Bindfaden in die Wolken schmiß und daran in die Luft kletterte, bis man ihn nicht mehr gesehen. Er wird mit dem Neri Jenncr dieses Jahres anfangen, seine Einthalerkünste auf dem hiesigen Kaufhanse öffentlich-heimlich den Augen des 11! Ä 186 Publici vorzulegen, und wöchentlich zu bessern fortschreiten, bis er endlich zu seinen ZOO Louisd'oi stücken kommt, darunter sich einige befinden, die, ohne Prahlerei zu reden, das Wunderbare selbst übertreffen, ja, so zu sagen, schlechterdings unmöglich sind. -Es hat derselbe die Gnade gehabt, vor allen hohen und niedrigen Potentaten aller vier Wclttheilc und noch vorige Woche auch sogar im fünften vor Jhro Majestät der Königin Obcrca auf Otaheite mit dem größten Beifall seine Künste zu machen. Er wird sich hier alle Tage und alle Stunden des Tages sehen lassen, ausgenommen Montags und Donnerstags nicht, da er dem ehrwürdigen Congrcß seiner Landslcute zu Philadelphia die Grillen verjagt, und nicht von 11 bis 12 des Vormittags, da er zu Constantinopel cngagirt ist, und nicht von 12 bis 1, da er speiset. Von den Alltagsstückchcn zu einem Thaler wollen wir einige angeben, nicht sowohl die besten, als vielmehr die, die sich mit den wenigsten Worten fassen lassen. 1) Nimmt er, ohne aus der Stube zu gehen, den Wetterhahn von der Jacobikirche ab, und setzt ihn auf die Johannis- kirchc, und wiederum die Fahne des Johanniskirchthurms auf die Jacobikirche. Wenn sie ein Paar Minuten gesteckt, bringt er sie wieder an Ort und Stelle. Alles ohne Magnet durch die bloße Geschwindigkeit. 2) Nimmt er zwei von den anwesenden Damcns, stellt sie mit den Köpfen auf den Tisch, und läßt sie die Beine in die 187 Höhe kehren; stößt sie alsdann an, daß sie sich mit unglaublicher Geschwindigkeit wie Krause! drehen, ohne Nach- thcil ihres Kopfzeugs oder der Anständigkeit in der Richtung ihrer Röcke, zur größten Satisfaction aller Anwesenden. 3) Nimmt er li Loth des besten Arseniks, pulverisirt und kocht ihn in 2 Kannen Milch und tractirt die Damens damit. Sobald ihnen übel wird, läßt er sie 2 bis 3 Löffel voll geschmolzenes Blei nachtrinken, und die Gesellschaft geht gutes Muths und lachend aus einander. 4) Läßt er sich eine Holzart bringen, und schlägt damit einem Chapeau vor den Kopf, daß er wie todt zur Erde fällt. Auf der Erde versetzt er ihm den zweiten Streich, da dann der Ehapeau sogleich aufsteht und gemeiniglich fragt: was das für eine Musik sei? Übrigens so gesund wie vorher. 5) Er zieht drei bis vier Damcns die Zähne sanft aus, läßt sie von der Gesellschaft in einem Beutel sorgfältig durch einander schütteln, ladet sie alsdann in ein kleines Feldstück, und feuert sie besagten Damen auf die Köpfe, da denn jede ihre Zähne rein und weiß wieder hat. 6) Ein metaphysisches Stück, sonst gemeiniglich 7-«» moi,i pllz-sica genannt, worin er zeigt, daß wirklich etwas zugleich sein und nicht sein kann. Erfordert große Zubereitung und Kosten, und gibt er es bloß der Universität zu Ehren für einen Thaler. 7) Nimmt er alle Uhren, Ringe und Juwelen der Anwesen- den, auch baares Geld, wenn es verlangt wird, und stellt jedem einen Schein aus. Wirst hierauf Alles in einen Koffer, und reiset damit nach Cassel. Nach 8 Tagen zerreißt jede Person ihren Schein, und so wie der Riß durch ist, so sind Uhren, Ninge und Juwelen wieder da. Mit diesem Stück hat er sich viel Geld verdient. 5!L. Diese Woche noch auf der obern Stube des Kaufhauses, künftig aber hoch in freier Luft über dem Marktbrunnen. Denn wer nichts bezahlt sieht nichts. Göttingcn den 7. Jenner 1777. 189 Auszug aus dem Briefe des Buchhändlers Dieterich in Güttingen, an den Legationsrath Lichtenberg in Gotha, vom Oetober I79S. Wegen des Avertissements für Philadelphia Philadelphia gab falzende Ursach Gelegenheit, worauf Sie sich oerlassen können, und mir nur allein bewußt ist. — Wie dieser Taschenspieler und Zauberer, so er sein wollte, hierher kam, gab solches allgemeinen Lärm, und jedermann erzählte von seinen Wundcrihatcn. Wenn nun dergleichen Erzählung Ihrem Bruder zu Ohren kam, ärgerte es Ihn allemal, und frug: ob man den» glaubte, daß dieser Mensch zaubern könne? es bestände ja Alles nur aus Betrügerei. Je mehr man wiederholt Dinge, so er machte, erzählte, je empfindlicher wurde Er darüber. Inzwischen zauberte Philadelphia immer fort, und einige Familien ließen ihn in die Häuser kommen, aber unter 3V niemals, und wen» mehrere Personen zugegen, so mußte ein jeder ihm k zahlen. Juden und Studenten hatte er sich ausgewählt, so ihn unterstützten, und seine Freunde waren. Als er nun Privathäuser genossen, so wählte er sich das Kaufhans, so Sie Ivo des großen Saals wegen wohl noch kennen, wo er ä Person 1 von den Zuschauern sich zahlen ließ. Borher aber machte er bekannt, daß er noch sechs große Kunststücke zeigen könnte, so aber vielen Aufwand verursachten, und 100 Personen sein müßten, die ihm ein jeder mit 1 Ld'or pränumerircn sollten, wenn dieses zu sehen verlangt werden sollte. Er hätte diese auch sicherlich bekommen, da in wenigen Tagen schon 60 Personen sich unterschrieben. Dieses ärgerte Ihren Herrn Bruder, und fragte mich, ob ich wohl was drucken konnte und wollte, das nicht bekannt würde, daß ich solches gedruckt hätte, und Er verschwiegen bliebe? ich bejahcte. Wie willst du es machen? fragte Er. Antw.: Mein Factor soll, wenn Alles aus der Druckerei nach Hause geht, setzen und auch drucken. Darauf wurde der Plan verfertigt. Um nun aber, daß auch bei Untersuchung, da meine Druckerei noch neu war, niemand auf meine fallen konnte, so hatte ich die alten Holzstöcke zum Present erhalten, und nie jemanden noch in meiner Druckerei gezeigt. Wie Ihr Herr Bruder solche nachher sah, war es Ihm leid, solche nicht ehender gesehen zu haben, weil Er dadurch Gelegenheit und Gedanken bekommen, noch mehr davon sagen zu können. Ehe nun die Bekanntmachung und der Plan gedruckt war, ging Ihr Herr Bruder, der Herr Hofrath Kästner und ich, auch auf das Kaufhaus, und opferten unsere Thalcr. Ich saß bei Ihrem Bruder, und anfangs sagte Er, wir wollen noch keinen Plan ausgeben; wie aber Philadelphia seine Betrügereien zu merklich machte, stieß Er mich an und sagte: noch heut, noch heut, muß der Kerl et- im liche haben. Dic Nacht also um 12 Uhr, machte ich mich mit meinem verschwiegenen Factor auf, klebten an einige Ecken der Straßen den Zettel an, dem Prorector, so Ba ld in g er war, zwischen seiner Hausthür und einigen andern Bekannten und Freunden, streuten auch hin und wieder auf den Straßen ans, worauf es des Morgens erstaunenden Lärm in der Stadt gab, jedermann suchte und verlangte, worauf ich wieder eine Auflage machte, solche an de» Briefträger Schlag addrcsfirte, auch an den Polizcidicncr Klock, und warf in deren ihre Wohnung die Pagucte. Ehe dieses aber geschah, und gleich, wie Philadelphia den Plan bekam, ging er fort, und Gvttingen behielt dic 100 Stück Ld'or. — Jedermann lobte den Verfasser, und dankte, diesen Menschen los geworden zu sein. Bon hier ging er nach Gotha, wo Sie ihm auch das Loncilium alwuntlr verursacht haben, und noch bekannt sein wird. Adelung, der damals in Leipzig war, dem schickte ich den Plan, dieser ließ solchen in ein Wochenblatt oder Journal abdrucken. Auf solche Art wurde Philadelphia in Deutschland verfolgt und gezüchtigt. E. dürste dem Leser vielleicht nicht uninteressant sein, eine von Swift herrührende Bekanntmachung kennen zu lernen, welche dem Verfasser des Anschlagzettels vorgeschwebt haben kann, und lassen wir dieselbe daher hier folgen : Istuz vonder ok all lbe rvonders, tb.it evor lim morld rvonderod al. — ^Vrillen in lbe z'ear 1721. 1o all ok l/unl,'di/ and olbers. ?>o>vl)' srrived at tlns eitv lbe kainous arlist -ko/ui nncl rvbo, to llio groal surprise and saliskaelion ok all spvclalors, is reaiiv lo do lbe kollovrinA vonderkul perkor- inances, llio übe betöre never seen in lliis liingdom. Ile rvill lieat a bar ok irou red bot, and lbrusl il iulo a barrel ok Aunpo>vder bekore all lbe compan^, and il sball nol labe lire. Iis lels an)' Denlleinan rbargv a blunderbuss, rvilb lbe same Aunporvdor, snü lrvelvs leaden bullels; ivbieb blunderbuss tbs Said arlisl disebarAes kull in lbe kaoe ok lbe ssid compan)', ^vilbout doing lbe lessl burl? lbe bullets sticbing in lbe vall bebind lbem. ') 8>vikl's >Vorbs, Dublin 1735. Th. I. S. 234 ff. 193 Ile wl.es sn^ (xentlenisn's ov n sriord, snd runs it tliraugli tlio ssid tionllemsn's Iiod)', so tlist llie point sppesrs Idood)' st tke Iisrlc, to sll tlio speetstors; tlren !>o tsl.es out tl>e Sivord, xvipes it closn, snd rvturns it to tlio oii'nor; vtio rvceives no insnner ol Iiurt. l!e tsl.es s pot ol seslding oi>, snd tlirorvs it b)' Zrest Isdles lull directl)' st tliv Isdies, iiitkont spoiling tlieir clvstlis, or IiurninZ llieir slrins. Ile lslios sn)' person ol <)tisl!l)'s cliild, lroin tii'o ^esrs o!d to six, snd lets tlio cliild's o^vn kstlier or rnotlier tslce s pil.e in tlieir lisnds; tlien tlio artist ti>!vil> nol gpposr tks leasl msrk ok tkg corä »koul kis neck, Ilo kiäs » ksä)'s msiä pul ker linger inlo s cup ok clear li^uor liks x>aler; upon vkick ker ksco »nä kolk ker kanäs sre immeäislel) rvilkoroä, like »n olä r^oman ok kourscoro; ker kell^ stvells »s ik sko rvere ivilkin » rveok ok ker liine, »nä ker legs »re »s lkick ss mill-posls; kut upon Pulling ker kinger inlo snolker cup, sks becomes »s )oung »nä kanil- some »s sko rias kekors. Ilo g!ves »nv denlleman Io»ve lo ärivs korl) luolve- penn/ nsils up to lko kosä in » portor's k»cksiäe; »nä lken Ks plsces lko ssiä porlsr on a losäslons oksir, rvkick äraivs nul oxvr) n»il, »nä tke porler keels no p»in. Ilo likorvise ärarts lks loolk ok k»Ik » äo^on klenllemon; mixes »nä )umklos lkoin in » k»l; gives an) Person loave lo kknäkolä Kim, rvkils ke relurns eaek tkeir o>vo, »nä lixos lkem ss svell as ever. >Vilk kis kors-linger »nä tknmb ko lkrusts sever»! dcnl- lemsn's »nä k»ä)'s e)os out ok tkeir kesäs, vilkoul lke lesst psin; al xikick time tke) see »n unspeskakle numker ok desutiknl colonrs; »nä skter tkv) »re onlorlaineä lo tke kull, 195 Iis plscos tksni Again III Ikeir proper Sockels, rrilkoul an^ damsge to lke sigkt. Iis lots sn^ Oentleman drink a izuai l ol Kot wolleii Ie«d; and k^ -i draugkt of prvparod liizuor, ok wkick Iio takvs psrt kiinssll, Ks inakes lke said load pass tkrougk tks said I-enl- leman kolore »II tkv spectators, rvilkout an^ damage: alter vvkick, it is produced in a c.ake to tks conipan^. ^Vitk inanv otker rvonderlul perlorinancos vi ort, too ledious kers to monlion. I'Iio said artist katk porlorrned kolore niost liings and Ikinces in ^urope rvitk groat applause. Iis perlorins ever^ da/ soxcept ^»»ndai,») lroni Ion ol tks eloek to Ons in tks lorenoon; ,in kvL. 1'ke kost kands in tarvn are to pla/ at lke said skovr. 13' Briefe aus England ). Es sind dieselben zuerst im deutschen Museum, Jahrgang l776 und 1773. gedruckt. An Heinrich Christian Boie *). Erster Brief. London, den Istcn Ottober 1772. Ihr Verlangen, mein lieber B., Ihnen etwas von Hrn. Garrick") zu schreiben, kann ich nun hoffentlich besser befriedigen, als damals, da Sie es zum erstenmal gegen mich äußerten. Ich halte diesen außerordentlichen Mann zu der Zeit gerade zweimal gesehen, und das war zu wenig, um ihn ruhig zu beobachten, und nicht lange genug her, um an einen Freund ruhig darüber zu schreiben. Hier kommen nun einige meiner Bemerkungen; nicht alle; Sic sollen künftig die übrigen haben, wenn ') Hcinr. Chr. Bote, geb. 1744, gest. 1396 als K. dänischer Etatsrath. Mit Götter Herausgeber des Göttiugischcn Musenalmanachs (1779); desgleichen anfangs mit Dohm, des deutschen und neuen deutschen Museums (1776 bis 1791), Stifter des Hainbundes mehrerer jungen Dichter, z. E. Bürger, Hölty, Grafen Stolbcrg. ") David Garrick, geb. 1716. gest. 1779. 209 Sie wollen; Beobachtung und Naisonncmcnt durch einander, und wahrscheinlicher Weise mehr Ausschweifung als beide zusammen; Alles, wo möglich, geradewcg, ich meine in der Ordnung und mit de» Ausdrücken, die mir die Laune der Minute darbietet, in welcher ich schreibe. Ich weiß, Sic verzeihen mir dieses; ich mache mich gar nicht gcrne,an Briefe, wo ich das nicht thun darf, oder vielmehr, ich schreibe sie immer lieber morgen und.dann — in Ewigkeit nicht. Noch eins, ob ich gleich, nächst dcclarirtem Nonsense, nichts im Styl mehr hasse, als den bos- wellischcn festlichen, weissagenden Ton, womit manche Schriftsteller gleich jeden großen Mann, den sie beschreiben, zum Engel und sich zum Propheten erheben, und eine gewisse Feiertagsprosc zu stammeln anfangen, die der Wahrheit so trefflich zu Statten kommt, so könnte es doch sein (ich hoffe es nicht), daß mir mein Gegenstand einen kleinen Streich spielte. Merken Sie so etwas, mein Freund, so berechnen Sie den Rabat gleich selbst, und danken mir indessen, daß ich Ihnen nicht gleich anfangs geschrieben habe. Ich habe Hrn. Garrick nunmehr gerade achtmal spielen sehen, und darunter in einigen seiner vorzüglichsten Rollen. Einmal als Abel Druggcr in Ben Jvhnsvn's') sehr verändertem Alchymisten; einmal als Archer in Farquhars") ') Benjamin Johnson, Dichter; geb. 1574. gest. 1637. ") Georg Farqnhar, Dramatiker; geb. 1678. gest. 1707. 201 Slralazam: einmal als Sir John Brüte in Vanbrngh's') PI ovakocl -evikv: zweimal als Hamlet; einmal alsLusignan in der von Hill") veränderten Zaire; einmal als Benedict in Shakespeare^'") muclr aüo aliout notlrinA, und endlich als Don Leo» in Beaumont's und Flctchcr'sst) rule -> cvilv cnnl kavo a viko. Außerdem habe ich ihn selbst gesprochen, und habe nunmehr freien Zutritt in seine Loge. Unter den erwähnten Charakteren soll es ihm Westonstst) im Abel Drnggcr gleich thun, so wie Quinststst) ehemals im Sir John Brüte; allein noch hat kein Mann seinen Fuß auf ein brittisches Theater gesetzt, der es ihm in den übrigen gleich gethan hätte, auch ist jetzt keiner da, der zu einem solchen Manne nur im Einzelnen die mindeste Hoffnung gäbe, und am allerwenigsten zu einem, der Alles zugleich werden konnte. Vcrmuthlich leidet auch jene Verglcichung mit Quin und Weston noch eine Einschränkung. Quin im Sir John Brüte habe ich zwar nicht sehen können, und den Weston in ') John Banbrugh, berühmter Lustspicldichtcr, starb 1726. ") Aron Hill, Dichter; geb. 1685. gest. 1750. "') William Shakespeare, geb. 1564. gest. 1616. st) Francis Bcaumont und John Fletcher gemeinschaftlich arbeitende Schauspieldichter. Jener geb. 1535. gest. 1615; dieser geb. 1576. gest. 1625. stst) Thomas Weston, gest. 1776. ststst) James Quin, geb. 16V3. gest. 1766. 202 Abel Druggcr nicht gesehen; allein ähnliche Urtheile über Garricken, und zwar in Rollen, wo ich die Berglcichung anstellen konnte, haben mich sehr mißtrauisch gemacht. Ich bin nunmehr ziemlich überzeugt, daß ihn in Rollen, die er einmal übernimmt, schlechterdings niemand übertrifft, der nicht Garrick ist, ich meine, in dessen Seele und Körper sich kein solches System von Schau- spielertalcntcn sinket, als bei ihm; und einen solchen Mann hat England außer ihm noch nicht gesehen, wenigstens auf seinen Schaubühnen nicht. Was es mit dem Urtheil jener Personen über Wcston für eine Bewandtniß hat, und über Quin gehabt haben mag, muß ich erklären; es wird sich hierbei Manches von Hrn. Garrick beibringen lassen, das ich sonst vergessen möchte, und außerdem wollte ich auch nicht, da ich einmal so viel gesagt habe, daß Sic lange glaubten, es gefiele mir Wcston nicht, ein Mann, der jetzt der Liebling des Volks ist, und der mich mehr lachen gemacht hat, als alle übrigen englischen Schauspieler zusammen genommen. Ich sage Ihnen künftig einmal mehr von ihm, jetzt mag zu meiner Absicht Folgendes genug sein. Wcston ist eines der drolligsten Geschöpfe, die mir je vor die Augen gekommen sind. Figur, Stimme, Anstand und Alles erweckt Lachen, ob er es gleich nie zu wollen scheint, und nie selbst lacht. Kaum erscheint er auf dem Theater, so vergißt ein großer Theil der Versammlung wohl gar ihm zu Gefallen das Stück, und sieht ihn isolirt seine Künste machen. Sie sehen, vor solchen Nichtern kann ein solcher Mann nicht schlecht spielen. Die Leute wollen nur ihn sehen. Mit Garrick ist es 203 ganz anders, man will immer in ihm den wirksamen Theil des Ganzen, und den täuschenden Nachahmer der Natur finden! er könnte als» selbst vor seinem England seine Nolle schlecht spielen, wenn er wollte, aber das könnte Weston schwerlich. Nun hat Ben Johnson nnr wenig Punkte von Abel Druggcrs Charakter gegeben, wenn ein Schauspieler durch diese seine Linie ziehen kann, so kann er ziemlich ü sou also fortgehen, ohne zu fürchten, daß er übertreten werde. Eine vortreffliche Gelegenheit für Weston, seine eigene Person gut los zu werden, zumal in den langen Zwischenräumen, wo Abel Druggcr stumm ist, in einer Stube, wo außer einem Paar Sternseher und Tcufels- banncr, Skelete von Menschen, Krokodille, Stranßcier und leere Recipienten stehen, worin wohl gar der Teufel selbst sitzen könnte. Mich dünkt, ich sähe ihn, wie er bei jeder heftigen Bewegung der Astrologen, oder dem geringsten Getöse, das sich nicht gleich selbst erklärt, erstarrt, und mit parallelen Füßen da steht wie eine Mumie, und dann, wenn es vorüber ist, erst mit den Augen zu leben und zu untersuchen anfängt, und dann den Kopf langsam dreht u. s. w. Der größte Theil der Versammlung klatscht und lacht, selbst der Kenner lächelt mit, über den närrischen Teufel; aber bei Garricks Abel Druggcr — da fängt der Kenner mit dem Beifall an. Das ist ein ganz anderes Geschöpf, aus der Abficht des Dichters abstrahirt, durch die ausgebreitetste Kenntniß individualisircnder Umstände verbessert, und von der obersten Galleric herab leserlich ausgedrückt. Die Geberdensprache fehlt ihm nicht, wenn ich so reden darf, in einer 204 bequemen, Alles verschlingenden Erstarrung, die am Ende doch unnatürlich läßt, sondern in jeder Minitte äußert der arme Adel seine» Charakter, Aberglauben und Einfalt, mit neuen Zeichen. Ich erwähne nur eines Zugs, den Hr. Wcston nicht einmal nachmachen, geschweige erfunden haben könnte, und an den der Dichter vermuthlich auch nicht gedacht bat. Wenn die Astrologe» den nunmehr großen Namen Abel Druggcr aus den Sternen heraus bnchstabircn, so sagt der betrogene arme Tropf mit inniger Freude: das ist mein Name. Garrick macht daraus eine heimliche Freude, denn sich so gerade heraus zu freuen, wäre wider den Nespcct. Garrick dreht sich also twn ihnen ab, und freut sich ein Paar Augenblicke so in sich selbst hinein, daß er wirklich die rothen Ringe um die Augen kriegt, die allemal eine große, wenigstens zum Thcil gewaltsam unterdrückte Freude begleiten, und so sagt er: das ist mein Name, zu sich selbst. Dieses weise Hcimlichthnn that eine unbeschreibliche Wirkung, denn man sah nicht bloß den einfältigen, Hintergangenen passiven Pinsel, sondern einen noch weit lächcrlichcrn, der mit einer Art von innerm Triumph sich noch wohl gar für einen durchtriebenen Gast hält. So etwas muß man von Wcston nicht erwarten. Wo aber seine besondere Simplicität und Figur dem Stück zu Statten kommt, da thnt er Wunder. So erscheint er in /-oatc'5 äovil »pc>n tevo Lticlcs als Dr. Last, als Mawworin im Scheinheiligen und als Scrub im ') Samuel Foote, geb. 171g. gest. 1777. 205 lzirawFom. Ich habe ihn III allen dreien gesehen, im letztem mit Garricken zugleich in einigen Sccnen. Das sind Stellen, mein lieber B., ich glaube, selbst ....'s abgefrvmmeltc, dem Zeitlichen laugst nicht mehr reizbare Wange faltete sich hier wohl einmal wieder zu einem irdischen Lächeln! Eine ähnliche Beschaffenheit halte es vcrmuthlich mit Quin's Sir John Brüte. Die Leute, die ihn hierin Garrick gleich setzten, und gar hier und da vorzogen, fugten hinzu, Quin wäre selbst eine Art von Sir John gewesen, und das machte, bei mir wenigstens, ihr Unheil sehr verdächtig. Es gehört Kraft dazu, einen Schwachen auf der Bühne gut vorzustellen, und Kenniniß der feinen Well und des Weiches der guten Sitten, um den versoffenen, liederlichen Sir John, wenigstens für Leute von Welt und Geschmack, zu machen. Es gibt leider! Sir Johne in allen Stünden, und da, stelle ich mir vor, machte Quin den weidmännischen Tangenichts für die Fuchsjäger, Land- junker und Renommisten; Garrick hingegen den Taugenichts von Geburt und Stand für den Hof und Leute von Geschmack. Daß dieses ein Schauspieler oft thun könne, ohne dem Dichter zu nahe zu treten, ist gewiß nicht zu leugnen. Wie sehr ist z. E. nicht das langsame, schleppende: hol' mich der..., das beim herabhängenden schweren Pfcifenkopf im Walde gesprochen wird, von dem schnellen, fast partikclmäßigen unterschieden, das zwischen einem Paar artigen Lippen auf dem Billard oder der Parade hervorfliegt. Überdieß hat man aber auch starke Veränderungen mit dem Stück selbst gemacht. Noch muß ich anführen, daß so wie Garricks Feinde von der einen Seite ihm den Quin an die Seite setzen, weil der wirklich ein Sir John gewesen wäre, so habe ich sie auf der andern nachtheilig auf Garricks Charakter schließen hören, weil er den Sir John Brnte so gut spielte. Das Letztere habe ich sogar in einem öffentlichen Blatte gelesen. Sie sehen also, daß Garrick noch täglich seine Nebhuhne') findet. Aus dem, was ich hier angeführt habe, werden Sie leicht, ohne daß ich nöthig hätte, eine Summe zu ziehen, abnehmen, was das sagen will: Weston und Quin thun es Garricken gleich. Die eine Partei schätzt den Werth des komischen Schauspielers nach der Größe des Kitzels, den er ihnen verursacht, ohne zu untersuchen, ob er es als Schauspieler durch eine vorzügliche Auszeichnung seiner Nolle, oder als isolirter Hanswurst thut, und die andere verlangt aus Mangel an Geschmack oder Wcltkenntniß allzu starke Züge, und findet bei dem sogenannten allzu Natürlichen ihre Rechnung oder gar im Affectirten. Solche Leute würden oft Garricken schlechtweg tadeln, wenn sie es sicher thun könnten, allein sie würden zu viel für ihren Credit wagen, daher äußert sich ihr schlechter Geschmack und ihre Unerfahrenheit nur zuweilen darin, daß sie ihn einem schlechter» Schauspieler gleich setzen. Das gebe ich gerne zu (und wer wird es nicht zugeben?), daß taufende nicht Alles sehen, was Garrick zu sehen gibt, darin geht es ihm nicht um ') Anspielung auf den Charakter von Mr. Partridge in Tom Jones. 207 ein Haar besser, als seinen beiden nahen Geistesverwandten Shakespeare und H og arth'). Um bei ihnen Alles zu sehen, muß man zu der gewöhnlichen Erleuchtung noch sein eigenes Lichtchcu mitbringen. Was gibt denn aber nun diesem Manne die große Überlegenheit? Der Ursachen, mein Freund, sind sehr viele, und ein sehr großer Thcil derselben liegt in der höchst glücklichen Bildung des Mannes. Allein ob ich gleich ihre Wirkung in der Summe bis zum Hinreißenden mächtig gefühlt habe, so wage ich es doch nicht, sie in einem jeden gegebenen Fall zu analy- siren. Es gehört mehr Kenntniß der Welt und nichr Übung in dieser Analyse dazu, als ich habe, und eine öftere Vcrglcichung, als ich anstellen konnte. Indessen, da einem Manches im Umgange mit Menschen von allerlei Stand, Form und Anstand unvermuthet klar werden kann (Manches ist mir jetzt schon deutlicher als es anfangs war), und ich den Mann in den Hauptsituationen mit Figur und Gesicht immer wie lebendig vor mir sehen kann, so könnte es sein, daß ich künftig einmal, wenn ich wieder bei Ihnen bin, etwas Zusammenhängenderes über ihn sagen könnte. Jetzt müssen Sie es selbst hier und da aus meinen Briefen heraus suchen. Man hat mich einmal versichern wollen, daß hier ein Man» an einem Werke für die Schauspieler arbeite, das Regeln enthalten soll, von Garricken abstrahirt, aber durch Philosophie auf Grundsätze zurückgebracht, verbunden ') William Hogarth, geb. 1697. gest. 1764. und geläutert. Ich habe nachher nichts wieder davon gehört. Wenn es an dem ist, so gebe der Himmel, daß der Mann ein Lcssing ist, aber die sind leider! hier so selten als in Deutschland. Er sollte noch jung sein, und das macht mir bange, denn auch hier wimmelt es so gut, als in Deutschland, von jungen gcniesüchtigcn Originalköpfcn, wie sie sich nennen, die ihr halb Ausgedachtes halb gesagt bei jeder Gelegenheit darbieten, ihren jungen schwärmerischen Anbetern zum Wonnegefühl, allein dem eigentlichen Denker, dem ihr Schwall von Gvtterprose nicht ein Körnchen Nahrung zuführt, zum Abscheu. Nun naher zur Sache. Hr. Garrick hat in seiner ganzen Figur, Bewegung und Anstand etwas, das ich unter den wenigen Franzosen, die ich gesehen habe, ein Paarmal wenigstens zum Theil, und unter den vielen Engländern, die mir vorgekommen sind, gar nie wieder angetroffen habe. Ich meine hier Franzosen, die wenigstens über die Milte des Lebens hinaus sind; aus der guten Gesellschaft, das versteht sich wohl. Wenn er sich z. E. mit einer Verbeugung gegen jemanden wendet, so sind, nicht der Kopf allein, nicht die Schultern, nicht die Füße und Arme allein beschäftigt, sondern jedes gibt dazu einen gemäßigten Anthcil in dem gefälligsten und den Umständen angemessensten Verhältniß her. Wenn er, auch ohne Furcht, Hoffnung, Mißtrauen oder irgend einen Affcct hinter den Sccncn hervortritt, so möchte man gleich nur ihn allein ansehen; er geht und bewegt sich unter den übrigen Schauspielern, wie der Mensch unter Marionetten. 209 Hiemus wird nun freilich niemand Hrn. Genricks Anstand kennen lernen, den nicht schon etwa vorher das Betragen eines solchen wohlerzogenen Franzosen aufmerksam gemacht hat, in dem Fall wäre dieser Wink die beste Beschreibung. Folgendes wird die Sache vielleicht klarer machen. Seine Statur ist eher zu den kleinen als den Mittlern zu rechnen, und sein Körper untersetzt. Seine Gliedmaßen haben das gefälligste Ebenmaß, und der ganze Mann ist auf die niedlichste Weise beisammen. Es ist an ihm kein dem geübtesten Auge sichtbares Gebrechen, weder in den Theilen, noch in der Zusammensetzung, noch in der Bewegung. In der letztem bemerkt man mit Entzucken immer den reichen Vorrath an Kraft, der, wenn er gut gezeigt wird, wie Sie wissen, mehr gefällt als Aufwand. Es schlendert und schleift und schleppt nichts an ihm, und da, wo andere Schauspieler in der Bewegung der Arme und Beine sich noch einen Spielraum von sechs und mehrZollen zu beiden Seiten des Schonen erlauben, da trifft er es, mit bewundernswürdiger Sicherheit und Festigkeit, auf ein Haar. Seine Art zu gehen, die Achseln zu zucken, die Arme einzustecken, den Hut zu setzen, bald in die Augen zu drücken, bald seitwärts aus der Stirne zu stoßen. Alles mit der leichten Bewegung der Glieder, als wäre jedes seine rechte Hand, ist daher eine Erquickung anzusehen. Man fühlt sich selbst leicht und wohl, wenn man die Stärke und Sicherheit in seinen Bewegungen sieht, und wie allgegenwärtig er in den Muskeln seines Körpers scheint. Wenn ich mich selbst recht verstehe, so trägt sein untersetzter Körper nicht wenig dazu bei. Von dein starken Schenkel herab verdünnt II!. 14 210 sich das richtig geformte Bein immer mehr, und schließt sich endlich in dem nettesten F»ß, den Sic sich denken können, und eben so verdünnt sich der starke Arm noch der kleinen Hund zn. Weis dos für eine Wirkung thnn muß, können Sic sich leicht vorstellen. Allein diese Stürke ist nicht bloß scheinbar. Er ist wirklich stark und äußerst geübt nnd flink. In der Sccnc im Alchymistc», wo er sich bort, läuft er und hüpft er von einem dieser netten Beine ans das andere mit bewundernswürdiger Leichtigkeit, daß man glaubt, er schwebe; auch in dem Tanz in inuc-Ir aclo about nollüng nnterschcidct er sich vor andern durch die Leichtigkeit seiner Sprünge; als ich ihn in diesem Tanz sah, war das Volk so zufrieden damit, daß es die Unverschämtheit hatte, seinem Nvscius onooro zuzurufen. In seinem Gesichte sieht jedermann, ohne viel phpsivgnomischcs Raffinement, den glücklichen schönen Geist auf der heitern Stirnc, und den wachsamen Beobachter und witzige» Kopf in dem schnellen, funkelnden und oft schalkhaften Ange. Seine Mienen sind bis zur Mittheilung deutlich und lebhaft. Man sieht ernsthaft mit ihm aus, man runzelt die Stirne mit ihm, und lächelt mit ihm; in seiner heimlichen Freude, und in der Freundlichkeit, wenn er in einem Beiseite den Zuhörer zu seinem Vertrauten zu machen scheint, ist etwas so Zuthnnlichcs, daß man dem entzückenden Mannc mit ganzer Seele entgegen fliegt. Von seiner Gabe, das Gesicht zu verändern, haben Sie vcrmnthlich, so wie ich, in Deutschland schon gehört. Der Enthusiasmus seiner Landsleiitc und der Reisenden hat wohl etwas 211 hier zugesetzt, aber ich glaube, daß mehr als die Hälfte wahr ist, uud das heiß' ich für den Enthusiasmus gut observirt. Hr. G. hat es allerdings hierin zum Erstaunen weit gebracht. Ich werde unter der Hand hiervon Beispiele geben, wenn ich ihn in besondern Nolle» beschreibe; hier erwähne ich nur, daß mich z. E. im Sir John Brüte, wo ich ihn ganz in der Nähe beobachtete, sein Mund aufmerksam machte, sobald er ans die Bühne trat. Er hatte nämlich die beiden Winkel desselben etwas herabgezogen, wodnrch er sich ein äußerst liederliches und versoffenes Ansehen gab. Diese Figur des Mundes behielt er bis ans Ende bei, nur mit dem Unterschiede, daß sich der Mund etwas mehr öffnete, so wie sein Rausch anwuchs; diese Figur muß sich also, in dem Manne, so mit der Idee eines Sir Johns Brute's associirt haben, daß sie sich ohne Vorsatz gibt, sonst, sollte man denken, müßte er sie einmal in dein Lärm vergessen, dessen er fürwahr in diesem Stück nicht wenig macht. Nun bedenken Sie weiter: seitdem dieser vortrefflich gebildete und dabei mit allen Gcistesgaben eines großen Schauspielers von der Natur ausgerüstete Mann, in seinem vier und zwanzigsten Jahre, als Excandidatus Juris, auf einmal auf dem Theater in Goodmanssiclds erschien, und gleich bei seiner ersten Erscheinung alle Schauspieler seiner Zeit zurückließ, ward er der Abgott der Nation, die Würze der guten Gesellschaft und der Liebling der Großen. Fast alle die neucrn englische» Schriftsteller, die man bei uns so sehr liest, nachahmt und nachäfft, waren seine Freunde. Er half sie bilden, so wie sie ihn wic- 14' 212 dernm bilden halft». Der Mensch lag seinem beobachtenden Geiste offen, von dem ausgebildeten und ausgckünsteltcn in den Sälen von S. Jamcs's an, bis zu den wilden in den Garküchen von S. Gilcs's. Er besuchte die Schule, in welche Shakespeare ging, wo er ebenfalls, wie jeuer, nicht auf Offenbarungen paßte, sondern studirte, (denn in England thnt das Genie nicht Alles, wie in Deutschland), London meine ich, wo ein Mann mit solchem Talent zur Beobachtung seinen Erfahrungssätzcn in einem Jahre leicht eine Nichtigkeit geben kann, wozu kaum in einem Städtchen, wo Alles einerlei hofft und fürchtet, einerlei bewundert und einerlei erzählt, und wo sich Alles reimt, ein ganzes Leben hinreichend wäre. Ich wundere mich daher gar nicht, wenn sich dort zuweilen ein Mann bildet, dessen Werke bernach Leute an andern Orten und von minderer Erfahrung znm Maaßstab ihres Wachsthums in der Kenntniß des Mensche» gebrauchen können, ich meine, in denen man immer mehr findet, je mehr man selbst znr Lesung mitzubringen hat, sondern ich wundere mich, daß London nicht mehrere bildet, ich meine nicht mehrere Garricke oder Hogarthc oder Fieldingc, sondern Leute, die zwar etwas Anderes wären, aber es so würden, wie jene. Kenntniß der Welt gibt dem Schriftsteller ni jeder Classe Überlegenheit. Sie gibt, wo nicht in allen Fällen seinem Was, doch immer seinem Wie eine Stärke, gegen die der große nachahmende Zauberer nicht aufkommt, so sehr auch Er, oder sein Club oder sein Städtchen das Gegentheil glauben mag, und unter den Umständen glauben muß. Wenn man daher die Welt 213 selbst etwas kennt, so wird man leicht gewahr, daß Garrick auf der Bühne von Kenntnissen Gebrauch macht, die man, dort gezeigt, fast weggeworfen nennen möchte, vermuthlich aber nur so lange, als man ihrer selbst noch nicht viele wcgznwcrfen hat. Denn es mag damals, als ich nach Garrickcn hinsah, noch manches Paar Augen nach iluu gesehen haben, das mehr in ihm erblickte als ich, oder wohl gar nicht einmal Alles fand, was es suchte. Stellte G. z. E. den wollüstigen Fresser vor, und wollte mit den Fingern untersuchen, ob sein Capaun oder sein Phasan zur völligen Ncife am Spieß gediehen sei, so wollte ich wohl wetten, er sondirte ihn auch mit dem vierten Finger der linken Hand. In allen übrigen Ware dazu zu viel Stärke und zu wenig Gefühl. Man muß aber dergleichen Dinge selbst finden; wenn man sie Ander» beschreiben will, so läuft man oft gerade alsdann, wenn man sich am weisesten dünkt, Gefahr, lächerlich zu werden. Außer den einem guten Schauspieler mchr wesentlichen Eigenschaften besitzt der Mann noch eine Menge anderer, womit man in allen Ständen des Lebens sein Glück macht und die Menschen hinführen kann, wo man sie hin haben will. Dahin rechne ich seine Gabe, einzelnen Menschen sowohl, als dem Publikum seine Schwachheiten sehr geschwind abzumerken. Dieses setzt ihn in den Stand, in einem Nothfall dem natürlichen Schönen noch den Zusatz von conventionellem zu geben, ohne welches es in dem Jahr, ja ich möchte fast sagen, an dem Tage, den Eindruck nicht gemacht haben würde, den es macht. Ich 214 babe selbst bemerkt, daß, wenn ihm z. E. bei einem nduen Versuche der laute Beifall, oder die gewohnte Todesstille der Versammlung ausbleibt, so weiß er es sicherlich noch vor dem Schlüsse der Handlung so zn wenden, daß sie erfolgen müssen. Nun, mein lieber B., wenn Sic sich anders aus dem, was ich gesagt habe, schon einen Garrick haben bilden können, so folgen Sie mir jetzt mit ihm in einige Scencn. Ich will heute, weil ich eben dazu aufgelegt bin, die aus dem Hamlet nehmen, wo ihm der Geist erscheint. Sie kennen ihn schon in diesen Scenen aus Meister Nebhuhns vortrefflicher Beschreibung im Fündling. Die mcinige soll jene nicht entbehrlich machen, sondern nur erklären: Hamlet erscheint in einem schwarzen Kleide, dem einzigen, das leider! noch am ganzen Hofe für seinen armen Bater, der kaum ein Paar Monate todt ist, getragen wird. Horazio und Marcellus sind bei ihm und haben Uniform; sie erwarten den Geist; die Arme hat Hainlet hoch untergcsteckt, und den Hut in die Augen gedrückt; es ist eine kalte Nacht, und eben zwölfe; das Theater ist verdunkelt und die ganze Versammlung von einigen Tausenden wird so stille, und alle Gesichter so unbeweglich, als wären sie an die Wände des Schauplatzes gemalt; man konnte am entferntesten Ende des Theaters eine Nadel fallen hören. Auf einmal, da Hamlet eben ziemlich tief im Theater, etwas zur Linken, geht, und den Rücken nach der Versammlung kehrt, fährt Horazio zusammen: Sehen Sie, Mylord, dort komnus, 215 sagt er, und deutet nach der Stechten, wo der Geist schon unbeweglich hingepflanzt steht, ehe man ihn einmal gewahr wird. Garrick, ans diese Worte, wirft sich Plötzlich herum und stürzt in demselben Augenblicke zwei bis drei Schritte mit zusammenbrechenden Knieen zurück, sein Hut fallt auf die Erde, die beiden Arme, hauptsächlich der linke, sind fast ausgestreckt, die Hand so hoch als der Kopf, der rechte Arm ist mehr gebogen und die Hand niedriger, die Finger stehen aus cinaudcr, und der Mund offen, so bleibt er in einem großen, aber anständigen Schritt, wie erstarrt, stehen, unterstützt von seinen Freunden, die mit der Erscheinung bekannter sind, und fürchteten, er würde niederfallen; in seiner Miene ist das Entsetzen so ausgedrückt, daß mich, noch ehe er zu sprechen anfing, ein wiederholtes Grausen anwandelte. Die fast fürchterliche Stille der Versammlung, die vor diesem Austritt vorherging, und machte, daß man sich kaum sicher glaubte, trug vermuthlich nicht wenig dazu bei. So spricht er endlich, nicht mit dem Anfange, sondern mit dem Ende eines Athcmzngs und bebender Stimme: -Vagols and Ministers ok grace ckolonck us! Worte, die Alles vollenden, was dieser Sccne noch fehlen könnte, sie zu einer der größten und schrecklichsten zu machen, deren vielleicht der Schauplatz sähig ist. Der Geist Winkl ihm, da sollten Sie ihn sich von seinen Freunden, die ihn warnen nicht zu folgen und fest halten, los arbeiten sehen, immer mit den Augen auf den Geist, ob er gleich mit seinen Gefährten spricht. Aber endlich, da sie es ihm zu lange inachen, wendet er auch sein Gesicht nach 216 ihnen, reißt sich mit großer Heftigkeit los, und zieht mit einer Geschwindigkeit, die einen schaudern macht, den Degen gegen sie: irz- lre»ve» I II inalco a zlrost ok Ir!m, tilgt Isis me, sagt er. Das ist genug für sie; alsdann legt er den Degen gegen das Gespenst aus: go on, III lollorv tlreoi so geht der Geist ab. Hamlet steht noch immer still, mit vorgehaltenem Degen, »m mehr Entfernung zu gewinnen, endlich, da der Zuschauer den Geist nicht mehr sieht, fängt er an ihm langsam zu folgen, steht zuweilen still und geht dann weiter, immer mit ausgelegtem Degen, die Augen starr nach dem Geist, mit verwirrtem Haar und noch außer Athen,, bis er sich ebenfalls hinter den Sccnen verliert. Mit was für einem lauten Beifall dieser Abzug begleitet wird, können Sie sich leicht denken. Er fängt an, sobald der Geist fort ist, und dauert, bis Hamlet ebenfalls verschwindet. Was das für ein Triumph ist! Man sollte denken, ein solcher Beifall auf einem der ersten Schauplätze der Welt und vielleicht von dem gefühlvollsten Publikum der Welt, müßte jeden Funken von Schauspielergenie in einem Zuschauer zu Flammen fachen. Allein da sieht man's, so handeln, wie Garrick, und so schreiben wie Shakespeare, sind Wirkungen von Ursachen, die sehr tief liegen. Sie werden freilich nachgeahmt, nicht sie, sollte man sagen, sondern das Phantom, das sich der Nachahmer nach Maßgabe seiner eigenen Kräfte von ihnen schafft. Dieses erreicht er oft, übertrifft es wohl gar, und bleibt dessen ungeachtet weit unter dem wahren Original. Der Wcißbinder hält sein Werk für so vollkommen als der Maler das seinige, 217 »der wohl gar für vollkommncr. Nicht jeder Schauspieler, der die flachen Hände von ein Paar hundert Menschen allezeit zu conimandircn weiß, ist deswegen ein Garrick, und nicht jeder Schriftsteller, der ein Paar sogenannte Heimlichkeiten der menschlichen Natur, in einer altvaterischen Prose, und mit Prunkschnitzern gegen Sprache und gute Sitten auszuplaudern gelernt hat, ist deswegen ein Shakespeare. Der Geist wurde von Hrn. Bransby vorgestellt. Er erschien allemal sehr gut, ganz über und über in einem Harnisch, den man durch einen Anzug von stahlblauem Atlas ausdrückt; selbst von dem Gesicht sieht man nichts als die bleiche Nase und etwas Weniges zu beiden Seiten derselben. Dieses mag für heute von Hrn. Garrick genug sein, aber schließen kann ich unmöglich, ohne einmal nach den Schauspielern meines Vaterlandes zurück zu sehen. Einige meiner Freunde in Deutschland haben befürchtet, ich möchte mich durch mein häufiges Besuchen der englischen Schauplätze so verwöhne», das ich au den deutschen künftig keinen Geschmack mehr finden konnte. Dem Himmel sei Dank! einen solchen Baderstolz hat mir mein Bißchen Reisen noch nicht beigebracht, und der müßte es sein, oder noch etwas Schlechteres, wenn ich bei meiner jetzigen Überzeugung die Verdienste unserer Schauspieler verkennen wollte. Gerade umgekehrt, ich werde künftig die braven Leute noch weit mehr bewundern, als ehemals, da sie es in den Umständen, in welchen sie sich gemeiniglich bei uns befinden, so sehr weit gebracht haben, wie ich jetzo besser, als ehemals, einsehe. Unter denen, die ich in Güttingen, Hannover und Hamburg gesehen habe (die andern Schonplätze kenne ich nicht), könnten nicht allein viele in Drurylane mitspielen, sondern einige wurden svgar Aufsehen machen. Ein so allgemeiner Schauspieler, als E. Hr. Eck Hof'), ist, wenn ich Hrn. Garrick ausnehme, auf dem englischen Theater jetzt schlechterdings nicht, ob es gleich noch viele gibt, die es in bcsondern Rollen sehr weit, wo nicht zur Vollkommenheit gebracht haben. Z. E. in Drurylane: King"), Smith, Dodd, Parsvns, Palm er und hauptsächlich der drollige W est o n; alsdann in Evventgardcn: Barry, Lewis (der zu einem guten allgemeinen Schauspieler Hoffnung gibt), Lee, Macklin Shuter und Woodward. Allein gleich Hr. Smith in Drurylane, ein ziemlich beliebter Schauspieler und schöner Mann, der auch zu Anfang des Winters, ehe Garrick sich sehen läßt, und gegen das Ende, wenn er wieder verschwindet, dessen Rollen, Hamlet, Richard III u. s. w. mit vielcin Beifall spielt, ist weit unter Hrn. Eckhof. Die Ursache ist, er hat seine Kunst auch nicht an der Quelle geholt, er ist der Kenner des Menschen nicht, der Hr. Eckhof sein muß. Dieses wird aus folgender Anekdote erhellen, die mir ein glaubwürdiger Mann erzählt hat. Vor mehreren Jahren, da freilich Hr. Smith der Mann noch nicht war, der er jetzv ist, erschrak er zwar als Hamlet in der oben beschriebenen Scene, ') Conrad Eckhof, geb. 1720. gest. 1773. ") Thomas King, geb. 1730. gest. 1805. 219 zog aber zugleich aus Respekt gegen den Geist seines gnädigsten Hrn. Vaters den Hut mit einer tiefen Verbeugung ab. Sehen Sie, so gchts den Leuten zuweilen unversehens, die glauben, sie könnten mit Nachahmen auskommen. So etwas hätte Hr. Cckhof in seinem zwölften Jahre nicht gethan und nicht thun können. Aber dafür kriegte auch Hr. Smith damals den Namen Nonsiour Ilamlot ab, den man ihm nun wieder vergessen hat. De» Tod der jüngcrn Mamsell Ackermann habe ich in einem englischen Blatte vor einigen Monaten nicht ohne die größte Bewegung gelesen. Ist das nicht traurig, mein lieber B. ? Ich mag es nicht über mich nehmen, zu untersuchen, welcher englischen Schauspielerin sie hätte gleich werden können: jetzt wäre es ein trauriges Geschäft, und allemal würde es ein schweres gewesen sein. Bon ihrem Alter ist keine da, die das wäre, was sie war, und die zwei oder drei der älteren, die sie jetzt übertreffen, hätte sie unter gleichen Umständen vielleicht in ihrem acht und zwanzigsten Jahre alle übertroffen. Sic hat uns indessen gezeigt, was wir in Deutschland mit unfern Treibhäuschcn ausrichten können. Wie wenn nun unsere Pflanzen erst gar die Sonne hätten, die sie in England haben, wo sie noch außerdem vor dem Strahl sicher sind, für den bis jetzt in Deutschland noch kein Franklin ") einen Ablei- ter gefunden hat, obgleich manche Stadt und manches Städt- ') Benjamin Franklin, geb. 17l)ö. gest. 17SV. ') Geo. Wilh. Nichmann, Professor in Petersburg, geb. 1711. gest. 1733. Wurde ein Opfer seiner Versuche, die Gleichheit der Materie des Blitzes mit der elektrischen zu ermitteln, indem ihn ein starker Funken aus seinem Elcktricitätszcigcr am 6 August des lctztgedachten Jahrs tödtcte. 220 chcn seinen Nichmann') zählt, der für den Vorwitz, mit ihm spielen zu wollen, mit seinem Verderben hat büßen müssen. Ich bin u. s. w. 221 Zweiter Brief. London, den 1.0. October 1772. Ohne eine Antwort von Ihnen, mein werthcster B., auf meinen letzten Brief, und den Leitfaden von Fragen abzuwarten, durch den ich den Weg zu Ihrer Befriedigung geschwinder finden könnte, schreibe ich Ihnen schon wieder. Ich habe jetzt gerade Zeit und Muth darnach herum zu suchen, und beide mochten mir fehlen, wenn Sie mir den Leitfade» zuwerfen. Lassen Sie also sehen, ob ich sie nicht ohne ihn finden kann. — — Ich habe zuweilen, wenn ich Hrn. Garrick mit so vieler Kraft da stehen sah, wenn ich so reden darf, gedacht, ob nicht mancher Schauspieler, der nicht so gut von der Natur ausgebildet ist, als er, dieses durch Kunst einigermaßen ersetzen könnte. Ich mochte wohl wissen, ob man sich ans den Theatern ausstopft, um sich zu verschönern, meine ich, so wie man sich bemalt. Thut man es, woran ich kaum zweifeln sollte, so ist wohl so viel gewiß, man versteht sich nicht überall darauf. Das Knochengc- bäude manches deutschen Schauspielers ist nicht so schlecht, als der Überzug der Muskeln und des Fettes, an denen Zeit und Krankheit, und in den parisischen Provinzen unscrs Vaterlandes, auch noch Hunger und Kummer unaufhörlich nagen. Die erquickende Sicherheit und Festigkeit in der Bewegung, den Vor- 222 rath von Kraft, kann ja die Versammlung nicht fühlen, hören will sie sie nicht, also muß sie sie sehen; und die sehe man einmal in einem Paar spitzen Schultern, cylindrischcn Schenkeln oder leeren Ärmeln, oder lattenförmigen Beinen. Ich bin überzeugt, daß es oft eine Kleinigkeit in der Form des Arms ist, was einem Pvrtcbras ein lahmes Ansehen gibt. Eine Säule, deren Würfel nur um Vs höher wäre als breit, sieht einem geübten Auge gleich aus, als könnte sie das Gebäude nicht mehr tragen. Und was ist die Schönheit einer Säule gegen die vom menschlichen Körper, wovon daö Auge der geborne und durch hundertfaches Interesse wachsam erhaltene Richter ist? Bei den Portcbras fällt mir Mrs. Patcs ein, die erste Schauspielerin im hohen Tragischen auf Garricks Schauplatz. Diese Frau ist nicht mehr jung, überdies von der Art der hagern, und hat vermuthlich nicht die besten Arme. Auch habe ich ihre Arme nie entblößt gesehen, ja nicht einmal im bloßen Handschuh. Jedesmal, auch in solchen Charakter», wo sich ein schöner Arm schwerlich versteckt hätte, lief der völlige, aber nicht leer scheinende Ärmel, sich von der Schulter an allmälig verengernd, bis an die Hand herab, an die er nah und enge anschloß. Die Einförmigkeit, die ein solcher Anzug dem Arm hätte geben können, zu vermeiden, hatte sie etlichemal eine von der Farbe des Kleides stark abstechende Frisur darum gewunden. Die angenehme konische Form des Ärmels, die jedem Zuschauer nicht bloß Freiheit ließ, sondern Anlaß gab, sich den schönsten Arm darunter zu denken, gab ihm auch sichtbare Stärke. Auch 223 wußte sie dm Arm so mächtig zu führen, daß man von dieser Frau allein eine Ehironvmic abstrahiren konnte. Dic Schauspieler sollten hierin nicht nachlässig sein, und sich diesen Anschein von Geschicklichkeit nicht versagen, so lang dic wirkliche fehlt; denn obgleich dic Zuschauer sich nicht alle deutlich sagen können, wo der Fehler liegt, so fühlen sie doch, daß er irgendwo liegen muß, an dem geschwächten Eindruck, den die Handlung auf sie macht, desto gewisser, je weniger sie noch zur Zeit hierüber aus Büchern zu plaudern gelernt haben. Die unbeschreiblich gefällige Leichtigkeit, Stärke und Sicherheit in der Bewegung, (dieses sind noch immer die besten Wörter, dic ich dafür finden kann,) wodurch sich Hr. Garrick so sehr auszeichnet, möchten wohl nicht so leicht zu erhalten sein, ob ich gleich nicht leugnen will, daß die richtige Form seiner Glieder etwas dazu beiträgt. Ich fürchte, es ist vieljährigc Zeit und Schweiß kostende Übung des Leibes, die sich endlich zu dieser Ungezwungenheit aufgeklärt hat, und die, durch beständige Beobachtung schöner, von Personen beiderlei Geschlechts bewunderter und-beneideter Männer verherrlicht, jetzt bei ihm aussieht, als hätte er sie umsonst. So wie etwa dic Leichtigkeit mit Kraft im Styl der Oligographcn des Allerthums nicht so wohl die Frucht eines Schlarassenklimas, als vielmehr die Folge durch tiefes Studium erworbener deutlicher Begriffe, und der Geist aus ganzen Bänden von Exereitüs sein mag, die sie verbrannt haben. Hierzu kommt nunmehr bei diesem Manne das scelcnstär- 224 kende Gefühl seiner Überlegenheit. Er hat nichts zu fürchten. Das ganze Publikum sieht aufwärts nach ihm, und die Wenigen, die über ihn sein mögen, sind gewiß von der Classic derer, die stille schweigen. Was Wunder, wenn diese Begeisterung zuweilen ein Licht um ihn verbreitet, das alle übrigen Schauspieler verdunkelt? In allem was er thut, oder sagt, ist daher nicht die flüchtigste Spur eines angstlichen Bestrebens, zu gefallen, wodurch so mancher Schauspieler mißfällt. Weiter; wenn er den Hofmann macht, so tritt in ihm kein armer Teufel auf, sondern es ist der Mann von Welt selbst, den man sieht; der Mann, der diesen Abend an dem papierncn Hof in Drury- lane und morgen Vormittag an dem goldnen in St. James's glänzt. Wie viel Hoflcute, und was sage ich Hofleute? wie viel Hamlete mögen denn überhaupt wohl in der Welt sein, die das sind, was der Mann zwischen seinen vier Wänden ist? Dieses waren wieder ein Paar Pinselstrichc an seinem Porträt als Garrick. Nun noch ein Paar an Hanriet. In dem vortrefflichen Monolog: O lluit tlns too, too soliü lleslr rvaulü malt etc. bringt er, um mich astronomischer Kunstwörter zu bedienen, wieder eine Menge von den kleinen Gleichungen an, womit er die Handlung eines mittleren Menschen zur Wahrheit und Bestimmtheit des Individuums verbessert. Die Thräncn des gerechtesten Schmerzes für einen tugendhaften Bater, um den eine leichtsinnige Mutter, nicht allein keine Trauer, sondern kein Leid mehr trägt, zu einer Zeit, da die Schmarotzer noch schwarz tragen sollten, die unaufhaltsamsten 225 unter allen Thränen, vielleicht, da sie bei einem svlchcn Kampf von Pflicht mir Pflicht die einzige Erleichterung sind, die sich ein rechtschaffenes Herz verschaffen kann, überwältigen Garricken völlig. Von den Worten: so excellent a King geht das letzte ganz verloren; man sieht es »ur an der Bewegung des Mundes, der sich gleich darauf fest und zitternd schließt, um den allzu deutlichen Ausdruck des Schmerzes durch die Lippen, der sich ins Unmännliche ziehen könnte, zu hemmen. Diese Art Thränen fallen zu lassen, die mit der ganzen Last des inner» Schmerzes auch zugleich die männliche Seele zeigt, die unter ihr leidet, thcilt sich unaufhaltsam mit. Ist man aber erst einmal Shakespearn in der Reihe, so wird jedes Wort ein Schlag, wenn es Garrick spricht. Am Ende des Monologs mischt sich gerechter Unwille mit seinem Schmerz, und einmal, da sein Arm heftig, wie mit einein Streich, herunter füllt, um einem Wort im Unwillen Nachdruck zu geben, bleibt dieses Wort, unerwartet für die Zuhörer, vvn Thränen aufgehalten aus, und kommt erst nach einigen Augenblicken mit den Thränen zugleich nach. Ich und mein Nachbar, mit dem ich noch kein Wort gesprochen hatte, sahen uns hier einander an, und sagten etwas. Es war unwiderstehlich. Der berühmte Monolog: Po da or not to da etc. macht natürlich den großen Eindruck auf den Zuhörer nicht, und kann ihn nicht machen. Er thut aber doch ungleich mehr, als man von einem Raisvnncment über Selbstmord und Tod in einem Trauerspiel erwarten sollte, deßwcgen, weil ihn nicht, allein ein III. IS 22V großer Thcil der Versammlung wie ein Vater Unser auswendig weiß, sondern auch, mochte ich sagen, jedermann wie ein Vater Unser sprechen Hort, zwar freilich nicht mit den großen begleitenden Ideen unscrs geheiligten Gebets, aber doch mit einem Gefühl von Feierlichkeit und Würde, wovon sich jemanden, der England nicht kennt, kein Begriff geben läßt. Shakespeare ist auf dieser Insel nicht berühmt, sondern heilig; man Hort seine Sitlcnsprüche überall; ich selbst habe sie am 7. Februar, an einem wichtigen Tage, im Parlament gehört. So verwächst sein Name mit den ehrwürdigsten Ideen: man singt aus ihm und von ihm, und daher lernt ihn ein großer Theil der englischen Jugend eher kennen als das A B C und den Pontius Pilatus. Hamlet, der, wie ich schon erinnert habe, in Trauer ist, erscheint hier, weil er schon angefangen hat, den Verrückten zu spielen, mit dickem, losem Haar, davon ein Theil über die Eine Schulter hervorhängt; einer von den schwarzen Strümpfen ist herunter gefallen, und läßt den weißen Untcrstrumpf sehen, auch eine Schlinge des rothen Knicbandcs hängt über die Mitte der Wade herab. So tritt er langsam und in tiefer Betrachtung hinter den Scenen hervor; das Kinn unterstützt er mit der rechten Hand, und den Elbogen des rechten Arms mit der linken, und sieht mit großer Würde seitwärts auf die Erde nieder. Hierauf, indem er den rechten Arm von dem Kinn wegbringt, aber, wo ich mich recht erinnere, ihn noch durch den linken unterstützt hält, spricht er die Worte "bo bv or not to bv etc. leise, aber wegen der großen Stille (und nicht aus einer beson- 227 der» Gabe des Mannes, wie sogar in einigen Schriften steht) überall vernehmlich. Eine kleine Sprachanmerkung muß ich hier machen. In der vierten Zeile dieses Monologs schlagen doch Einige vor, againsl sssailinA troubles anstatt vzaiiist <1 so» ok troubles zu lesen, weil man gegen ein Meer die Waffen nicht ergreifen könne. Herr Garrick sagt dessen ungeachtet agaiust -> sea ok troubles. Ich gebe Ihnen hier bloß Garricks Stimme; was er für Autoritäten für sich hat, untersuche ich nicht. Mir würde es hier schwer werden, und Sie können das auf der göttingischcn Bibliothek in einem Wink ausmachen. Eben so mit Anständigkeit verwirrt ist auch zuletzt, da die Vernunft von ihr gewichen ist, der Anzug der Ophelia. Sie ward von Mrs. Smith, einer jungen Frau, die sich für diese Rolle vortrefflich schickt, (ob sie gleich für viele andere, die sie spielt, nicht Leben genug hat), einer guten Sängerin, vorgestellt. Ihr langes flächscncs Haar hing zum Theil den Rücken herab und zum Theil über die Schulter hervor; in der Linken hielt sie eine» Büschel unverworrenes Stroh, und ihr ganzes Thun in ihrem Wahnsinn war sanft, so wie die Leidenschaft, die die Ursache davon war. Die Lieder, die sie vortrefflich sang, hatten etwas so Klagendes, Sanftes und Melancholisches, daß ich sie noch lange nachher in der Nacht, wenn ich allein war, zu hören glaubte. Überhaupt ist diese ganze Sccne bis zum Schmerz rührend, und läßt eine Wunde in der Seele zurück, die Shakespeare so ganz fortschmcrzcn läßt, daß man wünschen möchte, IS ' man hätte die arme, unglückliche Ophelia nicht gesehen. Wäre doch Voltaire hier gewesen und hätte Mrs. Smith über den Shakespeare cvmmcntircn hören! Ich traue es fast dem ungewöhnlichen Manne zu, daß er bereut haben würde, was er wider diese Scencn gesagt hat. Das weiß ich, Hütte ich je so was geschrieben, mit vvltairischem Witz und Einfluß auf die Schwachen versteht sich, und hätte nachher gesehen, was ich gesehen habe, fürwahr, ich hätte Shakespeare's Geist in den Zeitungen um Vergebung gebeten. Aber Einen Sieg hat doch Voltaire in Drurylane erhalten. Die Todtengräbcrscene bleibt weg. In Eoventgardcn behält man sie noch bei. Das hätte Garrick nicht thun müssen. Ein so altes, herrliches Stück mit aller seiner charakteristischen, rohen Stärke aufgeführt, hätte doch, in dieser süßen Zeit, wo auch hier die Sprache der Natur coiivcnrioriell schönem Gewäsch zu weichen anfängt, den Fall zuweilen wieder einmal gebrochen, wenn es ihn auch nicht hätte aufhalten können. Einige der schönsten Seenen muß ich übergehen, unter andern die, wo er die Schauspieler unterrichtet, und dann die, in welcher er seiner Mutter die Bcrgleichung zwischen seinem Onkel und seinem Vater ins Herz donnert, und der Geist darüber erscheint; ein Schlag auf den andern, che man sich noch erholt hat. — Er führt ins Unendliche. Ich beschließe also hier das Trauerspiel und gebe Ihnen nur noch eine kurze Farce. Sir John Brüte ist nicht bloß ein liederlicher Hund, sondern Garrick macht auch einen alten Gecken aus ihm. Das Letztere ist gleich im Anzug sichtbar. Auf eine Perücke, die 229 noch so ziemlich zu seinen Jahren paßt, hat'er ein kleines bor- dirtcs Mvdehütchen, so leichtfertig hingeworfen, daß es schlechterdings nichts von der Stirne bedeckt, was nicht schon von der Perücke bedeckt wäre. In seiner Hand hält er einen von den eichenen Hakenstöckcn, mit denen sich die jungen Poltrons im Park des Morgens sso heißt hier die Zeit von 1l> bis 3 Uhr) das Ansehen von verteufelten Kerlen geben. Es ist eigentlich ein Prügel, an dem nur dünne Spuren von Kunst und Cultur zu sehen sind, gerade so wie gemeiniglich auch an dem menschlichen Bcngel, der ihn trägt. Diesen Stock braucht Sir John, seine Worte mit Gepolter zu unterstützen, zumal wenu nur Frauenzimmer gegenwärtig sind, oder auch einmal in der Hitze hinzuschlagen, wo niemand steht, der es übel auslegen konnte. Auf allen Schauplätzen gibt es fast immer irgend einen oder den andern Schauspieler, der den Betrunkenen mehr als erträglich macht. Die Ursache ist leicht zu finden. Es fehlt nirgends an Gelegenheit zur Beobachtung, und, was wohl der Hauptgrund sein mag, dergleichen Rollen haben ihrer Natur nach, weder enge, noch sehr scharf abgeschnittene Grenzen. Dessen ungeachtet spielt Hr. Garrick den betrunkenen Sir John so, daß ich gewiß den außerordentlichen Mann in ihm erkannt haben würde, auch wenu ich nie etwas von ihm gehört, und ihn selbst in diesem Stück nur in Einer Sccne gesehen hätte. Bom Anfange sitzt die Perücke »och gerade, und man sieht das Gesicht voll und rund. Nun kommt er äußerst betrunken nach Haus, da sieht es aus wie der Mond ein Paar Tage vor dein letzten Viertel; fast die Hälfte ist von der Perücke bedeckt; der Theil, den man noch sieht, ist zwar etwas blutig und glänzt von Schweiß, ist aber dafür äußerst freundlich, so daß er den Verlust des andern wieder ersetzt. Die Weste ist von oben bis unten offen, die Strümpfe voller Falten, und die beiden Strumpfbänder hängen herab, und zwar — sehr mystisch — zweierlei Strumpfbänder; es ist nur ein Wunder, daß er nicht gar Schuhe von beiderlei Geschlecht erwischt hat. In diesem betrübten Zustand kommt er zur Frau in die Stube, und auf ihr ängstliches Befragen, was ihm fehle (und sie hat Ursache so zu fragen), antwortet er mit gesammelten Kräften: Frau, gesund wie ein Fisch im Wasser, und doch regt er sich nicht vom Thür- Pfosten weg, an dem er fest sitzt, als wenn er sich den Rücken reiben wollte. Dann wird er wieder grob und thut auf einmal wieder so wcinklug und so freundlich, daß die ganze Versammlung in einen Aufruhr von Beifall ausbricht. In der Scene, wo er einschläft, hat er mich in Erstaunen gesetzt. Die Art, wie er bei geschlossenen Augen, schwimmendem Kopf, und blaß mit der Frau zankt, und mit r und l einen Mittcllaut zusammengeschmolzen, bald schimpft und bald eine Sittenlehre zu lallen scheint, wovon er das scheußlichste Widcrspiel ist; wie er die Lippen bewegt, daß man nicht weiß, ob er kaut, oder schmeckt, oder spricht, das Alles war so weit über meine Erwartung, als irgend etwas, was ich von diesem Manne gesehen habe. Sie sollten ihn nur das Wort preroxstive aussprechen 231 hören; er kommt ohne zwei, drei Versuche niemals auf die dritte Sylbc. Vanbrugh hat dieses herrlich gebraucht. Es ist das rechte Losungswort zu Schlägen in den politischen Bicrgc- sellschaften von England, wo man sich um den Begriff nichts bekümmert, und kann sehr gefährlich werden, wenn die Mitglieder so weit sind, daß sie es nicht mehr aussprechen können. So schön aber auch dieses Stück gespielt wird, denn Lady Brüte wird von Miß Vonng und Lady Fancyful von der berühmten Mrs. Abington vorgestellt: so wäre es, dünkt mich, doch besser, es nie auf das Theater zu bringen. Man hat zwar die schändliche Scenc, wo sich Sir John Brüte in einen Geistlichen verkleidet, und so mit der Schaarwache balgt, dahin abgeändert, daß er diese großen Thaten nur im Ncifrock, Saloppe und Kopfzeug verrichtet, wogegen man nichts mehr einzuwenden hat, allein dessen ungeachtet sind hier und da noch abscheuliche Sachen, beleidigend für Ohren und Auge». Ich habe schon neulich gesagt, daß Garrick die Gabe, Alles zu individualisircn, in einem so sehr hohen Grade besitzt; daß dieses nicht wenig zu seiner Überlegenheit beiträgt, und doch, sollte ich denken, müßte sich das mit etwas Aufmerksamkeit, nicht auf Schauspieler, sondern auf Menschen in Gesellschaft, zum Thcil wenigstens, leicht erhalten lassen. Wenn nur die Schauspieler erst wüßten, worauf sie Acht haben sollten. Der Theatcrmcusch kann, trotz seiner Aussteuer vom Dichter, noch immer frieren, wenn ihn der Schauspieler nicht warm anzieht, zumal, wenn der crstcrc nur französische Zeuge gibt. Garrick 232 greift, wenn es nöthig ist, mit der linken Hand lieber in die rechte Tasche, che er eine Prise Schnupstaback wechselt, die er zwischen den Fingern der rechten hat. Er kann, in einen uncr- sahrncn unbeholfenen Menschen verkleidet, sein erstes spanisches Nohr so tragen, daß man glaubt, er trüge es für seinen Herrn zum Silbcrschmidt, oder seil, oder hatte ein Barometer darin. Eine Gleichungstafel, die solche Züge enthielte, wäre kein geringes Geschenk für die Schauspieler, und, unter uns, für unsere dramatischen Dichter und Nomancnschrciber. Alle (man darf wohl so allgemein sprechen, wo nur zwei oder drei ausgenommen werden können, deren Werth bekannt genug ist) schreiben, als fehlte es ihnen an Stoff zur Beobachtung oder an Geist dazu, und die Meisten, als fehlte es ihnen an beiden. Wenn ein Jurist aufgeführt wird, so kann man sicher darauf rechnen, daß I-eges und nur der Justinian vorkommen; der Advocat erscheint allemal mit seinen wcitläuftigcn Zeilen und langen Prozessen; der Fähndrich flucht, oder spricht von Prügeln, und ihre Menschenfreunde haben, wo sie gehen und stehen, eine Thräne in den Augen und einen harten Gulden in der Hand. Das ist nun Alles ganz gut, und mag für die Primaner genug sein, und für 9 unter 1» von den die ihre Meinungen über Bücher gedruckt sagen. Aber ist das Sbakc- spcarc's Kunst? Fürwahr so wenig als Kreuzmachen Christeuthum. Ich sollte denken, der Advocat, der Gastwirth, der Kaufmann, der Krämer, der Barbier, der Ladcndicner, der Consul im Städtchen, alle hätten ihre eigene Staatsklughcit, 233 ihre c>gmm Grundsätze des guten Geschmacks, ihre eigene Physiognomik, ja ihre eigene Astronomie. Wer sich das Vergnügen machen will, darauf zu achten, wird es bald finden. Am deutlichsten zeigen sie sich, wenn diese Leute in Gegenwart ihrer Untergebenen sich mit einem Mann vom Fach das Ansehen einer Collegialschaft geben wollen. Ich zeigte einmal einer Gesellschaft, die wenig oder nichts von Astronomie wußte, den zunehmenden Mond durch ein Fernrohr, das stark vergrößerte. Verschiedene darunter fragten, ob nicht Tropfen auf dem Glase hingen? Die Flecken im Monde haben in den Vierteln wirklich einige Ähnlichkeit mit Regentropfen an einer Fensterscheibe, in denen sich etwa die gegenüberstehenden Häuser dunkel und der Himmel hell darstellt. Dieses war Alles gut, es waren Frauenzimmer, die keinen Anspruch auf Gelehrsamkeit machten, und ihrer Empfindung getreu fragten. Allein auf einmal wendete sich ein Mann gegen mich, und drückte die Unwissenden sanft zurück: sagen Sie mir einmal, fragte er, sind die Tropfen nicht eigentlich was man ialluxum lunaa plrgsieum nennt? Wiederum, in einer sehr gemischten Gesellschaft in einem Gasthofe fragte mich ein Anderer: Nicht wahr, Herr die Polhöhe ist, wenn man des Abends hinaus geht und sieht in die Höhe? Dabei sah er wirklich unter einem Winkel in die Höhe, der vcrmuthen ließ, daß ihm einmal jemand den Polarstern gezeigt haben mußte. Ein Muster von einer confusen Idee confus ausgedrückt. Können Sic wohl rathen, wer diese Leute waren? Lavaters Engel, der aus einem gegebenen Zahn den Mann re- stituirt, dcm er zugehörte, müßte dieses augenblicklich wissen. Ihnen will ich es sagen, wenn Sie das Räthsel allenfalls jemanden aufgeben wollen. Der Letztere war ein eingebildeter reicher Krämer, der sich bei einigen der Gegenwärtigen ein Ansehen von Gelehrsamkeit geben wollte, wenn es auch mit einigem Verlust bei den Übrigen verbunden sein sollte, und der Erstcre ein nicht mehr ganz nüchterner katholischer Kanonikus. Für heute mag das genug sei». Künftig sage ich Ihnen etwas über Garricks Bildnisse, etwas von Weston vielleicht, und den Frauenzimmern, vcrmnthlich auch von Gabriclli, die Sic aus Brydoue's Reise kennen werden. Sic ist hier, und wird ehestens als Dido erscheinen. Leben Sic wohl! 235 Dritter Brief. London, den 3». Nov. 1775. Ein unangenehmer Borfall, die Unpäßlichkeit eines meiner Reisegefährten, gibt mir jetzt ganz unvermuthet Zeit zur Erfüllung meines Versprechens, Ihnen, liebster B. ., noch einmal vor meiner Abreise zu schreiben, welches mir sonst unmöglich gewesen wäre. Ich wende nun einen Theil dieser Frist mit desto größerer Bereitwilligkeit auf diese Beschäftigung, als sie mir, außer dem Vergnügen, das mir jede Unterhaltung mit Ihnen gewährt, auch noch den Mangel an freundschaftlichem Umgang ersetzt, de» ich, als ein, nach bereits genommenem Abschied, pro slissnto Erklärter, gewissermaßen hier leide. Ohne das Mindeste von dem zu vergessen, was ich Ihnen von Weston und einigen Schauspielerinnen auf den englischen Bühnen versprochen habe, fange ich wieder mit Garrick an. Mich dünkt, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß er den Hamlet im französischen Kleide spielt. Es scheint allerdings sonderbar. Ich habe ihn dcßwegcn öfters tadeln hören, aber doch niemals zwischen den Acten, oder beim Nachhauscfahrcn, oder hintendrein beim Abendessen, sondern immer nach verloschenem Eindruck; und bei wieder erwachtem Kopf, im kalten Gespräch, wo, wie Sic wissen, sehr oft gelehrt für gut, und 236 auffallend für scharfsinnig angenommen und gegeben wird. Ich muß gestehen, dieser Tadel hat mir nie so recht cingewollt. Und bedenken Sie nur, ob es so sehr schwer war, so behutsam zu sein. Einmal wußte ich: Garrick ist ein äußerst scharfsinniger Mann, der das genaueste Register über den Geschmack seiner Nation führt, sicherlich nichts ohne Ursache auf der Bühne unternimmt, und übcrdicß das ganze Hans voller alten Trachte» hängen hat; ferner ein Mann, bei dem jedes Tags Erfahrung nicht zu monströser Erweiterung des Maulwerks, sondern zu Beförderung harmonischen Wachöthums von einem gesunden Kopf den gehörigen Stellen zugeführt wird. Und der Mann sollte nicht sehen können, was jeder londonsche Macarvni mir Händen greifen zu können glaubt? Er, der schon vor 30 Jahren war, was seine meisten Tadler ziemlich erbettelt jetzt sind? Anstatt also einzustimmen, fing ich an bei mir zu überlegen, was ihn wohl bewogen haben könnte, so etwas zu thun. Ich dachte lang umher, wenigstens zu meiner eigenen Beruhigung etwas zu finden, als ich bei der zweiten Vorstellung des Hamlet, die ich sah, in dem Augenblick, da er den Degen gegen den Horazio zieht, vermuthlich mit Garricks Empfindung zusammentraf. Nach meinem System ist er nun entschuldigt; er würde sogar bei mir verlieren, wenn er anders erschiene. Ich lasse jedermann seine Freiheit, clamus petimusguL. Ich weiß es sehr wohl, daß man bei solchen Dingen durch eine gewisse vermeintliche Anspannung nur allzu oft durch den Weg des Superfei- 237 neu endlich zu demselben Jrrthum geleitet wird, den der Andere auf dem weit bequemeren der Übereilung geschwinder findet. Aber dem sei, wie ihm welle, verschweigen kann ich Ihnen meine Gründe nicht, die, wenn sie auch gleich nicht Garricks sein sollten, doch denkende Schauspieler hier und da auf etwas Besseres leiten könnten. Mir kommt es vor, als wenn alte Trachten auf der Bühne für uns, wenn wir nicht gar zu gelehrt sind, immer eine Art von Maskeradehabit wären, der zwar, wenn er schon ist, gefällt, allein, das geringe Vergnügen, das er gewährt, kann selten ganz zu der Summe des Übrigen geschlagen werden, das den Eindruck des Stücks vermehrt. Es geht mir hierin, wie mit den deutschen Büchern mit lateinischen Lettern. Für mich sind sie immer eine Art von Übersetzung. Der Augenblick, den ich anwenden muß, mir diese Zeichen in mein altes darmstäd- lisches AVE zu übersetzen, ist dem Eindruck nachtheilig. Ein Sinngedicht würde bei mir die ganze Kraft des Erstenmals verlieren, wenn ich es z. B. bei umgekehrtem Buch heraus buch- stabircu müßte. Von den subtilen Fäden, an denen unser Vergnügen hicnieden hängt, ist es Sünde, auch nur einen ohne Roth durchzuschneiden. Da also, sollte ich denken, wo unsrc jetzige Kleidung in einem Schauspiel nicht die empfindliche Majestät unserer Schulgclehrsamkeit beleidigt, sollen wir sie auf alle Weise beibehalten. Unsere französischen Röcke sind längst zur Würde einer Haut, und ihre Falten zur Bedeutung von Mienen gediehen, und alles Ringen, Krümmen, Fechten und Fallen in einer 238 fremden Tracht verstehen wir zwar, aber wir fühlen es nicht. Den Fall eines Hutes während eines Kampfes fühle ich völlig, den von einem Helm weit weniger, er könnte sich auf die Ungeschicklichkeit des Acteurs schieben lassen, und lächerlich aussehen. Ich weiß nicht, wie fest ein Helm sitzen muß und kann. Als Garrick in ober erwähnter Stellung den Rücken zum Theil gegen die Versammlung kehrte, und ich bei seiner Anstrengung die bekannte Diagonalfalte von der Schulter nach der entgegengesetzten Hüfte erblickte, fürwahr ich hätte selbst sein Gesicht ein Paarmal dafür hingegeben. In dem dintigcn Mantel, von dem Hamlet einmal spricht, hätte ich bei weitem das nicht gesehen. Ein gut gebauter Schauspieler (und das sollten wenigstens alle die sein, die sich mit dem Trauerspiel abgeben) verliert allemal in einer Tracht, die sich zu sehr von der entfernt, die irgend einem im Leben, bei einem früher, beim andern später, keiner der geringsten Gegenstände unserer Wünsche, und die süßeste Befriedigung jugendlicher Eitelkeit wären, und in der unser Auge das zu Viel und zu Wenig bis zu Sirohhalmebreiten anzugeben weiß. Wohl verstanden, daß ich hiermit nicht sage: Cäsar und Englands Heinriche und Richarde sollten in Gardcuniform mit Scherpe und Ningkragcn einher treten. Diese und ähnliche Abweichungen von einem allgemeinen Gebrauch zu empfinden und zu ahnden, hat jedermann Kenntnisse und antiquarischen Stolz in der Schule und von Kupferstichen, Münzen und Ofcnplattcn gesammelt. Ich meine nur, wo der Antiquar in den Köpfen eines Publikums über einen gewissen Artikel noch 239 schlummert, da fall der Schauspieler nicht der Erste sein, der ihn wecken will. Das kleine episodische Vergnügen, wenn ich so reden darf, das mir der schnöde Prunk eines Maskeradenhabits macht, ersetzt mir den Eintrag nicht, der dadurch dem Stück von jener andern Seite geschiehst. Alle Zuschauer leiden den Verlust, sie glauben nur nicht alle, daß das die Ursache sei. Doch ist hierin der Geschmack eines einsichtsvollen Schauspielers, der die Stärke und Schwäche der Augen kennt, vor die er treten soll, über alle Regeln. In dem Fall, den ich voraussetze, findet sich London in Absicht auf den dänischen Hamlet, und hat da Garrick nöthig, es zum Schaden beider Parteien klüger zu macheu? Garrick entbehrt gern von der einen Seite ein Bißchen Lob seiner Gelehrsamkeit, wenn ihm von der andern die Herzen zu taufenden zufallen. Nun kommen Sie, mein Freund, wegen dieses ästhetischen Schattenspiels, aus dem vielleicht etwas für den Genius Ouiu- quennii zu machen gewesen wäre, wenn einer unserer philosophischen Savoyarden sein erhabenes Babel dazu hätte anstimmen wollen, sollen Sie nun, wo nicht schadlos gehalten, doch wenigstens durch Abwechselung erquickt werden. Ich will Ihnen den drolligen Weston, von welchem ich Ihnen, als ich seinen Charakter im ersten Briefe flüchtig entwarf, etwas Mchreres versprach, ein Paar Sccnen zeigen. Dieses sonderbare Geschöpf kam aus der Küche von St. James, wo sein Vater Koch vom zweiten Range war, auf einmal aufs Theater, mit einer Figur, die, im Vorbeigehen auf der Straße gesehen, so wenig für das- selbe gemacht zu sein scheint, daß in der That ein Garrick nnd ein Foote nöthig war, es zu finden. Den» die fandcn's. Er ist rwn kleiner hölzerner Statnr, und seine Staatsposirur ist daher die mit den beiden Händen in den Nocktaschen. Seine Gesichtsbildnng ist äußerst roh, die Lippen etwas dick, nnd die Nase von der Familie der Schuhleistfvrmigcn. Allein aus den Augen, die daher kaum in dieses Gesicht zu gehören scheinen, blickt der beobachtende Schalk und Garricks glücklicher Nebenbuhler, in dem Fache nämlich. Seine Stimme ist gedrückt und pelzig, und seine Rede langsam. Ich habe solche Figuren fast in allen Städten, wo ich gewesen bin, des Sonntags gesehen, ich weiß nicht, ob es Seilwindcr oder Gcmüsegärtner waren, nicht ganz so glatt und auch nicht so geschmeidig, als die Becker. Ich muß mich näher erklären. In einem Stück, worin ich mir ihn eben jetzt gedenke, trug er einen Nock von himmelblauem Tuch, das sich ins Neblige zog, eine rothe Weste, schwarze Beinkleider nnd blaue Strümpfe; die Schuhschnallen saßen, dünkt mich, etwas am äußern Abhang des Fußes, und das ungebundene Haar hing ihm in Gruppen, wie gelbe Wurzeln, um den Kopf. Wenn er daher aufs Theater tritt, so glaubt man, es hätte sich jemand, ohne bemerkt zu werden, von der Straße dahin verlaufen, so natürlich kleidet er sich, und so ungezwungen erscheint er. Das verräth nichts Gemeines. Sie sehen aus allem, zum Chamäleon ist er verdorben, er thut Alles, was er thut, durch den Fuchs. Die Natur, die ihn von der einen Seite bestimmt zu haben scheint. Lachen zu crre- 241 gen, scheint ihn von der andern der Fähigkeit beraubt zu haben, selbst zu lachen. Er ist immer ernsthaft, oder lächelt nur, und dieses selten; auch währt es lang, bis es im ganzen Gesicht herumkommt. Ich habe es einmal gesehen, da ihm in einem Stück ein niedliches Kammermädchen, um ihn ins Interesse ihrer Dame zu ziehen, die Backen tätschelt. Das Gesicht klärte sich zwar langsam, endlich aber auch zu einem solchen Grade auf, daß wenigstens zwei Dutzend Zähne herauskamen, worunter mancher nicht klein war. Da war schwerlich ein Mund im Schauspielhausc, der nicht, ein jeder nach seiner Art, mitgelacht oder gelächelt hätte. Weil er bei allem diesem so sehr halsstarrig original, und keinem Charakter einen Schritt zu Gefallen geht, so haben die Dichter die Charaktere zu ihm hingebracht. So soll stori) Lnoale in ?ootö's ok darret, welchen er so unnachahmlich spielt, nach Wcston geformt sein, und da ists freilich kein Wunder. Auch der Bediente in einem Stück, das jetzt viel Lärm macht, Uro nraiä ok llro oaüs, wird nicht bloß von Wcston vorgestellt, sondern der Dichter hat Weston zum Bedienten im Stück gemacht. Ich habe, glaub' ich, in meinem ersten Briefe einer Scene in Farquhar's Ktratazom erwähnt, worin ich Garrick und Weston beisammen gesehen habe. Ich will sie Ihnen gern nach Vermögen beschreiben, wiewohl ich noch sehr zweifle, ob ich nur einen erträglichen Schattenriß davon werde machen können. Der Schauspieler sowohl als der Zuschauer sind beide immer mehr im Lustspiel zu Haus, als im Trauerspiel, und was der crstere auch selbst durch die feinste III. 16 Kunst im Trauerspiel hervorbringt, läßt sich immer, dünkt mich, leichter in Worte fassen, als was die unerschöpfliche Natur im erster» sowohl thut, als bemerkt. Ich kann eine solche Sccne, worin die beiden Lieblinge eines crlcnchtctcn Volks sich bemühen, zu ihrem längst gegründeten Ruhm, ohne Übertreibung in dem Zanm der geübtesten Vernunft, etwas hinzu zu thuu, nicht beschreiben. Alles, was ich thuu kann, ist, einer Einbildungskraft, deren Wirkungskreis mir unbekannt ist, auf Gerathcwohl einige Winke zu geben, sich selbst etwas Ähnluhes zu schaffen. Gar rick macht den Archer, einen Herrn von Stande, der sich aus leicht zu errathcndcn Ursachen in einen Bediente» verkleidet hat, und der arme Weston den Scrub, einen Ans- warter in einem armseligen Wirthshause, worin jener einkehrt, und wo mau alle Bedürfnisse des Magens und Ergötzlichkciten des Gaumens immer gestern hatte, und morgen wieder haben wird, aber niemals jetzt hat. Garrick hat himmelblaue Livree, mtt funkelndem Silber reich besetzt, einen blendenden Bvrrcnhut mit einer rothcn Feder, spielt ein Paar weiße, glänzende seidene Waden, und ein Paar Schnalle», die nicht besser sein können, und ist ein entzückender Kerl. Und Weston, den die schwere Last einer schmierigen Aufwartung unter zehn verschiedenen Rubriken drückt, der arme Teufel, erscheint ihm gegenüber in einer traurigen abgeregneten Perücke und einem grauen Ka- misol, das vor etwa dreißig Jahren für einen glücklichern Bauch geschnitten sein mochte, mit rothcn wollenen Strümpfen und einer grünen Schürze. Er geräth in eine Art von andächtigem 243 Erstaunen, da dieser Herr Bediente (wie das göttingischc Mädchen sagte) austritt. Garrick, frisch, schalkhaft und schön wie ein Engel, den niedlichen Hut mit fast gefälliger Leichtfertigkeit seitwärts aus dem hellen Gesicht gestehen, tritt munter und voll Vertrauens ans seine Waden und neuen Anzug, fest und stramm daher, und fühlt sich um ein Drittel größer neben dem trübseligen Scrub. Und Scrub, der ohnehin wenig ist, scheint auch noch das zu verlieren, und zittert mit den Kniecn, vor lauter Gefühl des dreifachen Contrasts zwischen Aufwärtcr — und Bedienten, und folgt bei gefallenem Nnterkinn in einer Art von Anbetung Garricken bei allen Bewegungen mit den Augen nach. Archer, der den Scrub zu seinen Absichten braucht, wird bald gnädig. Sic setzen sich neben einander nieder. Dieser Theil der Sceuc ist in Kupfer gestochen, und Sayer hat eine Eopie davon unter seine bekannten Bildchen aufgenommen. Allein weder Wcston noch Garrick gleichen sich da sonderlich, zumal ist der Letztere, der sich sonst in eben dieser Bildchensammlung als Abel Drugger und Sir John Brüte so herrlich gleicht, daß fast nichts drüber geht, abscheulich mißhandelt. Wer die unwiderstehliche Macht des Contrastes auf dem Theater kennen lernen will, wenn er vom Dichter und dem Schauspieler gut und nach beiden Seiten gleich stark durchgesetzt wird, damit nicht die Structur, deren ganze Schönheit im richtigen Gleichgewicht bestehet, nach einer Seite umgeschmissen wird, wie gemeiniglich geschiehet, der muß diese Sceue sehen. Garrick wirft sich mit der ihm eigenen Leichtigkeit auf den Stuhl, schlägt 16 ' dcn rechten Arm über Westens Lehne, und biegt sich zum vertraulichen Gespräch nach ihm hin; die herrliche Livree liegt rückwärts geschlagen, und eine Schönhcitslinic schließt sich in Nock und Mann an die andere. Westen sitzt auf der Mitte des Stuhls, wie es sich gebührt, nur etwas zu weit nach vorn und aus jedem Knie eine Hand, stark versteinert da, mit den Schalksaugen auf Garricken gewendet. Wenn etwas auf seinem Gesicht ausgedrückt ist, so ist es Affcctation von Würde mit lähmendem Gefühl des schrecklichen Contrasts. Hierbei bemerkte ich etwas an Westen, das sich herrlich ausnahm. Während als Garrick mit einer gefälligen Nachlässigkeit in sich selbst ruhte, suchte ihm Westen mit steifem Rücken allmälig die Hohe abzugewinnen, theils des Anstandcs wegen und theils auch zuweilen wenn Gar- rick ihm nicht ins Gesicht sieht, mit mehr Sicherheit eine neue Wergleichung zwischen sich und ihm zu stehlen. Wenn Archer endlich mit großer Leichtigkeit die Beine über einander schlägt, so versucht Scrub ein Gleiches, und bringt es auch endlich, jedoch nicht ohne einige Hülfe der Hände, glücklich zu Stande, Alles entweder bei starrenden, oder heimlich vergleichenden Augen. Endlich da Archer die herrlichen seidenen Waden zu streicheln anfängt, so will auch Weston mit seinen armseligen reihen wollenen ein Gleiches thun, rctirirt sich aber wieder, und zieht mit Mitleid erregender Dcmüthigung die grüne Schürze langsam über das Ganze. In dieser Sccnc that die natürlich dumme Miene des Weston, sein treuherziges Wesen, das bei ihm aus Allem hervorleuchtet, und durch dcn unaffectirten Pelz seiner 245 Stimme »icht wenig gewinnt, fast Garricken Abtrag. Das ist viel gesagt. Er hatte die Götter ') und die Teufel auf seiner Seite. Als Bedienter in tinz maick ob tlro oales ist er in glücklichern Umständen, und geputzt, aber doch auch so, daß man sieht, es kommt nicht allein selten an ihn, sondern es ist auch sogar seine Sache nicht einmal. Seine Haare hat er in einen wcgstchendcn krap-nick elend eingepackt, oben und an den Seiten sind sie zum Theil gepudert, wie mirs vorkam, nur mit den Fingern oder Papierschnitzeln; dabei hat er einen grauen Rock, wieder rothe Strümpfe an, und ein herrliches Bouquet vor. In diesem Stück unterscheidet er sich vorzüglich durch hölzerne Behendigkeit und eine Art von unnöthiger Geschäftigkeit, die, trotz des Schweißes, den sie ihm auspreßt, den Gang der Sache, den sie befördern soll, nicht wenig aufhält. Er will immer, kann aber vor lauter Wollen selten, und hält sich dessen ungeachtet, wenn sonst die Herrschaft nicht dabei ist, nicht undeutlich für eine der wichtigsten Personen dieses Tags. Ihm, Mrs. Abington, Hrn. Dodd und den ungemein prächtigen Decorationen, die sich zuweilen dem Operelysischen nähern, hat es dieses Stück auch zu danken, daß es zu Anfang dieses Jahrs drei und zwanzigmal aufgeführt worden ist. Wie gern beschriebe ich ') Auf den englischen Schauplätzen nennt man die Zuschauer auf der obersten Galleric Götter ftks Kocks), und der Verfasser nennt daher in seiner Laune die vom Parterre und Logen die Teufel. 246 Ihnen dcn Mann, wie er als Schuhflicker im hinkenden Teufel (Ovvi! iizion tivo stioI-8) ein Paar Schuh, die er unter dem Rock stecken hat, in die Ecke hinlegt, um mit desto mehr Anstand auf einen Schemel zu steigen, auf welchem ihn Foote zum Dortor crcirt. Aber wenn ich das durchlaufe, was ich gesagt habe, so vergeht mir alle Neigung mehr von ihm zu sagen. Es ist zwar ein Bergungen, den Tvtaleindruck, den der Anblick eines solchen Wnndcrgeschöpfes ans einen macht, in seine Bc- standthcile zu zerlegen, und Empfindungen zu Buche zu bringen; sich habe mir solche Beschreibungen zum Vergnügen eine Menge gemacht,) aber die Absicht, einem Andern ein ahnliches Vergnügen zu verschaffen, wird meist verfehlt, weil die unvermeidliche llnvollständigkcit der Zahl dieser entwickelten Gefühle, dem Leser bei ihrer Herabstimmuug zur Klarheit Raum genug übrig laßt, neben dem Endzweck des Verfassers vorbei zu schleichen, oder noch schlimmer ihm den Vorwurf zu machen, er habe zu viel gesehen. Zwei Anekdoten von ihm, die mich mehr unmittelbar in des Mannes Seele sehen lassen, muß ich Ihnen noch erzählen: Vor einigen Jahren wählte sich dieses hölzerne Gestell zu seinem Bencficcstück — Sic rathen sicherlich nicht, was? Richard den Dritten. Daß das Haus voll werden mußte, zum Bersten, das konnte wohl Weston so gut vorher wissen, als Sie es mir jetzt glauben. Und dieses ist wohl das Einzigc- nial gewesen, daß Shakespeare auf dem Schauplatz von Dru- rylane vorsätzlich ist geschändet worden; in Eovcntgarden hat es 247 SHüter mehrmals gethan. Mir fiel, als ich es hörte, der Affenlaokvon ei», wo sich die Schlange um drei Assen, Vater und Söhne, schlingt, die alle drei erbärmlich zusammen schreien. Es mag toll hergegangen sein. — Als er am Ende starb, so bestand das Volk darauf, er sollte wieder aufstehen, und noch einmal sterben, und das vermnthlich mit einem Getöse, das wohl einen Tobten hätte erwecken können. Der hätte in dem bekannten Monolog sagen müssen: an ass, an ->5S, ,n Kingelain kor an ! Die andere macht ihm mehr Ehre, auch war ich selbst Zeuge. In den ltivsl tlancliclatos, demselben Stück, worin er von dein Mädchen getätschelt wird, sprach er in diesem Jahr den Epilog in Gesellschaft eines großen Hundes, den er am Ring des Halsbandes hält, und der ihm fast bis an die Hüfte reicht. Es ist ein allerliebstes Thier, und klotzt seinem drolligen Führer, während er spricht, zuweilen so menschlich herauf ins Gesicht, und dieser streichelt ihn wieder mit so vieler Herablassung, daß niemand zwischen beiden die Seelenvercinignng verkennen kann. Diesen Epilog zu sprechen, wurde Westvn zum erstenmal überdrüssig, als ich das Stück zum zweitenmal sah, und wollte nicht erscheinen; das Volk nahm dieses sehr übel, und Irpilogue! jspilogns! erschallte aus allen den Kehlen, die Richard den Dritten von den Tvdtrn erwecken wollten; Weston erschien immer nicht. Viele Leute aus der Loge gingen weg, allein ich war entschlossen, den Ausgang abzuwarten. Auf einmal regnete es erst Birnen, dann Orangen, hierauf Quartier- boutcillen auf das Theater, und einmal flog eine, die wohl drei Quartier halten mochte, an einen der Krystalllcuchtcr hin, und Alles sah einem Aufruhr ähnlich, als Wcston so gelassen, als würde er allemal so gerufen, mit Dragon (so hieß der Hund) hervortrat. Es wurde ein wenig hie und da gezischt, aber das legte sich bald. Run ist in dem Epilog eine Stelle, worin er den Hund anredet, indem er, wie ich glaube, von Kritiken spricht: Und was hängst du denn den Schwanz, Dragon? sie werden dir nichts thun: diese Stelle veränderte Weston, aus dem Stegreif, ohne weder den Reim, noch dem Vers zu nahe zu treten, in diese: Und warum hängst du denn den Schwanz, Hans Narre? dir werden sie keine Bouteillcn an den Kopf werfen. Diese in der That in einer solchen kritischen Lage und einer gereimten Rede angebrachte höchst sinnliche Veränderung machte Alles gut. Man hörte nicht auf zu klatschen, und zu rufen. Alles das machte auf Westens Gesicht nicht so viel Veränderung als auf einer Ofenplatte. Da war keine Freude, keine Miene innerer Satisfaction; gar nichts, so wenig als auf dem Gesicht seines vierbeinigen Freundes. So viel dicsesmal von Weston, von dem ich ungern schweige, weil es mir vorkommt, als hätte ich ihm Unrecht gethan, weil ich mir selbst nicht Genüge ge- than habe. Ehe ich nun zu dem Frauenzimmer komme, will ich Ihnen noch eine Frage beantworten, die Sic in einem Ihrer Briefe gethan haben: ob denn Garrick so ganz durch und durch unta- delhaft spiele, und ob ich nicht zuweilen wenigstens etwas bemerkt, das ich weggewünscht hätte? Ihnen Fehler von Garrick 249 anzuzeigen, liebster B., davor werde ich mich wohl Hilten, allein wenn Sie wissen wollen, was mir, dessen Empfindungen ich allein hier entwickele, ohne sie mit ästhetischen Fnndamcntalgc- setzen zusammen zu halten, zuweilen nicht an ihm gefallen hat, da lasse ich mich eher ein, wiewohl auch dieses nur sehr unbeträchtlich sein wird. Denn einmal müssen Sie bedenken: er spielt jetzt nur Stücke, die er sich völlig eigen gemacht, und über die er nun ein Bierteljahrhundert durch in seiner ausgesuchten Gesellschaft das Urtheil der größten Kenner des Menschen empfangen hat. Selbst den Strumpf, der ihm so herabhängt, kann man denken, hat ihm vielleicht Fi clding') herabgezogen, und Hut, der da so schön seitwärts sitzt, Sterne") oder Goldsmith"') zurückgestoßen. Bei so bewandten Umständen, mein Freund, gibts viel zu lernen, und wenig zu tadeln. Ferner, leugne ich nicht, sein Ruhm blendet bald mehr, bald weniger; es ist schon kein geringes Vergnügen, ich will nicht sagen Glück, ehe der Borhang aufgezogen wird, dem Schauplatz gegenüber zu sitzen, auf dem in einigen Minuten ein Mann auftreten soll, der nach einem ziemlich einstimmigen Urtheil der erste Schauspieler der neuen Zeit ist. Außerdem der Freund, ') Henry Ficlding, der berühmte Verfasser von llosepü ^n- ürervs, 4om llones und ^molia, geb. 1757. gest. 1754. ") Lorenz Sterne, s. unten. "') Oliver Goldsmith, Verfasser vom Vicar ok 4VaIeslieIv a Villa!», mit der Miene und dem Ton der kleinlichen Nachspötterci, fast als wollte er den Mann damit auszeichnen, der immer lächelte, und lächelte, und doch dabei ein Schurke war. Ich kann nicht leugnen, dieses siel mir in meiner damaligen Verfassung so auf, daß ich den Augenblick erwachte. Wehe meinem Briefe über Garrick, wenn Sie und Ihre Freunde anders stimmen sollten. Ich fürchte es nicht; denn bei der zweiten Vorstellung des Hamlet, der ich beiwohnte, hatte ich das für mich schmeichelhafte Vergnügen, ihn dieselben Worte meiner Empfindung durchaus gemäß aussprechen zu hören, nämlich mit dem Ton der wohlbedachten Auzeichnung zu nahem Gebrauch. Das Lächeln des Schurken, den Hamlet meint, war für ihn von der einen Seite zu wichtig, und zu scheußlich von der andern, sich dagegen bei einem Selbstgespräch mit mimischem Spott zu kühlen. Die Lippen, die so gelächelt hätten, mußte der Tod aus Hamlets Händen (und nichts anders) Ernsthaftigkeit lehren, und das je eher je besser. Was Garrickcn bewogen haben mag, 252 jene Worte damals so zu sprechen, will ich nicht ausmachen. Ich dachte, die schonen und sanften Wörter smilg and sinilo möchten vielleicht schwer ohne Mienen, die wenigstens zur Familie der lächelnden gehörten, auszusprechen gewesen sein, allein ich glaube doch nun, daß es eher ein Versuch, als ein unver- mutheter Streich seiner Zunge und ihrer Nachbarschaft war. Sehen Sie, ist das nicht herrlich? Ich merke so eben erst, daß ich des Mannes Kunst auf Kosten seines Verstandes vertheidige. Also kein Wort mehr davon. Unter den hiesigen Schauspielerinnen ist nach meinem Geschmack Mrs. Barry noch immer die größte, oder doch die allgemeinste, und die einzige, die in diesem Punkt eine Vcrglei- chung mit Garrick aushält. Sie kann, zu einem eiteln Kam- merpuppchen zusammengeschnürt, sich mit süßer Selbstgefälligkeit tänzeln und zieren, und trippeln, daß den kleineu Mamsellen und den großen Bedienten das Herz im ganzen Hause aufgeht; und dann wieder mit einem Strom von rauschender und rieselnder Seite hinter sich her, mit hohlem Rücken und stolz zurückgewandtem Angesicht einhertreten, wie die Eitelkeit, wenn sie sich am Zug ihrer Schleppe weidet. Sie ist eine große Schönheit, und wie mir gesagt worden, auch selbst ohne Schminke beim Sonnenlicht auffallend schön, eine geborne Schauspielerin. Ihr Geburtsort ist das schöne, romantische Bath, wo ihr Vater Apotheker war. In ihrem zehnten Jahr (wie mir eine Dame erzählt hat, die sie damals kannte) warf sie ihr Strickzeug weg, schlich sich mit dem Shakespeare auf den Boden des Hauses, 253 und sprach init dm Schornsteinen. Ihre Schönheit gehört zur (Nasse der Heiligen, und der herrschende Ausdruck in ihren Mienen und dem Klang ihrer über Alles reizenden Stimme, ist sanfte Unschuld »ud entgegenkommende Güte. Ein Weib, so wie sie der Himmel haben wollte! Sanft, nachgebend, und so wenig satyrisch als heroisch. O, sie erschrickt vor einem (5oä (i-unn! als wenn eine Bombe spränge. Ich habe sie als Eor- delia im König Lear gesehen, wie sie die von Thränen glänzenden großen Augen nach dem Himmel hob, dann sprachlos die Hände hochringcnd, mit dem Austand und, wie mich dünkte, dem Glanz einer Verklärten, ihrem alten verlassenen Vater entgegeneilte und ihn umarmte. Es ist das Größte, was ich in der Art von einer Schauspielerin gesehen habe, noch jetzt das Fest meiner Phantasie, und ich werde das Andenken an diese Scene nur mit meinem Leben verlieren. Als ich vor fünf Jahren hier war, sah ich sie schon als Desdemona in Othello. Ich habe Ihnen gewiß in Göttingen davon erzählt. Auch erinnere ich mich kaum, jemals so stark Partei in einem Stück genommen zu haben, als damals. Reddish, der den teuflischen Iago vorstellte, ist mir noch jetzt unausstehlich. Wehe allen Lippen und Nasen, die der scinigcn gleichen, wenn ich einmal eine Physiognomik schreibe! Damals war Mrs. Barry noch in Drurylane; jetzt spielt sie in Coventgardcn. Hr. Barry, ihr Mann, ehemals ein angebeteter und noch jetzt immer beliebter Schauspieler, ist alt und steif. Hr. Garrick ließ also diese vortreffliche Frau, viel- lcicht ihres Mannes wegen, gehen, den er theucr bezahlen inußlc, und nicht sonderlich mehr brauchen konnte, und zog dafür Hrn. Pates und seine Fron aus Cvvcntgardcn an sich, wovon jener kein übler drolliger Schauspieler, und das verweichlich für wenig Geld ist, diese aber ine hohen Tragischen nächst Mrs. Barry sicherlich die größte Schauspielerin, die England hat. Mrs. Barry bekommt, wie mir ein Alan» gesagt hat, der es wissen kann, jährlich 1800 Psnnd, nehme ich nun an, daß ihr Mann nur die Hälfte hat, und setze außerdem die Nevenüe an ihren Bcnefizabcnden auf 500 Pfund, (Miß Catlci, eine muthwillige, beliebte Sängerin, bekam an ihrem Benefizabcnd, wie ich genau weiß, 30g Pfund;) so genießt dieses Ehepaar für die wenigen Winterabende, an welchen es spielt, ein jährliches Einkommen von fast 20,000 Thalcrn. Da läßt sich freilich gut für spielen, wenn, wie bei diesen Personen, Trieb der Natur eine» schon ohne Besoldung zum Schauspieler macht. Den Sommer bringen sie ans einem herrlichen Landgute in Surrey zu, das ich einmal in der Ferne habe liegen sehen. Ich stand auf eine halbe Stunde stille, und doch konnte ich mich an dem inannichfaltigen Zaubcrlichte nicht satt sehen, welches meine Phantasie auf das Haus und die Gegend warf, in welcher es stehet. Nun komme ich ans eine Schauspielerin, die ich schon einigemal genannt habe, Mrs. Ab lieg ton, eine in mehr als einer Rücksicht so merkwürdige Frau, daß ich Ihnen leicht ein kleines Werk über sie schreiben könnte. Und hätte ich Ihnen durch eine solche Schrift die Talente dieser ungewöhnlichen Seele genau entwickelt, so würde ich, glauben Sie mir, stolzer darauf seiu, als auf irgend ein approbirtcs Werk in diesem Fach. In einem Brief so etwas auch nur zu versuchen, habe ich jetzt weder Zeit noch Geduld, nud es gehörig durchzusetzen, wenn ich aus den Urtheilen der Leute schließen darf, von welchen ich sie habe bewundern hören, auch sicherlich weder hinlängliche Kenntnisse noch Erfahrung. Das Wenige, das ich von ihr sagen werde, setze ich nur deswegen her, weil es nach einer solchen Entschuldigung, nach dem Plan meiner Briefe, die Ihne!, eine kleine Nachricht von allen guten Schauspielern in London geben sollen, eben so unverzeihluch sein würde, ganz von ihr zu schweigen, als das erwähnte Werk, dein ich nicht gewachsen bin, wirklich zu unternehme». Mrs. Abington ist von Mrs. Uates und Mrs. Barry so unterschieden, wie die komische Muse von der tragischen. An Majestät und Ausdruck sanfter Empfindung steht sie ihnen, zumal der Lctztern, nach, und übertrifft sie an Talent, die bittere Wahrheit, mit allen den kleinen begleitenden Zügen, den Zeichen der eigenen Bemerkung, tief ins Herz zu reden, daß jeder glaube» muß, sie meinte ihn; und dann auch an leider allzu früh geübter Kunst; bei allem diesen, den herrlichsten Wuchs mit einem gefälligen Strich von Absicht zu zeigen, der dieser großen Schauspielerin noch aus der gefährlichen Schule anklebt, in welcher ihre Reize ausgebildet worden und noch ehe sie die Bühne betrat, ihren Lohn enrpfangen haben. An Geist ist sie sicherlich allen englischen Schauspielerinnen sehr weit überlegen. Man merkt es ihr an, die papicrnc Welt in Drurylane ist ihr zu enge, auch ist es jetzt, da ich dieses schreibe, bereits mehr als Muthmaßung, daß sie dereinst ihre Nolle in dem großen Original selbst spielen wird. Ihr Gesicht ist nichts weniger als schon; sie ist blaß, und dabei zu stolz sich zu schminken , ihre Nase etwas aufgestülpt und der Mund keiner von den feinsten. Allein ihre Blicke schneiden unter den schönen Augen- braunen, oft mit einem gewissen unbeschreiblichen Lächeln über entdeckte Thorhcit begleitet, so mächtig hervor, daß dem bange werden muß, den sie treffen. Der Schnitt ihrer Kleidung und ihr Kopfputz ist, wie mich Damen versichert haben, deren Urtheil ich zur Ergänzung sowohl als Beglaubigung der meinigen anführe, jederzeit im allergrößten Geschmack; sie tritt daher selten auf das Theater, daß nicht die Mode der feinen Welt hinter ihr herträte. In den stummen Rollen, oder wenn sie etwas gesagt hatte, dem sie mit stummem Auf- und Abgehen Kraft geben wollte, ging sie, wider die Gewohnheit der Schauspieler, oft gerade vom Zuschauer ab nach der Tiefe des Theaters. Da hätten Sie sie sehen sollen, mit welchem Anstand sie sich in den Hüften wog, und mit jedem Tritt die Blicke des copirendcn Neides und der copirendcn Bewunderung, die ihr aus tausend Augen folgten, noch muthwillig schärfen zu wollen schien. So wenig sie für das Trauerspiel geschaffen ist, so wenig ist sie es für das Nicdrigkomische. Ihre Rede ist langsam, und wenn sie Thorhcitcn copircn soll, so müssen es nur solche sein, die 257 sich mit affectirter und nnaffectirtcr Grazie im Anstund vertragen. Während als sich daher die Gemahlin des Harlekins mit den Albernheiten des armen und reichen Pöbels herumzauset, so schlägt sie sich nach den bestimmten Gesetzen eines anständige» Duells mit den Thorheiten der Großen. Hierin ist, wenn meine Empsindnng nicht trügt, ihre hauptsächlichste Stärke, und zeigt von einer gewissen Würde der Seele, die alle niedrige Mittel den Beifall der Menge zu haschen verachtet. Auch die niedrigen Rollen weiß sie von dem Staub der Wcrkstälte und Spinnstnbc zu reinigen: wenn dieses nicht allemal zu billigen sein sollte, so hat doch, einer solchen Künstlerin gegenüber, die Kritik selten Unbarmhcrzigkcit oder kaltes Blut genug, das am Ganzen hängend fehlerhaft zu finden, was isolirt gewiß vortrefflich wäre. Ich habe sie sehr oft spielen sehen, auch einigemal mit Garrick zugleich. Am meisten gefiel sie mir in ilro provolcoü 5Vilo; llro ftoau's Ltr-Nagem; in vulo a 55 ile -nick ll.ivo ,> 55 ile; in tlre Ilon Ion; in muelr »clo about notlünF und tllo insiü ol tllo oalcs, einem Stück, welches sich auf eine wahre Geschichte gründet und vom General Burgoyne') seiner Nichte Lady Derby zu Ehren ist geschrieben worden. Wenig Stücke in der Welt werden wohl mit so viel geschmackvoller Pracht und so vollkommen gut aufgeführt, als dieses, denn es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Verfasser sich die Schauspieler gewählt, ') Bekannt aus dem amerikanischen Freiheitskriege, durch seine Niederlage bei Saratoga (17. Ort. 1778). III. 17 258 und bei Zeichnung der Charaktere ihren besonder,; Charakter in Betracht gezogen hat. Die Decorationen hat Lutherberg gemalt, und kosten sie gegen 10,000 Thaler. Sie hat, wie man sagt, hauptsächlich durch ihren Geist, einen Mann gefesselt, der an Glücksgütern, Stand und Ruhm nur Wenige seines Gleichen in England hat, keinen Neuling. Er ist ein Wittwer, und hat ihr Verbindungen antragen lassen, denen zur Vollkommenheit nichts fehlte, als die priesterliche Einweihung. Da sie mit dieser Art von Verbindung sehr bekannt ist, (denn auch Hr. Abington, dessen Namen und Vermögen sie besitzt, war ihr gesetzmäßiger Mann nicht,) so ging sie dieselben, wie man sagt, unter folgenden Bedingungen ein: Sic müsse Besuche annehmen dürfen, vor wie nach, und welche sie wolle; der Lord müsse sie nie in ihrem Hause besuchen; er müsse ihr außer Pferden und Carosse wöchentlich 50 Pfund aussetzen, und endlich niemals von ihr verlangen, das Theater zu verlassen. Es wurde Alles eingestanden. Ein Sieg, weswegen sie nicht allein von Allen ihres Gewerbes, sondern auch von einem großen Theil der züchtigern Schönheiten Englands beneidet wird, und der desto merkwürdiger ist, als er sich weder auf Jugend noch glühende Wangen, noch überhaupt Schönheit des Gesichts gründet. Diese Anekdote, für deren Wahrheit in allen Stücken ich eben nicht haften will, steht, dünkt mich, hier nicht am unrechten Ort, da sie Einiges zu belegen dient, was ich von dieser Schauspielerin gesagt habe. Wenn Sie sie einmal im Spiegel sehen wollen, so kaufen Sie sich ein gewisses 259 Portrait von ihr, das nach Reinalds von Elisabeth Jud- kins in schwarzer Kunst vortrefflich gearbeitet worden ist. Ein wahrhaftes Muster einer leichten Stellung, und natürlichen Ordnung der Hände, vcrmuthlich von dieser leichten Here selbst angegeben. Es sollte billig von manchen deutschen Portraitma- lern studirt werden, deren Favoritstellung der Hände noch immer von der Lage der Flügel an einem gebratenen Huhn geborgt zu sein scheint. Ich besitze es, und es wird vermuthlich auch in meiner kleinen Portraitsammlung haften, die sonst, wie Sie wissen, eben so, nur in flüchtiger» Generationen, kommt und geht, wie die schnöden Sterblichen, deren Abbildungen sie enthält. Doch ich breche, meinem Versprechen gemäß, hier ab, werde aber dieser merkwürdigen Dame doch noch einmal an einer Stelle meines Briefes Erwähnung thun, wo Sic es schwerlich vcrmuthen. In Coventgarden ist noch Mrs. Hartley merkwürdig. Ihr großer Ruhm gründet sich minder auf ihre Kunst, als ihre an hohes Ideal grenzende Form. Die londonschcn Macaroni haben ihr den Namen mediceische Venus gegeben. Sehr armselig, wie mich dünkt; sie ist nichts weniger, als ein niedliches winziges Venussigürchen, sondern, wenn sie eine Tochter Jupiters ist, so ist gewiß Juno ihre Mutter. JnMason's') El- frida hat sie eine Rolle, worin sie knicet, und da läuft London zusammen, Mrs. Hartley kniccn zu sehen. Ich habe sie ') William Mason, geb. 172S, gest. 1737. .17' ') Catherine Gabrielli, geb. zu Rom 1730. Einer Nachricht über ihr Leben im Brockhausischcn Convcrsationslerikon zufolge, soll sie sich nie haben entschließen können, nach England zu gehen. ein einzigesmal gesehen, aber nicht ans den Kniecn, sondern als Lady Macbeth. Die Scene, wo sie im weißen, dünnen Gewand, nachtwandelnd einhcrtritt, und das Königsblnt, von dem sie träumt, von ihren Händen wischt, schwebt mir noch immer vor, ob sie gleich gar nicht in Shakcspeare's Geist spielte, und bei so viel Güte in den Mienen und der Stimme kaum konnte. Ich glaubte eine Heilige zu sehen, die sich die schwere Buße auflegt, ein Paar Minuten die Gebcrden eines Teufels nachzumachen. Nun, mein Freund, will ich einmal mit Ihnen auf ein Paar Augenblicke zur Abwechselung, die Welt in einer Nuß, Drurylane und Eoventgarden, verlassen, und zu der Nuß im Flittergold einer Welt, der italienischen Oper im Hay Market, herab — nicht wahr? herabsteigen. Ich habe die vergötterte Gabrielli') gesehen und gehört, und hätte sie sprechen können, wenn ich gewollt hätte; es ist mir einigemal angetragen, und sogar verdacht worden, daß ich es nicht gethan habe. Sie kennen sie gewiß aus Brydone'ö Reisen, aus denen ich sie schon in Güttingen kennen gelernt hatte. Ich hatte, nach jener Beschreibung, ein fast größeres Verlangen, sie zu hören, als Garricken. Sie war lange mit mir in demselben London, ehe 261 sie erschien. Das machte die Sache sehr viel schlimmer, wie Sie wissen. Auf einmal wurde angekündigt! Opera Diclo. Diclo, Liquor» Dabrivlli. Ich ging eine Stunde vorher nach der Oper, und wurde abgewiesen: Kiznora wäre krank. Einige Tage daraus wurde wieder avertirt: Diclo, Liguori! Dubrielli. Ich ließ mich in der Sänfte hintragen, und wnrde wieder abgewiesen: Liguori! hätte die inlluon/a, so nannte man in jenen italienischen Tagen in London den Schnupfen. Znm Drittenmal fuhr ich hin. Ich war eben vorher bei Dr. Förster zu Tisch und verließ, Gabrielli's wegen, eine höchst angenehme Gesellschaft von Gelehrten, die fürwahr von Otaheite und Neuseeland sprachen, wie unser einer von Eiinbeck. Ich mußte wieder abziehen: Diclo wäre noch nicht wohl. Endlich acht Tage nachher, es war der Itte November dieses Jahrs, schien die Sache Ernst zu werden, Signora hatte die Influenza verloren, und eine bis zur Naserei gestiegene Influenza, Signora zu sehen, hatte London befallen. Nun ging ich wieder zn Fuß, aber dafür auch zwei geschlagene Stunden vorher. Mein Geld wnrde genommen, und ich lief die Treppe hinauf voll von Vergnügen, Ihnen dereinst von Gabrielli schreiben zu können, die ich selbst noch nicht gesehen hatte. Als ich an die Thür der Gallerie kam, für welches Glück man drütchalb Gnlden bezahlt, sähe ich, bei dem Licht einer düsteru Laterne, eine 262 Dame stehen, die sich sorgfältig in die eine Ecke der Thür gepreßt hatte. Sie hatte sich fest in eine Saloppe gewickelt, die Kappe übergeschlagen, und hauchte tief in einen Fcdermuff, so daß ich von ihrem ganzen Gesicht nichts sehen konnte, als etwas von der Stirne und die Augen, allein das war auch für mich mehr als hinreichend, den Augenblick Mrs. Ab ington zu erkennen. Also Mrs. Abington und ich hatten unter 800,Wl) Seelen, die London enthält, wo nicht die größte Neugierde, Signora Gabrielli zu sehen, doch gewiß unter allen die größte Vorsicht gebraucht, sie für drittehalb Gulden zu befriedigen. Ich suchte so geschwind ich konnte mein bestes Englisch zusammen: Es würde vcrmuthlich diesen Abend sehr voll werden, sagte ich; das glaube sie auch, sagte sie, und weil in demselben Augenblick unsere Prophezeihung mit Macht anfing in Erfüllung zu gehen, und ich für rathsam hielt, mich in die andere Ecke der ziemlich breiten Thür zu stellen, um wenigstens, wenn die Schleuße geöffnet würde, bei der zu vermuthendcn Geschwindigkeit des einbrechenden Stroms den traurigen Schutz der Friction zu genießen, so wurde unsere Unterredung, die, nicht wahr? so herrlich angefangen hatte, unterbrochen, und ich habe nie wieder die Ehre gehabt. Denn in der erschrecklichen Katarakte nach Eröffnung der Thür, wovon Mrs. Abington und ich die ersten Tropfen warenh verlor ich sie aus dem Gesicht. Als ich aber saß und mich erholt hatte, fand ich, daß zwischen ihr und mir nur zwei Personen, Mann und Frau vcrmuthlich, saßen, und ich unter sünfen nach dieser Seite der Einzige war, 263 der ein Opernbüchelchcn hatte. Da nun Mrs. Abington doch immer gern wissen wollte, wann Gabriclli wieder erscheinen würde, so ging mein Buch bis an sie hin. Als daher Diclo zum letztenmal abtrat, so erhielt ich, aus alter Bekanntschaft an der Thüre, mein Buch mit einer Verbeugung wieder zurück, für die Lord , der sie besser hätte deuten können als ich, den Wochcngchalt vielleicht verdoppelt hätte. Was man nicht für Bekanntschaften macht, wenn man reiset! Nun geschwind, Gabrielli. Der Vorhang fuhr unter einem Donner von zwanzig Pauken und Trompeten auf, der meinen Athcm aufhielt, und Dido Gabrielli, in Gold und weißer Seide, flog vor einer silbernen carthaginenstschen Garde, unter dem Beifall Londons, daher. Es ist keine Kleinigkeit, so was zu sehen und zu hören. Stellen Sie sich vor, unter den Carthagiuensern, ganz hinten, entdeckte ich unser» alten George H '" mit Uniform, Scherpe und Ringkragcn der englischen Garde. Er hatte die Wache beim Opernhause diesen Abend, und kannte Dido vermuthlich. Er kauete diesesmal nicht an seinem Zopf, wie ehemals auf der Weendcr Straße, und nahm sich bei dieser Musik nicht übel aus. Allein dieser Auftritt war auch fast das Beste, was ich diesen Abend hatte. Stellen Sic sich unter Gabrielli eine Frau vor, mit rundlichem Gesicht, viel eher klein als groß, und der bereits die Tag- und Nachtgleichen des Lebens aus den Augen stehen; die schlechterdings keine Action hat, und im Vertrauen auf ihre Stimme, ihre Arien, drei Viertel des Gesichts gegen die Zuschauer gewandt, abgurgelt, oft bei schiefgedrchtcm Hals, mit den Augen auf eine individuelle Lage gerichtet, sv habe» Sie sie ganz. Einige Arien, als unter andern — gleich im ersten Act: 8cm lic^ina i e sono »»umte D I'impcrio io vola voglio, Dcl m!o 8oA>!o, a clcl mio cor. Oarmi lezzo in v.in prvtciulo Dir! I'arbilrio s inc conlciiclv Deila Aloria, e civil' amor. sang sie vortrefflich, allein mich dünkt, ich habe es in meinen Träume» besser gehört. Mit einem Wort, ich wollte eine Biertelstunde in Drurylanc, an einem schönen Abend, so wenig für diese Dido geben, als ein bequemes warmes Landhaus in Bucking- hamshire, oder der Bergstraße, für ihr papicrncs Carthago. Damit Sie aber doch diesen! Urthcil, das übrigens mit dem besten Theil von London einstimmt, nicht zu viel trauen, so muß ich Jhucn sagen, daß ich nicht so ganz unparteiisch bin. In einem Kopf, an welchem ein solches Paar ungeübter, oder vielleicht unvcrwöhnter Ohren sitzt, wie der meinige, kann der feine Kitzel einer complicirten Musik unmöglich die schmerzhaften Stiche auch nur lindern, die ihm die unüberschwcnglichcn Absurditäten der italienischen Oper alle Augenblick geben muß. Statt des virgilischen Äncas und des wackern Montezuma, der 20» schwangere Gemahlinnen auf Einmal hatte, sehe ich hier einen gemästeten Hemling mit Waden bis an die Fersen, die Hand an ein schlappes Herz gelegt, hoch von Liebe trillern, daß 265 sich die Steine erbarme» möchten. Ich kann nnd mag nicht mehr sagen. Sind Sie zufrieden damit? Doch ehe ich die Oper verlasse, muß ich Ihnen noch etwas von einem Mädchen sagen, das alle Aufmerksamkeit verdient, und auch vermuthlich schon hat, einer Tänzerin, der schönen Nebenbuhlerin unserer vergötterten Heincl, die ich in der Oper habe tanzen sehen. Bacelli, eine junge (so schien sie mir wenigstens), aber große Meisterin im höhern Tanz, ein allerliebstes Geschöpf. Wenn Bacelli ein italienisches Ohr an Kuß erinnern könnte, so sollte ich denke», hätte sie sich Bacelli genannt, wie sich der malthesische Nachahmer der Nachtigall, Nossignol. Sie ist keins von den winddürrcn, mit Fleischfarbe übcrstrichenen Gerippen, deren Tanz im Mondschein, bei gemeinem Anzüge, einem Gespcnsterpickenick auf einem Kirchhof ähnlich sehe» »rußte. Sie ist eher stark als mager, und ihr Körper hat jene glückliche Länge, die bei aller Niedlichkeit sich im Nothfall auch mit Majestät verträgt. Auch in ihren Sprüngen behält sie eine unbeschreibliche Grazie immer bei, nnd im mehr sanften Tanz weiß das Auge kaum, was es hauptsächlich fassen soll, die Arme oder die Füße oder irgend einen andern Zug des wallenden Umrisses. Was das für ein Vergnügen ist, zu sehen, wie auf das Signal einer bezaubernden Musik sich das Gewühl figuri- render Luftspringer wie eine See bricht, um diese junge Venus zu einem Solo hervorschwcbcn zu lassen; wenn man das Solo nenircn kann, wo tausend Herzen mithüpfcn. Nun, dem Himmel sei Dank, mit einem Vergnügen, wie 266 Milton aus dcr Hölle, kehre ich nach Coventgardcn und Drury- laue zurück, und hole noch Einiges nach. Sie verzeihen mir diese Sprünge, mein Freund, und ich wage sie desto getroster, als ich Ihnen unter meinen vielen Versprechungen, das weiß ich, sicherlich keine Ordnung in meinen Briefen versprochen habe. Den wegen seiner großen Verdienste, seines Processes, und seiner Physiognomie berühmten Macklin') habe ich dcn Shylock in Shakespeares Kaufmann von Venedig spielen sehen. Sie wissen, Macklin alsShylock klingt auf dem Zettel so schön, wie Garrick als Hamlet. Es war gerade dcr Abend, an dem er zum erstenmal, nach gcendigtem Proceß, wieder erschien. Als er heraustrat, wurde er mit einem dreimaligen allgemeinen Klatschen, wovon jedes wohl eine Vicrtelminutc dauerte, empfangen. Es ist nicht zu leugnen, diesen Juden zu sehen, ist mehr als hinreichend, in dem gesetztesten Mann auf'einmal alle Vorurthcile der Kindheit gegen dieses Volk wieder aufzuwecken. Shylock ist keiner von den kleinlichen, beredten Betrügern, die über die Tugenden einer goldenen Uhrkctte aus Tomback eine Stunde plaudern können; er ist langsam, in unergründlicher Schlauigkeit stille, und wo er das Gesetz für sich hat, bis zur Bosheit gerecht. Stellen Sie sich einen etwas starken Mann vor, mit einem gelben, rohen Gesicht, und einer Nase, die an keiner der drei Dimensionen sonderlichen Mangel leidet, einem langen Unterkinn und einem Mund, bei dessen Schlitzung ') Carl Macklin (M'Laughlin), geb. 16S0. gest. 17S7. 267 der Natur das Messer ausgefahren zu sein schien, bis an die Ohren, ans einer Seite wenigstens, wie mich dünkte. Sein Kleid ist schwarz und lang, seine Beinkleider ebenfalls lang und weit, und sein Hut dreikantig und roth, nach Art der italienischen Juden vermuthlich. Die ersten Worte, die er sagt, wenn er auftritt, sind langsam und bedeutend: 7'bres tlronssnä Du- cats. Das doppelte tlr und das zweimalige s, zumal das letzte nach dem t, das Macklin so lcckerhaft lispelt, als schmeckte er die Ducaten, und Alles, was man dafür kaufen kann, auf einmal, geben dem Mann, gleich beim Eintritt, einen Credit, der nicht mehr zu verderben ist. Drei solcher Worte so, und an der Stelle gesprochen, zeichnen einen ganzen Charakter. In der Scene, wo er seine Tochter zum erstenmal vermißt, erscheint er ohne Hut, mit aufgesträubtem Haar, wovon einiges Fingerlang vom Wirbel senkrecht in die Hohe steht, bei dieser Miene wie von einem Galgenlüftchen gehoben. Die beiden Hände sind geballt, und seine Bewegungen kurz und convulsivisch. Einen sonst ruhigen, entschlossenen Betrüger in solchen Bewegungen zu sehen, ist fürchterlich. Hinterdrein wurde ein Nachspiel I-ovo ü Is moclo aufgeführt, wovon Macklin der Verfasser ist, und worin er selbst die Rolle des Sir Harry Mac Farcason unnachahmlich spielt, und fast (vermuthlich als Autor), nicht vom Theater wegkommt. Es ist sehr unterhaltend und strotzt von Witz. Ich habe denselben Schauspieler auch als Macbeth gesehen, in derselben Nolle, die ihm ehemals den Aufruhr verursachte, der die Ursache des Protestes war. Ich kann nicht sagen, 268 daß er mir hier sehr gefalle» hat, ob er gleich mit großem Verstand spielte, allein der Man» hat nicht allein die Jahre, sondern anch die Steifigkeit des Alters. Es thut mir immer weh, wenn ich einen alten Schanspieler auf dem Theater niederstürzen sehe, weil ich weiß, es muß ihm auch weh thun. Ich glaube (ich fürchte, sollte ich jetzt sagen), ich werde Ihnen noch einmal schreiben. Mein Reisegefährte hat sich in den drei Tagen verschlimmert. Leben Sie wohl. London, den ?. Deccmber 177Z. Bruch st n ek e ) aus dem Tagebnche von der Reise nach England. ') Diese Bruchstücke wurden zum ersten Male in der ersten Ausgabe von des Verfassers vermischten Schriften gedruckt. III, 18 onnabends'), als den 7. April, kamen wir in Helvoctsluys an, wo wir im goldenen Löwen einkehrten. Der Ort ist sehr angenehm lebhast, durch die große Menge von Matrosen, die auf den Straßen auf und ab marschiren. Man kann bei mäßiger Bewegung der See das Rauschen derselben im Wirths- hause hören. Hier versuchte ich, wie das Seewasser schmeckt. Wegen widrigem Winde lag das englische Paquetboot schon einige Tage im Hafen; um 12 Uhr Mittags klärte sich das Wetter auf, und der Wind schien sich etwas zu unserm Bortheil zu drehen. Es wurde also beschlossen, des Nachts um 10 Uhr an Bord zu gehen, und um 1 Uhr abzusegeln. Bei einem kleinen Spaziergange, den ich des Abends beim Mondscheine noch nach der See that, schien mir die Farbe des Mondes schon nicht die beste Witterung zu versprechen; und viel Kummer hätte uns er- ') Der Verfasser ist zu zwei vcrschiedenenmalcn in England gewesen, zuerst im Jahr 1770, und dann 1774 bis 1775. Dieses erste Fragment ist noch von der ersten Reise, die übrigen aber von der zweiten. 18' spart werden können, wenn der Capitain nur nach einem Barometer hätte sehen wallen. Unterdessen nahmen wir noch eine gute Mahlzeit ein, und gingen um halb 1l Uhr in der Nacht vor dem Palmsonntage sehr lustig an Bord. Der Capitain hieß Story und war ein angenehmer und erfahrner Mann, der etlichemal die Fahrt nach Amerika gemacht hatte. Unter unfern Reisegefährten befand sich Capitain Douglas, ein Mann von großer Einsicht und Erfahrung, der Amerika mit erobern half, und die englischen Mathematiker, die den Durchgang der Wenns am Nordcap observi- ren wollten, dahin brachte. Seine Gesellschaft war für uns eine rechte Erguickung. Ungefähr um 10 Uhr des Morgens bekam ich die ersten Anfälle der Seekrankheit, die überhaupt bis um 5 Uhr Nachmittags anhielt. Der Zustand ist nicht sehr angenehm, aber doch nicht so schlimm, wie ihn die Leute zuweilen machen; oder die Krankheit muß mich nicht so angegriffen haben, als Andere aus dem Schisse, die sich förmlich zum Tode bereiteten. Weit unangenehmer war für mich der Sturm, der sich mit Regen, Hagel und Schnee erhob, und das Schiff in solche Bewegung setzte, daß große Kisten von einer Seite zur andern stürzten und ei» Getöse machten, daß man glaubte, das Schiff müßte in Stücken springen. Der Capitain selbst wurde einmal mit großer Heftigkeit zu Boden geworfen; mir schlug eine Welle ins Bett herein, und ich mußte die Betten wechseln, welches bei dem großen Schwanken des Schiffes, das den Leuten kaum zu gehen 273 erlaubte, sehr langsam von Statten ging. Endlich riß unser Bordcrscgel, und alle Matrosen bis ans zwei oder drei, wurden krank. Nun war kein Mittel mehr, als das Schiff auf tiefe See zu bringen, und übrigens Harwich auf einige Zeit zu vergessen. So schwammen wir herum, bis es Tag wurde und der Wind sich zu unserm Vorthcil drehte, da wir denn in 16 Stunden den ganzen Fehler wieder gut machten, so daß, ungeachtet wir bis an Parmouth herauf gekommen waren, wir doch des Abends den g. April nach 16 Uhr in Harwich ankerten. Die Zollbcdienten kamen an unser Schiff, und visitirtcn uns die Taschen und unter den Kleidern mit der größten Grobheit. Aus denl Schiffe mußten wir beinahe mit Lebensgefahr, unter Regen und Wind und großen Wellen, in ein kleines Boot hin- untcrklcttern, das uns in einer Viertelstunde ans Land brachte. In England fällt gleich beim ersten Eintritt die Geschwindigkeit, Bereitwilligkeit und Richtigkeit, womit Alles gethan wird, was man verlangt, und die Menge schöner Mädchen, in die Augen. Selbst die gemeinsten sind alle so niedlich, daß jemand, der sich von dieser Seite nicht viel zuzutrauen hat, aus England wegbleiben muß. Sie wissen sich dabei durch ihren Anzug, in welchem deutsche Tagelöhncrmädchcn schon aussehen würden, noch zu erheben. Bon Harwich bis London sind 74 Meilen. Der Weg ist vortrefflich, und alle Meile steht ein Stein, auf dem die Entfernung bis London bezeichnet ist. Die Postillions fahren mit einer Geschwindigkeit, daß einem die Ohren brausen, und sind so ganz mit Augen und Händen in ihrem Dienst, daß man glauben sollte, sie wären Leute von Stande, denen aber heute der Einfall cingekommen wäre, einmal zum Dienst einiger guten Freunde den Postillion zu machen. Die Örter, wo wir Pferde wechselten, waren Colchester und Jngatcstonc. Der erster? Ort ist von beträchtlicher Größe und voller Kramläden. Seine Austern sind durch ganz England bekannt, und werden täglich um die rechte Zeit auf den Tafeln der Großen gegessen. Die Muschel an sich ist dünn, und kaum halb so groß, als die, die wir bei uns kennen, die Auster füllt aber das ganze Gehäuse aus, und ist größer als die gemeine. Vor Jngatestone passirten wir ein Dorf, wo just Kirmeß war, und als der Postillion an einem Hause anhielt, hatten wir sogleich über 100 Jungen um unfern Wagen herum, die sich über uns lustig machten, bald auf diesen, bald auf jenen unter uns zeigten, und sagten: loolr, tkoro is a bullocle. Aber ich weiß nicht, es ist eine Art von gutherziger Grobheit in diesen Leuten, und ganz verschieden von der Grobheit meines Vaterlandes, wo der Pöbel sich freilich weniger um Fremde bekümmert, als in England; aber wenn er sichs auch einmal einkommen läßt, diese Mühe über sich zu nehmen, so ist keine Rettung. Ich kam erst gegen halb 1l Uhr des Nachts den 10. April in London an, und es wurde 12, ehe ich in des Lord Bostons Hause abstieg. Dessen ungeachtet war das Getöse auf den Straßen so groß, als an andern Orten am hellen Mittage. 275 Dieses darf einen nicht befremden, wenn man bedenkt, daß 11 und halb 12 in vielen vornehmen Familien die eigentliche Nacht- essenszeit ist, und daß um diese Zeit in dieser berühmten Handelsstadt die Arten von Handel anfangen getrieben zu werden, die am Tage keinen Fortgang haben würden. , Von Göttingen reisete ich ab Montags den 29. August 1774 um 11 Uhr Vormittags, und setzte den Fuß in Essex ans Land den 23. September um 3 Uhr Nachmittags, nach einer Seefahrt von 24 Stunden. Den 27. September kam ich in London an und stieg in Oxford - Street ab. In Drurylane sah ich Um ?->ir (Zualmr nebst Um INopeiimnt -Niel Um imval kevmrv. Hr. Moody war Kommodore Flip, und machte seine Sachen vortrefflich, sonst schien mir das Stück von keiner Meisterhand. Hr. Weston in der Rolle eines Matrosen, sehr drollig. Nach Sir Francis Aussage ist die Vorstellung der Seerevüe sehr gut; er hat sie selbst mit angesehen. Mir gefiel nichts so sehr als der Gesang: Urittania r»I«z tlm main vto. es ist etwas Großes darin. Viele Personen von der Galleric sangen mit, welches sich sehr prachtig ausnahm. — Ilm Llopeiimnt ist eine mit sehr vieler Pracht ausgeführte Pantomime, worin Harlekin allerlei Streiche nach seiner Art spielt; die Dccoration ist wundervoll. Bunbury, ein Mann von großem Vermögen, hat eine k 276 große Gabe, das Lächerliche in menschlichen Figuren zu haschen, und in der Geschwindigkeit mit vielem Geschmack übertrieben hin zu zeichnen. Seine Fertigkeit darin ist unglaublich. Man sagt, daß er zuweilen, wenn er etwas beobachtet und darauf nach Hause kommt, aus der Kutsche springt, in sein Haus läuft, und che noch seine Frau, die ihm folgt, in das Zimmer tritt, schon Alles gezeichnet hat. Bei dem Pferderennen zu Epsom winden ÜV000 Pf. St. verspielt. Für das Pferd, welches gewann, wurden ölllliZ Gui- neen geboten. Bor mehreren Jahren sagte einmal ei» nicht ganz kluger Kerl von der Leibgarde in London, es würde an einem gewissen Tage, den er nannte, London durch ein Erdbeben untergehen. Ein großer Thcil der Einwohner wurde hierdurch i» solches Schrecken gesetzt, daß fast alle Boote auf der Themse für diesen Tag vermicthel waren, in die sich nämlich die Lente beim Anfange des Erdbebens retten wollten. Sic hatten sich zu dem Ende in der Nähe bei den Treppen aufgehalten. Der verstorbene Prinz von Wallis, der sich damals in Clissden auf dem Lande aufhielt, kam in der Absicht in die Stadt, um den Leuten durch sein Beispiel Muth zu machen; allein es half nichts. Das Nachspiel war eine Operette lllo Lolilor or ,1 >Vilo ok ten tliousanel. Das Stück ist neu und die Musik von Di b- din, der eine der Hauptrollen im Stuck hat. Es wurde an dem Abend, da ich gegenwärtig war, ausgezischt. Ein größeres Getöse, als da gemacht wurde, kann man sich nicht denken: ein Thcil zischte, ein Thcil klatschte, ein anderer rief -?o o», 0l) Pfund jährlich gibt, so will ich anders — sprechen. So denken vielleicht Alle. Üppigkeit und Verschwendung sind zu einer Höhe gestiegen, wie vielleicht nie in der Welt, und was das Traurigste ist, wie Dr. Price') bemerkt, so ist eben diese Üppigkeit, die von einer Seite der Ruin des Landes ist, von der andern die Stütze desselben. Man hat Billets zu Maskeraden ausgegeben, die 5l> Gninccn zu zeichnen gekostet hatten. So ist das Entreebillet zu einer Maskerade im Pantheon von Cypriani") gezeichnet und von B art olozzi "') gestochen worden. Der Engländer kocht seine Suppen im Magen, und da ist er sicher, daß die Kräfte nicht verfliegen. ') Richard Price, staatswirthschaftlichcr Schriftsteller, geb. 1723, gest. 17S1. ") K. Cyprian!, sehr geachteter ital. Maler in England gest. 1785. Franceseo Bartolozzi, einer der berühmtesten Kupfer- siecher. Geb. 173l1, gest. 1815.