Heinrich Heinc'r» siimutliche Werke. Rechtmäßige Original-Ausgabe. Vierter Rand. Novellistische Fragmente. Hamburg. Hoffmann und Campe. 1861. Novellistische Frogmenle von Heinrich Heine. Hamtmrg. Hoffmann und Campe. 1861. Vorwort des Herausgebers. Von den in diesem Bande enthaltenen novellistischen Fragmenten wurden „Der Rabbi von Bacharach" zuerst 1840 im vierten, die „Memoiren des Herrn von Schnabclewopski" 1834 im ersten, und die „Florentinischcn Nächte" 1837 im dritten Bande des „Salon" abgedruckt. „Der Rabbi von Bacharach" wurde, wenn man dem sonst unzuverlässigen Stcinmann diesmal glauben darf, bereits 1821 in Berlin begonnen"), und gehört jedenfalls zu Heine's älteren Arbeiten. Bei einer Fcuersbrunst im Hause seiner Mutter zu Hamburg verbrannte, nebst vielen anderen Papieren H. Heine; Denkwürdigkeiten und Erlebnisse :c, von Friedrich Stcinmann S. 146. — VIII — dcs Dichters, auch das Manuskript dieser Novelle. Vcrmuthlich besaß der Verfasser noch eine Abschrift der ersten Kapitel und begann später die Fortsetzung ans der Erinnerung zu reproducicrcn; wenigstens ist in dem mir vorliegenden Manuskripte nur das unvollendete dritte Kapitel und die Bemerkung, dass der Schluss ohne Verschulden dcs Autors verloren gegangen, von Hcine's eigener Hand geschrieben. In den französischen Ausgaben fehlt dies Novellen-Fragment gänzlich. Die „Memoiren des Herrn von Schnabelc- wopski" sind in der französischen Gcsammtausgabe dem ersten Bande der „Reiscbildcr" eingefügt. Ich ergänzte nach dieser Ausgabe: S. 85 (Man muss gleichfalls niesen, wenn man diesen Namen richtig aussprechen will) S. 139 und Zampettis, nach den Fegatellis, S. 174 Wer ließ den Marcus Tullius Cicero ermorden? S. 181 Welch eine Dummheit! seufzte der Kleine. Van Moeulcn fuhr fort: In der französischen Ausgabe finden sich folgende Auslassungen und Varianten: S. 83 Statt 1795 steht: 1805. — IX — S. 96 fehlen die Worte: „und noch immer Haare darauf — die ehemalige Ccntralkasse." S. 166 — 161 fehlt die Stelle: „ganz nach demselben Plane — das Werk ist nicht zu Stande gekommen." S. 163 und 165 Statt „Seligmanu" steht: Moses Offcnbach." S. 165 Statt „Scligmaun's selige Wittwe" steht: „Wittwe Offcnbach und Israel Offenbach Sohn." S. 111—123 Kapitel V. fehlt. S. 126—127 fehlt die Stelle: „Die Ufer- gegcndcn der Elbe — Gold und Affen." S. 149 fehlen die Worte: „ihres Jehovah," sowie in der letzten Zeile: „und damals Jehovah geheißen hat." S. 161 Statt „der nackten" steht: „der tugendhaften." S. 163 Statt „bei den Juden — dem Gei- stcrvolk." steht: „bei den alten Juden, und erreichte seine höchste Blüthe bei den modernen Inden, die wir Christen nennen." S. 169 Statt „Jtaliäncrin" steht: „Spanierin." Hcinc's dramatisch-lebhafte Schilderung der Aufführung des „Fliegenden Holländers" im Theater zu Amsterdam (S. 136 ff.) hat bekanntlich — X — Richard Wagner die Anregung und den Stoff zu seiner gleichnamigen Oper gegeben^). Die „Florcntinischcn Nächte" bilden in der französischen Ausgabe den Schluss des zweiten Bandes der „Rcisebildcr" (Italien). Ich habe nach dieser Ausgabe folgende Stellen ergänzt: S. 248 Seine Durchlaucht der Herzog Karl — Pfeife mit ihm geraucht. S. 276 der auf den Hunden — aus derselben Pfeife geraucht. S. 280 der großen Tambourmajors. S. 280 Grassini sang. S. 288 Ich hielt dies anmuthige Räthscl ^ nicht seine Lösung. »Der fliegende Holländer, dessen innige Bekanntschaft ich aus der See gemacht halte, fesselte fortwährend meine Phantasie: dazu machte ich die Bekanntschaft von H. Heine's eigenthllmlicher Anwendung dieser Sage in einem Theile seine? „Salons/' Besonders die von Heine erfundene, echt dramatische Behandlung der Erlösung dieses Ahasverus des Occans gab mir Alles an die Hand, diese Sage zu einem Opernsujet zu benutzen. Ich verständigte mich darüber mit Heine selbst, versasste den Entwurf w." — Aus R. Wagner's Abriss seiner Lebensgeschichte in der „Zeitung für die elegante Welt," Jahrgang 1843, Nr. 6, S. 138. S. 391 und wicdcr ebenso geschmeidig — in meine Arme glitt. In der französischen Ausgabe finden sich nachstehende Auslassungen und Varianten: S. 298 Statt „Da ist cS der Mühe Werth," steht: „Bei gewissen Passagen Rossini's ist es ein Vergnügen," S. 298 fehlen in der letzten Zeile die Worte: „oder Meycrbeer." S. 212 Statt „blutschänderisch, wcltnntcr- gangsmäßig." steht: „haarsträubend." S. 212 — 213 fehlt die Stelle: „Ja, wenn man mit ihm — die sich kaum verbeißen ließ." S. 237 fehlen die Worte: „die man nicht sehr oft an ihm bemerkt hat, und" S. 239 Statt „acht" steht: „neun" Jahre. S. 252 Statt „Vcstris" steht: „Herr Taglioni." S. 252 Statt: „in dein Sinne wie — sagen würde." steht: „oornrns 1'ontemclrait nn cksnno- S. 259 Statt „die Tour de Neslc" steht: „die Tour de Neslc von Alexander Dumas." S. 267 Statt „Nachher spielte er — Hochzeitstages komponiert hat." steht: „Dann spielte er ein Stück ans einer jener phantastischen Symphonien von Bcrlioz, wo das Genie des jungen fran- — XII - zösischcn Maestro demjenigen Beethoven's gleichkommt, den er zuweilen an wahnsinniger Begeisterung — an lnror krnnasas — übertrifft. Bcrlioz ist unbestritten der größte und originellste Musiker, den Frankreich der Welt gegeben hat. Das von Liszt gespielte Stück that seine Wirkung." S. 268 fehlt der Satz: „Die Weiber sind- Etwas vorgespielt hat." S. 272 Statt „Herr Casimir Perricr" steht: „der Premierminister" S. 274 fehlen die Worte: „in der Sorbonne." S. 287 Statt „Vergessen Sic nur nicht das Bett, thcnrer Freund!" steht: „Sagen Sic, was Ihnen gefällt, thcnrer Freund! Ich schlafe." Der Rabbi bon Bacharach. (Ein Fragment.) Hcine'S Werke. Bd. IV. 1 Zeiittm gcliMen Lrennde einri ck Inube widmet die Legende Rabtii von Bacharach heiter grüßend der Verfasser. 1» Kapitel I. Unterhalb des Rheingaus, wo die Ufer des Stromes ihre lachende Miene verlieren, Berg und Felsen mit ihren abenteuerlichen Burgruinen sich trotziger gebärden, und eine wildere, ernstere Herrlichkeit emporsteigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die finstre, uralte Stadt Bacharach. Nicht immer waren so morsch und verfallen diese Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinden Wartthürmchcn, in deren Luken der Wind pfeift und die Spatzen nisten; in diesen armselig hässlichen Lehmgasscn, die man durch das zerrissene Thor erblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann und wann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibern und brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in diesen Gassen bewegte sich frisches, freies Leben, Macht und Pracht, Lust und Leid, viel Liebe und viel Hass. Bacharach gehörte einst zu jenen Municipien, welche von den Römern während ihrer Herrschaft am Rhein gegründet worden, und die Einwohner, obgleich die folgenden Zeiten sehr stürmisch und obgleich sie späterhin unter Hohenstaufischc und zuletzt unter Wittelsbacher Oberherrschaft gericthen, wusstcn dennoch, nach dem Beispiel andrer rheinischen Städte, ein ziemlich freies Gemeinwesen zu erhalten. Dieses bestand aus einer Verbindung einzelner Körperschaften, wovon die der patricischen Altbürgcr und die der Zünfte, welche sich wieder nach ihren verschiedenen Gewcrkcn unterabtheiltcn, beiderseitig nach der Allcinmacht rangen, so dass sie sämmtlich nach außen zu Schutz und Trutz gegen den nachbarlichen Raubadel fest verbunden standen, nach innen aber wegen streitender Interessen in beständiger Spaltung verharrten; und daher unter ihnen wenig Zusammenleben, viel Misstrauen, oft sogar thät- liche Ausbrüche der Leidenschaft. Der herrschaftliche Vogt saß auf der hohen Burg Sareck, und wie sein Falke schoss er herab, wenn man ihn rief, und auch manchmal nngerufen. Die Geistlichkeit herrschte im Dunkeln durch die Verdunkelung des Geistes. Eine am meisten vereinzelte, ohnmächtige und vom Bürgerrechte allmählig verdrängte Körperschaft war die kleine Judcngcmeinde, die schon zur Römerzcit in Bacharach sich niedergelassen, und späterhin während der großen Judenverfolgung ganze Scharen flüchtiger Glaubensbrüdcr in sich aufgenommen hatte. Die große Judenverfolgung begann mit den Kreuzzügen und wüthetc am grimmigsten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, am Ende der großen Pest, die, wie jedes andre öffentliche Unglück, durch die Juden entstanden sein sollte, indem man behauptete, sie hätten den Zorn Gottes hcrab- geflucht und mit Hilfe der Aussätzigen die Brunnen vergiftet. Der gereizte Pöbel, besonders die Horden der Flagellanten, halbnackte Männer und Weiber, die, zur Buße sich selbst geißelnd und ein tolles Maricnlicd singend, die Rhcingegcnd und das übrige Süddcutschland durchzogen, ermordeten damals viele tausend Juden, oder marterten sie, oder tauften sie gewaltsam. Eine andere Beschuldigung, die ihnen schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch bis Anfang des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angst kostete, Das war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft wiederholte Märchen, dass die Juden geweihte Hostien stählen, die sie mit Messern durch- stächen, bis das Blut hcrausfließe, und dass sie m ihrem Paschafeste Christenkinder schlachteten, um das Blut derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen. Die Juden, hinlänglich ver- hasst wegen ihres Glaubens, ihres Reichthums und ihrer Schuldbücher, waren an jenem Festtage ganz in den Händen ihrer Feinde, die ihr Vcr derben nur gar zu leicht bewirken konnten, wenn sie das Gerücht eines solchen Kindcrmords verbrci tetcn, vielleicht gar einen blutigen Kindcrleichnam in das verfehmte Haus eines Juden heimlich hin- einschwärztcn und dort nächtlich die betende Juden- samilie überfielen, wo alsdann gemordet, geplündert und getauft wurde, und große Wunder geschahen durch daS vorgefundene todte Kind, welches die Kirche am Ende gar kanonisierte. Sankt Werner ist ein solcher Heiliger, und ihm zu Ehren ward zu Oberwesel jene prächtige Abtei gestiftet, die jetzt am Rhein eine der schönsten Ruinen bildet, und mit der gothischcn Herrlichkeit ihrer langen spitzbögigen Fenster, stolz emporschießenden Pfeiler und Stcinschnitzeleien uns so sehr entzückt, wenn wir an einem heitergrüncn Sommertage vorbeifahren und ihren Ursprung nicht kennen. Zu Ehren dieses Heiligen wurden am Rhein noch drei andre große Kirchen errichtet, und unzählige Juden gctvdtct oder misshandclt. Dies geschah im Jahre 1287, und auch zu Bacharach, wo eine von diesen Sankt-Wcrncrskirchcn gebaut wurde, erging damals über die Juden viel Drangsal und Elend. Doch zwei Jahrhunderte seitdem blieben sie verschont von solchen Anfällen der VolkSwuth, obgleich sie noch immer hinlänglich angefeindet und bedroht wurden. Je mehr aber der Hass sie von außen bedrängte, desto inniger und traulicher wurde das häusliche Zusammenleben, desto tiefer wurzelte die Frömmigkeit und Gottesfurcht der Inden von Bacharach. Ein Muster gottgefälligen Wandels war der dortige Rabbiner, genannt Rabbi Abraham, ein noch jugendlicher Manu, der aber weit und breit wegen seiner Gelahrthcit berühmt war. Er war geboren in dieser Stadt, und sein Vater, der dort ebenfalls Rabbiner gewesen, hatte ihm in seinem letzten Willen befohlen, sich demselben Amt zu widmen und Bacharach nie zu verlassen, cS sei denn wegen Lebensgefahr. Dieser Befehl und ein Schrank mit seltenen Büchern war Alles, was sein Vater, der bloß in Armuth und Schriftgclahrthcit lebte, ihm Hinterließ. Dennoch war Rabbi Abraham ein sehr reicher Mann; vcrheirathct mit der einzigen Tochter seines verstorbenen Baterbrudcrs, welcher den Juwelenhandcl getrieben, erbte er Dessen große Rcichthümcr. Einige Fuchsbärtc in der Gemeinde deuteten darauf hin, als wenn der Rabbi eben des Geldes wegen seine Frau gchcirathct habe. Aber sämmtlichc Weiber widersprachen und wusstcn alte Geschichten zu erzählen, wie der Rabbi schon vor seiner Reise nach Spanien verliebt gewesen in Sara — man hieß sie eigentlich die schöne Sara — und wie Sara sieben Jahre warten musste, bis der Rabbi aus Spanien zurückkehrte, indem er sie gegen den Willen ihres Vaters und selbst gegen ihre eigne Zustimmung durch den Trauring gchcirathct hatte. Jedweder Jude nämlich kann ein jüdisches Mädchen zu seinem rechtmäßigen Ehe- weibc machen, wenn es ihm gelang, ihr einen Ring an den Finger zu stecken und dabei die Worte zu sprechen: „Ich nehme dich zu meinem Weibe nach den Sitten von Moses und Israel!" Bei der Erwähnung Spaniens pflegten die Fuchsbärte auf eine ganz eigne Weise zu lächeln; und Das geschah wohl wegen eines dunkeln Gerüchts, dass Rabbi Abraham auf der hohen Schule zu Toledo zwar emsig genug das Studium des göttlichen Gesetzes getrieben, aber auch christliche Gebräuche nachgeahmt und frcigcistigc Dcnkungsart eingesogen habe, gleich jenen spanischen Juden, die damals auf einer außerordentlichen Höhe der Bildung standen. Im Innern ihrer Seele aber glaubten jene Fuchsbärtc sehr wenig an die Wahrheit des angedeuteten Gerüchts. Denn überaus rein, fromm und ernst war seit seiner Rückkehr aus Spanien die Lebensweise des Rabbi, die kleinlichsten Glau- bcnsgebräuchc übte er mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit, alle Montag und Donnerstag pflegte er zu fasten, nur am Sabbath oder anderen Feiertagen genoss er Fleisch und Wein, sein Tag Verstoss in Gebet und Studium, des Tages erklärte er das göttliche Gesetz im Kreise der Schüler, die der Ruhm seines Namens nach Bacharach gezogen, und des Nachts betrachtete er die Sterne des Himmels oder die Augen der schönen Sara. Kinderlos war die Ehe des Rabbi; dennoch fehlte es nicht um ihn her an Leben und Bewegung. Der große Saal seines Hauses, welches neben der Synagoge lag, stand offen zum Gebrauche der ganzen Gemeinde; hier ging man aus und ein ohne Umstände, verrichtete schleunige Gebete, oder holte Neuigkeiten, oder hielt Bcrathung in allgemeiner Roth; hier spielten die Kinder am Sabbathmorgcn, während in der Synagoge der wöchentliche Abschnitt verlesen wurde; hier versammelte man sich bei Hochzeit- und Leichenzügen, und zankte sich und versöhnte sich; hier fand der Frierende einen warmen Ofcn und dcr Hungrige einen gedeckten Tisch. Außerdem bewegten sich um den Rabbi noch eine Menge Verwandte, Brüder und Schwestern mit ihren Weibern und Kindern, so wie auch seine und seiner Frau gemeinschaftliche Öhmc und Muhmen, eine wcitläuftigc Sippschaft, die Alle den Rabbi als Familicnhanpt betrachteten, im Hause Desselben früh und spät verkehrten, und an hohen Festtagen sämmtlich dort zu speisen pflegten. Solche gemeinschaftliche Familicnmahle im Rabbincrhausc fanden ganz besonders statt bei dcr jährlichen Feier des Pascha, eines uralten, wunderbaren Festes, das noch jetzt die Juden in dcr ganzen Welt am Vorabend des vierzehnten Tages im Monat Nissen, zum ewigen Gedächtnisse ihrer Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft, folgendermaßen begehen. Sobald es Nacht ist, zündet die Hausfrau die Lichter an, spreitet das Tafcltuch über den Tisch, legt in die Mitte desselben drei von den platten ungesäuerten Britten, verdeckt sie mit einer Serviette, und stellt auf diesen erhöhten Platz sechs kleine Schüsseln, worin symbolische Speisen enthalten, nämlich ein Ei, Lattich, Maircttigwurzcl, ein Lammknochen, und eine braune Mischung von Rosinen, Zimmct und Nüssen. An diesen Tisch setzt sich der Hausvater mit allen Verwandten und Genossen und liest ihnen vor aus einem abenteuerlichen Buche, das die Agade heißt, und dessen Inhalt eine seltsame Mischung ist von Sagen der Vorfahren, Wundergeschichtcn ans Ägypten, kuriosen Erzählungen, Streitfragen, Gebeten und Festliedern. Eine große Abendmahlzeit wird in die Mitte dieser Feier eingeschoben, und sogar während des Vorlescns wird zu bestimmten Zeiten Etwas von den symbolischen Gerichten gekostet, so wie alsdann auch Stückchen von dem ungesäuerten Brote gegessen und vier Becher rothen Weines getrunken werden. Wehmüthig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnisvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich singende Ton, womit die Agade von dem Hausvater vorgelesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schauervoll innig, so mütterlich einlullend, und zugleich so hastig aufweckend, dass selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Bätcr abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten wohlbekannten Paschaklänge zufällig ins Ohr dringen. Im großen Saale seines Hauses saß einst Rabbi Abraham, und mit seinen Anverwandten, Schülern und übrigen Gästen beging er die Abend- 14 — feier des Paschafestes. Im Saale war Alles mehr als gewöhnlich blank; über den Tisch zog sich die buntgcsticktc Scidcndecke, deren Goldfranzen bis auf die Erde hingen; traulich schimmerten die Tellcr- chen mit den symbolischen Speisen, sowie auch die hohen weingcfülltcn Becher, woran als Zierat lauter heilige Geschichten von getriebener Arbeit; die Männer saßen in ihren Schwarzmäntcln und schwarzen Platthüten und weißen Halsbcrgen; die Frauen, in ihren wunderlich glitzernden Kleidern von lombardischen Stoffen, trugen um Haupt und Hals ihr Gold- und Pcrlengcschmcidc; und die silberne Sabbathlampc goss ihr festliches Licht über die andächtig vergnügten Gesichter der Alten und Jungen. Auf den purpurneu Sammctkissen eines mehr als die übrigen erhabenen Sessels und angelehnt, wie es der Gebrauch heischt, saß Rabbi Abraham und las und sang die Agadc, und der bunte Chor stimmte ein oder antwortete bei den vorgeschriebenen Stellen. Der Rabbi trug ebenfalls sein schwarzes Festkleid, seine edelgeformtcn, etwas strengen Züge waren milder denn gewöhnlich, die Lippen lächelten hervor aus dem braunen Barte, als wenn sie viel Holdes erzählen wollten, und in seinen Augen schwamm es wie selige Erinnerung und Ahnung. Die schöne Sara, die auf einem ebenfalls erhabenen Sammctscssel an seiner Seite saß, trug als Wirthin Nichts von ihrem Geschmeide, nur weißes Linnen umschloss ihren schlanken Leib und ihr frommes Antlitz. Dieses Antlitz war rührend schon, wie denn überhaupt die Schönheit der Jüdinnen von cigcnthümlich rührender Art ist; das Bcwusstscin des tiefen Elends, der bittern Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worinncn ihre Verwandte und Freunde leben, verbreitet über ihre holden Gesichtszüge eine gewisse leidende Innigkeit und beobachtende Liebesangst, die unsere Herzen sonderbar bezaubern. So saß heute die schöne Sara und sah beständig nach den Augen ihres Mannes; dann und wann schaute sie auch nach der vor ihr liegenden Agade, dem hübschen, in Gold und Sammet gebundenen Pcrga- mentbuche, einem alten Erbstück mit verjährten Weinflcckcn aus den Zeiten ihres Großvaters, und worin so viele keck und bunt gemalte Bilder, die sie schon als kleines Mädchen am Pascha-Abend so gerne betrachtete, und die allerlei biblische Geschichten darstellten, als da sind: wie Abraham die steinernen Götzen seines Vaters mit dem Hammer entzwei klopft, wie die Engel zu ihm kommen, wie Moses den Mizri todtschlägt, wie Pharao prächtig auf dem Throne sitzt, wie ihm die Frösche — 16 — sogar bei Tische keine Ruhe lassen, wie er, Gott sei Dank! versäuft, wie die Kinder Israel vorsichtig durch daS rothc Meer gehen, wie sie offnen Müntes mit ihren Schafen, Kühen und Ochsen vor dem Berge Sinai stehen, dann auch wie der fromme König David die Harfe spielt, und endlich wie Jerusalem mit den Thürmcn und Zinnen seines Tempels bestrahlt wird vom Glänze der Sonne! Der zweite Becher war schon eingeschenkt, die Gesichter und Stimmen wurden immer Heller, und der Rabbi, indem er eins der ungesäuerten Öfter brötc ergriff und heiter grüßend empor hielt, las er folgende Worte aus der Agadc: „Siehe! Das ist die Kost, die unsere Väter in Ägypten genossen! Jeglicher, den eS hungert, er komme und genieße! Jeglicher, der da traurig, er komme und thcile unsere Paschafrcude! Gegenwärtigen JahrcS feiern wir hier das Fest, aber zum kommenden Jahre im Lande Jsrael's! Gegenwärtigen Jahres feiern wir es noch als Knechte, aber zum kommenden Jahre als Söhne der Freiheit!" Da öffnete sich die Saalthüre, und herein traten zwei große blasse Männer, in sehr weite Mäntel gehüllt, und der Eine sprach: „Friede sei mit euch, wir sind reisende Glaubensgenossen und wünschen das Paschafcst mit euch zu feiern." Und der Rabbi antwortete rasch und freundlich: „Mit euch sei Frieden, setzt euch nieder in meiner Nähe!" Die beiden Fremdlinge setzten sich alsbald zu Tische, und der Rabbi fuhr fort im Vorlesen. Manchmal während die Übrigen noch im Zuge des Nachsprc- chcns waren, warf er kosende Worte nach seinem Weibe, und anspielend ans den alten Scherz, dass ein jüdischer Hausvater sich an diesem Abend für einen König hält, sagte er zu ihr: „Freue dich, meine Königin!" Sic aber antwortete, wchmüthig lächelnd: „Es fehlt uns ja der Prinz!" und damit meinte sie den Sohn des Hauses, der, wie eine Stelle in der Agadc as verlangt, mit vorgeschriebenen Worten seinen Vater um die Bedeutung des Festes befragen soll. Der Rabbi erwiderte Nichts und zeigte bloß mit dem Finger nach einem eben aufgeschlagenen Bilde in der Agade, wo überaus anmuthig zu schauen war, wie die drei Engel zu Abraham kommen, um ihm zu verkünden, dass ihm ein Sohn geboren werde von seiner Gattin Sara, welche unterdessen weiblich Pfiffig hinter der Zclt- thürc steht, um die Unterredung zu belauschen. Dieser leise Wink goss dreifaches Roth über die Wangen der schönen Frau, sie schlug die Augen nieder, und sah dann wieder freundlich empor nach H e in c'S Werke. Bd. IV. 2 ihrem Manne, der singend fortfuhr im Vorlesen der wunderbaren Geschichte, wie Rabbi Zcsua, Rabbi Elicser, Rabbi Asaria, Rabbi Akiba und Rabbi Tarphen in Bona-Brak angelehnt saßen und sich die ganze Nacht vom Auszüge der Kinder Israel aus Ägypten unterhielten, bis ihre Schüler kamen und ihnen zuriefen, es sei Tag und in der Synagoge verlese man schon das große Morgengebct. Derweilen nun die schöne Sara andächtig zuhörte und ihren Mann beständig ansah, bemerkte sie, wie Plötzlich sein Antlitz in grausiger Verzerrung erstarrte, das Blut aus seinen Wangen und Lippen verschwand, und seine Augen wie Eiszapfen hervorglotzten; — aber fast im selben Augenblicke sah sie, wie seine Züge wieder die vorige Ruhe und Heiterkeit annahmen, wie seine Lippen und Wangen sich wieder rötheten, seine Augen munter umherkreistcn, ja, wie sogar eine ihm sonst ganz fremde tolle Laune sein ganzes Wesen ergriff. Die schöne Sara erschrak wie sie noch nie in ihrem Leben erschrocken war, und ein inneres Granen stieg kältend in ihr auf, weniger wegen der Zeichen von starrem Entsetzen, die sie einen Moment lang im Gesichte ihres Mannes erblickt hatte, als wegen seiner jetzigen Fröhlichkeit, die allmählig in jauchzende Ausgelassenheit überging. Der Rabbi schob Ii» — scin Barett spielend van einem Ohre nach dem andern, zupfte und kräuselte possierlich seine Bartlocken, sang den Agadctext nach der Weise eines Gassenhauers, und bei der Aufzählung der ägyptischen Plagen, wo man mehrmals den Zeigefinger ^ in den vollen Becher eintunkt und den anhängenden Weintropfcn zur Erde wirft, bespritzte der Rabbi die jüngcrn Mädchen mit Rothwcin, und es gab großes Klagen über verdorbene Halskrausen, und schallendes Gelächter. Immer unheimlicher ward es der schönen Sara bei dieser krampfhaft sprudelnden Lustigkeit ihres Mannes, und beklommen von namenloser Bangigkeit schaute sie in das sum- ^ inende Gewimmel der buntbeleuchtcten Menschen, die sich behaglich breit hin und her schaukelten, an den dünnen Paschabröten küopcrtcn, oder Wein schlürften, oder mit einander schwatzten, oder laut sangen, überaus vergnügt. Da kam die Zeit, wo die Abendmahlzeit gehalten wird; Alle standen auf, um sich zu waschen, und die schöne Sara holte das große silberne, mit .» getriebenen Goldfigurcn reichverzierte Waschbecken, das sie jedem der Gäste vorhielt, während ihm Wasser über die Hände gegossen wurde. Als sie auch dem Rabbi diesen Dienst erwies, blinzelte ihr Dieser bedeutsam mit den Augen, und schlich sich 2« 4- zur Thürc hinaus. Dic schöne Sara folgte ihm auf dem Fuße; hastig ergriff der Nabln die Hand seines WcibcS, eilig zog er sie fort durch dic dunkele» Gassen Bacharachs, eilig zum Thor hinaus auf die Landstraße, dic den Rhein entlang nach Bingen führt. Es war eine jener FrnhlingSnächtc, dic zwar lau genug und hellgcstirnt sind, aber doch die Seele mit seltsamen Schauern erfüllen. Lcichcnhaft dufteten die Blumen; schadenfroh und zugleich sclbst- beängstigt zwitscherten dic Vögel; der Mond warf heimtückisch gelbe Streiflichter über den dunkel hin- mnrmclndcn Strom; die hohen Fclscnmasscn des Ufers schienen bedrohlich wackelnde Ricscnhnuptcr; der Thurmwächtcr auf Burg Strahlcck blies eine melancholische Weise; und dazwischen läutete eifrig gellend das Stcrbeglöckchcn der Sankt Wcrncrs- kirchc. Dic schöne Sara trug in der rechten Hand das silberne Waschbecken, ihre linke hielt der Rabbi noch immer gcfasst, und sie fühlte, wie seine Finger eiskalt waren und wie sein Arm zitterte; aber sie folgte schweigend, vielleicht weil sie von jeher gewohnt, ihrem Manne blindlings und fragcnlos zu gehorchen, vielleicht auch weil ihre Lippen vor innerer Angst verschlossen waren. — 21 — Unterhalb der Burg Sonncck, Lorch gegenüber, ungefähr wo jetzt das Dörfchen Nicderrhein- bach liegt, erhebt sich eine Fclscnplatte, die bogcn- artig über das Rheinnfcr hinanshängt. Diese erstieg Rabbi Abraham mit seinen? Weibe, schaute sich um nach alle?? Seiten, und starrte hinauf nach den Sternen. Zitternd und von Todesängsten durchfröstelt stand neben ihm die schöne Sara und betrachtete sein blasses Gesicht, das der Mond gespenstisch beleuchtete, und »vorauf cS hin und her zuckte wie Schmerz, Furcht, Andacht und Wuth. Als aber der Rabbi Plötzlich das silberne Waschbecken ihr aus der Hand riss und es schotternd hinabwarf in den Rhein, da konnte sie das grau- senhaftc Angstgefühl nicht länger ertrage??, und mit dein Ausrufe „Schadai voller Genade!" stürzte sie zu den Füßen des Mannes und beschwor ihn, das dunkle Räthsel endlich zu enthüllen. Der Rabbi, des Sprechens ohnmächtig, bewegte mehrmals lautlos die Lippen, und endlich rief er: „Siehst du den Engel des Todes? Dort unten schwebt er über Bacharach! Wir aber sind seine??? Schwerte entronnen. Gelobt sei der Herr!" Und mit einer Stimme, die noch vor innere??? Entsetzen bebte, erzählte er: wie er wohlgcmnth die Agadc hinsingend und angelehnt saß, und zufällig unter den Tisch schaute, habe er dort zu seinen Füßen den blutigen Leichnam eines Kindes erblickt. „Da merkte ich" — setzte der Rabbi hinzu — „dass unsrc zwei späte Gäste nicht von der Gemeinde Jsrael's waren, sondern von der Versammlung der Gottlosen, die sich berathcn hatten, jenen Leichnam heimlich in unser Haus zu schaffen, um uns des Kindcrmordes zu beschuldigen und das Volk aufzureizen, uns zu plündern und zu ermorden. Ich durfte nicht merken lassen, dass ich das Werk der Finsternis durchschaut; ich hätte dadurch nur mein Verderben beschleunigt, und nur die List hat uns Beide gerettet. Gelobt sei der Herr! Ängstige dich nicht, schöne Sara; auch unsrc Freunde und Verwandte werden gerettet sein. Nur nach meinem Blute lechzten die Ruchlosen; ich bin ihnen entronnen, und sie begnügen sich mit meinem Silber und Golde. Komm mit mir, schöne Sara, nach einem anderen Lande, wir wollen das Unglück hinter uns lassen, und damit uns das Unglück nicht verfolge, habe ich ihm das Letzte meiner Habe, das silberne Becken, zur Versöhnung hingeworfen. Der Gott unserer Väter wird uns nicht verlassen. — Komm herab, du bist müde; dort unten steht bei seinem Kahne der stille Wilhelm ; er führt uns den Rhein hinauf." - 23 — Lautlos und wie mit gebrochenen Gliedern war die schöne Sara in die Arme des Rabbi hingesunken, und langsam trug er sie hinab nach dem Ufer. Hier stand der stille Wilhelm, ein taubstummer, aber bildschöner Knabe, der zum Unterhalt seiner alten Pflegemutter, einer Nachbarin des Rabbi, den Fischfang trieb und hier seinen Kahn angelegt hatte. Es war aber, als erriethe er schon gleich die Absicht des Rabbi, ja es schien, als habe er eben aus ihn gewartet; um seine geschlossenen Lippen zog sich das lieblichste Mitleid, bedeutungstief ruhten seine großen blauen Augen ans der schönen Sara, und sorgsam trug er sie in den Kahn. Der Blick des stummen Knaben weckte die schöne Sara aus ihrer Betäubung, sie fühlte auf einmal, dass Alles, was ihr Mann ihr erzählt, kein bloßer Traum sei, und Ströme bitterer Thrä- ncn ergossen sich über ihre Wangen, die jetzt so weiß wie ihr Gewand. Da saß sie nun in der Mitte des KahnS, ein weinendes Marmorbild; neben ihr saßen ihr Mann und der stille Wilhelm, welche emsig ruderten. Sei es nun durch den einförmigen Rudcr- schlag, oder durch das Schaukeln des Fahrzeugs, oder durch den Duft jener Bcrgcsufcr, worauf die Freude wächst, immer geschieht cs, dass auch der Bctrübtcstc seltsam beruhigt wird, wcun er iu der Frühliugsnacht in einem leichten Kahne leicht dahin- fährt auf dem lieben, klaren Rhcinstrom. Wahrlich, der alte, gutherzige Vater Rhein kann's nicht leiden, wenn seine Kinder weinen; thränenstillcnd wiegt er sie auf seinen treuen Armen, und erzählt ihnen seine schönsten Märchen, und berspricht ihnen seine goldigsten Schätze, vielleicht gar den uralt versunkenen NiblungShort. Auch die Thrüncn der schönen Sara flössen immer milder und milder, ihre gewaltigsten Schmerzen wurden fortgcspült von den flüsternden Wellen, die Nacht verlor ihr finstres Granen, und die heimatlichen Berge grüßten wie zum zärtlichsten Lebewohl. Vor allen aber grüßte tranlich ihr Lieblingsbcrg, der Kedrich, und in seiner seltsamen Mondbcleuchtung schien cs, als stände wieder oben ein Fräulein mit ängstlich ausgestreckten Armen, als kröchen die flinken Zwerglein wimmelnd aus ihren Fclscnspaltcn, und als käme ein Reiter den Berg hinanfgcsprengt in vollem Galopp; und der schönen Sara war zu Muthc, als sei sie wieder ein kleines Mädchen und säße wieder auf dem Schöße ihrer Mnhmc aus Lorch, und Diese erzähle ihr die hübsche Geschichte von dem kecken Reiter, der das arme, von den Zwergen geraubte Fräulein befreite, und noch andre wahre Geschichten, vom wunderlichen Wispcrthale drüben, wo die Vögel ganz vernünftig sprechen, und vom Pfcfferkuchcnland, wohin die folgsamen Kinder kommen, und von verwünschten Prinzessinnen, singenden Bäumen, gläsernen Schlössern, goldenen Brücken, lachenden Nixen . . . Aber zwischen all' diesen hübschen Märchen, die klingend und leuchtend zu leben begannen, hörte die schöne Sara die Stimme ihres Vaters, der ärgerlich die arme Muhme ausschalt, dass sie dem Kinde so viel' Thorheiten in den Kopf schwatze! Alsbald kam's ihr vor, als setzte man sie auf das kleine Vänkchcn vor dem Sammctscssel ihres Vaters, der mit weicher Hand ihr langes Haar streichelte, gar vergnügt mit den Augen lachte, und sich behaglich hin und her wiegte in seinem weiten, blauscidcnen Sabbathschlafrock .,. Es musstc wohl Sabbath sein, denn die geblümte Decke war über den Tisch gespreitet, alle Geräthe im Zimmer leuchteten, spiegelblank gescheuert, der wcißbürtigc Gcmcindediencr saß an der Seite des Vaters und kante Rosinen und sprach Hebräisch, auch der kleine Abraham kam herein mit einem allmächtig großen Buche, und bat bescheidcntlich seinen Oheim um die Erlaubnis, einen Abschnitt der heiligen Schrift erklären zu dürfen, damit der Ohcim sich selber überzeuge, dass er in der verflossenen Woche Viel gelernt Hobe und viel Lob und Kuchen verdiene . . . Nun legte der kleine Bursche das Buch auf die breite Armlehne des Sessels, und erklärte die Geschichte von Jakob und Rahel, wie Jakob seine Stimme erhoben und laut geweint, als er sein Mühmchcn Rahel zuerst erblickte, wie er so traulich am Brunnen mit ihr gesprochen, wie er sieben Jahr' um Rahel dienen muffte, und wie sie ihm so schnell verflossen, und wie er die Rahel gchcirathct und immer und immer geliebt hat . . . Auf einmal erinnerte sich auch die schöne Sara, dass ihr Vater damals mit lustigem Tone ausrief: „Willst du nicht eben so dein Mnhmchcn Sara hcirathcn?" worauf der kleine Abraham ernsthaft antwortete: „Das will ich, und sie soll sieben Jahr' warten." Dämmernd zogen diese Bilder durch die Seele der schönen Frau, sie sah, wie sie und ihr kleiner Vetter, der jetzt so groß und ihr Mann geworden, kindisch mit einander in der Laubcrhüttc spielten, wie sie sich dort ergötzten an den bunten Tapeten, Blumen, Spiegeln und vergoldeten Äpfeln, wie der kleine Abraham immer zärtlicher mit ihr koste, bis er allmählig größer und mürrischer wurde, und endlich ganz groß und ganz mürrisch . . . Und endlich sitzt sie zu — 27 — Hause allein in ihrer Kammer eines Samstagabends, der Mond scheint hell durchs Fenster, und die Thür fliegt auf, und hastig stürmt herein ihr Vetter Abraham, in Rciscklcidern und blass wie der Tod, und ergreift ihre Hand, steckt einen gold- ncn Ring an ihren Finger und spricht feierlich: „Ich nehme dich hiermit zu meinen Weibe, nach den Gesetzen von Moses und Israel!" „Jetzt aber" — setzt er bebend hinzu — „jetzt muss ich fort nach Spanien. Lebewohl, sieben Jahre sollst du auf mich warten!" Und er stürzt fort, und weinend erzählt die schöne Sara das Alles ihrem Vater . . . Der tobt und wüthet: „Schneid ab dein Haar, denn du bist ein vcrheirathetcS Weib!" — und er will dem Abraham nachreiten, um einen Scheidcbrics von ihm zu erzwingen; — aber Der ist schon über alle Berge, der Vater kehrt schweigend nach Haus zurück, und wie die schöne Sara ihm die Reitstiefeln ausziehen hilft und besänftigend äußert, dass der Abraham nach sieben Jahren zurückkehre, da flucht der Vater: „Sieben Jahr' sollt ihr betteln gehn!" und bald stirbt er. So zogen der schönen Sara die alten Geschichten durch den Sinn, wie ein hastiges Schattenspiel; die Bilder vermischten sich auch wunderlich, und zwischendurch schauten halb bekannte, halb — 28 — fremde bärtige Gesichter und große Blumen mit fabelhaft breitem Blattwerk. Es war auch, als murmelte der Rhein die Melodien der Agadc, und die Bilder derselben stiegen daraus hervor, lebensgroß und verzerrt, tolle Bilder: der Erzvater Abraham zerschlagt ängstlich die Götzengcstaltcn, die sich immer hastig wieder von selbst zusammensetzen ; der Mizri wehrt sich furchtbar gegen den ergrimmten Moses; der Berg Sinai blitzt und flammt; der König Pharao schwimmt im rothen Meere, mit den Zähnen im Maule die zackige Goldkrone festhaltend; Frosche mit Mcnschcnantlitz schwimmen hintcndrein, und die Wellen schäumen und brausen, und eine dunkle Niescnhand taucht drohend daraus hervor. Das war Hatto's Mäuscthnrm, und der Kahn schoss eben durch den Binger Strudel. Die schöne Sara ward dadurch etwas aus ihren Träumereien gerüttelt, und schaute nach den Bergen des Ufers, ans deren Spitzen die Schlosslichtcr flimmerten, und an deren Fuß die mondbelenchteten Nachtnebel sich hinzogen. Plötzlich aber glaubte sie dort ihre Freunde und Verwandte zu sehen, wie sie mit Lei- chcngcsichtcrn und in wcißwallcndcn Todtenhcmden schrcckcnhastig vornberlicfen, den Rhein entlang ... es ward ihr schwarz vor den Augen, ein Eisstrom crgoss sich in ihre Scclc, und wie im Schlafe hörte sie nur noch, dass ihr der Rabbi das Nacht- gcbct vorbetctc, langsam ängstlich, wie es bei todt- krankcn Leuten geschieht, und träumerisch stammelte sie noch die Worte: „Zehntausend zur Rechten, zehntausend zur Linken; den König zu schützen vor nächtlichem Grauen . . Da verzog sich Plötzlich all das eindringende Dunkel und Grausen, der düstre Vorhang ward vom Himmel fortgerissen, es zeigte sich oben die heilige Stadt Jerusalem mit ihren Thürmcn und Thoren; in goldner Pracht leuchtete der Tempel; auf dem Vorhofc desselben erblickte die schöne Sara ihren Vater in seinem gelben Sabbathschlaf- rock und vergnügt mit den Augen lachend; aus den runden Tcmpclfcnstern grüßten fröhlich alle ihre Freunde und Verwandte; im Allcrhciligstcn kniete der fromme König David mit Pnrpurmantcl und funkelnder Krone, und lieblich ertönte sein Gesang und Snitcnspiel — und selig lächelnd entschlief die schöne Sara. 30 Kapitel II. Als die schöne Sara die Augen aufschlug, ward sie fast geblendet von den Strahlen der Sonne. Die hohen Thürme einer großen Stadt erhoben sich, und der stumme Wilhelm stand mit der Hakenstange ausrecht im Kahne und leitete denselben durch das lustige Gewnhl vieler buntbewimpelten Schiffe, deren Mannschaft entweder müßig hinabschante auf die Vorbeifahrenden, oder vielhändig beschäftigt war mit dem Ausladen von Kisten, Ballen und Fässern, die auf kleineren Fahrzeugen ans Land gebracht wurden, wobei ein betäubender Lärm, das beständige Hallohrufen der Barkenführer, das Geschrei der Kanflcute vom User her und das Keifen der Zöllner, die in ihren rothcn Röcken mit weißen Stäbchen und weißen Gesichtern von Schiff zu Schiff hüpften. — 31 — „Ja, schöne Sara" —- sagte der Rabbi zu seiner Frau, heiter lächelnd — „Das ist hier die weltberühmte freie Reichs- und Handelsstadt Frankfurt am Main, und Das ist eben der Mainfluss, worauf wir jetzt fahren. Da drüben die lachenden Häuser, umgeben von grünen Hügeln, Das ist das Sachscnhauscn, woher uns der lahme Gum- pertz zur Zeit des Laubcrhttttcnfcstcs die schönen Myrrhen holt. Hier siehst du auch die starke Main- brückc mit ihren dreizehn Bögen, und gar viel Volk, Wagen und Pferde, geht sicher darttberhin, und in der Mitte steht das Häuschen, wovon die Mühmele Täubchen erzählt hat, dass ein getaufter Jude darin wohnt, der Jedem, der ihm eine todte Ratte bringt, sechs Heller auszahlt für Rechnung der jüdischen Gemeinde, die dein Stadtrathe jährlich fünftausend Ratteuschwänze abliefern soll!" Über diesen Krieg, den die Frankfurter Inden mit den Ratten zu führen haben, muffte die schöne Sara laut lachen; das klare Sonnenlicht und die neue bunte Welt, die vor ihr auftauchte, hatte alles Grauen und Entsetzen der vorigen Nacht aus ihrer Seele verscheucht, und als sie aus dem landenden Kahne von ihrem Manne und dem stummen Wilhelm aufs Ufer gehoben worden, fühlte sie sich wie durchdrungen von freudiger Sicherheit. Der stumme Wilhelm aber mit seinen schönen, tiefblauen Angcn sah ihr lange ins Gesicht, halb schmerzlich, halb heiter, dann warf er noch einen bedeutenden Blick nach dem Rabbi, sprang zurück in seinen Kahn, und bald war er damit verschwunden. „Der stumme Wilhelm hat doch viele Ähnlichkeit mit meinem verstorbenen Bruder," bemerkte die schöne Sara. „Die Engel sehen sich alle ähnlich," erwiderte leichthin der Rabbi, und sein Weib bei der Hand ergreifend, führte er sie durch das Mcnschcngcwimmcl des Ufers, wo jetzt, weil es die Zeit der Ostcrmesse, eine Menge hölzerner Krambudcn aufgebaut standen. Als sie durch das dunkle Mainthvr in die Stadt gelangten, fanden sie nicht minder lärmigen Verkehr. Hier in einer engen Straße erhob sich ein Kaufmannsladcn neben dem andern, und die Häuser, wie überall in Frankfurt, waren ganz besonders zum Handel eingerichtet: im Erdgeschosse keine Fenster, sondern lauter offene Bogcnthürcn, so dass man tief hineinschauen und jeder Vorübergehende die ausgestellten Waarcn deutlich betrachten konnte. Wie staunte die schöne Sara ob der Masse kostbarer Sachen und ihrer nicgeschcnen Pracht! Da standen Vcnctianer, die allen Luxus dcS Morgenlandes und Italiens feil boten, und die schöne Sara war wie festgebannt bcim Anblick dcr aufgeschichteten Putzsachcn und Kleinodien, der bunten Mützen und Mieder, der güldncn Armspangen und Halsbänder, des ganzen Flittcrkrams, den die Frauen sehr gern bewundern und womit sie sich noch lieber schmücken. Die rcich- gesticktcn Sammet- und Seidenstoffe schienen mit der schönen Sara sprechen und ihr allerlei Wunderliches inS Gedächtnis zurückfnnkeln zu wollen, und es war ihr wirklich zu Muthc, als wäre sie wieder ein kleines Mädchen, und Mühmclc Täubchcn habe ihr Versprechen erfüllt, und sie nach der Frankfurter Messe geführt, und jetzt eben stehe sie vor den hübschen Kleidern, wovon ihr so Viel erzählt worden. Mit heimlicher Freude überlegte sie schon, was sie nach Bacharach mitbringen wolle, welchem von ihren beiden Väschen, dem kleinen Blümchen oder dem kleinen Vögelchen, der blauscidnc Gürtel am besten gefallen würde, ob auch die grünen Höschen dem kleinen Gottschalk passen mögen, — doch Plötzlich sagte sie zu sich selber: Ach Gott! Die sind ja unterdessen großgewachsen und gestern umgebracht worden! Sic schrak heftig zusammen, und die Bilder der Nacht wollten schon mit all ihrem Entsetzen wieder in ihr aufsteigen; doch die goldgestickten Kleider blinzelten nach ihr wie mit tausend Schclmcnangcn und redeten ihr alles Dunkle He ine's Werke. Bd. IV. aus dem Sinn, und wie sie hinaufsah nach dem Antlitz ihres Mannes, so war dieses unumwölkt, und trug seine gewöhnliche ernste Milde. „Mach die Augen zu, schöne Sara" — sagte der Rabbi, und führte seine Frau weiter durch das Menschengedränge. Welch ein buntes Treiben! Zumeist waren es Handelsleute, die laut mit einander feilschten, oder auch mit sich selber sprechend an den Fingern rechneten, oder auch von einigen hochbepackten Markt- Helfern, die in kurzem Hundctrab hinter ihnen herliefen, ihre Einkäufe nach der Herberge schleppen ließen. Andere Gesichter ließen merken, dass bloß die Neugier sie herbeigezogen. Am rothcn Mantel und der goldenen Halskette erkannte man den breiten Nathsherrn. Das schwarze, wohlhabend bauschige Wams vcrricth den ehrsamen stolzen Altbürger. Die eiserne Pickelhaube, das gelblcdcrne Wams und die klirrenden Pfundsporcn verkündigten den schweren Reitcrsknecht. Unterm schwarzen Sammethäubchcn, das in einer Spitze aus der Stirne zusammenlief, barg sich ein rosiges Mäd- chcngesicht, und die jungen Gesellen, die gleich witternden Jagdhunden hinterdrein sprangen, zeigten sich als vollkommene Stutzer durch ihre kcckbcfie- dcrtcn Barette, ihre klingenden Schnabelschuhc und — 35 — ihre scidncn Kleider von gcthciltcr Farbe, wo die rechte Seite grün, die linke Seite roth, oder die eine regcnbogenartig gestreift, die andre buntscheckig gewürfelt war, so dass die närrischen Burschen aussahen, als wären sie in der Mitte gespalten. Von der Menschcnströmung fortgezogcn, gelangte der Rabbi mit seinem Weibe nach dem Römer. Dieses ist der große, mit hohen Giebelhäusern umgebene Marktplatz der Stadt, seinen Namen führend von einem ungeheuren Hause, das „Zum Römer" hieß und vom Magistrate angekauft und zu einem Nathhanse geweiht wurde. In diesem Gebäude wählte man Deutschlands Kaiser, und vor demselben wurden oft edle Ritterspiele gehalten. Der König Maximilian, der Dergleichen leidenschaftlich liebte, war damals in Frankfurt anwesend, und Tags zuvor hatte man ihm zu Ehren vor dem Römer ein großes Stechen veranstaltet. An den hölzernen Schranken, die jetzt von den Zimmer- leutcn abgebrochen wurden, standen noch viele Müßiggänger und erzählten sich, wie gestern der Herzog von Braunschweig und der Markgraf von Brandenburg unter Pauken- und Trompctenschall gegen einander gerannt, wie Herr Walter der Lump den Bärcnrittcr so gewaltig aus dem Sattel gestoßen, dass die Lanzcnsplittcr in die Luft flogen, 3* und wie der lange blonde König Max im Kreise seines Hofgesindes auf dem Ballone stand und sich vor Freude die Hände rieb. Die Decken von goldncn Stoffen lagen noch auf der Lehne des Balkons und der spitzbögigcn Rnthhansfcnstcr. Auch die übrigen Häuser des Marktplatzes waren noch festlich geschmückt und mit Wappcnschildcn verziert, besonders das Hans Limburg, auf dessen Banner eine Jungfrau gemalt war, die einen Sperber auf der Hand trägt, während ihr ein Affe einen Spiegel vorhält. Auf dem Ballone dieses Hauses standen viele Ritter und Damen, in lächelnder Unterhaltung hinabblickcnd auf das Volk, das unten in tollen Gruppen und Aufzügen hin- und hcrwogte. Welche Menge Müßiggänger von jedem Stande und Alter drängte sich hier, um ihre Schaulust zu befriedigen! Hier wurde gelacht, gegreint, gestohlen, in die Lenden gekniffen, gejubelt, und zwischendrein schmetterte gellend die Trompete des Arztes, der im rothen Mantel mit seinem Hanswurst und Affen auf einem hohen Gerüste stand, seine eigne Kunstfertigkeit recht eigentlich ausposaunte, seine Tinkturen und Wundersalbcn anpries, oder ernsthaft das Uringlas betrachtete, das ihm irgend ein altes Weib vorhielt, oder sich anschickte, einem armen Bauer den Backzahn auszureißen. — 37 Zwci Fechtmeister, in bunten Bändern cinhcrflat- tcrnd, ihre Rappierc schwingend, begegneten sich hier wie zufällig und stießen mit Schcinzorn auf einander; nach langem Gefechte erklärten sie sich wechselseitig für unüberwindlich, und sammelten einige Pfennige. Mit Trommler und Pfeifer marschierte jetzt vorbei die neu errichtete Schützcngildc. Hieraus folgte, angeführt von dem Stöckcr, der eine rothe Fahne trug, ein Rudel fahrender Fräulein, die aus dem Frauenhause „Zum Esel" von Würzburg herkamen und nach dem Rosenthale hinzogen, wo die hochlöbliche Obrigkeit ihnen für die Messzeit ihr Quartier angewiesen. „Mach die Augen zu, schöne Sara!" — sagte der Rabbi. Denn jene phantastisch und allzu knapp bekleideten Weibsbilder, worunter einige sehr hübsche, gebürdeten sich ans die unzüchtigste Weise, entblößten ihren Weißen, frechen Busen, neckten die Vorübergehenden mit schamlosen Worten, schwangen ihre langen Wanderstöcke, und indem sie auf letzteren wie auf Steckenpferden die Sankt-Katharincnpsortc hinabritten, sangen sie mit gellender Stimme das Hcpcnlied: „Wo ist der Bock, das Höllcnthicr? Wo ist der Bock? Und fehlt der Bock, So reiten wir, so reiten wir, So reiten wir auf dem Stock!" Dieser Singsang, den man noch in der Ferne hören konnte, verlor sich am Ende in den kirchlich langgezogenen Tönen einer herannahenden Pro- ccssion. Das war ein trauriger Zug von kahlköpfigen und barfüßigen Mönchen, welche brennende Wachslichter oder Fahnen mit Heiligenbildern oder auch große silberne Krucifixc trugen. An ihrer Spitze gingen roth- und wcißgcröcktc Knaben mit dampfenden Weihrauchkesscln. In der Mitte des Zuges unter einem prächtigen Baldachin sah man Geistliche in weißen Chorhemden von kostbaren Spitzen oder in bnntscidcncn Stolen, und Einer Derselben trug in der Hand ein sonncnartig goldncs Gefäß, das er, bei einer Hciligennische der Marmecke anlangend, hoch empor hob, während er lateinische Worte halb rief, halb sang . . . Zugleich crklingeltc ein kleines Glöckchen, und alles Volk ringsum verstummte, fiel auf die Knicc und bekreuzte sich. Der Rabbi aber sprach zu seinem Weibe: „Mach die Augen zu, schöne Sara!" — und hastig zog er sie von hinnen nach einem schmalen Ncben- gässchcn, durch ein Labyrinth von engen und krummen Straßen, und endlich über den unbewohnten, — 39 — wüsten Platz, der das neue Zndcnguarticr von der übrigen Stadt trennte. Vor jener Zeit wohnten die Juden zwischen dem Dom und dem Mainufcr, nämlich von der Brücke bis zum Lumpenbrunnen und von der Mehlwage bis zu Sankt Bartholomen. Aber die katholischen Priester erlangten eine päpstliche Bulle, die den Juden verwehrte, in solcher Nähe der Hauptkirche zu wohnen, und der Magistrat gab ihnen einen Platz auf dem Wallgraben, wo sie das heutige Zudcnguartier erbauten. Dieses war mit starken Mauern versehen, auch mit eisernen Ketten vor den Thoren, um sie gegen Pöbclandrnng zu sperren. Denn hier lebten die Inden ebenfalls in Druck und Angst, und mehr als heut zu Tage in der Erinnerung früherer Nöthen. Im Jahre 1240 hatte das entzügcltc Volk ein großes Blutbad unter ihnen angerichtet, welches man die erste Indem schlacht nannte, und im Jahre 1349, als die Geiß- lcr bei ihrem Durchzuge die Stadt anzündeten und die Juden des Brandstiftcns anklagten, wurden Diese von dem aufgereizten Volke zum größten Thcile ermordet, oder sie fanden den Tod in den Flammen ihrer eigenen Häuser, welches man die zweite Jndcnschlacht nannte. Später bedrohte man die Juden noch oft mit dergleichen Schlachten, und bei inneren Unruhen Frankfnrt's, besonders bei einem Streite des RatheS mit den Zünften, stand der Christcnpöbcl oft im Begriff das Judcnguar- ticr zu stürmen. Letzteres hatte zwei Thorc, die an katholischen Feiertagen von außen, an jüdischen Feiertagen von innen geschlossen wurden, und vor jedem Thor befand sich ein Wachthaus mit Stadt- soldatcn. Als der Rabbi mit seinem Weibe an das Thor des Zudenquarticrs gelaugte, lagen die Landsknechte, wie man durch die offnen Fenster sehen konnte, auf der Pritsche ihrer Wachtstnbc, und draußen vor der Thüre im vollen Sonnenschein saß der Trommelschläger und phantasierte auf seiner großen Trommel. Das war eine schwere, dicke Gestalt; Wams und Hosen von seuergelbem Tuch, an Armen und Lenden weit aufgepufft und, als wenn unzählige Mcnschenzungcn daraus hcrvor- lcckten, von oben bis unten besäet mit kleinen eingenähten rothen Wülstchen; Brust und Rücken gepanzert mit schwarzen Tuchpolstcrn, woran die Trommel hing; auf dem Kopfe eine platte, runde schwarze Kappe; daö Gesicht eben so platt und rund, auch orangcgelb und mit rothen Schwärchen gespickt, und verzogen zu einem gähnenden Lächeln. So saß der Kerl und trommelte die Melodie des Liedes, das cinst die Geißler bei der Judcnschlacht gesungen, und mit seinem rauhen Bicrtonc gurgelte er die Worte: „Unsre liebe Franc, Die ging im Morgenthaue, Kyrie eleison!" „Hans, DaS ist eine schlechte Melodie" — rief eine Stimme hinter dem verschlossenen Thore des Zudcnquarticrs — „Hans, auch ein schlecht Lied, passt nicht für die Trommel, passt gar nicht, und bei Leibe nicht in der Messe und am Oster- morgcn, schlecht Lied, gefährlich Lied, Hans, Häns- chen, klein TrommclhänSchcn, ich bin ein einzelner Mensch, und wenn du mich lieb hast, wenn du den Stern lieb hast, den langen Stern, den langen Nascnstcrn, so hör auf!" Diese Worte wurden von dem ungesehenen Sprecher thcils angstvoll hastig, theils aufseufzend langsam hervorgestoßen, in einem Tone, worin das ziehend Weiche und das heiser Harte schroff abwechselte, wie man ihn bei Schwindsüchtigen findet. Der Trommelschläger blieb unbewegt, und in der vorigen Melodie forttrommelnd sang er weiter: „Da kam ein kleiner Junge, Sein Bart war ihm entsprungen, Hallclnja!" „HanS" — rief wieder die Stimme des obenerwähnten Sprechers — »Hans, ich bin ein einzelner Mensch, und es ist ein gefährlich Lied, und ich hör' es nicht gern, und ich Hab' meine Gründe, und wenn dn mich lieb hast, singst du was Andres, und morgen trinken wir ..." Bei dem Wort „Trinken" hielt der Hans inne mit seinem Trommeln und Singen, und biedern Tones sprach er: „Der Teufel hole die Inden, aber du, lieber Nasenstcrn, bist mein Freund, ich beschütze dich, und wenn wir noch oft zusammen trinken, werde ich dich auch bekehren. Ich will dein Pathe sein; wenn du getauft wirst, wirst du selig, und wenn du Genie hast und fleißig bei mir lernst, kannst du sogar noch Trommelschläger werden. Ja, Nasenstcrn, du kannst es noch weit bringen, ich will dir den ganzen Katechismus vortrommcln, wenn wir morgen zusammen trinken — aber jetzt mach mal das Thor auf, da stehen zwei Fremde und begehren Einlast." „Das Thor auf?" — schrie der Nasenstcrn, und die Stimme versagte ihm fast. „Das geht - 43 — nicht so schnell, lieber Hans, man kann nicht wissen, man kann gar nicht wissen, und ich bin ein einzelner Mensch. Der Beitel Rindskopf hat den Schlüssel und steht jetzt still in der Ecke und brttm- melt sein Achtzchngebct; da darf man sich nicht unterbrechen lassen. Jäkel der Narr ist auch hier, aber er schlägt jetzt sein Wasser ab. Ich bin ein einzelner Mensch!" „Der Teufel hole die Juden!" — rief der Trommclhans, und über diesen eignen Witz laut lachend, trollte er sich nach der Wachtstubc und legte sich ebenfalls auf die Pritsche. Während nun der Rabbi mit seinem Weibe jetzt ganz allein vor dem großen verschlossenen Thore stand, crhub sich hinter demselben eine schnarrende, näselnde, etwas spöttisch gezogene Stimme: „Sternchen, dröhnte nicht so lange, nimm die Schlüssel aus Rindsköpfchcn's Rocktasche, oder nimm deine Nase, und schließe damit das Thor ans. Die Leute stehen schon lange und warten." „Die Leute?" — schrie ängstlich die Stimme des Mannes, den man den Nascnstern nannte — „ich glaubte, es wäre nur Einer, und ich bitte dich, Narr, lieber Jäkel Narr, guck mal heraus, wer da ist." Da öffnctc sich im Thorc cin kleines wohl- vergittcrtcs Fensterlein, und zum Vorschein kam eine gelbe, zwcihörnige Mütze und darunter das drollig verschnörkelte Lustigmachcrgcsicht Jäkcl's des Narren. In demselben Augenblicke schloss sich wieder die Fcnsterluke, und ärgerlich schnarrte es: „Mach auf, mach auf, draußen ist nur cin Mann und cin Weib." „Ein Mann und ein Weib!" — ächzte der Nasenstcrn. — „Und wenn das Thor ausgemacht wird, wirst das Weib den Rock ab, und es ist auch ein Mann, und es sind dann zwei Männer, und wir sind nur unser Drei!" „Sei kein Hase" — erwiedcrte Jäkel der Narr — „und sei herzhaft und zeige Kouragc!" „Kourage!" — rief der Nasenstcrn und lachte mit verdrießlicher Bitterkeit — „Hase! Hase ist cin schlechter Vergleich, Hase ist cin unreines Thier. Kouragc! Man hat mich nicht der Konrage wegen hichergestcllt, sondern der Vorsicht halber. Wenn zu Viele kommen, soll ich schreien. Aber ich selbst kann sie nicht zurückhalten. Mein Arm ist schwach, ich trage eine Fontanelle, und ich bin cin einzelner Mensch. Wenn man ans mich schießt, bin ich todt. Dann sitzt der reiche Mendel Reiß am Sabbath bei Tische, und wischt — 45 — sich vom Maul die Rosincnsauce, und streichelt sich den Bauch, und sagt vielleicht: Das lange Nascnstcrnchcn war doch ein braves Kerlchen, wäre Es nicht gewesen, so hätten sie das Thor gesprengt, Es hat sich doch für uns todtschießcn lassen, Es war ein braves Kerlchen, schade dass Es todt ist—" Die Stimme wurde hier allmählig weich und weinerlich, aber Plötzlich schlug sie über in einen hastigen, fast erbitterten Ton: „Kouragc! Und damit der reiche Mendel Reiß sich die Rosinensauce vom Maul abwischen und sich den Bauch streicheln und mich braves Kerlchen nennen möge, soll ich mich todtschießcn lassen? Kourage! Herzhaft! Der kleine Strauß war herzhaftig, und hat gestern auf dem Römer dem Stechen zugesehen, und hat geglaubt, man kenne ihn nicht, weil er einen violetten Rock trug von Sammet, drei Gulden die Elle, mit Fuchsschwänzchen, ganz goldgestickt, ganz prächtig — und sie haben ihm den violetten Rock so lange geklopft, bis er abfärbte und auch sein Rücken violett geworden ist und nicht mehr menschenähnlich sieht. Kouragc! Der krumme Leser war Herz- Haftig, nannte unseren lumpigen Schuldheiß einen Lump, und sie haben ihn an den Füßen aufgehängt zwischen zwei Hunden, und der Trommelhans trommelte. Kouragc! Sei kein Hase! Unter 46 - dm viclm Hundm ist dcr Hase verloren, ich bin ein einzelner Mensch, nnd ich habe wirklich Furcht!" „Schwör mal!" — rief Jäkel der Narr. „Ich habe wirklich Furcht!" — wiederholte seufzend der Nascnstern — „ich weiß, die Furcht liegt im Geblüt, und ich habe es von meiner seligen Mutter — „Ja, ja!" — unterbrach ihn Jäkel dcr Narr — „und deine Mutter hatte es von ihrem Vater, und Der hatte es wieder von dem seiuigcn, und so hatten es deine Voreltern Einer vom Andern, bis auf deinen Stammvater, welcher unter König Saul gegen die Philister zu Felde zog und dcr Erste war, welcher Reißaus nahm. — Aber sich mal, Rindsköpfchen ist gleich fertig, er hat sich bereits zum vicrtcnmal gebückt, schon hüpft er wie ein Floh bei dem dreimaligen Worte Heilig, und jetzt greift er vorsichtig in die Tasche . . In der That, die Schlüssel rasselten, knarrend öffnete sich ein Flügel des Thores, und dcr Rabbi und sein Weib traten in die ganz menschenleere Judengassc. Dcr Aufschließer aber, ein kleiner Mann mit gntmüthig saucrm Gesichte, nickte träumerisch wie Einer, dcr in seinen Gedanken nicht gern gestört sein möchte, und nachdem er das Thor wieder sorgsam verschlossen, schlappte er, ohne ein Wort zu reden, nach cincm Winkel hinter dem Thore, beständig Gebete vor sich himnnrmclnd. Minder schweigsam war Jäkel der Narr, ein untersetzter, etwas krummbeiniger Gesell, mit einem lachend Vollrothen Antlitz und einer unmenschlich großen Fleischhand, die er aus den weiten Ärmeln seiner buntscheckigen Jacke zum Willkomm hervor- strccktc. Hinter ihm zeigte oder vielmehr barg sich eine lange magere Gestalt, der schmale Hals weiß befiedert von einer feinen batistncn Krause, und das dünne, blasse Gesicht gar wundersam geziert mit einer fast unglaublich langen Nase, die sich neugierig angstvoll hin und her bewegte. „Gott willkommen! zum guten Festtag!" — rief Jäkel der Narr — „wundert euch nicht, dass jetzt die Gasse so leer und still ist. Alle unsere Leute sind jetzt in der Synagoge, und ihr kommt eben zur rechten Zeit, um dort die Geschichte von der Opferung Jsaak's vorlesen zu hören. Ich kenne sie, es ist eine interessante Geschichte, und wenn ich sie nicht schon dreinnddrcißig Mal angehört hätte, so würde ich sie gern dies Jahr noch einmal hören. Und es ist eine wichtige Geschichte, denn wenn Abraham den Isaak wirklich geschlachtet hätte, und nicht den Ziegenbock, so wären jetzt mehr Ziegenböcke und weniger Juden auf der Welt." — Und mit wahnsinnig lustiger Grimasse fing der Jäckcl an, folgendes Lied aus der Agade zu singen: „Ein Böcklcin, ein Böcklcin, das gekauft Vätcrlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklcin! ein Böcklcin! „Es kam ein Kätzlcin, und aß das Böcklcin, das gekauft Vätcrlein, er gab dafür zwei Sus- leiu; ein Böcklein, ein Böcklcin! „Es kam ein Hündlciu, und biss das Kätzlcin, das gefressen das Böcklcin, das gekauft Vätcrlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklcin, ein Böcklein! „Es kam ein Stöcklein, und schlug das Hündlciu, das gebissen das Kätzlcin, das gefressen das Böcklcin, das gekauft Vätcrlein, er gab dafür zwei Suslcin; ein Böcklcin, ein Böcklein! „Es kam ein Fcucrlein, und verbrannte das Stöcklein, das geschlagen das Hündlcin, das gebissen das Kätzlcin, das gefressen das Böcklein, daS gekauft Vätcrlein, er gab dafür zwei Suslcin; ein Böcklein, ein Böcklcin! „Es kam ein Wässerlcin, und löschte das Feucrlcin, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlcin, das gebissen das Kätzlcin, das gefressen das Böcklcin, das gekauft Väter- lcin, er gab dafür zwei Snslcin; cin Böcklcin, ein Böcklcin! „Es kam cin Öchslcin, und soff das Wässcr- lcin, das gelöscht das Feucrlcin, das verbrannt das Stöcklcin, das geschlagen das Hündlcin, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklcin, das gekauft Vätcrlcin, er gab dafür zwei Suslcin; ein Böcklcin, cin Böcklcin! „Es kam ein Schlächtcrlein, und schlachtete das Öchslcin, das gesoffen das Wässerlcin, das gelöscht das Fcucrlcin, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlcin, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklcin, das gekauft Vätcrlcin, er gab dafür zwei SuSlcin; ein Böcklein, cin Böcklein! „Es kam cin Todcsenglcin, und schlachtete das Schlächterlein, das geschlachtet das Öchslcin, das gesoffen das Wässcrlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklcin, das geschlagen das Hündlcin, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Vätcrlcin, er gab dafür zwei Suslcin; cin Böcklcin, cin Böcklcin! „Ja, schöne Frau" — fügte der Sänger hinzu — „einst kommt der Tag, wo der Engel des Todes den Schlächter schlachten wird, und all Heine'S Werke. Bd. IV. 4 unser Blut kommt über Edom; denn Gott ist ein rächender Gott " Aber plötzlich den Ernst, der ihn unwillkürlich beschlichen, gewaltsam abstreifend stürzte sich Jäkel der Narr wieder in seine Posscnreißercicn und fuhr fort mit schnarrendem Lustigmachertonc: „Fürchtet Euch nicht, schöne Frau, der Nasenstcrn thut Euch Nichts zu Leid. Nur für die alte Schnapper-Elle ist er gefährlich. Sie hat sich in seine Nase verliebt, aber die verdient es auch. Sic ist schön wie der Thurm, der gen Damaskus schaut und erhaben wie die Ceder des Libanon's. Auswendig glänzt sie wie Glimmgold und Sirup, und inwendig ist lauter Musik und Lieblichkeit. Im Sommer blüht sie, im Winter ist sie zugefroren, und Sommer und Winter wird sie gehätschelt von Schnnp- pcr-Elle's weißen Händen. Ja, die Schnapper- Elle ist verliebt in ihn, ganz vernarrt. Sic pflegt ihn, sie füttert ihn, und sobald er fett genug ist, wird sie ihn hcirathen, und für ihr Alter ist sie noch jung genug, und wer mal nach dreihundert Jahren hieher nach Frankfurt kömmt, wird den Himmel nicht sehen können vor lauter Nasensternen!" „Ihr seid Jäkel der Narr" — rief lachend der Rabbi — „ich merk' es an Euren Worten. Ich habe oft von Euch sprechen gehört." „Ja, ja" — envicdcrtc Jener mit drolliger Bescheidenheit — „ja, ja, Das macht der Ruhm. Man ist oft weit und breit für einen größcrn Narren bekannt als man selbst weiß. Doch ich gebe mir viele Mühe ein Narr zu sein, und springe und schüttle mich, damit die Schellen klingeln. Andre habcn's leichter . . . Aber sagt mir, Rabbi, warum reiset Ihr am Feiertage?" „Meine Rechtfertigung" — versetzte der Befragte — „steht im Talmud, und es heißt: Gefahr vertreibt den Sabbath." „Gefahr!" — schrie Plötzlich der lange Na- senstcrn und gebürdete sich wie in Todesangst — „Gefahr! Gefahr! Trommclhans, trommel, trommle, Gefahr! Gefahr! Trommclhans . . ." Draußen aber rief der Trommclhans mit seiner dicken Bicrstimmc: „Tausend Donner-Sakrament! Der Teufel hole die Juden! Das ist schon das dritte Mal, dass du mich heute aus dem Schlafe weckst, Nascnstcrn! Mach mich nicht rasend! Wenn ich rase, werde ich wie der leibhaftige Satanns, und dann, so wahr ich ein Christ bin, dann schieße ich mit der Büchse durch die Gittcr- luke des Thores, und dann hüte Jeder seine Nase!" „Schieß nicht! schieß nicht! ich bin ein einzelner Mensch" — wimmerte angstvoll der Nasen- 4» — 52 — stern und drückte sein Gesicht fest an die nächste Mauer, und in dieser Stellnng verharrte er zitternd und leise betend. „Sagt, sagt, was ist passiert?" — rief jetzt auch Jäkel der Narr mit all jener hastigen Neugier, die schon damals den Frankfurter Juden eigcnthümlich war. Der Rabbi aber riss sich von ihm los und ging mit seinem Weibe weiter die Judengassc hinauf. „Sieh, schöne Sara," — sprach er seufzend — „wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten seine Thorc von außen, und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht!" Langsam wanderten die Beiden durch die lange, leere Straße, wo nur hie und da ein blühender Mädchenkopf zum Fenster hinausguckte, während sich die Sonne in den blanken Scheiben festlich heiter bespiegelte. Damals nämlich waren die Häuser des Judenviertels noch ncn und nett, auch niedriger wie jetzt, indem erst späterhin die Juden, als sie in Frankfurt sich sehr vermehrten und doch ihr Quartier nicht erweitern durften, dort immer ein Stockwerk über das andere bauten, sar- dellcnartig zusammenrückten und dadurch an Leib und Seele verkrüppelten. Der Thcil des Judenquartiers , der nach dem großen Brande stehen geblieben und den man die alte Gasse nennt, jene hohen schwarzen Häuser, wo ein grinsendes, feuchtes Volk umhcrschachcrt, ist ein schauderhaftes Denkmal des Mittelalters. Die ältere Synagoge existiert nicht mehr; sie war minder geräumig als die jetzige, die später erbaut wurde, nachdem die Nürcmbergcr Vertriebenen in die Gemeinde aufgenommen worden. Sic lag nördlicher. Der Rabbi brauchte ihre Lage nicht erst zu erfragen. Schon aus der- Ferne vernahm er die vielen verworrenen und überaus lauten Stimmen. Im Hofe des Gotteshauses trennte er sich von seinem Weibe. Nachdem er an dem Brunnen, der dort steht, seine Hände gewaschen, trat er in jenen untern Thcil der Synagoge, wo die Männer beten; die schöne Sara hingegen erstieg eine Treppe nnd gelangte oben nach der Abthcilnng der Weiber. Diese obere Abtheilung war eine Art Galerie mit drei Reihen hölzerner, brannroth angestrichener Sitze, deren Lehne oben mit einem hängenden Brette versehen war, das, um das Gebetbuch darauf zu legen, sehr bequem aufgeklappt werden konnte. Die Frauen saßen hier schwatzend neben einander, oder standen aufrecht, inbrünstig betend; manchmal auch traten sie neugierig an das große Gitter, das sich längs der Morgcnseitc hinzog, und - 54 — durch dessen dünne grüne Latten man hinabschaucn konnte in die untere Abthcilnng der Synagoge. Dort, hinter hohen Bctpultcn, standen die Männer in ihren schwarzen Mänteln, die spitzen Bärtc herabschießend über die weißen Halskrausen, und die plattbcdcckten Köpfe mehr oder minder verhüllt von einem viereckigen, mit den gesetzlichen Schau fädcn versehenen Tuche, das aus weißer Wolle oder Seide bestand, mitunter auch mit goldncn Tressen geschmückt war. Die Wände der Synagoge waren ganz einförmig geweißt, und man sah dort keine andere Zierat als etwa das vergoldete Eisengitter um die viereckige Bühne, wo die Gcsctzab- schnittc verlesen werden, nnd die heilige Lade, ein kostbar gearbeiteter Kasten, scheinbar getragen von marmornen Säulen mit üppigen Kapitaler»,'deren Blumen- und Laubwerk gar lieblich emporrankte, und bedeckt mit einem Vorhang von kornblancm Sammct, worauf mit Goldflittcrn, Perlen und bunten Steinen eine fromme Inschrift gestickt war. Hier hing die silberne Gedächtnis-Ampel und erhob sich ebenfalls eine vergitterte Bühne, ans deren Geländer sich allerlei heilige Gcräthc befanden, unter andern der siebcnarmigc Tempel-Leuchter und vor demselben, das Antlitz gegen die Lade, stand der Vorsänger, dessen Gesang instrumcntcnartig — 55 — begleitet wurde von den Stimmen seiner beiden Gehülfcn, des Bassisten und des Diskantsängers. Die Juden haben nämlich alle wirkliche Instrumentalmusik aus ihrer Kirche verbannt, wähnend, dass der Lobgesang Gottes erbaulicher aufsteige aus der warmen Mcnschcnbrnst, als aus kalten Orgelpfeifen. Recht kindlich freute sich die schöne Sara, als jetzt der Vorsänger, ein trefflicher Tenor, seine Stimme erhob, und die uralten, ernsten Melodien, die sie so gut kannte, in noch nie geahmter junger Lieblichkeit aufblühctcn, während der Bassist zum Gegensätze die tiefen, dunkeln Töne hinein- brummtc, und in den Zwischenpausen der Diskantsänger fein und süß trillerte. Solchen Gesang hatte die schöne Sara in der Synagoge von Bacharach niemals gehört, denn der Gemeindevorsteher, David Levi, machte dort den Vorsänger, und wenn dieser schon bejahrte zitternde Mann mit seiner zerbröckelten, meckernden Stimme wie ein junges Mädchen trillern wollte, und in solch gewaltsamer Anstrengung seinen schlaff herabhängenden Arm fieberhaft schüttelte, so reizte Dergleichen wohl mehr zum Lachen als zur Andacht. Ein frommes Behagen, gemischt mit weiblicher Neugier, zog die schöne Sara ans Gitter, wo sie hinabschaucn konnte in die untere Abthci- — 56 — lung, die sogenannte Männcrschule. Sie hatte noch nie eine so große Anzahl Glaubensgenossen gesehen, wie sie da unten erblickte, und es ward ihr noch heimlich wohlcr ums Herz in der Mitte so vieler Menschen, die ihr so nahe verwandt durch gemeinschaftliche Abstammung, Denkweise und Leiden. Aber noch viel bewegter wurde die Seele des Weibes, als drei alte Männer ehrfurchtsvoll vor die heilige Lade traten, den glänzenden Vorhang an die Seite schoben, den Kasten aufschlössen und sorgsam jenes Buch herausnahmen, das Gott mit heilig eigner Hand geschrieben und für dessen Erhaltung die Juden so Viel erduldet, so viel Elend und Hass, Schmach und Tod, ein tausendjähriges Martyrthum. Dieses Buch, eine große Pergamcntrolle, war wie ein fürstliches Kind in einem bnntgcstickten Mäntclchcn von rothcm Sam- mct gehüllt; oben auf den beiden Rollhölzern steckten zwei silberne GchäuSchcn, worin allerlei Granaten und Glöckchcn sich zierlich bewegten und klingelten, und vorn an silbernen Kcttchcn hingen goldnc Schilde mit bunten Edelsteinen. Der Vorsänger nahm das Buch, und als sei es ein wirkliches Kind, ein Kind, um dcsscntwillcn man große Schmerzen erlitten und das man nur desto mehr liebt, wiegte er es in seinen Armen, tänzelte damit — 57 — hin und her, drückte es an seine Brust und, durchschauert von solcher Berührung, erhub er seine Stimme zu einem so jauchzend frommen Danklicde, dass es der schönen Sara bedünkte, als ob die Säulen der heiligen Lade zu blühen begönnen, und die wunderbaren Blumen und Blätter der Kapitälcr immer höher hinaufwüchsen, und die Töne des Disknntisten sich in lauter Nachtigallen verwandelten, und die Wölbung der Synagoge gesprengt würde von den gewaltigen Tönen des Bassisten, und die Freudigkeit Gottes hcrab- strömte aus dein blauen Himmel. Das war ein schöner Psalm. Die Gemeinde wiederholte chorartig die Schlussverse, und nach der erhöhten Bühne in der Mitte der Synagoge schritt langsam der Vorsänger mit dem heiligen Buche, während Männer und Knaben sich hastig hinzudrängteu, um die Sammethülle desselben zu küssen oder auch nur zu berühren. Aus der erwähnten Bühne zog man von dem heiligen Buche das sammtne Mäntclchcn so wie auch die mit bunten Buchstaben beschriebenen Windeln, womit eS umwickelt war, und aus der geöffneten Pcrgamcntrolle, in jenem singenden Tone, der am Paschafestc noch gar besonders moduliert wird, las der Vorsänger die erbauliche Geschichte von der Versuchung Abraham's. — 58 — Dic schöne Sara war bescheiden vom Gitter zurückgewichen, und eine breite, putzbcladenc Frau von mittlerem Alter und gar gespreizt wohlwollendem Wesen hatte ihr mit stummem Nicken die Miteinsicht in ihrem Gcbctbnchc vergönnt. Diese Frau mochte wohl keine große Schriftgelehrtin sein; denn als sie die Gebete murmelnd vor sich hinlas, wie dic Weiber, da sie nicht laut mitsingen dürfen, zu thun Pflegen, so bemerkte die schöne Sara, dass sie viele Worte allzusehr nach Gutdünken aussprach und manche gute Zeile ganz übcrschluppcrtc. Nach einer Weile aber hoben sich schmachtend langsam die wasscrklarcn Augen der guten Frau, ein flaches Lächeln glitt über das porzcllanhaft roth' und weiße Gesicht, und mit einem Tone, der so vornehm als möglich hinschmelzen wollte, sprach sie zur schönen Sara: „Er singt sehr gut. Aber ich habe doch in Holland noch viel besser singen hören. Sic sind fremd und wissen vielleicht nicht, dass es der Vorsänger aus Worms ist, und dass man ihn hier behalten will, wenn er mit jährlichen vierhundert Gulden zufrieden. ES ist ein lieber Mann, und seine Hände sind wie Alabaster. Ich halte viel von einer schönen Hand. Eine schöne Hand ziert den ganzen Menschen!" — Dabei legte die gute Frau selbstgefällig ihre Hand, die wirklich 59 - noch schön war, auf die Lehne des Bctpultcs, und mit einer graciöscn Beugung des Hauptes andeutend, dass sie sich im Sprechen nicht gern unterbrechen lasse, setzte sie hinzu: „Das Singcrchcn ist noch ein Kind und sieht sehr abgezehrt aus. Der Bass ist gar zu hässlich, und unser Stern hat mal sehr witzig gesagt: Der Bass ist ein größerer Narr als man von einem Bass zu verlangen braucht! Alle Drei speisen in meiner Garküche, und Sic wissen vielleicht nicht, dass ich Elle Schnapper bin." Die schöne Sara dankte für diese Mittheilung, wogegen wieder die Schnapper-Elle ihr ausführlich erzählte, wie sie einst in Amsterdam gewesen, dort wegen ihrer Schönheit gar vielen Nachstellungen unterworfen war, und wie sie drei Tage vor Pfingsten nach Frankfurt gekommen und den Schnapper gchcirathct, wie Dieser am Ende gestorben, wie er auf dem Todbcttc die rührendsten Dinge gesprochen, und wie es schwer sei, als Vorsteherin einer Garküche die Hände zu konservieren. Manchmal sah sie nach der Seite mit wegwerfendem Blicke, der wahrscheinlich einigen spöttischen jungen Weibern galt, die ihren Anzug musterten. Merkwürdig genug war diese Kleidung: ein weit ausgcbauschtcr Rock von weißem Atlas, worin alle Thierarten der Arche Noäh grellfarbig gestickt, ein Wams von Goldstoff wie ein Kürass, die Ärmel von rothem Sammt, gelb geschlitzt, auf dem Haupte eine unmenschlich hohe Mütze, um den Hals eine allmächtige Krause von weißem Steiflinnen, so wie auch eine silberne Kette, woran allerlei Schaupfennige, Kameen und Raritäten, unter andern ein großes Bild der Stadt Amsterdam, bis über den Busen herabhingen. Aber die Kleidung der übrigen Frauen war nicht minder merkwürdig und bestand wohl aus einem Gemische von Moden verschiedener Zeiten, und manches Weiblein, bedeckt mit Gold und Diamanten, glich einem wandelnden Juwelierladen. Es war freilich den Frankfurter Juden damals eine bestimmte Kleidung gesetzlich vorgeschrieben, und zur Unterscheidung von den Christen sollten die Männer an ihren Mänteln gelbe Ringe und die Weiber an ihren Mützen hochaufstchende blaugestrcifte Schleier tragen. Jedoch im Zudenquartier wurde diese obrigkeitliche Verordnung wenig beachtet, und dort, besonders an Festtagen und zumal in der Synagoge, suchten die Weiber so viel Kleiderpracht als möglich gegen einander auszukramen, theils um sich beneiden zu lassen, theils auch um dcn Wohlstand und die Kreditfähigkeit ihrer Ehe- Herrn darzuthnn. Während nun unten in der Synagoge die Gesetzabschnittc ans den Büchern Mosis vorgelesen werden, pflegt dort die Andacht etwas nachzulassen. Mancher macht es sich bequem und setzt sich nieder, flüstert auch wohl mit einem Nachbar über weltliche Angelegenheiten, oder geht hinaus auf dcn Hof, um frische Luft zu schöpfen. Kleine Knaben nehmen sich unterdessen die Freiheit, ihre Mütter in der Wciberabtheilung zu besuchen, und hier hat alsdann die Andacht wohl noch größere Rückschritte gemacht; hier wird geplaudert, geruddclt, gelacht, und, wie es überall geschieht, die jüngeren Frauen scherzen über die alten, und Diese klagen wieder über Leichtfertigkeit der Jugend und Verschlechterung der Zeiten. Gleichwie es aber unten in der Synagoge zu Frankfurt einen Vorsänger gab, so gab es in der oberen Abtheilung eine Borklatscherin. Das war Hündchen Reiß, eine platte grünliche Frau, die jedes Unglück witterte und immer eine skandalöse Geschichte auf der Zunge trug. Die gewöhnliche Zielscheibe ihrer Spitzrcdcn war die arme Schnapper-Elle, sie wusste gar drollig die erzwungen vornehmen Gebärden derselben nachzuäffen, so wie auch dcn schmachten- den Anstand , womit sie die schalkhaften Huldigungen der Jugend entgegen nimmt. „Wisst ihr wohl/' — rief jetzt Hündchen Reiß — „die Schnapper-Elle hat gestern gesagt: Wenn ich nicht schön und klng und geliebt wäre, so möchte ich nicht ans der Welt sein!" Da wurde etwas laut gekichert, und die nah- stehende Schnapper-Elle, merkend, dass es auf ihre Kosten geschah, hob vcrachtungsooll ihr Auge empor, und wie ein stolzes Prachtschiff segelte sie nach einem entfernteren Platze. Die Vögele Ochs, eine runde, etwas täppische Frau, bemerkte mitleidig, die Schnapper-Elle sei zwar eitel und beschränkt, aber sehr bravmüthig, und sie thuc sehr viel Gutes an Leute, die es nöthig hätten. „Besonders an den Nasenstcrn" — zischte Hündchen Reiß. Und Alle, die das zarte Verhältnis kannten, lachten um so lauter. „Wisst ihr wohl" — setzte Hündchen hämisch hinzu — „der Nasenstcrn schläft jetzt auch im Hause der Schnapper-Elle . . . Aber seht mal, dort unten die Tüschen Flörsheim trägt die Halskette, die Daniel Fleisch bei ihrem Manne versetzt hat. Die Fläsch ärgert sich . . . 'Jetzt spricht sie mit der Flörsheim . . . Wie sie sich so freundlich die — 63 — Hcind drücken! Und hassen sich doch wie Median und Moab! Wie sie sich so liebevoll anlächeln! Fresst euch nur nicht vor lauter Zärtlichkeit! Ich will mir das Gespräch anhören." Und nun, gleich einem lauernden Thiere, ^ schlich Hündchen Reiß hinzu und hörte, dass die beiden Frauen theilnehmend einander klagten, wie sehr sie sich verflossene Woche abgearbeitet, um in ihren Häusern aufzuräumen und das Küchcnge- schirr zu scheuern, was vor dem Paschafeste geschehen muss, damit kein einziges Brosämchen der gesäuerten Bröte daran kleben bleibe. Auch von der Mühseligkeit beim Backen der ungesäuerten Bröte sprachen die beiden Frauen. Die Fläsch hatte noch besondere Beklagnisse; im Backhansc der Gemeinde inusste sie viel Ärger erleiden, nach der Entscheidung des Loses konnte sie dort erst in den letzten Tagen, am Vorabend des Festes, und erst spät Nachmittags zum Backen gelangen, die alte Hanne hatte den Teig schlecht geknetet, die Mägde rollten mit ihren Wcrgclhölzcrn den Teig ^ viel zu dünn, die Hälfte der Bröte verbrannte im Ofen, und außerdem regnete es so stark, dass es durch das brcttcrne Dach des Backhauses beständig tröpfelte, und sie musstcn sich dort, nass und müde, bis tief in die Nacht abarbeiten. „Und daran, liebe Flörsheim" — setzte die Fläsch hinzu mit einer schonenden Freundlichkeit, die keineswegs acht war — „daran waren Sic auch ein bischen Schuld, weil Sie mir nicht Ihre Leute zur Hilfeleistung beim Backen geschickt haben." „Ach, Verzeihung" — erwicdcrte die Andre — „meine Leute waren zu sehr beschäftigt, die Messwaaren müssen verpackt werden, wir haben jetzt so Viel zu thun, mein Mann . . „Ich weiß," — fiel ihr die Fläsch mit schneidend hastigem Tone in die Rede — „ich weiß, ihr habt Viel zu thun, viel' Pfänder und gute Geschäfte, und Halsketten . . ." Eben wollte ein giftiges Wort den Lippen der Sprecherin entgleiten, und die Flörsheim ward schon roth wie ein Krebs, als plötzlich Hündchen Reiß laut aufkreischte: „Um Gottes Willen, die fremde Frau liegt und stirbt. . . Wasser! Wasser!" Die schöne Sara lag in Ohnmacht, blass wie der Tod, und um sie herum drängte sich ein Schwärm von Weibern, geschäftig und jammernd. Die Eine hielt ihr den Kops, eine Zweite hielt ihr den Arm; einige alte Frauen bespritzten sie mit den Wassergläschen, die hinter ihren Bctpultcn hängen zum Bchufc des Händewaschens, im Fall sie zufällig ihren eignen Leib berührten; Andre hielten — 65 — unter die Nase der Ohnmächtigen eine alte Citrone, die, mit Gewürznägelchcn durchstochen, noch vom letzten Fasttage herrührte, wo sie zum nervenstärkenden Anriechen diente. Ermattet und tief seufzend schlug endlich die schöne Sara die Augen aus, und mit stummen Blicken dankte sie für die gütige Sorgfalt. Doch jetzt ward unten das Achtzchn- Gcbet, welches Niemand versäumen darf, feierlich angestimmt, und die geschäftigen Weiber eilten zurück nach ihren Plätzen, und verrichteten jenes Gebet, wie es geschehen muss, stehend und das Gesicht gewendet gegen Morgen, welches die Himmelsgegend, wo Jerusalem liegt. Vögele Ochs, Schnapper-Elle und Hündchen Reiß verweilten am längsten bei der schönen Sara; die beiden Ersteren, indem sie ihr eifrigst ihre Dienste anboten, die Letztere, indem sie sich nochmals bei ihr erkundigte, wesshalb sie so plötzlich ohnmächtig geworden. Die Ohnmacht der schönen Sara hatte aber eine ganz besondere Ursache. Es ist nämlich Gebrauch in der Synagoge, dass Jemand, welcher einer großen Gefahr entronnen, nach der Verlesung der Gesetzabschnittc öffentlich hervortritt und der göttlichen Vorsicht für seine Rettung dankt. Als nun Rabbi Abraham zu solcher Danksagung unten in der Synagoge sich erhob, und die schöne He ine's Werke, Bd, IV, s — 66 — Sara die Stimme ihres Mannes erkannte, merkte sie, wie der Ton derselben allmählig in das trübe Gemurmel des Todtcngebetcs überging, sie hörte die Namen ihrer Lieben und Verwandten, und zwar begleitet von jenem segnenden Beiwort, das man den Verstorbenen crtheilt; und die letzte Hoffnung schwand aus der Seele der schönen Sara, und ihre Seele ward zerrissen von der Gcwissheit, dass ihre Lieben und Verwandte wirklich ermordet worden, dass ihre kleine Nichte todt sei, dass auch ihre Väschen, Blümchen und Vögclchen, todt seien, auch der kleine Gottschalk todt sei, Alle ermordet und todt! Von dem Schmerze dieses Bcwusstscins wäre sie schier selber gestorben, hätte sich nicht eine wohlthätigc Ohnmacht über ihre Sinne ergossen. — 67 — Kapitel III. Als die schöne Sara nach beendigtem Gottesdienste in den Hof der Synagoge hinabstieg, stand dort der Nabln, harrend seines Weibes. Er nickte ihr mit heiterem Antlitz nnd geleitete sie hinaus auf die Straße, wo die frühere Stille ganz verschwunden und ein lärmiges Mcnschcn- gewimmel zu schauen war. Bärtige Schwarzröcke, wie Ameisenhaufen; Weiber, glanzreich hinflatternd, wie Goldkäfer; ncugcklcidete Knaben, die den Alten die Gebetbücher nachtrugen; junge Mädchen, die, weil sie nicht in die Synagoge gehen dürfen, jetzt aus den Häusern ihren Eltern entgegen hüpfen, vor ihnen die Lockcnköpfchcn beugen, um den Segen zu empfangen — Alle heiter und freudig, nnd die Gasse auf und ab spazierend im seligen Vorgefühl eines guten Mittagmahls, dessen — 68 — lieblicher Duft schon mundwässcrnd hcrvorstieg eins den schwarzen, mit Kreide bezeichneten Töpfen, die eben von den lachenden Mägden aus dem großen Gemeinde-Ofen geholt worden. In diesem Gcwirre war besonders bemerkbar die Gestalt eines spanischen Ritters, auf dessen jugendlichen Gesichtszügen jene reizende Blässe lag, welche die Frauen gewöhnlich einer unglücklichen Liebe, die Männer hingegen einer glücklichen zuschreiben. Sein Gang, obschon gleichgültig hinschlendernd, hatte dennoch eine etwas gesuchte Zierlichkeit; die Federn seines Barettes bewegten sich mehr durch das vornehme Wiegen des Hauptes als durch das Wehen des Windes; mehr als eben nothwcndig klirrten seine goldenen Sporen und das Wchrgchänge seines Schwertes, welches er im Arme zu tragen schien, und dessen Griff kostbar hcrvorblitztc aus dem weißen Rcitermantcl, der seine schlanken Glieder scheinbar nachlässig umhüllte und dennoch den sorgfältigsten Faltenwurf verrietst. Hin und wieder, thcils mit Neugier, thcils mit Kennermienen, nahte er sich den vorüberwandcln- den Frauenzimmern, sah ihnen seelenruhig fest ins Antlitz, verweilte bei solchem Anschauen, wenn die Gesichter der Mühe lohnten, sagte auch manchem liebenswürdigen Kinde einige rasche Schmeichcl- Worte, und schritt sorglos weiter, ohne die Wirkung zu erwarten. Die schöne Sara hatte er schon mehrmals umkreist, jedesmal wieder zurückgeschcucht von dem gebietenden Blick Derselben oder auch von der rüthselhast lächelnden Miene ihres Mannes, aber endlich, in stolzem Abstreifen aller scheuen Befangenheit, trat er Beiden keck in den Weg, und mit stutzerhafter Sicherheit und süßlich galantem Tone hielt er folgende Anrede: „Sennora, ich schwöre! Hört, Scnnora, ich schwöre! Bei den Rosen beider Kastilien, bei den arragoncsischcn Hyacinthcn und andalusischcn Gra- natblüthcn! Bei der Sonne, die ganz Spanien mit all' seinen Blumen, Zwiebeln, Erbsensuppen, Wäldern, Bergen, Mauleseln, Ziegenböcken und Alt-Christen beleuchtet! Bei der Himmclsdcckc, woran diese Sonne nur ein goldner Quast ist! Und bei dem Gott, der auf der Himmelsdccke sitzt, und Tag und Nacht über neue Bildung holdseliger Frauengestalten nachsinnt . . . Ich schwöre, Scnnora, Ihr seid das schönste Weib, das ich im deutschen Lande gesehen habe, und so Ihr gewillet seid, meine Dienste anzunehmen, so bitte ich Euch um die Gunst, Huld und Erlaubnis, mich Euren Ritter nennen zu dürfen, und in Schimpf und Ernst Eure Farben zu tragen!" Ein erröthcndcr Schmerz glitt über das Antlitz der schönen Sara, und mit einem Blicke, der um so schneidender wirkt, je sanfter die Augen sind, die ihn versenden, und mit einem Tone, der um so vernichtender, je bebend weicher die Stimme, antwortete die ticfgekränktc Frau: „Edler Herr! Wenn Ihr mein Ritter sein wollt, so mufft Ihr gegen ganze Völker kämpfen, und in diesem Kampfe giebt es wenig Dank und noch weniger Ehre zu gewinnen! Und wenn Ihr gar meine Farben tragen wollt, so mufft Ihr gelbe Ringe auf Euren Mantel nähen oder eine blau- gestreifte Schärpe umbinden; denn Dieses sind meine Farben, die Farben meines Hauses, des Hauses, welches Israel heißt, und sehr elend ist, und auf den Gassen verspottet wird von den Söhnen des Glücks!" Plötzliche Purpurröthc bedeckte die Wangen des Spaniers, eine unendliche Verlegenheit arbeitete in allen seinen Zügen, und fast stotternd sprach er: „Sennora . . . Ihr habt mich missvcrstan- dcn . . . unschuldiger Scherz . . . aber, bei Gott, kein Spott, kein Spott über Israel... ich stamme selber aus dem Hause Israel . . . mein Großvater war ein Jude, vielleicht sogar mein Vater . . — 71 — „Und ganz sicher, Scnnor, ist Euer Oheim ein Jude" — fiel ihm der Rabbi, der dieser Sccne ruhig zugeschen, plötzlich in die Rede, und mit einem fröhlich neckenden Blicke setzte er hinzu: — „Und ich will mich selbst dafür verbürgen, dass Don Isaak Abarbancl, Neffe des großen Rabbi, dem besten Blute Jsracl's entsprossen ist, wo nicht gar dem königlichen Geschlcchtc David's!" Da klirrte das Schwcrtgchänge unter dem Mantel des Spaniers, seine Wangen erblichen wieder bis zur fahlsten Blässe, auf seiner Oberlippe zuckte es wie Hohn, der mit dem Schmerze ringt, aus seinen Augen grinste der zornigste Tod, und in einem ganz verwandelten, eiskalten, scharf- gehacktcn Tone sprach er: „Scnnor Rabbi! Ihr kennt mich. Nun wohlan, so wisst Ihr auch, wer ich bin. Und weiß der Fuchs, dass ich der Brut des Löwen angehöre, so wird er sich hüten, und seinen Fuchsbart nicht in Lebensgefahr bringen und meinen Zorn nicht reizen! Wie will der Fuchs den Löwen richten? Nur wer wie der Löwe fühlt, kann seine Schwächen begreifen . . ." „O, ich begreife es wohl," — antwortete der Rabbi, und wchmttthigcr Ernst zog über seine Stirnc — „ich begreife es wohl, wie der stolze Leu aus Stolz seinen fürstlichen Pelz abwirft und sich in den bunten Schnppenpanzer des Krokodils verkappt, weil es Mode ist, ein greinendes, schlaues, gefräßiges Krokodil zu sein! Was sollen erst die geringeren Thicre beginnen, wenn sich der Löwe verleugnet? Aber hüte dich, Don Isaak, du bist nicht geschaffen für das Element des Krokodils. Das Wasser — (du weißt wohl, wovon ich rede) — ist dein Unglück, und du wirst untergehen. Nicht im Wasser ist dein Reich; die schwächste Forelle kann besser darin gedeihen als der König des Waldes. Weißt du noch, wie dich die Strudel des Tago verschlingen wollten . . ." In ein lautes Gelächter ausbrechend, fiel Don Isaak plötzlich dem Rabbi um den Hals, vcrschloss seinen Mund mit Küssen, sprang sporcnklirrend vor Freude in die Höhe, dass die vorbeigehenden Juden zurückschraken, und in seinem natürlich herzlich heiteren Tone rief er: „Wahrhaftig, du bist Abraham von Bacharach! Und es war ein guter Witz und obendrein ein Frcundschastsstück, als du zu Toledo von der Alkantara-Brücke ins Wasser sprangest und deinen Freund, der besser trinken als schwimmen konnte, beim Schopf fasstest und aufs Trockene zogest! Ich war nahe dran, recht gründliche Untersuchungen anzustellen, ob auf dem Grunde des Tago wirklich Goldkörncr zu finden, und ob ihn mit Recht die Römer den goldncu Fluss genannt haben. Ich sage dir, ich erkälte mich noch heute durch die bloße Erinnerung an jene Wasserpartie." Bei diesen Worten gebürdete sich der Spanier, als wollte er anhängende Wasscrtropfen oon sich abschütteln. Das Antlitz des Rabbi aber war gänzlich aufgeheitert. Er drückte seinem Freunde wiederholentlich die Hand, und jedesmal sagte er: „Ich freue mich!" „Und ich freue mich ebenfalls," — sprach der Andere —- „wir haben uns seit sieben Jahren nicht gesehen; bei unserem Abschied war ich noch ein ganz junger Gelbschnabel, und du, du warst schon so gesetzt und ernsthast. . . Was ward aber aus der schönen Donna, die dir damals so oicle Seufzer kostete, wohlgereimte Seufzer, die du mit Lautcnklang begleitet hast . . ." „Still, still! die Donna hört uns, sie ist mein Weib, und du selbst hast ihr heute eine Probe deines Geschmackes und Dichtertalentcs dargebracht." Nicht ohne Nachwirkung der früheren Verlegenheit begrüßte der Spanier die schöne Frau, welche mit anmuthigcr Güte jetzt bedauerte, dass sie durch Äußerungen des Unmnths einen Freund ihres Mannes betrübt habe. „Ach, Scnnora," — antwortete Don Isaak — „wer mit täppischer Hand nach einer Rose griff, darf sich nicht beklagen, dass ihn die Dornen verletzten! Wenn der Abendstcrn sich im blauen Strome goldfunkelnd abspiegelt . . „Ich bitte dich um Gottcswillcn," — unterbrach ihn der Rabbi — „hör auf! . . . Wenn wir so lange warten sollen, bis der Abendstcrn sich im blauen Strome goldfnnkclnd abspiegelt, so verhungert meine Frau; sie hat seit gestern Nichts gegessen und seitdem viel Ungemach und Mühsal erlitten." „Nun, so will ich euch nach der besten Garküche Jsracl's führen" — rief Don Isaak — „nach dem Hause meiner Freundin Schnapper- Elle, daS hier in der Nähe. Schon rieche ich ihren holden Duft, nämlich der Garküche. O wüsstcst du, Abraham, wie dieser Duft mich anspricht! Er ist eS, der mich, seit ich in dieser Stadt verweile, so oft hinlockt nach den Zelten Jakob's. Der Verkehr mit dein Volke Gottes ist sonst nicht meine Liebhaberei, und wahrlich nicht nm hier zu beten, sondern um zu essen, besuche ich die Zndcngasse.. „Du hast uns nie geliebt, Don Isaak . . ." — 75 — „Ja" — fuhr der Spanier fort — „ ich liebe eure Küche weit mehr als euren Glauben; es fehlt ihm die rechte Sauce. Euch selber habe ich nie ordentlich verdauen können. Selbst in euren besten Zeiten, selbst unter der Regierung meines Ahnherrn David's, welcher König war über Inda nnd Israel, hätte ich eS nicht unter euch aushalten können, und ich wäre gewiss eines frühen Morgens ans der Burg Zion entsprungen und nach Phönicicn emigriert oder nach Babylon, wo die Lebenslust schäumte im Tempel der Götter . . „Du lästerst, Isaak, den einzigen Gott," — » murmelte finster der Rabbi — „du bist weit schlimmer als ein Christ, du bist ein Heide, ein Götzendiener . . ." „Ja, ich bin ein Heide, nnd eben so zuwider wie die dürren, freudlosen Hebräer sind mir die trüben, gualsüchtigcu Nazarener. Unsere liebe Frau von Sidvn, die heilige Astartc, mag es mir verzeihen, dass ich vor der schmcrzcnrcichcu Mutter des Gekreuzigten niederknie und bete . . . Nur mein Knie und meine Zunge huldigt dein Tode, mein Herz blieb treu dem Leben! . . „Aber schau nicht so sauer," — fuhr der Spanier fort in seiner Rede, als er sah, wie wenig dieselbe den Rabbi zu erbauen schien — „schau mich nicht an mit Abschen. Meine Nase ist nicht abtrünnig geworden. Als mich einst der Zufall um Mittagszeit in diese Straße führte, und aus den Küchen der Juden mir die wohlbekannten Düfte in die Nase stiegen, da crfasste mich jene Sehnsucht, die unsere Väter empfanden, als sie zurückdachten an die Fleischtöpfe Ägyptens; wohlschmeckende Jugcnderinncrnngen stiegen in mir auf; ich sah wieder im Geiste die Karpfen mit brauner Rosinensauce, die meine Tante für den Freitagabend so erbaulich zu bereiten wusstc; ich sah wieder das gedämpfte Hammelfleisch mit Knoblauch und Mairettig, womit man die Tobten erwecken kann, und die Suppe mit schwärmerisch schwimmenden Klößchen . . . und meine Seele schmolz, wie die Töne einer verliebten Nachtigall, und seitdem esse ich in der Garküche meiner Freundin Donna Schnapper-Elle!" Diese Garküche hatte man unterdessen erreicht; Schnapper-Elle selbst stand an der Thüre ihres Hauses, die Messfremdcn, die sich hungrig hinein- drängten, freundlich begrüßend. Hinter ihr, den Kopf über ihre Schulter hinauslehnend, stand der lange Nasenstcrn und musterte neugierig ängstlich die Ankömmlinge. Mit übertriebener Gran- dczza ncihtc sich Don Isaak unserer Gastwirthin, die seine schalkhaft tiefen Verbeugungen mit unendlichen Knixcn erwiderte; darauf zog er den Handschuh ab von seiner rechten Hand, umwickelte sie mit dem Zipfel seines Mantels, ergriff damit die Hand der Schnapper-Elle, strich sie langsam über die Haare seines Stutzbartes und sprach: „Sennora! Eure Augen wetteifern mit den Gluthcn der Sonne! Aber obgleich die Eier, je länger sie gekocht werden, sich desto mehr verhärten, so wird dennoch mein Herz nur um so weicher, je länger es von den Flammcnstrahlcn Eurer Augen gekocht wird! Aus der Dotter meines Herzens flattert hervor der geflügelte Gott Amur und sucht ein trauliches Ncstchcn in Eurem Busen .. . Diesen Busen, Sennora, womit soll ich ihn vergleichen? Es giebt in der weiten Schöpfung keine Blume, keine Frucht, die ihm ähnlich wäre! Dieses Gewächs ist einzig in seiner Art. Obgleich der Sturm die zartesten Nöslcin entblättert, so ist doch Euer Busen eine Winterrosc, die allen Winden trotzt! Obgleich die saure Citrone, je mehr sie altert, nur desto gelber und runzlichter wird, so wetteifert dennoch Euer Busen mit der Farbe und Zartheit der süßesten Ananas! O Sennora, ist auch die Stadt Amsterdam so schön, wie Ihr mir — 78 — gestern und vorgestern und alle Tage erzählt habt, so ist doch der Boden, worauf sie ruht, noch tausendmal schöner . . Der Ritter sprach diese letztcrn Worte mit erheuchelter Befangenheit und schielte schmachtend nach dem großen Bilde, das an Schnappcr-Ellc's Halse hing; der Nasenstcrn schaute von oben herab mit suchenden Augen, und der belobte Busen setzte sich in eine so wogende Bewegung, dass die Stadt Amsterdam hin und her wackelte. „Ach!" — seufzte die Schnapper-Elle — „Tugend ist mehr Werth als Schönheit. Waö nützt mir die Schönheit? Meine Jugend geht vorüber, und seit Schnapper todt ist — er hat wenigstens schöne Hände gehabt — was hilft mir da die Schönheit?" Und dabei seufzte sie wieder, und wie ein Echo, fast unhörbar, seufzte hinter ihr der Nasenstern. „Was Euch die Schönheit nützt?" — rief Don Isaak — „O, Donna Schnapper-Elle, versündigt Euch nicht an der Güte der schaffenden Natur! Schmäht nicht ihre holdesten Gaben! Sie würde sich furchtbar rächen. Diese beseligenden Augen würden blöde verglasen, diese anmuthigen - 79 — Lippen würden sich bis ins Abgeschmackte verspätten, dieser keusche, licbcsnchcndc Leib würde sich in eine schwerfällige Talgtonne verwandeln, die Stadt Amsterdam würde ans einen muffigen Morast zu ruhen kommen —" Und so schilderte er Stück vor Stück das jetzige Aussehn der Schnapper-Elle, so dass der armen Frau sonderbar beängstigend zu Muthe ward, und sie den unheimlichen Reden des Ritters zu entrinnen suchte. In diesem Augenblicke war sie doppelt froh, als sie der schönen Sara ansichtig ward und sich angelegentlichst erkundigen konnte, ob sie ganz von ihrer Ohnmacht genesen. Sic stürzte sich dabei in ein lebhaftes Gespräch, worin sie alle ihre falsche Vornehmthncrei und echte Herzensgüte entwickelte, und mit mehr Wcitläuftigkcit als Klugheit die fatale Geschichte erzählte, wie sie selbst vor Schrecken fast in Ohmnacht gefallen wäre, als sie wildfremd mit der Trekschuitc zu Amsterdam ankam, und der spitzbübische Träger ihres Koffers sie nicht in ein ehrbares Wirthshans, sondern in ein freches Fraucnhaus brachte, was sie bald gemerkt an dem vielen Brannteweingesöffe und den unsittlichen Zumnthungen . . . und sie wäre, wie gesagt, wirklich in Ohnmacht gefallen, wenn sie cö während der sechs Wochen, die sie in jenem vcr- — 80 — fänglichen Hause zubrachte, nur einen Augenblick wagen durste, die Augen zu schließen . . „Meiner Tugend wegen" -— setzte sie hinzu — „durfte ich es nicht wagen. Und das Alles passierte mir wegen meiner Schönheit! Aber Schönheit vergeht, und Tugend besteht." Don Isaak war schon im Begriff, die Einzelheiten dieser Geschichte kritisch zu beleuchten, als glücklicherweise der schelc Aron Hirschkuh von Homburg an der Lahn, mit der weißen Serviette im Maule, aus dem Hause hervorkam, und ärgerlich klagte, dass schon längst die Suppe aufgetragen sei und die Gäste zu Tische säßen und die Wirthin fehle. — — — (Der Schluss und die folgenden Kapitel sind, ohne Verschulden des Autors, verloren gegangen.) Aus den Memoiren des Herrn Ml SthnavclelMpM. LrÄcs Noch. (1831.) Hein e's Werke. Bd. IV. — 83 — Kapitel I. ein Vatcr hieß Schuabclcwopski; meine Mutter hieß Schnabelewopska; als Beider ehelicher Sohn wurde ich geboren den ersten April 1795 zu Schnabelewops. Meine Großtante, die alte Frau von Pipitzka, Pflegte meine erste Kindheit, und erzählte mir viele schöne Märchen, und sang mich oft in den Schlaf mit einem Licde, dessen Worte und Melodie meinem Gedächtnisse entfallen. Ich vergesse aber nie die geheimnisvolle Art, wie sie mit dem zitternden Kopfe nickte, wenn sie es sang, und wie wehmüthig ihr großer einziger Zahn, der Einsiedler ihres Mundes, alsdann zum Vorschein kam. Auch erinnere ich mich noch manchmal des Papageis, über dessen Tod sie oft bitterlich weinte. Die alte Großtante ist jetzt ebenfalls todt, und ich bin in der ganzen Welt wohl der einzige g« — 84 — Mensch, der an ihren lieben Papagei noch denkt. Unsere Katze hieß Mimi, und unser Hund hieß Zoli. Er hatte viel Menschenkenntnis und ging mir immer aus dem Wege, wenu ich zur Peitsche griff. Eines Morgens sagte unser Bedienter, der Hund trage den Schwanz etwas eingekniffcn zwi- , scheu den Beinen und lasse die Zunge länger als gewöhnlich hcrvorhängen; und der arme Zoli wurde, nebst einigen Steinen, die man ihm au den Hals festband, ins Wasser geworfen. Bei dieser Gelegenheit ertrank er. Unser Bedienter hieß Prrschtzztwitsch. Man muss dabei niesen, wenn man diesen Namen richtig aussprechen will. Unsere Magd hieß Swnrtszska, welches im Deutschen etwas rauh, - im Polnischen aber äußerst melodisch klingt. Es war eine dicke, untersetzte Person mit weißen Haaren und blonden Zähnen. Außerdem liefen noch zwei schöne schwarze Augen im Hause herum, welche man Scraphine nannte. Es war mein schönes herzlicbes Mühmelcin, und wir spielten zusammen im Garten, und belauschten die Haushaltung der Ameisen, und haschten Schmetterlinge, » und pflanzten Blumen. Sie lachte einst wie toll, als ich meine kleinen Strümpfchcn in die Erde pflanzte, in der Meinung, dass ein Paar große Hosen für meinen Vater daraus hcrvorwachscn würden. Mein Vater war die gütigste Seele von der Welt und war lange Zeit ein wunderschöner Mann; der Kopf gepudert, hinten ein niedlich geflochtenes Zöpfchen, das nicht hcrabhing, sondern mit einem Kämmchcn von Schildkröte auf dem Scheitel befestigt war. Seine Hände waren blendend weiß, und ich küsste sie oft. Es ist mir, als röche ich noch ihren süßen Duft und er dränge mir stechend ins Auge. Ich habe meinen Vater sehr geliebt; denn ich habe nie daran gedacht, dass er sterben könne. Mein Großvater väterlicher Seite war der alte Herr von Schnabelcwopski; ich weiß gar Nichts von ihm, außer dass er ein Mensch und dass mein Vater sein Sohn war. Mein Großvater mütterlicher Seite war der alte Herr von Wlrssrnski ^nan mnss gleichfalls niesen, wenn man seinen Namen richtig aussprechen will), und er ist abgemalt in einem scharlachrothcn Sammctrock und einem langen Degen, und meine Mutter erzählte mir oft, dass er einen Freund hatte, der einen grünseidenen Rock, rosascidne Hosen und weißseidne Strümpfe trug, und wüthend den kleinen Cha- pcanbas hin und her schwenkte, wenn er vom König von Preußen sprach. — 86 — Meine Mutter, Frau von Schnabelcwopska, gab mir, als ich heranwuchs, eine gute Erziehung. Sic hatte Viel gelesen; als sie mit mir schwanger ging, laS sie fast ausschließlich den Plutarch, und hat sich vielleicht an einem von Dessen großen Männern versehen, wahrscheinlich an einem von den Gracchcn. Daher meine mystische Sehnsucht, das agrarische Gesetz in moderner Form zu verwirklichen. Mein Freiheits- und GlcichhcitSsinn ist vielleicht solcher mütterlicher Vvrlcktüre beizumessen. Hätte meine Mutter damals das Leben des Cartouche gelesen, so wäre ich vielleicht ein großer Bankier geworden. Wie oft als Knabe versäumte ich die Schule, um ans den schönen Wiesen von SchnabelewopS einsam darüber nachzudenken, wie man die ganze Menschheit beglücken könnte. Man hat mich dcsshnlb oft einen Müßiggänger gescholten und als Solchen bestraft; und für meine Wcltbcglückungsgcdanken musste ich schon damals viel Leid und Noth erdulden. Die Gegend um SchnabelewopS ist übrigens sehr schön, es fließt dort ein Flüsschen, worin man des Sommers sehr angenehm badet, auch gicbt es allerliebste Vogelnester in den Gehölzen des Ufers. Das alte Gnc- sen, die ehemalige Hauptstadt von Polen, ist nur drei Meilen davon entfernt. Dort im Dom ist der heilige Adalbert begraben. Dort steht sein silberner Sarkophag, und darauf liegt sein eignes Konterfei in Lebensgröße, mit Bischofmütze und Krummstab, die Hände fromm gefaltet, und Alles von gegossenem Silber. Wie oft muss ich deiner gedenken, du silberner Heiliger! Ach, wie oft schleichen meine Gedanken nach Polen zurück, und ich stehe wieder in dem Dome von Gnesen, an den Pfeiler gelehnt, bei dem Grabmal Adalbert'?! Dann rauscht auch wieder die Orgel, als probiere der Organist ein Stück aus Allegri's Miserere; in einer fernen Kapelle wird eine Messe gemurmelt; die letzten Sonnenlichter fallen durch die bunten Fensterscheiben; die Kirche ist leer; nur vor dem silbernen Grabmal des Heiligen liegt eine betende Gestalt, ein wunderholdes Frauenbild, das mir einen raschen Seitenblick zuwirft, aber eben so rasch sich wieder gegen den Heiligen wendet und mit ihren sehnsüchtig schlauen Lippen die Worte flüstert: „Ich bete dich an!" In demselben Augenblick, als ich diese Worte hörte, klingelte in der Ferne der MesSner, die Orgel rauschte mit schwellendem Ungestüm, das holde Frauenbild erhob sich von den Stufen des Grabmals, warf ihren weißen Schleier über das crröthendc Antlitz, und verließ den Dom. „Ich bctc dich an!" Galten diese Worte mir oder dem silbernen Adalbert? Gegen Diesen hatte sie sich gewendet, aber nur mit dem Antlitz. Was bedeutete jener Seitenblick, den sie mir vorher zugeworfen und dessen Strahlen sich über meine Seele ergossen, gleich einem langen Lichtstreif, den der Mond über das nächtliche Meer dahingießt, wenn er aus dem Wolkendunkcl hervortritt und sich schnell wieder dahinter verbirgt? In meiner Seele, die eben so düster wie das Meer, weckte jener Lichtstreif alle die Ungethümc, die im tiefen Grunde schliefen, und die tollsten Haifische und Schwertfische der Leidenschaft schössen plötzlich hervor, und tummelten sich, und bissen sich vor Wonne in den Schwänzen, und dabei brauste und kreischte immer gewaltiger die Orgel, wie Sturmgetöse auf der Nordsee. Den anderen Tag verließ ich Polen. K npitel II. Meine Mutter packte selbst meinen Koffer; mit jedem Hemde hat sie auch eine gute Lehre hineingepackt. Die Wäscherinnen haben mir späterhin alle diese Hemde mitsammt den guten Lehren vertauscht. Mein Vater war tief bewegt; und er gab mir einen langen Zettel, worin er artikelweis aufgeschrieben, wie ich mich in dieser Welt zu Verhalten habe. Der erste Artikel lautete, dass ich jeden Dukaten zehnmal herumdrehen solle, ehe ich ihn ausgäbe. Das befolgte ich auch im Anfang; nachher wurde mir das beständige Herumdrehen viel zu mühsam. Mit jenem Zettel überreichte mir mein Vater auch die dazu gehörigen Dukaten. Dann nahm er eine Schere, schnitt damit das Zöpfchen von seinem lieben Haupte, und gab mir das Zöpfchen zum Andenken. Ich besitze es noch, — 90 und weine immer, wenn ich die gepuderten seinen Härchen betrachte — — Die Nacht vor meiner Abreise hatte ich folgenden Traum: Ich ging einsam spazieren in einer heiter schönen Gegend am Meer. Es war Mittag, und die Sonne schien auf das Wasser, dass es wie lauter Diamanten funkelte. Hie und da am Gestade erhob sich eine große Aloe, die sehnsüchtig ihre grünen Arme nach dem sonnigen Himmel cmpor- streckte. Dort stand auch eine Trauerweide mit lang herabhängenden Tressen, die sich jedesmal emporhoben, wenn die Wellen hcranspielten, so dass sie alsdann wie eine junge Nixe aussah, die ihre grünen Locken in die Höhe hebt, um besser hören zu können, was die verliebten Luftgeister ihr ins Ohr flüstern. In der That, Das klang manchmal wie Seufzer und zärtliches Gekosc. Das Meer erstrahlte immer blühender und lieblicher, immer wohllautender rauschten die Wellen, und auf den rauschenden glänzenden Wellen schritt einher der silberne Adalbert, ganz wie ich ihn im Gncscner Dome gesehen, den silbernen Krummstab in der silbernen Hand, die silberne Mschofmützc auf dem silbernen Haupte, und er winkte mir mit der Hand und er nickte mir mit dem Haupte, und endlich, — 91 — als cr mir gegenüberstand, rief cr mir zu mit unheimlicher Silbcrstimmc: — Ja, die Worte habe ich wegen des Wellcn- gcräusches nicht hören können. Ich glaube aber, mein silberner Nebenbuhler hat mich verhöhnt. Denn ich stand noch lange am Strande und weinte, bis die Abenddämmerung hereinbrach und Himmel und Meer trüb und blass wurden und traurig über alle Maßen. Es stieg die Fluth. Aloe und Weide krachten und wurden fortgeschwemmt von den Wogen, die manchmal hastig zurückliefen und desto ungestümer wieder heranschwollcn, tosend, schaurig, in schaumweißcn Halbkreisen. Dann aber >- auch hörte ich ein taktsörmigcS Geräusch wie Rndcr- schlag, und endlich sah ich einen Kahn mit der Brandung hcrantrcibcn. Vier weiße Gestalten, fahle Todtcngcsichter, eingehüllt in Leichentüchern, saßen darin und ruderten mit Anstrengung. In der Mitte des Kahnes stand ein blasses, aber unendlich schönes Fraucnbild, unendlich zart, wie geformt ans Liljenduft — und sie sprang ans Ufer. Der Kahn mit seinen gespenstischen Rudcrknechten schoss pfeilschnell wieder zurück ins hohe Meer, und in meinen Armen lag Panna Zadviga und weinte und lachte: „Ich bete dich an!" Kapitel III. Mein erster Ausflug, als ich Schnabelewops verließ, war nach Deutschland, und zwar nach Hamburg, wo ich sechs Monat blieb, statt gleich nach Lcydeu zu reisen und mich dort, nach dem Wunsche meiner Eltern, dem Studium der Got- tcsgclahrthcit zu ergeben. Ich muss gestehen, dass ich während jenes Semesters mich mehr mit weltlichen Dingen abgab als mit göttlichen. Die Stadt Hamburg ist eine gute Stadt; lauter solide Häuser. Hier herrscht nicht der schändliche Macbeth, sondern hier herrscht Banko. Der Geist Banko's herrscht überall in diesem kleinen Freistaate, dessen sichtbares Oberhaupt ein hoch- und wohlweiser Senat. In der That, es ist ein Freistaat, und hier findet man die größte politische Freiheit. Die Bürger können hier thun, was sie — 93 — wollen, und der hoch- und wahlweise Senat kann hier ebenfalls thun, was er will; Jeder ist hier freier Herr seiner Handlungen. Es ist eine Republik. Hätte Lafaycttc nicht das Glück gehabt den Ludwig Philipp zu finden, so würde er gewiss >. seineu Franzosen die hamburgischen Senatoren und Oberaltcn empfohlen haben. Hamburg ist die beste Republik. Seine Sitten sind englisch, und sein Essen ist himmlisch. Wahrlich, es giebt Gerichte zwischen dem Wandrnhmcn und dem Dreckwall, wovon unsere Philosophen keine Ahnung haben. Die Hamburger sind gute Leute und essen gut. Über Religion, Politik und Wissenschaft sind ihre > rcspcktiven Meinungen sehr verschieden, aber in Betreff des Essens herrscht das schönste Einverständnis. Mögen die christlichen Theologen dort noch so sehr streiten über die Bedeutung des Abendmahls: über die Bedeutung des Mittagsmahls sind sie ganz einig. Mag es unter den Juden dort eine Partei geben, die das Tischgebet auf Deutsch spricht, während eine andere es auf Hebräisch ab- singt: beide Parteien essen, und essen gut, und wissen das Essen gleich richtig zu beurtheilen. Die Advokaten, die Bratenwender der Gesetze, die so lange die Gesetze wenden und anwenden, bis ein Braten für sie dabei abfällt, Diese mögen noch — 94 — so sehr streiten, ob die Gerichte öffentlich sein sollen oder nicht: darüber sind sie einig, dass alle Gerichte gut sein müssen, und Zeder von ihnen hat sein Leibgericht. Das Militär denkt gewiss ganz tapfer spartanisch, aber von der schwarzen Suppe will es doch Nichts wissen. Die Ärzte, die in der Behandlung der Krankheiten so sehr uneinig sind und die dortige Nationalkrankhcit (nämlich Magenbeschwerden) als Browniancr durch noch größere Portionen Rauchfleisch oder als Homöopathen durch Viovoo Tropfen Absinth in einer großen Kumpc Mockturtelsuppe zu kurieren pflegen: diese Ärzte sind ganz einig, wenn von dem Gcschmackc der Suppe und des Rauchfleisches selbst die Rede ist. Hamburg ist die Vaterstadt des letztern, des Rauchfleisches, uud rühmt sich Dessen, wie Mainz sich seines Johann Faust's und Eislcben sich seines Lu- thcr's zu rühmen pflegt. Aber was bedeutet die Buchdruckerei und die Reformation in Vergleich mit Rauchfleisch? Ob beide crstercn genutzt oder geschadet, darüber streiten zwei Parteien in Deutschland; aber sogar unsere eifrigsten Jesuiten sind eingcständig, dass das Rauchfleisch eine gute, für den Menschen heilsame Erfindung ist. Hamburg ist erbaut von Karl dem Großen und wird bewohnt von 80,000 kleinen Leuten, die Alle mit Karl dem Großen, der in Aachen begraben liegt, nicht tauschen würden. Vielleicht beträgt die Bevölkerung von Hamburg gegen 100,000; ich weiß es nicht genau, obgleich ich ganze Tage lang auf den Straßen ging, um mir dort die Menschen zu betrachten. Auch habe ich gewiss manchen Mann übersehen, indem die Frauen meine besondere Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Letztere fand ich durchaus nicht mager, sondern meistens sogar korpulent, mitunter reizend schön, und im Durchschnitt von einer gewissen wohlhabenden Sinnlichkeit, die mir bei Leibe nicht missfiel. Wenn sie in der romantischen Liebe sich nicht allzu schwärmerisch zeigen und von der großen Leidenschaft des Herzens wenig ahnen, so ist Das nicht ihre Schuld, sondern die Schuld Amor's, des kleinen Gottes, der manchmal die schärfsten Liebcspfeilc auf seinen Bogen legt, aber aus Schalkheit oder Ungeschick viel zu tief schießt, und statt des Herzens der Hamburgerinnen nur ihren Magen zu treffen pflegt. Was die Männer betrifft, so sah ich meistens untersetzte Gestalten, verständige kalte Augen, kurze Stirn, nachlässig herabhängende rothe Wangen, die Esswerkzcuge besonders ausgebildet, der Hut wie festgenagelt aus dem Kopfe, und die Hände in beiden Hosentaschen, — 96 — wie Einer, der eben fragen will: Was Hab' ich zu bezahlen? Zu den Merkwürdigkeiten der Stadt gehören: 1) das alte Rathhaus, wo die großen Hamburger Bankiers, aus Stein gemeißelt und mit Sccpter und Reichsapfel in Händen, abkonterfeit stehen. 2) Die Börse, wo sich täglich die Söhne Hammo- nia's versammeln, wie einst die Römer auf dem Forum, und wo über ihren Häuptern eine schwarze Ehrentafel hängt mit dem Namen ausgezeichneter Mitbürger. 3) Die schöne Marianne, ein außerordentlich schönes Frauenzimmer, woran der Zahn der Zeit schon seit zwanzig Jahren kaut — Nebenbei gesagt, der „Zahn der Zeit" ist eine schlechte Metapher, denn sie ist so alt, dass sie gewiss keine Zähne mehr hat, nämlich die Zeit — die schöne Marianne hat vielmehr jetzt noch alle ihre Zähne und noch immer Haare darauf, nämlich auf den Zähnen. 4) Die ehemalige Ccntralkassc. 5) Altona. 6) die Originalmanuskripte von Marr's Tragödien. 7) Der Eigcnthümcr des Röding'schen Kabinetts. 8) Die Börscnhalle. 9) Die Bacchushalle, und endlich 10) das Stadttheater. Letzteres verdient besonders gepriesen zu werden, seine Mitglieder sind lauter gute Bürger, ehrsame Hausväter, die sich nicht verstellen können und Niemanden täuschen, Männer, die das Theater zun? Gotteshaus?' machen, indem sie den Unglücklichen, der an der Menschheit verzweifelt, aufs wirksamste überzeugen, dass nicht Alles in der Welt eitel Heuchelei und Verstellung ist. Bei Aufzählung der Merkwürdigkeiten der Republik Hamburg kann ich nicht umhin zu erwähnen, dass zu meiner Zeit der Apollosaal auf der Drehbahn sehr brillant war. Jetzt ist er sehr heruntergekommen, und es ?verdcn dort philharmonische Konccrte gegeben, Taschcnspielcrkünste gezeigt und Naturforscher gefüttert. Einst war es anders! Es schmetterten die Trompeten, es wirbelten die Pauken, es flatterten die Straußfcdcrn, und Heloise und Minka rannten durch die Reihen der Oginski- Polonaisc, und Alles war sehr anständig. Schöne Zeit, wo mir das Glück lächelte! Und das Glück hieß Heloise! Es war ein süßes, liebes, beglückendes Glück mit Roscnwangcn, LiljcnnäSchen, heiß- duftigen Nelkcnlippcn, Augen wie der blaue Bergsee; aber etwas Dummheit lag auf der Stirne, wie ein trüber Wolkenflor über einer prangenden Frühlingslandschaft. Sic war schlank wie eine Pappel und lebhaft wie ein Vogel, und ihre Haut war so zart, dass sie zwölf Tage geschwollen blieb durch den Stich einer Haarnadel. Ihr Schmollen, Hein e's Werke. Bd. IV. 7. — 98 — als ich sie gestochen hatte, dauerte aber nur zwölf Sekunden, und dann lächelte sie — Schöne Zeit, als das Glück mir lächelte!... Minka lächelte seltener, denn sie hatte keine schöne Zähne. Desto schöner aber waren ihre Thränen, wenn sie weinte, und sie weinte bei jedem fremden Unglück, und sie war wohlthätig über alle Begriffe. Den Armen gab sie ihren letzten Schilling; sie war sogar oft in der Lage, wo sie ihr letztes Hemd weggab, wenn man es verlangte. Sie war so seelengut. Sie konnte Nichts abschlagen, ausgenommen ihr Wasser. Dieser weiche, nachgiebige Charakter kontrastierte gar lieblich mit ihrer äußeren Erscheinung. Eine kühne, junonische Gestalt; weißer frecher Nacken, umringclt von wilden schwarzen Locken, wie von wollüstigen Schlangen; Augen, die unter ihren düsteren Sicgesbogen so wcltbchcrrschend strahlten; purpnrstolzc, hochgcwölbtc Lippen; marmorne, gebietende Hände, worauf leider einige Sommersprossen; auch hatte sie in der Form eines kleinen Dolchs ein braunes Muttermal an der linken Hüfte. Wenn ich dich in sogenannte schlechte Gesellschaft gebracht, lieber Leser, so tröste dich damit, dass sie dir wenigstens nicht so viel gekostet wie mir. Doch wird es später in diesem Buche nicht — 9V — an idealischen Frauenspersonen fehlen, und schon jetzt will ich dir zur Erholung zwei AnstandSdamcn vorführen, die ich damals kennen und verehren lernte. Es ist Madame Pieper und Madame Schnicpcr. Erstcre war eine schöne Frau in ihren reifsten Jahren, große schwärzliche Augen, eine große weiße Stirnc, schwarze falsche Locken, eine kühne altrömischc Nase, und ein Maul, das eine Guillotine war für jeden guten Namen. In der That, für einen Namen gab es keine leichtere Hinrichtungsmaschine als Madame Pieper's Manl; sie ließ ihn nicht lange zappeln, sie machte keine langwichtige Vorbereitungen; war der beste gute Name zwischen ihre Zähne gerathen, so lächelte sie nur — aber dieses Lächeln war wie ein Fallbeil, und die Ehre war abgeschnitten und fiel in den Sack. Sie war immer ein Muster von Anstand, Ehrsamkeit, Frömmigkeit und Tugend. Von Madame Schnicpcr ließ sich Dasselbe rühmen. Es war eine zarte Frau, kleine ängstliche Brüste, gewöhnlich mit einem wehmüthig dünnen Flor umgeben, hellblonde Haare, hellblaue Augen, die entsetzlich klug hervorstachen ans dem weißen Gesichte. Es hieß, man könne ihren Tritt nie hören, und wirklich, ehe man sich Dessen versah, stand sie oft nc'ben Einem, und verschwand dann wieder eben so ge- 7» — 100 — rüuschlos. Ihr Lächeln war ebenfalls tödlich für jeden guten Namen, aber minder wie ein Beil, als vielmehr wie jener afrikanische Giftwind, von dessen Hauch schon alle Blumen verwelken; elendiglich verwelken muffte jeder gute Name, über den sie nur leise hinlächelte. Sic war immer ein Muster von Anstand, Ehrsamkeit, Frömmigkeit und Tugend. Ich würde nicht ermangeln, mehre von den Söhnen Hammonia's ebenfalls hcrvorzulobcn und einige Männer, die man ganz besonders hochschätzt — namentlich Diejenigen, welche man auf einige Millionen Mark Banko zu schätzen Pflegt — aufs prächtigste zu rühmen; aber ich will in diesem Augenblick meinen Enthusiasmus unterdrücken, da- ^ mit er späterhin in desto helleren Flammen emporlodere. Ich habe nämlich nichts Geringeres im Sinn, als einen Ehrcntempcl Hamburg's herauszugeben, ganz nach demselben Plane, welchen schon vor zehn Jahren ein berühmter Schriftsteller entworfen hat, der in dieser Absicht jeden Hamburger aufforderte, ihm ein spccificicrtcs Jnvcntarinm seiner spcciellen Tugenden, nebst einem Spccics-Thalcr, aufs schleunigste einzusenden. Ich habe nie recht erfahren können, warum dieser Ehrcntempcl nicht zur Ausführung kam; denn die Einen sagten, der Unternehmer, der Ehrenmann, sei, als er kaum von — 101 — Aaron bis Abendroth gekommen und gleichsam die ersten Klötze eingerammt, von der Last des Materials schon ganz erdrückt worden; die Anderen sagten, der hoch- und wohlweise Senat habe aus allzngroßcr Bescheidenheit das Projekt hintertrieben, indem er dem Baumeister seines eignen Ehrcntem- pels plötzlich die Weisung gab, binnen vicrnnd- zwanzig Stunden das Hamburgischc Gebiet mit allen seinen Tugenden zu verlassen. Aber gleichviel aus welchem Grunde, das Werk ist nicht zu Stande gekommen; und da ich ja doch einmal aus angeborener Neigung etwas Großes thun wollte in dieser Welt und immer gestrebt habe das Unmögliche zu leisten, so habe ich jenes ungeheure Projekt wieder aufgcfasst, und ich liefere einen Ehrentcmpcl Hambnrg'S, ein unsterbliches Ricscn- buch, worin ich die Herrlichkeit aller seiner Einwohner ohne Ausnahme beschreibe, worin ich edle Zuge von geheimer Mildthätigkeit mitthcile, die noch gar nicht in der Zeitung gestanden, worin ich Großthaten erzähle, die Keiner glauben wird, und worin mein eignes Bildnis, wie ich auf dem Jungfernsticg vor dem Schweizerpavillon sitze und über Hamburg's Verherrlichung nachdenke, als Vignette paradieren soll. 102 K n p itel IV. Für Leser, denen die Stadt Hamburg nicht bekannt ist — und es giebt Deren vielleicht in China und Ober-Baicrn — für diese muss ich bemerken, dass der schönste Spaziergang der Söhne und Töchter Hammonia's den rechtmäßigen Namen Jnngfcrnsticg führt; dass er aus einer Lindenallee besteht, die ans der einen Seite von einer Reihe Häuser, auf der anderen Seite von dem großen Alstcrbassin begrenzt wird; und dass vor letzterem, ins Wasser hineingcbaut, zwei zcltartige lustige Kaffehänslcin stehen, die man Pavillons nennt. Besonders vor dem einen, dem sogenannten Schwci- zcrpavillon, lässt sich gut sitzen, wenn es Sommer ist und die Nachmittagssonnc nicht zu wild glüht, sondern nur heiter lächelt und mit ihrem Glänze die Linden, die Häuser, die Menschen, die Alfter — 103 — und die Schwäne, die sich darauf wiegen, fast märchenhaft lieblich übergießt. Da lässt sich gut sitzen, und da saß ich gut gar manchen Sommernachmittag, und dachte, was ein junger Mensch zu denken Pflegt, nämlich gar Nichts, und betrachtete, was ein junger Mensch zu betrachten Pflegt, nämlich die jungen Mädchen, die vorübergingen — und da flatterten sie vorüber, jene holden Wesen mit ihren geflügelten Häubchen und ihren verdeckten Körbchen, worin Nichts enthalten ist — da trippelten sie dahin, die bunten Vierländerinnen, die ganz Hamburg mit Erdbeeren und eigener Milch versehen, und deren Röcke noch immer viel zu lang sind — da stolzierten die schönen Kaufmannstöchter, mit deren Liebe man auch so viel bares Geld bekömmt — da hüpft eine Amme, auf den Armen ein rosiges Knäbchen, das sie beständig küsst, während sie an ihren Geliebten denkt — da wandeln Priesterinnen der schaumcntsticgenen Göttin, hanseatische Vestalcn, Dianen, die auf die Jagd gchn, Najaden, Dryaden, Hamadryaden und sonstige Predigcrstöchtcr — ach! da wandelt auch Minka und Heloisa! Wie oft saß ich vor dem Pavillon und sah sie vorübcrwandeln in ihren rosagestrciften Roben — die Elle kostet 4 Mark und 3 Schilling, und Herr Seligmann hat mir versichert, die Rosa- streifen würden im Waschen die Farbe behalten — Prächtige Dirnen! riefen dann die tugendhaften Jünglinge, die neben mir saßen. — Ich erinnere mich, ein großer Assekuradeur, der immer wie ein Pfingstochs geputzt ging, sagte einst: Die Eine möcht' ich mir mal als Frühstück und die Andere als Abendbrot zu Gcmüthe führen, und ich würde an solchem Tage gar nicht zu Mittag speisen — Sie ist ein Engel! sagte einst ein Seekapitän ganz laut, so dass sich beide Mädchen zu gleicher Zeit umsahen, und sich dann einander eifersüchtig anblickten. — Ich selber sagte nie Etwas, und ich dachte meine süßesten Garnichtsgcdankcn, und betrachtete die Mädchen und den heiter sanften Himmel und den langen Petrithnrm mit der schlanken Taille und die stille blaue Alfter, worauf die Schwäne so stolz und so lieblich und so sicher umherschwammen. Die Schwäne! Stundenlang konnte ich sie betrachten, diese holden Geschöpfe mit ihren sanften langen Hälsen, wie sie sich üppig auf den weichen Finthen wiegten, wie sie zuweilen selig untertauchten und wieder auftauchten, und übcrmüthig plätscherten, bis der Himmel dunkelte, und die goldnen Sterne hervortraten, verlangend, verheißend, wunderbar zärtlich, verklärt. Die Sterne! Sind es goldne Blumen am bräutlichen 105 Buscn des Himmels? Sind es verliebte Engelsaugen, die sich sehnsüchtig spiegeln in den blauen Gewässern der Erde und mit den Schwänen buhlen? Ach! Das ist nun lange her. Ich war damals jung und thöricht. Jetzt bin ich alt und thöricht. Manche Blume ist unterdessen verwelkt und manche sogar zertreten worden. Manches scidnc Kleid ist unterdessen zerrissen, und sogar der rosagestrcifte Kattun des Herrn Seligmann hat unterdessen die Farbe verloren. Er selbst aber ist ebenfalls verblichen — die Firma ist jetzt „Selig- mann's selige Wittwc" — und Heloisa, das sanfte Wesen, das geschaffen schien, nur auf weichbe- blümten indischen Teppichen zu wandeln und mit Pfauenfedern gefächelt zu werden, sie ging unter in Matrosenlärm, Punsch, Tabaksrauch und schlechter Musik. Als ich Minka wiedersah — sie nannte sich jetzt Kathinka und wohnte zwischen Hamburg und Altona — da sah sie aus wie der Tempel Salomonis, als ihn Nebukadnezar zerstört hatte, und roch nach assyrischem Knaster — und als sie mir Heloisa's Tod erzählte, weinte sie bitterlich und riss sich verzwciflungsvoll die Haare aus, und wurde schier ohnmächtig, und mnsste ein großes Glas Branntwein austrinken, um zur Besinnung zu kommen. — 106 — Und die Stadt selbst, wie war sie verändert. Und der Zungfcrnstieg! Der Schnee lag auf den Dächern, und es schien, als hätten sogar die Häuser gealtert uud weiße Haare bekommen. Die Linden des Znngfcrnstiegs waren nur todte Bäume mit dürren Ästen, die sich gespenstisch im kalten Winde bewegten. Der Himmel war schneidend blan und dunkelte hastig. Es war Sonntag, fünf Uhr, die allgemeine Fütterungsstunde, und die Wagen rollten, Herren und Damen stiegen aus mit einem gcfrorncn Lächeln auf den hungrigen Lippen — Entsetzlich! in diesem Augenblick durchschauerte mich die schreckliche Bemerkung, dass ein unergründlicher Blödsinn auf allen diesen Gesichtern lag, und dass alle Menschen, die eben vorbeigingen, in einem wunderbaren Wahnwitz befangen schienen. Ich hatte sie schon vor zwölf Jahren um dieselbe Stunde mit denselben Mienen, wie die Puppen einer Rathhansuhr, in derselben Bewegung gesehen, und sie hatten seitdem ununterbrochen in derselben Weise gerechnet, die Börse besucht, sich einander eingeladen, die Kinnbacken bewegt, ihre Trinkgelder bezahlt, und wieder gerechnet: zweimal zwei ist vier -— Entsetzlich! rief ich, wenn Einem von diesen Leuten, während er auf dem Komptoirbock säße, plötzlich einfiele, dass 107 — zweimal zwei eigentlich fünf sei, und dass er also sein ganzes Leben verrechnet und sein ganzes Leben in einem schauderhaften Jrrthum vergeudet habe! Auf einmal aber ergriff mich selbst ein närrischer Wahnsinn, und als ich die vorüberwandlcndeu Menschen genauer betrachtete, kam es mir vor, als seien sie selber Nichts anders als Zahlen, als ara- bische Ziffern; und da ging eine krummsüßigc Zwei neben einer fatalen Drei, ihrer schwangeren und vollbusigen Frau Gemahlin; dahinter ging Herr Vier auf Krücken; einhcrwatschclnd kam eine fatale Fünf, rundbäuchig mit kleinem Köpfchen; dann kam eine wohlbekannte kleine Sechse und eine noch wohlbekanntere böse Sieben — doch als ich die unglückliche Acht, wie sie vorübcrschwankte, ganz genau betrachtete, erkannte ich den Assckura- dcur, der sonst wie ein PfingstochS geputzt ging, jetzt aber wie die magerste von Pharao's mageren Kühen aussah — blasse hohle Wangen wie ein leerer Suppenteller, kaltrothe Nase wie eine Win- tcrrose, abgeschabter schwarzer Rock, der einen kümmerlich weißen Wicdcrschcin gab, ein Hut, worin Saturn mit der Sense einige Luftlöcher geschnitten, doch die Stiefel noch immer spiegelblank gewichst — und er schien nicht mehr daran zu denken, He- loisa und Minka als Frühstück und Abendbrot zu — 108 — verzehren, er schien sich vielmehr nach einem Mittagessen von gewöhnlichem Rindfleisch zn sehnen. Unter den vorübcrrollenden Nnllen erkannte ich noch manchen alten Bekannten. Diese nnd die anderen Zahlenmcnschen rollten vorüber, hastig und hungrig, während unfern längs den Häusern des Jungfernstiegs noch grauenhafter drollig ein Leichenzug sich hinbewegte. Ein trübsinniger Mummenschanz! hinter dem Trauerwagen, cinherstclzend auf ihren dünnen schwarzseidencn Beinchcn, gleich Marionetten des Todes, gingen die wohlbekannten Rathsdiener, privilegierte Leidtragende in parodiert altbnrgundischem Kostüm; kurze schwarze Mäntel und schwarze Pluderhosen, weiße Perücken und weiße Halsberge, wozwischen die rothen bezahlten Gesichter gar possenhaft hervorgucken, kurze Stahl- dcgen an den Hüften, unterm Arm ein grüner Regenschirm. Aber noch unheimlicher und verwirrender als diese Bilder, die sich wie ein chinesisches Schattenspiel schweigend vorbeibewegten, waren die Töne, die von einer anderen Seite in mein Ohr drangen. Es waren heisere, schnarrende, mctalllose Töne, ein unsinniges Kreischen, ein ängstliches Plätschern und verzweifelndes Schlürfen, ein Kcichcn und Schottern, ein Stöhnen nnd Ächzen, ein mibe- — 109 — schrcibbar eiskalter Schmerzlaut. DaS Bassin der Alfter war zugefroren, nur nahe am Ufer war ein großes breites Viereck in der Eisdecke ansgehaucn, und die entsetzlichen Töne, die ich eben vernommen, kamen aus den Kehlen der armen weißen Geschöpfe, die darin herumschwammen und in entsetzlicher Todesangst schrieen, und ach! es waren dieselben Schwäne, die einst so weich und heiter meine Seele bewegten. Ach! die schönen Weißen Schwäne, man hatte ihnen die Flügel gebrochen, damit sie im Herbst nicht auswandern konnten nach dem warmen Süden, und jetzt hielt der Norden sie festgebannt in seinen dunkeln Eisgrubcn — und der Markcur des Pavillons meinte, sie befänden sich Wohl darin, und die Kälte sei ihnen gesund. Das ist aber nicht wahr, es ist Einem nicht wohl, wenn man ohnmächtig in einem kalten Pfuhl eingekerkert ist, fast eingefroren, und Einem die Flügel gebrochen sind, und man nicht fortfliegen kann nach dem schönen Süden, wo die schönen Blumen, wo die goldncn Sonnenlichter, wo die blauen Bcrg- sccn — Ach! auch mir erging es einst nicht viel besser, und ich verstand die Qual dieser armen Schwäne; und als es gar immer dunkler wurde, und die Sterne oben hell hervortraten, dieselben Sterne, die einst in schönen Sommernächten so — 110 — liebcheiß mit den Schwänen gebuhlt, jetzt aber so winterkalt, so frostig klar und fast verhöhnend auf sie hcrabblickten — wohl begriff ich jetzt, dass die Sterne keine liebende, mitfühlende Wesen sind, sondern nur glänzende Täuschungen der Nacht, ewige Trugbilder in einem erträumten Himmel, goldne Lügen im dunkelblauen Nichts — — Kapitel V. Während ich das vorige Kapitel hinschrieb, dacht' ich unwillkürlich an ganz etwas Anderes. Ein altes Lied summte mir beständig im Gedächtnis, und Bilder und Gedanken verwirrten sich anfs unleidlichste; ich mag wollen oder nicht, ich muss von jenem Liede sprechen. Vielleicht auch gehört es hiehcr und es drängt sich mit Recht in mein Geschreibsel hinein. Ja, ich fange jetzt sogar an es zu verstehen, und ich verstehe jetzt auch den verdüsterten Ton, womit der Klas Hinrichson es sang; er war ein Jütländcr und diente bei uns als Pferdeknecht. Er sang es noch den Abend vorher, che er sich in unserem Stall crhcnktc. Bei dem Refrain: „Schau dich um, Herr Vouvcd!" lachte er manchmal gar bitterlich; die Pferde wieherten dabei sehr angstvoll, und der Hofhund — 112 — bellte, als stürbe Jemand. Es ist das altdanischc Lied von dem Herrn Vonved, der in der Welt ausreitct nnd sich so lange darin herumschlagt, bis man seine Fragen beantwortet, und der endlich, wenn alle seine Räthsel gelöst sind, gar verdrießlich nach Hause reitet. Die Harfe klingt von Anfang bis zu Ende. Was sang er im Anfang? was sang er am Ende? Ich Hab' oft darüber nachgedacht. Klas Hinrichson's Stimme war manchmal thränenwcich, wenn er das Lied anfing, und wurde allmählig rauh und grollend wie das Meer, wenn ein Sturm heranzieht. Es beginnt: Herr Vonved sitzt im Kämmerlein, Er schlägt die Goldharf' an so rein, Er schlägt die Goldharf' unterm Kleid, Da kommt seine Mutter gegangen herein. Schau dich um, Herr Vonved! Das war seine Mutter Adekin, die Königin, die spricht zu ihm: Mein junger Sohn, lass Andere die Harfe spielen, gürt um das Schwert, besteige dein Ross, reit aus, versuche deinen Mnth, kämpfe und ringe, schau dich um in der Welt, schau dich um, Herr Vonved! Und — 113 Herr Vonved bindet sein Schwert anchie Seite, Ihn lüftet mit Kämpfern zu streiten. So wunderlich ist seine Fahrt: Gar keinen Mann er drauf gewahrt. Schau dich um, Herr Vonved! Sein Helm war blinkend, Sein Sporn war klingend, Sein Ross war springend, Selbst der Herr war so schwingend. Schau dich um, Herr Vonved! Ritt einen Tag, ritt drei darnach. Doch nimmer eine Stadt er sah' Eia, sagte der junge Mann, Ist keine Stadt in diesem Land? Schau dich um, Herr Vonved! Er ritt wohl auf dem Weg dahin, Herr Thüle Vang begegnet' ihm, Herr Thüle mit seinen Söhnen zumal, Die waren gute Ritter all'. Schau dich um, Herr Vonved! He ine's Werke. Bd. IV. Z — 114 — Mein jüngster Sohn, hör' du mein Wort: Den Harnisch tausch mit mir sofort, Unter uns tauschen wir das Panzcrkleid, Eh' wir schlagen diesen Helden frei. Schau dich um, Herr Vonved! Herr Vonved reißt sein Schwert von der Seite, Es lüftet ihn mit Kämpfern zu streiten; Erst schlägt er den Herren Thüle selbst, Darnach all' seine Söhne zwölf. Schau dich um, Herr Vonved! Herr Vonved bindet sein Schwert an die Seite, es lüftet ihn weiter auszurcitcn. Da kommt er zu dem Weidmann und verlangt von ihm die Hälfte seiner Jagdbeute; Der aber will nicht theilen, und muss mit ihm kämpfen, und wird erschlagen. Und Herr Vonved bindet sein Schwert an die Seite, Ihn lüftet weiter auszurcitcn; Zum großen Berge der Held hinreit't, Sieht, wie der Hirt das Vieh da treibt. Schau dich um, Herr Vouvcd! Und hör du, Hirte, sag du mir: Wess ist das Vieh, das du treibst vor dir? Und was ist runder als ein Rad? Wo wird getrunken fröhliche Weihnacht? Schau dich um, Herr Vonvcd ! Sag: wo steht der Fisch iu der Fluth? Und wo ist der rothc Vogel gut? Wo mischet man den besten Wein? Wo trinkt Vidrich mit den Kämpfern sein? Schau dich um, Herr Vonved! Da saß der Hirt, so still sein Mund, Davon er gar Nichts sagen knnnt'. Er schlug nach ihm mit der Zunge, Da fiel heraus Leber und Lunge. Schau dich um, Herr Vonvcd! Und cr kommt zu cincr anderen Herde, und da sitzt wieder ein Hirt, an den cr seine Fragen richtet. Dieser aber giebt ihm Bescheid, und Herr Vonved nimmt einen Goldring und steckt ihn dem Hirten an den Arm. Dann reitet cr weiter und kommt zu Tyge Nold, und erschlägt ihn mitsammt seinen zwölf Söhnen. Und wieder 8- — 11k — Er warf herum sein Pferd. Herr Vonved der junge Edclherr; Er thät über Berg' und Thale dringen. Doch könnt' er Niemand zur Rede bringen. Schau dich um. Herr Vonved! So kam er zu der dritten Schar. Da saß ein Hirt mit silbernem Haar: Hör du, guter Hirte mit deiner Herd'. Du gicbst mir gewißlich Antwort Werth. Schau dich um, Herr Vonved! Was ist runder als ein Rad? Wo wird getrunken die beste Weihnacht? Wo geht die Sonne zu ihrem Sitz? Und wo ruhn eines todtcn Mannes Füß'? Schau dich um. Herr Vonved! Was füllet aus alle Thale? Was kleidet am besten im Königssaalc? Was ruft lauter als der Kranich kann? Und was ist weißer als ein Schwan? Schau dich um. Herr Vonved! Wer trägt den Bcirt auf seinem Rück'? Wer trägt die Ras' unter seinem Kinn? Als ein Riegel was ist schwärzer noch mehr? Und was ist rascher als ein Reh? Schau dich um, Herr Vonvcd! Wo ist die allcrbreiteste Brück'? Was ist am meisten zuwider des Meuschcn Blick? Wo wird gefunden der höchste Gang? Wo wird getrunken der kälteste Trank? Schau dich um, Herr Vonved! „Die Sonn' ist runder als ein Rad, Im Himmel begeht man die fröhliche Weihnacht, Gen Westen geht die Sonne zu ihrem Sitz, Gen Osten ruhn eines todten Mannes Fuß'." Schau dich um, Herr Bonved! „Der Schnee füllt aus alle Thale, Am herrlichsten kleidet der Muth im Saale, Der Donner ruft lauter als der Kranich kann, Und Engel sind weißer als der Schwan." Schau dich um, Herr Vonvcd! „Weisen Spruch und Rath hast du nun hier, So wie ich ihn habe gegeben dir." Nun Hab' ich so gutes Vertrauen auf dich, Viel' Kämpfer zu finden bescheidest du mich. Schau dich um, Herr Vonved! „Ich weis' dich zu der Sonderburg, Da trinken die Helden den Mcth ohne Sorg', Dort findest du viel' Kämpfer und Rittersleut', Die können viel gut sich wehren im Streit." Schau dich um, Herr Vonved! „Der Kiebitz trägt den Bart in dem Nacken sein, Der Bär hat die Nas' unterm Kinn allein, Die Sünde schwärzer ist als ein Riegel noch mehr, Und der Gedanke rascher als ein Reh." Schau dich um, Herr Vonved! „Das Eis macht die allerbreiteste Brück', Dic Kröt' ist am meisten zuwider des Menschen Blick, Zum Paradies geht der höchste Gang, Da unten da trinkt man den kältesten Trank." Schau dich um, Herr Vonved! — 119 — Er zog einen Goldring von der Hand, Der wog wohl fünfzehn goldne Pfund; Den thät er dem alten Hirten reichen, Weil er ihm dürft' die Helden anzeigen, Schau dich um, Herr Vonved! Und cr reitet ein in die Burg, und er erschlägt zuerst den Randulf, hernach den Strandulf, Er schlug den starken Ege linder, Er schlng den Ege Karl, seinen Bruder, So schlug er in die Kreuz und Quer, Er schlug die Feinde vor sich her. Schau dich um, Herr Vonved! Herr Vonved steckt sein Schwert in die Scheide, Er denkt noch weiter fort zu reiten. Er findet da in der wilden Mark Einen Kämpfer, und Der war viel stark. Schau dich um, Herr Vonved! „In Osten steht der Fisch in der Fluth, Im Norden wird getrunken der Wein so gut, In Holland findst du Vidrich daheim Mit Kämpfern und vielen Gesellen sein." Schau dich um, Herr Vonved! Von der Brust Vonved einen Goldring nahm, Den steckt er dem Kämpfer an seinen Arm: Sag, du wärst der letzte Mann, Der Gold vom Herrn Vonved gewann. Schau dich um, Herr Vonved! Herr Vonved vor die hohe Zinne thät reiten, Bat die Wächter, ihn hineinzuleiten; Als aber Keiner heraus zu ihm ging, Da sprang er über die Mauer dahin. Schau dich um, Herr Vonved! Sag mir, du edler Ritter gut: Wo steht der Fisch in der Fluth? Wo wird geschenkt der beste Wein? Und wo trinkt Vidrich mit den Kämpfern sein? Schau dich um, Herr Vonved! Sein Ross an einen Strick er band, Darauf er sich zur Burgstnbe gewandt; Er setzte sich oben an die Tafel sofort, Dazu sprach er kein einziges Wort. Schau dich mn, Herr Vonved! Er aß, er trank, nahm Speise sich, Den König fragt' er darum nicht; — Gar nimmer bin ich ausgefahren, Wo so viel' verfluchte Zungen waren. Schau dich um, Herr Vonvcd! Der König sprach zu den Kämpfern sein: „Der tolle Geselle muss gebunden sein; Bindet ihr den fremden Gast nicht fest, So dienet ihr mir nicht aufs best'." Schau dich um, Herr Bonved! Nimm du fünf, nimm du zwanzig auch dazu. Und komm zum Spiel du selbst herzu! Einen Hurcnsohn, so nenn' ich dich, Außer du bindest mich. Schau dich um, Herr Vonvcd! König Esmer, mein lieber Vnter, Und stolz Adclin, meine Mutter, Haben mir gegeben das strenge Verbot, Mit 'nein Schalk nicht zu verzehren mein Gold Schau dich um, Herr Vonved! „War Esmer, der König, dein Vater Und Frau Adclin deine liebe Mutter, So bist du Herr Vonved, ein Kämpfer schön, Dazu meiner liebsten Schwester Sohn." Schau dich um, Herr Vonved! „Herr Vonved, willst du bleiben bei mir, Beides Ruhm und Ehre soll werden dir, Und willst du zu Land ausfahren, Meine Ritter sollen dich bewahren." Schau dich um, Herr Vonved! „Mein Gold soll werden für dich gespart, Wenn du willst halten deine Heimfahrt." Doch Das zu thun lüftet ihn nicht, Er wollt' fahren zu seiner Mutter zurück. Schau dich um, Herr Vonved! 123 Herr Vonved ritt auf dem Weg dahin, Er war so gram in seinem Sinn; Und als er zur Burg geritten kam, Da standen zwölf Zauberweiber daran. Schau dich um, Herr Vonved! Standen mit Nocken und Spindeln vor ihm, Schlugen ihn übers weiße Schienbein hin; Herr Vonved mit seinem Ross herumdringt, Die zwölf Zanberwciber schlägt er in einen Ring. Schau dich um, Herr Vonved! Schlägt die Zanberwciber, die stehen da, Sie finden bei ihm so kleinen Rath. Seine Mutter genießt dasselbe Glück, Er haut sie in fünftausend Stück'. Schau dich um, Herr Vonved! So geht er in den Saal hinein, Er isst, und trinkt den klaren Wein, Dann schlägt er die Goldharf' so lang', Dass springen entzwei alle die Strang'. Schau dich um, Herr Vonved! — 124 — Kapitel VI. Es war aber ein gar lieblicher Frühlingstag, als ich zum erstenmal die Stadt Hamburg verlassen. Noch sehe ich, wie im Hafen die goldncn Sonnenlichter auf die bethcertcn Schiffsbäuche spielen, und ich höre noch das heitre, langhin- gcsungcne Hoiho! der Matrosen. So ein Hafen im Frühling hat überdies die freundlichste Ähnlichkeit mit dem Gemüth eines Jünglings, der zum erstenmal in die Welt geht, sich zum erstenmal auf die hohe See des Lebens hinauswagt — noch sind alle seine Gedanken buntbcwimpelt, Übcr- muth schwellt alle Segel seiner Wünsche, hoiho! — aber bald erheben sich die Stürme, der Horizont verdüstert sich, die Windsbraut heult, die Planken krachen, die Wellen zerbrechen das Steuer, und das arme Schiff zerschellt NN romantischen Klippen oder strandet ans seicht prosaischem Sand — oder vielleicht morsch und gebrochen, mit gekapptem Mast, ohne ein einziges Anker der Hoffnung, gelangt es wieder heim in den alten Hafen, und vermodert dort, abgetakelt kläglich, als elendes Wrack! Aber es giebt auch Menschen, die nicht mit gewöhnlichen Schiffen verglichen werden dürfen, sondern mit Dampfschiffen. Diese tragen ein dunkles Feuer in der Brust, und sie fahren gegen Wind und Wetter — ihre Rnuchslagge flattert wie der schwarze Federbusch des nächtlichen Reiters, ihre Zackcnrädcr sind wie kolossale Pfundsporcn, womit sie das Meer in die Wcllcnrippen stacheln, und das widerspenstig schäumende Element muss ihrem Willen gehorchen wie ein Ross — aber sehr oft platzt der Kessel, und der innere Brand verzehrt uns. Doch ich will mich ans der Metapher wieder hcrausziehn und auf ein wirkliches Schiff setzen, welches von Hamburg nach Amsterdam fährt. Es war ein schwedisches Fahrzeug, hatte außer dem Helden dieser Blätter auch Eisenbarren geladen, und sollte wahrscheinlich als Rückfracht eine Ladung Stockfische nach Hamburg oder Eulen nach Athen bringen. — 126 Die Uscrgegenden der Elbe sind wundcrlieb- lich, besonders hinter Altona, bei Rainvillc. Unfern liegt Klopstock begraben. Ich kenne keine Gegend, wo ein kodier Dichter so gut begraben liegen kann wie dort. Als lebendiger Dichter dort zu leben, ist schon weit schwerer. Wie oft Hab' ich dein Grab besucht, Sänger des Messias, der du so rührend wahr die Leiden Jesu besungen! Du hast aber auch lang' genug auf der Königstraße hinter dem Jungfernstieg gewohnt, um zu wissen, wie Propheten gekreuzigt werden. Den zweiten Tag gelangten wir nach Cuxhaven, welches eine hamburgische Kolonie. Die Einwohner sind Untcrthanen der Republik und haben es sehr gut. Wenn sie im Winter frieren, werden ihnen aus Hamburg wollene Decken geschickt, und in allzuheißcn Sommertagen schickt man ihnen auch Limonade. Als Prokonsnl residiert dort ein hoch- oder wohlwciser Senator. Er hat jährlich ein Einkommen von 20,000 Mark und regiert über 5000 Seelen. Es ist dort auch ein Seebad, welches vor anderen Seebädern den Vortheil bietet, dass es zu gleicher Zeit ein Elbbad ist. Ein großer Damm, worauf man spazieren gehen kann, führt nach Ritzebüttel, welches ebenfalls zu Cuxhaven gehört. Das Wort kommt aus — 127 — dem Phönicischcn; die Worte „Ritze" und „Büttel" heißen auf Phönicisch: „Mündung der Elbe." Manche Historiker behaupten, Karl der Große habe Hamburg nur erweitert, die Phönicicr aber hätten Hamburg und Altona gegründet, und zwar zu derselben Zeit, als Sodom und Gomorrha zu Grunde gingen. Vielleicht haben sich Flüchtlinge aus diesen Städten nach der Mündung der Elbe gerettet. Man hat zwischen der Fuhlentwicte und der Kaffe- machcrei einige alte Münzen ausgegraben, die noch unter der Regierung von Bern XVI. und Byrsa X. geschlagen worden. Nach meiner Meinung ist Hamburg das alte Tharsis, woher Salomo ganze Schiffsladungen voll Gold, Silber, Elfenbein, Pfauen und Affen erhalten hat. Salomo, nämlich der König von Inda und Israel, hatte immer eine besondere Liebhaberei für Gold und Affen. Unvcrgcsslich bleibt mir diese erste Seereise. Meine alte Großmuhmc hatte mir so viele Wasscr- märchcn erzählt, die jetzt alle wieder in meinem Gedächtnis aufblühten. Ich konnte ganze Stunden lang auf dem Verdecke sitzen und an die alten Geschichten denken, und wenn die Wellen murmelten, glaubte ich die Großmuhme sprechen zu hören. Wenn ich die Augen schloss, dann sah ich sie wieder leibhaftig vor mir sitzen, mit dem einzigen Zahn in dem Munde, und hastig bewegte sie wieder die Lippen, und erzählte die Geschichte vom fliegenden Holländer. Ich hätte gern die Mcernixen gesehen, die ans weißen Klippen sitzen und ihr grünes Haar kämmen; aber ich konnte sie nur singen hören. Wie angestrengt ich auch manchmal in die klare See hinabschautc, so konnte ich doch nicht die versunkenen Städte sehen, worin die Menschen, in allerlei Fischgcstalten verwünscht, ein tiefes, wundcrticfes Wasscrlebcn führen. Es heißt, die Lachse und alte Rochen sitzen dort, wie Damen geputzt, am Fenster und fächern sich und gucken hinab auf die Straße, wo Schellfische in Rathsherrentracht vorbcischwimmcn, wo junge Modeheringe nach ihnen hinauflorgnieren, und wo Krabben, Hummer und sonstig niedriges Krebsvolk umhcrwimmelt. Ich habe aber nicht so tief hinabsehen können, und nur die Glocken hörte ich nuten läuten. In der Nacht sah ich mal ein großes Schiff mit ausgespannten blutrotsten Segeln vorbeifahren, dass es aussah wie ein dunkler Riese in einem weiten Scharlachmantel. War Das der fliegende Holländer? In Amsterdam aber, wo ich bald darauf anlangte, sah ich ihn leibhaftig selbst, den grauenhaften Mynheer, und zwar auf der Bühne. Bei dieser Gelegenheit, im Theater zu Amsterdam, lernte ich auch eine von jenen Nixen kennen, die ich ans dem Meere selbst vergeblich gesucht. Ich will ihr, weil sie gar zu lieblich war, ein besonderes Kapitel weihen. H eine'S Werke. Bd. IV. s — 130 Kapitel VII. Die Fabel von dem fliegenden Holländer ist euch gewiss bekannt. Es ist die Geschichte von dem verwünschten Schiffe, das nie in den Hafen gelangen kann, und jetzt schon seit undenklicher Zeit auf dem Meere herumfährt. Begegnet es einem anderen Fahrzeuge, so kommen Einige von der unheimlichen Mannschaft in einem Boote hcrau- gcfahrcn, und bitten, ein Packet Briefe gefälligst mitzunehmen. Diese Briefe muss man an den Mastbaum festnageln, sonst widerführt dem Schiffe ein Unglück, besonders wenn keine Bibel an Bord oder kein Hufeisen am Fockmaste befindlich ist. Die Briefe sind immer an Menschen adressiert, die man gar nicht kennt, oder die längst verstorben, so dass zuweilen der späte Enkel einen Liebesbrief in Empfang nimmt, der an seine Urgroßmutter gerichtet — 131 — ist, die schon seit hundert Jahr' im Grabe liegt. Jenes hölzerne Gespenst, jenes grauenhafte Schiff, führt seinen Namen von seinem Kapitän, einem Holländer, der einst bei allen Teufeln geschworen, dass er irgend ein Vorgebirge, dessen Namen mir entfallen, trotz des heftigsten Sturms, der eben wehte, umschiffen wolle, und sollte er auch bis zum jüngsten Tage segeln müssen. Der Teufel hat ihn beim Wort gefasst, er muss bis zum jüngsten Tage auf dem Meere herumirrcn, es sei denn, dass er durch die Treue eines Weibes erlöst werde. Der Teufel, dumm wie er ist, glaubt uicht an Weibertrcue, und erlaubte daher dem verwünschten Kapitän, alle sieben Jahr' einmal ans Land zu steigen und zu heirathcn, und bei dieser Gelegenheit seine Erlösung zu betreiben. Armer Holländer! Er ist oft froh genug, von der Ehe selbst wieder erlöst und seine Erlöserin los zu werden, und er begiebt sich dann wieder an Bord. Auf diese Fabel gründete sich das Stück, das ich im Theater zu Amsterdam gesehen. Es sind wieder sieben Jahr' verflossen, der arme Holländer ist des endlosen Umhcrirrcns müder als jemals, steigt ans Land, schließt Freundschaft mit einem schottischen Kaufmann, dem er begegnet, verkauft ihm Diamanten zu spottwohlfeilem Preise, und 9» wie er hört, dass sein Kunde eine schöne Tochter besitzt, oerlangt er sie zur Gemahlin. Auch dieser Handel wird abgeschlossen. Nun sehen wir das Haus des Schotten; das Mädchen erwartet den Bräutigam, zagen Herzens. Sie schaut oft mit Wehmnth nach einem großen verwitterten Gemälde, welches in der Stube hängt und einen schönen Mann in spanisch niederländischer Tracht darstellt; es ist ein altes Erbstück, und nach der Aussage der Großmutter ist es ein getreues Konterfei des fliegenden Holländers, wie man ihn vor hundert Jahr' in Schottland gesehen, zur Zeit König Wilhelm's von Oranicn. Auch ist mit diesem Gemälde eine überlieferte Warnnng verknüpft, dass die Frauen der Familie sich vor dem Originale hüten sollten. Eben desshalb, hat das Mädchen von Kind auf sich die Züge des gefährlichen Mannes ins Herz geprägt. Wenn nun der wirkliche fliegende Holländer leibhaftig hcrcin- tritt, erschrickt das Mädchen; aber nicht aus Furcht. Auch Jener ist betroffen bei dem Anblick des Portrait^. Als man ihm bedeutet, wen es vorstelle, weiß er jedoch jeden Argwohn von sich fern zu halten; er lacht über den Aberglauben, er spöttelt selber über den fliegenden Holländer, den ewigen Juden des Oceans; jedoch unwillkürlich in einen — 133 — wchmüthlgen Ton übergehend, schildert er, wie Mynheer auf der nnermcsslichen Wasserwüste die unerhörtesten Leiden erdulden müsse, wie sein Leib Nichts anders sei als ein Sarg rwn Fleisch, worin seine Seele sich langweilt, wie das Leben ihn von sich stößt und auch der Tod ihn abweist; gleich einer leeren Tonne, die sich die Wellen einander zuwerfen und sich spottend einander zurückwerfen, so werde der arme Holländer zwischen Tod und Leben hin und her geschleudert, keins von beiden wolle ihn behalten; sein Schmerz sei tief wie das Meer, worauf er herumschwimmt, sein Schiff sei ohne Anker und sein Herz ohne Hoffnung. Ich glaube, Dieses waren ungefähr die Worte, womit der Bräutigam schließt. Die Braut betrachtet ihn ernsthaft, und wirft manchmal Seitenblicke nach seinem Konterfei. Es ist, als ob sie sein Geheimnis crrathen habe, und wenn er nachher fragt: Katharina, willst du mir treu sein? antwortet sie entschlossen: Treu bis in den Tod. Bei dieser Stelle, erinnere ich mich, hörte ich lachen, und dieses Lachen kam nicht von unten aus der Hölle, sondern von oben, vom Paradiese. Als ich hinaufschantc, erblickte ich eine wunderschöne Eva, die mich mit ihren großen blauen Augen verführerisch ansah. Ihr Arm hing über — 134 — der Galerie herab, und in der Hand hielt sie einen Apfel, oder vielmehr eine Apfelsine. Statt mir aber symbolisch die Hälfte anzubieten, warf sie mir bloß metaphorisch die Schalen auf den Kopf. War es Absicht oder Zufall? Das wollte ich wissen. Ich war aber, als ich ins Paradies hinaufstieg, um die Bekanntschaft fortzusetzen, nicht wenig befremdet, ein weißes sanftes Mädchen zu finden, eine überaus weiblich weiche Gestalt, nicht schmächtig, aber doch krystallig zart, ein Bild häuslicher Zucht und beglückender Holdseligkeit. Nur um die linke Oberlippe zog sich Etwas, oder vielmehr ringelte sich Etwas wie das Schwänzchen einer fortschlüpscndcn Eidechse. Es war ein geheimnisvoller Zug, wie man ihn just nicht bei den reinen Engeln, aber auch nicht bei hässlichcn Teufeln zu finden Pflegt. Dieser Zug bedeutete weder das Gute noch das Böse, sondern bloß ein schlimmes Wissen; es ist ein Lächeln, welches vergiftet worden von jenem Apfel der Erkenntnis, den der Mund genossen. Wenn ich diesen Zug auf weichen, vollrosigen Mädchenlippen sehe, dann fühl' ich in den eignen Lippen ein krampfhaftes Zucken, ein zuckendes Verlangen jene Lippen zu küssen; es ist Wahlverwandtschaft. Ich flüsterte daher dem schönen Mädchen ins Ohr: Juffrow! ich will deinen Mund küssen. — 135 — Bei Gott, Mynheer, Das ist ein guter Gedanke! war die Antwort, die hastig und mit entzückendem Wohllaut aus dem Herzen hervorklang. Aber nein — die ganze Geschichte, die ich hier zu erzählen dachte, und wozu der fliegende Holländer nur als Rahmen dienen sollte, will ich jetzt unterdrücken. Ich räche mich dadurch an den Prüden, die dergleichen Geschichten mit Wonne einschlürfen, und bis an den Nabel, ja noch tiefer, davon entzückt sind, und nachher den Erzähler schelten, und in Gesellschaft über ihn die Nase rümpfen, und ihn als unmoralisch verschreien. Es ist eine gute Geschichte, köstlich wie eingemachte Ananas, oder wie frischer Kaviar, oder wie Trüffel in Burgunder, und wäre eine angenehme Lektüre nach der Betstunde; aber aus Ranküne, zur Strafe für frühere Unbill, will ich sie unterdrücken. Ich mache daher hier einen langen Gedankenstrich ^ - Dieser Strich bedeutet ein schwarzes Sofa, und darauf passierte die Geschichte, die ich nicht erzähle. Der Unschuldige muss mit dem Schuldigen leiden, und manche gute Seele schaut mich jetzt an mit einem bittenden Blick. Je nun, diesen Besseren will ich im Vertrauen gestehen, dass ich noch nie so wild gcküsst worden, wie von jener holländischen Blondine, und dass Diese das Vor- — 136 — urtheil, welches ich bisher gegen blonde Hnare nnd blane Augen hegte, aufs siegreichste zerstört hat. Jetzt erst begriff ich, warum ein englischer Dichter solche Damen mit gefrorenem Champagner vcrgli- chen hat. In der eisigen Hülle lauert der heißeste Extrakt. Es giebt nichts Pikanteres als der Kontrast jener äußeren Kälte und der inneren Gluth, die bacchantisch emporlodert und den glücklichen Zecher unwiderstehlich berauscht. Ja, weit mehr als in Brünetten zehrt der Sinnenbrand in manchen scheinstillen Heiligenbildern mit goldenem Glorienhaar und blauen Himmelsaugen und frommen Liljenhänden. Ich weiß eine Blondine aus einem der besten niederländischen Häuser, die zuweilen ihr schönes Schloss am Zuydcrsee verließ, und inkognito nach Amsterdam und dort ins Theater ging, Jedem, der ihr gefiel, Apfelsinenschalen aus den Kopf warf, zuweilen gar in Matrosenherbergen die wüsten Nächte zubrachte, eine holländische Messaline. — — Als ich ins Theater noch einmal zurückkehrte, kam ich eben zur letzten Scene des Stücks, wo auf einer hohen Mecrklippe das Weib des fliegenden Holländers, die Frau fliegende Holländerin, verzweiflnngsvoll die Hände rmgt, während ans dem Meere, auf dem Verdeck seines unheimlichcn Schiffes, ihr unglücklicher Gemahl zu schauen ist. Er liebt sie und will sie »erlassen, um sie nicht ins Verderben zu ziehen, und er gesteht ihr sein grauenhaftes Schicksal und den schrecklichen Fluch, der auf ihm lastet. Sie aber ruft mit lauter Stimme: Ich war dir treu bis zu dieser Stunde, und ich weiß ein sicheres Mittel, wodurch ich dir meine Treue erhalte bis in den Tod! Bei diesen Worten stürzt sich das treue Weib ins Meer, und nun ist auch die Verwünschung des fliegenden Holländers zu Ende, er ist erlöst, und wir sehen, wie das gespenstische Schiff in den Abgrund des Meeres versinkt. Die Moral des Stückes ist für die Frauen, dass sie sich in Acht nehmen müssen, keinen fliegenden. Holländer zu heirathcu; und wir Männer ersehen aus diesem Stücke, wie wir durch die Weiber im günstigsten Falle zu Grunde gehn. 138 Kapitel VIII. Aber nicht bloß in Amsterdam haben die Götter sich gütigst bemüht, mein Vorurthcil gegen Blondinen zu zerstören. Auch im übrigen Holland hatte ich das Glück, meine früheren Jrrthümcr zu berichtigen. Ich will bei Leibe die Holländerinnen nicht auf Kosten der Damen anderer Länder .hcrvor- strcichcn. Bewahre mich der Himmel vor solchem Unrecht, welches von meiner Seite zugleich der größte Undank wäre. Jedes Land hat seine besondere Küche und seine besondere Weiblichkeiten, und hier ist Alles Gcschmacksachc. Der Eine liebt gebratene Hühner, der Andere gebratene Enten; was mich betrifft, ich liebe gebratene Hühner und gebratene Enten und noch außerdem gebratene Gänse. Von hohem identischen Standpunkte betrachtet, haben die Weiber überall eine gewisse Ähnlichkeit — 139 — mit der Küche des Landes. Sind die brittischcn Schönen nicht eben so gesund, nahrhaft, solide, konsistent, kunstlos und doch so vortrefflich wie Altcnglands einfach gute Kost: Rostbecf, Hammelbraten, Pudding in flammendem Kognac, Gemüse in Wasser gekocht, nebst zwei Saucen, wovon die eine ans zerlassener Butter besteht? Da lächelt kein Frikassee, da täuscht kein flatterndes Vol-an-vsnt, da seufzt kein geistreiches Ragout, da tändeln nicht jene tausendartig gestopften, gesottenen, aufgehüpften, gerösteten, durchzückertcn, pikanten, deklamatorischen und sentimentalen Gerichte, die wir bei einem französischen Restaurant finden, und die mit den schönen Französinnen selbst die größte Ähnlichkeit bieten! Merken wir doch nicht selten, dass bei Diesen ebenfalls der eigentliche Stoff nur als Nebensache betrachtet wird, dass der Braten selber manchmal weniger Werth ist als die Sauce, dass hier Geschmack, Grazie und Eleganz die Hauptsache sind. Italiens gclbfctte, leidcnschaftgcwürzte, humoristisch garnierte, aber doch schmachtend idealische Küche trägt ganz den Charakter der italiänischcn Schönen. O, wie sehne ich mich manchmal nach den lombardischcn Stuffados und ZampcttiS, nach den Fegatellis, Tagliarinis und Broccolis des holdseligen Toskann! Alles schwimmt in Öl, — 140 — träjze und zärtlich, und trillert Nossini's süße Melodien, und weint vor Zwiebelduft und Sehnsucht! Den Makaroni musst du ober mit den Fingern essen, und dann heißt er: Beatrice! Nur gar zu oft denke ich an Italien, und am öftesten des Nachts. Vorgestern träumte mir, ich befände mich in Italien und sei ein bunter Harlekin , und läge recht faulenzerisch unter einer Trauerweide. Die herabhängenden Zweige dieser Trauerweide waren aber lauter Makaroni, die mir lang und lieblich bis ins Maul hineinfielen; zwischen diesem Laubwerk von Makaroni flössen statt Sonnenstrahlen lauter gelbe Butterströme, und endlich siel von oben herab ein weißer Regen von geriebenem Parmcsankäsc. Ach! von geträumtem Makaroni wird man nicht satt — Beatrice! Von der deutschen Küche kein Wort. Sie hat alle möglichen Tugenden und nur einen einzigen Fehler; ich sage aber nicht, welchen. Da giebt's gefühlvolles, jedoch unentschlossenes Backwerk, verliebte Eierspeisen, tüchtige Dampfnudeln, Gemttthssuppe mit Gerste, Pfannkuchen mit Äpfeln und Speck, tugendhafte Hausklöße, Sauerkohl -- wohl Dem, der es verdauen kann! Was die holländische Küche betrifft, so unterscheidet sie sich von letzterer erstens durch die Reinlichkeit, zweitens durch die eigentliche Leckerkeit. Besonders ist die Zubereitung der Fische unbe- schreibbar liebenswürdig. Rührend inniger und doch zugleich tiefsinnlicher Sellericduft. Selbstbc- wusstc Naivetät und Knoblauch. Tadelhast jedoch ist es, dass sie Unterhosen von Flanell tragen; nicht die Fische, sondern die schönen Töchter des mcernmspültcu Hollands. Aber zu Lehden, als ich ankam, fand ich das Essen fürchterlich schlecht. Die Republik Hamburg hatte mich verwöhnt; ich muss die dortige Küche nachträglich noch einmal loben, und bei dieser Gelegenheit preise ich noch einmal Hamburg's schöne Mädchen und Frauen. O ihr Götter! in den ersten vier Wochen, wie sehnte ich mich zurück nach den Rauchfleischlichkciten und nach den Mock- tnrteltauben Hammonia's! Ich schmachtete an Herz und Magen. Hätte sich nicht endlich die Frau Wirthin zur rothcn Kuh in mich verliebt, ich wäre vor Sehnsucht gestorben. Heil dir, Wirthin zur rothen Kuh! Es war eine untersetzte Frau mit einem sehr großen runden Bauche und einem sehr kleinen runden Kopfe. Rothe Wängclcin, blaue Äugclcin; — 142 — Roscn und Veilchen. Stundenlang saßen wir beisammen im Garten, und tranken Thcc ans echt- chinesischen Porzellantassen. Es war ein schöner Garten, viereckige und dreieckige Beete, symmetrisch bestreut mit Goldsand, Zinnober,und kleinen blanken Muscheln. Die Stämme der Bäume hübsch roth und blau angestrichen. Kupferne Käfige voll Kanarienvögel. Die kostbarsten Zwiebelgewächse in buntbemalten, glasierten Töpfen. Der Taxus allerliebst künstlich geschnitten, mancherlei Obelisken, Pyramiden, Vasen, auch Thiergcstalten bildend. Da stand ein aus Taxus geschnittener grüner Ochs, welcher mich fast eifersüchtig ansah, wenn ich sie umarmte, die holde Wirthin zur rothcn Kuh. Heil dir, Wirthin zur rothen Kuh! Wenn Myfrow den Obcrthcil des Kopfes mit den friesischen Goldplatten umschildet, den Bauch mit ihrem buntgeblümten Damastrock eingcpanzert, und die Arme mit der weißen Fülle ihrer Braban- tcr Spitzen gar kostbar belastet hatte, dann sah sie aus wie eine fabelhafte chinesische Puppe, wie etwa die Göttin des Porzellans. Wenn ich alsdann in Begeisterung gerietst und sie auf beide Backen laut küsste, so blieb sie ganz porzcllanig steif stehen und seufzte ganz porzellanig: Mynheer, Alle Tulpcn des Gartens schienen dann mitgerührt und mitbewcgt zu sein und schienen mitznscufzcn: Mynheer! Dieses delikate Verhältnis schaffte mir manchen delikaten Bissen. Denn jede selche Licbes- scene influencicrte auf den Inhalt der Esskörbe, welche mir die vortreffliche Wirthin alle Tage ins Haus schickte. Meine Tischgcnosscn, sechs andere Studenten, die auf meiner Stube mit mir aßen, konnten an der Zubereitung des Kalbsbratens oder des Ochscnfilets jedesmal schmecken, wie sehr sie mich liebte, die Frau Wirthin zur rothcn Kuh. Wenn das Essen einmal schlecht war, mnsste ich viele demüthigc Spötteleien ertragen, und es hieß dann: Seht, wie der Schuabelcwopski miserabel aussieht, wie gelb und runzlicht sein Gesicht, wie katzenjämmerlich seine Augen, als wollte er sie sich aus dein Kopfe herauskotzcn, es ist kein Wunder, dnss unsere Wirthin seiner überdrüssig wird und uns jetzt schlechtes Essen schickt. Oder man sagte auch: Um Gottcswillen, der Schnabelewopski wird täglich schwächer und matter, und verliert am Ende ganz die Gunst unserer Wirthin, und wir kriegen dann immer schlechtes Essen wie heut — wir müssen ihn tüchtig füttern, damit er wieder ein feuriges Äußere gewinnt. Und dann stopften sie mir just — 144 — die allcrschlcchtcstcn Stücke ins Maul, und nöthig- ten mich, übergebührlich viel Sellerie zu essen. Gab es aber magere Küche mehrere Tage hinter einander, dann wurde ich mit den ernsthaftesten Bitten bestürmt, für besseres Essen zu sorgen, das Herz unserer Wirthin aufs Nene zu entflammen, meine Zärtlichkeit für sie zu erhöhen, kurz, mich fürs allgemeine Wohl aufzuopfern. In langen Reden wurde mir dann vorgestellt, wie edel, wie herrlich es sei, wenn Jemand für das Heil seiner Mitbürger sich heroisch resigniert, gleich dem Re- gnlus, welcher sich in eine alte vernagelte Tonne stecken ließ, oder auch gleich dem Thescus, welcher sich in die Höhle des Minotaurs freiwillig begeben hat — und dann wurde der Livius citicrt und der Plutarch u. s. w. Auch sollte ich bildlich zur Nachcifcrnng gereizt werden, indem man jene Großthatcn auf die Wand zeichnete, und zwar mit grotesken Anspielungen; denn der Minotaur sah aus wie die rothe Kuh auf dem wohlbekannten Wirthshausschilde, und die karthaginicnsische vernagelte Tonne sah aus wie meine Wirthin selbst. Überhaupt hatten jene undankbaren Menschen die äußere Gestalt der vortrefflichen Frau zur beständigen Zielscheibe ihres Witzes gewählt. Sic pflegten gewöhnlich ihre Figur aus Äpfeln zusammen zu — 145 — setzen oder aus Brotkrumen zu kneten. Sie nahmen dann ein kleines Äpfelchen, welches der Kopf sein sollte, fetzten dieses auf einen ganz großen Apfel, welcher den Bauch vorstellte, und dieser stand wieder auf zwei Zahnstochern, welche sich für Beine ausgaben. Sie formten auch wohl aus Brotkrumen das Bild unserer Wirthin und kneteten dann ein ganz winziges Püppchen, welches mich selber vorstellen sollte, und dieses setzten sie dann auf die große Figur, und rissen dabei die schlechtesten Vergleiche. Z. B. der Eine bemerkte, die kleine Figur sei Hannibal, welcher über die Alpen steigt. Ein Anderer meinte hingegen, es sei Marius, welcher auf den Ruinen von Karthago sitzt. Dem sei nun, wie ihm wolle, wäre ich nicht manchmal über die Alpen gestiegen, oder hätte ich mich nicht manchmal auf die Ruinen von Karthago gesetzt, so würden meine Tischgcnossen beständig schlechtes Essen bekommen haben. Heine's Werke. Bd. IV. — 146 — Kapitel IX. Wenn der Braten ganz schlecht war, disputierten wir über die Existenz Gottes. Der liebe Gott hatte aber immer die Majorität. Nur Drei von der Tischgenossenschaft waren atheistisch gesinnt; aber auch Diese ließen sich überreden, wenn wir wenigstens guten Käse zum Dessert bekamen. Der eifrigste Deist war der kleine Simson, und wenn er mit dem langen Van Pitter über die Existenz Gottes disputierte, wurde er zuweilen höchst ärgerlich, lief im Zimmer auf und ab und schrie beständig: Das ist, bei Gott! nicht erlaubt. Der lange Van Pitter, ein magerer Friese, dessen Seele so ruhig wie das Wasser in einem holländischen Kanal, und dessen Worte sich ruhig hinzogen wie eine Trckschuitc, holte seine Argumente aus der deutschen Philosophie, womit man sich damals in — 147 — Lehden stark beschäftigte. Er spöttelte über die engen Köpfe, die dem lieben Gott eine Privatexistenz zuschreiben, er beschuldigte sie sogar der Blasphemie, indem sie Gott mit Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe und ähnlichen menschlichen Eigenschaften versähen, die sich gar nicht für ihn schickten; denn diese Eigenschaften seien gewissermaßen die Negation von menschlichen Gebrechen, da wir sie nur als Gegensatz zu menschlicher Dummheit, Ungerechtigkeit und Hass aufgcfasst haben. Wenn aber Van Pitter seine eigenen pantheistischen Ansichten entwickelte, so trat der dicke Fichteaner, ein gewisser Drickscn aus Utrecht, gegen ihn auf, und wusste ' ^ seinen vagen, in der Natur verbreiteten, also immer im Räume existierenden Gott gehörig durchzuhecheln, ja er behauptete, es sei Blasphemie, wenn man auch nur von einer Existenz Gottes spricht, indem „Existieren" ein Begriff sei, der einen gewissen Raum, kurz etwas Substantielles voraussetze. Ja, es sei Blasphemie, von Gott zu sagen: „Er ist;" das reinste Sein könne nicht ohne sinnliche Beschränkung gedacht werden; wenn man Gott denken » wolle, müsse man von aller Substanz abstrahieren, man müsse ihn nicht denken als eine Form der Ausdehnung, sondern als eine Ordnung der Begebenheiten; Gott sei kein Sein, sondern ein reines 10» — 148 — Handeln, er sei nur Princip einer übersinnlichen Weltordnung. Bei diesen Worten aber wurde der kleine Sim- son immer ganz wüthend, und lief noch toller im Zimmer herum, und schrie noch lauter: O Gott! Gott! Das ist, bei Gott! nicht erlaubt, o Gott! Ich glaube, er hätte den dicken Fichteancr geprügelt zur Ehre Gottes, wenn er nicht gar zu dünne Ärmchcn hatte. Manchmal stürmte er auch wirklich auf ihn los; dann aber nahm der Dicke die beiden Ärmchcn des kleinen Simson, hielt ihn ruhig fest, setzte ihm sein System ganz ruhig auseinander, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen, und blies ihm dann seine dünnen Argumente mitsammt dem dicksten Tabaksdampf ins Gesicht, so dass der Kleine fast erstickte vor Rauch und Ärger, und immer leiser und hilfeflehend wimmerte: O Gott! O Gott! Aber Der half ihm nie, obgleich er Dessen eigene Sache verfocht. Trotz dieser göttlichen Indifferenz, trotz diesem fast menschlichen Undank Gottes, blieb der kleine Simson doch der beständige Champion des Deismus, und ich glaube, aus angeborener Neigung. Denn seine Väter gehörten zu dem auscrwählten Volke Gottes, einem Volke, das Gott einst mit seiner besonderen Liebe protegiert, und das daher bis auf diese Stunde eine gewisse Anhänglichkeit für den lieben Gott bewahrt hat. Die Juden sind immer die gehorsamsten Deisten, namentlich Diejenigen, welche, wie der kleine Simson, in der freien Stadt Frankfurt geboren sind. Diese können bei politischen Fragen so republikanisch als möglich denken, ja sich sogar sanskülottisch im Kothc wälzen; kommen aber religiöse Begriffe ins Spiel, dann bleiben sie unterthänigc Kammerkncchtc ihres Je- hovah, des alten FetischS, der doch von ihrer ganzen Sippschaft Nichts mehr wissen will und sich zu einem gott-rcinen Geist umtaufen lassen. Ich glaube, dieser gott-reine Geist, dieser Parvenü des Himmels, der jetzt so moralisch, so kosmopolitisch und universell gebildet ist, hegt ein geheimes Misswollen gegen die armen Juden, die ihn noch in seiner ersten rohen Gestalt gekannt haben, und ihn täglich in ihren Synagogen an seine ehemaligen obskuren Nationalvcrhältnisse erinnern. Vielleicht will es der alte Herr gar nicht mehr wissen, dass er palästinischen Ursprungs und einst der Gott Abraham's, Jsaak's und Zakob's gewesen nnd damals Jehovah geheißen hat. — 150 — Kapitel X. Mit dem kleinen Simson hatte ich zu Lehden sehr vielen Umgang, und er wird in diesen Dcnk- blättern noch oft erwähnt werden. Außer ihm sah ich am öftesten einen Anderen meiner Tischgenossen, den jungen Van Moeulen; ich konnte ganze Stunden lang sein schönes Gesicht betrachten und dabei an seine Schwester denken, die ich nie gesehen, und wovon ich nur wusste, dass sie die schönste Frau im Waterland sei. Van Moeulen war ebenfalls ein schönes Menschenbild, ein Apollo, aber kein Apollo von Marmor, sondern viel eher von Käse. Er war der vollendetste Holländer, den ich je gesehen. Ein sonderbares Gemisch von Much und Phlegma. Als er einst im Kaffehause einen Jrländer so sehr erzürnt, dass Dieser eine Pistole auf ihn losdrückte und, statt ihn zu treffen, ihm nur die irdene Pfeife vom Munde wcgschoss, da blieb Van Moeulcn's Gesicht so bewegungslos wie Käse, und im gleichgültig ruhigsten Tone rief er: Jan, e nüe Piep! Fatal war mir an ihm sein Lächeln; denn alsdann zeigte er eine Reihe ganz kleiner weißer Zähnchen, die eher wie Fischgräte aussahen. Auch missfiel mir, dass er große goldene Ohrringe trug. Er hatte die sonderbare Gewohnheit, alle Tage in seiner Wohnung die Aufstellung der Möbeln zu verändern, und wenn man zu ihm kam, fand man ihn entweder beschäftigt, die Kommode an die Stelle des Bettes, oder den Schreibtisch an die Stelle des Sofas zu setzen. Der kleine Simson bildete in dieser Beziehung den ängstlichsten Gegensatz. Er konnte nicht leiden, dass man in seinem Zimmer das Mindeste verrückte; er wurde sichtbar unruhig, wenn man dort auch nur das Mindeste, sei es auch nur eine Lichtschere, zur Hand nahm. Alles muffte liegen bleiben, wie eS lag. Denn seine Möbel und sonstigen Effekten dienten ihm als Hilfsmittel, nach den Vorschriften der Mnemonik allerlei historische Daten oder philosophische Sätze in seinem Gedächtnisse zu fixieren. Als einst die Hausmagd in seiner Abwesenheit einen alten Kasten ans seinem Zimmer fortgeschafft und seine Hemde und Strümpfe aus — 152 — der Kommode genommen, um sie waschen zu lassen, da war er untröstlich, als er nach Hause kam, und er behauptete, er wisse jetzt gar Nichts mehr von der assyrischen Geschichte, und alle seine Beweise für die Unsterblichkeit der Seele, die er so mühsam in den verschiedenen Schubladen ganz systematisch geordnet, seien jetzt in die Wäsche gegeben. Zu den Originalen, die ich in Lcydcn kennen gelernt, gehört auch Mynheer Van dcr Pissen, ein Vetter Van Moculcn's, der mich bei ihm eingeführt. Er war Professor der Theologie an der Universität, und ich hörte bei ihm das hohe Lied Salomonis und die Offenbarung Johannis. Er war ein schöner, blühender Mann, etwa fünfund- drcißig Jahr' alt, und auf dem Katheder sehr ernst und gesetzt. Als ich ihn aber einst besuchen wollte, und in seinem Wohnzimmer Niemanden fand, sah ich durch die halbgeöffnete Thür eines Seiten- kabinctts ein gar merkwürdiges Schauspiel. Dieses Kabinett war halb chinesisch, halb pompadourisch verziert: an den Wänden goldig schillernde Da- masttapctcn; aus dem Boden der kostbarste persische Teppich; überall wunderliche Porzellanpagoden, Spielsachen von Perlmutter, Blumen, Straußfcdern und Edelsteine; die Sessel von rothcin Sammet mit Goldtroddeln, und darunter ein besonders — 153 — erhöhter Sessel, der wie ein Thron aussah, und worauf ein kleines Mädchen saß, das etwa drei Jahr' alt sein mochte, und in blauem silbcrgestickten Atlas, jedoch sehr altfränkisch, gekleidet war, und in der einen Hand, gleich einem Sceptcr, einen bunten Pfaucnwcdel und in der andern einen welken Lorberkranz emporhielt. Vor ihr aber auf dem Boden wälzten sich Mynhcer Van der Pissen, sein kleiner Mohr, sein Pudel und sein Affe. Diese Vier zausten sich und bissen sich unter einander, während das Kind und der grüne Papagei, welcher auf der Stange saß, beständig Bravo! riefen. Endlich erhob sich Mynhecr vom Boden, kniete vor dem Kinde nieder, rühmte in einer ernsthaften lateinischen Rede den Muth, womit er seine Feinde bekämpft und besiegt, ließ sich von der Kleinen den welken Lorberkranz auf das Haupt setzen, — und Bravo! Bravo! rief das Kind und der Papagei und ich, welcher jetzt ins Zimmer trat. Mynhcer schien etwas bestürzt, dass ich ihn in seinen Wunderlichkeiten überrascht. Diese, wie man mir später sagte, trieb er alle Tage; alle Tage besiegte er den Mohr, den Pudel und den Affen; alle Tage ließ er sich belorbcrcn von dem kleinen Mädchen, welches nicht sein eignes Kind, sondern ein Findling ans dem Waiscnhansc von Amsterdam war. Kapitel XI. Das Haus, worin ich zu Lehden logierte, bewohnte einst Jan Steen, der große Jan Steen, den ich für eben so groß halte wie Raphael. Auch als religiöser Maler war Jan eben so groß, und Das wird man einst ganz klar einsehen, wenn die Religion des Schmerzes erloschen ist, und die Religion der Freude den trüben Flor von den Rosenbüschen dieser Erde fortreißt, und die Nachtigallen endlich ihre lang' verheimlichten Entzückungen hcr- vorjanchzen dürfen. Aber keine Nachtigall wird je so heiter und jubelnd singen, wie Jan Steen gemalt hat. Keiner hat so tief wie er begriffen, dass auf dieser Erde ewig Kirmes sein sollte; er begriff, dass unser Leben nur ein farbiger Kuss Gottes sei, und er wnsste, dass der heilige Geist sich am herrlichsten offenbart im Licht und Lachen. Sein Auge lachte ins Licht hinein, und das Licht spiegelte sich in seinem lachenden Auge. Und Jan blieb immer ein gutes, liebes Kind. Als der alte strenge Prädikant von Lehden sich neben ihm an den Herd setzte, und eine lange Ver- mahnung hielt über sein fröhliches Leben, seinen lachend unchristlichcn Wandel, seine Trunkliebe, seine ungeregelte Wirthschaft und seine verstockte Lustigkeit, da hat Jan ihm zwei Stunden lang ganz ruhig zugehört und er vcrrieth nicht die mindeste Ungeduld über die lange Strafpredigt, und nur einmal unterbrach er sie mit den Worten: „Ja, Domine, die Beleuchtung wäre dann viel besser, ja ich bitte Euch, Domine, dreht Euren Stuhl ein klein wenig dem Kamine zu, damit die Flamme ihren rothen Schein über Euer ganzes Gesicht wirft und der übrige Körper im Schatten bleibt " Der Domine stand wüthend auf und ging davon. Inn aber griff sogleich nach der Palette, und malte den alten strengen Herrn, ganz wie er ihm in jener Strasprcdigtpositur, ohne es zu ahnen, Modell gesessen. Das Bild ist vortrefflich und hing in meinem Schlafzimmer zu Lehden. Nachdem ich in Holland so viele Bilder von Jan Stcen gesehen, ist mir, als kennte ich das ganze Leben des Mannes. Ja, ich kenne seine sämmt- liche Sippschaft, seine Frau, seine Kinder, seine Mutter, alle seine Vettern, seine Hausfeinde und sonstige Angehörigen, ja, ich kenne sie von Angesicht zu Angesicht. Grüßen uns doch diese Gesichter aus allen seinen Gemälden hervor, und eine Sammlung derselben wäre eine Biographie des Malers. Er hat oft mit einem einzigen Pinsclstrich die tiefsten Geheimnisse seiner Seele darin eingezeichnet. So glaube ich, seine Frau hat ihm allzu oft Vorwürfe gemacht über sein vieles Trinken. Denn auf dem Gemälde, welches das Bohnenfest vorstellt, und wo Jan mit seiner ganzen Familie zu Tische sitzt, da sehen wir seine Frau mit einem gar großen Weinkrug in der Hand, und ihre Augen leuchten wie die einer Bacchantin. Ich bin aber überzeugt, die gute Frau hat nie zuviel Wein genossen, und der Schalk hat uns weiß machen wollen, nicht er, sondern seine Frau liebe den Trunk. Desshalb lacht er desto vergnügter aus dem Bilde hervor. Er ist glücklich: er sitzt in der Mitte der Seinigcn; sein Söhnchen ist Bohnenkönig und steht mit der Krone von Flittergold auf einem Stuhle; seine alte Mutter, in ihren GcsichtSfalten das seligste Schmunzeln, trägt das jüngste Enkelchcn auf dem Arm; die Musikanten spielen ihre närrisch lustigsten Hopsamclodicen; und die sparsam bedächtige, ökonomisch schmollende Hausfrau ist bei der ganzen Nachwelt in den Verdacht hineingemalt, als sei sie besoffen. Wie oft, in meiner Wohnung zu Lcyden, konnte ich mich ganze Stunden lang in die häuslichen Scenen zurückdenken, die der vortreffliche Jan dort erlebt und erlitten haben muffte. Manchmal glaubte ich, ich sähe ihn leibhaftig selber an seiner Staffelei sitzen, dann und wann nach dem großen Henkelkrug greifen, „überlegen und dabei trinken, und dann wieder trinken ohne zu überlegen." Das war kein trübkatholischer Spuk, sondern ein modern Heller Geist der Freude, der nach dem Tode noch sein altes Atelier besucht, um lustige Bilder zu malen und zu trinken. Nur solche Gespenster werden unsere Nachkommen zuweilen schauen, am lichten Tage, während die Sonne durch die blanken Fenster schaut, und vom Thurme herab keine schwarz dumpfe Glocken, sondern rothjauch- zcndc Trompctcntöne die liebliche Mittagstunde ankündigen. Die Erinnerung an Jan Steen war aber das Beste, oder vielmehr das einzig Gute an meiner — 158 Wohnung zu Lehden. Ohne diesen gemüthlichcn Reiz hätte ich darin keine acht Tage ausgchaltcn. Das Äußere des Hauses war elend und kläglich und mürrisch, ganz unholländisch. Das dunkle morsche Haus stand dicht am Wasser, und wenn man an der anderen Seite des Kanals vorbeiging, glaubte man eine alte Hexe zu sehen, die sich in einem glänzenden Zauberspicgel betrachtete. Auf dem Dache standen immer ein paar Störche, wie auf allen holländischen Dächern. Neben mir logierte die Kuh, deren Milch ich des Morgens trank, und unter meinem Fenster war ein Hühncrsteig. Meine gefiederten Nachbarinnen lieferten gute Eier; aber da ich immer, che sie deren zur Welt brachten, ein langes Gackern, gleichsam die langweilige Vorrede zu den Eiern, anhören muffte, so wurde mir der Genuss derselben ziemlich verleidet. Zu den Unannehmlichkeiten meiner Wohnung gehörten aber zwei der fatalsten Missstände: erstens das Violinspielen, womit man meine Ohren während des Tages belästigte, und dann die Störungen des Nachts, wenn meine Wirthin ihren armen Mann mit ihrer sonderbaren Eifersucht verfolgte. Wer das Verhältnis meines Hauswirths zu meiner Frau Wirthin kennen lernen wollte, brauchte nur Beide zu hören, wenn sie mit einander Musik machten. Der Mann spielte das Violoncello, und die Frau spielte das sogenannte Violon d'Amour; aber sie hielt nie Tempo, und war dem Manne immer einen Takt voraus, und wusste ihrem unglücklichen Instrumente die grellfeinsten Kciflaute abzuquälen; wenn das Cello brummte und die Violine greinte, glaubte man ein zankendes Ehepaar zu hören. Auch spielte die Frau noch immer weiter, wenn der Mann längst fertig war, dass es schien, als wollte sie das letzte Wort behalten. Es war ein großes, aber sehr mageres Weib, Nichts als Haut und Knochen, ein Maul, worin einige falsche Zähne klapperten, eine kurze Stirn, fast gar kein Kinn und eine desto längere Nase, deren Spitze wie ein Schnabel sich herabzog, und womit sie zuweilen, wenn sie Violine spielte, den Ton einer Saite zu dämpfen schien. Mein Hauswirth war etwa fünfzig Jahr' alt und ein Mann von sehr dünnen Beinen, abgezehrt bleichem Antlitz und ganz kleinen grünen Äuglein, womit er beständig blinzelte, wie eine Schildwache, welcher die Sonne ins Gesicht scheint. Er war seines Gewerbes ein Bruchbandmacher und seiner Religion nach ein Wiedertäufer. Er las sehr fleißig in der Bibel. Diese Lektüre schlich sich in seine nächtlichen Träume, und mit blinzelnden — 160 — Äuglein erzählte er seiner Frau des Morgens beim Kasse, wie er wieder hochbegnadigt worden, wie die heiligsten Personen ihn ihres Gespräches gewürdigt, wie er sogar mit der allerhöchst heiligen Majestät Jehovah's verkehrt, und wie alle Frauen des alten Testamentes ihn mit der freundlichsten und zärtlichsten Aufmerksamkeit behandelt. Letzterer Umstand war meiner Hauswirthin gar nicht lieb, und nicht selten bezeugte sie die eifersüchtigste Misslaune über ihres Mannes nächtlichen Umgang mit den Weibern des alten Testamentes. Wäre es noch, sagte sie, die keusche Mutter Maria, oder die alte Marthe, oder auch meinethalb die Magdalene, die sich ja gebessert hat — aber ein nächtliches Verhältnis mit den Sauftöchtern des alten Loth, mit der sauberen Madam Judith, mit der verlauseneu Königin von Saba und dergleichen zweideutigen Weibsbildern darf nicht geduldet werden. Nichts glich aber ihrer Wuth, als eines Morgens ihr Mann im Übergeschwätze seiner Seligkeit eine begeisterte Schilderung der schönen Esther entwarf, welche ihn gebeten, ihr bei ihrer Toilette behülflich zu sein, indem sie durch die Macht ihrer Reize den König Ahasveros für die gute Sache gewinnen wollte. Vergebens betheuertc der arme Mann, dass Herr Mardachai selber ihn bei seiner schönen Pflege- tochter eingeführt, dass diese schon halb bekleidet war, dass er ihr nur die langen schwarzen Haare ausgekämmt — vergebens! die erboste Frau schlug den armen Mann mit seinen eignen Bruchbändern, goss ihm den heißen Kasse ins Gesicht, und sie hätte ihn gewiss umgebracht, wenn er nicht aufs heiligste versprach, allen Umgang mit den alttcsta- mentalischen Weibern aufzugeben, und künftig nur mit Erzvätern und männlichen Propheten zu verkehren. Die Folge dieser Misshandlung war, dass Mhnhcer von nun an sein nächtliches Glück gar ängstlich verschwieg; er wurde jetzt erst ganz ein heiliger Rone; wie er mir gestand, hatte er den Mnth, sogar der nackten Susannah die unsittlichsten Anträge zu machen; ja, er war am Ende frech genug, sich in den Harem des Königs Solomon hineinzuträumen und mit dessen tausend Weibern Thee zu trinken. Hcine'S Werke. Bd. IV. 11 Kapitel XII. Unglückselige Eifersucht! durch diese ward einer meiner schönsten Träume und mittelbar vielleicht das Leben des kleinen Simson unterbrochen! Was ist Traum? Was ist Tod? Ist dieser nur eine Unterbrechung des Lebens, oder gänzliches Aufhören desselben? Ja, für Leute, die nur Vergangenheit und Zukunft kennen und nicht in jedem Momente der Gegenwart eine Ewigkeit leben können, ja, für Solche muss der Tod schrecklich sein! Wenn ihnen die beiden Krücken, Raum und Zeit, entfallen, dann sinken sie ins ewige Nichts. Und der Traum? Warum fürchten wir uns vor dem Schlafengehen nicht weit mehr als vor dem Begrabcnwerden? Ist es nicht furchtbar, dass der Leib eine ganze Nacht leichcntodt sein kann, während der Geist in uns das bewegteste Leben führt, cin Lcbcn mit allen Schrecknissen jener Scheidung, die wir eben zwischen Lcbcn und Geist gestiftet? Wenn einst in der Zukunft beide wieder in unserem Bcwusstscin vereinigt sind, dann gicbt es vielleicht keine Träume mehr, oder nur kranke Menschen, Menschen, deren Harmonie gestört, werden träumen. Nur leise und wenig träumten die Alten; ein starker, gewaltiger Traum war bei ihnen wie ein Ereignis und wurde in die Geschichtsbücher eingetragen. Das rechte Träumen beginnt erst bei den Inden, dem Volke des Geistes, und erreichte seine höchste Blttthc bei den Christen, dem Geistcrvolk. Unsere Nachkommen werden schaudern, wenn sie einst lesen, welch ein gespenstiges Dasein wir geführt, wie der Mensch in uns gespalten war und nur die eine Hälfte ein eigentliches Leben geführt. Unsere Zeit — und sie beginnt am Kreuze Christi — wird als eine große Krankhcitsperiode der Menschheit betrachtet werden. Und doch, welche süße Träume haben wir träumen können! Unsere gesunden Nachkommen werden es kaum begreifen. Um uns her verschwanden alle Herrlichkeiten der Welt, und wir fanden sie wieder in unserer inneren Seele — in unsere Seele flüchtete sich der Duft der zertretenen Rosen und der lieblichste Gesang der verscheuchten Nachtigallen — 11* — 164 — Ich weiß das Alles, und sterbe an den unheimlichen Ängsten und grauenhaften Süßigkeiten unserer Zeit. Wenn ich des Abends mich auskleide und zu Bette lege, und die Beine lang ausstrecke, und mich bedecke mit dem weißen Laken, dann schandre ich manchmal unwillkürlich, und mir kommt in den Sinn, ich sei eine Leiche, und ich begrübe mich selbst. Dann schließe ich hastig die Augen, um diesem schauerlichen Gedanken zu entrinnen, um mich zu retten in das Land der Träume. Es war ein süßer, lieber, sonniger Traum. Der Himmel himmelblau und wolkenlos, das Meer meergrün und still. Unabsehbar weite Wasserfläche, und darauf schwamm ein buntgcwimpeltcs Schiff, und auf dem Verdeck saß ich kosend zu den Füßen Jadviga's. Schwärmerische Liebeslieder, die ich selber auf rosige Papicrstrcifcn geschrieben, las ich ihr vor, heiter seufzend, und sie horchte mit ungläubig geneigtem Ohr und sehnsüchtigem Lächeln, und riss mir zuweilen hastig die Blätter aus der Hand und warf sie ins Meer. Aber die schönen Nixen, mit ihren schneeweißen Busen und Armen, tauchten jedesmal aus dem Wasser empor und erhaschten die flatternden Lieder der Liebe. Als ich mich über Bord beugte, konnte ich ganz klar bis in die Tiefe des MccrcS hinabschaucn, und da — 165 — saßen, wie in einem gesellschaftlichen Kreise, die schönen Nixen, nnd in ihrer Mitte stand ein jnnger Nix, der mit gefühlvoll belebtem Angesicht meine Liebesliedcr deklamierte. Ein stürmischer Beifall erscholl bei jeder Strophe; die grünlockichten Schönen applaudierten so leidenschaftlich, dass Brust und Nacken erröthcten, nnd sie lobten mit einer freudigen, aber doch zugleich mitleidigen Begeisterung: „Welche sonderbare Wesen sind diese Menschen! Wie sonderbar ist ihr Leben! wie tragisch ihr ganzes Schicksal! Sie lieben sich und dürfen es meistens nicht sagen, und dürfen sie es einmal sagen, so können sie doch einander selten verstehn! Nnd dabei leben sie nicht ewig wie wir, sie sind sterblich, nur eine kurze Spanne Zeit ist ihnen vergönnt das Glück zu suchen, sie müssen es schnell erhaschen, hastig ans Herz drücken, ehe es entflicht — dess- halb sind ihre Liebesliedcr auch so zart, so innig, so süß ängstlich, so vcrzwcislungsvoll lustig, ein so seltsames Gemisch von Freude und Schmerz. Der Gedanke des Todes wirft seinen melancholischen Schatten über ihre glücklichsten Stunden und tröstet sie lieblich im Unglück. Sie können weinen. Welche Poesie in so einer Menschenthräne!" Hörst du, sagte ich zu Zadviga, wie Die da unten über uns urthcilen? —- Wir wollen uns 166 — umarmen, damit sie uns nicht mehr bemitleiden, damit sie sogar neidisch werden! Sie aber, die Geliebte, sah mich an mit unendlicher Liebe, und ohne ein Wort zu reden. Ich hatte sie stumm gcküsst. Sic erblich, und ein kalter Schauer überflog die holde Gestalt. Sie lag endlich starr wie weißer Marmor in meinen Armen, und ich hätte sie für todt gehalten, wenn sich nicht zwei große Thräncn- ströme unaufhaltsam aus ihren Augen ergossen — und diese Thräncn überfluthctcn mich, während ich das holde Bild immer gewaltiger mit meinen Armen umschlang — Da hörte ich plötzlich die keifende Stimme meiner Hauswirthin, und erwachte aus meinem Traum. Sie stand vor meinem Bette, mit der Blendlaterne in der Hand, und bat mich, schnell aufzustehn und sie zu begleiten. Nie hatte ich sie so hässlich gesehn. Sie war im Hemde, und ihre verwitterten Brüste vergoldete der Mondschein, der eben durchs Fenster fiel; sie sahen aus wie zwei getrocknete Citronen. Ohne zu wissen, was sie begehrte, fast noch schlummertrunken, folgte ich ihr nach dem Schlafgcmache ihres Gatten, und da lag der arme Mann, die Nachtmütze über die Augen gezogen, und schien heftig zu träumen. Manchmal zuckte sichtbar sein Leib unter der Bettdecke, seine — 167 — Lippen lächelten vor übcrschwänglichstcr Wonne, spitzten sich manchmal krampfhaft wie zn einem Kusse, und er röchelte und stammelte: Vasthi! Königin Vasthi! Majestät! Fürchte keinen Ahasveros! Geliebte Vasthi! Mit zornglühcnden Augen beugte sich nun das Weib über den schlafenden Gatten, legte ihr Ohr an sein Haupt, als ob sie seine Gedanken erlauschen könnte, und flüsterte mir zu: Haben Sie sich nun überzeugt, Mynhecr Schnabclewopski? Er hat jetzt eine Buhlschaft mit der Königin Vasthi! Der schändliche Ehebrecher! Ich habe dieses unzüchtige Verhältnis schon gestern Nacht entdeckt. Sogar eine Heidin hat er mir vorgezogen! Aber ich bin Weib und Christin, und Sie sollen sehen, wie ich mich räche. Bei diesen Worten riss sie erst die Bettdecke von dem Leibe des armen Sünders — er lag im Schweiß — alsdann ergriff sie ein hirschlcderncs Bruchband, und schlug damit gottlästcrlich los auf die dünnen Gliedmaßen des armen Sünders. Dieser, also unangenehm geweckt aus seinem biblischen Traum, schrie so laut, als ob die Hauptstadt Susa in Feuer und Holland in Wasser stünde, und brachte mit seinem Geschrei die Nachbarschaft in Aufruhr. — 168 — Den andern Tag hieß es in ganz Leydcn, mein Hauswirth habe solch großes Geschrei erhoben, weil er mich des Nachts in der Gesellschaft seiner Gattin gesehen. Man hatte Letztere halbnackt am Fenster erblickt; und unsere Hausmagd, die mir gram war, und von der Wirthin zur rothen Kuh über dies Ereignis befragt worden, erzählte, dass sie selber gesehen, wie Mhfrow mir in meinem Schlafzimmer einen nächtlichen Besuch abgestattet. Ich kann nicht ohne gewaltigen Kummer an dieses Ereignis denken. Welche fürchterliche Folgen! — 169 — Kapitel XIII. Wäre die Wirthin zur rothen Kuh eine Italienerin gewesen, so hätte sie nielleicht mein Essen vergiftet; da sie aber eine Holländerin war, so schickte sie mir sehr schlechtes Essen. Schon des andern Mittags erduldeten wir die Folgen ihres weiblichen Unwillens. Das erste Gericht war: keine Suppe. Das war schrecklich, besonders für einen wohlerzogenen Menschen wie ich, der von Jugend auf alle Tage Suppe gegessen, der sich bis jetzt gar keine Welt denken konnte, wo nicht des Morgens die Sonne aufgeht und des Mittags die Suppe aufgetragen wird. Das zweite Gericht bestand aus Rindfleisch, welches kalt und hart war wie Myron's Kuh. Drittens kam ein Schellfisch, der aus dem Halse roch wie ein Mensch. Viertens kam ein großes Huhn, das, weit entfernt unfern Hunger — 170 — stillen zu wollen, so mager und abgezehrt aussah als ob es selber Hunger hätte, so dass man fast vor Mitleid Nichts davon essen konnte. Und nun, kleiner Simson, rief der dicke Drick- sen, glaubst du noch an Gott? Ist Das Gerechtigkeit? Die Frau Bandagistin besucht den Schna- belewopski in der dunkeln Nacht, und wir müssen dafür schlecht essen am hellen, lichten Tag! O Gott! Gott! seufzte der Kleine, gar verdrießlich wegen solcher atheistischer Ausbrüche und vielleicht auch wegen des schlechten Essens. Seine Verdrießlichkeit stieg, als auch der lange Van Pitter seine Witze gegen die Anthropomorphistcn losließ und die Ägypter lobte, die einst Ochsen und Zwiebeln verehrten; denn crstere, wenn sie gebraten, und letztere, wenn sie gestovt, schmeckten ganz göttlich. Des kleinen Simson's Gemüth wurde aber durch solche Spöttereien immer bitterer gestimmt, und er schloss endlich folgendermaßen seine Apologie des Deismus: Was die Sonne für die Blumen ist, Das ist Gott für die Menschen. Wenn die Strahlen jenes himmlischen Gestirns die Blumen berühren, dann wachsen sie heiter empor und öffnen ihre Kelche und entfalten ihren buntesten Farbenschmuck. Des Nachts, wenn ihre Sonne entfernt ist, stehen sie traurig mit geschlossenen Kelchen, und schlafen, oder träumen von den goldenen Strahlenküssen der Vergangenheit. Diejenigen Blumen, die immer im Schatten stehen, verlieren Farbe und Wuchs, verkrüppeln und erbleichen, und welken missmüthig, glücklos. Die Blumen aber, die ganz im Dunkeln wachsen, in alten Burgkellern, unter Klosterrninen, die werden hässlich und giftig, sie ringeln am Boden wie Schlangen, schon ihr Dust ist unheilbringend, boshaft betäubend, tödlich — O, du brauchst deine biblische Parabel nicht weiter auszuspannen, schrie der dicke Drickscn, indem er sich ein großes Glas Schicdammer Gcncver in den Schlund goss; du, kleiner Simson, bist eine fromme Blume, die im Sonnenschein Gottes die heiligen Strahlen der Tugend und Liebe so trunken einsaugt, dass deine Seele wie ein Regenbogen blüht, während die unsrigc, abgewendet von der Gottheit, farblos und hässlich verwelkt, wo nicht gar pestilcntialische Düfte verbreitet — Ich habe einmal zu Frankfurt, sagte der kleine Simson, eine Uhr gesehen, die an keinen Uhrmacher glaubte; sie war von Tombak und ging sehr schlecht — Ich will dir wenigstens zeigen, dass so eine Uhr wenigstens gut schlagen kann, versetzte Drickscn, — 172 — indem er Plötzlich ganz ruhig wurde und den Kleinen nicht weiter molestiertc. Da Letzterer trotz seiner schwachen Ärmchen ganz vortrefflich stieß, so ward beschlossen, dass sich die Beiden noch denselben Tag aus Parisiens schlagen sollten. Sie stachen auf einander los mit großer Erbitterung. Die schwarzen Augen des kleinen Simson glänzten feurig groß, und kontrastierten um so wunderbarer mit seinen Ärmchen, die aus den aufgeschürzten Hemdärmeln gar kläglich dünn hervortraten. Er wurde immer heftiger; er schlug sich ja für die Existenz Gottes, des alten Zchovah, des Königs der Könige. Dieser aber gewährte seinem Champion nicht die mindeste Unterstützung, und im sechsten Gang bekam der Kleine einen Stich in die Lunge. O Gott! seufzte er, und stürzte zu Boden. — 173 Kapitel XIV. Diese Sccne hatte mich furchtbar erschüttert. Gegen das Weib aber, das mittelbar solches Unglück verursacht, wandte sich der ganze Ungestüm meiner Empfindungen; das Herz voll Zorn und Kummer, stürmte ich nach dem rothcn Ochsen. Ungeheuer, warum hast du keine Suppe geschickt? Dieses waren die Worte, womit ich die erbleichende Wirthin anredete, als ich sie in der Küche antraf. Das Porzellan auf dem Kamine zitterte bei dem Ton meiner Stimme. Ich war so entsetzlich, wie der Mensch es nur immer sein kann, wenn er keine Suppe gegessen und sein bester Freund einen Stich in die Lunge bekommen. Ungeheuer, warum hast du keine Suppe geschickt? Diese Worte wiederholte ich, während das schuldbcwusste Weib starr und sprachlos vor mir — 174 — stand. Endlich aber, wie aus geöffneten Schleusen, stürzten aus ihren Augen die Thräncn. Sic überschwemmten ihr ganzes Antlitz und tröpfelten bis in den Kanal ihres Busens. Dieser Anblick konnte jedoch meinen Zorn nicht erweichen, und mit verstärkter Bitterkeit sprach ich: O ihr Weiber, ich weiß, dass ihr weinen könnt; aber Thränen sind keine Suppe. Ihr seid erschaffen zu unserem Unheil. Euer Blick ist Lug, und euer Hauch ist Trug. Wer hat zuerst vom Apfel der Sünde gegessen? Gänse haben das Kapital gerettet, aber durch ein Weib ging Troja zu Grunde. O Troja, Troja, des Priamos heilige Beste, du bist gefallen durch die Schuld eines Weibes! Wer hat den Marcus Antonius ins Verderben gestürzt? Wer ließ den Marcus Tullius Cicero ermorden? Wer verlangte den Kopf Johannis des Täufers? Wer war Ursache von Abälard's Verstümmelung? Ein Weib! Die Geschichte ist voll Beispiele, wie wir durch euch zu Grunde gehn. All euer Thun ist Thorheit und all euer Denken ist Undank. Wir geben euch das Höchste, die heiligste Flamme des Herzens, unsere Liebe — was gebt ihr uns als Ersatz? Fleisch, schlechtes Rindfleisch, noch schlechteres Hühnerfleisch — Ungeheuer, warum hast du keine Suppe geschickt ! Vergebens begann Myfrow jetzt eine Reihe von Entschuldigungen herzustammcln nnd mich bei allen Seligkeiten unserer genossenen Liebe zu beschwören, ihr diesmal zu verzeihen. Sie wollte mir von nun an noch besseres Essen schicken als früher und noch immer mir sechs Gulden die Portion anrechnen, obgleich der groote Dohlenwirth für sein ordinäres Essen sich acht Gulden bezahlen lässt. Sic ging so weit, mir für den folgenden Tag Austcrpastete zu versprechen; ja, in dem weichen Ton ihrer Stimme dufteten sogar Trüffel. Aber ich blieb standhaft, ich war entschlossen, auf immer zu brechen, und verließ die Küche mit den tragischen Worten: Adieu, für dieses Leben haben wir ausgekocht! Im Fortgehn hörte ich Etwas zu Boden fallen. War es irgend ein Küchcntopf oder Myfrow selber? Ich nahm mir nicht einmal die Mühe nachzusehen, und ging direkt nach der grooten Dohlen, um sechs Portion Essen für den nächsten Tag zu bestellen. Nach diesem wichtigsten Geschäft eilte ich nach der Wohnung des kleinen Simson, den ich in einem sehr schlechten Zustande fand. Er lag in einem großen altfränkischen Bette, das keine Vorhänge hatte, und an dessen Ecken vier große marmorierte Holzfäulen befindlich waren, die oben einen reich vergoldeten Betthimmel trugen. Das Antlitz des Kleinen war leidend blast, und in dem Blick, den er mir zuwarf, lag so viel Wehmuth, Güte und Elend, dast ich davon bis in die Tiefe meiner Seele gerührt wurde. Der Arzt hatte ihn eben verlassen und seine Wunde für bedenklich erklärt. Van Moeu- lcn, der allein dort geblieben, um die Nacht bei ihm zu wachen, saß vor seinem Bette und las ihm vor aus der Bibel. Schnabelewopski, seufzte der Kleine, es ist gut, dast du kommst. Kannst zuhören und es wird dir Wohlthun. Das ist ein liebes Buch. Meine Vorfahren haben es in der ganzen Welt mit sich herumgetragen, und gar viel Kummer und Unglück und Schimpf und Hast dafür erduldet, oder sich gar dafür todtschlagen lassen. Jedes Blatt darin hat Thränen und Blut gekostet/es ist das aufgeschriebene Vaterland der Kinder Gottes, es ist das heilige Erbe Jehovah's — Rede nicht zu Viel, rief Van Moeulen, es bekömmt dir schlecht. Und gar, setzte ich hinzu, rede nicht von Je- hovah, dem undankbarsten der Götter, für dessen Existenz du dich heute geschlagen — O Gott! seufzte der Kleine, und Thränen fielen aus seinen Augen — O Gott, du hilfst unseren Feinden! Rede nicht so Viel, wiederholte Van Moculcn. Und du, Schnabelcwopski, flüsterte er mir zu, entschuldige, wenn ich dich langweile; der Kleine wollte durchaus, dass ich ihm die Geschichte seines Namensvetters, des Simson, vorlese — wir sind am vierzehnten Kapitel, hör zu: „Simson ging hinab gen Thimnath, und sähe ein Weib zu Thimnath unter den Töchtern der Philister —" Nein, rief der Kleine mit geschlossenen Augen, wir sind schon am sechzehnten Kapitel. Ist mir doch, als lebte ich das Alles mit, was du da vorliest, als hörte ich die Schafe blöckcn, die am Jordan weiden, als hätte ich selber den Füchsen die Schwänze angezündet und sie in die Felder der Philister gejagt, als hätte ich mit einem Esclskinn- backen tausend Philister erschlagen — O, die Philister! sie hatten uns unterjocht und verspottet, und ließen uns wie Schweine Zoll bezahlen, und haben mich zum Tanzsaal hinausgeschmissen auf dem Ross und zu Bockenheim mit Füßen getreten — hinausgeschmissen, mit Füßen getreten, auf dem Ross! O Gott, Das ist nicht erlaubt! Er liegt im Wundficber und phantasiert, bemerkte leise Van Moeulcn, und begann das sechzehnte Kapitel: Heine's Werke. Bd. IV. ZZ „Simson ging hin gen Gaza, und sahc daselbst eine Hure, und lag bei ihr. „Da ward den Gazitcrn gesagt: Simson ist herein gekommen. Und sie umgaben ihn, und ließen auf ihn lauern die ganze Nacht in der Stadt Thor, und waren die ganze Nacht stille, und sprachen: Harre; morgen, wenn es Licht wird, wollen wir ihn erwürgen. „Simson aber lag bis zu Mitternacht. Da stund er auf zu Mitternacht, und ergriff beide Thurm an der Stadt Thor, sammt den beiden Pfosten, und hnb sie aus mit den Riegeln, und legte sie auf seine Schultern, und trug sie hinauf auf die Höhe des Berges von Hebron. „Darnach gewann er ein Weib lieb am Bach Sorek, die hieß Delila, „Zu Der kamen der Philister Fürsten hinauf und sprachen zu ihr: Überrede ihn und besiehe, wo- rinneu er so große Kraft hat, und womit wir ihn übermögen, dass wir ihn binden und zwingen; so wollen wir dir geben ein Jeglicher tausend und hundert Silberlinge. „Und Delila sprach zu Simson: Lieber, sage mir, worinnen deine große Kraft sei, und womit man dich binden möge, dass man dich zwinge. - 179 — „Simson sprach zu ihr: Wenn man mich bttndc mit sieben Seilen von frischem Bast, die noch nicht verdorret sind; so würde ich schwach, und wäre wie ein anderer Mensch. „Da brachten der Philister Fürsten zu ihr hinauf sieben Seile von frischem Bast, die noch nicht verdorret waren; und sie band ihn damit. „(Man hielt aber auf ihn bei ihr in der Kammer.) Und sie sprach zu ihm: Die Philister über dir, Simson! Er aber zerriss die Seile, wie eine flächserne Schnur zerreißet, wenn sie ans Feuer rcucht; und ward nicht knnd, wo seine Kraft wäre." O dumme Philister ! rief jetzt der Kleine, und lächelte vergnügt; wollten mich auch auf die Kon- stablcrwncht setzen — Van Moeulen aber las weiter: „Da sprach Delila zu Simson: Siehe, du hast mi ch getäuschet und mir gelogen; nun, so sage mir doch, womit kann man dich binden? „Er antwortete ihr: Wenn sie mich künden mit neuen Stricken, damit nie keine Arbeit geschehen ist; so würde ich schwach und wie ein anderer Mensch. „Da nahm Delila neue Stricke, und band ihn damit, und sprach: Philister über dir, Simson! 12» — 180 — (man hielt aber auf ihn in der Kammer), und er zerriss sie von seinen Armen, wie einen Faden." O dnmmc Philister! rief der Kleine im Bette. „Delila aber sprach zu ihm: Noch hast du mich getäuschet und mir gelogen. Lieber, sage mir doch, womit kann man dich binden? Er antwortete ihr: Wenn du sieben Locken meines Hauptes flöchtest mit einem Flechtbande, und heftetest sie mit einem Nagel ein. „Und sie sprach zu ihm: Philister über dir, Simson! Er aber wachte auf von seinem Schlaf, und zog die geflochtenen Locken mit Nagel und Flechtband heraus." Der Kleine lachte: Das war auf der Eschen- hcimcr Gasse. Van Moculcn aber fuhr fort: „Da sprach sie zu ihm: Wie kannst du sagen, du habest mich lieb, so dein Herz doch nicht mit mir ist? Dreimal hast du mich gctäuschct, und mir nicht gcsagct, worinncn deine große Kraft sei. „Da sie ihn aber trieb mit ihren Worten alle Tage, und zerplagte ihn, ward seine Seele matt bis an den Tod, „Und sagte ihr sein ganzes Herz, und sprach zu ihr: Es ist nie kein Schcrmcsser auf mein Haupt kommen; denn ich bin ein Verlobter Gottes von Mutterleib an. Wenn du mich bcschörcst, so wiche meine Kraft von mir, dass ich schwach würde und wie alle andere Menschen." Welch eine Dummheit! seufzte der Kleine. Bau Mocnlen fuhr fort: „Da nun Delila sähe, dass er ihr alle sein Herz offenbaret hatte, sandte sie hin, und ließ der Philister Fürsten rufen, und sagen: Kommet noch einmal herauf; denn er hat mir alle sein Herz offenbaret. Da kamen der Philister Fürsten zu ihr herauf, und brachten das Geld mit sich in ihrer Hand. „Und sie ließ ihn entschlafen auf ihrem Schoß, und rief Einem, der ihm die sieben Locken seines Hauptes abschöre. Und sie fing an ihn zu zwingen. Da war seine Kraft von ihm gewichen. „Und sie sprach zu ihm: Philister über dir, Simson! Da er nun von seinem Schlaf erwachte, gedachte er: Ich will ausgehen, wie ich mehrmals gethan habe, ich will mich ausreißen, und wnsste nicht, dass der Herr von ihm gewichen war. „Aber die Philister griffen ihn, und stachen ihm die Augen aus, und führten ihn hinab gen Gaza, und Kunden ihn mit zwo ehernen Ketten, und er musste mahlen im Gefängnis." O Gott! Gott! wimmerte und weinte beständig der Kranke. Sei still, sagte Bau Mocnlen, und las weiter: „Aber das Haar seines Hauptes fing wieder an zu wachsen, wo es bcschoren war. „Da aber der Philister Fürsten sich versamm- lctcn, ihrem Gott Dagon ein groß Opfer zu thun und sich zu freuen, sprachen sie: Unser Gott hat uns unfern Feind Simsou in unsere Hände gegeben. „Desselbigengleichcn, als ihn das Volk sähe, lobeten sie ihren Gott; denn sie sprachen: Unser Gott hat uns unfern Feind in unsere Hände gc- geben, der unser Land verdcrbete, und Unser Viele erschlug. „Da nun ihr Herz guter Dinge war, sprachen sie: Lasset Simson holen, dass er vor uns spiele. Da holcten sie Simson aus dem Gefängnis, und er spiclctc vor ihnen, und sie stelleten ihn zwischen zwo Säulen. „Simson aber sprach zu dem Knaben, der ihn bei der Hand leitete: Lass mich, dass ich die Säulen taste, auf welchen das Haus stehet, dass ich mich daran lehne. „Das Haus aber war voll Männer und Wei- ber. Es waren auch der Philister Fürsten alle da, und auf dem Dach bei dreitausend, Mann und Weib, die da zusahen, wie Simson spielete. „Simson aber rief den Herrn an, und sprach: Herr, Herr, gedenke mein, und stärke mich doch, — 183 Gott, diesmal, dass ich für meine beiden Augen mich einst räche an den Philistern! „Und er fassete die zwo Mittelsäulcn, auf welchen das Haus gcsetzet war und darauf sich hielt, eine in seine rechte, und die andere in seine linke Hand, „Und sprach: Meine Seele sterbe mit den Philistern! und neigete sich kräftiglich. Da fiel das Haus auf die Fürsten, und auf alles Volk, das darinnen war, dass der Todtcn mehr waren, die in seinem Tode stürben, denn die bei seinem Leben stürben." Bei dieser Stelle öffnete der kleine Simson seine Augen geisterhaft weit, hob sich krampfhaft i» die Höhe, ergriff mit seinen dünnen Ärmchen die beiden Säulen, die zu Füßen seines Bettes, und rüttelte daran, während er zornig stammelte: Es sterbe meine Seele mit den Philistern! Aber die starken Bcttsäulen blieben unbeweglich, ermattet und wehmüthig lächelnd siel der Kleine zurück auf seine Kissen, und aus seiner Wunde, deren Verband sich verschoben, quoll ein rother Blutstrom. Erste Nacht. <^m Vorzimmer fand Maximilian den Arzt, wie er eben seine schwarzen Handschuhe anzog. Ich bin sehr pressiert, rief ihm Dieser hastig entgegen. Signora Maria hat den ganzen Tag nicht geschlafen, und nur in diesem Augenblick ist sie ein wenig eingeschlummert. Ich brauche Ihnen nicht zu empfehlen, sie durch kein Geräusch zu wecken; und wenn sie erwacht, darf sie bei Leibe nicht reden. Sie muss ruhig liegen, darf sich nicht rühren, nicht im mindesten bewegen, darf nicht reden, und nur geistige Bewegung ist ihr heilsam. Bitte, erzählen Sie ihr wieder allerlei närrische Geschichten, so dass sie ruhig zuhören muss. Seien Sic unbesorgt, Doktor, erwiderte Maximilian mit einem wchmüthigcn Lächeln. Ich habe — 188 — mich schon ganz zum Schwätzer ausgebildet und lasse sie nicht zu Worte kommen. Und ich will ihr schon genug phantastisches Zeug erzählen, so viel Sie nur begehren . . . Aber wie lange wird sie noch leben können? Ich bin sehr pressiert, antwortete der Arzt und entwischte. Die schwarze Dcborah, feinöhrig wie sie ist, hatte schon am Tritte den Ankommenden erkannt, und öffnete ihm leise die Thnre. Ans seinen Wink verließ sie eben so leise das Gemach, und Maximilian befand sich allein bei seiner Freundin. Nur dämmernd war das Zimmer von einer einzigen Lampe erhellt. Diese warf dann und wann halb furchtsame, halb neugierige Lichter über das Antlitz der kranken Frau, welche ganz angekleidet in weißem Musselin auf einem grünscidnen Sofa hingestreckt lag und ruhig schlief. Schweigend, mit verschränkten Armen, stand Maximilian einige Zeit vor der Schlafenden und betrachtete die schönen Glieder, die das leichte Gewand mehr offenbarte als verhüllte, und jedesmal, wenn die Lampe einen Lichtstreif über das blasse Antlitz warf, erbebte sein Herz. Um Gott! sprach er leise vor sich hin, was ist Das? Welche Erinnerung wird in mir wach? Ja, jetzt weiß ich's. — 18» — Dieses weiße Bild auf dem grünen Grunde, ja, jetzt . . . In diesem Augenblick erwachte die Kranke, und wie aus der Tiefe eines Traumes hervorschauend, blickten auf den Freund die sanften, dunkelblauen Augen, fragend, bittend ... An was dachten Sic eben, Maximilian? sprach sie mit jener schauerlich weichen Stimme, wie sie bei Lungenkranken gefunden wird, und worin wir zugleich das Lallen eines Kindes, das Zwitschern eines Vogels und das Geröchel eines Sterbenden zu vernehmen glauben. An was dachten sie eben, Maximilian? wiederholte sie nochmals und erhob sich so hastig in die Höhe, dass die langen Locken wie aufgeschreckte Goldschlangcn ihr Haupt umringcltcn. Um Gott! rief Maximilian, indem er sie sanft wieder aufs Sopha niederdrückte, bleiben Sic ruhig liegen, sprechen Sie nicht; ich will Ihnen Alles sagen, Alles was ich denke, was ich empfinde, ja was ich nicht einmal selber weiß! In der That, fuhr er fort, ich weiß nicht genau, was ich eben dachte und fühlte. Bilder aus der Kindheit zogen mir dämmernd durch den Sinn, ich dachte an das Schloss meiner Mutter, an den wüsten Garten dort, an die schöne Marmorstatue, die im grünen Grase lag . . . Ich habe — 190 — „das Schlaft meiner Mutter" gesagt, aber ich bitte Sic, bei Leibe, denken Sie sich darunter nichts Prächtiges und Herrliches! An diese Benennung habe ich mich nun einmal gewöhnt; mein Vater legte immer einen ganz besonderen Ausdruck auf die Worte „das Schlaft!" und er lächelte dabei immer so eigenthümlich. Die Bedeutung dieses Lächelns begriff ich erst später, als ich, ein etwa zwölfjähriges Bübchen, mit meiner Mutter nach dem Schlosse reiste. Es war meine erste Reise. Wir fuhren den ganzen Tag durch einen dicken Wald, dessen dunkle Schauer mir immer unver- geftlich bleiben, und erst gegen Abend hielten wir still vor einer langen Qucrstauge, die uns von einer großen Wiese trennte. Wir mussten fast eine halbe Stunde warten, ehe aus der nahegelegenen Lehmhütte der Zunge kam, der die Sperre wegschob und uns einließ. Ich sage „der Zunge," weil die alte Warthe ihren vierzigjährigen Neffen noch immer den Zungen nannte; Dieser hatte, um die gnädige Herrschaft würdig zu empfangen, das alte Livreekleid seines verstorbenen Oheims angezogen, und da er es vorher ein bischen ausstäubcn muffte, ließ er uns so lange warten. Hätte man ihm Zeit gelassen, würde er auch Strümpfe angezogen haben; die langen, nackten, rothcn Beine stachen aber nicht sehr ab von dem grellen Scharlachrock. Ob er darunter eine Hose trug, weiß ich nicht mehr. Unser Bedienter, der Johann, der ebenfalls die Benennung „Schloss" oft vernommen, machte ein sehr verwundertes Gesicht, als der Zunge uns zu dem kleinen gebrochenen Gebäude führte, wo der selige Herr gewohnt. Er ward aber schier bestürzt, als meine Mutter ihm befahl, die Betten hineinzubringen. Wie konnte er ahnen, dass auf dem „Schlosse" keine Betten befindlich! und die Ordre meiner Mutter, dass er Bettung für uns mitnehmen solle, hatte er entweder ganz überhört oder als überflüssige Mühe unbeachtet gelassen. Das kleine Haus, das, nur eine Etage hoch, in seinen besten Zeiten höchstens fünf bewohnbare Zimmer enthalten, war ein kummervolles Bild der Vergänglichkeit. Zerschlagene Möbeln, zerfetzte Tapeten, keine einzige Fensterscheibe ganz verschont, hie und da der Fußboden aufgerissen, überall die hässlichen Spuren der übermüthigsten Soldaten- wirthschaft. „Die Einquartierung hat sich immer bei uns sehr amüsiert," sagte der Junge mit einem blödsinnigen Lächeln. Die Mutter aber winkte, dass wir sie allein lassen möchten, und während der Zunge mit Johann sich beschäftigte, ging ich den Garten besehen. Dieser bot ebenfalls den trost- - 192 — losesten Anblick der Zcrstörnis. Die großen Bäume waren zum Theil verstümmelt, zum Theil nicdcr- gebrochcn, uud höhnische Wuchcrpflanzen erhoben sich über die gefallenen Stämme. Hie und da, an den aufgeschossenen Taxusbüschen, konnte man die ehemaligen Wege erkennen. Hie und da standen auch Statuen, denen meistens die Köpfe, wenigstens die Nasen, fehlten. Ich erinnere mich einer Diana, deren untere Hälfte von dunklem Ephcu aufs lächerlichste umwachsen war, so wie ich mich auch einer Göttin des Überflusses erinnere, aus deren Füllhorn lauter missduftendes Unkraut hervorblühte. Nur eine Statue war, Gott weiß wie, von der Bosheit der Menschen und der Zeit verschont geblieben; von ihrem Postamente freilich hatte man sie herabgestürzt ins hohe Gras, aber da lag sie unverstümmelt, die marmorne Göttin mit den reinschönen Gesichtszügen und mit dem straffgetheiltcn, edlen Busen, der wie eine griechische Offenbarung aus dem hohen Grase hcrvorglänzte. Ich erschrak fast, als ich sie sah; dieses Bild flößte mir eine sonderbar schwüle Scheu ein, uud eine geheime Blödigkeit ließ mich nicht lange bei seinem holden Anblick verweilen. Als ich wieder zu meiner Mutter kam, stand sie am Fenster, verloren in Gedanken, das Haupt - 1S3 — gestützt auf ihrem rechten Arm, und die Thränen flössen ihr unaufhörlich über die Wangen. So hatte ich sie noch nie weinen sehen. Sie umarmte mich mit hastiger Zärtlichkeit und bat mich um Verzeihung, dass ich durch Johann's Nachlässigkeit kein f ordentliches Bett bekommen werde. „Die alte Marthe," sagte sie, „ist schwer krank und kann dir, liebes Kind, ihr Bett nicht abtreten. Johann soll dir aber die Kissen aus dem Wagen so zurecht legen, dass du darauf schlafen kannst, und er mag dir auch seinen Mantel zur Decke geben. Ich selber schlafe hier auf Stroh; es ist das Schlafzimmer meines seligen Vaters; es sah sonst hier viel besser aus. Lass mich allein!" Und die Thränen schössen ihr noch heftiger aus den Augen. War es nun das ungewohnte Lager oder das aufgeregte Herz, es ließ mich nicht schlafen. Der Mondschein drang so unmittelbar durch die gebrochenen Fensterscheiben, und es war mir, als wolle er mich hinauslocken in die helle Sourmernacht. Ich mochte mich rechts oder links wenden auf meinem Lager, ich mochte die Augen schließen oder wieder ungeduldig öffnen, immer muffte ich an die schöne Marmorstatue denken, die ich im Grase liegen sehen. Ich konnte mir die Blödigkeit nicht erklären, die mich bei ihrem Anblick erfasst hatte; ich ward Hein e's Werke. Bd. IV. iz — 194 — verdrießlich ob dieses kindischen Gefühls, und „Morgen," sagte ich leise zu mir selber, „morgen küssen wir dich, du schönes Marmorgcsicht, wir küssen dich eben auf die schönen Mundwinkel, wo die Lippen in ein so holdseliges Grübchen zusammenschmelzen!" Eine Ungeduld, wie ich sie noch nie gefühlt, rieselte dabei durch alle meine Glieder, ich konnte dem wunderbaren Drange nicht länger gebieten, und endlich sprang ich auf mit keckem Muthe und sprach: „Was gilt's, und ich küsse dich noch heute, du liebes Bildnis!" Leise, damit die Mutter meine Tritte nicht höre, verließ ich das Haus, was um so leichter, da das Portal zwar noch mit einem großen Wappenschild, aber mit keinen Thören mehr versehen war; und hastig arbeitete ich mich durch das Laubwerk des wüsten Gartens. Auch kein Laut regte sich, und Alles ruhte stumm und ernst im stillen Mondschein. Die Schatten der Bäume waren wie angenagelt auf der Erde. Im grünen Grase lag die schöne Göttin ebenfalls regungslos, aber kein steinerner Tod, sondern nur ein stiller Schlaf schien ihre lieblichen Glieder gefesselt zu halten, und als ich ihr nahete, fürchtete ich schier, dass ich sie durch das geringste Geräusch aus ihrem Schlummer erwecken könnte. Ich hielt den Athcm zurück, als ich mich über sie hinbeugte, um die schönen Gesichtszüge zu betrachten; eine schauerliche Beängstigung stieß mich von ihr ab, eine knabenhafte Lüsternheit zog mich wieder zu ihr hin, mein Herz pochte, als wollte ich eine Mordthat begehen, und endlich küsste ich die schöne Göttin mit einer Inbrunst, mit einer Zärtlichkeit, mit einer Verzweiflung, wie ich nie mehr geküsst habe in diesem Leben. Auch nie habe ich diese grauenhaft süße Empfindung vergessen können, die meine Seele durchfluthete, als die beseligende Kälte jener Marmorlippen meinen Mund berührte . . . Und sehen Sie, Maria, als ich eben vor Ihnen stand und ich Sie in Ihrem weißen Musselinkleidc auf dem grünen Sofa liegen sah, da mahnte mich Ihr Anblick an das weiße Marmorbild im grünen Grase. Hätten Sie länger geschlafen, meine Lippen würden nicht widerstanden haben . . . Max! Max! schrie das Weib aus der Tiefe ihrer Seele — Entsetzlich! Sie wissen, dass ein Kuß von Ihrem Munde . , . O, schweigen Sie nur, ich weiß, Das wäre für Sie etwas Entsetzliches! Sehen Sie mich nur nicht so flehend an. Ich missdeute nicht Ihre Empfindungen, obgleich die letzten Gründe derselben mir verborgen bleiben. Ich habe nie meinen Mund ans Ihre Lippen drücken dürfen . . . 13* Aber Maria ließ ihn nicht ausreden, sie hatte seine Hand crfasst, bedeckte diese Hand mit den heftigsten Küssen, und sagte dann lächelnd: Bitte, bitte, erzählen Sie mir noch mehr von ihren Liebschaften. Wie lange liebten Sie die marmorne Schöne, die Sic im Schlossgarten Ihrer Mutter gcküsst? Wir reisten den andern Tag ab, antwortete Maximilian, und ich habe das holde Bildnis nie wiedergesehen. Aber fast vier Jahre beschäftigte es mein Herz. Eine wunderbare Leidenschaft für marmorne Statuen hat sich seitdem in meiner Seele entwickelt, und noch diesen Morgen empfand ich ihre hinreißende Gewalt. Ich kam aus der Lan- rentiana, der Bibliothek der Medicäer, und gerieth, ich weiß nicht mehr wie, in die Kapelle, wo jenes prachtvollste Geschlecht Italiens sich eine Schlafstelle von Edelsteinen gebaut hat und ruhig schlummert. Eine ganze Stunde blieb ich dort versunken in dem Anblick eines marmornen Franenbilds, dessen gewaltiger Leibesbau von der kühnen Kraft des Michel Angelo zeugt, während doch die ganze Gestalt von einer ätherischen Süßigkeit umflossen ist, die man bei jenem Meister eben nicht zu suchen pflegt. In diesen Marmor ist das ganze Traumreich gebannt mit allen seinen stillen Seligkeiten, eine zärtliche Ruhe wohnt in diesen schönen Glie- dern, cm besänftigendes Mondlicht scheint durch ihre Adern zu rinnen ... es ist die Nacht des Michel Angela Buonarotti. O, wie gern möchte ich schlafen des ewigen Schlafes in den Armen dieser Nacht . . . Gemalte Fraucnbildcr, fuhr Maximilian fort nach einer Pause, haben mich immer minder heftig interessiert als Statuen. Nur einmal war ich in ein Gemälde verliebt. Es war eine wunderschöne Madonna, die ich in einer Kirche zu Köln am Rhein kennen lernte. Ich wurde damals ein sehr eifriger Kirchengänger, und mein Gcmüth versenkte sich in die Mystik des Katholicismus. Ich hätte damals gern, wie ein spanischer Ritter, alle Tage ans Leben und Tod gekämpft für die immakulicrte Empfängnis Mariä, der Königin der Engel, der schönsten Dame des Himmels und der Erde! Für die ganze heilige Familie interessierte ich mich damals, und ganz besonders freundlich zog ich jedesmal den Hut ab, wenn ich einem Bilde des heiligen Joseph's vorbeikam. Dieser Zustand dauerte jedoch nicht lange, und fast ohne Umstände verließ ich die Mutter Gottes, als ich in einer Antiken- Galerie mit einer griechischen Nymphe bekannt wurde, die mich lange Zeit in ihren Marmor- fcsseln gefangen hielt. — 198 — Und Sic liebten immer nur gemeißelte oder -gemalte Frauen? kicherte Maria. Nein, ich habe auch todtc Frauen geliebt, antwortete Maximilian, über dessen Gesicht sich wieder ein großer Ernst verbreitete. Er bemerkte nicht, dass bei diesen Worten Maria erschreckend zusammenfuhr, und ruhig sprach er weiter: Ja, es ist höchst sonderbar, dass ich mich einst in ein Mädchen verliebte, nachdem sie schon seit sieben Jahren verstorben war. Als ich die kleine Very kennen lernte, gefiel sie mir ganz außerordentlich gut. Drei Tage lang beschäftigte ich mich mit dieser jungen Person und fand das höchste Ergötzen an Allem, was sie that und sprach, an allen Äußerungen ihres, reizend wunderlichen Wesens, jedoch ohne dass mein Gcmüth dabei in nbcrzärtlichc Bewegung gerieth. Auch wurde ich einige Monate darauf nicht allzu tief ergriffen, als ich die Nachricht empfing, dass sie in Folge eines Ncrvcnficbers plötzlich gestorben sei. Ich vergaß sie ganz gründlich, und ich bin überzeugt, dass ich jahrelang auch nicht ein einziges Mal an sie gedacht habe. Ganze, sieben Jahre waren seitdem verstrichen, und ich befand mich in Potsdam, um in ungestörter Einsamkeit den schönen Sommer zu genießen. Ich kam dort mit keinen: einzigen Menschen in Berührung, — 199 — und mein ganzer Umgang beschränkte sich auf die Statuen, die sich im Garten von Sanssouci befinden. Da geschah es eines Tages, dass mir Gesichtszüge und eine seltsam liebenswürdige Art des Sprechens und Bcwcgens ins Gedächtnis traten, ohne dass ich mich Dessen entsinnen konnte, welcher Person Dergleichen angehörten. Nichts ist quälender als solches Herumstöbern in alten Erinnerungen, und ich war dcsshalb wie freudig überrascht, als ich nach einigen Tagen mich auf einmal der kleinen Very erinnerte und jetzt merkte, dass es ihr liebes, vergessenes Bild war, was mir so beunruhigend vorgeschwebt hatte. Ja, ich freute mich dieser Entdeckung wie Einer, der seinen intimsten Freund ganz unerwartet wiedergefunden; die verblichenen Farben belebten sich allmählig, und endlich stand die süße kleine Person wieder leibhaftig vor mir, lächelnd, schmollend, witzig, und schöner noch als jemals. Von nun an wollte mich dieses holde Bild nimmermehr verlassen, es füllte meine ganze Seele; wo ich ging und stand, stand und ging es an meiner Seite, sprach mit mir, lachte mit mir, jedoch harmlos und ohne große Zärtlichkeit. Ich aber wurde täglich mehr und mehr bezaubert von diesem Bilde, das täglich mehr und mehr Realität für mich gewann. Es ist leicht, Geister zu bcschwö- I rcn, doch ist es schwer, sie wieder zurück zu schicken in ihr dunkles Nichts; sie sehen uns dann so flehend an, unser eigenes Herz leiht ihnen so mächtige Fürbitte ... Ich konnte mich nicht mehr losreißen, und ich verliebte mich in die kleine Vcry, nachdem sie schon seit sieben Jahren verstorben. So lebte ich sechs Monate in Potsdam, ganz versunken in dieser Liebe. Ich hütete mich noch sorgfältiger als vorher vor jeder Berührung mit der Außenwelt, und wenn irgend Jemand auf der Straße etwas nahe an mir vorbcistreifte, empfand ich die miss- bchaglichste Beklemmung. Ich hegte vor allen Be- gegnisscn eine tiefe Scheu, wie solche vielleicht die nachtwandelnden Geister der Todtcn empfinden; denn Diese, wie man sagt, wenn sie einem lebenden Menschen begegnen, erschrecken sie eben so sehr, wie der Lebende erschrickt, wenn er einem Gespcnste begegnet. Zufällig kam damals ein Reisender durch Potsdam, dem ich nicht ausweichen konnte, nämlich mein Bruder. Bei seinem Anblick und bei seinen Erzählungen von den letzten Vorfällen der Tagesgeschichte erwachte ich wie aus einem tiefen Traume, und zusammenschreckend fühlte ich plötzlich, in welcher grauenhaften Einsamkeit ich so lange für mich hingclcbt. Ich hatte in diesem Zustande nicht einmal den Wechsel der Jahrzeiten gemerkt, und mit Verwunderung betrachtete ich jetzt die Bäume, die, längst cutblättert, mit herbstlichem Reife bedeckt standen. Ich verließ alsbald Potsdam und die kleine Verl), und in einer andern Stadt, wo mich wichtige Geschäfte erwarteten, wurde ich durch sehr eckige Verhältnisse und Beziehungen sehr bald wieder in die rohe Wirklichkeit hineingcquält. Lieber Himmel! fuhr Maximilian fort, indem ein schmerzliches Lächeln um seine Oberlippe zuckte, — lieber Himmel! die lebendigen Weiber, mit denen ich damals in unabweisliche Berührungen kam, wie haben sie mich gequält, zärtlich gequält mit ihrem Schmollen, Eifersüchte!» und beständigemJn-Athcm- halten! Auf wie vielen Bällen muffte ich mit ihnen herumtraben, in wie viele Klatschereien muffte ich mich mischen! Welche rastlose Eitelkeit, welche Freude an der Lüge, welche küssende Verrätherci, welche giftige Blumen! Jene Damen wnssten mir alle Lust und Liebe zu verleidest, und ich wurde auf einige Zeit ein Weiberfeind, der das ganze Geschlecht verdammte. Es erging mir fast wie dem französischen Offiziere, der im russischen Fcldzugc sich nur mit Mühe aus den Eisgrubcn der Beresina gerettet hatte, aber seitdem gegen alles Gefrorene eine solche Antipathie bekommen, dass er jetzt sogar die süßesten und angenehmsten Eissorten von Tortoni mit Abscheu von sich wies. Ja, die Erinnerung an die Bcrc- sina der Liebe, die ich damals passierte, verleidete mir einige Zeit sogar die köstlichsten Damen, Frauen wie Engel, Mädchen wie Vanillcnsorbct. Ich bitte Sic, rief Maria, schmähen Sie nicht die Weiber! Das sind abgedroschene Redensarten der Männer. Am Ende, um glücklich zu sein, bedürft ihr dennoch der Weiber. O, seufzte Maximilian, Das ist freilich wahr. Aber die Weiber haben leider nur eine einzige Art, wie sie uns glücklich machen können, während sie uns ans drcißigtauscnd Arten unglücklich zu machen wissen. Thcurcr Freund, erwiderte Maria, indem sie ein leises Lächeln vcrbiss, ich spreche von dem Einklänge zweier gleichgestimmten Seelen. Haben Sic dieses Glück nie empfunden? . . . Aber ich sehe eine ungcwöhnte Röthc über ihre Wangen ziehen . . . Sprechen Sic . . . Max? Es ist wahr, Maria, ich fühle mich fast knabenhaft befangen, da ich Ihnen die glückliche Liebe gestehen soll, die mich einst unendlich beseligt hat! Diese Erinnerung ist mir noch nicht verloren, und in ihren kühlen Schatten flüchtet sich noch oft meine Seele, wenn der brennende Staub und die Tagcs- hitzc des Lebens unerträglich wird. Ich bin aber — 203 — nicht im Stande, Ihnen von dieser Geliebten einen richtigen Begriff zu geben. Sie war so ätherischer Natur, dass sie sich mir nur im Traume offenbaren konnte. Ich denke, Maria, Sie hegen kein banales Vorurthcil gegen Träume; diese nächtlichen Erscheinungen haben wahrlich eben so viel Realität wie jene roheren Gebilde des Tages, die wir mit Händen antasten können, und woran wir uns nicht selten beschmutzen. Ja, es war im Traume, wo ich sie sah, jenes holde Wesen, das mich am meisten auf dieser Welt beglückt hat. Über ihre Äußerlichkeit weiß ich Wenig zu sagen. Ich bin nicht im Stande, die Form ihrer Gesichtszüge ganz genau anzugeben. Es war ein Gesicht, das ich nie vorher gesehen, und das ich nachher nie wieder im Leben erblickte. So Viel erinnere ich mich, es war nicht weiß und rosig, sondern ganz einfarbig, ein sanft angcröthetcs Blassgelb und durchsichtig wie Krystall. Die Reize dieses Gesichtes bestanden weder im strengen Schönheitsmaß, noch in der interessanten Beweglichkeit; sein Charakter bestand vielmehr in einer bezaubernden, entzückenden, fast erschreckenden Wahrhaftigkeit. Es war ein Gesicht voll bcwusster Liebe und graciöscr Güte; es war mehr eine Seele als ein Gesicht, und dcsshalb habe ich die äußere Form mir nie ganz vergegenwärtigen — 204 — können. Die Augen waren sanft wie Blumen, die Lippen etwas bleich, aber anmuthig gewölbt. Sie trug ein seidncs Peignoir von kornblauer Farbe, aber hierin bestand auch ihre ganze Bekleidung; Hals und Füße waren nackt, und durch das weiche, dünne Gewand lauschte manchmal wie verstohlen die schlanke Zartheit der Glieder. Die Worte, die wir mit einander gesprochen, kann ich mir ebenfalls nicht mehr verdeutlichen; so Viel weiß ich, dass wir uns verlobten, und dass wir heiter und glücklich, offenherzig und traulich, wie Bräutigam und Braut, ja fast wie Bruder und Schwester, mit einander kosten. Manchmal aber sprachen wir gar nicht mehr und sahen uns einander an, Aug' in Auge, und in diesem beseligenden Anschauen verharrten wir ganze Ewigkeiten . . . Wodurch ich erwacht bin, kann ich ebenfalls nicht sagen, aber ich schwelgte noch lange Zeit in dem Nachgefühle dieses Liebesglücks. Ich war lange wie getränkt von unerhörten Wonnen, die schmachtende Tiefe meines Herzens war wie gefüllt mit Seligkeit, eine mir unbekannte Freude schien über alle meine Empfindungen ausgegossen, und ich blieb froh und heiter, obgleich ich die Geliebte in meinen Träumen niemals wiedersah. Aber hatte ich nicht in ihrem Anblick ganze Ewigkeiten genossen? Auch kannte sie mich zu gut, — 205 — um nicht zu wissen, dass ich keine Wiederholungen liebe. Wahrhaftig, rief Maria, Sie sind ein llornins a, könne kortnns . . . Aber sagen Sie mir, war Mademoisclle Laurcnce eine Marmorstatue oder ein Gemälde? eine Todte oder ein Traum? Vielleicht alles Dieses zusammen, antwortete Maximilian sehr ernsthaft. Ich konnte mir's vorstellen, thcurer Freund, dass diese Geliebte von sehr zweifelhaftem Fleische sein musste. Und wann werden Sie mir diese Geschichte erzählen? Morgen. Sie ist lang, und ich bin heute müde. Ich komme aus der Oper und habe zu viel Musik in den Ohren. Sie gehen jetzt oft in die Oper, und ich glaube, Max, Sie gehen dorthin mehr um zu sehen, als um zu hören. Sie irren sich nicht, Maria, ich gehe wirklich in die Oper, um die Gesichter der schönen Jtaliänerinnen zu betrachten. Freilich, sie sind schon außerhalb dem Theater schön genug, und ein Geschichtsforscher könnte an der Idealität ihrer Züge sehr leicht den Einfluss der bildenden Künste ans die Leiblichkcit des italiänischen Volkes nachweisen. Die Natnr hat hier den Künstlern das — 206 — Kapital zurückgenommen, das sie ihnen einst geliehen, und siehe! es hat sich anfs entzückendste verzinst. Die Natur, welche einst den Künstlern ihre Modelle lieferte, sie kopiert heute ihrerseits die Meisterwerke, die dadurch entstanden. Der Sinn für das Schöne hat das ganze Volk durchdrungen, und wie einst das Fleisch auf den Geist, so wirkt jetzt der Geist auf das Fleisch. Und nicht fruchtlos ist die Andacht vor jenen schönen Madonnen, den lieblichen Altarbildern, die sich dem Gemüthc des Bräutigams einprägen, während die Braut einen schönen Heiligen im brünstigen Sinne trägt. Durch solche Wahlverwandtschaft ist hier ein Menschengeschlecht entstanden, das noch schöner ist als der holde Boden, worauf es blüht, und der sonnige Himmel, der es wie ein goldner Rahmen umstrahlt. Die Männer interessieren mich nie viel, wenn sie nicht entweder gemalt oder gemeißelt sind, und Ihnen, Maria, überlasse ich allen möglichen Enthusiasmus in Betreff jener schönen, geschmeidigen Jtaliäner, die so wildschwarze Backenbärte und so kühn edle Nasen und so sanft kluge Augen haben. Man sagt, die Lombarden seien die schönsten Männer. Ich habe nie darüber Untersuchungen angestellt, nur über die Lombardinncn habe ich ernsthaft nachgedacht, und Diese, Das habe ich wohl gemerkt, — 207 — sind wirklich so schön, wie der Ruhm meldet. Aber auch schon im Mittelalter müssen sie ziemlich schön gewesen sein. Sagt man doch von Franz I., dass das Gerücht von der Schönheit der Mailänderinnen ein heimlicher Antrieb gewesen, der ihn zu seinem italiänischen Feldzuge bewogen habe; der ritterliche König war gewiss neugierig, ob seine geistlichen Mühmchen, die Sippschaft seines Taufpathen, so hübsch seien, wie er rühmen hörte . . . Armer Schelm! zu Pavia musste er für diese Neugier sehr theucr büßen! Aber wie schön sind sie erst, diese Jtaliäne- rinnen, wenn die Musik ihre Gesichter beleuchtet. Ich sage: beleuchtet, denn die Wirkung der Musik, die ich in der Oper auf den Gesichtern der schönen Frauen bemerke, gleicht ganz jenen Licht- und Schatteneffekten, die uns in Erstaunen setzen, wenn wir Statuen in der Nacht bei Fackelschein betrachten. Diese Marmorbilder offenbaren uns dann mit erschreckender Wahrheit ihren innewohnenden Geist und ihre schauerlichen stummen Geheimnisse. In derselben Weise giebt sich uns auch das ganze Leben der schönen Jtaliänerinncn kund, wenn wir sie in der Oper sehen; die wechselnden Melodien wecken alsdann in ihrer Seele eine Reihe von Gefühlen, Erinnerungen, Wünschen und Ärgernissen, die sich alle augenblicklich in den Bewegungen ihrer Züge, in ihrem Erröthcn, in ihrem Erbleichen, und gar in ihren Augen aussprechen- Wer zu lesen versteht, kann alsdann auf ihren schönen Gesichtern sehr viel' süße und interessante Dinge lesen, Geschichten, die so merkwürdig wie die Novellen des Boccaccio, Gefühle, die so zart wie die Sonette des Petrarcha, Launen, die so abenteuerlich wie die Ottaverimc des Ariosto, manchmal auch furchtbare Verräthcrei und erhabene Bosheit, die so poetisch wie die Hölle des großen Dante. Da ist es der Mühe Werth, hinaufzuschaucn nach den Logen. Wenn nur die Männer unterdessen ihre Begeisterung nicht mit so fürchterlichem Lärm aussprächen! Dieses allzu tolle Geräusch in einem italiänischen Theater wird mir manchmal lästig. Aber die Musik ist die Seele dieser Menschen, ihr Leben, ihre Nationalsachc. In andern Ländern giebt es gewiss Musiker, die den größten italiänischen Ncnommcen gleichstehen, aber es giebt dort kein musikalisches Volk. Die Musik wird hier in Italien nicht durch Individuen repräsentiert, sondern sie offenbart sich in der ganzen Bevölkerung, die Musik ist Volk geworden. Bei uns im Norden ist es ganz anders; da ist die Musik nur Mensch geworden und heißt Mozart oder Mcyerbcer; und obendrein wenn man das — 209 — Beste, was solche nordische Musiker uns bieten, genau untersucht, so findet sich darin italiänischer Sonnenschein und Orangenduft, und viel eher als unserem Deutschland gehören sie dem schönen Jim lien, der Heimat der Musik. Ja, Italien wird immer die Heimat der Musik sein, wenn auch seine großen Maestri frühe ins Grab steigen oder verstummen, wenn auch Bcllini stirbt und Rossini schweigt. Wahrlich, bemerkte Maria, Rossini behauptet ein sehr strenges Stillschweigen. Wenn ich nicht irre, schweigt er schon seit zehn Jahren. Das ist vielleicht ein Witz von ihm, antwortete Maximilian. Er hat zeigen wollen, dass der Name „Schwan von Pcsaro," den man ihm ertheilt, ganz unpassend sei. Die Schwäne singen am Ende ihres Lebens, Rossini aber hat in der Mitte des Lebens zu singen aufgehört. Und ich glaube, er hat wohl daran gethan und eben dadurch gezeigt, dass er ein Genie ist. Ein Künstler, welcher nur Talent hat, behalt bis an sein Lebensende den Trieb, dieses Talent auszuüben, der Ehrgeiz stachelt ihn, er fühlt, dass er sich beständig vervollkommnet, und es drängt ihn, das Höchste zu erstreben. Der Genius aber hat das Höchste bereits geleistet, er ist zufrieden, er verachtet die Welt und den kleinen Heine'S Werle. Bd. IV. 14 - 210 Ehrgeiz, und geht nach Hause, nach Stratford am Avon wie William Shakspearc, oder promeniert sich lachend und witzelnd auf dem Boulevard ciss Italisns zu Paris wie Joachim Rossini. Hat der Genius keine ganz schlechte Lcibcskonstitntion, so lebt er in solcher Weise noch eine gute Weile fort, nachdem er seine Meisterwerke geliefert oder, wie man sich auszudrücken pflegt, nachdem er seine Mission erfüllt hat. Es ist ein Vornrthcil, wenn man meint, das Genie müsse früh sterben; ich glaube, man hat das dreißigste bis zum vicrunddreißigsten Jahr als die gefährliche Zeit für die GenicS bezeichnet. Wie oft habe ich den armen Bellini damit geneckt, und ihm aus Scherz prophezeit, dass er, in seiner Eigenschaft als Genie, bald sterben müsse, indem er das gefährliche Alter erreiche. Sonderbar! trotz des scherzenden Tones ängstigte er sich doch ob dieser Prophezeiung, er nannte mich seinen Jet- tatore und machte immer das Zcttatorczcichcn . . . Er wollte so gern leben bleiben, er hatte eine fast leidenschaftliche Abneigung gegen den Tod, er wollte Nichts vom Sterben hören, er fürchtete sich davor wie ein Kind, das sich fürchtet im Dunkeln zu schlafen... Er war ein gutes, liebes Kind, manchmal etwas unartig, aber dann brauchte man ihm nur mit seinem baldigen Tode zu drohen, und er — 211 — ward dann gleich kleinlaut und bittend und machte mit den zwei erhobenen Fingern das Jettntorc- zcichen . . . Armer Bcllini! Sie haben ihn also persönlich gekannt? War er hübsch? Er war nicht hässlich. Sie sehen, auch wir Männer können nicht bejahend antworten, wenn man uns über Jemand von unserem Geschlcchte eine solche Frage vorlegt. Es war eine hoch aufgeschossene, schlanke Gestalt, die sich zierlich, ich möchte sagen kokett, bewegte; immer ä, «zuatrs spiuAlss; ein regelmäßiges Gesicht, länglich, blassrosig; hellblondes, fast goldiges Haar, in dünnen ^ Löckchen frisiert; hohe, sehr hohe, edle Stirn; grade Nase; bleiche, blaue Augen; schöngcmesscncr Mund; rundes Kinn. Seine Züge hatten etwas Vages, Charakterloses, Etwas wie Milch, und in diesem Milchgcsichte quirlte manchmal süßsäucrlich ein Ausdruck von Schmerz. Dieser Ausdruck von Schmerz ersetzte in Bcllini's Gesichte den mangelnden Geist; aber es war ein Schmerz ohne Tiefe; er flimmerte ! poesielos in den Augen, er zuckte leidenschaftslos um die Lippen des Mannes. Diesen flachen, matten Schmerz schien der junge Maestro in seiner ganzen Gestalt veranschaulichen zu wollen. So schwärmerisch wchmüthig waren seine Haare frisiert, die t4* Kleider saßen ihm so schmachtend an dem zarten Leibe, er trug sein spanisches Röhrchcn so idyllisch, dass er mich immer an die jungen Schäfer erinnerte, die wir in unseren Schäfcrspielcn mit bebänderten Stäben und hellfarbigen Jäckchen und Höschen minaudicrcn sehen. Und sein Gang war so jungfräulich, so elegisch, so ätherisch. Der ganze Mensch sah aus wie ein Seufzer sn esoarpnns. Er hat bei den Frauen vielen Beifall gefunden, aber ich zweifle, ob er irgendwo eine starke Leidenschaft geweckt hat. Für mich selber hatte seine Erscheinung immer etwas spaßhaft Ungenießbares, dessen Grund wohl zunächst in seinem Französisch- sprcchcn zu finden war. Obgleich Bcllini schon mehrere Jahre in Frankreich gelebt, sprach er doch das Französische so schlecht, wie es vielleicht kaum in England gesprochen werden kann. Ich sollte dieses Sprechen nicht mit dem Beiwort „schlecht" bezeichnen; schlecht ist hier viel zu gut. Man muss entsetzlich sagen, blutschänderisch, wcltuntcrgangsmäßig. Ja, wenn man mit ihm in Gesellschaft war, und er die armen französischen Worte wie ein Henker radebrach, und unerschütterlich seine kolossalen ocxz- ü-1'kllö auskramte, so meinte man manchmal, die Welt müsse mit einem Donncrgckrnchc untergehen . . . Eine Lcichcnstillc herrschte dann im ganzen 213 - Saale; Todcsschreck malte sich auf allen Gesichtern, mit Krcidcfarbc oder mit Zinnober; die Frauen wnsstcn nicht, ob sie in Ohnmacht fallen oder entfliehen sollten; die Männer sahen bestürzt nach ihren Beinkleidern, um sich zu überzeugen, daß sie wirklich dergleichen trugen; und was das Furchtbarste war, dieser Schreck erregte zu gleicher Zeit eine konvulsive Lachlust, die sich kaum verbeißen ließ. Wenn man daher mit Bellini in Gesellschaft war, musste seine Nähe immer eine gewisse Angst einflößen, die durch einen grauenhaften Reiz zugleich abstoßend und anziehend war. Manchmal waren seine unwillkürlichen Calcmbonrs bloß belustigender Art, und in ihrer Possierlichen Abgeschmacktheit erinnerten sie an das Schloss seines Landsmannes, des Prinzen von Pallagonien, welches Goethe in seiner italiänischen Reise als ein Museum von barocken Berzerrthcitcn und ungereimt zusammcnge- koppcltcn Mißgestalten schildert. Da Bcllini bei solchen Gelegenheiten immer etwas ganz Harmloses und ganz Ernsthaftes gesagt zu haben glaubte, so bildete sein Gesicht mit seinem Worte eben den allcrtollstcn Kontrast. Das, was mir an seinem Gesichte mißfallen konnte, trat dann um so schneidender hervor. Das, was mir da mißfiel, war aber nicht von der Art, daß es just als ein Mangel — 214 — bezeichnet werden könnte, und am wenigsten mag es wohl den Damen ebenfalls uncrfreusam gewesen sein. Bcllini's Gesicht, wie seine ganze Erscheinung, hatte jene Physische Frische, jene Fleischblüthe, jene Roscnfarbe, die auf mich einen unangenehmen Eindruck macht, auf mich, der ich vielmehr das Todtcnhaftc und das Marmorne liebe. Erst späterhin, als ich Bcllini schon lange kannte, empfand ich für ihn einige Neigung. Dieses entstand namentlich, als ich bemerkte, dass sein Charakter durchaus edel und gut war. Seine Seele ist gewiss rein und unbefleckt geblieben von allen hässlichcn Berührungen. Auch fehlte ihm nicht die harmlose Gut- mttthigkeit, daS Kindliche, das wir bei genialen Menschen nie vermissen, wenn sie auch Dergleichen nicht für Jedermann zur Schau tragen. Ja, ich erinnere mich — fuhr Maximilian fort, indem er sich auf den Sessel niederließ, an dessen Lehne er sich bis jetzt aufrecht gestützt hatte — ich erinnere mich eines Augenblickes, wo mir Bcllini in einem so liebenswürdigen Lichte erschien, dass ich ihn mit Vergnügen betrachtete und mir vornahm, ihn näher kennen zu lernen. Aber es war leider der letzte Augenblick, wo ich ihn in diesem Leben sehen sollte. Dieses war eines Abends, nachdem wir im Hause einer großen Dame, die 315 — den kleinsten Fuß in Paris hat, mit einander gespeist und sehr heiter geworden, und am Forte- piano die süßesten Mclodiecn erklangen ... Ich sehe ihn noch immer, den guten Bellini, wie er endlich, erschöpft von den vielen tollen Bcllinismcn, die er geschwatzt, sich auf einen Sessel niederließ . . . Dieser Sessel war sehr niedrig, fast wie ein Bänkchen, so dass Vcllini dadurch gleichsam zu den Füßen einer schönen Dame zu sitzen kam, die sich ihm gegenüber ans ein Sofa hingestreckt hatte und mit süßer Schadenfreude auf Bcllini hinabsah, während Dieser sich abarbeitete, sie mit einigen französischen Redensarten zu unterhalten, und er immer in die Nothwcndigkcit gcricth, DaS, was er eben gesagt hatte, in seinem sicilianischcn Jargon zu kommentieren, um zu beweisen, dass es keine Sottise, sondern im Gegcnthcil die feinste Schmeichelei gewesen sei. Ich glaube, dass die schöne Dame auf Bcllini's Redensarten gar nicht viel hinhörte; sie hatte ihm sein spanisches Röhrchen, womit er seiner schwachen Rhetorik manchmal zu Hilfe kommen wollte, aus den Händen genommen, und bediente sich dessen, um den zierlichen Lockcnbau an den beiden Schläfen des jungen Maestro ganz ruhig zu zerstören. Diesem muthwilligcn Geschäfte galt wohl jenes Lächeln, das ihrem Gesichte einen — 216 — Ausdruck gab, wie ich ihu nie auf einem lebenden Menschcnantlitz gesehen. Nie kämmt mir dieses Gesicht aus dem Gedächtnisse! Es war eins jener Gesichter, die mehr dem Traumreich der Poesie als der rohen Wirklichkeit des Lebens zu gehören scheinen, Konturen, die an Da Vinci erinnern, jenes edle Oval mit den naiven Wangcngrübchcn und dem sentimental spitz-zulaufcndcn Kinn der lombardischen Schule. Die Färbung mehr römisch sanft, matter Pcrlcnglanz, vornehme Blässe, Morbidezza. Kurz, es war ein Gesicht, wie es nur auf irgend einem altitaliänischcn Portraitc gefunden wird, das etwa eine von jenen großen Damen vorstellt, worin die italiänischcn Künstler des sechzehnten Jahrhunderts verliebt waren, wenn sie ihre Meisterwerke schufen, woran die Dichter jener Zeit dachten, wenn sie sich unsterblich sangen, und wonach die deutschen und französischen Kricgshcldcn Verlangen trugen, wenn sie sich das Schwert umgürteten und thatcn- süchtig über die Alpen stürzten . . . Ja, ja, so ein Gesicht war cS, worauf ein Lächeln der süßesten Schadenfreude und des vornehmsten MuthwilleuS spielte, während sie, die schöne Dame, mit der Spitze des spanischen Nohrs den blonden Lockenbau des guten Bcllini zerstörte. In diesem Augenblick erschien mir Bcllini wie berührt von einem — 217 — Zauberstabchcn, wie umgewandelt zu einer durchaus befreundeten Erscheinung, und er wurde meinem Herzen auf einmal verwandt. Sein Gesicht erglänzte im Wicderschein jenes Lächelns, es war vielleicht der blühendste Moment seines Lebens . . . Ich werde ihn nie vergessen . . . Vierzehn Tage nachher las ich in der Zeitung, dass Italien einen seiner rühmlichsten Söhne verloren! Sonderbar! Zu gleicher Zeit wurde auch der Tod Paganini's angezeigt. An diesem Todesfall zweifelte ich keinen Augenblick, da der alte, fahle Paganini immer wie ein Sterbender aussah; doch der Tod des jungen, rosigen Bcllini kam mir unglaublich vor. Und doch war die Nachricht vom Tode des Erstercn nur ein Zeitungs-Jrrthnm, Paganini befindet sich frisch und gesund zu Genua, und Bcllini liegt im Grabe zu Paris! Lieben Sie Paganini? frng Maria. Dieser Mann, antwortete Maximilian, ist eine Zierde seines Vaterlandes und verdient gewiss die ausgezeichnetste Erwähnung, wenn man von den musikalischen Notabilitätcn Italiens sprechen will. Ich habe ihn nie gesehen, bemerkte Maria, aber dem Rufe nach soll sein Äußeres den Schön- hcitssinn nicht vollkommen befriedigen. Ich habe Portraitc von ihm gesehen . . . Die alle nicht ähnlich sind, fiel ihr Maximilian in die Rede; sie vcrhässlichcn oder verschönern ihn, nie geben sie seinen wirklichen Charakter. Ich glaube, es ist nur einem einzigen Menschen gelungen, die wahre Physiognomie Paganini's aufs Papier zu bringen; es ist ein tauber Maler, Namens Lyscr, der in seiner geistreichen Tollheit mit wenigen Krcidcstrichcn den Kopf Paganini's so gut getroffen hat, dass man ob der Wahrheit der Zeichnung zugleich lacht und erschrickt. „Der Teufel hat mir die Hand geführt," sagte mir der taube Maler, geheimnisvoll kichernd und gutmnthig ironisch mit dem Kopfe nickend, wie er bei seinen genialen Eulenspiegeleien zu thun pflegte. Dieser Maler war immer ein wunderlicher Kauz; trotz seiner Taubheit liebte er enthusiastisch die Musik, und er soll es verstanden haben, wenn er sich nahe genug am Orchester befand, den Musikern die Musik ans dem Gesichte zu lesen, und an ihren Fingcrbewcgungcn die mehr oder minder gelungene Exekution zu be- urthcilen; auch schrieb er die Opcrnkritikcn in einem schätzbaren Journale zu Hamburg. Was ist eigentlich da zu verwundern? In der sichtbaren Signatur des Spieles konnte der taube Maler die Töne — 219 — sehcn. Giebt es doch Menschen, denen die Töne selber nur unsichtbare Signaturen sind, worin sie Farben und Gestalten hören. Ein solcher Mensch sind Sie! rief Maria. Es ist mir leid, dass ich die kleine Zeichnung von Lyser nicht mehr besitze; sie würde Ihnen vielleicht von Paganini's Äußerem einen Begriff verleihen. Nur in grell schwarzen, flüchtigen Strichen konnten jene fabelhaften Züge erfasst werden, die mehr dem schweflichtcn Schattenreich als der sonnigen LcbenSwclt zu gehören scheinen. „Wahrhaftig, der Teufel hat mir die Hand geführt," betheucrte mir der taube Maler, als wir zu Hamburg vor dem Alsterpavillon standen, an dem Tage, wo Pa- ganini dort sein erstes Konccrt gab. „Ja, mein Freund," fuhr er fort, „es ist wahr, was die ganze Welt behauptet, dass er sich dem Teufel verschrieben hat, Leib und Seele, um der beste Violinist zu werden, um Millionen zu crficdeln, und zunächst um von der verdammten Galcre loszukommen, wo er schon viele Jahre geschmachtet. Denn, sehcn Sie, Freund, als er zu Lucca Kapellmeister war, verliebte er sich in eine Theatcrprinzessin, ward eifersüchtig auf irgend einen kleinen Abbatc, ward vielleicht ooon, erstach auf gut italianisch seine ungetreue Amata, kam auf die Galcre zu Genna und, wie gesagt, verschrieb sich endlich dem Teufel, um loszukommen, um der beste Violiuspieler zu werden, und um Jedem von uns diesen Abend eine Brandschatzung von zwei Thalcrn auferlegen zu können . . . Aber, sehen Sic! alle guten Geister loben Gott! sehen Sie, dort in der Allee kommt er selber mit seinem zweideutigen Famulo!" In der That, eS war Paganini selber, den ich alsbald zu Gesicht bekam. Er trug einen dunkel- grauen Oberrock, der ihm bis zu den Füßen reichte, wodurch seine Gestalt sehr hoch zu sein schien. Das lange schwarze Haar siel in verzerrten Locken auf seine Schultern herab und bildete wie einen dunklen Rahmen um das blasse, lcichenartige Gesicht, worauf Kummer, Genie und Hölle ihre unverwüstlichen Zeichen eingegraben hatten. Neben ihm tänzelte eine niedrige, behagliche Figur, putzig prosaisch: —rosig verrunzeltes Gesicht, hellgraues Röckchcn mit Stahl- knöpfcn, unausstehlich freundlich nach allen Seiten hingrüßcnd, mitunter aber voll bcsorglichcr Scheu nach der düsteren Gestalt hinaufschiclcnd, die ihm ernst und nachdenklich zur Seite wandelte. Man glaubte das Bild von Nctzsch zu sehen, wo Faust mit Wagner vor den Thoren von Leipzig spazieren geht. Der taube Maler kommentierte mir aber die beiden Gestalten in seiner tollen Weise, nnd — 221 — machte mich besonders aufmerksam aus den gemessenen, breiten Gang des Paganini. „Ist eö nicht," sagte er, „als trüge er noch immer die eiserne Querstange zwischen den Beinen? Er hat sich nun einmal diesen Gang auf immer angewohnt. Sehen Sie auch, wie verächtlich ironisch er auf seinen Begleiter manchmal hinabschaut, wenn Dieser ihm mit seinen prosaischen Fragen lästig wird; er kann ihn aber nicht entbehren, ein blutiger Kontrakt bindet ihn an diesen Diener, der eben kein Anderer ist als Satan. Das unwissende Volk meint freilich, dieser Begleiter sei der Komödien- und Anekdoten- schrciber Harrys aus Hannover, den Paganini auf Reisen mitgenommen habe, um die Geldgeschäfte bei seinen Koncertcn zu verwalten. Das Volk weiß nicht, dass der Teufel dem Herrn Georg Harrys bloß seine Gestalt abgeborgt hat, und dass die arme Seele dieses armen Menschen unterdessen neben anderem Lumpcnkram in einem Kasten zu Hannover so lange eingesperrt sitzt, bis der Teufel ihr wieder ihre Fleisch-Enveloppe znrückgicbt, und er vielleicht seinen Meister Paganini in einer würdigeren Gestalt, nämlich als schwarzer Pudel, durch die Welt begleiten wird." War mir aber Paganini, als ich ihn am hellen Mittage unter den grünen Bäumen des Hamburger Jnngfcrnstiegs einhcrwandeln sah, schon hinlänglich fabelhaft nnd abenteuerlich erschienen: wie musste mich erst des Abends im Koncertc seine schauerlich bizarre Erscheinung überraschen. Das Hamburger Komödicnhaus war der Schauplatz dieses Koncertcs, und das kunstlicbcndc Publikum hatte sich schon frühe und in solcher Anzahl eingefunden, dass ich kaum noch ein Plätzchen für mich am Orchester erkämpfte. Obgleich es Posttag war, erblickte ich doch in den ersten Ranglogen die ganze gebildete Handelswelt, einen ganzen Olymp von Bankiers und sonstigen Millionärs, die Götter des KaffcS und des Zuckers, nebst deren dicken Ehegöttinnen, Junonen vom Wandrahm und Aphroditen vom Dreckwall. Auch herrschte eine religiöse Stille im ganzen Saal. Jedes Auge war nach der Bühne gerichtet. Jedes Ohr rüstete sich zum Hören. Mein Nachbar, ein alter Pclzmaklcr, nahm seine schmutzige Baumwolle aus den Ohren, um bald die kostbaren Töne, die zwei Thalcr Entrsegcld kosteten, besser einsangen zu können. Endlich aber, aus der Bühne, kam eine dunkle Gestalt zum Vorschein, die der Unterwelt entstiegen zu seiu schien. Das war Pa- gauini in seiner schwarzen Galla: der schwarze Frack und die schwarze Weste von einem entsetzlichen Zuschnitt, wie er vielleicht am Hofe Pro-- 223 — serpinens von der höllischen Etikette vorgeschrieben ist; die schwarzen Hosen ängstlich schlotternd um die dünnen Beine. Die langen Arme schienen noch verlängert, indem er in der einen Hand die Violine und in der andern den Bogen gesenkt hielt und damit fast die Erde berührte, als er vor dem Publikum seine unerhörten Verbeugungen auskramte. In den eckigen Krümmungen seines Leibes lag eine schauerliche Hölzernheit und zugleich etwas närrisch Thicrisches, dasS uns bei diesen Verbeugungen eine sonderbare Lachlust anwandeln musste; aber sein Gesicht, das durch die grelle Orchestcrbclcuchtung noch leichenartig weißer erschien, hatte alsdann so etwas Flehendes, so etwas blödsinnig Dcmüthiges, dass ein grauenhaftes Mitleid unsere Lachlust niederdrückte. Hat er diese Komplimente einem Automaten abgelernt oder einem Hunde? Ist dieser bittende Blick der eines Todkranken, oder lauert dahinter der Spott cincS schlauen Geizhalses? Ist Das ein Lebender, der im Verscheiden begriffen ist und der das Publikum in der Kunst-Arena, wie ein sterbender Fechter, mit seinen Zuckungen ergötzen soll? Oder ist es ein Todter, der aus dem Grabe gestiegen, ein Vampyr mit der Violine, der uns, wo nicht das Blut aus dem Herzen, doch auf jeden Fall das Geld aus den Taschen sangt? Solche Fragen kreuzten sich in unserem Kopfe, während Paganini seine unaufhörlichen Komplimente schnitt; aber alle dergleichen Gedanken muss- tcn stracks verstummen, als der wunderbare Meister seine Violine ans Kinn setzte und zu spielen begann. WaS mich betrifft, so kennen Sic ja mein musikalisches zweites Gesicht, meine Bcgabnis, bei jedem Tone, den ich erklingen höre, auch die adäquate Klangfigur zu sehen; und so kam es, dass mir Paganini mit jedem Striche seines Vogens auch sichtbare Gestalten und Situationen vor die Augen brachte, dass er mir in tönender Bilderschrift allerlei grelle Geschichten erzählte, dass er vor mir gleichsam ein farbiges Schattenspiel hingaukcln ließ, worin er selber immer mit seinem Violinspicl als die Hauptperson agierte. Schon bei seinem ersten Bogenstrich hatten sich die Koulissen um ihn her verändert; er stand mit seinem Musikpult Plötzlich in einem heitern Zimmer, welches lustig unordentlich dekoriert mit verschnörkelten Möbeln im Pom- padonrgcschmack: überall kleine Spiegel, vergoldete Amoretten, chinesisches Porzellan, ein allerliebstes Chaos von Bändern, Blnmenguirlandcn, weißen Handschuhen, zerrissenen Blonden, falschen Perlen, Diademen vvn Goldblech und sonstigem Göttcr- flittcrkram, wie man Dergleichen im Studierzimmer — 225 — eincr Primadonna zn finden pflegt. Paganini's Äußeres hatte sich ebenfalls, und zwar aufs aller- vortheilhafteste verändert; er trug kurze Beinkleider von lillasarbigem AtlaS, eine silbcrgcstickte, weiße Weste, einen Nock von hellblauem Sammet mit goldumsponnenen Knöpfen, und die sorgsam in kleinen Löckchen frisierten Haare umspielten sein Gesicht, das ganz jung und rosig blnhetc und von süßer Zärtlichkeit erglänzte, wenn er nach dem hübschen Dämchen hinäugelte, das neben ihm am Notenpult stand, während er Violine spielte. In der That, an seiner Seite erblickte ich ein hübsches junges Geschöpf, altmodisch gekleidet, der weiße Atlas ausgebauscht unterhalb den Hüften, die Taille um so reizender schmal, die gepuderten Haare hoch auffrisiert, das hübsch runde Gesicht um so freier hervorglänzcnd mit seinen blitzenden Augen, mit seinen geschminkten Wänglcin, Schön- pflästerchen und impertinent süßem Rüschen. In der Hand trug sie eine weiße Papierrolle, und sowohl nach ihren Lippcnbewegungcn, als nach dem kokettierenden Hin- und Hcrwiegcn ihres Obcrlcib- chenö zu schließen, schien sie zu singen; aber vernehmlich ward mir kein einziger ihrer Triller, und nur ans dem Violinspiel, womit der junge Paga- nini das holde Kind begleitete, errieth ich, was sie He ine's Werke, Bd. IV, 15 — 226 — sang und was er selber während ihres Singens in der Seele fühlte. O, Das waren Mclodicen, wie die Nachtigall sie flötet in der Abenddämmerung, wenn der Duft der Rose ihr das ahnende Früh- lingshcrz mit Sehnsucht berauscht! O, Das war eine schmelzende, wollüstig hinschmachtcndc Seligkeit! Das waren Töne, die sich küssten, dann schmollend einander flohen, und endlich wieder lachend sich umschlangen und eins wurden, und in trunkener Einheit dahinstarben. Ja, die Töne trieben ein heiteres Spiel, wie Schmetterlinge, wenn einer dem anderen neckend ausweicht, sich hinter eine Blume verbirgt, endlich erhascht wird, und dann mit dem anderen, leichtsinnig beglückt, im goldncn Sonnenlichte hinaufflattert. Aber eine Spinne, eine Spinne kann solchen verliebten Schmetterlingen mal plötzlich ein tragisches Schicksal bereiten. Ahnte Dergleichen das junge Herz? Ein wehmüthig seufzender Ton, wie Vorgefühl eines heranschleichenden Unglücks, glitt leise durch die entzücktesten Melo- diecn, die aus Paganini's Violine hervorstrahltcn . . . Seine Augen werden feucht . . . Anbetend kniet er nieder vor seiner Amata . . . Aber ach! indem er sich beugt, um ihre Füße zu küssen, erblickt er unter dem Bette einen kleinen Abbecke! Ich weiß nicht, was er gegen den armen Menschen haben mochte, aber der Genueser wurde bloss wie der Tod, er crfasst den Kleinen mit wüthendcn Händen, gicbt ihm diverse Ohrfeigen, sowie auch eine beträchtliche Anzahl Fußtritte, schmeißt ihn gar zur Thür hinaus, zieht alsdann ein langes Stilett aus der Tasche und stößt es in die Brust der jungen Schönen . . . In diesem Augenblick aber erscholl von allen Seiten: Bravo! Bravo! Hamburg's begeisterte Männer und Frauen zollten ihren rauschendsten Beifall dem großen Künstler, welcher eben die erste Abtheiluug seines Koncertcs beendigt hatte, und sich mit noch mehr Ecken und Krümmungen als vorher verbeugte. Auf seinem Gesichte, wollte mich bcdünkcn, winselte ebenfalls eine noch flehsamere Dcmuth als vorher. In seinen Augen starrte eine grauenhafte Ängstlichkeit, wie die eines armen Sünders. Göttlich! rief mein Nachbar, der Pelzmakler, indem er sich in den Ohren kratzte, dieses Stück war allein schon zwei Thalcr Werth. Als Pnganini aufs Neue zu spielen begann, ward es mir düster vor den Augen. Die Töne verwandelten sich nicht in helle Formen und Farben; die Gestalt des Meisters umhüllte sich vielmehr in finstere Schatten, aus dcrcu Dnukcl seine 15» — 228 — Musik mit den schneidendsten Jammertönen hervor- klagtc. Nur manchmal, wenn eine kleine Lampe, die über ihm hing, ihr kümmerliches Licht auf ihn warf, erblickte ich sein erbleichtes Antlitz, worauf aber die Jugend noch immer nicht erloschen war. Sonderbar war sein Anzug, gespaltet in zwei Farben, wovon die eine gelb und die andere roth. An den Füßen lasteten ihm schwere Ketten. Hinter ihm bewegte sich ein Gesicht, dessen Physiognomie auf eine lustige Bocksnatur hindeutete, und lange, haarichte Hände, die, wie es schien, dazu gehörten, sah ich zuweilen hilfreich in die Saiten der Violine greifen, worauf Paganini spielte. Sic führten ihm auch manchmal die Hand, womit er den Bogen hielt, und ein meckerndes Beifall-Lachen accompag- nicrte dann die Töne, die immer schmerzlicher und blutender aus der Violine hervorquollen. Das waren Töne gleich dem Gesang der gefallenen Engel, die mit den Töchtern der Erde gebuhlt hatten und, aus dem Reiche der Seligen verwiesen, mit schamglühcndcn Gesichtern in die Unterwelt hinabstiegen. Das waren Töne, in deren bodenloser Untiefe weder Trost noch Hoffnung glimmte. Wenn die Heiligen im Himmel solche Töne hören, erstirbt das Lob Gottes auf ihren verbleichenden Lippen, und sie verhüllen weinend ihre frommen Häupter! Zuweilen, wenn in die melodischen Qual- nisse dieses Spiels das obligate Bockslachcn hincin- meckerte, erblickte ich auch im Hintergründe eine Menge kleiner Weibsbilder, die boshaft lustig mit den hässlichcn Köpfen nickten und mit den gekreuzten Fingern in neckender Schadenfreude ihre Rüb- chcn schabten. Aus der Violine drangen alsdann Angstlaute und ein entsetzliches Seufzen und ein Schluchzen, wie man es noch nie gehört auf Erden, und wie man es vielleicht nie wieder auf Erden hören wird, es sei denn im Thalc Josaphat, wenn die kolossalen Posaunen des Gerichts erklingen und die nackten Leichen aus ihren Gräbern hervorkriechcn und ihres Schicksals harren . . . Aber der gequälte Violinist that plötzlich einen Strich, einen so wahnsinnig verzweifelten Strich, dass seine Ketten rasselnd cntzweisprangcn und sein unheimlicher Gehilfe, mitsammt den verhöhnenden Unholden, verschwanden. In diesen: Augenblicke sagte mein Nachbar, der Pelzmaklcr: Schade, schade, eine Saite ist ihm gesprungen, Das kommt von dem beständigen Pizzicato ! War wirklich die Saite auf der Violine gesprungen? Ich weiß nicht. Ich bemerkte nur die Transfiguration der Töne, und da schien mir — 230 — Paganini und seine Umgebung Plötzlich wieder ganz verändert. Jenen konnte ich kaum wieder erkennen in der braunen Mönchstracht, die ihn mehr versteckte als bekleidete. Das verwilderte Antlitz halb verhüllt von der Kapuze, einen Strick um die Hüfte, barfüßig, eine einsam trotzige Gestalt, stand Paganini auf einem felsigen Vorsprunge am Meere und spielte Violine. Es war, wie mich dünkte, die Zeit der Dämmerung, das Abcndroth überfloss die weiten Meeresfluthcn, die immer röthcr sich färbten und immer feierlicher rauschten, im geheimnisvollsten Einklang mit den Tönen der Violine. Je röther aber das Meer wurde, desto fahler erbleichte der Himmel, und als endlich die wogenden Wasser wie lauter scharlachgrellcs Blut aussahen, da ward droben der Himmel ganz gcspcnstischhell, ganz leichenweiß, und groß und drohend traten daraus hervor die Sterne . . . und diese Sterne waren schwarz, schwarz wie glänzende Steinkohlen. Aber die Töne der Violine wurden immer stürmischer und kecker, in den Augen des entsetzlichen Spicl- manns funkelte eine so spöttische Zcrstörungslust, und seine dünnen Lippen bewegten sich so grauenhaft hastig, dass es aussah, als murmelte er uralt verruchte Zaubersprüche, womit man den Sturm beschwört und jene bösen Geister entfesselt, die in — 231 — den Abgründen des Meeres gefangen liegen. Manchmal, wenn er, den nackten Arm aus dem weiten Mönchsärmel lang mager hcrvorstrcckcnd, mit dem Ficdelbogcn in den Lüsten fegte, dann erschien er erst recht wie ein Hexenmeister, der mit dem Zau- bcrstabe den Elementen gebietet, und es heulte dann wie wahnsinnig in der Meeresticfe, und die entsetzten Blutwellen sprangen dann so gewaltig in die Höhe, dass sie fast die bleiche Himmelsdccke und die schwarzen Sterne dort mit ihrem rothcn Schaume bespritzten. Das heulte, Das kreischte, Das krachte, als ob die Welt in Trümmer zusammenbrechen wollte, und der Mönch strich immer hartnackiger seine Violine. Er wollte durch die Gewalt seines rasenden Willens die sieben Siegel brechen, womit Salomon die eisernen Töpfe versiegelt, nachdem er darin die überwundenen Dämonen verschlossen. Jene Töpfe hat der weise König ins Meer versenkt, und eben die Stimmen der darin verschlossenen Geister glaubte ich zu vernehmen, während Paganini's Violine ihre zornigsten Basstöne grollte. Aber endlich glaubte ich gar wie Jubel der Befreiung zu vernehmen, und aus den rothcn Blntwcllcn sah ich hcrvortauchcn die Häupter der entfesselten Dämonen: Ungcthümc von fabelhafter Hässlichkeit, Krokodile mit Fledermaus- H'. — 232 - flügcln, Schlangen mit Hirschgeweihen, Affen bemüht mit Trichtcrmuschcln, Seehunde mit patriarchalisch langen Barten, Wcibcrgcsichter mit Brüsten an der Stelle der Wangen, grüne Kamelsköpfc, Zwittergeschöpfc von unbegreiflicher Zusammensetzung, alle mit kaltklugen Augen hinglotzend und mit langen Flosstatzcn hingrcifcnd nach dem fiedelnden Mönche . . . Diesem aber, in dem rasenden Beschwörungscifer, fiel die Kapuze zurück, und die lockigen Haare, im Winde dahinflatternd, umringelten sein Haupt wie schwarze Schlangen. Diese Erscheinung war so sinncverwirrend, dasS ich, um nicht wahnsinnig zu werden, die Ohren mir zuhielt und die Augen schloss. Da war nun der Spuk verschwunden, und als ich wieder aufblickte, sah ich den armen Genuesen in seiner gewöhnlichen Gestalt seine gewöhnlichen Komplimente schneiden, während das Publikum aufs entzückteste applaudierte. „Das ist also das berühmte Spiel auf der G-Sn itc," bemerkte mein Nachbar; „ich spiele selber die Violine und weiß, was es heißt, dieses Instrument so zu bemeistern!" Zum Glück war die Pause nicht groß, sonst hätte mich der musikalische Pclzkenner gewiss in ein langes Kunstgespräch cin- gemufft. Paganini setzte wieder ruhig seine Violine ans Kinn, und mit dcm ersten Strich seines Bogens begann auch wieder die wunderbare Trans- figuration der Töne. Nur gestaltete sie sich nicht mehr so grellfarbig und leiblich bestimmt. Diese Töne entfalteten sich ruhig, majestätisch wogend und anschwellend, wie die eines Orgclchorals in einem Dome; und Alles umher hatte sich immer weiter und höher ausgedehnt zu einem kolossalen Räume, wie nicht das körperliche Auge, sondern nur das Auge des Geistes ihn fassen kann. In der Mitte dieses Raumes schwebte eine leuchtende Kugel, worauf riesengroß und stolzerhabcn ein Mann stand, der die Violine spielte. Diese Kugel, war sie die Sonne? Ich weiß nicht. Aber in den Zügen des Mannes erkannte ich Paganini, nur identisch verschönert, himmlisch verklärt, versöhnungsvoll lächelnd. Sein Leib blühte in kräftigster Männlichkeit, ein hellblaues Gewand umschloss die veredelten Glieder, um seine Schultern wallte in glänzenden Locken das schwarze Haar; und wie er da fest und sicher stand, ein erhabenes Götterbild, und die Violine strich, da war es, als ob die ganze Schöpfung seinen Tönen gehorchte. Er war der Mensch-Planet, um den sich das Weltall bewegte, mit gemessener Feierlichkeit und in seligen Rhythmen erklingend. Diese großen Lichter, die so ruhig glänzend um ihn 234 her schwebten, waren es die Sterne des Himmels, und jene tönende Harmonie, die ans ihren Bewegungen entstand, war es der Sphärcngcsang, wovon Poeten und Seher so viel Verzinkendes berichtet haben? Zuweilen, wenn ich angestrengt weit hinausschante in die dämmernde Ferne, da glaubte ich lauter weiße wallende Gewänder zu sehen, worin kolossale Pilgrime vermummt einher wandelten, mit weißen Stäben in den Händen, und sonderbar! die goldnen Knöpfe jener Stäbe waren eben jene großen Lichter, die ich für Sterne gehalten hatte. Diese Pilgrime zogen in weiter Kreisbahn um den großen Spielmann umher, von den Tönen seiner Violine erglänzten immer Heller die goldnen Knöpfe ihrer Stäbe, und die Choräle, die von ihren Lippen erschollen und die ich für Sphärcngesang halten konnte, waren eigentlich nur das verhallende Echo jener Violinentöne. Eine unnennbare heilige Inbrunst wohnte in diesen Klängen, die manchmal kaum hörbar erzitterten, wie geheimnisvolles Flüstern auf dem Wasser, dann wieder süßschaucrlich anschwollen, wie Waldhorntöne im Mondschein, und dann endlich mit ungezügeltem Jubel dahinbraustcn, als griffen tausend Barden in die Saiten ihrer Harfen und erhüben ihre Stimmen zu einem Siegeslied. Das waren Klänge, die nie das Ohr — 235 — hört, sondern nur das Herz träumen kann, wenn es des Nachts am Herzen der Geliebten ruht. Vielleicht auch begreift sie das Herz am hellen, lichten Tage, wenn es sich jauchzend versenkt in die Schönhcits- linien und Ovale eines griechischen Kunstwerks... „Oder wenn man eine Boutcille Champagner zuviel getrunken hat!" ließ sich Plötzlich eine lachende Stimme vernehmen, die unseren Erzähler wie aus einem Traume weckte. Als er sich umdrehte, erblickte er den Doktor, der in Begleitung der schwarzen Deborah ganz leise ins Zimmer getreten war, um sich zu erkundigen, wie seine Medicin auf die Kranke gewirkt habe. „Dieser Schlaf gefällt mir nicht," sprach der Doktor, indem er nach dem Sofa zeigte. Maximilian, welcher, versunken in den Phantasmen seiner eignen Rede, gar nicht gemerkt hatte, dass Maria schon lange eingeschlafen war, biss sich verdrießlich in die Lippen. Dieser Schlaf, fuhr der Doktor fort, verleiht ihrem Antlitz schon ganz den Charakter des Todes. Sicht es nicht schon aus wie jene weißen Masken, jene Gipsabgüsse, worin wir die Züge der Verstorbenen zu bewahren suchen. Ich möchte wohl, flüsterte ihm Maximilian ins Ohr, von dem Gesichte unserer Freundin einen 236 solchen Abguss aufbewahren. Sie wird auch als Leiche noch sehr schön sein. Ich rathe Ihnen nicht dazu, entgegnete der Doktor. Solche Masken verleiden uns die Erinnerung an unsere Lieben. Wir glauben, in diesem Gipse sei noch Etwas von ihrem Leben enthalten, und was wir darin aufbewahrt haben, ist doch ganz eigentlich der Tod selbst. Regelmäßig schöne Züge bekommen hier etwas grauenhaft Starres, Verhöhnendes, Fatales, wodurch sie uns mehr erschrecken als erfreuen.' Wahre Karikaturen aber sind die Gipsabgüsse von Gesichtern, deren Reiz mehr von geistiger Art war, deren Züge weniger regelmäßig als interessant gewesen; denn sobald die Grazien des Lebens darin erloschen sind, werden die wirklichen Abweichungen von den idealen Schönheitslinien nicht mehr durch geistige Reize ausgeglichen. Gemeinsam ist aber allen diesen Gipsgc- sichtcrn ein gewisser räthsclhaftcr Zug, der uns bei längerer Betrachtung aufs unleidlichste die Seele durchfröstclt; sie sehen alle aus wie Menschen, die im Begriffe sind, einen schweren Gang zu gehen. Wohin? frug Maximilian, als der Doktor seinen Arm ergriff und ihn aus dem Zimmer fortführte. Zweite Rächt. Und warum wollen Sie mich noch mit dieser hässlichcn Medicin quälen, da ich ja doch so bald sterbe! - Es war Maria, welche eben, als Maximilian ins Zimmer trat, diese Worte gesprochen. Vor ihr stand der Arzt, in der einen Hand eine Medicin- slasche, in der anderen einen kleinen Becher, worin ein bräunlicher Saft widerwärtig schäumte. Thcuer- ster Freund, rief er, indem er sich zu dem Eintretenden wandte, Ihre Anwesenheit ist mir jetzt sehr lieb. Suchen Sie doch Signora dahin zu bewegen, dass sie nur diese wenigen Tropfen einschlürft; ich habe Eile. Ich bitte Sie, Maria! flüsterte Maximilian mit jener weichen Stimme, die man nicht sehr oft an ihm bemerkt hat, und die aus einem so wunden — 238 — Herzen zu kommen schien, dass die Kranke, sonderbar gerührt, fast ihres eigenen Leides vergessend, den Becher in die Hand nahm; ehe sie ihn aber zum Munde führte, sprach sie lächelnd: Nicht wahr, zur Belohnung erzählen Sic mir dann auch die Geschichte von der Laurcntia? Alles, was Sie wünschen, soll geschehen! nickte Maximilian. Die blasse Frau trank alsbald den Inhalt des Bechers, halb lächelnd, halb schaudernd. Ich habe Eile, sprach der Arzt, indem er seine schwarzen Handschuhe anzog. Legen Sic sich ruhig nieder, Signora, und bewegen Sie sich so wenig als möglich. Ich habe Eile. Begleitet von der schwarzen Deborah, die ihm leuchtete, verließ er das Gemach. — Als nun die beiden Freunde allein waren, sahen sie sich lauge schweigend an. In Beider Seele wurden Gedanken laut, die Eins dem Anderen zu verhehlen suchte. Das Weib aber ergriff plötzlich die Hand des Mannes und bedeckte sie mit glühenden Küssen. Um Gottcswillen, sprach Maximilian, bewegen Sie sich nicht so gewaltsam und legen Sie sich wieder ruhig aufs Sofa. » Als Maria diesen Wunsch erfüllte, bedeckte er ihre Füße sehr sorgsam mit dem Shawl, den er 239 — vorher mit seinen Lippen berührt hatte. Sie mochte es wohl bemerkt haben, denn sie zwinkte vergnügt mit den Augen wie ein glückliches Kind. War Madcmoisclle Laurcncc sehr schön? Wenn Sie mich nie unterbrechen wollen, thcure Freundin, und mir angeloben, ganz schweigsam und ruhig zuzuhören, so will ich Alles, was Sic zu wissen begehren, umständlich berichten. Dem bejahenden Blicke Maria's mit Freundlichkeit zulächelnd, setzte sich Maximilian auf den Sessel, der vor dem Sofa stand, und begann folgendermaßen seine Erzählung: Es sind nun acht Jahre, dass ich nach London reiste, um die Sprache und das Volk dort kennen zu lernen. Hol' der Teufel das Volk mitsammt seiner Sprache! Da nehmen sie ein Dutzend einsilbiger Worte ins Maul, kauen sie, knatschen sie, spucken sie wieder aus, und Das nennen sie Sprechen. Zum Glück sind sie ihrer Natur nach ziemlich schweigsam, und obgleich sie uns immer mit aufgesperrtem Maule ansehen, so verschonen sie uns jedoch mit langen Konversationen. Aber wehe uns, wenn wir einem Sohne Albious in die Hände fallen, der die große Tour gemacht und auf dem Kontinente Französisch gelernt hat. Dieser will dann die Gelegenheit benutzen, die erlangten Sprach- - — 240 — kcnntnisse zu üben, und überschüttet uuS mit Fragen über alle möglichen Gegenstände, und kaum hat man die eine Frage beantwortet, so kommt er mit einer neuen herangezogen, entweder über Alter oder Heimat oder Dauer unseres Aufenthalts, und mit diesem unaufhörlichen Jnguiricrcn glaubt er uns aufs allerbeste zu unterhalten. Einer meiner Freunde in Paris hatte vielleicht Recht, als er behauptete, dass die Engländer ihre französische Konversation ans dem Lnrenu äos passsports erlernen. Am nützlichsten ist ihre Unterhaltung bei Tische, wenn sie ihre kolossalen Rostbcese tranchieren und mit den ernsthaftesten Mienen uns abfragen, welch ein Stück wir verlangen, ob stark oder schwach gebraten, ob aus der Mitte oder aus der braunen Rinde, ob fett oder mager. Diese Rostbcese und ihre Hammelbraten sind aber auch Alles, was sie Gutes haben. Der Himmel bewahre jeden Christenmcnsch vor ihren Saucen, die aus '/z Mehl und ^/z Butter, oder, je nachdem die Mischung eine Abwechselung bezweckt, aus Vz Butter und ^/z Mehl bestehen. Der Himmel bewahre auch Jeden vor ihren naiven Gemüsen, die sie in Wasser abgekocht, ganz wie Gott sie erschaffen hat, auf den Tisch bringen. Entsetzlicher noch als die Küche der Engländer sind ihre Toaste und ihre obligaten Standreden, wenn 241 — das Tischtuch aufgehoben wird und die Damen sich von der Tafel wegbcgebcn, und statt ihrer eben so viele Boutcillen Portwein aufgetragen werden . . . denn durch letztere glauben sie die Abwesenheit des schönen Geschlechtes aufs beste zu ersetzen. Ich sage des schönen Geschlechtes, denn die Engländerinnen verdienen diesen Namen. Es sind schöne, weiße, schlanke Leiber. Nur der allzubrcitc Raum zwischen der Nase und dem Munde, der bei ihnen eben so häufig wie bei den englischen Männern gefunden wird, hat mir oft in England die schönsten Gesichter verleidet. Diese Abweichung von dem Typus des Schönen wirkt auf mich noch fataler, wenn ich die Engländer hier in Italien sehe, wo ihre kürglich gemessenen Nasen und die breite Fleischfläche, die sich darunter bis zum Maule erstreckt, einen desto schrofferen Kontrast bildet mit den Gesichtern der Jtaliäncr, deren Züge mehr von antiker Regelmäßigkeit sind, und deren Nasen, entweder römisch gebogen oder griechisch gesenkt, nicht selten ins Allzulänglichc ausarten. Sehr richtig ist die Bemerkung eines deutschen Reisenden, dass die Engländer, wenn sie hier unter den Jtaliänern wandeln, Alle wie Statuen aussehen, denen man die Nasenspitze abgeschlagen hat. He ine's Werke. Bd. IV. 16 — 242 — Ja, wenn man den Engländern in einem fremden Lande begegnet, kann man durch den Kontrast ihre Mängel erst recht grell hervortreten sehen. Es sind die Götter der Langeweile, die in blank lackirtcn Wagen mit Extrapost durch alle Länder jagen, und überall eine graue Staubwolke von Traurigkeit hinter sich lassen. Dazu kommt ihre Neugier ohne Interesse, ihre geputzte Plumpheit, ihre freche Blödigkeit, ihr eckiger Egoismus, und ihre öde Freude an allen melancholischen Gegenständen. Schon seit drei Wochen sieht man hier ans der Piazza del Gran Duca alle Tage einen Engländer, welcher stundenlang mit offenem Maule jenem Charlatane zuschaut, der dort, zu Pferde sitzend, den Leuten die Zähne ausreißt. Dieses Schauspiel soll den edlen Sohn Albions vielleicht schadlos halten für die Exekutionen, die er in seinem thcuern Vaterlande versäumt.. . Denn nächst Boxen und Hahnenkampf giebt es für einen Britten keinen köstlicheren Anblick, als die Agonie eines armen Teufels, der ein Schaf gestohlen oder eine Handschrift nachgeahmt hat, und vor der Fatzade von Old- Baylie eine Stunde lang mit einem Strick um den Hals ausgestellt wird, ehe man ihn in die Ewigkeit schleudert. Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass Schafdiebstahl und Fälschung in jenem — 243 — hässlich grausamen Laude gleich den abscheulichsten Verbrechen, gleich Vatermord und Blutschande, bestraft werden. Ich selber, den ein trister Zufall vorbciführte, ich sah in London einen Menschen hängen, weil er ein Schaf gestohlen, und seitdem verlor ich alle Freude an Hammelbraten; das Fett erinnert mich immer an die weiße Mütze des armen Sünders. Neben ihm ward ein Jrländer gehenkt, der die Handschrift eines reichen Bankiers nachgeahmt; noch immer sehe ich die naive Todesangst des armen Paddy, welcher vor den Assisen nicht begreifen konnte, dass man ihn einer nachgeahmten Handschrift wegen so hart bestrafe, ihn, der doch jedem Menschenkind erlaube, seine eigne Handschrift nachzuahmen! Und dieses Volk spricht bestündig von Christenthum, und versäumt des Sonntags keine Kirche, und überschwemmt die ganze Welt mit Bibeln. Ich will es Ihnen gestehen, Maria, wenn mir in England Nichts munden wollte, weder Menschen noch Küche, so lag auch wohl zum Thcile der Grund in mir selber. Ich hatte einen guten Vorrath von Misslaunc mit hinübcrgebracht ans der Heimat, und ich suchte Erheiterung bei einem Volke, das selber nur im Strudel der politischen und mcrkantilischcn Thätigkeit seine Langeweile zu tödtcn t6» - 244 — weiß. Die Vollkommenheit der Maschinen, die hier überall angewendet werden, und so viele menschliche Verrichtungen übernommen, hatte ebenfalls für mich etwas Unheimliches; dieses künstliche Getriebe von Rädern, Stangen, Cylindern und tausenderlei kleinen Häkchen, Stiftchcn nnd Zähnchcn, 5 die sich fast leidenschaftlich bewegen, erfüllte mich mit Grauen. Das Bestimmte, das Genaue, das Ansgcmcsscne und die Pünktlichkeit im Leben der Engländer beängstigte mich nicht minder; denn gleichwie die Maschinen in England uns wie Menschen vorkommen, so erscheinen uns dort die Menschen wie Maschinen. Ja, Holz, Eisen und Messing scheinen dort den Geist des Menschen usurpiert zu haben und vor Geistesfülle fast wahnsinnig geworden zu sein, während der entgcistete Mensch als ein hohles Gespenst ganz maschinenmäßig seine Gewohnhcitsgcschäftc verrichtet, zur bestimmten Minute Beesstäke frisst, Parlaments- rcdcn hält, seine Nägel bürstet, in die Stage-Coach steigt oder sich aufhängt. Wie mein Missbchagcn in diesem Lande sich täglich steigerte, können Sie sich Wohl vorstellen. Nichts aber gleicht der schwarzen Stimmung, die mich einst befiel, als ich gegen Abendzeit ans der Waterloo-Brücke stand und in die Wasser der — 245 — Themse hineinblickte. Mir war, als spiegelte sich darin meine Seele, als schantc sie mir aus dem Wasser entgegen mit allen ihren Wnndenmalen ... Dabei kamen mir die kummervollsten Geschichten ins Gedächtnis . . . Ich dachte an die Rose, die immer mit Essig begossen worden und dadurch ihre süßesten Düfte einbüßte und frühzeitig verwelkte . . . Ich dachte an den verirrten Schmetterling, den ein Naturforscher, der den Montblanc bestieg, dort ganz einsam zwischen den Eiswänden umherflattern sah ... Ich dachte an die zahme Äffin, die mit den Menschen so vertraut war, mit ihnen spielte, mit ihnen speiste, aber einst bei Tische in dem Braten, der in der Schüssel lag, ihr eignes junges Äfschcn erkannte, es hastig ergriff, damit in den Wald eilte, und sich nie mehr unter ihren Freunden, den Menschen, sehen ließ . . . Ach, mir ward so weh zu Mnthe, dass mir gewaltsam die heißen Tropfen ans den Augen stürzten . . . Sie fielen hinab in die Themse und schwammen fort ins große Meer, das schon so manche Mcnschcn- thräne verschluckt hat, ohne es zu merken! In diesem Augenblick geschah es, dass eine sonderbare Musik mich aus meinen dunklen Träumen weckte, und als ich mich umsah, bemerkte ich am Ufer einen Haufen Menschen, die um irgend cm ergötzliches Schauspiel einen Kreis gebildet zu haben schienen. Ich trat näher und erblickte eine Künstlerfamilic, welche aus folgenden vier Personen bestand: Erstens eine kleine untersetzte Frau, die ganz schwarz gekleidet war, einen sehr kleinen Kopf und einen mächtig dick hervortretenden Bauch hatte. Über diesen Bauch hing ihr eine ungeheuer große Trommel, worauf sie ganz unbarmherzig lostrommelte. Zweitens ein Zwerg, der wie ein altfranzösi- schcr Marquis ein brodicrtes Kleid trug, einen großen gepuderten Kopf, aber übrigens sehr dünne, winzige Gliedmaßen hatte, und hin und her tänzelnd den Triangel schlug. Drittens ein etwa fünfzehnjähriges junges Mädchen, welches eine kurze, enganliegende Jacke von blaugestreiftcr Seide und weite, ebenfalls blau- gestreifte Pantalons trug. Es war eine luftig gebaute, anmuthige Gestalt. Das Gesicht griechisch schön. Edel grade Nase, lieblich geschürzte Lippen, träumerisch weich gerundetes Kinn, die Farbe sonnig gelb, die Haare glänzend schwarz um die Schläfen gewunden: so stand sie, schlank und ernsthaft, ja misslannig, und schaute ans die vierte Person der Gesellschaft, welche eben ihre Kunststücke prodncierte. — 247 — Diese vierte Person war ein gelehrter Hund, ein sehr hoffnungsvoller Pudel, und er hatte eben zur höchsten Freude des englischen Publikums aus den Holzbuchstabcn, die man ihm vorgelegt, den Namen des Lord Wellington zusammengesetzt und ein sehr schmeichelhaftes Beiwort, nämlich Heros, hinzugefügt. Da der Hund, was man schon seinem geistreichen Äußern anmerken konnte, kein englisches Vieh war, sondern nebst den anderen drei Personen aus Frankreich hinübcrgekommcn, so freuten sich Albions Söhne, dass ihr großer Feldherr wenigstens bei französischen Hunden jene Anerkennung erlangt habe, die ihm von den übrigen Kreaturen Frankreichs so schmählich versagt wird. In der That, diese Gesellschaft bestand aus Franzosen, und der Zwerg, welcher sich hiernächst als Monsieur Türlütü ankündigte, fing an in französischer Sprache und mit so leidenschaftlichen Gesten zu bramarbasieren, dass die armen Engländer noch weiter als gewöhnlich ihre Mäulcr und Nasen aufsperrten. Manchmal nach einer langen Phrase krähte er wie ein Hahn, und diese Kikerikis, sowie auch die Namen von vielen Kaisern, Königen und Fürsten, die er seiner Rede einmischte, waren wohl das Einzige, was die armen Zuschauer verstanden. Jene Kaiser, Könige und Fürsten rühmte er näm- - 248 — lich als scinc Gönner und Freunde. Schon als Knabe von acht Jahren, wie er versicherte, hatte er eine lange Unterredung mit der höchstscligcn Majestät Ludwig XVI., welcher auch späterhin bei wichtigen Gelegenheiten ihn immer um Rath fragte. Den Stürmen der Revolution war er, wie so viele Andere, durch die Flucht entgangen, und erst unter dem Kaiscrthum war er ins geliebte Vaterland zurückgekehrt, um teilzunehmen an dem Ruhme der großen Nation. Napoleon, sagte er, habe ihn nie geliebt, dagegen von Seiner Heiligkeit dem Papste Pius VII. sei er sast vergöttert worden. Der Kaiser Alexander gab ihm Bonbons, und die Prinzessin Wilhelm von Kyritz nahm ihn immer auf den Schoß. Seine Durchlaucht der Herzog Karl von Braunschweig ließ ihn manchmal auf seinen Hunden umhcrrciten, und Seine Majestät der König Ludwig von Baiern hatte ihm seine erhabenen Gedichte vorgelesen. Die Fürsten von Reuß-Schleiz- Krcuz und von Schwarzburg-SonderShauscn liebten ihn wie einen Bruder, und hatten immer aus derselben Pfeife mit ihm geraucht. Ja, von Kindheit auf, sagte er, habe er unter lauter Souveränen gelebt, die jetzigen Monarchen seien gleichsam mit ihm aufgewachsen, und er betrachte sie wie Seinesgleichen, und er lege auch jedes Mal Trauer an, wenn Einer von ihnen das Zeitliche segne. Nach diesen gravitätischen Worten krähte er wie ein Hahn. Monsieur Türlütü war in der That einer der kuriosesten Zwerge, die ich je gesehen; sein vcrrnn- zelt altes Gesicht bildete einen so putzigen Kontrast mit seinem kindisch schmalen Leibchen, und seine ganze Person kontrastierte wieder so Putzig mit den Kunststücken, die er produciertc. Er warf sich nämlich in die kecksten Posituren, und mit einem unmenschlich langen Nappicre durchstach er die Luft die Kreuz und die Quer, während er beständig bei seiner Ehre schwur, dass diese Quarte oder jene Tcrze von Niemanden zu parieren sei, dass hingegen seine Parade von keinem sterblichen Menschen durchgeschlagen werden könne, und dass er Jeden im Publikum auffordere, sich mit ihm in der edlen Fcchtkunst zu messen. Nachdem der Zwerg dieses Spiel einige Zeit getrieben und Niemanden gefunden hatte, der sich zu einem öffentlichen Zweikampfe mit ihm entschließen wollte, verbeugte er sich mit altfranzösischcr Grazie, dankte für den Beifall, den man ihm gespendet, und nahm sich die Freiheit, einem hochzuvcrehrenden Publiko das außerordentlichste Schauspiel anzukündigen, das jemals auf englischem Boden bewundert worden. „Sehen Sie, diese Person" — rief er, nachdem er schmutzige — 250 — Glacehandschuh angezogen und das junge Mädchen, das zur Gesellschaft gehörte, mit ehrfurchtsvoller Galanterie bis in die Mitte des Kreises geführt — „diese Person ist Madcinoisclle Laurcnce, die einzige Tochter der ehrbaren und christlichen Dame, die Sie dort mit der großen Trommel sehen, und die jetzt noch Trauer trägt wegen des Verlustes ihres innigstgcliebten Gatten, des größten Bauchredners Europas! Mademoiscllc Laurencc wird jetzt tanzen! Bewundern Sie jetzt den Tanz von Mademoiscllc Laurcnce!" Nach diesen Worten krähte er wieder wie ein Hahn. Das junge Mädchen schien weder auf diese Reden, noch auf die Blicke der Zuschauer im mindesten zu achten; verdrießlich in sich selbst versunken harrte sie, bis der Zwerg einen großen Teppich zu ihren Füßen ausgebreitet und wieder in Begleitung der großen Trommel seineu Triangel zu spielen begann. Es war eine sonderbare Musik, eine Mischung von täppischer Brummigkcit und wollüstigem Gekitzcl, und ich vernahm eine pathetisch närrische, wehmttthig freche, bizarre Melodie, die dennoch von der sonderbarsten Einfachheit. Dieser Musik aber vergaß ich bald, als das junge Mädchen zu tanzen begann. Tanz und Tänzerin nahmen fast gewaltsam meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Das war nicht das klassische Tanzen, das wir noch in unseren großen Balletten finden, wo, ebenso wie in der klassischen Tragödie, nur gespreizte Einheiten und Künstlichkciten herrschen; Das waren nicht jene getanzten Alexandriner, jene deklamatorischen Sprünge, jene antithetischen Entrechats, jene edle Leidenschaft, die so wirbelnd auf einem Fuße her- umpirouettiert, dass man Nichts sieht als Himmel und Trikot, Nichts als Idealität und Lüge! Es ist mir wahrlich Nichts so sehr zuwider wie das Ballett in der großen Oper zu Paris, wo sich die Tradition jenes klassischen Tanzcns am reinsten erhalten hat, während die Franzosen in den übrigen Künsten, in der Poesie, in der Musik und in der Malerei, das klassische System umgestürzt haben. Es wird ihnen aber schwer werden, eine ähnliche Revolution in der Tanzkunst zu vollbringen; es sei denn, dass sie hier wieder, wie in ihrer Politischen Revolution, zum Terrorismus ihre Zuflucht nehmen, und den verstockten Tänzern und Tänzerinnen des alten Regimes die Beine guillotinieren. Mademoi- selle Laurence war keine große Tänzerin, ihre Fußspitzen waren nicht sehr biegsam, ihre Beine waren nicht geübt zu allen möglichen Verrenkungen, sie — 252 — verstand Nichts von der Tanzkunst, wie sie Vcstris lehrt, aber sie tanzte wie die Natur den Menschen zu tanzen gebietet: ihr ganzes Wesen war im Einklänge mit ihren Pas, nicht bloß ihre Fuße, sondern ihr ganzer Leib tanzte, ihr Gesicht tanzte... sie wurde manchmal blast, fast todtenblast, ihre Augen öffneten sich gespenstisch weit, um ihre Lippen zuckten Begier und Schmerz, und ihre schwarzen Haare, die in glatten Ovalen ihre Schläfen umschlossen, bewegten sich wie zwei flatternde Rabcn- flügel. Das war in der That kein klassischer Tanz, aber auch kein romantischer Tanz, in dem Sinne wie ein junger Franzose von der Eugöne Renducl'- schcn Schule sagen würde. Dieser Tanz hatte weder etwas Mittelalterliches, noch etwas Bcne- tianisches, noch etwas Bucklichtcs, noch etwas Ma- kabrischcs, es war weder Mondschein darin, noch Blutschande ... Es war ein Tanz, welcher nicht durch äußere Bcwcgnngsfvrmcn zu amüsieren strebte, sondern die äußeren Bcwegungsformen schienen Worte einer besonderen Sprache, die etwas Besonderes sagen wollte. Was aber sagte dieser Tanz? Ich konnte es nicht verstehen, so leidenschaftlich auch diese Sprache sich gebürdete. Ich ahnte nur manchmal, dast von etwas grauenhaft Schmerzlichem die Rede war. Ich, der sonst die Signatur aller Erscheinungen so leicht begreift, ich konnte dennoch dieses gctnnztc Räthsel nicht lösen, und dass ich immer vergeblich nach dem Sinne desselben tappte, daran war auch wohl die Musik Schuld, die mich gewiss absichtlich auf falsche Fährten leitete, mich listig zu verwirren suchte und mich immer störte. Monsieur Türlütü's Triangel kicherte manchmal so hämisch! Madame Mutter aber schlug auf ihre große Trommel so zornig, dass ihr Gesicht aus dem Gewölle der schwarzen Mütze wie ein blut- rothes Nordlicht hervorglühte. Als die Truppe sich wieder entfernt hatte, blieb ich noch lange auf demselben Platze stehen, und dachte darüber nach, was dieser Tanz bedeuten mochte. War es ein südsranzösischcr oder spanischer Nationaltanz? An Dergleichen mahnte wohl der Ungestüm, womit die Tänzerin ihr Leibchen hin und her schleuderte, und die Wildheit, womit sie manchmal ihr Haupt rückwärts warf in der frevelhaft kühnen Weise jener Bacchantinnen, die wir auf den Reliefs der antiken Vasen mit Erstaunen betrachten. Ihr Tanz hatte dann etwas trunken Willenloses, etwas finster Unabwendbares, etwas Fatalistisches, sie tanzte dann wie das Schicksal. Oder waren es Fragmente einer uralten verschollenen Pantomime? Oder war es gctanzte Privat- gcschichtc? Manchmal beugte sich das Mädchen zur Erde wie mit lauerndem Ohre, als hörte sie eine Stimme, die zu ihr hcraufspräche ... sie zitterte dann wie Espenlaub, bog rasch nach einer anderen Seite, entlud sich dort ihrer tollsten, ausgelassensten Sprünge, beugte dann wieder das Ohr zur Erde, horchte noch ängstlicher als zuvor, nickte mit dem Kopfe, ward roth, ward blass, schauderte, blieb eine Weile kcrzengrade stehen wie erstarrt, und machte endlich eine Bewegung wie Jemand, der sich die Hände wäscht. War es Blut, was sie so sorgfältig lange, so grauenhaft sorgfältig von ihren Händen abwusch? Sie warf dabei seitwärts einen Blick, der so bittend, so flehend, so seclcn- schmclzcnd ... und dieser Blick fiel zufällig auf mich. Die ganze folgende Nacht dachte ich an diesen Blick, an diesen Tanz, an das abenteuerliche Accom- pagncmcnt; und als ich des anderen Tages, wie gewöhnlich, durch die Straßen von London schlenderte, empfand ich den sehnlichsten Wunsch, der hübschen Tänzerin wieder zu begegnen, und ich spitzte immer die Ohren, ob ich nicht irgend eine Trommel- und Triangclmusik hörte. Ich hatte endlich in London Etwas gefunden, wofür ich mich interessierte, und ich wanderte nicht mehr zwecklos einher in seinen gähnenden Straßen. Ich kam cbcn aus dem Tower und hatte mir dort die Axt, womit Anna Bullen geköpft worden, genau betrachtet, sowie auch die Diamanten der englischen Krone und die Löwen, als ich auf dem Towerplatze inmitten eines großen Menschcnkrciscs wieder Madame Mutter mit der großen Trommel erblickte und Monsieur Türlütü wie einen Hahn krähen hörte. Der gelehrte Hund scharrte wieder das Heldcnthnm des Lord Wellington zusammen, der Zwerg zeigte wieder seine unparierbaren Terzen und Quarten, und Mademoisclle Laurcnce begann wieder ihren wunderbaren Tanz. Es waren wieder dieselben räthsclhaften Bewegungen, dieselbe Sprache, die Etwas sagte, was ich nicht verstand, dasselbe ungestüme Zurückwerfen des schönen Kopfes, dasselbe Lauschen nach der Erde, die Angst, die sich durch immer tollere Sprünge beschwichtigen will, und wieder das Horchen mit nach dem Boden geneigtem Ohr, das Zittern, das Erblassen, das Erstarren, dann auch das furchtbar geheimnisvolle Händcwaschcn, und endlich der bittende, stehende Seitenblick, der diesmal noch länger auf mir verweilte. Ja, die Weiber, die jungen Mädchen cbcn so gut wie die Frauen, merken es gleich, sobald sie die Aufmerksamkeit eines Mannes erregen. Obgleich — 256 Madcmoisellc Laurencc, wcnn sic nicht tanzte, immer regungslos verdrießlich vor sich hinsah und, während sic tanzte, manchmal nur einen einzigen Blick aus das Publikum warf, so war es von jetzt an doch nie mehr bloßer Zufall, dass dieser Blick immer auf mich fiel, und je öfter ich sie tanzen sah, desto bedeutungsvoller strahlte er, aber auch desto unbegreiflicher. Ich war wie verzaubert von diesem Blicke, und drei Wochen lang von Morgen bis Abend trieb ich mich umher in den Straßen von London, überall verweilend, wo Madcmoisellc Laurcnce tanzte. Trotz des größten Volksgcräuschcs konnte ich schon in der weitesten Entfernung die Töne der Trommel und des Triangels vernehmen, und Monsieur Türlütü, sobald er mich hcraneilen sah, crhub sein freundlichstes Krähen. Ohne dass ich mit ihm, noch mit Madcmoisellc Laurcnce, noch mit Madame Mutter, noch mit dem gelehrten Hund jemals ein Wort sprach, so schien ich doch am Ende ganz zu ihrer Gesellschaft zu gehören. Wenn Monsieur Türlütü Geld einsammelte, betrug er sich immer mit dem feinsten Takt, sobald er mir nahetc, und er schaute immer nach der entgegengesetzten Seite, wenn ich in sein dreieckiges Hütchen ein kleines Geldstück warf. Er besaß wirklich einen vornehmen Anstand, er erinnerte an die guten Manieren der Vergangenheit, man konnte es dem kleinen Manne anmerken, dass er mit Monarchen anfgcwachscn, und nm so befremdlicher war es, wenn er zuweilen, ganz und gar seiner Würde vergessend, wie ein Hahn krähctc. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie sehr ich verdrießlich wurde, als ich einst drei Tage lang vergebens die kleine Gesellschaft in allen Straßen London's gesucht, und endlich wohl merkte, dass sie die Stadt verlassen habe. Die Langeweile nahm mich wieder in ihre bleiernen Arme und presste mir wieder das Herz zusammen. Ich konnte es endlich nicht länger aushalten, sagte ein Lebewohl dem Mob, den Blackguards, den Gcntlcmen und den Fashionables von England, den vier Ständen des Reichs, und reiste zurück nach dem civilisicrtcn festen Lande, wo ich vor der weißen Schürze des ersten Kochs, dem ich dort begegnete, anbetend niederkniete. Hier konnte ich wieder einmal wie ein vernünftiger Mensch zu Mittag essen und an der Gemüthlichkcit uneigennütziger Gesichter meine Seele erquicken. Aber Mademoisclle Lau- rcnce konnte ich nimmermehr vergessen, sie tanzte lange Zeit in meinem Gedächtnisse, in einsamen Stunden mnsstc ich noch oft nachdenken über die räthselhaften Pantomimen des schönen Kindes, beson- He ine's Werke. Bd. IV. 17 — 258 — dcrs über das Lauschen mit nach der Erde gebeugtem Ohre. Es dauerte auch eine gute Weile, che die abenteuerlichen Triangel- und Trommclmelodien in meiner Erinnerung verhallten. Und Das ist die ganze Geschichte? schrie auf einmal Maria, indem sie sich leidenschaftlich emporrichtete. Maximilian aber drückte sie wieder sanft nieder, legte bedeutungsvoll den Zeigefinger auf seinen Mund und flüsterte: Still! still! nur kein Wort gesprochen! liegen Sie wieder hübsch ruhig, und ich werde Ihnen den Schwanz der Geschichte erzählen. Nur bei Leibe unterbrechen Sie mich nicht. Indem er sich noch etwas gemächlicher in seinem Sessel zurücklehnte, fuhr Maximilian folgendermaßen fort in seiner Erzählung: Fünf Jahre nach diesem Begebnis kam ich zum ersten Male nach Paris, und zwar in einer sehr merkwürdigen Periode. Die Franzosen hatten so eben ihre Zuliusrevolntion aufgeführt, und die ganze Welt applaudierte. Dieses Stück war nicht so grässlich wie die früheren Tragödien der Republik und des Kaiserreichs. Nur einige tausend Leichen blieben ans dem Schauplatz. Auch waren die politischen Romantiker nicht sehr zufrieden und kündigten ein neues Stück an, worin mehr Blut — 259 — fließen würde und wo der Henker mehr zu thuU bekäme. Paris ergötzte mich sehr durch die Heiterkeit, die sich in allen Erscheinungen dort kundgiebt und auch auf ganz verdüsterte Gemüthcr ihren Einfluss ausübt. Sonderbar! Paris ist der Schauplatz, wo die größten Tragödien der Weltgeschichte aufgeführt werden, Tragödien, bei deren Erinnerung sogar in den entferntesten Ländern die Herzen zittern und die Augen nass werden; aber dem Zuschauer dieser großen Tragödien ergeht es hier in Paris, wie es mir einst an der Porte Saint-Martin erging, als ich die „Tour de Ncsle" aufführen sah. Ich kam nämlich hinter eine Dame zu sitzen, die einen Hut von rosarother Gaze trug, und dieser Hut war so breit, dass er mir die ganze Aussicht auf die Bühne versperrte, dass ich Alles, was dort tragiert wurde, nur durch die rothe Gaze dieses Hutes sah, und dass mir also alle Greuel der „Tour de Nesle" im heitersten Nosenlichtc erschienen. Ja, es giebt in Paris ein solches Rosenlicht, welches alle Tragödien für den nahen Znschauer erheitert, damit ihm dort der Lebcnsgenuss nicht verleidet wird. Sogar die Schrecknisse, die man im eignen Herzen mitgebracht hat nach Paris, verlieren dort ihre beängstigenden Schauer. Die Schmerzen werden sonder- 17* bar gesänftigt. In dieser Luft von Paris heilen alle Wunden viel schneller als irgend anderswo; es ist in dieser Luft etwas so Großmüthigcs, so Mildrciches, so Liebenswürdiges wie im Volke selbst. Was mir am besten an diesem Pariser Volke gefiel, Das war sein höfliches Wesen und sein vornehmes Ansehen. Süßer Ananasduft der Höflichkeit! wie wohlthätig erquicktest du meine kranke Seele, die in Deutschland so viel Tabaksgualm, Saucrkrautsgcruch und Grobheit eingcschluckt! Wie Rossini'sche Melodien erklangen in meinem Ohr die artigen Entschnldigungsrcden eines Franzosen, der am Tage meiner Ankunft mich auf der Straße nur leise gestoßen hatte. Ich erschrak fast vor solcher süßen Höflichkeit, ich, der ich an deutsch flegelhafte Rippenstöße ohne Entschuldigung gewöhnt war. Während der ersten Woche meines Aufenthalts in Paris suchte ich vorsätzlich einigemal gestoßen zu werden, bloß um mich an dieser Musik der Ent- schnldigungsreden zu erfreuen. Aber nicht bloß wegen dieser Höflichkeit, sondern auch schon seiner Sprache wegen hatte für mich das französische Volk einen gewissen Anstrich von Vornehmheit. Denn, wie Sie wissen, bei uns im Norden gehört die französische Sprache zu den Attributen des hohen Adels, mit Französisch-sprechcn hatte ich von Kindheit an die Idee der Vornehmheit verbunden. Und so eine Pariser Dame de la Halle sprach besser Französisch als eine deutsche Stiftödame von vicrundsechzig Ahnen. Wegen dieser Sprache, die ihm ein vornehmes Ansehen verleiht, hatte das französische Volk in meinen Augen etwas allerliebst Fabelhaftes. Dieses entsprang aus einer anderen Rcminisccnz meiner Kindheit. Das erste Buch nämlich, worin ich Französisch lesen lernte, waren die Fabeln von Lafontaine; die naiv vernünftigen Redensarten derselben hatten sich meinem Gedächtnisse am unauslöschlichsten eingeprägt, und als ich nun nach Paris kam und überall Französisch sprechen hörte, erinnerte ich mich beständig der Lafontaine'schcn Fabeln, ich glaubte immer die wohlbekannten Thicrstimmcn zu hören; jetzt sprach der Löwe, dann wieder sprach der Wolf, dann das Lamm oder der Storch oder die Taube, nicht selten vermeinte ich auch den Fuchs zu vernehmen, und in meiner Erinnerung erwachten manchmal die Worte: DIU Irongour, mousisur llu Dorkoau! Hus vous etes goli! (puo vous uro kKI- xliLE, von Bcrlioz, das treffliche Stück, welches dieser junge Musiker, wenn ich nicht irre, am Morgen seines Hochzeitstages komponiert hat. Im ganzen Saale erblassende Gesichter, wogende Busen, leises Athmen während der Pausen, endlich tobender Beifall. Die Weiber sind immer wie berauscht, wenn Liszt ihnen Etwas vorgespielt hat. Mit tollerer Freude überließen sie sich jetzt dem Tanz, die Willis des Salon, und ich hatte Mühe, mich aus dem Getümmel in ein Nebenzimmer zu retten. Hier wurde gespielt, und auf großen Sesseln ruhctcn einige Damen, die den Spielenden zuschauten, oder sich wenigstens das Ansehen gaben, als interessierten sie sich für das Spiel. Als ich an einer dieser Damen vorbcistrcifte und ihre Robe meinen Arm berührte, fühlte ich von der Hand bis hinauf zur Schulter ein leises Zucken, wie von einem sehr schwachen elektrischen Schlage. Ein solcher Schlag durchfuhr aber mit der größten Stärke mein ganzes Herz, als ich das Antlitz der Dame betrachtete. Ist sie es, oder ist sie es nicht? Es war dasselbe Gesicht, das an Form und sonniger Färbung einer Antike gleich; nur war es nicht mehr so marmorrein und marmorglatt wie ehemals. Dem geschärften Blicke waren auf Stirn und Wange einige kleine Brüche, vielleicht Pockennarben, bemerkbar, die hier ganz an jene feinen Witterungsslcckcn mahnten, wie man sie auf dem Gesichte von Statuen, die einige Zeit dem Regen ausgesetzt standen, zu finden Pflegt. Es waren auch dieselben schwarzen Haare, die in glatten Ovalen wie Rabcnflügel dic Schläfen bedeckten. Als aber ihr Auge dem mcinigcn begegnete, und zwar mit jenem wohlbekannten Seitenblick, dessen rascher Blitz mir immer so räthsclhaft durch dic Seele schoss, da zweifelte ich nicht länger — es war Madcmoiselle Laurcncc. Vornehm hingestreckt in ihrem Sessel, in der einen Hand einen Blumenstrauß, mit der anderen gestutzt auf der Armlehne, saß Madcmoiselle Laurcncc unfern eines Spieltisches, und schien dort dem Wurf der Karten ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Vornehm und zierlich war ihr Anzug, aber dennoch ganz einfach, von weißem Atlas. Außer Armbändern und Brnstnadcln von Perlen trug sie keinen Schmuck. Eine Fülle von Spitzen bedeckte den jugendlichen Busen, bedeckte ihn fast puritanisch bis am Halse, und in dieser Einfachheit und Zucht der Bekleidung bildete sie einen rührend lieblichen Kontrast mit einigen älteren Damen, die buntgeputzt und diamantenblitzend neben ihr saßen, und die Ruinen ihrer ehemaligen Herrlichkeit, die Stelle, wo einst Troja stand, melancholisch nackt zur Schau trugen. Sie sah noch immer wunderschön und entzückend verdrießlich ans, und es zog mich unwiderstehbar zu ihr hin, und endlich stand ich hinter ihrem Sessel, brennend vor Begier mit ihr zu sprechen, jedoch zurückgehalten von zagender Delikatesse. Ich mochte wohl schon einige Zeit schweigend hinter ihr gestanden haben, als sie Plötzlich aus ihrem Bouguct eine Blume zog und, ohne sich nach mir umzusehen, über ihre Schulter hinweg mir diese Blume hinreichte. Sonderbar war der Duft dieser Blume, und er übte aus mich eine eigentümliche Verzauberung. Ich fühlte mich entrückt aller gesellschaftlichen Förmlichkeit, und mir war wie in einem Traume, wo man Allerlei thnt und spricht, worüber man sich selber wundert, und wo unsere Worte einen gar kindisch traulichen und einfachen Charakter tragen. Ruhig, gleichgültig, nachlässig, wie man es bei alten Freunden zu thun pflegt, beugte ich mich über die Lehne des Sessels, und flüsterte der jungen Dame ins Ohr: Mademoiselle Laurence, wo ist denn die Mutter mit der Trommel? „Sie ist todt," antwortete sie in demselben Tone, eben so ruhig, gleichgültig, nachlässig. Nach einer kurzen Pause beugte ich mich wieder über die Lehne des Sessels und flüsterte der jungen Dame ins Ohr: Mademoiselle Laurence, wo ist denn der gelehrte Hund? „Er ist fortgelaufen in die weite Welt," antwortete sie wieder in demselben ruhigen, gleichgültigen, nachlässigen Tone. Und wieder nach einer kurzen Pause beugte ich mich über die Lehne des Sessels und flüsterte der jungen Dame ins Ohr: Madcmoisclle Laurcncc, wo ist denn Monsieur Türlütü, der Zwerg? „Er ist bei den Riesen ans dem Boulevard du Tcmplc," antwortete sie. Sie hatte aber kaum diese Worte gesprochen, und zwar wieder in demselben ruhigen, gleichgültigen, nachlässigen Tone, als ein ernster alter Mann von hoher militärischer Gestalt zu ihr hintrat und ihr meldete, dass ihr Wagen vorgcfahren sei. Langsam von ihrem Sitze sich erhebend, hing sie sich Jenem an den Arm, und ohne auch nur einen Blick auf mich zurückzuwerfen, verließ sie mit ihm die Gesellschaft. Als ich die Dame des Hauses, die den ganzen Abend am Eingange des Hauptsaalcs stand und den Ankommenden und Fortgehenden ihr Lächeln präsentierte, um den Namen der jungen Person befragte, die so eben mit dem alten Manne fortgegangen, lachte sie mir heiter ins Gesicht und rief: „Mein Gott! wer kann alle Menschen kennen! ich kenne ihn eben so wenig . . Sie stockte, denn sie wollte gewiss sagen, eben so wenig wie mich selber, den sie ebenfalls an jenem Abende znm ersten Male gesehen. Vielleicht, bemerkte ich ihr, kann mir Ihr Herr Gemahl einige Auskunft geben; wo finde ich ihn? „Ans der Jagd bei Saint-Germain," antwortete die Dame mit noch stärkerem Lachen, „er ist heute in der Frühe abgereist und kehrt erst morgen Abend zurück. . . Aber warten Sie, ich kenne Jemanden, der mit der Dame, wonach Sie sich erkundigen, Viel gesprochen hat, ich weiß nicht seinen Namen, aber Sie können ihn leicht erfragen, wenn sie sich nach dem jungen Menschen erkundigen, dem Herr Casimir Pcrrier einen Fußtritt gegeben hat, ich weiß nicht wo." So schwer es auch ist, einen Menschen daran zu erkennen, dass er vom Minister einen Fußtritt erhalten, so hatte ich doch meinen Mann bald ausfindig gemacht, und ich verlangte von ihm nähere Aufklärung über das sonderbare Geschöpf, das mich so sehr interessierte und das ich ihm deutlich genug zu bezeichnen wusste. „Ja," sagte der junge Mensch, „ich kenne sie ganz genau, ich habe auf mehren Soireen mit ihr gesprochen" — und er wiederholte mir eine Menge nichtssagender Dinge, womit er sie unterhalten. Was ihm besonders aufgefallen, war ihr ernsthafter Blick, jedesmal wenn er ihr eine Artigkeit sagte. Auch wunderte er sich nicht wenig, dass sie seine Einladung zu einer Contrc- dansc immer abgelehnt, und zwar mit der Versicherung, sie verstünde nicht zu tanzen. Namen und Verhältnisse kannte er nicht. Und Niemand, so viel ich mich auch erkundigte, wusstc mir hierüber etwas Näheres mitzutheilen. Vergebens rann ich durch alle möglichen Soirsen, nirgends konnte ich Ma- demoiscllc Lanrcnce wiederfinden. Und Das ist die ganze Geschichte? — rief Maria, indem sie sich langsam umdrehte und schläfrig gähnte — Das ist die ganze merkwürdige Geschichte? Und Sic haben weder Mademoisclle Lanrcnce, noch die Mutter mit der Trommel, noch den Zwerg Türlütü, und auch nicht den gelehrten Hund jemals wicdcrgcsehn? Bleiben Sic ruhig liegen, versetzte Maximilian. Ich habe sie Alle wiedergesehen, sogar den gelehrten Hund. Er befand sich freilich in einer sehr schlimmen Roth, der arme Schelm, als ich ihm zu Paris begegnete. Es war im Quartier Latin. Ich kam eben der Sorbonne vorbei, und aus den Pforten derselben stürzte ein Hund, und hinter ihm drein mit Stöcken ein Dutzend Studenten, zu denen sich bald zwei Dutzend alte Weiber gesellten, die Alle im Chorus schrieen: Der Hund He ine's Werke. Bd. IV. 1Z ist toll! Fast menschlich sah das unglückliche Thier aus in seiner Todesangst, wie Thränen floss das Wasser aus seinen Augen, und als er keuchend an mir vorbei rann und sein feuchter Blick an mich hinstreiftc, erkannte ich meinen alten Freund, den gelehrten Hund, den Lobredner von Lord Wellington, der einst das Volk von England mit Bewunderung erfüllt. War er vielleicht wirklich toll? War er vielleicht vor lauter Gelehrsamkeit übergeschnappt, als er im Quartier Latin seine Studien fortsetzte? Oder hatte er vielleicht in der Sorbonne durch sein Scharren und Knurren seine Missbilligung zu erkennen gegeben über die pausbäckigen Char- latanericu irgend eines Professors, der sich seines ungünstigen Zuhörers dadurch zu entledigen suchte, dass er ihn für toll erklärte? Und ach! die Jugend untersucht nicht lange, ob es verletzter Gelehrtcn- dünkel oder gar Brotneid war, welcher zuerst ausrief: Der Hund ist toll! und sie schlägt zu mit ihren gedankenlosen Stöcken, und auch die alten Weiber sind dann bereit mit ihrem Geheule, und sie überschreien die Stimme der Unschuld und der Vernunft. Mein armer Freund musste unterliegen, vor meinen Augen wurde er erbärmlich todtgcschla- gcn, verhöhnt, und endlich auf einen Misthaufen geworfen! Armer Märtyrer der Gelehrsamkeit! — 275 — Nicht vicl heiterer war der Zustand des Zwergs Monsieur Türltttü, als ich ihn auf dem Boulevard du Temple wiederfand. Madcmoiselle Laurence hatte mir zwar gesagt, er habe sich dorthin begeben, aber sei es, dass ich nicht daran dachte, ihn im Ernste dort zu suchen, oder dass das Menschengewühl mich dort daran verhinderte, genug, erst spat bemerkte ich die Boutike, wo die Riesen zu sehen sind. Als ich hineintrat, fand ich zwei lange Schlingel, die müßig aus der Pritsche lagen und rasch aufsprangen und sich in Riesenpositnr vor mich hinstellten. Sie waren wahrhaftig nicht so gross, wie sie auf ihrem Aushängezettel prahlten. Es waren zwei lange Schlingel, welche in Rosatrikot gekleidet gingen, sehr schwarze, vielleicht falsche Backenbärte trugen, und ausgehöhlte Holzkeulcn über ihre Köpfe schwangen. Als ich sie nach dem Zwerg befragte, wovon ihr Aushängezettel ebenfalls Meldung thue, erwiderten sie, dass er seit vier Wochen wegen seiner zunehmenden Uupässlichkcit nicht mehr gezeigt werde, dass ich ihn aber dennoch sehen könne, wenn ich das doppelte Entrsegeld bezahlen wolle. Wie gern bezahlt man, um einen Freund wieder zu sehen, das doppelte Entrsegeld! Und ach! es war ein Freund, den ich auf dem Sterbebette fand. Dieses Sterbebett war eigentlich eine Kinderwiege, und darin 18" — 276 — lag der arme Zwcrg mit seinem gelb verschrumpf- tcn Greisengesicht. Ein etwa vierjähriges kleines Mädchen saß neben ihm, nnd bewegte mit dem Fuße die Wiege, und sang in lachend schäkerndem Tone: Schlaf, Türlütüchcn, schlafe! Als der Kleine mich erblickte, öffnete er so weit als möglich seine gläsern blassen Augen, und ein wchmüthigcs Lächeln zuckte um seine weißen Lippen; er schien mich gleich wieder zu erkennen, reichte mir sein vertrocknetes Händchen und röchelte leise: Alter Freund! ES war in der That ein bctrübsamcr Zustand, worin ich den Mann fand, der schon im achten Jahre mit Ludwig XVI. eine lange Unterredung gehalten, den der Zar Alexander mit Bonbons gefüttert, den die Prinzessin von Kyritz auf dem Schöße getragen, der auf den Hunden des Herzogs von Braunschwcig nmhergcrittcn, dem der König von Baicrn seine Gedichte vorgelesen, der mit deutschen Fürsten aus derselben Pfeife geraucht, den der Papst vergöttert, und den Napoleon nie geliebt hatte! Dieser letztere Umstand bekümmerte den Unglücklichen noch auf seinem Todbette oder, wie gesagt, in seiner Todcswicgc, nnd er weinte über das tragische Schicksal des großen Kaisers, — 277 — der ihn nie geliebt, der aber in einem so kläglichen Zustande auf Sankt Helena geendet — „ganz wie ich jetzt endige, setzte er hinzu, einsam, verkannt, verlassen von allen Königen und Fürsten, ein Hohnbild ehemaliger Herrlichkeit!" Obgleich ich nicht recht begriff, wie ein Zwerg, der unter Riesen stirbt, sich mit dem Niesen, der unter Zwergen gestorben, vergleichen konnte, so rührten mich doch die Worte des armen Türlütn und gar sein verlassener Zustand in der Sterbestunde. Ich konnte nicht umhin, meine Verwunderung zu bezeugen, dass Madcmoisclle Laurence, die jetzt so vornehm geworden, sich nicht um ihn bekümmere. Kaum hatte ich aber diesen Namen genannt, so bekam der Zwerg in der Wiege die furchtbarsten Krämpfe, und mit seinen weißen Lippen wimmerte er: „Undankbares Kind! das ich aufcrzogcn, das ich zu meiner Gattin erheben wollte, dem ich gelehrt, wie man sich unter den Großen dieser Welt bewegen und gebärden nuiss, wie mau lächelt, wie man sich bei Hof verbeugt, wie man repräsentiert ... du hast meinen Unterricht gut benutzt, und bist jetzt eine große Dame, und hast jetzt eine Kutsche und Lakaien und viel Geld, und viel Stolz und kein Herz. Du lässcst mich hier sterben, einsam und elend sterben, wie Napoleon auf Sankt Helena! O Napoleon, du hast mich nie geliebt . . Was er hinzusetzte, konnte ich nicht verstehen. Er hob sein Haupt, machte einige Bewegungen mit der Hand, als ob er gegen Jemanden fechte, vielleicht gegen den Tod. Aber der Sense dieses Gegners widersteht kein Mensch, weder ein Napoleon, noch ein Türlütü. Hier hilft keine Parade. Matt, wie überwunden, ließ der Zwerg sein Haupt wieder sinken, sah mich lange an mit einem unbeschrcibbar geisterhaften Blick, krähte Plötzlich wie ein Hahn, und verschied. Dieser Todesfall betrübte mich um so mehr, da mir der Verstorbene keine nähere Auskunft über Madcmoiscllc Laurencc gegeben hatte. Wo sollte ich sie jetzt wiederfinden? Ich war weder verliebt in sie, noch fühlte ich sonstig große Zuneigung zu ihr, und doch stachelte mich eine geheimnisvolle Begier, sie überall zu suchen; wenn ich in irgend einen Salon getreten, und die Gesellschaft gemustert, und das wohlbekannte Gesicht nicht fand, dann verlor ich bald alle Ruhe, und es trieb mich wieder von hinnen. Über dieses Gefühl nachdenkend, stand ich einst um Mitternacht an einem entlegenen Eingang der großen Oper, auf einen Wagen wartend, und sehr verdrießlich wartend, da es eben stark regnete. Aber es kam kein Wagen, oder viel- — 279 — mehr es kamen nur Wagen, welche anderen Leuten gehörten, die sich vergnügt hineinsctztcn, und es wurde allmählich sehr einsam um mich her. „So müssen Sic denn mit mir fahren," sprach endlich eine Dame, die, tief verhüllt in ihrer schwarzen — Mantillc, ebenfalls harrend einige Zeit neben mir gestanden, und jetzt im Begriffe war, in einen Wagen zu steigen. Die Stimme zuckte mir durchs Herz, der wohlbekannte Seitenblick übte wieder seinen Zauber, und ich war wieder wie im Traume, als ich mich neben Madcmoisclle Laurcnce in einem weichen, warmen Wagen befand. Wir sprachen kein Wort, hätten auch einander nicht verstehen können, s— da der Wagen mit dröhnendem Geräusche durch die Straßen von Paris dahinrasscltc, sehr lange, bis er endlich vor einem großen Thorwcge stillhielt. Bedienten in brillanter Livree leuchteten uns die Treppe hinauf und durch eine Reihe Gemächer. Eine Kammerfrau, die mit schläfrigem Gesichte uns entgegenkam, stotterte unter vielen Entschnl- . digungcn, dass nur im rothcn Zimmer eingeheizt sei. Indem sie der Frau einen Wink gab, sich zu entfernen, sprach Laurcnce mit Lachen: „Der Zufall führt Sic heute weit, nur in meinem Schlafzimmer ist eingeheizt . . ." In diesem Schlafzimmer, worin wir »nS bald allein befanden, loderte ein sebr Med Kaminfeuer, welches um so ersprießlicher, da das Zimmer ungeheuer groß und hoch war. Dieses große Schlafzimmer, dem vielmehr der Name Schlafsaal gebührte, hatte auch etwas sonderbar Ödes. Möbel und Dekoration, Alles trug dort daS Gepräge einer Zeit, deren Glanz uns jetzt so bestäubt und deren Erhabenheit uns jetzt so nüchtern erscheint, dasS ihre Reliquien bei unS ein gewisses Unbehagen, wo nicht gar ein geheimes Lächeln erregen. Ich spreche nämlich von der Zeit des Empires, von der Zeit der gvldncu Adler, der bochflicgenden Federbüsche, der griechischen Koisfürcn, der Gloire, der großen TambourmajorS, der militärischen Messen, der vsstcicllen Unsterblichkeit, die der Monitcur, dekretierte, des Kontineutalkasfcs, welchen man ans Cichorien verfertigte, und dcS schlechten Zuckers, den man ans Runkelrüben fabricicrtc, und der Prinzen und Herzöge, die man aus gar Nichts machte. Sic hatte aber immer ihren Reiz, diese Zeit des pathetischen Materialismus . . . Talma deklamierte, Gros malte, die Bigottini tanzte, Grassimi sang, Maury predigte, Rovigo hatte die Polizei, der Kaiser las den Ossian, Pauline Bor- ghesc ließ sich montieren als Venus, und zwar — 281 — ganz nackt, denn das Zimmer war gnt geheizt, wie das Schlafzimmer, lvorin ich mich mit Mademmselle Lailrencc befand. Wir saßen am Kamin, vertraulich schwatzend, und seufzend erzählte sie mir, dass sie vcrheirathct sei an einen bvnapartischen Helden, der sie alte Abende vor dem Znbettegehn mit der Schilderung einer seiner Schlachten erquicke; er habe ihr vor einigen Tagen, che er abgereist, die Schlacht bei Jena geliefert; er sei sehr kränklich und werde schwerlich den russischen Feldzug überleben. Als ich sie frug, wie lange ihr Bater todt sei, lachte sie und gestand, dass sie nie einen Vater gekannt habe, und dass ihre sogenannte Mntter niemals verhcirathet gewesen sei. Nicht verhcirathet! rief ich, ich habe sie str selber zu London wegen dem Tod ihres Mannes in tiefster Trauer gesehen! „O, erwicderte Laurcncc, sie hat während zwölf Jahren sich immer schwarz gekleidet, um bei den Leuten Mitleid zu erregen als unglückliche Wittwe, nebenbei auch, um einen heirathslustigcn Gimpel anzulocken, und sie hoffte unter schwarzer Flagge desto schneller in den Hafen der Ehe zu gelangen. Aber nur der Tod erbarmte sich ihrer, und sie starb an einem Blutstnrz. Ich habe sie nie — 282 — geliebt, denn sie hat mir immer viel' Schlage und Wenig zu essen gegeben. Ich wäre verhungert, wenn mir nicht manchmal Monsieur Türlütü ein Stückchen Brot ins Geheim zusteckte; aber der Zwerg verlangte dafür, dass ich ihn heirathc, und als seine Hoffnungen scheiterten, verband er sich mit meiner Mutter, ich sage „Mutter" aus Gewohnheit, und Beide quälten mich gemeinschaftlich. Da sagten sie immer, ich sei ein überflüssiges Geschöpf, der gelehrte Hund sei tausendmal mehr Werth als ich mit meinem schlechten Tanzen. Und sie lobten dann den Hund auf meine Kosten, rühmten ihn bis in den Himmel, streichelten ihn, fütterten ihn mit Kuchen, und warfen mir die Krumen zu. Der Hund, sagten sie, sei ihre beste Stütze, er entzücke das Publikum, das sich für mich nicht im mindesten interessiere, der Hund müsse mich ernähren mit seiner Arbeit, ich fräße das Gnadenbrot des Hundes. Der verdammte Hund!" O, verwünschen Sic ihn nicht mehr, unterbrach ich die Zürnende, er ist jetzt todt, ich habe ihn sterben sehen . . . „Ist die Bestie verreckt?" rief Laurcncc, indem sie aufsprang, crröthcndc Freude im ganzen Gesichte. Und auch der Zwerg ist todt, setzte ich hinzu. „Monsieur Türlütü?" rief Laurcncc, ebenfalls mit Freude. Aber diese Freude schwand allmählich aus ihrem Gesichte, und mit einem milderen, fast wchmüthigcu Tone sprach sie endlich: „Armer Türlüttt!" Als ich ihr nicht verhehlte, dass sich der Zwerg in seiner Sterbestunde sehr bitter über sie beklagt, gericth sie in die leidenschaftlichste Bewegung, und versicherte mir unter vielen Bcthcucrungcn, dass sie die Absicht hatte, den Zwerg aufs beste zu versorgen, dass sie ihm ein Zahrgehalt angeboten, wenn er still und bescheiden irgendwo in der Provinz leben wolle. „Aber ehrgeizig, wie er ist, fuhr Lanrcncc fort, verlangte er, in Paris zu bleiben und sogar in meinem Hotel zu wohnen; er könne alsdann, meinte er, durch meine Vermittlung seine ehemaligen Verbindungen im Faubourg Saint-Ger- main wieder anknüpfen, und seine frühere glänzende Stellung in der Gesellschaft wieder einnehmen. Als ich ihm Dieses rund abschlug, ließ er mir sagen, ich sei ein verfluchtes Gespenst, ein Vampyr, ein Todtcnkind . . Laurcuce hielt plötzlich innc, schauderte heftig zusammen, und seufzte endlich aus tiefster Brust: „Ach, ich wollte, sie hätten mich bei meiner Mutter im Grabe gelassen!" Als ich in sie drang, mir — 284 — diese geheimnisvollen Worte zu erklären, crgoss sich ein Strom von Thränen aus ihren Augen, und zitternd und schluchzend gestand sie mir, dass die schwarze Trommclfran, die sich für ihre Mutter ausgegeben, ihr einst selbst erklärt habe, das Gerücht, womit man sich über ihre Geburt herumtrage, sei kein bloßes Märchen. „In der Stadt nämlich, wo wir wohnten," fuhr Lanrence fort, „hieß man mich immer das Todtcnkind! Die alten Spinnwciber behaupteten, ich sei eigentlich die Tochter eines dortigen Grasen, der seine Frau beständig misshandelte und, als sie starb, sehr prachtvoll begraben ließ; sie sei aber hochschwanger und nur schcintodt gewesen, und als einige Kirchhofsdiebc, um die rcich- gcschmückte Leiche zu bestehlcn, ihr Grab öffneten, hätten sie die Gräfin ganz lebendig und in Kindesnöthen gefunden; und als sie nach der Entbindung gleich verschied, hätten die Diebe sie wieder ruhig ins Grab gelegt und das Kind mitgenommen und ihrer Hehlerin, der Geliebten des großen Bauchredners, zur Erziehung übergeben. Dieses arme Kind, das begraben gewesen, noch che es geboren worden, nannte man nun überall das Todtcnkind . . . Ach! Sic begreifen nicht, wie viel Kummer ich schon als kleines Mädchen empfand, wenn man mich bei diesem Namen nannte. Als der große — 285 — Bauchredner noch lebte und nicht selten mit mir unzufrieden war, rief er immer: Verwünschtes Todtcn- kind, ich wollt', ich hätte dich nie aus dem Grabe geholt! Ein geschickter Bauchredner, wie er war, konnte er seine Stimme so modulieren, dass man glauben musste, sie käme aus der Erde hervor, und er machte mir dann weiß, Das sei die Stimme meiner verstorbenen Mutter, die mir ihre Schicksale erzähle. Er konnte sie wohl kennen, diese furchtbaren Schicksale, denn er war einst Kammerdiener des Grafen. Sein grausames Vergnügen war es, wenn ich armes kleines Mädchen über die Worte, die aus der Erde hervorzustechen schienen, das furchtbarste Entsetzen empfand. Diese Worte, die aus der Erde hervorzustechen schienen, meldeten gar schreckliche Geschichten, Geschichten, die ich in ihrem Zusammenhange nie begriff, die ich auch späterhin allmählich vergaß, die mir aber, wenn ich tanzte, recht lebendig wieder in den Sinn kamen. Ja, wenn ich tanzte, ergriff mich immer eine sonderbare Erinnerung, ich vergaß meiner selbst und kam mir vor, als sei ich eine ganz andere Person, und als quälten mich alle Qualen und Geheimnisse dieser Person . . . und sobald ich aufhörte zu tanzen, erlosch wieder Alles in meinem Gedächtnis." Während Laurencc Dieses sprach, langsam und wie fragend, stand sie vor mir am Kamine, worin das Feuer immer angenehmer loderte, und ich saß in dem Lehnsessel, welcher wahrscheinlich der Sitz ihres Gatten, wenn er des Abends vor Schlafengehn seine Schlachten erzählte. Laurence sah mich an mit ihren großen Augen, als frügc sie mich um Rath; sie wiegte ihren Kopf so wehmüthig sinnend; sie flößte mir ein fo edles, süßes Mitleid ein; sie war so schlank, so jung, so schön, diese Lilje, die aus dem Grabe gewachsen, diese Tochter des Todes, dieses Gespenst mit dem Gesichte eines Engels und dem Leibe einer Bajadere! Ich weiß nicht, wie es kam, es war vielleicht die Influenz des Sessels, worauf ich saß, aber mir ward plötzlich zu Sinuc, als sei ich der alte General, der gestern auf dieser Stelle die Schlacht bei Jena geschildert, als müsse ich fortfahren in meiner Erzählung, und ich sprach: Nach der Schlacht bei Jena ergaben sich binnen wenigen Wochen, fast ohne Schwertstreich, alle preußischen Festungen. Zuerst ergab sich Magdeburg; es war die stärkste Festung, und sie hatte dreihundert Kanonen. Ist Das nicht schmählich? Mademoisclle Laurence ließ mich aber nicht weiter reden, alle trübe Stimmung war von ihrem schönen Antlitz verflogen, sie lachte wie ein Kind — 287 — und rief: „Jci, Das ist schmählich, mchr als schmählich! Wenn ich eine Festung wäre und dreihundert Kanonen hätte, würde ich mich nimmermehr ergeben!" Da nun Madcmoisclle Laurcucc keine Festnng war und keine dreihundert Kanonen hatte . . . Bei diesen Worten hielt Maximilian plötzlich ein in seiner Erzählung, und nach einer kurzen Pause frng er leise: Schlafen Sie, Maria? Ich schlafe, antwortete Maria. Desto besser, sprach Maximilian mit einem feinen Lächeln, ich brauche also nicht zu fürchten, dass ich Sie langweile, wenn ich die Möbel des Zimmers, worin ich mich befand, wie heutige Novellisten Pflegen, etwas ausführlich beschreibe. Vergessen Sie nur nicht das Bett, thcurer Freund! Es war in der That, crwiedcrtc Maximilian, ein sehr prachtvolles Bett. Die Füße, wie bei allen Betten des Empires, bestanden ans Karyatiden und Sphinxen, es strahlte von reichen Vcr- goldungcn, namentlich von goldnen Adlern, die sich wie Turteltauben schnäbelten, vielleicht ein Sinnbild der Liebe unter dem Empire. Die Vorhänge des Bettes waren von rother Seide, und da die Flammen des Kamins sehr stark hindurchschieuen, — 288 — so befand ich mich mit Laurcnce in einer ganz fcucrrothen Beleuchtung, und ich kam mir vor wie der Gott Pluto, der, von Höllcngluthcn umlodert, die schlafende Proscrpine in seinen Armen hält. Sie schlief, und ich betrachtete in diesem Zustand ihr holdes Gesicht und suchte in ihren Zügen ein Verständnis jener Sympathie, die meine Seele für sie empfand. Was bedeutet dieses Weib? Welcher Sinn lauert unter der Symbolik dieser schönen Formen? Ich hielt dies anmuthigc Näthsel jetzt als mein Eigenthum in meinen Armen, und doch fand ich nicht seine Lösung. Aber ist es nicht Thorhcit, den inneren Sinn einer fremden Erscheinung ergründen zu wollen, während wir nicht einmal das Räthscl unserer eigenen Seele zu lösen vermögen! Wissen wir doch nicht einmal genau, ob die fremden Erscheinungen wirklich existieren! Können wir doch manchmal die Realität nicht von bloßen Traumgcsichtcn unterscheiden! War es ein Gebilde meiner Phantasie, oder war es entsetzliche Wirklichkeit, waS ich in jener Nacht hörte und sah? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nur, dass, während die wildesten Gedanken durch mein Herz fluthetcn, ein seltsames Geräusch mir ans Ohr drang. Es war eine verrückte Melodie, sonderbar leise. Sie kam mir ganz bekannt vor, und endlich unterschied ich die Töne eines Triangels und einer Trommel. Diese Musik, schwirrend und summend, schien aus weiter Ferne zu erklingen, und dennoch, als ich aufblickte, sah ich nahe vor mir mitten im Zimmer ein wohlbekanntes Schauspiel: es war Monsieur Türlntü, der Zwerg, welcher den Triangel spielte, und Madame Mutter, welche die große Trommel schlug, wahrend der gelehrte Hund am Boden hcrumscharrtc, als suche er wieder seine hölzernen Buchstaben zusammen. Der Hund schien nur mühsam sich zu bewegen, und sein Fell war von Blut befleckt. Madame Mutter trug noch immer ihre schwarze Traucr- klcidung, aber ihr Bauch war nicht mehr so spaßhaft hervortretend, sondern vielmehr widerwärtig herabhängend; auch ihr Gesicht war nicht mehr roth, sondern blass. Der Zwerg, welcher noch immer die brodicrtc Kleidung eines altfranzösischen Marquis und ein gepudertes Toupct trug, schien etwas gewachsen zu sein, vielleicht weil er so grässlich abgemagert war. Er zeigte wieder seine Fcchtcr- künstc und schien auch seine alten Prahlereien wieder abzuhaspeln; er sprach jedoch so leise, dass ich kein Wort verstand, und nur an seiner Lippcnbcwcgung konnte ich manchmal merken, dass er wieder wie ein Hahn krähte. H eine's Werke. Bd. IV. 19 — 390 — Während diese lächerlich grauenhaften Zerrbilder wie ein Schattenspiel mit unheimlicher Hast sich vor meinen Augen bewegten, fühlte ich, wie Madcmoiscllc Laurcncc immer unruhiger athmctc. Ein kalter Schauer überfröstcltc ihren ganzen Leib, und wie von unerträglichen Schmerzen zuckten ihre holden Glieder. Endlich aber, geschmeidig wie ein Aal, glitt sie ans meinen Armen, stand plötzlick mitten im Zimmer und begann zu tanzen, während die Mutter mit der Trommel und der Zwerg mit dem Triangel ihre gedämpfte, leise Musik ertönen ließen. Sie tanzte ganz wie ehemals an der Waterloobrücke und ans den KarrcfourS von London. Es waren dieselben geheimnisvollen Pantomimen, dieselben Ausbrüche der leidenschaftlichsten Sprünge, dasselbe bacchantische Zurückwerfen des Hauptes, manchmal auch dasselbe Hinbcngen nach der Erde, als wolle sie horchen, was man unten spräche, dann auch das Zittern, das Erbleichen, das Erstarren, und wieder aufs Neue das Horchen mit nach dem Boden gebeugtem Ohr. Auch rieb sie wieder ihre Hände, als ob sie sich wüsche. Endlich schien sie auch wieder ihren tiefen, schmerzlichen, bittenden Blick auf mich zu werfen . . . aber nur in den Zügen ihres todtblasscn Antlitzes erkannte ich diesen Blick, nicht in ihren Augen, denn diese waren — 291 — geschlossen. In immer leiseren Klängen verhallte die Musik; die Trommclmuttcr und der Zwerg, all- mählig verbleichend und wie Nebel zerquirlcnd, verschwanden endlich ganz; aber Madcmoisclle Lau- rcncc stand noch immer und tanzte mit verschlossenen Augen. Dieses Tanzen mit verschlossenen Augen im nächtlich stillen Zimmer gab diesem holden Wesen ein so gespenstisches Aussehen, dass mir sehr unheimlich zu Muthe wurde, dass ich manchmal schauderte, und ich war herzlich froh, als sie ihren Tanz beendigt hatte und wieder eben so geschmeidig, wie sie fortgehuscht war, in meine Arme glitt. Wahrhaftig, der Anblick dieser Sccne hatte für mich nichts Angenehmes. Aber der Mensch gewöhnt sich an Alles. Und es ist sogar möglich, dass das Unheimliche diesem Weibe einen noch besonderen Reiz verlieh, dass sich meinen Empfindungen eine schauerliche Zärtlichkeit beimischte . . . genug, nach einigen Wochen wunderte ich mich nicht mehr im mindesten, wenn des Nachts die leisen Klänge von Trommel und Triangel ertönten, und meine theure Laurcnce Plötzlich aufstand und mit verschlossenen Augen ein Solo tanzte. Ihr Gemahl, der alte Bonapartist, kommandierte in der Gegend von Paris, und seine Dienstpflicht erlaubte ihm nur die Tage in der Stadt zuzubringen. Wie sich von Wien. Druck von Jcieod K Holzhausen selbst versteht, er wurde mein intimster Freund, und er weinte helle Tropfen, als er späterhin für lange Zeit von mir Abschied nahm. Er reiste nämlich mit seiner Gemahlin nach Sicilien, und Beide habe ich seitdem nicht wiedergesehen. Als Maximilian diese Erzählung vollendet, erfasste er rasch seinen Hut und schlüpfte ans dem Zimmer.