Vorlesungen über die Geschichte der teutschen Nationallitteratur von Or. Ludwig Wachler. Erster T h e i l. Frankfurt am Main Verlag der Hermannschen Buchhandlung. 18 18. vv ,,Kein Land wird reich oder mächtig — vielmehr das Gegen- theil— durch das, was es von außen hinein bekommt, sondern nur durch alles, was es aus sich selber gebiert und empor treibt/' Friedrich Richter. ! s.,VIW5L- ! !.!i-0 51,>!)!-! i iZii>uc)'Mlis(. 5^ vi/Zl) Vorrede. ^)urch diese Vorlesungen wird beabsichtigt, der tcutschen gemischten Lcsewclt die Bekanntschaft mit der vaterländischen Litteratur zu erleichtern und die richtigere Vorstellung von deren Beschaffenheit möglichst zu veranschaulichen. Dieß dürfte wohl eins der wirksameren Mittel scyn, um vaterländische Gesinnung und Bestrebung zu verallgemeineren und hoffentlich, wenigstens bey den Unschuldigen und Unbefangenen, manchen Irrungen zu begegnen, welche in unseren Tagen leider häufiger und folgenreicher, als ein angeblich wie- dergebohrner Zeitgeist wollen und vertragen kann, hervortreten. Die Vorlesungen sind auf der hiesigen Hochschule wirklich gehalten, aber nach dem veränderten Gesichtspunkte ihrer dermaligen Bestimmung, vielfach umgearbeitet, zum Thcile IV erweitert, öfter abgekürzt worden. Daraus erkläret sich auch die Ungleichheit ihres äusseren Umhanges, welche zu sehr als Nebensache erschien, um sorgfältig vermieden zu werden. Auf Vollständigkeit wird durchaus kein Anspruch gemacht; sie würde hier zweckwidrig gewesen seyn. Es kam darauf an, die Richtung und Veränderungen des Zeit- und Volksgeistes bemerklich werden zu lassen und die auffallendsten Erscheinungen desselben in Kunstwerken der Sprache für die genauere Betrachtung hervorzuheben. So durften auch nur in sehr beschränktem Maaße Nachweisungen aus der Bücherkunde statt finden, weil alle Ausstattung mit Anmerkungen, welche von Einigen allein, von Anderen gar nicht gelesen werden, und aller, oft sehr wohlfeiler Prunk mit sogenannter Belesenheit vermieden werden sollte. Wer den Weg der Forschung betreten oder auch bloß über Lebensgeschichtc der Schriftsteller, die äusseren Schicksale, Handschriften und Ausgaben ihrer Werke genauer, unterrichtet seyn will, hat andere Hülfsmittel zu befragen, auf wesentlich verschiedene Weise seine Kenntnisse zu erweitern und seine Wißbegierde zu befriedigen. Die Bestimmung gegenwärtiger, anspruchloser Vorträge wird ziemlich vollständig erreicht, wenn sie dazu beytragen, daß hie und da die Thrill nähme an unserer vaterländischen Litteratur angc- regt, die Achtung dafür erkräftigt, und der Wunsch und das Bcdürfniß, sich vollständiger darüber zu unterrichten, belebt wird. An diese Vorlesungen soll sich eine, zwar im Aeussercn davon unabhängige, aber im Inneren eng damit verbundene Sammlung ausgewählter Stellen der witschen Schriftsteller aller Zeiten, im eigentlichsten Sinne ein Urkunden-Buch, anschließen. Der Leser soll in den Stand gefetzt werden, die geschichtlichen Andeutungen und Schilderungen nach Belegen zu prüfen und zu würdigen; aus diesen Urkunden das Bild von jedes merkwürdigeren Schriftstellers Eigenthümlichkeit in Gesinnung, Kunstgestaltung und Sprache, selbst zu entwerfen oder das aufgefaßte zu vervollständigen und zu berichtigen; und endlich sich ftey zu bestimmen, welcher Schriftsteller vertrautere Bekanntschaft gesucht oder aufgegeben werden soll. VI Eine nachsichtige Beurthcilung von Seiten der Unterrichtetcren wird diesem Versuche nicht entstehen; denn sie wissen, daß, bcy noch so großer und oft hochverdienstlicher Vielthätigkcit unserer vaterländischen Forscher, in vielen Einzelnhei- tcn weit mehr vorgearbeitet, durch «Untersuchungen und Ersahrungen aufgeklärt und manche Ungewißheit beseitigt werden muß, wenn Verstoße, Ucbereilungcn und Fehlschlüsse vermieden werden sollen. Es würde vielleicht eben so gerechte Vorwürfe verdienen, wenn die Vollendung der wichtigeren Vorarbeiten abgewartet werden sollte, als es jczt zu entschuldigen ist, daß, nicht ohne Schwächen und Blößen zu geben, auf vorläufige Erfüllung eines lauten und ziemlich allgemeinen Wunsches hingearbeitet wird. Breslau den 9. Februar 1818. Der Verfasser. Inhalt. Erste V o r l c su n g. Seite, i. Einleitende Ansichten. Volksthum. Geistig - sittliches Leben, Kunstsinn, Genuß, Vorstellungen, Er- kenntnißkrcis deS Volkes. Zweyte Vorlesung. S. 12. Teutschheit an sich und in Anwendung auf Sprache. Kunst und Wissenschaft. Dritte Vorlesung. S. 21. Einleitung über Absiebt, Quellen, Vorarbeite», Zeitabschnitte. — Tcutschland's ältester Zustand, Sprache, Schrift. Vierte Vorlesung. S. 36. I. Carl der Große und sein Zeitalter. — Kirchlich - schriftstellerische Denkmäler. Kirchengesänge. — Orfrid. — Volks- und Siegeslieder. Lobgesang auf den heiligen Anno. Fünfte Vorlesung. S. 45. II. Teutfches Ritterthum. Ritterliche Dichtkunst; ihr Entstehen und Umfang. Lieder. Sechste Vorlesung. S. 65. Das romantische Epos. Zwiefacher Kreis desselben; der ausländische. Siebente Vorlesung. S. 79. Vaterländischer Sagenkreis. Epische Darstellungen aus demselben; ihr Verhältniß zu dem vom Auslande entlehnten. Das Heldenbuch lind seine Bestandtheile. Niebelungen - Lied. VIII Achte Vorlesung. Seite y4. Erzählungen. Fabeln. Lehrgedichte und Sitten- sprüchc. — Rückblick auf den Eesammt - Ertrag dcS Zeitraumes. Neunte Vorlesung. S. 107. ttebergang von dem Minnegesang zum Meistergesänge. Volksdichtkunst. Meisterschulen. Sprecher. Zehnte Vorlesung. S. 121. Ertrag bis um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Lieder. Geschichtliche Gedichte. Lehrgedichte. Prosa. Tauler. Eilfte Vorlesung. S. i33. Geschichte von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts biS in die ersten Jahrzehnte deS sechszehnten. Lehrgedichte. Bürgerliches Selbstgefühl; Lyriker. Romane. Volksbücher. Drama. Satyre: Neineke Fuchs; Seb. Brant und Geiler. Prosa. Zwölfte Vorlesung. S. i5y. Wissenschaftliche Fortschritte in Teutschland. VolkS- bestrebungen. Martin Luther. Dreyzehntc Vorlesung. S. 178. Tcutsche Littcratur im Zeitalter der Kirchenvcrbcsserung. Hau 6 Sachs. Ulrich von Hutten. Prosa. Düre r. Gcschicktiverke. Vierzehnte Vorlesung. S. iy4. Folgen der Kirchenverbesserung für Wissenschaft und Kunst. Kirchenlieder; Lehrgedicht; Fabel; Burkard Waldis; Erasmus A l b c r u S. Satyre: Murner; Dedekind u. a.; Fischart; Rollenhagen. Schauspiele. Fünfzehnte Vorlesung. S. 2i4. Prosa. Geschichtsschreiber. Volksbücher und Romane. Erste Vorlesung. Einleitende Ansichten. — Bolksrhum. Geistig-sittliches Leben, Kunstsinn, Genuß, Vorstellungen, Erkenntnißkreiö des Volkes. — enn Alles, was sich auf Vaterland und Volk beziehet, mit kindlicher Liebe und Achtung aufgefaßt und bewahrt wird, so gebühret der Betrachtung über teut- sches Kunstlebcu in Sprache und Schrift diese dankbare Pflege und allgemeinere Werthschätzung in vorzüglichem Maaßez denn sie ist mehr als alles andere geeignet, vaterländischen Geist zu erwecken und zu erkräftigcn, greifet tief und fast unmittelbar in das Bildungswesen des jugendlichen Geistes ein, befruchtet das Gemüth der Erwachsenen mit heimathlichen Bildern und Vorstellungen, ver- schmilzet Wirklichkeit und Sehnsucht nach dem Höheren, adelt die Gegenwart, sie versöhnend mit der in ihren Bestrebungen und Freudegenüßeu verjüngt aufblühenden Vergangenheit, und schließet das Gcheimniß froherZnknnft auf, indem die Einbildungskraft, durch Geist und Gefühl der Borzeit genährt, für sittliches Wollen und Streben frische Lebenskraft gewinnt. Solchen Foderungcu und Erwartungen genüget dann freilich nicht das müßige bedeutunglose Spiel mit iitterarischcn Alterthümern und Seltenheiten, das oft Wachlcr's Vorlesungen i?TH- 1 2 eben so mühsame als unfruchtbare Verweilen bey vereinzelten Gegenständen und Untersuchungen, welche im glücklichsten Falle den Reiz der Neuheit in sich tragen. Für das, wessen die achtbare Gcsammtheit des tcutschen Volkes bedarf und empfänglich ist, wird durch eine, der Mehrheit fast unverständliche Prnnkerey mit der Herrlichkeit unserer Sprache und unseres schriftstellerischen Neich- thnms wenig oder gar nicht gesorgt; kaum vermag sie etwas weiter, als unbesonnenen, schlaffen, kalten Ueber- muth auf todte Schätze zu erzeugen. Und um nichts mehr wird das geistige und sittlich-wissenschaftliche Gemeinwohl durch Eröfnung einer ästhetischen Vor- und Hülfsschule gefördert. Klagen und Spott, Vorwürfe und Rügen verhallen wirklos an Unkunde, Gleichgültigkeit, meist unverschuldetem Vorurthcil; nur allzu Viele ermangeln zwar nicht des Sinnes für das Bessere, aber wohl der ihn anregenden und ausbildenden Erfahrung. Nur ein kleiner Kreis unserer Lesewelt mag an Vergleichung des vaterländischen Littcraturwcsens mit dem des classi- schen Altcrthums Behagen finden; denn sie setzet Einsichten, Forschungen und Ucbnngcn voraus, deren sich wenige rühmen können; und von diesen pflegen eben nicht Viele geneigt oder tüchtig zu scyn, zwischen ihrer Gelehrsamkeit und der Sorge für allgemeinere Bildung des vaterländischen Volkes eine lebendige Wechselwirkung eintreten zu lassen; oder sie gehen dabey von ganz anderen Ge- sichtspnncten aus und arbeiten auf fremdartige Zwecke hin. Endlich aus denselben Gründen und weil nur einige verzogene und verbildete Vornehme geringen Gewinn davon haben dürften, lohnt es der Mühe kaum und wäre fast als undankbare Anstrengung zu erachten, wenn wir die Geringschätzung bestreiten, womit hochgebildete Aus- z länder aus Einseitigkeit lind Eitelkeit, öfterer aus Un- kunde dem tcutscheu Kunstlcben wehe thnn, wenn wir gegen sie schützen und geltend machen wollten, was in unserer Mitte noch viel zu wenig nach seiner Würdigkeit gekannt und geachtet wird. Leiden, Demüthignngen, Bedrückungen, mannigfach wohlthätig wirkend zur Reinigung und Erkrästigung vaterländischer Gesinnung, haben eine freycrc und edlere Ansicht aufgehen lassen von dem, was dein teutschen Volke die Kenntniß seines Lebens in Wissenschaft und Kunst seyn kann und soll; sie anzuerkennen, zu bewahren und zu verfolgen gebieten Bcwußtscyn bürgerlicher Pflicht und die Macht der öffentlichen Meinung. In den Jahren schmachvoller Knechtschaft wurde begriffen, wehin schlaffe Halbheit, selbstsüchtiger Leichtsinn und unsittliche Aufklärercy der Stimmführer, schnöde Ausländerey und lieblose Verstoßung des Volksgeistes, hoffärthige Trennung und mit ihr Entkräftung der Gruudbestandtheile des Staates uns gebracht; wie die Oberen ihreHaltung durch gedankenlose Willkühr, das Gemeinwesen sein gesundes Leben und seine freye Bewegung in aufgedrungener Unmündigkeit verlohren hatten; warum die Ehre des teutschen Namens zum Gegenstände des Spottes unbärtiger Knaben und verächtlicher Macht-Schergen herabgesunken war. Den einzigen irrdischen Trost gewährte damals der Hinblick auf eine großartige Vergangenheit; er wurde geschöpft aus der Geschichte und aus den Denkmälern des teutschen Lebens in Wissenschaft und Kunst; als Kleinod wurde bewahret die Heere Muttersprache, die reine Tochter freyer Mannheit; ihr Geist weissagte Errettung aus unwürdigen Banden. Bald mußte als Einzige Hülfe in derNoth erkannt werden Rükkehr zu teutscher Gesinnung^ 5 * 4 zu teutschem Glauben, zu teutschcr Frömmigkeit'. W war Gottes Stimme, die das teutschc Volk in sein Inneres zurückwies; dieses vernahm sie mit Ergebung und Vertrauen, und erwachte zn einem neuen Leben. Mit Gott ward durch Einheit frommen Volkswillens fremder Gewalt-Trotz in unfern Gauen gebrochen; wir sahen den machttrunkenen Zwingherren über unsere Gränzeu fliehen; der heilige Kampf für äussere Selbstständigkeit ward glorreich bestanden; thener erkauft mit dem Blute hochherziger Jünglinge und Männer die Wiederherstellung teutscher Ehre; frommes Vertrauen und vaterländisches Selbstgefühl kehrten in das Leben zurück. Die Sicher- stellnng der Ehre und Freyheit, der Rechte und Wohlfahrt des teutschen Volkes mußte fortan von Allen, an welchen Gottes Vaterhülfe und die Herrlichkeit einer wic- dergebohrnen Zeit nicht umsonst offenbaret worden war, als die erste und heiligste Angelegenheit teutscher Männer anerkannt werden. Ja es gicbt für diese keinen höheren Beruf auf vaterländischer Erde, als dahin zu wirken, daß die köstliche Errungenschaft, das herrliche Ergebniß einer thatenrei- chen Zeit Dauer gewinne und auf eine dankbare Nachkommenschaft vererbt werde; daß wir die aufgethane Bahn der Ehre verfolgen, die wieder errungene Freyheit behaupten, die Sicherheit des Vaterlandes befestigen, das wahre Gemeinwohl des Volkes beschirmen. Und wohl uns! die Bessergesinnten, die vom allmächtigen Gefühle für Vaterland, Ehre, Freyheit und Recht Ergriffenen sind erstanden zu wetteifernder Thätigkeit; der rüstigen Arbeiter sind viele; der Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit möge mit ihnen seyn, ihr Werk segnen und fördern. Unsere Verfassungen sollen sich nmstalten nach den rechtmäßigen Federungen des durch frommen Glauben und gottergebenes Selbstgefühl geläuterten Zeitgeistes; die in äusserer Trennung sich entfremdeten Stämme sollen zu dem, was Liebe giebt und Stärke, zu innerer Einheit erwachsen; des Volkes Streben nach sittlicher Mündigkeit soll Achtung und Pflege finden. Dafür bürget die laute Stimmung unseres Geschlechts; dafür die Sehnsucht der Greise, der Feucrmuth der Jünglinge, die Nachgiebigkeit der Mächtigen, die Zaghaftigkeit der Selbstsüchtigen, die Beharrlichkeit des teutschen Sinnes. Schon kündiget sich jugendliche Regsamkeit im teutschen Volksleben an; heilige Scheu für Volksrecht und Gemeinwohl waltet in allen Kreisen des öffentlichen Lebens vor und frevelhafte Verletzung derselben bleibt nicht unbemerkt und ungeahndet; keine drückende Beschränkung hindert Gerechtigkeit und Wahrheit, sich auszusprechen; der Menschen Thun und Lassen in Beziehung auf gesellschaftliches Wohl und Wehe wird mit strenger Unbefangenheit gewürdigt. Am trcucsten und kräftigsten spiegelt sich die neue teutsche Zeit in der öffentlichen Erziehung ab; darum sucht sie die menschlichen Kräfte von innen heraus, natur- gemäs und ohne Zwang zu entwickeln; darum pflanzet sie Liebe, Glauben, Hofnung in das kindliche Herz und sie wurzeln und wachsen mit dem reifenden Sclbstbcwußt- scyn; darum werden Frommheit und Rechtlichkeit, De- muth und Hochherzigkeit, Treue und Eintracht angebaut in denKrcisen der Kleinen, damit das Alter cinBcyspicl, die Zukunft eine Hofnung habe; darum wird Bildung des Körpers und Geistes in lange versäumtes Gleichgewicht gebracht. So ist als frohes Zeuginß für die neue Ord- 6 nuiig der Dinge das Turnen hervorgetreten; worüber Möser's redlich-tentscher Sinn frohlockt haben würde; während es jezt nicht an Feiglingen, Micthlingen und Klüglingcn gebricht, welche diese schicklichste unter allen Erneuungen ächter Alt sttte zu verhöhnen, bald als Rohheit bald alsGauklcrcy zu verrufen suchen, weder alttcutscher Wassentänze und kühner Springübungcn, noch griechischer Gymnastik recht gedenkend. Viel Trcfliches vereinet sich demnach, um das Gemüth des teutschen Volkes zu berühren, es zu reinigen und zu erheben, zu veredeln und zu stählen. Und daraus beruhet die Sicherstellung des wahren Heiles des reutschen Volkes, daß die rechte Gesinnung, die gute Sitte, der tüchtige Wille desselben gründlich hervorgerufen und fest bewahret werden. Für diese Bolkserzichnng im Großen ist nichts Jrrdisches so tief und dauernd wirksam, kein Bildungsmittel so mächtig und umfaßend, als vertraute Bekanntschaft mit des Volkes Kunst- und Geistes-Leben in Sprache und Schrift. Dieses soll daher von Jeden in rcifeste Erwägung gezogen, nach allen Richtungen und Verzweigungen hin sorgfältig und vielseitig erforscht, und so lebendig, wie menschliche Darstellung vermag, veranschaulicht werden. Dieß ist das üppig reiche Feld, auf dem wir jezt für uns und für unser Volk arbeiten wollen. Wer es redlich meint mit dem Vaterlande und mit sich selbst; wer unsere, wundersam gestaltete Zeit mit frommer Dankbarkeit zu würdigen weis und ihre Bedeutung ahnder; wer freudig anerkennet, daß Großes auf tcntschem Boden von tentscher Kraft geschehen ist und dadurch neu crkräftigten Glauben an die Bestimmung der Menschheit in seinem Busen trägt; dcr beachtet und erspähet mit ämsiger Umsicht und liebevoller Treue Alles, was tüchtige Gesinnung, frommen Geist und nie versiegende innere Kraft in unserem Volke erzeugen, nähren, fördern und unterstützen kann; dem ist von hohem Werthc und reicher Bedeutung, was auf Einbildungskrast, Gemüth und Geist, auf inneres Leben und Streben des Volkes einwirket; der erblicket in der Welt der Gedanken und Gefühle, der Bilder und Vorstellungen, die dem Volke einwohnen, die es umgeben, berühren und ergreifen, den fruchtbarsten Bildungsstoff für geistiges und sittliches Dascyn, das unfehlbarste Einignngs-Mittcl für alle einzelne Bcstandthcile, aus welchen der tcutsche Volkskörper zusammengesetzt ist und die leider so lange getrennt und oft feindselig einander entfremdet blieben. Den gegenwärtigen Vorlesungen würde mit vollem Rechte die ungünstigste Bcnrtheilung bevorstehen, wenn sie auf diesen, allen rechtlichen Tentschcn ehrwürdigen Gesichtspunet nicht berechnet wären; ihr Werth oder Unwerth mag lediglich nach diesem Maasstabc bestimmt werden. Doch mäßen die Fodcrnngen an sie und die Erwartungen von ihnen näher bezeichnet, schärfer aufgefaßt und nöthigen Beschränkungen unterworfen werden, damit gemeinsame Annäherung zum erstrebten Ziele statt finden könne. Es ziemet sich, dieses beym Eingange zn thun und mit Besonnenheit das Verhältniß zu ordnen, das zwischen Zuhörern und Sprecher bestehen soll. Ehe also von dem Wesen unserer Beschäftigung, von dem Stoffe, der zn bearbeiten ist, und von der Verfahrungs- art dabey, die Rede seyn kann; mögen Vorbegriffe und Grundansichten geprüft, mag ein Versuch gemacht werden, in wie fern über dieselben Einverständniß vorhanden und weiteres darauf zu bauen und daraus zu folgern ist. Allerdings soll vieles davon als Endergebniß unserer Betrachtungen sich selbst entwickeln und als gültig erweisen ; aber vielfache Misverständniße werden verhütet; eine Grundlage, wie sie für unseren Bau noth thut, wird gewonnen; es ersparet Zeit und sonst unerläßliche Erklärungen und Rechtfertigungen; es führet schneller zum Ziele, wenn schon jczt die Ansicht ausgesprochen wird, welche im ganzen ferneren Handeln vorwaltet. Es kömmt uns auf zwcy Vorbcgriffe und Grundan- sichte» an, uehmlich die von Volksthum und von dem, diesem entsprechenden unterscheidenden Wesen der Sprache, Schrift und Kunst, ihrer Erzengniße und Denkmäler, oder von National - Litteratur. Muß hierüber einiges im allgemeinen bemerkt werden, so bleiben wir doch zunächst bcy dem stehen, was von Teutschland gilt. Der Staat ist und wird Etwas durch das Volk, das ihn bildet. Darüber darf in unseren Tagen nicht wohl gestritten werden, ob der Staat etwas mehr seyn soll, als Bequemlichkeit^- oder Versorgungs - Anstalt; was er mehr ist, als dieses, das wird und ist er durch das Volk. Dieses halten nicht blos gemeinschaftliche Abstam- mullg und Heimathlichkeit, Sprache, Sitte und Herkömm- iichkcit zusammen; sondern Hey höchst verschiedenartigen Ermäßigungen des äusseren Zustandes, der Beschäftigungen, der Einsichten und Fertigkeiten, der Anstrengungen und Gcnüße, begegnet es sich in ursprünglich verwand« ten Vorstellungen und Bildern von Lust und Schmerz, in Wünschen und Besorgnißen, in Hofnnngen undtFode- rnngen, in Abneigungen und Weigerungen; es beweget sich mit fast gleichmäßiger Liebe nnd Theilnahme in einem, ihm eigenthümlichcn Kreise der Vergangenheit und Zukunft; theils in dunklerem Gefühle, theils mit bcllerer Einsicht werden dieselben Vorstellungen von dem, was Recht, Wahr, Schön ist, bewahrt und gepflegt; Eiu- zclnheiten in bunter Mischung erwachsen zu Einem Ganzen; unvermerkt entfaltet sich und erstarket kindliche Anhänglichkeit an dieser Gesammtheit, eine freyc, innig tiefe Achtung dafür vererbt von Geschlecht auf Geschlecht, und wenn auch durch neue Verhältnisse und äussere Einwirkungen der Zeit vielen Veränderungen unterworfen, doch von gleicher, eher wachsender als verringerter Stärke; Familienleben und Häuslichkeit verschmilzet in Vaterlandsliebe und Volksthum; der Mensch lebt, denket, handelt in den Gränzen der Eigcnthümlichkeit seines Volkes; für die Genossen Eines Stammbundes gilt Ein Gefühl, Ein Streben, Ein Gesetz, Eine Pflicht; das Einzelne stehet in unzertrennlicher Wechselwirkung mit dem Ganzen. So gestaltet sich das Seyn und Leben eines Volkes zu fortdauernder innerer Einheit; so schliesset sich mit unsichtbaren starken Banden die Gegenwart an Vergangenheit an; Alles, was kömmt und wird, an das, was gewesen ist und wodurch es bedingt wurde. Wo solches inneres Volksleben gefunden wird, da spiegelt sich dasselbe ab in Gebilden der Sprache, in Schrift - und Kunstwerken; es drücket sich aus in Ahndungen und Meinungen, in Sprüchen und Sagen, in Ueberlieferungen und Gesängen. Das wahrhaft Eigcn- thümliche des Volkskunstwesens in Bild und Sprache kann nur aus des Volkes innerem Seyn und Leben hervorgehen und dieses wird durch solche Thatsachen in der Erscheinuugswelt vcrsinnlicht und veranschaulicht, bewahrt und verewigt. Das Sprach-, Schrift- und Knnstwesen der Völker muß, wie die Grundlage, woranf es ruhet, nach ur- 10 sprünglichcn Anlagen, nach Umgebungen und Natur-Einwirkungen, nach Erfahrungen, Schicksalen und äusseren Verhältnissen höchst verschiedenartig hervortreten. Wir würden daher mit der hinreichend beurkundeten Wirklich, keit oder mit der ihre Stelle vertretenden höheren Wahr, scheinlichkeit in unausglcichbaren Widerspruch treten, wenn die nach Ocrtlichkcit und Zeit sich stark und wesent, lich unterscheidenden Erscheinungen ans Einem und dem« selben Gesichtspuuctc betrachtet, aus Einem Grundsatze erklärt, und nach Einem Maasstabe beurtheilt werden sollten. Reine Eigenthümlichkeit läßt sich nur sehr wenigen Völkerschaften zugestehen; die reinste, wie es scheint, und abgeschlossenste den Indern; in jüngerer Zeit, nicht ohne einige Beschränkungen, den Aegypten: und Sine- sen. Schon bey den Griechen floß mannigfaltige Gabe für Einbildungskraft und Verstand ans mehren Gegenden Asiens zusammen; wenn gleich das geistig und körperlich schön geartete Volk durch die ihm einwohnende ausgezeichnete Bildungskraft und leichte Gewandheit Alles in der Art sich aneignete, daß der fremden Abkunft Spur, fast bis zur Unkenntlichkeit, verwischt zu werden pflegte. Mit bezaubernder Selbstständigkeit erhob es sich zu eigen- khümlich-freyem Schönheitssinne und Kunstleben; ihm entfaltete sich die wundersame Blüthe veredelter Sinnlichkeit und gesellschaftlicher Kunftbestrebung; und darum ist dieses Volk für die entfernteste, übrigens in grellen Abweichungen getrennte Nachwelt gemeinsames Musterbild freudiger Gestaltung und geistiger Veredelung des Gebens geworden. Rom opferte rauhe Eigenthümlichkeit dem Genüsse auf, welchen Griechenlands Lustfülle und Kunstreichthum darboten; und seitdem ziehet sich eine 1t Kette von Knnsterfahrungen und Genußüberliefcrungcn durch alles Littcraturwesen der jüngeren gebildeten Völker bis auf unsere Tage hin, eine Kette, deren lezter Ring an Griechenlands unsterbliches Frühlingslebeu befestiget ist. Selbst die bedeutendsten Veränderungen im Glauben und sittlichen Gefühl haben dieses lange, von Zeit zu Zeit verjüngt-kräftigere Fortwirken einmal angeregter und bis zu gewisser Höhe und Reife ausgebildeter Kräfte und Strebungcn nicht hemmen, viel weniger vernichten können. Europens Völker haben in der, ihrem Fortschreiten zu höherer gesellschaftlicher Ausbildung und geistiger Regsamkeit förderlichen entscheidenden Zeit, mit Hintansetzung, oft mit Aufopferung ausschließlich unterscheidender Eigenthümlichkcit, sich dem Muttergesctze des klassischen Altcrthums in strengerem oder milderem Sinuc unterworfen. Was dieser Umwandelung ihres Kunststrebens vorausgegangen war, mußte größeren Theiles als veraltet und nicht mehr zeitgemäs zurücktreten; weniges davon behauptete sich durch überwiegende innere Treflich- keit; das ungleich mchrste schien aus geschichtlichen Werth beschränkt zu werden. Seltene Geister in Italien, Spanien und England versöhnten und verschmolzen die alte Zeit mit der neuen, und gaben dieser einen Ruhmglanz, welcher alle Nachbildung ausschließet. Die nähere Anwendung dieser Andeutungen auf Teutschland bleibet der folgenden Vorlesung vorbehalten. 42 Zweytc Vorlesung. Tentschheit an sich und in Anwendung auf Sprache, Kunst und Wissenschaft. Des teutschcn Volkes Eigenthümlichkeit darf nicht nach dem bestimmt werden, was einem einzelnen Zeitalter, Stamme, Verhältniße ausschließlich angehöret; vielmehr liegt sie darin, was überall durchscheint und hervortritt immer bleibt und vorherrscht, wenn auch Anderes der Denkart beygemischt und in das Leben aufgenommen wird. Das Unwandelbare der Tentschheit hat seine Grundlage in ernster Besonnenheit und beharrlicher Treue, in Tiefe des Gcmüths und kindlichem Bcdürfniße des Glaubens. Es offenbaret sich durch häuslichen Sinn und Anhänglichkeit an Familienherkommcn, durch Vorliebe für Leben in kleinerem Kreise. Es zeichnet sich aus durch Nachgiebigkeit gegen überzeugende Belehrung, bey allem Festhalten unveräusserbar thenrcr Hcrkömmlichkcit, durch Gerechtigkeit gegen fremdes Verdienst und durch dankbare Empfänglichkeit für fremdes Gute, welche auch Streben nach diesem zur Folge hat; durch Kraft und Entschlossenheit, wenn dem teutschcn Volkswesen Unrecht geschieht und gewaltsame Unterdrückung droht. So ist der Tcntsche unter den verschiedenartigsten Einwirkungen äusserer Zeitumstände mehr geblieben, als geworden; so im Kampfe, so im Frieden. Bewahrt hat er anspruchlose Liebe für vaterländischen Boden, für väterliche Sitte; Achtung für des Landes Herkommen und Gesetz, für Obere und Fürsten. So war; so ist das Volk, der besseren Mehrheit nach; so äusserte sich's in vielfach 1Z wechselnden Lebensverhältnissen; so in der Genügsamkeit kräftiger Unschuld, so im Fortschreiten zu höherer und reicherer gesellschaftlicher Ausbildung. So blieb es, als bey ihm, wie bey allen neueren Völkern, ein Theil der Genossenschaft vorwaltend, leitend, mehr geltend wurde; als aus gleicher Freyheit des Familienlebens der Adel uaturgemas sich erhob; als mit ansgcbreitetcrem Verkehr und wachsendem gesellschaftlichen Bedürfniße vielvermö- gender Gewerb - und Handelsssand, und als bey steigender Bildung Künstler und Gelehrte Dascyu und Wirksamkeit erlangten. Der Kreis, in welchem sich das geistige Leben bewegte, Gemüth und Einbildungskraft ihre Nahrung fanden, mußte, nach verschiedenartiger Beschaffenheit des gesellschaftlichen Zustandes, Anfangs enger beschrankt und einseitig seyn; dann wurde er erweitert und gewann an Mannigfaltigkeit; auch zeigten sich wohl Kampfe und Trennungen in ihm. Bald gestalteten ihn Heldensagen und blutige Schlacht-Erinnerungen, bald schlichte Ereignisse und Anschauungen des bürgerlichen Lebens; bald war er in den engeren Gränzcn der Familien-Eigentümlichkeit abgeschlossen, bald umfaßte er die großen Angelegenheiten des öffentlichen Lebens; auch vieles fremde nahm er auf und es wetteiferten Adel und Bürger, Gelehrte und Ungelehrte in Einführung desselben und in seiner Verschmelzung mit dem Heimathlichen. Dabey blieb und stieg das Volk in Achtung und nahm freyen Theil am geistigen Leben und Streben, bis in die Mitte des sechözehnten Jahrhunderts. Nun erst begann in trauriger Allgemeinheit, Hintansetzung und Verwahrlosung des Volkes und vielseitiger Aristokratismus nahm überhand; Fürsten, Adel, Reiche, Krieger, Gelehrte und Geschäftsmänner überließen sich selbstsüch- 14 tigem Dünkel, suchten den Alleinbesitz geistiger Bildung und allein rechtskräftige Ansprüche ans Vcrstandes-Mün- digkeit zu behaupten und wähnten nur rohe Gemeinheit und Uugelehrigkeit wahrzunehmen an der Menge, die zum blinden Gehorsam im Staube, zur Abhängigkeit von den Gebildeten bestimmt sey nach weisen Naturgesetzen. Auch abgesehen von sittlicher Zurechnung fällt die schwerste Verschuldung ans den Gelehrten-Stand; er hat das Volk verstoßen und ist von ihm verstoßen worden. Kaum verblieben dem Volke seine wundersame Märchen, seine Heldensagengeschichten in Trümmern, seine derbe Schwanke neben Gesangbuch und hie und da Bibel. Nur die auserwähltc Schaar der Glücklichen und Vornehmen schien Würdigkeit zu haben für Kunstleben in Sprache und Schrift. Gottlob daß diese nächtliche Schmutz - Stelle in unserer Geschichte überlebt ist. Wiedergebohren hat sich erwiesen die Kraft des Volks, und mit ihr das Gefühl seines Wcrthes und Vermögens, seine Vaterlandsliebe, die Herrlichkeit seines Glaubens und seine sittliche Tüchtigkeit. Die Hoheit der Volksbestimmung wird erkannt; des Volkes Rechte werden geltend gemacht; auch reifere Bildung des Geistes, Genußfrenden des Gcmüthes sollen und können ihm nicht vorenthalten werden; das Volk erstrebet und verdient sie; und ein großer Theil der sogenannten vornehmen Welt bedarf derselben gerade so, wie sie dem Volke gebühren. Wohl gilt es demnach als allgemcinwichtige Angelegenheit für vaterländisch Gesinnte, daß Genuß der Kunstdenkmäler unserer Vorzeit und schriftstellerische Lhätigkcit mit Volksbildung in Einklang kommen. Es würde Beschränktheit der Einsicht oder Schlaffheit des Willens verrathen, wenn damit 15 gewartet werden sollte, bis das Ersehnte fertig ist, bis Nolksfreyheit, Volksrecht, Volksleben unter uns vorhanden sind; dem Biedermann ziemt, dahin zu arbeiten und jeder in seinem Kreise, nach seinen Kräften und Mitteln mitzuwirken, daß das, was werden soll, werde, wurzele und frisch gedeihe. Aber die höheren Stände, welche, reicher an Einsicht, gebildeter in Geschmack und Genuß, als Muster, Führer, Lehrer der Menge gelten/ haben für das Leben ihres Geistes und Gefühls eine andere Richtung, als das Volk. Es muß die unfreundliche Frage aufgeworfen werden: welche Richtung soll gelten? wer soll herauf oder herunter? wer soll annehmen oder aufopfern? — Nöthiget vaterländische (Gesinnung und teutsche Bürgerpflicht , ein Verdammungsurtheil ohne Schonung und Ausnahme über das zu sprechen, womit uns der freundlich hehre Nachschall Griechenlands und Roms ausgestattet hat und was wir von des Auslandes Kunstblüthe uns zugeeignet haben? — Hängt Rettung und Sicher- stcllung unsers vaterländischen Seyns und Lebens davon ab, daß unsere Verbindung mit dem elastischen Altcr- thume und mit der, ihm meist verschwisterten Kunstfülle neuerer Völker abgebrochen und verfehmt werde? Sollen wir Teutschheit des Kunstlebcns in Sprache und Schrift darin suchen, daß nur das, was tentschem Boden und Leben, tentscher Sitte und Sprache unbestreitbar angehöret und entwachsen ist, als volksthümlich anerkannt, und Alles, was außer diesem Kreise liegt, verstoßen und als Verrath an des theuern Vaterlandes heiliger Eigen- thümlichkeit vernrtheilt werde? Das kann nur wollen und hoffen, wer von der geistigen Eigenthümlichkeit unsers Volks, Wieste in der Wirk- kichkeit besteht und fest begründet ist, gar keinen oder einen sehr unrichtigen Begriff hat; sonst würde er sich mit dem abentheucrlichen Wahn einer Umstaltung nicht schmeicheln, welche durch übermenschliche Wnndcrkrast kaum herbeygeführt werden könnte. Das Vorhaben, unsere ganze tcutsche Volksbildung und den Unterricht der Knaben und Jünglinge umzukehren, ist noch nicht so alt, daß vergessen seyn könnte, welchen Eindruck es hin- terlics, als ohne Umschweife gcfodert wurde, den Erfinder des Spinnrades und Butterfasses über Homer und Pindar, den Lehrer des Pöckelns über Phidias zu setzen und alles Schöne dem nützlichen Hausgebrauche aufzuopfern. Hat doch Benjamin Nush mit solchen Entwürfen selbst in dem ncngemachten Nord-Amerika keinen Eingang gefunden; wieviel weniger können sie einem Volke annehmbar erscheinen, das nicht blos den Kern seines Alterthums, sondern auch die im geschichtlichen Fortleben hinzugekommene mannigfaltige Umgebung desselben ehret. Es ist unthunlich, daß ein frcy gebildeter Kreis allgemein verbreiteter, fruchtbarer Vorstellungen und in ihrer Verjährung unverletzlich gewordener Bilder und Erinnerungen vernichtet werde. Und wenn Sitte, Sprache, Bilder, Gefühle und Glaube verwitterter Vorzeit zurückgerufen und einstudirt würden, so könnte das Fastnachtsspiel nur auf Eine Weise enden; damit enden, daß das tcutsche Volk wäre, was der Schauspieler ist und sich selbst sagt oder von andern sagen lassen muß, wenn er die Bühne verlaßt, auf der er Könige und Helden spielt, und ihm sein karges Hauswesen vor Augen tritt. Ucberhaupt wird kein Urtheilsfahiger geneigt seyn, das jetzige Daseyn mit einem früheren, wenn auch glänzenden und thatenreichen, zu vertauschen. 17 Wcm würde die Ausscheidung derer, welche des dem alten oder neueren Auslande entlehnten Kunstgcnnßes nicht überhoben seyn wollen, aus der Mitte ihres Volkes und aus der Stellung, um auf dasselbe einzuwirken, nicht als höchst schmerzhafter Verlust erscheinen mäßen? Und sind Dante, Shakcspcar, Calderone, Luther, Klopstock, Göthe, überhaupt die überlegenen Geister, verewigt durch Kunstwerke des Geistes und der Sprache, sind sie jemals in dergleichen drückender Beschränktheit befangen gewesen? — Nein! dankbare Gerechtigkeit gegen Gutes, Wahres, Schönes, von wannen es komme, soll nicht aufhören, als Grundzug teutschcr Ei- genthümlichkeit zu gelten. Und doch bleibt uns genug, was Gemeingut aller Tcutschen heißen darf; wird das geehrt und bewahrt, so geschiehet für die überwiegende Mehrheit des Volkes, was geschehen kann und soll. Uns vereinige das Sittliche, was unserem Volke eigenthümlich ist; tcutschc Treue, Frömmigkeit, tiefe Gründlichkeit, Achtung für Gemeinwohl und gleiche Gerechtigkeit walte in der Sprache Kunstwerken, wie im Leben, vor. Dieser sittlichen Allgemeinheit werde der höchste Werth zugestanden; alles in geistiger Bildung und Wirksamkeit ihr untergeordnet. Dahin werde gestrebt, daß möglichst viele eines höheren Lebenswerthcs geistig sich bewußt und thcilhaftig werden. Und das kann unter einfachen Bedingungen sich verwirklichen. Zuerst wird hiezu erfodcrt wechselseitiges Vertrauen zwischen allen Bestandthcilen des Volkes. Gegenseitige Achtung, volks- thnmliche Liebe und Eintracht sollen Fürsten, Adel, Gelehrte, Geschäftsmänner, Kausleute, Bürger und Bauern, Grundbesitzer und Gewcrbffeißige durchdringen und Wachler'S Vorlesungen i r Th. Ü 13 umschlingen; so erwachset Gemeiuwille. Dieß bezwecken neue, mit tcutscher Besonnenheit fest zu begründende Verfassungen im Ganzen und Einzelnen; dieß wird gestützt und gefördert durch Volksschulen und Volks-Einigungs- mittcl. Wenigstens muß dieß alles rührig und eifrig angebahnt und vorbereitet werden, damit es nicht, was weder Werth noch Dauer hat, von oben gegeben, sondern von der Mehrheit bey reifender Selbstthätigkeit ge- fodcrt, gefunden und begründet werde. Zwestens soll lebendiges Gefühl für Schönheit möglichst allgemein verbreitet und sicher gestellt werden; es kann aber nur dem Gcmüthe einwohnen, in welchem Wahrheit und Sittlichkeit sich begegnen und durchdringen. In dem allmächtigen Geiste der Schönheit zerrinnen die Kriege des Lebens; er reichet den ewigen Frieden, für dessen ruhige Anschauung wir leben und streiten; er ströme unvergängliche Lust, Kraft, Einheit in unsere Seelen. Endlich drittens soll von Allen, die des allein gültigen Bürgerrechtes würdig scyn wollen, die Herrlichkeit und Seligkeit des teutschcn Volksthums anerkannt und durch Güte des Strebens und Handelns zurAnschauung gebracht und in das offene äussere Leben eingeführt werden. Solche rein vaterländische Gesinnung erstarke durch fruchtbar- lebendige Erinnerungen an unscrs Volkes reiche Vorzeit; vaterländische Geschichte gewinne Eingang bey allen Ständen des Volkes und knüpfe mit Banden der Liebe und dankbarer Nacheifcrung die Gegenwart an die Vergangenheit; sie beschäme und ermuntere, sie belehre und warne, sie lasse jeden finden, was ihm frommet, und erkennen nnd festhalten, was er selbst gefunden, in der Wurzel erfaßt, im Wesen sich angeeignet hat; Mö- ser's Geist schwebe segnend über dem frommen Ge- 19 schüft und es bringe Heil auf die künftigen Geschlechter! So mag sich fade Ausländerey, so gedankenlose, knechtische Abhängigkeit von fremden Vorbildern, welche mit Teutschheit in Widerspruche stehen, verlieren. So mag fallen der Wahn derer, welche der Heimath Schätze, wie ihres Volkes Ansprüche, verkannt und mit des Auslandes Darlchn nnzcitig geprunkt, mehr für sich und ihr Gelüste, als für der vaterländischen Mitwelt Bedürfniß und Streben, geistig genossen, gelebt und gearbeitet haben. Er falle durch uns selbst und durch den Geist, der uns regiert; seine Stützen sind morsch und gebrechlich; nur gewollt und sie stürzen zusammen. Aber daß wir uns recht verstehen; von Misbrauch ist die Rede, der das teutsche Kunstleben in Beziehung auf des Volkes Bildung zu geistiger Kraft gefährdet. Fortbestehen soll die das Teutschthum eigenthümlich ausdrückende und bey Vielseitigkeit der Einsicht, des Bednrf- nißes und der Beschäftigung durchaus notwendige Mannigfaltigkeit. Für des Tcutschen empfänglichen Geist und vielumfassendcs Gefühl sind reich ergiebige Quellen im ganzen Wcltcnraum geöfnet; aus ihnen mag frey und tief geschöpft werden, um jenen zu erheben und zu üben, um dieses zu veredeln und zu stärken. Wenn der Teutsche das vermag und dessen bedarf, wer darf seine Regsamkeit hemmen und beschranken? Es daure fort die weise Benutzung des elastischen Altcrthums in ihrer unverkennbar wohlthätigen Wirksamkeit für des Geistes Richtung auf das Schöne. Es werde gefunden und aufgenommen das bewährte Trefliche, jedem empfänglichen Gcmüthc willkommen, wo es auch entsprossen sey, am Ganges oder an der Seine, am Tago oder an der 2 * 20 Themse; sein zweytes dankbares Vaterland ist im teut- schcn Herzen. Und so kann, so wird einst geschehen, daß Teutschland eine seiner Eigcuthümlichkeit entsprechende Kunst- nielt in Sprache und Schrift gewinne, und, was mehr ist, daß sie dem teutschen Volke Früchte trage und mit seinem Geist und Leben im wahrhaftesten Einklänge stehe. Es werden die Kunstwerke in teutschcr Sprache Einen Geist offenbaren, sich zu Einem Ganzen vervollständigen, in welchem für das tcutsche Volk, nach allen seinen Bc-- standtheilen, die hervorstechenden Anschauungen seiner Welt und seines Lebens niedergelegt sind. Die Nachkommenschaft wird die acht vaterländische Gesinnung dankbar preisen, welche dieses unvergängliche Gut ihr und allen, die des Werth sind, bereitet hat. 21 Dritte Vorlesung, Einleitung über Absicht, Quellen, Vorarbeiten, Zeitabschnitte.— Tcutschland'S ältester Zustand, Sprache, Schrift. Nach Bestimmung des Standortes und Gesichtskreises, woraus wir das teutschc Kunstlebcn in Sprache und Schrift zu betrachten gedenken, ist der Gang zu bezeichnen, welcher in der geschichtlichen Darstellung verfolgt werden soll. Wir beabsichtigen, die herrschenden Vorstellungen in der Knnstwclt tcutschcr Zunge, soweit sich dieselben mit einiger Sicherheit nachweisen lassen und in Denkmälern beurkundet zeigen, aufzusuchen und die Gestaltungen der Knnst in Wort und Schrift daraus abzuleiten. Die ursprüngliche Einfachheit kündiget sich selbst bestimmt genug an; wie der Kreis der Einbildungskraft erweitert, wie der nährende Stoff für sie vermehrt, wie Bewegung und Ausdruck des inneren Lebens verändert worden, auch davon dürften die Spuren, oft vollgültige Merkmale, unschwer aufzufinden seyu. Thätigkcit des Gelchrtcnstandcs, wo sie sich äußert, wird nur beachtet, in so fern sie von allgemeiner Denkart bestimmt wurde und auf dieselbe, zum T'hcil mittelbar, einwirkte oder überhaupt von ihr nicht unwichtiges Zeugniß gicbt. Unser Hauptaugenmerk bleibet immer das Volk, das heißet, wie geschichtliche Treue gebietet, der Theil des Volkes, welcher geistiges Streben und Kunstlcben wahrnehmen laßt; und zwar zunächst, um die Quellen zu entdecken, aus denen es geflossen, um den Kreis zu bezeichnen, in welchem es sich beweget, und u.m die Wirkung zu berechnen, die dadurch hervorgebracht worden; wobcy leichte Andentun- 22 gen über die Sprache als Werkzeug und urkundlichen Spiegel des Geschehenen, nicht umgangen werden können. Die Quellen, aus welchen unser Stoff geschöpft wird, sind die, zum Thcil nur in Bruchstücken vorhandenen schriftlichen Denkmäler jedes einzelnen Zeitalters; auch Muthmaßungcn und Folgerungen, wozu dieselben unzweydeutig zu berechtigen scheinen, lassen sich nicht verschmähen, wenn Zusammenhang, wie wir das in geschichtlicher Darstellung bedürfen, erstrebt wird. Nicht unbedeutende Ausbeute gewähren die Zeit- und Jahrbücher, obgleich viel Misverständniß in ihren Auslegungen, oft Ungeschick in ihren Urthcilen liegt. Uebrigens darf sich die Quellenforschung keineswcgcs ans das Einheimische beschränken wollen, wenn auch der scandinavische Norden, als ächt germanisch dem größeren Theile nach, darunter begriffen wird. Wo Germanen gesiegt und gelebt haben, in Spanien und Frankreich, in England und Italien thut sich Kunde auf von ihrer äußeren und inneren Geschichte, sind Spuren ihres Volksgeistcs erkennbar, begegnen verwandte Vorstellungen, Bilder und Sagen, oft die Erstlinge des zwischen Nhcin und Donau sich gestaltenden geistigen Kreises. Daher wird der Stoff zur anschaulicheren Erkcnntniß und zur ausführlichen Darstellung des tcutschcn Kunstlebcns in Sprache und Schrift durch scheinbar vom Haupt- und Mittclpnncte sich weit entfernende Untersuchungen fortwährend vermehrt und berichtigt und die tiefere, umfassendere Ergründung seines WcsenS kann noch lange nicht, vielleicht nie für abgeschlossen gehalten werden. Wagen wir ja nicht, die Kenntniß einzelner Menschen unserer Zeit für beendet zu erklären, wenn sie uns auch für des Augenblickes Bedürfnis genügen muß. 25 Der eifrigen und durch Erfolg belohnten Arbeiter für diesen gehaltvollen Thcil vaterländisch-geschichtlicher Erkenntniß sind seit mehren Jahrhunderten, besonders im leztcn, am ausgezeichnetesten in unseren Tagen, sehr viele gewesen; von ihren Bemühnngcn und Verdiensten wird im Verlaufe dieser Vorlesungen selbst pflichtmäßiger Bericht erstattet werden. Des geschmacklos fleißigen I. F. Rcimmann Vorarbeit 1,1708 ff. z haben I. Er- duin Koch's Compcndinm 11790 und umgearbeitet 1796z und Fr. Boutcrwck's mannigfachen Foderun- geu entsprechendes und nicht ärmlich ausgestattetes Geschichtsbuch l>Lic>f.z entbehrlich gemacht. Adam Müller, geistreicher, tiefer, bildender für Schönheitssinn die Gebrüder A. W. und Fr. Schlegel, in beschränkterem Maaße Franz Horn, sind in das Grundwesen, die innere Eigenthümlichkeit und aus dieser sich ergebende frcycre Ansicht tcntschcr Wissenschast und Kunst eingedrungen und haben zur reineren und vielseitigeren Auffassung ihres Geistes und Wertstes folgenreich gewirkt. Auch C. G. Küttncr's Charaktere tcutscher Dichter und Prosaisten l-vLiZ, zu rednerisch, um nicht oft in flachere Verallgemeinerung überzugehen, sind in einer der Tcutschhcit minder günstigen Zeit nicht wirklos gewesen; und C. G. Jördeus unter unbeholfener Last erliegendes Lexikon bietet einen Vorrath an Stoffs-Einzcln- heiten und Nachweisungen dar, welcher für geduldige und strenger prüfende und sichtende Benutzung nicht zu verschwächen ist. — Die erfreulichste und fruchtbarste Thätigkeit ist der Bearbeitung der alttcutschen Zeit zu Theil geworden; an I. Schilter's ffr. 1707z Verdienst um Sammlung und Erklärung wichtiger Sprachdenkmäler schloß sich ähnliche rühmliche Geschäftigkeit I. C. Gott- 24 scheds, eines gewöhnlich nur in seinen Schwachheiten und Anmaaßungcn gekannten Mannes, und seiner Schweizerischen Gegner Bodmer und Brcitinger an. Mit ämsiger Liebe, nnd, wie immer, das Bessere und Rechte scharfsinnig erspähend, Gold von Schlacken ausscheidend, Verwirrungen entwirrend, neue Ansichten nnd Ergebnisse andeutend, forschte und erklärte unser unsterblicher Lcssing. Und als Klopstock, Herder, Göthc, Wieland, Johannes Müller der Herrlichkeit unserer kraft - nnd kunstreichen Vorzeit mit begeisterter Wärme gehuldigt hatten, wurde von Eh. H. Müller, H. Meister, I. Eh. Adelung, Eschcnburg, Gräterund vielen anderen rasch und uucrmüdet gesammelt, Vergessenes und Ungekanntcs an das Licht gezogen, DunklcS erläutert; aber besonders in neuester Zeit mit überwiegenden Ergebnissen für Stoff und Würdigung seiner Gestaltung, für Aufstndnng des Zusammenhanges im Sagenkreise, für gehaltvollere Sprachkunde, zum Thcil mit gelungener Zergliederung und Veranschanlichnng des dichterischen Volksgefühls im Keim und in der Blüthe, von den Gebrüdern A. W. und F. Schlegel, L. Tieck, G örre 6, Gebrüdern I. und W. C. Gri m m, Docen, G. F. Ben ecke, F. H. v. d. H ag en, I. G. Büsch in g und mehren. Ungeachtet dieser dankbar anerkannten Regsamkeit bleibt noch gar viel zu leisten übrig. Zahllose Denkmäler und Urkunden liegen in tcutschen und auswärtigen Büchereycn, welche aus dem Staube hervorgezogen oder doch benutzt und verarbeitet werden müssen; denn strengere Auswahl ist zu wünschen, damit das Wichtige dem minder bedeutenden nicht zu lange nachgesetzt nnd die öffentliche Thcilnahme nicht erkältet werde. Unsere alte Hauptwerke erwarten kritische Sicherstellung ihres 25 Tertcö. Für rechtes Verstehen und bequemeren Genuß sind Sprachlehren und Wörterbücher über einzelne Zeitalter und Landesstriche erfodcrlich. Von vielen Bilder - und Sagenkreisen, ihrem Ursprünge, ihrer Ausschmückung und Verschmelzung mit anderen sind unsere Vorstellungen noch zu schwankend und unsicher. Auch über einzelne Schriftsteller und Schriftwerke bedürfen wir vollständigerer urkundlicher Erörterung und eines die Wißbegier mehr zufrieden stellenden Aufschlusses. Aber die Erwartung vollkommnener Stoffs-Masse darf uns nicht abhalten, das Vorhandene haushälterisch zu benutzen und uns selbst für Thcilnahme und Genuß einer reicheren Zukunft vorzubereiten. Ist doch alles Leben in Wissenschaft und Kunst zu unbcgränztcm Fortschreiten berufen und bestimmt. Die Feststellung der Abtheilungen einer Geschichte des teutschen Kunstlebens in Sprache und Schrift läßt keine Willluhr zu, sondern wird durch Thatsachcn un- zweydcutig geboten. Der Vorwelt Dunkel kann durch Vcrmuthungen und Folgerungen ans wenigen, meist nn? sicheren Fingerzeigen kaum etwas aufgehellt und zu einleitenden Andeutungen benutzt werden, welchen von kunstloser Beziehung auf jüngere Zustände und Ereignisse einige Bedeutsamkeit mehr zuwachst, wenn diese nicht dem Versuche schon eigen wäre, über den Ur-Anfang des vaterländischen Geistes-Lebens nachzudenken und nicht Unwahrscheinliches aufzufinden. Der erste geschichtliche Abschnitt beginnt mit Earl's des Großen Zeitalter und dessen Bestrebungen und Nachwirkungen. Im zwcyten entfaltet sich die Rittcrzeit. Der dritte ist dem Meistergesang und der aus diesem hervorquellenden, sich bürgerlich frey und kräftig ankündigenden Denkart und Kunst- nbnng des teutschen Volkes gewidmet. Als diese viel- 26 verheißende Regsamkeit inneren Zerrüttungen, aristokratischer Selbstsucht und Beschränktheit, und äußeren Bedrückungen erlegen war, erhebet sich im vierten die Schle- sischc Schule mit ihrem anspruchloscn gediegenen Reich- thum, in ihrer Wirksamkeit bald durch Ausartung geschwächt und durch falschen Prunk und Ausländerey nicht minder entstellt als durch Schwachsinnigkeit und selbst- gcwollte Armnth. Der fünfte führet die Rettungsversuche im zwcyten Vierthcile des achtzehnten Jahrhunderts durch Haller und einige seiner Zeitgenossen vor und entwickelt die Eigenthümlichkeit des Lessing'schen Zeitalters. Im sechsten endlich wird die Mannigfaltigkeit der Richtung, das Großartige des Kunstsinns und die daneben bestehende und vorwaltende Kleinlichkeit der sittlichen Ansichten und Grundsätze, der Verfall und die Wiedergeburt in der nettesten Zeit veranschaulicht und gewürdigt. Der älteste Zustand Teutschlands ist meist nur durch einseitige und dürftige Nachrichten der Römer auf die Nachwelt gebracht worden. Aber nicht blos Julius Cäsar's günstiges Urtheil und des edelstrengcn Taci- tus ehrenvolles Zeugniß bürgen für unserer Altvvdcrcn Tüchtigkeit und sittlich - geistigen Werth, für eine gewisse Reife ihrer bürgerlichen Bildung und angemessene Güte gesellschaftlicher Einrichtungen und Herkömmlichkeiten; sondern auch die Achtung, welche Römer ihnen nicht verweigerten, das Vertrauen, womit sie die Deutschen nn Waffen- und Hausdienste auszeichneten, sprechen laut und bestimmt zu ihrem Northeile und widerlegen auf das bündigste die von Vielen liebgewonnene und zu genau verfolgte Vcrgleichung zwischen ihnen und den Indianer- 27 Stämmen in Nord-Amerika und die das unvcrhüllte Wahre entstellende Ucbcrtreibung von ihrer Rohheit, womit sich Adelung und seine Nachbeter an tcutscher Kraft-Einfalt versündigt haben. Die Tcutschen hatten, als sie den Römern genauer bekannt wurden, schon viele Jahrhnndcrte in fortschreitender bürgerlicher Sclbstcnt- wickelung gelebt; Freyhcit und Ehre galten als die höchsten Güter; flecklose Treue im vaterländischen Kreise, Stärke und Gcwandhcit des Körpers, Muth und Tapferkeit gegen Feinde als die allcingültigcn Mittel, sie zu behaupten. Aller Hader der Familien, die Fehden der Stamme wurden vergessen, wenn fremde Unterdrückung drohte; die Getrennten kämpften in Eintracht für das Gemeinwohl des Baterlandes; die Verbündnngcn waren das Werk vaterländischen Naturtriebes in gemeinsamen Gefahren ; dann waltete nur Ein Wille, Ein Gesetz ; die Selbstständigkeit der Einzclnhcitcn blieb unbeeinträchtigt und trat zurück in volle Wirksamkeit, sobald der Zweck des vaterländischen Vereins, Rettung und Beschirmung des höchsten Gemeingutes, erreicht war. Die Grundsätze des öffentlichen Lebens mußten im Wesentlichen dieselben seyn; sie flössen ans kräftigem Selbstgefühl der Freyhcit und der Volksehre; Männer und Weiber, Greise und Kinder waren auf gleiche Meise davon durchdrungen und begeistert; ein so beseeltes Volk kann nicht für wild und bildungslos erachtet werden. Was wir von Erziehung und Uebung ihrer Jugend wissen, drücket die besonnenste Zweckmäßigkeit aus; ihr Geschick und überlegt - verständiges Handeln im Kriege wird von den stimmfähigsten ihrer Feinde, nach unverdächtigen Erfahrungen anerkannt; in ihren gesetzlichen Hcrköminlichkeiten, in ihren gesellschaftlichen Anstalten und gottcsdienstlichen 28 Gebräuchen, so weit sie uns uns glaubwürdigen lieber« liefcrungen und Andeutungen bekannt geworden, lieget einfach- tiefer Sinn. Alles »enget für das Daseyn eines kindlich- geistigen Lebens, was in ihren heimathlichen Kreisen vorhanden gewesen seyn muß; und wie sollten sich die Teutschen nicht anschaulich Heller und freudiger des bewußt worden seyn, als Verkehr, bald feindselige bald friedliche Wechselwirkung zwischen ihnen und Ausländern, namentlich den Römern, zunahm? Durch die zwischen dem Fremden und Vaterländischen angestellte oder vielmehr in frischesten Eindrücken sich selbst gestaltende Vcrgleichnng mußte die Liebe zur Heimath und die Beharrlichkeit in deren Sitte und Art gesteigert, stolzes Selbstgefühl genährt, Neigung zu abcnthcucrlichen Waf- fenuntcrnchmnngcn geweckt und verallgemeinert werden. So verbreitete sich teutschc Hcldcnmacht über das westliche Europa und zerbrach das Römerjoch, welches große Länder und Völker Jahrhunderte lang getragen hatten. Ehe wir die siegreichen teutschen Gefolgschaften über Ströme, Berge, Meere begleiten und das Unterscheidende zwischen den ausgewanderten Schaaken und den in des Vaterlandes Schooße Ansäßigen ins Auge fassen, muß mit wenigen Worten die Frage beantwortet werden: ob unter den damaligen Teutschen Schriftgebrauch und Sprachkunstwcrke angenommen werden dürfen. Schrift- gebrauch hat schwerlich statt gefunden; denn kein Bedürf- niß führte darauf hin. Aber daß Sprachkunstwerke vorbanden gewesen scyen, wird unbedenklich bejahet werden dürfen. Die Teutschen hatten Schlachtgesängc, wie wir auch bcy anderen Völkern auf ähnlicher Bildungsstufe antreffen ; diese Bardiete stiegen von leisem Gemurmel bis zum Toben einer Brandung; wenn sie angestimmt wur- 29 den, sollen die Schilder vor den Mund gehalten worden seyn. Die Tentschen bewahrten Helden - Erinnerungen in Stammliedcrn; und mit des Volkes frommer Dankbarkeit gegen der Väter Verdienst ist unvereinbar, daß ältere von jüngeren verdrängt worden wären. So ist Hermann's Nachruhm gefeiert worden, wie Tacitus ausdrücklich berichtet. In der Folge mögen einige solcher Heldensagen nach Gemeinsamkeit der Wichtigkeit ausge» wählt und in Gebrauch erhalten, auch wohl nach Bc- stimmungsgründen der Oertlichkeit, des Familien» und Stamm-Ansehens vorgezogen und sorgsamer als andere fortgepflanzt worden seyn. So erkläret sich die Erhaltung wundersamer Gestalten und Thatenbilder im hohen Norden, mancher dem sächsischen Volke eigcnthümlicher Riesen- und Gcistergeschichten, und der Burgunder- Sagen und Uebcrlicfcrungen von Attila in dem zunächst dabey betheiligten südlichen Teutschland. Je mehr das Ucbergewicht der durch Waffenglück begünstigten, mächtigen Anführer-Familien zunahm, desto ausschließlicher mag der Besitz solcher Sagcnschätze ihnen zugekommen und oft mit ihnen in die Fremde gewandert seyn; Familienstolz und die der Ueberlcgenheit eigene Vorliebe für Wunderbares der untergegangenen Heldenwelt lehrte sie Werth halten. Unter dem Volke scheinen nur abgerissene Bruchstücke, von meist mehr lyrisch- dramatischer als epischer Natur, uralte Erbstücke in das Leben verflochten, fortgedauert und durch Namenentstellungen, Verwechselungen, Vermischungen, manche nicht vortheilhafte Veränderungen erlitten zu haben, bis sie von höher gebildeten Geschlechtern aus dem bunten Gcwühle herausgehoben, oft mit dem reiner erhaltenen Sagenstock verbunden, so gerettet, in pflegende Obhut genommen und 30 zum Gegenstände ritterlicher Kunstübuttg gewählt wurden; worauf zurückzukommen, wir im zweyteu Abschnitte die angemessenste Veranlassung haben werden. Die ausgewanderten und als Sieger im Auslände sich niederlassenden tcntschcu Kriegsschaarcn trafen mit anderen Hauptvölkcrn zusammen; ihre hcimathliche Rechte und Gebräuche wurden bcybehalten und scheinen auch in den, mit der Zeit veränderten inneren Einrichtungen und äußeren Verhältnissen immer durch. Jahrhunderte waren crfoderlich, ehe ihre Sitte und Sprache mit denen der .Eingebohrnen verschmolz; rasch und willig aufgegeben wurden sie nirgends; der mildere Ucbcrgang zu neuer Gestaltung verlief in den verschiedenen Gegenden der Niederlassung sehr ungleich der Zeit und dem Erfolge nach. Ostgothen und Langobarden blieben rein teutsch, so lange sie in Italien herrschten; die leztcren, in deren öffentlichem und häuslichem Leben das Grundwescn der Tcutsch- heit unverfälscht und hell hervortritt, gingen erst bey vollständiger Ausbildung des Gegensatzes zwischen fränkischer Herrschaft und ihrer ritterlichen Freiheit zu italischer Eigcnthümlichkcit in Sprache und Sitte langsam über, die Sprache gestaltete sich aus einem, in der Geschäftswelt den Geistlichen und ihren ungelehrigen Zöglingen überlasscnen, bis zur Unkenntlichkeit ausgearteten Latein; in der Sitte blieb viel Teutsches vorwaltend, bis schnöde Herrschcrwillkühr und welsche Tücke ihren leztcn Wurzelausschlag vertrocknen ließen; tcutsche Thatenfeier und Sagenfülle ist lange unter ihnen einheimisch gewesen; die Enden vieler unserer vaterländisch - epischen Kreise laufen da aus und müssen in diesen Mittelpunct eines staatlichen teutschen Ritterlebcus verfolgt werden, wenn wir sie in ihrem Keime oder in ihrer jugendlich-frischen 31 Kiitwickelung aufzufassen gedenken. Im südlichen Frankreich und in Spanien ist der Westgothen Teutschheit unverkennbar; Einrichtung und Verwaltung des Staats, gesetzliche Ordnung, Waffenrecht und freycr Rittersinn beurkunden sie; auch Sprache und Bilder der Vergangenheit mögen nicht entwichen sepn; Hierarchie romanisirte; öffentliches Unglück näherte die in unzugänglichen Thalern geborgeneu Flüchtlinge den Landeseingcbohrnen; in dem freyen, fromm-tapferen Sinne, welcher sich diesen mittheilte, wird die unversiegbare Herrlichkeit des Urstamms nicht verleugnet, wenn gleich dessen Sprache aufgegeben ward und heimathliche Rückblicke und Ueberlieferungen im Reichthume großartiger Abentheuer und Heldenthaten untergehen mußten. Die Sachsen in England bcharrten fest in ihrer Teutschheit; vielfache stürmische und jähe Umwälzungen sind nicht vermögend gewesen, in Verfassung, Sprache, Denkart die Quelle unkenntlich zu machen, woraus sie geflossen sind. Der Burgunder in Frankreich bewahrte, selbst veredelte Teutschheit löste sich erst in der zum Theile gewaltsamen, zum Theile durch die Zeit bewirkten Umwandelung ihrer Umgebung auf. Auch die Franken als Eroberer und Beherrscher Frankreichs, nachdem sie lange vorher oft ihre Wohnsitze verändert hatten, wurden heimathlichcr Eigcnthümlichkeit lange nicht veruntreut. Noch im nennten Jahrhunderte mußte, auf Verordnung der Kirchcnversammlungen zu Tours 8 >3 und Arles 85,, auch in teutscher Sprache gepredigt werden. Getrennt vom Mutterlande durch politische Uebereinkünste und neue innere Verhältnisse auf beiden Seiten, bedrängt von zahlreichen Feinden an der Nordknste, näherten und verbanden sie sich enger den Abkömmlingen der älteren Landesbewohner und es erfolgte die allmählig vollendete 52 Ausbildung einer neuen Landessprache ; bald auch Um- wandclung der Sinnesart, welche Vcrwaudschafts-Ansprüche uns gern vergessen ließ. So umzog ein tcutschcr Völkcrkreis die schönsten Länder des südwestlichen Europa; Manches ist aus ihm auf des Mutterland herübcrgeflossen, hat sich mit dem Einheimischen vereinbaret und ihm neuen Schmuck gegeben. Denn Thatendurst und Machtglanz schufen und vervielfachten frische Freuden, weckten und sättigten Genußsinn, befruchteten üppig den bildsamen Geist und vermannigfaltigten die Bildcrwclt, in welcher er sich bisher bewegt und genährt hatte. In stiller Zurückgczogenheit lebten, welche die hci- mathliche Erde nicht verlassen hatten, und konnten sorgsamer und bequemer, als die Ausgewanderten , das Heiligthum des altväterlichen Herkommens bewahren. Verglichen mit der bunten Abwechselung, welche die geschichtlich gefeierten Länderbczwinger erfuhren, ist ihr Leben für die Nachwelt fast verbleicht und bietet für wahrhafte Darstellung sehr geringe Ausbeute dar. Ehrwürdig erscheinen sie uns als Hüter der Sprache, daß dieselbe der Nachkommenschaft übergeben wurde in jungfräulicher Reinheit und männlicher Kraft, mit ihrer empfänglichen Bildsamkcit und mit dem aus ihr selbst erzeugten und wachsenden Rcichthum. Die tcutsche Sprache mag seit den ältesten, über die Geschichte hinaus liegenden Zeiten, bey der ersten Einwanderung des Volkes, dessen Stämme ihre Richtung theils südwestlich, thcils nördlich genommen haben müssen, in zwey Hauptmundarten sich geschieden haben. Dem südwestlichen Tcntschlande wurde die härtere oberteutschc Mundart cigenthümlich, zu welcher die Gothische, Fränkische, Allemannische, Bur- gnndische und die diesen verwandten gehören; im uörd- lichen Tentschlande behauptete sich die weichere niedcr- tcutsche, aus welcher Angelsächsisch, Altfriesisch, Niederländisch und ihre Schwestern, die skandinavischen, und Töchtcrhcrvorgingeu. Durch inneren Verkehr, am meisten durch Ortwechscl und Wanderungen, durch Fehden und Bündnisse oder allcrlcy Vereinigungen flössen beide lange in einander, bis festere Ruhe des Besitzstandes erfolgte und die Verschiedenheit des Grund-Charakters reiner hervortrat. Dieß geschah früher im Leben als in der ungleich länger schwankenden und gemischten Schriftsprache, welche von eingreifenden Stammvcrhältuisscn abhängig war und durch Männer, abstammend ans verschiedenartigen Gauen und in ihrer Wirksamkeit nicht immer an die Gcbnrtsstätte gebunden, ihre Ausbildung erhielt. Erst im drcyzehnten Jahrhundertc zeiget sich reine und vollendete Verschiedenheit; unter rein »icdcrtcutscheu Urkunden sind die von den Jahren 12Z2 und -.255 die ältesten; rein obertcutsch ist eine vom Jahr 1261; und selbst dann währet« Mischung einzelner Ausdrücke und Beugungen in benachbarten, sich wechselseitig oft berührenden Gegenden z. B. in den Flußgebieten der Lahn, Weser, Saale, Elbe, noch weit hinaus fort und verlieret sich kaum im sechs-- zehuten Jahrhundert. Von vorhandenen Sprachdenkmälern ist das, was von der mvsogothischen Bibelübersetzung des Bischofs Ul- filas erhalten worden, am merkwürdigsten. Sie wurde nach dem Jahr Z6o aus dem Griechischen wörtlich verfertigt und ihr Verfasser soll sich durch Einführung der Buchstabenschrift dasselbe Verdienst um seine Landcsleute erworben haben, welches dem Cyrillus von den slavischeir Mähren dankbar nachgerühmt wird. Diese dem Forscher, ihres Alters und cigenthümlichen Geistes wegen hochwich< Wachler'S Vorlesungen i r Th. 3" «! I tige Urkunde germanischer Schriftsprache wurde, nach des Reichenauer Abts Walafried Steabo Versicherung, von dem Volke noch im nennten Jahrhunderte verstanden. Die Ucberbleibsel dieser Uebcrsctzung bestehen in den vier Evangelien, mit beträchtlichen Lücken, und in mehren zum Thcil ansehnlichen Bruchstücken ans dem Brief an die Römer; jene enthält die, auch als schriftliches Kunstwerk sich auszeichnende, in Italien spätestens zu Anfang des sechsten Jahrhunderts mühevoll verfertigte silberne Handschrift zu Upsala, welche Franz Junius rK65 zuerst durch den Druck bekannt gemacht hat; diese finden sich in einer von Fz. Ant. Knittel 1766 entdeckten und sechs Jahre nachher herausgegebenen, ausge- thancn und neu überschriebenen Carolinischen Handschrift zu Wolfenbüttel. Die von I. Chn. Zahn (»3c>5) besorgte, mit erforderlichen Hülfsmittelu versehene Ausgabe macht das, allen Verehrern des teutschen Sprache alterthums beachtenswürdigc Urwerk zugänglicher. Seit kurzem sind die Paullinischen Briefe, und mehre Stellen des A. T. nach dieser Ucbersetzuug, von Majo in der Ambrosischen Bücherey aufgefunden worden. Von geistigen Beschäftigungen und Aeußcrungen der heimathlichen Teutschen vor Carl dem Großen schweiget die Geschichte gänzlich. Die angeblich ungefähr ein Jahrhundert nach Ulfilas verfaßten niedcrteutschen Malber- gischcn Glossen zum Salischen Gesetzbuche sind nur als Belege über Sprachbcschaffenhcit bemerkenswerth; und manche geistlicheHülfsmittel, Gebete, Fragstücke, Beichtformeln, Stellen aus Predigten eben so, wie Uebersez- zungsversuche vielgelcscner und von kirchlichen Gelehrten in Ehren gehaltener Lehrbücher und zahlreiche Glossarien, müssen als Uebungsstücke und Vorbereitungen der in 1 ! v Teutschland mit Verbreitung des Christenthums beauftragten Sendbote» betrachtet werden und sagen, ihrem Werthc für Sprachforschung unbeschadet, über geistiges Leben und Kunstsinn des Volkes durchaus nichts aus. Ihnen ist auch Kazungali, aus welchem Worte fälschlich ein Dichter- oder Schriftstellername gemacht wurde, da es doch nur einen beredsamen „Gezungalemo" bezeichnet, eine Art von geistlicher Redekunst oder Gebetanweisnng, beyzngeselleu. Vierte Vorlesung. Carl der Große und sein Zeitalter. — Kirchlich-schriftstellerische Denkmäler. Kirchcngcsä'nge. Otsrid. Volks - und Siegcslieder. Lobgesang auf den heiligen Anno. I. Earl der Große hing an Teutschland mit der vollen Liebe, welche ans unauslöschlichen Jugend-Eindrücken unsichtbar mächtig und eben darum sich aller Rechtferti- guugsgründe überhebend, selbst Keime einseitiger, für Gemeinwohl zuträglich erachteter Gcwalthandlungen enthaltend, erwächst und gedeihet; nicht wenig mag sie durch fast nnwillkührlichc Vcrglcichung zwischen der schon merklich verschiedenen Eigcnthnmlichkcit der Menschen ans tcntschem und französischem Boden verstärkt worden seyn. Carl ehrte den Stammsitz des Volkes, dem er vorstand und dessen Kräftentwickclung und Selbstthätigkcit er bezweckte, um dadurch ihm bleibendes Wohlscyn und geschichtlich ruhmvolles Ansehen zu bereiten. Sein Rc- giernngs-System stützte sich auf gleiche Mitwirkung der Geistlichkeit, als Inbegriffs der Volkserziehungsmacht, und des, nicht durch Geburt und Herkommen, sondern durch innere Tüchtigkeit und äußere Fertigkeit ausgezeichneten Thcils der Laienwclt; war daher dem Widerwillen störrigcr Machtinhaber in Kirche und Staat gleichmäßig ausgesetzt und unterlag diesem auch bald genug, als es durch persönliche Kraftnberlegenheit nicht mehr aufrecht erhalten wurde, obgleich seine, nach Jahrhunderten offenbarte geistige Wirksamkeit keinen Anfeindungen erliegen konnte. Dem großen Carl verdanket unser Vaterland die Grundlagen seiner höheren Bildung, so spät auch die 57 meisten seiner Anregungen und Entwürfe in offene Wirklichkeit übergingen, und noch spater die Grundgedanken derselben gefaßt, weniger aus Achtung und Gehorsam gegen einen seltenen Herrschergcist, wie durch eigene Erfahrungen in langen Zeiträumen als vollgültig bewährt und anerkannt worden sind. Bcy dem gewaltigen Streben, in einem, aus verschiedenartigen Bestandthcilcn zusammengesetzten ungeheuren Reiche durch Erwcckung und Unterhaltung geistig-sittlicher Kraft der Völker, Einheit Md feste Dauer des bürgerlichen und volksthümlichen Zustandes zu begründen, schonte Carl die, alles wahrhafte Fortschreiten in Selbstentwickelnng bedingende Ei- geuthümlichkcit der einzelnen Stamme und berücksichtigte sie in seinen wohlbcrechneten Anstalten und Einrichtungen; das zeiget sich an Kirchensprengeln und Gcrichtskreiscn, an Schulen und Waffeuplätzen; die Stammgcsetze der Friesen, Sachsen, Thüringer wurden aufsein Veranstalten aufgezeichnet. Er lebte gerne in den schönen Gegenden auf dem linken Nhcinufcr, schmückte Mainz, Achen und andere Städte mit Werken der Baukunst und wirkte weniger mit Verordnungen als durch musterhaftes Bcy- spiel in Bewirthschaftung seiner Güter erfolgreich auf besseren Anbau vieler Landesstriche. Die teutschc Sprache hielt er werth; an seinem Hofe herrschte die rauhe fränkische Mundart; die Zurückführung derselben auf feste Gesetze lag ihm am Herzen und wenn auch nicht von einem Kunstgcbäude teutschcr Sprachlehre die Rede seyn kann, so geschahen doch allerdings Schritte, welche zu dessen Grundlegung führen mußten; sicher wurde der Gebrauch der Muttersprache im Lcbensvcrkchr veredelt und durch sorgsamere Ucbersetzungen aus dem Lateinischen, womit sich kirchliche Gelehrte beschäftigten, gewissermaaßen selbst 58 wissenschaftlich erweitert; davon, daß fremde Kunstaus- drücke durch einheimische zu ersetzen und verdrängen gesucht wurde, geben die ihm zugeschriebenen teutschen Benennungen der Monate und Winde gültiges Zcugniß; auch mag damals noch manches andere in der Geschäftswelt zu verteutschen unternommen worden seyn, was die Nachkommen zur Benutzung vorgefunden haben. Carl ließ, wie sein Geschichtschreiber Egin hart ausdrücklich meldet, alte tcutsche Dichtwerke, in welchen die Thateu und Kriege der Altvoderen besungen wurden, sammeln, aufzeichnen und auswendig lernen; kaum kann unter diesen etwas anderes, als Heldensagen oder geschichtliche Kriegs - und Volksgesänge verstanden werden; höchst wahrscheinlich waren sie gothischen, burgundischen und longobardischen Ursprunges und bezogen sich auf den geschichtlichen Kreis des Attila, Odoachar, Dieterich von Bern; und so dürfte Vieles im Niebclungen-Epos und Einzelnes des Heldenbuches damals gerettet und gestaltet worden seyn. Volksthümlicher Geist muß in Folge dieser Schritte und Begünstigungen von Seiten der Regierungsbehörde, so kräftige Anregung und Nahrung gewonnen haben, daß weder des schwachen Ludwigs Gleichgültigkeit oder vielmehr frömmelnde Abneigung gegen vaterländische Denkmäler, noch die dem weltlichen Inhalte derselben entge- gcnstrebendcn Bemühungen der Geistlichkeit ihn zu schwächen und zu brechen vermochten. Der Kern vieler uralter Märchen, selbst bey jüngerer Verarbeitung und Ausschmückung in seinem, uns räthselhaft erscheinende« Dunkel sich anmeldend, und der Grundstoff teutscher Volkslieder, deren in Urkunden aus dem Carolingischen Zeitalter gedacht wird, wenn sie nicht vielleicht auch in kleinen Ueberbleibseln lateinischer Siegesgesänge der Franken auö dem siebenten und neunten Jahrhunderte durchscheinen, weisen auf uralten Ursprung zurück. Die rein teutsche Lebensfarbe in dem Walther's von Aquitanien Thaten beschreibenden lateinischen Heldengedichte laßt die Verarbeitung cigenthümlich - tentschen epischen Stoffes fast nicht bezweifeln; und das von den Gebrüdern Grimm (Cassel 181Z) bekannt gemachte, der Sprache nach spätestens dem Anfange des neunten Jahrhunderts ungehörige Bruchstück über Hildebrand's und Hadubrand's Nittcr- fahrtcn, bezeichnet unverkennbar den Heldenkreis, in welchem sich die vollendeteren Kunstwerke des dreizehnten Jahrhunderts bewegen, und greifet mit seiner Einfachheit in des Stoffes und der Sprache Gestaltung sicher in die Zeit ein, welche diese epische Volksgebildc in das sich regende Kuustleben eintreten sah. Seit dem von den, damit schon ihren steigenden Macht-Einfluß bethätigen- dcn Ständen zu Verdun 84Z getroffenen Abkommen zwischen den sich befehdenden Carolingern nahm das freye Selbstgefühl der Edleren und Kräftigeren des Volkes merklich zu. Es darf uns in dieser, durch unzweideutige Erfolge genügend gerechtfertigten Annahme die geschichtliche Verschleyerung, hinter welcher der fortstrebende vaterländische Kunstgcist geahndet wird, nicht irre machen; denn er stehet mit kirchliches Betriebsamkeit und in Thatsachen beurkundeter Absichrlichkcit im Gegensatze; und nur von kirchlichen Arbeiten sind Nachrichten erhalten. Der bcy weitem größere Theil derselben bestehet in Predigten, Beichtformeln, Uebcrsetznugcn und Umschreibungen biblischer Bücher, Glossen dazu, und Glossarien, unter welchen die des in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts berühmten und um gelehrte Schulbildung 40 dcr Geistlichen hochverdienten Hrahanns Maurus über alle Theile des menschlichen Körpers und über das alte und neue Testament vorzüglich geachtet wurden; auch finden sich deutliche Spuren von tcntschcn Kirchenliedern des cilsteu Jahrhunderts. Sehr vieles der Art wird in handschriftlichen Büchcrvorräthen, ans Vücherde- ckcn, oder den Werken des Mittelalters, besonders der Scholastiker, bcygcbunden oder in bisher übersehenen Anführungen und Auszügen entdeckt, manches zur Kcnnt- niß der Lesewclt gebracht, nicht immer mit dcr gelehrten Umsicht, Sorgfalt und Tiefe, durch welche Docen's Arbeiten ausgezeichnet sind. Alte solche Beytrage zur genaueren und urkundlich gründlichen Kcnntniß der alt- tentschcn Sprache sind dem Forscher willkommen und ermächtigen ihn immer vollständiger, über Neichthum und Veränderungen derselbe» zu nrtheilen, die in dieser Hinsicht gültigen Grundsätze befriedigender auszumitteln und sichere Folgerungen für die Erläuterung jüngerer Schriftwerke daraus abzuleiten. Nur Ansichten von Geistesrichtung und Kunstsinn des Volkes lassen sich auf die- >scm Wege nicht gewinnen. Den bedeutendsten solcher kirchlichen Sprachdenkmäler aus dem Carolingischcn Zeitalter sind bcyznzählen die von F. H. v. d. Hagen (iL>6) herausgegebenen Psalme in nicderteutschcr Mundart und die auf Ludwigs des Frommen Veranstaltung für die Sachsen in reimlosen Versen verfaßte niedertcutsche Umschreibung dcr Evangelien, welche eine Cotton'sche Handschrift in London und eine jetzt in München aufbewahrte Bamberger enthält. Von späteren dürfen ihres Werthes für Sprachforschung wegen die prosaischen Ucbersctzungcn nicht übergangen werden, welche Labeo Notker, Be- ncdictincr zu St. Gallen l st. 1022; , von den Psalmen Md einigen biblischen und kirchlichen Aufsätzen, und Wil- lcram, Abt zu Ebersberg ist. aoL5j, als er noch Mönch zu Fulda (vor icisigj war, vom hohen Licdc verfertigt haben; beide arbeiteten nach der Vulgata (für deren Kritik sie benutzt werden können), schrieben in fränkischer Mundart, und fügten kurze Anmerkungen bey; beide sind im -n Theilc deö Schilter'schen Thesaurus abgedruckt und vom crsicren hgt Docen eine trefflich bereicherte verjüngte Umarbeitung nachgewiesen. Doch ohne unseren Hauptgesichtspunct aufzugeben, dürfen wir bey diesen Werken nicht verweilen; ungleich wichtiger für denselben sind Otfrid, das (sied zur Feier des Sieges über die Normannen, und der Lobgesang auf den heiligen Anno; und von ihnen soll jetzt ausreichender Bericht erstattet werden. Otfrid, Bcncdictiner im Kloster Weissenbnrg (lebte zwischen lZsio und 870) und Borsteher der Schule desselben, gebildet von Hrabanns Maurus in Fulda, umschrieb die evangelische Geschichte in kurzen gereimten Zeilen der frankischen Mundart. Er wurde zu dieser, nach eigener Versicherung, äußerst mühsamen Arbeit durch die Aussodcrung angesehener Laien veranlaßt, welche die anstößigen Wynelicder durch etwas christliches in der Landessprache verdrängt zu sehen wünschten. Das Verdienst dichterischer Kunst konnte bey einem Stoffe der Art nur sehr gering seyn; doch sind einige einfach- häusliche Ausschmückungen und herzlich - eindringliche Sittcnsprüche cingcflochten, welche das Gepräge der Volks - Eigenthümlichkeit tragen. Der Sprache Wohlklang vcrrath den beharrlichsten Fleiß und wird bey Vcr- gleichung mit Werken, welche volle zwey Jahrhunderte jünger sind, nur um so höher gewürdigt werden. Das 42 Werk ist in fünf Bücher abgecheckt; voraus gehen eine gereimte Zueignung an Ludwig den Teutschen, ein lateinischer Vorbcricht an Lintbert, Erzbischof von Mainz, und eine deutsche Zuschrift an Salomo, Bischoff von Constanz; den Schluß macht eine Zuschrift in teutschen Reimen an Hartmut und Wcrinbcrt, Mönche des Klosters St. Gallen. Matthias Flacius Jllyricus, dem die unverstellte Vorliebe für altteutsche Sprachdenkmäler zu nicht geringem Ruhme gereichet, veranstaltete (1671) den ersten Abdruck aus einer, jezt nach Heidelberg zurückgebrachten Ulr. Fugger'schen Handschrift; in Schil- tcr's Sammlung ward er mit schätzbarer Ausstattung wiederholt. Eine neue kritische Bearbeitung wird wohl in unseren Tagen nicht ausbleiben. Noch haben wir von Otfrid zwcy merkwürdige Bruchstücke aus Predigten; und die von I. G. Ec card G71Z) herausgegebene Katechese wird nicht ohne Wahrscheinlichkeit ihm zugeschrieben. Das schöne Lied zur Feier des Sieges, welchen Ludwig II. übep die Normannen, vermuthlich an der Schelde 879 erfochten hatte, in freyen, sich leicht bewegenden Reimen, hat frommen Dichtergeist bey ungleicher Haltung und zeuget von kräftig - ritterlichem Gefühle. Die Schilderung des von einem verwüstenden Feinde bedrängten Landes ist malerisch und was von des Königs Thaten gerühmt wird, macht durch scharfe Bestimmtheit und markige Kürze einen guten Eindruck. Herder' n sprach das Volksthümliche dieses Liedes an und er nahm es in seine Volkslieder auf; Docen hat (1V1Z) sich durch Eintheilung in Strophen und Berichtigung mehrer Stellen um dasselbe verdient gemacht. Die Krone aller Ueberbleibsel aus dem gegenwärtigen Zeiträume ist jedoch das in vielem Betracht überraschend 4Z gehaltvolle Lobgcdicht auf den Cöllnischen Erzbischof Anno ist- d. 2. Dec. 1076). Es scheint gegen Ende deS eilften oder im Anfange des zwölften Jahrhunderts, von einem gedankenreichen, dichterischer Begeisterung empfänglichen, mit gelehrten Kenntnissen nicht dürftig ausgestatteten Geistlichen verfaßt zu scyn, bestehet aus sty Strophen in L70 Versen nach Schilter' 6 Abdruck, in L74 bcy Bvdmer, und zeichnet sich durch lyrischen Gang und epische Auswahl des Stoffes oder durch epischen Chronikenstyl gleichmäßig aus. Der Dichter beginnet mit der Schöpfung und dem Sündenfalle, womit die Erlösung des Menschengeschlechts durch Jesus Christus uothwcndig geworden. Die Verbreitung des Christen- thums durch die Apostel und wie es auch zu dem fränkischen Volke durchgedrungen, führet auf Anno und seinen erzbischöflichen Sitz zu Cölln. Bey der wehrhaften Festigkeit dieser Stadt wird verweilt und die Entstehungsgeschichte der Burgen seit Ninus und Semiramis eingeschaltet; das Bild der Großthaten erobernder Völker ziehet vorüber; tapferer Rittcrsinn spricht sich in schauerlich lebendigen Schlachtgemälden aus und die römische Weltherrschaft tritt hervor. Die Erinnerung an die Versuche, welche von den Römern zu Teutschlands Unterjochung gemacht worden sind, leitet auf Erwähnung des Frankenvolkes und seine trojanische Abkunft; doch bald wird eingclenket und auf Julius Cäsar und Kaiser Augu- stus zurückgekommen; daß der Weltheiland unter dieser Regierung gcbohren wurde, gewahret einen schicklichen Uebcrgang zu der auf dem Erdboden verbreiteten christlichen Religion, ihren Dienern und Anno; das Lob des frommen Hirten wird gefeiert, sein Leben und Wirken, seine Leiden und Wundcrkräste werden geschildert; und 44 so gestallet sich am Schlüsse aus den wundersamsten Ncr» flechtuligeu lyrisch - epische Einheit. Sprache und Ton wechseln oft; die crsterc hat in einzelnen Stellen bedeutende Schwierigkeiten; schlichter Erzählungsstyl waltet vor; doch erhebet er sich nicht selten in Schildereicn und Betrachtungen zn begeisterter Wärme. Christlichkeit der Darstellung und Mannigfaltigkeit des Wissens rechtfertig gen die Vcrmnthung, daß ein gelehrter Geistlicher Urheber dieses Werkes gewesen sep; zugleich aber gehet ans dem Ganzen eine dichterische Verschmelzung des, wenigstens in höheren Ständen aufstrebenden Volksgeistes mit kirchlich - wissenschaftlicher Bildung hervor. Zu ähnlicher Bemerkung geben einige Loblieder zu Ehren der Jungfrau Maria, welche der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts angehören, Veranlassung; sie sind nicht ohne dichterische Schönheit in einzelnen Gefühlen und Wendungen, wenn gleich reicher an Ergebnissen für Sprachforschung als für Vcranschanlichung des tentschen Kunst- und Gei- stes-Lebens. Den Lobgesang auf Anno entdeckte Martin Opitz in der Rehdiger'schen Büchcrey zu Breslau, aus welcher sich die Handschrift auf nnerklärbare Weise verlohrcn hat; er gab (-bZg) ihn mit reichhaltigen Anmerkungen heraus; in der Schweizer Ausgabe der Opitz'- schcn Werke ist dieser Abdruck berichtigt wiedcrhohlt. Eine neue besondere Ausgabe hat G. A. F. Goldmann t>8l6) besorgt und eine andere wird von C. Besse ldt erwartet. 45 Fünfte Vorlesung. Tcutsches Ritterthum. Ritterliche Dichtkunst; ihr Entstehen und Umfang. Lieder. II. iAo groß und, wie es scheint, in fast Zoo Jahren ausschließlich das Verdienst war, welches sich einige Geistliche um die tcutsche Schriftsprache erwarben, so ist doch diese ihre Beschäftigung als seltenere Ausnahme von den in ihrem Amtsberufe liegenden und, Key fester ausgebildetem Kirchenwescn, allein gültigen Arbeiten zu betrachten. In Angelegenheiten des Staates und der Kirche hatte sich die lateinische Sprache zur Alleinherrschaft erhoben; und der fortschreitende Anbau der vaterländischen Sprache und ihrer Anwendung anfGeistcsge- bilde und Werke der Kunst würde unvermeidlich gefährdet worden seyn, wenn nicht andere, als Geistliche, sich desselben mit jugendlicher Liebe und Kraftthätigkeit angenommen hätten. Diese edle Pflege fiel dem Herrcnstande anHeim, der seitdem Teutschland abgeschlossen-volksthüm- liche Selbstständigkeit nnd Könige aus dem Kreise seiner Großen hatte, zu Macht und Glanz aufgeblüht war und von dem Kampfe zwischen kirchlicher und weltlicher Obergewalt, unter Heinrichs IV und V Regierungen, nicht geringe Bortheile gewonnen hatte. Frommer Biedersinn und tiefgewnrzeltes Ehrgefühl machten ihn für höhere Bildung des Geistes und Lebens empfänglich. Diese höhere Bildung in Teutschland scheint von dem südlichen Frankreich aus angeregt nnd zur Reife gczcitigrwordenzuseylt; hier war Rittcrthnm nicht als äussere bürgerliche Anstalt gestiftet worden, sondern es hatte sich ans sittlich-tapferem MMUMMNV 46 Selbstgefühle, aus Reinigung und Veredelung des Be- wußtseyns der Ehre, als Sieg mannhaften Strcbens nach dem Besseren, als unsichtbare Welt der Gedanken und Empfindungen frey entwickelt und zurHerrschaft über Wollen und Handeln, zu schöpferischer Begeisterung des von Höberen Ahndungen ergriffenen Gemüths erhoben. Es keimte in Barcellona, dem Hauptsitze der durch Carl d. Gr. gegründeten Spanischen Mark; welches gegen Ausbreitung der Araber über das westliche Europa Schutz gewahrende Vorland die schwachen Carolinger sich selbst überließen; daher in einer so bedrohcten und stets frischen Eifer hervorrufenden Stellung die christliche Ritterpflicht und Heldenkraft der Kämpfe für Freyhcit und Glauben zu einer Höhe gesteigert und in dieser Spannung so gleichmäßig erhalten werden mußten, daß sie das ganze Scyn und Leben durchdrangen. Die reifere Ausbildung de6 Ritterthums fand in Arles, der Hauptstadt des durch Boso lL?9i geschaffenen Niederburgundischen oderArela- tischen Reiches, statt; da standen hochherzige Ritter dem in Ungebühr und Schwäche versunkenen französischen Kvnigshofe gegenüber und rechtfertigten ihren Abfall von demselben mit bald nahe und ferne gefeierter Tüchtigkeit in Gesinnung und Leben. Spanicn's Nachbarschaft hatte auf ihre Ansichten und Grundsätze von Ehrepflicht und Waffeurccht eingewirkt, auch zur Uebung in Groß- thaten, sicher zur Sehnsucht danach Veranlassung gegeben. Mozarabische Große, welche an diesem christlichen Hofe Schutz fanden, und Geistliche, welche ihre Wißbegierde auf spanischen Hochschulen befriedigt hatten, brachten ihnen Sittenfeinheit, Bequemlichkeiten, Kunster- fahrungen, Kenntniße mancherlei Art, woran mehre ara- bisirte Städte Spaniens so reich waren, in verschiede- 47 neu Zeiten und Gestalten zu. Das Volk, was sie umgab, war heiter, lebenslustig und gcnußliebend, dem Gesänge hold und in seinem ganzen Sinne und Wesen die Nachwirkungen früherer Bildung beurkundend. So geschah es, daß Dichtkunst, das Kind des Frohmuthes und frcyer Selbstbetrachtuug, zur Hof- und Nittersttte wurde und den Namen der Provenze mit reichem Strahlenglanze umgeben auf die Nachwelt brachte. Diese Dichtkunst bestand, ohne schulartige Gesetzgebung, in einfachem Er- gnßc des Gefühls, in Auffassung und Ausdruck der Natur und eines genußvollen Lebens; sie bewegte sich im Kreise zarter Liebe und kriegerischer Mannhaftigkeit, feierte die Schönheit und Tugend der Frauen und die fromme Kühnheit und Heldcngefahren der Männer. Fehden der, auch wohl in mystischer Hülle verschleierten Liebe und des geistigen Ruhms wurden in dichterischen Wettstreiten vor Gerichtshöfen der Großen und schöner Frauen verhandelt; dem leichten Spiele der Einbildungskraft, oft durch Allegorie mit einem Scheine dcr Wißenschaftlichkeit angethan, mischte sich höfischer Ernst uud äusserer Prunk bey. Gelehrte Vorrichtung und zünftige Schulbildung waren zur Theilnahme an diesem naturfreycn Kunstleben nicht erforderlich ; die wenigsten der als geistreiche Sänger berühmten Ritter konnten lesen oder schreiben; wenn sich gleich auch Dichter von gelehrter Bildung als Troubadours auf den Burgen einfanden, so ist doch die Einführung eines gelehrten Kunststyles in provenzalischen Dichtwerken weit jünger, als ihre mit dem zwölften Jahrhunderte beginnende Blüthezeit; der epische Anflug darin weiset auf spanischen Ursprung zurück. Dem Stoffe der provenzalischen Dichtkunst gebrach es nicht an Mannigfaltigkeit; Natur-und Frauen-Schönheit, zärtliche Wünsche, 48 Klagen und Gelübde, froininc Empfindungen wurden in lyrischen Liedern, Vers, Lais, Chansons, Tensons, ausgedrückt; lustige Einfälle in Soulas; spottend-strafende Schilderungen der Zeit-Sitten und Thorheitcn in Sir- ventcs; auch ritterliche Abentheuer und Tugenden und Wunder der Heiligen wurden gefeiert. Die Sprache hatte Weichheit und Wohlklang; auf kunstvolle Abwechselung und Verflechtung des Versbaues wurde viel Fleiß verwendet; der Anklang in Reimen beruhete auf Selbst- lauter; oft begegneten sich Reime in der Mitte und am Ende eines Verses. Ans der provcnzalischcn Dichtkunst ging die limon, siuisch-katatonische fast gleichzeitig, die italiänische nach Verlauf eines Jahrhunderts hervor; mit Eleonore, Erbin von Guieune und Poitou, Gemahlin lriZ'f des Plantagenet Heinrich ll, zog sie nach England hinüber. In Teutschland ward sie durch den Hohenstaufen K. Friedrich l. Rothbart, als Hauptbestandthcil verfeinerter Hof- lcbens und Malzeichen höherer ritterlicher Bildung im Anfange der zweyten Hälfte des zwölften Jahrhunderts eingeführt. Zu genauerer Zeitbestimmung dienet die Zusammenkunft des Kaisers mit Raymund Berengar II. Grafen von Provenze, die in Turin statt fand; bey welcher provenzalische Dichterin großer Anzahl gegenwärtig waren und die Festlichkeiten des Hof.cbens durch ihre Kunstfertigkeit verschönerten. Friedrich selbst glänzte als Troubadour und noch sind Denkmäler seines dichterischen Strcbcns vorhanden; schon früher mochte die überall hervortretende Ueberlcgenhcit den großen, ritterlich hochgebildeten Fürsten zum dichterischen Kunstlebeu geeignet und erhoben haben. Der zauberische Reiz in den Frcudespielen und geistigen Genußwechselw 49 des provenzalischen Ritterkrciscs muß wundersam auf Friedrichs Umgebung gewirkt haben; gewonnen für schöpferisch-regsame Thätigkeit der mit lieblichen Bildern und mit Kunstgcfühl befruchteten Einbildungskraft zog sie in die Heimath zurück und bald ertönte am kaiserlichen Hosiagcr und auf vielen Burgen der Großen der tcutsche Miunegesang. Ihm huldigten mit begeisterter Liebe die gcist- und ruhmvollen Obcrfürsten Teutschlands aus dem hohcnstaufischen Hause, der in Machtbcstrebuugeu glückliche Heinrich VI, der hochherzige Friedrich II, und Conrad IV, verfolgt von des wankelmüthigeu Schiksals Launen; auch der lezte Sprößling des herrlichen Stammes, der auf dem Blutgerüste schmachvoll »2631 endende Conrad in war der Leier mächtig; sie haben den Dichtergeift der teutschcn Ritterwelt beschützt und gefördert; ein Mcnschenalter nach ihnen verhallte sein Nachklang. Diese ritterliche Dichtkunst führet nach altem Herkommen den Namen der Schwäbischen, weil das Kaiserhaus, unter dem und durch dessen folgenreiche Mitwirkung sie anfblühete, aus Schwaben abstammte und weil die Mundart, in der von bey weitem den meisten Dichtern gesungen wurde, die am hohcnstaufischen Hoflagcr herrschende veredelte schwäbische war; auch sind viele geachtete Minnesänger schwäbischer und schweizerischer Abkunft; bald verbreitete sie sich über fast ganz Teutschland. Vor allen anderen Höfen zeichnete sich der Thüringische durch Kunst- pflegc und wetteifernde dichterische Betriebsamkeit ans; Landgraf 5) e r m a n n f st. -228^ und seine Gemahlin Sophie, seine Schwiegersöhne H e in r i ch der Fette, Herzog von Anhalt und Heinrich, Markgraf von Meissen, seine Dieustlcute, Schreiber und Caplane pran- Wachler'S Borlesungen ir Th. 4 50 gen entweder in den Verzeichnißen der schwäbischen Dichter oder werden in den Dichterwerken der Zeit erwähnt; die gefeiertesten Sänger, wie Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Oferdingen, Walth er von der Bogelweide, lebten hänsig an diesem Hofe, welchen der Dichterkricg ans der Wartburg allein schon zu verewigen vermöchte. Aehnliches Verdienst erwarben sich der Heu- nebergische Hof, der österreichische, steyermarkischc und andere; die Grafen Otto von Bodenlaube d. h. Hcnue- berg ist. 12541 und Friedrich von Leiningcn »289) nehmen keine der letzten Stellen unter den Dichtern ihrer Zeit ein; und so werden der gefühlvolle Markgraf von Brandenburg Otto IV mit dem Pfeile ist. iZoLz, Wenzel, König von Böheim, ist. i2ZZz, der zartsinnige Heinrich IV Herzog von Breslau ist. »2991 und Johann Herzog von Brabant ist. 1294z mit verdienter Auszeichnung genannt. So viel nun auch in der Erscheinung dieses vaterländischen dichterischen Lebens, besonders wenn auf Anregung und äußere Kunstgestaltung desselben gesehen wird, dem Auslande zu verdanken ist; so volksthümlich zeiget sie sich ihrem Inneren und dem Umfange des felbstgewähl- ten Kreises nach, in welchem sie sich beweget. Das Be- dürfniß solcher geistiger Beschäftigung, die Neigung und Kraft, es zu befriedigen, die Regsamkeit des Ein- bildnngsvermögens mußten vorhanden seyn , wenn fremde Muster eine so fruchtbare Nacheifernng erwecken sollten; und die Sprache, das Werkzeug zum Ausdrucke dieser Bestrebungen, mußte hiezu geeignet seyn, wenn nicht alles Mühen trostlos an ihr scheitern sollte. Die Grundbedingung dieses jugendlich-frischen dichterischen Kunst- lebenö lag in der Volkseigenthümlichkeit; was sie darbot, öl wurde herausgenommen in die, zum reiferen Selbstbcwnßt- seyn voranfgcschrittcncn höheren Stände der Staatsgesellschaft und mit fremden Bereichernngcn verschmol- zcn. Die überwiegende Mehrheit derer, welche an dieser Kunfrthätigkcit im Schaffen und Genießen Theil nahmen, waren anfangs aus dem Herrenstande; ihnen schloffen sich gebildetere freye Männer an, welche in der Großen Nähe, zum Thcilc unter ihrem Schutze und Einflüsse lebten; und die Zahl derselben vermehrte sich seit dem Zeitalter des Kaisers RndolfI so beträchtlich, daß sie von da an die Mehrheit ausmachten und in die Mitte des Volkes zurück leiteten, was von derselben ausgegangen war. Ii' das neue dichterische Zeitalter wurde der Unterschied zwischen Liebhabern, Naturfreunden der Kunst und Schriftgclehr- ten hinüber genommen und bildete sich weiterhin immer schärfer aus; jene arbeiteten freudig im lustreichen Garten der Kunst; die Gefühle und Betrachtungen ihres Ge- müths ergossen sich in Bildern, welche ihnen nahe waren, und in leichtem Ausdruck, dem es nie an warmer Herzlichkeit gebrach; der Versbau zeugte oft von der liebevolleren und beharrlichsten Anstrengung. Die Schriftgelehrten (welche jedoch bey mannigfaltigerKenntniß und selbst gelehrter Bildung, oft der Feder nicht mächtig waren, sondern sich, wie Wolfram von Eschenbach, der Hülfe eines Schreibers bedienen mußren) forschten in den Kunstwerken des Auslandes, um deren Fülle und Sehönheir in hcimathlicher Darstellung einzubürgern und für ritterlich- geistreiche Unterhaltung der Burgherren, ihrer Frauen, ihrer Waffenfreunde zu sorgen; auch hatten sie zum Theilc große Fertigkeit im Reimen ans dem Stegreife und übten sie in dichterischen Wettstreiten; viele zogen von einem kunstholden Ritterfitze zum anderen und waren, so lauge 4 » 52 Dichterliebc als Brauch der vornehmen Welt galt, überall willkommen. Beide zeichneten sich in Liedern und dichterischen Einfällen, wie sie der Augenblick und des Lebens Umgebung erzeugten, auch wohl in Sittcngemälden und frcyen Rügen der Gebrechen und Thorhcitcn des Zeitalters und in kleinen erzählenden Darstellungen zur Vcr- sinnlichung einer Lehre oder Warnung, gleichmäßig ans; die Bearbeitung epischen Stoffes und ausführlicher Belehrungen über menschliche Verhaltniße und Pflichten blieb den schriftgelchrtcn Dichtern vorbehalten. Dabcy ist merkwürdig, daß Anfang und Ende der Schwäbischen oder Ritter-Dichtkunst religiös sind; mit Lobgesängen auf die heilige Jungfrau ward sie eingeleitet und mit fromm - mystischen Betrachtungen über gehcimnißvolle christliche Glaubenslehren kündigte sich ihr Sinken an; sie begann lyrisch, vollendete sich im ritterlichen Epos und schloß mit dem Lehrgedichte. Dabcy erlosch nicht das von Geistlichen und ihrem Alleinbesitze schriftstellerischer Thätigkeit in vaterländischer Zunge sicher gestellte Herkommen, wenn es auch vom herrschenden Zeitgeiste fortgezogcn und umgestaltet wurde; es erschienen gereimte Uebersetzungen der Bibel, Heiligen-Sagen und geschichtliche Werke in gebundener Rede. Diese Ansicht berechtiget uns, den vielseitigen Stoff dieses Zeitalters in Fächer abzutheilen und zulezt durch eine das Einzelne in seinem Zusammenhange wiederholende allgemeinere Uebersicht das Getrennte zusammen zu fassen und als in einander greifendes Ganzes nach seiner inneren Bindung zu veranschaulichen. Die lyrische Dichtkunst stehet als Inbegriff eigen- thümlich- teutscher Herzlichkeit und Tiefe, mit Recht vorauf; sie ist entquollen aus kindlich- einfacher Unschuld, 5ö zarter Milde und allergrcifender Wahrheitsfülle des teut- scheu Gcmüths; in ihr spricht sich die ungctheiltc Auffassung der Gegenwart aus, das ganze Herz voll tiefer, treuer, inniger Liebe, Sehnsucht, Dankbarkeit; das wache Gefühl wird mit frcycr Kraft fest gehalten, mit ernster Lust zergliedert, in allen seinen Verzweigungen mit selbstgefälliger Sorgsamkcit verfolgt. So enge die Gränzen uns scheinen mögen, in welchen die Gegenstände lyrischer Ergicßnngen eingeschlossen sind; so mannigfaltig ist der Bilder-Ausdruck, mit welchem sie bezeichnet und für den Dichter zn steigend lebendigerer Anschauung gebracht werden. Immer kehret wieder die begeisternde Süßigkeit der Liebe, die Feier der Frauenschönhcit, die Sehnsucht nach ihrer Huld, die Freude über ihre Zuneigung, die Wehmuth über ihre Kälte, die Sorge für ihr Wohl. Alles, was Natur in Blumen und Lüften, in Bächen und Triften, was Menschen-Umgebungen in Blicken und Worten darbieten, reget dieses alleinherschcnde Gefühl an; diesem ordnet alles sich unter, leihet ihm Bild und Farbe und muß dienen, dessen Wahrheit und Allmacht vernehmlich werden zu lassen. Oft dränget sich in munterer Laune ein leichtes, keckes Spiel mit diesem zauberischen Gefühl hervor, oft kindlich-liebliche Tändelcy, selten Leichtfertigkeit und Lüsternheit. Ein frommer, reiner Sinn leuchtet fast überall hervor. Aber Key aller Frömmigkeit der Sitten und kräftiger Unschuld des Glaubens erheben sich manche Säuger im Selbstgefühle geistiger Ucbcrlcgenheit und vornehmer Selbstständigkeit über das Herkömmliche in kirchlichen Glaubens-Ansichten, spotten verjährter Thorheitcn, eifern über Zwang, lehnen sich auf gegen päpstliche Aumaaßung, bezeugen ihr Mißfallen an Pfaffeurohhcit; manche halten sich nicht rein von leicht- 54 fertigem Hoftone und neigen sich zu weltlicher Aeusser- Ii reit bin. Fair alles beziehet sich unmittelbar auf das Leben; auch werden Auftritte aus der Wirklichkeit schmucklos, in voller Natürlichkeit dargestellt, kleine Gemälde häuslichen Verkehrs; Strafrcden werden gehalten, Sit- tensprnche eingewebt. Die meisten der auf uns gekommenen lyrischen Gedichte scheinen unter dem Volke und bald auch vom Volke gesungen worden zu seyn, zum Theile bcym Tanze, dessen wechselnde Bewegungen sie ausdrücken. Sie wurden im Herzen und Gedächtnißc getragen ; erst viel spater aufgeschrieben; daher die häufige Verwechselung der Namen ihrer Verfasser, die Einschaltung einzelner Strophen in fremde Lieder; daher viele Lücken; manche Abweichungen von der ursprünglichen Beschaffenheit und die Gleichmachung der Mundarten lassen sich leicht ahnden. Eine geregelte Prosodie ist nicht wahrzunehmen; vielmehr übten die Dichter in Gestaltung des Versbaues große Willkühr; vieles ging aus den proven- zalischen Dichtwerken in die deutschen über; mchres ist diesen cigenthümlich. Es ward frey geschaltet mit der fügsamen Sprache; sie erfuhr Verlängerungen und Verkürzungen der Worte; ihre Selbstlaute? mußten sich dem Wohlklange anbequemen. Der Reim, wenn gleich nicht unentbehrlich erachtet, wie einzelne Gedichte beurkunden, entsprach der fast allgemeinen Neigung zum Klange und vcrsinnlichte tönend das Streben, die Verwandschaft der Gefühle und Bilder hell zu verdeutlichen und gegenwärtig zu erhalten; er wurde mit den vielfachsten Veränderungen angewendet; bald begegnen blos männliche, bald blos weibliche Reime, bald wird der weibliche von zwey männlichen in die Mitte genommen, bald folgen dreyfache unmittelbar, bald werden sie in weiterer Ent- 65 fcrnnng wicderhohlt. Der Dichter ringet dem einfachen oder wundersam verflochtenen Reime Einklang mit seinen Empfindungen ab und ihre Gestalt, bald ernst, feierlich, düster, bald heiter, frisch und jauchzend soll sich abspiegeln in seinen Tönen. So entspricht Alles im äußeren Gebäude dem inneren Zustande und Streben mit wahrhaft malerischer Eigenthümlichkcit. Die Zahl der Dichter im Schwäbischen Zeitalter, das heißt bis zum Ausgange des dreizehnten Jahrhunderts, ist sehr groß; sie belänft sich gewiß nahe an dreyhundert; von denen viele nur dem Namen nach und viele nicht einmal so weit bekannt sind; immer werden noch neue Ucber- bleibscl, neue Fingerzeige und Nachweisnngen, zum Thcile auch dürftige Nachrichten von Minnesingern aufgefunden. Nur einige der berühmtesten können hier erwähnt werden. Die ältesten Minnesänger scheinen verschollen zu seyn; vielleicht gehörten ihre dichterische Spiele zu ausschließlich dem Hofe und der Ritterwelt an, um durch das Volk erhalten werden zu können; vielleicht wurden sie durch volksthümlichere verdrängt. Als einer der ältesten Dichter des Schwäbischen Zeitalters gilt Heinrich von Ncldegk, welcher im ersten Jahrzehend des drey- zehnten Jahrhunderts noch gelebt zu haben scheinet. Nicht blos das Verschmelzen des Niedertentschcn in die, wir wissen nicht, ob eigentlich durch ihn selbst, besonders in seinen Liedern vorherrschende schwäbische Mundart, sondern weit mehr noch die Richtung seiner dichterischen Beschäftigungen erinnern an die Zeit, in welcher die geistigen Bestrebungen kirchlicher und ritterlicher oder volksthümlichcr Schriftgclehrten sich begegneten und in einander eingriffen. Heinrich v on Vcldeg k soll die Legende vom heil. Gervasius in Reime gebracht haben; 56 er bearbeitete die späterhin zum Volksbuche gewordene Geschichte des Herzog Ernst von Baiern, nach einer lateinischen Urschrift; welches historische Gedicht in der v. d. Hagen-Büsching'schon Sammlung abgedruckt und mit einer reichhaltigen Einleitung ausgestartet worden ist. Auch kannte er mehre französische Rittcrgcdichte und spielet auf ihren Inhalt sinnreich au. Seine mit eignen Zusätzen ausgestattete, freye gereimte Ucbertra- gung der Encidt des Ehret ien von Trohes ist ganz chronikcnartig und schließet biblisch; daß dicß eins der ältesten Bücher der Art in Teutschland gewesen seyn müße, könnte wohl auch aus dessen Schiksal gefolgert werden; es wurde dem Verfasser sn36z entwendet und erst nach neun Jahren am Thüringischen Hofe wieder gefunden und vollends ausgearbeitet. Seine Lieder atbmen gefühlvolle Einfalt, unschuldige Leichtigkeit, auch freye Laune; ihr Versbau und Reimklang ist kunstreich. — Auf seinen Zeitgenossen, den mild - freundlichen Sänger H a r t- mann von Aue oder Owe, wahrscheinlich aus Franken, werden wir unten, wenn vom romantischen Epos die Rede seyn wird, zurückkommen. — Der fruchtbarste aller schwäbischen Dichter ist unstreitig Wolfram von Eschenbach und Pleicnfelden, Abkömmling eines in der Schweiz, in Franken und Oberpfalz ausgebreiteten Rittergeschlechts; seine Eltern scheinen im Nordgau ansäßig gewesen zu seyn. Er war arm und wanderte von einem Hofe zum anderen; öfterer hielt er sich längere Zeit am Thüringischen und Heuncbergischcn auf; ist Gottfried von Bouillon sein Werk, so kann er nicht vor -227 gestorben seyn. Bey gründlicher Keuntniß des Welschen, wie die von ihm tentsch verarbeiteten Werke aus dieser Sprache genügend beweisen, bey vielumfasscndcr Belesenhcit und 57 ritterlicher Sagen Kunde , zeichnet ihn Tiefe fromm- mystischen Sinnes, unerschöpflich reiche Einbildungskraft und sinnig-freye Herrschaft über seine, in aller Herrlichkeit und Fülle ihm anfgcthane Muttersprache aikK; dieses beurkundet sich am meisten in seinen gehaltvollen epischeu Werken und es wird unten ausführlichere Auskunft über diese gegeben werden. Seine Lieder sind reich an Gedanken und künstlicher Gestaltung , oft ernst und trüblaunig. Wahrscheinlich ist ihm die Aufzeichnung (durch einen Schreiber, dem er die Nenne vorsagte; er selbst scheint des Schreibens nicht mächtig gewesen zu seyn) des Kriegs oder dichterischen Wettstreits auf der Wartburg zu verdanken, eines Wcchsclgesangcs am Hoflager H ermann'6 von Thüringen, dem wenigstens geschichtliche Bedeutsamkeit in nicht geringem Maaße zugestanden werden muß, so abweichend und dichterisch die Nachrichten darüber auch lauten. Es soll nehmlich unter den Dichtern, welche das kunstlicbende fürstliche Paar zu umgeben und begleiten pflegten, ein lebhafter Kampf über Preiswürdigkeit zweycr als Beschützer der Dichtkunst ausgezeichneten Fürsten sich erhoben haben, dessen Endergebniß dahin bestimmt wurde, daß der Besiegte mit dem Strange am Leben gestraft werden sollte. Heinrich von Ofterdingen im Würtembcrgischcn, wo er nach vielen Wanderungen in bürgerlicher Znrnckgezogenheit starb sum >223?), ein viel erfahrner, gewandter, unermüdlich kräftiger Sanger, der auch Antheil an dem Heldcnbuche hatte, erhob scnrig seinen großmnthigen Gönner, Leopold VI!, von Oesterreich; und vergeblich boten seine Gegner, der tugendhafte Schreiber Heinrich von Risbach (den Einige für Eine Person mit Heinrich von Bcldcgk gehalten haben), Biterolf oder Peter Olp, und S8 besonders der durch weite Reisen, Umgang mit Fürsten und Großen an Weltkenntniß reiche Walt her von der Vogclweide im oberen Thurgan lst. vor i25o?z, von dichterisch-glänzender Naturanlage, voll Vaterlandsliebe, frcymüthig gegen Ucbermuth der Geistlichkeit, ein heiterer und gefälliger Sänger, fruchtbar an Gedanken, gleich edel, wie faßlich im Ausdrucke, umsonst versuchten diese alle ihre Künste gegen ihn; Wolfram von Eschcn- bach und Reinmar der Alte, wahrscheinlich auch der Videler (Tonstkünstler) benannt, aus den Rheingegen- den, Waith er's Freund und mit diesem am österreichischen Hofe, tief suhlend, aber bilderarm, hinneigend zum Gesuchten, Herr eines wohllautenden Ausdruckes, äußerten sich als Kampfrichter und Zeugen; der Sieg des Ofterdinger's mochte schon nicht mehr zweifelhaft scheinen, als sein Blick auf das schöne Auge der Land- gräfin Sophie fiel und erstarrend daran haftete; so wurde er verwirrt und unterlag; bey derselben hohen Frau, deren Schönheit ihn des Sieges beraubte, fand er rettenden Schutz gegen die Strafe, welche dem Besiegten angedroht war. Aber er konnte nicht verschmerzen, daß ihm sein alter Sängerrnhm durch offenkundigen Ausspruch entrissen werde und berief sich also auf die letzte Entscheidung Klingsohr's, eines der größten Gelehrten und Dichter seiner Zeit, als Naturforscher, Sternkundiger, Zauberer und Schwarzkünstler im dreyzchnten Jahrhundert eben so angestaunt, wie Faust im fünfzehnten; Heinrich reiste selbst nach Siebenbürgen, wo der Wundermann als staatlich besoldeter Diener des Königs Andreas II. von Ungern lebte, nm ihn abzuhohlcn; beide kamen lgegen Ende des Jahrs »207! auf der Wartburg an und es begann der zweyte Theil des Dichterkriegcs. 59 Klingsohr kämpfet gegen desOfterdingers Widersacher, fast ausschließlich gegen den ebenfalls gelehrten Wolfram von Eschcnbach, in fast morgenländischem Style, mit Weissagungen und Näthseln, führet auch einen, mit bitteren Angriffen auf die Geistlichkeit nicht sparsamen bösen Geist Nasian redend ein nnd entscheidet zulezt zu Gunsten Heinrichs von Osterbt »gen. Ueber das seltsame Ereigniß mögen mancher- lcy dichterische Sagen in Umlauf gekommen, mehrfach ausgeschmücket und gedeutet worden seyn, wie schon aus der doppelten Gestalt zu schließen ist, in welcher die Maneßes che Sammlung und eine Jenaer Handschrift dieBeschreibung desselben aufbewahrt haben; aber sie hat durch Mischung des Lyrischen, Didaktischen und Satyrischen einen eigcnthümlichen Reiz, leget einen Schatz ungewöhnlicher Kenntniße aus und giebt gehaltvolle Winke über Denkart und Sitten der damaligen Zeit. — In der Mitte des dreyzehnten Jahrhunderts vermehret sich das muntere Gedränge der Dichterschaar; neben dem einfachen und spielenden, zärtlichtiefen und edel-leidenschaftlichen Heinrich von Morungen, dem geistreichen Hilt- bolt von Schwanegö, den kunsterfahrnen, ernsten, sinnvollen Hardegger, Bruder Werner, Meister Kelyn, Göli, zeichnen sich viele andere durch anmu- thige Lieder aus. Hohe dichterische Bildung und sittliche Gemächlichkeit, Eigcnthümlichkeit der Ansicht und fromme Selbstbetrachtung sprechen sich in den Gesängen Gott- fried's von Strasburg aus, von dem auch ein ausführlicher Lobgesang auf die heilige Jungfrau vorhanden ist; und doch stehen diese lyrische Erzcugniße dem, was er für das ritterliche Epos geleistet hat, weit nach. — Ulrich von Lichtenstein lst- d. 22 März 1272), 60 Dicnstmann Fricdrich's des Streitbaren in Steiermark, dessen Vorfahren ihre Burg bey Ehur in Granbündten verlassen, sich nach Tyrol begeben und in Bötzen niedergelassen halten, führet mit gutem Grunde den Bcynamen des Fröhlichen; unversiegbare Heiterkeit ist der Quell seiner Dichterkraft; immer äussert er sich srey und wohlge- mnthct, im Gefühle glücklicher Liebe und ritterlicher Mannhcit; Sprache und Versbau haben bcneidcnswcrthe Leichtigkeit; des daktylischen Flügelschlages ist er Meister; seine edelc lyrisch-epische Schöpfungsgabe hat L. Ticck in verjüngter Gestalt seines Franendienstes s>2st6j unter uns hervortreten lassen. Mit ihm wetteifern in süfer Begeisterung, froher Gemüthlichkeit, wie in reihender Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit des Ausdruckes und Silbcnmaaßcs seine Zeitgenossen Heinrich von Nugge aus dem Thurgau, Schenk Ulri ch von Wiu- terstetten, Jakob von der Warte, und der ebenfalls im Gebrauche des Daktyls glückliche Christian von Hamlc. — Gegen Ende des Jahrhunderts sind unter mehren anderen bemerkenswerlh: der Tauhuscr fi265j aus Thannhausen in Baieru, der viele Abentheuer erfahren, viele Länder gesehen, große Menschenkenntniß erworben und ausgebreitete lateinische und welsche Gelehrsamkeit sich angeeignet hatte. Seine Lieder strömen von inniger Empfindung und sinniger Betrachtung über; der Sprache sind oft französische Worte beygemischt. Dieser Dichter klaget schon über Hartherzigkeit der Große», deren Unterstützung er in seiner Hülflosigkeit vergeblich m Anspruch genommen haben mag. Reinmar von Zweier, wahrscheinlich des vorhin erwähnten Reinmar des Alten Sohn, scheint im Oesterreichischen erzogen worden zu seyn und am böhmischen Hofe Otto- 01 kar's und bcy anderen Fürsten gelebt zn haben; seine dichterische Richtung ist entschieden sittlich-religiös und satyrisch; er verräch nngeineine Einsicht und reifes Nachdenken; von ihm und Ludwig von Marner, einem Zögling Walt Hers von der Vogel weide, sind nns auch Fabeln erhalten. — In dem leztcn Viertheile des dreyzchnten Jahrhunderts gewinnen bürgerliche Sanger das Uebergewicht; in Ansehen standen die Meister Heinrich Teschler, Walther von Brcisach, Stolle und viele andere; der ältere und jüngere Meißner zeichnen sich durch Lieblichkeit und Adel des Gefühles und der Sprache ans. Mit Eonrad von Würzbnrg sialZo sf.), dessen Erzählungen und Rittergcschichteu unten gewürdigt werden sollen, schließen wir das Ver- zcichniß der ritterlichen Minnesinger; sein dichterisches Streben kämpft schon mit dem sich geistig umstaltcndcn Zeitalter und vermag das ihm vorschwebende Musterbild Gottfrieds von Strasburg nicht zu erreichen. Fleiß und Arbeit werden sichtbar; üppige Fülle und tiefe Kraft sind im Sinken; die Sprache ist ungleich, mehr rein als voll; der Versbau ist regelmäßig. Bey aller Mannigfaltigkeit streifen Erfindung nnd Darstellung oft in nüchterne Wirklichkeit über. In seinen lyrischen Werken waltet der elegisch-didaktische Ton vor; das vorzüglichste darunter ist die goldene Schmiede, eine Verherrlichung der Menschwerdung Jesu Ehristi und der Jungfräulichkeit der Maria; hier offenbaret sich angestrengt-mystisches Selbstdcnkcn nnd ringet mit der Sprache, nm ihr Ausdruck und bildliche Bezeichnung für das unaussprechlich-göttlich-hohe abzugewinnen. Viele andere Dichter derselben und unmittelbar darauf folgenden Zeit beschäftigen sich mit dem Leben und mit der 62 Reinheit dcr heiligen Jungfrau; so zog sich die lyrische Einbildnngskraft in denselben Kreis zurück, von welchem sie ausgegangen war und der Brunnen ritterlichen Dichterlebens schien zu vertrocknen. Von den lyrischen Dichtwerken dieses Zeitraumes sind mehre handschriftliche Sammlungen vorhanden. Die berühmteste und vollständigste ist die Manesscsche. Diese Blumcnlcse unternahm, wahrscheinlich nach mündlichen Ucberlieferungcn, in welchen die Mnndart einzelner Gedichte nicht unverändert bleiben konnte, Nu dg er Man essen, Küster und Mitglied des großen Raths in Zürich; er starb im Anfange des vierzehnten Jahrhunderts (nach sein Sohn sorgte für die Fortsetzung. Vielleichtwar Meister Johann Hadloub, ein schlichter, gemütblicher, in des Versbaues Kunstgeheimnifien wohlerfahrner Züricher Sänger, dabcy thätig; auch könnten wohl ältere Sammlungen benutzt und vermehrt worden seyn. Die Handschrift kam lum i6oo?z aus dcr Schweiz nach Heidelberg und von da nach Paris; Professor Scherz in Strasburg wurde (1726z durch seinen Schwager v. Bartenstein darauf aufmerksam gemacht und thciltc den für vaterländische Sprache und Litteratur eifrig geschäftigen Züricher Gelehrten Boviner und Breitinger Proben mit; sein College Schöpflin vermittelte, daß ihnen das ganze Werk zur Benutzung übergeben wurde. Nun ließ B 0 dmer abdrucken: „Proben (1 >0) der alten Schwäbischen Poesie" (Zürich 1746.3), mit einer Abhandlung über die Sprache derselben und mit einem Glossarium; dann „Fabeln" (das. 17Z7.8) und zu- lezt: „Sammlung von Minnesingern, 140 Dichter enthaltend" (das. >768. 2 Thle. 4.). Viele andere Handschriften, zum größeren Theile jünger und daher mehr Meisterlicder des 14 und i5ten Jahrhunderts neben den alteren enthaltend, befinden sich in den Büchereien zu Heidelberg, Strasburg, Colmar, Landshnt, Weingarten, München, Weimar u. a.; und es ist sehr zu wünschen, daß sie vollständig verglichen und mit vaterländisch-ge- lchrter Einficht zu einer allgemeineren Sammlung verarbeitet werden mögen. Bekannter find uns geworden: die Goldastische Handschrift in Bremen durch G. F. Beil e ck e s „Bey trage zur Kcnntniß der altteutschen Sprache und Litteratur" (Göttingen r8>c>. 8 ); die Jenaer, welche außer dem Wartburgcr Kriege und einigen alt- schwäbischen Ueberblcibseln, meist geistliche Gedichte, Klagen über Sittenverfall, päbstlichen Unfug undPfaffen- gräuel enthält, durch Bas. Bhd. Ch. Wiedeburgs „ausführliche Nachricht von einigen allen tcntschen poetischen Mannscripten ans dem i3 und ist Jahrhundert" (Jena 17Z4. 4); und die Heidelberger 3Z7, die etwa 25 Jahre jünger, als die Maneßcschc, aus dieser und anderen Quellen geschöpft ist, 3c> Dichter in anderer Folge und darunter mehre dort nicht aufgeführte enthält, durch Jos. Görres „alttcutsche Volks-und Meister- lieber" (Frankfurt a. M. 1817.8), welche für die Volksdichtkunst im Zeiträume der Meistersängerey bedeutende Ausbeute geben. Seit dem lezten Viertheile des vorigen Jahrhunderts ist viel geschehen für Hervorziehung lyrischer Denkmäler der vaterländischen Vorzeit aus unverdienter Vergessenheit, für ihre Verbreitung, Erklärung; noch mehr geschie- het in unseren Tagen; und es läßt sich eine reiche Erndte dieser vielseitigen, eifrigen und besonnenen Bemühungen verheißen. Tie Gleichgültigkeit, welche durch franzöfi- rendc Glätte oder philosophische Tiefe verwöhnter und 64 verbildeter Geschmack zu rechtfertigen wußte, scheinet fast überwunden zu seyn; wenigstens macht sie sich mit ästhetisch-kritischer Absprcchcrcy über ärmliche Engkrei- sigkeit des Minuegcsanges nicht mebr breit und lästig. An ihre Stelle ist getreten liebevolle Achtung für den hellen Wiederschein einer sich ganz und rein ungehörigen, ungcthciltcn, ihre Weltnmgebung mit des Gefühles voller Kraft gestaltenden tcntschen Sclbstbeit. Dieses ist nicht so sehr durch freye Nachbildungen und vcrncute Auffrischungen erreicht worden, da in diesen mit der Sprache zu viel von des Geistes und Tones Eigenthümlichkcit verlohnen geht, als durch erleichterten Genuß der Urschriften selbst. Wen Sprachschwicrigkeiten in diesem Genüsse stören und aufhalten, der mag sich von L. Ticck („Minnelieder aus dem Schwäbischen Zeitalter, neu bearbeitet." Berlin istoZ. L.) und I. Görres (dessen Sammlung eben genannt worden ist) in die freundlich frohe Kinderwelt tentschcr Kunstlust einführen und zur Ertüchtigung, ans den Quellen selbst zu schöpfen, vorbereiten lassen. ^ 65 Sechste Vorlesung. Das romantische EpoS. Zwiefacher Kreis desselben; der auslandische. Spasche Dichtkunst wurde bald nach der syrischen in Teutschland eingeführt, mit leidenschaftlicher Liebe aufgenommen und so sorgsam, fruchtbar, wohl darfmau sagen, so wissenschaftlich, wie bey keinem andern Volke gepflegt. Das Zeitalter ihrer Blüthe, abhängig von hochbegeistcr- tem ritterlichem Sinne, endete noch vor Ablauf des drey- zehnten Jahrhunderts; es konnte die fromme Sehnsucht nach wundersamer Großartigkeit, den kindlichen Glanben an das Ausserordentliche und Geheimnißvolle nicht überleben; mit dem Zurücksinken des von Allmacht üppig befruchteter Einbildungskraft beherrschten Ritterlebens in kalt-irrdischc Wirklichkeit mußte es aufhören. Die Seele des Ritterthums, sein oberster geistiger Grundsatz, die tiefe Betrachtung des Gcmnths über das unaussprechliche Höhere, was in seinem Wesen und Berufe geahndet wurde, veranschaulichte sich in Darstellung ritterlicher Abentheuer, wundervoller Erfahrungen, übermenschlicher Anstrengungen und Wirkungen, und war oft mit leisen, mystisch tief ergriffenen Andeutungen über das verschleierte Grundgchcimniß solcher Erscheinungen begleitet. Diese Gedichte machten die ernste Lieblingsbeschäftigung aus, womit sich Fürsten, Ritter, Frauen und Alle, die in ihrer Umgebung lebten, unterhielten; es war das geistig Höhere, was sie vom Volke unterschied; mit Ausartung der Großen mußte sie erliegen. Die Quelle, aus welcher der epische Stoff von teut- schen Dichtern geschöpft wurde, ist eine zwiefache; die Wachler'S Vorlesungen irM. 5 bv eine war im Auslände, die andere in der Heimath entsprungen; jene scheint von gebildeteren Dichtern früher, als diese, zugänglich und ergiebiger befunden worden zu sciin. Sie gehöret zwar dem nördlichen Frankreich an, ist aber, ihren Grundbestandthcilcn nach, deutscher Abkunft und konnte daher, vermittelst eines dunklen Gefühles von innerer Vcrwandschaft, dem deutschen Kunstsinne mit ihrem Reichthume um so behaglicher zusagen. Mit deS Norman» Rollo Niederlassung lgris hob in der Nor- mandie ein wacker rühriges Nitterleben an; Durst nach kühnen Abentheuer» war den Normannen eigenthümlich und ihr reges Selbstgefühl fand Nahrung in den Erinnerungen an die Großthaten ihrer Altvorderen; mit Stolz blickten sie auf die Vergangenheit zurück und labten sich an den Sagen von ihren Stammhelden, wenn sie ruhten von der Waffen-Arbeit. Schon Rollo's Nachfolger WilhelmLang-Schwerd unterhielt ein staatliches Hoflager, an welchem die romanisch-wallonische Sprache herrschte, sich ausbildete, rasch verbreitete und zum Gebrauche in Schriftwerken erhob; in ihr waren ^>0871 Wilhelm's des Eroberers Gesetze für England abgefaßt. Aus dem durch blutige Glaubensverfolgungen und empörende Pfaffcnrache zerrütteten Süden mögen sich Ritter und Edle nach dem Norden, dem Sitze gefeierten Waffenruhmes und ritterlichen Hochlebens hingezogen, Kunsterfahrungen mitgebracht und Kunstlicbe angefacht haben; den epischen Geist, dessen sich die Provenze, trotz der Nähe Spaniens und seiner Heldenlieder, nie in völliger Reife erfreute, fanden sie vor im Leben und Strebe» ; zu diesem kamen das zunehmend engere Verkehr mit England, welches so mannigfache Wechsel erfuhr, so reich an Tha- ten wie an Leiden war, und die Theiluahme an den für 67 Spannung des Gemüths und Bewegung der Phantasie unbeschreiblich fruchtbaren Kreuzzügen; und so gestaltete sich ein episches Kunstlcbcn, welches bey der, dem Volksstamme einwohnenden rastlosen Geschäftigkeit des Geistes und seiner Empfänglichkeit für ritterlich-großartige Bilder und Vorstellungen, bald die kräftigste Gediegenheit und einen immer weiteren Kreis gewinnen mußte. Der Versbau dieser Dichtwerke unterschied sich durch die Allitcration oder Wicderhohlung derselben Mitlanter am Anfange der auf einander folgenden Wörter und bestand in achtfüßigen Jamben, bis im Anfange des drcyzehnteu Jahrhunderts der Alerandriner herrschend wurde. Auch gab es schon vor dem Ende des zwölften Jahrhunderts Rittcrbüchcr in ungebundener Rede. Das älteste Dicht - Werk der Art, was wir kennen, ist das Buch der Brit- toueu sv. nZ5?Z, eine Sammlung dichterischer Sagen von den ältesten englischen Königen; um dieselbe Zeit wurde der Roman vom Löwenritter bearbeitet und der Trouvcre Gasse feierte im Raoul die Niederlassung Rollo's und seiner Waffenbrüder in der Normandie. Daran schließet sich eine lange Kette wundersam aben- thcucrlichcr Rittergcschichten an, deren Inhalt auf drcy große Sagenkreise zurückgeführt werden kann. Der erste, bey weitem reichhaltigste und beliebteste, hat seine Wurzel auf englischem Boden und dehnet sich nach allen Wclt- gegenden aus; ein zarter geschichtlicher Faden bleibt erkennbar, an welchen die ersten Sagen-Ringe aufgcreihet worden sind; sie haben aber so reichen Schmuck erhalten und so viel Gewicht durch neue selbstgeschaffene, auS riesig vergrößerter Wirklichkeit und gränzenlos ungebundener Dichtung mannigfaltig zusammengesetzte Bilder, daß er nicht vermogte, sie zu tragen und zu halten. Im K8 Mittclpuncte dieses Kreises stehen Artus oder Arthur, König von Südwales, beharrlich kühn der angelsächsischen Macht entgegcnstrcbend, mit seinen hochsinuigen, an gehcimnißvollcr Tafeirunde vereinten getreuen Streitgenossen, den Mustern vollendeter Ritterschaft, mit seiner Gemahlin, der schönen Ginievra, mit der Fee Morganc und mit dem Zauberer Merlin. Der Schauplatz ist in England und in den mit diesem verbundenen Ländern Frankreichs; die Hauptpersonen sind die daselbst herrschenden kleinen Könige mit ihrem Gefolge; ein Volks- thümlicher Haß gegen Angelsachsen bricht nicht selten durch. Nahe verwandt diesem Kreise und in ihn eingreifend ist der zweyte vom heiligen Gral, zwar die biblische Geschichte berührend, aber ursprünglich schon die Gränzcn geschichtlicher Wirklichkeit überschreitend, fvrt- gezogen durch fromm schwärmerische Sehnsucht nach Unbekanntem in das Gebiet der willkührlichsten Dichtung ; er ermangelt fast aller epischen Wahrheit und sinnlicher Anschaulichkeit, fesselt aber das Gemüth durch zauberische Farben und Töne; die aufgeregte Einbildungskraft wähnet bald, in dieser Welt der Wunder und Zeichen einheimisch zu seyn- Ein Wiederschein morgenländischer Gefühle, Ansichten und Erfahrungen ist darin nicht wohl zu verkennen. Unter dem heiligen Gral (Sang real, Sanguis realis) wird die aus Einm Edelstecine verfertigte Schüssel verstanden, von welcher Jesus Christus mit den Jüngern bey Einsetzung des Abendmahles gespeist und in welche Joseph von Arimathia das aus den Wuit- den des Gekreuzigten fließende Blut aufgenommen hatte; sie wurde für ein Geschenk der Königin von Saba an König Salomo gehalten, soll zur Zeit des Weltheilandcs ein Besitzthum des Nikodemus gewesen und späterhin nach V9 Casaren und von da, wahrend dcrKrenzzügc, nach Genna gekommen seyn; Franzosen brachten sie fd. abNov.rllokz nach Paris. Das heilige Kleinod hatte große Wnnder- kräfte; sein Tempel war im dichterischen Schlosse Montt salvatsch (Möns Salvatoris; Hcilandsbcrg); und die in alle Wcltgcgenden, auch nach Indien und Persien fahrenden Ritter ans der Nachkommenschast und großen Ge« hcimschule der Tafelrunde strebten nach dessen Besitz; es war verschwunden im Morgenlande; seine Hüter und Verehrer lebten im Abendlande. Die herrlichsten und thatenreichstcn Ritter mnhetcn sich darum; unter ihnen glänzen Lanzclot, Parcifal, Titurel, Lohengrin hervor. Alles, was von diesen geschieht und gesehen wird, ist so ungeheuer, daß der lczte Schimmer der Wahrscheinlichkeit dariu erlischt; Menschen, Thicrc, Pstanzen, Länder, Gebäude und Garten sind frcpe, wundersame Gebilde einer riesenhaft schöpferischen Einbildungskraft. Chre- tien von Troycs hat sich zuerst in die Höhen dieser Wundcrwelt aufgeschwungen; früb genug lschon ngo?) ward die Sage von Tristan von Lconois auch in ungebundener Rede dargestellt. Wenige Dichter haben die Ge- sammthcit dieses Sagenkreises zu umfassen gesucht; die meisten wählten sich einzelne Thcile desselben zur Bearbeitung. Die abenthcucrlichen Sagen von Amadis er, mangeln aller entfernt geschichtlichen Grundlage; sie sind aus den Kreisen der Tafelrunde und des heiligen Grals rein dichterisch erwachsen und in südlichen Uebcrtreibun- gen, wahrscheinlich von spanischen Künstlern gestaltet worden. Der dritte, jüngere Sagenkreis umschließet Carl den Großen und seine Paladine, Roland, Ferra- gus, Ogier n. a.; Markgraf von Narbonne, Wilhelm der Heilige von Oranse, auch Flor und Blanscheflvr ge-- 70 hören in diesen Kreis; um die zum Volksbuche gewordene Geschichte der vier Haimonokindcr beweget sich Vieles, wie um Mittelpunkt. Der Stoff ist aus welschen geschichtlichen Überlieferungen hervorgegangen ; er scheint ziemlich spät sum 1200 ?j in allgemeineren Umlauf gekommen, und zum Theil aus der, angeblich von Turpin, Erzbischof von Rheims, verfaßten, wahrscheinlich in Barcellona mit arabisch-spanischen Farben aufgefrischten lateinischen Lebensbeschreibung Carls geflossen zu seyn. Begeisterte Kampflust gegen die Ungläubigen und Berücksichtigung vorhandener ritterlicher Wundcrgcschichtcn hat ihn mit bunter Zusammenstellung von Zaubereien, Feen, Niesen, ausgeschmückt und dichterisch verjüngt. Ausser diesen drcy Kreisen fand auch das uralte Trojanische Rit- tcrthum, und Alexander der Große, als vollendetes Muster ritterlichen Hcldcnlcbens, Bearbeiter; und die Thaten der Römer ( Res Romanorum ), eine mannigfaltige Sammlung vermischter Erzählungen und Abentheuer, wurde als Fundgrube für kürzere epische Darstellungen, sinnreiche Märchen und Schwänkc benutzt. Das mit den Krenzzügen belebte Vcrkebr zwischen tcutschcn, niederländischen und französischen Rittern verschaffte den französischcnHeldcngcdichtcn schnellen Eingang in unser Vaterland; kein Menschcnaltcr verging seit ihrem ersten Hervortreten und es wurde von tcutschcn Dichtern der Anfang gemacht, sie für tcntschc Leser meist frey zu übertragen und nachzubilden. Nicht lange nach Heinrich's von Veldegk Eneidt übersetzte sr'yZj Ulrich von Zazichoven oder Säbenhovcn den Lanzclot vom See ans dem Französischen des Chretien von Trohes; sein Werk lieget handschriftlich zu Gicn und m Heidelberg; derselbe Gegenstand scheint im »Zten Jahr- 7l hundert vier- oder fünfmal in Teutschland bearbeitet worden zu seyn. Auch Hartmann von Aue schöpfte auS dem reichen Sagenkreise von Artus und dem heiligen Gral und stellte epische Gegenstände nach französischen Urschriften mit eigenthümlicher Sittigkcit und zarter Einfachheit dar; hicdurch unterscheidet sich auf das vortheilhaftest« sein Jwain, der Ritter mit dem Löwen, welchen K. Michaclcr mit Erläuterungen und einem Glossar begleitet (Wien 1786. 2 B. L) herausgegeben hat; und dessen, vor kurzem in einer Wiener Handschrift aufgefundenes Gegenstück, Erck und Enitc, hoffentlich nicht lange »»gedruckt bleiben wird. Seine, aus den römischen Geschichten entlehnte gcmüthlichc und eine reine Lebcnsanstcht beurkundende Erzählung, der arme Heinrich, haben die Brüder Grimm (Verlin -LrZ.3) so sorgfältig abgedruckt und erklärt geliefert, daß diese Ausgabe als einleitendes Hülfsbuch für den Anfang solcher Studien empfohlen werden kann. Mchrcs von ihm, namentlich Gregor vom Steine in der Strasbnrger Büchcrcy, ist noch ungedruckt.— In Vielthätigkeit, noch mehr in Tiefe der Betrachtung, oft einer wahren mystisch-religiösen Metaphysik über Sinn und Streben des RittcrthumS behauptet Wolfram von Eschen dach unbestreitbare Ueberlegenheit. Seiner starken Einbildungskraft sagte der ritterliche Wnndcrstoff des Auslandes mehr zu, als die Naturgröße und schlichte Kraft der hcimathlichen Sagen; er faßte sie gründlich nach allen Beziehungen auf, und stellte sie nach eigner freycr Ansicht dar. Das Ge- hcimniß, was er in diesen Dichtungen ahndete und andeutete, war keine Spielerey launiger Willkuhr; er trug es in dem Herzen und rang mit Wort und Bild, um es zu veranschaulichen. Daher kann, besonders in seinen vvl- 72 lcndetcren Werken, die wir überdicß nur in jüngeren Ue- berarbeitungcn zu besitzen scheinen, oft Zweifel entstehen, ob von mehrem, wozu wir vergeblich den Schlüssel suchen, der Dichter selbst einer hellen Vorstellung mächtig gewesen sey. Vieles Näthselhafte »mg uns Misverständniß, cigcnthüiulichcr Deutung und selbstgeschasscner Verbindung fremder Erfahrungs - Überlieferungen und Ziaturwahr- uehmungen erzeugt worden scyn. Und die seltsame» Nicfeubaue von Schlössern und Palläfte» mit ihren Umgebungen, wovon einen Riß zu entwerfen umsonst versucht wird, sind vielleicht bcy ihm und bcy einigen seiner Führer und Vorganger aus der aller Erklärung spottenden, sich ewig wandelnden Wirklichkeit der Eis-Zaubc- reycn im Thale Ehamounis hervorgegangen. Überhaupt muß das Zusammenfassen der ansserordentlichsten Vorstellungen und der von schwelgerischer Phantasie geschaffene» und mit ihnen widersprechender Wirklichkeit verschmolzenen Bilder, eine Welt- und Natur-Ansicht gestaltet haben, wofür wir, umstrickt und bestürmt von vervielfachter Acusserlichkeit und meist ungewohnt des Strebend, diese in unserem Innern zu beleben und zu ordnen, das Fassungsvermögen und den Sinn der Auslegung entbehren. Wolfram kannte das ganze Gebiet der ausländische» Sagenkreise, benutzte und beherrschte es mit freyem Geiste. Aus den dichterisch geschmückten Überlieferungen von dem Heldengeschlechte der Paladine und Kampfgenossen Carls des Großen, verbunden mit Legenden von Hugo Capct, bearbeitete er den Markgrafen von Nabonne oder de» Kampf von Oransc. Zur Ergänzung und Erweiterung dieses Rilacrromans gehören zwey Werke von anderer Hand; das eine enthält die frühere Geschichte des Markgrafen Wilhelm und wie er die schöne Arabele entführet 7Z bat; das andere, zweymal handschriftlich in München, der starke Rcnnewart überschrieben, schildert sein spateres Leben und Möuchthum. Jenes soll, nach Docen's Vermuthung Ulrich v o n d er Tn r l i n, dieses Ulri ch von Türh eim, oder T ü rkhci m, anch T n r h e m in er genannt, dem gewöhnlich beide Werke beygclegt werden, nach dem Französischen des Gnillaumc Papaume, verfaßt haben; so daß das Ganze ans drey Theilen besteht, wovon sich die beste Handschrift, -807 nach Paris entführet, jezt hoffentlich wieder in der Büchercy zu Wolfenbüttel befindet. Von den beiden ersten hat W. I. C. G. Caspar so n aus einer schönen Cassclcr Handschrift einen wenig genügenden Abdruck (Cassel 1781-4784, 2 Tb. 4.) besorgt. Ein anderes, in denselben Sagenkreis eingreifendes Rittergedicht Wolfram's, Gottfried von Bouillon oder von Brabant, der Abkömmling Wilhelm's, Ogicr'S und der Fee Morgane, befindet sich handschriftlich in Wien; so wie überhaupt mehre seiner Arbeiten uu- gcdruckt vorhanden scyn mögen und noch aufgefunden werden dürften. Die höchste romantisch-epische Begeisterung Wolfram's offenbaret sich in seinen Darstellungen aus dem Sagenkreise von der Tafelrunde und vom heiligen Gral. Wir besitzen derselben drey, welche ein Ganzes bilden. Die erste umfasset, nach Guy 0 ts Urschrift, die Abentheuer des Pareffal, Gahmurct's Sohn, welcher den Gral erwarb; die zweyte vollendetste, Titu- rel, ist frcy von aller geschichtlicher Fessel bearbeitet; sie kann als Inbegriff der gesummten Kunst und Wissenschaft des geistig rcifesten Ritterthums betrachtet werden, hat eine unermeßliche Bilderfüllc und tief mystischallegorische Bedeutung. Daß mehre dunkle Sinnbilder darin auf untergegangene Geheimnißc der Tempclher- 74 ren Beziehung haben, ist nicht unwahrscheinlich. Die Sprache zeichnet sich durch Rcichthum, oft durch gelehrte Knnstlichkeit aus. Doceu hat in einem „Sendschreiben an A. W. Schlegc l" (Berlin ^Lio. 8.) ein uraltes vicrreimigcs Bruchstück des herrlichen Gedichtes nachgewiesen und daraus gefolgert,> daß nur eine jüngere Umbildung in scchsrcimigcn Strophen auf unser Zeitalter gekommen sey. Der Parcifal und Titurcl sind in einem sehr alten (wahrscheinlich zu Strasburg bey Wentel >477 Fol.) seltenen Abdrucke vorhanden; der crstcre ist in der unten anzuführenden Müll er'scheu Sammlung wiederhohlt worden; möchten A. W. Schlegel oder Docen oder sonst einer unserer, zu solchem Unternehmen geeigneten Sprach- und Kunstverständigen sich durch eine Ausgabe um unsere vaterländische Littcra- tur verdient machen. Den Schluß dieses ritterlichen Sagenkreises macht Lohengrin in zehnrcimigen Strophen , wahrscheinlich nach einer französischen Urschrift des Camelain von Cambray. An Lohengriu's Heimkehr zu dem heiligen Gral schließen sich die geschichtlichen Sagen von den Sächsischen Kaisern Teutschlands, Heinrich dem Finkler, den drey Ottonen, Heinrich von Baiern und seiner Kunigunde an. Das Gedicht ist aus einer vaticanischen Handschrift von I. G örres (Heidelberg 1L1Z. 3) durch den Druck bekannt gemacht worden.— Diesem fruchtbaren Dichter kann Gottfried vom Strasburg in Ansehung der reinen Denkart und hoher Geistesbildung an die Seite gestellt werden ; in Wohlklang der Sprache und des Versbaues ist er ihm überlegen. Außer mehren glücklich erfundeneu und edel dargestellten Erzählungen, deren viele handschriftlich in Strasburg aufbewahrt werden, haben wir ein romantisches 75 Epos, Tristan und Jsalde, von ihm, welches das Nit- terlebcn nach seinem ganzen Umfange und nach Beschaffenheit der edelsten Geselligkeit, mit anschaulicher Lebendigkeit in anspruchlvs schönem Ausdrucke schildert. Die französische Urschrift des Thomas von Britannien lag dabey zu Grunde; der Gegenstand ist oft, auch in prosaischen Volksbüchern teutsch bearbeitet worden. Einen zweytcn Theil hat Heinrich von Friedberg nach Gottfricd's Tode hinzu gethau. In der Müller', schen Sammlung findet sich das Werk fehlerhaft abgedruckt ; eine genaue und reich ausgestattete Ausgabe ist von v. d. Hage n zu hoffen. Ulrich von Turhcim gab denselben Roman in verkürzter Darstellung.— Nicht minder fleißig und ebenfalls durch schöne Lebendigkeit der Erzählung und Sittenmahlercy ausgezeichnet war Rudolf von Anse oder von Ems, Dicustmann zu Montfort bcy Hohen-Ems, nach der Mitte des drcyzehn- ten Jahrhunderts. Sein, handschriftlich in Cassel, Wien, Rom vorhandener, Wilhelm von Orleans oder Brabant ist einem durch Johann von Ravensberg nach Teutschland gebrachten französischen Gedichte nachgebildet ; auch Alexanders Abentheuer beschrieb er in k> Büchern. Am bekanntesten ist sein christliches Epos, Barlaam und Josaphat, eine von Konstantinopel aus verbreitete, oft und auch späterhin in einem teutschcn Volksküche prosaisch dargestellte romantische Bckehrungsge- schichte, wovon sich zahlreiche Abschriften vorfinden; ähnlichen Gehaltes ist die Bearbeitung der Legende vom heil. Gervasius und die Erzählung vom guten Gerhard. Er unternahm auch eine gereimte Umschreibung der biblische» Geschichte des alten Testaments, welche für den Thüringischen Landgrafen Heinrich bestimmt war und nach dessen 76 Tode dem Hohenstaufen Conrad IV. zugeeignet wurde; die weltlichen Begebenheiten werden aus dem Pantheon Gottfrieds von Vitcrbo eingeschaltet. Das oft abgeschriebene Werk, welches Gottfr. Schütze aus einer ungenauen und unvollständigen Uffcnbacher Handschrift (Hamburg >779. >781. 2 B. 4) herausgegeben hat, ist für Sprachforschung wichtiger als für Kunstgenuß; die Schöpfungsgeschichte und die Betrachtungen über Körper und Geist, Gut und Böse haben die meiste anziehende Eigenthümlichkcit. Es wurde durch den Tod des Verfassers vor Beendigung des dritten Buches, mit K. Salo- mo's Absterben, abgebrochen und von Heinrich oder Johann von München im vierzehnten Jahrhundert bis auf das Zeitalter Carl's des Großen fortgeführt. Rudolf's vertrauteste Freunde waren Ulrich von Tnrheim und Conrad Fleck; der lezterc hat sich durch das in Müller's Sammlung befindliche anmu- thige Gedicht Flore und Blauschefur, nach dem Französischen des Ruprecht von Orbent, eine späterhin in Voccaccio's Filocopo und auch teutsch für das Volk bearbeitete Geschichte, bekannt gemacht. Zu derselben Zeit lebte der Strickcre, ein ungemein fleißiger Uebcr- setzer und gewandter Vcrarbcitcr fremder Erzähluugs- stvsse; seine Darstellungen gefallen durch (Wichtigkeit und fromm-tngcndsamen Sinn; Mehres aus seinem Fabel- buchc, die Welt, haben die Brüder Grimm in den/Alt- tcutschen Wäldern (B. 2 und 3) zur öffentlichen Kunde gebracht; viele Novellen sind im Kvloczaer Coder enthalten. Ein aus aller französischer Quelle geschöpfter schlicht-epischer Bericht von Carl's des Großen Zug nach Spanien flehet in Schilter's Thesaurus (B. 2.); und manches andere von ihm lieget noch in handschriftlichen 77 Vorrathen. — Mit Conrad von Würzburg gegen Ausgang des dreyzehntcn Jahrhunderts neiget sich das Nittergedicht zu seinem Ende. Unter feinen zahlreichen, besonnen angelegten, gut gereimten, zum Theil gemüth- vollen, oft moralisirenden Erzählungen haben einige epische Farbe und Richtung ; den Schwanritter haben die Br. Grimm in den Altteutscheu Wäldern (B. 3.) abdrucken lassen. Der nach einer welschen Umschreibung des Phrygischen Darcs bearbeitete Trojanische Krieg und Argonautenzug, abgedruckt in Müller's Sammlung (B. 3.) unterscheidet sich, wenn er mit den früheren Werken dieser Gattung verglichen wird, bcy unverkennbarer Vorzüglichkeit in Regelmäßigkeit der Sprache und Neime- rey, durch kalte Nüchternheit und Armuth au dichterischen Bildern und freyen Gestaltungen. Für diese Erzeugnisse des vaterländischen Kunstle- bcns in Sprache und Schrift bleibt noch sehr viel zu leisten übrig; Erklärungen der Sprache und der Sachen ist eben so vernachlässiget, als Vcrgleichung mit den Urschriften, aus welchen sie entnommen, und Würdigung der mehren oder minderen Selbstständigkeit, womit sie bearbeitet sind; selbst an, wo nicht berichtigten, doch lesbaren Abdrücken ist drückender Mangel. Die mit uneigennützigem Eifer von Christoph Heinrich Müller aus Zürich lst. den 22. Febr. >807! angelegte und von der Untschen Lesewclt ziemlich freygebig unterstützte „Sammlung teutscher Gedichte" (Berlin 17L4 f. -Bdegr. 4), deren dritten Band I. E. Koch (1796) nicht zu Ende gebracht hat, begreift viele schätzbare Denkmäler, und mehre darunter erscheinen hier zum ersteumale; aber die Tertc sind ohne alle kritische Sorgfalt, nach zum Theile fehlerhaften Handschristen, mit den Schreibfehlern der- 73 selben und entweder ohne alle Unterscheidungszeichen oder mit unrichtigen und oft den Sinn störenden, abgedruckt. Ungleich brauchbarer ist die von Büsching und von der Hagen unter der Aufschrift: „Gedichte des Mittel« alters" (Berlin >»08.4) angefangene Sammlung; sie enthält viel Unbekanntes, unter anderen Wigamur, aus dem Artus - Kreise , und Rein bot's von Dorn (l. nach 122Z; in Baiern nach einer welschen Urschrift gereimtes Märtyrerthum des heil. Georg, und wird des Neuen in der bald erscheinenden Fortsetzung noch weit mehr mittheilen. Der von I. Nep. Graf Mailath und I. Paul Köffinger (Pesch, 18-7. gr. 8) herausgegebene „Koloczaer Coder altteutscher Gedichte" scheint für die Bücherey des K. Matthias Ccrvinus, in Rom si4Zo?z abgeschrieben worden zu scyn; der Erzbischoff Patachich brachte ihn nach Kolocza, wo er der Capitu- lar-Bücherey einverleibt ist; er enthält außer geistlichen und Lehrgedichten, viele Märchen und Erzählungen, besonders mehres vom Strickere und Conrad von Würz bürg. 79 Siebente Vorlesung. Staterlänbischer Sagenkreis; epische Darstellungen aus demselben z ihr Nerha'ltniß zu den vom Auslande entlehnten. Heldenbuch und seine Bestandtheile. Niebelungen Lied. Ner heimathlich - deutsche Sagenkreis stand weder an Alter noch an Neichthum des epischen Stoffes dem ausländischen nach; während dieser Key der vornehmen und gebildeteren Welt, besonders ist den südlichen Gegenden sein Glück machte, erhielt und gestaltete er sich unter dem Volke, wie vieles andeutet, vorzüglich und am lebendigsten in den nördlicheren Strichen. Das Volks- thümlichc dieser Uebcrlicfcrungen offenbaret sich theils in der Einfachheit des Gehaltes und in kräftiger Derbheit des Tones, theils in minderer Abhängigkeit von christlicher Denkart, wiewohl hievon, zugleich mit Benutzung des auswärtigen Wundersamen und neueren Bilder- schmuckes, den jüngeren knnstmäßigeren Verarbeitungen manches beygcmischt worden ist. Die geschichtliche Grundlage dieses Kreises ist das Zeitalter des Hunnen Attila oder Etzel, so ergiebig an erfolgreichen, großen Erscheinungen und Umwälzungen, welche die rührigsten teutschen Völkerstämme in ihrer Gesammtheit trafen, ihre äußere Verhältnisse bestimmten, nach Jahrhunderten in der Erinnerung fortwirkten und auch der Entfernteren Theilnahme erregten. Die Herrschaft dieses Völkerbezwingcrs und Länderverwüsters erstreckte sich von Ungern aus bis über den Rhein, vom Flußgebiete der Donau bis an das Meer; Könige und Fürsten huldigte» ihm als Lehnsherrn; er erschütterte die Welt und züchtigte die Menschheit; was groß und mächtig war, stürzte so er in Niedrigkeit und Knechtschaft; die Gewaltigen der Erde dienten seinem Willen; die Bedrängten suchten seinen Schutz; die Tapferkeit erlag seiner Krieger Menge; alter Rcichthmn und alle Pracht floß an seinem Hofiager zusammen; er wurde durch den Glanz eines höheren Wesens in den Augen der staunenden und zagenden Welt verklärt. Tief in die Gemüthcr der Menschen prägte sich das Bild des Uebermächtigen ein und ward fortgepflanzt von Geschlecht zu Geschlecht. Er und ftinc Zeit wurden der Mittelpunkt, um welchen sich ei» epischer Sagenkreis ansetzte; in diesem bewegte sich vaterländische Einbildungskraft des Volkes; an ihn wurden die Erinnerungen wunderbarer Abentheuer, Leiden und Wagnisse angeknüpft. Aus ihm gingen unter den verschiedenartigen teutschen Stämmen Heldenlieder und Volksgeschichten, Familiennbcrlicfernngen ünd Märchen hervor; so oft sich diese in Verwandschaft des Stoffes, in Richtung des Gefühls und in gemeinsamen Streben begegnen, so wurden sie doch alle örtlich gestaltet; das die Umgebung zu, nächst Ansprechende trat hervor; meist Eins wird beachtet und festgehalten, vieles vorausgesetzt oder übergangen ; bald war die Darstellung kürzer und abgebrochener, bald wurde Mchrcs bindend angcreihet. Vom Geschichtlichen konnte nur eine leise Spur verbleiben; das Außerordentliche, das Gebilde epischer Betrachtung gewann die Oberhand; die Wirklichkeit, kaum der Mitwelt begreiflich, mußte vielleicht schon nach Verlaufeines Men- schenaltcrs dem Wunderbaren weichen und wurde von diesem bey umgreifender Fülle fast ganz verdrängt. Wie tief gewurzelt und weit verbreitet dieser Sagenkreis gewesen, gehet aus Anführungen und Andeutungen der früheren Geschichtschreibcr des Mittelalters, Io rnai^ 81 dcs und Paulus Diakonus hervor; noch im Anfange des sechszchntcn Jahrhunderts fand Avcntin unter den Baiern viele Trümmer desselben; und in der Schweiz erhielten sie sich länger. Nach Dänemark und Norwegen waren sie zum Thcil früher durch Handelsverkehr, zum Theil durch StaatSverbindung mit dem tcut- schen Kaiserhofe im dreizehnten Jahrhunderte übergegaw gen und mit den Mythen der Edda und altnordischen Sagen vermählt worden; am reinsten zeigen sie sich in den epischen Anklängen dcr Wilkina- und Blomsturawalla- Saga. Daß Carl der Große Sagen und Lieder der Art habe aufsammeln lassen, ist äußerst wahrscheinlich; obgleich keine einigcrmaaßen sichere Spur nachgewiesen werden kann, wie und mit welchem Erfolge dieses geschehen sey. Vermuthcn läßt sich, daß seitdem die dichterisch-geschichtlichen Ueberlieferungen des tcntschen Volkes an festerer äußerer Gestaltung gewonnen haben; daß die kaiserliche Aufmerksamkeit, wenn nicht des Volkes Achtung und Liebe dafür vermehrt, doch ihre Einführung in die gebildeteren Kreise desselben gefördert, und vielleicht auch einiger Aufzeichnung und Verarbeitung in lateinischer Sprache durch theilnehmende, wißbegierige Geistliche veranlaßt habe. Was uns davon schriftlich erhalten worden, ist, mit Ausnahme des oben erwähnten alten Bruchstückes von Hildebrand und Hadubrand, jüngeren Ursprunges und gehöret, nach Darstellung und Sprache, in die schwäbische Zeit; mehres hat noch spätere Ucbcr- arbcitung erfahren. Der sonst kleine, auf das Hclden- buch, das Lied der Niebelungcn und Heinrich'6 von Veldegk Herzog Ernst beschränkte Vorrath vaterländisch- epischer Gedichte wird seit einigen Jahren durch Wachler'» Vorlesungen ir Th. U 82 erfreulich- wichtige Entdeckungen forts reuend vermehrt und von unseren rastlosen Forschern und Sammlern, namentlich v. d. Hageu, B ü schin g, Brüdern Grim m, Doceu u. a. zur Kenntniß der tcutschen Lesewelt gebracht. Uns genüge, die beiden Haupt-Erscheinungen, uehmlich die Bestandtheile dessen, was unter dem gemeinsamen Namen des Heldenbuches begriffen werden kann, und das Niebelnngen-Epos ins Auge zu fassen. Unter dem Heldenbnche wird eine Vlumenlese tcnt- scher Helden-Sagen von uralter Grundlage und verschiedener Bearbeitung verstanden. Die Sagen, theils ostgothischcr, theils longobardischer, theils fränkischer, theils sächsischer Abkunft, lebten im Munde des Volkes; aus diesem wurden sie aufgefaßt und dichterisch gestaltet ; einige an kunstloser Einfachheit erkennbar, sehr früh im karolingisch - kirchlichen Zeitalter, die mchrsten, wie wir sie und znverlaßig in wiederhohltcn Ucberar- beitungen haben, im zwölften und dreyzehntcn Jahrhunderte; daher auch nicht ohne Bcymischung fremden Schmuckes und neu eingeführter wundersamer Vorstellungen und Bilder. Der Stoff gehöret der Heldenzeit während der Hunnischen Weltherrschaft an; die Sagen von Otnit, welcher für Odoacher gehalten wird, scheinen lvngobardisch, die von Hug - Dietcrich und seinem Sohne Wolf-Dieterich, Dicterich von Bern, seinem Freunde Hildebrand und seinen übrigen Kampfgenossen, ostgothisch, die vom gehörnten Siegfried und andere, fränkisch und rheinisch zu sehn. Es sind Darstellungen einzelner ritterlicher Abentheuer, in denen oft wörtliche Wiedcrhohlungcn, in einigen auch nähere Beziehungen auf das Niebelungen-Epos begegnen; fasr in allen macht Kampf mit Drachen und Riesen und Errettung der Braut 85 den wesentlichen Inhalt aus; der Grundton hat nichts christliches; Denkart, Sitten und Leben der gefeierten Helden weisen auf frühere Zeiten bist, wenn sie auch durch Verschmelzung mit jüngeren romantischen Zügen an Heller Anschaulichkeit ihrer Urgestalt etwas verlohren haben. Nur wenige dieser teutschen Heldensagen sind bisher gedruckt und wegen Seltenheit, auch wegen minderer Richtigkeit der Abdrücke zu benutzen gewesen. Das seit Ende deS fünfzehnten Jahrhunderts mehrmals (ohne Jahr und Ort, wahrscheinlich um 1477, in Fol.; Augsb. 1491. 4; Hagenau, für Hans Knoblauch in Strasburg, »509; 0. O. 164Z; Frankf 169». F.; das. »690. 4.) gedruckte Heldenbuch enthalt blos Kaiser Otnit und den kleinen Zwerg Elberich, den Hug-Dieterich und seinen Sohn Wolf-Dictcrich, in vierreimigen Strophen, nach Wolframs von Eschen dach Bearbeitung; und den kleinen König Laturin oder den kleinen Rosengarten (eine lustige Aue bey Worms, worin viel Helden gekämpft haben und gefallen sind), von Heinrich von Ofterd ing en; das leztere Gedicht ist auch einzeln zu Strasburg (0. I. uud 1609. 4) abgedruckt worden. Einzeln sind erschienen: Riese Siegcnot, der Kampf Dieterich's und Hildebrand's mit ihm (Heidelberg -490-F. und bis 1661 noch viermal); Ekins Ausfahrt oder Dietrichs Kampf mit Eken, seinem Bruder Fasold und deren Riesen-Sippschaft (Augsburg 1494. 8 und noch zweymal in Nürnb. 1512; Strasburg »677. 3) ; Hörnen Siegfried und sein Drachenkampf (Nürnb. 8.; 0. O. i235. 3), bald als prosaisches Volksbuch in Umlauf gebracht und viel gelesen; seit kurzem im in Bande der v. d. Hagen - Bnsching'schen Sammlung, König Nother, Larl's Grosvater, mit oströmi- v * 84 scheu Dichtungen durchflochten und den Uebergang zum Sagenkreise von Carl und seinen Paladinen, und von der Roncevalschcn Schlacht anbahnend; vielleicht nur mit Beschränkungen hieher zu rechnen. Vieles und Treffliches ist ungedrnckt und die reichhaltigsten Handschriften dieses vollständigeren Heldenbu- chcs befinden sich in Strasburg, und aus der Ambrascr Wucheret) in Wien; eine Sammlung verneutcr Bearbeitungen durch den gelehrten Caspar von der Roeu k>472Z, von diesem selbst geschrieben, liegt in Dresden; Einzelnes wird ebendaselbst, in Heidelberg, in München und anderwärts aufbewahrt. Davon kennen wir aus Anführungen und kleineren Bruchstücken: Dieterich's und seiner Gesellen Kämpfe mit Würmen, d. h. Drachen, und Niesen; das Rosengartenlied oder Kämpfe der zwölf Helden von Worms und der zwölf Helden von Bern, zulezt Dieterich's und Siegfrieds, vierreimig, eingreifend in das Niebelungen-Epos, und sehr abweichend in den verschiedenen Abschriften; Dicterichs Flucht zu den Hennen; Etzel's Hofhaltung oder der wilde Wunderer; die Schlacht vor Naben oder Ravenna; Hildebrand und sein Sohn; Alphart's Tod; das Mcerwundcr. Diese sämmtlich, zum Theil nach Rocn's Umarbeitung, zum Theil in älterer und jüngerer Gestalt werden im zwcytcn Bande der v. d. Hagen - Büsch in g 'scheu Sammlung, mit einleitenden Untersuchungen und geschichtlichen Nach- weisungen mitgetheilt werden; und dann erst sind wir in den Stand gesetzt, diesen Heldensagen-Kreis einigermaa^ ßen zu überschauen, und den Quellen oder ursprünglichen Vorstellungen, aus denen sie geflossen sind, den mehren Richtungen in der Darstellung und den Eigcnthümlichkei- ten der Sprache nachzuforschen. 85 Das Lied der Niebelungcn, eines großartigen Hcl- dcngcschlechtes, oder, wie es in den besseren Handschriften benannt ist, das BnchChriemhilden, wird mit vollem, nur von entschiedener Unkunde angestrittcncm Rechte als das Höchste, als ein vollendetes Epos, unter den Denkmälern der alttcntschcn Dichtkunst, gepriesen; unser Zeitalter mag stolz darauf scyn, daß dieses Kleinod in ihm bekannter, richtiger gewürdigt, vielseitig untersucht und als Ekstein volksthümlichcr Kunst anerkannt, in Unterrichtsanstalten eingeführt und für die verschiedenartigsten Leser zum Gegenstände der Bewunderung und des Ge- nußes erhoben worden ist. Das Geschichtliche in diesem, nach allen seinen Bestandthcilcn eng verschlungenen, zur reifsten epischen Einheit erhobenen Heldengedicht, verlaufet äusserst einfach: „Siegfried, König der Niederlande, umstrahlt vom Glänze herrlicher Waffenthaten, erhält Chriemhild, die Schwester Gunthar's, Königes der Burgunder zu Worms; diesem wird die herrliche Brunhild zu Thcil durch Beyhülfe Siegfrieds, welcher die ihren Besitz erschwerenden zauberischen Hindernißc mit seiner Wunderkraft zu beseitigen weis. Die Schwägerinnen veruneinigen sich über das Ansehen und die Vorzüge ihrer Gatten; das von Chriemhild im leidenschaftlichen Wortwechsel unvorsichtig verrathcnc Gcheimniß des Antheils, welchen Siegfried an Vollziehung der Verheirathung der Brunhild mit Gunthar gehabt, verwundet das Schaamgc- fühl der stolzen Königin und entstammt ihren unversöhnlichen Haß gegen den Mann, der sie getäuscht und für einen anderen gewonnen hatte. Sic veranstaltet Siegfrieds Ermordung durch den tückischen Hagen auf der Jagd. Chriemhild von unheilbarem Schmerze durchdrungen, brütet Rache, heirathet den ländcrmächtigcn Etzel, 86 weis die Burgunder zu einem großen ritterlichen Feste an dessen Hof zu locken und verdirbt sie. Hageu's Haupt schlägt sie mit Siegfried's Schwerdtc ab, welches sein Mörder ihm entwendet hatte. Sie selbst-fällt durch Hil- dcbrand. So werden Leben und Tod einer ritterlich hohen, schönen Frau, mit ihrer uncrlöschlicheu Liebe und mit der Nachsucht, wie nur diese in solcher Gründlichkeit und Allmacht erzeugen kann, veranschaulicht; Chricmhild trägt und pflegt den immer jungen Schmerz in ihrer Brust; er ist die Seele ihres Daseyns und endet erst mit dsescm, so bald dem ermordeten Geliebten ein Grausen erregendes großes Todtenopfcr mit Schuldigen und Unschuldigen dargebracht worden ist. So wird versöhnt der Schatten Siegfried's, der wie eine Geister^ erschciilung im Inneren der ganzen Handlung waltet; so wird ein fruchtbar erhabenes Gottesgericht gefeiert. Der Stoff des Epos ist uralt; er muß in der Zeit, wo er geschichtlich war , frisch aufgefaßt worden seyu; dafür zeugen die naturgemäße Darstellung, die Lebendigkeit der Farbe, die helle Reinheit des Grundtones in allem, was die Sitten, das Streben und Thun, die Her- kömmlichkcitcn und Gebräuche unter den Menschen im Hunnischen Zeitalter so treu und wahrhaft abspiegelt; es lieget dabey Anschauung in unverdorbener Erstlingskraft zu Grunde, keine verbleichende, sich nach Veränderungen jüngerer Geschlechter wandelnde Ueberlieferuugcn; es ist die Ritterlichkeit in rohem Beginnen, deren Urzüge uns begegnen, allen verwitterten Eigcnthümlichkeitcn ungebildeter Lehnsverfassung und trotziger Waffen-Ehre, bis in den Tod getreuer brüderlicher Genossenschaft und fleckloser Tapferkeit. Mannigfache innige Bezichnngen auf die ältesten teutschcn Heldensagen sind unverkennbar. 87 Das Christenthum, seit Karl's des Großen Zeitalter Mittelpunkt des ritterlichen Lebens, tritt nirgends als vorherrschender Beweggrund in der Handlung hervor, wenn gleich die christliche Gcstnnnng in ritterlichen Schilderepen durchschimmert; sie gehöret der dichterischen Betrachtung nicht dem Stoffe an. Allerdings mag die Sage, wie auch von allen anderen gilt, vereinzelt und in getrennten Bestandthcilcn unter dem Volke umgegangen und nach Art und Weise der Balladen und Heldenlieder erhalten worden sepn; in wie weit Karl's Sammlung vaterländischer Heldengedichte auf ihre Gestaltung oder Znsammcnfügnng eingewirkt habe, wird sich nie ausmittcln lassen; daß sie jedoch schon damals zu epischer Einheit gediehen sepen, ist durchaus unwahrscheinlich und wird selbst durch Beschaffenheit der übrigen uns erhaltenen vaterländischen alten Kampfsagcn widerlegt. Aber eben so unwahrscheinlich ist die Vermuthung, daß das Ganze aus einzelnen rou»an- zenartigcn Gedichten von mehren Ordnern zusammengesetzt und nach und nach überarbeitet worden sey. Gegen solche Anwendung des scharfsinnigen Wolfischen Gedankens über Entstehung der Homerischen Gedichte ans das Niebelnngen-Epos dürfte schon allein entscheidend befunden werden, daß sich keine sichere Spur einer, der Homerischen ähnlichen Bardenschule im damaligen teiitschcn Kunstleben geschichtlich nachweisen läßt; wenn auch auf den ihr laut und kräftig widersprechenden Geist im Inneren des Gedichts weniger, als Rechtens ist, geachtet werden sollte. Dieser, der feste Gang, die sichere Haltung, das überall vorwaltende Streben nach einem, nie ans dem Auge vcrlohrncn Ziele, die Alles durchdringende, beseelende, erwärmende, belebende hohe Einfaltigkeit des 88 Geistes zwinget unausweichbar zur glaubigen Uebcrzcu- gung, daß nur Einer das Ganze mit schöpferischer Dichterkraft aufgefaßt und den theilwcisc unter dem Volke vorhandenen Stoff zur epischen Einheit gestaltet habe. Wir wissen aus bestimmtem Zeugniß in der etwas spateren Klage, welche dem Epos beygefügt ist, daß Pelcgrin sst. 991), Bischof von Passau, um das Andenken des Markgrafen Rüdiger von Pechlarcn f st. 916s zn feiern, die Niebelungen-Sagen sammeln und durch seinen Schreiber Conrad (welcher Name zudem Mis- verständniße Veranlassung gegeben haben mag, als sey das Gedicht von Conrad von Würzburg geordnet und gestaltet worden) lateinisch aufzeichnen ließ, aber von dem Vcrhältniße, in welchem diese Arbeit zu unserem Gedichte stand, wissen wir nichts; nur so viel können wir ahnden, daß die Zusammenstellung der zerstreuten Sagen der epischen Darstellung vorauf gegangen war; auch wird in dieser selbst ausdrücklich gesagt, daß sie diese Abentheuer nicht zuerst besinge. Der Dichter, welchem das Werk seine dermalige Gestalt verdanket, ist der größte in dem an kräftigen und zärtlichen Sängern so reichen Schwäbischen Zeitalter; sein ganzes Wesen ist von einem Grundgefühle, Liebe und Leid, ergriffen; er hat die Eigenthümlichkeit der Zeit, der Natur, des Lebens und der Menschen, Männer wie Weiber, Eingcbohrner und Ausländer, in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit und Abgeschlossenheit tief aufgefaßt; alles, was geschiehct, einzeln anschaulich gestaltet und in seiner Verkettung, hinstrebcnd zu einem Alles auflösenden Schlüsse, mit meisterhafter Bündigkeit sich lebendig vergegenwärtigt. Uebcrall waltet die geistige Ueberlegeuheit schöpferischer Dichtcrkraft; sie ordnet mit 89 umfassender Einsicht, weiset und beweget sich an rechter Stelle, und die reichste Fülle der Gestalten und Ereignißc schwebet am unsichtbaren Faden dem Auge der Betrachtung vorüber und verschwitzet in befriedigende Einigung. Ueberall hallet der Volkston wieder; mit kindlicher Liebe wird der heilige Born geehrt, aus dem Alles geschöpft ist. Der Dichter erscheinet als Herr und Meister der Sprache und des Versbaues; seine kunstreiche Freyheit und ihre ergiebige und fügsame Herrlichkeit stehen im Gleichgewichte, in einträchtiger Wechselwirkung; so viel Mannheit und Milde hat kein Zeitgenosse ihr abzugewinnen gewußt; Richtigkeit und Wohllaut in solchem Maaßc werden nur bey ihm gefunden. Das Gedicht ist in vier langzeiligen Strophen, welche Alter sind, als die achtreimigen Stanzen, abgefaßt; die leztc Halbzeile der Strophe ist meist um einen Fuß länger. Das Gesetz des Sylbcnmaßcs beruhet auf Betonung. Daß der Dichter im Zeitalter der höheren dichterischen Ausbildung des tcntschen Volkes gelebt hat, lehret die Vollendung seines Werkes; auch enthält es Spuren von Schriftgelahrhcit, namentlich geschiehst der Briefe Erwähnung; von dem im Anfang der zweyten Hälfte des zwölften Jahrhunderts »162z gebauten Wien ist mehrmals» die Rede; die älteste Handschrift scheint noch in das zwölfte Jahrhundert gesetzt werden zu müssen; in dieser Zeit muß demnach der Verfasser spätestens gelebt haben. Uebcr den Namen des Verfassers sind viele Vermuthungen aufgebracht worden; gegen Conrad von Würzburg sprechen Gründe der Zeitrechnung so siegreich, daß andere gleich wichtige nicht aufgeführt zu werden brauchen; auch von Wolfram von Eschenbach und an den Marner darf nicht gedacht werden; des 90 erstercn sattsam bekannte dichterische Eigentümlichkeit und seine Vorliebe für auslandische Stoffe sind mit der Abfassung des Niebelungcn-Liedes unvereinbar, und sein abgefeierter Name würde schwerlich unterdrückt worden scyn; vom lcztcrcn wissen wir zu wenig um zu solcher Annahme auch nur entfernt berechtigt seyn zu können. Der Dichter scheinet viel im Oesterreichischen gelebt zu haben; da ist er am bekanntesten; von da gehet sein Gesichtskreis ans; und so dürfte sich die Meinung, daß Heinrich von Ofterdingen, als einer der fruchtbarsten, geistvollsten und kenntnißreichsten Dichter geachtet, Urheber des herrlichen Werkes gewesen sey, am ansprechendsten empfehlen; denn Kliu gsohr, aufweichen Einige verfallen sind, war, nach den freilich dürftigen Nachrichten von ihm, zu dialektisch und morgenländisch, um dafür gehalten werden zu können. Das Gedicht mag wohl manche leichtere Veränderungen und kleinere Zusähe erfahren haben; aber im Ganzen erscheint eö in den vielen auf uns gekommenen Abschriften, dem Grundwcsen des Inhalts und der Sprache nach, in derselben Gestalt. Abgesehen von mehren, zum Theil bedeutenden Bruchstücken, die an verschiedenen Orten aufgefunden worden sind und noch immer neu cntdekt werden, besitzen wir sechs, meist vollständige Handschriften, deren Abweichungen sich großenteils aus örtlichen Ursachen und weil die älteren mündlich vorgesagt und nicht von einer vorliegenden Urschrift abgeschrieben worden sind, erklären lassen. Die S. Galler Handschrift, aus dem Anfange des dreyzehuten Jahrhunderts, in schweizerisch - schwäbischer Mundart, scheint die vollständigste und aus- gcarbeitctstc Zu scyn; sie hat Strophen mit inneren Reimen, welche in der älteren Bearbeitung nicht statt gefun- 91 den haben; die zweyte Hohen-Emser, jezt zu Heiligen- berg am Bodensce, die älteste der Abfassung nach, ist von einer älteren Necenston, hat Langzeilen und manche Veränderungen in Sprache und Schreibart, stimmt aber fast durchaus mit der St. Gallcr übereiu; die Münchner, aus dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts, Buch Chriemhilden überschrieben, unvollständig am Ende der Klage, hat meist überflüssige Ergänzungen und Berichtigungen, Nachhülfen des jambischen Verses, Eintheilung in Stanzen, eine jüngere baierischc Mundart; in Vollständigkeit trift sie mit der St. Gallcr, im Gegensatze der zweytcn Hohen-Emser, zusammen; alle drei) haben dieselbe Abthcilungen der Aventureu und schließen mit der Noth. Die Ambraser Handschrift in Wien, aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, ist mit der St. Galler und Münchner verwandt; sie hat dieselbe Uebcrschristen, welche in lcztercr sich befinden; doch ist die Klage vollständig ; beide mögen aus Einer Quelle geflossen sepn. Die Hundeshagcusche Handschrift, welche geraume Zeit als die Pfälzisch-Vatikanschc gegolten hat, ist ebenfalls jung, hat südteutsche Mundart und viele kleine Abweichungen , welche minder ausgefeilte Bearbeitung andeuten und auf eine andere Quelle hinweisen. Die erste Hohen-Emser Handschrift, jezt in München, zeichnet sich durch die beträchtlichsten Abweichungen aus, welche auf eine jüngere Umarbeitung von erfahrner Kunfthand schliessen lassen; ihr Tert ist aus mehren gewählt und veeräth ein freyes Streben, zu mildern, zu bessern, nachzuhelfen; manche ihrer Erweiterungen sind störend; dem Schlüsse ist eine christliche Richtung eigenthümlich. Die dem Niebelungen Lied beygefügte Klage ist späteren Ursprungs und stellt denselben Stoff, mit mehren 92 Auslassungen und Abweichungen dar; ihr Verfasser scheint das Epos in einer von ihrer gegenwärtigen verschiedenen Gestalt gekannt und benutzt zu haben. Anch er ist ein wackerer Dichter und sein Werk hat nicht geringes dichterisches Verdienst, kann aber dem Gehalte und Geiste nach dem Hauptwerke nicht an die Seite gesetzt werden. Die erste vollständige Ausgabe des Niebclungen- Liedes besorgte Eh. H. Müller in dem ersten Bande seiner Sammlung ; die vordere Hälfte ist nach der zweytcn Hohcn- Emser Handschrift, die Hintere aus der mangelhaften ersten Hohen-Emscr abgedruckt. Diesen Abdruck ließ F. G. von der Hagen sorgfältiger und nicht ohne Berichtigungen (Berlin 1810) wiedcrhohlen; in einerzweytcn Ausgabe (Breslau i8»6. gr. 8.), welcher bald eine dritte vielfach kritisch berichtigte folgen wird, wurde die S. Gallcr Handschrift zu Grunde gelegt. Eine kleine Handausgabe ließ Z eune (Berlin i3i5. 12.) hervortreten, deren Anlage und Einrichtung bey einer neuen Auflage unfehlbar ansehnlich gewinnen werden. An Ucbcrtragungcn der Niebelungen in neueres Deutsch ist kein Mangel; wir sollten ihrer nicht bedürfen wollen. Die geheimnisvollen Deutungen des Epos und seine Beziehungen auf alttcutschc Religionsvorstcllungen werden deshalb hiermit Stillschweigen übergangen , weil sie unserer Achtung für hohen vaterländischen Dichtcrgeist wehe thnn und den Spielercyen verwandt zu seyn scheinen, welche allegvristreudcs und kabbalisircndcs Judenthum oder müßig-brütende Mönchsköpfe in klösterlich-dumpfer Vereinsamung hervorgebracht haben. In welches Zerrbild würde die alttcutschc Dichtcrwclt umgewandelt, wenn ihr eine so freudelose, gespenstig-düstere, rathsel- haftc Gelehrsamkeit angedichtet würde! 95 Von zwey nordteutschen christlichen Heldengedichten des dreizehnten Jahrhunderts, Chantrnm, welches oft mit Edda-Sagen, in Einzelnem mit dem Niebclungen- Epos zusammentrift, wenn gleich Stoff und geschichtliche Gestalten ganz anderer Art sind, als in diesem, und Pitrolf und sein Sohn Ditlaibe, welches der Wilkina-Saga nahe verwandt ist, werden wir bald näher unterrichtet werden; sie sollen nach der in Wien befindlichen, für Marimi- lian I ftZi?) verfertigten Ambraser Handschrift im Druck erscheinen. Durch sie wird vielleicht die dichterische Verbindung und der Sagentausch zwischen Nord-Teutschland und Dänemark deutlicher aufgehellt werden. 94 A ch t e V o r l e s li n g. Erzählungen. Fabeln. Lehrgedichte und Sittcnspruche. — Rückblick auf den Gesummt-Ertrag des Zeitraumes. Neben herzinniger lyrischer Empfindung und Begeisterung, so wie neben höheren epischen Bestrebungen, dauerte die ältere kirchliche, mcbr reimende als dichterische Thätigkeit fort. Von dieser Art waren Umschreibungen der Bibel, heiliger und kirchlicher Geschichten und frommer Ueberlieferungen. Einer solchen Arbeit des Rudolf von Ems ist schon oben gedacht worden; noch älter ist die handschriftlich zu Mcrgenthcim aufbewahrte gereimte, mit eingemischten heidnischen Sagen und Bildern verbrämte Bibelumschreibnng, welche ein gewisser Muck auf Veranlassung des Hochmeisters Conrad, Landgrafen von Thüringen (st. verfertigt und Heller von Marburg fortgesetzt hat; mehre solche Denkmaler sind in Klöster-Büchereien vorhanden gewesen und jezt meist in größere Handschriften - Vor- rathe übergegangen; für Sprachforscher haben sie Werth; auch können Folgerungen über Kenntnisse und Vorstellungen des damaligen Gelehrtenstandes daraus abgeleitet werden; zur Erweiterung ver dichterischen Kunstgeschichte des Vaterlandes leisten sie geringere Beyhülfe. Aus gleichem Gesichtspuncte sind die, späterhin zu kaum übersehbarer Menge angewachsenen, zum Theile auch für Vermehrung und Sicherstellung geschichtlichen Stoffes benutzten, geschichtlichen Reimereyen zu betrachten. Zu den frühesten und mehrseitig schätzbarsten Arbeiten der Art gehören die des Johann Ennenkel aus Wien sst. lsLo.s, bestehend in einem (zu Linz, am richtigsten 95 i6>3. 8; fehlerhaft 174a. 12.) gedruckten, aus klösterlichen Urkunden und Volkssagen geschöpften „ Fürstenbuch von Oesterreich und Steyer", welches von der ältesten Zeit bis zum Jahre 1246 reichet, und in einer theils gereimten theils prosaischen Weltgeschichte bis auf Kaiser Friedrich II., von welcher der Bcnedictiner Magnus Fans eine, ans Mangel an Unterstützung unterbliebene Ausgabe, mit Proben (Neresheim 1796. 8>) ankündigte; als Fortsetzer dieser, zu ihrer Zeit sehr verdienstlichen und in Beziehung auf örtliche Mundart wichtigen Unternehmungen, ist der weit jüngere Ottokar von Hornek ist. nach »809 z anzusehen. Fruchtbarer für unsere Absicht erscheinen die seit Mitte des dreizehnten Jahrhunderts in fortschreitend sich vermehrender Anzahl hervor tretenden Erzählungen einzelner Ereignisse, die Novellen und Schwänke; sie haben oft ausgezeichneten dichterischen Kunstwerth, sind in Anlage und Entwickelung gleich gelungen und empfehlen sich, bey meist guter Sprache und angenehmen freyen Versbau, bald durch leichten raschen Gang, bald durch heitere Laune, durch Hauswitz und treflichc Natürlichkeit des Tones; ihr Stoff war keinesweges blos aus fremden Quellen geschöpft, sondern oft werden Ereignisse und Wahrnehmungen aus gleichzeitiger teutscher Wirklichkeit dargestellt und diese Schildereien einzelner Züge des teutschen Lebens gewahren eine reiche Ausbeute an geschichtlichen Ansichten über damalige Eigenthümlichkeit der Sitten und Gebrauche, der gesellschaftlichen Verhältnisse, und der Betrachtung und Beurtheiluug derselben. Viele solche Erzählungen sind ohne Namen ihrer Verfasser auf uns gekommen, viele sind vom Strickere und von Eonrad von Würzburg verfertigt; eine 90 ansehnliche Sammlung enthalt der oben angeführte „Ko- loczaer Eodcr"; manche wurden in der Br. Grimm „Alttcutschen Wäldern" abgedruckt; doch bleibt noch eine beträchtliche Nachlese übrig und eine besonnene Auswahl der besseren, mit umsichtiger Benutzung der, jezt für solche Zwecke so frcygcbig aufgethanen handschriftlichen Vorräthe, würde den Bedürfnissen und Wünschen der für altere Kunstwerke in vaterländischer Sprache gewonnenen gemischten Lesewelt entsprechen. Wer sich zur Ausführung eines so zeitgemäßen und dankeswerthcn Unternehmens entschließet, wird so wenig die zahlreichen Ucber- bleibsel des wackeren Nithart, von denen von der Hagen eine schöne handschriftliche Sammlung, mit Sangweisen zu den oft trcflichcn Liedern, besitzt, als die zum Thcilc ausgezeichnet gelungenen späteren Erzeugnisse der Art unberücksichtigt lassen dürfen, wenn die Absicht, den Rcichthum und die Treflichkcit unserer Littera- tur in diesem Kunstfache bemerklich zu machen, einigcr- inaaßen erreicht werden soll. Auch der Apolog, die äsopische Fabel, Versinnlichung einer sittlichen Wahrheit durch ein, gewöhnlich als solches nnd als Hülfsmittel sich bald ankündigendes, Bild lebendiger Handlung, blieb nicht unbearbeitet. An Auffindung nnd Verbreitung des Stoffes dazu hatten Schriftgelehrte und Volk fast gleichen Antheil; in jener Verwahrsam befanden sich frühzeitig nicht wenige, aus dem Zeitalter des gesunkenen römischen Geschmackes vererbte, Fabel- Sammlungen; zu diesem gelangten die Uebcrlieferungen vielfacher morgenländischcr Verarbeitungen; wie sich denn überhaupt diese kindlich - einfache dichterische Belehrung , in wundersamer Einheit und Verzweigung bey allen, auch deu verschiedenartigsten Völkern der alten Welt 67 Eingang und Bürgerrecht verschaft hat. Wir besitzen Fabeln von mehren angesehenen Minnesingern der besseren Zeit, von Marncr, Reinmar von Zweier, dem Strickerc, Conrad von Würzburg n. a. Eine schätzbare Anthologie von Fabeln und einigen Erzählungen hat sich unter der Aufschrift „Boner's Edelstein" in mehren Handschriften zn Strasburg, Wolfenbüt- tcl u. s. w. erhalten; ihr Inhalt ist theils aus Aesop und Avian, zum Theil aus den Geschichten der Römer und von welschen Mustern entlehnt; die Darstellung hat viel Leben und Anschaulichkeit; der Ton ist treuherzig, die Sprache rein und gefällig; sie sind dem Burggrafen von Rutcnburg oder Ringg enbcrg, beide gcach. tele Sänger, gewidmet. Eine uralte Ausgabe (Bamberg durch Albrccht Psister 14k-. kl.Fol.) gehöret zu den seltensten Denkmälern der Buchdruckerkunst; Bruchstücke daraus ließ Scherz (Strasb. 1704. Fol.), einen voll- standigen Abdruck Bödme r (Zürich 1767.) und Esch cn- b urg (Berlin 1810.) erscheinen; „berichtigt aus Handschriften und mit einem Wörterbuche versehen" wurden sie von G. F. Benecke (Berlin >816. gr.8.) herausgegeben und diese Ausgabe verdienet als musterhaft und bequem zur Einführung in diese Studien nachdrücklichst empfohlen zu werden. Vorzüglich reich endlich ist dieß Zeitalter an Zusammenstellungen von Sittensprüchen, Lebenserfahrungen, Warnungen, Ermahnungen; eingegeben von biederer Häuslichkeit und bürgerlicher Rechtlichkeit; zeugend von sittlichem Ernste, dem eigenthümlichsten Zuge in tcntscher Denkart; rügend die Fehler und Thorheiten der Mitwelt; manches ganz frisch und lebendig aus gegenwärtiger Wirklichkeit heraushebend; folglich zu geschichtlicher WachNr'j Woaesunzen i r ?h. / 88 Benutzung noch mehr als zum Kunstgenuß geeignet. Die Sprache ist meist schlicht und gediegen derb, wohl oft der des Umganges nahe verwandt und eben darum den Forscher doppelt anziehend; der Ton ist in der Regel etwas breit, die Darstellung ohne dichterischen Schmuck, nur wärmer und kraftiger, wenn sie Unwillen und Mismulh ausdrückt. Es würde musterhafte und tadelnswcrthe Gleichgültigkeit gegen Beurkundung vaterländisch-frommen Edelsinnes und sittlich-tüchtigen Strcbcns nach dein Rechten und Höheren vcrrathen, wenn von den bedeutsameren und gehaltvolleren Lehrgedichten des Schwäbischen Zeitalters hier kein Bericht erstattet würde. Als die ältesten gelten die Lcbensrcgeln, welche König Tyrol von Schottland seinem Sohne Vridebrand, und der Winsbeke seinem Sohne und die Winsbekin ihrer Tochter crtheilt; sie sind in achtzeiligen Jamben-Strophen abgefaßt; die Beschaffenheit ihrer schwäbischen Mundart weiset auf das Ende des zwölften oder den Anfang des drcyzehnten Jahrhunderts hin; es offenbaret sich in ihnen ein christlich- frommer, ächt ritterlicher Sinn, viel männlich-kluge Besonnenheit und Umsicht, menschliche Milde und Zart- ' : Tyrol faßt hauptsächlich die äusseren Verhältnisse bei», wrlcbcns ins Auge; der Winsbeke sorget für des Mr. ?stck und seine Ermahnungen schließen mit häusliches E>.. ^orsatze, der Welt zu entsagen; von dem mönchischen 5- WeclMunterhaltung mit ihrer der Winsbektu sittUche '-.befangeuheit sich äußernder ,n reizeud-N'.ugs a . voll mütterlicher Zärt- . e. 2.) und der Winsbekin Lehren sind mit Ucbcrsetznng von Franz Heinrich Sparr (»760. 4.) herausgegeben worden. — Nicht viel jünger ist der wclfche Gast in zehn Theilcn, jeder mit mehren Abschnitten, ein Sittcnbnch von großcrMan- nigfaltigkeit, in guter einfacher Sprache; als Verfasser nennt sich Thomasin von Tirklcr (von Zerelarc, von Clär, von Ferrara, von Verona) aus dem Friaul; er lebte lst2»6j im ersten Vierthcile des dreyzehntcn Jahrhunderts und hat vielleicht nnr nach damaliger Dichter- Sitte als Welscher gelten wollen; seine Denkweise und Mundart sind rein teutsch. Noch ist das in vielen Handschriften zu Heidelberg, Wolfenbnttel, Gotha, Dresden, Ulm (jetzt wohl München) und anderwärts erhaltene Gedicht nicht vollständig gedruckt; Bruchstücke daraus finden sich unter andern in Eschenburg's „Denkmälern altteutscher Dichtkunst." — In dasselbe Zeitalter gehöret Meister Frey dank; unter welchem, wir wissen nicht, ob wahren oder bildlichen Namen ein sehr geachtetes, viel gelesenes, dem K. Friedrich II. gewidmetes, Gedicht in vierfüßigen Jamben „Bescheidenheit" erhalten ist, welches darauf dringet, im Thun und Lassen das gehörige Maaß zu beobachten. Ueberall offenbaret sich 7 » barin reinere Lebensansicht, edle , sittlich - ritterliche Gesinnung, gründlicher Hausvcrstand, und auf sclbst- ständigcs Nachdenken gestützte Frömmigkeit; die oft sinnvollen und kräftigen Sittcnsprüchc, bald bündig-kurz, bald beredter ausgeführt, haben wenig Znsammenhang nntcr einander; die Sprache ist trefflich. Wie beliebt das Gedicht gewesen, zeiget sich in der großen Menge von Handschriften, welche in vielen tcntschenBüchereien vorhanden sind; und eben der häufige Gebrauch macht wahrscheinlich, daß es ihm, eben so wie dem Renner, von Lesern und Abschreibern manche Abänderungen, Erweiterungen, Abkürzungen und Zusätze zu Thcil geworden seyn mögen, welches erst durch prüfende Verglci- chung mehrer Abschriften ansgemittclt werden kann. Sebastian Braut gab es (Strasburg -6c>8. 4. und öfter) mit ziemlich wiilkührlicher Abänderung, anders geordnet und das Sylbcnmaas gleicher gestaltet heraus; in dem zweyten Bande der Müll e r-sehen Sammlung erschien es aus einer, von Braut's Umarbeitung nicht sehr beträchtlich abweichenden Strasönrger Handschrift; eine kritisch genauere und vollständigere Ausgabe wäre zu wünschen. — Von dem Strickere und anderen haben wir tugendsame Betrachtungen, Moralitäten, welche die Hinneigung des Zeitalters zu sittlicher Beschaulichkeit der Welt bezeichnen; in Conrads von Würz- bnrg biblischen Allegorien kündigt sich eine ähnliche, noch strengeres Verzichten auf irrdischcn Prunk andeutende Richtung dcö Gcmüths an; feine „Klage der Kunst" drücket einen wehmüthig strafenden Ernst aus, der die schon begonnene Ausartung der vornehmeren Mitwelt nicht bezweifeln laßt; beide Denkmäler sind im ersten Banoe des v. d. H ag cn - Büsch in.g'sehen altteutschen t01 Mufcums bekannt gemacht worden. Viele andere lieber- blcibscl tcutscher Spruchwcishcit und fromm-sittlicher Denkart sind in Sammlungen zerstreut abgedruckt; ungleich mehre liegen in handschriftlichen Vorrc'tthcn, oft kaum dem Namen und der Aufschrift nach bekannt. Ob daö satyrisch-didaktische sprüchwörtliche Werk „Salomen und Morolf" nach seiner frühesten tentschen Bearbeitung in dieses Zeitalter gehöret, wie von der Hagen rem muthct, dürfte sich nur aus den feinsten Wahrnehmungen in Sprache und Denkart benrtheilen lassen; beide scheinen jüngerer Abkunft zu scpn. Der Stoff ist aus alter Volkssage des Morgenlandes geflossen, m welcher ein harter, um so eindringlicher Gegensatz zwischen Salo- mon's hoher Weisheit und Bildung und Morolf's witzig- derber Gemeinheit ausgedrückt und in morgenländischcr Herkömmlichkcit mit aufgegebenen und gelöseren Rathseln versinulicht war; er nahm abendländische und teutsche Eigentümlichkeit an, indem Morolf immer mehr in das Verhältnis? eines Hofnarren zu einem großen Fürsten gesetzt wurde, und gewann bald eine so sichere Hcimath- iichkeit, daß er bis gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts wicderhohlt fleißig bearbeitet und als Volksbuch in Umlauf gebracht worden ist. Die älteste Bearbeitung findet sich in dem ersten Bände der v. d. Hagen - Büsch ing'scheu Sammlung; sie ist von einem nicderteut- schen Klosterbruder einer lateinischen Urschrift frey nachgebildet und hat einen, wahrscheinlich jüngeren zweyten Thcil, romantisch - abenthencrlichen Inhalts. — Zulezt gedenken wir des Hugo vo n Trymbc rff, einem Würzburgischen Orte, gebürtig, durch welchen der Ucbergaug zu einer, sich vielfach anders gestaltenden Dichterweit am merklichsten bezeichnet wird. Er war buchst wahr- Z02 scheinlich ein Geistlicher und stand lange svor 1266 bis nach iZooZ einer Unkcrrichtsanstalt in Thürstadt Key Bamberg vor; den Schatz der Erfahrungen und Ansichten seines Lebens legte er in einem Spruchgedichte nieder, welches der Renner überschrieben ist, weil es sich in alle Welt verbreiten sollte und, wie die übergroße Menge der Handschriften in den meisten teutschen Büchereien ausweiset, auch wirklich verbreitet hat; vieles scheint aus seinem früher verfaßten Werke, der Sammler, in den Renner herüber genommen zu seyn. Der welterfahrne, vieibe escne, fromm-rechtliche Mann theilt darin seine Beobachtungen und Betrachtungen über Menschenleben und Zcitsitten, Bürgerpflichten und Eigenheiten der verschiedenen gesellschaftlichen Stande, in bunter Mannigfaltigkeit, ohne Zusammenhang und Einheit mit, so willkührlich, wie der Gedanke ihm erwachte und Laune ihn hinzog, dabey zu verweilen und sich darüber auszusprechen. Sein Muster ist Frei) dank's Bescheidenheit. Ermahnungen und Sprüche, oft derb und rauh, wechseln mit Allegorien, Fabeln, Märchen, bald ernsten, bald scherzhaften Sittengemaldcn nach dem Leben, und got- tcöfürchtigcn Betrachtungen. Bitter ist er gegen Unarten der Geistlichkeit, abgeneigt dem Leben und Treiben des Adels, den rittterliche» Uebungen und Abentheuern, unv den Büchern, die davon handeln. Alle Darstellung und Ton sind ungleich, jene meist breit, dieser oft wenig > cbildct und geschliffen; die Sprache hat weniger Anmuth und Dohllaut, als Rcichthum an gedankenvoller Neuheit und Eigcnthümlichkeit. Bei) einem Werke von dieser Beschaffenheit ordnet sich der Kunstgenuß, obgleich uicht unbe.rächtlich, der Beachtung geschichtlicher Wichtigkeit und fruchtbarer Ergiebigkeit für Sprachforschung von WZ selbst unter; daß es in lcztcren Rücksichten äußerst anziehend scy, folgt schon aus der Beharrlichkeit, womit unser G. E. Lessing dasselbe bearbeitete und zu einer vollständigen kritischen Ausgabe Zurüstungcn traf; leider ist der Vorsatz nicht zur Ausführung gekommen, sondern nur in Bruchstücken beurkundet. Zwar giebt es einen alten, jezt sehr seltenen Abdruck (Frankfurt a. M. 1546. Fol.); aber das Gedicht ist darin witlkührlich verändert, verjüngt und veräußert; und erwartet demnach einen fleißigen, tüchtigen Retter, der ihm wohl in unseren, für solche Arbeiten geeigneten und empfänglichen Zeiten uicht entstehen wird. Und so haben wir die Gränzscheide des Schwäbischen Zeitalters erreicht und blicken nun, das bisher ver- e.nzclte zusammenfassend, auf den Gang und die Eigentümlichkeit des dichterischen Kunstlcbens in demselben zurück. Es begann, bey weit vorgeschrittener Bildung der Muttersprache und bey gcmüthvoller Anhänglichkeit an Vaterland und schon lange gefeiertem Hcldcnruhme der Vorzeit, mit frommer Begeisterung für Gegenstande des Glaubens und des Gottesdienstes; und diese religiöse Ergießnngcn mögen zunächst auf einen kleineren Kreis der kirchlich Gebildeteren beschränkt gewesen seyn; doch mußte sich etwas davon auch dem in ihrer Umgebung und Berührung lebenden Herrenstande mittheilen. Dieser allmählig entwöhnt von rohem Waffentrotze, zu Freuden der Geselligkeit am Hofe und auf Burgen gereift, hatte Empfänglichkeit für dichterische Kunstcrzeugnisse, welche das welsche Ausland ihm darbot; die Sprache als Werkzeug aufgeregter und befruchteter Einbildungskraft, strebte der frcycn Nachbildung fremder Kunstwerke nicht enlgcgen und war zum wohllautenden Ausdrucke feinerer wi Empfindungen geeignet; das warmkraftige Gefühl für Ehre, Fraucnlicbe und Gottesfurcht gewährte dem Sänger einen, Key aller Einfachheit, unerschöpflich reichen Stoff zur Betrachtung und Darstellung. So keimte und dlühctc in jugendlicher Frischhcit der Minnegcfang; die tentschcn Großen frcueten sich des lieblichen Spieles und schwelgten mit Hochgenuß darin. Dicnstmanncn, Geistliche , bürgerliche Schutzverwandtc und wer sonst der Gefolgschaft und Umgebung angesehener Ritter angehörte , wurden von dichterisch - lebendiger Regsamkeit ergriffen; es bildeten sich fahrende Sänger, wetteiferten in reifender Kunstfertigkeit, eigneten sich ritterlich-dichterische Kenntnisse und musterhafte Vorbilder zu, sammelten Stoff aus dem Kreise ihres Volkes und von kunst- gcübtcu Nachbaren und Fremdlingen und erhoben die Verarbeitung desselben zum Berufe ihres Gebens. Durch sie und durch die Oeffentlichkeit ritterlicher Festlichkeiten und gesellschaftlicher Freuden, besonders in den, vermittelst wirksamer Begünstigungen derHoheustaufischcn Kaiser sich zu Wohlstand, Frcphcit und bürgerlicher Bildung erhebenden Städten, nahm das Volk am freundlichen Kunstgenüsse, mit schnell gedeihender Empfänglichkeit dafür, immer zunehmenden Antheil. Freyerc und sitti- gcre Denkart entwickelte sich, als für geistig - dichten, sehe Betrachtung der Ausdruck gefunden und der sie aufnehmende Sinn geweckt war. Ansprechende Lieder, geadelt durch den Namen gefeierter Urheber, pflanzten sich fort von Mund zu Mund, waren die Würze gesellschaftlicher Erhöhungen und fanden gastliche Heimath in den vom Zauber des Schönen, von Sehnsucht nach dem Höheren berührten Herzen. stuf diese Weise konnte die vor- Uehmcre Welt nicht lange im ausschließlichen Besitze dich- 505 lyrischen Kunstgenußes »nd seines fruchtbaren Erfolges für Geistesbildung bleiben. Die mahlcrischen Schilderungen und beredten Rügen der Gebrechen und Thorhci- tcn der Zeit, der Sündhaftigkeit angesehener Stände wurden männiglich beherzigt und förderten die Gesenk, tnng hellerer, selbstständigcr Einsicht, kühneren Den, kens und cigenthümlichen Urtheils; die Spruchwcisheit in Warnungen und Ermahnungen wurde dankbar aufgenommen von Vielen, und wahrscheinlich bald in bürgerlichen Kreisen freudiger willkommen geheißen, als in ritterlichen, da jene durch äußere Verhältnisse zu still- ernsten Betrachtungen geneigter seyn mußten, als diese. Wenn die Darstellung ritterlichen Großlebens, wundersamer Abentheuer und herkömmliche Wirklichkeit über, bietender Unternehmungen, Leiden und Thaten nur überspannter ritterlicher Einbildungskraft zusagen konnte und für diese berechnet zu seyn schien, ans der sie ihr Daseyn empfangen hatte; daher sie auch mit ihr zu Grabe ging; so weilten doch Alle mit Liebe und mit freudigem Selbstgefühle bei den gewaltig großen Bildern vaterländischer Vorzeit. Auch drang gar vieles Ausserordentliche in die Volksphantasie und gestaltete sich zu Märchen von Riesen und Zwergen, von Feen und Zauberern, von Schlössern und Höhlen; tief wurzelte der Glaube an Wunderlrafte und Wunderthaten, zog Nahrung aus Naturgeheimnisscn und heiligen Wundersagcn und bereitete einen Vorrath von übernatürlichen Vorstellungen und in das Geistesleben des Volkes verwachsenen Meinungen, welche die fcindsc, ligcn Angriffe vieler Jahrhunderte überdauert und zum Thcile bis auf unsere Tage in ihrer Allmacht siw behauptet haben. So wie fromm und kunstreich begeisterte Ritterlich- 106 keit erschlaffte; und eil! Zustand geistiger Ucbcrspannung konnte nach ewig waltenden Naturgesetzen nicht lange dauern; als der höhere Sinn der Großen ihrer sich vordrängenden Selbstsucht und trotzigen Machtwillkühr erlag; als der feinere Kunstgenuß an Hosiagcrn und auf Burgen dem roheren Waffenspiclc und gemeiner Habsucht und Nachlust weichen mußte; als die Kunst bcy dem ausartenden Herrenstande wenig Schutz und Pflege fand; da ertönten Klagen und mismuthige Strafworte statt Lieder des Frohsinns und hoher Heldenfeicr. Das Epos verstummte; der milde Nachhall lyrischer Gesänge lebte in Volkskreisen fort; Erzählungen mit Spott über Schlecht tigkciten und Albernheiten der Mitwelt und mit fromm - sittsamen Nutzanwendungen wurden mehr für ein bürgerliches Publikum berechnet; Sittcnsprüche und Straf- reden fast ausschließlich an dieses gerichtet; selbst Hofge- fchichlen und Rittcrthatcn dem Volkssinne anbequemt. Tic Bestrebungen epischer und lyrischer Begeisterung zogen sich in das Gebiet der Theologie und Religion zurück; Gegenstände der Glaubenslehre und der biblischen Geschichte, die Geheimnisse der Menschwerdung Christi, der Jungfräulichkeit Mariä, die Legenden von Märtyrern und Heiligen wurden fleißig bearbeitet. Die Umstaltung des dichterischen Kunstlcbcns war entschieden. 107 Neunte Vorlesung. Ucbergang von dem Minnegescng zum Meistergesänge. Volksdichtkunst. Meistcrschuicn. Sprecher. IN. Vas teutsche Volk, durch großartige Herrlichkeit des Rittcrwesens geistig veredelt und crkräftigt, übernahm bey Verfall des Herrenstandes, die Pflege des Bln« thcnbaumcs dichterischer Kunst, der ans seinem Schooße entsprossen war. Was mit diesem Wechsel der Hüthcr und Besitzer eines reichen, das Herz erfreuenden und das Leben verschönernden Schahcs an üppiger Mannigfaltigkeit und feiner Zartheit verlohrcn zu gehen schien, wurde an frommer Sittigkeit und Rechtlichkeit, an frohem Selbstgefühl und wackerem Lebensgcnuße gewonnen; Liebe dafür war herkömmliches Bedürfniß geworden. Die neue Gestaltung des tentschen Knnstlebcns in Sprache und Schrift wurde durch folgenreiche Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse in unserem Vaterlande bedingt und veranlaßt. Nach Aussterben des Hohenstaufischen Kaiserhauses erschlaffte das Band, welches die Bcstandthcile des tentschen Reichs zusammenhalten sollte. Fürstenhäuser, durch erworbene Landeshoheit zu selbständiger Machtübung sich erhebend, die Veränderung ihrer Stellung zum Neichs- vberhaupte nur zu wohl begreifend, erstrebten einseitige Vortheile und verfolgten selbstsüchtige Entwürfe, welche mit dem vaterländischen Gesammtwohle selten vereinbar sepu konnten, wenn sie auch kein Vorwurf arglistiger Pflichtvergcsscnhcit traf. Ein nicht kleiner Thcil des Adels wurde den Fürsten dienstbar und opferte ärmliche Unabhängigkeit den Vortheilen auf, welche ein bequemes, 108 oft üppiges Hoflcbcn gewahrte. Die frcycil Größere und angesehenen Lchuhcrreu, trotzend auf den Ruhm ihrer Geschlechter, erkannten als würdigsten Beruf, ihre schon selten durch Frommhcit und Hoheit der Gesinnung ermäßigte Freyheit zu vcrtheidigen und von mehren Seiten bcdrohete Gerechtsame eifersüchtig zu bewachen; viele nahmen, aus misgünstigem Wetteifer mit de» an sicherem äußeren Ausehn ihnen überlegenen Landesherren, Bitterkeit und Harte, als leitende Grundsatze des Handels an und wurden zu wilder Gewaltthütigkcit und gesetzloser Sclbsthülfe geneigt. So entfremdete sich der Herreustand den Künsten des Friedens und dem geistig veredelten ritterlichen Lebensgenüsse; rohe Willkühr begann bey der Mehrheit desselben vorzuwalten und sein Thatendurst, sonst in kühn- abcntheuerlichen Ritterfahrtcn gestillt, artete in gesetzwidrige Fehdelust und Ranbbegicrde aus. Der Einigungspunct für großartige Bestrebungen des ritterlichen Geistes war vcrlvhrcn. Rudolf's von Habsburg folgerichtige Dcmüthignn- gen der kleinen Selbstherrscher beschleunigten das Sinken des Adels, für dessen altbürtigc, durch Herkommen geheiligte Anrechte keine dem umgewandelten Staatslcbcn angemessene edlere Richtung gefunden werden konnte; seine Unbändigkeit wuchs, je tiefer er fühlte, was er vcrlohren hatte, je mehr ihn die Begünstigung der Landesherren erbitterte und je weniger des Rcichsobcrhauptcs offenbare Sorge für Erweiterung seiner Hausmacht mit dessen gesetzlicher Beschirmung äußerer Ordnung und Sicherheit in Einklang war. Der Unwille der wasseutrotzigcn Großen warf sich auf die Städte, welche seit dem Hohcnstaufischen Zeitalter durch vermehrte Gerechtsame, Gcwerbficiß und Hauoe.sverrchr zu fortschreitend größcrem Wohlstaude t09 und zu dem Machtgefühle bürgerlicher Frcyheit aufgeblüht waren. Die Städte nahmen, im Süden vermittelst der Verbindung mit Italien, im Westen durch Rbcin- schissahrt, im Norden durch wohlbenntzte Nähe des Meeres, am Welthandel Antheil; und je lebhafter dieser wurde, desto regsamer, vielseitiger, erfinderischer zeigte sich Ge- werbs- und Knnstthätigkeit; desto reichlicher strömten ihnen Belohnungen dafür zu. Sie gelangten fast zum Alleinbesitze der Geldvorrathe; ihnen wurden die Bequemlichkeiten, Annehmlichkeiten und Genüsse des Auslandes zugeführt und ihrem Leben eingebürgert. Nicht blos Bedürfnisse verfeinerter Sinnlichkeit fanden Befriedigung; auch den vervielfachten Fodcruugcn des aufgeregten Geistes und geschäftiger Einbildungskrast geschah Genüge- Und wenn bürgerliche Wohlhabenheit, des höheren Lebensgenusses unkundig, in behaglichem Uebcrflusse auf rohere Prunklust und gehaltlose Ucppigkeit und Schwelgerey verfiel; so blieb doch bcy der Mehrheit das Gedeihen der edlereu Früchte eines, in Thätigkeit frohen und im Bc- wußtscyn der Frcyheit erstarkten Lebens nicht aus. Allgemeiner ward der Sinn für Freuden der Häuslichkeit und eines gesegneten Stilllebcns; allgemeiner die herz, liche und bis zur Begeisterung gesteigerte Wcrthschatzung eines sicheren, freye Krastbcwcgung fördernden gesellschaftlichen Vereins. So erzeugte sich gottesfürchtige Dankbarkeit für die Wohlthatcn, welche Verfassung und Gcsammtwohl auf den Einzelnen übergehen ließen; so treue Anhänglichkeit am städtischen Gemeinwesen, so hochherzige Tapferkeit für dessen Erhaltung und Ver- theidigung. Dies war der Kreis, welcher dichterischer und bildender Kunst freundliche Heimath und Pflege gab, als heiterer Gesang, mit absterbender Tüchtigkeit dazu, 110 auf den Burgen verstummte und die Lustgebilde aben- theucrlicher Sagen und schwärmerisch er Ueberspannnng in der zu gröberer Wirklichkeit hinabgezogcncn Rittcr- welt keinen Glauben mehr fanden. Mit dieser bürgerlichen Kunstweltstand der Adel, in wildem Stolze ihre Unterdrückung begehrend, eben so im Gegensätze, wie die lateinischen Schriftgelehrten, welche aus dem Volke ausschieden, um der das Volk beherrschenden Kirche anzugehören, höchstens mit Fürsten und Adel eine dünne Wechselwirkung unterhielten, und von des Volkes Sehnsucht und Geistesleben zu wenig verstanden, um nicht das, was ihm Genuß und Weisheit war, als gemeine Thorheir zu verachten; bis hellerer Frcysinn und reinere Wcltbe- trachtuug einzelner Genossen des gelehrten Standes die schroffe Trennung milderte und seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts zu volksthümlichcr Denkart und Bestrebung überging. Das dichterische Leben und Wirken hatte, wie es in der Rittcrwelt aufblühet?, zu steigender Veredelung und Verallgemeinerung, das Volk berührt; anfangs entfernter, balb immer näher und eingreifender. Von den tref- lichsteu Sängern waren mehre aus seiner Mitte hervorgegangen; geachtet und belohnt vom Adel, hatten sie des Volkes nicht vergessen; viele ihrer Lieder waren in bürgerlichen Kreisen verbreitet und durch mündliche Ueber- licferung erhalten worden. Zu den schon oben erwähnten, können noch die Meister Siegeher, Poppe, Steinmar genannt werden, und andere welche zum Theile nur unter Beynameu und nach ihrem Geschäfte bezeichnet vorkommen z. B. der Unverzagte, der Gute, der Hcllfcuer, der Schreiber, der Ehrenbote u. f. w. Ihre Zahl vermehrte sich im Zeitalter Rudolf's von III Habsbnrg. Sein Canzler, Heinrich von Klingen? berg (unter welchem I. v. Müller den, als Vischoss von Eichstädt und Strasburg, von Diepheim benannten Hans v. Wald eck verstanden wissen wollte), angeblich ein Fischer ans Steiermark, einer der zwölf Meister, zeichnete sich, bcy oft herabgestimmtcm Tone, durch zärtliche Minnelieder im ächt ritterlichen Style und eben so durch sittlich - fromme Gedanken und sinnreiche Fabeln, sehr vortheilhaft aus; und seine Zeitgenossen, der Schulmeister von Eßling, Spervogil, der angebliche Jude Süskind, zwar ausgefeilter Sprache und ritterlicher Feinheit ermangelnd, ziehen durch satyrische oder moralisirendc Anspielungen auf Ereignisse und Sitten ihrer Zeit an. Dem Züricher Meister Hadloub gebühret das Lob inniger Herzlichkeit und Weichheit; und neben mehren anderen im ersten Vicrtheile des vierzehnten Jahrhunderts, dürfen der wilde Alexander, der Uren- hcimer, Meister Rumsland und Conrad Härder, ihrer Munterkeit und bisweilen derberer Kräftigkeit wegen, nicht unerwähnt bleiben. Dagegen wurden der Säuger aus demNittcrstande immer weniger und, Reinhard von Westernburg und in geringerem Maaße Johann von Habsburg gegen die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts ausgenommen, stechen keine durch Eigenthümlichkeit und wahrhaft lyrischen Dichtergeist merklich hervor. Daß Sanglust das ganze bürgerliche Leben durchdrungen und fast alle Stände der Gesellschaft ergriffen hatte, ist aus Zeichen der Zeit zu ersehen und wird durch Verweisungen aufVolkslicder und angeführte Bruchstücke daraus in Geschichtbüchern beurkundet; wovon sich Jeder in Jacob Twinger von Königsbofen Elsaßischer 112 Chronik, oder in der Limburger von Johann Gensbein, oder in der Thüringer von Johann Rothe, oder in den jüngeren Werken des baicrschen Ävcutin und des pommerschcn Kantzo w überzeugen kann. Ein großer Thcil der Reimgedichte aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte beziehet sich unmittelbar ans gleichzeitige Ereignißc und hat Tascyn und Bedeutung ans dem Lebcnskrcise der Wirklichkeit empfangen. Bey öffentlichen städtischen Lustbarkeiten ertönte Gesang z die Geisselbrüdcr (Flagellanten) sangen bey ihren Umzügen teutschc Büßlieder; mit Gesang traten Handivcrksbnrsche ihre Wanderungen an und ergötzten sie sich in ihren Er- hohlungsstundcn; anch dem frohhcrzigcn Landmanne in friedlichen Gegenden scheint die Liederfreude nicht fremd gewesen zu seyn. Schon in der zweyten Hälfte des zwölften Jahrhun, dcrts begann die Eigcnthümlichkeit des stadtischen Gemeinwesens, daß Einheit der Beschäftigung mit einem Gewerbe Zü-n cc vcranlaßtc, deren Genossen sich enger an einander anschlössen und an öffentlichen Angelegenheiten thätigen oder leidenden Anthcil nahmen. Diese mit Ausbildung der Verfassung befestigte und wcrth und hoch gehaltene Sure ging in vierzehnten Jahrhunderte mit Naturgemäßer Anwendung auch auf die Freunde und Pfleger der Dichtlunst über; sie vereinigten, übten und vervollkommneten sich nach festgestellter zünftiger Einrichtung; und so ent nand der deutsche Meistergesang. Der feierliche Ernst, womit diese zünftige mnnst-Ansialt gestiftet und Jahrhunderte lang aufrecht erhalten worden ist, gicbt abermaliges Zeugnifi von der, auch in Werken des Frcudegenusses sich offenbarenden tiefen Gründlichkeit des deutschen Ge- müthö und muß für Jeden, der solche immer gleiche lIZ Eigenthümlichkeit des Volkssinnes zuchrenweis, alshoch- erfreuliche Erscheinung im teutschcn Kunstleben gellen, wenn auch die meisten Früchte dieser zünftigen Knnnberc- bungcn geringhaltig für unseren dermaligcn Geschmack befunden werden sollten. Gewöhnlich wird der gegenwärtige Zeitraum nach den Meistersängen: benannt; nicht ganz richtig ; denn sie machten nur einen , und eben nicht immer den wichtigsten Bestandtheil der teutschen Dichtcr- welt aus; verdienen aber doch, daß geschichtlicheVetrach« tung länger Key ihnen verweile; indem das Nolksthnm- liche des vaterländischen Kunstlebens in etwas steifer Gestaltung und oft unbeholfener Bewegung anschaulich genug durch sie bezeichnet wird. Die Entstehungsgeschichte der bürgerlich-zünftigen Sing-Schulen wird durch dichterische Sagen-Ueberlrei- bnng und vornehme Zurücksührung auf hohes Alterihum verdunkelt; ihr Ursprung wurde von Meistersängen: selbst, mit offenkundigem Verstoße gegen die Zeitrechnung, in das Zeitalter des Kaisers Otto des Großen gesetzt und zwölfMeiftcr sollten, wie einst in Alcrandria die griechische Ucbersetznng des Alten Testaments durch siebenzig Dollmetscher wundersam zu Stande gebracht wurde, zugleich und ohne von einander zu wissen, die Mcisterkumc erfunden haben; wobey, abgesehen von dichterischer Ausschmückung und seltsamcrZusammenstcllung, allerdings eine sinnvolle Ahndung geschichtlicher Wahrheit über Entstehung des dichterischen Kunstlebens im teutschen Vaterland? zu Grunde liegt. Als die zwölf Meister wurden genannt von älteren Dichtern: Klingsohr, Heinrcch von Oftcrdingcn, Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschen dach, Rein mar von Zweter (Sigmar der Weise, sonst der Nvmer Wnchlcrbj Vorlesungen >r Tb, 414 von Zwickau benannt), Ludwig von Marner und Conrad von Würzburg stder Geiger, der Jäger, ein Musikant); dazu kamen die jüngeren: Franenlob, Regenbogen, der Canzler, Stolt der Barbier, der starke Popp; späterhin Muscatbl ü t und H c i n- rich von Müglin. Nach urkundlichen Thatsachen scheint die zünftige Meisterschule zu Mainz im Anfange des vierzehnten Jahrhunderts mit Frauen lob und Regenbö gen begonnen zu haben und eben so rasch fortgebildet, als in anderen Städten verbreitet worden zu seyn. Heinrich von Meissen, bekannter unter dem Namen Meister Frauenlob, Doctor der Theologie und Domherr zu Mainz, wo seine Leiche am S. Andreas Tag -Zi3 von erbaren Frauen zu Grabe getragen und seine Ruhestätte mit reicher Wciuspende darauf gefeiert worden seyn soll, sang schon in den leztcn zwanzig Jahren des drepzehuten Jahrhunderts, wie aus seiner Klage bey Conrad's von Würzburg Tode hervorgehet, und gab einen neuen Knnststyl an. Didaktischer Ernst, tiefe Spekulation und allegorische Mystik walten darin vor, obgleich vieles aus dem Min- uegesang treulich beybehalten wird; Darstellung und Sprache haben oft Schwerfälligkeit und Abgebrochenheit, aber immer eine würdige Männlichkeit und Gründlichkeit; von leichter Licveständeley und immer wiederkehrender Lobpreisung des schönen Geschlechts sind seine Dichtwerke ungleich weiter entfernt, als von gedankenreicher Künstelet). Unter seine Hauptarbeiten werden eine prachtvolle Umschreibung des Salomonischen Hohenliedes, mit deutender Anwendung auf die Jungfrau Maria, und die Uebertragung der Johauneischen Offenbarung gerechnet. Mehres, was dem Conrad von Würzburg zugc- 115 schrieben wurde, ist durch Docen's Scharfblik (in dem -Neu Baude der „Miscallaneen ") dem M. Frauen lob zurückgegeben worden. Cr war Erfinder von all Tonen, unter welchen „der lauge Frauenlob" der wichtigpe und ihm geläufigste ist. Seinen Ehrennamen mag er wegen mehrer Loblieder auf die heilige Jungfrau oder in Beziehung auf einen gegen die Meister Rumsland und Regenbogen bestandenen dichterischen Wcttgrcit üler die Borzüglichkeit des Ausdruckes: Frau, vor dem Ausdrucke: Weib, erhalten haben; einen ähnlichen Kampf hatte er mit dem letztgenannte» über den Werth Wolframs von Eschenbach, Walthcrs von der Vogclwcide und Neiumars von Zwctcr. So regte sich ein anderes Tichtcrlcben in bürgerlicher Umgebung an und bedeutenden Autheil an dessen Ausbildung hatleaugenscheinlich Barth cl Regenbogen, seines Handwerkes ein Schmidt, vcr- muthlich in den Rheiugegenden; er gab fein Gewerbe auf und lebte in Mainz ausschließlich der edelu Dichtkunst; wohl nicht selten Mangel erleidend, wie seine Klagen über Kargheit der Großen vermuthe» lasse». Seine Lieder stehen an reinem Kunstwerthe nicht hoch, aber ste alhmen Rechtlichkeit, Sittsamkeit und Frömmigkeit; sein Streben hat eine Art von wissenschaftlicher Richtung; lebendig warmes Gefühl, Reichthum der Erfindung und Neuheit gcmüthltcher Ansichten werden vermißt. Fünf Töne sind nach ihm benannt; sein längerer Ton, der vierte gekrönte des meisterlichen Horts, ist der berühmteste. Außer Mainz, wo die schriftlichen Gerechtsame der Tichterzunft, ihr Wappeubrief und eine ihr angeblich von Otto dem Großen verehrte goldene Krone aufbewahrt wurden, bildeten sich Meisterschulen in mehren Städten des südlichen Teutschlandes; am ausgezeichnetesten waren Ä * die zu Strasburg, welche der treflichcren Werke viele hervorbrachte; zu Augsburg, wo die bedeutsameren dichterischen Erinnerungen am trcuesten bewahrt, alte epische Uebcrliefcrungen in Lieder aufgenommen und schätzbare Sammlungen, welche aus der Fugger'schen Büchercy in die Heidelberger übergingen, angelegt worden sind; das alte Lied von den zwölf Meistern im Rosengarten, ver, breitete sich von Augsburg aus; und geschäftigste Sorge für Vervielfältigung tcutschcr Dichtwerke und Volks- schriflcn nach Erfindung der Vuchdruckerkunst zeigte sich in Strasburg, Augsburg und Nürnberg; in diesen Städten trug der ausgestreute Kunstsaame die reichsten Früchte. Aber auch Memmiugen, Collmar, wo die Schuster im Besitzstände der Kunstpsiegc waren, und eine wichtige Blumenlese von Mcisterliedern aufbewahrt wurde, Ulm, wo die Weber bis auf die neuesten Zeiten das anmuthigc Zunfrspiel fortgesetzt haben, und andere schwäbische Reichsstädte crfreuctcn sich solcher Anstalten. Sie können als wirkliche Dichter-Akademien gelten, deren Mitglieder sich Liebhaber des Untschen Meistergesanges nannten und, alles Rangunterschiedcs vergessend, in Liebe und Ucbung der Kunst sich gleichgestellt erachteten. Die Theilnehmcr, nicht blos Handwerker, wiewohl diese die überwiegende Mehrheit bildeten, sondern auch Gelehrte, Geldliche und Ritter, waren nach stufcnwciser Kunstfertigkeit abgetheilt; die Anfänger hießen Schulfreunde; wer einige Töne zu singen wußte, wurde Schüler benannt; wer nach anderer Tönen Lieder zu Stande brachte, galt als Singer oder Dichter; zur Meisterschaft war vollständige Kcnntniß der Tabulatur und Angabe neuer Töne erfodcrlich. Die Versammlungen, in welchen strenge Ordnung und Rechtlichkeit herrschten, wurden vou Zeit tl7 zu Zeit öffentlich, mit angemessener Feierlichkeit in Kir- chen gehalten, die gewöhnlichen in Herbergen. An der Spitze standen Merker, welche die Fehler beachteten, die Aufzunehmenden prüften und Proben singen ließen, und in Wettstreiten das schiedsrichterliche Amt verwalteten; ein Buchsenmeister besorgte die Geldangelegenheiten der Schule. Eine alte Stistnngs- oder Verfassungs-Urkunde ist nicht vorhanden; als Kaiser Carl IV. den Mcister- schulcn einen Frcyhcitsbrief ausstellen lies l1378s und Wappcnrechr bewilligte, waren sie schon über zwey Menschenalter im Gange und genossen ungethciltc Achtung. Ihre Kunst- Gesetzgebung, Tabulatur genannt, mag all- mählig zu dem Umfange, in welchem wir sie kcnncn, erwachsen seyn und die früheren unvollständigeren Entwürfe verdrangt haben. Auf uns gekommen ist die Tabulatur in ihrer späteren Gestalt auS der Mitte des scchs- zehnten Jahrhunderts; aber auch daraus kann ihr Grnnd- wescn und was ursprünglich gewollt worden ist, ersehen werden. Ein vorschriftsmäßiger Gesang heißt Bar; keine Reimzeilc darf mehr als dreizehn Sylbeu enthalten, damit der Athem nicht" ausgehet; die Versmaaße werden Gebäude genannt; die Versarten, mit ihrer Singweise, Tone; deren gab es an 400; jeder hatte seinen eigenen Kunstnamen, meist mit Angabe des Meisters, von dem er eingeführt worden war. Ein Ton wurde in 3, 6 und ? Gesätze eingetheilt; die Bestimmung s im Jahre i36os, daß nur drey Gesätze gelten sollten, machte Epoche in dem Meistergesänge. Ein Gesätz zerfiel in zwey Rollen, welche Ein Gebäude und Eine Singweise haben, und in den Abgcsang mit eigener Siugweise. Die Grundsätze des Reimes waren genau bestimmt; die weiblichen hießen klingende, die männlichen stumpfe; Schlagreime, wenn 118 zweysylbige Wörter so auf einander gereimt wurden, daß sie für sich allein einen Vers bildeten; Waisen, wenn sie mit den übrigen Versen in keiner Verbindung standen. Der Fehler, welche vermieden und bestraft werden sollten, waren Za verzeichnet. Verboten wurde unter anderem: Einmischung lateinischer Worte und Reimzeilen; fa sches Latein, Verstöße gegen die Prosodie ; blinde Worte, welche etwas unrichtig bezeichneten, und Halbworte, welche verstümmelt waren; Anhänge, wenn aus einsHbigcn Worten zweysylbige gemacht; Klcbsylben, wenn mehre Sylben sprachwidrig in Eine zusammengezogen; Milben, wenn um des Reimes willen wesentliche Bcstandlhcile eines Wortes ausgelassen wurden. Doppellauter auf reine Selbstlautcr gereimt, waren La er. Undeutlich ausgedrückte Gedanken galten als blinde Meinungen ; verkehrte, abergläubige, schwärmerische Ansichten, Verstöße gegen Christcnthum und gute Sitten, waren falsche Meinungen; wer sich die lezteren zu Schulden kommen ließ, hatte verjüngen und konnte selbst mit Ausschließung bestraft werden. Die wohlthätigen, gewichtvollen Einwirkungen der Mcisterschulcn auf das Leben und die Gesinnung des teut- schen Volkes sind kcineswcges, wie gemeiniglich gcschie- bet, nach ihren Kunst-Erzengnissen zu würdigen; über diese wollen wir mit den Freunden und vermeintlichen Schirmvögten des sogenannten guten Geschmackes nicht rechten; ein großer Thcil derselben kränkelt an Armuth der Gedanken und Empfindungen, an langweiliger Breite und mühsamer Spielerey. Aber sie verhinderten, daß der Bürger nicht unter gedankenloser Gemeinheit seiner Handfertigkeit und blos äußerlicher Gewcrbthätigkeit erlag ; sie retteten das Menschliche in ihm, lehrten ihn tl9 geistige Kraft achten und übten dieselbe; regten sein Nachdenken an und federten ihn zu Betrachtungen auf. Da der Stoff des Meistergesanges meist ans der Bibel entlehnt wurde, so halfen sie die religiösen Ansichten läutern nnd führten die Aufmerksamkeit hin auf Höheres. Sie gewöhnten eben so sehr an freyes Selbstgefühl als an gesetzmäßige Zucht und Ordnungsliebe, Die Muttersprache wurde geehrt und gewann Reinheit und Festigkeit im täglichen Leben, eignete sich auch fortschreitend mehr zu schriftstellerischer Veredelung. Wer unbefangen dieß alles zusammenfasset, wird in der Behauptung nichts Uebcrlriebcnes finden, dafi diese zünftige Kunstanstalten die reifere Empfänglichkeit für Geistesfreyheit im teut- schen Volke vorbereitet und den Anbruch einer vollständigeren Entwickelnngszeit gefördert haben. Eine genügende geschichtliche Darstellung der Meistersängercp wird noch vermißt. Nach Cyriac Spangenberg's und Joh. Christoph Wagenseil's reichhaltigen Stoff-Sammlungen hat I. H. Häßleiu (in Bragur B.3.) eine schatzbare Uebersicht gegeben; sie zeuget von Einsicht, Liebe und Gerechtigkeit, womit die in vaterländisches Volkswescn so tief eingreifende Erscheinung aufgefaßt worden ist. Doch macht sie eine genauer in Einzelnheiteu eindringende und die jezt zugänglicheren handschriftlichen Vorrathe prüfend benutzende Bearbeitung keincswcgeS überflüssig; sie würde um so verdienstlicher seyn, je mehr sie sich durch strenge Auswahl und verständige Ermäßigung des fast erdrückend überreichen Stoffes auszeichnete. Der handschriftlichen Sammlungen von Meister- gedichtcu giebt es in ganz Teutschland verstreut, eine kaum übersehbare Menge; viele derselben sind unbedeutend und äußerst karge Ausbeute gewährend. Die vor- 420 züglichercn finden sich in Heidelberg, Jena, Strasburg, München, Eokmar und Wien. Bon gedruckten Blumen^ lesen können die, schon früher angeführte von Görres, und das von Cl, Brentano und A. v. Arnim heraus^ gegebene „Wundcrhorn" empfohlen werden. Von den Mcistersangern müssen die meist gleichzeitig mit ihnen erscheinenden Spruchsprechcr sorgfaltig unters schieden werden; jene hielten mit peinlicher Strenge auf Anstand und Ehre; diese sangen aus dem Stegreife oder hielten Reden für Geld bey Hochzeiten, Kindtaufcn und anderen feierlichen Gelagen; sie waren Lustigmacher der Gesellschaft, nicht spröde im Witze, nachläßig in Sprache und Reim, arm an Bildung, noch Armer an Ehrges fühl. 42t Zehnte Vorlesung. Srtrag bis um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Lieder. Geschichtliche Gedichte. Lehrgedichte. Prosa. Tauler. Kleber das Verhältniß zwischen Minne- nnd Meister-Gesang ist von geistreichen, sachkundigen Männern mit lebhafter Gründlichkeit gestritten worden; noch dauert der Streit fort und eigentlich können nur die, welche geblendet von dünkelhafter Ueberschätzung der neuen Zeit, Alles, was die ältere betrifft, für minder bedeutend halten, keinen Thcil daran nehmen. Von der einen Seile wurden Minne« und Meistergesang als verschwistert und dieser jenen fortsetzend, von der anderen als wesentlich verschieden und lediglich in Einzelnheiten äußerer Aehnlichkcit einigermaa- ßen zusammentreffend erachtet. Es scheint der durch Umgebung und gesellschaftlichen Standort sich bestimmende Gesichtskreis, in welchem die Dichtcrwelt lebte, zu stark hervorgehoben, und zu einseitig als ausschließlicher Eiitscheidnngsgrund geltend gemacht worden zu seyn. Beide greifen so tief in einander ein, daß sie ohne Gewaltthätigkeit kaum zu trennen seyn dürften; wie denn überhaupt in dem EnN'sickelungsgange des Untschen Kunstlebens eine innere Verbindung aller Bestandtheile desselben von Anfang an fortläuft, welche in der Betrachtung nicht aufgegeben nnd aus dem Auge gelassen werden kann, wenn die Anschaulichkeit des Naturgemäßen in dem Zustande eines Zeitalters nicht verlohren gehen soll. Minne- und Meistergesang sind Eines Ursprunges und bleiben an denselben Grundzügen kenntlich; beide sind Kinder vaterländischen Geistes und Lebens; nur dadurch, 122 daß des Volkes Gefühl, Glaube und Anhänglichkeit am hcimathlichen Boden erstarkten, konnten sie gedeihen; aus dieser Wurzel zogen sie ihre Nahrung. Tie Kunsigcsialt der teutschen Dichtwerke wechselte; die Gemüthskraft, welche sich des Stoffes bemächtigte und in seiner Betrachtung verweilte, blieb unverändert. Als die ritterliche Eigenthümlichkeit vorübergegangen und die Farbe ihrer Bildcrwelt verbleicht war, wurde die Freude am dichterischen Kunsispiele unter der bürgerlichen Menge allgemeiner und wußte den angemessenen Ausdruck für ihre Ansichten und Bestrebungen zu finden. Es war kein neuer, fremder Kreis, in welchem sich das Volk geistig bewegte; bey dem öffentlichen Prnnklcbcn der Großen konnte es von thcilnchmendem Genuße an ritterlicher Dichtkunst nicht ausgeschlossen scyn. Die Umwälzung der Gedanken und Gefühle durch die, für das Innere der Menschheit zauberisch-wirksamen Krcuzzüge war ihm mit dem Adel eben so gemeinsam, wie Erinnerung an der Altvodcren Großthaten, und vaterländisches Selbstgefühl. Dichterische Thatigkeit und Forschnngsliebc waren bey beiden vorhanden, nur zu verschiedenen Zeiten im Maaße der Ausbildung und in der Richtung auf Gegenstände der Anschauung sich unterscheidend; wie sie die übernatürlichen Getriebe des Ritterlebens nicht mehr erspähetcn und sich weniger romantische Abentheuer ans dem durch Begeisterung für Waffenehre befreundeten Auslande aneigneten; so fanden sie zur Uebnng und zum Genüsse ein weites Feld in den Geheimnissen des christlichen Glanbens, in den immer mannigfaltigeren Erscheinungen des häuslichen und öffentlichen Lcdens, in der bieder-frommen Sorge für Gottesfurcht und Rechtlichkeit, für Zucht und Erbarkeit. Das Wundersame gestal- 12Z tete sich in Gemäsheit der Empfänglichkeit nnd des Bedürfnisses; oft mußte es der Wirklichkeit weichen; und wurde diese verschleiert, so geschah es durch Allegorie, welche oft einziges Malzeichen höherer Kunstbcstrcbnng war und späterhin vielfach in Spiclcrcy ausartete. Von dem, was in früherem Dichterleben mit warmem Gefühl aufgefaßt und dargestellt worden war, ging nichts in Stoff und Kunstgestalt ganz verlohren; es erstand selbst nach Jahrhunderten zu verjüngtem Daseyn und begann in der Welt der Vorstellungen seinen Kreislauf von neuem. Am gleichsten blieb sich mehre Menschenaltcr hindurch die Lieder-Poesie; sie bewegte sich wie sonst um den Mittelpunkt der Liebe und Verehrung der Frauen; Wächter warnten die allzu lange kosenden Liebenden; in anderen Gesängen wurde Sehnsucht der Getreuen, Liebesdank, Entbehrung und Trennuugsschmerz ausgedrückt. Das Eigenthümliche der Darstellung wird oft blos in schärferer Genauigkeit bey Einzelnheiten bemerkbar; hie und da bricht ein Zug minderer Feinheit der gesellschaftlichen Bildung oder nachlässigeren Ausdruckes hervor. Außer mehren der oben genannten Dichter behaupten viele mit vollem Rechte eine Ehrcnstclle neben den beliebtesten Minnesängern; so Heinrich von Muglein, Präger Doc- tor der Theologie, Verteutscher deö Valerius Marimus lrZögz, Urheber des langen Tons, des ersten von den vier gekrönten Tönen des meisterlichen Horts; so der lieblich milde Muscatblut jistoo.1 ; der zartsinnige Oesterreichcr Peter Suchenwirth li4>4j, dem auch die Erzählung nicht mislang; der wackere Tproler Oswald von Wolken stein lst. »449j, dessen Liedersammlung mit gleichzeitigen Sangweisen, zu Wien handschriftlich aufbewahrt wird und gewiß vor vielen änderest 124 verdient, an das Licht gezogen zu werden; und so noch andere, die uns durch ihre gcmüthvolle Ergicßungcn lieb sind, wenn auch ihre Namen verborgen bleiben. Die Volks- und Handwcrkslieder ziehen durch Treuherzigkeit und einfache Derbheit, viele durch drolligen Scherz und Spott, oder durch leichtfertige Lustigkeit an. Gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts beginnt die Blüthe der lyrischen Dichtkunst zu welken; im fünfzehnten nimmt allegorisches Unwesen überhand. Die tcutschen Kirchenlieder dieses Zeitalters, Conrads von Qucinfurt Ist. iZ82Z, zulczt Pfarrers zu Löwenberg; eine Bcrteut- schung des Ambrosianischen Lobgcsanges fvon >38gZ; Buchsbaum's Passionslieder f1420z; des Hnssitcn Peter's von Dresden fst. 1440z lateinisch-tcutsches Gemcngsel u. m. a. sind für Sprachforscher nicht gleichgültig, an dichterischem Gefühle und Streben geringhaltig. Viele Lieder beziehen sich auf alte ritterliche Abentheuer und epische Sagen und es scheinen solche Andeutungen und Ausspielungen als Kennzeichen dichterischer Schriftgclchrsamkeit betrachtet und geliebt worden zu seyn. Manche nahmen einen schon früher z. B. in dem trcflichen alten Liedc von Meister Hildebrand, in vicrrci- uiiger Strophe, vom König Anthyr u. s. w. angestimmten Balladen-Ton au und dieser gelang nicht blos dem Meister Frauen lob, dessen „Allgast der wollten reiten" (in Gräter's Vragur B. 2. S. 3Z>.) als Vorbild dienen konnte, sondern auch vielen Meistcrsängern der späteren Zeit; und so erhielten sich, wie es scheint vorzüglich in Augsburg und Strasburg, Bruchstücke aus epischen Rittersagen, kamen bald in allen tcutschen Mundarten unter dem Volke in Umlauf und vertraten gewisser-- Z25 maaßen die Stelle größerer romantisch-epischer Werke, welche Key ausgeartetem ritterlichen Geiste der vornehmen Welt nicht mehr gedeihen konnten. Der Reichthnm unserer vaterländischen Litteratur an solchen geschichtlichlyrischen Darstellungen, zum Theil auch lebendiger Er- fahrungsgefühlc, in dem Zeiträume vom vierzehnten Jahrhunderte an bis in die Mitte des sechszehnten, ist bisher weniger beachtet worden, als er nach seinem Gehalte verdienet, und es mochte eine Auswahl aus ungedruckten Vorräthcn zu den wüuschenswertheren Unternehmungen zu rechnen scyn. Die dichterischen Bearbeitungen biblischer Geschichten und christlicher Legenden wurden immer häufiger, gingen gewöhnlich aus lateinischen Urschriften und in Klöstern hervor und hatten das Gepräge gereimter frommer Lobreden. Unter den zahlreichen gereimten Lebensbeschreibungen der Jungfrau Maria ist die vom Kartheuser Philipp s vor iZooZ verfaßte, durch Dören's Mittheilungen(indenMiscellanecnB.2 S.66ff.) aus einer Münchner Handschrift bekannte, des ganzen Zuschnittes wegen merkwürdig; sie umfasset Chronikenartig das vollständige Leben der heiligen Jungfrau, athmet stille Freude und glaubige Sehnsucht. Von Johann von Frankenstein s-Zoo) ist eineMessiade, uuterdcr Aufschrift: der Kreuziger, vom Leben und Leiden Christi, erhalten und wird in Wien aufbewahrt. Diese Rcimar- beiten blieben größeren Theils in klösterlichen und kirchlichen Kreisen: und wenn sie auch zu dem Volke durchdrangen, so darf doch von ihnen der Maasstab nicht entlehnt werden, nach welchem sein dichterisches Kunstleben zu würdigen ist. Weit mehr Volkslhümlichkeit haben die Reimcreyen, deren Stoff aus dem wirklichen Leben entlehnt wurde und IM welche ihre Entstehung einzelnen Ereignissen ernster oder lustiger Art verdankten; sie waren oft Kinder des Augenblickes un eigentlicheren Sinne, abhängig von persönlichen oder örtlichen Verhältnissen und daher einem baldigen Untergänge ausgesetzt. Wenige sind zerstreut vorhanden oder in Bruchstücken durch Geschichtsbücher angedeutet. Viele Volksschwänke, deren wir in jüngerer Ausbildung des fünfzehnten Jahrhunderts gedenken werden, dürften dem Keime und der Grnndvorstellnng nach in die ersten Zeiten des Meistergesanges gehören; wie das namentlich von denen gilt, welche dem Nithart Fuchs und seinem Zeitgenossen, dem Pfaffen von Kalenberg, bcygelegt werden. — Schriftgclehrte Dichter bearbeiteten romantische Stoffe des Auslandes zu Erzählungen und Novellen; zu welchem BeHufe besonders die schon oben erwähnte Sammlung, die Geschichten der Römer, fleißig benutzt worden zu scyn scheint; die meisten Denkmäler der Art sind noch ungedruckt. Die Geschichte Alerandcrs des Großen wurde von Ulrich von Eschenbach j i3oo;, nach der lateinischen Urschrift Philipp Gnaltcr's, Domprob- stcs zu Lille ist. 1201 l, und späterhin von Seifricd sl. >35o?j dargestellt; vom Bücheler l-siooz wurden die Abentheuer einer Königstochter von Frankreich; um dieselbe Zeit durch Heinrich von der Neuen st adt zu Wien die ritterlich gestaltete Wnndcrgcschichte des Apollonias von Tyrlandt, nach französischen Quellen bearbeitet; alle diese Schriften sind späterhin in Prosa aufgelöst zu Volksbüchern geworden. Rein-geschichtliche Reimerepen waren in den ersten Jahrzehnten des vierzehnten Jahrhunderts eben so zahlreich vorhanden, wie weiland ritterliche Heldengedichte; sie erneuerten die Erinnerung an berühmte, durch merkwürdige Schiksale aus- 127 gezeichnete teutsche Fürsten, gewöhnlich im Chronikenstyl, mit spärlicher Beymischnng dichterischen Schmuckes. So wurden die Thaten und Leiden Heinrichs des Löwen, Ludwigs Landgrafen von Thüringen, des Gemahls der heiligen Elisabeth, Friedrich's Herzogs von Oesterreich, Reinfried's von Braunschweig oder Nichard's Löwenherz und Leopold's von Oesterreich, Wilhelm's von Oesterreich, Friedrich's von Schwaben n. m. a. besungen. Ob diese Rcimgeschichten dem Volke anHeim fielen, ist zweifelhaft; fast scheint es, daß sie auf die engeren Gränzen einiger vornehmen Familien und der Geistlichkeit und Klöster beschrankt gewesen sind. Näheren Anthcil mag die Bür- gerwelt au den seit Anfancpdes fünfzehnten Jahrhunderts hervortretenden gereimten Beschreibungen fürstlicher und städtischer Fehden genommen haben. Alle diese Arbeiten, womit viele teutsche Bnchereyeu angefüllt sind, haben weit mehr geschichtlichen als Kunstwerth und erwarten prüfende Benutzung umsichtiger Geschichtsforscher, welche auch zum Thcil schon Gebrauch davon gemacht haben. Vorwaltend blieb, wie er es schon gegen Ende des dreyzehnten Jahrhunderts gewesen war, der Lehrto» oder die Spruchweishcit in Reimen. Das dichterische Verdienst dieser Spruchreime ist zwar keinesweges hoch zu stellen; ihr Inhalt selbst läßt das kaum zu; aber dennoch habe» sie viel anziehendes. Sie gefallen durch biedere Treuherzigkeit, durch freye, kräftige und naive Laune, durch körnigen Ausdruck; und gewähren für Sit- teukunde und Sprachforschung reiche Ausbeute. An handschriftlichen Vorralhen solcher Nennwerte von größerem und kleinerem Umfange, von Ucbersctzungen und Blumen- lescu, auch manchcrley allegorischen Spielercyen isttlcbcr- fluß. Die Mehrheit derselben scheint von Geistlichen ver- 128 faßt und gelesen worden zu seyn und daraus erkläret sich auch z»m Thcilc die überhandnehmende Allcgorisirsncht, welcher selbst die Minne-Regel nicht zu entgehen vcr« mochte. Als Zeichen der Zeit kann Conrad's von Ammenhauscu eines Mönchs und Lautpric- ftcrs zu Stein am Rhein, Schachzabelspicl oder allegorischer Sittcnspiegel, eine moralisircnde Erklärung des damals unter dem Adel beliebten Schachspieles, betrachtet werden; es ist frcy nach der lateinischen Urschrift des Dominikaners Jakob de Cessoles aus Rheims l-ayo) bearbeitet und staatlich bereichert. Andere Werke der Art dürfen um so mehr hier übergangen werden, weil wir sie kaum weiter als dem Namen nach kennen. Am ausgezeichnetesten erscheinen die Spruchgedichte des Wiener Heinrich, genannt der Tcichner fvor »stoos, von welchen Docen (Miscell. B. 2.) und Grimm ( in den Altt. Wäldern) Proben bekannt gemacht haben, die zu dem Wunsche berechtigen, daß von den vielen Arbeiten des fruchtbaren Dichters mehre vollständig abgedruckt werden möchten; denn es herrschet in ihnen tüchtiger Ernst und geistvolle Betrachtung. Nun geschaben auch die ersten sicheren Schritte zur Kunstgestaltung der Untschen Prosa; in ihr wurden geschichtlicher Stoff, sittlich - fromme Betrachtungen und Ergebnisse der Forschung und wissenschaftlichen Steedens dem Volke näher gebracht. Die ältesten Versuche in tcut- schcr Prosa lassen sich nach zwey Haupt - Abthcilungcn ordnen, wovon die eine dem gelehrten Stande, die andere dem Volke angehört. Zu der crsteren rechnen wir: die Ucbersetzung der Bibel aus der Vulgata, welche Matthias von Bchaim liZstZk, Clausncr zu Halle, unternahm und handschriftlich zu Leipzig sich befindet; 1L9 Conrad' s von Megenberg s iZZv s, Priesters zu Negensbnrg, freyc tcutsche, vielfach berichtigte und erweiterte Umarbeitung des von Thomas Cantimpra- tcnsis von Brabant s st. 12-^0 ?s verfaßten lateinischen Werkes von der Natur der Dinge, das für Naturkunde und Sprachforschung geschichtlich gleich wichtig ist; die alten gedruckten Ausgaben (Augsburg ,478; 1482. F.) desselben sind äusserst selten; ein anderes teutsches Buch dieses Conrad's „von der Gestalt der Welt" kennen wir nur aus seiner eigenen Anführung dein Namen nach; und eigentlich philosophische ober metaphysische Abhandlungen, von klösterlichen Seibstdenkern aufgesetzt, wie uns eine solche lum »I5o?s „über die wirkliche und mögliche Vernunft" von D 0 ccn (Miscell. Th. >. S. iZ3. fg.) mitgeteilt worden ist. In die zweyte ist Alles aufzunehmen, was das Leben und den Geist des Volkes naher berührte und auf seine Ansichten und gesellschaftliche Verhältnisse Einfluß gewinnen müßte. Dahin gehören in beschränkterem Sinne die im zwölften Jahrhunderte veranstalteten Sammlungen der Nechtsgewohnheiten, der Sachsen-, der Schwaben- Spiegel und das Äaiserrecht, und die seitdem sich fortwährend vermehrenden und vervollkommnenden Stadtrcchte, welche, besonders die lezte- rcn, zur eifrigeren Bewahrung des gesetzlich-bürgerlichen Zustandcs in vaterländischer Eigentümlichkeit nicht wenig mitwirkten; dahin die teutschen Geschichtsbücher, welche zwar hauptsächlich für Geistliche und Vornehmere bestimmt gewesen scyn mögen, aber doch auch in Vürgertrcise Eingang gewannen und zum Theile sogar auf diese berechnet waren. Die Anzahl derselben wachset gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts; mehre liegen noch im Staube der Büchcrcycn; einige und darunter trefliche sind ge- Wachler'«! Vorlesungen >r Th. 9 150 druckt und von Sachverständigen nach Verdienst gewür- digt worden. So haben wir Johann Riedcscl's lst. nach i34iz schätzbare Hessische Chronik in einem ziemlich ausführlichen Auszuge Wigand Gerste nber- ger's lst. 1622z, welchen F. Ch. Schmincke (in den Hess. Monumenten B. 1 und 2.) bekannt gemacht hat; Jacob Twinger's von Königshofen (lebte i386z, eines Straßburger Geistlichen, Elsaßisches Zeitbuch (gedr. zu Augsburg 0. I. und 1476. F.; herausgegeben mit Anmerkungen von I. Schilter. Straßb. 1698. 4.) ist zur Kenntniß der Sitten und Lebensweise von bedeutendem Gehalte; ausgezeichneten Werth hat des Schrei- bcr's Johann Gensbein lst. nach 1402z Chronik der Stadt und der Herren von Limburg an der Lahn, fortgesetzt (bis -461) von Georg und Adam Emmel; sie ist mehrmalen (Nnrnb. 1617; Heidclb. 1619; Wetzlar 2720; -747) gedruckt und dennoch selten; anderer Geschichtsbücher in teutscher Sprache nicht zu gedenken. Mehr als dieses alles wirkte auf des Volkes Gesinnung und sittliche Betrachtungsweise ein herrlicher Mann, zu seiner Zeit einziges und unerreichtes Muster gründlicher und gemeinfaßlicher Belehrung über die heiligsten Angelegenheiten des menschlichen Gemüths. Johann Tamil er lst. d. i6Junius i36iz, Dominikaner zu Straßburg, durchdrungen von ächter Frömmigkeit, wie sie aus der Tiefe des in Sslbstbetrachtung erstarkenden Gemüths frey und allmachtig waltend über Leben und Streben erwächst, versuchte, das Volk zu dem zu erziehen und für das zu gewinnen, was als ausschließliches Eigeuthum des gelehrten Standes bisher gegolten hatte, die Laienwelt zu ertüchtigen zum sittlichen Selbstdenken über Gottesfurcht, damit sie entfesselt vom Zwange gedankenloser jZt Gewohnheit, Gesinnung und Wandel freykräftig ordne und bestimme. Er lehrte die Menschen in sich gehen, durch geistige Anschauung das Geheimniß der höheren Bestimmung ahnden, im Inneren selbst finden, was äusser- lich nie oder nur höchst dürftig gegeben, selbstglaubig schaffen, was durch fremde buchstäbliche Ueberlieferung nimmer zu Stand gebracht werden kann. Dieses große Ziel erstrebte Tauler in seinen Predigten und geistlichen Erbauungsschriften; daß er den rechten Weg zum Herzen des Volkes gefunden hat, bezeugen die Erscheinungen im teutschcn Volksleben der folgenden Jahrhunderte, beurkundet die Achtung, welche Johann Arndt (der sein Leben beschrieb), Philipp Jakob Spener, deren Geistesverwandte und die Frommen auch unserer Zeit ihm zollen. Seine Predigten, welche er lateinisch entwarf und in elsaßischer Mundart vortrug, und seine Erbauungsschriften, von der Nachfolge des armen Lebens Christi, von der göttlichen Liebe, von der christlichen Tugend, vom Leiden des Erlösers u. s. w., enthalten einen reichen Schatz herzlich-frommer, die geheimste Sehnsucht und das edelste Bedürfniß des Gemüths ansprechender Betrachtungen, Winke und Andeutungen. Seine Darstellung ist abgebrochen, gedrangt, sinnvoll; das namenlose tiefe Gefühl ringet mit dem Ausdruck. Er gewann der Muttersprache zuerst den Kunstausdruck für Vorstellungen der sittlichen Vernunft und Empfindung ab und stattete sie mit Bereicherungen aus, welche der Eifer unserer Tage für Reinheit und Fülle der teutschen Sprache nicht unbeachtet lassen sollte. Seine Werke haben schon in älteren Ausgaben (LeipzigiHyg.4; Augsb. -5o3; Basel 1Z21. F.) manche Veränderungen erfahren, indem die Predigten nachgeschrieben und provinziellen Mundarten anbequemr S " 132 wurden; noch mehr sind sie in späteren, der Sprache nach verjüngten (Hamburg 1621. Fol.; von PH. I. Spcner. Nürnberg, -683. si.zc.) umgestaltet worden. Sie bleiben für immer herrliche Denkmäler tcutschcr Gottesfurcht, eine unerschöpfliche Fundgrube für sich selbst ermannende und aufstrebende evangelische Glaubcnsfreyheit. Sie haben Bürgschaft gestellt, daß das Kleinod wahren Chri- sieuthums im Schooße unseres Volkes bewahrt und gepflegt, daß in unwandelbarer Ehrfurcht und Liebe für das Heilige ein Grundzug teutscher Volks - Eigenthümlichkeit erkannt werden soll. 1ZZ Eilfte Vorlesung. Geschichte von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts bis in die ersten Jahrzehnte des scchszehnten, Lehrgedichte- Bürgerliches Selbstgefühl; Lyriker. Romane. Volksbücher- Drama. Satyre: Rcineke Fuchs; Seb. Brant und Geiler. Prosa. Während der Zustand äußerlicher Einheit im tentschcn Reiche immer zweydentiger und schwankender wurde, das Ansehen des Rcichsobcrhauptes sichtbar sank, nicht blos solange der schlaffe Friedrich III,l l »ststo fg.f, sondern auch wie der ritterlich hochherzige Marimilianl, fistyZ fg.f Kaiser war, die Fehdesucht des Adels mit Rohheit, argen Unarten und bösen Gelüsten desselben, so wie die Rauslust und Schlechtigkeit seines Gesindels und des ihm nacheifernden Geschmeißes zunahmen; blühcteu Kraft und Geist des Untschen Volkes in Städten lustig auf. Die Städte erstrebten und erlangten Gleichstellung ihrer Gerechtsame mit denen des Adels und der höheren Geistlichkeit, bewahrten und erweiterten, liebten treu und vcrtheidigtcn tapfer ihre Frcyhcit. Neben Prachtlicbe und Genußsinn, welche die Entwikelung des Kum.gcfüh- les begünstigten, erhielten sich biedere Rechtlichkeit, frommes Selbstdcnken und gesunder bürgerlicher Hausverstand; auch Neigung zu wissenschaftlicher Bildung, insoweit sie ins Leben eingreift, wurde allgemeiner. Die Macht der teutschcn Städte war ungleich und eigentlich nur im Norden glänzend; aber überall von der Ostsee bis an die Donau, am Rheine wie an dcrElbe, vermehrte sich ihr Wohlstand durch Gewcrbstciß und Handelsverkehr; überall Geschäftigkeit und Burgerfieiß, Kunstfertigkeit und Streben nach Erwerb; Verbindungen in der 134 Nähe und Ferne nach allen Richtungen hin; sorgsame Erhaltung und Vervollkommnung vorhandener Erwerbsmittel, willige Aufnahme und gcschikte Benutzung neuer. Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten des Lebens wurden in eben so reicher Fülle aus der Fremde eingeführt, als der Väter alter Brauch und bewährte Grundsätze fest und in Ehren gehalten. Bey sonstiger mannigfacher Verschiedenheit in äusseren Verhältnissen hatte die staatsbürgerliche Gesinnung der städtischen Gemeinde, wenn diese auch aus altbürtigen Geschlechtern und zünftigem Mittelstände zusammengesetzt war, im Wesentlichen Einheit oder engvcrschwistcrte Aehnlichkeit; über Aufrechthaltnng der Verfassung und Sicherstellung der Unabhängigkeit, im Hasse und Widerstande gegen ritterliche Anmaaßung und Raubgier, in Abneigung gegen lateinische Vornchm- thnerey und gelehrte Selbstsucht und Herrschlust war die Mehrheit einverstanden; auch näherte sich in leitcndenAn- sichten ein kleiner Theil des Gelehrtenstandes, die von RudolfAgricola fst. 1Z08.Z, Johann Reu chlin lst. ,Z22,f und anderen Ehrenmännern angeführte Humanisten-Schule, dem Kraftwillen des Volkes und machte mit ihm gegen der Scholastiker Dünkel und Geschmacklosigkeit oder gegen Obscuranten-Despotie gemeinschaftliche Sache. Es war also ein, dem Umfange nach sehr bedeutendes und fortschreitend wachsendes, der Empfänglichkeit und Tüchtigkeit nach achtbares Publikum vorhanden, für dessen Belehrung und Unterhaltung, Erkräftigung und Ermunterung zum Guten, Warnung und Verwahrung gegen das Schlechte gearbeitet werden konnte; in der Kirche und in Trinkstuben, bey Zunft- und Gilden-Versammlungen, bey gemeinsamen Feierlichkeiten und Ver- 155 gnügungen, aber auch im Familienkreise und in einsam- licher Zurückgezogenheit fand geistige Einwirkung auf dasselbe statt; und des geschichtlichen und sittlichen, deS ernsten und lustigen Stoffes bot des bunteren Lebens vielseitige Betrachtung, die regere Sehnsucht nach dem Besseren, die Vergangenheit und Gegenwart in reicher Ucberfülle dar. Die gesellschaftlichen Vildungsmittcl hatten sich vervielfältigt; Reisen in entferntere Gegenden wurden gewöhnlicher; des Auslandes Abentheuer und Kunstfrcuden wurden eingebürgert; Lebensverkchr, wech- selseitige Mittheilungen, Austausch der Gedanken, der Bedürfnisse und Genüße wurden durch Messen und Jahrmärkte, Wallfahrten und Fürstenfeste erleichtert; das Bücherabschreibcn war seit Einführung des Lumpen-Pa- pieres (und Nürnberg hatte schon 1Z90 Papiermühlen) niindcr ausschließlich auf Klöster beschränkt. Dazu kam unn die folgenreiche Erfindung der Buchdrnckerkunst durch Johann Guttenberg in Straßburg und Mainj 14436 bis 14S4Z; in lezterer Stadt von Faust und Schöf- fcr zu hoher Vollkommenheit gebracht und von da auS schnell ls. 1462z über ganz Teutschland verbreitet. Diese Kunst gewährte Anfangs nur dem kirchlichen, dem zünftig-gelehrten Geschäftsleben und dem lateinischen Uuter- richtswcsen Vortheile, schloß sich aber bey ihrer Verallgemeinerung und bey wetteifernder Anwendung auf alles Menschliche den Volksbestrebungen an und wurde diesen förderlich. Mit Recht fluchten ihr engherzige Gewalt, Haber und Finsterlinge; sie halfdcn selbstsüchtig mißbrauchten, auf Grundfesten der Unwissenheit und Knechtschaft ruhenden Alleinbesitz geistiger Obergewalt stürzen; umsonst versuchte die früh li4L6z in Mainz eingeführte Ccnsur ihre Wirkungen zu hemmen. In Menge ging aus 150 den Pressen hervor, was dem Geiste und Bedürfnisse des Volkes zusagte: Kalender und Briefmustcr, Gebete und Legenden, Bücher über Arzncycn und Haushaltung, über Essen und Trinken, über Gesichtsbildung, Chiromantie und Wahrsager«), über Ehestand und Kinderzucht, Gedichte und Geschichten, Ucberscstnngen der Sitten und der Welschen. Sehr früh k erschienen Bücherverzeichnisse in Augsburg ; auch in Nürnberg, Frankfurt und anderswo war es Sitte, die Neuigkeiten der Litteratur auf einzelnen Zetteln anzumelden; die viclthätigcn Buchdrucker wurden reich. Wie ämsig das Volk gelesen hat, gehet aus der Seltenheit vieler alter Drucke hervor; mehre derselben sind ganz verschwunden und im eigentlichsten Sinne aufgerieben worden. Der Ertrag vaterländischer Kunst in Schrift und Sprache ist demnach jezt sehr ansehnlich und vieles darunter trcflichen Gehaltes, ja bleibenden und für alle Zeitalter gültigen Wertstes. Ter Bürgerstaud war regsameren und kraftigeren, reicheren und empfänglicheren Geistes; was aus diesem hervorging und für diesen berechnet war, hat lebendige Bedeutung und ziehet, wenn auch nicht durch dichterische Kunstges.alt, doch vermöge seiner geschichtlichen Wichtigkeit an; je mehr daher die Schriftgclehrtcn, als Sprecher ihrer Zeit, der Denkart des Volkes sich näherten, seine Bedürfnisse und Bestrebungen begriffen, seine Fortbildung und Veredelung bezweckten, desto achtbarer und genügender snid ihre Arbeiten. Am wenigsten cht dieß be.) sogenannten Lehrgedichten, gcwisicrmaaßcn Wissens ! :st:ichcu Neimcreyen der Fall. Es sind ihrer ziemlich viele auf uns gekommen; daß die wenigsten ge- dru t worden sind, wird kaum Entbehrung oder Verlust ' l Ursen. Sie beschäftigen sich theiis mit geistlich 1Ü7 erbaulichen Betrachtungen und frommen Spielcreren, thcils enthalten sie allegorische Schilderungen und Ermahnungen, theils stellen sie Ergebnisse gelehrter oder zünftiger Beobachtungen dar, z.B. die Edelsteine und deren Heilkräfte, die Physiognomik, GcsuudheitSvorschriftcn u. dgl. ; mögen sie auch zur Ergründung einiger herrschender Borstellungen, für die Geschichte einzelner wissenschaftlicher Kenntnisse und für Sprachforschung Dienste leisten; ihr Kunstwerth ist gering. In Ansehung des leztcren stehen die rein geschichtlichen Rcimcreycn mit ihnen auf gleicher Stufe; aber sie werden durch ihren Stoff gehoben und bezeichnen anschaulich den Aulheil, welchen das Volk au Ereignissen seines Zeitalters nahm. So spricht sich in Hans Roseuplüt's Reimen von dem Siege der Stadt Nürnberg über die sie bedrohenden Großen IftsiScft, so in dem niedersachsischeu Neimgedichte von der Seester Fehde »si6o?s, in Hans Erhard Tusch Beschreibung der lezten gewaltthatigcn Unternehmungen des burgundischcn Herzogs, Carl's des Kühnen und seines Todes (Straßb. 1477. Fol.), welcher von Mehren besungen wurde, in des Luzcrner Schreibers Nicolaus Schradin Rcimchronik von dem Kampfe der Schweiz gegen Marimitian und den Schwalnschcn Bund si..», und in manchen anderen gleichzettigen historischen Gelegenheitsgedichten, bürgerliches Hochgefühl, mannhafter Freyhcitssinn, und biederer Jubel iwer mislungcne Unterdrückungsanschlage und gerettete Selbstständigkeit unzweydeutig aus. Mehre solche Zcitgedichte beurkunden die Ansichten, welche von allgemeinen Angelegenheiten und außerordentlichen Borfällen, von Zerrüttung des Reichsregiments, vom Bundschuh, von ^ uoen- verfolgung, von Herercy und Zanbcrcy u.ft w. in Umlauf 158 waren und können mit beschränkender Vorsicht als Quel« lcn zur Ausmittelung der öffentlichen Meinung und verstockter Einzelnheiten in dem Geschehenen benutzt werden. Als Muster höherer Kunftmanier und Inhaber vornehmeren, gelehrten Geschmackes schließet sich diesen geschichtlichen Reimern der allegorisircnd-moralisirende und auf seinen aus naher Wirklichkeit entnommenen Stoff des alt- ritterlich-epischen Styles Dichterschmuck übertragende Melchior Pfintzing aus Nürnberg (geb. 1481, starb den 24. Nov. an; er war Geheimschrciber K. Marimilian's I, wurde auf dessen Empfehlung Probst zu S. Sebald in Nürnberg, bekleidete dann mehre kirchliche Acmter und lebte zulezt als Probst an S. Victor in Mainz. Auf Veranlassung des Kaisers und höchstwahrscheinlich, wie Wiener Handschriften andeuten, nach dessen Entwurf, beschrieb er unter der Aufschrist „Die Gencrlichkeiten und eins Teils der Geschichten des loblichen streytbaren und hochbernmbten Helds und Ritters Herr Tewrdannckhs" (Nürnberg 1617; Augsburg 16,9 gr. Fol. mit schönen Holzschnitten; das. -Zrg; 26Z7. F.) die ritterlichen Großthatcn aus Marimilian's Jngendge- schichte, wie der herrlich kühne Jüngling Waffenruhm erstrebt, wundersame Abentheuer bestanden, Gefahren und Versuchungen durch Tugend und Verstand besiegt und sich des endlich lohnenden Besitzes der schönen Maria von Burgund würdig erwiesen hat. Wahrheit und überwiegend mehr allegorisch-romantische Dichtung sind, oft mit schleppend breiter Unbcholfenheit in einander verschmolzen; die wirklichen Personen werden unter sinnbildlichen Namen, deren Schlüssel am Schlüsse des Werkes beygc- fügt ist, verborgen und Eigenschaften, Zustände, Triebfedern als handelnde Wesen aufgeführt; wodurch das 1Z9 weit ausgcsponncne Ganze mehr ermüdende Seltsamkeit, als überraschende und die Geschäftigkeit des Einbildungs- vermögens unterhaltende Neuheit annimmt. Eben diese vornehme Rätselhaftigkeit, diese Umgebung der Wirklichkeit mit einer, weniger aus dem Geschehenen als aus absichtlicher Einkleidung desselben hervorgehenden gehcim- nißvollen Ucbcrnatürlichkeit, erkläret den Beyfall, welchen ein solches Werk in einem zwischen Forschung und Gefühl schwankenden, zwischen Gegenwart und Vergangenheit getheilten Zeitalter bey der zur Gelehrsamkeit sich hinneigenden Lesewelt gefunden hat. Seine Haltung und Richtung ist sittlich; der Ton höfisch geschlissen und natürlich vornehm, die Sprache hart, aber ernst und würdig, der jambisch-trochäische Versbau mit willkührlich wechselnden männlichen und weiblichen Reimen minder wohllautend als in den älteren Dichtwerken der schwäbischen Zeit. In der Umarbeitung des Gedichts durch Burkard Wald is (Frankfurta.M.-Z5Z; 1S6Z; iZZgFol. 1696. 12.) hat es hie und da in Ansehung der Sprache gewonnen, aber durch hervorgehobenen sittlichen Lehrton viel von ursprünglicher Eigenthümlichkeit verlohrcn; die jüngere Erneuerung durch Matthäus Schuttes (Ulm »679 ; i6gZ. F.) ist mißlungen. Aber wenden wir uns zu dem, was im eigentlicheren Sinne den schriftstellerischen Reichthum dieses Zeitalters ausmacht und die dichterische Kunstgestalt desselben am anschaulichsten erkennen läßt. Unter den, oft kunstvoll gebauten, oft überraschend leicht dem Gehöre sich anschmiegenden und in faßlichem Gesammt - Eindrucke behaltbaren Mcisterlicdern zeichnen sich viele durch tiefe Wahrheit und Kräftigkeit des Gefühles aus; die meisten und besten sind als Volksgesänge, auch wenn sie anfgc- 140 zeichnet worden, mannigfaltigen Veränderungen unterworfen gewesen und daher dürfte bey Mangel an Zeitbestimmungen, über ihren wahren Grundton schwer zu entscheiden scyu. Mit erfreulicher und dankcnswcrthcr Sorgfalt haben Mehre in unseren Tagen angefangen, sie aus schriftlichen Ucbcrliefcrungcn oder aus dein Munde des Volkes zu sammeln und noch immer sind reiche Nachlesen zu halten, besonders auch, um die Abweichungen, in welchen sie sich erhalten haben, und wenn diese zahlreicher und vollständiger vorliegen, vielleicht bey einigen die Zeit und die Gründe der Umbildung kennen zu lernen. Es begegnen uns darunter treffliche Balladen, deren Stoff aus Erinnerungen an ritterliche Vergangenheit, öfter aus einfachen Zcitbcgebenheiteu entlehnt ist. Von gediegenem Wcrthc sind die Kriegs - und Sicgeslieder, welche Veit Wieder st. >476) aus Frcybnrg im Brcisgan, den Schweizern vor und während dem Burgundischen Kriege gesungen hat. Sie finden sich, mit mehren andern von ungenannten Verfassern in des gleichzeitigen Diebold .Schilling „Beschreibung der Burgundischen Kriegen" (Bern >7stZ. Fol.) aufgezeichnet und machen (namentlich die S. >83. 298. 3oa. 347.) den gelungensten der neueren Zeit den Nang streitig. Noch scheinen andere in Handschristen vorhanden zu seyn, z. B. Werner Rc i- uer's Schlachtlicd bey Granson, welche bekannt gemacht zu werden verdienen. Fast in gleichem Maaße nehmen einzelne alte Zunftgcsängc, reich au tiefer, sinnvoller Betrachtung und gcmüthlicher Empfindung, unsere Aufmerksamkeit in Anspruch; dahin gehören mehre Spruch- rcime, der Müller, Zimmcrlcute, Glockengießer, Waf- fenschmidtc u. a.; die Bergrcigcn sum 1480?^ im Erzgebirge nicht zu vergessen. 141 Der üppigste Ucbcrstuß dieses Litteratur-Zcitaltcrs Hestedt in Erzählungen und Romanen; und es kann daraus mit Sicherheit gefolgert werden, wie ausgebreitet damals die Lesewclt in unserem Vatcrlande gewesen ist, welche Richtung Geist und Einbildungskraft derselben genommen haben und welche Stoffe theils bewahrt, thcils aufgenommen und hcrbcygcschaft worden sind. Die lange verabsäumten epischen Ritter-Romane wurden hervorgesucht; W. v. Eschcubach's Par.ifal und Titurel wurden gedruckt (Augsb. b. Zainer 1477. F.), späterhin (Straßburg «Zag. F.) daS Heldcnbuch, das epische Lied von Dicterich von Bern uud Hildebrant (Heidelb.1490.F.) Caspar von der Rocu »472Z überarbeitete mehre derselben neu - metrisch. In diesem altritterlichen Style verfaßte Hermann von Sasscnheim fst. 14Z8Z seine allcgorisirend- abenthcuerlichc Erzählung „dieMvriu" (Straßb. »Z>2. F.) , welche in Einzelnem gelungene malerische Darstellungen und Schönheiten der Sprache hat und durch strafende Seiteublicke auf Unarten der Geistlichkeit, auf Misbräuchc und Gebrechen des Zeitalters geschichtlich anzieht. In Umlauf blieben die schon früher vom Büheler bearbeiteten „Abentheuer einer Königstochter in Frankreich", auf welchem Stamme auch die Geschichten von der „geduldigen Helena, des Kaisers Autoui Tochter", von „Hirlauda, der Herzogin von Britannien", und von der milden frommen „Magelona" erwachsen sind; und geistige Verwandtschaft des Tones läßt sich in den volksthümlichereu Erzählungen von über- müthigen Königen und wilden Rittern, welche im Fegefeuer gepeinigt und gebessert werden, nicht verkennen, wenn ihnen gleich bürgerliche Ansichten von misbilligber Waffengewalt und Machttrnnkcnheit beygcmischt wer- 142 den. — Eine »cur Erscheinung ist die Ucbertragung epischer Ritter- Romane in Prosa; so wurden aus französischen Urschristen übersetzt „Pontus und Sidonia" l>4(>41, eine den alteren verwandte Rittergeschichte aus dem von Arabern beherrschten Spanien (Augsb.2498. Fol.; Straßb.iSog. 4. u-ost) und „Tristan und Jsalde" (Augsb. 149g. F.), ganz unabhängig von Gottfried's von Straßburg Gedicht. So bearbeitete Ulrich Furtner die Sagen der Tafelrunde (1468) und des heiligen Gral s >4731 prosaisch; so erschienen Wigolais (1472; Straßb. 1519. 4»), Malagis und die vier Haimonskin- dcr; Melusine aus dem französischen verteutscht von Thuring von Ringolfinge aus Bern (1470? Augsb. 2477; Hcidelb. 1490.) ; Florio und Bianceffora (1499) und viele andere; auch war die prosaische Geschichte Alexanders des Großen in Umlauf. Als eine der ergiebigsten Fundgruben für Erzähler und Novellisten standen die schon früher benutzten Geschichten der Römer in großem Ansehen; sie wurden verteutscht (-474; Augsb. 2489. Fol. u. oft) und mit erbaulichen Nutzanwendungen begleitet; aus ihnen ging das beliebte Volksbuch „von den sieben weisen Meistern" hervor, welche durch ihre Gleichnisse den Kaiser Pontianus zu milderen Gesinnungen gegen seinen Sohn brachten ; es enthält Spruchweisheit, Anekdoten, Fabeln und Schwäuke, deren Keime auf dem fruchtbaren tcutschen Boden mehre Menschenaltcr reichlich gewuchert haben. Zum Theile in ihnen angedeutet waren die Urbestandtheile des wundersam herrlichen „Fortunatus", wahrscheinlich eines englischen Volksromans (1440?), welcher mit Recht Jahrhunderte lang (Straßb. >609. 4. sehr oft) Liebling der teutschen Lesewelt geblieben und in Tieck's meisterhafter Umarbeitung 145 unter uns zu neuem Leben erstanden ist. Auch B o c c a c- ci o's Decamerone ward bald (>472? Straßb. 1Z09 ze.) in teutscher Sprache eingeführt und dankbar benutzt. Den Ritter vom Turn, eine Sammlung von Tngendbepspic- len übersetzte Marquard vom Stein (Ba,el >49?) ans dem Französischen. Daneben behaupteten sich die oft überarbeiteten und gedruckten Äesopischen Fabeln und die ursprünglich Indische, auf Herzog Eberhard's i von Würtemberg Veranlassung, aus dem Lateinischen des Johann von Capna übersetzte Sammlung von mo- ralisirenden Erzählungen, Fabeln und Räthseln „Buch der Weisheit" (Ulm i433) überschrieben, machte fast eben so großes Glück, wie der beliebte Salomon und Morolf. Aber mehr als alles andere sagten Schwanke, Schnurren voll abentheuerlichen Witzes, und lustige Ereignisse und Einfälle der leselustigen Menge zu. Der Art sind der Pfaffe Amis ir46oZ, welcher auch gereimt vorhanden ist, und leichte gereimte Possen der Nürnberger Meistersänger Rosenplüt und Folz. Mit entschiedener Ueberlegenheit an erfinderischer Laune, greller Lustigkeit und derber Spaßhaftigkcit, unwiderstehbar für den bürgerlichen Hausverstand und für diesen auch lehrreich in seinen humoristischen Uebertreibungen, trat der schalkhafte „Til Eulenspiegel" hervor. Der frohe Gesell, unerschöpflich an seltsamen Schnurren, soll ans Möllen bey Lübeck gebürtig gewesen sehn und sich in mehren Gegenden Teutschlands mit seinen Schalkstreichen berühmt gemacht haben ; sogar sein Todesjahr j >ZZoZ wird mit Bestimmtheit angegeben. Nach Lessing's Untersuchungen ward dieser, schon von Seb. Brant (vor i494) als allgemein berühmt erwähnte, Volksroman ursprünglich niedertentsch ilchLaj geschrieben, durch Thomas 144 Mnrner, von dem unten weitere Nachricht gegeben werden soll, in Dbcrteutschland (Strasb. r6rc). 4; Erf. läöst. 4; Augsb. >Zsio. g. u.s. w.) eingeführt und thcilte sich bald in protestantische und katholische Bearbeitung. Gewiß waren auch der Pfarr von Kalenberg, das Lalcn- buch oder die Schiltbnrger und manche andere Schwankc- Sammlungen durch Uebcrlieferung in Umlauf, wenn sie gleich erst ein Menschenalter später ihre schriftstellerische Einfassung und kunstgemaße Gestaltung erhalten haben. Im Anfange dieses Zeitabschnittes entstand dramatische Dichtkunst, als öffentliche Volksbelustigung. Zwar finden sich schon im drcyzehntcn Jahrhunderte Spuren von Mystcrcn; aber sie scheinen ans kirchliche Stoffe und für kirchliches Publikum beschrankt und häufiger lateinisch als tcutsch abgefaßt gewesen zu sepn. In Nürnberg, wo Fastnachtsfrcuden eingeführt worden waren, wurden höchstwahrscheinlich die ersten Fastnachts-Schauspiele aufgeführt, und zwar im Anfange aus dem Stegreife. Als schriftstellerische Bearbeiter dramatischer Stoffe kennen wir zwcy, auch sonst berühmte, Nürnberger Mei- ftcrsängcr Rosenplüt und Folz, von denen bisher mehrmal die Rede gewesen ist. Von Hans Rosenplüt f l. rstZo bis istbos, genannt der Schncppcrer d. h. Schnatterer, Schwatzer, einem vielgereisten Wap- penmalcr und Prior im Brüder-Kloster, sind zwölf Fastnachtsspiele von roher Kunstanlage und derber Laune/ aber nicht arm an glücklichen Zügen und oft gelungen im Ausdrucke, sicher dem damaligen Volkssinne entsprechend, auf uns gekommen und Gsttsch ed (im „Röthigen Vorrath zur Geschichte dcr tcntschen dramatischen Dichtkunst" B. r. u. 2) hat sich das Verdienst erworben sie bekannter gemacht zu haben. Von seinen übrigen Reimereien sind 145 die Feyer des Nürnberger Sieges bey Hcbach und seine zum Theil in Darstellung und Sprache sehr hervorstechende Erzählungen und Schwanke am berühmtesten; die lezte- ren (wovon zwey Handschriften auf der Dresdner Bücherei) liegen, deren eine ihrer 46 enthalt) geben für Sittengeschichte nicht unbedeutende Ausbeute; von zweyen derselben: „der König im Bade" (Kl. 149Z. 4.) und „der Mann im Garten" (Bamberg 149?. 4.) sind seltene alte Abdrücke vorhanden. Sein etwas jüngerer Zeitgenosse der Nürnberger Barbier Hans Folz aus Worms stehet ihm in seinen vier mehrmals gedruckten Fastnachtsspielen weder an Witz noch in leichter Beherrschung der Sprache gleich; aber auch ihm gelinget der Erzählungston im Volksschwanke, wie seineRcime „von einer gar bäurischen Baucrnheirath" (Kl. iSig. 3.) beweisen; auch er ist bieder vaterländisch gesinnt; das beurkunden seine Klagen über Verfall des tculschcn Reiches in dem geschichtlichen Gedichte: „von wannen das h. römische Reich seinen Ursprung erstlich hat" (Kl. 1430. 4. ) ; seine ärztliche Kenntnisse sind aus den von ihm verfaßten Gesundheitsregeln („Liber Collationum". Kl. 1486. F.) zu ersehen. Zwar nicht zur Aufführung geeignet, aber romantisch großartig und reich an dichterischen Schönheiten ist „ein schön Spiel von Frau Jutten, welche Papst zu Rom gewesen", in welchem ihre Lebensgeschichte, ihre Leiden im Fegefeuer und ihre Aufnahme in den Himmel dargestellt werden; es treten darin 26 Personen und 3 Teufel auf; die dramatische Bearbeitung hat ungemein viel Lebendigkeit und geschichtliche Anschaulichkeit. Gottsched (im N. Borr. B. 2.) sorgte für einen neuen Abdruck. Nach des ersten Herausgebers Hieronymus Tilcsins aus Hirschberg (Eißleben r56S. L.) Ver- Wachlck'S VorUsunßm irTb. ilO 146 sichcrnng, lebte der Verfasser dieses Stücks Theodor ich Schernberg, ein Mei-pfaffe, im lczten Viertheile des fünfzehnten Jahrhunderts und wir müssen diese Aussage Nor der Hand gelten lassen, obgleich mehr noch der Stoss als die Sprache zu Zweifeln gegen dieselbe berechtigen dürfte. Der überall, in Liedern, Erzählungen und Fastnachtsspielen hervorbrechende Hang zur Verspottung und zu ernst rügender Ausstellung der Thorhcitcn, sündhaften Gebrechen und herrschenden Schwachheiten der Zeitgenossen bezeichnete schriftgelchrtcn, erfahrnen und gebildeten Männern den Weg, auf welchem sie sich dem Volkssinue dici terisch nähern und zu dessen sittlicher Veredelung mit- wtrkeu konnten. Der Beachtung dieser Acnßcrung des Zeugest es verdanken wir zwey Dichtwerke, sehr verschieden ihrer dichterischen Natur nach, an sittlicher Bedeutung und Tüchtigkeit nicht ungleich. Das eine ist der allbekannte „Neinecke Fuchs", das nach dem Leben aufgenommene, wohlgetrossene Gemälde eines durch Schwachheit des Herrn, durch Ränke und Beschranktheit der Staatsbeamten und durch Schlauheit eines von Grund aus verdorbenen, in allen Tücken geübten, der Wahrheit und Gerechtigkeit trotzenden Günstlings gefährdeten und von öffentlicher Verachtung bedroheten Hofes. Es ist ein allegorisch- episches Spottgedicht, in welchem Wesen aus der Thierwelt, aber so ganz menschlich, daß diese naturwidrige Täuschung fast alles störende verlieret, handeln und sprechen. Anordnung und Entwickelung des Geschichtlichen, Darstellung und Haltung der Eigenthüm- lichkeiteu im Einzelnen, Einschaltung bedeutsamer Züge aus der Zeitgeschichte, Schilderung der Stände, Rügen der Thvrheiten und Schlechtigkeiten zeugen von einem 147 lebendig - kräftigen Vorstellungsvermögen und von einer genial-schöpferischen Bchandlungslunst in seliencr Reife und Vollendung. Die Sprache ist reich und schön, der Versbau hat bequeme Leichtigkeit und kunstlosen Wohllaut; die nicdcrsächsische, eigentlich Friesische Mundart, in welcher daö Meisterwerk geschrieben ist, entfaltet eine Reinheit und Abgeschlossenheit, deren keine andere in gleichem Maaße sich rühmen kann; es wohnt ihr eine bald derbe bald zarte Naivität ein, welche fast jeden Wettstreit verbietet, lieber die Quelle dieses Gedichts (mit welchem ein gleichbenamtes obcrtcutschcs, handschriftlich in Heidelberg aufbewahrtes, soviel wir davon wissen, gar nicht verwandt ig) sind vielseitige Untersuchungen angestellt worden, deren Hauptergebnis! darauf hinauslauft, daß gewiß schon im neunten Jahrhunderte ein verschlagener Staatsdiener und Hofmaun mit der sittlichen Beschaffenheit und mit dem Namen eines Fuchses sinnbildlich bezeichnet worden ist; daher auch schon im Anfange des drcyzchnten Jahrhunderts der „gekrönte Fuchs" in uord-französischen didaktisch-satyrischcn Romanen bearbeitet zu werden pflegte. Aber es laßt sich damit nicht rechtfertigen und begründen, daß der französische» Littcratnr das Erfiudungsvcrdieust dieses Stoffes zugeeignet werden soll; denn die bildliche Volksvvrstcl- luug, aus welcher derselbe erwachsen ist, scheint in frühester Zeit zu weit verbreitet gewesen zu seyn, um ein solches, ohnehin auf Würdigung der Kunstgestalt unwirksames Vorrecht des Besitzes gelten lassen zu können. In der Alteren Geschichte des Flandrischen Hofes geschiehet ebenfalls eines verschlagenen Staatsmannes Erwähnung, der mit dem Namen des Fuchses geschichtlich kenntlich gemacht wird; und es bleibt noch immer am wahrscheinlichsten, A0 * 146 daß diese Volksüberlieferung zur ersten rohen Auffassung des Stoffes, aus welchem unser Kunstwerk erwuchs, die nähere Veranlassung gegeben habe. Die uns bekannte älteste Bearbeitung in holländischer Prosa/ unter der Ausschrift: „Historie von Rcynaert de Vos" (Gouda r479i Delft 1486. 4; aus dieser Ausgabe wieder abgedruckt: Lübek 178Z. 8.) scheint eine welsche, vielleicht wallonischflandrische Urschrift vorauszusetzen. War sie auch, wie nicht in Abrede zu stellen ist, Grundlage unseres Gedichtes, so hat der Verfasser desselben durch hohes Kunstverdienst, durch freye Beherrschung und glückliche Gestaltung des Stoffes ein Eigenthumsrecht daran erworben, welches jede zudringliche Erinnerung an die Vorarbeit siegreich zurückweiset. Wer dieser Verfasser gewesen sey, lieget in einem schwer aufzuhellenden Dunkel. Von dem Dichter selbst wird als solcher Heinrich von Alkmar Schul- und Zuchtmeistcr des Herzogs Renatus von Lotharingen genannt; dieser Mann ist jedoch ganz unbekannt und kann, wenn sein Dasepn eingeräumt wird und mit der Angabe nicht die Verbcrgung des wirklichen Urhebers beabsichtigt worden ist, vielleicht nur als Verfasser des holländischen prosaischen Werkes betrachtet werden. Georg Rollenhagen, der Dichter des Froschmäuse- ler, gicbt Nie 0 laus Bau mann aus der Wcsergegend sgeb. »4Z0? st. im April >Z26j bestimmt als Verfasser an; er soll durch einen räukevollen Canzler aus den Diensten des Herzogs von Jülich verdrängt, bcp dem Meklenbur- gischcn Herzoge Magnus II, die Stelle eines Gehcim- schrcibers bekleidet und seine lezte Tage in Rostok verlebt haben. Das Daseyn dieses Mannes leidet wohl keinen Zweifel, obgleich die urkundlichen Belege dafür in unsichere Uebcrlieferungszeugnisse übergegangen sind; aber 149 die Zeitbestimmung seines Lebens und Verhältnisses zum Rciuekc Fuchs enthält erhebliche Widersprüche; und nach vorsichtiger Abwägung aller Umstände dürfte vielleicht Baumann's Anthcil nur auf Verfertigung der Glossen s 1622 s zum Rciuekc beschränkt werden müssen. Die älteren Ausgaben des Gedichts (Lübck -498; Rostoki6>7; mit Glossen, das. -622; 1689; >64?; 1692. 4. ) gehören zu den größten Seltenheiten; von mehren sind nur einzelne Eremplare, Handschriften gleich zu achten, vorhanden, einige blos aus Zeugnissen bekannt; was als Folge des ungewöhnlich häufigen Gebrauches dieses beliebten Volkswirtes anzusehen ist. F. A. v. Hackmaun ließ (Wol- fenbüttcl 17» >. 4) die erste Lübckcr Ausgabe abdrucken und G. G. Bredow mit einem kleine» Wörterbuche (Eutin 1797. 3) wiedcrhohlcn. Unter den Uebcrtragun- gcu in hochdeutsche Mundart ist die Gottsched'sche (Leipzig 1702. gr. 4 mit 60 herrlichen Kupfern von A. v. Evcrdingen und 6 von S. Eir) vollständig mis- luugen; aber auch die von D. W. Solkau und die Heramctrische von Göthe gewähren bcy bescheiden ermäßigten Federungen keinen genügenden Ersatz für die Urschrist. Nicht uuverdicnstlich ist H e r mann S ch 0 p- pcr's lateinische Ucbcrsetzung (Frks. a.M. 1667.8 :c.); nur crmangelt sie des Ruhmes leichter Schalkhaftigkeit, welche die in fremder Zunge unerreichbare ächttcutsche^ Volksthümlichkeit auszeichnet. Eine jüngere Fortsetzung des Gedichts bis zu Rcinckc's Tod „Hcnnyek de Hau" (Bremen 1782.4; herausg.vonN. Meyer, das. 18-4.3.) verdienet des gut getroffenen Tones und der schönen Sprache wegen, Erwähnung; sie ist von C as p. F. Renner lgcb. 1692; st. 1772j verfaßt worden, der sich un- er dem angenommenen Namen F. G. Sparre zu vcr^ 150 bergen suchte. — Gleichzeitig mit Reinekcist„deKokker" ( abgedruckt hinter der H ackiua n n' scheu Ausgabe), ein Köcher von alphabetisch geslelltcr, kirchlich freymitthigcr, satprisch - witziger niedersachsischer Spruchgcdichte, welche zwar ohne dichterisches Verdienst, aber reich an geschichtlichen Beziehungen und an Sprachschönheiten sind; der Verfasser, vielleicht ein Ditmarse, verräth viel Geistesbildung und ausgebreitete Bekanntschaft mit älteren teutschcn Dichtwerken. Das zweyte, mit nicht geringerem Beyfall von der tcutschen Lesewelt aufgenommene und durch engeres Anschließen an den besseren Geist der Zeit fast zum Range eines elastischen erhobene satyrische Vvlksgedicht ist das Narrcuschiff oder „das Schiff aus Narragonia". Es verdanket seme Entstehung einem sittlich sirengen , vielwis- sendcn, von Kaiser Marimilian, wie von Gelehrten und Uugelchrten hochgeschätzten Biedermanne, dem Doctor der Rechte Sebastian Braut aus Strasburg lgcb. >4Z3; st. iZaoz, welcher sechs Jahre s s. 1489 t die Rechtswissenschaft auf der Hochschule in Basel lehrte und dann ss. 1494 die Stelle eines Canzlcrs oder Nathschreibers in seiner Vaterstadt bekleidete; er hat sich durch mehre Schriften, Laieuspicgel, ritterlichen Kiagspiegel oder Anweisung für peinliche Richter, Ucbersctznng der Eatoni- schcn Sittensprnche, Ausgaben des Freydank cwd der Fel. H amm crlcin' scheu vermischte Aufsätze, bekannt gemacht. Seine in schwäbischer Mundart, in wohlklingenden vierstufigen, gereimten Jamben verfaßtes Narrcuschiff ist das Erzengniß sittlich frommen Unwillens über Thorheitcn, Ausschweifungen und La^er gottvergessener Zeitgenossen; sie werden keineswegs in heiterer lc'auue und spöttisch scherzend verlacht, sondern mit bitterer Strenge 161 ausgestellt und gestrast. Bücher-, Geld-, Kleider-, Liebes-, Bau-, Tanz-, Sauf-, Freß-, Hochmnths-und andere Narren, jede Gattung mit eigenen Schellen, werden nach Schifsladungeu zusammengeheilt, mit aller Genauigkeit eines scharfblickenden, viclgcübtenBeobachters nach dem Leben geschildert und mit schonungslosem Ernste gezüchtigt. Das Gedicht ist ohne innere Bindung und Einheit; es bestchct>aus ilZselbstständigcnAbschnitten, deren jeder, die beiden lezten ausgenommen, eine Narren-Gattung begreift; es schließet sich seinem Geiste und Wesen nach an die besseren Spruchgedichte der nächsten Vergangenheit an und ist, wie diese, ans Schildereyen, Ermahnungen, Warnungen, Fabeln und Erzählungen, auch oft breiten Allegorien zusammengesetzt; viele Sittensprüchc und geschichtlicheBeyspiele sind aus Werken des elastischen Altcrthums entlehnt; aber vieles greift auch unmittelbar in die Wirklichkeit der Gegenwart ein. Knnstanlage, schöpferisch-kühne Gestaltung wundersam neuer Vorstellungen dürfen hier nicht gesucht werden; aber wohl die Kraft sittlicher Wahrheit, edler Eifer für Gottesfurcht und schlichten Bürgersinn; für Sitten - und Lebensknnde ist gesegnete Erndte zu halten; für Erforschung und Bereicherung der Sprache ist ein reicher Schatz aufgethan, welchen zu heben auch jezt noch der Mühe lohnet. Schon daß das Gedicht ein Jahrhundert lang ein so ausgebreitetes Publikum fand und befriedigte, muß als bedeutungsvolles Zeichen dcr Eigcnthnmlichkcit des Zeitalters betrachtet werden; von Beschaffenheit des damaligen Sittenverfalles und von der empörenden Ausartung des geistlichen Standes gicbt es unverdächtig vollgültiges Zcugniß. Das Werk scheint vom Verfasser und von fremderHand mehrmal überarbeitet worden zu scyn; schon im ersten Jahre seiner 152 Erscheinung (Basel 1496. 4; mit zum Theile trcflichen Holzschnitten; in dems. I. Reutlingen 4, Nürnberg 8.) erhielt eS Verlängerung durch, wie es scheint, fremdartige Zusätze ( Straßb. 1494. 4; Augsb. 1495. 4.) und späterhin mag es Brant abermaliger Durchsicht und Veränderung unterworfen haben (Basel 1Z09. 4. m. schönen Holzschnitten; Straßb. 1612. 4); mehrcr alter Ab- und Nachdrücke nicht zu gedenken. Durch I». Eis leben's willkührliche Verjüngung ( „der NarrensPiegel" Straßb. 1245. 4.) ist wesentlicher Verlust entstanden. Lateinische Ucbersetzungen liefertenJakob Locher (Straßb. 1497; 1498. 8 zc.) und Jodokus Badins Ascansins (Basel 1Z07 zc. ) ; anch in das Niedertcutschc und in die holländische, englische und französische Sprache ist das Narrenschiff übersetzt worden. Die Predigten, welche über Brant's Narrenschiff im Straßbnrger Münster 11498z gehalten worden sind, bieten den schicklichsten Ucbergang zur Schilderung des Zustandcs der tcutschen Prosa im gegenwärtigen Zeitabschnitte dar. Johann Geiler von Keiscrsberg aus Schafhansen sgeb. 144Z; st. d. >o Marz iZioz, vom dritten Lebcnsahre an Key seinem Großvater zu Kci- scrsberg im Elsaß erzogen und daher nach dieser Heimath benannt. Basier Doctor der heil. Schrift, Prediger in Freyburg, Würzburg, Augsburg, Straßburg js. 1478z, wo die prächtige Kanzel im Münster für ihn Ii488z erbaut wurde, unter welcher sein Leichnam ruht, ein Heller Kopf, milden Gcmüths, rührigen, freyen, kräftigen Geistes, war im Besitze gründlicher und vielumfassender theologischer Gelehrsamkeit, ohne durch diese, wie viele seiner Amtsdrüder, dem Volke und dessen Ansprüchen auf Gci- stcsrechte, oder dem wackeren Streben nach sittlich-gci- Niger Gemeinnützigkeit für die Welt entfremdet zu werden. Als Gottesgclehrter drang er auf bessere Gestaltung des Kirchcnwesens, auf Sittenvcrbcssernng der Geistlichkeit, auf Bibelgebrauch für das Volk; sein Lieblingsschriftsteller war Johann Gersou, dessen Werke er gesammelt und (Straßb. >433; Basel >494. Z Fol.) herausgegeben hat. Als Prediger hielt er sich verpflichtet, alles Ernstes an der Sittenreinignng seiner Zuhörer zu arbeiten; er sprach offen über die Gebrechen und Schlechtigkeiten der Zeit, berührte die Einzclnheiten des öffentlichen und häuslichen Lebens, gewann die Aufmerksamkeit durch Erzählungen, freye Darstellungen und kühne Sprüche, drückte sich derb, dem Volke gemeinfaßlich aus, war nicht spröde in Wahl der Bilder und Vergleichungcn, und erlaubte sich einen Ton und Witz, in welchem nur der viel spätere Abraham a S. Clara ihm gleichgestellt werden kann. Aber er wollte das Gute und Rechte und offenbaret überall gesunden Hausverftand und hinreichende Menschenkenntnis? und Welterfahrung. Es war so recht in seiner Art, daß er über das Narrcnschiff S. Braut's, mit dem er so wie mit Jac. Wimpfeling in freundschaftlicher Vertrautheit lebte, 110 Predigten hielt; großen Theils sind dieselben weit malerischer, als die zu Grund gelegten Tertcsworte; an mannhafter Kraft stehen sie ihnen wenigstens nicht nach. Die Sprache hat cigcnlhnmliche Fülle und Angemessenheit des Ausdrucks; bey aller Stärke ist sie fließend und wohllautend. Geiler entwarf seine Predigten gewöhnlich lateinisch und hielt sie tcittsch; sie wurden nachgeschrieben und verbreitet oder späterhin in seiner Art aus dein Lateinischen übersetzt. Wir haben außer den äusserst anziehenden Vorträgen über das Rar- 454 renschiff (lat. heransg. vonJac. Otfer Strasib. iSio; 1Z1Z. 4.; Basel >672. 8.; vertemscht von dein Miuori- tcn Joh. Pauli, das. >52». F.) und einem Gegenstück dazu, „das Schiff der Pcnitcnz und Bnßwürkung" (lat. ,612.4.; tcutsch, Augsb.1614. F.), Predigten in sieben Thcilen (Angsb. 160L; 1610. F.), „von dem menschlichen Baum" oder Warnungen gegen Wollustsünden (lat. 16 >4; tcutsch »621. F.), eine Postill (1622 Fol.) und das reichhaltige „Buch Granatapfel" (Str. -6ia; »5r>. F.), worin Kanzelvorträge und erbauliche Abhandlungen zusammengestellt sind. An Tiefe wissenschaftlicher Sittlichkeit und glaubiger Anerkennung des inneren Lichts ist ihm Tauler freilich sehr überlegen; aber in Eindringlichkeit der Warme und Kraft und in tüchtiger Handhabung der Sprache stehen sie einander ziemlich gleich; in genialer Acusscrlichkeit und weltlicher Gewandtheit behauptet Geiler den Vorzug. — Auch gab es schon vor ihm im Lchrstyle und in der Erzählung Prosaisten von entschiedenem Werthe. Albrecht von Eyb oder Abe sstarb 2486z, Domherr zu Bamberg und Eichstadt, Archidiako- nns zu Würzburg, ein aufgeklärter, weltcrfahrncr, vicl- lbelcsener Manu, hielt in überraschend reiner, feiner und geschmeidiger Sprache, dem Ehestand eine Lobrede („Ob einem Manne sey zu ucmcn ein celichs weyb oder nicht?" 2472. Fol.; Nürnberg 1472. 4.; Augsb. 1472; 2474. Fol. und noch drcymal im roten Jahrh.), voll lehrreich unterhaltender Erfahrungen und einsichtsvoller Nachschlage, ausgestattet mit Zeugnissen und Beyspicleu ans alteren und neueren Schriftstellern; die eingeschalteten Novellen sind meisterhaft erzählt. Auch darf desselben Verfassers fleißig zusammengetragener „Spiegel der Sit- tZ5 teil" (Metzi5c>o; Augsb. F.), dem die Ueber- setzung zweycr Schauspiele des Plcuttus uud eines des Upolini beygefügt ist, in sprachlicher Hinsicht nicht übersehen werden. Der Uebersetzungen ist eine überaus große Zahl; aus dem Französischen wurden, wie oben bemerkt worden, besonders Rittcrgcschichten in das Deutsche übertragen , ans dem Jtaliäuischen Boceaccio' s Decamc- rone; von lateinischen Schriftstellern, alteren uud neueren, trat wahrend eines Menscheualters, eine ganze Schaar in teutschem Gewände auf; das meiste Glück machten die Atopischen Fabeln, Ovid's Kunst zu lieben (s. 1480 viermal), Petrarcha's philosophische Werke (s. 1470 fünfmal) und der von Bernhard Schöfer- lin verteutschte Avius (Mainz r5c»5; «Sich; Straßb. 1607. F.). Hans Nydhardt in kllm übersetzte li456; Straßb. 1499.) Terenz Eunuch; gedruckt wurden H. von Mu gl in's Valerius Marimus (Augsb. 1 .489.), die von Ungenannten verfertigten Uebersetzuugen des Cicero von den Pflichten (A. 1488), des Vegetans Kriegskunst (A. 1480? -Zu), des Hyginus (A. 1491), der angeblich Aristotelischen Probleme ( >492.) , des Julius Cäsar (Straßb. 1Z07.) und mehre andere. Wenigstens Fleiß und guter Wille sind zu loben an dem eifrigen Humanisten Dietrich von Pleningen, dem Freunde Reuch- lin's, Hans von Dalberg'6 und anderer Beförderer der alten Littcratur, wenn schon seine Vertcutschun- geu (Plinius Panegirikus Landshnt i5>Z; Sallustius rZiS. u. a.) unbeholfene Schwerfälligkeit haben; nicht unverdienstlich war Wilibald Pirkheimer's Ucbcr- tragung des Jsokrates an Dcmonikus (Augsb. r5,q. 4.) uud etwas lesbarer sind die Arbeiten des Schafhauser 150 Arztes Jobann Adolphns Millich aus Mühlingen im Elsaß, Caorsin'S Geschichte von Rhodus (i5i3), die Türkische Chronik (>5>3.), das Leben des Barbarossa (>52o.), die Werke des Marsilius Ficinns n- a. Merkwürdig bleibet das Rückschreitcn der tcutschcn Prosa im Allgemeinen, welches durch Vcrgleichnng der früheren Ucbcrsetzungen mit den späteren in die Augen fallt; die lcztcrcn tragen die Spuren mühevoller Anstrengung an sich; aber keine bestehet mit Ehre», wenn sie nach dem Maasstabc dessen bcnrthcilt wird, was A. v. Eyb und Nikolaus von Wyle aus Bremgarten, Schreiber zu Nürnberg, Eßlingen und zulezt zu Stuttgard bin seiner „Translation oder Tütschungen." Eßlingen >478. F. :c.) geleistet haben. Von den ebenfalls sehr beträchtlich vermehrten Gc- schichtswerken in der Muttersprache kann hier nur auf einige der merkwürdigeren aufmerksam gemacht werden. Unter den Wcltrhroniken zeichnet sich, nach der von H. Stcinhövel (Ulm >47?), Thomas Lirar aus Ranck- wcil (das.? >480?) und Wern er Nolew ink (1481), die von Georg Alt verteutschtc des Hartmann Schcdel (Nnrnb. rstgZ n. öfter) durch Reichhaltigkeit und Eigcnthümlichkeit der Darstellung und Sprache am vcrthcilhaftestcn aus. Thomas Gheysmer's in Stralsund „dänische Chronik" (nach >480?) und C on« rad Botho's zu Braunschweig „Croncckcn der Sassen" (Mainz >492) haben für Forscher der niedcrtcntschcn Mundart Werth; in der Chronik der heiligen Stadt Cölln (1)99) spricht sich oft bürgerlicher Frcyhcitssinn gegen bischöfliche Anmaaßuugen aus; Ulrich Rcichentha- ler's Concilium zu Coftanz (Augsb. 148?) ist als Be- 157 richterstattung eines Augenzeugen für Sittengeschichte ergiebig. Zu den besten und musterhaftesten Geschichtsbüchern gehöret unstreitig des schon früher erwähnten Diebold Schilling's „Beschreibung der Bnrgundi- schen Kriegen" (Bern 17/,3. F.) und durch Einfalt der Darstellung und Nichtigkeit des Urtheils gefällt Peter- mann Et t er ly n zu Luzern, wo er in seiner Schweizer-Ehronik (Basel 1S07) als Zeitgenosse spricht. Von entschiedener Wichtigkeit für Geschicht's- und Sprachforscher ist der „Weiß Knnig" (Wien 177S. F. m. schönen Holzschnitten des Hans Burgmair), welchen Marr Treizsaurw ein aus den vom K. Marimitian gegebenen Vorarveiten Gstes) verfaßte; das sorgfältig geschriebene Werk verbreitet sich über die Geschichte der K. Friedrich's lll. und Marimilian's l. — Die Reise- beschreibnngcn Schiltberger's (Ulm ist???), Hans Tncher's (s. Augsb. istLa sehr oft) und Bernhard von Breyd enbach 's (Mainz istLö zc.) haben in Schilderung und Sprache ächtteutsches Gepräge und fanden daher unter dem Bürgerstande sehr freundliche Aufnahme. Zulezt muß noch einer Schrift gedacht werden, welche für die sittlich - geistige Umstaltung des teutschen Volkes von großer Vorbedeutung war: „eyn deutsch Theologia" (Wittenberg »Zi6; >6ig; Straßb. >5ill. st. u. oft), ein schmuck- und anspruchlvscs, aber gehaltvolles, inhalk> schweres Büchlein, wie es heißt, von einem Geistlichen in Frankfurt am Main verfaßt. Die himmlische Wahrheit, welche darin entwickelt wird, ist in sich selbst tief begründet, ergreifet das Gemüth und läßt es seine heiligste Bedürfnisse ahnden; über Gedanken und Darstellung waltet ein guter, freyer, milder, evangelischer Geist. 163 Nächst Bibel und Augustiu hielt Luther diese teutsche Tbcologie am höchsten; Arndt und Spcner haben sie auf das neue zur Beförderung achter Frömmigkeit in Umlauf zu setzen gesucht; und in unseren Tagen hat C. Grell mit abermaligem Abdrucke (Berlin >817.8.) die Jubelfeier der Kircheuverbesscruug zu ehren geglaubt. 159 Zwölfte Vorlesung. Wissenschaftliche Fortschritte in Teutschland. Bolksbestrebun- gen. Martin Luther. Das Fortschreiten des bürgerlichen Verstandes, der gesellschaftlichen Bildung, der Wissenschaft und der Kunst erfolgte aus Einer Anregung, aus dem, einige Anrci- fung und Ertüchtigung dafür voraussetzenden Streben nach Frcyheit, und mußte sich nach dem Gesetze innerer Verwandtschast in Wechselwirkungen begegnen. Der Theii des Volkes, welcher von diesen berührt und ihrer auch nur dunkel und in abgebrochenen Einzclnheiten gewahr wurde, fand vieles in gesellschaftlichen Einrichtungen, in bestehenden äusseren Vcrhältnißen, in herkömmlichen Gestaltungen geistiger Thätigkeit, der Berichtigung und Verbesserung bedürftig, sehnte sich nach dieser und war geneigt, zu deren Einführung ins Leben mitzuwirken; eine Neigung, die auch häufig nicht ordnungsmäßig und züchtig-bescheiden zu Tage brach. Um willenlose, blinde Hingebung an verewigt-vormnndschaftliche, alleinherrschende Führer in Kirche, Staat und Wissenschaft war es geschehen, wo Recht oder Pflicht der Selbstbetrachtung und der ei- genthümlich-freyen Selbstbestimmung geahndet ward. Das konnten Härte der Beamten und selbstsüchtige Strenge der Fürsten nicht hindern; das hatten Rohhcit und Sit- teulosigkeit vieler Geistlichen nicht allein verschuldet; das entstand auch nicht ausschließlich aus Noth und Verzweiflung ; es war die Frucht allgemeinerer geistiger Selbst- thätigkcit, eigenthümlichen sittlichen Nachdenkens, der niiwillkührlichcn Vergleichung unaussprechlichen Gefühles 100 mit unbehaglicher Wirklichkeit, einer imincr zuversichtlicheren Hofuung, einer der Mehrheit in ihrem Grunde und Beginnen noch rathselhasten, steigenden Selbstachtung. Wild, Ruhe und Ordnung störend äusserte sich solche Gesinnung im Widerspruche und Auflehnen gegen städtische Gcwaltinhaber; in Feindseligkeiten des gegen vermehrte Beschränkungen seiner Selbstständigkeit sich sträubenden Adels; friedlicher, aber nachhaltiger in oft wehmüthiger, öfter stumpfer und trotziger Gleichgültigkeit gegen den in Herz - und geistlosen Kirchcndienst ausgearteten Gottesdienst; sittlich geregelter und mit vollgültiger Geisteskraft trat sie im Gebiete der Wissenschaft hervor. Hier entfaltete sich in Teutschland, wie früher schon bcy anderen Völkern, was durch Handel und wechselseitigen Verkehr erzeugt worden war, Vielseitigkeit, Weltbürgerlich- kcit, Duldsamkeit, Schönheitssinn, und bildete eine im Inneren zeitigende und wachsende, unsichtbar dem starren Festhalten des Herkömmlichen entgegen wirkende Macht. Die begeisterte Verehrung der altclassischen Litteratur wurde geweckt und gepflegt durch Rudolf Agricola, Heinrich Bebel, Io hann R e u ch li n, Hansvon Dalberg, Wilibald Pirkhcimer, PeterSchad Mossellanus, Hermannvon dem Busche, Otmar Nachtigal, Beatus Rheuanus, Jakob Wimp feling, Helius Eoban usHessus und ihre Freunde und Schüler; Desiderius Erasmus von Rotterdam trug sie auf Gottesgelahrhcit, Ulrich Zasius auf Rechtswissenschaft über. Größenlehre und Raummessung, als einzige unmittelbare Vernunft - Anschauung die Mutter des schärferen und festeren Denkens, erstand aus griechischen Vorarbeiten zur Wissenschast, gestaltet von Johann Müller aus Königsberg und Itil verherrlicht durch Nievlaus Copernicus Entdeckung des Weltsystems. Die Naturkunde gewann in Georg Agvicola und Conrad Geßner unsterbliche Forscher und Ausleger. Der Arzneywisscnschaft leisteten Johann Coruarus, Andreas Vesalins und selbst Theophrastus Paracclsus anerkannte Dienste. So beurkundete sich in reichster Mannigfaltigkeit wissenschaftlich veredeltes Volksstrebcn nach Freyheit und kämpfte entschlossen, bald siegreich gegen herkömmliche theologisch-dialektische Zwangsherrschaft. Die seit Mitte des vierzehnte» Jahrhunderts ansehnlich vermehrten, bisher dem Volke, seiner Gesinnung und Bestrebung ganz entfremdeten tcutscheu Hvfschulen, wurden aus Mittclpune- tcn zunftgelehrter, der Papstgewalt förderlicher Aristokratie in Kampfplätze umgewandelt, auf welchen hellere Einsicht und Achtung für Schönheit und Wahrheit, als Gemeingut der Menschheit, mit steifer Beschränktheit verjährter Gcwaltsanmaaßung um Herrschaft und Freiheit rangen. So trat der geistig gesunde, empfängliche, mit unversiegendcr Thatkraft ausgestattete Theil des Ge- lchrtcnstandes, des Klerus und des Adels in seinem Dichten und Trachten dem Volke näher und hegte mit diesem dieselben Wünsche und Hoffnungen, ihrem inneren Wesen und ursprünglichen Anfange nach, wenn sie auch in der Gestaltung verschiedenartig hervortreten. In diese wundersam gewaltig bewegte Zeit fällt das Leben eines mit seltenen Geistesgaben und Gemüthskräf- ten ausgerüsteten heldcnmüthigen Mannes, von der Vorsehung zu einem großen Werke berufen; seine Vielwirksamkeit, gezeitigt durch den ihr begegnenden und sie beschützenden Volksgeist, Inbegriff lang angereifter Gesinnung, Stcigerungspunct der seit mehren Menschenaltern WochNr's Vorlcsimzex i r 1. b vorbereiteten Bestrebungen, ließ ins Leben eintreten, wofür Millionen Sehnsucht und Liebe im Herzen trugen, ohne den ihren Willen bezeichnenden Ausdruck gefunden zu haben. Dieser Mann war Martin Luther t geb. zu Eislcben d. 10 Nov. istöZ; st. das. d. ist Febr. iZstöft, eines, späterhin in Mannsfeld ansäßigen, damals armen Bergmannes in Möra bei Salzungeu Sohn, von.Kindheit auf an Entbehren, Arbeit, beharrliche Anstrengung gewohnt, viel Kenntnisse aufnehmend, bewahrend, vermehrend, aber mit Wachsthum des Wissens voll Geschäftigkeit und sittlicher Zwietracht in seinem Inneren, Viel ahndend in sich tragend, was erst die Folgezeit entrath- seln konnte und immer deutlicher und fester erkennen ließ. Seine Betrachtungen wurden tiefer, seine Kenntnisse gediegener, sein innerer Kampf lebendiger, als er l>So5l aus frommer Schwärmerei» in den Augustiner - Orden getreten war; er wurde ganz vertraut mit den Werken des ihm überaus theuern heiligen Augustinus und forschte unablässig in der lateinischenKirchcnübersctzung der heiligen Schrift, deren überschwenglichen Reichthum er ehrerbietig anstaunte. Das Verdienst, einen solchen Mann der Welt wiederzugeben und in den seinen Kräften angemessenen öffentlichen Wirkungskreis einzuführen, erwarb sich Johann Staupitz, Grosviear in Meissen und Thüringen; dieser schlug ihn IftZoLs zum Lehrer derWclt- weisheit auf der liZoa; neu gestiftctcnHochschule in Wittenberg vor; und Luther machte der Empfehlung Ehre. Er arbeitete mit rastlosem Eifer an seiner wissenschaftlichen Vervollkommnung, lehrte mit allgemeinem Beyfalle, bestritt freymüthig das Anschn des vergötterten Aristoteles und trat als entschlossener Widersacher finsterer Scholastik in die Schranken; dem Volke machte er sich durch 16Z salbungsvolle Kanzelvorträge Werth. Wider seinen Willen, auf Befehl der Oberen mußte er die höchste Würde Ul der Gottesgrlahrthcit annehmen l>6i2l, und schwor den Eid auf die heilige Schrift, durchdrungen von dem unerschütterlichen Entschlüsse, dieser eidlichen Verpflichtung, in ihrem ganzen Umfange, buchstäblich und im Geiste und in der Wahrheit treu gewissenhaft nachzukommen; daher auchHebräisch und Griechisch mit beharrlicher Anstrengung fortan von ihm erlernt wurde, um die Neli- giousqucllen in ihren Grundsprachen lesen zu können. Wie heilig ihm die Erfüllung dieses feierlichen Gelübdes gewesen, hat ein steigend großartiges, für viele Millionen Menschen unter allen Zonen und für schon drey Jahrhunderte wohlthncnd-folgenreiches öffentliches Leben beurkundet; und die Wirksamkeit dieses Lebens erhob sich von geringem Anfange zu unermeßlichem Umfange. Als der Dominikaner Johann Tctzel in Jüterbock, vier Meilen von Wittenberg, Ablaß vertrödelte, predigte, eiferte, warnte Luther gegen diesen gotteslästerischen, grcncl- haften Unfug; und wie er deshalb von dem schaamlosen Mönch der Ketzerey beschuldigt wurde, foderte er denselben mit Z5 an der Wittenbcrger Schloßkirche fd. 3» Oktober angeschlagenen Sätzen zu einem schulgerech- tcu gelehrten Kampf heraus. Damit begann das Werk, dessen Bedeutung und Endergebniß sein Urheber nicht ahndete. Teutschlands Gelehrte, Geistliche und Weltliche nahmen lebendigen Antheil an dieser Streitigkeit; sie gehörte in ihrem Beginnen offenbar dem engereu Kreise der theologischen Schulwissenschaft an; mußte aber, weiter verfolgt und auf ihre Gründe und Bedingungen zurückgebracht, bald zu Erörterungen, Untersuchungen, Ansichten, Erklärungen und Schritten führen, welche das bestell 1 * 164 hende Kirchenwesen eben sv gewaltig in seinen Grundfe- sten erschütterten, als sie tief in den religiösen Glauben und in das kirchliche Meinen des Volkes eingriffen. Es wankte das göttliche Ansehn und die kirchliche Unfehlbarkeit des römischen Bischoffs; in seiner Gebrechlichkeit und Unhaltbarkcit erschien vor Vieler Augen, was seit Jahrhunderten als Stütze und Vollwerk eines alten WahneS gegolten hatte; streng geprüft und mit freycr Gründlichkeit und Scharfstchtigkcit gewürdigt wurden geschichtliche Ueberlicferungen, künstlich geordnete und in einander verschlungene Glaubenslehren, und die Begründung, Gültigkeit und Bedeutung vieler kirchlichen Gebrauche und Herkömmlichkeitcn. Ter leidenschaftlich trotzige Ingrimm der Eiferer, welche von Banden des herkömmlichen Schul-Vorurthcils zu umstrickt waren, um die Stumpfheit eigener und die Schärfe der gegen sie gebrauchten Waffen begreifen zu können; welche die Neuerung als gottlos mit scholastischen Redensarten anfeindeten und bequemer verdammten, als widerlegten; die Unbedachtsamkeit, die vornehm flache Sicherheit, eigentlich irreligiöse Gleichgültigkeit^ womit Papst Leo X, seine Rathgeber und Werkzeuge, vielleicht auch aus italiänischer Verachtung teutschcr Un- beholfeuheit, das, was sie als gemeinen Ungehorsam, oder als Grille eines fanatischen Grüblers, oder als Schul- und Ordensstreitigkeit nahmen, ohne es zu wollen und zu ahnden, zur allgemeinen Kirchenangele- gcuheit und, was ihnen unverständlich seyn mochte, zur Volkssachc werden ließen; die verblendete Selbstsucht und die halsstarrige Verstocktheit kirchlicher Oberbehörden und ihrer Schatten; die Unwirksamkeit lang genug schnöde mißbrauchter kirchlicher Zucht- und Strafmillel 165 beförderten, beschleunigten und vollendeten'festes eine Trennung in der christlichen Kirche, welche weniger durch früher oft ersehnte und thcilweisc versuchte Neugestaltung der kirchlichen Lehren und Gebräuche, als durch Fortdauer des alten, morschen, mit Waffen der Bibel, der Vernunft und der Geschichte bestürmten papistischen Systems neben derselben, merkwürdig erscheinen muß. Luther leistete gegen Drohungen und Verführungen gleich mannhaften Widerstand, sagte sich fd .ro Dec. 1620) feierlich loö vom Papismns und dessen Werken und Wesen, behauptete evangelische Wahrheit und Glanbensfreyheit mit tapferem Sinne und frommer Freudigkeit vor Cardi- nalcn, Fürsten und Kaiser, kämpfte gleich redlich und kräftig gegen steife Schulgelehrte, wie gegen Eugland's König Heinrich Vlll, gegen fanatische Schwärmcrcy und Freyhcitsschwindclcy, gegen Fürstendünkel und Bauern- trotz, gegen Türken und Juden, stürzte das, unveräus- scrbare Menschenrechte verhöhnende heillose Geheimhalten der religiösen Gesetzgebung , und erlöste einen großen Thcil des tcutschcn Volkes ans unwürdiger Geistes- gcfangenschaft, indem er dasselbe zum Bibel- und Vernunft-Gebräuche aufrief und die Berechtigung und Verpflichtung hiezu allen veranschaulichte, welche Augen hatten, zu sehen, und Ohren, zu hören. Auch erklärte sich das Volk und die öffentliche Meinung zuerst und so laut für ihn, daß sein Werk gedeihen und bestehen, daß das, was Waldenscr, Wiclef, Huß und andere fromme Kampfer für evangelische Wahrheit, was viele der in Constanz und Basel versammelten Väter vorbereitet hatten, in das Leben eingeführt und, um unaufhaltbar fortzuschreiten , vollendet werden mußte. Aber fürwahr nicht Macht und Weisheit der Menschen haben das herrliche 166 Werk begründet und gehalten z vielmehr ist deren Beschränktheit und Gebrechlichkeit dadurch erst recht offenbar morden. Oder mußte etwa nicht selbst der weise Kurfürst Friedrich siZibl durch fremden Rath gegen der Nachwelt brandmarkenden Vorwurf, Luther'n, das edle Rüstzeug Gottes, aufgegeben zu haben, in Schutz genommen werden? und hat nicht des Landgrafen Philipp leidenschaftlicher Ungestumm, hat nicht des Kurfürsten Jobann Friedrich fromm--bequeme Sicherheit die gute Sache des Evangcliumsmehrgcfährdet, als alle feindselige Anschläge ihrer Gegner? ist Carl's V kaiserliche Mäßigung von längerer Daner gewesen, als bis feine italiänische Staatskunst sich in der Hofuung getäuscht sah, die teutsche Fürstcnmacht durch blutige Reibung zwischen katholischen und protestantischen Neichsständen zu vernichten? haben nicht Hader und bittere Anfeindungen unter denen, welche von gleichen Grundsätzen ausgingen und dasselbe Ziel erstrebten, die Kräfte der Evangelischen getrennt und gelähmt?— Wer die hciligeHohcit dessen, was im sechs- zehntcn Jahrhundertc für das Wohl der Menschheit geschehen ist, ahndet und in seinem unermeßlichen Erfolge begreift, erkennt eine höhere Leitung an, verehret dankbar die mit Segnungen für des Menschengeschlechtes Erziehung bezeichnete Spur der göttlichen Weltregierung. Nur diesem Glauben ist erklärbar das in Einem Menschenalter wundersame Zusammentreffen großer Menschen, das gemeinschaftliche Aufstreben, die Beharrlichkeit und Tapferkeit so vieler Gcmüther, und durch diese der unsichtbare, erst spät in seinen Früchten verherrlichte Sieg der evangelischen Wahrheit und Glaubcnsfreyheit. Für diesen Glauben wandelt sich nächtliches Dunkel in Tagcs- helle um; auch Vcrirrungen sollten dem Rechten förderlich 167 werden; hartnäckiger Widerstand sollte ibm innere Gediegenheit, drohende Gefahr ihm Läuterung und fortdauernde Prüfung sichern. Ohne Gegensatz der Widersacher würde das Eine, was Noth ist, noch Wenigeren verständlich geworden seyn; so unterschieden sich, welche nicht scheiden wollten von dem, was ihnen hohe Weisheit dünkte, wiewohl cs Unrath der Selbstsucht und Volksverachtnng war, und die, welche die himmlischen Worte im Herzen trugen: „Gott will, daß allen Menschen geholfen werde, daß „Alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen"; so ermas- sigtc und veredelte sich das Kraftstrcben nach Freyheit und so wurden gegen heilloses Mißverstehen und Mißbrauchen desselben verwahrt, welche minder reif waren für freye Wahrheit und innere Sclbstthatigkeit, zu gutmüthig bequem und abhangig von äusserem Einflüsse, um aus vor- mundschaftlichcr Obhut entlassen werden zu können; so durchdrang oft gehemmt und gefürchtet, oft nur scheinbar geschützt und geehrt, langsam und in großen Zwischenräumen, was eigentlich nur gefunden, nicht gegeben werden kann, die verschiedenartigsten Bestandtheile des Volkes, ging, selbst bcy fortwährender Trennung, in Ansichten und Betrachtungen über und fand geräuschlos auch im Gemüthe vermeinter Gegner freundliche Hcimath; so haben sogar im Protestantismus gegen den Protestantismus Freyheit des Geistes und Recht der cigenthümlich- ftcn Selbstbestimmung in Glaubcnöangelegenheiten ihre Siege gefeiert! Mögen Viele diese unumwunden dargelegte Ansicht vom Zeitalter und Wesen der Kirchcnverbcsserung einseitig und lieblos nennen; sie ist vollständig bedingt und begründet in der ihm vorausgegangenen nächsten Vergangenheit ; sie führet zu der allein gedenkbaren und haltbaren Versöhnung; sie ist ans liebevoller Achtung für 1l)8 Mcnschenbcstimmnng und Volksrecht hervorgegangen ; sie lehret uns gerecht sevn in Würdigung der Verdienste, weiche sich Luther um die gesammtc teutschc Menschheit, um gesellschaftliche Verhältnisse und um die Litteratur des Vaterlandes erworben hat. In Luther cutstand ein kraftig frcyer und frommer Sprecher für Gerechtsame des Volkes und für dessen Ansprüche auf Eigcnthümlichkeit und Selbstständigkeit in den heiligsten Angelegenheiten des Gcmnths, im Glauben und Wollen, im Lieben und Hoffen; er lehrte das Volk sich selbst versteh» und nicht außer sich suchen, was es allein in seinem Inneren zu finden vermag; es sollte sich achten lernen in seiner höheren Bestimmung, in dem Rechte, was diese giebt, und in der Kraft, die aus solchem Bewußtscyn erwächst. Das ist es, was seinen schriftstellerischen Arbeiten im Allgemeinen bleibenden Werth giebt für die teutschc Welt; sie sind der wahre Spiegel tcntschcr Kraft und Weisheit; deshalb wurden sie so gern und häufig gelesen; und wohl uns, wenn sie auch jczt noch von recht vielen geliebt und beherzigt werden. Es würde engherzigen Scctcngcist und znnftmaßige Einseitigkeit vcrrathcn, wenn Luther'6 geistiger Werth und sittliche Größe und Wirksamkeit allein nach seiner Lehre bestimmt werden sollte. So viel Trcflichcs und in dem Inneren Bewährtes dieselbe enthält, woran des edlen Mclanchthon's Scharfsinn und gelehrte Tüchtigkeit nicht geringen Antheil haben; unbeschadet dem Verdienste anderer wackerer Mitarbeiter; so unverkennbar trägt dieselbe das Gepräge der Menschlichkeit an sich und mancher Schwachheiten, in welchen diese nicht verleugnet wird. Nur Knechtsfinn, wieLuther ihn bekämpfte IsiU und verwarf, nur der, welcher vergißt, daß der Geist lebendig macht und der Buchstabe tobtet, kann in steifer Erstarrung selbstthätigen Vernunftvermögcns auf die Worte dieser Lehre schwören. Sic hat sich zum Thesit herausgebildet auö Gegensätzen und aus Folgerungen, wie die Zeit- uud Schulverhältnissc sie erheischten; manches Alre, nicht geschöpft aus der alleingültigeu Quelle religiöser Erkenntniß, wurde beibehalten und ihr einverleibt, oft aus Achtung für Augustinus Mciunng, oft weil es Trost giebt, oft weil es für minder wesentlich erachtet werden mochte; sie verthcidigct Wunderbares, vor dem alle Vernunft verstummt, denn es verherrlichet die Stärke des Glaubens und hatte im cigeuthümlichstcu Bedürfnisse eines fromm- begeisterten Gcmüthcs seine Wurzel. Diese Lehre läßt viele Ermäßigungen, Beschrankungen und Erweiterungen zu, wenn die Vorstellungen vom Ursprünge, von der Auslegung und Anwendung biblischer Aussprüche und Winke scharfer bestimmt, wenn geschichtliche Beziehungen, deren Erforschung damals erst begann, genauer erörtert und gesichtet werden; sie verdient Bewunderung als Inbegriff frommer Vernuuftthätigkcit und kann doch mannigfacher Berichtigungen und Verbesserungen empfänglich erklärt werden, Luther selbst war in dieser Hinsicht selten mit sich zufrieden, schritt immer fort, änderte, besserte, und würde edles Mitleiden ausdrücken, wenn er hier das Festrennen in seine Worte oder das Streiten darüber und dort die bcttelhafte Schadenfreude über sogenannte Widersprüche in seinen, eben durch diese unvcrtilgbarc Malzeichen immer kräftigen inneren Lebens ehrwürdigen Aeusserungcn, gewahren könnte. — Der Unbefangene wird sich auch nicht beygehen lassen, Luther's Streitschriften durch- 170 aus vertreten und, was er selbst nicht auf sich nahm, in Mein rechtfertigen zu wollen. Sie sind Urkunden unerschütterlicher Festigkeit, womit der Wahrheit nachgestrebt wurde, und welche auch den Tod für diese zu dulden entschlossen war; sie zeugen von des herrlichen. Mannes Thatkraft, Geradheit und Tapferkeit; sie erfreuen durch jugendlich frischen Muth, durch Gewaudhcit und Neuheit , durch unerschöpflichen Rcichthum an Witz und Spott; aber oft begegnen uns in ihnen Ucbcrtrcibungcn und Derbheit, welche aller Mäßigung ermangeln, oft harter Starrsinn und schneidende Bitterkeit, auch im raschen Streiten manche Uebereilungen und Verwechselungen oder geschichtliche Unrichtigkeiten. Kleine Seelen und die unredliches Spiel treiben mit dem Kleinen, um ihr Auge gegen Anblik des Großen zu verwahren, Menschen, die sich ernster stellen, als sie es vor ihrem Gewissen meinen, mögen im Aufsuchen und Vergrößern solcher Flecken, im Zergliedern solcher Ucbelstände sich gefallen; sie stellen damit die Armuth und Vcrsschrnmpft- heit ihres Geistes zur Schau aus; sie richten sich selbst durch ihre richterliche Anmaaßung über Luther's Streit- leben, was seiner Zeit so ganz angehört, daß der unsri- gen kaum ein vollständiges Urthcil darüber zugestanden werden kann. Des edlen Kämpfer's für evangelische Wahrheit und Frcyheit Hartsinn mußte wachsen mit dem eigensinnigen, bald sinnlosen, bald bösartigen Widerstände, der seinen hcllesten Wahrheiten und seinen eindringlichsten Belehrungen entgegen gesetzt wurde. Und sollte ein Mann nicht ergrimmen, der das ihm über alles Zheucre Evangelium verschmäht und das Göttliche durch menschliche Willkühr verunstaltet erblickte? sollte der nicht heftig scyn, der die gotteslästerische Ncrsuukenheit des 17! geistlichen Oberhofcs mit Augen gesehen, der die Pfaffen- tückcn der Welschen erfahren und sich kanm aus ihren Schlingen gerettet hatte? der die geistliche Verstocktheit, den bösen Willen der Gelehrten, die vornehme Verachtung des Volkes unter allen Gestalten gewahr worden war? Sollten, nach Luther's eigenen Worten, die von ihm mit Baumwolle angegriffen werden, welche Teutschland mit Blut überschwemmen wollten? Auch ist thörlich, über den Ausdruck zu rechten, und die ungeschminkte Verständlichkeit und Grobheit oder sogenannte Anstößigkeit desselben verwerflich unschicklich zu finden; so war der Sprachgebrauch seiner Zeit; so galt er an Höfen und im Geschästsleben, auf der Kanzel und in der Gerichtsstube, unter Landleuten, Bürgern und Rittern; Allen faßlich und, wer ihn nicht fürchten mußte, genehm. Die Kunst mit schönen Redensarten und zierlichen Worten wehe zu thun, gute Namen meuchlerisch zu dolchen, und«in Aeußerungen des giftigsten Ingrimms nur von Eingcweiheten verstanden zu werden, war selbst in hoch- ftudirten lateinischen Streitschriften eine Seltenheit. Doch genug zur Abwchrung der, besonders auch in unseren Tagen und zu ihrer Schande wieder häufiger gewordenen armseligen Versuche, den Ruhm eines Mannes zu beflecken und zu verkleinern, welcher die arglistigen Verleumdungen und Anschwärzungen aller Zeiten überdauert hat und sicher überleben wird. Wir wollen Luther von der Seite seiner öffentlichen Wirksamkeit, namentlich als Schriftsteller, aufzufassen suchen, durch welche er allen Deutschen, ohne Rücksicht auf theologische Meinung und auf Glaubcnsbckenntniß, Allen , die als Teutsche ihr Vaterland lieben und ihr Volk achten, im reinsten Sinne Werth und unvergeßlich scyn muß. Er hat 172 das alte Joch der Abhängigkeit des Mensche» von äußeren Einwirkungen auf sein, kaum und nur dunkel geahndetes Inneres zerbrochen, des Menschen willen- und gefühlloses, angelerntes und abgerichtetes Daseyn in ein seiner selbst bewußtes, eigenthümliche Thätigkcit und Kraftent- wickelung, freyc Selbstbestimmung in Anspruch nehmendes umwandeln wollen. Ihm ist gelungen, Millionen ans dumpfem Gcistesschlafe zu erwecken und zum Sclbst- Erstrebcn des Einen, was allen Menschen Roth ist, zu ermuntern; den, durch Jesus Christus offenbarten Vatcr- willen Gottes, des Menschen Beruf für die Ewigkeit, und wie das irrdische Leben ihr verwandt ist, zu veranschaulichen; und Jeden, durch Anerkennung seiner Bestimmung, der UnVeräußerbarkeit seines Rechts und der Uncrlaßlichkeit seiner Pflicht eingedenk werden zu lassen. Diese Hauptsummc aller menschlichen Weisheit und Glückseligkeit versuchte er allen Ständen der menschlichen Gesellschaft anzueignen und deren Anwendung auf öffentliches und häusliches Leben zu verdeutlichen. Seine Strafwortc und Trostsprüche, seine Warnungen, Rügen, Belehrungen und Ermahnungen sind nicht fruchtlos geliehen; sie erweisen sich auch heute noch kräftig wirksam. Wer hat lauter und tüchtiger, eindringlicher, ergreifender, als er, gelehrt, daß Fürsten um der Völker willen vorhanden sind und das? der Unterthan seiner Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, Gehorsam schuldig ist, und daß er sich seine Zufriedenheit selbst bereiten soll durch gotteSfürchtige Gesinnung und himmlischen Glanben, durch Zucht und Erbarkcit, durch Fleiß und Ordnung, durch Liebe und Treue im Ehestand, durch Auferstehung seiner Kinder in der Furcht des Herrn? Ihm, seinen Worten und seinen Werken verdanket Teutschland sein, 175 auch vou Ausländern geehrtes Volksnnterrichtswesen, dessen fortschreitende Veredelung als reifste Frucht von Lnthcr's nach Außen wirkendem Geiste gelten kann. Er lies nicht ad zu wiederhole»/ daß das Heil des Volkes von öffentlichen Unterrichtsanstalteu abhängig sep; ihn jammerte des armen Volkes, wie es schmachtete und verging in unverschuldeter Unwissenheit; und es war bcy Gott nicht seine Schuld, wenn dasselbe nicht überall und- auf rechte Weise daraus erlöst worden ist. Er fand den wahren Ton, welcher zum Herzen des Volkes und der Kinderwelt dringt; seine Katechismen sind unübertroffene Meisterstücke. Er wird für immer ein kaum erreichbares Muster der Erbauung bleiben; seine Erläuterungen einzelner Psalme und biblischer Stellen aus den Schriften des alten und neuen Testaments, so wie seine Predigten und viele seiner Gelegenheitöschriftcn schließen einen köstlichen Schatz geistreicher, herzvoller Belehrungen und Zurechtweisungen ein; sie offenbaren ihres Urhebers alles beherrschende Glaubensstärke in hellstrahlender Herrlichkeit, reife Uebcrlcgung, gründliches Nachdenken und unwandelbare Beständigkeit, sein frommes Selbstgefühl und seine kindliche Demuth, seine heitere Unschuld, seine Freude an der Natur und an allem, was des himmlischen Schöpfers Preis verkündet, seinen Neichthum an Liebe und Kraft. Luthcr's Scharfblick, geübt durch stete Selbstbeobachtung, dringet tief in die Geheimnisse des menschlichen Herzens; das Verborgene wird aufgedeckt, der zarte Keim der Neigungen tritt ohne Hülle hervor. In reichster Mannigfaltigkeit, für die verschiedenartigste. Eigenthümlichkeit der Einzelnen, die nur sich getroffen und ergriffen meinen, wird die Selbstbetrachtung angeregt und der Entschluß für das Bessere befruchtet und Z74 erkräftigt. Und so gewinnen Aeußerungen, Winke, Fingerzeige eine Bedeutung nnd Gültigkeit für alle Stände nnd alle Zeiten, welche ursprünglich auf enger bcgränzte Wirksamkeit berechnet Zn seyn schienen. Es hat daher auch gar nichts Auffallendes, daß die Flugschriften , kleinen nnd größereu Bücher Luthcr' s bcy ihrem Hervortreten so allgemeinen Eingang gefunden nnd schnell auf einander folgende Auflagen nothwcndig gemacht haben; wie das unter anderen der Fall war mit dem „Sermon vom Ablaß und Gnade" (Wittcnb. -5,7. 4.; in 3 Jahren »cmal gedruckt); „von dem ehelichen standt" (1619; in 4 Jahren iZmal) ; „von dem Wucher" (iZrg; in 6 Jahren umal); so wurde auch der „tcntsch Psalter" 563 viermal) in das Niedertentsche übertragen. Auf gleiche Weise wurden schnell vergriffen „An den christlichen Adel tent- scher Nation: Von der geistlichen Standcsverbcsscrung" (Lcipz. >32«; in 3 Jahren Lmal); „von dem Papstthum zu Rom" (W. 1S20; 3mal); „von der Babylonischen Gefangenschaft" (»Zso; 3mal lateinisch; amal tcntsch); „von dcr Frcyhcit eines Christenmenschcn" (1620; 4mal) n. s. w. — Eine gleich fruchtbare Vielseitigkeit bey höchster Einfachheit und Faßlichkeit lieget inLnther's geistlichen Liedern (Wittenberg »624; acht Lieder; Leipzig 2Z43. 3; 89 Lieder); sie sind ganz Kraft und Leben, voll Gefühles, frommer Kindlichkeit nnd Hoheit; ihr Versmaas hat ungemein viel Wohllaut und Bchaltbarkeit und läßt bald ahnden, wie vertraut der Dichter mit der Tonkunst und deren Federungen für VolkSgebranch gewesen seyn muß. Luther's Verdienst um die Bildung unserer Muttersprache ist sv ausgezeichnet, daß mit ihm ein neuer Zeitabschnitt für dieselbe angenommen werden muß. „Die Eigcuthümlichkcit", sagt Dr. Niethammer, „welche „in Luther's Schriften als eine ganz neue Schöpfung „erscheint, in welcher Geist und Wort so wundersam „eins sind, ist dadurch von unschätzbarem Werthe, daß „sie erzeugt in jenem gänzlichen Erfüllt- und Durchdrnn- „gcnscyn von dem Sinne und Geiste des göttlichen Wor- „tes, au dem er mit voller Inbrunst seiner Seele hing, „eben durch die Begeisterung, in der sie empfangen wurde, „selbst auch die Kraft der Begeisterung hat, das Erwe- „ckendc, Ergreifende, Erhebende, das nnwillkührlich die „Herzen anspricht und mit sich fortreißt." Aus der Gesinnung, ans der Allmacht des Glanbens entsprang der Zauber seiner Beredsamkeit; ans dem Gemürhe die Herrlichkeit seiner Sprache; in ihr spiegelt sich des großen Mannes Geist in seiner ganzen Reinheit und Kraft, Schönheit und Mannheit ab. Ihm ist die Sprache ein scharfschneideudes Schwerd der Gedanken; ihm leihet sie ihr Ungcstümm und ihre Donner; ihm ihre Zartheit, Anmuth und Geschmücktheit. Durch Luther's vicljäh- riges angestrengtes Arbeiten flössen die obertentschcn Mundarten in Eine, seitdem herrschend gebliebene Bnchcr- sprache zusammen, welche bey mchrer Berücksichtigung des Niedertentschen bedeutend gewonnen haben möchte. Das unvergängliche Denkmal, welches Lnther's Herrschaft über die teutsche Sprache und seine fromme Vorsorge für die Ermächtigung des teutschcn Volkes zum Sclbflgcbranche der allein gültigen Glaubeusquelle vere> wigct, ist die Ucbersetzung der heiligen Schrift; sie er schien zuerst einzeln (das N. T. i52Z; die Bücher des 176 A. T. s. 1620 bis 1ZZ4) und wurde nach ihrer Beendigung wiedcrhohlt durchgesehen und sorgfältigst überarbeitet (1641; 1Z45. F.). — Von den großen Mannes Werken (deren biö sezt vollständigstes, aus 400 Nummern bestehendes Vcrzeichniß in Rotermund's „Fortsetzung und Ergänzungen zum Joche rsehen Gelehrten-Lexikon" B. 4 nachgesehen werden kann) haben wir fünf Ausgaben und dennoch keine, welche dem Stoffe und der Behandlung nach genügen kann. In der Wittenberge!.- (die tentschcn Werke -ZZg-iSZy. 12 Fol.; die lateinischen »Z45-i553. 7 Fol.; beide 4 bis 5 mal aufgelegt) sind die härteren Stellen ausgelassen und manche Ausdrücke gemildert; vollständiger und reiner ist die ihr entgegengesetzte nach der Zeitfolge geordnete Jenaischc -655- i5ZL; 8 t. 4 lat. Fol.; 6 bis 6 mal aufgelegt; zu beiden gehören die von I. Aurifabcr (Eislcben 1664 f. 2 F.) besorgten Ergänzungsbände. Die von I. Christfricd Sagittarius herausgegebene Altcnburgcr (1661-1664 10 Fol.) ist vollständiger, als die Jcnaische, auf welche sie gebaut ist, enthalt aber blos die teutschen Schriften. Für alle drey bisher genannte Ausgaben ist ein Ergänzungsband zu Halle (1702. F.) erschienen. Die Leipziger (1729-1740. 2Z Fol.), bcy welcher die Altcnburgcr zu Grunde lieget, und die unter I. Gg. Walch's Aufsicht und mit dessen schätzbaren Einleitungen herausgekommene, dem Acnsscren und Inneren nach cmpfehlenswürdigste Hallische (1707-176?. 24 B. 4) sind zwar vollständiger, aber ganz tcutsch und wegen beobachteter Sachordnung für urkundlich-geschichtlichen Gebrauch nicht ausreichend, obgleich der Hallischcn Ausgabe ein alle andere Ausgaben berücksichtigendes Vcrzeichniß der Luthcr'scheu Schriften nach der Zeitfolge beigefügt ist. So entbehren wir 177 demnach immer noch eine ganz vollständige, urkundlich-treue und genaue, mit Nachweisung der Abweichungen und Veränderungen in den Urschriften versehene, Sammlung aller Werke Lull) er'6. Noch weniger ist für Zusammenstellung seiner überaus zahlreichen, zum Thcil ungedruckt zerstreuten Briefe gesorgt worden. Ein würdigeres Denkmal kann dem unsterblichen Glaubenshelden nicht errichtet werden, als durch eine vollständige Ausgabe seines gcsammten schriftlichen Nachlasses. Unter den vielen Auszügen aus Luther's Schriften sind vorzüglich zwey beachtungswerth ; der von F. W. Lvmler (Gotha 18-7. 3 B. 8) in geschichtlicher Beziehung und die von Niethammer veranstaltete „Weisheit Luthcr's" ( Nürnberg 1816. 3 B. -2z NA. 1L17. 2 B. gr. 8) für Erbauung aller Elassen des Volkes; auch enthält dieselbe I. Mathcsius Lebensbeschreibung und Luther's Tischreden im Auszuge. Beide Werke dürfen in einer streng ausgewählten leutschen Büchersammlung nicht fehlen. WachNr's WoUchiuge». >r ?l>. 12 178 Dreyzeh!> te Vorlesun g. deutsche Littcratur im Zeitalter der Kirchciiverbcsserüiig. HanS Sachs. Ulrich von Hutten. Prosa. Dürer. Gc- schichtswerkc. Regsamkeit des teutschen Volksgeistes war im Zeitalter der Kirchenverbcsscrung allgemeiner verbreitet, äußerte sich vielseitig und schritt, trefliche Ergebnisse vcrhcissend, zu innerer Veredelung fort. Volksbücher zur Unterhaltung und Belehrung , zum Kunstgenüsse und zum Hausgebrauche, erschienen in wachsender Anzahl, dem Stoffe nach meist nicht neu, aber bedeutend und folgenreich der teutschen Einkleidung und des sich reinigenden oder von besonnenem Nachdenken zeugenden Ausdruckes wegen. Der Meiscrgesang erwachte zu frisch - verjüngtem Leben; Handwerker, Künstler und Ritter und Bürger crfrcuctcu sich vieler schöner Lieder, von denen eine betrachtliche Menge, mit manchen Abweichungen und Veränderungen, in großen Theilcs noch nngedrucktcn Sammlungen auf unsere Zeiten gekommen ist. Die Merkwürdigkeiten der Zeitgeschichte wurden oft in Reime gefaßt; sie behalten, wenigstens der darin ausgedrückten Ansichten und Betrachtungen wegen, auch für uns einen geschichtlich reichen Sinn und Werth. Es lebte und wirkte jczt einer der fruchtbarsten und gemüthlichstcn Mcistersänger, der Nürnberger Schuster Hans Sachs sgeb. 1494; st. d. 25 Januar 1676s, welcher von dem Leineweber LeonHarb Nunncnbcck in der edeln Singknnst unterwiesen, ans seinen Wanderungen si5ii-iZ>6s, besonders in den durch berühmte Singschulen ausgezeichneten Städten deS 179 südlichen Teutschlandes am Rheine und an der Donau, viel geübt, mit Kunst-Erfahrungen ausgestattet und von wackeren Meistern und Mustern zu reicher Thatigkeit erkräftigt worden war. Fromme Gesinnung und unsträflicher Wandel gewannen und sicherten dem Biedcrmanne die Achtung der Mitwelt und kindliche Begeisterung spricht sich in der malerischen Schilderung aus, welche sein Schüler Adam Puschmann von des edeln Greisen lczten Lebenstagen entworfen hat; sie veranschaulichet den Wonnczustand eines im Kunstspiele Ergrauten, dessen Gefühle und Bestrebungen schon einer besseren Welt anzugehören scheinen. Den Kunstbcruf und das dichterische Berdienst des in neuerer Zeit oft Verkannten in Schutz nehmen zu wollen, würde fast an Vcrmessenheit gränzcn, seitdem seine Meisterschaft von Göthe, dem stimmfähigsten, würdigsten Richter in Angelegenheiten teutscher Kunst und Sprache, mit so frommer Liebe gefeiert worden ist. Die Natur hatte Hans Sachs mit seltenem Bildungsvcrmögen begabt; er fühlte tief und wahr, was er leicht und lebendig aufgefaßt hatte; seine Vorstellungskraft war eben so beweglich und empfanglich, als nachhaltig; sein Gcmnth sittlich rein, voll Strcbens nach Wahrheit und Recht; für evangelische Glaubensfreyhcit glühetc sein überall rcchtsinniger Geist; und daher nehmen „die Wittenbergcr Nachtigall" ^622; und die „Klagred" auf Lnther's Tod unter seinen Zeitgcdichten eine der ersten Stellen ein. In ihm wohnten bürgerliche Treuherzigkeit, freye Menschenachtung und achte Bruderliebe neben immer gleicher natürlicher Heiterkeit und froher Laune, bey treuer Ehrfurcht für das Schöne und Wahre. Er hatte sich einen unermeßlich großen Vorrath von Stoff zugeeignet; dazu hatte ihm der bis zum »5ten 12 " ILO Jahre fortgesetzte Besuch der vatcrstädtischen lateinische!: Schule eine tüchtige Grundlage verschafft und so lange ihm die Kräfte nicht versagten, schritt er fort im Erwerb der mannigfaltigsten Kenntnisse; seine Belcscnheit intcut- schcn Druckschriften setzet in Erstaunen und doch wurde sie erst durch Gediegenheit des inucrcn und durch wachsame Umsicht des äusseren Lebens erfolgreich wirksam und empfing das Gepräge der fruchtbarsten Eigenthümlichkcit. Er war vertraut mit den Geschichten und Gebilden des klassischen Altcrthums, obschon er dessen Werke nur in meist uugcschmcidigcn und dem Ausdrucke nach oft kümmerlichen Uebcrtragungcn lesen konnte und daher ein unersetzliches Bildungsmittcl für Sprache und Versbau entbehrte; er kannte das alte tcutschc Leben und schwelgte mit Hochgenuß in der thatenrcichcn Helden- und Nittcr- zeit; die Sagen und der Glaube seines Volkes waren ihm gegenwärtig; alles Große und Neue, was im Vatcr- lande sich äusserte, fesselte seine Aufmerksamkeit; von dem Beginnen, Treiben und Streben der Menschen, in welchen Ständen und unter welchen Verhältnissen es auch hervortreten mochte, konnte kaum etwas seinem Scharfblicke entgehen. Er gehöret ganz seiner Zeit an; und dieß ist die Grundbedingung des bleibenden Wcrthes seiner Arbeiten, in denen sich die heitere Kraft und derbe Lebendigkeit, der bürgerliche Witz und Hausvcrstand des Zeitalters abspiegeln, aber freilich auch die demselben cigenthümliche unbeholfene Breitigkeit, das beredsame Verweilen bcy Nebendingen, das bis zur Ungebühr beharrliche Verfolgen eines Bildes oder Gedankens, die öftere Verletzung der Gesetze der Einheit und des Eben- maaßes und alles dessen, was uns feiner Anstand und zarte Schicklichkeit geworden ist; es wäre daher seltsame 151 Ungerechtigkeit, sie nach dem Maasstabe heutiger Kunst- fodcruugcn würdigen zu wollen. Sie sind höchst uit- g.'eichcn Gehaltes und bey vielen ist leicht begreiflich, warum sie uns nicht anziehen oder gar ausfallen. Worte strömen diesem Dichter immer zu, unterbrochener das, was wir als Gedanken gelten lassen. Der Versbau hat Leichtigkeit, aber kein Knnstverdienst; die Sylbcn werden gezahlt, nicht gemessen, die Zeilen auf einander, oft nachlaßig gereimt. Für die Sprache gewähren sie fast ohne Ausnahme beträchtliche Ausbeute; in Ansehung der Darstellung und der Wirkung, welche der Gcsammt-Eindruck oder einzelne Vorzüge und gelungene Stellen hervorbringen , werden nur ausgewählte, meist kleinere Werke die spröderen Wünsche unserer gemischten Lesewclt einigermaaßcn befriedigen. Am wenigsten die biblischen Reimcreyen; was sicher nicht in der unserem Zeitalter oft vorgeworfenen Vibelschcu seinen Grund hat; auch viele Lieder sind von keinem hervorstechenden Wcrthc ; das herrliche Kirchenlied: „Warum betrübst du dich mein Herz" behauptet sich mit Recht in unfern Gesangbüchern; andere dürften wohl verdienen, ausgehoben und inUun- lauf gebracht zu werden. Im Sinnbildlichen mischet sich oft treffender Spott und zarte Empfindung dem würdigen Ernste bey und in den sittlichen Beziehungen und Anwendungen lieget sinnvolle Bedeutung. In Fabeln, Erzählungen, besonders Schwänkcn wird des Dichtcrö überlegene Stärke am sichtbarsten osscnbar; viele derselben sind der Anlage und Ausführung nach wahre Kunstwerke, voll cigcnthümlichen Lebens und naturgemäßer, in ihrer Mannigfaltigkeit und Wahrheit überraschender Züge und Bewegungen. Unter den dramatischen Arbeiten, Traucr- und Lust-, namentlich Fastnachts - Spielen treten viele 182 in wundersamer Vortreflichkcit hervor, wenn sie gleich eigentlicher Kunstanlagc ermangeln; Ernst und Lustigkeit haben in ihrer rein menschlichen Mischung etwas acht romantisch-dichterisches; Vieles zeuget von tiefem Eindringen in die Geheimnisse des menschlichen Herzens; der Gcsprachston ist nicht selten der Wirklichkeit abgelauscht. Bibel, Alterthum, Ritter-Abentheuer und die Sagen teutschcr Vorzeit, wie sie in Volksbüchern verewigt sind, werden oft nicht ohne Geschick und vielgeschäftige Einbildungskraft, am glücklichsten hausliche Zeitvorfälle und bürgerliche Sittcngemälde, dramatisch dargestellt. In Fruchtbarkeit der Erzeugnisse steht Hans Sachs dem berühmten Spanier Lope de Bega nicht nach ; er selbst gicbt 9 Jahre vor seinem Tode die Zahl derselben auf 604g an, welche er seit seinem oZten Jahre verfaßt hatte; der kleinere, kaum der vierte Thcil derselben ist gedruckt; viele sind einzeln erschienen und mehre von diesen in die Sammlungen nicht aufgenommen worden; solcher Ein- zclndrucke kommen manche in Nürnberger Büchcrvcrstei- gcrungen vor. Die von dem schon bejahrten Dichter selbst besorgte Sammlung: „Sehr herrliche, schöne und wahrhafte Gedicht . . . 076, darundtcr ,70 Stück, die vormals nie in Truck ausgegangen sind" (N. gedruckt bey Christoph Heußler; verlegt von Georg Willer zu Augsburg >Z53; asB. 1660; ZsB. 1Z61. Fol.) fand so großen Beyfall, daß sie bey einem anderen Buchhändler (Joachim Lochner in N. >570. B. 1 u. 2. Fol.) neu aufgelegt, nach des Dichters Tod in mehren Bänden fortgesetzt (B.Z. 1Z77; B. 4. 167g; B.5. 1679.) und wiederholt gedruckt wurden; doch werden diese Ausgaben vollständig in den zusammen gehörenden Bänden sehr selten gefunden ; und auch die spätere in Kempten (bey 185 Christoph Krause 1612 bis 1616. Z B. 4.) gedruckte, von I. Krüger in Augsburg verlegte ist nicht häufig. Bcrtu ch kündigte in einer Probe (Weimar 177V. 4-) eine neue Ausgabe au, welche aus Mangel au Unterstützung nicht zu Stande gekommen, so wie die von I. H. Haß lein (N. -781. 8.) unternommene Auswahl mit dem ersten Buche abgebrochen worden ist. Ob der von Büsch ing (Nürnb. 1L16. L.) begonnene neue Abdruck, mit einigen gewagten Sprachverändcrungcn, besseren Fortgang haben wird, stehet dahin. Es sollte billig als Ehrensache des tentschcn Volkes angesehen werden, die bisher gar nicht benutzten handschriftlichen Vorräthe in München, Nürnberg, Dresden u. a. zu Rathe zu ziehen und eine, zwar nicht vollständige, doch nach festen Grundsätzen besonnen ausgewählte und kritisch berichtigte Ausgabe der Werke unseres größten Mcistcrsangers an das Licht treten zu lassen. Wenngleich nach Hans Sachs der Meistergesang in einzelnen Städten fortdauerte, so endet doch mit ihm derselbe in seiner selbstständigen Vvlksthümlichkeit; es bildete sich ein Wechselverhaltniß zwischen dem Volke und der Ritter- und Gelchrtcnwclt, wobcy seine ehemalige Abgeschlossenheit und Vollgültigkcit nicht fortbestehen konnte. Der frcysinnige, hochherzige und besser gebildete Adel theiltc des aufstrebenden Volkes Wünsche und Fvderungcn ; er traf mit ihm in dem Werke der Kirchen- vcrbcsscrung, wie in einem geistig- sittlichen Mittclpuncte zusammen; im Feuer-Eifer für teutsche Freiheit, in unwilliger Auflehnung gegen Misbrauche der geistlichen und weltlichen Gewalt waren Viele aus dem Volke mit Kraftmännern des Adels einverstanden, ergriffen von dem Hochgefühle der Achtnng für menschliche Bestimmung, 184 angestrahlct von dein schnell wachsenden Dämmerlichte des sich äußerer Beschränkung entziehenden freyen Selbstge- branches der Vernunft. Großartiges Selbstgefühl und teutsche Mannhaftigkeit ist in den Thaten und Bestrebungen der Jakob und Hartmuth von Cronenberg, Franz von Sick in gen, Götz von Berti chingen, Georg Frunsbcrg, SchartlinvonBurtenbach und Anderer nicht zu verkennen, wenn schon ihr Leben mit dem nothwcndig befundenen und in seinem Erfolge als nützlich erkannten Zwangszustande der Rcichsvcrfassnng oft in Widerspruch erscheint und nach bestehenden Nechts- grundsätzcn misbilligt werden muß. Mit Gesinnung und Hoffnung schloffen sich viele Edle dem zum Bewnßtscyn seiner Gerechtsame erstehenden Volke an; so Wilibald Pirkhcimer, Dieter ich von Plcningcn, Hans von Sternberg, Jonas von Stockhanscn und andere. Doch hat sich in keinem Ritter dieses Zeitalters die Allmacht teutschen Freyheitsgesühlcs und der jede irrdische Rücksicht hcldenmüthig zurückweisende heilige Ingrimm über dessen Bedrückung und Verkümmerung so allein waltend im Denken und Handeln, so ganz das Seyn und Leben durchdringend und regierend erwiesen, als in Ulrich von Hutten lgcb. st. d. 2> August 162?;, dem wahrhaften Vorläufer Lnther's und dem begeistertesten Kämpfer für dessen Sache. Kaum war er in das Jüllglings-Alter eingetreten, als ihn die entschiedenste Abneigung gegen Möncherey und Klosterzwang ergriff, dem er und sein Freund Crotus Nnbia- uus durch Flucht aus Fulda lrZasif sich zu entziehen wußten; deshalb verstoßen von seinem hartherzigen Vater, war er sich selbst überlassen und der launigen Willkühr eines meist widrigen Schicksals. Mit gelehrten Vorkeimt- 1L5 nissen nicht dürftig ausgestattet, arbeitete er in Erfurt an seiner humanistischen Ausbildung mit eifriger Liebe und gedeihlichem Erfolge und kämpfte in Cölln für die gute Sache altcrthümlichcr Schönheit und Geiftesfrcyhcit gegen Hogstraaten und dessen finstere Gesellen; das Bild dieser Unholde ist in den Briefen der Finsterlinge nach dem Leben gezeichnet; leider haben sich daran nicht spiegeln wollen, welche auch heute noch auf dem Wege ihrer Cöllnischen Geistesahncn mit schaamloser Verstocktheit fortwandcln. Traurige Abentheuer, selten wechselnd mit Auszeichnungen und frohen Gcnufitagen, verfolgten den unersättlich wißbegierigen, in Erkcnntniß und Bestrebung unaufhaltbar vorschrcitcnden, überall wahren und durch Wahrheit anstößigen Jüngling auf seinen Wanderungen in Italien und Teutschland; auch an dem glänzenden Hofe des Kunst liebenden Albert, Kurfürsten von Mainz, ward ihm keine Ruhe; seine durch gründliche Frcymüthigkcit tief verwundende Angriffe auf Papstgewalt und Pfaffcngrcucl, sein nuversteckter Haß gegen Volkstäuschung und jedweden Verrath an geheiligten Menschenrechten, seine schonungslose Rügen höfischer Thorheiten und vornehmer Müßiggäugcrey, der Beschränktheit und Schlechtigkeit sogenannter Gelehrten, des Beamten-Unfugs und der rohen Fürsten-Selbstsucht ließen ihn nirgends Sicherheit finden. Im Vertrauen auf sittliche Erfolge der Einsicht und des Geschmackes hatte er sich gewaltig verrechnet, als er Leo X, für Wahrheit und Recht oder für eine von vielen Seiten als dringend uothwendig erkannte Kirchenverbcsserung zu gewinnen dachte; in Gefahr, seiner äusseren Frcyheit beraubt und als verderblicher ketzerischer Neuerer nach Rom ausgeliefert oder der wildesten Pfaffen - Rache Preis gegeben 180 zn werden, wurde er unstet und flüchtig und bekannte sich liZigZ offen zu Luthcr's Lehre, deren Wesen schon lange ihm eigcnthümlich gewesen war. Bis dahin hatte er in reiner schöner lateinischer Sprache geschrieben, Gelegenheitsgedichte , reich an Gedanken und lebendigen Zügen aus der Wirklichkeit, frcymüthige geistvolle Saty- ren und Schilderungen, Rügen kirchlicher Vornrthcile und Mißbräuchc, Renchlin's Siegesfeier, Aufforderung zum Kampfe gegen die Türken, leidenschaftliche Strafreden gegen Ulrich von Würtcmberg; jezt fing er an in der Mutrersprache zum Volke zn reden. Seine Klage über die Verbrennung lutherischer Schriften, sein Aufweckcr der tentschen Nation, seine Klagen der tentschen Freystädtc, feine kühne Ergicßungcn über Papst und Kirchcnversamm- lungen erhoben sich zum Range allgemein gelesener Bolks- schriftcn; auch was er aus dem Lateinischen in das Teut- sche übertrug, fand Eingang bey Lesern ans allen Ständen. Sein tcntschcr Ausdruck ist körnig, kräftig, sinnvoll, volksgcmaß und gewann fortschreitend an Veredelung und geschmeidigerem Wohllaut, ob er gleich dicRün- dnng und classische Festigkeit des lateinischen nie erreichte. Es ward dem ritterlich hochherzigen tcutschcn Manne so wenig vergönnt, im vaterländischen Sprachgebranchc die Reife zu erringen, worauf sein regsam tüchtiger Sinn ihm Anspruch gab, als in der sich neu gestaltenden Wirklichkeit der tentschen Welt den wohlverdienten Lohn seiner Anstrengungen, Entbehrungen und Verfolgungen zu ernd- tcn. Nach dem Hintritt k>62Zz seines ihn schützenden Freundes Sickingen, suchte Hutten eine Sicherheits- siätte in der Schweitz und fand für seine Hülflofigkeit nur kalte Vcrstoßung bey dem höfischen Erasmus und neue Kränkungen durch dessen Einfluß; da strömte die lczte t87 Kraft im feurigsten Unwillen gegen den zweydeutigen Feigling ans; und auf der Insel Ufnau im Züricher See erbarmte sich der Tod des Abgemüdeten, von aller Welt Verlassenen. Für die Geschichte dieses wackeren Streiters und Märtyrers geistiger Freyheit und Wahrheit ist durch den Forschnngssteiß I. Burkhard's, Ch. Meiners, G. W. Panzer's, G. Ch. F. Mohnike's und Anderervielgelcistet worden; aber seine Werke, gehaltvolle Urkunden eines seltenen Geistes und einer in ihrer Größe und Gewaltigkeit von Vielen kaum begriffenen Zeit, sind zerstreut und äusserst selten; Teutschland vermißt eine vollständige Sammlung derselben; A l. Schreiber hat (Heidclb. ZLio) Hutten's und einiger seiner Zeitgenossen tcntschc Gedichte herausgegeben. Hutten war einer von den ersten, welche ohne alle abs ichtliche Berechnung für äußere Zwecke, lediglich in Gemäoheit sich begegnender freyer Ueberzeugungen und übereinstimmender Grundsätze, zur geistig-wissenschaftlichen Verbündnng der Humanisten mit den Freunden und Vertretern der Volksgerechtsame, in der That und in der Wahrheit sich eifrig thälig erwiesen. Ucberhanpt ist als Zeichen der Zeit zu beachten, daß die rührigsten und wirksamsten Humanisten Bekenner des evangelischen Protestantismus waren und bis auf heutigen Tag geblieben sind; gegen welche Behauptung einzelne Ausnahmen und die Legion rhetorischer Philologen oder philologischer Forinulistcn nichts beweisen können. Begeistert gründliche Altertbnmswiffcnschaft, evangelische Glaubensfreyhcit und Achtung für des Volkes Bestimmung und Rechte sind aus demselbenBedürfnisse und Streben erwachsen, Früchte des sich erkräftigcnden und Heller verdeutlichenden Widerstandes gegen willkührliche Beschränkung des Selbstge- 188 branchcs der Vernunft; wer die Vergangenheit ans ihren Bildern und Zeichen, in ihrer mannigfaltigen ftcyen Gestaltung zu erforschen, zu verstehen und zn veranschaulichen vermag, wird sich in Betrachtung und Auslegung der Gegenwart und dessen, was ihm als das eigcnthümlichste un- vcräusscrbarc Menschcnrecht erscheint, keiner eigenmächtigen Bevormundung blind und willenlos unterwerfen wollen. Diese Verschmelzung geistigen und sittlichen Steedens mußte von entscheidenden Folgen für Gesinnung und Bildung des Volkes begleitet seyn; der Kreis der Vorstellungen wurde erweitert; Wißbegierde und Untcrsuchungs- gcist erwachten; vieles Herkömmliche in dem bisherigen Uebcrliefcrungslcbcn wich zurück. Das Untcrrichtswesen nahm eine wesentlich verschiedene Gestalt und Richtung an; welchen Einstuß Philipp Melanchth on lst- -56os>, der allgemeine Lehrer Teutschlands, Ioachi m E a m c- rarius lst. 1676^, Johann Sturm lst. 1689^, Michael Ncander fst. iZg6; u. A. daraufgehabt haben, darf als allgemeiner bekannt vorausgesetzt werden; es bildete sich ein neues Geschlecht; die Kinder- und Kna- bcn-Welt, die tentschcn und lateinischen Schulen, die Katcchismnslehrc, die tcutsche Bibel, wie das Lesen der alten Classikcr wirkten auf einen großen Theil des tentschcn Volkes zurück; entbehrte dasselbe manchen Genuß und gab nicht wenig Einheimisches und Altbürgerlichcs auf, so wurde es dagegen unvermerkt zu neuen Ansichten ftrtgczogen; zwischen Schule und Leben, sonst feindlich geschieden und im Gegensätze, trat eine viel bedeutende Wechselwirkung ein; sie verhieß mehr und größeres, als die Folgezeit bewahrheitet hat. An gelehrter Betriebsamkeit stand Teutschland keinem Staate, selbst Italien nicht, nach; die Buchdrucker mach- 189 ten große Geschäfte, vorzüglich in Augsburg und Nürnberg, Froben und Oporin in Basel, Commelin in Heidelberg, Egenolph und Wechel in Frankfurt am Main u. s. w.; eine regelmäßige Bücher - Messe und ein Verzeichnis? der auf ihr ausgcboteucn Waarcn mußte bald nothivcndig befunden werden. Ucbcr Arbeiten in gelehrter Sprache für gelehrte Zunstgcnosscn wurde der Gebrauch der Muttersprache nicht verabsäumt; die unzähligen Flug-und Gelcgcnheits-Schristcn, welche dieKirchcn- vcrbesscrung und so viele ihr verwandte öffentliche Angelegenheiten veranlaßten, waren fast sämmtlich in tcutschcr Sprache abgefaßt; und auf Erörterung und festere Bestimmung ihrer Grundsätze und des ihr eigenthümlichen Geistes und Wesens wurde durch Unterricht, Bcyspiel und Bücher hingearbeitet. Luther und viele seiner Freunde und Schüler leisteten in dieserHinstchtTreffliches; als Muster ersetzten sie die schulgercchte Vorschrift. Und selbst diese wurde nicht ganz entbehrt; Valentin Jkelsamer ließ eine für jene Zeit brauchbare tcutsche Sprachlehre (o-O. u. I.; vielleicht 1S26. 8.) hervortreten; Hans Fabricius „nützliches Büchlein einiger gleichstimmender Worte" (Erfurt 1ZZ1. 8. ) bctrift zwar zunächst nur die Rechtschreibung, beurkundet aber besonnenes Nachdenken und tüchtige Forschung; und an ähnlichen Hülfs- mittcln und Unterrichtsversuchcn war kein Mangel. Der für Sprache und geschichtliche Volkskunde gleich ergiebige Schatz tcutschcr Sprüchwörtcr, worauf schon Heinrich Bebel aufmerksam gemacht hatte, wurdcvon Johann Agrieola flZaZz und von Seb. Frank mit beredter Liebe und gründlicher Einsicht bearbeitet. Wie empfänglich die tcutsche Sprache für wissenschaftliche Veredelung, wie geschickt sie zu Wissenschaft- t90 kichcr Darstellung seh, zeigte der geistvolle, crftnduugs- rcichc große Künstler Albrecht Dürer aus Nürnberg sgeb. 1471; st. den 6 April r52lft, der würdige Zögling des tüchtigen Malers Michael Wohlgemnth, der Stifter einer weit verbreiteten fruchtbaren Kunstschule. Dieser Selbstdcnkcr wendete gründliche Studien der Natur und der Mathematik auf die Malercy an und erhob dieselbe zum Gegenstände wissenschaftlicher Betrachtung. Seine Unterweisung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheit ( >525; vcrm. N. -5Z3. F.), seine Be- festignngsknnst (1527. F.), besonders sein Meisterstück „vier Bücher von menschlicher Proportion" (N. i52L. F.) sind durch Inhalt und Darstellung merkwürdig; die Sprache, möglichst rein gehalten von fremden Äunstans- drückcn, ist ungemein reich au glücklich gewählten Bezeichnungen richtig und scharf aufgefaßter, zum Thcilc neuer Vorstellungen, körnig, an schicklicher Stelle gediegen- kräftig, überall hell und sicher. — Nicht weniger geeignet zu geschichtlichen Darstellungen für alle bildungsfähige Volksclasscn erwies sich die tcutsche Sprache in mehren gelungenen, nach dem Maasstabe ihres Zeitalters gewürdigt, klassischen Arbeiten. Johann Turmahr, nach seiner Vaterstadt Abensberg Aventinus genannt sgeb. asi77; st. d. 9 Jänner , als aufgeklärter Verehrer und Verbreiter altcrthümlicher Studien dem Hasse und den Verfolgungen steif-papifttscher Pfaffen ausgesetzt, wurde im eigentlichsten und edelsten Sinne Vater der Baierischen Geschichte, wozu er durch vieljahrige Forschung mit Umsicht und unbestechlicher Wahrheitsliebe aus urkundlichen Zeugnissen, aus Denkmälern, lebendigen Uebcrlicfcrungen und örtlichen Anschauungen den Stoff zusammenbrachte. Veh Verarbeitung desselben leitete 191 ihn ein fester vaterländischer Gesichtspunkt; der Bürger sollte in seiner Heimath geschichtlich einheimisch, er sollte mit Achtung für sein Volk, mit Liebe für das Große, Wahre und Rechte erfüllt, durch Erfahrungen und Muster der Vergangenheit, durch Betrachtung dessen, was und wie es geschehen war, sollte die Gegenwart veredelt, sollte die Gesinnung der Zeitgenossen gereinigt und erkraf- tigt, somit eine glücklichere Zukunft vorbereitet werden. Aventin's teutschcr Ausdruck ist acht und rein tcutsch, das Werk reifer Ueberlcgung, der treue Spiegel biederer Denkart, gehaltvoll und dem Volke zusagend. Dieses köstliche Geschichtsbuch, von ihm selbst mit rühmlicher Anstrengung verteutscht, erschien erst ein Mcuschenalter nach des Verfassers Tode (Frankfurt am Main r566. F.; lateinisch. Jngolst. r,ZZ4; besser: Basel i63c> :c.); bey seinem Leben wurde nur ein Auszug daraus (Nürnberg 1622. F.) bekannt gemacht. Auch das die älteste Zeit beschreibende Bruchstück seiner teutschen Chronik (N. -»4>. 4.) ist beachtcnswerth. — Ein Ahnlich guter Geist herrschet in der erst jezt unverdienter Vergessenheit entrissenen Pommer'schcn Chronik (herausgegeben von H. G. L. K o- scgarten. Greifswald -8-6. 2 B. 8.) des Thomas Kautzow aus Stralsund sgcb. -Zoo? st. d. 2Z Sept. 1642s, eines Schülers Melanchthon's; auch er untersuchte und sammelte unverdrossen und mit Einsicht, schildert lebendig anschaulich, urtheilt treffend und sinnvoll, beurkundet eine vorurtheillose Denkart, Liebe der Frey- heit und Ehrfurcht für bürgerliche Zucht und Ordnung. Seine Sprache, der Lutherischen nachgebildet, ist vortrefflich. — Die größte Achtung gebühret dem Sprach- vcrdicnstc des tiefen Sclbstdenkers Sebastian Frank aus Donauwörth lgcb. 1S00; st. -S/sZs, eines bey unste- 192 rem Leben ungemein fruchtbaren und mehr durch Gemüt!) und Naturanlage, als durch gelehrte Bildung ausgezeichneten Schriftstellers. Seine damals mit Recht vielgelc- seue Geschichtsbücher (Zcitbuch. Straßburg rSZr zc.; Kosmographie. Tübingen i6a4 :c. ; Teutsche Chronik. Augsb. i553 :e. F.), zeitgemäße freye Verarbeitungen des von Anderen entlehnten Stoffes, empfehlen sich durch oft wahrhaft malerische, immer leichte und bequeme, Alle ansprechende und fesselnde Darstellung und durch Eigcn- thümlichkcit der Auffassung und Würdigung der Gegenstände, der sittlichen Betrachtungsweise und der harmlv- losen Strenge und Freymüthigkeit. In seiner für Sprach - und Sittenkuudc ergiebigen, auf Beweisführung der vaterländischen Uebcrlcgcnhcit vor den Alten augclcglcn Sammlung teutfchcr Sprüchwörtcr (Frankfurt am Main rZstr. 2TH. 4>) offenbaret sich eine Welt- und Menschenkenntnis' , eine Selbstständigkeit und Kühnheit der Ansichten , ein Wechsel des Wihcs und der Laune mit ernster Belehrung in so reichem Maaßc, daß er nur bcy Bcrglci- chung mit Luther verlieren kann. In den philosophisch- mystischen Erbauungsschriften (Paradoxa oder zweyhun- dert achtzig Wnndcrredcn aus heiliger Schrift. UlmrZ54. 4. ; daß Gott daS einig Ein und höchstes Gut. 2545. 4. n. m. a.) erscheint er als Naturforscher des inneren Menschen unabhängig von fremdem Anschn und geheiligtem Herkommen, neue Bahnen brechend, von höheren Ahndungen des freyesten Vernunftlebcns ergriffen, und schaffet für neue Gebilde in der Welt der Gedanken und Gefühle einen nicht selten gelungenen Knnstausdruck, welcher wie der des I. Tauler und Jakob Böhm der Sprache ansehnliche, kcineswcgcö pflichtmäßig beachtete Bereicherung zuführt und Duellen derselben nachweiset, 195 die nie versiegen. — Auch darf Sebastian Münster, Professor zu Basel ist. nicht mit Stillschweigen übergegangen werden; er hat in seiner mit geschichtlichen Belehrungen ausgestatteten Weltbeschreibung (Basel »643, ,55c>. F.) den rechten Volkston getroffen und gelehrte Erfahrungen gemeinnützig zu verdeutlichen gewußt; die Fehlerhaftigkeit des Stoffes wird oft durch die gelungene Gestaltung desselben vergütet. Noch würden sich mehre Beyspiele von dem richtigen und glücklichen Gebrauche der Muttersprache für wissenschaftliche Belehrung über die verschiedenartigsten Gegenstande beybringen lassen; aber die angeführten mögen genügen, um auf das jetzt begonnene frische Iugendleben in der teutschcn Bücher« welt aufmerksam zu machen und die Behauptung zu recht« fertigen, daß die Mitwelt zu den freudigsten Erwartuw gen sich berechtiget erachten konnte. Wachlci", BorUtiingc» irZH. 15 1S4 Vierzehnte Vorlesung. Folgen der Kirchonverbesserung für Wissenschaft und Kunst. Kirchenliederz Lehrgedicht; Fabel; B. Watdis, Er. Albern?. Eatyrc: Murner; Dedekind; Fischhart; Rollen ha gen. Schauspiele. Die Hoffnungen, wozu das Werk der Kirchenverbcsse- rung, als Ausdruck der Volksgesinnung und der öffentlichen Meinung, die Zeitgenossen aufrief und zu berechtigen schien, gingen nicht in Erfüllung; statt des zuversichtlich erwarteten Fortschreitens des tcutschen Volkes in frcycr Geisteskraft, trat Stillstand, ja sogar rück- schreitcnde Bewegung ein. Die Verheißungen eines freundlichen Morgcnrothes tauschten; es folgte ihnen ein trüber Tag; so heiter die Aussichten gewesen waren, so demüthigend und erschütternd für den Glauben an geistige Wiedergeburt der deutschen Menschheit zeigte sich die Wirklichkeit; sie ermächtigte Widersacher der Wahrheit, Gegner der Volksrechte und Kirchenfrcyheit zu Vorwürfen und blendend-täuschenden Folgerungen, welche biS heute bequem nachgebetet und von vielen aus frommem Unverstände, bisweilen nicht ohne Schadenfreude, immer die heiligsten und gerechtesten Ansprüche der Menschheit verletzend, als erwiesen vollgültig hervorgehoben werden. Was die große und Großes gleichsam verbürgende Erscheinung veranlaßt uud gestaltet hat, wird vergessen und nur der so schnell verrückte und mißbrauchte Mittelpunct, in weichem die geistig - sittliche Bestrebung des Volkes zusammenfloß, in's Auge gefaßt und mit Nutzanwendungen begleitet, wie seine Verunstaltung sie erlaubet. Der Grund-Irrthum dieser einseitigen, in ihrer Verallgcmei- 195 nernng gehäßigön Betrachtungsweise lieget darin, daß die Kirchcnvcrbesserung nicht als Theil eines Ganzen, nicht wie sie in der Vergangenheit bedingt und vorbereitet war/ sondern als etwas für sich bestehendes angesehen wird; ja wohl gab als unmittelbar hervorgegangen aus dem Angriffs-Eifer und aus der Uebcrrcdungskunst einiger Neuerer oder Andersgesinnter, als das Werk Eines Mannes oder einer, sich diesem anschließenden kleinen Schaar, nicht als Ergebniß des anreisenden Volkswillens. Luther und die trcuesten und würdigsten seiner Gehülfcn waren Aüslcger und Vertreter des Zeitgeistes; diesen hätten sie mit aller Begeisterung des Gcmüthes, mit aller Kunst der Rede nicht schaffen können für den Augenblick ihrer Wirksamkeit; daß er nicht gedeihen konnte, nicht fortdauernd wuchs und Früchte trug, haben sie nicht verschuldet; er ist von feindseligen Mächten, vielleicht weil man dunkel ahndete, wohin er führen werde, in engere Gränzcn zurückgedrängt, mit Bollwerken der Selbstsucht umdämmt, zur Wirkungslosigkeit ver- urtheilt worden. Aber der Gedanke, wenn er einmal in das Leben getreten ist, gehet nicht unter! — Wie die kaum verkündete evangelische Freyheit von dem roheren Theile des Volkes, von verführten und durch Trachten nach äußcrlicherBehaglichkcit bethörten Landleuten schmählich mißverstanden wurde, so mußte sie manchen Großen zum Deckmantel ihrer Machtbestrebungen und Vcrgrößc- rungs-Entwürfe dienen; Kaiser Carl V, obgleich von Moritz getäuscht oder überlistet, hat das Geheimttiß mit seinem geübten, italiänisch gebildeten Scharfblick wohl durchschaut. So wurde in irrdische Aeußerlichkcit und Gemeinheit umgesetzt, was ans dem inneren Heiligthnme des Menschen hervorgegangen war und nur in diesem 15 * 1W wohne«, es weihen sollte für die Ewigkeit. Das Volk mußte irre werden an seinem cigenthümlichsten Streben und Wollen; eingeschüchtert und erschlafft, entsagte es dem ihm gebührenden selbsttätigen Antheile an Erwerbung und Sicherstellung des sittlichen Gemeinwohles; das eben errungene edelste Gemeingut der teutschcn Menschheit ging in den Alleinbesitz der Machthaber und geistigen Vormünder über. Die Gewaltigen mit ihren engherzigen Ratgebern und bereitwilligen Vollstreckern des hohen Willens athmeten freyer und trieben den Unfug unverantwortlichen Alleinwillens fort mit größerer Sicherheit als zuvor. Geistliche und weltliche Macht handelten, ohne laute Uebercinkunft, über Verewigung der Unmündigkeit des Volkes ganz einverstanden. Die Ausübung der Herrschaft war verändert; die Knechtschaft dauerte fort und drohete um so härter zu werden, je weniger sie gefühlt und durch Widerstand bemerklich wurde. Das Volk verkehr dabey, daß es unter die Leitung der Geistlichkeit, wenn es auch nicht die alte war, zurück fiel; die Verschmelzung der Kirche mit dem Staate ward ihm verderblich, indem sie selbst den Schein von Freyheit und Hülfe aufhob, der während ihres feindseligen Gegensatzes statt gefunden hatte. Die protestantische Geistlichkeit, uneingedcnk ihreS gereinigten und erhöhcten Berufes und des Gemeinwillens, der ihn so gestaltet hatte, entband sich vom Volke und verstieß es, indem sie über dasselbe herrschen wollte, und gehörte mehr dem zünftigen Gelehrtenstaude an, als dem im Geiste und in der Wahrheit ihm verbrüderten Volke. Sie setzte leider nur zu oft den Werth ihres öffentlichen Daseyns in müßige Untersuchungen, in unfruchtbare Kleinigkeiten und lieblose Zänkcreyen; sie kämpfte t97 mit eben so erbitterter Rechthaberey gegen die nächsten Verwandten ihres Geistes und Glaubens, als gegen die im alten Wahn verstockten Bestreite? desselben; sie nahm die Waffen und Künste wieder auf, welche als des Evangeliums unwürdig und seinem Wesen fremd von den Kirchenverbesserern verworfen worden waren; sie lebte und wirkte in Kreisen, welche dem Volke unzugänglich bleiben mußten. Was Volksangclegenheit seyn sollte, wurde wieder ausschließlich gelehrte Schulsache; an die Stelle des Einen Papstes, dessen Macht-Mißbrauch siegreich bestritten worden war, drängten sich Hundert kleine Päpste hin; um die Wohlthatcn der evangelischen Freyheit war es geschehen; die Arbeiter selbst verwüsteten die Erndte, zn welcher sie berufen worden waren. Die Absonderung der gelehrten Zunft verschärfte sich; das Volk ward verabsäumt. So geschah es, daß die vaterlandische Kunst in Sprache und Schrift von der Kirchenverbesserung, dem Endergebnisse vorgerückter Geistesbildung und freyercr Entwickclung des sittlichen Willens und des bürgerliche» Selbstgefühles, keinen Gewinn hatte, ja augenscheinlich vorerst dabey verlohr. Die frommen Gefühle verfeindeten sich dem Leben, statt es zu durchdringen und AllcS in ihm zu veredeln und zu heiligen; vielen wurde die Erde ein Jammerthal, denen reinere Gesinnung und höheres Streben eine Berechtigung gab, sich ihrer mit dank, barer Liebe zu erfreuen. Die frohe Singkunst scheinet Mißdeutungen ausgesetzt gewesen und von strengen Zions- wächtern mißbilligt worden zn seyn; die mchresten Nei- mereycn sind frostiger Natur und spielen mit frömmelnden Ausdrücken und Bildern; und erst in dem letzten Vicrlheile des sechzehnten Jahrhunderts traten bisweilen 198 anmuthige Galliardc hervor, welche den älteren guten Volksliedern an die Seite gestellt werden können und bey denen Zum Theil auslandische Vorarbeiten benutzt seyn mögen. Die Hauptbereichcrung der lyrischen Dichtkunst bestand in Kirchenliedern. Zu den bewährten alteren von Luther, Justus Jonas, Nikolaus Decins Ist. nach >Z24?j, Lazarus Spengler ist- >23-^ u. a. kamen die meist kräftigen, tief gefühlten und herzlich ausgedrückten von Paul Speratns fst. 1654 f, Nico- laus Herrin anu lst. iZ6>i, Wolfgang Musculus lst. r566f, dem genialen Johann Matthesius fst. rSögf, dem wackeren Nscolaus Selueccer ist- r2g2l und mehren Anderen; wiewohl nicht in Abrede gestellt werden kann, daß auch vieles gedankenarmes, wässeriges Mittelgut zum Vorschein kam, welches das Herausfinden des Besseren sehr beschwerlich macht. Es muß indessen wohl beherzigt werden, wie wohlthätig der teutsche Kirchcngesang auf die gesündere Volks-Erbauung eingewirkt und, nächst der teutschen Bibel und dem Katechismus , zur Bewahrung und Verbreitung des im Zeitalter der Kirchenverbcsserung eingeführten körnig sinnvollen Sprachgebrauches beygetragcn hat; es verblieb somit dem Volke eine Grundlage auf welcher zu seiner Zeit weiter fortgebaut werden konnte. Von teutschen evangelischen Gesangbüchern ist eine sehr große Anzahl aus dem scchszchntcn Jahrhunderte vorhanden; das vielmal vermehrte und nachgedruckte Lut h er ische wurde bald fi566l bis aufstoo Lieder gebracht. Hermann Bonn kst.iZHöz machte sich um den uiederteutschen.Kirchengesang (Parchim 1647. >2. w. ) verdient. Ambrosius Lohwasser's Ist. iZ8Zj Psalmen-Lieder (Leipz. »57Z. l!; sehr oft) wurden bey dem reformirtcn Gottesdienste eingeführt und 199 behaupteten sich hie und da weit über ihr Verdienst lange Zeit. Für Sprachforschung und religiöse Volkskunde gewährt die Liedersammlung der böhmische mahrischen Brüder (seit: Jungbunzlau r63i sehr oft) nicht geringe Ausbeute. Die beste Uebcrsicht von dem Vorrathe und von der Beschaffenheit des teutschcn Kirchengcsanges gicbt A. I. Rambach's „Anthologie christlicher Gesänge aus allen Jahrhunderten der Kirche, nach der Zeitfolge und mit geschichtlichen Erläuterungen" (Hamb. 1L17) im zweiten Bande. Das Lehrgedicht vertrug sich mit der vorwaltenden ernsten Stimmung des Zeitalters und wurde fleißig bearbeitet ; aber Ausgezeichnetes ist nicht darin geleistet worden. Paul Rcbhun, Nector und zulezt Superintendent in Plauen, von dein wir ein geistliches Schauspiel Susanna ( -536) und „die Klage des armen Mannes" (Zwickau >54o) haben, ist wegen der von ihm beobachteten regelmäßigeren Sylbenmessung und des Ge^ brauches vier- und fünffüßiger Trochäen, worin er aber keinen Nachfolger fand, bemcrkenswcrth; an Geist und Darstellungskunst ist er arm. Martin Agric 0 la' 6 Instrumental-Musik (Wittenberg r5si5. L.) hat in technischer Rücksicht für den Forscher geschichtlichen Werth. Des betriebsamen Reimers Matthias Holzwart moralisirende Gleichnisse (Straßb. ,587. F., mit Fischhart's Vorrede) crmangeln eben so sehr dichterischen Gehaltes, als hervorstechenden Sprachverdienstcs, und zeugen von verunglücktem Bestreben, nbelrcrdautc alter- thnmliche und geschichtliche Gelehrsamkeit der vornehmeren Lcscwclt aufzudringen; und um nichts höher stcchndi ähnlichen Versuche Daniel Sudcrmanu 's und Ande rer. — Frommer Hansvcrstand, tentsche Treuhc. chgkc i 200 und tüchtige Gesinnung findet sich in Johann Matte- sin s „bericht, wie sich ein Hausvater halten soll" (Nürnberg -56r. si.); auch werden Witz und gelungene Schilderungen darin nicht vermißt; zur Kenntniß des hauslichen Lebens in damaliger Zeit ist vieles zu benutzen; die Sprache hat gesunde Derbheit und Fülle; nur von dichterischem Geiste, wie er in vielen Stellen der Kanzel» reden desselben Mannes gefunden wird, zeiget sich kaum weiter, als in einigen satvrischen Zügen, eine Spur. Bey weitem die meiste Eigenthümlichkeit und Selbstständigkeit wird in den Werken Bartholomäus Ringwald's ist. n. -ZgSi, Pfarrers zu Langfeld inderMar? Brandenburg, wahrgenommen; sie zeichnen sich bey uuta- delicher christlicher Sittenstrenge, durch Heiterkeit und Kräftigkeit, oft durch Neuheit und sinnreiche Anschaulichkeit aus, obschon Sprache und Ton auffallend ungleich sind. Sein christliches Spruchgedicht: „die lautere Wahrheit" (Erfurt >585; sehr oft) enthält trcfliche Ermahnungen und erbauliche Sinnbilder; und die „christliche Warnung des treuen Eckard" ( Frankfurt a. d. O. 5Z90; sehr oft), das Gesicht eines frommen Kranken, der in entzücktem Gemüthszustande Himmel und Hölle durchwandert, schildert die Freuden der christlichen Tugend und die Quaalen lasterhafter Thorhcit mit lebendigen Farben. Am wenigsten genügt seln „Epithalamium" (Frankfurt a. d. O. r5g5. zc.; Lcipz. 1797. 8.), wenn es nicht bloß als Beytrag zur Sittengeschichte betrachtet wird. Fortdauernd erhielt sich die Vorliebe für äsopische Fabeln, welche einen Hauptbestandtheil der alten Lchr- vder Spruchgedichte ausgemacht und ein herkömmliches Anschn unter den Tcutschcn erlangt hatten. Luther selbst betrachtete sie als zweckmäßiges Bildungsmittel für 20t Kinder und ließ „etliche Fabeln aus Aesop" (rS?c>. F.) für sein Söhnlein Hans drucken. Zwey sehr eifrige Verteidiger der Grundsätze Luther's, beide geistvoll und reich an witziger Laune, sind die ausgezeichnetesten Fabeldichter ihres Zeitalters. Burkard Waldis ist. nach -Z54Z, Pfarrer zu Abterode in der Nähe seiner Vaterstadt Allendorf an der Werra, hatte als Mönch aus weiten Wanderungen viel Menschcnkenntniß und Wetterführung gewonnen und besaß eine bencidenswerthe Gabe, leicht und fließend, in geschmeidiger Sprache zu erzählen. Sein „Esopus ganz neu gemacht und in Neimen gefaßt mit samt hundert neuer Fabeln" (Franks, a. M. 2,548. 3.) gehöret zu den vorzüglichsten Fabelbüchern und enthält auch viele treffliche Novellen und Schwänke, deren Stoff zum Theil aus Boccaz und dessen Quellen geschöpft und mit eigentümlicher Gewandheit verarbeitet ist; seine Darstellung hat kunstlose Natürlichkeit; sein Ton ist heiter und gefällig, sein Spott treffend und oft fein; daher haben auch in neuerer Zeit Eberhard von Gcmmin- gen »7691, F.W. Zachariä fi77>l und J.J. Eschenburg I>777i durch Nachbildungen seiner zum Theil musterhaften Werke wieder aufmerksam auf ihn gemacht. Geriit- gcren Werth hat der von ihm „gereimte Psalter" f>55Z; und die allzuwillkührliche Umarbeitung feZZZ; des Thcu- crdanks. — Ihm stehet sein Zeitgenosse Erasmus Alberus fst. d. S May i55Zf, nach vielen abentheuerlichen Widerwärtigkeiten, Generalsuperintendent zu Neubrandenburg im Mecklenburgischen, zur Seite; erschwinget die Geissel weit schonungsloser; sein Witz ist schneidender, sein Spott derber. Wir haben 49 Fabeln von ihm in dem „Buch von der Tugend und Weisheit" (Frankfurt a. M. astö«. 4- ic.), einer Jugendarbeit, welche er L02 als Mann wieder durchsah Md der Bekanntmachung Werth hielt; der Stoff ist entlehnt, die Gestaltung desselben frcy und voll Laune; die Sprache minder zierlich und wohllautend, wie bey Waldis. Unter de? Aufschrift: „der Barfüßer Mönche Eulenspiegel und Moran" lieferte er eine vom beißendsten Witze überströmende frauenhafte Ucbersctzung der berüchtigten Al b izzi'scheu Vcr- glcicbung zwischen dem Heil. Franciscus und Jesus Christus, deren erste Ausgabe (iSZ>. 12; nachher oft) Luther mit einer Vorrede einführte und die Johann Fisch- hart wieder aufzufrischen an der Zeit erachtete. Auch verdienen seine durch Einzelnhcitcn der Kirchenverbessc- rung veranlaßte Streitschriften, namentlich die gegen G. Wicel und „über das Interim" ^164!)), als geschichtlich bedeutsam und für den Sprachforscher gehaltreich beachtet zu werden. — Neben solchen Männer» vermag der Augsburger Meistersänger Daniel Holzmann ist. n. iMst sich kaum zu behaupten; seine Ucber- tragung der sogenannten Cyrillischen Fabeln aus tcut- schcr Prosa in vierfüßige gereimte Jamben, welche unter dem Titel: „Spiegel der natürlichen Weisheit" (Augsb. 2671.4. und oft) erschien, kann weder auf cigenthüm- liche Behandlung noch auf ausgezeichnete Sprachschönheit Anspruch machen, fand aber, wie mehre ähnliche Sammlungen, ein ausgebreitetes Publicum und ist in so weif als Zeichen der Geschmacksrichtung nicht gleichgültig. Die Neigung, Sittcngemälde des Zeitalters auszustellen, seine Thorhcitenzu verspotten, seine geistige und sittliche Armseligkeit und Sündhaftigkeit zu strafen, brach bey Luther und bey den Freunden und Feinden seiner Sache so oft und hell zu Tage, daß in ihrer Aeu- ßerung ein Hauptbcstandtheil und die Glanzscite der 205 teutschcn Schriftstellerey ganz eigentlich zu suchen ist. In der zunächst vorausgegangenen fruchtbar kraftigen Zeit des aufstrebenden und erstarkenden freyercn Bürgcr- geistcs geweckt, fand sie in dem viel und tiefbewegten Zeitalter der Äirchenverbesserung die volleste und reichste Nahrung. Die Reibungen, Anfeindungen, Verlagerungen der Parteyen, die Uebertrcibungen, von denen keine sich frey erhielt, und bald nachher mannigfaltige andere Verkehrtheiten und Abschweifungen von dem reinen und tüchtigen Vater-Sinn boten unerschöpflichen Stoff dem zürnenden Mißmuthe und der lachenden Verhöhnung dar. Die satyrischen Werke waren der Mehrheit der Lesewcit willkommen, wurden wenn nicht dem ganzen Umfange nach verstanden, doch mit Leichtigkeit gedeutet, nach örtlichen und persönlichen Beziehungen theilnehmend aufgefaßt und als zeitgemäße Befriedigung eines sehr allgemeinen Bedürfnisses in Ehren gehalten. Viele dieser Werte sprechen die eigenthümlichste Denkart aus, freye, oft genial trytzige Ansichten von der Welt, ihrer Umnaltung und Ausartung, neue Betrachtungen über einen kaum beginnenden Zustand; viele sind Erzeugnisse der unabhängigsten Selbstthätigkeit des Geistes, fast alle für geit- nnd Sittengeschichte gleich merkwürdig und in Beziehung auf Sprache sehr bedeutend. Eine satyrische Biumcnwse würde unterhaltend und lehrreich seyn; sie köniuc die Stelle eines geschichtlichen Zeitspiegels vertreten, freilich unter Voraussetzung, daß der Leser zu mildern und zu ermäßigen wisse, um durch Zerrbilder nicht gelauscht und leidenschaftlich verstimmt zu werden. Die frühere kirchliche und theologische Polemik dieses Zeitalters i - gefüllt mit satyrischen Zügen und Andeutungen oder. ^ ah ausgeführten Gemäldeg; Lpther's Schriften eu-M.-. , 204 einen Schatz derselben, mit dem auch gehörig gewuchert worden ist. Uns muß genügen, die gehaltvolleren Erscheinungen hervortreten zu lassen. Da auf WaldiS und Alberus so eben aufmerksam gemacht worden ist; so gedenken wir zuerst eines der kräftigeren und geistvolleren Gegner der Kirchenverbcsserung, des Thomas Murncr aus Straßburg fgeb. st. i2Z6?i, dem unter den witzigen Köpfen seiner Zeit eine vorzügliche Stelle eingeräumt werden muß, so wie er in fruchtbarer Vieithätigkcit wenige seines Gleichen hat. Mit gelehrten Kenntnissen von großer Vielseitigkeit und seltenem Umfange waren reiche Welt- und Menschenkenntniß, vorur- thcillose Denkart und kecke Freymüthigkeit in ihm vereinigt; indessen hatten weder der Franciscaner-Orden, dessen Mitglied er war, noch die katholische Kirche, für deren Fortdauer er kämpfte, Ursache, sich seiner Talente zu freuen; denn rücksichtloser, als ihre furchtbarste Widersacher, deckte er ihre Blößen auf, rügte ihre Mißbräuche. Als Prediger und Schriftsteller strebte er nach dem Ruhme eines Reformators; nur, weil er diesen sich ausschließlich vorbchaltenen Ruhm beeinträchtigt glaubte, scheint er Luther angegriffen zuhaben; und bey aller Derbheit des Ausdruckes noch immer glimpflich genug, indem er den Grundansichten desselben nicht widersprechen, sondern nur den Austritt aus der kirchlichen Gemeinschaft und die Bildung einer neuen religiösen Gesellschaft mißbilligen konnte; davon giebt selbst seine bitterste Streitschrift „von dem großen Lutherischen Narren, wie ihn v. Murner beschworen hat" (tSaa) Zeugniß; und sein, fast ganz unterdrückter Kirchen- und Ketzer Almanach (1627) ist eine gegen Zudringlichkeiten und vermeinte Gewaltthaten Schweizerischer Protestanten gerichtete örtliche Schmähschrift, 505 welche der evangelischen Freyheit nicht wehe thun sollte, hatte er doch kein Bedenken getragen, Luthcr's Kraftschrift von der Babylonischen Gefangenschaft in das Teutsche zu übersetzen. Offenbar stimmte er mit dem Wesen der Kirchenverbesserung überein; und nur Mangel an sittlicher Kraft und vorsichtige Weltklughcit oder gemeine Selbstsucht bestimmten ihn, ihrer lebendigen Verwirklichung , die Aufopferung und Entsagung fodertc, Widerstand zu leisten. Unruhiger Ehrgeiz und vorlaute, grobe Freymüthigkeit hatten ihn in den entlegensten Ländern Europens umhergetricben; ihm erschien verbraucht und nicht des großen Aufsehens Werth, was er von rein sittlicher Seite und als heilige Angelegenheit der Menschheit zu betrachten unfähig war; und so bestritt er, um sicher zu gehen, was er einst selbst verkündigt hatte, um sich geltend zu machen. Diese Nachtseite seines Lebens kann über seine frühere tapfere Thätigkeit für Wahrheit und gesellschaftliche Gerechtigkeit leicht vergessen werden. Im jugendlich - reifen Manncsalter verfolgte Murner beharrlich kühn, mit muthwilliger Laune und derber Offenherzigkeit, in Predigten zu Frankfurt am Main und in Satyren, die aus diesen Predigten erwachsen waren, die Tollheiten und Schlechtigkeiten, die Unarten und Schurkereyen seiner Zeitgenossen. Wir besitzen von ihm drey Werke der Art, die sich ergänzen und gewissermaaßen an einander anschließen; Brant's Narrenschiff lieget bey ihnen als Muster-Vorbild zu Grunde; sie unterscheiden sich jedoch von diesem merklich genug durch eigen- thümliche Vorzüge und Mängel. Der Witz ist weit nachdrücklicher, meist redlich streng, aber ohne Würde, die Mahlerey greller, der Ton üppiger und frauenhafter; überall zeiget sich mönchische Keckheit, oft Wildheit, welche keine Verletzung deS sittlichen Zartgefühles ahndet und zu rerireioc» weiß, und auch am Unflätigen Behagen findet. Die eisaß- schwäbische Sprache ist voll und reich; das Bersmaas genau und in der Regel wohllautend. Diese drry Hauptwerke Murner's sind fügende: die „Nar- rcnbcschwörung" (Strasburg 1612; 1618; 1522. 4; verändert durch G. Wickram. i556 ,c.) will die in Abschnitten, welche oft mit einem Spruchwcrte bezeichnet sind, zusannneiigestcllten Narren durch Eoorcismns aus Teutschland zu den Welschen verjagen; die „Schclmcn- zuuft" (Str.i5»2; vcrm.Augsd.i5rZ; Str. >5>6.4. :c. herausg. von G. E. Waldau. Halle -788. 8.) schildert Betrüger, Gauner und Schufte aller Art; in beiden Gedichten wird sie Geistlichkeit am wenigsten geschont, wenngleich jeder Stand sein bescheiden Theil empfängt; über die Weiber läßt des Dichters unerfreuliche Erfahrung ein unbarmherziges Gericht ergehen; in der Gecken- wiese oder „Geuchmat zur Strafe aller weibischer Männer" (Basel eZig. 4 :c.) , theils in Prosa thcils in Reimen abgefaßt , ergießet sich der Spott mit zügellosem Muthwillen, dem nichts heilig ist; aber doch waltet eine allcgorisirendc Manier bisweilen vor. Unter seinen übrigen zahlreichen Schriften ist die Bearbeitung des Dil Enlenspiegcl am merkwürdigsten ; die „geistliche Badefahrt" (Str. 1614.4.) ist eine geistlose allegorisch - erbauliche Spielcrey ; die gereimte Uebersetzung der Virgil- schen Aeneide (Str. rZi5. F. zc.) scheint viel gelesen worden zu scyn. Mehre Erzählungen und Schwanke z.B. die Mühle von Schwündelsheim (i5>5) sind ohne seinen Namen erschienen und scheinen noch nicht alle aus- gemittclt zu seyn. Für Erforschung und Bereicherung der Sprache sind alle seine teutsch? Werke von unver- 207 kennbarer und doch, wie eS scheint, nicht hinreichend beachtetet Wichtigkeit. — Harmloser ist die Erneuerung einer wahrscheinlich altteutschcn Volkssatprc, des Grobi- anus, nach Friedrich Dedckind's Bearbeitung in lateinischen Versen (Franks. am M. a54s; verm. rZSa; 3. ?c.)vo» Easpar Scheidt (Worms aSb-; -5ZZ. 3. zc.) in teutsche Reime gebracht und wie die wie- dcrhvhlteu Abdrücke beweisen, sehr fleißig gelesen; ob die ebenfalls öfter aufgelegte, weit körnig-einfach-derbere Bearbeitung in Prosa alter oder junger scy, ist wohl zweifelhaft und muß genauer untersucht werden; sie hat eben so sehr die Gestalt eines zusammengedrängten freyen Auszuges aus dem Gedicht, als eines Grundiertes, welcher umschrieben und erläutert oder erweitert worden ist. Im dcrbesten Volksstyle werden die Verstöße gegen gute Lebensart auf das anschaulichste geschildert, um das Gegeutheil von grober Rohhcit im gesellschaftlichen Leben einzuschärfen; das Büchlein ist recht geeignet, auch heute noch das Zwcrgfell zu erschüttern, wenn das Gefühl allzil- spröder Zartheit oder Schicklichkeit gegen die anmuthige Wahrheit dieser flandrischen Naturmalerey nicht Einrede thnt.— Eine ganz eigene, neue Bahn brach sich der hochberühmte, heutiges Tages vonWcnigen gekannte und von noch Wenigeren verstandene Johann Fischart, wahrscheinlich ans Mainz, dessen Gcbnrts- und Sterbejahr (vor »691?; unbekannt sind und von dem wir nur wissen, daß er Doctor der Rechte und sr686f Amtmann zu Forbach Key Saarbrück gewesen ist; ein vielgestaltiges Wesen, für welches schwer der rechte Namen zu finden ist; ein heiterer Geselle, munter bis zur muthwilligsten Ausgelassenheit, redlichen Gemüthes, empfänglich für Wahrheit und Schönheit, keine schmutzige Derbheit, auch die pöbelhafteste Ge- 203 Meinfaßlichkeit nicht verschmähend; ein unerreichbarer Witz-Schöpfer, reich an Kenntnissen, Erfahrungen und Er- findungskunst. Die Erzeugnisse seines wundersam beweg« lichcu Geistes haben eben so abenthcucrlich bunte Mannigfaltigkeit, wie die Namen, unter denen sich ihr Verfasser, um bald errathen zu werden, verbirget; bald Heisset er Mentzer oder umgekehrt Netzem, bald Art- wisus von Fischmentzw eiler, bald gelehrt Huldreich Elloposklcros, bald allegorisch Zesuwalt Pickhartoder WinholdAleofribas Wüstblutus. Der Grundzug in seinem schriftstellerischen Charakter ist saryrischer Lehrton und geniale Sittenmalerey; dieser scheint in Prosa und Dichtwerken durch; nur haben die letzteren mehr sittigc Regelmäßigkeit und ruhige Verftän, digkeit; oft wechseln Verse und Prosa in seinen Darstellungen ab und immer zügelt das Versmaas die Ungebun- denheit des sich leicht und kühn überhebenden und alle Gesetze des Herkommens überbietenden Geistes. Er wird vom wahresien und tiefsten Gefühle ergriffen, zeichnet Schönheiten der Natur und anziehende Auftritte sittlichen Lebens mit sicherer Meisterhand, ist fromm-beredt für Vaterland und Tugend; und dann springt er in tollhäus- lcrischer Wildheit und in frazzenhaft-gelehrter Kobolts- Natur hervor; er kann schlicht bürgerlich und Allen verständlich seyn und geräth dann auf die unvereinbarsten Gedanken- und Bildervcrbindungen und wirft Wortungeheuer hin, wie man sie im Traume hat und beym Erwachen nicht zu bezeichnen im Stande ist. Die Muttersprache hat er bis in die verborgensten Wurzeln erforscht; er weiß von ihrer Reichhaltigkeit und Gefügsamkeit Gebrauch zu machen; er schaltet und waltet über sie, als hätte er sie in Erbpacht genommen und dürfte nach Gut- 209 dünken versuchen, was ans ihrem Boden sich Alles erzeugen läßt ; so willkührlich, wie er, hat sie Niemand vor und nach ihm gchandhabt. Am vollendetesten offenbaret sich seine alle Gesetze für Kunst- und Wortgcstaltung verhöhnende Eigcntbümlichkcit, ein halb toll gewordener, sich selbst und seinen Schatten überlaufender Ucbcrmuth des Witzes in der frcycu Umarbeitung des ersten Buchcö des Rabclais'schen Gargantna, welche er (>652.3; in veränderter Sprache >676. 3; bis >661 erschienen 11. Ausgaben) unter folgender Aufschrift hervortreten ließ: ,, Affcnthcurlich Naupcngchcurlichc Gcschichtsklitterung, von Thalcn und Nahten von kurzen laugen Weilen vollem beschreite» Helden und Herrn Grandgusicr Gar- gautua und Pantagruel, Königen in Utopien, Jcdewclt und Nicnenreich, Soldan der neuen Kannaricn und Ou- dyßen Inseln, auch Grosfürstcn im Rubel Nibcl Ncbclland, Erbvögt auf Nichilbnrg, nndllliedcrherrcn z Nullibiugcu, Ziullenstein und Nirgcndhcym. Etwann von M. Franz Rabelais französisch entworfen; nun aber übcrschreck- lich lustig in einen Untschen Model vergossen, und un- gcfchrlich obenhin, wie man den Grindigen lauset, in unser Mutter-Lallen über oder drunter gesetzt. Auch zu diesem Druck wieder auf dem Amboß gebracht und dermaßen Pantagruelisch verpossclt, verschmidt und verdängelt, daß nichts ohn ein Eisen Nisi dran mangelt, durch Hnld- rich Ell 0 p 0skler0 n. Gedruckt zuGrcncsiug im Gänß- rcich". Im gelehrt - posseurcisserischcn Witze und in spöttischer Verzerrung der nur halb möglichen Wirklichkeit verhält sich die französische Urschrift zu der Untschen Nachbildung, wie ein Kind zu einem Riesen; die Wagnisse in Gebilden der Worte und Einfälle können schwind- lich machen und auch den Belesenen und Geübten in Vcr- Wachlcr'j Norlcsungen ir1-4 210 legcnhcit setzen. ES liegt in der Beschaffenheit dieses Werkes, daß eine Verjüngung desselben für bequeme Zeitgenossen, wie sie von Dr. Eckstein d. h. Eh. Luv. Fr. Sander (Hamb. 178Z ff. 3 Th- 8.) nicht ohne eigenes Verdienst versucht worden ist, nur Theilweise gelingen konnte. Auch im immerwährenden Kalender oder „Aller Praktik Großmutter" (1Z72. 4; 1674. 8.) und im immerwährenden Bücherverzeichnisse („Catalogus Eatalogorum". i3go. 8.) ist Rabelais Vorbild gewesen. Fischart' s Züchtigung der Pfaffen - Unkcuschhcit im „Bienenkorb dcS heiligen römischen Immcnschwarmo" (1Z79. 8. :c.) ist nach dem Holländischen des Philipp Marmir von Aldegonde gearbeitet; und daran schloß sich „der heilige Brodkorb" (iZ33. 8. zc.), eine Verspottung des Reliquien-Unfugs, an. Sclbstständig erscheinet Fisch art in seinen schneidenden Augriffen ans die Pabstgcwalt, auf die Mönche und einzelne großmäulige Anwalde der Knttenwcisheit. Ueberaus possirlich, freilich nach unseren Begriffen oft den Anstand verletzend und Zicrbcngel verschaamröthcud ist das Rcimgedicht „Flohatz" (0. O. «. I.; Straßb. rZZ7. 8. u. s. w.), worin der Ncchtshandcl der Flohe mit den sie verfolgenden Weibern dargestellt wird, und als Meisterstück einfach schöner, mit sinnvollen Betrachtungen und naturgetreuen Schilderungen durchflochtcucr Erzählung kann „das glück- hafteSchiff" gelten; worin die schnelle Reise eincsHirsen- brcyes von Zürich nach Straßburg, zum Beweise, daß diese Städte für eine engere Verbindung nicht zu weit entfernt von einander liegen, beschrieben wird. So schalkhaft das„PodagrammischTrostbüchleiu"lr577?c.j, so sittsam ernst und würdig ist das „philosophische Ehzuchtbüchlein" (Straßburg 1678. 8.), ein Schatz bewährter HauSerfah- 21t rung und nachhaltiger sittlicher Klugheit. 'So schrieb er für das Volk; für die Werke, in welchen sein reicher Geist am üppigsten glänzet, dürfte kaum die rechte Lesc- welt auszumittcln gewesen scyn; es spiegelt sich in ihnen eine buhlerische Schwelgerey der Phantasie ab, die selbst von einem GcisteSbrudcr hatte gezüchtigt werden müssen, wenn Gefahr vom Ucbcrhandnchmen dieses Kunststyles zu besorgen gewesen Ware. Aber Fischart stand so einsam mit seiner Eigenthümlichkeit, wie heute unser Friedrich Richter in der Mitte seiner Nachahmer stehet. Nur hat der eine und der andere etwas Aristokratisches im Gebrauche des Wissens und in der Neuheit des Steedens, welches keine erfreuliche Folgerung über den Bildungsgang der Menge hervorrufet. Der vaterlandische Hausvcrstand unterlag dem Spiele mit zünftiger Gelehrsamkeit. In ähnlicher Versuchung scheinet sich Georg Rollen Hagen aus Bernau lgeb. 2,542; st. d. -3 May 1609Z, zulezt Rector in Magdeburg, ein sprachkundiger, viclbclcscner, mit Natur und Menschheit vertrauter Mann, befunden zu haben; aber Neinecke Fuchs, den er bewunderte und zu seinem Muster und Vorbilde wählte, half sie überwinden und bewahrte ihm die bessere Gcistesrich- tnng, welche Gelehrsamkeit dem Volksthümlichen unterzuordnen wußte. Der von ihm, nach Weise des Meistergesanges , leicht gereimte „Froschmäusler oder die wunderbare Hofhaltung der Frösche und Mäuse" in drey Büchern (Magdeburg 169.5; 2696. 3, öfter) ist der geschichtlichen Grundlage nach aus der Homerischen Ba- trachomyomachie entlehnt, aber für den teutschen Mittelstand frcy umgearbeitet, daß es ein Spiegel des Welt- lanfcs würde, ein launiges Gemälde des Staatslebeus. Die Betrachtungen sind aufEntbindung von Vorurtheilcn, 14 * 212 auf Gestaltung gesunder Ansichten, auf Schärfuug des BlickeS derechnet; und wirklich liegen in ihnen köstliche Frnchtkörner. Auch das bekannte ist neu gestaltet und glücklich gedeutet. Wie in alten Spruchgcdichtcn werden viele Fabeln und Erzählungen eingeschaltet. Der Spott ist treffend, nicht beisseud; lue Wahrheit laßt sich leicht ausgcwinucn und fodert doch zu weiterem Nachdenken auf; die Darstellung ist gefällig, oft belebt; die Sprache rein und wohllautend. C h. L. S t en g cl' s Erneuerung dieses heiter satyrischen Lehr- und Heldengedichts (das itc Buch. Cölln 1796) verdienet beachtet zu werden. Verwandten Inhaltes ist Haus Chrcnvph Fuchs „Ameisen- und Mückenkrieg" (1600.12; Straßburg 16 > 2; Lcipz. 1L06. L.) und ebenfalls nicht arm an treffenden Beziehungen und Schildcreyen. Auch gehören die saty- rischcu Volksromane „der Ganßkönig" >>607) und „der Esclkönig" (160L) zu den gelungenen Werken, welche aus früher vorhandenen Stoffen hervorgegangen sind. Das deutsche Schauspiel bestand in gereimt-drama- tisirtcu biblischen Geschichten, allegorischen Darstellungen und geschichtlichen Schwanken, welche ursprünglich in Klöster und Schulen einheimisch, bey FastnachtSfrcu- dcu zu öffentlicher Belustigung benutzt und von Bürgern, die damit ein Nebcngcwerbe trieben, aufgeführt wurden. Sic vermehrten sich beträchtlich; aber sehr wenige halten einigermaaßen eine Bcrglcichung mit den Fastnachtsspielen des Hans Sachs aus; höchstens lassen sich etliche glückliche Einfälle und Sprachwendungen in ihnen hervorheben; die Anlage und Behandlung ist ohne Werth. Ihr romantisches Wesen beschrankt sich darauf, daß Trauer und Lust darin zusammcnflicssen und der närrische Knecht die Würze hinzu thut; dichterische Erfindung, Natürlich- 21.i keit des Gesprächs, Verwickelung und Einheit im Endergebnisse werden ganz vermißt. Die kirchliche Spaltung vcranlaßte feindselige Ausfalle und Spöttcrcyen und diese pflegen die unerhaltendsien und kräftigsten Bestandtheile auszumachen. Von der Art ist „der neue teutschc Bile- ams Esel, wie die schöne Germania durch arge List und Zanberey ist zur Papst-Eselin transformirt worden, jetznnd aber als sie vom Wasser aus dem weissen Berg slicssend getrunken, durch Gottes Gnad schier wieder zu ihrem rechten Aufsitzer gekommen" (1Z22 ? ). — Auch fehlte es nicht an einzelnen weltlichen Possen z. B. „Ein Lustspiel der WeiberRcichstag genannt" (Nürnberg 1Z37 ; i5Zg. 3.); der Schulssicistcr Franz Omichius, zu Güstrow, dramatisirte den Syrakusancr Dionysius, mit Dämon und Pythias (Rostock >583. 8.), in welchem Stücke die Bauern meklenburgisch-nicdcrtcutsch sprechen; und manche Zeitgeschichten wurden verarbeitet, aber ohne Eigcuthümlichkeit und dichterische Haltung, in gemeiner Sprache und nachlässigen Reimen. Die Entstehung einer tcutschcn Bühne fällt erst in den Anfang des fiebcnzclmten Jahrhunderts. 214 Fünfzehnte Vorlesung. Prosa. Geschichtschreiber. Volksbücher und Romane. Aür Vervollkommnung der seit der zweptcn Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts fortschreitend besser gestalteten tenlschen Prosa geschah weniger erfreuliches, als Luther'6 hoheS Verdienst um sie hatte erwarten lassen; und das Muster dcS herrlichen Mannes blieb gerade in dem Kreise fast ohne allen Erfolg, auf den dasselbe am schnellsten und kraftigsten hätte wirken sollen. Die kirchliche Beredsamkeit, Frucht der frömmsten Begeisterung für das Heiligste und Menschlichste, konnte nicht gedeihen, als die Gesinnung der Mehrheit des evangelischen Klerus weniger religiös als theologisch und von dialektischen Schulbestimmungen immer abhängiger wurde. Nicht aufgefaßt und daher bald verdunkelt und vergessen wurde die großartige Ansicht, daß evangelische Glaubens-Frey- heit durch den christlichen Volkslchrcr gepflegt und verbreitet, daß religiöse Selbstthätigkcit des Volkes gefördert und gestärkt, daß der Laie in den ihm eigenthüm- lichstcn und wichtigsten Angelegenheiten seines Gemüthcs und Gewissens zur allmählig sclbstreifcndcn Mündigkeit erzogen werden sollte; verkannt wurde das Edelste im Berufe des Predigers und Seelsorgers, seine geistige Gemeinschaft und religiöse Verschmelzung mit dem Volke, wodurch er zum Sprecher für dessen wichtigste Gerechtsame geeignet und geweiht erschien. Die kleinlich wachsame, alles Bessere verdrängende Sorge für das Kunstgebäude der Gottesgelahrhcit übermannte die Rücksicht auf das Glaubcusbcdürsniß und die Gcwiffens-Ansprüche der 215 Menge; der Anthcil «im Ausbilden und Festhalten der Schultheolvgic, au den oft leidenschaftlich - stürmischen Streitigkeiten darüber in und außer der Kirche, zog die Geistlichkeit zu zünftiger Einseitigkeit und aristokratischer Selbstsucht fort und entfernte sie immer »veiter von dein Wesentlichsten ihres Berufes. Der von Luther und von vielen seiner Mitarbeiter und Schüler, von Justus Jonas, Johann Caspar Aquila, Johann Matthesius u.v.a. angegebene Ton gediegener Kraf- tigkeit, herzlicher Warme, sinnvoller Helligkeit in Predigten, welche eben darum so fesselnd für den Geist und so ansprechend für das Gcinüth der verschiedenartigsten Menschen befunden wurden, verschlechterte sich wenige Jahre nach des Reformators Heimgange und verlohr sich bald im Allgemeinen fast gänzlich. Au die Stelle kindlich- einfacher, für Alle erbaulicher Erklärung und Anwendung der heiligen Schrift trat eine, bcy aller Schärfe, dem frommen Menschenverstände dunkle und unfruchtbare Bestimmtheit von Begriffen, verdammende Nechthaöcrey und den Andersdenkenden hart verfolgende Splitterrich- tcrey; statt natürlicher Volkstümlichkeit und heiter- kräftiger Gcmüthlichkcit waren breite Gemeinheit, falscher Witz, unziemliche Anckdvtcnkrämercy und lästiger Prunk mit allegorischen Spielen und unzeitigcr Gelehrsamkeit an der Tagesordnung; der schlichte, körnige, dem bürgerlichen Sprachgcbranche immer angemessene Äusdruck wurde entweder geschraubt öder niedrig, unverständlich, mit lateinischen Wörtern, kirchlichen Kunstansdrücken, fremdartigen Wendungen verbrämt und entstellt. Das Gefühl erlag unter einem umstrickten und befangenen Verstände. Bey weitem die mchrsten Predigten aus der zweyten Hälfte des sechzehnten Jahr- 516 hnndcrtS müssen Unwillen und wchmüthigc Empfindungen erregen; und dieses Uebcl nahm späterhin eher zu atS ab. Noch mehr entfremdet dem Volke und den auch dieses berührenden allgemeineren Bildnngsmittcln waren die Ncchtsgelehrtcn; in ihrem Deutsch herrschet die wahrhaftigste Barbarcy ; es ist mit schlechtem Latein und kaum begreiflichen Redensarten durchspickt; von Zusammenhang und von Bau der Sätze ist selten eine Ahndung; widrig starr stehen diese neben einander, oft als wenn der blinde Zufall sie an ihre Stelle verschlagen hätte. Um nicht viel besser, obgleich freilich, weil dicß kaum zulässig war, auch nicht schlechter schreiben die übrigen gelehrten Geschäftsmänner; je mehr sie die höheren Stände im Auge haben, desto geneigter zeigen sie sich zu sprachlicher Ausländcrey; die Sucht, etwas Italienisch oder Französisch einzumischen, beginnet schon allgemeiner zu werden und greifet im Fortgange der Zeit gewaltiger um sich. Ueberhaupt aber läßt sich diese Mcn- schenart Gottlob selten genug in der Muttersprache vernehmen. Selbst die bürgerlichen Hausbücher für Küche und Keller, Gartenbau, Wunden und Gebrechen, Kindcr- uud Schweinezucht u. dcrgl. blieben beträchtlich hinter denen des fünfzehnten Jahrhunderts zurück; sie zeichnen sich größeren Theilcs durch Nachlässigkeit, Gemeinheit und Undcutlichkeit aus; hie und da spucket auch in ihnen unglückliche Vornehmthucrey; sie sind mit fremdem Schmuck und unschicklicher Gelehrsamkeit angcthan. Der gelungenste und selbstständigste Ausdruck findet sich in Streitschriften und in Satyren, wenn gleich keine nach dem Maasstabe der Fischart'schcu gewürdigt werden darf. 217 Unter den Geschichtswerken begegnet uns manches trefliche, zum Beweise, daß ihre Verfasser sich eines festeren Strebens und einer bestimmteren Richtung bey ihren Arbeiten bewußt waren; leider haben die wenigsten bey der Mitwelt Eingang gefunden oder finden können; mehre sind erst in neueren Zeiten nach ihrer Vcrdienst- lichkeit anerkannt worden. Zu den in ihrem Zeitalter geachteteren Geschichtschreibern gehöret der vrlthätige Heinrich Pantaleon aus Basel fgeb. 1522; st. i5g5Z, der in seinem „Heldenbnch teutscher Nation" (Basel »568; 1678. 3 F.; vorher lateinisch »565) das Andenken verdienter Männer des Vaterlandes in treuen Schilderungen zu erhalten suchte; seine Sprache hat ungemein viel Treuherzigkeit; auch ist die von ihm verfaßte „Beschreibung der Stadt und Grafschaft Baden im Ergow" (B. 167g. 4.) nicht ohne Verdienst; und seine Ueber- selzungen der „Sleidan'scheu Zeitgeschichte" (B.>556. F.) und der H erber stein'schen Nachrichten von den Moscovitcrn (B. >563; 1667. F.) wurden viel gelesen. Die Geschichte der Schweiz wurde von JohannRumpf (st. >566; und meisterhaft sowohl in Ansehung des urkundlichen Stoffes, als der treffenden Ansichten und Urtheile, so wie der naiv gediegenen Sprache, von Egidius Tschudi aus Glarns (geb.i5c>5; st. d. 28 Febr. >672; bearbeitet; sein classisches Chronikon ist erst in neueren Zeiten (Basel »?3st ff. 2 Fol.) und nur zum Theile durch den Druck bekannt gemacht worden. So haben wir auch erst in unseren Tagen (Königsberg 1812 Fol.8. B. st.) Lucas David's aus Altenstein (geb. »5o3; st. »533;, durch Reichhaltigkeit und Urkundlichkeit des Inhaltes, Rechtlichkeit der Gesinnung, und bidcrbe Kräftigkeit des Ausdruckes auszeichnete „Preußische Ehro- W-chler'g Vorlesungen ir 15 2l3 nik" erhalte»; und mehrere geschichtliche Werke dieses Zeitalters von nicht geringerem Gehalte, z. B. die Ditt- marsische Chronik, haben die gegründetsten Ansprüche daraus, aus unverdienter Vergessenheit erlöst zu werden. Andere Scheusten der Art, z. B. Hermann Hammes mann's „Oldcnbnrgischcs Chroniken" (0.1699. .ftaus Stade's gewichtige Nachrichten von Brasilien (Marburg 1SZ7.4.), Leonhard Ranw 0 lf' s (1682), Salomo Schwciggcr's (>6og), Jacob Brcu- ning's (1612) morgenländische Reisebeschreibungen, tonnen zwar, Key anderweitigem entschiedenen Werthe^ nicht gerade als Muster der Darstellung und Sprache empfohlen werden, behaupten aber doch als Ausnahmen von der gewöhnlichen Beschaffenheit wissenschaftlicher Schriften in der Muttersprache eine wohlverdiente Ehrenstelie und können zu Belegen dienen, daß es ungleich besser um die teutsche Prosa gestanden haben würde, wenn mehre Schriftsteller ihre Lcsewclt im empfänglichen Volke gesucht und dessen Federungen zu genügen gestrebt hätten. Daß das Gelingen der Darstellung und Sprachbc- bandluug durch volksthümliche Gesinnung, Kenntniß und Beachtung derselben bedingt wurde, läßt sich aus den jezt noch sehr zahlreichen Volksbüchern und Romanen folgern, welche das Volk im Stillen genoß, woran es sich in seinen Erhohlungsstunden ergötzte, geistig erhob und stützte. Unbestreitbar sind sie, nächst Luther's und seiner tüchtigsten Gefährten und Schüler Schriften, das Beste, was das scchszehntc Jahrhundert uns überliefert hat. Noch immer wurden viele Ritter- und Licbesgc- schichten ans dem Französischen übertragen, mehre mit der erfreulichste» Sorgfalt und Geschicklichkeit. So erschien der „Amadis" (ra Bücher. Frankfurt am Main 249 iZ2Z; 24B. das. iZ94); der „Kaiser Octavianns"durch Wilhelm Salzmannvertcutscht(Straßburg 1Z48.4); die „fromme Magelona" durch Veit Marbeck (Augsb. i5ZZ); „Firrabras", der mächtige Riese aus Spanien (Simmern 16ZZ. F.); die „vier Haymonskindcr" (das. i5ZZ. F.) u.m.a. — Eine vorzügliche Sammlung solcher Romaue, ein wahrer Schal; schöner geschichtlicher Dichtgcbildc aus der Ritterzcit, unter der Aufschrist: „Buch der Liebe" ließ der wackere Buchdrucker Feycr- abeud zu Frankfurt am Main (1687. F-) hervortreten ; dessen Wiedereinführung in unsere Lesekreise von H.A. O. Rcichard (Leipz. >779.) und von I. G. Büsching und F. v. d. Hagen (Berlin 1809.) umsonst versucht worden ist; beide Unternehmungen wurden mit dem ersten Bande abgebrochen. — Ungleich wichtiger sind jedoch die ans vaterländischem Boden hervorgegangenen Volksromane, wahre Urkunden des tentschcn Volksgeistes, und der diesem cigcnthümlichsten Genüsse und Ansichten. An den mit vcharrlichster Liebe in allen bürgerlichen Kreisen umfaßten Til Eulcnspiegcl rcihete sich eine nicht kleine Schaar witziger Schwanke und moralisircndcr Geschichten an, welche meist bis auf unsere Zeiten ihr Haus- und Bürgerrecht behauptet haben. Solcher Art waren „Clauß Narrens Historien" (rZZi. L); die lustigen Einfälle der österreichischen Schalke aus dem vierzehnten Jahrhunderte, des Ncithart Fuchs und seines Zeitgenossen, des Weigernd von Theben, Pfarrherrn von Kalenberg, und seines jüngeren Gcistesbrudcrs Peter Lau, welche (s. rSLa.st.) gar oft gedruckt und auch ( 161Z. flg.) in unbeholfene Reime gebracht wurden. Von hervorstechender Tüchtigkeit und Güte ist das „Lalenbnch oder die Schiltbürgcr" (>597; 1Z98. 8. :c.), eine meisterhafte Zusammenstellt * 220 lung alter lustiger Volkssagen von übermüthigem Weis, heitsdünkcl thörlichcr Städter, mit besonnener Einsicht verfertigt und gewissermaaßen zu einem epischen Ganzen verarbeitet; die ans Weisheit entsprungene Narrheit wird zu vollendeter Reife und Ausbildung gesteigert, verstreuet sich überall hin und endet allegorisch-tragisch. — Auch au vermischten Sammlungen teutscher Märchen, drolliger Geschichten und witziger Einfalle ist Ueberfluß; einesolchc veranstaltete der Baarfüßcr Johann Pauli unter dem Titel „Schimpfund Ernst" (Straßb. -Zill. F.; sehr oft gedruckt); des Inhalts war auch Jacob Frey'6 „Gartcngesellschaft" (Straßb. tSZ?. 3.), der „Rollwagen von Schimpf und Ernst" (Franks, a. M. 167?. F.) und andere Bücher, welche Altes und Neues, Einheimisches und Fremdes, was zur Aufheiterung dienen mochte, ohne sehr strenge Auswahl unter einander mischten. — Ob der trotzig lügende, sinnreiche prahlhansigc „Finken- rittcr" schon jezt gedruckt worden ist, bleibet noch zweifelhaft; der Stoff, zur Ueberwindung aller Münchhausia- dcn geeignet, dürste wohl in Umlauf gewesen seyn. — So läßt sich auch nicht bestimmt angeben, wenn der „ewige Jude", eine großartige sittlich ernste Dichtung, zuerst für das Volk bearbeitet worden ist; daß die alte bcgende an> Ausgange des sechszehnten Jahrhunderts wieder erneut und unter dem Volke verbreitet war, leidet keinen Zweifel. Die größte Erscheinung in der Litteratur der teut- schen Vslksromane ist die Darstellung von des Schwarzkünstlers Faust Abentheuer», Thaten und Höllenfahrt, eine wunderlich daher rauschende Sage, eine schaudcr- bafte Warnung gegen verbotene Künste, gegen Unzufriedenheit des Menschen mit seinem Schicksale und gegen 221 kühn-stolzes Streben nach Höherem. Sie ist aus des Zeitalters herrschenden Vorstellungen von der Geisterwelt und deren Zusammenhange mit dem Menschengcschlcchre erwachsen. Die Stelle der Feen, Zauberer, Kobolte, Riesen, Zwerge hatte schon lange der Teufel in dem Einbildungsvermögen und Glauben des Volkes eingenommen; ihm und seiner Geschäftigkeit auf Erden wurden die verkehrten Begierden und Gelüste der Sterblichen, ihr Hochmuth und unverdientes Glück zugeschrieben und damit bekanntlich eine Menge scheußlicher Ungebührlichkeiten in die gesellschaftlichen Rechtsverhaltnisse eingeführt. Aus diesen tief gewurzelten und überall verbreiteten Vorstellungen ist die Ueberliefcrung von Faust's Schwarzkünsten entstanden und fortwährend vermehrt und ausgeschmückt worden. Etwas Geschichtliches, von dem aber so weit abgewichen worden ist, daß es kaum wieder gefunden und erkannt werden kann, lieget zu Grunde. Es lebte ein Schwarzkünstler Faust, aus Küudlingen gebürtig, am Ende des fünfzehnten und im Anfange des sechszchnten Jahrhunderts; er soll auf der Cracauer Hochschule Magie erlernt und eben so großes Aufsehen, wie Theophrastes Paracelsus, erregt haben; entweder dieser oder der als Faust der jüngere bezeichnete, von Franz von Sickingen begünstigte Georg Sabellius haben zu der merkwürdigsten aller romanhaften Erzählungen in Teutschland Veranlassung gegeben; der eine wie der andere, war ein in geheimen Wissenschaften und Künsten erfahrner und geübter fahrender Schüler und wurde höchst wahrscheinlich wegen seiner Talente und wegen des Glückes, daß diese ihm erwarben, beneidet und verleumdet. Tie „Historie von Dr. Johann Fausti deS ausbündigcn Zauberers und Schwarz- 222 knnstlers Tenfelischer Verschreibung" in drey Abschnitten erschien in der zweytcn Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts (1689. 8. ist ein wiederhohltcr Abdruck) und wurde von Gg. Rud. Wicdemann (Hamburg 1699. 2B. 4.) auf das neue bearbeitet. Lessing, Klinger, und Göthc haben den Reichthum und die Tiefe dieses dichterischen Stoffes anerkannt; und was Göthc daraus gestaltet hat, ist als das Höchste und Gelungenste seines Dichterstrebens und seiner Kunstleistungen zu betrachten. Im Verlag der Hermannschm Buchhandlung sind folgende neue Schriften erschienen.' Vermischte Schriften von Johann Necb. IrThl. Frankfurt 4817. 224 S. u. 2rThl. 1317. 2ö6S. in gr.8. Preis beyder Bände fl. 3. Diese Schriften, meistens von einem ernsten und philosophischen Inhalte, gehören unstreitig zu den vorzüglichsten GeistcS- Probuktcn der diesjährigen Messe, und verdienen, als solche, die aufmerksamste Beachtung von allen, die wirklich reges Gefühl für Deutschen Geist und Fleiß besitzen. Alle einzelnen Abhandlungen darin, welche sich auf mannigfaltige höchst wichtige Gegenstände des Lebens beziehen, zeichnen den Mann, der sie zuerst dachte und niederschrieb, aufs merkwürdigste aus. Nicht nur enthalten alle die rühmlichsten Zeugnisse für dessen errungene Geistesausbildung durch die mannigfaltigsten Kenntnisse, sondern auch besonders für dessen reges Streben nach Verbreitung und Beförderung einer ächten Mcnschenwohlfarth, durch Weisheit, Religion und Tugend, diesen heiligsten Gütern unscrs Geschlechtes. Besonders interessant sind im iten Theile gleich die ite Abhandlung über das Räthsel des menschlichen Lebens, die ate über die Frcygeisterey der heutigen Erziehung, die 6te über Gott und Pflicht, die iate die eine treffliche Vergleichung des deutschen und französischen philosophischen Geistes enthält. Die r?te über den philosophischen Geist der deutschen Sprache. Dann im uteri Theile die ?,te Abhandlung über absolute Wahrheit, die yte über den Einfluß der Sprache auf die Taubstummen, die ute über den Geist der gegenwärtigen Zeit, die iate über den Glauben an fortschreitende Vervollkommnung der Menschheit zc> Die Ansichten und Urtheile des Verfassers über einige der größten Denker der neuesten Zeit, Kant, Jacobi, Jung, Lavater ec. sind so treffend und reitzend, daß man nicht weiß, was man mehr bewundern soll, ob den Scharfblick oder die humane Würdigung und klare Darstellung des Herrn Neebs. Dabcy ist dessen Sprache so anziehend und lichtvoll, daß in der That dem Leser kein Wunsch gerechter erscheinen wird als der- es möge dem würdigen Herrn Verfasser gefallen, das lesende Publikum recht bald mit der Fortsetzung seiner ächt philosophischen Geistesprodukte zu erfreuen und zu beglücken! Rheinische Geschichten und Sagen von Niklas Vogt, 2 Bände in gr. 8. 1817. Preis sl. 9. Jeden biedern Deutschen, dem sein Vaterland und die Geschichte desselben theucr ist, machen wir auf dieses, von dem berühmten Verfasser mit dem mühevollsten Sammlerfleiß, geistreich und in einer des hohen Gegenstandes würdigen Sprache abgefaßte Werk aufmerksam. Es ist nicht sowohl für gelehrte Alterthums« forscher als für das Volk geschrieben- Jede Stadt, jedes Land, jedes Fürstenhaus sollte darin, nebst der allgemeinen teutschen Geschichte, auch seine eigene in einem besondern Ausammenhange finden. Unsere Literatur besaß bisher kein Werk dieser Art. Deshalb wurde ihm auch gleich bey seiner Erscheinung eine ausgezeichnet gute Aufnahme zu Theil, deren es sich, je bekannter es wird, stets in höherem Grade erfreuet. So bleibt der Wunsch des Herrn Verfassers: „daß seine lieben Landsleute „vom rechten und linken Rheinufer dies Werk, das „ihm so viele Mühe und Zeit gekostet, als den aus- „richtigsten Beweis seiner Liebe und Hochachtung „annehmen, und als ihren Hausschatz, ihren Bil- „dersaal, ihren Stolz, treu bewahren möchten," nicht unerfüllt. 0 cv ai IZ ci R cv cv cv co IZ _cv co > Niklas Vogt, 9. eland und die Gc« icscs, von dem be- !tlcrfleiß, geistreich Sprache abgefaßte Ilehrte Alterthums« ftadt, jedes Land, gemeinen deutschen .-n Ausammenhange Werk dieser Art. cheinung eine aus- Landsleute ies Werk, das , als den aus- d Hochachtung ihren Bil-