Aus dem Leben Heinrich Hcine's. Von Hermann Hüffer. Berlin. Verlag von Gebrüder Paetel, 1878. WWW»WW>>WWWWIWIIWWWWW>WWWWIWIWWWWW Vorwort. Die folgenden Aufzeichnungen sind zum größeren Theile in der deutschen Rundschau — November 1874, Juni 1875 — gedruckt. Man hat damals geglaubt, daß sie den Besitzern der Heine'schen Werke in einer besondern Ausgabe willkommen sein möchten; ich habe gezögert, weil ich sie vorher zu ergänzen und durch einiges Neue zu erweitern wünschte. Die Briefe an Sethe wurden bald nach ihrem Erscheinen in's Spanische übersetzt*), was sich zunächst durch ihren Inhalt, dann auch durch das im Auslände immer entschiedener hervortretende Interesse für den Autor erklärt. Außer Goethe hat "1 lose clel l^erro^jo, soörs öl Novlwieuto iu- tellövtnkü eil Llsius-via, Nsctriä 1875. x, 18 ig. — IV — vielleicht kein deutscher Dichter unter fremden Nationen jetzt so viele Freunde als Heine. Die Franzosen betrachten ihn beinahe als einen der Ihrigen, in England erscheinen Uebersetzungen und biographische Versuche in rascher Folge; wie lebhaft die Theilnahme der Italiener sich äußert, kann man beinahe in jedem neuen Bande von Hillebrands Jtalia und im übersichtlichen Zusammenhang in dem ausführlichen Aufsatz Zendrinis in der Nuova Antologia (December 1874 fg.) gewahr werden. Man hat sogar dem Dichter den zweifelhaften Dienst geleistet, seine dramatischen Arbeiten — in Mailand am 10. März 1875 den Ratcliff — ans die Bühne zu bringen. In Deutschland hat es gewiß den Dichtungen nicht an Theilnahme gefehlt. Aber welche Urtheile werden noch immer über den Dichter laut, obgleich er doch zu der nicht eben großen Zahl deutscher Schriftsteller gehört, die einen würdigen und — in diesem Falle doppelt werthvoll — durchaus nicht einseitig preisenden Biographen gefunden haben. Heine theilt das Schicksal Byrons auch darin, daß er im Auslande weit häufiger einer rückhalts- — V losen Bewunderung und wohl niemals einem so herben, verdammenden Tadel begegnet ist, als in der Heimath. Einigermaßen mag der Grund darin liegen, daß man im Auslande den Charakter des Dichters weniger, und von seinen Werken nur die besten kennt. Wer dürfte leugnen, daß man in dem Gesammtbilde seines Wesens und Wirkens manche Eigenheit lieber nicht sehen würde? Aber etwas anderes ist es, dies einräumen, und etwas anderes, einein Dichter jedes sittliche Gefühl, jede männliche Würde, jedes ernste Streben absprechen, einem Dichter, dem man doch wieder, oft in demselben Satze zugesteht, daß einzelnes in seinen Werken an Anmuth und Feinheit des Gefühls, an Schwung und vollendeter Schönheit des Ausdrucks sich dem Höchsten gleichstellen könne. Ich null gewiß nicht Künstler und Dichter nach dem Maßstabe der Moral classifiziren, aber das kann man doch sagen, daß Kunst und Poesie zu enge mit dem Edelsten in der menschlichen Natur verwachsen sind, als daß ein ganz nichtswürdiger Mensch ein vollendetes Kunstwerk, eine dem Höchsten gleichzustellende Dichtung hervorbringen könnte. —. VI _ Niciuand, der den Dichter liebt, wird nicht zugleich bedanern, daß er sein Talent so oft dein Unwürdigen nnd Gemeinen zugewandt, daß er über das Höchste und Heiligste so oft mit frivolem Spott und chnischer Dreistigkeit sich ausgelassen habe. Man kann auch nicht zur Entschuldigung anführen, dieser Hang sei erst durch die nicht erwiderte Neigung, durch spätere Lebensverhältnisse, etwa durch den Aufenthalt in Paris hervorgerufen; schon in den ersten Jugendgedichten tritt er unerfreulich genug hervor. Man kann nur sagen, daß Vielen viel Acrgeres nachgesehen worden ist, die längst nicht die gleiche Genugthunng gegeben haben. Und warum will man zur Bcurtheilung eines Menschen nur das Schlechte in Anrechnung bringen? Heine war ein vortrefflicher Sohn, ein guter Bruder, seine Frau hat sich niemals über ihn beklagt; gegen Freunde, obgleich man eine wirkliche Undankbarkeit schwer verzeihen kann, zeigt er sich treu, hingebend, aufopfernngsfähig, selbst Fremden gegenüber immer bereit, wohl zu thuu und Hülse zu briugeu. Und hat wohl jemand in höherem Maße von der Macht des Geistes und des Willens über den Körper Zeug- niß gegeben, als er, dem so oft das Gegentheil zum Vorwurf gemacht wurde? Wo findet sich in der ganzen Literaturgeschichte ein zweites Beispiel, daß ein Dichter auf einem solchen Siechbett nicht allein seine dichterische Kraft behalten, sondern auch mit dem ganzen Ernst, der vollen Gewissenhaftigkeit eines Künstlers gearbeitet hätte? Was von der Person des Dichters gilt, gilt noch mehr von seinen Werken. Nicht das Schlechte und Gemeine, sondern das Große und Gute, das sie enthalten, giebt ihm de» Platz im Herzen seines Volks und in der Literaturgeschichte. Streicht man die vier oder fünf Dutzend Strafen, die er besser nicht geschrieben hätte, so bleibt noch immer genug, ihm unter den lyrischen Dichtern aller Zeiten eine der ersten, unter den Deutschen die zweite Stelle nach Goethe anzuweisen. Selbst seine schlechten Eigenheiten sind für unsere Literatur nicht in solchem Maße gefährlich gewesen, wie man wohl hätte fürchten können. Niemand, auf den es ankommt, hat sie nachgeahmt; Heine ist der einzige deutsche Dichter geblieben, der es versucht hat, in die lyrische Poesie französische Vorbilder einzuführe», — VIII — die, Gott sei Dank, auch auf dem Theater nur iu Uebersetzungen erscheinen dürfen! Doch es ist hier nicht der Ort und nicht meine Absicht, auf eine Charakteristik Heines oder scincr Werke einzugehen, um so weniger, als das Folgende Gelegenheit bietet, einige der ihm so häufig gemachten Vorwürfe in ein richtigeres Licht zu stellen. Ich will nicht leugnen: ich freue mich, daß es in den meisten Fällen auch ein günstigeres für den Dichter ist; denn ich wäre sehr undankbar, wollte ich in Abrede stellen, daß ich ihm in den verschiedensten Zeiten meines Lebens, in der verschiedensten Stimmung für die edelsten Genüsse so sehr wie wenig andern verpflichtet bin. I. Aus Heine's Jugendzeit. Heine und Christian Sethe. Adolf Strodtmann hat die älteren Nachrichten über Heine zu einem umfassenden Lebensbilde vereinigt und eben dadurch auch zu neuen Veröffentlichungen angeregt.^) Denn selbst kleinere Beiträge gewinnen Werth und Bedeutung, wenn sie an das größere Ganze sich anschließen, Lücken ausfüllen und Einzelheiten in das rechte Licht setzen. Ver- hältnißmäßig am wenigsten ist aus Heine's Jugend- Vergl. H. Heine's Leben und Werke von Adolf Strodtmann, zweite Auflage, Berlin 1873 und 1874. Heine's Werke sind nach der von Strodtmann besorgten kritischen Ausgabe in LI Bänden, Hamburg 1361 bis 1367, angeführt. Die Dichtungen Bd. 15 bis 13 sind in mehreren Auflagen, die letzte 1875, erschienen, auch die Briefe in zweiter Auflage, welche zwar die Jahreszahl 1376 trägt, aber erst nach dem Abschlüsse dieser Aufsätze in den Buchhandel gekommen ist. Hüffer, Heine. 1 zeit bekannt geworden. Konnte doch der eigene Bruder eine leidenschaftliche Neigung, die den Dichter schon im Knabenalter ergriffen und zehn Jahre in seinem dichterischen Schaffen den Mittelpunkt gebildet hat, ganz in Abrede stellen. In das Buch Legrand hat Heine viele Eindrücke seiner Knabenzcit, aber auch Wahrheit und Dichtung mannigfach verwebt. Wer weiß, wann einmal die ächten Memoiren in die Oeffentlichkeit gelangen? Immer wird man nicht ohne Theilnahme die ältesten brieflichen Gestündnisse des Dichters vor Augen haben und schon in den ersten Versuchen des Knaben Keime finden, die später zu einem so mächtigen Baume erwachsen sind. Unter Heine's Jugendfreunden wird zuweilen Christian Sethe genannt. Die Meisten wissen, daß die im Buche der Lieder „an Christian S." übcr- fchriebenen Frescosonette ihm gewidmet wurden. Aus Heine's Briefen an Jmmermann ergiebt sich, daß das Verhältniß ein sehr inniges war; Eingehendes ist darüber noch nicht mitgetheilt. Der Name Sethe ist bekannt genug. Er gehört einer jener musterhaften Beamtenfamilien, die — Z — vor Allem zu der Größe und inneren Kraft des preußischen Staates beigetragen haben. Schon der Vater und der Großvater Christian's bekleideten ansehnliche Stellen in Cleve, in dem kleinen, aber nicht unwichtigen Gebiete, das zuerst der preußischen Macht am linken Nheinnfcr als Stutzpunkt diente. Christian's Vater, Christoph Sethe, geboren am 25. April 1707, wurde schon als junger Mann Geheimrath bei der Clevischen Regierung, in demselben Jahre 1794, in welchem Cleve mit dem ganzen linken Nheinnfer in die Gewalt der Franzosen fiel. Die förmliche Abtretung verzögerte sich freilich bis zum Jahre 1802; die Clevische Regierung wurde dann aufgelöst, und Sethe in die neue preußische Erwerbung nach Munster versetzt. Aber es war damals die Zeit, in welcher, wie Heine schreibt, die Farbe der Landkarten sich so oft veränderte, daß sie das Studium der Geographie sehr schwierig machte. Bis nach Westphalen drang die französische Invasion. In Folge des Tilsiter Friedens wurde das Land 1808 mit dein neu errichteten Großherzogthnm Berg, drei Jahre später unmittelbar mit dem französischen Kaiserreich vereinigt. Für Sethe bewirkte dieser Wechsel, daß er 1808 von Münster*) nach Düsseldorf berufen wurde. Hier war es, wo sein ältester Sohn mit Heine Freundschaft schloß. Dieser Sohn Christian war noch in Cleve am 19. Juli 1798 geboren, also wenig älter als Heine, dessen Geburtstag, freilich nicht mit völliger Nebereinstimmung auf den 13. December des folgenden Jahres gesetzt wird.**) Noch sehr jung saßen die beiden Knaben auf den Bänken des Düsseldorfer Lhceums neben einander. Sethe muß für den Freund eine ganz besondere Anziehungskraft besessen haben, so sehr auch ihre Begabung sich unterschied. Denn er war von Kind ans eine durchaus praktische Natur, ruhig, gemessen, musterhaft ordentlich und pflichtgetreu; aber gerade das mochte dem unruhigen, *) Ueber seinen Aufenthalt in Münster hat er handschriftliche Denkwürdigkeiten hinterlassen, die Gustav Freitag für seine Bilder aus der deutschen Vergangenheit III, 375 benutzte. - **) Strodtmann a. a. O. I, 67K ff. stellt die Zeugnisse für das Jahr 1799 im Gegensatze zu 1797 zusammen. Ich kann noch — vielleicht das Bedeutendste von Allem — hinzufügen, daß das Album der Bonner Universität dem Studirenden der Rechte Harry Heine am II. December 1819 ein Alter von 19 Jahren beilegt; aber auch für das Jahr 1797 spricht so Vieles, daß zur Zeit eine bestimmte Entscheidung nicht möglich ist. leicht erregbaren Genossen imponiren. Auch Sethe, so wenig er selbst poetisch begabt war, wußte doch das Talent seines Freundes zu schätzen. Den Beweis giebt die Sorgfalt, mit welcher er jedes Blättchen von Hcine's Hand, darunter schon ein Gedicht ans den Knabenjahren, aufbewahrte. Heine, von schwachem Korper, aber rasch mit der Zunge, immer zu einem witzigen Ausfall, einer bitteren Entgegnung bereit, hatte viel von stärkeren Kameraden zu leiden; auch als Jude war er mancherlei Neckereien ausgesetzt. I» solchen Streitigkeiten suchte und fand er Schutz bei dein gesetzteren Genossen und jederzeit im Sethe'schen Hause eine freundliche Aufnahme. Die beiden Knaben verlebten mit einander die Jahre der Fremdherrschaft, den wunderbaren Glanz und den plötzlichen Untergang Napoleonischer Herrlichkeit. Nicht leicht war der Fall des Eroberers und die Herstellung deutscher Macht freudiger begrüßt, als im Sethe'schen Hause. Der Vater hatte auch unter dem fremden Herrscher und als Generalprokurator des Appellhofs seinen Charakter nicht verlängnet. Im Jahre 1812, als die Militäraushebung unter der Fabrikbevölkeruug im Bergischen einen Aufstand - k — veranlaßt«, widersetzte er sich dem willkürlichen Verfahren der Verwaltnngs- nnd Militärbehörden nnd wnrde im April des folgenden Jahres zur Verantwortung nach Paris berufen. Napoleon wollte ihn nicht sehen; der Minister Rödercr eröffnete ihm, er fei als der gefährlichste Mann im Großhcrzogthnm geschildert worden, nnd der Kaiser könne ihn erschießen lassen. Sethe, ans das Napoleenische Gesetzbuch hinweisend, erwiderte kaltblütig, man müsse dann vorerst das Gesetz erschießen (il kaut aupara- vant knsiUsr 1a 1c>i). Im Sommer 1813 nach Düsseldorf entlassen, wurde er schon im nächsten Jahre bei der von den verbündeten Mächten eingesetzten Regierung zun? Director des Gonvcrnemcnts- raths ernannt nnd I81K Präsident der Jmmediat- Jnstizcommission in Köln.'J Von Heine's Vater hören wir gerade das Kegentheil. Er zählte zu den eifrigen Bewunderern Na- poleon's. Und in der That mochte der französische Kaiser von den Juden als Messias gepriesen werden, die er zuerst aus dem Zustande rechtlos unwürdiger Nekrolog: Christoph Wilhelm Heinrich Sethe. Berlin 1355. Unterdrückung befreit hatte. Ans Heine's EntWickelung sind die ersten Eindrücke und die Stimmung des väterlichen, wahrscheinlich auch des Scthe'schenHauses nicht ohne Einfluß geblieben. Vielleicht erklären sie die wechselnde Stimmung, die er noch eine Reihe von Jahren hindurch Preußen und Frankreich gegenüber hervortreten läßt. Im Frühling 18lö, bei dem neu ausbrechenden Kriege gegen Napoleon, erbot er sich zu freiwilligem Dienste. Darauf ist aber kein besonderer Werth zu legen, weil alle Schüler der '»bersten Klasse, in der er sich eben befand, dasselbe thaten.^) MZ dann in Folge der kriegerischen Ereignisse diese Klasse sich auslöste, wurde Heine von seinem Vater für den Handel bestimmt. Schon im Jahre I8l5 brachte er einige Monate auf dem Büreau eines Banguiers in Frankfurt zu; im folgenden Sommer ging er nach Hamburg, wo der Oukel, Salomon Heiue, indessen znm Besitzer von Millionen sich aufgearbeitet hatte. *) So erzählt Strodtmann (!, 38), wie es scheint, nach einer Mittheilung von Heine's Jugendfreund I. Neunzig. In der später zu erwähnenden Liste der Bonner Jmmatri- culations-Commission findet sich aber neben Heine's Namen die Bemerkung: „bis zum Jahre 1814 auf der Schule zu Düsseldorf." lieber die unerfreulichen Eindrücke dieses ersten Aufenthalts an der Elbe hat Heine später oft genug in Prosa und in Versen sich ausgesprochen. Eine Thätigkeit, die seiner Natur entgegen war, eine leidenschaftliche Neigung, die unerwidert blieb, dies und noch manches Andere vereinigte sich, den Dichter in die schmerzlichste Stimmung zu versetzen. Seine poetische Begabung brach sich gleichwohl Bahn, und für die EntWickelung seines Talents muß diese Leidenszeit außerordentlich wichtig erscheinen. Ein briefliches Zeugniß für alles dies ist aber bisher noch nicht hervorgetreten; auch würde nicht leicht ein Anderer erfahren haben, was Heine in den folgenden Briefen dem getreuesten Freunde seiner Jugend mittheilt. I. aocoin den 13ten July 1810. rasponcki den loten August 1816. Hamburg, den 6. July 181S. An Christian Sethe! (Ich weiß nicht, hast Du lieber hochgebohrcn oder wohlgeboren? kaust Dirs daher selbst beym Nahmen schreiben). Ja! ich will jetzt au meinem Freunde Christian schreiben. Zwar ist es nicht die dazu am besten geeignete Stunde. Wnnderseltsam ist mir zu Muthe und bin gar zu herzbcwegt, und habe mich Wahl in Acht zu nehmen, daß kein leises Wörtlein entschlüpfe das mir den innern Gemüthszustand verrathen kann. Ich sehe schon wie zwey große wohlbekannte blaue Augen mich anstarren würden; die habe ich zwar sehr lieb, sind aber glaub ich nur zu kalt. Ich habe mich wieder hingesetzt Dir zu schreiben und habe alles ans dem Herzen rauschen gelassen was Dir immer spanische Dörfer bleibe». Ich habe Dich ein bischen sehr lieb. Wie geht 's Dir Alter? Erfreust mich gar herrlich uud königlich, wenn Du mir brav schreibst. Thne es. Aber viel beten kann ich selbst zu unserm lieben Herrgott nicht. — Mir geht's gut. Bin mein eigener Herr, und steh so ganz für mich allein, und steh so stolz lind fest und hoch, und schau die Menschen tief unter mir so klein, so zwergcnklein; und Hab meine Freude dran. Christian, Du kennst ja den eitlen Prahlhans? Doch Wenn die Stunde kommt, wo das Herz mir schwillt, Und blühender Zauber dem Busen entquillt, — 10 — Dann greif ich zum Griffel rasch und wild, Und mahle mit Worten das Zaubergebild. — Aber auch verwünschte Prahlerei), es scheint als seh mir die Muse untreu geworden, und habe mich allein nach Norden ziehen lassen, und seh zurück geblieben. Ist auch ein Weib. Oder fürchtet sie sich vor die furchtbaren Handelsanstalltcn, die ich mache? Wahr ist es, es ist ein verludertes Kaufmannsnest hier. Huren genug, aber keine Musen. Mancher deutscher Sänger hat sich hier schon die Schwindsucht am Halse gesungen. Muß Dir was erzählen: Als ich ging nach Ottensen hin, Aus Klopstocks Grab gewesen ich bin. Viel schmucke und stattliche Menschen dort standen, Und den Leichenstein mit Blumen umwanden, Die lächelten sich einander an Und glaubten Wunders was sie gethan. Ich aber stand beim heiligen Ort, Und stand so still und sprach kein Wort, Meine Seele war da unten tief Wo der heilige deutsche Sänger schlief: Nun? Sieh! selbst auf Klopstocks Grab verstummt meine Milse. Nur erbärmlich mit inmoralzls kann ich noch zusammenreimen. — - kl — Hauptsächlich, lieber Christian, muß ich Dich bitten. Dich des armen Levhs anzunehmen. Es ist die Stimme der Menschlichkeit, die Du hörst. Ich beschwöre Dich bch allem was Dir heilig ist, hilf ihm. Er ist in der größten Noth. Mein Herz blutet. Ich kann nicht viel sprechen; die Worte brennen mir in den Adern. Ich wasche meine Hände in Unschuld, Du hast alles auf Deine Seele. Meine Adresse ist: Harry Heine bch Wittwe Rodbcrtus ans die große Bleiche in Hamburg, Nr. 3V7.*) Freu Dich, Freu Dich: in 4 Wochen sehe ich Molly. Mit ihr kehrt auch meine Muse zurück. Seit 2 Jahr Hab ich sie nicht gesehen. Altes Herz was freust du dich und schlägst so laut! — Leb wohl, lieber Christian, denke mein. Dein Freund Harry Heine. Pellmann zu grüßen, vorzüglich den guten Zugemaglio (bitte Zugemaglio er soll ein Brief an ') Die Zahl ist später mit dem Bleistift beigefügt. mich bey Dir einschlagen). Unzer, Lottner und Wünneberg nicht zu vergessen. Spielt brav, und befutelt Euch unter einander. Grüße Deine werthe Eltern und Geschwister. Trotz des von Heine's Hand geschriebenen Datums 1815 ist der Brief ans dem Jahre 1810. Das beweist schon die von Sethe sorglich beigefügte Bemerkung, daß er den Brief am 13. Juli 1810 empfangen und am 10. August beantwortet habe. Das Jahr 1815 würde mit dem längeren Aufenthalt in Frankfurt sich nicht Wohl vereinigen lassen; zudem schreibt Heine selbst einmal, er sei im Jahre 1815 noch gar nicht in Hamburg gewesen.*) Die eingewobenen Verse zeigen schon etwas von dem eigenthümlichen Ausdruck des gereiften Dichters. Sonderbar überraschen in der Prosa zahlreiche Sprachfehler, die zum Theil in der Nachlässigkeit, zum Theil aber auch in dem unvollkommenen Gefühl für die Sprache ihren Grund haben. Der Unterricht des Directors Schallmeher scheint nicht so Vortheilhaft gewirkt zu haben, als Heine (Buch *) Brief an Moser vom 11. Oktober 1M6, Werke XIX. SS5. WWWWWWWWWWWWWWUWWWWWVWWWI 13 — Legrand I, 330) von ihm rühmt. Man könnte glauben, die Herrschaft des fremden Volkes sei selbst am rechten Rheinnfer ans die Landessprache von üblem Einfluß gewesen, wie denn ein anderer rheinischer Dichter, wenig jünger als Heine und später mit ihm befreundet, Karl Simrock, mir erzählte, daß er in seinem zwölften Jahre — freilich in Bonn auf dem linken Ufer — besser französisch als deutsch gesprochen und die deutschen Buchstaben nicht geläufig habe schreiben können. Aber die wahre Ursache liegt unzweifelhaft in den Ueberlieserungen des väterlichen Hauses. Zu Anfang dieses Jahrhunderts waren in den jüdischen Familien deutsche Schrift und Sprache häufig noch in sehr mangelhafter Uebung. Die kürzlich von Strodtmann in der deutschen Rundschau (Juli 1877) veröffentlichten Briefe von Heine's Mutter sind mit hebräischen Buchstaben geschrieben und zeigen gegen Grammatik und Rechtschreibung ganz dieselben Fehler, denen man in den Briefen ihres Sohnes begegnet. Nicht ohne Freude sieht mau in dem Ältesten aller von Heine bekannten Briefe die schöne Neigung zum Wohlthun hervortreten, die ihn bis in seine MjWW --- 'sssWUMM ' 1'(MI — 14 — letztm Jahre nicht verlassen hat. Der arme Levy, den er der Sorge seines Freundes so dringend empfiehlt, trng den Vornamen Joseph, er war Heine's Mitschüler ans dem Lhcenm und soll auch dichterisch begabt gewesen sein. Nicht wenige Briefe, die er von Heine's Hand besaß, hat er vor seinem Tode verbrannt. Auch die andern zuletzt iu dem Briefe Genannten sind offenbar Schulkameraden. Ein Gedicht an Wünneberg theile ich später mit. Uuzer war mit Heine in derselben Klasse des Lyceums, erbot sich 1815 zum freiwilligen Dienste gegen Napoleon und zog wirklich in's Feld. Bei Waterloo schwer verwundet, lag er längere Zeit in Brüssel und ging noch auf Krücken, als er die unterbrocheneu Studien in Düsseldorf wieder aufnahm. Nachmals heirathete er Christian Sethe's Schwägerin; er starb als Kammergerichts- und Geheimrath in Berlin. Dort ist auch Lottner als Beamter im Finanzministerium gestorben. Ich weiß nicht, ob einer von diesen Dreien mit Heine später in dauernder Verbindung geblieben ist. Dies war aber mit den beiden Andern der Fall. Pellmann traf mit Heine '' ZN ^ ^ - - > — 15 — auf der Universität in Bonn zusammen, und ich werde noch Gelegenheit haben, ihn zu erwähnen. Noch in weit später» Jahren, von Paris ans, wechselte Heine häufige Briefe mit ihm; Pellmann gewährte mehrmals in finanziellen Verlegenheiten Aushülfe. Er starb als Appellations-Gcrichts-Rath in Cöln am 23. März 1859. Alle Briefe, die Heine an ihn richtete, hat er leider vor feinem Tode verbrannt. Der „gute Zugemaglio" ist Franz von Zuccal- maglio, der Onkel der bekannten rheinischen Schriftsteller Anton Wilhelm und Vincenz v. Znccalmaglio (Wilhelm von Waldbrühl und Montanas). Er war in der That, wie Heine später scherzend von sich rühmte (II, 212), einer der ersten Männer des Jahrhunderts, nämlich 1800 in der Nenjahrsnacht, in der ersten Stunde des neuen Jahres, geboren, und mag vielleicht zu dem Scherze Veranlassung gegeben haben.*) Mit Heine besuchte er das Düssel- Dabei muß man freilich in Heine's Sinne das neunzehnte Jahrhundert mit dem 1. Januar 1800 anfangen lassen; nach meiner Ansicht ist der 1. Januar 1801 der Anfangstag. Die Frage ist zu Ende des vorigen Jahrhunderts vielfach bestritten, und häufig in dem unrichtigen Sinne entschieden dorfer Lhceum, focht nach vollendeten Universitätsstudien als Philhellcne gegen die Türken und begleitete einen seiner Kampfgenossen, einen Kurländer, in dessen worden. Schiller's Ansichten darüber haben gewechselt. Am 24. December 1800, in einem Briefe an Goethe, stellt er sich noch in das alte Seculum, aber am 1. Januar 1800 schreibt er: „Ich begrüße Sie zum neuen Jahr und zum neuen Seculum/' und Goethe antwortete an demselben Tage: „Ich war herzlich erfreut, gestern Abend mit Ihnen das Jahr und, da wir einmal Neunundneunziger sind, auch das Jahrhundert zu schließen." Aehnliches in Paris zu Ende des 17. Jahrhunderts. Die Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans berichtet am 4. Januar 1699 von einer „Iiispucte" über den Anfang des neuen Seculums. „Wo man geht undt stehet," schreibt sie, „höret man nichts alß gon onniianiiürl undt versichert, daß das seeullum erst im 1701 Jahr ahnfangt, und sagen, das subilös sehe das letzte Jahr vom «eauilum ahngestellt, damit man pur undt »et in das ander seeullum trotten möge; so ist dieße äisputts zum Endt gangen." (Ranke, französische Geschichte, in den Werken XIII, 163, 165). — 17 — Heimath. Hier verheirathete er sich 1824 mit einer Tochter des Landes, wurde Bürgermeister von Mitan und als solcher auch Präsident des Gerichts- und Verwaltnngswesens. Vierzig Jahre stand er diesem bedeutenden Posten vor, bis er am 4. November 1873 hochgeachtet und vielbedanert aus dem Leben geschieden ist. Für Heine bewahrte er immer großes Interesse; Briefe des Dichters haben sich in seinem Nachlasse nicht vorgefunden. In der Gedichtsammlung des Jahres 1822 (jetzt in Heine's Werken XV, 107) erscheint ein Gedicht mit der Uebcrschrift an Franz v. Z. und dem Anfang: „Es zieht mich nach Nordland ein goldner Stern." Der Freund soll der Poesie treu bleiben, er soll nach dem Norden süße Knude geben, vornehmlich von der „blühenden Rose am blühenden Rhein, die in so manches Jünglingsherz ihre Glu- then gesendet". Die Vermuthung lag nahe, das Gedicht möge an Franz v. Znccalmaglio gerichtet sein. Und dies ist in der That der Fall. Ich könnte auch die blühende Rose am blühenden Rhein nennen. Sie erregte nicht allein Zuccalmaglio's, sondern auch Heine's jugendlichen Enthusiasmus. Nnzweifel- Hüsser, Heine. -z -ö -.,P'; Haft ist sie die Heldin einer Erzählung, welche Heine's jüngster Brndcr, Maximilian, ans dem Jngendleben des Dichters mitthcilt.^) „Bei einein feierlichen Ghmnasialact sollte Heine, in dem festlich geschmückteil Saale, Schillers Taucher declamiren. Eben war er zu der Stelle gekommen, wo der König der lieblichen Tochter winkt; da sielen seine Augen plötzlich auf die schöne blondlockige Tochter des Oberappellations-Gerichts-Präsidenten sin Wahrheit des Kriegsrathss von A . . . die mit ihrem Vater in der ersten Reihe einen Platz bekommen hatte. Dreimal wiederholte er die Stelle, ohne fortfahren zu können. Der Klassenlehrer suchte auszuhelfen, aber vergebens, Heine hörte nicht mehr. Mit großen offenen Augen schaute er wie auf eine plötzlich erschienene überirdische Gestalt auf den goldenen Sessel hin und sank dann ohnmächtig nieder. Man schrieb die Ursache der im Saale herrschenden Hitze zu." Nach vielen Jahren erzählte Heine seinem Bruder den Zusammenhang. Das Gedicht an Zuccalmaglio wird man *) Erinnerungen an Heinrich Heine und seine Familie von seinem Bruder Maximilian Heine. Berlin, 1868. ^s. 21. — 19 — nach Form und Inhalt in das Jahr 1816 setzen müssen. Es ist ein Abschied vor der Reise nach Hamburg. Zweifelhaft bleibt, wer unter dem goldenen Sterne zu verstehen sei, der ihn nach Norden zieht. Schwerlich der Stern Merkurs oder das goldene Metall, das der Handel einbringen sollte. Viel wahrscheinlicher ist ein anderes Gestirn gemeint, das schon damals über dem Leben des Dichters aufgegangen war und auf lange Zeit Ziel und Richtung seines Denkens und Dichtens bestimmte. Ter mitgetheilte Brief giebt dafür einen Anhaltspunkt. Denn das Interessanteste darin sind die Bemerkungen über Molly. Es ist jetzt bekannt genug: die Geliebte, in so vielen Liedern, in allen Tönen des Schmerzes wie der Freude Gefeierte war Amalie Heine, die Tochter des Oheims Salomon. Sie verschmähte den Dichter und gab am 15. August 1821 dem Gutsbesitzer John Friedländer in Königsberg ihre Hand."") Aus diesem Briefe erfährt man aber, daß Heine's junge Leiden noch weit früher begannen, als man bisher annehmen durfte. Er selbst hat Strodtmann, Heine's Leben I, 48, 166, 529 u. 680. 2* einmal, wie Göthe in dem bekannten Sonett, für seine Liebe einen bestimmten Zeitpunkt, und zwar das Jahr 1817, in einem Gedichte (XVI, 216) ausdrücklich genannt. Jetzt sehen wir aber: schon drei Jahre früher, wahrscheinlich in der Heimath des Dichters, hat diese Leidenschaft ihre ersten Wurzeln geschlagen. Byron, welchem Heine sich zu vergleichen liebte, war wenig jünger, als eine ähnliche, unerwiderte Neigung für sein Leben und Dichten entscheidend wurde. Vielleicht mag der Dichter im einen wie im andern Falle nicht verloren haben, da es nach den Erfahrungen mehrerer Jahrtausende nicht zu läugnen ist, daß die Muse der unglücklichen Liebe sich weit günstiger zu erweiseu pflegt, als der glücklichen. Aber wie theuer diese Gunst erkauft werden mußte, wie gewaltig das jugendliche Herz in seinen Tiefen erschüttert war, davon zeugt der folgende Brief: — 21 — II. aeospi den 23ten November 1816, rosponcli den 19ten Januar 1817. Hamburg, den 27. October 1816. A n den Ltuckiosa Christian Sethe in Düsseldorf. Sie liebt mich nicht! — Mußt, lieber Christian dieses letzte Wörtchen ganz leise, leise aussprechen. In den ersten Wörtchen liegt der ewig lebendige Himmel, aber auch in dem letzten liegt die ewig lebendige Hölle. — Könntest Du Deinem armen Freunde nur ein bischen ins Gesicht sehen, wie er so ganz bleich aussieht, und gewaltig verstört und wahnsinnig, so würde sich Dein gerechter Unmuth wegen des langen Stillschweigens, sehr bald zur Ruhe legen; am Besteil wär es zwar, wenn Du einen einzigeil Blick in seine inn're Seele werfen könntest, — da würdest Du mich erst recht liebgewinnen. Eigentlich, mußt Du wissen, lieber Christian, ist jeder meiner Gedanken ein Brief an Dich, oder wenigstens gestaltet er sich so, und ich habe Dir unlängst schon einen Ellenbreit langweiligen Brief zusammen gekrazt, wo ich Dir mein ganzes Innere seufzend aufschloß, vom Eh der Leda an bis Trojas Zerstörung, aber diesen Brief habe ich weislich wieder vernichtet, da er doch zu nichts dienen konnte, als in fremde Hände zu fallen und mir alsdann vielleicht den Garaus zu machen. Kannst mir ja so nicht helfen. — Einen kleinen Spaß will ich Dir erzählen. Du weißt, Christian, von demselben Augenblick an, als ich Dich zum ersten Mahle sah, ward ich unwillkürlich zu Dir hingezogen, und ohne mir selber davon Rechenschaft geben zu können, warst Du mir immer ganz unendlich lieb und theucr. Ich glaube Dir in dieser Hinsicht schon längst davon gesprochen zu haben: wie ich oft in Deinen Gesichtszügen und vorzüglich in Deinen Augen Etwas bemerkte was mich auf eine unbegreifliche Art zugleich von Dir abstieß und zugleich wieder gewaltsam zu Dir hinzog, so daß ich meinte im selben Augenblick liebendes Wohlwollen und auch wieder den bittersten, schnöden, eiskalten Hohn darin zu erkennen, Und siehe! dieses nemliche räthsclhafte Etwas habe ich auch in Mollh's Blicken gefunden. Und eben dieses ist es was mich auch so ganz confus macht. Denn obgleich ich die -- 23 — unläugbarsten, unumstößlichsten Beweise habe: daß ich nichts weniger als von ihr geliebt werde — Beweise, die sogar Nector Schallmeier für grundlogisch erkennen, und kein Bedenken tragen würde, seinem eigenen Systeme obenan zu stellen, so will doch das arme liebende Herz noch immer nicht sein oou- oecto geben, und sagt immer: was geht mich Deine Logik an, ich habe meine eigene Logik. — Ich habe sie wiedergesehen, — „Dem Teufel meine Seele, Dem Henker sey der Leib, Doch ich allein erwähle Für mich das schöne Weib." Hn! Schauderst Du nicht, Christian? Schaudere nur, ich schaudre auch. — Verbrenne den Brief, Gott sey meiner armen Seele gnädig. — Ich habe diese Worte nicht geschrieben. — Da saß ein bleicher Mensch auf meinem Stuhl, der hat sie geschrieben. Das kommt, weil es Mitternacht ist. — O Gott! Wahnsinn sündigt nicht. — Du! Du! hauche nicht zu stark, da Hab ich eben ein wunderhübsches Kartenhaus aufgeschichtet, und ganz oben ans steh ich und halte sie im Arm! — Sieh, Christian, nur Dein Freund konnte seinen — 24 — Blick zum Allerhöchsten erheben, (erkennst Du ihn hieran?); frehlich scheint es auch als wenn es sein Verderben sein wird. Aber Du kannst Dir auch kaum vorstellen, lieber Christian, wie mein Verderben so herrlich und lieblich aussieht! — ^ut Caesar ant nibil war immer mein Wahlspruch. Alles an Allem. Ich bin ein wahnsinniger Schach Spieler. Schon beym ersten Stein habe ich die Königinn verloren, und doch spiel ich noch, und spiele — um die Königinn. Soll ich weiter spielen? — „(jnanä on a tont percku st gn'on n'a plus ck'osxoir Da vie est uns opprobre et 1a mort nn cksvoir."^) *) Die Verse sind der Merope Voltaire's entnommen, wo sie den Schluß des 2. Actes bilden. Die Fehler gegen Grammatik und Prosodie fallen, wie man denken kann, eher dem Unterricht des Abbe Daulnoie am Düsseldorfer Lhceum als dem Original zur Last. Es lautet: Huancl ou a tout psrcku, guaucl ou n'a plus ck'ospoir, Da vis est uns opprodrs st la mort uu äsvoir. In Frankreich werden diese Zeilen noch häufig angeführt, auch in verschiedener Weise parodirt, so noch während der letzten Belagerung von Paris. ljuauä on a tout percku, guaml on n'a plus (l'sspoir, Ou part «laus uu vallou ü sspt üouros . Du kost mir viel! — Ich umarme Dich Christian, aber drücke nicht so fest, auf die nackte Brust hängt eine schwarze eiserne Kette, und daran, gerade wo das arme Herz schlägt, hängt ein viel und scharfzackiges schwarze eiserne Kreutz, darin liegt M—s Locke. Hu! Das brennt! . . O Christian! Ich kann nicht mehr im Augenblick geht die Post fort. Onkel will mich hier weg haben, auch Vater beschwert sich, daß ich keine Geschäfte mache ohn- geachtet der großen Ausgaben; aber oouts es gno oouto bleib ich hier. Schreib mir bald. Sobald ich Gelegenheit finde erhallst Du den Toback. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich diesen Brief für eines der merkwürdigsten Documente halte, die aus der Jugendzeit eines Dichters bekannt geworden sind. Wie cigenthümlich werden wir durch die noch stammelnde Leidenschaft angemuthet, die sich durch Bürger'sche Schreckensrufe, durch Citate aus Göthe's Tasso und französischen Tragikern Luft macht, aber zugleich schon über eine Fülle eigener Ausdrücke und — 32 — Bilder verfügt. Man fühlt nur zu sehr, daß von dem hohen Cothurn in der That riesige Schinerzgestalten, nicht erdichtete Leiden sich vernehmen lassen. Dies ist wohl der einzige Brief, in welchem Heine ganz ohne Rückhalt über seine Liebe sich ausgesprochen hat; in allen, die bisher bekannt wurden, auch den vertrautesten Freunden gegenüber, herrscht die zarteste Zurückhaltung, niemals wird der Name der Geliebten genannt, nur einmal in viel späterer Zeit, findet er sich in einem Briefe an Varnhagen, dem die Personen ohnehin völlig bekannt waren.") „Ich bin im Begriffe," schreibt Heine am 27. Octo- ber 1827, „diesen Morgen eine Frau zu besuchen, die ich in eilf Jahren nicht gesehen habe und der man nachsagt, ich sei einst verliebt in sie gewesen. Sie heißt Madame Friedländer aus Königsberg, sozusagen eine Cousine von mir. Den Gatten ihrer Wahl habe ich schon gestern gesehen zum Vorgeschmack. Die gute Frau hat sich sehr geeilt und ist gestern just an dem Tage angelangt, wo auch 5) Aus dem Nachlasse Varnhagen's von Ense. Briese von Stägemann, Metternich, Heine, Bettina von Arnim. Leipzig, 1365. S. 175. die neue Ausgabe meiner jungen Leiden von Hoffmann und Campe ausgegeben ist. Die Welt ist fade und dumm und unerquicklich uud riecht nach vertrockneten Veilchen." In Heine's Gedichten ist häufig von gebrochenen Schwüren, Gift, Schlangen, Dolchen und andern Attributen weiblicher Treulosigkeit die Rede. Danach könnte Jemand der Geliebten arge Dinge zugetraut haben; und wiederum, wenn nun das naive Geständniß hervortritt, daß sie in der That gar keine Hoffnung gegeben, ja sogar die schönen Lieder, die nur für sie gedichtet waren, bitter und schnöde gedemüthigt habe, so möchte derselbe Mann geneigt sein, den Dichter als einen Verlänmder anzuklagen. Aber das Eine ist so wenig berechtigt als das Andere. Nichts verpflichtet den Dichter, die Gestalten der freien Phantasie zu Kopien der Wirklichkeit zu machen. Ob und in wie weit er Wahrheit und Dichtung vermischen will, ist seinem dichterischen Wollen überlassen, und so gewiß es ist, daß der echte Poet die tiefsten Wahrheiten seines Empfindens seinen Gedichten anvertraut, so widersinnig bleibt es, gleichsam aus seinen Erlebnissen ein Jnquisitorium Hiisscr, Heine. g — 34 — gegen seine dichterischen Schöpfungen construiren zu wollein Gegen dies widersinnige Verfahren ist auch vornehmlich der Unwille gerichtet, den Göthe nach dem Erscheinen des Werther, den Heine selbst zu verschiedenen Malen gegen aufdringliche Neugier geäußert hat. Etwas Anderes ist es, dem Entwicklungsgänge eines Dichters nachzugehen und sich deutlich zu machen, in wie weit das, was das Leben ihm geboten, in seinen Werkeil sich abspiegelt oder darauf von Einfluß geworden ist. Dies wird immer zu den anziehendsten und wichtigsten Aufgaben des Literarhistorikers gehören. Ucber den Hauptinhalt des hier mitgetheiltcn Briefes kann nicht unbemerkt bleiben, wie viel er noch ail interessanteil Einzelheiten enthält. Das Unbehagen in dem aufgedrungenen Berns, der eigcn- thüinliche Gegeilsatz zu dein reichen Oheim, die Abneigung gegen deil Krämersinn der Kanfmannsstadt, das drückende Gefühl der jüdischeil Erniedrigung, kurz der ganze Heine, zum Theil schon in den eigenthümlichen Wendlingen, tritt darin hervor. Es fehlt nur noch der später so scharf ironische Zug, die höhnische Selbstvernichtung der leidenschaftlichen — 35 — Wünsche, die denn allerdings so lange nicht am Orte ist, als noch die Hoffnung besteht, sie zn erfüllen. Merkwürdig ist auch die Erwähnung des homerisch göttlichen Blücher's und die Hindentung auf eine Religionsändernng. Man sieht, daß neben dem Idol napoleonischer Herrlichkeit die Bewunderung für einen preußischen Helden noch bestehen konnte, und daß einige Marienlieder, die sich aus sehr früher Zeit erhalten haben, nicht so ganz leere Spielerei sind, als man anzunehmen geneigt sein möchte. Wenn der junge Poet in der Liebe nicht glücklich war, so erging es ihm, und man wird dies begreiflicher finden, in den „ungeheuren Handelsspecula- tionen" nicht besser. Eine Fügung, die nur zu sehr der Satire gleicht, brachte es dahin, daß der Dichter des Buches der Lieder im Jahre 1818 ein Com- missionsgeschäft unter derFirma Harrh Heineö-Comp. begründete. Aber bald war es Niemanden zweifelhaft, daß er zum Kaufmann nicht geboren sei. Ich lasse dahingestellt, ob er selbst, gehalten durch die Neigung zu Mollh, seinen Aufenthalt verlängert hat; schwerlich war er unzufrieden, als er im Som- s* mer 1819 die stets so widerwärtige Stadt an der Elbe verlassen konnte, um sich, einiger Unterstützung von Seiten des Onkels versichert, einem anderen Berufe zu widmen. Im Sommer 1819 kam Heine von Hamburg nach Düsseldorf zurück und sollte dann auf der im Jahre 1818 neugestifteten Universität Bonn nach dem Willen des Oheims Rechtswissenschaft studiren. Weil er das Lyceum ohne eigentliches Abgangs- zeugniß verlassen hatte, mußte er vorerst sich einer Prüfung unterziehen, dann am II.December 1819 wurde er als Student in die Listen eingetragen. Die junge Hochschule zählte nicht allein unter den Lehrern Manche, die einen bedeutenden Namen schon besaßen, sondern auch unter den Lernenden nicht Wenige, die ihn später erworben haben. Es genügt neben Heine hier an Liebig, Johannes Müller, Jarcke, Hengstenberg, Dieffenbach, Hoffmann von Fallersleben, Bvcking, Bauerband, Simrock zu erinnern. Mit Simrock wurde Heine in der unter Studenten nicht seltenen Weise bekannt, daß er in der Vorlesung über Pandekten ein Collegienheft von ihm lieh. Beide hatten gemein, daß literarische In- — 37 — eressen ihnen mehr am Herzeil lagen, als die juristischen, Dieselbe Neigung verband Heine auch mit Johann Baptist Rousseau und Friedrich Steinmann, ohne daß der Abstand, der sie trennte, in so früher Zeit völlig bemerkbar geworden wäre. Er wohnte mit dem früher erwähnten Pellmann in einem Hause auf der Josephsstraße; auch Ludwig Schopen, den späteren Dircctor des Bonner Gymnasiums, sah er häufig, und da von diesem Frcundes- paar der Erstgenannte hoch aufgeschossen, der Zweite kurz, von rundlichen Formen war, so pflegte er sie zusammen als oomma cum Mneto zu bezeichnen. Unter diesen alten und neuen Bekanntschaften fand er auch den ältesten Freund, Christian Sethe, der, nachdem er in Göttingen und Heidelberg stndirt, im Herbst 1819 nach Bonn gekommen war. In jenen Tagen ist das dauernde Denkmal dieser Freundschaft gestiftet wordeil in den Frescosonetten: Du aber standest fest gleich einem Thurme; Ein Leuchtthurin war dein Kopf nur in dem Sturme, Dein treues Herz war mir ein guter Hafen. Wohl wogt um jenen Hafen wilde Brandung, Nur wen'ge Schiff erringen dort die Landung, Doch ist man dort, so kann man sicher schlafen. Diese Zeilen bezeichnen in der That sehr gnt Sethe's festen und treuen Charakter, sein ruhiges, gemessenes Wesen, seine kluge, vorsichtige Art, die Dinge anzusehen. Wegen aller dieser Eigenschaften hatte er im Kreise seiner Bekannten von Heine den Beinamen Staatsrath erhalten. Zuweilen mußte er auch jetzt noch als Schützer auftreten. Denn Heine war auf der Universität, wie auf dem Lyceum vielen Anfechtungen ausgesetzt, theils in Folge seiner scharfen Worte, theils wieder wegen seines Judcn- thums. Daneben sicherten ihm freilich seine dichterischen Talente immer eine gewisse Ueberlegcnhcit. Mit wirklicher Theilnahme hörte er nur geschichtliche und literargeschichtliche Vorlesungen; man weiß, wie sehr er damals August Wilhelm von Schlegel sich verpflichtet fühlte. Doch kann man nicht sagen, daß er seine Fachstudien vernachlässigt hätte. Seine Collegienhefte waren in guter Ordnung, und sein Lebensplan noch immer auf eine Vernunfthcirath mit derJurisprudenz gerichtet. Uebrigens blieb er in Bonn nur ein Jahr; die Ferien im Herbste 1820 verlebte er einsam in dein Dorfe Beuel, Bonn gegenüber, um ungestört an seiner Tragödie Almansor zu arbeiten. — 39 — Im September, nacb kurzem Besuch iu Düsseldorf, trat er zu Fuß eiue Reise durch Westphalen an. Für den jugendlichen Literator schien es schon von Bedeutung, daß er mit einem kleinen Blatt, dem „Nheiuisch-Wcstphälischen Anzeiger", der in Hamm von einem Doctor Heinrich Schultz herausgegeben wurde, Verbindungen anknüpfen konnte. Das Ziel der Reise war Göttingen, wo er die juristischen Studien fortsetzte.*) Aber schon am 29. October 1820 in einem Briefe an Steinmann sehnt er sich nach seinem „paradiesischen" Beuel zurück und spricht seine Reue aus, daß er Bonn verlassen habe. Der Ton des Studcntcnlebens war ihm unbehaglich, für seine literarischen Neigungen fand er gar keine Nahrung. Von Bekannten ist nur der Münsterancr Benedikt Waldcck zu nennen. Heine giebt ihm das Zeugniß, er sei „ein guter Poet und werde einmal Vieles leisten". „Ich habe ihn," schreibt er weiter, „durch Wort und Beispiel tüchtig angespornt, ihm meine Ansichten über Poesie faßlich entwickelt, und hoffe, daß dieser Same wuchern und gute Früchte tragen *) Heine's Leben I, 120. — 40 — Wird." Freilich ist diese Vorhersage nicht in Erfüllung gegangen, Waldcck 's Ruhm ist eiuem anderen Felde entsprossen, und Strodtmauu*) bemerkt sehr richtig, nach den dichterischen Versuchen, die ohne Waldeck's Zuthun in die Oeffentlichkeit gedrungen, brauche man nicht zu bedauern, daß er der belletristischen Laufbahn völlig entsagt habe. Gleichwohl soll jene jugendliche Neigung und die Beziehung zu Heine in Waldeck's EntWickelung nicht unterschätzt werden. Denn es *) Die bisher genannten Jugendfreunde werden beinah sämmtlich auch in den Briefen Heine's an den Bonner Studiengenossen Fritz von Beughein erwähnt, die Strodtmann in dem interessanten „AusHeine's Studentenleben" in Blumenthals Neuer Monatsschrift für Dichtkunst und Kritik Bd. 5, Heft 4, 1877 veröffentlicht. Sehr charakteristisch sind die Aeußerungen über Sethe; aus Bonn 15. Juli 1820: „Eines Besuches von seiner Herrlichkeit dem Staatsrath habe ich mich lange nicht zu erfreuen gehabt. In stattlicher Schnödigkeit und vornehm nickend, seh ich ihn zuweilen bei mir vorüberschreiten." Dann, in dem Bericht über die Fußreise, aus Göttingen am 9. November: „Von meiner Reise kann ich Dir nicht viel Sonderliches erzählen. Nach Soest bin ich xsr xern gewandert. Dort blieb ich die Nacht und den folgenden Tag, da ich erwarten konnte, daß der Staatsrath gegen Abend kommen würde. Ich habe mich auch wirklich in meiner Erwartung nicht getäuscht gefunden. Da hat sich das alte Herz wieder mal recht gefreut. Mir war's als wäre der Christian vom Himmel herabgefallen. — 41 — ist ganz wesentlich ein gewisser dichterischer Schwnng, eine ideale Auffassung, die zuweilen an das Phantastische grenzt, was jenem bedeutenden Manne, wie allen, die ans große Massen wirken konnten, den Erfolg in so außerordentlichem Grade gesichert hat. Für Heine ist es nur ein Glück zu uennen, daß ihn der Zufall in eine geringfügige Streitigkeit verwickelte, die ein Duell und am 23. Januar 1821 seine Verweisung von der Universität zur Folge hatte. Der Onkel erlaubte ihm, nach Berlin zu gehen; in den letzten Tagen des Februar trat er die Reise an. Aus dem pedantischen Einerlei der kleinstadtischen Universitätsverhältnisse sah er sich nun plötzlich in das angeregteste Leben versetzt. Seine poetische Begabung fing an, in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Bei Varnhagcn, Rahel, Moser, Michael Beer, im Hause der Schriftstellerin Elise von Hohenhausen fand er gerade, was ein junger Dichter wünschen muß: Anregung, freundliche Anerkennung und zugleich ein gereiftes Urtheil, obgleich man doch nicht sagen kann, daß irgend Jemand auf seine Art zu schaffen entschiedenen Einfluß ausgeübt hätte. Unter seinen Bekannten war ihm be- sonders ein junger Pole, Graf Eugen von Breza, an's Herz gewachsen, er ist unerschöpflich im Lobe -des köstlichsten Freundes, des liebenswürdigsten der Sterblichen, und untröstlich, als Breza zu Ostern 182S die Berliner Universität verläßt. „Er war der einzigste Mensch," ruft er ihm nach, „in dessen Gesellschaft ich mich nicht langweilte, der Einzige, dessen originelle Witze mich zur Lebenslustigkcit aufzuheitern vermochten, und in dessen süßen, edeln Gesichtszügen ich deutlich sehen konnte, wie einst meine Seele aussah, als ich noch ein schönes, reines Blnmenleben führte und mich noch nicht befleckt hatte mit dem Haß und mit der Lüge.*) Auch manche der rheinischen Bekannten fanden sich in Berlin zusammen: der Componist Bernard Klein aus Cöln, sein Bruder Joseph, gleichfalls ein tüchtiger Musiker, Plücker, der spätere Professor in Bonn, Bölling, ein Verwandter der Sethe'schen Familie, vor Allem Sethe selbst, dessen Vater im Jahre 1819 als Präsident des Rheinischen Revisions- und Cassationshofes in die Hauptstadt berufen war. *) Strodtmann, Heine's Leben 1, 137. In Berlin konnte Heine nun auch den Plan ausfuhren, den er bereits in dem Briefe vom 27. Octobcr 1816 andeutet. Er hatte schon in Bonn eine Sammlung von Gedichten der Weber'schcn Buchhandlung zum Verlag angeboten. Aber der Besitzer ließ das Mannscript, wie er selbst wohl erzählte, längere Zeit in seinem Pulte liegen, um es dann ungelesen zurückzugeben. Heine machte einen zweiten Versuch; er wandte sich von Göttingen aus au Brockhaus nach Leipzig. Allein zum zweiten Male erhielt er sein Manuscript zurück mit dem höflichen Bedauern, daß die Handlung zur Zeit gar zu sehr mit Verlagsartikeln überladen sei.*) Jetzt wurde er in Berlin durch Varnhagen mit Gubitz, dem Herausgeber des Gesellschafters, bekannt. In diesen? damals viel gelesene?? Blatte, erschien seit den? 7. Mai 1821 eine Anzahl ausgewählter Gedichte voi? Heine, gewissermaßen als Probe der größerei? Sammlung, welche zu Ende des Jahres in der Maurer'schen Buchhandlung herausgegeben wurde. Der ueue, ganz eigenthümlichc Toi? dieser Brief an Steinmann vom 4. Februar 1821, Werke — 44 — Gedichte erregte sogleich das größte Aufsehen; sie wurden gelobt, getadelt, nachgeahmt, schon im Oc- tober 1821 parodirt. Erwägt man, daß Heine außer einer großen Zahl von Liedern um diese Zeit auch eine Tragödie, den Ratcliff, wie er an- giebt, in drei Tagen niederschrieb, dazu die Berliner Briefe im Nheinisch-Westphälischen Anzeiger erscheinen ließ, verweilt man bei den heiteren Scherzen, der naiv-jugendlichen Bewunderung, die sich zuweilen in diesen Aufsätzen ausspricht, so könnte inan auf eine durchaus frische, heitere Stimmung des Dichters schließen. Gleichwohl war er eben damals von den trübsten Vorstellungen gequält. Einzelnen Tadel empfand er lebhafter, als die allgemeinste Anerkennung, er glaubte sich verfolgt und angefeindet, ein Opfer der Cabale und Verleumdung; körperliche Leiden kamen hinzu: ein nervöser Kopfschmerz, der ihm das ganze Leben hindurch ein widerwärtiger Begleiter war; vornehmlich mag die Nachricht von der Vermählung seiner Geliebten ihn trübe gestimmt haben. Von allem diesem zeugt der folgende, „halb ernsthaft, halb drollig" gehaltene Brief: — 45 — III, Lieber Christian! Du weißt ich schreibe selten Billete; drnm mache Dich darauf gefaßt etwas Hbchstwichtiges vielleicht auch Höchstvernünftiges zu lesen. Ich habe mir diese Nacht, als ich nicht schlafen konnte, recht vieles überlegt, und Hab mir alles aufgezählt was ich liebe; und das ist: Nr. 1 ein weiblicher Schatten, der jetzt nur noch in meinen Gedichten lebt. Nr. 2 eine köstliche Idee, die in dem Polen steckt. Nr. 3 einen Menschen, den ich mir bisher in Dir gedacht. Nr. 4 meine neue Tragödie. Nr. S eine ollu?otriela von: Familie, Wahrheit, französische Revolution, Menschenrechte, Lessing, Herder, Schiller rc. :c. rc. Mit Nr. 3 hat es jetzt seine eigene Bewandtniß. Ich werde Dich noch immer lieben; das hängt nicht von mir ab. Letztere Erfahrung habe ich längst gemacht. Aber Freunde können wir nicht bleiben. Ich erkläre Dir: daß ich vom löten April an Dein Freund nicht mehr sein werde, daß ich mich — 46 — allsdann aller Pflichten gegen Dich entbinde, und daß Du alsdann nur Ansprüche an konvcnzioneller Höflichkeit und Urbanität inachen kannst. Sollte es der Fall sehn, daß Du, obschon ich es nie ganz glauben konnte, mein Freund wärest, so entbinde ich Dich ebenfalls aller Pflichten derselben für die Folge; nach den Gesetzen des Völkerrechts zwischen ehemaligen Freunden erwarte ich, daß Du nichts von all dem sprichst, was ich mit Dir vor dem 15. April gesprochen, und wovon ich vielleicht wünschte, daß es kein Anderer erfahre. Aber was ich nach dem löten, ich glaube der ist schon morgen, mit Dir spreche, das kannst Du jedeni sagen und auch an Klein sagen, nnd Klein mags wieder an seinen Bruder, und der an die Clicke, und diese an Berlin, und Berlin an ganz Deutschland sagen. — Es steht Dir alsdann auch frey mich, den gelehrtesten der jetzt lebenden Menschen, als unwissend, dumm und kenntnißlos allgemein zu Verschreyen, nur bitte ich immer dabey zu sagen: daß wir keine Freunde mehr sind; damit die Leute wissen, was sie von Deinem Urtheil zu halten haben. Ich glaube gewiß und ich gebe Dir mein Wort dranf, ich bin da- ' ------- - - - - ' V - - - — 47 — von überzeugt', daß keiner in Deutschland so viel weiß als Ich, nur daß ich nicht prale mit meinem Wissen, und — lieber Christian, glaube nicht, daß ich Dir böse sei; wenn ich Dir sage daß ich Dein Freund nicht mehr sein kann, so geschieht dieses weil ich immer ganz ehrlich und offen gegen Dich handelte, und ich Dich auch jetzt nicht hintergehen mochte. Ich lebe jetzt in einer ganz besondern Stimmung und dis mag wohl an allem den meisten Antheil haben. Alles was deutsch ist, ist mir zuwider; und Du bist leider ein Deutscher. Alles Deutsche wirkt auf mich wie ein Brechpulver. Die deutsche Sprache zerreißt meine Ohre. Die eigenen Gedichte ekeln mich zuweilen an, wenn ich sehe, daß sie auf deutsch geschrieben sind. Sogar das Schreiben dieses Billets wird mir sauer, weil die deutschen Schriftzüge schmerzhaft auf meine Nerven wirken, llo u'auruis saumis oru gus oss botss ciu'on nomine nllsnurulls, soisut uns rnss si suuuzmuts st umlisisuss su uisms tsiuxs. iVuLsitot gus um sants ssru rstublis, so guittsrui l'ipllsiuaZus, ss xusssrui su Prodis, s'z^ msusrui uns vis pastoruls, ss ssrui lloiurus elaus touts l'stsuelus - kein Beispiel, daß er dem entgegengehandelt hätte; selbst Personen, an deren Wohlwollen ihm sehr gelegen war, zeigt er eine Freimüthigkeit, die sich nie zur Schmeichelei erniedrigt. Abgesehen von Steinmann hatte er in Münster noch eine Beziehung, die für seine literarische EntWickelung von ganz anderer Bedeutung geworden ist. Karl Jmmermann, wenig älter als Heine, war im Jahre 1819 von Magdeburg als Militär- Anditenr nach Münster versetzt. Er hatte im Rheinisch-Westphälischen Anzeiger vom 21. Mai 1822 Heine's Gedichtsammlung beurtheilt, jn einer Weise, die den Dichter außerordentlich erfreute. Es war nun für Heine ein lebhafter Wunsch, den neuen Freund mit dem alten, der eben seinen Wohnsitz theilen sollte, in Verbindung zu bringen. Eine ganze Reihe von Briefen giebt Zeugniß, wie sehr ihm dieser Wunsch und überhaupt das Verhältniß zu Sethe am Herzen lag. Am 24 December 1822 stattet er Jmmermann seinen Dank ab, entschuldigt, daß er so spät komme, er habe vorher durch eine Besprechung der Jmmer- mann'schen Tragödien den Liebesdienst vergelten — S3 — wollen. Dann fährt er fort: „Vor sechs Wochen reiste von hier nach Münster mein bester Freund, der Referendarius Christian Sethe, der wegen einiger Umwegsreisen vielleicht erst jetzt dort eingetroffen; durch diesen war ich Willens, Ihnen einen Brief zustellen zu lassen. Aber ich habe noch nicht seine Adresse und will nicht so lange mehr warten, da ich eben erfahre, daß Sie in Kurzem nach Berlin kommen würden. — Wenn dieser Brief Sie noch in Münster trifft, und mein Freund Sethe schon dort ist, so wünschte ich, daß Sie seine Bekanntschaft machten. Sie sind ihm schon bekannt, und er wird Ihnen sagen, daß ich der Mann bin, der um einer Sache willen, die andre Leute eine bloße Grille nennen, im Stande ist, eine bedeutende Reise zu machen. Vielleicht sagt er ihnen sogar, daß ich seinet- und Ihrethalben schon längst das Projekt gefaßt, dieses Frühjahr nach Münster zu kommen." Auch der Brief an Jmmermann vom 14. Januar 1823 schließt wieder mit den Worten: „Grüßen Sie Sethe recht freundschaftlich und sagen Sie ihm, daß ich ihn sehr vermisse." Wenige Tage später schreibt er ihm selbst: — 54 — IV. Berlin, 21. Januar 1823. Lieber Christian! Ich sollte Dir eigentlich gar nicht schreiben, eben weil ich Dir Alles schreiben müßte. Außerdem kannst Du es Dir wohl selbst vorstellen, wie ich jetzt lebe und gestimmt bin. — Du bist nicht mehr hier. Das ist das Thema, alles übrige ist Glosse. Krank, isolirt, angefeindet und unfähig das Leben zu genießen, so leb ich hier. Ich schreibe jetzt fast gar nichts und brauche Sturzbäder. Freunde Hab ich fast gar keine jetzt hier; ein Rudel Schurken haben sich auf alle mögliche Weise bestrebt, mich zu verderben, verbinden sich mit alten Titular- freunden u. s. w. Meine Dramen werden gewiß in 6 bis 8 Wochen erscheinen. Dümler wird sie wahrscheinlich verlegen. Ich schicke Dir mit der nächsten Post meinen Aufsatz über Polen, den ich für Breza und unter dem Wasser der Sturzbäder geschrieben und den Pr. Gubitz auf schändliche Weise, mit Surrogatwitzen verändert und die Censur tüchtig zusammen gestrichen. Dieser Auf- — 55 — satz hat mich bei den Baronen und Grafen sehr verhaßt gemacht; auch höheren Ortes bin ich schon hinlänglich angeschwärzt. Theile doch Jmmermann das Stück des Gesellschafters mit wo von seiner kritischen Schrift die Rede ist. Jmmermann Hab ich sehr lieb gewonnen, durch das wackre Wesen das sich in ihm ausspricht. Ich wünschte Dein Urtheil über ihn zu hören. Mehr noch wünschte ich, daß Du mit ihm in freundschaftlichen Verhältnissen tretest. Ihm Hab ich ebenfalls diesen Wunsch geäußert. Ist das der Fall so besuche ich Euch in Münster. — Leb wohl und Hab mich lieb. Meine Addr. ist: H. H. aus D>, Taubenstraße Nr. 32. — Du kannst gar nicht glauben, wie sehr ich Dich vermisse, Dich den ich so liebe und gegen den ich nicht zu fürchten Hab, daß ich mich blamire. Leb wohl und bleibe mir gut. H. Heine. Von da ab stockte der Briefwechsel, wie es scheint, ganz durch Sethe's Schuld, der in einem saumseligen Stillschweigen verharrte, obgleich Heine nicht aufhörte, ihn: Zeichen freundlicher Erinnerung zuzusenden. In dem schönen Briefe an Steinmanu vom 10. April 1833 redet er voi: dem „ehrlichen Christian", dessen bloßes Wort am jüngsten Tage dem Gnadenrichter mehr gelten wird, als die Eide von Hunderttausenden." Sethe ist auch offenbar der in dem Abdruck dieses Briefes (XIX, S2) durch * * Bezeichnete, dem Steinmann das übersandte Exemplar der Tragödien übergeben soll. „Sage ihm," heißt es weiter, „daß ich wegen seines Stillschweigens böse sei, und theile ihn: meine Adresse mit. Ich bin zu arm an Exemplaren, um Dir eins besonders zu schicken, zudem ist es mir nur darum zu thuu, daß Du die Sachen liest." Möglich, daß Steinmann den für ihn wenig schmeichelhaften Auftrag nicht recht ausgerichtet hat; gewiß ist, daß er Sethe nicht zur Autwort bewog. Heine verließ bald darauf Berlin und begab sich in das Haus seines Vaters, der unterdessei: sein Geschäft ii: Düsseldorf aufgegeben und seinen Wohnsitz in der kleinen Stadt Lüneburg genommen hatte. Von da schreibt Heine am 10. Juni 1823 an Jmmermann: „Könnten Sie mir nächstens ein- — 57 — mal mittheilen, ob Sethe sich wohl befindet und ihm nichts Schlimmes begegnet, so würden Sie mir einen Gefallen erzeigen. Der Umstand, daß Sie jenen Namen nie erwähnen, erzengt in mir die Vermuthung, daß Sie in keinem sonderlich nahen Verhältniß mit Sethe stehen mögen, vielleicht wegen Verschiedenheit der Ansichten über das Universitätsleben, ein Erzsteckenpferd Sethe's. Glauben Sie nur nicht, daß dieses bei mir etwas mehr als eine müßige Vermuthung sei. Ich habe bis ans diese Stunde keinen Brief von Sethe aus Münster erhalten, nicht das Mindeste von ihm gehört, und das ist es eben, was mich beunruhigt. Dieses mag Sie, lieber Jmmermann, etwas befremden, da ich Ihnen Sethe als einen meiner besten Freunde angekündigt; aber es ist dennoch so, wir sind zwölf Jahre lang Herzensfreunde gewesen, saßen schon in der Schule immer beisammen und blieben auch in der Folge immer beisammen, und jetzt läßt er mich sechs Monat ohne Antwort."*) Den Plan, die Freunde in Münster zu besuchen. *) Werke XIX, 77 f. hat Heine in diesem und manchen folgenden Jahren »och nicht ausgeführt. Er begab sich im Juli nach Hamburg, wo die Erinnerung an die verlorene Geliebte, mit neuer Stärke erwachend, neue Blütheu seines dichterischen Schaffens hervorrief. Gern wäre er schon damals nach Paris gegangen, hätte er von dem Onkel die nöthige Unterstützung erwirken können. Da dies nicht gelang, so mußte er doch wieder zur Jurisprudenz in das so widerwärtige Göttingen sich wenden. Das ganze Jahr 1824 ging ihm dort vorüber, nur daß er im Frühling Jmmermann in Magdeburg, dann auf kurze Zeit Berlin besuchte und im September die jedem wohlbekannte Harzreise unternahm. Am 3. Mai 1825 bestand er das juristische Examen, am 20. Juli erfolgte die Promotion, kurz vorher, am 28. Juni, hatte er in Heiligenstadt sich taufen lassen. Als Belohnung für den Doctorhut gab der Onkel die Mittel zu einem Aufenthalt in Norderney. Kein Dichter hat die See mehr geliebt als Heine; auch angenehme Gesellschaft fand er auf der Insel. Die Fürstin von Hohensolms-Lich, eine Bekannte Varn- hagens, war ihm sehr gewogen; vor Allem ver- — 59 — ehrte er eine schöne Frau aus Celle. Eines Tages saß er neben ihr und in einem Kreise anderer Damen in lebhafter Unterhaltung, als er plötzlich seinen Freund Sethe hinter sich stehen sah. Mit dem freudigen Rufe: „Staatsrath, bist Du da?" sprang er auf und umarmte den Freund. Sethe, weniger umhergetrieben als Heine, hatte seinen Weg in Münster verfolgt, war am 13. August 1825 in den Ehestand getreten und kam nun auf der Hochzeitsreise nach Norderney. Man verlebte zwei Tage mit einander. Die verschiedene Lebensauffassung des preußischen Beamten und des Dichters mag dabei hervorgetreten sein, aber das ist der Vorzug der Jugendfreundschaft, daß sie wie Familicnbande verschiedene Ansichten, Neigungen, Interessen überdauern kann. Einige Monate später, am 25. December 1825 schreibt Heine einem andern rheinischen Freunde, dem Componisten Joseph Klein: „Auf Norderney, wo ich das Seebad gebrauchte, fand ich mich zufällig mit Ssethch zusammen; der Stsaatsraths hat gehcirathct, damit die liebe gute, treuherzige Rasse nicht verloren gehe." Unmittelbare Folge des Zusammentreffens 00 waren drei Briefe Heine's an Sethe, die schon als die einzigen brieflicheil Zeugnisse über den Aufenthalt in Norderney einiges Interesse ansprechen: Lieber Christian! Wärst Du doch ein paar Tage länger in Norderney geblieben! Oder auch wäre ich doch weniger Esel gewesen! Ja, Christian, wenn ich auch der gelehrteste Mann Deutschlands bin, so kann ich doch nicht mit meinem Worte versichern, daß ich auch der klügste sey. Du mußt mir sechs Louisdor leihen. Ich bin in der größten Verlegenheit. Es wird Dich nicht wundern, daß ich just Dich anpumpe. Du bist mir noch zu frisch im Gedächtnisse, und wenn Du auch — was ich nicht hoffe — mein bester Freund nicht mehr bist, so bist Du doch unter meinen besten Freunden derjenige, den ich am leichtesten anpumpen kann, der auch als kompleter Philister am leichtesten ein paar Louis auf ein paar Norderney, Ende des August 1825. V. 61 Monath entbehren kann und der von Haus aus die innere Garantie hat, daß er bey mir nichts riskirt. Ich denke, daß dieser Brief Dich sicher trifft und daß Du mir sechs Louis bis zu meiner Reise nach Berlin d. h. bis Januar leihst, indem ich sonst in die allergrößte Verlegenheit gerathe und meiner Familie, die mir vor 4 Wochen 50 Louisdor zum UmHerreisen und Baden geschickt, gestehen muß, daß ich das Geld fast ganz vertrödelt und nicht auskomme, welches Bekenntniß mir unberechenbar entsetzlich schaden würde, wie Du, der Du meine Familienverhältnisse kennst, leicht ermessen kannst. Die Post ist im Begriff abzugehen, auch bin ich zu verdrießlich, um viel zu schreiben; wie sehr es mich auch drängt die ganze volle Brust vor Dir auszuschütten, so könnte ich das doch heute schon deswegen nicht thnn, weil Anpumpen der eigentliche Zweck dieses Briefes ist. Und wirklich Christian! haben sich Deine Gesinnungen gegen mich unverändert erhalten? Was mich betrifft, so blieben die meinigen unverändert d. h. ich ärgere mich über Dich nach wie vor. Du verstehst mich, ich meine die alte Falschheit. Ja ich möchte heute recht ordentlich gegen Dich losplatzen und auf Dich einschelten und schimpfen, um so mehr als ich Dich anpumpen will. Von Giesen — welcher vorgestern 15 Louis im Pharo verloren — erfahre ich, daß Deine Schwester mit Unger versprochen ist. Ich glaube gewiß, wenn Du könntest, würdest Du Deine Heirath vor mir geheim halten. Ich frage nie, aber ich ärgere mich immer. — Das beste an Dir ist, daß ich Dich liebe und daß Du von jeher leicht anzupumpen warst. Schicke mir also die 6 Louisd'or in einem Briefe mit der Addresse: an den voot. ckur. H. Heine im Hause von Herold ck Wahlstab in Lüneburg. In diesem Brief darfst Du aber nichts schreiben, da ich ihn in Lüneburg von einem Bekannten öffnen lassen. Du schreibst mir aber unter derselben Addr. noch einen besondern Brief. — Schreib mir auch, ob ich Dir die 6 Ld'or noch vor Januar zurückzahlen soll. Ob in Berlin an Deine Familie. Mit nächster Post schreib ich Dir mehr. VI. Norderney, den 1. Sept. 1825. Staatsrath! Nur so viel kann ich mich erinnern, daß ich Dir vorige Woche in der verdrießlichsten Stimmung und in der allergrößten Eil geschrieben. Das Fährschiff Mar im Begriff abzusegeln, der Schiffer wartete bloß noch auf meinen Brief, ich wünschte mich selbst zum Henker und krazte was Zeug hielt. Ich hoffe, daß Du aus meinem Geschreibsel klug geworden bist und daraus ersehen, daß ich Dich um 6 Louisd'or anpumpen wollte und Dich bath, selbige unter Addresse des Herrn H. Heine, vr. llur. abzugeben bei Herold ck Wahlstab in Lüneburg, mir zu schicken und mir wissen zu lassen, ob Du das Geld noch vor Januar zurückhaben mußt und ob ich es etwa in Berlin jemanden für Dich zurückzahlen kam?. Ich muß Dir aber nochmals schreiben, weil ich nicht weiß ob ich Dir auch bedeutet habe, daß Du in dem Briefe, worum Du die sechs Louisd'or einpackst nichts schreiben darfst, indem ich eine??? Bekannten Ordre gab einen solchen Geldbrief — L4 — für mich aufzubrechen und mir den Inhalt nachzuschicken. Ich muß nemlich ans höchstwichtigen Ursachen noch einige Zeit im Hanövrischen herumreisen. Was Du mir also privatim zu sagen hast, mußt Du mir in einem besondern Brief unter derselben Addresse schreiben. — Seh überzeugt, daß ich Dir bei dieser Gelegenheit den größten Beweis meiner Freundschaft gebe, indem ich trotz mancher innern Regungen des Un- muths gegen Dich, mich dennoch in der Roth mit unbedingtem Vertrauen an Dich wende. Vergiß dies nie, besonders wenn ich je in den Fall käme Dir einen Dienst leisten zu können, woran ich zweifle. Du verstehst mich. O Christian, ich bin heute in einer sehr weichen Stimmung und möchte von alten Dingen sprechen, von alter Wehmuth und neuer Thorheit, von bitterer Eseley und Süßigkeit des Schmerzes. Ich bin noch immer der alte Narr, der wenn er kaum mit der Außenwelt Friede gemacht gleich wieder von innern Kriegen geplagt wird. — Es ist ein mißmüthiges Wetter, ich höre nichts als das Brausen der See — O lag ich doch begraben unter den Weißen Dünen. — Ich bin in meinen Wünschen sehr mäßig geworden. Einst wünschte ich begraben zu sein unter einer Palme des Jordans Das vermaledeit viele Abschiednehmen stimmt mich so weich ganz in Moll. Ich habe hier wunderschöne Tage gelebt, meine Privateitelkeit wurde von holden Pfötchen allerliebst gestreichelt, ich kam fast auf den Gedanken, der Or. Heine sei wirklich höchst liebenswürdig, und ich schwelgte im Anschaun der schönen Dame in deren Nähe Du mich wiedersahst. Sie protegirte mich zuletzt gar sehr — und jetzt ist sie abgereist. Auch der Abschied von der Fürstin Sollns ist mir sauer geworden, wir waren so viel zusammen und wußten uns so hübsch zu necken. Sie lobte mich viel und Du weißt, Christian, das verfehlt nie seinen Eindruck. Die hanövrischen Offiziere hier haben mir nichts weniger als mißfallen. Sie haben nicht so viel Verstand wie die Preußen, aber sie sind honoriger, und unter der Uniform, die sie selten tragen, steckt ein Gentelman im feinsten Civilrock. Ich meine aber hier vorzüglich die Offiziere, die in der Legion gedient und die von Spanien, Portugal!, Irland, England, Hiisfer, Heine. S — 66 — Sizilien, manche sogar von den Mischen Inseln und von Ostindien so viel hübsches und Wackeres zu erzählen wissein Wie panver klingt dagegen Jena, die Katzbach, Leipzig, Bellallianz, und gar Paris, die letzte Stazion unseres Ruhines, wohin wir — Gott weiß wie! — gelangt sind. Still, still, ich will ja in Berlin lesen. — Bin selbst neugierig' was das sehn wird. — Grüße mir Deine Frau, die sehr für Dich zu passen scheint und die nicht unterlassen wird, Dich glücklich zu machen. Sobald ich nach Berlin komme, werde ich wieder etwas Heransgeben. Muß mich sehr hüten mit dem Drnckenlassen. Hab ja auch niemand der mir rathen kann. Meine jetzige Reise beschreib ich. Meine Harzreise hoffe ich Dir nächsten Monath zu schicken. — Leb wohl, werde kein Philister, behalte mich lieb. — Hol mich der Teufel ich werde sentimental. Dein Freund H. Heine. r. 2'/4 26. Lüneburg, den 12. Nov. 1825.*) Lieber Christian! Die 5 Friedrd'or habe ich richtig erhalten, so wie ich auch diese Tage Deinen Brief vom 1V. Octbr. richtig vorgefunden habe. Da ich doch vermache, daß Du jetzt nicht mehr in Bokum sehst, so melde ich Dir dieses nach Coblenz. Ich bin im Begriff jetzt nach Hamburg zu reisen, wohin ich von Norderney aus schon segeln wollte, aber wegen konträren Windes nicht gelangen konnte. Ich lag t> Tage ans der See, muffe doch endlich zu Land gehn, bekam unterwegens die Rose am Bein muffe doch um Geld schreiben u. s. w. Deine 6 Ld'or sind mir, obschon sie spät anlangten, noch immer gut zu statten gekommen, ich will sie Dir zeitig zurückschicken und Dich jetzt mit keiner Danksagung belästigen. Auch fehlt es mir dazu au Zeit, indem ich zu meiner Reise nach Hamburg noch allerlei) "> Der Brief trägt den Poststempel: Hamburg, 22, November und ist nach Coblenz addressirt. Geschäfte habe. Ich will Dir von dort aus ordentlich schreiben. Vielleicht kann ich Dir die Nachricht mittheilen, daß ich mich dort als Advokat niederlasse, heurathe, viel schreibe u. s. w. Mit meiner Schriftstellereh geht es gut genug. Genug Vorrath von Mspt. Ich gedachte Dir etwas mitschicken zu können, aber ich habe noch nichts Gedrucktes erhalten. In einigen Wochen werde ich Dir aber ganz bestimmt etwas schicken. Lebe wohl, lieber Christian, und bleibe mir gewogen. Deine Frau grüße ich recht herzlich. Wenn Du mir schreibst, so laß mich doch etwas vom Kreisler wissen. Deine Briefe treffen mich immer, wo ich auch bin, wenn Du sie nur addressirst ain den Do. lluo. H. Heine, xor Addresse des Herrn Heine auf dem Markt in Lüneburg. Seh überzeugt, daß ich Dich recht liebe; auch von Deiner Zuneigung bin ich überzeugt. Gicbst Du mir doch davon die vollgültigsten Beweise. Ich bleibe dein Freund H. Heine. — 69 — Auch im August des nächsten Jahres 1826 befand sich Heine in Norderney unter sehr ähnlichen Verhältnissen, wieder in lebhaftem Umgang mit der Fürstin Solms, wieder begünstigt von der schönen Cellenserin, deren Abreise ein Jahr früher ihm das Herz so schwer machte. Auf diesen letzteren Aufenthalt bezieht sich der Aufsatz: „Norderney" im zweiten Bande der Reisebildcr. Wahrscheinlich ist er aber znm Theil schon früher und in Erinnerung an den ersten Aufenthalt verfaßt. Dafür zeugt unter Anderem die Bemerkung über die Fremdenlegion, die beinahe wörtlich wie in dein Briefe an Sethe darin vorkommt, allerdings ohne die sonderbare Gegenüberstellung der Hannoverschen und Preußischen Waffenthaten. In den hier mitgetheiltcn Briefen sind die finanziellen Angelegenheiten wie überhaupt in Heine's Leben, nicht gerade ein erfreuliches Moment. Er befand sich unablässig in Geldverlegenheit, weniger weil seine Einkünfte zu gering waren, als weil er nicht hauszuhalten wußte. Schon in dem Briefe vom 14. April 1822 lesen wir von nenn Thalern, die er Sethe nicht rechtzeitig zurück- — 70 — geben konnte, auch in den Briefen an Moser ist beständig von Geldanleihen die Rede. Und doch konnte ein Student mit der vom Onkel ausgesetzten Snmme, 4—500 Thalern, nnd den Nebeneinkünften, die aus Honoraren erwuchsen, in Göttingen und Berlin vor fünfzig Jahren sehr Wohl ausreichen. Für die Badereise war ihm die nicht unbedeutende Summe von 50 Louisd'or zur Verfügung gestellt, kurz vorher am 22. Juli hatte er auch von Moser (XIX, 225) wieder 10 Louisd'or erhalten. Gleichwohl muß er jetzt schon wieder leihen; er gesteht selbst, daß er das Geld „vertrödelt", wahrscheinlich zum Theil verspielt hatte. Wie er aber leicht au einen fremden Beutel Ansprüche erhebt, so zeigt er sich auch, wenn nicht gerade pünktlich, doch immer gewissenhaft im Wiedergeben und immer bereit, selbst mit eigenen Opfern Bekannten, ja dem ersten Besten, der bedürftig ist, zu helfen. Die Korrespondenz bis in die letzten Zeiten enthält, mehr als man wünschen möchte, Einzelheiten dieser Art. Selbst die wenigen Louisd'or, die er zuletzt von Sethe empfing, spielen darin noch lange eine Nolle. Die Rückgabe erfolgte nicht — 71 — so zeitig, als Heine wünschte. Aber anderthalb Jahre später in London, als er einem glücklichen Zufall, oder muß man sagen, einem kühnen Griff in den Credit seines Onkels augenblicklichen Ueber- fluß verdankte, erinnerte er sich auch seiner Gläubiger. Am 9. Juni 1827 schickt er an Moser eine Anweisung, um sich selbst bezahlt zu machen und auch Sethe die schuldigen fünf Louisd'or zurückzuzahlen. Moser zögerte mit der Berichtigung dieser Schuld und so erhält er am 30. Oktober aus Lüneburg die Weisung, für die fünf Louisd'or und vier andere, die Heine noch zu Gute kamen, einen Wechsel auf Frankfurt zu kaufen (XIX, 318). Heine fürchtete nämlich auf der Reise uach München mit dem Gelde nicht auszukommen. Bis nach Italien verfolgt ihn die Erinnerung an diese geringe Schuld, an die er gewiß nie gemahnt worden ist. „Sage mir doch," schreibt er am 6. September 1828 aus den Bädern von Lucca, „ob endlich die längst beschriebenen 5 Louisd'or an meinen Freund Sethe bezahlt sind. Ich brauche sd. h. Verbrauches jetzt so rasend viel Geld, daß es eine Schande wäre, seinen besten Freunden etwas schuldig zu bleiben. — 72 — Briefe Heine's an Sethe sind aus diesem und den folgenden Jahren nicht mehr vorfindlich, vielleicht auch nicht geschrieben worden. Im späteren Alter erhält sich selten ein schriftlicher Verkehr, der nicht in dauernden gemeinsamen Interessen eine Anregung findet, und zwischen dem preußischen Beamten und dem in Frankreich weilenden, geächteten Dichter wurde der Abstand immer größer. Gleichwohl bewahrte einer dem andern eine warme Erinnerung. Als Heine ini Herbste 1843 nach zwölfjähriger Abwesenheit Deutschland wieder besuchte, kam er auf der Reise nach Hamburg in den letzten Tagen des Oktober auch nach Münster. Einen Abend brachte er mit dem Freunde zu, später schickte er noch das Wintermährchen, seitdem hat kein äußeres Zeichen die Freundschaft der Jugend bethätigt. Sethe überlebte den Dichter um ein Jahr, er starb am 31. März 1857 als Provinzial-Steuer- director in Stettin.*) Mir ist der Eindruck seiner *) Strodtmann verwechselt ihn mit einem jüngeren Bruder, wenn er (Heine's Leben I, öS) bemerkt, Christian Sethe sei in Berlin am 17. Januar 1S7S als Vorsitzender des Di- — 73 — Persönlichkeit, ganz wie er in Heine 's Briefen erscheint, noch sehr wohl erinnerlich, insbesondere der eigenthttmlichc Glanz seines Blicks, kalt nnd milde zu gleicher Zeit, Die mitgetheilten Briefe verdanke ich seinem Sohne, meinem ältesten Jugendfreunde, dem Stadtrichter Heinrich Sethe in Berlin. Ihm sollen diese Blätter zur Erinnerung an längstvergangene Zeiten gewidmet sein. rectoriums der Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn gestorben. Auch Maximilian Heine (Erinnerungen an H. Heine S. 126) läßt ihn irrig noch im Jahre 1869 als höheren Justizbeamten in Berlin leben. II. Heine vor dem Bonner Universitäts-Gericht. Heine's politische Ansichten sind für seine schriftstellerische Thätigkeit von wesentlicher Bedeutung, für seinen Lcbensgang entscheidend geworden. Das ungünstige Urtheil, das seiner ganzen Persönlichkeit entgegen trat, hat auch diesen Thcil seiner Gesinnungen als erheuchelt, oberflächlich, als ein Spiel der Laune betrachten wollen, nur bestimmt, Aufsehen zu erregen, sich einen Namen zu machen, Anhänger, Freunde, Popularität zu erwerben. Ich finde nichts in seinem Leben, was ein so hartes Wort begründete. Beinahe aus seinen Knabenjahren läßt sich nachweisen, wie seine Ansichten sich stetig entwickelten; immer hat er sie ohne Rückhalt ausgesprochen; zwischen den vertrautesten Briefen und seinen öffentlichen Aenßcrungen wird man schwerlich eine Verschiedenheit gewahren. Wenn ich die Berichte aus Paris über das Juli-Königthum lese, so scheint mir, der Verfasser eines Compen- dinms der Politik oder Nationalökonomie würde sich allerdings in mehr systematischer Folge ausdrücken, aber auch von dem Scharfblick des Dichters, von seiner wundervollen Gabe, die Dinge treffend zu bezeichnen, vieles lernen können. Was Heine vielleicht am meisten geschadet hat, ist seine Art über politische Dinge scherzend oder spottend sich auszudrücken. Wer parlamentarischen Versammlungen beiwohnt, wird sich bald überzeugen, daß ein Redner, der eine glückliche Begabung für witzige und spaßhafte Wendungen häufig benutzt, wohl augenblicklichen Beifall, aber selten nachhaltigen Einfluß und persönliches Ansehen gewinnt. Politische Personen dürfen eigentlich nur im Stile Dantes zum Spotte greifen. Man glaubt nicht leicht, daß jemand, der über so ernste Angelegenheiten ernst und gewissenhaft nachdenkt, darüber lachen und scherzen könnte. Ernst und Gewissenhaftigkeit ist es aber, was vor allem verlangt wird und verlangt werden muß, denn sie sind für den — 76 — Politiker noch unentbehrlicher als Fähigkeiten und Talente. Aber Heine hat sich nie nm einen Ministerposten beworben. Könnte man dem Dichter nicht seine eigene Ansdrucksweise und etwas größere Freiheit zugestehen, ohne deshalb an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln? Die Verhältnisse in Deutschland waren zudem von der Art, daß sie häusig mehr den Spott als den Zorn herausforderten. Regierungen, im Grunde wohlwollend und pflichtgetreu, ja in manchen Dingen verständiger, als man jetzt zuzugeben geneigt ist, suchten in kurzsichtiger Furchtsamkeit eine Entwicklung, die gewaltsam freien Weg verlangte, durch kleinliche, unwirksame, sich selbst widersprechende Mittel niederzuhalten. Solchen Zuständen gegenüber war eine Satire, wie sie Heine zu Gebote stand, gar nicht übel am Platze; man kann schwerlich in Abrede stellen, daß sie auch vorteilhaft auf die öffentliche Meinung gewirkt und eine bessere Wendung vorbereitet habe. Deshalb braucht sie noch nicht in allen Stücken musterhaft zu sein. Selbst der so gepriesene Heine'sche Witz ist wenigstens in den prosaischen Schriften nicht immer von der vorzüglichsten Art, häufig nur ein Spiel mit Worten, das bei der Wiederholung seinen Reiz verliert. Ueberhanpt kann ich durchaus nicht finden, Heine sei in seinen polemischen Schriften glücklich gewesen. Er selbst rühmt sich zwar, daß er aus seinen Feinden Dukaten schlage, in der Art, daß er selbst die Dukaten, seine Feinde die Schläge bekämen. Aber, wenn man auch nicht das Umgekehrte behaupten kann, gewiß ist, daß er sich selbst oft die schlimmsten und gefährlichsten Schläge beigebracht hat. Sieht man auf die Sache, so scheint mir, daß sowohl Plate», als Börne, als Menzel gegenüber das Unrecht nicht zum größeren Theile auf Heine's Seite war, aber durch die Art, wie er seiner Polemik die widerwärtigsten Persönlichkeiten beimischte, hätte er eine viel bessere Sache als die seinige verderben müssen. Unbegründet ist der Vorwurf, er habe Deutschland für nichts geachtet und mit unmäßiger Vorliebe den Franzosen angehangen. Einiges wird man einem jüdischen Nationalgefühl zu Gute halten, dem er im Grunde des Herzens eben so wieder romantischen Poesie immer treu geblieben ist. Aber selten hat ein Dichter der Sehnsucht nach — 78 - der Heimath und nach Deutschland, so wie dem Selbstgefühl eines deutschen Dichters so rührenden nnd beredten Ansdrnck geliehen. Warnm sollte er nicht daneben einem Lande freundlich gesinnt sein, wo alles ihm wohlwollend entgegenkam, wo Niemand ihm seine Abstammung zum Vorwurfe machte, wo man seine Werke übersetzte, die in seinem Vaterlande ehe sie nur erschienen, verboten wurden? Wenn er den Fremden schmeichelte, hat er ihnen nicht weniger die ernstesten Wahrheiten gesagt; und sieht man genau zu, so hätten die Franzosen mehr Ursache, über seine Complimcnte zu zürnen, als die Deutschen über seine Vorwürfe. Denn die einen behandelt er beinahe wie Kinder, die man gern mit ihrem Spielzeug gewähren läßt, die andern wie Männer, von denen man das Höchste fordert, weil sie das Höchste leisten können. Daß er zwei Völker, denen beiden er durch Erziehung, Aufenthalt, Denkweise einigermaßen angehörte, so weit es ein Schriftsteller vermag, geistig zu einigen suchte, werden diejenigen, die über die augenblickliche Strömung hinaus den Blick in eine vielleicht nicht ferne Zukunft richten, schwerlich ver- Übeln. Käme nur jemand, der die Aufgabe, die er angefangen hat, glücklicher zum Ziele führte! Für mich will ich gestehen, daß ich den Vortheil einer aufrichtigen Einigung— nicht mit dem sogenannten Erbfeind, sondern mit der nächstverwandtcn, in allen wichtigen Interessen menschlicher Entwicklung enge mit uns verbundenen Nation — durch die Festung Metz und jeden Fuß breit Landes, auf dem französisch gesprochen wird, für nicht zu theuer erkauft hielte. Doch hier ist nicht der Ort, desgleichen weiter zu verfolgen; diese Bemerkungen sind vielleicht schon zu lang im Verhältniß zu den kurzen Notizen, die ich anzuschließen habe. Für die Entwicklung eines bedeutenden Mannes ist häufig der erste kräftige, mit vollem Verständniß aufgenommene Eindruck entscheidend. Auch Heine's politische Richtung wurde wohl für immer dadurch bestimmt, daß seine Universitätsjahre in eine Zeit fielen, in welcher Alles, was einer freieren Regung nicht ganz und gar zuwider war, sich in nothwen- digem Gegensatz zu den herrschenden Gewalten fühlte. Eben als er in Bonn eintraf, hatte der Carlsbader Congreß seine unheilvolle Thätigkeit geschlossen, die Central-Untersuchungs-Commission in Mainz stellte ihre Netze gegen die Lehrer nnd Lernenden an den Universitäten, die Burschenschaft, die Turnvereine wurden unterdrückt, ein unvorsichtiges Wort, ein mißfälliges Kleidungsstück genügte, um Verdacht zu wecken, vielleicht eine criminalrecht- liche Untersuchung zu veranlassen. Es scheint nicht, daß Heine sich in Bonn mit Vorliebe politischen Bestrebungen zuwendete, aber daß sie ihm auch nicht fern lagen, beweist schon ein längeres Gedicht, das auf einer folgenden Seite aus Sethe's Papieren in seiner ursprünglichen Gestalt veröffentlicht wird. Mehrere seiner nächsten Bekannten sah er in eine Untersuchung verwickelt, sich selbst wenigstens als Zeugen vor den Richter gerufen, nnd zwar schon in den ersten Tagen seines Bonner Aufenthalts, che er einmal die wirkliche Aufnahme in die Listen der Universität erlangt hatte. Der 18. Oktober, der Tag der Leipziger Schlacht und der Eröffnung der Universität wurde auch im Jahre 1819 festlich begangen. Ein Zug von Studenten zog Abends auf den Kreuzberg, wo bei dem Schein der Fackeln und angezündeten Freudcnfeuer — 81 — ein Berliner Theologe, in Worten, wie sie auf mancher Canzel ohne Anstoß oder Aufsehen hätten verlauten können, zur Tugend und Religion, zum fleißigen Dienste im Dome des deutschen Volkes und im Tempel der Wissenschaft ermahnte, darauf hinwies, daß das Volk auf die blühende Jugend hoffe, und mit der Frage schloß, ob sich einer dein Dienste des Vaterlandes entziehen wolle. Diese Frage wurde, wie sich denken läßt, allgemein verneint, alsdann von einem zweiten Redner ein Hoch ans den kurz verstorbenen Vater Blücher und die deutsche Freiheit ausgebracht, ivorauf alles in Ruhe in die Stadt zurück und auseinanderging. Schwerlich würde jemand daran Anstoß genommen haben, hätte nicht Heiuc's Landsmann und Stubengenosse, Joseph Neunzig aus Düsseldorf, dem befreundeten Redakteur der Düsseldorfer Zeitung eine stark gefärbte Beschreibung des Festes geliefert, die dann von der zweiten Hand in einem Zeitungsartikel noch weiter verschönert wurde. Die eben angeführten Worte waren zu dem Satze entstellt: „Brüder! Auf uns ruht eine schwere Last, auf uns hofft und wartet das Volk, um das gedrückte Vaterland vom Drucke Hiiiser, Heine. g I zu befreien." Für diesen löblichen Zweck sollten die Studenten ein dreimal donnerndes Hoch ausgebracht haben. Grund genug, um damals die Behörden bis in die höchsten Spitzen in Bewegung zu setzen. Der Oberpräsident des Niederrheins, Graf von Solms-Laubach, ein überaus verständiger Mann, war keineswegs zu auffälligen Schritten geneigt. Aber in Folge einer ihm zugehenden polizeilichen Anzeige sah er sich genöthigt, dem eben eingetretenen Rektor Augusti sein Misfallen über den Vorgang auszusprechen, der sicher die Aufmerksamkeit der Ministerien erregen und Nachfragen veranlassen würde. Er fordert den Rektor auf, zunächst das Manuscript der Rede sich einhändigen zu lassen. Da dies durchaus nichts Anstößiges enthielt, wurde am 21. November der Redakteur der Düsseldorfer Zeitung in Untersuchung gezogen. Dieser berief sich aber auf die Mittheilung Neunzig's; er habe, sagte er, in dem Briefe, den er übrigens nicht vorzeigen konnte, nur wenige Ausdrücke verändert, nämlich die bärtigen Musensöhne, die Neunzig mit ihren Ziegenhainern auf den Berg ziehen ließ, in einfache Studenten verwandelt und von ihrer Ausrüstung — 83 — gar nicht gesprochen. So kam die Reihe nun an Neunzig; am 23. November erscheint er zum ersten Mal vor dem Universitätsrichter, dem später so bekannt gewordenen Criminalisten Mittermaier, damals Viceshndikus der Universität. Alles wäre zutreffender, als die Behauptung, der Richter habe den Vorgeführten verwickeln oder die Sache selbst erschweren wollen. Aber Neunzig selbst beging die Ungeschicklichkeit — es scheint, um seinen Freund, den Redakteur, aus der Verlegenheit zu ziehen — die eigenmächtig zugesetzten Worte aufrecht zu halten und sogar, zum großen Aerger des Untersuchenden, von einem Hoch auf die Burschenschaft zu reden. Ueber ein solches Hauptverbrecheu war es nun unumgänglich, die genaueste Rechenschaft zu fordern. Eilf Studenten und zwei auf dem Kreuzberg anwesende Professoren werden in den nächsten Tagen über die Sache verhört. Die Art der Fragestellung kann man aus dem folgenden Protokoll entnehmen. L * Protokoll verhandelt am academischen Gerichte zu Bonn, den 26. November 1819. Iwässntidus: Herr Professor Mitter maier, gnu stellvertretender Szmäious: Oppenhoff, Universitäts-Secretair. Der vorgerufene stuäiosus suris Harry Heine aus Düsseldorf, 19 Jahr alt, seit Michaelis d. I. in Bonn, gehörig die Wahrheit zu sageu ermahnt, nach vorgängiger Erklärung, daß er ' auf dem Kreuzberge am 18. Octobcr gewesen sei, deponirt auf die Frage: 1. Wie viel Lebehoch wurden ausgebracht? uä 1. Ich erinnere mich an zwei; das erste dem verstorbenen Blücher und das zweite, wenn ich nicht irre, der deutschen Freiheit. 2. Wurde der Burschenschaft kein Lebehoch gebracht? ack. 2. Nein, ich erinnere mich nicht, ein solches gehört zu haben. 3. Erinnern Sie sich noch an den Zusammenhang der gehaltenen Reden? ml 3. In der ersten Rede konnte ich keinen Zusammenhang finden, und den Zusammenhang der zweiten kann ich nicht angeben, weil ich mich nicht erinnere. 4. Kamen in einer der Reden die Worte vor: Ans uns ruht eine schwere Last? ml 4. Diese Worte glaube ich gehört zu haben, den Zusammenhang kann ich mir aber nicht mehr ins Gedächtniß rufen. 5. Geschah in einer der Reden am Schlüsse die Frage, ob Einer wäre, der sich dem Dienste für Vaterland u. s. w. entziehen wolle? ml S. Eine solche hervorstehende Frage erinnere ich mich nicht gehört zu haben. 6. Kamen die Worte vor: Auf uns hofft und wartet das Volk, um das gedrückte Vaterland vom Drucke zu befreien? ml 6. Nein, solche Worte habe ich nicht gehört. 7. Wissen Sie sonst nichts anzugeben? acl 7. Nein. 8. Ist Ihnen nicht bekannt, daß über das Fest in der Düsseldorfer Zeitung etwas stand? ncl 8. Ich habe davon gehört. 9. Von wem haben Sie das gehört? nci 9. In vinsn ckoinini habe ich davon sprechen hören. 10. Können Sie keine Spur angeben, durch wen nach Düsseldorf darüber geschrieben worden ist? ack 10. Ich habe den stuck. Neunzig an einem Briefe nach Düsseldorf schreiben gesehen, und ans die Frage, was der lange Brief enthalte, gab Neunzig ganz unbefangen die Antwort, daß er die Burschenfeier einem Freunde beschreibe. 11. Wissen Sie nicht den Namen des Freundes, au den er schrieb? ack 11. Nein. 12. Wissen Sie nicht, was er geschrieben hat? nck 12. Nein, ich habe den Brief nicht gelesen. 13. Haben Sie keinen Grund zu glauben, daß Neunzig den Brief absichtlich, damit er abgedruckt werde, nach Düsseldorf geschrieben hat? — 87 — aä 13. Nein, das glaube ich nicht; Neunzig ist an sich schwatzseeliger Natur. 14. Hat sich Neunzig nicht gegen Sie geäußert, daß ihm das Fest mißfallen habe? ack 14. Nein. 15. Wer ist denn sonst noch von Düsseldorfern hier auf der Universität? acl IS. Ich kenne sie nicht alle. 1«1. Wissen Sie sonst nichts anzugeben? ack 16. Nein. Diese Fragen wiederholen sich der Hauptsache nach in zehn ähnlichen Aktenstücken, darunter eins von Hoffmann von Fallersleben unterzeichnet. Heine's Vorgänger war Eduard Böcking, der gleichfalls versichert, es sei in der Rede nichts von Politik, Vorgelesen und unterzeichnet Harry Heine. Academisches Gericht: Mittermaier, Viccsyndikns. Oppenhoff, Sekretair. aber wohl von Gott und Christus einiges vorgekommen. Die ganze Untersuchung ergicbt augenscheinlich, daß das Hoch ans die Burschenschaft eine Einbildung, die gefährlichen Worte in der Zeitung ein eigenmächtiger Zusatz Neunzigs oder des Redakteurs gewesen waren. Mittermaier führt deshalb am 37. in einem zehn Folioseiten füllenden Bericht den Beweis, daß ans dem Kreuzberge nichts Strafwürdiges sich ereignet habe. Er schließt mit dem Satze: „So vereinigt sich alles, um auch diesmal wieder zu beweisen, wie unsere Universität Gegenstand der Schwätzercien und des Neides ist, und wie uugegründet die Gerüchte über uns. Auch Nur dürfen mit dem Dichter sagen: „„Wir sind besser als unser Ruf."" Die Feier des 18. October ist auf eine durchaus würdige, dem Feste angemessene Weise von unfern Stndircnden veranstaltet gewesen; nicht einmal der Vorwurf der Unbesonnenheit kann ihnen gemacht, wohl aber das Lob eines männlichen, würdigen Benehmens erthcilt werden." Nur Neunzig meint Mittermaier, gegen den zwar der Vorwurf absichtlicher und böswilliger Klatscherei nicht begründet sei, möge doch einen Verweis er- — 89 — halteil, daß er, ohne gehörig instruirt gewesen zu sein und ohne Ueberlegung der Folgen, gegen die Wahrheit Erzählungen unter Umständen gemacht habe, unter welchen er den Mißbrauch derselben habe befürchten müssen. Der Senat, auch der Oberpräsident erklären sich mit diesem Urtheil einverstanden. Ernster sah man die Sache in Berlin an. Am 27. November 1819 rescribirt der Kultusminister von Altenstein dem Regierungsbevollmächtigten, Geheimrath von Rehfues: die von dem Studiosus Schweder gehaltene Rede enthalte zwar an sich nichts Strafbares; dergleichen öffentliche Reden für Studirende müssen aber überhaupt für unpassend angesehen werden, indem dadurch der Standpunkt derselben verrückt, und die Tendenz genährt werde, mit Verkennung ihrer nächsten und alleinigen Bestimmung zu einer Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten sich berufen zu glauben. Den Studirenden soll in Folge dessen nicht ferner gestattet werden, daß sie bei irgend einer Gelegenheit öffentliche Reden halten. Der strenge Ton in der Antwort des Ministers mag wesentlich durch einen Vorfall veranlaßt sein, der dem eben Erzählten sich anschließt. Wieder steht ein junger Mensch im Vordergrund, der bald zn Heine's vertrautesten Freunden gehörte. In Bonn hatte sich wie in den meisten rheinischen Städten eine Turngemeinde gebildet; der im vorigen Aufsatz erwähnte Johann Baptist Rousseau zeigte sein frühreifes Talent für Bnchmacherei zum ersten Male darin, daß er „Lieder für die Bonner Tnrngemeinde" zusammenstellte und einem Kölnischen Verleger M. Spitz zum Druck übergab. Das Ma- nuscript blieb aber liegen, und im Jahre 1819 wurden die Turngemeinden unterdrückt. Erst das bevorstehende Fest vom 18. October machte dem jungen Literaten wieder Hoffnung, feine Erstlingsarbeit dock noch gedruckt zu sehen Unter dein Vorgeben, die Bonner Studenten könnten das neue Werk kaum erwarten, drängte er den Drucker zur Eile, und so erschienen wirklich in ungefähr zweihundert Exemplaren „Lieder der Turngemeinde in Bonn, Deutschland 1820." Die Hälfte wurde noch am 17. October an Rousseau nach Bonn geschickt, ein Exemplar, das einzige, das der Verleger in Köln absetzte, kam aber dem Polizeipräsidenten ' ' . ' ' - — 91 — Struensee zu Gesichte, der sofort am 5, November von den bei Spitz noch vorräthigen Exemplaren ein Dutzend wegnahm, die übrigen unter Siegel legte und den höchsten Behörden von dieser neuen gefährlichen Lebensäußerung des so übel berufenen Turnwesens Kenntniß gab. Sehr mißvergnügt schreibt Solms am 14. November an Augusti, er solle die in Bonn vorräthigen Exemplare des Buches aufkaufen; alsdann den Studenten Rousseau darüber vernehmen, was er mit dein Ausdrucke „Turngemeiude zu Bonn" für einen Sinn verbunden habe, ob eine solche existire, und ob Jemand in ihrem Auftrage ihn aufgefordert habe, die Lieder zum Druck zu befördern. — Wenn der Oberpräsident dabei von Weitläufigkeiten redet, die diese Lieder schon veranlaßt hätten oder noch zu veranlassen drohen, so wurde seine Voraussicht nur zu bald durch ein Schreiben des Ministers des Innern und der Polizei, Herrn von Schuckmann, vom 12. November bestätigt. Der Minister legt dem Struensee'schcn Bericht offenbar weit größere Bedeutung bei als der Oberpräsident. Sehr ungehalten änßert er sich über den, trotz der vom König ausgesprochenen Unterdrückung, wieder hervortretenden Turnunfug, nicht weniger über den Inhalt der Lieder, die zum Theil aus der Feder von verdächtigen, ja verhafteten Männern hervorgegangen mit dem Schwur der Anhänglichkeit an einen in Criminal-Untersuchung befindlichen Mann und an die Einheit Deutschlands schließen. Deß- halb macht er dem Oberpräsidenten noch weit schärfere Maßregeln zur Pflicht, als dieser von Augusti bereits gefordert hatte, und kommt endlich zu dem Schlüsse: Da die Sammlung für die Feier des 18. Octobers in Bonn bestimmt gewesen sei, so sei eine gleich schädliche Tendenz dieser Feier selbst vorauszusetzen. — Indessen die Antwort des Oberpräsidenten war wohl geeignet, die Unruhe des Ministers zu beschwichtigen. Die von Augusti vorgenommene Untersuchung hatte alsbald herausgestellt, daß der angebliche Student Rousseau gar kein Student, sondern noch ein Schüler des Gymnasiums sei.*) Die so ungeduldig begehrten Exemplare fanden sich beinahe unberührt in Roussean's Besitz; nur wenige waren an Mitschüler verschenkt, um daraus am *) Rousseau wurde erst am IS. Mai 1820 immatrikulirt. — 93 — Ztachmittag des 18. Octobers einige Lieder absingen zu können. Solms meint demnach, er dürfe es dem Minister anHeim stellen, ob noch eine weitere Untersuchung stattfinden solle. Nach seiner Ansicht sei sie nicht nothwendig, nachdem der Druck weder von Studenten veranlaßt worden, noch für Studenten bestimmt gewesen sei, und schon seit Ostern in Bonn und in der ganzen Provinz nach dem Befehl des Königs das Turnen ein Ende genommen habe. Rousseau's Vater habe sich erboten, die wenigen ausgegebenen Exemplare von den Knaben, die sie besitzen, zurückzubringen; die in Köln befindlichen Exemplare seien durch den Polizeipräsidenten mit Beschlag belegt; die ganze Auflage könne also als eingezogen betrachtet werden. Auch die Ministerien in Berlin scheinen sich dabei beruhigt zu haben. Wie ernst man aber die Sache ansah, bezeugt mehr als alles ein indessen bei Solms eingelaufenes Schreiben Altenstcius vom 13. November. Auf Schnckmanns Anregung fordert auch dieser Minister in Bezug auf den Fackelzug und die Turnlieder den Oberpräsidenten zur strengsten Untersuchung und gegen alle, die sich dabei einer Unbesonnenheit oder eines Ungehorsams gegen die Königlichen Verordnungen schuldig gemacht haben, zur Anwendung der Strafmaßregeln ans, welche die Wichtigkeit des Gegenstandes erheische. Er mahnt dringend, daß ein guter Geist, d. h. der Geist des Gehorsams gegen die von der Regierung erlassenen Verfügungen an der Universität erhalten werde, und schließt mit den bezeichnenden Worten, es sei mit Grund zu fürchten, daß jedes ungesetzliche und von einer verderblichen Richtung zeugende Benehmen Seitens der Professoren oder der Studierenden für die Universität Bonn die nachthcilig- steu Folgen haben, ja selbst ihre Existenz gefährden werde. Es liegt auf der Hand, wie Vorfälle dieser Art auf einen jungen Menschen wirken mußten, selbst wenn er nicht einmal unmittelbar oder durch seine nächsten Freunde darin wäre verwickelt worden.. Auch mag hier bemerkt fem: so harmlos dergleichen Dinge meistens in den Untersuchungsacten sich ausnehmen, sie bezeichnen doch bei den Studierenden und bei einem großen Theil der academischen Lehrer eine Gesinnung, die gewiß nicht nach unserer Auffassung, wohl aber nach den Gesetzen jener Tage einem eifrigen Criminalbeamten wenig besser als Hochverrath hätte erscheinen können. Wie Heine in späterer Zeit mit diesen Gesetzen in Berührung kam, ist hier nicht zu erörtern. Ich erwähne nur noch ein Erlcbniß, das mir von Herrn Vincenz von Zuccalmaglio erzählt wurde, dem vor kurzen verstorbenen rheinischen Schriftsteller, welchen ich auch die Nachrichten über das Berhältniß seines Onkels Franz von Zuccalmaglio zu Heine (o. S. IS) verdanke. „Als ich mit meinem Brnder", schreibt Herr v. Zuccalmaglio, „1827—1830 in Heidelberg die Hochschule besuchte, hielt sich Heine's jüngerer Brnder zum Studium der Medicin dort auf, und Heine besuchte ihn. Mein Brnder erzählte mir, daß er ihm begegnet sei und sich sehr angelegentlich nach seinem Freunde, dem Oheim Franz, erkundigt, auch viel Rühmens von ihm gemacht habe. Einige Tage oder Wochen darauf (das Jahr vermag ich nicht anzugeben), saß ich mit mehreren Studenten auf der Wartburg bei Weinsberg, jenseits Heilbronn. Heinrich Heine war mit einer andern Partie Studenten, worunter auch — 96 — sein Bruder, anwesend. Da trat ein württembergi- scher Polizeimann in Civilkleidern unter die zechenden Studenten und ließ sich den Verfasser der Reisebilder zeigen. Er ging dann auf Heine zu und srug, ob er die Ehre habe, den Dichter Heine vor sich zu sehen. Der Angeredete schien freudig erregt und glaubte wohl, der Herr im Frack würde ihm Huldigungen, die seiner Dichtergröße gebührten, darbringen, wurde aber bitter enttäuscht, da er ihn im Namen des Gesetzes für einen Häftling erklärte und auf dem Schub über die Grenze brachte. Dies ist das erste und letzte Mal, daß ich H. Heine gesehen. Mein Bruder wußte mehr von ihm." Das Erlebuiß ist unzweifelhaft in den November 1827 zu setzen. Heine war im Sommer dieses Jahres aus England zurückgekehrt; einem Rufe des Freiherru von Cotta folgend, verließ er Hamburg Ende Octobers und reiste über Lüneburg, Frankfurt, Heidelberg, Stuttgart nach München, wo er Ende Novembers eintraf. Ueber seinen Aufenthalt in dieser Stadt geben die Mittheilnngen von Varu- Hagen und Cotta nähere Auskunft; von der Beschäftigung mit Shakespeare zeugt ein Ausdruck des folgenden Briefes, welchen ich der Güte des Herrn Berghauptmann Brassert in Bonn verdanke. Leider ist die Adresse abgerissen und der Inhalt nicht von der Art, daß ich angeben könnte, an wen er gerichtet ist. München, den 19. April 1828. Entschuldigen Sie, Lieber, wenn ich erst heute Ihren viel werthen Brief mit einigen Zeilen er- wiedere. Erst jetzt meldet sich hier in München ein besseres Wetter und in mir eine bessere Gesundheit; — ich wollte Ihnen nicht bei schlechtem Wetter und kranker Stimmung schreiben. — Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Gesinnungen; ich glaube nicht, daß ich sie in so vollem Maaße verdiene. lieber die Zeit woran Sie mich in Ihrem Briefe erinnern, habe ich nicht ohne Wehmuth lachen können. Die Pralerey der eigenen Jugend, wie ergötzlich klingt sie uns in späterer Zeit! Aber wie traurig ists, daß wir in späterer Zeit nicht mehr pralen können! Jetzt wissen wir, was an uns ist; Hllsfer, Heine. 7 — 93 — damals ahneten wir alle möglichen Kräfte lind wußten nicht, daß sich nur wenige in uns entwickeln würden. — Ich muß mich sehr geändert haben; jetzt disputire ich nicht, wenn ich Unsinn höre. Ich bin ein stiller Mann geworden; ein todter Merkuzio. — Leben Sie wohl. Ich denke es wird sich mahl so treffen, daß ich auch ihre persönliche Bekanntschaft mache. In freundlicher Ergebenheit H. Heine. III. Heine s Abgangszeugnis Heine hatte wohl Grund, sich während des Bonner Studienjahres nicht all zu viel mit politischen Dingen zu befassen; er selbst mußte fühlen, wie manche Lücke in seinen Kenntnissen auszufüllen blieb. Dem mangelhaften Unterricht auf der Düsseldorfer Schule war, ohne Abschluß durch eine Prüfung, die Frankfurter Wcchslerbank und die Firma Harry Heine und Compagnie in Hamburg gefolgt. Als der reiche Onkel 1819 für das Nechts- studium in Bonn die Mittel gewährte, mußte vorerst das Vergessene und noch Fehlende wieder angefrischt und nachgeholt werden. Dazu diente Heine und seinem Freunde Neunzig ein gemeinsamer Privatunterricht in Düsseldorf; in der Bonner Prüfung im December erhielten beide gleichwohl nur die letzte — 100 — Nummer, die Nummer III. Es wäre aber eiu Jrrthum, wollte mau dariu im Verhältuiß zu An- deru den Beweis besonders mangelhafter Kemuuisse finden. In Folge des langjährigeil Krieges, dem noch die Besetzung des französischen Gebietes sich ailschloß, gab es zahlreiche junge Leute, die ohne regelmäßiges Ghmnasialzengniß die Hochschule zu besuchen wünschten. Die Behörden kamen ihnen ans jede Weise entgegen. In Bonn war eine Jm- matrikulations-Commission von Professoren eingesetzt, in welcher der Vorsitzende Hnllniann in der Geschichte, Windischmann in der deutschen Sprache, Heinrich im Lateinischen und Griechischen, Diestcr- wcg in der Mathematik und den Naturwissenschaften die Prüfung abilahmen. Von 71 Candidaten erhielten im November und December 1819 nur vier die Nummer I, sieben die Nummer II, und sechszig die Nummer III. „Es befinden sich darunter", sagt ein Bericht der Commission, „Pharmazeuten, Forst- und Bergbau-Eleven, aber leider auch viele die sich den gelehrten Fächern bestimmen, ohne die nöthigen Schulkenntnisse zu besitzen. Auch diese sollen nach einer Bestimmung des Königl. Mini- ^ s- — 101 — stenums vom 1. Mai nicht zurückgewiesen werden." Die Mehrzahl erscheint denn auch in den Prüfungsprotokollen überaus unwissend. Im Griechischen, in der Mathematik fühlen sich bei weitem die Meiste», selbst im Lateinischen Manche zu schwach, um in die Prüfung nur einzutreten. Auch Heine wurde nur am 2. Dccember im Lateinischen, am 4. December in der Geschichte geprüft. In der Geschichte war er von den 16 Leidensgefährten offenbar der beste, „nicht ohne Kenntnisse", sagt das besondere Protokoll. Einen lateinischen Aufsatz hat er nicht geliefert. Für den deutschen Aufsatz hatte Windischmann das Thema gegebeil: „die Gründe, worauf es bei der Entscheidung für einen bestimmten Beruf wesentlich ankommt." Heine's Aufsatz ist leider nicht erhalten, wenigstens noch nicht wieder aufgefundeil. Nach Neunzigs Erinnerungen soll er das Thema durchaus huinvristisch behandelt haben; Strodtmann (I, 62) theilt danach eine Stelle mit, in welcher besonders die Schreibbänke der Hörsäle als Grundlagen der Weisheit und Gedenktafeln unsterblicher Namen gepriesen werden. Dies könnte wohl als eine „wunderliche Auffassung" gelten, aber würde es der Censor eines — 102 — derartigen Aussatzes leicht als „gutes Bestreben" bezeichnen? In dem Gesammtbericht, den die Com- mission am 30. December dem Consistorinm in Köln überschickt, lautet Heine's Zeugniß: Harry Heine Nr. III. Griechisch hat er nicht gelernt. Im Lateinischen ist er von unsicherer Kenntniß und zu geringer Hebung, weßhalb er auch keinen Aufsatz geliefert hat. Zu einer Prüfung in der Mathematik hat er sich nicht verstanden. In der Geschichte ist er nicht ohne alle^) Kenntnisse. Seine deutsche Arbeit, wie wohl auf wunderliche Weise gefaßt, beweist ein gutes Bestreben. Am 11. December wurde Heine als Ltncliosus suris st oamsralium in das Universitäts-Album eingetragen. Welche Vorlesungen er hörte, ersieht man genau aus dem folgenden Docnment, das, für Autographensammler unschätzbar, auch seinem Inhalt nach hier eine Stelle verdient. „Alle" ist Zusatz des Gesammtberichts. — 103 Im Winterhalbjahr 1819—1820. hörte ich beh: dem Herrn Professor Aug.Wilh. V.Schlegel: Geschichte der deutschen Sprache und Poesie. dem Herrn Professor C. Th. Welker: Enchclopedie, Methodologie n. Institutionen des römischen Rechts. dem Herrn Professor C. D. Hüllmann: Geschichte des Alterthums dem Herrn Professor E. M. Arndt: Geschichte des deutschen Volks und Reichs, dem Herrn Professor E. M. Arndt ebenfalls: llucntus: eis morilms sjei'iunuoi'um. Den fleißigen und aufmerksamen Besuch bezeuge ich mit Vergnügen. A. W. von Schlegel. Ausgezeichnet fleißig und aufmerksam gehört. C. Th. Welker. Ich bezeugeden rühmlichen Fleiß. Hüllmann. Den unausgesetzt fleißigen und sehr aufmerksamen Besuch beider Vorlesungen bezeugt mit vielem Vergnügen. E. M. Arndt. W W W WWWd^-:^ 104 — dein Herrn Professor I. Th. Radloff: Urgeschichte d. Deutschen. Den ununterbrochenen Besuch bezeugt vi-. Rudlos. Prof. Harry Heine aus Düsseldorfs. ttollcljicn.Verzciciinil! für WWWWUW>>WW>>W — 123 — ich am Rheine gehört." Aber es scheint nicht, daß die Kenner unserer Volkspoesie auf die Angabe großen Werth gelegt hätten. Von Karl Simrock weiß ich gewiß, daß er das Gedicht deshalb in seine kritische Sammlung deutscher Volkslieder nicht aufgenommen hat, weil er es für ein Erzeugniß Heine's hielt. Hier macht nun aber die Rheinische Flora ihrem Namen Ehre. Zu Anfang der Nummer 15 vom 25. Januar 1825 findet sich wörtlich Folgendes: Volkslied. Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht Wohl über die schönen Blaublümelein, Sie sind verwelket, verdorret. Ein Jüngling halt' ein Mägdlein lieb, Sie flohen gar heimlich von Hause fort, Es wüßt' weder Vater noch Mutter. Sie sind gewandert hin und her, Sie haben gehabt weder Glück noch Stern, Sie sind verdorben, gestorben. Auf ihrem Grab blau Blümlein blühn, Umschlingen sich zart, wie sie im Grab, Der Reif sie nicht welket, nicht dörret. (Im Bergischen aus dem Munde des Volkes aufgeschrieben von Wilh. v. Waldbrühl.) 124 — Wilhelm von Waldbrühl ist, wie früher bemerkt, der Name, unter welchem Anton von Znccalmaglio einen Theil seiner Schriften erscheinen ließ. Der nm die Geschichte seiner Heimath viel verdiente Mann hat schon in der Rousseau'schen Zeitschrift noch einige Volkslieder mitgetheilt und später eine umfassende Sammlung herausgegeben*), aber mit gewohnter Anspruchslosigkeit niemals öffentlich erwähnt, daß ein großer Dichter ein so merkwürdiges Gedicht ihm zu verdanken habe. Daß ein wirkliches Volkslied vorliegt, kann nach Zuccalmaglio's Erklärung nicht bezweifelt werden; etwas Anderes ist, ob auch jeder einzelne Ausdruck in der That ans dem Munde des Volkes aufgeschrieben sei. Man war vor fünfzig Jahren noch nicht gewohnt, dergleichen mit der kritischen Genauigkeit zu behandeln, die man sich *) Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen, unter Mitwirkung des Herrn Professor Dr. Mahmann in München und des Herrn v. Zuccalmaglio in Warschau herausgegeben von A. Kretschmer, Berlin 1840. Der zweite Band des Werkes ist nach Kretschmer's Tode in demselben Jahre von Zuccalmaglio veröffentlicht. Im I.Band Nr. 85i findet sich, unzweifelhaft von Zuccalmaglio mitgetheilt, das als rheinländisch bezeichnete Volkslied, aber mit ungeschickten, vielleicht von Kretschmer herrührenden Veründernngen. jetzt mit Recht zur Pflicht macht und so möchte ich nicht verbürgen, daß die von Zuccalmaglio besonders geliebten blauen Blumen in der letzten und vielleicht auch in der ersten Strophe wirklich auf freiem Felde gewachsen seien. Aber dies ist nur eine Nebenfrage; das Wesentliche und Interessante ist, daß die nächste Quelle Heine's in der rheinischen Zeitschrift sich gefunden hat. Heine veröffentlichte das Gedicht in dem Kalender für Damen 1829, also vier Jahre nach Zuccalmaglio, und daß er die Mitthcilung in der Flora kannte, ist bei seinen Beziehungen zu diesem Blatte unzweifelhaft. Seine Angabe braucht deshalb nicht unwahr znsein. Immer mochten, als er das Lied vor Augen hatte, alte verwandte Klänge, die er selbst früher gehört, in ihm wach werden. Jeder erkennt, auch in dem Wenigen, was er veränderte, die Meisterhand des Dichters, aber daneben ist es eine erfreuliche Wahrnehmung, daß die beiden größten Lyriker, deren Deutschland sich rühmen kann, daß Heine und Goethe so offen und bereitwillig anerkennen, wie viel sie dem eigensten und ursprünglichsten Ausdruck des nationalen Geistes, wie viel sie dem deutschen Volkslied verdanken. V. Zu Hcinc's Gedichten. Die Werke unserer großen Schriftsteller haben nur selten in der eigenen Handschrift, noch weit seltener im ersten EntWurfe sich erhalten. Um so werthvoller ist die Strodtmann'sche Ausgabe von Heine's Gedichten. Indem sie aus Manuscripten und älteren Drucken die verschiedenen Lesarten zusammenstellt, wird es möglich, ein Gedicht von der ersten Aufzeichnung oft durch eine ganze Reihe von Wandlungen bis zur letzten Vollendung zu verfolgen. Wir werden in die innerste Werkstatt des Dichters geführt und schätzen neben der dichterischen Begabung auch den gewissenhaften Fleiß, der sich nicht genug thun, nicht ruhen kann, bis auch der leiseste Mißton, das letzte Hemmniß in dem melodischen Fluß der Verse verschwinden. Wer das Gefühl für den eigensten Wohllaut deutscher Metrik schärfen will, wird sich nicht leicht nützlicher beschäftigen, als mit den Varianten zu Heine's Werken. Ich habe erwähnt, daß Sethe schon in früherer Zeit sorgfältig aufbewahrte, was ihm von dichterischen Erzeugnissen seines Freundes zukam. In seinem Nachlaß finden sich 24 Gedichte in Heine's Handschrift, eins und das älteste ganz ungedruckt, mehrere mit noch unbekannten Strophen, daneben zahlreiche Varianten, die als Ergänzung der Strodt- mann'schen Ausgabe der Mittheilung Werth erscheinen. I. In dem ältesten Briefe Heine's aus Hamburg wird ein früherer Mitschüler Namens Wünnebcrg erwähnt. Durch ihn sind auch die folgenden Verse veranlaßt. Sie füllen fünf Octavseiten zwei ineinander gelegter Quartblätter. Die Schrift gleicht der in den Hamburger Briefen. Die letzte Strophe ist in späterer Zeit, und, ich möchte glauben, nicht von Heine hinzugeschrieben. Das Gedicht ist von Interesse, schon als das einzige, das aus dem Knabenalter des Dichters sich — 128 — erhalten hat. Maximilian Heine theilt zwar in den „Erinnerungen" (S. 135) vier Verszcilen mit, die sein Brnder am 1. Februar 1613 für den wiederkehrenden Hochzeitstag der Eltern gedichtet habe. Aber Strodtmann hat eben den Nachweis geführt, daß diese Zeilen im Wesentlichen gar nicht von „Harry Heine", sondern von Klamer Schmidt, einem Dichter des vorigen Jahrhunderts, herrühren und schon im Göttinger Musenalmanach für 1777 gedruckt wurden.'^) Man liest dort: An Doris zwanzigstem Geburtstage. O habt ihr über Glück und Unglück noch Gewalt, Ihr Gbtter, gebt dem Glück auf heute viel Befehle: Denn Grazie. Verstand und schöne Seele Sind heute Zwanzig alt. *) Strodtmann, Heine's Leben, 2. Aufl. II., S. IV., und Klamer Schmidt's Leben und Werke, Stuttgart 1826, I, 478. Sonderbar, daß dieser Klamer Schmidt gleich nach seinem Tode in Rousseaus rheinischer Flora wieder erscheint. Schon in der ersten Nummer hält ihm Smets eine Leichenrede; Raßmann veröffentlicht Briefe, die er im Jahre 1816 von ihm erhalten hatte, und die Redaction verspricht, „durch Raßmanns Vermittelung noch manche liebliche Reliquie des seligen Dichters mitzutheilen." Vielleicht mag in der frühen Verbindung Schmidt's mit Westphalen und dem Rhein die Veranlassung zum Vorschein kommen, welche dem Knaben Heine das Gedicht eines doch nicht eben weit bekannten Autors in die Hände spielte. MWWWWWl 129 Statt der beiden letzten Zeilen sagt das Hochzeitsgedicht: Wenn Vater und der Mutter schöne Seele Heut seiern ihren schönsten Tag. Die Entlehnung fremder Verse, die ungeschickte Einschiebung einzelner Worte würde nicht einmal auf dichterisches Talent schließen lassen. Um so mehr kann es überraschen, daß in der hier folgenden Schülerpoesie — also wenn nicht gleichzeitig, doch höchstens ein oder zwei Jahre später — bereits so entschiedene Begabung, ja so manche Eigen- thümlichkeitcn des reifen Alters hervortreten. Jeder wird schon durch den Inhalt an den Atta Troll erinnert, aber nicht blos durch den Inhalt, auch durch den Ton, das Versmaß, die Darstellungs- wcise. Wie geschickt sind die reimlosen Trochäen behandelt! Einzelne Strophen könnten ganz wohl dreißig Jahre später geschrieben sein. Wmmeberqmde ein Heldengedicht in S Gesängesns. l- Gesang. Holde Muse gieb mir Kunde Wie einst hergeschoben kommen, Jenes kugelrunde Schweinchen, Das da Wünneberg geheißen. Hüffer, Heine. 9 — 130 — Auf den iserloner Triften Ward mein Schweinchen einst geworfen, Allda stehet noch das Tröglein Wo es weidlich sich gemästet. Täglich in der Brüder Mitte Burzelt es herum im Miste, Auf den Hinterpfötchen hüpfend, — Zernial ist Dreck dagegen. Und die Mutter mit Gefallen Schauet ihres Sohn's Gedeien, Wie das feiste Wänstchen schwellet, Wie die Ziegelbackcn quellen. Und der Vater mit Entzücken Hört des Sohnes erstes Quirren, Und das lieblich helle Grunzen Dringt zum väterlichen Herzen. Aber soll im Mist verwelken Diese zarte Ferkenblume? Soll der Sprößling edler Beester Ohne Nachruhm einst verrecken? Also sinnen nun die Eltern Was ihr Söhnchen einst soll werden, Und sie stritten, stritten lange, Mit den Worten, mit den Fäusten. „Holde Drütch!" sprach der Ehherr, „Du mein alter Rumpelkasten! „Ja ich kusche, ja ich schwör es, „Ja, mein Sohn soll Pfäflein werden. „Dorthin, wo die schmucke Düffel „Schlänglend sich im Rhein ergießet „Dorthin send ich meinen Lümmel „Zu studieren Gottgelahrtheit. — 131 — „Dorten lebt mein Freund Asthöver „Den ich einst traktirt mit Caffo, „Und mit Bretzel und mit Plätzchen, — „Schlau erwägend künftige Zeiten, „Auch der riesenmächt'ge Damen „Wandelt dort sein geistlich Leben; „Schreckhaft zittern seine Jünger, „Wenn er schwingt die Musengeißel. „Diesen Männern Übergeb' ich „Meinen Sohn zur strengen Leitung, „Diese wähl er sich zum Vorbild, „Bis sein Bauch sich einst verkläret," Also sprach zur Frau der Ehherr, Und er streichelt ihr das Pfötchen; Aber sie umarmt ihn glühend, Daß der Schmerbauch heftig dröhnet. Halt die Ohren zu, o Muse! Jetzo wird mein Schwein geschäuert. Mit der Glut im Wasserküven; Und es schreit und krächzt erbärmlich. Und ein klimperklein Frisörchen Kräuselt ü I'oiitünt die Borsten, Parfümirt sie mit Pomade, — Bis nach Gersheim hat's gerochen. Und mit vielen Complimenten Kommt ein Schneider hergetrippelt. Und er bracht' ein altdeutsch Nöcklein, Wie's Arminius getragen, 9 ^ — 132 — Unter solcher Vorbereitung War die Nacht herabgesunken, Und zur Ruhe blies der Sauhirt, Jeder kroch in's niedre Ställchen. Z, Gesang. Schnarchend lag der Hausknecht Tröffel, Bis der Tag herangebrochen, Endlich rieb er sich die Augen, Und verließ sein weiches Lager. Und im Hofe schon versammelt Findet er die Hausgenossen, Um den jungen Herrn sich drängend, Und sie nehmen rührend Abschied. Sinnend steht der ernste Vater, Als behorcht er Flöhgespräche; Und die Mutter kniet im Miste Betend für des Sohns Erhaltung. Auch die Kuhmagd hörbar schluchset, Denn es scheidet der Geliebte, Den sie einst in Lieb befangen Durch der dicken Waden Reitze. „Lebewohl" die Brüder grunzen, „Lebewohl" der Kater mauet; Und der Esel zärtlich säufzend Seinen Jugendfreund umarmet. Selbst die Hüner traurig gackern; Nur der Bock der schweigt und schmunzelt, Er verliert ein Nebenbuhler Bey den holden Ziegenpärchen. MMW>MW>WWWUWWW>>WWWWWWW — 133 — Traurig, in der Freunde Mitte, Stand nun selbst mein armes Schweinchen, Liebevoll die Aeugleinglänzen, Und es ließ das Sterzchen hängen. Da erhub sich männlich Tröffel: „Sagt was soll das Weiberplärren, „Selbst der edle Ochs der weinet, „Er, den ich für Mann gehalten! „Aber Tröffel kann dies ändern!" Sprachs, und rasch im edlen Zorne, Packte er mein Schwein behm Kragen, Band zusammen alle Vieren, Lud es schnell auf seinem Schubkarn, Und er schiebet flink und lustig, Ueber Felder über Berge, Bis an Düsseldorfs Lyzeum. Aber, der euch dies erzählet Wundert euch, das ist ein Jude, Und er hat ein Schwein besungen Aus Purer Toleranz. H. Heine. Ucber den Helden des Gedichtes weiß ich nichts näher anzugeben. Das Bonner Universitätsalbmn der Jahre 1818—1813 nennt „Ferdinand Ignatz Wünnenberg, Sohn eines Fabrikassessors aus Leth- inathe bei Iserlohn, 21 Jahre alt", als Studiren- dcn der Rechte. Möglich, daß hier Heine's Mit- — 134 — schüler gemeint ist, Asthöver und Dahmen waren Lehrer am Lhceum, der letztere mit einer besonders stattlichen Fignr begabt. Gcrsheim ist Gerresheim in der Nähe von Düsseldorf. Einer von Heine's treuesten Jugendfreunden, Herr vr. Joseph Neunzig, dessen werthvolle Mittheilungen ans den vorhergehenden Seiten mehrmals erwähnt wurden, hat dort seinen Wohnsitz genommen und am 22. August 1873 sein fünfzigjähriges Jubiläum als Doctor der Medicin gefeiert. Erst seit dem ersten Abdruck dieser Mittheilungcn hat er sein rüstiges Alter beschlossen. Viel vergebliche Conjecturen habe ich auf die eigentliche Bedeutung des „Zernial" in der dritten Strophe verwendet. Ich muß gesteheu, daß ich ihn zuerst für ein Apothekernlittel hielt. Aber Herr Neunzig belehrte mich, daß man darunter den Namen eines Schulkameraden zu verstehen habe, der durch sein „Burzelbaum-Talent", lange vor Maßmann, Heine's Bewunderung erregte. Als Heine 181S aus Hamburg nach Düsseldorf zurückkehrte, ging ihm schon der Ruf voraus, daß er gar schöne Verse zu machen wisse, und manche von den Töchtern der Stadt erbat und erhielt etilen — 135 — Reim für das Album. Vielleicht ließe sich davon noch Einiges auffinden. Die folgenden Verse, deren sich Herr Neunzig erinnerte, gehen freilich nicht über den gewöhnlichen Werth solcher Poesien hinaus: Ich wohnte früher weit von hier, Zwei Häuser trennen mich jetzt von Dir: Es kam mir oft schon in den Sinn Ach! wärst du meine Nachbarin. II. Auch das folgende Gedicht: „Deutschland. Ein Traum," ist aus früher Zeit, wenn auch schwerlich aus dem Jahre 1816, wie Strodtmann (Werke XVII, 227) annimmt. Ich lasse es hier abdrucken, weil es in seiner ursprünglichen Gestalt noch nicht bekannt geworden ist. Sohn der Thorheit! träume immer Wenn dir's Herz im Busen schwillt; Doch im Leben suche nimmer Deines Traumes Ebenbild! Einst stand ich in schvnern Tagen Auf dem höchsten Berg am Rhein; Deutschlands Gauen vor mir lagen Blühend hell im Sonnenschein. MWWWWWWWW Unten murmelten die Wogen Wilde Zaubermelodeyn, Süße Ahnungschauer zogen Schmeichelnd in mein Herz hinein, Lausch' ich jetzt im Sang der Wogen, Klingt viel andre Melodeh: Schöner Traum ist längst verflogen, Schöner Wahn brach längst entzweh. Schau ich jetzt von meinem Berge In das deutsche Land hinab: Seh ich nur ein Völklein Zwerge Kriechend auf der Riesen Grab. Such' ich jetzt den goldnen Frieden, Den das deutsche Blut ersiegt, Seh' ich nur die Kette schmieden, Die den deutscheu Nacken biegt. Narren hör ich jene schelten, Die dem Feind in wilder Schlacht Kühn die Brust entgegenstellten, Opfernd selbst sich dargebracht. O der Schande! jene darben Die das Vaterland befreit; Ihrer Wunden heil'ge Narben Deckt ein grobes Bettlerkleid! Muttersöhnchen gehn in Seide, Nennen sich des Volkes Kern, Schurken tragen Ehrgeschmeide, Söldner brüsten sich als Herr'n. — 137 — Nur ein Spottbild auf die Ahnen Ist das Volk im deutschen Kleid; Und die alten Röcke mahnen Schmerzlich an die alte Zeit: Wo die Sitte und die Tugend Prunklos gingen Hand in Hand; Wo mit Erfurchtscheu die Jugend Vor dem Greisenalter stand; Wo kein Jüngling seinem Mädchen Modeseufzer vorgelügt; Wo kein witziges Despötchen Meineid in System gefügt; Wo ein Handschlag mehr als Eide, Und Notarienakte war; Wo ein Mann im Eisenkleide, Und ein Herz im Manne war. — Unsere Gartenbeete hegen Tausend Blumen wunderfein, Schwelgend in des Bodens Seegen Lind umspielt von Sonnenschein. Doch die allerschönste Blume Blüht in unfern Gärten nie. Sie die einst im Alterthume Selbst aus felstger Höh gedieht); *) Die Worte: „Selbst aus starrem Fels gedieh", sind durchstrichen. — 138 — Die auf kalter Bergesveste Männer mit der Eisenhand Pflegten als der Blumen beste, — Gastlichkeit wird sie genannt. Müder Wandrer steige nimmer Nach der hohen Burg hinan, Statt der gastlich warmen Zimmer Kalte Wände dich empfah'n. Von dem Wartthurm bläßt kein Wächter Keine Fallbrück rollt herab; Denn der Burgherr und der Wächter Schlummern längst im kühlen Grab. In den dunkeln Särgen ruhen Auch die Frauen minnehold; Wahrlich hegen solche Truhen Reichern Schatz denn Perl' und Gold. Heimlich schauern da die Lüfte Wie von Minnesängerhauch; Denn in diese heil'geu Grüfte, Stieg die fromme Minne auch. Zwar auch unsre Damen preis' ich. Denn sie blühen wie der May; Lieben auch und üben fleißig Tanze», Sticken, Malerey; Singen auch mit süßen Reimen Von der alten Lieb' und Treu'; Freilich zweifelnd im Geheimen Ob das Mährchcn möglich seh? Unsre Mütter einst erkannten, Sinnig wie die Einfalt Pflegt, Daß den schönsten der Demanten Oft der Mensch im Busen trägt. Ganz nicht aus der Art geschlagen Sind die klugen Töchterlein, Denn die Frau'n in unfern Tagen Lieben auch die Edelstein. Traum der Freundschaft — Mocht' auch Aberglauben herrschen Denn die schöne Jördansperle Hat des Römers Geiz verfälscht, Fort ihr Bilder schönrer Tage! Weicht zurück in eure Nacht! Weckt nicht mehr die eitle Klage Um die Zeit die uns versagt! Ilsiiie. In dem Sethe'schen Manuscript ist die Ueber- schrift bis ans die letzte Spur wieder ausradirt. — 140 - Nicht viel besser ist es einem Zusatz zur Unterschrift ergangen, aber nachdem ich ihn unzählige Mal vergeblich angesehen, finde ich, daß er Ltucl. juris bedeutet. So bietet er einen Anhaltspunkt für die Entstehung des Gedichtes. Es gehört in die Studentenzeit, die Jahre 1819 oder 1820. Denn dem Inhalt nach hat es offenbar am Rheine seinen ersten Ursprung genommen, unter dem Gefühl eines Mißvergnügens, wie es durch die politischen Verfolgungen hervorgerufen war. Ich glaubte auch annehmen zu dürfen, für die Bonner Jahre sei die Handschrift dieses und der vier zunächst erwähnten Gedichte (Nr. III-VI) entscheidend. Sie hat sich aus der früheren, welche die Hamburger Briefe zeigen, zu außerordentlich schönen, sorgfältigen Zügen entwickelt; gleich in den ersten Briefen aus Berlin und in Allem, was sonst von Heine's Hand mir vorliegt, kommt dagegen eine eilige, daher mehr liegende und längst nicht so feste und charakteristische Schrift zum Vorschein. Allein jene Annahme erweist sich als irrig. Das Papier, auf welchem diese fünf Gedichte enthalten sind — ein Bogen und ein einzelnes Blatt in Quart — trägt das Wasserzeichen — 141 — 4. Ilatmauu. Dieses selbige Zeichen mit dem Zusätze Uonckon findet sich anch auf dem Umschlag eines Briefes, den Ednard Gans, Heine's Freund, in Berlin an Friedrich v. Räumer schickte, und das nicht genug: es findet sich auch auf Heine's Brief an Sethe vom 14. April 1822. Danach würde gewiß kein Geschwornengericht mit der Erklärung zurückhalten, die fünf Gedichte seien in Berlin zu Papier gebracht. Das Eigenthüinliche der Schrift, die Verschiedenheit von den Berliner Briefen erklärt sich wesentlich dadurch, daß die letzteren in Eile, die Gedichte dagegen als Reinschrift, mit großer Sorgfalt offenbar für einen besondern Zweck niedergeschrieben sind: ein Umstand, der denn auch nicht ausschließt, daß sie iu beträchtlich früherer Zeit entstanden sein könnten. In dem vorstehenden Gedichte sind die 6., 7. und 8. Strophe von Heine im Manuscript durchstrichen und niemals in Druck gegeben, gewiß nicht aus einem ästhetischen Grunde — sie sind vielleicht unter allen die bestell —, sondern aus Besorguiß vor der Ccnsurbehvrde. Es möchte ihnen auch übel ergangen sein. Denn schon ein kleines Gedicht über — 142 — die Plagen eines Berliner Recruten, ein Volkslied, das Heine in der von Rousseau herausgegebenen Zeitschrift Agrippina vom 11. August 1824 abdrucken ließ, war hinreichend, um sofort die Unterdrückung der Zeitschrift herbeizuführen.*) Die drei Strophen vor der letzten (2ö— 27) mögen noch Schärferes enthalten haben, da Heine sie nur durch Gedankenstriche auszufüllen wagte. Statt ihrer findet mau noch in dem letzten Abdruck in Heine's Werken (XVII, 230) eine sonderbare Strophe, über deren Entstehung eine Bemerkung hier am Orte ist. Auf den früheren Blättern wurde mehrmals unter Heine's Bekannten Friedrich Stcinmann erwähnt. Heine behandelte ihn mit der freundlichen Nachsicht, die einen so liebenswürdigen Zug seines Charakters bildet. Aus Göttingen, auch noch aus Berlin schrieb er ihm zu wiederholten Malen; dann löste sich das Verhältniß, und Heine wurde unangenehm *) Vergl. Letzte Gedichte und Gedanken von Heinrich Heine (herausgegeben von Strodtmann als Supplementband zu den Werken), Hamburg 1869, S. 17 und 398, und Strodtmann's Bemerkungen in der Beil. z. Augsb. Allg. Ztg. vom 23. November 1869. berührt, als Steinmann viele Jahre später, ohne anzufragen, die Göttinger Briefe in seinem Mephistopheles 1842 veröffentlichte. Ein Jahr darauf scheute sich der wenig gewissenhafte Vielschreiber nicht, in einem Musenalmanach, den er herausgab, drei Jugendgedichte Heine's abdrucken zu lassen, mit der Unterschrift: „H. Heine, Paris," als seien sie eben gedichtet und für den Musenalmanach eingesendet worden. Es ist das hier abgedruckte nebst zwei anderen, die später unter Nr. VIII und XIII zn erwähnen sind. Heine, den wohl am meisten verdroß, daß man unbedeutende Jugendarbeiten als Erzeugnisse seines reifsten Alters zn bezeichnen wagte, erließ dagegen folgende Erklärung in Laube's Zeitung für die elegante Welt vom 8. Februar 1843 (Werke XX, 3S6): „Was Sie mir von dem Musenalmanach des Herrn Friedrich Steiumann sagen, würde mich amü- siren, wenn die Sache nicht zugleich von der Gewissenlosigkeit zeugte, womit gewisse Leute iu Deutschland jeden Schabernack ausbeuten, der mir in böswilliger oder auch harmloser Absicht gespielt wird. Ich habe mir in der Buchhandlung jenen Musenalmanach zeigen lassen, und ich autorifire Sie, in — 144 — Ihrem Blatte zu erklären, daß die zwei Gedichte, die mit der Unterschrift Heine und Paris darin abgedruckt stehen, weder während meines Aufenthalts in Paris verfaßt, noch überhaupt jemals von mir zum Drucke gegeben wordein Ich erkenne in dem ersten dieser Gedichte nur die flüchtigen Worte, die ich vor etwa zwanzig Jahren einem Freunde zum Componiren mitgetheilt habe, und die wahrscheinlich auch seitdem als Musiktext erschienen; von dem anderen Gedichte habe ich auch nicht die leiseste Erinnerung, doch ist es leicht möglich, daß es um dieselbe Zeit, vor etwa zwanzig Jahren, in irgend einem scherzenden Privatbriefe unter anderen Selbstpersiflagen meiner damaligen Manier aus meiner Feder floß. Ich würde vielleicht kein Wort hierüber verlieren, wenn Herr Steinmann jene Verse nicht aus Paris datiert und somit als Produkte meines hiesigen Aufenthalts bezeichnet hätte. Ich habe ja ganz dazu geschwiegen, als derselbe Herr Steinmann vor einem Jahre sich eine ähnliche Unziemlichkeit gegen mich zu Schulden kommen ließ, indem er ohne meine Erlaubniß und überhaupt ohne Anfrage allerlei alte Privatbricfc von mir drucken ließ." — 145 — Heine hatte allerdings das eine dieser Lieder dein Componisten Joseph Klein früher niitgetheilt, aber die Quelle des unberufenen Herausgebers hat er nicht crrathen. Diese ist keine andere, als die Sethe'schcn Manuscripte, die Steimnann sich leicht verschaffen konnte. Schon die beiden kleineren Gedichte machen die Annahme wahrscheinlich, und das zuletzt hier mitgetheilte macht sie gewiß. Heine selbst hat dies Gedicht im Berliner Zuschauer vom 22. Januar 1822 mit der Neberschrift: „Deutschland, ein Traum" veröffentlicht, aber ohne die drei im Manuscript dnrchstrichencn Strophen U, 7 und 8, und ohne Andeutung der drei anderen, die der letzten Strophe vorhergehen. Im Steinmann'schen Musenalmanach findet man dagegen als vorletzte Strophe eben die sonderbaren Verse, auf die ich vorher hinwies: „Aberglaube, Trug und Lüge Herrschen — Leben ohne Reiz, Und die schöne Jordansperle Hat verfälscht des Römers Geiz." Ihre Entstehung erklärt sich jetzt leicht genug. Jeder erkennt sie sofort als eine ungeschickte Zu- sammenziehung der von Heine in drei verschiedene Hllsser, Heine. Ig — 146 — Strophen vcrtheilten, andeutenden Worte. So nachlässig ist der unberufene Herausgeber verfahren, daß er in dem streng durchgereimten Gedicht nicht einmal einen Reim für die erste und dritte Zeile gesucht hat. III. „Dein Augesicht so lieb uud schön" u. s. w., wie in den Werken XV, 151. Die zweite Zeile lautet ursprünglich: das Hab' ich jüngst im Dom — statt im Traum — gesehen. Strophe 2, Zeile 2 ist durchstrichen und dafür geschrieben: Bleich küssen wird auch die der Tod; eine Veränderung, die später nicht beibehalten wurde. Zeile 3: Er löscht dir aus das süße Licht. IV, V und VI. „Und Wüßtens die Blumen die kleinen u. s. w. „Seit die Liebste war entfernt" u. s. w. „Ach wenn ich nur der Schemel wär'" u. s. w. Ganz wie in den Werken XV, 160, 169. VII. „Ich wandelte unter den Bäumen" u. s. w., mit der Ueberschrift: „Liebe"; sonst wie in den Werken XV, 66, nur in Strophe 2, Zeile 2: luft'ger statt luftiger, Strophe 4, Zeile 4: uiemand statt Niemanden. VIII. „Wenn ich bei meiner Liebsten bin Dann geht das Herz mir auf Dann dünk' ich mich reich in meinem Sinn Und frag: ob die Welt zu kauf? Doch wen» ich wieder fcheiden thu Aus ihrem Schwanenarm Dann geht das Herz mir wieder zu Und ich bin bettelarm." Eins der Gedichte, deren unbefugte Mittheilung Heine in Paris verdrossen hat. Dies ist die älteste Fassung. Später verbesserte Heine Strophe 1, Zeile 3 und 4: Dann bin ich reich in meinem Sinn, Ich bieth die Welt zu Kauf: ferner Strophe 2, Zeile 1: Doch wenn ich wieder scheiden muß; Strophe 2, Zeile 3: Dann schwindet all mein Ucberfluß. So ist es von Steinmann, wohl unzweifelhaft nach Sethe's Papieren, im Musenalmanach mitgetheilt, danach in den Werken XV, 54. Nur ist Strophe 1, Zeile 4 statt „Und" zu lesen „Ich". 10* — 148 — WUWWWWWWUU „Gewiß, gewiß der Rath war gut, Hätt unser eins kein junges Blut; Wir trinken aus, wir schenken ein, Wir klopfen an, sie ruft herein. Hat uns die Eine fortgeschickt, Die Andre hat uns zugenickt, Und wird uns hier das Weinglas leer, Ei nun, es wächst am Rheine mehr." Nur in Sethe's Papieren erhalten und daraus von Strodtinann in Heine's Leben, 1. Ausg. II, Luv und in den Letzten Gedichten Seite 13 als „Fragment eines Rhein- und Weinliedes" veröffentlicht. Ich kann aber dies kleine Gedicht nicht für ein Fragment und noch weiliger für ein Rhein- und Weinlied halten. Heilte pflegte in Berlin, wie Joseph Klein später oft erzählte, gar keinen Wein zu genießen. Er bewahrte sich allerdings auf seinem Zimmer eine Flasche mit Rheinwein, begnügte sich aber, daran zu riechen, weil er vom Trinkeil Kopfschmerzen befürchten mußte. X. „Ich will mich im grüneil Wald ergehen" u. s. w. Ein kleines Gedicht von sechs Zeilen, nur in Sethe's Papieren enthalten und daraus von Strodtmann — 149 — in Heine's letzten Gedichten Seite 8 abgedruckt. Statt „Vögelgesang" ist aber in der 6. Zeile „Vögelgesänge" zu lesen. XI. „Wir wollen jetzt Frieden machen" u. s. w. Auch dies Gedicht mit dem Schluß: ..Kommt her ihr Blumen, jede Soll mir willkommen sein, Nur mit der schlimmen Resede, Laß ich mich nicht mehr ein." ist nur in Sethe's Papieren aufbewahrt und daraus von Strodtmann in den Letzten Gedichten Seite 9 veröffentlicht. Die sonderbare Feindschaft gegen das „stille bescheidene Kraut" wird auch in dem Buch Legrand (I, 249) erwähnt. XII. „Ich will ineine Seele tauchen" u. s. w„ wie in den Werken XV, 152. XIII. „Ich wollte meine Lieder" u. s. w. Zuerst von Steinmann im Musenalmanach, sehr wahrscheinlich nach Sethe's Papieren, mitgetheilt, danach in den Werken XV, 57. Die Echtheit des kleineil Gedichts, — ISO — das Heine selbst völlig vergessen hatte, wird nun durch seine Handschrift sicher gestellt. XIV. „Die Erde war so lange geizig" n. s. w., in den Werken XV, 165. Strophe l, Zeile I lautet im Manuscript: „Jetzt kommt der Mai und wird spendabel," Strophe 3, Zeile 1 und 2: „Das Menschenvolk mich ganz enuhiret, Sogar die Freunde, die sonst passabel." XV. „Du liebst mich nicht, dn liebst mich nicht" u. s. w., wie in den Werken XV, 155. Strophe I, Zeile 4: „Bin ich so froh wie'n König." Str. 2, Z. 3: „Vieth mir es" n. s. w. Dies Gedicht und die neun folgenden füllen die vier Seiten eines Briefbogens in großein Quart. Sie sind, mit Ausnahme des letzten, in dem Lhrischen Intermezzo der Tragödien — April 1823 — zum ersten Abdruck gelangt. XVI. „Auf meiner Herzliebsten Aeugelein Mach' ich die schönsten Canzoncn u. s. w., Werke XV, 156. MMWWWWWWWWI WWWWWWWWWWWWWMWmMMMMWMil — 151 — Zeile 3: „Mündchen" statt „Mündlein", Zeile 6: „Wänglein fein" statt „Wängelein", Zeile 8: „Da wollt ich drauf inachen ein zartes Sonett". Interessant ist der oftmalige Wechsel im Anfange der zweiten, vierteil, sechstel: und achten Zeile. Zuerst schrieb Heine: „Da mach' ich," aber »och ehe er die vierte Zeile anfing, war das „Da" gestricheil und das kleine m des folgenden Wortes in den großen Buchstaben verwandelt. Später ist alleil vier Zeilen das „Da" noch einmal vorgesetzt, um daun schon beim ersteil Abdruck des Gedichts wieder wegzufallen. XVII. „Die Rose, die Lielje, die Taube, die Sonne" u. s. w., Werke XV. 150. Zeile 3: „und ich liebe" statt „ich liebe". XVIII. „Die blauen Veilchen der Aeugelein" u. s. w., genau wie in den Werken XV, 106. XIX. „Und als ich so lange, so lange gesäumt" u. s. w., Werke XV. 166. Strophe 2, Zeile 1: WWWWWWWNWKWWWWWW^- M — 152 — „lieb und mild", statt „schön und mild"; Zeile 2: „mir vor ihr schönes" statt „vor mir ihr süßes"; Z. 3: „und" statt „die". Z. 4: „blühen und glühen" statt „glühen nnd blühen". Dann findet sich noch eine dritte Strophe, die im Druck weggelassen und noch nicht bekannt geworden ist: Oft wenn ich sitze und einsam bin, Kommt mir die Frage in den Sinn: Ob sie denn meiner ganz und gar Vergessen hat auf immer dar? Dann seufz' ich und muß zu mir selber sagen: Das ist die dümmste der dummen Fragen. XX. „So hast du ganz und gar vergessen" u. s. w., Werke XV, 160. Ganz wie es zuerst im Lyrischen Intermezzo gedruckt wurde. XXI. Die Welt ist so schon und der Himmel so blau" u. s. w., Werke XV, 167. Zeile 2: „die wehen" statt „wehen"; Zeile 3: „die winken" statt „winken". XXII. Wo ich bin, mich rings umdunkelt" u. s. w., Werke XV, 189. Strophe 2, Zeile 3: „jähnt" statt gähnt". XXIII. „Wenn ich in deine Augen seh" u. s. >v„ Werke XV, 150. Strophe 1, Zeile 2: „dann" statt „so"; Strophe 2, Zeile 4, „dann" statt „so". Die vierte Zeile der zweiten Strophe lautete zuerst: „Dann wein ich still und bitterlich". „Bitterlich" wurde später in „freudiglich" verändert, bis im Abdruck die jetzige Lesart „So muß ich weinen bitterlich" erscheint. XXIV. „Gekommen ist der Maye" u. s. w., Werke XVI, 158. Schon Steinmann (Erinnerungeil an Heine, S. 54) und Strodtmann (Lebeil Heine's I, 510) habeil Varianten, wie es scheint, nach dem Setheschen Manuscript mitgetheilt, aber beide nicht ganz genau. Das kleine, liebenswürdige Gedicht ist erst nach Vielsachen Veränderungen zu seiner Gestalt gelangt. Die älteste Fassung lautet: Gekommen ist der Maye, Die liebe Erd ist grün, Wohl durch die Himmelsbläue Die rosigen Wolken ziehn. Die Nachtigallen singen Wohl in der laubigen Höh, Die weißen Lämmer springen Wohl in dem weichen Klee. WWWWWWWM Ich sitze mit meinem Kummer Im hohen grünen Gras, Da kommt ein sanfter Schlummer, Ich träum ich weiß nicht was. Ich denk an meine Schöne Ich denk ich weiß nicht was Es rinnt gar manche Thräne Hinunter in das Gras. Die beiden letzten Strophen genügten dem Dichter nicht, er fand statt ihrer den glücklicheren Abschluß: Doch ich kann nicht singen und springen. Ich liege krank im Gras, Ich hör ein süßes Klingen Und träume, ich weiß nicht was. Schon der erste Abdruck im Gesellschafter vom 20. Juni 1822 zeigt noch manche Verbesserungen, aber immer konnte der Dichter sich nicht genug thun. Erst zwei Jahre später in dein von Rousseau Heransgegebenen Westtcutschen Musenalmanach erscheint das Gedicht in vollendeter Gestalt, so fein und zierlich ausgefeilt, daß man die Vergleichung mit der älteren Form gern hier vornehmen wird. Sonderbarer Weise ist es dann von Heine zwanzig Jahre lang vergessen. Im Buch der Lieder (1827) sucht man es vergebens; erst 1844 in dei? Neuen — 155 — Gedichten lesen wir wieder, bis auf eine geringe Abweichung — „höre" statt „hör' ein" — genau wie im Ronsseau'schen Musenalmanach: Gekommen ist der Maye, Die Blumen und Bäume blühn, Und durch die Himmelsbläue Die rosigen Wolken ziehn. Die Nachtigallen singen Herab aus der laubigen Höh, Die weißen Lämmer springen Im weichen, grünen Klee. Ich kann nicht singen und springen, Ich liege krank im Gras, Ich höre fernes Klingen, Mir träumt ich weiß nicht was. Es giebt kaum eine bessere Illustration zu dem Satze: Genie ist Fleiß, als dies kleine Gedicht. Denn nur die höchste Intelligenz, der feinste Sinn für die Kunst, nur sie verleihen die unermüdliche Ausdauer, die auch die kleinsten Mängel nicht unbeachtet läßt und das Kunstwerk der Vollendung eutgegenführt. VI. Heine und Karl Hillebrand. Ueber Heine's Verhältniß zu Hillebrand ist, so viel ich weiß, niemals etwas bekannt geworden, ein Umstand nur erklärlich durch die übergroße Abneigung meines verehrten Freundes, von sich selbst zu reden. Um so dankbarer muß ich für die folgende Mittheilung sein, die über die Leidenszeit des Dichters und die Entstehung des Nomancero so interessanten Aufschluß giebt. Will man eine unzweifelhaftere Bestätigung, daß eine unverwüstliche geistige Kraft den Dichter beseelte? Man darf es wiederholen: wo findet sich in der Literaturgeschichte ein zweites Beispiel solcher Arbeiten, während solcher Leiden. Einem Menschen, der so etwas über sich vermocht, will man Ernst, Ausdauer, Tiefe ganz absprechen? und wissenschaftlichen Sinn dem, der sich unter den Qualen eines solchen Siechthums die umfangreichen, historisch-theologischen Werke Spittlers, Tholuks und Spaldings vorlesen läßt? Wie viele giebt es in der literarischen Zunft, die auch in gesunden Tagen dazu Lust und Ausdauer haben? Und wie liebenswürdig spricht sich die Güte des Dichters in der thätigen Sorge für den jungen Landsmann aus, der das Loos des Verbannten mit ihm theilte! Alle Freunde Heine's sind aber auch dem Verfasser des Briefes für die Dienste verpflichtet, die er dein Kranken leistete. Es ist ein sehr erfreulicher Gedanke, daß die uuter so vielen Schmerzen entstandenen Gedichte gleich, da sie zum ersten Male laut wurden, ihre Aufzeichnung durch die Hand eines Freundes erhielten, der ihren Werth und den Werth des Dichters zu schätzen verstand. Professor Hillebrand schreibt: Florenz, 7. Januar 187b. Sie fragen mich, ob ich Ihnen nicht etwa interessante Notizen über Heine mittheilen könnte, in dessen Krankenstube ich vor mehr als einem Viertel- jahrhundert so viele Tage verbracht. Leider hielt ich kein Tagebuch, und trotz meiner damaligen Begeisterung für den Dichter und meiner Anhänglichkeit an den Menschen war ich jugendlich leichtsinnig genug, all das schöne Gold, das ans des Dichters Munde floß, anstatt es sorglich aufzuspeichern, durch die Finger gleiten zu lassen. Denn er war ein Verschwender: Witz und Bild strömten ohne Unterlaß von seinen Lippen, und man hätte nur kein jämmerliches Sieb sein müssen, wie ich es war, um den Strom aufzufangen. Doch will ich versuchen, einzelnes Thatsächliche in mein Gedächtniß zurückzurufen, indem ich jedoch sorgfältig alles Persönliche des Dichters, alle Beziehungen zu Frau und Freunden bei Seite lasse; denn gerade die Sicherheit, mit welcher man in meiner Gegenwart handelte und sprach, legt mir in dieser Beziehung Verschwiegenheit auf. Ich kam im Spätherbst 1849 nach Paris und ward bald darauf durch einen alten Zeitungscorre- spondenten, Herrn Löwenthal, bei Heine vorgestellt, der meines Vaters Werke kannte und die etwas allzustrenge Kritik im dritten Bande der „National- — 159 — literatur" keineswegs übel genommen hatte. Wir wurden bald handelseinig, und obwohl meine Casse damals recht schlimm bestellt war, wären wir auch handelseinig geworden, wenn der Dichter mir seine harten Fünffrankenthaler, die er seufzend aus der rothen Börse unter dem Kopfkissen hervorzuziehen pflegte nicht angeboten hätte. Er war damals schon an sein Bette (in der ruo ä'^mstoräam) gefesselt, wenn man anders dies Matratzenlager ein Bett nennen kann. Sein Gehör war schon geschwächt, seine Augen geschlossen, und nur mit Mühe konnte der abgemagerte Finger die müden Augenlider hinaufschieben, wenn der Poet etwas zu sehen verlangte. Die Beine gelähmt, der ganze Körper zusammengeschrumpft: so ward er alle Morgen von Weiberhand — er konnte keine männliche Bedienung ertragen — auf den Sessel gehoben, während das Bett gemacht wurde. Nicht das geringste Geräusch konnte er erdulden. Seine Leiden waren so heftig, daß er, um nur etwas Ruhe, meist nur vier Stunden Schlafes zu erlangen, Morphium in drei verschiedenen Gestalten einnehmen mußte. In seinen schlaflosen Nächten dichtete er dann wohl seine wnn- ^ZMMiWÄLLM — 160 — derbarsten Lieder. Den ganzen Romanccro hat er mir dictirt. Das Gedicht war jedesmal ganz fertig am Morgen. Dann aber gings an ein Feilen, das Standen lang währte, und wobei ich ihm vice ootm diente, oder vielmehr er meine Jugend wie Molicre die Unwissenheit Louisons benutzte, iudem er mich über Klang, Tonfall, Klarheit u. s. w. befragte. Dabei ward dann jedes Präsenz und Imperfecta»! genau erwogen, jedes veraltete und ungewöhnliche Wort erst nach seiner Berechtigung geprüft, jede Elision ausgemerzt, jedes unnütze Adjcctiv weggeschnitten; hie und da auch wohl Nachlässigkeiten hineincorrigirt. Ich erinnere mich lebhaft jedes einzelnen Gedichtes der Sammlung, ziemlich genau auch der Commentare vornehmlich über Personen, die er dazu machte. Auch Privatbriefe dictirte er mir öfters, meist auf Geldverhältnisse bezüglich. Der übrige Thcil meines Besuches, der täglich drei bis vier Stunden dauerte, ward dem Lesen gewidmet. Von den Schriftstellern, die ich ihm vorlas, entfallen mir die gelehrten beinahe sämmtlich, da ich gar kein Interesse daran nahm, und sie nur mechanisch hinlas: waren — 161 — es doch meist theologische Werke oder wenigstens kirchenhistorische, wie ich denn den ganzen Spittler und den noch gewichtigeren Tholnck durchaus mit ihm lesen mußte, ebenso Spaldings „Religion"; freilich auch die Bibel, die er fast auswendig wußte, und in der ich ihm oft ganze Kapitel vorlas, vornehmlich im alten Testamente. Von Zeitungen wollte er nichts wissen, höchstens las er das Journal clos Oodats, aber als ich ihm einst H. Laube's Geschichte des ersten deutschen Parlaments brachte, die mir mein Vater geschickt hatte, mußte ich ihm alle drei Bände vorlesen, und obschon er die etwas conservative oder vielmehr gothaische Richtung des Verfassers nicht billigte, so ward er doch nicht müde, den reinlichen Stil, die Lebendigkeit der Porträts, die Feinheit des Urtheils zu rühmen. Dichter aber lasen wir viele: ich habe in den acht bis neun Monaten, während welcher ich ihn besuchte, mit ihm gelesen: Wilhelm Meister, Wahrheit und Dichtung, Tasso, Faust (beide Theile), Geisterseher und fast alle Dramen Schillers, für die er eine große Bewunderung hegte. Namentlich schätzte er Wallen- stcin ganz ungemein. Dabei nun ließ er sich nicht Hüsfer, Heine. 11 — 162 — die Mühe verdrießen, den zwanzigjährigen Jungen in's Geheimniß des Handwerks einzuweihen, ihm das Warum und Wie gewisser Stilformen, ja sogar der Kunstgriffe des Dichters, die er sofort herausfand, auseinanderzusetzen, ihn auf die feinsten Nuancen aufmerksam zu machen, ihm immer und immer wieder die Sobrictät der Klassiker anzupreisen. Ich will, wie gesagt, nicht auf Persönliches eingehe», doch darf und muß ich sagen, daß der Dichter mich stets mit einer Güte und liebevollen Rücksichtnahme behandelte, die tief in meinem Herzen eingeprägt geblieben. Auch nachdem ich Paris im Sommer 1850 hatte verlassen müssen, vergaß er mich nicht, half mir sogar mit seinem Wenigen ans, als ich in der Roth war, und ich konnte ihn nur mit Mühe dazu bewegen, sein kleines Darlehen zurück zu nehmen, das er mir als nachträgliche Zahlung geleisteter Dienste aufdrängen wollte. Die kurzen Briefe — meist mit Bleistift unterzeichnet — die er dem „jungen Freunde" in der Provinz schrieb, habe ich leider, wie fast alle Andenken an die berühmten Männer, mit denen ich in Beziehung getreten bin, verloren. Ein Jahr vor seinem Tode — 163 — sah ich ihn noch einmal wieder in der nenen Wohnung der Champs Elhsoes, und fand ihn genau denselben. Er verlangte zu hören, was ich geschrieben, wie er denn auch früher schon sich immer meine Versuche vorlesen lassen und corrigirt hatte. Doch rieth er mir französisch zu schreiben — er selbst sprach das Französische uncorreet und mit einem starken Accent, aber mit einem sehr richtigen Gefühl der Sprache — und nicht vor das Publikum zu treten, bis ich mich durch gründliche Vorbereitung zu allen Prüfnngen und Bestehung dieser Prüfungen der französischen Bildung ganz bemächtigt hätte. So danke ich ihm zu viel Anderein auch dies, daß ich im Exil nicht verbummelt bin, daß ich fünf volle Jahre darauf verwendet habe, mich der Zucht einer zweiten Schul- und Universi- tätsbilduug zu unterwerfen, alle meine academischen Grade vom Abiturientenexamen bis zur Doktorpromotion in der Sorbonne redlich zu erkämpfen, und was nicht das Geringste ist, daß ich nie eine Zeile vor dem vollendeten dreißigsten Jahre habe drucken lassen. 11" VII. Aeußcrungcn Heine s über die musikalische Bearbeitung seiner Gedichte. Heine hat stets auf die Composition seiner Lieder großen Werth gelegt. Er war nicht im eigentlichen Sinne Kenner der Musik; seine Berichte über die musikalischen Zustände in Paris, wenn auch voll von treffenden Urtheilen und geistreichen Bemerkungen, gehen doch nicht über die Grenze hinaus, die den Dilettanten von dem Fachmai,nc trennt. Er war auch keines Instrumentes mächtig. Der Versuch, ihn als Knaben die Geige erlernen zu lasse», hatte keinen andern Erfolg, als daß er von dem wenig gewissenhaften Lehrer seine Lieblingsmclodien sich vorspielen ließ. Aber er war im höchsten Grade empfänglich für Musik, und welcher Dichter hat die Zauber der Lorelei, die tönenden Gluthen, in denen — lös — Frau Mette untergeht, mit größerer Gewalt zum Ausdruck gebracht? Schon der Titel seiner Gedichtsammlung forderte den Componisteu auf; auch wird bereits aus sehr früher Zeit berichtet, daß die Romanze der beiden Grenadiere von dem Düsseldorfer Tondichter Max Kreutzer in Musik gesetzt und dem Marschall Soult gewidmet wurde. Zu Heine's Jugendfreunden gehörte besonders während des ersten Berliner Aufenthalts der Musiker Joseph Klein, der Bruder des Componisteu Bernhard Klein, dessen Heine in den Briefen aus Berlin mit besonderem Lobe gedenkt.^) Joseph Klein führte in Folge seines eigeuthümlichen Wesens den Zunamen Johannes Kreisler nach dem liebenswürdigen Sonderling in Hoffmanns Fautasiestücken. Er setzte mit Vorliebe Heine's Gedichte in Musik, und dieser hatte au Kleiu's Compositiouen großes Gefallen. Mehrere Jahre später, als Heine in Hamburg war, ergriff ihn plötzlich das Verlangen, sie wieder zu hören. „Mein lieber Johannes Kreisler" Brief vom IL. März 1822, Werke XIII, 66. Einen Nekrolog Joseph Klein's enthält die Kölnische Zeitung vom 21. Februar 1862. — schreibt er ihm am 23. December 1823 — „Ob- schon wir wechselseitig gewissenhaft versprachen, uns in der Folge oft zu schreiben, so mögen doch Wohl drei bis vier Jahre verflossen sein, ohne daß es Einem von uns einfiel, dieses Versprechen zu cr- fttlleu. Meinerseits kann ich mich sehr gut damit entschuldigen, daß ich oft nicht an Dich gedacht habe. Gestern Abend aber — weiß der Teufel, wie es kam — dachte ich und schwatzte ich von Dir eine ganze Stunde lang und zwar mit dem Komponisten Albert Methfessel, dem ich von Dir und Deinem Musik- Genie so Viel erzählte, bis er ordentlich ärgerlich wurde, daß ich ihm meine von Dir so trefflich componirten Lieder nicht schnell verschaffen konnte. Ich gestehe Dir, ich selbst möchte sie gern zuweilen hören, sintemal Keiner von Denen, die sich dran versucht, sie so hübsch compouirt hat, wie Du, der Du den speciellen Vorthcil hattest, eben so verrückt gewesen zu sein, wie der Verfasser der Texte. Gestehen muß ich zwar auch, daß ich mehrere Kompositionen derselben nicht kenne, z. B. die Melodien, die ein sHuberts Ries in Berlin dazu gesetzt hat und die sehr hübsch sein sollen." Nach den Kom- — 167 — Positionen von Ries erkundigt sich Heine wenige Tage darauf auch bei Simrock und dankt später für die mitgetheilte hübsche Melodie.*) Von allen diesen Kompositionen ist jedoch keine in weitere Kreise gedrungen, und wiederum die Kompositionen von Schubert, Mendelssohn, Schumann, welche das Entzücken Unzähliger wurden, diese sind dem Dichter weit weniger als man wünschen sollte, zu Gute gekommen. Es war eine Kümmerniß des Exils und nicht die geringste, daß er zu den Melodien seiner eigenen Lieder fremde Worte in einer fremden Sprache hören mußte. „Schuberts Popularität," schreibt er am 26. März 1843 aus Paris (XI, 392) „ist hier sehr groß und sein Name wird in der unverschämtesten Weise ausgebeutet. Der miserabelste Liederschund erscheint hier unter dem siugirten Namen Camille Schubert, und die Franzosen, die gewiß nicht wissen, daß der Vorname des echten Musikers Franz ist, lassen sich solchermaßen täuschen. Armer Schubert! Und welche Texte werden seiner Musik untergeschoben! Es sind "h Briefe vom 30. Dec. 1825 und 26. Mai 1826 XIX. 251. 270. — 168 — namentlich die von Schubert komponirten Lieder von Heinrich Heine, welche hier am beliebtesten sind, aber die Texte sind so entsetzlich übersetzt, daß der Dichter herzlich froh war, als er erfuhr, wie wenig die Musikverleger sich ein Gewissen daraus machen, den wahren Autor verschweigend, den Namen eines obscuren französischen Paroliers auf das Titelblatt jener Lieder zu setzen. Es geschah vielleicht auch aus Pfiffigkeit, um nicht an Droits ä'autöur zu erinnern. Hier in Frankreich gestatten diese dem Dichter eines komponirten Liedes immer die Hälfte des Honorars. Wäre diese Mode in Deutschland eingeführt, so würde ein Dichter, dessen „Buch der Lieder" seit zwanzig Jahren von allen deutschen Musikhändlern ausgebeutet wird, wenigstens von diesen Leuten einmal ein Wort des Dankes erhalten haben. — Es ist ihm aber von den vielen hundert Kompositionen seiner Lieder, die in Deutschland erschienen, nicht ein einziges Freiexemplar zugeschickt worden!" Wenn Heine sich dabei der überschwenglichen Dankesworte Beethovens an Matthisson erinnerte, für das „selige Vergnügen, das die himmlische — 169 — Adelaide ihm bereitet habe", so wird man ein Gefühl des Unmnths begreiflich finden. Seit 1848, als Siechthum ihn an das Zimmer fesselte, hörten musikalische Genüsse ganz für ihn auf. Er preist die Nacht, die ihn endlich von der Folter nachbarlicher Pianofortes erlöst, aber in seiner eigenen Wohnung befand sich, wie es scheint, nicht einmal ein Instrument. Gleichwohl waren es musikalische Interessen, die noch in später Zeit eine Verbindung mit dem Rheine herbeiführten. Michael Schloß, der Verleger der von L. Bischof redigirten rheinischen Musikzeitnng in Cöln setzte im Jahre 1851 einen Preis von 50 Thalern ans die beste Composition eines einstimmigen Liedes mit Clavierbegleitnng. Um Texte zu erhalten, hatte man sich an namhafte Dichter, unter Anderen auch an Heine gewendet. Heine schickte drei Lieder, alle wenig später auch im Romancero veröffentlicht, nämlich das Gedicht, welches zuerst und dann wieder im Romancero „Altes Lied" überschrieben wurde (XVIII, 155), ferner Das goldene Kalb (XVIII, 00) und die Nächtliche Fahrt (XVIII, 80). Das erste und dritte dieser Gedichte müssen zum Verständniß — 170 — des Folgenden hier eine Stelle finden, das erste noch in der Fassung, wie es Heine der Redaktion übcrschickte. Aktes Liest. 1. Du bist gestorben und weißt es nicht, Erloschen ist dein Augenlicht, Erblichen ist dein rothes Mündchen, Und du bist todt, mein todtes Kindchen. 2. In einer schaurigen Sommernacht Hab' ich dich selber zu Grabe gebracht; Klaglieder die Nachtigallen sangen, Die Sterne sind mit zur Leiche gegangen. 3. Der Zug, der zog den Wald vorbei, Da standen die Bäume in dunkler Reih', Die Tannen, in Trauermänteln vermummet, Die haben Todtengebete gebrummet. 4. Am Weidensee vorüber ging's. Die Elfen tanzten inmitten des Rings; Sie blieben plötzlich stehen und schienen Uns anzuschau'n mit Beileidsmienen. 5. Wohl auf dem Kirchhof, an Deinem Grab, Mir strömten die Thränen die Wangen hinab; Und hätt ich nicht dort eine Rede gesprochen. So wär' mir das Herz im Leibe gebrochen. — 171 — Nächtliche ch'alirt. Es wogte das Meer, aus dem dunklen Gewölk Der Halbmond lugte scheu; Und als wir stiegen in den Kahn, Wir waren unsrer Drei, Es plätschert' im Wasser des Ruderschlags Verdrossenes Einerlei; Weißschäumende Wellen rauschten heran, Bespritzten uns alle Drei. Sie stand im Kahn so blaß, so schlank, Und unbeweglich dabei; Als war sie ein welsches Marmorbild, Diancns Konterfei. Der Mond verbirgt sich ganz. Es pfeift Der Rachtwind kalt vorbei; Hoch über unfern Häuptern ertönt Plötzlich ein gellender Schrei. Die weiße gespenstische Möve war's, Und ob dem bösen Schrei, Der schauerlich klang wie Warnungsruf, Erschraken wir alle Drei. Bin ich im Fieber? Ist das ein Spuk Der nächtlichen Phantasei? Äfft mich ein Traum? Es träumet mir Grausame Narrethei. Grausame Narrethei! Mir träumt', Daß ich ein Heiland sei. Und daß ich trüge das große Kreuz Geduldig und getreu. — 172 — Die arme Schönheit ist schwer bedrängt, Ich aber mache sie frei Von Schmach und Sünde, von Qual und Noth, Von der Welt Unslätherei. Du arme Schönheit, schaudre nicht Wohl ob der bittern Arznei; Ich selber kredenze dir den Tod, Bricht auch mein Herz entzwei. O Narrethei, grausamer Traum, Wahnsinn und Raserei! Es gähnt die Nacht, es kreischt das Meer, O Gott! O steh' mir bei! O steh' mir bei barmherziger Gott! Barmherziger Gott Schaddei! Da schollert's hinab in's Meer — o Weh — Schaddei! Schaddei! Adonai! Die Sonne ging auf, wir fuhren an's Land, Da blühte und glühte der Mai! Und als wir stiegen aus dem Kahn, Da waren wir unsrer Zwei. Die Gedichte waren von dem folgenden Briefe begleitet, den ich, wie auch den späteren vom 12. März, dem gegenwärtigen Besitzer, Herrn Jnstiz- rath Fay in Cöln verdanke. Adressirt sind beide an Herrn Michael Schloß, denselben, an welchen im Anhang der Strodtmann'schen Sammlung — 173 — (XXI, 443) noch sieben Briefe aus den Jahren 1853, 1854 und 1855 sich finden. Paris, 15. Februar 1851. Hochgeehrter Herr! Eine ganz besondere Unpäßlichkeit hat mich verhindert, Ihr werthes Schreiben früher zu beantworten, auch war ich früher nicht im Stande, Ihnen die beiliegenden Gedichte zu schicken, die Ihren Wünschen einigermaßen entsprechen dürften. Seit vielen Jahren mache ich keine sangbaren Lieder mehr in der frühern Weise; nur der Frühling und der Sommer bringt Blumen, ich aber bin jetzt fünfzig Jahre alt und seit drei Jahren bettlägerig, was keine lyrische Stimmung aufkommen läßt. Das erste der überschickten Lieder sind wirklich alte Klänge, die ich aus dem Gedächtnisse aufgefischt und zugestutzt. — Ob das zweite Gedicht Jhreu Zwecken entspricht, weiß ich nicht im Boraus nur ein sehr geistreicher Componist dürfte sich an diese Rhythmen wagen. Dagegen glaube ich Ihnen im dritten Gedichte, daß ich erst dieser Tage geschrieben, etwas sehr Eomponirbares gegeben zu haben; nur — 174 — muß der Compouist verstehen, was hier im Dunkeln vorgeht, und die Steigerung der schwülen Stimmung, die bis zur größten Leidenschaftlichkeit aufschreit und nachher doch wieder ruhig abgedämpft wird, einigermaßen wiedergeben. Jedenfalls sind hier Motive, welche einen Musiker anreizen. Ich danke Ihnen für die letzte Büchersendung; ich werde Ihnen dieser Tage die Bücher zurückschicken und eine größere Liste von Büchern, die mir allenfalls zusagen, beifügen; ich wünsche nicht, daß Sie mir zur Complettirung einer Sendung etwas mitschicken, was ich nicht verzeichnet habe. Empfangen Sie, hochgeehrter Herr, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung und Ergebenheit. seigenhändigs Heinrich Heine. Das zweite dieser Lieder, „Das goldene Kalb", konnte nicht leicht Jemanden zur Composition einladen. Die Redaktion wählte, wie mau leicht begreifen wird, das erste; nur wünschte man eine Veränderung der letzten Strophe, die für eine mu- — 175 — sikalische Bearbeitung wenig Vortheilhaft erschien. Bei dem dritten Liede klagte man, es sei dunkel, wenigstens schwer zu verstehen. Wie freundlich Heine auf diese Ausstellungen und Wünsche einging, beweist der folgende Brief: Paris, 12. März 1851. Geehrtester Herr! Aus Ihrem jüngsten Schreiben ersah ich, daß Sie die letzte Strophe meines Liedes abgeändert sehen möchten. In der That, es will mich ebenfalls bedünken, als sei dieser Schluß für den Com- ponisten nicht sehr tanglich. Ich schlage Ihnen vor, diese letzte Strophe durch folgende zu ersetzen: „Der Mond, der stieg vom Himmel herab Und hielt eine Rede auf Deinem Grab; Die Sterne weinten, die Vögel sangen, Und in der Ferne die Glocken klangen." Das Lied mögen Sie immerhin anders tituliren. Ich schlage Ihnen vor, ihm die Aufschrift zu geben: Du bist todt, oder: Du bist gestorben, oder auch: Der Liebe Leichenbegängniß. Ich kann mir wohl denken, daß mein drittes Gedicht: Die nächtliche Fahrt, Ihnen nicht ganz verständlich sei; ich muß Ihnen aber bemerken, daß eben das Mysteriöse der Charakter und der Hanpt- reiz dieser Dichtung sein soll. Ich habe heute zu viel nm die Ohren, als daß ich Ihnen weitere Andeutungen geben könnte; vielleicht aber komme ich später darauf zurück, wenn ein Komponist mit einer besonderen Frage mich angehen sollte. Ich mache Sie ans die Hauptsache aufmerksam: Drei Personen steigen in den Kahn, und bei ihrer Rückkehr an's Land sind ihrer nur zwei. Schon durch den Reim habe ich diese Hauptsache prägnant hervorzuheben gesucht. Es geht daraus deutlich hervor, daß ein Mord begangen worden, und zwar an der Schonen die schweigend geblieben und höchstens das Wehe ausgerufen hat, welches in der vorletzten Strophe vorkommt. — Ueber die Motive des Mordes erfährt man nichts Bestimmtes; nur ahnet man, daß er ein Act der Schwärmerei: ein Liebender oder ein Moralrigorist oder sonst ein Heiland an z,stik piock begeht die That ans innen» Drang, nicht aber ganz ohne Zweifel an seiner moralischen Berechtigung — er will die Schönheit retten vor Befleckung, „von der Welt Nnflätherei," nnd doch weiß er nicht, ob er nicht etwa eine Narrheit begeht oder im Wahnsinn handelt. Dieser innere Seelenproceß, der sich bis zum höchsten Angst- rnf steigert und ein furchtbares Drama im Dunkeln bildet, kann aber durch Musik am besten wiedergegeben werden. — Nach dem letzten Ausbruche der Angstrnfe, wobei ich die bei kabalistischen Beschwörungen üblichen Gottesnamen anwende, tritt wieder die vollkommenste Ruhe ein, ja eine fast ironische Rnhe der Natnr, die von den Qualnissen der Menschensecle keine Notiz genommen hat und nach wie vor grünt und blüht. — Ich werde Ihnen dieser Tage ihre jüngste Büchersendung wieder retour schicken nnd werde bei dieser Gelegenheit die Vor- ncht gebrauchen, daß ich auf dem Bücherverzeichnisse, welches ich Ihnen mitschicke, diejenigen Bücher, nach denen mich besonders gelüstet, vorzugsweise mit einem * bezeichne, sollten Sie nun von diesen bekreuzten Büchern gar keine vorräthig haben, so mögen Sie immerhin mit der Sendung einige Zeit sänmen, damit ich sicher sei, daß unter den Hiisser, Heine. 12 178 — Büchern, welche ich erhalte, wenigstens einige sind, die mir zusagen. Genehmigen Sie die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. seigenhändigf Heinrich Heine. Niemand wird verkennen, wie sehr das erste der früher mitgetheilten Gedichte, für den Componisten, durch die veränderte letzte Strophe gewonnen hat. Aber der Dichter mußte fühlen, daß die erneuerten Vögelgesänge an dieser Stelle nur abschwächend wirken. Im Romancero lesen wir: „Und als wir kamen zu Deinem Grab, Da stieg der Mond vom Himmel herab. Er hielt eine Rede. Ein Schluchzen und Stöhnen, Und in der Ferne die Glocken tönen." Zu dein zweiten Gedicht hat Heilte keine Veränderungen angegeben, doch könnte man seine Auseinandersetzung beinahe einer Veränderung und Verbesserung gleichachten. Immer bleibt es ein Uebel- stand, wenn eilt poetisches Werk der Erklärung bedarf; selbst Goethe's Erklärung der Ballade „Vom Vertriebenelt und zurückkehrenden Grafen" läßt sich schwerlich zum Beweise des Gegcntheils anführen. Znhalts-Derzeichmsz. Vorwort III I. Aus Heine's Jugendzeit. Heine und Christian Sethe 1 II. Heine vor dem Bonner Universitätsgericht 74 III. Heine's Abgangszeugniß 99 IV. Heine und I. B. Rousseau 107 V. Zu Heine's Gedichten 127 VI. Heine und Karl Hillebrand 156 VII. Aeußerungen Heine's über die musikalische Bearbeitung seiner Gedichte 164 — 179 — Aber sofern ich von mir auf Andere schließen darf, muß das Heinc'sche Nachtstück für meine Leser außerordentlich gewinnen, wenn sie es nach diesem Briefe noch einmal vor Augen nehmen und über die gar zu dunkeln Vorgänge Klarheit sich verbreiten sehen. „Der Liebe Leichenbegängniß" erschien mit der von Heine angegebenen Veränderung in der Rheinischen Musikzeitung vom 29. März 1851 Nr. 39. Daneben finden sich Gedichte von Pfarrius und Sternau zur Auswahl mitgetheilt. Ob es compo- nirt wurde, weiß ich nicht; schwerlich ist eine Com- position jemals Heine zu Ohren gekommen. Dagegen sollte ihm kurz vor seinem Tode noch eine Freude dieser Art zu Theil werden. Im Herbst 1855 gab der Kölner Münnergesang- verein zum Besten des Doms eine Reihe von Con- certen in Paris. Die bedeutendsten Kenner waren einstimmig in ihrem Lobe, und von Heine hörte man, daß er über den Triumph deutscher Kunst und deutsche» Gesanges seine Freude geäußert habe. Gerade die Compositionen Heine'scher Gedichte hatten vornehmlich den Erfolg herbeigeführt; unter den 12* — 180 — Sängern regte sich der Wunsch, dein kranken Dichter durch Vortrag dieser Lieder ihren Dank zu bezeigen. Einer von ihnen, Herr Mennig, hatte von Joseph Klein einen Empfehlungsbrief an Heine erhalten nnd wurde am 29. September nebst einem in Paris lebenden Schüler Kleins bei ihm eingeführt.^) Sie fanden den Dichter in dem Zimmer der Avenue Natignon Nr. 3, das so oft beschrieben wurde, auf einem niedrigen, mit Rehhaut überzogenen Ruhebette. Mit lebhafter Thcilnahme sprach er von seinem lieben alten Freunde und erfreute sich besonders an einer — noch ungcdruckten — Composition der beiden Grenadiere von Klein, welche die beiden Rheinländer nebst andern Melodien ihm vorsangen. Eine Folge dieses Besuches war, daß einige Tage später auch der Director des Vereins und einige der vorzüglichsten Mitglieder Zutritt erhielten. Mit gedämpfter Stimme, damit Ueber diesen Besuch findet sich ein Bericht in der KölnischenZeitung vom 24.Februar 18S6 von Csarlf Cframers, den mir Herr Mennig im Wesentlichen als richtig bestätigte. Ueber den späteren Besuch des Gesangvereins ließ sich eine Aufzeichnung des Herrn Andreas Pütz benutzen. es den Kranken nicht behellige, wurde nun — meistens nach Mendelssohns Compositionen — eine Reihe seiner Lieder vorgetragen, unter anderen „Am fernen Horizonte," „Der Hcrbstwind rüttelt die Bäume", „Leise zieht durch mein Gemüth", „Auf Flügeln des Gesanges", „In dem Wald bei Mondenscheine" lind das Quartett: „Entflieh mit mir und sei mein Weib." Heine zeigte sich außerordentlich erfreut, mehrmals erhob er sich von seinem Lager und sagte lebhaft: „Das ist eine vortreffliche Allsfassung! Besser konnte man meine Gedanken nicht wiedergeben." Einen wehmüthigen Eindruck machte es aber, daß von allen diesen Compositionen beinahe keine einzige ihm bekannt war. Längere Unterhaltung erlaubte der leidende Zustand nicht, und Heine's Frau mahnte leise zum Aufbruch. Noch eiumal bezeigte der Dichter den scheidenden Sängern seinen Dank; kaum vier Monate später, am t7. Februar 18S6, hatte er aufgehört zu leben. Sinnentstellende Druckfehler: 24 Z. 11 v. u. lies „ui>" statt „uus." 26 Z. gv. u, ist einmal „nur" zu streichen. 40 Z. 10 v. o. ist einzuschalten „Heine's Leben I, 126. 40 Z. 13 v. o. ist einzuschalten „Aufsatz." 10S Z. 1 v. u. lies „Traumbild" statt „Traumlied. Druck von Fr. Aug. Eupel in Sondershaulen.