Kleine Weltgeschichte zum Unterricht und zur Unterhaltung von I. G. A. Galletti, Professor zu Gotha. Neunter Theil. Neue verbesserte Auflage- Gotha, bep C. W. Etti ng er, 1804. Inhalt. Drcy und zwanzigstes Kapitel. Gewerbe. Acker-und Gartenbau. Innungen. Mechanische Künste. Wollen- und Seidcnmanufakturcn. Bildende Künste. Handel. Deutsche Hanse. Schiffahrt. Geldhandel. S. r Vier und zwanzigstes Kapitel. Schilderung der Lebensweise, Wohnung, . Kleidung, Tafel. Hvffeste. Hofstaat. Jagd. Sittenverderbniß. z? Fünf und zwanzigstes Kapitel. Glaubenslehre. Christliche Moral. Werth des Klosterlebcns und der Casteyungen. Neue Mönchsorden. Bettelmönche. Inquisition. Provisionen, Annaten, und andre päbstliche Anmaßungen. 6z Sechs- IV Sechs und zwanzigstes K apitel. Studium der Alten. Ausbildung der neuem Sprachen. Rittcrpvcsie. Neuere Dicht- kunst.Ges chjchte. Länderkunde. S. 8Z Sieben und zwanzigstes Kapitel. Philosophie. Mathematik. Naturgeschichte und Natnrlchre. Ckemie. Arzncpwissen- schalt. Rechtswissenschaft. 107 Acht und zwanzigstes Kapitel. Geschichte der Universitäten und Schulen. Büchcrsnnimlungcn. Ursprung der Buch- druckerkunst. i;c> Neun und zwanzigstes Kapitel. Rittcrgcist. Turniere. Licbcshöfe. Irrende Ritter. Einfluß des Ritterwesens. Verfall desselben. '57 Neuw Neuntes Buch. Von Columbus bis auf unsere Zeit, über zoo Jahre. Erstes Kapitel. Entdeckungen der Portugiesen auf der westlichen Küste von Afrika. Umschiffung des Vorgebirges der guten Hoffnung. Portugiesische Niederlassungen und Entdeckungen in Asten. S. r/Z Zweytes Kapitel. Entdeckung von Amerika durch Columbus, Vespucei und Cabot. Drittes Kapitel. Corte; erobert Mexico, Pizarro Peru. Folgen der Entdeckung von Amerika. 217 Viertes Kapitel. Die Spanier eroberten das maurische Königreich Grenada. Sic vertreiben die Juden und Mohamedancr; auch greisen sie die Mauren in Afrika an. -5? F u n Fünftes Kapitel. Karls Vlii und Ludwigs xii vv» Frankreich unglückliche Feldzügc in Italien. S- -74 Sechstes Kapitel. Maximilians unglücklicher Schwcibcrkrieg. Lignc zu Cambray. Franz i siegt bcy Marignano. zo; Siebentes Kapitel. Geschichte von Spanien und England bis zu den italienischen Kriegen zwischen Karln V und Franz I, — Maximilians deutsche Regierung. zzs Achtes Kapitel. Die beydcn ersten Kriege zwischen Karln V und Franz i. z6x Neuntes Kapitel. Die beyden lebten Kriege zwischen Karln v und Franz i Karls V Unternehmungen gegen Tunis und Algier. 407 Die Titclvigncttc stellt die Pctcrskirche zu Rom vor. Brey- Drey und zwanzigstes Kapitel. Gewerbe. Acker - und Gartenbau. Innungen. Mechanische Künste. Wollen - und Seidenmanufakturen. Bildende Künste. Handel. Deut- sehe Hanse. Schiffahrt. Gcldhandcl. während daß. die Negierungsform und Ge» rechtigkeitspflege einen regelmäßigem und fe» scem Gang erhielt; wahrend daß, durch die Erfindung der Kanonen und andrer Feuer» gcwehre, die Kriegskunst eine für die Mensch» hcit nachtheiligcre Umänderung erfuhr; wäh» rcnd der Zeit verbreiteten sich Acker» und Gartenbau in Europa allgemeiner, erreichten die Künste eine höhere Stufe der Ausbildung, erweiterte sich der Umfnng von MauufaktlU ren und Fabriken, und erreichte der Handel des nordlichen Europa seine schönste Vlüthe. Galletti Weltg. sr Th. A Das Das vierzehnte und fünfzehnte Jahrhundert zeigte in manchen Ländern einen Wohlstand, der den später,» Bewohnern derselben gewiß sehr bcncidcnswerth bleibt. Der Ackerbau wurde durch die Mönche der vielen Stifter und Klöster, die, zu Ende des vorigen Zeitraums, vornehmlich in Deutschland, so wie in den Ländern des nördlichen und östlichen Europa, entstanden waren, ausserordentlich befördert. Durch den unermüdlichen Fleis von Mönchen und Lapcnbrü- dcrn verwandelte sich mancher wüste, abgeholzte Landstrich in eine fruchtbare, blühende Gegend. Um das Kloster schloß sich ein Dörfchen, ein Flecken) eine kleine Stadt an, und aus den einzeln Aeckern wurden endlich weitläufige Fluren, welche da, wo die Einwohner sich sonst nur kümmerlich ernährten, Wohlstand und Frohsinn verbreiteten. Der Laudbauer war überhaupt in manchen Länder,» in eine angenehmere Lage versetzt worden. Das Christenthum und die Kreutzzüge ver- schafften manchem die Befreiung von der Leibeigenschaft. Aber durch die unaufhörlichen Fehden wurde Betriebsamkeit und Wohlstand öfters öfters gehemmt. Die unverwahrten Dörfer, die wehrlosen Bewohner derselben, sahen sich den Räubereyen und Gewaltthätigkeiten am meisten ausgesetzt. Ganz besonders aber schadeten dem Ackerbau die muthwilligen Söldner, die, vornehmlich in Italien, von dem Beyspiele der rachgierigen Bewohner des schönen Landes gereiht, Dörfer abbrennten, und Getreidefelder verwüsteten. Wie sehr mußte durch den Gedanken, die Früchte seines Flciscs durch grausamen Frevel vernichtet zu sehen, die Lust zu arbeiten erstickt werden! Ganz vorzüglich gedieh daher der Landbau in dem westlichen, ruhigcrn Theile von Deuschland, und in den Niederlanden, wo man ansehnliche und reiche Dörfer, großes und vortreffliches Rindvieh, zahlreiche, feinwollige Schaafheerden, starke und muthige Pferde antraf; wo man ganz vorzügliches Getreide baute; wo Butter, Käse, und Fleisch von besondrer Güte, und in großer Menge, vorhanden war. Der Obst-und Gemüßebau ward durch die Kenntnisse, die sich die Europäer durch die Kreutzzüge im Orient erwarben, beträchtlich erweitert. Von Pergamus wurde die A 2 Per- 4 Pergamotteiibirne, don Ascalon die Schallet) tcnzwiebcl, von Cypcrn der Wirsching und der Blumenkohl, aus Syrien der Vorago nach Europa verpflanzt. Auch die Safrans zwlcbcl und das Zuckerrohr wurden durch Kreutzfahrcr oder Pilgrimc in unfern Erdtheil versetzt. ?lber wie viele fehlten noch von den schönen Obstarten, die jetzt eben sowohl unser Auge, als unser» Gaumen ergötzen! Noch lange wlirde der Obst s und Gemüsebau wes der so allgemein, noch so sorgfältig wie in unfern Zeiten, getrieben. Die Garten der Großen, vornehmlich in Deutschland, glichen Mehr einem Wildpark, als einem Äunstgars ton. Selbst in den Garten der französischen Könige sah man nichts, als Lauben, bedeckte Gänge, und eine große- Anzahl von Obstbaus mcn, die man der Natur überließ, und diese Gärten waren von andern blos durch einen weitläustigern Umfang, und die größere Anzahl von Bäumen, unterschieden. Die Nicdcrläns der waren im nördlichen Europa diejenigen, die zuerst die feinen Gemäße und Früchte des südlichen Europa erzeugten. Ganz 5 Ganz vorzüglich hob sich in diesem Zeiträume der Bergbau in Deutschland. Zu den Bergwerken in Böhmen und auf dem Harze kamen noch die reichhaltigen meißnischen Silbergruben hinzu. Ein Salzmann aus Goslar fuhr, wie man erzahlt, über das meißnische Gebirge. Er fand im Wege ein Stück Silbererz. Als man es bcy der Probe für echtes Silber erkannte, begaben sich Bergleute aus Zellerfeld auf dem Harz in diese Gegend, welche (1169) das Bergwerk zu Freybcrg anlegten. Erst zoo Jahre hernach (1470) ficng sich das sehr ergiebige Silbcr- bergwerk zu Schnceberg an. Die Schiefer- bcrgwerre im Mannsfeldischcn nahmen zu Ende des i2ten Jahrhunderts ihren Anfang. Ein englischer Bergmann, der aus Mißvergnügen sein Vaterland verlassen hatte, machte (1260) die Deutschen auf ihre Zinnbergwerke aufmerksam. Die tyrolischen Bergwerke wurden 1449 angelegt, und das meißnische Bergwerk auf dem Schreckenberg entstand 1490. Deutschland war also schon sehr reich an Silber, welches auf sein Gewerbe einen sehr merklichen Einfluß hatte. In Polen hob sich (um 1482) das Silberbergwcrk zu Olkuß (im (im Bezirke von Krakau.) In Rußland entdeckte man (1491) Silber - und Kupfererz am Tzylma, einem Nebenflüsse der Petschora. Die Vermehrung der Masse von edlen Metallen beförderte das Gewerbe. Es vermehrten sich besonders die Künstler, die in Metall arbeiten. Schon zu Anfange dieses Zeitraumes hatte man zu Augsburg und zu Worms geschickte Metallgießer. Wenn die Künstler und Handwerker von einer Art in einer Stadt sich zu sehr vermehrten, so that dieß der Nahrung der bereits vorhandenen natürlich Eintrag. Diese sahen daher die Nothwcndigkcit ein, sich in eine geschlossene Gesellschaft zu begeben, die man eine Zunft, eine Innung, eine Gilde, nennte. Derjenige, der in eine solche Zunft aufgenommen scyn wollte, mußte Meister werden, mußte seine Kunstfertigkeit durch ein Meisterstück dar- thun. Um Meister zu werden arbeitete er erst als Geselle, lernte er erst als Lehrbursche. Die ersten Innungen erscheinen um die Mitte des i2ten Jahrhunderts in Nord- dentschlaud. Das Das Mittelalter war vorzüglich reich an Erfindungen, welche den Künsten eine größere Vollkommenheit gaben. Die Knust der Metallarbeiter stieg immer höher. Unter andern bekam man jetzt Nadcruhren, Schlaguhren, Thnrmuhrcn. Raderuhrcn waren in Italien schon im igten Jahrhundert bekannt. Kaiser Friedrich II erhielt (12Z2) von einem ägyptischen Sultane eine Nadcruhr, die auf 5002 Duralen geschaht wurde. Eine Raderuhr nach der jetzigen Art verfertigte in England ein Abt zu St. Alban (1326). Dondi zu Padua lieferte schon eine Uhr, welche, durch ein einziges Gewicht regiert, den Lauf der Sonne, des Mondes, und der Planeten anzeigte. Zu Ende des i4ten Jahrhunderts erhielt man in Frankreich, zu Paris (1570) und zu Dijon (1Z82) Nadcruhren. Eine Uhr, die Minuten und SccundeU anzeigte, verfertigte erst späterhin (um 1500) Purbach zu Wien, der sich derselben zu astronomischen Beobachtungen bediente. Schon ein Pabst des 7WN Jahrhunderts hatte den Befehl gegeben, daß die sogenannten canonischen Stunden, wo die Mönche bethcn und singen müssen, durch das Anschlagen an eine Glocke bekannt 8 könnt gemacht werden sollten. Nnn durfte man eine solche Glocke nur mit einer Raderuhr verbinden, so bekam man eine Schlaguhr, die man in den Häusern, und auf de» Kirchthürmen, anbringen konnte. Schon zu Ende des igten Jahrhunderts gab es in Italien Thurmuhrsn. Eine solche Thurmuhr bekam Padua 1544, Bologna 1346, Augsburg und Paris 1364, Straßburg 1Z70, Dijon IZ82, Sevilla 1400. Das erste Glok- kenspiel wurde (1487) zu Alost in Flandern verfertigt. Im igsten Jahrhundert goß man, so viel man weiß, zuerst Schaumünzen mit Bildnissen. Victor Pisani (Pisanello) ein Mahler aus dem Vcronesischcn, war der erste, der kurz vor dem Jahre 1480 Stempel schnitt, um desto schönere Schaumünzen zu liesern. Das Porzellan-Geschirr, welches man Fa- yance nennte, wurde (schon vor igoo) zu Facnza jm Kirchenstaate erfunden. In Italien gab es auch zuerst Glasfabriken. Eine der ersten befand sich zu Venedig. Von hier wurde sie (1291) nach Murano verlegt. Sonst fiudet man man in diesem Zeiträume noch sehr wenige Glasfabriken. Die Erzeugnisse des Thicrreiches wurden schon sehr fleißig bearbeitet. In der Kunst, Tücher und Zeuge zu weben, hatten es die Niederländer vorzüglich weit gebracht. Die Flandcrer waren unter allen Europäern die ersten, die sich die Kunst, wollne Tücher und Zeuge zu weben, und zu färben, recht angelegen seyn ließen. Auch die Weber zu Löwen in Trabant lieferten schon im i4tcn Jahrhundert vortreffliche Tücher und Zeuge, zu welchen sie englische Wolle brauchten. Durch harte Einschränkungen bewogen, giengen endlich (1382) viele Wollenwcber von Löwen nach England, wo sie den Grund zu den vortrefflichen Wollcnmanufacturcn dieses Reiches legten. Seidene Zeuge webten schon seit dem Jahre 827 die Araber in Spanien und Sicilien; aber ihre Seidenweberei) pflanzte sich nicht in dem übrigen Europa fort. Dieß geschah erst im i2tcn Jahrhundert, als der König Roger von Sicilien aus Athen, Korinth, Theben und ic> andern eroberten Städten, einige tausend Scidenwcber nach Sicilien und Calabricn versetzte. Von Italien, wo man die Sei« denwebcrey lange allein trieb, breitete sich dieselbe nach Frankreich und andern Landern, ans. In Frankreich hatte man zu Anfang des i4ten Jahrhunderts (izoi) noch keine seidene Zeuge, und Ludwig der XI legte erst 1470 die Scidenmauufakturen zu Tours an. Von Consiantinopcl erhielt man noch immer vorzüglich gute Seidenwaaren, und besonders auch Sammct. Die Künste, welche sich mit den Wohnungen, und der Verziehrung derselben, be- schäfftigen, machten in diesem Zeiträume wieder merkliche Fortschritte. Um die Veredlung des Geschmackes in der Baukunst erwarb sich im igten Jahrhundert ein deutscher Bau- künsrlcr, Nahmens Jacob, der das große Franciscanerkloster zu Florenz baute, ausgezeichnete Verdienste. Sein Sohn Arnold machte unter andern den Riß zu der prachtigen im Jahre 1296 erbauten Hauptkirche zu Florenz, die schon ungleich weniger gothischc Schnirkel, als andre Kirchen, hatte. Die Kuppel li pel dieser Kirche, eins der größten Meisterstük ke der Baukunst, baute Vruncllcschi. Man schrieb jetzt von neuem über die Regeln der Baukunst. Dieß that besonders der Italiener Alberti. Die Baukunst hob sich, seitdem man in Italien die Uebcrbleibsel von den herrrli- chcn Gebäuden der Alten, mit erneuertem Eifer, zu studiren und nachzuahmen suchte. Dieser Eifer belebte vornehmlich den gedachten Baus meisier der Peterskirche zu Rom, den bcrühm» ° ten Brnnclleschi. Die meisten Kirchen dieses Zeitalters, von welchen viele, wie z. B. die Domkirche zu Cöln, der Münster zu Straß» bürg, noch jetzt vor unfern Augen stehen, sind jedoch im gothischen Geschmacke gebaut. Die» sen bemerkt man auch an den alten Vnrgen und Schlössern, die aus diesen Zeiten übrig geblieben sind. Die Kirchen waren die ersten Gebäude, die man mit Glasfenstern versah. Vorher hatte man Fenster von Marienglas, von weiß« gesottenem Horn, von Oehlpapicr, von dünn» geschabtem Leder. Kirchcnfenstcr von gefärbtem Glase gab es schon vor den Kreuhzügen. Im raten Jahrhunderte kamen sie schon häufiger 12 figcr vor. Fenster von weißem Glase hatte man in Frankreich erst seit iZ)O, und am Ende dieses Zeitraumes waren daselbst zwar alle Kirchen, aber noch wenig Wohnhäuser, mit Glasfcnstcrn versehen. In Wien traf man hingegen schon 1458 wenig Häuser ohne Glasfcnster an. In England waren bereits um 1180 die Fenster der Vornehmen von Glas. Die Bildhauerkunst wurde zuerst in Italien wieder in griechischem Geschmacke getrieben. Zu Pisa lebten im i2ten und iztcn Jahrhundert, wo Gewerbe und Handlung unter die Einwohner dieser Stadt Wohlstand und Reichthum verbreiteten, verschiedene geschickte Bildhauer, deren in den Kirchen befindliche Arbeiten noch jetzt Bewunderung ihrer Kunst einflößen. Im i^-ten Jahrhundert wurde Andreas Orgagna für den vorzüglichsten italienischen Bildhauer und Wähler gehalten. Im i5ten blühctcn, von den Mc- dicecrn begünstigt, die bildeten Künste vornehmlich zu Florenz. Hier lebte unter andern der vortreffliche Bildhauer Lorenz Ghi- berti, dessen Geschmack sich dem griechischen nähert. IZ nähert. Die Werke feiner Kunst bewundert man an den Herligenbildern, und den halb- erhobenen Abbildungen der Domkirche zu Florenz. Zn Italien, wo das Künstlertalent durch das herrliche Clima,, und durch den Anblick der schönen Kunstwerke der Alten, sich erwärmt und begeistert fühlt, bekam auch frühzeitig die Mahlcrey einen neuen Schwung. Eimabue, der zu Ende des igten Jahrhunderts lebte, bemühctc sich zuerst, seine Ge- mählde durch etwas Helldunkel zu erheben. Sein Schüler Giotto (der izzv starb) bildete seinen Geschmack nach den neuausgegrabenen Werken der Alten, und erwarb sich dadurch die Ehre, der Vater der italienischen Mahs lercy gencnnt zu werden. Ganz unrichtig hatte man den bisherigen harten und schneidenden Geschmack mit dem Nahmen des griechischen belegt. Ein vorzüglicher Mahler des i5ten Jahrhunderts war Peter Perugino (von Perugia) durch den der Pabst Sixtus IV den Vatican mit Gcmahldcn ausschmücken ließ. Er war der Vorganger des berühmten Nafael von Sanzi aus Urbino, der (geb. 148z) ftik nen »4 ncn Geschmack nach den edlen Abbildungen auf geschnittenen Steinen, und halberhobenen Arbeiten, bis zur bewundernswürdigen Vollkommenheit verfeinerte. In Deutschland wurde, wie man aus den noch vorhandenen Al- lartafeln und Heiligenbildern sieht, die Mah- lcrey flcisng genug getrieben. Zn Nürnberg gab es schon zu Anfang des i4ten Jahrhunderts Wähler. Zu Brügge, in Flandern, lebte hundert Jahre später, Johann von Eyk, den man lange Zeit für den Erfinder der Schlmahlcrcy gehalten hat. Aber es gab schon wenigstens 150 Jahre früher Wähler, die ihre Farben mit Oehl vermischten. Es gab zu Eicks Zeit noch einen andern berühmten Oehlmahler, Nahmens Lipps, der zn Bologna lebte. Unmöglich aber würde von Eyk als der Erfinder der Ochlmahlerey gepriesen worden seyn, wenn er nicht wenigstens neue Vortheile derselben erfunden hätte. Die Kunst, auf harten Körpern Bildnisse hervorzubringen, die Kunst des Steinschneiders, des Münzenstempcl-Schneiders, hob sich in diesem Zeiträume auf eine hohe Stufe der Vollkommenheit. Zu Florenz blühete die Stein- 15 Steinschneider - Kunst, welche Lorenz von Medici, durch die gütige Aufnahme verschiedener von Eonstantinopel geflüchteter Künstler, »nd durch die Anlegung einer herrlichen Sammlung von geschnittenen Steinen, 'beförderte. Von jenen lernte Johann Bcrn- ardi, den matt für den Wiederherstelle? dieser Kunst halt. Im ig-tcn Jahrhundert erfand man die Kunst, Bilder in Holz zu schneiden. Der älteste Holzschnitt mit der Jahrzahl, den man bisher entdeckt hat, ist vom Jahre 142z. Bald brauchte man die Holzschnitte nicht nur zu Heiligenbilder, sondern auch zu Spielkarten, die anfangs gemahlt wurden. Bald zierte man ganze Bücher mit Holzschnitten aus. Ein Gold - und Silberarbciter erfand sehr wahrscheinlich die mit seinen Arbeiten verwandte Kunst des Grabstichels. Die ersten Kupferstiche sind aus dem i5tcn Jahrhundert, aber unbekannt ist der Ort oder das Land, wo diese Kunst entstand. In Italien ist Finiguerra, ein Florentiner (um 1460) der erste erste Kupferstecher, von welchem mau Nach- rieht hat. Zu Deutschlund gehören Martin Schön oder Schöngauer, ungleichen Israel von Mechcln, zu den Vätern dieser Kunst. Zcmehr die Betriebsamkeit in Künsten, in Manufakturen und Fabriken, sich vergras- serte, um so mehr wuchs die Menge der Waaren, die einen Gegenstand des Handels abgaben. Die Araber waren jetzt nicht mehr die vornehmkcn Handelsleute der Welt. Die Stelle derselben hakten die Italiener, die Südfranzosen, und vornehmlich die Deutschen, eingenommen. Der Handel der italienischen Städte stieg, seit dem Zeiträume der Kreutzzüge, seit der durch die Westeuropäer vorgenommenen Theilung des griechischen Kaiserthumes, immer höher. Die Besitzungen, die sich die Venezianer und Genucscr im mittelländischen und schwarzen M-cre erworben hatten, setzten sie in den Stand, das übrige Europa mit ostindischen, und andern asiatischen, Waaren, zu versorgen. Die Venezianer bemächtigten sich besonders des ost- indischcn Handels über Aegypten. Sic hatten es dahin gebracht, daß die Sultane von Ac- !7 Aegypten und Syrien ihren Handel begünstigten, daß sie zu Alexandrien und Damast Cousuln halten dursten. Bald hatten sie an vielen andern Orten Niederlassungen mit gros sicn Freyheiten und eigner Gcrichlbarkeit. Bald war der Alleinhandel mit dem entferntesten Orient in ihrem Bestie. Sic versorgten fast ganz Europa mit ostindischen Waarcn und Gewürzen. Durch verschiedene Handels städte in Oberdeutschland, unter welchen sich- Augsburg und Nürnberg auszeichneten, wurden diese Waarcn über Braunschwcig, wo sich eine Niederlage befand, dem nordlichen Europa mitgetheilt. Doch seit den Krcutzzügen fiengen auch die nordwestlichen Deutschen an, ihre Waarcn, durch einen langen Umweg zur See, aus den Häfen von Aegypten und Syrien selbst, abzuholen. Dicß thaten besonders die Kausicute von Bremen und Lübeck. Manche Flotte von deutschen oder niederländischen Schiffen fuhr nun durch die Nordsee, nnd die Meerenge von Gibraltar, um deutsche Kreutzfahrer nach Syrien zu bringen. Eine niederländische Flotte half (1148) Lissabon den Gallttti Wests, sr Th. B Mau- l8 Mauren abnehmen, und Kanflente von Lübeck und Bremen verwandelten, als Friedrich I Ptolcmais belagerte, ihre Secgcl in Zelte. Nach den Zeiten der Krentzzügc mußten aber die Niederländer und Deutschen, von den mächtiger» Italienern von dem Handel auf dem mittelländischen Alecrc ausgeschlossen, ihre Handelsthätigkcit auf die Nord - und Ostsee einschränken. Dennoch handelten sie fast nach allen europäischen Ländern. Sie hatten in den entferntesten Neichen von Em ropa'Handelscvmtoire, und, ihrer Ehrlichkeit wegen, setzte man auf die Geschaffte, die man mit ihnen machte, einen besonder» Werth. Der Handel der Städte an der Osts und Nordsee wurde aber durch die Seeränbcrey, welche seit dem Verfalle der dänischen Macht unter Waldemar II gewaltig einriß, so lebhast beeinträchtigt, daß zwcy derselben, Hamburg und Lübeck, die sich stark genug fühlten, die Sicherheit ihrer Schiffahrt zu behaupten, (um 124;) die Verabredung trafen, durch besondre Schiffe, und besondre Mann- schaft, ») Thcil Vil, S. Z4-. schaft, ihre Handclswege zu Wasser und zu Lande, und zwar vornehmlich die Elbfahrt, und die Landstraßen zwischen Lübeck und Hamburg , von Räubern zu reinigen. *) Diese Verabredung, die man eine Hanse, das heißt, einen Bund nennte, sollte erst nur ; Jahre dauern; sie fand aber so viel Bcyfall, daß sie nicht nur erneuert, sondern auch erweitert wurde. Zuerst schlössen sich an Lübeck und Hamburg noch Braunschweig, Bremen und Rostock an. In Zeit von 25 Jahren ließen sich allmahlig alle Handelsstädte, von der aussersten Granze von Liefland bis an den Nicderrhein, als Mitglieder der Hanse, aufnehmen. Man zahlte nun über 60 Hansestädte. Jetzt war nicht mehr blos Sicherheit, sondern auch erweiterte Betreibung der Han- dclsgcschäfftc, der Zweck der Hanse. Die B 2 Han- *) Der Anfang der Hanse ist noch nicht durch Urkunden erwiesen. Hie Verbindung der niederdeutschen Städte äusserte sich erst seit dem i^tcn Ialnhundcrt. Um eben diese Zeit erscheint zuerst in Urkunden die deutsche Hanse. Schriftliche Verabredungen derselben kommen erst iz6i vor. Geschichte des Hanseat. Bundes von Sartorius. 20 Hansestädte, die zu Hause freylich dem Kai? ser, oder einem Laiidcsherrn, unterworfen waren, und die so wenig nach Unabhängigkeit strebten, daß sie die Widerspenstigkeit gegen den Landcshcrrn mit der Ausschließung bestraften; diese stellten im Auslande ein Staatssystem vor, welches bald Furcht, bald Hochachtung einflößte; welches die Frcyheit behauptete, nach den ausbedungcncn Grundsätzen seines Vereins zu verfahren. Lübeck wurde, seines ausgebreiteten Seehandcls wegen, für das Haupt der Hanse angesehen. In Lübeck versammelten sich die Abgeordneten der Hansestädte zum Hansetage; in Lübeck war die Casse zur Bestreitung des Bundes- Aufwandes. Man theilte die Hansestädte in 4 Quartiere; 1) in das wendische zu Lübeck; 2) in das preussische zu Danzig; z) in das sächsische zu Braunschweig; 4) in das westliche zu Cöln. Die Gesellschaft hatte auch 4 große Comtoire oder Niederlagen. Diese waren zu Nowgorod, Bergen, London und Brügge. Zedcs dieser Comtoire hatte seinen Ober - und seine Unterbeamten. In ihnen flössen alle Ge- - 2l Gegenstände der Eins und Ausfuhre zusammen. Sie gaben zugleich Bildungsanstalten für junge Kanfleute ab. Mit den jetzigen Handlungsgcsellschastcn laßt sich die Hanse gar nicht vergleiche». Die Mitglider derselben handelten nicht in Gemeinschaft, sondern einzeln; indessen unterstützten sie einander doch wechselseitig. Die Hanse schloß in dieser Absicht mit auswärti- j gen Staaten Vertrage, die ihren Mitgliedern Handelsvortheile verschafften; sie suchte wohl gar die Freyhciten der Städte durch gemeinschaftliche Kriege zu behaupten. Ihr Bund strebte daher, selbst wahrend der Kriege und Fehden, die Deutschlands Ruhe in diesem Zeiträume störten, machtig empor. Die Zahl seiner Mitglieder wuchs, die Verbündeten in den Niederlanden ungerechnet, bis auf 85 an. Hatte sich die Hanse weniger in Staats- handcl eingemischt; hätte sie die Erweiterung ihrer Handclsfrcyheiten nicht gar zu gewaltsam betrieben, so würde sie die Aufmerksamkeit der Fürsten weniger auf sich gezogen haben; so würde sie weniger ein Gegenstand ihres Hasses und ihrer Feindschaft geworden seyn. 22 scyn. Wo man den Hansestädten Comtoire oder Factorcycn gestattete, da verlangten sie nicht allein vor allen übrigen Fremden, sondern selbst vor den Einheimischen, Vorrechte. Wenn die Fürsten ihre erschlichenen Frei,Heiken einschränken wollten; wenn andre Nationen ihre austerordcutlichcn Vorrechte zu thei- len wünschten; da schrien sie gleich über Verletzung des Völkerrechtes; da griffen sie wohl -gar zn den Waffen. Daraus entstand manch- mahl ein kostbarer Krieg mit den nordischen Mächten. Die Hansestädte maßten sich eine despotische Handclshcrrschaft an. Keine mit ihnen verbundene Seestadt durfte ihre Schiffe an Auswärtige verkaufen, durfte ihre Waarcn in fremde Schiffe laden lassen. Fremde Getreide - Schiffe wollte die Hanse weder auf der Ostsee, noch auf der Weser und Elbe, dulden. Fremden Kauflcutcn wurde, zur Beendigung ihrer Geschäsfte in einer Hansestadt, nicht mehr als z Monathe Zeit gelassen. Kausteuten, die nicht in einer Hansestadt angesessen waren, durfte malt keine andern Waarcn, als Wein, Vier und Heringe verkaufen. Gel 2Z Gewisse Waaren mußten in die Stapelstädte geliefert, oder wenigstens einige bestimmte Zeit hindurch in denselben feil gebothen werden. Die Kaufleute in den Stapelstädten konnten nun die Preise nach ihrem Gefallen erhöhen. Die niederländischen Städte bewiesen sich übrigens weniger eigennützig und tyrannisch, als die deutschen. Den große» Umfang des hanseatischen Handels beweiset die Geschichte ihrer Com« toirc. Vorzüglich wichtig war unter denselben das zu London. Man webte zwar in England (besonders seit 1382) viele Tücher; aber die Engländer ließen sich doch ihre schone Wolle, an welcher sie einen Ueberfluß hatten, von den deutschen Manufakturistcn abkaufen, um sie denselben in rohen und ungefärbten Tüchern wieder abzunehmen. England, das da- mahls fast von allen Manufakturen entblößt war, oder wenigstens keine vollendete Manufakturen hatte, konnte die Einführe der deutschen Manufakturwaarcn gar nicht entbehren. Unter diesen befanden sich vornehmlich Stahl- und Eiscutvaaren. Daher wurde die Niederlage, die man den Hansestädten zu London, dicht 24 dicht an der Themscbrücke erlaubte, der Stahlhof genennt. Die Hansestädte hatten sich in England eine Zollfreyhcit verschafft, die den Einwohnern sehr nachtheilig war. Die schwachen, mit dem französischen Kriege so lange bcschäfftigten Könige dieses Landes bewiesen sich zu wenig thätig, die übertriebenen und gemißbrauchtcn Handclsfrcyheiten der Hansestädte einzuschränken. Indessen zeigten doch einzelne englische Kaufleute schon viele Betriebsamkeit, ihrem Handel neue Wege zu öffnen. Unter andern bcmühetcn sie sich, ihre Tücher selbst ganz zubereitet auszuführen, und nach den prcussischen Hafen unmittelbar zu handeln. Auch liehen sie die Hansestädter ihren Haß manchmahl durch Secräubcrcy fühlen. Den Versuchen der Engländer, von dem Joche der Hanse sich zu bcfrcycn, arbeiteten die Mitglieder derselben aber mit der größten Entschlossenheit und Standhaftigkeit entgegen. Mehr als cinmahl versetzte man die schwache englische Regierung durch die Aufhebung aller Handelsvcrbindung, in Schrecken; mehr als einmahl verboth man die Einführe der englischen rohen Tücher, so unentbehrlich sie auch den Deut- Deutschen waren. Die Englander dursten auch kein Comtsir langst der Ostsee errichten, und keine eigne Schiffahrt dahin treiben. Die Hansestadter giengen in ihren Anmaßun- gen gegen die Engländer so weit, daß sie von ihren Häusern in London keine Abgäbet» entrichten wolltet?. Sie verursachten durch ihre Hartnäckigkeit einst (1Z46) eine Empörung des gemeinen Volkes, welches ihre Häuser und Güter plünderte. In einer weniger günstiger!? Lage befand sich der hanseatische Handel in den Niederlanden, wo die Hansestädte schon im Jahre 1252 zu Brügge ein Comtoir errichteten. Flandern und Brabant hatten schon beträchtliche Manufakturen, und sie brauchten die Hanse nur zum auswärtigen Vertriebe derselben. Das den Grafen von Flandern unterworfene Eomtoir zu Brügge erhielt nicht nur in Ansehung der Zölle, sondern auch in Ansehung andrer Dinge, große Vorrechte. Weder die Person, noch die Güter, eines zur Hanse gehörigen Kaufmanns dursten angehalten werden, und man durfte von demselben weiter nichts, als Bürgschaft, verlangen. Das 26 Das Comtoir übte auch seine besondre Gc- richrbarkcit aus. Dicß mnßte natürlich zu manchen Handel» die Veranlassung geben. Weil unter den Grafen von Flandern und den Herzogen von Brabant, den vornehmsten Herren in den Niederlanden, vieler Handels,' «cid herrschte, und die Hanse sich darauf vcr- lassen konnte, dafi die Landesherren sie nicht entbehren zu können glaubten, so bewiesen sich die Hansestädte nirgends trotziger, als in den Niederlanden. - Mit Nowgorod, welches-um diese Zeit lange eine Republik vorstellte, mögen die lieft ländischen und die deutschen Städte schon lange eine Handelsverbindung unterhalten haben, ehe man an die Errichtung des dasigcn Comtoirs dachte. Da die zur Schiffahrt so unentbehrlichen Producte Rußlands den da- mahligcn Seestädten noch nicht so nothwcn- dig waren, und die Bewohner der russischen Städte doch so viele deutsche Manufaktur - Waarcn brauchten, so muß der hanseatische Handel nach Rußland sehr beträchtlich gewesen seyn. Einen wichtigen Thcil des- 27 desselben machten die flandrischen Tücher aus. Das Comtoir zu Bergen, das im Jahr 1278 entstand, mar für die Hanse äusserst Wichtig. Erstlich hatte, wegen der damahls allgemeinen katholischen Religion. der Fisch« Handel eine große Wichtigkeit; sodcnn konnte 'das von allen Manufakturen entblößte Nor« wegen die deutschen gar nicht entbehren. Lange Zeit durften indessen die Hansestädter, nur während der vier Sommer - Monathe, ihre Buden zu Norwegen offen halten. Endlich befreyte sie^aber (1444) der König Christoph von dieser Einschränkung, und er er« theiltc ihnen dabei) so große Vorrechte, daß das Comtoir zu Bergen gleichsam einen eignen Staat ausmachte. Es hatte seine eigne Residenz, die in 21 Höfe verthcilt war. In dieser wohnten über 1200 Menschen, meistens Handwerker, die nicht heyrathcn durften, damit sich nicht einige derselben unter den Norwegern niederlassen, und sie mit den Handwerken bekannt machen möchten. Das Contoir hatte seine eigne/ blos dem Bundcs- Directorium zu Lübeck untergeordnete Gerichts- ver« 2 8 Verfassung. Jeder, der ein Mitglied dieses Comtoirs wurde, mußte sich gewissen körperlichen Mißhandlungen unterwerfen, die matt Hanseln nennte. Vcrmitthlich wollte man dadurch die Zahl derer, die sich zu den großen Handelsfreiheiten hinzudrangtcn, etwas einschränken. Auf diese vier Comtoire schränkte sich aber der hanseatischen Handel nicht allein ein. In Schweden hatte die Hanse kein Comtvir, und dennoch defand sich der ganze schwedische Handel in ihrer Gewalt. Der Hauptsitz desselben war zu Wisby ans der Insel Gottland *), dem der König Magnus (1Z42) das Recht der eignen Gesetzgebung zugestand. Dadurch entstand das wisbysche Scerccht, welches im nördlichen Europa zu einem vorzüglich großen Anschu gelangte. Eben dieser König bcfreyte die Stadt Lübeck von allen Zöllen und Abgaben. Die ausgezeichnete Gunst, *) Ihr Wohlstand hob sich von der Zeit, an, als nach der schrecklichen Überschwemmung der Stadt Vineta (Vir, zH viele Bewohner derselben sie zu ihrem Aufenthalte wählten. 29 Glinst, welche die schwedischen Könige der Hanse bewiesen, war zum Theil eine Wirkung von der Unentbehrlichkcit ihrer Unterstützung. Die Schweden waren damahls in Ansehung der Manufakturen und Künste so unwissend, daß sie ihr vaterländisches Eisen -nicht cinmaht zu Stangen zu schmieden wußten. Sie überließen vielmehr die rohen Klumpen des Eisenerzes den Hansestädten, die es ihnen, auf allerlei) Art verarbeitet, wieder zuführten. Auch in die politischen Angelegenheiten Schwedens mischte sich die Hanse sehr stark. Sie leistete dem Könige Albrecht gegen die Mar- grethe Beystand, und versicherte sich bcy dieser Gelegenheit der Stadt Stokholm. Während daß nun Margrethe dieselbe (1392) be lagerte, vereinigten sich allerlei) Leute von den deutschen Küsten der Ostsee, um der deutschen Besatzung in Stockholm mit bewaffneter Hand Lebensmittel zuzuführen. Man nennte diese Leute von ihrer Deschafftigung Victualienbrüdcr, oder auch Vitalicnbrüder. Sie trieben in der Folge Secraubcrey, die der Hanse selbst beschwerlich fiel. Allein die Schweden vertrieben sie endlich aus Gottland. Z0 land, ihrem Hauptsitze, uud sie wendeten sich hierauf in die Nordsee. In den westlichen Landern von Europa konnte die Hanse, wegen der italienischen Hans dclsstaaten, nicht recht auskommen. Indessen unterhielt sie mit Frankreichs Spanien und Portugal einen nicht ganz unbedeutenden Hans dcl. In Frankreich war Gyenne, und also auch der Wciuhandcl dieser Provinz, bis in die Mitte des izten Jahrhunderts in der Gewalt der Englander; doch wurden diese Weingegenden auch von französischen Schissen befahren. Manufaktur-Maaren ließen sich damahls aus Frankreich noch nicht holen; dagegen führten ihm die Schisse der Hanse nicht nur Heringe und andre Fische, sondern auch Schiffsmaterialicn, imgleichen leinene und wolluc Zeuge, zu. Aus Spanien holten die Hansestädter die für ihre Tuchmauufaks turcn so unentbehrliche spanische Wolle. Aus Portugal! wurden sie, durch die eigne Handelsthätigkcit der dasigen Kaufleute, bald ganz verdrängt. So Zl So groß der Ilmfang des damahligen Handels / besonders des hanseatischen, war; so sehr fehlte lcs noch an manchen Bcfbrdc» rnngsmittcln und Bequemlichkeiten des Hau» dels. Es fehlte unter andern noch an Chans» sccn und Kanälen. Gepflasterte Landstraßen traf man fast nirgends an, und Kanäle nur in den Niederlanden, in Brabant und Flau» dcrn. Der Transport zu Wasser, oder die Schiffahrt, war durch die Erfindung des Com» passes sehr verbessert worden. Noch ist es nicht bekannt, welcher Nation die übrige Welt dieses Werkzeug zu danken hat. Zwar sollen die Chinescr, und nach ihnen die Araber, den Compaf, zuerst gehabt haben; allein die Europäer kannten ihn früher, als sie nach China schifften, und die Araber hatten für denselben so wenig eine eigne Benennung, daß sie^sich der italienischen bedienten. Den italienischen Seefahrern war er schon vor dein Jahre 1250 bekannt. Flavio Gioja, ein Bürger von Amalfi (um izoo) kann also nicht der Erfinder desselben gewesen seyn; aber wahrscheinlich hat er sich um die Verbesserung dieses Werkzeuges verdient gemacht. Vielleicht darf man die Erfindung des Compasses einem Z2 einem deutschredenden Volke zuschreiben, weil das Wort Bussole von Büchslein (Büchsle) herzurühren scheint, und weil die Nahmen der Winde, nebst der Bezeichnung der Windrose, deutsch sind. Um Briefe und Pakete fortzuschaffen hatte man damahls noch kein andres Mittel, als reitende Boten. Grosse Handelsstädte und Universitäten unterhielten daher solche Bochen und Landkutsehcn. Dies; war jedoch blos eine Privatcinrichtung, die von keiner ordentlichen Zeitbestimmung abhieng. Daher mußten Briefe und Pakete von bedeutender Wichtigkeit durch Bediente, oder besondre Bochen, bestellt werden. Ludwig XI von Frankreich legte, zwischen den Jahren 1462 und 1467, zu seinem Privatgebrauchc, eine Anstalt von reitenden Bochen an, die nur bis zu einem bestimmten Ort ritten, wo ein andrer die Briefe und Pakete ihnen abnahm. Ein solcher Ort wurde eine Station gencnnt. Noch hatte man aber in keinem andern Lande eine solche Einrichtung. In 3Z In Ansehung des Geldes, dieses großen Hülfsmittcls des Handels, halten sich in diesem Zeiträume merkwürdige Veränderungen ereignet. Die Geldsortcn waren durch Groschen und Gulden vermehrt worden. Schon zu Anfange des i2ten Jahrhunderts prägte man zu Tours eine kleinere Dickmünze, die bey den Deutschen Turnosen hießen. Fast 200 Jahre hernach (1296) fieng man zu Kuttenbcrg in Böhmen an, solche Dickmünzen zu schlagen, die man nach einem lateinischen Worte 5) Groschen nennte. Da solcher Groschen 60 auf 1 Mark gieugen, so war ein damahligcr Groschen den ztcn Thcil eines jetzigen Convcntionsguldcns Werth. Wegen des erster» Umstandes rechnete man auch lange nach Schocken von Groschen. Zu Florenz prägte man seit dem Jahre 1252 golvne Dickmünzen, die man von ihrem Geburthsorts Florenen nennte. Bald ließen die rheinischen Kurfürsten in Deutschland auch solche goldne Münzen schlagen. Dies; waren Goldgüldcn, und erst seit der Mitte des i6ten blumns Zroszvi. Ealletti Weltg. yr Tb. ^ 34 i6tcn Jahrhunderts gab es auch Gülden von Silber. Da das Geld weiter nichts ^ als eine Waare ist, so steht der Wcrih desselben mit der vorhandenen Menge im Verhältnisse. Je weniger also in einem Lande baares Geld vorhanden ist, um so mehr wird es gesucht, um so tbeurcr müssen es diejenigen, die es uöthia haben, erkaufen. In Italien, zu Florenz und Venedig, wo man einen beträchtlichen Gcldreichthum hatte, konnte man für 5., vom 10c) Capitalien geliehen bekommen; in Deutschland gehörten schon ro vom 100 zu den gewöhnlichen Zinsen, und sowohl hier, als in Frankreich, England und Italien, be- zahlte man wohl 12, 24, 42' ja 48 vom 100. Da der Gcldwncher durch päpstliche Gesetze den christlichen Äaufleuren untersagt war, so war er um so mehr ein Gcschassce der Juden, die, weil sie weder Ackerbau, noch Handwerke treiben durften, auf chen Handel, und vornehmlich auf den Gcldhandel, ihre ganze Aufmerksamkeit richteten. Wenn sie nun auch hier und da Bürgerrechte erlangten, so war der Handclsgeist ihrem Charakter schon 5- 35 schon so tief eingeprägt, daß ihnen jede Ves schäfftiguug, zu welcher anhaltende Anstren- gung erfordert wird, zur Last fiel, und daß sie, zu derselben gezwungen, sich höchst unglücklich fühlten. Geldmuchcr war hingegen ihr angenehmster Zeitvertreib, dem sie alle ihre List, allen ihren Erfindungsgeist, widmeten. Die Fürsten dieser Zeit bedienten sich sehr oft der Hülfe der Juden, um aus ihrer Geldverlegenheit herauszukommen. Sie ver^ pachteten ihnen ihre Einkünfte; sie machten sie wohl gar zu Finanzministern, und wenn die Juden auch zuweilen aus einem Laude fortgejagt wurden, so riefen sie die Fürsten, die ihre Hülfe nicht entbehren konnten, bald wieder zurück. Aus republikanischen Staaten, wo der Kaufmann auf die Staatsangelegenheiten Einfluß hat, wurden sie zuerst verbannt. Doch eben diese Kaufleute, besonders die lom- bardischcn, wetteiferten mit den Juden in Ansehung des Geldwuchers. Die Italiener waren überhaupt unter allen Europäern diejenigen, die am meisten Geldhandel und Wucher trieben. Zu diesem Handel mußten sie aber entweder große Vorrathe C 2 von 36 von gangbarer Münze haben, oder sie wenig, stcns anweisen können. Anweisungen leite, ten aber auf das Wcchsclgcschafste. Wechsel waren anfangs Anweisungen, für deren Bezah, lung man mit seiner Person haftete. Sie wa, ren folglich eben so gut als baares Geld. Man konnte sie also auch an andre verkaufen. Durch solche Wechsel zog die pabstliche Kammer oft ihre Einkünfte x'aus andern Ländern. Durch einen solchen Wechsel bekam der König Hein, rieh Raspe die 25000 Mark, mit welchen ihn der Pabst unterstützte. Die italienische!; Geldwechsler waren auch wahrscheinlich die Erfinder der Assecuranzen, die schon um das Jahr 1450 in den Niederlanden in Gang kamen. P Papiergeld hatten schon die Mongolen, zur Zeit ihres Grvßchans Kvblaj. Es bestand aus schwarzen, länglich viereckigen Stückchen aus der feinsten inner» Rinde des Maulbeerbaumes. Vier- 37 Vier und zwanzigstes Kapitel. Schilderung der Lebensweise, Wohnung, Kleidung, Tafel. Hvffeste. Hofstaat. Jagd. Sittenvcr- derbnjß. lieh vergrößerte Betriebsamkeit der Bewohner von Europa hatte, in Verbindung mit den herrlichen Erfindungen, durch welche Künste und Wissenschaften zu einer höhern Vollkommenheit gediehen, in manchen Ländern unseres Erdthcilcs, vornehmlich in Italien und Deutschland, Wohlstand und Luxus erzeugt. Es gab jetzt sowohl in Deutschland, als in Italien, eine große Anzahl schön gebauter und wohlhabender Städte. Fast alle deutsche Städte, die nur einiges Gewerbe hatten, besonders Z8 dcrs aber diejenigen, welche die wohltätigen Einflüsse der Hanse fühlten, waren in dies fem Zeiträume erweitert worden, hatten eine Neustadl, nnd auch wohl mehrere Vorstädte, erhalten. Die Verschönerung und Erweiterung der Städte wanderte aus den Niederlanden, und besonders aus Flandern und Brabant, nach Westphalcn, Nieder - und Ober, sachscn. Die hölzernen, budenartigcn Hütten verwandelten sich in steinerne, mit Ziegeln gedeckte und mit Schornsteinen versehene Häuser von mchrern Stockwerken mit Glasfenstern. Sonst machten die Vichställe, die, so wie der Mist, gemeiniglich nach der Straße zu angelegt waren, einen großen, ja vielleicht den größern Theil einer deutschen Stadt, aus. In den schmnhlen, krummen, unge- pflastertcn Straßen erhoben sich Hügel von Mist, welche den Durchgang nnd die Durchfahrt hemmten, welche einen unaufhörlichen Tummelplatz der Schweine abgaben. Jetzt waren Markte und Plätze dieser Städte, mit großen Kirchen und Nathhausern, mit Kauf- Gewand- (Tuch) Kornhäusern, Gasthöfen, Hospitälern u. s. w. angefüllt. Unter den schönen Städten des dnmahligen Deutschlands Z.9 zeichneten sich Cöln mit seinen herrlichen Kirchen und Klöstern; Gent, Brügge, Maynz Worms, Speyer, Straßburg mit dem erstaun ncnswürdigcn Münster; Augsburg, das man? che für schöner hielten, als Paris; Aachen, Trier, Ncgcnsburg, München, Wien mir seiner prächtigen Stephans Kirche; Prag, Breslau, Lübeck, und Nürnberg, dessen Pri< vathänscr für einen König von Schottland gut genug gewesen wären, besonders aus. In Italien gab es mehrere prächtige Städte, als Venedig, Genua, Florenz, Neapel; sie waren aber im Ganzen genommen nicht schöner, als die deutschen. Die italienischen Städte erhielten übrigens eben so wie die deutschen, ihre meisten Prachtgebäude im 15- ten Jahrhundert. In Frankreich, England und Spanien, wo es noch wenig Gewerbe gab, fand man auch wenig gutgebaute Städte. Paris war indessen eine der ersten, die gepflastert wurde. Der Wohlstand und Luxus der Italiener und Deutschen zeigte sich besonders in ihrem Privatleben. Sie wohnten, sie kleideten sich, sie aßen ungleich besser, als in den vors- 40 vorige«» Zeiten. Die Fürsten, Herren und Ritter wohnten auf ihren Vergschlösscrn reinlicher und gesünder, als die Bewohner der meisten Städte, denen es noch immer an Reinigungsanstalten fehlte, und die daher noch immer mit Sümpfen angefüllt waren, welche mit der Unsaubcrkeit der Menschen verbunden, die Luft verpesteten, und Hautkrankheiten hervorbrachten. So gesund aber auch die Fürsten und Herren in Deutschland wohnten, so fehlte ihnen doch noch manche Bequemlichkeit der jetzigen Zeit. Die Tafeln, und die sie umgebenden Bänke, waren von schlecht bearbeitetem Holze, mit Decken und Polstern belegt. Zur Verzierung ihrer Wände dienten pyramidalisch aufgelhürmte Trink- und Tafelgeschirre von Gold und Silber, dienten kostbar gearbeitete Tafeln, die blos zur Schau da standen. Der estrichne Boden sowohl der Speisesäle, als der Wohn s und Schlafzimmer, war mit hohen Lagen von Stroh, und im Sommer mit Blumen, Laub und feinen Reisern, auch wohl mit Schilf, belegt, das den Hof-und Hausbcdicnten zum Sitzen und zur Schlafstatte diente. Sonst war das Sitzen auf Stühlen den deutschen Her- Herren so eigen, daß sie es in Constantinopcl einführten. Lchnstühle kamen in Frankreich zuerst unter Heinrich III vor. Die Tafeln der Großen waren mit feinen, weißen Tüchern belegt, die aber auf manchen so lange liegen blieben, daß man ihre Grundfarbe gar nicht mehr erkennen konnte. Servietten waren im iPc» Jahrhundert in Frankreich noch nicht allgemein. Noch erhellten die Säle und Zinn wer keine Wand - und Kronleuchter, sondern Wachsfackeln, die von Bedienten empor gehalten wurden. In der Kleidung äusserte sich im Ganzen genommen mehr Pracht, als in der Wohnung. Sie war bcy vornehmen und reichen Personen nicht nur prächtig, sondern auch sehr abwechselnd. Die Fürsten und Ritter trugen Waffenröcke von kostbarem, schweren, buntscheckigen Stoffe, die mit Zicrrathcn überladen waren. Auch die weiten und langen Prachtmäntcl, die man über die Rüstung warf, waren von Gold-und Silbcrstoff, von Sammct, von andettn Scidcnzcug, von Scharlach, mit Gold, Silber, Edelsteinen gestickt, mit dem kostbarsten Pelzwerke verbrämt 42 brämt oder gefüttert, und auch wohl mit 'Schellen behängt. - Diese Mäntel kamen durch die Krcuhzüge nach Europa, weil die Ordensritter sie zu ihrer Kleidung wählten. Schon der h. Bernhard äusserte seinen Unwillen über diese Pracht; aber dennoch erschienen Fürsten, Herren und Ritter nicht nur bey Turnieren, sondern auch bey dem ernstlichen Kampfe, mit griechischen oder morgenländischcn weiten Mänteln, welche die Deutschen Holten nennten. Ihre gewöhnliche Kleidung aber blieb der kurze, oder der Wassenrock, und noch Karl VI von Frankreich trug einen sh/chen Rock von schwarzem Sammct. Sein Hut war von Scharlach. Ehedem trug man Mützen von grobem Zeuge, anfangs von weißer Farbe. Seit dem i4ten Jahrhundert machte man diese Mützen, vermuthlich »m das Eindringen der Nässe von ihnen abzuhalten, von Filz. Schon iz6o gab es zu Nürnberg Hutmacher. Lange Zeit durfte man mit dem Hute nicht in der Kirche erscheinen. Di- Beinkleider, oder Hosen, waren so wcitläuftig gemacht, daß man zu einer wohl auf 10s Ellen Zeug brauchte. Die Deutschen nennten sie Pluderhosen. Schnabel machten da- mahls 4Z mahls so wie jetzt eine Zierde der Schuhe aus. Mit Schnäbel» und Spitzen trug man sie in Frankreich bis auf Ludwig XI. Der Schnabel war mit Krallen, Nageln und Hör« nern geziert. Im i4tcn Jahrhundert bestimmte man das Maß der Schnäbel nach dem Range; eine fürstliche Person durfte sie 2z, ein Frcyherr 2, und ein gewöhnlicher Edelmann Fuß lang tragen. Es gab (rZ7v) zu Zürch Schuhe mit Spitzen, in die man etwas legen konnte. Ueber die spitzigen Schuhe eiferte besonders der Krcutz- prediger Capistrano, und seine Vorstellungen bewirkten auch, daß zu Nürnberg (1460) die Lange der Spitze durch den Senat bestimmt wurde. Auch wurden sie, auf Ansuchen des Bischofcs von Bamberg, endlich (547Z) M vcrbolhcn. In Bern durften sie (seit 1470) nicht länger, als das Vordcrge- lcnk eines Fingers scyn. Zur Befestigung der Schuhe dienten noch keine Schnallen, sondern Bänder. Edelsteine und Perlen glänzten nicht allein an den Kleidern, sondern auch an den Waffen, an der Rüstung, cm den Decken, und an dem Geschirre der Pferde, lim den Aufwand, den die Kreutz- züge 44 züge verursachten, zu vermindern, wurden sie voir den Königen Philipp August von Frankreich, und Richard von England, untersagt; aber sie erhielten sich dennoch bei) ihrem Wcrthe. Eine Hauptzierdc der Fürsten und Herren war die Schcrpc, die aus zwe» sich krcutzendcn Binden von verschiedener Farbe bestand. Auf die Kopf-Haare der Herren wurde noch wenig Sorgfalt gewendet; aber der Bart bcschäfftigte ihre Eitelkeit um so lebhafter. Die Mönche ließen sich zuerst barbieren. Unter den Weltlichen erschienen mit abgenommenen Bart zuerst einige Große, die ihre Haare in einer Krankheit eingebüßt hatten. Andre waren auf ihren Bart so stolz, daß sie ihn, um ihn nicht zu missen, lieber falsch trugen. Am Ende ließ sich jedermann rasircn, um einen falschen Bart tragen zu können. Dieß geschah besonders in Castilien so häufig baß der König Pedro sich bewogen fand, dieser Sitte durch ein Vcrboth Einhalt zu thun. Große und reiche Herren trugen wohl gar goldne Barte. Die 4? Die damaligen Damm durftm ihren Männern in Ansehung der Eitelkeit natürlich keine Vorwürfe machen. Sie kleideten sich in die prachtigsten und kostbarsten Stoffe; sie schmückten sich mit Perlen und Edelsteinen. Angnss Sorel, die Geliebte Karls VI ff war die erste Dame in Frankreich, die Edelsteine trug. Bald stieg aber der Lupus sowohl hierin, als in dem Putze überhaupt, so hoch, daß der deutsche Adel es nothwcndig fand, sich und seine Töchter durch Aufwandsgesehe einzuschränken. Diesen zu Folge sollte eine Dame bey Turnieren nicht mehr als vier mit Perlen oder Edelsteinen gezierte Kleider tragen, sollte sie mit keinem ganz aus Golde stoff verfertigten, und mit Perlen gestickten Kleide erscheinen. Die Moden wechselten da? mahls zwar nicht so oft als jetzt, aber doch immer schnell genug, ab. Am häufigsten geschah es gegen das Ende des iztcn Jahrhunderts, wo, mit den spanischen, französischen, italienischen unddeutschcn Armeen, auch viele vornehme Herren dieser Nationen mit ihren Weibern und Töchtern herum zogen. Vornehme und reiche Frauenzimmer fanden ein Vergnügen daran mit den verschiedenen Nationaltrachten abzu wech- 46 wechseln. Zur Befestigung ihrer Kleider brauchten die Damen des Mittelalters lange Zeit kleine Stiftcheu von Holz, die man cnd- lich von Merall machte, und schon im Jahre 1370 wurden zu Nürnberg Nadeln verfertigt. Hemden von Leinwand wurden erst im izten Jahrhundert gewöhnlich, und Karls VII Gemahlin soll in Frankreich die erste gewesen seyn, die sich eines solchen Hemdes bediente. Die Kochkunst hatte cs damahls noch nicht sehr weit gebracht, den Magen und die Säfte der Vornehmen zu verderben. Die Deutschen, und selbst die Großen aßen gesalzene und geräucherte Fische, Pökelfleisch, Schinken, Wurst, harte Hülsenfrüchte, unverdauliche Mehlspeisen, nebst einigen Kohlartcn. Noch zu den Zeiten Friedrichs III war die Tafel der Fürsten zwar mit verschiedenen feinen Gerichten beseht; aber die Hofbcdienten mußten sich mit schwarzem Brode, faulem und stinkendem Fleische von vicrsüßigcn Thie- rcn und Fischen, mit zähem Kuh- Ziegen- oder Värenfleisch, und mit fast ungenießbaren Hülsenfrüchten , oder Gcmüßartcn, begnügen. Von jeher aß man im nordlichen Deutschland ein- 47 einfachere und härtere Speisen, «lS im südlichen. Wenn die Domherren zu Bamberg 8 Speisen auf ihren Tafeln hatten, so mußten die Beysitzer der sächsischen Grafengcrichte mit z Speisen zufrieden seyn. In England liebte man gleichfalls harte und einfache Speisen. Die Franzosen aßen vorzüglich gern frisches und eingesalzncs Schweinefleisch. Erbsen mit geräuchertem oder gesalzenem Schweinefleisch war selbst für die Tafeln der Könige nicht zu schlecht. An mehrcrn Festen trug man blos Gerichte von Schweinefleisch aus. Das Fleisch von jungen Rehen hiett man für unreif. Unter dem Geflügel schätzte man besonders die Gans. Auf die Tafeln der vornehmsten Hauser kamen Reiher, Kraniche, Krähen, Störche, Schwane, Raben, Rohrdommeln, Geyer, ja selbst Meerschweine und Seehunde, kam das Fleisch und die Zungen von Wallfischen. Die harten und unverdaulichen Speisen veranlaßtcn einen unmäßigen Gebrauch von Gewürzen. Die damahligen Köche machten viele Brühen von Pfeffer, Zimmt, Nelken, Muscaten, Ingwer, Knoblauch, Safran, der, wie der Zucker, mit welchem man alle Gerichte bestreute, zu den un- 48 unentbehrlichsten Bcstandthcilcn derselben gehörte. Zcdcs Gericht hatte seine eigne Brü- he; manche hatten derselben 2 bis z, von welchen eine immer hitziger und zusammengesetzter, als die andre, war. Zum Nachtische gab man überzuckerte Gewürze, um den Magen zu starken. Die Nahmen und Formen von diesem Zuckcrwerkc vcrriethen einen eben so unzüchtigen Geschmack, als die Figuren auf den Becher», welche man den Damen zubrachte. Die Menge der Gerichte, welche man auf die Tafeln der Großen setzte, war wenigstens eben so zahlreich und kostbar, als in nuscrn Zeiten. Dieß vcranlaßtc (seit 1200) häufige Luxusgesctze der Könige von Frankreich. Man trank damahls mehr, aber schlechter, als jetzt. Die Weine hatte im Ganzen genommen weniger Güte; man baute sowohl in Frankreich als in Deutschland an manchem Ort Wein, wo das Clima zum Auskochen desselben zu kalt ist. Mancher deutsche Fürst und Edelmann berauschte sich in meißnischem und braudcnburgischem Landwein. Die Staaten und Städte, die Handel trieben, wurden mit den feiner» griechischen und italienischen Weinen 49 neu bekannt, und durch die Kaufleute kamen sie auf die Fürstcntafeln. Diese Weine waren aber für den Magen der damahligen Großen nicht stark genug. Man kochte sie mit den hitzigsten und kostbarsten Gewürzen ab. Dar- aus entstand Clairet und Hippokras; daraus entstanden Liqucrs, die sehr häufig zum Frühstücke, oder vor der Tafel, getrunken wurden. Mit ihnen machte man Fürsten und Gönnern, bey Feycrlichkciten, ein angenehmes Geschenk. Man vermischte den Wein auch mit Wermuts) , mit Honig, mit dem Safte von Beeren und mit Zucker. Der Brantewcin, der im Jahr iZZZ noch ein chemisches Gehcimniß war, wurde jetzt immer allgemeiner getrunken. Zuerst verfertigten ihn die Bürger von Modena in großer Menge. Auch die Venezianer handelten mit demselben, und die deutschen Bergleute fanden ihn bald sehr wohl- thatig, um die ungesunden Ausdünstungen der Gruben und Schachte niederzuschlagen. Vier war damahls von den Tafeln der Fürsten und Großen noch nicht verbannt. Ein Braunschweiger, Christian Mumme, braute (1489) eine neue Art von Bier, die nach seinem Nahmen gcncunt wurde. Galletti Weltg. sr Th. D Da Da die Könige »nd Fürsten damahls noch nicht so viele Geschäfte und Zerstreuungen als jetzt hatten, und da ihr durch die Jagd und andere Leibesübungen gestärkter Magen mcht lange warten konnte, so nahmen sie ihre Mittags - und Abendmahlzeit auch sehr früh ein. Noch zur Zeit des Königes Heinrich VII von England aß man um 10 Uhr zu Mittag, und um 4 Uhr zu Abend. Eben diese Tischzeit dauerte in Frankreich bis ins 16te Jahrhundert sort. Fast alles war damahls weit einfacher und kunstloser als jetzt. Eben so war es auch das Hofleben. Hoftage waren nur bey großen Familienfesten der Fürsten, z. B. bey Hochzeiten, Kindtaufen und Gcburthstagen, gewöhnlich. Alsdcnn herrschte aber auch eine fast unbegreifliche Verschwendung und Pracht. Das Vermählungsfcst des Vaters der berühmten Markgräfin Mathilde von Toscana dauerte z Monathe. Bey der Krönung des Königes Roger von Stcilicn (nzo) wurden blos goldne und silberne Schüsseln auf die Tafeln gesetzt, und die gemeinsten Hofbcdicnten waren in Seide gekleidet. Besonders präch-- t Jahre lang. Zu ihren Erfindungen gehören die Schafcrgcdichte, und die Licbeshöfc. Als die Provence an die Könige von Frankreich kam , verwandelte sich die rauhere französische Mundart derselben in die Hof - und Dichtcrfprache. Die noch übrigen Funken dichterischen Genies wurden durch die schrecklichen Unruhen der Walden- ser ausgelöscht, und die Troubadours empfahlen sich durch ihre Aufführung jetzt so wenig, daß die Stadt Bologna es (1288) für nöthig fand, ihnen das Singen auf der öffentlichen Straße zu verbiethen. Der Gemahlin Karls von-Anjou, der Beatrix, einer gebshrnen Gräfin von Provence, folgten (1265) die Troubadours über die Alpen nach Sicilicn und Neapel. Doch schon vorher wanderten viele Provenzalcn nach Italien, und viele Italiener nach der Provence, wo sie zum Theil gut aufgcnom- , wen tuen und angestellt wurden. Bald versammelten auch die italienischen Fürsten mehrere Dichter an ihrem Hofe. Da die italienische Sprache mit der provcnzalischcn viele Achn- lichkeit hatte, so war die Nachbildung der provenzalischen Dichter für die Italiener um so leichter, und gegen das Ende des igten Jahrhunderts war der italienische Romanzo schon zu einiger Festigkeit gediehen. In Si- cilicn blühete die Dichtkunst schon seit den Zeiten der Araber. Der bcrcngarsche Negcntenstamm herrschte auch im südlichen Spanien, wo die limo- smische Sprache sich nach der provcnzalischcn bildete. In der Folge gieng die Dichtkunst auch zu den Casiiliancrn über, und der bekannte König Alsons X von Castilien war auch einer der ersten castilischcn Dichter. Zu den Eigenheiten der castilischcn Poesie gehörten die den Mauern nachgeahmten romantischen Lieder und Erzählungen; kleine epische Gesänge über Krieg und Liebe. Das von den cultivittcn Ländern getrennte nördliche Frankreich erhielt erst spät eine gcbil- bildete Sprache. Vis auf die Zeiten des Königes Philipp August wurde alles lateinisch geschrieben. In der Landessprache reimte man nur Volkslieder, und andre poetische Kleinigkeiten. Die französische Sprache kämpfte noch manches Jahrhundert hindurch, mit ihrem rauhen Charakter. Die Nord- franzoscn, welche die Provenzalcn^ wegen ihrer Absonderung, und ihres unkriegerischen Geistes, haßten, verachteten auch ihre Sprache und ihre Dichter. Die Ministerialen, die mit ihren Gesängen die Höfe belustigten, hießen Mcnetricrs; aber diese Mcnetricrs zogen auch wohl im Lande umher, und sau- > gen in Dialogen eingekleidete Erzählungen ab, die von Musik begleitet wurden. Aus Frankreich, als aus dem Musterlan- de der neuen Welt, wanderten die französischen Dichter und ihre Gedichte nach andern Ländern, und besonders nach Italien und England. Die fähigsten Köpfx der Italiener ein Dante, ein Petrarca, studierten zu Paris, und bildeten sich in Frankreich aus. Dante hatte nicht nur Provenzalcn, sondern auch Dichter aus Nordfrankreich, vor Augen. Des 9Z Des Boccaccio Novellen sind aus den französischen Fabliaux und Contes theils wörtlich überseht/ theils ihnen nachgeahmt. Die italienischen Romane waren, bis auf die Zeiten des Ariosts, weiter nichts als tteberschungcn, Ergänzungen und Nachahmungen der französischen. Auch in England war, seit den Zeiten Eduards des Bekenners und Wilhelms des Eroberers , der französische Einfluß sehr sichtbar. Wilhelm der Eroberer führte die normannische, oder die nordfranzösische Sprache, in den Gerichten und Urkunden, und bei) den vornehmem Standen, ein. Das französische wurde die englische Hofsprache. Die höhere Geistlichkeit mußte französisch sprechen können; man lehrte die Kinder französisch lesen; die- Studenten dispitirten eben so wohl französisch als lateinisch. Zwcy hundert Jahre hindurch, bis auf Eduard I, war Britannien mehr französisch als englisch. Bis dahin schrieb man alles, was nicht für das gemeine Wölk bestimmt war, entweder französisch oder lateinisch. Daher waren die ersten Nittcrgc- sange, unter deren wärmste Verehrer Richard 94 Löwenherz gehörte, in französischer Sprache abgefaßt. Es gab auch in England Mene- triers oder Minstrcls, die herumzogen, und sich mit französischen Ritterlicdern hören lies ßen, und das Französische war 200 Jahre hindurch die allgeine Dichtcrsprache Englands. Erst Eduard III untersagte den Gebrauch der französischen Sprache in den Gerichten, und dennoch vcrlohr sich derselbe nur allmählig. Die sächsische Sprache der alten Angelsachsen hatte sich nur mit Mühe bcy dem Gottesdienste, und bcy dem gemeinen Volke, er- halten können. In derselben schrieb man seit dem i2tcn Jahrhundert. So bildete sich, unter dem Einflüsse der französischen Sprache, die angelsächsische Mundart, eine Vermischung des Sächsischen und Französischen, die, besonders seit der Zeit, da der Vürgerstand in England sich hob, sich immer vollkommncr entwickelte. Seit den Zeiten Eduards I wetteiferten die englischen Dichter mit den franzüsiscben. Seit Eduard III wurde das Englische die allgemeine Schrift- und Umgangssprache. Die englischen Dichter verfertigten vornehmlich Balladen, oder heroische Erzählungen kriegerischer Thaten, worin 95 in sie die normannischen Dichter zum Mus sicr nahmen. Oft beschäftigten sich diese Minstreis aber blos damit, daß sie Lieder und Balladen zusammen stoppelten. Die meisten derselben wurden erst in der Folge zu Papier gebracht. Mit den Rirterwcscn verlohren sie sich von den Höfen unter das gemeine Volk. Nach Deutschland kam die Ritterpocsie zur Zeit der hohenstaufischen Kaiser. Die an dem Hofe derselben befindlichen Schwaben lernten bis Provenzaldichter kennen, und fühlten, wenn sie die Anlage dazu hatten, bald die Neigung, dieselben in ihrer schwabischen Mundart nachzubilden. So entstanden die schwabischen Dichter, die man Minnesanger (Licbcsdichter) und Meisicrsangcr nennte. Durch sie wurde die schwabische Mundart immer reicher, biegsamer, harmonischer; durch sie wurde sie allgemeine Schrist- und Büchersprache. Meistens war aber die deutsche Ritterpoesie ein bloßer Nachhall der französischen. Daß aber die deutschen Dichter auch die Alten studierten, beweisen die Aencide von Heinrich von Deldeck, und die ovidi- 96 ovidischen Metamorphosen von Albrecht von Halberstadt. Auch gab es, ausser den schwär bischen Kaisern, noch andre deutsche Fürsten, die ihre Neigung für die Dichtkunst thatig bewiesen. Unter diesen glänzte besonders der thüringische Landgraf Herrmann, der, schon zu Anfang des izten Jahrhunderts, auf seinem Schlosse Wartburg ley Eiscnach, einen Kreis von guten Dichtern unterhielt, die ihn durch ihren poetischen Wettstreit, der Krieg zu Wartburg gencmtt, ausserordent- lich belustigten. Mit den Krcutzzügcn, und den hohenstaufischcn Kaisern, verlohr sich auch der Geschmack an der Rittcrpoesic, den der unbändige Fehdegeist des deutschen Adels gewaltsam niederdrückte. Zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts machte man in Deutschland Verse, die halb deutsch und halb lateinisch waren. Im nördlichen Europa gab es seit den ältesten Zeiten Dichter, die man Skalden uennute, die sich, im Kriege und Frieden, im Gefolge der Fürsten befanden, die sie auf ihren weiten Seereisen begleiteten. Sie scntt gen in reimlosen Versen, weniger von den Güt- 97 Göttern/ desto häufiger aber von den Helden der Nation, und hielten sich meistens ganz treu an die Geschichte. Im i2len Jahrhnnl dcrt nahmen sie, und zwar zuerst in Schwel den, die Reime an. Die vorzüglichsten norl dischen Dichter dieses Zeitalters, lebten aber in Island, dessen Bewohner, große Licbhal bor von Reisen, sich Kenntnisse von aller Art sammelten, und die Sagen des alten Nordens angenehm zu erzählen wußten. Sie waren daher so beliebt und geschätzt, daß matt nicht nur Hofdichter, sondern auch Räthe, aus ihnen machte. Gleich nach dem Chril stenthume fand sich auch das Nittcrwesen im Norden ein, welches französische Ritter dahin versetzten. Zur Zeit der schwedischen Köl nige Virger und Magnus fiengen die schwel dischen Herren an, ihre Söhne z» Paris und Montpellier studieren zu lassen. Seit der Zeit reimten die Schweden immer häufiger, und der Geschmack an romantischen Gcdichl tcn verbreitete sich auch nach Nordeurol pa. Der letzte und zugleich der schätzbarste Sagen - Dichter, ist Snorre Sturleson (st. 124 c). Kallctti Weich, sr Th. G 98 Mit dem igten Jahrhundert verschwand in den meisten Landern die eigentliche Ritterpoesie, und man wählte, zu Gedichten in der durch dieselbe veredelten und verfeinerten Sprache, auch andre Gegenstände, als Ritter- thaten. Italien erhielt jetzt einige seiner vortrefflichsten Dichter. Dante Alighieri, aus Florenz (st. iZ2i) Krieger und Staatsmann, aber wegen seiner wclsischen Gesinnungen aus seinem Vaterlande verbannt, -schilderte in einem langen aus drey Theilcn bestehenden Gedicht, die göttliche Comedic genannt, das «ine allgemeine Bewunderung erregte, mit den glühendsten Farben, die Sitten seines Zeitalters. Franz Petrarca (1Z04 — 1374) von Arezzo in Toscana, der eigentliche Vater der italienischen Dichtkunst, und einer der vorzüglichsten Wiederherstellet' des guten Geschmacks, bildete sich, durch ein richtiges Gefühl für alles Große und Schöne geleitet, und von der reihenden Laura bezaubert, nach dem Muster eines Virgils und Cicero. Johann Boccaccio, gleichfalls ein Florentiner, des Petrarca Zeitgenosse, entwickelte scin» vorzüglichern Fähigkeiten durch den Umgang mit eben demselben, und durch das fleißige Ab- 99 Abschreiben und Studium der Alten. Sein Decamerone, eine Sammlung von loa Novellen oder Erzählungen, ist das erste Werk in italienischer Prose, und man kann den Boccaccio gleichsam als den Schöpfer derselben ansehen. In Frankreich gab es in diesem Zeitalter noch keinen Dichter von Bedeutung. In Deutschland wurde seit den Zeiten der Ritterpoesie die Sprache immer matter, kalter, und unfähiger für den poetischen Ausdruck; auch schlichen sich immer mehr fremde, besonders lateinische Wörter, in dieselbe ein. Der Adel überließ das Reimen nun den Bürgerlichen. Die Dichtkunst wurde zu einem Handwerke der Meistersinger < Zunft herabgewürdigt. Diese lehrten ihre Reimkunst in Singschulen, und belustigten das Publicum durch poetische Wettstreite. Sie reimten Gelegenheitsgedichte, biblische Geschichten, Chroniken, und ihre Volkslieder wurden von jedermann gesungen. England hatte im i4tcn Jahrhundert an Gottfried Chaucer, der am Hofe Eduards III lebte, und sich auf Reisen und in der großen Welt ausbildete, einen vor« G 2 jüg« züglichen Dichter, der die provenzalischen und italienischen Dichter studierte und nachahmte. Die Geschichte, aus welcher die damah- lige Poesie so manchen Gegenstand entlehnte, wurde erst gegen das Ende dieses Zeitraumes mit etwas mehr Geschmack und Kunst getrieben. Seit dem igten Jahrhundert gab es eine große Menge von gereimten Chroniken. Dagegen vermehrten sich auch die Sammlungen von Urkunden, die einen so wichtigen Theil der Geschichte des Mittelalters ausmachen. Die Gcschichtschrcibcr der Araber waren zwar von dem schönen Muster der Alten noch weit entfernt; sie übertrafen aber doch die Historiker anderer Nationen an Gründlichkeit, Wahrheitsliebe und Menschen- kenutniß. In Persicn, wo die ältesten literarischen Denkmahlcr von den Chalifcn vernichtet worden waren, übersetzte man in der Folge arabische Schriften in die Landessprache und alles, besonders auch die Geschichte, wurde nach arabischem Muster geformt. Die Griechen hatten noch einige gute Gcschicht- schreiber, als ihr? Anna Komnena, die Bio- gra> IOI graphin ihres Vaters, des Kaisers Alerius; ihren Georg Gemistius, der um 1450 fast 100Jahre alt starb, und einen Thcil der grie^ chischcn Geschichte bearbeitete. Die italicni- sehen Geschichtschreibcr des iztcn und l4tcn Jadrhunderts erzählen noch viele Märchen; gegen das Ende dieses Zeitraumes hob sich aber eine ganze Schaar besserer Historiker empor. Die spanischen Geschichtschreibcr schmeichelten ihren Königen, und vernachlässigten eben sowohl die Zeitrechnung, als die historische Kunst. Auch die französischen Historiker dieses Zeitalters schrieben meistens ohne Quellen - Prüfung. Die Geschichte Ludwigs des Heiligen von Johann von Join- ville *) war das erste Gcschichtbuch in französischer Spache. In Deutschland gab es erst seit dem izten Jahrhundert Chroniken in der Muttersprache, deren Verfasser von Aberglauben, Märchcnsucht und Kleinigkeiten- Geist sich beherrschen ließen. Achnliche Chroniken hatten auch die Engländer. Unter den nordlichen Völkern stellten die Russen zuerst wahre Geschichtschrciber auf. An der Spitze der- ») Thcil vu, S. z-8. io6 derselben steht ihr ältester Annalist, der Mönch Nestor (um iioo). Are Frodi (st. 1148) schrieb islandische Jahrbücher, die für die älteste Geschichte des Nordens eine große Wichtigkeit haben, aber von Snorre Stur- lesons Heimskringla (Geschichte von Norwegen) doch noch übertreffen werden. Der erste erträgliche Geschtchtschreiber Polens ist Kad- lubck, Bischof zu Krakau (st. 1226). Die Erdkunde hatte, besonders gegen das Ende dieses Zeitraumes, große Fortschritte gemacht. Der Gebrauch des Kompasses, der die Entdeckungsreisen beförderte, erweiterte den Umfang geographischer Kenntnisse, die jedoch nur von wenig Schriftstellern zum Gegenstande ihrer Bemühungen gewählt wurden. Die Araber hatten verschiedene Geographen, und sogar ganze Erdbeschreibungen in Versen. Auch der Italiener Berlinghieri trug die Geographie in Versen vor. Landkarten kamen noch nicht häufig vor. Ein maynzischcr Domherr Heinrich verfertigte für den Kaiser Heinrich V eine Art von Weltkarte. Im rzten Jahrhundert hatten Vianco zu Venedig, und Behaim zu Nürnberg, solche Weltkarten. Doch I0Z Doch seit dem igten Jahrhundert ver» mehrten sich die Reisebcschrciber, vermehrten sich die geographischen Kenntnisse ungemein. Die Wallfahrten nach Asien, die in den He« ligcngeschichtcn umständlich beschrieben wurden, unterhielten die Bekanntschaft mit diesem Erdi theile. Aus ihnen setzte man die wunderbaren Weltberichte *) zusammen, die, in Klöstern und auf Universitäten, bep Tische und an den Winterabenden, vorgelesen, und meistens mit großem Bcyfallc, angehört wurden. Ganz vorzüglich machten sich aber die vielen Mist sionaricn oder Heidenbekehrer, welche Asien durchzogen, um die Erweiterung der Erdkunde verdient. Von ihnen wurde manche Länderbeschreibung nach Europa gebracht. Zu diesen Missionarien gehörte der Italiener de Plano Carpini, den der Pabst Jnnocenz IV an die Chane von Kaptschack schickte dessen Neisenachrichten die große Tatatarey der damahligen Welt fast bekannter machten, als sie es der gegenwärtigen ist. Ausführliche, die Berichte der Vorgänger ergänzende Ve- UlratziUa >lunäi. **) Theil vil, S. Z89. IO4 Beschreibungen, lieferte Wilhelm Nuisbroek (Nubruquis) uns Brabant, den der König Ludwig IX von Frankreich, von Crcmona ans, über das schwarze Meer, und durch die Krim (125z) an den Grofichan Mankn schickte. So wurde die Weltherrschaft der Mongolen ein Beförderungsmittel der Erdkunde! Der Pabsc Clemens V ließ den armenischen Fürsten Haithan (1Z07) nach Frankreich kommen, um ihn, wegen eines Kreutzzuges gegen die Türken, zu Nathe zu ziehen. Dieser entwarf nun in dieser Absicht eine Ueber- sicht der asiatischen Staaten, welche alle die bisherigen an Ausführlichkeit übertraf. Aber auch ihn ließ Marko Polo, ein Venezianer, ein Abkömmling eines um Schiffahrt und Erdkunde so sehr verdienten Volkes, weit hinter sich zurück. Polo, der, in Gesellschaft seines Vatecs, 26 Jahre in Asien umher reisete, und (seit 1270) nicht nur die Küsten Malabar und Koromandel, sondern auch Indien jenseits des Ganges, bcrcisctc, kam cinch nach China, wo er drey Jahre lang, im Dienste des Großchans Koblaj, Befehlshaber einer Stadt war. Er sah die große Stadt Peking. Des Thees erwähnt er nicht, aber ZO5 aber die Schüsseln und Teller von Porzellan blieben ihm nicht unbekannt. Japan, die Inseln Börnes und Sumatra, imgleichcn Bengalen, lernte er gleichfalls kennen; in Afrika wurde er aber blas mit den beyden Küstenländern Zanguebar und Abossinien bekannt. Sein Werk über die Morgenländer blieb lange Zeit das Handbuch über die asiatische Geographie. Sderich von Pottenau, der, zu Anfang des i4ten Jahrhunderts, vom schwarzem Meere bis nach China rcisete, drug zur Erweiterung der Länderkunde nichts bey, und Johann Mandcville, ein englischer Ritter, der dem Sultan von Aegypten diente, lieferte blos Auszüge aus dahmayligcn Modcbüchcrn. Lehrreicher war die Rciscbeschrcibuug des Ruy Gonzalez de Clavigo, den der König Heinrich III von Casiilien an den Weltstürmer Timur schickte. Sie hellte den Handelsgang dieser Zeit, und die Verfassung der Mongolei), auf. Im Dienste eben dieses Timurs befand sich der Deutsche, Johann Schildbcr- gcr, dessen Nachrichten aber größtenthcils unbrauchbar sind. Aus diesen und andern Reisebeschreibungcn entlehnten nun die Chro- nikcnschrciber die Nachrichten von entfernten ZO6 ten Ländern^ die fle ihren Werken einver- leibten. Die Beschreibungen europäischer Länder Wurden auch nicht ganz vernachlässigt. Bei sonders bewiesen die Könige von England ihre Vorliebe sür die Erdkunde durch den Eifer, mit dem sie die Kenntnisse ihres Landes zu befördern suchten. Seit der Erfindung der Buchdruckerkunst wurden die Landkarten mit Holzstöcken in die Bücher gedruckt. Sie- Sieben nnd zwanzigstes Kapitel. Philiiophic. Mathematik. Naturgeschichte und Naturlchre. Chemie. Arzneymisscnschaft. Rechtswissenschaft. ^chon im vorigen Zeiträume war die söge» nannte scholastische oder Schulen «Philosophie entstanden; eine Frucht der Bemühung, die Philosophie in ein System zu bringen. Das platonische, oder eigentlich das alcxandrinische System, hatte alle übrigen verdrängt. Arn stoteles war darüber einige Zeit hindurch ganz vergessen worden. Allein in dem westlichen Europa, und vornehmlich in Frankreich, be» kam Aristoteles im i2ten Jahrhundert viele Verehrer. Man studierte ihn aus lateinischen Uebersetzungen, die nicht unmittelbar aus der grie» !O8 griechischen Urschrift, sondern aus dem Arabischen, gemacht worden waren. Schon in der ersten Hälfte des i2ten Jahrhunderts legte Johann Rousselin aus Bretagne zu Compiegne eine dialektische Schule an, die ihm viele Verfolgungen zuzog. Weil er und seine Anhänger die Erklärung der Wörter und Begriffe zu ihrem Häuptgcschasste machten, so wurden sie Nvminalisten gcnennt. Einen ungleich größer» Ruhm erwarb sich dessen Zeitgenosse Peter Abeillard oder Abä- lard (st. 1142) der zu Melun und Corbeik philosophischen Unterricht crthcilte, und es zum hauptsächlichsten Zweck seines Bestrebens machte, die gchcimnißvollstcn Lehren des Christenthums selbst aus hcydnischcn Büchern zu erklären. Er machte sich durch seine Stärke im Disputiren so viele Feinde, daß er sich manche Verfolgung zuzog. Der feurige Dift putirer war aber auch ein feuriger Liebhaber. Dies bewies seine Liebe für die schöne He- loise, durch welche sich die Verwandten derselben so beleidigt fanden, daß sie ihn der Mannskrast beraubten. Er wurde hierauf ein Bcncdictmcrmöch in der Abtei) St. Dionys l09 nys. Aber auch hier wurde er, seiner Schriften wegen, so verfolgt, daß man ihn durch eine Kirchenversammlung zu Soissons als einen Ketzer verdammen ließ. Er starb endlich (1142) in einem Kloster nicht weit von Chalons an der Saone. Einer seiner berühmtesten Nachfolger war Peter Lombardus aus Novara, .Bischof zu Paris (st.° 1164) dessen Snstem der Theologie, das größte Meisterstück des icrten Jahrhunderts, alle vorigen und gleichzeitigen Systeme verdrängte. .Ein Schüler Abälards, Johann von Salisbury, der Kleine, Bischof zu Chartrcs, ein in den Alten sehr belesener, mit Weltkenntnis!, Geschmack und richtigem Urlheile ausgerüsteter Philosoph, der schönste Geist seines Jahrhunderts, doch mehr zum Empfinden, als zum tiefen Denken gemacht, konnte die Wortphilosophie unmöglich gut finden, und verachtete sie vielmehr. Die eigentliche scholastische Philosophie fangt sich aber erst zur « Zeit Albrechts des Großen an, eines Dominicaners des igten Jahrhunderts, der den Aristoteles wieder zum herrschenden Philosophen erhob. Das l 10 Das durch unwissende Uebersetzer und Erklä« rer verunstaltete System desselben galt jetzt ganz allein. Die Alten wurden nun gar nicht mehr gelesen. Den Albrecht übertraf an Geist und Nuhm sein Schüler Thomas von Aquino (st. 1274) ein Dominicaner, der, fast in allen der angesehensten Städte Italiens, mit so großem Beyfalle lehrte, daß man ihn den Doctor angclicus (den englischen Lehrer) nennte. Von ihm hatte die Thomistenss'-te ihren Nahmen. Der Schöpfer einer höchst barbarischen, in die verworrenste Schreibart eingekleideten Terminologie, war der irlandische Franciscancr Johann Duns Scotus (st. izo8) ein bewunderter Lehrer der Universität zu Oxford, der sogenannte Doctor subtilißimus (der spitzfindigste Lehrer). Nach ihm nennten sich seine Anhänger Scotisten. Mit dem Wilhelm Duran- dus, einem französischen Franciscancr, Lehrer der Theologie zu Paris und Rom (st. 1ZZ2) fängt sich das dritte Zeitalter der Scholastiker an. Vorzüglicher Scharfsinn, große Deutlichkeit und Bestimmtheit der Begriffe, machte» ihn zum natürlichen Gegner der Thomisten. Jetzt traten auch einige kennt- niß- III nißvolle und aufgeklärte Scholastiker auf, die sich den großen Anmaßungen der Päbste leb, Haft widersetzten. Unter ihnen glänzte Wils Helm Occam, ein englischer Franciscancr (st. 1547) der den König Philipp IV von Frankreich, und den Kaiser Ludwig von Bayern, gegen die Päbste vcrthcidigte. Unter ihnen glänzte ganz vorzüglich der durch seinen wichtigen Einfluß auf die Kirchcuvcrsammlung zu Costnitz *) bekannte Kanzler der Universität zu Paris Johann Charlier Gcrson (von seinem Geburthsorte in Champagne st. 1429). Er war unstreitig der geschmackvollste, bcrcd« ste, in den Alten belesenste Philosoph seiner Zeit, der mit Menschenkcnntniß Aufklärung vereinigte. Mathematische, vornehmlich astronomische Kenntnisse, wurden jetzt höher, als sonst, geschäht, und fleißiger bearbeitet. Lange waren die Griechen und Araber die besten Mathematiker. Diese studierten die griechischen Mathematiker aus Uebcrsetzungen. Die Araber waren auch die ersten, die sich der jetzigen für ») Thcil Viii-, S, 14z. für dir Rechenkunst so wichtigen Zahlzeichen bedienten. Diese stammen, wie man glaubt, ans Indien her. Nach Europa brachten sie entweder die Kreutzzüge, oder der italienischen Handel mit dem Orient, oder die arabische Herrschaft über Spanien. Auch die Griechen hatten diese Zahlzeichen kennen lernen, und wer sie von ihnen erhielt, nennte sie griechische Ziffern. Von den Gelehrten in Europa scheinen sie aber nicht viel vor dem inten Jahrhundert gebraucht worden zu. seyn. Auch die Buchstabenrechnung, oder die Algebra, lernten die Europäer von den Arabern. Leonhard von Pisa brachte sie vor iroo aus Bugie in Afrika, nach Europa. Die Europaer, die Schüler der Araber, übersetzten um 1150 den Eüklidcs auv dem Arabischen ins Lateinische. Der Kaiser Friedrich II ließ des Ptolcmaus Lehrgebäude der Sternkunde, bei) den Arabern Almagest genennt, gleichfalls aus dem Arabischen ins Lateinische übertragen. Alfons X von Casiilicn liest (um 1250) durch arabische, jüdische und christliche Astronomen, die bekannten astronomischen ?aftl>, seines Äamens verfertigen. Al- I!5 Albrecht der Große besaß in der angewandten Mathematik, besonders in der Astronomie und Mechanik, große Einsichten, die ihn in den Stand setzten, bewundernswürdige Ma- schienen zu verfertige». Ein noch größerer Mathematiker war Roger Bacon (st. 1284) ein englischer Franciskaner, der seine ausserordentlichen Geistesgaben zu Oxford und Pas ris ausbildete, und, durch das Studium der Araber und der Natur, noch vollkommner entwickelte. In Deutschland wurde seit dem i)ten Jahrhundert Mathematik und Astrono- mie sehr eifrig getrieben. Zu Wien lehrte die Sternkunde Johann von Gmünden (st. 1442) dessen berühmtester Schüler Georg von Peurbach (st. 1461) war. Des letzter» Theorie der Planeten galt lange Zeit für ein vorzügliches Lchrbnch. Aber Pcurbachs Schüler, Johann Müller Ncgiomontanus von Königsberg in Frauken (st. 1476), der in Italien das Griechische lernte, war derjenige, der das mathematische Studium in Deutschland in einen lebhafter» Gang brachte, der zuerst Algebra trieb, und um Trigonometrie und Mechanik sich besonders verdient machte. Nach ihm war sein Schüler Walther von Nürn- Ealietti Wclig. sr Tb. H berg 114 berg (st. 1504) der größte Astronom seiner Zeit. Johann Müller von Königsberg hat sich anch in der Geschichte des Kalenders unsterblich gemacht. Vor dem astronomischen Kalender hatte man ein, ans vicljahrige Beobachtungen gegründetes chronologisches, Verzeichnis; von Naturerscheinungen, also einen Natur - oder botanischen Kalender. Man hieng demselben die sogenannte Wcttcrpractica d. i. eine Anzeige der mnthmaßlichcn Witterung, an. Ein solcher Kalender galt auf viele Jahre. Johann Müller ließ (1476) einen Kalender zu Nürnberg drucken, der auf zo Jahre galt, und dieser gicng so stark ab, daß mau ihn mit 12 ungrischen Ducatcn bezahlte. In eben dem Jahre erhielt Müller von dem Pabst Sixtus IV eine Einladung, nach Rom zu kommen, um den Kalender in Ordnung zu bringen; er starb aber kurze Zeit nach seiner Ankunft. Das neue Jahr fleug sich um diese Zeit noch nicht mit dem itcn Januar, sondern mit dem 25tcn Marz, an. Die Sternkunde wurde noch immer zur Sterndeutern), oder Astrologie, gemißbraucht, und ii; und die Astrologen hatten nicht nur auf das. Privatleben, sondern auch auf die Staats- Handel, den wichtigsten Einfluß. Die natürlichsten Erscheinungen galten in diesem Zeiträume für Wunder, und Vorbedeutungen. Aberglaube, irrige Ncligionsbcgriffe, und Mangel an Werkzeugen, hemmten alle Fortschritte des Studiums der Physik. Albrecht der Große und Robert Bacon, waren vielleicht diejenigen, die in diesem ganzem Zeiträume noch die meisten Kenntnisse der Naturlchre besaßen. Eben dieselben übertrafen auch alle ihre Zeitgenossen in der Naturgeschichte. Albrecht handelte das Thicrrcich in einem besonder» Werke ab, das er aus griechischen und arabischen Büchern zusammenschrieb. Der Kaiser Friedrich II verfertigte eine Naturgeschichte der Vögel. Die Kenntniß der Pflanzen und Mineralien schien damahls blos dem Arzte wichtig. Die Chemie, odcr Schcidckunst, wurde blos von Acrztcn und Apothekern getrieben. Es gab schon im i-pten Jahrhundert Acrzte, welche die Zubereitung der Arzneyen aus chemischen Grundsätzen lehrten. Man bildete sich H 2 da- ii6 damahls ein, Tincturen zur Verlängerung des Lebens verfertigen zu können. Während daß man an denselben künstelte, erfand man das Scheide- und Königswasser. Den damahligen Zustand der Arzncywis- scnschaft kann man sich nun leicht vorstellen. Die Stelle der Erfahrung und Beobachtung vertraten spitzfindige Untersuchungen. Man setzte auf den Zusammenhang des Körpers mit der ganzen Welt, und besonders mit den Planeten , ein großes Vertrauen. Man schrieb der Constellation, das heißt dem Stande der Gestirne zur Zeit der Gcburlh eines Menschen, einen großen Einfluß zu. Dieser medicinische Aberglaube rührte hauptsächlich von den Geistlichen her, die sich damahls fast ausschließlich mit der Arzneywisscnschaft bc- schässtigtcn; die, ungeachtet es ihnen Conci- lienschlüsse des igten und i4ten Jahrhunderts untersagten, dennoch fortfuhren, Aerzte abzugeben, und durch ihre Kunst sich Neichthnm und Ansehn zu verschaffen. Daß sie aber als Aerzte ihre Pflicht nicht immer recht erfüllten, beweiset eine Verordnung eines Eon- ciliums zu Wien (von 1312), daß, zur bessern "7 ftrn Besorgung der Kranken, künftig auch Layenbrüdcr den Hospitalern vorstehen sollten. Vermeynte Wundcrkuren, und die Unterstützung der Heiligen, trugen zum medicinischcn Ansehn der Geistlichen das meiste Key. Im i4ten Jahrhundert fieng man an, die einige Jahrhunderte hindurch ganz in Vergessenheit gerommnc Anatomie wieder herzustellen. Dieses Verdienst erwarb sich Mondini de Lazzi, Professor zu Bologna (um izi;), der auch eine Beschreibung des mcnschlischen Körpers ausarbeitete, welche lange Zeit hindurch zum einzigen Lehrbuchs der Anatomie diente. Seitdem zergliederte man auch auf andern Universitäten. An ausserordentlichen Gelegenheiten, me- dtcinische Kunst zu zeigen, fehlte es in diesem Zeitalter gar nicht. Durch die Kreutz- fahrcr kamen die Kinderblattern aus Aegypten, wohin sie aus Aethiopicn versetzt worden waren, nach Europa. Die Pest richtete vornehmlich im 14WN Jahrhunderte unter dem Menschengcschlechte schreckliche Niederlagen an. Unter andern verbreitete sie sich (1Z47) aus Klcinasien über Italien nach Deutsch- Deutschland. Zu Italien wüthcte sie so un- aufhaltsam, daß von 5 Menschen oft nur einer am Leben blieb. Zu Florenz sollen 100000 Menschen, zu Venedig eben so viel, zu Pisa 25000 umgekommen, und zu Siena von 100000 nicht mehr als izooo übrig geblieben seyn. Auch in Deutschland stürzte sie an manchen Orten den dritten Thcil der Einwohner ins Grab. Der sogenannte schwarze Tod (so nennte man sie in Deutschland) lödtcte in einem Jahre in Lübeck 9000, in Erfurth 12000 Menschen. In Basel zählte man auf 14000 Tobte. Vier Jahre lang dauerte dieses Menschcnstcrbcn fort, und nur allein von dem Barfüßer - Orden sollen in z Jahren über 124400 Menschen begraben worden seyn. Im 15WN Jahrhundert kamen zu den bereits bekannten Krankheiten das englische Schwcis- ficbcr, der Scharbock, der Wcichselzopf und die Lustseuche hinzu. Die Lustseuchc soll auf der Insel Hispa- niola, schon lange vor der Ankunft des Co- lumbus, bekannt gewesen seyn. Wenn aber ein neapolitanischer Arzt, Rahmens Aquilins, der noch in der ersten Hälfte des izten Jahr- hnn- II? Hunderts (144z) starb, über diese Krankheit eine besondre Schrift verfertigt hat, so kann sie nicht erst aus Amerika nach Europa gekommen seyn. Auch leiten sie andre von den in Spanien wohnenden Arabern her. Indessen war sie den Acrztcn im iztcn Jahrhundert uoch neu. Doch soll es zu Augsburg schon im Jahre 1495, in einem besonder!» Hospitale, 125 venerische Kranke gegeben haben; im folgenden Jahre war diese Krankheit bereits in Nürnberg bekannt, und 1498 starb, wie man sagt, der König Karl VIII von Frankreich an den Folgen derselben. Durch diese und andere neue Krankheiten erweiterten die Acrztc ihren Umfang von Kenntnissen. Gute Aerzte, die sich von der Erfahrung leiten ließen, hatten frühzeitig die Araber. Unter ihnen hat sich besonders Avcrrhoes berühmt gemacht, der den ins Arabische übersetzten Aristoteles zu seinem Führer wählte, und das System des Galens dagegen um sein Ansehn zu bringen suchte. Nach den Arabern trieben die Italiener die Arzneywisscnschaft am glücklichsten. Sie veredelten die Chirurgie, und machten von der Che- 120 Chemie einen nützlichen Gebrauch; aber ihre Fortschritte in der Anatomie hemmte ein Vers lboth des Pabstes. In Frankreich gab es zu Montpellier eine besondre mcdicinische Schule, und Karl V legte zu Paris für die Astrologie und Medizin ein besondres Colcgi- um an. Die ausländischen Aerzte, und besonders die jüdischen, waren aber doch geehrter, als die inländischen. In Deutschland befand sich die Arzncywisscnschaft fast ganz in den Händen der geistlichen Empiriker (Vcrsuchma- cher) und Nachbethcr. Diese trieben kein? Anatomie, und setzten vielmehr auf astrologische Grillen, auf Zaubermittcl, religiöse und sympathetische Euren, einen großen Werth. Ansteckende Krankheiten betrachtete man als «ine besondre Strafe Gottes. Dennoch war es ein deutscher Arzt, Peter von Aichspnlt aus Trier, der dem Pabst Clemens V seine Gesundheit wieder verschaffte, und sich dadurch zum Erzbisthume Maynz den Weg bahnte. Zn England, und in andern nördlichen und östlichen Ländern von Europa , gab es noch weniger einsichtsvolle Aerzte. Die Rechtswissenschaft bildete sich in diesem Zeiträume ganz vorzüglich aus. Das römi- I2l römische Recht ficng an, in Europa' herrschend zu werden. Dieses römische Recht floß aus Zustinians berühmter Rcchtssammlung. Es gab im alten römischen Staate eine so große Menge von Gesetzen und Erläuterungen der- selben, daß ihre Vcrglcichung und Anwendung ein sehr beschwerliches Geschaffte verursachte. Zwar hatte man unter den Kaisern, und besonders seit Constantin dem Großen, Sammlungen von Gesetzen veranstaltet, und eine solche Sammlung schrieb sich von dem Kaiser Thcodosius II her; aber diese bildete noch immer so wenig etwas Vollständiges, baß der bekannte Kaiser Zustinian I den Entschluß faßte, aus einer großen Menge von Gesetzen, Senats-Schlüssen, Pratoren- Edictcn, kaiserlichen Verordnungen, und Gutachten der Nechtsgclchrtcn, die in unzähligen Bänden zerstreut lagen, ein System des römischen Rechtes verfertigen zu lassen. Er übertrug dieses Geschäffte einer Commission von zehn Rcchtsgelehrten, über welche sein Minister Tribonian die Aufsicht führte. In Zeit von 14 Monathcn (529) war die Arbeit vollendet. So entstand die justinianische Samm- 122 Sammlung vyn Constitutionen, oder Verord- nungen. Nicht lange hernach beschloß Jnstinian, aus den Schriften der altern römischen Rechts« gelehrten, ein Handbuch des römischen Rech« tcs ausarbeiten zu lassen. Er gab der Com- Mission von 16 Rcchtsgelehrtcn, denen er diese Arbeit auftrug, eine zehnjährige Zeit; aber Tribonian betrieb dieselbe mit einer solchen Eile, daß sie schon in Einem Jahre geendigt war. Man nennte dieses Handbuch welches einen Auszug aus den Schriften von 40 Juristen enthalt, und in 50 Bücher gc- thcilt ist, Pandcctcn oder Digcsta. Da dieses Werk, zur leichten Uebersicht und zur Erlernung der Rechtswissenschaft zu weitlauftig war, so ließ Justinian der Bekanntmachung desselben eine Anleitung zur Rechtswissenschaft, oder sogenannte Institutionen, in 4 Büchern, vorausgehen. Hierzu kamen nun noch Deci- sioncn und Novellen; oder Entscheidungen und neue Verordnungen des Kaisers Justinian, und alles dieses bildete nun das Corpus Juris, oder den römischen Ncchtskörpcr, der für die europäische Menschheit so wichtig geworden ist. Dieser I2Z Dieser römische Ncchtskörper behauptete sich im östlichen Kaiscrthume immerfort bey seinem Anschn. Man übersetzte ihn ins Griechische, und stattete ihn mit vielen Erklärun- gen in eben dieser Sprache aus. Da so viele neue Verordnungen der Kaiser hinzugc- kommen waren, so hielt es der Kaiser Basilius für nothwcndig, die bisherigen Gesetzsammlungen zu einem Ganzen umarbeiten zu lassen; aber diese Arbeit wurde erst unter seinem Sohne Leo V (L87) zu Ende gebracht. Auch im westlichen Theile des römischen Kaiserthumes, und vornehmlich in Italien, galt das römische Recht noch immer als ein solches, zu dem man, von andern Gesetzen verlassen, seine Zuflucht nahm. Es wurde daher auch in den Klostcrschulcn gelehrt. Aber einen ganz neuen Schwung bekam das Studium desselben, als die Aufmerksamkeit eines gewissen Irnerius, der weder ein Deutscher noch ein Maylandcr war, durch einen philologischen Streit, auf das justinianische Gesetzbuch so mächtig hingezogen wurde, daß er es zum Gegenstände seiner öffentlichen Vorlesungen zu Bologna wählte. Irnerius war ein 124 ein Zeitgenosse der Markgräfin Mathilde, der Freundin Gregors VII, und seine Erläuterungen des römischen Rcchtskörpcrs fanden so viel Bcyfall, daß die jungen Studierenden sich tausendweise zu seinem Lehrstuhle drängten. Das römische Recht schien für die Un- terthancn eines Nachfolger der alten römischen Kaiser sehr gut zu passen. Die deutsch- römischen Kaiser, z. B. Friedrich I 5), und ihre Minister, fanden auch die monarchischen Grundsatze desselben ihrem Vorthcile so angemessen , daß sie, wenn sie nur einige Politik besaßen, die Einführung des römischen Rechtes eifrig begünstigen mußten. Auch war ja die Gesetzgebung der meisten europäischen Staaten noch so unvollkommen, daß man eine so vollständige Gesetzsammlung nicht wohl entbehren konnte. Daher waren seit der Mitte des retten Jahrhunderts die römischen Gesetze in den meisten Staaten wenigstens stillschweigend anerkannt, und die Kanzler und Näthc waren nur des römischen Rechtes kundige Männer. Es traten jetzt Gelehrte auf, die sich durch ihre Rechtswissenschaft Ruhm *) Thcil vi!. S. i6z. Ruhm und Vermögen erwarben. Bartolus von Sassofcrrato im Gebieth von Ancona (um 1Z50) Lehrer zu Perugia, modelte die römische Rechtswissenschaft nach der scholastischen Philosophie um, und ward der berühmteste Jurist seines Zeitalters. Einen glänzenden Ruhm erwarb sich auch dessen Schüler, Baldus von Perugia. Neben dem römischen Rechte gelangte aber auch das sogenannte canonische zu einem äusserst wichtigen Anschn. Canones nennte man in den ältesten Zeiten die vorgeblichen Verordnungen der Apostel. Zu diesen waren nun noch Verordnungen und Gesetze der Kirchen- versammlungcn, der Kaiser, der Patriarchen u. s. w. gekommen. Diese sammelte man sowohl in Constantinopel, als in Italien. Zu Rom veranstaltete der Abt Dionys der Kleine (im 6ten Jahrhundert) eine solche Sammlung, die man sür sehr ehrwürdig hielt. Zu diesen Verordnungen gesellten sich nun noch die Entscheidungen der römischen Bischöfe, die man Decretalien nennte. Im 7tcn Jahrhundert sammelte ein spanischer Bischof, Nahmens Isidor, solche Kirchengcseke und Ver- 126 Verordnungen, und Ken Nahmen dieses braven Mannes mißbrauchte nun ein schlauer Geistlicher der maynzischcn Diöces, demselben eine erdichtete Sammlung dieser Art, welche die gänzliche Abhängigkeit des geistlichen Standes zur Absicht hatte, unterzuschieben *). Diese geistlichen Gesetzsammlungen geben nun dicvQuclle des canouischcn Rechtes ab, welches Gratian aus Chiusi in Toskana, Lehrer zu Bologna (st. 115g) zuerst zum Gegenstände öffentlicher Vorlesungen wählte. Der Pabst Honor III befahl, um das canonischc Recht desto mehr in Aufnahme zu bringen, daß zu Paris kein römisches Recht gelehrt werden sollte; man trieb es aber desto fleißiger auf andern Universitäten, und zu Montpellier hatte ein gewisser Placentius (st. 1192) eine besondere juristische Schule angelegt. Da fast das ganze Mittelalter hindurch der Stand der Gelehrten nur aus Geistlichen bestand, so konnten Geistliche auch nur Richter und Advokaten scyn, und sogar Mönche scheuten sich, des Vcrbothes einiger Kirchen- ver- ") Theil Vi, S. -98. 127 Versammlungen ungeachtet, gar nicht, die Bcrthcidigung weltlicher Nechtshändel zu übers nehmen. In Frankreich munterte man junge Layc», durch königliche Befehle, zur Erlernung der Rechtswissenschaft auf. Ausser den römischen und canonischen Recht ten, gab es aber jetzt in den meisten europäischen Staaten besondre Gesetzsammlungen. Eine solche erhielt Aragonicn (1247) durch Jacob I, und Lastilien wurde durch Ferdinand III (1265) mit eignen Gesetzen versehen, die noch jetzt gelten. In Frankreich erläuterte und ergänzte man das römische Recht durch königliche Verordnungen. In Deutschland gab es viele Stadt- und Landrechte, aber kein allgemeines Gesetzbuch. Epko (Heinrich) von Rcpgow, ein niedcrsächsischcr Edelmann, veranstaltete (vor 1250) eine Sammlung sächsischer Gesetze, die er einen Sachsenspiegel nennte. Eine ähnliche Sammlung von schwäbischen Gesetzen (um 1280) war das schwäbische Landrccht, welches auch wohl der Schwabcnspicgcl gcnennt wurde. In England hatte man schon seit den Zeiten Eduards I ein allgemeines Gesetzbuch. In l2i In LehnSsachen entschied man, sowohl in Italien als Deutschland, nach den Verl ordnungen der Kaiser Lothars, Friedrichs I und Friedrichs II, und in Deutschland unterl schied man noch ein sächsisches und ein schwäl bischcs Lehnrecht. In keiner Wissenschaft duldete man, während des Mittelalters, weniger Aufklarung, als in der Theologie. Die Unwissenheit, und der Aberglaube, der das Studium derselben niederdrückte, wurde durch die Krcutzzügc, und durch die Bcttelmönche, noch vermehrt. Es war den Theologen verbothcn, von den Juden Hebräisch zu lernen, und auf einem andern Wege konnten sie zur Kennlnisi dieser Sprache doch nicht gelangen. Die Erlernung des Griechischen war, vor der Mitte des i^ten Jahrhunderts, auch mit großen Schwierigkeiten verbunden. Wie wenig mußte es also damahls Theologen geben, welche mit der Quelle der christlichen Glaubenslehren hinlänglich bekannt waren - Zwar fehlte es nicht an mancherlei) Erläuterungen und Erklärungen der Bibel; diese bestanden aber meistens aus einem dunklen Gewebe von lauter falschen 12) schon Auslegungen. Seit dem l4ten Jahrhundert übersetzte man die Bibel in die Landessprache; aber die Lauen durften sie nicht lesen. Dennoch gab eS in. jedem Jahrhunderte des Mittelalters Theologen, welche ihre Zeitgenossen an Aufklarung übertrafen. Schott Bernhard von Clairvaux gehörte unter dieselben. Die Waldcnser, ungleichen Wiklcf und Hup, bahnten zur Reformation den Weg, deren Fortschritte blos durch die Schrecken der Inquisition noch gehemmt wurden. Galicm Weltg, s, Thci!, I Acht- Acht und zwanzigstes Kapitel. Geschichte der Universitäten und Schulen, Bü- cherscimmluiigcn. Ursprung der Buchdrucker- kunst. ^llle diese Wissenschaften wurden von Geistlichen, von Mönchen, gelehrt, und lange gab es keine andern Unterrichtsanstalten, als Klosterschulen. Wenn das Kloster zu größeren Wohlstande gelangte, so wurde es den wohlgenährten Mönchen, oder dem Scholaster, beschwerlich, Schule zu halten, und die Eltern sahen daher den Unterricht ihrer Kinder vernachlässigt. Der Kaufmann, und mancher andre Bürger, mußte aber doch lesen und schreiben können. Manche Handelsstadt, wie z. B. Lübeck, legte daher schon im ictten Zahr- lZl Jahrhundert eine Bürgerschule an, deren Vor? steher bereits Nector gencnnt wurde. Diese Stelle wurde aber oft an den Meistbietenden verkauft, und an kleiner» Orten fehlte es für den Schulrector gar am Unterhalte. In den großen Städten Frankreichs und Italiens traten, seit dem istcn Jahrhundert, Lehrer auf, welche öffentlichen Unterricht er- theiltcn. Ein solcher Lehrer war Anselm, Dechant zu Laon (st. 1117) der, mit seinen Gchülfen, einen so sehr geschätzten Unterricht erthcilte, daß selbst Bischöfe und Erzbischöfe sich zu ihren Lehrstühlen drängten, daß man die Menge ihrer Zuhörer, unter welchen die meisten Englander waren, mit einem Heere verglich. Zu dem schon im hohen Alter sich befindenden Anselm kam auch Abälard, der dessen Lehrverdicnste für so wenig bedeutend hielt, daß er es, seiner Jugend ungeachtet, wagte, theologische Vorlesungen anzukündigen; der auf den muthigen Jüngling eifersüchtige Anselm untersagte es ihm aber, zu Laon Unterricht zu crtheilen, und zwar unter dem Vorwande, daß er, als ein Ungelehrtcr, leicht in Jrrthümer fallen könne. Die französischen I 2 Schu- Schulctt hatten um diese Zeit mehr Schüler, als alle andern Schulen zusammengenommen. England und Schottland bedienten sich ans fangs meistens fremder Lehrer; daher wanderten auch so viele von ihren jungen Leuten nach Frankreich. Zn Italien lehrte man schon zu Anfang des i2tcn Jahrhunderts einige Wissenschaften ganz vorzüglich. So gab es in mehrern Städten Lehrer des römischen Rechtes, und zu Salcrno und Monte Cassino unterrichtete man in der Arzncywissenschaft, nach den Lehrbüchern arabischer Acrzte. Im raten Jahrhundert bildeten sich in mehrcrn großen Städten ordentliche Zünfte, oder Innungen, von Lehrern der Arznei,- Wissenschaft und Rechtsgelahrtheit, die meistens vom weltlichen Stande waren. Mit den Lehrern wuchs auch die Menge der Schüler so sehr, daß die Zeitgenossen darüber erstaunten. Eine solche Zunft oder Gesellschaft von Lehrern und Schülern nennte sich ein allgemeines Studium, eine Universität oder Gemeinde Bald 5) Ztuclium ^energls; uiüverfttas üocto- rum et felrolarium, rZ5 Bald wußte sich eine solche Universität von Päbstcn, Kaisem, Königen und Städten Frcyhcitcn und Vorrechte zu verschaffen, durch die sie in eine besonders privilcgirte Gemeinde oder Gesellschaft verwandelt wurde. Anfangs gab es solcher privilegirten gelehrten Innungen nur wenige, und die Menge derer, die sich in dieselben aufnehmen ließen, war daher ausserordentlich groß. Aber in Zeit von drey Jahrhunderten reihcte sich eine neue Universität an die andre an. Die ältesten Schulen dieser Art befanden sich zu Bologna, zu Salerno und zu Paris. Jene gaben für alle übrigen im i2tcn und igten Jahrhundert errichtete Universitäten das Muster ab; Paris wurde es für die englischen und deutschen. Lchrarten, Hülfsmittel, Vorrechte, Mißbräuche — alles blieb sich gleich. Der ausserordentliche Ruf der Lehrer des I2ten Jahrhunderts lockte, aus allen Ländern, eine große Menge von vornehmen und reichen Lernenden herbcy, die den Städten, wo sie zusammenflössen, in kurzer Zeit einen glänzenden Wohlstand verliehen. Die Landesherren zeigten sich daher um so bereitwilliger. IZ4 liger, diesen literarischen Gemeinden immer mehr Vorrechte und Freyhciten zu erlhcilen. Die älteste aller privilegirten hohen Schulen war die mcdicinische zu Salcrno. Zn dieser wichtigen Handelsstadt hatten die mit den Griechen und Arabern in genauer Verbindung stehenden Acrzte Gelegenheit, die Werke und die Curart derselben zu studieren. Hippokrates und Galen waren für sie die Hauptschriftstcllcr. Nach einer Verordnung des Königes Rogers von Sicilicn durfte nur derjenige Arzt seine Wissenschast ausüben, dessen Kenntnisse zu Salcrno geprüft worden waren. Dieses Vorrecht behielt Salerno auch, als Kaiser Friedrich II (1219) die Universität zu Neapel stiftete. Diese Schulen hatten also schon das Promotionsrecht. Die hohe Schule zu Salcrno wurde aber von der zu Bologna an Anschn, und an ausgebreiteter Wirksamkeit, bald sehr weit über- troffcn. Die vornehmste Ursache dieses An- schns, und dieser Wirksamkeit, war das auf derselben vorzüglich blühende Studium des römischen Rechtes. Lehrer desselben gab es zwar schv'l IZ5 schon vor dem berühmten Zrnerius; dieser er? klarte es aber mit einem ungleich größer» Bey- fall. Seine mündlichen und schriftlichen Erklärungen der Pandccten zogen, aus allen Gegenden von Europa, Männer und Jünglinge hcrbcy, die nach seinem Unterricht begierig waren. Man nennte die hohe Schule zu Bologna schon zu den Zeiten des Zrnerius die gelehrte. Im i2tcn und igten Jahrhundert stieg ihr Auschn immer höher. Die Markgräfin Mathilde, und der Kaiser Heinrich V, zogen den Jrncrius zu Rath; Friedrich II stützte sein kaiserliches Ansehn auf den Ausspruch von vier bolognesischcnNcchtsgclehr- tcn. Aus Dankbarkeit versicherte er der hohen Schule zu Bologna den landesherrlichen Schutz; verlieh er ihr das Recht, blos vor dem Kaiser vor Gericht zu stehen; verlieh er den Lehrern sogar die peinliche Gerichtbarkeit; machte er jeden Lehrer zum Richter seiner Zuhörer. Nach 50 Jahren wollten die Studierenden ihre Richter selbst wählen, und nach langem Streite behaupteten sie auch dieses Recht. Da man nun in jenen Zeiten die Rechtswissenschaft nirgends so gründlich, als in Bologna, erlernen konnte, so war es ganz natürlich, daß iz6 daß vornehme und reiche Zünglingc, die in dem geistlichen Stande, aus dem man da« mahlS alle Minister und Näthc wählte, ihr Glück machen wollten, nach Bologna hin« strömten, und daß man daselbst auf einmahl zehn tausend Studenten zählte. Diese schlössen sich bald in größere und kleinere Landsmannschaften an einander an. So entstanden die Universitätsnationcn. Zn Bologna waren zuletzt gleichsam zwcy Univcr« sitäten; Ultramonkaner und Citramontaner, das heißt, italienische und nicht italienische Studenten. Die Landsmannschaften oder Na« tionen hatten das Recht, den Nccior der Universität zu wählen, der große Vorrechte, und eine so ausgezeichnete Würde besaß, daß sein Ansehn schon allein hinlänglich war, allen bedeutenden Unruhen, die sich unter einem so großen Menschenhaufen hätten ereignen tön« nen, vorzubeugen. Zrnerius und dessen Schüler nennten sich selbst Doctorcn der Rechte, und wurden auch von andern so gencnnt, weil sie wirklich Lehrer der Rechtswissenschaft vorstellten. Ruhm, An lzy Auschn, und Ncichthum derselben, zogen viele Jünglinge von Fähigkeiten zum Studium der Rechte hin. Die Rechtslehrer zu Bologna erlangten das Recht, alle praktischen Juristen in ihrer Stadt zu prüfen, und ihnen also gleichsam die Vefugniß, ihre Wissenschaft in Ausübung zu bringen, zu crtheilen. Anfangs verlieh blas der Lehrer diese Befugniß, die man auch die Doctorwürde nennte. Diejenigen Doctorcn, welche wirklich Lehrer abgaben, nennten sich Professoren und Magistri. Aber schon vor dem Jahre 1200 klagte man über die verschwenderische Ertheilung der Doctorwürde. So wie Salcrno in der Arzncywissen- fchaft, Bologna in der Rcchtsgelahrthcit, die vornehmste hohe Schule vorstellte, so behauptete Paris in Ansehung der Theologie die erste Stelle. Der Ursprung der dasigcn Universität ist nicht mit Gewißheit bekannt. Es war hier schon lange eine berümtc Schule, die manchen großen Mann zum Lehrer hatte. Unter ihnen zeichnete sich besonders Abalard aus, den seine Schüler so ausserordentlich bewunderten und verehrten, daß sie ihm überall, sogar IZ8 sogar in eine schreckliche Einöde nicht weit von Troyes in Champagne, nachfolgten. Abälards hanfige und lange Abwesenheit von Paris.war Ursache, daß die Zahl der dasigen Studierenden sich sehr verminderte. Da- mahls lehrte man, ausser der Theologie, nur noch die sieben fceyen Künste. Einer der berühmtesten Lehrer der erster» war Peter Lombard, der Paris zum Sitze der vornehmsten hohen Schule in der Theologie erhob. Die Anzahl der Studierenden stieg nun auf viele Tausend. Unter ihren Lehrern befanden sich aber auch die grüßten Männer in der Philosophie, Theologie und Rechtswissenschaft. Fast jeder verdienstvolle Lehrer und Schriftsteller wurde aber auch zum Bischof, Erzbischof und Cardinal erhoben. Viele Fürsten, ja selbst Fürstinnen, machten sich ein Vergnügen daraus, die Wissenschaften zu befördern. Die Könige Ludwig VII und Philipp Augustus crthcilten der hohen Schule zu Paris besondere Vorrechte, die den Vorrechten der bologncsischen Universität ahnlich waren, und Philipp Augustus gab ihr (1200) schon eine feycrliche Bestätigung derselben. Die Studierenden hatten im Ganzen genommen IZ? inen die Vorrechte der Geistlichen; sie waren daher von allen Diensten und Abgaben bes freyt. Päbste und Könige wetteiferten, ihre Vorrechte und Freiheiten zu vermehren. Schon mn die Mitte des i2ten Iah» Hunderts thciltcn sich auch die Studiereuden der hohen Schule zu Paris in Landsmanns schaftcn, oder Nationen, ab. Zuletzt waren derselben vier, und ihre Vorsteher oder Pros curatoren wählten den Rcctor. Dieser behielt seine Würde anfangs nur einen Monath, hernach ein Vierteljahr. Sein Anschn war so ausgezeichnet groß, daß ihm der Erzs bischof zu Paris nachstehen mußte. Seine vornehmste Einnahme bestand in einer Abs gäbe, die von allem nach Paris gebrachten Pergament entrichtet wurde. Anfangs bezeichnete man mit dem Worte Facultät eine einzelne Wissenschaft. In der Folge bedeutete es die Hauptlchrcr derselben, die gleichsam eine Zunft oder Innung auss machten. Zuerst entstand zu Paris (um 1267) die theologische Facultät; hierauf folgte die des geistlichen Rechts und der Arzneywissens schaft l4v schaft. Die Erlaubniß, Vorlesungen zu erhalten, war nicht leicht zu bekommen, und dennoch wurden die ersten Lehrer der ältesten Universitäten von niemand berufen, und sie erhielten also auch keine Besoldung. Ihren Unterhalt verschaffte ihnen also das Honorar. In Bologna war es sehr verschieden. Es wurde deswegen unterhandelt, und es mußte, wenn sich kein Bürge fand, voraus bezahlt werden. Dem, der nicht bezahlte, wurden die Bücher und andre unentbehrliche Dinge, weggenommen. Da die Zahl der Studenten so groß war, so konnten Professoren, die einen vorzüglichen Bcyfall erhielten, sehr leicht zu einem großen Vermögen gelangen. Die Professoren verdienten aber auch mit Bescheiden, Nechtshandeln, Promotionsgebühren u. dcrgl. vieles Geld. Die Professoren zu Bologna zogen die Miethe von vielen Häusern, ja ganzen Straßen, die sie den Studierenden einräumten. Als man in der Folge mehr Universitäten anlegte, so konnte man die Lehrer der ältern blos durch große Besoldungen, und andre Vortheile, hcrbcyzichcn. In dieser Lage befand sich der Kaiser Friedrich II, als er die Universität zu Neapel stiftete. Anfangs 14- fangs nahm man die Professoren auf wenige Jahre, auf ein, ja gar nur auf ein halbes Jahr, in Dienst. Je grüßer die Zahl der Universitäten wurde, um so mehr verminderte sich der Haufe derer, die auf einer hohen Schule beysammcn lebten. Das Honorarium fiel nun weniger ergiebig aus; aber auch die Besoldungen wurden im iztcn Jahrhundert unrichtig ausgezahlt. Der Hauptfond der Universität zu Paris waren die Pfründen, die man den Lehrern und Schülern ertheilte. Die Menge der Lehrer und Lernenden zu Paris war zu den Zeiten des Königes Philipp Angnstus so groß, daß man ihretwegen die Stadt erweitern mußte, und der ncugcbaute Theil erhielt daher den Nahmen der Universität. In der Folge kauften die Nationen Häuser, um für ihre Lehrer Hörsäle zu bekommen. In diesen saßen die Studenten nicht etwa auf Stühlen oder Bänken, sondern auf. dem mit Stroh belegten Boden. Die Seltenheit und der thcurc Preis der Wohnungen veranlaßte die Fürsten, Collegia zu stiften, in welchen eine bestimmte Anzahl von Studierenden, unter der Aufsicht von einem oder mchrern 142 mehrcrn Vorstehern, entweder ganz frey un« tcrhaltcn wurden, oder doch wenigstens für die vornehmsten Bedürfnisse Geld erhielten. Dieß waren Stipendien. Anfangs ließ man dlos solche, die in den Collegicn wohnten, an dem in denselben ertheilren Unterricht Antheil nehmen; in der Folge dehnte man diese Er« laubniß aber auch auf andre aus. Zemehr junge Leute auf einer Universität bcysammen waren, um so lauter mußte sich der jugendliche Muthwille äußern. Unter den Studierenden zu Paris fielen so häufig blutige Schlagcrcyen vor, daß man ihnen (1218) alles Tragen der Waffen, bey der Strafe des Bannes, untersagen mußte. Die Studenten stürmten die Häuser und brachen die Thürcn ein, um Frauen und Mädchen zu entführen. In dem untern Stockwerke vieler Häuser, wo oben Hörsäle waren, traf man liederliche Mädchen an. Die öftern Feste der akademischen Jugend waren mit schändlichen Tänzen, gefährlichen Spielen, und blutigen Gewaltthätigkeiten, selbst in den Kirchen, und vor den Altären, begleitet. Es gab unter den Studenten des i^ten Jahr- I4Z Jahrhunderts Gesellschaften von Mördern und Ranbern. Die Lehrart der Vorlesungen war von der jetzigen sehr verschieden. Die Theologe» lasen über die h. Bücher, die Juristen über die Pandectcn, die Medicincr über den Hippo- kratcs, Galcnus, Aristoteles. Die unverständlichen Stellen dieser Schriftsteller wurden durch die Eulämerungen der Professoren oft noch unverständlicher gemacht. Schon im i2ten Jahrhundert hatte man Auszüge aus den größer» Werken, die den den Vorlesungen zum Leitfaden dienten. Aus den Glossen (Nandanmerkungen) und Auszügen entstanden weitläuftige Commentarien, über welche man zuletzt die zum Grunde gelegten Werke vergaß. Das Dictircn der Professoren war so gewöhnlich, daß es selbst Verbothe der Landesherren nicht abschaffen konnten. Seitdem die Arzneywissenschaft, so wie die Ncchtsgelahrtheit, ihren Verehrern Neich- thum und Ehre verschafften; seitdem die Fürsten und Staaten anfingen, gute Acrztc und Juristen den tapfersten Rittern in Ansehung der 144 der Beloknung vorzuziehen; seitdem widmeten sich diesen Wissenschaften viele Manner und Jünglinge aus den 'edelsten Familien, und diesi beförderte die schönere Entwickelung des menschlichen Geistes. Indessen blieb der größte Thcil der Fürsten und des Adels noch ungebildet, da bis ins izte Jahrhundert nur Geistliche, oder ganz ausgezeichnete Köpfe aus dem weltlichen Stande, studierten. Die berühmtesten Gelehrtem und Geschässtsmänncr des iztcn und 14WN Jahrhunderts waren fast alle aus dem niedrigen oder Mittlern Stande. Ausser den Brodwisscnschasten, wurden nur wenige gelehrte Kenntnisse auf den Universitäten dieses Zeitalters'vorgetragen. Bis um die Mitte des i2tcn Jahrhunderts las man die lateinischen Schriftsteller des Alterthums fleißig, und es gab daher auch manchen Gelehrten, der sich in der Sprache des alten Roms sehr gut ausdrückte. Seitdem aber das Studium der Rechtsgelahrthsit und der Arzneywissenschast auf den Hoheit Schulen herrschend wurde, seitdem hielt man denjenigen, der die alten Schriftsteller studierte, für 145 für einen sinnlichen Klotz; seitdem spottete man denjenigen, der sich der Mnsc der Grs schichte und Dichtkunst widmete. Die Grammatik und Rhetorik, worunter man die jetzige Philologie Segriff, wurde daher fast gar nicht auf den Universitäten vorgetragen. Vorlesungen über Physik, Naturgeschichte, Botanik, über die meisten Thcile der Mathematik/über Geschichte, Staatskuust, Qcconomie u. s. w. waren daher ganz unerhört; Moral wurde nur zuweilen gelehrt; Natur-und Völkerrecht waren kaum dem Nahmen nach bekannt. Auch das, was man von den übrigen Wissenschaften lehrte, schmolz in unvollständige Auszüge zusammen. Die Schulge- lchrsamkcit wurde immer unbrauchbarer. Fa- cultäcenzwang, und übertriebene Prüfungen, hemmten den Fortgang der wissenschaftlichen Aufklärung. Auf der Universität zu Padua bildeten sich endlich (seit 1450) viele berühmte Wiederherstellet der alten, Literatur, bildeten sich die meisten Philosophen, Aerzte und Mathematiker des izncn Jahrhunderts. Padua erhob sich daher über alle altern hohen Schulen. Gallctti Weltg. Tb. K Ein 146 Ein großes Hindcrniß des Studicrens gas ben oder die Erpressungen der Päbste und der Könige ab, die sie sich gegen Stifter und Klöster erlaubten. Diese wurden dadurch in so dürftige Umstände versetzt, daß selbst Doms Herren und Bischöfe zu Bettlern wurden, und daß es ihnen also auch an den Mitteln fehlte, ihre jungen talentvollen Mitglieder studieren zu lassen. Ein mächtiges Hinderniß der wiss fenschaftlichen Aufklärung durch die Uuiverfls täten waren die Lehrer aus dem Orden der Dominicaner und Franciscaner. Diese bezeigs tett anfangs so vielen Eifer für den Unterricht, daß man ihnen nicht genug Lehrstellen anvertrauen konnte. Zu der Folge schadeten sie aber den Wissenschaften durch die vielen guten Köpfe, die sie ihnen entzogen, durch den Aberglauben, den sie verbreiteten, durch die Inquisitionsstrengc, mit der sie aufgeklärte Männer verfolgten. Eben diese Dominicaner und Franciscaner führten auch ein großes Sittenverderbniß unter den Studierenden ein. Da sie selbst Bettelmönche waren, so war es sehr natürlich, wenn sich auch die Studenten auf das Herumziehen und Betteln legten; wenn sie sogenannte fahrende Schüler ab- 147 abgaben. Diese großen und kleinen Bacchanten (so nennte man sie gleichfalls) erschienen, besonders in Deutschland, sogar mit päbstli- chcn Bullen versehen, um nicht nur zu betteln, sondern auch zu lehren, zu wahrsagen, zu zaubern, und — wenn sich eine gute Gelegenheit darboth — zu stehlen. 'Durch die elende Beschaffenheit des Schulwesens wurde Gerhard Grote (st. :z84), von Utrecht, der sich in > ans zum Meister der Künste gebildet hatte, und nun zu Utrecht und Aachen Canonicus war, so gerührt, daß er, um diesem Mangel abzuhelfen, in seinem väterlichen Hause eine Unterweisungsanstalt anlegte, in welcher, ausser dem Lesen, dem Schreiben und den Andachtsübungen, auch Handarbeiten getrieben wurden. Diese Anstalt fand bey dem Publicum einen so großen Beyfall, daß der Stifter bewogen wurde, ihr die Einrichtung eines geistlichen Ordens nach Augustins Regel zu geben. Dieser Orden, dessen Mitglieder sich Hieronnmiauer, Gre< gorianer, Brüder des gemeinsamen Lebens, auch die guten Brüder, nennten, legten'nun viele Gymnasien und Volksschulen an, die sich K 2 auf 148 auf der einen Seite durch die Niederlande bis nach Artois, ans der andern, durch Wcst- phalcn, Niedersachscn und Sbcrsachscn, bis nach Pommern, Prcussen und Schlesien, ausbreiteten, und dem Schulen-Unterricht eine sehr verbesserte Gestalt gaben. Sie machten sich besonders um die Wiederherstellung der alten Literatur sehr verdient. Thomas von Kempis, von Kempen in Oberyssel, einer ihrer ersten Zöglinge, bewirkte durch seinen Rath, daß mehrere Mitglieder dieses Schul- vrdens nach Italien rcisetcn, um sich daselbst mit dem Studium der Alten bekannt zu machen. Die Alten wurden seitdem auf ihren zahlreichen Gymnasien, deren einige auf iooc> Schuler zahlten, sehr fleißig gelesen. Die Bekanntschaft mit den griechischen Classikcrn wurde aber hauptsachlich durch die Anstalt zu Florenz befördert, in welcher Lorenz von Me- dici, durch gcbohrne Griechen und durch Italiener, in der griechischen Sprache Unterricht ertheilen ließ. Während daß die Schulen im Abendlands eine höhere Stufe der Vollkommenheit erstiegen *) SbM S. z?- 149 gen, sanken die Unterwcifungsanstalten des Morgenlandes immer tiefer. Seit dem Ilten Jahrhundert hörten die jüdischen Schulen des Orients völlig auf, und ihre Lehrer wanderten nach Spanien, wo sie zu Sevilla, Cor- dua, Granada, Toledo neue Institute anlegten. Zu Cordua war auch eine noch immer sehr berühmte hohe Schule der Araber. In Asien gab cö zu Bagdad eine Akademie, deren Einkünfte sich jährlich auch 150000 Ducatcn beliefen, wo aber auch gewöhnlich 5 bis 600c, Studierende sich aufhielten. Im igten Jahrhundert erwarb sich die medicinische Schule zu Damaskus einen großen Ruhm. In ausgezeichnetem Anfehn standen auch die arabischen Schulen zu Kufa und Bassora in Irak Arabi, zu Bocchara in der Bucharey, zn Marocco, Fes und Tunis auf der nördlichen Küste von Afrika. Auf die griechischen Schulen in Consiantinopcl, und an andern Orten, hatte die türkische Herrfchaft einen nachtheiligen Einfluß. Bibliotheken waren bey den Schulen von jeher ein unentbehrliches Hülfsmittel. Zu Con- stantinopcl dachte man wenig daran, neue Bü- Vüchersammlungen anzulegen, oder die alten zn erweitern. Die öftcrn großen Feuersbrünste hatten maitchcn schönen Bücherscheck verzehrt; und manchen vernick)tctcn die unliterärischcn Osmanen. Die Araber hatten Key allen ihren Schulen Bibliotheken, die zum Theil sehr ansehnlich waren. Nur allein in Spanien gab es 70 öffentliche Bibliotheken der Araber. Die zu Cordna soll aus 250000 Banden bestanden haben, deren Verzeichnis; 44 Foliobande ausfüllte. Ungleich weniger zahlreich waren die Bü- chcrsammlungen im Abcndlande. Die berühmte hohe Schule zu Bologna hatte anfangs nicht mehr, als 114 Bände. Die Bibliothek Karls V von Frankreich beließ sich nicht höher, als auf 900 Bande. Der Pabst Nikolaus V sammelte auf 5000 Bande, die, nebst den Büchern Sixtus IV, zu der vaticanischen Bibliothek den Grund legten. Die angesehensten Gelehrten hatten nur einen kleinen Vorrath von Büchern. Es gab sogar Buchhändler, die nicht mehr als 20 Bände vor- räthig hatten. Die Buchhändler, die man damahls Stationarii nennte, waren aber auch weiter ,;r weiter nichts, als Buchmäkler. Solcher Buchhändler gab es zu Paris (iznz) acht und zwanzig, und es befanden sich unter dem selben zwey Weiber. Jedes Buch, das sie aus? gaben, mußte vom Rector, oder dessen Bc? vollmächtigtcn, erst durchgesehen werden, damit es im Publikum nicht uncorrcct erscheinen möchte. Man gab die Bücher hcfcweise aus, und derjenige, der sie abschreiben wollte, be? zahlte natürlich mehr, als derjenige, der sich mit dem Lesen begnügte. Gelehrte und Stu? bietende, die kein Vermögen hatten, konnten große Werke weder lesen noch kaufen; schon im iztcn Jahrhundert vermachten daher edel denkende Männer Stiftern, oder hohen Schu? lcn, ihre Bücher mit der Bedingung, daß sie dieselben armen Studenten unentgeldlich zum lesen geben sollten. Den theuern Preis der Bücher vcrur? sachten aber nicht allein das Abschreiben, son? dem auch das kostbare Pergament oder Pa? picr, und die mit Goldblättchen belegten und illuminirten Abbildungen, mit welchen man die Bücher ausschmückte. Eine Sammlung von 114 Bänden, die der Kaiser Karl IV der hohen i;2 hohen Schule zu Prag schenkte, kosteten ihm 100 Mark. Ein einzig maßig starkes, auf Pergament schön geschriebenes Buch konnte 100 bis 150 Thaler kosten. Für r Exemplar des Livius wurden 170 Goldgulden bezahlt. Daher wurde auch, ohne Pfand oder Bürgschaft, nicht leicht ein Buch verborgt, und in manchen Bibliotheken lagen die großen Bücher gar an Letten. Wie wohltha- tig zeigt sich also nicht die Erfindung der Buchdruckcrkunst, welche die Vervielfältigung der Exemblare eines Buches so erleichtert, und den Preis derselben so wohlfeil macht. Man hatte, vor der Erfindung der Buch- druckerkunst, schon manches, was ihr den Weg bahnte. Man schnitt Buchstaben aus, um die Kinder mit dem Alphabet bekannt zu machen. Man hatte Münzen mit erhabener Schrift, die sich cinmahl zufallig abdrucken konnten. Man hatte Stempel zu Monogrammen, die man zur Unterzeichnung der Urkunden brauchte; man hatte ganze Titel der Kaiser, die buchstabenweise ausgeschnitten, und mit Farbe abgedruckt waren. Man hatte endlich schon längstens Holzschnitte mit Figuren l?z reu, Zahlen, Wörtern. Wie leicht war von diesen der Uebergang zu ganzen Seiten eines Buches im Holzschnitte? Einer der ersten, der damit einen Ben such machte, war Lorenz Köster, oder cigcnt- lieh Janszon zu Harlcm, der, wie man sagt, anfangs ganze Seiten eines, vermuthlich nicht großen, Buches in Holz schnitt. Janszon merkte aber, wie man sagt, sehr bald, daß es rathsamer wäre, die Wörter aus geschnitzten hölzernen Buchstaben zusammenzusetzen, die man in der Folge wieder zu einem andern Werke brauchen könnte. Sein erstes Werk, das er auf diese Art druckte, war ein Horarium, das ist, ein Alphabet, ein Vaterunser, der Glaube, verschiedene Ge- bethc u. s. w. Janszons Erfindung bildete Johann von Sörgenloch, genannt Gänsefleisch zu Guttcn- bcrg, der aus einem ritterlichen Geschlechts zu Maynz abstammte, weiter aus. In Straßburg, wo er sich von 7424 bis 1445 aufhielt, druckte er (seit 74Z5) Bücher mit Formen, die aus geschnitzten, beweglichen, ein- r>4 einzelnen, durch Wirbel zusammengehaltenen Lettern zusammengesetzt waren. Weil er mit den Erben eines seiner Gchülfen in einen Proccß gcrieth,.und weil es ihm an Vermögen fehlte, die ncucrfundcne Kunst zur Vollkommenheit zu bringen, wendete er sich wieder nach Maynz. Hier vereinigte er sich mit Johann Fust (Faust) einem Goldarbeit», der, wie man vermuthet, auch schon mit ausgeschnittenen hölzernen Formen gedruckt hatte. Faust machte sich verbindlich, dem Guttcnberg für die Aufsicht über die Druckerei) nicht nur jährlich zoo Goldgulden zu bezahlen, und ihm noch andru Vortheile zu gönnen, sondern ihm auch 1600 Goldgulden für 6 Procent vorzuschießen. Kaum waren jedoch (1455) von einer lateinischen Bibel einige Vogen abgedruckt., als zwischen Guttcnberg und Faust ein Streit entstand, der von den Gerichten zu des erstem Nach- thcile entschieden wurde. Faust, der die Druckerei) für seine Forderung behielt, trieb sie nun, in Verbindung mit seinem Schwiegersöhne Peter Schoisser (Schaff») von Gernsheim, seinem ehemaligen Diener, der schon in Paris als Büchcrschrciber gelebt hat- hatte. Dieser erfand die Matrizen, und daS Abgießen der Lettern, imgleichcn das dazu allein taugliche Metall, und die Firniß- schwarze. Nun wurde die erste lateinische Bibel in drcy Foliobandcn vollendet. Hierauf erschien (1457) ein Psalter mit dem Nahmen der Drucker und des Druckortes. Die Kunst war im Grunde damahls schon so weit.als jetzt gediehen. Man behandelte sie einige Jahre als ein Geheimnis, und verkaufte die gedruckten Bibeln für Handschriften. Als aber (1462) bey einer Fehde zwischen zwei) Herren, die auf die Würde eines maynzischen Erzbischofs Anspruch machten, die Stadt Maunz überrumpelt wurde, so zerstreuten sich mehrere Arbeiter, die man in dieser Druckerei) gebraucht hatte, und wanderten nach Italien und Frankreich. Doch schon ein Jahr vorher war die ncuerfundcne Kunst zu Bamberg und Nürnberg bekannt. Dies beweisen mehrere im Jahre 1461 von Albrecht Pfistcr zu Nürnberg gedruckte Bücher. Nom erscheint 1467, Venedig 1469, Paris 1470 unter den Oettern, wo Bücher gedruckt wurden. In Italien druckte man mit schöner «er lateinischer Schrift, in Deutschland mit der eckigen Mönchsschrift. Je mehr man Bücher druckte, um so mehr brauchte man Papier oder Pergament. Wie gut war es daher, daß man das wohlfeile Leincnpapier machen lernte. In den Landern, wo die Araber herrschten, oder wo sie hinkamen, hatte man Papier, welches aus Lumpen von baumwollenen Zeugen verfertigt wurde. Man machte es in Spanien und Italien bald nach, und von hier kam es auch in andre Lander. In der Folge mag man in Landern, wo man Leinwand webte, erst Abgangscl von derselben mit baumwoll- ncn vermischt, und endlich ganz leinene Lumpen gebraucht haben. Die erste Erscheinung des Lumpenpapiers fallt in Deutschland nicht lange nach dem Anfange des i4tcn Jahrhunderts. Die Verfertigung desselben wurde anfangs als ein Geheimnis behandelt. Man brauchte zur Zsrmalmung der Lumpen erst Handmühlcn; doch gab es in Italien schon IZ40 eine Papiermühle, und 1Z90 war bcy Nürnberg bereits eine Papiermühle mit einer Stampfe vorhanden. Neun 157 Neun und zwanzigstes Kapitel. Rittergeisi. Turniere. Licbcshöfe, Irrende Ritter. Einfluß des Rirrermcsens. Verfall desselben. Äuf die Sitten und die Sittlichkeit der Europäer bewies unstreitig nichts einen mächtigen! Einfluß, als der Geist der Ritterschaft, der seit den Zeiten der Krentzzügc sich immer mehr entwickelte ^), der seit der Zeit immer mehr zum guten Tone gehörte. Der inuth, volle, an kühne Unternehmungen gewöhnte Ritter, der in Palästina mit den Türken sich herumgeschlagen hatte, zog in Europa gegen die Ungläubigen, und gegen diejenigen zn Felde, welche die den Damen schuldige Ehr- erbielhung aus den Augen setzten. Wie gc- schah ') Theil vi, S. 4". u. s. w. l58 schal) es aber, daß die Damen zu dieser für den Ritter so hohen Würde gelangten? Die Damen, die schon durch das Christcnthum sich unvermerkt zum Range des männlichen Geschlechts erhoben hatten, die stiegen in den obcrn Standen bis zu einer gewissen Art von Heiligkeit empor. Das eingezogene Lebe» der Frauen und Mädchen während der Abwesenheit der Männer und Väter; ihre seltene Theilnahme an den Gesellschaften der Mannspersonen; ihre seltene, vorbereitete und feperliche Erscheinung; ihr Bestreben, dem männlichen Gcschlechte in den Tugenden nachzueifern; in der Sittsamkcit, Häuslichkeit, Sitten-Ncinigkcit, Zucht und Ordnung sich auszuzeichnen, mußte ihnen in den Augen der jungen, feurigen Ritter einen um so größern Werth geben, je weniger dieselben zur Entdeckung ihrer Schwächen Gelegenheit hatten. Eben diese Damen befanden sich aber in der Gefahr, auf ihren Burgen vom Näubcradcl belagert, überfallen und gemiß- handclt, oder gar als Beute, als Geiseln, weggeführt zu werden. Selbst die vornehmsten Prinzessinnen waren vor Entführungen nicht sicher. Der Verehrer eines Fräuleins, das i;9 das sich in Gefahr befand, seine Freyheit und Unschuld zu verlieren, doch alle feine Kräfte, allen seinen Much auf, um die angebetete Schöne von dieser Gefahr zu be- freyen. Er eilte der entführten Dame nach; er ließ sich mit ihrem Räuber in einem entscheidenden Zwcykampf ein; er zerstörte das Raubschloß, aus dem derselbe ausgegangen war. Allmählig wurde es eine der ersten Pflichten der Ritter, die Unschuld in Schutz zu nehmen und zu vcrtheidigcn. Seit Gregors VIl Eheverboth für die Geistlichen, durften viele Ritter nicht mehr Heyrathen. Für andere wurde die eheliche Verbindung durch Stand, Alter, Vaterland, und Lehnsordnung sehr gehindert. Manche zärtliche Herzen trennte die Strenge der kirchlichen Gesetze. Mancher Ritter hatte, bey der Erreichung seines feurigen Wunsches, mit großen Aufopferungen und Beschwerden zu kämpfen. Alles dieß trug dazu bey, die Liebe in ein glühendes Spiel der Phantasie zu verwandeln, und die Töne der Liebessprache überirdisch - fein zu stimmen. Galan- l6o Galanterie und Liebe war jetzt gleichsam die Seele der Ritterschaft, die den Ritter überall hin begleitete. Aus den schönen Händen der Dame empfing der Ritter seine Lanze, empfing er die Belohnung seiner Tapferkeit; das Bild der Dame befand sich auf seinem runden Schilde; ihre Leibfarbe zierte seinen Waffenrock; ihr Wahlspruch war auf seinem Helm eingegraben; ihr Nähme diente ihm in der Schlacht zur Losung. Der geringste Zweifel über ihre Schönheit, über ihre Tugend, gab zur Herausforderung, zum blutigsten Kampfe, Veranlassung. Oft erschienen zwei) Ritter vor der Fronte der Heyden einander gegen überstehenden Heere, um den Vorzug ihrer Dame» durch den Zweykampf zu entscheiden. Zuweilen überließen sie sich dieser Entscheidung selbst im Getümmel der Schlacht, oder des Sturmes. Die übrigen Krieger gaben alsdcnn ruhige Zuschauer ab. Zn Gesellschaft gewährte nichts dem Ritter eine angenehmere Unterhaltung, als Liebe, als Galanterie. Galanterie verwebte sich in jede Handlung, in jede Rede des Ritters. Die daraus fließende Ehrcrbiethung für die Damen äusserte sich in den übertriebensten Schwei- i6i Schmeicholeyen. Die Herren fanden kaum Ausdrücke genug, die Schönheit und Tugend ihrer Damen recht verschwenderisch zu loben. Sie pflichteten allen Meynungen derselben, und wenn sie noch so albern waren, sklavisch bcy. Sie ertrugen alle Kränkungen ihrer Güttins ncn, und wären sie auch noch so launig und schlimm gewesen. Von der/Dame seines Herzens nahm der Ritter, wenn er ins Feld zog, zärtlich Abschied, von ihr empficng er seine Anweisung zur Tapferkeit, und zu andern ritterlichen Tugenden. Aber bcy keiner Gelegenheit zeigte sich der Einfluß der Damen auf das Ritterwescn so in die Augen fallend, als bey dem Turniere. So wie schon die Frauen der alten Germanier ihre Männer bewaffnen und entwaffnen halfen, und dem schlachtgetümmel bcywohnten, so wurden junge Ritter, nach ihrer fcycrlichcn Aufnahme in den Orden, von edlen Frauen und Zungfrauen entwaffnet, so wurden sie zum Kampfe gerüstet. Es war eine der vornehmsten Rittcrpfiichtcn, die Ehre der Damen, weder durch Thaten noch durch Worte, zu kränken. Daher wurden die Eallctti Welch, sr Th. L Waps l5>2 Wappen und Helme derer, die zum Turniere zugelassen zu werden wünschten, und die mau vorher zur Schildschaue in einer Kirche auf- gehankt hatte, von den Damen, in Gesellschaft der Turuierkdnige oder Kampfrichter, untersucht. Berührte eilte Dame das Wappen ihres Beleidigers , so unterwarf sie denselben einer fürchterlichen Untersuchung, so setzte sie ihn der Gefahr aus, von den übrigen Rittern und Knapcn so lange gewaltig durchgeprügelt zu werden, bis er mit lauter Stimme die Dame um Gnade bath, und Besserung versprach. Doch es gab Damcn- Nittcr, deren Pflicht es war, die zu Hartgestrafren in Schutz zu nehmen. Sie bewirkten dieß durch einen auf eine Lanze gesteckten, mit goldenen Franzen gezierten Schleyer, den sie auf den gcmiHandcltcn Ritter hcrab- ncigten. Alle Reden und Formeln die dabei) vorkamen, waren genau vorgeschrieben. Bei, dem Turniere selbst hatte alles auf die Damen, und vornehmlich auf die Dame des Herzens, Beziehung. Die dem Turniere entgegen gehenden Ritter, die, unter dem Schalle von Pauken, Trompeten und andern »6z andern musikalischen Instrumenten, mit ih- rcn Knapcn, in einem langsam feyerlichen Zuge, anrückten, stellten Diener oder Sklaven der Liebe vor. Die Damen führten sie an kleinen Ketten, an kostbaren Bändern, die an dem Kopfriemcn der Pferde befestigt waren, bis an die Schranken, oder wohl gar bis auf den Kampfplatz. Schleyer, Scherpe, Armband, Feder, waren lauter Zeichen und Denkmählcr der Liebe, gleichsam heilige Talismane, deren Verlust die angebetete Dame bald wieder ersetzte. Von seiner Dame erhielt der Ritter auch die Parole. Nach gccndigtem Kampfe empficng er aus ihren Händen einen Lorbeerkranz, empficng er den Dank, das ist, den Preis seiner Tapferkeit. Von ihren schönen Lippen cmpfieng er den Kuß der Dankbarkeit. Von ihren zarten Händen wurde er nach dem Turniere entwaffnet, und mir den prächtigen Fcycrklcidern angcthan, auch wohl gar bey der Tafel bedient. Das Benehmen, und die Reden des durch die Gunst seiner Dame beschämten Ritters, waren gleichsam durch Formulare bestimmt. Die 164 Die Galanterie der Ritter brachte die sogenannten Liebcshöfe hervor, die vom retten bis zum i4tcn Jahrhundert herrschend waren. Sie gehörten zu den Erfindungen der Troubadours; daher traf man sie auch am meisten in der Provence an. Den Vorsitz in denselben führten Könige, Fürsten, oder auch berühmte Prinzessinnen, und es gab bey ihnen alle Diener und Beamten, die man bey den Parlamentern antraf. Vor diesen Liebeshöfen - oder Gerichten wurden nun über die Klage» von Liebenden, über die Rechte von Männern und Weibern, und Geliebten, Urtheile gefällt. Sie gaben aber zugleich eine Liebes - Akademie ab, in welcher man über das Wesen und die Aeusserungen der Liebe, über die Vollkommenheiten und Mangel der Schönen, über die Rechte, Verbindlichkeiten und Aufopferungen der Liebenden, scholastisch - spitzfindige Untersuchungen anstellte. Antithesen und Wortspiele kamen dabcy in Menge vor. Karl VI von Frankreich hielt (izgo) einen sslchen Liebcshsf, der völlig eben so wie eilt andrer Hof eingerichtet war, und an welchem Doctoren der Theologie, Domherren und andre Geistliche, Anthcil nahmen. i6; men. Aber während daß man über die Liebe schwärmte, benahm man sich gegen das Frauenzimmer (frcplich durfte es nicht die Dame des Herzens seyn) oft sehr wollüstig. Daher kommen in den Gedichten der Troubadours die schmutzigsten Ausspielungen und Scherze vor. Fast gehörte es zur Gastfreundschaft der Ritter, daß sie, oder ihre Gemahlinnen, den edlen Gästen ein hübsches Mädchen zum nächtlichen Zeitvertreibe übergaben. Die Ritter nahmen zuweilen mehrere Mädchen mit auf die Jagd. Ritter und Knapcn, Frauen, und Jungfrauen, stifteten auch wohl verliebte Brüderschaften oder Orden. Hier war die Liebe die Gottheit, die Verpflichtung gegen dieselbe der Gottsdienst. Die meisten Mitglieder eines solchen Liebesordens erstarrten während eines Winters, weil sie der strengen Kälte durch die dünnsten Gewänder, die leichtesten Decken, und die standhafteste Entbehrung aller Ofen- oder Kaminhitze, Trotz Kothen. Die Nascrey der Nittcrgalanterie äusserte sich besonders auch bey den fahrenden oder irrenden Rittern. War im Vater lande Friede, de, so zog der muthige, nach Kampf und Abentheuer sich sehnende Ritter in eine andre Gegend, besonders in eine solche, wo ein wichtiger Krieg geführt wurde. Er zog einzeln, oder in einer Waffenbrüderschaft, dahin. Diese kriegerische» Wallfahrten kamen so häufig vor, daß sie die Monarchen durch Gesetze einschränken mußten. Die auswärtigen Ritterzüge wurden sogar in den Statuten der Orden verbothcn. Aber auf Abentheuer aus- zureitcn, schmeichelte dem Geiste der Ritterschaft von jeher zu sehr, als daß diese Sitte so leicht hätte unterdrückt werden können. Am liebsten kämpfte man mit den Mohamc- dancrn. Am Ebro und Tajo machten die französischen Ritter Bekanntschaft mit den Arabern, die von jeher rohe T pfcrkcir mit einer Art von Galanterie verbanden. Der arabische Abentheuergsist verpflanzte sich, durch die Kreutzzüge genährt, immer weiter. So entstanden die irrenden Ritter, die nicht immer auf unbestimmte Abentheuer ausgiengen, sondern auch zuweilen in bestimmten Gegenden sich Ruhm und Ehre zu erwerben suchten. Sehr oft forderte sie die Rettung der Unschuld, der Befehl ihrer Dame, zu einem solchen ,67 ehe» Ritterzuge, auf. Diese herumziehenden Ritter stcllten^alfo gleichsam die Heroen des Mittelalters vor. Sic waren Nachkömmlinge und Nacheiferet der Ritte? von der runden Tafel, die sich ausserordentlicher Vorrechte und Ehrenbezeigungen zu erfreuen hatten. Ucbcrall, wo sie hinkamen, waren sie willkommen. In den Städten standen besondre Häuser für sie offen. Jedes Rittcr- schlosi war gleichsam ihr Eigcnthum. Die Damen bediente» sie; andre Ritter hörten ihnen mit Bewunderung zu. Konnten sie kein Schloß, oder keinen andern Ort, erreichen, so legte» sie sich in voller Rüstung unter einen Baum. Der Knape schoß ein Kaninchen, oder ein andres kleines Wild. Geld brauchten diese Ritter also wenig; doch versahen sie sich mit einigen Kleinodien, oder Goldstücken, um sich bessere Rüstung, Waffen, oder Kleider, anschaffen zu können. Manchmahl raubten und crplündertcn sie ihre Bedürfnisse. Die verliebten irrenden Ritter gicngcn darauf aus, andre Ritter aufzusuchen , gegen die sie die Ehre ihrer Herzcns- dame verfechten könnten. Ihre grünende Zugend, ihre blühende Starke bezeichneten sie l68 sie durch die grüne Farbe ihrer Rüstun ihrer Waffen, und ihrer Kleidung. Mci< sicns unternahmen sie ihren Ritterzug zur Erfüllung eines gewissen Gelübdes, das sie ihren Schönen abgelegt hatten. Eine solche Dame verlangte z. B. von ihrem Ritter die Bildnisse von zc> andern Damen, deren Verehrer er überwunden haben würde. Der Ritter zog aus, mit ihrem Bildnisse auf dem Schilde. Die andern Ritter wurden in dem höflichsten Ausdrücken zum Kampfe aufgefordert, und noch vor dem Verlaufe eines Jahres legte jener die gewünschten zo Bildnisse zu den Füßen seiner Dame nieder.^ Drey Jahrhunderte hindurch, vom eilftcn bis zum vierzehnten, befand sich das Ritter- Wesen in seiner Blüthe. Die größten Monarchen glaubten sich durch die Rittcrwürde geehrt. Ein Friedrich I, ein Philipp August, ein Heinrich II, ein Richard Löwenhcrz, Kothen ihr ganzes Bestreben auf, um sich die Ehre der vollkommensten Ritterschaft zu erwerben. Die Krcutzzüge dienten gleichsam zum Vercinigungspunkte der Ritter und des Nittcrgcistes, dem selbst die Türken ihre Ve- wun- 169 wundcrung nicht versagen konnten. Schade, daß dieser Geist meistens in Suricn verbräm scte, daß er sich so oft in Abcnthcuersucht, in romantische Charlatanerie, in lächerliche Galanterie verwandelte! Er bewirkte doch so viel Gutes! Durch ihn wurde die Fehde- sucht eingeschränkt, das Kriegswesen mehr zur Kunst gebildet, und das Raubgesindel ausgerottet; durch ihn wurden die durch das strenge Lehnssystem getrcnnnten Menschen einander wieder näher gebracht; durch ihn wurde Welt - und Mcnschcnkenntniß befördert; die Nittcrpoesicn, die der junge Adel seinem Gedächtnisse einprägte, die er oft absingen hörte, bildeten sein Herz, vcr, edcltcn seine Denkart. Durch die Ritterschaft floß das Vlut ganz verschiedener, weit getrennter Nationen, wieder in einander. Auch auf die Gcrechtigkcitspflcgc und Po- liccy hatte das Nitterwesen einen wohltätigen Einfluß. Der Ritter richtete über seine Standesgenosscn und Vasallen, und selbst als Schiedsrichter der Könige und Fürsten, nach Billigkeit und Herkommen. Freylich kamen dabei) noch Zweykämpfe, und andre Ordalicn, vor. 170 vor. Die Turniere dienten zum Musrer einer guten Policey - Einrichtung. Ort und Zeit wurden feyerlich angekündigt; man sorgte für Lebensmittels Sicherheit, Bequemlichkeit; man sorgte recht angstlich für die Erhaltung der Nuhe und Ordnung, für die Vcrhüthung alles Unglücks. Der edelste Theil der Ritterschaft machte sichs zur Pflicht, die Sicherheit der Straßen zu erhalten. Die Ritterschaft entwickelte und beförderte endlich auch Regenten-Tugenden; sie beförderte das Bestreben nach persönlichem Werth. Königswort galt bei) manchem weniger, als Nittcr- wort; Nittcrwürde wurde wohl gar für ehrenvoller, als die Königswürde gehalten. In mehrern Landern stand die Burg des reichen Ritters dem armem Adel offen. Der dürftige junge Edelmann fand in derselben Erziehung und Belohnung. Nichts übertraf den Edcl- muth, mit welchem der siegende Ritter seinen gedcmüthigten Gegner behandelte. Nichts war rührender und standhafter, als die Freundschaft zwischen zwei) Rittern. Aber das so verehrcnswürdige Rittcrwescn gcricth seit dem i4ten Jahrhundert immer mehr mehr in Verfall. Die Turniere, der vornehmste Schauplatz der ritterlichen Tugenden, sanken allmahlig zum leeren Spiele des Zeitvertreibes, zum eitlen Waffegeprangen, herab. Der Adel ließ sich durch die Pracht der Höfe in die Residenzen locken, wo sein Vermögen bald ein Opfer des Luxus wurde. Dennoch wurden der Ritter immer mehr, und die Nittcrwürde gab nun eine Belohnung vcr- dicnstloser Hofedelleute ab. Vep jedem kleinen Feste wurden neue Ritter geschlagen; jedes Hofamt mußte ein Ritter bekleiden. Dennoch waren diese Ritter oft so arm, daß sie Jongleurs (Lustigmachcr) abgaben. Vergebens bcmühcte man sich das gesunkene An- schn der Ritterwürde durch neue Ritterorden wieder zu heben. Aber die Ritter setzten ihre Pflichten immer mehr aus den Augen. An der nachthciligen Stimmung des Rittergeistes waren jedoch auch die Geistlichen Ursache. Durch seltsame und abenthcucrliche Gelübde, durch die Vorspiegelung einer besonder» Verdiensilichkeit des Kampfes für die Kirche, durch Ablaßvcrkündigungen, die alle Sittlichkeit vernichteten, pfropften sie dem Rittcrgeist einen mit seiner Würde im Wider- 172 Verspräche stehenden Aberglauben ein. Unbesonnenheit galt für Entschlossenheit, Prahlerei) für Ruhm. Durch das herumschwarmende Leben der irrenden Ritter wurde der Geist oft nicht sowohl gebildet, als zum Menthcucrlichcn und Romantischen gestimmt. Viele der edelsten Stamme wurden ein Opfer der hcrum- irrcndcn Ritterschaft. Die Turniere arteten fetzt oft in so blutige Gefechte aus, daß man sie einschränken mußte. Neun- I/Z Neuntes Buch. Vom Columbus bis auf unsere Zeit, über zoo Jahre. Erstes Kapitel. Entdeckungen der Portugiesen auf der westlichen Küste von Afrika. Umschiffung des Vorgebirges der guten Hoffnung. Portugiesische Niederlassungen und Entdeckungen in Asien. 5t-i.it der Entdeckung von Amerika öffnet sich eine ganz neue Welt. Von dieser Zeit an schließt sich das Menschengeschlecht in allen Erdthcilen fester an einander an; dem Europaer bleibt fast kein Land, keine Nation, mehr unbekannt; der Europäer verbreitet breitet seine Tätigkeit, seine Industrie, nach allen Himmelsgegenden hin; seine Cul- tnr erreicht eine hohe Stufe der Ausbildung, während daß die ungeheure Menge edler Metalle, die er andern Erdthcilcn entreißt, während daß die mannigfaltigen Produkte des Luxus, mit welchen er seine zahlreichen Flotten beladet., Reichthum und Ucppigkcit zum vornehmsten Gegenstände seines Wunsches machen. Ländercroberungcn und Han- delsspcculationen sind seitdem der Punkt, um den sich das europäische Menschengeschlecht herumdreht. Wie sehr ist aber durch die Kriege, durch die Ländcrendcckungen, welche Folgen der Habsucht waren, unsere Lnndcr- und Menschenkenntnis; vermehrt, und der Umfang der Naturgeschichte und Naturkunde erweitert worden! Die Begierde, nach den herrlichen Waaren des entfernten Ostindiens war Ursache, daß die Europäer den Seeweg nach Asien fanden, daß sie Amerika entdeckten, daß sie in Asien und Afrika Colonicn anlegten. Nach indischen Waaren sehnte man sich in Europa von jeher, und der Wege, sie zu bekommen, gab gab es im Mittelalter mehr als einen. Ein Hauptort für den indischen Handel war die Stadt Bassora, am Anschüsse des Tigers in das persische Meer. Von hier führten zwc» Handclswege nach Europa. Der erste gieng, über den Tiger, durch Persien, über Tauris, durch Armenien, und über das schwarze Meer, nach Assow. Der zweyte führte, gleichfalls auf dem Tiger, über Bagdad, nach Tauris, wo man einen sehr reichen Markt für Gewürze, Perlen, Indigo und andre indische Waaren, antraf. Von Tauris giengen diese Waaren, auf Kameelen und andern Lastchicren, über Erzerum, Arzigan am Euphrat, nach Ajazzo, einem berühmten Hafen an der Küste von Kleinarmenien, wo man, eben so, wie zu Tauris, die indischen Waaren im Ueberflusse bekommen konnte. Ein dritter Handelsweg brachte dieselben, wahrscheinlich von Camboya auf der Halbinsel Guzu- rate, den Indus hinauf, durch Kandahar, die Bucharey, zu Lande, bis an den Gihon (Opus), sodenn, zu Wasser, oder zu Lande, nach Astrachan, und durch das heurige Kauk- asien nach Assow. Nach dieser Stadt hatten also zwep indische Haudelowegc ihre Richtung. rung. Von Assow führte aber auch eilt alter Handclsweg nach China, der il bis 12 Monathe Zeil kostete, und über Astrachan, Kaptschack, Chowarcsm, die Bucharey, die Mongolei), und Tangut, nach Kassai, einer berühmten Handelsstadt in China, führte. Von Assow und Ajazzo wurden die indischen Waarcn durch die Venezianer und Gcnucser abgeholt, besonders zu der Zeit, wie sie wegen der türkischen Herrschaft in Aegypten von der Besuchung von Alexandrien sich scheuten. So wie aber der Seeweg nach Aegypten hierdurch erschwert wurde, so erfuhren die chemahligen Landwege des Handels, durch die verwüstende KriegSzüge der Mongolen, eine schreckliche Zerrüttung, die sie, wenigstens auf lange Zeit, für Handcls- carawanen unbrauchbar machte. Dieß erzeugte den Wunsch nach einem sichern Seewege, den man bald Afrika umschiffend, bald gerade nach Wesen fcegelnd, aufsuchte. Hier kam man nach Amerika, und dort nach Ostindien. Den Seeweg nach Ostindien fanden die Portugiesen *). Als es diesen, um die Mitte des ») Theil vm, S. 79. !?7 des rzten Jahrhunderts, gelungen war, die Mauren aus ihrem Reiche zu entfernen, so setzten sie die eifrige Verfolgung der Ungläubigen auch ausser ihren Gränzcn fort. Auf dem festen Lande in Spanien konnten sie, durch die castilische Macht zurückgehalten, ihre Eroberungen nicht weiter ausdehnen. Es blieb ihnen also nichts übrig, als die Feinde jenseits des mittelländischen Meeres aufzusuchen. Sie nahmen den Mauren Ceuta ab. Es gab aber, wie die Sage berichtete, auf der westlichen Küste von Afrika bisher unbekannte, reiche Lander. Diese schwebten der Phantasie des zu -Sagres bey dem Vorgebirge St. Vinzent sich aufhaltenden Prinzen Heinrich besonders sehr lebhaft vor. Heinrich, ein großer Verehrer der mathematischen Wissenschaften, und der Schiffarchskun- dc, war, durch Nachrichten, die er von maurischen Handelsleuten in der Bcrbercy, und von Juden, eingezogen hatte, von dem Gedanken, die westliche Küste von Afrika genauer untersuchen zu lassen, so begeistert, daß er der Verfolgung desselben die noch übrigen 40 Jahre seines Lebens widmete. Gallctti Weltg. sr Th. M Vis Bis um diese Zeit hatte man das Vorgebirge Non, auf der westlichen Seite des Königreiches Marocko, gleichsam als die Gräuze der Schiffahrt an der westlichen Küste von Afrika betrachtet. Der Prinz Heinrich wagte es, ein Schiff, welches zwey von seinen Hofleutcn führten, über dieses verschriene Cap hinausfcegeln zu lassen. Ein heftiger Sturm schleuderte dieses Schiff nach den canarischen, diesem Vorgebirge gegen über liegenden Inseln. Diese Inseln hatten schon vor 68 Jahren streifende Küstenbcwohner Spaniens besucht, um die Einwohner derselben zu plündern, oder zu Sclaven zu machen. Der Pabst Clemens VI erhob sie (iZZ4) zu einem Königreiche, daß er einem gewissen Ludwig de la Cerda, einem Abkömmlinge des castili- schen Hauses, verlieh. Dieser besaß aber zu wenig Vermögen, um sie zu behaupten. Der König Heinrich III von Castilien überließ sie hierauf dem Baron Johann von Be- thcncourt, als ein Lehn von Castilien. Jetzt ließen sich die Portugiesen auf diesen Inseln nieder. Zuerst (141L) besetzten sie 179 sie die Insel Porto Santo; zwey Jahre her, nach (1420) kamen sie auf eine menschenleere, mit Holz dick bewachsene Insel, die sie nach ihrem Zustande Madeira nennten. Sic legten für das schöne Holz Sagemühlen an, und pflanzten da, wo sie es ausgerottet hatten, sicilisches Zuckerrohr, und cyprische Weinreben. Erst spärerhin (14Z2) wurden sie mit den ihrem Vaterlaude naher liegenden Azoren (Habichtsinsclu) bekannt. Diese bekamen seitdem erst Einwohner, und vornehmlich Flandrcr, die der Herzog von Burgund dahin schickte; daher wurden sie auch die flandrischen Inseln genennt. Die Schiffahrt der Portugiesen verrieth aber zwanzig Jahre lang noch immer viele Aengstlichkeit. So lange war es wenigstens, daß das Vorgebirge Bojador, an der Küste von Sahara, dessen schrecklich scheinende Fcl- scnspihen man nicht zu umseegcln wagte, die südliche Granze der portugiesischen Schiffahrt bestimmte. Auch schreckte die Meynung der Alten, daß die Acguatorhitzc tödlich sey, die Portugiesen von fernern Entdeckungsreisen «u der afrikanischen Küste zurück. Endlich M 2 (1440) l8c> (5440) wagten sie es aber doch, sich übet dieses Vorurthcil hinauszusetzen. Sie lernten nun Schwarze mit krausen Haaren kennen , die sie als Sclavcn nach Lissabon schickten. So keimte der schreckliche Negcrhandcl. Schon früher entdeckten sie die Insel Arguin, auf welcher sie eine Handelsgesellschaft errichteten. Die Portugiesen fuhren hierauf (1450) auch über das weiße Vorgebirge hinaus, bis zum Ausfluß des Senegals. Zetzt waren sie nicht weit mehr von dem grünen Vorgebirge, und den demselben gegen über liegenden Inseln, die sie (1456) nun auch kennen lernte». Endlich fanden sie (1462) die Küsie von Guinea, und die Sierra leonc. So weit wurden die Portugiesen, durch die Bemühungen des wißbegierigen Heinrichs, mit der westlichen Küste von Afrika bekannt! Nach seinem Tode (146z) schien die Neigung der Portugiesen, ihre Entdeckungen auf der westlichen Küste von Afrika fortzusetzen, verschwunden. Alfons V, der Afrikaner, welchen der Plan, sich der castilischen Krone zu versichern, und in der Vcrberey Eroberungen zu machen, schon hinlänglich bcschafftigtc, über> überließ die Fortsetzung der afrikanischen Entdeckungen dem lissaboncr Kaufmann, Ferdinand Gomcz. Es entstand nun (1469) eine privilcgirte Handelsgesellschaft für Guinea, die sich verbindlich machte, innerhalb fünf Zahren, 500 Meilen weiter südwärts zu fahren. Sie mußte ihren Wirkungskreis nach dieser Richtung zu erweitern suchen, weil es ihr, wegen der altern Handelsgesellschaft für die Insel Arguin, nicht verstattet war, in der Nachbarschaft dieser, oder der Inseln des grünen Vorgebirges, zu handeln. Die Portugiesen wagten es hierauf (1471) über die Sierra leone hinauszuschiffen. Sie fanden nun die Geldbuße, deren Besitz sie sich nicht allein durch Krentzc, Säulen und Jnnschriften, sondern auch durch das Fort St. Giorgio de la Mina, zu sichern suchten. Da der Kronprinz Johann seine meisten Einkünfte von diesen Entdeckungen zog, so wurden sie für ihn ein wichtiger Gegenstand der Aufmerksamkeit, und des Interesse. Man fand, jenseits des Senegals, kleine, unabhängige Negerstaaten, die Elfenbein, Gummi, Gold und andere herrliche Producte lieferten. Eine große Flotte, die sich (1484) über den Aegua- 's 182 Aeguator hinauswagte, kam bis an den Ausfluß des Zayre; bis zu den großen Staaten Venin und Congo. Dort fand man Piments, welches, schon vor den Portugiesen, italienische Kaufleutc aus Nordafrika holten, wohin es durch Carawancn, die durch das Land der Mandingos, und die Wüste (Sahara) gicngen, gebracht wurde. Zwei) Jahre hernach erreichten die Portugiesen endlich die südliche Spitze von Afrika» Diese soll schon lange vorher bekannt gewesen seyn. Paul Toscanclla, ein Florentiner (geb. 1Z97) soll dieses Vorgebirge schon gekannt und zum Wege nach Ostindien vorgeschlagen haben. Aber erst jetzt wurde diese Entdeckung benutzt. Die Portugiesen, welche Afrika anders fanden, als es ihnen beschrieben worden war, ficngen nun an, die Nachrichten von der phönizischen Umschiffung dieses Erdthcilcs zu glauben. Bartholomaus Diaz, ein scharfsinniger, erfahrner, und entschlossener Seemann, widerlegte (i486) alle Zweifel wegen der Umschiffung von Afrika. Die portugiesischen Schiffer, bcy welchen das südliche Vorgebirge erst Cabo tormcntoso, Cabo v - de I8Z de Diavo (das stürmische, das Teufelsvorgebirge) hieß, wurden nun mit demselben so vertraut, daß sie es, weil es ihnen die schöne Aussicht nach Ostindien öffnete, das Vorgebirge der guten Hoffnung nennten. Johann II, der indessen König geworden war, both, nach den Schätzen Ostindiens lüstern, alles auf, was ihm die Bekanntschaft mit demselben erleichtern konnte. Zwcy Juden, die lange in Bagdad und Ormuz gelebt hatten, theiltcn ihm die genauesten Nachrichten von Ostindien mit. Damit noch nicht zufrieden, schickte Johann noch zwey Abgeordnete aus, um den Zustand des so hoch gepriesenen Landes genauer zu erkundigen. Diese reisctcn, über Alexandrien, nach Kahirah, und von da, in Gesellschaft maurischer Handelsleute, nach Suez, wo sich Co- villam, der eine von ihnen, einschiffte, und Aden, Goa, Calccut und andre Lander auf der Küste Malabar, kennen lernte. Durch diese Berichte wurde Johann II bewogen, den neuen Seeweg um das Hoffnungsvorgebirge herum zur Fahrt nach Ostindien zu benutzen. Vasto de Gama, dem or 184 er dieses auftrug, secgeltc (1497) längs der östliche!) Küste von Afrika hinauf, die bisher nur den Arabern bekannt gewesen war. Sie hatten daselbst verschiedene Staaten gestiftet, unter welchen sich Mosambiks, Meliude, Vrava, Quiloa und Svfala auszeichneten. Um diese Zeit beherrschte der Sultan von Quiloa fast die ganze Küste von Zanguebar. Die Portugiesen ließen sich zuerst zu Mom- baza und Mcliuda nieder. Jährlich kamen nun Flotten von Lissabon, welche die Ent- dcckungcn auf der östlichen Küste von Afrika fortsetzten. Peter Alvarez Cabral eroberte (1500) Quiloa, die Hauptstadt eines machtigen maurischen Staates, auf der Küste Zanguebar; Albuqucrgue fand (150z) die Insel Zanzibav in der Nachbarschaft von Mombaza. Durch das Gerücht von feinen Gewürzen gelockt, suchte man (1506) die große Inseln Madagaskar auf, wo man aber nur etwas Ingwer, und dagegen wilde Neger, und mächtige, arabische Staaten, antraf. Die Portugiesen kamen nach Maga- dasho, einer berühmten Handelsstadt, deren Einwohner aus Sofala Gold uud Elfeubein holten, das sie gegen indische Waarcn vertauschten. tauschten, die ihnen Kaufleute aus Aden und Camboya zuführten. Aus Aden, auf der Küste Ajan, vertrieb Albuguergue (151Z) die Mauren, Hierdurch öffnete er den Portu« gicscn den Weg in das rothe Meer. Diese lernten nun (1520) auch Abessynien kennen, auf welches sie schon seit langer als zo Jah- reu die Nachrichten ihrer Kundschafter aufmerksam gemacht hatten. Zu Mclinde verschafften sich die Portugiesen arabische Seeleute, die ihnen den Weg nach dem gerade gegen übcrlicgendcn Ostindien zeigten. Vasco de Gama landete (1498) auf der Küste Malabar. Die Portugiesen fanden hier die Reiche Calccut, Cochin, Cra- ganor (Cananor) die Marktplätze für die feinem Gewürze, und andere vstindische Waarcn; sie fanden auch Coulam und Travancor; sie drangen bis zu dem Gebirge Ghaut auf der Nordscite von Decan; sie schifften längs der ganzen Küste bis zum Meerbusen von Camboya. An Malabar gränzte damahls zunächst Canara (Bednur). Decan war schon ein mächtiger Staat, der sich bis zur Küste Koro- mandel erstreckte. Albuquergue eroberte (1510) die i86 die berühmte Handelsstadt Goa, die den Mittelpunkt der portugiesischen Herrschaft in Ostindien abgab. Im Reiche Cnmboya trafen die Portugiesen viele wichtige Handelsstädte, unter andern Suracc, an. Sie fanden die Insel Salsette, die Festung Gnzuratc nicht weit von Diu, einer für den Handel mit Arabien und Persicn sehr wichtigen Stadt. Sie trafen noch viele andre ansehnliche Städte an, die jetzt nicht mehr vorhanden sind. Sie lernten die Küste Koromandel nebst dem wohl- angebauten Reiche Orixa, und (1518) einen kleinen Theil von Bengalen, kennen. Sie freuten sich über die feinsten baumwollncn Zeuges über den Puderzucker, den Ingwer, die Seide, und andre schöne Productc dieser Länder. Die Inseln bey Vorder - Indien, die Lakcdiven und Malediven, und die große Znscl Ceylon, blieben ihnen nicht lange unbekannt. Auf der letzter» ließen sie sich aber erst später (1517) nieder, und sie sicherten sich den Besitz derselben durch die Festung Colombo. Die Regenten der neun Staaten, unter welche die Insel damahls gctheilt war, mußten ihnen Tribut von Zimmt und Edelsteinen liefern. Die ,87 Die Sehnsucht nach den Gewürzländern trieb die Portugiesen nach Hintcrindien, wo sie (1511) Malacca eroberten. Sie fanden nun auch Neuguinea, mit einem besondern Staate, der ehedem unter der Herrschaft des Königes von Siam gestanden hatte. Von hier holten Araber, Perser, und andre vors dcrasiatische Nationen, Gewürze und chinc- sischc Maaren ab. Die Portugiesen besinn den sich nunmxhr in dem so lange gewünsch« tcn Besitze des Gewürzhaudels. Wahrend der Zeit wurden sie auch mit Siam oder Tschudia, mit Pegu, und andern hintcrindi- schen Neichen, bekannt. Von Malacca aus fuhren sie (seit 1516) nach China, welches damahls aus fünfzehn verschiedenen Neichen bestand, und bereits durch die große Mauer gegen die Mongolei) geschützt wurde. Die argwöhnischen Chincser erlaubten den Port»! giescn nicht eher, aus Land zu kommen, als bis ihre Waaren ausgepackt worden waren; auch durften sie in Canton nicht frei) herumgehen. Ein Gesandter, den sie an den Kaiser von China nach Peking schickten, wurde nicht vorgelassen; er starb nebst seinen Gefährten zu Canton im Gesängnisse. An den Tho- 188 Thoren dieser Stadt war in der Folge mit großen Buchstaben geschrieben zu lesen, daß man die Leute mit langen Barten, und großen Augen, weder einlassen noch dulden sollte. Um so leichter wurde den Portugiesen die Bekanntschaft mit den Inseln Sumatra, Börnes, Java, und sie entdeckten noch so viele andre weiter gegen Osten liegende Ins seln, daß ihre Erdheschreiber sie bereits für einen neuen Welttheil erklärten. Einer ihrer Befehlshaber, Anton de Mota, der sich, des VerbSthcs ungeachtet, nach China wagte, wurde (1542) nach Japan verschlagen. Die Einwohner der Insel Nipongi die sich durch ihre weiße Hautfarbe, ihre kleinen Augen, und ihre Bartlosigkeit auszeichneten, nahmen die Portugiesen ganz freundschaftlich auf, und bezahlten ihre Waarcn mit Silber. So crs warben sich die nach den feincrn Gewürzen begierigen Portugiesen das Verdienst, die europaische Welt mit dem östlichen Asien, und einem Thcile von Obcraustralicn, bekannter zu machen, und in Handelsverkehr zu bringen! Zwey- 189 Zweytes Kapitel. Elitdeckung von Amerika durch Cvlumbus, Ves- pucci und Labor. ^ie Portugiesen fuhren jetzt um Afrika herum nach Ostindien. Nach diesem so gc- priesencn Lande lies? sich aber auch ein Weg denken, der von Europa gerade westwärts gicng. Schon vor der Mitte des i2ten Jahrhunderts, wie Lissabon noch den Arabern gehörte, unternahmen verschiedene Einwohner dcsieibcn eine Fahrt nach den westlichen Gc- gcndcn, und fanden, nach fünf Wochen, ver- schiedene Inseln, wo man ihnen sagte, daß das Weltmeer sich noch zc> Tagereisen weiter nach Westen ausdehne. Auf der, damahligen Welt- 190 Weltkarten, besonders auf denjenigen, die Behaim zu Nürnberg besaß, fand man unter andern eine im entfernten Westen liegende Insel Antilla gezeichnet. Dergleichen Nachrichten hatten für die Einbildung eines kühnen Seefahrers so viel Anziehendes, daß sie ihn zur Unternehmung einer Reise nach diesen Westgegeuden lebhaft aufmuntern mußten. Ein solcher Seefahrer mar nun der berühmte Italiener Columbus. Christoph Colombo, der Sohn eines Wol- lcnfabricanten zu Genua (geb. 1446) der, ausser dem Latein, Mathematik und Astronomie mit vielem Eifer erlernte, und im ruften Jahre schon voll der Universität zu Pavia zurückkehrte, trieb nun 2z Jahre lang die Schiffahrt so leidenschaftlich, daß er alle den damahligen Europäern bekannten Meere, selbst den nördlichen Eisoccan, hundert Meilen über Island hinaus, beschiffte. Seine Liebe zur Schisskunde trieb ihn (148z) nach Lissabon, wo er sich durch seine Seereisen und Landkarten eine vorzügliche Achtung er- wmb. Durch seine Heyrarh kam er mit Pe- restrelo, dem Stifter der Colonie auf Porto San- i9l Santo, in Verbindung. Er erfuhr nun, daß durch den Abendwind Stücke von Holz, das ohne Eisen bearbeitet war, Rohr von ausserordentlicher Größe, ja selbst Leichname von Menschen, die von den bekannten sehr verschieden waren, nach den canarischen und azorischcn Inseln getrieben würden. Er schloß hieraus auf das Dascyn von Ländern, die gegen Westen vorhanden seyn müßten. Diese Lander hielt er für die äußerste Ostküstc von Indien. Ans diese Meinung leitete ihn das Vornrtheil der Alten von der ungeheure Ausdehnung des östlichen Asiens. Eben dieses Borurtheil erfüllte ihn mit der Hoffnung, auf diesem Wege eher, als um Afrika herum, nach Ostindien zu kommen. Die Neigung zu dieser Unternehmung brachten ihm aber die Nachrichten von den Neichthümern jener Länder bcy, die Polo, Mandcville, und andre Rcisebcschrciber, verbreitet hatten. Cvlumbus entdeckte seinen Plan zuerst dem um Lander-Entdeckungen so verdienten König Johann II von Portugal. Dieser fand ihn zwar zu abcnthcucrlich; aber er entschloß sich endlich dennoch ein Schiff nach der vom Ls- IH2 Columbus bezeichneten Gegend abzuschicken. Doch schon nach einigen Tagen kam dieses Schiff, wegen der Muthlosigkcit seiner Mann- schaft, wieder zurück, und über des Colum- bus Plan wurde jetzt nur gespottet. Der darüber verdrießliche Columbus schlich sich hierauf (1484) aus Portugal weg, und kehrte in seine Vaterstadt Genua zurück. Aber auch hier wurde über seinen Plan gelacht. Columbus, der sich die Ausführung desselben aber einmahl sest vorgesetzt hatte, beschloß sein Glück in Spanien und England zu versuchen. Nach England schickte er seinen Bruder Bartholomaus. Dieser fiel unter Seeräuber, die ihn einige Jahre gefangen hielten. In einem armseligen Anzüge langte er endlich in England an, wo er erst durch Zeichnen und Landkarten sich so viel verdienen mußte, daß er ordentlich angekleidet vor dem König Heinrich VII erscheinen konnte, der, obgleich behutsam und sparsam, seinen Antrag nicht ungünstig aufnahm. Doch den Engländern war die Ehre, Mittelamcrika zu entdecken, nicht bestimmt. Chri- »93 Christoph Colnmbüs hatte es indessen in Spanien endlich dahin gebracht, daß man sich für die Ausführung seines Planes thatig bewies. Diese kostete ihm jedoch viele Mühe, und verursachte ihm großen Kummer. Zn Palos, wo er ans Land stieg, fand er eine gute Aufnahme, fand er Manner, die sich für seinen Plan teilnehmend zeigten. Diese empfahlen ihn dem Talavera, dem Beichtvater der Königin Jsabella, der das ganze Vertrauen derselben besaß. Columbus wurde der Jsabella und dem Ferdinand, die, wegen der Belagerung von Granada, nach Andalusien kamen, zu Cordova vorgestellt. Das königliche Paar übertrug es einer zu Sala- manca niedergesetzten Commission, den Plan des Columbus einer genauer» Untersuchung zu unterwerfen. Diese setzte den Gründen, die Columbus für die Möglichkeit seiner Ausführung aufstellte, Aberglauben und Unwissenheit entgegen. Indessen gab es doch Männer von Einsichten, die der Mcynung waren, daß des Columbus Entwürfe aller Achtung werth waren, und daß sie ausgeführt zu werden verdienten. Unter diese gehörte der erst? Minister, der Cardinal von Mendoza, der, Ealletti Weltg. sr Tb. N als 194 als Columbus, aus Verdruß über die verzögerte Ausführung, Spanien schon verlassen wollte, es (1492 Jan.) dahin brachte, daß ernstliche Anstalten gemacht wurden. Doch niemand bewies sich dabep thätigcr, als Louis de St. Angel, der Einnehmer der geistlichen Ritterorden in Aragonien. Dieser bestimmte die Entschließung der Jsabclla durch die dringendsten Vorstellungen; er bestimmte sie hauptsachlich durch die Betrachtung, daß eine andere Nation der spanischen in der Ausführung des wichtigen Planes zuvorkommen könne. Der Finanzmintster Quintanilla trat seiner Mepnung bey; Jsabclla ward gewonnen, und St. Angel schoß das zur Ausrüstung der Schisse nöthige Geld her. Man schloß nun (im April) mit Columbus einen besondcrn Vergleich, nach welchem er die Admiralswürde, und die Stelle eines Vice- königcs und General - Gouverneurs iu den Landern, die man entdecken würde, imglei- chen den zehnten Thcil des Gcwinnstes, bekommen sollte. Columbus trug dagegen den 8tcn Theil der Kosten. St. Angel schoß 17000 Goldgulden vor. Hierauf wurden drey i95 drcy kleine Schiffe ausgerüstet, deren Besatzung aus nicht mehr als 190 Mann be- stand. Das größte unter denselben gab das Admiralsschiff ab; die beyden übrigen waren nicht viel besser, als Boote. Ihre Ausritt stuug kostete auch nur 4000 Carolinen. Mit dieser armseligen Flotte trat nun Columbus, in Gesellschaft vieler einsichtsvollen Freunde, (z. August) die wichtige Fahrt an. Er schiffte aus dem andalustschcn Hafen Palos aus. Nach 6 Tagen befand er sich auf den canarischcn Inseln. Hier mußte er sich wegen der Ausbesserung eines von seinen Schissen, bcynahc 4 Wochen aufhalten. Columbus richtete den Lauf seiner Schisse nach den Karten und Anweisungen eines italienischen Geographen, Toscanella, der Japan 750 Seemeilen von den Canaricn ansetzte. Das Schiffsvolk, das schon auf den canarischcn Inseln den Much verlohrcn hatte, bewies sich bald so unrichig, daß blos die Anzeigen von der Nahe eines festen Landes es wieder besänftigen konnten. Da dieses aber noch immer nicht erschien, so äusserte sich die Unzufriedenheit immer lau- N 2 ter. iZ6 ter. Man schimpfte auf den Columbus, als auf einen Phantasten. Ja man beschloß so- gar, nach Spanien zurückzukehren, und den Columbus, wenn er sich widersetzen würde, ins Meer zu werfen. Columbus hüls sich durch Standhaftigkeit und List. Er hielt die eigentliche Entfernung der Gegend, die man aufsuchte, geheim, oder gab sie kleiner an, als si? wirklich war. Zuletzt konnte er aber dem Ungestüm seiner Leute so wenig aus- weichen, daß er ihnen, wie man sagt, hei- lig versprechen mußte, ihre Gedult nun nicht länger mehr, als drei) Tage, auf die Probe zu stellen. Endlich kündigten Vögel und Lust, kündigten schwimmende Stücke von Rohr, von bearbeitetem Zimmerholz?, ein nahes Land an. Wie froh war Columbus (9. Oct.) über die Entdeckung einer schonen, flachen Insel; über die Entdeckung der ans tillischen *) Insel Guanahani, die er San Salvator nennte. Columbus wurde jetzt von denen, die kurz vorher noch auf ihn geschimpft *) Dieser Nähme rührt von der oben 186 er/ wähnten Insel Antjlla her. i97 schimpft hatten , ein bewundernswürdiger Held genennt. Seine von der Freude gleichsam berauschten Lcnte stürzten sich auf den Boden nieder, küßten ihn, benetzten ihn mit ihren Thränen, schickten die brünstigsten Dankgebcthe zum Himmel, Kathen den Co- lumbus wegen desjenigen, was sie sich gegen ihn erlaubt hatten, um Verzeihung, und versprachen ihm für die Zukunft allen Gehorsam. Die Einwohner der Insel Guanahani standen auf einer niedrigen Stufe der Cul- tur. Sie trugen Stäbe, die kleinen Lanzen glichen, und Wurfspieße, deren Spitzen im Feuer gehärtet, und durch einen spitzigen Knochen noch eindringender gemacht waren. Das Holz bearbeiteten sie mit harten Steinen. Mit Hülfe des Feuers holten sie Baumstämme zu Canoes, oder Booten, für i bis 45 Mann aus. Die Ruder glichen den Beckcr- schaufcln. In der Nase trugen diese Wilden einige Stückchen Gold. Die Spanier kamen ihnen so bewundernswürdig vor, daß sie dieselben für Götter hielten. Die Glnscorallcn, die Schellen, die Nadeln, und andre Kleinigkeiten 198 kciten dieser Art, die sie von ihnen bekamen, schätzten sie höher, als Gold und Silber. Columbus fand nun bald auch andre in der Nähe liegende Inseln. Er fand unter andern (27. Oct.) die herrliche Insel Euba, und das große Hayti, das er zur Ehre seiner Nation Espagnola (die spanische Insel) nennte, und zum Sitze einer Colonie bestimmte. Alles, was er bisher entdeckt hatte, hielt er thcils für Inseln des asiatischen Ar- chipclagus, thcils für festes Land von Indien, oder China. Die Freude über diese Entdeckungen trieb den Columbus schon zu Anfang des folgenden Jahres (149z Jan.) nach Europa zurück. Er landete in Portugal, wo man ihn mit großer Achtung cmpficng. Man behandelte ihn als einen Grande. Columbus mußte sich vor dem Könige bedecken, und niedersetzen. Um die Eifersucht der Portugiesen zu vermindern, erklärte er das ucuentdcckte Land, das er Cipango neunte, für das Paradies. Die Idee, daß diese Inseln einen Thcil von Indien ausmachten, war war Ursache, daß man sie.mit den Nahmen Indien belegte, welches, zum Unterschiede von dem asiatischen, das westliche gcnennt wurde. Diese Benennung erhielten sie zu« erst in Spanien, wo man den Columbus in Barcelona einen fcycrlichcn Einzug halten ließ. Die noch nie gesehenen Menschen, die Papageycu, die Laudesproductc, die Colum- bns mitbrachte, zogen aller Augen auf sich. Die königliche Familie schien ihm nicht genug Ehre erweisen zu können. Nun hieß er Don Colon, der Admiral, der Vicekönig, der Statthalter. Der spanische Hof berichtete den glücklichen Erfolg seiner Unternehmung an den Pabst Alexander VI, und bath ihn um die Bestätigung des Besitzes aller Lander, die Columbus schon cutdeckt hatte, und noch entdecken würde. Der Pabst säumte auch nicht, ihm diese Bestätigung (4WN May) zu crtheilcn. Allein jetzt traten die Portugiesen mit altern Ansprüchen auf eben diese Länder, die sich gleichfalls auf päbstliche Vewilligunx gen gründeten, hervor. Der Pabst hatte ihnen nehmlich schon vor fünfzig Jahren alle Heid- 2oc> heidnischen Länder, vom Vorgebirge Vojas dor an, fcycrlich zugesprochen, und allen andern christlichen Seemächten befohlen, der portugiesischen Schiffahrt dahin keinen Eins trag zu thun. Alexander VI wußte sich aus der Verlegenheit, in welche er durch die doppelte Bewilligung versetzt wurde, bald herauszuhelfen. Er zog, in einer Entfernung von 75 geographischen Meilen von den Inseln des grünen Vorgebirges, eine durch bepde Pole der Erdkugel gehende Linie, die man die Marcationslinie nennte. Auf der rechten Seite derselben sollten die Portugiesen, auf der linken die Spanier, sich ausbreiten dürfen. Dadurch waren aber die Portugiesen von aller Thcilnahme an den Entdeckungen in Wcstindicn ausgeschlossen. Ihre Vorstellungen bewirkten, daß der Pabst (15. Oct.) die Marcationslienie 270 Meilen von den capoverdischen Inseln weiter nach Abend rückte. Sie hieß scidem die Dcmarcationslinie. Jenseits dieser Linie setzten nun die Spanier die Entdeckungen zuerst fort. Des Columbus glücklicher Anfang munterte den Hof 2or Hof zur Ausrüstrng einer größcrn Flotte auf, die aus z Transportschiffen und 14 Carave- len bestand. Man gesellte der Besatzung derselben eine Gesellschaft von Missionaricn bey, welche die Bewohner der ncucntdecktcn Znscln mit dem Christenthumc bekannt machen sollten. Für Bedürfnisse, welche die Colonie auf Espagnola nöthig hatte, wurde glcichfals gesorgt. Columbus bekam das königliche Siegel, nebst der Vollmacht, sowohl selbst, als durch seine Statthalter, Verordnungen im Nahmen des Königes auszufertigen , ungleichen Richter und Beamten zu ernennen. Dabei) erhielt er jedoch die Weisung, die Indicr durch Geschenke, durch liebreiches, und sanftes Betragen, zu gewinnen. Columbus trat (25. Sept.) seine zwcy- tc Reise von Cadix an. Er entdeckte jetzt die Inseln Dominica, (die Sonntagsinscl) Maria galante (von dem Nahmen des Hauptschiffes) Guadaloupe (von einem Kloster in Estrcmadura). Hier machte er die erste Bekanntschaft mit den Mcnschenflcisch verzehrenden Caraiben, welche aus jhrcn chcmahii- gen 2O2 gen Wohnsitzen in Florida, über den mepi- canischcn Meerbusen, nach den antillischen Inseln geschifft waren, und das männliche Geschlecht der Ureinwohner vertilgt hatten. Die Weiber behielten sie zur Fortpflanzung des Geschlechts bey. Da nun die Mädchen die Sprache der Mutter, und die Söhne die Sprache des Vaters lernten, so entstand dadurch das Sonderbare, dasi jedes Geschlecht der Caraibcn sich seiner eignen Wörter bedient. Columbus fand um eben diese Zeit auch noch andre antillische Inseln, als Mon- serrate, Santa Maria la Rotunda, S. M. la Antigua, S. Martin, St. Croix (Santa Cruz). Er fand endlich auch die wichtige Insel Jamaica, die er St. Jago (Jacobsinsel) nennte. Ihren jetzigen Nahmen erhielt sie von den Engländern, die ihn von James (Jacob) dem Nahmen eines Herzogs von Uork, entlehnten. Aber die Colonie auf Espagnola traf Columbus zerfrört an. Die von ihm zurückgelassenen Spanier waren, durch ihre Habsucht und Grausamkeit, bcy den Einwohnern so verhaßt worden, daß diese einen förm- 2OZ förmlichen Aufstand erregt hatten. Columbus legte nun bei) dem Hafen Zsabcila eine neue Colonie an. Sein Bruder Bartholom maus führte ihm Verstärkung aus Spanien zu. Man entdeckte Goldminem, und Co- lumbus sah sich nun im Stande, erst 12, und hernach noch 4 Schisse, mit Sclavcn, Gold, Brasilicnholz und andern kostbaren Producten, nach Spanien zu schicken. Illlein Columbus trieb seine Begierde nach Gold, um seinen Credit in Spanien aufrecht zu erhalten, zu weit. Er legte den Einwohnern dieser Inseln, deren er eine große Anzahl gctödtct hatte, eine» ihr Vermögen übersteigenden Tribut auf. Die darüber erbitterten Leute beschlossen, die ihnen so verhaßten Spanier auszuhungern. Sie unterließen alle Feldarbeit, und zogen sich in die Gebirge zurück. Die Spanier drückte nun der äusserste Mangel, dem jedoch ihre Klugheit, und Unterstützung vom Hause, bald abhalf. Die glänzende Nolle, die Columbus spielte, erregte den Neid von manchen, welche 2O4 che seine vorzüglichem Verdienste nicht des greifen konnten. Diese benutzten die Klagen und Beschwerden über seine eigennützige und strenge Regierung, um den Hof zur Abt schickung eines Bevollmächtigten nach der neuen Colonie zu bestimmen. Mit diesem Bevollmächtigten, Juan Aguado, königlichem Haushofmeister, der schon in Jdicn gewesen war, erschien zugleich Bablo Belvis, mit dem man wegen der Bergwerke einen Vertrag geschlossen hatte. Aguado, ein stolzer Mann, gab nicht nur allen Klagen gegen den Columbus Gehör, sondern suchte sie auch wohl noch herauszulocken. Da nun Columbus dessen Berichte für seine Anordnungen und fein Interesse gar nicht vorthcilhafr erwarten konnte, so beschloß er, den Aguado selbst nach Spanien zn begleiten. Er ernennte (1496 März) seinen Bruder Bartholomäus zum Vicegouvcrncur. Als er nach Spanien kam, hatte er viel Mühe, die Beschuldigungen, die man ihm machte, zu widerlegen, und das Zutrauen Ferdinands und der Zsabclla sich wieder zu erwerben. Es gelang ihm auch kaum nach einem Jahre, die Ausrüstung seiner dritten Reise vollendet zu sehen. Der 2OZ Der Hof ernennte ihn zum Admiral von Castilien, gestand ihm große Neckte und Vortheile zu, und versicherte ihm einen sehr ansehnlichen Thcil am Gewinnste. Die Flotte, die man ihm mitgab, bestand aus 3 Schissen, auf welchen sich Soldaten, Bergleute , Ackerleute, Gärtner, Handwerker, Tonkünstlcr, und auch Weibspersonen, befanden. Die Spanier bezeigten aber so wenig Lust, nach Westindicn zu gehen, daß man ihre Zahl durch Verbrecher ergänzen mußte. Endlich erfolgte des Columbus Abfahre von S. Lucas an der Mündung des Guadal- quivirs (1493 am zc>. May). Columbus kam jetzt nach der Insel Trinidad, nicht weit vom Ausflusse des Orinoco. Er wurde mit dem an diesem Strome liegenden Laude Paria bekanunt, und er befand sich also wirklich schon auf dem festen Lande des neuen Erdthcils, ohne es jedoch zu wissen; denn er blieb bey der Meynuug, nahe an den Küsten zu seyn, und er glaubte hier wieder das Paradies zu finden. Jetzt 206 Jetzt legte er auf der Insel Espagnola eine Stadt an, die er seinem Vater und dem heiligen Domiuicus zu Ehren, St. Domingo nennte. Aber die ehemalige Co- lonie auf derselben befand sich bey seiner Rückkehr in Unruhe und Verwirrung. Der spanische Hof hatte es der Colonie zur vorzüglichsten Bestimmung gemacht, nicht nur die Schatze der neucntdcckten Länder, zu sammeln, sondern auch die Bewohner derselben in der allein sccligmachcnde Religion einzuweihen. Zur Erreichung der ersten Absicht, bearbeitet man, unter der Aufsicht des oben erwähnten Belvis, die Bergwerke, und man bediente sich, nach dem Beyspiele der Araber, des Quecksilbers, um die Gold- theilchcn von den bcngcmischtcn uncdlcrn Mineralien zu scheiden. Zu den schweren Arbeiten in den Bergwerken brauchte man die 'Caraibcn mit solcher Unbarmhcrzigkcit, daß Columbus diese Leute, so schrecklich er sie auch schilderte, dennoch menschlicher zu behandeln anriclh. Man verkaufte sie und andre Wcstindicr auch schon als Sclavcn nach Spanien; dieses wurde jedoch vom Ferdinand und der Jsabclla ausdrücklich verboten. 2O7 ten. Das fromme königliche Ehepaar wünschte, daß die neuen Jndier unterrichtet und bekehrt werden möchten. Die Missionaricn, die man deswegen nach Espagnola schickte, brachten cS auch dahin, daß sich (1496 Sept.) ein Cazike, oder indianischer Fürst, und viele von seinen Verwandten, taufen ließen; daß sie den Glauben, das Vaterunser , und andre Theile des Katechismus lernten, um sie taglich zweymahl hcrzube- thcn. Manche von diesen Leuten fanden jedoch den Glauben, zu deren Annahme man sie beredet hatte, und die Spanier selbst, ihres Hasses so werth, daß sie alle ihre Landsleute zur Vertilgung der Weißen, und zur Zerstörung ihres Gottesdienstes, aufbo- then.- Aber die Spanier waren ihnen zu machtig, und einige von den unglücklichen Indianern, welche die heiligen Bilder der Kapelle zerbrochen, mit Füßen getreten, und auf einem Pfcfferfelde vergraben hatten, wurden öffentlich verbrennt. Doch die spanische Colonie auf Espagnola war nicht allein mit den Indianern, sondern mit sich selbst, uneinig. Franz Nol- dan. 2OL dan, dcn Columbus zum Oberrichter dersel- bcu bestellt hatte, erbitterte durch seine Strenge die Colonistcn so sehr, daß darüber zwey Partheyen entstanden. Viele Coloni- sicn waren wegczogen, und die zurückgcblic- nen empfanden dcn lebhaftesten Verdruß, weil sie die reihenden Hoffnungen, die man ihnen in Europa gemacht hatte, nicht erfüllt sahen; weil ihnen selbst der kümmerlichste Unterhalt große Mühe verursachte. Die Aussicht, durch Schatze von Gold sich zu bereichern, schien ganz verschwunden. Belms war nach Europa zurückgekehrt. Die Colonisten, die ohne Zucht und Ordnung lebten, entrichteten keine Abgaben, und machten das Land durch ihre Naubcreyen unsicher. Columbus hatte viele Mühe, Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Die schönen Versprechungen, die er dem spanischen Hofe gemacht hatte, wurden gar nicht so erfüllt, wie es der Erwartung desselben gemäß war. Columbus schickte weiter nichts, als Sclavcn und Farbeholz, nebst etwas Gold, nach Europa. Die Ausrüstung der Schisse, die Besoldungen der Beamten und 209 und Soldaten, und die Unterstützung der Co- lonisten, verursachte einen großen Aufwand, dem die Einkünfte von der Colonie gar nicht angemessen waren. Die bisherigen Unruhen schoben die Hoffnung, die wahren Goldländer zu finden, immer weiter hinaus. Columbus hatte schon mchrmahls den Rath gegeben, die Ausrüstungen der Schisse, und den Handel nach den entdeckten Landern, Kaufleutcn und reichen Privatpersonen zu überlassen. Der Hof crthciltc (1499) wirklich die Erlaubnis, neue Länder auszusuchen, und für die Krone in Besitz zu nehmen; er machte es jedoch dabcy zur Bedingung, weder die Entdeckungen des Columbus, noch die Besitzungen der Portugiesen, zu berühren. Ojcda, einer der Gefährden des Columbus auf seiner ersten Reise, der lange auf Domingo gelebt hatte/wurde, ohne des Columbus Vorwissen, nach Paria geschickt, um die Perlen-Inseln näher zu erforschen. Columbus, der indessen die Freude hatte, Ruhe und Wohlstand in seine Colonie zurückgekehrt zu sehen, wurde durch die Ränke seiner Feinde von der Fortsetzung seiner Ealletti Weltg. sr Tb. O Ent- 2l0 Entdeckungen abgehalten. Sein Verfahren schilderte man der Jsabclla so tadelnswerth, so strafbar, daß sie (1500) den Franz von Vobadilla, einen Rirtcr des Calatrava - Ordens, nach Wcstindicn schickte, um dasselbe untersuchen zu lassen. Bobadilla bekam die Vollmacht, den Columbus, wenn die gegen ihn vorgebrachten Beschuldigungen gegründet wären, abzusetzen, und dessen Stelle zu übernehmen. Columbus mußte daher Unrecht haben. Den Stoff zu einer Anklage desselben sammelte man von seinen Feinden. Columbus wurde, ohne daß man ihn vorher verhört hatte, nebst seinen zwey Brüdern, mit Ketten beladen nach Europa geschafft. Sein Schiffshauptmann wollte ihm die Kct« ten abnehmen; aber Columbus ließ es nicht geschehen. Als Columbus nach Spanien kam, schämten sich Zsabella und Ferdinand der Behandlung, die sie einem solchen Manne hatten widerfahren lassen, und er bekam sogleich seine Freyheit wieder. Indessen hielt man ihn von einer neuen Reise nach Wcstindicn zurück, während daß man andere Entdecker aus- 211 auslaufen ließ. Man schickte auch einen neuen Statthalter nach den von ihm entdeckten Ländern. Des Columbus Klagen und Vorstellungen waren vergeblich. An den neuen Seeweg nach Ostindien wurde gar nicht mehr gedacht. Nach zwcy Jahren (1502) sah endlich Columbus seinen Wunsch, eine neue Reise nach Westiudien zu thun, befriedigt. Man gab ihm zu derselben vier schlechte Schiffe, von welchen das größte nickt mehr als 70 Tonnen (1400 Ccutncr) trug. Wegen des fehlerhaften Zustande» derselben, mußte er die südwestliche Fahrt aufgeben, und seine Richtung gerade nach Westen nehmen. Er kam bis nach Porto belo auf der Landenge von Panama; auch stiftete er auf eben derselben, zu Veragua, eine neue Colonie, die aber keinen glücklichen Fortgang hatte. Die Landeseinwohner versetzten ihn in ein so lebhaftes Gedränge, daß er (150z Jan.) wieder zu Schiffe gehen mußte. Ein Sturm brachte ihn nach Jamaika. Zwey seiner Freunde wagten sich auf einem armseligen Boote nach Domingo, um von dem Statthalter Ovanda O 2 ein 2ID ein Fahrzeug für den Columbus zu erbitten; dieses langte aber erst nach einem Jahre an. Als Columbus (1504) nach Spanien zurückkehrte, war seine Günnerin Jsabclla gestorben, und die zwischen Ferdinand dem Katholische», und seinem Schwiegersöhne, Philipp dem Schönen, ausgekrochenen Handel waren Ursache, daß der um die spanische Monarchie so sehr verdiente Columbus übersehen wurde, daß er voll Verdruß (1506) sein Leben endigte. Columbus hatte das feste Land des neuen Erdtheilcs zweymahl berührt; aber er starb in der Meynung, blos ein Stück von Ostindien entdeckt zu haben. Dieses Vorurthcil entzog ihm die Ehre, dem von ihm entdeckten neuen Erdtheilc seinen Nahmen zu geben. Diese Ehre erwarb sich ein andrer Italiener, Amcrigo Vespucci, im Dienste des Königs von Portugal. Die Portugiesen zeigten sich, seit der Festsetzung der Demarkationslinie, sehr geschäfftig, in Ansehung der Entdeckung neuer Länder, mit den Spaniern zu wetteifern. Der Gang dieser Entdeckung wurde aber meistens durch den Zufall entschieden. Caspar 2IZ Caspar Cortcreal besuchte (1500) die nord- amerikanische Küste unter dem zoten Grad nördlicher Breite, um hier eine westliche Durchfahrt nach den Gcwürzinscln zu finden. Seiner weiter» Reise setzte sich aber Schnee und Eis entgegen. Eben dieses Schicksal hatte sein Bruder Michael. Indessen wurde doch lange Zeit ein Thcil dieser nördlichen Küste Cortercal-Land gcnennt. Den Nah« wen Labrador erhielt es von dem Umstände, das; Cortereal auf der Südseite des zoten Grades Landcrcy vermuthetc, die des Anbaues fähig wäre. Um eben diese Zeit (1500) wurde die zweyte nach Ostindien bestimmte Flotte unter Cabral, durch einen Sturm, zu weit nach Westen getrieben. Hier fand sie ein großes, unbekanntes auf der Südseite des AcquatorS liegendes Land. Da, wo Cabral landete, errichtete er ans einem erhabenen Platze ein großes hölzernes Kreutz. So entstand der Nähme Santa Cruz. Die Vay, wo die Landung vor sich gieng, hieß nun Porto scguro (Hafen der Sicherheit). Mit 2l4 Mit dem neuen Lande wurden die Portugiesen unter der Anleitung des Vcspucci immer bekannter. Dieser florentinische, in den Wissenschaften eines Seefahrers sehr wohl unterrichtete Edelmann, hatte an der Entdeckungsreise des Ojcda schon Anthcil gehabt. Jetzt nahm ihn der König Emanucl von Portugal in Dienst, um die Entdeckungen in der neuen Welt fortzusetzen. Vcspucci gicng zweymahl (1501 und >;oz) dahin. Verschiedene Landungen überzeugten ihn von dem Dascyn eines ungeheuren Landes. Er fand unter andern das Vorgebirge Ago- siino und die Bay aller Heiligen. Das neue Land wurde aber über die ostindischcn Eroberungen einige Zeit lang ganz vergessen. Es diente (bis 1525) höchstens zu einem Vcr- bannungsorte für die Juden. Das Farbeholz Brasilge (Brasil) das man sonst aus Ostindien holte, und das Vcspucci selbst Verzins nennte, machte das vornehmste unter den Produkten aus, die man von dem neuen Lande nach Portugal brachte. Daher wurde erst der mittlere Thcil, und hernach das Ganze, mit dem Nahmen Brasilien belegt. Man benennte aber späterhin das Land, das Ve- 2i; Vespucci zuerst recht entdeckt hatte, nach dem Vornahmen desselben Ameriga oder Amerika. Dieser Nähme gicng in der Folge erst auf die südliche Hälfte, und hernach ans den ganzen Ercheil, über. Da dieses erst nach dem Tode des Vespucci geschah, so hat sein Einfluß um so weniger wirken können. Die Beschuldigungen und Vorwürfe, welche die Spanier ihm machen, sind größtenthcils eine Wirkung ihrer Eifersucht über die Ehre, die Vespucci ihrem Columbus unschuldtgcrwcise entzogen hat. Denn wer mag es ihm verdenken, wenn er sein Verdienst, die Welt von dem Dascyn eines neuen Erd- thcilcs überzeugt zu haben, recht heraus- zusetzen wußte? Ausser den Spaniern und Portugiesen fanden aber auch andre seefahrende Nationen den Weg nach dem neuen Erdtheile. Nordamerika wurde durch die Bemühungen der Englander entdeckt. Noch vor dem Cor- tcreal schifften zwcy Brüder Cabot, in England ansaßige Venezianer, mit vier Schiffen, von welchen sie zwe» auf eigne Kosten ausgerüstet hatten, nach Nordamerika, wo sie (i497) 2l6 (1497) Neufundland, und die ganze Küste bis nach Florida, kennen lernten. Jenes nennten sie, wegen der ungeheuren Menge von Stockfischen, die wohl gar den Lauf ihrer Schiffe hemmten, Stockfifchland. So wurde also Amerika sowohl im Norden und Süden, als in der Mitte, eigentlich durch Italiener entdeckt! Dnt- 217 Drittes Kapitel. Corte; erobert Mexico, Pizarro Peru. Folgen der Entdeckung von Amerika. ^ntcr den Nationen, die Amerika entdeckten, waren die Spanier und Portugiesen diejenigen, welche diese Entdeckung vorzüglich benutzten. Der König von Portugal theilte ansehnliche Landstriche von Brasilien, unter die großen Herren seines Volkes, als Lehne aus. Man legte Zuckerplantagen an, die bald sehr ergiebig wurden. Um die zu den schweren Arbeiten in denselben nöthigen Arbeiter zu bekommen, reichten die einheimischen Sclavcnjagden nicht hin; man mußte daher die fehlenden durch Negern von Congo und Angola in Afrika ersetzen. Noch 2l8 Noch mehr als die Portugiesen breiteten sich die Spanier in dem neuen Erdthcile aus. Wenn ihr Verfahren dabey nur weniger eigennützig und unbarmherzig gewesen wäre! Diego, der Sohn des Columbus, setzte es mit vieler Mühe endlich durch, Herzog und Statthalter der Colonic von Vcragua zu werden. Er zog mit mchrcrn Familien nach Domingo, und von diesen stammen die edlern Crcolen dieser Insel ab. Der Oberstatthal- tcr der spanischen Niederlassungen in West« indicn, Ovanda, brauchte, um sie in Aufnahme zu bringen, sehr despotische Mittel. Er unterdrückte die Eingcbohrncn, und beschwerte sie mit Frohndienstcn und Abgaben. Von dem Ertrage der Bergwerke ließ er sich jedoch nur den dritten Thcil geben. Vielleicht wollte er durch diese Mäßigung zur bessern Bearbeitung derselben auffordern. Die Colonie auf Espagnola, oder Domingo, brachte der Krone jährlich 460000 Speciestha- ler ein. Das meiste warf der Zuckcrbau ab. Ferdinand der Katholische errichtete (1507) zu Sevilla einen Handclsrath für Indicn. Aber die schweren Arbeiten in den Zuckerplantagen, deren die weichlichen Einwohner nicht 2 l9 nicht gewohnt waren, hatten, nebst der übri- gen grausamen Behandlung dieser Leute, die traurige Folge, daß von einer Million der» selben nach 15 Jahren nur noch 60000 übrig waren, und auch diese minderten sich inner» halb acht Jahren bis ans 14000. Ovanda lies; nun von den lucayischen Inseln Men» sehen rauben, um sie als Sclavcn unter die Plantagen zu vertheilcn. Die weitere Entdeckung amerikanischer Lander überließ die Regierung der eigennützigen Thätigkeit von Privatpersonen. Durch diese wurden die Inseln Portorico und Euba (1511) und die Küstenländer Yucatan (1508) und Florida (1512) gefunden, und in Besitz genommen. Die Eroberung von Euba schlug Diego Columbus vor. Man übertrug sie dem Diego Vclasgucz, einem Gefährten des Columbus, dem man zoo Mann mitgab. Nur ein einziger aus Domingo hcrübcrgcflüchtctcr Cazike leistete Widerstand, und dieser wurde dafür vom Vclasgucz zum Feuer verdammt. Florida besetzte Ponce de Leon, den das Gerücht von einem Wundcrbrunncn auf den lu- cayischcn Inseln dahin gebracht hatte. Den Nah- 22O Nahmen bekam es vcrmuthlich von der reihenden Beschaffenheit, in welcher es die Spanier antrafen. Die Begierde nach Gold, dieser großen Triebfeder menschlicher Handlungen, leitete die Spanier auf manche Lander-Entdeckung. Nuncz Balbao, Statthalter zu St. Maria in Danen, auf der mcxicanschcn Landenge, erbeutete auf seinen ins innere Land vorgenommenen Streifcrcpen vieles Gold. Dieß reihte seine Habsucht, immer mehr von diesem edlen Metalle zu bekommen. Ein junger gutmüthigcr Cazike erzählte ihm von einem sechs Tagcrcisen entfernten Lande am Meere, wo dieses Metall in großer Menge vorhanden wäre. Zu diesem Goldlande führte aber ein hohes, dichtverwachscncs Gebirge, führten morastige, mit reißenden Strömen und fürchterlichen Schlangen angefüllte Thä- lcr. Dennoch trat Balbo (151z Sept.) von 190 Spaniern begleitet, und tausend Indianern geführt, den Zug dahin muthig an. Nach 2; Tagen, und nach den erstaunlichsten Beschwerden, erreichte er endlich den letzten Abhang des Gebirges, von welchem er 22l er unvermuthet'ein ungeheures Meer übersah. Seine Entzückung geht in ein brünstiges Gebeth über. In voller Rüstung wadct er bis an den Leib ins Wasser, um von dem neucntdccktcn Ocean, im Nahmen seines Königes, Besitz zu nehmen. Er bekam jetzt Nachrichten von dem Reiche Peru, welches er für einen Thcil von Ostindien hielt. Die Llamas, die er hier kennen lernte, erklärte er für astatische Lastthicre. Um die Eroberung von Peru zu unternehmen, verlangte er von dem spanischen Hofe eine Verstärkung von lausend Mann; allein sein Feind, der eifersüchtige Bischof Fonscca von Vurgos, ein Minister Ferdinands des Katholischen, entzog ihm diese Ehre. Pcdrarias Davila wurde an seiner Stelle zum Statthalter von Danen ernennt. Man gab demselben 15 Schisse, nebst l2oo Soldaten. An diese schlössen sich noch 1500 frcywillige Edcllcutc an, welche die Goldbcgierde zur Theilnahmc an dieser Unternehmung reihte. Balbao, der doch 450 Mann unter seinem Befehle hatte, unterwarf sich dem Davila, der ihn demunge- achtet gcwaltthatig behandelte. Mit einem baumwollnen Hemde auf dem Leibe, und Bast- 222 Bastschuhen an den Füßen, wohnte er in einer niedrigen Hütte von Zweigen; er, der erste Untcrstatthalter der Lander am großen Weltmeere, das er entdeckt hatte! Als er sich (1517) rüstete, die Goldlandcr aufzusuchen , ließ ihn Davila in VerHaft nehmen, und, theils unter dem Vorwaude des Ungehorsams, theils wegen alter Beschuldigungen, hinrichten. Die Südsee wurde jetzt nicht weiter untersucht; doch verlegte man die Lolonic von St. Maria nach Panama. Ferdinand der Katholische wünschte, daß man westlich einen Weg nach den Moluckcn, und den Gewürzinseln, finden möchte. Er rüstete zu dieser Unternehmung auf eigne Kosten zwey Schiffe aus. Juan Diaz de Solis, dem er dieselben anvertraute, entdeckte (1516) einen Theil der östlichen Küste von Südamerika. Er fand zwey der vornehmsten Ströme desselben, den Janeiro, und den de la Plata. Den lctztcrn hielt er anfangs für einen Eingang in das indische Meer. Eine Landung, die er wagte, fiel sehr unglücklich aus. Er wurde, nebst seinen Begleitern, von den Einwohnern getödtet, und. 22Z und, im Angesichte der Schiffe, zerstückt, gebraten und verzehrt. Jene kehrten hierauf nach Europa zurück. Während der Zeit breiteten sich die Spa- nier, auf der Nord- und Südamerika verbindenden Landenge von Panama, desto glücklicher aus. Angeführt von Francesco Fer« »andcz Cordvva, einem reichen und muthigcn Colonistcn, besetzten sie (1517 Febr.) mit 110 Mann, die Landspitze Aucatan und die Küste von Campcche. Aber auch von ihnen fielen mehrere, von den Pfeilen der Landes- bcmohncr, durchbohrt. Dennoch drangen 240 Freuwillige, durch das Gold gelockt (1518) in das innere Land ein, das sie, wegen seiner Achnlichkeit mit dem alten Spanien, Neuspanien nennten. Hier bekamen sie auch von dem Reiche von Mexico Nachricht. Der mexicanische Staat war der größte und cultivirteste in ganz Nordamerika. Die Bewohner desselben wanderten im (iz. Jahrhundert) von den nordwestlichen liegenden Küsten des californischcn Meerbusens ein. Vielleicht 224 leicht hatten diese Küsten die ersten Bewohner in Nordamerika; vielleicht kamen diese ans den gegen über liegenden nordöstlichen Landern von Asien. Im i-ptcn Jahrhundert wurde Mexico die Hauptstadt des neuen Reiches. Es hoben sich ausser derselben aber noch mehr andre Städte empor, als Zcmpo- alla, Tlascgla, Cholula, Tacuba, Tezeuco, Diese Städte sahen jedoch, in Verglcichung mit den europäischen, mehr großen Dörfern, als Städten, ähnlich. Sie bestanden größ- teutheils aus einzelnen, niedrigen, unregelmäßig gebauten, mit Nasen, Steinen und Rohr gedeckten Hütten, die ihr ganzes Licht durch die niedrige Thüre cmpstengcn. Selbst das gepriesene Mexico war aus solche Hütten zusammengesetzt, die sich blos dadurch unterschieden, daß sie in ordentlichen Reihen standen, und Gassen bildeten. Den vornehmsten Tempel stellte eine viereckige, dichte, zum Thcil mit Steinen eingefaßte Erdmasse, kurz eine Art abgestutzter Pyramiden, vor. Die Palläsie waren zwar zierlicher und größer, aber leicht gebaut. Schon diese Gebäude beweisen das Daseyn der nöthigen Handwerker in Stein, Eisen und Holz, so wie verschiedener 22H bencr Künstler, unter welche auch Mahlcr und Goldarbcitcr gehörten. Jene waren besonders geschickt, Gemählde aus bunten Federn zusammenzusetzen; ihren Bildern fehlte aber eben so sehr richtige Zeichnung, als richtige Darstellung. Der Ackerbau wurde nur sehr unvollkommen getrieben. Wissenschaftliche Kenntnisse darf man bey einer Nation, wie die mexicanische war, nicht erwarten; doch hatte sie eine Art ägyptischer Bilderschrift. Das Jahr war in ig Mona- the, jeden zu 20 Tagen, abgecheckt. Ausser diesen gab es, wie bey den neuem Franzosen, noch 5 Erganzungstage. Die mcpica- nischc Religion war ein ordentliches System von Göttern, Priestern, Tempeln, Festen und Opfern. Der Hauptcharaktcr dieser Religion war Furcht und Schrecken. Die Götter wurden durch abscheuliche und fürchterliche Bilder vorgestellt. Die Tempel waren mit Bildern von Schlangen, Ticgern, und andern schrecklichen Thiercn, geziert. Durch Fasten , Büßungen und Castcyungen versöhnte man den Zorn der Götter. Diesen brachte man auch Menschenopfer, besonders von Gefangnen. Gailetti Weltg. ?r ?h. P Die Die Einwohner thcilten sich in verschiedene Stände ab. E6 gab Freye und Leibeigene von mehrcrn Classen. Das Reich war Unter drcnßig Fürsten gctheilt, deren jeder über etwa zooo Edcllenke von niedrigem Range, und 100000 andre Personen, zu gebicrhcn hatte. Die mächtigsten unter ihnen waren die von Tezeuco und Tacuba. Sie mußten, als Vasallen, dem Kayser von Mexico Tribut lentrichten. Dieser hatte einen glänzenden Hofstaat. Die Regierungs- verwaltnng und Gcrecytigkeitspflege war ganz ordentlich eingerichtet. Die mexicanische Police») verdiente Achtung. Sie sorgte für Wasserleitungen, für die Reinigung der Gassen, und für die Erleuchtung derselben durch unterhaltenes Feuer. Die nächtliche Sicherheit wurde durch Schaarwachtcr erhalten. Die Abgaben der Untcrthaucn bestanden in lauter Naturalien. DaS große Reich von Mexico, das von einem kriegerischen und unerschrockenen Volke bewohnt wurde, gehorchte bamahls den, uneingeschränkten mrd mächtige» Monarchen Montezuma, der, stolz und gcwalt- thälig 227 thätig, von seinen Untcrthancn geschätzt, von seinen Feinden gefürchtet, wegen der Ankunft der Spanier doch Verlegenheit und Bestürzung fühlte. Ferdinand Cortez, der die Eroberung seines Reichs unternahm, stammte (geb. 1485) aus einer edlen, aber nicht reichen Familie in Estrcmadura, ab. Ansehnlich gebaut, einnehmend, im Waffen- spiel sehr geübt, äusserst abgehärtet, thätig, aber mit Ruhe und Gleichmuts», und ganz im Besitze der Gabe, sich Vertrauen zu erwerben, war er schon des Velasquez Gefährde auf seinem Zuge nach Euba gewesen. Der auf seine höhcrn Talente eifersüchtige Velasquez rüstete ihn zur Ausführung seines Planes, Mexico zu erobern, ziemlich armselig aus. Er gab ihm (1519) nicht mehr als 11 Schisse, unter welchen das größte 100 Tonnen trug. Die ganze Besatzung derselben bestand aus 617 Mann, unter welchen nur 500 eigentliche Soldaten waren. Unter diesen waren nur iz mit Muskete», Z2 mit Armbrüsten, und die übrigen blas mit Schwcrdtern und Spießen, bewaffnet. Bey der ganzen kleinen Armee waren nicht mehr als 16 Pferde, i-s leichte Feldstücke, P 2 und 228 und 4 Falconette. Auf ihren Fahnen erschien ein großes Kreutz. Montezuma schickte den anziehenden Spaniern einige Gesandten entgegen. Diesen flößte Cortez, durch die Evolutionen seiner Truppen, besonders aber durch das auf einen Wald gerichtete Kanoucnfcuer, dessen fürchterliche Wirkung einige zu Boden stürzte, andre in die Flucht trieb, die größte Ehrfurcht ein. Montezuma suchte die furchtbaren Feinde durch kostbare Geschenke zu gewinnen. Aeusserst seine baumwollne Zeuge , Federn - Geinahlde von Thicrcn und Baumen, 2 große, kreisförmige Platten, die eine von Gold die Sonne, und die andere von Silber den Mond vorstellend, von welchen die lehtre allein 25000 Spccicstha- ler wog, waren nebst Arm - und Halsbändern, imglcichen Ringen, und verschiedenen mit Perlen, Edelsteinen und Goldkörnern angefüllten Kästchen, die kostbaren Geschenke, durch die Montezuma seinen Zweck zu erreichen suchte. Cortez, dem auf der einen Seite die Macht des Montezuma, und auf der andern die 22) die Parthcy des Velasquez, Besorgnisse er? regte, benahm sich mit vieler Klugheit und Ucbcrlegung. Er bildete aus seiner Mann? schast einen kleinen Staat, eine Colonie, deren Sitz er Villa ricea de la vera Cruz (die reiche Stadt des echten Krcutzes) nennte. Hierauf legte er seine Bcfehlshabcrstclle nie? der, um sich, von den Mitgliedern seines kleinen Staates, zum Obcrrichtcr und Feld? Herrn erwählen zu lassen. Nun behauptete er sein Ansehn gegen die Anhänger des Ve? lasqucz mit so vielem Nachdruck, daß selbst eine Verschwörung derselben ihm keinen Scha? den that. Um seinen Leuten alle Hoffnung zur Rückkehr zu benehmen, ehe sie die Er? oberung von Mexico vollendet haben würden, vernichtet er, so wie ehedem Alexander der Große, seine Flotte. Die Schiffe (sagte er) waren ihnen unbrauchbar, und die Matro? sen könnten nützlicher als Kriegslcute ge? braucht werden. Man zog hierauf die Schis? fe ans Land, zerhieb ihre Segel und ihr Tauwerk, und trat nun (l6. Aug.) den Zug wirklich an. Die Mannschaft, die Cortez mitnahm, bestand aus 500 Mann, die 15 Pferde und 6 Feldstücke mit sich führten. Die 2Z0 Die übrigen, meistens alte und schwächliche Soldaten, blieben zn Villa ricca. Der Zug gicng von Zcinpoella aus, dessen Cazikc sich schon mit Corte; verbunden hatte. Daher schlössen sich auch 400 ansehnliche Krieger desselben an die Spanier an, und 200 trugen ihr Gcpäcke. Auf dem Wege nach Mexico stieß dein Corte; ;»erst der Staat von Tlascala auf, dessen muthige, Frcichcit liebende, den Feldbau, aber doch noch mehr die Jagd treibende, und in ;icmlich großen Städten lebende Einwohner, gegen die Mexikaner eine unversöhnliche Feindschaft fühlten. Dennoch schlugen sie dem Corte; den Durchzug ab. Er wurde auch gleich von ihnen angegriffen; es wurden 2 von seinen Pferden gctödct. Aber die Pfeile der Tlascalancr waren nicht stark genug, die mit Baumwolle gefütterten Wämser der Spanier ;u durchdringen; in drcy Gefechten wurde nicht ein einziger von ihnen getödtec; die Tlascalancr, die ihre Tobten zu begraben wünschten, zerstreuten sich auch zn sehr, um von ihrer Ucberlcgenheit Vortheil ziehen zu können. Sie schickten den Spanicris 2Zl Spaniern Lebensmittel, um für sich und ihre Götter keine abgezehrten Schlachtopfer zu bekommen. Bald hielten sie aber die Spanier für höhere Wesen, für Kinder der Sonne (des Orients). Sie machten mit denselben Friede, und erklärten sich für Vasallen des Königes von Spanien. Die abgematteten, häufig verwundeten, und Mangel leidenden Spanier freuten sich, aus ihrer bedrängten Lage so glücklich herauszukommen. Noch mehr freute sich Csrtcz, als 6czoc> Tlascalancr sich an sein Heer anschlössen. Er rückte hierauf nach der Stadt Cholula, die ihm Montezu- ma zum Aufenthalte angewiesen hatte, nm ihn desto sicherer überfallen zu können; aber Cvrtcz wurde gewarnt, und nun ließ er viele Einwohner erschlagen und die Stadt verwüsten. Cortcz näherte sich nun der Stadt Mexiko , die, zwischen angebauten, fruchtbaren Feldern liegend, auf der Insel eines dem Meere ähnlichen und von großen Städten umringten Landsccs, mit ihren Tempeln und Thürmcn, bezaubernd ins Auge fiel. Verschiedene dem Moutczuma unterworfene Ca- zikcn ziken Kathen den Cortcz um ihren Schutz. Um so eher mußte sich Montczuma entschlieft scn, dem Cortcz entgegen zu gehen. Er erschien, von einem prachtvollen Zuge begleitet, auf einer mit Gold und Kunden Federn geschmückten Sänfte, von 4 Günstlingen getragen, während daß ein künstlich gearbeiteter Thronhimmel sich über seinem Kopfe emporhob. Montczuma zeigte in seinem Benehmen viele Würde. Cortcz bcmühete sich dagegen, ihm Furcht einzuflößen. Er pflanzte sein Geschütz vor den Eingang des zu Mexico ihm angewiesenen Palastes, und stellte überall Wachen aus. Die Spanier hatten aber zum Mißtrauen gegen die Mexikaner gegründete Ursachen. Sie erfuhren, daß einer von den Feldherren des Montezuma den Caziken, welche die Spanier zu Villa ricca angegriffen, und die Stadt zerstört hatten, bchülflich gewesen war. Cortcz wagte es hierauf, den Montezuma in der Mitte seiner Residenzstadt in Verhaßt zu nehmen. Ex brauchte hierzu nicht mehr als 5 Sfficicre , und eben so viel auscrwähltc Soldaten; dreyßig andre befan- 2ZZ befanden sich in kleine Haufen verthcilt in der Nähe. In allen vom Palaste bis zum Quartiere der Spanier führenden Gassen gicngcn Patrouillen auf und ab. Die übrige Mannschaft stand unter dem Gewehre. Unter solchen Maßregeln der Vorsicht wnrde Montczuma, als ein Gefangner, in das spanische Quartier gebracht, wo er allerley Dcmüthigungen erfuhr. Er sah seinen General und andre Officicrc, auf einem Haufen von Waffen aus seinem Zenghausc, verbrennen. Es wurden ihm Fesseln angelegt, jedoch bald wieder abgenommen, weil er sich nicht länger weigerte, sich für einen Vasallen des Königes von Spanien zu erklären. Zur Aufmunterung seiner Leute theilte jetzt Cortez unter dieselben eine Summe von einer Million Thaler aus, die er durch Geschenke gesammelt hatte. Auf solche Aufmunterungen machten die Kricgslcute des Cortez um so mehr Anspruch > je mehr ihre Treue und ihr Much ihm jetzt so höchst wichtig war. Während daß (1520) die Plane der Mexicancr, die Spanier zu vertilgen, den Cortez schon in eine gefährliche Lage brach- SZ4 brachten, rückte ein andrer spanischer Abcn- thcuercr, Narwacz, mit 800 Mann Fuß- volk, 84 Reitern und 12 Kanonen, mit welchen ihn Velasquez ausgerüstet hatte, von Euba hcrbey, um dem Corte; die Qberbe- fehlshabcrstelle zu eutrcisseu. Der entschlossene Corte; gieng ihm mit der Halste seiner Mannschaft, die mit ausserordentlich langen und starken Spießen bewaffnet war, entgegen, und griff ihn, in einem nächtlichen Ucbcrfalle, so glücklich an, daß er ihn gefangen bekam. Dessen Soldaten, die er schon vorher zu gewinnen gesucht hatte, schlössen sich nun um so leichter an ihn an. Indessen hatten die Mexikaner, durch den ungestümen Neligionseifer der Spanier, die tausend derselben bcy einem Religions- fcste niederhieben, bewogen, die Waffen ergriffen, und die Spanier in ihrem Quartiere eingeschlossen. Sie wiederholten ihren Sturm mit der hartnäckigsten Uncrschrocken- heit; ja sie hielten sich, um die Batterien zu ersteigen s sogar an den Mündungen der Kanonen fest. Corte; griff sie mehrmahls vergeblich an, weil sie immer durch frische Haufen zz; Haufen von Kriegern verstärkt wurden, weil ihre Priester ihnen Much einflößten. Es wurden sehr viele von ihnen getödtet; aber ungleich beträchtlicher war verhältnismäßig der Verlust der Spanier, die 12 Tode, und auf 60 Verwundete zählten. Der gefangne Montezuma mußte endlich auf den Wall treten, um feine Untcrthanen zum Abzüge zu bereden. Sein Anblick rührte sie aber nur kurze Feit; ihre Wuth über die Spanier war vielmehr fo groß, daß sie ihren Regenten durch Steinwürfe tüdtcten. Guatimozin, des Montezuma Nachfolger, ein sehr kriegerischer Prinz, war fest enschlossen, das spanische Zoch abzuschütteln. Die Mexikaner verrammelten die Straßen, und rissen die Damme nieder. Eortez mußte sich nun zum Abzüge entschließen. Dieser erfolgte um Mitternacht über einen von bewaffneten Fahrzeugen der Mexikaner eingeschlossenen Damm. Die Spanier geriethcn in das lebhafteste Gedränge. Glücklicherweise vergaßen es die Mexikaner, das Ends des Dammes zu besetzen; auch hielten sie sich bey der Todtenfcycr einiger Kinder des Monte- 2Z6 Montezuma zu lange auf. Dennoch mußte sich Cortez mit ioc> Mann . durchschlagen; dennoch verlohr er 5 bis 600 Spanier, und 2000 Tlascalaner; dennoch büßte er sein ganzes Geschütz, alle seine Munition, seine meisten Pferde und Schatze, ein. Viele von seinen Soldaten waren auch so sehr mit Goldsiangcn beschwert, daß sie weder fech- ten, noch fliehen konnten. Ein großes Heer der Mexicancr rückte dem Cortez nach. Cortez entschied die Schlacht an der Spitze seiner wenigen Neitcrcp. Er eroberte die mexikanische Hauptfahnc. Die Mexikaner flohen nun auf allen Seiten. Die Mannschaft des Siegers wurde jetzt durch r8c> Mann, und 20 Pferde, verstärkt, die für den Narvaez bestimmt waren. Cortez, der nun wieder 550 Mann, 40 Reiter und 9 Kanonen bcysammcn hatte, unternahm (1521) die Belagerung von Mexico. Wahrend der Belagerung erhielt sein kleines Heer noch durch 200 Mann, 80 Pferde, 2 schwere Kanonen, und mancherlei) Kriegs- bcdürfnissc, die aus Espagnola kamen, einen ansehnlichen Zuwachs. Mexico wurde von dem 2Z7 dem Guatimozin mit bewundernswürdiger Tapferkeit vertheidigt; die Spanier drangen endlich aber dennoch ein. Guatimozin verließ die Trümmern seiner Residenzstadt, um den Krieg gegen die Spanier ausser derselben fortzusetzen. Er hatte das Unglück, daß der Kahn, auf dem er fuhr, den Spaniern in die Hände fiel. Diese waren grausam genug, ihn auf glühende Kohlen zu legen, um den Ort seiner Schatze zu erpressen. Sein Günstling, den eben dieses schreckliche Schicksal traf, brach in laute Klagen aus. „Und liege ich denn etwa auf Rosen?" sagte Guatimozin, der ihn zur Sündhaftigkeit aufmuntern wollte. — Die Eroberung von Mexico erfolgte (1521 am izten Aug.) nachdem die Stadt fast elf Wochen lang belagert worden war. Die Beute, die man sammelte, war unbeträchtlich; aber wie vieles mochte in die Tasche des einzelnen Kriegers geflossen, wie vieles mochte schon vorher wcggcschaft worden seyn? Das ganze Reich unterwarf sich nun den Spaniern, welche die Bewohner desselben thcils durch das Schwerdt, theils durch die Arbeit, aufrieben. Cortez, 2Z8 Cortez, der sich um die spanische Monarchie das große Verdienst erworben hatte, das mexicanische Reich ihrer Herrschaft zu unterwerfen, wurde von dem Minister Fonseca für einen ungehorsamen, aufrührerischen Un- terthancn erklärt, und Christoph de Tapia erhielt die Vollmacht, ihm die Stelle eines Oberbefehlshabers abzunehmen. Cortez wußte sich jedoch nicht nur durch List zu behaupten, sondern er war auch so glücklich, daß ihn der spanische Hof zum Qberfelbherrn und Statthalter von Neuspanien, ernennte. Die von den Spaniern grausam behandelten Mcxicancr empörten sich aber, und Cortez verlohr das Vertrauen so sehr, daß er (1528) den Entschluß faßte, mit vielen Schätzen nach Spanien zurückzukehren. Hier verminderte man seine Gewalt, indem man die Negierung von Merico der Audienz von Neuspanien übertrug. Spaterhin (1530) bekam cS seinen besonder» Vicekömg. Der über diese Veränderungen mißvergnügte Cortez suchte sich durch neue Entdeckungen zu zerstreuen. Er fand (1536) die Halbinsel Califoruien. Um für seine Unternehmung mehr Unterstützung zu erhalten, gieng er wieder nach Spanien. Man 2Z9 Man empfieng ihn aber mit einem an Stolz granzcndcn Kallsinn. Dieß war der Dank, den Corcez für seine großen Verdienste ein, erntete! (st. 1547). Wahrend der Zeit, daß Cortez das mepi, canische Reich eroberte, fuhr der Portugiese Ferdinand Magclhacns, um die südliche Spitze von Amerika herum, nach Asien. Er hatte in Ostindien verschiedene Jahre unter Albu» querque gedient, aber keine Belohnung bekom? men. Darüber mißvergnügt, verließ er sein Vaterland, und gieng nach Spanien. Er legte dem dasigen Hofe den Plan vor, wie man, aus der Westseite von Amerika, nach Asien kommen könnte. Man genehmigte sei, ucn Plan, und Magclhacns scegelte (1519 am 10. Aug.) mit 5 Schiffen, auf welchen sich 2Z4 Mann befanden, von Sevilla nach der neuen Welt ab ^). Es begleiteten ihn einige der geschicktesten spanischen und portu, gicsi- *) Die Meerenge, die i>vn den 11000 Jungfrauen ihren Nahmen erhielt, lernte er schon aus einer von dem Nürnberger Martin Behau» gezeichneten Charte kennen. 240 gicsischen Seefahrer. Auf der Ofcküste von Amerika verweilte sich Magelhaens so lange, daß er erst nach fünf Monathcn (1520 an, i2ten Jan.) am Platastron, anlangte. Zu St. Julian, unter dem Achten Grad südlicher Breite, brachte er einen schlimmen Winter zu; auch hatte er mit einer Empörung seiner Leute zu kämpfen. Endlich kam er (1521 am 2iten Oct.), durch die Meerenge seines Nahmens, in das zwischen Amerika und Asien befindliche große Weltmeer, das, von dem letztern Erdtheile aus, die Südsec gel nennt wird. Er fuhr jetzt 16 Wochen immer nordwestlich ohne Land zu entdecken. Seine Mannschaft wurde durch Wassermangel und Scharbock gepeinigt; aber das Wetter blieb immer heiter, und der Wind immer günstig. Daher gab Magelhaens diesem Weltmeere den Nahmen des stillen Oceans, den es, so wenig, als andre Meere, vorzugsweise verdient. Endlich fand er die Ladroncn und Philippinen. Auf einer der letzten,, Matan, wurde er (1521 an, 26. April) von den Ein? gcbohrnen erschlagen. Seine Officiere kamen nun bis nach Vorneo, und bis zu den Molmke!,; zum großen Erstaunen der Portugiesen. 241 sc», die von dieser Seite her keine Spanier erwarteten. Eins von diesen Schiffen, die Victoria, kehrte , um Afrika herum (1522 am 7. Sept.) nach Spanien zurück. Dicß war die erste Wcltumschiffnng. Wegen der Molucken wollte sich Spanien mit Portugal in keinen Streit einlassen; es trat ihm daher dieselben für z50000 Duralen ab. Dagegen breitete es seine Macht auf dem festen Lande in Amerika immer weiter aus. Es eroberte das große Reich Peru. Dieses Reich, der größte Staat in Süds amerika, dehnte sich, von Norden gegen Süden, über zoo deutsche Meilen aus. In diesem Gebiethe lebten lange Zeit kleine, eins zelne Stämme, ohne alle Lnltur. Endlich (nach iiQo) erschienen an den Ufern der See Titicaca ein Mann und eine Frau von mas jestatischer Gestalr, anständig gekleidet. Sie gaben sich für Kinder, für Abgesandte der Sonne aus, die Menschen dieser Gegend zu unterrichten, und zu bilden. Manco Capac und Mama Ocollo, so hießen diese Leute, versammelten viele von den Wilden der ums liegenden Gegend in der Stadt Cnzco, die Ealitttj Wells. ?r Th. ^ sie 242 sie auf der Nordseite des Titicaca-See anlegten. Sie unlerrichteten sie im Feldbau, im Spinnen und Weben; sie gaben ihnen Gesetze und Policcp. Dieß war der Ursprung des Reiches der Jnca's. Die Familie derselben, die sich mit keiner andern vermischen durste, wurde göttlich verehrt. Vis zur Zeit der Spanier zahlte man 12 Jnca's, die zusammen 400 Jahre regiert hatten. Der da- mahlige Monarch, Huäna Capac, hatte mit der Tochter des letzten Königes von Quito, das er erobert hatte, den Atahualpa, seinen Nachfolger in Quito, gezeugt. Die übrigen Lander bekam Huascar, sein ältester Sohn von einer peruanischen Gemahlin. Die Peruaner zeigten in manchem Betrachte schon eine gewisse Art von Ausbildung. Die Pracht und Größe ihrer Tempel bezeugen noch jetzt die Trümmern derselben. Ihre Mauren waren jedoch nur niedrig, weil sie die Steine nicht in die Höhe zu bringen wußten. Sie waren, ohne Kitt und Mörtel, so gut verbunden, daß man kaum die Fugen sah. Fenster kamen weder bei) den Tempeln, noch bey andern Gebäuden, vor. Die Wohnhäuser 24Z Häuser waren viereckig, nicht höher als 8 Schuh, und von Lcimcubacksteincn gemauert. Von einem Orte zum andern führten schöne, 15 Fuß breite, leicht gebaute Landstraßen. In gewissen Entfernungen kamen Vorratshäuser. Die Brücken der Peruaner hatten ihre ganz eigene Einrichtung. Lange Taue, oder Seile von Weiden, die von einem Ufer zum andern gicngcn, waren durch kleinere Seile und Stricke zusammengeflochten, und mit Baumästcn und Erde bedeckt. Beile und andre Werkzeuge waren von Feuersteinen oder gehärtetem Kupfer verfertigt. Die peruanischen Damen besahen sich in Spiegeln von harten, sehr gut polirtcn Steinen. Die Stelle des Pfluges vertrat eine aus hartem Holze verfertigte Hacke. Von wissenschaftlicher Cultur waren die Peruaner weit entfernt. Sic hatten nicht einmahl eine eigentliche Schrift, denn ihre Quipo's, die aus Knoten von bunten Schnüren bestanden, dienten eigentlich zum Rechnen. Ihre Religion hatte einen sanften Charakter. Der vornehmste Gegenstand ihrer Verehrung war die Sonne; ausser ihr wurden Mond und Sterne angcbcthet. Die Opfer bestanden aus dem Q. 2 Fleische 244 Fleische von Thieren, und aus Früchten. So milde, wie die Religion, war auch die Regierung der Peruaner. Die uneingeschränkten Znca's bestraften indessen alle Verbrechen mit dem Tode. Ungleichheit der Stände fand auch unter den Peruanern statt, und diese theiltcn sich in Freye und Leibeigne ab. Die vornehmsten hießen Kinder der Sonne. In diesem Zustande befand sich das peruanische Reich, als es von den Spaniern erobert wurde. Seit den Zeiten des Balbao hatte sich mancher unternehmende Kopf mit den Planen bcschasstigt, zu den Ncichthümcrn der Südseclandcr zu gelangen. Aber die Ausführung dieser Plane war immer gescheitert. Endlich vereinigten sich drey Manner von Kenntnissen und Entschlossenheit, Pizarro, Almagro und Luque, die Entdeckung der Südsce - Küste zu vollenden. Francesco Pizarro, der unehliche Sohn eines Edelmannes, verlauschte die unedle Beschafftigung seiner Iünglingsjahre mit dem Soldatenstande, und diente erst in Italien, und hernach in Amerika. An jede Mühseligkeit gewöhnt 246 zur Mathäuebay an der Küste vvn Quito. Hierauf wurde er, ungünstiger Nachrichten wegen, vom Stadthaltcr von Panama wieder zurückgerufen. Er beschloß aber dennoch, seine Unternehmungen fortzusetzen. Von seinen alten Kriegern blieben ihm nicht mehr als drey- zehn treu; endlich langte von Panama ein Schiff mit Verstärkung an. Pizarro fand nun die Küste von Peru; er fand ein wohlangebautcs, gut bevölkertes Land; er fand Gold und Silber in Menge, sowohl an den Menschen als in den Tempeln. Der Statthalter von Panama hielt seine Macht für zu-gering, um ein so großes Reich anzugreifen. Pizarro gicng hierauf selbst nach Spanien, und er brachte es dahin, daß ihn der Hof (1528) zum unabhängigen Oberbefehlshaber ernennte. Der neue General hatte aber große Mühe, Leute zu bekommen. Die ganze Mannschaft, die er (1529) auf seinen drei) kleinen Schissen mitnahm, bestand aus 180 Soldaten, unter welchen z6 Reiter waren. In iz Tagen kam er von Panama nach Peru. Anfangs drückte ihn Mangel an Lebensmitteln, weil die schüchternen Ein- woh 247 wohner sich entfernt hatten. Viele von seinen Leuten wurden krank. Endlich erreichte er die reiche Provinz Coague; auch erhielt er eine Verstärkung von 60 Mann. Als Pizarro (15Z2) in das Reich Peru einrückte, hatte er 62 Reiter und 102 Fußsoldaten, unter welchen drcy mit Musketen, und 20 mit Armbrüsten, versehen waren. Seine Artillerie bestand aus zwei) Feldstücken. Athahualpa gicng ihm mit einem prächtigen Gefolge entgegen. Vinzenz Valverda, der Fcldcaplan der Spanier, stellte demselben, ein Crucisir in der einen, und ein Gcbcth- buch in der andern Hand, in einer langen Rede, die Lehre von der Schöpfung, von dem Süudcnfalle Adams, von der Menschwerdung, von dem Leiden und der Auferstehung Christi, von der Ernennung des heiligen Petrus zum Statthalter Gottes auf der Erde u. s. w. vor; er berichtete ihm, daß der Pabst Alexander die neue Welt dem Könige von Casiilicn geschenkt habe, und er folgerte daraus dessen Verpflichtung, dem spanischen Monarchen sich zu unterwerfen. Des Valverda Vortrag, der schlecht verdolmetscht wurde. 248 wurde, kam dem Athahualpa zum Thcil unbegreiflich vor. Er setzte demselben ganz bescheiden einige vernünftige Gründe entgegen; unter andern fragte er ihn: woher er dieß alles wisse? Nalverda halt hierauf dem Jnca die Bibel vor. Da diese nicht redet, so wirft sie der Jnca im Unwillen auf die Erde. „Rache" ruft hierauf Valverda aus, „Rache, meine Brüder! stoßt die Hunde nieder, welche die Religion des Kreutzcs verschmähen!" Plötzlich erfolgte ein wülhcnder Angriff der in Schlachtordnung aufgestellten Spanier, die unter dem Schalle der Kriegs- musik, und unter dem Kanonen- und Mus- ketcndonncr, die Peruaner niedermetzelten. Diese ergriffen erschrocken die Flucht. Pi- zarro selbst drängte sich, von seinen Vertrauten begleitet, bis zum Throne des Athahualpa, riß ihn von demselben herunter, und schleppte ihn, als einen Gefangnen, mit fort. Die Spanier ermordeten auch viele von den Fliehenden. Auf 4000 Peruaner büßten ihr Leben ein. Von den Spaniern wurde nicht ein einziger Mann gctödtct oder verwundet. Nur Pizarro selbst empfieng im Gedränge seiner eignen Krieger eine leichte Wunde, 249 Wunde. Der Gefangne Jnca mußte, um seine Frcyhcit zu erhalten, ein ziemlich großes Zimmer mit goldncn Gefäßen so weit anfüllen, als des Pizarro Hände reichten. Alles goldne Gcrathe aus den Tempeln, und aus den Palasten der Incas, wurde nun zusammen geschleppt, und, bis auf einige sehr künstlich gearbeitete Stücke, die man für den spanischen Monarchen bestimmte, in den Schmelzticgcl gebracht. Den fünften Theil der ganzen Masse sprach man dem Staate zu; 100000 Pesos, oder Spccissthaler, bestimmte man für die mit dem Almagro an- gekommnen Soldaten; das übrige, welches sich noch auf 1528,500 PesoS belicf, blieb dem Pizarro und seinen Gefährten, unter welche es mit gottcsdienstlichen Fcycrlichkei- tcn verlheilt wurde. Dieses ungeheuren Lösegeldes ungeachtet, erwartete der Jnca seine Loslassung vergeblich; es wurde ihm vielmehr der Proceß gemacht, und das Leben genommen. Athahnalpa hatte mit seinen Bruder Hucj- car Krieg geführt. Die Nation der Peruaner theilte sich daher in zwey Partheyen. Um so lcich- 2Z2 leichter wurde dem Pizarro die Eroberung des ganzen Reiches. Die Mannschaft, mit welcher er die Hauptstadt Cuzco einnahm, bestand aus nicht mehr, als 500 Köpfen. Er fand hier noch mehr Schatze, al^ ihm Atha- hualpa überliefert hatte. Pizarros Bruder, Ferdinand, der mit einem Theile derselben nach Spanien gieng, erregte durch das viele Gold und Silber, das er mitbrachte, ein lebhaftes Erstaunen. Almagro, des Pizarro Gchülfe, eroberte hierauf (15Z5) auch Chili. Mit 570 Mann zog er über rauhe und unwirthbare Gebirge, wo Hunger und Kälte viele von seinen Leuten tödtete. Die Einwohner erholten sich von dem lebhaften Schrecken, den ihnen die Rciterey und die Fcuergcwchre der Spanier eingeflößt hatten, bald so gut, daß sie denselben einen tapfern Widerstand leisten konnten; die Spanier wurden ihnen endlich aber doch zu mächtig. Den Almagro rief indessen eine Empörung der Peruaner aus Chili zurück. Die Eifersucht veranlaßt? zwischen ihm und dem Pizarro einen Krieg, der sich (15Z8) mit des Almagro Gcfangcnnehmung und Hinrichtung 25! richtung endigte. Dessen Parthey wählte jedoch den Sohn desselben zu ihrem Ober- Haupte, und Pizarro hatte (1541) endlich das Schicksal, der Macht dieser Parthcy zu unterliegen. .Der junge Almagro wurde aber wieder von dem Statthalter Vacarde Castro, den der Hof nach Peru schickte, unterdrückt. Das Land bekam (154z) seinen eignen Unterkönig, zu dessen Wohnsitz die Stadt Lima bestimmt wurde. Es dauerte aber noch immer eine Parthey von Mißvergnügten fort, die den Gonzalo, einen jüngcrn Bruder des Pi- zarro, zu ihrem Oberhaupte hatte. Von diesem wurde (1544) der Unterkönig, Antonio de Mcndoza, geschlagen. Mcndoza kömmt ums Leben, und nun (1545) erscheint der Geistliche, Pedro de la Casca, als Präsident der Negierung zu Peru. Endlich trist (1548) den Gonzalo auch das Schicksal, gefangen und hingerichtet zu werden. So wurde die Ruhe und der Wohlstand der spanischen Niederlassungen in Amerika, durch die Herrschsucht und den Eigennutz ihren eignen Oberbefehlshaber, gestört! Die Entdeckung von Amerika hatte, sowohl für diesen Erdtheil, als für Europa, die 2)2, die wichtigsten Folgen. Den Europäern floß aus seinen Bergwerken eine ungeheure Menge von Gold und Silber zu. Die Gruben von Mexico, von Peru, von Chili, von Brost« licn, zeigten sich, besonders in den ersten Zeiten, äusserst ergiebig. Die Bergwerke von Potost, die (1545) ein Amerikaner, der einem Llama nachkletterte, entdeckte, lieferten seit 1492 jährlich etwa für 24 Millionen Thalcr, und man berechnet alles das, was sie seit zoo Iahren eingetragen haben, zu 12000 Millionen Thaler. Andre nehmen aber für alle Gold- und Silberschätze, die, seit zoo Jahren, aus dem spanischen Amerika nach Europa geflossen sind, nur 7500 Millionen an Gold, und 4500 an Silber, an. Dieser so ausserordentlich vermehrte Neich- thum an edlen Metallen hat für die Europaer die nsthwcndige Folge hervorgebracht, daß die Preise der Dinge vcrhaltuißmaßig gestiegen sind. Europa ist also dadurch im Ganzen genommen zu keiner größern Glückseligkeit gelangt. Europa hat aber durch die Entdecklmg von Amerika manches neue Product, welches dem Z dem Gaume seiner Bewohner schmeichelt, oder die Gesundheit derselben erholten und starken hilft, kennen lernen. Ohne Amerika würden wir die für den Geschmack so angenehme und für den Magen so wohlthätige Chocolade, zu deren vornehmsten Bestand- thcilcn Cacav und Vanille gehören, entbehren müssen; ohne Amerika könnten unsere Aerzre keine Jpccacuanha, keine Quassia, keine Fie- berrindc verschreiben; ohne Amerika fehlten unfern Färbern Indigo und Cochenille, zwcn ihrer schönsten Farben; ohne Amerika hätten wir keine Kartoffeln, die schon mancher Hungcrsnoth vorgebeugt haben. Aus Amerika stammt aber vielleicht auch die fürchterliche Krankheit her, welche die Ausschweifungen der sinnlichen Wollust so schrecklich züchtigt. Das Glück der Amerikaner ist aber durch die Bekanntschaft mit den Europäern nicht er- *) Auch China- oder vielmehr Cinchvna- Rindc, von der Gräfin Cinchvn, der Gemahlin eines Mcckönigcs von Peru, die sich mit derselben (lözn) das Fieber vertrieb. 2)4 erhöhet, sondern vielmehr zerstört worden. Die habsüchtigen und unbarmherzigen Euro? päer haben, zur allmähligcn Ausrottung der unschuldigen Amerikaner, auf mancherlei) Art beigetragen. Selbst nachdem die Eroberungs? kriege aufgehört hatten, wurden die unter? jvchten Einwohner durch abscheuliche Vekeh? rungsmittel, durch ungewohnte schwere Ar? beitcn in den Plantagen und Bergwerken, durch unvorsichtige Versetzung von milden Ebenen auf rauhe Gebirge, durch schrecklichen Mangel an Lebensmitteln, auf die auffal? lcndste Weise vermindert. Mancher Ameri? kaner gerielh über das Elend, das er aus? stehen mußte, in eine solche Verzweiflung, daß er M) selbst das Leben nahm. Hierzu gesellten sich nun noch die Kindcrblattcrn, welche ein Negersklave des Navaez (1520) nach Neuspanicn brachte, und die gleich die ganze Halste der Bewohner dieses Landes ius Grab stürzten. Diese wurden noch durch zwey andre ansteckende Krankheiten, die in den Jahren 1545 und 1576 wüthetcn, ausser? ordentlich vermindert, indem das crstemahl 800000, und das zweytcmahl gar 2 Millio? nen Menschen, ums Leben kamen. Die große Hun? 255 Hungcrsnoth, die, nach der Eroberung von Mexico, durch den vernachlässigten Feldbau verursacht wurde, hatte auch schon viele Me- xicaner weggerafft. Nun lernten die Amerikaner durch die Europäer auch den Brannte- wein, den Arak, den Rum und andere hitzige Getränke, die ihre Gesundheit zerstören, kennen und leidenschaftlich lieben. Der Zucker und Kaffee, den die Europäer nach Wcstin- dien verpflanzten, half, indem er den Ncich- thum derselben vergrößerte, die schweren Arbeiten der Amerikaner vermehren. Die großen Lücken in der Bevölkerung von Amerika wurden durch die Europäer, die man in die neue Welt versetzte, sehr langsam wieder angefüllt. Die vielen Beschwerlichkeiten, welche die Urbarmachung des Landes den neuen Colonistcn zuzog, unterdrückte die Sehnsucht nach dem neuen Erdthcile so mächtig, daß sie die glänzenden Aussichten auf große Neichthümsr kaum noch aufrecht erhalten konnte. Daher zählte man auch, Fcz Jahre nach des Columbus erster Reise, noch nicht viel über 15000 Spanier in Amerika. Desto größer war aber schon die Zahl der Neger, die man aus Afrika herbcygeschleppt hatte. Die 2)6 Die Spanier wählten sich amerikanische Madchen zu Weibern oder Maitrefien. Manch- mal gefiel ihnen auch woht eine Negerin. Durch diese Vermischung entstanden Menschen von allerlei) Farben, sogenannte farbige Leute. Ercolcn, oder Weiße und Blanke, hießen die Nachkommen europäischer Eltern. Europäer und Negern zeugen Mulatten, Europaer und Amerikaner Mestizen. Von einem Weißen und Mulatten stammt der Terccron, von einem Weißen und einem Terccron der Quartcron, von einem Weißen und einem Quarteron der Quinteron, ab. Die Kinder der Weißen und der Quintcrons werden wieder zu den Weißen gerechnet. Zu der fünften Generation bleicht sich also die Ncgcr- sarbe ganz aus; die amerikanische verschwindet schon in der dritten. Die Entdeckung von Amerika hat aber au ch ans das ganze Menschengeschlecht den wichtigsten Einfluß gezeigt. Sie hat der Thatigkcit und der Betriebsamkeit der Europaer einen ganz neuen Schwung gegeben; sie hat das Menschengeschlecht in allen Erd- rheilcn in eine nähere Verbindung gebracht. Vier- Viertes Kapitel. Die Spanier eroberten das inanrischc Königreich, Eranada. Sic vertreiben die Juden und Ma- bvmedancr; auch greifen sie die Mauren in Afrika an. --Während der Zeit daß die Spanier und Portugiesen ihre Besitzungen in der neuen Welt erweiterten und befestigten; wahrend daß sie mit unbarmherziger Strenge die Bewohner des neuen Erdtheilcs zum Christen- lhume zu bringen sich bestrebten; zeigten sie sich eben so eifrig, die Nichtchristen in ihren europäischen Landern zu bekehren, oder wenigstens aus ihrem Gebicthe zu entfernen. Den größten Eifer in diesem Bestreben be- Aalletti Weltg. 9r Th. N wie- 2;8 wiesen Ferdinand und Jsabclla, die Eastilien und Aragonicn vereinigt hatten ^). Der erste Gegenstand ihres Eifers war die Eroberung des maurischen Königreichs Granada. Granada, das damahls viel besser angebaut und bevölkert als jetzt war, enthielt, ausser der großen Hauptstadt, und dem wichtigen Hafen Malaga, noch 42 andre große Städte > nebst 97 Schlössern und kleincrn Städten. Der Beherrscher desselben hatte jährlich eine Million Ducaten Einkünfte, und konnte eine Cavallerie von 70000 Mann auf- bicthen. Nach dem Besitze dieses schönen Landes waren die Könige von Castilicn schon manch- mahl lüstern gewesen. Schon manchen Versuch hatten sie gemacht, dasselbe ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Schon manchmahl hatten die Könige von Granada der Krone von Castilien Tribut entrichten müssen; aber die gänzliche Eroberung des Reiches war durch castilische Große, die sich mit den Mauren *) Neil Vlil, S. 7Z. 259 ren verbanden/ und durch die Hülfe, die ihnen die Staaten in Afrika leisteten, ver- hindert worden ^). Ferdinand und Jsabclla hatten aber dir Vernichtung der arabischen Herrschaft in Spa- nien völlig beschlossen. Ferdinand wollte seinem kriegerischen Adel eine Beschäftigung geben, und Jsabclla hatte den Krieg gegen Granada zu einer Bedingung ihrer Vermahlung gemacht. Die Gelegenheit hierzu gab die in der Rcgentenfamilie von Granada herrschende Uneinigkeit. Abul Haften, der Nachfolger Jsmacls, welcher der Gefahr, sein Königreich zu verlieren, (1464) nur noch durch einen Waffenstillstand entgangen war, glaubte, nachdem er einige Zeit lang einen thatigcn und lobcnswürdigen Regenten vorgestellt hatte, der Sinnlichkeit, so wie einer despotischen Regierung, desto ungestörter sich überlassen zu können. Er fand die Zo- raya, eine zum Islam getretene Christin, so liebenswürdig, daß er ihr zu Gefallen N 2 nicht Thcil viii, bemächtigte sich der Stadt Tanger. Der 272 Der Sohn Johanns II, dessen Tod (1495) wahrscheinlich durch Gift beschleunigt wurde, Emanuel, der unter den Königen von Por- tugal mit Recht der Große gcncnnt werden kann, schloß (1513) mit Spanien einen Vergleich, durch welchen er ihm Afrika übern ließ. Hier hatte Rimencs schon seit mehrern Jahren große Eroberungen zu machen gesucht. Nachdem die spanischen Truppen (1505) schon Marzarquivir eingenommen hatten, nahm Ximenes (1509) auf eigne Kosten, einen Fcldzng nach Afrika vor. Sein General war Peter Navarro. Rimcncs wollte aber seinen Kricgslcuten selbst Much einflößen. Er schnallte üdcr seine feyerliche Priesterkleidung einen Degen, schwang sich auf sein Pferd, und erschien von einigen Mönchen begleitet, das erzbischüfliche Kreutz vor sich her, vor der Fronte der Armee. Die muthwilligcn Soldaten lachten aber über den Priestcrhclden, und die Sfficicre gaben ihm den wshlmeynenden Rath, lieber in der Festung für sie zu bethen. Sie eroberten Oran, und im folgenden Jahre (1510) fielen 27Z fielen ihnen noch die Städte Bugie (Budscha) Algier und Tripolis in die Hände. Auch Tripolis war so sehr in Furcht gesetzt, daß es zum Tribute sich bereitwillig zeigte. EMtli Weltg. sr Thcil. S Fünft Fünftes Kapitel. Karls viii und Ludwigs xn von Frankreich unglückliche Fcldzüge in Italien. ie Aufmerksamkeit Ferdinands und des Rimcnes wurde aber von Afrika auf Italien hingezogen, wo die Franzosen weitaussehende Erobcrungsplane auszuführen suchten. Ihre Bemühungen, diese Plaue burchzusez- zcn, fangen sich von der Regierung Karls VIII, des Nachfolgers Ludwigs XI, an *). Karl hatte von seinem Vater eine schlechte Erziehung bekommen. Vom Hofe abgesondert ») Thcil VIli, S, -oz. dert, lebte er, auf dem Schlosse Ambosse blos von gemeinen Leuten umringt, und unter der Aufsicht untauglicher Lehrer. Mir einem kleinen und schwächlichen Körper, verband er eine große Einbildung von seinen vorzüglichen Eigenschaften, verband er einen lächerlichen Stolz. Bcy dem Tobe feines Vaters war er erst 14 Jahre alt; dennoch wagte er es, des Widerspruches seines Staats- rathcs ungeachtet, die Negierung zu übernehmen. Bei? seinen wenigen Kenntnissen/ und seiner geringen Erfahrung, konnte er die Hülfe andrer gar nicht entbehren. Dicß benutzte seine herrschsüchtige Schwester, die Herzogin Anna von Bourbon, sich der Regierung zu bemächtigen. Der darüber sehr mißvergnügte Oheim des jungen Königes, der Herzog von Orleans, vereinigte sich deswegen mir den Feinden Frankreichs, dem Herzog von Bretagne, und dem östreichi-" sehen Maximilian; er wurde jedoch in der Schlacht bcy St. Aubin (1488) gefangen. Der junge Karl, der. seine Schwester und die Großen regieren ließ, blieb indessen in allem unwissend, nur nicht in Heiden - und Rittcrgeschichrcn, und in Ausschweifungen. S n Jene 276 Jene mochten ihm auch wohl die Lust eingeflößt haben, einen Helden, einen Eroberer zu spielen. Seine Gemahlin, Anna von Bretagne, hatte ihm schon den Besitz eines ansehnlichen Landes verschafft *). Er wollte aber sein Reich auch in Italien vergrößern; er wollte in dieser Absicht die Ansprüche des Hauses Anjou auf bcyde Sicilien, besonders auf Neapel, geltend machen. Sein Vater und seine Vormundschaft hatte sich von der Behauptung dieser Rechte weislich zurückgehalten; der eitle Karl dachte sich aber die Eroberung Italiens so leicht und so glänzend, daß er der Neigung, sie Zu vollenden, nicht wiederstehcn konnte. Am meisten lockte ihn jedoch Ludwig, der wegen seiner braunen Gesichtsfarbe Moro (der Mohr) genennt wurde, nach Italien. Diesen Ludwig Moro, der seine Herrsch? begierde und Rachsucht durch die feinste List und Verstellung in Ausübung zu bringen suchte, regierte über das Herzogthum May? lanv, ') Thtjl Vitt, S. -45. 277 land, weil der eigentliche Herzog, fein Neffe, Johann Galeazzo, der Sohn des ermorde« tcn Galeazzo Maria ^), als ein einfältiger, fast blödsinniger Prinz, zur Verwaltung der Staatsgeschäfte gar keine Anlage hatte. An« fangs brachte es Cecco, der Vertraute der Bona, der Mutter des jungen Herzogs, da« hin, daß sich Moro entfernen mußte. Die leichtsinnige und ausschweifende Bona ließ sich aber von ihrem Liebhaber, dem schönen Tclesino, bereden, den Moro wieder zu« rückzurufen. Nun mußte erst Cecco den Tod eines Missethätcrs sterben; hernach kam die Reihe an die Bona, die Regentschaft zu verlieren. Moro stellte seitdem den Vor« mund des jungen Herzogs vor. Doch er wollte selbst Herzog scyn. Den Weg hierzu bahnte sich Moro mit einer tistigen Politik. Durch eine gute Po« lizey, durch eine unpartheyifche Gerechtig« keilspflcge, durch die Aufführung kostbarer Gebäude, durch die Hochachtung, die er ge« lehrten und verdienstvollen Männern bewies, gelang es ihm, sich das Zutrauen der May« lander -) Theil Viii, S. l-«. 278 landcr zu erwerben. Allmählig besetzte er die vornehmsten Stellen mit seinen Günstlingen. Um sein Ansehn z» befestigen, schloß er mit der Republik Venedig, der er durch seine Fricdivisvermittluug (1484) aus einem lebhaften Gedränge herausgeholfen hatte, ein Freundschaftsbündnifi. Die Stadt Genua mußte (1488) die maylandische Oberherrschaft anerkennen. Moro stellte wirklich den Herzog von Manland vor; indessen behielt er die Maske noch immer so weit vor, daß er seinen Neffen eine reihende Prinzessin hcyrathen ließ, die seine eigne Hand ausgeschlagen hatte. . Doch eben dieser junge Herzog sollte noch ein Opfer scinkr Herrschsucht werden. Moro suchte zur Beförderung dieser Absicht den neuen Kaiser Maximilian in sein Interesse zu ziehen. Er ließ 149z ihm heimlich seine Nichte Bianca Marie, eine Schwester des Johann Galeazzo antragen. Die Summe von 440000 Ducaten, die sie als Hep- rathsgut bekommen sollte, hoben die Be- denkiichkciten, die sich Maximilian, wegen der Ungleichheit des Standes (denn die Prin- zcssii» 2/9 Zessin war doch von keinem altfürstlichen Hause) machen konnte. Für loovoo Ducaten, die in der gedachten Summe begriffen waren, machte sich Maximilian verbindlich, den Moro und dessen Nachkommen mit Mayland zu belehnen, und den jungen Herzog, seinen künftigen Schwager, also unterdrücken zu helfen. Man entschuldigte dieses Verfahren durch den Grund, daß Johann Ga- lcazzo vor der Hcrzogswürdc seines Vaters gebohrcn seu- Moro begnügte sich aber nicht damit, Mayland zu beherrschen, und in -Oberitalicn den mächtigsten Fürsten vorzustellen. Er wollte auch das Schicksal des übrigen Italiens lenken. Er wollte, besonders ftwe Feinde, den König von Neapel, und den Herzog von Florenz, demüthigcn. Hier hatte (1464) der Herzog Cosinus seinen Enkel Lorenz zum Nachfolger gehabt. Der kluge Lorenz wollte den habsüchtigen Pabst Sixtus IV, der seine vielen Söhne und Vettern, auf Kosten der übrigen Fürsten Italiens, zu versorgen wünschte, seine Plane nicht ausführen lassen. Er brachte in dieser Absicht zwischen Florenz, Mayland 28O Moyland und Venedig eine Verbindung zur Absicht. Sixtus schwor ihm nun den Untergang zu. Unter den florcntimschcn Familie», die über das Ansehn de? Mcdici am meisten eifersüchtig waren, zeichnete sich besonders das Haus der Pazzi aus. Mit diesem ließ sich (1478) der Pabst in ein Einverständnis? ein, um eine für den Lorenz und seinen Bruder Julian verderbliche Revolution durch- zusetzen. An der Ausführung derselben nahmen zwey Vettern des Pabstcs, Nahmens Riari, und der Erzbischof Salviati von Pisa, Antheil. Lorenz» und Julian sollten ermordet werden. Zum Tage dieser That bestimmte man das Fest der h. Ncperata (28. April). Während des Hochamtes, während daß der Priester die gcweihctc Hostie zur Anbcthung empor hob; während daß die Blicke der frommen Versammlung auf die ehrwürdige Handlung geheftet waren, stürzte der liebenswürdige Julian, von vielen Dolchstichen durchbohrt, nieder. Lorenz entgieng dem Tode, weil der für ihn bestimmte Mörder fehl stieß. Der Erzbischof Salvi- 28r Salviati, der im Staatspallaste beschäftigt war, die Beamten der Republik für die Revolution zu gewinnen, wurde von dem GonfalonUrc (dem Übcrpanncrherrn) Petruc- ci in VerHaft genommen, und, gleich andern Mitverschworncn, zum Fenster hinaus- gehangt. Lorcnzo, der bcy dieser Gelegenheit die rührendsten Beweise von der Hochachtung und Liebe seiner Mitbürger cmpficng, konnte die Wuth des Volkes nur mit großer Mühe besänftigen. So sehr, durch den unglücklichen Ausgang dieser Verschwörung, Sixtus IV beschämt war, so hörte er doch nicht auf, gegen den Lorenzo alle Feindseligkeit zu beweisen; auch brachte er, von dem Könige von Neapel unterstützt, den Lorcnzo, der unter feinen Mitbürgern, noch immer machtige Feinde hatte, in eine so große Verlegenheit, daß derselbe, wie man erzählt, heimlich nach Neapel gieng, um sich dem Ferdinand in die Armee zu werfen. Genug, Ferdinand söhnte sich (14^0) mit ihm aus, und da die Türken, mit welchen Venedig um diese Zeit Friede geschlossen hatte, die Stadt Otranto eroberten, und ganz Unteritalien in Schrecken versetzten, so schloß nun 282 Nim der Pabst mit dem Lvrenzo gleichfalls Frieden. Der edle Mcdict trug seitdem zur Erhaltung der Ruhe von Italien sehr viel bcn. Nichts beweiset dies; überzeugender, als die Kriege, die bald nach seinem Tode (1492) in Italien ausbrachen. Der alte König Ferdinand von Neapel, der zu demselben die erste Veranlassung gab ch, bcmühele sich erst in seinem hohen Alter, bei) seinen Unrcrthanen, die er gedrückt und ausgesogen hakte, sich wieder Zutrauen zu erwerben. Dirfi glückte ihm jedoch nicht. Die mißvergnügten Baronen des Reichs erregten einen Aufstand, und nun ließ Ferdinand, nachdem er sich mit ihnen zum Scheine wieder ausgesöhnt hatte, viele von denselben zum Ehrcnmahlc in sein Schloß einladen, und ermorden. Nicht lange hernach (1494 Jan.) erfolgte sein Tod. Sein Sohn Alphons hatte nun das Schicksal, von Karln VIII angegriffen zu werden. Ludwig Moro, der ihm dieses Schicksal zuzog, bestach Karls VIII vornehmste Nachgebe?, ») Thcil Vill, S. -zr. 28 z gcber, dm Scncschal von Veaucaire, (den ehcmahligcn Kammerdiener du Vesc) und dm Finanzminister Brissoner, durch Geschenke und große Versprechungen so glücklich, daß sie, in Verbindung mit einigen neapolitanischen Flüchtlingen, die Unternehmung uns Neapel als sehr leicht vorstellten. Es fehlte jedoch Äarln zur Ausführung dieser Unternehmung an Geld. Seine Lustbarkeiten und seine Frcygcbigkeit verzehrten schon gar zu große Summen, und seinen baarcn Vorrarh von zooooo Livres verschlang die Ausrüstung der Flotte. Vergebens crthcilten die Vorsteher der Stadt Paris dem unübcrlegsamen König den Rath, diesen Krieg, von dem man sich für das Reich reinen Vortheil versprechen konnte, zu unterlasscn. Man borgte von der Stadt Genua looooo Livres, für welche man, auf nicht mehr als 4 Monathe, 14000 Livres Interessen bezahlte! Karl lebte indes» sen in der Gesellschaft der Hofdamen sehr angenehm. Die beste Zeit zum Fcldzuge verstrich. Ein großer Thcil des aufgcbothc- neuen Adels zog wieder nach Hause. Karl, den die Pest von Brissonets Hause entfernte, ficng an, die Neigung für den Krieg zu verlieren. 2Z4 liercn. Fast schien alles zurückzugehen, als Karl (1494 am 22. Aug.) sich plötzlich zu Pferde setzte, und den Alpen zueilte. Auf seine schnelle Entschließung wirkte seine Schwe- ster, Anna von Vourbon, die nach Hof ge< kommen war, um ihn von den Ausschweifungen der Wollust abzuziehen, wirkten die dringenden Vorstellungen Ludwigs Mvro, und besonders des Cardinals Julian de la Rovcre, der nicht eher ruhete, als bis Karl wirklich aufbrach. Der König von Neapel hatte jetzt weiter keinen Freund, als den neuen Pabst Alexander VI (seit 1491). Der lctztre, ein Spanier, Nahniens Nodrigo Vorgia, der mit einer Mätresse mehrere Kinder gezeugt hatte, unter welchen sich Cäsar Vorgia und Lncretia befanden, beschimpfte sich durch die vielfältigsten Beweise der abscheulichsten Denkart. Er ließ unter andern durch falsche Zeugen beschwören, daß sein Sohn Cäsar, den er zum Cardinal erheben wollte, der Sohn eines andern scy. Der König von Neapel machte sich verbindlich, das Interesse seiner Familie durch glänzende Ehrcnstellcn, ansehnliche Fürsien- 2LZ stenthümer, und reiche Bräute, zu befördern. Dagegen ließ er ihm die Beleihung über Nea« pel, und die Krönung angcdcihcn; er schenkte ihm auch den Tribut, den die Könige von Neapel dem pabstlichcn Stuhle entrichten mußten; er ermunterte den Peter von Mediei, den Nachfolger des Lorcnzo, der französischen Armee den Durchzug zu verwehren, und er sicherte dem Könige Ferdinand von Spanien den Ertrag, einer Krcutzbulle zu, damit er den König von Neapel mit einer Flotte unter« stützen könnte. Diesem sollte sogar der Groß« sultan Vajazeth II beystchen. Dem Könige Karl drohcte Alexander mit dem Banne, und Brissonet wurde durch die schöne Aussicht, einen Cardinalshut zu bekommen, bewogen, dem Könige den Krieg zu widerrathcn; allein Beaucaire blieb dem Interesse des Mors getreu. Dieser verschaffte dem Könige Karl Hoouo Ducatcn, die ein Kaufmann aus Mayland vorschoß, und für die sich die vornehmsten Herren Frankreichs verbürgten. Da Alphons einen Thcil seines Heeres, in Verbindung mit den päpstlichen Truppen, gegen den Po vorrücken ließ, um einen Versuch auf Genua zu.machen, und sich Moylands, »och 286 noch vor Karls Anzüge zu bemächtigen, so war die französische Hülfe dem Moro um so nüthiger. Karls Heer versammelte sich den Asti, einer dem Herzog von Orleans gehörigen Stadt- Es wuchs auf zo bis 40002 Mann an. Sein Geschütz bestand aus- 400 Kanonen, unter welchen sich 140 schwere befanden, die ans Lavelten lagen. Der Anfang dieses Fcldzugcs kündigte sich nicht sehr glücklich an. Karl verlohr auf dem Marsche nach Ztalicn seinen besten Feldherrn. Der saure Wciü und die rauhe Bcraluft Oberitalicns behagle den Franzosen gar nicht. Kar! bekam die Kindcrblattern. Dadurch wurde der Fortgang der Unternehmungen abcrmahls gehemmt. Die freymilligen Edclleutc, welche die Hoffnung zu neapolitanischen Lehngütern in großer Anzahl zur Armee gelockt hatte, übten aus langer Weile allerlei) muthwillige Streiche aus. Karls Unternehmungen verhinderte aber auch der beständige Geldmangel. Um demselben wenigstens auf einige Zeit abzuhelfen, lieh er von der Herzogin von Savspen, und dem Markgrafen von Mont- 2L7 Montferrat, Juwelen, die er für 27000 Duralen wieder verpfändete. Karl rückte hierauf bis Pavia vor. Hier fand er den Johann Galeazzo nicht allein krank, fondern gleichsam gefangen. Auf den Kniecn liegend, mit zerrissenen Haaren und empor gehobenen Händen, dach Jsabclla, dessen Gemahlin, den Moro, um die Linde« rung seines Schicksals. „Es sey nicht zu ändern" war Moro's Antwort, und nichr lange hernach starb Johann Galeazzo > vielleicht als ein Opfer der Herrschsucht seines Oheims. Den Durchzug durch Toscana erschwerte Karln die Freundschaft, die Peter von Met dici, des (1492) gestorbenen Lorenzo Nachfolger, für den neapolitanischen Alfons fühlte. Er mußte sich jedoch, nach einem lebhaften Widerstände entschließen, zum Könige von Frankreich ins Lager zu kommen, ihm 200000 Ducatcn als ein Darlchn auszuzahlen, und Livorno, Pisa, und andere Oertcr, einzuräumen. Pisa wurde von Karln für fccy erklärt. Ucber diesen unglücklichen Ausgang der Verbindung mit Neapel gerieth das Volk in V 288 in Florenz in eine solche Wuth, daß es den Peter, nebst seinen Brüdern, aus der Stadt jagte; daß es in der Folge auf den Kopf des erstem einen Preis setzte; daß es die vortrefflichen Sammlungen von Antiken, Kunst- werken, geschriebenen und gedruckten Büchern, welche die Medicccr angelegt halten, thcils zerstreute, thcils vernichtete. Den Regenten zu Florenz stellte nunmehr der von Gott sich berufen suhlende Münch Savonarola vor. Karl marschierte indessen nach Rom. Der h. Vater Alexander VI rechnete auf die Hülfe des Zizim (Dschem) Vajazcths II Bruder. Aber dennoch, hielt Karl in der Ncnjahrsi nacht (1495) bey dem Scheine der Fackeln, und bey kriegerischer Musik, seinen Einzug. Alexander flüchtete in die Engelsburg. Viele Cardinäle gaben Karln den Rath, den schandlichen Pabst abzusetzen; er wollte sich aber nicht mit dieser Sache befassen. Indessen ließ er eS den Pabst und die Cardinäle doch fühlen, daß sie mit dem machtigen Könige von Frankreich zu thun hatten. Sie mußte», nachdem die Vcrglcichsbcdingnngcn im vollen Cvnsistorinm schon dictirt waren, auf Karls An- 289 Ankunft ziemlich lange warten. Nun erst leistete er dem Pabst die gewöhnliche Sbedicnz, die man am päbsilichcn Hofe so gern für eine Huldigung erklarte. Eine Abbildung derselben hieng man in einem Zimmer der Engetsburg auf, wo sie aber kein Franzose so leicht zu sehen bekam. Der Pabst mußte dem Könige einige Sicherheilsplatze einräumen, mußte ihm die Bcleihung über Neapel ertheilen, mußte endlich sowohl den Zizim, als dem Cäsar Borgia, ausliefern. Allem Zizim starb auf dem Marsche, wie man sagt, vergiftet, und Cäsar entwischte. Die neapolitanische Armee setzte dem Einrücken der Franzosen einen geringen Widerstand entgegen. Wie konnte sie aber auch einen großen Muth beweisen, da ihr König Alphous sich indessen in einem sicilischen Kloster verbarg? Er starb hier als ein büßender Sünder. Seinem Nachfolger Ferdinand II fehlte es ganz an den Eigenschaften, welche bcy der damahligcn gefährlichen Lage des neapolitanischen Reiches unentbehrlich waren. Es fehlte daher an allen Vcrtheidigungsan- stalten. Keine Stadt verweigerte den Fran- Galletti Wcltg. sr Tb. T zosen 290 zosen den Einzug, selbst Neapel nicht. Ferdinand floh, nachdem er blos die Festungen der Hauptstadt mit Garnisonen versehen hatte, auf die gegenüber liegende Insel Zschia. Karl zog hierauf (1495 Febr.) gleichsam im Triumphe, und im kaiserlichen Ornate, in Neapel ein. Zn kurzer Zeit mar fast das ganze Reich erobert. Karl ließ sich, dem päbstlichen Widerspruche zum Trotze, zum Könige von Neapel krönen. Schon schmeichelte sich der eitle und unerfahrne Fürst mit der Eroberung des ganzen griechischen Kaiser- thumes! Von dem Glücke des ersten Fcld- zugcs berauscht, überließ sich Karl ganz sorgenlos blos dem Genüsse des sinnlichen Vergnügens, und sein Bepspiel blieb von seinen Franzosen natürlich nicht unnachgcahmt. Wahrend daß sich nun die französische Armee in Neapel durch ihre Zuchtlosigkeit auflölelc; während daß sich die Franzosen durch ihren galanten Muthmillen, durch ihren Uebermuth, bey den Neapolitanern äusserst verhaßt machten, arbeitete der listige Moro, der Florenz und Neapel nun genug gezüchtigt sah, an der Ausführung des Planes, die Frau- 2Hl Franzosen wieder aus Italien zu vertreiben. Zur Beförderung dieses Planes schloß er nicht nur mit dem Könige Ferdinand dem Katholischen von Spanien, dem Kaiser Maximilian I, und dem Frcystaat Venedig, sondern auch mit dem Pabsre, eine Verbindung, die man die heilige Union n'ennle. Karl, der es bcy seiner nicht sowohl durch Gefechte, als durch Krankheiten, sehr verminderten Armee nicht wagen durfte, sich den Rückweg durch Oberitalicn versperren zu lassen, eilte mit 10200 Mann nach den Alpen. Er hielt sich aber in Toskana zu lange auf. Dadurch gewannen seine Feinde Zeit, ihm mit vereinigter Macht entgegen zu ziehen. Vey Fornovv, nicht weit von Parma, sah sich Karl von 60000 Mann so eingeschlossen, daß er sich mit seinen braven Franzosen durchschlagen mußte. So kam er glücklich nach Asti. Der Herzog von Orleans, der, anstatt ihm Verstärkung zu bringen, Mauland angriff, wurde von allen Seiten umringt. Karl ruhete, von Orleans und Neapel gleichsam abgeschnitten, zu Turin, in den Armen eines artigen Frauenzimmers, T s von 292 von den ausgestandenen Mühseligkeiten aus. Einem ansehnlichen Heere von Schweitzern, das ihm zu Hülfe zog, traute man so wenig, daß man sich, zum großen Vcrdrusse der Schweitzer, mit dem Moro lieber verglich. Die in Neapel ihrem Schicksale übers lassenen Franzosen waren nicht im Stande, bey dem Besitze dieses Reiches sich zu behaupten. Von den Einwohnern, die sie immer besser kennen lernten, weder geliebt noch gefürchtet, sondern vielmehr gehaßt und verachtet, hatten sie noch überdies zwei) mit einander gar nicht übereinstimmende Oberbefehlshaber, den trägen, unklugen Montpen- slcr, und den rasche» und muthigen Aubigni. Die Venezianer bemächtigten sich der unbesetzten Seestädte; der König Ferdinand rückte, von einer spanischen Armee und Flotte unterstützt, von Calabricn aus immer weiter vor. Die Franzosen ließen sich (im Zul.) durch eine List aus Neapel herauslocken, wo nun Ferdinand aufgenommen wurde. Die Franzosen, die durch Krankheiten, und Mangel an Bedürfnissen immer schwächer wurden, mußten fast das ganze Land räumen. Mont- pensier 29Z pensier starb, und Aubigni ertrotzte noch (1496) den Abzug mit fliegenden Fahnen. So endigte sich Karls VIII große Unternehmung gegen Neapel! Der seiner Liebcshändcl eben so sehr, als seiner Liebschaften überdrüssige Karl, fieng nun an, einen guten Künig zu machen. Er saß selbst zu Gericht; er«hürte die Klagen und Beschwerden seiner Unterthanen mit vieler Bereitwilligkeit an; er bemühcte sich sogar, der Staatsverwaltung eine verbesserte Einrichtung zu geben. Aber wahrend seiner lobcnswürdigcn Acusscrungen von Ncgcnten, sorgfalt, überraschte ihn (1498 am 17. April) der Tod. Karl VIII hatte Ludwig XII , einen -Enkel des ermordeten Herzogs von Orleans *), zum Nachfolger, der, z6 Jahre alt, in der Schule der Widerwärtigkeiten, und der großen Welt, gebildet, das Zutrauen der Nation nicht nur durch Abstellung ihrer Beschwer, den, gute Anstalten, und Verminderung der Ab- *) Theil Vlli, S. 4-. 294 Abgaben, sondern auch durch eiue sorgfaltige Wirthschaft, rühmliche Policey und Gesetze, und durch Anordnung eines Staatsrathcs, sich zu erwerben wußte. Sein erster Minister, Georg von Amboisc, Erzbischof von Ronen, wußte mit vieler Schlauigkcit seinen König zu lenken, wahrend daß dieser selbst zu regieren glaubte. Amboise thcilte die Staatsverwaltung mit der Königin, der Anna von Bretagne, Karl^VlII Wittwe, gegen die Ludwig XII seine erste Gemahlin, Karls VIII Schwester, vertauschte. Ludwig XII hatte von seiner Großmutter Valentine Ansprüche auf Mayland geerbt *). Diese wollte er jetzt -geltend machen. Er suchte daher nicht nur den Pabst und Venedig, sondern auch Heinrich VII von England, Ferdinand den Katholischen von Spanien, den Kaiser Maximilian, und dessen Sohn, den Herzog Philipp den Schönen, und noch andre Fürsten mehr, in sein Interesse zu ziehen. Vornehmlich wünschte er aber, ein ansehnliches Heer von braven Schwei, ») Thcil VIII, S. i?-> 295 Schweitzern in seinen Sold zu bekommen. Ein Theil der Eidgenossen (Bern, Schwytz, Lucern und Untcrwaldcn) hatte sich zwar schon mit dem Herzoge Moro in einen Sub- sidicn - Tractat eingelassen; sie entsagten aber demselben, und machten sich verbindlich, für Fl., die jeder Gemeine mouathlich bekommen sollte, dem Könige von Frankreich ein beträchtliches Heer zu stellen. Der Pabst hoffte von Ludwigs VII Zuge »ach Italien für seinen Sohn, dem Casar Borgia, Vorthcil zu ziehen. Er suchte diesem, so wie seinen andern Söhnen, zu einem Staate zu verhelfen. Der eigennützige Casar wollte aber recht viel besitzen. Er ließ daher seinen altern Bruder, dem der Vater Bencvento, und andre Lander des Kirchenstaates abgetreten hatte, heimlich durch Meuchelmörder umbringen, und in die Tiber werfen. Casar, der nun den Cardinalshut gegen die Würde eines Herzogs von Romagna vertauschte, that dem neuen Könige Friedrich von Neapel, des Alphons Nachfolger, den Antrag, ihm seine Tochter zur Gemahlin zu geben. Friedrich schlug sie ihm 296 ihm aber ab, weil er in dem Vater, dem Pabste, einmal)! doch den Beförderer seines Unterganges sah. Der rachsüchtige Alexander schloß sich jetzt um so mehr an Frankreich an. Ludwig XII räumte dem Casar den Bezirk von Valcnec, mit dem Titel eines Herzogthumes, ein. Moro both alles auf, um sich gegen die ihm drohende Gefahr etwas in Sicherheit zu setzen. Er reihte die Türken, Venedig feindselig zu behandeln; er gab dem Kaiser Maximilian Geld, um deutsche Söldner für ihn anwerben zu lassen. Allein Maximilian vcrthat das Geld, und die Söldner blieben ans. Ludwigs Heer rückte indessen (1499) heran; 1600 Lanzen und izocoo Mann Fußvolk, nebst einem großen Zuge von Geschütz, die den Jacob von Tri- vulzio, einen vertriebenen Maylander, und den Aubigni, zu Oberbefehlshabern hatten. Der bcy seinen Unterthanen verhaßte Moro konnte mit seinen Soldtruppen so wenig Widerstand thun, daß, in Zeit von drcy Wochen, ganz Mayland, fast ohne Schwerdt- schlag, in den Händen der Franzosen war. Moro 297 Moro eilte, in der Festung zu Moyland eine starke Besatzung zurücklassend, mit seinen Kindern und Schätzen nach Deutschland, Sein Oberbefehlshaber in der Festung verkaufte (im Ott.) sie dem Ludwig, der den Trivulzio zum Statthalter von May- land machte. Auch Genua unterwarf sich. Kaum hatte sich jedoch Ludwig, nebst dem größten Theile seines Heeres, entfernt, als die Mayläudcr, durch des Trivulzio unbesonnenes Verfahren, gereiht, zu den Waffen griffen, und dem Moro, der mir schwcitzerischcn Fußvolke, und burgundischcc Neiterey herbeykam, das Land wieder erobern halfen. Als die Heere bcydcr Theile bcy Novara einander gegen überstanden, erhielt das Kricgsvolk der Schweitzer von seiner Regierung den Befehl, nach Hause zu kommen. Ludwigs Generale wußten es jedoch so einzurichten, dieser Befehl nur den schweitzcrischen Truppen im maylandischcn Solde bekannt gemacht wurde. Diese traten daher den Abzug an, und Moro, der sich von ihnen verlassen in großer Verlegenheit sah, brachte es kaum dahin, daß er unter ihnen 298 unter ihnen verkleidet sich mit fortschlcichen durfte. Allein es standen auf seinen Kopf 500 Kronenthalcr. Ein Schweizer aus Uri, Rudolf Thnrmann, vcrricth ihn bcy dem Vorbcymarschiercn den Franzosen durch ein Zeichen. Ludwig XII, der den gefangnen Moro keines Gehörs würdigte, sah, als gemeiner Soldat verkleidet, denselben, ohne dasi er wußte, in Lyon einziehen. Moro brachte die übrigen Jahre seines Lebens in dem engen Kerker des Schlosses Loches in Vcrry zu. Thnrmann, der ihn verrathcn hatte, wurde von seiner Obrigkeit streng be- straft. Mayland befand sich nun in der Gewalt Ludwigs XII. Seine Truppen verhall fen dem Casar Vorgia zum Besitze von No- magna, Perugia, Urbino und Camcrino. Der Bösewicht wurde aber an dem langen Besitze dieser und andrer Lander durch den Tod verhindert, den er sich (150z) durch ein aus Versehen genommenes Gift zugezogen hatte. Sein Vater Alexander VI überlebte ihn nur kurze Zeit. Ludwig 299 Ludwig XII wollte über noch mehr in Italien erobern. Auch das Königreich Neapel reihte seine Habsucht. Bey dieser Unternehmung hatte er jedoch an dem Könige Ferdinand dem Katholischen von Spanien einen mächtigen Mitbewerber. Da er es nun für besser hielt, die Hälfte des neapolitanischen Reiches sicher, als das ganze unsicher zu besitzen, so schloß er (15-00) Nov.) mit dem Ferdinand einen vorläufigen Thci- lungsvertrag, nach weichem Ludwig die Hauptstadt , nebst Terra di Lavoro und Abruz- zo, Ferdinand aber Aputten und Calabricn, bekommen sollte. Ferdinand, der den Friedrich durch den angebothencn Deystand tauschte, besetzte mehrere Festungen. Wie groß war aber Friedrichs Entsetzen, als, nach der Ankunft des französischen Heeres bey Rom, (1501) Iul.) das schreckliche Geheimnis sich aufklärte! Friedrich, der lieber mit dem cdlern Ludwig XII, als dem listigen Ferdinand, zu thun haben wollte, ergab sich dem Aubigni, der ihn auf die Insel Ischia ziehen ließ. Ludwig versprach ihm den Bezirk von Maine, nebst einem Jahrs- gchalt von zoooo Livres; den Besitz des ersten ZOO ersten erlaubte ihm aber das Parlament nicht. Friedrich starb auch schau nach einigen Jahren (1504) als der letzte König der bisherigen aragonischen Kömgsfamiiic von Neapel und Sicilien, in Frankreich. Ein unehlicher Abkömmling dieses Hauses, der Prinz Ferdinand von Calabncn, hatte noch die Stadt Tarcnto in seiner Gewalt. Diesem versprach Ferdinand Gonsalvo de Cordova, der Großcapitain Ferdinands des Katholischen, frcycn Abzug, wenn er die Stadt übergeben würde. Er bestätigte dieses Versprechen durch einen Eid, und dennoch wurde der Prinz nach Spanien geschickt. Der schlaue Cordova verhalf seinem Monarchen zum Besitze des ganzen Reiches. Die beyden Oberbefehlshaber veruneinigten sich über das Eigenthum der Provinz Capi- tanata, in Ansehung deren in Theilungs- vcrtrage nichts ausgemacht worden war. Anbigni drängte den Gonsalvo so zurück, daß ihm, ausser Barlctta, nichts mehr übrig blieb; dieser wurde jedoch von allen Seiten so verstärkt, daß er bald wieder vorrücken konnte. Die französische Armee in Neapel Neapel wurde hingegen durch Mangel an Bedürfnissen, durch Krankheiten, und durch die Uneinigkeit ihrer Oberbefehlshaber, in einen immer ohnmachtigcrn Zustand versetzt. Aubigni, dem Nemours vorgesetzt wurde, wollte sich dessen Anführung nicht unterwerfen, und setzte den Feldzug in Calabrien allein fort. Nemours beförderte durch seine Unbesonnenheit den Untergang der Armee. Die zerstreuten, unter keinem gemeinschaftlichen Oberbefehle stehenden Franzosen, konnten den vereinigten, gut angeführten Spaniern keinen hinreichenden Widerstand entgegen sehen. Aubigni wurde (150z) geschlagen und gefangen, und Nemours verlohr nicht allein den Sieg, sondern auch das Leben. Die Franzosen, die keine Generale, keine Vsrrathe, und kein Geld hatten, mußten den Spaniern Neapel, und noch andre Ocrtcr, überlassen. Ludwig XII, den Ferdinand der Katholische, durch seine listigen Unterhandlungen, lange genug getauscht hatte, ließ zwar drey neue Heere marschieren; aber die Römer hielten die Zuführe, und die Finanzministsr das Geld, auf. Der armselige Uebcrrest der neapolitanischen Armee mußte nun ZO2 nun auch die letzte Festung Gaeta übergeben. Ferdinand verstattete ihnen nicht ein- mahl einen freycn Abzug. Fast alle vornehme Familien Frankreichs waren, durch den unglücklichen Ausgang der Unternehmung auf Neapel, in Trauer versetzt. Den Ludwig selbst stürzte Gram und Aerger in eine tödliche Krankheit. Die so sehr gekränkte Kricgsehre der Franzosen rettete damahls noch zwcy von ihren bravsten Offneren, Ludwig d'Ars, und Peter von Bapard. Jener behauptete sich in Vasilicata. Als ihn Ludwig ohne Unterstützung ließ; als. er ihni das Land zu räumen befahl, nüthigtc er erst die Spanier, die Belagerung der Stadt Venosa, wo er eingeschlossen war, aufzuheben, sodcnn zog er langsam, in Schlachtordnung und mit fliegende» Fahnen, überall Kricgsstouern ausschreibend, nach Frankreich zurück. Sein König gicng dem Helden entgegen. Er überließ ihm die Wahl seiner Belohnung. D'Ars bath um weiter nichts, als daß ein Mann von bewährter Tapferkeit, der nicht cinmahl sein Freund war, nach Frankreich zurückkehren dürfte. Bay- ZOZ Bayard, aus Danphine, ein echter Ritter, mit dem edelsten Herzen, und dem zartesten Ehrgefühle, bewies bey mancher Gelegenheit eine so ausserordentliche Uncrschrocken- heit, daß ihn seine Zeitgenossen den Ritter ohne Furcht und Tadel nennten. Als die französische Armee in das Maylandische einrückte, jagte er an der Spitze von 50 Frey- willigen, 200 Feinde aus einer Stadt heraus, und rennte, sie verfolgend, ganz allein bis in die Hauptstraße, wo man ihn gefangen nahm. Ludwig Msro wurde durch seine Uuerfchrsckcnheit so sehr in Erstaunen gesetzt, daß er ihn ohne Lösegeld in Freyheit setzte. Ein andcrmahl erlegte Bayard, obgleich krank, einen spanischen Officier, im Zwcykampfe. Er und noch ein anderer französischer Äfficier siegten über iz Spanier. Einst vcrthcidigtc er ganz allein eine Brücke gegen 200 Spanier, und rettete dadurch das französische Heer. Er wurde zwar von den Spaniern gefangen, von seinen Landsleuten aber wieder bcfreyt. Seine edle Uneigennützigkeit bewies Bayard mehr als cin- 5) He clrevalier tans xeur et ssins re- xroclie. »04 einmahl. Sein Nittiueister de Ligny schenkte ihm Silbergerüthe, diezvo Mark am Werth hatte; Bayard wollte sie aber nicht behalten, weil sie das Eigenthum von Anführern gewesen waren. Er thcilte sie daher unter feine Kameraden aus. Eben das that er, als es ihm einst 15000 Ducatcn Beule trug. Er glaubte überhaupt, nichts für sich allein behalten zu dürfen. Sechs- so; Sechstes Kapitel. Maximilians unglücklicher Schweincrkmg. Ligue zu Cambray. Franz l siegt bey Marignano. stalten blieb noch lange der vornehmste Schauplatz der europäischen Kriege. Zetzt gab das reiche und mächtige, aber auch stolze und eroberungssüchtige Venedig, zum Ausbruche eines neuen Krieges die Veranlassung. Die vornehmsten Monarchen von Europa, der Kaiser, der Pabst, die Könige von Frankreich und Spanien, glaubten Ursache zu haben, an der Unterdrückung dieses Frey« staates gemeinschaftlich zu arbeiten. Eallktti Wcltg. yr Td. U De ZO6 Der Pabst Alexander VI hatte erst Pins III, der nur einige Tage auf dem paüstltchen Throne saß, und hernach Julius II, den ehcmahligen Cardinal de la Rovers, der vorher ein Bcttelmvnch gewesen war, und für einen wackern Trinker galt, zum Nachfolger. Von diesem wurde der von Ludwig XII verlassene Casar Borgia, mit Hülfe Ferdinands ^ des Katholischen, unterdrückt. Man nahm den Casar (1504) zu Neapel in VerHaft, und schickte ihn nach Spanien. Von hier entwischte er nach Navarra, wo er (1508) in dürftigen Umständen starb' Julius II nahm, von 24 Cardinälen begleitet, das Hochwürdigste vor sich her, alle Länder des Kirchenstaates, die sich Cäsar angemaßt hatte, wieder in Besitz. Dem Kirchenstaate hatte aber auch Venedig beträchtliche Bezirke entzogen. Um sie wieder zu bekommen, schloß Julius mit Maximilian I und Ludwig XII eine Verbindung. Maximilian hatte an den Kriegen in Italien bisher keinen glücklichen Antheil genommen. Zwar half er bey Fornovo Karln VIII in Verlegenheit bringen; als er aber (1496) zc>7 (1496) einen neuen Zug nach Italien vornahm, um die Unabhängigkeit der Stadt Pisa gegen Florenz zu behaupten, so mußte er von der Belagerung von Livorno mit großem Verlust wieder abziehen. Sein Ansehn wurde aber durch einen unglücklichen Krieg mit den Schweitzern noch mehr vermindert. Zwischen den Schweitzern und dem Schwa- benbunde, einer Verbindung der schwabischen Fürsten und Städte, herrschte eine gewaltige Abneigung, welche durch die großen Freyheitcn, die sich die Eidgenossen anmaßten, hauptsächlich erzeugt wurde. Durch den Schwabenbund ließ sich nun Maximilian verleiten, einen Versuch zu machen, ob er die Schweitzer der deutschen Oberherrschaft wieder unterwerfen könnte. Er that ihnen daher den Autrag, die Aussprüche des von ihm gestifteten Neichskammergerichts anzuerkennen. Er wagte diesen Antrag um so eher, da die Cantonc der Verbindung mit dem deutschen Reiche noch nicht ausdrücklich entsagt, da sogar einige derselben auf seinen ersten Reichstag Abgeordnete geschickt hatten. Die Z08 Die Schweitzer, die durch ihre Thcil- nähme an den italienischen Kriegen zwar vie? lcs Gold gewonnen, aber auch viele tapfere Leute eingebüßt, und ihre Sitten verschlimmert hatten, die fühlten ihren Bund, der (1480) noch durch die Sadre Freyburg und Solothurn vergrößert worden war, so befestigt und so mächtig, daß sie dem Kaiser Trotz biethcn zu können glaubten. Da sich Nun Gcaubündten, welches sich gleichfalls aU die Eidgenossen enger angeschlossen hakte, mit Tyroi im Streit verwickelte, so both dicß zum Ausbruche des Krieges bald eine Gelegenheit dar. Dieser Krieg wurde, wegen der Erbitterung beyderTheile, mit unmenschlicher Heftigkeit geführt. Ein Thcil vonTyrol verwandelte sich in eine Einöde, und die Schweitzer, welche von den Schwaben durch schimpfliche Reden noch mehr gereiht worden waren, brennten alle Schlösserund Dörfer längs der deutschen Gränze ab. Maximilian war hingegen mit seinen ansehnlichen Heeren nicht so glücklich, in das Gebieth der Schweitzer eindringen zu können. Die Schweitzer siegten in zehn Gefechten, und tödtcten, auf 20000 Schwaben und Oest- reicher. Endlich wurde (1499) Sept.) zu Basel ZQ9 Basel Friede geschlossen. Die Schweitzer bekamen das Landgericht Thurgau. Sie erwarben sich aber, welches »»gleich wichtiger war, den Vorthcil, daß ihre Unabhängigkeit vom Hause Ocstreich nie wieder angefochten wurde, Maximilian, der in diesem, so wie in seinen meisten Kriegen, unglücklich war, weil es ihm gewöhnlich an Kricgsvolk, und noch gewöhnlicher an Geld fehlte, wollte hierauf nach Italien ziehen, um die Kaiserkrone zu empfangen, und dem Könige von Frankreich das Herzogthum Moyland zu entreißen. Allein Venedig versagte seinem Heere den Durchzug; auch wollte es an einer Verbindung gegen Frankreich keinen Antheil nehme». Der darüber aufgebrachte Maximilian erklärte die Venezianer in die Neichsacht. Da er aber doch nicht gleich ein Heer hatte, um den stolzen Senat von Venedig seinen Zorn fühlen zu lassen, so mußte er den Zug nach Italien noch auf einige Zeit verschieben. Indessen gab ihm einer seiner Minister, wahr, scheinlich Mathäus Lang, ein eben so kennt- nißvoller und klnger als einnehmender und ge- zro ' geschätzter Mann, den Rath, den Kaiscrtitcl ohne Krönung anzunehmen. Maximilian nennte sich indessen doch nur einen Erwählten römischen Kaiser. Der Pabsc Julius II gestand ihm diesen Titel um so williger zu, da er sich nach dem Augenblicke, den Kaiser in der Nähe zu sehen, ohnedies nicht sehr sehnte. Seit der Zeit hat sich kein deutsches Ncichsobcrhaupt, Karln V ausgenommen, in Italien zum Kaiser krönen lassen, und wie vieles Geld, und wie vieler Verdruß, ist den deutschen Kaisern dadurch nicht erspart worden! Maximilian brachte endlich 1500 Reiter und 4000 Mann Fußvolk zusammen. Mit diesen drang er (1508 Febr.) glücklich in das venezianische Gebicth, bis Verona, vor. Seine Kriegscasse war jedoch bald erschöpft, und seine Soldaten schlichen sich wieder davon. Die Venezianer fielen, von den Franzosen unterstützt, in das Friaul und Histreich ein, und eroberten Gradisca, Görz, Tricst, Fiumc. Maximilian mußte sich verbindlich machen, den Besitz dieser Ocrtcr den Venezianern drcy Jahre hindurch ruhig zu überlassen. Die Kran- Kränkung, die er darüber empfand, vermehrte noch der Triumph-Einzug, den Venedig seinem Generale Alviano gestattete. Eine Gelegenheit, an den übcrmüthigen Vcnezia, ncrn sich zu rächen, kam ihm daher sehr erwünscht. Ludwig XII hatte den Venezianern zwar Beystand geleistet; aber seine Truppen sollten ihnen blos das Vcrlohrne wieder erobern helfen. Nun ließ er sich durch den Cardinal Amboise sogar bereden, an einer Verbindung gegen Venedig, die Julius II entworfen hatte, Anthcil zu nehmen. Ferdinand der Katholische trat derscjbcu bcy, weil er von dem Pabst die Velcihung über Neapel zu erhalten wünschte, und weil ihn Maximilian dazu aufforderte. Des lchtcru Tochter, Margrethe, Statthalterin der Niederlande, war diejenige, die, in Verbindung mit dem Cardinal Amboise, das Bünduiß gegen Venedig hauptsächlich zur Nichtigkeit brachte. Es wurde auf einem Congrcsse zu Cambray (1508 Febr.) unterzeichnet, und man theilte schon im voraus jedem von den verbundenen Monarchen dasjenige zu, was ihm von den Venezianern war entrissen worden. Der II2 Der Ausführung des zu Cambran veraö- redeten Planes fetzten sich aber bald große Schwierigkeiten entgegen. Maximilian hatte nicht nur mit Venedig erst auf drei) Jahre Wassenstillstand geschlossen, sondern er war auch wie gewöhnlich weder mit Kriegsvolk, noch mit Geld, versehen. Die deutschen Reichs- stände bezeigten sich aber sehr unbcrcitwillig, dem Kaiser Geld und Kricgsvolk zu geben. Dem Pabste war es blos darum zu thun, dasjenige wieder zu bekommen, was die Venezianer dem Kirchsnstaate entrissen hatten. Dagegen wünschte er die Kriegskrafte der vornehmsten europaischen Monarchen gegen die Türken in Bewegung zu sehen. Auch wollte er das zu Eambray geschlossene Bund? niß lange nicht genehmigen. Er both dem Senat von Venedig, der die Gewißheit des Bündnisses von ihm zuerst erfuhr, sogar Frieden an. Ferdinand der Katholische fand dasselbe seinem Interesse auch nicht recht angemessen. Er wollte dem Maximilian, dem er nicht trauen durfte, keine Gclcgenhnit geben, zu einer größern Macht zu gelangen. So wenig die Bunden sgenosscn es nun aufrichtig mepnten, so ließen sie doch durch ihre ZlZ Gesandten zu Burgos in Spanien (1509 Marz) auf der gcwcihctcn Hostie, den Vertrag zu Cambray beschwören» Der venezianische Senat erschrak über das große Bündniß, das ihm den Untergang seines Staates zu drohen schien, so wenig, daß er alle Friedensvorschlage Julius II und Ludwigs XII verwarf. Der Angriff wurde also wirklich beschlossen. Der Pabst kündigte den Venezianern seine feindseligen Gesinnungen durch eine Bannbulle an. Auf seinen Antrieb rückte Ludwig vierzehn Tage vor der verabredeten Zeit (15. April) ins Feld. Das reiche Venedig stellte seinen Feinden ein ansehnliches Heer von Eandiotcn, Arnauten und Croatcn entgegen. ES konnte sowohl zu Wasser, als zu Lande, einen Angriff sei, ner Feinde aushalten. Diese rückten jedoch zu seinem Glücke nicht alle auf einmahl an. Dennoch sehte Ludwig XII mit seinen 40000, Mann die Venezianer schon in große Verlegenheit. Petigliano und Alviano, ihre Feldherren, stimmten, wegen der Verschiedenheit ihres Charakters, so wenig mit einander überein, daß ihre U"tersiehmunscn unmöglich gelin- gelinge!: konnten. Dieß zeigte sich besonders in der Sblacht bei) Agnadelio im Maylän- dischen (14 May) wo Alviano. vom Petig- liano verlasse,:, geschlagen und gefangen wur- de. Da Venedig nun seine besten Krieger vcrlohren hatte; da es diejenigen, die ihn: übrig blieben, zurückziehen musitc, um die Stadt von der Landscitc her zu decken, so eroberte Ludwig XII das ganze italienische Gcbicth von Venedig, und er würde, wenn ihn der Neid seiner Bundesgenossen nicht daran verhindert hätte, die Eroberung vollendet haben. Ludwigs Bundesgenossen wollten aber Venedig nicht sowohl vernichten, als nur demüthigcn. Die Armee des Pabstcs, die dem Kriegsstande zur Unehre gereichte, sehte sich zwar auch in Bewegung; der h. Vater ließ jedoch den Venezianern noch Zeit zur Besserung. Ferdinand der Katholische erwartete mehr von seinen Ränken, als von seinen Waffen. Maximilian, dem die Reichsffände kein Geld geben wollten, bekam endlich von dem reichen Kaufmanne Jacob Fugger in Augsburg ein Dar- lchn Zl5 lehn von 170:00 Ducatcn; auch ließen ihm seine Bundesgenossen einige Subsidiengelder auszahlen. Er brachte mit diesem Gclde so viele Leute zusammen, daß er verschiedene kleine Heere gegen Venedig konnte anrücken lassen. Er selbst kam bis nach Tricnt, wo er, für 100000 Spccicsthaler, dem Könige Ludwig die Veleihung über Moyland crtheilte. Da Maximilians Truppen nicht nur Fri- aul und Histrcich, sondern auch venezianische Oertcr, besetzten, so fühlte der Senat zu Venedig seine Bcdrangniß so innig, daß er sich auf die Verteidigung des Dogado, oder des eigentlichen Bezirkes der Hauptstadt, einzuschränken beschloß. Maximilian eroberte daher auch Verona, Vicenza, ja selbst Padua. Ferdinand nahm indessen die Seestädte, die das Ziel seiner Wünsche waren, in Besitz, und auch Julius II hatte schon mehr, als er verlangte. Die gemäßigten, oder vielmehr politischen Absichten des Pabstes, und des Königs von Spanien, retteten Venedig von seinem Untergänge. Schon vor Maximiliays EsiU'ük- ken in Italien hatten Julius unS Ferdinand un- Zlö unter sich festgesetzt, daß Venedig erhalten, und die Macht Ludwigs und Maximilians eingeschränkt werden sollte. Ferdinand und Julius wollten daher auch nicht Venedig selbst angreifen lassen. Maximilian, den der edle Giustiniani, Venedigs Gesandter, auf den Knieen liegend um Frieden bath, rechnete auf die Eroberung der Hauptstadt Venedig mit solcher Zuversicht, daß er schon wegen der Theilung unterhandelte; es fehlte ihm jedoch bald an Geld, und an guten Soldaten, und Julius beredete ihn deswegen um so leichter zu dem Versprechen, mit der Abtretung eines ansehnlichen Gcbiethcs sich zu begnügen, und oje Verbindung mit Ludwig aufzugeben. Ludwig gicng indessen nach Frankreich zurück, nachdem er seine Lander besetzt, und dem Kaiser einige Hüifstruppen zurückgelassen hatte. Maximilian, der sich so oft in seinem Lebem anders besann, setzte den Krieg gegen Venedig forr. Die Venezianer, die vor seinen schlecht bezahlten Soldaten sich wenig fürchteten, hatten die Stadt Padua durch einen Ucberfall wieder in Besitz genommen. Jetzt Jetzt erschien eiber Maximilian mit einem Heere von 40000 Mann, das durch Kriegs« volk der Bundesgenossen, und durch Freywillige , beträchtlich verstärkt wurde. Der Plan zu Venedigs Eroberung war gut entworfen; aber zur Ausführung desselben fehlte es an Flotten und Geld. Man belagerte (Aug.) Padua mit 106 Kanonen. Die Besatzung bestand, unter Petigliano's Anführung, aus 16000 Mann, an welche sich viele Edle und Freywillige anschlössen. Schon hatte das Geschütz einen so breiten Thcil der Festungswerke niedergerissen, daß 1000 Mann in Einer Linie eindringen konnten. Allein die deutschen Edclleute hielten sichs für eine Schande, mit den Lansgucnets und den Franzosen zu Fuße zu stürmen. Maximilian wurde darüber so unwillig, daß er (im Ott.) die Belagerung aufhob. Ferdinand der Katholische hatte indessen Venedig und Padua mit Lebensmitteln versehen. Maximilian, auf allen Seiten von Verrathcrn umringt, die dem Petigliano alle feine Entwürfverriechen, fühlte den Einfluß der schlimmen Herbstwitterung, und würde, ohne Frankreichs Veystand, fast alle feine Eroberungen wieder vcrlvhren haben. Älle Zi8 Alle Vorstellungen Maximilians und Ludwigs hielten den Pabst nicht zurück, dciö reuige Venedig (1510 Febr.) wieder zu Gnaden anzunehmen, ja sogar ein Bündnis mit demselben zu schließen. Er wollte es nun auch mit dem Kaiser wieder aussöhnen. Als daher in der Rcichsvcrsammlung zu Augsburg (im Marz), in welcher Maximilian von den Rcichsständen Geld und Kriegsvolk zu erhallen wünschte, der französische Gesandte die deutschen Fürsten auf die Nothwendigkcit, das mächtige Venedig unterdrücken zu helfen, aufmerksam machte, both der pabftliche Nuncius alle seine Bercdtsamkcit auf, um sie vom Gcgentheile zu überzeugen. Er mußte sich jedoch entfernen. Der venezianische Gesandte wurde gar nicht vorgelassen, und Paul Wohner, ein Kaufmann, der heimlich Briefe des Senats an die Fürsten austhciltc, hatte das Schicksal gehängt zn werden. Dennoch bewilligten die Rcichsständc dem Kaiser nicht mehr als sic-ao Mann, deren Ausrüstung sehr langsam betrieben wurde. Den Ludwig XII, Venedigs furchtbarsten Feind, hielt der Verlust des Cardinals von Amboise, seines vornehmsten Ministers, und die zi9 die Uneinigkeit, in die er Mit den Schwei? tzern gerathcn war, von der nachdrücklichen Fortsetzung des Krieges gegen Venedig, ab. Amboise starb (1510 May) erst 50 Jahre alt, wie er bald Pabst zu werden glaubte. Er war einer der reichsten Privatpersonen seiner Zeit. Seinen Verlust fühlte Ludwig XII um so unersetzlicher, weil er weder selbst regieren konnte, noch wollte. Amboise war gleichsam die Seele dieses Krieges gewesen, und der Pabst wurde in seinen unfreund- schaftlichcn Gesinnungen gegen Ludwig XII durch die Vereitlung seiner Hoffnung, die Vcrlassenschaft des Cardinals in seine Hände zu bekommen, noch mehr gestärkt. Diese unfrcundschaftlichcn Gesinnungen bewies er, indem er die Schweitzer von Frankreich abzuziehen suchte. Der kostbare, zehnjährige Bund, den Ludwig XII mir denselben geschlossen hatte, war nun (1510) zu Ende gegangen. Die Schweitzer verlangten aber jetzt für jeden Canton doppelt so viel, als vorher, nehmlich 2000 Goldrhaler (iczOoo Livres). Ludwig XII, der aus Grau- bündten, Wallis und Deutschland wohlfeilere Söltü Z20 Söldner zu bekommen wußte, wollte bähet beu Subsidien Vertrag nicht wieder erneuern. Julius II, der schon seit einigen Jahren eine Leibwache von 20O Schweitzern hatte, brachte es nun durch den Bischof von Sitten in Wallis, Malchaus Scheiner, der Cardinal zu werden wünschte, dahin, daß ihm die Häupter der Schweitzer - Cantsns auf 5 Jahre 6000 Söldner versprachen. Jeder Cam ton sollte jährlich 1000 rheinisch Gülden erhalten. Ohne Schweitzer, und ohne den Cardinal Amboise, setzte Ludwig XII den Krieg gegen Venedig nicht lange mehr sehr thätig fort. Dennoch befanden sich die Venezianer noch in einem ziemlich lebhaften Gedränge, weil sie ihren unersetzlichen General Petig? liano vcrlohren, und weil es ihnen an Geld und gutem Kricgsvolke fehlte. Doch Maximilian, der, während daß er zu Augsburg mit Jagden, Mummcreyen, und andern Lustbarkeiten, Tonnen Goldes durchbrachte, und für eine einzige schöne Rüstung 20000, Gulden zahlte, seine Soldaten verhungern, oder davon laufen, und Räuber werden ließ, der ZZ7 Parma und Piacenza, das er bisher im Besitze gehabt hatte, wurde wieder mit dem Hcrzogthume Mayland vereinigt. Auch Modcua und Regaio mußte der Pabst dem Herzog von Fcrrara zurückgeben. Dagegen wurde das Herzogthum Urbiuo seiner Willkühr überlassen. Mit den Schweitzern schloß Franz I einen ewigen Frieden, einen beständigen Subsidientractat. Er erhöhet? die Jahrgelder der Cantone, und bezahlte ihnen für ihre alten Forderungen 700000 Goldkronen. Venedig wollte nun, durch den Beystanö der Franzosen aufgemuntert, die Bezirke, die sich noch in der Gewalt des Kaisers befanden, wieder erobern. Allein Maximilian rückte (1516 Marz) mit Z0000 Mann so schnell und unaufhaltsam vor, daß er Vrcscia entsetzen, und Mayland belagern konnte. Der Connctable Karl von Vourbon wurde von der Uebergabe der letztern Stadt, nur durch die Vorstellungen der Venezianer, abgehalten. Den Franzosen marschierten nun zwar izooo Schweitzer zu Hülfe; aber diese wollten nicht gegen ihre Brüder (15000 Gallettj Welch, sr Th. N Mantt ZZ8 Mann) in Maximilians Solde fechten. Diese dachten eben so. Da sie nun Maximilian auch nicht ordentlich bezahlen konnte, so befand er sich in einer ängstlichen Verlegenheit. Er gieng unter dem Vormunde, Geld zu holen, nach Tridcnt. Die Schweitzer suchten den rückständigen Sold durch Plünderung zu ersehen, und zogen wieder nach Hause. Ihrem Beispiele folgten die deutschen und die spanischen Truppen, und schon im April war der ganze Feldzug geendigt. Maximilian gab den Venezianern Verona für 20200 Duralen, und zooooo Kronenthaler, die er ihnen schuldig war, wieder zurück. Man schloß hierauf (1517 März) zu Cambray einen allgemeinen Frieden. So endigte sich der achtjährige Krieg gegen Venedig, nachdem er zwar nicht dessen Untergang bewirkt, aber ihm doch die Hälfte seines Gebiethcs, nebst 5 Millionen Duralen, gekostet halte. Sie- Siebentes Kapitel. Geschichte von Spanien und England bis zu dm italienischen Kriegen zwischen Karln V und Franz l, — ÄaxiiUilianS deutsche Regierung. Italien blieb noch lange ein vorzüglicher Tummelplatz der habsüchtigen nud chrgettzi- gen Leidenschaften der europäischen Monarchen. Diejenigen > die auf demselben die Hauptrollen spielten, waren Karl V, Franz I und Heinrich VIII. Karl V war der Enkel Maximilians I, und der burgundischcn Marie. Sein Vater, Philipp der Schöne *), heyrathete eben so Y 2 glück.' Theil VIII, S. -4S. 3.4V glücklich, als Maximilian. Er wurde der Gemahl der Prinzessin Johanne, einer Tochter Ferdinands des Katholischen, und der Jsabella, welche Castilien und Aragonicn, vereinigten ^), «„p den Mauren das Königreich Granada entrissen. Johanne hatte noch einen Bruder, hatte noch eine ältre Schwester. Jener, Johann, war an die Margrcthe, die Schwester Philipps des Schönen, und diese, Jsabella, an dem Kronprinzen von Portugal vermählt. Vcyde starben in ihrer Jugend, ohne Kinder zu hinterlassen. Die Prinzessin Johanne wurde dadurch die einzige Erbin der spanischen Monarchie. Ihr Gemahl Philipp brachte es nun leicht dahin, dasi ihn die spanischen Ncichsstsindc für den Nachfolger Ferdinands Und der Jsabella erklärten. Für den muntern Philipp aber war das steife Wesen des spanischen Hofes, war das Venehmen seiner Gemahlin bald unerträglich. Johanne, die eben so wenig körperliche Reitze, als vorzügliche Eigenschaftelt des Geistes besaß -) Thcil VIII, S. 76. Z4l faß, verband mit ihrer brünstigen, gar zu sehr ins Tändelnde fallenden Liebe zu dem schonen Philipp eine höchst argwöhnische Eis fersucht, zu der sie wohl manchmahl Ursache haben mochte. Philipp konnte dem Verdruß und Ekel, den er darüber empfand, endlich so wenig widerstehen, daß er, aller Borstels langen, aller Bitten der Johanne und Jsa- bclla ungeachtet, in der Milte des Winters (1502) nach den Niederlanden rcisete. Die nervenschwache Johanne verfiel gleich nach seiner Abreise in eine sehr schwcrmüthige Stimmung. In dieser gcbahr sie (150z) ihren zweytcn Sohn Ferdinand, nachdem der erste Karl drei) Jahre vorher (1500) in die Welt versetzt worden war. Im folgenden Jahre (1504) starb die eben so kluge als tugendhafte Jsabclla. Johanne gieng nun zu ihrem Gemahle nach den Niederlanden. Ferdinand der Katholische hatte jetzt die Freude, auch über Castilicn allein zu regieren. Er sollte, nach der letzten Verordnung seiner Gemahlin Jsabclla, die Staatsverwaltung Castiliens so lange führen, bis der Enkel Z42 Enkel Karl das 2o Abenthcucrn in der Provinz Kent zu erscheinen; die dem Heinrich ergebenen Edellcute nöthigtcn ihn aber bald, sich wieder zu entfernen. Er machte hierauf einen Versuch, in Irland sich festzusetzen. Auch hier war er jedoch unglücklich, weil Heinrichs VII Feinde schon wieder unterdrückt waren. Perkin gieng nun nach Schottland, wo ihn der König Jacob IV, Heinrichs VII Feind, so freundschaftlich aufnahm, daß er ihn sogar mit einer nahen Verwandtin, Katharina 359 tharine Gordon, einer ausserordentlich schönen und liebenswürdigen Dame, vermählte. Jacob führte ihn mm an der Spitze eines Heeres nach dem nordlichen Thcile von England. Die Englander waren aber von dem Perkin schon zu genau unterrichtet; auch haßten sie dessen schottischen Beschützer, und dessen muthwillige Krieger, zu sehr, als daß diese Unternehmung hatte glücklich ausfallen können. Heinrich VII war über diesen Angriff auch so wenig bekümmert, daß er ihn blos als einen Vorwand benutzte, um von seinen Uuterthancn Geld zu erpressen. Jacob hielt es daher für rathsam, einen Waffenstillstand einzugehen, und dem Perkin eme heimliche Entfernung auzurathen. - Perkin durfte jetzt nicht mehr nach den Niederlanden kommen, weil Philipp der Schöne, der Sohn seiner Gönnerin Mar- grethe, mit Heinrich VII sich verglichen hatte. Er verbarg sich daher einige Zeil in den irlandischen Einöden. Seines mühvollen Lebens endlich übcrdrüßig , beschloß er aber noch einen Versuch zur Verbesserung seiner traurigen Lage zu machen. Er reihte die über 360 über Heinrichs VII Negierung mißvergnügten Einwohner von Cornwallis zu einer Empörung. Bald schlössen sich 3000 derselben an ihn an, und er legte sich den Nahmen Richard IV bey. Heinrich VII rückte nun selbst mit einem großen Heere gegen ihn an.. Ganz England schien sich zum Untergänge eines Unglücklichen, der ehemals die Liebe seiner Bewohner iheilte, vereinigen zu wollen. Pcrkin wollte die 7000 braven Leute, die sich unter seiner Fahne versammelt hatten, der überlegnem Menge nicht preis geben. Er zog sich daher in einen heiligen Wald zurück. Seine ° Krieger streckten hierauf das Gewehr. Der Katha- riue Gordon wies Heinrich VII, in dessen Hände sie jcht gcrieth, einen Zahrgchalt, nebst einer an chnlichen Stelle unter den Damen des Hofes, an. Ueberlegsam genug wollte Heinrich den Perkin nicht mit Gewalt aus seinem Hciligthumc herausreißen lassen. Aber er überredete ihn so glücklich, daß er sich ihm übergab. Nun spottete er seiner, als er in London einzog; nun nöthigte er ihn, eine Beschreibung seines Lebenslaufes öffentlich abzulesen; nun verurtheilte er ihn zu Z6l zu einer ewigen Gefangenschaft. Perkin entwischte zwar; er mußte sich aber wieder stellen, und sich in den Tower einsperren lassen. Hierauf machte er, im Einverständnisse mit dem gleichfalls gefangnen Warwik, den Anschlag, den Aufscher des Gefängnisses zu ermorden, um desto sicherer entfliehen zu können; aber dieser Anschlag wurde zu früh entdeckt. Perkin, der seiner guten Eigenschaften wegen ein besseres Schicksal verdient hätte, endigte nun sein Leben am Galgen (1499 Nov.). Auch Warwik wurde hingerichtet. So glücklich unterdrückte Heinrich VII diejenigen, die ihm den Thron streitig machen wollten! Abce er besaß auch das Zutrauen der Nation, welches seine glückliche und friedliche Regierung allerdings verdiente. Man kann im Grunde weiter nichts als seine hartnäckige Feindschaft gegen das Haus York, und seinen Eigennutz, an ihm tadeln. Er erpreßte so viel, und sparte so gut, daß er einen Schatz von 1,800020 Pfund Stcrlingen sammeln konnte. Sein Tod erfolgte im z^sten Zahrc seines Alters (1509 April) an der Auszehrung. Hein- 362 Heinrichs VII ältester Sohn Arthur sollte die Katharine von Aragonicn, Ferdinands des Katholischen Tochter, heyrathcn; der vortreffliche Prinz starb aber, vom Volke geliebt und betrauert, che er diese Heyralh vollziehen konnte. Nun mußte sich sein jüngerer Bruder Heinrich, ein Knabe von 12 Jahren, entschließen, mit der 6 Jahre altern Katharine, deren reiche Mitgift Heinrich VII nicht wieder herausgeben wollte, das Verlöbnis zu fcycrn. Dieser Heinrich wurde jetzt König. Heinrich VIII war, als er die Regierung antrat, 18 Jahre alt. Mit einem schön gebauten, sehr biegsamen Körper, vereinigte er einen muntern, gut gebildeten Geist, aber auch vielen leidenschaftlichen Ungestüm, der den meisten Handlungen seiner Regierung das Gepräge der Sonderbarkeit aufdrückte. Die Vergnügen der Sinnlichkeit hatten für den jungen König einen mächtigen Ncitz. Jeder Beförderer derselben erwarb sich seine Gunst. Dieß benutzte der schlaue Wolscy, um sich zu Heinrichs VIII erstem Minister zu erheben. Wol- s6z Wolsey, der Sohn eines Metzgers von Ipswich, (der Hauptstadt in Snffolk) den die Natur mit hervorstechenden Fähigkeiten ausgerüstet hatte, war Kaplan Heinrichs VII. Der Bischof Fox von Winchester machte den jungen König auf den talentvollen Mann aufmerksam; bald sah er sich aber von demselben verdrängt, weil der 40jährige Geistliche den Licblingsneigungcn Heinrichs VIII sehr glücklich zu schmeicheln wußte. Wolsey wurde Erzbischof von Park; er vereinigte den Besitz von noch mehren: andern Bisthümcrn. Der Pabst machte ihn zum Cardinal. Wolsey unterhielt nun einen Hofstaat von goo Personen, unter welchen sich Ritter und andre Edclleute befanden. Er ließ, wenn er aus- gicng, als Cardinal und Erzbischof, zwcy Krcutze vor sich hertragen. Die übrigen Minister machten ihm endlich alle Platz, so daß er ganz allein regierte. Sein Einfluß auf die übrigen europäischen Händel war daher ziemlich bedeutend. Dieß empfand Franz I. Er hatte in Schottland die Gegenparthey von der Schwester Heinrichs VIII, Margrc- the, Jacobs IV Gemahlin, unterstützt; er hatte, was noch mehr war, dem Wolsey das Bis- zbg. Bisthum zu Tourncy genommen. Dieser beredete daher seinen König, sich mit dem Kaiser Maximilian zu verbinden, und Franz sah bald die Nothwcndigkeit ein, sich Wol- sey's Freundschaft zu erwerben. Der Admi- ral Bonnivet, den er deswegen nach England schickte, hatte viele Mühe, seine Absicht zu erreichen. Heinrichs VIII Tochter Marie wurde an den Dauphin verlobt. Sie sollte Touruay zur Mitgift bekommen. Franz zahlte 600000 Kroncnthaler. Wolsey erhielt, zur Entschädigung wegen des BisthumcS zu Touruay, einen Jahrgchalt von 12000 Livrcs. Ach- Achtes Kapitel. Die Heyden ersten Kriege zwischen Karin v und Franz i. Aränzl brauchte Wolsey's und Heinrichs VIII Freundschaft und Unterstützung wegen des Krieges mit dem Kaiser Karin V. Es kränkte den ehrgeitzigen Franz gar zu sehr/ daß ihm Karl die Ehre der Kaiscrwürde entrissen hatte. Karl V mißgönnte dagegen dem Königs von Frankreich den Besitz des schönen Herzogthums Mayland, auf welches er, als König der Lombarden, ein größeres Recht zu haben glaubte. Franz, der den König Heinrich VIII zur Thcilnahme an dem Kriege in den Niederlanden zu bereden wünschte, lud ihn »u züü zu einer persönlichen Zusammenkunft nach Calais ein. Durch die Nachricht von dieser Zusammenkunft wurde Carl V so beunruhigt, daß er, um die Plane seines Gegners Franz zu vereiteln, auf seiner Reise von Spanien nach den Niederlanden, den Heinrich durch einen Besuch in seinem Lande überraschte. Der eitle Heinrich, der über die Ehre dieses Besuches ganz entzückt war, neigte sich jetzt auf Karls Seite um so bereitwilliger hin. Seine Neigung bestimmte um so leichter sein Minister Wolscy, der zu den zooo Duralen Jahrgchalt, die ihm Karl schon vorher angewiesen hatte, noch 7000 bekam, und dabey mit der Hoffnung zur päbstlwhen Würde geschmeichelt wurde. Die verabredete Zusammenkunst zwischen Heinrich und Franz erfolgt aber dennoch. Der Schauplatz derselben war eine schöne Ebene zwischen Ardrcs und Guines. Der Adel beyder Reiche wetteiferte in der kostbaren Pracht so sehr, daß man diese Gegend das Lager vom Goldstoss zu nennen pflegte. Ritterspiele durften von einer solchen Versammlung nicht ausgeschlossen bleiben. 367 ben. Selbst die Heyden Könige ließen sich in einen Kampf ein. Aber schon ans der Heimreise legre Heinrich bey Karln zu Grevelingen seinen Gegenbesuch ab, und seine Neigung für Karln wurde immer entschiedener. Die feindseligen Gesinnungen, die Karl und Franz gegen einander hegten, äusserten sich immer deutlicher. Franz unterstützte die Söhne des Königs von Navarra heimlich mit Truppen, damit sie sich ihres schlecht vertheidigten Königreiches wieder bemächtigen könnten. Auch stand er dem Robert von der Mark, Fürsten von Bouillon, der, nach der Weise des Mittelalters, seinem Lehnsherrn Karl einem Fchdcbrief zugeschickt hatte, mit Truppen bey. Heinrich VIII und Wolsey suchten zwar den völligen Ausbruch des Krieges durch einen Vergleich zu verhindern, aber Karl V verlangte das schon von seinem Großvater Maximilian völlig abgetretene Burgund wieder zurück. Franz brach hierauf die Unterhandlungen ab. Wolsey begab sich von Calais, dem Orte der Unterhandlungen, nach Brügge, wo er, mit dem Kaiser Z68 ter und dem Pabste, ein gegen Frankreich gerichtetes Vündniß schloß. Karl sollte Heins richs Tochter Marie hcyrathcn. Dagegen wollte England Frankreich mit 40000 Mann angreifen. Wäre der verabredete Plan recht auSge- führt worden, so hätte Franz in große Roth gerathen können. Karl hatte in den Niederlanden, an der Maas, bereits 40000 Mann im marschfertigen Zustande. Er harte noch eine besondere Armee an der Obcrschclde. Aber auf Heinrichs Heer wartete er immer vergebens. Franz that ihm daher nachdrücklichen Widerstand, und da Karls schlecht bezahlte Soldaten sich wieder verliefen, fo blie den ihm zuletzt nicht mehr als 6000 Mann übrig. Hätte ihn nun Franz, wie sein Con- uctablc Bourbon ihm ricth, entschlossen angegriffen, so würde dieser Krieg bald entschieden worden seyn. Aber Franz versäumte diese gute Gelegenheit. Seine Aufmerksamkeit war srcylich hauptsächlich auf Italien gerichtet , wo der Pabst mit Karln V die Verabredung getroffen hatte, das Herzogthum Mayland den Franzosen wieder zu cntreissen, und 369 und dcm Prinzen Franz Marie Sforza als ein Neichslehn znznwenden. ..Franz, dcm es an guten inlandischen Fußvolke fehlte, erneuerte (1521 May) den Subsidien - Vertrag mit den Eidgenossen, die ihm 6000 Söldner zugestanden, welche sich bald bis über 20000 vermehrten. Karl, der gleichfalls brave Schweitzer in Sold zu neh- mcn wünschte, hatte den Verdruss, abgewiesen zu werden. Doch sein Bundesgenosse, der Pabst Leo X, hatte einen beträchtlichen Haufen von Schweitzern in seinem Dienste. Wider diese wollten die Schweitzer, die sich bcy der französischen Armee in Italien befanden, nicht fechten. Die Schweitzer, die bey dcm Heere der Vereinigten dienten, blieben hingegen stehen, weil der Bischof Scheinst' die an sie abgeschickten Dothen ihrer Sbrigkcit bestochen hatte. Lautrec, der Oberbefehlshaber dieser Armee, gerieth darüber in eine so große Verlegenheit, daß er den Feinden Mayland, und fast das ganze Land, überlassen mußte. Die Freude, die Leo X darüber empfand, zog ihm (1521 Dec.) ein tätliches Fieber zu. Eallttti Wcltg. sr Tb. A a Mit 2?o Mit dem Tode des Pabstes hörten auch die Zuflüsse in die Kriegskasse der Vereinigten auf. Manche Truppen wurden nun ab^ gedankt. Venedig, welches schon wankte, blieb der Verbindung mit Frankreich treu» Die Schweitzer, die sich über Scheincrs Betrug ärgerten, schlössen sich an Frankreich zetzt um so fester an. Franz benutze diese für ihn günstigen Umstände abermals nicht. Er dachte zu bald an den Frieden. Karl gewann dadurch Zeit. Karl gewann besonders Zeit, seinen alten Lehrer, und nachmah- lichen Minister, Adrian, (^512 Jan.) auf den pabsilichen Thron erheben zu lassen. Das Volk der Stadt Rom schimpfte auf den unbekannten Ultramontaner oder Nichtitalicncr. Und doch zeigte Adrian VI während seiner kurzen Negierung sich als einen so eifrigen Freund des Friedens und Rechtes, und doch glaubte er (was wenige Pabste glaubten), daß fein Reich nicht von dieser Welt wäre. Adrian gab zur Fortsetzung des Krieges kein Geld her. Prosper Colonna, der alte Obergeneral der Vereinigten wollte daher die Truppen schon auseinander gehen lasscm Ml» Lau- 37^ Lautrec, der nun wieder ein Heer, und bes sonders ein ansehnliches Corps von Schweis Hern hatte, befand sich in einer vorthcils tcn Lage, wenn der rachsüchtige maylandis sche Kanzler Morone nicht Mittel gefunden hätte, den Geldwagen, die Lautrec ans Franks reich erwartete, den Weg zu versperren; oder wenn, wie andre erzählen, die königliche Mutter Luise das für die Armee bestimmte Geld nicht zu eignen Händen genommen Härte 5). Die ungestümen Schweitzer vers langten aber ihren Sold, oder ein Treffen. Lautrec mußte sich daher ( 1522 April) ents schließen, die Spanier, die sich bcy Bicocco, einem nicht weit von Manland entfernten Dorfe verschanzt hatten, anzugreifen. Allein die Spanier hatten vieles Ges schütz. Von den anrückenden Schweitzern wurden schon in der Ferne ganze Reihen nies dcrgcschossen. Ihre voranzichenden Befehlss Haber fielen sammtlich von den Kugeln der spanischen Scharfschützen durchbohrt. Der traurige Ueberrcst der Schweitzer gieng nach Aa 2 Hause. *) Der Finanzminister Seinblarxy kam darüber an dcn Galgen. Z?2 Hause. Lautrec besetzte, so viel er konnte, und zog sich gleichfalls nach Frankreich zurück. Zn kurzer Zeil war ganz Mayland für Franzi vcrlohrcn. Die ausgebliebenen Gcldwagcn waren aber an diesem Unglück nicht allein Sckuld. Lautrec machte manchen Fehler. Diesen durfte ihm aber Franz, der Liebhaber seiner Schwester, nicht sehr hoch anrechnen. Das den Franzosen abgenommene Herzog- thum Moyland wurde nun zwar, der getroffenen Verabredung gemäß, dem Prinzen Franz Sforza, zuerkannt; er stellte aber eigentlich nur den Statthalter des Kaisers vor. Dieser verlangte für die aufgewendeten Kricgskosten eine Entschädigung von i2uooo Nach Neapel. Dieses wurde jetzt von Lautree eifrig belagert. Aber die Kaiserlichen vertheidigtcn die Stadt so standhaft, daß vier Monathe verflossen, ohne daß die Franzosen ihre Absicht erreichten. Indessen erzeugte die schreckliche Sommerhitze, erzeugte der heiße Sei- rocco, der z Wochen nach einander anhielt, im Lager der Franzosen ansteckende Krankheiten , welche ihre Anzahl gewaltig verminderten. Franz schien sein irrapolitanischeS Heer vergessen zu haben. Dieses schmolz (Aug.) bis auf 8ovo dienstfähige Leute zusammen. Wahrend daß nun Lautrec der baldigen Ucbergabe von Neapel mit kummervoller Sehnsucht entgegen sah, erschien ganz unvcrmuthet der Genucser Andreas Doria, den die französischen Minister durch ihre Krankungen zur Nothwehre und Rache gereiht hatten, mit einer Flotte vor Neapel, EMtti WM. ?r Th. Cc und 402 sind versorgte die ausgehungerten Kaiserlichen mit neuen Lebensmitteln. Damit verschwand nun der letzte Strahl von Hoffnung für die Franzosen, die indessen (am 15. Aug.) auch ihren Obergeueral Lautrcc verlohrcn hatten. Der armselige Ueberrest derselben zog sich nun nach Aversa, wo sie der Gefangenschaft endlich nicht mehr ausweichen konnten. Ein solches trauriges Ende nahm der französische Zug nach Neapel- Karls Bruder, der König Ferdinand, gab sich Mühe, den Freundsberg zu bereden, daß er abermahls nach Italien ziehen möchte;' es fehlte diesem aber eben sowohl an Gesundheit , als an Geld; auch endigte er noch in diesem Jahre sein durch manchen Beweis von H-ldenmuth und Kricgsklugheic ausgezeichnetes Leben. Anstatt seiner führten der Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig, und Marcus Sittig, ein Heer von i2Oao Mann Fußvolk, und 2500 Reitern, nach Italien. Von diesen wurden aber von der Pest, die den dritten Theil aller Bewohner Italiens wegraffte, viele getödtet; die übrigen verliefen sich wieder, weil man ihnen ihren 40 z ihren Sold nicht auszahlte. Der Herzog Heinrich schlich sich, nur von einem einzigen Diener begleitet, nach Deutschland zurück. Indessen rückte ein neues französisches Heer, das der Graf von St. Pol anführte, über die Alpen herüber; Leyva, der Oberg« ncral der Kaiserlichen im Maylanbischen, lhat demselben aber so glücklich Widerstand, das; auch dieses Heer seinen Untergang fand. St. Pol gcricth selbst in die Gefangenschaft. Da nun Heinrich VIII durch Angelegenheiten, die ihn naher angiengen, von der Theil- nähme an diesem Kriege ganz abgezogen wurde, so sehnte sich der durch so manche Unglücksfalle erschütterte Franz I um so lebhafter nach dem Ende desselben. Auch für Karln machte der Mangel an Geld, und das Vordringen der Türken, den Frieden mit Frankreich wünschenswcrth. Zwey Damen, Karls V Tante Margrethe, verwitt- wete Herzogin von Oestrcich, und Franzens Mutter, Luise, erwarben sich das Verdienst, die beydcn Monarchen zu Cambray (1529 am ;tcn Aug.) mit einander auszusöhnen. Man nennte diesen Vergleich deswegen den E e s Damen- 4O4 Damenfrieden. Franz versprach seine bey- den in Karls Gefangenschaft befindlichen Söhne mit 2 Millionen Kronenthalern auszulösen , und allen seinen Ansprüchen auf Flandern, Artois und Italien zu entsagen» Er versprach Karls Schwester Eleonora zu heyralhen. Schon vorher (20» Inn.) hatte Karl mit Clemens VII zu Barcelona sich verglichen» - Karl zog nun selbst mit 10000 Mann nach Italien. Er landete (12. Aug.) in Genua, welches durch den Bona von der französischen Herrschast befreist worden war» Dem Retter des Vaterlandes, Doria, trugen die dankbaren Genucser die Regierung ihres Staates auf! aber der edle Mann, der sich durch das Bcwußtseun, die Frcuheit seines Vaterlandes wieder hergestellt zu ha- hcn, schon glücklich genug fühlte, entsagte der Ehre, dessen Regent zu seyn, und half dagegen die nachmahlige rcpublicauische Verfassung desselben bilden. Von Genua begab sich Karl V nach Bologna, wo er dem Pabst, den er vorher so gcdcmüthigt hatte, die Füße küßte. Dieser setzte ihm dafür (iin Februar) ' Zwei» 4o; zwey Kronen auf, die italienische und die kaiserliche. Karl V bestimmte damahls das Schicksal der italienischen Staate». DaS Herzogthum Mayland überließ er dem Prinzen Franz Sforza, der dafür 900000 Duca- ten, und zwar 400000 im ersten Jahre, bezahlen mußte. Venedig mußte seine Eroberungen in Mayland und Neapel nichr nur wieder herausgeben, fondern auch, alter Forderungen des Kaisers wegen, zoovoO Ducas ten bezahlen. Der kluge Herzog von Ferra- ra behielt fein Land. Der bisherige Markgraf von Mantua wurde mit dem Titel eines Herzogs geziert. Die Städte Siena und Lucca blieben bey ihrer republikanischen Verfassung ; Parma und Piaeenza durste der Pabst, und Urbino ein Neffe des Pabstes Julius II, behalten. Dem Herzoge von Savoyen wurde die Grafschaft Asti zu Theil. Florenz sollte die Herrschaft des Hauses Me- dici von neuem anerkennen. Die republikanischen Hitzköpfe glaubten ihre Frcyheit behaupten zu können. Nun würde die Stadt von der kaiserlichen Armee belagert. Der Obergencral derselben, der Prinz von Oralsten büßte zwar sein Leben ein; aber die Stadt 406 Stadt mußte sich (i)Zo August) ergeben. Noch eine kurze Zeit ließ ihr Clemens VII einen Schein von republikanischer Verfassung. Bald mußten aber die Florentiner, dem Ausspruche des Kaisers zu folge, den Alexander von Medici, den man für einen unehelichen Sohn Clemens VII, oder eines andern Mes dtceers hielt, und der des Kaisers uneheliche Tochter Margrethc heyrathcte, als ihren Herzog anerkennen. 4O? Neuntes Kapitel. Die deichen letzten Kriege zwischen Karln v und Franz I. Karls V Unternehmungen gegen Tunis und Algier- ^cn Frieden mit Frankreich benutzte Karl V zu einer Unternehmung gegen den afrikanischen Freystaat Tunis. Von dem ehemals so ausgebreiteten Staate der Almohadcn im nördlichen Afrika *) hatte sich, ausser Spanien, auch noch manche andre Provinz losgerissen, und in einen eignen Staat verwandelt. Sie selbst wurden durch eine andre Ncgentcnfamilic, die sich der Reiche Fez und Marocco bemächtigte, verdrängt. Tunis wurde (1206) durch den mohrischen Statthalter Abdolvahed in einen eignen Staat umge- Th'eil vii, S. -9z. 408 umgcschaffen.' Zu den Nachkommen desselben gehörte Mahmed, Her einen der jüngsten von seinen Z4 Söhnen, den Hassan, zu seinem Nachfolger ernennte. Dieser war so undankbar, seinen Vater zu vergiften, damit er feine Anordnung nicht wieder bereuen könnte- Auch ermordete er so viele von seinen Vrüe dern, als er in seine. Gewalt bekommen konnte- Einer der äitern unter denselben, Alraschid, flüchtete nach Algier. Algier, ehedem eine Provinz des Reiches Telmcsa», welches gleichfalls zum Gebicthe der Almoha- den gehört hatte, war (um 1500) in viele kleine Staaten zerfallen, unter welchen die von Telmcsan und Budscha sich auszeichneten. Diesen war selbst der kleine Staat von Algier zinsbar. Dieser konnte sich aber der Nolhwendigkcit, den Königen )wn Spanien Tribu. zu entrichten, nicht entziehen. Gegen die Spanier in Oran rief nun das Oberhaupt der Negierung zu Algier den berühmten Barbarossa zum Veystande herbei). Barbarossa (so nennten ihn die Italiener Wegen seines rothen Bartes) hieß eigentlich Aruk, und war der Sohn eines Renegaten (das 4O? (das heißt eines zum mohamedanischen Glauben übcrgegangnen Christen) von der Insel Mutilcne. Er und sein Bruder Hanradin hatten als kühne Seeräuber-so viel Glück, daß sie eine Flotte, von 12^ Galeeren, und andern kleinern Schissen, zusammen bringen konnten. Aruk sollte dem Oberhaupts von Algier, der Sclim hieß, eine spanische Schanze unweit Qran erobern helfen. Er kam mit 5000 Mann. W»e sehr bcrcuete es aber Sclim, daß er .auf den Seeräuber - Admiral sein Vertrauen gesetzt hatte! Aruk bemächtigte sich der Stadt Algier, und der Regierung. Sclim wurde von ihm mir eigner Hand im Bade ermordet. Selims schöne Gemahlin Zafira weigerte sich so. standhaft, seine Hand anzunehmen, daß sie sich lieber vergiftete. Ihr Sohn suchte bei) den Spaniern zu Oran seine Zuflucht. Die Algierer wollten sich nun den Spaniern unterwerfen, und Aruks Türken ermorden; der Anschlag wurde aber entdeckt. Aruk ließ nun viele Algierer niedermachen, und von den übrigen sich große Geldsummen, geben. Eine spanische Flotte, die ihnen (1517) Hülfe brin- sollte, vernichtete ein heftiger Sturm. Auch das 4io das Oberhaupt der Republik Tunis machte einen unglücklichen Versuch, Algier zu retten. Er kam mit 17000 Reitern, die kein Feuorgewchr hatten. Aruk schlug ihn mit IOOO Türkon, jagte ihn in sein Gebirge, und bemächtigte sich der Stadt Tunis. Aruks Kriegsglück machte auf das benachbarte Tel- mcsan einen so erschütternden Eindruck, daß ih.m die Bürger der Hauptstadt unaufgefordert den Kopf ihres Regenten schickten. Da Aruk seine Macht auf der nordlichen Küste von Afrika immer weiter ausbreitete; da seine Scerauberschiffc die spanischen und italienischen Küsten beunruhigten; so gab Karl V seinem Statthalter von Oran den Befehl, den Unternehmungen desselben Schranken zu setzen. Dieser schloß ihn in Telmc- san ein. Aruk suchte nach Algier zu flüchten; er wurde aber, des ausgestreuten Goldes und Silbers ungeachtet, bey dem Ueber- setzcn über einen Fluß, eingeholt und niedergehauen. Aruk hatte seinen Bruder Hayradin (Scheredin) zum Nachfolger. Dieser blieb von 4lr pon Karls V Kriegsmacht unangefochten, weil diese mit andern Unternehmungen beschäffrigt war. Dennoch ergab er sich (1520) dem Schutze des Großsulrans, der ihn zum Ober» bcfehlshabcr über seine Flotte ernennte, und ihm 2000 Ianitscharcn schickte, die durch allerlei) Leute bald zu einem furchtbaren Corps anwuchsen. An ihn wendete sich nun al Raschid. Hayradin, auf dessen Veystand Alraschid vertraute, hintcrgicng ihn. Er nahm ihn mit nach Consiantinopcl, um, wie er ihm vorsagte, eine große Armee und Flotte für ihn ausrüsten zu lassen. Aber diese Flotte und diese Armee war nicht für ihn ^bestimmt. Er wurde, als er zu Schiffe gehen wollte, in Vcrhaft genommen. Hapradin stellte sich indessen, als wenn er das Reich von Tunis für ihn erobern wollte. Seine List beförderte die Unternehmung, weil Raschid von den Einwohnern von Tunis geliebt wurde. Hapradin unterwarf Tunis dem Großsultan, und erklärte sich für den Vicekönig desselben. Seine Macht stieg jetzt immer höher, und seine Seeräubereyen wurde» immer unerträglicher 412, , licher. Karl V, dessen Aufmerksamkeit er schon ohncdicß bcschäfftigte, wurde von Mutet) Hassau um Hülfe gcöethe». Karl V fetzte (15z? Jul.) mit einem ansehnlichen Heere auf 500 Schissen, von Cagliari der Hauptstadt Sardiniens, nach Afrika über. Seine Truppen erstürmten die mit 6aoo ausgesuchten Leuten desetzte Festung Golette, durch die ihm die Flotte und das Zeughaus des Hayradins in die Hände fiel. In dem letzter» befanden sich allein auf zoo Kanonen. Hapradin rückte hierauf mit 5OOOÄ Man« gegen den Kaiser an; aber er wurde geschlagen. Indessen hatten roooo Ehristcnseiaven in Tunis ihre Fesseln zerbrochen, und die türkische Besatzung der Stadt überwältigt. Jetzt überschickten sie dem Kaiser die Schlüssel der Sladtthorc. Dessen Soldaten drangen nun sogleich in die Stadt, und plünderten und mordeten ohne aufzuhören. Auf zoooo von den unglücklichen Einwohnern von Tunis wurden von Karls Soldaten nicdergesabelt. Diese christlichen Barbaren vernichteten zugleich viele arabische Bücher, unter denen gewiß manche für die Ge- Geschichte von Nvrdafrika seh? wichtig waren. Der Kaiser setzte den Mute:) Hassan wieder zum Regenten von Tunis ein; doch mußte er die Anerkennung seiner Oberherr- schast versprechen; er mußte ihm, ausser Go- lette, noch seine übrigen befestigten Sceha- fen einräumen, und einen jährlichen Tribut angelaöem Karls V Entfernung von Europa crmnn- terte den König Franz , den Krieg gegen denselben zu erneuern-' In dieser Absicht be- mühets er sich, den Herzog Franz von Moyland auf seine Seite zu ziehen. Er schickte deswegen (15Z5) den Merville, einen may- ländischen Edelmann, der sich in Paris niedergelassen hchte, als Gesandten nach Mailand. Allein Karl, der diese Unterhandlungen erfuhr, oder nur blos wuthmaßte, schrieb dem Herzog einen drohenden Brief, der ihn abhielt, mit Frankreich sich in eine Verbindung einzulassen, und der Herzog scheute sich nicht, des Königs Franz Feindschaft sich zuzuziehen. Merville erstach im Zorne einen von des Herzogs Bedienten. Der Herzog glaubte sich deswegen berechtigt, ihm den Kopf 4»4 Äopf abschlagen zu lassen. Der hierüber äusserst aufgebrachte Franz ließ hierauf seine Armee nach Italien ziehen. Diese nahm bey dieser Gelegenheit das Land des Her« zogs von Savoyen, der, als ein Freund des Kaisers, ihm den Durchmarsch verweigerte, in Besitz. Franz glaubte > wegen seiner Mutter, Luise von Savoyen, es sogar behalten zn können. Die damahligc bedrängte Lage des Herzogs von Savoyen benutzten die beydeU Schveitzercantosie Bern und Zürich, so wie die Stadt Genf, zu ihrem Vortheile. Genf entzog sich der sa- voyischen Oberherrschaft, und Zürich Und Bern vergrößerten, auf Kosten von Savoyen, ihr Gebieth. Indessen starb (24. Oct.) der Herzog von Maylaud. Franz versäumte die günstige Gelegenheit, des Landes desselben sich Zu bemächtigen. Karl V nahm es daher als ein erledigtes Ncichslchn in Besitz, und suchte den König Franz, der sich um dasselbe bewarb, durch Unterhandlungen hinzuhalten. Franz verlangte das Herzvgthum für seinen jweyten Sohn Heinrich, seinen Liebling; Karl 415 Karl wollte es aber nur dem dritten, der Karl hieß, zugestehen. Auch machte er noch andre lastige Bedingungen. K'arl V, der sich mit Franz I nicht vergleichen konnte oder wollte , beschloß hierauf seinen Gegner abermahls in seinem eignen Lande anzugreifen. Den Weg hierzu bahnte er sich durch den Besitz des Herzogthums Savoycn, den ihm (1556) die Vcrrathcrcy des französischen Generals, des Marquis von Saluzzo, verschaffte. Franz und sein kluger Obergeueral der Marschall von Montmorency, setzten der Gefahr, mit welcher Frankreich bedrohet wurde, die wirksamsten Anstalten entgegen. Sie versahen die Oerter, die sich vertheidigcn konnten, mit Garnisonen, verwüsteten die ganze Gegend, durch welche Karl seinen Zug vornehmen mußte, und zogen bey Aviguon alle Truppen zusammen, die in ihrer Gewalt standen. Karl rückte mit 50000 Mann in die Provence ein. Aber seine Flotte, die ihm die meisten Bedürfnisse zuführte, wurde durch widrige Winde, und andre Zufälle, zurück« gehal- 4l6 gehalten. Der Mangel an Lebensmitteln wurde daher immer dringender. Er vcrbrci- tete unter dem Heere ansteckende Kraukhei- ten, welche viele Sfficicre, und die Hälfte der Soldaten, ins Grab stürzten. Unter solchen Umständen konnten auch die Kriegs? Unternehmungen keinen glücklichen Fortgang haben; Marseille und Arles wurde vergeblich belagert. Franz und Montmorcncy hatten ihre verschiedenen Heere nun vereinigt; der Nucken der kaiserlichen Armee wurde von den leichten französischen Truppen, zu welchen sich die Bauern gesellten, lebhaft beunruhiget. Der Zustand der kaiserlichen Armee wurde immer trauriger; die Wege waren mit Leichen, mit Waffen, mit Gepäcks angefüllt. Karl V mußte Frankreich wieder verlassen. Ein andres Heer desselben, welches in die Picardie eingedrungen war, wurde von dem tapfern Adel zurückgetrieben. Nun erwachte der angebohrne Stolz der Franzosen. Das Parlament zu Paris erdreistete sich, (1537) den Kaiser, unter dem Nahmen Karls von Ocstrcich, vor seine Schranken zu fordern, weil er den Frieden zn 417 zn Cambray gebrochen hätte; es erdreistete sich, ihm als einem widerspenstigen Basallen, den Besitz der Provinzen Flandern und Ar- tois abzusprechen, und Franz eröffnete (März) nun den Fcidzug in den Niederlanden. Dieser brachte ihm aber keinen Vorthcil, weil die Niederländer die Städte, die er besetzt hatte, wieder eroberten, und der Krieg in den Niederlanden wurde durch einen zehn- monathlichen Waffenstillstand geendigt, den die Königinnen von Frankreich und Ungern beförderten. Die Aufmerksamkeit des Königs Franz war jetzt vorzüglich auf Italien, auf das Herzogthum Maylaud > gerichtet. Dieses Herzogthum wollte Franz durchaus an seine Familie bringen. Er entschloß sich, um der Macht des Kaisers desto mehr gewachsen zN scpn, sogar zu einer Verbindung mit dem türkischen Großsultan Solimaun II. Nun erschien Hayradin, dessen Oberadmiral, an der Küste von Neapel; er landete bey Ta- rento, bemächtigte sich der Stadt Castro, und plünderte die umliegende Gegend; der Ge- "Mllktti Wcltg. sr Th. Dd nueser 418 nucser Doria nöthigte ihn aber wieder zum Abzüge. Da aber die Deutschen von den Türken in Ugcrn besiegt wurden, so neigte sich Karl V um so eher zu einem Wassens stillstand hin, und diesen vermittelte der Pabst, den Frankreichs Verbindung mit dein Erzfeinde der Christenheit innigst krankte. Er wurde zu Nizza auf ro Jahre geschlossen. Jeder Thcil sollte seine Eroberungen bis zum vollkommncn Frieden behalten. Karl V nahm wahrend des Waffenstillstandes mit Frankreich (1541) abermals einen Zug nach der Küste von Afrika vor. Hasec» Aga, ein verschnittener Renegat, der sich vom gemeinen Corsaren bis zum Statthalter von Algier emporgeschwungen hatte, beunruhigte die spanischen und neapolitanischen Küsten, so wie die Schiffahrt auf dem mittelländischen Meere, äusserst lebhaft. Karl beschloß deswegen Algier zu erobern. Sein Heer, mit welchem er (1541) nach Afrika übersetzte, bestand aus zoooo der ausgesuchtesten Kriegsleute. Er griff sogleich Algier selbst an. Aber am zwepten Tage nach der Law 4i9 Landung (28 Ott.) wurde Karls Flotte von einem schrecklichen Sturme überfallen. Die Soldaten konnten nun ihre Zelten nicht ans Land bringen. Sie fühlten den Mangel den selben um so lebhafter, da ein heftiger Regen den Boden, auf dem sie standen, in einen solchen Morast verwandelte, daß sie kaum stehen konnten. Durch die Nasse wurden auch ihre Waffen unbrauchbar gemacht. Um so leichter war es für die Algierer, die einen Ausfall thatcn, eine große Anzahl der Kaiserlichen zu lödtcn. Am Morgen, der auf dieses unglückliche Gefecht folgte, erblickte Karl seine Flotte in den traurigsten Umstanden. Sie hatte 15 Kriegsschiffe, 140 andre Fahrzeuge, und 8000 Mann verkohlen. Viele von denen, die sich an die Küste retten wollten, wurden von den herumstreifenden Arabern niedergemacht. Die übrigen retteten sich nach dem Vorgebirge Me- tafuz. Dieses war von Karls Lager nicht weiter als z Tagemarsche entfernt, und dennoch kostete es ihm viele Gefahr und Mühe, dasselbe zu erreichen. Hier schiffte sich Karl mit dem traurigen Ucberrcste seines schönen Heeres 420 Heeres ein; aber durch einen neuen Sturiy wurden die Schiffe, die ihn nach Spanien zurückbringen sollten, so zerstreut, daß sie nur einzeln in den nächsten spanischen und italienischen Hafen anlandeten. Niemand empfand über Karls unglückli- che Unternehmung gegen Algier gewiß eine lebhaftere Freude, als Franz I, der zur Feindschaft gegen Karln V erst neulich wieder eine neue Ursache bekommen hatte. Franz wollte auch Venedig zur Theilnahme an seiner Verbindung mit Soliman II bewegen. Ein gewiffer Nincon, der schon in Constan- tinopel gewesen war, sollte, begleitet von Frcgvfo, einem verbannten Genucscr, den Franz zum Gesandten nach Venedig bestimmt hatte, die Sache einleiten helfen. Allein der Statthalter von Mapland, der Marquis del Guasto, der ihre Absicht erfuhr, ließ ihnen, als sie den Po hinabführen, durch einige Soldaten aufpassen, die sie, nebst den meisten Personen von ihrem Gefolge, ermordeten, und sich ihrer Papiere bcmach« tigten. Franz fühlte sich wegen des Schickst fals seiner Gesandten, wegen dieser unerhörten Verletzung des Völkerrechtes, von der lebhaftesten Rucke beseelt. Noch nie Hütte er zum Kriege gegen Karln V größere Zurüstun- gen gemacht. Mit fünf Armeen rückte er (154z) zugleich ins Feld. Eine zeigte sich an den Gränzen von Spanien; die andre trat in Piemont ans, und die drcy übrigen rückten gegen die Niederlande an. Mit allen diesen 5 Heeren richtete Franz aber nichts aus. Karl V hatte jetzt an Heinrich VIII einen Bundesgenossen, der ihn nach- drücklicher als sonst unterstützte, weil er sich an Franz, wegen seiner Theilnahme an den schottischen Händeln, zu rächen wünschte. Er schickte dem Kaiser 6ooo Mann Hülfs- truppcn. Diese gesellte Karl dem Heere bey, durch welches er Landrccy belagern liest. Franz rückte zur Entsetzung derselben mit einer großen Armee hcrbey. Karl sührte das Heer, welches die Belagerung deckte, selbst an. Der Boden der umliegenden Gegend war so beschaffen, daß keiner der bepdcn Thcile einen Angriff wagen durfte. Indessen glückte es dem König Franz, die Festung mit 422, mit einem neuen Vorrath von Lebensmitteln zu versehe!». Karl gab nun die Hoffnung, Landrccy zu erobern, und die Belagerung desselben, auf. Die Verbindung des Königes Franz mit dem Großsnltan Soliman zeigte sich jetzt für Karln V ziemlich nachtheilig. Wahrend daß die Türken in Ungern immer weiter vordrangen, stieß die türkische Flotte, die Hayra- diu Barbarossa anführte, zu der französischen, und belagerte, in Verbindung mit derselben, die Stadt Nizza, den einzigen Zufluchtsort des Herzogs von Savoyen; die Annäherung der genuesischen Flotte unter Doria, während daß die kaiserliche Armee zu Lande anrückte, bewirkte aber dqs Ende der Belagerung. Im folgenden Jahre (1544) wurde der Krieg in Italien sehr lebhaft eröffnet. Der Oberanführcr der französischen Armee, En- ghien, ein junger, tapferer und entschlossener General, eröffnete den Fsldzug mit der Belagerung der piemontesischen Festung, Ca- rig- 42Z rignan. Del Guasto wollte sie entsetzen. Seine Annäherung war dem Eughien um so unangenehmer, je mehr Carignan sich in dem Zustande befand, sich nächstens ergeben zu müssen. Er wünschte daher dem Guasto eine Schlacht zu liefern; aber der Hof hatte es ihm untersagt. Voll der ungeduldigsten Erwartung schickte er eiligst den Montluc nach Paris. Alle Minister sprachen gegen die Schlacht; Montluc aber überzeugte den König, daß sie eben so nöthig, als vor- thcilhaft sey. Franz springt vom Stuhle auf, und sagt mit gen Himmel gehobenen Händen: „nun so gehe denn wieder nach Piemont, und schlage in Gottes Nahmen!" Alle muthigcn Edcllcute Frankreichs begaben sich nun als Frcywillige zur Armee. Auf einer großen Ebene bcy dem Dorfe Ccriso- lcs erfolgte hierauf (am 14. April) eine der merkwürdigsten Schlachten. Die Kaiserlichen hatten loooo Mann Fußvolk mehr, als die Franzosen; aber die im Diensie der letztem befindlichen Schweitzer entschieden den Sieg. Auf 10000 Kaiserliche wurden gctödtet; sehr viele geriethcn in die Gefangenschaft der Frau- 424 Franzvsen, denen das ganze Lager, nebst dem Gepackc und der Artillerie, zu Theil wurde. Die Franzosen konnten aber ihren Sieg in Italien nicht benutzen, weil sie zur Vcr- theidigung ihres eignen Landes zurückeilen mußrcn. Der Kaiser rückte mit 50000 Maim in Champagne ein, und belagerte endlich St. Visier, eine sehr wichtige Festung an der Marne. Heinrich VIII, der in den Kaiser drang, er mochte sogleich gegen Paris anrücken, schloß die Seestadt Boulogne ein, und ließ durch den Herzog von Norfolk Montreuil angreifen. Allein der Dauphin, dem sein Vater ein zahlreiches Heer übergeben hatte, schaffte, ein Treffen sehr weise vermeidend, aus der Gegend, wo die Feinde standen, alle Lebensmittel weg, und schnitt ihnen die Zuführe ab. Da sich nun St. Visier lange wehrte, so gericth der Kaiser in eine große Verlegenheit. Endlich kam St. Disier durch eine List des Ministers Granvella, der den Cvm- maudanten durch einen untergeschobenen Brief hin- hintcrgieng, in die Gewalt des Kaisers. Der Dauphin hätte dem Kaiser noch einen glücklichem Widerstand entgegensetzen können, wenn er durch die List einer eifersüchtigen Maitrcsse nicht daran verhindert worden wäre. Die Geliebte seines VatcrS> d' Etam- pcs, haßte seine Maitrcsse, die Diana von Poiticrs, so leidenschaftlich, daß sie, um des Dauphins Unternehmungen zu vereiteln, den Kaiserlichen die französischen Magazine verricth. Karl rückte hierauf gegen Paris an. Heinrich VIII sollte, seinem Wunsch gemäß, eben diesen Weg nehmen. Noch war Karl nur zwey Meilen von Paris entfernt. Frankreichs Hauptstadt gerieth in die lebhafteste Bestürzung. Allein der Dauphin schickte ihr nicht nur eine Hülfe yon 8000 Man», sondern beschleunigte auch seinen Marsch so sehr, daß er seine Stellung zwischen der Stadt und der kaiserlichen Armee einnehmen konnte. Karl zog sich hierauf mit seinen sehr verminderten und entkräfteten Truppen nach Soissons zurück. Da sich nun Heinrich VIII nicht dazu verstehen 426 flehen wollte, die Belagerungen von Voulogne und Montrcuil aufzugeben, und zu ihm zu stoßen, so schloß Karl (1544 Sept.) zu Crcpi im Bezirke von Laons mit seinen Gegner Frieden. Jeder Theil sollte das, was er erobert hatte, wieder herausgeben, und seinen gegenseitigen Ansprüchen entsagen. Karl V erklärte sich endlich bereit, dem Prinzen Karl das Hcrzögthnm Moyland zu geben. Aber auch dieser starb (1545 Sept.). Er soll eben so, wie sein altrer Bruder Franz, auf Veranstaltung der kaiserlichen Parthey, vergiftet worden scyn. Allein der Dauphin Franz trank gleich darauf, nachdem er sich bcym Ballschlagcn sehr erhitzt hatte, ein Glas kaltes Wasser. Dies war vielleicht richtiger die Ursache seines schleunigen Todes, als eine Vergiftung.