Brief an einen Freund über daS Ansehen, den Zweck und die Wirkungen des Christenthums, und vornehmlich über die Lehre von der Erlösung. Non Joseph Johann Gurnex. „DaS ist je gewißlich wahr und ein theuer wertbe« Wort, daß Christus ZesuS gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen." tTim.I,t5. Düsselthal, gedruckt in der Rettungs-Anstalt. 1841. Anzeige. Den ersten Anlaß, nachstehenden Brief zu schreiben, gab mir ein Freund, der mich ersuchte, eine Reihe von Bibclstellen über den so wichtigen und interessanten Gegenstand — der christlichen Lehre von der Erlösung — für ihn zusammenzustellen. Der Brief wurde Bekannten mitgetheilt, und da er sich an einigen Personen nützlich erwies, so finde ich mich bewogen, denselben in verbesserter Form zn veröffentlichen; in der Hoffnung, daß Andere, die einer derartigen Unterweisung bedürfen, durch Gottes Segen, den gleichen Gewinn daraus ziehen möchten. t« B i i es, u. s. w. Theurer Freund! Die Barmherzigkeit Gottes in Jesu Christo ist ei» Gegenstand, den ich seit langer Zeit gewohnt bin, als einen solchen anzusehen, der an wahrer Bedeutung und Wichtigkeit alle andern übertrifft. Je mehr ich sowohl mit der vollkommenen Reinheit eines allgegenwärtigen Gottes, als auch mit der Verdorbenheit meines eigenen Herzens bekannt werde, desto mehr freue ich mich der Zuflchcrnng, daß sür Mittel gesorgt ist, vermöge deren die Flecken meiner Sünden abgewaschcn werden können, und durch deren treuen Gebranch ich hoffen darf, von dem Urheber aller wahren Glückseligkeit in Gnaden angenommen zu werden. Auch kann es nicht befremden, wenn ich um Andere, die ich liebe, ernstlich, ja schmerzlich bekümmert bin, daß auch sie den Weg entdecken möchten, worauf sie dem zukünftigen Zorne entrinnen können und es anerkennen, daß Jesus Christus, der Herr der Herrlichkeit, die Versöhnung für ihre Sünden, ihre Auferstehung und ihr Leben sey. Von diesen Gefühlen beseelt kann ich es nur für ein Glück achten, über die große Lehre von der Erlösung eine möglichst beste und schriftmäßige Belehrung geben zu dürfen, und innig soll es mich freuen, einem Freunde, den ich so aufrichtig hochschätze, bei seinen ernsten Nachforschungen über diesen Grundartikcl des christlichen Glaubens be- hülflich zu seyn. Da es mir indessen nicht entgehen kann, wie nutzlos ein Versuch wäre, ein Gebäude aufzuführen, ohne vorher den Grund gelegt zu haben, so nehme ich mir die Freiheit, vor Allem zwei oder drei Sätze vorauszuschicken, von welchen die Haltbarkeit meiner künftigen Bemerkungen abhängen wird; es kann jedoch meine Absicht «nicht seyn, mich auf ausführliche Beweisgründe einzulassen. Voran stehe die Bemerkung, daß das Christenthum anzusehen ist, nicht als eine von Menschen erfundene Sittenlehre, sondern als eine der Menschheit von dem Sch öpfer selb st geoffenbarte, auf seinen Befehl und mit seiner Vollmacht zur öffentlichen Kennt, 7 niß gebrachte Religion. In Rücksicht auf diesen ersten Satz liegen einige besondere Beweise vor, die wir nicht ganz übergehen können. 1. Daß die Hauptschriften, woraus das Neue Testament besteht, ächt sind, daß sie in dem apostolischen Zeitalter und von den Männern verfaßt worden sind, deren Namen sie an sich tragen, ist eine Wahrheit, für die mehr und mannigfaltigere Beweise vorhanden sind, als wohl je für einen ähnlichen Gegenstand vorgebracht wurden. Hier lassen sich anführen: zuerst eine Menge christlicher Schriftsteller vom ersten Jahrhundert abwärts, welche Stellen aus den verschiedenen Theilen des heiligen Buches angeführt haben; zweitens viele Canones, oder Verzeichnisse der Bücher des Neuen Testaments *) und Erklärungen einzelner Theile, die *) Eine dieser Listen giebt Eusebius, der gelehrte Bischof von Eäsarea, der zu Anfang des vierten Jahrhunderts blühte. Indem er von den Blüthen de« Neuen Testaments spricht, zeigt er uns, daß die vier'Evangelien, die Apostelgeschichte, die Briefe Pauli und die ersten Briefe ZohanniS und Petri (d. h. ungefähr sieben Achtel der ganzen Sammlung) allgemein als ächt anerkannt seyen; und daß nur den Briefen Zacvbi und Zudä, dem zweiten Brief Petri, dem zweiten und dritten Brief und der Offenbarung ZohanniS von Einigen widersprochen werde. Uielor. veol. Iit>. III. caz,. IV. Obgleich die obigen Beweise die größte Kraft für jenen großer» Theil des Testamentes haben, welchen EusebiuS in die erste von beiden Klaffen gestellt hat, so find sie doch auch in weitem Umfaug 3 zu verschiedenen Zeiten, im Laufe des zweiten, dritten und vierten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung verfaßt wurden; drittens Uebcrschungen des Neuen Testaments in allerlei fremde Sprachen: einige derselben (z. B. die Syrische, die alte Lateinische und die Sahidische) wurden wahrscheinlich im Laufe des zweiten Jahrhunderts geschrieben; viertens, die heidnischen Feinde des Christenthums (besonders Celsus, Porphyrius und Julian) die in ihren Angriffen auf das göttliche Ansehen unserer Religion die Aechthcit des Neuen Testaments so gar nicht laugnetcn, daß sie vielmehr in den Stellen, die sie ans demselben anfuhren, dessen Abfassung von den Aposteln und Evangelisten voraussehen. Endlich werden diese äußern Beweise vielfach bestätigt durch zahlreiche innere Anzeigen eines achten anwendbar auf die übrigen Bücher, von denen er sagt, daß ihnen widersprochen werde, ganz besonders auf die Offenba- rung. S. LardnerS Glaubwürdigkeit. Der Brief an die Hebräer wird von EusebiuS in jener Stelle unter die Briefe Pauli gerechnet. Daß diese Abhandlung auS dem Zeitalter der Apostel herrühre, wird durch eine Menge genügender Zeugnisse dargethan. Da aber ihr Verfasser nicht ausdrücklich namhaft gemacht ist, so bleibt die Frage, ob Paulus der Versasser sey, oder nicht, noch ganz unentschieden. Schon,lange überzeugte ich mich davon, daß die BeweiSthümer für die Bejahung der Frage, im Ganzen genommen, zu stark sind, alS daß man ihnen widerstehen könnte. 9 Ursprungs: z. B. daS hebraisircnd-Griechische, worin das Ganze geschrieben ist, eine Mundart, wodurch es sich von allen Werken der Väter unterscheidet, und augenscheinlich sowohl die wahre Ab- fassungszeit, als auch das Land seiner Verfasser anzeigt; durch das Nichtvorhandcnseyn von Zeirver- stößen, die Gleichförmigkeit des Styls, welche sich in denjenigen besondern Theilen desselben vorfindet, die denselben Verfassern zugeschrieben werden; und vor Allem durch die Genauigkeit, mit der es, (wie sich aus einer Nerglcichung mit andern anerkannt richtigen Quellen des Unterrichts schließen laßt) vorkommenden Falls, die Gebrauche und Verhältnisse der Juden, Römer und Griechen im Zeitalter Ehristi und seiner Apostel darstellt. Auch könne» wir mit keinem Grunde die allgemeine Richtigkeit des Textes des Renen Testaments bezweifeln; denn obgleich die frühzeitige Vervielfältigung der Abschriften naturlich vielerlei Lesarten, die jedoch von keiner Wichtigkeit sind, veranlaßte, so that sie auch jeder etwaigen absichtlichen Veränderung der gemeinsamen Urkunde gehörigen Einhalt. In den zahlreichen Handschriften des Neuen Testaments, welche jetzt noch vorhanden sind, und zum Theil aus sehr hohem Alterthum herrühren, in den frühen Ucbersetznngen und den vielen von den alten Vätern angeführten Stellen haben neuere Kritiker 10 hinreichende Merkmale für die Festsetzung des heiligen Textes gefunden; und das Ergebniß ihrer unermüdlichen Nachforschungen ist das, — daß das Neue Testament in allen wesentlichen Stücken noch völlig dasselbe sey, wie die Christen seit Jahrhunderten gewohnt waren, es zu lesen; ohne auch nur einen Glaubensartikel, eine geschichtliche Thatsache oder eine sittliche Vorschrift eingebüßt oder verloren zu haben. 2. Da es ausgemacht ist, daß die Schriften, aus denen das Neue Testament besteht, das ächte Werk der Evangelisten und Apostel sind, so haben wir weiter zu bemerken, daß die Geschichte, die in diesen Schriften erzählt wird, glaubhast und wahr ist. Zur Erweisung dieses Satzes mochte es beinahe hinreichend seyn anzuführen, daß die vier Evangelien von vier ehrlichen, einfachen und unabhängigen Männern verfaßt sind, von denen zwei Apostel waren und Augenzeugen der Thatsachen, welche sie berichten, und die zwei andern Gefährten von Aposteln und im vollen Besitz der Quellen eines genauen Unterrichts. In Beziehung auf die Apostelgeschichte ist die Wahrheit der darin enthaltenen Geschichte, (wie Paley in seinem Werke »Ilo--» l'«,,!!,.-,?« so geistreich gezeigt hat) durch viele in jenem Buche angeführte Umstände, wo die Nachrichten, welche sich 11 dort finden, mtt den Briefen Pauli ganz übereinstimmen, auf eine höchst befriedigende Weise dargethan. Es ist wahr, daß die Geschichte Jesu eine wunderbare Geschichte ist, und deßhalb zu ihrer Bestätigung mchrer und festerer Zeugnisse bedarf, als vernünftiger Weife gefordert werden können, um den Glauben an Geschichte im Allgemeinen zu sichern. Allein die Bcweisthümer, welche wir in Händen haben, sind mehr als genügend, um den besondern Anforderungen des vorliegenden Falles zu entsprechen. Daß diese wunderbaren Ereignisse wirklich statt hatten, beruht auf dem besondern Zeugnisse aller ursprünglichen Verkündiger des Evangeliums. Nicht nur haben Matthäus, Markus, Lucas und Johannes dieselben in ihren Schriften aufbewahrt, sondern es ist klar, daß die Apostel im Allgemeinen ihre Predigt des Evangeliums auf das Ansehen dieser Thatsachen gründeten; Apostel-Geschichte 3, 32. 10, 38. Ganz besonders war jenes Haupt- wunder — die Auferstehung Jesu Christi von den Todten, ein Ercigniß, wovon sie ein einstimmiges Zeugniß abzulegen stets und besonders bemüht waren; Ap. Gesch. 1, 22. 4, 33. Nun muß aus folgenden klaren Gründen zugegeben werden, daß das Zeugniß der ersten Prediger des Evangeliums iu Ansehung dieser Wunder wahr sei: l. Weil es das übereinstimmende Zeugnist zahl- 12 reicher Gewährsleute ist. 2. Weil die schriftliche» Berichte von diesen übernatürlichen Ereignissen an inneren Zeichen der Einfachheit, Lauterkeit und reinen Trcne so reich ssnd. 3. Weil, auf der einen Seite, die Wunder, welche die Apostel bezeugen, solcher Art waren, daß sie hinsichtlich derselben unmöglich getäuscht werden konnten; während, auf der andern Seite, die wahre Redlichkeit und Ncchtschaffcn- heit, die sich an den Männern nicht verkennen läßt, mit der Bermuthnng, daß sie Andere täuschen wollten, durchaus unvereinbar ist. 4. Weil sie die Wahrheit ibres Zeugnisses durch eine beinahe beispiellose Selbstverläugnnng in ihrem Leben, so wie durch bereitwillige Uebernahme und Erdulvnng ttnzähliger Leiden und selbst dcS Todes bestätigten. 5. Weil sie, zum weiter» Beweis der Wahrheit ihrer Angaben über Ehristus, selbst in Stand gesetzt wurden, Wunder zu verrichten. Diese Thatsache ist in der Apostolischen Geschichte wiederholt erwähnt; sie wird bewiesen, erstens dadurch, daß sich der Apostel PanlnS in seinen eigenen Briefen auf die Wunder berufen bat, die er in Gegenwart derselben Personen, an die er sich wendet, verrichtet hatte; so wie auf die übernatürlichen Kräfte, mit denen einige dieser Personen selbst begabt waren; Rom. 15, 19. 1 Eor. 14. 2 Eor. 12, 12. und zweitens durch ein bekanntes Ergebniß, zu dessen Hervorbringn«» selch ein 13 außerordentliches Dazwischentreten der Allmacht wesentlich nothwendig gewesen zu seyn scheint — ich meine die so erstaunlich weite Ausbreitung des Christenthums in der frühesten Zeit, nicht nur ohne den Beistand menschlichen Ansehens, sondern in geradem Gegensatz gegen die Systeme, Gewohnheiten und Vorurtheile der ganzen heidnischen Welt. Die Wunder Christi und seiner Apostel sind daher wirklich verrichtet worden; sie sind wahrcWunder. Nun erkennen wir an, daß Gott alle Dinge erschaffen und jene allgemeinen Gesetze aufgestellt hat, durch welche die Ordnung der Natur geleitet und aufrecht erhalten wird; und Wunder sind übernatürliche Ab, Weichlingen von jenen allgemeinen Gesetzen und Abänderungen dieser Ordnung. Jeder vernünftige Gottcsgelehrte wird zugeben, daß kein Geschöpf eine in ihm wohnende unabhängige Macht haben kann, die Absichten eines Allmächtigen Gottes zu vereiteln, oder seine harmonischen Anordnungen zu unterbrechen; daraus folgt, nach meiner Ansicht, daß alle wahren Wunder, wie die ursprüngliche Schöpfung selbst, als Gottes eigenes Werk anzusehen sind. Wenn man indessen zugiebt, daß eine gewisse be- schränkte Gewalt über die Ordnung der Natur zu- weilen von bösen Geistern zu bestimmten Absichten ausgeübt werden durfte, so hat doch eine solche Zulassung mit den christlichen Wundern nicht das Ge« l4 ringste zu thun, welche nicht nur durch ihre stau, nenswürdige Mannigfaltigkeit und Größe ihren göttlichen Ursprung verkündigten, sondern auch zur unmittelbaren Beglaubigung einer dafür erklärten Offenbarung von Gott gewirkt wurden, und zur Forderung von Endzwecken, die mit seiner Gerechtigkeit, Heiligkeit und Barmherzigkeit in vollkommenem Einklänge stehen. Das Christenthum wurde demnach durch übernatürliche Ereignisse beglaubigt, deren einziger und unmittelbarer Urheber Gott selbst war; eine Thatsache, der nichts Aehnliches, sei es vom Muhamedanismus, oder von irgend einem der heidnischen Religionssystemc, an die Seite gesetzt werden kann: daher ist das Christenthum, und das Christenthum allein, die Religion Gottes. 3. Offenbar ist es, drittens, ein unlaugbarer Satz, daß ein wirkliches Vorauswissen der Zukunft eine dem göttlichen Wesen ausschließlich zukommende Eigenschaft sei. Niemand, der das Daseyn des ewigen Gottes zugiebt, wird in Abrede stellen wollen, daß er in Absicht auf Wissen und Macht unendlich über alle seine Geschöpfe erhaben sey, — daß, während er den Lauf der Ereignisse nach seinem Willen lenkt, keines dieser Geschöpfe sein Rathgeber ist, keines fähig, in seine geheimen Rathschläge und Absichten völlig einzudringen. Aus diesen Vordersätzen folgt, daß alle Weissagungen, welche durch ihre genaue 15 Erfüllung sich als solche erprobt haben, die nicht aus menschlichem Scharfsinn und menschlicher Muthmaßung, sondern aus wirklicher Vorsehung hervorgegangen sind, von dem Allmächtigen selbst eingegeben oder mitgetheilt worden seyn müssen; und weiter, daß die Religion, welche durch solche Weissagungen beglaubigt wird, sich auf göttliches Ansehen stützt. Daß aber das Christenthum durch wahre Weissagungen beglaubigt wird, ist leicht zu beweisen. Jesns Christus war ein Prophet, und sagte während seines Erdcnwandels und persönlichen Umgangs mit den Menschen manche Ereignisse, die damals in der Zukunft lagen, genau voraus; besonders seinen Tod nnd seine Auferstehung, und die Umstände, die sie begleiten würden; die Ausgießung des heiligen Geistes und die nahen Drangsale der Juden sammt der Zerstörung ihrer Stadt und ihres Tempels. Zu den auffallendsten Weissagungen, welche die Wahrheit des Christenthums beglaubigen, gehören fenier diejenigen, welche in dem Alten Testament enthalten sind, nnd sich auf unsern Heiland selbst bcziehm. Die Schriften der hebräischen Propheten sind voll von den Verheißungen eines großen geistigen Befreiers, welcher mit dem Namen Messias bezeichnet wurde, der zu einer gewissen, von dem Propheten Daniel näher bezeichneten, Zeit in die 16 Welt kommen sollte. In verschiedenen Theilen dieser Schriften (deren Verfasser einander nicht kannten, und die zu verschiedenen Zeiten lebten) findet sich die Vvrhersagung, daß dieser langcrwar- tctc Befreier nach dein Fleisch erstehen sollte anS dem Samen Abrahams, 1 Buch Mos. 22, 13. und aus dem Geschlechte Davids Jes. 11, 1. Jcrcm. 23, 25.; daß er auf eine wunderbare Weise von einer Jung« fran geboren werden, Jes. 7,14.; daß sein Geburtsort Bethlehem seyn sollte; Mich. v. 2.; daß seine äußere Lage sehr niedrig, Jes. 53, 2.; daß sein Geschäft seyn werde, frohe Botschaft zu bringen und die Leiden der Sterblichkeit zu lindern, Jes. 51, 1.; daß sein Charakter sich auszeichnen werde durch Leut- seligkeit, Tätigkeit, Treue und jede Gerechtigkeit, Jes. 11, 4. 5. 6. 43, 1—3.; daß sich dennoch die Juden weigern werden, an ihn zu glauben, Jes. 53, 1>; daß er von den Menschen werde verachtet, verworfen und verfolgt, Jes. 53, 3. 4. Ps. 22.; von einem seiner vertrauten Freunde verrathen, nnd daß seine Begleiter von ihm werden getrennt und zerstreut werden, Ps. 41, 9. Zach. 13, 7.; daß er wie ein Lamm zur Schlachtbank solle gefuhrt werden, und wie ein Schaf still seyn vor seinen Schccrern, Jes. 53, 7.; daß er werde getödtct werden, jedoch nicht für sich selbst, Dan. 9, 26.; daß sein Leib die Verwesung nicht sehen werde, noch sein Leib im 17 Grabe bleiben,*) Ps. 16, 16.; endlich, daß er gen Himmel fahren, Ps. 68, 18. und eine allgemeine, nie aufhörende Herrschaft über das Menschengeschlecht ausüben werde, Ps. 72, 8. Jes. 9, 7. Dan. 7, 14. Außer diesen bedeutendsten Angaben sind im Alten Testament noch manche Nebcnumständc in Beziehung ans das Leben und den Tod des Messias vorhergcsagt; und um ihre wunderbare Darstellung vollständig zu machen, beschreiben ihn die Propheten, während sie ihn von Seiten seiner menschlichen Natur schildern und seine vielen erniedrigenden Leiden hervorheben, nichts destowcnigcr als einen, der den Namen nnd Charakter Jehova's selbst besitzt, Ps. 45, 6. Jes. 7, 14. 9, 6. 35, 4. 40, 3. 10. 11. Jer. 23, 5. Zach. 2, 10—13. Mal. 3, 1. Zu der Zeit, da der Messias erscheinen sollte, ward Jesus geboren, und zwar aus dem Saamcn Abrahams, ans dem Geschlechte Davids, zu Bethlehem, von einer Jungfrau. Wir finden ihn da in einer niedrigen äußern Lage — sein Geschäft ist die Predigt *) Bei Weitem die Meisten der obigen Weissagungen beziehen stch unmittelbar auf den MessiaS. Zn den Psalmen haben jedoch mehrere Stellen, welche nach ihrem entfernteren Sinne den MessiaS beschreiben, eine unmittelbare Beziehung auf David, dessen Charakter und Lebensumstände (wie die alten Juden wohl verstanden) diejenigen seines göttlichen Nachkommen im Vorbilde darstellten. 2 18 des Evangeliums, die Wiking der Kranken nnd die Linderung jedes körperlichen und geistigen Leidens; er ist sanftmüthig, leutselig, gütig, treu, und erfüllt jede Gerechtigkeit — die Juden glauben nicht an ihn; — die Menschen verachten, verwerfen, verfolgen ihn; — sein vertrauter Freund verrath ihn; — in der Stunde der Trübsal sieht er sich von allen seinen Begleitern verlassen — wie ein Lamm wird er zur Schlachtbank geführt — er ist stumm vor seinen Verfolgern; — er stirbt; doch nicht für sich selbst — er steht auf von den Todten — fährt gen Himmel, nnd tritt seine geistige Herrschaft über die Menschen an — in seinem Charakter und seinen Lebensumständen finden wir auch jene kleinen Züge wieder — und das Alles in genauer Uebereinstimmung mit den Weissagungen des Alten Testaments. Ganz besonders sehen wir ihn inmitten dieser Erniedrigungen und Bedrängnisse, und ungeachtet der Demuth und Lieblichkeit seines menschlichen Charakters, in Uebereinstimmung mit jenen Weissagungen — sehen wir ihn eine Ehre genießen, einen Charakter behaupten, und mit Ehrennamen bezeichnet, wie sie nur Jehova selbst zukommen. Matth. 14, 33. Joh. 2V, 28. 29. Matth. 9, 2—6. 12, 6. 8. 18, 20. Joh. 5, 21—23. 10, 23 — 30. 14, 9. 23. 16, 7. Offeub. 11, 23. Matth. 8, 3. 8 — 13. vcrgl. Ap. Gesch. 9, 34. Luc. 8, 24. Matth. 12, 2S. Joh. 16, 19. 19 30. vcrgl. Offcnb. 11, 23. Ioh. 20, 22. Ioh. 1, 1. Rom. 9, 5. Offenb. 19, 16. Wenn ein Schloß und ein Schlüssel genau in einander passen, so entsteht, wenn sie auch einfacher Art sind, die Vermuthung, daß sie absichtlich für einander gemacht seien. Sind sie dagegen nicht einfach gearbeitet, sondern verwickelt und in verschiedenen Windungen seltsam gedreht, und passen dem- ohngeachtet zusammen, so wird dadurch jene Vermuthung ungemcin bestärkt. Aber wenn das Schloß nicht allein verwickelt und seltsam gewunden ist, sondern eine so außerordentliche und wunderbare Verbindung von Theilen enthält, daß es wie einzig in seiner Art ist; wenn von allen Schlüsseln in der Welt nur einer paßt, und alle andern auch nicht die geringste Annäherung an eine ähnliche Gestaltung zeigen; jener aber auch leicht und genau dient, — dann muß doch jeder Zweifel darüber schwinden, und es wird zur moralischen Gewißheit, daß Schloß und Schlüssel aus derselben Meisterhand hervorgingen, und wahrhaft zusammengehören. Auf diese Art läßt sich eben so faßlich als treffend darthun, was für mächtige Beweise und welch' eine kräftige Ueberzeugung aus eiucr Verglcichung des Alten und Neuen Testamentes davon erwachsen, daß die Weissagungen auf Jesum Christum wahre Weissagungen find; daß sie von einem Allwissenden Gotte 29 eingegeben wurden, und daß daher die Religion, welche sie beglaubigen, eine Religion von göttlichem Ursprünge ist. 4. Es wird von Allen, die an das Daseyn und die Einheit Gottes glauben, (sie mögen nun eine christliche Offenbarung gelten lassen, oder nicht) zugestanden, daß er nicht nur ein Wesen von unendlicher Macht und Erkenntniß sey, sondern auch die höchste sittliche Vollkommenheit besitze. Eine umfassende Uebersicht der natürlichen Religion führt zu einer bereitwilligen Aufnahme der Schriftlehre, daß Gott gerecht, heilig, wahrhaftig, gütig und barmherzig sey. Sind aber dies die sittlichen Eigenschaften unsers himmlischen Vaters, so müssen wir zugestehen, daß es unser vernünftiger Gottesdienst sey, in Seiner Furcht zu wandeln, Ihn mit wahrer Andacht des Geistes zu verehren, Seinem Gesetze zu gehorchen, Seine Ehre zu verbreiten, und Ihm, ganz besonders, unsere Liebe von ganzem Herzen zu weihen. Und doch ist es eine Thatsache, für welche die Geschichte vergangener Zeiten und gegenwärtige Beobachtung ein gleich entscheidendes Zeugniß ablegen, daß die Menschen in ihrem unwiedcrgebor- nen Zustande diesen vernünftigen Gottesdienst bei Seite setzen und vernachlassigen. Nun ist das Christenthum als ein Neligionssystem 21 betrachtet, das sowohl ans Lehren, als aus Lebcns- regeln besteht und durch den Glauben auf das Herz angewendet wird, — d. h. ein umfassendes und lebendiges Christenthum ist unstreitig das Mittel, die Menschen so umzugestalten, daß sie kraft der Verfassung ihrer Seele und durch ihr ganzes Thun und Lassen dazu gelangen, „Gott zu geben, was Gottes ist." Laßt uns jedoch einen Schritt weiter gehen; wenn der wahre Christ so zum innern Frieden und zur Gemeinschaft mit dem Vater der Geister gelangt ist, so wird er allmählig seiner Übeln Leidenschaften entwöhnt und erlangt in sich selbst eine zunehmende Aehnlichkeit mit den sittlichen Eigenschaften der Gottheit. So wie das Angesicht eines Menschen sich im Spiegel abbildet, so kann man jene Eigenschaften in seinem Leben und Wandel abgebildet erblicken. Diejenigen, welche wähnen, im Besitze der wahren Religion zu seyn, die bloßen Namcnchristcn, sind keine Ausnahme von dieser allgemeinen Wahrheit; denn auf sie findet unsere Beweisführung gar keine Anwendung; aber von denjenigen, welche sich ganz auf Christum, als ans ihren Heiland und Erretter verlassen, und die sich ohne Rückhalt Seiner Führung und Leitung übergeben haben, kann in Wahrheit gesagt werden, daß sie neu geschaffen seien in das Bild ihres Schöpfers. Zwar haben auch sie nnläugbar noch immer 22 mit nnzähligcn Schwachheiten und mit vielen verkehrten Neigungen zu kämpfen, und sie werden es selbst gerne zugestehen, daß sie in den Augen des Allerhöchsten weniger als nichts nnd Eitelkeit sind. Dcsscnohngcachtct stellen sie durch die Lauterkeit ihrer Worte und Werke, durch die Reinheit ihrer Absichten und ihres Verhaltens, durch ihre Herzensgute, brüderliche Liebe und Langmuth gegen Alle, mit denen sie in Verbindung treten, die Wahrheit, die Heiligkeit und die Liebe desjenigen, — von dem allein alle ihre Tugend stammt, wie im Abbilde dar. Endlich, verschafft das Christenthum der Menschheit eine reine nnd wesentliche Glückseligkeit. Der wahre Christ ist vor allen andern glücklich, und zwar aus verschiedenen Ursachen; weil er bei all seinen zahllosen Sünden mit dem Vater versöhnt ist durch die Vermittelung des Sohnes; weil er, seiner natürlichen Schwäche ungeachtet, durch die Kraft des heiligen Geistes tüchtig geworden ist, auf dem Wege der Gerechtigkeit zu wandeln; weil eine Empfindung der göttlichen Liebe und dcS göttlichen Wohlgefallens in seinem Herzen wohnt; weil er jede Heimsuchung als eine sittliche Zucht, die zu einem höhern Gute führen soll, anzusehen gelernt hat; und zuletzt, weil er von der Erwartung eines künftigen Glücks beseelt ist, das seiner Natur nach vollkommen ungetrübt, seiner Dauer nach ewig seyn wird. 23 So herrlich nun die Wirkungen sind, welche so eben in'S Licht gestellt wurden, so waren keine andern Grundsätze, als die des Christenthums je im Stande, sie hervorzurufen. Sobald aber ächt christ- liche Grundsätze, herzlich geglaubt und treu geübt werden, so sind jene Wirkungen unfehlbar ihre gesegnete Frucht und Folge. Die Erfahrung mag uns davon überzeugen, daß die Aufstellung eines so umfassenden, außerordentlichen und wirksamen Moralsystems weit über den Kreis menschlicher Erfindung hinausreicht; es kann, gleich den Werken der Natur auf nichts Geringeres, als nur eine göttlich wirksame Weisheit, Macht und Liebe zurückgeführt werden. Das Christenthum ist daher die Religion Gottes; und da es unmöglich ist, daß der Gott aller Wahrheit ein bloßes Blendwerk anwenden sollte, um seine vernünftigen Geschöpfe zu wahrer Frömmigkeit zu führen, so folgt einfach daraus: daß das Christenthum ächt ist, — daß seine Lehren richtig, seine Hoffnungen fest, seine Verheißungen gewiß sind. 5. Wenn also das Christenthum die Religion Gottes ist—die wahre und einzig wahre Religion— wo haben wir die rechtmäßige Quelle zu suchen, woraus seine Lehren geschöpft sind? Ich antworte, nicht in dem scholastischen Machwerk streitsüchtiger Theologen; nicht iu den Abhandlungen «eurer Got- tcsgclehrtcn, die sich keiner unmittelbaren Einge- 24 düng rühmen dürfen, nicht in den Glaubenssätzen einer besondern Kirche; sondern in den ächten Werken göttlich erleuchteter Männer, die mit unmittelbarer Eingebung begnadigt waren, in den heiligen Schriften Alten und Neuen Testaments. Die Aechtheit des Neuen Testamentes ist ein Punkt, dessen ich schon erwähnt habe; die des Alten Testaments, welches aus Lehr- Gcschichts- Psalmen- und prophetischen Büchern besteht, ist genügend erwiesen durch die aus diesen Schriften angeführten Stellen, welche sich in jedem Theile des Neuen Testaments finden; ferner durch eine griechische Ucbcrsetzung der hebräischen Schriften, die lange vor der christlichen Zeitrechnung veranstaltet wurde; durch das einfache Zeugniß des Josephus, Philo und anderer jüdischen Geschichtschreiber; durch die Sorgfalt, welche die alten Juden bekanntlich auf die unverdorbene Erhaltung ihrer heiligen Bücher verwendet haben; durch die Thatsache, daß vor der babylonischen Gefangenschaft das Gesetz Mosis oft öffentlich vorgelesen wurde, und daß nach derselben das Lesen der hebräischen Bibel zu dem regelmäßigen Gottesdienst in der Synagoge gehörte; und zuletzt durch so manchen innern Beweis, der von Sprache und Schreibart, von der Umständlichkeit der Schilderungen und Berichte, und von der wechselseitigen, jedoch zufälligen Uebereinstimmung eines 25 Theils mit dem andern hergenommen ist. Ist es nun einmal erwiesen, daß die Schriften Alten nnd Neuen Testaments ächt sind, daß die evangelische Geschichte wahr ist, und daß Jesus ein göttlichbevollmächtigter Lehrer war; so sehen wir uns auf einmal im Besitze genügender Beweise dafür, daß diese Schriften von Gott eingegeben sind. Daß dies der Fall war, soweit es sich um das Alte Testament handelt, wird von dem Apostel Paulus, 2 Tim. 3, 16. ausdrücklich erklärt; und das Zeugniß, das der Apostel hierüber ablegt, wird von Christus selbst bestätigt, so oft er sich in seinen Unterredungen mit den Juden und seinen Jüngern auf die jüdischen Schriften in einer Art beruft, die denselben offenbar ein unbedingtes und unantastbares Ansehen ertheilt. In Beziehung auf das Neue Testament lernen wir aus der durch Thatsachen beglaubigten Geschichte, die es enthält, daß die Personen, von denen es verfaßt wurde, (besonders die Apostel, von denen der größere Theil herrührt) einer unmittelbaren Eingebung von Gott gewürdigt wurden; nnd zwar mit dem bestimmten Zwecke, damit sie christliche Wahrheit verbreiten sollten. Sie mochten nun dem ihnen gewordenen Berufe vorzugsweise durch die Predigt des göttlichen Worts, oder durch Abfassung von Schriften entsprechen; so viel läßt sich durchaus nicht bezweifeln, (da die evangelische Geschichte 26 wahr ist) daß sich ihre Lehre nicht auf ihr eignes Ansehen gründet, sondern dem göttlichen Wesen zuzuschreiben war, dem ste dienten, und daß sie ans keiner andern Quelle, als aus seinem heiligen Geiste herfloß. S. Matth. 10, 18 — 20. Luc. 24, 46 — 49. Joh. 14, 26. Ap.. Gesch. 2, 4. 1 Cor. 2, 3 — 5. u. a. Es mag jedoch nicht unzweckmäßig seyn, die Bemerkung beizufügen, daß göttliche Eingebung unter verschiedene» Umstanden sich wirksam erweise, und in verschiedenem Maaße und Grade mitgetheilt werde. Daß nun die Eingebung der Apostel nnd einiger ihrer Gehülfen sich durch ihre Erhabenheit und Fülle auszeichne, kann ans der höchst wichtigen, bereits erwähnten Thatsache geschlossen werden, daß die Apostel mit der Kraft, Wunder zu thun ausgerüstet waren. Gottes Werk bestätigte Gottes Wort. Die Zeichen und Wunder, welche der Herr durch diese begabten Männer verrichten ließ, lieferten den eigenthümlichen und unwiderstehlichen Beweis, daß er auch der Urheber ihrer Lehre war; auf welche Art und Weise nun auch diese Lehre mitgetheilt werden mochte. Zu den äußern Beweisen, die wir in dem Bisherigen für die Wahrheit gefunden haben, daß die heiligen Schriften eingegeben wurden, und daß ihr Inhalt deßhalb göttliches Ansehen besitzt, kommen 4 27 noch viele starke innere Beweise hinzu. Wer eine gründliche und umfassende Ansicht von der wunderbaren Mannigfaltigkeit und dem Reichthum der heiligen Urkunden gewinnt; von der bewunderungswürdigen sittlichen Harmonie, welche alle Blatter des Buches umfaßt; von dem vollkommenen Einklang, worin die von MoseS und den Propheten geschilderte Vorbcreitungsanstalt mit der Fülle des evangelischen uns im Neuen Testament geoffenbarten Lichtes steht -- von der praktischen Vortrefflichkeit der Lehren, Gebote und Gesinnungen, durch welche sich die Bibel vor allen andern Büchern auszeichnet, oder welche andere Bücher nur aus der Bibel geborgt haben, der wird nicht nur sogleich bekennen, daß die in der Schrift aufgeschlossene Religion göttlich ist, sondern auch, daß die Aufzeichnung selbst nicht den sich selber überlassenen Bemühungen irrthumsfähiger Menschen, sondern dem Geiste vollkommener Weisheit — dem Geiste, der nicht irren kann— zuzuschreiben ist. So ist also die Schrift eine unter göttlichem Ansehen verfaßte Urkunde religiöser Wahrheit. Wenn man mir sagt, daß sich Vieles in der Bibel findet, das selbst der Gelehrte nicht ganz zu verstehen vermag und vielleicht Einiges, das böse Menschen zu schlechten Absichten mißdeutet haben, so möchte ich dagegen bemerken, daß in dieser Rücksicht das gc- 23 schrieben? Wort und die Werke GottcS ein ganz ähnliches Schicksal haben; denn auch in der Natur- wisscuschaft findet sich Vieles, das der Weise nicht fassen kann, und das die Lasterhaften schnöde mißbraucht haben. Ferner habe ich zu bemerken, daß es nicht die Absicht der Schrift seyn kann, die Ncugier der Weltweisheit zu befriedigen, oder ein neues Licht auf ihre vermessenen Forschungen zu werfen, sondern, daß sie den demüthigen und andächtigen Leser unterweisen, und dem Einfaltigen und Sanft- müthigen den Weg zum Himmel zeigen will. Für solche ist, wie nun auch ihre Stellung im Leben, oder das Maaß ihrer ^Geistesbildung beschaffen seyn mag, die Bibel in der Hauptlehre und jedem sittlichen Grundsatze klar und verstandlich. Auf der einen Seite stimmt das göttliche Gesetz mit den Schlüssen tiefer Vcrnunftforschung so vollkommen übercin, daß ihm die erleuchtetsten Weltwcisen freiwillig den höchsten Beifall zollten, und doch ist es, auf der andern Seite, so einfach, klar und deutlich, daß auch der Thor nicht irren kann, wenn er es nur mit Wahrheitsliebe und frommer Aufrichtigkeit aufnimmt. 6. Nachdem wir somit kürzlich einige der Hanpt- bcwcise durchgegangen haben, aus denen der sichere Schluß gezogen werden kaun, daß das Christenthum wahr, und daß die Bibel eine achte und unter gött- 29 hichcm Ansehen verfaßte Urkunde aller seiner Wahrheiten ist — so können wir nnnmehr zu der weitcrn Erwägung übergehen, welche Aufschlüsse dieses heilige Buch in Beziehung auf Gott, unS selbst und Jesum Christum gebe. Nichts zeichnet die Schrift so ungemcin aus — nichts beweiset deutlicher ihre Wichtigkeit und ihren göttlichen Ursprung, als die Belehrung, welche sie uns über Gottes Wesen und Eigenschaft ertheilt. Zwar können, allerdings, die Werke Gottes, welche uns von allen Seiten umgeben, und welche in verständlicher Sprache seine Macht, Weisheit und Güte verkündigen, manches Licht über diesen Gegenstand verbreiten. Nicht minder wichtig ist auch jenes innere Bewußtseyn und sittliche Gefühl seines Daseyns, und der ihm zukommende Macht und Herrschaft, das er dem menschlichen Geist und Wesen allgemein eingeprägt zu haben scheint, so sehr es auch in unzähligen Fällen herabwürdigt und verdorben worden seyn mag. Aber die Erkenntniß Gottes, welche wir aus der natürlichen Religion ableiten, wird durch die Urkunde seines geoffenbarten Willens auf eine bewunderungswürdige Art vermehrt und ergänzt. Wir lernen aus der Schrift, daß kein anderer Gott ist, als Jchvvah — daß er von Ewigkeit zu Ewigkeit besteht — daß er der Schöpfer, Lenker und Erhalter des Weltalls — allgegenwärtig 30 allmächtig, allwissend und allweife ist —daß wir in ihm leben, weben und sind —daß erder Urheber des Sittengesetzcs, so wie der Geber jeder guten und vollkommenen Gabe, und ganz besonders des ewigen Lebens ist — daß er heilig, gerecht, wahrhaftig, getreu, gut, langmüthig und barmherzig — daß er die Liebe ist; ein zärtlicher und mitleidiger Vater gegen diejenigen, welche in Seiner Furcht wandeln und Seinem Gesetze gehorchen, daß er—der Ewige und Unendliche—Seine unmittelbare Sorgfalt auch auf die kleinsten Bedürfnisse und die geringsten Angelegenheiten seiner Geschöpfe huldreich ausdehnt, daß kein Sperling ohne ihn vom Dache fällt, und daß auch die Haare auf unserem Haupte alle gezählt sind. Es mochte hier besonders am Orte seyn, zu bemerken, daß Gott überall in der Schrift beschrieben wird, als ein Wesen von unendlicher Reinheit; so daß in seinen Augen jede Art von Unrecht, sey es in Gedanken, Worten oder Werken, ein Greuel ist. Daraus folgt von selbst, daß er seine verschuldeten Geschöpfe keineswegs freisprechen kann, so lauge sie in ihren Sünden beharren; so wie denn auch die Schrift bestimmt erklärt, daß „ohne Heiligkeit Niemand den Herrn sehen kann." Während aber die von Gottes Geist erleuchteten Verfasser für die Einheit des höchsten Wesens das ausgedehnteste und entschiedenste Zeugniß ablegen — 3l wahrend der große Grundsatz, daß nur Ein Gott ist, ihrem ganzen Religionsgebäude zum Grunde liegt, und es überall durchdringt, so lernen wir aus vielen ihrer Erklärungen, daß sich der einige Gott in dem erhabenen Rathschlusse der Gnade, welchen Er zu unserem Heile gefaßt hat — dem Menschengeschlecht offenbarte — in tiefer Ehrfurcht und mit heiliger Scheu sei es gesagt — als Vater, Sohn und heiligen Geist. Die nähere Beschaffenheit dieses Unterschieds und dieser Einheit, wovon wir glauben, daß sie in dem Wesen Gottes vorhanden seyen, geht weit über unsre beschränkte Fassungskraft hinaus, und kann wohl eigentlich nie ein angemessener Gegenstand menschlicher Betrachtung oder Begriffsbestimmung seyn; aber die Lehre, daß solch ein Unterschied, sowohl, als auch eine solche Einheit besteht, wird bei allen denen, die ihren praktischen Werth und Einfluß kennen, stets hochangcsehcn bleiben. Ich muß bekennen, daß sie mir längst als eine reine und nothwendige Folgerung nicht allein aus denjenigen Stellen der Schrift erschien, worin der Schöpfer, der Erlöser und der Tröster als die gemeinsamen Quellen unserer geistigen Wohlfahrt und vereint als Gegenstände unseres Glaubens und unserer Verehrung dargestellt werden, sondern auch aus allen denjenigen, in welchen eine bestimmte Beziehung auf die 32 Gottheit des Sohnes, oder des Geistes vorkommt; S. Matth. 23, 19. Joh. 14, 26. 15, 26. 16, 13 — 5. 2 Cor. 13, 14. vergl. Joh. 1, 1—3, u. a. Ap. Gesch. 13, 2. 1 Cor. 12, 11. 2 Cor. 3, 17. In Rücksicht auf uns Menschen offenbart die Schrift viele Wahrheiten von der höchsten Wichtigkeit. Aus verschiedenen in ^derselben enthaltenen Angaben lernen wir deutlich, daß der Mensch nicht nur mit einem hinfälligen Leibe, sondern auch mit einer Seele begabt ist; und daß, wenn der Leib stirbt, die Seele fortdauert. Matth. 19, 28. 16, 26. 1 Thcss. 5, 23. Hebr. 19, 39. Luc. 16, 19—31. 29, 38. 23, 42. 43. 2 Cor. 5, 1—3.; daß einst die Todten mit einem unvergänglichen und geistigen Leibe auferstehen werden, Joh. 5, 28. 29. 1 Cor. 15.; daß dieses kurze Leben einzig zu unserer Prüfung da ist, und daß wir in einer andern Welt alle vor dem Richtcrstuhlc Christi erscheinen und alsdann entweder mit ewiger Glückseligkeit belohnt, oder mit ewiger Vcrdammniß werden bestraft werden— je nach unsern Werken; Matth. 25, 31—46 Rom. 2, 6—11. 14, 19. Offcnb. 29, 12—15 Die Schrift erklärt überdies, daß der Mensch in sittlicher Hinsicht nach dem Ebenbilde Gottes erschaffen wurde, daß er, indem er den Lockungen des Teufels sein Ohr lieh, jenes Ebenbild verlor; daß er jetzt, als sittlich gesunkenes und gefallenes Geschöpf 33 in seinem unwicdergcbornen Zustande zum Bösen geneigt — daß sein Herz über alle Maaßen trügerisch und verzweifelt schlecht oder krankhaft ist; daß „alle gcsündiget haben und des Ruhmes vor Gott ermangeln," daß sie „unnütz geworden sind;" daß „Keiner Gutes thut, auch nicht Einer;" und daß so die ganze Welt vor Gott schuldig geworden ist. Jcr. 17, 9. Rom. 3, 1-19. 23. vergl. Jes. 53, 6. Matth. 15, 19. Von der Art sind die Erhabenen, Ernst und Schrecken einflößenden Aussprüche der heiligen Schrift über uns selbst. Wo ist nun aber eine Hoffnung für uns, die wir gefallen, verdorben, znr Sünde geneigt sind, und auch wirklich gesündiget haben in unzähligen Uebertretungcn; die wir deshalb in unserem natürlichen Znstande von einem gerechten und heiligen Gott getrennt leben, und einer ewigen Trennung von Ihm in der zukünftigen Welt gewärtig seyn müssen? Wahrhaftig un'sre Hoffnug beruht allein auf der Gnade Gottes in Christo Jesu, dem Heiland der Menschen. Ein Heiland, oder ich sterbe; ein Erlöser, oder ich gehe auf ewig verloren! Daher wollen wir nun zuletzt betrachten, was die Lehre der heiligen Schrift von unserm Herrn und Heiland Jesus Christus sei? Wir lesen in der Schrift, daß er das Wort sei, — der Sohn Gottes des allmächtigen Vaters — daß 3 34 Er im Anfang, ehe denn die Welt erschaffen wurde, nnd von Ewigkeit her, mit Gott war; Joh. 1, 1. 17, 5. vergl. Mich. 5, 2. — daß durch Ihn Alles erschaffen ist, was im Himmel und auf Erden ist, Col. 1, 16. Hebr, 1, 2. 16. — daß ohne ihn nichts gemacht ist, das gemacht ist, Joh. 1, 3. — daß er das Licht und das Leben der Menschen war, Joh. 1, 4—9 — daß er und der Vater Eins sind, Joh. 16, 36. — daß er daher Gott ist, Joh. 1, 1. Jehova unsere Gerechtigkeit, Jer. 23, 5.; der starke Gott, Jcs. 9, 6.; der wahrhaftige Gott, 1. Joh. 5, 26.; der große Gott,*) Tit. 2, 13.; Gott über Alles, Rom. 9, 5.— daß Er Herzen und Nieren prüft, daß Er weiß, was im Menschen ist, und Seinen Dienern alle ihre geistigen Gnadengaben verleiht, Offcnb. 2, 23. Ap. Gesch. 2, 33. 2. Eor. 12, 9. Eph. 4 11.—der Gegenstand des Glaubens, des Gebets, der Verherrlichung und jeder Verehrung, Joh. 3, 16. Ap. Gesch. 7, S9. 66. 2. Eor. 12, 8, Hebr. 1, 6. 13, 21. Offcnb. 5, 13.— daß Er Alles in Allem ist, Ephes. 1, 23 — daß er „derselbe ist gestern und *) Tit. 2, !Z. „Erscheinung der Herrlichkeit deS großen Gottes und unseres Heilandes Zesu Christi." Nach dem Griechischen sollte die Stelle übersetzt werden: „Die Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen GotteS und Heilandes Zesu Cbristi." So scheint die Stelle auch von den alten Kirchenvätern genommen worden zu sepn. 35 heute und in Ewigkeit;" „das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte," Hebr. 13, 8. Offcnb. 22, 13. Die Bibel lehrt .ms ferner, daß, als die Zeit erfüllet war, „Gott Seinen Sohn sandte, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz gethan," Gal. 4, 4. — daß „das Wort Fleisch wurde," Joh. 1, 14. — „daß Er als Kind in die Welt kam, und in Wahrheit unssre gebrechliche Natur annahm, indem er in allen Stücken Seinen Brüdern gleich ward, jedoch ohne Sünde," Hebr. 2, 14. — daß Er umherging und Gutes that; die Kranken heilte, den Blinden das Gesicht, den Tauben das Gehör schenkte, die Todten auferwcckte, und den Armen das Evangelium predigte, — daß Er an Gottlose verrathen wurde, und am Kreuze starb, — daß Er am dritten Tage von den Todten auferstand, und zur Rechten der Majestät erhoben ward, wiedereingesetzt in den Stand unendlicher und unergründlicher Herrlichkeit, welche er beim Vater hatte, ehe denn die Welt war, Jos. 17, 5. Hebr. 1, 3. — daß Er jetzt erhöhet ist vom Vater hoch über alle Fürstenthümer und Gewalten, Macht und Herrschaft und Alles, was genannt mag werden, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen; Ephes. I, 21. — endlich, daß er die ganze Gnadenanstalt oder den Gnadenrathschluß, dessen Vermittler Er ist, vollenden wird, wann Er wieder- 3» 36 kommt mit allen Seinen heiligen Engeln zni» letzten und allgemeinen Gericht, über die Lebendigen und Todten. Matth. 13, 40—42 24, 30. 31 1. Cor. 15, 25—28.*) 7. Nachdem ich so einige der Hauptlchren der Schrift von der Natnr und Lebensgcschichtc unsers Herrn Jesu Christi angeführt habe, kann ich ohne wettern Aufenthalt zu derjenigen Lehre übergehen, deren Beleuchtung dieser Brief hauptsachlich gewidmet ist. Den Anfang soll eine sehr einfache Frage bilden. Was konnte der große und entsprechende Zweck seyn, für welchen diese unendlich herrliche Person, der Sohn Gottes, der Eins mit dem Vater und deshalb der ewige Jehova selbst ist — sich so wunderbar herablassen und erniedrigen sollte, daß Er unsere Natur annahm, in dieser Natur sich jede Art von Beschimpfung und Widerspruch von Sündern gefallen ließ, und zuletzt einen grausamen *) Es entgeht mir nicht, daß viele Versuche gemacht wer. den sind, einigen auf die Natur und den Eharackter Christi sich beziehenden Stellen eine geringere Deutung zu geben, als hier geschehen ist. Anhaltende und sorgfältige Forschungen haben indessen, die Ueberzeugung in mir befestigt, daß die gewöhnlich angenommene Auslegung dieser Stellen im Allgemeinen die einzige ist, welche mit den Regeln wahrer Philologie und gesunder Kritik übereinstimmt. 37 und entehrenden Tod am Krenze starb? Wenn wir die vollkommene Angemessenheit zwischen Mitteln und Zweck bedenken, wie sie in dem Gange der Natur und der Vorsehung stets so deutlich hervorleuchtet, wenn wir somit Analogie als die Grundlage unserer Schlußfolgerung annehmen, so müssen wir einsehen, wie unwahrscheinlich die Annahme wäre, daß ein so erhabenes Wesen nicht nur in die Welt kommen, sondern als Mensch leben, leiden und sterben sollte — in der einzigen Absicht, die Wahrheit zu offenbaren. Die Erfahrung lehrt uns, daß jede inspirirte Person, deren göttliche Sendung Wunderthatcn beglaubigt hatten, ein diesem Zwecke entsprechendes Werkzeug gewesen wäre: denn offenbar schenken die Christen gerade aus diesem Grunde einstimmig den von Moses den Juden, und von den Aposteln den Anhängern Christi überlieferten Lehren Glauben. Die Offenbarung der Wahrheit war ohne Zweifel eines der Geschäfte unseres hochgelebten Heilandes, — dieses ersten aller Propheten: auch dürfen wir nicht vergessen, daß eine andere Aufgabe für Ihn darin bestand, durch Sein heiliges und segensreiches Leben und Seinen Wandel auf Erden jenes vollkommene Beispiel und Muster aufzustellen, wornach das Verhalten Seiner Jünger durch alle künstigen Zeiten hindurch sich richten und bilden sollte. Allein so wichtig und 38 heilsam auch diese Aufgaben waren, so sind doch die besondern Umstände, die in diesem Falle in Betracht kommen, von der Art, daß sie uns unvermeidlich zu dem Glauben führen, daß dennoch der Sohn Gottes, indem Er sich, von der Höhe Seiner göttlichen Herrlichkeit herab, selbst erniedrigte, — indem er unsere gebrechliche und den Leiden unterworfene Natur annahm — und sich sogar dem Tode am Kreuze unterwarf, — noch höhere, großartigere und umfassendere Zwecke vor Augen hatte. Wenn wir die unendliche Erhabenheit und unumschränkte Allmacht unsers himmlischen Freundes bedenken, und die überschwengliche Liebe, welche Er uns durch Seinen Besuch auf Erden bewies, so können wir nicht umhin, den Schluß daraus zu ziehen, daß durch eine solche Veranstaltung der göttlichen Barmherzigkeit alle unsre geistlichen Bedürfnisse befriediget werden sollten. Würden wir nun vermittelst dieser Veranstaltung nichts bekommen, als Unterricht, Lehre und Beispiel, so würde unser Bedürfniß bei Weitem noch nicht befriediget seyn. Machtlos und verdorben, wie wir sind, würden wir immer noch dem Tode in unsern Sünden überlassen bleiben; und das uns so mitgetheilte Licht würde unser Unheil unr vergrößern und unsern Untergang furchtbarer machen. Wo ist der Mensch, der die Pestkrankhcit seines Herzens kennt, ohne zu fühlen, daß er nicht nur der Bcleh- 39 rung, sondern auch der Versöhnung mit Gott bedarf; nicht nur des Lichts, sondern auch des Lebens; nicht nur der Lehre und des Beispiels, sondern auch der Kraft, jener zu gehorchen und dieser nachzufolgen? Ja, mein lieber Freund, das Evangelium unsers Herrn und Heilandes ist keine frohe Botschaft für uns, wenn es uns nicht Straflosigkeit und Heilung ankündigt. So, und nur so, wird es uns're geist« liehen Bedürfnisse ganz befriedigen. Dieser einfache Gedankengang führt uns auf einmal zu dem Schlüsse, daß Christus in der That nicht allein zu uns kam, um uns Unterricht und Lehre, sondern auch Straflosigkeit und Heilung zu verleihen. Allein glücklicherweise ist dies kein Gegenstand, bei dem wir den Schlußfolgerungen unseres eigenen Verstandes überlassen sind. Vielmehr ist es ein sol» cher über den die Aussprüche der heiligen Schrift ebenso mannigfaltig, als klar sind. Schon die erste Schriftstelle, welche auf den Messias hindeutet, spricht den großen Zweck seiner Sendung aus. „Ich will Feindschaft setzen," spricht Jehova zu der Schlange, „zwischen dir und dem Weibe, und zwischen deinem Saamen und ihrem Saamen; derselbe wird dir den Kops zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen." 1 B. Mos. 3, 15. Christliche Ausleger sind allgemein darüber einverstanden, daß unter des Weibes Saamen hier 40 der MessiaS, und unter der Schlange der Teufel, als Urheber alles sittlichen Uebels, zu verstehen sei. Wir lernen demnach aus dieser Weissagung, daß Christus der Schlange den Kopf zertreten, oder mit andern Worten, den Teufel und seine Werke zerstören sollte; vergl. Hcbr. 2, 14. „Nachdem nun die Kinder Fleisch und Blut haben, ist cr's gleichcr- maaßcn theilhaftig worden, auf daß er durch den Tod die Macht nähme dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist dem Teufel;" und 1. Joh. 3, 8. „Wer Sünde thnt, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündiget von Anfang. Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, daß er die Werke des Teufels zerstöre." Durch Seine» Tod sollte der Messias einen vollständigen Sieg über unsern geistlichen Feind davon tragen; eine Lehre, welche mit Jcsaia's berühmter Weissagung über sein stellvertretendes und versöhnendes Leiden vollkommen übereinstimmt: „Führwahr Er trug unsre Krankheit, und lud auf sich unsre Schmerzen; wir aber hielten Ihn für den, der geplaget und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber Er ist um unserer Missethat willen verwundet, und um unserer Sünde willen zerschlagen; die Strafe liegt auf Ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch Seine Wunden sind wir gehcilct. Wir gingen alle in der Irre, wie Schaafc, ein jeglicher sahe auf seinen Weg; aber 41 der Herr warf unser aller Sünde auf Ihn. Da Er gestraft und gemartert ward, that Er Seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaaf, das verstummet vor seinem Schcerer und seinen Mund nicht aufthut' ....Darum will ich Ihm große Menge zur Beute geben, und Er soll die Starken zum Raube haben; darum, daß Er Sein Leben in den Tod gegeben hat, und den Uebelthätern gleich gerechnet ist, und Er Vieler Sünde getragen hat, und für die Uebclthätcr gebeten." Jes. 53, 4—IS. Daß diese tröstliche Schriftstclle sich auf unsern Herrn Jesum Christum beziehe, erhellt theils ans starken innern Beweisen, theils aus den wiederholten Zeugnissen der Verfasser des neuen Testaments. Wer erkennt nicht, daß sie Straflosigkeit für den Sünder und zwar durch das Leiden und Sterben eines Heilandes ansspricht? Dieselbe Lehre ist nachdrncksvoll ausgesprochen in den Worten, die Ichova an den Messias richtet in den Weissagungen des Zacharja: „Du lässest auch durch das Blut Deines Bundes Deine Gefangene ans der Grube, da kein Wasser innen ist; so kehret euch nun zur Festung, ihr, die ihr auf Hoffnung gefangen liegt." Zach. S, 11. IS. Von der Art sind die prophetischen Aussprücbe in Beziehung auf jene mächtige Versöhnung für die 42 Sünden, welche die Einführung der evangelischen Gnadenanstalt auszeichnen sollte; auch dürfen wir nicht" vergessen, daß die ganze Opferanstalt der Juden ,,ein Schatten war des Guten, das da kommen sollte/'' und, mit Beziehung auf dieselbe Lehre, erfüllt wurde. Diese Bemerkung ist ganz besonders auf das Schlachten des Passalamms und das Opfer des Bocks und der Ziege an dem großen Versöhnungstage anwendbar. Denn Jesus Christus, das vor der Gründung der Welt geschlachtete Lamm, wird von dem Apostel Paulus beschrieben, als „unser Osterlamm," das „für uns geopfert wurde," 1 Cor. 5, 7; und in dem Briefe an die Hebräer werden wir deutlich darüber belehrt, daß der Hohepriester, der das Opfer darbrachte, zuerst für seine eigenen Sünden, dann für die des Volks, und welcher bei dieser feierlichen Gelegenheit das Allerhciligste betrat, und den Gnadenstuhl mit Blut besprengte, nur das Vorbild des Erlösers war, der für uns in den Himmel gefahren ist, der mit seinem Blut unsere Herzen besprengt, und der durch ein einziges Opfer diejenige«, welche gehciliget sind, ein für allemal vollkommen gemacht hat; vergl. Levit. 16 mit Hebr. 9 und Ist. Aber zu dieser Zerstörung der Werke des Teufels, welche durch den Messias vollführt werden sollte, bedürfte es nicht blos eines Versöhnungsopfers, 43 sondern auch eines mächtigen, reinigenden Einflusses. Demgemäß finden wir denn auch in denjenigen Weissagungen des alten Testaments, von denen Juden und Christen anerkennen, daß sie messtanisch seien, viele bestimmte Verheißungen einer reichlicheren Ausgicßnng eines solchen Einflusses ans das Volk des Herrn, und dessen durchgreifender und geistiger Wirksamkeit. „So spricht der.Herr, der dich gemacht und zubereitet hat, und der dir beistchet von Mutterleib? an: fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, und du Frommer, den ich erwählet habe; denn ich will Wasser gießen auf die Durstigen, und Strome ans die Dürren; ich will meinen Geist ans deinen Saamcn gießen, und meinen Segen ans deine Nachkommen." Jes. 44, 2. 3. „Ich will rein Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet von aller eurer Unreinigkeit, und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben, und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen, und euch ein fleischernes Herz geben; ich will meinen Geist in euch geben, und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln, und meine Rechte halten und darnach thun." Hesck 36, 2S—27. Genau im Einklang mit diesen Stellen steht die Beschreibung, welche Jcrcmias von den Hauptkennzeichen des neuen Bundes giebt: „Das 44 / soll der Bund seyn, den ich mit dem Hause Israel machen will nach dieser Zeit, spricht der Herr; ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk seyn, so will ich ihr Gott seyn. Und wird keiner den andern, noch ein Bruder den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn, sondern sie sollen mich alle kennen, beide, klein und groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missethat vergeben, und ihrer Sünde nicht mehr gedenken." Jercm. 31, 33. 34. Die Segnungen, welche sonach den Neuen Bund unterscheiden sollten, sind von Jcsaia vorgestellt als „die gewissen Gnaden Davids," d. i. des Messias, des Nachkommen Davids, der nach den Rathschlnssen des Höchsten dazu bestimmt war, „ein Zeuge zu seyn den Leuten, ein Fürst und Gebieter den Völkern. Jes. 55, 1—4. Aus den verschiedenen Beschreibungen, die uns in den prophetischen Schriften von dem allumfassenden Ansehen, und der nie aufhörenden Herrschaft dieses Friedensfürsten gegeben werden, fühlen wir uns zu dem Schlüsse berechtigt, daß Er selbst jene geistigen Gaben austheilen und jene mächtigen innern Wirkungen leiten sollte, durch welche Seine Herrschaft über die Herzen der Menschen zu gründen und zu sichern war. Demgemäß lernen wir aus Pf. 68, 18: daß der Messias „das Gefängniß 45 gefangen führen," und „Gaben für die Menschen empfangen werde;" und der Prophet Maleachi hat die plötzliche Erscheinung und das geistige Geschäft unsers Erlösers in folgenden erhabenen Ausdrücken angekündigt: „Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu Seinem Tempel der Herr, den ihr suchet, und der Engel des Bundes, deß ihr begehret. Siehe, Er kommt, spricht der Herr Zebaoth. Wer wird aber den Tag Seiner Zukunft erleiden mögen? Und wer wird bestehen, wann Er wird erscheinen? Denn Er ist wie das Feuer eines Goldschmids und wie die Seife der Wäscher. Er wird sitzen und schmelzen, und das Silber reinigen; Er wird die Kinder Levi reinigen und läutern, wie Gold und Silber. Dann werden sie dem Herrn Speisopfer bringen in Gerechtigkeit; Mal. 3, 1—3. Darin also treffen die Aussprüche der alten Propheten, die von Ehristo weissagten, „getrieben von dem heiligen Geist," zusammen, daß die Gnadenanstalt des Evangeliums darauf abzielte, „dem Uebertrctcn zu wehren, und die Sünde zuzusiegeln, und die Missethat zu versöhnen, und die ewige Gerechtigkeit zu bringen, und die Gesichte und Weissagung zuzusiegeln, und den Allerheiligstcn zu salben." Dan. 9, 24. Wenden wir nun un'sre Aufmerksamkeit dem Neuen Testamente zu. Als der Engel Gabriel der 46 Jungfrau Maria die herannahende Geburt eines Sohnes ankündigte, fügte er hinzu: „Du sollst ihn Jesus (Heiland) nennen, denn er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden." Matth. l, 21. Auch von Johannes, dem Täufer, wurde der nahende Retter der Menschen in derselben Eigenschaft angekündigt — „Siehe, das ist Gottes Lamm," spricht er, „welches der Welt Sünde trägt." Joh. 1,29. Unser Herr selbst erklärte sich oft und deutlich über den großen Zweck Seiner Zukunft: „Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu macheu, das verloren ist." Luc. 19, 10. „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß Er Ihm dienen lasse, sondern, daß er diene und gebe Sein Leben zu einer Erlösung für Viele. Matth. 20, 26. „Das ist mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für Viele zur Vergebung der Sünden." Matth. 26 28. „Wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöhet hat, also muß des Menschen Sohn erhöhet werden; auf daß Alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. — Gort hat Seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, daß Er die Welt richte; sondern, daß die Welt durch ihn selig werde." Joh. 3, 14. 17. „Ich bin das lebendige Brod, vom Himmel gekommen; wer von diesem Brod essen wird, der wird 47 lcl'en in Ewigkeit: und das Brod, das ich geben werde, ist mein Fleiscb, welches ich geben werde für das Leben der Welt." Job. 6, Sl. Anch nach Seiner Auferstehung sprach Er zu dem bekehrten Paulus, als Er ihm den apostolischen Beruf ertheilte: „Dazu bin ich Dir erschienen, daß ich dich ordne zum Diener und Zeugen deß, das du gesehen hast, und das ich dir noch will erscheinen lassen. Und will dich erretten von dem Volk und von den Heiden, unter welche ich dich setzt sende, aufzuthun ihre Augen, daß sse sich bekehren von der Finsterniß zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott; zu empfangen Vergebung der Sünden und das Erbe sammt denen, die gehciliget werden durch den Glauben an mich." Ap. Gesch. 26, 16—18. Eine Menge Ausfprüche der Apostel unseres Herrn führen uns zu demselben Ergebniß. Als Belege dafür wollen wir nur einige Stellen aus den Schriften des Johannes, Petrus und Paulus auslesen. Johannes. — „Wer Sünde thut, der thut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisset, daß Er ist erschienen, auf daß Er unsere Sünden wegnehme; und ist keine Sünde in Ihm. Wer in Ihm bleibet, der sündiget nicht." 1 Joh. 3, 4—6. „Daran ist erschienen die Liebe Gottes gegen uns, daß Gott Seinen eingebvrnen Sohn gesandt 48 hat in die Welt, daß wir durch Ihn leben sollten. Darinnen stehet die Liebe, nicht daß wir Gott geliebet haben; sondern, daß Er uns geliebet hat, und gesandt Seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden — und wir haben gesehen und zeugen,- daß der Vater den Sohn gesandt hat zum Heiland der Welt;" 1 Joh. 4, 9. 19. 14. „Wer sind diese mit weißen Kleidern angethan? Und woher sind sie gekommen? — Diese sind es, die gekommen sind ans großer Trübsal, und haben ihre Kleider gewaschen, und haben ihre Kleider helle gemacht im Blute des Lammes. .Darum sind sie vor dem Stuhle Gottes," n. s. w. Offenb. 7, 13—15. Petrus — „Und wisset, daß Ihr nicht mit vergänglichem Gold oder Silber erlöset seyd von eurem citcln Wandel nach vaterlicher Weise; sondern mit dem theuren Blute Christi, als eines unschul, digen und unbefleckten Lammes;" 1 Petr. 1, 18. 19. — „Sintemal auch Christus für uns gelitten hat, und uns ein Vorbild gelassen, daß ihr sollt nachfolgen Seinen Fußtapfen, welcher un'sre Sünden selbst geopfert hat an Seinem Leibe auf dem Holz, auf daß wir der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seyd heil geworden. Denn ihr wäret wie irrende Schaafe; aber ihr seid nun bekehret zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen;" 1 Petr. 2, 21. 24. 25. 49 PauluS.— „Darum, daß kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor Ihm gerecht seyn mag; denn durch das Gesetz kommt Erkenntniß der Sünde. Nun aber ist ohne Zuthun des Gesetzes die Gcrcch, tigkcit, die vor Gott gilt, geoffenbaret und bezeuget durch das Gesetz und die Propheten; ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesum Christ zu Allen und auf Alle, die da glauben; denn es ist hier kein Unterschied; stc stnd allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie an Gott, haben sollten; und werden ohne Verdienst gerecht aus Seiner Gnade, durch die Erlösung, die durch Jesum Christum geschehen ist; welchen Gott hat vorgestellt zu einen» Gnadenstnhl, durch den Glauben in Seinen» BlNt damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, darbiete, indem, daß Er Sunde vergiebt, welche bisher geblieben war unter göttlicher Geduld; auf daß Er zu diesen Zeiten darböte die Gerechtigkeit, die vor Ihm gilt; auf daß Er allein gerecht sei, und gerecht mache den, der da ist des Glaubens an Jesu.^ Röin. 3.29—2ö. „DcNN gleichwie durch eines Menschen Ungehorsam viele Sünder geworden sind, also auch durch eines Gehorsam werden viele Gerechte. Das Gesetz aber ist ncbciteiNgekommcn, auf daß die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtig geworden ist: da ist doch die Gnade 4 50 viel mächtiger geworden; ans daß, gleichwie die Sünde geherrsckct hat zu dem Tode, also auch herrsche die Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben, durch Jesum Christ, unsern Herrn." Rom. 5, 19—21. „Denn der Tod ist der Sünde Sold; aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben, in Christo Jesu, unserm Herrn." Rom. 6, 23. „Gleichwie Christus auch geliebet hat die Gemeine, und hat sich selbst für sie gegeben, auf daß Er sie heiligte, und hat sie gereiniget durch das Wasserbad im Wort: auf daß Er Ihm selbst darstellte eine Gemeine, die herrlich sei, die nicht habe einen Flecken oder Runzel oder deß Etwas, sondern, daß sie heilig sei und unsträflich." Eph. 5, 25—27. „Gott hat uns errettet von der Obrigkeit der Finsterniß, und hat uns versetzet in das Reich Seines lieben Sohnes; an welchem wir haben die Erlösung durch Sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden; — und euch, die ihr weiland Fremde und Feinde wäret, durch die Vernunft in bösen Werken, nun hat Er euch versöhnet mit dem Leibe Seines Fleisches durch den Tod, auf daß Er euch darstellte heilig und unsträflich und ohne Tadel vor Ihm selbst." Col. 1, 13. 14. 21. 22. „Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen, und züchtiget uns, daß wir sol- len verleugnen das ungöttliche Wesen, und die 51 weltlichen Lüste, und züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt, und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unsers großen Gottes und Heilandes Jesu Christi: der sich selbst für uns gegeben hat, ans daß Er uns ablö- setc von aller Ungerechtigkeit, und reinigte Ihm selbst ein Volk zum Eigenthum, das fleißig wäre zu guten Werken." Tit. 2, 11—12. Die Rechtfertigung durch das Blut Christi und die Heiligung durch Seinen Geist werden gewöhnlich als verschiedene Lehren behandelt; allein, wenn sie auch in einer Hinsicht verschieden erscheinen, so wird es doch nichtsdestoweniger aus dem Geiste dieser Stellen deutlich, daß sie unzertrennlich verbunden sind. Beide gehören wesentlich zu dem Erlösungswcrke; beide entspringen ans derselben göttlichen Barmherzigkeit, und die heiligen Verfasser nennen, als die Quelle beider, das Opfer des Sohnes Gottes. War Christus gesandt vom Vater, eine Versöhnung durch den Glauben in Seinem Blute zu Stande zu bringen; trug Er unsere Sünden an Seinem eigenen Leibe ans dem Holz; gab Er sich so für uns dahin; — so geschah es nicht allein, um uns Vergebung schon begangener Sünden zu erwerben, und um reumüthige Gläubige zu rechtfertigen, sondern auch dazu, daß Er Seine Kirche heiligen und reinigen — daß Er uns von jeglicher 4* 52 Uebertretnng erlösen möchte, — daß unsere Gewissen gereiniget werden von den todten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott — daß wir, die wir todt waren in Sünden, der Gerechtigkeit leben möchten Tit. 2, 14. Hcbr. 9, 14. 1 Petr. 2, 24. „Das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat mich frei gemacht," spricht der Apostel, „von dem Gesetz der Sünde und deS Todes: denn, was dem Gesetz unmöglich war, (sintemal es durch das Fleisch geschwächct ward) das that Gott, und sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches, und verdammte die Sünde im Fleisch durch Sünde, auf das die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns 'erfüllet würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist." Nöm. 8, 2. 3. Und hinwiederum, „Denn wir waren auch weiland unweise, ungehorsame irrige, dienende den Lüsten und mancherlei Wollüsten, und wandelten in Bosheit und Neid, und hasteten uns untereinander; da aber erschien die Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes, unseres Heilandes: nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir gethan hatten, sondern nach Seiner Barmherzigkeit machte Er uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des heiligen Geistes; welchen Er ausgcgossen hat über nns reichlich, durch Jesum Christum unsern Heiland." 53 Tit. 3, 3—6. „Ich taufe euch mit Wasser/' sprach Johannes, der Täufer, zu den Juden, „aber der nach mir kommt, ist größer als ich; dem ich nicht werth bin, die Schnhriemen aufzulösen; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen." Matth. 3, 14. vcrgl. Ioh. 15, 26 .1 Joh. 2. 27. Zuletzt lernen wir von den göttlich erleuchteten Verfassern, daß derselbe Mittler des neuen Bundes der eine Versöhnung für unsere Sünden zu Stande brachte, und der die Gnadeugaben des heiligen Geistes aus die Menschheit ausgießt, huldreich und crbarmungsvoll eine Fürsprache vor dem Throne Seines Vaters einlegt. „Meine Kindlciu," so spricht der Apostel Johannes, „Solches schreibe ich euch, auf daß ihr nicht sündiget. Und ob Jemand sündiget so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist." 1 Joh. 2, 1. 2. „Wer will verdammen? schreibt ein anderer Apostel: „Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferstanden ist; welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns." Röm. 8, 34. „Dieser aber, darum, daß Er bleibet ewiglich, hat Er ein unvergängliches Pricstcrthum; daher Er auch selig machen kann immerdar, die durch ihn zu Gott kommen, und lebet immerdar, und bittet für sie." Hebr. 7, 24. 25. Solcher Art sind die nachdrücklichen und/über- 54 einstimmenden Aussprüche über den großen Gegenstand der christlichen Erlösung, die wir bei den Propheten und Aposteln finden. Kehren wir nun zn unserer Frage zurück — zu welchem erhabenen und allumfassenden Endzweck der Sohn Gottes, durch den Alles, was im Himmel und ans Erden ist, erschaffen ward, sich herabließ, unsere gebrechliche Natur anzunehmen, unter uns zu wohnen, und am Kreuze zu sterben, so haben wir in diesen Stellen eine verstandliche und vollkommen befriedigende Antwort. In Seiner anbetungswürdigen Barmherzigkeit, in Seiner Alles vermögenden Kraft, kam Er, die Menschheit zu befreien; sie ihrer Gesunkcnheit zu entreißen; sie aus der Herrschaft des Satans und ans ewigem Elend zu erretten; alle ihre geistigen Bedürfnisse zu befriedigen; sie durch Sein Blut und Seine Vermittlung mit dem Allmächtigen Vater zu versöhnen; sie neu zu gebaren und zu heiligen durch Seinen heiligen Geist; ihr Straflosigkeit und Heil- lung zu verschaffen, und ihr so eine gränzenlose Seligkeit zn sichern. Da schließen sich uns Endzwecke auf, die des Sohnes Gottes würdig sind; würdig der besonderen Entfaltung Seiner Liebe und Herablassung, die uns in der Bibel geoffenbart wurde — Endzwecke, die Seiner göttlichen Würde ganz angemessen sind, und von Niemand anderem S5 verwirklicht werden konnten, als von dem, der zwar auf der einen Seite, in unserer dein Leiden unterworfenen Natur litt, auf der andern Seite aber auch zugleich Eins war mit Iehovah — und an der Weisheit, der Macht uud dem Wesen des einzig wahren Gottes persönlich Theil hatte. In der That; wir mögen nun auf die menschliche Natur Christi sehen, in welcher Er für uns starb, und immer noch Mitleid hat mit unserer Schwachheit, — oder auf Seme göttliche Natur, welche in der Ausführung Seines Erlösungsplans so mächtig waltet, so müssen wir anerkennen, daß zwischen den geistigen Bedürfnissen der Menschheit einerseits, und den gewissen Gnaden des Messias Gottes andrerseits, ein feiner, genauer und vollkommener Einklang stattfinde. 8. Um uns die Mittel anzueignen, welche Gott sonach in Seiner unergründlichen Weisheit zu unserem Heile verordnet hat, ist es schlechterdings nothwendig, daß wir an Jesnm Christum glauben. „Diese (Zeichen) sind geschrieben, daß Ihr glaubet, Jesus sei Christ, der Sohn Gottes; und daß Ihr durch den Glauben das Leben habt in Seinem Namen." Ioh. 20, 31. „Also hat Gott die Welt geliebt," sagt Jesus sebst, „daß Er Seinen Einge- borncn Sohn gab, auf daß Alle, die an Ihn glauben, nicht verborcn werden, sondern das ewige Leben 56 haben." Ioh. 3, 16. „Ich bin die Auferstehung und das Leben: wer an mich glaubet, der wird leben, ob Er gleich stürbe; und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben." Ioh. 11, 25. 26. Paulus erklärt sich besonders dahin, daß ein Mensch nicht gerechtfertigt werde durch des Gesetzes Werke, sondern durch den Glauben an Jesum Christum; Gal. 2, 16. und wenn Johannes der Täufer, von der Macht und Vortrefflichkcit Jesu zeugt, so stellt er einfach die Folgen des Glaubens und Nichtglaubcns an den Sohn Gottes vor Augen: „wer an den Sohn glaubet, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubet, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt scher ihm." Ioh. 3, 36. Nun ist aber der Glauben an Christum, der oft und viel für das Mittel unsres Heils erklart wird, nicht nur eine Beipflichtung, die der Verstand der Geschichte und den Lehren des Evangeliums zollt, Ein solcher Glaube ist an sich ein todter Glaube, und wir lesen, daß „die Teufel auch glauben und zittern." Jac. 2, 19. Vielmehr ist der Glaube eine sich in dem innersten Menschen lebendig sich erweisende Kraft, die uns mächtig antreibt, unter den milden Eindrücken der Liebe Gottes, dm Herrn Jesum Christum als unsern einigen Retter anzunehmen; uns von Ihm, als vom Brode 57 des Lebens, geistig nähren zu lassen; eine demüthige, aber feste Zuversicht auf Seine Macht und Gnade zu setzen; und mit voller Willenskraft und herzlicher Hingebung unser ganzes Wesen Seiner geistigen Führung zu unterwerfen. Dies ist der durch die Liebe thätige Glaube. Gal. 5, 6. Dies ist der Glaube, der uns geschickt macht, die reinen und lieblichen Früchte der Heiligkeit, Liebe, Freundlichkeit, Geduld, Freude und des Friedens zu bringen. Hierher gehört auch der Ausspruch Pauli: „Wenn Jemand in Christo ist, so ist dcrsclbigc eine neue Kreatur: das Alte ist vergangen, siehe Alles ist neu geworden." 2 Cor. 5, 17. Wir sind todtkrank — die todtlichc Krankbcit der Sünde schleicht in uns, — wie können wir genesen, wenn wir das vorgeschriebene Heilmittel verschmähen? So laßt uns denn Alles aufbieten, den Hang zum Unglauben zu überwinden; laßt uns nicht lauger Freude haben au grübelnden Untersuchungen über eine Theorie der Religion: laßt uns vielmehr an ihrem Wesen festhalten, auf daß wir dem dro-» hendcn Strafgericht entrinnen. Laßt uns auf die Worte der Liebe und Zärtlichkeit hören, womit unser mitleidsvoller Erlöser uns fortwährend einladet: ,,Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seyd; ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch, und lernet von mir; denn 58 ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft, nnd meine Last ist leicht." Matth. 1l, 28—30. Ja wir müssen das Joch Christi ans uns nehmen. „Gehorsam ist besser denn Opfer, und Aufmerken besser, denn das Fett von Widdern." 1 Sam. 15, 22. Da wir durch das Opfer Christi Versöhnung mit dem Vater erlangen, so wollen wir stets daran denken, daß wir nur dann in einen Stand wahrer Heiligkeit versetzt werden können, nnd uns jener Versöhnung getrösten, wenn wir uns ganz unter die Aufsicht und Führung Seines heiligen Geistes begeben. Durch Seinen Geist ist es, daß unser allvcrmögendcr Erlöser uns're verdorbenen Herzen verändert, unsre sündlichen Neigungen ertödtet, uns Seine heilige Natur mittheilt; nnS geschickt macht, in Reinheit nnd Liebe vor Ihm zu wandeln, und uns so auf den Genuß des himmlischen Erbes vorbereitet, das Er uns vermittelst Seines vollkommenen Gehorsams und Seines verdienstlichen Opfers erworben hat. „Wenn wir in dem Lichte wandeln, wie Gott in dem Lichte ist," spricht der Apostel Johannes, „so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, Seines Sohnes, reiniget uns von allen Sünden." l. Joh. l, 7. Es kann in der That nichts wcrthloscr seyn,- als 59 selbst das richtigste System religiöser Meinungen, wenn unser Glaube keinen Einfluß ans das Herz übt, und daher auch die nothwendige Wirkung eines frommen Lebens und Wandels nicht hervorbringen kann. Im Christenthum zielt Alles auf praktische Zwecke ab; und am Tage der gerechten Vergeltung wird es uns'rc Verdammung nur erhöhen, wenn wir das Wort des Herrn zwar gehört, verstanden und gebilligt — dabei uns aber fortwahrend geweigert haben, seinen Anforderungen zu genügen. „Nicht alle, die zu mir sagen: Herr! Herr! werden in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen thun meines Vaters im Himmel." Wer diese meine Worte hört, und thut sie nicht, der ist gleich einem thörigten Manne, der sein Hans ans den Sand bauete: und der Regen fiel, und die Fluchen kamen, und schlugen an das Haus: und es fiel, und groß war sein Fall." Match. 7, 21. 26. 27. Ehe ich schließe, sei es mir gestattet, meine ganze Beweisführung kurz zu wiederholen. Das Christenthum ist eine Religion, welche auf dem Ansehen Gottes selbst beruht. 1. Es ist durch eine größere Mannigfaltigkeit und Fülle von Beweisen, als je für einen ähnlichen Gegenstand vorgebracht wurden, dargethan, daß die Schriften des Neuen Testaments ächt sind. 2. Daß 60 die in diesen Schriften aufgezeichnete Geschichte wahr ist, schließen wir ans dem Zeugnisse so mancher redlichen und unabhängigen Gewährsleute; und dieses Zeugniß ist durch eine Menge bemerkenswerther und unzweideutiger Thatsachen so bekräftigt, daß dadurch den eigentümlichen Anforderungen, die in einem solchem Falle billig gemacht werden könne», entsprochen, und die Wahrheit der christlichen Wunder begründet wird. Nun sind die Wunder Abweichungen von der Ordnung, welche ein Allmächtiger Gott der Natur vorgeschrieben hat, und können, wie die Schöpfung selbst, nur Ihm mit Recht zugeschrieben werden. Da nun Gott das Christenthum durch wahre Wunder beglaubigt hat, so folgt daraus, daß das Christenthum eine von Gott selbst begründete Religion sey. 3. Das wirkliche Vvrhcrwissen künftiger Ereignisse ist eine Eigenschaft, die ebenfalls nur dem Allmächtigen zuerkannt werden kann, und Gott hat das Christenthum durch wahrhafte Weissagungen beglaubigt. Jesus Christus sagte mehrere Ereignisse genau voraus. Ganz besonders entsprechen die Weissagungen des Alten Testaments von einem Messias dem Charakter und der Geschichte Jesu, wie ein verwickeltes und mit besonderer Kunst zusammengesetztes Schloß mit seinem Schlüssel zusammenpaßt. Daraus folgt hinwiederum die Göttlichkeit des Christenthums. 4. Gott ist ein Wesen mit sittlichen Vollkommenheiten, und das Christenthum ist das Werkzeug, wodurch Gott Unwicdcrgeborne so um- kt gestaltet, daß sie Ihm fortan die Ehrfurcht »nd Liebe widmen, welche Ihm gebührt—daß sicSeine sittlichen Vollkommenheiten in ihrem eigenen Verhalteil darstellen — und sich einer wcscnhaftcn und dauernden Glückseligkeit erfreuen; woraus sich abermals der sichere Schluß crgiebt; daß unsere Religion göttlich und wahr ist. Die Schrift ist ein göttlich beglaubigter Bericht christlicher Wahrheit. Daß die Verfasser des alten Testamentes mit unmittelbarer göttlicher Eingebung begnadigt gewesen seyen, erhellt aus den klaren Aussprüchen Jesu und der Apostel. Daß die Verfasser des Neuen Testamentes und insbesondere die Apostel der gleichen Gabe gewürdigt gewesen seyen, ist in der evangelischen Geschichte, deren Wahrheit bereits bewiesen worden, offen ausgesprochen; und diese geschichtlichen Zeugnisse für den göttlichen Ursprung der Schrift sind zur Genüge durch innere Zeugnisse bestätigt, welche von ihrem heiligen, weisen, harmonischen und praktisch wirksamen Inhalte her, genommen sind. Die Schwierigkeiten in der heiligen Schrift sind denjenigen, welche die Naturwissenschaft darbietet, ähnlich; für den einfältigen, aufrichtigen und andächtigen Leser, und in Dingen, welche zu unserem Heile gehören, sind die von Gott eingegebenen Schriften klar und verständlich. Die Bibel ist voll wichtiger Unterweisung in Betreff Gottes, unserer selbst und Jesu Christi. 1. Die verschiedenen Eigenschaften und Vollkommenheiten Gottes sind in dem heiligen Buche mit einer 62 Kraft und Nichtigkeit beschrieben, welche den göttlichen Ursprung des Buchs deutlich beurkunden. Ganz besonders stellt die Schrift die Gottheit als vollkommen rein und gerecht vor, so daß sie jede Sünde im höchsten Grade verabscheut, und diejenigen, welche unter ihrem Einflüsse fortleben, unfehlbar bestrafen wird. Ohne Heiligkeit wird Niemand Gott schauen. 2. In Beziehung auf uns selbst erklärt die Schrift, daß wir Leib und Seele besitzen, daß die Seele nach dem Tode fortlebe — daß die Todten mit einem geistigen Leibe werden anfcrweckt werden — daß wir in der Ewigkeit belohnt oder bestraft — auf immer selig oder unselig seyn werden, je nach unsern Werken; sie belehrt uns ferner, daß wir das Ebenbild Gottes, worin Adam erschaffen wurde, verloren haben — daß wir von Natur zur Sünde geneigt und allzumal Sünder sind — und daß wir daher ans uns selbst keine Hoffnung des Heils schöpfen können. 3. In Betreff Jesu Christi, lesen wir in der Bibel — daß Er der Sohn, oder das Wort Gottes ist, und, als solcher, von Ewigkeit her bei Gott war — daß alle Dinge durch Ihn gemacht wurden — daß Er Eins ist mit dem Vater und daher selber Gott, oder Iebovab — daß Er ins Fleisch kam und die menschliche Natur annahm; auf Erden verweilte; am Kreuze starb; von den Todten auferstand; gen Himmel fuhr; von wannen Er wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Todten. Auf die Frage, zu welchem, völlig genügenden 63 Zwecke solch ein rrbabencs Wesen — sich so wunder, bar erniedrigt habe, daß es in diese Welt kam, unsre Natur annahm und am Kreuze starb, fanden wir die Antwort: >,Es geschah, um alle uns're geistigen Bedürfnisse zu befriedigen; — und uns nicht allein Lehre, Vorschrift und Beispiel, sondern auch Straflosigkeit und Heilung zu gewähren." Diese Antwort wurde aufs einleuchtendste bestätigt durch eine Menge aus der heiligen Schrift erlesener Stellen — durch die vollkommen übereinstimmenden Erklärungen der Propheten, des Engels Gabriel, Johannes, des Täufers, Ehristi selbst, und Seiner Apostel. Diese Stellen entfalten die ganze Lehre von der Versöhnung im hellsten Lichte, verbürgen die großen Thatsachen des Evangeliums vollständig, und zeigen, daß zwischen den geistigen Bedürfnissen der Menschheit und dem Erbarmen Gottes in Christo Jesu, eine gänzliche Uebereinstimmung stattfinde. Zuletzt habe ich bemerkt, daß wir uns der Verheißungen und Segnungen des Evangeliums nur dann getrosten dürfen, wenn wir jenen wahren und lebendigen Glauben an Jesum besitzen, kraft dessen wir uns auf Ihn, als auf unsern einzigen Erretter verlassen, durch dessen Wirkung neue Geschöpfe werden, und Früchte des Gehorsams, der Heiligkeit, der Liebe nnd des Friedens bringen. In Vertrauen darauf, daß du, mein theurer Freund, (und wer sonst diese Blätter lesen mag) einem der wesentlichen Punkte, welche die gegenwärtige Beweisführung cutwickelt, nach dem andern, 64 deinen Beifall nicht versagt habest, will ich es nun versuchen, einige Worte der freundlichen Ansprache und Ermahnung hinzuzufügen. Ich möchte Dich zuerst bitten, ein erweitertes und beharrliches Gefühl für die Wichtigkeit ewiger Dinge in Dir zu erwecken und zu nähren — die Lehre zu beherzigen, daß wir alle dem Tage zueilen, wo wir vor dem Richterstuhle Christi erscheinen müssen; wo auch die geheimsten Gedanken und Triebe unserer Herzen ans Licht werden gebracht werden; wo wir dem Richter über alles Fleisch Rechenschaft werden ablegen müssen von Allem, was wir bei Leibes Leben gethan haben; und wo wir entweder die Gabe der ewigen Seligkeit empfangen werden, oder unter dem Gewichte unsers Verderbens hinabsinken in endlosen Jammer. Zweitens möchte ich eine andere ebenso unzweifelhafte Wahrheit Deinem Nachdenken empfehlen. — daß es an jenem Tage uns're Verdammung erhöhen wird, wenn wir das Wort des Herrn zwar gehört, verstanden und gutgeheißen, aber demselben den Gehorsam beharrlich verweigert haben. Da wir allein durch Glauben und Gehorsam dem gerechten Gerichte Gottes entrinnen können, und Erben werden einer seligen Unsterblichkeit, so kann ich den Wunsch nicht unterdrücken, daß es Dir möchte gegeben werden, zu glauben Nttd zn gehorchen. Dein Verstand ist von der Wahrheit unsrer heiligen Religion überzeugt, aber laß es nicht bei einem blos begriffsmäßigen Glauben bewenden. Schüttle sie 67 Wollust, Bosheit, Grausamkeit und Blutvergießen unter den Menschenkindern übcrhand genommen haben. Aber jeder, der zu einem rechten Verständniß des Evangeliums Christi gebracht worden ist, weiß, daß in Seinen Lehren, sobald sie nur demüthig angenommen und auf das Herz und Leben angewendet werden, ein mächtig wirkendes Heilmittel liegt, wodurch dem sittlichen Uebel jeder Art gesteuert und dasselbe überwältigt werden kann. So laßt uns denn beten um das beschleunigte Herannahen jenes Tages, wo das Reich Jesu sich ausbreiten wird, „von einem Meer bis an das andere, und von dem Wasser an bis zu der Welt Ende;" Ps. 72, k. denn unter Seinem gesegneten Einflüsse wird noch eine gewaltige Veränderung in der Gemüthsbcschaffcnhcit und dem Zustande der Menschen gewirkt werden. „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere ein Schwert aufheben, und werden fort nicht mehr kriegen lernen." Jes. 2, 4. „Die Wolfe werden bei den Lämmern wohnen und die Pardel bei den Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh mit einander treiben.... man wird nirgend letzen, noch verderben auf meinem heiligen Berge, spricht der Herr, denn das Land ist voll Erkenntniß des Herrn, wie mit Wasser bedeckt." Jes. 11, 6—?. Dann wird aus dieser sittlichen Wüste ein fruchtbares Feld werden. „Die Wüste und Einöde wird lustig seyn, und daö Gefilde wird fröhlich stehen 5" 68 lind wird blühen, wie die Lilien. Sie wird blühen und fröhlich stehen in aller Lust und Freude. Denn die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, der Schmuck Karmels und Sarons; sie sehen die Herrlichkeit des Herrn, den Schmuck unseres Gottes... .und es wird daselbst eine Bahn seyn und ein Weg, welcher der heilige Weg heißen wird, daß kein Unreiner darauf gehen wird, und dcrsclbigc wird für sie seyn, daß man darauf gehe, daß auch die Thoren nicht irren mögen. Es wird da kein Löwe seyn, und wird kein reißendes Thier darauf treten, noch daselbst gefunden werden; sondern man wird frei sicher daselbst gehen. Die Erlösctcn des Herrn werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte seyn; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird weg müssen." Jes. 35, 1. 2. 8—Ist. Indem wir aber, mein lieber Freund, die Kraft der Erlösung von der Sünde, durch den Glauben an den Sohn Gottes, an uns selbst erfahren; und einer allgemeinen Verbreitung jener reinigenden Lehren und Grundsätze entgegensehen; so wollen wir uns in Demuth vor dem ewigen Jehovah niederwerfen und mit dem Apostel ausrufen: Gott sei Dank für Seine unaussprechliche Gabe!" Ich bin, u. f. w. Ende. 65 ab die Bande eines argen, ungläubigen Herzens; finde keinen Gefallen an den unnützen Grübeleien über das Christenthum, nur als wissenschaftliches Gebäude betrachtet, sondern halte an seinem Wesen fest; und entfliehe dem zukünftigen Zorne. Erinnre Dich, daß Du ein der Liebe Gottes unwürdiger Sünder — elend, jämmerlich, blind, arm und bloß bist. Bekenne dem Herrn Deine Uebcrtretungcn; demüthige Dich unter dem Gefühl derselben und nimm, in dem Bewußtsein, daß in der schwankenden Lage des gegenwärtigen Lebens nichts die Sehnsucht Deines unsterblichen Geistes befriedigen kann, die sichere Zuflucht für Deine verwundete und beladene Seele in dem Schooße Jesu an. Wirf Dich, wie Du bist, dem Mittler zwischen Gott und Menschen in die Arme; Ihm, in dem alle Schätze verborgen sind, nicht nur der Weisheit und Erkenntniß, sondern auch der mitleidsvollen Liebe und Erbarmung. Scheue Dich nicht, Sein Joch auf Dich zu nehmen. Gehorche dem Gesetze Christi, wie es in der Schrift aufgezeichnet und Dir in's Herz geschrieben ist. Folge dem Lamme, wohin es auch gehet. Stelle Dich dieser Welt nicht gleich, sondern verandere Dich durch Erneuerung Deines Sinnes; auf daß Du prüfen mögest, welches da sei der gute, der wohlgefällige und vollkommene Gottes Wille. Schreite vorwärts in festem, gleichmäßigem, ent, schlossenem Gang, von Gnade zu Gnade, von Kraft zu Kraft, und von einer Stufe der Heiligkeit zur andern. Selle Dein Anliegen ganz dem anheim, 66 der Dich so theuer erkauft hat. Endlich sei wacker zum Gebet, bete ohne Unterlaß — bete, und ermatte nicht. Dann aber fürchte Dich auch nicht, und sollte es Dich auch zuweilen schwer ankommen, Christi Kreuz zu tragen — sollte auch Spott und Verfolgung Dein Loos seyn; sollte Deine eigene Schwachheit Dich niederbeugen; sa sollte in verhältnißmäßig finstern Stunden Satan wüthen, Dich versuchen und wie mit Fausten schlagen; — so fürchte Dich nicht; denn Gott wird mit Dir seyn. Israels Hirt und Hüter wird Dich weiden mit dem Stäbe Seiner Liebe. Deine ganze Pilgerfahrt hindurch wird Er Dein Freund, Dein Begleiter und Be, schütze? seyn. Er wird Seinen Geist über Dich ausgießen. Er wird alle Deine Feinde zerstreuen. Für Traurigkeit wird Ergeben das Freudenvl; für Asche Schmuck, für den betrübten Geist Festkleider; für Beängstigung und Kampf den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Und zuletzt, wenn Dein Glaube gleichen Schritt gehalten hat mit Deiner Erkenntniß, und Du in Deinem Glauben Tugend dargereicht hast, so wird Er Dir durch das Blut des Bundes einen sichern und fröhlichen Eingang in die Wohnungen der Ruhe und der Herrlichkeit verleihen. Und nun nur noch eine Schlußbemerkung. Wenn es uns, aufdcr einen Seite, zur Pflicht gemacht wird, über unsere eigenen Sünden zu trauern, so sollen wir dies nicht minder thun über die Sünden unserer Mitmenschen; und mit tiefem Hcrzenskummer sollen wir uns vor Gott beugen, wenn wir bedenken, was für eine furchtbare Gottesvcrgessenhcit, welche Falschheit,