Kleine Weltgeschichte zum Unterricht und zur Unterhaltung von I. G.A. Galletti, Professor zu Gotha. Fünfter Theil. Neue vermehrte und verbesserte Auflage. Gotha, bey C. W. Ettinger, izo?. I n h a l t. Zweytes Kapitel. Seite Vergebliche Bemühungen der Römer , hie Deutschen zu unterjochen. r Drittes Kapitel. Ursprung der christlichen Religion. Zerstreuung der jüdischen Nation. -ck Viertes Kapitel« Die römische Welt befindet sich, unter einer Reihe von sast lauter vortrefflichen Kaisern, im Wohlstände und Ansehen. 47 F ü n ft Fünftes Kapitel. Seite Das romische Kaiserthum nähert sich, unter der Regierung einer langen Reihe schlechter Kaiser, seinem Verfalle. n6 Sechstes Kapitel. Neupersisches Reich. Große deutsche Völker, welche das römische Reich am Rhein und an der Donau beuniuhigen. Cvn- stantin der Große. Siebentes Kapitel. Geschichte von China. Ankunsi der Hunnen in Europa. Ganzlicher Verfall des weströmischen Kaiserthums. 206 Achtes Kapitel. Römische Staatsverfassung zur Zeit des Kaiserthumes. »76 Neuntes Kapitel. Privatleben. Landescultur. Gewerbe. Künste. Wissenschaften. Religion. Sechs- Sechstes Buch. Von Chlodowig bis ans Karin den Großen, zoo Jahre. Erstes Kapitel. Seite Chlodowig bildet die fränkische Monarchie, die, unter seinen ersten Nachfolgern, noch durch das thüringische und das burgun- dischc Reich vergrößert wird. zzi Zweytes Kapitel. Thcvderich stiftet das vstgothische Reich in Italien, welches, so wie das vandali- schc in Afrika, vom Justinian zerstört wird. Alboin gründet das longobardi- sche Reich. z/o Drittes Kapitel. Wachsthum der pabstlichen Macht. Die frankischen Mcrowinger werden von ihren Majordvmen verdrangt. Ohnmächtiger Austand des vstrvmischen Reichs. 41? Vier- Viertes Kapitel. Seite Geschichte Mvhamcds, und der Chaliftn, bis auf den Untergang des wcstgvthischcn Reiches in Spanien. 4x9 Die Vignette des Titelblattes: Ansicht der Trümmern des S. 60 beschriebenen vespastanischen Amphitheaters, gewöhnlich das Coliseum genannt. Zweytes Vergebliche Bemühungen schcn zu unterjochen. Kapitel. der Römer, die Deut- ^ic römischen Kaiser aus der Familie des Augustus waren meistens viel zu sehr mit der Befriedigung ihrer Sinnlichkeit beschäftigt, als daß sie auf Eroberungen, auf Vergrößerung ihres Staates, hätten denken sollen. Doch war es in der That schon Verdienst genug, wenn die Gränzen des ungeheuren Reiches gehörig vertheidigt wurden. Erweitcrungs- versuche zu machen, war aus mchrcrn Gründen auch nicht rathsam. Die asiatischen Provinzen lagen von dem Hauptsätze des Reiches ohne dieß schon zu sehr entfernt, und in Europa blieben wenig Länder mehr übrig, Eallettj Weltg. 5r Th. A welche welche die Landcrsucht der Römer reihen konnten. Indessen wagte man unter der Regierung des Augusius und Tiberius doch noch manche bedeutende Unternehmung , um sich in dem jenseits der Donau und des Rheins liegenden Deutschland festzusetzen. Man hatte auch einige Mühe, die Gallier, die Britan- nicr und die Hispanier, die sich an das romische Joch nicht recht gewöhnen konnten, im Gehorsam zu erhalten. Augustus selbst hielt sich deswegen einige Zeit laug in Hispa- nien auf, und die Römer bezwängen (25) noch die Cantabrer und Asturer, zwey kriegerische Völker inHispanien, die in den Gebirgen von Biscaja und Asturien wohnten. Damahls entstanden die Colonicn Cäsarca Augusta (Saragossa) und Emcrita (Mcrida). Weil "die Dacier, so wie andere muthige Völker an der Donau die römischen am rechten Ufer dieses Stromes sich ausdehnenden Provinzen, durch ihre Streifercyen öfters heimsuchten, so hielt es die römische Regierung für nothwendig, ein Stück des dacischen Landes in dem jetzigen Bulgarien zu besetzen. In Asien setzte sich Augustus, der bereits einen Streit zwischen zwey parthischen Prinzen zen geschlichtet hatte, so sehr in Achtung, daß ihm Phraatcs, aus Besorgnis, er möchte aus Syrien, wo er sich (240 Chr.) einige Zeit aufhielt, gegen ihn zu Felde ziehen, die Fahnen und Gefangnen, welche die Parther dem Crassus und Autonius abgenommen hatten, wieder zurückschickte. Augustus freute sich darüber eben so sehr, als wenn er über den König der Parther einen Sieg erfochten hatte. „Was andre,, sagte er oft mit Selbstgefälligkeit „vor mir in Schlachten vcrlohren „haben, das habe ich, ohne das Schwerdt „zu ziehen, wieder bekommen.,, Er wcihcte deswegen den Göttern feycrliche Opfer; er weihctc dem Mars als Rächer auf dem Capitel einen neuen Tempel, um jene Fahnen in demselben aufzuhängen; er zog mit einem kleinen Triumphe in die Stadt ein. In dem nordlichen Theile von Arabien hatten sich die Römer seit einiger Zeit festzusetzen gesucht. AntoniuS hatte einen Theil desselben schon der Cleopatra geschenkt. Augustus gab dem Aelius Gallus (24) den Auftrag, das römische Gebieth in dieser Gegend zu erweitern. Dieser drang bis nach A 2 Mariaba, Mariaba, der Hauptstadt der Sabäer. durch, und cr war von Armen nicht weiter als zwey Tage - Marsche entfernt. Da er sich aber durch seine Wegweiser getauscht fand, trat cr den Rückweg an. und schiffte sich ein. um auf dem arabischen Meerbusen nach Ae- gnpten zurückzukehren. Caligula suchte das römische Recht auf Nordarabicn geltend zu machen, indem er demjenigen Theile desselben, der von dem angrenzenden Landstriche von Palästina das ituräische gcnennt wurde, einen König gab. Wenn zur Zeit des Au- gustus (22) Cajus Pctronius. der Statthalter Acguptcns, in das Land der äthiopischen Königin Kandakc, die in Acgypten bis Elephantine eingedrungen war, vorrückte, und die Hauptstadt Tanape eroberte, so warblos die Sicherheit der Gränzen eine Folge dieses Kriegszuges. Dieß blieben aber lange die einzigen Versuche, die die Römer wagten, im Süden von Asien und Afrika weiter vorzudringen. Um so häufiger waren ihre Versuche in Deutschland sich festzusetzen. Und dennoch both Deutschland damahls so wenig an, was nach dem Besitze desselben lüstern machen konnte! Vom 5 Vom Vodcnsce bis noch Ungern breitete sich damahls ein ungeheurer, 9 Tagereisen breiter Wald aus, der hier und da mit grosten und kleinen Sümpfen abwechselte, dessen dichter Schatten die wohlthätigen Sonnenstrahlen kaum zum Erdboden gelangen liest. Daher war die Kälte des alten Deutschlands ungleich strenger als jetzt; daher fror der Rhein gewöhnlich alle Jahre zu; daher irrten an seinen Ufern Nennthiere und Elcn- thicre herum, und die Wälder wimmelten von Baren, Wölfen, Luchsen und andern wilden Thieren. Im nördlichen Deutschland wuchsen am meisten Eichen, im südlichen Fichten und Tannen. Am Rhein gab es noch lange keinen Wein, aber eine Art von Kirschen, deren Farbe aus Schwarz, Grün und Noth gemischt war. Die Stelle unseres jetzigen schönen Obstes vertraten Holzapfel und Holzbirnen, und anstatt desGcmüstes dienten Pastinaken, groste Ncttige, und dicker Spar- Die Bewohner dieses rauhen Landes, meistens sieben Fuß hohe Leute, mit goldgelbem Haar, trotzigen, blauen Augen, starken und und nervigen Gliedern, kleideten sich in Häute von Bären, Wölfen und andern wilden Thieren, die sie zuweilen mit besondrer Sorgfalt aussuchten, die sie mit Zobel - und Hcr- melinfcllcn besetzten, oder recht schön färbten. Manche warfen ein viereckiges Stück Zeug um ihre Schultern, welches sie oben mit einem Heft, oder wohl gar nur mit einem Dorne, befestigten. Die vornehmer» zeichneten sich durch eine sehr knappaulicgende Kleidung aus. Die Weiber der letzter» hüllten sich in leine-- ne Gewänder mit Purpurstreifen, welche die Arme, die Schultern, und den obern Theil der Brust, unbedeckt ließen. Diese Leute zogen anfangs, so wie andre Hirtenvölker, mit Wagen herum, die ihnen zugleich zum Qbdache dienten. Bauten sie ja eine Hütte, so war sie nur auf eine kurze Dauer eingerichtet. Als die vermehrte Menschenmenge sich aber zu drängen anficng; als der Ackerbau diesem oder jenem Stücke Land einen fortdauernden Werth beylegte, da baute man sich festere Hütten, da legte man sein kleines HäUs in der Mitte seines Eigenthumes an. Aus den Hütten einer Familie bildete sich allmahlig ein Dorf. So schlecht die Hurten waren. 7 warm, so wurden die Wände derselben doch mit einer glänzenden Erde, mit Ocker, überstrichen. Gegen die Kälte des Winters schützte eine Höhle, oder eine in die Erde gebaute Hütte, welche durch Mist verrammelt war. Die Bewohner dieser Hütten verzehrten ihr frisches Wildprct, ihr wildes Obst, ihren Brey von Hafermehl, und ihren Käse mit einem Appetit, um welchen sie die schwelgerischen Römer beneideten. Sie tranken Bier von Gerste und Weihen, und sie tranken es im Uebermaße. Kann man es aber, so wie die Römer, wunderbar finden, daß Leute, die sich gleich früh in kaltem Wasser badeten, und sodann den ganzen Tag in den Wäldern herumschwcifken, recht viel aßen und tranken? Mit vollem Magen warfen sie sich auf eine Bärenhaut, wo sie ein erquickender Schlaf nicht lange warten ließ. Männer und Weiber, Jünglinge und Mädchen, badeten sich in einerley Wasser, ohne daß der Trieb zur Wollust in ihnen rege wurde. Dieser erwachte bey der Jugend des damahligen Deutschlands, auf welche keine schlüpfrige Romane, Bilder und Reden wirkten, nur erst spät. Der Deutsche begnügte sich meistens stcus mit einer Gattin. Die Braut brachte ihm gewöhnlich keine Mitgift. Von ihm erhielt sie hingegen eine Morgcngnbc; ein Stück Rindvieh, einen Schild, einen Spics, ein Schwcrdt, weil sie die Gefährtin seines Lebens nicht nur im Frieden, sondern auch im Kriege, seyn sollte. Die Verletzung der ehelichen Treue kam höchst selten vor. Traf aber das Weib ja das Unglück, von ihrem Manne in den Armen eines andern überrascht zu werden, dann hatte der beleidigte Mann das Recht, sie, in Gegenwart ihrer nächsten Verwandten, nackend aus dem Hause, und durch das ganze Dorf, zu jagen. Das Mädchen, daß sich den Reihen zur Sinnlichkeit zu sehr überlassen hatte, fand durchaus keine Verzeihung, und weder Schönheit noch Vermögen konnten ihr zu einem Manne verhelfen. Die Kindel; wuchsen, unter dem Vieh, in aller Freyheit und Sorglosigkeit, auf. Männer und Jünglinge der Deutschen kennten keinen angenehmern Zeitvertreib als die Jagd, als gemeinschaftliche Schmäuse, bey welchen jedes seinen besondern Tisch hatte. Das in großem Maße getrunkene Bier erhitzte die Köpfe, und ein Wortwechsel gieng sehr 9 fthr bald in eine blutige Schlägerei) über. Saßen Männer und Jünglinge beym frohen Mahle beysammen, so gewahrte ihnen ein kriegerisches Schauspiel ein besondres Vergnügen. Einer der muthigsten Jünglinge sprang unangekleidct, von einem Kreise spitziger Schwcrdtcr und Spieße umgeben, so glücklich herum, daß er jeder Wunde auswich. Glücksspiele verfolgten die damahligen Deutschen so leidenschaftlich, daß sie ihr ganzes Vermögen, daß sie wohl gar ihre Freyheit auf das Spiel setzten, und der, welcher verlohnen hatte, ließ sich von dem Gewinner ruhig binden, und als Knecht verkaufen. Vom Leichenbegängnisse war gewöhnlich alle Pracht entfernt, und selten geschah es, daß man für die Leiche eines, durch muthigc und tapfere Thaten ausgezeichneten Mannes, einen Scheiterhaufen von besondern Holzarten anzündete; daß man diesem Scheiterhaufen auch das Streitroß und die Rüstung widmete. Die Stelle, wo des geehrten Mannes Asche vergraben wurde, bezeichnete ein Nasenhügel. Die damahligen Deutschen lebten von der Jagd und Viehzucht, und nur sehr wenige trieben ic? trieben Ackerbau; zuerst nur diejenigen, die am Rhein und au der Donau wohnten, und auch diese ließen ihn durch ihre leibeigenen Knechte besorgen. Diese hatten mit den jetzigen Guthöbaucrn viele Aehnlichkeit. Sie hatten ihre eigne Hütte, ihr eignes Hauswesen, und sie waren es eigentlich, die ihre Herren ernährten, die sie mit Lebcnsmitteln und sogar mit Kleidungsstücken, versahen. Schlage oder andere Strafen wurden diesen Leibeigenen nur sehr selten zu Theil. Die Herren, oder die freyen Leute, waren in Ansehung ihres Vermögens, oder in Ansehung der Achtung, die sie von andern genossen, verschieden. Manner, die als Anführer eine höhere Würde und mehr Güther zu erwerben Gelegenheit hatten, erbten diese Würde auf ihre Nachkommen fort. So bildete sich schon bey den alten Deutschen ein mit besondern Vorrechten und Vorzügen versehener Stand, ein Geburthsadcl. Der Edle hatte ein Gefolge, das aus Söhnen andrer Edlen bestand, das im Kriege seine Leibwache abgab. Es war sein größter Stolz, von istcht vielen edlen und tapfern Jünglingen um- ll ringt zu seyn, und es herrschte unter diesen Jünglingen ein rühmlicher Wetteifer, durch entschlossene und muthige Thaten zu .glänzen. Die Belohnung der Tapferkeit gewahrte die Beute, und wie freute sich nicht der Jüngling, der aus der Hand seines Edlen ein schönes Strcitroß, eine blinkende Rüstung cmpficng! Die Ehre, die Waffen führen zu dürfen, konnte blos die Versammlung des ganzen Stammes, oder der ganzen Völkerschaft, zuerkennen. Der Vater, oder ein naher Verwandter, oder ein Edler, überreichte dem Jüngling den Spieß und den Schild, den er auf seinen Kriegszügen führen sollte, und erst von diesem Augenblicke an hatte er die Erlaubniß, in der Versammlung erscheinen zu dürfen. In dieser wählte sich jeder den Platz nach seinem Belieben. Da gab es keinen Präsidenten, keinen Direktor. Nur Alter, Erfahrung, Kricgsruhm und Beredt- samkeit waren vermögend, die Versammlung auf den Vortrag eines Edlen aufmerksam zu machen. Den Benfall drückte man durch das Klirren der an cinandergcsivPuen Spieße, die Mißbilligung durch Murren aus. Gewöhnlich schloß sich an die Verathschlagung ein ein Schmanß an, und während daß der frohe Becher hcrumgicng, sprach man über das, was vorgetragen wurde, mit aller Frcymü- thigkeit. Den entscheidenden Schluß faßte man nicht eher, als am andern Morgen, wenn man zur Nüchternheit wieder völlig zurückgekehrt war. Bey den größern Völkern war das Land in Bezirke getheilt, die Gauen genennt wurden, und die entweder von einem Berge oder Flusse ihren Nahmen cm- pficngen. Jeder Gau hatte seinen Vorsteher, der zugleich den Richter und den Kricgsbc- fehlshabcr vorstellte. Diese Beamten, die in der Folge Grafen hießen, wurden in der Volksversammlung gewählt. Die Ehre, Waffen zu fuhren, und für das Vaterland zu streiten, gebührte nur dem freyen Manne. Die Rüstung der alten Deutschen war sehr einfach. Ihr vornehmstes Gewehr bestand in einem kurzen Spieße, mit einer schmahlcn, sehr scharfen Spitze, der eben so gut in der Nahe, als in der Ferne zu brauchen war. Den Reiter schützte noch ein Schild, welcher streifenweise angestrichen war. Harnische kamen selten vor; Helme IZ Helme noch seltener. Meistens ragte der Obcrthcil der Bären - oder Wolfshaut, die dem Krieger zur Kleidung diente, über seinen Kopf herüber. Die Pferde der deutschen Reiter waren schlecht gebaut/ und bewegten sich nicht sehr geschwind. Sie wußten weiter nichts, als gerade aus, oder auf einen Zuck rechts zu gehen, und recht dicht zu schließen. Die Schlachtordnung bildete eine dichte, ununterbrochene, durch Wagen und Karren eingeschlossene Linie, die bei dem Angriffe in einen Keil sich umwandelte. Familien und Stämme machten die Unterabthciluugcn aus. So hatte jeder muthige Mann das angenehme Gefühl, die nächsten Verwandten, als Zeugen seiner kühnen Thaten, in der Nähe zu haben! Die tapfersten Männer wurden zu Feldherren gewählt. Das Recht zu strafen übte blos der Priester, als Bevollmächtigter der Gottheit, aus. Um das Vertrauen auf den Beystand, des Nationalgottes zu vermehren, wurde eine Abbildung, oder ein Symbol desselben, mit in den Fcldzug genommen. Aber nichts erhühete den Muth der deutschen Krieger ss mächtig, als der Gesang ihrer Barden, der aus aus dem vor dcu Mund gehaltenen Schilde bald dumpfer, bald schrecklicher wiederhatte; der die Schlacht mit allen ihren so verschiedenen Scenen mahlte; der, während er dem Krieger Muth und Begeisterung einflößte, die Brust des Feindes mit einem kalten Schauer durchdrang. Die Religion der alten Deutschen war sehr einfach. Sie verehrten die Sonne, den Mond, das Feuer, die Erde, den Thuist, als deu Stammvater ihres Volkes; allmäh- lig aber dachte sich jede Völkerschaft den Gegenstand ihrer Verehrung unter einem besondern Bilde. So entstanden Götter, die' mit dem griechischen und römischen einige Achnlichkcit hatten. Man opferte diesen Göttern, und zuweilen schlachtete man ihnen zu Ehren gefangne Menschen. Leute, die keine Tempel hatten, konnten für ihre Opfer keinen schicklichern Ort wählen, als einen dunklen, Ehrfurcht einflößenden Hayn. Für den so einfachen Gottesdienst waren wenig Priester hinlänglich. Aber der Wahrsagerinnen, die man für Vertraute der Gottheit hielt, konnte man nicht entbehren. Aus 15 Aus der Menge der Völkerschaften, die sich ganz unabhängig von einander in Deutschland ausbreiteten, hoben sich einige, theils durch ihre Macht, theils durch ihren Kricgs- ruhm, ganz besonders heraus. Im südlichen Deutschland, am linken Ufer der Donau, in dem großen hercynischen Walde, lebten die zahlreichen Sueven, meistens von der Jagd und Viehzucht. Von andern Deutschen unterschieden sie sich dadurch, daß ihre Haare auf der Scheitel in einen Knoten zusammengedrehet waren, daß ihre Edlen durch starre, rückwärts gebundene Haare sich auszeichneten. Ihr Land war in hundert Gauen getheilt. Aus jedem derselben zogen jährlich tausend Mann in den Krieg. Die andern blieben zu Hause, um den Ackerbau zutreiben; doch durfte keiner ein Stück Land langer als ein Jahr behalten. Auch wurden nicht viele Aek- ker gebaut. Die Sueven liebten übrigens Kriegszüge und Strcifcreyen, und haßten dagegen Wein und fremde Sitten. Besondere Völkerschaften derselben waren die Hcr- mundurer zwischen der thüringischen Saale und der Elbe, die Semnonen zwischen der Elbe und Oder, die Longobarden um die Havel. Havel und Spree. Zwischen der Elbe und Weser, um den Harz, lagen die Wohnsitze der zahlreichen und kriegerischen Cherusker (Härzker). Von der thüringischen Saale bis zur Edcr breiteten sich die Chattcn, die Vorfahren der jetzigen Bewohner Hessens, ans, welche die eigenthümliche Sitte unterschied, die Kopfhaare und den Bart bis zur Erlegung eines Feindes wachsen zu lassen. Bis dahin mußte der Jüngling einen eisernen Ring am Arme tragen. Auf der Westseite der Weser, au der Nordsee, wohnten die Chancen, deren Land den Ueberschwcm- mungcn so gewaltig ausgesetzt war, daß sie ihre Hütten auf Dämme bauen mußten. Unter den Anwohnern des Rheins machten sich die Sigambrer an der Sieg, und die Ubier in der Gegend von Cöln, besonders berühmt. Das eigentliche Germanien wurde westlich durch den Rhein, und südlich durch die Donau, von dem römischen getrennt. Dort gränzte es an Gallien, und hier stieß es mit Rhätien, Vindelicicn und Noricum zusammen. Die Deutschen, welche der Rhein und und die Donau von den Römern trennte, konnten aber ihre Neigung, die römischen Provinzen durch Streifereycn heimzusuchen, nicht unterdrücken. Augustus wünschte, nach Cäsars Beyspiele, ihnen Ehrfurcht für die römischen Waffen einzuflößen, und die Macht des römischen Staates auch jenseits des Rheins und der Donau zu befestigen. Sein Sticfsohn Drusus that vier Fcldzüge nach " Deutschland (iz— 9). Er fuhr aus den Niederlanden mit einer Flotte bis in die Ems, und drang bis an die Elbe, in der Gegend von Barby, durch. Auf dem Rückwege (vielleicht durch Thüringen und Hessen) brach er das Schienbein so gefährlich, daß er einen Monath hernach sein Leben endigte. Da es in dem damahligen Deutschland keine Städte gab, die man erobern konnte, so blieb einen» römischen Generale, der sich in diesem Lande festsetzen wollte, »veiter kein Mittel übrig, als an den vornehmsten Flüssen kleine Festungen, sogenannte Castelle, anzulegen. Drusus ließ viele solche Castelle am Rhein, an der Weser, und an der Elbe zurück, und derer, die am Rhein lagen, waren allein auf fünfzig. Durch dessen Bruder Tibcrius ließ EalltttiWellg. 5rTH. V Augu- 18 Augustus den Krieg in Deutschland fortsetzen. Dieser glaubte den unbändigen Geist der Si- gambrcr, und andrer Anwohner des Rheins, nicht leichter bandigen zu rönnen, als wenn er sie auf das linke Nheinnfer versetzte. Die- ses Verfahren verbreitete unter den freyheit- liebenden Deutschen einen so großen Scheck? kcn, daß-sich verschiedene Völker in das Innere von Deutschland zurückzogen. Aber auch hier suchten sie Tibcrius und seine Feldherren auf. Sie gicngen (seit 4. n. Chr.) über die Elbe; sie kamen bis in die Mark Brandenburg. Ihre Unternehmungen unterstützte eine römische Flotte, die in die Elbe einlief. Unter den Völkern ini innern Deutschland hatte aber keins eine so furchtbare Macht, als das Volk der Marcomannen, die sich ans der Gegend zwischen dem Rhein und Mayn nach Böhmen gezogen hatten. ' Ihr Oberhaupt war der edle Marbod, der als Geisel zu Rom Gelegenheit gehabt hatte, mit den Kenntnissen der Römer vertrauter zu werden. An diese Marcomannen schlössen sich mehrere kleine deutsche Völker an, Dadurch wuchs ihre Kriegsmacht bis auf 70000 Mann Fußvolk !9 Volk und 400O Reiter an. Tiberius hielt es für nöthig, dieser wachsenden Macht zu rech; tcr Zeit entgegen zu arbeiten. Er rückte von zwey Seiten gegen die Markomannen a». Der eine Weg führte die Römer durch den ansgehaucnen hercynischcn Wald im jetzigen Hessen, Thüringen und Meisten; auf der andern Seite marschierten sie von Norieum (Bauern) herbey. Aber eine Empörung der Pannonicr und Dalmatier verhinderte den Tiberius an der Vollendung dieses Kricgszm ges. Indessen schien die römische Herrschast im westlichen Deutschland eine feste Wurzel zu schlagen, als sie durch die Unbesonnenheit eines Statthalters plötzlich wieder vernichtet wurde. Varus, der aus dem reichen Syrien in das arme Deutschland verseht worden war, glaubte hier nicht viel weniger Geld als dort erpressen zu können. Die Deutschen, die so wenig Erwerbsmittel hatten, sollten große Abgaben in baarcm Gelde entrichten; sie sollten sich von römischen Sachwaltern, deren Ranke ihnen bisher ganz unbekannt gewesen waren, ihr Vermögen durch Processe almeh? B 2 men 20 men lasse«. Dieser Znstand wurde ihnen bald unerträglich, und ihre Edlen fühlten den lebhaftesten Wunsch, sich von demselben zu be- freyen. Aber niemand fühlte ihn inniger, als Arminius, ein edler Cherusker, der Sohn des Sicgmars, den Tiberius, nebst seinem Bruder, mit nach Rom genommen, und mit der Würde eines römischen Ritters geziert hatte. Doch eben die genaue Bekanntschaft mit den Römern, die sich Arminius bey dieser Gelegenheit erworben hatte , flößte ihm, so wie dem Marbod, den Muth ein, der römischen Herrschaft sich mit Nachdruck zu erwehren. Der habsüchtige Varus und seine Legionen sollten der deutschen Freyheit aufgeopfert werden. Sie mußten daher (im Jahre 9 n. Chr.) in eine Gegend kommen, wo ihr Untergang gewiß war. Arminius lockte sie, durch unruhige Bewegungen der zwischen der Ems und Weser wohnenden Völker, in den teutoburger Wald, in den Bezirk des jetzigen Paderborns, wo der Boden mit häufigen Sümpfen und Brüchen durchschnitten, war. Zum größern Unglücke für die Römer fiel ein starker und anhaltender Regen, der den Boden so unsicher machte, daß die sehr 21 sehr schwer bepackten Legionsoldaten zuletzt weder vor- noch rückwärts schreiten konnten. In dieser traurigen Stellung sahen sie von den umliegenden Anhöhen und Waldern die Deutschen, die so leicht gekleidet und gerüstet, die dieses Bodens so kundig waren, auf sich zueilen, und bald sanken sie, von den erbitterten Deutschen unbarmherzig geschlachtet, zur Erde. Auf 2000O Römer fielen. Die Deutschen steckten nun rings um den Wald eine Menge Köpfe auf, und manchem Advo- caten, der sie durch seine juristischen Ranke gedrückt hatte, schnitten sie aus Rache die Zunge aus. Von allen Festungen, welche die Römer an den deutschen Hauptflüsscn angelegt hatten, blieb jetzt keine mehr übrig, und mit ihnen verschwanden alle Spuren römischer Herrschaft diesseits des Rheins. Au- gustus crschrack über die Nachricht von dem unglücklichen Schicksale der Armee des Varus so gewaltig, daß er die Deutschen schon auf dem Wege nach der Hauptstadt zu sehen glaubte, daß er aus Mißtrauen alle Deutschen, die sich unter seiner Leibwache, oder als Fremde zu Rom befanden, entfernte. Um Unter der Regierung des Tiberius drang (14—16) Germaniens, der edle Sohn des Drusus, bis an die Eder vor. Seine Unternehmung gegen die Deutschen begünstigte die Uneinigkeit, in welcher Arminius mit dein Segest, einem andern Edcln der Cherusker lebte. Arminius hatte sich, durch seinen Sieg über den Varus, bey den Völkern des westlichen Deutschlands ein so viel geltendes Ansohlt erworben, das; ihn mancher Edle, vornehmlich abcr Segesi, darum beneidete. Sogest hatte eine schöne Tochter. Thusncldo (so hieß diese Tochter) war bereits an eine» andern Edlen verlobt, und dennoch ließ sie sich von dem tapfern Arminius entführen. Der erzürnte Vater höhlte den Mädchcnräu- bcr ein, und ließ ihn im Gefängnisse schmachten. Bald sah sich jedoch Scgest von den Freunden und Anhängern des Arminius so bedrängt, daß er den Germaniens um seinen Beystand bath. Dieß bahnte dem römischen Feldherrn in das innere Deutschland den Weg. Während daß eine römische Landarmee nach der Weser rückte, erschien eine Flotte auf der Eins. Und dennoch machte es dem GermanicuS crstaunenswürdige Mühe, durch Wälder 2Z Wälder und Sümpfe bis cm die Weser durch- zubringen, und den Arminius in seinem Va- tcrlande aufzusuchen. Endlich gelang es ihm, in der Gegend des jetzigen Hoya, über die Weser zu setzen, und wenn er bey Jstavisus (in der Gegend von Minden) über den wüthigen Arminius siegte, so trug das gallische und germanische Kriegsvolk, das sich unter seinem Heere befand, das Meiste dazu bey. Arminius befand sich, seiner tapfern Gegen- wehre ungeachtet, in lebhafter Bedrängnis, und die Deutschen waren dem Schicksale, von den Römern unterjocht zu werden, noch niemahls näher gewesen, als der brave Germaniens von dem auf seinen hohen Äriegsruhm eifersüchtigen Tiberius abgerufen wurde. War es aber blos Eifersucht, welche Tiberius zu dem Entschlüsse brachte, den Krieg im innern Deutschland aufzugeben, oder war es vielmehr das überzeugende Gefühl, daß alle Bemühungen der Römer, das von Wäldern und Sümpfen starrende, und von äusserst frey- heitslicbenden Menschen bewohnte Deutschland in eine römische Provinz zu verwandeln, am Ende doch vergeblich seyn würden? Der schlaue Tiberius glaubte vielleicht das, was Gewalt ^ < 4. 24 Gewalt der Waffen nicht bewirken konnte, durch List und Ranke auszurichten. Armiuius und Marbvd, die jetzt an der Spitze der deutschen Völker standen, waren sehr leicht zum Ausbruche ihrer Eifersucht gereiht. Armiuius siegte, und Marbod geriet!) in ein so großes Gedränge, daß er seine Zuflucht nirgends anders, als zu Rom zu finden wußte. Was half jedoch dem Armiuius Muth und Tapferkeit, da selbst seine Verwandten seinen frühen Tod durch Gift beschleunigten, den sie wahrscheinlich von Rom empfiengcn. Die Nachfolger des Tibcrius dachten an die Unterjochung der Deutschen mit so wenig Ernst, daß sie durch die kleinen Kriegszüge, die sie gegen deutsche Völker vornahmen, sich und die Römer bey denselben nur lächerlich und verächtlich machten. Unter dem Claudius schien es (4z) als wenn die Eroberung Britanniens vollendet werden sollte. Einige Edle der Brittcn hatten gegen ihre Landslcute, von welchen sie verfolgt wurden, den römischen Schutz angefleht. Der gallische Statthalter Plaucius sollte nach Britannien übersetzen. Seine Sols 25 Soldaten wollten ihn aber nicht folgen. Sie bildeten sich ein, man würde sie über die Gränzen der Welt hinausführenals der Bevollmächtigte des Claudius, der Minister Narciß, aber eine Rede "an sie halten wollte, weigerten sie sich, dieselbe anzuhören, zeigten sie sich ganz bereitwillig , dem Plautius zu folgen. Plautius und Vcspasian, der nachmahlige Kaiser, siegten über die Brittcn. Als jedoch der lebhafte Widerstand der Dritten den Erfolg dieser Unternehmung bevenklch machte, kam Claudius mit einer ansehnlichen Armee, und vielen Elephanten, selbst nach Britannien. Er erfocht einen entscheidenden Sieg, eroberte Camalodunum (Maldon) ließ die Dritten entwaffnen, und ernennte den Plautius zum Statthalter von Britannien. Hierauf kehrte er im Triumphe nach Rom zurück, und der Sohn der Messaline erhielt den Namen Britanniens. Unter der Regierung des Kaisers Nero mußten die Römer in Palästina Krieg führen, wo die für die Menschheit so wichtige christliche Religion ihren Ursprung hatte. Drittes 26 Drittes Kapitel. Ursprung der christlichen Religion. Zerstreuung der jüdischen Nation. Palästina, das Land, wo das Christenthum entstand, war seit den Zeiten des Pompcjus der römischen Herrschaft unterworfen. Neben den sogenannten Schnarchen, oder Volksfnr- sten, in deren Familie schreckliche Händel vorfielen, gab es in der Folge einen Statthalter, Nahmens Antipater, aus Jdumaea, der eine so wichtige Rolle spielte, daß sein Sohn Herodcs (z9) es wagen durste, sich zum Könige der Juden auszuwerfen, und seine Königswürde wurde vom Antonius und Octa- vius bestätigt. Dieser Herodes, mit dem Bey- 27 Beynahmen: der Große, der mit einer gransamen und wollüstigen Denkart eine erstem- nenswürdige Verstellungskunst vereinigte, vertilgte das Geschlecht der Maccabaer mit so unbarmherziger Härte, daß er seine eigne Gemahlin Mariamne nicht verschonte, daß er selbst drey von seinen Söhnen hinrichten ließ. Freylich war dieß das einzige Mittel, seine Regierung, und die Ruhe des Landes zu befestigen. Durch den bethlchemschen Kindermord , der unmöglich sehr bedeutend seyn konnte , hatte er dem Stifter der christlichen Religion den Untergang zubereitet. Jesus, der Urheber des Christenthums, war der Sohn der Marie von Nazareth, die, nach der Erzählung der sogenannten Evangelisten, auf eine wundervolle Art in den Mut- tcrstand versetzt worden war. Marie und ihr Bräutigam reisen nach Bethlehem, der Hauptstadt ihres Stammes, um sich in das Steuerregister einzeichnen zu lassen. In Bethlehem wird Marie von der Zeit ihrer Niederkunft so sehr überrascht, daß sie in einem Wirthshause einkehren muß, das den in dieser Gegend weidenden Hirten zum Zufluchtsorte orte diente. Hier wird ihr Sohn Jesus (754 Jahre nach Roms Erbauung) 5) gebohreu. Seitdem lebt er ganz unbekannt— kaum daß er als ein zwölfjähriger Knabe von ausscror- dcntlichen Fähigkeiten einmahl ini Tempel erscheint— bis er dreyßig Jahre alt, milden bewundernswürdigsten Eigenschaften, mit dem ausgcbildctsten Charakter, den Schauplatz betritt, auf welchem er bald eine allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Schon lange hatten sich seine Landsleute mit der erfreulichen Sage geschmeichelt, daß dereinst ein Messias, ein Netter, kommen, und sie in einen glücklichern Zustand versetzen würde. Wenn nun Jesus, der in allen seinen Handlungen und Gesinnungen so viel Erhabenes, so viel Bewundernswürdiges, zeigte, sich für einen göttlichen Bevollmächtigten erklärte; wenn er seine übermenschliche Vollmacht durch eine Reihe wunderbarer Begebenheiten bewies; wer sollte da. *) So rechnet man gewöhnlich. Neuere Untersuchungen machen es aber wahrscheinlich, daß Jesus schon im Jahr 74? nach Roms Erbauung gcbohrcn ist, und daß wir also 5 Jahre zu wenig zahlen. 29 da, wenn er anders einen unpartheyischen Beobachter abgab, von der Mcssiaswürde des nazarcthischen Jesus sich nicht überzeugt fühlen? So große, die Menschheit erhöhende Grundsatze hatte noch kein Sterblicher gelehrt; eine so ganz reine, so ganz uneigennützige Tugend hatte noch kein Priester, kein Philosoph gepredigt; so rührend, so eindringend, den Verstandeskrastcn und den Umstanden der Zuhörer so angemessen, hatte noch kein moralischer Redner seine Vortrage eingerichtet. Dennoch hatte Jesus nicht das Glück, den Beyfall und die Zufriedenheit aller Stande sich zu erwerben. Bey den Vornehmen, und bey den Gelehrten, machte er sich durch seine strenge Tugendlehre, durch seine ganz uneigennützige Menschenliebe, verhaßt; die Priester fanden es ganz unverzeihlich, daß er den Untergang ihres Tempels und ihrer Volksreligion vorhersagte, und das gemeine Volt glaubte sich zur Unzufriedenheit über ihn schon dadurch berechtigt, daß er seine reihenden Erwartungen und Aussichten, wegen einer glücklichen Verbesserung der politischen Verfassung ihres Landes, so wenig erfüllte. Aber niemand ärgerte sich über Jesus mehr, als ^ die die Mitglieder des hohen Raths zu Jerusalem, und die Pharisäer und Sadducner, denen er so manche bittere Wahrheit sagte, deren Glaubenssostem von dem seinigen so verschieden war. Ihr Haß gicng endlich in den Entschluß über, seine Hinrichtung zu veranstalten. Der hohe Rath benutzte in dieser Absicht die Meynung des Volkes, daß Jesus, der sich für den Messias ausgab, einen mächtigen Monarchen- einen Weltherrscher vorstellen würde. Selbst seine Schüler konnten sich von dieser Idee nicht losreißen. Das Volk zeigte schon die Bereitwilligkeit, ihn zum Könige zu mache». Der hohe Rath erklärte ihn daher für einen Verächter der Volksreligion, für einen, der sich zum Könige auswerfen wollte. Zwar konnte der römische Statthalter Pontius Pilatus die Gründe seines Vcrdammungsurthcils so wenig einsehen, daß er ihm seine Bestätigung verweigerte ; aber er mußte den dringenden Vorstellungen und Bitten des hohen Rathes endlich nachgeben, und Jesus starb im zzsten Jahre, gleich einem gemeinen Missethäter, am Krcutze. Am dritten Tage nach seiner Hinrichtung erschien er, wie uns seine Geschieht- 3l schichtschreiber versichern, wieder unter seinen Schülern und Freunden, und vierzig Tage hernach schwang er sich vor ihren Augen in die Wolken. Jesus hatte den größten Theil der dritt- halb Jahre, die er dem Wohle der Menschheit widmete, für die Bildung von zwölf jungen Männern bestimmt, welche seinen Plan einer Religionsvcrbessernng weiter ausführen, und sich deswegen in verschiedene Länder verbreiten sollten. Dieß waren die sogenannte Apostel (Abgeordnete, Missionaricn), über die sich wenig Tage nach seiner Himmelfahrt der Geist einer besondern Aufklärung ergossen hatte. Diese Apostel blieben aber dennoch immer Menschen und Juden; das heißt, mit manchen Nationalvorurtheilcn erfüllte Leute, die keine gelehrte Erziehung genossen hatten, und die Jesus Vortrag nicht immer recht faßten. Wegen ihres frommen, liebenswürdigen Charakters, wegen der wunderbaren Handlungen, die sie vornahmen, wegen der Verfolgung des hohen Rathes zu Jerusalem, gelangten sie aber bald zu einem ausgezeichneten Anschn, das ihnen viele Freunde und Anhänger Z2 ger verschaffte, das durch ihre herzlichen, väterlichen Ermahnungen, und ihre nach den Fähigkeiten und Bedürfnissen ihrer Zuhörer eingerichteten Vortrage immer mehr befestigt wurde. Einige unter ihnen hatten die Handlungen und Reden ihres verehrten Lehrers Jesus, die ihnen im Gedächtnisse geblieben waren, niedergeschrieben. Aus diesen schriftlichen Aufsätzen, oder Memoiren, entstanden die Evangelien, und die Verfasser derselben wurden die Evangelisten genennt. Diese Nachrichten waren theils in der aramäischen ( syrischen), theils in der griechischen Sprache geschrieben, die, seit den Zeiten der syrischen Oberherrschaft über Judäa, in Palästina so allgemein gesprochen wurde. Bald wurden aber die Apostel, gleich ihrem erhabenen Lehrer, von dem hohen Rathe und den Priestern so verfolgt, daß sie sich von Jerusalem entfernen mußten. Sie wanderte» nun nach andern Städten in Syrien. Eine vorzüglich gute Aufnahme fanden sie zn Antiochien, der Hauptstadt Syriens. Hier entstand die erste ansehnliche Gemeinde von Verehrern der Jesuslehre. Jesus wurde von seinen zz seinen Schülern auch Christus (der Gesalbte) genennt. Daher hießen diejenigen, die sich zu seiner Religion bekennten. Christianer oder Christen. Seit den Zeiten der syrischen Herrschaft gab es überall Juden; auch war die griechische Sprache in ganz Vordcrasien ausgebreitet. Die Apostel fanden daher überall Landslcute, denen sie ihre neue Lehre predigen konnten, und da die Synagogen, oder gottesdienstliche Versammlungshäuser der Juden , auch von frommen, Heyden besucht wurden, so bekamen auch diese Gelegenheit, die christliche Religion schätzen zu lerneil. Die Ausbreitung des Christenthums beförderte aber auch der Umstand, daß man lange Zeit hindurch die Chrisiusvcrehrer für ei.ne jüdische Secte hielt, und man bemerkte es nur erst spat, daß von der neuen Religion alle übrigen verdrangt wurden. Die Juden konnten sich von ihrer Anhänglichkeit an dem Glauben, und an den gottesdienjrlichcn Gebräuchen ihrer Vorfahren, nicht so leicht losreißen, als die an die Vielgötterei) gewöhnten Heyden, welche die neue Lehre bereitwilliger annahmen. Daher entstand der Unterschied zwischen Judenchristen und Heydenchristen. Gallettz Weltg. 5r Th. C Jesus Z4 Jesus selbst ertheilte seinen Unterricht nicht so systematisch, wie ein Professor; er ertheilte ihn vielmehr zufällig, so wie ihn Umstände, oder Bedürfnisse dazu aufforderten. . Faßt man aber alles, was er über Gott, dessen Verehrung, über die Bestimmung und die Pflichten der Menschen hier und da äussert, so möchten folgende Hauptpunkte den Geist seiner Lehre bezeichnen. i) Es ist nur Ein Gott, und dieser Gott ist der Vater aller Menschen. 2) Dieser Gott sorgt für das Ganze; er regiert alles, er liebt alles, und er leitet vorzüglich das Schicksal der Mein schon mit besondrer Güte, z) Die Menschen müssen überall, und zu allen Zeiten, aus kindlicher Liebe zu Gott, das Gute thun, ihre Nächsten als Brüder lieben, und Gott immer ähnlicher zu werden sich bemühen. 4) Wenn der Mensch sich vergangen hat, so soll er nicht durch Opfer, sondern durch eine ernstliche Besserung, die Vergebung seiner Sünden suchen, und derselben auch versichert seyn. 5) Es giebt nach diesem Leben noch ein zukünftiges, wo die Tugend belohnt, und das Laster bestraft werden wird. Die meisten von diesen Lehren sind gegen die Irrthümer und Fehler 55 Fehler der damahligen Menschen, vornehmlich der Juden, gerichtet, und es bleibt daher ungewiß, ob Jesus wirklich die Absicht gehabt hat, eine neue Religion zu stiften, oder ob er vielmehr die jüdische nur verbessern und vollkommner machen wollte. Fiel es doch selbst seinen Aposteln noch schwer, sich von ihren alten Glaubensgenossen zu trennen. Nur die gewaltthätig? Behandlung der Juden nöthigte sie endlich, eine engere Verbindung unter sich zu schließen. So entwickelte sich, hauptsachlich vom eifrigen Paulus geleitet, die christliche Kirche gleichsam von selbst. Die Zahl ihrer Verehrer wuchs ausserordentlich schnell. In Zeit von dreyßig Jahren hatte sich das Christenthum, meistens durch die Apostel selbst, in Syrien, Aegypten, Kleinasien , Griechenland und Italien ausgebreitet. Um die neuen Christen in ihrem Glauben zu stärken, und um sie mit den Lehren desselben immer vertrauter zu machen, schriebe!, die Apostel au die Gemeinden, die sie an verschiedenen Sertern gestiftet hatten, ingleichen an einige der angesehensten Mitglieder derselben umständliche Episteln oder Briefe, die zu den Urkunden der christlichen Religion gehören. C 2 Sobald Sobald die Christen von den Juden sich völlig trennten, sobald mußte sich auch ihre eigene Kirchenverfassung bilden. Da die ersten Christen aber meistens Juden waren, so behielten sie von der gottesdienstlichcn Einrichtung der jüdischen Religion alles dasjenige bey, was mit den Lehren ihres neuen Glaubens nicht im Widersprüche stand. Sie feuerten daher anfangs nicht nur den Sonntag, sondern auch den Sabbath; sie setzten das Lesen aus dem alten Testamente fort; sie widmeten den übrigen Theil des Gottesdienstes dem Bethen, dem Singen und dem Lehrvortrage; sie behielten das Fasten, die Fcycr des Ostcrlammes, den Kirchenbann (die Ausschließung von der christlichen Gemeinde) und die Kirchcnzucht bey. An die Stelle der jüdischen Opfer trat, wenigstens nach der Meynung der spätern Zeiten, das Abendmahl, und die fcycrliche Aufnahme unter die Christen bezeichnete die Taufe, welche anfangs ganz natürlich an erwachsenen Personen verrichtet werden mußte. Ausserdem hielten die ersten Christen auch noch sogenannte Liebcsmahle, welche das Band der Freundschaft noch fester knüpfen sollten. Die Aufsicht über den Gottesdienst, 37 dienst, und über die Policcyverfassung der Gemeinde, erforderte einen Vorsteher oder Aufseher, der nach einem griechischen Worte Bi-, schof gcncnnt wurde. Die Christen sonderten sich von andern Menschen ab. Sie weigerten sich standhaft, den Bildsäulen der Kaiser zu opfern, und ih? ncn Weihrauch zu streuen. Die hcydnischcn Priester, die ihre Opfer, und folglich auch ihre Einkünfte, durch sie vermindert sahn, verbreiteten aus Haß allerley verläumdcrische Gerüchte von ihrem Gottesdienste, und von ihrer Lebensart. Bald sollten sie Menschen- flcisch verzehren; bald bey ihren Liebesmahlen Unzucht treiben. Diese Beschuldigungen entstanden aus Mißverständnissen; aber sie waren doch hinlänglich, die Kaiser, und ihre Statthalter, gegen die Christen mit Argwohn und Erbitterung zu erfüllen. Dieß war schon unter der Regierung des Nero der Fall, und da dieser die schreckliche Beschuldigung, Rom angezündet zu haben, von sich abzuwälzen wünschte, so fand er es sehr bequem, die vielen Christen, die sich damahls schon in Rom befanden, und die man mit unter den Juden Z8 den begriff, zu Urhebern der großen Feuersbrunst zu machen. Der Tyrann ergötzte sich nun (64.) an den unmenschlichen Hinrichtungen und Martern der standhaften Christusbe? kcnner. Zum Schauplätze der abscheulichen Auftritte wies er seinen eignen Garten an. ES war ihm nicht genug, die Christen auf die gewöhnliche Art hinrichten zu lassen. Sie mußten sich, in Haute von wilden Thieren gehüllt, von Hunden zerreißen lassen; sie wurden in brennbare Materien gewickelt, um gleichsam als Fackeln gebraucht werden zu können. Diese Verfolgung verbreitete sich wahrscheinlich nur über die Christen, die in Rom lebten. Sie erfuhren unter den folgenden Kaisern aber mehrere allgemeine Verfolgungen, und wahrscheinlich zählte man derselben zehn, weil man zehn Landplagen Aegyp- tens hatte. Die Nation, unter welcher das Christen, thnm aufblühcte, erlebte nicht lange hernach das traurige Schicksal, daß ihr Staat völlig aufgelöset wurde. Die Erpressungen der römischen Statthalter nahmen, meistens in dem Verhältnisse ihrer Entfernung von der Hauptstadt, 39 stadt, zu. Nicht leicht aber bewies sich ein römischer Statthalter so eigennützig und habsüchtig, als Gessius Florus, dem Palästina unterworfen war. Da er sich wegen der Verantwortung fürchtete, die ihm die Beschwerden der jüdischen Nation zuziehen konnten, so entwarf er mit grausamer Politik den Plan, dieser Verantwortung durch die Erregung eines allgemeinen Aufstandcs auszuweichen. Der Druck, den er der jüdischen Nation wieder- fahrcn liest, wurde endlich so unerträglich, daß viele Leute auswanderten. Eine beynahe drey Million starke Nation, wie die jüdische, konnte aber wohl den Entschluß fassen, dem schrecklichen Joche sich mit bewaffneter Hand zu entziehen. Hierzu reihte sie besonders die ungerechte Behandlung, welche ihre Lands- lcnte zu Cäsarea (an der Küste von Judäa) erfuhren, und die mit militärischer Execution betriebene Forderung des Florus, ihm siebzehn Talente aus dem heiligen Schatze zu liefern. Der damahlige Ethnarch, Agrippa II, trug als ein unkluger, durch römische Politik geleiteter Despot, nicht wenig dazu bey, daß die Juden einen Aufstand erregten. Indessen würde es eben demselben, wenn ihn FloruS besser 4» besser unterstützt Hatte, vielleicht gelungen seyn, diesen Aufruhr gleich bey sciucm Auflodern zu ersticken. Dieß war jedoch den boshaften Absichten des Florus nicht angemessen. Dir zur äussersten Erbitterung gereihten Juden griffen also zu den Waffen, und rückten gegen die mit römischen Besatzungen versehenen Oertcr an. Florus that nichts, um diese Unruhen zu rechter Zeit zu unterdrücken, und äls Ccstius Gallus, der Obcrstatthalter von Syrien, die empörten Juden Zur Ruhe nöthigen wollte, war ihre Macht für die in Syrien sich befindenden römischen Soldaten schon zu groß geworden. Der damahls' regierende Kaiser Nero mußte also besondere Anstalten machen, den Aufruhr der Juden zu unterdrücken. Die Anführung des hierzu bestimmten Heeres von 60000 Mann vertraute er dem Flavius Vcspasian an, der sich bereits in Germanien und Britannien als ein vor- treflichcr General gezeigt hatte. Vcspasian bahnte sich (68) den Weg nach Jerusalem, dem Hauptsitze des Aufruhrs, durch die Wegnahme verschiedener Städte. Unter andern eroberte er Jotapa, welches der jüdische Geschichtschreiber Josephus sieben Wochen lang sehr 4l sehr standhaft vertheidigte, mit Sturm. Der brave Josephus sollte nun als ein Gefangener nach Rom gebracht werden; er rettete sich aber von der Gefahr, von seinem Vaterlands getrennt zu werden, durch Klugheit, durch die schmeichelhafte Prophezeiung, daß Vespastan nächsten's den Kaiserthron besteigen würbe. Der römische Obergencral eilte nicht, die Stadt Jerusalem selbst anzugreifen; denn er sah es mit Gewißheit voraus, daß die beyden Partheyen, die gegen einander wütheten, die besten Kräfte der Nation verzehren würden. Die eine von diesen beyden Partheyen, welche aus den sogenannten Zeloten bestand, wollte durchaus nicht zugeben, daß man sich den Römern wieder unterwerfen sollte. Daraus entstand in Jerusalem selbst ein bürgerlicher Krieg, der wie alle Bürgerkriege mit einem schrecklichen Menschenschlachten verbunden war. Im Sommer des folgenden Jah^ res (69) machte Vespastan endlich ernstliche Anstalten, die Stadt Jerusalem zu belagern. Von der Vollendung dieser Belagerung rief ihn aber die Ernennung zum Kaiser ab. Nun setzte setzte sie sein Sohn Titus mit großem Eifer fort. Die Eroberung einer Stadt, die, wie Jerusalem, vier Meilen in Umfang hatte, die nicht nur durch eine dreyfache Mauer, sondern auch durch tiefe Hohlwege und Gründe, hinlänglich gesichert war, gehörte allerdings zu den großen und schweren Unternehmungen. Es trafen jedoch verschiedene für die Römer sehr günstige Umstände zusammen. Die großen Vorräthe von Leöensmitteln, die auf einige Jahre hätten hinreichen können, waren, durch die Wuth der Partheyen, entweder verschwendet, oder verdorben worden. Die Verlegenheit der in der Stadt eingeschlossenen Menschen wurde aber dadurch noch ängstlicher, daß ihre Zahl bey Gelegenheit des letztem Paschahs sich ausserordeutlich vermehrt hatte. In der mit so vielen Menschen angefüllten Stadt brach nun bald eine Hun- gersnoth aus, welche von ihren gewöhnlichen Gefährtinnen, von ansteckenden Krankheiten und Ausschweifungen, begleitet war. Ucberall sah man Haufen von Leichen aufgcthürmt, sah man Kranke mit dem Tode kämpfen, sah man 4Z matt Lebende als Gerippe herumschleichen. Der geringe Vorrath von Lebensrnitteln war für die Vertheidiger der Stadt aufgeopfert worden; aber auch diese mußten ihren schreck- liehen Hunger endlich durch ganz ungewöhnliche und unverdauliche Speisen, als Kuhmist, Lcder, Baumreifer und Heu, zu stillen suchen. Die nächsten Verwandten, Vater, Mutter, Kinder, Gatten, rissen einander den letzten Bissen aus dem Munde, nnd ein Weib vergaß das Gefühl der Menschheit, der Mutter, so sehr, daß sie ihr eignes Kind verzehrte. Der Hunger wüthete in Jerusalem so schrecklich, daß über 7^0000 Menschen starben. Viele, die von dem fürchterlichen Tode durch das Ueberlaufen zu den Römern sich retten wollten, fanden ihren Untergang auf einem andern, sehr sonderbaren Wege. Da sie, wie. das Gerücht sagte, Gold verschluckt haben sollten, so schnitten ihnen die eben so unbarmherzigen als habsüchtigen Römer den Bauch auf, um das edle Metall in thren Eingeweiden zu finden. So wurden einst zwey tausend in einer Nacht getödtet. Dieser schrecklichen Noch ungeachtet, war die Ver- 44 Vcrtheidigungswuth der Zeloten so unbändig, daß sie olle Ancrbicthungcn des Titus wegen eines Unterwerfungsvergleichcs hartnäckig zurückwiesen. Indessen hatten die Römer ihre Belagerungsarbeitcn so uncrmüdet, und so glücklich fortgesetzt, daß sie eine Mauer nach der andern ersteigen, und zuletzt (70) auch den Tempel erobern konnten. Titus wünschte ihn zu schonen; aber durch brennende Fackeln, die ein Soldat zum Fenster hineinwarf, entstand eine Fcucrsbrunst, die in kurzer Zeit den größten Theil des Tempels verzehrte. Titus trug nun kein Bedenken, sich der im Allcrheiligstcu befindlichen Schätze zu bemächtigen. Die erbitterten Römer hieben die Juden so unbarmherzig nieder, daß das Men- schenblut durch die Gassen floß. Dennoch wehrten sich die Oberhäupter der Empörung, die sich in dem obern Theile der Stadt verschanzt hatten, mit der verzwciflungsvollsten Hartnäckigkeit, bis sie der Kriegskunst der Römer keinen Widerstand mehr entgegensetzen konnten« Es wurdcnvon den Römern 1100000 Juden gctödtet, und 970000 gefangen genommen. Es sollen bey dieser Belagerung überhaupt 45 Haupt auf anderthalb Millionen Menschen umgekommen seyn. Die große und schöne Stadt Jerusalem wurde, bis auf drey besonders große Thürme, die man als Denkmäler der Baukunst schonte, niedergerissen. Seit der Zeit mußte jeder Jude, welcher der Sitte seiner Vater treu blieb, dem capitolinischen Jupiter jährlich zwey Denare entrichten. Schon vor der Zerstörung von Jerusalem gab es in andern Ländern mehr Juden, als in Palästina. Noch lebten viele derselben in Assyrien, Babylon und Aegypten. Aus dem letzten Lande hatten sie sich nach Cyrene und Libyen ausgebreitet. Aus Palästina waren sie nach Syrien, nach Kleinasien gewandert. Sie fanden seit den Zeiten des Pompejus aber auch 'den Weg nach Rom, wo sie nicht nur Schutz und Ncligionsfreyheit genossen, sondern auch, als Freunde und Bundesgenossen der Römer, besondrer Vorrechte, z. B. der Freyheit vom Kriegsdienste, sich zu erfreuen hatten. Ihre Anzahl wuchs daher in der Hauptstadt des römischen Staates so schnell an, daß man unter dem Augustus schon dersel» derselben zählte. Sie breiteten sich aber immer mehr aus; mit ihrer Ausbreitung wuchs jedoch auch die Verachtung derselben, an welcher ihr eigennütziges Benehmen unstreitig am meisten Schuld war. 47 Viertes Kapitel. Die römische Welt befindet sich, unter einer Reibe von fast lauter vortrefflichen Kaisern, im Wohlstände und Ansehn. <-itus, der Jerusalem zerstörte, war der Sohn des Vespasians, mit welchem sich ein» über hundert Jahre lang fast ununterbrochen fortdauernde Reihe vortrefflicher Kaiser anfangt. Der römische Staat war lange nicht so glücklich gewesen. Aber vorher ereignete sich noch manche gewaltsame Thronverändcrung. Zwar schien der Senat das größte Recht zu haben, einen neuen Imperator zu ernennen; aber die Leibwache wache, die, seit Tibers Zeiten in eine Caserne zusammen gedrangt, ihr Gewicht um so im Niger fühlte, ließ eben dieses Gewicht nicht unbenutzt, um von der Besetzung des Thrones Vortheil zu ziehen. Der schon 72 Jahr alte Galba wollte (68) seine Leibwache nicht erkaufen, sondern wählen; daher zahlte er ihr daS versprochene Geschenk nicht aus, und nun wollte er auch noch überdies eine strengere Mannszucht unter den Prätorianer» einführen. Dieß kränkte diese, ihren wichtigen Einfluß sehr stark fühlenden Leute um so inniger, je mehr sie sahen, wie er seinen Günstlingen erlaubte. Recht und Unrecht zu verkaufen, mit den Staatsämtern Handel zu treiben, und Geldsummen nach Belieben zu erpressen. Sie wurden daher bald einig, den untüchtigen Regenten aus der Welt zu schaffen, und den Qtho, einen der Vertrauten des Nero, auf den Thron zu erheben. Otho, auch Galba's Freund, fand sich sehr beleidigt, als dieser nicht ihm, sondern dem jungen Piso, die Thronfolge versicherte. Er kam'der Ausführung dieses Planes dadurch zuvor, daß cr, mit Hülfe der Prätorianer, den Galba verdrängte. Dieser gab zwar einigen Tribunen 49 neu den Auftrag, ihre Gesinnungen umzustimmen, aber sie rückte dennoch gegen ihn an, und Galba wurde auf der Straße gc- tödtet (69 Jan.) Dieß war das crstemahl, daß die kaiserliche Leibwache sich das Recht anmaßte, den Beherrscher des großen Wclt- staatcs zu ernennen. Den Otho begünstigten sie auch aus dem Grunde, weil sie und die gemeinen Bürger sich von ihm ueroische Geschenke und Lustbarkeiten versprachen. Daher glaubten sie ihm zu schmeicheln, wenn sie ihm den Nahmen Nero beilegten. Otho war auch niederträchtig genug, es den Pratoria- nern mit den demüthigsien und liebkosendsren Mienen feycrlich zu erklaren, daß er nur ihnen sein Glück zu danken habe; daß er für sich nichts behalten wollte, als was sie ihm übrig lassen würden. Die Gunst der Pratoriancr sicherte aber sein Glück nicht hinlänglich. Noch weniger half es ihm, daß der Senat seine Jmperatorwürde anerkannte. Die Armee in Niedergermanien hatte sich, eben so gut als das Heer in Hispanien, für berechtigt gehalten, den Kaiserthron zu besetzen, und daher ihren Obergeneral, den Aulus Vitcllius zu Cöln, zum Imperator GallettiWeltg. ;rTH. D aus- 5v ausgerufen. Dieser setzte sich nun an der Spitze einer ansehnlichen Kriegsmacht in Bewegung, die Hauptstadt Rom in Besitz, zu nehmen. Qtho befand sich in einer gefährlichen Lage. Es fehlte ihm an Sosdaten, und aus den verzärtelten und weichlichen Jünglingen Roms ließ sich unmöglich in kur- «zcr Zeit ein gutes Heer bilden. Qtho machte daher dem Vitellius die glänzendsten Aner- biethungen, um ihn zu einem Vergleiche zn bereden. Er wollte die Regierung mit ihm theilen. Aber Vitellius rückte dennoch in Italien ein, und schlug (am i6tcn April) zwischen Crcmona und Verona, das Heer seil ncs Gegners aus dem Felde. Qtho , der edel genug dachte, um des Vürgerblutcs zu schonen, und dem der Gedanke, daß so viele tapfere Leute seinetwegen ihr, Leben einbüßen sollten, unerträglich war, gab den Legionen in Rom den Rath, sich dem Sieger zu unterwerfen , und beschleunigte seinen Tod durch eigne Hand. Dadurch wurden seine Soldaten so gerührt, daß viele derselben bey seinem Grabe sich tödtetcn, und ihr Bcpspicl wurde selbst in der Entfernung nachgeahmt. Vitellius, 5» Vltellius, durch welchen Otho verdrangt worden war, übertraf alle seine Vorgänger an Trägheit, an viehischer Wollust, an Dummheit und an Bosheit. Ais Knabe gehörte er unter die Lieblinge, die der alte wollüstige Tiberius um sich hatte. Bey dem Caligula machte er sich wegen seiner besondern Geschick- lichkeit im Fahren, bey dem Claudius wegen seiner außerordentlichen Fertigkeit im Spielen, beliebt. Dem Nero empfahl er sich hauptsächlich damahls, als er ihn im Namen des Publicums ersuchte, seine musikalischen Talente öffeittlich hören zu lassen. Durch diese Künste glückte es ihm, gleich seinem Vater, zu Würden und zu Reichthümern zu gelangen. Bey der niedergermanischen Armee, über welche ihn Galba zum Qbcrgene- ral verordnete, schmeichelte er sich durch seine pöbelhafte Vertraulichkeit ein, und die Soldaten standen in dem Wahne, daß sie unter dem ganz für die Sinnlichkeit gestimmten Kaiser ein recht schwelgerisches Leben bekommen würden. Aber Vitellius trieb die Ausschweifungen der Sinnlichkeit gar zu weit. Er nahm gewöhnlich täglich vier bis fünf Mahlzeiten ein, und aß so erstaunlich viel, D 2 daß daß er sich des tteberflusses durch Brechmittel entledigen mußte. Seine Mahlzeiten mußten auch sehr kostbar senn, und unglücklich war derjenige, bey welchem er sich zur Tafel bath. Ein solches Mittags - oder Abendessen konnte leicht 20000 Thaler kosten. Als ihm bey seiner Ankunft in Rom fein Bruder ein Gast? mahl anstellte, wurden 2000 Gerichte Fische und 7000 Gerichte Vögel aufgetragen^ und jedes Gericht war von einer andern Art. Er ließ sich eine große Schüssel von Gold machen, der er den Nahmen: Schild der Minerva, beylegte. Diese füllte er bey ihrer Einweihung mit Lebern von Mccräfchcn, mit dem Gehirne von Fasanen und Pfauen, mit den Zungen des Flamingo, und mit der Milch der Mecrlambrctcn, an. Seine Gefräßigkeit war so ungeheuer, daß er das halbgebratene Spfcrflcifch von den Kohlen wegriß, und gierig hinunterschluckte. Nur durch herrliche Mahlzeiten, die man dem Kaiser gab, konnte man sich zn einträglichen Ehrcnstellcn den Weg bahnen. Vitcllius war in der Schwclgcrcy so versunken, daß er alles andre darüber vergaß, daß ihn die Minister wohl gar an seine Kaiserwürde erinnern mußten. ten. Seine Verstandeskräfte wurden dadurch immer mehr unterdrückt. Aber auch für die Kasse des Staates war des Vitcllius Regierung ein Unglück. In Zeit von vier Monathen hatte er über zo Millionen Thaler verschwendet, und hatte er länger regiert, so hätte der ganze römische Staat nicht so viel Geld aufbringen können, als des Vitcllius Verschwendung verzehrte. Der gefräßige, verschwenderische Vitcllius war auch sehr grausam, und er gicng besonders mit seinen ehemaligen Freunden, und mit seinen Gläubigern , sehr unbarmherzig um. Selbst den Tod seiner Mutter soll er haben befördern helfen. Indessen zeigte sich doch sein eigentlich gutes Herz darinn, daß er Otho's Anhänger nicht verfolgte, daß er niemand seiner Güther beraubte, daß er gegen jedermann herablassend war. Daher würde man in Rom ihn vielleicht noch länger erträglich gefunden haben, wenn nicht die Armeen im östlichen Theile des römischen Staates ihm (69 im Zul.) den Gehorsam aufgekündigt, und den vortreflichcn Vespasian zum Kaiser ernennt hatten. Dieser wollte dw angebothene Würde durchaus durchaus nicht annehmen, bis die dringenden Vorstellungen, bis die Drohungen der Sol- datcn ihn gleichsam dazu zwangen, bis Mu- cian, der mächtige Stadthalter Syriens, ihn dazu beredete. Die an der Donau stehenden Legionen, die sich auch für ihn erklärten, rückten hierauf, von ihrem Generale AntoniuS Primus geführt, nach Italien, und des Vi- tclliuS Truppen, die sich ihnen bey Cremona entgegenstellten, wurden geschlagen. Die Consuln brachten, in Verbindung mit Sabin, dem Vruder des Vcspasians, und verschiedenen Senatoren, einige Mannschaft zusammen, um den Vitcllius, wenn er sich nicht gutwillig zur Abdankung verstehen wollte, mit gewaltsamen Mitteln abzusetzen; sie wurden jedoch von der deutschen Leibwache desselben so nachdrücklich abgewiesen, daß sie auf dem Capitolium ihre Zuflucht suchen mußten. Aber auch hier waren sie nicht sicher. Des Vitellius Anhänger erstiegen das Capital, brennten den großen Iupitcrstcmpel ab, und nöthigten jene, sich zu ergeben, oder zu fliehen. Indessen drangen die für den Vespasian gestimmten Legionen in die Stadt. Der 55 Der träge Vitellius lag, wahrend der Zeit, das; das Gewitter über seinem Haupte aus? brach, im Schatten seiner Lustgarten, und dachte an nichts, als an hinreichende Bestie? dignngswittel seiner Freßsucht. Er kroch, als seine Feinde naher kamen, in einem zerrisse? nen Rocke, in ein Hundehaus. Man zog. ihn aber heraus, band ihm die Hände auf den Rücken, riß ihm die Kleider vom Leibe, und schleppte ihn gleich einem Vieh durch die Straßen, und auf das Forum, wo er end? lich niedergestoßen wurde (am 20. Dec.) Galba, Otho und Vitcllius regierten zusamt men nicht länger als anderthalb Jahre. An diesen häufigen Revolutionen, welche die Prätoriancr und die Soldaten veranlaß? ten, nahm der Senat und die Bürgerschaft keinen andern Antheil, als daß sie dem Mo? narchcn, den ihnen der Unfall gab, klatschten und schmeichelten, daß sie ihn, wenn er wie? der gestürzt wurde, verfluchten oder mißhan? delten. Sie handelten dabey mit einem die die größte Verwunderung erregenden Leicht? sinn. Es verbreitet sich das Gerücht, Otho wäre im Lager der Prätorianer zum Kaiser ausge? §6 ausgerufen worden. Sogleich eilt der große Haufe nach dem Pallastc des Galba, und fordert von demselben die Hinrichtung des Otho und seiner Vcrschworncn. Nun kömmt die Nachricht, Otho sey ermordet morden. Jetzt eifern Senatoren und Ritter, die vorher den Ausgang der Unruhen mit Glcichmü- thigkcit abgewartet hatten, dem Pöbel nach, erbrechen die Thüren des Pallastcs, und bedauern es, daß ihnen die Vollziehung der Rache entrissen worden sey. Doch plötzlich bekömmt die Sache wieder eine andre Gestalt. Otho lebt, und Galba wird erwürgt. Nun eilen Vornehme und Geringe ins Lager, und jeder wünscht dem andern zuvorzukommen. Alle fluchen nun auf den Galba; alle preisen die kluge Wahl der Prätorianer, und küssen dem Otho die Hände. Als Otho gegen den Witcllius in den Krieg ziehen mußte, rief ihm der Pöbel die zärtlichsten Segenswünsche nach; die Senntoren bewiesen indessen doch schon mehr Vorsichtigkeit, und sie befanden sich in gewaltiger Verlegenheit, als Otho sie ersuchte, ihn, nicht als Krieger, sondern als Freunde, in den Fcldzng zu begleiten. Kaum hatte sich Otho mit seinem Gefolge und seiner 57 ner 'Armee von Rom entfernt, als man, um den Ausgang des für die Nation so wichtigen Streites ganz unbekümmert, die einfallenden Feste mit der sorglosesten Fröhlichkeit feyerte. Dem Sieger Vitcllius wurde nun, eben so wie den vorigen Kaisern, zugeklatscht und zugerufen, und der Senat bewies sich eben so bereitwillig, ihm alle möglichen Beweise der Ehrfurcht und Hochachtung zu geben. Als Vespasians Generale sich der Stadt Rom näherten, erboth sich der Pöbel haufenweise gegen den Vitcllius zum Kriegsdienste, und die Vornehmen versprachen Geldbeiträge; als aber die Zeit des Marsches und der Zahlung gekommen war, da gab es weder Soldaten noch Geld. Vespasians Truppen drangen in die Stadt, und schlugen sich in derselben mit den Anhängern des Vitcllius herum. Der Pöbel klatschte, so wie bey Schauspielen, bald dieser, bald jener Parthey, seinen Beyfall zu. Man zog die Ucbcrwunde- ncn, die sich in den Häusern oder Buden versteckt hatten, aus ihren Schlupfwinkeln hervor, um sie erwürgen zu lassen, und plünderte eben sowohl die, welche Zuflucht gesucht, als die, welche ihnen ihren Schutz vcr- 58 verliehen hatten. Das 'Auffallendste dabey aber war, daß alle Arten von sinnlichen Ausschweifungen wahrend der Zeit immer fortgetrieben wurden; daß neben Haufen von Leichen, und Strömen von Vürgerblut, unzüchtige Personen ihr muthwilliges Spiel trieben; daß der Pöbel frohlockte und schwelgte, als wenn das Unglück des Staates eine freudige Begebenheit gewesen wäre. Bey dieser Denkart des vornehmen und geringen Pöbels der großen Hauptstadt, mußte das Schicksal des Negententhrones natürlich ganz dem Zufalle, oder der Gewalt des Stär- kcrn, überlassen seyn. Alles kam jetzt darauf an, für welchen General die Pratoriancr oder Soldaten sich erklärten. Auf eben diesem Wege gelangte auch Vespasian zum Besitze der Weltmonarchie. Eigentlich wählten ihn 2000 Mann, die man aus einigen Legionen herausgezogen hatte, um sie dem Otho zu Hülfe zu schicken. Diese hatten nach dem Tode dieses Kaisers viele Unordnungen begangen. Um sich nun der Bestrafung derselben zu entziehen, unh um selbst auf Belohnungen eines neuen Monarchen Anspruch machen 59 chen zu können, wollten fie den Thron mit einem General besehen, der ihres Vertrauens vorzüglich würdig wäre, und sie glaubten sich dieses Recht eben so gut, wie andere Corps und Armeen, anmaßen zn können. Ihre Wahl fiel, zum Glücke des römischen Staates, auf den Vespasian, der nach dem Ans gnsins der zweyte Wiederherstellet wurde. Mit Recht war die Freude des römischen Volkes, als Vespasian in Rom einzog, äusserst lebhaft. Tausende von Stimmen nennten ihn den Retter des Staates, nennten ihn den Einzigen, der würdig wäre, den Weltbehersschcr abzugeben. Alle Plätze und Straßen Roms waren mit Kränzen geziert, mit wohlriechenden Düften angefüllt. Nicht leicht hat es einen Regenten gegeben, der die schönen Erwartungen, die man Key dem Antritte seiner Negierung von ihm hegte, so vollkommen als Vespasian befriedigt hätte. Seine Sorgfalt war zuerst auf die Einführung einer schärften Kriegszucht gerichtet. Einst erschien ein junger Officier vor ihm, um sich wegen einer Stelle zu bedanken, die er eben von ihm erhalten hatte. Der Officier Ofstcicr , Vespasian warf ihm eimn unfreundlichen Blick zu, und sagte: er würde es lieber gesehen haben, wenn er nach Knoblauch gerochen hätte, und der Qfficier verlohr seine Stelle gleich wieder. Eben so eisrig bewies sich Vespasian für die Ergänzung des Senats mit würdigen Gliedern, und für die Wiederherstellung einer unparthcyischcn Gcrechtigkeitspflcge. Für die Verschönerung Roms sorgte er mit dem rühmlichsten Eifer. Hier stieg das Capitolium, dort stieg mancher Tempel schöner und prächtiger als vorher, empor. Auch erhob sich mancher herrliche Tempel, der vorher nicht da war; und noch jetzt bewundert man die Trümmern des großen Amphitheaters (jetzt Colosseo) welches Vespasian aufführte. Aber nicht allein Rom, sondern auch manche andre Stadt, erfuhr Vcspasians wohlthätige Sorgfalt, und die herrlichen Landstraßen, die er anlegte, oder wieder ausbesserte, erregten das lebhafteste Dankgcfühl der Reisenden. Zn den Provinzen stellte er die Ordnung wieder her, und Griechenland verwandelte sich unter ihm in eine eigne Provinz. Die von Vespasian gemachten Anstalten und An- ordmm- 6i ordnungen verursachten einen großen Aufwand, und schon bey dem Antritte seiner Negierung hatte er erklart, daß der römische Staat, dessen Schatzkammer durch die vorigen Kaiser ausgeleert war, ohne die gewaltige Summe von hundert Millionen Thalern nicht bestehen könne. Diese Summe aufzubringen, führte er nicht nur die vom Galba aufgehobenen Abgaben wieder ein, sondern er vermehrte sie auch mit manchen neuen, die zuweilen eine unanständige Quelle hatten. So mußten z. B. diejenigen, die den Urin für die Walker sammelten, eine Auflage entrichten. Selbst Vcspasians Sohn, Titus, konnte sich nicht enthalten, ihn auf die große Eigennützigkeit, die daraus hervorleuchtete, aufmerksam zu machen. Allein Vespasian hielt ihm eine Handvoll von dem Gelde, das auf diesem Wege eingekommen war, vor die Nase, und fragte dabey, ob es einen unangenehmen Geruch hatte? Jeder Missethater, und wenn er auch das größte Verbrechen begangen hatte, konnte sich durch Geld von der Strafe loskaufen. Die meisten Aemter besetzte er mit Leuten, die sich auf das Erpressen recht verstanden, und wenn sie recht viel Ü2 viel zusammengebracht hatten, so nahm er es ihnen wieder ab. Einen lebhaften Antheil an seinen Erpressungen hatte seine Freundin Canis, die ehemahlige Leibeigene der Autos nia, der Mutter des Claudius. Vespasian brauchte sie manchmal, um sich Geld zu vers schaffen. Von allen Seiten wurde sie mit Geschenken überhäuft. Für Geld konnte man aber auch alles von ihr erhalten; Staatsann ter, Statthaltersclmften, Gcncralsstellen, Pries sierwürdcn und günstige Reseriptc. Sie hatte über den Vespasian, der in ihrem Umgange sehr viel Vergnügen fand, eine große Gewalt. Eben so groß war der Reichthum, den sie sich sammelte. Vcspasians Geldsucht laßt sich durch den guten Gebrauch, den er von dem Gelde machte, kaum rechtfertigen, und es bleibt immer ein unedler Zug seiner Denkart, wenn er gleich den armen Senatoren, welche die Consulwürde bekleidet hatten, ansehnliche Jahrgehalte, und jedem Lehrer der Redekunst über 5000 Thaler Besoldung, anwies. Ues brigens vereinigte Vespasian viele gute Eigenschaften des Charakters. Er stellte den Monarchen mit so vieler Bescheidenheit vor, daß er sich vor den andern Gliedern des Senats 6z Senats keinen Vorzug anmaßte: daß er jedem die Erlaubniß gab, seine Meynung mit aller Frcymüthigkcit zu sagen; daß er jedermann den Eintritt in seinen Pallasi erlaubte, und daß er sich gegen jedermann herablassend und leutselig bewies. Er war von geringer Herkunft; aber er schämte sich derselben so wenig, daß er diejenigen auslachte, die sein Geschlecht von einem Gefährten des Hercules ableiteten. Er verachtete alle Titel, und selbst den Nahmen eines Vaters des Vaterlandes, den er doch mit so viel Recht verdiente, nahm er nur nach vielen Vorstellungen und Bitten an. Er konnte sich nicht entschließen, jemand hinrichten zu lassen, der an einer Verschwörung gegen ihn Antheil genommen hatte. Solche Leute, sagte er, verdienten mehr Mitleiden, als Strafe, weil sie die drückende Last der Regierung nicht kennten. Eben deswegen war auch keine Satyre, die ihn, und besonders seine Gelbsucht, zum Gegenstände hatte, vermögend, seine Geduld wankend zn machen. Diese ermüdeten jedoch endlich die in Rom befindlichen griechischen Philosophen, die durch ihre stoischen Grundsätze auf die Regierung des Vcspasians ein falsches Licht warfen. 64 warft». Mucian beredete ihn daher, sie zu entfernen. Auch bekam nur ein einziger Mm sonins, die Erlaubniß, in Rom zu bleiben; die andern wurden zum Theil auf Inseln verbannt. Dcmetrius, einer derselben, bewies sich noch immer hartnäckig. „Du legst es,, sagte er zu ihm, „völlig darauf an, hingerichtet zu werden; aber wer würde dieß au einem kläffenden Hunde (einem Cyniker) thun?,. Schade, daß der vortreffliche Kaiser, wie er den Thron bestieg, schon 59 Jahre alt war, und daß er nicht länger als io Jahre regierte (st. 79 im Jun.). Aber noch mehr Schade, daß fein für das Glück der Menschheit so zarrlich besorgter Sohn gar nur zwey Jahre und noch nicht völlig drey Monathe, auf dem Throne saß.' Nicht leicht hat ein junger Monarch feine Unterthanen angenehmer überrascht, als Titus. Am Hofe des Nero, in Gesellschaft des Brit- tannicus, erzogen, und sowohl zum Kriegsdienste als- zur Verwaltung der Gerechtigkeit gebildet, bewies er sich stolz, habsüchtig, hartherzig, zur Ausschweifung geneigt. Er hatte sti Judäa die Prinzessin Berenice, eine der schön- 6, schönsten Frauen ihrer Zeit/ kennen lernen. Sie kam mit ihrem Bruder Agrippa nach Rom, und Titus fand sie so liebenswürdig, daß er ihrem Bruder nicht nur Pratorsrang verlieh, sondern daß er sie auch zu seiner Gemahlin nehmen wollte. Als er aber gewahr wurde, daß das römische Publicnm ein großes Mißvergnügen darüber empfand, hatte er Ueberwindung genug, die Berenice zu entfernen, und als Imperator ließ er sich in kein Liebesverstandniß ein; doch ist Berenice noch einmahl in Rom gewesen. Titus schien als Imperator ein ganz andrer Mensch geworden zu seyn. Er ahmte das musterhaste Beyspiel seines Baters mit so rühmlichen Eifer nach, daß er ihn noch übertraf, daß er mit Recht die Wonne des Menschengeschlechts gencnnt werden konnte. Die Liebe und das Zutrauen des Volks erwarb er sich sehr bald durch die vielen Anordnungen, durch die er das ganze Wohl und das Vergnügen desselben zu befördern suchte. Die Liebe des Volks, die sich Titus dadurch erwarb, befestigte er durch sein überaus sanftes und leutseliges Betragen. Alle Nachsucht Galletti Weltg, 5rTH. E schien 66 schien aus seinem Herzen ganz verbannt. Das her strafte er auch niemand, der etwas Bös scs von ihm gesagt, der feindselige Absichten gegen ihn verrathen hatte; daher übernahm er die Würde eines Qberpricsters blos in der Absicht, damit er einen gerechten Vorwand haben möchte, kein Todesurtheil zu unterschreiben. Er verzieh sogar zwei, Patriciern, die sich gegen ihn verschworen hatten; aber er verzieh ihnen nicht nur, sondern er ließ sie auch an der Tafel, und im Amphitheater neben sich sitzen. Des TituS menschenfreundlicher Charakter zeigte sich aber besonders bey den großen Un- giücksfällcn, von welchen Rom und Italien zu seiner Zeit betroffen wurden. Ein schrecklicher Ausbruch des Vesuvs, der älteste, den die Geschichte kennt, verheerte (79) die schöne Landschaft Campanien, beschädigte die Städte Puteoli und Cumä, und versenkte zwey andere Städte, Pompeji und Herculanum, unter die Erde. Die glühende Asche, die der Vesuv auswarf, soll vom Winde bis nach Ac- gypten und Syrien geführt worden seyn. Jy Rom wurde durch dieselbe die Lust so verdunkelt. 6? kclt, daß sich der Tag in Nacht verwandelte. Plinius, der große Naturforscher, der über eine bey Misemim liegende Flotte die Aufsicht führte, bestieg, von einer edlen Neugierde angetrieben, sogleich ein Schiff, und näherte sich dem Vesuv, um die Ursachen der sonderbaren Erscheinung auszuforschen. Unter einem heftigen Regen von Steinen, Asche und Erde kömmt er bis nach Stabia, nicht weit von Pompeji. Der ungewöhnliche Schrecken hatte die Menschen entfernt, und Pli- nius brachte die Nacht hier allein zu, um wahrend der Dunkelheit den tobenden Berg, der ganz in Flammen zu stehen schien, desto genauer zu beobachten. Aber in eben der Nacht wurde auch Stabia von einem fürchterlichen Erdbeben erschüttert, und zugleich flogen vom Vesuv so viel Steine her, daß sich Plinius zu entfernen wünschte. Sein Schiff wurde jedoch von einem widrigen Winde zurückgehalten. Indessen wurde die linst immer feuriger und beklemmender, und Plinius konnte endlich nicht mehr Athem holen. So starb der vortreffliche Mann als ein Opfer seines Eifers für die Naturgeschichte! Titus ließ die zerstörten Oerter auf seine Kos E 2 sten 6Z sten wieder aufbauen; auch theilte er unter die verarmten Einwohner große Geldsummen aus. Während daß Titus in Campanicn mit Handlungen der Menschenliebe bcschäfftigt war, brach in Rom (80) eine Feucrsbrunst aus, welche drey volle Tage ununterbrochen fortdauerte. Da brannte unter andern die Büchcrsammlung des Augustus, das Theater des Pompejus, und ein großer Theil des Capitals, mit ab. Titus eilte sogleich nach Rom, erklärte, daß er die Ersetzung des Schadens ganz allein auf sich nehmen wollte, und er hielt auch sein Wort, ob gleich ganze Städte und Provinzen sich bereitwillig zeigten, den großen Aufwand bestreiken zu helfen. Die glühende Asche, die der Vesuv in einem großen Umfange ausgeworfen hatte, wirkte auf die Luft so nachihcilig, daß dadurch eine anstck- kendc Krankheit erzeugt wurde. Da bekam der menschenfreundliche Titus eine neue Gelegenheit, seine Vatersorgfalt für die Römer zu beweisen. Rom wurde durch seine Bemühungen noch mehr verschönert. Er ließ unter andern die herrlichen Bader, die seinen Nahmen 69 men bekamen, in unglaublicher Geschwindigkeit aufführen-. Bey der Einweihung derselben, sowie seines Amphitheaters. belustigte er den neugierigen Pöbel Roms durch ein Scctreffcn, inglcichen durch eine Thierhctzc, bey welcher viele tausend wilde Thiere von mancherley Art ihre von der Natur verliehene -Vcr- thcidigungskünste in Ausübung brachten. Unter andern sah man auch kampfcnde Kraniche und Elephanten, und es wurden in diesen Gefechten vier von den gedachten Elephanten, und noch 9000 andre Thiere, erlegt. Selbst Weiber, freylich nur von geringem Stande, bewiesen sich dabey geschäftig. Es fochten nicht nur einzeln Gla- diatorenpaare, sondern ganze Schaaren von Leuten, die Land - und Scctreffcn vorstellten. Der letztern wegen ließ Titus sein Amphitheater in aller Geschwindigkeit unter Wasser setzen, und zuerst Pferde, Qchsen und andre hierzu schon abgerichtete Thiere im Wasser ihre Künste machen ; sodenn erschienen Schisse, die ein Gefechte lieferten. Solche See - und Landtreffcn ließ er auch in einem vor der Stadt Stadt liegenden, auf Befehl des Augustus ausgegrabenen Bassin, vorstellen. Um das Vergnügen des Publicums zu vermehren, ließ «r kleine hölzerne Kugeln, die Anweisungen auf Eßwaaren, Kleidungsstücke, Gold- oder Silbergeschirre, Pferde und andres Vieh, in- gleichen Leibeigene, verschlossen, in das Theater werfen. Hundert Tage lang dauerten diese Lustbarkeiten, und sie machten wenigstens dem gemeinen Volke das Andenken des Titus um so unvergeßlicher! An dem Tage, an dem sie sich schlössen, weinte Titus vor den Augen des ganzen Volkes. Diese Thränen preßte ihm das innige Vorgefühl seines nahen Todes aus. Vielleicht hatte er, bey seinem großen Eifer für das Wohl der Unterthanen, die Kräfte seines Körpers zu sehr angestrengt, vielleicht auch dem Vergnügen des warmen Badens sich zu leidenschaftlich überlassen. Auf alle Fälle scheint er die Annäherung seines Todes gefühlt zu haben. Kurz darauf trat er eine Reise nach dem sabinischen Gebiethe an. Gleich im ersten Nachtlager überfiel ihn ein heftiges Fieber. Dennoch ließ er sich in einer Sänfte weiter schaffen, um in dem Hause zu sterben, in 7r in welchem sein Vater verschieden war. Dieß war in den cutilischcn Badern (bey dem jetzigen Lago di Contigliano in Campagna dt Roma). Sein Tod wurde, wie man erzählt, durch seinen Bruder Domitian, befördert, der, unter dem Vorwande, seine Fieberhitze abzukühlen, ihn in einen mit Schnee gefüllten Kasten legen ließ. Des Titus letzte Worte waren: „ nur Eins bereue ich ! „ Vielleicht daß er seinen einer Verschwörung übcrwicse- nen Bruder lauger hatte leben lassen. Er war, als er srarb, noch nicht volle 45 Zahrs alt. Wie viel Gutes hatte er noch für die römische Welt thun können! Vielleicht war es aber ein Glück für seinen Ruhm, daß ihm sein Schicksal so wenig Zeit ließ, sich von einer minder vortheilhaftcn Seite zu zeigen! Wie unähnlich war diesem vortrefflichen Bruder Domitian, der, ohne den Tod seines Bruders abzuwarten, zu Pferde nach Rom eilte, und sich von den Prätoriancrn zum Imperator ausrufen ließ- Bald rasch und auffahrend, bald schleichend und zurückhaltend, handelte er hier unbesonnen, dort bvs- boshaft. Als er den Anhängern des Vitcl- lins ans dem Lapitolium glücklich entwischt war, spielte er, ehe sein Vater Vespasian nach Rom kam, eine bedeutende Rolle. Aus Furcht vor den Verweisen desselben, begab er sich aber bei seiner Annäherung auf die albanische Villa, wo er sich mit der schönen Domitia, die er ihrem Gemahle Corbulo entführt hatte, die Zeit vertrieb. Anfangs nahm er die Maske eines guten Regenten vor. Um zu beweisen, wie sehr seine Denkart von aller Grausamkeit entfernt wäre, war er einmahl schon im Begriffe, alle Thieropfcr zu verbiet then. Seine Minister und Beamten bc- schenkte er mit ansehnlichen Summen, damit sie den Bestechungen um so leichter widerstehen könnten. Die Einnehmer der Staatskasse durften niemand belangen, der seit langer als fünf Zahren schuldig war, oder dessen Schuld nicht ganz klar gemacht werden konnte. Von Leuten, die Kinder hatten, ließ er sich durchaus nicht zum Erben einsetzen. Dennoch machte er zum Besten der Unterthanen, oder zur Verschönerung der Stadt Rom, manchen ausserordentlichen Aufwand. Er crhöhcte den Sold der Soldaten um den vierten Theil; er 7Z er vollendete nicht nur alle vom Titus angefangene Gebäude, sondern fährte auch noch noch sehr viele neue auf. Auf die Vergoldung des Lapitoltempels wendete er allein 12000 Talente, oder über 16 Millionen Thaler, und dennoch wurde dieser Tempel von manchen Theilen seines Pallastcs noch an Pracht übcrtroffcn. Dieser Pallast, den Nero angelegt hatte, und der sowohl unter ihm als unter dem Vitcllins vom Feuer beschädigt worden war, lag auf dem palatinischen Berge, in der Gegend der jetzigen farnesischen Gärten, wo man in neuern Zeiten Trümmern desselben entdeckt hat. Um die verbrannte Bibliothek des Augustns wieder herzustellen, schickte Domitian Gelehrte nach Acgyptcn, die in Alcpandricn Bücher mußten abschreiben lassen. Die Rolle eines guten Regenten spielte aber Domitian kaum ein Jahr, und er zeigte sich nun als einen Tyrannen, der sich von einem Caligula und einem Nero blos dadurch unterschied, daß cr diejenigen, die cr wollte hinrichten oder martern lassen, durch seine gnädige Behandlung zu tauschen suchte. Warf Warf cr einem gnädige Blicke zu; bewies er sich gegen jemand sehr herablassend, oder lud cr ihn zur Tafel ein, so konnte der Unglückliche mit Gewißheit darauf rechnen, daß ihn der Tyrann nächstens würde mit neuen und ausgesuchten Martern hinrichten lassen. Einst ließ er die vornehmsten Senatoren und Ritter zu einem ganz besondern Gastmahle einladen. Das Zimmer, in welches sie geführt wurden, war, bis auf den Fußboden, ganz schwarz ausgeschlagen. Die Bänke waren schwarz, und ohne Polster. Vor jeden Gast stellte man eine kleine wie ein Denkmahl gebildete Säule mit seinem Nahmen, und einer kleinen Todtcnlampe. Hierauf erschienen schöne nackende Knaben, alle schwarz gefärbt, als Genien, tanzten einen fürchterlichen Tanz um die Gesellschaft, und stellten sich alsdcnn so, daß bey jedem Gaste einer stand. Die Speisen, die man auftrug, lauter Gerichte, wie sie bey Todtenmahlcn vorzukommen pflegten, waren mit schwarzer Brühe zubereitet, und wurden in schwarzen Schüsseln aufgetragen. Jeder neue Auftritt vermehrte die 'Angst der Gäste; jeder erwartete alle Augenblicke seinen Tod. Todtenstille herrschte im ganzen Zimmer. 75 Zimmer. Niemand sprach, als Domitian, und alles, was er sagte, hatte auf Tod und Mord Beziehung. Wie froh waren diese Gaste, als sie endlich entlassen wurden! Aber nun peinigte sie bald eine neue Angst. Keiner fand seine Bedienten. Sie wurden vielmehr von ganz unbekannten Leuten in Wagen, oder in Sänften, fortgeschafft. Kaum war jeder in seinem Hause ankommen, kaum schöpfte er zum crstenmahl wieder frey Athem, als ihm ein Böthe vom Kaiser angemeldet wurde. „Nun ist,, dachte jeder, „deine lebte Stunde gewiß gekommen!,. Aber wie sehr wurde jeder überrascht, als ihm der Abgeordnete des Kaisers eine silberne Säule, oder ein kostbares Geschirr, oder sonst ein Geschenk, jedem aber den Knaben, der ihm bey der Tafel als Genius aufgewartet hatte, sehr reinlich und schön angekleidet, überbrachte ! Nicht immer aber war die Angst, die Domitian den Senatoren verursachte, so unnöthig. Ein andermahl ließ er den ganzen Senatssaal mit Wachen umringen. Jeder Senator zitterte vor dem nahen Tode, und wirklich wurden viele der angesehensten und würdigsten Männer erwürgt, und ihre ihre Weiber und Töchter mußten auf entfernte und öde Inseln wandern. Ihr Vermögen diente dazu, Domitians erschöpfte Schatzkammer wieder anzufüllen, und man konnte sich daher seine Gunst durch nichts so leicht erwerben, als wenn man recht viele reiche Manner wegen des Hochvcrraths anklagte. Dadurch brachte er es endlich so weit, daß die prächtigsten Häuser in der Stadt, daß die schönsten Landgüthcr in Italien, sein Eigenthum wurden. Die Zahl der falschen Anklager vermehrte sich aber auch so gewaltig, daß alle Tempel, alle Straßen, alle öffentliche Platze damit angefüllt waren, daß man, als man diese boshafte Menschengattung unter dem Trajan im Meere begraben wollte, eine ganze Flotte zu dieser Absicht nöthig hatte. Für einen Tyrannen, wie Do- mitian war, mußten Männer > die sich durch Tugenden und Verdienste auszeichneten, ein sehr verhaßter Gegenstand seyn. Daher war es ein Unglück, sich als Feldherr hervorzuthun, und der von einem niederträchtigen Neide beseelte Tyrann ließ lieber von den Feinden ganze Heere niederhauen, und blühende Provinzen in Wüsteneyen verwandeln, als 77 als daß er die Anführung der Armee erfahrnen und verdienten Feldherren anvertraute. Er kaufte den deutschen Völkern am Rhein und an der Donau lieber einen schändlichen Frieden ab, als daß er seine Truppen zu einer strengen Kriegszucht anhielt. Es war ihm bange, daß die Soldaten die Schwcrdtcr, die sie gegen die Feinde geschärft hatten, gegen ihn brauchen könnten. Denn nichts übertraf das Mißtrauen, welches er in seine Diener und Unterthanen sehte, die unaufhörliche, peinigende Angst, in welcher er schwebte. Qft verbarg er sich in einem innern Zimmer seines Pallasies, und er hatte nicht das Herz, sich vor jemand sehen zu lassen, oder jemand anzureden. Der geringste Lerm brachte in seinem Körper ein Angsisiebcr hervor, und damit er über das Geräusch der Nudcr nicht erschrecken möchte, -so ließ er das Schiff, worin er spatziercn fuhr, gleich einem eroberten Schiffe, von andern fortziehen. Er aß mit denen, die er zur Tafel geladen hatte, niemals zugleich, damit er sie desto besser beobachten konnte, und zuletzt machte er sich seine Bewegung blos in solchen Gallcrien, deren Fußboden mit durchsichtigen Steinen 75 Steinen belegt waren, die ihm alles zeigten, was vor und hinter ihm war. Die Einsamkeit, in welcher Domitian lebte, erzeugte die drückendste Langeweile. Vergebens bcmühetc er sich, dieselbe durch den ausschweifendsten Genuß sinnlicher Vergnügen zu bekämpfen. Seine Sinnen waren bald so erschöpft, so abgestumpft, daß er zu weniger angreifenden, zu kindischen Zeitvertreiben seine Zuflucht nehmen mußte. Nun war es für ihn ganze Tage lang eine Beschäftigung , Fliegen zu fangen und auf Schrciögriffei anzuspießen. Sehr witzig sagte daher ein Hofmann zum andern, der ihn fragte, was der Kaiser mache? „er ist ganz allein, nicht einmahl eine Fliege ist bey ihml,, Und ein so unthätiger, von beständiger Angst gepeinigter Tyrann konnte sich einbilden, von rechtschaffnen und einsichtsvollen Männern geschätzt zu werden, konnte sich mit dem Wahne schmeicheln, daß ihn nicht nur Leute vom Pöbel, sondern selbst die größten Redner und Dichter, für einen Gott hielten, konnte so unverschämt seyn, sich in seinen Befehlen: Gott und Herr, »u 79 zu nennen? Aber der vermeynte Gott hatte nicht Macht genug, seiner Ermordung zu entgehen, die (96 im Sept.) seine eigne Gemahlin Domitia befördern half. Diese Domitia wollte er, ihrer Untreue wegen, hinrichten lassen. Endlich ließ er es bey der Scheidung bewenden; aber ihr Liebhaber, der Schauspieler Paris, wurde auf öffentlicher Straße niedergestoßen. Eben das Schicksal hatten alle diejenigen, die den Platz, wo er gestorben war, mit Blumen bestreuten, und mit wohlriechenden Oehlen begossen. Doi" mitian machte hierauf aus seinem vertraulichen Umgange mit seiner Nichte Julie kein Geheimniß mehr. Diesen Umgang setzte er auch noch alsdenn fort, als er sich, auf die Bitten des Volkes, mit der Domitia wieder ausgesöhnt hatte. Domitia nahm nun an der Verschwörung einiger Hoflcute^, die seine Grausamkeiten endlich für unerträglich fanden, lebhaften Antheil. An der Spitze dieser Verschwörung stand Parthcnius, den Domitian so sehr liebte, daß er ihm, als einem Freygelassenen, das Schwerdt erlaubte, und eben dieser half ihn ermorden. Unter Unter der Regierung des Domitians endigte Agricola, einer der vortrefflichsten Männer dieses Zeitalters, dem der römische Staat die völlige Eroberung des jetzigen Englands zu danken hatte, sein Leben. Julius Agrico- la, der Sohn eines berühmten Redners, den Caligula hatte ermorden lassen, und ctt ncr äusserst liebenswürdigen Mutter, hatte in Britannien schon mehrere Jahre hindurch als Officier gedient, wie ihm Vespasian die Statthalterschaft über den römischen Theil dieses Landes anvertraute. Noch wußten die Römer damahls nicht, daß Britannien eine Insel ist. Agricola war der erste, der ihnen dieses überzeugend bewies. Er war auch derjenige, der (75) die Eroberung des eigentlichen Britanniens, des jetzigen Englands, vollendete. Aber die Picten und Scoten, welche in dem jetzigen Schottland wohnten, widerstanden, durch ihre Gebirge geschützt, den Angriffen der Römer nicht nur glücklich, sondern beunruhigten auch das römische Britannien durch ihre Streifereyen so gewaltig, daß es Agricola für nöthig hielt, die Landenge zwischen Dumbraton und Edinburg durch eine Verschanzungslinie zu befestigen. Er erwarb sich 8l sich durch seine Unternehmungen und Anordnungen so viel Ruhm, daß der darüber neidische Domitian ihn (85) zurück rief. Zwar ließ er ihm durch den Senat einen Triumph, und andre Ehrenbezeugungen, zuerkennen; zwar stellte er sich , als wenn er ihm die Statthalterschaft von Syrien zugedacht hätte; aber Zkgricola lebte seit der Zeit als ein armer Privatmann , und suchte mit der größten Sorgfalt zu verhindern, daß seine Verdienste dem Tyrannen nicht zu sehr in die Augen glänzen möchten. Er starb acht Jahre hernach (yz). Jedermann beklagte den Verlust des vortrefflichen Mannes, und man beklagte ihn um so mehr, da man die Beschleunigung seines Todes einer Veranstaltung des Domi- tians Schuld gab. Domitian hatte an dem Ncrva einen Nachfolger, dessen Regierung von fünfzehn Monathen fsir das Wohl des römischen Staates viel zu kurz dauerte. Freylich war Ncrva, wie er den Kaiserthron bestieg, schon 71 Jahre alt, und die.Lräfte seines Körpers hatten schon sehr abgenommen. Seilte Familie stammte ursprünglich von der Insel GallettiWeltg. ;rTH. F Crcta 82 Crcta her. Sie hatte sich in Umbricn nic- Vorgelassen/ und Nerva's Vater, Großvater und Urgroßvater bekleideten bereits die Con- snlwürde. Nerva selbst hatte sich durch seine glückliche Dichtcrgabe bey dem Nero so be- liebt gemacht, daß er ihm eine Bildsäule in seinem Pallaste widmete. Nerva war hierauf Vcspasians und Domitians Consnlcollege. Er "hatte seine Ernennung zum Imperator dem Senat zu danken, der sich einmahl des Rechtes bemächtigte, dem römischen Staate einen Monarchen zu geben, und der das Vergnügen hatte, seine Wahl von der prätorischen Leibwache, die über Domitians Ermordung anfangs sehr wüthend war, bestätigt zu sehen. Nerva's Negentcnvcrdienst bestand darin, daß er guten Rathschlägen Gehör gab, und daß er den festen Vorsatz faßte, die Freyheit der Römer mit der höchsten Gewalt der Monarchie zu vereinigen. Die Römer fühlten das Glück der Freyheit, ohne den Druck der Monarchie im geringsten zu empfinden. Nun durste keiner des Hochvcrraths beschuldigter länger im Gefängnisse, oder ausser dem Vaterland«: , bleiben; nun bekam jeder die Gücher wieder, die ihm genommen worden waren. Künftig 8Z Künftig sollte keiner wegen des Verbrechens der beleidigten Majestät angeklagt, kein Mift glicd des Senats hingerichtet werden. Den Angebern drohctc schwere Strafe, und die Sclaven und Freygelassenen, die ihre Herren angeklagt hatten, mußten dafür mir dem Verlust ihres Lebens büßen. Auch gegen Juden und Christen bewies sich Nerva als em Menschenfreund, der es ihnen sehr gern gestattete, ihrem Glauben treu zu bleiben, und er befreytc sie von der drückenden Kopfsteuer, die sie bisher hatten erlegen müssen. Die Abgaben wurden überhaupt vermindert. Um sie entbehren, und den dürftigen Bürgern doch noch Wohlthaten erweisen zu können, richtete er seinen Aufwand mit möglichster Sparsamkeit ein, verkaufte er einen großen Theil der gvldnen und silbernen Gefäße, und des kostbaren Hausrathes, den seine Pallaste und Landhäuser entbehren konnten , bestimmte er ansehnliche Summen zum Ankauf von Ländereyen für arme Familien; sorgte er für die Unterhaltung der Kinder der Armen in ganz Italien; unterstützte er die Städte, di^ Unglücksfälle erlitten hatten. Dennoch gab es Leute, did sich gegen einen so guten Re- F 2 gencen 84 gcntcn verschworen Zu diesen gehörten Cal- purniusCrassus, und noch einige andre. Diese ließ er, noch ehe sie wußten, daß ihre Verschwürung entdeckt war, im Schauplätze neben sich sitzen, und er gab ihnen die Schwcrd- tcr der Gladiatoren, die von dem Kaiser, oder den vornehmsten Staatsbeamten, vor dem Kampfe besehen zu werden pflegten, selbst in die Hand. Aelian, der General der Präto- rianer, denen Ncrva z» wenig Freyheit verstattete, reihte dieselben, auf die Auslieferung einiger Vornehmen, die an Domitians Ermordung Antheil gehabt hatten, zu bestehen. Doch der schwache, kränkliche Ncrva ließ sich durch ihre Drohungen so wenig erschüttern, daß er ihnen vielmehr seinen entblößten Nak- ken darboth. Die verlangten Opfer ihres Unwillens konnten aber doch nicht gerettet werden. Weil sich nun Nerva seines Hoheit Alters wegen verachtet glaubte, so hielt er es für rathsam, seinen Vetter, den Trajan, für seinen Sohn zn erklären, und ihm den Titel Cäsar, der den Thronfolger bezeichnen sollte, beyzulegen. Im folgenden Jahre ernennte er ihn zum Imperator, und also zu seinem Mitrcgenten, und eine größere Wohl- . that 85 th.it konnte er der römischen Welt nicht er- weisen, als ihr im Trajan einen vortrefflichen Beherrscher zu geben. Der gutmüthige Ncrva überlebte diese Anordnung nur kurze Zeit. (st. 98 im Jan.) Trajan, der aus einem edlen Geschlechte, das sich zur Zeit der Scipionen in Hispanicn niedergelassen hatte, abstammte, ein Mann von 40 Jahren, mit grauen Haaren, in dessen Miene Erhabenheit und Milde die Hauptzü- ge ausmachten, der mit einem starken abge- härteten Körper sehr viel Muth und Klugheit vereinigte, war, als ihn Nerva zu seinem Nachfolger bestimmte, Obergeneral der römischen Armee in Niedergermanien. Wie viel schönes mußte sich nicht der Senat von der Regierung desselben versprechen, da er ihm in seinem ersten Schreiben die steuerliche Versicherung gab, daß er, obgleich im Besitze der höchsten Gewalt, den Gesetzen nicht weniger als der geringste Bürger des Staates sich unterworfen glaube, und daß er niemahls zugeben würde, daß ein rechtschaffener Mann mit dem Verlust seines Lebens, oder seines Vermögens, gestraft würde! Seinen Einzug in 86 in Rom ( yy) hielt er zu Fuße. Den Kaiser machten blos einige vor ihm hergehende Li- ctoren, ^ so wie einige nachfolgende Truppen, bemerklich. Cr umarmte seine alten Freunde, die ihm entgegen giengen, und verlangte von ihnen ausdrücklich, das, sie ihm auch in Zukunft nicht als ihrem Gcbiether, sondern als ihrem Freund, begegnen sollten. Wie sehr mußte ihm diese Bescheidenheit schon die Herzen gewimmn! Und der bescheidene Trajan war zugleich ein zärtlicher Landcsvatcr, der für die Erziehung der Kinder armer Eltern so großmüthig sorgte; der durch seine guten Anstalten bewirkte, daß die dürftige Wolksklasse zu Rom ihr Brod immer für einen wohlfeilen Preis bekommen konnte; der ' durch seine Freygebigkeit beynahe zwey Millionen Menschen ernährte; der zur Verschönerung der Stadt Rom so viel beytrug, und es dennoch nicht zugeben wollte, das? man ihm öffentlich dafür dankte, daß man im Theater oder Amphitheater seines Nahmens mit Ruhm erwähnte. Wie sehr mußten aber Roms Bürger vollends entzückt werden, als- cr ihrer Versammlung das Recht, die Magis stratspersonen zu wählen, wieder zusprach: als 87 als er, wie ihm der Senat die Consulwürde zum drittcnmahle antrug, sich gleich einem andern Bürger unter den Haufen der Candi- datcn stellte, und die Wählenden um ihre Stimmen bath; als er zu den Formularen der Gebethe und Wünsche, die man ihm bey gewissen feycrlichen Gelegenheiten widmete, den Zusatz machen-ließ: daß die Götter diese Gebethe und Wünsche nur so lange erhören möchten, als seine Negierung dem Staate zum Besten gereichen würde. Aber sie hörte sein ganzes Leben hindurch nicht auf, diesen wohlthätigen Charakter zu haben! Wahrend seiner ganzen Regierung wurde mir Ein Senator bestraft. Er bereicherte seine Casse nicht durch Güthcreinzichung; er erließ den Unterthanen einen Theil der Steuern, und dennoch war das ganze Reich mit seinen Werken angefüllt, und dennoch verwendete er auf die Unterhaltung armer Kinder jährlich eine große Summe, und dennoch legte er Gctrei- demagazinc an. Trajan war im Kriege und Frieden gleich groß. Als Held, als Eroberer übertraf er alle seine Vorgänger, und von seinen Nachfolgern 88 folgern kam ihm auch keiner völlig gleich. Der Schauplatz seiner kriegerischen Unternehmungen» erstreckte sich von der Donau bis jzum Tiger. Hier siegte er über die Parthcr, dorr über die Däcicr. Die Dacier, deren Wohnsitze sich von der Teis bis ans' schwarze Meer erstreckten, standen um diese Zeit unter der. Regierung des 'muthigen und entschlossenen Decebals, der dem feigherzigen Domitian (90) einen jährlichen Tribut abgenöthigt hatte, und " der, weil er mit dem mächtigen Könige der Parthcr in Verbindung stand, auch dem Tra- jan Trotz biethen zu können glaubte. Daher forderte er von demselben die Entrichtung des Tributs. Trajan gab zur Antwort: er möchte ihn erst überwinden. Die Dacicr streiften hierauf in das an dem rechten Ufer der Donau liegende Gebieth der Römer. Nun zog Trajan (loi) mit einem großen und wohlgc- rüsteten Heere gegen sie zu Felde. Trajan siegte; aber die Zahl der römischen Verwundeten war so groß, daß man nicht Lcincwand genug zusammen bringen konnte, um sie gehörig zu verbinden. Trajan hatte es kaum bcinerkt, als er seine eignen Kleider zerriß, um Binden daraus machen zu lassen. Doch Trajan 89 Trajan verfolgte seinen Sieg so standhaft und so glücklich, daß sich Dccebal (log) vor ihm niederwerfen, und einen Theil seines Reiches, nebst der Hauptstadt Zarmcgethusa, abtreten mußte. Bald (104) fiel es aber dem Deee- bal unerträglich, ein Unterthan der Römer zu seyn; er erneuerte vielmehr die Feindseligkeiten, lind suchte sich mit verschiedenen nahen und entfernten Volkern zu verbinden. Trajan rüstete sich nun zur Vollendung dieses Krieges mit der größten Sorgfalt. Den Marsch in das Land der Dacier trat seine Armee (105) über eine Brücke an, die unter die damahligen Wunder der Baukunst gehörte. In der Gegend des heutigen Zcverins in Nicderun- gcrn, nicht weit vom eisernen Thore, in einer Gegend, wo der Strom der Donau wegen seines engen Bettes besonders reissend ist, erhoben sich zwanzig Schwibbogen, die von Grund aus 105 Fuß hoch, 6o breit, und jeder von dem andern 170 Fuß entfernt waren, lind diese crflaunenswürdige Brücke wurde in einem Sommer angefangen und vollendet. Der Ausgang der Unternehmung entsprach den großen Zurüstungen zu derselben vollkommen. Die Römer eroberten (106) gattz ganz Dacien, und Decebal gericth in solche Verzweiflung, daß er sich selbst tüdtcte. Sein schönes Land wurde nun eine römische Provinz ^), in welcher Colonien und Garnisonen der Römer bald eine andre Art von Cultur verbreiteten. Das Andenken an diese glückliche Unternehmung des TrajanS erhalt eine zu Rom befindliche, und vom Senate ihm geweihcte no Fuß hohe mit Abbildungen von erhobener Arbeit gezierte marmorne Säule; eins der herrlichsten Denkmähler des Alterthums ! Trajan beruhigte sich nicht dabey, die römischen Gränzen an der Donau in Sicherheit gebracht zu haben. Der am Euphrat liegende Theil des römischen Staates befand sich, wegen der wachsenden Macht der parthi- schen Könige, gar zu sehr in Gefahr. Es schien daher höchst nöthig, dieser Macht zu rechter Zeit entgegen zu arbeiten; denn schon war es dahin gediehen, baß der König von Arme-, *) Sie begriff die fetzigen Länder Siebenbürgen, die Walachei) und die Moldau. Armenien sich für einen Vasallen des parthi- schen Königs erklärt hatte, und so bald der schnellen parthischcn Cavallerie der Weg durch die armenischen Gebirge offen stand, so konnten die römischen Provinzen gegen ihre Einbrüche nicht mehr geschützt werden. Sodcnn war es auch für den Ruhm des von einem so lebhaften Kricgsfcucr beseelten Trajans sehr schmeichelhaft, eine Nation zu bezwingen, deren Untctgochung den Römern schon so manchmahl mißlungen war. Trajan gieng (114) von Griechenland zur See nach Syrien. Von Antiochien aus trat er den Feld- zuz gegen die Parthcr an. Trajan bewies auf diesem Zuge eine bewundernswürdige Standhaftigkcit und Entschlossenheit. Auf dem Marsche befand er sich oft an der Spitze seiner Armee zu Fuß, und er zog durch weit ausgedehnte Länder, ohne das Pferd gegen eine Sänfte, oder einen Wagen, zu vertauschen. Im ersten Jahre besetzte er Armenien, auch eroberte er einen großen Theil von Mesopotamien; im folgenden Jahre (115) drang er über den Tiger in Assyrien und Babylon ein, und segelte den Tiger hinab in den persischen Meerbusen. Hierdurch bahnt« 92 bahnte er sich den Weg zu der Eroberung'des glücklichen Arabiens, und nun bedauerte er weiter nichts mehr, als daß er nicht jung genug wäre, um den großen Alexander'nachahmen, und nach Indien ziehen zu können. Seine Eroberungen brachten aber dem römischen Staate wenig oder gar keinen Vortheil. Kaum hatte er sich entfernt, als sich die bc- zwungnen Lander, der römischen Garnisonen ungeachtet, wieder in Freyheit setzten. Trajan mußte auch den Ruhm, den er sich dtlrch diese Kriegszüge erworben hatte, theuer bezahlen. Seine Gesundheit war durch die Anstrengung und die Mühseligkeiten, denen er sich ausgesetzt hatte, so zerrüttet worden, daß er die Rückreise anzutreten beschloß; der Tod überraschte ihn (117 im Aug.) aber schon zu Selinus in Cilicicn. Er hatte 62 Jahre gelebt, und 19 Jahre und 6 Monathe regiert. Wer wird bey dem Charakter eines so liebenswürdigen Regelten mit Vergnügen nicht noch etwas verweilen? Sein Aufwand war eben so groß im Frieden, als im Krieges Er dachte groß, und liebte edle Pracht; daher gab. er dem etwas baufälligen Circus einen 9Z einen großem und prachtvollern Umfang, bannt er (dies sagte die Überschrift über dem Eingange desselben) mit der Größe des römischen Volkes um so mehr im Verhältnisse stehen möchte; daher ließ er die pomtinischen Sümpfe pflastern, und den Weg dahin mit Häusern einfassen, auch kostbare Brücken anlegen ; daher gab er 12z Tage hintereinander Schauspiele, bey welchen loooo Gladiatoren auftraten, und gegen iiooo zahme und wilde Thiere ihr Leben einbüßten. Bey allen dem war es ihm aber doch mehr um die Liebe des Volkes, als um die Befriedigung der Ruhmsucht, zu thun. Mit herablassender Höflichkeit wandelte er unter den gemeinen Bürgern umher, wahrend er gegen den Senat sich mit dem edelsten Anstünde benahm. Er nahm an den Planen und an der Ausführung von Jagdparthien und Gastereyen gern Antheil. Er fuhr mit den Bürgern oft in Einem Wagen, und besuchte sie in ihrer Wohnung. Daher wurde er' von jedermann geliebt, von niemand gefürchtet. Obgleich Regent, hatte er doch vertraute Freunde. Zu diesen gehörte vorzüglich Sura, ein so reicher Mann, daß er auf seine Koste!» ein Gymnasium 94 nasinm ( d. i. ein Gebäude für Leibesübungen) baute. Diesen Sura suchte man nun be» ihm in Verdacht zu bringen. Als man mit den Beschuldigungen desselben endlich recht zudringlich war, begab er sich unangemeldet, und ohne Trabanten, in dessen Haus zum Abendessen, ließ er sich von dem Arzte desselben die Augen mit Salbe bestreichen, und von seinem Barbierer den Bart abnehmen, gicnz er, ehe er sich zur Tafel sehte, in das Bad desselben. „Wenn der Mann,, sagte er am folgenden Tage zu den Feinden desselben „mich hatte ermorden wollen, so hätte er es gestern gethan. „ Als er einst einem neuen Generale der Prätorianer das Schwerst übergab, überreichte er es ihm, aus der Scheide gezogen, mit den Worten: „Nimm dieses Schwerdt, um es, wenn ich ein guter Regent bin, für mich, wenn ich aber ein Tyrann bin, wider mich zu brauchen.,, Bey einem solchen Kaiser war es wohl keine Schmeicheleu, wenn ihm der Senat den Beynahmen Optimus (der Vortreffliche) gab! wenn die Bewohner Roms, wenn sie ihm sahe», mit Entzücken ausriefen: „Glückliche Römer, glücklicher Kaiser! bleibe doch lange so 95 so gut!,, wenn man einem neuen Kaiser keinen bessern Glückwunsch zu bringen glaubte, als: „sey glücklicher als Augustus, und besser als Trajan!,, Hadrian war ein Landsmann und Bru- dcrssohn des Trajans, und sein täglicher Gesellschafter. Auch halte er ihn, nach dem Vorgeben seiner Gemahlin Plotina, durch ein untergeschobenes Schreiben an den Senat, für seinen Sohn erklart. Sie hielt deswegen den Tod ihres Gemahls einige Tage geheim, damit Hadrian, der sich, als Statthalter Syriens, zu Antiochien befand, Zeit gewinnen möchte, die Ofsicicrc und Soldaten auf seine Seite zu ziehen. Das gelang ihm, und der Senat glaubte weiter nichts mehr thun zu dürfen, als die Wahl der Armee zu genehmigen. Der römische Staat war unter seiner Regierung im Ganzen genommen glücklich. Zwar ließ er seines Vorgängers Trajans asiatische Eroberungen fahren, weil er sehr wohl einsah, daß die Behauptung derselben einen fruchtlosen Aufwand an Geld und Menschen verursachen würde; diejenigen, die ihm nicht günstig waren, schrieben aber diese 96 diese Klugheit seiner Eifersucht über Trajgns große Thaten zu. Indessen bewies doch Ha- drian, daß er, wenn es auf die Behauptung der dem römischen Staate wichtigen Provinz zcn ankam, auch von der Gewalt der Waffen Gebrauch zu machen wußte. Schon zur Zeit des Trajans hatten die Juden, von wildem Ncligionscifer begeistert, den abenthcuerlichen Plan gemacht, ihrer zerstörten Hauptstadt Jerusalem sich wieder zu bemächtigen. Zur Ausführung dieses Planes wählten sie die Zeit, wo die meisten römischen Truppen, in Trajans zwcptcm Kriege gegen die Parther (116) an den Euphrat gezogen waren. Sie empörten sich in Cprenc, in Aegypten, auf der Insel Cppcrn, und sie begicngen schreckliche Grausamkeiten. Nur mit Mühe wurde dieser Aufstand gedampft. Doch Hadrian reihte ihre Erbitterung gegen die römische Herrschaft von neuen. Er ließ, an der Stelle des che>- mahligcn Jerusalems, eine neue Stadt aufbauen, die er durch italienische Colonisten bevölkerte. An der Stelle des salomonischen Tempels stieg ein Tempel des capitolischcn Jupiters empor, und die neue Stadt wurde, Halb nach dem Kaiser, halb nach dem Jupiter, 97 ter, Aelia Capitolina genennt. Ueber diese Enchciligung dieses so ehrwürdigen Ortes ge- ricthen nun die Juden so sehr in .Wuth, daß sie unter der Anführung eines gewissen Bar Cochab, der sich für den Messias ausgegeben haben soll, in Syrien sich allgemein empörten, daß sie den römischen Legionen einen so tapfern Widerstand leisteten, daß nur ein Krieg von drey Jahren, (iz2—1Z5) und der Tod von 580000 Landsleutcn, sie gänzlich entkräften konnte. Die erbitterten ftfömer zerstörten 50 Festungen, welche die Juden in der Geschwindigkeit angelegt hatten, und 985 Städte, Flecken und Dörfer. So verwandelte sich Jndäa abermahls in eine Wüste. Dieß war der letzte Versuch der Juden, ihre Unabhängigkeit wieder zu erwerben. Hadrian hatte den richtigen Gedanken, daß ein Monarch sich von seinem Lande die möglichst genaue Kenntniß zu verschaffen suchen, daß ein römischer Kaiser , der Sonne gleich, alle Winkel der Erde erleuchten müsse. -Dieser Gedanke erzeugte in ihm den Entschluß, alle Länder des ungeheuern römischen Staates zu durchreisen. Er rcisctc erst (120—12z) Gallttti Wellg. 5r Th. G durch 58 durch die westlichen, und dann (124 — izi) durch die östlichen Provinzen; er wendete zu dieser Reise also zehn Jahre an, und legte, um alles recht genau zu sehen, fast alle Wege zu Fuße zurück, und zwar eben so gut auf den becistcn Gipfeln der Alpen, als im brennenden Sande Lubiens. Ueberall, wo er hinkam, gab er Beweise seiner Negcntensorg- falt. Viele Städte, unter andern die Städte Nicomcdia, Cäsarca undNicaa, die ein Erdbeben zerstört hatte, inglcichen Karthago, Jerusalem, Palmyra u. a. m. wurden von ihm wieder hergestellt; viele, vornehmlich Athen und Rom, durch Platze, Tempel und andere öffentliche Gebäude verschönert. Hadrian war aber nicht allein als Regent, sondern auch als Gelehrter, als Mensch, einer vorzüglichen Verehrung werth. Man bewunderte in ihm einen großen und einsichtsvollen Gönner der Redner, Dichter, Grammatiker, Philosophen, Mathematiker, Mahler und Tonkünstler. Man bewunderte den großen Umfang seiner Gcistesthatigkcit., die ihm erlaubte, wahrend der Zeit, daß er selbst mit der Feder, arbeitete, verschiedenen Secretären zu dictiren, und seinen Ministern Audienz zu ertheilen; man 99 man bewunderte sein ausserocdentliches Gedächtnis, welches ihn in den Stand setzte, ein Buch, das er einmahl gelesen hatte, aus dem Kopfe herzusagen, und die Nahmen von allen Soldaten unter seiner Armee zu merken. Zedermann hatte bey ihm freyen Zutritt; jedermann durfte ihm seine Bitten und Vorstellungen mit aller Freymüthigkeit vortragen. ,Jn seinem Aeusserlichcn war Hadrian von aller Pracht und Prahlcrey weit entfernt. Doch in dem schönen Charakter Hadrians gab es, nicht weniger als bey andern Sterblichen, einige Flecken. Seine Freygebigkeit war ohne Schranken; seine Leichtgläubigkeit, die zum Theil durch den Glauben an Stcrn- dcutcrcy und Zauberey unterhalten wurde, verleitete ihn, allen zu trauen, die ihre Ne- bcnmcnschcn in einen schlimmen Verdacht bey ihm zu bringen suchten; seine Zärtlichkeit gegen schöne Jünglinge, gute Jagdhunde und Pferde war tadelnswcrch. Er baute den lctz- tcrn Grabmahler, deren Inschriften er selbst verfertigte. Er betrauerte den Tod des schönen Bithyniers Autinous, der, wie man sagt, der Erhaltung der Gesundheit des Kaisers G 2 sein lOO sein Leben zum Opfer brachte, mit so leidenschaftlicher Zärtlichkeit, das; er nicht eher ru- hctc, als -bis die Griechen den Antinons unter ihre Götter versetzten, und bald waren alle östlichen Provinzen des römischen Staates mit Tempeln, Kapellen und Bildsaulen angefüllt, die man dieser neuen Gottheit gewidmet hatte. Ganz vorzüglich aber verdient Hadrians Eitelkeit, verdient der Neid, mit dem er berühmte Gelehrte und Künstler verfolgte, getadelt zu werden. Die Wirkungen dieses Neides erfuhren zwey Sophisten oder Redner, der Gallier Favorin und der Milcsier Dionys, die er dadurch herabzuwürdigen suchte, daß er ihre Gegner, die doch- gar keinen Werth hatten, mit allem Eifer erhob. Die Wirkungen seines Neides erfuhr aber besonders der berühmte Apvllodor, Trajans vornehmster Baumeister. Einst, als Trajan mit demselben über einen-gewissen Bau sprach, hatte Hadrian sich gleichfalls in das Gespräche mischen wollen, Apollodor hatte ihn aber durch die Worte: „gehe hin, und mahle deine Gurken, denn von dem, was wir hier reden, ver- verstehst du doch nichts „ zurückgewiesen. Ha- drian war gerade damahls auf eine Gurke, die er mit vieler Wahrheit gemahlt hatte, besonders stolz. Um so mehr merkte er sich- diese Kränkung. Da nun Apollodor über einige Risse, die er ihm als Kaiser zuschickte, seinen Tadel zu freymüthig äusserte, so ge- rieth er darüber so sehr in Unwillen, daß er den großen Künstler hinrichten ließ. Aber der neidische Hadrian verfolgte nicht allein die Lebenden, sondern auch die Todten. Er gab sich z, B. alle Mühe, den cvlophonischcn Dichter Antimachus über den Homer zu erheben. In der letzten Zeit seines Lebens, wo der kränkliche Zustand seines Körpers auf seinen Geist einen schlimmen Einfluß gehabt zu haben scheint, bewies er sich gegen viele verdienstvolle und vornehme Männer so gransam, daß er vier derselben hinrichten lassen wollte. Unter denselben befand sich sein Schwager Scrvian, und sein Neffe Fuscus, denen man Schuld gab, nach dem Besitze des Thrones gestrebt zu haben. Ucbcrhaupb haßte er alle dieMigen, welchen er die Geschick- 102 schicklichkcit zutraute, die Regierung zu fühl reu. Die Schmerzen seiner Krankheit mach- rcn ihn zuletzt so wüthend, daß er verschiedene Senatoren todtere, das; er sich selbst das Leben nehmen wollte, daß er (iz3 im Zus.) durch völlig vernachlässigte öebensordnung seinen Tod beschleunigte, nachdem er 62 Zahrc gelebt, und 20 regiert hatte. Hadrian, der keinen Sohn hatte, erwarb sich das Verdienst um den römischen Staat, für eine sichere Nachfolge zu sorgen. Als Lucius Commodus, den er zuerst adoptirt hatte, als ein Opfer seiner Ausschweifungen starb, erklärte er den M. Aurelius Antoni- uns, einen Südgallier, für seinen Sohn, und dieser mußte wieder den Commodus, den Sohn des altern Commodus, und den M. Annins Berns, adoptiren. AntoninuS, Ha- drians erster Nachfolger, bewies dem Andenken desselben die Gesinnungen des zärtlichsten Sohnes. Weil Hadrian einige der vornehmsten Männer hatte hinrichten lassen, so weigerte sich der Senat, ihm, dem Herkommen gemäß, nach seinem Tode den Rang der Götter anzuweisen. Als nun Antonin seine Bitten, IOZ Bitten, seine Thränen fruchtlos sah, setzte er endlich noch hinzu: „ nun wenn mein Vorgänger ein so schlimmer Mann, ein solcher Feind von euch gewesen ist, so kann ich euer Imperator nicht seyn; denn ihr müßt als- denn alles, was "er als Regent that, und folglich auch meine Adoption, für ungültig erklären.,. Diese Worte machten auf den Senat einen solchen Eindruck, daß er, aus Achtung für den Antonin, vielleicht aber auch aus Furcht vor den Ssldaten, dem Hadrian den Götterrang zuerkannte. Vielleicht legte, eben dieser Gesinnungen des Antonins wegen, der Senat ihm den Nahmen Pins bey, der alsdenn so viel als „der zärtliche Sohn,, bedeuten würde. Doch soll er durch diesen Beynahmen seine gütige Denkart, nach welcher er keinen von den vielen Angeklagten hinrichten lassen wollte, haben bezeichnen wollen. Der römische Staat war unter seiner vier und zwanzigjährigen Negierung recht glücklich, weil sein ganzes Leben darauf gerichtet war, seinen Unterthanen Ruhe und Wohlsrand zu versichern. Da der Staat vom Hadrian vortrefflich eingerichtet war, und die Minister desselben seiner glücklichen Wahl Ehre Ehre machten, so hatte er zu einer Veränderung gar keine Veranlassung, und seine Thätigkeit verursachte eben deswegen kein Aufsehen. Er bewies dem Senate die ihm gebührende Ehre, und widmete dem Verfahren der Statthalter eine so strenge Aufsicht, daß sie blos das Wohl der ihnen anvertrauten Provinzen befördern konnten. Er' verminderte die Abgaben, und befahl die übrigen, ohne.Strenge beyzutreibcn. Er wollte, sagte er dabey, lieber arm seyn, als sich auf Kosten eines gedrückten Volkes bereichern. Den größten Theil seines eignen Vermögens widmete er armen Bürgern. Mit den Einkünften des Staates wirthschaftete er so gewissenhaft, als man es nur verlangen konnte. Wenn es aber auf die Errichtung oder Verbesserung nützlicher Anstalten ankam, wenn schöne Gebäude aufgeführt, öffentliche Lehrer angestellt werben sollten, da gab er das Geld sehr bereitwillig her. Die Kriege kosteten ihm kein Geld, weil er keine führte, und manchen Krieg unter fremden Nationen verhinderte er als Schiedsrichter. Seine wohlthätige Regierung'dauerte bis ins zzste Zahr. (st. 161 im März.) Sein , ro; Sein Nachfolgte Antonin der Philosoph, gewöhnlich MarcnS Aurclius genannt, war unter der Leitung feines Pflegevaters, des Antonins, von geschickten Lehrern so sorgfältig ausgebildet worden/daß er für die Wissenschaften , und besonders für die philosophischen, eine leidenschaftliche Neigung gewann, die er auch so unverändert beybehielt , baß er noch als Regent den Vorlesungen der Gelehrten beywohnte. Zu der strengen Befol- ^ gnng der Grundsätze der Stoikcy bestand seine größte Glückseligkeit. Er kleidete sich, er lebte völlig wie ein Stoiker; sehr oft auf die Erde hingeworfen, und durch anhaltendes Fa-, ftcn geschwächt. Qcffcntlichc Schauspiele und Lustbarkeiten waren ihm sehr verhaßt. Wenn er sich, aus Gefälligkeit gegen das Volk, zuweilen bey denselben einfand, so brachte er die meiste Zeit mit Lesen, Schreiben oder in der Unterredung mit seinen Ministern, hin. Antonins hatte noch einen angenommenen Sohn hinterlassen, den Commodus, der auch Verus hieß. Dieser überließ sich allen Arten von.Wollust, und der Senat, welcher befürchtete, daß Verus als Regent die Zeiten des Calignla und Nero wiederherstellen möch-- lc>6 ^ tc, ernennte daher blos den Marcus Aurelius zum Imperator. Allein dieser bedachte sich gar nicht, den Vcrus für seinen Mitregenten zu erklären, und Rom bekam jetzt zum er- sicnmahl zwey Imperatoren, die zugleich regierten. Die römische Welt befand sich unter ihrer Regierung wohl, und wenn die Ruhe der entferntem Provinzen durch benachbarte Völker gefrört wurde, fo both wenigstens Marcus Aurelius alle Klugheit und Entschlossenheit auf, um ihnen nachdrücklich Widerstand zu thun. Der parthische König Volo- gasus hatte (16z) eine ganze römische Legion, die in einer armenischen Stadt in Besatzung lag, bis auf den letzten Mann niederschießen lassen, und ganz Syrien mit einer zahlreichen Armee überschwemmt. Vcrus, der den Feldzug gegen die Parthcr übernahm, überließ die Führung desselben seinen vortrefflichen Feldherren, und genoß indessen zu Antiochien einer angenehmen Ruhe. Cassius, sein General, trieb den VologäsuS glücklich zurück, brennte Seleucia ab, und zerstörte die königliche Burg zu Ktesiphsn. Aus dem Rückwege büßte er freylich (169) einen grossen Theil seines Heeres durch Hunger und Krank- 107 Krankheiten ein. Verus war eitel genug, den Ruhm dieses Fcldzugcs sich zuzueignen. Während der Zeit, daß die Generale des Berns mit den Parthern beschäfftigt waren, wurden die römischen Provinzen an der Do- nau von den deutschen Völkern heimgesucht. Seit den Eroberungen des Trajans, durch welche ein Theil von Ungern, inglcichcn Siebenbürgen, die Walachei) und Moldau, unter die römische Herrschaft gekommen war, hatte daS römische Gebieth die Deutschen nicht nur gegen Norden, sondern auch gegen Westen zu Nachbarn, und diese wurden wegen der Nahe der Römer so besorgt, daß mehrere derselben, als die Jazyger, die Marcomannen, die O.uadcn, die Hcrmundurer und die Vandalen, in eine Verbindung zusammentraten, um die Römer aus dieser Gegend zu entfernen. Die Kaiser hieltcm diesen Krieg, den man von dem mächtigern Volke den mareomannischcn nennte, für so gefährlich, daß sie (167) beyde nach dem Schauplätze des Krieges hineilten. Berns starb zwär schon zwey .Jahre hernach (169); aber Marcus Aurelius verließ diese Gegend nicht eher. IO8 eher, als bis dcr Krieg geendigt war. Die Römer, deren Sammelplatz in Pannonicn (auf der rechten Seite dcr Donau) war, wurden besonders von dem braven Pertinax angeführt. Pertinax siegte. Auf dem Schlacht- feloe fand man unter den todten Feinden auch völlig gerüstete Weiber. Die Armee, die durch ihre Tapferkeit einen so glänzenden Sieg erfochten hatte, verlangte vom Kaiser ein Geldgeschenk. Marcus Aurclius schlug es ihr ab, „Alles, sagte er zu den Soldaten, „was ich euch außerordentlich bewillige, muß ja erst von cuern Eltern und Verwandten erpreßt werden; Monarchen haben aber einen höhern Richter über sich! „ Er hielt überhaupt die Soldaten so sehr in der Zucht, daß ex sich niemahls etwas von ihnen abpressen lixß. Dieß war jedoch um so nöthiger, da die Römer lange keinen so fürchterlichen Feind gehabt hatten. Die Marcomanncn schlugen sie (172) so nachdrücklich, daß diese 20000 Mann verlohrcn, daß sie hinter den Mauern pon A'quilcja ihre Zuflucht suchen mußten, daß sie die Marcsmannen von einem verwüstenden Einfalle in Italien nicht abhalten kennten. Die durch diese Niederlage sehr ge- IO9 geschwächte Armee der Römer wurde durch eine ansteckende Krankheit noch so sehr vermindert, daß man zn ihrer Ergänzung Fechter, Sclaven und andere dergleichen Leute anfbieten mußte. Aurclius verkaufte, um den außerordentlichen Aufwand dieses Krieges zu bestreiken, sein Gold - und Silbergeschirr, seine Gemählde, seine Statuen, und,seine Garderobe. Auch brachte er es durch seine standhafte Anstrengung so weit, daß die Marcomannen aus dem römischen Gebiethe stch (17z) wieder herausziehen mußten. M. Aurclius gieng, um die Zazyger, die Bundesgenossen derselben, in ihrem Lande zu züchtigen, über die mit Eis belegte Donau, und selbst auf dem Eise fochten die römischen Soldaten mit großer Entschlossenheit und Standhaftigkcit. Doch des M. Aurels muthige Verfolgung dieser Feinde war Ursache, daß er einst in großer Gefahr sich befand , in ihre Hände zn gerathen. Er sehte über die Gran, um die Quaden völlig zu besiegen. Diese zogen sich listig zurück. Auf einmal sahen sich die zu hitzig nacheilenden Römer auf allen Seiten von kahlen Bergen eingeschlossen. Zwar schlugen sie alle Angrisse der lio der Feinde tapfer zurück; aber sie waren in einer engen Gegend eingesperrt, wo sie, von der standhaften Gegenwehr ermüdet, und durch das viele vergossene Blut entkräftet, mit dem schrecklichsten Durst kämpften. Vergebens gieng Aurelius durch alle Glieder, um seinen Offieiercn und Soldaten Muth einzusprechen. Ihre Verzweiflung stieg immer höher, als plötzlich ein heftiger Regen aus den Wolken stürzte, den die lechzenden Soldaten mit ihrem Schilde, ihrem Helme, ihrem Munde anffieugen. Wahrend daß sie an weiter nichts, als an die Befriedigung ihres quälenden Durstes dachten, wurden sie von den Quaden von neuen angegriffen. Allein ein heftiger Sturmwind trieb ein fürchterliches Gewitter den O.uadcn so gewaltsam entgegen, daß die Römer Zeit gewannen, sich zu erholen, und unter den Deutschen eine schreckliche Niederlage anzurichten. Die leicht- glaubige Welt dieses Zeitalters hielt diese Begebenheit für ein Wunder, und die Christen schrieben dieses Wunder dem eifrigen Gebethe einer Legion von christlichen Soldaten zu, die sich unter der Armee des Kaisees befunden haben sollte. Aurelius war (174) froh, daß IlI daß die Fürsten der Marcsmannen und O.na- den ihm steuerlich versprachen,, daß sie die rö- mischen Provinzen nicht wieder beunruhigen wollten. Sie lieferten eine große Menge Pferde und Ochsen ans; auch gaben sie viele tausend Römer zurück, die sich in ihrer Gefangenschaft befunden hatten. Einige Völkerschaften. die sich den Römern ergaben, wurden theils unter die Armee vertheilt, theils als Colonisren angesiedelt. Man wies ihnen in Dacien, Pannonicn, Mösien und Germanien Ländereyen au. Einige von denselben wurden sogar nach Italien verpflanzt. Weil aber diejenigen, die man in die Gegend von Ravcnna gebracht hatte, mit Gewalt in die Stadt eindrangen, so ließ Marc Aurel keinen Auslander sich weiter in Italien ansiedeln. Den Marcomannen räumte er die Hälfte des an ihr Land gränzenden Gebiethes ein; doch machte er es dabey zur Bedingung, daß ihre Wohnplätze 4 Z./4 römische Meilen weit von der Donau entfernt seyn, und daß sie auch, von andern Völkern ganz abgesondert. wohnen sollten. Auch die Iazyger liessen ihn um Frieden bitten; aber er wollte dieser treulosen Nation keinen Frieden zugestehen. :i2 stehen. Weil nun aber die Qnadcn die Bedingungen des Friedens nicht redlich erfüllt hatten, so beschloß M. Aurclius, noch einmahl gegen sie zu Felde zu ziehen. Aber die Empörung des Cassins, des Statthalters über die asiatischen Provinzen, nöthigte ihn, den Friedcnswünschen der Donaunationen Gehör zu geben. ^ Cassius, in der syrischen Stadt Cyrrhus gcbohren, der alle Eigenschaften.-vereinigte, die ihn würdig machen konnten, einen Regenten abzugeben, ließ sich von der Faustine, der Gemahlin des M. Aurcls, zu einem für denselben feindseligen Plan verleiten. Diese Faustina, eine Tochter des Antoninus Pins, stand, weil der Tod ihres Gemahles immer naher rückte, in de.r Besorgnis, die Kaiscr- würde möchte, da Commodus nicht nur jung, sondern auch ein Schwachkopf war, auf einen andern fallen, und sie würde wieder in den Privatstand zurücktreten müssen. Sie ließ daher (175) dem Cassius heimlich den Antrag thun, sich in die Lage zu versetzen, daß er, nach dem Tode ihres Gemahls, von ihrer Hand und dem Throne Besitz nehmen konnte. !lZ könnte. Noch war Cafsius damit beschäfftigt, diesen Antrag zu überlegen, als er die Nachricht bekam, daß M. Aurcl gestorben sey. Da ihm nun die Armee in Pannonien ohne- dieß schon den Jmpcratortitel gegeben hatte, so besann er sich nicht lange, die Kaiserwnrde sich anzumaßen. Nun erfuhr er zwar bald hernach, daß jene Nachricht falsch wäre; da er aber schon zu viele Schritte gethan hatte, um seinen Plan verbergen zu können, so bemächtigte er sich aller Länder diesseits des Taurus, so machte er die ernsthaftesten Ansialten, sich mit Gewalt auf dem Throne zu behaupten. M. Aurel suchte die Nachricht von dieser Empörung erst geheim zu hatten; weil aber die Soldaten, zu deren Ohren sie gleichfalls gekommen waren, einige Unruhe deswegen äusserten, so hielt er eine schöne Ncde an dieselben, auch ließ er an den Senat ein Schreiben abgehen. Dieß war aber auch alles, was er that; denn wie er zum Kriege gegen den Cassius Anstalten machte, wurde ihm schon der Tod desselben gemeldet. Einige Offlciere hatten ihn ermordet, und sie überreichten nun den Kopf desselben dem Kaiser. Aber der so zart empfindende M. Aurel EallettjWcltg. zkTH. H tvollrc 114 wollte diesen Kopf nicht sehen. Er bereisete die Provinzen, die an der Empörung des Cassius Antheil genommen hatten, behandelte sie aber als ein edler Menschenfreund, und ließ niemand hinrichten. Selbst die Senatoren , die mit dem Cassius verschworen waren, verschonte er mit aller Strafe, und er begnügte sich damit, ihnen blos einen allgemeinen Verweis zu geben. Nur wenige der vornehmsten Rädelsführer wurden hingerichtet oder verbannt. Um nicht alles zu erfahren, ließ M. Aurcl die bey dem Cassius gefundenen Papiere verbrennen. Kurze Zeit darauf endigte Faustina ihr Lcbeu an den Folgen der Gicht. Ihr Tod betrübte den M. Aurcl außerordentlich. Ihn über deren Verlust zu trösten, schrieb er an den Senat, könnte nur der Entschluß, keinen von den Anhängern des Cassius am Leben zu strafen. Um so weniger verdient die Sage, daß M. .Aurcl den Tod der Faustina durch Gift beschleunigt habe, geglaubt zu werden. Vielleicht gehörte die Reise, die er damahls nach Athen machte, zu den Mitteln, ihn zu zerstreuen. Er ließ sich in die eleusinischcn Geheimnisse einweihen, und er erwarb sich bey dieser "5 dieser Gelegenheit um die Stadt Athen das Verdienste daß er sie durch die Anstellung von Lehrern aller Wissenschaften zur Akademie des ganzen römischen Reiches erhob. Den Schauspielern war er nicht so günstig, als den Gelehrten. Er setzte ihren Gehalt herab, indem er verordnete, daß keiner derselben für ein Schauspiel mehr als 20 Goldstücke erhalten sollte. Gegen die Unterthanen war er sehr gütig. Er erließ ihnen nicht nur rückstandige Steuernsondern schenkte auch, als er von Athen zurückkam, jedem Bürger acht Goldstücke. M. Anrcl war aber nicht blos aus Gutmüthigkeit, sondern aus Grundsätzen, ein menschenfreundlicher Regent. Dieß beweisen seine Selbstbekenntnisse, die er in griechischer Sprache hinterlassen hat. Mit seinem Tode (18c, im Marz) den seine Aerzte aus Gefälligkeit gegen den Commodus befördert haben sollen, schließt sich die Reihe der meistens wohlthatigen Kaiser, deren sich die römische Welt 0 Jahre lang zu erfreuen hatte. Fünf- ir6 Fünftes Kapitel. Das römische Kaiftrthum nähert sich unter be? Regierung einer langen Reihe schlechter Kaiser seinem Verfalle. ^)ev rönlische Staat hatte hierauf über 120 Jahre lang das traurige Schicksal, meistens von solchen Monarchen beherrscht zu werde», welche die Pflichten der Staatsverwaltung ihrem sinnlichen Vergnügen weit nachsetzten; welche, um ihr sinnliches Vergnügen zu befördern, sich alle mögliche Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten erlaubten. Wie ließ sich aber von Leuten, die blos wegen ihres Reichthums, den sie unter die Pratorianer vcrschwcndrisch austheilten, den vornehmsten Thron in der Welt ii7 Welt bestiege», und die sich auf demselben blos durch die schändliche Nachsicht gegen die Soldaten der Leibmache behaupteten — wie ließ sich von solchen Leuten etwas andres erwarten? Faßte ja einmahl ein Kaiser den ernstlichen Vorsatz, die Kriegszucht wieder herzustellen, oder war er nicht mehr im Stande, die unersättlichen Wünsche der Soldaten zu bcsriedigen, so befand er sich in Gefahr umgebracht zu werden, so wurde er wirklich umgebracht. Die Thronverandcrun- gcn ereigneten sich eben deswegen sehr hausig. Jede Armee hielt sich berechtigt, einen eignen Imperator zu wählen. Auch war es für einen Monarchen sehr schwer, die Aufmerksamkeit über den ungeheuern, von so vielen Feinden angefochtenen Staat, mit erforderlicher Sorgfalt und Genauigkeit zu führen. Die Kaiser mahlten sich daher gemeiniglich Negicrungsgchülfcn, und die römische Welt wurde daher oft von mchrcrn Kaisern zugleich beherrscht. Commodus, der erste Kaiser dieses Zeitalters, folgte seinem Vater, dem Marcus Aurelius, der ihn kurz vor seinem Tode seine» Freun- rig Freunden empfohlen. hatte, auf den Thron. Erst 19 Jahrs alt, besaß er im Grunde lein böses Herz, aber zu wenig Verstand, um der Verführung znr Ueppigkeit und Grausamkeit widerstehen zu können. Er glaubte den Thron, ohne die Gunst der Leibwache, nicht sicher gering besitzen zu können. Daher begab er sich in das Lager derselben, und überreichte ihr, nach einer kurzen aber schmeichelhaften Rede, das gewöhnliche Geschenk. Das Zutrauen zu ihm vcrlvhr sich aber sehr bald, als er seines Vaters Minister und Vertraute entfernte; als er diese würdigen Männer gegen junge Leute vertauschte, die kein andres Ver< dienst hatten, als das; sie seine sinnlichen Ausschweifungen beförderten. Daraus wurde nun eine Regierung, wo Günstlinge und Maitressen die wichtigsten Aemter besetzten, und die vornehmsten Staatsangelegenheiten leiteten. Seine Schwester Lucilla, die ihn allgemein verhaßt sah, die es aber auch unerträglich fand, daß die Gemahlin ihres Bruders den Rang vor ihr hatte, traf (181) mit einigen von ihren Freunden die heimliche Verabredung/den römischen Staat von dem untaugliche^ Monarchen zu befrcpcn; aber ihr Plan ll) Plan wurde zu frühzeitig entdeckt, und sie und ihre Freunde büßten dafür mit dem Tode. Auch verschiedene andre Verschwörungen schadeten weder dem Commodus, noch seinen Nathgeöern, und jener konnte sein schändliches .Leben zwölf Jahre lang fortsehen. Er hatte das verabschcuungswürdigc Bestreben, alle seine Vorganger in der Lasterhaftigkeit und Sittenvcrdorbcnhcit zu übertreffen. Da ihm dieses nun nicht möglich war, so suchte er es ihnen wenigstens dadurch zuvorzuthun, daß er alles Böse und Schändliche, was er vornahm, recht öffentlich that. So war es ihm nicht genug, daß er alle seine Schwestern seiner sinnlichen Wollust opferte, und sie hernach ermordete; daß er kein Weib und kein Madchen schonte, das ihm gefiel. Er legte sich vielmehr, gleich einem morgcnlan- dischen Monarchen, einen Harem zu, wo dreihundert Mädchen, und eben so viele Jünglinge, versammelt waren. Er ließ sich öffentlich in Damcnkleidcrn sehen, und bey einem fcycrlichcn Einzüge stand derjenige, der seinen Liebhaber vorstellte, hinter ihm auf dem Triumphwagen, und er schämte sich nicht, -ihn vor den Augen des ganzen PublicumS 120 zu liebkosen; er schämte sich nicht, sogar nackend zu spielen und zu tanzen. Er zeigte sich auch, gleich dem Nero, auf dem Amphitheater, und liefi sich in das Verzeichnis der Gladiatoren einschreiben. Alle seine schändlichen und niederträchtigen Handlungen wurden aber, auf seinen ausdrücklichen Vefchl, den öffentlichen Tagebüchern der Stadt einverleibt. Ost tödtcte er sowohl vornehme als geringe Personen blos in der Absicht, um zu sehen, wie sie sich bey ihrem Tode benähmen. Einem fetten Manne ließ er den Bauch aufschneiden, um sich an dem Herausfallen der Eingeweide zu ergötzen. Einem andern ließ er einen Fuß abhauen, weil es ihm ein Vergnügen machte, verstümmelte Leute zu sehen. Bald hätte er einmahl die Stadt Rom abbrennen, und.alle im Theater versammelte Leute niederhauen lassen. Er verkaufte nicht blos Aemter und Provinzen, Recht und Unrecht, Leben und Tod; er verpachtete diesen abscheulichen Handel sogar, und damit er recht eintraglich seyn möchte, so wurden einmahl für Ein Jahr fünf und zwanzig Consuln ernennt, und alle Augenblicke bekam die prä- torische Leibwache einen andern Oberbefehlshaber, I2l halber, damit die Stelle desselben desto öftre» bezahlt werden, damit der Mann in seinem Posten um so weniger gefährlich werden möchte. Endlich that (192 am 1. Jan.) Marcia, des Commodus liebste Maitrcssc, in Verbindung mit dem Lätus, dem Generale der Leibwache, der römischen Welt den Dienst, sie von dem abscheulichen Monarchen zu bcfrcyen, und ihn zu vergiften, und wie der Gift nicht recht wirken wollte, im Bade zu ersticken. P. Hclvins Pertinar, der acht und sechs zigjährige Nachfolger des Commodus, war einer von den wenigen guten Kaisern dieses Zeitalters. Als der Sohn eines Holzhänd- lcrs in Ligurien, hatte er sich durch seine Gcncralstalente so sehr ausgezeichnet, daß er jedermanns Vertrauen besaß. Als daher Commodus ermordet worden war, begaben sich Lätus, der Oberbefehlshaber der Leibwache, und Eclcctus, der Oberkammcrhcrr, um Mitternacht in sein Haus, und bothen ihm, als dem würdigsten Senätvr,/den sie kennten, den Thron an. Pertinar, der schon im Bette lag, erwartete, ehe er ihren Antragwußte, ganz gewiß, daß ihn Commodus, dessen 122 dessen Tod ihm unbekannt war, wollte er? morden lassen. Dennoch stand er auf, ließ die Thüre seines Schlafzimmers öffnen, erklärte den Abgeordneten, daß er schon lange vermuthet habe, daß er würde ein Schlacht? opfer des Tyrannen werden müssen, und crmahnte sie, den tödtlichcn Streich ihm zu versetzen. Nur mit Mühe ließ er sich endlich bereden, den Antrag anzunehmen, und dem Lätus ins pratorische Lager zu folgen. Hier begleitete er seine Rede mit dem Versprechen, jedem Soldaten ein Geschenk von 670 Thalern zu machen, und mit Hülfe derselben einige Mißbrauche abzustellen. Der letzte Punkt schien den Prätoriancrn bedenklich. Sie gaben ihm die Auslegung, als wenn Pcrtinap den Vorsatz gefaßt hätte, die alte Kricgszucht wieder herzustellen, und ihnen die von dem Commodns ertheilten Freyheiten wieder zu entziehen. Diese Vermuthung veranlaßte allgemeines Mißvergnügen, und bald hätte Pcrtinax das Zutrauen der Prätoriancr gleich bey dem Antritte seiner Regierung verkehren. Indessen fieng er seine Regierung so an, daß sich der römische Staat die glücklichsten Zeiten versprechen konnte. Um die durch I2Z durch die Verschwendung des Commodus ganz ausgeleerte Staatskasse wieder zu füllen, verkaufte Pertiuar alles kostbare Hausgeräthe des Commobus, lies; er alle goldue und silberne Bildsäulen, die man ihm gewidmet hatte, einschmelzen, ließ er sogar alle Mädchen und Knaben desselben versteigern. Von dem daraus gcloseten Gelde erhielten die Pra- toriauer ihr Geschenk, und nun sah er sich durch seine gute Wirthschaft in den Stand gesetzt, einige drückende Auflagen aufzuheben. Aber Pertinax war schon zu alt, um eine lange Regierung zu versprechen, und sein Tod wurde noch über dieß durch feinen Eifer für das Gute befördert. Die Pratoria- ner hatten sich in ihrer Vermuthung, daß er sie zu einer strengern Kriegszucht anhalten würde, nicht geirrt. Dieß brachte sie so sehr gegen ihn auf, daß sie verschiedene Versuche machten, einen andern auf den Thron zn heben. Als ihnen diese mißlangen, verschworen sie sich, ihn auf eine gewaltsame Art aus der Welt zu schaffen. Latus, der des Pertinax Dankbarkeit auch nicht so groß fand, als er sie vermuthet hatte, bestärkte sie in ihrem Vorsatze. Er ließ, unter dem Vorgeben, daß 124 daß er auf Befehl des Pcrtinap geschehe, viele von ihnen hinrichten. Dadnrch erstieg ihre Erbitterung die höchste Stufe. Plötzlich dringen (19z am 28. Marz) dreihundert Pratoriauer mit gezogenem Schwerdte in den Pallast. Pcrtinar geht ihnen entgegen, und redet sie mit solchem Nachdruck an, daß viele ihre Schwcrdter schon einzustecken anfangen. Indem wirft ihm aber ein belgischer Soldat den Wurfspieß in die Brust. Sogleich fallt der ganze Haufe über den Pcr- tina.r her. Pertiuap verhüllt, wie Cafar, seinen Kopf, und sinkt, von vielen Wunden durchbohrt, nieder. Seinen Kopf trugen die Mörder gleichsam im Triumphe in der Stadt herum. Der vortreffliche Kaiser hatte noch nicht drey volle Monathe regiert. Die Mörder des Pertinar bothen nun vom Walle ihres Lagers den Kaifcrthron demjenigen an, der ihnen das größte Geschenk versprechen würde. Eben gab Didius Zulianus, der reichste Mann in Rom, ein Gastmahl. Einige von der fröhlichen Gesellschaft brachten ihn auf den Einfall, seinen Reichthum zu benutzen, um sich die Kaiscr- würde würde zu kaufen. Schon war Sulpician, des Pcrtinax Schwiegersohn, mir den Pratoria- ncrn in Unterhandlungen begriffen. Beyde mußten sich nun wie bey einer Versteigerung überbiethen. Als aber Julian von 5000 Drachmen (1140 Thalern) gleich auf 6250 Drachmen (14Z2 Thaler) fortgieng, so wurde sein Gegner ganz zum Stillschweigen gebracht. Die zehn tausend Prätorianer marschirten, den neuen Kaiser begleitend, nach dem Pallaste des Senats. „Es fehlt euch,, sagte Julian zu den versammelten Senatoren „ein Kaiser, und ich bin der tüchtigste, den ihr dazu wählen könnt.,. Was konnte der Senat unter diesen Umstanden anders thun, als sich den neuen Kaiser gefallen'zu lassen? Das römische Volk war über die Art, wieder unmoralische Jnlian, den Commodus, als einen unruhigen Menschen nach Mayland verwiesen hatte, auf den Thron gelangt war, so unwillig, daß es laut auf ihn schimpfte, daß es sogar mit Steinen nach ihm warf. Das Recht, die Würde eines Imperators zu ertheilen, wurde aber der kaiserlichen Leibwache von den Feldarmeen oft streitig gemacht. macht. Dieser Fall trat auch jetzt ein. Die orientalische Armee rief den Pescennius Nie ger, die illyrische und die gallische den Sep- timiits Scverus zum Kaiser aus. Pescennius war in die sinnlichen Vergnügungen so versunken, daß er sich nicht einmahl die Mühe gab, sich nach Rom, dem Sitze des Kaiser- thnms, zu begeben; er blieb vielmehr zu Antiochien, und suchte sich und die Einwohner dieser Stadt möglichst gut zu belustigen. Freylich war dieß auch bequemer, als dem Scverus, der ihm so leicht zuvorkommen konnte, den Besitz von Rom streitig zu machen. Als dieser sich der Hauptstadt näherte, befand sich Julian in ängstlicher Verlegenheit. Er ließ Leute anwerben, um in der Geschwindigkeit eine Armee aufzustellen; aber die angeworbene Mannschaft bestand meistens aus liederlichen, an Müßiggang gewöhnten Jünglingen, die mit dem Gewehre gar nicht umzugchen wußten. Julian, der sich auf sein Heer nicht verlassen konnte, befestigte seinen Pallast, als wenn er sich in demselben.zu vertheidigen gedächte, und schickte Meuchelmörder aus, die seinen Gegner tödtcn sollten. Dieser rückte indessen näher. Julian schloß sich 127 sich NUN in seinen Pallast ein, und badete, als man ihm das Leben nehmen wollte, in Thränen. Er wurde (i. Zum 18z) in seinem Pallalre, auf dem Ruhebette, umgebracht. Er hatte den so theuer erkauften Thron nicht viel über zwey Monathe besessen. Der Senat schickte dem Sever hundert Senatoren entgegen, um ihn bewillkommen Zu lassen. Mehr Thätigkeit und Entschlossenheit hat nicht leicht ein andrer Kaiser gezeigt. Dieß bewies er hauptsächlich dadurch, daß er die so eigenmächtige und übermüthige Leibwache aufhob. Er befahl, als er sich der Stadt näherte, alle Prätorianer, die an der Ermordung des Pertinax Antheil genommen hatten, hinrichten zu lassen; die übrigen sollten ihm ohne Waffen, blos in der Staatsuniform, entgegen gehen. Sie bildeten sich ein, sie würden den Kaiser in die Stadt begleiten müssen. Unvermuthct ließ er sie aber von seinen Feldtruppen einschließen, und, nachdem er ihnen wegen ihres Benehmens gegen den Pertinax, einen sehr nachdrücklichen Verweis gegeben hatte, kündigte er ihnen ohne weitere Umstände an, daß sie bey Lebens- 128 Lebensstrafe, auf hundert Meilen von Rom verbannt seyn sollten. Sein Einzug in die Stadt hatte zwar ein sehr kriegerisches Ans sehn, und seine Soldaten übten manche Gewaltthätigkeit aus; aber der Senat wurde dadurch einigermaßen wieder beruhigt, daß er sich entschuldigte, den kaiserlichen Titel vhnc dessen Einwilligung sich angemaßt zu haben, und daß er das feycrliche Versprechen von sich gab, dem Verspiele des Aurelius zufolge, die Gesetze zu beobachten, und kein Glied des Senats, ohne vorhergehende Uns tersuchung, hinrichten zu lassen. Seine Regierung befestigte er durch eine neue Leibwache, welche viermahl stärker als die vorige war. Hierauf zog er gegen den Pescennius zu Felde. Dieser rückte ihm bis nach Cili- Die Armenier setzten sich jetzt auch wieder in Freyheit. Wenn nun Macrin, der kein guter General war, wohlthätige Gesetze gab, und einige schädliche Mißbrauche abzuschaffen suchte; wenn er diejenigen, die feindselige Gesinnungen gegen ihn hegten, großmüthig behandelte, so machte er sich doch schon dadurch verhaßt, daß er wichtige Aemter mit Mannern von geringer Herkunft besetzte, baß er die Soldaten zu einer strengern Kriegszucht anhalten wollte. Um nun den Haß gegen ihn zu vermehren, machte man seinen Antheil an der Ermordung des Caracalla bekannt. Hierzu trug besonders die Schwester der Gemahlin desselben, die Julia Mäsa, das meiste bey. Diese so entschlossene, als kluge und reiche Dame, die zu Emesa, nicht weit von Antiochien, lebte, hat- -47 hatte einen Enkel, Nahmens Bassian, der als ein vierzehnjähriger Jüngling, einen Priester im Tempel der Sonne abgab, und daher Elagabal oder Heliogabalus (Sonnenpriester) genennt wurde. Der wohlgebildete Jüngling wußte sich bey den römischen Soldaten, die den Tempel bestickten, beliebt zu machen. Auf diesen Umstand baute die listige Mäsa die Ausführung des Plans, ihrem Enkel zur Imperator - Würde zu verhelfen. Sie gab ihn für einen Sohn des Caracalla aus; sie versprach denen, die ihn unterstützen würden, eine reichliche Belohnung. Genug, sie brachte es (218) dahin, daß Elagabal im römischen Lager zum Imperator ausgerufen wurde. Auf den Entschlüsse der Soldaten wirkte auch ein gewisser Cutychian, der sich als Lustigmacher und Taschenkünstler unter ihnen sehr beliebt gemacht hatte. Macrin, der sich mit Gewalt behaupten wollte, wurde geschlagen, auf der Flucht nach Parthien eingeholt, und (im Jun.) hingerichtet, nachdem er kaum 14 Monathe Kaiser gewesen, nachdem er als Kaiser gar nicht nach Rom gekommen war. K 2 He- 148 Heliogaöal wär, obgleich erst vierzehn Jahre alt, in allen Arten von Ausschweifungen und Lastern erfahren, nnd er besaß nicht eine einzige Eigenschaft, die ihn des ersten Welt - Thrones würdig machte. Vergebens suchte seine kluge Großmutter Mäsa der Regierung ihres Enkels eine gute Richtung zu geben; die Nachschlage der Mutter Soamis, und der jungen Theilnehmer air Hcliogabals Ausschweifungen, wirkten viel starker. Zwar schien es anfangs, als wenn cr für seine Großmutter eine große Ehrfurcht hatte, denn er nahm sie, als cr nach Rom kam, mit in den Senat; cr wies ihr ihre Stelle neben den Consuln an; cr räumte ihr alle Rechte eines Senators ein. Aber alles dies war nur Spielerei), und der Rath der Großmutter galt ihm bald gar nichts. Dies bewies cr dadurch, daß cr seinem syrischen Sonncngoktc in der Vorstadt Roms nicht nur einen prächtigen Tempel baute; fondern daß cr ihn auch für die vornehmste Gottheit erklärte, der selbst der Jupiter nachstehen müsse, und daß cr andere Tempel ihrer Kostbarkeiten beraubte, um den Tempel seines Sonnengottes desto prächtiger 149 tigcr ausschmücken zu können. Im zweyten Jahre seiner Regierung nahm er den Euty- chian, den er schon zum Generale der Prä- toriauer erhoben hatte, zu seinem College» in der Consulwürde an. Die Großmutter Mäsa, die voraus sah, daß sich die vornehmen Römer einen solchen Kaiser nicht lange würden gefallen lassen, bewog ihn, seinen Vetter Alexian, einen Knaben von 12 bis iZ Jahren, zum Cäsar zu erklären. Dieser wurde ihm aber bald verhaßt, weil er an seinen schrecklichen Ausschweifungen der Wollust und Verschwendung keinen Antheil nehmen wollte. Seine ganze Regierung dauerte noch nicht volle 4 Jahre, und er wurde folglich noch nicht 19 Jahre alt, und dennoch hatte er während der kurzen Zeit 6 Gemahlinnen genommen. Eine unter denselben war eine Vcstalin, die er nicht lange hernach wieder verstieß; er nahm sie jedoch bald wieder zu sich. Sie wäre, sagte er eine Priestcrin, und er ein Priester; die Kinder, die sie mit einander zeugten, müßten also der unsterblichen Götter würdig werden. Seine Unverschämtheit in der Wollust wurde hauptsächlich durch die vielen stt- tcn- i;o tcnlosen Leute befördert, die sich an seinem Hofe, und in seiner Gesellschaft, befanden. ES waren meistens Leute, die auf dem Theater, oder Amphitheater, seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. In ihrer Gesellschaft erlaubte er sich alle nur crsinnlichen Arten von Ausschweifungen, und er erlaubte sie sich sogar öffentlich, vor den Augen des Publikums. Solche Leute besaßen sein ganzes Vertrauen. An sie verkaufte oder verschenkte er die wichtigsten Aemter, die einträglichsten Provinzen. Selbst alte Männer mußten, wenn sie sich in seiner Gunst erhalten wollten, an seinen Thorheiten Antheil nehmen, und wenn sie dieses nicht thaten, so waren sie in Gefahr, ein Gegenstand des muthwilligsten Spottes zu werden. Sehr oft ließ er alle ausschweifenden Frauenzimmer aus ganz Rom zusammenkommen, um sich mit ihnen über die Geheimnisse ihrer Kunst zu unterreden, und er pflegte sie alsdcnn, gleichsam als wenn er ihr General gewesen wäre, seine Camcraden zu nennen. Er kleidete und putzte sich nicht nur wie eine Dame, sondern er bedauerte es auch recht sehr, daß es unmöglich wäre, ihn durch Kunst r;i Kunst in ein Frauenzimmer umzuschassen. Sühne wünschte er nicht zu zeugen, weil er besorgt war, daß sie nicht so ausschweifend als er gerathen möchten; doch tröstete er sich noch mit dem Gedanken, daß er sie nach seinem Plane könnte erziehen lassen. Seiner Wollust war seine Verschwendung völlig gleich. Der Weg von seinem Zinn mer bis zum Wagen, in welchem er ans- fuhr, war mit Goldstaub bedeckt. Er litt in seinem Pallastc kein andres Geräthc und Geschirr als von Massivgold. Einen Ring oder ein Kleid, und wenn sie noch so kostbar waren, trug er nie mehr als einmahl. Nach der Tafel theilte er unter seine Gaste und Bedienten sehr oft das goldne Geschirr ans, welches auf derselben gebraucht worden war. Doch selbst die Soldaten und den Pöbel beschenkte er mit goldncn und silbernen Gefäßen, mit Edelsteinen, mit Anweisungen anf große Summen. Die Fischteiche ließ er mit Nosenwasser, die Naumachia mit Wein anfüllen. Die Hunde wurden mit Gansclebcrn, die Pferde mit Rosinen, die wilden Thiere in der Menagerie mit Reb- hnncrn und Fasanen gefüttert. Knrz, anf eine 152 eine unvernünftigere Art hat nie ein Sterblicher verschwendet. Natürlich wurde er dadurch bald ein Gegenstand de^ allgemeinen Abscheues. Da sich nun sein Better Aicxinn oder Alexander durch sein mäßiges und bescheidenes Leben bey jedermann Liebe und Zutrauen erwarb, so wünschte er ihn aus der Welt zu schaffen; aber die Leibwache nahm sich desselben so nachdrücklich an, daß Hcliogabal (222 im März) darüber selbst ums Leben kam. Alexander, der unter der Aufsicht seiner Mutter, der Zulia. Mammäa, sehr gut unterrichtet und erzogen worden war, hielt sich ganz an den Rath dieser guten Mutter, und seiner klugen Großmutter, und wählte sich daher unter den Senatoren sechzehn der rechtschaffensten und einsichtsvollsten Männer aus, die seinen Cabinetsrath ausmachten. Dieß hatte die wohlthätige Folge, daß die untauglichen Beamten und Diener entfernt, und manche unter den vorigen Regierungen eingerisscnc Mißbrauche abgestellt wurden. Die Leibwache wollte aber die große Freyheit, die sie sich angemaßt hatte, so wenig ein- r;z einschränken lassen, daß sie ihren Oberbefehlshaber, Ulpian, der auf eine strengere Kriegszucht drang, in Gegenwart des Kaisers ermordete. Doch Alexander selbst hatte (2g5 im Aug.) das Schicksal, von den Soldaten der gallischen Armee, die er in der Gegend von Maynz commandirte, getödtct zu werden, weil er ihnen nicht so viele Freyheiten, als seine Vorgänger, gestatten wollte. Schade, daß die römische Welt diesen gutmüthigen, wohlthätigen und braven Kaiser so bald vprlohr! Wahrend der Verwirrung, die Alexanders unvcrmuthetcr Tod verursachte, riefen die Officierc und Soldaten ihren Qbcrgencral (C. Julius Verus) hernach Maximinus, der an 'Alexanders Ermordung großen Antheil hatte, zum Imperator aus, und die übrigen Armeen schlössen sich, als dieser Ernennung niemand widersprach, an sie an. So bestieg Maximin, der Sohn eines Gcten und eines Allanin, in Thracien gcbohrcn, und durch seinen ausserordcntlich großen und starken Körper ausgezeichnet, den römischen Kaiserthron. Der Senat genehmigte seine Wahl, weil r>4 weis cv sie nicht zu mißbilligen wagte. Er erklärte seinen Sohn, der den väterlichen Nahmen trug, für seinen Cäsar. Seine Regierung bezeichnete eine unbarmherzige Strenge, weil er dieselbe zur Behauptung des Thrones für nothwendig hielt; weil er sich an den vornehmen Römern, von denen er sich seiner geringen Herkunft wegen verachtet glaubte, rächen wollte; weil er das Vermögen von manchem reichen Manne zu besitzen wünschte. Als Feldherr zeichnete er sich durch große Tapferkeit und bewundernswürdigen Muth aus. Er drang (az6) tief in Deutschland ein, und schleppte viele Gefangene , und vieles Vieh mit fort. Es war sein Plan, das römische Reich bis an die Nordsee auszubreiten. Um dem so angefochtenen Theile des Staates in der Nahe zu seyn, schlug er seine Residenz zu Sirmium, in dem jetzigen Slavonien, auf. Wahrend der Zeit übten seine Statthalter zu Rom sehr viel Böses ans, und ihre Habsucht war so gränzenlos, daß sie die reichsten Leute in Bettler verwandelten, daß sie selbst die Tempel und die öffentlichen Kassen nicht schonten. Die Unzufriedenheit der Nation, und be- son- i;5 sonders der vornehmem, brach endlich in eine fast allgemeine Empörung aus. In dem römischen Theile von Afrika wurde (2Z8) der bisherige Statthalter Gordian, ein achtzigjähriger Mann, aber von großem Reichthum und vortreflichem Charakter, zum Imperator ausgerufen. Dieser nahm seinen Sohn, der den Nahmen seines Vaters führte, zum Mitregentcn an, und setzte seinen Aufenthalt in Karthago fort. Aber die beyden Gordiane spielten eine kurze Rolle. Sie wurden von dem Capcllian, dem Statthalter von Mauretanien, geschlagen; der Sohn kam in der Schlacht ums Leben, und der Vater tüdtete sich selbst. Dennoch besaß Maximin den Thron nicht mehr ruhig. Der römische Senat, der wegen seines Marsches nach Rom sehr besorgt war, wählte in der Angst zwey neue Kaiser, den Stadtpräfectcn Maximus Pupicnus, der sich aus dem Stande der Niedrigkeit durch ausserordeutliche Verdienste emporgeschwungen hatte, und den Clodius Balbinus, den sein vornehmer Stand und .sein Reichthum empfahl. Mit diesen Kaisern aber war das Volk zn Rom so wenig zufrieden, daß es ei- i;6 einen Aufstand erregte, und den Senat nöthigte, einen jungen Herrn aus der gordiani- sehen Familie zum Cäsar zu ernennen. Nun wurde ein jüngerer Gordian, ein Enkel des ältern, der erst 12 Jahre alt war, herbey geholt. Marimin war indessen ohne Widerstand in Italien eingerückt; da er aber für den Unterhalt seiner Soldaten zu wenig sorgte; da er sie noch überdies; mit unbarmherziger Strenge behandelte, so brachte er sie dadurch so in Wuth, daß sie ihn (2Z8 im May) in seinem Zelte ermordeten. Da der junge Gordian III noch minderjährig war, so ließen die Soldaten und das Volk es sich gefallen, daß die vom Senat ernennten Kaiser, Pupien und Valbin, regierten. Man hatte Ursache, ihre Regierung lobenswürdig zu finden; da es aber die Prätorianer endlich unerträglich fanden, sich von Kaisern befehlen zu lassen, die nicht ihnen, sondern dem Senate, ihre Erhebung zu danken hatten, so nahmen sie denselben (im Jul.) das Leben, und riefen den Gordian III zum Kaiser aus. Für diesen regierte sein Schwiegervater Misithcus, der lZ7 der Oberbefehlshaber der Prätoriancr. Altem Philippus, der nach dem Tode desselben (24z) sein Nachfolger geworden war, nöthigte erst den Gordian, die Regierung mit ihm zu theilen, und in der Folge wollte er ihn ganz verdrängen. Gordian wehrte sich zwar; aber er unterlag dem Kampfe. Nun (244 im Febr.) ward also M. Julius Philippus zu Rom Augustus. Seine Vaterstadt war Bostra, im pcträtschcn Arabien. Doch Philipp befaß die Herrschaft über den römischen Wcltftaat nicht lange allein. Da die Feldarmeen die Ehre, den Kaiserthron zu besetzen, der Leibwache nicht allein gönnen wollten, so trat ein neuer Kaiser nach dem andern auf, und die römische Staatsverwaltung befand sich zehn Jahre hindurch in großer Verwirrung. Philipp, der sich durch seine sorgfaltige Regierung zu Rom beliebt machte, der besonders den Ausschweifungen in der Wollust Gränzen zu sez- zen sich bcmühcte, aber doch die drückenden Abgaben nicht abschaffen konnte, erfuhr das Schicksal, das sich nicht nur die asiatischen Provinzen, sondern auch die Donau- Länder MSsien und Pannonien Unabhängig zu mache» suchte». Sei» General Decius, der die letzter» zur Beobachtung der Unterwürfigkeit zurückbringen sollte, wurde von eben denselben genöthigt, die Würde eines Augufius anzunehmen. Philipp wurde (249 Sept.) von ihm geschlagen, und zu Verona ermordet. Er hatte 5 Jahre und 6 Monathe regiert. Decius, ein Pannonier aus dem Gebiethe von Sirmium, ein Mann von vorzüglichen Eigenschaften, opferte sich (251 im Oct.) dem Kriege gegen die Deutschen auf. Zu seinem Nachfolger wählte die Armee den Trebonianus Gallus, während dessen Regierung Pest, Hungersnoth, Krieg und Empörung den römischen Staat zerrütteten. Gallus, der indessen zu Rom blos dem Vergnügen lebte, hatte das Schicksal, daß die Soldaten (25z) seinen braven General Ac- milian zum Augustus ausriefen, nnd ihn ermordeten. Dieser, von sehr geringer Herkunft, aber kriegerischen Talenten, schmeichelte dem Senate durch die Erklärung, daß er blos der Feldherr desselben seyn wollte. Aber schon nach z Monathen verdrängte ihn Val -5^ Valerian, der Oberbefehlshaber der galli- scheu Truppe??, die dem Gallus zu Hülfe gezogen waren, und Aemilian wurde von seinen eignen Soldaten gctödtet. Valerien?, der von vornehme?? Stande war, und viele gute Eigenschaften besaß, der die Abgaben verminderte, trefliche Gesetze gab, nnd die Staatsbeamten mit vielem Glücke wählte, zeigte nur zu wenig eigene Thätigkeit und Entschlossenheit, und hatte das Unglück (259) in die Gefangenschaft der Perser zu gerathen. Darüber freute sich vielleicht niemand mehr als sein Sohn Gallicnus, der ihm als Regent folgte, aber so wenig Thätigkeit und so viele Laster besaß, daß er sich fast allgemeinen Haß und Verachtung zuzog. Jetzt warfen sich beynahe die Obcrgenerale von allen Armeen zu unabhängigen Beherrschern auf. Dieß war die Zeit der sogenannten dreyßig Tyrannen. Hier mögen aber nur diejenigen auftreten, welche die bedeutendsten Rollen spielten. Zu ihnen gehörte Macrian in Asien, Posthumius in Gallien, und Aursolus in Jl- i6cz Jllyrien. ltm gegen den Posihumins, der alle eines Regenten würdige Eigenschaften besaß, Beystand zu bekommen, mußte Gal- lienus (261) sich entschließen, den Aurco- lus zum Mitregenten anzunehmen. Dennoch behauptete sich Posthumius 7 Jahre lang. Aureolus besiegte dagegen (262) in einer Schlacht an der thracischcu Gränze den Macrian. Doch nun spielte wieder Ac- milianuS zu Alcxandria in Aegypten einen unabhängigen, und guten Regenten, bis ihn (26z) Thesdotus, ein Acgyptcr, überwand, und nach Rom schickte, wo er erdrosselt wurde. In Asien maßte sich Odenatus die Regierung an, und er vertheidigte die dasigcn Provinzen gegen die Perser so glücklich, daß ihn Gallienus, der ihn ohnedies; nicht unterdrücken konnte, (266) zum Mitregentcn erklärte. Seine Residenz war die reiche Handelsstadt Palmyra. Als er (267) von seinem Vetter Maeonius ermordet worden war, folgte ihm, als Vormünderin ihrer Söhne, seine kluge und entschlossene Ge- mah- i6l mahlin ZenobiaI die sich gar Nicht als Freundin der Römer bewies. Gallicnus war in Europa zu sehr beschäftigt, als daß er sich um den Orient hätte bekümmern können. In Gallien warf sich Tetricus der Statthalter von Aquitanien, ein Mann von vielen guten Eigenschaften, zum Regenten auf, und ihm gehorchte auch Hispanicn und Britannien. Wahrend daß Gallien einmahl selbst gegen die Deutschen zu Felde zog, machte Aurclius (268) den Plan, ihm die Herrschaft ganz zu entreißen. Nun siegte zwar Gallien; er büßte jedoch (im Marz) in der Belagerung von Mayland sein Leben ein. Sterbend empfahl er den M. Aurelius Claudius zu seinem Nachfolger, und so wenig auch Gallien bey der Armee in Ansehn stand, so leuchteten doch des Claudius vorzügliche Eigenschaften den Soldaten so sehr in die Augen, daß sie ihn wirklich zum Augustns wählten. Von ihm wurde Aurcolus bey Mayland besiegt und gefangen genommen. Das Leben des Aureolus hatte er gern geschont; aber die Soldaten liessen sich von seiner Ermordung nicht abhalten. Als Clau- Ealletti Wcltg.'5t TH. L eins IÜ2 dius II auch gegen die Zenobia einen Felds zug vornahm, überraschte ihn zu Sirmimu (269 im Qct.) der Tod. Indessen war Aurelian IV ein Pannonier, der sich vom gemeine?' Soldaten bis zum Oberges neral der Armee in Pannomen emporgeschwun- gen hatte, von derselben zum Augustus gewählt worden, und dieser stellte nicht nur Ruhe und Ordnung ini römischen Kaiserthume wieder her, sondern überwand auch (272) die Zenobia, und führte sie im Triumphe auf. Uebrigens wurde sie, eben so wie Tetri- cus, der nun in feine Gewalt gcrieth, von ihm sehr menschenfreundlich behandelt. Man neunte den Aurelian der Ruhe und Ordnung in den römischen Staat zurückführte, den Wiederherstellet des Weltstaates; aber einer Verschwörung seines Gcheimsekrctars Mnc- sthens, der sich vor seinem strengen Verfahren fürchtete, zog ihm (275 im Jan.) das Schicksal zu, in Illyrien ermordet zu werden. Weil alle Obergenerale an Aurclians gewaltsamen Tode Antheil genommen hatten, so konnten sich die übrigen Officierc und Soldaten ;Sz baten nicht entschließen, einen von ihnen zum Augustus zu ernennen. Sie überließen daher die Wahl desselben dem Senate, der sich aber auf Anrathen seines ältesten Mitglieds, des Tacitus, diese Ehre verbath. Nachdem v Antrag und Weigerung dreymal gewechselt hatten, und 8 Monathe darüber verflossen waren, wählte man endlich den 75jährigen Tacitus, der, ausser seinem hohen Alter, keinen andern Fehler hatte. Er schenkte sein ganzes ungeheures Vermögen dem Staate, und theilte alles baarc Geld, was er hatte, unter die Saldatcn aus. Seines hohen Alters ungeachtet, gieng er auch nach Cäcilien, um die Feinde des Staates zurückzutreiben; er starb aber schon nach 6 Monathen (276 April), und sein Bruder Florian, der Oberbefehlshaber der Leibwache, genoß die Ehre, Imperator zu heißen nur 2 Monathe, weil die orientalische Armee sich für ihren Obergeneral Probus erklärte. Florian ward nun von seinen eignen Soldaten ge- lödtet. Probus, einer der lobenswürdigsten Kaiser, aus Sirmium in Pannonien, der L 2 Sohn - Sohlt eines Gärtners, bekriegte die Feinde am Rhein nnd an der Donan mit der glücklichsten Entschlossenheit, baute siebzig neue Städte oder besserte sie aus, nnd pflanzte in Gallien, Pannonicn und Mosten die ersten Weinreben. Weil er aber die Soldaten zu viel arbeiten ließ ; weil er auch einmahl äusserte: mau würde die Soldaten bald nicht mehr nöthig haben, so ermordeten sie ihn (282) nachdem er noch nicht 6 Jahre regiert hatte. Die Thronverandcrnngen wurden jetzt immer häufiger, und die Nothwendigkeit, mehrere Regenten zugleich zu haben, immer fühlbarer. Carus, der Nachfolger des Probus, ernennte seine beyden Söhne zu Mitrcgcntcn; den Schwclger Carinus, und den durch die Wissenschaften gebildeten Numcrian. Der Vater starb (28z) auf einem Fcldzugc gegen die Perser, und Nn- merian wurde (284) von seinem eignen Schwiegervater, dem pratorischen Präfectus Aper, ermordet. Diocletian, ein Dalma- tier von geringer Herkunst, aber großen Geistesgabcn, den hierauf die Armee zu Chalccdou (284 am 17. Sept.) als Kaiser ausrief, erklärte (286) , nachdem Carinus um- i6> umgekommen war, seinen Mitgencral, den Maximian, einen der besten, aber auch strengsten Feldherren seiner Zeit, welcher ans einem pannonischen Dorfe abstammte, zum Mitkaiscr. Dieser, der sich zu Trier aufhielt, vertheidigte die westlichen Provinzen des Reichs, wahrend das; Diocletian zn Antiochicn für die Sicherheit der östlichen sorgte. Bald (292) fanden sich aber die beyden Kaiser bewogen, sich jeder einen Cäsar zuzulegen; Diocletian wählte den Gastritis, und Maximian den Constantius Chlo- rus (den Blassen), zwey der ausgezeichnetsten Feldherren. Der romische Weltstaat wurde nnn in vier Theile abgesondert; es waren aber auch nnn vier Residenzen; es war auch nun ein vierfacher Hofstaat vorhanden, und jeder kostete so viel, als vorher der Hofstaat des vereinigten Kaiscrthums gekostet hatte. Doch Diocletian, der Beherrscher der asiatischen Provinzen, der gleichsam den Obcrkaiser vorstellte, veruneinigte sich mit k>em Cäsar Galerius, unter dessen Aufsicht Thracicn und die Donaulander standen, so sehr, das; eine wichtige Veränderung dadurch veranlaßt wurde. Galerius , war i66 war auf einem Fcldzuge gegen die Perser unglücklich gewesen- Diocletian, der alles aus seinem Cabinette commandirte, glaubte sich deswegen berechtigt, ihn verächtlich zu behandeln. Galerius verbarg seinen gekränkten Stolz. Er zog noch einmahl gegen die Perser, kehrte siegreich zurück, und Diocletian, der sein Alter und seine Kränklichkeit immer lebhafter fühlte, legte (zoz) die Regierung nieder. Doch soll cS ihm Ueberwindung gekostet haben. Er zog, wie mau sagt, zu Nicomcdie in Kleinasien sehr ungern aus dem. kaiserlichen Pallasie auf seine schöne Villa bey Salona in Dalmatien. Noch weniger hierzu geneigt, fühlte sich der oecidcntalischc Kaiser Maximian, der über Italien, Afrika und die Inseln regiert hatte, aber, auf Diokletians Verlangen, abdanken mußte. Die bisherigen Casarcn Galerius und Constantius wurden nun Kaiser; Con- stantius bekam alle westlichen Provinzen, von welchen er jedoch Italien und Afrika an den Galerius, dem die östlichen Länder zufielen, abtrat. Zeder von ihnen sollte wieder einen Cäsar haben. Galerius', der sie wegen seines größeru Anschns ernennte, wählte 167 wählte nicht etwa Verwandten der vorigen Kaiser, sondern, zu jedermanns Erstaunen, zwey Sfsicicre, die wegen ihrer niederträchtigen und schändlichen Lebensart bekannt waren. Dem Maximinus wurde der Orient, und dem Scvcrus Italien, Afrika, nebst den Inseln im mittelländischen Meere, anvertraut. Der Kaiser Constantius, der über Gallien, Germanien, Britannien, Hispanien und Lusitanicn herrschte, bemühcte sich, diese Lander das Glück, einen sorgfältigen und wohlthätigen Regenten zu haben, recht innig fühlen zu lassen. Um so weniger bekümmerte er sich aber um Italien und Afrika, welche der habsüchtige Sever mit ungewöhnlichen Auflagen so gewaltig drückte, daß sehr viele Familien aus Italien wegzogen, um sich unter des Constantius glücklicher Regierung niederzulassen. Aber auch die Soldaten, die in Italien gebohren waren, oder doch wenigstens lange Zeit in diesem schönen Lande gelebt hatten, wollten es nicht gegen Afrika vertauschen, wohin sie Scvcrus zu versetzen im Begriffe war. Sie riefen i68 riefen daher (zo6) den Mapentius, einen Sohn des Maximians, zum Cäsar aus. Hierdurch bekam der alte Maximian, der seit seiner Abdankung, auf einem sechs Meilen von Rom liegenden Landguthe ein lasterhaftes und schändliches Leben geführt hatte, eine erwünschte Gelegenheit, den Thron, den er ungern verlassen hatte, wieder zu besteigen, und es gab nun auf einmal sechs Beherrscher des römischen Staates, die sich alle den Kaisertitel anmafitcn. Von allen diesen 6 Kaisern war keiner ein Römer, und nicht einmahl ein Italiener. Galcrius, der machtigste unter ihnen, hatte für Rom und Italien so wenig Achtung, daß er mit der Ausführung des Planes um- gicng, den Sitz des Reichs nach Dacien, seinem Vaterlands, zu verlegen. So viele Beherrscher eines Staates zogen natürlich mancherlei, Streitigkeiten und bürgerliche Kriege nach sich, für welche Italien den vornehmsten Schauplatz abgab. Se- vcrus wollte die Wahl des Marentius nicht genehmigen. Er rückte gegen Rom; aber Maxcntius wußte dessen Soldaten zur Untreue 169 'i t treue zu verleite»/ uud Scvcrus keim einige Monathe darauf (Z07) durch verräthcrische Veranstaltung deH Marimians ums Leben. Galerius ernennte nun an Severs Stelle einen Nachfolger, der Cajus LiciniuS hieß, tmd, weil Galerius nicht lange mehr lebte, (st. zu) auch dessen Rechte sich zueignete. Dieser mußte aber den Marentius in Rom unangefochten lassen, weil ihn Marimin, sein College im Orient, genug beschäftigte. Doch Marentius bekam jetzt an dem Constantin, dem Sohne des Constantius, der um diese Zeit (zo6) an die Stelle sei- nes Vaters getreten war, und von den über des Marentius grausame Regierung erbitterten Römern hcrbeygcrufen war, einen furchtbaren Gegner. Dieser rückte (312) nach Italien, und Marentius unterlag. Maximin wurde (ziz) vom Licinius unterdrückt, und endigte sein Leben durch Gift. So blieben von allen 6 Kaisern nun niemand als Constantin uud Licinius übrig , und auch der letzte machte (Z2z) dem Constantin, als Alleinherrscher, Platz. Dieser ließ ihn (Z24) hinrichten. ' Scchss Sechstes Kapitel. Mupersisches Reich. Große deutsche Völker, welche das römische Reich am Rhein und an der Vvnau beunuchigen. Cvnsiantin der Große. ^)>z auswärtigen Feinde, welche die römischen Provinzen so beunruhigten, daß mehrere Kaiser für die Vertheidigung des römischen Weltsiaates unentbehrlich wurden, waren die Ncuperser und chie Deutschen. Der parthische Staat, der sich der römischen Herrschaft so glücklich erwehrt, und die römischen Kaiser so manchmahl in Verlegenheit gesetzt hatte, wurde durch Kriege mit den Römern und andern Feinden so merklich 17O sich geschwächt, daß die so lang unterdrück, tcn Perser den muthigcn Plan entwarfen, sich unabhängig zu machen. Ihr Anführer Ard- sclnr (Artaxarxes) dessen Vater Sassan hieß, überwand den parthischcn König Arsaccs, und wurde (226) von den Großen seiner Nation zum Könige erwählt. Da daS parthische Reich aber schon viele Länder verlohren hatte, als die arsacidischo Herrschaft ihr Ende er» reichte, so wurde das neupersische Reich auch nicht so beträchtlich, als das parthische gcwe» scn war. Der Stamm der parthischcn Könige, oder der Arsaciden, dauerte noch einige Zeit in Armenien fort. Die ncupersischen Könige gcriethon aber bald mit den Römern in Händel, weil sie alle Länder, über welche die Arsaciden jemahls geherrscht hatten, und vornehmlich Mesopotamien, wieder erobern wollten, und schon Ardschir hatte Mühe, es gegen den Kaiser S-vcrus zu behaupten. Sein Sohn Sabur (Sapor I) eroberte nicht nur Armenien, sondern drang auch bis nach Syrien, Cicilicn und Cappadocicn vor, und der brave Kaiser Valerian, der mit zu vielen Feinden auf einmahl zu kämpfen hatte, erfuhr (26z ) das traurige Schicksal, nicht nur den 172 besten Theil seiner Armee, sondern auch seine Frcuhcit, zu verlieren, und vom barbarischen Sieger gemißhandelt zu werden. Unter andern soll er ihm, wenn er zu Pferde stieg, zum Tritt gebraucht haben. Ungleich nähere und schlimmere Feinde für die Römer aber waren jetzt die Deutschen, die seit den Zeiten des Marcus Au- relius (170) sich immer enger an einander schlössen, und immer starker nach dem Rhein und nach der Donau hindrängten. Die fortgesetzten Kriege mit den Römern, und die häufigen Dienste, die sie unter den Armeen derselben nahmen, machten sie mit der römischen Kriegskunst, und mit dem Verfalle derselben, immer bekannter, und eben dadurch wurde ihr angcbohrncr Wandcrungsgeist zu Versuchen gercitzt, ihr unfreundlicheres Vaterland gegen die schönen Provinzen des römischen Reichs zu vertauschen. Die deutschen Völker, welche, seit der Mitte des drittelt Jahrhunderts, die römischen Gränz, länder gewaltig beunruhigten, führten aber ganz andre Nahmen, als zu den Zeiten des 'Augustus und Tibcrius, Entwebet hatten mch- rere Völker einen neuen gemeinschaftlichen Nahmen angenommen, oder mehrere Völker hatten sich an einen Stamm angeschlossen, der vorher weniger -bekannt gewesen war. Genug, die vielen kleinen Stämme, aus welchen die Bewohner Deutschlands einige Jahrhunderte früher bestanden, waren in einige grösiere Völker zusammengeschmolzen. Am Rhein machten sich Alemannen, Franken und Sachsen, an der Donau Bothen und Wandalen den Römern vorzüglich furchtbar. Die Alemannen waren, wie schon ihr Nahme verräth, ursprünglich Leute von allerley Stämmen, welche die ehemaligen Wohnsitze der Marcomannen zwischen dem Mayn und dem Neckar eingenommen hatten. In der Folge, als die meisten suevischen Völkerschaften mit ihnen in Verbindung traten, wurden sie so zahlreich, daß sie sich bis nach dem Rhein und der Donau hin ausbreiteten; daß sie von der Lahn bis zur Donau, und von dem Oberrhcin bis zum Lcch, wohnten. Jeder Stamm derselben behielt seine eigne Verfassung, und nur im Krie- l-4 Kriege gehorchten sie einem gemeinschaftlichen Oberhaupte. Als Feinde der Römer zeigten sie sich zuerst unter der Negierung des Caracalla (aiz) und gleich bey ihrer ersten Erscheinung wurden die römischen Generale durch ihre große Menge, und durch ihre furchtbare Cavallerie, in Erstaunen und Verlegenheit gesetzt. Die Sachseir wohnten zuerst oberhalb des Ausflusses der Elbe, also im jetzigen Meklcnburg. Sie rückten ihre Wohnsitze aber bald auf die. linke Seite der Elbe, so daß Die Franken, die nördlichen Nachbarn der Alemannen, breiteten sich zwischen dem NiedcrrheiN und der Weser, und auch auf der rechten Seite der Weser, in den Gegenden aus, wo vorher Chamavcr, Chat- ten, Attuaricr und Sigambrcr wohnten. Diese und andre kleine Völker waren in den Franken bereinigt, und ihr Nahme kömmt zuerst um das Jahr 240 vor. Sie gicngcn seitdem manchmal über den Rhein, um aus den römischen Provinzen auf der linken Seite desselben sich Beute zu holen. daß sich dieselben, längs der Nordsee und Ostsee, von dem Rhein und der Weser bis über die Elbe erstreckten. Zu ihren Vorfahren gehörten die Chaucen. Den Römern wurden sie schon zur Zeit des Mareus Au- rclius bekannt, und sie thaten nicht nur manchen Streifzug über den Rhein, sondern sie schlichen sich auch mit ihren kleinen Schiffen langS den Küsten hin, drangen ans den Mündungen der Ströme landeinwärts, und setzten ihre Seerauberey, von den Orkncys - Znseln bey Schottland bis an die spanischen Küsten, fort. Die Goihen, welche von den in Thra- cien wohnenden Geten verschieden waren, lebten zuerst an der Ostsee, um die Oder und Weichsel. Von hier giengen einige nordwärts nach Schweden, wo der südliche Theil des Landes noch immer ihren Nahmen im Andenken erhalt; andere zogen sich aber durch das jetzige Polen und Rußland bis ans schwarze Meer, bis in die Krim, und nord - westwärts bis nach Siebenbürgen, wo sie die Donau von den römischen Provinzen trennte. Mit den Römern gcriethen sie sie seit der Regierung des Caracalla in Händel, und sie fielen den benachbarten Provinzen Thermen, Mösien, Jllyricn, Griechenland und Kleinasien durch ihre Einfälle und Streifereyen sehr beschwerlich. Man theilte sie in der Folge in Ost - und Westgothen. Zu den mit ihnen verwandten Stammen gehörten auch die Vandalcn uud die Burgunder; jene in Ungern um die Marosch, und , diese an der Donau, in der Gegend von Schwäbisch - Halle. Deutsche breiteten sich also, schon um die Mitte des dritten Jahrhunderts, vom Rhein, und längs der linken Seite der Donau, bis an das schwarze Meer, aus. Deutsche wohnten folglich nicht nur in dem jetzigen Deutschland, sondern auch in Ungern, Siebenbürgen, in der Walachcy und Moldau, in Bessarabien und in Südrußland. Im eigentlichen Deutschland hatten sich Land und Clima noch wenig geändert. Noch immer nahmen undurchdringliche Wälder, und große Moräste und Sümpfe, den größten Theil des deutschen Bodens ein. Die Einwohner hatten noch immer blonde und röth- 177 röthliche Haare, blaue Augen und eine rie- senmaßige Gestalt, welche die Furcht der verzärtelten Römer manchmal noch vergrößert haben mag. Nach den Berichten derselben waren die Burgunder sieben Fuß hoch, und die Franken nahmen sich gegen die Lc- gionsoldaten gar als Thürme aus. In dem großen, rüstigen und abgehärteten 'Körper wohnte der unerschrockenste Kriegsgcist, die unbändigste Freyhcitsliebe, die unerschütterlichste Kühnheit. Die Sachsen fühlten sich nicht glücklicher, als wenn ein Abcntheuer das andere drängte, als wenn ihr kleines Schiff von Sturm und Wellen recht herumgeschlendert wurde. Nordischer, scharfer Frost war ihnen das angenehmste Clima. Dicsciw Clima war ihre Kleidung angemessen, welche meistens aus Hauten und Pelzen bestand. Die Franken und Alemannen liebten knappanlicgende Kleider, und sie bedeckten ihre Hüften entweder mit Hosen von Leincwand oder Leder, oder mit einer bis an die Wade reichenden Schürze, die, wenn sie aufgezogen war, das Knie blos zeigte. Um den Leib trugen sie einen Gurt, an den Füßen borstige Schuhe, die bis an die GallcttiWcltg. 5t TH. M Knö- Knöchel giengen. In Ansehung der Vchand- lnng der Kopfhaare fand bey den damahligen deutschen Völkern ein auffallender Unterschied statt. Die Köpfe der Sachsen starrten, so wie bey den Chatten, von vielen Haaren, und ihr Bart durste ungestört forttvachsen. Bey den Franken waren hingegen die Haare auf dem Wirbel und Hintcrkopfc abgeschnitten, und die äussern über die Stirne gekämmt; auch erschien das Gesicht ganz glatt geschoren. Langes Haar aber machte eine Zierde ihrer Edlen ans, besonders wenn es in Locken über die Schultern herabwallte. Die Gothcn trugen ihre Haare zurückgelegt und gekräuselt. Die Häuser oder Hütten der damahlige!, Deutschen bestanden meistens aus übereinandcrgcschichtetcn Balken. Sie standen noch einzeln, noch nicht in Gassen, und es war für das Freyheitsgcfühl der Deutschen, für ihre unbändige Neigung zu Strcifcrcpcn etwas unerträgliches, sich in eine Stadt eingeschlossen zu sehen. Ihre liebste Speise gewährte ihnen die Jagd. Die Waffen der Deutschen waren jetzt main nichfaltiger und furchtbarer, als einige Jahrhunderte vorher. Zwar verwahrten sie ihren i?9 ihren Kopf noch selten, und ihre Brust und ihre Glieder durch weiter nichts, als durch den Schild; aber die Franken hatten, anst ser dem Wurfspieße noch eine Streitaxt, einen Hakenspieß, und einen Sloßdegcu. Mit der zweyschneidigen Streitaxt trafen sie ein ziemlich entferntes Ziel. Ihr Hakcn- spieß von mittlerer Länge, fast am ganzen Schafte mit Eisenblech überzogen, und so, wohl über als unter der Spitze mit Widerhaken verschen, war eben sowohl auf den Wurf, als auf den Stoß, eingerichtet. Die Wunde, die er beybrachte, konnte wegen der Widerhaken nicht geheilt werden, und blieb er im Schilde stecken, so trat der herbepgesprungcne Franke sogleich auf den Schaft, der Schild wurde weggerissen, nnd der Feind war verlohrcn. Die Franken brauchten wenig Pferde, und ihr Angriff zu Fuß war so lebhaft, daß sie beynahe ihren Wurfspießen zuvoreilten. Die Gothen, die hingegen meistens zu Pferde fochten, führten kleine, runde Schilde und kurze Degen, inglcichen Bogen von ungewöhnlicher Größe, die, gleich den parthischcn, die Gestalt des abnehmenden Mondes hatten. M s Ueber i8o Ueber ihren Schaarcn flatterten Fahnen aus langen, bunten Streifen zusammengesetzt, die, vom Winde aufgeblähet, fliegenden Drachen glichen, und ein auffallendes Raus schen und Pfeifen hervorbrachten. Ihr Las gcr schlössen sie durch eine Wagenburg ein. Die Wagen waren meistens mit Ochsen, zuweilen aber auch mit Hirschen, oder Renn- thicrcn, bespannt. Die Sachsen bedienten sich eines eigenthümlichen Streitmessers, welches sie Sachs nennten, und von welchem sie ihren Nahmen bekommen haben sollen. So lebten, so kleideten sich, so fochten die deutschen Völker, mit welchen die römischen Kaiser über zwey hundert Jahre lang fast ununterbrochen im Kampfe begriffen waren. Schon unter dem Valerian fielen Franken und Alemannen in das auf der linken Rhcinscite liegende Gallien ein, und die Gothcn plünderten die auf der rechten Donaufeite liegenden Lander. Die Alemannen setzten ihre Streifzüge bis nach Italien, die Franken bis nach Spanien, fort; die Gothen fuhren sogar über das schwarze Meer l8l Meer bis nach Asien. Die Angriffe der deut- schcn Völker wurden immer dringender, immer unaufhaltsamer. Die Gothen boten alle ihre Kräfte auf, um in das römische Gebiet auf der rechten Seite der Donau einzudringen. Decius trieb sie (250) von Nicopolis in Nntcrmösicn zurück; sie kamen aber, von ihrem Könige Kniva geführt, bald wieder, hieben die ganze Armee, die des Decius Sohn anführte, nieder, und verwüsteten Thracien, nebst einem großen Theile von Makedonien. Decius siegte zwar (251) über dieselben; aber er sah seineu Sohn fallen. Nun drang er in die Mitte der Feinde ein, und fand seinen Tod. GalluS bewilligte den schrecklichen Gothen, um nur von ihnen nicht beunruhigt zu werden, einen jahrlichen Tribut; sie fielen aber doch bald wieder in Mösicn und Panuo- nicn ein. Valerians Feldherren hielten sie noch ziemlich glücklich von der Donau ab. Hierauf nahmen sie, in Verbindung mit einigen mit ihnen verwandten Völkern (258 '— 267) einen großen Zug nach Kleinasien vor. Sie fuhren, von der Mündung des Duiesrers, mit einer Flotte von einigen tausend kleinen Schiffen, aus, und fuhren damit über 182 über dar schwarze Meer nach den Küsten von Asien und Griechenland, wo sie sich gewaltig viele Beute holten. Der Kaiser Claudius II richtete aber (269) in Griechenland eine schreckliche Niederlage unter ihnen an; die Zahl der gctödtetcn Gothcn bclief sich ans hundert tausend, und der gefangenen Weiber waren so viele, daß jeder Sieger sich zwei» bis drey aussuchen konnte. Dennoch erlaubte ihnen Aurclius, sich in Dacien niederzulassen. Zum Glücke für die Römer wurden aber die Streifzüge der Gothcn durch die Handel zwischen ihren Fürsten und Edlen auf einige Zeit gehemmt. Die Franken, Sachsen und Alemannen wurden indessen dem westlichen Theile des römischen Staates immer gefährlicher. Die Franken und Sachsen beunruhigten besonders die Küsten von Belgien und Gallien. Maximilian konnte ihnen nicht genug widerstehen, und Carausius, der sich in Britannien zum Kaiser aufwarf, schloß, um sich zu behaupten, sogar eine Verbindung mit ihnen, und gab ihnen nicht nur Schiffe, sondern auch Offi- cierc, die sie in der Schiffkunde, und im See- r8z Seekriege, unterrichten mußten. Nun war es ganz natürlich, wenn die Deutschen im? mer glücklichere Fortschritte machten; wenn die Franken sich in dem jetzigen Holland festsetzten; wenn sie auf der linken Rhein- seitc bis Trier vordrangen, und wenn Maximilian ihnen sogar einen.Theil der Gegend von Trier einräumen mußte. Die Alemannen machten einen Versuch nach dem andern, sich in dem schönen und vortrefflich angebauten Gallien festzusetzen. Sie drangen 140000 Mann stark in Italien ein, schlugen den Aurclian bey Piaccnza, und versetzten Rom in einen großen Schrecken. Erst nach drey Siegen gelang es (271) dem Aurclian, die Alemannen zur völligen Räumung Italiens zu nöthigen. Nach dem Tode des Au- relians, brachten die Alemannen sechzig gallische Städte in ihre Gewalt; Probus jagte sie aber (277) wieder über den Neckar und die rauhe Alb zurück. Er legte, zur bessern Verwahrung der römischen Gränzen, auf der rechten Rheinscitc, einige Festungen an. Die nächsten deutschen Völkerschaften wurden von den Römern so gcdcmüthigt, daß sie nicht nur Vieh und Getreide liefern, sondern auch 16200 l.^4 16000 Mann Rccrutcn stellen mußten, welche unter die Gränztruppcn vertheilt wurden. Probus glaubte, daß es zur Dampfung des kriegerischen Geistes der Franken sehr viel beytragen würde, wenn er einen ansehnlichen Theil derselben in die römischen Provinzen in Italien vertheilte. So schön und so angebaut das Land war, welches man den Franken zum Aufenthalt anwies, so wenig konnten sie sich an einen Zustand gewöhnen, der ihrem Hang zur ungebundenen Freyheit Fesseln anlegte. Sie bemächtigten sich aller Schiffe und Fahrzeuge, die sie in ihre Gewalt bekommen konnten, plünderten die Bewohner der griechischen Küsten, eroberten und mißhandelten die Stadt Syracus in Sicilicn, giengcn nach Africa über, wo sie von Karthago zurückgeschlagen wurden, und fuhren, um Hispanicn und Gallien herum, »ach ihrem Vatcrlande zurück. Constantius, der in Britannien residirtc, sorgte zweckmäßiger für die Verthcilung der muthigcn Franken. Er versetzte (um 298) viele tausend derselben in die verwüsteten Gegenden zwischen der Mosel und der Scheide. Nichts aber wirkte den Streifereycn der Franken und »85 und andrer Deutschen mächtiger entgegen, als Dioclctians Entschluß, die Regierung über den westlichen Theil des römischen Reichs dem Maximian abzutreten, der seine Residenz zu Trier aufschlug. Seitdem war fast beständig ein Kaiser, oder ein Cäsar in der Nähr, und die wüthigen Deutschen fühlten ihre Strcifercyen nachdrücklicher cm? geschränkt. Die römische Gränze wurde nun bis zur Quelle der Donau vorgerückt, und durch Festungen und andre gut? Anstalten gesichert. Kein Kaiser wußte die muthigen Deutschen aber nachdrücklicher in der Furcht zu halten, als Consiantiu dex Große, der die Franken in ihrem eignen Lande besiegte, der, um ihnen Schrecken einzuflößen, zwey gefangene Fürsten derselben zu Rom von den wilden Thieren zerreißen ließ. Seins Siege über die Franken kamen ihm so wichtig vor, daß er das Andenken an dieselben durch ein besondres Fest verewigte. Con- stantin zeigte sich aber auch den Völkern an der Donau, den Gothcn und den Sarma- ten, sehr furchtbar. Die Sarmaten, die zwischen dem karpathischcn Gebirge, dem Don, der Weichsel und der Ostsee, (in Polen 186 lcn und Südrußland) wohnten, wurden erst durch die Römer, hernach durch die Bothen, und endlich durch ihre eigne Leibeigne, denen sie die Waffen in die Hände gegeben hatten, so ins Gedränge gebracht, daß einige hundert tausend von denselben bey den Römern Schuh suchten, die Soldaten und Bauern aus ihnen machten. Die Bothen entschlossen sich gleichfalls, den Römern ein Heer von 40000 Mann in Sold zu geben. Die Gefahr, in welcher sich der östliche Theil des römischen Staates, wegen der Einfalle der Bothen und andrer deutschen Völker, befand, war eine von den Hauptursa- chcn, welche den Constantin bewogen, den Sitz des Kaiserthums (zzo) nach Byzanz zu verlegen, und diese Stadt, dieser Absicht gemäß, zu erweitern und zu verschönern. Jetzt stieg ein kaiserlicher Pallast, so groß und prachtig, als der in Rom, ein Capitolium, ein Amphitheater, und manches andere herrliche Gebäude, in der neuen Residenzstadt empor, nnd die öffentlichen Platze bekamen an Saulenaängcn und össcnt- li- r8? liehen Bädern eine prachtvolle Einschließung. Die großen Freyheiten und Vorrechte, welche die Einwohner erhielten, lockten ganze Schaarcn von Familien aus den benachbarten Ländern herbey; auch wurde die Volksmenge der neuen Residenzstadt, welche Cow stantin nach seinem Nahmen Constantinopel nennte, durch die Leute vermehrt, die uach einer Verordnung desselben, keine Länderey verkaufe» oder vererben durften, wenn sie in der neuen Residenzstadt kein neues Haus ballten. So wurde Constantinopel bald eine der größten, volkreichsten und schönsten Städte. So gab Constantin aber auch Gelegenheit, daß der römische Wcftstaat, zu dessen Theilung jedoch schon durch Dioclctian der Grund gelegt worden war, in der Folge in zwey von einander auf ewige Zeiten abgesonderte Reiche zerfiel. - Constantin, der sich um die Sicherheit des römischen Staates so sehr verdient machte, gab der Einthsilung desselben eine andre Einrichtung. Das Ganze wurde in vier große Theile abgesondert, welche von den General - Gouverneuren, die Präfeeten hiessen. hiessen, Präfccturen gencnnt wurdeit. Jede Prafectur war in Diöcesen, N"d jede Diöccs in eine gewisse Anzahl von Provinzen getheilt, die sich zusammen auf 120 bclicfen. Die vier Präfecturcn waren Orient, Zlly- rien, Gallien und Italien, deren Hauptstädte Constantinvpcl, Thcssalonica, Trier und Rom vorstellten. In dem großen römischen, auf diese Art organisirten Staate machte Consiantin der Große den Glauben der Christen, die bisher so sehr gedrückt worden waren, zur herrschenden Religion. Dieser Glaube hatte sich, aller Verfolgungen ungeachtet, immer weiter ausgebreitet. Von jeher haben aber Verfolgungen keine Ueberzeugung bewirken können, und die Verfolgungen, welche die ren unter der römischen Herrschaft erfuhren, waren meistens weder so allgemein, noch so wüthend, daß sie die Verehrer des Christenthums hätten ausrotten können. Diese Verfolgungen der Christen waren übrigens eine natürliche Wirkung von den Grundsäz- zen der Römer, welche, die Einrichtungen und Anordnungen ihrer Vorfahren heilig ver- verehrend , durchaus keine neue Religion wollten aufkommen lassen. Sie betrachteten die Religion als eine der wichtigsten Angelegenheiten des Staats. Selbst die einsichts- vollesten, die menschenfcenndlichsten Kaiser konnten die Christen für nichts anders, als für Staatsverbrecher, halten. Es war nicht nöthig, das Christenthum erst durch besondre Gesetze zu verbiethen; man durfte nur die bereits vorhandenen Verordnungen, welche alle Religionsncuerungcn untersagten, auf die Christen anwenden. Selbst ein Tra- jan, selbst ein M. Aurcl konnten sie daher nicht schonen. Doch führte Trajan schon ein gesetzmäßigeres Verfahren gegen die Christen ein; er befahl, sie nicht eher zur Strafe zu ziehen, als bis sie regelmäßig angegeben worden wären. Die deswegen gegebenen Verordnungen wurden zwar nicht wieder aufgehoben, aber auch nicht durch neue vermehrt, und die Auslegung derselben hieng meistens nur von den Leidenschaften und der Laune der römischen Statthalter ab. Unter dem Maximin, dem Gallus und dem Valencia wurden die Christen zwar verfolgt, aber nur auf kurze Zeit, und mit ziemlich vieler Scho- 192 Schonung. Das traurigste Schicksal erfuhren sie unter dem Dccius und D-ocletian. Letztrer verfolgte nicht nur die Christen; er focht auch ihre heiligen Bücher an. Gale- rius, der sich anfangs als einen ergrimmten Feind der Christen zeigte, verschaffte ihnen durch eine Verordnung endlich Ruhe. Doch fellist die Verfolgungen der Christen dienten dazu, die Aufmerksamkeit auf ihren Glauben hinzulenken. Unter denen, die den wilden Thieren vorgeworfen, oder mit den ausgesuchtesten Martern hingerichtet wurden, befanden sich zwar viele Schwärmer, aber auch manche edle Menschen, die, aus inniger Ueberzeugung von der Wahrheit des Christenglaubens, demselben ihr Leben aufopferten. Die Standhafligkeit solcher Menschen erregte Bewunderung, und flößte eine hohe Meynung von dem Werthe einer Religion ein, welche selbst die Schrecken des Todes zu überwiegen vermochte. Sicherlich wurde nicht leicht ein standhafter Bckenncr des Christenthums hingerichtet, ohne daß die Zahl derer, die es verehrten, ansehnlich wuchs. Man nennte jene Märtyrer, das das heißt Zeugen der Wahrheit, und das Andenken von den vornehmsten unter denselben ist durch die Nahmen verewigt, welche die Tage in unserm Kalender führen. Zur Ausbreitung des Christenthums trugen aber Handelsreisen, Ausgewanderte, und selbst die römischen Legionen, welche zur Besatzung von Ländern und Städten dienten, sehr viel bey. Das Christenthum fand in Asten, und vornehmlich in Syrien, wo der König von Edcssa sich zu demselben bekannte, ingleichen bey den Arabern, Armeniern und Persern, immer mehr Verehrer. Zu Afrika kam es schon bis nach Abcssynicn, und in Europa hatten sich bereits im zweyten Jahrhundert nicht nut in Hispanicn und Gallien, sondern auch in Britannien, christliche Gemeinden gebildet. Unter den römischen Co- lonicn und Legionen am Rhein und an der Donau gab es auch schon manchen, der den hcydnischen Glauben gegen den christlichen vertauscht hatte. In Zeit von dritthalb hundert Jahren war es so weit gekommen, daß viele von den angesehensten Einwohnern des römischen Staates das Christenthum verehrten. Dieß 1^2 Dieß brächte den schlaue!: Constantin, dessen Vater schon ein Gönner der Christen gewesen war, zu dem Entschlüsse, sich für die mächtige Parthey der Christen zu erklären, um sich auf den Beystand derselben desto sicherer verlassen zu können. Seine öffentliche Erklärung erfolgte (zu) auf dem Zuge gegen den Mapentius, nachdem ihn, wie man erzählt, eine wunderbare Erscheinung dazu aufgefordert hatte. Als er gegen Autergang der Sonne vor seiner Armee hermarschiert, zeigt sich am Himmel ein Krcutz von lauter Lichtsirahlen gebildet, mit der Umschrift: „durch dieses Zeichen erwirb dir den Sieg!" Constantin läßt sich am folgenden Tage eine Fahne verfertigen, (das La- barum) auf welcher das, was er gesehen hat, abgebildet wird. Verschiedene Bischöfe unterrichteten ihn in den Grundsätzen des Christenglaubens. Seine ganze Familie folgt diesem Beyspiele. , Constantin selbst saßt sich (Z24) durch den römischen Bischof Silvester taufen, und wenn er demselben auch kein Land geschenkt hat, so war es für die christliche Gemeinde in Rom, und für den Vorsteher derselben, doch sschon äusserst wichtig, ' ' daß i9Z daß der Beherrscher des Weltstaates sie öffentlich in seinen Schutz nahm; dasi er ih- rem Gottesdienste die herrlichen Tempel einräumte, die bereits vorhanden waren; daß er auch manchen neuen baute. Der römische Staat, welchen Constantin der Große allein mit so vieler Klugheit und Würde beherrscht hatte, kam schon unter seinen Nachfolgern wieder .in Verwirrung. Constantin hinterließ (ZZ7) drey Söhne, welche die große römische Monarchie dergestalt theilten, daß Constantin II die gallische, Constans die italienische und illyrische, und Constantius die orientalische Prafectur, erhielt. Aber sie blieben nicht lange einig. Constantius, der zuerst nach Constantinopel kam, ließ sogleich 10 Personen von der kaiserlichen Familie, und noch verschiedene andere Personen, hinrichten. Der altere Constantin der II verlangte von dem jüngern Constanz, er sollte ihm noch Ztalien und Afrika, abtreten. Darüber brach ein Krieg aus, und Constantin kam (240) in einer Schlacht bey Aquilesa ums Leben. Constanz, der sich, mit Bewilligung des Constantius, GallcttiWcltg.zrTH. N des 194 Landes bemächtigte, welches Coustatttin bet sessen hatte, aber sehr schlecht regierte, wurde zehn Jahre (z50) hernach, in dem Schlosse Helena bey den Pyrenäen, von den Anhängern eines fränkischen Obergenc- rals, des Magnentius, ermordet. Dieser Magnentius, welcher, seines deutschen Nr- sprunges ungeachtet, die feinste Bildung eines Römers besaß, brachte Italien, Afrika und Gallien in seine Gewalt, und ließ sich zum Kaiser ausrufen. Die Armee in Jlly- rien erklärte sich für ihren Obergeneral Vc- teranio. Zu diesen Revolutionen munterte hauptsächlich der unglückliche Krieg auf, welchen Constantius II gegen den neupersischcn König Sapor geführt hatte. Allein Constantius II, welcher von seinen Brüdern noch allein übrig war, nöthigte nicht nur den Veteranio, der kaiserlichen Würde zu entsagen, sondern brachte den Magnentius so ins Gedränge, daß er (Z5Z) zu Lyon sich selbst das Leben nahm. Constantius II herrschte jetzt wieder allein, wie sein Vater. Er fühlte aber die Regicrungslast bald so groß, daß er sie (Z51) mit feinem Vetter Constantius Gallus, dessen Vater und ältern Vru- !95 -Bruder er hatte ermorden lassen, theilte, und ihm die Vertheidigung der asiatischen Län? der übertrug. Aber dieser Cäsar wurde ihm durch seinen Uebermuth bald so gefährlich, daß er ihn (25z) mußte umbringen lassen. An dessen Stelle kam (255) der jüngere Bruder Julian, der nicht nur die Rhein? gränze gut vertheidigte, sondern auch tief in Deutschland eindrang. Constantius) der nun über ihn so mißtrauisch wurde, daß er dessen Armee von ihm abzuziehen suchte, hatte das Mißvergnügen, daß (z6o) diese den Julian, zum Kaiser ausrief. Als er sich zum Feldzuge gegen denselben rüstete, überraschte ihn in Cilicien der Tod. Julian, der wegen seiner Verfolgung der Christen den Beynahmen, Apostata (der Abtrünnige) bekommen hat, besaß Tapfer? keit, Enthaltsamkeit und manche andre gute Eigenschaft, welche die christlichen Geschieht? schreibet' freylich nicht an ihm finden konn? ten. Er entfernte die am Hofe und in den Gerichtshöfen eingcrissenen Mißbräuche, und machte manche vortrefliche Anordnung, um den Wohlstand der Unterthanen zu befördern. N 2 Wenn 196 Wenn er für den Glauben der Christen wenig Zutrauen fühlte, so war seine Erziehung, so war die ungerechte Behandlung, welche die ch'istlichen Kaiser seiner mir ih- ihnen verwandten Familie widerfahren ließen, so war seine Neigung zur Zaubercy und Theurgie, so war sein Umgang mit hevdnischcn Philosophen, daran Ursache. Anfangs wollte er nur eine allgemeine Ne- ligionsordnung einführen, wollte er nur seinem rcformirtcn Heydsnchumc mehr Eingang verschaffen; aber sein Eifer für seinen refor- mirten Götzendienst wurde allmahlig so leidenschaftlich, daß ^r ihn zu harten Verfahren gegen das Christenthum verleitete. Der Wiederherstellte der Ordnung in der Staatsverwaltung wollte sich auch um die Sicherheit der östlichen Gränzen des römischen Staates verdient machen, und deswegen den König von Persien recht empfindlich schwächen. Er zog daher (Z62) nach Syrien, und wählte Antiochien zum Orte seines Aufenthaltes. 'Seine Unternehmungen jenseits des Tigers waren anfangs glücklich; aber der dem Alexander nachgeahmte Entschluß, seine Flotte zu verbrennen, brachte ihn in große 197 große Verlegenheit. Der Mangel an Lebensrnitteln wurde immer fühlbarer. Da nun die Perser gegen die kraftlose Armee immer muthigcr anrückten, so gcrieth sie in die größte Noth. Julian selbst bekam (z6z Jun.) in einem Gefechte eine tödkliche Wun; de, die ihm, wie man vielleicht aus Neli- gionshaß vermuthet, ein Christ beygebracht haben soll. Mit ihm endigte sicss der Manns- stamm der Familie des" großen Constantins. An die Stelle des Julians rief die Armee seinen Obcrhofmarschall Zovian, welcher zu Eingidunum (Belgrad) gcbohren war, zum'Kaiser aus. Dieser mußte, um sich aus einer sehr gefährlichen Lage heraus- zurcisscn, alle Eroberungen senseits des Tigers an den König von Pcrsien abtreten. Er starb zu Nicaca (Z64 Febr.) in Kleinasien,- nachdem er noch nicht 8 Monathe den Kaisertitcl geführt hatte. Die Armee erklärte nun den Valcutinian, den Obersten eines Gardcbatallions, einen braven Officier, zum Beherrscher des römischen Staates. Dieser überließ die östliche Hälfte desselben seinem Bruder Valens. Valcutinian gcrieth mit 198 mit den Alemannen, und andern deutschen Völkern, in einen sehr lebhaften Kampf. Die Alemannen und Franken hatten sich seit dem Tode Constantins des Großen, welcher das Anfehn des römischen Staates so standhaft und glücklich gegen sie vertheidigte, so furchtbar gemacht, daß Constantins sie nur mit vieler Mühe von Gallien zurückhielt. Dieses Land wurde aber hauptsächlich von den Alemannen beunruhigt, die in der Gegend des jetzigen Schwarzwaldcs, im Brcisgau und im Vadcnschen, wohnten. Conjrantius beschloß (Z54) sie in ihrem eignen Lande zu demüthigen. Er gicng deswegen über den Rhein; aber die schlauen Fürsten der Alemannen wußten ihm friedliche Gesinnungen einzuflößen. Der getauschte Constantius mußte es bald bereuen, daß er die Gelegenheit, die 'Alemannen recht empfindlich zu schwachen, nicht besser benutzt hatte. Sie waren, wahrend daß die Franken die Gegenden am Niedcrrhein plünderten und verwüsteten, in Qbcrgcrmanien eingedrungen, und hatten Maynz, BZorms, Speycr, Straßburg, und andere Städte, gemiß- 199 gemißhandelt. Doch der Cäsar Julian trieb sie (Z57) nicht nur wieder über den Rhein zurück, sondern suchte sie auch in ihrem eignen Lande.auf. Die vereinigten Stamme der Alemannen stellten ihm ihr Heer, welches sich auf Z5000 Mann belicf, bei) Strasiburg entgegen. Chnodomar, der Oberbefehlshaber desselben, welcher das uneingeschränkteste Ansehn ausübte, stützte sich, als es zur Schlacht kam, mit einem großen feuerfarbigcn Federbusche auf seinem Helme geziert, uind voll Vertrauen auf seine zahlreichen und tapfern Krieger, auf seine Lanze. Aber diese vermochten endlich dem von feinerer Kriegskunst geleiteten Angriffe der Römer, deren Zahl sich nur auf izooo belicf, so wenig Widerstand zu thun, daß 600» ^ Alemannen gctodtct, und eben so viele gefangen wurden, llntcr den lctztcrn befand sich der stolze Chnodomar. Julian führte hierauf bey Maynz seine Armee über den Rhein, und rächte sich für die Verwüstungen, welche die Alemannen jenseits des Rheins angerichtet hatten, durch das Abbrennen ihrer kleinen Dörfer. Die Einwohner derselben flüchteten in einen dicken, unwegsamen Wald, dessen 2OQ dessen Eingang theils umgehauene Bäume, theils tiefte Schnee, noch mehr versperrten. Julian mußte überhaupt dreymahl über den Rhein gehen, ehe es ihm gelang, die Alemannen alles Widerstandes unfähig zu machen. Die Vortheile, die die glückliche Endigung dieses Krieges dem römischen Staate brachte, waren wichtig genug. Auf 20000 Römer, die sich in der Gefangenschaft der Alemannen befunden hatten, erhielten ihre Freyheit wieder, und die römischen Armeen bekamen manche Schaar von ausgesuchten alennmmschen Jünglingen. Eben so glücklich bckriegre Julian die Franken, die bereits bis in die Gegend zwischen der Maas und Scheide vorgedrungen waren. Die gefangenen Franken, die er dem Kaiser Constan- tiuö schickte, kamen den Römern wie Thürme vor. Constantius reihte die Alemannen gegen den Julian zu Feindseligkeiten, die desselben ^u dem Entschlüsse brachten, das vicrtcmahl (z6i) über den Rhein zu gehen. Die folgenden Kaiser wußten sich aber nicht so, wie Julian, den Deutschen furchtbar zu machen. Vielmehr gedieh es dahin, daß die Römer die Strciftreycn derselben durch jähr- 2Ol jährliche Geschenke abkaufen mußten. Diese wollten ihnen Valcutinians I Minister ab- streiten. Die Alemannen gicngen nun über den Rhein, um sich durch Beute zu entschädigen. Valentinian nahm (z68) selbst einen Fcldzng gegen die Alemannen vor. Er rückte mir drey Colonnen bis in die Gegend von Nothweil am linken Ufer des Neckars; aber sowohl der beträchtliche Verlust, den er in einem blutigen'Gefechte erlitten hatte, als der herannahende Winter, bewogen ihn, den Rückzug anzutreten. Im Grunde war durch diesen Fcldzng wenig bewirkt worden. Dennoch hatte Valentinian über den Aus« -gang desselben eine so große Freude, daß er zu Trier herrliche Schauspiele veranstaltete. Die Festungen am Rhein wurden jetzt nicht nur wieder hergestellt, sondern auch durch neue vermehrt. Um die Alemannen, und vornehmlich diejenigen, die zwischen dem Mann und der Lahn ihre Wohnsitze hatten, und die sich am längsten-wehrten, völlig zu schwächen, verband sich Valentinian mit den Fürsten der Burgunder, welche von der Weichsel her bis an den Mayn gezogen waren. Diese drangen bis an den Rhein vor, und 2O2 und die Alemannen gcricthen in so große Verlegenheit, daß sie zum Theil nach Nhä- tien flüchteten. Die Nahe der Burgunder schien den Valcntinian aber so sehr bedenklich, daß er weiter keinen Beystand von denselben verlangte; nun wollte er jedoch auch das nicht halten, was er ihnen versprochen hatte, und die Burgunder kehrten mit dem lebhaftesten Unmuthe über das Verfahren der Römer in ihr Land zurück. Va- lentiuian that (Z71) noch einen Feldzug gegen die Alemannen; aber er konnte sie nicht zur Unterwerfung bringen. Einen eben so lebhaften Kampf verursachten den Römern die deutschen Völker an der Donau. Quadcn, Gorheu, Wandalen und Alanen machten unaufhörliche Versuche, in die römische Provinzen einzudringen. Die Quadcn, die sich im jetzigen Mahren, und im westlichen Theile von Ungern bis an die Donau, ausbreiteten, giengcn manchmal über diesen Strom, um die Bewohner der römischen Länder zu plündern. Zuweilen schlössen sich die in Polen und Südrußland wohnenden Sarmatsn an sie an. Schon der 20 Z der Kaiser Consiantius war dadurch zu einem Feldznge gegen sie bewogen. Er drang bis in die Gegend vor, wo die Donau die Gran aufnimmt. Hierauf wurden einige guadischc Stämme Unterthanen, andere aber Bundesgenossen der Nomer. Als die letztem zur Zeit des Valcntinians, von einem Statthalter treulos behandelt wurden, drangen sie in das römische Gebieth ein, und hieben fast zwey ganze Legionen nieder. Valcnti- man wurde jetzt wegen des Schicksals der römischen Provinzen an der Donau so besorgt, daß er (Z74) vom Rhein nach Pan- nonien eilte. Zwar drang er in das Land der Quadcn ein, aber Gebirge (die karpa- tischen?) verhinderten ihn, sie weiter zu verfolgen. Es erschien vor ihm ( Z75 Nov.) eine Gesandschaft der Quaden. Ueber diese erzürnte sich Valcntinian so gewaltig, daß er während des Redens von einem tödtlichcn Schlagflussc befallen wurde. Wegen seiner Grausamkeit und Habsucht wurde sein Wer-' Znsi von niemand bedauert. Sein Bruder Valens schlug sich indessen nicht nur M den Gothen und Persern, sey' 2O4 sondern auch mit' einem Geaeukaiser, her- um. Der letzte, Procopius, ein Verwandter Julians, hatte sich (z6z) in Kleinasien zum Kaiser aufgeworfen; er spielte seine Rolle aber nicht langer als 8 Monathe. Valens rückte (z66) gegen ihn an. Pro- copius, den seine Leute verliefen, wurde gefangen und hingerichtet. Gefahrlicher war (572) der Kampf mit dem persischen Sa- por, der Armenien und Jbcrien (das jetzige Imirettc) sich unterwürfig machte, und noch gefährlicher der Kampf mit den Gothen. Ueber die Ostgothcn herrschte damahls der König Hermanrich, der eine Menge kleiner Völker unterjochte, und dadurch einen Staat bildete, der sich, vom Dniester und Don bis an die Ostsee, erstreckte. Die Westgothen, die sich um diese Zeit, von der rechten oder westlichen Seite des Dniesters, durch Polen, die Walachei), Siebenbürgen und Sbcrungern ausbreiteten, hatten den Athancrich zum König, mit welchem Valens drey Zahrc lang (Z67 — Z69) einen Krieg führte, der sich zum Nachtheile der Westgothen endigte. Diese mußten nehmlich ihrem jährlichen Tribut entsagen, und 20Ü Siebentes Kapitel. Geschichte von China. Ankunft der Hunnen in Europa Gänzlicher Verfall des weströmische» Kaistrlhums. ^n Asien stand, ausser dem römischen Provinzen, blos Neupcrsien mit der übrigen Welt, und vornehmlich mit dem römischen Weltstaate, in einer unmittelbaren politischen Verbindung. Indien und Arabien waren den Römern blos in Ansehung des Handels wichtig. Aber auf der Ostseite Asiens breitete sich, schon seit vielen Jahrhunderten, ein ungeheurer Staat aus, dessen Daseyn den Römern jetzt kaum bekannt zu werden am fieng, welcher aber dem ungeachtet auf andre Lander 2L? Länder Asiens, und besonders auf den mitt- lern Theil desselben, einen nicht unbetracht- liehen Einfluß hatte. Dieser Staat, der von den Nüssen und Nordasiaten Kitaj, von den Südasiaten aber Sina oder China (Tschina) gcnennt wird, entstand erst zu Han- nibals Zeiten; aber die chinesische Nation war schon 1200 Jahre vor unserer Zeitrechnung so gebildet, daß ihre vornehmsten Begebenheiten aufgezeichnet wurden, daß ihre Annalisten seit 722 v. Chr. alle Sonnenfinsternisse anmerkten. Unter mehrere kleine Staaten vertheilt, konnte jedoch diese Nation keine, bedeutende Nolle spielen. Die kleinen Staaten geriethen sehr oft in Handel, in Kriege, die weiter keine wichtigen Folgen hervorbrachten, als daß sie den tragen Geist der Chinesin etwas mehr zur Thätigkeit stimmten. Diese hatten indessen doch schon die meiste-Cultur, die ihnen jetzt eigen ist; denn es giebt unter den Bewohnern unserer Erde wenige Nationen, die, so wie die Chinesin, den von ihren Vorfahren ererbten Sitten und Kenntnissen so standhast treu geblieben sind. Sie hatten damahls eine sehr vernüstige Religion. Sie machten sich 2O8 sich von der Gottheit so reine und richtige Vegriffe^ daß sie keine Götzenbilder/ keine vergötterten Menschen/ keine leblosen Dinge, sondern nur ein einziges höchstes Wesen, verehrten. Zn der Folge nahmen sie die Gewohnheit an, demselben ihre Dankbarkeit durch Opfer von Thieren, und von Fcldfrüchtcn, zu erkennen zu geben. Sie brachten ihm diese Opfer zur Zeit der Sonnenwende und der Nachtglcichen; sie brachten sie anfangs unter freyem Himmel, und hernach in Tempeln. Die Unsterblichkeit der Seele gehörte zu ihren vornehmsten Reli- gionsmeyuungen, und sie glaubten, daß die vom Körper getrennten Seelen zu dem höchsten Wesen versammelt würben. Diesen Glauben aber öemühcte sich (600 v. Chr.) Lao-kjun, der Epikur der Chineser, ihnen zu entziehen. Dieser berühmte Mann, dessen Mutter auf eben die Art, wie Maria von Nazarcth, in den- Stand der Fruchtbarkeit versetzt worden seyn soll, lebte, nachdem er die Geschichte und die Gebrauche seiner Nation studiert hatte, als ein frommer Einsiedler in großem Ansehn, und pries diese Lebensart auch seinen Freunden und Sehst-- 2O9 Schülern als ein wirksames Beförderung^ Mittel der Moralität an. Um ihnen aber das Andenken an seine guten Lehren zu erleichtern, hinterließ er ihnen eine Sammlung von 6ooo moralischen Sprüchen. Seine Philosophie gründete sich hauptsächlich auf den Satz, daß Gott und die Seele körperlich und folglich vergänglich waren. Durch diese Behauptung fiel eine starke Stütze der Moralität hinweg. Seine AnHanger und Verehrer überließen sich um so bereitwilliger dem Genusse der sinnlichen Lebensfreuden. Von Einem körperlichen Gott giengen sie sehr leicht zu mehrern, zur Abgöttern), und selbst zur abgöttischen Verehrung der Fürsten und Helden, über. Da sie auf den Lebensgenuß einen so großen Werth setzten, so war ihnen die Kunst, das Leben zu verlängern, sehr wichtig, und sie übten diese Kunst mit vielen abergläubischen Gebrauchen aus. Doch fünfzig Jahre nach dem Laokjun stand ein frommer Schwärmer auf, der mit dem wärmsten Eifer daran arbeitete, die Grundsatze der Verehrer des Laokjuns auszurotten. Konfutse, in der jetzigen Provinz Schangton gebohren, und von Jugend auf Gallctti Weltg, 5r Th. O mit 2IO mit der Philosophie, und vornehmlich mit der Moral, genau bekannt, gab bis in sein 55stcs Jahr einen herumziehenden Tugend- lchrcr ab, wurde sodcnn erster Minister des Königs von Lu, dessen Staat die Weisheit des ^philosophischen Rathgebcrs seiner Monarchen auf eine sehr wohlthätige Art erfuhr, und legte, weil der König und seine Hoflcute seine strenge Sittcnlehre nicht pünktlich genug in Ausübung bringen wollten, seine hohe Stelle nieder, um seine philosophische Wanderungen von neuem fortzusetzen. Nach mancherley Schicksalen starb er als ein Greis von 7z Jahren (478). Man widmete ihm ein prächtiges Grabmahl, und eine fast göttliche Verehrung. Die Religion, die er lehrte, war im Grunde eben die, welche vor Laokjnns Zeiten in China geherrscht hatte. Er schrieb und lehrte Sachen, die weder Er noch sonst ein Sterblicher verstand. Aber um so mehr wurde seine hohe Weisheit bewundert. Sie wurde und blieb die Staatsreligion. Die Chincser hatten um diese Zeit aber nicht nur philosophische, sondern auch andre Kentnisse, welche vor der Philosophie vorausgehen müssen. 211 sen. Sie waren unter andern in der Stern? künde, die sie wahrscheinlich aus Babylon bekommen hatten, schon so weit fortgeschritten, daß sie das Sonnenjahr von z6; Tagen und einigen Stunden kennten. Sie bedienten sich schon seit langer Zeit einer Art von Bilderschrift, welche aus vielen tausend willknhrlichcn Zeichen der Wörter zusammengesetzt war. Sie schrieben auf hölzerne Tafeln mit eisernen Griffeln, oder auf Stücke von Seidenzcug und Leinewand. Ihre Regierungsfvrm war von jeher monarchisch. China befand sich damals schon in einem glückliche!: Zustande; aber, unter mehrere Staaten getheilt, konnte es auf entfernte Lander wenig Einfluß haben. Dies dauerte so lange, bis die chinesischen Staaten unter einem gemeinschaftlichen Beherrscher vereinigt wurden. Die Uneinigkeit, die unter den Königen von China herrschte, erleichterte es dem einen derselben, dem Tsching- wang, sie größtentheils unter sein Zoch zu beugen. Man nennte ihn deswegen Schi- hoangti d. i. den erhabenen Kaiser. Da er H 2 sich 212 sich über manche Vsrurtheile der Chincser hinwegsetzte; da er bey seinen Veränderungen in der Staatsvcrfassung sehr eigenmächtig verfuhr, so fühlte sich mancher von den Großen der Nation sehr beleidigt; so regte sich hier und da Unzufriedenheit, die zuweilen in laute Klagen ausbrach. Hauptsächlich wurden diese Klagen durch die schweren Arbeiten verursacht, welche der leidenschaftliche Baugcist des Schihvangti den Chinesern auflegte. Er ließ besonders viele Denkmähler von Gold und von Erz verfertigen, die ein so erstauncnswürdigcs Gewicht hatten, daß es mehrere von den folgenden Kaisern schon für eine große Unternehmung hielten, sie von einer Stadt in die andere schaffen zu lassen. Diese Bildsäulen und andre Denkmähler waren zur Zierde der herrlichen Pallaste bestimmt, die er in seiner Residenzstadt Sinangfu aufführen ließ. Die Chincser, von jeher so große Verehrer des Alten, erstaunten über die kühnen Neuerungen ihres Kaisers, und die Gelehrte» äusserten sich sehr laut darüber, daß die Pracht, die Schihvangti einführte, von der Sittcncin- falt der vorigen Zeiten, die man in alten Büchern 21 Z Büchern beschrieben fände, sehr verschieden wäre. Ihre unvorsichtigen Aeusserungen bewirkten, daß Schihoaugti die Gelehrten nicht nur drückte, sondern daß er auch den Entschluß faßte, alle alten Bücher verbrennen zu lassen, und dieser Befehl wurde so pünktlich vollzogen, daß nur diejenigen Bücher übrig blieben, die von der Arzncywis- scnfchaft, von der Landwirthschaft, von der Sterndeutern), und von andern dergleichen Kenntnissen, handelten. So wenig aber Schihoangti ein Gönner der Gelehrten und der Wissenschaften war, so sehr machte er sich um die Verfassung, und die Sicherheit seines großen Staates, verdient. Er theilte denselben in 40 Statthalterschaften, und versah die Gerichtshöfe mit zweckmäßigen Gesetzen. Er schickte eine chinesische Colonie nach einer von den japanischen Inseln, um den Handel seiner Nation zu befördern. Da die an die Nordfeite von China gränzenden Tataren (d. i. Ausländer oder Nicht- chiueser) das Reich durch ihre Stveifereyen sehr oft heimsuchten, so hatten schon die kleinen Könige ihre Gränze nicht besser, As durch eine Mauer mit Thürmen, zu sichern gewußt. 214 gewußt. Diese einzelnen Granzmauern beachte Schihoangti in Verbindung, und daraus entstand die berühmte chinesische Mauer. Er regierte z/ Jahre (bis 210 v. Chr.). Der mächtige Staat, den Schihoangti gebildet hatte, blieb nicht lange ungethcilt. Sein ältester Sohn, welchen er zu seinem Nachfolger ernennt hatte, wurde von dem jüngsten verdrängt, und dieser stellte noch obendrein einen schlechten Regenten vor. Dieß veranlaßte (297) eine Revolution. China zerfiel wieder in mehrere Staaten, und niemahls war die Verwirrung größer gewesen. Allein Lieupang, aus der Provinz Kiangnan. der sich vom Anführer einer Bande von Straßenrändern bis zum General emporgeschwungen hakte, warf sich <206) zum König auf, und brachte, von Glück und Klugheit unterstützt, alle besondern Staaten von China in seine Gewalt. Er stiftete die Kaiserfamilie Hang, welche 426 Jahre über China geherrscht hat. Während der Regierung der Kaiser aus der Familie Hang hatte die Macht des großen 215 ßen Staates von China nicht nur auf die benachbarten, sondern selbst auf die entfernten Lander in Asien, einen nicht unbedeutenden Einfluß. Die Tataren, die Schihoangti weiter nach Norden zurückgedrängt hatte, waren, wahrend der nach seinem Tode herrschenden Verwirrung, wieder vorgerückt, und hatten China durch ihre Einfalle manchmal beunruhigt. Die nun wieder vereinigten Kräfte der Chincser wurden aber den Tata, ren bald so unwiderstehlich, daß jene bis in die Bucharey an der Ostscite des kaspischcn Meeres, bis nach Samarkand und bis nach Kaptschak am Ausflusse der Wolga, vordringen konnten. Die kleine Bucharey wurde eine chinesische Provinz. Die chinesischen Kaiser machten aber auch auf der Südseite ihres Reiches Eroberungen. Sie besetzten die hintcrindischcn Länder Tunkin, Kotschin- Tschina, Pcgu, Siam, Camboya; sie kamen sogar über den Ganges bis nach Bengalen, und bis nach Khorasan in Pcrsien. Eine chinesische Armee marschierte nach Samarkand, um den dasigcn Konig abzusetzen; die Fürsten von Kaptschak mußten Geschenke schicken, und selbst der König von Parthien gab 2l5 gab dem Kaiser von China Beweise seiner Hochachtung. Zu Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, richtete ein chinesischer Kaiser seine Aufmerksamkeit sogar auf die römischen Provinzen in Asien. Die Bewoh- itpr derselben gaben sich alle Mühe, mit den Chinesern unmittelbare Handelsgcschasste zu machen; sie wurden aber von den Parthern daran gehindert. Der Kaiser Antonin der Philosoph schickte endlich eine Gesandtschaft von Kaufleuten über Indien nach China, die dem Beherrscher dieses Reiches Geschenke brachten; man weiß aber nicht, wie viel diese Geschenke, und diese Gesandtschaft, bewirkt haben. Gegen das Ende des zten Jahrhunderts sollen die asiatischen Römer den Chincscrn abcrmahls Geschenke überbracht haben. China hatte wahrend der Zeit manchen wohlthatigen Kaiser, der Wissenschaften und Künste beförderte. Zur Zeit des Kaisers Nero kam eine neue Religion nach China. Dieß war die Religion des Fo, unter welchem Christus verstanden werden soll. Aber die Geschichte und die Grundsätze des Christenthums sind in der Religion des Fo, durch viele mahrchenhaste und abcn- 2l7 abcnthcucrlichc Zusätze, so cnstellt, daß matt sie, ohne absichtlich darauf auszugehen, gar nicht wieder finden rann. Unter den Tataren, welche die nordlichen Nachbarcn von China abgaben, steckten nun die Vorfahren der jetzigen Mongolen und Kalmücken, ingleichcn der Hunnen, die in dem letzten Viertel des 4tcn Jahrhunderts, nach Europa kamen. In ihrem ursprünglichen Vatcr-lande, der jetzigen Kalmücke»), waren sie den Chinescrn durch ihre Strcifcrcycn manchmal sehr lastig geworden. Als sie aber die Mauer der Chineser, und andre gute Vcrthcidigungsanstalten derselben, von China zurückhielten; als die mächtigen chinesischen Kaiser sie in ihren Wohnsitzen sehr ins Gedränge brachten; da suchten sie immer mehr von China, wo sie keine Beute mehr holen konnten, sich wegzuziehen, und so kamen sie endlich an der Wolga, einem ins kaspische Meer fließenden Strome, an. Dieses zahlreiche Volk der Hunnen, war, sowohl in Ansehung seiner Gestalt, als seines Körpers, von allen Nationen, die man damahls damahls in Europa kannte, sehr verschieden. Von dem plattgedrückten Kopf hinab, über die breiten Schultern, hicng ein schwarzes, langes und schmutziges Haar, welches dem gelblich schwärzlichen Gesichte mit eingebogener Stirn, kleinen tiefliegenden Augen, geplättscherter Nase, und bartlosem Kinne, ein schreckliches Ansehn gab. Der häßliche Kopf saß auf einem kurzen Halse, an welchen sich eine breite Brust mit einem schmal ablaufenden Rumpfe, und gedrungenen, festen Gliedern anschloß. Diese schrecklichen Leute ritten sehr schnell daher, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet. Ihr Angriff war husarenmäßig, schnell und ungestüm, in regellosen Haufen, die sich leicht trennten, und die Fronte veränderten. Sie hatten mit den jetzigen Kalmücken und Kirgisen die meiste Aehnlichkcit; auch gehörten sie zu den Stammvätern derselben. Den Nahmen Hunnen erhielten sie von den von ihnen manchmal unterjochten Tungusen, die sie in ihrer Sprache Hunju (Herren) nennten. Diese Hunnen sielen nun nach ihrem Ucbergange über die Wolga zuerst (Z75) über 2IY über.die erstauntenLtlancn her, einen schön- gewachsenen Vülkerstamm mit gelblichen Haaren, der sich zwischen der Wolga und dem Don ausbreitete, blos von der Zagd und Viehzucht lebte, und eine vortrcfliche Reiterei) abgab. Dennoch waren die Alanen nicht im Stande, den unerwarteten Angriff der Hunnen auszuhalten, und die meisten von ihnen faßten in der Verzweiflung den Entschluß, sich den barbarischen Siegern zu unterwerfen. Die Hunnen, die sich über die Verbindung mit einem so kriegerischen Volke freuten, setzten nun über den Don, und stürzten sich über die Sstgothcn her. Der hundertjährige König Hermanrich versuchte es vergeblich, seinen erschrockenen Osi- gothen Muth einzuflößen. Um der Gefangenschaft der fürchterlichen Hunnen zu entgehen, nahm er sich selbst das Leben. Eben so wenig gelang es dem wcstgothischen Könige Athanerich, den Hunnen den Uebcrgnng über den Dniestcr zu verwehren. Er flüchtete mit einem kleinen Haufen von seinen Lands- leutcn in das karpathische Gebirge; die mei« sten Wcstgothen aber eilten, auch von den Ostgsthcn gedrängt, nach der Donau, und fiehcten flchctcn den Kaiser Valcns uni die Erlaubniß an, im römischen Thracien, jenseits des Stromes, ihre Rettung suchen zu dürfen. Schon befanden sich viele tausend Go- then, und andre Deutsche, in den verwüsteten Provinzen an der Donau. Wenn zu diesen noch der ungeheure Schwärm von einer Million Menschen, unter welchen sich wenigstens zwcymal hundert tausend Männer zahlen ließen, hinzukam, so war dieß für die römischen Besitzungen dieser Gegend allerdings sehr bedenklich. Wie wollte man der Naubsucht der vielen muthigen Deutschen, die man nun so in der Nahe hatte, Einhalt thun? Wie konnte man dieß, da die Zahl aller römischen Soldaten sich damahls nicht über 150000 Mann bclicf? Allein die rüstigen Deutschen gaben vortref- liche Soldaten ab. Man konnte, wenn man ihnen einen Theil der verwüsteten Lander einräumte, den Sold und das Wcrbc- gcld ersparen. Auch schmeichelte es der Ei'- tclkeit des zu Antiochicn sich befindenden Kaisers Valcns, und feiner Günstlinge, daß s° 22! so tapfere Leute sich in den Schutz der Römer begaben. Man wurde also mit ihnen einig, daß sie Land bekommen, aber dafür auch Kriegsdienste thun sollten. Den ganzen großen Haufen aber auf einmahl übersetzen zu lassen, widerricth die Vorsichtigkeit. Die Gothen sollten in kleinen Abtheilungen , sollten ohne Waffen über den Strom gehen, und sichs gefallen lassen, daß ihre Kinder in Kleinasien vertheilt römisch erzogen würden. Mit dem Uebcrsctzen gieng es etwas langsam her. Darüber wagten sich einige junge Leute, die ungeduldig zu werden anficngcn, selbst über die Donau; aber die meisten wurden niedergehauen, oder gefangen. Die Gothen fühlten sich gekränkt, daß sie ihre Waffen abgeben sollten. Doch schöne Weiber und Kinder, ingleichen andre Geschenke, bewirkten, daß die römischen Ossiciere, welche auf die Beobachtung des kaiserlichen Befehles sehen sollten, sich sehr nachsichtsvoll bewiesen. Eine so große Menge von Leuten, als die Gothen ausmachten, brauchte viele Lcbensmittel. Diese waren in Thracien, in dem Lande, in welches die Gothen versetzt worden waren, in großem Ueber- 222 flusse verhandelt, und dennoch benutzten die römischen Staatsbeamten die Verlegenheit der Deutschen, sich ihre Bedürfnisse theuer, zuletzt mit ihren Kindern, bezahlen zu lassen. Die Gothen ficngen an, sehr laute Beschwerden zu führen. Nun ließen sie die römischen Staatsbeamten in die innern Provinzen bringen. Zur Bedeckung derselben brauchte man die Soldaten, die bisher zur Bewachung der Donau gedient hatten. Jetzt kamen die Ostgothcn, die man vorher abgewiesen hatte, auf Flößen nach Mosten (Scrvtcn und Bulgarien), und der Weg über die Donan blieb für die Deutschen nun immer geöffnet. Ihre Menge in den römischen Provinzen diesseits der Donau wurde jetzt immer zahlreicher, und ihr unbändiger Frcyheitsgeist äusserte sich jetzt immer lebhafter. Die von den römischen Staatsbeamten gar zu sehr gedrückten Wcstgothen empörten sich, lind verheerten Nicdcrmösicn und Thracien. Mit ihnen vereinigten sich viele Landleute, die theils als Colonisten, theils als Sklaven, unter den Römern gelebt hatten. Vorzüglich gute Dienste thaten ihnen bie thräeischen Bergleute ihrer Nation. Sie 22 Z Sie wählten sich jetzt einen ihrer edelsten und tapfersten Männer, den Frithigern, zum König. Ihr Hauptlagcr schlugen sie bey den Ausflüssen der Donau auf, und wenn auch Adrianopel und andre feste Städte vor ihrem tteberfalle sicher waren, so waren die unbewohnten Ocrtcr ihrer Plünderung und Mißhandlung um so mehr ausgesetzt. Doch Valens ließ gegen die Deutsche», welche die Donauprovinzen verwüsteten, ein Heer anrücken. Die Generale desselben macht tcn ihre Einrichtung so gut, daß die eingeschlossenen Gothcn durch Mangel an Lebensrnitteln in große Verlegenheit kamen. Nun häuften sich aber im Rücken der römischen Armee große Schaarcn von Ostgothen, Alanen und andern Deutschen, an welche sich auch Hunnen anschlössen, und jene sahen sich dadurch zur Veränderung ihrer Stellung genöthigt. Gratian, den Valens zu Hülfe gerufen hätte, wurde durch Alemannen und O.uaden aufgehalten. Indessen reihte der erbärmliche Zustand, in welche die Donauprovinzen durch die erbitterten und raubsüch- tigen Deutschen versetzt worden war, den von 224 von Antiochicn hcrbeygecilten Valens so mächtig zur Rache, daß er, ohne den nahen Gratian zu erwarten, die bis Adrianopel vorgedrungenen Gothen anzugreifen beschloß. Aus Eifersucht wollte er, wie man glaubt, den Ruhm, den er sich durch einen Sieg über die Deutschen zu erwerben hoffte, mit dem Gratian nicht theilen. Vergebens anst scrte Frithigern, welcher wegen eines Kampfes mir der römischen Armee nicht unbesorgt war, das Verlangen, der Schlacht durch einen Vergleich zuvorzukommen. Va- lens ließ sich durch keine Friedensantrage, durch keine Vorstellungen, zurückhalten. Er griff (378 Aug.) die Gothen wirklich an. Aber die leichte Cavallerie der Gothen, auf welche Valcns wegen ihrer Entfernung nicht gerechnet hatte, kam so schnell herbey, und zerstreute die römische mit so unaufhaltsamer Behendigkeit, daß das auf den Flügeln entblößte Fußvolk umringt und niedergehauen werden konnte. Die Römer büßten fast alle Officiere, und 40000 Gemeine, zwey ganze Drittel von ihrer Armee, ein. Valens selbst hatte, als er sich auf der Flucht in einer Vauernhütte verbarg, das traurige Schicks 22H Schicksal, in derselben zu verbrennen. Bis zum adriatischcn Meere hin, wurde nun von den unbarmherzigen Deutschen alles schrecklich verwüstet. Selbst die Vorstädte von Constantinopel blieben nicht verschont. Gratian, der (Z75) seinen Vater Va- lcntinian I gefolgt war, und seinem Bruder Valentinian II die Regierung der italienischen und illyrischen Präfcctur anvertraut hatte, theilte, als er durch den Tod des Valens alleiniger Beherrscher des römischen Welt- siaates wnrde, die schwere Regicrungsbürde desselben mit dem vortrefflichen Theodos, einem Spanier, der, vom Hofe ungerecht behandelt, im stillen, aber glücklichen Privatstande lebte. Der edeldenkende, muthige und rastlosthätige Theodos, der, mit einem Alter von zz Jahren, eine ausgezeichnete Kriegscrfahrenhcit vereinigte, übernahm die Vertheidigung der östlichen Länder des römischen Reichs, und nur seiner einsichtsvollen und klugen Benutzung der noch übrigen Hülfsquellen derselben hatte man seine Rettung zu danken. Die Armee wurde, so gut als es die Umstände erlaubten, ergänzt. GallettiWkllg.5tTb. P Der 226 Der Soldat erwarb sich, durch die nähere Bekanntschaft mit den Gothen, die ihm bisher so fürchterlich vorgekommen waren, wieder Muth. Die weisen Anordnungen des Theo- dosius wurden aber auch vom Glück unterstützt. Der Tod raubte den Gothen ihren braven König Frithigcrn, und mit diesem Manne von so entschiedenem Anschn schien alle Einigkeit unter den gothischen Feldherren verschwunden. Ihr furchtbares Heer Zösete sich in mehrere Abtheilungen auf, die zum Theil in römischen Sold traten. Zwar schlössen sich viele Krieger des Frithigern an den alten wcstgothischen König Athanerich an, der sich jetzt aus dem karpathischcn Gebirge wieder hervorwagte; dieser fühlte jedoch so wenig Neigung, den Krieg zu erneuern, daß er vielmehr selbst nach Constan- tinopcl gicng, um sich mit dem Kaiser Theo- dos zu vergleichen. Hier starb er aber ( z8i) und vielleicht ward sein Tod durch den übermäßigen Genus; der Tafclfrcuden beschleunigt. Die eines gemeinschaftlichen Oberhauptes beraubten Gothen nahmen nun römische Kriegsdienste an, wofür ihnen Länderey eingeräumt wurde. Seitdem hatten die römischen Kaiser eine 227 eine Armee von 40000 Gothen in ihrem Sold. Die übrigen Bothen wohnten dörfweise, oder gar in zerstreuten Hütten, und Gothen traf mau jetzt nicht allein in Thracien, sondern auch in Italien und Kleinasien, an. Während daß nun Theodosius, durch seine klugen und entschlossenen Anordnungen, den Orient noch vom Untergange rettete, brachte sich Gratian im Occident, durch seine Unbesonnenheit, um alle Liebe, um alles Zutrauen. Unter seinen Soldtruppen befand sich auch ein kleines Heer von Alanen. Diesen räumte er, wegen ihrer besondern Geschicilichkeit in der Jagd, so viele Vorzüge ein, daß er sich bey den übrigen Soldaten dadurch verhaßt machte. Da er sich nun in seiner Regierung überhaupt sehr nachläßig bewies, so durfte es Maximus, ein Landsmann und alter Nebenbuhler des Theodosius, um so eher wagen, sich in Gallien zum Kaiser auszuwerfen. Gratian verlohr (z8z) eine Schlacht gegen ihn, und wurde auf der Flucht bey Lyon ge- tödtet. Maximus war jetzt so mächtig, daß ihm Theodosius, doch unter der Bedingung, daß er den Valentinian II im Besitze von P 2 Italien 228 Italien nicht beunruhigen sollte, die jenseits der Alpen liegenden Provinzen überliest. Ma- pimus erfüllte jedoch die ihm vom Theodosius gemachte Bedingung nicht. Er nahm vielmehr, um dem Nalentinian Italien zu entreißen, eine große Armee von Deutschen in Sold. Allein Theodos, der sich aus Dankbarkeit gegen den Gratian, dem er die Kaiserwürde schuldig war, des Valcntinians an- cinnahm, zog (z88) gegen den Maximus zu Felde, schlug ihn bey Agnilcja, und liest ihn enthaupten. Auch den Victor, den unmündigen Sohn des Mapimus, und dessen Vormünder, ließ Theodos hinrichten. Die vornehmste Stütze Valentinias II aber war der frankische Edle Arbogast, ein einsichtsvoller, tapferer Feldherr, der zu Valentinians Rettung sehr viel bengctragcn hatte. Das Gefühl seiner Wichtigkeit machte ihn jedoch so übermüthig, daß sich Valcntinian seiner zu entledigen suchte. Er wollte ihm daher die Obcrfoldhcrrnstelle nehmen. Allein Arbogast stand bey der Armee in so großem Ansehn, daß Valcntinian seinen Plan nicht durchsetzen konnte, daß er vielmehr, wahrscheinlich auf Arbogasts Veranstaltung, (Z92) ermordet wurde. 229 wurde. Vielleicht hieng es jetzt blos vom Willen des Arbognsts ab, den Kaiserthron zu besteigen. Er hielt es aber für rathsamcr, eine» Kaiser zu schaffen, der sich von ihm lenken lassen müßte. So wurde der bisherige Großkanzler Eugcnius Beherrscher des römi- sehen Occidents. Allein Theodosius wollte zu dieser Veränderung so wenig seine Einwilli- gung geben, daß Eugenius Anstalten macheu mußte, sich mit Gewalt auf dem Throne zu behaupten. Er nahm deswegen viele Franken und Alemannen in Sold. Doch ThcodosiuS siegte (Z94) über ihn am Frigidus (Wybaeh) nicht weit von Aquileja. Eugenius war so Unglücklich, in des Theodosius Gefangenschaft zu gerathen, und dieser ließ ihn, als einen unrechtmäßigen Besitzer des Thrones, hinrichten. Arbogast, der nun auch kein gutes Schicksal erwarten konnte, stürzte sich in zwey Schwcrdter zugleich. Theodosius war nunmehr alleiniger Beherrscher des römischen Reiches; aber schon im folgenden Jahre (zy;) überraschte ihn der Tod. Um die Vertheidigung des Reiches, besonders gegen die Go- then, erwarb er sich große Verdienste; aber durch seine Einmischung in die Zankereyeu der 2ZO der Theologe», und durch seinen Verfolgungs- cifer, brachte er heftige Erschütterungen Hers vor, die das von ihm gc stete Gute zum Theil wieder vernichteten; auch bewirkten die nun in Sold genommenen deutschen Truppen manche Neuerung in Ansehung der Waffen und der Kriegskunst. Thcodos hinterließ zwey Söhne, den Ar- cadius von achtzehn, und den Honorius von eilf Jahren. Zwar wies er jedem eine besondere Residenz an; aber eigentlich sollte es noch immer Ein Reich bleiben. Beyde Prinzen hatten wenig Fähigkeiten; beyde waren so kraftlos und so kenntnißlecr, als die meisten Römer ihrer Zeit. Theodos hatte daher die Nothwendigkeit gefühlt, jeden von seinen Söhnen mit einem erfahrnen und einsichtsvollen Rathgebcr zu versehen. Diese Männer waren keine Römer. Stilico, der dem Honor zugesellt wurde, war ein Vandale, der sich im römischen Kriegsdienste bis zur Würde eines Qberfeldherrn emporgearbeitet hatte. Theodos hatte ihn mit seiner Nichte Scrcua vermählt, und man hielt ihn fast allgemein für denjenigen, welcher den Verlust des Theodos dos ersetzen könnte. Der Regierungsgehülfe des Achcadius war Rufinus aus der gallischen Provinz Aqnitania (Gascogne) der sich als Staatsbeamter, durch seine Verstellungskunsc und Heuchelei) , das Zutrauen des TheodvsinS so sehr erworben hatte, daß er dasselbe, zue Befriedigung seiner Habsucht und andrer Leidenschaften, mit schandlicher Unverschämtheit brauchen konnte. Mancher rechtschaffene Mann war darüber aufgeopfert worden, und Nufin hatte sich dadurch, eben so sehr bey der Armee als bey dem Volke, verhaßt gemacht. Da Theodos nicht die Absicht gehabt hatte, den römischen Weltsiaat unter seine zwey Söhne zu theilen, so glaubte sich Stilles berechtigt, der Sicherheit des östlichen Theiles desselben sich gleichfalls anzunehmen. Er marschierte daher mit der orientalischen Armee, die seit des Theodosius Fcldzug gegen den Eugenius im Occident gewesen war, mach dem Orient, um denselben gegen die Einfalle der Gothcn zu schützen. Allein Nufin, der ihn nicht in der Nahe haben wollte, schickte ihm im Namen des Arcadius den Befehl zu, nicht weiter vorzurücken. Doch der gothische Obergeneral Gainas, welcher die Armee des Orients 2?2 Orients nun nach Constantinopel führte, rächte den Stilico, an den Rufin. Dieser'wurde (395)/ als das Heer in Constantinopel angelangt war, vor den Augen des jungen Kaisers niedergehauen. Dieser Tod brachte jedoch, ausser der Befriedigung der Rachsucht, dem Stilico weiter keinen Vortheil. Denn nun eigneten sich Eudopia, die Gemahlin des jungen Kaisers, eine schöne Frankin, und ihr Obcrhofmcistcr Eutropius, ein Verschnittener, den wichtigsten Antheil an der Ncgic- ruug des Ostreiches zu. Eutropius wurde zwar von den gothischen Generalen GainaS und Tribigild (Z99) ermordet; allein die beyden Theile des großen römischen Staates wurden seit der Zeit doch nie wieder vereinigt. Eben diese Trennung war eine Ursache, die den muthigen deutschen Völkern ihre Unternehmungen gegen die römischen Provinzen erleichterte. Es herrschte zwischen den Monarchen der beyden Kaiscrthümcr gewöhnlich Kaltsinn, oder Uneinigkeit; und oft freute sich der eine recht herzlich darüber, wenn er dem andern die Feinde zuschicken konnte. Da nun 2ZZ NUN die Armeen, von deren Schutze die Sicherheit der beyden Reiche abhicng, jetzt meistens aus Deutschen bestanden; da die Obcr- gencrale derselben Deutsche waren, welche mit römischer Schlauheit und Kriegskunst deutsche Uncrschrockcnheit und Tapferkeit vereinigten, so war es ganz natürlich, daß diese Obergcncrale bey der geringsten Beleidigung, die ihnen der Kaiser und seine rankcvvllcn Hoflcute zufügten, sich eine nachdrückliche Genugthuung verschaffen, daß sie ihrer Denkart gemäß die schönsten Provinzen plünderten und verwüsteten, daß sie sich in diesen Provinzen endlich nach Gefallen niederließen. Solche Obergcncrale aber waren, ausser dem Gainas, der den Obcrfeldmarschall des oströ- mischcn Kaiserthums vorstellte, noch Alarich und Rhadagais. Nhadagais commandirte ein Heer von Vandalcn, Alanen und Sucvcn. Alarich, von der edlen und wcstgothischcn Familie der Balten, der die gothische Armee, die sich im römischen Solde befand, unter seinem Befehle hatte, wünschte Sbcrstatthal- tcr des östlichen Jllyricns (Dalmatiens und Albaniens) zu werden. Da ihm dieses abgeschlagen wurde; da man ihm und seinen Gothen 2?4 Gothcn auch noch manches entziehen wollte, so warf er sich (Z99) um sich zu rächen, zum Anführer aller mißvergnügten deutschen Sold- truppcn auf, und nun wurde das herrliche Griechenland, das ihm in der Nähe lag, gemißhandelt, nun wurden die Städte Theben, Korinth, Argos und andre mehr verwüstet. Athen rettete sich durch einen Vergleich. Stilico kam (Z97) dem uirglücklichcn Lande, welches Arcadius nicht schützen konnte. Zu Hülfe. Alarich zog sich nun nach Epirus Zurück, bewaffnete seine Gothen aus den kaiserlichen Zeughäusern, und wurde von ihnen zum Könige gewählt. Jetzt weigerte sich der Hof zu Consiantinopcl auch nicht länger, ihn zum Oberstatthalter des östlichen Jllyricns zu ernennen. Alarich beunruhigte' nun die östlichen Provinzen des römischen Staates nicht mehr. Aber gleichsam', als wenn er es mit dem Gninas abgeredet hätte, zog er (400) nach Italien, während daß jener den Versuch machte, Consiantinopcl und den Orient in seine Gewalt zu bringen. Die Osigothcn des Gainas hatten sich mit verborgenen Waffen in 2z; in die Hauptstadt geschlichen,, um sich derselben durch einen Ueberfall zu bemächtigen. Ihr Anschlag aber wurde verrathen. Man hieb sie nieder, und Gainas kam auf der Flucht in einem Gefecht ums Leben. Sein Kopf diente in Constantinopel zur Schau. Ein hunnischer Chan leistete damahls dem Hofe zu Constantinopel gegen die Ostgothcn wichtige Dienste. Alarich spielte seine Rolle glücklicher als Gainas. Italien war nur an den Gränzen, und auch da so schlecht, mit Soldaten besetzt, daß dem Alarich das Eindringen über die jütischen Alpen (400) gar nicht schwer wurde. Seine Westgothen behandelten gleich die ersten Gegenden Italiens, die in ihre Gewalt kamen, so unbarmherzig, daß Schrecken und Bestürzung überall vor ihnen hcrgiengcn. Honorius, welcher von Mayland nach Gallien fliehen wollte, kam nicht weiter als bis nach Asti. Hier rettete ihn der muthige Stilico, der dreyßig tausend gcbohrnc römische Soldaten, alles, was von ihnen noch übrig war, zusammen gerafft hatte. Dennoch war er froh, den Alarich auf eine friedliche Art, durch einen 2z6 einen Vergleich, aus Italien zu "entfernen. Der westgothische König wollte hierauf nach Gallien ziehen; Stilico besetzte aber die engen Wege bey Verona so gut, daß Alarich (40z) den Rückweg nach Pannonicn antreten mußte. Nicht lange nach Alarichs Abzüge, (405) brach Rhadagais mit einem großen Schwärme von Sneven, Quaden, Burgundern, Vandaien und Alanen, unter welchen sich wenigstens 200000 streitbare Männer befanden , in Italien ein. Stilico war jetzt in neuer Verlogenheit. Er verschaffte sich, ausser seinen zoovO schlechten Römern, noch hunnische und andre Hülfskruppcu. Die Deutschen drangen, durch sein Lager zwischen Pavia und Ravenna .bis To- scana durch, und belagerten Florenz. Stilico schloß sie hier ein, und der Mangel an Lebcnsmitteln, der unter einer so großen Menge von Menschen sehr bald einriß, wirkte so machtig, daß mehr Deutsche durch den Hunger, als durch das Schwcrdt der Römer, gctödtct wurden. Rhadagais selbst gcricth (406) in die Gefangenschaft des Stilico, und dieser ließ ihn hinrichten. Von 237 Von den vielen übrigen Gefangnen wurde einer in den andern für ein Goldstück verkauft. Die Wandalen, Sucven und andre deutsche Völker, aus welchen der unglückliche Schwärm zusammengesetzt gewesen war, hatten aber noch eine so große Volksmenge, daß gleich im folgenden Jahre (407) ein großer Haufe derselben nach dem Rhein aufbrechen konnte. Dieser Strom wurde, seitdem Stilico alle noch übrigen römischen Soldaten nach Italien gezogen hatte, blos von den niit dem westlichen Kaiscrhofc iir Verbindung stehenden Fürsten der Franken und Alemannen bewacht. Die Alemannen hielten die Wandalen und ihre Bundesgenossen nicht auf; die Franken brachten ihnen aber eine so große Niederlage bey, daß nur die Hülfe der Alanen sie vom ganzlichen Untergange rettete. Nun giengen sie (408) über den Rhein, verwüsteten Maynz, Worms und andre Städte, und drangen plündernd und verwüstend bis zu den Pyrenäen durch. Das schöne, das herrlich angebaute Gallien wurde von ihnen schrecklich gemißhandelt, und 2Z8 und die Vandalcn zeigten sich bei dieser Gelegenheit als wahre Barbaren. Niemand hielt die Vandalen auf. Ho- mor brachte seine ganze Kriegsmacht gegen den Alarich, und seine schlechte Regierung bewirkte nichts, als Unruhen und Revolutionen. Der thatige Stilico lebte nicht mehr. Stilico war ein Opfer seiner Herrschsucht geworden. Er hatte, um den westlichen Kaiscrthron an seine Familie zu bringen, zwey Töchter nach einander an den Honorins vermahlt; er hatte, als diese Heyrathen die Ausführung seines Planes nicht beförderten, seinem Sohne Encharins (wie man sagt) die Thronfolge versichern wollen. Ein andrer Hofbcamter, Nahmens Slym- hius, ein scheinheiliger Boscwicht, brachte es aber durch seine Ranke dahin, daß Stilico zu Bologna (408 Aug.) ermordet wurde. Doch Olympius genoß die Freude, des Stilico Nachfolger zu seyn, nur kurze Zeit, indem er schon im folgenden Jahre umkam. Die schlechte und verwirrte Regierung des Honorius, welcher, wegen der Einfalle der der Deutschen/ seine Residenz (404) nach Ravcnna verlegt hatte, veranlaßte in den Provinzen Unzufriedenheit und Unruhen. Die Dritten wählten und ermordeten zwey Kaiser nach einander. Nach diesen gluckte es einem gemeinen Soldaten, weil er den Nahmen des großen Constantins führte, sich zum Kaiser auszuwerfen, und, ausser Britannien, auch Gallien, Hispanicn und Lu- sitanicn unter seine Herrschaft zu bringen. Die Mannschaft, mit welcher er alles dieses ausführte, beließ sich nicht höher, als auf 5000 Mann. Honorius mußte ihn anerkennen; aber er konnte weder die eindringenden Wandalen zurücktreiben, noch sich lange auf dem Throne behaupte». Er wurde von andern, die ihm die Kaiserwürde streitig machten, so sehr ins Gedränge gc- - bracht, daß er derselben (411) entsagte, und dennoch konnte er der Hinrichtung nicht entgehen. Indessen drangen die Wandalen über die Pyrenäen nach Spanien durch, und da die daselbst befindlichen deutschen Sold- truppcn sich zu ihnen schlugen, so hatte auch Spanien das traurige Schicksal, von den Wandalen und ihren Bundesgenossen, den Suevcn 240 Sueven und Alanen, der Plünderung und Verwüstung preisgegeben zu werden. Die Raubsucht der barbarischen Deutschen war so unersättlich, daß sie den unglücklichen Einwohnern die unentbehrlichsten Bedürfnisse des Lebens entriß; daß sie Hungers- noth, daß sie ansteckende Krankheiten erzeugte. Da das Weltmeer den Strcifzügcn der Deutschen Gränzen setzte, so beschlossen sie, in Spanien und Lusttanien sich niederzulassen. Die Vandalen setzten sich in Gal- lizien, Leon und Altcastilien, die Sueven im nordlichen Portugal, und die Alanen in Südspanien, fest. Die alten Einwohner mußten sich entweder zum Tribut, oder zur Auswanderung, bequemen. Zu diesen deutschen Bewohnern Hispa- niens und Lusitaniens gesellten sich noch Ala- richs Wcstgothen, nachdem sie in Italien und Gallien sich sehr furchtbar gemacht hatten. Alarich, der als Obergcneral in Zlly- rien in die Kriegsdienste des Honorius getreten war, hatte sich die Subsidicnsummc von 4000 Pfund Gold bedungen. Stilico hatte sie ihm versprochen, weil er, wie man 241 man sagt, durch Hülfe der Deutschen, seinen Sohn Eucharius auf den Thron zu bringen hoffte. Als nun Stilico ermordet war, weigerten sich des Honarius neue Rathgeber, dem Alarich die vcrsprochncn Subsldien auszuzahlen. Zu gleicher Zeit ließen sie die Weiber und Kinder der Deutschen, die sich in den italienischen Städten befanden, töd- ten oder sonst mißhandeln. Die deutschen Truppen in Italien schworen nun den Römern Rache zu, und sie bathen den Alarich, der das ihm zugefügte 'Anrecht schon ohnedies; ahnden wollte, um seinen Beystand. Alarich brach nun (408 Oct.) aus Jl- lyricn plötzlich in Italien ein, vereinigte sich mit ZOOOO mißvergnügten Deutschen, und rückte, ohne sich um den Honorius zu bekümmern, ungehindert bis vor Rom, welches, seiner großen üppigen und meistens verzärtelten Volksmenge wegen, einem Angriffe oder einer Einschließung nicht lange widerstehen konnte. Honor, der sich indessen mit einem großen. Hahn, welchen er seiner anschnlicben Gestalt wegen Rom gencnnt hatte, mehr als mit der Hauptstadt der Welt beschäftigte, machte keine Anstalten, GallettjWeltg. 5rTH. S. den 242 den Alarich zur Aufhebung der Einschließung zu zwingen. Er konnte aber auch wenig Anstalten machen, weil die meisten Soldaten nach Gallien geschickt worden waren. Man mußte also zu Unterhandlungen mit dem Alarich seine Zuflucht nehmen. Alarich war endlich mit 5000 Pfund Gold, zooo Stück rohen Hauten, und zooe? Pfund Pfeffer zufrieden. Es kostete Mühe, alle diese Dinge, und besonders die edlen Metalle, in Rom zusammen zu bringen. Vermuthlich war an dieser Verlegenheit nicht sowohl der eigentliche Mangel, als die Un- gencigth'eit der Reichen, ihre Schätze mitzutheilen, Ursache. Man sah sich daher genöthigt, Tempelgeräthc und Götzenbilder cin- zuschmelzen. Alarich zog sich hierauf nach Toscana zurück, weil aber die Bedingungen des mit den Römern geschlossenen Vertrags nicht erfüllt wurden, und so machte er Anstalten, den Kaiser selbst zu bekriegen. Sein Schwager Adolf kam mit einer Verstärkung von Go- then und Hunnen herbey, die sich von der Donau her den Weg mit Gewalt geöffnet hatteit. 24Z hatten. Hierzu gesellten sich noch 40000 Deutsche, die sich dem Sklavcndicnstc der Römer entzogen hatten. Hierdurch wuchs das Heer des Alarich bis auf 150000 Mann an. Mit diesem rückte Alarich (409) in die Gegend von Rimini. Honor, der sich nun zu Raveuna in großer Verlegenheit sah, ließ sich mit ihm in Unterhandlungen ein. Alarich verlangte nicht nur einträgliche Ge- neralssrcllcn und Iahrgcldcr, sondern auch viele Getreide, und ganze von Einwohnern entblößte Länder, als Noricum, Dalmaticn, und den Bezirk von Vencticn. Allein der Oberminisrer Qlympius wollte die Vergleich- punkte des Alarichs nicht eingehen, und ob er gleich noch in diesem Jahre gestürzt wurde, und obgleich Alarich die Hälfte von seinen Forderungen fallen ließ, so folgte Honorius endlich doch der Parthey von seinen Rathgebcrn, die auf einer beharrlichen Weigerung bestand, und Honorius und sein ganzer Hof verschworen sich, die Würde des römischen Staates zu retten, und mit dem Alarich durchaus keinen Frieden einzugehen. Alarich rückte nun (409) zum zweytenmahl vor Rom, und Hungersnoth erzwäng sehr Q 2 bald / 244 bald die Ucbcrgabe. Die Grossen in Rom wünschten, die Hauptstadt von einer unbarmherzigen Behandlung der Gothcn zu retten. Sie wurden daher mit dem Alarich einig, dem Honorins, welcher seine Forderungen nicht befriedigen wollte, den Gehorsam aufzusagen, und den Attalus zum Kaiser zu erwählen. Alarich sollte Obcrfeldhcrr seyn. Der von jedermann, selbst von seinem Minister, und von seinem ersten Generale verlassene Honorins schien ganz verlohren, und schon war er auf die Flucht bedacht, als er > auf einmahl so viel Hülfstruppen bekam, daß er sich in Ravcnna halten konnte. Hauptsächlich unterstützte ihn der gothische Fürst Sarus, ein Feind des Alarichs und seiner Familie. Auch blieb die Provinz Afrika dem Honorins treu, und entzog der Stadt Rom, wegen ihrer Ergebenheit für den Attalus, die Zuführe von Getreide, die diese nicht entbehren konnte. Alarich war mit dem Benehmen des Attalus auch bald so unzufrieden, daß er ihn (410) wieder absetzen ließ. Er überschiekte dessen Zeiche!» der Kaiscrwürde dem Honorins, und hoffte diesem dadurch mehr Neigung zu einem 24) einem freundschaftlichen Vergleiche einzuflößen; aber Honorius und seine Minister wollten ihm seine Fricdcnsbedingunacn noch immer nicht bewilligen; sie fuhren vielmehr fort, ihn feindlich zu beh.mdeln. . Alarich gicng nun, um sich deswegen zu rochen, zum dritten Mahl vor Rom (410 Aug.). Navcnna, wo sich der Kaiser mit seinem Hofstaate befand, war ihm vermuthlich zu fest, und mit Belagerungen hielten sich . die Deutschen nicht gern auf- Rom war hingegen ohne große Mühe einzunehmen, und welche reihende Aussichren öffneten sich da nicht für die Plünderungssucht der Gothcn! Sklaven und gemeines Volk verschafften dem Alarich Gelegenheit, während der Nacht in die Stadt einzudringen, und Alarich gab das so leicht eroberte Rom der Plünderung seiner Krieger preis. Einige Kirchen sollten ausgenommen seyn; auch sollte man keinen Wehrlosen tödtcn dürfen. Aber nun rächten sich 40000 Deutsche, welche die Römer als ihre Sklaven sehr unbarmherzig behandelt hatten, an ihren ehemaligen Herren. Wer sich nicht in den 246 den Vatican, oder durch die Flucht rettete, der mußte sich das Schicksal eines Sklaven gefallen lassen, oder seine Freyheit theuer erkaufen. Ein großer Theil der ersten Hauptstadt der Welt ward das Opfer einer von den erbitterten Gothen angelegten Feucrsbrunst. Rom hatte ein trauriges Schicksal; aber doch noch lange kein so trauriges, als Karthago, Korinth und Jerusalem. Roms Eroberung und Mißhandlung durch die Gothen verursachte eine allgemeine Bestürzung. Man hielt sie für einen Vorbothen des jüngsten Tages. Wie benahm sich aber Honorius beu dem Unglück, welches die Stadt Rom traf? Der Verschnittene, der die Aufsicht über sein Vogelhaus führte, rief ihm bestürzt entgegen: „Rom ist verlohrcn!" Honorius crschrack heftig, weil er sich einbildete, sein großer Hahn wäre gestorben, und er tröstete sich sehr leicht, als man ihm sagte, daß nicht sein Leibhahn, sondern die Hauptstadt der Welt, verlohrcn sey. ss Alarich verließ Rom schon nach einigen Tagen, durchplündcrte die umliegenden Lander Untcritalicns, und starb noch in eben dem 247 dem Jahre (410) als er den Plan machte, Cäcilien und Africa zu erobern, oder vielmehr zu durchstreifen. Nun wurde sein Schwager Adolf das Oberhaupt der Westgo- lhcn. Dieser verglich sich (412) mit dcm Honorius, und gicng mit seinen, durch den Aufenthalt in dem, mit allen Bedürfnissen der Schwclgercy so reichlich versehenen Jta> lien, üppig gewordenen Gothen, nach Gallien, um den Gegenkaiscr Jovinus zu bekriegen. Dieser nahm den vom Hofe zn Navcnna beleidigten Fürsten Sarus in Sold. Dennoch gcricrh er in die Gefangenschaft des Adolfs, und dieser schickte ihn nach Navcnna. Auch Sarus unterlag einem Ueber- falle von 10020 Kriegern des Adolfs, gegen -die er sich mit 18 bis 20 Getreuen wehrte. Adolf und seine Gothen ließen sich nun im südlichen Frankreich, in der Gegend von Narbonnc, Toulouse und Vourdcaux, nieder. Zu Narbonne vollzog Adolf (414) seine Vermahlung mit der Placidia, der Schwester des Hororius, die er als Geisel, oder als Gefangne mitgenommen hatte. Aber sein Nebenbuhler Constantius, den er um die schöne Braut gebracht hatte, bekriegte kriegte ihn nun mit so glücklicher Standhaft tigkeit, daß er sich entschlween mußte, über die Pyrenäen nach Spanien zu gehen. Hier ermordete ihn (414) ein Gothe, über dessen körperliche Gebrechen er mit unedler Unvorsichtigkeit gespottet hatte.. Sein Nachfolger Wallia, vielleicht sein Bruder, machte sich (416) verbindlich, gegen die übrigen deutschen Völker in Spanien zu fechten, und gab die Placidia wieder heraus. Diese wurde nun die Gemahlin des Consiantius, mit welchem Honorius die Negierung theilte. Beyde starben aber nicht lange hinter einander; zuerst Constantius (421) und hernach Honorius (42z). Nun wurde der Sohn des Constantius und der Placidia, Valentinian III, weströmischer Kaiser, ein Prinz von 6 oder 7 Jahren. Seine Mutter Placidia wurde von dem großen Minister Bonifacius so nachdrücklich unterstützt, daß der von den Soldaten zum Kaiser ernennte geheime Sekretär Johannes, der freylich aber auch (425) durch den morgcnlandischcn Kaiser Theodor II geschlagen wurde, nicht aufkommen 249 mcn konnte. Aber die Regierung unter dem ganz untauglichen, und blos mit der Befriedigung der Wollust beschäftigten Valen- tinian, war nicht vermögend, den Verfall des weströmischen Kaiserthums wirksam aufzuhalten. An dem Hofe zu Ravenna dauerte die bisherige Sittcnvcrderbhcit, und die arglistige Vcrfahrungsart, immer fort. Pla- cidia behandelte den Bonifacius, ihren edlen und getreuen Freund, mit unvorsichtiger Undankbarkeit. Actius, der zweyte große Staatsmann im weströmischen Kaiscrthume, ein sehr talentvoller, aber auch boshafter Mann, nöthigte durch 6oc>oo Hunnen, die er, zum Dienfce des Kaisers Johannes, von der Donau hcrbeygczogen hatte, die Kaiserin Placidia, seinem Nebenbuhler Bonifacius die Statthalterschaft über Afrika zu nehmen. Bonifacius, der das ihm zugefügte Unrecht innig fühlte, und dabey auf sein großes Ansehn, und seine vielen Freunde rechnete, zögerte, seine Statthalterschaft niederzulegen. Man behandelte ihn nun wie einen Empörer. Die Provinz Afrika nahm sich ihres braven Statthalters zwar eifrig an; da aber, ihre Kräfte gegen die Macht des Kai- Kaiferhofes zu gering waren, so faßte Bonifacius in der Verzweiflung den Entschluß, die muthigcn Deutschen aus Süd- spanicn herbeyzurufcn. Die Nandalcn, und die mit ihnen verbundenen Alanen, welche die Uneinigkeit der römischen Generale benutzt hatten, um Charthagsna, Hispalis (Sc- villa) und andere in dieser Gegend liegende Sertcr in Besitz zu nehmen; welche seit einiger Zeit schon' allerley Versuche gemacht hatten, sich auf den bei Spanicn liegenden Inseln Majorca und Minorca festzusetzen; welche, und wenn ihnen auch kein römischer Statthalter Veranlassung gab, gewiß noch Lust bekommen hatten, nach Africa überzusetzen ; diese Vandalcn und Alanen verbanden sich mit manchen gothischen Abcntheurern, und landeten (429) von ihrem Könige Gci- serich geführt, etwa fünfzig tausend Mann stark, glücklich auf der Küste des römischen Gebiethes in Afrika. Hier schlugen sich die 'über dse römische Herrschaft äusserst erbitterten Mauritanier (in Fes) zu ihnen. Die schöne Provinz Afrika, wo kaum drey Städte mit Mauern verschen waren; welche die wenigen Garnisonen und die nenangeworbc- nen 25 l neu Truppen sehr schlecht vertheidigten, wurde eine Beute der schrecklichen Raub - und Mordsucht der unbarmherzigen Deutschen, und man kannte seit der Zeit keine grausa- mere Behandlungsart, als das Verfahren der Vandalen. Doch läßt sich mit Recht vermuthen, daß die barbarischen Mauern zu diesem üblen Gerüchte das meiste beigetragen haben mögen. Bonifacius, den der Hof zu Navcnna wieder gewonnen hatte, und der es gewiß bereute, die Wandalen nach Afrika gelockt zu haben, gab sich nun vergebliche Mühe, den Gciserich zurückzutreiben. Er mußte das schöne Afrika seinem Schicksale überlassen, und nun langte auch (481) sein Feind Aetius mit einem Heere von deutschen Soldtruppcn aus Gallien an. Bonifacius siegte zwar; aber er wurde tödtlich verwundet. Niemand that nun dem Gciserich Widerstand. Er eroberte (4Z9) auch die Hauptstadt Karthago, die, ihres Handels und Reichthums ungeachtet, doch noch mit leeren Plätzen und Trümmern angefüllt war. Der kaiserliche Hof mußte mit ihm Frieden schließen, um nur den Besitz von Mauritanien zu retten. Die Wandalen brachten brachten hierauf nicht nur die balkarischen Inseln, sondern auch Cäcilien, Sardinien und Corsica, in ihre Gewalt. So bildete sich das vandalische Reich auf der Nordküste von Afrika! Gciserich, der Stifter desselben, verband sich mit dem fürchterlichen Attila, dem Monarchen der Hunnen. Die Hunnen, die seit fünfzig Jahren in den Wohnsitzen der Gothen an der Nie- derdonau, in dem jetzigen Ungern, sich festgesetzt hatten, wo sie hauptsächlich mit der Pferde - und Hornvichzncht sich beschäftigten; diese Hunnen durchstreiften, den Sitten ihrer Vater getreu, nicht nur ihr eignes, sondern auch die angranzenden Lander, behandelten manche kleine Völker als Unterthanen, manche andre als Bundesgenossen, und gaben den römischen Kaisern mehr als eine große Schaar in Sold. Ihr Chan oder Oberfeldherr Nua zwang den Hof zu Con- stantinopel, ihm einen jährlichen Tribut zu entrichten. Er hatte (4ZZ) seine Bruderssöhne, den Attila und den Bleda, zu Nachfolgern, welchen der oströmische Kaiser die Fortsetzung des Friedens mehr als einmahl abkaufen ' abkaufen mußte. Attila wünschte über alle Hunnen allein befehlen zu können; sein Binder, der ihn daran hinderte, mußte deswegen (444) sterben. Seitdem war At- tila einziger Gebiethet über alle Horden der schrecklichen Hunnen, nnd über alle die großen und kleinen Völker, die mit ihnen in Verbindung standen. Der hunnische Monarch, dessen Kalmük- kenkörper von einem außerordentlichen Unternehmungsgeist, und von besondrer Schlauheit, aber auch von gränzenloser Habsucht und von trotzigem Ucüermmh, beherrscht wurde; der für einen Hunnen ein recht großer Mann war; der unter die größten Helden in der Geschichte gehört; der, während er mit den Höfen zu Constantinopel und Ravenüa unterhandelte, mit dem Kaiser von China ein Vündniß schloß, und den König von Pcrstcn in Schrecken setzte, der behauptete die Herrschaft über die vielen ihm unterworfenen Hirtenvölker mit der unerbittlichsten Strenge; der bildete sich aus denselben, ihrer verschiedenen Kleidung nnd Rüstung ungeachtet, ein sehr furchtbares Heer; der lenkte die Bewegungen 2)4 gungen desselben durch seine Befehle, ohne an dem Gefecht selbst Antheil zu nehmen; der trieb, durch vcrratherische Römer, unterrichtet, die Kunst, Städte zu erobern, höher, als alle Feldherren der barbarischen Völker seiner Zeit; der behandelte die gefangenen Feinde mit mehr Menschlichkeit, als bisher statt gefunden hatte. Seine Residenz hatte er in der Gegend von Toray aufgeschlagen, an welche ihn vielleicht der herrliche Wein fesselte. Zn einem aus hölzernen Hütten zusammengesetzten mit Planken umgebenen Dorfe (einer Slobode) erhob sich in der Mitte der geräumige mit vielen Hallen versehene hölzerne Pallast des Anita, mit römischen Kostbarkeiten im hunnischen Geschmack reichlich ausgeschmückt. Die Opfer für seine Wollust lieferte ein mit vielen schönen Mädchen angefülltes Serail, welches aber keiner strengen orientalischen Aufsicht unterworfen war. An diesen Pallast schlössen sich die Wohnungen der Groficn an. Die Lebensart in dieser Residenz war fast ganz türkisch. Aus dieser großen Slobode marschierte mm der Attila aus, vor welchem Rom und Constan- 2) ) Consiantinopcl, vor welchem Europa und Asien, zitterte. Vorher versetzte er das Ostreich in die lebhafteste Bestürzung. Beistrich, dem die Kaiscrhöfe Afrika wieder enr- reisscn wollten, trug ihm durch Gesandten, die herrliche Geschenke mitbrachten, ein Bündnis an. Der Vorwand zum Kriege fand sich sehr leicht. Attila griff zuerst das östliche Reich an, wo seit (408) Thcodos II, der Sohn des Arcadius, der, seiner geringen Verstandesgabcn wegen, seinem Schwager Anthcmius den größten Antheil der Negierung überlassen mußte, Kaiser war. Attila drang durch die Gränzposten an der Donau, und seine zahlreichen Horden schlugen die schlechten kaiserlichen Armeen dreymahl nach einander, und überschwemmten alle Lander an der rechten Seite des Stromes. Wie manche schöne Stadt wurde damahls ausgeplündert und verwüstet! Dieß gicng bis zu dem Passe von Thermophylac so fort. Aus 70 Städten wurden Schutt - und Aschenhaufen. Den elenden Kaiserhof, wo ein üppiger Kaiser sich ganz der Leitung seiner Minister und Hoföcamtcn überließ, retteten nur noch die Mauren von Constantinopel. Man mußte «in 2Z6 um Frieden bitten, und sich harten Bedingungen unterwerfen. Der jahrliche Tribut von 7000 Pf. Gold wurde auf das Dreyfache erhöht.. Ausserdem mußten noch 6000 Pfund für die Kriegskosten bezahlt werden. Auch bedung sich der Hunnen - Monarch noch einen ansehnlichen Landstrich an der Donau aus. So demüthigte Attila den Kaiser zu Constantinopel! Zum Kriege mit dem westlichen Kaiscrthume hatte er schon eine > entschiedene Neigung, als ihm Honoria die Schwester des Valentinians, einen erwünschten Vorwand dazu gab. Honoria, die ihr Bruder zur Augusta (Kroncrbin) ernennt hatte, konnte den Antrieben der sinnlichen Liebe so wenig widerstehen, das; sie sich mit dem Kammer- Herrn EugeniuS in einen sehr vertraulichen Umgang einließ. Darüber wurde sie nicht nur vom Hofe verbannt, sondern man sperrte sie auch in ein Kloster zu Constantinopel ein, damit sie zur Bekämpfung ihrer Sinnlichkeit um so mehr Gelegenheit haben möchte. Darum war es ihr aber freylich nicht zu thun. Sie wünschte vielmehr wieder 2Z7 der in der Welt zu leben; sie wünschte sich zu verheyrathen. Diese beyden Wünsche konnte, weil sie gsinibtc, so leicht niemand besser, als Attila, erfüllen. Durch einen Vertrauten überschickte sie ihm in einem Ringe ein Recht auf ihre Hand. Attila ließ jetzt nicht sowohl aus Heyrathslust, als aus Politik, bey dem Valentinian um seine Schwester anwerben. Sie wurde ihm verweigert, und man brachte sie nach Italien zurück, wo sie zum Scheine verheyrathet, und dann eingesperrt wurde. Attila brach hierauf (450) mit einem ungeheuren Heere von Hunnen, und andern Völkern, das man auf 700000 Mann schätzte, nach dem weströmischen Kaiscrthume auf. Er richtete seinen Zug durch den mittlern Theil von Deutschland, wo sich noch manches deutsche Volk gutwillig oder gezwungen an ihn anschloß, nach dem Rhein hin. Den Uebergang über diesen Strom erleichterte ihm die Verbindung mit einem frankischen Fürsten, der ihm gegen seinen Bruder zu Hülfe gerufen hatte. In Gallien fand er desto größere Schwierigkeiten. GalltttiWeltg. zrTH. N AetiuS, 2)8 Aetius, der Obcrstatthaltcr dieses Landes, ein kluger und thätiger Mann, ein ehemaliger Freund der Hunnen, und ein Kriegs- geführte des Attila, machte, während daß Valentinian und seine Lieblinge zu Ravenna sorgenlos schwelgten, die wirksamsten Anstalten, Gallien zu vertheidigen, und dem fernern Vordringen des Hunnen - Königs Einhalt zu thun. Er verstärkte seine Kriegsmacht durch eine Verbindung niit den West- gothen, Burgundern und Franken, die sich in Gallien niedergelassen hatten. Ueber die Wcstgothen, die sich auf beiden Seiten der Pyrenäen weiter ausgebreitet hatten, herrschte jetzt Thcodomir, ein Sohn des berühmten Alarichs, der einige Zeit hindurch mit dem vandalischen Könige Geiserich, dem Bundesgenossen des Attila, und einem Erzfeinde der Römer, in dem freundschaftlichsten Verhaltnisse stand. Geiserichs Sohn hatte seine Tochter zur Gemahlin. Diese sollte, wie man ihr Schuld gab, den Schwiegervater haben vergiften wollen, und dieser schickte sie, nachdem er ihr die Nase und die Ohren hatte abschneiden lassen, ihrem Vater wieder nach Hause. Aus Nachsucht schloß sich 259 sich mm Theodemir von neuen an die Römer an; seine Westgothen ließen sich aber doch nur mit Mühe bewegen, den Hunnen entgegen zu rücken. Die Burgunder hatten sich mit Bewilligung des Kaisers Jovinus, dem sie Beystand leisteten, an den beyden Seiten der Rhone niedergelassen. Die Franken waren aus den Niederlanden schon bis in den nordwestlichen Theil von Gallien eingedrungen. Ausser diesen Deutschen warb Aetius auch noch Alemannen, Sueven, Alanen und Sachsen an. Attila, der sich mit dem zu seinen Bundesgenossen gehörenden Fürsten der Franken unweit der Mündung des Neckars (bey Mannheim) vereinigt hatte, verwüstete die Städte zwischen dem Rhein, der Mosel, der Maas und der Seine mit hunmschcr Unbarmherzigkeit. Schon war Attila bis an die Loire vorgedrungen; schon belagerte er die wichtige Stadt Orleans. Aetius eilt zu ihrem Einsätze herbey. Attila zieht sich nach Champagne zurück. Bey Chalons an der Marne kömmt es zu einer entscheidenden Schlacht. Aetius erficht einen vollkommenen N 2 - Sieg, 26c> Sieg, zu welchem Theodennr und seine Wcstgothcn das meiste beytragen. Thcode- mir ward ein Opfer seiner Uncrschrockenhcit. Die Schlacht war überhaupt sehr mörderisch ; lzoooO Todte lagen ans dem Kampfplätze. Attila floh nach seiner Wagenburg, und war fest entschlossen, sich, mit allen seinen Habseligkeitcn, zu verbrennen. Allein man ließ ihn hier unangefochten, weil es schon spat im Zahre war, weil es für so viele Streiter an Lebensmittelu fehlte. Die Schaaren der besondern Völker zogen also nach Hanse, und nur von den Franken wurde Attila bis über den Rhein verfolgt. So wenig dem Attila sein Einfall in Gallien geglückt hatte, so sehr stand sein Muth noch aufrecht, und er wiedcrhohlte «och im folgenden Zahre (451) seine Bewerbung um die Honoria, und um ihre Ausstattung. Als sie ihm abcrmahls abgeschlagen wurde, beschloß er, sie aus Italien selbst zu holen. Das Eindringen in Italien kostete ihm keine Mühe, weil die Zugange nicht besetzt waren. Die Stadt Aegüilcja im Lande der Carncr (im Friaul und s6l und eineM Theile pon Krain), eine Haupt- ststung an der Gränze von Deutschland, wurde nach einer langen Belagerung erobert ^ und zerstört. Schon bey den vorigen Ein- ! brachen der Deutschen in Italien waren viele Bewohner dieser Gegend, oder des Landes Vencticn, nach den Lagunen geflüchtet. Diesen Zufluchtsort suchten sie auch jetzt wieder auf. Von diesen blieben nun ? viele zurück, die sich auf den kleinen Inseln in dieser Gegend anbauten. So wurde zu der herrlichen Stadt Venedig der Grund gelegt. Attila's Horden verwüsteten aber noch manche Stadt; auch plünderten sie Mayland und Pavia. Valentinian und sein Hofstaat flüchteten nach Rom. Aetius wollte dem bedrängten Italien zu Hülfe ziehen; aber die Gothen weigerten sich, ihm Beystand zu leisten. Attila hatte also ungehindert bis nach Rom vordringen können. Aber die Sage, daß die, welche sich an dieser lHauptstadt der Welt vergriffen, kein Glück hatten, bewog den Hunnen - Monarchen, sich wieder zurückzuziehen. Um so eher gab er nun den Friedcnsantragcn des Kaisers, die ihm zwey Minister und Leo, der Vorsteher der 262 der römischen Geistlichkeit überbrachten , Gehör. Attila that für eine große Geldsumme auf den Besitz der Honoria Verzicht. Er legte sich dafür ein andres schönes Mädchen, Nahmens Ildico, zu. Als er (35z) das Hochzeitfest mit derselben fcyerte, trank er so unmäßig, daß er in der Nacht einen heftigen Vlmsturz bekam, der das Ende seines Lebens beschleunigte. Mit Attila's Tode hörte die hunnische Herrschaft diesseits der Wolga wieder auf. Er hinterließ mehrere Söhne. Diese stritten sich um die Herrschaft. Ihre Uneinigkeit ermunterte die Ostgolhen, Gcpidcn, Burgunder, und andre Völker mehr, sich dem hunnischen Joche zu entziehen. Attila's ältester Sohn, Ellak, der sie daran verhindern wollte, wurde im Treffen erschlagen. Sein ältester Bruder Dcngisich wurde von den Völkern, die sich wieder in Freyheit gesetzt hatten, in seine Wagenburg zurückgedrängt. In der Verzweiflung wagte er einen Einfall in das Gebieth des ost- römischcn Kaiserthums. Da fand er seinen Tod; sein Kopf wurde nach Constanti- nopel 26z nopcl gebracht, und öffentlich aufgesteckt. Nun zog sich sein jüngerer Bruder Jrnak, der Liebling seines Vaters, mit den noch übrigen Hunnen über die Wolga zurück, und die hunnische Herrschaft in Europa, die etwas über siebzig Jahre gedauert hatte, hörte nun wieder auf. Attila hatte das weströmische Kaiserthum zwar erschüttert, aber es dauerte doch noch zwanzig Jahre, freylich unter mancherley Anfechtungen, fort. Seine schönsten Pro- vinzcn befanden sich bereits in der Gewalt der Deutschen. In Afrika herrschten die Wandalen. Spanien und Portugal hatten sich die Sueven und Wcstgothcn zugeeignet. Die Wcstgothcn besaßen auch den südlichen Theil von Gallien. Das übrige war unter die Burgunder, Franken und Römer get theilt. Die letzter» behaupteten sich nur noch zwischen der Seine und Loire. Im westlichen Theile, und vornehmlich in Bretagne, hatte sich seit 5 Jahren geflüchtet? Dritten niederlassen. Diese Dritten waren durch Ausländer aus ihrem Vaterland? vertrieben worden. Das gut 264 gut anbaute Britannien, welches damahls schon 92 Städte und zo bis 40 Bisthümcr zahlte, sah sich seit einiger Zeit von dem römischen Schutze, der es gegen die Einfälle der muthigcn Bewohner des heutigen Schottlands, der Picten und Scotcn, vertheidigt hatte, ganz verlassen. Schon unter dem Honvrins marschierte nicht nur die brit- tische Legion ab, weil man sie in andern Gegenden des so bedrängten römischen Reiches noch nothwendiger brauchte; sondern man schleppte auch fast alle andre wehrhafte Mannschaft der Brittcn nach Gallien. Seitdem wurden die Picten und Scotcn durch nichts mehr abgehalten, die friedlichen Brittcn, die unter der Herrschaft der Römer der Beschäftigung mit den Waffen fast ganz entwöhnt worden waren, so oft, als sie dazu Lust hatten, heimzusuchen. Zu ihnen gesellten sich noch secräubcrische Sachsen, die den Weg nach der schönen Znscl Britannien sehr leicht fanden. Vergebens flehetcn die Häupter der Brittcn den Honorius um Hülse an, und es war ihnen ein schlechter Trost, daß er weiter keinen Gehorsam von ihnen verlangte. Vortiger, den die Brittcn zu ihrem 2k; Ihrem Könige wählten, entsprach den Hoffnungen, die man sich von ihm gemacht hatte, gar nicht. Er schloß sich in seinem Pallasi ein, und rief, als Aetins nicht helfen wollte oder konnte, die sächsischen Seeräuber zu Hülfe. Hengst und Horsa, zwey aus Altsachen vertriebene Edle, landeten (449) mit drey Schiffen, auf welchen sich 400 Mann befände!», in Britannien. Bald kamen noch drcyzehn Schiffe mit Verstärkung nach. Unter den Weibern, welche die muthigen Sachsen begleiteten, befand sich auch Novcna, Hengsts Tochter. Diese gefiel den Vortigcr so wohl, daß er sich ihren Besitz durch das Land Kcnt erkaufte. Nun langten noch vierzig Schiffe voll Sachsen an, und da die Anzahl derselben durch neue Ankömmlinge noch immer vermehrt wurde, so waren die Dritten zuletzt nicht vermögend, die Absicht der Sachsen, in Britannien sich festzusetzen, zu verhindern. Manche opferten der Freyheit ihre Leben auf; manche flüchteten in die westlichen Gebirge (in dem jetzigen Wallis); manche gicngen nach Gallien, nach der Halbinsel Armorica (Bretagne) wo schon früher viele Britton ihre Zuflucht gefunden 266 gefunden hatten. Die klebrigen mußten sich unter das Joch der Sachsen schmiegen, zu welchen auch Angeln, ein Stamm der Sachsen, ingleichen Juten, Bewohner der Halbinsel Jütland, gehörten. Sieben Anführer der vereinigten Völker stifteten mm eben so viele kleine Königreiche; ein jütisches: Kcnt; drey sachsische: Sussex, Wcsscx, Esscx; und drey anglische: Nordhumbcrland, Qstangeln und Mittclangcln. Von den Angeln entlehnte Britannien in der Folge seinen jetzigen Nahmen; vielleicht weil die Angeln den Bewohnern der gegenüberliegenden Küste von Gallien vorzüglich bekannt waren. Lusitanien, Hispanien, Gallien, Britannien war also für das weströmische Kai- serthum fast ganz vcrlohren. An die Länder zwischen dem Rhein und der Maas durften die Römer schon lange nicht mehr denken. Also schränkte sich die ganze Herrschaft der weströmischen Kaiser noch auf Italien, und die zwischen den Alpen und der Donau liegenden Provinzen, ein. Aber auch diesen Uebcrrest des occidentalischcn Kaiserthums konnte die schwache, von den deutschen Generalen 267 neralen ganz abhängige, Regierung nicht lange mehr behaupten. Der Einfluß der Günstlinge, welche das Vergnügen des Monarchen zu befSrdern suchten, war so mächtig, daß rechtschaffene, um den Staat verdiente Manner ihrer Eifersucht rmd ihren Ränken nicht entgehen konnten. Dieß Schicksal hatte auch Actius, der muthige Vertheidiger Galliens. Freylich bewies er ein zu starkes Selbstgefühl seiner Verdienste. Er verlangte die Tochter des Kaisers zur Gemahlin, und kränkte durch seine großen Anmaßungen Valentinians Hofbcamtcn so innig, daß sie sich zu seinem Untergänge verschworen. Valentinians Erbitterung wurde so gereiht, daß er ihm (454) mit eigner Hand das Schwerin durch die Brust stieß. Kammcrherrcn' und Verschnittene vollendeten die Ermordung. Eben das Schicksal hatten noch andre würdige Staatsbeamte. Bald stand jedoch ein Rächer derselben auf. Der Senator Maximus, dessen Gemahlin Va- lentinian, theils durch List, theils durch Gewalt, zur Untreue verleitet hatte, schwor dem untauglichen Kaiser den Tod. Zwey ehemalige Trabanten des Actius hieben ihn (455) (4??) auf öffentlichem Platze, und im Am Hesichre seiner Leibwache, nieder. Ma.rimus, ein sehr reicher und fein gebildeter Manu, wurde hierauf zum Kaiser gewählt, und Eudoxia, Valentinians Gemahlin, mußte sich entschließen, ihn zu hcyrathen. ?lber die stolze Tochter des oströmischen Kaisers Theodos II konnte dem Maximus die Theilnahme an der Ermordung ihres ersten Gemahls, die er ihr unvorsichtig gestand, nicht verzeihen. Aus Rachbcgicrdc lud sie den vandalischcn Geiscrich nach Rom ein. Dieser erschien ohne Verzug (455 Jun.) mit einer großen Flotte vor der Tiber. Maxi- mus war wegen des großen Anhanges, den die Eudoxia hatte, sogleich verlohren. Von jedermann verlassen, hatte er das schreckliche Schicksal, von dem Pöbel gesteinigt, und von den Soldaten niedergehauen zu werden. Der römische Bischof Leo I gicng an der Spitze der Geistlichkeit, mit Krcutzcn und brennenden Fackeln, dem Könige der Vau- dalen entgegen. Kaum wurde aber durch die demüthigsten Bitten bewirkt, daß die Vandalcn die herrliche Stadt nicht abbrennten, daß sie die Wehrlosen nicht tödtctcn, bgß 269 das; sie die Gefangenen nicht folterten, um ihnen die Bekanntmachung der verborgenen Schatze abzupressen. Rom wurde von den raubsüchtigcn Vandalen volle vierzehn Tage geplündert. Die heiligen Gerüche aus dem Tempel zu Jerusalem, die Bildsaulen der Götter und Helden im Capital, welche der Habsucht der Christen bisher noch entgangen waren, wurden jetzt auf ein Schiff gepackt, um sie nach Karthago zu schassen. Das Schiff gicng jedoch unter, und es war von der ganzen Flotte der Vandalen das einzige Schiff, welches eine Beute des Meeres wurde. Die Menge der übrigen Kostbarkeiten, welche die Vandalen zusammcngeplün- dcrt hatten, kam glücklich in Karthago an. 'Auch mehrere tausend von den Einwohnern Roms, ja selbst die Kaiserin Eudoxia und ihre Töchter, wurden dahin geschleppt. Rom und Italien konnten sich seit der vandalischcn Mißhandlung gar nicht mehr erholen, weil es an Zuflüssen ans den Provinzen fehlte. Die herrlichen Staatsgcbaude und Pällaste in Rom verwandelten sich nun in kleine Privathüuser. Die schönen Parks und 27 xublik an Umfang, weil seit der Zeit ein beträchtlicher Theil von Deutschland, inglci- cheu Britannien und Dacien, noch hinzugekommen war. Das Gebiethe, welche dasselbe in allen drey Erdthcilcn besaß, bclicf sich jetzt wohl auf 90000 Quadratmcilcn. *) Die -) Vcrgl. Th. iv. S. -75- . I > 277 Die Zahl seiner Einwohner überhaupt läßt sich nicht mit Zuverläßigkcit bestimmen, und es sind uns nur von einigen Provinzen genauere Zahlen bekannt. So rechnete man zur Zeit des Vcspasians für Acguptcn acht, für Palastina fünf Millionen Seelen. In dem tarraconensifchen Hispanicn, welches ungefähr zwey Drittel des jetzigen Spaniens ausmachte, zählte man allein 681000 freue Köpfe. Dalmaticn enthielt über 800000 Menschen. Genug, alle römische Provinzen, von welchen man genauere Angaben hat, waren damahls besser als jetzt bevölkert, und man nimmt also nicht zu viel an, wenn man für jede Quadrattneile 2000 Menschen, und für den ganzen Staat also 180 Millionen, rechnet. Rom allein hatte so viel Einwohner, als eine große Provinz. Diese ungeheure große Stadt faßte zur Zeit der ersten Kaiser wenigstens anderthalb Millionen Menschen, und zuweilen soll sich die Anzahl derselben gar auf 4 Millionen belaufen haben. An der freyen Brodaus- thcilung hatten wohl eher Z00000 Hausväter Antheil. Die Stadt war daher so voll gepfropft, daß man auf 46000 Quartiers zählte. zählte, daß manches Privathaus sieben Stockwerk hoch war, daß Augustus, um die Verdunkelung der Gassen zu verhindern, befehlen mußte, nicht höher als 70 Fuß zu bauen. Rom war der eigentliche Sitz der römischen Bürger; auch befand sich lange Zeit der größte Theil derselben in Rom. Seitdem aber das römische Bürgerrecht ganzen Städten und Provinzen zu Theil wurde, seitdem vermehrte sich die Zahl der römischen Bürger auf einmahl um das Zehnfache. Zwey Zahrc vor Cäsars Ermordung zählte man nicht mehr als 46Z000, und 18 Jahre hernach stieg die Anzahl derselben gleich auf 4,068 ,000. Unter dem Augustus gab es zuletzt 4,187,000. Unter dem Claudius rechnete man beynahe 7 Millionen, oder 6,944,000. Nimmt man für die Familie eines jeden römischen Bürgers nur vier Personen an, so bc- ltef sich die Zahl aller das römische Bürgerrecht genießenden Personen über acht nud zwanzig Millionen. Diese machten also ungefähr nur den 6ten Theil aller Bewohner des römischen Staates aus. I- 279 Je größer die Anzahl der römischen Vür- ger wurde, um so mehr verminderte sich ihr Einfluß auf die Staatsverwaltung, und unter der monarchischen Regierung hörte er allmählig völlig auf. Das äussere der republikanischen Verfassung dauerte zwar bis auf Conscantin den Großen fort. Der Kaiser oder Princcps stellte gleichsam nur das Haupt der Republik, oder denjenigen vor, der die vollziehende Gewalt ausübte. Daher hicugcn, wenigstens gesetzmäßig, nicht alle Provinzen von dem Imperator, sondern auch von dem Senate, ab. Dieser hatte seinen eignen Schatz, - und jede Provinz blieb der andern gleichsam ein fremdes Land. Allein Coustantin der Große vereinigte die Leitung aller Rcgierungs - und Staatsangclegenhcitcu unter einem Staats- rathc, den er das Consistorium des Prin- ceps nennte. Seitdem stellte der Senat eine Versammlung von wenig geltenden Ncichsständen vor, und er gab in Rücksicht der Stadt Rom einen wahren Stadtrath ab. Die Consulwürdc, die nun noch auf vier Personen, auf zwey Vice - und zwey Ehrcnconsnln, ausgedehnt worden war, gewährte währte jetzt weiter nichts, als einen bloßen Titel. Mit dem Nahmen eines Patriciers war ein sehr hoher Rang verbunden. Die wichtigsten Manner im Staate stellten die Staatsminister, die Mitglieder des Consisto- riums, vor. Unter diesem standen die vier Prafecti, oder Gcneralstatthaltcr , von welchen jedem wieder sein eigner Staatsrath zugeordnet war. Die Kaiser hatten noch ihre besondern Confercnzminister, oder Staatseonsulenten, lauter einsichtsvolle und erfahre Manner, die sie bey den wichtigsten Staatsangelegenheiten zu Rathe zogen, die durch ihre Weisheit den kranken römischen Staat noch lange aufrecht erhielten. Aber die römische Staatsverwaltung hatte Fehler, welche den Untergang des Staates fast unvermeidlich nach sich ziehen mußten. Der Staat war für seine Regierung zu ungeheuer. In der Negierungsfcrm herrschte zu viel Ungewißheit und Unbestimmtheit. Die Macht des Regenten stützte sich zu sehr auf militärischen Despotismus, den stehende Heere, starke Leibwachen, reichliche Gnadengeschenke, ansehnliche Gehalte, großer Sold — 28b Svld — den AuStheilung von Brod und andern Bedürfnissen — den Schauspiele, und zuvorkommende Artigkeit aufrecht erhielten und beförderten. Die Regierung des An- gusitts ließ den Despotismus noch nicht ganz burchsebeincnaber unrcr dem kargen und mürrischen Tibcrius wurde er schon sichtbarer. Dieser entzog der Bürgcrvcrsammlung ihre wichtigsten Rechte, um sie durch den Senat in seine Gewalt zu bringen. Er befestigte den Despotismus aber hauptsächlich dadurch, daß er die Pratorianer in ein festes Lager zusammenzog; daß er das Ma- jcsiatsgcsctz, welches die Staatsvcrrathercy zum Gegenstände hatte, auf die Person des Princeps, und auf bloße Reden, ausdehnte. Die schrecklichen Folgen dieser despotischen Anordnungen zeigten sich in verlaumderischen und falschen Anklagen. Der Princeps konnte nun alles durchsetzen, und nur auf den Pöbel mußte er einige Rücksicht nehmen. Die neuen Gesetze des Tibers waren allgemein verhaßt. Caligula benutzte diesen Umstand, sich das unbcgranzte Vertrauen des gemeinen Volkes zu erwerben. Er schaffte jene harten Verordnungen ab, und nun konnte er völlig völlig nach seiner Willkühr regieren. Er wollte seinen Despotenkopf erst mit dem königlichen Diadem zieren; bald überzeugten ihn aber seine schmeichlerischen Freunde, daß er, über alle Könige erhaben, blos durch den Götterglanz sich eine Zierde verschaffen könne. Claudius hatte seine Erhebung auf den Thron der Leibwache zu danken. Dieß war das erste Benspiel dieser Art. Den Nero erkannte zwar der Senat für einen Feind des Vaterlandes; aber die ausgcbro- chencn Empörungen flößten ihm erst den hierzu nöthigen Muth ein. Vespasian erhielt die Rechte, die seine Vorfahren durch despotische Mittel sich zugeeignet hatten, auf eine gesetzmäßigere Art; aber Domitian mißbrauchte diese mit schrecklicher Willkühr, und scheute sich nicht, sich einen Herrn und Gott zu nennen. Nerva rettete sich und den Staat durch die Ernennung eines vortrefflichen Nachfolgers, des Trajans. Sein Beyspiel wurde, zum Besten des Staates, in der Folge sehr oft nachgeahmt. Hadrian befolgte Trajans Regierungsgrundsätze schon mit mehr Strenger Mit ihm fangen die kaiserlichen Constitutionen, oder Verordnungen, 28z yen, an. Caracalla führte den Despotismus wieder ein, und auch das Acusserc der Regierung bildete sich nun monarchischer aus. Der Staatsralh unterdrückte noch vollends alle Rechte des Senats. Caracalla schuf den machtigen General der Leibwache zum Grosiwessir um. Seit eben dieser Zeit musite Rom die Ehre, die Residenz des Regenten abzugeben, manchmahl einer andern Stadt überlassen. Diocletian führte das orientalische Ccrcmonicll ein. Die Regierung kam jetzt immer mehr in die Hände der Civilbcamten. Die vielen Kaiser von niedriger Herkunft trugen sehr viel dazu bey, daß der Stammadel vertilgt wurde. So bildete sich die römische Republik allmählig zu einer Monarchie, deren Besitzer, gleich einem orientalischen Herrscher, von niemand eingeschränkt wurde; der, so lange keine Revolution das Ende seiner Regierung her- bcyführte, den großen Weltsiaat als sein Eigenthum betrachtete; der sich über alle Gesetze erhaben glaubte. Auch über das Vermögen der Unterthanen glaubte ein römischer Kaiser ganz un- eingej 284 eingeschränkt gebiethen zu können. Seit Constantins des Großen Zeiten waren die Auflagen ganz willkührlich. Sie bestanden theils ans eigentlichen Steuern, theils aus Naturaliicferungcn und Frohnbiensten, welche von den Grundstücken entrichtet werden mußten. Die Naturalabgaben waren an die Stelle der ehemaligen Zehnten und Fünften getreten. Man nahm dabc» auf die vorzüglichsten Produkte eines Landes Rücksicht. Von Aegypten, Afrika, Cäcilien, Sardinien wurde Getreide; von Afrika, der Gegend um Nizza und Sparta VaumShl; von den griechischen Inseln und Pannonien Wein; von Lucanien und Vrutticn Schweine Vieh und Geräuchertes; von andern Gegenden Schlachtvieh, von andern Pferde, geliefert. Um die Geldabgabcn und Lieferungen verhältnismäßig einzurichten, wurden die Ländereyen ausgcmesscn, und in Verzeichnisse gebracht, die man Catastra (Steuerbücher) nennte. Da sich in Ansehung des Verhältnisses in einigen Jahren manches änderte, so wurde alle fünf Jahre eine neue Einthcilnng, und alle fünfzehn Jahre ein neues Steuerbuch, gemacht. Daraus entstaub S8, stand die Indiction und Zinszahl, die noch jetzt aus den deutschen Kalendern nicht verbannt ist. Man rechnete auf jeden Kopf des Bezirkes eine gewisse Summe, deren Betrag nach dem Catastcr vertheilt wurde. Dabey wurde auf die Kräfte der Unterthanen keine Rücksicht genommen, und ein Kopf in den andern bezahlte etwa fünfzig Thaler. So viel entrichten jetzt die Unterthanen keines Staates in der Welt! Von den Gcld- abgabcn wurden manche blos in Gold angenommen. Eine zweyte Quelle der römischen Staatseinkünfte machten Zölle und Accise aus. Jene stiegen von dritthalb bis auf dreyzehnthalb Procent, also bis auf den 8tcn Theil. Dergleichen Abgaben wurden voir den Freygelassenen, von den Erbschaften, von allen zum Verkaufe gebrachten Waaren, entrichtet. Kaufleute und Handwerker gaben eine Gewcrbsteuer, die alle 4 Zahre eingetrieben wurde. Bey dem Regierungsantritte eines neuen Kaisers, mußten die Unterthanen das sogenannte Kronengold entrichten. Regalien und Kammergüther, ingleichen Münzstätten, Bergwerke, Salzwerkc, Forste, Triften, Monopole, und Schutzgeldcr der Juden, beachten gleichfalls große Summen ein, und welch eine reiche Quelle für den Fiscus (die Privatkasse der Kaiser) gab nicht die Einziehung der Gülher von vornehmen Personen ab, die des Hochverrats beschuldigt worden waren? Heimfalle, Strafgelder, Gerichts - und Kanzleysporteln warfen auch nicht' unbeträchtliche Summen ab. Sodann ersparte das Acrarium (dieStaatskasse) manchen Aufwand, den ihr die Unterhaltungskosten öffentlicher Anstalten verursachen konnten. So mußten z. V. die Con- suln für die Schauspiele sorgen. Wenir daher die Kaiser nur einigermaßen gut wirthschafteten, so konnten sie sehr leicht einen großen Schatz sammeln. Augustus legte 8. Tibcrius izi Millionen, zurück. Die Abgaben, welche die Unterthanen dcS römischen Staates entrichten mußten, waren aber verhaltnißmaßig weniger drückend, als man sich dieselben vielleicht vorstellt, weil so, wie in dem jetzigen England, das baare Geld in großer Menge vorhanden war. Als die römische Republik sich ihrem Ende näherte, konnte man in Rom 287 Rom zwischen fünf bis acht hundert Millionen Thaler baares Geld rechnen, und wenn auch jahrlich viele Millionen für Bedürfnisse des Luxus nach Persien, Arabien und Indien gieugcn, sa kamen auch viele Millionen wieder als Abgaben ein. Es gab daher damahls manche Privatleute, die ein ganz ungeheures Vermögen besaßen. Api- cius, der bekannte Schlemmer, hatte über fünf Millionen, und unter den Senatoren, unter welchen sich allmählich alle Reichen zusammendrängten, gab es mehr als einen, der jährlich über eine Million Thaler Einkünfte besaß. Zur Zeit des Nero hatten sich sechs Familien in alle Landgüter von Afrika getheilt. Bey diesem großen Privatrcich- thum fehlte es zur Zeit des Tibers doch einmal so sehr an klingender Münze, daß fast alle Senatoren mit einer schweren Schuldenlast kämpften, und daß Tiberius fünf Millionen Thaler auf drey Jahre ohne Zinsen hcrschießen mußte. Doch dieß war nur eine bald vorübergehende Geldnoth, welche durch verschwenderische Schwclgerei) veur- sacht worden war. Im ganzen genommen mag es gewiß in keinem Staate mehr baares 288 res Geld- gegeben haben, als in dem römischen Kaiscrthume. Die ungeheuren Summen, welche durch die Steuern und Abgaben in den Staatsschatz flössen, wurden hauptfachlich auf den Kricgsstaat, auf den Gehalt der Staatsbeamten, auf den Unterhalt und' die Belustigung der Einwohner Roms, verwendet. Man legte große Magazine an, aus welchen man Getreide, Mehl, Speck, Oehl und Wein, theils für einen wohlfeilen Preis, theils umsonst, austheilte, und man rechnete immer auf 200000 Familien, welche aus diesen Magazinen mit den Bedürfnissen des Lebens versorgt wurden. Wie manche große Summe verzehrte aber nicht die gränzenlose Schwelgercy und Ueppigkeit, welche an dem Hofe der meisten herrschte; verzehrten nicht die ungeheuern Geschenke, welche den Günstlingen der Kaiser zuflössen? Die Verwaltung der Staatseinkünfte war ziemlich gut eingerichtet. Anfangs unterschied man das Aerarium, die Schatzkammer des Staates von dem Fiscus oder der Casse 289 Casse des Prinzeps; noch vor Constantins des Großen Zeilen flössen aber diese beyden Casscn so in einander, daß man sie nicht mehr unterscheiden konnte. Alles wurde nun zusammen kaiserliche Staatseinkünfte genennt, und man sonderte von denselben nun wieder die Privatcasse des Monarchen (seine Eha- toulle) ab. Ueber jede hatte ein besondrer Finanzministcr die Aufsicht. Jener hatt? eine große Menge Finanzrathe und Unter- cinnchmcr unter sich. Die Steuern wurden zu gewissen Terminen abgetragen, und zum Theil mit großer Strenge eingetrieben, weil die Einnehmer, welche sich in der Eintreibung saumig bewiesen, und die Steuern anschwellen ließen, zur Strafe gezogen wurden. Die Zölle verpachtete man gewöhnlich auf drey Jahre. Die Gcneralpachter waren aber nicht mehr, wie zu den Zeiten der Republik, aus dem Ritterstande. Schon manchmahl gaben die Juden Finanzpachtcr ab, und schon manchmahl machten sie sich durch ihren Wuchergeist verhaßt. Die Unterthanen befanden sich wegen der Finanzerpressungen in einer sehr drückenden Lage, und die Provinzen sanken deswegen immer GallettiWeltg. 5tTH. T' tiefer 29 O tiefer von ihrem Wohlstände -herab. Die Einwohner derselben gericthcn in solche Dü stigkeit, daß sie wegzogen, und manche große Strecke schöner Länderey mußte mit Eolonisten deutschen Ursprunges wieder besetzt werden. Das römische Kriegswesen, welches ci- mir sehr großen Theil der Staatseinkünfte verzehrte, war zwar ansehnlich, aber nach Verhältniß des Staates noch immer nicht groß genug. Unter dem Augustus belicf sich die Landmacht auf 26 Legionen. Jede des stand aus 10 Cohortcn, von welchen die erste 1100 Mann, lauter auserlesene Leute, von den übrigen aber jede 555 Mann, zusammen 7215 Köpfe, zahlte. Die Legionen- Infanterie betrug demnach 187590 Mann. Hierzu kamen noch 20000 Mann zu Pferde. Hicrbey waren 9 Cohortcn Leibwache und z Cohortcn römische Stadtsoldatcn, imglci- chen die Schaaren der Bundesgenossen, nicht gerechnet. Die ganze Landmacht mochte gegen viermahl hundert tausend Mann betragen, und dieß war die Landmacht eines Staates, welcher den russischen, der eben so 291 so viel Landtruppcn hat, an Volksmenge sechsmahl übertraf. Zu Severs Zeiten hatten sich die Legionen bis auf Z2 vermehrt. Es waren derselben aber noch immer zu wenig, und in manchen Provinzen, als in Kleinasien und in Afrika, gab es fast gar kein ordentliches Kriegsvolk. In der Folge zahlte man zwar viele Legionen; aber sie enthielten so wenig Mannschaft, daß sie nicht mehr Brigaden, sondern kaum Regimenter, vorstellten. Von 1Z4 Legionen war jede kaum 1000 Mann stark. Die ganze Mannschaft beliefsich etwa auf2iz,oocz Mann. Der Nahme der Legionen vcrlohr sich endlich so sehr, daß man ihn um die Mitte des 4ten Jahrhunderts nur noch als einen Gegenstand des Alterthums kennte. Man wußte jetzt nur noch von leichtbewaffneten Cohorten, die man zur Vertheidigung der Gränzen brauchte. Die der Kricgszucht fast ganz entwöhnten, verzärtelten römischen Soldaten waren jetzt so bequem, daß sie das Schlachtschwcrdt gegen den Galantcriedegen, den Harnisch gegen einen Sberrock, und den Helm gegen die warme und weiche pan- nonische Pelzmütze, vertauschten. Sie lie- T 2 ßcn Sei» sich ihr Gepäcke, oder wohl gar ihre Waffen, nachschleppen; sie fanden es zu mühsam. Wall und Graben um ihre Lager aufzuführen; sie wollten nicht mehr zu Fuße dienen, und alle Bemühungen der Kaiser und Feldherren, sie zu einer strengern Kriegszucht anzuhalten, kamen ihnen so unerträglich vor, daß sie mehr als einen derselbe», der sich in diesem Punkte z» eifrig bewies, ermordeten. Augustus suchte die Kricgszncht durch mancherley Anordnungen ausrecht zu erhalten. Die Soldaten mußten sich täglich in den Waffen üben, und dreymahl des Monaths wurden sie in größer» Haufen geübt. Unter den folgenden Kaisern aus seiner Familie gerieth die Kriegszucht wieder in Verfall. Vespasian, Trajan, Ha- drian arbeiteten aber mit rühmlichem und glücklichem Eifer daran, die Kricgszucht wieder herzustellen, und Hadrian suchte sie durch besondere Verordnungen zu heben. Unter dem Antonin kam aber mit den aus dem Orient zurückkehrenden Truppen nicht allein die Pest, sondern auch Sittenverderb- niß aus Antiochien, herbey. Seit der Zeit herrschte immer weniger Zucht und Ordnung bey 2?Z bey den Armee». Alle Arte» des städtischen Luxus schlichen sich unter ihnen ein. Fech- tcrkampfe, Thierhetzen, Wettrennen, Seils tänzerkünste raubten den Soldaten den größ- ten Theil ihrer Zeit. Der Kriegsdienst, auf welchen der Bürger des freyen Roms so stolz war, vcrlohr immer mehr von seis uer Achtung. Zugleich mit dein Frcyhcits- sinne, und der Vaterlandsliebe, verschwand auch die Neigung zum Kriegsdienste. Die ausserordcntlich vermehrte Anzahl der Bürger hatte die natürliche Folge, daß der aus ihnen genommene Krieger nicht mehr so seh? wie ehedem geschätzt wurde. Vergebens suchte man durch erhöhten Sold, und durch allerley Vorrechte, die Lust zum Kriegsdienste -einzuflößen. Schon zu Trajans Zeiten durfte derjenige, welcher der Werbung nicht folgen wollte, einen andern Mann für sich stellen. Die Gelehrten, und andere Personen mehr, waren vom Kriegsdienste befreyt. Die Stellung der Neerutcn war auf die Güther vertheilt. Aber es kam dennoch so weit, daß man gewaltsame Werbungen anstellen, daß man die Leute ohne Rücksicht auf das Maß nehmen, daß man Bewohne? 294 wohner der Provinzen, und endlich gar Deutsche, anwerben mußte. Zuletzt bestanden die besten Truppen blos aus deutschen Subsidicn - Armeen. Einsichtsvolle und glückliche Feldherren traf sehr oft das Loos, von ihren Officic- rcn und Soldaten zum Imperator ausgerufen zu werden. Diese Ehre war aber meistens mit großer Gefahr verbunden; es war ein glänzendes Glück von kurzer Dauer. Mancher vermied es also sich auszuzeichnen, um dem blendenden aber gefahrvollen Glücks- tvcchsel zu entgehen. Große Generale befanden sich aber auch schon wegen des Neides, und der Besorgnis;, die sie in dem Imperator rege machen konnten, in einer gefahrlichen Lage. Die vornehmsten und fähigsten jungen Leute fanden es daher bedenklich, sich dem Kriegsdienste zu widmen, und Gallienus verboth es sogar allen Senatoren, Vcfehlshabcrstellen zu verwalten. Seit dieser Zeit waren die Generale und Of- siciere meistens Deutsche. Coustantin führte zwey Gencralfeldmarschalle waFistri militiaL, «in; einen für das Fußvolk, und den andern 295 dem für die Ncitereh. Zedem war eiir Kriegscollegium untergeordnet. Die Seemacht des römischen Staates war nicht beträchtlich; gegen welchen Feind hätte man aber auch furchtbare Flotten nöthig gehabt? Die Kriegsschiffe., die man an den Küsten hatte, dienten blos zur Abhaltung der Seeräuber. Augustus unterhielt zwey Flotten von leichten Schissen; cistr bey Miscnum (in der Nähe von Pozzuols), die andre bey Ravenna. In der Folge gab es auch an der gallischen Küste, und auf dem schwarzen Meere, ingleichcn bey Ac- gyptcn, und an der Küste von Afrika, be-- sondere Flotten. Die Soldaten, welche zu gleicher Zeit Matrosen abgaben, wurden für geringer gehalten, als die Landsoldaten. Neuntes ^ic römische Welt war schon gegen das Ende der Republik sehr verdorben; unter der Monarchie war sie aber, durch das machtige Beyspiel der meistens höchst üppigen und wollüstigen Kaiser, noch schlimmer geworden. Die Römer waren jetzt größten- theils ein weichliches, armes, habsüchtiges, fast aller Tugenden unfähiges Menschengeschlecht. Die Ehelosigkeit wurde, immer allgemeiner. Sehr auffallend herrschte sie schon unter den Kaisern aus der Familie des Augustus. Neuntes Kapitel. Privatleben. Landescultur. Gewerbe. Künste. Wissenschaften. Religion. 297 Augustus. Vergebens bcwühete sich der Stammvater derselben, der die traurigen Folgen sittlicher Ausschweifungen in seiner eignen Familie so lebhaft erfahren halte, dem Ehestand von neuem ein heiliges An? sehn zu geben. Man bestimmte für vermögende Hagestolze Strafen; man verboth die Verletzung der ehemaligen Treue, und die muthwilligc Trennung der ehelichen Verbindung, sehr nachdrücklich; man suchte die ärmern Personen durch Geschenke und Vorrechte zur häufigern Schließung der Ehen aufzumuntern. Allein wegen des Luxus des weiblichen Geschlechtes, blieb es Mannern« die kein Vermögen hatten, unmöglich, sich mit einer Gattin zu versehen, und junge Mannspersonen, die sich in dürftigen Umstanden befanden, gab es, der herrschenden Schwelgercy und Ueppigkeit wegen, sehr häufig. Wie konnte aber auch für Leute, die sich so frühzeitig und so leicht in den physischen Genuß der Liebe eingeweihet hatten, die Ehe, welche diesen Genuß fesselt, einen bleibenden Rcitz haben? Wenn man in eine eheliche Verbindung sich einließ, so geschah es entweder ans politischen, oder aus 298 aus sinnlichen Absichten. Eine solche Ehe konnte aber kein häusliches Glück gewähren. Die Ehe war daher schon lange in Rom verhaßt, und selbst das Christenthum bewirkte in diesem Punkte keine Aenderung der Gesinnung. Desto häufiger kam der Coucubinat vor, der das sinnliche Vergnügen des Ehestandes, ohne die drückenden Fesseln desselben, gewährte. Die römischen Gesetze hatten daher oft die Einschränkung dieser natürlichen Ehen zum Gegenstande, und es wurde wegen der in ihnen erzeugten Kinder, und ihrer Legitimation, manches verordnet. Das Betragen der vcrhcyrathe- tcn Damen war aber, besonders zur Zeit der Kaiser aus der Familie des Augustus, so höchst ausschweifend, daß es die Neigung zum Ehestände vollends unterdrücken mußte. Wollte ein Mann nicht für einen ungeschliffenen, unartigen Menschen gehalten werden, so durfte er es seiner schönen Fran nicht verbiethen, in einer Kleidung, durch welche nicht der geringste ihrer Reihe dem lüsternen Auge entzogen wurde, auf offnem Palankin sich austragen zu lassen. Ein junger Herr, der-keine Mmtressc hielt, oder '' mit 299 mit der artigen Frau eines andern nicht in einer vertraulichen Verbindung stand, der galt bey den Damen für einen Menschen ohne alle Lebensart. In solchen Zeiten wurde auch die Erziehung der Kinder vcrnachläßigt. Die Kinder der Vornehmen wurden zu weichlich, die Kinder der Geringen zu frey erzogen. Man machte damahls, so wie jetzt, öffentlichen Schulen zuweilen den ungerechten Vorwurf, zu der Sittcnlosigkcit der Kinder mitgewirkt zu haben. Aber dieser Vorwurf war für die Schulen ganz unverdient, da, eben so wie in unsern Zeiten, weichliche, üppige und nachsichtsvolle, häusliche Erziehung alle Spannkraft des Geistes und Körpers frühzeitig unterdrückte; da die Kinder, von ihrer ersten Jugend an, mit allen Bedürfnissen des Lupus bis zum Ucberflusse vertraut waren; da sie unzüchtige Handlungen mir ansahen, und schamlose Reden so oft mit anhörten. Die ttebertretung einer Vorschrift der Moral verzieh man ihnen eher, als ein Versehen in der Grammatik und im Crremoniell. In der Folge übersah man aber zoo aber auch die Fehler im Ausdrucke und im Anstünde. Die Kinder der vornehmen Leute lernten nun fast gar nichts mehr, und sie fanden an weiter nichts, als an Schauspic- lcn und an Pferden, ihr Vergnügen. Bey einer solchen Erziehung wurde, in Verbindung mit warmen Badern, mit Brun? ncncuren,' mit Salben und andern Beförderungsmitteln der Verzärtelung, die üppige Weichlichkeit immer herrschender. Doch galt dieses eigentlich nur von vornehmen und reichen Familien; denn die gemeinen Leute ergötzten sich am meisten an Fcchtcrkampfcn, Thierhctzcn, und andern dergleichen Schauspielen, die, nebst einem sorgenlosen Müs- siggange, ihr ganzes Glück ausmachten. Eben dieser Müssiggang, und eben diese Faulheit des großen Haufens, bewirkte, daß die ehemahls so brave Nation der Römer völlig ausartete. Hierzu trug auch der so ununterbrochene fortdauernde Friede sehr viel bey. Man liebte die Bequemlichkeit immer starker. Man arbeitete blos, nur geschwinde Geld zu bekommen, durch welches mau die Befriedigung seiner Leidenschaften zor schaften befördern könnte. Man erlaubte sich Hurenwirthschaft, Kuppeley, Maklerei), geheime Ordensbetrügereyen, ungerechten Wucher, und andere dergleichen Geldschnei- dercyen und schändliche Mittel, um sich Geld zu erwerben. Man beschäfftigte sich nicht gern mit ernsthaften Wissenschaften, die nicht sehr einträglich waren. Die meisten Verehrer fanden daher die gerichtliche Bcrcdtsamkcit, und die Arzncywissenschaft, weil man bey denselben die glänzendsten Aussichten hatte. Schauspieler, Musiker und andere Künstler, welche die Augen und Ohren angenehm befchafftigtcn, wurden gleichfalls sehr gut bezahlt. Da so viele Bewohner Roms vom geringern Stande, die auf die freyen Anstheilungcn der Lebensbedürfnisse rechneten, sich ganz dem Müs- siggange überließen, so war die Zahl der dürftigen, bettelarmen Leute ungeheuer groß, und die Kaiser, die sich der Regierung mit Eifer annahmen, suchten die große Menge der Müßigganger durch ausgesendete Calvinen, durch Verminderung der unentgeltlif chcn Austhcilungcn, oder derer, die daran Antheil nahmen, durch Einschränkung der offene- ZQ2, öffentlichen Spiele, durch Aufführung großer Gebäude, zu entfernen. Andere Kaiser aber, welche die Aufmerksamkeit des großen Publikums von ihren despotischen Entwürfen und Anordnungen wegzuziehen wünschten, durften die Augen und den.Magen der gemeinen Leute nie unbefriedigt lassen. So wurde ans dem größten Theile der Einwohner Roms zuletzt ein völlig verderbtes, vcr- abscheuungswürdiges Menschengeschlecht. Die traurigen Folgen der Sittcnverdor- kenheit zeigten sich in Ansehung des Gewerbes , in Ansehung der Künste und Wissenschaften , immer auffallender. Allmahlig verschwand alle Betriebsamkeit. Einige Zeit hindurch befand sich unter der monarchischen Regierung die Cultur des Landes noch in dem blühendsten Znstande, weil die Einkünfte des großen Staates, in welchem so viele schölle Länder vereinigt waren, zur Anlegung von Straßen, Kanälen, Brücken, Wasserleitungen, Dämmen und Teichen, die reichlichsten Mittel darreichten; weil ein langer ununterbrochen fortdauernder Friede, weil die bey Landplagen sich sehr thätig beweisende zoz weisende Sorgfalt der Kaiser, den Wohl? stand der Unterthanen aufrecht erhielt. Das Gewerbe war daher noch lange sehr lebhaft; doch bemerkte man dieß weniger in dem östlichen, als in dem westlichen Theile des römischen Staates. Hifpanicn war jetzt so vortrefflich angebaut, daß es ein zweytes Italien vorstellte. Vorzüglich im Wohlstande aber befanden sich die Bewohner von Bätica (Andalusien und Granada) die ihr Ackerbau und ihre Bergwerke bereicherten. Auch das narbonensische Gallien (Südfrankreich) war so vortrefflich angebaut, daß es eher mit dem Hauptlande Italien, als mit einer Provinz, Aehnlichkeit hatte. Ein Land, welches durch den sorgfältigen Fleiß der Römer in einen besonders blühenden Zustand versetzt wurde, war Pannonien, welches die Römer in eine Provinz umschufcn, welche die herrlichsten Producte aller Art, vornehmlich Obst, Wein, Gcmüße, Flachs, Getreide, Vieh, hervorbrachte. Der zu Rom und in Italien herrschende Luxus half den Garten - und Landbau, so wie die Viehzucht, nicht wenig befördern. Selbst von Flandern her wurden große Hecrden von Gänsen nach Rom getrieben. 304 bcn. So hotten die Römer, die manche große und herrliche Stadt zerstörten , doch manches Land im südlichen und westlichen Europa vortrefflich angebaut. Die Anzahl der Städte im römischen Staate war daher sehr ansehnlich, und unter die Städte rechnete man damahls noch nicht so viele kleine Oertcr, als man in unsern Zeiten darunter zählt. Zu Anfang des zweyten Jahrhunderts mag sich die Anzahl aller im römischen Kaiserthume befindlichen Städte wohl auf sechs tausend belaufen haben. In Lusitanien und Hispanien gab es wenigstens 514, in Gallien etwa 1200, in Italien über 450, in Kleinasien ungefähr 500 Städte. Unter diesen vielen Städte» hoben sich Rom, An- tiochicn und Alexnndrien vorzüglich heraus. Antiochien blieb noch lange die Hauptstadt des ganzen Orients, und mehr als ein Kaiser hatte daselbst seine Residenz. Alcxandrien hatte auf 4 Meilen im Umfange, und gegen 6 bis 700000 Einwohner. Constanti- nopel nahm in der Folge nach Rom den ersten Platz ein. Städte vom zweyten Range waren in großer Anzahl vorhanden. Aber gegen das Ende des weströmischen Staates bewirkrett. sv; bewirkten verschiedene Ursachen, daß viele Städte in Verfall geriethcn, oder gar auf» hörten. Wie manche schöne Stadt wurde nicht von den Deutschen verwüstet? Wie mancher herrliche Landstrich nicht in eine Einöde verwandelt? Der Landbau in Italien war aber schon vorher in Abnahme gekommen. Da durch die vielen und langen Bürgerkriege zu Ende der Republik manche Länderey derjenigen be» raubt worden war, die sie bisher mit Fleiß und Sorgfalt angebaut hatten, so suchte man unter der Regierung der Kaiser die dadurch entstandenen Lücken mit ausgedienten Soldaten auszufüllen. Diese hatten aber für stillen Fleiß und häusliches Glück so wenig Gefühl, daß sie, um ihre freye und zügellose Lebensart fortsetzen zu können, bald wieder in die Provinzen zurückkehrten, wo sie als Soldaten gedient hatten. Die Ländereyen, die wegen Mangel an Arbeitern nicht gut gebaut wurden, kamen in so niedrigen Preis, daß reiche Privatleute ganze Landstriche zusammenkaufen konnten. Diese ließen sie nun von ihren Sklaven bauen. EalltttiWeltg. ;rTH. >l Dadurch Zv6 Dadurch wurde aber den gemeinen Bürgern ein Zweig ihrer Nahrung entzogen, und der Ackerbau war schon deswegen, weiter / von leibeignen Knechten getrieben wurde, immer weniger ein Gegenstand der edlen Betriebsamkeit. Diese Betriebsamkeit wurde jedoch auch durch kein Gefühl der Nothwein digkcit gereiht, da der Uebcrfluß der Znseln Sicilien und Sardinien, besonders aber des so aufscrordentlich gctretdercichen Acgup- tcns, und der afrikanischen Provinzen, für die Bedürfnisse Roms mehr als hinreichend war. Die Zufuhren, welche die Bedürfnisse der großen Hauptstadt nothwendig machten, war schon allein vermögend, ein sehr lein Haftes Gewerbe in Gang zu bringen, und nicht allein Ackerbau, Bergbau und Viehzucht, sondern auch Manufacturcn und Fabriken in den Provinzen, aufrecht zu erhalten. Die Vereinigung so vieler Provinzen zu einem Ganzen, beförderte das Gewerbe und den Handel außerordentlich. Auch war ein so reicher Staat, als der römische, im Stande, alle Bequemlichkeiten des Handels ini im Ueberflnsse zu verschaffe». Da gab es Kanäle und Landstraßen in großer Anzahl, welche, in Verbindnng mit den vielen schiff- baren Strömen, die Fortschaffung der Waaren sehr leicht und wohlfeil machten. Der wichtigste Handel wurde aber doch zur See getrieben, und die Römer legten sich mit großem Eifer auf das Seewesen. Da sie sich nicht schämten, von andern Nationen zu lernen, die sich besser, als sie, auf die Schifffahrt verstanden, fo ahmten sie besonders den gallischen Venetern (um Vannes) sehr viel nach. *) Ihre Schiffe entfernten sich zwar, nach dem Beyspiele der übrigen Sccnationcn, meistens nicht weit von der Küste; sie schickten aber doch jahrlich eine Flotte nach Indien, die sich) um den Weg abzukürzen, auf die hohe See wagte. Durch nichts aber wurde der römische Handel weiter empor gehoben, als durch Acgyptens Verwandlung in eine Provinz. Aegypten sicherte der Hauptstadt Rom einen großen Reichthum von Getreide; es öffnete den Römern *) Th. IV. S. Z87. tt 2 ZO8 Römern den Handelsweg nach Ostindien, dem Ptolcmäus Philadelphus lange vorher den Weg gebahnt hatte. Seit dem Besitze von Aegnpten herrschte Rom über das Meer. Aegnpten hatte zwey vorzügliche Hafen: Pe« lusium und Alexandrien. Hier liefen alle Scbiffe ans den europäischen Landern, aus Nordafrika, Kleinasien, und dort alle Fahrzeuge aus Syrien, und andern in jener Gegend liegenden Ländern, ein. Durch die Verbindung mit Acgypten, und mit dem rothen Meere, bahnten sich die Römer zum Handel mit Arabien und Ae- thiopien, inglcichcn mit Indien, den Weg. Die Stadt Aden, auf der südwestlichen Küste von Arabien, war seit den Zeiten des Au- gustns, einer der vornehmsten Hafen der Römer. Wegen der Empörung der Araber war nicht allein Aden, sondern auch manche andre Stadt, auf der arabischen Küste von den Römern verwüstet worden; allein Aden wurde so gut wieder hergestellt, und von den römischen Flotten so fleißig besucht, daß man es im gemeinen Leben den römischen Hafen nennte. Von hier schifften die Römer 3O9 mcr »ach Indien, und halte» sich die kostbaren Bedürfnisse ihres Luxus selbst. Noch unter der Regierung des Probus (280) gehörte die Schifffahrt nach Indien unter die gewöhnlichen Gcwerbczweigc der Römer. Zur Zeit des Arcadius und Honorius unterhielten die Römer in Aegnptcn zwey beständige Flotten; eine für Alexandrien, und die andere für das rothe Meer. Diese holte die Waaren aus Indien. Vom rothen Meere wurden sie durch Kanäle in den Nil, und von da nach Alerandrien, gebracht. Der Handel, den die Römer nach Indien trieben, war für sie so einträglich, daß er ihnen einen hundertfachen Gewinn brachte. Die Römer kamen jedoch in Indien nicht weiter, als bis an den Ganges. Die indischen Waaren wurden aber immer noch auch zu Lande bis an die Küste des mittelländischen Meeres gebracht. Man schaffte sie in den persischen Meerbusen bis nach Batna (Sarug) an der Mündung des Eu- phrats, wo man ein reiches Magazin der kostbarsten Waaren antraf. Hier wurde zn Anfang des Septembers eine große Messe für indische und serische (chinesische) Waaren ZIO ren gehalten, die man z» Lande und zu Wasser dahin brachte. Carawanen schassten diese Waaren nun durch Pcrsicn zu Lande bis nach den klcinasiatischcn Seestädten fort. Die Römer wurden seit den Zeiten des Augustus auch mit der Nordsee bekannter. Drusus führte die erste römische Flotte in die Nordsee. Eben derselbe verband durch einen Kanal, der von ihm seinen Nahmen erhielt, den Rhein mit der Assel. Zur Zeit des Claudius brachte der römische Oberinn fehlshabcr Corbulo den Rhein und die Maas in Verbindung. Seitdem unter eben diesem Kaiser ein Theil von Britannien zu den Ländern des römischen Staates hinzugekommen war, seitdem unterhielt die römische Regierung eine besondre britannische Flotte. Claudius, unter dessen Regierung überhaupt viel für die römische Schifffahrt gethan wurde, verbesserte den Hafen von Ostia, und versah ihn mit einem Lcuchtcthurm. Gegen das Ende des weströmischen Kaiserthumes ereignete sich manches, was den Fortgang des Handels hemmte, oder ihm doch eine andre Richtung gab. Seitdem Constanti- nopel Zll nvpcl die zweyte Hauptstadt des Reichs war, wurde der ägyptische Reichthum von Getreide nicht mehr nach dem alten, sondern nach dem neuen Rom, gebracht. Der oströmische Handel litt aber durch die Strcifereyen und Seczügc der Gothen ansserordcntlich. Die weströmische Schifffahrt machten die Franken und Sachsen sehr unsicher. Der Muth der Seefahrer, der dadurch gewaltig niedergeschlagen wurde, hatte eine besondere Aufmunterung nöthig. Der Kaiser Constans, der Sohn des großen Constantins, fand sich daher bewogen, sich öffentlich zum Beschützer der Seefahrer zu erklären, sie von allen Bedrückungen, von allen Abgaben zu befrcycn, und ihnen große Vorrechte zu verleihen. Dennoch gcricth seit der Theilung des Kaiserthumcs die Schifffahrt und der Handel der Römer immer mehr in Verfall, und die Kaiser Valcntinian, Theodos und A'rcadius, die dem Stande der Seefahrer eine größere Würde zu geben wünschten, untersagten es nicht nur armen Leuten, sondern auch denen, die ein niedriges Gewerbe trieben, sich unter die Seeleute aufnehmen zu lassen. Sie erhoben die Seefahrer in . die ZI2 die Classe des Equites; sie verstatteten es sogar den Senatoren, an der Schissfahrt Antheil zu nehmen. Indessen durften doch edle, vornehme und reiche Leute keine Handlung treiben, um durch die Ehrerbietung, die ihnen Personen von geringerm Stande schuldig waren, dem Gewerbe keinen Zwang anzuthun. Der Anfang dieses Zeitraums war für die Blüthe der Künste unter den Römern noch sehr günstig, und die Regierung des Augustus bleibt in diesem Punkte unvergeßlich. Unter ihm, und unter den übrigen Kaisern des ersten Jahrhunderts, erreichte die römische Baukunst die höchste Stufe ihrer Vollendung. Jetzt bildete sich die römische Säulcnordnung, die mit korinthischen Knäufen ionische Schnecken in Verbindung brachte, und zuerst am Triumphbogen des Titus gebraucht wurde. Freylich war dieß schon ein Beweis, daß man sich von dem edlen Baustylc der Griechen zu entfernen an- fieng. Auch fand man immer mehr Geschmack an überhäuften Zicrrathen, und am verschwenderischem Schnitzwcrkc. Dennoch stieg ZIZ stieg in diesem Zeiträume sowohl zu Nom> als in andern Städten des römischen Reiches, manches prachtvolle Gebäude empor. Der goldnc Pallast des Nero, das Amphitheater des Titus (das Colisäum) waren Gebäude, deren Anblick Erstaunen und Bewunderung erregte. Palmyra und Baalbek verwandelten sich erst unter der Regierung der Kaiser in herrliche Städte. *) Der unter den ersten Kaisern immer zunehmende Lupus hatte auch auf andre Künste einen sehr merklichen Einfluß. Die Kaiser verschönerten die einzelnen Gebäude, und die Plätze Roms durch eine große Menge von Bildhaucrarbeitcn. Die Zahl der Göt- tersiatüen war (freylich sagt es nur ein witziger Dichter) so groß, daß man fast mehr Götter als Menschen zählte. Fast alle diese Bildhauerarbcit aber wurde von griechischen Künstlern verfertigt. Um die Mitte des 2tcn Jahrhunderts gicng der gute Geschmack sichtbar in den unedlen? über, und das *) Th, IV. S. z-s. das Knnstgefühl verlohr sich allmählig so sehr, daß hundert Jahre später die Kunst völlig in Verfall gerathen war. Nun erschien aber auch die Zeit, wo viele Kunstwerke zertrümmert oder vergraben wurden. Wie manche schöne Statue wurde nicht von den rohen Deutschen, oder den unbarmherzigfrommen Chrisren, gemißhandelt? Jene zerbrachen die Werke der edlen Kunst, weil sie von dem Werthe derselben keinen Begriff hatten; die Christen aber ließen seit Constanlins des Großen Zeiten blos deswegen ihre Wuth an ihnen aus, weil sie in ihrem heiligen Eifer die Denkmähler der heidnischen Religion zerstören zn müssen glaubten, und nur die Verehrung der Heiligen, in Verbindung mit einem prachtvollen Gottesdienst, söhnte sie mit der Kunst wieder etwas aus. Jetzt bekam man Bildsäulen des Heilands, der Apostel und der Heiligen mit dem umstralten Haupte. Die Mahlerkunst wurde zwar zur Zeit der ersten Kaiser zu Rom ziemlich fleißig getrieben, aber sie blieb von der höchsten Stufe der Vollkommenheit noch weit entfernt. Zl? fcriit. Nachdem nian anfangs blos historische Stücke gemahlt hatte, erschien unter dem Augustus ein Mahler, Nahmens Ludius, der sich dadurch berühmt machte, daß er es zuerst wagte, auf den Wanden der Zimmer Landschaften und Figuren darzustellen. Daß die Mahlerey der Römer aber nicht viel bedeutete, beweiset der Mahler Amulius, den man für einen großen Künstler hielt, weil eine von ihm gemahlte Minerva den, der sie betrachtete, von allen Seiten ansah. Ein andrer Mahler, Pyrcicns, mahlte zwar Vieh und Küchenstücke sehr gut; er konnte aber keine menschliche Figur darstellen. Die Römer mahlten auch mit keinen andern Farben, als mit Opermcnt, gelbem Ocker und Zinnober. Sie mahlten blos mit Wasserfarben, und zu Ende des ersten Jahrhunderts war ihre Mahlerey bereits eine sterbende Kunst. An den Wänden der verschütteten Stadt Hereulaneum haben sich Gemählde erhaltet, an welchen blos die frischen Farben Lob verdienen. Die Tonkunst und Schauspielkunst folgte dem Schicksal ihrer Schwestern. Augustus, kein zi6 kein eigentlicher Liebhaber der MM, hielt doch die Schauspiele zur Zerstreuung des großen Publikums für dienlich. Er veranstalte daher häufige Schauspiele und Concerte, deren Inhalt von gewissen dazube- stellten Acdilen, oder Policeyaufsehern, vor ihrer Aufführung, untersucht werden mußte. Unter dem mürrischen Tiber hatten die ver- schwestertcn Künste ein ungünstiges Schicksal. Es wurde im Schauspiclhause ein Mord begangen. Dieß bewog den Tiberius, alle Tvnkünstlcr und Schauspieler aus Rom zu verbannen, und sie dursten nicht eher, als unter der Negierung des Caligula, wieder zurückkommen, der sie mit Wohlthaten überhäufte, der den berühmten Sänger und Schauspieler Nestor unter seilte Lieblinge versetzte. Um diese Zeit kamen asiatische Tonküustlcr nach Rom, welche den Charakter der römischen Musik weichlicher stimmten. Nie erreichte aber die Tonkunst zu Rom eine höhere Stufe des Ansehens, als unter dem auf den Ruhm eines berühmten Virtuosen so stolzen Nero. In den folgenden Zeiten schätzten die Römer die Tonkunst blos wegen des sinnlichen Vergnügens, welches 3l? chcs sie ihnen gewahrte. Da ihnen mm die Befriedigung der Sinnlichkeit das höchste Glück schien, so zogen sie die Tonkünstler und Schauspieler den Philosophen und an« dcrn Gelehrten vor. Wahrend dafi man, einer Hungersnoth wegen, nicht nur alle Fremden, sondern auch die Lehrer der Wis- senschaftcn, aus Rom vertrieb, behielt man alle Schauspieler, nebst '6ooa> Tänzern und Tanzerinnen, zurück. Die Tonkunst wurde unter den Römern nie einheimisch, weil sie dieselbe meistens nur von Ausländern, von Sklaven, treiben ließen. Sie hatte daher auch noch manche Unvollkommenheit. Selten wurden mehrere Instrumente zugleich gespielt. Es fehlte den Römern also an Harmonie. Im zweyten Jahrhunderte halte ein römisches Concert folgende Einrichtung. Zuerst ließ sich eine Cithcr hören. Auf diese folgte ein vielstimmiges Stück von Flöten, an welches sich zuletzt ein Chor von Sängern anschloß. Man hatte damahls Sistern von Erz, von Silber, von Gold: man hatte Wasscrorgeln und Lyren von der Größe eines Wagens. Die Notenschrift der Römer war keine andre, als die griechische. An 318 An Schauspielen fanden die damahligen Römer noch mehr Vergnügen, als an der Tonkunst. Manche reiche Senatoren erhielten nur deswegen die Würde eines ConsulS, eines Prators, weil sie den großen Auswand der Schauspiele bestreiken konnten. Seit dem 4tcn Jahrhundert, oder seit der Zeit, wo das Christenthum sieh zur Staats- rcligion erhob, waren die Weibspersonen von dem Theater verbannt. Jetzt führte man aber auch nur noch Mimen und Pantomimen auf; eigentlich bloße Possenspiele und Arleguinaden. Die Mimen erschienen ohne Maske, und mit abgcschornem Kopfe. Es zeigten sich schöne Knaben und Mädchen mit biegsamen Gliedern; es zeigten sich Tänzerinnen in einem wenig verhüllende!» Anzüge, und in üppigen Stellungen. Die Christen stellten Handlungen aus der Bibel durch bloße Activn, ohne Dialog, aber mit Chorgesang und mit Balletten vor. Man führte wohl gar, dem Stifter der christlichen Religion zu Ehren, in dem Chöre der Kirche, auf einem erhöheten Platze vor dem Hochaltare, religiöse Tanze auf. Die Die Dichtkunst wurde in diesem Zeitraume nur von Griechen und Römern geschätzt. Aber bey den Griechen war die Blüthe ihrer schönen Poesie lange verwelkt. Sie dichteten jetzt fast über weiter nichts, als über die Liebe, und über lehrreiche Gegenstände. Unter den Dichtern der zweyten Classe zeichnet sich Oppian, zu Anfang des zweyten Jahrhunderts, durch seine Lehrgedicht über den Fischfang, und die Zagd, aus. Die Dichter der Liebe, welche bei den Griechen Ero- tikcr Hiesien, schilderten die zärtlichen Begebenheiten verliebter Jünglinge und Mädchen, und schrieber also eine Art von poetischen Romanen. Heliodor, der vorzüglichste unter ihnen, wurde in seinen reifern Jahren ein Bischoff. Manche Dichter oder Licbhalwr der Dichtkunst, machten sich pin Geschäfte daraus, die Gedichte andrer zu sammeln. So entstanden die bis auf unsere Zeiten übriggebliebenen Anthologien, oder Vlumenlescn. Ungleich reichhaltiger als die griechische Poesie dieses Zeitalters, war die römische, die noch eine beträchtliche Anzahl von Verehrern aufzählte. Die Römer hatten unter den ersten Z20 ersten Kaisern ihre vorzüglichsten Satyriker und Epigrammatisten; sie hatten einen Per- sius, der in seinen Satyrcn die verderbten Sitten seines Zeitalters in einem sehr ernsthaften und nachdrucksvollcn Tone rügt; einen Martial, dessen Sinngedichte ungemci- nen Scharfsinn, und unerschöpflichen, immer lebhaften Witz athmen; einen Zuvcnal, der, gleich dem Pcrsins, mit edlem und feurigem Ernst, aber auch zuweilen mit all- zugroßcr Frcymüthigkeit, die herrschenden Laster und Thorheiten seines Zeitalters, zum Gegenstände seiner satyrischcn Laune macht. Verschiedene römische Dichter dieser Zeit widmeten ihre Muse vorzüglich dem Heldengedichte. So schilderte Lucan, ein Enkel des altern Scncka, den der auf seine Kunst eifersüchtige Nero zum Tode verdammte, den bürgerlichen Krieg zwischen den Pompejus und Cäsar — die pharsalische Schlacht — mehr mit historischen, als mit poetischen Talenten. Flaccus besang die berühmte Ars gonautenfahrt, in welchem Gedichte man weniger auf Schönheiten, als auf dunkle und abgcbrochne Stellen, stößt. Auch in der Schilderung des zweyten punischcn Krieges Z2l Krieges, die Silins Italiens lieferte, ist der Fleiß sichtbarer, als das Genie, und der Eroberung Thebens durch den Thescns von Papirius Stalins fehlt es vollends an Erfindung, an Darstellung und an Zusammenhang. Ein einziger römischer Dichter dieses Zeitalters, L. Annans Sencca, Nero's Hofmeister, arbeitete für das Theater, und verfertigte Trauerspiele, die sich von der edlen Einfalt der griechischen Tragiker weit entfernen, und, bey einzelnen schönen Stellen, sowohl in der Anlage, als in der Ausführung, fehlerhaft sind. Verschiedene römische Dichter, als Nemcsianns, Calpur- nius und Ansonins, besangen das Jagd- und Hirtcnlcben. Die Redekunst entfernte sich immer mehr von der Stufe der Vollendung, die sie zur Zeit der griechischen und römischen Freyheit erreicht hatte. Die edlen Aeusserungen des Frcyheitsgefühles, und der Vaterlandsliebe, waren von dem niedrigen Bestreben der Schmeichelei), die einfachen Schönheiten des Ausdrucks von übertriebenem und zu gekünsteltem Schmucke, verdrangt worden. Die GallettiWeltg. 5tTH. V gricchi- griecbifchen Redner dieses Zeitalters lebten meistens in den Hauptstädten des romischen Kaiscrthums, wo sie sich haupisachlich mit dem llntcrricht iil der Redekunst beschäfftig- ten. Die vornehmsten, unter denselben stammten aus Kleinasien her. Einer derselben Chrysostomus (Goldmund) der vom Domitian aus Rom verbannt, vom Trojan aber ausscrordentlich geschaht wurde, verfertigte eine große Anzahl von Reden, von welchen 8c> bis auf unsere Zeiten gekommen sind. Thcmistius, der zu den musterhaftesten Rednern dieser Zeit gehörte, übertraf die übrigen durch die Deutlichkeit und Ordnung, die in seinem reichhaltigen Vortrage herrscht, und er wurde von verschiedenen Kaisern, und vornehmlich von Constantin dem Großen, sehr gcschcitzt. Umcr den römischen Rednern dieses Zeitraumes zeichnen sich M. Seneca, der Vater des Traucrspiel- dichters, der in gerichtlichen Reden eine große Starke besaß; Quintilian, ein vortrefflicher Lehrer der Redekunst, der viele edle Römer bildete, und dessen Schüler, PliniuS der Jüngere, der Verfasser einer berühmten, von dem fehlerhaften Geschmacke seines 32Z seines Zeitalters nicht ganz reinen Lobrede auf den Trajan, aus. Von dem letztem hat man auch eine Sammlung von Briefen, der sowohl ihr Inhalt, als ihre Einkleidung, einen vorzüglichen Werth beylegt. Ein paar griechische Vricfschrcibcr dieser Zeit, Aristä- nct und Alciphron, beyde aus Kleinasien, und um die Mitte des 4ten Jahrhunderts, schrieben über romantische und zärtliche Gegenstände. Unter den Prosaisten dieser Zeit verdienen Longin und Athenäus noch besonders herausgehoben zu werden. Jener, ein Platonischer Philosoph und Redner des ztcn Jahrhunderts, lieferte eine Abhandlung über das Erhabene, welche seiner tiefen Einsicht, und seinem kritischen Geschmacke, große Ehre macht. Sein Zeitgenosse Athenäus, schrieb gelehrte Tischgespräche, die einen Reichthum von philologischen, historischen, antiquarischen Kenntnissen enthalten. Kein Fach der schönen Künste wurde in diesem Zeitraume aber fleißiger bearbeitet, als die Geschichte. Verschiedene griechische Geschichtschreiber, meistens asiatischer Herkunft, widmeten ihren Fleiß der römischen -ch' s Geschichte. Z24 Geschichte. Appian, ein Zeitgenosse des Hadrians, schrieb eine römische Geschichte zusammen, die für die Kenntnis; der römischen Verfassung besonders wichtig ist; Dio Cassius handelte eben diesen Gegenstand in einem Werke ab, das mit Genauigkeit zu viel Schmuck und Umständlichkeit verbindet; Herodian erzählt die Geschichte der Kaiser, vom Antonin bis auf den jüngern Gordian, mit eben so viel Frcpmüthigkeit und Wahrheitsliebe, als in einem nntadclhaften Stnlc; Zostmus beschreibt dir ganze Kaiscrgeschichte bis auf das Zahr 410 in einem reinen und deutlichen Vortrage. Die Geschichte freunder Länder bearbeiteten Josephus und Arrian. Jener, ein gcbohrner Jude aus Jerusalem, Statthalter von Galilaa, der tapfere Vertheidiger von Jotapa, der sein Leben zu Nom beschloß, erzählte die Geschichte des jüdischen Krieges, und der Zerstörung Jerusalems, in einem besondern Werke, welches er seinem Gönner Titus übcrcichtc; auch handelte er in einem andern Buche die Alterthümer seiner Nation ab. Arrian, der zu Hadrians Zeit lebte, beschrieb die Fcld- zügc Alexanders des Großen, und sammelte Merk- Merkwürdigkeiten von Indien. Für die Geschichte großer und berühmter Männer leistete Plutarch, unstreitig der größte griechische Geschichtschreiber dieses Zeitalters, ausserordentlich viel. Sein Vaterland war Böo- ticn in Griechenland, und er bekleidete vom iten bis zum 2tcn Jahrhundert zu Rom die Stelle eines Lehrers der Philosophie. Ihm verdankt man eine beträchtliche Anzahl vortrefflicher Biographien berühmter Griechen und Römer, zwischen welchen er eine Ver- gleichung anstellt. Noch verdient Aelian von Prancste bemerkt zu werden, weil er viele, zum Theil nicht unwichtige Anekdoten zusammengeschrieben hat. Die eigentlichen Römer widmeten sich in diesem Zeitraume der historischen Muse meistens noch mit glücklichem Erfolg, ohne von der Neigung zum übertriebenen Schmucke sich zu sehr hinreisten zn lassen. Die ganze römische Geschichte bearbeiteten Patcrculus, Florus, Eutropius, und Vicror; aber sie bearbeiteten sie nur in kleinen Werken, in Auszügen, unter welchen das Buch des Flo- xus zwar dgs umständlichste, aber auch dasjenige Z26 jenige ist, welchem man die Bemühung, schön und witzig zu schreiben, gar zu deutlich ansieht. Einzelne Theile der römischen Geschichte wurden vorzüglich gut geschrieben. Tacitus, einer der vornehmsten Historiker der Römer, im ersten Jahrhundert, der, nachdem er in jüngcrn Jahren durch seine gerichtliche Beredtsamkcit sich Ruhm erworben hatte, unter dem Ncrva die Consul- würde verwaltete, handelte die Geschichte seiner Zeit in zwey Werken ab, aus welchen ausscrordentlicher Scharfsinn, weise Anordnung und Stellung der Begebenheiten, und gedrungene Kürze in Gedanken und Ausdrücken, hervorleuchten. Um die älteste Geschichte unseres Vaterlandes hat sich eben dieser Tacitus, durch eine besondere überaus schätzbare Schrift sehr verdient gemacht. Sueton, der zugleich den Grammatiker, den Nhetor, und den Sachwalter machte, schrieb die Lcbensgeschichten der ersten zwölf römischen Kaiser, nnd stellte darin das römische Muster eines Biographen auf. Die Geschichte der römischen Kaiser erzählen auch Marcellin, und noch verschiedene andere Geschichtschreiber. Für die allgemeine Geschichte 22? schichte lieferte Justin, ein Zeitgenosse der Antonine, ein ziemlich gut und unterhaltend geschriebenes Werk, weiches aber weiter nichts als ein Auszug aus dem grüßen; Gc- schichtbuche des Trojus Pompejus ist, dessen Verlust durch jenes einigermaßen ersetzt wird. Die Thaten Alexanders des Großen erzählt Curtius Nufus, ein Zeitgenosse der Kaiser aus der Familie des Augustus, auf eine zwar unterhaltende, aber auch sehr romanhafte Art, und in einem oft zu gesuchten und geschmückten Style. Manche Reden und Thaten merkwürdiger Männer hat uns Valcrius Maximus, der zur Zeit des Augustus lebte, aufgezeichnet. Die Erdkunde, die Schwester der Geschichte, war in diesem Zeitraume merklich weiter gerückt. Die Eroberungen und die Handlungsrcisen der Römer vermehrten die geographische!; Kenntnisse. Die vielen Kriegszüge, welche die Kaiser aus der Familie des Augustus nach Deutschland thun ließen, mach, tcn die Römer mit dem Norden und Osten von Europa bekannter. Durch Handelsreisen lernten sie den südlichen und östlichen Theil Theil von Asien, imgleichen Westafrika, genauer kennen. Der nördliche Theil von Europa, besonders Schweden und Norwegen, hieß bey ihnen Scandinavia. Einen Theil von Preussen kannten sie unter dem Nahmen Glcssaria ( Bernstci'sinsc!). Zn Rußland und Polen dachten sie sich Sarma- tcn und Scythen. Asien kannten sie bis an den Ganges, und bis nach Nord - China. Mit dem entferntem Indien waren nur wenige Römer bekannt, und ihre Kenntniß desselben gründete sich blos auf Nachrichten, die sie von andern empfangen hatten. Durch die Seide, die sie aus Indien bekamen, wurden sie auf das Land Serien aufmerksam, welches einen Theil der Mongolen, und die chinesische Provinz Schcnsi, begriff. Afrika kennten sie bis an das grüne Vorgebirge, und bis an den Niger. Um die Ausbreitung und Zusammenstellung dieser geographischen Kenntnisse erwarben sich verschiedene griechische Gelehrte ein ausgezeichnetes Verdienst. Strabo, aus Kappadocien, ein Zeitgenosse des Augusts und Tibers, der auf seinen Reifen nach Acgupten, Asien, Griechenland, und Italien, sehr viele wichtige 92? tigc Nachrichten sammelte, verfertigte, mit ächter historischer Kunst und reifer Beurtheilung, ein für die Erdkunde der Alten äusserst interessantes Werk. Ptolemaus, ein Aegpptcr, der im 2tcn Jahrhunderte lobte, machte die allgemeine Erdbeschreibung gleichfalls zum Gegenstande eines besondern Werkes, und Dionyß Periegctcs (der Welche» schreibet), schilderte, auf Befehl des Aü- gustus, die Oberfläche unseres Planeten in Hexametern, die mehr geographisches, als poetisches Verdienst haben. Pausanias, der unter Antoniuus Pius lebte, hinterließ eine vortreflichc Beschreibung von Griechenland. Von geographischen Werken der Römer dieses Zeitalters ist uns weiter nichts, als des Mela, eines Spaniers aus dem ersten Jahrhundert, kurze aber genaue Erdbeschreibung übrig geblieben. Von den geographischen Kenntnissen der Römer findet man auch sehr viel in einem Buche, welches eigentlich der Naturgeschichte gewidmet ist. Sein Verfasser, Plinius der Acltere, hat bey diesem Werke auf 2500, andre Schriftsteller zu Rathe gezogen, und es dadurch zu einem Nepertorium in Ansehung der Kennt- 3Zo Kenntnisse der Alten gemacht," welches besonders auch für die Kunstgeschichte dieser Zeit eine ansserordcntlichc Wichtigkeit hat. Unter die Naturhistorikcr dieser Zeit gehört auch Aelian, ein Zeitgenosse des Hclioga- bals, von dem man ein besondres Werk über die Naturgeschichte der Thiere bc- sitzt. Die Landwirthschaft wurde besonders im Anfange dieses Zeitraumes von den Römern noch sehr eifrig getrieben, und es machten sich verschiedene gute Schriftsteller um dieselbe verdient. Die erste Stelle unter ihnen gehört dem Spanier Varro. Columclla, sein Landsmann, der zur Zeit des Tiberins und Claudius lebte, schrieb nicht allein über die Landwirthschaft, sondern auch über die Banmzucht. Palladius handelte von der Landwirthschaft zum Theil in Versen. Einem besondern Buche über die, bey den Römern sehr geschätzte Kochkunst gab sein Verfasser den Nahmen dcS Apicius, eines der ersten Schlemmer seiner Zeit. Die ZZr Die Arzncmvissenschaft fand den den Römern lange Zeit keine günstige Aufnahme, weil sie nur von Sklaven und Freygelassenen betrieben wurde. Srst Cäsar schenkte den Aerzten das römische Bürgerrecht, und Augustus würdigte sie seines besondern Schutzes. Der berühmteste römische Arzt dieses Zeitalters war Cclsus, ein Zeitgenosse des Columclla, den wir aber blos aus dem mc- dicinischcn Theile eines cncyclopädischen Werkes über mehrere Wissenschaften kennen. Unter den mediciuischen Schriftstellern der Griechen haben sich Dioscorides und Gale- nus vorzüglichen Ruhm erworben. Beyde waren aus Kleinasien; beyde sammelten ihre ausgebreiteten Kenntnisse auf großen Reisen. Dioscorides studierte hauptsächlich Arzneykräu- tcr. Galen hielt sich oft zu Rom auf. Die mathematischen Wissenschaften wurden jetzt von den Römern mit dem glücklichsten Erfolge bearbeitet. Vitruvius, des Augustus Aufseher über die Kricgsrüstungen und Staatsgebäude, der zu Roms Verschönerung sehr viel beytrug, hat uns ein sehr interessantes Werk über die Baukunst hinterlassen, von 3Z2 voir welchem eil, Theil der Theorie der Ton, knnst gewidmet ist. Frontin (i Jh.) schrieb über Wasserleitungen, und Vcgetius (4. Jh.) erklärte die Kriegskunst. Die Philosophie hatte in diesem Zeit, räume mancherley Schicksale; bald wurde sie zu Rom über alles geschätzt, bald wurde sie wieder verbannt. Domitian jagte alle Philosophen ans Rom fort; Antsnin und Julian hielccn sie wieder in Ehren. Viele Kaiser waren aber so unaufgeklärt, daß sie auf Sterndenterey, Traumdcutcrey, Vorbedeutungen, Ahndungen, heilige Zahlen, und andere dergleichen Gegenstände des Aberglaubens, ihr ganzes Vertrauen setzten; daß sie den magischen Künsten mehr als den klügsten Anordnungen zutrauten; daß sie sich den gröbsten Vetrügercycn Preis gaben. Daher war es auch begreiflich, wenn mehr als ein Wundcrthäter Glauben fand; wenn der aufgeklärten Philosophen immer weniger wurden. Dennoch thaten sich einige derselben auch in diesem Zeitraume hervor. Die vorzüglichsten philosophischen Schriftsteller Zieles Zeitalters waren aber noch immer Griechen, ZAZ Griechen, und zwar nieiüens ans Asien. Epictet, der sich unter den vom Domitian verbannten Philosophen befand, zeichnete sich durch seine leidenschaftliche Ergebenheit für den Glauben der Stoiker cmö. Unter seinen Schülern that sich besonders Arrian hervor. Kein Philosoph dieses Zeitraums aber hat sich einen unsterblicher» Ruhm er worden, als Plutarch, der, in seinen zahlreichen Schriften voll ächter Weisheit, eine Menge der mannigfaltigsten Kenntnisse dcS Alterthums in einen schönen Vortrage einkleidete. Wenn man Plutarchs tiefe Einsicht und Gelehrsamkeit bewundert, sd erstaunt man über Lucians Scharfsinn, treffenden Mitz, und weder Menschen noch Göt- tcr schonenden satyrischen Spott, der freylich oft in Muthwillen ausartet. - Vom Kaiser Antonin dem Philosophen besitzen wir philosophische, sehr lehrreiche Sclbstbctrach- tungcn. Auch von den philosophischen Kennt-' nisscn des Kaisers Julian, der übrigens von Sophisterei) und von Aberglauben nichr ganz frey war, zeugen seine Reden, Briefe und Satyren. Unter den eigentlichen Römern Haber, sich, ausser dem altern Plinius, Seneea SZ4 Sencka und Petronius Arbiter als Philosophen vorzüglich berühmt gemacht. Des erstem scharfsinnige und geistreiche, aber zuweilen auch sehr spitzfindige Schriften beweisen, daß er ein sehr eifriger Stoiker war. Arbiters satyrisches Werk enthält eine ziemlich witzige und lebhafte, aber oft sehr ärgerliche Darstellung der zügellosen Sitten des itcn Jahrhunderts. Die vorzüglichsten Philosophen dieser Zeit waren Stoiker. Die übrigen philosophischen Sekten waren meistens in Vergessenheit gerathen. Aber keine Schule der Philosophen bewies in diese« Zeitraume einen mächtigern Einfluß, als di, platonische Philosophie, die zu Alexandren ihren Sitz hatte.- In dieser hatte der wi'der aufgelebte Pythagorismus eine große Vcränderung hervorgebracht, welcher besonders in Rom viele Verehrer fand. Die ganze Glaubensschwärmcrcp dcr Morgenländer gicng in denselben über, und im itcn Jahrhundert wußte Apollonius von Tvana (in Kappadocien) sich ein so großes Anschn zu geben, daß man ihn als einen Wun- dcrthäter verehrte. Der neupyrhagoräische Glaube fand nun auch bey den Platonikern D zz; zu Alepandrien großen Beyfall. Diese gaben sich Mühe, die verschiedenen philosophischen Secren, welche bisher mit einander in Streit gelebt hatten, zu vereinigen. So entstand die neuplatonische Philosophie, die sich durch ihren schwärmerischen Charakter auszeichnete, welche die Träumereyen von der Wcltschopfung, von der Dreyeinigkeit der Gottheit, von den Dämonen und ihren Wirkungen, von der Vollkommenheit der menschlichen Natur, und dergleichen mehr, in Gang brachte. Diese schwärmerische Philosophie wirkte mm besonders auch auf das Christenthum. Dieß geschah vornehmlich seit der Zeit, da (2. Zh.) verschiedene Philosophen zur christlichen Religion übergegangen waren. Diese suchten das Christenthum mit ihren Grundsätzen zu vereinigen, oder gegen andre, von welchen es im Ganzen, oder nur in einzelnen Punkten angefochten wurde, zu vertheidigen. So gewann das Glaubenssyftem des Urhebers der christlichen Religion allmnhliz ein mehr philosophisches, mit Erübcleycn und Spitzfindigkeiten aufgestutztes Nnsehm Dieses zz6 Dieses bildete sich vornehmlich in der Schule zu Alexandricn aus, die man für den Unterricht künftiger Neligionslehrcr angelegt hatte. Je spitzfindiger man die Glaubenssätze der christlichen Religion zu erklären suchte, um so weiter entfernte man sich von dem eigentlichen Sinn der Lehre Jesu, und seiner Apostel, um so weniger herrschte in Ansehung der Mennungen über dieselbe Uebereinstimmung. Manche konnten die Vereinigung der göttlichen und menschlichen Natur in der Person Jesu nicht begreifen. Eine gewisse Scctc, die man Ebioniten nennte, gaben ihn für einen Sohn Josephs, des Bräutigams der Marie von Nazareth aus. Andere bestritten die Mehrheit der Personen in der Gottheit; oder sie fochten die Glaubwürdigkeit der Evangelisten an. Diese Streitigkeiten bewirkten, daß für und Wider diese Meynung manches geschrieben wurde. Unter denen, welche die Gottheit Christi und die Dreyeinigkeit behaupteten, fanden verschiedene so vielen Beyfall, daß der größte Theil der Christen sich auf ihre Seite schlug. Solche Männer gab es schon W 2ten und zten Jahrhundert, unter welchen 3Z7 chen Justin, aus Palästina, Jreuäus, sin Gallier angleichen Origincs aus Alexandria, der sich, weil er eine Stelle im N. T. falsch verstand, selbst entmannte, Terml- lian von Carthago, (ein Mann von großem Ausehn) Cyprian, Bischoff zu Carthago, u. a. m. berühmt sind. Man nennte diese Männer in der Folge Kirchenväter, und durch ihre Bemühungen bildete sich allmäh- lig die katholische (d. i. allgemeine) Kirche der Christen, die im 2ten Jahrhundert ihren Anfang nahm. Von dieser Kirche schloß man nun diejenigen aus, die andrer Meynung waren. So entstanden Ketzer. Man fühlte nun die Nothwendigkeit, alle Geistliche einer Provinz zu versammeln, um Uebereinstimmung in der Lehre und im Glauben zu bewirken. Seit Constantin dem Großen geschah es öfters, daß die Bischöfe der ganzen Christenheit sich gemeinschaftlich berathschlagten. Man nennte diese Verath- schlagungcn Kirchenversammlungcn. Auf diesen wurden nun die Glaubenssätze der allgemeinen Kirche festgesetzt. Die erste Kirchcn- vcrfamm- ") Matth. i?, i2. EallettiWkltg.5rTl). U 3Z8 Versammlung, die unter Consiantin (Z2-g) zu Nicßa in Kleinasien gehalten wurde, hatte die Bcylegnng der großen zwischen dem Athm uasiuL und dem Anus entstandene Streitigkeit zum Gegenstande. Beyde gehörten zu den angeschensten Priestern in Alexandrien; sie waren aber in ihren Meynungen sehr verschieden. Anus behauptete öffentlich, Christus sey weiter nichts, als ein Geschöpf Gottes, und seine Behauptung fand so viel Beyfall, daß sich die ganze Christenheit des Orients in zwey Partheyen theilte. Die Lehre des Anus nahmpn die meisten deutschen Völker an. Die Arianer waren aber unter einander selbst nicht einig. Einige gaben doch zu, daß Jesus ein mit göttlichen Eigenschaften ausgerüsteter Mensch gewesen sey. Dieser Streit dauerte auf siebzig Zahre, und dennoch war zu Nicaa durch die Mehrheit der Stimmen, indem von zi8 Bischöfen nur 17 der Meynung des Anus treu blieben, ausgemacht worden, daß die Gottheit Christi nicht mehr bezweifelt werden sollte. Seitdem hatte man ein" zweycinige Gottheit, bis denn endlich, auf einer (z8i) zu Constantinopel gehaltenen Kirchen- ZZ9 Kirchenversammlung, zu den Personen der Gottheit mich noch der heilige Geist hinzukam. Die Marie von Nazareth, die Mutter Jesu, nennte man die Gottesgebähre- rin. Dieser Titel wurde ihr um (428) von einem Geistlichen zu Constantinspel streitig gemacht, den der dasigc Bischof Nestor in Schutz nahm. Nestor erklärte seinen Zweifel so, daß nicht Gott, sondern Gottes Sohn, gebohren sey. Nun entstand zwischen ihm und einem andern Prälaten, Nahmens Cyrillus, ein sehr lebhafter Streit, an welchem der kaiserliche Hof einen viel zu großen Antheil nahm. Die Meynung des Nestors wurde aber auf einer (4Z1) zn Ephesus gehaltenen Kirchenversammlung fey- crlich verdammt, und Marie behauptete sich bey der Ehre, die Mutter eines Gottes zu seyn. Seitdem Constantin der Große die christliche Religion zur herrschenden im römischen Staate gemacht hatte, seitdem stieg auch das Ansehn der Vorsteher der christlichen Gemeinden, oder der Bischöfe, immer höher. Der in die prächtigen Tempel verlegte Got- V 2 teSdienst 340 tcsdicnst bcschafftigte jetzt mehrere Personen, wie ehedem. Man stellte jetzt immer mehr Prcsbytcri (Aeltcstc) Diaeoni (Diener) Vorleser, Exorcisten (Teufelbcschwörer) und an- dcre dergleichen Gehülfen, bey dem Gottesdienste an. Icmehv dem Bischöfe Personen untergeordnet wurden, jeniehr wuchs seine Würde. In einer Stadt, besonders in einer großen, gab es aber mehrere Kirchen, die ihre eignen Pfarrer und Kirchendiener hatten. Alle diese hatten an dem Bischöfe ihren gemeinschaftlichen Aufseher. Diesem wurden in der Folge alle Pfarrer und Kirchendiener in einem gewissen Bezirke untergeordnet. So bildete sich das geistliche Sub- ordinationsspstcm allmählig aus. Die- Bischöfe in den vornehmsten Städten des römischen Staates, z. B. in Rom, Antiochien, Alerandricn, Constantinopcl schwangen sich bald über andere Bischöfe empor. So wurden aus ihnen Erzbischöfe und Patriarchen. Der Bischof von Rom, von der ersten und eigentlichen Hauptstadt des römischen Wclt- staates, behauptete schon seit dem 2tcn Jahrhunderte ein vorzügliches Ansehn. Man nennte ihn bald den allgemeinen, den Oberbischof; s4l bischof; man zog ihn bey der Entscheidung wichtiger Streitigkeiten und Zweifel zu Rathe', man berief sich auf seinen Ausspruch. Der römische Bischof, der die für ihn so vorthcilhoftcn Umstände vortrefflich zu benutzen wußte, ficng schon ini ztcn Jahrhunderte an, andern Bischöfen sein höheres Anflehn recht fühlbar zu machen, und diejenigen, die ihm widersprachen, aus der christlichen Kirche zu verstoßen, oder in Bann thun. In der Folge eignete er sich auch ausschließlich den Titel Papa (Pabst) zu, der so viel wie Vater bedeutet. Die Bischöfe, und andere Diener der Kirche hatten ihre Stelle, blos dem Zutrauen zu danken, welches sie sich bey ihrer Gemeinde erworben hatten. An ihrer Wahl" nahmen daher die Glieder der Gemeinde unmittelbar, oder durch ihre Repräsentanten, Antheil. Dennoch maßten sich die Geistlichen, die sich darin das Beyspiel der jüdischen Priester zum Muster nahmen, ein sehr großes Anflehn gegen ihre weltlichen Mitbrü- dcr an. Dieses übten sie besonders in dem Strafrcchte auS, welches sich in der sogenannten nannten Kirchenbuße äusserte. Diese geist« liehe Streife hatte verschiedene Grade. Der erste Grad bestand in der Ausschließung vom Abcndmahle, an welchen kein offenbar ärgerlicher Sünder Antheil nehmen dnrste. War er ein recht arger Sünder, so durfte er nicht einmahl dem Gottesdienst beywohnen, und dieß würbe ihm gewöhnlich in sehr har^ den Ausdrücken angekündigt. Ein solcher Zustand war für einen nicht ganz leichtsinnigen Menschen unerträglich, weil er durch dem selben gleichsam von der Verbindung mit andern Menschen ausgeschlossen zu seyn glaubte. Er mußte daher den Wunsch, in die Gemeinschaft der Kirche wieder aufgenommen zu werden, recht innig fühlen. Um diesen Wunsch erfüllt zu sehen, mußte er recht demüthig bitten, mußte er seine. Betrübniß, und sein Bestreben, durch fromme und milde Handlungen der Wiederaufnahme sich würdig zu machen, recht in die Augen fallend beweisen; mußte er im Aufzuge eines reuigen Sünders, an der Kirchthürc stehend, die Glieder der Gemeinde, wenn sie in die Versammlung gicngcn, recht flehentlich bitten, sich bey Gott und der Kirche für seine Wieder- S4Z Wiederaufnahme zu verwenden. Erst nach einigen Wochen, oder Monathen, wurde er von dem Priester, der ihm die Hände auf den Kopf legte, für fähig erklärt, dem Gottesdienst wieder beyzuwohnen. Noch mußte er aber, wenn der Zeitpunkt des öffentlichen Gebethes sich näherte, wieder abtreten. Einige Zeit hernach durfte er erst stehend mitbethen. Endlich erhielt er die Erlaubniß, an dem Genusse des Abendmahls wieder Theil nehmen zu dürfen. Wie sehr mußte eben diese fromme Politik der damahligen Ehristcnlehrcr die Einbildungskraft ihrer Untergebenen mit heiliger Ehrerbiethung gegen den Gottesdienst erfüllen, wie sehr das Interesse für diesen Gottesdienst erhöhen! Hierzu kam, daß seit dem Ende des 2ten Jahrhrmderts die Feyerlichkeiten der Taufe und des Abendmahls, inglcichen der Inhalt des öffentlichen Gebethes, als ein Geheimniß beh'an- dest wurde. Die Einrichtung des christlichen Gottesdienstes der ersten Jahrhunderte war ein rührender, auf das Herz machtig wirkender Anblick« Wem: sich die Gemeinde versam- 544 versammelt, wenn sie die Anstimmung froher Lobgesänge geendigt hatte, trat der Bischof oder Presbyter auf, las ein Stück aus den Büchern des alten oder neuen Testaments vor, bcmühcte sich den Inhalt desselben zn erklaren, und gieng von dieser Erklärung auf die an den Gliedern seiner Gemeinde bemerkten Fehler über, die er mit herzlicher Freymüthigkeit rügte. Nun schloß sich ein feyerlichcs Gebeth an, in welchem die Gemeinde das Andenken der Märtyrer und standhaften Bekcnncr des Christenglaubens, so wie der edelsten ihrer verstorbenen Mit' glicdcr, segnete. Darauf theilte der Bischof, oder Presbyter, unter die Mitglieder der Gemeinde das Brod und den Wein aus, welche durch fromme Gaben zusammengekommen waren. Dieses Frcudenmahl wurde in jeder Versammlung gehalten. Der Feycrtage und Feste waren noch wenige, sie wurden aber durch die dem Andenken der Märtyrer gewidmeten Tage außerordentlich vermehrt. Der Ncujahrstag verwandelte sich bald in ein Fest des allgemeinen Wohllebens, und aller möglichen Ausschweifungen. Selbst von den Kirchen blieb die Völlc- 345 Völlercy nicht entfernt. Zn der Fastenzeit eilte jedermann in die Kirche. Die Predigten vertraten jetzt die Stelle der Schauspiele. Der Prediger machte den Schauspieler. Daher der blühende Styl, daher die Ned- ncrkünste der Kirchenväter. Vom Gottesdienste waren in den ersten Jahrhunderten noch manche Gebräuche entfernt, deren Einführung der Aberglaube in der Folge veranlaßte. Doch war mit der Taufe schon der Exorcismus verbunden, weil man in dem Wahne stand, daß man den Teufel vorher austrcibcn müsse, ehe man den heiligen Geist mittheilen könne. Kinder zu taufen, gehörte noch nicht zur allgemeinen Sitte. Ucbcrhaupt übereilte man sich noch gar nicht mit der Taufe, und man verspürte sie wohl gar bis auf den Augenblick des Todes, weil man sie in diesem Zeitpunkte für besonders wichtig hielt. Das Sympol des Todes Jesu, das Krcutz, stand bereits in so großem Ansehn, daß man ihm eine besondere Wirkung zuschrieb, und daß man sich desselben bey allen Gelegenheiten bediente. Seit Coustantins des Großen Zeiten änderte sich Z46 sich der Gottesdienst, und die Ausübung der Handlungen, besonders der Taufe und des Abendmahls, auf eine sehr merkliche Art. Die Taufe wurde jetzt gar nicht lange aufgeschoben. Man schien zu glauben, daß schon die Taufe den Christen gegen die größten Gefahren sichere, und ein großer Theil der neubckchrten Christen des Abendlandes wurde daher getauft, ohne vorher unterrichtet worden zu seyn. In Ansehung der Tanssormel herrschte keine allgemeine Uebereinstimmung. Die meiste Veränderung aber gieng mit dem Abendmahle vor. Es wurde jetzt nicht mehr in jeder Zusammenkunft, sondern nur am Sonntage, dessen strenge Fcycr Constanti'n (zerr) verordnete, genossen. Der Altar war mit Schranken umgeben, die keinem Laycn den Zutritt verstatteten. Nur die Geistlichen, durften das Sacramcnt nahe am Altare genießen; den Weltlichen wurde es von dem Presbyter gebracht. Je geheimnißvollcr die Gebräuche bey dem Abendmahlc wurden, und je weniger man sich, von der Transfubstan- tiation, oder von der Verwandlung des Brodes und Weines in den Leib und in das Blut Christi, einen Begriff machen konnte. 347 konnte, um so mehr schien sich das Volk von dieser Neligionshandlung zurückzuziehen. Es mußte daher schon zu Lonsrantius Zeiten verordnet werden, das; man auch bey dem öffentlichen Gebethe, und bey dem Genusse des Abendmahls, in der Kirche bleiben sollte. Man mußte es späterhin den Christen zur Pflicht machen, wenigstens an Weynachten, Ostern und Pfingsten das Abendmahl zu genießen. Zur eifrigern Ausbreitung des Christenthumes , und zur größern Ausbreitung desselben, trug der um diese Zeit gestiftete Stand der Mönche sehr viel bey. Frühzeitig gab es in Syrien und Aegypten, in Ländern, wo die mit dickem Blute vereinigte, traurige Phantasie sehr leicht Rcligicnsschwärmercy zu erzeugen vermag, Leute, die sich, um die Handlungen der Frömmigkeit desto ungestörter ausüben zu können, dem Uwgange mit andern sinnlichen Menschen entziehen zu müssen glaubten. Sie begaben sich daher in Wüste- ucyen, in Einöden, wo sie ein sehr trauriges, blos auf die unentbehrlichsten Bedürfnisse eingeschränktes Leben führten. Einer der 448 der berühmtesten dieser Eremiten, oder Einsiedler Nahmens Paul, der (um 250) in dem Bezirke der Stadt Theben in Acgnptcn lebte, hielt sich in einer Höhle auf einem Felsen auf, wo er sich von Früchten und Blattern der Palmen nährte. Antonius, ein Landsmann und Nachahmer desselben, fühlte die schreckliche Lage, von allen Menschen getrennt zu seyn, so innig, daß er mehrere Einsiedler beredete, ihre Wohnsitze in der Nähe von einander aufzuschlagen, um sich, sowohl in ihren frommen Handlungen, als in ihren Bedürfnissen, wechselswcise unterstützen zu können. Nun durste man nur die einzelnen Wohnungen in ein einziges größeres Gebäude zusammenziehen, so entstand daraus ein Kloster, welches von dem lateinischen Worte Lloustrum seinen Nahmen erhielt. Ein solches Kloster legte ein andrer Aegyptcr Pachomius (st. z;6) auf einer Insel des Nils an, in welchem sich auf fünf hundert Mönche versammelten. Zu diesem kamen noch acht andere Klöster, die zusammen auf 900 Personen faßten. Es währte nicht lange, so hielt man es für schicklich, auch in den Städten Klöster anzulegen.' Die Neigung zum Kloster- 349 Alosterlcben breitete sich bald in dem benachbarten Syrien und Palastina, und selbst in Europa, in Sicilicn und Dalmatien, aus- Man stiftete solche Klöster auch bald für Frauenzimmer, und des Antonius Schwester soll das erste Beyspiel dieser Art gegeben haben. Die Klosterfrauen wurden nach einem agnptischcn Worte, welches so viel als Mutter bedeutet, Nonnen, und die mannlichen Bewohner der Klöster nach einem griechischen Ausdrucke Mönche (Einsiedler) gc- ncnnt. Die Personen, die sich dem blos der Frömmigkeit bestimmten Leben widmeten, mußten Keuschheit, Armuth und Gehorsam angeloben. Ihre Andachtsübungcn wurden ihnen nach einer gewissen Ordnung vorgeschrieben. Daher nennte man eine ganze Gesellschaft von Personen, die sich der Beobachtung einer solchen Ordnung widmeten, einen Orden. Ihre Hauptbeschafftigung machte Religionsunterricht, und die Sorgfalt für ihren Lebensunterhalt, aus. Zu dem letztem brauchten sie nicht viel, weil das Fasten, welches ihnen in jenen so warmen Gegenden keine große Mühe kostete, zu ihren vornehmsten NeligionSübungen gehörte. Das Klo- sterlcben sierleben fand ausserordentlich viele Verehrer. Nur allein in Aegypten, seinem Vaterland?, zählte man bald auf 50000 Mönche und Nonnen, und auf 3000 derselben lebten wohl in einem Gebäude beysammen. Bald gab es keinen Bischof oder Prälaten, der seine Bildung nicht in einem solchen Kloster bekommen hatte. Noch wurde aber niemand durch ein unwiederruflichcs Gelübde an da^Z Klosterlebcn gebunden; auch war man, so lange man Mönch seyn wollte, nicht verpflichtet, nach einer gewissen Regel zu leben. S e ch s< Z)l Sechstes Buch. Von Clodowig bis auf Karin den Große»/ zoo Jahre. Erstes Kapitel. Chlodvwig bildet die fränkische Monarchie, die unter seinen ersten Nachfolgern noch durch das thüringische, und das burgundische Reich, vergrößert wird. 'Veit dem Augustus stellte Europa den von nchmstcn Schauplatz der Weltgeschichte vor. Hier war der Hauptsitz der über alle drey Erdthcile ausgedehnten römischen Monarchie,, und 352 und wenn auch der westliche Theil derselben abgerissen worden war, so dauerte das oströmische Kaiscrthum doch noch immer fort, so hob sich im westlichen Theile von Europa die frankische Monarchie empor, die in der Geschichte unseres Erdtheilcs eine so bedeutende Rolle spielt. Der Hauptsitz der frankischen Monarchie war in Gallien. Im südlichen Theile desselben herrschten die Westgothen, die sich nordwärts bis an die Loire, und ostwärts bis an die Rhone, ausgebreitet hatten. Odoa- chcr hatte ihnen alle römischen Besitzungen jenseits der Alpen abgetreten. Zwischen den Alpen, der Saone und der Rhone, dehnte sich das Reich der Burgunder aus, welches also den östlichen Theil von Frankreich, und die westliche Hälfte von Helvctien, begriff. Die westliche Halbinsel Galliens hatten die Britannier besetzt. Auf der rechten Seite der Loire, und an der Seine, war der Ucberrcst der römischen Herrschaft noch vorhanden. Hier geboth Syagrius, dessen Vater Acgidius römischer Statthalter in Gallien gewesen war. Er regierte, ohne vom z;z vom Kaiserhof bestätigt zu sevn, und stellte also gleichsam einen unabhängigen Regenten vor. Seine Residenz war zu Soissons. Im nordlichen Theile von Gallien saßen die Franken fest. Diese ehemaligen Bewohner Westphalcns giengen, nicht lange nach Constantins des Großen Zeiten, oft über den Rhein, und durchstreiften das belgische Gallien (die jetzigen Niederlande). Manche schöne Stadt wurde von ihnen geplündert und zerstört. Es gefiel ihnen aber in dem wohlangcbauten, mit allen Lebensbedürfnissen so reichlich versehenen Belgien besser, als in ihrem rauhen Vaterlande. Sie zogen daher immer zahlreicher hin, und bald konnten ihnen die Römer den langern Aufenthalt nicht mehr verwehren. Ihr unruhiger Geist reihte sie immer zu neuen Unternehmungen. Im Norden schreckte sie das unfreundliche Klima, schreckten sie die muthi- gcn Friesen zurück. Desto holder lachten ihnen die herrlichen Fluren Galliens entgegen, wo die verzärtelten Römer ihnen keinen nachdrücklichen Widerstand entgegen setzten. Schon unter dem Kaiser Valentinian III Galletlj Mltg. ;r Th. Z (um 554 (um 4Z8) eroberte Chlodio, ein fränkischer Fürst, die Städte Cambray und Tournay; auch drang er bis an die Somme in der Picardie vor. Sein ältester Sohn Mcrwig (st. 457) befestigte seine Herrschaft über einen Theil des nördlichen Galliens so glückt lich, daß man den Stamm der fränkischen Monarchen nach ihm Mcrowinger nennte. Dessen Sohn und Nachfolger Childerich mußte sich, wegen der Unzufriedenheit, die seine Regierung bey den Edlen seiner Nation er- regte, auf einige Zahrc entfernen. Bast- nus, der König der Thüringer, nahm ihn freundschaftlich auf, und Basina die Gemahlin desselben, fand den vertriebenen fränkischen König so liebenswürdig, daß sie ihm ihre eheliche Treue aufopferte, daß sie, als Childerich zu seiner Nation zurückkehrte, ihm heimlich nachfolgte. Childerich bewies sich gegen seinen Wohlthäter so undankbar, daß er ihm seine Gemahlin nicht wieder zurückschickte. Basinus rächte sich deswegen durch Strcifcreyen, die er durch seine Thüringer in das fränkische Gebieth jenseits des MaynS thun ließ. Die Thüringer, damahls noch sehr wilde und unbarmherzige Leute, behandelten besten die Franken, die in ihre Gewalt ge- riechen, sehr grausam. D»e Knaben hien- gcn sie an der Hüstflechse an den Bäumen auf; die Mädchen rissen sie an Pfcrdekbpfe gebunden von einander, oder sie streckten sie über Fahrgelcise aus, befestigten sie mit Pfählen in den Boden, und fuhren mit Frachtwagen über sie hin. War diefi Verfahren nicht etwa eine Wirkung der erbittertsten Rache, so zeigt es eine barbarische Denkart der damahligen Thüringer an. Basina, die das schreckliche Schicksal der Franken durch ihre Untreue veranlagt hatte, ward (467) die Mutter Chlodcwigs, des Stifters der fränkischen Monarchie. Die Franken theilten sich damahls in mehrere Stamme ab. An der Nordsee, in der Gegend von Witsand und Dünkirchen, breiteten sich die Morincr aus; am Rhein hatten die Ripuarier (Uferfranken) ihre Wohnsitze, und iit der Mitte saficn die Salier, über welche Clodewig herrschte. Dieser Cst», dewig benutzte die damalige Lage Galliens, um sich zum Monarchen desselben aufzuwerfe». Die Westgothen hatte» ei»en unmün- Z 2 " dige» z;6 digcn König; Odoachcr, dcv Beherrscher Italiens, bekümmerte sich um die übrigen Provinzen des ehemahligen weströmischen Kaiscrthumcs gar nicht; der griechische Kaiser Zeno war zu weit entfernt, und zu ohnmächtig, um zu helfen, und die arianischcn Wcstgothcn und Burgunder waren bey den katholischen Bewohnern Galliens verhaßt. Unter solchen Umständen konnte der neunzehnjährige, rasche Chlodcwig sehr leicht den Entschluß fassen, das Land, welches die Römer in Gallien noch im Besitze hatten, in seine Gewalt zu bringen. Sehr bald fand er einen Vorwand, sich vom Sya- grins beleidigt zu glauben. Er schickte demselben (486) eine 'Ausforderung zu einem Tressen zu. Chlodewig zog mit keinem großen Heere aus; .'doch leisteten ihm noch zwey andre fränkische Fürsten Hülfe. Er drang bis Soissons vor. Syagrius wurde geschlagen. Er flüchtete nach Toulose, der Residenz des wcstgothischcn Königs; aber der dortige Hof wagte es nicht, dem drohenden Chlodcwig die Auslieferung desselben zu verweigern, und Syagrius, der letzte römische Oberbefehlshaber in Gallien, wurde hingerichtet. Z57 richtet. Chlodewig und seine Franken crobcr- ten nun alle Städte, welche die Römer noch im Besitze gehabt hatten; die Stadt Paris kam aber erst nach zehn Jahren unter die Herrschaft der Frankem Die andern deutschen Staaten in Gallien, der westgothischc und der burgundische, welche die Unterdrückung der römischen Herrschaft in diesem Lande ruhig mit angesehn hatten, konnten, wenn sie die Lage der Sache nur einigermaßen überlegten, die ihnen drohende Gefahr, unter das frankische Joch zu gerathen, sich lebhaft denken. Und dennoch schienen sie keinen Antheil zu nehmen. Die Burgunder, die den Franken zunächst wohnten, wurden durch die Händel in ihrer Königsfamilie so sehr beschafftigt, daß sie auf Chlodcwigs ehrgeitzige Plane nicht genug Aufmerksamkeit wenden konnten. Der König Gundioch hatte das Land unter seine vier Sohne getheilt, und dadurch den Saamcn der Uneinigkeit unter ihnen ausgestreut. Gundobald, der seinen Wohnsitz zu Lyon hatte, überwältigte seinen Bruder Chilperich, der zu Genf residirte, und 538 und licfi ihn, nebst seiner Gemahlin und zwey Söhnen, hinrichten. Unter seinen zwey Töchtern, die am Leben blieben, befand sich die schöne' und liebenswürdige Chloriide. Der König der Franken war nach dem Besitze derselben lüstern; aber die herrliche Prinzessin wurde so sehr in einsamer Verwahrung gehalten, daß Aurelian, der schlaue Abgesandte Chlodewigs, nur mit Mühe sich z» ihr hinschlich. Nun wußte er ihr von der Macht, von der Unersehrockenhett, von der Neigung Chlodewigs, die christliche Religion anzunehmen, und von der zärtlichen Liebe, die er zu ihr hegte, so viel schönes vorzusagen, daß Chlotildc mit Vergnügen den Entschluß fasste, die Gemahlin desjenigen zu werden, der den Mord ihrer Familie rächen konnte. Vergebens untersagte es ihr Gundobald, - einen Heyden zu heyra- then. Chlotildc bestand darauf, Chlodewigs Ehcgenossin zu werden, und Gundobald wagte es nicht, dem mächtigen Chlodcwig seine Nichte länger zu verweigern. Als sich Chlotilde (49z) der Gränze des fränkischen Gebiethes näherte, munterte sie die frankischen Edlen, die sie den Armen Chlodewigs entgegen Z59 entgegen bringen sollten, noch zur Nach? ciuf. Nun brennte manches Dorf in Gun- dobalds Reiche, und Chlotilde vertauschte den mit Ochsen bespannten Wagen gegen ein schnelles Roß, um sich desto geschwinder zu entfernen. Chlotilde sparte, als sie Chlodcwigs Ge- mahlin war, weder Bitten noch Vorstellungen, um denselben zur Annahme des Christenthums zu bewegen. Zn diesen Bemühungen unterstützte sie der Bischof von Rheines, der h. Rhemigius. Allein Chlo- dcwig blieb lange unentschlossen, bis eine Schlacht über seine Uncntschlossenheit endlich siegte. Die Ripuarier waren mit ihren Nachbarcn, den Alemannen, die sich von den Quellen des Rheins, bis an dessen Zusammenfluß mit der Mosel, und also in der Schwell;, in Elsaß, Lothringen, im Bezirke von Worms und Speycr, in der rheinischen Pfalz, und in der Wettcrau ausbreiteten, in Krieg gerathen. Die Alemannen belagerten (496) die Stadt Cölu. Chlodc- wig eilt dem Fürsten Siegbert zu Hülfe.. Ve» Zülpich stoßen beyde Heer^ auf einan-- der. Z6o der. Als der Sieg auf Chlodewigs Seite sich hinneigt, gelobt er, ein Christ zu wer? den. Der König der Alemannen, Wibald, wurde gctödtet, und die Alemannen fühlten sich so geschwächt, daß sie ihr Land den sieg? reichen Franken überlassen mußten. Viele von ihnen wanderten nach Rhätien, nach Italien aus; viele schmiegten sich aber unter die Herrschaft der Franken, deren Gebieth dadurch sehr vergrößert wurde. Chlodewig ließ sich hierauf, dem in der Schlacht gethanen Gelübde zufolge, am Weihnachtsfeste zu Nhcims taufen. Er wurde zum christlichen Könige aus einem Oehlflaschchcn gesalbt, welches der h. Geist, in Gestalt einer Taube, vom Himmel gebracht haben sollte. Seinem Beyspiele, und seiner Aufmunterung, folgten viele tausend andre salische Franken. Das Christenthum, in welches sich Chlodewig einweihen ließ, war aber so wenig vermögend, seinen Er- vberungsgeist zu unterdrücken, daß es ihm vielmehr zum Vorwande diente, seiner Län- dcrsucht immer mehr Befriedigung zu verschaffen. Die katholischen Bischöfe, die sich, ausser z6r ausser ihrer Kirche, keine Seligkeit, und keinen Menschenwcrth dachten, reihten ihn zu feindseligen Gesinnungen gegen die aria? Nischen Westgothcn, die, ihrer Meynung nach, als verdammte Ketzer ausgerotter werden müßten. Vergebens wünschte sich der junge König Alarich mit dem Chlodewig zu vergleichen; vergebens wurde zwischen beyden eine Zusammenkunft veranstaltet. Chlodewig bedauerte es, daß der schönste Theil Galliens den Ariancrn gehören sollte. Viele katholische Unterthanen der Westgothen sahen den fränkischen König als ihren Erlös ser an. Chlodewig rüstete sich zu diesem Kriege, als wenn es ihm blos um die Ehre des Christenthums zu thun gewesen wäre. Er gelobte eine neue Kirche, die da, wo seine Streitaxt zuerst hinfallen würde, emporsteigen sollte. Er schickte nach der Kirche des h. Martins zu TourS heimlich einen Abgeordneten, und ließ sich ein Bibelorakcl auSbitten, daß sehr vortheilhaft für ihn lautete. Er gelobte dem h. Martin, der sich für seinen Gönner erklärte, sein Leib- roß. Aus einem Flaschchcn mit gesegnetem Abendmahlswcine, welches er vom h. Rhc- migius z62 migius empficng, sollte er sich in den Gefahren Muth trinken. Nun rückte Chlode- wig (501) schnell gegen Vivonnc bey Portiers an. Alarich und seine jungen Feldherren wollten einem für sie gefährlichen Treffen Nicht ausweichen. Alarich fiel unter Chlode- wigs eignen Handen, und die Wcstgothen waren so geschwächt, daß sie, wenigstens auf einige Zeit, alles Land von der Loire bis an die Pyrenäen, daß sie ihren großen Schatz zu Toulouse den Franken überlassen mußten. So diente das Christenthum dem eben so arglistigen als treulosen Chlodewig zum Vorwande, seine Monarchie durch das Land der Wcstgothen zu vergrößern! Durch eben dieselbe rechtfertigte er aber auch das ungerechte Verfahren, durch welches er die Herrschaft über alle Frairkcn an sich riß. Die Fürsten derselben mochten wegen seiner eroberungssüchtigen Plane wohl einige Besorgnis aussern; auch weigerten sie sich, den Glauben ihrer Vorfahren gegen die christliche Religion zu vertauschen. Dieß war genug, um ihnen von Seiten ihres Vetter Chlodewig z6z dewig die listigste, die gewaltsamste Vcrfol- gung zuzuziehen. Siegbert, der Fürst der Ripuarier, wurde von seinem eignen Sohne, den Chlodewig dazu beredet hatte, auf der Jagd im Buchcnwaldc ermordet. Die fränkischen Abgeordneten, welche Siegberts Schatze abholten, tödteten nun auch den Mörder des Vaters. Chararich, der Fürst der Mariner, mußte nebst seinen Söhnen in ein Kloster wandern. Da aber die jungen Prinzen die Hoffnung äusserten, daß sie dareinst doch zur Regierung gelangen könnten, so bedachte sich Chlodewig nicht lange, sie nebst ihrem Vater hinrichten zu lassen. Aber nichts erregt einen heftigern Abscheu, als Chlodewig» Verfahren gegen den Nachnachar, der zu Cambray residirte. Er bestach die Kricgs- bcfthlshabcr desselben mit Schmuck vom falschem Golde so glücklich, daß sie ihren Herrn in der Schlacht verließen. Als nun Rachuachar gefesselt vor den Chlodewig gebracht wurde, machte er ihm erst bittere Vorwürfe, daß er, als sein Verwandter, sich habe fesseln lassen, sodenn schlug er ihn mit eignen Handen nieder. Eben dieses Schicksal traf so viele andre Verwandte Chlode- Chlodwigs, daß er selbst einmahl darüber Klage führte, daß er gar keine Verwandte habe. Vielleicht wollte er dadurch das Daseyn derjenigen erfahren, die seiner habsüchtigen Verfolgung bisher noch entgangen waren. — Durch solche Mittel gründete Chlo- dcwig die frankische Monarchie, die sich von den Pyrenäen bis an den Mayn erstreckte. Bey dem Besitze einer solchen Macht konnte es ihm ziemlich gleichgültig seyn, ob der oströmische Kaiser seine schwachen Ansprüche auf den westlichen Theil des römischen Kai- serthums noch fortsetzte. Doch Anastasius entsagte ihm (510) zu Gefallen allen kaiserlichen Ansprüchen auf die von den Franken besetzten Länder, und legte ihm den Titel eines Consuls und Patricius bey. Chlo- dcwig ritt nun in der Staatskleidung derselben fcyerlich in die Kirche. Hätte Chlodewig (511) einen einzigen Nachfolger von seinem unternehmenden Geiste gehabt, so würde die fränkische Monarchie vielleicht über einen großen Theil von Europa sich verbreitet haben. Aber jeder von Chlodwigs vier Söhnen machte auf einen Antheil Z6; theil des Landes Anspruch. Man theilte es erst in Austrasien und Neustrien (Ost - und Westfranken). Dieses breitete sich von der Loire bis an die Maas und Mosel aus; von diesen beyden Flüssen fieng Austrasien an, welches alles begriff, was die Franken an beyden Seiten des Rheins besaßen. Aus straften wurde dem ältesten Sohne, dem Thcodcrich zu Theil, der seine Residenz zu Metz aufschlug. In Neustrien theilten sich die jüngern Brüder Chlodemir, Ehildcbcrl, und Chlothar, die zu Orleans, Paris und Soissons ihre Wohnsitze hatten. Einige Zeit hindurch dauerte das Erobes rungsglück des Vaters auch unter den Söhnen fort. Die fränkische, oder mcrowingis sche Monarchie, wurde noch durch das burs gundische und das thüringsche Reich vergrößert. Das letztre, das sich von der Eibe, nordwärts bis zum Harz und südwärts bis an den Adayn erstreckte, war damahls unter drey Brüder getheilt, die Vasinus, Clode- wizs Stiefvater, hinterlassen hatte. Hers manfried, der jüngste unter denselben, wählte sich zur Gemahlin eine vandalischc Prinzessin ans z66 aus Afrika, für deren Stolz sein Lau/ deSantheil nicht groß genug war. Hermannfried überfiel und tötete den einen von seinen Brüdern, der Berthar hieß; der andre, Balderich, machte aber so furchtbare Anstalten zur Gegcmvchre, daß Hermannfried den anstrasischen König Theodcrich um seinen Beystand bath. Der vereinigten Macht unterlag Baldcrich. Nun verlangte Theodcrich aber den Antheil an dem Lande desselben, welchen ihm Hermannfried versprochen hatte. Hermannfried wollte sein Wort nicht halten. Theodcrich rückte daher (5Z4), in Verbindung mit seinem Bruder Chlotar, über den thüringer Wald bis an die Un- siruth. Seinem Uebergange über diesen gar nicbt tiefen Fluß setzte Hcrmannfried die tapferste und standhafteste Gegenwehre entgegen. Aber die Unstruth wurde endlich so sehr mit Leichen angefüllt, daß sie die Franken zur Brücke brauchen konnten. Hermann- sticd rettete sich in seine Burg Scheidingcn. Theodcrich, dessen Krieger durch die blutigen Gefechte sehr vermindert worden waren, bath die um den Harz wohnenden Sachsen Am Beystand, und es stellten sich von denselben Z6? selben 900O riesenmäßige, wohlgerüstete Leute ein. Thcoderich, der das thüringische Land nicht gern mit den Sachsen theilen wollte, ließ sich in der Stille mit dem eingeschlossenen Hcrmannfried in Unterhandlungen ein; aber die Sachsen, die seinen Anschlag erfuhren, bestürmten die Burg sogleich mit solchem Nachdruck, daß sie nicht mehr widerstehen konnte. Thcoderich mußte nun den braven Sachsen das zwischen der Un- struth und dem Harz liegende Thüringen überlassen; das übrige verwandelte sich in eine Provinz des fränkischen Reiches, die durch besondre Herzoge regiert wurde. Hcrmannfried, der letzte König der Thüringer, folgte dem Thcoderich nach Zül- pich, wo er, von einem tückischen Franken von der Stadtmauer herabgestürzt, den Hals brach. Seine Gemahlin, die Urheberin dieses Unglücks, flüchtete nach Italien, und sein ältester Sohn suchte in Constantinopel seine Zuflucht; zwey jünger« Kinder wurden erdrosselt. In 368 In Burgund herrschten gleichfalls Ver- wandtcnhändel, die den Franken eine erwünschte Gelegenheit verschafften, auch diesen Staat unter ihre Herrschaft zu bringen. Gnndobald, der Oheim der Chlotilde, hatte, um über die Burgunder ganz allein zu herr- . scbcn, seinen Bruder Godegisel, der zu Vienue rcsidirtc, überfallen, und hinrichten lassen. Er hinterließ das auf so ungerechte Art zusammengebrachte Reich seinem ältesten Sohne Siegmund, der mit einer ostgothi- sehen Prinzessin den Prinzen Siegrig zeugte. Nach dem Tode derselben hcyrathere er eine von ihren Hofdamen. Diese verrieth so viel Eitelkeit, daß der Prinz Siegrig sich nicht überwinden konnte, über seine Stifmuttcr nicht zu spotten. Das rachsüchtige Weib beredete nun den Siegmund, seinen Sohn im Schlafe ermorden zu lassen. Seinen Tod rächten die fränkischen Könige, von ihrer Mutter Chlotilde aufgemuntert. Siegmund, seine zweyte Gemahlin und ihre Kinder, wurden erwürgt, und in einen Brunnen geworfen. Sieg- munds Bruder Godomar vertheidigte zwar die . ^ 369 Freyheit der Burgunder noch 8 Jahre lang ; das burgundische Reich fiel aber endlich doch (5Z4) den Franken zu, deren Eroberungs» geisie in Italien erst die Ostgothcn und hernach die Langobarden, und in Spanien die Westgothen, Gränzen sehten. GallkttiWcltg. ;rTH, A a Zwetu 270 Zweytes Kapitel. Thevderich stiftet das ostgothischc Reich in Italien, welches, so wie das vandalische in Afrika, vom Iustinian zerstört wird. Alboin grün- dct das lvngvbardische Reich. s^ie Ostgothen, die jetzt in Italien herrschten , wohnten vorher in Pannonicn, wo sie sich, nach dem Untergange des hunnischen Reiches, niedergelassen hatten, und standen unter drey Königen oder Fürsten aus der edlen Familie der Annalen, die Brüder waren. Einer derselben, Thcodemir, war der Vater des berühmten Theoderichs, unter welchem die Ostgothcn nach Italien zogen. Seine Seine Mutter Erelieva war des Thcode- mirs liebste Concubine. Es gab damahls «och andre Ostgothen in Thracicn (Rum- Jli) und also in der Nähe von Constanti- nöpel. Diese hatten durch die Streifcreven, mit welchen sie die Besitzungen der Oströmer heimsuchten, von dem Hofe zu Constantino- pcl ein jährliches Geschenk erzwungen. Ihr Beyspiel reihte die pannonischcn Ostgothen, durch einen Einfall in Jllyrien, sich gleichfalls ein Jahrgeld zu verschaffen. Man bewilligte ihnen Zoo Pfund; als ein Unterpfand des Friedens mußte Theodemir (462) seinen siebenjährigen Sohn Theoderich ausliefern. Dieser wohlgcbildctc und fähige Prinz wurde zu Constantinopcl in allen Künsten und Fertigkeiten des Körpers so sorgfältig unterrichtet, daß seine mit einer fast riescnmäßigen Größe verbundene Gewandtheit allgemeine Bewunderung erregte. Wissenschaftliche Cultur war ihm aber so wenig zu Theil geworden , daß er nicht einmahl schreiben konnte; dennoch schätzte er die Wissenschaften und diejenigen, die ihnen ihren Fleiß widmeten. Auch hatte er in dem Umgange des Hofes die Bildung eines feinen Weltmannes sich A a 2 zugeeig- Z?2 zugeeignet. Als er, achtzehn Jahre alt, zu seinem Volke zurückkehrte, ward er bald der Liebling desselben, und auf 6oa>o der tapfersten und unternehmendsten von seinen Landsleuten wählten ihn zu ihrem Anführer. An ihrer Spitze nahm er verschiedene Streift zügc vor; auch eroberte er Singidunum (Belgrad). Indessen war nicht nur sein Vater gestorben; sondern auch seine beyden Onkel lebten nicht mehr. Theoderich stellte also nunmehr den alleinigen König der pan- nonischen Ostgothen vor. Seine großen Ei- gcnschaftcn, und sein Ansehen kamen dem Kaiser Zcno so bedenklich vor, daß er alle Mühe anwendete, die Freundschaft des jungen Königs sich zu erhalten. Er ernennte ihn zum Consul, und überhäufte ihn mit noch andern Ehrenbezeugungen und Geschenken. Dennoch konnte Theoderich dem unruhigen Geiste seines Volkes so wenig Einhalt thun, daß er bis Constantinopel streifen mußte. Der listige Zeno beredete ihn endlich, gegen seine Landsleutc, die Ostgothen in Thracicn, die Waffen zu ergreifen. Er befand sich in diesem Kriege in großer Lebensgefahr, und nur durch die klugen Vorstellungen 375 stclkungen des Theuderichs, des Königs der thracischcn Ostgothcn, wurde er auf die Politik des Hofes zu Constantinopcl, und auf ihr gemeinschaftliches Interesse, noch zu rechter Zeit aufmerksam gemacht. Da der alte Theuderich nicht lange hernach sein Leben endigte, so wählten auch die thracischeu Ostgothcn den Thcodcrich zu ihrem Könige. Die Macht desselben wurde dadurch so furchtbar, daß sich Zeno entschließen mußte, das Iahrgcld bis auf 2000 Pfund Gold zu erhöhen, und izooo Ostgothcn in Sold zu ziehmen. Aber auch mit diesen Bedingungen waren die Edlen der Ostgothcn noch nicht zufrieden. Nahe bey dem oströmischcn Kaiser- thume konnten sie sich nicht mit glücklichem Erfolge ausbreiten. Die große und feste Stadt Constantinopel, wo sich die Macht der oströmischcn Kaiser zusammendrängte, konnte den Fortgang ihrer Unternehmungen sehr leicht hemmen. Nach dem westlichen Theile des römischen Kaiserthumes war hingegen schon manches deutsche Volk gezogen. Da saßen auch die Brüder der Ostgothcn, die Z74 die Wesigothcn. Der Hof zu Constantino- pcl sah es gar nicht ungern, wenn sich die eben so unternehmenden als kriegerischen Gothcn entfernten, und mit Vergnügen hörte Zeno Thcodcrichs Erklärung, daß er hinziehen wolle, um Italien von der Herrschaft der Rügen zu befrcpen. In der Mitte des Winters (489) begann der Zng von einer halben Million Menschen, unter welchen sich hundert und fünfzig tausend steitbare Männer befanden. Weiber, Kinder und Greise folgten auf Wagen, an welche sich die Heerdcn anschlössen. Theodcrich nahm zuerst seine Richtung nach Epirus, um von da über das adriatische Meer nach Italien zu gehen; aber es fehlte ihm, diesen Plan ausführen, an Schiffen. Er zog sich also nordwärts durch Zllyrien und Pannonien, durch verödete Gegenden, über die Mischen Alpen, zwischen Krain und Obcritalien. Auf diesem Zuge gerieth er mit den Gepiden, einem andern deutschen Völkcrstamme, der in dem jetzigen Ungern, am Balaton - See sich ausbreitete, in einen sehr gefährlichen Kampf. Um einer unvermeidlichen Hungersnoth zu entgehen, bat er sich von den Gepiden 375 Gepiden nicht nur einen freyen Durchzug. sondern auch Lcbensmittel, aus. Anstatt einer günstigen Antwort erschien ein zahlreiches Heer der Gcpiden, an dem Ufer des 1 reisscndcn Flusses Ulka, welches durch übereinander steigende Mauern befestigt war. Dennoch wagten es die vom Hunger entkräfteten und muthlosen Gothcn überzusetzen; aber mancher derselben stürzte von den Pfeilen und Schwerinern der Gepiden durchbohrt in den Fluß. Zetzt munterte aber Theoderich feine Leute noch einmahl zur Tap- ^ ferkelt auf; jetzt ließ er die Fahnen neben j sich in die Höhe halten; jetzt trank er auf > gutes Kriegsglück noch einen Becher aus, und dann flog er mit verhängtem Zügel ges j gen den Feind. Seine Entschlossenheit - wurde durch den glücklichsten Erfolg belohnt. Odoacher erwartete die in Italien eindringenden Ostgothen, nicht weit von Aqui- l lcja, an den Ufern des Flusses Jsonzo; aber die im Angriffe unwiderstehlichen Schaaren I der Gothcn drangen bis Verona vor. Im folgenden Jahre (490) zog Odoacher seine ganze ganze Macht an der Elsch in eine sehr feste Stellung zusammen. An einem Morgen wollte ihn Theoderich hier angreifen. Als der schmetternde Klang der Trompeten ihn auf das Schlachtfeld rief, als er seine Rüstung anlegte, erschien seine Mutter Erc- lieva, von seiner Schwester begleitet, vor ihm. Jene, die den Muth der deutschen Weiber in so hohem Grade besaß, daß sie einst ihre aus einer blutigen Schlacht fliehenden LandSlcute durch ihre Vorwürfe wieder auf den Kampfplatz zurückgetrieben hatte; diese äusserte jetzt wegen des Schicksales ihres Sohnes so ängstliche Empfindungen, daß ihr Theoderich Muth zusprechen mußte. Das Bild seines Vaters, sagte er zu ihr, schwebe vor seinen Augen; dieser hatte den glücklichen Ausgang einer Schlacht allemahl durch seine Tapferkeit erzwungen; die Frauen sollten ihm nur das von ihren Händen verfertigte schöne Gewand bringen, weil er heute geschmückter, als zum Feste erscheinen müsse. — Theoderich siegte so entscheidend, daß Odoacher in dem festen Ravcnna seine Zuflucht suchen mußte. Aber freylich stand der König der Ostgothen an der Spitze eines 577 eines einzigen tapfern Volkes, das ihn aus- seeordentlich schätzte und liebte, während daß sein Gegner eine von allerley Nationen zusammengesetzte Armee hatte, der er nicht recht trauen durfte, und von welcher wirklich ein großer Theil Zu den Gothen übergieng. Indessen bewirkte die Verrräthercy eines Oberbefehlshabers der übergegangenen Krieger des Odochcrs, daß sich dieser noch einige Zeit behauptete, und daß Thcodcrich, um dessen Untergang zu vollenden, erst wesigothische Hülfe ans Gallien erwarten mußte. Nun (11 Aug.) erfolgte eins Schlacht an der Adda, die Ober - und Mittelitalicn, bis auf Navcnna, die Herrschaft Thcodcrichs unterwarf. Selbst in Rom wurde der ostgothische König als ein Befreyer aufgenommen. Navcnna wurde erst nach dritthalb Jahren (49z Febr.) durch den Hunger zur Uebcrgabe genöthigt. Thcodcrich versprach dem Odoachcr nicht nur persönliche Sicherheit, sondern auch einige Theilnahme an der Regierung Italiens. Ein solches Verhältniß konnte jedoch nicht lange bestehen. Odoachcr wurde bald feindlicher Absichten gegen den Theoderich beschuldigt. 378' digt, und, während eines Gastmahles, vom ostgothischcn Könige mit eigner Hand niedergestoßen. Seine Familie, und seine vornehmsten Befehlshaber, durften ihren Vater, ihren Herrn, nicht lange überleben. Die Ostgothcn riefen nun ihren Thcode- rich zum Könige von Italien aus, und ob ihn gleich der Kaiser Anastasius, der Nachfolger des Zcno, nicht dafür erkennen wollte, so bestimmte er doch das Schicksal Italiens ganz eigenmächtig. Den dritten Theil aller Länderey, den schon Odoachers Krieger besessen hatten, räumte er seinen Gothen ein. Diese Länderey war durch das ganze Reich, und zwar nach Verhältniß der Familie, der Hccrdc, und der Würde des Mannes, vertheilt. Ausser der Länderey erhielten die Krieger Theoderichs noch ein jährliches Geschenk an Geld, welches die unterjochten Bewohner Italiens natürlich aufbringen mußten. Diese behielten übrigens ihr Eigenthum ungckränkt, und lebten in Ruhe und Wohlstand. Thcoderich beförderte auch die Wissenschaften, die Künste, und das Gewerbe. Derjenige aber, der seine Auswerft Z79 merksamreit auf Kiese Gegenstände am meisten hinzog, war sein vortrefflicher Minister Casstodor, ein Italiener, der überhaupt an den guten Staatscinrichtnngen des vstgo- thischcn Königes den vornehmsten Antheil hatte. Thcoderichs Regierung wirkte aber nicht allein anf'Jtalien, sondern auch auf andre Lander, welche deutsche Völker im Besitze hatten. Die Könige und Fürsten derselben waren theils seine Schwager, theils seine Schwiegersöhne. Seine Schwester Amala- fcida war an den vandalischen König Thra- samund vermählt. Deren Tochter Amalaberga hatte den thüringischen König Hermanfricd zum Gemahl. Theodcrich selbst war der Schwager Chlodewigs. Die engste Verbindung aber unterhielt er mit dem wcstgothi- schen König Manch, seinem Schwiegersohne, dessen Söhne er gegen den machtigen Chlo- dewig in Schutz nahm. Dieser würde ihnen alles bis ' an die Pyrenäen entrissen hgben, wenn ein Heer, welches Theodcrich nach Frankreich schickte, den Franken bey Arlcs nicht eine solche Niederlage beygebracht hatte, daß Chlodcwig znm Frieden gezwungen gewesen Z8O wcscn wäre. Sein Ruhm verbreitete sich bis zu den entferntesten Völkern. Die Ae- scher an der Ostsee, und die Gothen in Schweden, schickten ihm Geschenke von Bernstein und Pclzwerk, und bewarben sich um seine Freundschaft. Theoderich stand eis ncm Nachkommen des Attila gegen den ost- römischen Kaiser bey, und siegte über die Griechen an der Gränze von Dacien. Als eine griechische Flotte Calabricn und Apulien verheerte, verschaffte er sich so geschwinde eine furchtbare Menge von Küsten - Fahrzeugen, das; der Kaiser einen festen Frieden mit ihm eingehen mußte. So spielte Theoderich die Rolle eines musterhaften Regenten vortrefflich, »nd er würde sie,' wenn er sich nicht in Rcligions- Händel gemischt hätte, auch glücklich ausgespielt haben. Seines arianischen Glaubens ungeachtet, ließ er die katholischen Bewohner Italiens in der Ansübung ihrer Rechte ganz ungckränkt. Um so mehr verlangte er, daß die Katholischen andre Glaubensgenossen auch mit Billigkeit behandeln möchten. Nun hatten, während seiner Abwesenheit, die katholischen 381 tholischen Christen zu Navcnna die vielen Juden, die sich daselbst befanden, den Acr- gcr, den ihnen der geschäftige Erwerbsgeist derselben verursachte, ans eine unbarmherzige Art empfinden lassen; sie hatten ihnen ihre Waaren weggenommen, und ihre Synagoge zerstört. Thcodcrich fand das, was sie gethan hatten, so unbillig, daß er ihnen die Synagoge wieder aufzubauen befahl; daß er diejenigen, die sich der Befolgung seines Befehles zu entziehen suchten, mit Stockschlagen dazu anhalten ließ. Die Katholischen, die aus großem Eifer für ihre Ne- lion, Theodcrichs Sorgfalt für die Beobacht tung der Mcnschenrechte verkannten, erklärten ihn nun für einen Ketzer. Theils im Gefühle des Unwillens, theils in der Absicht, die Katholischen durch das Vcrgel- tungsrecht zu strafen, läßt Theoderich eine katholische Kirche zu Verona niedcrreissen. Als seine Stimmung gegen die Katholischen schon sehr gerecht ward, kamen von Con, stantinopel her nach scharfe Verordnungen, welche die Absicht hatten, die Arianer zu zwingen, in dem Schoß der katholischen Kirche zurückzukehren. Theoderich, der nun «in 382 mit Recht befürchtete, daß diese Verordnungen seine Herrschaft über die katholischen Bewohner Italiens schwankend machen würden, ließ denselben ihre Waffen wegnehmen. Sodcnn schickte er den römischen Oberbischof Johann, dessen Wahl zwar von ihm bestätigt worden war, dessen geistliche Macht aber bereits eine sehr bedeutende Höhe erstiegen hatte, gerade nach Constantinopcl, «m wegen der fernern Duldung des ariani- schen Glaubens mit dem kaiserlichen Hofe zu unterhandeln. Der Oberbischoff übernahm diesen Austrag sehr ungern, und man durste sich also von seiner Versorgung nicht viel versprechen. Aber es war dem Theodcrich doch sehr unerwartet, daß der römische Obcrbischoff zu Constantinopcl mit außerordentlicher Ehrfurcht empfangen, daß er nicht als sein Gesandter, sondern vielmehr als Repräsentant des Apostels Petrus, aufgenommen wurde. Unter solchen Umständen konnte der Johann unmöglich eine Entscheidung mitbringen, die seinem Interesse entgegen war. Die übergangencn Arianer, so lautete sie, sollten im Schoße der Kirche bleiben. Theodcrich ließ sich von seinem Unwil- 3 KZ Unwillen darüber so hinreißen, daß er allen katholischen Gottesdienst in seinem Reiche verboth, daß er den Obcrbischof einsperren ließ. Die Verhastnchmung überlebte Johann nur wenig Tage, und, zu Theoderichs großem Acrgcr, bewiesen die katholischen Christen dem gestorbenen Oberbischofe die größte Ehrfurcht. Thcoderich war gegen die katholischen Bewohner Italiens nun einmahl mit Arg-, wohn erfüllt. Niemand aber reihte diesen Argwohn lebhafter, als die Mitglieder des römischen Senats, der seiner politischen Ohnmacht ungeachtet, die ehemalige Herrschaft über die Welt noch immer nicht vergessen konnte, und der auf die Wiederherstellung derselben noch immer mit einiger Zuversicht rechnete. Unter die vornehmsten Männer im Senate aber gehörte Svmma- chus, und dessen Sohn Boethius, der zu Athen seine ausgezeichneten Fähigkeiten, durch die Lehren des Plato und des Aristoteles, auf das feinste ausgebildet, der durch seine vortrefflichen Eigenschaften sich Theoderichs ganze Hochachtung, und ganzes Zutrauen erworben 384 erworben hatte. Theoderich hatte nicht nur den Vater, sondern auch dessen beyde Sühne mit der Consulwürde geziert. Theoderich und Boethius standen in dem freundschaftlichsten Verhältnisse. Wie wenig konnte also Boethius das traurige Schicksal ahnden, das ihm sein Gönner zu Theil werden ließ! Einer von den Senatoren, Nahmens Albinus, war wegen einer Aeusserung, die sein Verlangen nach der Wiederherstellung der Freyheit verrieth, be» dem Theoderich angeklagt worden. Boethius entschuldigte ihn durch das Geständnis, daß in Ansehung dieses Wunsches alle Mitglieder des Senates mit ihm übereinstimmten. Da er nun, gleich den Albinus, von einigen vornehmen Mannern, deren Ruf übrigens nicht unbescholten war, wegen eines vcrrätheriscken Einverständnisses mit dem Hofe zu Constan- tinopcl, angeklagt wurde: da man diese Anklage durch falsche Briefe und Siegel zu bekräftigen wußte; da ließ ihn Theoderich, alle Hochachtung und Freundschaft vergessend, zu Pavia in euren Thurm sperren, da wurde er, unter schrecklichen Martern, die Theoderich jedoch nicht befohlen haben soll, hingerichtet. Aucb 38, Auch sein Schwiegervater, Symmachus, ein ehrwürdiger Greis, starb als ein Verbrecher. Doch bald fühlte Theoderich, in dessen Herz sich so viel Menschenliebe regte, das Grausame seines Betragens. Das Bild seiner Freunde schwebte seiner zerrütteten Phantasie sehr lebhast vor. Es marterte ihn mit den schrecklichsten Empfindungen. Der Kopf eines großen Fisches mit aufgesperrtem Nachen, den er auf einer Abendtafel sah, schien ihm das Haupt des alten Symmachus, der die Zahne in die Unterlippe drückte, zu seyn. Zitternd an allen Gliedern, sprang er von der Tafel auf, stürzte sich in seine Kammer, und vcrbaxg sich unter einer schweren Last von Betten. Seinem Arzte erzählte er mit Thränen, wie grausam er gegen den Symmachus und Boethius verfahren war. Wenig Tage darauf starb er (526). Dies war das Ende des wahrhaft großen Theoderichs, der so herrliche Eigenschaften des Geistes und des Körpers vereinigte: der mit einer besondern Achtung für Tugend und Rechtschassenheit, und mit einer nach- drucksvollcn Besonnenheit im Reden, und mit deutscher Sitteneinfalt, einen ansehnlich GalltttiWeltg. 5tTH. Bb und 386 und wohlgebildeten Körper , den eine schucc- weiße Haut, und blühende Gesichtsfarbe, den muntere, aber auch zuweilen schreckliche Blicke auszeichneten, in die schönste Verbindung brachte. Voir allen Stiftern deutscher Staaten kam keiner ihm völlig gleich. Die Monarchie, die Thcodcrich zusammengebracht hatte, begriff, ausser Italien und Sicilien, einen großen Theil der Provence, ingleichen den südlichsten Theil von Deutschland (Rhätien, Vindclicicn, Nori- cum, Krain) so wie Dalmaticn, Slavonien, Ungern, Siebenbürgen. Sie war also größer, als der jetzige östreichische Staat. Für dieses ansehnliche Reich hatte nun Thcodcrich keinen luännlichcn Erben, sondern lauter Töchter, und zwey Enkel. Den ältesten untern den letzter«, der Atha- lcrich hieß, wählten die ostgothischcn Edlen zu ihrem Könige. Seine Mutter Amalasun- tha, die eben so viel Verstand als Schönheit besaß, übernahm die vormundschaftliche Regierung, die sich nach den weisen Grundsätzen ihres Vaters führte. Denttoch benutzten die auf sie eifersüchtigen Großen eine jugend- 887 jugendliche Züchtigling, die sie über ihren Sohn beschlossen hatte, zum Verwände, ihr die Erziehung desselben aus den Händen zu winden, und Arhalerichs Bildung wurde nun sehr vcrnachlaßigt. Doch Amalasuntha, die einige von ihren vornehmsten Feinden unter den Großen heimlich ermorden ließ, riß die Regierung bald wieder an sich, und behauptete sie auch nach dem Tode ihres Sohnes, der sich schon (534) nach acht Jahren ereignete. Um mit mehr Sicherheit herrschen zu können, nahm sie den Theo- dohat, den Sohn ihrer Vatersschwcsicr Ama- lafrida, zum Gemahl. Dieser mußte im Ehcvertrage versprechen, daß er auf weite? nichs, als den königlichen Titel, Anspruch machen wollte. Allein Theodohat, ein feiner Weltmann, der den Pluto studirtc, verstellte sich nur so lange, bis er eine günstige Gelegenheit hatte, die Amalafunthg in Verwahrung bringen zu lassen. Doch Theodohat genoß das Glück, die ostgothischs Monarchie zu besitzen, auch nicht lange. Das ostgothische Reich hatte ostwärts das griechische Kaiscrthum zum Nachbar. Bb z Sobald 388 Sobald also cm Besitzer desselben die Macht des großen Staates, der sich vorn Mittel? meere bis zum Euphrat erstreckte, gehörig zu schätzen und zu brauchen wußte, so befand sich die Monarchie der Ostgothen in großer Gefahr. Diese Gefahr brach jetzt herein. Der Kaiser Zeno, unter dem Theo- dcrich nach Italien zog, hatte (491) den Anastasius zum. Nachfolger, der den Wohlstand des oströmischcn Staates wieder herstellte, und einen Schatz von mehr als 80 Millionen Thalern sammelte. Nach dessen Tode (518) bestieg der alte Gardegeneral Justin, ein ehemaliger Bauerbursche eius Bulgarien, den schon Zeno, seiner aus- serordcntlichen Größe wegen, unter die Soldaten der Leibwache aufgenommen hatte, den Kaiserthron. Diejenigen, die ihn dabey vorzüglich unterstützten, waren der Oberhof- nicister Amantius, und der Oberste der ostgothischen Brigade, Vitalianus. Justin hieß seinen Neffen Uprauda, aus Bulgarien kommen, und erklärte ihn für seinen Sohn. Dieser hieß, seitdem Justininian, und als Justin (727) sein Leben endigte, folgte ihm der Neffe in der Regierung. Justi- 389 Justinian glaubte seinen Eifer für die katholische Kirche nicht nachdrücklicher beweisen zu können, als wenn er die Staaten der arianischen Deutschen in Occidente zerstörte. Zuerst griff er das vandalische Reich in Afrika an, weil die durch Clima und Lebensart, und durch einen langanhaltcnden Frieden weichlich und üppig gewordenen Van- dalen, keinen sehr entschlossenen Widerstand befürchten ließen. Gciscrich, der Stifter des Staates, der die Rechte seiner Unterthanen durch Gesetze bestimmt, und die- Sicherheit derselben nicht allein durch ein stehendes Heer, sondern auch durch Bündnisse, befestigt hatte, hinterließ die Regierung über dieselben seinem ältesten Sohne Huncrich, der sich durch seine unbarmherzige Verfolgung der Katholischen verhaßt machte. Nach zwey ältern Prinzen kam endlich (524) Hilderich, Huncrichs Sohn, zur Regierung, der durch seine Duldsamkeit die Ariancr kränkte, und die Katholischen doch nicht ganz befriedigte. Um so eher gelang es seinem Vetter Eelimcr, ihn vom Throne zu stürzen. Seines Freundes Hilderich nahm sich nun Zustinian mit Vergnügen an, weil er S9O er dadurch zum Angriffe dcS vandalischen Reichs einen sehr schicklichen Vorwand bekam. Ein katholischer Bischof verkündigte ihm in Gottes Nahmen den glücklichen Ausgang des Krieges. Diesen begünstigte eine Empörung der Freunde und Anhänger Hil- dcrichs, dessen harte Behandlung ihre Theilnahme noch reger machte. Bclisarius, ein Dacier, der sich im Kriege gegen die Perser schon sehr hervorgethan hatte, wurde vom Justinian zum Oberbefehlshaber über die Land - und Seemacht bestellt, welche das vandalische Reich erobern sollte. Der Landsoldaten waren aber nicht mehr als 5000 zu Pferde, und 10000 zu Fuß. Diese sollten eine fünf Millionen starke Nation, unter welcher sich 150000 Krieger befanden, bezwingen. Allein diese Nation war durch Sectenhaß veruneinigt; auch hatte die Weichlichkeit ihren Muth gelähmt. Gelimcr hatte den besten Theil seines Heeres, unter seinem Bruder, nach Sardinien geschickt, nm diese ihm untren gewordene Zn- sel wieder zu erobern. Bclisarius landete daher (5ZZ Sept.) ohne großen Widerstand zu zu finde», nicht weit von Karthago. Geli- mer flüchtete nach den numidischcn Einöden, nachdem er den Hilderich, und verschiedene Große, vorher hatte hinrichten lassen. Karthago, die einzige haltbare Festung, öffnete schon nach einigen Tagen die Thore. Gelimer machte einen vergeblichen Versuch, das Reich wieder zu erobern. Darauf suchto er mit seinen Vertrauten, und seinen Schaken, bey den Westgothen in Spanien seine Zuflucht; aber man wollte ihn nicht aufnehmen. Jetzt gericth er in ein solches Gedränge, daß ihm nichts übrig blieb, als sich dem Bclisarius in die Hände zu liefern. Dieß geschah in einer Vorstadt von Karthago. Hierauf zierte Gelimer Velisars Triumph, und er brachte den Ueberrcst seines Lebens in Kleinasien, in aller Bequemlichkeit eines Privatmannes, hin. Aus den angesehensten Vanbalcn bil, dete man fünf Schaaren Reiter; die übrigen vcrlohrcn sich unter den Bewohnern von Afrika. Das ehemahls so angebaute, und im Wohlstände sich befindende Gebieth der Vandalen wurde, theils durch diesen, theils durch einen folgenden Krieg mit den Mauren, so schrecklich verwüstet, daß man einen ganzen Tag Z?2 Tag reisen konnte, ohne einen Menschen anzutreffen. Zum vandalischen Reiche, welches Justi- man jetzt zerstört hatte, gehörte auch die Stadt und der Bezirk von Lilibaeum in Cäcilien, welche Thcoderich seiner Schwester Amalasteda, die an den König Thrasamund vcrheyrathet worden war, abgetreten hatte. Auf diese Stadt, und diesen Bezirk, machte Jusiinian nun gleichfalls Anspruch, und als der damahlige ostgothische König Theodohat zur Befriedigung dieses Anspruches sich nicht verstehen wollte, wurden die Ostgvthen sowohl in Dalmatien, als in Cäcilien, von den Griechen unter Belisars Anführung angegriffen. Belisar führte nicht mehr als 8000 Mann nach Sicilien; gegen ein Volk, das wenigstens noch 200000 Krieger aufbringen konnte. Aber dieses Volk war durch den langen Aufenthalt in Italien schon weichlicher und unkriegerischer geworden; auch stimmte es mit dem Theodohat nicht ganz übcrcin; und sodann bewies dieser wenig Muth und Entschlossenheit. Zn der ersten Bestürzung trat er gleich ganz Sicilien air den 39Z den Kaiser ab; >a er unterhandelte bereits wegen der Abtretung des ganzen Reichs, als ein Sieg, den die Ostgothcn über die in Dalmatien eindringenden Astreiner erfocht tcn, seinen Muth so sehr wieder emporhob, daß er die Unterhandlungen mit dem Vcli- sarius abbrach. Belisar gieng hierauf (536) von Sicilicn nach Italien. Ebermar, des Theodohats Schwiegersohn, der Unteritalien vertheidigen sollte, ward zum Vcrrather, und Belisar rückte nun ohne Widerstand bis Neapel vor. Diese Stadt wehrte sich zwar standhaft; endlich drangen aber die Grie- chcn durch eine Wasserleitung hinein, und die Einwohner wurden von ihnen sehr um barmherzig behaudclt. Der trage Thcodohat saß indessen ruhig in Rom. Die Nachläßigkcit, die er in der Vertheidigung seines Volkes bew'sc!, reihte den Unwillen der ostgothischcn Edlen so mächtig, daß sie ihn der Regierung für unfähig erklärten, und den General Vitiges an seine Stelle zum Könige wählten. Thcodohat wurde auf der Flucht von einem beleidigten Gothcn auf offner Landstraße getvdtet. Die Versamm- Z94 Versammlung der ostgothischen Großen faßte hierauf den Schluß, sich, um ihre Kräfte fester an einander anzuschließen, nach Obcr- italien zurückzuziehen, und Nom mit nicht mehr als 4000 Mann beseht zu lassen. In dieser ehemaligen Hauptstadt der Welt regte sich aber Religionshaß, und alter Römer- stolz jetzt lebhafter, als jemahls. Die Geistlichkeit, der Senat und die Bürgerschaft bathen den Vclisar, in ihre Stadt einzuziehen. Während daß er nun (Dcc.) zn einem Thore einrückte, zogen die Gothen zum andern hinaus. Bey der Fortsetzung dieses Krieges konnte es den beyden Partheyen nicht gleichgültig seyn, zu welcher von ihnen die fränkischen Könige sich schlugen. Justinian schloß daher mit dem ostfränkischcn Könige Thcodebcrt eine Verbindung. Allein Vitiges that eben demselben so vsrthcilhaste Anträge, daß er sich wieder anders besann. Vitiges trat (5Z7) den Franken alle ostgothischcn Besitzungen in Frankreich, ingleiehen Nhätien und Noricnm ab, und erwarb sich dadurch ein Recht auf Theoberts Beystand. Auch ließ 39? ließ dieser, wiewohl ziemlich spät (5Z8) den Ostgvthcn 10000 Burgunder zu Hülfe ziehen. Indessen hatte Vitigcs selbst eine Armee von 150,000 Mann zusammengebracht, mit welcher er (57z März) gegen Rom anrückte. Belisar, dessen Leute kaum zur Besetzung der Thore hinreichten, vertheidigte die Stadt eben so klug, als tapfer. Ein Theil der Bürgerschaft wurde bewaffnet, und Hunde mußten die fehlenden Wachen ersetzen. Belifars auf höhere Kriegswissenschaft gegründete Anstalten waren so wirksam, daß die Gothcn in einem Hauptsrurme auf ZO000 Mann, nebst ihren Belagerungsthür- mcn und Maschicnen, einbüßten. Aber der Mangel an Lebensbedürfnissen wurde in der großen Stadt immer drückender. Besonders fühlte man den Verlust der Wassermühlen, Doch Bclisars Sorgfalt ersetzte sie durch Schiffmühlcn; auch wirthschaftete er mit dem vorhandenen Vorrathe sehr genau, und er entfernte alle Leute, die, ausser dem Verzehren, weiter nichts thaten. Alle seine Klugheit aber wäre durch einen verratheri- schen Plan beynahe vereitelt worden. Man wollte die Gothcn heimlich in die Stadt ein- einlassen. Verschiedene Senatoren hatten an diesem Plane Antheil, und der Pabsr Sil- verius kain so sehr in Verdacht, daß ihn Bclisar absetzte, und an seine Stelle den Vigilius, der ihn gut dafür bezahlte, auf den päbstlichen Stuhl erhob. Wahrend schlauer Unterhandlungen, die er mit dem Vitigcs anknüpfte, gelang es ihm, eine Verstärkung von Mannschaft, dieihmZusti- man schickte, in die Stadt zu ziehen. Durch Mangel an Lebensrnitteln, durch einen Am griff, mit welchem Rimini und Ravcnna von den Griechen bedroht wurden, und durch einen Aufstand in Liguricn, den der katholische Bischof zu Mayland veranlaßte, wurde Viriges endlich gezwungen, die Belagerung Roms, nachdem sie ein Jahr gedauert hatte (5Z8 März) wieder aufzugeben. Die erbitterten Ostgothen schlachteten nun zu Mayland, und in der umliegenden Gegend, viele tausend Menschen, und zerstörten die Stadt. Doch Vitiges, dessen Heer vor Rom sehr geschmolzen war, kam in solches Gedränge, daß er seine Zuflucht irr Navenna suchen mußte. Belisar S97 Belisar hatte jetzt die Vernichtung des vstgothischen fsiciches in seiner Gewalt; aber Franken und Hofränke hinderten ihn an der Vollendung derselben. Der frankische Theodebert, der nun selbst mir einem Heere nach Italien gekommen war, wollte keinem von beyden Theilen helfen, sondern Italien für sich erobern. Daher fiel er (539) bey Pavia sowohl über die Gothen als Griechen her. Aber der größte Theil seiner Krieger konnte das Klima und die Kost Italiens nicht aushalten; er mußte sich daher wieder nach Frankreich zurückziehen. Indessen war doch Bclisarius durch die Franken in seinen Unternehmungen gegen die Ostgothen gehemmt worden. Eben belagerte er das wegen seiner morastigen Lage am adriatischen Meer unüberwindliche Navcnna, als er von seinem Hofe , der sich vor einem Kriege mit den Franken und Persern, und dem Ausgange einer Empörung in Afrika, fürchtete, den Befehl erhielt, die gothischen Schatze mit dem Vitiges zu theilen, und demselben Italien auf der linken Seite des Po's einzuräumen. Bclisar fand diesen Befehl, den Umstanden, in welchen sich der ostgothische Staat 598 Staat befand, so wenig angemessen, daß er ihm nicht gehorchen wollte. Die Edlen der Ostgothen, die über seine Standhafcig- keit erschraken, bothen ihm Navenna, und ihre Regierung, an. Velisar, der sich dabey mit schlauer Zweydeutigkeit benahm, hatte nun die Freude, daß ihm die wichtige Festung Navenna wirklich eingeräumt wurde. Wie erstaunten aber nicht die Griechen über die Menge der großen, stark gebauten (Lothen, die sich ihnen unterwarfen, und wie ärgerten sich die Weiber dieser Gothen, als sie die kleinen unansehnlichen Oströmer sahen, gegen welche ihre Männer so wenig Muth und Entschlossenheit bewiesen hatten! Hierzu kam das Mißvergnügen, daß Bclisar, einem neuen Befehle des Kaisers zufolge, Italien verließ, und die Schätze des Viti- gcs mitnahm. -Viele tausend Ostgothen gieu- gcn damahls in kaiserlichen Sold, und die Macht ihrer Nation wurde dadurch noch mehr geschwächt. Es blieb ihr weiter nichts, als der Bezirk von Verona, übrig. Dennoch ermannten sich (540) zu Pavia tausend Gothen, die dem Belisar nicht gc- schws- SS9 schworen hatten, und wählten, als Uraia, eine Neffe des Vitiges, die Regierung nicht übernehmen wollte, auf dessen Vorschlag, «inen ihrer Edlen, den Hildcbrand zum Könige. Da nun die griechische Herrschaft, der drückenden Abgaben wegen, den Italienern bald verhaßt wurde, so schmeichelten sich die Ostgothen noch mit der Hoffnung, sich in der schönen Halbinsel zu behaupten, als durch traurige Handel unter ihren Großen diese reihende Hoffnung wieder verdunkelt wurde. Hildebald nahm an einer Zänkerei), in welche seine Gemahlin mit Uraia's Gattin gerathen war, einen so lebhaften Antheil, daß er seinen Wohlthäter auf eine hinterlistige Art ermordete. Bald darauf traf ihn selbst aber eben das Schicksal. Ein Soldat seiner Leibwache hieb ihn (541) an der Tafel nieder, und man schreibt diesen Tod der Eifersucht seiner Gemahlin zu. Die Ostgothen, die jetzt bis auf wenige tausend Krieger zusammengeschmolzen waren, setzten unter ihren neuen Könige Totilas, den Krieg gegen die Ostcömer dennoch so muthig fort, daß ihre Herrschaft über Italien 4O0 lien sich ganz wieder zu heben schien. Toti las schlug, mit' scincm kleinen Heere, eine mehr als noch einmahl so große Armee der Oströmer, eroberte eben sowohl durch seine Klugheit, als durch seinen Muth, Bene- vent, Neapel, und selbst Rom, dessen -Mauern er zerstörte, und unterhielt eine nicht unbedeutende Flotte. Kein General des oströmischcn Kaisers konnte ihm Widerstand thun. Velisar mußte mm zum zwey- tcnmahl auf dem Kriegsschauplätze in Italien erscheinen. Aber von dem Hofe schlecht unterstützt, van der Kaiserin selbst geplündert und gemißhandelt, und in Ansehung der Unterhaltung der Armee blos auf die Beute verwiesen, konnte er das vom Totilas bedrängte Rom (546) nicht entsetzen. Diesem wurde vielmehr durch einen Theil der Besatzung der Weg in die Stadt geöffnet, und der ostgothische Sieger behandelte die Einwohner derselben noch großmüthig genug; doch beraubte er die Stadt aller Mittel, sich zu vertheidigen. Auch zogen so viele Lenke hinweg, daß die Stadt fast öde stand. Bc- lisar, der Roms trauriges Schicksal nicht hindern konnte, wurde (549) von seinem Hofe 40 l Hofe abcrmahls abgerufen, und er starb erst 16 Zahre hernach, unter der Herrfchaft feiner Frau Antonia, aber weder geblendet, noch als Bettler. Er war vielmehr so reich, daß er allein 7000 Mann Haustruppen halten konnte. Nun erschien endlich derjenige, der die Ehre hatte, das ostgothifche Reich in Italien völlig zu vernichten; Narses, ein kleiner, schwärzlicher Mann, in welchem ein großer Geist und ein gefühlvolles Herz seinen Sitz hatte, gierig von der unmannhaf- tcn Damenaufwartung im Serail plötzlich zur Sberkcfehlshaberstelle über. Da der Hof steh für ihn besonders intcrefsirte, so wurde zu seiner Ausrüstung kein Geld gespart. Er brachte ein zoooo Mann starkes mit allen Bedürfnissen wohlvcrsehenes Heer mit, welches meistens aus Herulern, Lon- gobarden und Hunnen zusammengesetzt war.- Als er zu Lande in Qberitalien eindringen wollte (552) fand er die Ersch, ingleichen Venetien, von den Franken besetzt, die sich, während der Verlegenheit der Gothen, bis an den Po ausgebreitet hatten. Narses zog Galletti Welch. ;r Th. C c sich 402 sich MM, von seiner Flotte unterstützt, an der Sccküste hin, bis nach Navenna, und TotilaS wurde, seiner vorsichtigen Maßregeln ungeachtet, im apcnninischcn Gebirge von ihm überrascht. Narscs both dem Toti- las Gnade an; aber der edle Osigothe wollte entweder siegen oder sterben. Eine Schlacht bey Basia in Toscana (552 Iul.) entschied. Totilas und sechs tausend andre Gothen fielen. Der kleine Ueberrest der braven Deutschen wählte den Tejas zum Könige, setzte, im Besitze einiger festen Plätze, den Krieg mit vcrzweiflungsvollcr Enschlossenhcit fort, und verwandelte, um sich in Rom zu behaupten, das berühmte Grabmahl'Hadrians in eine Festung. Aber die Hauptstadt der Welt wurde jetzt zum fünftenmahl in diesem Kriege erobert. Tejas fiel endlich (55z) in einem hitzigen Treffen,, als er seinen von zwölf Wurfspießen durchbohrten Schild gegen einen andern vertauschen wollte. Seine Gothen nahmen des Narses Erlaubniß ^ an, mit ihren Habseligkciten Italien verlassen zu dürfen, und nur tausend von ihnen blieben als römische Söldner zurück. So endigte sich das ostgothische Reich in Italien, nachdem 4OZ dem cs gerade 60 Jahre gedauert hatte. Als die Macht der Gothcn völlig vernichtet war, machte der osifränkische Theodcrich noch einen Versuch, sich Italiens zu bemächtigen, und er schickte deswegen ein Heer von Franken und Alemannen dahin, welches aber vom Narses (554) nach Frankreich zurückgetrieben wurde. Ganz Italien war nun eine oscrömische Provinz, über welche Narses (bis 567) den Obcrstatthaltcr vorstellte. Sein Nachfolger Louginus nennte sich zuerst einen Exarchen (Sberstatthalccr); aber der Umfang seiner Statthalterschaft wurde -durch ein andres deutsches Volk, durch die Longobarden, bald wieder eingeschränkt. Der Zustand dcS oströmischen Kaiserthums war so beschaffen, daß entfernte Eroberungen unmöglich lauge behauptet werden konnten. Justinian, der Eroberer des vandali- schen und ostgothischen Reiches, hat zwar einige glänzende Ncgierungshandlungen vorgenommen, aber auch wieder durch manches den nachmahligen Verfall des oströmischen Reiches veranlassen helfen. Zwar hat er der Stadt Eonstantinopel durch Tempel, E c s Brücken, 40 4 Brücke», Mauern und Wasserleitungen manche neue Zierde, und neue Bequemlichkeit, verschafft; zwar hat er sich um die juristische Welt durch das bekannte große Gesetzbuch (Lorpns luris) verdient gemacht; aber seine eignen Gesetze waren oft willkührlich und widersprechend; seine ganze Regierung nicht selten eigenmächtig und partheuisch; sein Verfahren verschwenderisch und raubsüch- lig; auch nahm er an den Handeln der Theologen einen viel zu lebhaften Antheil. Auf seinen Negierungscharaktcr hatte aber seine Gemahlin Thcodora, die sich vom niedrigen Stande bis zur Gemahlin eines Kaisers, bis zur Mitregcntin, emporgeschwungen hatte, einen sehr merklichen Einfluß. Ihr Vater Acacius, von der Insel Cupern, hatte zur Zeit des Kaisers Anasiasius die Aufsicht über die Hetzthicre. Er hinterließ eine junge Wittwe mit drey unerzogenen Töchtern, die, als sie erwachsen waren, theils durch Dürftigkeit, theils durch ihren Hang zum sinnlichen Vergnügen bewogen, die Reihe, die ihnen die Natur verliehen hatte, denen opferten, die sie dafür gut bezahlten. Theodor«, die jüngste nnter ihnen. 4^5 ihnen, war bey ihrer ältern Schwester in der Schule. Hier hatte sie keine Gelegenheit, ihre schöne Gestalt durch die Künste eines feinen griechischen Wollustmadchens, durch Tanz, Gesang und Flütenblase», zu veredeln; sie lernte nichts als die niedrig- pantomimische Geschicklichkeit, ihre Gesichtszuge zu verzerren, und allerley posstrliche Stellungen anzunehmen. Diese Talente zeigte sich nun auf dem Theater, wo sie das Lachen und Klatschen des Puülicums von dem Beyfalls desselben hinlänglich überzeugte. Dabey blieb aber ihr schlanker und feiner Wuchs, ihr herrliches Zlugcnpaar, und die reihende Gewandtheit ihres Körpers, den Verehrern weiblicher Schönheit nicht unbe- merkt, und Thcodora bewies sich in der Erzeigung ihrer Gunst nichts weniger, als spröde. Ja, die Gränzen, welche die Natur der Befriedigung wollüstiger Empfindungen gesetzt hat, waren nicht selten am Ausbruchc ihrer Klagen Ursache. Endlich, wählte sie ein vornehmer Mann, der Statthalter über Cyrcne war, zu seiner Mai- trcsse; bald war er ihres Genusses aber so überdrüßig, daß er sie fortjagte. Nun zog Thcodora Theodors» als eine überall bewunderte Thea' lerprinzessin tu Kleinasien umher. Sie wur< dc zu ihrem großen Vcrdruße Mutter. Endlich kehrte sie nach Constantinopel zurück. Hier waren ihre Neitze schon zu sehr bekannt, als daß sie durch dieselben hatte ihr Glück machen können. Sie schlug daher einen andern Weg ein. Sie nahm die Maske der in Constantinopel herrschenden Schcinfrömmigkeit vor. In einem kleinen Hause Wolle spinnend, lebte sie in keuscher Einsamkeit. So gelang es ihr, die Aufmerksamkeit des bigotten Kronprinzen Justi- nians auf sich zu ziehen. Mit westlicher Schlauheit ließ sie ihn so lange schmachten, bis er ihr seine Hand anboth. Justinians tugendhafte und rechtschaffene Tante, und seine Mutter, eine Betschwester, suchten eine Heyrath mit einer Person von so niedriger Herkunst, und so leichtsinnigem Charakter, aus allen Kräften zu verhindern. Aber sie starben. Nun war noch ein Gesetz für Zustinians Wünsche sehr ungünstig. Kein Mann vom Senatorstandc durste eine Weibsperson von niedriger Herkunst, oder unehrlicher Lebensart, heyrachen. Die Schauspieler" i 4O7 spiclcrkunft aber war damahls unehrlich. Jenes Gesetz wurde jedoch nun aufgehoben, und der Patriarch von Constantinopcl, der den Justinian mit dem Purpur zierte, setzte auch der Thcodora das Diadem auf. .Mit der Ehre und den Rechten einer Kaiserge- mahlin noch nicht zufrieden, ließ sie sich von dem schwachen Justinian zur Mitregen? tin erklären. Sie hielt es für rathsam, den Augen des großen Publikums, vor welchen sie eine so bekannte schändliche Rolle gespielt hatte, sich öfters zu entziehen, und ihre meiste Zeit auf den herrlichen kaiserlichen Lustschlössern hinzubringen; aber ihr unerträglicher Stolz, ihre unersättliche Habsucht, ihr unbarmherziger Eifer für die katholische Kirche, verleitete den Justinian zu mancher ungerechten und unbilligen Handlung, verleitete ihn auch zu der leidenschaftlichen Theilnahme an den Händeln der blauen und grünen Parthey. Thierhetzen, Wettrennen und Gaukelspiele machten die Glückseligkeit der damahligen Bewohner von Constantinopel aus. Die Wettrenner theilten sich in vier Banden oder 408 oder Partheyen, die, von ihrer Uniform, die weiße, rothe, blaue und grüne gcncnnt wurden. Man stritt über den Grund dieser Uniformenfarbcn eben so eifrig, als über die Geheimnisse der Religion. Bald suchten die Anhänger dieser Partheyen politische und andre Absichten Zu erreichen. Sie wollten auf diesem Wege ihre Ncligionsgrundsätze geltend machen. So eiferte die blaue Bande für den katholischen Glauben, wahrend daß die grüne, in manchen -Punkten von demselben abgicng. Die blaue Pärchen genoß den Schutz des Kaisers Iustinian und der Theo- dsra. Sie suchte daher die grüne auf eine sehr gewaltthätige Art zu unterdrücken. Daraus entstanden blutige Händel, und unbarmherzige Verfolgungen. Die ganze Stadt Constantinopel gerieth (5Z2) darüber in Verwirrung. Iustinian war in Gefahr, abgesetzt zu werden. Doch plötzlich wurden zvOOQ Grüne, die sich in der Rennbahn zusammengedrängt hatten, ohne Gnade niedergehauen. Unter ihnen befanden sich viele Männer von großem Ansehn. Dennoch fien- gcn diese lermcnden Auftritte bald wieder an, und sie dauerten selbst nach Instinians Tod- 4°9 Tode (565) noch fort. Da man nun wahrend dieser Zankereyen das Kriegswesen immer mehr ,in Verfall gerathen ließ, so war es ganz natürlich, daß d« ostrSmische Herrschaft über Italien sich nicht lange behauptete, und daß nicht lange nach dem Tode des Zustinians (568) die Longobarden in der schönen Halbinsel sich festsetzten. Die deutschen Longobarden, die von ihren ursprünglichen Wohnsitzen an der Nie- dcrelbe, sich abmählig südostwärts nach der Donau gezogen hatten, irrten lange Zeit in den Wüstcneycn und Waldern zwischen der Dona», der Weichsel und der Elbe^ umher. Als das Reich der Rügen, zwischen Gran und Linz, vom Qdogcher erobert worden war, rückten sie in diese ihrer Einwohner beraubte Gegend. Von da drangen sie in das östreichische Marchfeld ein, Wh sie den Hcrulern zinsbar wurden. Endlich erlaubte Iustinian denen Longobarden, die sich zur katholischen Religion gewendet hatten, in Pannonicn sich niederzulassen, und hier thaten sie theils gegen die Ostgothen« theils gegen die Gepiden, sehr gute Dienste» Ihre 4IO Ihre Wildheit war aber noch so unbezähmbar, daß Narses einen Haufen derselben, den er nach Italien geführt hatte, wieder zurückschicken mußte. Eben damahls aber waren die Langobarden mit dem herrlichen Lande so bekannt geworden, daß sie ein lebhaftes Verlangen fühlten, ihre bisherigen Wohnsitze gegen dasselbe zu vertauschen. Ihren Wunsch erfüllte ihr König Alboin. Ehe Alboin nach Italien zog, vollendete er erst den Untergang des gepidischcn Reiches. Kunemund, der letzte König desselben, war der Vater der schönen Roscmunde. Alboin warb um ihre Hand vergebens, weil sie Kunemund demjenigen nicht gönnte, von dem er einst beleidigt worden war. Hieraus entstand ein Krieg. Alboin verband sich mit den Avarcn, einem mongolischen Völkcrstam- me, der seit kurzer Zeit (seit 550) nach Europa gewandert war, ünd sich an der Donau niedergelassen hatte. Diese Avaren und die Langobarden fielen die Gepiden zugleich von zwey Seiten an. Kunemund, der den Longvbarden zuerst entgegen zog, ward sin Opfer seiner Tapferkeit, und seine in Silber 4ir Silber eingefaßte Hirnschale diente, nach alter deutscher Sitte, dem Sieger Alboin, dessen Gemahlin mm die Rosemunde war, zum Trinkgeschirrc. In das Land der Ge- pidcn theilten sich die Langobarden und Ava- reu. Alboin, der Uebcrwindcr der Gepiden, war mit der ostgothischen Königsfamilie vcr- wandt. Er hatte das herrliche Italien mehr als einmahl gesehen. Um so leichter ward es dem Narses, ihn zur Eroberung desselben, zu crmuntern. Narses hatte nach Zu- siinians Tode sein Anschn vcrlohren. Justin II, Zustinians Nachfolger, ließ sich von seiner Gemahlin Sophie so beherrschen, daß sich dieselbe die Gewalt anmaßen durfte, den Narses, dem seine Feinde Bedrückungen Schuld gaben, abzurufen. Er möchte, schrieb sie ihm, die Kriegs - und Staatsangelegenheiten Mannern überlassen, und zur Damenaufwartung in das Serail zurückkehren. Dem Schreiben war ein Spinnrocken beygefügt. „Ich will ihr einen Spinnrocken zurichten" antwortete Narses „den sie nie aufspinncn soll!" Zur Erfüllung seiner Drohung, lockte er den Alboin nach Italien. Diesem zogen von allen Seiten tapfere Leute zn 4l2 zu Hülfe, und unter andern 20020 Sach- sen, ehemalige Nachbarn der Longobarden. Vergebens bereute nun Narses, was er aus Nachsucht gethan hatte; der Verdruß darüber tödtetc ihn (567) und sein Tod machte die Verwirrung iu Italien noch größer. Alboin gieng (568) sammt seinem ganzen Volke, mit Weibern, Kindern, Vieh und andern beweglichen Habscligkciten, nach Italien. Er rückte aus Jstrien und Krain an. Seine Longobarden behandelten Italien schlimmer, als die Ostgothcn. Zn vier Jahren (bis 572) hatten sie ganz Obcritalien erobert, und Pavia, welches sich drey Jahre wehrte, wurde die Hauptstadt des longobar- dischen Reichs. Das Exarchat, oder die Provinz des oströmischen Kaisers in Mittcl- italien, wurde auf Bologna, Romagna, Ur? bino, la Marca, und das Gebieth von Rom, eingeschränkt. In Unteriralien breiteten sich die Longobarden auch bald aus. Jede Hauptstadt einer Provinz, die sie eroberten, bekam ihren eignen Herzog, oder Oberbefehlshaber. Ehe aber Alboin Italiens Eroberung vollenden, und dem neuen Staate hinlängliche i 4lZ liche Festigkeit geben konnte, endigte sich schon sein Leben. Als er (574 ) das Fest der Eroberung von Pavia feyerte, wurde aus der Hirnschale Kuncmunds hcrumgctrunken. Auch Rosemunde mußte aus derselben Bescheid thun. Ihr weibliches Gefühl gicng jetzt in die äusserste Erbitterung über. Helmichis, Alboins Schwerdtträgcr, machte sich verbindlich, ihre Rachsucht zu befriedigen. Alboin wurde in seinem Schlafgcmach überfallen, und ermordet. Die Mörder entflohen mit den Schätzen zum Exarchen Longinus nach Ravenna. Longin beredete die Rosewunde, der er die Heyrath versprach, sich von dem Helmichis durch einen Gifttrank zu bcfreycn. Noscmunde both demselben, als er aus dem Bade kam, einen Labetrank an. Helmichis trank, und da er Verdacht schöpfte, nöthigt er die Nosemunde, die er mit seinem Cchwerdte zu durchbohren drohte, den Ue» bcrrcfl des Giftes hinunter zu schlürfen. Beyde starben nun Eines Todes. Die Herzoge der Longobarden wählten hierauf (574) einen aus ihrer Mitte, der Kleph hieß, und zu Alboins Familie gehörte, > 414 hörte, zum Könige; da dieser aber mit unbarmherziger Strenge regierte, und die Herzoge mit vielem Stolz behandelte, so wünschten diese recht herzlich, daß sie der Tod von diesem Könige bald befreyen möchte. Ihr Wunsch wurde schon nach einem Jahre (575) erfüllt. Kleph wurde ein Opfer seiner Ausschweifungen. Da seine Söhne wegen ihrer Jugend der Negierung unfähig waren, so benutzten die Herzoge diesen günstigen Zeitpunkt, sich zu unabhängigen Herren zu machen, und dem longobardischcn Staate eine aristokratische Verfassung zu geben. Unter den z6 Herzogen, die sich in die Regierung über die Longobarden theilten, waren die zu. Spolcto, Benevento und Friaul die mächtigsten, die, wenn es ihnen von den andern verstattet worden wäre, sich die Regierung gern allein zugeeignet hätten. Unter diesen Herzogen befand sich Italien zehn Jahre hindurch in einem schrecklichen Zustande. Jeder von den Herzogen suchte sein Gebieth zu vergrößern, oder sich wenigstens" durch Plündern zu bereichern; zuweilen vereinigten sich mehrere derselben zu einer gemeinschaftlichen Unternehmung. Da sie aber nicht 4^> nicht mächcig genug waren, beträchtliche Eroberungen zu machen, so begnügten sie sich meistens mit Streifereyen in das Gebieth des ostromischen Kaisers, bey welchen sie besonders die Reichen zum Gegenstande ihrer Verfolgung machten. Diese wurden nicht allein geplündert, sondern auch noch weggeführt, oder wohl gar getödtet. Diesen Mißhandlungen, die sich die kaiserlichen Unterthanen in Italien mußten gefallen lassen, konnte der Hof zu Constantinopel weiter nichts, als Bemühungen, den Samen der Uneinigkeit unter den longobardischen Herzogen auszustreuen, und die fränkischen Könige zum Beystände zu bewegen, entgegensetzen. Man brachte es endlich dahin, daß die Franken sich zu einem Zuge über die Alpen entschlossen. Der ostfcankische König Childcbert zog (584) selbst nach Italien, weil ihm der Kaiser 50000 Goldstücks Subsidicn versprochen hatte; durch die Geschenke der longobardischen Herzoge ließ er sich aber bewegen, wieder nach Hause zn gehen. Eine neue Armee, die er im folgenden Jahre nach Italien schickte, richtete, wegen 4l6 wegen der Uneinigkeit der Oberbefehlshaber, nichts aus. Die Gefahr wegen eines Krieges, verbunden mit der lauten Unzufriedenheit, welche sowohl die Langobarden, als die Italiener über die Regierung der Herzoge äusserten, brachten diese (584) Zu dem Entschlüsse, wieder einen König zu wählen. Dieser König Authari war ein Sohn des Klcphs, und er hatte sich, durch mannich- faltige Beweise seiner Klugheit und Tapferkeit, schon so ausgezeichnet, daß seine Wahl ganz einstimmig ausfiel. Die Herzoge, die ihn so einstimmig wählten, wollten ihm, ausser dem Königstitel, weiter nichts, als die Gewalt eines Oberfeldherrn einräumen; allein Authari wußte seine Rechte eines Oberherrn so nachdrucksvoll geltend zu machen, daß sie sich dem Gehorsam gegen ihn nicht zu entziehen wagten. Nachdem er die Franken, die (590) in Italien eingefallen waren, und ihn anfangs in große Verlegenheit geseht hatten, von Hungcrsnoth, schlimmer Witterung, und ansteckenden Krankeitcn unterstützt, endlich zurückgetrieben hatte, wendete 41? wendete er seine siegreichen Waffen nach Un- teritalie». Indem er Ravenna, Rom und andere feste Städte, deren Belagerung den schnellen Lauf seiner Eroberungen, oder seines Strcifzuges, aufhalten konnte, unangegriffen liegen ließ, drang er in Untcritalicn bis an die Meerenge von Sicilicn vor, und das Gebieth des Hcrzogthnms Benevent bekam theils crwcitctere, theils festere Gränzen. Der vortreffliche Authari, der zur künftige» Grüße des longobardischcn Reichs den Weg bahnte, regierte aber nicht länger als 6 Jahre. Seine Gemahlin Theudclinde, die .Tochter eines Herzogs der Bayern, fand den schönen Agilulf, den Herzog von Turin, durch den Authari um sie hatte anwerben lassen, fo liebenswürdig, daß sie, um ihn ganz zu besitzen, ihren Gemahl (590) vergiftete, und da sie sich durch ihre vorzüglichen Eigenschaften die Liebe und Achtung der longobardischen Herren erworben hatte, so gelang es ihr ohne viele Mühe, ihm die königliche Würde zu verschaffen. Durch ihre Zureden bewogen, erklärte er sich für den katholischen Glauben. Hierdurch erwarb er sich die Achtung und das Zutrauen der Jtalie- Gallctti Weltg. 5r Th. D d »er. 4l8 ncr, welche die longobardische Regierung seitdem erträglicher faudeir. Diese wurde jcfit noch durch das Gebieth von Padua vergrößert/ und die Macht der Longoüarden war- dem Hofe zu Consrantiuopel mm so furchtbar/ daß er'/ um seine noch übrigen Besitzungen in Italien zu sichern/ die Fortdauer der longobardischcn Freundschaft durch ein Zahrgehalr von 12000 Goldstücken erkaufte. 'Agilulfs Nachfolger entfernten sich aber von seiner glänzenden Laufbahn so sehr, daß sie, fast mit weiter nichts als mit Familienhandeln und deren traurigen Folgen / beschäftigt, zur Vergrößerung der longobardischcn Macht in Italien wenig beytrugen. Kaum gelang es ihnen noch, die Bemühungen der fränkischen Könige, diesseits der Alpen sich festzusetzen, zu vereiteln. Erst hundert Zahre nach dem Agilulf machten die longobardischcn Könige ernstliche Versuche, die Herrschaft über ganz Italien an sich zu reißen. An dem glücklichen Erfolge ihrer Versuche wurden sie aber durch die römischen Pabste, und die fränkischen Könige, gehindert. Drittes Drittes Kapitel. Wachsthum dar pabstlichen Macht. Die fränkischen Mcrvwinger werden von ihren Mejordv- mcn verdrängt. Ohnmächtiger Zustand des vströmischcn Kaiscrthums. ^n Mittclitalicn bildete sich jetzt die weltliche Macht des römischen Pabsies, die alle Hindernisse, die sieh ihr entgegensetzten, eben so schlau als glücklich überwand. Der römische Oberbischof blieb lange in dem Verhältnisse, daß er sich der Unterwürfigkeit gegen- die Beherrscher Italiens nicht ganz entziehen konnte. Odoacher, Theoderich, und Dd 2 die 42c? - die Exarchen, übten manche Rechte über ihn aus. Der König der Heruler maßte sich die Vcfugniß an, die Wahl des römischen Pab- stes durch eine Verordnung genauer zu des stimmen. Unter den ostgothischcn Königen war sein weltliches Ansehn noch unbedeutender, und Thcodcrich behandelte den Pabst völlig, als seinen Unterthan. Als die gothischen Besitzungen in Italien unter die oströmische Herrschaft gekommen waren, bekam der römische Pabst an den Kaisern, und ihren Exarchen, sehr gebietherische Herren. Er mußte vor dem Kaiser, oder dessen Statthalter, vor Gericht stehen. Wenn die kaiserlichen Minister eine Synode, oder rinc Versammlung der vornehmsten Geistlichen, für nöthig hielten, so wurde sie dem römischen Pabst notificirt, und man forderte ihm höchstens sein Gutachten darüber ab. Sein Verlangen nach einer Synode wurde erst nach langem Bitten erfüllt. Jusiinian und seine Nachfolger setzten auch mehr als einen Pabst ab, oder verwiesen ihn des Landes. Indessen stieg das Ansehn des römischen Obcrbischofes doch zu einer immer höhcrn Stufe hinauf, und die Pabste wußten die Mey- 42r Meynungen und Lehrsätze', auf welche sich ihre kirchliche Macht gründete, sehr glücklich in Umlauf zu bringen. Der Apostel Petrus war, ihrer"Behaupkung nach, der vornehmste unter den Asiostcln. Da er sich, der Sage uach, einige Zeit lang zu Rom aufgehalten hatte, so schien es ganz ausser allen Zweifel gesetzt, daß er den Vorsteher der dasigcn christlichen Gemeinde, den Episcopos, vorgestellt habe. Der Apostel Petrus wurde demnach für den ersten römischen Bischof gehalten. Die Pabste, die auf feinem Stuhle zu sitzen glaubten, wollten auch gleich ihm das Oberhaupt der christlichen Kirche vorstellen. Dieses Recht maßte sich schon der römische Oberbischof Julius I (st. Z52) auf einer Kirchenversammlung zu Sardica an. Doch der Patriarch zu Constantinopel, der, als der geistliche Oberaufsehcr der damahli- grn kaiserlichen Residenzstadt, dem römischen den Rang streitig machte, nennte sich gleichfalls schon einen ökumenischen (allgemeinen) Bischof. Diesen Titel wollte ihm nun der römische Pabst Gregor nicht gestatten, und als er seine Bemühungen, ihn davon abzuhalten, vereitelt sah, nennte er sich, mit wohl- wohlüberlegter Bescheidenheit, einen Knecht der Knechte des Herrn. Einer seiner Vorn gänger, Felix II, ein Zeitgenosse Odoa- chers, hatte sich schon das Recht angcmafit, im Nahmen des Apostels Petrus und deS h. Geistes, einen vornehmen Herrn am Hofe zu Consiantinopel in den Bann zu thun. Dessen Nachfolger, Gelasius I, scheute sich schon nicht, den Vorzug der geistlichen Macht vor der weltlichen zu behaupten, und von dem Kaiser Anasiasius Gehorsam zu verlangen. Pelagius II, Gregors I, (des Grosien) Vorgänger, that noch einen Schritt weiter. Er erklärte das Oberhaupt der Kirche für unfähig, Fehler zu begehen, für untrüglich. Gregor I selbst brauchte die Rechte eines Oberbischofs der Christenheit schon in ihrem ganzen Umfange. Er übte die geistliche Obergerichtbarkeit aus, ordnete neue Kirchcngebräuche an, gab Gesetze, die für die ganze Christenheit verbindlich seyn sollten, und entschied Streitigkeiten in Glau- bcnssachcn. Durch ihn erhob sich die Anrufung der Heiligen, und die Vcrdienstlichkeit der guten Werke, zu einem herrschenden Lehrsätze der katholischen Kirche, der zur Ver- 42Z Vergrößerung ihrer Macht, und ihres Ansehens, so sehr viel beygetragen hat. Andere Erzbischöfc brachte Gregor schon dadurch in eine Abhängigkeit vom päbsrlichcn Stuhle, daß er ihnen, nach dem Beyspiele einiger seiner Vorfahren, daS Pallium zuschickte, das in einem schönen Qbcrgewaude bestand, welches der römische Patricius zn tragen pflegte, (st. 604). Das Ansehn, und die Macht des Pab- stes, wurde aber hauptsächlich durch den Uc- bcrgang der deutschen Völker zur katholischen Kirche, so wie durch die fernere Ausbreitung des Christenthumes, befördert. Die Franken, die Longobarden, hatten den katholischen Glauben angenommen. Die Wcst- gothen folgten endlich ihrem Beyspiele. . Der Prinz Hcrmcnegild, dein sein Vater Lcowi- gild die Regierung über Vatica abgetreten hatte, bekam eine fränkische Prinzessin zur Gemahlin. Diese sollte, auf Verlangen ihrer Schwiegermutter, die katholische Religion gegen die arianische vertauschen, und sie wurde, ihrer standhaften Weigerung wegen, sehr unbarmherzig von derselben behandelt. 424 handelt. Um so mehr erregte sie das Mit« leiden ihres jungen Gemahls und da der katholische Erzbischof Leander von Scvilla sie in ihren Bemühungen, den Hermcne- gild zur katholischen Religion hinzuziehen, nachdrücklich unterstützte, so wurden diese Bemühungen endlich durch einen glücklichen Ersolg belohnt. Hermcnegild nahm das katholische Christenthum an. Sein Vater Leo« wigild bezeigte sich darüber sehr unwillig. Der Sohn wurde aber nicht nur von den fränkischen Königen, sondern auch von den Sucvcn, und den übrigen katholischen Bewohnern Spaniens, in Schutz genommen. Mein Hcrmenegild war dcmungeachtet so unglücklich, in die Hände seines Vaters zu gerathen, der ihn, weil er verschiedene bedenkliche Plane machte, (584) in der Stille hinrichten ließ. Von den katholischen Geistlichen wurden Hermcnegilds Verdienste, die er sich um ihren Glauben erworben hatte, so sehr geschätzt, daß sie ihn für einen Heiligen erklärten. Leowigilds zweyter Sohn, Ncccared, der Nachfolger seines Vaters, ließ seine Neigung für den katholischen Glauben nicht eher als nach dem Tode desselben merken; »««WWiWiWV''. >« ^M-> 425 merke»; nun betrieb er aber auch die Eins führung des Katholicismus so eifrig, daß er, selbst durch eine Empörung der vornehm? sten Herren seiner Nation, sich nicht davon abhalten ließ. Auf einer Kirchenversamms lung zu Toledo (589) wurde die katholische Religion für die herrschende erklärt. Es giengen hierauf königliche Gesandten nach Rom, um dem h. Petrus große Schätze zum Opfer darzubringen, und Gregor der Große belohnte diesen frommen Eifer durch einige sehr verehrte Reliquien. Eben dieser Pabst, der sich um die Gründung der päpstlichen Macht so große, so ausgezeichnete Verdienste erwarb, bildete auch auS England eine neue Provinz der pabsilichcn Oberherrschaft. Durch einige schöne junge Engländer, die er in Rom zu sehen, Gclohenhcit hatte, wurde er auf das Vaterland derselben so aufmerksam gemacht, daß er (596) den Augnstin, den Vorsteher eines von ihm gestifteten geistlichen Ordens, nebst vielen andern Mönchen, nach England schickte, um unter den Bewohnern dessels ben den katholischen Glauben auszubreiten. Echelred, . 4^6 Ethclrcd, König von Kent, der Gcinahl einer fränkischen Prinzessin, und auf zoooo von seinen Unterthanen, nahmen das Christenthum an, und Augustin stieg zur Würde eines Erzbifcyofts von Kanterbury empor. In Zeit von wenig Jahren bekennten sich viele sächsische Bewohner Englands zum katholischen Chrisienthume. Es gab jedoch in diesem Lande christliche Gemeinden, die schon zur Zeit der römischen Herrschaft gestiftet worden waren. Diese wehrten stich stange, ehe sie sich der pabstlichen Oberherrschaft unterwarfen. Die englischen Bischöfe konnten sich aber der Abhängigkeit vom Pabst immer weniger entziehen. Durch die Engländer und Franken wurde das katholische oder pabstliche Christenthum auch in das Innere von Deutschland verpflanzt, wo schon die Aehnüchkeit der Sprache die Bemühungen der Missionarien beförderte. Unter denselben thaten sich einige so sehr hervor, daß ihr Andenken bis auf die spateste Nachwelt gekommen ist. So ein englischer Apostel in Deutschland war Emma- ram, der das Christenthum iu, Bayern predigte, 427 digtc, und dessen Andenken noch jetzt im Nahmen eines zu Negcnspurg befindlichen Rcichssiistss lebt. ' Für die 'Ausbreitung der christlichen Religion in Bayern machte sich auch Eorbinian, ein Bischof von Frankreich, verdient. In dem jetzigen Franken, welches damahls zu Thüringen gehörte, gab Kilian, ein irländischer Priester, einen eifrigen Mist siouar ab. Bey den Friesen suchte Wilibrod, Minus Laudsmaun, dem Christenglauben Eingang zu verschaffen. Unter ihm arbeitete einige Zeit lang Winfried, aus Wcssex in England, dessen thätiger, unternehmender Geist das Geschäfte eine Uutermissionars zu unbedeutend fand. Er wollte vielmehr als Heidcubckehrcr eine Hauptrolle spielen. Darum wanderte er (719), vom Pabst zu Rom selbst aufgemuntert, in das innere Deutschland, besonders nach Hessen und Thüringen, wo seine hrnreisscnde Bcredtsamkeit manchen bisherigen Heydcn in den Schooß der pabst« liehen Kirche hinzog. Bey Geismar in Hessen wagte er es, zum grasen Erstaunen der Einwohner, die heilige Donncreiche, unter welcher sie bisher ihre Opfer gebracht hatten, niederzuhauen. Die Eiche stürzt um, vhne ' - das. 428 daß, wie die Leute vermutheten, ein Blitz den Frevler tödtctc. Dieß vermehrte das Ansehn des kühnen Mannes, und die Zahl seiner Gönner und Freunde wuchs sehr geschwind. So sehr dieß dem Winfried Freude machte, so vielen Verdruß verursachten ihm die christlichen Lehrer, die schon an verschiedenen Orten, vornehmlich in dem jetzigen Franken, vorhanden waren. Diese wollten ihn nicht für den wichtigen Mann erkennen, den er doch so gern vorstellen wollte; sie konnten von der Nothwendigkeit, der pabst- lochen Herrschaft unterwürfig zu seyn, sich gar nicht überzeugen. Winfried gerieth darüber in heiligen Eifer. Seine Verdienste zu belohnen, wollte ihn Wilibrod zu seinem Nachfolger, und zum Bischof ernennen. Dieß schmeichelte seiner Eitelkeit aber zu wenig. Aus der Hand des Oberhauptes der katholischen Christenheit wünschte er die bischöfliche Würde zu empfangen. Er reisete deswegen (72z) zum zweytcnmahl nach Rom, wo Gregor III seinen Eifer lobte, und seine Wünsche erfüllte. Aber bey dem Grabe des h. Petrus mußte er auch dem pabstlichcn Stuhle auf ewige Zeiten Treue und 429 und Gehorsam schweren; mußte er sich,^ ausdrücklich verbindlich macheu, alle christlichen Gcm.inden, die cr stiften würde, dem apostolischen Stuhle Hu unterwerfen. Dieß feycrliche Versprechen erfüllte er mit dem unermüdlichsten Eiser. Der dankbare Pabst schickte ihm nun das Pnllium, und als cr ihm von allem, was er ausgeführt hatte, mündlich Bericht abstattete, ernennte er ihn zu seinem Amtsverweser 'in Deutschland, zum Oberhaupte der deutschen Geistlichkeit. Bouifacius (so nennte ihn der Pabst) gründete die deutsche Kirchcnversassung. Die vielen Gemeinden > die er in Franken stiftete, untergab cr der Aufsicht der Bischöfe von Wirzburg und Eichstädt. Zu Bayern, wohin er durch einen Herzog berufen wurde, ordnete er die Bischöfe zu Nsgenspurg, Passau, Salzburg und Frensingen, an. Einige seiner vornehmsten Schüler stifteten Klöster, die sich in der Folge in ansehnliche Abteyen verwandelten. Sturm suchte in dem einsamen Buchenwaldc, am Flusse Fulda, den Ort zu einem Kloster aus, wo die Zahl der Mönche von 7 bis auf 400 stieg. Lullns gründete die Abtey Hersfeld. Der Urheber aller 4Z0 aller dieser Veränderungen, der Erzbischof Bonifacius, konnte auf eine ansehnliche Residenz mit Recht einen gegründeten Anspruch machen. Da sich nun der damahlige Bischof von Maynz, durch ein Verbrechen, seiner geistlichen Aemter unwürdig gemacht hatte, so nahm Bonifacius seine Stelle ein, und Maynz, welches seit langer Zeit blos einem Bischöfe zum Wohnorte gedient hatte, wurde durch den großen Apostel der Deutschen wieder zum Sitze eines Erzbischoses erhoben. Seiner geistliche» Aufsicht unterwarf man die schon vorher vorhandenen Bischöfe zu Worms, Speycr, Cöln, Tongern und Utrecht. Der für Heydenbekehrung so schwärmerisch gestimmte Bonifacius wurde aber durch den Gedanken, daß die Friesen Christenthum noch immer nicht angenommen hatten, sehr beunruhigt. Er wollte, seines Alters ungeachtet, noch selbst einen Versuch machen, das Christenthum unter den Friesen zu predigen. Zu dieser Absicht entschloß er sich, das Amt eines Erzbischoses von Maynz seinem Schüler Lullus zu übergeben. Nun eilte et nach 4Z! mich Fricsland, mn Jesu Reich zu vergeb sicrn; aber er fiel (755) als ein Opfer seines frommen Eifers. Auf einem Hügel Messe lesend, in der einen Hand das Crucifix, in der andern das Evangeliumbuch haltend, wurde er von den eben so unbarmherzigen als rohen Friesen erschlagen. Sein Andenken wird den Deutschen ewig heilig bleiben; denn Er war es, der zur ersten Ausbildung derselben den Grund legte. Bonifacius trug nicht allein zur Vergree sierung der päbstlichcn Macht sehr viel bey ; er nahm auch an einer wichtigen Staatsver- anderung dieser Zeit einen sehr bedeutenden Antheil. Er half die Herrschaft der Mcro- wingcr ans die Karolinger bringen. Die letztem stammten von ehemahligen Oberhof- meistern der mcrowingischen Könige her, welche die schwache Regierung derselben be- nuktcn, um die Staatsgewalt sich immer mehr zum Eigenthums zu machen. Da unter den frankischen Königen das Erstgeburths- recht nicht eingeführt war, und häufige Theilungen als das einzige wirksame Mittel betrachtet wurden, alle Prinzen des Hauses zu 4Z2 zu befriedigen, so wurde der Staat nicht mir sehr oft zerstückelt, sondern es entstanden auch zwischen den ländcrsüchtigen Prinzen häufig blutige Streitigkeiten und Ver- wandtenkriege, welche die Macht des Ren, chcs schwächten, und den Edlen, deren Beystand die Kömge nöthig hatten, immer neue das königliche Ansehn vermindernde Vorrechte und Freyheiten verschafften. Zum Unglücke aber waren die Händel, welche fast jeder Todesfall in der Konigsfamilie erzeugte, nicht vorübergehend, sondern die Familicnrache machte sie gleichsam erblich, und leider gieng von den Regenten der Haß auch auf die Unterthanen übest Zwischen den Ost - und Wcstfranken entwickelte sich allmahlig eins entschiedene Nationalabneigung. Ein gewaltsamer Austritt drängte den anbetn, und dieß ficng sich schon unter den ersten Nachkommen Chlodewigs an. Als sein Sohn Chlodcmir, König von Orleans, im Kriege gegen die Burgunder (526) umgekommen war, wurden seine jungen Söhne von ihren Vatcrsbrüdern des väterlichen Landes beraubt. Der eine Childebcrt glaubte auf das Land seines Bruders ein so gegründetes 4ZZ dctcs Recht zu haben, daß er seinen Vru- der Chlotar eben so geschwind als heimlich einlud, nach Paris zu kommen, um den Bemühungen der Chlotilde, die ihre Enkel auf den Thron zu heben" wünschte, zu rechter Zeit entgegen zu arbeiten. Chlotar eilte nach Paris. Zndcssen verbreitete Childcbcrt das Gerücht, daß die Reise seines Bruders die Absicht habe, den Neffen die Huldigung leisten zu lassen. Unter diesem Vorwande bitten sich Childcbcrt und Chlotar von der Chlotilde ihre Enkel aus. Ohne Bedenken übergiebt sie ihnen dieselben mit den Worten: „ich werde den Verlust meines Sohnes nicht mehr fühlen, wenn ich euch auf dem Thron sehe." Kaum sind die Prinzen aus den Handen der Großmutter heraus, so werden sie von ihren Begleitern und Trabanten getrennt. Der Chlotilde überreicht man eine Schcere und ein bloßes Schwerdt, mjt der Frage, ob sie ihre Enkel geschoren, oder getödtct sehen will? „Wenn," antwortete Chlotilde, „meine Söhne ihre Neffen nicht wollen regieren lassen, so mögen sie eher sterben, als geschoren werden!" — Chlotar hat diese Antwort kaum gehört, als . EalltttiWcltg. U'TH, E e er 4Z4 er den ältesten Prinzen von zehn Jahren fflcich niederwirft, Nttd mit einem Messer durchstößt. Auf das klägliche Geschrey desselben stürzt sich sein siebenjähriger Bruder vor seinem -Oheim Childebcrt nieder, umfaßr dessen Knie, und bittet ihn auf das slehcnd- licbste, ihn nicht zu todten. Childebert, der dadurch bis zu Thränen gerührt wird, biethet seinem Bruder für die Schonung des Neffen jede Summe, die er verlangen würde; allein der blutdürstige Chlotar drohet nun seinem Bruder selbst so schrecklich, daß dieser sich entschließt, den unglücklichen Neffen der Wuth seines Oheims zu überlassen, und Chlotar stößt nun das unschuldige Kind, eben so wie seinen ältern Bruder, nieder. Chlotar und Childebert theilten hierauf Chlodemirs Land. Als Childebert (558) starb, ohne männliche Erben zu hinterlassen, behandelte Chlotar dessen Wittwe und Töchter eben nicht viel menschenfreundlicher, als seine Neffen. Sie mußten, fast von allem entblößt, aus dem Lande ziehen. Dafür krankte ihn bald darauf der Verdruß, daß sein Sohn Chrann sich gegen ihn empörte. Aber Chrann vcrlohr ein Treffen, und geriech. 4Z; riech, nm seine Gemahlin und Kinder zu retten, in die Gewalt seines Vaters, der grausam genug war, den Sohn, mit den Gegenständen seiner Zärtlichkeit, in - eine Hütte einschließen, und mit derselben ver- brennen zu lassen. So grausam Chlotar sich zeigte, so halt man es doch für zweifelhaft, ob er weniger wollüstig war. Er hatte verschiedene Gemahlinnen. Unter diesen scheint er die Zu- gunde am längsten und am heftigsten geliebt zu haben, weil sie ihm drey von seinen 7 Söhnen, und auch noch eine Tochter, gebahr. Zugundc hatte eine schöne Schwester, Namens Aregundc. Diese wünschte sie glücklich verhcyrathct zu sehen, und sie bath daher ihren Gemahl, das Mädchen mit einem angesehenen und reichen Manne zu versehen. Sie versicherte ihm dabey, daß durch diese Wohlthat die Liebe, die sie zu ihm hege, noch vergrößert werden würde. Chlotar wurde begierig, die Aregundc zn sehen. Er reiset auf das Landgut, auf welchem sie sich aufhält, und er findet sie so reihend, daß er sie selbst heyrathet. Die E e 2 Jugunde 4Z6 Jugunde erfährt nichts davon, daß ihre Schwester ihre Nebenbuhlerin geworden ist. „Ich habe" sagt Chlotar, als er zu ihr zurückkömmt, „deine Bitte erfüllt; deine Schwester hat, deinen Wünschen gemäß, an mir einen braven und reichen Mann bekommen, und du wirst, wie ich hoffe, nichts darwider einzuwenden haben." Jugunde war zu klug, um ihre eigentlichen Gesinnungen über das Benehmen ihres Gemahles zu verrathen, und die Fortdauer seiner Gunst war die einzige Bedingung, um die sie bath. Sowohl diese als andere Missethaten, die sich Chlotar zu Schulden kommen ließ, glaubte er durch eine Wallfahrt, die er, kurz vor seinem Tode, nach dem Grabe des h. Martins in Tours vornahm, wieder abzubüßen. Der Heilige, vor dem er sich mit Thranengüssen niederwarf, sollte ihn mir Gott wieder aussöhnen; sollte ihn von der drückenden Sündenlast bcfrcyen. Und dieser höchst grausame und wollüstige König hatte das Glück, daß er alle seine drey Brüder, und deren Nachkommen, überlebte, und Chlodewigs ganzes Reich wieder 437 wieder zusammen brachte; seine vier Söhne theilten es jedoch (561) von neuem- Diese Söhue waren aber wenigstens, eben so grausam und wollüstig, als ihr Va- ker. Drey von ihnen, Charibert, Chilpc- rich und Guntram legten sich alle mehrere Weiber zu, und nur Siegbcrt begnügte sich mit der schonen Brunehild, der Tochter des wcstgothischen Königs Achanarich. Als Charibert (570) starb, both sich eine von seinen Gemahlinnen ihrem Schwager Guntram, ob er gleich schon mehrere Frauen hatte, gleichfalls zur Theilnehmerin seines Ehebettes an. Es war dem Guntram,' der sonst übrigens sehr fromm seyn wollte, recht erwünscht, auf diese Art eine Gelegenheit zu bekommen, sich der Schatze seines Bruders zu bemächtigen. Er lud daher die Theodigilde, so hieß seine Schwägerin, unter schönen Versprechungen, zu sich eint Theodi- gild kam, und brachte die Schatze mit. Guntram nahm sie ihr ab, und sperrte sie in ein Kloster ein. Als die mannlustige Theodigilde von hier zu entwischen suckte, wurde sie mit Ruthe» gepeitscht, und auch übri- übrigens sehr streng gehalten. Guntrams Bruder Chilperich hatte auch schon mehrere Weiber; dennoch scheute er sich nicht, um die Hand der Gailesvinth, der Schwester der Vrunchild, sich zu bemühen. Er machte sich, um sie zu erhalten, sogar verbindlich, seine übrigen Frauen zu entfernen. Aber er hielt sein Wort nicht, und die Gailcsvinth hatte das traurige Schicksal, der Eifersucht der Frcdegunde, einer andern Bettgcn.ossin Chilperichs, zu unterliegen, und erdrosselt zu werden. Dieß reihte die Schwester der Gailesvinth, die Brunehild, zur Rache. Die Brüder fiengcn (575) mit einander Krieg an. Chilperich unterlag, und schon trugen einige seiner vornehmsten Lehnsleute dem Siegbert die Krone an, und schon sollte die feyerliche Schilderhegung vor sich gehen, als Siegbert, von zwey Mördern der Fre- dcgunde durchbohrt, niedersank. Brunehild und ihre Kinder kamen nun in die Gewalt Chilperichs, und der Frcdegunde. Den Prinzen Childcbcrt, der erst fünf Jahre alt war, brachte ein treuer Herzog geschwinde nach Metz, wo ihn die ostfran- kischcn 439 kischen Herren für ihren König' erklärten. Die eben so reihende als schlaue Brunehild nahm den Prinzen Merwig, Chilpcrichs äl- testen Sohn, so gewaltig für sich ein, daß er sich heimlich mit ihr verheyrathete. Allein sowohl Chilpcrich, als die Fredegunde, waren mit dieser Verbindung so wenig zufrieden , baß Brunehild fortgejagt wurde. Seitdem hatte sie auf die ostfränkische Monarchie einen lebhaften Einfluß. Ihr Sohn, der König Childebert II, wußte es, ohne Zweifel, durch ihre Klugheit unterstützt, so einzurichten, daß ihn (592) sein Vaters- brudcr Guntram, König von Orleans, zum Erben seines Landes einsetzte. Seine Versuche, in Italien Länder zu erobern, hatten das Schicksal, das solche Unternehmungen der frankischen Könige bisher immer getroffen hatte. Der große Aufwand an Geld und Menschen wurde ihm blos durch einige bisher streitige Oerter an der rhätischcn Gränze ersetzt. Childebert, König von Austrasien, hinterließ (596) zwey Söhne, die Theede- bert II und Theoderich II hießen. Jener, der 440 der Sohn einer bloßen Concubine, bekam zu seinem Antheile das Meiste vom vsifräns fischen Reiche, und die Großmutter Brus nehild hatte die Regierung ganz in ihren Handen. Da nun am Hofe zu "Soissons die Fredegunde die Staatsangelegenheiten nach ihrem Willen leitete, so wurde der fränkische Staat im Grunde damahls von zwey Das mcn beherrscht. Doch Fredegunde, eins der listigsten Weiber dieser Zeit, wurde bald (598) durch den Tod -verhindert, ihre wichs tigc Rolle fortzuspielcn, und Brunchild machte sich am Hofe ihres Enkels Theodcs bcrts II so verhaßt, daß man sie fortjagte. Sie fand nun bei, dem andern Enkel Theos dcrich II ihre Zuflucht, und wahrscheinlich war sie Ursache, daß die beyden Brüder, nicht zufrieden, ihrem Vetter, dem westfränkischen Könige Chlotar II, den größten Theil seines Landes entrissen zu haben, aus Laus Versucht über einander selbst herfielen. Theos debcrt II gerieth (6io) durch die Macht seines Bruders in solches Gedränge, daß er, alles zurücklassend, über den Rhein flüchten mußte. Er wurde aber auf seiner Flucht eingeholt, und zu seinem Bruder TheoLerich gebracht. 44l gebracht/ jder ihn (612) ermorden, und dessen kleinen Sohn Merwig wider eine Mauer schleudern lies. An allen diesen unmenschlichen Handlungen, und noch an andern mehr, soll die grausame Brunchild den vornehmsten Antheil gehabt haben. Sie empficng aber nicht lange hernach die Strafe für das viele Böse, woran sie Ursache gewesen war. Als Thcoderich II (6iz) starb, wollte Brunehild dem Urenkel Siegbert den Besitz des väterlichen Reiches verschaffen; allein die vornehmsten Herrrn der Ostfranken waren der Regierung der Brunehild nun so überdrüssig, das; sie, um sich von derselben zu befreycn, dem westfränkischen Chlotar II ihr Reich antrugen. Brunehild und ihre Freunde brachten zwar eine Armee zusammen, um den Siegbcrt und seinen Brüdern das Reich zu erhalten; aber diese Armee bestand meistens aus gezwungenen oder treulosgesinnten Leuten, die, als es bey Chalons an der Marne zur Schlacht kam, die Flucht ergriffen. Die übrigen lieferten die osifränkischen Prinzen, nebst ihrer Urgroßmutter Brunehild, an den Siege? Chlotar aus, der die Prinzen ermorden ließ, aber 442 aber die ganze Befriedigung seiner Nache für die Brunehild aufsparte. Nachdem sie drey Tage lang mit allen möglichen Werkzeugen gemartert worden war, wurde sie, in dem dadurch versetzten erbärmlichen Zustande, auf einem Kameele sitzend, vor dem ganzen Heere herumgeführt, sodenn, an dem Schwänze eines wilden Pferdes angebunden, der schrecklichsten Zerstümmclung ihrer Glieder preisgegeben, und endlich verbrennt. Ein solches Ende hatte eine Prinzessin, die, als sie ihrem Gemahl zugeführt wurde, durch ihre reihende Bildung, und durch ihr sittsames Betragen, jedermann entzückte. Chlotar II hinterließ (628) die ganze frankische Monarchie, die er zusammengebracht hatte, seinem ältesten Sohne Dagobert I, und der jüngere Charibcrt II mußte sich mit Aguitanien, einem Theile von Süd- frankrcich, begnügen. Das Erstgeburths- recht war aber in dem fränkischen Königshause noch so wenig befestigt, daß Dagoberts Söhne den fränkischen Staat schon wieder theilten, und auch in der Folge wurden der 445 Theile immer mehr, als weniger. Während der Händel, die Theilungen und Ländersuchl mnter Brüdern und Wettern veranlaßten, schien das merowingische Königsgeschlecht von dein Muthe und der Thätigkeit seiner An- Herren immmer mehr herabzusinkcn, und die Last der Regierungsgeschaftc immer drückender zu finden. Nun gehörten nur schlaue Staatsbeamten hinzu, um ihnen die Regierung allmählig aus den Handen zu winden. Diese Staatsbeamten waren die Majordome, oder Qberhofmeistcr. Diese Majordome waren anfangs weiter nichts als die Ober- aufseher der königlichen Kammergütcr. Hierzu nahm man Männer von Einsichten und Erfahrung; Männer, die andre königliche Beamten an Kenntnissen übertrafen. War nun der König minderjährig, oder hatte er sonst wenig Fähigkeiten und Neigung, zu regieren, so mußte der Majordom, der schon ohnedieß den vornehmsten Minister abgab, die Staatsgeschaftc fast allein besorgen. Allmählig maßte sich der seine Wichtigkeit fühlende Mann immer größere Rechte an. Er vergab Aemter, verwaltete die königlichen Einkünfte, ohne Rechnung abzulegen, und 444 und stellte dabei, nicht nur den Feldmarschall, sondern auch den Obcrrichtcr, vor. In den Handen eines angesehenen nnd klugen Mannes wurde das wichtige Amt eines Major- doms bald erblich. Die Könige lebten seitdem in einen Pallast, oder, im ein Landhaus eingesperrt, und sie unterschieden sich blos noch durch die langen Kopfhaare, und den mit Ochsen bespannten Wagen, mit welchem sie nach der Neichsvcrsammlung fuhren. Ihr Schicksal hieng jetzt ganz von der Laune der allmächtigen Majordomc ab, welche die Pratoriumspräfecten der römischen Kaiser vorstellten. Der erste Majardom von großem Ansehn war Pipin von Landen (in Belgien), der unter Chlotar II diese Stelle verwaltete. Sein Vater Karlm-ann hatte im Lande an der Maas, zwischen Löwen und Lüttich, sehr ansehnliche Güthcr, die ihn zu einen der vornehmsten fränkischen Edlen machten. Der Sohn Pipin wußte sich als Majordom ein so großes Ansehn zu geben, daß' die übrigen fränkischen Herren aus Eifersucht an seinem Untergange arbeiteten; alle ihre Versuche 44? suche wurden aber durch seine Klugheit und Vorsichtigkeit vereitelt, und Pipins Verdienste erwarben ihm immer mehr Hochachtung und Bewunderung. Der fränkische Staat war für die Ueber« ficht eines einzigen Regenten zu groß, weil der östliche Theil von verschiedenen kriegerischen Völkern sehr beunruhigt wurde. Unter diesen Völkern hoben sich die Avaren und die Slawen besonders hervor. Die Avaren hatten das Land der nach Italien abgezogenen Langobarden besetzt, und sich bis an das rechte Ufer der Ens in Oestreich ausgebreitet. Die benachbarten Provinzen Deutschlands, vornehmlich Karnthen, Bayern und Franken, wurden von ihren streifenden Horden manchmahl gemißhandelt. Sie waren jedoch noch lange nicht so furchtbar, als die Slawen, die von den ehemahligen Scythen und Sarmaten abstammten, und sich, von der Ostsee und dem Ausfluß der Weichsel, bis an die Donau und den Dniester, ausbreiteten. Ein -Theil derselben wanderte weiter nach Süden, und eroberte die Länder, die jetzt Croatien, Sclavonien, Servien, Bosnien 446 nie« und Dalmatien gcnennt werden. Andere zogen sich westwärts bis an und über die Elbe, wo sie den ganzen östlichen Strich von Deutschland einnahmen, und im Norden Wenden, im Süden Winden gcnennt wurden. Hier waren sie Nachbarn des fränkischen Staates, und die Regenten desselben gericthen mit ihnen sehr oft in einen lebhaften Kampf. Eben daher hielt es Chlotar II, auf Pipins Rath, für nöthig, dem östlichen Theile des fränkischen Reiches, der jenseits des vogesischcn Gebirges, und der Ar- denncn, lag, in der Person seines Sohnes Dagoberts I, einen eignen Regenten zu geben. Pipin, und ein andrer vornehmer Franke, Nahmens Arnulf, halfen ihm regieren. Eben dieser Arnulf, der als Bischof von Metz starb, hatte einen Sohn Ansegis, der sich mit Pipins einziger Tochter Bcgga vermahlte. Von diesem Paare stammen nun die Majordome ab, welche die mcrowingi- fchcn Königs vom Throne verdrängten. Pb pins Sohn Grimoald wußte sich gleichfalls als Majordom mit großem Ansehn zu behaupten. Ja er war so kühn, daß er nach dem Tode des ostfränkischen Königs Sieg- bcrts 447 bcrts III, (656) des Sohnes Dagoberts I, dessen einzigen Sohn Dagobert II ins Kloster steckte, und seinen eignen Sohn Childc- bert zum Könige aufwarf. Eine solche Revolution schien aber den übrigen ostfränkischen Herren zu gewaltsam, und sie sehten es daher durch, das; Siegberts Bruder Chlode- wig II, der schon Neustrien und Burgund besaß, auch Ausirien bekam, und folglich die ganze Monarchie wieder vereinigte. Bald erfolgte aber (656) eine neue Theilung, und das Spiel der Majordome wurde immer freyer. Bald mußte ein Mcrowingcr ins Kloster wandern; bald stieg er aus der Zelle wieder auf den Thron. Der Majordom Pipin von Hcrstal, des ältern Pipins Sohn von seiner Tochter Begga, brachte es dahin, daß die ganze frankische Monarchie unter seine Aussicht kam. Er legte sich auch den Titel eines Herzogs (d. i. eines Qbergencrals) der Franken bey, und er beherrschte 27 Zahre hindurch den fränkischen Staat so eigenmächtig, daß er dem mero- wingischen König weiter nichts als den Titel ließ. Sein Sohn, Karl Martcll, brachte «s durch die ostfrankischen Herren, und besonders 448 sonders durch die Deutschen unterstützt, dahin, daß man ihm die Stelle eines Major- doms des ganzen frankischen Staates, so wie die Wurde eines Herzogs der Franken, nicht streitig machen durste. Seine Gewalt war so groß, daß er endlich gar ohne König regierte, daß er (741) den Staat unter seine beyden Söhne Karlmann und Pipin theilte. Jener sollte über Anstrahlen, Ale- mannicn und Thüringen, und dieser über Neustricn', Burgund und Gothien, regieren. Mit einer solchen Staatsveränderung waren aber noch nicht alle Großen des fränkischen Reichs zufrieden; Karlmann und Pipin hielten es daher (742) für rathsam, wieder einen mcrowingischcn Prinzen auf den Thron zu setzen. Karlmann fühlte aber nach einigen Jahren (747) einen frommen Trieb, sich dem Klosterleben zu widmen. Dadurch wurde Pipin, den man wegen seiner Lcibcs- gestalt den Kleinen nennte, einziger Beherrscher der fränkischen Monarchie, und da sein Ansehn so fest gegründet war, so konnte ihm die Ausführung des Plans, den mero- wingischen König seine stumme Rolle nicht ferner spielem zu lassen, sehr leicht scheinen. Zu 449 Zu dieser Ausführung munterte ihn nun besonders Bonifacius, der Apostel der Deut- sehen, auf, den Karl - Martcll und seine Sohne, bey der Ausbreitung der katholischen Religion in Deutschland, so nachdrücklich unterstützt hatten. Bonifacius war, als Erzbischof von Maynz, eine» der vornehmsten Männer des fränkischen Staates. Auf die Art, wie er den übrigen Herren desselben die Staatsverändcrung darstellte, kam sehr viel an. Nach den Grundsätzen des für die Herrschaft des Pabstes so eifrig bestimmten Bonifacius durste aber eine solche Staatsverandcrung, ohne die Einwilligung und den Rath des Amtsverwesers Christi, nicht vorgenommen werden. Bonifacius schickte daher erst den Lullns nach Rom, um die Gesinnungen des heiligen Vaters in der Stille auszuforschen, und wie dieser sich günstig erklärt hatte, so rcisetcn zwey ausserordcntliche Gesandten Pipins, ein Bischof von Wirzbnrg und ein Abt von St. Dcnis, nach der Hauptstadt des Oberhauptes der Christenheit, um demselben die Frage vorzulegen, ob derjenige, der sich im wirklichen Besitze der Regierung befinde, EallcttiWeltg, ;rTH. Ff nicht 4-ZL) nicht auch des Königstitels würdig sey? Die Antwort des Pabstes Zacharias war der Erwartung Pipins angemessen. Pipin glaubte nun das gegründetste Recht auf den fränkischen Thron zu haben. Er ließ sich in der Versammlung der Großen zu Sois- sons (752) zum König der Franken wählen, und sodenn vom Donifacins salben und krönen. Der merowingische Prinz, der bis- her den Königstitel geführt hatte, Childe- rich III, wurde, nebst seinem Sohne, in ein Kloster gesteckt, wo also der Stamm des edlen Chlodcwigs verdorrte. Der Pabst hatte an dem neuen Könige der Franken einen sehr warmen Freund, der ihm gegen die Longobardcn nicht nur Hülfe leistete, sondern ihm auch zu einem Gebiethe verhalf. Seine Freundschaft war ihm um so unentbehrlicher, je weniger er auf den Beystand des oströmischen Kaisers rechnen durfte. Zu Eonstantinopcl war seit langer Zeit «in gewaltsamer, ein schrecklicher Auftritt nach dem andern gespielt worden. Bald hatten Ehrgeih und Herrschsucht, bald theologische Zänkcreyen, das Feuer der Zwietracht . entzün- 45l entzündet. Die letztem richteten besonders viel Unheil ein, weil die Kaiser, wcim sie gelehrt waren, oder doch gelehrt scheinen wollten, an diesen Zänkereuen lebhaften An- theil nahmen. Die Parthey, zu der sie sich, schlugen, übte alsdenn, unter dem Schutze des Kaisers, gegen ihre Feinde alle möglichen Arte» von Verfolgungen aus. Bannfluch, Landesverweisung, Gefängniß, Todesstrafe, gehörten unter die gewöhnlichen Schicksale der Verfolgten. Traf sichs nun zum Unglücke, daß der folgende Kaiser der Meynung der Gegcnparthey beytrat, so rächte sich diese, wegen der Bedrückungen, die sie erfahren hatte, auf die unbarmher- zigste Art. Diese Rache schonte selbst die Monarchen nicht. Viele Kaiser und Prinzen wurden ermordet; vielen die Nase abgeschnitten, die Zunge ausgcrissen, die Augen ausgcstochen. Keine Kaiscrfamilie konnte sich daher lange auf dem Throne behaupten, von dem sie durch gewaltsame Revolutionen herabgestürzt wurde. Ein verschnittener Ästohr stellte zuweilen den Oberhofmeister vor; ein Hirt oder ein Eselstreiber saß entweder auf dem Throne, oder auf dem bi- Ff 2 schöfli- 452 schöflichen Stuhle. Das Kriegswesen wurde fast ganz vernachlaßigt, und der vorzüglichste Theil der Kriegsmacht bestand in ausländi- sehen Soldtruppcn. Die Kriegsunternch, mungen fielen daher meistens unglücklich aus. Doch der furchtbarste Feind, den das oströ- mische Kaiserthum um diese Zeit hatte, war der persische Staat. Justin II, Justinians Nachfolger, der seinen Vorgänger an wahrer Negcntcngröße übertraf, der die Reli- gionsstrcitigkcitcn beylegte, und die Avarcn zurücktrieb, hatte im Kriege gegen die Perser so vieles Unglück, daß er aus Gram darüber in Wahnsinn verfiel. Auch Mauritius, der vorher General gewesen war, hatte sowohl mit den Persern, als mit den Avarcn, einen sehr harten Kampf. Die Armee, bey welcher wenig Kricgszucht herrschte, und die Feldherren sehr oft abwechselten, konnte, da auch noch Empörungen hinzukamen, der Macht des persischen Königs Hormisdas keinen nachdrücklichen Widerstand entgegensetzen. Hätte sich in Pcrsien nicht (590) eine Revolution ereignet, so würde der zwanzigjährig« Krieg für das »strömische Kaiserthum vielleicht noch gefährlicher 45 Z lichcr geworden sey». Auch den Krieg gegen die Avaren führte Mauritius mit sehr um günstigem Erfolg. Sein Obergeneral war ein ungeschickter Officicr, und er selbst machte sich bey den Soldaten durch seine strenge Kriegszucht, und bey den Geistlichen durch sein gcihigcs Benehmen gegen die Kirche, verhaßt. Die Mißvergnügten bereiteten in der Stille eine Empörung vor, welche end', lich (602) sowohl in der Hauptstadt, als bey der Armee au der Donau, ausbrach. Phocas, das Haupt derselben, wurde vom Patriarchen zum Kaiser gekrönt. Dagegen machte er sich durch einen Eid verbindlich, die Rechte der Kirche, so wie die Lehre von der Dreyeinigkeit, aufrecht zu erhalten. Der grausame Phocas ließ nun den Mau? ritius nebst seiner Familie, die aus einer Gemahlin, sechs Söhnen, und einigen Töchtern, bestand, nach und nach hinrichten. Mauritius endigte sein thatenloses Leben auf eine lobcnswürdigc Art, indem er sei» trauriges Schicksal mit christlicher Gelassen? heit ertrug. Phocas 454 Phocas bewies anfangs einen großen Eifer für die katholische Religion. Er schrieb an den Pabst Gregor den Großen in sehr chrerbicthigcn Ausdrücken, machte sein orthodoxes Glaubensbekenntnis; öffentlich bekannt, und schenkte der Kirche recht reichlich. Aber in der Folge änderte er seine Gesinnungen, und er machte sich dadurch bey der katholischen Geistlichkeit so verhaßt, das; sie ihn einen beyspiellosen Tyrannen nennte. Schon war zu Constanttnopcl (610) zu einem Ausstände alles bereit, als Hcraklius, der Sohn des Statthalters von Afrika, mit einer Flotte im Hafen vor Constantinopcl anlangte. Die Mißvergnügten bemächtigten sich nun der Person des Phocas, und lieferten ihn an den Heraklius aus, der ihn auf seinem Schiffe hinrichten ließ. Das Mißvergnügen über die Regierung des Phocas vermehrte noch der unglückliche Krieg gegen die Perser. Kosroes II, der seinen Vater Hormisdas (590) vom Throne gestoßen, und auf eine schreckliche Art behandelt, auch viele von den vornehmsten persischen Herren hingerichtet hatte, war dadurch bey 4?; bey seiner Nation so verhaßt worden, daß man ihn aus dem Lande gejagt hatte; der Kaiser Mauritius leistete ihm daher Beystand, das Reich wieder zu erobern, und Kosroes schloß nun mit dem oströmischen Kaiser Frieden. Aus Freundschaft ffür denselben griff er auch (602) gegen den Pho- ras seinen Mörder, zu den Waffen, und nahm demselben Kappadocien, Armenien, Palastina und Phöuicicn weg. Wie Hcra- klius den Kaiserthron bestieg, kündigte er auch diesem den Krieg an, und machte ihm die sonderbare Friedensbedingung, daß er die christliche Religion gegen die persische vertauschen sollte. Der oströmischc Staat befand sich, bey seiner schlechten Kricgvver- faffung, um so mehr in Verlegenheit, da er zugleich von zwey Seiten, vornehmlich westlich von den Avaren, und östlich von den Persern, angegriffen wurde. Die Avaren standen vor Constantinopel, wahrend daß Kosroes (611 — 616) einen Theil von Syrien, ingleichen Jerusalem und Aegypten, wegnahm, und in Kleinasien bis Chalccdon (Scutari) der Stadt Constantinopel gegen über, vordrang. Das oströmische Kaisertum 45ü thun: war jetzt blos auf die Hauptstadt, und einige Secprovinzen, eingeschränkt. Zu Constantinopcl wüthete nun noch übcrdicß Hungersnoth und Pest. In dieser bedräng- ten Lage bittet Hcraklius den persischen Ue- bcrwindcr um Frieden; aber er bittet vergebens. Nun verschwindet ihm alle Hoffnung, das Kaiserthmn zu retten; nun macht er Anstalten, mit seinen kostbarsten Habscligkci- ten nach Afrika zu flüchten. Doch der Patriarch spricht ihm in Gottes Nahmen so viel Muth ein, daß er in der Sophicnkirche sich eidlich verbindlich macht, bey seinem Wolke zu bleiben. Nun konnte man zwar die Avaren von der Plünderung der Vorstädte von Coustantinopel nicht abhalten, und dem Könige von Persieu mußte man Tribut versprechen; aber die Empfindlichkeit der Nation wurde doch so gereiht, und die hohe Geistlichkeit fühlte die bevorstehende Gefahr so dringend, daß man sogar die Kircheuschatze zu dem Aufwande der Kricgs- rüstuug hergab. Auch führte man den Krieg gegen die Perser mit so viel Muth und Standhaftigkcit, daß die Perser die osirö- mischen Provinzen, die sie weggenommen hatten. 457 hatten, wieder herausgeben mußten. Dieß that Sirocs, der Sohlt dcs'Kosroes, der (627) die Ermordung seines Großvaters an dem Vater rächte, den er im Gefängnisse sterben ließ. Heraklius war über die Wie- dcrerobcrung der vcrlohrnen Provinzen we- Niger entzückt, als über das bey dieser Gelegenheit erworbene Holz von dem Krcutze, an welchem Jesus verschieden seyn sollte. Dieses Holz hatten die Perser von Jerusalem mitgenommen. Jetzt überließen sie es dem Heraklius, der es (629) nach Jerusalem fcycrlich zurückbrachte, aber auch zugleich den Juden die Bewohnung dieser Stadt untersagte. So sehr sich übrigens Heraklius durch die glücklichen Unternehmungen gegen die Perser verdient gemacht hatte, so wenig wußte er sich das dadurch erlangte Zutrauen zu erhalten. Die Geistlichkeit verlangte ihre hergclichcncn Kirchenschähe zurück. Daher drückte Heraklius die schon oh- nedieß sehr erschöpften Unterthanen durch neue Auflagen; er vermehrte das Drückende derselben durch die Strenge, mit welcher er sie eintrieb. Der Kaiser hatte auch wegen seines Trimnphgcprängts so viel Aufwand gemacht. 458 gemacht. Sodenn mischte er sich in die um seligen Zänkercycn der Theologen. Diese zogen seine Aufmerksamkeit von den wichtig gen Unternehmungen der Araber ab, die, noch unter seiner Regierung, dem osrrömU scheu Kaiserthume so manche schSne Provinz entrissen. Viertes 459 Viertes Kapitel. Geschichte Mvhamcds, und der Chalisen bis auf den Untergang des ivcsigvthjschen Reiches in Spanien. Arabien, fünfmahl so groß als Deutschland, wurde schon seit dem 2ten Jahrhundert in das wüste, das pcträische, und das glückliche eingetheilt. Große Sandwüsten, Mangel an Wasser, und heißes Clima schützten es gegen die Einsalle eroberungssüchtiger Monarchen sehr wirksam. Daher war durch fremde Eroberer die Ruhe seiner Bewohner noch 46c? noch wenig gestört worden. Alexander blieb von seinen Gränzen entfernt, und die Unternehmungen, durch welche die syrischen und römischen Monarchen in dem Vaterlande der herrlichen Räucherspecereyen, und andrer kostbaren Producte, sich festsetzen wollten, waren von geringer Bedcutickg. Die Araber blieben also ein unabhängiges Volk. In der Mitte des Landes zogen von jeher einzelne Stamme herum, die sich blos mit der Viehzucht beschäfftigtcn, die, bey ihren vortrefflichen Pferden chcn sowohl, als bey ihren alten Geschlechtern, auf entfernte Ahnen sahen. Die kleinen Fehden, die unter ihnen nicht aufhörten, machten ihnen weniger Verdruß, als Vergnügen. Ihre zahlreichen Heerden von Kameclen dienten den durchziehenden Handclscarawanen, ihre Waaren fortzuschaffen. Kaufleute, die mit ihnen nicht in Verbindung standen, zu plündern, machten sie sich aber gar kein Bedenken. I! re Stammfürsten, die Scheiks oder Emire g'"' ut wurden, schrankten ihre natürliche Frerchei.: nur wenig ein. Die Küsten waren u - schönen Städten angefüllt, deren Bereiches die Makler und Spediteure der nach Indien 461 Indien handelnden Nationen abgaben. Im südlichen Theile des Landes, in Deinen, gab es seit den ältesten Zeiten ansehnliche Staaten, unter welchen sich das Reich der Hamjaritcn, welches von ihrem Stammvater Hamjar so grnennt wnrdb, am meisten heraushob. An die Stelle der Residenzstadt Saba, die im Geburtsjahre Christi durch eine große ttebcrschwemmung zerstört wurde, trat die Stadt Mariaba (Marcb). An der westlichen Küste zeichneten sich die Städte Mecca und Medina aus. Vor MohamcdS Zeiten konnten die meisten Araber weder lesen noch schreiben; dennoch hatten sie historische Lieder, welche auf ihren großen Jahrmärkten abgesungen wurden, und ihre Poesie befand sich vor Mohameds Zeiten in ihrem blühendsten Alter. Geschichte, vornehmlich Gcschlechtkundc, ingleichen Sternenkunde, Sterncndeutcrcy und Baukunst, war den Arabern auch nicht unbekannt. Ihre Religion hatte die Gestirne und die Weltkörpcr zu Gegenständen der Verehrung, und die sogenannte Kaaba zu Mecca war derjenige unter ihren Tempeln, der am meisten in Ansehn stand. Ihr Aberglaube war s- 462 so groß, daß er mit ihrer übrigen Cultur gar nicht im Verhaltnisse stand. Unter einigen von ihren Stammen, die den nördlichen Gränzen näher wohnten, hatte sich nicht nur die jüdische, sondern auch die christliche Religion, ausgebreitet. Aus allen in Arabien verehrten Religionen bildete nun Mohamed eine neue. Mohamed war (571) zu Mecca anbohren. Die Familie Haschcm aus dem Stamme Koreisch, zu welcher er gehörte, befand sich seit 120 Iahren im Besitze der Herrschaft über seine GcburthSstadt. Seine Mutter Aminah war eben so schön als tugendhaft; aber sein Vater Abdallah hatte eine so entzückende Bildung, daß jedes Frauenzimmer, das ihn sah, sich den Besitz desselben wünschte, daß an seinem Hochzcittage manches Mädchen, das 'sich nun getäuscht sah, aus Verzweiflung starb. Diesen Vater vcrlohr Mohamed, als er das zweyte Jahr noch nicht zurückgelegt hatte. Seine Mutter Aminah erbte von ihm nicht mehr als 5 Kamcele, und einen äthiopischen Sklaven. Aber auch dir Mutter, und der Groß- 4.6,5 Großvater Motalleb, der Stammfru'st von Mecca, der für den jungen Mohamcd Va- tcrsorgfalr bewiesen hatte, starben, ehe dieser noch 8 Zahr alt war, und wenn Abu Talcb, Mohamcds Onkel, nun auch Oberherr von Mecca wurde, so riß dieser Umstand den Neffen doch so wenig aus der Dürftigkeit heraus, daß er- sich entschließen mußte, sich der Handelschaft zu widmen. Sein Onkel Abu Talcb, der einen ausgebreiteten Handel trieb, schickte ihn mit seinen Carawanen nach Syrien, Aegyptcn, Palästina, und Mohamcd lernte auf diesen Reisen nicht nur Handelsgeschäfte, sondern auch Menschen, kennen. Hierauf wurde er Handelsfactor bey einer reichen Wittwe, Nahmens Chadidschah, und der fünf nnd zwanzigjährige junge Mann entschloß sich, seine vierzigjährige Principalin zu heyrathen, nnd sich dadurch den Besitz eines anschliff-- chcn Vermögens zu verschaffen. Ueber alle Nahrungssorgen erhaben, und von der Natur mit einem sehr reitzbarcn Nervensysteme, nnd einer äusserst feurigen Phantasie, versehen, faßte er, im 42 Le- , ^ , benSjahre 464 bensjahre den Gedanken, die Religion Abrahams und Jsmacls, von welchem ein Theil der Bewohner Arabiens hcrstammt, wieder herzustellen. Dieser Gedanke bcschäfftigte feine Einbildungskraft so lebhaft, daß er nun im Traume Erscheinungen hatte. All- mählig träumte er auch bey Tage. Nun schloß er sich in die Höhle Hara ein, wo er, das traurige Leben eines Einsiedlers führend, seine Phantasie so sehr erhitzte, daß er, so wie Moses, den er sich zum Muster wählte, Offenbarungen hatte, fremde Stimmen hörte, und mit dem Engel Gabriel Umgang pflog. Seine alte Gattin Cha- didschah, der er seine Sendung zuerst bekannt machte, fühlte keilte Ursache, in dieselbe einen Zweifel zu setzen. Eben sobald maren die übrigen Personen in Mohameds Hause von der Göttlichkeit seines Berufes Hocrzeugt. Unter diese gehörte sein zehnjähriger Vetter Ali, Abu Talebs Sohn. Bald machte Mohamed aber auch ausser seinem Hause Prosoliten, und das Anfchn seines neuen Glaubens wuchs hauptsächlich von der Zeit an. 46; an, als Abu Beer, einer der vornehmsten und geschicktesten Manner in Mecca, sich für denselben erklärte, und als, durch dessen Beyspiel verleitet, noch mehr Männer von Bedeutung ans dem Stamme Koreisch, den Mohamed für einen göttlichen Propheten hielten. Die vornehmsten Punkte des Glaubens, den Mohamed, als Bevollmächtigter des Himmels, in Ansehen brachte, nennte er den Zslam (d. i. den Glauben an Gott) und diejenigen, die ihn annahmen, wurden Moslemin (Gläubige) genennt; ein Nahme, der sich, im Munde der Unkundigen, in Muselmänner verwandelt hat. Diesen Glauben trug nun Mohamed, dem der Beytritt so vieler Männer von Bedeutung Muth eingeflößt hatte, den zahlreichen Mitglieder» der Familie Haschen, als eine Lehre an, deren Annehmung sie sich gar nicht entziehen dürften. Mohamed hatte aber hier das Schicksal vieler andern berühmten Männer, die von ihren nächsten, mit ihren Schwächen, und mit ihrer ganzen Lage am besten bekannten Verwandten, am wenigsten bcwun- GallettiWeltg. 5tTH. G g dert 466 dcrt werden. Die Haschemiten lachten über den Schwärmer Mohamcd, als er ihnen bey einem Gastmahle, wo es noch übcrdieß sehr mäßig hergieng, die Zumuthung machte, seinen Zslam anzunehmen. Demungeachtet wagte es Mahomed nun öffentlich, doch mit vorsichtiger Entschlossenheit, und von seinen angesehenen AnHangern unterstützt, den Islam zu predigen> und, unter mancherley Gefahren, wurde die Zahl seiner Verehrer immer größer. Die Menge und das Ansehn derer, die Mohameds Lehre verwarfen, war aber noch immer so groß, daß sie die Mos? lemins in eine sehr gefahrvolle Lage brachten. Dieß zeigte sich besonders im zNen Jahre seit Mohameds Sendung (614). Viele Muselmänner flüchteten, um der schweren Verfolgung zu entgehen, nach Äthiopien, und die ganze Familie Haschems wurde, ohne Rücksicht auf ihren Glauben, von den übrigen Mitgliedern des Stammes Koreisch, durch eine in der Kaaba niedergelegte Urkunde, von aller Gemeinschaft ausgeschlossen. Wohamcd selbst befand sich nun so im Gedränge, daß er, von einigen seiner AnHanger begleitet, in dem ausser Mecca auf 467 auf einem Hügel, liegenden Hanse cinee seiner Freunde sich verbarg. Zwar wuchs sein Anschn noch mehr, als er, durch ein von gebliches Wunder, die für ihn und seinen Anhang so nachthcilige Urkunde in der Kaaba (619) vernichtete; aber der Tod cutriß ihm um eben diese Zeit nicht nur seine Cha- didschah, sondern auch den Abu Taleb, seinen mächtigsten Beschützer. Die Folgen dieses wichtigen Verlustes fühlte er sehr bald. Er mußte Mecca 'abermahls verlassen. Bey einer mit so lebhafter Einbildungskraft versehenen Nation, als die arabische ist, waren schlechterdings Wunder nöthig, um einen neuen Glauben bey ihr in Ansehn zu bringen. Dahin gehörte, daß eine Taube, die gewöhnt war, aus Mohamcds Ähren Erbsen zu holen, einen Bothschafter des Engels Gabriel vorstellen mußte. Doch Mohamed trat endlich (621) selbst eins Reise in den Himmel an. Von dem Engel Gabriel, der seinen Stallmeister vorstellte, von Sünden gereinigt, ritt er auf dem Esel Borak durch die Luft nach Jerusalem. Von Gg 2 4^8 hier stieg er, auf einer Leiter, von einem Himmel zum andern, bis in den siebenten, wo er am Throne Gottes die Worte las: „Nur Gott ist Gott, und Mohamcd ist sein Prophet." Aus Gottes eignem Munde empficng er nun die Anweisung wegen seines künftigen Verhaltens. Ungeachtet nun Abu Beer kein Bedenken trug, dieses Wunder durch sein Zeugniß zu bestätigen, so hatte Mohamed doch das Schicksal, von seinen Feinden für einen wahnsinnigen Menschen erklärt zu werden. Seine Lage zu Mccca wurde jetzt überhaupt so bedenklich, und seiner dasigen 'Anhänger waren so we- >n!g, daß er sich hauptsächlich auf den Beystand der Moslcmins zu Medina, die sich täglich vermehrten, verlassen mußte. Er hielt es nun zu seiner Sicherheit für nothwendig, seine Anhänger durch einen Eid verbindlich zu machen. Auch suchte er, Christi Beyspiel nachahmend, aus denselben zwölf Apostel aus. Mohamed sah sich bald darauf in die Nothwendigkeit versetzt, seine Zuflucht ganz in Medina zu suchen. Seine Feinde unter dem 469 dem Stamme Koreisch verschworen sich, daß aus jeder von ihren Familien einer sichs zur Pflicht machen sollte, den Mohamed des Lebens zu berauben. Der Prophet, der diesen Mordanschlag noch zu rechter Zeit erfuhr, schlich sich, von Abu Vccr begleitet, auf eine listige Art aus Mecca (622 Jul.) heraus, verbarg sich vor denen, die ihn verfolgten, drey Tage lang in einer Höhle, gewann den Anführer einer Parthey, die ihn eingeholt hatte, und kam endlich glücklich zu Medina an. Mit seiner Flucht, welche in der arabischen Sprache Hcdschrah gcncnnt wird, fängt sich der wichtigste Zeitpunkt in Mohamcds Geschichte an, weil er erst seit dieser Zeit eine Rolle von großer Bedeutung spielte. Daher rechnen die Mo- hamcdancr von dieser Hcdschrah ihre Jahre, welche aber keine Sonnen - sondern Mon- dcnjahre sind. In den ersten 5 Jahren nach der Hed- schrah schienen Mshameds Schicksale noch keine nahe Entstehung einer Hauptrcligion der Menschen, noch kein Weltreich, anzukündigen. Mohamed stellte noch weiter nichts 4?c> nichts, als eincn flüchtigen Propheten, als eincn Anführer einer Parthey vor, die aus seinen AnHangern zusammengesetzt war, die gegen die ungläubigen Korcischiten von Mccca zu Felde zog. Es entstanden daraus solche Fehden, wie sie unter den arabischen Stämmen sehr gewöhnlich waren. Sie hatten indessen doch den Erfolg, daß, sowohl bey den Mohamcd, als bey seinen Leuten, der Muth und das Vertrauen immer größer wurde; daß die Zahl seiner Krieger von einer Zeit zur andern sich ansehnlich vermehrte; daß Mohamed zu der großen Rolle, die er in den letzten fünf Jahren seines Lebens spielte, sich allmählig vorbereitete. Aber Mohamed, der schon in seiner Jugend durch kriegerische Unternehmungen, und durch die Verfolgung der Löwen und andrer wilden Thiere, abgehartet worden war, besaß auch" alle die Begeisterung und die Standhaftigkcit, die zu Unternehmung dieser Art gehört. Kein Unglück konnte ihn niederschlagen, keine Niederlage ihn entkräften. Ost erschien er nachher noch mächtiger und furchtbarer, weil eben der unerschütterliche, vertrauensvolle Muth, der aus seinen Handlungen hervor- ieuch- 47 r leuchtete, und der seiner Behauptung, daß er in Gottes Nahmen Krieg führe, ein großes Gewicht gab, die Zahl seiner Bewunderer und Verehrer nothwendig vergrößerte. So gelang es ihm endlich, einige der vornehmsten Stamme seiner Nation sich unterwürfig zu machen. Dadurch machtiger und reicher, erkühnt er sich dem Kaiser He- raklius die Annahme seiner Islams zuzumu- ichcn, und der Kaiser würdigt ihn doch der Ehre, einen Handelsvertrag mit ihm zu schließen. Auch dem Könige von Persien thut er in einem übermüthigen Schreiben den Antrag, ein Moslem zu werden, und wenn dieser auch seine Einladungsschrift zerreißt, so hat doch Mohamed dagegen die Freude, daß der König von Linien den Islam annimmt, daß der koptische Fürst in Aegypten, daß die Könige von Aethiopicn, und verschiedene arabische Fürsten, Jslams- vcrchrcr werden. Mohamed eroberte jetzt (628) auch verschiedene Städte in Arabien, besonders solche, die von Juden bewohnt wurden. Er hatte das Vergnügen, daß einige seiner vornehmsten Feinde sich zum Islam bekehrten. Seine Macht war nun X ( 629) 472 (629) so bedeutend, daß er einen General des Hcraklius zurückschlagen; daß er an der Spitze von 10000 Mann vor Mccca rücken konnte, welches einen auf zehn Jahre geschlossenen Frieden gebrochen hatte. Mo- hamcd eroberte seine Vaterstadt mit Sturm; aber er behandelte sie mit eben so großmüthiger als kluger Schonung. Seine Siege und Eroberungen gicngen nun immer mehr ins Große. Bald sah er unter seinem Befehle ein Heer von Z00O0 Mann, mit welchem er die Bewegungen der oströmischcn Truppen ans der arabischen Gränze beobachtete. Damahls erschienen vor ihm Gesandten der benachbarten Fürsten und Staaten, und versprachen ihm entweder die Annahme des Islams, oder doch Tribut. Da sich nun ganz Demen, welches unter fünf Könige getheilt war, (6zi) an den Propheten ergab , so dursten die kleinen arabischen Stamme an gar keinen Widerstand mehr denken. Von mehr als hundert tausend Menschen begleitet, that hierauf Mohamcd eine Wallfahrt nach der Kaaba zu Mccca, und im folgenden Jahre (632) endigte sich sein Leben, nachdem er es über 60 Jahre gebracht 47Z gebracht hatte. Mohamed hatte alle Eigenschaften, die das Zutrauen der Menschen erwerben. Seine körperliche Bildung war ausserordentlich einnehmend. Nicht groß, aber sehr regelmäßig gebaut und etwas untersetzt, vereinigte er, in seinem von dem schönsten Colorit blühenden Gesichte, lange und zarte, fast an einander stoßende Augen- braunen, schwarzliche, lebhafte und durchdringende Augen, aus welchen ein fester und majestätischer Blick herausströmte, eine Ad- lcrsnase, einen wohlgcbildetcn Mund, und schöne Zähne. Seine Gesundheit war dauerhaft, und gewiß nicht durch epileptische Zufälle geschwächt. . Auch war er sehr mäßig (doch nicht im sinnlichen Genusse der Liebe) angenehm im Umgänge, leutselig, bis zur Ueberzeugung beredt, voll Entschlossenheit und Geistesgegenwart, und selbst bey den kränkendsten Beschimpfungen, und bey den drückendsten Unglücksfällcn, glcichmüthig. Mohameds Islam, den ein so großer Theil des Menschengeschlechts angenommen hat, gründete sich auf folgende Hauptpunkte. Es ist nur ein einziger, höchster Gottt, und 474 und Mohamed ist sein Prophet. Das Ge- bet, das Almosengcbe», das Fasten im Na- madhan, und das Wallfahrten nach Mccca, zu der Kaaba gehört zu den nothwendigsten Pflichten eines Moslems. Ein unbedingtes Schicksal, und die Freuden des Paradieses, -sollten Mohameds Anhänger wegen der Todesgefahr beruhigen, und das Verboth der starken Getränke Zänkcreyc» verhindern. Die Beschncftmng sollte einen medi- cinischcn Nutzen hervorbringen. Diese, und andere Lehren und Vorschriften, brachte Mohamed in einzelnen Snrcn, oder Kapiteln, zum Vorschein, die ihm, seiner Erzählung nach, der Engel Gabriel aus dem Himmclsarchive mitgetheilt hatte. Den Engel Gabriel Eigentlich ein viereckiger, schwarzer Stein, der an der Decke eines alten Tempels befestigt ist Ursprünglich verehrte man in demselben eine Venus. Aber Mohamed, bessert Familie Haschern das' erbliche Recht besaß, diese Caaba zu bewahren, behauptete, Abraham habe dieses Gebäude erbaut, und dieser Stein habe ihm, während der Erbauung desselben, zum Autzepunkte gedient. 47 5 Gabriel stellten aber eigentlich ein persischer Jude, und ein griechischer Mönch, vor, mit deren Hülfe Mohamcd seine Suren ausarbeitete, oder von welchen er wenigstens die ersten Ideen dazu bekommen hatte. Non diesen rührte das Jüdische und Christliche in dem Islam her. Das Hcydnische mag Mohamed selbst hinzugefügt haben. Die einzeln Suren, die theils in Poesie, theils in Prosa, abgefaßt sind, sammelte erst nach Mohameds Tode Abu Beer in ein eignes Buch, welches Koran, (d. i. Lesebuch) genennt wird. Man hielt es frühzeitig für das vortrcflichste Muster der arabischen Schreibart; aber es war auch in dem Dialecte des Stammes Korcisch, der edelsten und reinsten unter allen arabischen Mundarten, geschrieben. In der Folge bildete sich, ausser dem Koran, noch die Sunna, eine zweyte Sammlung von Lebensrcgeln, die sich auf Mohameds Beyspiel gründen. Da sie nicht von allen Muselmännern angenommen wurde, so entstand dadurch eine besondere Secte der Mohamedancr, die man Sunniten nennt. Ihre Gegner waren die Schiiten. Der Islam, der iM Koran und in 476 in der Sunna enthalten ist, hat unter den Menschen noch mehr Verehrer gefunden, als selbst das Christenthum. Dieß bewirkte theils die gewaltsame Ausbreitung desselben, theils seilt Charakter, der der feurigen Ein- bildungskraft, und der reitzbaren Sinnlichkeit der Bewohner warmer Erdstriche, so angemessen ist; der schon wegen der Aehnlich- kcit, die er mit den damahligen Hauptreligionen hatte, bey Völkern, die im Nachdenken nicht geübt waren, sehr leicht Eingang fand. Auch empfahl ihn nicht wenig der Glaube an einen einigen Gott, da manche der damahligen Christen drey Götter hatten, und da die Christen überhaupt beständig in Uneinigkeit lebten. Endlich schärfte Mahamcds Religion Tugenden ein, die bey dem verunstalteten Christeuthume ganz in Vergessenheit gerathen waren. Mohamed, obgleich mit 15 Gemahlinnen, und noch verschiedenen Concubincn, versehen, hatte doch keine männlichen Erben hinterlassen. Wer sollte nun über die zahlreichen, durch Religion vereinigten Stämme d?r Araber, über das ansehnliche, eben sowohl 477 wohl durch strenge Kriegszucht als durch enthusiastische Tapferkeit sich auszeichnende Heer, welches Mohamed hinterlassen hatte, in Zukunft gebiethen? Wenn das Erbrecht entschieden hatte, so würde Mohameds Schwiegersohn Ali, sein eifriger Schüler, den er zu seinem Wessir, oder Amtsverwe- ser, ernennt hatte, die gegründetsten Ansprüche haben machen können. Allein die nächsten Verwandten des großen Propheten wollten es, bey der Bestimmung seines Nachfolgers, durchaus nicht auf das Erbrecht ankommen lassen, und wahrend ihrer Uneinigkeit wußte es Mohameds Wittwe Ajeschah, die dem Ali, als dem Verräther ihrer Licbeshändcl, gram war, so einzuleiten, daß ihr Vater Abu Beer zum Nachfolger Mohameds, oder, der mohamedischcn Kanzleysprachc zufolge, zum Gesandten Gottes, zum Ehalifen, erwählt wurde. So ficng sich die lange Reihe der Ehalifen an, unter welchen die Araber, von Religionsbe- gcistcrung angetrieben, ein großes Weltreich stifteten, daß sich durch alle drey Erdtheile erstreckte. Die 478 Die Eroberungen, welche diese Chalifen durch ihre Heere machten, waren erstaunend würdig. Unter dem Abu Beer eroberten die Araber nicht nur einen großen Theil von Syrien, sondern auch Damascus. Omar baute die Stadt Vassora am Tigris, tun dem persischen Reiche die Verbindung mit Indien zu entziehen. Eben derselbe vollen, dcte (6z8) nachdem er über die Armee des Heraklius bey Antiochicn einen entscheidenden Sieg erfochten hatte, die Eroberung von Syrien. Jerusalem war ihm schon vorher (6z?) in die Hände gefallen. Hierauf bemächtigte er sich der Städte Cäsarca, Tripolis, Tyrus, Ptolemais, und der ganzen Küste von Phönicien. Von hier drang er (640) bis nach Aegypten durch. In Ale- xandrien kam der Ucberrest von der großen Büchersammlung der Ptolemäer in seine Gewalt. - Ueber diese sprach er das Verdam- mungsurthcil aus. Stimmten sie, mcynte er, mit dem Koran überein, so wären sie überflüssig, und standen sie mit demselben im Widersprüche, so dürften sie nicht länger fortdauern. Sie wurden daher unter die Vadstubcn in Alerandrien vertheilt, wo sich viele viele sehr nirbedeutende Menschen in dein Wasser badeten, das; mit dein Werken kenntnißvoller Gelehrten des Alterthums heiß gemacht worden war. Omar nahm dem persischen Reiche auch schon Aderbidschan und andre Provinzen weg., Osman vollendete (657) die Eroberung des persischen Reiches. Ali, ein besserer Dichter, als Staatsmann und Feldherr, hemmte den Lauf der Eroberungen. Wahrend daß die unaufenthaltsamcn Heere der Araber so große Eroberungen machten, führten die Chalifen zu Mcdina ein sehr eingezogenes, gar nicht prächtiges Leben; auch starb von den ersten 5 Chalifen aus Mohamcds Familie, deren Regierung nur Zo Jahre dauerte, keiner eines natürlichen Todes. Abu Beer überlebte den Mohamed nur zwey Jahre, und man schreibt seinen frühzeitigen Tod einer Vergiftung zu. Auf ihn folgte Omar, Mohamcds zweyter Schwiegervater, der in der Moschee, und zwar unter dem Gebethe, ermordet wurde. Dieser hatte den Osman, Mohameds Schwiegersohn, zum Nachfolger, den man in seinem 480 seinem Pallaste erwürgte. Nnn gelang es endlich dem Ali, das Chalifat zu behaupten. Aber auch diesen traf der Tod, den ihm seine Feinde zubereitet hatten, in der Moschee, und seinen Sohn Hassan konnte selbst die Niedcrlcgung der Chalifenwürde nicht retten. Das Haus der Omaijadcn riß hierauf (661) die Chalifenwürde an sich. Von jeher unruhig und herrschsüchtig, benutzte es die schwache Regierung des Ali und seines Sohnes, die Herrschaft über die Staaten der Araber sich zuzueignen. Moawijah, Statthalter von Syrien, stürtzte Ali's Familie durch Meineid, Aufruhr und Mord. Mit ihm begannen aber auch die glänzenden Eroberungen der Araber vpn neuem. Ihm unterwarfen sich östlich Samarcand und Sogdiana, und westlich verschiedene Städte im Gebiethe von Cyrcnae. Seine Flotten änstigs ten die Küsten von Kleinasien, und erschienen sogar vor Constantinopel. Hie fanden sie endlich Widerstand, nachdem weder Heraklius noch seine ersten Nachfolger 48l svlger dem glücklichen Forrgange der arabischen Unternehmungen hatten Einhalt thun können. Dieses Unvermögen wurde hauptsachlich durch die lebhafte Einmischung in die theologischen Zankereyen, von welchen sich die unpolitischen, von ihren Hofgcistlichcn zu sehr abhängigen Kaiser nicht zurückhalten konnten, verursacht. Die dadurch entstandenen Partheyen brachten öftere Revolutionen hervor, oder bewirkten wenigstens den frühzeitigen Tod mancher Kaiser. Constantin III, der Sohn des Heraklius, starb schon nach drey Monathen (641) an der Auszehrung; aber eigentlich soll sein schleuniges Lebensende durch eine Vergiftung der Stiefmutter Martina, und des Patriarchen, bewirkt worden seyn. Jene wollte ihren leiblichen Sohn hzcrakleo- nas auf den Thron bringen, und der Patriarch wünschte den Kaiser zu stürzen, weil er die Secte der Monothcleten nicht wollte aufkommen lassen. Unter diesen verstand man diejenigen, nach deren Meynung Christus nur Eilten Wille» gehabt haben sollte. Doch Heraklconas, der Sohn der Martina, behauptete sich auch nur sechs Monathe», ob er gleich, durch eine Empörung gewarnt, sci- Kallttli Weltg. 5k Th. H h nen 482 ncn Vruderssohn zu»! Mirregentcn angenommen hatte. Die Parthey der Monotheleren war so wenig mit ihm zufrieden, daß sie den Constans zum alleinigen Regenten machte. Hcrakleonas hatte das Schicksal, daß man ihm die Nase abschnitt, und in diesem Zustande wurde er nebst seiner Mutter, nach Kappadocien verwiesen. Constans II, und seine Minister, waren so vernünftig, daß sie den Zänkcrcrcycn der Theologen (648) ein Ende gebothen. Die katholische Parthey aber fand es höchst ungerecht, daß man ihr nicht ferner erlauben wollte, zur Unterdrückung der ketzerischen Monothelctcn alle ihre Disputirkünste aufzubiethen. Schon der Pabst Johann V hatte des Hcraklius für die Monothclcten günstige Erklärung feycrlich verworfen, und der Pabst Martin I war über des Constans Verboth so aufgebracht, daß er es wagte, die Verordnung desselben, in einer im Lateran in Rom gehaltenen Kirchenvcrsammlung, für ketzerisch zu erklären. Constans fühlte aber seine Kaiserrechte so innig, daß er (65z) den Pabst, und den Erarchen zu Naven- 48z Ravenna, in Verhaft nehmen ließ, und der Pabst niußte im Gefängnisse üerbcn. Doch Constaus zog sich, sowohl durch die Ermordung seines Bruders, als durch seine Anhänglichkeit an den Monotheleten, so vielen Haß zu, daß er (66z) den Entschluß faßte, die Residenz nach Rom zu verlegen. Aber auch hier fand er sich nicht gern gesehen. Freylich hatte er diese Siadr, die er mir Gewalt besetzte, von seinen Soldaten plündern lassen. Er zog daher bald nach Syracus in Sicilien, wo er nach einigen Jahren (668) ermordet wurde. Sein Nachfolger, Constantinus Pogonatus (mit dem Barte) mußte mit seinen beyden Brüdern die Negierung theilen, weil die Soldaten auch eine irdische Dreyeinigkeit zu sehen wünschten. Das oftrömische Kaiserthum hatte aber lange keinen für die Vertheidigung des Reiches so besorgten Kaiser gehabt. Die von Moawija vor Conftantinopcl geschickte Flotte wurde (677) gröfitentheils verbrennt. Dieses Verdienst um Conftantinopcl erwarb sich ein Syrer, Nahmens Callinikus, der aus dem Dienste des Chalifcn in den kaiserlichen Übergängen war. Er warf auf die Hh 2 Schisse 484 Schiffe der Saracenen (Araber), ans me- tallnen Töpfen und Röhren, eine Art von Schicßpulvcr, welches, mit einem schrecklichen Getöse, und einem dicken Dampfe, losknallte, und alles um sich her zerschmetterte. Das dadurch verursachte Feuer brennte auch unter dem Wasser fort, und konnte nur durch Weinessig, Urin und Sand' gedampft werden. Man war zu Constantinopcl so froh, die Flotte der Araber besiegt zu haben, daß man keinen ernstlichen Plan machte, die von ihnen weggenommenen Provinzen wieder zu erobern, und daß man sich mit einem dreißigjährigen Waffenstillstand begnügte, durch den die Araber (678) sich verbindlich machten, als einen Tribut für die eroberten Lander, jahrlich zooo Pfund Gold (anderthalb Millionen Thaler) zu bezahlen. Man hatte aber auch um diese Zeit mit den Bulgaren einen so lebhaften Kampf, daß man ihnen (680) eine jährliche Abgabe zugestehen mußte. Gegen die Araber würde man noch nachgiebiger sich habcir beweisen müssen, wenn nicht die Maronitcn die östlichen Gränzen des Reiches noch eben so glücklich als muthig vertheidigt hätten. Diese Leute, die 48; die von einen Mönch, oder Eremiten des zlen Jahrhunderts, welcher Maron hieß, ihren Nahmen entlehnten, nnd von dem Kaiser Heraklins, ihrem Zöglinge und Gönner, ansehnliche Güther erhielten, wurden, wegen ihrer Uebereinstimmung mit den Mo- nothclctcn so verfolgt, daß sie bey den rüstigen Bewohnern des Gebirges Libanon ihrer Zuflucht suchten. Einer ihrer angesehensten Männer,, Johann Maron, erklärte sich zum Patriarchen, und sein Neffe, Abraham, gab den Heerführer der Maronitcn ab, die gegen die Griechen zu Felde zogen. Eben dieselben beunruhigten aber durch ihre Strci- fercycn den zu Damaseus residircnden Chali- fen, dessen Macht schon durch inländische Unruhen geschwächt wurde, so gewaltig, daß diese froh waren, durch einen Vertrag mit dem oströmischcn Kaiser Justinian II, dem raschen und unbesonnenen Nachfolger des Constantins, sich von den Anfällen dieser muthigcn Leute befreycn zu können. Justinian handelte so unpolitisch, daß er an dem Untergänge der Maroniten mit allem Eifer arbeitete. Seine Armee brennte (685) ihr Hauptrloster nieder, und versetzte den Uc- berrcst 48^ bcrrcst dieses tapfern Volkes, 12000 Krieger, nach Armenien und Thracicn. Den Verlust derselben fühlte er nach einigen Jahren sehr lebhaft. Er weigerte sich, den Tribut der Araber in fremder Münze anzunehmen. Darüber brach ein neuer Krieg mit denselben aus, in welchem dem oströmischen Reich auch noch das ganze Gebieth von Karthago, nebst andern afrikanischen Provinzen, entrissen wurde. Da nun Justi- man, der Urheber dieses unglücklichen Krieges, durch sein grausames Verfahren, und durch seine harten Auflagen, zu welchen ihn ein Mönch und ein Verschnittener, seine vornehmsten Rathgebcr, verleiteten, sich noch verhaßter machte, so konnte er einer Revolution, die ihn vom Throne stürzte, nicht wohl entgehen. Leontius aus Jsaune», Patricius und General, den Justinian, durch die Verleumdungen seiner Feinde bewogen, drey Jahre im Gefängnisse schmachten ließ, benutzte die Unzufriedenheit über dessen Regierung zur Befriedigung seiner Rache, und schwang sich (694) an seine Stelle auf den Thron. 48? Thron. Den Iustinian wurde die Nase ab» geschnitten, und er mußte darauf nach der taurischcn Halbinsel (der Krim) wandern. Lcontius spielte seine Kaiserrolle aber auch nur einige Jahre. Er schickte eine Flotte nach Afrika, um den Fortgang der arabischen Eroberungen zu hemmen; diese entsprach jedoch der Hoffnung nicht, die man sich von ihr gemacht hatte. Da sich nun ihr Oberbcfchlhabcr, AbsimaruS, wegen der Verantwortung, fürchtete, so vereinigte er sich mit seinen Freunden, den Lcontius zu stürzen, und dieser wurde (698) ohne Nase und Ohren in ein Kloster gesteckt. Aber Absimarns, der als Kaiser den Nahmen Tiber III annahm, wurde nach einigen Iahren wieder durch Iustinian II verdrängt. Dieser hatte bey dem mächtigen Chane der Chazaren (einem tapfern voll der Viehzucht, der Jagd und von Räuberzügcn lebenden Volke, welches sich von der Wolga bis an den europäischen Bog ausbreitete, und den größten Theil der Krim beherrschte) seine Zuflucht gesucht, und dessen Schwester gehen» rathet. Dennoch wollte ihn der Chan an den 485 den Kaiser Tiber ausliefern. Nun flüchtete er zu dem Fürsten der Bulgaren, und dieser war, von Justinians Parthey unterstützt, mächtig genug, ihn (705) nach Constanti- nopcl, und auf den Thron, zurückzubringen. Aber Iustinian benahm sich jetzt eben nicht klüger, als ehemahls. Unter andern bewies er so viel Grausamkeit und Nachsucht, daß er den Leontius aus dem Kloster hcrausho- lcn, und enthaupten ließ. Seine Wohlthäter, die Bulgaren, behandelte er mit Undankbarkeit. Sodenn gab er den unmcn- schenfrcundlichen Befehl, die Krim in eine Einöde zu verwandeln. Als Philippicns, der General, der diesen Befehl vollziehen sollte, dazu keine Neigung fühlte, zog Iustinian an der Spitze eines Heeres hin, um denselben zur Strafe zu ziehen; aber die Parthey, des Philippus war so machtig, daß er (711) den Iustinian gefangen nehmen und hinrichten lassen konnte. Nach zwey Jahren wurde jedoch auch Philippicns, ein unthätiger Regent, von seinem geheimen Sekretär Artc-nius gestürzt, der, unter dem Nahmen Anastasiuö II, seine Kaiser- 489 Kaiserrolle auch nicht länger, als zwey Jahre, spielte. Er hatte einen Diakonus an der großen Kirche zu Constantinopel zum Admi- ° ral der Flotte bey Nhodns gemacht. Dar- über wurden (715) die übrigen Officicre bey derselben so mißvergnügt, daß sie sich nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen den Kaiser, empörten, und dieser wurde dadurch zur Nicderlegung seiner Regierung bewogen. Theodosius III, den man zur Annchmung der Kaiserwürde zwang, mußte (717) auch bald wieder vom Throne heruntersteigen, und ihn dem Leo III aus ^ Jsaurien, einem General, den die Armee zum Kaiser gewählt hatte, überlassen. Leo trieb sowohl die Araber, als die Bulgaren, von Constantinopel tapfer zurück; hierdurch ist er aber viel weniger, als durch seinen Krieg gegen die Kirchcnbildcr, berühmt ge, worden. Die Statuen und Bilder, durch die man das Andenken der Heiligen und Märtyrer in den Kirchen zu erhalten suchte, gaben eine unschuldige 'Veranlassung zur AbgSttcrcy. Die Christen mußten sich darüber von Juden und 490 und Mahomcdancrn manchen Vorwarf machen lassen. Der vernünftige Leo hielt es daher (726) für nöthig, den Gebrauch der Bilder in den Kirchen feycrlich zu untersagen. Die katholische Geistlichkeit hatte aber für den Bilderdienst, der ihren Kirchen so manche Gabe frommer Seelen zufließen lies;, einen so standhaften Eifer, datz sie den Kaiser, der ihn nicht dulden wollte, geradezu «inen Feind Gottes nennten. Der römische Pabst, Gregor II, erklärte ihn für einen Ketzer, und munterte die katholischen Christen auf, sich seiner Herrschaft zu entziehen^ Dennoch ließ Leo (7zo) die Statüen und Bilder wirklich aus den Kirchen wegschaffen, und sein Nachfolger Constantin V setzte, aller 'Anfechtungen ungeachtet, den Eifer in Ansehung der Entfernung der Kirchcnbilder so standhaft fort, daß er auf einer allgemeine» Kirchenvcrsammlung zu Consiantinopcl (755), bey welcher zzsi Bischöfe gegenwärtig waren, es so weit brachte, daß nicht nur die Anbc- thung , sondern auch der Gebrauch der Bilder in den Kirchen, mit aller Strenge untersagt wurde. Nun schimpfte man aber von Seiten der Bilderverehrer auf den Kaiser ganz ge-, waltig-: 491 wältig; nun gab man ihm den Beynahmen Copronymus (der Kothigc); nun forderten die Mönche von der Kanzel die Leute zur Empörung auf. Zur Strafe zog der Kaiser ihre Klostcrgüther und Einkünfte ein; auch ließ er ihre Reliquien ins Meer werfen. Wahrend daß jedoch Constantin V die Bilder- abgöttcrey mit lobenswürdigem Eifer verfolgte ; wahrend daß er das Reich gegen Araber, Slawen und Bulgaren sehr brav vertheidigte, konnte er auf das, was in Italien vorgieng, nicht Aufmerksamkeit genug verwenden; konnte er den schnellen Wachsthum der wcltli» chcn Macht des römischen Pabstcs nicht verhindern. Rom, welches jetzt eine ziemlich armselige Hauptstadt der Weit vorstellte, hatte einen unter dem griechischen Exarchen zu Navenna stehenden Herzog zum weltlichen Oberhaupte. Dieser konnte, da der Exarch selbst in einer bedrängten Lage sich befand, sein Anschn nur wenig behaupten. Dagegen schlössen die Römer, welche der feyerliche katholische Gottesdienst, nebst Proccssionen und Festen, für die Schauspiele unter den ehemahligen Kaisern, 49? fern, welche die reichlichen Almosen von den großen Einkünften des h. Petrus für die vorigen Getreide - und Geldspenden schadlos hielten, sich immer mehr an ihr geistliches Oberhaupt, den Pabst, an. Dieser zeigte sich ihnen so nahe in seiner ganzen Würde; ihm hatten sie es zu danken, das; Rom der Hauptsitz der katholischen Religion« war, daß an die Stelle der verlohrncn Weltherrschaft die Hierarchie trat, die durch Missionaricn geschwinder, als durch Heere, wuchs. Das vom Kaiser Leo ausgegangene Verboth des Bilderdienstes benutzte der schlaue Pabst Gregor II, die schwachen Banden, welche Rom bisher noch an das oströmischc Kaiserthum angeknüpft hatten, völlig zu zcrreisscn, und durch ihn bewogen, erklärte (726) die Bürgerschaft Roms, ganz feycrlich, sie würde dem Kaiser zu Cvnsianrinopcl so lange allen Gehorsam entziehen, als er nicht christlich und gesetzmäßig regierte. Sie entrichtete ihm nun keine Abgaben mehr. Der Kaiser und seine E.rarchcn wollten die Römer durch gewaltsame Mittel anhalten, ihre Schuldigkeit zu beobachten. Der römische Herzog sollte den Pabst als den Urheber der Empörung, 49Z rung, todt oder lebendig ausliefern. Aber ein A'uffrand der römischen Bürger nöthigte den Herzog, sich zu entfernen. Der Herzog von Neapel, der ihm zu Hülfe kommen wollte, wurde nebst seiner Mannschaft von den Römern niedergehauen. Auch ein neuer Herzog, den der oströmische Hof schickte, konnte sich nicht behaupten. Die Römer beschlossen in der Begeisterung, die ehemahlige Republik wieder herzustellen. Sie wählten sich einen Senat. Ihr Beyspiel reihte die Städte des Erarchats, die Vertheidigung ihrer Freyheit, und der heil. Kirche, zu beschwören. Der Exarch Paul wurde in einem Aufstande erschlagen, eine kaiserliche Flotte vor Ravenna besiegt, die andre durch cincir Sturm vernichtet. Die Ohnmacht des Erarchats benutzte der longobardische König Luit- prand, Ravenna und andre Städte desselben in seine Gewalt zu bringen. Als ein verstellter Gönner der Rechtgläubigkeit und der Römer, widmete er, auf die Vorstellungen des Pabstcs, der Kirche des heil. Petrus einige eroberte Oerter und Bezirke ajs ein Geschenk. Nun kam jedoch (729) ein neuer Exarch mit einer ansehnlichen Macht nach Italien,. 494 Italien, besetzte Navcuna und andre Qcrter von neuem, und beredete den Lnitprand sogar, in Verbindung mit ihm gegen Rom anzurücken. Gregor II, der es nicht auf eine Belagerung ankommen lassen will, zieht an der Spitze einer feycrlichen Procession zum Lager des longobardischcn Königs. Dieser wird durch den ehrwürdigen Anblick so gerührt, daß er sich vor dem Pabsie niederwirft, daß er ihn und die heil. Kirche gegen jede Mißhandlung zu schützen verspricht. Der Exarch, der einen Augenzeugen dieses Auftrittes abgab, mußte froh seyn, daß ihn der Pabst vom Bann lossprach. Seit dieser Zeit war der oströmische Kaiser blos der Titularhcrr von Rom, welches, mit einem kleinen Bezirke an beyden Seiten der Tiber, einen Freystaat vorstellte. Der Pabst, das geistliche Oberhaupt desselben, entwarf frühzeitig den Plan, der Oberherr eines ansehnlichen Gebiethes in Italien zu werden. Die Kirche des heiligen Petrus bekam, so wie andere Kirchen, von frommen Leuten Güther und Ländereyen geschenkt. 495 schenkt, die sich zuletzt in ansehnliche Bezirke verwandelten, und das sogenannte Eigenthum des heil. Petrus *) bildeten. Diesem rückten aber die Langobarden immer naher, die besonders nach dem Besitze, und der Plünderung der Stadt Rom, sehr lüstern waren. Die Gefahr für Rom wurde aber uoch drohender, als der longobardische König Aistulf das Exarch oder das oströmische Gebieth in Italien, in seine Gewalt brachte. Aistulf rückte (75z) nachdem er Navenna erobert hatte, gegen Rom an. Der bedrängte Pabst konnte bey dem oströmischcn Kaiser, wit dem er sich der Kirchenbildcr wegen veruneinigt hatte, und der sein Erar- chat nicht zu vertheidigen vermochte, gegen die Longobarden keine Hülfe suchen. Aber jenseits der Alpen in Frankreich herrschte der mächtige König der Franken, Pipin der Kleine, um dessen Köuigswürde der Pabst sich einiges Verdienst erworben hatte. Das Oberhaupt der Kirche durfte also auf Pipins Dankbarkeit Anspruch machen. Dennoch fand sich ') ?ari imonium 496 sich Stephan III, nachdem er sowohl mit dem Hofe zu Constantinopel, als mit dem fränkischen Könige, fruchtlose ttnterhandluns gen gepflogen, und vergebliche Briefe g