Inhalt. Drey und vierzigstes Kapitel. Geschichte der französischen Ree v o l u t i o n. Erster Abschnitt. Ursachen der französischen Revolution. Schwelgerischer, rankevvller Hof. Uebcrmüthiger Adel. Trauriger Zustand der Finanzen. Die Versammlung der Notablen kann demselben nicht abhelfen. Der Adel und die Geistlichkeit verweigern die Theilnahme an den Staatsbürden. Die Entwürfe von Calvnne und B-icnne miß, lingen. Aus der Reichs-Versammlung wird, durch Sicyes, eine National-Versammlung. Neckcr bekömmt seinen Abschied. S. z Zwey- IV Zweyter Abschnitt. Ausbruch des. Rcvvlutionsaufstandes zu Paris. Die Nationalversammlung maßt sich Einschränkungen der königlichen Gewalt an. Ludwigs XVI Reise nach Paris. Einführung der Assignaten. Neckers letzte Entfernung. Wachsender Einfluß des Jacvbinerclubs. Die Flucht des Königs giebt seinen Feinden Gelegenheit, die Abschaffung des Konigthums vorzubereiten. Die Auswanderungen der Adclichen und Geistlichen geschehen immer häusiger. S. 6z Dritter Abschnitt« Ursache des Rcvolutionskriegcs. Dieser fällt für die Franzose» anfangs bedenklich aus. Das Manifest des Herzogs von Braunschweig. Der zehnte August. Robespierre, Danton, Marat, und ihre vornehmsten Gehülftn. Scptcmber- grcuel. S. izo Vierter Abschnitt. Die Vereinigten rücken in Frankreich ein. Die Prcusscn erobern Longwy, Mrdun. Kanvncn- treffcn V treffen bcy Valmy. Traurige Lage und Rückzug der Vereinigten. Lille und Thionvillc vergeblich bombardiert. Die Franzosen erobern Savoyen, Nizza, Vruntrut. Custine besetzt Speyer, Maynz, Frankfurt. Dumourier siegt beyIemappe. Belgische Revvlutionsgreucl. S.iss Fünfter Abschnitt. Verschiedene Partheycn imNationalconvent. Sansculotten. Ludwig xvi wird vom Convcnt zum Tode vcruetheilt. Des Orleans Versuch, Diktator zu werden, mißlingt. Der ziste May befcsri'Ft die jakobinische Herrschaft Marat stirbt, unter den Händen der Cvrday Avignvn, Lyon, Toulvn, Bordeaux, und andre Städte, die sich dem jacvbinischcn Joche entziehen wollen, erfahren ein höchst trauriges Schicksal. Vendee. Chouans. S. 250 Sechster Abschnitt. Frankreichs Feinde werden durch Spanien und Holland vermehrt. Dumourier will Holland erobern z der Prinz vvn Koburg treibt ihn aber aus den den Niederlanden wieder heraus. Die Vereinigten erobern einige französische Festungen; sie nehmen den Franzosen Maynz wieder weg; sie dringen in Elsaß ein. Allein auch dieser Fcldzug nimmt für di? Vereinigten ein nachtheiligcs Ende. Ansang des spanischen Krieges. S. 34- Siebenter Abschnitt. Robespierre's Schreckensregicrung. Hinrichtung der Marie Antonie, des Orleans u. a. m. Mit Robespierre's Sturz cndiat sich die Schreckensregicrung, und das Anselm des Convents hebt sich wieder. Der Iacvbinerclub wird geschlossen. S. ZS8 Die Tittelvignette stellt die Tuilerien vor.' Drey Drcy und vierzigstes Kapitel. Geschichte der französischen Revolution. Erster Abschnitt. Ursachen der französischen Revolution. Schwelgerischer, rankevvller Hof. Uebermüthigcr Adel. Trauriger Zustand der Finanzen. Die Versammlung der Notablen kann demselben nicht abhelfen. Der Adel und die Geistlichkeit verweigern die Theilnahme an den Staatsbürden. Die Entwürfe von Calvnnc und Bricnne miß, lingen. Aus der Reichs-Versammlung wird, durch Sieyes, eine National-Versammlung. Nccker bekömmt seinen Abschied. Rußland, die Pforte, und die übrigen Staaten, die in den andern Erdlheilcn ihr Ansehn so geltend zu machen wußten, wur< den, so wie ganz Europa, zur Theilnahme Gallctti Wrilg. -or Tb- A an a» einer äusserst folgenreichen Staatsveram derung in Frankreich hingerissen; an einer Staatsverändcrung, durch die unser Erdtheil von Portugal bis nach Nußland, von Schwe» den bis nach Maltha, erschüttert worden ist. Seit der Reformation hat die Weltgeschichte keine ahnliche Begebenheit aufzuweisen. So wie die Reformation die religiöse Freyheit der Menschen zum Gegenstände hatte, so war, wenigstens bcy den edeldeukendcrn Theilneh» niern der französischen Revolution, politische Freyheit und Gleichheit das Ziel ihres kraft» vollen Bestrebens» Ach, in welchem rosen» farbenen Lichte zeigte sich den für das Glück des Menschengeschlechtes recht feurig erwarm» ten Freunden desselben die Aussicht, jenen den Schwung der Geisteskräfte niederdrückenden Unterschied der Stande aufgehoben zu sehen! Was hätte sich, diese Sinnesart mit edler Uneigennützigkeit geleitet, für die Befördc» rung der echten Humanität nicht bewirken lassen! Aber leider zeigte auch der Gang die» ser Revolution das der Menschennatur so gewöhnliche Schicksal, die wohlthätigsten Eut» würfe durch das Spiel verderblicher Leiden» schaften vereitelt zu sehen! Viel 5 Vielleicht ließen sich aber die schönen Er« Wartungen von einer solchen Revolution in jedem andern europäischen Lande eher, als in Frankreich, mit einiger Sicherheit voraus« sehen; in Frankreich, wo eine, in ihren vor« nehmstcn Theilen äusserst verderbte, Nation von einem nach dem Guten eifrig strebenden, aber von untüchtigen und eingebildeten Mi« nistern schlecht geleiteten König, zu wenig mit kraftvoller Entschlossenheit regiert wurde. Der öftre Ministerwechsel bewies schon zur Gnügc, wie wenig der schüchterne Lud« wig XVI dem ehrsüchtigen und ehrgeitzigcn Nänkcspiel des Hofes entgegen zu arbeiten verstand ^). Die Person, die der Kreis der eben so verderbten, als ränkevollen Hofleute umringte, war die Königin Marie Antoi« nette, eine Tochter der Kaiserin Marie The« resie (geb. 1755). Unter der Aufsicht der sorgsamen Mutter die schönsten Gaben des Körpers und Geistes entwickelnd, war sie, als Gemahlin des Dauphins Ludwig, für das pariser Publicum bald der Gegenstand seiner Bewunderung. Ihr ungeschmücktes, uns -) Theil xvui, S. 1S6-116. 6 ungezwungnes Betragen, aus welchem so viel Munterkeit, so viel Geneigtheit zum Wohl« thun., hervorblickte, gewann ihr alle Herzen. Aber diese liebenswürdigen Eigenschaften stau« den mit mancher ihnen verwandten Schwäche, mit Hang zu sinnlichen Vergnügungen und Zerstreuungen, mit Leichtsinn und Unbesonnenheit, in Verbindung. An einen üppigen und schwelgerischen Hof versetzt, .ließ sie sich von den Genüssen desselben zu machtig hinreisten, opferte sie der Spielsucht ungeheure Summen, widmete sie dem Schauspiel eine so gränzcnlose Liebe, daß sie zuweilen des Abends, nur von ihren Schwager Artois begleitet, nach Paris in das Theater fuhr, und erst spät in der Nacht zurückkehrte. So unschuldig diese Abendparchicen auch seyN mochten, so wurden sie von ihren Feinden, vornehmlich von der Dubarry, und dem Herzog von Orleans, doch benutzt, ihre Aufführung dem schändlichsten Verdacht preiszugeben. Doch ihre Sptelsncht, ihre Anhänglichkeit für Artois, ihre Verschwendung, erregten selbst das Mißfallen ihres Gemahls. Noch stärker aber reihten sie den Unwillen der Pariser, die, seit der langen Regierung ihrer 7 ihrer bcyden letzten Könige, Fehler dieser Art nur an ihren Monarchen zu sehen ge- wohnt waren, für die Marie Antonie schon als östreichische Prinzessin ein Gegenstand des Hasses war. Ihren guten Ruf untergrub besonders die Halsbandsgeschichte. Marie Antoinette reihte durch ihre schöne Bildung die Sinnlichkeit manches Wollüst- lings. Solche Wollüstlinge waren ihr Schwager, der Herzog von Orleans, und der Cardinal von Nohan. Orleans, der den Cardinal, mehr als sich, von der liebenswür- digen Königin begünstigt glaubte, sann auf Gelegenheit, seine Rachsucht zu befriedigen. Die Ausführung seines Wunsches theilte der Minister Vretcuil. Diesem, Ludwigs XV Cabinccssccrclär, war von demselben die Ehre zuerkannt worden, die Marie Antonie als Braut abzuholen. Doch Ludwig hatte schon dem Prinzen von Soubise versprochen, dem Cardinal von Nohan diesen angenehmen Auftrag zu geben. Der Prinz erinnerte jetzt den König an sein Versprechen, und Bre, tcuil mußte das Creditiv, das ihn zu seiner Gesandtschaft nach Wien berechtigte, wieder heraus- 8 herausgeben. Rohan holte die Prinzessin ab, und Vreteuil ward dagegen Gesandter in Lon« von. Vreteuil wünschte sich für diese Krän- kung zu rächen. An ihn schloß sich Orleans an. Die Zuneigung, die Rohan für die Dauphine bewies, diente ihrer Verleumdungs- sucht zum Verwände, die. Prinzessin eines mehr als freundschaftlichen Umganges mit dem Cardinal zu beschuldigen. Aber gerade der Cardinal bewies durch seine Eifersucht die Unrichtigkeit dieser Beschuldigung. Die Dubarry harte dem König Ludwig XV cine ungünstige Meynung von der Gemahlin seines Sohnes beygcbracht. Der König fragte den abwesenden Cardinal um seine Meynung, und dieser, den die Untreue der Marie Antonie ärgerte, schrieb an denselben: die Dauphine wäre zwar eine liebenswürdige Prinzessin, aber auch eitel und cnguet; es wäre daher rathsam, sie etwas schärfer zu beobachten. Dieser Brief gerteth nach Ludwigs XV Tode in Vreteuils Hände, und dieser zeigte ihn der jungen Königin. Rohan kam darüber in Ungnade. Sich die Gunst der Königin wieder zu erwerben, war er ihr zum Besitze eines kostbaren Halsschmuckes von Diamant manten behülflich. Marie Antonie stellte sich, um ihrem Gemähte keinen Verdacht zu crre» gen, als wenn sie ihn aus eignen Mitteln bezahlen wollte. Rohan verpflichtete sich aber bey dem Kaufmanne für die Summe, die dieses für die Königin bestimmte Ge» schenk kostete. Er konnte jedoch der übers nvmmenen Verpflichtung, an dem bestimmten Tage, nicht Gnüge leisten. Der Kaufmann drohete mit der gerichtlichen Klage. Der Cardinal und die Königin gerielhen nun in solche Verlegenheit, daß sie die Diamanten von dem Halsbande abreisten, und durch die Gräfin la Mothe verpfänden ließen. Durch die Unvorsichtigkeit dieses Frauenzimmers wurde aber die Sache ausgeplaudert. Der Carbi» ual wurde auf Bretcuils Anstiften (am 15. Aug. 1785) verhaftet, und, als ein Falsa» rius, der gerichtlichen Untersuchung unter« worfen; doch das Parlament, das das Ur» theil sprechen sollte, entschied, von Orleans geleitet, zu Nohans Vortheil. Man wälzte alle Schuld auf die la Mothe, die zum Aus» peitschen und Brandmarken vcrurtheilt wur» de. Diese rächte sich dafür (1789) durch eine la eine in vielen tausend Abdrücken vervielfal» tigte Schrift, die den Charakter der Königin in ein sehr zweydeutiges Licht versetzen, und die Aufmerksamkeit des Publicums auf ihre Spielsucht und Verschwendung hinziehen sollte. Alle in dieser Schrift vorgebrachten Lügen wur» den vom Publicum geglaubt, und bald ge» wöhnte man sich, die Marie Antonie als die einzige, als die verdcrbltckiste Rathgeberin des Königs, zu betrachten. Ludwig XVI, dem diese Schriften und das durch dieselben, so wie durch mancherlei) Gerüchte, veranlaßt? Mure rcn über das Betragen und die Verschwelte- dung seiner Gemahlin nicht unbekannt blieb, empfand darüber einen so lebhaften Acrger, daß er deswegen einen Familienrath ver, sammelte. Der Duc de Penthievre that den Vorschlag , die Königin nach Val i de < grace zu schicken, und schon war daselbst ein Zim» wer für sie bestimmt. Ludwig XVI überlegte jedoch, daß er sich durch ein solches Versah« rcn dem Gelachter seiner Nation preisgeben würde, und die Entfernung der Königin UN» tcrblicb. Den Den stärksten Einfluß auf ihr zweideutiges, oder wenigstens unvorsichtiges Benehmen schrieb man aber den Heyden Damen Polig« nac zu. Aus einem alten, aber nur durch den berühmten Cardinal ihres Nahmens be« kannten Geschlechts, das, mclns weniger, als wohlhabend, tief unter andern Hoffami- lisn stand, gab Diana, die eine von den Heyden Schwestern, die Hofdame der Gräfin Artois ab. Bcy dieser sah die Königin ihre Schwester Julie, und sie wurde durch die liebliche Gestalt derselben ganz entzückt^ Die Königin fand im Kreise der sie umgebenden Damen niemand, dem sie ihr Vertrauen scheu» kcn konnte. Der Umgang mit denselben war ihr vielmehr zu steif. Sie wünschte sich eine Verlraute, die sie als die Schöpferin ihres Glückes betrachten müßte, und sie glaubte diese in der Julie von Polignac gefunden zu haben. Julie wußte die Nolle der unschuldigen, der zärtlichen Freundin, so glücklich zu spielen, daß sie die Königin ganz für sich einnahm. Marie Antonie ließ sich von der Polignac, in deren Umarmungen sich jedes Geschlecht glücklich fühlte, ganz hinreisten, und in den Taumel der- Sinnlichkeit hineinziehen. 12 zieHei,. Julie benutzte die Herrschaft über das Herz ihrer Gebiethcrin, das Glück ihrer zahlreichen Familie immer höher zu treiben. Es hoben sich Ducs, Intendanten, Staats, Pensionärs aus derselben pmpor. Indessen wurde das Haus Nohan immer mehr herab« gewürdigt, und von der ihm so lange anvertrauten Aufsicht über die Erziehung der königlichen Prinzen entfernt. Den gewöhnlichen Gang des Hofes zu überspringen, half der Familie Polignac Vaudreuil, auch einer von den geheimen Vertrauten der Königin. Mit Aemtern, Würden, Gnadenbezeigungen wurde ein ordentlicher Handel getrieben, und während das pariser Publicum auf die Julie schimpfte, bothcn die Minister, ihre Günstlinge, alle ihre Kunst auf, ihre Neider, und ihre Feinde, zu unterdrücken. Calonne wußte am besten, wie viel dieses dem Staate kostete. Die Herzogin von Polignac folgte jedoch ganz der Leitung ihrer Schwester, der Gräsin Diana, die, eben so häßlich als ihre Schwester reihend, hervorstechende Eigenschaften des Geistes, mit de:ss größten Ncichthume von Entwürfenfund Hülfsmitteln, verband. Sie war die eigentliche Schöpferin des Glückes ihrer Fa- IZ Familie. Die Prinzessin Elisabeth, zu der sie von der Grafin Artois als Ehrendame übcrgieng, flüchtete, sich ihrer tyrannischen Behandlung zu entziehen, nach St. Cyr. Ludwig bath sie flchcndlich, zurückzukommen, und mit der Diana Gcdult zu haben, weil die Königin ihrer Gesellschaft nicht entbehren könne. Dadurch zog sich, aber Marie Antvk nie den allgemeinen Haß des pariser Publik cums zu. Diesen Haß suchten die Feinde der Poe lignac, die ihr hatten weichen müssen, mit der emsigsten Gcflissenheit zu vergrößern. Zu diesen gehörten vornehmlich die alten Damen, die, als eine Last für die junge, leidenschaft» liche Fürstin, die ihre Wünsche und Einfalle durch sie gehemmt sah, anfangs ihrem spül« tischen Witze zum Ziele dienten, und, wenn sie dieß nicht zur frcywilligen Entfernung bek wog, sich bald verabschiedet sahen. Bald zeigten sich in dem Gefolge der Königin blos Zugend und Schönheit. Die verstoßenen Damen rächten sich durch Schmähungen, welk chcn der Leichtsinn der Königin, das Auge des Publicum? zu wenig scheuend, Glauben ven 5 14 verschaffte. Die auf die Meynung des Pu« blicums zu wenig achtende Königin fand, als all- Künste des edlern Zeitvertreibes erschöpft waren, ein Vergnügen an dem Umgänge mit Leuten, die ihr eine neue,'wenn auch gel schmucklose, Unterhaltung gewährten. Sie brachte ganze Nachmittage hin, Kartenhäuser (vielleicht für ihre Kinder?) zu bauen. Die Gräfin Diana sagte manchmahl zu ihren Freunden: „ach die Königin langweilt mich zu Tode!" Die Königin wunderte sich dag« gen wie es möglich sei), sich im Umgange mit schönen Geistern zu gefallen. Zu denen, die ihrem Rufe absichtlich scha« beten, gehörten die Personen der Familie Nohan, die durch die Halsbandsgeschtchte so empfindlich gekrankt worden waren, gehörte der Königin Schwager, der Herzog von Or, leans. Ludwig Philipp Joseph (geb. 14. April 1747) der Enkel des frommen Her« zog Ludwigs von Orleans, und der Sohn einer wegen ihrer Ausschweifungen sehr be« rüchtigten Mutter, spielte als Jüngling eine Reihe der schamlosesten Auftritte der sinnlich« sten Wollust. Auf Ludwigs XVI Rath Hey« rathete rathete er die schöne, wegen ihrer großen Sittlichkeit allgemein beliebte Tochter des Hers zogs von Penthievre. Von diesem erbte er, vhnedieß schon unermeßlich reich, alle seine Domänen. Seine Hoffnung, auch dessen Nachfolger als Großadmiral zu werden, wurde aber getäuscht. Orleans hatte in der Schlacht bey Ouessant wenig Much bewiesen» Der Hof verlieh jene Würde dem ältesten Sohne des Grafen von Artois, dem Duc d'Augoulsme. Seine älteste Tochter sollte den» selben Heyrathen. Schon waren alle Anstalten zur Vermählung gemacht; man wünschte dem Herzog von Orleans schon Glück, als die Kö» nigin den Fortgang dieser Sache plötzlich hemm» te. Sie bath den König, dem Duc d'Augon» leme ihre Nichte, die Tochter der Königin von Neapel, zur Gemahlin zu geben. Ludwig XVI nahm sein Wort ungern zurück. Orleans er» trug diese Kränkung mit scheinbarer Gleich» gültigkeit; aber die Sehnsucht nach Nache kochte tief in seinem Innern, bis er zur Be» friedigung derselben eine günstige Gelegenheit fand. Man giebt jedoch noch eine andre frühere Ursache seiner Erbitterung gegen die Königin an. Er hatte ihr, als sie noch Dau« i,6 Dauphins war, seine Liebe angetragen. Sie gab jedoch ihrem Gcmahle davon Nachricht, und dieser machte ihm deswegen die lebhaft testen Vorwürfe. Doch Orleans hatte übers Haupt so wenig Gefühl für das eheliche Glück, baß er seine sinnlichen Ausschweifungen, auch während der Verbindung mit der licbenswürs digen Tochter von Penthicvre, immer forts fetzte, und daß er dieselbe zur Trennung ih< rcr Verbindung nöthigte. Das Palais royal, seine Wohnung, war der Schauplatz der woft lügstigsten Feste. Zu St. Cloud ließ er die unsittlichsten Schauspiele aufführen. Der durch den übertriebenen Genuß der sinnlichen Freut den ganz erschöpfte Orleans suchte nun seins Langeweile durch die Spislsucht zu tödten. Ein vorzügliches Vergnügen gewahrte ihm das Pferderennen, das er in England kent uen lernte. Betrügerische Wetten brachten ihm manche schöne Summe ein, aber mam chcr gericth auch dadurch in tiefe Schulden. Der König sah sich deswegen bewogen, die Pferderennen zu vcrbiethen. Orleans nahm nun zu den Hazardspielen seine Zuflucht. Der wollüstige, spiclsüchtige Orleans trieb sich immer mit ehrsüchtigen, rachgierigen Ents würfen würfen herum, zu deren Ausführung ihm kein Mittel zu schändlich war; aber in dem Gebrauche desselben bewies er oft sich über» eilend und zaghaft. Bey der Nation, und zumahl bey den Parisern > war er äußerst verhaßt; bey den Pariserinnen, weil er sie des einträglichen Vergnügens, der Spatziert gange in den Gapten des Palais royal be» raubte. So wenig auch Ludwig XVI mit seinem Bruder übereinstimmte, so schützte er ihn doch, auf Neckers «Antrieb, gegen das Spiel der Hvfränke. Wie wenig bewies er sich aber dafür dankbar! « Ludwig XVI hatte, ausser Orleans, noch zwey Brüder, die Grafen von Provence und von Artois. Jener ist 1755, und die« ser 1757 gcbohren. Jeder derselben hat mehrere Kinder, und die Luxusbedürfnisse eines jeden derselben halfen die Schuldenlast vergrößern. Artois schenke sich nicht, selbst zu der Zeit, wo ihm die französischen Host quellen nicht mehr zu Gebothe standen, große Summen zu vcrlstren. Jeder von den Vrüt dern des Königs kostete der Nation wenig» stens 400 Millionen Livres. Provence, der Gallttti Wcltg. -orTH.» B söge» 18 sogenannte Monsieur, zeigte sich in politischer Hinsicht ganz unbedeutend, entweder aus Mangel an Talenten, oder aus Vorsatz. Artois, schöner und einnehmender, als seine Brüder, war im Charakter und Geschmack der Königin ahnlich. Das Haus, das er sich im Walde von Boulogne gebaut hatte, gab den Sitz der verfeinertsten Wollust und Ueppigkeit ab. Artois übertraf übrigens seine Brüder an Entschlossenheit und Thätigkeit. Unter den übrigen Prinzen vom Hause zeichneten sich der alte Prinz von Conde, Ludwig Joseph (geb. 1736) und sein Sohn, der Duc d'Enghicn, Ludwig Heinrich Joseph (geb. 1756-), Schwiegersohn des Herzogs von Orleans, rühmlich ans. An dem Sittenverderbnisse und der Verschwendung des französischen Hofes war hauptsachlich der eben sy übermürhige, als übermachtige Adel Ursache. Frankreich stellte eigentlich einen aristokratischen Staat vor, dessen Häupter am Hofe lebten. Kaum der sechzigste Theil aller Bewohner Frankreichs, hielt sich der Adel dennoch ausschließend für die Nation, betrachtete er alle übrigen Staatsbürger, 19 ger, unter welchen sich doch reiche Manufak- turisten, Kaufleute und Gelehrte befanden, als nichts bedeutend. Gleiche Grundsätze hegte der ganze französische Adel,.der gleichsam eine unermeßliche, durch das ganze Reich verbreitete Familie ausmachte. Der Staat wurde nicht vom Könige, sondern vom Hofe, beherrscht. Am Hofe herrschten aber die Ducs und Pairs, die sich an die Julie von Polig- nac anschlössen. Unter diesen befanden sich einige, die sich nicht schämten, der Poliecy ihre Dienste zu widmen, während baß andre, theils ssür eigene, theilS für fremde Rechnung , sich Schurkenstreiche erlaubten. Man war selbst am Hofe vor Taschendiebercyen nicht sicher. Prinzen vom Geblütc machten sich allenfalls kein Gewissen daraus, eine kostbare Tabaticre unter ihren Händen ver, schwinden zu lassen. Wer konnte ihnen deswegen Vorwürfe machen, .wenn selbst die Bischöfe meistens die einträglichsten Kunden der Opcrnsäugerinnen und Tänzerinnen waren, wenn sie sich von der Theilnahme an Ha- zardspielcn und unmoralischen Reden nicht zurückhielten. Um 2O Um dem Sittenverderbnisse dieses Hofes, und dem für den Staat so schädlichen Ein- flusse desselben, einen starken Damm entgegen zu setzen, mußte Ludwig XVI mehr kraftvolle Entschlossenheit besitzen, mußte er seine guten Rathgeber nicht dem Spiele der Hofränke preisgeben. Machault, den ihm selbst der sterbende Vater als. den besten Verwalter der Staatswirthschast empfahl, berief er durch ein eigenhändiges Schreiben an seine Seite; aber nur wenige Stunden waren für die Höflinge hinreichend, ihn den unerschütterlich biedern Machault gegen den leichtsinnigen Maurepas vertauschen zu lassen *). Den traurigen Zustand der Finanzen vergessend, ließ sich Ludwig XVI noch zur Teilnahme an dem amerikanischen Freyheitskriege bereden, und durch diesen wurde die Schuldenlast noch um 500 Millionen vermehrt. Indessen dauerte die Hofverschwenduug ununterbrochen fort, blieb der Leichtsinn in der Verwaltung der Staatseinkünfte herrschend. „Ich habe", sagre der Gencralconcroleur der Finanzen, „meinen Secrerär; dieser hat gegen hundert Commis; aus den Berichte» der- -r) Thkil XVIli, S. uz. fgg. 21 derselben macht er für mich Auszüge, und dann bin ich mit meiner Arbeit in einer halt bcn Stunde fertig." Bey einer so oberflächt lichen Untersuchung fiel das Mifiverhältniß zwischen der Einnahme und Ausgabe weniger auf. Man half sich einige Zeit durch Anleit hen, durch Vorausverpachten. Necker nahm zu dem Credit der Banquiers seine Zuflucht; dieser hörte aber auch mit ihm auf. Das Mtßverhältniß wurde immer grüßer. Schon bey dem Anfange des Jahres 1787 überstieg die Ausgabe die Einnahme jährlich um 115, und bald hernach um 140 Millionen. Die reinen Staatseinkünfte beltefen sich aber nicht höher, als auf 475 Millionen. Doch die Zinsen für 5,220 Millionen Schulden vert schlangen schon mehr als die Hälfte dieser Summe, nehmlich 270 Millionen. Berget bens bemühete sich Ludwig, de» für seinen Hof und seinen Marstall nöthigen Aufwand zu vermindern. Calonne, Neckers Nachfolt ger (seit 178z) vergrößerte die Schulden» menge noch durch unnütze Ankäufe, durch neue, zwar nicht uiroortheilhafte, aber zur Unzeit unternommene Anlagen. Bey Bey der Roth, in welcher sich die Staats« casse befand, schien, wenn man derselben nicht ausserordentliche, sehr reichliche Zuflüsse verschaffte, ein Sta-Usbankerut unvermeidlich. Calonne hatte, um dem Staate jene Zuflüsse zu sichern, den sehr natürlichen Einfall, auch den Adel und die Geistlichkeit zur Thcilnah« mc an den Abgaben zu ziehen. Sein Vor« schlag wurde vom Könige und dem Ministe« rium genehmigt. Vor der Ausführung des« selben mußte jedoch eine Versammlung der Norablen, das heifit, der angesehensten Per« soncn geistlichen und weltlichen Standes, vor« ausgehen. Schon unter den vorigen Küni« gen hatte man solche Versammlungen einem feyerltchcn Reichstage, durch den sich der Hof und die Minister mehr eingeschränkt fühlten, vorgezogen. Seit 161 Jahren (seit 1626) war aber auch keine Versammlung von No« tablcn wieder vorgekommen. Jetzt wählte man aus zwei) Nebeln das kleinste. Man tröstete sich dabei) mit dem angenehmen Ge« danken, daß man ^dieser Versammlung eine, seinen Absichten angemessene Einrichtung ge« bcn könnte. Der Hof wählte 14 Bischöfe, 26 Herzoge, ausser diesen noch 8 andre Staats« 2Z Staatsräthe, 4 Intendanten der Provinzen, 24 Munictpalbeamren, alle Gencralprocura» toren und Präsidenten der Parlamente, und endlich einige Abgeordnete aus den Provin» ctalstädten. Die Zahl derselben belief sich auf 140. Diese thcilte man in sieben Bu» reaux, von welchen jedes eine gemeinschaft» liche, oder eine Curiatstimme hatte. Vier von solchen Stimmen machten also die Mehre heit aus. Dem Bürgerstande waren nur wenige Stimmen zu Thcil geworden, und die Vorsteher der Municipaliräten stellten keine eigentlichen Volksrepräsentanten vor. Diese Versammlung eröffnete ihre Sitzung am 22. Febr. 1787. Der erste Gegenstand, den man ihrer Berathschlagung unterwarf, war die Abschaffung einiger drückenden Ab» gaben, als der innern Landzölle, der Salz» steuer. Die Summe, die der Staatskasse dafür gewährt werden müßte, sollte unter alle Stände vertheilt werden. Zwey andre Vorschläge betrafen die Abschaffung der Ge» treidcsperre, und der Frohndienste bey den Landstraßen, unter deren Last daS Volk ge» wältig seufzte. Der König hatte deswegen schon schon im Jahre 1776 diese Dienste gegen eine Abgabe von allen Ländercybesttzern vcr« tauschen wollen, das pariser Parlament hatte sich aber dieser Anordnung, durch die der Adel und die Geistlichkeit den Niedern Volks« «lassen gleichgestellt werden würde, heftig entgegengesetzt. Jetzt wurde beschlossen, daß die Provincialausschüsse, oder die Landstande der Provinzen, für die Unterhaltung der Land« straßen sorgen sollten. Die Hauptsache, worauf es jetzt ankam, war jedoch die Herbeyschassung der Summen, durch die das große Mißverhältnis, zwischen der Einnahme und Ausgabe des Staates ge« hoben werden könnte. Calonne that hier den Vorschlag, die beyden Vingtiemes, die schon eingeführt waren, auf alle, also auch auf die geistlichen und adlichen Grundstücke auszudch« nen. Der Ertrag derselben würbe dadurch von 54 bis auf 84 Millionen erhöht werden. Durch Ersparungen am Hofe, und in andern Zweigen der Staatswirthschaft, sollten jährlich 40 Millionen gewonnen werden. Die noch fehlenden 70 Millionen wollte man durch neue Anleihen, durch Stempeltaren, durch 25 durch Territorialauflage!, zu erhalten suchen. Die beydcn letzten, Mittel waren den privi- legirten Ständen gar nicht willkommen. Die Notablen trugen daher darauf an, daß man lieber zu einer Reductil», der Staatsschulden, oder zu einem Vergleiche mit den Staats- gläubiger!,, seine Zuflucht nehmen möchte. So wurden, durch die hartnäckige Weigerung der privilegirten Stände, die Staats- blirdcn zu theilen, Calonne's gutgemeinte und zweckmäßige Entwürfe, den französischen Staat aus seiner Roth herauszureißen, vereitelt. Calonns war durch seinen Patriotismus so sehr der Gegenstand des Hasses der Vornehmen, der Höflinge geworden, daß ihm der König (im April 1787) den Abschied geben mußte. Er gicng nach England. Ludwig XVI bekam jetzt fast lauter neue Minister. An die Stelle des zwey Mona- the früher (im Febr.) gestorbenen Vergennes, trat Montmorin als Minister der auswärtigen Angelegenheiten; für Miromenil, dessen Verabschiedung Calonne kurz vorher bewirkt hatte, weil er sich zu den Gegnern seines Planes hinziehen ließ, wurde Lamoignon (Males- 26 (Malesherbes) Grosisiegelbewahrer; Ca, lonne selbst bekam bei: Erzbischof von Tout lousc, Grafen von Vrienne, zum Nachfolt gsr. Die neuen Minister standen den vor!» gen thcils an Talenten, thetls an Neblicht kcit, nach. Moutmorin besaß weniger Mit nisterkraft, als Vcrgennes; Vrienne handelte -zu despotisch, zu unüberlegt. Seine Minit siettFehlcr halfen den Untergang des fcanzöt fische» KZnigthums beschleunigen. Des grvt ßen Ruhmes seiner Fähigkeiten und Kenntt nisse ungeachtet, wollte es ihm lange nicht gelingen, die von ihm so sehnlich gewünschte Ministerstelle zu erlangen. Der König hatte von seiner Moralirar, und von seinen Grundt sahen eine sehr ungünstige Mcynung. Um diese Meynung zu besiegen, zeigte sich nun der Erzbischof von Toulouse sehr eifrig in der Erfüllung seiner geistlichen Amtspflichten, in der Aussicht über seinen Sprengel, ließ er von Zeit zu Zeit einige seiner frommen Handlungen in den Zeitungen ausposaunen. D e Versammlung der Notablen verschaffte ihm eine vorzüglich gute Gelegenheit, das Ziel seiner Wünsche zu erreichen. Die über Cat ') Thcil xvm, S. 107. uz. 27 Calonnc's Plane unzufriedenen Mitglieder derselben bildeten eine Parthcy, die, in Vers btndung mit dem Hofe, die Entfernung der vornehmsten und am meisten geachteten Mit nistcrS bewirkte. Sein Nachfolger, Four- gueux, bekleidete, seiner Kränklichkeit wegen, diese Stelle nicht länger, als drcy Wochen, und dem Könige, der sich nun einen neuen geheimen Rath bilden mußte, wurde Bri« enne, als derjenige, empfohlen, der das Nuder der Regierung mit dem glücklichsten Erfolge führen würde. Den meisten Antheil an seiner Erhebung hatte die Königin, die die sich von dem ehrgeizigen Brienne, und dem gegen Calonne erbitterten Bretcuil, zu mächtig lenken ließ. Calonne hatte sich nichts, was den Haß und die Rachsucht, womit man ihn verfolgte, rechtfertigen konnte, zu Schulden kommen .lassen. Wenigstens wurden Brienne's und Nccker's Bemühungen, die Beweise in seinen Papieren zu finden, ganz vereitelt. Brienne sah um sich lauter Minister veri einigt, die thetis aus Furchtsamkeit, theils aus Unfähigkeit, keinen Widerspruch wagten. Die Die Nation versprach sich sehr viel von seit ner Staatsverwaltung, weil er sonst, wie man glaubte, die Ministcrstellc nicht würde angenommen haben. Aber Bricnne zeigte sich weder in seinen Planen, noch in seinen Grundsätzen, fest. Er empfahl als Minister die Territorialaustage, und die Stempelacte, der er sich vorher lebhaft entgegen gesetzt hatte. Die Versammlung der Notablen, die ohne Nutzen, einen großen Aufwand verurt sacht hatte, war (24. May) aufgelöset wort den. Das pariser Parlament repräsentirte also wieder wenigstens einen Thcil der Na? tion. Dieses wollte sich durchaus nicht zur Einregistrirung der königlichen Edicte, die jene Abgaben betrafen, verstehen. Berget bcns machte Ludwig XVI (am 6. Aug.) einen Versuch, durch ein Int flc justice sein Am sehn zu behaupten. Das Parlament blieb standhaft bey der Meynung, daß dergleichen Auflagen nur von eiuer Neichsversammlung bewilligt werden könnten. Disß war auch die Stimme der ganzen Nation. Vrienne fühlte sich in Verlegenheit, fühlte sein Ansehn gekrankt. Das Parlament wurde 29 de aufgehoben, und die Mitglieder bekamen (14. Aug.) den Befehl, sich nach Troycs zu begeben. Das Volk, vornehmlich das Volk der Hauptstadt, äusserte seine Unzufrieden» heit darüber ganz laut. Der Graf von Pro» vence, Calonne's Freund, empfieng Beweise des Verfalls, während daß Artoiö, der An» Hänger der Königin, ausgepfiffen, und nur durch Soldaten gegen Mißhandlungen geschützt wurde. Um sich eine noch größere Würde zu geben, ließ sich Dricune zum Prin» cipalministcr, zum Erzbifchofe von Sens, er» nennen. Schlau unterhandelte er nun mit den verbannten Parlamentsglicdern. Er gab ihnen die Nothwendigkeit der reichsstän» dtfchen Einwilligung zu. Die Zusammenbe» rufung der Reichsstände ersordre, wie ec sagte, allerlei) Vorbereitungen; die Norh der Staatscasse wäre jedoch so dringend, daß man ihm eine Anleihe erlauben möchte. Das Parlament wollte diese zugeben, und es ward daher (20. Sept.) wieder hergestellt. Doch Brtcnne's unvorsichtige Reden verrielhen dem» selben die Täuschung, die er ihm zugedacht hatte. Die meisten Mitglieder stimmten da» her, als er (19. Nov.) am Parlamente er» schien. ZO schien, um die Anleihe durchzusehen, gegen die Rcgistrirung derselben. Als nur der Kunz» ler Malesherbcs den Befehl gab, das Am lehn, ohne die Zahlung der Stimmen, zu rcgtstriren, widersprach ihm Orleans im Naht wen aller Pairs des Reichs. Dieß zog ihm das Schicksal zu, in eine entlegene Provinz verwiesen zu werden. Zwey Glieder des Par« lameitts wurden verhaftet. Dennoch hatte die Anleihe keinen Forlgang, weil sich nie, wand auf dieselbe einlassen wollte. Nachdem nun Brienne den königlichen Schatz vollends erschöpft, nachdem er den öffentlichen Credit vernichtet, nachdem er jede Quelle von Geldhülfe verstopft, nachdem er die Zwangsmittel der königlichen Macht bey unerheblichen und unbedeutenden Vorfällen gemißbraucht harte, machte er endlich den eben so unbesonnenen, als dreisten Versuch, die Regierung von dem Zwange, neue Get setze der Einregistrirung der Parlamente zu unterwerfen, zu befreyen. Er hoffte unter der Hülle des Geheimnisses seine Anordnung glücklich durchzusehen. Alle Ofsiclere bekat mcn den Befehl, sich zu ihren Regimentern zu zu begeben. Die Intendanten der Provinzen erhielten versiegelte Verordnungen, dre sie alle an Einem Tage erbrechen sollten. Eine neue zu Versailles angelegte Druckerei) arbeitete Tag und Nacht. Alle Gemeinschaft zwischen den Druckern und dem Publicum war gesperrt. Doch Duspremenil, eins von den Mitgliedern des Parlaments, verschaffte sich, einen Correcturbogen des neuen Ediccs in einer zum Fenster herausgeschossenen Thonkugel. Alle Glieder schworen nun, kein solches Sdict anzunehmen. Duspremenil und sein. College sollten deswegen verhaftet werden. Sie flüchteten in den Parlamentssaal. Das Parlament schickte hierauf Abgeordnete an den König, die ihm im Nahmen desselben das Verlangen vortrugen, bessere Nachgebet: zu wählen. Aber gegen Mitternacht rückten einige'Bataillone an, um den königlichen Befehl mit Gewalt zur Vollziehung zn bringen. Duspremenil und sein College lieferten sich hierauf selbst aus. Wenig Tage hernach ( Z. May 1788) erschien das Edict. Vermöge desselben wurden alle Parlamente aufgehoben. An die Stelle des pariser trat eine sogenannte cour pleniors hd. i. vollständiger diger Gerichtshof) der, aus Prinzen, Pairs, Magistrats - und Militarpersonen zusammengesetzt, in Zukunft alle königlichen Edicte und Zlnleihen registrtren sollte. Für die übrigen Parlamente des Reichs wurden neue Gerichtshöfe angeordnet. Die Cour pleniüre war nicht, wie Bricnne behauptete, eine schon ehedem vorgekommene Einrichtung, und wenn gleich ihre Verfassung manche, für die Rechtsverwaltung heilsame Anordnung enthielt, so blieb sie doch immer das wirksamste Mittel, dem System einer despotischen Ne, gierung die höchste Wollendung zu geben. Den größten, vielleicht aller folgenreich, sten Fehler begierig Bricnne, als er alle Truppen in Bewegung sehte, um dem Vol, ke, durch den Anblick einer so ansehnlichen Macht, Furcht und Schrecke» einzuflößen, um in den Städten, in welchen seine An, ordnung zur Vollziehung gebracht werden sollte, einen Aufstand zu verhüten. Durch solche Anstalte» wurde das Volk aber gerade zur Aufmerksamkeit gereiht, wurde ihm die auf den Ueberrest seiner Frcyheit eindrin, gende Gefahr recht fürchterlich dargestellt. Tuest zz Dicß war unter andern zu Nenncs, in Bretagne, der Fall. Das Parlament versammelt sich (10. May). Die Straßen waren von Truppenreihen besetzt. Aber die königlichen Comissarien, die das Parlament aufheben sollten, hörten sich aus den Fenstern ausgezischt und ausgepsissen, und nur mit vieler Mühe brachten sie es dahin, in den Versammlungssaal des Parlaments eingelassen zu werden. Das Volk zu Nennes lcrm- te so gewaltig, daß nur der aus Elsaß herbeieilende General Stainville die Nuhe wieder herzustellen vermochte. Indessen waren die Parlamentsglicder verwiesen, und zwölf Adliche verhaftet worden. Die strengen Maßregeln, die sich Bri- enne zur Behauptung seiner Cour plentere erlaubte, waren so wenig vermögend, die Unzufriedenheit der Nation zu besiege», daß vielmehr alle Stande, alle Ciassen den Wunsch, die Neichsstände versammelt zu sehen, ganz laut äusserten. Diese lauten und entschlossenen Acusserungen waren eine Wirkung des in der Denkart des gebildeten Theils des französischen Volkes vorgefallncn Galleltj W>1tg.-orTH. L Ver- ^4 Veränderung. Die Schriften von Rousseau, Voltaire und den französischen Encyclopädi, sten, hatten die Franzosen mit den richtigen Begriffen von den Menschenrechten so bekannt gemacht, baß manche aus den vorigen Zeiten Herruhrende Einschränkung derselben ihnen unerträglich schien. Vornehmlich aber fühlte sich der Bürgerstand durch die aus, schltcßttchcn Privilegien des Adels sehr ge« kränkt. Der bürgerliche Krieger fand es äusserst hart, durch eine neuere Verordnung, sich von den Officiersstellen ausgeschlossen zu sehen. Bürger und Bauern fühlten die Last der Abgaben, die der Adel und die Geist, lichkcit nicht mit ihnen theilen wollten, um so drückender. Daher war der Wunsch nach einer Neichsversammlung, von welcher man eine Abänderung der Verfassung erwartete, so laut, so dringend. Aber gerade war es Brtcnne, der, von der Unmöglichkeit, eine Nation, wie die da, mahlige französische, in ein despotisches Joch zu zwängen, immer mehr überzeugt, zu der Idee einer neuen Staatsverfassung am mei, sten hinleitete. Er bestimmte nicht nur den König, Z5 Külitz, sich mit aller Feierlichkeit zur Zu« sammenberufung der Stande verbindlich zu wachen, sondern er erließ auch aus dem Staatsrathe ein Decret, durch welches er allen und jeden, die sich dazu fähig hielten, die Befugniß ertheilte, und sie aufforderte, zur Belehrimg der Regierung,-derselben ihre Gedanken über die zweckmäßige Einrich« rung der Neichsvcrsainmluug, und über die Gegenstände ihrer Verathfchlagung, mitzu« thcilen. Er schien also selbst eine Almude» rung der Staatsverfassung für nöthig zu hal, ten. Dieß war auch der Zweck der meisten durch Vricnne's Aufforderung veranlaßten Flugschriften. So human seine Denkart in diesem Augenblicke erschien, so bewog er doch 8 Tage hernach (8- Aug.) den Konig j» einem Ediere, nach welchem ausser dem Militär, alle übrigen Staatsdiener nur zu z Fünftel in Gelde bezahlt werden sollten. Dadurch stieg die Unzufriedenheit des pariser Volkes so hoch, daß Dricnne es (am 25. Äug.) rathsam fand, um seine Entlassung nachzu« suchen. Auch Malesherbes wurde verab« schiedet. Veyde wurden vom Pübel im Bilde verbrennt. E 2 Au Z6 An eben dem Tage wurde , vornehmlich auf den Rath der Königin, Necker wieder in das Ministerium berufen. Der König ernennte ihn zum Gcneraldircctor der Finanzen, mit Sitz und Stimme im Staatsrathe. Necker bewirkte durch einen Beschluß desselben sogleich den Widerruf des Edicts vom röten August. Alles sollte baar bezahlt werden. Die nicht dringenden Zahlungen wollte man bis zu der Neichsversammlung «ersparen. Um die leere Staatscasse wieder etwas zu füllen, borgte Nccker von den Banquters zu Paris wieder zo Millionen; eine eben so große Summe entlehte er im Auslande; sodenn ließ er sich von den Staatseinkünften einen beträchtlichen Theil vorausbezahlen. Durch solche Mittel setzte er sich in den Stand, sei» Versprechen zu halten. Um der Nation zu schmeicheln, hob er (2z. Sept.) die Cour plentere auf, stellte er die Parlamente wieder her, berief er, vermöge eines Schlusses des Staatsrathcs, die Ncichsstän- be auf den ersten May des folgenden Jahres (1789) zusammen. Zur Z7 Zur Berathschlagung über die Einrichtung der Ncichsversammlung wurden (am 6. Nov. 1788) die Notablen zum zweyten Mahl zu Versailles versammelt. Man schritt zuerst zur Entscheidung der Frage: ob in der Neichsversammlung nach Ständen oder nach Köpfen gestimmt werden sollte? Der Bür< gcrstand verlangte, als für die Stimmung nach den Köpfen entschieden worden war, eben so viele Abgeordnete, als die Geistlichen und Adelichen. Darüber entstanden, nicht nur in der Versammlung der Notablen, sondern auch in den Provinzialversammlun« gen, heftige Streitigkeiten. Die Stadt Paris erklärte steh für den Bürgerstand. Das Parlament überließ die Entscheidung dem Könige. Ncckcr bestimmte ihn, den Wünschen des Bürgerstandes nachzugeben. Er berief sich auf die Erfahrung der vorigen Zeiten, wo es dem Hofe nicht an Mitteln gefehlt hatte, die Mitglieder für seine Absichten zu gewinnen. Sie sollten eine, dem Mißverhältnisse der Einnahme und Ausgabe angemessene, Vermehrung der Auflagen bewilligen. An diesen sollten aber auch die Geistlichen, und die Adclichen, Theil nehmen. mcn. Daher war eS nothwendig, daß de? Dürgcrstand die Hälfte der Stimmen bekam. E»! dursten sich alsdenn nur einige Geistliche und Adeliche an ihn anschließen, um einen, Neckcrs Plane angemessenen, Beschluß zu bc» wirken. Necker hvsfte, wie Molcville, einer von den nachmahltgen Minister» behauptet, die dadurch unter den Ständen unvcrmeid» liche Uneinigkeit zu benutzen, ihr Anschn zu vermindern, nnd dagegen die Macht des Königs zu erhöhen. Die Uneinigkeit der Stände sollte den Vorwand zur Auflösung ihrer Versammlung geben, sollte ihre Zweck» lostgkcit beweisen. Doch so schlau möchte Neckcrs Plan wohl kaum gewesen sepn! Die zweyte Versammlung der Notablen gieng indessen auch auseinander, ohne über die Art, wie man in der Reichsversamm» lung stimmen sollte, entschieden zu haben. Sie überließ vielmehr diese Entscheidung der Versammlung selbst. Der Slaatsrath be» stimmte hierauf (am 12. Dee.) die Zahl der Dcputirten auf 1204. Davon sollten die Adelichcn und Geistlichen zu gleichen Theilcn, die eine Hälfte, und die Abgeordneten des Büc» z? Bürgcrstandes die andre Hälfte, ausmachen. Zur Eröffnung der Versammlung wurde der 27W April 1789 angesetzt. Zum Orte der, selben schlug man dem Könige die Städte Vlois, Orleans, Tours u. a, m. vor. Die Königin wollte sich aber nicht von Trianon, und Artois nicht von Bagatelle entfernen. Die Ncichsversammlung mußte, sich daher nach Versailles begeben. Die Wahl der Mitglieder der Reichs, Versammlung wußte Necker ganz nach seinen Absichten einzurichten. Die Abgeordneten der Geistlichkeit wurden nicht ausschließlich unter den Prälaten, sondern nach den Obcrämtern, ausgesucht. Daher befanden sich unter den, selben viele Landgeistliche. Auf eben diese Art wurden den Abgeordneten des Adels viele Landedelleute zugesellt. So kamen so, wohl unter die geistlichen, als unter die ade« lichcn Dcputirten, manche, die thctls aus Neigung, thcils wegen Familienverhältnissen, sich an den Dürgerstand anschlössen. Unter diesem befanden sich aber viele getst > und kenntnißvolle Gelehrte, Kaufleute und andre talentvolle Männer, die sich bald durch ihre Ge, 4-Z Gewandtheit, und durch ihren Scharfsinn in den Geschäften, auszeichneten. Wahrend Necker seine ganze Hoffnung auf den Bürgerstand setzte, schien er aber der Eitelkeit des Adels und der Geistlichkeit noch vorzüglich schmeicheln zu wollen, oder er hielt es vielmehr nicht für rathsam, die che« mahlige Etikette gegen eine neuere zu vertäu« schen. Daher empfieng der König die De« putirten des Adels und der Geistlichkeit in seinem Cabinette, wo ihnen beyde Flügelthü« ren geöffnet wurden. Bsp den Abgeordne« ten des Bürgerstandes befand sich hingegen der König, als sie vor ihn gelassen wurden, in seinem gewöhnlichen Zimmer, und sie wur« den, nachdem man sie in einem Saale, ziem« lich lange hatte warten lassen, schnell durch« geführt. Die Dcputirten des Adels zierte ein schwarzsammetner mit Goldstoff gefüttcr« ter Mantel, nebst einem Fcderhute. Die bürgerlichen Abgeordneten erschienen in ihrem schwarzen Mantel und mit ihrem Hute ohne Knopf, gleichsam in Trauer gehüllt. Aber 4l Aber eben diese so unansehnlich gekleide» ten Männer waren es, welche bald den wich« tigstcn Theii der Ncichsversammlung vorstell« ten. Schon in den Provincialvcrsammlun« gen war, wegen der größer» Wichtigkeit, die sich der Bütgerstand anmaßte. Uneinig« keit entstanden. Er glaubte mit der Hälfte der Stimmen sich noch nicht begnügen zu dürfen, weil er eigentlich neunzehn Zwanzig« thcile der ganzen Nation ausmachte. So weit waren also die Begriffe von der Gleich« hcit der Staatsbürger schon entwickelt! Aber auch in Ansehung der Grundsätze, die bey den Berathschlagungen herrschen sollten, dach« ten die bürgerlichen Abgeordneten von den Deputieren der privilegirten Stände sehr verschieden. Jene hatten eine frcye Berfas« sung, hatten die Wiederherstellung der Na« tivn in ihre alten Rechte, hatten die Siche, rung des Staatsschatzes gegen die Näubc« reyen der Höflinge, zum Zwecke. Ausserdem wollte aber jedes Corps, jede Provinz, noch ein besondres Interesse befördert, noch be« ssndre Beschwerden abgestellt sehen, und die gleichsam in eine neue Welt verfetzte, aber ihr Gewicht um so starker fühlende Nepra« sen« sentantcn des Bürgerstandes hielten sich durch die ehrenvolle Auszeichnung der Adclichcn und Geistlichen, und dos spöttische Benehmen der Hoflcute, bis zur Erbitterung gekrankt. Sie errichteten, um vereinigt desto kraftvol- ler wirken zu können, sogenannte Clubs, die zuletzt von dem britischen, dem Vorgänger des Jacobinerclubs, verschlungen wurden. An die Mitglieder desselben rciheten sich auch manche Pfarrer und Landedelleute an. Die Seele dieses so stark sich fühlenden Vürgerstandes war ein chemahliger Edelmann, aus der Provence, Gabriel Hono- rius Niguctti Mirabeau (geb. 1749). Sein feuriger Geist riß ihn in seiner Jugend zu manchen wilden und ausschweifenden Handlungen hin, und ließ ihn eine Reihe von Verbrechen ungescheut und öffentlich verüben. Als Officier unter der Truppenabtheilung, die Corsica unterjochte, zeigte er eben so wenig Tapferkeit, als feine Lebensart; auch kehrte er, des Militärzwanges überdrüßig, bald nach der Provence zurück. Eine Heyrath verschaffte ihm den Besitz von einer Million Livrcs; seine Verschwendung gieng aber 4? aber so weit, daß er bald 200,020 schuldig war. Nun mißhandelte er auch noch das Weib, das ihm zum Wohlstande verhelfen hatte. Der über den Sohn mit Recht aus» gebrachte Vater erklärte ihn für einen Ver« schwender, und wirkte seine Verhaftung aus. Als diese weniger eingeschränkt wur« de, entführte er einem Manne seine schdne Gattin, und stahl ihm zugleich seine Cha» toulle. Er gieng nun nach der Schweiz, nach Holland. Geschwinde war auch das geraubte Geld verthan. Indessen hatten ihn die Gerichte erst zum Tode, und hernach zur ewigen Gefangenschast, verurtheilt. Mira« bcau, und die von ihm entführte Frau, wur« den in Holland (1777 Mav) verhaftet, und nach dem Schlosse zu Binceuncs bep Paris gebracht, wo sie über viertehalb Jahre »er« haftet bliebe». Nachdem Mirabeau hierauf noch manchen andern Liebeshandcl bestanden hatte, hielten ihn die Minister für geschickt, am preussischen Hofe eine Geldanleihe zu un« terhandeln. Friedrich Wilhelm II wollte sich aber nicht mit ihm einlassen. Indessen sum« melle Mirabeau damahiö die Materialien zur Darstellung der preussischen Monarchie unter unter Friedrich II, bey welcher Arbeit ihn der Deutsche, Mauvillon, unterstützte. Er wurde jetzt, als ein warmer Vertheidiger der Menschheit und ihrer Rechte, immer bekannter. Seine Landsleute, die Provenza- len, hielten ihn schon für den Retter der Nationalfrcyheit. Wegen seiner unmoralischen Gesinnungen, und seiner dürftigen Umstände, hielt ihn der Adel der Ehre, einen Repräsentanten desselben vorzustellen, für unwürdig. Aus Nachsucht schloß er sich jetzt, als der Mann einer Tuchhändlerstochter zu Marseille, an den Dürgcrstand an, brauchte er, als Deputtrter desselben, allen seinen Scharfsinn, alle seine Entschlossenheit, alle feine Berebtsamkeit, um dem Adel seine Vorrechte zu entziehen. Bald sahen Orleans und seine Freunde in ihm den Mann, den sie an die Spitze ihrer Parthey stellen könnten. Orleans half ihm mit Wagen, Pferden, Geldsummen aus. Das Palais royal wurde jetzt der Ort, wo man dle Plane gegen den Hof entwarf, wo man den Verhandlungen der Ncichsversammlung die den Absichten des Herzogs von Orleans angemessene Richtung zn geben suchte. Auf 45 Auf die Verhandlungen der Ncichsver- sammlung hatte ein Mann, der seine Nolle von Wichtigkeit ohne äussern Glanz spielte, den stärksten Einfluß. Dieser Mann war Emanucl Joseph Sicyes (am z. May 1745 zn Frejus im Vardepartemeni gcbohren). In seiner Jugend von Jesuiten unterrichtet, mußte er sich, dem Willen seines Vaters gemäß, der Theologie widmen. Die zehn Jahre, die er in dieser Absicht in dem See minarium zu St. Sulpice und der Sorbonne zu Paris verlebte, benutzte er, die höchste Gleichgültigkeit für seine Person annehmend, die Beschäftigung mit den Wissenschaften, vornehmlich mit der Mathematik, der Physik, der Metaphysik, der Moral, recht eifrig zu treiben. Vorzüglich flu- dtrte er die Werke von Locke, Condillac und Vonnet. Nachdem er (1772) seine Laufbahn in der pariser Sorbonne zurückgelegt hatte, brachte er es als Canonicus bis zum Kanzler der bischöflichen Kirche von Charircs, der ihre Angelegenheiten in Paris besorgte. Sorgfältig vermied er jedes Geschäfte, das ihm ein geistliches Ansehn geben konnte, Ilm so theilnehmender zeigte er sich für politische 46 Mische Händel. Als Mitglied der Provin- eialversammlung von Orleans gab er, als Ludwig XV das Parlament »ach Troycs vere bannte, schon einen sehr in die Augen sab lcnden Beweis von der Art, wie er über die Rechte der Nation dachte. Man müsse, meinte er, sich der Minister, die den König zu diesem Gewaltstceiche verleitet hatten, bemächtigen, um sie aufhängen zu lassen. Noch deutlicher aber sprach sich diese Denk, art in den Schriften ans, die er zur Zeil der zwepten Notablcnversammlung und vor der Zusammenkunft der Generalstände, herausgab. Die erste handelte über die Privilegien, die er für nachtheilig erklärte; in der zwcyten, über den dritten Stand, behauptete er, daß derselbe mit der Nation einerlei, scy. Durch diese Schriften lernte der Bürgerstand seine Stärke und seine " Reckte in ihrem völligen Umfange kennen, und sie stellten auf gewisse Art das politische Evangelium der französischen Bürger vor. Sie wirkten, von Sieyes als Mitglied der Generalstände gehoben, auf eine unwiderstehliche An auf die Versammlung derselben, deren Eröffnung sich jetzt (5. Map) näherte. Der 47 Der König feyerte sie mit einer Rede, die seine aufrichtige Liebe zur Nation, und seine Bereitwilligkeit, dem Staate zu helfen, lebhaft ausdrückte. Mit weniger Beyftll sprachen hierauf der Großsicgelbcwahrer Ba- rcntin und Nccker. Als man zu den Be- rathschlagungen schreiten wollte, äusserte sich die Uneinigkeit zwischen den Standen sehr laut. Diese waren auch schon einige Wochen versammelt, als ihre Zänkcreyen über die Untersuchung der Vollmachten noch immer fortdauerten. Jetzt (am 10. Inn.) vermochte jedoch Sieyes den dritten Stand, ohne weitere Umstände zur Untersuchung seiner Vollmachten zu schreiten. Aber Sieyes bewies sich bald noch thati- ger. Er bestimmte fünf Tage hernach (am 15. Inn.) durch eine die eindrlngendste Uebcrzeugung hervorbringende Rede, daß sich der dritte Stand für eine active Versammlung erklärte; er war der Urheber des Gedankens, die Generalstäude in eine Nationalversammlung zu verwandeln. Der dritte Stand gab nun gleich einen Beweis, daß er sich für den vornehmsten Theil der Versammlung 48 sammlung hielt. Er wollte in dem Vers ' sammlungssaale die Ankunft der adlichen und der geistlichen Abgeordneten erwarten. Diese fanden die Forderung des Bürgerstandes sehr anmaßlich; die bürgerlichen Dcputirten blie« ben jedoch standhaft. Die geistlichen Abgee ordneten schlössen sich, nach dem Verhaltnisse ihres Standes, bald an den Adel, bald an bis Bürgerlichen, an. Zu den letztem neigten sich besonders die Pfarrer hin, und bald hatten sich die meisten derselben mit den Bürgerlichen vereinigt. Die Bürgerlichen, die heimlich schon auf den Uebergang verschiedener Edelleute rechneten, erklärten mit aller Entschlossenheit, daß künftig kein Un, terschied der Stände mehr stattfinden könnte, Und baß sie, die bürgerlichen Abgeordneten, allein die Nation vorstellten. Der Adel sollte, an die Geistlichkeit sich anschließend, das Oberhaus ausmachen, ein Theil des Adels, und die niedre Geistlichkeit, sich aber mit dem Vürgcrstande vereinigen. Dieser enthielt jetzt die Mitglieder von allen drei, Ständen, undj nun säumte man nicht länger, zu den Berathschlagungcn selbst überzm - gehen. Vorher 49 Vorher schworen die Mitglieder einander den Eid der treuen Anhänglichkeit, sodenn schritten sie zur Wahl eines Präsidenten ihrer Versammlung. Diese fiel auf einen Mann, der die Menschen eigentlich nur aus der Stu« dierstube kannte. Johann Sylvan Bailly, der Sohn eines Wetnhändlers zu Paris (geb. 17Z6) und' durch den berühmten la Caille für das Studium der Sternkunde gewonnen, hatte sich in seinem 27sien Jahre (176z) schon so ausgezeichnet, daß ihn die franzö« siscbe Akademie der Ehre ihrer Mitgliedschaft würdigte. Er rechtfertigte ihr Urcheil durch seine Geschichte der Sternkunde, und durch andre Werke. Auch die Gesellschaft der Im schriften, und der Mahler, nahm ihn unter ihre Mitglieder auf, und der König trug ihm (1786) die Untersuchung der Hospitäler, und die zur Verbesserung derselben dienlichen Anordnungen auf. Unter Bailly's Vorsitze faßte nun die Nationalversammlung den Schluß, daß einst« weilen die bisherigen Auflagen fortdauern, künftig aber nur solche, welche die Ratio« nalvcrsainmlung bewilligen würde, stattfinden Gallctti Weltg. -or Th. D soll« 5° sollten. Die Nation machte sich zugleich für die Bezahlung aller Schulden verbindlich. Sie gewann dadurch den größten und geld« mächtigsten Thcil des Volkes (die bürgerli« chen Staatsgläubiger) gegen die alle adlichcn Gutsbesitzer, und selbst die königliche Par« they, nichts vermochten. Schon über das Wort: Nationalversamm« lung, ergriff die Höflinge eine schreckenvolle Vesorgniß. Sie ahneten ganz richtig, daß die Nationalversammlung zu Dingen über« gehen könne, welche ganz über den Ideen« kreis einer Neichsversammlung hinaus gien« gen. Der Erzbtschvf von Paris bath, wie man erzählt, den König fußfällig, die Ab« geordneten der Gemeinden zur Beobachtung der herkömmlichen Ordnung anzuhalten. Herolde machten hierauf (20. Jun.> an allen Straßenecken von Paris und Versailles eine königliche Proclamation bekannt, daß die Versammlung ihre Sitzung nicht mehr fortsetzen sollte, und daß der König zwey Tage hernach (am 22.) ein I.it cis justice halten würde. Um 5r Um die Vereinigung der geistlichen mit den bürgerlichen Deputirten zu verhindern, wurden (am 20. Zun.) die Thüren des Verl sammlungssaalcs verschlossen und mit Wal chen besetzt. Zum Vorwande diente die Aus» schmückung des königlichen Thrones. Vailly, der allein in den Saal gieng, um einige Papiere zu holen, begab sich, einen feyerlil chen Widerspruch gegen die Verschließung des Saales wagend, an der Spitze seines Coll legen, nach dem Ballhause zu Versailles. Much und Begeisterung der Mitglieder wechl selten. Sie schworen, auf den Vorschlag ihl res Präsidenten, einen feyerlichen Eid, sich vor der Vollendung der neuen Constitution nicht zu trennen. Von jetzt an war die Na» tionaiversammiung eine constituirende. lim Zeit zu gewinnen, verlegten die Minister die königliche Sitzung auf den 2Zten. Im dessen gtengen am folgenden Tage (am 21.) schon die meisten Geistlichen, 149, zu den Bürgerlichen über. Selbst mehrere Bischöfe befanden sich unter ihnen. Die Vereinigung erfolgte in der Kirche des heil. Ludwigs. Auch zwey Adlichc aus der Provence schloft sen sich an. D 2 Die» Diesen dem Hof so gefährlichen Gang der Nationalversammlung sollte nun (am 2Z. Zun.) der Ehrfurcht gebicthende Glanz des königlichen Anschus hemmen. Ludwig erschien in dem prachtvollsten Aufzuge. Den Saal umringten zahlreiche Wachen. Dennoch fehlte der Erscheinung des Königs die erhabene Feierlichkeit, die seine Eröffnung dieser Versammlung haben konnte. Er selbst sprach wenig Worte; das übrige liest er den Kanzler ablesen. Es waren abgebrochne, in keinem rechten Zusammenhange stehende Säz- ze; es waren zum Thetl Versicherungen von Wohlwollen gegen die Nation, und Befehle an die Versammlung zur Beybehaltung des Unterschiedes der drey Stände, und zur Aufhebung des Beschlusses, durch welche sich der Bürgerstand für die Nationalversammlung erklart hatte. „Ich gebiethe ihnen/" so endigte Ludwig seine Rede, worinn er den Standen ihre Uneinigkeit sehr ernstlich verwiesen hatte, „ich gebiethe ihnen, sich sogleich zu trennen, und Morgen, jeder Stand von dem andern abgesondert, in einem eignen Saale zu erscheinen, um seine Sitzung zu halten/" „Er würde/" setzte er hinzu, „wenn 5Z „wenn die Gemeinden sich nicht in seinen Willen fügen wollten, auch ohne sie, das Glück seines Volkes zu befördern wissen." Als der König den Saal verließ, begleitete ihn nur der Adel, und ein Theil der geistlichen Abgeordneten; die übrigen blieben auf ihren Sitzen unbeweglich. Die Versammlung schien unentschlossen, und es erfolgte eine ziemlich lange Stille. Es marschierten Abheilungen von der Garde mit großem Getöse durch den Saal, und die Handwerker machten schon den Anfang, den Thron und die Bänke wegzuräumen, als ihnen der Präsident die fernere Störung der Versammlung untersagte. Der König war kaum in das Schloß zurück, so wurde ihm gemeldet, daß die Repräsentanten der Gemeinden »och immer versammelt wären. Sogleich schickte er den Oberceremonienmeister mit dem Befehle hin, ohne Verzug aus einander zu gehen. „Man wird uns" sagte Mirabeau zu dem Höflinge, „blos durch die Gewalt der Bajonnette von hier wegbringen." „Wissen sie, mein Herr" fuhr der Präsident fort, „daß die Bevoll- mäch- mächtigten der Nation von niemand Befehle annehmen; ich will übrigens den Willen der Versammlung, deren Vorsteher ich zu seyn die Ehre habe, sogleich einholen." Diese erklarte hierauf, „daß sie fest entschlossen wäre, bey ihren gefaßten Beschlüssen zu bc- harren;" auch erklärte sie, auf Mirabeaus Vorschlag, daß ihre Mitglieder das Vorrecht der Unverletzlichkcit besäßen, und daß jeder, der es wagen würde, sich an ihnen zu ver- greifen, als ein Verrälhcr des Vaterlandes, des Todes schuldig seyn sollte. Diese Entschlossenheit der Versammlung, auf die Mirabeaus hinreissende Bercdtsam- keit so mächtig gewirkt hatte, gewann ihr das Zutrauen des Publicums, und war Ur< fache, daß nicht nur ein großer Theil der übrigen Geistlichen, sondern daß auch 47 Mitglieder vom Adel zu der Nationalver- " sammlnng übergiengen. An ihrer Spitze befand sich (25. Zun.) Orleans, dem diese Gelegenheit, an dem Könige und der Königin seine Nachsucht auszuüben, sehr erwünscht schien. Er hoffte, zum Gcneralstatthaiter des Reichs ernennt zu werden. Diesen Plan wollte 55 wollte man durch gedungene Meuchelmörder, »nd durch einen Aufstand des Volkes zur Ausführung bringen. Aber Orleans, dessen Nerven schon zu sehr abgespannt waren, sank, als er einen auf seinen Plan sich beziehenden Aufsatz ablesen wollte, in Ohnmacht, und die Hofparthey bekam dadurch Zeit, der bevorstehenden Gefahr kraftvolle Maßregeln entgegen zu setzen. Der König gerieth indessen in eine so lebhafte Besorg- niß, daß er jetzt die adlichen und die geistlichen Deputirtcn, die ihre besondern Sitzungen noch fortsetzten, rechs dringend zur Bereinigung mit der Nationalversammlung aufforderte! Auch Artois bath sie darum. Sie fügten sich auch endlich (27. Zun.) in den Willen des Königs. Paris und Versailles geriethen darüber in das freudenvollste Entzücken. Der gutmüthige Ludwig glaubte, während er alle Gewalt und alles Ansehn vcrlohr, alle Zwietracht gehoben zu haben. So wenig vermochten seine schwachen oder unredlichen Minister ihn auf die ihm drohende Gefahr aufmerksam zu machen; so wenig vermochten sie die zur Abwendung derselben nöthigen Maßregeln zu ergreifen! Es 56 Es war jetzt der Kampf von zwey Pars thcyen, von der aristokratischen und der de- moralischen. Zu jener gehörten die Polig- nacs, und die übrigen Höflinge; das Haupt der Demokraten stellte Orleans vor. Die Demokraten waren aber in Ansehung der Bestimmung Orleans nicht einig. Einige wollten ihn auf den Thron erheben, andre ihn nur zum Werkzeuge einer demokratischen Staatsveränderung brauchen. Alle zogen je« doch von seinem unermeßlichen Reichlhume Vorthcil, und alle waren äusserst gcschäffcig, das gemeine pariser Volk durch übertriebene Schilderungen des üppigen Hoflcbens, zum lauten Ausbruche des Unwillens, zum fönm lichcn Aufstaude zu reihen. Der Unfug des Pöbels wurde auch täglich um sich grci, feuder. Er fürchtete nicht einmal das Militär. Auf die französische Fußgarde, die unter den Einwohnern von Paris ihre Ver, wandten hatte, die zum Theil schon durch orleanisches Geld gewonnen war, durfte man auch keine große Rechnung machen. Der Hof bestimmte daher den König, in der Nähe von Paris, eine Armee, meistens von 57 von fremden Soldtruppen, van Schweizern, Deutschen, Polen, zu versammeln. Diese machten, mit einigen etwas entfernter stehenden Abrheilungcn, gegen 50,000 Mann aus. Die unvorsichtigen Höflinge scheuten sich nun gar nicht, den Plan, den sie durch diese Armee ausführen wollten, laut werden zu lassen. Sie gaben der democrarischen Parthey zu allerlei» Gerüchten von den Abt sichten des Hofes Gelegenheit. Der Hof, hieß es, wolle die Nationalversammlung umringen, und ihre Mitglieder niederstoßen lassin; man würde der Hauptstadt alle Zu- führe abschneiden; es würden schon Balte- rten aufgeführt. Alle diese Nachrichten und Sagen wurden in Palms royal erfunden, oder ausgebildet. Die Scadt wurde indessen immer unruhiger. Alle Ciassen von ihren Bewohnern geriethcn in Bewegung. Man theilte heimlich Waffen aus. Mau suchte das Mitleiden der Soldaten rege zu machen. Die französische Garde gab zuerst das Versprechen, daß sie gegen ihre Mitbrüder nie die Waffen ergreifen wollte. Als 11 Gardisten, die die ihren Officiercn geradezu erklärt hatten, daß sie nicht auf ihre Mitbürger feuern wür- den, in Verhafc kamen, wurden sie vom Volke wieder befrcyt, und im Triumphe nach dem Palais royal gebracht. Die militärischen Anstalten um Paris und Versailles erhielten indessen ein immer furchtbareres Anfehn. Die königliche Leibwache war beständig zu Pferde. Das Schloß war von der Schweizergarde umsetzt. Die fremden Truppen standen in der Orangerie, und die Canoniere hielten sich zum Feuern bereit. Mirabeau bewog daher die Nationalversammlung , bey dem Könige auf die Entfernung der Truppen zu dringen; die Sache, sagte man ihm, befände sich schon in der Lage, daß keine Gewalt ihr Einhalt thun könne. (So sehr rechnete man also schon auf die kraftvolle Unterstützung des Volkes!) Der König antwortete auf das Verlangen der Nationalversammlung: „die Truppen wären blos da, um dem schändlichen Unfuge des Pöbels zu wehren; sie sollten die öffentliche Ruhe, und die Freiheit dc-r Vcralhschlagungen sichern." Die Na- 59 Nationalversammlung war mit dieser Antwort so sehr zufrieden, daß Mirabcau vergebens fortfuhr, auf das Zurückziehen der Truppen zu dringen. Indessen wendete sich der ganze Aerger> den die Hofparthey über das Benehmen der Nationalversammlung und der Demokraten empfand, gegen Nccker, den manLanz^ allein für den Urheber dieser Verlegenheit hielt. Nach dem Urrhcile von Moleville, und diefi war wohl das Urthsil der ganzen Hofparthey, handelte Necker entweder unbesonnen, oder verrälherisch. Man wollte ihm nicht einmahl in Finauzsachcn einige Talente zugestehen. Die witzigen Köpfe unter seinen Feinden nennten ihn einen geschickten Agio- tcur, einen Minister, der sich nicht zu helfen wüßte, der aus Nichts Gold, und aus einem Reiche ein Nichts gemacht habe ! Ihr Aerger traf den Necker aber hauptsächlich deswegen, weil er mit ihren Planen nicht übereinstimmte. Es war derjenige, der dem Kö- ^Aintsne »äroit, ministes sans innren, Lo i'isii il lic äs l'o>', et ä'nn emj?its . U lit lieu. 6o Könige die in der feyerlichen Sitzung vom 2zten zu haltende Rede ausarbeiten half. Am Abend vorher brachte ihm ein Page ein vom Könige geschriebenes Bittet, worinn er ihm drcy von den vorigen verschiedene Sätze, die das Ganze wesentlich veränderten, mit, theilte. Neckcr hielt sich nun von der Siz, zung zurück. Dadurch befestigte er sich wie, der in dem wankenden Vertrauen des pariser Publicums so sehr, daß er jetzt der einzige war, der vielleicht eine Vereinigung der Ge, müthcr hätte bewirken können. Neckcr, der die Schwierigkeiten, die die Denkart der Hofparrhcy einer solchen Vereinigung entgc, gcnsetzte, sehr gut einsah, bewies seine Ab, Neigung, sich einen so mißlichen Geschäfte zu unterziehen, durch die Bitte um seine Ent, lassung. Diese wurde ihm zwar vom Könige verweigert, und das Volk führte ihn im Triumphe von dem königlichen Pallasie nach seiner Wohnung; aber Neckcr nahm, seit der Zeit, an keinen Maßregeln des Hofes weiter Theil. Diese leitete ein geheimes Conseil, und die Minister waren gleichsam nur zum Scheine da. So kam es, daß das blinde Vertrauen auf die königliche Macht immer 6r immer fortdauerte, daß man zur Aufrecht- Haltung derselben, schwache, zweckwidrige Maßregeln ergriff. Endlich ließ sich der König überreden, daß Necker, während er den redlichen, den bey dem Volke beliebten Minister sich vorzustellen bcmühete, auf den Trümmern der Monarchie sich eine eigne Gewalt zu bilden suche. So wenig kannte Ludwig XVI diejenigen, denen er sein Vertrauen geschenkt hatte! Wenn Necker auch nicht Gewandtheit, nicht Thätigkeit genug besaß, dem lauten Ausbruche der Unzufriedenheit des Vürgcrstandcs, und den Vor- theilen, welche die orleanische Parthey von demselben zu ziehen wußte, zu begegnen; wenn er zu den Anmaßungen des Bütgerstandes allerdings selbst den Grund gelegt hatte, so handelte er gewiß nicht so eigennützig, so unredlich, als ihm seine Feinde unter den Adlichen und Prälaten Schuld gaben. Welcher Minister, und wenn er auch unsern Necker in Ansehung der Fähigkeiten und der Klugheit eines obersten Staatsbeamten weit übertraf, würbe den Ränken der geheimen Hofregieruug, denen die schwache Gutmüthigkeit des Königs ein so frcyes Spiel 62 Spiel ließ, mit glücklichem Erfolge haben entgegen arbeiten können? Genug, Necker erhielt (12. Jul.) vom Könige den gehei, men Befehl, das Reich sogleich zu verlassen, und Ludwig rechnete so sehr auf seine Red, lichkeit, daß er ihm eine ganz stille Voll, Ziehung seines Befehles zumuthen konnte. Necker war gewohnt, nach der Tafel eine Spazierfahrt zu thun. Diese gab ihm eine gute Gelegenheit, sich ohne Geräusch von Paris zu entfernen. Das Billct des Kö, nigs war der Paß, der ihn aus Frankreich hinaus brachte. Zwey- 6Z ZweyM Abschnitt. Ausbruch des Revolutionsaufstandes zu Paris. Die Nationalversammlung maßt sich Einschränkungen der königlichen Gewalt an, Ludwigs xvl Reise nach Paris. Einfuhrung der Assignaten. Neckers letzte Entfernung, Wachsender Einfluß des Iaevbinerclubs. Die Flucht des Königs giebt seinen Feinden Gelegenheit, die Abschaffung des Konigthums vorzubereiten. Die Auswanderungen der Adclichen und Geistlichen geschehen immer häufiger. ^°?o geheim Neckers Entfernung betrieben wurde, so konnte sie doch dein pariser Pub, licum nicht länge verborgen bleiben. Necker war nun einmahl als der Freund des Bür- gerstandes bekannt; ihn betrachtete ein großer Theil der gemeinen Pariser als den Netter 64 ter der Nation, vom ihr zur Freyhett, zum Wohlstand verhelfen würde; man wußte, daß sich Ncckcr allen gewaltsamen Maßregeln im Sraatsrathc widersetzt hatte. Mit seiner Entfernung schien alles gleichsam verlohren. Schon am folgenden Morgen (iz. Jul.) war die Gährung zu Paris äußerst lebhast. Zur Vergrößerung desselben dientcn die Gerüchte von der fürchterlichen Bestimmung der in der Nahe versammelten Kriegsmacht, welche die Feinde des Hofes mit glücklicher Emsigkeit zu verbreiten wußten. Ein falscher Lerm ver» drängte den andern. Die Truppe», hieß es, waren schon in Anmärsche; sie standen schon in den Straßen aufgeführt. Die Pariser glaub» ten, sich wehren zu müssen- Die Sturmglocke, die Lermtrommel rief sie zu den Waffen. Alles lief durch einander. ' Die Stadl war in Bewegung. Die Soldaten waren schon so sehr gewonnen, daß sie haufenweise davon liefen, oder den Bürgern Gewehre und Munition verkauften. Auf dem Stadthause versammelten sich die Mitglieder des Aus» schusses der pariser Gemeinden, welche die Repräsentanten derselben gewählt halten. Diese waren es, die dem Aufstand seine Rich» 65 Richtung gaben, die Waffen austheilken, die die bewaffnete Vürgermachr von 48,000 Mann organisirte. Dieser Ausschuß maßte sich schon das Recht an, sich bcy dem Gouverneur der Vastille, de Launay, nach dem Zustande der ihm anvertrauten Festung erkundigen zu last sen, und dieser berichtete ihm, daß die in derselben befindlichen Kanonen zu ihrer Vcre theidigung nicht hinreichten, daß die Besaz» zung aus nicht mehr, als 115 Mann bet stände; er machte sich auch verbindlich, nicht eher zu schießen, als bis man die Festung angreifen würde. Während dieser Vorbereitungen zu einem förmlichen Aufstände, stürmte die so zusamt wengesetzte Masse des pariser Volkes nach dem Palais rvpal, gleichsam dem Hauptt quartiere der Fejnde des Hofes, hin. „Es lebe die Nation! es lebe die Freiiheir!" war der abwechselnde AuSruf. Zugleich wurden die Büsten von Orleans und Nccker feyer« lieh umhergctragen. Die Soldaten vom Nc« gimenl Allemand, die den Auflauf stillen sollt ten, verwundeten einige Weiber. Nun wurt de der Lerm noch größer. Jetzt stellte sich iIallcttj Wcllg.-or Td. E der 66 der Prinz von Lambcsc, ans dem lothringi- schen Hause, mit einer Truppenabtheilung, an dem Eingange der elisaischen Felder, auf. Er hatte sich, wie man sagt, gegen den Kö- nig gerühmt, daß er mit nicht mehr als 200 Mann den ganzen lermendcn Volkshausen zer- streuen wolle. Um seiner Prahlerei) zu entsprechen, ritt er, 'nur vpn einigen Dragonern begleitet, über die nach dem Garten der Tuilerien führende Drehbrücke. Hier feuerte er auf die ruhigen Spatzicrganger einige Pistolenschüsse ab. Ein alter Mann wurde verwundet. Erschrocken stüchtcien jetzt von allen Seilen Weiber und Kinder. Die Manner griffen zu den Waffen. Lambesc konnte kaum wieder über die Drehbrücke zurück. Die einbrechende Nacht gab den Häuptern des Aufstand.es noch größere Dreistigkeit. Zahlreiche Haufen durchstreiften die Stadt, von Fackeln erleuchtet. Aus den Werkstatten der Waffenschmidte wurden die Gewehre weggenommen. Man verbrennte die Barrieren; man plünderte einige Waarenlager. Unter solchen Auftritten erschien der Morgen des 141?» Juli). Paris gab das Schauspiel 67 spiel einer belagerten Stadt. Der Magistrat legte die Regierung nieder. An seine Stelle trat der Ausschuß der Wahlherren. Derer, die sich in dem von diesen eröffneten Verzeichnisse der Vaterlandsverthcidiger einschreiben ließen, war eine große Zahl. Sie zu bewaffnen, nahm man aus dem Invaliden- Hause Z0.000 Gewehre und 6 Kanonen. Die in dem Bezirke der Mtlitärschule gelagerten Regimenter zogen sich, den in dichten Co- lonnen anrückenden 200,000 Mann ausweichend, nach Versailles zurück, wo sie Schrek- ken verbreiteten. Jetzt gab das von Orleans Parthey verbreitete Gerücht, daß die Nationalversammlung aufgehoben werden sollte, gleichsam das Zeichen zum Bürgerkriege. Camille Des- moulins forderte, die Nationalcocarde aufsteckend, die im Palais royal versammelten Empörer zur Bestürmung der Vastille, als des vornehmsten Werkzeuges des königlichen Despotismus, auf. Einige Soldaten von der Garde übernahmen den Dienst bcy den Kanonen. Bald war die Bastille von einem ungeheuren Haufen von Bewaffneten, ans E 2 - allen 68 alle» Seiten eingeschlossen. Ein Theil der kühnsten drang, da niemand auf sie schoß, bis in den Hof, zur inner» Zugbrücke. Hier feuerten sie auf die Besatzung. Diese wehrte sich, und die Eindringenden wichen in Unordnung zurück. Launay wollte die Bastille übergeben; der Haufe der Aufrührer zog jedoch eine stürmende Einnahme vor. Endlich ließ man sich doch auf eine Capiculation ein. Der Anführer des Aufstandcs versprach die Schonung der Besatzung; aber der wüihcnde Haufe setner Leute fiel über die kleine Mannschaft unbarmherzig her, und schleppte den Gouverneur Launay, die Osficiere und mehrere Soldaten auf das Stadthaus. Von hier wurden Launay, und zwcy Offieiere, auf den Greveplatz gebracht und jämmerlich ermordet. Flescllcs, der Vorsteher der Kaufleute , der, unrcr dem Ausschüsse der Wahlherren auf dem Stadthause sich befindend, der Verrätherey, die ein aufgefangner Brief beweisen sollte, beschuldigt worden war, wurde, als er über den Greveplatz gieng, von einem aus dem wülhendcn Haufen erschossen, und sein abgehauener Kopf wanderte nun, auf eine Stange gesteckt, durch die Straßen. Dicß 69 Dieß war der Anfang der schrecklichen Volks, justitz! Indessen arbeitete man schon an der Zersröhrnng der Bastille, in welcher man nicht mehr, als fünf Gefangne gefunden hatte. So kam die Nacht herbey. Aber das Ge, rücht, daß 5o,Ooo Soldaten in die Stadt eindringen, sie anzünden, und alle Einwoh, «er tödte» würden, bewürkte, daß die Sturm, glocke von neuem schallte, daß alles, was Waffen hatte, wieder zusammenlief, daß man die Straßen verrammelte, das Pflaster auf, riß, und die Steine in die obersten Stock, werke schleppte. Der Hof gericth über die Nachricht von diesem Aufstande in die lebhafteste Vestür, zung, die er doch so gut, als es ihm mög, lieh war, zu verbergen suchte. Da er den Aufstand, als einen schicklichen Vorwand zur Aufläsung der Nationalversammlung, bcnuz, zen wollte, nahm er das Ancrbiethen dersel, Ken, gleich bcu dem ersten Ausbruche sich in Masse nach Parts zu begeben, nicht an. Der Känig, sagte man, würde, einiger Anftüh, rer wegen, seinen Plan nicht ändern; er würde vielmehr allein die näthigen Maaßrc, geln 70 gel» zu ergreifen wissen. Die Versetzung der Nationalversammlung nach Paris wäre daher eben so unnöthig, als gefahrlich. Die Nationalversammlung war indessen in besorgnißvollcr Verlegenheit. Während ihr die Pariser alle ihre Bereitwilligkeit widmeten, befand sie sich, von feindlich» gesinnten Wischlingen des Hofes umringt, in der drohendsten Gefahr. Dennoch setzte sie, mit unerschütterter Standhaftigkeit, ihre Verathschlagungen und Beschlüsse fort. Zu den letztem gehörten (iz. Zul.) folgende: i) die entlassenen Minister (Necker) besäßen fortwährend das Vertrauen der Nanonalver« sammlung; 2) die Truppen müßten entfernt werden; z) zwischen dem Könige und der Nationalversammlung dürste keine Zwischen» gewalt statt finden; 4) die Minister wären für ihre Nachschläge mit dem Kopfe vcrnnt» wortlich; 5) die Sitzung der Nationalver» sammlung sollte, bis zur Wiederherstellung der Nuhe, ununterbrochen fortdauern. Die Standhaftigkeit der Nationalversammlung war ohne Zweifel eine Folge von dem Einverstäub» Nisse mit den Häuptern des pariser Aufstau» des 7i des, der das Ansehn einer Volksempörung immer mehr vcrlohr. Schon halte (t4>.Jul.) die französische Garde der Nationalversammlung geschworen; schon war die Einrichtung einer großen Vürgcrmacht, einer Nationalgarde , vollendet; schon war der Marguis la Fayette, der Abkömmling eines berühmten Marschalls, der sich im amerikanischen Freyheitskriege ausgezeichnet hatte, (r5-Iul.) zum Generalcommandantcn der Nalionalgar- de, und Vailly zum Maire der Stadt Paris, ernennt worden. Der Hof schien von seinem bisherigen Systeme noch immer nicht abgehen zu wollen. Die Nationalversammlung hatte, in der Nacht vom iz < !4ten zwcymahl eine Deputation an den König ge, schickt, und ihn zu nachgiebigen Gesinnungen auffordern lassen, aber immer nur unbestimmte Antworten erhalten. Am Morgen des rzten ließ sie noch eine ernstliche Ermahnung an den König ergehen, und jetzt gteng der Hof von der vollkommensten Sicherheit plötzlich zu einer granzcnloscn Muth- losigkeit über. Der König begiebt sich (15. Jul.) ohne allen Glanz, und blos von seinen Brüdern begleitet, in die Nativnalver» sainm- 72 sammlung; er habe, sagt er ihr, bereits die Befehle zur Entfernung der Truppen gegeben; er würde Neckern, und die übrigen ver- abschiedeten Minister, zurückrufen; er wolle -künftig nur die Repräsentanten der Nation zu Rache ziehen. So sehr man sich zu Paris über diese Erklärung des Königs freute, so groß war doch das Verlangen der Pariser, daß sich der König nach der Hauptstadt Frankreichs begeben, daß er sein Versprecben daselbst wiederholen, daß er die Nationalversammlung nach Paris verlegen möchte. Nur unter dem Schutze der Bürger könnten die Re, Präsentanten der Nation ruhig arbeiten. Ss patriotisch diese Gründe schienen, so sehr waren sie doch geheime Wünsche der organischen Parthey, die den König und seine Familie nach Paris versetzen wollte, um das Schicksal derselben ihrer Gewalt um so leichter zu unterwerfen, die auf die in Paris berathschlagenden Bevollmächtigten des Volkes einen mächtigern Einfluß auszuüben hofften. Vcr- 73 Vergehens bemühete sich das Cvnscil des inner» HofcS, dem König wegen seiner Reise noch Paris, Besorgnisse zu erregen. Ein Hanfe von 400,000 Menschen von jedem Alter, von jedem Geschlechte, mit und ohne Waffen, die, von der Barriere von Paris, sich bis zur Brücke bey Sevcs ausbreitend, sich von einer Minute zur andern vermehrten, und die die Absicht, den König, und seinen ganzen Hof, zu Versailles einzuschließen, sich ziemlich deutlich merken ließen, bcmog den König, über alle Besorgnisse sich erhebend, zu dem Entschlüsse, nach Parts zu gehen. Diesen Entschluß brachten ioc> Abgeordnete der Nationalversammlung, den General la Fayette an ihrer Spitze, nach der Hauptstadt. Ludwigs XVI Reise nach Paris (17. Zu>.) war ein großes, von den Franzosen noch nie gesehenes Schauspiel! Die ganze Nationalversammlung begleitete den König zu Fuß. Der König fuhr in einem prachtlosen Wagen. Vor diesem marschierte eine starke, mit Nationalmiliz vermischte Abthct- lung der französischen Garde her. Vier Kanonen fuhren vor dem Wagen, und eben so viel 74 viel hinter demselben. Alle Plätze und Straßen, durch welche der Zug gicng, waren ge- drängt voll Menschen. „Es lebe die Na- tlon!" war der einzige Ausruf, den man hörte. Der König wurde am Thore von Vailly, der ihm die Schlüssel überreichte, empfange». Ludwig war sehr erschüttert. Als er bcy dem Stadthause ausstieg, wankten seine Knie. Auf dem Stadthause hielt der König eine kurze Rede. Das Volk, sagte er, sollte in seine zu ihm hegende Liebe kein Mißtrauen setzen; auch billige er die Einrichtung der Bürgcrmiliz, so wie die Wahl von Bailly und la Fayctte; nur verlange er Ruhe und Ordnung, ingleichen gesetzmäßige Nechlsver- waltung. Hierauf erfolgte ein wüthendcs Iubelgcschrey/ Die vor dem Stadthause versammelte Volksmenge ruhete nicht eher, als bis der König, mit der grünen National- cocarde auf dem Hute, an das Fenster trat. Hier blieb er eine Viertelstunde stehen. Auf seine Erscheinung erhob sich ein unsinniges Geschrey: „eS lebe der König!" Als der König nach Versailles zurückfuhr, lief ihm eine 75 eine große Menschenmenge, mit ununterbrochenem Freudengeschrey, nach. Wagen und Pferde waren mit Cocarden geziert. Ludwig erfüllte, nach Versailles zurückgekehrt, sogleich sein Versprechen. Necker wurde zum dritten Mahl zurückgerufen, und der ehrsüchtige Mann folgte der an ihn cr- gangnen Einladung zum dritten Mahl. Als er (29. Jui.) vor der Nationalversammlung erschien, wurde er mit unmäßiger Freude empfangen. Von Versailles eilte er dem Lobe, und der Bewunderung der Hauptstadt entgegen. Die Luft ertönte von dem lautesten Veyfallklatschen und Freudengeschrey. Jetzt war jedoch die Zeit nicht mehr, wo das auf Necker gesetzte Vertrauen die Ordnung der Dinge wiederherstellen, und dem rankevollcn Spiel der demokratischen und or- leanischen Parthey einen hinlänglichen Damm entgegenstellen konnte. Neckcrs Absichten stimmten mit den Planen dieser beyden Partheyen gar nicht überein. Der ehemahlige Handelscommis war zwar ein eitler unvorsichtiger, aber doch redlicher Minister. Die Gegner Gegner des Hofes wußten daher sein Be< nehmen dem Haufen der gemeinen Pariser bald so verdächtig zu machen, daß die Be- wegungen der Hauptstadt bald wieder erneu, crt wurden, baß die schrecklichen Austritte der von den Orleanisten gereizten Volksjustitz von neuen gespielt wurden. Foulon, Ben ticr wurden auf canuibalische Art ermordet. Man riß ihnen das Hcrz heraus, man hieb ihnen die Köpfe ab, um sie auf Piken her- umzutragen. Dem Bcysptele der Hauptstadt folgten die andern großen Städte des Reichs. Man errichtete neue Municipalitäten und Vürgcrmilizen. Auch hier wurde gemordet, auch hier wurden Köpfe auf Piken gesteckt. Der Pöbel ergriff begierig die Gelegenheit, an Männern, durch deren eigennütziges Ver- fahren er gedrückt worden war, Rache aus, zuüben. Jedes Schloß eines Gutsherrn, mit dem seine Untcrthanen unzufrieden waren, stellte jetzt eine Bastillo vor. Die Be- wohncr des großen, schönen Frankreichs vergaßen, in der leidenschaftlichen Verblendung, alle Pflichten der Bürger - der Menschenliebe. Wie 77 Wie groß war jetzt der Schrecken der Höflinge zu Versailles! Zu muchlos, sich an den König anzuschließen, und sein Schicksal mit ihm zu chcilen, schlich sich ein Edelmann nach dem andern fort. Manche verkleideten sich, um ihre Flucht desto mehr zu sichern. Die Damen Polignac giengcn nach Basel; der Duc de Broglio begab sich, mit den vor» nehmsten Officieren seiner Armee, nach Luxemburg. Artois und Condü flüchteten zu dem Kurfürsten von Trier, dem Bruder der vormahligen Dauphins, nach Coblenz. Hierhin wendete sich auch Calonne, der schon auf dem Wege nach Paris gewesen war. Die Nationalversammlung, von welcher die gutdenkendcn Bürger Frankreichs vor allen Dingen die Wiederherstellung der Nuhe und Ordnung, die erneuerte Achtung für die Gesetze, die verbesserte Einrichtung der Staas- wirthschafr erwarteten, beschässcigte sich indessen, allgemeine Grundsätze des Naturrechts verfolgend, metaphysische Specuiatio- nen über die Rechte der Menschen und Bürger zu entwickeln. Man trug (2Z. Zul.) auf eine neue Staatsverfassung an. Nach einem 73 einem langen, heftigen Wortstreite wurde (4. Aug.) die öffentliche Darstellung der Mcn« schenrechte für nothwendig erklärt. Hierauf war die Versammlung eben im Begriffe, den Unordnungen und Ausschweifungen des Vol« kes, durch eine Proclamation, Einhalt zu thun, als der Vicomte von Noailles den deswegen zu fassenden Entschluß durch eine um erwartete Erklärung unterbrach. Die Ruhe, sagte er, könne unter dem Volke nicht eher wieder hergestellt werden, als bis man durch die That würde bewiesen haben, daß man wirklich etwas für das Volk zu thun bereit scy. Er schlage daher die Abschaffung des Lehnssystems vor. Dieser Vorschlag durchfuhr die Verstumm lung wie ein eleclrischer Blitz. Vor ihrer Phantasie eröffnete sich jetzt eine neue Welt! Alle Rechte der Lehnsherren, alle auf die Personal < und Reallcibeigenschaft sich grün« dcnde Rechte und Verpflichtungen, alle Ein« künfce der gutsherrltchen Gerichtsbarkeit, alle geistlichen Zehnren, sollten verschwinden, alle persönlichen und dinglichen Vorrechte, sich der Theiinahme an den Abgaben zu entziehen, sollten 79 sollten aufhören, alle Privilegien einzelner Provinzen und Gemeinden sollten aufgeho- ben seyn. Und diese so wichtige Abänderung der französischen Staatsverfassung wurde blos durch Acclamation beschlossen. Erst nach einigen Tagen, als man das geschehene kaltblütig untersucht hatte, als der Freyheitsrausch sich zu verlieren anfieng, fand man manches, als den Verlnst der Zehnten, für die armen Landgeistiichen, sehr ungerecht. Dennoch blieb es Key dem gefaßten Entschlüsse, der auch ( isi. Sept.) ganz unerwartet, jedoch mit einigen Abänderungen von dem Könige genehmigt wurde. Diese Abänderungen erklärten die Demokraten für Beweise des Despotismus, und der König mußte von denselben abgehen. Doch schon früher, seit dem am 4ten August gefaßten Beschluß, hatte das dem Könige zugestandene Velo, von Seiten der Orleanisten, heftige Anfechtungen erfahren. Durch Journale, und andre öffentliche Blätter, hatten Mirabeau, Marat, Mcrcier, DcSmoulins u. a. m. das Volk gegen den Hof gestimmt, und für eine demokratische Verfassung begeistert. Als die Nationalversammlung in Ansehung des Velo noch 8o noch nicht zum Schlüsse gekommen war, sucht ten die Orleanisten denselben durch einen Ausstand im Palais roral (zc>. Aug.) zu beschleunigen und brachren sie es dahin, daß (zr. Aug.) die Pariser die Aufhebung des Veto mit Drohungen verlangten. Dieses wurde hierauf auf vier Jahre eingeschränkt. Nach Verlauf derselben sollte ein von der Nationalversammlung dccrctirtcs, von dem Könige aber suspendirtes Gesetz, seine volle Gültigkeit erhalten. Durch die Abstellung des Veto war die orleanische Parthcy der Ausführung ihres Planes, die Mirabeaus Schwahhafttgkeit, und Orleans Feigherzigkeic hinderte, noch so wenig näher gerückt, daß ste dieselbe vielt mehr durch gewaltsame Mittel zu beschleunit gen beschloß. Man wollte sich des Königs, und seiner Familie bemächtigen, um sich durch ihre Ermordung ein frcycrcs Spiel zu vcrt schaffen. Die Hofparthcy, die davon Nacht richt bekam, gab stch daher die größte Mühe, den König zur Fluch: nach Metz zu bereden; Ludwig weigerte sich aber staudhaft, diesem Vorschlage zu folgen. Judessen ließ der Hof, um 8l um doch etwas für seine Sicherheit zu thun, das Infanterieregiment Flandern nach Verl sailles kommen. Ungeachtet dieses Regiment unter dem Befehle des Commandanten der Nationakgardc stand, diente es doch den Ore leanistcn zum Vorwande, das Verfahren des Hofes verdächtig zu machen. Als ihr Schreyen nicht geachtet wurde, machten sie einen Ben such, das Regiment zur Untreue zu verteil tcn. Auch steckten schon einige Soldaten desselben die Nationalcecarde auf. Die Offil eiere der königlichen Leibwache wollten dem Könige dieses Regiment erhalten. Sie luden daher (i. Ort.) die Officiere desselben, so wie die Officiere der Nationalgarde, zu einem Bastmahlc im Opernhaufe ein. Hier verl warf man den der Nation gewidmeten Bee cher; um so bereitwilliger trank man auf das Wohl des Königes, und der königlichen Fa« miiie. In der freudigen Begeisterung wie- dcrholte man die Versicherung der Treue für dfn König, sang man das Lied: „O Zssi- echarcl, ol> moir roi! j'upivors t'ubanc'on- NL!" machte -man von Bändern, von Taschentüchern, weisse-Cocarden. Eben erschien der von .der Jagd - zurückkommende König. Gallctti Weltg. -or Th. F Vey Vey dem Nachtische fand sich auch die Könit gin ein, die den Dauphin um die Tafel her- umführte. Nach ihrer Entfernung gieng die Freude zur Ausschweifung über. Drey Tage hernach wurde im Hotel der Leibgarde «in ähnliches Fest gegeben. Die Gegner des Hofes versäumten es nicht, diese zur Unzeit angestellten Feste, als eine Verschwörung gegen die Nationalstem heit, darzustellen. Diese Feste stachen auch gegen den künstlichen Brodmangel, dem man das pariser Volk unterwarf, auf eine aust fallende Art ab. Dieser Brvdmangel war eine heimliche Veranstaltung der aristokratischen Parthey, die alle Mittel ergriff, die Anordnungen der Nationalversammlung ver, haßt zu machen. Orleans theilte'dagegen das Geld (an Einem Tage allein 50,000 Livrcs) noch immer mit vollen Händen aus. llm die königliche Familie zu entfernen, um sie durch die drohende Gefahr zur Flucht nach Metz zu bewegen, sollten die Anhänger von Orleans nach Versailles marschieren. Es wurden viele Fischweiber, Hökerinnen und 8Z Verführung der Männer und Jünglinge aus dem Pöbel, gedungen. Orleans, und seine Freunde, verkleideten sich selbst als Weiber, weil sie in dem Aufzuge derselben sicher was rcn, von den Narionalgarden nicht angehals tcn zu werden. So bereiteten sich die Feinde des Hofes zu dem großen Schauspiele zwischen dem 5. und 6ten Octobcr vor. Am Morgen des ztcn, um 9 Uhr , zogen gegen 2000 Weis ber, unter welchen sich auch viele verkleidete Männer befanden, nach dem Grcvcplatz. Von hier drangen sie stürmend in das Stadls Haus, in den Saal, wo die Repräsentanten der Gemeinde von Paris versammelt waren. Diese sahen sich durch ihre Drohungen zur Entfernung gezwungen. Hierauf wurde von dem wüchenden Haufen alles im Stabthause verwüstet, ja das Stadlhaus fast selbst zers stört. Mit den in demselben vorhandenen Gewehren größtentheils bewaffnet, zog die lers wende Volksmenge wieder auf den Greveplatz, wo sie noch durch Weiber und Handwerks» pursch« verstärkt wurde. Ein Theil derselben zog, brey Trommelschläger voran, durch die F z Stra» 84 Straßen, um noch mehr Leute anzuwerben. Hierauf marschierte sie, von Maiilard, einem von den Eroberern dcrBastille angeführt, nach Versailles. Indessen bildeten sich neue Hau» fcn dieser Art. Die Bürger eilten bcwaff» »et nach dem Greveplah. Hier versammelte sich auch die Nationalgarde. In Zeit von einer halben Stunde war ein ungeheures Heer beysammen. „Nach Versailles, nach Versailles!" riefen tausende von Stimmen. Man verlangte, la Fayette sollte sich an die Spitze stellen, und man widerlegte seine Wen gerung durch die Hinweisung auf den Later» nenpfahl, welcher der Volksjustiz dieser Zeit schon manchmahl zum Werkzeuge gedient hatte. Auf ein vom Bürgcrrath cmpfangncs Billet übernahm endlich la Fayette die Anführung eines Haufens von 40,000 Mann, unter welchem sich viele Wbiber, und allerlei) Ge» sindel, befand. Auch 22 Kanonen zogen mit fort. Abends 7 Uhr, bcy einem schrecklich stürmischen Regenwetter, setzte sich der Zug in Bewegung. Auf die Nachricht des Anmarsches von Maillards Haufen, der früher ankam, vcr» ließ 85 ließ Orleans die Nationalversammlung, misch« te sich als Weib gekleidet unter das lermendc Gesindel, und reihte es, Geld austhetlcnd, zu einem gewaltsamen Verfahren gegen die königliche Familie. Hierauf ertrotzte sich eine Abthcilung derselben, zwey Manner an der Spitze, den Eingang in den Saal der Na« ttonalvcrsammlung. Sie, und ihre Cameraden, sagten sie, waren nach Versailles gekommen, um sich Vrod zu verschaffen, und zugleich die Garde für die, der Nationalcocarde, zugefügte Krankung zur Strafe zu ziehen. Bald lie« ßen sich aber alle Stimmen des Haufens auf einmahl hören. Alle Vorstellungen des Prasi» deuten Mounicr waren vergeblich. Mounicr selbst begab sich hierauf, an der Spitze einer Deputation, in das Schloß, um dem Könige von der unglücklichen Lage der Stadt Pgris Bericht abzustatten. An diese Deputation schloffen sich aber auch zwölf Weiber an. Der König empfieng diese Deputation mit vieler Leutseligkeit; er versprach, alle Wünsche zu erfüllen, und er gab den Weibern eine schriftliche Versicherung, daß der Hun« gcrsnoth abgeholfen werden sollte. Jetzt 86 Jetzt zeigte aber Mounier dem Könige zugleich seinen Austrag an, auf der unbedingt ten Annahme der Erklärung der Menschen» rechte, und der beschlossenen Constilutionsar» tikcl, zu bestehen. Der geringste Aufschub, sagte er zu den Ministern, wäre höchst ge< fährlich. Der König bcrathschlagte sich, ehe er seine Annahme erklärte, mit seinen Mi» nistern vier volle Gründen. Indessen hatten sich fast alle Mitglieder der Nationalver» sammlung entfernt, und Mounier fand, in den Saal zurückgekehrt, nur noch die Wci» ber und ihre Begleiter. Mounier vcranstal» tete es, daß die Mitglieder sich wieder ein» fanden. Indessen machte er es dem Volke bekannt, daß der König die Menschenrechte, und die Constitution, anerkannt hätte. Man schaffte Lebensmittel herbey, und es wurde im Saale eine ordentliche Mahlzeit gehalten. Der mit Meuchelmördern vermischte Haufe von Weibern verrieth jetzt aber seine der kö» nigltchen Familie gefährlichen Absichten im» wer deutlicher. Man ließ daher die Gar» den, und andre Truppe», ins Gewehr tre» ten. Der König befahl jedoch den Garden ausdrücklich, sich nicht zu wehren, oder zu schießen. 87 schießen. Um so mehr waren diese den schändlichsten Beschimpfungen und Mißhand, lungen ausgesetzt. Es geschahen endlich einige Schüsse, und ein Officter wurde tödtlich ver, wundet. Nur die Nacht, mit einem stürmi, scheu Platzregen vermischt, trieb den Haufen der Vösewichter aus einander, und alles schien uun ruhig. Jetzt näherte sich la Fayette an der Spitze der pariser Nationalgarde» Als er, um Mit, ternacht eingerückt war, begab er sich sogleich zu Mounicr. Seine Leute, berichtete er ihm, hätten auf dem Marsche ihm mehrmahls das eidliche Versprechen gegeben, daß sie dem Könige und der Nationalversammlung treu bleiben, und sich von allem Unfug zurückhält ten wollten; doch müßte der König das Ne, giment Flandern entfernen, und sich für die patriotische Cocarve günstig erklären. La Fayette erschien hierauf, begleitet von zwey Abgeordneten des pariser Bürgerrathes, vor dem Könige. Er gab dem Könige die Ver, sichcrung, daß seine Leute bereit wären, ihr Leben für ihn aufzuopfern. Der König ließ nun den Präsidenten Mounier, und die ganze Ver, 88 Versammlung, einladen, in das Schloß zu kommen. Er wäre, sagte er zu ihnen, nie Willens gewesen, wegzugehen, und sich von der Nationalversammlung zu entfernen. Noch gegen 2' Uhr des Morgens (6. Oct.) mel« dcre la Fayctte dem Könige, daß alles ruhig sey, und daß sich der König niederlegen kön- ne. Eben dieses versicherte er, eine Stunde später, dem Präsidenten Mounier; er selbst, setzt- er hinzu, würde sich nun zur Ruhe begeben. In Versailles war jetzt alles ruhig, und im Schlosse herrschte tiefe Stille. Die vom Regen durchnäßte Bürgcrmiliz hatte sich in die Kirchen und Häuser zurückgezogen. Die pariser Weiber »nd Mädchen trieben ihr gewöhnliches Handwerk. Die meisten derselben, zwischen 900 bis 1000, blieben im Saale der Nationalversammlung zurück, auf Orleans Kosten zechend, und im Rausche die abscheulichsten Ausschweifungen sich erlaubend. Die bewaffneten Meuchelmörder befanden sich thciis im Saale, unter die Weiber gemischt, theils auf den Straßen, und vornehmlich auf dem Schloßplätze, um große Feuer versammelt, 89 mclt, zur Ausführung des schrecklichen Planes, zu welcher Orleans sie gedungen harre, sich vorbereitend. Das deswegen verabredte Zeit chen gaben sie, mit Anbruch d>'s Tages, durch ein schreckliches Gebrülle. Auf den Schall der Lermrrommel rückten einige Bacallrone der Natioualgarde auf den Schloßplatz. Auf diesem fand sich aber auch ein mit verkleidet ten Männern vermischter Haufe von Weit bern ein. Von allen Seiten riefen brüllende Stimmen: „schlagt die Gardisten tvd! gebt ihnen kein Quartier!" Sogleich wurde die Hauptwache der Garde gestürmt, und meht rere Gardisten starben auf der Stelle; die fliehenden verfolgte man. Zugleich drang ein wüthender Haufe, vor den Augen der pariser Narionalgarde, in die Höfe des Schlosses, ermordete zwey an der Thüre stehende Gardisten, und spaltete dem einen derselben, unter den Fenstern des Königs, mit einer Axt, den Kopf. Hierauf stürmten die Mörder die Treppe hinauf, in die Säle, wo sie, die fürchterlichsten Drohungen gegen die Personen der königlichen Familie ausstot sicnd, mehrere Gardisten niederstießen oder verwundeten, wo sie die vor der Thüre der Kö- 90 Königin sich widersetzenden Schildwachen nie, Verhieben. Die Königin gewann kaum so viel Zeit, sich aus dem Belke in das Ztm, mer ihres Gemahls zu flüchten. Die in ihr Schlafzimmer eindringenden Mörder stürzten sich sogleich über ihr Bett her, das sie durch, bohrten, und wollten nun auch in das Zim, mer des Königs eindringen, als die alten Grenadiere von der zur Bürgermiliz über, gegangnen französischen Garde herbcyeilten, und, mit Hülfe der königlichen Leibgarde, den mörderischen Haufen zurücktrieben. Nur mit Mühe wurde der Dauphin, und dessen Schwester, von den Verfolgungen des mör, derischen Haufens gerettet. Desto trauriger aber war nun das Schicksal der Gardisten. Ein Ungeheuer, mit einer hohen Mütze, und einem langen Barle, hieb den Ermor, dcten, ehe sie noch ganz tod waren, den Kopf ab, um ihn auf eine Stange zu stek, kcn, und tanzte auf den nackenden Leichna, men herum, die Hände in das noch warme Blut tauchend, und das Gesicht damit be, schmierend. Be, 9l Beschämt erschien endlich la Fayette. Er sprengte i» den Straßen umher, die zerstreu» tcn Nattonalgarden zu versammeln, er bath, er flehete die Grenadiere, ihm die Mörder verjagen, und die Gardisten retten zu helfen. Mit vieler Mühe bestriche er 17 derselben von dem Laternenpfahle, an welchem ste auf» gehängt werden sollten, als eben der König, auf dem Valcvn des Schlosses sich zeigend, für seine Gardisten um Gnade balh. Tau» sende von Stimmen rieft»: „es lebe der König!" Die Gardisten wurden losgemacht, umarmt, und unter die Fenster des Königs getragen. Der wüthende Haufe bestand nun darauf, daß die Königin ohne alles Gefolge vor ihm erscheinen sollte. „Ich will hincre» tcn", sagte Marie Antonie, „selbst mit Ge» fahr meines Lebens!" Ueber ihren Heiden» muth erstaunt und bestürzt, ließen die Mör» der das Gewehr fallen, klatschten sie ihr Bcyfall zu. Als der König und die Königin sich wie» der in ihre Zimmer begeben hatten, erhob sich ein wildes Geschrcy: „der König muß mir nach Paris." Der König versprach es auch. 92 auch, doch unter der Bedingung, daß er seine Gemahlin und seine Kinder mitnehmen dürfe. Er ließ nun die Nationalversamml lung zu sich einladen. Die Mitglieder der« selben schienen auch bereit, seiner Einladung zu folgen, als Mirabeau laut erklärte, daß dieß der Würde der Versammlung zuwider wäre, und daß man nur eine Deputatton von z6 Mitgliedern hinschicke» sollte. Mouniers Vorstellungen wurden nicht geachtet. Ehe die Deputation ernennt war, hatte der Köt «ig dem lermendcn Haufen schon das Verl sprechen geben müssen, um Mittag mit nach Paris zu gehen. Jetzt faßte die Nationall Versammlung den Schluß, daß sie, vom Kö, nige unzertrennlich, sich gleichfalls nach der Hauptstadt begeben müsse. Indessen erhielt ten Ivo Mitglieder de» Auftrag, ihn zu bel gleiten. Um i Uhr erfolgte die Abreise der köl niglichcn Familie. Der König, die Königin, der Dauphin, die Tochter des Königs, der Graf von Provence, dessen Gemahlin, die Schwester des Königs, fuhren von Versaill les ab, von dem ganzen Haufen der Nativl nall 9Z nalgarde, und der Weiber, begleitet. Vor, her wurden, in einer geringen Entfernung, die Köpfe der ermordeten Gardisten auf Pi» ken getragen. Tanzende und Muthwillsn treibende Weiber konnten sich an ihnen nicht satt sehen. Einige derselben saßen auf den Pferden der Gardisten, andre auf den Ka» nonen, auf den Packwagen — singend, ler» mend, rufend: „es lebe der Becker (Orleans) von Versailles!" — gegen die Königin die fürchterlichsten Verwünschungen und Drohun» gen ausstoßend. Diese befand sich 6 Stun« den im Wagen, ohne sich zu rühren, ohne einen Bissen Brod, einen Tropfen Wasser, zu sich zu nehmen. So groß war ihre Furcht vor einer Vergiftung! Orleans genoß, auf der Terrasse seines Landhauses zu Passy, die Augenweide, den Zug vorübergehen zu sehen. Abends nach 7 Uhr hielt er vor dem Stadt« Hause stille. Als der König aus dem Wagen stieg, riefen einige Stimmen: >,an die La» kerne!" Auf dem Stadthause wurde der König, und seine Familie, vom Maire Vailly be« willkommt. Der König hörte, wahrend daß der 94 der Bürgerrath sich setzte, und sitzen blieb, Bailly's kurze Rede stehend an. Die könig- liche Familie nahm ihre Wohnung in den Tuilerien, die sich noch in einem sehr un- vorbereiteten Zustande befanden. Am folgenden Tage (7. Oct.) strömte das Volk in gro, ßen Haufen nach dem Pallaste, um den KS, nig zu sehen. Dieser war, blos von Natio- ualgarden bewacht, schon jetzt gleichsam ein Gefangner der größern Zahl der Mitglieder der Nationalversammlung, die sich nun auch nach Paris, in das Neithaus »eben dem kö, nigltchcn Pallaste, versetzte. Die Auftritte des schrecklichsten Frevels, die die Orleanisten zu Versailles veranlaßt hatten, waren von der Nationalversammlung zu wenig durch ernstliche Maßrege!» verhindert worden. Vielmehr schien eS, als wenn manche Mitglieder derselben, wegen eines geheimen Antheils an diesen Grcuslthaten, sich schwerlich würden rechtfertigen können. Orleans, und seine vornehmsten AnHanger, waren ja Mitglieder dieser Versammlung. Orleans und Mirabeau wurden auch von dem Cumiualgerichte zu Paris für Thellnehmer an 9? an den mörderischen Auftritten zu Versailles erklärt. Mirabean hatte, wie mehrere Zeugen aussagten, mit dem bloßen Degen unter dem Arme, die Soldaten des Regiments Flandern zum Aufrühre ermuntert, er halte den Mördern: „frisch, Kinder! ihr fechiet für die Freyheit!" zugerufen. Orleans selbst befand sich, als Weib gekleidet, an der Spitze der Meuchelmörder, ihnen den Weg zum Schlafzimmer der Königin zeigend. Viele sahen ihn unter den Mördern, ihnen freundlich zulächelnd. Einige derselben riefen ihn schon zum Könige ans. La Fayctte überzeugte auch den königlichen Staatsrath (10. Ott.) so sehr von Orleans Verschwörung, daß ihm derselbe die Verordnung zuschickte, Frankreich zu verlassen, und sich nach England zu begeben. Orleans befolgte diese Verordnung schon nach 4 Tagen (14. Oct.) Die Nationalversammlung, auf deren Mitglieder Orleans und Mirabeau so viel Einfluß hatten, ließ die schrecklichsten Gewaltthärigkeiten und Schand- lhaten unter ihren Augen vollbringen; auch machte sie keinen Versuch, die Empörer zur Ruhe zu verweisen, und die Freyheit des Königs zu retten. Mit einer solchen National- 96 nalversammlung wollten nun Mounier, Lally Tolcndal, und über zoo andre redliche Man« ner, nicht mehr in Verbindung stehen. Sie trennten sich daher von der Versammlung, die nun zu Paris (seit 9. Ott.) ihre gesetzgebenden Beraihschlagungen fortsetzte. Auf diese Beraihschlagungen wirkte hauptsächlich der Einfluß Mlrabeaus, von manchem andern Feucrkopfe unterstützt. Mira- bcau selbst mepnte es eigentlich mit keiner Parthey redlich. Ans Eitelkeit, zu glänzen und Bewunderung zu erregen, bemühete er sich, gleichsam das Haupt der Nationalversammlung vorzustellen. Zugleich arbeitete er, an Orleans Plan sich anschmiegend, an dem Untergänge des jetztregierenden Königs, lim so lebhaftere Besorgnisse erregten ihm, und seinen Freunden, die hohen Begriffe, die das französische Volk mit der Königswürde verband. Diese bemühete man sich in verschiedenen Clubs, die sich in den vornehmsten Provincialstädtcn, nach dem Muster der Hauptstadt, bildeten, allmählig herabzustimmcn. Man begeisterte die Mitglieder dieser Clubs durch feurige Reden; man spannte ihre Meyhens- 97 hcitsschwärmerey so gewaltig, daß man auf dieselbe die Ausführung der kühnsten Ent- würfe bauen konnte. Journale und Flugschriften brachten die in den Clubs erzeugten Ideen unter das große Publicum. So bereitete man die der königlichen Gewalt so nachtheiligen Beschlüsse der Nationalversammlung vor; die Beschlüsse, welche die Vorrechte der Krone, der Geistlichkeit, und des Adels entweder ganz vernichteten, oder einschränkten. Der brste Beschluß dieser Art (2. Nov.) war derjenige, der der Nation den Besitz aller geistlichen Gülher zusprach, der ihr aber auch die Unterhaltung des Gottesdlenstes, der Geistlichen, und der Armen, zur Pflicht machte. Die Bischöfe, so wie andre Geistliche, sollten künftig eine bestimmte Besoldung erhalten. Sie stellten nun keine reichen, dem königlichen Interesse ergebene Guts, bcsitzer mehr vor. Ein zweyter Beschluß erklärte am folgenden Tage (z. Nov.) alle Par- lamcnter im Reiche für aufgehoben, ordnete eine provisorische Znstitzverwaltung an, und schaffte den peinlichen Beweis der Folter ab. Eallctli Wcllg. -or Tb. G Wenn 98 Wenn der Einfluß des königlichen Anschns völlig geschwächt werden sollte, durften die jetzigen Provinzial-Verwaltungen nicht fort- dauern, mußten die Vorrechte der Provinzen und ihrer Stände, auf einmal vernichtet werden. Daher war eine ganz ncue Einthei- lung des Reichs nürhig. Zu dieser machte Sicycs einen vortrefflichen Plan, der aber nicht ganz befolgt wurde. Man theilte es (am 4. Nov.) nach einer sehr geographischen Methode, in 8Z Departemente, die aus 249 Cantons bestanden. Aus jedem dieser Can- tons sollten künftig drey Abgeordnete zu der Nationalversammlung gestellt werden. Diese bildeten die Zahl von 747. Zugleich wurden aber alle bisherigen Magistrate abgesetzt, und an ihrer Stelle Gemeinden und Bürgergerichte, oder Municipalitaten, angeordnet. Zugleich hörte alle Lehnsvcrfassung auf, das kraftvollste Unterstützungsmittel für die königliche Gewalt. Um sich ein noch frcyeres Spiel zu verschaffen, erklärte die Versammlung (6. Nov.) die königlichen Minister für unfähig, an ihren Berathschlagungen Thcil zu nehmen. Wer sollte seitdem die königlichen Rechte vertheidtgen? Wer sollte die Ver- 99 Verordnung^. Der.), die bei» König alle seine Domatnen, mir Ausnahme der Forsten und Luüschlösser entzog, verhindern? Diese Beschlüsse erregten ganz natürlich in ganz Frankreich nicht allein Erstaunen, sondern auch den höchsten Unwillen der priviiegirten Slande. Der König, dessen schwache Minister jetzt gar kein andres Mittel, als Nachgiebigkeit kannten, machte sich (4. Febr. 1790) vor der Nationalversammlung, nicht allein zur Annahme, sondern auch zur Aufrechrhaltung dieser Beschlüsse, verbindlich. Den einzigen Beweis seinesAnsehns gab der König noch dadurch, daß er die Versammlung zur Einigkeit ermahnte, daß er sie aufforderte, sich den Fi« nauzznstand zur sorgfältigen Erwegung empföhle» ftpn zu lassen. Die Versammlung schritt zu einem Mittel, welches fast allein schon hinreichend ge, Wesen wäre, den französischen Staat von setner drückenden Schuldenlast zu bcfreyen. Sie hob (iz. Febr.) alle geistlichen Orden, alle Stifter und Klöster auf. Ungeachtet die Mitglieder derselben Pensionen bekommen sollten, so würde doch das große geistliche Vermögen G 2 der der französischen Provinzen, mit dem Ertrage der königlichen Domänengüther verbunden, der Nation zu einem ganz ausserordentlichen Rcichlhume haben verhelfen können. Aber wie schlecht wurde dieser Vortheil be-» nutzt! Auf Neckcrs Rath hatte die Nationalversammlung die Salzsteuer, die zuletzt (1789 Sept.) 61 Millionen Livres einbrachte, abgeschafft. Dafür hatte die Staatscasse nicht nur keinen Ersatz, sondern das Volt gericth nun in den angenehmen Wahn, daß es gar keine Abgaben mehr entrichten dürfte. Um der Geldverlegenheit abzuhelfen, um den Credit, der schon vor 14 Jahren (1776) errichteten Discontocasse, einer Art von Zettel- bank, wieder zu heben, versah die Nationalversammlung dieselbe (1789 im Dec.) mit Billers, oder Anweisungen auf Nationalgüther, die den Werth von 770 Millionen Livres hatten. Dafür verfertigte man für 400 Millionen Livres Assignaten, die auf 5 Pro- eeut verzinset wurden. Anfangs stellten diese Assignaten nur Vtllets, oder Schuldscheine, vor ; auf Mirabeaus Vorschlag (1790 April) sollten sie aber in ganz Frankreich wie baa, res Geld angesehen werden. Die gewöhnlichsten 101 liebsten waren zu 2, z, 520, die kleinsten zn 5 Livres, gestellt. Sie galten anfangs mit 6 und mehr Procent Agio. So sehr sich Necker ihrer Einführung widersetzte, so wurde sie doch vom Könige genehmigt. Diese Assignaten verlohren aber bald ihr Anseht?. Man hatte, weil die Discontocasse aufgehoben wurde, keine Gelegenheit, sie gegen baa- res Geld umzutauschen. Auch mußten sich die Staatsglaubiger bey solchen Assignaten beruhigen. Jemehr nun der ausserordentliche Aufwand die Nationalschulden vergrößerte, um so tiefer sank der Werth der schon im Septemper bis auf 1,200 Millionen vermehrten Assignaten. Das baare Geld verschwand immer mehr. Vergebens führte Nccker bey der Nationalversammlung über die leere Staatskasse Klage; vergebens forderte er sie dringend auf, ihr mit baaren Summen auszuhelfen. Er überreichte ihr (21. Zul.) die Rechnung über die Staatsausgaben vom i. May 1789 bis 1. April 1790; er drohte (l. Aug.) mit der Nteder- legung seiner Stelle. Das Volt zu Paris, das den Nachtheil des Assignatenhandels schon empfindlich fühlte, wurde unruhig. Necker, den 102 den Mirabeau, und seine Freunde, als den Urheber dieser Unruhe betrachteten, gerieth immer mehr in Gefahr ermordet zu werden. Um sich derselben zu entziehen, flüchtete er (i. Sept.) in der Nacht aus Paris. Zwcy Tage hernach (z, Sept.) legte er seine Stelle nieder, und die Nationalversammlung unter« zog sich nun selbst der Vcnvaluing der Staats« wirthscbaft. Necker entfernte sich indessen (8- S.pr.) ganz von Paris, um^-Äi der Schweitz eine sichere Zuflucht zu finden. Während dasi die Nationalversammlung sich von Orleans Parthey verleiten ließ, durch ihre Maßregeln den Finanzzustand des Staa« tes ganz in Verwirrung zu bringen, arbeit tele sie an der Vernichtung der königlichen Vorrechte mit der planvollsten Betriebsam» keil. Eurer von ihren Beschlüssen enuog dem König (16, May 1790) das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden. Ein andrer (9. Iun.) schränkte seine jährliche Einnahme auf 25 Millionen Livres ein; die Königin sollte einen Witrwcngehalt von 4 Millionen, und jeder Prinz von der königli» chen Familie eine jährliche Pension von einer Mil« I0Z Million, bekommen. Um dem König auch die letzte Stütze deö Adels zn entziehen, hob die Nationalversammlung (19. Zun.) alle Vorrechte des Erbadels auf, untersagte sie den Gebrauch der Wappen, der Livreen. Nichts beweiset jedoch die so sehr ver- minderte Gewalt der königlichen Negierung auffallender, als daß Orleans (ro. Zul.) nach Paris zurückkehren durfte. Seine Parrhey vereinigte sich jetzt mit den Demokraten, die im Zacobinerclub ihren Sitz hatten. Den. Gründen dieser furchtbaren Volksgesellschaft legten die bürgerlichen Abgeordneten der Provinz Bretagne. Die Zahl ihrer Mitglieder vermehrte sich bald so sehr, daß sie seit dem Ende des vorigen Jahres (1789) ihre Versammlungen in der Kirche eines Jacobincr- klosters in der Straße St. Honore' halten mußten. Davon erhielten sie den Nahmen der Zacobiner. Zn diesem Club wurden nun von Männern, die sich durch eine feurige Beredsamkeit auszeichneten, die schwärmerischen Grundsätze von der angcbohrnen Freu- heit und Gleichheit der Menschen in Umlauf gebracht. Von hier giengen sie auf die National, 104 tionalversammlung über. Bald bildeten sich in den übrigen großen Städten Frankreichs ähnliche Clubs, die, an den pariser Mutterclub sich anschließend, seine Grundsatze und Plane über die ganze Nation zu verbreiten suchten. An den pariser Zacobtnerclub schloß sich nun Orleans, mit seinen Anhängern, an. Seitdem war die Mehrheit der gemäßigten Mitglieder nicht mehr vermögend, den Ausschweifungen der demokratischen Schwärmer Mit Erfolg entgegen zu arbeiten. Die wildesten derselben bildeten, um sich fester aneinander anzureihen, in der Kirche der Cordeliers (Barfüßer) einen neuen Club, der sich durch die Talente eines Mural, eines Danton, bald ein entscheidendes Anschn ver, schaffte, der auf die Nationalversammlung, deren Präsident Mirabeau (seit 14. Febr. 1791) vorstellte, einen wichtigen Einfluß hatte. Seitdem stürzte sich das verblendete französische Volk der schrecklichsten Anarchie entgegen. Zur schnellem Herbeyführung derselben sollte die Königswürde ganz vernichtet werden. So sehr sich daher Ludwig XVI bemühete, durch seine Nachgiebigkeit gegen die IO5 die Anordnungen der Nationalversammlung bei) dem Volke sich beliebt zu machen, sowenig ließ man doch den Absichten desselben Gerechtigkeit widerfahren, und man erklärte geradezu, daß man in seine Ergebenheit für die neue Constitution ein großes Mißtranen setze. Man schloß Conföderationen, durch welche man sich eidlich zur Erhaltung der Freiheit verbindlich machte. Man suchte den Enthusiasmus für dieselbe durch Feste zu erhöhen. Solche Feste waren schon in Bretagne und Anjou gefeyert worden, als man zu einem allgemeinen Vundeofeste in Paris (14. Zul. 1790) Anstalten machte. Von allen Abheilungen der Nationalgarde erschienen Abgeordnete, um die neue Constitution, im Nahmen der ganzen Nation, zu beschwören. Dieser großen Handlung sahen mehrere tausend Menschen zu. Vor den Augen derselben schwor, am Altare des Vaterlandes, erst la Fayette, an der Spitze der Nationalgarde, in ihrem und ihrer Brüder Nahmen; nach ihm schwor der Präsident Mirabeau, nebst den Deputirten der Ratio, nalvcrsammlung, im Nahmen der ganzen Nation; hierauf schwor erst der König, und zur lo6 zuletzt jede Gasse der Zuschauer; jedesmahl nach einer schauerlichen Srille. Der König schwor der Nation und de» Gesetzen; die übrigen schworen der Nation, den Gesetzen und dem Könige. Dieses erhabene Schau« spiel wurde von Kriegsmusik, mit Jubel« gesang und Kanonendonner vermischt, beglet« tct. Wer hätte, in dem damahligen Rausche der Begeisterung, die Revolution nicht für den Weg zur irdischen Seeligkcit hälten sollen? Doch Männern, die das, was jetzt vor« gieng, ohne Leidenschaft betrachteten, konnte die Bemerkung, daß man auf den Trümmern des jetzigen Königsthrons einen neuen crrich, ten, oder Frankreich in eine anarchische Vcr« wirrung stürzen wollte, nicht entgehen. Die Berathschlagungen der Nationalversammlung waren nichts weniger, als die Wirkung ei« ner frcyen Ueberlegung. Die Häupter der Jacobiner wurden von ihren zahlreichen Zu« Hörern in die Nationalversammlung begleitet. Von diesen, die die Tribünen, oder Seiten« logen, füllten, wurden die feurigen Vorträge jener durch Applaudircn, durch Schrepcn und Lärmen, so gehoben, daß ihnen die betäub, te 107 te Versammlung ihren Veyfall kaum zu entziehen wagte. Um den ausschweifenden Be- Schlüssen derselben mir einigem Erfolg eutge- gen zu arbeiten, vereinigten sich die Parrio- te», die den Uebcrrcst der königlichen Macht zu retten wüuschrcn, mir der Hofparlhey, bildeten sie mit derselben den Club der Um parthcyischen, deren Haupt der Herzog von Rochefaucould war. Aber die Bemühungen dieses Clubs Iva» ren gegen den alles mir fortreißenden Strom der Iacobiner ein nur schwacher Damm. Die Nationalversammlung entzog dem König und seiner Familie ein Recht nach dem andern. Die Prinzen verlohren (1790 Aug.) ihre Apanage. Der König mußte sogar (21. Oer.) sein Ministerium andern. Die Geistlichkeit, die auf das Volk einen so wichtigen Einfluß hat, gab noch immer eine den Jakobinern verhaßte Stütze der königlichen Gewalt ab. Die Nationalversammlung sehte daher (26. Nov.) durch einen Beschluß fest, daß die Geistlichen, bey dem Verlust ihrer Aemter, die Constitution besonders beschwören, daß sie den Bürgereid leisten sollten. Viele ic>8 Viele, die dieß ihrem Gewissen zuwider hielten, verlvhren ihre Stellen, und nun fien- gen sich die zahlreichen Auswanderungen derselben an. Diese Auswanderungen erregten bey den Feinden des Hofes die Idee, daß man auch den König würde entführen wollen, und alles, was auf eine solche Entführung nur irgend einige Beziehung hatte, vermehrte ihren Verdacht. Dahin gehörte eine kleine Reise, die der König (18. April. 1791) nach St. Cloud vornehmen wollte. Als der König gegen Mittag in den Wagen stieg, sah er seine Pferde von einem im Hofe versammelten Haufen von Leuten angehalten. La Fapette bcsiehlt der auf der Wache stehenden Compagnie, dem Wagen den Weg zu öffnen. Die Soldaten lachen ihn aus; sie legen ihre Gewehre gegen ihn an. Er bit, tet, er flucht; alles ist vergebens, und man antwortet ihm blos durch Drohungen und Beleidigungen. Einige vom Volke warfen sich gerade in den Weg. Man würde, sagten sie, nur über ihre Körper wegfahren können. Nach dem Kampfe einer Stunde mußte IOY mußte der König wieder aussteigen. Die Königin fühlte dieß so innig, daß sie sich einiger Aeusserungcn von Erbitterung und Verachtung nicht enthalten konnte. La Fayette hielt hierauf, bey dem Direktorium der Nationalversammlung, um die Proclamm tion des Martialgefetzcs an. Seinem Ge- suche wurde jedoch so wenig entsprochen, daß man sich vielmehr nicht scheute, den König selbst, durch öffentliche Anschlage an allen Ecken des Palais royal, des Ungehorsams und einer strafbaren Widerspenstigkeit gegen die Gesetze zu beschuldigen. Am folgenden Tage begab sich jedoch der König in die Nationalversammlung , um ihr seinen Vorsatz, nach St. Cloud zu reisen, bekannt zu mm che», und mm wurde er von der Versamnn lung dazu aufgefordert. La Fayette fand sich aber durch das, was sich die Wache der Tuilerien gegen ihn erlaubt hatte, so gekränkt, daß er (21. Apr.) seine Stelle eines Oberbefehlshabers der Nationalgarde niederlegte. Er schickte seine Ehrenwache zurück, und ließ sich, als Frey- williger in eine Grenadisrcompagnie ein» schrei» schreiben. „Da ich" sagte ex, „als Befehls« Haber nichts mehr zu leisten vermag, will ich wenigstens das Beyspiel des Gehorsams geben/' Am folgenden Tage zog er als Gemeiner auf die Wache. Der Unwille über seine Gegner war nun allgemein. Die Munici« palität von Paris, und einige Bataillone dcr Nacionalqardc, zogen procesfionsweise vor seine Wohnung, um ihn um die Wiederau« nähme des Oberbefehls zu bitten. Als er sie standhaft verweigerte, versammelten sich alle 60 Batallione der pariser Nationalgar« de, und nur 2 bis z derselben wollten ihm den Eid der Ergebenheit nicht von neuem schwören. Das Vaftrllion der Cordeliers, das seinem Befehle nicht gehorcht hatte, gab sich einen andern Nahmen. La Fayette, war nun wieder Oberbefehlshaber der Na« tionalgarde, und die Ruhe schien wieder her« gestellt; aber über den ihm geleisteten Eid erhoben seine Gegner einen gewaltigen Lcrm. Unter diesen Gegnern hatte Mirabeau, Präsident der Nationalversammlung, das größ« tc Gewicht. Er war derjenige, der als der Freund von Orleans, dessen Entwürfe gegen die III die königliche Familie zu befördern suchte. Und dennoch soll eben dieser Mirabeau, ausser einem Geschenke von 600.000 Livres, rnonathlich 50,000 Livres vom Könige gezogen haben. Dieser charakterlose Mann wurde aber durch seine gewaltigen Anstrengungen endlich so angegriffen, daß er (1791 März) in eine heftige Krankheit verfiel, die ihm unerträgliche Schmerzen verursachte. Dennoch blieb sein Geist so heiter, daß er zuweilen sogar seine Leiden vergaß, daß vielleicht seine Sprache nie richtiger, kraftvoller und schöner war. Auch nahm er an den Verhandlungen der Nationalversammlung noch immer einen lebhaften Antheil. Zu seinem Tobe (2. April) bereitete er sich mit der bewundernswürdigsten Fassung vor. Seine Be, erdigung war sehr feyeriich. Aber schon zu Ende des folgenden Jahres erklarte man ihn der Verehrung der Nation für unwürdig, entfernte man seine Büste, uud seinen Leichnam, aus dem Pantheon. Man hatte in seinen Briefen manche Beweise von Unredlichkeit, von geheimen Entwürfen für die Wiederherstellung der königlichen Gewalt, gefunden. Die 112 Die fast gänzliche Vernichtung der könig« liehen Gewalt kränkte den König, kränkte noch mehr die Mitglieder seiner Familie, die die gegenwärtigen Verhältnisse ganz unerträg- lich fanden, und die an den heimlichen Bemühungen, den vorigen Zustand wieder her- beyzuführen, den meisten Antheil hatten. Sie überzeugten sich immer mehr, daß an den sich vermehrenden Anfechtungen, denen das königliche Ansehn ausgesetzt war, nur ein kleiner Thcil der Nation, der seinen völligen Sturz zum Ziele hatte, Schuld war. Der Wunsch, sich diesen Anfechtungen zu entziehen, wurde immer inniger; er gieng durch die Vorstellungen und Anreitzungen der Königin, und der übrigen Hauptpersonen des Hofes, bei) dem König zu einer Sehnsucht über, der der Plan zur Entfernung von Paris, dem Orte seiner Drangsalen, sehr willkommen war. Der Urheber dieses Planes, Franz Claude Amour von Vouills', ehemahliger General der Maas < und Moselarmce und Gouverneur zu Metz, der durch Vermittlung des Barons von Fersen, und der Barones, sin IIZ sin von Korf, zu einem Briefwechsel mit dem Könige, und der Königin, Gelegenheit bekam. Die königliche Familie sollte sich nach Montmedy, an der lothringischen Gram ze, begeben. Hier wollte sich Bouille, mit einer treuen Armee, an ihn anschließen, und man wollte sodenn eine neue Nationaler» sammlung zufammcnberufcn. In der Nacht vom 20» 2i. Zun. 1791 reiset der König mit seiner Familie glücklich ab. Der Post» meisrer, Drouet, zu St. Menehvuld, findet zwischen den Gesichtszügen des Reisenden, und dem Bilde des Königs auf einem Assig» nate vongoLivres, einige Aehnlichkeit. Auch fallt ihm eine Bedeckung von 50 Reitern, auf. Er verlangt den Paß zu sehen. Auf diesem steht die Varonessin von Korf mit zwey Kindern, die nach Frankfurt reisen wsl, len. ' Jetzt fällt dem Postmeister die ansehn» liche Bedeckung einer Ausländerin von kei» ncr großen Bedeutung noch mehr auf. Nun erfährt er noch, daß sie nicht, ihrer Angabe nach, nach Verdrm, sondern nach Varennes, gehen. Da entsteht bey ihm der Verdacht, baß die vermeynte Varonessin, und ihre Kinder wenn auch nicht die königliche Faini« Eallctti Wcltg. «or, Th. H zje li4 lie selbst, doch Personen von großer Wichtig, keit, seyn müßten. Er schickt seinen Sohn nach Varennes, der, auf einem Seitenwege, einige Stunden früher zwischen io und il Uhr, anlangt. Der König käme gefahren, sagte er, man möchte ihn anhalten. Die Leute zu Varennes wurden ohne alles Ge, rausch aufgeweckt. Man sperrte die Brücke. Die Dragoner, die den König begleitet hatten, waren durch die Bitten und Drohungen der Nationalgarden bewogen, zu Clermont geblieben, und ihr Befehlshaber, der Herr von Damas konnte es nicht durchsetzen, daß sie weiter mitritten. Die für die königliche Familie bestellte» Pferde befanden sich jenseits der Brücke. Als sie nicht kamen, bath der König die Postillione, die bisher vorgespannt hatten, weiter zu fahren. Als sie nun bey der Brücke, unter einem gewölbten Vogen, durch, fahren wollten, wurde der Wagen von einem ^ Haufen von jungen Leuten angehalten. Der König, und seine Familie, mußten aussteigen, und sich, als Gefangne, zum Stadtprocura, tor bringen lassen. Des Königs entschlösse, ne ne und würdevolle Vorstellungen waren ver< gcblich. Mau sperrte in der größten Ge< schwindigkeit die Straßen; man umsetzte die Stelle der hier liegenden Husaren; die Na- tioualgarde trat unter das Gewehr. Die Sturmglocke wurde gelautet. Der junge Bouillo und ein anderer Officicr, den der General der königlichen Familie entgegen, geschickt halte, eilten mit der Nachricht von diesem Vorgänge davon. Kaum eine Stunde, nachdem der König angehalten worden war, kam eine Abthci- lung von eben dem Husaren- Regiments, von welchen einige zu Varenues lagen, in diesem Orte an. Der Befehlshaber derselben machte den Anführer der zu Varenues befindlichen Husaren mit der Absicht seiner Ankunft bekannt. Der Anführer entfernte sich jedoch, dieBcfchlshaberstelle seinen Quartiermeister übergebend. Goguclas, der Befehlshaber der neuangckommnen Husaren begab sich hierauf zum Stadlprocurator, um die Frey- lassung der königlichen Familie zu bewirken. Als jedoch das Volk davon Nachricht bekam, bestand es auf seiner Weigerung, sie weiter H 2 fahren fahren zu lassen, noch hartnackiger. Gogue- las fragte hierauf, seine Leute, indem er „das Gewehr hoch!" commandirte, ob sie für den König, oder für die Nation, fechten wollten? „Es lebe die Nation! riefen sie; „wir halten es mit der Nation,, und werden es immer mit ihr halten.,, Diese Antwort legte den Husaren, der sie umgebende Volks, Haufe in den Mund. Indessen befand sich der General Bouille' in der unruhigsten Verlegenheit. Der Kö- nig war 24 Stunden später, als er ver- sprechen hatte, abgerciset; er hielt sich un- terwegs (bsy einem Frühstück) zu lange auf. Seine Ankunft zu Varcnncs erfolgte daher nicht bald genug. Bouille' erfuhr dicß nicht eher, als bis die von ihm beorderten Trup- penabtheilungen schon abgegangen waren. Diese wurden, als ihnen der König zu lan- ge ausblieb, zweifelhaft und argwöhnisch. Der König hatte es auch vergessen, seine Ankunft durch Conriere zu melden. Als Bouille' das, was zu Varenncs vorgefallen war, von seinem Sohne erfuhr, befahl er dem Regiment? Royal, Allemand, sogleich aufzusitzen. Ii? sitzen. Dieses hatte jedoch, des Befehls sich marschfertig zu halten, ungeachtet, noch nicht gesattelt. Als es endlich aufgestellt war, las ihm Bouille' die königliche Ordre vor, machte er die Gemeinen mit den Ursachen ihres Aufsitzens bekannt, theilte er Geld unter sie aus. Um 5 Uhr des Morgens (21. Inn.) wurde endlich der Marsch anger treten. Aber vor der Ankunft des Regit ments war der König, für den die kleinen Truppenabtheilungcn nichts thun konnten, schon nach Paris geschafft. Hier kam der König (25. Zun.) unter einer zahllosen Bedeckung an. Schon in der Entfernung von einigen Meilen von Paris ficngen sich zwey Reihen von Leuten an, die ihm entgegen gegangen waren. Niet mand nahm vor dem vorbeyfahrenden König den Hut ab. Es herrschte das Stillschweit gen des Unwillens. Im Schlage des Wae gens standen Nationalgardisten. Auf dem Vordersitze befanden sich z gefesselte Gardit stcn, welche die Vorreiter gemacht hatten. Den Zug beschloß ein mit Lorbeerzweigen geschmückter Triumphwagen, auf welchem, mit Vür, ilZ Bürgerkroncn geziert, diejenigen standen, die den König angehalten hatten. Auf dem Wege hatte der König manche Kränkung aus« halten müssen. Bey der Barriere hörte man wieder einige Schimpfreden, und im Hofe der Tuilericn entstand, bey der Ankunft des Königs, bedeutender Lerm. Die Nachricht von der Flucht des Königs, die sich (21. Zun.) schon zwischen 7 und 8 Uhr verbreitete, versetzte die Hauptstadt in die lebhafteste Bewegung. Die Nationalgar« de trat unter das Gewehr, die Nepräsen« tauten der Nation versammelten sich. La Fayette, und sein Gencraladjutant Gouvion, wurden vorgefordcrt. La Fayette befand sich «Uf dem Greveplatz in Lebensgefahr. Der Officier von der Wache des Königs wurde von Banditen, die ihm am Laternenpfahl an« knüpfen wollten, verwundet. La Fayette ge« stand ein, daß ihm der Entfernungsplan der königlichen Familie nicht unbekannt gewe« sen wäre; er hätte daher die Wachen ver« doppelt; er selbst, Gouvion und 4 Officiere, hätten bis nach Mitternacht sich vor der Thür befnndcn; die Flucht wäre ihm unbegreiflich. La 119 La Fayette befand sich in keiner geringen Verlegenheit, als er, zum Erstaunen der Versammlung, von Barnave gerechtfertigt wurde. Hierauf wurden die Minister vor die Versammlung gerufen. Sie berichtoten, daß ihnen der König, vermittelst eines Blllets, bis auf weitern Befehl, die Verrichtung ihrer Amtsgeschäste untersagt habe. Die Versammlung befahl, ihren Pflichten, so wie zuvor, nachzukommen. Hierauf übergab de la Porte, der Schatzmeister der Civilltste, ein an die Versammlung gerichtetes Schreiben des Königs. Alle seine bisher geleisteten Eide, sagte der König in demselben, hätten keine Gültigkeit; durch den Beyfall, den Neckcr in seiner Gegenwart erhalten hatte, wäre sein Ausehn gekränkt worden; die ihm ausgesetzte Summe der Civtlliste wäre für seine Bedürfnisse nicht hinreichend; die Tutle- rien enthielten für seine Familie zu wenig Raum. Das Schreiben schloß sich mit der Aeusserung, daß der König der Nationalversammlung eine Zurechtweisung zugedacht habe. Die Versammlung hörte dieß alles mit kaltblütigem Unwillen an. Sie -ergriff die nöthigen Maßregeln, um sich der Treue der Armee Armee zu versichern. Zuerst leistete ihr der General Rochambcau den Eid der Treue. Seinem Beyspiele folgten die übrigen will« tarischen Mitglieder der Versammlung. Durch ihre einträchlichen und weisen Maßregeln verschafften sich die Repräsentanten der Na; tion wieder das volle Zutrauen des Publikums. Das Schreiben des Königs wurde in den Straßen abgelesen, und seine Feinde benutzten es vortrefflich, die Abneigung gegen das Königthum zu vergrößern. Diese gicng schon so weit, daß alle Bildnisse von Königen heruntergerissen oder verhüllt wurden. Schon waren die Bildsäulen Ludwigs XVI und Ludwigs XV ihrem Ilmsturze nahe. Die Wörter: „König, und Königin, Königlich", wurden auf den öffentlichen Schilde» ausgestrichen. Selbst der gekrönte Ochse eines , Nestaurateurs mußte verschwinden. An den Tuilerien fand man einen Zettel, mit der Aufschrift: „hier ist ein Haus zu vcrmie- then." Weil Montmorin den Paß für die königliche Familie unterzeichnet hatte, wollte das Volk sein Hans stürmen. Dagegen wur- ten der Postmeister Droust, und seine Ge- hülfen k2I hülfen, besonders von den Jaeobinern, mit Ehrenbezeugungen überhäuft. Die Flucht des Königs war für seine Gegner ein höchst erfreuliches Ereigntß. Sie gab ihnen die erwünschteste Gelegenheit, sein Verfahren in ein zweydeutiges Licht zu setzen, und seine Gewalt der Vernichtung immer naher zu bringen. Der König und seine Familie waren in den Tuilerien gleichsam ver» haftet. Die Nationalversammlung schickte (26 Zun.) drcy Commissaricn au den König, die ihn über seine Flucht vernehmen mußten. Er stellte ihnen eine schriftliche Erklärung darüber aus. Eben dieses geschah von der Königin. Die Nationalversammlung maßte sich das Recht au, den Gesandten der aus« wältigen Mächte den Zutritt zum Könige zu verweigern. Sie erlaubte sich (iz. Zul.) Verathschlagungen über die Frage, ob der König setner Würde entsetzt werden sollte. Die Mehrheit der Gemäßigten bewirkte jee doch (15. Iul.) einen Beschluß, nach welchem der König von jeder Anklage losgesprochen wurde, dagegen sollte dem General Bouille', und seinen Gehülfen, der Proceß gemacht wer. fls ' s -l s 12» werbe». Jetzt suchte die jacobinische und ort leanische Parthey ihren feindseligen Pinn gegen den König, durch einen schreckliche» Aufstand des pariser Volkes, durchzusetzen. Sie erkühnte sich sogar (16. Jul.) in einer besondern Bittschrift geradezu auf die Entt throuung des Königs anzutragen. Aber die gemäßigte Parthey in der Nationalversammt lung siegte. La Fayette schützte sie gegen den Andrang des Volks durch die Nationalt garde. Sie beschloß (17. Jul.) alle die, die durch Schriften das Volk zum Aufrühre get reitzt hatten, verhaften zu lassen. Weil der Jacobinerclub der Anstifter dieser Unruhen war, sonderten sich alle Mitglieder der Na< ttonalversammlung von demselben ab. Sie verbanden sich, mit dem Club von 1789, zu einen neuen, welcher von dem Versammlungst orte, einem Kloster, der Club der Feutllants genennt wurde. Hierauf wurde (21. Jul.) der Jacobinerclub, wegen seiner auftührerit sehen Gesinnungen, auch von dem Justizminit ster förmlich angeklagt. Als das wirksamste Mittel, dem ranket vollen Spiele der Partheyen sein Ende zu be< I2Z bestimmen, betrachtete man die Vollendung der neuen Constitution. Diese Vollendung euußte um so eher beschleunigt werden, je, weniger von der der jetzigen Nationalvcr« sammlung bestimmten Zeit noch übrig war. Sie theilte 'sich daher in Ausschüsse. Alle Decrete wurden nun von neuen durchgesehen, und in manchem Punkte gemildert. Nach sechs Wochen (z. Sept.) war die neue Com siitution fertig. Eine Deputation von 6c> Mitgliedern überreichte sie dem König zur Prüfung und Annahme. Der König wollte anfangs einige Abänderungen machen; seine Gemahlin, und seine Vertrauten, bestimm« tcn ihn aber, sie ohne alle Einschränkungen anzunehmen. Der König begab sich hierauf (14. Sept.) selbst in die Versammlung, um sie zu unterzeichnen und beschwören, und sei« ne Annahme wurde allen fremden Höfen be, kannt gemacht. Die bisherige Nationalversammlung, die man gewöhnlich die eonstituircnde nennte, machte, che sie sich (zo. Sept.) auflösete, die Verordnung, daß keins von ihren Mitglie« dern wieder gewählt werden sollte. Die neue 124 neue Versammlung hatte daher ganz andere Mitglieder. Sie sollte dafür sorgen, daß die neue Constitution im ganzen Reiche ei!^ geführt würde, und sie wurde, wegen der Abfassung der Gesetze, die mit und neben der Constitution bestehen sollten, die gesetz- gebende genennt. Ihre 747 Mitglieder (die dreyfache Zahl der 249 Cantone) waren größtentheils sehr junge, zwar kraftvolle, rasche und kühne, aber zu wenig einsichtsvolle und erfahrne, mit den Geschafften zu wenig bekannte Männer. Die meisten von denselben zeigten eine den an Pracht und Luxus gewöhnten Parisern sehr auffallende Armuth. Es befanden sich unter ihnen verschiedene Landlente, die, mit plumpen Manieren, und in unsauberm Anzüge, die 18 Linkes ihrer Diäten für künftige Zeiten sammelten. Sie gaben daher für die pariser Witzltnge einen Gegenstand ihres satyrischen Spottes ab. So rief man, selbst an den Thören des Versammlungssaales, eine Liste der 8-msLuIottcs nvec leurs äemeures etc., d. i. ein Verzetchntß von den Nahmen, den Departementen, und den Wohnungen der Volksrepräsentanten, ab. Diese National- ver- !25 Versammlung stand auch Key der Nation in so geringem Ansehn, daß die Departemente ihre Unzufriedenheit, über ihre Beschlüsse auf manchcrley Weise zu erkennen gaben, daß sie die Befolgung derselben absichtlich vernachlässigten. Diese Beschlüsse wurden aber auch oft mit großer Ueöereilung gefaßt. Die talentvollsten und gemäßigsten unter den Natlonalrcpräsentanten waren die GU rondisten, oder die Deputirten aus dem De« parlement der Gironde, die jedoch zwischen den Grundsätzen des Königthums und der Republik unselig hin und her schwankten. Neben ihnen saßen ungestime, Königsfeinds, rastlos thätig, das königliche Ansehn zu vsr» Nichten, und die Anarchie zu verbreiten. EU nige derselben haßten den König persönlich; v andre wollten den Herzog von Orleans, dessen Parlhey sich wieder mit dem Zacobi» nerclub verbunden hatte, empor heben. Sie legten es so recht geflissentlich darauf an, das Ansehn des Königs und seiner Minister herabzuwürdigen. Unaufhörlich brachten sie gegen die Minister, die sich allerdings man» che Zögerung und Nachlässigkeit erlaubten. An» 126 Anklagen und Beschuldigungen vor; unauf« hörlich forderten sie die Minister zur Rechen« schaft. Diese saßen, dem Präsidenten ge« gen über, auf einer besonder» Bank, mit unbedecktem Haupte, wahrend daß die Mit« glieder der Versammlung den Hut auf dem Kopfe hatten. Auch durften sie unaufgerufen nicht reden. Die meisten von diesen Neprä» sentanten wünschten auch, durch ihre Talente zu glänzen. Daher so ein überspannter Geist in dieser Versammlung; die Quelle des un< glücklichen Zustandes, in welchen Frankreich versetzt wurde. Mit diesem Zustande unzufrieden, wan« derten immer mehr Edelleute und Geistliche aus. Der Graf von Provence war, in der Ausführung seines Entfernungsplanes, glück« lichcr als der König. Als der König die Constitution angenommen hatte, wanderten wieder sehr viele Adeliche und Geistliche aus. Schon bcy dem Anfang der zweiten Ratio, nalversammlung, berechnete man die Zahl der Ausgewanderten zu 40,000. Sie hatten ei« ne erstaunliche Menge von Geld, und eine ungeheure Anzahl von Pferden mitgenom« inen. 127 men. Um so lebhafter regte sich der Acrger ihrer Feinde. Der König sah sich deswegen (14. Oct.) bewogen, gegen die Emigrirtcn eine Procla« mation ergehen zu lassen. Moleville, und seine übrigen Minister, widerricthen es ihm, das Decret wegen der Emigrirtcn zu sanctioniren. Diese Vothschast überbrachten sämmtliche Minister der Nationalvcrsamm« lung. Den Großsiegelbewahrcr Montmorin überfiel jedoch, bcy der Ablesung seiner Ne« de, eine solche Acngstltchkeit, daß er erblaßte, daß seine Hände zitterten, daß er kaum fort» lesen konnte. Zum Unglücke kam die Ver» Weigerung der königlichen Sanction gleich in dem ersten Satze vor. Man erlaubte ihm nun nicht weiter zu lesen. Montmorin setzte sich hierauf, alle Hoffnung aufgebend, zu den übrigen Ministern, und Moleville, der so gern gcredt hätte, bekam die Erlaub» niß nicht zu rechter Zeit. Montmorin legte auch bald hernach (zo. Oct.) seine Stelle nieder, und von dieser Zeit wechselte das Ministerium sehr oft, wurde das Benehmen desselben immer schwankender und unschlüs» siger. Die Nationalversanniilung fuhr in ihrer Verfolgung der Emigrirtcn fort. Sie erklar« erklärte (9. Nov.) jeden Emigranten für einen des Todes schuldigen Hochverrathcr. Diesem Decrcte verweigerte der König (12. Nov.) seine Genehmigung. Die National Versammlung kündigte Hierauf(i2. Dec.) den Emigranten den Verlust aller ihrer Gehalte, Pensionen, Leibrenten, und andrer Ausprü- che auf den Nationalschatz, an. Sie sprach (lsi. Jan. 1792) dem Grafen von Provence das Recht ab, die Regentschaft zu führen. Sie erklärte (9. Febr.) alle Güther der Emi< grauten für Nationälcigcuthum. Sie schärft te auch die Gesetze, durch weiche die unbe- kidigte Geistlichkeit zur Ablegung des Vür< gercides aufgefordert wurde; aber selbst eine Vittschrift der pariser Section bestimmte den König, dieses Decret der Nationalversammlung nicht zu sanctionircn. Die Härte, mit welcher die National, , Versammlung gegen die Emigrirten verfuhr, war eine Folge des großen Ansehns, welches sich die Jacvbtner in derselben anmaßten. Petion stellte jetzt, an Bailly's Stelle, den Maire von Paris vor, und alle Civil - und Criminalamler waren mit Iaeobtuern be- I2c) beseht. Unter diesen zeichneten sich Rüderer, Nobespicrre, Prieur, Manuel und Danton aus. Das Gewicht der Jacobincr war so groß, daß der Club des Feuillants seinen bisherigen Versammlungsort räumen, daß er seine Sitzungen heimlich halten mußte. Allerdings waren es also die Jacobiner, die damahls in Frankreich herrschten, und die Emigrirten, die von ihnen mit so unbarm, herziger Standhaftigkcit verfolgt wurden, hat, ten keine große Müh/, die auswärtigen Höfe von der Nothwcndigkcit, dem für die Könige so gefährlichen Systeme der Jacobincr kraftvoll entgegen zu arbeiten, zu überzeugen. Nur wenige erklärten sich daher für die neue Constitution günstig. Oestreich und Preüssen verabredten es sogar, dem Könige durch gewaltsame Mittel, zur Wie, derhcrstellung setner ehemahligen Rechte zu verhelfen. So entstand der unselige Krieg, der über Europa so viel Unglück verbreitet, der seiner Verfassung eine ganz anders Gestalt gegeben hat. Eallelti Wtllg. -ox Th. I Dd'l't-- Giesen Krieg veranlaßten die Emigrirten veranlaßt« die Theilnahme, die sich fremde Mächte an Frankreichs Handeln anmaßten. Das vornehmste Beyspiel der Auswanderung gaben Ludwigs XVI Brüder. Artois, der schon im Sommer 1789 auswanderte, und sich erst lange bey seinem Schwiegervater, dem Könige von Sardinien, zu Turin aufhielt, begab sich im Frühjahre 1797 nach Deutschland. Hierhin kam jetzt auch sein Dritter Abschnitt. Ursachen des RevolutionskriegcS. Dieser fallt für die Franzosen anfangs bedenklich aus. Das Manifest des Herzogs von Braunschwcig. Oer zehnte August. Robespicrre, Danton, Marat, und ihre vornehmsten Gehülstn. September, greuel. iZr sein ältrcr Bruder, der Graf von Provence. Zu Ectenhcim, im Vadcnschen, stellte der Cardinal Nohan, unter dem altern Mira» beau, ein kleines Heer auf. Zu Worms ließ sich der Prinz von Conde, nebst seinem Sohne, dem Duc de Bourbon , nieder. Nach Coblenz begaben sich die Prinzen, die von hier an alle Höfe Abgeordnete schickten, die die Wiederherstellung der ehemahligen Regier rung, als eine Sache aller Höfe, vorstellten. Ludwig, der die traurigen Folgen der Entr fcrnung und der Zurüstungen seiner Brüder voraussah, ermahnte sie vergebens, nach Frankreich zurückzukommen. Sie forderten vielmehr, durch geheime Csmmissarien, je» deu Mann von Ehre auf, sich zu ihren Fahnen zu begeben, und viele der würdig» sten Männer verließen, obgleich ungern, ihr Vaterland. Der König schrieb (Aug. 1791) noch besonders an den Prinzen von Conde. Er schilderte ihm die Erbitterung, die die Ent» fernung der Prinzen, die ihre Zurüstungen, Hey der Nation hervorbrachten. Die Prix» zen wollten das mit den ernstlichsten Ermahr nungen angefüllte Schreiben desselben nicht öffnen, weil er den Graft» von Provence I 2 nicht IZ2 nicht Monsieur, und de» Grafen von Artois nicht Bruder gencnnt hatte. Seine Borstel« lungen, antworteten sie ihm, verdienten kei< ne Rücksicht, weil er eben so wenig physisch als moralisch ftey handeln dürfe. Zu der hartnäckigen Weigerung der Prin« zen, in ihr Vaterland zurückzukehren, trug die freundschaftliche Aufnahme, die sie in Deutschland fanden, trug die Aussicht, die jetzt herschcnde Parthey in Frankreich durch Hülfe Oestrichs und Prcussens zu übermal« tigeu, sehr viel Hey. Die freundschaftliche Aufnahme fanden die Prinzen am Hofe des Kurfürsten von Trier, zu Coblcnz, wo sich bald ein Hofstaat, eine Garde um sie her versammelte, wo sich ein Gerichtshof bildete, durch welchen sie sogar die Einwohner von Cobleuz und des umliegenden Bezirkes ihrer Gcrichtbarkeit unterwarfen. Sie unterhielt tcn eine ihren Lettres de Cachet immer offne Vasttlle. Sie legten Waffenpiätzc und Magazine an; sie bildeten aus den Emigrieren, die sich an sie anschlössen, Compagnicn, Batallione. Anfangs lachte man in Paris über ihre Anstalten; man hielt sie kaum einer Ach- lgz Achtung Werth. Sie wurden aber bedeutender. Die Geringschätzung, die die Prinzen gegen die jetzige Regierung Frankreichs äusserten, wurde immer auffallender. Fremde Mächte ließen ihre Absicht, die Entwürfe der Prinzen zu unterstützen, immer deutlicher merken. Am 19. Sept. 1791 überreichte der an den rheinischen Kurhöfcn accrcdidirte russische Minister, der Graf Nomanzow, zu Coblcnz, den französischen Prinzen ein Beglaubigungsschreiben, durch welches ihn feine Monarchin zu Unterhandlungen mit ihnen berechtigte. Auch wurde schon ein spanischer Gesandter zu Cvblenz erwartet. Die Höfe, die sich aber der Prinzen annahmen, waren vornehmlich Oestreich und Prensscn. Schon im Sommer, des vorigen Jahres (1791 Jul.) hatte Leopold, einer zu Mautua (20. May) getroffenen Verabredung zufolge, von Padua aus, durch ^in Umlaufs- schrciben an die Höfe, die Sache des gefangnen Ludwigs XVI für eine Sache aller Souve- raine erklärt. Schon im August dieses Jahres besprachen sich Leopold II und Friedrich W-lhclmII, zu Pillnitz, dem Lustschloffe des Kurfürsten von Sachsen, mit dem Grafen von Ar- IZ4 Artois, mit welchem Leopold schon im May «ine Zusammenkunft gehalten hatte. Auch Calonne und Bouille' »ahme» an dieser Iln« terredung einen bedeutenden Ancheil. Leo- pold und Friedrich Wilhelm machten sich, in einer schriftlichen, doch so ziemlich nur in allgemeinen Ausdrücken abgefaßten Erklärung, gegen die Prinzen verbindlich, daß sie in dem Falle, wenn die zur Vcfreyung und Sicherheit Ludwigs XVI vorgeschlagene Vereinigung der europäischen Mächte zur Nichtigkeit kommen würde, gemeinschaftlich die zur Erreichung dieses Zieles nörhige Macht anwenden wollten. Diese Erklärung machten die Prinzen ihrem königlichen Bruder bekannt. Im Nahmen des Prinzen erschien auch (im Sept.) ein gedruckter, mit sehr heftigen Drohungen gegen die damahli» gen Machthaber Frankreichs angefüllter Brief, dem die pillnitzer Deklaration angehängt war. Ein zweytrs gedrucktes Schreiben derselben (>6. Nov.) erklärte geradezu die neue Constitution für das anmaßliche Werk einer Facliow, das der König nicht hätte geachlui.cn sollen, und zu dessen Vernicl« lung sie alle Mittel anwenden würden. Die IZ5 Die constituirende Nationalversammlung hotte alles das, was sie mit fremden Macht ten in Krieg verwickeln konnte, sorgfaltig zu vermeiden gesucht. Sie würde, dieß war il re Erklärung, nur zur Vertheidigung des Vaterlandes die Waffen ergreifen, und die französische Nation würde niemahls einen Erobrungskricg führen. Eben diese Ratio- nalvcrsammlung verleibte aber doch (2z. Sept.) um den französischen Staat zu arrondiren, mehrere deutschen Fürsten gehörende Lander, vornehmlich in Elsaß und Lothringen, den französischen Departementen ein. Schon durch Beschlüsse des Jahres 1789 (vom 4. Aug. imgleichen vom 2. und 4. Nov.) waren die Besitzungen verschiedener deutscher Neichsstände, als der drei) geistlichen Kurfürsten, des deutschen Ordens, der Bischöfe von Straßburg, Speyer, Basel, der Herzoge von Zwcybrücken und Wirtemberg, der Landgrafen von Heffendarmstadt, der Markgrafen von Baden, der Fürsten von Nassau, Lciningen uud Löwenstcin, der neuen Verfassung Frankreichs unterworfen worden, und die Vorstellungen der dadurch beeinträchtigten Fürsten waren vergeblich. Die Fürsten iz6 stcn bathen hierauf den Kaiser und die Reicks Versammlung um ihren Schutz. Leopold II ließ hierauf (1790 Dec.) an den König Ludwig ein Vorstcllungsschrcibcn abgehen. Auf dieses erfolgte die Autwort, daß diese Sache nicht das ganze deutsche Reich, sondern nur einzelne Fürsten, interes- sirc, und daß man keiner fremden Macht eine Einmischung in dieser Angelegenheit erlauben würde. Der Kaiser verlangte nun mehr (1791 im April) ein Ncichsgutachten; die Neichsversammlung aber überließ es dem Kaiser, die nöthigen Maßregeln zu ergreifen. So wurde also das ganze deutsche Reich in die Angelegenheit einzelner Fürsten, gegen die sich die Nationalversammlung zur Entschädigung erboth, von dem Ncichsoberhaupte hineingezogen. Diese Einmischung schien seit der königlichen Annahme der neuen Constitution vollends keinen Grund mehr zu haben. Diese bestimmte ja den Kaiser Leopold (12. Nov.) seine pillnitzcr Erklärung zurückzunehmen. Die Note, worin er dieses den fremden Höfen anzeigte, enthielt die Aeusse- rung: daß die Gefahr nicht mehr dringend scy; daß man vielmehr gute Hoffnung habe, daß IZ7 daß die vorige Ordnung zurückkehren werde. Auf ähnliche Art erklärte er sich auch gegen die Prinzen, als sie ihn um seinen öffentlichen Schutz balhen. Doch Leopold und Kau» Nitz dachten, wie die Folge bewies, bey die» scr Erklärung nicht aufrichtig. Die Zurüstungen der Emigrirten wurden aber immer bedeutender. Alle Osrtcr längs dem Rhein waren mit ihnen angefüllt. Um eben diese Zeit (im Nov. 1791) hatten die Emi» grirtcn schon 60,000 Mann, und 50 Kano» neu, beysammcn. Vieles Geld hatten sie zum Thcil mitgebracht; zum Theil war es ihnen nachgeschickt worden. Zu weniger als zwcy Mvnathcn waren, durch die Niederlande, 8c> Millionen Livrcs nach Deutschland gegangen. Diesi verursachte in Frankreich einen merklichen Geldmangel. Hierzu kam, daß die Prinzen sich feyerlich gegen die neue Constitution erklärten; daß sie die Annahme ihres Bruders eben so feyerlich mißbilligten; daß sie ihr Vorhaben, alles wieder in den vorigen Stand zu versetzen, geradezu erklärten. Die Erbitterung, und der Argwohn der damahligen Machthaber Frankreichs erstieg 5Z8 st-eg daher die höchste Stufe. Sie veran« laßte die harten Beschlüsse gegen die Emil grirrcn, denen die Nationalversammlung erst (iz. Sept. 1791) eine uneingeschränkte Erl laubniß der Auswanderung erthcilt hatte; sie veranlagte die Vorstellungen des scanzöl sischen Gesandten zu Wien. Der Kaiser, so lauteten einige derselben, möchte gegen die Srcifereyen des mirabcauschcn Corps an der französischen Gränze die nölhigen Vorkehl rungen treffen; er möchte den Kurfürsten von Maynz und Trier die Versammlung von Emtgrirten in ihrem Gebicthe untersa« gen. Ein besondres in sehr ernsthaftem To, ne abgefaßtes Schreiben des Königs erhielt (im Nov.) der Kurfürst von Trier. Dieser scheute sich nicht, in seiner Antwort an den König, geradezu zu sagen, daß derselbe, als er jenes Schreiben unterzeichnet habe, nicht frey gewesen sey. Auch erklärte er noch späterhin gegen den französischen Gesandten, daß er den französischen Ausgewanderten, so lange ihre Unternehmungen mit den Gesetzen einer guten Nachbarschaft nicht im Wider« spruche ständen, auch in Zukunft seinen Schutz würde angedeihen lassen. So trotzte gletci,« IZ? gleichsam ein Kurfürst von Trier der mächti- gen französischen Nation. Aber Kaunitz ant- wertete (21. Dec.) auf die Note des französischen Gesandten: der Kaiser sehe sich aus mehrern Ursachen genöthigt, dem Kurfürsten von Trier, im Falle eines Angrisses, oder einer Drohung, die wirksamste Hülfe zu leisten. Die damahlige französische Nationalver- sammlung empfieng diese Antworten und Erklärungen mit einer Mäßigung, die man kaum erwartete. Als ihr Ansuchen wegen der Entfernung der Emigrirten von den Granzen so fruchtlos war, daß man demselben sogar Drohungen entgegensetzte; als man die Absicht, die Vernichtung der neuen Constitution durch eine Verbindung mehrerer Mächte zu bewirken, deutlich merken ließ, da konnte das bloße Verboth der Zusammen- rottierungcn der Emigrirten nicht mehr Sicherheit gewahren; da verlangte man bestimmt, daß die vereinigten Machte entweder ihrem gegen Frankreich gerichteten Buu, de entsagen, oder über die Beschaffenheit desselben, sich deutlich erklären möchten. Eine i4c> uc Erklärung des Kurfürsten von Trier (1792 Jan.) worin er die Entfernung der Emigrir- teil versprach, kam nun zu spat. Sie er« foigte vielleicht deswegen, weil die Erbittet rung der französischen Machthaber nun so hoch gestiegen war, daß man den geringen Eindruck, den sie macheu würde, schon vor, aussehen konnte. Ais daher die Nationalver« sammlung sich über die kaiserliche Note vom 21. December 1791 bcrathschlagte, bchaup» tele Brissor mit glühender Beredsamkeit, und mit heftigen Ausfallen gegen den Kail ser, daß ihm, sobald bis zum loten F« bruar seine Aufgcbung der Verbindung ge> gen Frankreich nicht erfolgt wäre, der Krieg angekündigt-werden müsse. Sei» Vorschlag fand bcy den feurige» Zacobtnern so großen Veyfall, daß, durch sie geleitet, die Nation nalversammlung (am 2;sten Januar) den Schluß faßte: der König sollte dem Kaiser zu, wissen thun, er könnte in Zukunft blos im Nahmen der Nation, und blos nach dem Umfange der ihm von der Constitution ver< lichencn Gewalt, mit fremden Mächten um tcrhandeln; er sollte von dem Kaiser eine bestimmte Erklärung verlangen, ob er das freuudt -14 i freundschaftliche Einverständniß mit der französischen Nation fortsetzen, und daher der Verbindung gegen dieselbe entsagen wolle? Diese Erklärung müsse vor dem 4WN März erfolgen. Keine oder eine unbestimmte 'Antwort würde sogleich für eine Kriegserklärung gelten. Ludwig, und seine Minister, die den Ausbruch des Krieges, so sehr es in ihren Kräften stand, zu verhindern suchten, versagten diesem Beschlüsse die königliche Genehmigung. Frankreich sollte, wie man wünschte, nicht der herausfordernde Thcil seyn. Aber leider geschah von beyden Thei, len alles, um den unseligen Krieg unvermeidlich zu mache»; leider ließen sich die deutschen Fürsten zu sehr auf die Seite der Emigrirten hinziehen» Aus der von Kaunitz im December er- theiltcn Antwort ergab sich schon ganz deutlich, daß Leopold gar nicht die Absicht hatte, der Bewaffnung der Emigrirten an der französischen Granze Hindernisse entgegen zu sez« zcu; daß er sich vielmehr der Ncichsfürsten, die sie begünstigten, kraftvoll annehmen wollte. Allerdings konnte es manchem, der die fran< französische Nation, der den mächtigen Ein« fluß ihrer damahligen Häupter, nicht kennt» nißvoll, nicht unpartheyisch genug beurtheil« te, keine sehr schwere Unternehmung schei» ncn, die herrschende Parthey glücklich zu bekämpfen, und dem Könige wieder zum Besitze seiner vorigen Macht zu verhelfen. Dieß konnte, wenn man den jetzigen Gang der Revolution blos als ein Werk der jacobi» nischcn Faction betrachtete, für eine notwendige, allen europäischen Monarchen die nöthige Sicherheit verleihende Unternehmung angesehen werden. Dieß war die Ansicht des Sstceichischen Leopolds und des preussi» schcn Friedrich Wilhelms, als sie (17. Febr. 1792) zu Berlin eine Verbindung schlössen, die, nebst gegenseitiger Hülfe, vorzüglich die Behauptung der deutschen Neichsvcrfassung (und also auch den Schutz der deutschen Netchsstände gegen fremde Anfechtungen) zum Zwecke hatte. Dieß war die Ansicht, die bcy der von der französischen Regierung verlangten Erklärung der kaunitzischen Note vom 21. Dec. des vorigen Jahres zum Grunde lag. Die Vereinigung der europäischen Mächte, hieß es in derselben, würde bloS 14? Klos in dem Falle, wenn die Freiheit, die Ehre, die Sicherheit des Königs Ludwig sich in Gefahr befände, stattfinden. Eine äbnli- che Erklärung erfolgte (28. Febr.) von Seiten Preußens. Indessen wurden die Angelegenheiten der deutschen Fürsten, deren. Besitzungen eingezogen worden waren, ernstlich betrieben, und die Nationalversammlung erklarte sich auch geneigt, sie auf eine Art, die mit der Constitution nicht im Widerspruche stände, zu entschädigen. Zu dieser Lage befand sich die große Sache des Krieges, als Leopold II un- vermulhet (1. März 1792) sein Leben, und seine kurze Kaiserregierung, beschloß. Deutschland, und die östreichische Monarchie, hatten sich von der Negierung des vortrefflichen Beherrschers von Toscana sehr viel versprochen; aber sie dauerte eine zu kurze Zeit, um den schönen Erwartungen entsprechen zu können. Von Natur weit weniger rasch und feurig, als Joseph II, desto reicher aber an kluger Mäßigung, hatte Leopold seines Bruders oft zu wenig überdachte Umänderungen nicht weiter fortgesetzt, hatte er 144 er vielmehr in manchem Punkte eine kluge Nachgiebigkeit bewiesen. Als Staatsmann besaß cr eine musterhaste Offenheit, und wenn cr sich von dem Benehmen seiner Be< amtcn und Diener geheime Anzeigen machen ließ, so lhat cr es in der edlen Absicht, den ungerechten Handlungen) dle sie begehen könnten, zu rechter Zeit vorzubeugen. Leopold II hinterließ eine zahlreiche Fa» milie. Seinem zwcytcn Sohne Ferdinand (geb. 1769) wurde das Großherzogthum Tos« cana zuTheil. Der dritte, Karl (geb. 1771) hak sich in der Geschichte des folgenden Krieges ein ruhmvolles Andenken gestiftet. Der älteste, Franz II (geb. 12. Febr. 1768) übernahm, als Nachfolger seines Vaters, die Regierung der östreichischen Monarchie, und ihm fiel das traurige Loos, den Krieg mit Frankreich nicht vermeiden zu können. Als cr den französischen Prinzen den Tod seines Waters meldete, fügte cr die Versicherung hinzu, daß cr dessen Grundsatze und Maßregeln unverändert befolgen würde. Indessen hatte Ludwig XVI, an Leopolds Todestage, seinem Minister zu Wien den Auftrag gege- 145 gegeben, Key dem Fürsten Kaunitz fcyerlirh darauf anzutragen, daß der Kaiser der schon zu lauge dauernden Ungewißheit ein Ende machen, daß er sein mit fremden Machten gegen Frankreich geschlossenes Bündniß aufheben möchte. Der König würde, sobald der Kaiser seine Kricgsrüstungen in de» Nieder« landen und im Breisgau einstellte, die fran« zösischcn Truppen von den Gränzen gleich« falls zurückziehen. Das, was jetzt Kaunitz dem französischen Gesandten antwortete, hatte of« fenbar die Erhaltung des Friedens nicht zur Absicht. Auf d,ie letzte Erklärung des ver« storbenen Kaisers sieh beziehend, behauptete er, daß die geringen VerthcidigungSanstalten desselben mit den feindlichen Maßregeln Frankreichs gar nicht iir Vergleichnug ge« bracht werden könnten; was aber diejenigen beträfe, die der verstorbene Kaiser, zur Sicherheit und Ruhe setner eignen Staaten, und zur Dämpfung des Empöcungsgcistes, > den das Bcysplel Frankreichs, und die sträflichen Unternehmungen der Iacoüinerparthey, in den belgischen Provinzen, ferner zu unterhalten suchten, würde er sich von niemand Gesetze vorschreiben lassen.— In Rücksicht Gallrtti Wkltg. aar Tl>. K des des Einverständnisses mit den angesehensten Machten von Europa, könne (der östreichi- sche Monarch) den Meinungen und gemeinschaftlichen Beschlüssen derselben nicht vor der Zeit Eintrag thun, überhaupt glaube er nicht, daß diese Mächte es für zuträglich und möglich halten würden, ihr Einvcrständ« niß eher aufzuheben, bevor Frankreich die wichtigen und gerechten Beweggründe, die sie zu diesem Einverständnisse aufgefordert hätten, nicht entfernte. Sein Monarch glaube von einer, durch ihren sanften Charakter, und ihre vernünftige Denkart ausgezeichneten Nation, es erwarten zu können, daß sie ungesäumt aufhören werde, ihr Ansehn ihre Unabhängigkeit, und ihre Ruhe, einer blutdürstigen, wüthendcn Parthcy preiszugeben; wenigstens hoffe der Kaiser, daß der bessere Theil der Nation in dem Einverständnisse der Mächte, dessen Absicht sein Zutrauen so sehr verdiene, der für ganz Europa eine der wichtigsten Angelegenheiten sey, eine trostreiche Aussicht zur Unterstüz- zung finden werde. Die Sprache dieser Erklärung war beutlich genug; noch deutlicher waren aber die dar« ^ 147 darauf folgenden Schriften und Unterhalts luugen. In einer von Kaunitz und dein französischen Gesandten (am 5. April) gehaltenen Unterredung, bestand jener 1) auf der Entschädigung, oder vielmehr vollkommt ne Wiedereinsetzung der deutschen Netchsfür- sten, deren Gebieth die Nationalversamm- lung eingezogen hatte; 2) auf der Zurück« gäbe vo» Avignon, und z) anf der Abänderung der neuen Regierungsverfassung zum Worthcile des Königs. Diesen Forderungen war die Drohung, daß man die Befriedigung derselben allenfalls durch gewaltsame Mittel erzwingen würde, ohne alle Zurückhaltung angehängt. Diese Aeusscrungen des Fürsien von Kaunitz waren einem großen Theil der Nationalversammlung eben so willkommen, als den Prinzen, und den übrigen Emigrirten. Diese erwarteten von dem wirklichen Ausbruche des Krieges das Ende ihrer zwey- deuligen Lage, und die Wiederherstellung der vorigen Verfassung. Die jaeobinischen Mitglieder der Nationalversammlung schmeichelten sich dagegen mit der Hoffnung, wßh- K » drei» 148 renb des ausserordentlichen Zustandcs des Krieges, alle chemahlige Ordnung der Dinge völlig vernichtet zu sehen. Ludwigs XVI Ministerium, das damahls gerade verändert worden war, bestand aus lauter im Jacobinerclub sehr angeschenen Girondisten, die den Ausbruch des Krieges wünschten. Diesen wünschte besonders Dumourier, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Dieser in der Nevolutionsgeschichte so hervorstechende Mann ist (geb. 1738) der Sohn eines ehemaligen königlichen Commissars zu Cambray. Nachdem er in der Artillerieschule ausgezeichnete Fortschritte gemacht hatte, diente er im siebenjährigen Kriege als Flügeladjutant des Marschalls Contadcs. Nach Endigung desselben, als Eapitain auf halben Sold gesetzt, gieng er (1765) um eine vor- theilhastere Anstellung zu finden, nach Spanien und Portugal. Diese Reise setzte ihn in den Stand, dem Publicum eine vorzüglich gut geradcne Beschreibung des portugiesische» Staates zu liefern, und dieses Werk zog die Aufmerksamkeit des Ministers Choiseul so sehr auf ihn hin, daß er ihn (1767) zu ei< ' ner geheimen Gesandrschaft nach Polen bestimm- 149 stimmte. Doch Chviseul scheint mit der Art, mit welcher sich Dumourisr bey seinem Auftrage benahm, sehr unzufrieden gewesen zu seun. Dumourier wurde, aus Polen zurückkehrend , auf Ansuchen des französischen Hofes zu Hamburg verhaftet, und in die Bastille gesetzt. Im folgenden Jahre tritt er aber wieder als Geueralquarliermeister, bey der Armee des Generals Marboeuf, in Cor- sica, auf. Wegen seiner vorzüglichen Kenntnisse im Zngenieurwesen, ernennte ihn der Secminister zum Platzmajor in Cherbourg. Hier blieb er bis zur ersten Versammlung der Notablen. Er machte hierauf zu Parts einen so großen Aufwand (nie hielt er weniger als zwey, und zuweilen gar drey Maitrcs- sen) daß er, in große Schulden gerarhen, Paris verlassen mußte. Allein der Minister Lessart, der seine Fähigkeiten und Kenntnisse in Thatigkeit zu setzen wünschte, rief ihn nach der Hauptstadt zurück. Dumourier richtete es so ein, daß der Friede mit Oestreich unmöglich fortdauern konnte. Er faßte einen umständlichen Ve, rieht über das Verfahren des wiener Hofes, und i5-> und besonders über die kaunitzische Note vom 18. Marz, ab. Diesen las er dem Staats, rathe vor, und mm wurde von diesem, um ter dem Vorsitze des Königs, der Beschluß gefaßt, bey der Nationalversammlung-auf die Kriegserklärung anzutragen. In dieser Ab, sieht erschien (20. April) der König von allen seinen Minister» begleitet, in der Nationalver, sammlung. Auch dieser las Dumourier seinen Bericht vor. Fast alle Stimmen erklärten sich nun für den Krieg, dessen Ankündigung noch in dieser Nacht genehmigt wurde. Der König von Ungern und Böhmen (dicß waren die vornehmsten Beweggründe) begünstige, die, jenigcn, die sich gegen die neue Constitution empörten, öffentlich; er habe sich mit den übrigen europäischen Mächten gegen Frank, reich verbunden; er setze die feindlichen Zu« rüstungen eifrig fort; er suche die französt, schen Bürger gegen einander zu bewaffnen. Diesen Beweggründen fügte die National, Versammlung noch die Erklärung hinzu, daß die französische Nation, den durch ihre Eon, stitution geheiligten Grundsätzen treu, nicht in der Absicht, Eroberungen zu machen, sondern bloS zur Behauptung ihrer Freyheit und I5i und Unabhängigkeit, die Waffen ergreife; es wäre die gerechte Verteidigung eines Valkes gegen den ungerechten Angriff eines Königs. Hierauf antwortete man von Seil tcn des wiener Hofes: täglich würden alle Souveraine von Europa, durch die frechsten Ausfalle, durch die gehässigsten Verlcumdun- gen, angegriffen; man bestrebe sich, das Gift der Verführung und des Aufruhres in ganz Europa zu verbreiten, und alle Regierungen umzustoßen. Der Hof zu Berlin äusserte, daß er, als Mitglied des deutschen Reiches, seinen Mitstanden bcystehen, und seinem Bundesgenossen, dem östreichifchen Mona« chen, die versprochene Hülfe leisten, daß er jenen zum wiederhergestellten Besitze ihrer Rechte verhelfen müsse, und daß es überhaupt nöthig wäre, „dem verderblichen Bey- spicle, und den mordbrennerifchen Unterneh, münzen einer unsinnigen Horde," ihr Ende zu bestimmen. Solche Acusserungen trugen freylich dazu bey, die Erbitterung der am meisten geltenden Männer zu vergrößern. Sie waren den Absichten der damahligen Minister des Königs sehr angemessen. Diese bestanden, fast fast aus lauter Anhängern der herrschenden Parthey, durch deren Wahl sich der König Key dem Volke beliebt zu machen hoffte. Einer derselben Lcssirt, beförderte hie Ernennung von Dumourier, den die Furcht vor seinen Gläubigern nach Niort verbannk hatte. Lessart bezahlte seine Schulden, um ihn nach Paris zurück zubringen, und eben diesem Dumourier mußte Lessart sich aufopfern sehen. Alles, was man in den Verfahren des Königs noch verdienstlich fand, kam nun auf die Rechnung der Minister, deren Leitung der König völlig preisgegeben war. So warf man sich von beyden Seiten dem Ausbruche des unglücklichen Krieges mit Vereitwilligkeit entgegen. Die französischen Truppen, die man gegen Qcstreich an den Gränzen versammelte, sollten drcy Heere bilden; die Nordarmee von 35,000 Mann, von Dünkirchen bis Maubcuge; die Centralarmee, 25,000 Mann stark, von Maubcuge bis Büsch; die Rhcin- armee, 24,000 Mann stark, von Büsch bis Hüningen. Zu Anführern derselben wählte ' l)Z man die Generale Nochambeau, la Fayctte, und Lnckncr. Nochambeau hatte, so wie la Fahime, die Frcyheit der nordamerikanischcn Colonicn erkämpfen helfen. La Fayctte, der seit der Niederlegung des Oberbefehls über die Nationalgarde, auf einem alten Fami- licnsitze i» Auvcrgne lebte, wo er sich ganz dem Land - und Gartenbau widmete, war (März 1792) wieder zur Armes berufen wor- den. Luckner war im siebenjährigen Kriege einer der thätigsten und entschlossensten Geg- «er der französischen Feldherren gewesen. Der König ließ diese Generale im Staatsrathe erscheinen, um sich von dem Zustande der ihnen untergeordneten Armeen Bericht erstatten zu lassen. Nochambeau erklarte, seine Armee wäre gut bewaffnet und montirt, aber ohne Kriegszucht; er würde sich daher auch blos auf Verthcidigung einlassen dürfen. Luckner sagte, im schlechten Französisch, die Kricgszucht bey seineu Soldaten wäre zwar nicht sehr gut; dieß habe jedoch nichts zu bedeuten; denn wenn er sich an die Spitze derselben stelle, so hätten sie vieles Feuer, und sie würden ihm überall folgen; „also offen- i?4 offensiv! offensiv!" La Fayette sagte nur wenig. Ucber den Bericht, >den die Gene» raie ablegten, waren die übrigen Minister so unzufrieden, daß sie mit Narbonne, der ihn veranlaßt hatte, nicht mehr im Staats» rathe sitzen wollten. Narbonne besaß zwar, so wenig als die andern Minister, das Zu» trauen der Nation; er war aber doch der« jenige, der unter ihren Repräsentanten die meisten Anhänger hatte. Dteß zog ihm den Neid und Unwillen seiner Cvllegcn zu. Sei» ne patriotische Thatigksit gestel überhaupt dem Hof nicht sehr, weil sie mit seinen Planen nicht überein stimmte. Man beschul» digte ihn, das Auswandern der Seeofficiere befördert zü haben. Narbonne sann schon auf seine Abdankung; als Nvchambeau, Luckner und la Fayette ihn schriftlich Kathen, seine Stelle nicht plcderzulegen. Ihre Schreiben wurden bekannt, und die Minister bestimmten nun den König um so eher, dem ihnen ver» haßten College» Narbonne (9. Marz 1792) seinen Abschied zu geben. Luckner äusserte sich darüber sehr freymüthig. Um den Nar» bonne zu rächen, klagten nun dessen Freunde den 155 den Lessart vor der Nationalversammlung an. Er wurde auf Befehl derselben verhaftet. Man machte ihm den Procesi. An seine Stelle trat Dumourier, der ihm seine Em» porhebung zu danken hatte. Da Mvleville, zugleich mit Narbonne, abgedankt hatte, wurde das Ministerium (zu Anfang des Aprils) ganz verändert; Noland übernahm die Besorgung des Innern, und Claviere die Finanzen. Dumourier, der sich gleich anfangs als «in unternehmender Mann zeigte, schien der Königin Eigenschaften zu besitzen, von wel« chen sie sich Vorthsil versprach. Sie stimm« te sich daher zu immer größerer Freundlich« keit gegen ihn herab. Endlich widmete sie ihm ihr Zutrauen so sehr, daß sie es wagre, ihm ihre Hcrzensmeynung zu eröffnen. Die« se hatte hauptsächlich die Befrcyung von dem Joche der jacobinischcn Minister zum Ge« gcnstande; von den Ministern, welche die dem Königthume so gefährlichen Plane des Iacobinerclubs begünstigten. Schon hatte (März 1792) die königliche Leibwache den Vürgcreid schwören müssen; schon war der König (29. Mäy) durch ein stürmendes An« dringe» 156 dringen des Pöbels gegen die Tuilerien zur Abdankung derselben genöthigt worden. Die Garde, sagte man, hätte vom Könige und der Königin, zu einer acw'ssm Bestimmung, eine weiße Fahne bekommen. Ob man sie nun gleich in dem Gewölbe unter der Ecole Militaire. vergeblich suchte, so drang doch die Nationalversammlung auf die Verabschie, dung. Der König, der deswegen mit Recht besorgt war, wollte dein Beschlüsse der Nationalversammlung seine Sanction entziehen. Aber die Minister weigerten sich das Schreiben, das seine Weigerung aukün- digte, zu contrasigniren; sie wollten ihn auch nicht in die Nationalversammlung be- gleiten. Sie drohetcn sogar, die ganze Garde würde niedergehauen werden; man würde selbst im königlichen Pastaste sich in Lebensgefahr befinden. Der König bedachte sich nun nicht weiter, die Verabschiedung seiner Leibwache zu sanctioniren. Um eine Kriegsmacht W haben, deren man sich zur Unterdrückung des Königthums bedienen könnte, beschloß, (6. Zun.) die Nationalversammlung, auf Antrieb der Jacobincr, in in der Nähe von Parts 20,000 Frcywillige zu 157 zu versammeln. Diese Zusammenziehung wollt te der König auch nicht genehmigen. Jetzt wendete sich die Königin an Dumourier. „Bcfreyen sie" sagte sie einst (Inn. 1792) zu ihm, „den König von drei) Männern, die ihm gleich unerträglich sind, die ihnen im Wege stehen. Sic können sich dadurch meines Gemahls ganzes Zutrauen erwerben; sie können sich das Ministerium ganz nach ihrem Gefallen aussuchen." Hierauf (io. Inn.) zeigte ein königliches Schreiben der Nationalversammlung an, daß die Minister Noland, de la Plattiere, Claviere und Ser- van ihre Entlassung erhalten hatten, und Dumourier, von den auswärtigen Angelegenheiten, zur Aufsicht über das Kciegsdeparte- menr übergegangen sey. Der König hatte sich erst gegen ihn nicht ungeneigt erklärt, zwey Beschlüsse, die für die damahligen Machthaber eine große Wichtigkeit hatten, die Verordnungen wegen der unbeeidigten Geistlichen, und wegen der Zusammenzie- hung von sogenannten Föderationslagern, die aus Nationalgardcn gebildet werden sollten, zu genehmigen. Voll Zuversicht legte ihm Dumourier diese Decrete vor. - Wie groß war 158 war jedoch sein Erstaunen, als er des KS, nigs hartnäckige Verweigerung der Sanclion sah, als alle seine Vorstellungen vergeblich waren. Da er nun, als Nathgeber des Königs, das Zutrauen der Nation vcrlohr; da er aller Aussicht, sich bcy seiner Minister, stelle zu behaupten, beraubt wurde, über, nahm er, das Kctegsministerium abgebend, den Oberbefehl über die Armee. Als Kricgsminister entwarf er den Plan, den Sstreichischen Monarchen auf seiner schwächsten Seite, das heißt, in den Nie, verlanden, die, seit Josephs II Zerstörung der Barrieren, nur noch durch die Fcstungs, werke von Luxemburg, und durch die Citta« Vellen von Antwerpen und Namur, geschützt wurden, die den Verlust der republikanischen Verfassung, die ihnen so theucr gewesen war, noch gar nicht verschmerzt hatten, anzugrei, fen. "Auch in Lüttich hoffte man durch die Freyheilsapostel, die man in den Franzosen zu sehen glaubte, von dem Bischöfe, der die kostbaren Vorrechts der Nation unter, brückt halte, bcfreyt zu werden. Die Zahl der in den Niederlanden versammelten öst, reicht. 159 reichischcn Truppen war nicht sehr ansehnlich» Um so leichter schien eine Unternehmung ge- gen die Lander an der Maas und Scheide. Zur Ausführung dieser Unternehmung waren die Nord» und die Centralarmee um ter Rochambeau und la Fayette bestimmt. Während daß Nochambeau von Valenciem nes, seinem Hauptquartiere, gegen Möns und Tournay vorrückte, sollte sich la Fayette, von Givet aus, der Stadt Namuv nahern. Jetzt zeigte sichs aber, daß der Geist der französischen Armee noch nicht so ganz ent, schieden für die Revolution gestimmt war; daß ihm vielmehr die zur Aufrechthaltung derselben nöthige Kraft und Entschlossenheit fehlte; daß sich die Haupter der Ewigrtrtcn in den schönen Erwartungen, die sie sich von der schwankenden Treue der französischen Truppen machten, nicht ganz irrten. Verschiedene französische Abtheilungeu gaben Beweise von Feigherzigkeit, von Pflichtvcrgcs- senheit. Der Vorlrab der Nordarmee, den Viron anführte, hatte (27. April) kaum den niederländischen Boden betreten, als, bey dem ersten Anblicke den Oestreicher, ein ganzes zes Cavallcriercgiment gleich davon sprengte, als gleich darauf der ganze Vortrab in der ängstlichsten Eile, nach Valcncienncs zurük» kehrte. Ein ahnliches Schicksal hatte Di!» lon, als er gegen die bcy Tournay mit Ent» schlossenheit ihn erwartenden Ocstreicher an» rückte. Es entstand unter seinen Leuten ein plötzliches Gsschrcy : „Verrätherey! rette sich, wer kann!" und damit eilte alles nach Lille zurück. Hier wurde Dillon, nebst einigen gefangnen Qestreichcrn, von den erbitterten Soldaten niedergehauen, und der Comman» dant der Artillerie aufgehängt. Nochambeau schämte sich dieser abscheulichen Kricgszucht so innig; auch ärgerte er sich so sehr über Dumouriers Ministerium, daß er, nebst ei» nigen andern Generalen, abdankte. Noch war in der Hauptsache nichts verlohrcn, und der den Oestreichern überlegene la Faystte konnte die Unternehmung gegen Namur al» lerdings fortsetzen. Allein im heimlichen Einverständnisse mit der königlichen Familie, war es ihm mit der Dekciegung der Oest» reicher kein rechter Ernst, wollte er vielmehr die Kräfte seiner Armee, und seinen Muth, zum Kampfe/ gegen »hie Zacobiner sparen, und i6l und er nahm daher (i. May) bey Nansen« ncs, in der Nähe von Givet, eine feste Stellung. Für Nochambeau trat erst Dillon, her« nach Luckner, als Oberbefehlshaber der Nord« armee, ein. Die Rheinarmee, die bisher unter ihm stand, hatte weiter nichts gcthan, als die Hohlwege bey Bruntrut bewacht. Jetzt (im May) besetzte Luckner manche Stadt in Flandern, die er aber, sobald (im Inn.) die Oestreicher erschienen, wieder räumte. So wenig benutzte man die schwärmerische Bereitwilligkeit der Franzosen, für das Va» terland zu fechten, die, anstatt 50,000 Ne« ernten, die die Negierung verlangte, 100,000 stellten; so wenig benutzten die französischen Heere die Zeit, die ihnen die noch nicht vol, lendeten Zurüstuugen ihrer Feinde gönnten. Diese Feinde erschienen erst nach vier Monathen an den Glänzen von Frankreich, nachdem Franz II zu Frankfurt am Mayn (5- Iul.) zum römisch, deutschen Kaiser ge« wählt und (14. Iul.) gekrönt worden war. Während der zu den Krönungsfeyerlichkeitei, Eallrlti Weltg. -op Tb. L vier r62 bestimmten vier Tage entwarf man das Ma« nifest, welches das Einrücken der vereinigten Truppen in Frankreich ankündigen sollte. Die erste Idee zu demselben gab Mallct du Pan. Die Ausarbeitung besorgte ein Emigrirter, unter der Leitung des Grafen von Coblenz und von Schulenburg, der Minister von Oestreich und Preusssn. Der Herzog von Vraunschwcig mußte (25. Jul) als Ober« befehlshaber des vereinigten Heeres, dieses Manifest, als eine Kriegserklärung, unter» schreiben. Dieser Fürst hat sich keine Zu, sähe, und keine Veränderungen, erlaubt, und noch weniger rührt das Ganze von ihm her. Verdient er also in Rücksicht desselben einen Vorwurf, so ist es blos der, daß er sich hat bereden lassen, dieses so schlecht berech, nete Manifest, im Nahmen des Kaisers Franz, und des Königs Friedrich Wilhelm, zu unterzeichnen. Der Kaiser und der König hätten (dicß war der hauptsächlichste Inhalt desselben) bey ihrem Einrücken in Frankreich blos die Wohlfahrt desselben zur Absicht; weit entfernt, sich in die innern Angelegenheiten Frank, i6z Frankreichs zu mischen, wollten sie nur dem Künig und seiner Familie ihre Frcyhcit wie» der geben, wollten sie dem König die nöthi» ge Sicherheit verschaffen, um, ohne Gefahr und Hindernisse, die zur Befestigung des Wohls seiner Unterthanen nölhigen Maßre» geln ergreifen zu können; die Nationalgar« den wurden hierdurch aufgefordert, sich bis zur Ankunft der östreichischcn und preussi» schen Truppen, für die Erhaltung der Nuhe zu verwenden, und dafür verantwortlich zu seyn; diejenigen aber, die sich den vereinig« ten Truppe» bewaffnet entgegenstellen würden, sollten, als Empörer gegen den König, als Fricdensstöhrer, gestraft werden; eben diese Behandlung drohete man allen Generalen, Officiercn, Soldaten, Municipalitäten, wel« che die Absicht der vereinigten Höfe nicht befördern würden; wenn aber jemand sich sogar erkühnen würde, auf die Truppen der» selben zu schießen, so sollte dessen Haus ab» gebrennl oder niedergerissen werden; die Stadt Paris sollte sich unvorzüglich dem König unterwerfen, und ihn in' Frepheit setzen; alle Glieder der Nationalversamm« lung, der Departemente, der Distrikte, L 2 soll, 164 sollten dafür verantwortlich scyn; würden die Tuilcricn gestürmt, würde dem Könige und seiner Familie die geringste Gewa>trhät'gkcit oder Beleidigung zugefügt werden, so sollte, zum Denkmahle einer exemplarischen, unvergeßlichen Rache, die Stadt Paris einer gänzlichen Zerstörung preisgegeben werden. Dieser Erklärung folgte zwey Tage später (27. Jul.) eine zwcyte nach, die in dem Falle, daß der König, die Königin, oder sonst eine Person von der königlichen Familie, aus Paris fortgeführt werden würde, allen Städten, und andern Ocrtern, die sich ihrer Durchführung nicht widersetzten, das Schicksal von Paris ankündigte. Der Ton dieser Erklärung erbitterte den Ratio« nalstolz der Franzosen zu sehr, als daß sie nicht ganz das Gegcntheil von dem, was die vereinigten Höfe durch dieselbe zu bewirken suchten, hätte hervorbringen sollen. Sie war die Hauptursache von dem Unglücke der königlichen Familie. Sie gab den Jacobi, nern, und den Girondisten, eine erwünschte Gelegenheit, dem Hasse des Volkes gegen das Königshaus eine stärkere Spannung zi, geben. „Man hätte", sagten sie, „jetzt blos die 165 die Wahl zwischen der alten Sclavcrey und dem Ruin der Stadt Paris. Wahrend daß die Gemüther der Franzo« ftn sich für den Empfang der vereinigten Truppen so ungünstig stimmten, rückte daS Heer derselben den französischen Granzen naher. Aber eben diese Truppen, die dem Könige zum Besitze seiner ehemahligen Rechte verhelfen sollten, gaben durch ihr Anrücken die Veranlassung, daß das Königthum in Frankreich um so eher abgeschafft wurde. Die listigen Jacobiner, die (isj. Zun.) in ihrem Club die Aufhebung der Monarchie sehe» Regierung beschlossen hatten, bestimm» tcn den pariser Pöbel zu einem Aufstande, der der königlichen Gewalt beynahe den letze ten Stoß gab. Das Volk drang (am 2otcn), unter der Anführung des Bierbrauers San» terre, der jetzt für den abgegangnen la Fayctte den Oberbefehlshaber der pariser Nationalgarbe vorstellte, 4 bis 5000 Mann stark, mit allerlei) Mordgewehren, in den königlichen Pallast, bis in das Zimmer des nur von 4 Schwcizergardisten umgebenen Königs, um die Santtio» des Decrets vom i66 9. Nov. 1791, welches jeden Emigranten zum Tode verurtheilte, und die Wiedcretn» setzung der jacobintschen Minister, zu crcroz« zen. Es wurden alle möglichen Schimpfte« den gegen ihn ausgestoßen. Der König, der, mit einer rochen Mütze auf dem Kopfe, die ihm ein Betrunkener aufgedrungen hatte, sich an ein Fenster angelehnt hatte, versuchte vergeblich alle möglichen Mittel, sich Gehör zu verschaffen. Endlich schrie Santerrc zu den lermendcn Haufen: „zum Henker! wenn wir alle reden wollen, so kann man nichts verstehen, und es kann nichts kluges heraus« kommen; hört ihr denn nicht, daß der Kö« nig reden will?" Der König benutzte den dadurch bewirkten Augenblick des Stillschwei« gens, mit ziemlich fester Stimme zu sagen: ich habe geschworen, die Constitution auf« recht zu erhalten; jetzt schwöre ich ihr uncr« schütteriiche Anhänglichkeit!" — Nun erho« ben sich aber von allen Seiten Stimmen: „oh, davon ist jetzt nicht mehr die Rede; sie haben uns das schon oft versprochen, und nicht Wort gehalten; wir wollen nicht, daß sie falsche Eide schwören sollen; entsagen sie dem Veto, und geben sie uns die Patriot!« sehen 167 schen Minister wieder!" An diese Worte schloß sich wieder ein ganzer Schwall von Schimpftcden. Endlich erschien der Maire Petion, von zwey Grenadieren emporgeho« ben. Er bewirkte, daß Stille, daß Ehrer« bicthung gegen den König zurückkehrte; aber der Pübel entfernte sich nicht so bald. Der König war über diesen Auftritt so ausser alle Fassung gekommen, daß er die rothe Mütze, auch noch nach der Entfernung des Pöbels, auf dem Kopfe hatte. Er beklagte sich über die seiner Würde unangemessene Behandlung bey der Nationalversammlung; allein Petion berichtete derselben, daß sich die Nation auf eine würdige Art benommen habe, und daß keine Ausschweifungen vorgefallen waren. Völlige Muthlosigkeit hatte sich des Kö« nigs damahls schon bemächtigt. Er hatte alle Hoffnung aufgegeben, einer gewaltsamen Unterdrückung sich widersetzen zu können. Hierzu kam sein entschiedener Widerwille ge« gen alle gewaltsamen Maßregeln, zu deren Gebrauche es ihm aber auch an Mitteln fehlte. Seine Garde war (zo. May) ver« abschiedet; die Schweizer sollten mit den Li« nien« i68 nicutruppen vereinigt werden; der Adel war ausgewandert. Die traurigen Folgen seiner Flucht, und die seit der Zeit erlittenen Demü- thigungen und Kränkungen, verleideten ihm je» den Gedanken an eine Unternehmung, sich zu rerten, wenn sie nicht mit der größten Sicherheit für seine Familie verknüpft scyn könnte. Vergeblich entwarfen daher seine hausliche» Nathgeber einen Plan nach dem andern, ihn aus seinen bedrängten Zustande herauszureißen. Auch la Fayette schien auft richtig entschlossen, des Königs Rettung auf alle mögliche Art zu versuchen; aber der Kö- nig und seine Gemahlin konnten sich nicht entschließen, einem Manne, den sie so lange als ihren Feind betrachtet hatten, ihr Vor» trauen zu schenken, und la Fayette gicng, «achdem er (28. Zun.) sich vergeblich bemüht hatte, die Nationalversammlung zu kraftvollen Maßregeln gegen die Jacobiner zu bewegen, wieder zur Armee. Mit ihm ver- lohr die königliche Familie wieder einen gut- mcynenden Anhänger mehr. Sein zweyter Nachfolger Santerre hatte den Plan gemacht, die Königin zu ermorden; er wurde aber noch zu rechter Zeit entdeckt. Seitdem beschäss- tigte 169 tigte sich aber der König beständig mit dem Gedanken an eine Ermordung, und er erwartete den Tod mit Gicichmülhiqkeit. Karls I Geschichte hatte jetzt einen besondern Reitz für ihn. Der gute König wünschte, um die Ehre der Nation gerettet zu sehen, von der Hand eines Meuchelmörders zu sterben, und er vermied daher sorgfältig alles, was einem rechtsbestanden Processi: gegen ihn zum Verwände hätte dienen können. Weil der König der Zusammenztehung eines Heeres von Freywilligen seine Genehmigung versagte, suchten sich seine jacobini- schen Feinde auf eine andre Art eine bereitwillige Kriegsmacht zu verschaffen. Sie versammelten alle entlaufene oder fortgeschickte Soldaten, die, unter dem Nahmsn der fö- dertrren, bcy Paris ein Lager bildeten. Sie zogen die berüchtigte marseiller Bande herbei). Diese Leute, deren Anzahl zu Anfang des Marz sich schon auf 750 Mann belief, bekamen zuerst täglich 6 Livres, hernach aber nur 40 Sous. Ihr Befehlshaber war ein Ludwlgsrittcr, dem sie bcy ihrer Annahme einen blinden Gehorsam zuschwören mußten. Er Er selbst erhielt seine Befehle von dem ge» Heimen Ausschusse der Iacobiner. Diese brauchten alle Verführungskünste, die Linien, truppcn für ibre Sache zu gewinnen. Die Garnison zu Nancy hatte sich aufrührerisch bewiesen, und das Schwcizerregiment zu Cha, teaur< Vieur hatte sich an die Aufrührer am geschlossen. Die Nationalversammlung ver, urthciltc die Anstifter zu dem Galcerendienste in Hafen von Brest. Allein die Iacobiner ertrotzten einen Beschluß, durch welchen die Verhafteten ihre Freyheir wieder erhielten; und nun wurde ihnen auf dem Marsfelde ein Triumphschmauß gegeben. Im Vertrauen auf die Föderirten, die sich taglich vermehrten, arbeiteten die Jaco, biner mit entschlossener Emsigkeit an der Ausführung ihres, die Abschaffung des Kö, uigsthums, bewirkenden Planes. Diejenigen, die diese Ausführung hauptsächlich leiteten, waren Petion, Manuel und Vcissot. Die beyden erstern wurden zwar von der Sectio», oder dem Gemeinderathe von Paris, mit Genehmigung des Königs abgesetzt; allein Brissot erkühnte sich (9. Iul.) den König und i7l und seine Minister (jener war sechs Tage vorher schon von Vcrgniaud förmlich ange- klagt worden) vor der Nationalversammlung der Treulosigkeit gegen die Constitution zu beschuldigen. Die Minister mußten am folgenden Tage (lv. Jul.) ihren Abschied nehmen , und Petion und Manuel wurden dagegen (iz. Jul.) wieder in ihre Stellen eingesetzt. Zur Beförderung dos jacobinischen Planes, nicht nur den königlichen Thron, sondern auch die neue Constitution umzustürzen, und, unter dem Scheine der Freyheit und Gleichheit (zwcy dem gemeinen Volke so schmeichelnde Nahmen!) eine republikanische Verfassung, oder vielmehr die Herrschaft einiger weniger, zu befestigen, diente auch das Bundesftst der Föderirten am 14. Jul. Diese hielten am Tage vorher, ihren Einzug in Paris. Ihr Anblick verursachte unter den gutdenkenden Einwohnern der Hauptstadt eine so schrcckenvolle Bcsorgniß, daß ihr Muth, etwas für die Rettung des Königs zu thun, ganz niedergeschlagen wurde. Der arme Ludwig war jetzt, gleichsam von allen redlichen Man- 172 Männern getrennt, auf allen Seiten von kraftlosen Schwachköpfen, oder von listigen Bösewichtern, umgeben. Wie sollte er da gerettet werden? Schon am l7tcn wurde er wieder in der Nationalversammlung treulos ser Absichten gegen die Constitution, und des Einverständnisses mit Frankreichs Feinden, be« schuldigt. Eben damahls (19. Jul.) verab» redten Franz II und Friedrich Wilhelm II, zu Maynz, den Operationsplan gegen Frank» reich. Elf Tage hernach hielten die marseil» ler Banditen ihren Einzug in Paris. Ver» gebcns drang der König (z r. Zul.) auf ihre Entfernung; vergebens ließ er die Garten der Tuilerien schließen. Die Nationalver» sammlung befahl, sie wieder zu öffnen; sie ließ einen derselben für sich in Besitz neh» wen. Noch wagt der König (z. Aug.) ei» nen muthvollen Versuch, die Nationalver» sammlung zur gemeinschaftlichen Aufrechthal, tung der Constitution aufzufordern; aber in eben der Versammlung trug Petion, im Nahmen der Stadt Paris, auf die Absehung des Königs an, und als sein Antrag von der Mehrheit der Stimmen verworfen wurde, wollte ihn die geheime Commision der Iacobi» ner. I7Z ner, durch einen Volksaufstand durchsetzen. Die Anstalten zu demselben wurden ganz öffentlich gemacht, und dennoch von der Mm lstcipalität nicht gehindert. Petion ließ sich von einen Pöbelhaufen verhaften, damit er einen Vorwand hatte, nichts zu thun. Er ließ das Gerücht verbreiten, daß er von den Anhängern des Königs ermordet worden sey, und die Wuth des Volkes wurde dadurch noch mehr gereiht. Am Morgen des zehnten Augusts rief, der getroffenen Verabredung gemäß, die Sturmglocke die Einwohner der Vorstädte St. Antonie und St. Marccau ins Gewehr, um, an die Mörderrolle der Füderlrtcn sich anschließend, den Pallast der Tuilerien zu bestürmen. Der Hof war auf diesen Angriff vorbereitet. Der König musterte seine Schwei, tzergarde, und fragte sie, ob sie zu seiner stand, haften Vertheidigung bereit wäre. Die Ba, tallione von der Nationalgarde, die die Tut, lerien bewachten, waren sehr gut für den König gesinnt. Ihre Officicre waren ihm völlig ergeben. Was hätten diese, in Vcr» bindung mit der Schweitzergarde, mit den Edel, 174 Edelleuten und den Nonalisten, welche hau» femvetse herbeyeiltcn, zur Rettung der kö» niglichen Familie nicht thun können! Wie entscheidend wäre vielleicht die Hülfe von zooo Schweitzern, die hcrbeyrüeken sollten, gewesen! Aber es fehlte auch jetzt dem guten Ludwig an kraftvoller Entschlossenheit. Er that, von seinen Hofleuten verleitet, man, ches, wodurch er sich das Zutrauen des Vol« kes cutzog. Als er, umringt von einigen Grenadieren der Nationalgarde, und von seinem adlichen Gefolge, im Garten der Tuilerien, durch die Glieder der Schweitzer und der bewaffneten Bürger gieng, wurde der Ausruf: „es lebe der König!" den ei, nige Schmeichler ausbrachten, nur einzeln wiederholt. Dieser Ausruf erregte den Un, willen der Nationalgardcn, die dafür immer die Nation hochleben ließen. Das adliche Gefolge des Königs, welches das „vivs la roi!" immer fortsetzte, ärgerte die Ratio, nalgarden so gewaltig, daß sie, zu dem Kö, nige sich hindrängend, ihn fragten: ob er denn glaubte, daß ihn die Hofschranzen bef, scr, als sie, verrheidigen würden? Allmah, ltg zog der größte Theil der im Garten anf, gc stell. 175 gestellten Nationalgarden ab, und viele Kai noniere verließen ihre Kanonen. Sie ver- stärkten die Gegenparlhey des Hofes. Oberbefehlshaber der pariser Nationalgarde war erst, seit la Fayette's Entfernung, Mandat, ein rechtschaffner, von den ihn untergebenen Leuten sehr geachteter Mann. Dieser hatte in der Nacht vom 9- 10. Aug. die zweckmäßigsten Anstalten getroffen, den Ausbruch des bevorstehenden Aufstandes zu verhindern, als er, um 4 Uhr des Morgens, plötzlich vor das indessen neugeschaffne Colle- gium der Vorsteher der Gemeinde von Paris vorgerufen, und mit den bittersten Vorwürfen der Vcrrätherey, mit der Beschuldigung, daß er den Mord des Volkes zur Absicht hätte, empfangen wurde. Man befahl ihm, ohne seine Verthcidigung zu hören, sich zu entfernen. Er gehorchte, aber auf der Treppe schoß ihm ein gcdnngner Bösewicht eine Kugel durch den Kopf, bracl» ten ihm andre verschiedene Stiche bei). An seine Stelle trat der Bierbrauer Santerre, als Oberbefehlshaber der Nationaigarde. Mandat, der, als er die Tuilerien verließ, gleich wie, I 176 wieder zurückzukommen hoffte, hatte keinem von seinen Sraabsofsicicren den einstweiligen Oberbefehl aufgetragen. Um so leichter war es den Feinden des Hofes, Verwirrung und Uneinigkeit unter die Nalionalgarden zu bringen. Die königlichen Minister ersuchten, als der Zug der Vorsiadter und Marscckler (io. Aug.) näher rückte, die Narionalrepräsen- tanren, die sich indessen versammelt hatten, den König mit einer Deputation von ihren Mitgliedern umringen; die Versammlung genehmigte aber dagegen den Vorschlag, daß der König, mbst seiner Familie, sich tu ihre Mitte begeben sollte. P tion, den der Hof gleichsam als Geisel in Schlosse behalten wollte, wurde von der Nationalversammlung abgerufen. Hierauf forderte Röderer, das mahiiger Procurator > Syndicus des Departements von Paris, den König auf, dem Verlangen der Nalivnalreprasentantcn Gnü- ge zu leisten. Ludwig wankte, aber seine Gemahlin bestimmte ihn. zu bleiben. Rödercr schilderte ihnen hierauf die mit ihrem langern Hierbleiben verbundene Gefahr. Dt? Köni< - 177 Königin mcynte, es fehle nicht an Leuten, die das Schloß verthcidigcn würde». Als man sie auf die Pflicht, das Leben des Köl nigs mnd seiner Familie keiner Gefahr aus« zusetzen, hinwies, rief sie: „wie, der KS- nig soll sich in die Nationalversammlung ge- rade zu der Zeit, wo man sich über seine Absetzung berathschlagt, begeben?" Nödcrer erklarte endlich dem König so dringend, man müsse alles befürchten, daß dieser seine Familie aufforderte, ihm in die Nationalversammlung zu folgen. Der König wurde von Nationalgarden und Schweitzern begleitet. Der Officier der Nationalgarde, der über die Bedeckung den Befehl führte, grenz voraus, um dem Volke, das auf der Terrasse stand, zu sagen, daß der König und seine Familie einem Beschlüsse der Nationalversammlung zu folgen, im Begriffe wären, und daß kein Soldat den von ihm besetzten Boden betreten sollte. So näherte sich der König, nebst seiner Familie, nur von wenigen begleitet, der Versammlung. Aber man gab ihm auf diesem Wege mehrere Beweise von der höchst ungünstigen Mcynung, die das Volt von setner Gemahlin hegte. Der Galielti Wcltg. -or Th. M König 178 König setzte sich in der Versammlung anfangs neben dem Präsidenten hin; man wies ihm aber bald die für die Zeitungsschreiber bestimmte Loge an. Gleich nach der Entfernung des Königs schlichen sich seine adli« chen Hofleute, in ihre Uebcrröcke eingehüllt, gleichfalls fort. Nach der Entfernung des Königs erhob sich ein schrecklicher Sturm gegen die Tuile- rien. Die zur Vertheidigung derselben aufgestellten 1600 Schweitzer, die nicht eher schössen, als bis es ihnen die Gegenwehre zur Pflicht machte, hielten sich so brav, daß sie auf 2oc> tödteten, und goo verwundeten. Aber bald sahen sie sich von den Nationalgarden, deren Weiber und Kinder sich unter dem andringenden Haufen befanden, verlassen.' Ihre Kräfte wurden endlich erschöpft; ihre Munition war vecschvssen. Sie warfen, um Gnade flehend, ihre Waffen weg. Aber nun wurden vom würhenden Pöbel gegen 900 derselben auf eine schreckliche Weise niedergemetzelt. Die Leichen der Ofsicicre mißhandelte man auf die schändlichste Weise. Alles, was im Schlosse war, wurde nieder- gesto- 179 gestoßen, das Schloß rein ausgeplündert, und zum Theil angezündet. Den ganzen schrecklichen Auftritt rechtfertigte man nun durch den Vorwand, daß die Royalistcn mit einer Gegenrevolution umgegangen waren, daß die Schweitzer zu erst geschossen hätten. Während des mörderischem Lcrmes that Pction der Nationalversammlung de» Vorschlag, die Nation, bey der gegenwärtigen Gefahr, aufzufordern, so schnell als es möglich wäre, zur Wahl einer neuen Repräsentanten- Versammlung zu schreiten, und den König, bis zur Ankunft derselben, seines Amtes zu entsetzen. Dieser Vorschlag erhielt sogleich die Genehmigung, und Ludwig wurde seitdem in der Gittcrloge, in der er alles dieß mit einer unbegreiflich scheinenden Gleich, mürhigkcit angehört hatte, genau bewacht. Zwey Tage hernach (12. Aug.) brachte man ihn, auf Manuels Vorschlag, mit seiner Familie, nach dem sogenannten Tempel, einem hohen, mit Mauern umgebenen Gebäude der ehemahligen Tempelherrn, wo man ihn, von allen seinen treuen Dienern entfernt, einsperrte. Ais er dahin fuhr, saßen Pecion, und noch ein andrer M 2 Muni- iZo Munitipalbeamter, in seinen Wagen, und das an den Seiten der Straßen stehende Volk schimpfte und drohete. Am Tage nach dem Sturme der Tüll« rien (ir. Aug.) wurden noch viele Königs» freunde auf dem Grcveplatze ermordet, und mehrere Tausend verhaftet. Um der gewaltsamen Vertilgung der Noyalisten eine rechtliche Form zu geben, wurde (17. Aug.) von dem Gemeindcrathe von Paris, gegen welchen die Jacobiner den alten vertauscht hatten, ein neues Blutgericht angeordnet. Präsident desselben war Nobespterre, seitdem der tyranische Alleinherrscher der Franzosen. Gmllot Maximilian Robespicrre, zu Arlas der Sohn eines verarmten Advocaten, und zuerst Chorsänger, wurde, wegen seiner Fähigkeiten, dem basigen Bischof von seinen Lehrern so gut empfohlen, daß er ihn, in seinem Pallaste, unter seiner Aufsicht erziehen ließ. Der muntre Knabe genoß hier, unter dem verderbten Hofgesinde des Bischofs, alle Freyheit verzogener Kinder. Seine unzähligen Schurkenstreiche galten iKi ten lange Zeit für Kindereyen, bis endlich der Bischof von seiner Bosheit so sehr übe« zeugt wurde, daß er ihn von sich entfernte. Er verschaffte ihm eine Freystelle im St. Louis Collcgium zu Paris. Hier brachte No» bespierre 9 Jahre zu, und so sehr als man seine Talente bewunderte, so sehr verabscheu» te^man seinen finstern, trotzigen, rachsüchti» gen Charakter. Er widmete sich hierauf der Rechtswissenschaft. Aber schon als Mitglied der ersten Nationalversammlung zeichnete er sich als einer der grimmigsten Königsfeinde aus. Seit der Absetzung des Königs war er in den Augen des gemeinen, von den Ja» cobincrn verblendeten Volkes, der Netter der Nation, ihr Abgott; er, der für niemand, selbst für seine Geschwister, keine freund» schaftlichen Gefühle hegte. Seine Parthey im Convente erhob sich allmählig zu einein fürchterlich gebicthenden Colosse, und bey den Jacobinern galt nur sein Wille. Und dieser furchtbare Mann war klein und häßlich; er hatte eine schwarzgelbe, gallsüchtige Gesichts» färbe; seine tiefliegenden, trüben Augen blin» zelten beständig; eine Folge konvulsivischer Bewegung, die ihm krampfstillsnds Mittel unent» IZ2 unentbehrlich machten. Eben deswegen drehte sich auch sein Hals oft von einer Seite zur andern, waren seine Hände und Schultern in steter Bewegung. Dabey konnte er niemanden gerade ins Gesicht sehen. Durch eine zierliche Kleidung, durch eine sorgfältige Frisur, suchte er die Fehler seines Körpers etwas zu verbergen. Seiner an sich rauhen und schreyenden Stimme wufite er durch seinen Proviucial» Accent eine größere Annehmlichkeit zu geben. Seine Deklamation blieb sich nicht gleich. Arm an Idee», aber desto reicher an Spitzfindigkeiten, entwickelte er in seinen Reden ein Gewebe von Gemeinsätzen über Tugend, Verbrechen, Verschwörung. Noch mehr nach literarischem, als nach politischem Ruhme begierig, unternehmend und doch zugleich furchtsam, ließ er sich nicht ungern einen Tyrannen schelten. Schwach und doch rachgierig, mäßig und doch sinnlich, keusch aus Temperament, und dennoch aus Eitelkeit die Gunst der Schönen erobernd, gab er sich oft dem stärksten Argwohn und Mistrauen preis. An Rvbespicrre schloß sich ein Danton, ein Marat, an. Georg Jacob Danton zu Arcis I8Z Arcis sur Aube, im ehemahligcn Champagne (1759) gebohren, von seiner Jugend an in Paris, und Advocat, nahm vielleicht mehr, als jeder andre, an den schrecklichen Auftritten des zehnten Augusts Thctl. Er war an« diesem Tage Justizministcr. In der Folge (20. Sept.) vertauschte er dieses Amt gegen die Stelle eines Volksrcpräsentanten, und die Abschaffung des Königthums war der Hauptgegenstand seines Bestrebens. Ihm brachte er eine große Menge Nvyalisten zum Opfer. Auch dieser schreckliche Mann vereinigte in seinem Charakter mehrere einander widersprechende Eigenschaften; Unvernunft und Kraftlosigkeit mit Klugheit und Kühnheit, Grausamkeit, Nachsucht, Wuth, mit Mitleiden, Theilnahme, Sanftmuth. Bey dem besten Willen erlaubte er sich die verabscheu- ungswürdlgsten Maßregeln. Arm an Kenntnissen, aber reich an Fähigkeiten, an Scharfsinn, an Phantasie, an Erfahrung, hielt er kurze, aber gediegene, eindringende Reden, deren Eindruck durch seine Stentorsstimme, durch seine furchtbare Miene, durch seine lebhafte Geberdcnsprache, mächtig verstärkt wurde. Und dieser hinreisscnde Redner war des i84 des Niederschrsibens seiner Gedanken unsä- hig. Von seinem gedrungnen, nervigen Körper, von seinem feurigen Temperamente, wurde er zur; Schweigern), zur Wollust auf» gefordert. Als Privatmann zeigte er sich offenherzig, dienstwillig, freygebig, ohne Haß, ohne Nachsucht, zeigte er sich populär ans Gewohnheit. Vorzüglich geitzte er, so wenig er es auch verdiente, nach dem günstigen Urtheilc des gebildeten Publicums. Vcrabschcuungswürdiger und boshafter, als Nobcspierre und Danton, war Ma< rat, aus dem Bezirke von Neuschatcl (geb. 1744), vor der Revolution ein um wissender, markschrcyerischer Arzt, hernach ein sinnloser Politiker, ein kenntnisiarmcr Schriftsteller, der das Journal, das er herausgab, nur durch die schandlichsten, mit entsetzlicher Frechheit vorgetragenen Ideen und Grundsätze zu heben suchte; der, wahrend er die Wiederherstellung der Monarchie in Vorschlag brachte, die Fackel des Bürgerkrieges immer starker entzündete; der ausschweifendste Mensch, der entschiedendste Bösewicht, mit einer abschreckend haßlichen, verzerrten Gesichtöbiidung. Durch sein unsinni- ges 185 ges Gcschrey in den Versammlungen der Secrionen bekannt, schien er der orlcani- scheu Parthcy gerade der Mann, wie sie ihn brauchte, wurde er von Danton erkauft, geleitet. An diese Häupter der jakobinischen Pars they reihetcn sich noch einige andre an, die es sich besonders angelegen seyn ließen, die jakobinische Schwärmerei) durch ihre Neben und Journale zu verbreiten. Solche Männer waren Vrissot, Carra, Gorsas. Bris- sot, ehedem mit dem Beynahw.en de War- ville, aus der Nachbarschaft von Chartrcs (geb. 1754) zeigte frühzeitig eine so ausgezeichnete Anlage zur Taschcndieberey, daß man diese Kunst mit seinen Nahmen (bris- soter) belegte, daß man die Gewandtheit in der Tauschung brillbMFL nennte. Seine Gewandtheit und Erfahrung in diesem Fache brachte ihn in den Dienst des berühmten PoliccyministerS le Noir, verschaffte ihm die Stelle eines französischen Staatsspions in Amerika. Diese both ihm die Materialien zu seiner Geschichte von Nordamerika dar. Um in Amerika desto glücklicher zu täuschen, nahm er die Maske eines Quakers i85 kers vor. Seitdem war in seiner Kleidung «nd in seinen Sitten die Einfachheit Herr» schend. La Fayette, der ihn in Amerika kennen lernte, ließ ihm seine Unterstützung angcdcihen. Sein „französischer Patriot" trug zur Verbreitung des jacobinischen Un< Wesens sehr viel bey. Carra, von seinem Onkel, einem Jesuiten, erzogen, aber wegen seiner Diebereyen früh, zeitig verdächtig, machte zu Wien und Ber» lin theils den Sprachmeistcr, theils den Staatsspion. Er war auch einige Zeit lang Sccrctar des Hospodars der Moldau. Dieß brachte ihn auf den Gedanken, eine Ge, schichte der Moldau und Walachey zu schrei» ben. Hierauf wurde er bey der Nationalbi, bliothek angestellt, und er gab sich, als einer der wüthendstcn Jacobiner, alle Mühe, dem Haß gegen die Königin, und das Haus Oest» reich, die höchste Spannung zu geben. Gorsas, der Sohn eines Schullehrcrs zu Versailles, sollte, als Mörder seines Va< ters, mit dem .Nade bestraft werden, als diese Strafe, durch die Fürsprache des Her» zvgs i87 zogs von Polignac, an welchen sich einer von seinen Verwandten gewendet hatte, in lebenslänglichen Galeerendicnsc verwandelt wurde. Die durch Toulouse gehende Ge« sandtschaft des Tippo Salb vcrhalf ihm zu seiner Freyheit; aber unter der Bedingung, sich von Versailles 40 Meilen entfernt zu halten. Die Revolution bewirkte seine Rück, sehr nach Paris. Hier sammelte er, zum Dienst für Orleans, manchen von seinen ehcmahiigen Gaieerenfreunden. Lange hatte seine Zeitung „der Courier der 8z Departemente" die jacobinischen Grundsahe zu verbreiten gesucht, als er erst von den Jacobi- nern in ihren Club aufgenommen wurde, und nun brauchten diese sein Journal, das Volk zum Aufruhr und zum Mord zu reihen, und alle Anklagen gegen den König, die Minister, und die Generale, in demselben niederzulegen. Neben diesen Hauptbcförderern des jacobinischen Greulspstems spielten auch Chabot und Merlin von Thionville bedeutende Rollen. Chabot, der Sohn eines Beckers, in einem Jesuitercollcgium erzogen, spielte mit man- IZs manchem Weibe und Mädchen einen Roman, bis er, um für seine Sünden, zu büßen, in den Capuztnerorden trat. Aus einem Münch ward er, nach der Revolution, erst Capil tain einer Compagnie der Nationalgarde, hernach Caplan des Bischofs Gregoire, und endlich Mitglied der zwcyten Nationalverl sammlung. Unter den Zacobinern zeichnete er sich, durch seinen Eifer für die Abschaft fung der monarchischen Regierung, besonders aus. Er gieng aus einer Sectio» in die andr'e, um das Volk zum Aufruhr zu reit tzen; er ließ in der Nacht vom xNen bis loten August die Sturmglocke anziehen; er that in der Nationalversammlung den ersten Vor« schlag zur Absehung des Königs. Merlin, einige Zeit Abbe, hernach Unterlehrer in eil ner Vorstadtsschule, that sich als Mitglied des Iacobinerclubs bald so sehr hervor, daß ihn derselbe seinen Auscrwahlten zugesellte, und sein jakobinischer Eifer gieng so weit, daß er sogar seinen Vater, als einen Feind der Republik, angab. Schade, daß ein Mann, wie Coudore cet, sich der Thellnahme an den Planen soll eher 1-89 eher Leute nicht entzog. Von einem alten Geschlechts zu St. Quinlin (geb. 1741) und vor der Revolution Marquis, zeichnete er sich, als philosophischer und mathematischer Schriftsteller, so vortheilhaft aus, daß er (1769) M-tglied der pariser Akademie, und (177z) Secrclär derselben wurde. Man schlug ihm, wie man sagt, die Stelle eines Hofmeisters des Dauphins ab. Dieß machte ihn aus einen Aristokraten zum Republikaner. Dennoch trauten ihm die Zacsbiner so wenig, daß sie ihn nur ans dem Grunde, weil einige von ihnen seine Gattin sehr liebenswürdig fanden, in ihre Mitte aufnahmen. Er gehörte zur Parthey der Girondisten. Seine republikanischen Gesinnungen äusserte er vornehmlich in seiner Chronik von Paris. Durch Häupter der jakobinischen Parthey, durch Rvbcspierre, Danton, Maral und ihre Gshülftn, unter welchen sich vornehmlich Collot d'Herbois, ehedem ein Schauspieler, auszeichnete, wurden alle diejenigen, die^ die königliche Negierung gerettet zu sehen wünschten, auf eine höchst unbarmherzige Art aus det Welt geschafft, wur, de 190 de der König und seine Fanimilie ihrer wü/ lhenden Kömgsfeindschaft geopfert, wurde der schrecklichste Despotismus über die fran/ zöstsche Nation verhängt. Der Einführung desselben den Weg zu bahnen, rechtfertigte sich (19. Aug.) die Nationalversammlung we/ gen desjenigen, was am zehnten August vor/ gefallen war. An eben dem Tage (26. Aug.) an welchem sie alle Geistlichen, die den Bür/ gereid verweigerten, als treue Anhänger des Königthums, aus dem Reiche verbannte, scheu/ te sich Vcrntaud nicht, ein Corps von Ty/ rannen/Mördern in Vorschlag zu bringen. Dieser wurde zwar nicht angenommen, aber dagegen erlaubte sich zwei) Tage hernach (28. Aug.) die Nationalversammlung die grausa/ nie Maßregel, zur Auffindung der Königs/ freunde, in Paris eine allgemeine Haussu/ chung zu veranstalten. Man verfuhr bey derselben mit der grüßten Sorgfalt. Am Ende einer jeden Straße bildeten National/ garden eine Kette. Auf der Seine fuhren Schiffe mit Bewaffneten umher. Auf allen zum Fluß führenden Treppen, auf allen Kayen, standen Schildwachen. Die Varrie/ ren wurden genau bewacht. So war es, nach I9l nach iO Uhr des Abends, nicht mehr möglich, ausserhalb seiner Wohnung zu seyn; so konnten die, die man suchte, nicht entwischen. Drcy Tausend Personen wurden sogleich in die Gefängnisse geschleppt, und die Zahl dieser Unglücklichen vermehrte sich tag, lich. Bald kamen jedoch die Tage, (2—7. Sept.) wo diese Unglücklichen, mit der entsetzlichsten Zustizform, gemordet wurden. Die Volksreprasentanten, welche die Aufsicht darüber führten, saßen, vor den Thoren cher Gefangnisse, a» großen Tischen, auf welchen Papiere, Tabackspfeifen, Säbel, Boutellien und Gläser unter und über einander lagen. Die Verhafteten führten schrecklich aussehen, de Menschen herbey, die mit Säbeln, Pi« ken, Keulen bewaffnet waren, deren Hände und Arme noch die blutigen Spuren ihrer Henkcrbeschäfftigung zeigten. Anstatt die Vcrthetdiguug derer, die man zum Scheine verhörte, mit gesetzlicher Nuhe zu uutersu, chcn, erlaubte man sich über dieselbe noch einen unmenschlichen Spott. Bald lernten diejenigen, denen ihr trauriges Loos noch bcvpr, 192 bevorstand, die Sprache ihrer Henker verstehen. „In die Abtey, nach la Force!" kündigte daS Todesurtheii, und „es lebe die Nation!" die Vollziehung desselben, an. Die in dem Gefängnisse noch zurückbleibenden hörten, ihre Todesstunde erwartend, das Röcheln ihrer sterbenden Mitbrüdcr, die klirrenden Dolche, und die dumpfen Keulen« schlüge, vermischt mit dem Brüllen der Um geheuerrottc, die, im Blute ivadend, neue Opfer forderte. Das unmenschliche Morden verbreitete sich auch über die Schweitzer, die, seil dem io. August, in der Abtcy saßen, über 5 bis 6oo Geistliche, die in dem Gefängnisse des Carmelitcrklosters eingesperrt waren. Die Zahl aller auf diese Art Hingerichteten belief sich auf 7000. Haupturhcber dieser Mordsee« nen war, ausser Danron, der Maire Pction. Dieser, in seinen jüngern Jahren ein, das Recht mißbrauchender Advocat, hatte durch seine Ranke es durchgesetzt, daß er, anstatt des wackern la Fayette, zum Maire von Paris gewählt worden war. Dieser erschien, zwcy Tage vor diesen Mordscenen, an der Spitze I9Z Spitze der pariser Municipalitat, vor der Nationalversammlung, und einer von seinen Begleitern äusserte laut: ,,wir haben die Geistlichen verhaften, und in mehrere Hau« ser verthcilen lassen; in wenig Tagen wird der Boden der Freyheit von ihnen gereinigt seyn." Orleans hatte unter den Opfern die« ser grausamen Justiz einen Gegenstand von besondrer Wichtigkeit; die in la Force ver« haftete Prinzessin von Lamballe, die Ober« hvfmeistcrin der Königin, deren Vermögen er erbte. Aber im höchsten Grade verab« schcuungswürdig war die Behandlung ihres Körpers. Ihr Kopf wurde in den Tempel gebracht, und Ludwig mußte, ihn zu sehen, an das Fenster treten. Man trug ihn hier« auf zu Orleans, der ihn mit stiller Kalte betrachtete. Die Mitglieder des Gemeindeausschusses, welche die Aufsicht über diese Hinrichtungen führten, ein Billaut > Varcnncs, ein Ma« »ucl u. s. w. mischten unter den vielen Brannrewein, den sie unter ihre Henkerge» seilen ausiheilten, Schießpulver. Billaut gierig, mit der Municipaiitäischerpe geziert, Eallctti. Weltg. -or Th. N über 194 über Haufen von Leichnamen, in die Abtey, und sagte zu den schrecklich beschäsftigien Mördern ganz kalt: „brave Bürger! ihr vertilgt, wie ich sehe, diese Elenden! ihr thut eure Pflicht, und verdient die größte Belohnung!" Manuel forderte in einem dutch das Siegel des Justizministers Dans ton bekräftigten Schreiben, alle Dcpartes mcntsräthe zu einer ähnlichen Ausrottung der Vaterlandsverräthcr auf, und diese Auf« fvrderung veranlaßte zu Lyon, und in am dern großen Städten, die Hinrichtung von vielen unschuldigen Leuten, die das Unglück hatte», für Gegner des jacobinischen Sy« stems zu gelten. Um diese Zeit war es, daß man, um die Verurtheiltcn schneller aus der Welt zu schaffen, die Guillotine einführe te. Sie erhielt ihren Nahmen von dem Arzte Guillotin, einem Mitglied«: des Eon« vents, der, als er wegen der Bcschleunignng der Hinrichtungen befragt wurde, dieses schon weit früher bekannte Werkzeug, in Vorschlag brachte. Aber der Kummer über den schreck« liehen Mißbrauch desselben machte ihn uns glücklich. Die marseillcr Mördcrotte holte sogar (9. Scpt>) 56 Staatsgefangne, von Orle, 195 Orleans nach Versailles, um sie daselbst ih» rer Wuth aufzuopfern. Unter diesen besam den sich die ehemahltgen Minister Lcssapt und Vrissac. Montmorin war schon frühem ein Gegenstand derselben. H Viele von den Unmenschen, welche zu Paris, und an andern Orten,, diese Mord« scenen hcrbevgeführt hatten, traten nun als Mitglieder in die neue Versammlung, durch welche die französische Nation repräsentier werden sollte. Die Wahl derselben hatten die Jacobtner durch ihre Ranke zu bewirken gewußt. Durch die Schreckensnachrichten, die sich von Paris in die übrigen Gemeinden verbreiteren, wurde mancher redliche Mann bewogen, sich in seinem Hause zu verbergen, und sich der Thetlnahme an den Wahlver« sammlungen zu entziehen. Um so eher koun« tcn die Zacobincr ihren Einfluß auf dicsel« bcn geltend machen, konnten sie durch ihre verführerische Darstellung der republicani« schon Freyhcil und Gleichheit immer mehre« re Leute gewinnen; konnten sie gerade ih« rc leidenschaftlichsten Anhänger wählen lassen. Aller ihrer ränkcvollen Bemühungen unge« N 2 achtet. ?9<5 achtet, bestand doch kaum der dritte Theil der Repräsentanten der Nation aus Mitgliedern des Zacobinerclubs. Diese waren jedoch schon hinlänglich, dem Gang der Verhandlungen die ihren Planen angemessene Richtung zu geben. In dem Zacobiner, club war gewöhnlich alles das, was in dem Convente verhandelt werden sollte, schon vorbereitet. Die etwas vortragenden Häupter derselben konnten mit Sicherhett auf den lebhaftesten Beyfall, auf die krastvolleste Unterstützung ihrer Meynung, rechnen. Die Hindernisse waren schon vorher aus dem Wege geräumt. Es war gewöhnlich schon vorher ausgemacht, wer Präsident, wer Secre- tar werden sollte. Die Canzley des Eon« vents befand sich im Einverständnisse mit den Jacobinern. Man verschaffte sich da, durch die Gelegenheit, Gegenstände von Wich, tigkeit nur in dem günstigsten Zeitpunkte der Verhandlung zu unterwerfen, und eben diese Verhandlung willkührlich zu schließen. Man konnte, in bedenklichen Fällen, sich durch den Mißbrauch der Präsidenten-Vorrechte helfen. Dieß war der Geist der neuen Ver, sammlunz, der sogenannten Nationalconven, lion 197 tlon, welche die Stelle der (21. Sept. 1792) aufgelösetei, zweyten oder gesetzgebenden Na« ttonalvcrsammlung einnahm. Sie wurde, un» ter des Präsidenten Petion Vorsitze, in den Tuilerien eröffnet. Diese äusserte sogleich als ihren Hauptzweck die Abschaffung des Königthums, und die Aufhebung der bisher rigen Constitution. Vier- 193 Vierter Abschnitt. Die Vereinigten rücken in Frankreich ein. Die Prcussen erobern Longwy, Verdun. Kanonen- treffen be» Valmy. Traurige Lage und Rückzug der Vereinigten. Lille und Thionville vergeblich bombardiert. Die Franzosen erobern Erwogen, Nizza, Vrnntrut. Cusiine bcftlst Speyer, Maynz, Frankfurt. Dumourier siegt bei) Jemappe. Belgische Revvlutionsgreucl. Aiese schrecklichen Austritte im innern Frank« reich ereigneten sich zu der Zeit, als beson« ders seine Hauptstadl, von einer ansehnli« che» Armee der vereinigten Machte bedroht wurde, und der Zeitpunkt, mit welchem die Nationalconvention ihre tyrannische Regie« rung eröffnete, sicherte das Volk von Paris durch 199 durch einen Waffenstillstand, und durch den Nuckzug der Preussen. So wie der Anmarsch der Vereinigten auf die Vorfälle in Paris einen lebhaften Einfluß hatte, so zeigten sich die Folgen dieser Vorfälle wieder sehr wirksam auf die Unternehmungen der Oestreicher und Preussen. Während daß jener Anmarsch, dessen Eindruck das Manifest des Herzogs von Braunschwcig verstärk, te, den Nationalstolz der Franzosen bis zur höchsten Erbitterung reihte, diente er den Jakobinern zu einem vortrefflichen Mittel, den Haß gegen die königliche Familie bis zum Untergänge derselben zu vergrößern. Es geschah also gerade' das Gegentheil von dem, was die Vorspiegelungen der Emigrirten diejenigen, welche die Unternehmung zu leicht beurtheiltcn, erwarten ließen. Nachdem die Truppen, aus welchen das vereinigte Heer bestand, in der Gegend von Maynz, schon seit mehrern Wochen versammelt gewesen waren, traten sie endlich, in der zwcyten Hälfte dos Augusts, ihren Marsch nach den Gränzen Frankreichs an. An die 50,000 Preussen, die ihr König an den 200 den Rhein marschieren ließ, schloß sich noch eine östreichische Abtheilung unter dem Ge, nerale Clairfait, schlössen sich noch einige tausend Hessen unter ihrem Landgrafen, und cm kleines Heer von Emigrirten (etwa 4000) unter dem Prinzen von Conde an. Di- ganze Macht unter dem Oberbefehle des Herzogs von Braunschweig betrug über 70,000 Mann, und das Vertrauen derselben wurde durch Friedrich Wilhelms II Anwesenheit gar sehr vermehrt. Die französischen Armeen be< fanden sich noch gar nicht in der Verfassung, den eindringenden Feinden einen nachdrückt lichcn Widerstand entgegen zu setzen; ein früheres Anrücken würde' daher ihre Verlee genhett sehr vergrößert haben. Vielleicht wären auch die Erwartungen der Emigrirten, die sie auf ihr Einverständniß mit manchem Officiere, und selbst mit dem Oberfeldherrn la Fayette, gründeten, eher erfüllt worden seyn. Dieser General stand zwischen Scdan und Givet, und zwischen ihm und der Rhein- armes unter Luckncr war ein unbesetzter Raum von wenigstens zehn Lieues in der Lange. La Fayette, der die Wiederherstellung der Monarchie zur Absicht hatte, wollten den Oestrei- 20l Sc streichen', und Preussen das Eindringen in Frankreich erleichtern. Aber er fühlte sich bald von der Unmöglichkeit, seinen Plan auszuführen, überzeugt. Als er (14. Aug.) die Commissarien der Nationalversammlung, die seiner Armee das Ende des Königrhums bekannt machen sollten, in Vcrhast nehmen ließ, reihte er den Unwillen der Jacobiuers haupter so gewaltig, daß er, um den Wir« kungsn desselben zu entgehen, den Entschluß fassen mußte, nebst seinem Generalstaabe, sich von der seinem Befehle unterworfenen Armee zu entfernen, um nach Holland zu gehen. Aber er gieng auch hier einem sehr ungünstigen Schicksale entgegen. Er ges rieth, bey Rochefort im Luxemburgischen, in östreichische Gefangenschaft, und wurde erst nach Wesel, sodcun nach Magdeburg, und endlich nach Olmütz, auf die Festung Spielberg, gebracht. So trat la Fayctte vom politischen Schauplätze ab, der, wenn ihn keine jacobinischen Ränke auf sei« »er Laufbahn Hemmren, sehr vieles von dem Unglück, was die französische Nation späterhin traf, verhindern konnte. An la Fayette's Stelle trat Dumourier als Obers 202 Oberfeldherr der französischen Armeen, die, nebst ihren Officieren, jetzt den Dürgereid schworen. Die französischen Armeen schienen, am fangs das Eindringen der Feinde nicht kraft- voll genug verhindern zu können. Die Ver< einigten rücken (im Aug.) durch Luxemburg und Lothringen heran. Sie bemächtigten sich der festen Stadt Montmedi; die kleine Festung Longwy, an der Mosel, fiel (2z. Aug.) nach einer kurzen Gegenwchre der 2,500 Mann starken Besatzung, oder viel« mehr nach einem kurzen Bombenangriffe, mit einem großen Vorrathe von Munition und Lebensmitteln, in die Hände der Bereit nigten, über welche der General Clairfait den Oberbefehl führte. Die Besatzung be- dnng sich einen ftcyen Abzug aus. Die Oestreicher und Preuffcn drangen hierauf schnell gegen Berdun vor. Sie wollten von da gerade nach Paris gehen, um, durch die Bezwingung der widerspenstigen Hauptstadt, das Ende der Jacöbinerherrschaft desto schneller hcrbcMiführcn. Verdun war diejenige Festung, die ihnen auf diesem Wege noch Him 2OZ Hindernisse entgegen setzte. Ihre Werke konn« ten jedoch keiner langen Belagerung trotzen, und die auf allen Seiten sie umgebenden Anhohen machten ihren Angriff den.Feinden sehr leicht. Als daher die Stadt eine Nacht hindurch bombardirt worden war, drang die die Besatzung an Zahl übertreffende Bürger« schaft, die ihre Stadt einer fruchtlosen Ver« theidigung nicht preisgeben wollte, auf die schnelle U-bergabe. Die Garnison durfte (2. Sept.) mit aller militärischen Ehre, sogar mit zwey Kanonen, abziehen; aber der braue Commandant Beaurepairs fühlte die Krankung, die ihm anvertraute Festung nicht langer ver« thcidigen zu können so innig, daß er sich eine Kugel durch den Kopf schoß. Nach der Einnahme von Vcrdun glaub« ten nun die Vereinigten, durch Champag« ne ungehindert nach Paris marschieren zu können. Die prcussischcn Soldaten erkun« digten sich schon, wie weit Paris von Ver« dun noch entfernt wäre, und ihre Osiciere dachten schon darauf, wie sie sich, für die ausgestandenen Beschwerlichkeiten, im Palais royal entschädigen wollten. Die Feldherren der der Vereinigten ließen die hinter ihnen seit» tvartslisgende Festung Thionville, durch eine östreichische Abthcilung, einschließen. So rei» tzend aber ihre Erwartungen waren, so wer mg wurden sie erfüllt. Dumonricr wußte, vom Glück begünstigt, ihren Marsch nach Paris zu verhindern. Diesem Marsche stand der Wald von Arzonne, zwischen Sedan und St. Menchould, im Wege. Höchstens iz Lieus lang, und z bis 4 breit, trennt er das fruchtbarste und reichste Land von Frankreich von der sogenannten Champagne pvuilleuse, der unwirthsamsten, des Wassers, der Baume, der Weiden, beraubten Gegend zwischen dem Rheine und dem atlantischen Meere, wo nur wenige Menschen in arm» seligen Dörfern leben. Durch diese Gegend rückten die Vereinigten an. „Mein Vetter," sagte der Herzog von Braunschweig < OelS, „wollte sich einen Lorbeerbaum pflanzen, aber er fand ein undankbares Erdreich!" Durch den Wald von Argonne führten fünf enge Wege. Diese beschloß Dumouriec zu besetzen, und hier sollten die Vereinigten sein Thermopylä finden. Die ganze Macht, die 205 die ihm zu dieser Absicht zu Gcbothe stand, beiief sich aber nicht höher, als auf 2Z,ooo Mann. Unter diesen befanden sich 5000 zu Pferde, die aus vortrefflichen Cavallerie« Regimentern bestanden, und 18,000 Mann zu Fuß, die meistens aus Lienieninfanterie, und sodenn aus geübten Bataliionen von Nationalgarde, zusammengesetzt waren. Diese geringe Macht hoste jedoch Dumourier, wenn er nur Zeit gewinnen konnte, ansehnlich verstärkt zu sehen. Der Schauplatz dieser für Frankreich so wichtigen Vcrtheidigungsanstalten war in der Nachbarschaft von Clermont au der Marne^ westlich von Nerdun. Nach diesem setzte sich Dumourier am Tage der Capitulation von Vsrdun (2. Sept.) in Bewegung. Der General Dillon rückte über Varennes, und durch den engen Paß von Chaiade bei) Ist lettcs, au. Dadurch wurden die beyben Hauptstraßen von Verdun und Varennes für die Vereinigten gesperrt. Dumourier besetzte hierauf die Stellung bey Gran Pre', nordwestlich von Varennes. Dieß setzte ihn in den Stand, den Weg nach Rheims, so wie 206 wie den Zugaug bey Croix«aux > boiS, zu be< wachen. Durch eine Abtheilung von der Nordarmes unter dem General Dnval wur« de auch der fünfte Weg durch den argouner Wald unzugänglich gemacht. Dumourtcr selbst stellte sich, westlich von Clermont, bei) St. Mcnehould, auf einer beträchtlichen Anhöhe, auf, wo er rechts von dem Walde, links von der Aire, und im Nucken von der Ais« ne, Nebenflüssen der Marne, gedeckt wurde. Hinter der Aisue stiegen noch höhere Berge empor. Die ganze Stellung schlössen furcht« bare Batterien ein. Friedrich Wilhelm II ließ sich von Du« mourters listigen Aulrage, daß er, in Verbindung mit den Vereinigten, nach Paris marschieren wolle, um dem Könige seine Freyheit zu verschaffen, so tauschen, daß er den rechten Zeitpunkt, durch den Wald von Argonne vorzudringen, versäumte. Endlich faßte der König den Entschluß, nur eine Abcheiluug von Hessen und Oestreichcrn vor dem Walde zurücklassend/ ihn zu umgehen, und bis zu de» Höhen von LandreS vorzu« drin« 207 dringen. Hier fand man nun Dumonricrs Armee in einer sehr verschanzten Stellung. Dieser standen die P'reussen und Oestrei, chcr mehrere Tage gegenüber, ohne einen Angriff zu wagen; doch zeigte sich ihr längerer Aufenthalt in dieser eingeschränkten Gegend immer besorgnlßvoller. Zu dem von den französischen Armeen schon ausgezehrten Lande wurde der Mangel immer fühlbarer. Die Vorrärhs von Longwy und Verdun waren verschwunden. Nur von Trier und Luxemburg, also aus einer ziemlich weiten Entfernung, stand der Weg der Zuführe noch offen, aber auch dieser wurde von den Franzosen abgeschnitten. Der Herzog von, Braunschweig hielt den Rückzug schon für höchst nöthig, als (iz. Sept.) Clairfait Du, mvuriers Versehen, den Posten bey Croix, aux-bois zu emblößen, zur Besetzung dcssel, ben benutzte. Indessen drang auch eine Ab, theilung von Emigrirtcn, durch einen zwep, ten Paß, bis nach Vouziers, westlich von Croix-aux-Kols, vor. Jetzt waren den Vereinigten zwcy Wege nach Champagne geöffnet. Dumouricr sah sich sich nicht nur von den Heyden Abheilungen, die diese Zugänge bewachen sollten, sondern auch von dem mit 10,000 Mann bcy Rhe« tel siehenden Bcurnonville gelrennt. Vor sich harre er 40,00-0 Preussen, und hinter sich den General Clairfair mit 25,000 Mann. Aus dieser Verlegenheit wußte sich jedoch Dumouricr durch seine Generalsklugheit her« auszuhelfen. Er zog sich bis zu den Höhe» von Aum) zurück, und bewirkte dadurch seine Vereinigung mit Bcurnonville und Keller, mann, die ihm 25,000 Mann der besten Linientruppcn, ein Drittel gute Cavallerie, zuführten. Kellcrmann, den nur noch ein Weg-von 2 Stunden von Dumouricr trennte, besetzte (20. Sept.), aus Unkunde des Bo, Kens, die Anhöhen bey Valmy, westlich von St. Menehould, deren enger Raum unter seinem Gepäcks eine Unordnung veranlaßte, der Kellermanns kluge Anordnungen jedoch bald wieder abhalfen. Die Preussen, die ihn links zu umgehen suchten, machten hier, Hey la Lüne, als ihre Infanterie in Einer Collonue von der Anhohe herab in das Thal rückte, um die auf den gegenüberliegenden Anhöhen sie, hcndcn, verschanzten Franzosen anzugreifen, ein 209 ein den taktischen Kenntnissen zur großen Ehre gereichendes Manöver. Es erfolgte jetzt eins der schrecklichsten Kanoncnfeuer, welches auf Heyden Seiten, von mehr als 20,000 Schüssen, unterhalten wurde. Keller« man», trotzte feststehend den, ganze Reihen von seinen Leuten, wegraffenden Kugeln der Preussen. Von den preussischen Soldaten, die im Thale H^lt machten, wurden auch viele von den französischen Kugeln niedergestreckt. Vergebens Kathen sie zu wiederholten Mahlen ihre Ofsiclere, sie vorwärts zu führen, und als sie endlich den Befehl zum Rückzüge erhielten, schwenkten sie sich mit der ruhigsten Gelassenheit, um wieder nach ihren Anhöhen zu marschieren. Kellermarm machte am Abend dieses Tages, im Angesichte der Preussen, eine so geschickte Schwenkung daß er, mit dem rechten Flügel an Dumouricrs Armee sich anlehnend, sowohl seine Fronte, als seinen linken Flügel durch Anhöhen sicherte. Friedrich Wilhelm II schmeichelte sich, wie man erzählt, noch kurz vorher, ehe seine Infanterie in das Thal rückte, mit dem Wahne, Galletlj Weltg. -or Tb. Q daß 210 daß Dumourier sich an ihn anschließen wür< de, und als er sich in diesem Wahne gel täuscht sah, wollte er im Gefühle des Uiu muths die Franzosen wirklich angreifen lassen; der überlegsamere Herzog von Braunschweig setzte aber der Ausführung seines Entschlusses wichtige Gründe entgegen. Der Angriff der Franzosen, sagte er, würde, bey ihrer furchtbaren Stellung, vielleicht 6 bis 8ooc> Mann kosten, und selbst wenn er glücklich ausfiel, doch nichts bewirken. Dumourier könnte sich nach Chalons, südwestlich von St. Menehould ziehen, und sich daselbst an das ehemahlige lucknersche Nescrvecorps am schließen; durch das weitere Vorrücken der Preussen würde ihnen aber die Verbindung mit Verdun erschwert werden. Der Herzog von Brannschweig hatte aller, dings sehr gegründete Ursachen, den Rück, zug anzurathen. Dumouriers Stellung war durch die Natur des Bodens, und durch seine große Artillerie, völlig gesichert. Seine jetzt ans 60,000 Mann von meistens gedienten Leuten bestehende Armee erhielt von allen Seiten neue Mannschaft, um die zur Ein, Einschließung der Preussen nöthigen Posten zu besetzen. Indessen befand er sich selbst noch immer in einer ziemlich bedenklichen Lage. Der Herzog von Braunschweig bedrohet« seine Fronte, der Prinz von Hohcnloh seinen Rücken. Sein Heer litt, von Rh« tcl, Rheims und Chalons abgeschnitten, einen fühlbaren Brodmangcl. Schon weissagte man in Paris, so wie in Deutschland, seinen Untergang. Paris zitterte schon vor dem Schicksale, von den Deutschen überwältigt zu werden. Man fieug schon an, die große Stadc zu befestigen. Die Nationalversammlung schickte dem Dumourier einen Befehl nach dem andern, sich zurückzuziehen; aber seine Sündhaftigkeit war unerschütterlich. Der im Tempel eingesperrte Ludwig wurde, wie man sagt, von Manuel, Perion und Kersaint beredt, an den König von Preussen zu schreiben, und ihn zu bitten, daß er, um ihn und seine Familie zu retten^ sich aus Frankreich wieder herausziehen möchte. Dem König von Preussen, und noch mehr dem Herzog von Braunschweig, war O 2 s um um diese Zeit ein Verwand, den Rückzug anzutreten, sehr willkommen. Die Preusscn und ihre Hülfsgcnvsscn befanden sich in einer Lage, die sie aller ferncrn Unternehmungen in Frankreich unfähig machte. Sie kämpf« ten mit der entsetzlichsten Witterung, mit dem drückendsten Mangel, mit den tödlich« sten Krankheiten. Ein anhaltender Regen versetzte ihr Lager so sehr in Wasser, daß sie sich in ihren Zelten nicht mehr trocken zu legen wußten, daß ihre Kleider durchnäßt waren, daß ihre Schuhe faulten, daß ihre Pferde den Huf verlvhren. Durch das schlechte Wetter wurden die Wege, auf wel« chem die Lebensmittel ihrem Lager zugeführt werden sollten, so verdorben, daß sie viel später, als berechnet war, anlangten. Von ihrem Lager bey la Lüne bis zu ihren Ma« gazinen in Luxemburg, war die Entfernung nur 28 Stunden. Aber dieser Weg war, obgleich mit Bäumen aus dem nahen Walde belegt, so abscheulich, daß die preussischen Brodwagen, vom frühesten Morgen bis zur dunklen Nacht, oft nur z'wcy Stunden zu« rücklegtcn. Zu nähern Wegen waren die Zugänge von den Franzosen besetzt. In dieser a trau« 2IZ traurigen Lage hatten die preussischen Sol< baten manchmahl in mchrcrn Tagen kein Vrod. Der Hunger nöthigte sie nun vieles, zum Theil noch nicht reifes Obst zu genießen. Dieß zog ihnen, verbunden mit der Nässe, die Ruhr zu, an welcher taufende darnieder lagen. Jetzt blieb den Preus- sen weiter nichts, als ihre kunstvolle Taktik, übrig, und diese konnte ihnen gegen die vortrefflich bedienten Batterien der Franzosen keine großen Dlenste leisten. Wie leicht war es für Dnmourier, wenn ihm die Verlegenheit der Prenssen recht bekannt gewesen wäre, sie bis zur Notwendigkeit des Gewehrstreckens zu bringen. Der König von Preussen schickte, zwey Tage nach dem Kanonenfeuer bey Valmy (22. Sept.) seinen Obersten Mannstein in das französische Hauptquartier, einen kurzen Waffenstillstand zu unterhandeln. Vergebens be, mühete sich der prcussische Oberste dem französischen Obergeneral von der Wichtigkeit des Dienstes, den er, durch die Veförde, rung des Planes der Vereinigten, nicht nur seinem Vaterlaude, sondern dem ganzen Europa -14 - ropa leisten würde, zu überzeugen.' Nach zwey Tagen (am 24.) erschien MannsteiN zum zweyren Mahl. Unter den Punkteff die er zur Einleitung in die Fricdensunter« Handlungen in Vorschlag brachte, war die Befrcyung des Königs, und dessen'Wieder« rinsetzung in seine ehemahiige Gewalt, der vornehmste. Dumourier gab dem Herrn von Mannstein, statt aller Antwort, den Na- tionalbeschluß vom 21. September, durch den die Abschaffung des Königlhums, und die Einführung der republicanischen Verfassung, festgesetzt worden war. Am 2Ztcn Sept. gieng der Waffenstill« stand zu Ende. Die Prcussen hatten ihn zu den Vorbereitungen zu ihrem Rückzüge so gut benutzt, daß sie gleich in der folgenden Nacht (am 291011) aufbrechen konnten. Kellcrmann, der ihren Rückmarsch erschweren sollte, schlug einen unrechten Weg ein. Um so eher konnten sich die Prcnssn, deren kluge Anordnungen einen Angriff schwer machten, in guter Ordnung zurückziehen. Doch die französische Armee, die eben so, wie die preussische, mit schlimmen Wegen und 215 und Mangel kämpfte, war des schnellen Nachrückens nicht sehr fähig. Die Preus« sc», die sich glücklich fühlten, von den Franzosen nicht mit Ernst verfolgt zu werden, giengcn (11. Oct.) bey Verdun über die Maas. Zwey Tage hernach ergab sich Verdun an Kellermann. Aus den Vorräthen dieser Stadt durften sie nicht nur für sich, sondern auch für die mit ihnen verbundenen Hessen und Emigrirten, viele Lebensmittel mitnehmen. Acht Tage später (21. Oct.) trennten sich die Oestreicher von den Preus- scn, und zogen sich nach Arlon. Kurz darauf (2Z. Oct.) räumten die Preussen auch Longwy. Nach einem schrecklichen Marsche von drey Wochen kamen sie endlich bey Luxemt bürg an; aber in welchem Zustande? ohne Kleider, Schuhe, Strümpfe, die Füße blos in Lumpen gehüllt, ohne Zelten und Lagcrgeräthe. Durch den anhaltenden Regen, und die schlechten Wege, waren die Pferde so entkräftet, daß man viele Wagen zurücklassen mußte; daß ein großer Theil der Cavallerie, die Pferde vor die Kanonen spannend, und Sattel und Zeug wegwerfend, zu Fuße gehen mußte; daß halbtodte Pferde zu 2i6 zu taufenden am Wege lagen; daß neben ihnen nicht selten kranke Soldaten ihrem Ende entgegen schmachteten. In einem solchen Zustande langte die prcusstsche Armee »ach 5 Wochen, zu Anfang des Novembers, zu Coblenz an, nachdem sie die traurige Erfahrung gemacht hatte, daß der Weg nach Paris nichts weniger, als eine kurze Promenade war. Es folgte den Preußen, bcy ihrem Rückzüge aus Frankreich, nicht nur das Mitleiden, sondern auch der Haß der Franzosen. Diesen Haß erzeugten sie durch die unbarmherzige Behandlung der Nation, die sie zur erneuerten Ergebenheit für ihren König zurückführen wollten. Es schien, als wenn die Dörfer, die, bey dem Einrücken der Preus- sen, an ihrem Wege lagen, sie für das Ungemach, das ihnen der anhaltende Regen verursachte, hatte entschädigen sollen. Die prcussischen Soldaten, die sich schon in Holland manche unerlaubte Beute zu verschassen gewußt hatten, glaubten die gegen ihren König aufrührerisch-n Franzosen noch weniger schonen zu dürfen; der König und der Her- 217 Herzog von Vrannschwcig thaten jedoch ihren Plünderungen durch Strafen und scharfe Verordnungen Einhalt. Durch das Versah» ren der Preussen konnten die Franzosen also nicht zu ihrem Vorthcile gestimmt werden, und diese Stimmung zeigte sich gleich zu Longwy nicht günstig. Sowohl hier, als auf den umliegenden Dörfern herrschte, bcy dem Anblicke der Preussen, eine dumpfe Stille, zeigte sich kein heiteres Gesicht. Lebensmittel wurden den Preussen nur aus dem östrcichischen Gebiethe, nur aus den französischen Dörfern, die sie erreichen konnten , zugeführt. Kein einziger Franzose gicng zu den Preussen über. Man rechnete so sehr auf den unglücklichen Ausgang ihrer Unternehmung gegen die Hauptstadt, daß man es durchaus nicht glauben wollte, daß die Preussen nach Paris kommen würden. An der Veränderung in der Stimmung der französischen Nation war aber auch der zehnte August Ursache. Die Erwartungen der Emigrieren von dem schlechten Zustande der französischen Armee, von dem heimlichen Einverständnisse mit ihren Generalen, und von von der Abneigung, die der größte Theil der Franzosen gegen die Revolution fühlte, waren allerdings nicht grundlos. Die Ab« schassung des Königthums zerstörte aber alle Einverständnisse, und brachte unter der fran« zösischen Armee eine neue Schöpfung her« vor. Mit den Emigrirten schien auch die ehemahlige Uustetigkcit der Franzosen sich entfernt zu haben. . Aber die schrecklichen Auftritte, durch welche die Spuren des Kö< nigthums vertilgt wurden, mußten schon dem französischen Nationalcharakter eine andere Richtung geben. Die damahligen französischen Machthat ber, die auf den neuen Schwung der fran« zösischen Krieger ein so großes Zutrauen setzten, waren über Dumourier sehr unzu« frieden, weil er es versäumt hatte, den Ucbcrrest der preussischcn Armee zu Vernich« ten. So sehr jedoch die neuen Soldaten der Franzosen ein lebhaftes Gefühl ihres Muthes und ihrer Kraft zeigten, so wenig glaubte sie doch der behutsame Dumourier den in regelmäßiger Taktik ^geübten Prcuft sen so geradezu entgegen stellen zu können. 21) Auch standen die Oestreichcr noch auf dem französischen Boden. Dumourier liest, als er den Oberbefehl über die Hauptarmee über» nahm, eine Abrheilung von 12,000' Mann bey Tournap, in einem verschanzten Lager, zurück , um zugleich Lille und Conde zu^dek- ken. Da er aber alle seine Truppen nvthig hatte, um den durch Champagne eindringenden Preussen einen hinlänglichen Widerstand entgegen zu setzen, mußte er auch jene Abtheilung an sich ziehen. In die Stelle derselben rückten 20,000 Oestreichcr unter dem Herzog chvn Sachsen - Teschcn, die bald hernach Lille einschlössen. Ungeachtet diese Stadt nur schwach besetzt war, so hatten die Oestreichcr doch nicht die geringste Aussicht, eine solche Festung in ihre Gewalt zu bringen. Sie ließe» sich daher auf keine regelmäßige Belagerung derselben ein, und sie schienen auch hier darauf zu rechnen, daß ihre Absicht auf Lille durch die Stimmung der Einwohner würde begünstigt werden. Sie suchten (seit 24, Aug.) auf diese Stimmung durch eine große M nqe in die Stadt geschleuderte Bomben zu wirken. Die Einwohner sahen jedoch ganz ruhig 600 von ihren Häusern zerstören, und 2000 2000 stark beschädigen. Kinder erwarben sich schon eine Ucbung, aus den Bomben, die auf die gepflasterten Strafien fielen, die brennende Lunte herauszureissen. Die Be< lagerten machten durch ihr geschicktes Kano- neufcuer das Geschütz der Oestrcichcr um brauchbar, und diese hatten schon alle Hofft nung, sich der Festung zu bemächtigen, aufgegeben, als der Rückmarsch der Preusscn sie (8- Oct.) gleichfalls zum Abzüge bestimmte. Ein Heer von Emigrirten, die sich den Nahmen der königlichen Armee bcylegten, hoffte indessen (zu Anfang des Septembers) sich der Festung Thionville zu bemächtigen. Sie zählten nnstatt4o,ooo aber nur 15,000Mann, lauter Edelleute, mit Ungeheuern Säbeln; eine Menge Officiere, eine Belagerung anzuordnen, aber keiner, der den Dienst eines gemeinen Soldaten thun wollte, und so wenig Kriegszucht, daß die Gegend um Thionville bald einer Wüste glich. Die Emigrirten glaubten die Festung, durch einen Bombenangriff (6. Sept.) zur Uebergabe zu zwingen; die Belagerten thaten jedoch zwcy Ausfälle, durch die die Emigrirten zurückgetrieben wurden. Sie setzten aber den. 22l dennoch die Belagerung bis zum izstcn October fort. Nachdem nun der französische Boden von den Schaaren der Vereinigten ganz gcrei« nigt war, begab sich Dumourier (20. Oct.) nach Walencienncs, um zur Eroberung von Belgien Anstalten zu machen, und einige Tage hernach (24. Set.) faßte der Vollzie« hungsrath den Beschluß, daß die Franzosen nicht eher die Waffen niederlegen sollten, als bis sich die Feinde ganz über den Rhein zurückgezogen hätten. Dieser Beschluß konnte um so eher zur - Vollziehung gebracht werden, jcmehr die französischen Heere, die zu Anfang dieses Feldzuges dem Zutrauen der Nation so wc, nig entsprachen, zu Ende desselben schon auf allen Seiten den vaterländischen Boden über« schritten. Südöstlich waren sie in Savoyen und Nizza, und östlich, jenseits des Rheins, bis Frankfurrh am Mayn, vorgedrungen. Schon im April (1792) stellte man gegen den König von Sardinien, der den franzö« sischen Gesandten fortgeschickt hatte, eine Süd« Südarmee auf, der es aber nicht nur an Truppen, sondern a» allen Kricgsbedürf« nissen, fehlte. Zinn Qberfeldherrn derse l- ben ernennte die Nationalversammlung den Genera! Monttsqniou, der sich ihr, vornehmlich im Finanzausschüsse, durch seine Talente, seine Kenntnisse und seine Thätigkcit, so wie durch seinen edlen Charakter, empfohlen hatte. Dieser benahm sich mit so kluger Sorgfalt, daß Savoyen in kurzer Zeit (seit 8- Sept.) erobert wurde. Seine redlichen Gesinmingcn machten ihn aber den Jacobinern bald so verdächtig, daß sie ihn, durch einen Beschluß des Nationalconvems, absetzen ließen; dieser Beschluß wurde jedoch bald (22. Qct.) wieder zurückgenommen. Montesquiou schloß hierauf mit der Stadt Genf einen Vertrag, der ihr Sicherheit gewährte. Dieß war aber gar nicht nach dem Plane des Finanzministcrs Claviere, der, von seiner Vaterstadt Genf sich gekränkt fühlend, sie allen Greueln der jaco- binischen Anarchie preiszugeben, wünschte. Claviere und seine Anhänger hatten daher über Montesquiou einen so großen Aergcr, daß sie einen Verhafibefehl gegen ihn aus« wltk- wirkten. Sich diesem zu entziehen, flüchtete er nach Genf, und von da nach Nyon, und drcy Jahre hernach (1795) genoß er die Freude, sein Benehmen gerechtfertigt zu sehen. Das von ihn eroberte Savoyen wurde (27. Nov. 1792) für einen Theil der französischen Ne» publik, für das 84ste Departement, unter dem Nahmen des Montblanc, erklart. Die Grafschaft Nizza, deren sich die Franzosen (28. Sept.) unter der Anführung des Gel nerals Anselm bemächtigt hatten , wurde (am Zi. Jan. 179z) als das 85ste Departement (Secalpen) der französischen Republik ein» verleibt. Der zum Bisthnmc Basel gehörende Bezirk von Bruntrut hatte sich, durch jaco» binische Emissarien verleitet, gleichfalls schon an Frankreich angeschlossen, und bildete das Departement des Mont Terrible. So w« nig blieb die gesetzgebende Versammlung der Erklärung ihrer Vorgängerin, daß die stan, zösische Nation gar keine Eroberungen zum Zwecke habe, treu. Dieß zeigte sich auch in Deutschland, und in den Niederlanden. In Deutschland machte Cusiine den Eroberer. Adam Phi, lipp 224 lipp Custine, (geb. 1740) der Sohn eines französischen Generals, der in der Schlacht bey Nosbach gefangen wurde, und die A)re genoß, von Friedrich II besucht zu werden, mußte, nachdem er an den Feldzügcn des siebenjährigen Krieges Thetl genommen hatte, und bis zum Major gestiegen war, einer unrühmlichen Streitsache wegen, abdanken. Er wurde auch nicht eher, als bey der Re- volution, wieder angestellt. Wegen setner, genauen Bekanntschaft mit den Rheingegcm den (seine Vaterstadt war Metz) vertraute man ihm die Aufsicht über einen Thetl der Armee, die man hier, z6,ooo Mann stark unter dem Befehle des chemahligen Duc de Viron, aufstellte. Wahrend daß Viron mit einer Abcheilung derselben das Departement des Oberrheins, und den Bezirk von Bruntrut, bewachte, deckte Custine mit der andern die weifienburger Linien. Hier zeigte ihm nun das Glück den Weg zu einer eben so glänzenden, als leichten Unternehmung. Eine Abtheilung von 10,000 Oest, reichern, von dem Grafen von Erbach angeführt, stand, bis gegen das Ende des Septembers, in der Nähe von Landau, um die ,225 die deutsche Gränze, und die Zuführe nach der in Frankreich eingedrungnen Armee, zu decken. Erbach erhielt jedoch Befehle, die Truppen von Thionville zu verstärken. Er langte an den Gränzcu von Champagne gerade zu der Zeit an, als die Vereinigten sich aus demselben herauszogen, und er leistete ihnen den wichtige» Dienst, ihren Rückzug zu decken. Indessen waren in dem Bezirke zwischen dem Rhein und der Mosel, von Speyer bis Coblenz, nicht mehr, als etwas über Zooo Mann deutsche Truppen, unter welchen sich 2200 maynzische Soldaten befanden, zurückgeblieben. Diese sollten das große Magazin zu Speyer beschützen. Wie leicht entstand nun in dem Kopfe des ruhmsüchtigen Custine, dessen Obergcneral Biron der Einfall in das deutsche Reich zur Pflicht gemacht worden war, der Gedanke, durch den Uebcrfall dieses kleinen Heeres, alle deutsche Kraft in dieser Gegend zu vernichten, und sich dadurch den Weg zu andern, noch wichtigen- Unternehmungen zu bahnen. Die Fürsten des deutschen Reiches, die, in- Eallctlt Weltg. aor Th. P 226 nerhalb der Gränzen desselben, über 550,000 Krieger unterhielten, dachten, als ein klct» ner Theil derselben zur Bezwingung der Stadt Paris auszog, nicht an die so nolh» wendige Vorsichtsmaßregel, eine ansehnliche Reservearmee aufzustellen. Wie klug hatte man doch gehandelt, den Rath des damah» ligcn Kurfürsten von Maynz, der die Zu» sammenziehung eines Veobachtungshccrcs, ohne alle feindliche Einmischung in Frank» reichs innere Angelegenheiten vorschlug, zu befolgen! Aber man dachte sich, von den täuschenden Darstellungen der Emigrirten ge» blendet, die Unternehmung, durch welche man die französische Nation zur Wieder«»» führung der vorigen Verfassung zwingen wollte, so leicht, daß man sie mit etwa 90,000 Mann auszuführen hoffte. ' In das an seinen Gränzen unbewachte Deutschland rückte uiun Custine ein. Die Veschützung von Landau, und den übrigen Gränzörteru, einer aus Nationalgarden ge» bildeten Reserve»Armee anvertrauend, stellte er sich, mir einer Ablhcilung von 18,000 Mann aufbrechend, als wenn er den An» S"ff 227 griff eines kleinen Heers von Oestreichern und Emigrirten, das, unter dem Oberbe- fehle des Grafen Estcrhazy und des Prin» zen von Cvnde, in der Nähe von Landau, stand, zur Absicht hätte. Unvermuthet schwenkte er sich aber gegen das nur drey Meilen davon entfernte Speyer, wo (zc>. Sept.) die von ihm auf allen ^Seiten umringten Oestrcichcr und Mapnzcr unter dem Obersten Winkclmann, sich seiner Kriegsgefangenschaft am Ende doch nicht erwehren konnten. Er besetzte hierauf auch Worms, und rückte nun (19. Occ.) vor Maynz. Er halte in den hinter ihm liegenden Oertern so viel Truppen zurückgelassen, daß die Zahl der Abtheilung, mit welcher er vor Maynz erschien, nicht viel über 11,020 Mann betrug. Der damahlige Kurfürst aus dem Hanse Erthal, hatte sich durch seine vortrefflichen Anstalten, durch seine weisen Anordnungen, um sein Land, vornehmlich aber um die Residenzstadt, ausserordentlich verdient gemacht. Setner Freygebigkeit verdankte die maynzische Universität die Blüthe, die sie P 2 unter unter die ersten Schulen Deutschlands ver< setzte. Sein glänzender Hofstaat, seine Prachtlicbe, vergrößerten den Wohlstand der Bürger von Maynz, die damahls über zo, ovo meistens glücklich lebende Einwohner zählte. -Für diese hatte eine Veränderung keinen Neitz. Aber dem ärmer» Volke, sowohl in als ausser Maynz, klang die Verkündigung der französischen Freyheitsapostcl: „Friede den ruhigen Hütten, und Krieg den Palästen!" gar zu willkommen. Es dachte sich auf einmahl von dem Drucke der Guthsherrn besteyt; es dachte sich den Vornehmem in allen Menschenrechten gleichgesetzt. Aber auch manche von den einsichtsvollsten, von den aufgeklärtesten Männern fühlten sich von der herrlichen Idee der Frey- heit und Gleichheit ganz bezaubert, und weissagten dem Menschengeschlcchte ein gold- nes Zeitalter. Unter diesen befanden sich ein Wedekind, ein Forster der jüngere. Diese und andre Gelehrte, für die der Kurfürst ein so freygebtger Gönner gewesen war, bemüheten sich das Andenken an denselben, als er, bey der Annäherung der Franzosen, nach Wirzburg flüchtete, aus dem Her- 22Y Herzen seiner maynzcr ttnterthanen heraus- zurcissen. Sie beschuldigten ihn, durch seine übertriebene Prachtlicbe, besonders bey den beyden letztcrn Krönungen, die Schuldenlast des Staates ausserordentlich vergrößert zu haben; sie erklärten ihn, wegen seiner Unterstützung der Emigrirten, und wegen der Theilnahme an diesem Kriege, für einen der vornehmsten Anstifter desselben! Durch eine solche Darstellung seines Benehmens, durch manches, was man von seinem wollüstigen Privatleben erzählte, entzog man ihm die Liebe von vielen seiner Unterlhancn so sehr, daß sie der Ankunft der Franzosen mit Sehnsucht entgegen sahen. Die meisten wünschten wenigstens, daß man die Stadt dem Schicksale, mit Gewalt eingenommen zu werden, entziehen möchte. Diesen Wunsch rechtfertigte der schlechte Ver- theidigungsstand, in welchem sich Maynz befand. Seine eigentlichen Vertheidtgcr, die maynzische Soldaten, waren bey Speyer gefangen worden. Der Landgraf von Hessen« darmstadt fand es, eben so wenig als der Kur« 2ZV Kurfürst van der Pfalz (bcyde hatten De« fltzungen jenseits des Rheins) für rathsam, ihre Truppen gegen Frankreich fechten zu lassen. Dagegen dachten die Fürsten van Nassau, und der Fürstbischof von Fulda, patriotisch genug, der Vertheidigung der Neichsfestung Maynz ihre Mannschaft zu widmen. An diese schloß sich eine Ablhei» lung von 2oo östrcichischen Husaren, und ein noch unbewaffnetes östrctchisches Depot» batallion, nebst einem Theil des mayuzft scben Schützencorps, an. Die Bürger und Studenten schienen auch zu den Waffen grct» fen zu wollen. Aber die Zahl aller dieser Vertheidiger von Maynz war für die wettlaustigcn Fe» stungswerke noch lange nicht hinreichend. Die Aussenwerke konnten gar nicht besetzt werden. Der Gouverneur von Gymnich, ei» alrer, braver General, der von den zur Vertheidigung einer Festung unentbehrlichen Bedürfnissen wenig Kenntnisse hatte, ver» ließ sich auf den Bericht des Ingenieur« Major Eitenmayer, eines heimlichen Frcun» des der Franzosen. Seinem Berichte zu» folge. 2ZI folge, fehlte es an Leuten, die Kanonen zu bedienen, standen die Kanonen nicht an ihrer rechten Stelle, waren die vorräthigcn Cartouchen dem Caliber derselben nicht am gemessen, konnte die schwache Besatzung den stürmenden Angriff einer 40,000 Mann stark geschätzten Armee, die mit Belagcrungsge- schütz und mit Sturmleitern versehen war, gar nicht lange aushalten. Vergebens erklärte der Befehlshaber der östreichischcn Husaren diesen Bericht für unzuverlässig, für übertrieben; vergebens forderte er zur standhaften Vertheidigung auf. Die Nachrichten von dem traurigen Zustande der aus Frankreich sich zurückziehenden prcussischen Armee, verbunden mit der Furcht vor einem Aufstande des gemeinen Volkes, das die Stadt nicht wollte beschießen oder mit Sturm einnehmen lassen, bestimmte den Kriegsrath, dessen Urtheil Gymnich das Schicksal der Festung überließ, zur Ucbergabe (21. Oct.). Wie schämte sich aber mancher Officier der Besatzung, als er überzeugt wurde, daß die Zahl der Truppen, mit welcher Custine Maynz bcdrohete, so schwach war, daß sie kein Belagerungsgeschütz hatten! Das Das reiche Frankfurt in der Nähe von Mapnz zog die Aufmerksamkeit der revolutionären Franzosen gar zu lebhaft auf sich, als daß nicht der Gedanke, sich desselben zu bemächtigen, in ihnen entstehen sollte. Der General Neuwinger gieng, gleich nach der Uebergabe von Mapnz (22. Oct.) bep Oppenheim über den Rhein, und ließ, durch den Obersten Houchard, die Stadt Frankfurt zur Oeffnung ihrer Thore auffordern. Der Magistrat besann sich nicht lange, dieser Aufforderung Gnüge zu leisten. Cnstine vernachlässigte jetzt seine Generalspflichcen so sehr, daß er die Artillerie und Munition im frankfurthcr Zcughause der Bewachung der Bürger überließ. Um so lebhafter drang er auf die schnelle Entrichtung einer Contribution von zwep Millionen Gulden. Man rechtfertigte diese Eontribution durch das Vorgeben, die frankfurter Zeitungen hätten über die französische Revolution ungünstig geurtheilt; die frankfurter Kauft lcute wären dem Kaiser und den Emigrirtcn in ihren Geldgeschäfften bchülfltch gewesen. So wenig ihnen dieß, vornehmlich der letzte Punkt, zum Verbrechen angerechnet werden konnte 2ZZ konnte, so wenig bewirkten doch die Vor« stcllungeu des frankfurter Magistrats. An« derchalb Millionen Gulden mußten wirklich bezahlt werden. ' Cusiine's plötzliche Erscheinung in Deutsch« land, seine Einnahme von Maynz und Frankfurt, verbreitete zwischen dem Rhein, der Nordsee, der Elbe und der Donau, einen allgemeinen Schrecken. Wie vortreff« lieh hatte ihn der französische General, der nur in pralerischen Declamationen und Dco« Hungen ein Held war, benutzen können! Wie viel hatte er dazu beykragei, können, Dnmouriers Plan, den ganzen Nhcinstrom in Einem Feldzuge zu erobern, auszuführen! Anstatt seine Kräfte am Mayu zu verschwelt« den, sollte er sogleich bis Coblcnz vorrücken. Die prenssische Armee befand sich um diese Zeit (2Z. Oer.) noch bey Luxemburg, und andre deutsche Truppen, dse dem Custine in der Besitzung der Stellung von Coblenz zuvorkommen konnten, waren damahls noch nicht in der Nähe. Dumvurier schrieb ein« mahl über das andre an den Krtcgsminister Pache, er möchte den tollen Custine, der so wenig 2Z4 ' wenig planmäßig handelte, vom rechten Nheinufer abrufen. Allein der auf Dumon- ricr eifersichtige Pache konnte sich nicht cur« schließen, den Cusiine mit Ernst zur Theil» nähme an Dumouriers Plan anzuhalten. Custine, der seinen leichten Sieg bey Speyer, durch das Geschrcy seiner pariser Freunde, in das glänzendste Licht zu versetzen wußte, hatte sich bey dem Publicum der Hauptstadt ein solches Ansehn erworben, daß man ihm alles zutraute. Dumourier, schrieb der übermüthiye Custine an den Kriegsminister, könne den Nheinstrom nach seinem Plane erobern. Custine wollte erst Kellermann herbcy kommen lassen. Ehe dieser aber am langte, hatte der östreichische Fcldzeugmeister, Fürst von Hohenloh, die Stellung bey Trier und Coblenz gesichert. Custine, der mit seinen 24,000 Mann, die größten Theils aus Nationalgardcn bestanden, der ganzen Macht der Deutschen trotzen zu könne» sich einbildete, der aus dem gemeinen Volke zwischen dem Rhein und Mayn eine Armee sammeln wollte, beschäffte sich am liebsten mit der Eintreibung von von Vrandschatzungen. Eben diese Brand« schntzungen entzogen ihm jedoch alles Vcr« trauen der Deutschen. Seine Politik, die Cvntribution nur von den innerhalb deck frankfurter Gebtethcs angesessenen Fürsien, Edellcuten, Patriziern und Geistlichen ent« richten zu lassen, brachte ihm keinen Vor« theil. Sic zog ihm den unversöhnlichsten Haß dieser Stunde zu, und die ärmere Volksklasse in Frankfurt, die er gegen die Neichen aufwiegeln wollte, wurde durch das kluge Benehmen der frankfurter Obrigkeit so glücklich gewarnt, daß sie sich von der Theilnahme an jakobinischen Entwürfen zu« rück hielt, daß sie ihnen das Festhalten an der Seite ihrer Vrodhcrren vorzog. Indessen ließ Custine, durch den Obersten Houchard, Fricdbcrg und Nauheim besetzen. Eine Mine Abrheiluug von hessischen Truppen, die das Salzmagazin an dem letzten Orte bewachte, mußte, nach einer braven Gegenwehr?, in die Gefangen« schaft willigen. Eine große Menge von dem vorräthigen Salz wurde nach Maynz geschafft, und das übrige, für den halben Preis Preis, an die Bauern verkaust. Andere französische Abtheilungen erpreßten indessen im Homburgischcn, im Nassau »Usingischen und Nassau-Wcilburgischen, Contributionen. Die Bauern, die mit der größten Schonung behandelt wurden, lobten den General und die Zucht der Franzosen. Doch wahrend Cusiine mit der Idee, einen großen Theil von Deutschland zu res volutionircn, sich und den Parisern eine angenehme Unterhaltung gewährte, rückten ihm die aus den Niederlanden herbeyziehen, den Preussen immer näher, besetzten sie (28. Oct.) Coblenz. Cusiine, der sie einer Um tcrnehmung gegen seine Eroberungen gar nicht sähig hielt, gericth in ein lebhaftes Ersiamren, wie er ihren Anzug gegen die Lahn erfuhr. Er bath sich nun vom Kriegs, minister Pache Hülfe aus. Btron, der Obcrgcncral in Elsaß, erhielt hierauf den Befehl, dem Cusiine so viel Truppen, als er verlangen würbe zu schicken. Btron er, suchte den Kricgsminisier, ihm die Stelle eines Obcrgenerais abzunehmen. Cusiine, der seidem alle Truppen von Bruntruc bls Frank, 2Z7 Frankfurt unter seinem Gebothe hatte, ließ von der elsassifchen Armee den General van Helden mit i2,aoc> Mann herbeikommen. Zugleich übertrug er es dem General Bsur» nonville, der, an der Stelle des nach Sa» vonen abgegangnen Kellcrmann, die Trupe pen an der Mosel commandirte, die Oest» reicher, die die Pässe im Trierischcn besetzt hielten, zurückzutreiben, und bis an den Nhein'vorzudringen. Die Oestreichcr, die aber, angeführt von dem braven Fürsten Herrmann Friedrich Otto von Hohcnloh - He§ chingey, ihre vortreffliche Stillung mit der standhaftesten Entschlossenheit vcrtheidigten, schlugen all- Angriffe der Franzosen, so sehr auch ihre Nationalgarden in der Tapferkeit wetteiferten, sicbcnmahl zurück. Veurnon» ville fühlte sich so geschwächt, daß er sich »ach Lothringen, in die Cantonicrungsguar» tiere, zurückziehen mußte. Durch die Ocst, reicher, die nun an der Mosel, Coblcnz, Trier und Luxemburg besetzt hielten, war jetzt alle Verbindung zwischen Dumourier und Custine unterbrochen. Jetzt kam der Zeitpunkt, wo Custine von den traurigen Folgen seines Verschens, den 2Z8 den wichtigen Posten von Coblcnz nickt be» setzt zu hoben, überzeugt wurde. Die Preus» sen und Hessen rückten, in drei) Colonnen, gegen Frankfurt an. Die französische Bei satzung desselben, die durch ein Batallion verstärkt worden war, belief sich nicht höher, als auf 1500 Mann, und 6 Feldstücke mach» tcn die ganze Artillerie derselben aus. Eine so schwache Besatzung gab Custine in dem schlecht verwahrten Frankfurt Preis! Cu, sttne, der selbst nach Frankfurt kam, ver, sicherte den Magistrat, daß die Neutralität der Stadt nicht gestört werden würde, und sollte ja in der Nähe derselben ein Treffen vorfallen: so könnte sie auf eine völlige Entschädigung rechnen. An eben dem Tage (28. Nov.) gab er jedoch dem General van Helden, dem er die Aufsicht über Frank, surt anvertraute, den Befehl der äusserstcn Vertheidigung. Aber auf den Wällen stan, den keine Kanonen, und die Besatzung hatte keine Munition Die Prcusscn und Hessen kamen indessen näher. Die rechte Colonne führte dcr Prinz von Hohenloh, die linke der Graf von Kalk» Kalkreuth; Key der mittlen, befand sich der König, der über Usingen nach Homburg gieng. Kalkreuth näherte sich, nachdem er bey Butzbach die Hessen an sich gezogen hatte, dem Mayn. Der Magistrat von Frankfurt schickte in der Nacht vom 28 — 2yten November Abgeordnete an Kalkreuth, mit der Bitte, die Stadt zu schonen. Äcc General erklärte sich hierzu bereit, wenn am folgenden Mittage die Stadt von den Franzosen geräumt seyn würde. Aber van Helden durfte sie nicht räumen, so gern er es auch gethan hätte. Er wartete vielmehr den Angriff der vereinigten Preussen und Hessen ruhig ab. Am zweiten December, an einem Sonn» tage, rückten die Deutschen zugleich gegen zwey Thore an. Die auf den Wällen free henden Franzosen empfiengcn die anrückene den mit einem lebhaften Musketenfeuer. Um den Mangel von Kanonen zu ersetzen, schickte der Commandant einige Pikele nach dem städtischen Zcughause, die sich, nach Einsprengung der Thore, der Artillerie und Munition desselben bemächtigen sollten. Jetzr war . 240 war diese Maßregel aber zu spät ergriffen. Das vor dem Zeughause in Menge versammelte Volk widersetzte sich der Absicht der Franzosen sehr ernstlich. Wahrend nun der Magistrat, durch die dringendsten Vorstetz lungen, den französischen General von dem Entschlüsse, sich gegen die angreifenden Deutschen zu wehren, abzubringen suchte, entwaffnete ein Haufe von HandwcrkSpurschcn die französische Wache am Neuenthore, und nun drangen, über die niedergelassene Zugbrücke, die hessischen Carabiniers mit muchi- gcm Ungestüm in die Stadt ein. Bald wurde auch einer prcussischcn Colonnc ein Thor geöffnet. Die wenige französische Ca- vallerie, und einige Abtheilungen von Infanterie, retteten sich durch die Thore, welche von den Deutschen noch nicht besetzt waren; die übrigen wubde-' theils getödtet, theils gefangen. Unter den letztem befand steh van Helden selbst, der sich zu spat zur Capitulation erboth. Viele französische Soldaten wurden von den mitleidigen Bürgern versteckt. Neuwingers Division, die Cn- stine der Garnison von Frankfurt zu Hülfe schickte, kam zu spat. Am folgenden Tage räum- 241 räumten die Franzosen die ganze Gegend zwischen Frankfurt Und Maynz, ließen sie blos Cassel besetzt. So war denn die Zeit, die Custine zu den Eroberungen am Mayn gebraucht hatte, zum Nachthcil seiner Nation verschwendet! So war der günstige Augenblick, den Rhein« ström in die französische Gewalt zubringen, versäumt! Was hätte diese Besetzung, wäh» rend daß Dnmourier in Belgien vorrückte, nicht für wichtige, vielleicht für den ganzen Krieg entscheidende Folgen haben können! Die Prcussen hatten sich alsdenn nach Hol« land, oder nach Wsstphaien, zurückziehen müssen. Niemand fühlte die Vereitelung die« ses Planes wohl inniger, als Dumourier, der indessen zwischen dem Rhein und der Scheide so glückliche Fortschritte machte. Nach« dem Dumourier seiner Armee zu ihrer Er« holung und Wiederherstellung einige Tage gegönnt hatte, rückte er der östreichischen Armee, unter dem Herzoge Albert vom Sach« sen > Teschen, in die Niederlande, nach. Diese wählte, auf einer Anhöhe bey dem Dorfs Icmappe, eine halbe Stunde von Möns, Gallttti Weltg. »or Tb. Q, eine / eine sehr sichere Stellung. Aus dieser be» schloß sie Dumourier zu vertreiben. Schon am 5ten November griffen die Franzosen die Oesireicher au; aber diese wi« verstanden dem heftigsten Angrisse glücklich. Am 6ten, Morgens sieben Uhr, wiederholte Dumourier seinen Angriff. Au der Spitze seines rechten Flügels standen Beurnonville und Dampierre; über den Mittelpunkt führte der General Egalits, der Sohn von Orle« ans, den Befehl; über den linken Fiügel hatte Harville die Aufsicht. Der rechte Flügel der Oesireicher stützte sich auf das Dorf Jemappe. Schon hatte das eben so heftige als mörderische Kanonenfeucr drey Stunden gedauert; schon hatten die Franzosen durch die Kugeln der Oesireicher, die in die Tiefe geschleudert selten fehlten, viel gelitten , als Beurnonville dem Obergencral Dumourier den Wunsch der Truppen, mit dem Vajonet sich über die Oestreicher herznstürzen, bekannt machte. Keine einzige Colonne blieb zurück. Die Nationalgarden eilten voraus, das mar« seillcr Lied singend. In weniger als einer halben Stunde war die erste Nedoure erftic« gen. 2Z4 gen. Aber der zwischen derselben und der zweiten Verschanzungsreihe befindliche Boden war so steil, daß er alle regelmäßigen Mae uöver hinderte. Um so schrecklicher war die Niederlage, die die östrctchischen Kartätschen, kugeln unter den französischen Vatallionen anrichteten. Einige derselben wichen schon zurück. Sie sammelten sich jedoch bald wie, der, und erkletterten, noch eiumahl das-mar, seiller Lied anstimmend, und dem Tode tro, tzcnd, die schrecklichen Anhöhen von neuem. Um zwey Uhr Nachmittags ha-te Harville das Dorf Jemappe, und Egalite die zweyte Ne, dornen! Reihe, erstiegen. Den dritten Am griff warteten die Oestreicher nicht ab, und am folgenden Tage (7. Nov.) zog Dumou, rier in Möns ein. Acht Tage hernach sah er sich iin Besitze von Brüssel (14. Nov.). Seinen republikanischen Kriegern konnten die in geringer Anzahl, in einzelnen Abthcilum gen fechtenden Oestreicher, nirgends einen kraftvollen Widerstand entgegensetzen. So kam der siegreiche Dumourier (28. Nov.) nach Lüttich, wo ihn die auf ihren Bischof auf, gebrachten Einwohner mit der lebhaftesten Freude empficngcn, und endlich (8. D-c.) Ä 2 „ach 244 nach Aachen. Jetzt hieng die ganze franzö« fische Truppenkette von Vruntrut bis Lüttich zusammen. In dieser Linie standen 250,000 Mann, die vier Armeen bildeten. Zuerst kam die Rheinarmec unter Custine und Bcur« nonville; an diese schloffen sich die Com trums < Nord - und Ardennen > Armee unter Du« mourier an. Ueber die Nordarmce führte Miranda, über die Ardennen « Armee Va« lcnce^ den bcsondcrn Oberbefehl. Die Deut« schcn waren ganz über den Rhein zurückgc« trieben; und alles Land auf der linken Seite derselben befand sich in der Gewalt der Franzosen, und alles dieses Land wollten nun die Zacobiner zum Schauplatze ihrer anarchische;, Greuel machen. Den Weg zur Einführung derselben bahnten sie durch die Clubs, die sie in den Hauptstädten stifteten. Ein solcher Club, bcy welchem der pariser zum Muster diente, entstand zu Map»;, wo ein Forster, ein Böhmer u. a. m. die Rolle der Freyheitsvposiel spielten; junge, gente« volle Männer, die, ohne die Folgen ihrer Handlungen zu würdigen, von der glänzenden Seite des Freyheits- und Gleichheits« Systems sich hinreissen ließen. Auf ihre Hand« 245 Handlungen hatte manches Weib, dessen Nei- gungen das neue zwanglose System schmeichelte, einen lebhaften Einfluß. Die Damen fanden, in derl Gesellschaft der liebenswürdigen französischen Generale und Com- missarien, das Freyheitsglück äusserst reitzend. Unter den gemeinen Leuten eilten ihm viele mit schneller Bereitwilligkeit entgegen. Man sehnte sich nach dem paradiesischen Zustande, mit der Republik Frankreich vereinigt zu werden. Einige Abgeordnete, unter welchen sich Forster befand, mußten die Wünsche des maynzer Clubs dem Nationalconvente vortragen. Eben solche Clubs entstanden in Worms, Speyer, und andern Städten am linken Rhcinufer; sodenn in Bruntrut, in Savoyen, in Nizza. Vorzüglich aber trieben die Jacobiner in Belgien ihr Nevoiutionsspiel. Ihre Häupter Kothen den Belgiern, die sie, nach ihrer Sprache, von dem tyrannischen Joche des östreichischen Monarchen befreyt hatten, die Wahl ihrer Staatsverfassung an, und die Freude, die die B-wohner der Hauptstädte darüber empfanden, war so groß, daß schon von 246 von einem dem Nattonalconvent zu widmen» den Geschenke von 50 Millionen Livres, daß schon von der Stellung einer Armee von 40,002 Mann, die Rede war. Allein der damahlige französische Finanzmintstcr Cambon wollte die schöne Geleqcnheit, in der Plünderung eines freundschaftlich gesinn« ten Landes eine reiche Hülfsguclle zu finden, nicht unbenutzt lassen. Das reiche Belgien mußte sich daher allen Greueln der jacobi» Nischen Anarchie unterwerfen. Die bishe» rigen Obrigkeiten wurden abgesetzt, und an ihre Stelle traten provisorische Administra» tioncn, bey welchen die französischen zum Vorbilde dienten. Geistliche und adcliche Gü< ter wurden in Sequestration gezogen. Da» gegen hörten die bisherigen Abgaben, hör» ten Zehnten und Lchnrcchte auf. Der Na» tionaiconvent schickte vier von seinen Mit» gliedern, unter welchen sich Danton befand, als Commissarien nach den Niederlanden. Diese überließen die einzelnen Ncvolutions» geschaffte dem Kriegsintendanten Nonsin, und dieser bediente sich der Hülfe von Soldaten und Schreibern , die lauter Zacobiner wa» ren, die mehr als die Hälfte von dem, was sie 247 sie für den Staat in Besitz nehmen sollten, ihrer Naubsucht zum Opfer brachten. Cam- bon, der damahlige uneingeschränkte Gebie- ther über die franzSsischen Finanzen, ein Mann, der eben so wenig Kenntnisse, als Redlichkeit und Ehrliebe besaß, den nurchart- nackiger Despotismus emporhiclt, behaup- tele, man müsse, das Bedürfnis bes Staates zu befriedigen, alles baare Geld und alles Silberwcrk aus Belgien fortschleppen; die armen Einwohner desselben würden sich um so leichter an die französische Nation anschließen. Cambon rechnete dabey auf den unterstützenden Beyfall der niedrigen Volks- classe. Zur Ausführung seines Planes kam von Paris eine hungrige Rotte jacobinischer Com- missarien, Beamten, und Emissarien, herber). Diese bewirkton eine völlige Auflösung der Staatsverfassung; diese bewirkten die Fortschassung aller beweglichen Kostbarkeiten. Die Neichen vergruben ihre Schätze. Der Umlauf der Gelder stockte. Aber auch die Religiosität der Belgier wurde nicht geschont. Man unterwarf sie der Verfassung, die man in Frankreich eingeführt hatte. Bischöfe und Priester flohen. Das belgische Volk Volt wurde, um die neue Siaatsform', die Vereinigung Belgiens mit Frankreich, zu sanclioniren, in den Kirchen versammelt. Viele verstanden nicht, was man ihnen vor» las; andere unterzeichneten aus Furcht, un< terzetchneten durch Geschenke oder Beredsamkeit gewonnen. Während daß die jacobinischen Commis» sarien und Beamten sich durch die Plünde» rung der Belgier bereicherten, litten diejenigen, deren Muth und Tapferkeit die Bezwingung des schönen Landes bewirkt hatte, den größten Mangel an allen Bedürfnissen. Der bis in den Spätherbst fortgesetzte Feld- zug hatte die Armee in einen traurigen Znstand versetzt. Zu Ende des Deccmbers war fast das ganze Fuhrwesen der Artillerie vernichtet, und es fehlten derselben auf 6000 Pferde. Von den Flinten der Infanterie waren nicht 10,000 mehr völlig brauchbar. Die Cavallerie ritt ohne Stiefel und Sättel. Auch wurden gar keine Anstalten gemacht, diesem Mangel abzuhelfen. Dumourier schob alle Schuld auf die jacobinischen Commissa- rien, und diese beschuldigten ihn dagegen unre- 249 unrcpublicanlschsr Gesinnungen, und macht ten die. Vereitelung aller seiner Plane zu ihrem Hauptgeschäffte. Nonsin erklarte fast alle Austellungen Dumouricrs für ungültig. Anstatt die Bedürfnisse für die Armee zw nächst aus Lüttich, Belgien, Holland, hen be IM schassen, ließ er das lüttische Tuch und Leder erst in Paris verarbeiten, ließ er das niederländische Getreide über Nantes nach Paris, und von da, als Mehl, wieder zur Armee bringen. Die Officiere, unter welt chen die jacobinische Gleichheit alle Subort dluation verbannt hatte, begaben sich haut fenwctse nach Lütiich und Aachen. Ihre ohne Aufsicht zurückgelassenen Soldaten plüw dercen indessen die Dürfer, hatten aber auch einzeln manchmahl das Schicksal, von den zur Erbitterung gereihten Bauern todtgsschlat gen zu werden. Unter diesen Umstanden war dem Dumourier die Erlaubnis,, wegen der Verabredung des nächsten Feldzuges, nach Paris kommen zu dürfen, sehr willkommen, und er langte am ersten Tage des neuen Jahres (179z) in der Hauptstadt an. Fünf- 250 Fünfter Abschnitt. Verschiedene Partheyen im Nationalconvcnt. Sansculotten. Ludwig XVI wird vom Consent zum Tode verurthcilt. Des Orleans Versuch / Diktator zu werden, mißlingt. Der ziste May befestigt die jakobinische Herrschaft. Marat stirbt unter dm Händen der Corday. Avignvn, Lyon, Toulvn, Bordeaux, und andre Städte, die sich dem jacobinischcn Joche entziehen wollen, erfahren ein höchst trauriges Schicksal. Vcndec. Chouans. Aurch den glücklichen Fortgang der Kriegs« Unternehmungen wurde der Stolz der pari« scr Jacobinerhäupter so mächtig gehoben, daß sie in ^>e»ten sich hindrängend, solche Drohungen aus, daß der Convent den Beschluß faßte: Ludwigs Proceß sollte bis zum Urtheil der einzige Gegenstand setner Verhandlungen sepn. Um dieses Urtheil vor« zubereiten, brachten Robespierrs, und seine Anhauger, an den folgenden Tagen, noch neue -66 neue Beschuldigungen gegen Ludwig vor. ttn« ter diesen befand sich auch der Vorwurf, daß er beständig, neben dem öffentlichen Mini« sterium, noch ein geheimes unterhalten habe. Mit den Jacobinern arbeiteten die Mitglic» der der pariser Municipaluät zu einem Zwecke hin. Auf Antrieb der Muuicipaiität ließen die pariser Sektionen gemeinschaftliche Ad» drcssen, welche die Beschleunigung eines ent» scheidenden Urthciis über Ludwig zur Absicht hatten, dem Couvent überreichen. Auf die» ses Urtheil drangen auch alle andre mir dem pariser Club in Verbindung stehende Volks» gesellschaften, als wenn es gleichsam die Stimme der ganzen Nation wäre. Drissot, der in seinem Journal, „der französische Pa» triot", die Schändlichkeit dieses Verfahrens rügte, zog sich die wülhendste Verfolgung der Jacobiner zu. Man erklärte ihn für das Haupt einer mit Frankreichs Feinden im Einverständnisse sich befindenden Parthey. So näherten sich Ludwigs Feinde dem Ziele ihrer Bemühungen. Am /ten Januar (r?9Z) beschloß der Convenc, daß die Ver» Handlungen über Ludwigs Prozeß ihr Ende er» 267 erreicht haben sollten, und 9 Tage hernach (am iSrcn) wurde durch die Mehrheit der Stimmen das Unheil gesprochen. Von 745 Mitgliedern waren 25 abwesend: alle übri- gen, einen einzigen, der nicht amwortele, ausgenommen, bejahrten die Frage: ob Lud« wig einer Verschwöiung gegen die National- freyheil, und einer Theilnahme an dem Plane gegen die Sicherheit des Staates, schuldig wäre. Der Präsident machte dich der Versammlung bekannt, und erklärte zugleich, dasi der Ludwigs Verurcheiluug betreffende Beschluß der Genehmigung der Nation nicht weiter bedürfe. Der folgende Tag (16. Zan.) war zur Bestimmung der Strafe angesetzt. Die z6 Snmdem dauernde Sitzung war äusserst stürm.sch. Erst um 8 Uhr Abends nahm der namentliche Aufruhr seinen Aufaug, und er wurde bis zu der nehmlichen Stunde des folgenden Tages fortgesetzt. Der Präsident erhielt während der Zeit (am 17. Jan.) zwey Schreiben, die Ludwigs Rettung zur Absicht hatten; das erste von dessen rechtlichen Bcyständcn, das zweyte von dem Könige von Spanien. Die Verstände sollten erst erst nach gecndigtem Aufruf ge- hört werden! Nach einer liefen Stille folgte endlich die Entscheidung. Es fehlten 24 Stimmen, und von den übrigen 721 erklär« ten sich z66 für Ludwigs Tod. Eigentlich nur eine Mehrheit von 5 Stimmen! Erst jetzt wurden Ludwigs Vcrtheidiger vorgelassen. Descze übergab dem Convent eine von Ludwig unterzeichnete Appellation an das Volk. „Ich bin es", sagte Ludwig, „meiner Familie schuldig, einem Urtheile, das sich auf ein mit Unrecht mir Schuld gegebenes Verbrechen gründet, feyerlich zu widersprechen." Deseze blieb vornehmlich bey dem geringen Ausschlag der Stimmen > Mehrheit stehen. „Zittert", sprach er, „der Convent nicht bei) dem Gedanken, daß von 5 Stimmen das Wohl der ganzen Republik, das Wohl von 25 Millionen Menschen abhangt?" Trouchet drang auf die Beobachtung des Cri< mtualgcsetzes, daß zur Bestimmung der Strafe zwey Drittel der Stimmen erforderlich seyn sollten. Diese Appellationen wurden aber, als den Rechten des Volkes, und der Gewalt der National-Repräsentanten widersprechend, für ungültig erklärt. Zugleich wurde fest, 269 festgesetzt', daß jeder, der noch fernerhin über das gefällte Urlheil sprechen würde, als ein Slörer der öffentlichen Ruhe anzusehen wäre. In der Sitzung vom I9ten bis zum 2Ote» wurde endlich, durch eine Mehrheit von 29 Stimmen, beschlossen, daß das Urtheil ohne Aufschub, und zwar in Zeit von 24 Slum den, vollzogen werden sollte. Sonntags (20. Jan.) begab sich der Zu« siizminister Garat, nebst zwey Mitgliedern des Vollztchungsrathes, und einem Secretär, in den Tempel. Ludwig mußte die sein Ur, theil betreffende Protokolle vorlesen hören. Vergebens bath er um einen Aufschub von drey Tagen. Kaum erlaubte man ihm noch eine Zusammenkunft mit feiner Familie, die bis Nachts halb elf Uhr dauerte. Hierauf ließ Ludwig seinen Beichtvater, den vorlrefft liehen Edgeworth, einen Inländer, zu sich kommen. Dieser blieb bis 2 Uhr bey ihm. Am 2iten, an scineyz^Todestage, stand Lud, wig um 6 Uhr auf. Um 7 Uhr hörte er die Messe an, genoß er das Abendmahl. Um 8 Uhr übergab er seinem Kammerdiener Clery einen Trauring, und ein kleines selber, nes 270 nes Petschaft; jenen für seine Gemahlin, dieses für seinen Sohn. Gegen 9 Uhr wurde er zur Hinrichtung abgeholt. Er bestieg den Wagen mit der standhaftesten Fassung. Aus« ser dem Beichtvater, sahen noch zwey Offi- ricre von der Gens'darmerie in demselben. Der Wagen war von einer beträchtlichen Am zahl von Gcnsd'armcrie, unter der. Anfüh, rung von Sautcrre, umringt. Uni io Uhr langte er auf dem Revolutionsplatze an. Die Nichrbühne stand nicht weit von dem Piede, sial der Starue Ludwigs XV, dem Garten der Tuilericn gegenüber, auf dem jetzigen Platze de la Concorde. Sic war von 12 bis 15,000 Bewaffneten umringt. Am Fuße der Bühne sprach Ludwig noch fünf Minuten lang mit seinem Beichtvater. Sodenn stieg er mit männlicher Festigkeit hinauf. Er trug ein violettes Kleid, eine weiße Weste, und graue Beinkleider. Die Haare waren frischt. Die Gesichtsfarbe zeigte sich gesund. Als Ludwig das Gerüst bestiegen hatte, trat er einige Schritte vor, und sprach, dem Volke, oder eigentlich der bewaffneten Mannschaft, die das Gerüst umringte, zugewender: „Franzo, sen! ich sterbe unschuldig; ich verzeihe mei« neu 2/1 ncn Feinden, und wünsche, daß mein Tod" hier ließ Sancerre plötzlich alle Trom- mein rühren. Noch einmahl streckte Ludwig seine Hände gegen das Volk aus, um stilles Gehör bittend. Als er alles vergebens sah, zog er seine Kleider aus , band er die Hals« binde los, und um halb elf Uhr fiel sein Kopf. Santerre zeigte ihm' dem Volke, das in den brüllenden Ausruf: „es lebe die Republik!" ausbrach. Die Jacoöincr hatten nun ihre Absicht erreicht. Frankreich war kein Königreich mehr; Frankreichs letzter König war hingerichtet. Aber eben die geringe Stimmenmehrheit, die für Ludwigs Tode entschieden hatte, bewies die Verschiedenheit der Gesinnungen, die zwischen den Mitgliedern des Convents herrschte. Diese Verschiedenheit be, wirkte, daß diejenigen, die in ihren Mey- nungen nicht übereinstimmten, auch in Ansehung der Sitze, die sie im Conventssaale einnahmen, sich von einander absonderten. Die heftigsten Zacobiner, vornehmlich Danton, Marat, Robespierrs, nahmen die höchsten Bänke, an der linken Seite des Präsidenten, denken, ein, wahrend die Moderieren sich auf die niedrigen Bänke setzten. So entstanden die Nahmen der Parlheucn des Berges und der Ebene. Die Bergparthey war aber in ihren Planen verschieden. Die Cor- dcliers arbeiteten noch immer für Orleans, während dasi die eigentlichen Jacobiuer die Anarchie zur Absicht ihrer Bemühungen hatte». Dem Plane der Cordeliers gemäß sollte Orleans, oder Egaliiü, ass Diclawr oder Protector, an die Spitze der Republik gestellt werden. Neue Mittel, seine Freunde zu vermehren, verschaffte ihm (4. März 179z) die reiche Hinterlassenschaft seines Schwiegervaters Pcnthievre, dessen einzigen Sohn, Orleans durch den Arzt, den er bey einer gewissen Krankheit brauchte, aus der Welt zu schaffen wußte. Am 9ten März sollte Orleans Erhebung durchgesetzt werden. Man wollte zu dieser Revolution durch die Ermordung der angesehensten Mitglieder der Thaiparrhey vorbereiten. Diese benutzte jedoch zu chrcr Rettung den Umstand, das; man die Sitzung des Convrnts eine Stunde unterbrach. Auch zeigte Orleans, als der entscheidende Augenblick der Ausführung kam, zu wenig Entschloß- 27Z schlossenh-eit und Staudhaftigkcit. Er fiel, als ihn eine gedungne Horde auf das Stadthaus bringen, und daselbst zum Dictator ausrufen sollte, in Ohnmacht. Die Bergparthey wollte sich mit dem kraftlosen Manne nun nicht mehr abgeben, und er wurde nicht lange hernach, auf den Antrag der Girondisten, in ein ge« meines Gefängniß eingesperrt. Jetzt trat die Schreckensregierung ein. Seit Ludwigs Hinrichmng arbeiteten Nobes- pierre und seine AnHanger, an der Einführung einer ganzlichen Anarchie, durch die sie sich zu ihrer tyrannischen Herrschaft den Weg bahnen wollten. Im Nationaleonvenke saßen aber noch zu viele gegen ihr Vaterland redlich gesinnte Männer. Er sollte entweder ganz auf- gelöset, oder wenigstens von den Gegnern des jakobinischen Systems gereinigt werden. Man klagte diese daher wegen der Verbrechen an, deren man sich selbst schuldig machte. Der Justizminister Garat bekam vom National- eouvente den Auftrag, die Urheber der Mord- scenen vom 2ten Sept. dem gerichtlichen.Verfahren zu unterwerfen. Die Jacobincr erklärten sie aber für Männer, die sich um das Ealltttj Weich, sor Th. S Bater« 274 Vaterland besonders verdient gemacht hatten, und sie droheten, von den marsetllcr Föde« ritten unterstützt, so sehr mit einem allgemeinen Volksaufstande, daß der National- convent sich bewogen sah, das schon erlassene Decret wieder zurückzunehmen. Durch aufrührerische Bewegungen, welche ein eigner Nevolutionsausschuß organistrtc, setzte d!e Vergparthey alle ihre Plane durch. Durch einen solchen Aufstand gerietst am 2oten Februar die Hauptstadt in eine lebhafte Unruhe. Die Anstalten zu demselben wurden schon am vorhergehenden Tage gemacht.. Um die Tuilericn rotteten sich große Menschenhaufen zusammen. Man Hörle die Aeusscrung: daß man einen Thetl der Deputaten aufhangen müsse. Den Unwillen des Volkes vermehrte der Brodmangcl, den man durch Emissarien noch vergrößerte. In Marals Journale wurde das Volk aufgefordert, die Magazine zu plündern, und die Aufkäufer an ihren Hausthüren aufzuhängen. Am 2oten wurde diese Aufforderung ins Werk geseht. Der aufrührerische Pöbel plünderte nicht allein die Becker, sondern bemächtigte sich 275 sich auch der Vorräche von Zucker, Kaffee, Chocolade, Sehl, Lichtern u. s. w., die in den Materialisten > Läden vorhanden waren. Manches wurde für einen niedrigen Preis verkauft, manches umsonst genommen. So machte man dem Pöbel Lust, zu auftührerft schen Scenen sich brauchen zu lassen. Durch solche Scenen wurde die Errichtung eines öffentlichen Nevolurionsausschusses, der den Feinden der Republik, das heifit, den Feinden der Bergparihep, den Proceß machen sollte, durchgesetzt. Man nennte diesen Auft rühr die Verschwörung vom roten März. Die Anzeige, die dem Nationalconvente von der? selben gemacht werden sollte, wurde durch den Lerm der mit Säbeln und Pistolen be» waffneten Anhänger der Vergpanhcy, die sich auf den Tribunen befanden, verhindert. Die Commissarien, die der Convcnt, der Beschleunigung der Nccrntierung wegen, an die pariser Seulonen abschickte, meldeten insgesammt in ihren Berichten, baß das Volk die Errichtung eines Nevolurionstribunals, ohne allen Verzug, erwarte. Um die Zahl der Verschwornen zu vergrößern, setzte der Ss » aus 276 aus Belgien zurückgekommene Danton eine Verordnung durch, die allen wegen Schul, den verhafteten ihre Freyheit verschaffte. Die Stimme der patriotisch 'gesinnten Journal» Iren sollte sich nicht mehr hören lassen. Man schickte daher Banditen in die Häuser dersel, ben;j man ließ ihre Pressen zerschlagen. Es folgte hierauf eine lange Reihe von Anklagen gegen diejenigen, von welchen sich die Bergparthey befreyt zu sehen wünschte. Collct d'Herbois that den Vorschlag, alle diejenigen Mitglieder, die sich für die Apel, lation an die Nation erklarten, von den Commissionen auszuschließen. Die Stimmen der Conventsmitglieder, die sich den tyran, nischen Maßregeln der Verschwornen wider, setzten, wurden durch wildes Geschrey zum Stillschweigen gebracht. Nobespierre sprach sehr lange über die Nothwendigkeit, sich al« ler derer, die er Vcrräther nennte, zu ent, ledigen. Die Sitzung wurde wahrend der Nacht fortgesetzt. Danton rief den Tribu, nen mit setner Stentorstimme zu: „Frank, reich schreitet nicht fort, aber Clairfait rückt vorwärts, und die Feinde im Innern sind thätig; 277 thatig; die Nacht paßt sich besser für die Dolch «Operationen!" Der Convent gieng nur auf eine Stunde auseinander. Als es zur Wahl der Mit« gltcder des Nevolutionsausschusses kam, traf sie auch einige redlichgesinnte Manner. Doch Marat, der es nicht abwartete, ob sie sich für die Annahme erklarten, forderte schon das Mordgesindel, mit welchem die Tribut ncn angefüllt waren, zum Beystande auf. Dadurch erzwang er ein Deeret, welches das von ihm aufgesetzte Verzeichuiß der Mitglie- der des Ausschusses bestätigte; fast lauter Mörder des 2ten Septembers, die jetzt im Nahmen des Gesetzes morden sollten. Im dessen scheiterte damahls doch der Plan der Bergparthey, ihre Gegner durch diese Ben schwörung aus der Welt zu schaffen. Diese waren, durch die Aufseher des Saals gel warnt, nicht in die Sitzung zurückgekehrt, und von dem Erscheinen in den folgenden Sitzungen wurden sie, durch den stürmischen Geist der Berathschlagungen, entfernt. Ein hcftigsr, die ganze Nacht hindurch dauernder Regen hatte viele Verschworne in ihren Wohl Wohnungen zurückgehalten, hatte die Zahl der Bewaffneten von einer Zeit zur andern vermindert. Darüber verivhrcn die Anfüh- rer der Mörder den Much; sie wurden um schlüssig; sie setzten in die Ausführung ihres Planes ein Mißtrauen. Zwcy Tage hernach erhielt der Nationalconvcnr ein Schreiben dos Generals Dumvurier, das, einem Manifeste ähnlich, der Versammlung seinen Anmarsch mir einem Thetle seiner Armee meldete, um die von schändlichen Horden dem Con- vente zugefügten Beleidigungen zu ahnden, um die würhende Gesellschaft der Zacobiner von Grund aus zu vernichten. Die Jacobiner konnten, so sehr sie es auch wünschten, da- mahls noch kein Anklaqsdccret gegen ihn durchsetzen; la Croix vercheidigte ihn zu kraftvoll. Aber sie schwuren ihm unversöhnliche Rache zu. Da noch so viele Mitglieder des Convents sich den Absichten der Jacobiner entgegensetzten, so faßten die Häupter derselben den Entschluß, die Auflösung des Natlonalconvents durch gewaltsame Mittel zu bewirken. Die Vorbereitung zu derselben machte man (io. März) durch ein Nevolnrionslrlbunal, und durch 279 durch die Commissi»«» des ollgemeinen Wohls, die bald darauf (6. April) in einen öffentli« chen Wohlfahrtsausschuß übcrgieng. Dieser bestand aus 9 Gliedern, unter welchen sich Varrcre, Cambon, .Danton, Treilhard be« fanden; zu diesen kamen bald hernach noch Nobcspierre und Carnot hinzu. Unter den schönen Namen dieser Ausschüsse verbarg man den schrecklichen Despotismus einiger mensche lichen Ungeheuer. Durch sie verschaffte man sich die erwünschteste Gelegenheit, alle diese« nigcn, die es mit der französischen Nation redlich mcynlcn, die dem abscheulichen Des« potismus entgegen zu arbeiten suchten, aus der Welt zu schaffen. Unter diese gehörten die Häupter der Thal« parthcy, die Nobcspierre und Danton, zu wiederholten Mahlen, als Vcrrather des Va« terlandes anklagten. Zweymahl wurde diese Anklage für vcrläumderisch erklart. Ma« rat schlug im Jacobincrclub eine Aussorde« rung an die Bewohner aller Departemente vor, daß sie einen Aufstand erregen, und nach Paris marschieren möchten. Die Ad« dresse dieser Aufforderung überreichte der Matre 2r Th. T die 290 die Mitglieder der Bergparthcy waren in Ansehung des Schicksals der Ausgeschlossenen nicht einig. Aber Marat, Danton »nd Nobespierre stimmten für gewaltsame Unter« drückung. Varrcre hielt hierauf eine kurze, aber feurige Rede, in welcher er die Versamm» lung zum Patriotismus aufforderte. Wahrend derselben befanden sich die Jacobiner, des Ausganges der Sache noch nicht versi» chert, in heftiger Angst. Nobespierre hatte das Fieber. Danton that endlich den Vor, schlag, die Versammlung sollte sich selbst zu den Bewaffneten hinansbcgebcn, um sich von ihren Gesinnungen zu überzeugen. Im Saale blieben nur einige Jacobiner zurück, um ge, wisse Maßregeln zu treffen. Als der Con, vent, der Präsident Heraut Sechclles vor, aus, durch die ersten Schildwachen gieng, hielten diese, das Decret wegen der Ausge, schlossencn anhörend, sie nicht auf. Jetzt'kam die Versammlung aber in den Hof, wo sie eine dreifache Reihe von Bajonnertcn, Säbeln Und Piken vor sich sah, wo sich Henrior mit seinen Adjutanten, einer Abtheiiung von Ca, vallerie. 291 vaklerte/und einer Cartätschen < Batterie, befand. Der Präsident las das Decret aber- mahls vor. Allein Hsnriot, den' Hut auf dem Kopse, sagte: ich weiß von nichts, als von dem erhaltenen Befehle, den Convcnt nicht durchzulassen. Auf einige Vorstellungen, auf einen Versuch des Convencs, sich durchzudrängen, riefHenriot, einige Schritte- zurücktretend; „Gewehr in die Hand! Kanoniere abgeprotzt!" Die Officiepe vom Gene- ralstaabe zogen den Säbel. Eine Abrhcilung von Infanterie legte auf die Deputaten an. Jetzt kehrte der Präsident, nebst den Mitgliedern, wieder in den Saal zurück. Sein Versuch, hinauszukommen, wurden eben so noch an drey andern Ausgängen vereitelt. Hierauf traten etwa hundert Banditen, in schmutzige Lumpen gekleidet, und Galee- reiisclaven ähnlich, hervor. Vor ihnen her gieng Marat. Die Convcntsglieder drängten sich nach ihnen hin, um die Ursach ihrer Erscheinung zu erforsclen. Aber Marat gedeih ihnen, auf seine Begleiter zeigend , mit lauter Stimme, im Nahmen des Volkes, sich wieder an ihren Platz zu begeben, und T 2 ihre I92 ihre Geschaffte abzuwerten. Die Deputaten waren aber kaum in den Saal zurückgekehrt, als alle Thüren mit fremden Freywilligen besetzt wurden, und nun erfolgte der Ver- hast von den Zwölfern, und von noch 19 andern Mitgliedern. Vergebens erklärten verschiedene von ihren Collegcn, daß unter solchen Umständen keine Stimmen« Freyheit stattfinden könne. Der Präsident Sechelles behauptete, mit schändlicher Unredlichkeit, eine falsche Stimmen > Mehrheit, und alle dage- gen gemachten Einwendungen wurden überschrieen. Der Convent konnte, wenn er mehr Entschlossenheit besaß, sein Ansehn wohl retten. Der größte Thetl der pariser Ratio« nalgarde war zu seiner Vertheidigung bereit. Aber viele von den Bewaffneten, die den Pallast umringten, wußten nicht, was im Saale vorgieng. Erst um 10 Uhr des Morgens erlaubte man den Deputieren, nachdem sie 12 Stunden eingesperrt gewesen waren, nach Hause zu gehen. Die Verschwornen befanden sich jetzt im Besitze der ganzen physischen Staatsgewalt. Wenigstens wurde ihnen diese zu Paris nicht mehr 29Z mehr streitig gemacht. Ihre Emissarien wuß, ten ihr Anschn in den Scctioncn der Haupt« stadt so geltend zu machen, wußten dem ja« cobinischcn Grundsatze, daß die Souveraini« tat des Volkes auf dem größern und ärmcrn Theile desselben, auf den Sausculvtten, be« ruhe, aller Einwendungen ungeachtet, so in Ausübung zu bringen, daß alle redlichen Bür« ger stch entfernten, daß die Versammlungen immer leerer wurden. Reiche, wohlhabende, kenntnißvolle Leute wären (sagte man) eben so verdächtig, als Adliche und Geistliche. Sie dürften also eben so wenig geschönt werden. Der 26 Jahre alte, feurige St. Just las im Montesquieu, daß Luxus die Völker verderbe, und im Rousseau, daß Lp« kurg sein Heldenvolk nur durch die Aufhe« buug der Vermögens «Ungleichheit, nur durch Dürftigkeit, gebildet habe. Nun declamirte er auf der Tribüne: „nicht das Glück von Persepolis, sondern das Glück von Sparta, haben wir den Franzosen versprochen!" Col« lot d'Herbois wollte, um den Franzosen das Glück der Lacedamonier zu verschassen, 12 Millionen Menschen hinrichten lassen, und er nennte die Ermordungen, die täglich vor« fielen -94 fielen, nur „ein Ausschwitzen des politischen Körpers." Wie sehr sahen sich nun diejenigen gel tauscht, die von der Vollendung der Constt- tulivn die Rückkehr der Ruhe und Sicherheit erwartet halten! Der von Hcraut de Scchellcs in aller Eile ausgearbeitete Entwurf derselben wurde schon acht Tage »ach der von den Zacobiuern durchgesetzten Revolution (io. Zun.) dem Nationalconvente vvrnelesen, und 14 Tage hernach (24. Jun.) im Nahmen desselben senerlich proclamlrt. Man lud, um dieser Constitution ein rechtliches Anselm zu verschaffen, die Nation zur Stimmen Sammlung in ihren Urversamm« lungcn ein. Die Deputirten, die sich gegen den ziten Man erklärt hatten, erhielten drcy Tage Bedenkzeit, und die meisten wagten es nicht, ihm lauger zu widersprechen. Aber in den Departementen zeigte sich eine desto gröl-ere Entschlossenheit, sich der tyrannischen Regierung der Bergparrhey nicht zu sinterwerfen. Diese zeigte sich schon früher in der der pabstlichcn Herrschaft unterworfenen Siadt 295 Stadt Avignvn. Hier wünschte (1790) ein Theil der Einwohner die neue französische Verfassung, so weit sie mit ihren dem Pabste schuldigen Pflichten nicht im Widerspruche stand, auch bep sich einzuführen. Ihr Wunsch wurde zwar vom Pabste nicht genehmigt; sie ließen sich aber dadurch nicht abhalten, alle für sie passende Beschlüsse der National» Versammlung anzunehmen. Dicß veranlaßte zwischen den Verehrern der neuen Constitu» tiou, die jetzt (1791) von jacobinischen Emis» farien geleitet wurden, und den treuen An» Hangern des Pabfles, einen lebhaften in Tätlichkeiten ausbrechenden Streit. Die Ja« cobiner ließen viele Nationalgardcn ans der Nachbarschaft hcrbcy kommen. Durch diese überwältigten sie die Gegenparthcp so entschieden, daß sie (11. Inn.) vier der ange» scheusten Männer konnten hangen lassen. Viele von den Adlichen und den übrige» wohl» habenden Personen der Stadt entfernten sich nun. Hierauf schickte die jacobinische Par» thcy eine Deputation an die Nationalversammlung, um dieselbe (25. Inn.) um die Erlaubnis, zu ersuchen, daß sich Avignvn und Wenaissin mit Frankreich vereinigen dürften. Die 296 Die Zacobiner klaschten diesen Gesuche zwar Veyfall zu; durch die Mehrheit der Vers sammlung wurde jedoch die Sache gemißbtl« ligt. Die Jacobiner brachten es indessen nach einigen Monathen dahin, daß Truppen nach Aviguon geschickt wurden, um die neue Constitution zu befestigen, und zu sichern. Ihnen folgte, als Volksrepräsenlant, der Kopfabhacker Jvurdan, der (Ort. 1791) ge« gen die Adiichen, die Geistlichen und Reit chcn, die sich als Feinde der neuen Berfas« suug zeigten, mit der unmenschlichsten Strenge verfuhr. Hierauf wurden Aviguon und Ve« na'ssin, durch einen Beschluß der zweyten Nationalversammlung, mir Frankreich ver« einigt. Anhaltender und schrecklicher waren die Unruhen, welche die jacobtnische Tyrannei) in den großen Städten veranlaßt?. Einige von den 22 verhafteten Deputirten waren entflohen, und hatten zu Lnon, Marseille, Bordeaux, und in der Normandie, alles in Bewegung geseht. Das erste Beyspiel, sich gegen die jacobinischc Negierung zu er« heben, gaben (im Monat Zun. 179z) Bor« deaux 297 deaux und Marseille.' An diese Messen sich noch viele andre Städte im Südfrankreich an, die einen furchtbaren Bund bildeten, die eine ansehnliche Armee nach Paris schik» ken wollten, um dem Consent die Freyhcit der Bcrathschlagungcn wieder zu verschaffen. Dieß war der Federalisme; ein Hauptver» brechen in den Augen der Zacobiner. Um demselben, zu rechter Zeit entgegenzuarbei» ten, schickten die Jacobtner alle ihre pariser Anhänger, die sie entbehren konnten, in die Provinzen. Da ihnen Staatsgewalt, Kriegs, macht, und Assignaten zu Gebolhe standen, so gelang es ihnen bey Marseille und Bor» deaux, ihre in diesen Städten befindlichen Feinde zu unterdrücken. Man öffnete ihren abgeschickten Horden die Thore. Aber die blutdürstige und raubsüchtige Art, wie die Einwohner.von Marseiste und Bordeaux bc» handelt wurden, vergrößerte den Haß und den Abscheu gegen die jacobinische Regte» rung. Von diesem wurden besonders die Bswoh» ner des Departements Calvados, eines Thei» les der ehemaligen Normandie/ angerrte» ben. 293 ben. Hier hatten die für Vaterlandsfeinde erklärten Deputirte Pstion, Nabaul St. Elienne, Barbaroux, dem Unwillen gegen die Jacobincr die höchste Spannung gegeben. Bald thcilten mehrere benachbarte Depar« temcnte den Entschluß, sich der jakobinischen Tyrannei) zu widersetzen. Sie stellten ein kleines Heer auf, welches einen ehemahligen Schweitzer - Officier, Fclip Wimpfen, zum Befehlshaber hatte. Aber es fehlte an Einig« kcit. Die gemeinen Soldaten widerstandenden jacobinischen Vcrführungsküusten zu wenig. Die Officicre giengen haufenweise fort. Diese Unruhen dienten indessen den Zacobinern zum Vorwande, die 22 ausgeschlossenen De« Putirten der Absicht, die königliche Regie« rung wieder herstellen zu wollen, zu beschul« digcn. Unter diesen Zacobinern war Marat der« jenige, der die Schreckcnsregierung mit dem ungestümsten Feuer predigte, den man, mit Recht, in den Departementen für einen der thäiigsten Urheber der jacobinischen Greuel« thaten ansah. Das Vaterland von demsel« ben zu bcfrcycn, beschloß ein Mädchen. Ma» rie 299 rie Charlotte Cordap, von edler Herkunst im Departement Calvados, noch nicht völlig 25 Jahr alt, von schlankem, herrlichen Wuchs, von würdevollen, Bewunderung und Ehrerbicthung einflößenden Anstand, sorgfältig qcbildet, und mit den besten franchsi, scheu, auch griechischen und römischen Schrift- stcllcrn, bekannt. Kaltblürlg cncschlvss n, aber vor dem nahen Bürgerkriege zitternd, und gegen den Urheber mit Wuth angefüllt, faßte sie den hcldenmürhtgcn Entschluß, denselben mordend, ihr Leben dem' Vaterlands zu weihen. In dieser Absicht rcisetc sie am 9ten Jul. nach Parts ab. Den izten bestimmte sie zur Ausführung ihres Vorhabens. Gegen 8 Uhr gieng sie, ein Messer in dem Busen, und von einer Fieberhitze glühend, nach MaratS Wohnung. Die Auf» Wärterin dcss-lben wollte sie nicht vorlassen. Sie gab ihr nun einen Brief an Maral, worin sie ihn dringend bath, ihren Besuch anzunehmen. Ais sie Abends 7 Uhr wieder kam, wollte ihr das Mädchen eben so wenig, als am Morgen, den Zutritt gestatten. Auch Marars Maltr'.sss versagte ihr denselben. Corday bttev jedoch standhaft. Endlich hörte Zoa hörte der eben im Bade sitzende Marat den lebhaften Wortwechsel. Mit der Ursache bekannt, befahl er das Frauenzimmer zu ihm zu führen. Er fragte sie nach ihrem Nahmen, nach den nach Caen geflüchteten Deputaten, nach der Verwaltung des Calvados - Departements. „Die dortigen Aufrührer" setzte er hinzu, „werden es nicht lange mehr antreiben, ihre Köpfe werden im kurzen unter der Guillotine fallen!" Jetzt stieß Corday das schnell hervorgezogene Messer dem Tyrannen so tief in die Brust, daß er nach den Worten: „mich, meine Beste, mich!" sogleich niedersank, daß er nach wenig Minuten todt war. Die Maitresse hielt die Corday fest. Diese machte jedoch gar keine Anstalten, zu entfliehen. Sie wanderte vielmehr mit der gleichmüthigsten Fassung in das Gefängniß. Marat wurde drey Tage hernach (16. Jul.) mit der ausgezeichnetsten Feyerlichkeit begraben. An eben dem Tage erschien Corday vor dem Nevolutionstribunale. Ihr würdevolles Benehmen, ihre uncrschrocknen, kraftvollen Antworten nöthigtsn eben sowohl den Nich- zol Richtern, als den Zuhörern, Bewunderung ab. Ihr freymüthigcs Geständniß war so- gar mit Witz verwebt. Es gründete sich hauptsachlich auf die Meynung, daß sie es für ihre Pflicht gehalten habe, ihr Leben dem Vaterlande zum Opfer zu bringen. Das Urthetl, das ihr die Todesstrafe, und die Einziehung ihres Vermögens, zuerkannte, hörte sie mit aller Ruhe an. Mit stillem Lächeln näherte sie sich der Nichtbühne. Selbst durch das unaufhörliche Auszischen und Schimpfen des Pöbels wurde die liebliche Heiterkeit in ihrer Miene nicht verwischt. Die Bühne besteigend, grüßte sie das umstehende Volk so freundlich, daß es ihr ein lautes Bravo zurief. Nur das Abnehmen des Mantels und Halstuches umzog ihre schönen Wangen mit der jungfräulichen Schamröthe, die sogar an ihrem abgehauenen Kopfe noch sichtbar war. Sie hatte diesen Kopf selbst unter das Beil gelegt. Die Bergparthey erklärte den ermordeten Marat für einen Märtyrer, und seinen Tod für einen der schrecklichsten Unglücksfälle. Sie betrachtete ihn als den überzeugendsten Beweis des der Freyheit drohenden Föderalismus, ZO2 lismus, der, wie sie behaupteten, den Plan gemacht habe, alle Mitglieder der Bergpart they ermorden zu lassen; diese wollte» tagt lich neue Verschwörungen, die Revolution zu vernichten, eindeckt haben. Alles dieses diente ihnen zum Vorwand, ihre tyrannische Herrschaft zu befestigen. Die neue Constit tution, die (io. Aug.) durch Comimssarien der Primärversammlungen beschworen wvr» den war, erklärten ste, in der jetzigen bedenkt lichen Lage der neuen Republik, für unzut reichend. Sie schlössen ste in das Archiv ein. Die Gewalt des Convents übertrugen sie (iz. Aug.) zwcy Ausschüssen, denen ste den Nahmen des öffentlichen Wohles und der allgemeinen Sicherheit beylegren. Diese provisorische Regierung, für welche das Wohl der Nation die einzige Richtschnur seyn sollte, war keiner andern Gewalt, keinem andern Nichter, keinem Gesetze, keiner Emschrän» kung, unterworfen. Sie sollte, wenn es das Nativna'.wohl erforderte, über das Ett genthum, über die Frcyheit, über das Le, ben eines jeden Bürgers, gebicthen dürfen; von ihr sollten Justiz, Police», und alle übrigen Zweige der Staatsverwaltung, abhäm gen; ZvZ gen; nur sie sollte das Recht haben, Bevollmächtigte, denen sie die Ausübung ihrer Gewalt anvertraute, in die Departemente zu schicken. Der Wohlfahrtsausschuß bestand scholl seit dem April. Seine ursprüngliche Bestimmung war die vollziehende Gewalt, ingleichen die Leitung der auswärtigen und der militärischen Angelegenheiten gewesen. Jetzt, da man ihm auch die gesetzgebende Macht des Conventcs auftrugt machte er die Seele der ganzen Staatsverwaltung aus. Er bestand aus ir Mitgliedern, zu welchen, ausser Nobespierre, Barrere, de Sechelles, St. Just, und Cacnot gehörten. Carnot, ein an Kenntnissen und Erfahrungen reicher Ingenieur, beschäfftigke sich blos mit der Leitung der Kriegesunternehmungen. Nobespierre stellte den Präsidenten, den Dktator vor; Barrere und St. Just waren seine Secretäre. Die Sorge für die innere Sicherheil, für die Sicherheit des Convents und der Republik (das heißt der Bcrgpar- thcy) übernahm, unter der Leitung des Wohlfahrtsausschusses, der Ober - Slcherheitsaus- schuß. So zc>4 So wurde die jacobinische Schreckensre« gicrung in Frankreich befestigt. Jetzt wurde auf der Tribüne der Jacobiner, und der Bergparthey, die Plünderung alles Eigen« thums decretirt. Jetzt reiheten sich Confisca« tionen und gezwungene Anleihen an einan« der an. Arbeitsame, wohlhabende Männer galten jetzt für Feinde der Revolution. Ein «nbehutfamcs Wort, eine unvorsichtige Hand« lung, wurde schon als ein Hauptverbrechen angesehen. Jeder Nicht«Jacobiner befand sich in Gefahr. Man mußte, der großen Menge der Verhafteten wegen, neue Ge« fängnisse anlegen. Allmählich gab man je« der bedeutenden Stadt ein eignes Nevoe lutionötribunal. Die Seele dieser schrecklich herrschenden Parthey war Nobespierre, der, nach der Meynung seiner Anhänger unbe« stechliche Nobespierre. Ein einziges von ihm geschriebenes Wort war ein über allen Wie derspruch erhabener Befehl. Seine unerbttt« liche Strenge verfolgte aber hauptsächlich die Anhänger von Danton und Orleans. Diese wurden überall aufgesucht, und oft in die Ker« ker, die sie für ihre Feinde bestimmt hatten, eingesperrt, und oft, zugleich mit diesen Um glück« ZO5 glücklichen, hingerichtet. Dle Aufsuchung und Ermordung der sogenannten Feinde der Ne- volution, war das Geschaffte einer beson- dern Revolulionsarmee, die, von der Guil- lotine gefolgt, von einem Orte zum andern zog. Frankreich wurde damahls mit Strömen von Blut übersckuvemmt. Zugleich sank aber die französische Nation, von einer hohen Siufe der Cultur und Urbanität, zum Stande der wildesten Roheit herab. Alle wissent- schaftlichen, alle gottesdiensrlichcn Anstalten wurden vernichtet. Die Kirchen sollten Tempel der Vernunft vorstellen. Manche Kirche wurde ihres kostbarsten Eigenthums, ihrer ehrwürdigen Denkmähler beraubt; manche wohl gar zerstört. Das traurigste Loos traf die Schlösser, die Hauser des Adels, und andrer Neichen. Die französische Nation schien damahls von einer wahren Zerstö- rungs» und Plünderungswuth, die nichts Edles, nichts Schönes schonte, befallen. DaS Elend der Nation vergrößerte auch noch die ungeheure Anhäufung der Assignaten. Schon zu Ende des vorigen Jahres galt ein Louis- d'or Z7 Ltvres in Assignaten (9 Th. 6 Gr.) Die dringende Nothwendigkeit, kleine As- Eallcttj Wtltg. aor Th. tt signa- Zo6 signaten zu 'verfertigen, verursachte einen Ungeheuern Aufwand. Der Wenh aller aus, gegebnen Assignaten betrug schon 2.100 Mit» lionen Livres. Doch waren zu Ende des Jahres bereits für Z69 Millionen verbrennt worden. Die Nationalgüthcr, die ihnen zur Sicherheit dienten, wurden zu 9,500 Mist lionen geschlagen; aber schon im Februar des vorigen Jahres waren für mehr als 2,25z Millionen verkauft worden. Po sank, wäh, rend daß die Assignaten sich anhäuften, ihr Werth immer tiefer. Hierzu kam die Um billtgkeit der Regierung, die dieses so schnell sinkenden Wcrthcs ungeachtet, für die Be- dürfnisse des Staates nur ein Drittel mehr, als im Zahr 1790, bezahlte. Dadurch wurde alles Gewerbe, aller Verkehr mit Ausläm dern, völlig gehemmt. Durch diese grausamen Maßregeln wollte sich die jaeobiuische Parthey bey ihrer von so vielen, vornehmlich von den großen Städten angefochtenen Herrschast behaupten. Um ter diesen Städten zeichnete sich Lyon durch seinen heftigen Widerstand, aber auch durch sein trauriges Schicksal, ganz vorzüglich aus. Die ZV? Die große, von 200,000 Menschen be- wohnte, und durch die vortrefflichsten Manu- fakruren verherrlichte Stadl, stand mit Paris in der genauesten Verbindung, und da sie gleichsam die Hauptstadt des südlichen Frankreichs vorstellte, so hielten es die Jakobiner für nökhig, auch hier ihre Herrschaft aufzurichten. Nach dem 2tcn Sept. 1792 fanden sich verschiedene Propagandisten des Jacobinerclubs auch zu Lyon ein. An ihrer Spitze stand Charlier, aus Piemonr, ein Veurelfchneider und muthwilliger Bankrott- tierer. Dieser erfrechte sich, (Jan. 179z) fünf Personen, geringer Verbrechen wegen, ermorden zu lassen; dieser zwang die Leute zur Unterzeichnung eines Glückwunsches für die gesetzgebende Versammlung, So wenig die guten, betriebsamen Bürger Lyons an dem jacobinischen Mord» und Raubsystcme einen Wohlgefallen hatten, so fehlte es doch auch unter ihren Mitbürgern nicht an schlechten Leuten, die sich an Charlier und seine Mttbrüder anschlössen. AuS etwa 2000 derselben bildete Charlier (6. Febr.) einen Centralklub. Er redte zu der blos U 2 durch zo8 durch den Schein einiger Lampen erleuchtet ten Versammlung mit dem Dolch in der Hand, den Zuhörern wegen der Geheimnisse, die er ihnen im Nahmen des Convents mit« zuthcilen im Begriffe wäre, Stillschweigen gebiethend. Diese Geheimnisse bestanden in dem Plane, den die Kaufleute von Lyon entworfen haben sollten, den Emissarien deS Königs von Sardinien, und den Emigranten, die Thore zu öffnen. Der geringste Auf« schub, diesen Plan zu vereiteln, wäre um so gefährlicher, jemehr die reichen Manufak, turisten auf den Bcystand ihrer zahlreichen Acbeitsleute rechnen könnten. Die am Nhone versammelten Truppen der Republik erwart tetcn nur einen Wink, ihnen Hülfe zu lci, sten. Die Kaufleute, denen die Zacobiner den Untergang bestimmt hatten, waren schon so bekannt, daß sie von einigen Mitgliedern geradezu genennt wurden. Allein um Mit, ternacht ließ der entschlossene Maire die Na, tionalgarde, durch den Generalmarsch, zu< sammenberufen. Die Zacobiner verlohren den Much, und Charlier schätzte sich glückt sich, daß ihm das Leben geschenkt wurde. Der Club wurde geschlossen. Doch zv9 Doch die Neichthümer von Lron waren für die Jacobincr eine zu anlockende Deute, als daß sie sich hätten entschließen können, dieselbe fahren zu lassen. Sie brachten es dahin, daß die Einwohner von Lyon für Beförderer der Gegenrevolution erklart wur- den. Es zogen nun mehrere Bacallione republikanischer Truppen hin. Bazire und Le, gendre erschienen als Abgeordnete des Com vcnts. Die jacobinische Parthey hob nun- mehr ihr Haupt wieder empor; ihr Club wurde wieder hergestellt; alle Stellen der Administrationen wurden mit Jakobinern be- setzt, und Charlier bekam das wichtige Amt eines Gemeindeprocurakors. Seitdem fand man taglich an allen Straßenecken schriftliche Aufforderungen, die Feinde der Revolution zu plündern und zu morden. Man fand die Erklärung von einer Verschwörung von Z00 Republikanern, die allen denjenigen, die in ihren Gesinnungen nicht mit ihnen übereinstimmten, den Tod drohete. Man bildete eine Ncvolutionsarmee, beten Unterhaltungs, kosten auf das Vermögen der reichsten Leute angewiesen wurden. Manche waren zu mehr als 400,000 Franken, manche über ihr Vermögen, ZIO wögen, angesetzt, und diese Summen mußt ten, ohne Weigerung, und in der kürzesten Frist, bezahlt werden. Die Söhne der Reit che» und Wohlhabenden wurden zur Armee geschickt, und man behielt blos diejenigen zurück, die den Zacobinern ihre Dienste widmeten. Man gab sich alle Mühe, die Einwohner von Lyon, so wie die Bürger aller andern großen Städte, zum Aufruhr zu reihen, damit man zur unbarmherzigen Behandlung derselben einen um so schcinba« barcrn Vorwand haben möchte. Die Gesäugt nisse zu Lyon wurden mit einer großen An« zahl der besten Bürger angefüllt. Diese muß, ten sich ihre Freyheit durch ansehnliche Geld« summen verschaffen. Ein Ge-stlicher, Laus« set machte den Unterhändler. Anstatt sechs Millionen wurden zz erpreßt. Der Convent gab um diese Zeit (May 179z) jeder großen Gemeinde das Recht, die zu ihrer Sicherheit nölhigcn Maßregeln zu ergreifen. Dieses Rechtes bedienten sich auch die guten Bürger von Lyon. Desto eifriger betrieben die Jacobiner die Vefestit gung ihrer tyrannischen Herrschaft. Auf Ve, fehl zir fehl der' unter ihrem Gcbothe stehenden Mut nicipalitär, wurden in der Nacht vom 2Ftcn May über hundert Familienväter in das Ge, sängniß gebracht, um am andern Morgen hingerichtet zu werden. Jetzt versammelten sich aber die Bürger »Datallione aller See« tionen. Sie bemächtigten sich des Zeughau» ses, und des in demselben befindlichen Ge» schützes. Für die Jacobiner war das Stadt» Haus der Punkt, von welchem ihre Unter» nchmungen ausgiengen. Ihre Macht wurde eben jetzt durch eine Abrheilung der repub» litauischen Armee in Savoyen verstärkt. Lyon's Einwohner theilken sich jetzt (29. May) in zwey Parlheyen; die eine wollte morden, und die andre sich nicht morden lassen. Jede hatte einen besondern Theil der Stadt in ihrer Gewalt. Erst um Mit» ternacht gelang es den Bürgerbatallionen, sich des Stadthauses, des Hauptquartiers der Mörder, zu bemächtigen. Charlier, und seine Anhänger, wurden verhaftet, und einer sehr regelmäßigen und gesetzlichen Untersu» chung unterworfen. Einige ZI2 Einige der benachbarten Departemente, schickten Abgeordnete nach Lyon, um wegen der Maaßregeln, die man der anarchischen Regierung vom 2ten Iuntus entgegenstellen könnte, mit der städtischen Regierung von Lyon Abrede zu nehmen. Sie faßten zu- sammen den Beschluß, die Decrete des Eon« vents nicht eher anzuerkennen, als bis die verhafteten Deputieren wieder eingesetzt seyn Würden. Dieß war jedoch eine von den Hauprursachen, die die Bergparthey zur schleu- nigeu Vollendung der Constitution bestimmte; der Constitution, die sie der Narion in Zeitungen und Journalen anpreisen ließ. Einige Zeit stellten sich die Iacobtner, als wenn sie auf die Beschwerden der Lyoncr Rücksicht nehmen wollte». Als aber die Berg- parthey sich der nöthigcn Gewalt versichert hatte, um die Urheber des jakobinischen Umfanges zu Lyon der Strafe zu entziehen, ließ sie, durch ein Decret des Revolutious- tribunais, den Criminalrtchtern zu Lyon die Fortsetzung des Protestes gegen die am 291«, May verhafteten, bcy Todesstrafe, untersagen. Die Lyoner Sektionen achteten jedoch auf dieses Gebolh so wenig, daß sich durch eine Z7Z eine Jury den Charlier, als den Urheber «ine Verschwörung, durch die Lyon in einen Aschenhauftn verwandelt werden sollte, zur Guillotine verurthetlen ließ. Durch dzs Venehmen der Stadt Lyon erhielt der Unwille der Zacobiner die höchste Spannung, und sie bestimmten nun die Ein» wohner derselben zum ausgezeichnesten Gel genstande ihrer Rachsucht. Um ihnen alle Verrhetdigungsmittcl zu entziehen, mußte sich der General Kollermann 20 Kanonen von ihnen geben lassen. Die Marseille? konnten, durch eine besondre jacobinische Armee be» droht, den Lyonern nur wenig Unterstützung gewahren. Ihr kleines Heer wurde bald zurückgeschlagen. Von jedermann verlassen, hoffre Lyon dem einbrechenden Gewitter, durch die Annahme der Constitution von 179z, sich zu entziehen. Aber ihre Depulirten entgienl gen dem Gefangnisse nur durch eine schleu» nige Flucht. Schon kamen Commissarien des Convents nach Macon, der an der Saone liegenden Hauptstadt des Departements Saone und Loire, um die Belagerung von Lyon zu leiten. Die Lyoner mußten also zur Gegen» wehre Zi4 wehre Anstalten machen. Dem Grafen Per» rin de Plön), einem der ausgezeichnetsten Gegner der Demokraten, vertrauten sie die Aufsicht über ihr Kriegswesen an. Alle ihre jungen Leute ergriffen muthvoll die Waffen. Alles vorrathige Metall wurde angewendet, um Kanonen daraus zu gießen. Aber durch Verräthercy war ihnen das Mittel, Vier« undzwanzig« und Sechzehnpfünder zu gießen, entzogen worden, und sie mußten sich .daher mit Zwölfpfündern begnügen. Die jacobinische Armee, die unter dem Befehle von Dubais - Creance, vor Lyon erschien, bestand aus 10,000 Mann Linien» truppen, Zoos Mann Cavallerie, und einer großen Anzahl von Nationalgarden. Ein Artillericpark von 100 Kanonen, und vielen Mörsern, wurde von 500 Artilleristen be- dient. Mehrere Einwohner von Lyon gien- gen diesem Kriegsvolk mit Oehlzwetgen ent- gegen; sie wurden aber umringt und auf eine barbarische Art niedergehauen. Dubois ver- suchte in eben dem Augenblicke einen stürmenden Angriff der Stadt, der aber zurückgeschlagen wurde. Er nahm hierauf zu listt- ziz listigen Unterhandlungen seine Zuflucht; er suchte, durch die in der Stadt befindlichen Jacobiner, unter ihren Bürgern Uneinig« kett zu stiften. Seinen Soldaten, denen das Lesen der Zeitungen bey Lebcnsstrafe verbothen war, erzählte man, das; die auft rührerischcn Einwohner von Lyon weiße Co« carden trügen, daß weiße, mir Lilien ge« stickte Fahnen auf allen Platze» flatterten, daß die Patrioten im Gefängnisse schwach« tetcn. Der Kriegscvmm'ssar Panis sagte das Gegcnrhcil. Sein Bericht an den Convent wurde gedruckt. Dubois« Creance hielt jedoch seine Soldaten von der Bekanntschaft mit demselben zurück. Dagegen brachte er, aus den benachbarten Gegenden, thcils durch Ue« berrcdung, thetls durch Geld, thcils durch die der Plünderungssucht gezeigten schönen Aussichten, ein Heer von 60,000 Sanscu« leiten zusammen. In Lyon gab es nicht mehr, als etwa 40,000 wehrhafte Leute. Von diesen »ahm jedoch kaum die Hälfte an der Vcrkheidtguug Antheil. Diese wurden ausserdem auch noch durch die Aufmerksam« keit auf das Beginnen vieler Uebelgeflnn« ten z?6 ten abgezogen. Ihre Anstrengung und ihre Mühseligkeit' war daher ausserordentlich. Dubois machte noch einen Versuch, unter den Bürgern eine völlige Uneinigkeit zu stiften. Er ließ, durch einen Trompeter, der Stadt zu wissen thun: nach den Gesetzen des Convents könnten die Repräsentanten des französischen Volkes sich mit Administratoren, die es nicht anerkannte, nicht in Unterhandlungen einlassen; sie müßten sich daher an das lyoner Volk selbst wenden. Die bisherigen Ncgierungsverwaltcr legten daher ihre Aemter nieder, um dem Volke vollkommne Freyheit zu lassen; das Volk erklärte aber, daß es sich nur an seinen Magistrat halten würde. Seinen Beschluß bestätigten 20,000 Unterschriften. Jetzt (2z. Aug.) schritt Dubois zum Bombenangriffe, der in der Nacht doppelt schrecklich und verwüstend war. Verrather gaben den Artilleristen Zeichen, die Richtung ihrer Bomben zu bestimmen. Um die Sündhaftigkeit der Lyoner noch mehr zu erschüttern, schnitt man ihnen auch alle Zufahre ZI7 führe ab/ verbrennte man alle Mühlen. Bald riß in der volkreichen Stadt ein fürchten lichcr Mangel ein. Weiber, Kinder, Greise mußten sich mit einem halben Pfmrde Ha» ferbrod für den Tag begnügen. Das wenige Weitzenbrod sparte man für die Verthcidi» ger der Stadt auf. Fast alle Pferde wur» den geschlachtet. Reiche und Arme theil» ten einerlcy Schicksal. Die ganze Stadt bildete das rührende Schauspiel einer gro» sie» Familie, die keinen andern Wunsch, als standhafte Gegenwehre, fühlte. Dubois gieng jetzt nach Paris zurück. Seine Collegen Eon» thon, Maignet und Collot d'Hecbois woll» ten mit ihrer bis auf 100,000 Mann ange» wachsenen Armee einen stürmenden Augriff wagen; sie wurdem jedoch durch die Nach» richt, die sie von den guten Vertheidigungs» anstalten der Lyoner erhielten, davon abge» hallen. Lyon war, keine eigentliche Festung, und doch hatte es sich, von Linientruppcn und schwerem Geschütze entblößt, gegen eine so große, mit allen Bedürfnissen vortrefflich versehene Belagerungöarmee, schon zwey Mo» nathe ZiZ nathe sang gehalten. Aber der vierte Theil der Sradt war ganz zerstört, und das übt rige sehr beschädigt. Die Anzahl der Wehrs haften, war durch Gefechte und Krankheit ten, schon um die Hälfte vermindert. Man konnte die Posten nicht mehr ablösen. Ost mußte eine Ablheilnng, die eine Schanze glücklich vertheidigt harte, so gleich einer an» dern zu Hülfe eilen. Selbst die Weiber theilten die Gefahr des Verlheidigungskamt pfes. Man knüpfte den Faden der Untere Handlungen wieder an. Die Commisiarten des Convcnts bestanden auf der Auslieferung derjenigen, die in ihren Augen die Urheber der Empörung waren. Die Lyoner verweit gerten diese Auslieferung standhaft. Dieje» liigen, die den Gegenstand derselben ausmat chcn sollten, faßten hierauf den hcldenmüthi» gen Entschluß, sich selbst zum Opfer zu brin» gen. Die bürgerlichen und militärischen Be», fchlshabcr, und alle die übrigen, die auf der Proscriptionsltste der Jacobincr standen, zogen (9. Oct.) unter der Anführung des Grafen von Prccy, aus der bedrängten Stadt, um auf fremdem Boden eine Frcystätte zu suche». Diesem kleinen Heere folgten einige Wagen zic> Wagen, mit ihren besten Habseligkeiten, und einige Vierpfünder. Zn ihrer Mitte wanderte eine ziemliche Anzahl von Weibern, die sich nicht von ihren Männern trennen wollten, mit den kleinsten Kindern, zu Fuße fort. Der Zug begann in der Nacht, mit der behutsamsten Stille. Allein die Belage« rer, die durch Spione von demselben Nach« licht bekommen hatten, ließen durch Cou« riere, die sie nach allen Straßen schickten, die Bewohner der umliegenden Gegend zur Bewaffnung gegen die Abziehenden ausser« den. Auf allen Seiten hörte man nun die Sturmglocke. Von allen Seiten eilten Hau« fen von bewaffneten Bauern herbey. Bald sahen sich die Flüchtlinge, in den engen Pässen bey St. Germain, von vielen tausend Feinden umringt. Die Lyoner wehr« ten sich so standhaft, daß die meisten von ihnen als Helden starben. Etwa 50 dersel, ben, unter welchen sich Pcecy befand, verdankten menschltchgesinnten Bauern ihre Rettung; die übrigen, fast 500 meistens schwer verwundete, wurden, als Gefangne, von Kerker zu Kerker geschleppt. Endlich, als die Stadt erobert war, brachte mau sie in den Kei« Z20 Keller des dasigen Nathhauses, wo man sie auf verschiedene Weise hinrichtete. Nach dem Abzüge des vorzüglichsten Thcils der Verrhetoiqer, blieb (9. Oct.) den Lyo» nern keine Hoffnung übrig, den Belagerern, über welche der Repräsentant Dubois Crance, und der General Doppet, den Oberbefehl führten, ihre Thore langer verschließen zu können. In den ersten Tage» rückten nur einzelne, nur kleine Truppen-Abtheilungen ein. Die Conventsdepulirten Javognes und Collot d' Herbois sprachen nur von einer gnädigen Behandlung, und das lyoner Volk freute sich des wiederhergestellten Ueberfiuft ses. Aber wie sehr wurde seine freudige Aussicht getauscht. Der Centralclub begann von neuem. Zum Sitze desselben diente eben das Theater , auf welchem Lollot d'Herbois, seiner mittelmaßigen Talente wegen, oft ausl gepfiffen worden war. An denen, die seiner gespottet hatten, beschloß der mächtige Mann sich jetzt zu rächen. Zm Jacobinerclub fore derte er, durch seine feurigen Reden, die gemeinen Leute zur Plünderung der Reichen auf, die, wie er sagte, das Vermögen der Sans« Z2l Sansculotten an sich gerissen hätten. Die Fabrikanten setzte er hinzu, wären durch die Manufakturarbeiter so lange unter ein schändliches Hoch gedrückt worden; jetzt sollten sie das, was ihnen gehörte, sich wieder zueignen ; die Zerstörung der prächtigen Gebäude von Lyon wäre das einzige Mittel, die Gleichheit und Freyheit eines kriegerischen Volkes, das der zur Ueppigkeit hinziehenden Künste entbehren müsse, zu erhalten. Die Commissarien des Couvents machten hierauf (12. Oct.) den Lyvnern ein Decret bekannt, nach welchem ihre Stadt künftig nicht mehr Lyon, sondern vills gfrgnclns (in Freyheit gesetzte Stadl) heißen sollte. Dieß war ein ahnungsvolles Zeichen der schrecklichen Zukunft. Zugleich mit der Bekanntmachung dieses Decrets, wurden alle Patrioten aufgefordert, die Richter und Ge- schwornen, die den unsterblichen Charlier zum Tode verurthetit hätten, anzugeben. Auf ihre Liste kamen nicht nur die Mitglieder der provisorischen Municipalität, sondern auch alle Officiere, alle Ausschüsse, alle reiche und wohlhabende Leute. Zuletzt rechnete man GMtti Wcltg. -vr Th. X einem Z22 einem Republikaner selbst die Angabe seines Vaters zur Tugend an. Die Folge war eine große Anzahl von Hinrichtungen. Viele such» ten sich, der sorgfältigsten Verhinderungs» maßregeln ungeachtet, durch die Flucht zu retten. Hierauf gebothen die Repräsentant ten des Convents.- jedermann sollte sein Ge« werbe forttreiben, und dieß bey der Muni» cipalität anzeigen; die Kaufleute sollten die Fortsetzung ihrer Geschäfte, durch ihre Han- delsbücher, beweisen. Die geflüchteten Lyo- ner kehrten nun in ganzen Schaaren zurück und in Schaaren zu taufenden wurden die grausam getäuschten Leute verhaftet. Alle ihre Papiere wurden versiegelt, alle ihre Handelsbücher verbrennt. Dieß war das Geschaffte einer besondern Commission. Zu den jacobtnischen Söldnern, die die Vollziehung dieser tyrannischen Anordnungen unterstützten, kam jetzt auch eine Abtheilung der pariser Nevoluttonsarmce. Nun wurden täglich wenigstens 40 Bürger hingerichtet, und bey jedem fallenden Kopfe riefen einige gedungene Bösewichter: „es lebe die Republik!" Jetzt galt selbst die Aeusserung von Z2Z von Schrecken, von Entsetzen für ein unret publikanisches Verbrechen. Durch Anschlaget zettel wurden die geringsten Zeichen von Traich rigkeit in den Miene», von Mitleiden in den Worten, für Beweise des Aristokratist mus erklärt. Der täglichen Hinrichtungen ungeachtet, waren die Gefängnisse doch im, wer angefüllt. Um das Blut abzuleiten, wat ren tiefe Graben so wenig hinreichend, daß man, der Überschwemmungen wegen, den Nichtplatz schon dreymahl hatte verlegen müst sen. Die Scharfrichter waren von der »Nt ausgesetzten Arbeit ganz entkräftet. Das schreckliche Unglück einzelner Familten stimmte das ganze Publicum zur traurigsten Niedert geschlagenheit. Gegen diese stach das Vert götterungsfest von Charlier höchst auffallend ab. Die Guillotine arbeitete jedoch für den unmenschlichen Collot nicht rasch genug. Er ließ an Einem Tage 269 Personen von beyt den Geschlechtern, allemahl zwcy an einant der gebunden, auf einem freyen Platze, durch Cartätschenkugeln, zusammenschießen. Viele von denselben wurden nur verwundet; einige versuchten die Flucht; sie wurden aber von Dragonern niedergehauen, und, zum Theil T 2 noch Z24 noch lebendig in den Rhone geworfen. Cvl- lot sah diesem empörenden Schauspiele zu. Fünf Monathe lang mährte das Morden, und über 500 Bürger wurden gemordet. Manufakturen und Fabriken waren so in Verfall gerathcn, daß die Zahl der Einwoh- ner bis auf 90,000 herabsank. Für die Zacobiner, die an Lyon so schrek- liche Rache ausübten, war noch eine andre Stadt im südlichen Frankreich, der Kriegst Hafen Toulon, ein Gegenstand ihres anar< chischen Unmuths. Zu den Mauern dieser Stadt hatten die reichsten Einwohner von Marseille, und ihre kostbarsten Habseligkeiten, eine sichere Zuflucht gefunden. Die wegen der jacobtnischcn Erbitterung zitternden Einwohner von Toulon übergaben einer englisch-spanischen Flotte, unter dem Admiral Hood, die sich in der Nähe befand, (29. Aug.) ihren Hafen, und mit diesem nur allein 25 Linienschiffe, nebst ganz unermeßlichen vielen Vorräthen von allerlei) Schiffs- bedürfntssen. Frankreich hatte seitdem auf dem mittelländischen Meer keine Flotte, und es war der Mittel, sich einer Landung auf sei- seiner südlichen Küste zu widersetzen, beraubt. Zu der spanisch»englischen Flotte im Hafen von Touion stieß in der Folge auch ein por» tugicsisches Geschwader. Frankreichs Feinde glaubten sich, durch eine so große Seemacht, um so eher bey dem Besitze Toulons zu be» Haupte»; allein die Uneinigkeit, die zwischen den Oberbefehlshabern der verschiedenen Flott ten ausbrach, bewirkte gerade das Gegen» theil. Die jacobinische Negierung von Frank» reich wollte die vereinigten Seemachte durchaus nicht in dem Besitze von Torsion lassen. Die Armee, die Lyon eingenommen hatte, rückte daher (im Octobsr) sogleich zur Belagerung von Toulon an. Sie wurde durch Abchett luugen von der Alpen» und italienischen Ar» mee, uud durch alle Nequisitionsmannsckast aus den benachbarten Departementen, sehr ansehnlich vergrößert. Auch war sie mit einer gewaltigen Artillerie versehn. Die Engländer halten Toulon durch neue Verschanzungen in einen sehr befestigten Zu» stand versetzt; sie ließen auch die Anhöhen um Toulon durch ZOoo Mann verlheidigen, und ihre Artillerie war sehr furchtbar. Di« fran» Z26 franMsche Belagerungsarmee stand unter dem Oberbefehle des Generals Dugommier. Die» ser bekam den spanischen General Ohara, bey einem Ausfalle, den dieser (zo. Nov.) aus Toulon «hat, gefangen. Die eigentlt« chen Anariffe der Franzosen fiengen aber erst in der Mitte des Dcccmbers an. Die franzö« fischen Soldaten stürzten steh (16. Dec.) um aufhaltsam in das Gewehrfeuer und die Ba< jonnette derer, die die Anhöhen besetzt hakt ten. Die entkräfteten Truppen wurden im, wer durch frische Mannschaft abgclöset. Schon am folgenden Tag (17. Dec.) war die Haupte verschanzung erobert. Die Engländer mach, ten nun Anstalten, die Anker zu lichten. Zugleich nahm die Division des Generals Lapoppe, des gewaltigen Regens, der schlech, ten Wege, und des heftigen Kanonen, und Gewchrfeuers ungeachtet, alle Vcrschanzun, gen auf dem Berge Pharon weg, und die Engländer hielten es, nach einem ununter, brochenen Kampfe von vier Tagen, für rath, sam, (2O. Dec.) die Siadt und den Hafen zu räumen. Ihnen folgten auch viele Ein« wohner von Toulon, die der ihnen drohen« den Nachsucht der Zacobincr nicht zum Opfer dienen Z27 dienen wollten. Von 27 Linienschiffen blies den nur drey in den Händen der Engläns der; 9 wurden von ihnen verbrennt, und 15 noch gerettet. Die Engländer mußten auch das Taumagazin, und die Arsenalvors räthe, zurücklassen. Unter den großen Städten im südlichen Frankreich, die sich der jacobtnischen Tyrans ney wiedersetzten, deren Bürger dem untere jochten Convent zu Hülfe eilen wollten, spielte das von 120.000 betriebsamen Mein schen bewohnte Bordeaux eine vorzügliche Nolle. Dafür sollte es nun gleichfalls ge, züchtiget werden. Der Convent decretirte (6. Aug. 179z) daß alle diejenigen, die sich mit der Organisation der Truppen des Des partements der Gironde abgegeben, oder diese Organisation hätten geschehen lassen, als Feinde des Volkes, behandelt werden, sollten. Unter dem Vorwande, sowohl dies jenigen, die gegen die Republikaner die Was« fen ergriffen hatten, als die von dem Eons vent ausgeschlossenen Deputieren, zur Strafe zu ziehen, wurde nun im Bordeaux eine alls gemeine Haussuchung veranstaltet. Die Aufs ficht Z28 ficht Ger dieselbe führten Abgeordnete der Beraparthey, und zur Unterstützung dersel- ben diente ein Heer von 5000 Sansculotten, die ein Ausruf derselben, als eine Ree volurionsarmee, in einem Lager bey der Stadt versammelt hatte. Die Departcmcntsrrup- pen von Bordeaux waren abgedankt. An der Spitze der Skadtregterung standen schwa- che, furchtsame, unentschlossene, nicht über» einstimmend handelnde Manner. Die Masse der kraftvollen Bürger entbehrte eines Am führers. Von dem Lager aus schlichen sich unter ihnen Aufpasser und Uneinigkeitsstifter ein. Nur einer Sectio», in welcher die Za- cobiner herrschten, wurden Lebensmittel zu- geführt. Diese Sectio« bemächtigte sich des Departemcntshauses. Die Mitglieder der Departementsregierung ergriffen die Flucht. Hierauf zog der General der Nevolurions- armee, mit seinem Generalstabe, im Bordeaux ein. Der bisherige Magistrat wurde gegen einen neuen von lauter Jacobincrn vertauscht. In jeder Nacht fielen nun Verhaftungen vor, und jeder redliche Bewohner von Bordeaux mußte befürchten, am nächsten Morgen seiner Freyheit sich beraubt, sein Z29 sein Haus geplündert und verwüstet zu sehen. Ein militärisches Tribunal vergoß mehrere Monathe hindurch Ströme von unschuldigem Bluts. Unter den Ermordeten befand sich Nabaud» Saint» Etienne, einer der talent» vollsten und gebildetsten Männer, der, als Präsident der Zwölfer, die Nachsucht der Vcrgparthey auf sich gezogen hatte. Er wurde hingerichtet, ohne verhört worden zu seyn. Seine Gattin wollte ihn nicht überleben. Zu dem Opfer der jacobinischen Nach« gehörte damahis auch' Johann Maria Not land. Dieser schon durch setn Aeusseres ein» nehmende, sanfte Mann, der seinen hellen, sehr richtig verheilenden Verstand mir den ausgcbreitetsten Kenntnissen in Handluugs» Manufaktur I und Schiffahrissachen ausge» schmückt hatte; ein fietfuqer, meistens mit eignen Augen sehender Arbeiter, war bis zwey Tage nach Ludwigs Hinrichtung, Mi» nister des Innern gewesen. Die Girondl, sten brachten ihn iu einem Vergleiche, den sie mir den Jacvbincrn schlössen, diesen zum Opfer, damit Pache, über den alle Armsen klagten, gleichfalls entfernt werden möchte. Rolands Z?o Rolands Gattin, zwischen zo und 40 Iah, ren, lieblich gebildet, äusserst geschmackvoll gekleidet, und in ihrem ganzen Wesen sehr einnehmend, vielleicht nur mit zu vielem Auft wand von Verstand sprechend, versammelte in ihrem Hause ansehnliche Gesellschaften von Convcnlsdepulirten und Gelehrten, wo man« chcr politischer Entwurf zur Reife gedieh. In diesem Cirkel, in welchem keine andre Ministerfrau erschien, verrielh Madame Roe land nur zu oft die große Gewalt, die sie über ihren Mann ausübte. Sie blieb in Paris selbst als ihr Mann, von den Zacoe btncrn als Föderalist verbannt, von Höhle zu Höhle sich forrschlich. Sie wurde aber endlich vom Nevolutionstribunale zum Tode verurtheilt. „Wie viele Verbrechen," sagte sie, mit festem Muthe sterbend, „begeht man, 0 Freyheit! in deinen Nahmen!" Ihr Mann nahm sich nun (12. Nov. 179z) selbst das Leben. Ungleich länger und standhafter als das südliche Frankreich, kämpfte die Vendee ge< gen die jakobinische Schreckensregterung. Die Einwohner dieses zwischen der Loire und Cha« rente. ?Zl renke, in dem ehemahligsn Poitou, sich aus, breitenden Landes, die meistens nur vom Ackerbau und von der Viehzucht lebten, und nur zum klctnern Thcile lesen und schreiben konnten, glaubten, mit dem übrigen Frankreich fast in keiner Verbindung stehend, das, ivas ihnen die vielen Adlichen und Geistli, chen, die bcy ihnen Zuflucht suchten, von dem Verfahren der damahligcn Machthaber erzählten, mit vieler Bereitwilligkeit. Die Geistlichkeit erklärte die Einziehung ihrer Gülher für den Anfang, die katholische Ne, ltgion abzuschaffen. Den Abscheu, den sie dadurch dem gemeinen Volke gegen die re, publikanische Verfassung beybrachten, vergrS, ßerten die Adlichen durch die lebhafteste Schil, derung, die sie von der anarchischen Tyran, ney der Jacobiner machten. Die constitui, rende Nationalversammlung vernachlässigte / es zu sehr, die unruhigen Bewegungen in der Vendee in ihrem Auflodern zu ersticken. Anstatt dieses wichtige Geschaffte einigen Com, nusswten aus isirer Mitte anzuvertrauen, über, liest sie (vom Sept. 1791) die Vollziehung ihrer die Vendee betreffenden Decrcte dem Hofe. Die gesetzgebende Versammlung, der 33" Convent hatte zu wenig Ansehn, um das Versehene gut zu machen. Der König wollte die Bestrafung der zum Aufrühre reihenden Geistlichen nicht zugeben. Mtt der Hoff» nung geschmeichelt, baß die ruhige Unker» werfung der Vendce die Rettung der ge» fangnen königlichen Familie befördern würde, brachten die Vendeer derselben ihre Stand» hafitgkeit zum Opfer. Doch Ludwigs Hin» richtung, die die schönen Erwartungen so unbarmherzig täuschte, entzündete das Feuer der Empörung von neuen. Dieses Feuer wurde von den vielen über das jakobinische Verfahren mißvergnügten Adlichen und Geist» lieben, die alle nach der Vendee wanderten, noch stärker angefacht. . Eine Hauptrolle spielte bey dem Anfange dieses Bürgerkrieges der Marquis de le Rvua» rie, ein Mann von einem großen, feurigem Geiste, der, mit den Talenten eines Staats» mannes, den Ueberblick eines Feldherrn, und die Unerschrorkenhett eines Kriegers, verct» nigte. Ais Ossicier unter der Garde, zog er sich, eines Duells wegen, den Unwillen des Königs zu. Dieses krankte ihn so sehr, daß zzz daß er das Ende seines Lebens durch Gift beschleunigen wollte; er wurde jedoch durch die zur rechten Zeit angewandten Gegenmit- tcl nock gerettet. Hierauf büßte er in dem Orden de la Trappe. Dem traurige» Leben desselben durch seine Freunde wieder entzogen, diente er als Oberster unter den fran- zösischcn Truppen in Amerika. Als Depu- tirter seines Vaterlandes Bretagne vcrlhei- digle er hierauf die Privilegien desselben mit so großer Freymüthigkeit, daß ihn die erzürnten Minister in die Bastille einsperrten. Usber die Revolution von 1789 freute er sich anfangs; bald verdroß es ihn aber, daß ihn die Ncvolmionshäupter von dcr Teilnahme ausschlössen, daß sie die Vorrechte des Adels so wenig schonten. Er entwarf nun den Plan, die rhemahlige Verfassung wieder herzustellen. Mit diesem begab er sich (im December 1791) zum Grafen von Arlois, nach Coblenz. Sein Plan wurde von den Prinzen genehmigt. In das Vaterland zurückgekehrt, organi- sirte de la Ronane eine förmliche Znsurrec- tion. In der Hauptstadt eines jeden Bis- thumes ZZ4 thumes sollte eine Centralcommission, um terstützt von Hülfscommissionen in den klei< nen Oettern, die Organisationsgeschäffte ver< walten, sollte sie es zu ihrem Hauptzwecke machen, Geld hcrbeyznschaffen, und sowohl Nationalgarden, als Linientruppen, zum Auf- stände zu verleiten! Um diese Zeit begann schon der englische Einfluß auf die Hindere nisse, die man dem Forlgange der Revolution entgegen setzte. Die Emigrirten von Bretagne fanden auf den ihrer Küste so nahe liegenden Inseln Jersey und Gcrnsey eine bereitwillige Aufnahme. Man wollte sie hier mit Waffen und Munition versehen. Das Oberhaupt dieser Emigranren stellte der Graf Botherel, der ehemahlige Generalpro- cureur der. Stände von Bretagne, vor. Allein Botherel und Nouarie handelten nicht übereinstimmend. Nouarie bewies übrigens eine bewundernswürdige Thätigkeit. Er opferte derselben selbst die nachtliche Ruhe auf. Eine ungemeine Stütze gewährte ihm dabey The- resie Moelien aus Fougeres, einer Fabrik- stadt im Departement Jlle und Vilaine, die, jnug. ZZ5 jung, schön , muthig, an seinen kühnen Streit fereyen Theil nahm. Es schlössen sich auch viele andre talentvolle, und angesehene Man» ner an ihn an. Die Betreibung seiner An« gelcgenheilen zu Paris vertraute er einem jungen Arzt von glänzenden Fähigkeiten, La» touche > Chcvetel, an. Dieser verieth jedoch sein Geheimniß dem mächtigen Danton, der nur den zur Benützung dieser Entdeckung schicklichen Zeitpunkt abwartete. SM ! Rouarie, dessen Muth, durch den Am griff der verbundenen Mächte, die höchste Spannung erhielt, versammelte die vornehm« sten Thcilnehmer seiner Verschwörung auf seinem Stammschlosse Nouarie zwischen St. Malo und Reimes. Eben theilt er ihnen die am alcn März 1792 unterzeichnete Voll« macht des Prinzen, durch die er für das Haupt der westlichen Royalisten, für den Oberbefehlshaber der ganzen militärischen Macht des bretonischen Bundes der umlie« genden Departements, erklärt wurde, mit, als ein Haufe von Nationalgarden gegen sein Schloß anrückt. Nouarie und seine Milverschwornen eilten hinweg; sie kehrten jedoch ZZ6 > jedoch, als sich die Nationalaarden entfernt hatten, bald zurück, und betrieben die An, stalten zur Ausführung ihres Planes mit erneuertem Eifer. Als jedoch der Krieg, den die vereinigten Obstreicher und Preussen in Frankreich führten, einen so unglücklichen Ausgang hatte, gerielhen die Vcrschwornen in Bretagne in die lebhafteste Bestürzung. Jetzt erschien in ihrem Lande Latigant, Morlllon, der ehedem unter der großen Gensd'armcrie diente, und hernach Musicus, Spion, Falschmünzer war; ein kühner, kein Mittel schönender Mann, als Commlssär des Convcnts. Die Niedergeschlagenheit, die der Rückzug der Preussen unter den Mit« gliedern des bretonischen Bundes veranlasse, erleichterte ihm sein Geschäfte. Nouarie schlich sich nun von Schloß zu Schloß, von Ausschuß zu Ausschuß. Er irrte, die ge, wöhnlichen Wege vermeidend, in Wäldern und auf Bergen umher. Oft übernachtete er in unzugänglichen Höhlen, am Fuße eines Eichbaumes, in einer Schlucht, . Marillsn machte die Entdeckung, daß die englische Regierung schon für 200 Millionen falsche 3Z7 falsche Assiguatc nach Frankreich geschickt hatte, um im Innern sich Anhänger zu verschaffen, und zugleich den Werth dieser Papiere her« unter zu setzen. La Touche, der von Dan« ton als Unterhändler nach England geschickt worden war, drang in die Plane der französischen Prinzen tiefer ein. Die Gelegen« hcit hierzu verschaffte ihm eine Zusammenkunft mit Calonne, wozu ihm die Bekannt« schast mit dessen Secrctär vcrhalf. Genug, die Geheimnisse der Gegenrevolution wurden so vcrrathen, das die Prinzen es nicht wagen durften, nach Frankreich überzusetzen. Ludwigs XVI Preeeß schlug dfn Muth von Nouarie und dessen Anhängern vollends nie« der. Seit dem 10 Aug. (1792) öffentlich angeklagt und verfolgt, war er,, nach so vielem Herumirreu, endlich der Ruhe bedürftig. Diese suchte er in dem Schlosse La« guyomaraiS, 1 Stunde von Lamballe. Hier befiel ihn ein Fanifieber, daö, auf die Nachricht von Ludwigs Hinrichtung, in Nasercy übergieng, und (zs. Januar 179z) feinen Tod beschleunigte. Die Familie des Schlosses ließ seinen Körper in eine Grube legen, und mir ungelöschtem Kalk bedecken. Mo« Galictti Weltg. -or Th. P rillon ZZ8 rillon entdeckte die in einem Pökele unter der Erde verborgenen Papiere des Bundes. Dicß zog vielen Mitgliedern desselben den Tod der Guillotine zu. Die übrigen wähl« ten aber, an die Stelle des unglücklichen Rouarie, einen unerschrocknen Officicr Mals sapue, zu ihrem Oberhaupte. Das chemahlige Bretagne war auch der Schauplatz der Chouans, die der jacobtni- scheu Regierung so furchtbar entgegen kämpften. Vor der Revolution genossen Bretagne und Maine die Frenheit des Salzhandcls; die Bewohner der Noranandic mußten hingegen eine Salzsteuer bezahlen, und die Generalpachter hielten, um den Schleichhandel zu verhindern, ganze Schaaken von Aufpassern. Um so größer wurden die Gesellschaften der Schleichhändler. Dm Vertraute derselben waren angewiesen, ihnen durch gewisse Zeichen, unter andern durch ein dem Pfeifen der Nachreulcn ähnliches Gcschrey, die Nähe der Feinde anzuzeigen. Aus Llmt- ssuunts wurde nun, in der Sprache des Landes, Ehouans. Da ' diese Leute, seit der Revolution, zur Betreibung ihres Gewerbes, ZZ9 bes, keine Gelegenheit mehr hatten, könne ten sie sich der herumschweifcndcn, halbkrie« gerischen Lebensart doch nicht so leicht entwöhnen, setzten sie dieselbe, in Verbindung mit manchen ehcmahligcn Aufpassern, fort. Die Edelieute in Bretagne beförderten ihre Zusammenrottungen, weil sie durch Hülfe der, selben, unterstützt von den Engländern, eine Gegenrevolution durchzusetzen hofften. Der Ausstand der Chouans gewann seit der Zeit, daß so viele junge Leute für die Armeen ausgee hoben wurden, an Furchtbarkeit. Die mete stcn Jünglinge verabscheuten einen Krieg, der 200 Lieues von den Gränzen ihres Vaterlandes entfernt war. Sie ergriffen lieber die Waffen gegen diejenigen, die in ihrem Vaterlande alle gesellschaftlichen Verhältnisse zerstören wollten. Ihnen gesellten sich einzelne Neste von den Truppen der Vendee bep. Die Vendee war aber hauptsachlich der Zufluchtsort für die Feinde der Revolution. Bald bildete sich hier eine 40,000 Mann starke Armee, die, unter erfahrnen Befehlshabern, und geführt von Priestern, die das Kreutz vor den Colonnen voranlrugen, die. Z40 in der festen Ueberzeugung, daß sie Gott zu Werkzeugen seiner Rache bestimmt hätte, mit crstaunenswürdiger Begeisterung fochten. Nobespierre und Danton hatten die grau» same List, den Empörungsgetst der Vcndee noch starker anzufachen. Sie schickten nach dem aufrührerischen Lande Commissarien, sie durch ihr empörendes Verfahren die Gemüt ther noch mehr erhitzten. Sie machten vor der Revolution des Zlten Mays, deren Vor» dcreitungen sie so vorzüglich beschäftigten. Nicht die geringsten Anstalten, die Armee der Vendeer, die, von der Loire bis Tours sich ausbreitend, an der einen Seite Ro» chclle bedrohend, an der andern Nantes be- lagernd, sich den.Weg nach Bretagne öffnete, mit Nachdruck zu bekampf.n. Als sie endlich ein ansehnliches Heer gegen sie aufstellten, übergaben sie den Oberbefehl über dasselbe solchen Generalen, die, als die aussclnvci- feudsten und lasterhaftesten Menschen bekannt, durch Plünderung, Mord, Abbrennen, und andre grausame und schändliche Handlungen, die sie ihren Soldaten erlaubten, die Bewohner der Vendee zur Verzweiflung reihten. Viron verfuhr als Obergeneral für die Z4i die Jacobiner zu schonend. Es wurde ihm daher, als einem Verräiher, der Prvceß gel macht, und ihm die Todesstrafe zuerkannt. Seine Nachfolger waren Sansculotten, die, nach eintraglichen Plünderungen begierig, alle Kriegszucht vernachlässigten. Alle Dörfer, selbst diejenigen, die sich nicht an die Noyalil stcn anschlössen, wurden abgebrennt, und ihre Einwohner ohne Unterschied ermordet. DieNel publtkanischen Generale hatten, um die Gel legenheit zu ungerechten Berkcherusigen desto länger zu behalten, gar nicht die Absicht, diesen Krieg sobald zu endigen. 342 Sechster Abschnitt. Frankreichs Feinde werden durch Spanien und Holland vermehrt. Dumvuricr will Holland erobern; der Prinz vvn Koburg treibt ihn aber aus den Niederlanden heraus. Die Vereinigten erobern einige französische Festungen; sie nehmen den Franzosen "Mai,nz wieder weg; sie dringen in Elsaß ein. Allein auch dieser Feldzug nimmt für die Vereinigten ein nachtheiligcs Ende. Anfang des spanischen Krieges. ^)och während der Zeit, daß dle neue Ne< publik in ihrer Mitte von so vielen Feinden angefochten wurde, befand sie sich mit einer furchtbaren Coalitlon in einem gefahrvollen Kampfe. Schon der Beschluß dcsNationalcon« vents fvom i). Dec. 1792) durch den alle Völ« kcr aufgefordert wurden, sich mit Hülfe Frank« reichs, in Frcyhcit zu setzen, mußte die Sou« veratne, die seitdem nicht mehr sicher war, gegen die jacobinifche Regierung zur Erbitte» rung rung reihen. Seit der Hinrichtung Ludwigs erkläre sich ein Staat nach dem andern ge« gen die jetzige französische Regierung. Die Holländer schicnen-anfanas sehr friedlich ge- ge» dieselbe gesinnt, und es dauerte ein be« trächtlicher Handelsverkehr zwischen den Hol« ländern und den Franzosen fort; allein der französische Gesandte Noel, et» ehcmahltger Professor, wußte sich das Vertrauen der hol« läudischen Regierung so wenig zu erwerben, daß er nach Paris zurück.gicng. In Lon« don wurde Chauvciins, nach Ludwigs Hin« richtultg, nicht mehr als Gesandter anerkannt. Er mußte London in 24 Stunden, und England in Zeil von acht Tagen, verlassen. An seine Stelle schickte die frauzö« fische Regierung den Herrn von Talcyrand« Perigord, Bischof von Autun (im Departement Saone und Loire) als ausserordentlichen Bothschafter, nach England. Diesen sehten die Aufwiegelungen der Emigranten so vielen Neckerepen aus, daß er seinem Auftrage keine Gnüge leisten konnte. Man that hierauf dem französischen Ministerium den Vorschlag, dem Maret, der sich, durch seine mchrmahltgen Reisen nach London, Puls Bekanntschaft erworben hatte, den wichtigen Ge< 344 Gesandtschaflsposten anzuvertrauen; cr mußte sich aber, als er nach London kam, sogleich wieder einschiffen. Man sah mit Ucberzeu« gung voraus, daß Holland Englands Haß gegen die neue Republik theilcn würde, und alle Parthcpen vereinigten sich in der Mcy« nung, daß bcpden Staaten der Krieg angc« kündigt werden müsse. So wurde, auf Bris« sots Vorschlag (i. Febr. 179z) dem König von Großbritannien, und dem Erbsiatthaltcr der vereinigten Niederlande, eine Kriegscr« klarung zugeschickt. Fünf Wochen spater (7. Marz) kündigte der Nationalconvent auch dem Könige von Spanien die Freundschaft auf. Die neue Republik befand sich also nun schon mit fünf Staaten im Kampfe; mit fünf Staaten, die vereinigt 4 bis 500,000 Mann gegen sie aufstellen konnten. Ihre ganze Kriegs» macht bestand aber nur aus 300,000 Mann. Aber schon am 25ten Zanuar faßte der Na« tionalconvent den Beschluß, daß die Land« armee der Republik für das Jahr 179z auf 502,000 Mann (50,000 Cavallcrie und 20, 000 Artillerie) vermehrt werden sollte, und am 27 Februar wurde von ihr die Aushe« bunz von 300,000 Nccrutcn beschlossen. Bey der lrcmrigen Verfassung der französischen Fi« nan» Z45 nanzen, die noch überdieß so treulos verwaltet wurden, schien die Ausrüstung und Unterhaltung einer halben Million Soldaten eine fast an die Unmöglichkeit gränzende Unternehmung. Es fehlte indessen nicht an Ne- ernten, weil so viele unbeschaffrigte Manu- fakturisten, weil so viele brodlose Hof- und Staarsdiener, aus Noth sich ihnen beygesel- len mußten. So gab es viele neue Soldaten, die aber durchaus nicht dafür angesehen ssyn wollten, und Key welchen der Mangel an Erfahrung durch republikanischen Enthusiasmus ersetzt wurde. Mit einer auf diese Weise gestimmten Armee brach Dumouricr (22. Febr.) von Antwerpen auf, die vereinigten Niederlande zu erobern. Zu Antwerpen befand sich ein kleiner c NcvolutionsauSschuß der holländischen Emi- grirten. Auch versammelte sich daselbst die io,ooo Köpfe starke batavische Legisn. So wenig es dem Dumourier an Streitern fehlte, so herrschte doch unter seiner Armee, bey welcher Mtranda und Valence als Uuterge- nerale angestellt waren, eine solche sansculottische Zuchtlosigkeit und Unordnung, daß die 346 die Eroberung von Hossand für ihn aller bi»gs eine gefährliche Unternehmung war.« Wählend er in das durch bedeutende Westum gen verwahrte, von Kanälen durchschnittene, und durch kü istliche Ucberschwcmmungen.leicht unzugänglich gemachte Land eindrang, hatte er hinter seinem Rücken die Belgier, die für ihre Stände, ihre Gastlichkeit, ihre Klöster, ihre goricsdienstiiche Verfassung, eine so eil fersüchtige Anhänglichkeit hegten. Die Verl einigten Niederlande wurden jedoch von der französischen Kriegserklärung so sehr üben rascht, daß dem E'bsiatthaiter zu ernstlichen KriegStüstuugcn keine Zeil übrig blieb. Ein mächtiges Hinderniß ihrer eifrigen Betrei» bung aber waren die mit ihm und der bis« hcrigcn Staatsverwaltung höchst unzufrtedel neu Patrioten, die den größten Theil der Nation ausmachten. Alis die kräftige Unter« stützung derselben konnte Dumourier mit Zu« verlässigkcit, rechnen. Schon hatten mehrere der reichsten Vanquiers, auf den Fall, daß die französische Armee den holländischen Vo« den betreten würde, dem Dumourier die Aus« zahlung ansehnlicher Summen versprochen. Schon Z47 Schon waren viele Holländer um Dumou- ricr versammelt. Am ^tcn Tage nach dem Aufrühre von Antwerpen (25. Febr.) sah Dumouricr schon die Festung Breda in setner Gewalt. Ihrem Vcyspiei folgten bald mehrere kleine Festun- gen; selbst Gertrupdenberg, das durch vor« treffliche unter Wasser gesetzte Forts geschützt wurde, ergab sich (4. März) nach ciner Beschießung von sechs Tagen. Miranda be- ängstigte indessen die Stadt Mastricht durch heftige Bombenangriffe, während daß Va- lcnce, mit der belgischen Armee, in der Ge- gcnd von Cöin und Aachen, den Rhein und die Deutschen im Auge hatte. Aber eben hier war es, wo der Prinz von Koburg, schon durch seine Feldzüge gegen die Türken rühmlich ausgezeichnet, den erneuerten Kampf gegen die Franzosen begann. Ciairfait hatte, während des Winters, seine Stellung zwischen dem rechten Rhein und der Erffr, mit einer geringen Manuschafr, behauptet. Jetzt both jedoch Oest- rcich alle seine Kräfte auf, um Belgien wieder 343 der zu erobern, und, wenn es möglich wäre, Frankreich von der jacobinischcn Tpranncy zu bcfteyen, und den bvurbonischen Thron wieder herzustellen. So viel Mannschaft hatte es lange nicht auf einmahl in Dem« gung gesetzt. Man gab die ganze Zahl derl selben zu 210,000 Mann an. Davon stain den 28,000 im Italien, und 50000 bilde, ten die Reserve - Armee. Der am Rhein versammelten östreichiscken Streiter waren also iZ2,oo0 Mann. Der König von Preuft sen, Ocstrcichs Bundesgenosse, vergrößerte seine Streitkräfte gleichfalls ansehnlich. Aus, ser den Ergänzungen der Regimenter, die im unglücklichen Feldzuge des vorigen Jahres so viel gelitten hatten, und die für manches Regiment zoo bis 500 Mann betrugen, fügte er zu denselben noch eine von dem Herzog Friedrich von Braunschweig > Sels angeführte Truppen « Abtheilung von 11,000 Mann, im gleichen ein andres Corps, von 7,500, unter welchen sich seine Fußgarde befand, hinzu. Seine ganze gegen Frankreich aufgeborhene Kriegsmacht betrug also, wenn die Regit menter wieder vollständig waren, zwischen 60 und 70,000 Mann. An 349 An 200,ovo Oestreicher und Pceussn, die jetzt gegen Frankreich auftraten, schloßen sich aber noch viele tausend andre Deutsche an. England nahm iz,ooo Hanovcraner und 8000 Hessen in Sold. Für Holland fochten 2000 Darmstabter, und i6oo-Mün« sterer. Noch schlössen sich 6ooo von Hessen« kassel, und 5000 von Hessendarmstadt, an die Verthetdiger Deutschlands an. Diese sollten aber auch durch eine Nelchsarmee vermehrt werden. Von jeher hatte das deutsche Reich sich der Theilnahme an den Kriegen, die sein Oberhaupt mit dem Erbfeinds Frank« reich führte, nicht entliehen können. Einen Verwand, auf diese Theilnahme zu dringen, fand man sehr leicht. Frankreich hatte ja die Besitzungen der deutschen Neichssürsten in Elsaß und Lothringen beeinträchtigt. Schon zu Anfang des Sept. des vorigenJahres (1^92) erfolgte von Seiten des Kaisers der Antrag zu einem Neichskricge gegen-Frankreich, und die Stimmung der Neichstagsglieder war,für die damahlige französische ^Regierung so un« günstig, daß der französische Gesandte Cail« lard, und andre Franzosen, sich nicht mehr zu Regensburg aufhalten durften. Custine's Ein« Z5c> Einfall antwortete er ihnen, sich in der Nahe des Feindes nicht von seiner Armee entfernen; sie möchten sich daher in sein Haupiguartiet begeben. Jetzt wurde ihm aber durch eine Verorduuug des Convcms (zo. V?arz) die Erscheinung vor den Schranken desselben befohlen. Vier Commissarien erhielten den Auftrag, mit Zuziehung des Krtegsministers Beurnonville, diese Verordnung zur Vollziehung zu bringen. Du- 359 Dlimouriers Hauptquartir war seit einigen Taaen zu Bou s Sr. Amand. Als die vier Repräsentanten und Bnnnouv'lle (2. April, Abei ds gegen 4 Uhr) angekommen waren, übe» reiclue Camus, als Wortführer, dem Dumourwr das Deeret des Cvuvents. Dieser gab eS ihm, als er es gelesen hatte, wieder zurück. In der jetzigen bedenklichen Lage der Armee (setzte er hinzu) wäre es ein übereilter- Beschluß; er weigere sich zwar nicht, zu gehorchen; er verlange jedoch Aufschub, um vorher die Granzpostm sichern zu können; auch erböte er sich zu seiner Abdankung; er würde sich' aber ihrem Rcvolutionscribunale keineswegs überliefern. Diese Unterredung, eine eigent» liche Zänkerey, Sey welcher viele Offictere vom Gencralstaabe gegenwärtig waren, en« digte sich mit der Erscheinung von 25 Hu» saren, die, auf Dumouriers Befehl, in den Saal traten, und den Kriegsmintster, nebst den vier Commissarien, in Verhaft nahmen. Eine Abtheilung von 200 Husaren führte sie, als Geiseln, in das öftreichtsche Hauptquar« tier nach Tournay. Clairfait ließ sie erst zu dem Prinzen von Koburg, nach Möns, bringen. Von hier wurden sie nach Ma» stricht z6o stricht, und endlich in das Innere der östrei- chischen Staaten, versetzt, und in vcrschie, dene Festungen vertheilt. Nach ihrer Ablie, ferung fand die dritte Zusammenkunft mit den Oestreichern stall. Dnmourier machte sich nun verbindlich ihnen die Festungen Valen, ciennes und Conde zu überliefern. ' Allein die Armee hegte entweder nicht die Anhänglichkeit für Dnmourier, auf die er gerechnet hatte; oder die jacobinischen. Unterhändler hatten ihren repulikanischen Enthusiasmus zu heben gewußt. Sie wollte da, her seinen Befehlen nicht mehr gehorchen. ValencienneS und Conde weigerten sich, die Thore zu öffnen, und als Dumouricr seine Soldaten aufforderte, ihm nach Paris zu folgen, um dort, unterstützt von den Oestrei, chcrn, einen konstitutionellen König herzu, stellen, wurde er zu seinem Erstaunen von dem Uebergcwicht der republikanischen Gesinnungen überzeugt, sah er eine Abtheilnng nach der andern abmarschieren. Zuletzt blieben ihm nicht mehr, als 1500 Mann, übrig. Mit diesen gicng er (4. April) durch die Flintenschüffe und die Verwünschungen der übri« z6l übrigen begleitet, gleich einem Ausreißer, zu den Oestrcichern über. Diese wollten sich, da ihre Erwartungen so getäuscht worden waren, nicht mit ihm einlassen. Doch behielt er seine Freyheit, und er hat seitdem seinen Anftnthalsort manchmahl geändert. Eine so kurze Rolle spielte ein talentvoller Mann, der seinem Vaterlande noch wichtige Dienste leisten konnte. Wie 'gut hätte der Prinz von Koburg den damahligen der Auflösung nahen Zustand der französischen Armee zu großen Worthcilen benutzen können; aber er blieb ihm zu lange unbekannt, und der Krieg Mißte jetzt mit desto größerer Anstrengung fortgel setzt werden. Diese Anstrengung konnte Oestreich ver? meiden, wenn es einem vortheilhaften Bert gleiche die Hand biethen wollte. Der Nar tionalconvent war, durch Dumouriers Abfall, und die fast ganzliche Auflösung der Nord« armee, so sehr in Verlegenheit gerathen, daß er sich nach dem Ende dieses Krieges sehnte. Er erklarte sich daher durch geheime, aber sichere Unterhändler bereit, den Zustand vom säten April 1792 wieder herzustellen, und die Z62 die Reichsfürsten, die ihre Besitzungen in Elsaß und Lothringen verlohren darren, volle kommen zu entschädigen Oest-eich harre aber damahls zu reihende Aussichten auf Erob« rung, als daß es dieselben hätte aufgeben sol» le«. Es rechnete vielleicht darauf, mit dem deutschen Reiche alles dasjenige, was durch Frankreich demselben entrissen worden war, wieder m vereinigen Der Prinz von Kot bürg rückte daher mit verstärkter Macht ty das französische Gebtech ein. Die Fortschritte der Obstreicher sMsDaml pigrre, als DnmourierF Nachfolger, aufhal» ten; Dampierre, der schon zu Aachen der unwiderstehlichen Gewalt der O stretcher halte weichen müssen. Er fand die ihm anvere traute Nordarmee sehr vermindert,, mnthlos, in der unordentlichsten Verfassung. Auf den Schutz der schiecht verwahrte» Äränzfestmit gen konnte er sich wenig verlassen. Vor sich sah er einen siegreichen Feind, der täglich neue Verstärkungen erhielt. Die Haupra» mce unter dem Prinzen von Koöurg zählte allein 6o ooo Mann. Gegen diese sollte Dann pterre mir neuer in der Geschwindigkeit zu« sann Z6Z fammengerasster Mannschaft fechten. Er that alles, , was in seinen Kräften war, um die Verbindung zwischen den beyden Festungen Cvnde und Valenciennes zu erhalten. Aber nach drey'hitzigen Gefechten zwischen Dam« pierre und Clairfait be» dem Dorfe Famars mußten sich die Franzosen <8- Mgy) von Valenciennes zurückziehen. Im letzlern Ge« fechte ward dem braven Dampierre durch eine Kanonenkugel ein Bein zerschmettert. Die Oestreicher schlössen nach dem Rückt zugo der. Franzosen, sogleich Conde ein; auch machten sie zur Belagerung von Valencienz ncs Anstalten. Die Franzosen , die sich in dem verschanzten Lager bey dem Dorfe Fat mars zu behaupten suchten, wurden, unter -der ejnftcheillFj!« Anführung des Generals la Mars che, durch einen Angriff der Oestreicher, die unter dem Befehle des Prinzen von Ko- bürg, des Herzogs von Uork, nud des Erb» Prinzen von Oranisn, standen, (2z. May) zum Rückzüge nach Bouchain genörhigt. Die Vereinigten beirieben nun die Belagerungen von Valenciennes und Eonde mit allem Eifer. Jene an der Schelde liegende, von 17 bis 18,000 Z64 18,000 Menschen bewohnte Stadt wurde vom einer 9,500 Mann starken Besatzung vsre theidigt. Sic wehrte sich vom 14WN JuntUs> wo die Bombenbeschießung derselben anfieng, bis zum 28WN Jul; also über sieben Wo, chen lang. Während der Zeit hatte sie 550 Tobte, und 2,5do Verwundete und Kranke. ZU der- Vetmehrung der letztern trug reine ansteckende Krankheit sehr viel bey. Von dey Artillerie war nur noch ein Drittel braucht, bar. Durch das Einverständniß, das ein SraabSofficier der Artillerie mir de» Besing« kern unterhielt, ward die Noch der Stadk auch noch durch eine Feuersbrunst vergrößert.' Achtzehn Tage früher (io. Jul.), hatte sich, schon'- Csnde, am Einflüsse der HaiSNe in die' Scheide, ergeben. Zu diesen den. den festen Punkten an der Scheide kam nun (n. SepH Nnch'die Festung le Quesnoy. - ' >" - ^ iü ?!>:.!» Während daß, unter dem Prinzen von Koburg, die Vereinigten Oestretcher, Engt! länder, Hanoveraner , Hessen und Holländer in dem nördlichen Frankreich weiter vorrückten, wurden den Franzosen nicht nur ihre- Eroberungen am Rheine entrissen, sondern ihnen Z6> ihnen auch in ihrem eignen Rheinlands, im Elsaß, große Noch verursacht. Die französische Nheinarmee, die damahls noch unter Cufline's Befehl stand, hatte zwischen Bim gen und Kreutznach eine vortheilhaste Stele lung. ?lus dieser mußte sie, wenn die Deut- scheu Maynz ruhig belagern sollten, vcrrrie- ben werden. Schon hatte man mit der Eine schließung dieser Festung zu lange gewartet; die Franzosen hatten Zeit genug gehabt, die- selben mit Geschütz, und Vorrächen von aller» ley Kriegsbedürfnüssen, zu versehen. End» lich machte der Herzog von Braunschweig zum Uebergang auf die linke Nheinseite ernstliche Anstalten. Der unternehmende Szekuii gteng mit, einer kleinen Abcheilung leichter Drüpt pen, bey Nhcinfels über. Lustinc wurde dm durch in Ansehung des eigentlichen Ortes, wo die Prcussen übersetzten, gerauscht. Wäh- rend daß Szekuli mir dem General Nenwin- ger in einem Gefechte begriffen war, erschien (28. März) die prenssische Armee zwischen Bacharach und Bingen. Da nun die Oest- reicher unter Wurmser, zwischen Mannheim und Kehl, gleichfalls über den Rhein giem gen, so mußte sich die französische Nheinarmee z66 mee, deren Rückzug Houchard mit kluger Entschlossenheit deckte, bis hinter die Ver- schanzungen an der Lauter zurückziehen. Friedrich Wilhelm II, der, den Muth seiner Krieger aufrecht zu erhalten, sich immer in ihrer Mitte befand, war einst tu großer Gefahr. In dem stillen Dörfchen Ahlsheim, bey Guus dersblum am Rhein ausruhend, rettete ihn von dem unglücklichen Schicksale, von den Franzosen überrascht zu werden, nur die Uneinigkeit ihrer Generale. Für die Unternehmungen der Prcussen, und ihrer Bundesgenossen, war die damahlige Stimmung der französischen Soldaten, und der Rheinbewohncr äusserst günstigs Die letztern empörte die Art, mit welcher man sie zu ja- cobinischen Republikanern umzuschaffen suchte. Die drey Conventsdepulirren Neubel, Hausmann und Merlin, die zu Maynz ihren Sitz aufgeschlagen hatten, wurden von den deutschen Freuheitsschwarmer» Wedekiud, Forster, Böhmer, Hofmann, Metternich u. a. m. dazu angefeuert. Diese dachten sich für die Bewohner der schönen Nheingsgenden kein größeres Glück, ms sie mit der Republik Frankreich z6/ relck vereinigt zu sehen. Hierzu hatten aber diese guten Leute, zumahl als sie mit demVer« fahren der Freyheiisprediger genauer bekannt wurden, gar keine Neigung. Dennoch brachte man es, mit Hülfe einiger Anha g«r ans dem gemeinen Hänfen dahin, dafi zu Worms, Speyer, und andern Orten, Freyhettsbaiime gestanzt, daß Freyheits - und Gleichheitsciubs errichtet wurden. Cusiine räumte ihnen die schönsten Säle in den fürstitchen Schlössern ein. Man lud durch Trommelschlag die Mannspersonen zum Erscheinen in den Club« Versammlungen ein. Diejenigen, die sich für die Freyheil erklärten, wurden in ein rothes Buch, in das sogenannte Buch der Seligen, einqeschneben. Ein schwarzes, mit Ketten behanqnes Buch stellte daS Buch der Ver» bammniß vor. Aber weder diese Bücher, noch die schwärmerischen Reden der Freyheitsapo« stel, gewannen dem jacobintjchen Systeme vlele Anhänger. Custtne und seine Vertrauten, lte« sien sich aber dadurch nicht abhalten, die französische Verfassung einzuführen, und die Bewohner der umliegenden Gegend sollten der französischen Republik ihre Anhänglichkeit znschwören. Man unterstützte dieses Verlangen Z68 gen durch bewaffnete, mit Kanonen versehene, Mannschaft. Viele der angesehensten Man» ncr, die nicht schwören wollten, wurden als Gefangne nach Maynz geschleppt. Ein tyran» nisches Verfahren dieser Art empörte die Bc» wohner dieser Gegend so gewaltig, daß sie alle Bereitwilligkeit fühlten, durch einen Auf» stand die Unternehmungen der Oestreicher und Preußen zu unterstützen. Aber wie wenig wußten die Generale derselben diese Stim, mung der Rheinlander zu benutzen! Wie we» »ig zogen sie von dem Abscheu, den die fran» zösischen Linientruppen, unter welchen sich noch viele heimliche Verehrer des Künigthums fan» den, gegen die Fortsetzung dieses Krieges heg» ten. Vortheil! Ein so günstiger Zeitpunkt, wie der damahlige, kam nicht wieder. Die deut, schen Generale ließen den französischen Feld» Herren Zeit, die Ordnung unter ihren Armeen wieder herzustellen, und die Verschanzung an der Queich, welche den Eingang in Elsaß beschützen, zu besetzen. Die Vcrkheidigung von Maynz wurde nun ein Ehrenpunkt, die Vcrtheidiguug der Granze eine Ehrensache. Maynz Z69 Mayuz war mit einer 2Z,ooo Mann starken Besatzung versehen. Den Oberbefehl über dieselbe führte der geschickte General d'Oyre. Unter den SkaabSofficieren befand sich der berühmte Kleber. Kalkreuth zahlte, als er in den ersten Tagen des Aprils, Maynz auf der linken Rheinseite einschloß, anfangs Nicht mehr, als 17,000 Streiter. Der Fe» stung Castell gegen über stand der General von Schönfeld mit einer Abcheilung von Prelis- sen, Sachsen und Hessen, die sich von Höcht heim bis Wißbadcn und Viberich ausdehnte. Die wichtigen Posten bsy Weißenau, Kost- Heim, verursachten einen heftigen Kampf, der, auf Heyden Seiten, mit Aufopferung vieler Menschen, zu vielfältigen Beweisen ausserordentlicher Tapferkeit, die Gelegenheit gab. Das Schicksal der Festung wurde aber dadurch nicht entschieden. Es fehlte den Belagerern an schwerem Geschütz. Anstatt es während der Wintermonathe mit Bequemlichkeit herbeyzuschaffen, ließ mau jetzt manchen Zwölfpfünder mit theuren Pvstpferden herbe» fahren. Mau hatte, abcrmahls durch Emigrirte und deutsche Anhänger derselben, verleitet, zu sehr darauf gerechnet, daß die Galletti Wkltg. -c-r Tb. Aa Festung Z7-Z Festung Maynz schon als die Frucht eines geheimen Einverständnisses fallen würde. Dar, über verstrichen drirthalb Monathe, ehe man (17. Zun.) zur Eröffnung der Laufgräben schreiten konnte. Die Belagcrungsarmce, die 60,000 Mann stark seyn sollte, bclief sich auch nur auf 37,000 Mann. Als die maynzer Clubisten die Belag« rung einen ernsthastern Gang nehmen sahen, vollzogen sie (24. Zun.) die grausame Maßregel, über 1,500 Menschen, die nicht schwören wollten, aus der Stadt zu vcrban- nen. Diese wurden, dem Kricgsgebrauch g« mäß, von den belagernden Preussen wieder zurückgetrieben. Zwischen dem preussischen La, ger und der Festung, auf freyem Felde, ohne Lebensmittel, während baß Bombe» und Ka< nonenkugcln über ihre Köpfe hinsauseten, befanden sich die unglücklichen Leute in der verzweiflungsvollstcn Lage, wurden manche von ihnen, vornehmlich Kinder, schon durch den Schrecken getödtet. Mitleidige französische Cavallexie« Patrouillen nahmen sie, auf ihren Pferdeu, mit nach der Sradt zurück. Die Die Belagerer hofften die Sündhaftigkeit des Commandanten, durch ein schreckliches Bomben« und Granatcnfcucr, zu erschüttern. Aiu heftigsten war es in der Nacht zwischen dem 28. und Iyrcn Zun. Die hervorragende Domkirche, und, andre große Gebäude, ge< riechen in Brand. Die Festungswerke selbst waren noch wenig beschädigt, und die Besatzung konnte also einem stürmenden Angriffe ruhig entgegen sehen. Aber es fehlte an «llerlcy Bedürfnissen, vornehmlich an Mehl, und an chirurgischen Hülfsmitteln. Ein grosses, mit Verwundeten und Kranken angefülltes Lazarech machte die um fast 6000 Mann verminderte Besatzung muthlos. Ob vielleicht nicht auch ein yoldncr Einfluß wirkte? Genug Mayuz wurde. (22. Iul.) übergeben. Die ausmarschierende Garnison, die sich verbindlich machen mußte, nicht gegen Frankreichs Feinde zu dienen, war noch 17,zog Mann stark. Den Belagerern kostete die Einnahme von Maynz zwischen? bis 4000 Mann. Friedrich Wilhelm lebre während der Zeit, bey seinen Kriegern, unter einem Zelte sich mancher Gefahr aussetzend. Seine Prcussen machten sich nun die Freude, die maynzcr Club, Aa 2 isten Z72 bisten auf eine dem Gefühl is^er-Eüre oder ihres Körpers empfindliche Weiss zu züchii, gen. Die lange Einschließung und Belagerung von Maynz, die beynahe 4 ganze Monathe verschlang, gab den französischen Generalen sine erwünschte Zeit, sich in eine furch-ba- rere Verfassung zu versetzen. Von Hünin- gen bis Bitsch standen lange nicht mehr als etwa 40.000 Franzosen, und. die Moselarmee unter Beurnonville machte, die Garnison von Metz dazugerechnct, nur noch 12,000 Mann aus. Anstatt gegen diese geringe Macht mit Entschlossenheit anzurücken, rechnete man zu sehr auf den WankAmuth und die Unstetigkett der französischen Nation, auf die prahlerischen Versprechungen der Emigrieren. Wie sehr dieselben täuschten, bewies gleich die muthige Erklärung, mit welcher Wurmsers Antrag zur Uebcrgabe von dem Cvmmansanten von Landau zurückgewiesen wurde. Wurmser und der Herzog von Braun- schwetg machten es hierauf zum einzigen Ge, genstand ihrer Sorgfalt, die Belagerung von Maynz zu decken. Wurmser wählte in dieser Ab- Z7Z Absicht die Stellimg Key Edenkoben, zwi- sehen dem Rhein und dem elsaßischcn Ge- biege. Der Herzog von Braunschweig stellte sich, näher nach Maynz hin, bey Kaisers, lautern, auf. Dem Feldmarschall Wurmser gegenüber stand die französische Nhetnarmee, die jetzt (26. May) der Aufsicht des Generals Beau- harnvis anvertraut war. 2lber es fehlte der, selben noch an manchem Bedürfnisse; sie hatte unter ihren Streitern noch zu viele ungeübte Nationalgardisten, und es befand sich in ihrer Mitte der des Kriegswesens ganz unkundige Conventsdcputirte Äenzel, dessen Stolz die Generale beleidigte, dessen Schreckenssystem ganz Elsaß empörte. Veau- harnois sollte Maynz entsetzen. Nachdem er (29. Zun. und z. Zul.) einige unbedeutende Versuche gemacht harte, wurde er durch immer geschärftere Befehle des Cvnvents aufgefordert, der bedrängten Festung ohne Aufschub Hülfe zu leisten. Die Franzosen, die taglich vermehrt wurden, bothen seitdem manch- mahl ihre Kräfte auf, um vorzudringen. Ihr Hauptangriff erfolgte am 22ten Julius, in 374 in z Eolonncn, jede zu 15,000 Mann. Von dem Gelingen ihres Planes wurden sie aber hauptsächlich durch die Tapferkeit des östrei» chischen Generals Hohe abgehalten. Uebri» gcns trug dieß zur Beschleunigung der Ca« pilulation bcy. Der Herzog. von Braun» schweig, der indessen- in seiner vortrefflich ge» wählten Stellung bcy. Lautern ganz ruhig stand, half durch einige Abteilungen seiner Armee den Entsatz von Maynz abwehren. Nachdem Maynz erobert war, sollte nun Landau an die Reihe kommem Um die Fran» zosen von demselben zu entfernen, unter« nahm Wurmscr einen allgemeinen Angriff der Nheinarmee, der sie nach den weisienburger Linien zurücktrieb. Ihre Versuche, Landau mit Vorräthen zu versehen, waren vergeblich. Wurmscr halte das Eindringen in das ehedem mit dem deutschen Reiche verbundene Elsaß zum Hauptziele seines Bestrebens. Zur Beförderung dieser Absicht mußten die Franzosen aus ihren Verschanzungen bey Jokrim, einem Städtchen in der Nähe von Weißen» bürg, und aus dem nahen Vienwald, ver« trieben werden. Wurmsers Unternehmung ge» Z75 gelang (2O. Aug.) und der Prinz von Conds hatte ai» dem glücklichen Erfolge desselben elncn bedeutenden Antheil. Die Franzosen behaupteten aber ihre feste Stellung auf den Höhen von Wetßenburg und Lauterburg. Sie hatten die 2 Meilen lange Bergkette gcwal- tig verschanzt, und durch dicke Verhaue unzugänglich gemacht. Hinter der hochangc- schwellten Lauter befand sich ein vier Klaftern breiter und z Klaftern tiefer, mit doppelten Pallisadcn versehener Graben, an welchem, in einer Entfernung von 800 Schritten, sich allemahl zwey Bastionen erhoben» Dle am Ende des Grabens liegende Städte, Lautcrburg und Weißenburg, stellten förmliche Festungen vor. In der Fronte konnte die französische Stellung, ohne die größte Aufopferung, nicht angegriffen werden. Die Vereinigten hatten aber die dringendste Ursache, ihre Leute, die nicht so bald wieder entsetzt werden konnten, zu schonen. Man mußte also auf Seitcnangriffe, auf Überraschungen, denken. Die Vorbereitungen z:e denselben erforderten jedoch Zeit, und es verstrichen dritthalb Monathe, ehe Wucmser seinen Plan auf das Elsaß ausführen konnte. Wäh- 376, Während baß Wnrmser (iz. Ott.) mit sechs Colonnen gegen die Vorderseite an- rückte, warf sich der Fürst von Waldeck mit einer starken Abthcilung der Ocstreicher über die rechte Seite her, und der Herzog von Vraunschweig, der, in der Milte des Septembers, bey Pirmasens über die Franzosen gesiegt, und sie bis an die Saar zurückgedrängt hatte, bedrohet?, vom Gebirge her, die linke Seite der französischen Verschanz««- gen. Durch diese aus allen Seiten einbrechende Gefahr wurden die Franzosen in eine solche Bestürzung versetzt, daß sie, ihre Linien verlassend, in wilder Unordnung nach Hagenau eilten, daß sie, als sich Wnrmser mit Waldcck und den Prcussen vereinigte, sich erst in der Nahe von Straßburg sicher glaubten. Schon Mahnte mancher , die wichtige Stadt Straßburg wieder mit dem beut- sehen Reiche vereinigt zu sehen. Aber diese schöne Hoffnung verschwand immer mehr. Der für die Unternehmungen der Vereinigten glückliche Zeitpunkt hatte sein Ende erreicht. Sie fühlten die französische Ueber- macht nun immer starker. Dies- Z77 'Diese Uebermacht gründete sich nicht nur auf die große Menge der Streiter und auf ihren Muth, sondern auch auf die glückliche Wahl ihres Oberbefehlshabers. Als sich die französische Nation im Sommer dieses Zahl res nicht nur von äussern Feinden, sondern auch im Innern, so gewaltig bedrängt sah, 'daß der Zeitpunkt, die republikanische Regierung zu zerstören, vielleicht niemahls näher war, faßte Nobespierrs den großen Gedanken, alle wshrhafien Bürger Frankreichs, also 4 bis ; Millionen Streiter, in Bewegung zu setzen. Auf Barrere's Bericht verordnete daher der Nationalconvent (16. Aug.) daß die ganze französische Nation sich in Masse erhebe» sollte, um das französische Gcbieth von allen Feinden zu reinigen. Bald fühlte man jedoch die Unmöglichkeit, für mehrere Millionen Menschen, Waffen und Unterhalt anzuschaffen. Man kheilte sie daher in drey Classen; die ite von l8>25tcn, die 2te von 25tcn bis 4otcn, die zte von 4c>ten bis 6oten Jahre. Die erste- Classe sollte den Anfang machen. Sie lieferte eine große Zahl rüstiger Jünglistge. Die meisten von denselben fühlten sich aber gar nicht geneigt, der 37? der Zlnfrechthaltung der Iacobinerherrschaft ihr Leben auftuopfern. Doch eine aus Sans» culotten zusammengesetzte Revoiutionsarmee benahm, von der Guillotine begleitet, man» ch?m die Unschlüssigkctt, sich unter die Fah» neu der Republik zu begeben. So wuchs in kurzer Zeit die Zahl der französi'chen Va» tcrlandsvertheidiger so gewaltig an, daß jede im Felde stehende Armee sehr beträchtlich ver» vermehrt, daß der Abgang gleich wieder er» setzt werden konnte. In elf Armeen zäblte man über 8oo,voo Mann. So viele Sol» baten hatte Noch kein Staat der neuern Welt auf einMahl unterhalten. Diese Soldaten, die ein schwärmerisches Frcpheitsgesühl, von pa» triotischen Liedern angefeuert, zu den muth, vollsten und tapfersten Tharcn hinriß, diese wählten sich nun ihre Osficiere selbst; also Leute mit deren vorzüglichen Eigenschaften sie bekannt waren, denen sie ihr ganz Vertrauen schenkten. Zu Staabsofficicren, zu Gene» ralsn erhob die Regierung nur solche Män» ner, die sich vorzüglich ausgezeichnet hatten. So stieg mancher chcmahlige Lieutenant, man» cher chcmahlige Soldat,, von der Garde, in wenig Jahren, bis zum-Obergeneral empor. Wenn 379 Wenn aber ein solcher Mann dem Vertrauen des Wohlfahrtsausschusses nicht entsprach, so traf ihn bald das Loos, unter der Guillo» tine zu sterben. Ein Obergcncral boch da» her, einem solchen Schicksale zu entgehen, alle Kräfte seiner Talente auf, und diese Anstrengung gelang, da es an den hierzu nö» thigen Mitteln gar nicht fehlte, bey den meisten zur Bewunderung. Diese Bewunderung erzwangen vornehm» lich die Thaten eines Hoche, eines P!» chcgru, eines Jourdan. Der letztere war, vor der Revolution erst Soldat, und her» nach Kaufmann, gewesen. Lazarus Hoche, der Sohn armer Eckern, in einer Vorstadt von Versailles (1768) gcbohren, diente seit seinem i6tcn Jahre unter der Garde, wo er das, was er sich durch Handarbeiten er» warb, auf Bücher wendete. Durch den Rs< volutionSkrieg erhielt er so manche Gelegen» heit, sich seinen Vorgesetzten durch seine mi» litarischen Talente zu empfehlen, daß er im Zahr 179z schon übcrgeneral der Mosclar» mee wurde. Er zeichnete sich vorzüglich durch die Kühnheit seiner Plane, und durch die Kraft und Standhaftigkeit in der Ausführung Z8c> tung, aus. Johann Karl Pichegru, von Arbvis in Franche Comtä (geb. r?6i) hatte so arme Eltern, daß sie die Aufsicht, die die Franciscaner ihres Ortes über seine Erzie» hung führten, für ein Glück halten mußten. Seinen vornehmsten Unterricht genoß er, ftdoch ohne Mönch zu sepn, in ihrem Colt legium zu Bricnne. Noch ziemlich jung, kam er unter die Artillerie, und zu Ende des Oktobers dieses Jahres (179z) wurde er schon Obergencral der Nheinarmee. Solchen gcnievollen, jungen Feldherren standen nun die oft, mehr durch ihre Ge» burt, als durch ihre Talente, emporgehobene Generale der Vereinigren entgegen. Diese sahen, während daß die Armeen der Frattt zvscn sich täglich, oft plötzlich vergrößerten, die Zahl ihrer Streiter durch Gefechte, Müht seligketten, und Krankheiten, immer mehr abt nehmen. Die französischen Generale führ< ten den Krieg auf eine neue, ihnen ganz unbekannte Art, durch Ueberraschung, durch standhafte fortgesetzte, heftige Posten» An» griffe, durch kühne Schwenkungen, von vie» ler gutbedScnten Artillerie, von vortrefflichen .Tiral« Z8l Tiralleurs, ober Scharfschützen, unterstützt. Ehe die deutschen Feldherren ihre von den Vorgängern gelernte Taktik der neuen Kriegsart anpassen konnten, hatten die Franzosen schon gesiegt. Auf eine ordentliche Schlacht in der Ebene, wo die Generale der Vereinigten ihre Künste zeigen konnten, ließen sich die französischen Befehlshaber gar nicht ein. Dieß waren die vornehmsten Ursachen der Ueberlegenheit der Franzosen. Diese wurde aber auch manchmahl durch das unvorsichtige Benehmen der feindlichen Generals veranlaßt. Der Herzog von Park, der die Nolle eines Oberbefehlshabers allein zu spielen wünschte, trennte sich von dein Prinzen von Koburg, mit einem Thcile des vereinigten Heeres, die Eroberung von Dünkirchen zu unternehmen. , Er rechnete auf den glücklichen Erfolg seiner Unternehmung so sehr, daß er nicht etnmahl die zu seiner Unterstüz« zung bestimmte englische Flotte erwartete. Allein Houchard, jetzt Obergeneral der Nordarmee, zog seine sehr verstärkte Armee in der größten Geschwindigkeit zusammen, und fiel, im Rücken der Vereinigten, in Seeflandern Z82 dem ein. Die, zur Deckung der Besage, rung von Dünkirchen, bey Hondschoten sie, hende Abtheilung von Hannoveranern wurde (8. Sept.) von den Franzosen so sehr über, wältigt, daß ihr Oberbefehlshaber, der alte Felbmarschall Freytag, nebst dem englischen Prinzen Adolf, in die Gefangenschaft ge< riech; sie wurden (12. Sept.) aber durch die braven hannöverischen Grenadiere wieder befreyt. An eben diesem Tage sah sich der Herzog von Dort von den Franzosen so sehr bedrängt, daß er, seine Artillerie zurücklas, send, in der größten Unordnung davon eilen wußte. Am folgenden Tage (rz. Sept.) kam die Reihe, der Uebermacht von 30,000 Franzosen weichen zu müsset,, an eine aus 12.000 Holländern zusammengesetzte Abthei, lung, die, unter dem Erbprinzen von Ora, nten, zwischen Mcnin und Warwik stand. Houchard konnte seine Ueberlegenheit in Flandern nicht benutzen, weil der Prinz von Koburg, an der Spitze von 25,000 Mann, die vereinigten Truppen in Flandern so sehr verstärkte, daß sich die Franzosen wieder her, aus ziehen mußten. Indessen hatte doch Hou, Z8Z Houchard den Zweck erreicht, die Vereinigt ten vom Eindringen in das innere 'Frank, »eich abzuhalten. Dennoch traf den braven Honcbard das Loos, (24. Sept.) unter der Guillotine zu sterben.^ Einige Wochen früt her (28. Aug.) hatte auch der prahlsüchtige Eustine auf diese Art sein Leben geendigt. Koburg schwenkte sich aus Flandern nach der an der Sambre liegenden Stadt Main beuge, die schon seit dem 2Zten September eingeschlossen war. Zum Schutze derselben diente das eben sowohl durch Kunst als Natur befestigte, und von 400 Kanonen umringte Lager bey Lonville. Dieß mnßre, wenn die Belagerung von Maubeugs geiin, gen sollte, vorher überwältigt werden. Alt lein Jourdan, Houchards Nachfolger, dem auf Wagen sehr ansehnliche Verstärkungen zugeführt wurden, kam (iH. Der.) dem An» griffe des Prinzen von Koburg, bey dem Dorfe Wacrtgni, zuvor. Zwey Tage nach einander setzten die Vereinigten, dem unge, stümen Angriff- der Franzosen, die stand, hafteste Tapferkeit entgegen. Am zwcyten Tage (16. Ott.) mußte jedoch der Prinz von. Z84 von Koburg, der Uebermacht der Franzosen weichend, sich von Maubeuge, über die San» bre zurückziehen. Die Vereinigten waren jetzt durch einen achtmonathlichen Fcldzug so angegriffen; sie hatten durch Gefechte, Müh« seligkcitcn, und Krankheiten, so viele Leute verlohren, daß ihnen die Winterquartiere sehr wünschenswert!) waren. Allein die Fram zoscn, die, durch so viele junge Cameradcn verstärkt, den Feldzug gleichsam von neuen anfiengcn, ließen ihnen durch ihre unaufhön lichs Einfalle keine Ruhe. Sie griffen um ter andern, gegen das Ende des Octobers, die an der Nordsee liegende Stadt Nieuport mit ihren Bomben so gewaltig an, daß sie sie größtentheils in Ruinen verwandelten. Das Hauptheer der Vereinigten behauptete sich indessen in seiner festen Stellung bey Lam drecy. Die einzigen Früchte dieses mit so vie« lcn Kräften in den Niederlanden eröffneten Feldzuges bestanden also in einigen Festum gen, in dem nördlichsten Theile von Frank« reich. Weit weniger noch waren die deutschen Unternehmungen am Rhein vom Glück be« güm Z8? günstige. Wurmser hatte Mar (bis zum 21. Oer.) am Oberrhcin in Elsaß, eine sehr vortheilhafte, durch bis hohen Ufer der Sor, und durch waldige Berge gedeckte Stellung; aber die laglich sich mehrende Zahl der Fran« zosen, die verschanzten Gebirgspässe, und die schlechte Herbstwittcrung erlaubte ihm nicht, weiter vorzurücken, um die Verbindung Mit schen der Rhein/ und der Moselarmee der Franzosen zu hemmen. Sein linker Flügel wurde zwar durch die Eroberung von Fort LouiS (Fort Vanban) die am lHtcn Nov. erfolgte, gedeckt. Um so heftiger aber be/ stürmten die Franzosen (seit dem i/ten Nov.) seinen rechten Flügel. Wurmser mußte, um sich der Gefahr des Umgehens zu ent/ ziehen, und sich an die Preussen anschließen zu können, sich bis an die Motter zurück/ ziehen. Die Preussen, und die mit ihnen verei« nigten Sachsen, hatten bisher sich auf Ver< thcidigungsmaßregeln eingeschränkt. Ein drcy Wochen lang anhallender Regen halte die Gebirgpässe so unzugänglich gemacht, und der Mangel an Lebensbedürfnissen wurde in Ealletti Weltg. -or Th. V b der Z86 der eingeschränkten Gegend so fühlbar, daß es die Peeussen nicht wagen durften , sich von ihren Magazinen noch mehr zu entfernen. Sie konnten daher ihren ersten Plan, die Franzosen von dem linken Ufer der Saar zu vertreiben, nicht ausführen. Vielmehr bildete sich, wahrend daß eine Abtheilung ihrer Armee unter dem Kronprinzen von Preussen Landau einschloß, eine verschanzte Truppenkette der Franzosen. Die Zeit zu glücklichen Unternehmungen war verstrichen. Wahrend daß die Menge der Franzosen tag« lich durch neue Ankömmtinge vermehrt wurde, nahm die Zahl der deutschen Streiter durch Gefechte und Krankheiten immer mehr ab. Die Preussen befanden sich in der Gefahr, das traurige Schicksal des Feldzuges in Champagne zum zweytcn Mahl zu erleben. Der Herzog von Braunschweig hielt es da< her für ralhsam, sich von der Saar zurückt zuziehen. Noch machte er aber einen Ver< such, die Bergfestung Bltsch, die im Mit« telpunkte der Straßen von Landau, Pir, masenz, Weißenburg und Strasburg liegt, in seine Gewalt zu bringen. Er bestimmte hierzu eine Abtheilung von 1,600 meistens mit 38? mit Aepten, Beilen, Brecht und Hebeisen bewaffnete» Leuten, über welche der Graf von Wartensleben, Commandeur des Negi- ments Prinz Heinrich, und der Oberstlieute- nant von Hirschfeld, Generaladjutant des Königs, die Aufsicht führten. Die Sfficiere und Soldaten hatten (16. Nov.) ein weisses Tuch um den Arm gebunden. Ein Beweis, daß man auf ein Einverständnis; mit einem oder mchrern Officieren in der Festung rechnete. Die Preussen kamen glücklich bis in den bedeckten Weg; sie hatten schon das erste Thor eingenommen. Nun konnten sie aber das darauf folgende eiserne Hauptthor nicht aufsprengen. Indessen gerieth die Garnison in Bewegung, und die Preussen, die sich aus dem zwischen den beyden Thoren befindlichen Platz nicht sogleich wieder herausziehen konnten, wurden durch Handgranaten, Steine, Balken, Kugeln, durch Kanonen und Gewehrfeuer, so gewaltig bestürmt, daß sie ein Drittel von ihrer Mannschaft einbüßten. Die Preussen unter Knobelsdorf und Kalkreuth zogen sich nun gleich zurück. Bb 2 Z88 An die Stelle von Schömberg, der den Iacobinern als ein deutscher Edelmann ver- dächtig war, trat jetzt Hoche, als Anführer der Moselarmee, auf. Dieser rückte erst (17. Nov.) gegen Kaikreuch, der nur 10,000 Mann unter seinem Befehle vereinigte, mit 20,ovo Streitern an. Er mußte sich zwar zurückziehen; aber Kalkreuth durfte auch einen zweyten Angriff desselben so wenig abwarten, daß er nach Limbach zurückweichen mußte. Die ganze preussische Armee zog sich jetzt in die Gegend von Kaiserslautern, im zweybrücktschen Gebiethe. Die Franzosen unter Hoche rückten immer nach. Der Convent drang auf den Entsatz von Landau. Die bey der Armee befindlichen Wolksreprasenianten drohetcn mit der Guillotine. Sie glaubten sich zu einer solchen Drohung um so berechtigter, je weniger ein Obergeneral die Menschen schonen durste. Dem Hocke, dem 50,000 Mann und 400 Kanonen zu Gebothe standen, konnte der Herzog von Braunschweig nur Z2,v0O Mann und 200 Kanonen entgegenstellen. Dennoch fielen die Angriffe, die Hoche drey Tage hinter einander (29. zo. Nov. und 1. Dec.) gegen Z89 gegen die preussische Stellung bep Lautern unternahm, so w-nig glücklich aus, daß er sich mit einem Verlust von 8,oov Tobten und Verwundeten zurückziehen mußte, und die Preußen, die den alten Nuhm der Krie- ger Friedrichs II behaupteten, ruhten hier» auf in Canronierungsquartiercn aus. Eine Abthciluug der Preußen hoffte im dessen noch immer sich der Stadt Landau zu bemächtigen. Man rechnete auch bey die« ser Unternehmung zu viel auf die Wirksam» keit der Unterhandlungen, und man glaubte den schnellen Gang derselben durch einen heftigen Bombenangriff, den man zwei) Tags nach einander (28. und 29. Oet.) fortsetzte, und der den größten Theil der Stadt ver» wüstete, zu befördern. Allein der frauzö, sische Commandant Labadare nahm jetzt nicht einmahl den preussischen Trompeter an, der ihm eine Aufforderung zur Uebergabe über« brachte. Auf eine ordentliche Belagerung wollten sich aber die Preussen nicht einlassen. Sie fuhren daher (1. Nov.) ihr schweres Geschütz nach Maynz zurück, und setzten blos die Einschließung fort. Auf das Schicksal von Landau hatte Uneinigkeit der Heerführer zyo rer, und vielleicht auch der Höfe, einen ent« scheidenden Einfluß. Was sollte, wenn Oest« reich sich den Besitz von Elsaß zueignete, sei« mm Bundesgenossen Preussen zu Theil wer« den? Ueber diese Frage dachte man zu Wien und Berlin nicht übereinstimmend. Seitdem schien Preußens Eifer, Oestrcichs Vortheil zu befördern, erkaltet. Das gewöhnliche Schicksal der Coalitionen, das so leicht tu keinem andern Kriege mehr, als in dem ge« genwärtigen, von der Erfahrung bewährt wurde. Genug die Preussen und Sachsen schränk« ten sich seit der Zeit immer mehr auf bloße Werthcidigung ein. Um so mehr gcricih Wurmser in eine bedrängte Lage. Seine Stellung an der Motler war, wegen der vielen Franzosen, von welcher sie angefoch« ten wurde, zu ausgedehnt. Pichegru, der neue Oberbefehlshaber der Nheinarmee, dem der Convent die Ordre: „Landau oder Tod!" gegeben hatte, bestürmte fünf Wochen hin« durch (seit dem 19. Nov.) die Oestreichcr täglich. Seine Angriffe nahmen, besonders seil dem Anfange des Decembers, an Heftig« keil Zyr keit zu. Wurmser war froh, daß er seine Armee in die wohlverschanzte Stellung an der Motter, die sich von Drusenheim bis an das Gebürze erstreckte, konnte einrücken lassen. Er hoffte in derselben die tteborgabe von Landau, so wie den Zeitpunkt zur Be» ziehung der Winterquartiere in Elsaß, abzul. warten, aber er sah seine schöne Hoffnung gewaltig getauscht. Während daß die Armee der Oestreichcr und ihrer Bundesgenossen von 60,000 bis auf40,000 zusammengeschmolzen war, wuchs die Streitermasse von Pichegru bis auf 90,000 an. Dort kämpften großen Theils Leute von 50. 60 Zähren, durch Kränklichkeit, schlechtes Wetter und Mangel mißmuthig. Hier fochten rasche, kühne, jeder Gefahr tro« tzende Jünglinge, für deren Bedürfnisse reich, lich gesorgt war, deren Muth durch ungünstige Witterung nicht niedergeschlagen wurde. Die Franzosen konnten ihre Kräfte gegen die Oest« reicher um so stärker aufbiethcn, je ruhiger steh die Preussen in ihren Cantonierungen verhielten, je weniger sie an diesem heftigen Kampfe Theil nahmen. Um sich demselben doch Z92 dock nicht ganz zu entziehen, verstärkte der Herzog von Braunschweig die Oestrcicher durch 8 Bataillone und 5 Schwadronen. Endlich wurde (22. Dec.) die ganze östrcichische Linie von den Franzosen so durchbrochen, daß den Oestretchern, und ihren Bundesgenossen, die eine völlige Niederlage erlitten, blos der Rückzug auf die weißenburgsr Höhen übrig blieb. Hier standen sie nun aller Bedürfnisse beraubt, und von einem schrecklichen Regen durchnäßt. Wurmscr und sein Kriegsrath faßten unter diesen Umständen den Entschluß, sich auf die rechte Rheinseite zurückzuziehen. Dieser Entschluß wurde aber von dem Herzog von Braunschweig völlig verworfen. Eine Schlacht, mcynte er, wäre weniger verderblich und al- lcmahl rühmlicher, als ein solcher Rückzug. Wurmsers Ehrgefühl wurde dadurch so sehr gereiht, daß er den 26ten Dcccmber zu einer Schlacht bestimmte. Doch, Hoche, der Landau durchaus entsetzen wollte, kam ihm durch seinen Angriff zuvor. Der General Dcsaix erstieg, nach der dritten Bestürmung, die Höhen von Lauterburg, und durchbrach da- Zy? dadurch die wcißenburger Linien auf dem linken Flügel. Als die Franzosen nun noch eine wichtige Anhöhe erobert hatten, breitete sich unter den Oestreichern und Emiqrirten eine allgemeine Verwirrung aus. Alles lief in wilder Unordnung durch einander. Das französische Schwerdt und Bajonnst wüthete schrecklich. Nur das Vorrücken des Her! zogs von Braunschweig rettete die Oesirei» cher und ihre Bundesgenossen vom völligen Untergange. Aber dennoch erfolgte ihr Rück! zng über den Rhein so übereilt, daß oft kein Bataillon, keine Compagnie, beysammen war. Nttdcrclsaß und ein Theil der Pfalz, wurde von den räuberischen Frcycsrps der Oestreicher schrecklich verwüstet. Leider diente dteß in der Folge den Franzosen zum Vor! wände, auf der rechten Seite des Rheins das Vergeltungsrccht auszuüben. Der Her! zog von Braunschweig, der mit seinen Pceuft sen und Sachsen nun auch nicht länger auf der linken Nheinseite stehen bleiben durfte, zog sich, die Einschließung von Landau auf! gebend, nach Maynz zurück. Der General Nüchel 394 Nüchel deckte den Rückzug so gut, daß die nachrückenden Franzosen weder das Bepacke noch die Artillerie der Preuffen nnd Sachsen in ihre Gewalt bekamen. Dieß war der Ausgang des mit so glänzenden Erwartungen angefangnen deutschen Feldzuges am Rhein. Durch den großen Aufwand an Menschen, an Geld, war weiter nichts, als der Besitz von zwey Festungen erlangt worden, von 'welchen die eine Maynz, tmr wieder erobert, und die andre. Fort Louis, im folgenden Zahre (1794 Febr.) wieder geräumt wurde. Während daß Frankreich von den Armeen des großen Bundes setner Feinde am Rhein, und von den Niederlanden her gewaltig bedroht wurde; während daß es mit so vielen innern Gegnern in einem heftigen Kampfe begriffen war, drangen zwey spanische Heere über die Pyrenäen herüber. Die Spanier bemächtigten sich erst (26. Zun.) der an ihrer Gränze, auf einem ziehmlich hohen Berge, liegenden Festung Bellegarde , nachdem sie dieselbe fünf Wochen lang mit ihren Bomben bestürmt hatten. Sie nahmen (4. Z95 (4. Aug.) auch noch die kleine Festung Vllle Franche, im Departement Obcrgaroune, am Südkanale, ein. Sie bedroheten die ansehn» liehe Stadt Perpignan, den Hauprort des Departements der Qstpyrenaen. Die Frau» zosen, die zu Hülfe eilten, wurden (2. Sept.) von den Spaniern, unter Ricardos geschla» gen, und erst 14 Tage hernach (17, Sept.) gelang den Franzosen der Entsatz von Per» pignan. Aber nirgends war es schwerer, unter den fechtenden Franzosen Zucht und Ordnung einzuführen, als am Fuße der Py» renäen. Selbst nach dem großen Volksauf» gebothe, selbst bcy der republikanischen Stren» ge, kamen noch manche Beyspiele von Ver» rätherey und Pflichtvcrgcsscnheit vor. Im ersten Jahre des Krieges gegen Spanten fraß das siegreiche Schwerin der Spanier, im zweytcn eine ansteckende Krankheit, viele Leute, weg. Auch fehlte es in diesen Wein» gegcnden, die die Zuführe nicht entbehren können, an Lebensbedürfnissen. Indessen dran» gen doch die Spanier auf dem französischen Boden nicht weiter vor. Die Franzose» hat» ten, am Ende dieses Jahres, allerdings llr» fache, sich auf ihr Krtsgsglück etwas einzu« bil. Z96 bilden. Wie sehr mußte das Schauspiel, das (zo. Dec.) bey der Feyer der Wiedere eroberung von Toulon gegeben wurde, der Eitelkeit des pariser PM-cums schmeicheln! Die Triumpfwagen von 14 verschiedenen Are meen schlössen sich in einer langen Reihe an einander an. Sie stellten die Nevolutlonsi armee unter Nonsin, die die Unruhen in Calvador gestillt hatte, sodenn die Armeen des Obcrrheins, des Niederrheins unter Pie chegru, der-Mosel unter Hoche, der Ardent ncn, hernach der Maas und Sambre unter Ferrand, des Norden unter Iourdan, der Küsten von Chcrburg unter Sepher, der Küsten von Brest unter Nossignol, der wsst, lichon unter Turreau in der Vendce, der itae licnischen, der Alpen, der toulonischen unter Dugommier, derWestpyrena-n unter Müller, der Ostpyrcnaen unter Doppet, vor. Einige von diesen Armeen sollten zwar erst noch siegen; aber um sowohl sie, als die Nation aufzumuntern, dachte man sich dieselben schon als vollkommen siegreich. Ihre Siege wm ren zum Thetl durch die große Anzahl ihrer Streiter hervorgebracht worden. Die Am zahl der Leute, die in den drcy Jahren 1792, 397 1792, i?93 und 1794 aufgcbothen wurde, um die alten Armeen zu verstärken, belicf sich auf 1,778,000. Davon hatten sich 119, aoo nicht gestellt, und 55,000 liefen davon. In den Hospitälern starben 167,000. Der Verlust an Getödteren und Gefangnen betrug 610,000, und der wirklichen Soldaten zählte man (1794 Nov.) 829 000. ' Wenigstens eben so viele bildeten die 14 Armeen des Jahres 179Z. Gegen die republikanische Regierung fochten gegen 500,00a Ausländer, und wenigstens 200,000 innere Feinde. Folglich kämpften in Frankreich, und an dessen Gränzen, auf anderthalb Millionen Menschen. Einen solchen Kampf hat kein andrer Zeitraum der Geschichte von Europa aufzuweisen! Im Jahre 179z kostete aber auch der französischen Republik der Landkrieg über 500, und der Seekrieg über Z2o Millionen Thaler. Mit solchen Anstrengungen an Geld und Menschen versicherte Robcspierre dem französischen Volke seine vermeyme republikanische Frcyheit! Sie- Z98 Siebenter Abschnitt. Rvbcspierre's Schrcckensrcgierung. Hinrichtung der Marie Antonie, dcs Orleans n, a. m. Mit Rvbcspierre's Stur; endigt sich die Schreckens, regicrung, und das Ansehn des Convents hebt sich wieder. Ser Iacobincrclub wirdgcschlosscn. Dieser Freyheit brachte der grausam dcspoe tische Rvbespierre noch manches Opfer. Sein tyrannisches Ansehn gründete sich auf das Vertrauen des großen Haufens, das er sich durch sein scheinbares Bestreben, denselben in einen glücklichen Zustand zu versetzen, err warb. Er war gleichsam der Götze des Vol» kcs. Alle Volksgesellschafften in der ganzen Republik wetteiferten in den Ehrcubezeugun» gen, durch welche sie ihm ihre Hochachtung, ihre Z99 ihre Ehrfurcht beweisen wollten. Alle diesem »igen, die diese für Robespierre so günstige Verblendung heben konnten, waren zum Stillschweigen gebracht. Während daß kenntniß- volle und vermögende Manner von allen Staatsämtern ausgeschlossen blieben, vertraute man dieselben blos Leuten ohne Bildung, und ohne Vermögen, an. Das Volk sollte an der Besetzung der Aemter gleichsam ein ausschließliches Recht haben. Weil einige Schriftsteller es gewagt hakten, gegen die Nichtigkeit- dieses Negterungssystems gegründete Zweifel zu erregen, so wurden alle schreibende Gelehrte ein vorzüglicher Gegenstand des Hasses von Nobcspierre. Diesen Haß theilren die Neichen, weil sie die Gelehrten belohnen konnten. Dagegen bezahlte Nobespierre aus der Slaalseasse diejenigen, die den Inhalt ihrer Journale und Zeitungen seinen Grundsätzen und Absichten anpaßten. Die Leute, die sich an seine Interesse anschmiegten, verschafften ihm die von dein Jacobinerclub der Hauptstadt geleiteten Volks- gesellschaften der übrigen Städte. Seine Gegner wurden durch Nevolutionstribunale und die Guillotine entfernt. Der Convent sollte all mäh, 4OO allmählig, durch die Heyden Ausschüsse der Graatswohlfahrt und der allgemeinen Sicher» Heit, um seine ganze Wirksamkeit gebracht werden. Die Mitglieder der neuen Mu- nictpalitatcn bestanden meistens aus Räubern und Schurken, die der Gerechtigkeit entlaufen waren. Da unter dem Befehle von Robespierre, als dem Präsidenten des Sichcrhcitsausschusses, alle Truppen in Pa- eis standen, so fehlte ihm kein Mittel, sei» nen monarchischen Despotismus immer fester zu gründen. Der größte Theil der Man» ner, die er bey den Vorbereitungen zu sei» nem Plane gebraucht hatte, war schon aus dem Wege geschafft. Das Ausehn der Or- leanistcn sank täglich tiefer. Danton und la Croix mußten ihren Gönner Orleans preisgeben. Dieser stürzte nun vom höchsten Gipfel des Wohlstandes plötzlich in den Abgrund des Mangels. Man sperrte ihn (im Oet. 179z) in ein dunkles Gefängniß der Cittadelle zu Marseille ei». Seine An- ^ Hanger kämpften seitdem mit einer lebhaften Verfolgung. Ihr Oberhaupt Danton glaubte seine Parthey, durch die Vereinigung mit der robespierrischcn, zu retten; aber diese Vereinigung 4oi gung stimmte mit dem Plane des französis scheu Sylla zu wenig überein, als daß sie von langem Bestand seyn konnte. Nach Nobespierre's Plan mußte alles, was an das bonrbonische Regentenhans er» rinnern, was die Theilnahmc an dessen Schicks sal erregen konnte, entfernt werden. Zm Tempel lebten aber noch Marie Antonie und ihre Kinder. Auf die Hinrichtung der ehe« mahltgen Königin war von der Bergparthey schon seit einiger Zeit gedrungen worden. Schon am 2ten Jul. war sie aus dem Tems pcl in die Conclergerie, ein gemeines Ges fängnißs gebracht worden. Hier schmachtete sie noch bis zum izten Oktober, da Fouquiers Ttnville, als öffentlicher Ankläger bey dem Nevolutionstribunale, demselben eine förmliche Anklage überreichte. Diese beschuldigte die Marie Antonie der Verbrechen einer Messalina, die sie noch weit überträfe, einer Brunehilde, einer Frsdegunde, einer Katharina von Me« dict; sie wäre an dem Ungeheuern Anwachse der Staatsschulden Ursache; sie hatte ihren Bruder, den Kaiser Franz, mit großen Sums me» unterstützt, und mit den Feinden des Galkttt Weltg,-or Tb. C c Staa« 402 Staates ein Einverständnis; unterhalten; sie hätte durch Schriften, durch eine künstliche HungcrSnoth, eine Gegenrevolution zu be» wirken gesucht; sie hätte die Ernennung treu« loser Minister und Generale; sie hatte die Kriegserklärung gegen den Kaiser Franz, und die Unruhen vom roten August, veranlaßt; sie hätte sogar mit ihrem eignen Sohne ei» nen vertrauten Umgang gehabt. In den Augen eines gegen seine chcmahlige Köni» gin höchst eingenommenen Volkes schienen selbst die grundlosesten Beschuldigungen glaub» würdig. Unter" allen Beschuldigungen, die man gegen Marie Antonie vorbrachte, kränkte sie keine inniger, als die, welche den vertrau« ten Umgang mit ihrem kleinen Sohne be» traf. „Ich appcllire," sagte Marie Anto» nie, mit Thräncn im Auge, „an alle hier gegenwärtigen Mütter; ich fordere sie feyer» lich zu dem Gcständniß auf, ob sich unter ihnen eine einzige befindet, in der nicht schon der bloße Gedanke an einen solchen Umgang den höchsten Abscheu erregt?" Sie ließ sich übrigens auf keine Verlheidigung ein, und be» 4-oz bemerkte nur, daß keine einzige von den vorgebrachten Beschuldigungen erwiesen sey. Dennoch glaubte sich das Rcvolutionstribu- nal berechtigt, ihr (16. Ott.) das Tobest urtheil zu sprechen. Sie hörte es mit scheine barer Sündhaftigkeit an; aber in das Ge« fängniß zurückgekehrt, brach sie in einen Scrom von Thronen aus. Sie blieb nun einige Stunden allein. Hierauf ließ sie sich die Haare abschneiden; auch vertauschte sie die Witttvenkleidung gegen ein weißes Gewand. Nun schlief sie bis zur Hinrichtungs- zeit ganz ruhig. Wie rührend war der Abschied von ihren Kindern! „Ich gehe zu eurem Vater!" Man sehte sie auf einen Karrn, die Hände auf dem Rücken gebunden. Sie schien auf den cousiitutionellen Priester, der sie begleitete, und auf das die Nichtbühne auf dem Grevcplah umgebende Volk wenig zu achten; aber in ihrem Gesichte drückte sich der Herzenssturm durch abwechselnde Schamröthe und Todesblassc aus. Ihr Kopfhaar war ganz weiß. Auf der Bühne, die sie schnell bestieg, betete sie vor ihrer Hinrichtung, auf den Kuiecn liegend mit Inbrunst. So büßte Marie Antonie C c 2 für 404 für ihren weiblichen Leichtsinn auf eine höchst ungerechte Art! Nach der Königin kamen die am 2ten Zunius verhafteten Conventsmitglicder an die Reihe. Die entflohenen wurden für vogel- frey erklart, und einige, die man ausspä- hete, sogleich unter die Guillotine gebracht. Ein Roman von Camille Des moulins diente zum Grunde ihrer Anklage, obgleich die in demselben vorgebrachten Beschuldigungen nur ein Scherz waren. Man hatte in der Anklage die Beschuldigungen des Föderalismus und Noyalismus so künstlich verwebt, daß man Personen von ganz verschiedenen Grundsätzen zusammenbringen, daß man sogar den Herzog von Orleans für einen Girondisten erklären konnte. Die AnHanger, fast lauter Mitglieder der pariser Municipalirat, gaben auch die Zeugen ab. Einige von den Angeklagten rechtfertigten sich bis zur rührenden Ueberzeugung. Dieß erregte bey der Berg, parthey eine so lebhafte Bcsorgniß, daß sie ein Dccret auswirkte, nach welchen das Gericht der Verschworncn (Jury) den Proceß, sobald er von der Sache gehörig untcrrtch, tet 405 tet wäre, abkürzen sollte. Diesem Decrete wurde, aller Vorstellungen ungeachtet, Folge geleistet. Darüber gerietst einer von den Angeklagten, Valuze, so sehr in Wulst, daß er sich noch im Saale erstach. Die übri« gen wurden bald hernach (zi. Ott.) hinge- richtet. Unter ihnen befanden sich viele junge, talentvolle Manner, befand sich ein Bristol, ein Vergniaur, ein Gcnsonnü, ein Condor- cet, ein Petion. Wenig Tage hernach wurde Orleans von Marseille nach Parts gebracht, und zwcy Stunden nach setner Ankunft stand er schon vor dem Revolutionstrtbunale, sich weder über seine Feinde, noch Freunde (Dam ton) beklagend, und auf die meisten ihm vorgelegten Fragen nicht antwortend. Man brachte ihn hierauf in die Concicrgorie, und zwar in eben das Zimmer, in welchem Marie Antonie ihre letzten Tage verlebt hatte. Als man ihm (6. Nov.) die Wahl ließ, seine Hinrichtung bis auf den folgenden Tag zu verschieben, ließ er sich sogleich auf die Nichtbühne bringen, und er sah seinem letzten Augenblick mit vieler Standhaftigkeit entgegen. So starb derjenige, der aus Nachsucht 406 ' sucht, eine Hauptursache der französischen Nevolutionsgrcuel wurde. Orleans Anhänger erklärten sich nun für die eifrigsten Anhänger und Verehrer No- bespierre's, und die Gewalt des letztern wurde dadurch sehr vermehrt. Seine tyran« nische Herrschaft über Frankreich schien befestigt. Unpartheyisch erwogen war er derjenige, der, durch seine entschlossenen und mit Kraft ausgeführten Maßregeln, die französische Nation von dem Joche der fremden Mächte gerettet hatte. Dteß trug zur Erhöhung seines Anschns allerdings sehr viel bei). Dieses wurde aber noch besonders durch den Wohlfahrtsausschuß befördert, der in dem Plane, eine völlige Umwälzung aller Dinge zu bewirken, mit ihm übereinstimmte. Aber während daß der Diktator Nobespicrre den Mitgliedern desselben schmeichelte, fiel von den Männern, die zu demselben gehör, ten, einer nach dem andern unter dem Deile der Guillotine. Das Morden wurde jedoch von der Zeit an, daß Carrier von Nantes zu Ende des Jahres (179z) die Errichtung eines 4^7 eines Revolutionstribunales veranlaßte, besonders schrecklich. Dieser wüthete hauptsächlich zu Lvon, Marseille, Bordeaux, Srraßburg. Weil die Guillotine Vicht -geschwinde genug mordete, wurden die Gefangnen, Manner, Weiber, Kinder, ohne Unterschied, zu hun« Herten an Händen und Füßen gebunden, in breiten, flachen Kähnen, in die, Loire gestos- /en. Bald brauchte man hierzu einige Kähne mit Fallthürcn; anfangs nur bey Nacht, zu» letzt aber am hellen Tage, vor den Augen des erschrocknen und verstummten Volkes. Die Unglücklichen, die man auf diese Art aus der Welt schaffte, wurden in der Folgerst von ihren Henkern ausgezogen. Ja man gicng in der entsetzlichsten Schändlichkeit so weil, daß man Männer und Weiber paarweise uuangeklcidet an einander band. Man nennte dieß republikanische Hochzeiten, und an den nackenden Gruppen weidete Carrier auf einem Schiffe, an einer reichbesetzten Tafel sitzend, seine Augen. Eben so ein Wüthrich war le Bon, Nobespierre's Landsmann und Freund. Dieser brachte eine Frau, die ihren Mann retten wollte, dahin, sich ihm preiszugeben. Sie führte den für diesen 4°8, scn Preis erkauften Mann zu ihren Kindern zurück; aber am folgenden Morgen wird die, ser wieder von neuen verhaftet. Die Frau eilt zu le Bon. Nachdem sie in seinem Vorzim, mer sechs Stunden gewartet hatte, wird sie, endlich vorgelassen. Le Von wirft ihr einen verächtlichen Blick zu, und bielhct ihr für die ihm bewiesene Gunst einen Fünf- Livres» Thaler an. Wüthend will sich das Weib über den> der sie so schrecklich getäuscht hatte, Herwerfen. Aber er läßt sie verhaften, und eine Stunde hernach starben beyde, sie und ihr Mann, unter der Guillotine. Solche Auftritte einer schrecklichen Ne, volutionsjustiz fielen in allen großen Städ, ten vor. -Die Nichter waren meistens ge, übte Mörder des pariser Tribunals. Die Verfolgung der Gegner der Bergparthey ar, tele zuletzt in eine wahre Naserey aus. Die Jacobiner wollten die Hälfte der französi, schen Nation ihrer vcrmcynten Republik zum Opfer bringen. Die Orleanisten, der vor, züglichste Gegenstand ihres Hasses, waren zu Anfang des folgenden Jahres (1794) fast ganz vernichtet. Die noch übrigen ver, hici, hielten sich wenigstens seh« still, und einige drängten sich zu Nobespierre's Thron mit kriechenden Schcichelcycn hin. Danton lehnte jedoch jede Verbindung mit seinem Gegner, den er noch zu stürzen hoffte, standhaft ab. Er nennte im Cirkcl seiner Freunde den No» bcspierre ein rcissendes, nicht zn bezähmen» des Thier. Nvbespierre und der Wohtfahrts» ausschuß lauerten aber nur auf eine gute Ge» legenhcit, den Danton ihrer Sicherheit auf» zuvpfern. Nachdem am 22. Februar auch Nonsin, der Oberbefehlshaber der Revolu» tionsarmee, nebst Hebert, Anacharsis Lloots, Vincent, und noch iz andere Revolutions» schwärmern das Schicksal gehabt hatten, ihren Kopf unter das Beil legen zn müssen, wurden einen Monath später (2z. März) wieder' mehrere Wagen voll Orlcanisten auf die Nichibühne gebracht. Das pariser Volk äusserte darüber seinen lauten Beyfall, und nun glaubte es Nvbespierre, und seine An» Hänger, wagen zu dürfen, auch Danion und dessen Freunde, der Strafe der Guillotine zu unterwerfen. Danton, Camtlle. Des« mouiions, Chabot, Fabre b'Eglantine, la Croip, Herault, Sechelles, u. a. m. wurden (iz. März) auf Befahl des Wohlfahrtsaust schusscs verhaftet, und Danton erschien jetzt vor dem Nevolutionstribunalc, dessen Schöpfer er war. Dieses erklärte ihn, und die Verhafteten, für Haupter der Cordcliers, die den Orleans hatten auf den Thron setzen wollen. Ihre Verrheidigung wurde gar nicht angehört. Danton äusserte bey seiner Hin- richtung (5. April) den Unmuth eines über- listeten Bösewichts. Bis zu Dantons Proceß hatte das pariser Nevolutionstribunal noch immer einige gerichtliche Umständlichkeiten beobachtet, hatte es noch immer den Schein der Gesetzmäßigt keit beyzubehalteu gesucht. Jetzt hörte aber auch dieser auf. Um so leichter konnte (24. April) dem vortrefflichen Malesherbes, dem Vertheidiger Ludwigs XVI, konnte (8. May) vielen Generalpächtcrn, meistens Besitzern von Willionen, konnte (10. May) der Eli» sabeth von Vourbon, der Schwester Lud, wigs XVI, das Todesurtheil gesprochen werden. Am Hinrichtungstage der letztern wurde, durch eine besondre Verordnung, die Gewalt des Nevolutionsgerichtes auf eine schreckliche 4ii liche Art ausgedehnt. Nach demselben sollte keine Verthcidigung, ja nicht einmahl ein Verhör der Angeklagten, mehr stattfinden. Seitdem spielten Gerichtsdicncr, Schreiber (ehedem Häscher und andres dergleichen Gel sindcl,) mit der entsetzlichsten Schändlichkeit, mit dein Leben der Menschen. Die Nahl mcn der Angeklagten wurden nur durch eil uen Aufwärter aufgeschrieben. In der Am klage eines Weibes stand: „ein Kopf, der schlechterdings abgehauen werden muß!" Die Anklagen wurden oft verwechselt, oder ein unrechter Nähme hingesetzt. Ein gedrucktes Protokoll, in welchen nur einige Zeilen aust zufüllen waren, gab zu den unglaublichsten Verstößen die Veranlassung. Aus allen Gel gcnden von Frankreich wurden ganze Wa, gen voll Angeklagter in die Conciergerie zu Paris gclieferr. Diese waren, durch Hin? richtungcn oder Versetzungen in andre Gel fangnisse, ohne Aufhören angefüllt und aus, geleert. Anfangs brachte man 15 Schlachtl opfer auf einem Karrn, den Barrüre einen Sarg für Lebende nennte; bald fanden zo ihren Platz auf demselben, und Nobespierre wollte eS noch bis auf 150 bringen. Des verl 472 gvfinen Blutes war ss viel, daß man in der Vorstadt St. Antoine einen besondern Abteil tungsgraben für dasselbe machen mußte. Um z Uhr Nachmittags verließen gewöhnlich die langen Reihen der Verurtheilren das Tribut nal, und giengen, durch die zahllose Menge der neugierigen Zuschauer, zum Richtplatze. Die meisten erwarteten den Todesstreich mit ausserordenlicher Standhaftigkeit, in der tieft sten Stille, kein Wort des Unwillens äussernd. Unter ihnen befanden sich 45 Mit, glieder der pariser, zz des toulouscr Part laments, 40 Generalpächter, befand sich, auft ser andern Generalen, auch Luckner. Der achtzigjährige Malesherbes wurde (24. April) zugleich mit seiner Schwester, seiner Tocht ter, seinem Schwiegersohne, seiner Enkelin und ihrem Gatten; Montmorin, der eh« mahltge Minister zugleich mit seinem Sohne, Vrienne zugleich mit der Schwester Ludwigs XVI, hingerichtet. Besonders traf das Tot dcsloos viele Weiber und Mädchen. Viere zehn junge Frauenzimmer starben unter der Guillotine, weil sie auf einem von König von Preussen gegebenen Ball getanzt hatten. Weil, den römischen Gesetzen zufolge, das Vere 4iZ Vermögen der. Hingerichteten ihren Kindern zufiel, so machten Nobespicrre und Cambon das Gesetz, daß ein im Gefängnisse verüb- ter Selbstmord für eine Verschwörung gegen das Vaterland gelten sollte. Nobcspierre's Verfolgungswuth hatte aber . besonders auch die Gelehrten zum Gegenstände. Auf seine Rednergaben frühzeitig stolz, und ärgerlich , daß es ihn nicht gelungen war, als Advocat sich auszuzeignsn, warf er einen unversöhnlichen Haß auf alle Männer, die sich durch Geistesfähigkeitsn und Kenntnisse emporhoben. Die Gelehrten, meynte er, wären die gefährlichsten.Feinde der Revolution, die sich gar nicht zur Höhe derselben hinauf schwingen könnten. Man nennte sie daher nur Politiker, das heißt, Gegen- revolutionisten. Zu den Gelehrten, die Ro- bcspierre seinem Hasse zum Opfer brachte, befanden sich, ausser Condorcet, Champfort, der sich selbst lödtete, einer der geschätztesten Schrifsteller seiner Zeit, Florian, Vtc d'- Asyr, Vailly, Lingnct, Baruave, Lavoisier u. a. m. Der Hauptvorwurf, den man ihnen machte, war, daß. sie nicht an Maracs gro- 414 große Verdienste glauben wollten. Vcrge- bens bath sich Lavoisier eine vierzehntägige Frist aus, um vorher noch eine chemische Untersuchung zu vollenden. Man hatte, sagte man ihm, keine Chemiker mehr nö- thig. Man sah jetzt fast taglich Veyspiele einer heroischen Tugend. Durch die täglich sich mehrenden Hinrichtungen, entstand eine Betäubung, die in allen Herzen die Liebe zum Leben unterdrückte. Nichts erfüllte die Tyrannen mit besorgnißvollcrn Empfindum gen, als die heitere Gleichmüthigkcit, mit der ihre Schlachtopfer zum Tode gicngcn. Frauenzimmer, die keinen Selbstmord wag, ten, riefen, um ihre Hinrichtung zu befördern: „es lebe der König!" Das eine wollte den Gatten, das andre den Liebhaber nicht überleben. Nobespicrre jetzt, nach Unterdrückung aller Gegner, der einzige Beherrscher Frank, reichs, fühlte sich gegen die neben ihm stehende colossalische Macht doch zu schwach. Nur die Höhe seines Falles messend, gieng er nicht anders, als von einer zahlreichen Wache begleitet, aus. Sein Blick zeigte' sich 4'5 sich immer düstrer; a»f seinem Gesichte war die gelbe Farbe des Neides, mit der Angst» blässe des Verbrechers, vermischt. Cr war beständig mit Ahnungen von seiner Ermor» dung erfüllt. Sechs Tage vor der Erfüll lung dieser Ahnungen (21. Jul.) sprach er im Jacobinerclüb, in einer feurigen Rede, über Verfolgungen, denen Patrioten seines Gleichen ausgesetzt wären, über das einzige Ncttnngsmittel, welches nur ein neuer z iter May darbiethen könnte. Seine Anhänger be» retteten auch schon einen Aufstand vor, durch welchen der Convent gereinigt, das heißt, durch welchen alle noch übrigen Gegner der Tyrannei) aus der Welt geschafft werden soll< ten. Robespierre traute selbst dem Wohl« fahrtsausschusse nicht mehr. Auch dieser sollte also gestürzt werden. Am Tage vor seinem Falle (27. Jul.) pries Nobespierre, in ei» ner langen Rede, seine Redlichkeit, seine Bemühungen für das Wohl des Staates, seinen Patriotismus, erklärte er alle, die in ihren Grundsätzen mit ihm nicht übereilt» stimmten, für Feinde des Volkes, tadelte er mit Heftigkeit die wichtigsten Maßregeln des Convenrs, vorzüglich die Ausschüsse der öf» fent» 416 fentlichcn Wohlfarth und der allgemeinen Sicherheit, sprach er über den schlechten Zu» stand der Finanzen. „Morgen, setzte er hin» zu," werde ich die Mafiregeln, durch die allein das Vaterland gerettet werden kann, näher angeben. Auf ähnliche Art, äusserte sich Couthon im Jacobincrclub. Man müsse, sagte er, den Convcnt abermahls durch das Lvos reinigen, und aus demselben alle Mit» glieder der Ausschüsse, als Verräther, ent» fernen. Dumas, der Präsident des Revolu» tionstribunals, sagte noch vernehmlicher: man müsse alle unlautern Männer aus dem Eon» vente fortschaffen. Paris befand sich jetzt in einer dumpfen Gahrung, die, so wie eine gänzliche Wind» stille, Sturm oder Erdbeben ankündigt, im» mer ein Vorbothe großer Begebenheiten ist. Es galt jetzt dem Entscheidungskampfe zwi» schen Nobespierre und dem Wohlfahrtsaus» schusse. Die noch übrigen Orleanisten verschworen sich gegen Nobespierre, um sich der Regierung zu bemächtigen. Ihre Versänvö» rung beförderten die zu unvorsichtige Dro» hung der Iacobiner, daß alle Feinde des Ver, Berges hingerichtet werden müßten. Am Entscheidungstage.(28. Jul.) äusserte Saint» Just seinen Unwillen über fast alle Glieder der Ausschüsse, trug er geradezu darauf an, alle angefressenen Glieder ohne Schonung ab« zunehmen. Jetzt erhoben sich aber auf ein« mahl über hundert Stimmen gegen ihn. Einige derselben, als Tallien, Freren, Bil^ laud > Varennes, scheuten sich nicht, den No« bespierre der Anmaßung einer diktatorischen Gewalt zu beschuldigen. Nobespterre stürzte auf die Tribüne; aber er mußte sie wieder verlassen. Alle Mitglieder riefen etnstim« mig: er sollte nicht eher reden, als bis ihn die Reihe träfe. Tallien sprach beherzt: „ich sehe, der Schleyer ist endlich zerrissen, die Verschwörer sind entlarvt, und sie werden bald vernichtet seyn; Nobespterre hat gestern gesagt: er mache die gesetzgebende Gewalt auf die weitgreifendste und verderblichste Ver, schwürung aufmerksam; man muß die schnell« sten und kraftvollsten Maßregeln ergreifen; Henriot und sein Generalstab müssen verhaf« lct werden; der Convent muß seine Sitzung für permament erklären." Galleti Weltg. -or Th. D d Ver» 4^3 Vergeblich hemüheten sich Nobespierre und seine Anhänger, das Wort zu erhalten, oder man gestattete es ihnen wenigstens nicht lange. Nobespierre war^ allmächtig, so lange alle Zacobincr, unter seinen und den Gesetzen des Wohlfahrtsausschusses vereinigt, die Ue« berreste der Parthey der Cordelicrs, mit starker Hand, niederdrückten. Allein ein Theil der Zacobincr war jetzt auf der Seite des Wohlfahrtsausschusses, der mit den Corde« liers, und zugleich mit den Anhängern von Orleans und Danton, gegen Nobespierre ge« meinschaftliche Sache machte. Jetzt traten viele Deputirte wieder aus der Verborgen« heit hervor. Nobespierre stand nun von je« dermann verlassen da, und alle wetteiferten, ihm Verbrechen vorzuwerfen. Der Convent, der seine Sitzung perma« ment erklärte, verkündigte, durch einen öf« fentlichen Anschlag, den Bürgern von Pa« ris die Gefahr, in welcher sich die Nepub« lik befand, und befahl sogleich den VerHaft von Henriot, imgletchen von Dumas. In« dessen setzte er seine Sitzung während der gan« 419 ganzen Nacht fort. Nobespierre äusserte am fangs eine scheinbare Glcichmüihigkeit. Als aber eine Anklage sich an die andre am rethete, verlangte er, mit einem wüthenden Geschrey: „das Wort oder den Tod!" Die» ser Ausruf wurde von allen Seiten wieder« holt. „Tausendfach" riefen jetzt alle Stirm men, „verdienst du den Tod!" Nobespierre schalt jetzt den ganzen Cvnvent; er drohete dem Präsidenten. In dem Unmuthsärger wendete er sich, die Bergparlhey vergessend, an die Conventsglieder, die er so oft Sumpft kröten genennt halte. „Von ihnen, reine Männer, und nicht von diesen Nichtswürdi« gen^ auf den Berg zeigend „erwarte ich die Gerechtigkeit, auf die jeder Angeklagte Am spruch macht." Jetzt fiel er bald auf die Tribüne, bald auf die Bänke, hin; jetzt stieß sein schäumender Mund Gotteslästerungen aus. Der Convent beschloß ein Anklagedecret ge« gen Nobespierre, als das Oberhaupt der Anarchisten. „Ich muß" rief der jüngere Nobespierre „das Schicksal meines Bruders thctlen." Die Anklage wurde nun auch auf ihn, tmglcichen auf Coulhon, Saint-Just, iftbas, ausgedehnt. Als aber die Gerichts« Dd 2 die» 420 diener zur Verhaftung in den Saal traten, verließen ihn die Angeklagten, um ihre An« Hänger zu versammeln. Paris befand sich damahls in einer sehr gefahrvollen Lage. In den Sectionen und in den Volksgescllschaftcn herrschte Uneimg- keit, herrschte bisher nur die kühne Sprühe des Verbrechers. Mau zitterte unaufhörlich wegen seines Eigenthumes, wegen seiner Freyheit, wegen seines Lebens. Und nun wieder plötzlich das Gerücht, daß der Cvn- vent, durch einen neuen ziten May ver< stümmelt, daß die 7z verhafteten Glieder ermordet werden sollten. Die Kaufleule verschlossen sogleich ihre Laden, und begaben sich lheils in ihre Sectionen, thoils auf die Vec- sammlungsplatze ihrer Bataillone. Ihre Besorgnisse waren so ängstlich, daß man es kaum wagte, einander seine Gedanken mit- zuthetlen. Henriot, der (28. Jul>) mit seinem Ge- neralstaabe durch die vornehmsten Straßen ritt, und zu den Waffen, zu der Versammlung vor dem Stadthause, aufforderte, wurde 42 k wurde von einer Abtheilnng der Gendarmen verhaftet > und vor den allgemeinen Sicher- hcirsausschuß gebracht. Hier sehte ihn jedoch ein starker Haufe von Aufrühren:, der in den Saal des Ausschusses drang, wieder in Freyheit. Jetzt both Henriot alle Künste auf, die Bürger irre zu führen. Der Maire versammelte, in eben dieser Absicht, das Generalconseil der Gemeinde. Ein Vollziehungsausschuß sollte die Unternehmungen der Truppen leiten. Die bcyden Nobespierre, Coinhon, Saint - Just, und Lebas wurden auf das Stadthaus eingeladen, und mit Frohlocken empfa'ngen. Man forderte die 48 Sektionen von Paris durch Ennssarien auf, sich auf das engste an den Vvllztehungsaus- schuß anzuschmiegen. Alle verdächtigen Briefe wurden geöffnet, und die Pressen einiger Journalisten versiegelt. Man wollte die Barrieren schließen. Der Gcmeinderath erkühnte sich sogar, dem Volke zu befehlen, den Eon- vent nicht mehr anzuerkennen. Es sollte sich vor dem Gcmeindehause ein ansehnliches Heer versammeln. Man rief die benachbarten Mu- nicipalitäten zu Hülfe. Aber es fehlte diesen Maßregeln die Übereinstimmung des Ml- 422 Willens, der Enthusiasmus. Man setzte ih< nen geheime Hindernisse entgegen. Diese kamen zum Thcil von den Iacobinern her, von welchen viele sich des Wohlfahrtsausschusses gegen Robcsplerre annahmen. Selbst Weiber bothen, mit Dolchen gerüstet, dem heiligen Berg ihr Leben an. Die Jakobiner wurden aber allmählig von anders Gesinnten verdrangt. Einige von ihnen wollten sich nach dem Fortgange der Jnsurreclion erkundigen; andre wünschten ihrer Mcynung auch ausser dem Convemc Bcyfall zu verschaffen, oder, auf jeden Fall, ihre Person in Sicherheit zu setzen. Gegen 7 Uhr Abends war der Conventssaal gedrängt voll; aber gegen Mitternacht blieben, des geleisteten Eides, sich nicht ehe/ wegzubegeben, als bis allc Ver, rather vernichtet wären, ungeachtet, nur noch wenige Jacobiner in der Versammlung. Dieß hatte auf den Geist derselben einen sehr werklichen Einfluß. Die Grundsätze der Billigkeit fiengcn an, wieder herrschend zu wer-' den. Jetzt entschied sich aber auch das Schicksal von Nobespicrre. Der Eonvcnt könne, hieß es, gegen eins von seinen Mitgliedern eine Anklage statt finden lassen; Ro< bcs- bcspicrre könne, eben so gut als Marat, vor das Nevolutionsrribunal gezogen werden. DerZacobinerclub both indessen alle seine noch übrigen Kräfte auf, sein Ansehn zu retten. Er ließ durch eine Deputation des Vollztehungsausschusses, dem Convent mel» den, daß das Volk, durch die Sturmglocken gerufen, von allen Seilen herbeiströme, die Feinde der Republik zu vernichten; daß an die Stelle des Wohlfahrtsausschusses der Mm nictpalrath vom 10 August trete; daß Hen» riot den Generalmarsch habe schlagen lassen; daß Pulver ausgetheilt worden sey. Gegen Mitternacht geboth der Zacobinerclub dem Gcmetnderath die sorgfältigsten Maßregeln wegen der Barrierre. Dieß war aber auch das letzte Zeichen seiner erlöschenden Gewalt. Der Nationalconvent fühlte sich stark genug, den Unternehmungen der Jacobincr kraftvoll entgegen zu arbeiten. Er erklärte alle Staats» bcamte, welche bewaffnete Mannschaft ge gen die Repräsentanten der Nation anfühl ren, oder die Vollziehung der Verordnung» gegen Nobespierre und seine Anhänger ver» hindern würden, des Hochverrats schuldig. Diese 4-4 Diese Proclamation erschien in eben dem Augenblicke, in welchem die Municipalität auf dem Stadthause die Sturmglocke anzu» ziehen befahl. Der ConvcNt erlheilte auch mchrern von seinen Mitgliedern den Auf» trag, über die Unternehmungen der bewaffne» ten Macht, die Aufsicht zu führen. Jetzt scheute sich niemand mehr, seinen Widerwillen gegen die robespierrische Tvran» ney laut werden zu lassen. Alles erklärte sich jetzt für den Convent. Bald unterwar» fen sich mehrere Batallione der National» gardc seinem Befehle. Zu der tiefsten Stille wurden alle nach dem Grcveplatze führende Straßen besetzt. Die Zahl der AnHanger der Municipalität, wurde immer kleiner. Vergebens Kothen die Häupter der Jacobi» ner alle ihre Beredsamkeit auf. Die Trup« pen bcyder Partheyen rückten zugleich aus allen Straßen an. Auf 'bcyden Seiten herrschte liefe Stille, bis endlich die Eon» vcntstruppen in den allgemeinen Ausruf: „es lebe die Republik!" ausbrachen. Eben so benahmen sich die versammelten Bürger. Die Truppen beydec Thetle vereinigten sich. Die 42? Die Mnnicipalität, die sich im Innern des Gemeindehauses fast allein sah, machte ei, ncn vergeblichen Versuch, die Thore des weitläufrigen Gebäudes zu verschließen. Eine Batterie drohete, sie zu zerschmettern. Der-Jacobinerclub setzte, obgleich von sei, nen meisten Mitgliedern verlasse», seine Siz, zung fort. Dieses Ausharren aber war, der veränderten Lage des Staates wegen, nur der Beweis von dem Daseyn einer Faction, die sich, durch ihr Benehmen, der vom Com vent ausgesprochenen Todesstrafe schuldig ge, macht hatte. Diese Revolution entsprach je, doch den Wünschen von Varrere, und den Mitgliedern des Wohlfahrtsausschusses, gar nicht. Die beyden Partheyen derselben ar, betteten an dem Sturze von Nobespierre blos in der Absicht, um sich an seine Stelle zu schwingen. Zur Ausführung dieses Pla, ncs hatten sie die Volksgesellschaften nöthig. Diese mußten also, wenn das Ansehn des Convents gesichert seyn sollte, aufhören. Vor allen Dingen aber mußte der Iacobin'erclub ausser Thätigkeit gesetzt werden. Den Auftrag, 426 trag, dieß zu bewerkstelligen, erhielt Legem dre, einer der ersten Schüler Dantons. Er schilderte, mit plumbcr Beredsamkeit, dem Elub die Gefahr, die mit der Fortdauer seiner Sitzung verbunden wäre. Er äusserte Drohungen, und seine Begleiter sagten den neben ihnen sitzenden in das Ohr, daß eine beträchtliche Truppen« Abtheilung mit Kano» nen gegen den Club im Anmärsche wäre. Jetzt überfiel die ganze Versammlung ein solcher Schrecken, daß die Mitglieder sich fortschlicheu, daß der Saal bald leer war. Legcndre verschliß die Thüren, und über« reichte die Schlüssel dem Convent. Es wät rcn, berichtete er, Uebelgesinnte, wahrscheint lich weiße Nvyalistcn (das heißt mit weißen Cocardcn) in dem Saal gewesen, die im Nahmen der Jacobiner Beschlüsse abgefaßt hätten. Dieses Vorgeben war um so albere ner, jewcniger jemand, ohne eine besondre Karte, in den Saal kommen konnte. Indessen waren die Thore des Stadthaut ses, wo sich Nobcspicrre und seine Anhänger befanden, gesprengt worden. Jene such. 42/ suchten sich vergebens durch die Flucht zN retten. Nobcsvierre der ältre, wollte sich gegen einen Gendarme, der ihn verhaftete, wehren. Darüber wurde ihm von einer Km gel der Backen zerschmettert. Lobas ködtste sich selbst durch einen Pistolenschuß. Robes» pierrc der jüngere stürzte sich aus dem obern Stockwerke des Stadthauses herab. Die andern hatten sich versteckt; sie wurden aber alle aufgefunden, und vor den Wohlfahrts« ausschuß gebracht. Der Convenl wiederholte null seine gegen die Verhafteten ausgesprochne Acht, und endigte seine Sitzung erst am soll gcnden Tage (29. Zul.) des Morgens um 5 Uhr. Bcy dein Aufgang der Sonne stand die Nationalgarde, noch unter dem Gewehre, und aus allen Gesichtern sprach die Freude über das, was vorgegangen war. An eben dem Tage, 6 Uhr Abends, wurden die beye den Nobespicrre, Couchon, Saint» Just, Henriot, Dumas, und 16 andre Mitglieder der pariser Municipalirät, auf dem Nevolm tionsplatze guillotintrt. Der ältere Nobes» picrre war, als er seinen Kopf unter das Beil 423 Beil legte, schon halb tob. Ein solches Ende nahm der einst so gcfürchlete Mann. Nobespierre, der schon Dictator zu seyn wahnte, sah stch plöhlich von jedermann vcr, lassen; die pariser Munielpaliiat, die sich dem Zeitpunkte, wo sie den römischen Se« nat vorstellen könnte, nahe glaubte, war vernichtet; der Wohlfahrtsausschuß, der seit neu Sieg über die rvbespierrische Parthey weniger seiner eignen Kraft , als dem Bey< stand derer, die die rvbespierische Macht gar micht gegen die seinige zu verrauschen wünsch« ten, zu danken halte, bemühete sich vcrge, bens, die von den Orleanisten ihm bestritt tene Gewalt sich zuzueignen. Darüber er, hob sich ein neuer heftiger Kampf zwischen den Cördeliers und den Iacobinern, die ei, nander bis zur Richrbühne verfolgten, bis beyde Parthcyen so geschwächt waren, daß das Ansehn des Convents von neuen be, festigt wurde. Die Jacobiner zeigten sich, nachdem sie stch einige Tage ganz ruhig verhalten hatten, bald 429 bald wieder in ihrer ganzen Frechheit; sie stimmten ihren despotischen Ton bald wies der an. Mit gewohnter List erklarten sie (zi. Jul) vor den Schranken des Eon« vcnts, daß sie die Mitglieder der Vcrsamm» lung, die in der Nacht vom 28ten Jul. den Ort ihrer Sitzungen verunreinigt hätten, gar nicht für ihre Brüder erkennten. Man war mit ihrer Erklärung so wohl zufrieden, daß der Couvent, durch eine besondre Des putation, ihnen die Thüren ihres Versamm» lungssaales wieder öffnen ließ, und die Ja» cobincr setzten ihre Bemühungen, alle Ord» nung und Sicherhett des Staates zu zcrstö» ren, fort. Doch die öffentliche Volksstimms erklärte sich immer lauter gegen dieselbe. Es traten immer mehr entschlossene Vater» landsfreunde gegen sie auf. Zu diesen ge» hörte jetzt auch Lecointre, einer von den Theilnehmern uns Mitschuldigen der robes» pterrischen Tyrannen. Dieser klagte drey Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses, Bar» rere, Coslot d'Herbois, und Billaud > Varen» ncs, nebst vier Mitgliedern des Sicherheits« aüsschnsses, mit der feyerlichsten Umstand» lich» 4ZO lichkeit an. Diese wußten sich jedoch listig hcrauszuw. Inn.) der al- len Verbreitern falscher Nachrichten, sie mach, ten gut oder schlecht scyn, die Todesstrafe verkündigte , galt jetzt nicht mehr; Robespicr- re's furchtbares Wort: „dicIournalisten sollen sich nicht mehr erkühnen, eine meiner Reden ohne meine Erlaubtniß, bekannt zu machen," tönte jetzt nicht mehr ins Ohr. Der gepreßte französische Witz machte sich jetzt wieder Luft. Die verhönte Buchdruckerpresse, dieses Hauptwerkzeug der französischen Revolution, rächte sich jetzt an den Feinden der Wissenschaften und der Gelehrten, an den Jacobinern, mit dem glücklichsten Erfolg. Die Hauptvertheidigcr des Systems der Mäßigung schilderten, in Flugschriften, dem Volke, die Abschenlichkeit des jacvbinischen Verfahrens, so richtig und eindringend, daß es immer allgemeiner verabscheut wurde. Es stimmte ja ohnedieß mit dem französischen Nativnalcharakter so wenig 4Z2. nig zusammen. Nichts kam jedoch dem Elm drzick Key, den „der Volksrcdner" von Fre» ron, dem Sohne des berühmten Gegners von Voltäire, machte. Den Haß gegen die Jacobiner vollendete aber besonders noch der Prvceß der 94 Ein» wohner von Nantes, der die schrecklichen Greuclthaten des dasigen Revolütionsauö» schusses zur allgemeinen Uebcrzeugung dar» legte. Diese unglücklichen Leute schmachte» tcn seit zwcy Monathen (20 von ihnen wa» reu schon gestorben) in den Gefängnissen zu Paris. Jetzt wurde das Verfahren des Re» volrtttonsausschusses von Nantes, von dem pariser' Nevolutionsgcrichte, untersucht. Es war ein eben so umständlicher als abscheu» licher Proccß. Die vielen Zeugen, zusam» mcn Z07, bekräftigten.die schändlichsten Grau« samkeiten. Der Hauplurhcbcr derselben Car» rier, Dcputirlcr des Departements Canial, - saß noch immerfort unter den Mitgliedern des Naiivnalconvcnls. Gegen ihn forderte die allgemeine Stimme zur Rache auf. Er verließ sich zwar auf den Schutz, der Jaco» eobi, 4ZZ biner, deren Befehl seinem Verfahren die Richtung gegeben hatte. Aber die Jacob« ner waren jetzt von ihrer ehcmahligcn Kühl« heit und Festigkeit verlassen. Sie konnten das Gefühl ihrer zunehmenden Schwäche nicht unterdrücken. Dieses Gefühl erregte vornehmlich den Beschluß des Convents, daß künftig unter den Volksgesellschaften keine den Vorzug oder eine Direktion haben, daß sie sich nicht in Angelegenheiten des Stam tcs oder der Negierung mischen sollten. Diese Verordnung vernichtete die ganze Wichtigkeit des Jacobiuerclubs, der sich in Paris einen so großen Einfluß angemaßt hatte. Noch ehe Carricr der gerichtlichen Untersuchung unterworfen werde, nahmen sich die Zaco biner seiner öffentlich an, und Carrier ließ in einer ihrer Versammlungen die Worte fallen: „sind doch die Zacobiner noch in Parts!" Man erlaubte sich auch in ihrem Club noch immer Drohungen, die selbst im Convcnt wiederholt wurden. Der Convent wurde dadurch bewogen, den vier Ausschüft sen der Wohlfahrt, der Sicherheit, der Auft ficht, und der Gesetzgebung, eine genauere Callctti Weltg. aar Tl> E e Um 4Z4 Untersuchung der Volksgesellschaften aufzu, tragen. Den Erfolg derselben wartete jedoch der Volksunwille nicht ab. Die Jarobiner bo« then eben (ir. Nov.) alle ihre Kräfte zu Carriers Rettung auf; sie suchten eben die Rechte der Voiksgesellschaftcn Herauszusehen, als ein Aufstand-des Volkes, der erste ge« gen die Jacobiner, der Sache eine entscheid dende Wendung gab. Das um den Jaco< binersaal versammelte Volk rief: „es lebe der Consent! keine Jacobiner mehr!" Zu« gleich flogen von allen Seiten Steine in die Fenster. Die Jacobiner thaten zwar einen förmlichen Ausfall, und einige, deren sie sich bemächtigte;,, mußten zur Strafe die rothe Mütze aufsetzen; bald sahen sie aber von dem sich immer mehr anhäufenden Volks« Haufen dte Thüren ihres Saales eingesprengt; die Jacobiner mußten sich, zum Theil ge« mißhandelt, entfernen, und ihr Saal wurde verschlossen. Noch an eben dem Tage ver« both der Convenr die ferncrn Vcrsammlun« gen des Jacobinerclubs. Aber noch lange spuckte der Jacobinergeist fort. In« 4Z5 Indessen benutzte doch die gemäßigte Par- thcy ihren Sieg über die Jacobiner, ihren Händen die Verwaltung der Staatseinkünste, der Gerechtigkeit, die Leitung der Volksge- sellschasten und der Journale, zu entziehen. Alle Jacobiner wurden nun von den De- partementsräthen, von den Municipalitaten, entfernt. Jetzt kam auch der Proceß gegen Carrter in Gang. Er wurde (22. Nov.) durch 498 Stimmen gegen 2 im Con- vent, für schuldig erklärt. Man gab dem Verfahren gegen ihn alle feyerliche Umständlichkeit, um für feine und seiner Gehülfen Greuelthatcn alle möglichen Beweise zu sammeln; um noch andre bedeutendere Urheber derselben an den Tag zu bangen. Diese Absicht gelang. Der bedrängte Carrier erklärte, daß er alles, mit Wissen und Genehmigung des alten Wohlfahrtsausschuss s, gethan hätte. Diese Eekiäcung rettete ihn zwar nicht vom Tode; denn er wurde, nebst zwei) andern Mitgliedern des Nevolutions- ausschusses von Nantes (16. Der.), guillotinier; aber die Reihe kam doch nun auch an diejenigen, deren Befehle das schreckliche Ver- »' -Ol ,« « ^ 4Z6 Verfahren geleitet hatten. Die Klage der Lc» cotntre gegen Barrere, Collot und Billaud u. a. m., die man erst für Verleumdung erklärt hatte, fand, zu Ende des Decem» bers, durch neue Beweise verstärkt, den lebhaftesten Vcyfall. Sie wurde der Unter» suchung einer besondern Commisston überge, den.