Kleine Weltgeschichte zum Unterricht UN d zur U n t e r h a lttt u g von I. G. A. Galletti, Professor Z» Gotha. Vierzehnter Thcil. Gotha, in der EttinMschen Duchheindssing 1805. Inhalt. Vierzehnter Abschnitt. Seite Karl II kämpft mit seinem mißtrauischen Parlamente. Der Graf von Mvnmouth macht einen unglücklichen Versuch, seinem Halbbruder, Jacob Ii, den Thron zu entreißen. Jacob Ii macht sich durch seine Bemühungen, die katholische Religion wieder einzuführen, verhaßt. Der Prinz von Oranien kömmt der Nation zu Hülfe. Jacob l! flüchtet nach Frankreich. Wilhelm m wird König von Großbritannien. i Fünf- Sechzehnter Abschnitt. Ludwigs xiv Ansprüche auf die Psalzsimmern- schcVerlasscnschaft. Unzweckmäßiger Zustand der deutschen Reichskriezsverfassung. Die deutschen Rheinländer werden von den Fran- zoscn schrecklich behandelt. Ludwig xiv kämpft mit vielen Feinden. Luxembourg erficht ihm glänzende Siege. Vergeblicher Plan, Wilhelm Iii zu entthronen. Seekrieg. Friede zu RySwik. 75 Siebzehnter Abschnitt. Vre Oestrcichcr entreißen den Türken fast alle» Land an der linken Seite der Donau. Zwar erobern Seite -Fünfzehnter Abschnitt. Die Spanier, Engländer und Franzosen, breiten sich i» Nordamerika immer weiter aus. Englische'und französische Colonicn auf'der östlichen Küste von Nordamerika. Die Europäer thcilen sich in die westindischen Inseln. Den Engländern und Franzosen bahnen die Flibustiers den Weg. Auch in Südamerika lassen sich Franzosen und Holländer nieder, za Seite erobern diese unter ihrem braven Großwcssir Kiupcrli, während daß Leopold l mit dem französischen Kriege sehr beschafftet ist, alles wieder. Aber endlich zwingt sie doch der Prinz Eugen zum Frieden von Carlowch '). 107 Achtzehnter Abschnitt. Rußland unter dem Hause Romanow, bis auf Peter den Großen. Dieser kämpft mit den Ranken seiner Schwester Sophie, und mit den Empörungen der Streichen. Eben derselbe legt, von le Fort und andern Auslan, dern geleitet, zur ttmschaffung Rußlands denGrund. izo Sieben und zwanzigstes Kapitel. Geschichte des spanischen Erbfolgekrieges. Erster Abschnitt. Spaniens trauriger Zustand unter Karln N. Nach mancherlei) Unterhandlungen, nach meh- ») ff. Passarvwitz, wie S. 107 sieht, lose man C a r l v w i tz. Dritter Abschnitt. Seil? mehrcrn Thcilungsverträacn, wird endlich Philipp von Anjou von Karin il zum Erben der spanischen Monarchie eingesetzt. Ocstrcichs und Frankreichs Lage bcy dem Ansänge des spanischen Erbfvlgckrieges. Eugens bewundernswürdiger Marsch nach Italien. Mllcroy in Cremona von ihm gefangen. Aber Eugens Unternehmungen werden, hauptsächlich durch des Herzogs von Savoycn Verbindung mit Frankreich, gehemmt. i?7 An dem spanischen Erbfolgekricge nehmen auch die Seemächte, ungleichen Portugal, Prcus- sen u. a. m. Theil. Portugals Geschichte bis dahin. Prcnsscn wird ein Königreich. Ludwig XIV krankt die englische Nation. Wilhelms in Tod. Marlborvugh's glänzender Fcldzug in den Niederlanden. Des Kurfürsten von Bayern unglücklicher Zug nach Ty- rol. Leopold I auch mit Rggvcz» bcschäfftigt. Schellcnberg. Hochstedt. Leopolds l Tod. 216 Vierter VI! Seite Vierter Abschnitt. Eugen entsetzt Turin, und belagert Toulvn. Die Franzosen müssen Italien räumen. Gibraltar kommt in die Gewalt der Engländer. Der ostrcichische Karl ist in Spanien einige Zeit glücklich; aber er verliert die Schlacht bey Almanza, Vereitelter Plan auf Schottland. DieAlliirtcn siegen bey Ramillics, und erobern Ryssel. Clemens XI bekriegt den Kaiser. Ludwig Xiv bittet um Frieden. Joseph i endigt sein L.ben. -xs Fünfter Abschnitt. Verändertes Staatssystem in England. Die Königin Anna trennt sich von den Alliirten. Friede zu Utrecht. Karl VI setzt den Krieg gegen Frankreich allein fort. Er willigt endlich in den Frieden zu Rastadt, der, von Seiten des deutschen Reichs, zu Baden genehmigt wird. zzx Acht viir Seite Acht und zwanzigstes Kapitel. Geschichte des nordischen Krieges. Erster Abschnitt. Christian v von Dancmcirk ficht Hamburgs Unabhängigkeit an. Der schwedische Karl Xl befördert. von der Adelsaristokratie befrent, den Wohlstand seines Königreichs. Karl XII, sein Nachfolger, versetzt den König Friedrich IV von Dänemark in eine lebhafte Verlegenheit. Der Kurfürst Friedrich August l von Sachsen wird König von Polen. z5? Zweytec Abschnitt. Karl XII schlägt die Russen bei, Nariva. Er dringt hierauf in Polen ein, siegt über den König August bey Clissow, und läßt, an dessen Steile, den Stanislaus Lescynski zum Könige wählen. Nach der Schlacht bei) Fraustadt, bricht er in Sachsen ein, und August muß, im Frieden zu Altranstädt, der polnischen Krone entsagen. züS Auf der Vignette zeigt sich das Schloß Versailles. Vierzehnter Abschnitt. Karl II kämpft mit seinem mißtrauischen Parlamente. Der Graf von Mvnmvuth macht einen unglücklichen Versuch, seinem Halbbruder, Jacob Ii. den Thron zu entreißen. Jacob Ii macht sich durch seine Bemühungen, die katholische Religion wieder einzuführen, verhaßt. Der Prinz vvnOranien kömmt derNa- tivn zu Hälfe. Jacob Ii flüchtet nach Frankreich. Wilhelm in wiid König von Großbritannien. SAährend daß Ludwig XII seine Machbaren so übermüthig, und seine Unrerrhanen so unbarmherzig behandelte, ereignete sich in Großbritannien eine Negierungsveranderung, Galletti Weltg. 141 Th- A die die für das Schicksal unseres Erdthciles die äusserst«: Wichtigkeit hatte. England, das schon bisher eine für die Erhaltung des-Gleichgewichtes der europäischen Staaten eben nicht unbedeutende Rolle gespielt hatte, arbeitete seitdem, in Verbindung mit Oestreich, Holland und Brandenburg, der überlegenen Macht des französischen Monarchen, mit immer größerm Nachdruck, entgegen. Seine Wirksamkeit umfaßte jedoch nicht allein das Land zwischen dem Eismeere und den mittelländischen Meereg sie verbreitete sich auch über alle übrigen Erdtheile. Ehe aber Großbritannien zu diesem glänzenden Zeitpunkte gelangte, mußte das weniger geistesschwache als unvorsichtige Geschlecht dos Hauses Stuart von dessen Throne heruntersteigen. Seit Karls II Verbindung mit Ludwig XIV *) regte sich in der englischen Nation ein Mißtrauen, welches durch das Benehmen des Königs keinesweges gehoben wurde. Karl besaß eine angebohrne, unbezwingliche Schüchternheit, die, selbst seine Licblingsnei- gungcn zuweilen besiegend, seinem ganzen Betragen ') TH.XII1. S.87. 3 tragen ein Ansehn von Unstetigkeit gab, das ihn bey den Partheyen, der französischen so» wohl, als bey der patriotischen, eben so verächtlich als furchtbar machte. Jene traute seinem guten Willen, und diese seiner Stands haftigkeit, nicht. Die Gegner des HofeS argwöhnten in allem, was geschah, die Absicht der willkührlichcn Gewalt, und des geheimen Katholicismus. Die Besorgniß des Volkes wurde immer lebhafter, und das Parlament zeigte sich gegen den König immer ungefälliger. Das dumpfe Gerücht von einer Verschwörung der Katholiken versetzte den großen Rath der Nation vollends in eine lcrmeudc Bewegung, und brachte vornehmlich im Unterhause Auftritte der äußersten Wuth hervor. Die Erbitterung erzeugte die Verweigerung der gewöhnlichen Subsidien. Dadurch wurden Karl und seine Minister (1679 Jan.) bewogen, das sogenannte lange Parlament., das anfangs meistens aus Anhängern des Königs zusammengesetzt war, und, ein Jahr ausgenommen, durch die ganze Negierung desselben fortgedauert hatte, endlich aufzulösen. A 2 Allein 4 Allein die Armee konnte, ohne Geld, weder erhalten, noch abgedankt werden. Dieß leitete also auf die Rothwendigkeit eines neuen Parlaments. Die Nation glaubte aber nur solche Repräsentanten wählen zu müssen, die, wegen ihres Eifers für die jetzige Verfassung und Religion, bekannt waren. Es wurden daher alle Eiferer des vorigen Parlaments von neuem gewählt, und ungeachtet die Verschwörung, welche so vielen Lcrm verursacht hatte, gegen den König selbst gerichtet gewesen war, so blieb das Vorurtheil, daß der Hof mit Katholiken im Einverständnisse lebe, dennoch herrschend. Karl gicng indessen dem neuen Ungewitter mit einer Seelenstärke entgegen, an welcher es ihm bcy großen Begebenheiten selten fehlte. Da sein Bruder, der Herzog von York, wegen einer Verbindung mit den Katholiken. am meisten im Verdacht war, so hielt man es für nöthig, ihn dem Parlamente und dem Volke etwas aus den Augen zu rücken, und er mußte sich daher zur Flotte begeben. Dem Herzog von Uork war aber damahls eben so bange, als der Nation. Karl II hatte mit einer gewissen Lucia Walters einen unehelichen 5 chen Sohn, Nahmens Zacob, gezeugt. Dieser junge Herr, den er zum Herzoge von Monmouth erhob, war tapfer, äusserst einnehmend, freygebig; kurz, er vereinigte, ohne große, gefährliche Talente zu besitzen, alle Eigenschaften, die ihm die Liebe des Volkes erwerben konnten. Das Volk, das in ihm den künftigen Besitzer des Throns so gern gesehen hätte, schmeichelte seiner Hoffnung mit der Sage, daß der König mit der, Mutter desselben einen geheimen Ehevertrag geschlossen hätte, und äusserte den Wunsch, daß ihm Karl >vor seinem Bruder den Vorzug geben möchte. Aber auf die Bitten eben dieses Bruders, erklärte Karl, in voller Raths- vcrsammlung, die Gcburth desselben für un- ächt. Dieß diente jedoch nicht, das Mißtrauen gegen Karls II Regierung zu vermindern, und dieser hatte vielmehr, mit der widerspenstigen Laune des Parlaments, einen fast ununterbrochenen Kampf. Diesem Kampfe best, ser zu begegnen, und sich allmählig ein Ue- bergewicht zu verschaffen, bildete Karl einen Staatsrath von zc> Mitgliedern, unter welchen chen sich fünfzehn dem königlichen Interesse ergebene Kronbcamten befanden, die, von ihren Gütern und Besoldungen, eine jahrliche Einnahme von zooooo Pfund hatten, und daher mehr als das ganze Haus der Gemeinen einnahmen, gegen welches sie dem Könige zum Schutz dienen sollten. Um das Zutrauen deö Unterhauses wieder zu gewinnen, that Karl selbst den Vorschlag, daß die Gewalt eines Königs, der katholisch wäre, eingeschränkt werden müsse. Aber das Unterhaus beruhigte sich bcy diesem Vorschläge so wenig, daß es vielmehr auf der völligen Ausschließung eines katholischen Königs beharrte; daß es standhast verlangte, die Thronfolge sollte, nach dem Tode des jetzigen Königs, nicht auf seinen Druder, den Herzog von Park, sondern auf den demselben nächsten Erben, fallen. Das Parlament setzte aber damahls noch andre Verordnungen durch, die es zur Sicherheit der Nation für noth- wendig hielt. Nachdem es die stehende Armee, und selbst die Garde, für unrechtmäßig erklärt hatte, entzog es dem Könige die Befugnis', jemand jenseits des Meeres, in VerHast zu schicken, und legte es dem Nich- 7 lev die Verpflichtung auf, den Körper der Gefangenen vorzuzeigen, und die Ursache seines Vcrhaftes bekannt zu machen. Diese für die Frcyheit der Engländer so wichtige Verordnung hat, von den lateinischen An- fangsworten derselben, den Nahmen der Hobeos - Lorpus. Acte bekommen. Ungeachtet nun Karl sich zum Theil in den Willen des Parlaments gefügt hatte, so bewies sich doch dasselbe gegen seine Wünsche so ungefällig, daß seine dadurch erzeugte Ungeduld ihn (1S79 Jul.) auch zur Auflösung dieses Parlaments bestimmte. Aber der Lcrm über die geheimen Plane der Katholiken war zu groß, als daß Karl, wenn er das Zutrauen der Nation nicht ganz verlieren wollte, dabei) gleichgültig bleiben konnte. Er stellte sich daher, als wenn er nun selbst an die Verschwörung glaubte, und ließ fünf Jesuiten, die man der Thcilnahms an derselben beschuldigte, hinrichten. Aber auch dieses beruhigte die Nation nicht. Als Karl II nach einer Zwischenzeit von fünf Vierteljahren (1680 Oct.) endlich doch wieder ein Parlament zusammenberufen mußte, bemühete sich 8 sich das Unterhaus noch immer mit großer Heftigkeit, die Ausschließung eines katholischen Thronfolgers durchzusetzen. Seine Bemühungen waren aber fruchtlos, weil das Oberhaus sie zu wenig unterstützte, und weil vornehmlich die Bischöfe, die sich mehr vor den Prcßbyterianern, als vor den Katholiken, fürchteten, dieser Bill lebhaft widersprachen. Da nun Karl seine Forderungen auch von diesem Parlamente nicht erfüllt sah, so ließ er es (1681 Jan.) gleichfalls auseinander gehen. Ein neues, das er zwey Monathe hernach (im Marz) zu Oxford versammelte, erreichte auch bald wieder sein Ende. Karl II folgte also darum ganz dem Beyspiele seines unglücklichen Vaters, aber nicht mit dem traurigen Schicksale, das diesen traf. Um sich, auch ohne Unterstützung des Parlaments, Geld zu verschaffen, setzte er es glücklich durch, daß alle Städte ihre Freyhcitsprivilcgicn mußten erneuern lassen. Seine Standhaftigkcit siegte auch endlich über den Trotz der Gegenparthcy, die durch übereilte Unvorsichtigkeit sich verhaßt machte. Karl erwarb sich sogar die chc- mahligc Liebe der Nation in solchem Maße, daß er auch ohne Parlament regieren konnte. Dennoch s Dennoch lebte er nicht zufrieden, nicht glück» lich. Wahrscheinlich war er eben mit einem neuen Ncgicrungeplane beschäfftigt, als ihn (am 6. Febr. 1685) ein Schlagfluß, im 55sten Jahre seines Alters, tödtctc. Da er immer so gesund, und für seine Gesundheit so besorgt gewesen war, so entstand der Verdacht einer Vergiftung , die aber sehr unwahrscheinlich ist. Karl II ließ sich vor seinem Tods das Abendmahl von katholischen Priestern reichen; auch hinterließ er Aufsätze, welche die Wahrheit des katholischen Glaubens zu beweisen suchten, und die sein unvorsichtiger Bruder sogleich bekannt machte. Karl II, der, als Privatmann, so wirthschaftlich, so sparsam war, erlaubte sich als Regent eine granzcnlose Verschwendung. Auf das Beste und die Ehre der Nation nicht besonders achtend, auf ihre Freyheit eifersüchtig, und ihrer Religion wenig ergeben, rechtfertigte er so ziemlich das Urtheil, das man über ihn fällte, daß er nie etwas albernes gesagt, aber auch nie etwas kluges gcthan habe. Jacob II, Karls II Bruder (geb. 16Z2) bestieg den Thron so ruhig, als wenn von seiner seiner Ausschließung niemahls die Rede gewc- sen märe. Man beruhigte sich bey seinem Versprechen, daß er dem eingeführten Regierungs- systcm, sowohl in kirchlichen als politischen Dingen, treu bleiben wollte; auch ließ er die vornehmsten Staatsämtcr in den Händen der Protestanten. Bald verrieth er jedoch seine eigentlichen Gesinnungen auf eine unkluge Weife. Er geboth ganz eigenmächtig die Entrichtung der Zölle und Acciscn; er gieng, mit allen Zeichen der königlichen Würde, in die Messe; er schickte sogar einen Gesandten nach Nom, um dem Pabst seine Ergebenheit zu bezeigen, um zur Wiederaussöhnung mit dem pabstlichen Stuhle den Weg zu bahnen- Selbst der Pabst ermahnte ihn zur Behutsamkeit. Auf seine Handlungen hatte seine zwcyte Gemahlin, Marie von Este, eine kluge, bey dem Volke sonst sehr beliebte Dame, einen entschiedenen Einfluß. Sie ließ sich von katholischen Geistlichen, und vornehmlich von Jesuiten, regieren, und diese beherrschten nun durch sie den König. Desto weniger war Jacobs Geliebte, die Gräfin von Dorchester, eine Gönnerin der katholischen Priester, die rem spottenden Witze immer zum Gegenstände II stände dienten. Jacob wollte stc deswegen vom Hofe entfernen; aber die Reitze der schonen Frau besiegten seine Standhaftigkeit. Sein Halbbruder, der Herzog von Mon- mouth, machte einen unglücklichen Versuch, ihm den Thron zu cntreissen. Bisher hatte er sich bcy seinem Schwager, dem Prinzen Wilhelm von Orauien, aufgehalten, und er war von d mselben fehr freundschaftlich behandelt worden. Wilhelm fand jedoch, als Jacob II den Thron bestieg, für gut, ihn zu entfernen. Monmouth begab sich hierauf nach Brüssel. Von Jacob bestandig verfolgt, ließ er sich endlich, von seinen hitzigen Anhängern, zu dem unüberlegten Einfall hinreisten, eine Landung in England zu versuchen. Er fuhr mit drey kleinen Schiffen ans Holland ab. Als er auf der westlichen Küste landete, belicf sich die Anzahl seiner Anhänger kaum auf hundert; nach vier Tagen aber war sein Kricgsvolk schon bis auf 2000 Mann, ftevlich meistens gemeine Leute, angewachsen, Er unterstand sich nun, den König Jacob, in seinem Manifeste, einen Ver- räiher, Tyrannen, Mörder, einen papistisch cn schen unrechtmäßigen Besitzer des Throns zu. nennen, und ihm die Vergiftung des vorigen Königs gerade zu Schuld zu geben. Aber Möns mouth, der zu wenig Geistcsstärke besaß, und an guten Offneren Mangel litt, versäumte die beste Zeit, seine Unternehmungen bedeutend zu machen. Da half es ihm wenig , daß 20 Madchen ihn mit zwey Fahnen, und einer Abschrist der Bibel, beschenkten, daß so viele Leute ihm zuliefen, daß es an Gewehren für dieselbe fehlte. Jacob machte bald so große Zurüstungcn, daß Monmouth in die verzwciflungsvollste Lage gerieth. Nun ließ er sich von seinen verblendeten Anhängern auch noch bereden, (5. Zun.) der königlichen Armee ein Tressen zu liefern, das, der großen Tapferkeit setner Leute ungeachtet, unglücklich für ihn ausfiel. Als Bauer verkleidet seine Rettung suchend, mußte er sich in einem mit Farrcnkraut bedeckten Graben verbergen. Aber auch hier wurde er gefunden. Ganz ermüdet und niedergeschlagen, weinte er, als man sich seiner bemächtigte. Seine Hinrichtung, die der unbarmherzige Jacob (5. Jul.) geboth, rührte das Volk, das ihn liebte, bis zu Thräncn, und der schöne. IZ schöne, erst z6 Jahre alte Prinz hatte das traurige Schicksal, daß der mitleidige Schärft richter, erst nach mehrern Hieben, seinen Kopf vom Rumpfe zu trennen vermochte. Viele von den gefangnen Anhängern des um glücklichen Monmouth wurden gehängt. Der Oberste Kicke, dem Jacob die Aufsicht über die Hinrichtungen übergab, hatte, wahrend seiner langen Kriegsdienste zu Tanger, und durch den Umgang mit den Mauren, sein menschliches Gefühl so sehr abgestumpft, daß er, wahrend der Hinrichtung, auf die Gesundheit des Königs und der Königin trank; daß er, während der Todesznckungen der Unglücklichen, Trommeln und Trompetelt erschallen ließ; daß er den Bruder eines schönen Mädchen, das, um denselben zu retten, sich seiner Wollust aufgeopfert hatte, dennoch nicht verschonte, daß er seinen Soldaten allen Muthwillen erlaubte. Dieß machte auf das Volk einen so gehaßigen Eindruck, daß Jacobs Sieg über den Monmouth, anstatt seine Macht und sein Anschn zu vergrößern, seinen Untergang vielmehr befördern half. Jacobs Untergang beschleunigte aber am meisten der unüberlegte Eifer, mit welchem er i4 die Wiedereinführung der katholischen New gion vorbereitete. Er erklärte zuerst im Parlamente, daß er von der unter seinem Bruder Karln II (167z) vom Parlamente durchgesetzten Testacte, welche die Katholiken von den Staatsamtern ausschloß, abzugehen gedenke. Die Gefahr, die Hauptschutzwehre gegen das Pabsithum zu verlieren, versetzte die Prälaten in einen lebhaften Schrecken, und die ganze Nation in Unruhe. Diese Unruhe vermehrte das traurige Schicksal, das der Widerruf des Edicts von Nantes den französischen Reformieren zuzog. Funfzigtau- send Religionsflüchtlinge, die Ludwigs XIV unbarmherziges Verfahren nach England versetzte, erregten die nicht ungegründctc Bc- sorgniß, daß solche Auftritte sich vielleicht auch diesseits des McercS ereignen könnten. Als das Parlament, wegen der Aufhebung der Testacte, durchaus nicht nachgeben wollte, schlugen Jacob und seine Minister den Weg «in, ihren Plan vermittelst richterlicher Aussprüche einzuführen. Jacob maßte sich nun die Gewalt an, von der Befolgung der Testacte frcy zu sprechen. Da er nun um diese Zeit einen netten Gesandten nach Rom schickte. schickte, und seine Reiche der Gewogenheit des heiligen Vaters empfehlen ließ, so er- reichte die Bangigkeit der Bischöfe die höchste Stufe. Sie weigerten sich daher mit der unerschütterlichsten Standhaftigkeit,, eine königliche Erklärung wegen der allgemeinen Gewissensfreyhcit (1685 May) in allen Kirchen vorlesen, und in allen Gemeinden vcr- theilen zu lassen. Der Erzbischof von Can- terbury, und sechs andre Bischöfe, übergaben dem König eine ehrfurchtsvolle Vorstellung. Jacob ließ sie in Vcrhaft nehmen, und nach dem Tower bringen. Rührend war der Anblick, wie die großen Haufen von Menschen, welche das Ufer der Themse cinfastcy, auf ihrem Angesichte liegend, die dem Gefängnisse zuwandernden Bischöfe um ihren Secgcn, und um die Rettung des Landes und der Religion Kathen; wie selbst die Soldaten, die Waffen wegwerfend, vor den Bischöfen auf die Knice sielen; wie die Bischöfe, de- müthig in ihren Gebcrdcn, das Volk crmahnten, Gott zu fürchten, und gegen den König Ehrfurcht und Treue zu beobachten. Jacob mußte es auch geschehen lassen, daß die Bischöfe, auf den Ausspruch der Nichter, ihres l6 ihres VerHaftes entledigt wurden. Er machte hierauf einen Versuch, die Soldaten, seine vornehmste Stütze, für die katholische Religion zu gewinnen, und er errichtete deswegen in dem Uebungslager, das er um diese Zeit veranstaltete, eine katholische Kapelle; aber seine Bemühungen dienten zu weiter nichts, als ihm auch das Vertrauen der Armee zu entziehen. Doch auch auf seine Minister konnte sich Jacob II, der so despotisch regieren wollte, nicht verlassen. Sundcrland und Zeffries, seine geheimen Näthe, gaben ihm nicht die Warnungen, wozu sie ihre Pflicht aufforderte. Sein vertrautester Nachgebe? war daher sein Beichtvater. Wenn unter diesen Umstanden den patriotischgestnn- ten Engländern noch ein Trost blieb, so war es die Aussicht, daß, nach dem Tode Jacobs II, der noch keinen Sohn hatte, die Thronfolge an seinen Schwiegersohn, den Prinzen Wilhelm von Oranien, fallen würde; aber diese trostreiche Aussicht wurde (1685 am lo. Inn.) durch die Gebucth eines Prinzen vereitelt. So sehr die Eltern desselben, und die Katholiken, sich über dieses Ereigniß freuten, so unangenehm war es den Verehrern rern der reformirten Religion, und da glaubte man sehr leicht an das Gerücht, daß der neugebohrne Prinz untergeschoben sey. Um so lebhafter regte sich der Wunsch, daß man den König Jacob gegen den Prin- zen Wilhelm vertauschen könnte. Dieser nahm sehr klug die Miene an, als wenn die Angelegenheiten in England ihm ganz gleich- gültig wären. Er wollte keine von bcydcn Parthcyen beleidigen; er wollte noch weniger bey der damahligen königlichen Familie Verdacht erregen. Gegen diese bewies er sich vielmehr sehr freundschaftlich. Weil er aber, ganz unpartheyisch sich verhaltend, dem despotischen Verfahren Jacobs II seinen Veyfall versagte, so äusserte dieser seinen Unwillen über Oranien, und die Gcncralstaaten, immer deutlicher. Er forderte die sechs Regimenter, die bisher im holländischen Solde gewesen waren, wieder zurück; er vergrößerte die Flotte. Dadurch gab er aber dem Prinzen von Oranien eine erwünschte Veranlassung , sich der englischen Patrioten gegen ihn anzunehmen. Einige der vornehmsten englischen Herren bathen ihn auch noch besonders um seinen Beystand. Gallctti Wcltg. i4t TH. V Der Der Prinz Wilhelm hatte, schon seit einigen Jahren, die Gcneralstaaten zur Vermehrung der Landarmee aufgefordert; aber die Stadt Amsterdam widersetzte sich dieser Vermehrung so standhaft, daß sie unterblieb. Die weisen Vorsteher dieser großen Handelsstadt sahen sehr wohl ein, daß eine große Landmacht zu weiter nichts dienen könne, als die Republik zur schädlichen Theilnahme an Landkriegen zu verleiten. Sie trugen dagegen auf die Vergrößerung der Flotte an. Ungeachtet nun der Prinz seinen Plan wegen der Landarme« noch nicht durchsetzen konnte, so war sie doch ansehnlich genug, ihn bcy seiner Unternehmung gegen Jacob II zu unterstützen. Auch gaben ihn verschiedene deutsche Neichsfürsten das Versprechen, die holländischen Truppen, die man einschiffen würde, durch ihr Kriegsvolk zu ersetzen. Alle Zurü- stungen, die der Prinz damals machte, schienen gegen Frankreich, welches damahls Philippsburg belagern ließ, gerichtet; allein der französische Gesandte im Haag durchdrang dennoch das Gcheimniß des eigentlichen Plans. Jacob wurde von Ludwig XIV gewarnt. Ludwig wollte ihm eine Flotte und Trnp- >9 Truppen schicken; er wollte die Armee, die Philippsburg belagerte, in die Niederlande einrücken lassen; aber Jacob vcrbath sich alles. Ludwig gicng in seinem Eifer für Jacob so weit, daß er gegen die Generals staatcn Drohungen äusserte. Diese Wunders ten sich, und Jacob ärgerte sich darüber. Das freundschaftliche Vcrhaltniß, welches Jacob II mit dem Hofe zu Versailles unters hielt, spannte aber das Mißtrauen, welches die Nation in ihn setzte, noch höher. Dies ses Mißtrauen gieug nunmehr in den Geist der Empörung über, der sich zuerst auf der Flotte, und hernach auch bey der Armee, äusserte. Jetzt bekam Jacob II die sichere Nachricht, daß er, von Holland aus, einen machtigen Angriff erfahren würde. Seine bisherige Sicherheit verwandelte sich n»n plötzlich in eine lebhafte Bestürzung. Die Minister, die er in dieser Bestürzung um ihre Meynung fragte, wußten ihm keinen andern Rath zu geben, als die der Nation verhaßten Verfügungen sogleich zurückznnchs nie». Die Nation betrachtete aber diesen Schritt für das, was er wirklich war; für einen B a Beweis 20 Beweis der Furcht, aber nicht für einen Beweis der Reue. Daß sie sich in ihrer Vermuthung nicht geirrt hatte, zeigte sich deutlich, als Jacob, bey der Nachricht von einem großen Unglück der hollandischen Flotte, in seiner Nachgiebigkeit gleich wieder so zurückgieng, daß er den Pabsi bey seinem Prinzen zu Gevatter bath. Dabey hatte er frcylich die Dcmüthigung, daß er, wegen der Schwans czerschast und der Niederkunft seiner Gemahlin, erst einen Beweis führen mußte. Indessen verbreitete sich aber in England eine gedruckte Erklärung des Prinzen von Oranicn, daß er, um den Beschwerden der Nation abzuhelfen, um der Religion, der Freyheit, und dem Eigenthume der Unter- thancn, hinlängliche Sicherheit zn verschaffen, und aus diesem Grunde die Versammlung eines freycn Parlaments zn veranstalten, mit einer bewaffneten Macht herüber kommen würde. Der Prinz betrieb auch seine Zurüsiungen mit solcher Lebhaftigkeit, daß, in Zeit von drey Tagen, 400 Transportschisse gcmicthet waren, daß (1688 am 21. Oct.) eine Flotte von 500 Schiffen und 14000 Mann, 2l Mann, die sich an der Maas zusammenge- zogen hatten, von Helvoctsluis unter Scegel gehen konnten. Ein Sturm trieb sie zwar wieder zurück; der Admiral Herbert brachte sie jedoch bald wieder in die See, und führte sie mit gutem Winde nach der westlichen Küste von England. Eben dieser Wind nö- thigtc Jacobs Flotte, in der Themse zurückzubleiben, so daß die holländischen Schisse ganz ungehindert durch die Straße von Dover gehen konnten. Sie landeten, am Zahrstage der Pulververschwörung (am 5ten Nov.) bcy Torbay. Zu Exeter machte der Prinz die Absicht seiner Ankunft öffentlich bekannt. Einige Tage hindurch, wagte es niemand, sich an denselben anzuschließen, und erst nach dem Vorgange eines Majors, Nahmens Vurrington, erklärte sich erst der niedrige, und hernach auch der hohe Adel, für den Prinzen. Vier und zwanzig Bischöfe und Pairs übergaben noch dem König Jacob II eine Bittschrift wegen der Zusammenberufung eines frcyen Parlaments. Ehe sich derselbe aber entschließen konnte, war schon die Armee zum Prinzen übergegangen. Das Regiment des Obersten Churchill, des nach-. mah- mahligen Herzogs von Marlborough, hatte den Anfang gemacht. Jacob befand sich indessen mit den Truppen, die ihm treu blieben, zu Salisbury. Da sich diese aber schon sehr vermindert hatten, fasitc er (am 2ssten Nov.) den muth- loscn Entschluß, sich nach London zurückzuziehen. Seine geringe Entschlossenheit munterte immer mehrere auf, sich von ihm zu trennen. Schon auf der ersten Station entfernte sich, ausser mehrern hohen Personen, sein eigner Schwiegersohn, der Prinz Georg von Dänemark. Auch die Gemahlin des letztem, Jacobs Tochter, Anna, begab sich zum Prinzen von Oranien. Derjenige, der hier das meiste wirkte, war der Lord Churchill, der sich, durch Jacobs Gunst, vom Pagen bis zum Pair emporgeschwungen hatte. Jacob rief nun in der Bestürzung aus: „ Gott sey mir gnädig; meine eignen Kinder verlassen mich!,, Er versammelte zu London alle daselbst befindlichen geistlichen und weltlichen Pairs , und berief ein neues Parlament; auch schickte er an den Prinzen von Oranien einige von seinen Vertrauten, um einen Vergleich 2Z gleich zu unterhandeln. Aber er entzog sich während der Zeit das geringe Zutrauen, das die Nation noch zu ihm hatte, durch die Acusserung, daß er die Katholiken jetzt noch für seine einzigen Untcrthanen ansähe. Der Prinz von Oranien versäumte indessen nichts, was den Muth des schwachen Jacobs noch vollends niederschlagen konnte. Während daß er auf Jacobs völliger Ausschließung vom Throne bestand, rückte er mit seiner Armee der Hauptstadt immer näher. Auch schlössen sich immer mehr Oerter und Große an ihn an. Die fast allgemeine Stimmung für eine Revolution beweiset schon der Umstand, daß eine Ballade, welche der Katholiken und Jrländcr spottete, von jedermann gesungen wurde. Auch in Schottland, aus welchen die regulären Truppen herausgezogen wurden, äusserte man keine für Jacob günstigen Gesinnungen. Die Katholiken, und die Anhänger des stuartischen Hauses, mußten sich verbergen; die Kapelle im königlichen Pallaste wurde geplündert. Jacob, der jetzt auf niemand sein Vertrauen zu setzen wagte, als auf diejenigen, die seine Gefahr thcil- theilto», der sich des traurigen Schicksals seines Vaters erinnerte , faßte den Entschluß, das Land, wo er nichts, als trübe Aussichten vor sich sah, zu verlassen, und sich in den Schutz desjenigen zu begeben, auf dessen Rath und Warnung er zu wenig achtete. Nachdem er seine Gemahlin, und den kleinen Prinzen, vorausgeschickt hatte, schlich er sich selbst (24. Dec.) zur Nachtzeit fort, von dem einzigen Ritter Halcs, einem Ncu- bckehrten, begleitet, und begab sich, seinen Vorsatz sorgfaltig verschweigend, eiligst zu einem Schiffe, das ihn auf der Themse erwartete. Seine Hoffnung, sich auf dem Throne zu behaupten, war setzt so tief gesunken, daß er niemand die Regierung in seiner Abwesenheit auftrug, daß er das große Ncichsstegcl in die Themse warf, daß er alle Ausschreiben zur Wahl eines neuen Parlaments widerrief. Nach Jacobs II Entfernung übte das gemeine Volk seine Rachsucht aus, riß es alle Häuser, in welchen Messe gelesen wurde, nieder, plünderte es sogar die Wohnungen des spanischen und florcntinischen Gesandten, die die mit geretteten Sachen der Katholiken angefüllt waren, und mißhandelte es den Kanzler'Jcssrics, der verkleidet zu entwischen suchte, so gewaltig, daß er kurz darauf starb. Jetzt traten aber die in London versammelten geistlichen und weltlichen Pairs in einen Verein zusammen, und ertheilten, als Repräsentanten der Nation, dem Lord Maire, und den Aldcrmannern der Stadt London, den Befehl, alles anzuwenden, um die Ruhe in der Hauptstadt zu erhalten; eben dieses gcbothcn sie auch der Flotte, der Armee, und den Besatzungen. Zugleich ersuchte man den Prinzen von Oranien um seine Unterstützung. Doch, wahrend dieser Bemühungen, den Ausschweifungen des Pöbels vorzubeugen, verbreitete sich plötzlich das Gerücht, daß die abgedankten irländischen Soldaten den Protestanten den Tod geschworen hätten. Man lautete die Sturmglocken; man zündete die Feuerzeichen an. Schon glaubte man in der Ferne den von den brennenden Städten aufsteigenden Rauch zu sehen; schon glaubte man das Aechzen der Ermordeten zu hören. Eben, als dieses vorgicng, wurde aber Jacob , wie er in fremder Kleidung entfliehen wollte. 26 zu Feversham ergriffen, und erst gemißhau- delt, hernach aber von dem Niedern Adel in Schuh genommen. Der Prinz von Oranien schickte ihm den Befehl, nicht weiter, als bis »ach Nochestcr, zu gehen; aber er befand sich schon in London, wo der leichtsinnige Pöbel, von seinem Schicksale gerührt, ihn mit Freudengeschrcy empfieng. Von Seiten der Großen bewies man ihm aber desto weniger Achtung. Auch Hatte Jacob nicht den geringsten Muth, und nicht die geringste Lust, den weggeworfenen Ncgicrungszügel wieder zu ergreifen. Er schickte einen Abgeordneten an den Prinzen, um sich eine Unterredung auszukitten; dieser ließ aber denselben, weil er keinen Paß vorweisen konnte, in Vcrhast nehmen. Hierauf wurde das Schloß White- hall von hollandischen Soldaten beseht, und dem Jacob wurde, nach Mitternacht, als er schon im Bette lag, die Weisung gegeben, seinen Pallast am nächsten Morgen zu verlassen. Er bath sich die Erlaubniß aus, nach Nochestcr zu gehen. Hier wartete er noch einige Tage, vielleicht in der Hoffnung, daß man ihm den Thron wieder übertragen würde. Da diese Hoffnung aber endlich ganz verschwand. 27 schwand, und die Bitten seiner Gemahlin, ihr nach Frankreich zu folgen, immer drin» gender wurden, gieng er heimlich an den Bord einer Fregatte, die ihn nach Amblc? tcuse in der Picardie versetzte. Von da begab er sich »ach St. Germain, wo er von Ludwig XIV mit grofimüthigen, achtungs» vollen Mitleid empfangen wurde. Man er» wies ihm und setner Gemahlin gerade die Ehre, die dem König und der Königin von Frankreich erwiesen wurde. Sie wurden von der königlichen Garde bewacht, und die Hofbcamten des Königs standen zu ihrer Aufwartung bereit. Zacobs Gemahlin fand auf ihrer Toilette einen mit zehntausend Stück Louisd'ors gefüllten Beutel. Auch Jacob selbst erhielt viele Geschenke, und man setzte ihm, zur Unterhaltung seines Hofstaates, eine jahrliche Summe von 600000 Franks aus. Bald wurde er aber in Frankreich eben so wenig, als in England, geachtet, und sein vertrauter Umgang mit den Jesuiten diente ihm gar nicht zur Empfehlung. Als Privatmann war Jacob II untadel» hast; als Freund offenherzig, standhast, und ge- gefällig. Ais Regent befliß er sich der Spart samkeit, und seine Aufmerksamkeit war hauptsächlich auf das Seewesen und den Handel seiner Nation gespannt. Aber er konnte sich von dem Grundsatze seines Hauses, der die Beförderung der katholischen Religion zum Ziele hatte, aller Warnungen ungeachtet, so wenig entfernen, daß er, mit der Duldung der Katholiken nicht zufrieden, alle Gewalt und alle Gunst nur ihnen zuthcilcn wollte; daß er immer mehrere zur Abschwörung des reformirtcn Glaubens zu bewegen suchte. Jacobs II Anhänger leisteten einen so unbedeutenden Widerstand, daß nur ein einziges Gefecht vorfiel, in welchem wenige Leute gctödtet wurden. Man veranstaltete eine Convention, oder Nationalversammlung, die aus allen Mitgliedern des Hauses der Gemeinen unter Karl II, aus dem Lordmaire, den Aldermänncrn, und fünfzig Gliedern des londonschcn Stadtraths, zusammengesetzt war. Diese schloß sich an die Pairs des Oberhauses an, und trug (1689 Jan.) in Verbindung mit denselben, dem Prinzen von Ora- nüm die Negierung auf. Flotte, Armee, alles >54 r...» - ^. , -^...4 4 .it -i'e-.. 'ktzi? 29 alles unterwarf sich. Auch Schottland stimmte für die Negierungsveränderung. Das Par- lament erklärte, daß Jacob II, durch die Jesuiten, und andre böse Leute, verleitet, den Vertrag mit der Nation gebrochen, und daß durch seine frcywillige Entfernung der Thron erledigt worden sey. Im Sberhause äusserte sich jedoch noch lebhafter Widerspruch. Die Gemeinen und die hohe Geistlichkeit sahen es wohl gern, haß Jacobs Negierung aufhörte; aber der Sieg ihrer Gegner, der Presbyteriancr, kränkte sie doch innigst. Ja-' cob sollte nicht abgesetzt, das regierende Haus sollte nicht geändert werden. DaS Unterhalts hatte aber endlich die Freude, daß auch alle Bischöfe, bis auf zwei), sich an dasselbe anschlössen. Der Prinz von Qranien benahm sich mit großer Klugheit. Er ließ die Wahlen der Parlamentsgliedcr ganz ungestört geschehen, und es mußten deswegen aus allen Städten, wo die Wählenden sich versammelten, die Truppen abmarschieren. Seiner Sache auch schon ziemlich gewiß, unterhielt er mit keiner Parthey ein Einvcrständniß. Seine Freunde, ja selbst seine Gemahlin, verbreiteten das Gerücht, daß er entschlossen wäre. Zv wäre, die Negierung nicht zu übernehmen. Aber er übernahm sie doch, als sie ihm durch eine Vill oder Acte der Nationalversammlung übergeben wurde. Nach seinem und seiner Gemahlin erbenlosen Tode, sollte die Krone der Prinzessin Anna zu Theil werden. Zu« gleich wurde durch die Lill ok riziits der Umfang der königlichen Rechte deutlicher bestimmt, und die englische Nationalfreyhcit dadurch befestigt. Wahrend daß unter der Regierung Karls II und Jacobs II die Nationalfreyhcit in Gefahr schien, befand sich das Reich in einem ziemlich blühenden Zustande, stiegen Handlung und Schiffahrt immer höher. Aber freylich besaß England damahls noch keinen solchen Geldreichthum, wie jetzt. Dicß beweiset die Summe der Staatseinkünfte. Karls II ordentliche Einnahme betrug nicht mehr, als 1,200,000 Pfund. Die ausserordentliche belief sich auf 47808 Pf. Jacob II brachte es, seine Einkünfte eines Herzogs von Uork mitgerechnet, nicht höher, als auf 1,800,000 Pfund. Die Nationalschuld betrug bcy der Revolution noch nicht völlig 146,000 Pfund. Aber ZI Aber das Militär und die Flotte kosteten das mahls auch nur wenig. Karl II unterhielt anfangs, selbst die Garden mitgerechnet, nicht mehr, als 5000 Mann, und nur zuletzt wuchs die Zahl seiner regulären Soldaten bis auf 8c>oo Mann an. Doch Jacob II zahlte schon auf zooocz Mann geworben» Soldaten in England. Zu den Zeiten Karls II bclief sich die Flotte auf uz Schiffe. Jacob oermehrte sie bis auf 17z Schiffe, di» 42000 Seeleute erforderten. Seine Verwais tung der Admiralität war ganz vortrefflich; es gab jedoch auch nicht leicht einen König von England, der sich, in Ansehung der Schiffkunde, mit Jacob II vergleichen läßt» Er brachte die Secsignale in ein neues Sys stcm. Die despotischen Maßregeln der KS, nige aus dem Hause Stuart hatten aber uns ter andern die Folge, daß viele, die sich denselben zu entziehen wünschten, nach Ame, rika wanderten. Fünft Fünfzehnter Abschnitt. Die Spanier, Engländer und Franzosen, breiten sich in Nordamerika immer weiter aus. Englische und französische Colvnien auf der östlichen Küste von Nordamerika. Die Europäer thcilen sich in die westindischen Inseln. Den Engländern und Franzosen bahnen die Flibu- siiers den Weg. Auch in Südamerika lassen sich Französin und Holländer nieder. o> ^Hn Amerika hatte sich seit auderthalbhun- dert Jahren der Schauplatz gar merklich gcr ändert. Spanier und Portugiesen theilccn sich jetzt nicht mehr allein in die schönen, produetenreichen Lander des neuen Erdthci- les; Englander, Franzosen und Hollander bewies 3? bewiesen sich gleichfalls sehr thätig, Be« sitzungcn in 'Amerika z» erwerben, und selbst die Schweden suchten ihren Handel nach Nordamerika durch Pflanzvrtcr zu bcfc« siigcn. So entstand allmahlig eine Menge von Colonien, von Provinzen, deren Ein« wohner ein sehr buntes Gemische darstellen; es bildeten sich Provinzen und Staaten, die nicht allein auf das Gewerbe, sondern auch auf die Politik von Europa, einen mächtigen Einfluß gehabt haben. Die meisten Europäer ließen sich auf der langen Küste von Nordamerika nieder, die sich ihrer Landung zuerst darboth, die von andern Nationen, von Spaniern und Por« tugiesen, noch nicht besetzt war. Erst von der Küste drangen sie allmahlig immer mehr in das Innere, wo ein undurchdringlicher Wald, wo ein großer See, wo ein ungehcu« rer Sumpf sich an den andern anschloß. Auf diesen rauhen Boden lebten viele Stämme von Jägcrvölkern, die den Europäern, die sich an ihren Gränzen, in ihrem Gebiethe, festsetzten, eben so tapfer, als ehedem die Gcrmaner den Römern, Widerstand thaten. Ealttti Wclkg. iqr Tb. C Um Um den Hudsonsbay, und überhaupt in dem nördlichsten Amerika , breitete sich das große Volk der Eskimocr aus, ciue der rohesten und wildesten unter den amerikanischen Nationen; bald klein, im Sommer unter Zelten, und im Winter in elenden Hütten wohnend, bald von mittlerer zum Fcttwcrdcn geneigten Bildung; ein Hülfloses, von mehrern Bcguemlichkeiten des Lebens sehr entferntes Menschengeschlecht, das sich, anstatt des Eisens oft nur geschärfter Steine zu seinen Pfeilen und Spießen bediente, das von Oberherren, von Regierung, nichts wußte. An diese schlössen sich die Delaware», einer der ältesten Völkerstamme, an. In der Gegend der großen Seen stießen die Europäer auf die Mohakcr oder Huroncn, und die Jlline- sen, zwey der zahlreichsten und kriegerischsten Völker. Hinter den apalachischen Gebirgen wohnten die Tscherokier oder Irokesen, eine mächtige Nation, die, noch vor 6o Zahren (1740) auf 64 volkreiche Städte und Dörfer, und 6000 Krieger zählte; eine große, schlank und wohlgebaute Menschengattung, die blos von der Jagd lebte. Nachbarn derselben waren die Krighs oder Muskohgen, ein kupfer- braunes, 35 braunes, gut und kraftvoll gebautes Volk von mittlerer Größe, dessen kriegerische Ge- sinuungen sich schon aus dem Umstände, daß sie den Werth eines Menschen nach der Zahl der von ihm erschlagenen Feinde, der von ihm abgezogenen Kopfhaute, berechnen, schließen lassen. Zwischen dem Mississippi und Tenassi lebten die Tschikasas, die ehedem loooo Krieger aufbielhen konnten, die sich mit ihrer schon berittenen Cavalleric besonders den Spaniern sehr furchtbar machten. Am Fuße der Apalachen breitete sich ein Volk aus, das von denselben seinen Nahmen entlehnte; ein großes, gesittetes Volk; mit allerlei) guten Einrichtungen, mit Tempeln, religiösen Festen, und einer Hauptstadt Mclicot. Auch die NatscheS waren ehemals, wegen ihrer höhern Ausbildung, ihrer guten Einrichtung, und ihrer Verehrung der Sonne, berühmt. Die Akansas, die am Flusse dieses Rahmens, auf der Ostseite des Mississippi, wohnten, gehörten zu den schönsten und ausgezeichnetsten Menschengattungen. Diese und noch andre Völker, als die in unser» Zeiten bekannten Wcißindier, und die Nadowessier, hatten also eine höhere Stufe der Cul- C 2 tur zü tur erstiegen, die sie von den bloßen Jä- gersiämmcn merklich unterschied. Alle diese Völker aber haben seit der Zeit, daß die Europäer ihre Nachbarn wurden, au Menschenzahl immer mehr abgenommen. Die sclaven- mäßige Behandlung der Frauen, die sich ihrer Frucht zu entledigen suchen, oder ihre Kinder verwahrlosen, um durch eine große Familie ihr Leben nicht noch unerträglicher zu machen; die unaufhörlichen Fehden, bey welchen fast gar keine Gefangne gemacht wurden; dicß mußte der Vermehrung dieser Völker schon ein mächtiges Hinderniß entgegensetzen. Aber noch nachtheiliger wirkten in diesem Punkte die Kinderblattern, die diese Völker nicht zu behandeln wußten, die starke!» Getränke, deren Genuß sie sich leidenschaftlich überließen 5), die Kriege, in die sie die habsüchtigen Europaer verwickelten. Die Spanier, die in Nordamerika schon Mexico besetzt hatten ^), entdeckten hierauf (15Z6) auch die Halbinsel Califvrnien, und endlich *) Thcil ix, S. 25z. Th. IX, S. --z sgg. 37 endlich (1588) auch die Lander, die sie Neu- Mexico und Ncunavarra nennten. Florida, das ihnen weit früher (schon 1512) bekannt wurde, bauten sie erst späterhin an. Aber nördlich von Florida, an der langen östlichen Küste, bis zu den Gränzen des Eismeeres, ließen sich zuerst Engländer nieder. Die Küsten, welche die Venezianer Cabot gefunden hatten *), versprachen kein Gold, kein Silber, und mit Fischen, die ihren grüßten Reichthum ausmachten, war den Engländern, welche die reformirte Religion von der Noth- wcndigkeit der strengen Fasisn beftcyte, und die Irland und Dänemark reichlich mit Fischen versorgte, gar nicht gedient. Ihre Seereisen nach Nordamerika hatten daher nicht sowohl Handelsverhältnissc mit diesem Erdthcile, als die Aufsuchung eines nördlichen Seeweges nach Asien, zur Absicht. Fro- bisher, der deswegen (1571, 1572 und 1575) drey Reisen machte, kam bis zum 6zstcn Grad nördlicher Breite. Das Interesse der Engländer, die nordöstlichen Küsten von Nordamerika zu besuchen, wuchs jedoch, als Dänemark *) Th. ix. S. -16. Z8 nemark ihnen die Fischerei) an den isländischen Küsten zn verwehren cmfieng. Seit den ersten Jahren Eduards VI secgclten min jährlich einige englische Schisse nach Neufundland, uni Stockfische zu holen. Als hierauf die Handclsverbindung mit Archangcl einen stärkern Schwung in das englische Gewerbe brachte, dachte man ernstlich auf Anpflanzungen in Nordamerika, um sich die Entdeckung der nordwestlichen Durchfahrt zu erleichtern. In dieser Absicht vereinigte sich Humphrey. Gilbert mit seinem Halbbruder, dem berühmten Walter Ralcigh, die Küsten zwischen ZO- und hosten Grad der nördlichen Breite, anzubauen. Franz Drake, der bis zum 48sten Grad gekommen war, hatte diese Küste, die er im Nahmen der Königin Elisabeth in Besitz nahm, Neualbion gcnennt. Gilbert und Naleigh erhielten auch (1578 und 1584) von der Elisabeth die fcycrliche Erlaubnis, alles Land, welches andre Nationen noch nicht eingenommen hätten, in Besitz zu nehmen. Sie gründeten hierauf (1585) die Cvlonie Virginien, die anfangs manchen widrigen Schicksalen ausgesetzt war. Die 107 Colonistcn, die sie dahin versetzten, kehr- 39 kehrten bald wieder nach Europa zurück, weil es ihnen an den Lebensbedürfnissen fehlte. Zu den folgenden Jahren (1587 und 1590) ließ Raleigh neue Mcnschcntrausporte nach Virginien abgehen, die eben auch nicht gss dichcn. Indessen erndrctcn die Engländer von den Unternehmungen Nalcighs und scU ncs Gefährten doch den Vorthcil ein, daß sie mit den fruchtbaren Ländern der östlichen Küste von Nordamerika bekannter wurden. Diese Bekanntschaft befestigte vornehmlich der Capitain Bartholomäus Gosnold, der die seit zwölf Jahren unterlassenen Entdeckungst reisen (1602) erneuerte. Er fuhr, durch das atlantische Meer, gerade westwärts, und kam bis zu dem 4Zsten Grade der nördlichen Breite, oder bis zur Küste von Ncucngland. Seine vorthcilhafte Beschreibung von der Bec schaffenheit dieses Landes, und das herrliche Pelzwerk, das er mitbrachte, munterte zu einer neuen Handlungsgesellschaft auf. Im cob I, für welchen die Anlegung neuer Co« lonicn ein Lieblingsgedanke war, ertheilte (1606) durch ein Patent die Erlaubniß, alles Land zwischen den 45sten bis Z4sten Grad der der Breite, welches noch keine andre christliche Macht sich zugeeignet hätte, mit dem Rechte, alle vorhandenen Gold- und Silber- bcrgwcrke zu benutzen, Münzen zu schlagen, die Prodncte zollfrei) auszuführen, in Besitz zu nehmen; für die Krone bcdung er sich von Gold und Silber 1 /5, und von andern Metallen 1/15 des Ertrages, aus. Es fanden sich hierauf so viele, die von der einheilten Erlaubnis; Vorchcil zu ziehen suchten, daß man aus ihnen zwcy Gesellschaften bildete; eine londoner, die den Anbau der Küste von Z4 bis 40 Grad übernahm, und eine ply- mouther, die ihre Sorgfalt auf die nördlicher!, bis zum 45sten Grad sich ausdehnenden Lander verbreiten wollte. Dort wurden die Colonien von Carolina, Virginicn, Pennsyl- vanicn , und hier die Pflanzungen von Neu- england, vorbereitet. Um eben diese Zeit erneuerten aber auch die Franzosen ihre Versuche, auf der nordöstlichen Küste mit Nordamerika sich bekannter zu machen. Hierzu forderte sie besonders der äusserst vortheilhafte Pelzhandel mit den Wilden auf. Heinrich IV, dessen Aufmerksamkeit 4l samkeit sich über jeden Gewerbszweig seiner Nation verbreitete, berechtigte einen unter« nehmenden rcformirten Edelmann, Peter de Monts, der Nordamerika schon aus vorhergehenden Reisen kennte, die Lander der Wilden zwischen dem Hosren bis Hüsten Grad, gegen einen Zehnten von den Metallen, anzubauen. So entstanden (1609) die Pflanzungen in Arabien, welches die Engländer schon Ncuschottland genennt hatten, an die sich bald eine Colonie in Canada, Rahmens Quebec, anschloß. Aber auch die Holländer richteten ihre Aufmerksamkeit auf die nördlichen Küsten von Amerika. Sie wurden durch den einträglichen Pclzhandel, der sich ihnen hier darboth, bewogen, (1614) den dahcrum wohnenden Wilden einen Landstrich abzukaufen, der sich in der Gegend des jetzigen Nenyork ausdehnte, und von ihnen Neubelgien, .oder Neunicderland, genennt wurde. Indem Holländer und Engländer, die von Ncucngland her sich auszubreiten anficngen, einander näherten, stießen sie (16Z4) unver- mnthct 42 muthet auf eine Colonie von Schweden, die sich, mit Bewilligung Karls I, am Dcla- wäre, niedergelassen hatten. Nun entstand bald Eifersucht und Streit. Die Holländer behaupteten sich einige Zeit hindurch allein bcy dem Besitze der Ufer des Delaware. Als aber Karl II (1664) seinem Bruder Jacob die zwischen dem Hudson und Delaware liegenden Lander, als ein Lehn, einräumte, wurden auch die Holländer überwältigt, und von dieser Zeit an herrschten in Nordamerika blvs Engländer und Franzosen. Die Englander breiteten sich am meisten aus. Sie bauten sich zuerst in Neucngland und Virginicn an. Die Colonie in dem letzter» Lande sieng an zu gedeihen, als die von Jacob I privilegirte londoner Gesellschaft (1607) hundert Menschen hinziehen ließ, die Jamcstown (Jacobsstadt) anlegten ^). Um die bcy der schweren Urbarmachung des Landes fehlenden Menschenhände, die durch Krankheiten sehr vermindert wurden, zu ersetzen, gab Jacob I den Befehl, die englischen Thcil x. S.4". Theil xu. S. z/6. 4Z schcn Gefängnisse zn öffnen, gab er die Vor» ordnung, daß in Zukunft alle Verbrecher, welche die Todesstrafe nicht verwirkt hatten, als Leibeigene, nach Virginicn abgeführt werden sollten. Seitdem häuften sich in Nordamerika Straßenränder, Diebe, und andre Verbrecher an. Weil es der neuen Colonie vornehmlich auch an Frauenzimmern fehlte, so ließ die londner Compagnie (1618) neunzig Menschen dahin schassen, die den Meistbietenden zu loa bis 200 Pfund Tabak überlassen wur- den. Man sorgte also auf alle Art für die Vermehrung der Volksmenge dieser neuen Colonie. Es gesellten sich derselben auch manche Puritaner zu, weil sie in ihrem Va- terlande zu sehr gebrückt wurden. Dennoch mußte man (seit 1620) auch Neger herbey- schaffen. Weil sich diese Colonie zu sehr lauds- wärts ausbreitete, so konnte sie einem Kriege mit den Wilden nicht entgehen. Diese Leute, die aber, mit den europäischen Kriegskünsten unbekannt, denselben keinen sehr nachdrücklichen Widerstand entgegensetzen konnten, wurden bald in ihre dicken Walder zurückgedrängt, wurden durch die Politik der Europaer unter einander selbst veruneinigt, wurden an den leiden- 44 leidenschaftlichen Genuß von Rum und Vrann- tcwcin gewöhnt, der, nebst Mangel und ansteckenden Krankheiten, auf ihre Bevölkerung einen so nachthciligcn Einfluß halte, daß von den größten und furchtbarsten Völkern kaum einzelne Familien übrig blieben. Da die Negierung dieser Colonie uneinig war, hob Jacob I (1624) die londoner Gesellschaft durch einen Machtspruch auf, und unterwarf die bisherigen Untcrthancn derselben einem königlichen Statthalter. Das eigentliche Virginien war in Süd- und Nordvirginicn getrennt. Das letztre hatte die plymouthcr Gesellschaft zum Lande ihrer Niederlassung gewählt; sie fieng den Anbau desselben aber erst zehn Jahre hernach (1620) an. Den Nahmen Neuengland erhielt dieser Landstrich (1614), als der Capi- tain Smith , der dessen Küsten untersuchte, dasselbe auf einer Charte, die er dem Könige Jacob I überreichte, Neuengland nennte. Als hierauf die Jndcpcndenten sich von diesem Könige ein Land ausbathcn, wo sie, als eine besondre Gemeinde, ihren schwärmerischen Glauben ausüben könnten, erlaubte er ihnen, sich 45 sich iit Neuengland niederzulassen. Die ply- mouther Gesellschaft räumte ihnen hierauf einen Landstrich am Lorenzstrom ein. Bald fanden sich andre Haufen von politischen und religiösen Schwärmern ein, und die Zahl der kleinen Republiken, der Pflanzörter, der Ge, meinden, wurde immer größer. Unter den neuen Colonien in Neuengland, die sich besonders hoben, gehörte Neuhampshire (seit 1621), welches durch eine neue schwärmerische Secte, die ein gewisser Hutchinson stiftete, (seit :6z/) in größere Aufnahme kam. Ein anderer Schwärmer dieser Secte unternahm (1622) den Anbau von Main, welches in der Folge (1681) mit Mas- sachusets vereinigt wurde. Dieses gründete (1627) Heinrich Rosewcl, der das dazu gehörige Land der plymouther Gesellschaft abkaufte. Die meisten Anbaucr desselben waren Schwärmer, die sich in großer Anzahl einfanden. Die Pflanzung Connecticut veranlaßt (16Z6) die Eifersucht zweyer Geistlichen in Massachuscts. So wurde der Grund zu den künftigen Provinzen Neucnglands gelegt. Aber wie viele Menschen mußten dieser Gründung 46 dnng ihr Leben zum Opfer bringen? Unge- achtet durch eine -nisteckende Krankheit die Zahl der Wilden sehr vermindert worden war, so hatten die ersten Anbauer von Ncueng- land doch noch einen harten Kampf mit denselben; auch wirkte Mangel an den unentbehrlichsten Bedürfnissen, verbunden mit anhaltenden Mühseligkeiten, und ungewohntem Klima, auf ihre Gesundheit so nachthcilig, daß von 9000 Colonisten, die nach Virginien wanderten, nach 20 Jahren nur noch 1800 übrig waren. Aber auch schon der Umstand, daß gute, sittliche, fleißige Leute mit Straßen- raubcrn, Dieben und andern Verbrechern dieser Art, in Gesellschaft leben sollten, mußte das Gedeihen einer solchen Colonic erschweren. Erschweren mußte es endlich auch die Wuth, mit welcher die Schwärmer verschiedener Partheycn die Feindschaft, die sie in ihrem Vaterlande unterhalten hatten, noch jenseits des Meeres fortsetzten. In Ncueng- land herrschte lange ein überspannter Reli- gionseifcr, der Verhaftung, Verbannung, Hinrichtung, nach sich zog. Um sich im Mnttcrlande ein größeres Ansehn zu geben, um den Holländern am Hud- 47 Hudson, den Franzosen inAcadicn, und den Indianern, die sich von den europäischen Ankömmlingen nicht wollten zurückdrängen lassen, einen desto nachdrucksvollern Widerstand entgegenzusetzen, schlössen sich (164z) die vier Hauptco- lonien von Neuengland in ein Vcrthcidigungs- bündniß an einander an. Ncucngland blühcte seit dieser Zeit immer schöner auf. Die Waldungen wurden ausgerottet, ansehnliche Landstriche urbar gemacht; der Handel mit den westindischen Inseln, mit Madcra, mit den Canarien, breitete sich immer weiter aus. Cromwels Navigationsacte untersagte zwar den Colouien allen unmittelbaren Handel mit fremden Nationen, und machte sie, in der Absetzung ihrer Producte, gang abhängig von England; um so rhäligcr aber zeigte sich der Schleichhandel nach den französischen und holländischen Inseln. Die englische Negierung, die denselben nicht verhindern konnte, sah sich dadurch genörhigt, die harten Verordnungen der Navigationsacte zu mildern. Sie legte auf alle Produkte der nordamcri- kanischen Colonien, die aus andern Landern nach England gebracht wurden, einen erhö- hctcn Zoll, und bewirkte dadurch, daß man diese 48 diese Produtte den Nordamerikanern lieber selbst abkaufte, und daß diese dadurch ein vortheilhaftcs Monopolium ihrer Landeser? Zeugnisse erhielten. Unter Karl II kam der Zcitpunct, wo die in England herrschenden Unruhen die Be? wohncr des englischen Nordamerika äusserer? deutlich vermehrten, wo eine ansehnliche Co? lvnie sich an die andre anreihet?. Es cnt? stand jetzt die Provinz Carolina. Dieses große Land zwischen Virginien und dem Sa? vannah wurde (1512) von den Spaniern cnt? beert, aber, weil es diesen habsüchtigen Leu? tcn keine Goldschatze darboth, von ihnen wie? der verlassen. Hierauf wies es Karl IX von Frankreich dem Admiral Coligny an, als dieser seinen verfolgten Glaubensgenossen ein Land der Ruhe zu verschaffen wünschte. Man nennte es nun das französische Florida, und die Colonie, die man in demselben an? legte, erhielt nach dem Könige Karl IX den Nahmen Carolina. Diese Colonie wurde aber von den neidischen Spaniern unter dem Vor? wände, daß sie aus Ketzern bestände, über? fallen und fast ganz vernichtet. In der Folge (seit 49 (seit 1622) bauten sich jedoch die Engländer in diesem Lande an, und der Anbau kesselt ben erhielt vornehmlich seit der Zeit, als Karl II es dem Lord Clarendon und einigen andern Unternehmern, einräumte, einen sehr verstärkten Schwung. Es gicngcn (1669) Colonisten von mehrcrn Religionsparthcyen dahin, zu welchen sich zwey Jahre hernach viele Puritaner gesellten, die von Karls II Regierung gedrückt wurden. Für die Regie» rungsverfassung dieser Provinz entwarf Locke, der grösite englische Philosoph seiner Zeit, den Plan. Um diese Zeit (1664) wurden auch die Heyden Colonien, Neuyork und Neujersey, ausgebildet. Auf der Insel, auf welcher jetzt die Stadt Neuyork steht, bauten sich (1614) zuerst Holländer an, um den ergie» bigen Pelzhaudel dieser Gegend zu benutzen. Die holländische westindische Gesellschaft, der die Gencralstaateu das Recht verliehen, nach den amerikanischen Küsten, von Ncufoundland bis zur Südsec, Handel zu treiben, und auf denselben Festungen und Pflanzungen anzulc» gen, gründeten die Colonie Neuuicderland, Ealetti Wkltg. i4tTb. D nebst 50 nebst der Stadt Amsterdam. Der mit andern Dingen genug beschäfftigte Karl I ließ es geschehen, aber Karl II machte, die englischen Ansprüche mit allem Nachdruck geltend. Sein Bruder, der Herzog Jacob von Uork, dem er alles nordamcrikanische Land von Neuschottland bis zum Lorenzfluß verlieh, überließ einen beträchtlichen Theil desselben, noch che es erobert war, dem Lord Bcrkcly und dem Georg Carteret. Die Eroberung kostete keine große Mühe. Die Gencralstaaten traten im Frieden, den sie (1667) mit Karln II schlössen, Neunicderland, für Surinam, an England ab. Jener Nähme verwandelte sich nun in Ncuyork, und aus Neuamstcrdam wurde St. James. Das Land von Neujersey (Issova Laesu- rea) welches Hudson gleichfalls zuerst gesehen hatte, verlieh Jacob I einige Jahre früher (1606) als ein noch völlig unbekanntes Land, das noch kein englischer Seefahrer untersucht hatte, seiner südvirginischen Handelsgesellschaft, die jedoch keine Pflanzungen in demselben anlegte. Der erste Dritte, der stch dieser Küste näherte, war (1610) der nach Vir- Virginien bestimmte Statthalter Delaware, von welchem der bekannte Fluß seinen Nah« mcn erhielt. An dem linken Ufer dieses Flusses bauten die Holländer das Fort Nas» sau. Sie hatten dabcy blos die Erleichte» rung ihres Handels mit den Wilden zur Ab» sieht. Der berühmte schwedische Ncichskanz» lcr Qpenstirn, brachte es aber dahin, daß Karl I allen Ansprüchen auf dieses Land ent» sagte, und nun bildete sich hier eine schwcdi» sehe Niederlassung mit der am Delaware erbauten Festung Neugothenburg. Die Hollän» der und Schweden, die in beständigen Hän« dein lebten, arbeiteten jedoch vereinigt den Engländern entgegen, die (seit 1S40) sich gleichfalls auf dieser Küste niederzulassen an» fiengen. Nach zwölf Jahren waren aber nur noch die Holländer Herren des Delaware. Ihre Herrschaft endigte sich aber auch, als Jacob, Karls II Bruder, (1664) Besitzer dieses Landes wurde; als dieser dem Lord Berkely, und dem Sir Carterct, einen Theil desselben, vom Hudson bis zum Delaware, abtrat. Cartercts Familie ließ sich auf der Insel Yersey nieder, die er selbst, zur Zeit des Bürgerkrieges, in der Ergebenheit für D 2 Karln 52 Karln I erhalten hatte. Robert Carr begab sich mit einem Theile der Flotte, mit welcher er Nenamsterdam erobert hatte, in den Delaware, und die Festungen, welche die Hollander an diesem Strome angelegt hatten, leisteten keinen großen Widerstand. Die Zahl der Einwohner wurde nun durch viele neue Colonisten aus England und Schottland vermehrt. Berkely, dem diese Pflanzung den Aufwand nicht hinlänglich ersetzte, trat dem Cartcrct den östlichen Theil des Landes ab, und verkaufte den westlichen an Penn, den Urheber der Provinz Pennsylvanicn. Keine brittische Pflanzung in Nordamerika ist mit so einleuchtender Weisheit angelegt worden, als die Colonie des berühmten Penn. Dieser Mann verdient es also, daß wir uns mit ihm genauer bekannt machen. William Penn zn London (1644) gebohrcn, war der Sohn eines berühmten Admirals, der eben so viel Vermögen, als Ruhm, besaß. AlS er zu Oxford studierte, wurde er durch die Predigten des herumziehenden Quäkers Loe so sehr hingerissen, baß er, in Ver- Theil XII!. S.Sz. 55 Verbindung mit einigen andern Studirenden, sich dem öffentlichen Gottesdienste entzog, und besondre Versammlungen anstellte. Penn wurde deswegen aus dem Collcgium verbannt. Sein Vater, dem seine Schwärmerei) gleichfalls so unerträglich war, daß er ihn nicht mehr in seinem Hause dulden wollte, ließ ihn eine Reise nach Frankreich thun, die seine erhitzte Einbildung so ziemlich beruhigte. Penn, der sich hierauf der Ausübung der Rechtswissenschaft widmete, übernahm die Aufsicht über ein Landgut seines Vaters in Irland. Hier lebte er still und eingezogen; hier besuchte er aber auch von neuem Loe's Predigten, und hier bekannte er sich endlich öffentlich für einen Quäker. Auch blieb er den Grundsätzen derselben so treu, daß keine Ermahnungen seines Vaters ihn bewegen konnten, sich dem Könige und dem Herzoge von Jork, mit abgezogenem Hute, vorstellen zu lassen. Der erzürnte Vater verboth ihm daher sein Haus zum zmeyten Mahl. Die Quäker waren damahls überhaupt harten Verfolgungen ausgesetzt, und Penn befand sich mehr lals einmahl im Gefängnisse. Penn war jedoch ein so eifriger Quäker, daß er selbst 54 selbst im Gefängnisse guäkcrische Schriften ausarbeitete. Sein Vater wurde aber, durch seine geistvollen Acusserungen über die Unsterblichkeit der Seele, für ihn wieder so sehr gewonnen, daß er sich vor seinem Tode mit ihm aussöhnte, und der junge Penn erbte nun von demselben ein Vermögen, das ihm jährlich 1500 Pfund einbrachte. Er rcisete hierauf, um die quäkcrischen Grundsätze weiter auszubreiten, nach Holland und Deutschland. Unter dem Vermächtnisse seines Vaters befanden sich ansehnliche Summen, die ihm der Staat schuldig geblieben war. Dafür nahm er (1681) einen Landstrich von drei? Breitengraden (45 Meilen) am Delaware an. Er selbst begab sich, von vielen andern Quäkern begleitet, dahin, und legte zur Stadt Philadelphia den Grund. Pcnns Reisen und widrige Schicksale hatten zu seiner Mcnschenkcnntniß und Bildung sehr viel beygctragcn. Daher bekam die Colonie, die Penn anlegte, und die Karl II nach dessen Nahmen Pennshlvanicn (Penns - Waldland) ncnure, eine so weise Einrichtung. Penn wollte 55 wollte seinen Glaubensgenossen nicht allein eine sichere Freystätte verschaffen; er wollte auch eine bürgerliche Gesellschaft von möglichst freyen und glücklichen Menschen bilden. Alle, die sich in seiner neuen Pflanzung niederlassen würden, sollten eben deswegen schon dadurch frcye Leute werden. Er gab ihnen Reisekosten, versah sie mit Lebensmitteln, wies ihnen Län- derey an, und unterstützte sie in ihrem Ge- werbe. Dieß lockte eine große Menge von Menschen herbcy; von Menschen, die in Ansehung ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihres Glaubens sehr verschieden waren, aber durch Pcnns weise Gesetze und Einrichtungen bald zu einem in der vollkommensten Einigkeit lebenden Menschenhaufen gebildet wurden. Penn kaufte das Land nicht allein dem Lord Berkcly, sondern auch den Indianern, ab, und der brave Mann lebte lange genug, (bis 1718) um seine Colonie noch im Wohlstande zu sehen. Ein Jahr später, als Pennsylvanien (168z) bildete sich die Colonie Maryland völlig aus. Das Land derselben war erst ein Theil des südlichen Virginien, von welchem es ;6 es Karl I (1628) trennte, um dem Lord Baltimore dadurch einen Dienst zu erweisen. Er gab ihm zugleich den Nahmen seiner Grs mahlin, und gestand ihm ganz vorzügliche Rechte zu. Die erste Colonie (l6^z) bestand aus Glaubensgenossen des Lord Baltimore, der sich zur katholischen Religion bekennte. Baltimore erhielt nicht allein das uneingeschränkteste Eigcnthum des Landes, und aller in demselben befindlichen Naturschätze, sondern der König gestand ihm auch alle Hohcitsrcchte, doch unter der Anerkennung der englische» Oberherrschaft, zu. Baltimore erlebte die Benutzung dieser Vorrechte nicht; aber sein Sohn, der edle Cccil, sorgte so eifrig für feine neue Pflanzung, daß sie bald den Neid der benachbarten, vornehmlich Virginiens, "erregte. Unter Crom- wel wurde die Negierung derselben (1654) einer Commission von zehn Mitgliedern übergeben; dicß veranlaßte Partheyen und Unruhen , die eine völlige Verwirrung zur Folge hatten. Karl II Lab zwar die Provinz dem Lord Baltimore wieder zurück; aber die Sicherheit und Ruhe fand sich nicht so bald wieder ein. Die Protestanten klagten über den 57 den Druck, den sie sich von den Katholiken mußten gefallen lassen. Baltimore brauchte die schlauchten Künste eines Hofmanus, um seine Hoheitsrcchte über Maryland zu retten. Eben dieses erregte aber dem protestantischen Könige Wilhelm III Verdacht. Dieser begünstigte daher (1692) auch eine Revolution in Maryland, die die Regierung in die Hände der Episcopalcn brachte, und die Ausübung einem königlichen Statthalter übergab. Wahrend daß sich die Engländer an der schönen Küste des jetzigen uordamcrikauischcn Freystaatcs anbauten, entzogen sie auch die nördlicher sich ausdehnenden Landstriche nicht ganz ihrer Aufmerksamkeit. Nicht lange nach ihrer ersten Anpflanzung in Virginicn, drang (1610) der Capitain Heinrich Hudson, auf seiner dritten Entdeckungsreise, in die Meerenge seines Rahmens. Hier hatte er aber auch das Ziel seiner kühnen Erforschung unbekannter Meere und Küsten erreicht. Sein Schiffsvolk, das der lange» Fahrten, die seinen Vorrath von Lebensmitteln ganz aufgezehrt hatte», bis zur Verzweiflung übcrdrüßig war. Neufoundland, welches Johann Cabot (i497) schon für England in Besitz genommen war, setzte ihn, ncbsi sechs andern Seeaben- thcuern, seinen AnHangern, in ein Boot, in welchem es sie, ohne mit Lebensmitteln ver- sehen zu scyn, den Wellen, oder den Wilden, preisgab. Um die Unglücklichen aufzusuchen, wurde der Capitain Thomas Vurton abgeschickt, der sie zwar nicht fand, der aber bcy dieser Gelegenheit (1612) die Hudsonsbay doch bis zum Nclsonsflusse erforschte. Noch weiter trieb diese Entdeckung der Capitain Robert Vylot, dessen Steuermann, Wilhelm Basfin, (1615) die Vaffinsbay fand. Auf den vortheilhaftcn Pclzhandel dieser Gegend machten zuerst die Franzosen aufmerksam. Endlich errichtete man in England eine Hud« sonsbaygesellschaft; man baute (1682) am Mooscflusi das Fort Nelson; man legte Alban») und andre Oertcr mehr an. Zwar nahmen (1685) die eifersüchtigen Franzosen alle diese Niederlassungen, bis auf das Fort Nelson, den Englandern wieder weg; sie behielten sie jedoch nur bis auf die Negierung Wilhelms III. 59 mcn hatte, ward von ihnen wieder vermach- lassigt. Cabot, der in spanische Dienste trat, machte die Spanier ans den eintraglichen Fang von Stockfischen , Robben und Walls fischen aufmerksam, und diese fuhren deswegen sehr eifrig dahin. Bald fanden sich auch Portugiesen und Franzosen ein. Endlich ließ aber die Königin Elisabeth (158z) von Neufoundland förmlich Besitz nehmen, und ihr Nachfolger, Jacob I, berechtigte eine Gesellschaft von Kauflcutcn, daselbst eine Eolo- nie anzulegen. Die Anpflanzungen vermehrten sich, und die Engländer wurden den andern Nationen so überlegen, daß sie die Fischerei) derselben immer mehr einschränkten. Eben dieses Glück hatten sie in dem nacht mahligen Neuschottland. Die Küste dieses Landes, welches die Franzosen Akadien nennt ten, wurde (seit 1550) von denselben, erst des Stockfischfanges wegen, besucht; endlich ließen sie sich (1607) auch auf derselben nieder. Auf dieser Küste siedelte sich aber auch die londucr uud die plymouther Gesellschaft an, uud bald wurden die französischen Niederlassungen von den Engländern zerstört. Jacob 6o Jacob I, der seinen eigentlichen Unterthanen, den Schottländern, die an den Pflanzungen in Virginicn und Neuengland keinen Theil hatten, eben die Vorrechte, wie den Engländern, gönnte, räumte ihnen dieses Land ein, um es zum Sitze einer großen Colonie zu machen. So gab es nun auch ein Neuschott« land. So groß aber Jacobs I Eifer war, diese Colonie in Wohlstand zu versehen, so wenig wollte ihm doch sein Eifer gelingen, und Karl I trat, bey seiner Vermählung mit der Schwester Ludwigs XIII, das Land an Frankreich ab. Die Franzosen wetteiferten mit den Eng« ländern/ in Nordamerika sich Niederlassungen zu erwerben. Sie waren es, die (1506) zuerst Cap Breton fanden, die die Insel Tcrre Neuve (nach einer inländischen Benennung Norumbega) wegen der Stockfische besuchten. Unter Franz I drangen sie südwärts bis an den Lorcnzstrom, bis nach Canada, welches sie Ncufrankrctch nennten. Sie kamen auch bis an die Küsten von Carolina und Virginien. Karl IX wies einen Theil dieser Küste dem Admiral Coligny, als einen Zufluchtsort für seine Glaubensgenossen, an. Die 6i Die Niederlassungen der Franzosen wollten aber nicht gedeihen. Auch die Versuche, die Heinrich IV (1598) mit der Schiffahrt nach Canada machte, fielen erst nicht glücklich aus; endlich aber sehten sich die Franzosen (1604) in Akadien und (1608) am Lorenzstrom völlig fest. Der Nähme Canada bildete sich wahre schcinlich ans einer inlandischen Benennung Die Pflanzung Portroyal am Lorenz wurde aber (i6iz) von den neidischen Engländern überwältigt und zerstört; Karl I trat jedoch (1621) das Land an Frankreich ab, und die Franzosen wurden blos, durch einen fast une unterbrochenen Krieg mit den Irokesen, den eingebohrnen Bewohnern dieser Länder, und den Engländern, an dem bessern Anban von Neufrankrcich gehindert. Indessen vere wandelte sich doch (besonders seit 1668^ das Land am Lorcnzstrom in eine schöne Lande schaft, wo Kaufleutc, Verbannte, Soldaten, und Missionarien, welche sich mit der Be» kchrung ») Andre leiten diesen Nahmen von dem spanischen und portugiesischen La ä- (Hjc r) und ldlaä» (Nichts) her, weil die Hoffnung, hier eine westliche Durchfahrt zu finden, getäuscht würz de. Es gab auch ein Lsdo (la Hi,clii. 62 kehrung der Indianer beschäftigten, eine besondre Volksmasse bildeten, für welche der Pclzhandcl den wichtigsten Erwerbszwcig aus- machte. Die Franzosen setzten sich auch (seit 1682) an der Hudsonsbay fest, wo ihnen die Engländer fast ganz weichen mußten. Auch Labrador betrachteten sie als ein zu Canada gehörendes Land, das ihnen zum Handel mit den Eskimocrn, der Hauptnalion dieser Gegend, eine erwünschte Gelegenheit verschaffte. Daß die unter einem so warmen Himmelsstriche liegenden, und mit einem so ergiebigen Boden versehenen Inseln von Mit- tclamerika, oder Westindicn, die Aufmerksamkeit der europäischen Handclsnationen vorzüglich auf sich ziehen würden, wer sollte das nichts erwarten? Die Spanier waren hier freylich den übrigen Nationen zuvorgekommen. Sie behandelten aber die Insel, die sie in Besitz genommen hatten, eben so unbarmherzig, als habsüchtig. Die gutmüchi- gcn Bewohner derselben führten, vor der Ankunft der Spanier, ein eben so unschuldiges als glückliches Leben. Ihre Bedürfnisse leicht befriedigend, waren sie an die schweren Arbei- 6z Arbeiten in den Bergwerken, und in den Zucker - und Kaffeepflanzungen, zu welchen sie von den harten Spaniern angehalten wur< den, gar nicht gewöhnt. So sehr nun die Königin Isabella das unglückliche Schicksal dieser Leute, durch ihre Verordnungen, zu mildern suchte, so wenig wurden diese Verordnungen, nach ihrem Tode, gehalten. Man verthcilte sie sogar wie Lastrhiere unter die Coloniste.i. Aber von einer Million Einwohner waren nach 24 Jahren (1517) nicht mehr, als 14,000, noch übrig. Man sah sich nun genöthigt, ihre Stelle durch afrikanische Neger zu ersetzen. Aber die herrlichen Producte der Insel wurden seitdem von den Spaniern weniger benutzt, und ein großer Theil der Insel blieb unangebaut. Eben dieses Schicksal harten die Inseln Euba, und Portoricco, die schon Colombo entdeckte. Die Spanier fanden ihren Golddurst, auf diesen und andern Inseln, so wenig befriedigt, daß sie ihrer Aufmerksamkeit nicht Werth genug schienen. Um so mehr gaben sie den übrigen europäischen Handclsnationcii Gelegenheit, sich auf diesen Inseln gleichfalls niederzulassen. Zu 64 Zu diesen Nationen gehörten vornehmlich die emsigen Engländer und Franzosen, denen die Seeräuberrepublik der Flibusticrs den Weg bahnte. Englische Frcybeucer, die, in dem Zeiträume der religiösen und polirischen Schwärmerei), ihr Vaterland verlassen hatten, und, wahrend der Kriege zwischen England Und Spanien, gleich den ehemaligen Nor» männern, in kleinen Schwärmen von fünfzig, hundert, hundert und fünfzig, Abentheuer», auf kleinen Fahrzeugen, den spanischen Hai« delsscr issen, die ein Zufall von der Haupt- flotte getrennt hatte, auflauerten; die diese Schisse, und wenn sie auch noch so groß, und wenn sie auch noch so stark bemannt waren , durch ihren abcnthcuerlichcn Muth überwältigten, und, als Beute, in einen nordamerikanischen Hafen schleppten; die sich dieses Gewerbe selbst in Friedenszeitcn erlaubten ; diese theilten mit Franzosen, die in eben dieser Absicht auf dem Meere zwischen Europa und Amerika herumschwarmten, die Insel St. Christoph. Sie wurden zwar (i6zo) von den Spaniern vertrieben; die kühnen Leute sammelten sich aber bald wieder, und fanden auf der Schildkröteninsel bey St. Domingo 65 mingo einen neuen Standpunkt. Von ihren leichten Schiffen, welche die Holländer Vlie- boot, die Franzofen Fliebot nennten, erhielten sie den Nahmen der Flibusticrs. Von der Schildkröteninsel sehten sie nach der von den Spaniern vernachlässigten nördlichen Küste von St. Domingo über. Hier lebten sie anfangs von der Jagd der wilden Ochsen, deren Fleisch sie bucanirten, das heißt, in der indischen Sprache, im Rauche trockneten. Von dieser Lebensart wurden sie Bucanicrs genennt, und, auch unter diesem Nadmen, als kühne Seeräuber berühmt. Einige von diesen uncrschrocknen Leuten ließen sich wieder auf der Insel St. Christoph nieder. Hier setzten sie nicht allein den Capcrkrieg gegen die Spanier fort, sondern sie griffen auch die Caraiben, die Bewohner der Antillen, an. Die Caraihcn, die wahrscheinlich ans der südamerikanischen Gegend am Orinoco herüber kamen, gutgebaute, aber nicht große Leute, gelblich braun oder olivenfarb, die, Ruhe und häusliches Glück verachtend, gleichsam nur im Kriege und in der Rache lebten, die sogar das Fleisch ihrer Feinde verzehrten, diese verursachten den Europäern einen leb- Eallctti Weltg. i4r Th. E haften 66 haften Kampf. Als sie diese aber zum Thcil unterjocht, als sie die Inseln, aufweichen sie lebten, in ihre Gewalt gebracht hatten, schloffen Frankreich und England (1660) einen Vertrag, durch den sie sich in die kleinen an- Mischen Inseln theiltcn. Die Franzosen eigneten sich Guadaloupc, Martinique, Grenada zu; die Engländer behielten Barbados, Nte- vcs, Antigoa, Montserrat. St. Christoph blieb gemeinschaftlich. Die Caraiben, etwa noch 6000 Köpfe stark, mußten sich auf den Besitz von Dominica, St. Lucia und St. Vincent, einschränken. Wahrend dieser Zeit kam (1655) Jamaica, welches die Spanier schlecht vcrtheidigtcn, in die Gewalt der Engländer. Das Zeitalter der Flibustiers erreichte jetzt aber auch sein Ende. Doch lange genug dauerte ejne Gesellschaft von Seeabcntheucrn ohne Gesetze, ohne Oberhaupt, ohne Subordination, fort, und sie hätte noch länger fortgedauert, wenn, an die Stelle der unthätigen Spanier, nicht Engländer und Franzosen getreten waren. Die Engländer bevölkerten ihre Inseln durch unglückliche Kauflente, Wüstlinge, Verbrecher, Schwär- 6? Schwärmer. Sie verwandelten den fruchtbar rcn Boden dieser Inseln in einträgliche Zw ckcr- Kaffee - Indigo- Cacao-Pflanzungen, die von vielen taufenden von Negern gebaut wurden. Die meisten von diesen Inseln wuchsen ohne die Pflege ihres Mutterlandes, das von ihnen weiter nichts verlangte, als daß ihre Gesetze mit den seinigen nicht im Widerspruche stehen möchten. Die Inseln ahmten aber die englische Verfassung »ach. Den Eigenthümcrn der französischen Inseln kaufte Cowert (1664), um dem Schleichhandel mir Nachdruck zu wehren, ihre Antillen ab. Eine Gesellschaft von französischen Kauft teuren erhielt nun das ausschließliche Recht, nach den westindischen Inseln zu handeln. Diese behauptete sich aber so wenig, wie manche andre Gesellschaft dieser Art, und der Handel nach Wcstmdien wurde endlich allen französischen Bürgern, aber frcylich unter sehr eingeschränkten Bedingungen, frei) gegeben. . Auch die Holländer, die Danen, die Schweden suchten sich einige von den westindischen Inseln zuzueignen. Die Hollander E 2 nahmen 68 nahmen den Spaniern Curassao (16Z4) weg und besetzten die Felsenmasse St. Eustachius; die Danen ließen sich (1671) jedoch anfangs mit Widerspruche Englands, auf der Insel St. Thomas nieder. Gold - und Silberschätze lockten die Europäer aber vorzüglich nach Südamerika. Auch hier eigneten sich die Spanier den größten Theil zu» Nachdem sie auf der Landenge Panama, in Peru und Chili, sich festgesetzt hatten 5), breiteten sie sich in der von dein Maranhon und dem Orinoco eingeschlossenen Gegend immer weiter aus. Sie nennten dasselbe, zum Unterschiede von den Inseln, und den Küstenländern, Terra firma (das feste Land). Die Stadt Carthagena, die sie in demselben angelegt hatten, blühets, ihres sichern und festen Hafens wegen, geschwinde auf. Eben dieß erregte jedoch den Neid der übrigen Handelsnationcn, und daher wurde die Stadt erst (1544) von französischen See, räubern ausgeplündert, und 40 Jahre hernach (1585) von dem englischen Admiral Drake gar abgcbrcnnt. In Chili hatte!» die Spanier *) Th. ix. S. -5t. Spanier die Städte St. Jago und Eoncep» tion gebaut Von hier aus gelangten sie an den großen Strom, den sie, der nahen Silbcrschätze wegen, Plata, oder Silberstrom, nennten. An diesem erhob sich frühzeitig (15z;) eine schöne Stadt, Buenos Ayres. In diesem großen Landstriche bildete sich eine wichtige Colonie der Jesuiten. Diese schlauen Väter, welche ihre Absicht, die Welt zu be» herrschen, unter der Maske des Rcligions» cifers, so gut zu verbergen wußten, erklär» tcn die spanischen Abkömmlinge für ein Hin» dcruiß ihres Bekchrungsgeschaftes, weil sie auf die Sitten der ueubekehrten Indianer einen nachthciligcn Einfluß hatten.- Sie er» boten sich daher (1600) unter der Bedingung, wenn alle Spanier aus dem Laude wegblie» bcn, für jeden Kopf der Eingebohrnen, die sie jedoch nicht genau angaben, jährlich einen Piaster zu bezahlen, und allenfalls auch eine Anzahl Indianer zum königlichen Dienste zu stellen. Die spanische Regierung bewilligte ihnen diese Bedingung. Nun wachten sie mit unerbittlicher Strenge gegen die Zulaft sung eines jeden Fremdlings. Als die Por» tugie» Th.ix. 7° tuglesen, Besitzer von Brasilien, der spann schen Herrschaft sich wieder entzogen, wurden die Jesuiten von den Spaniern mit Fcucrgc- wehren versehen, um ihnen sowohl Bcystand zu leisten, als auch ihr Land zu verthcidigen. Dies benutzten die Jesuiten, als eine von treffliche Gelegenheit, Festungen anzulegen, und einen ordentlichen Kricgsstaat zu bilden. Jesuiten waren jetzt nicht allein Geistliche, Kaufleute, Regenten; sie waren auch Kriegs- bcfchlshabcr, die ihre leibeigenen Indianer in ein gutes Heer umschufen, die durch dieses Heer, und durch ihre Missionaricn, ihr Gebiets) an den Flüssen Plata und Paraguay, immer weiter ausbreiteten. Das Haupt dieses jesuitischen Staats war ihr Provinziell, der, nebst seinen vier Consultatorcn, in dem großen Collcgium zu Cordova seinen Sitz hatte, wo zugleich eine Universität war. Die eigentliche Beschaffenheit dieser großen Missiomsanstalt der Jesuiten war lange Zeit den Portugiesen in dem angranzenden Brasilien eben so unbekannt, als den Spaniern. Die Portugiesen brauchten die Küste von Brasilien zum Verbaunungsort für ihre Verbrecher *) Theil IX. S. -iz. eher und die Juden, welche jährlich durch zwey Schisse hingebracht wurden. Die daraus entstehende Colonie pflanzte Zuckerrohr, das man ihr aus Madera lieferte. Der König gab (um 1525) dem Adel seines Reichs die Erlaubnis, Bezirke dieses Landes, als sein Ei- gcnthum, zu erobern, und über die Einge- bohrncn alle Rechte der Landeshoheit, da§ Münzrecht und das Recht über Leben und Tod ausgenommen, auszuüben. Er verlangte auch nicht mehr, als den zehnten Theil von den Landcscrzcugnissen. Nun wurden verschiedene Städte, unter andern San Salvador und San Vincent, angelegt. Das pro- ductcnreiche Land gerieth hierauf erst unter spanische, und hernach unter holländische Herrschaft 5). Die elenden Vcrthcidigungsanstal- ten der Hollander brachten endlich einen Portugiesen von niedriger Herkunft, Johann Ferdinand de Viera, der, aus einem Handelsdiener, Factor, Kaufmann, ein reicher und angesehener Mann, geworden war, zu dem muthigcn Entschlüsse, die Holländer aus Brasilien zu vertreiben. Ohne Mitwissen, ohne Unterstützung der Negierung, sammelte und unter- Theil xiu. S. 17. 72 unterhielt er eine Armee, mit welcher er, in Zeit von neun Jahren (1645 bis 1654) die Holländer zur Entfernung nvthigte. Der Hof zu Lissabon stellte sich, als wenn er dies sen Krieg mißbillige. Die Gencralstaatcn wurden dadurch verleitet, Viera's Untcrnehs mung nicht für gefährlich zu halten, und als sie endlich ernsthaftere Maßregeln ergriffen, war die rechte Zeit verstrichen, und es blieb ihnen weiter nichts übrig, als ein Vergleich, durch den sie (1661) für acht Millionen Crus saden, auf Brasilien Verzicht leisteten. Seit der Rückkehr der portugiesischen Herrschaft zeigten sich die Jesuiten recht eifrig, die Eins gcbohrncn bis zum Amazonenstrom dem Chris stenthume zuzuführen; doch wurde erst gegen das Ende des I7ten Jahrhunderts Brasilien den Portugiesen recht wichtig. Sie fanden die Goldschätze in Minas Geracs; die schös ucn Diamanten entdeckten sie aber erst später (1728). Die Sage von el Dorado, einem vors züglichen Goldlande, bewog spanische Abens thcucr, alles aufzubiethen, was den Weg zu demselben bahnen könnte. Es sollte in der Nähe des 7Z des Amazonenstroms liegen; aber durch einen Wasserfall des Orinoeo wurde die Reise nach demselben unterbrochen, und Man begnügte sich einstweilen, die Stadt San Thomas auzus legen. Man fand jedoch, als man mitdenLäns dorn an den Ufern des Amazonenstroms näher bekannt wurde, das gepriesene Goldland noch immer nicht. Man wurde indessen mit dem Orinocolande, oder mit Guayana, bekannt, und wenn auch die Spanier den Anbau des? selben vernachlässigten, so wetteiferten doch Franzosen und Holländer, sich in demselben Pflanzungen zu erwerben. Die Franzosen ließen sich, (besonders seit 1676) auf der Znsel Caycnne nieder; den Holländern blies ben die Küftenbczirke, wo die vielen großen, häufig anschwellenden Flüsse sich fast an eins ander anschließende Sümpfe bildeten. Hier entstand (seit 168z ) ein kleines, amerikanis schcs Holland; der vornehmste Gegenstand der surinamschen Handelsgesellschaft. Die Holländer bekamen nun eine so entschiedene Ueberlegenheit, daß eine Colonie, welche die Engländer hier angelegt hatten, ihnen weis chen mußte. Sie bauten hierauf am Flusse Surinam eine Stadt, die sie Paramaribo nenn 74 nennten. Am Essequebo, wo sie zuerst Gold suchten, hatten sie sich (1627) gleichfalls nies dergelassen. Bcrbice besetzten sie erst fünfzig Jahre spater (1678), und Dcmcrary kam sechzig Jahre hernach (1740) in ihre Gewalt. Sech- 75 — - ^ Sechzehnter Abschnitt. Ludwigs xiv Ansprüche auf die pfalzsimmcrnsche Vcrlasscnschast. Unzweckmäßiger Zustand der deutschen Rcichskriegsverfassung. Die deutschen Rheinländer werden von den Franzosen schrecklich behandelt. Ludwig XIV kämpft mit vielen Feinden. Luxcmbvurg erficht ihm glänzende Siege. Vergeblicher Plan, Wilhelm Iii zu entthronen. Seekrieg. Friede zu Ryswik. nutzt. Die Spanier strengten, seitdem ihnen aus Amerika so viel Gold und Silber zufloß, ihre ?6 « ihre Thätigkeit fast gar nicht mehr an, und wenn ihre Regsamkeit auch zuweilen erwachte, so wurde sie von der schlechten Regierung ih- res Staates bald wieder niedergedrückt. Eine größere Emsigkeit zeigten die Portugiesen, besonders seit der Zeit, daß sie nicht mehr unter der spanischen Oberherrschaft schmachte- ten. Ihren bedrängten Zustand benutzten die Holländer, um zu ansehnlichen Besitzungen in Amerika zu gelangen, und wenn sie auch Brasilien nicht behaupteten, so hatten sie doch dadurch Gelegenheit bekommen, am Orinoco sich festzusetzen. Mit ihnen wetteiferten Englander und Franzosen, ihre Niederlassungen in Amerika zur Ausdehnung ihres Handels zu benutzen. Der Neichthum, den die Engländer und Holländer durch ihren Handel erwarben, vergrößerte ihr Gewicht in den europäischen Angelegenheiten. Dicß fühlte vornehmlich Ludwig XIV, dessen Planen sie, besonders seit Wilhelms III Regierung, manch- mahl entgegen arbeiteten. Einer dieser Plane hatte die Vcrlasscnschaft des pfalzsimmernschen Hauses zum Gegenstande. Dieses Haus erlosch um diese Zeit (1685 May). Das Land und die Kurwürde desselben 77 selben kam hierauf an den Pfalzgrafen Philipp Wilhelm von Ncuburg. Allein die Schwester des letzten Kurfürsten von der sim- mernschen Linie, Charlotte Elisabeth, die an Ludwigs XIV Bruder, den Herzog von Orleans, vermählt war, diente jenem zum Verwände, in ihrem Nahmen einen großen Theil von dem simmernschen Laude in Anspruch zu nehmen. Seine Forderungen brachte ein eigner Gesandter, der Abt Morel, nach Heidelberg. Der neue Kurfürst sollte nur dasjenige behalten, wovon er die Mauns- lehnschaft beweisen könnte. Der Kaiser Leopold I glaubte sich als Sberrichter berechtigt, diesen Handel zu entscheiden; Ludwig berief sich aber auf den Ausspruch des Pabstes. Ohne Krieg konnte dieser Streit also nicht entschieden werden. Ludwig XIV, dem beständig eine große Armee im gerüsteten Zustande zu Gcbothe stand, trotzte den übrigen europäischen Mächten, und vornehmlich dem deutschen Reiche, dessen schlechte Kricgsvcrfassung ihm hinlänglich bekannt war. Der Kaiser, der machtigste Ncichsstaud, brauchte den größten Theil seiner 73 ner Kriegsmacht gegen die Türken, die Ludwig XIV immer in Bewegung zu erhalten wußte. Friedrich Wilhelm der Große von Brandenburg, der seiner Eroberungssucht manchmahl Einhalt that, näherte sich dein Ende seines Lebens und seiner Wirksamkeit. Die übrigen deutschen Fürsien, unter welchen Sachsen, Braunschwcig und Hessen, das ansehnlichste Militär unterhielten, ließen es gewöhnlich nur alsdenn, wenn es ihnen Sub- sidicn oder andre Vortheile, einbrachte, sich in Bewegung setzen. Das Heer, welches die Neichsstande zusammenstellten , bildete noch immer eine schlecht' zusammengesetzte Soldatenmasse. Doch einige Jahre früher hatte die Einrichtung dieses Heeres seiner Absicht noch weniger entsprochen. Man stelle sich einige hundert von größern und kleinem Mannschaften von Völkern, die in ihrer Sprache, in ihren Sitten, in ihrer Ausrüstung, in ihrer Verpflegung so verschieden waren, aneinander gereihet vor. Wie konnte ein so verschiedenartiger Haufe von Kriegern nach «Wem Punkte hinwirken? Dieser Gedanke wurde 79 wurde endlich von den Neichsstandcn so leb» hast gefühlt, daß man (1681) eine andre Einrichtung machte. Die Armee des beut« sehen Reichs sollte künstig aus 28000 zu Fuß, und 12,000 zu Pferde, also zusammen aus 40,000 Mann, bestehen. Jedem Kreise wurde sein Beytrag zu dieser Mannschaft zu« gctheilt. Der östrcichische Kreis stellte allein über 8000 Mann; von den Kreisen Bur« gund, Schwaben, Westphalen, Niederstach« scn, Sbersachscn, mußte jeder über 4000 Mann marschieren lassen. Die übrigen vier Kreise, für die nur.noch 12000 Mann übrig blieben, hatten ungleich kleinere Contingente. Wenn nun auch Oestreich allein für die bey« den Kreise, die zu seinen Erblauden gehörten, ein Corps von mehr als 12000 Mann stellte; wenn die Contingente der Kurfürsten nicht ganz unansehnlich waren, so blieben doch immer, vornehmlich in den kleinen, Neichskrciftn, noch so viele unbedeutende Kriegsschaaren übrig, daß ein Regiment, ein Vatallion, oft aus den Truppen mehrerer Neichsstande gebildet wurde, und daß eine aus denselben zusammengesetzte Armee noch immer ein sehr schlecht verbundenes Ganze aus« 80 ausmachte. Die schlecht verbundene Armee war auf sehr verschiedene Art ausgerüstet und verpflegt. Schon dieser Umstände wegen konnte man sich von ihren Unternehmungen, und wenn auch die Mannschaft zwey - und drcyfach gestellt wurde, keine große Wirkung versprechen. Aber die vielartigen Contingcnte kamen auch so langsam herbcy, daß das Neichshecr selten vor dem Monath August ins Feld rücken konnte, und daß die Thä- tigkeit desselben sich blos darauf einschränken mußte, dasjenige wieder zu erobern, was dem deutschen Neicbe von den Franzosen im dessen entrissen worden war. Diese Kriegsverfassung konnte dem ero- bernngssüchtigen Ludwig XIV frcylich nicht furchtbar scheinen. Um so eher wagte er es, in die Rechte und Besitzungen des deutschen Reichs Eingriffe zu thun. Er drückte die deutschen Neichsstände wegen der Güthcr, die sie in Elsaß besaßen; er ließ bei, Hüningcn, auf einer dem Markgrafen von Baden gehörigen Insel das Fort Louis anlegen, von diesem eine Brücke über den Rhein führen, und auch am Ende derselben auf dem rechten NHcinuftr ein Fort bauen. Diese 8l Diese ungerechten Anmaßungen Ludwigs XIV, die seine Absicht, alles durchzusetzen, deutlich genug aussprachen, bewogen den Kaiser Leopold, mit Spanien, Schweden, Bayern, Sachsen, und den vorder» Reichs- kreisen (1686 Jul.) zu Augsburg, eine Verbindung zu schließen, welche die Beobachtung des westphälischcn uud des uimwcgischcn Friedensschlusses, imgleichen des zwanzigjährigen Waffenstillstandes, zur Absicht hatte. Der französische Hof schrie nun laut über des Kaisers feindselige Absichten. Indessen that er wieder einen Eingriff in die deutschen Neichs- angclegenhciten. Er brachte es durch seinen Einfluß dahin, daß das Domcapitel zu Cöln '(1688 Jan.) den Bischof von Straßburg, Wilhelm Egon von Fürstenberg, zum Coad- jutor seines Kurfürsten wählte, damit auch der Nachfolger des lctztern seinem Interesse Immer treu bleiben möchte. Zwar wollte der Pabst Jnnoccnz III die Wahl desselben nicht bestätigen; auch widersprach ihr der Kaiser Leopold; aber dennoch nahm Fürstcnberg, als der alte Kurfürst starb, ungeachtet die meisten Stimmen der Domherren sich gegen ihn erklärten, ungeachtet der, von denselben gc- Galletti Mltg. igp Th. F wählte wählte bayrische Prinz Joseph Clemens, fär den der Pabst entschied, in das kurfürstliche Collegium aufgenommen wurde, dessen Stelle ein. Seine Partheylichkcit für Frankreich verrieth sich gleich dadurch, daß er in Bonn, und verschiedene andere kölnische Ocrtcr, französische Truppen einziehen ließ. Die Reichsstadt Cöln vermehrte dagegen ihr Kriegsvolk durch einige tausend Pfälzer und Brandenburger. Ludwig XIV kündigte hierauf dem deutschen Reiche Krieg an. Schon früher (1685 Nov.) hatte erden Vereinigten Niederlanden, wegen der Beförderung der englischen Revolution, seine Freundschaft aufgesagt. Ludwig XIV hoffte, mit seiner großen Macht, seine vereinigten Feinde, die nugs- burgschcn Bundesgenossen, an welchen sich noch Savoyen, und fast alle italienischen Fürsten, anschlössen, bald zu Boden zu drücken. Er hatte fast immer fünf, und zuweilen gar sechs, nicmahls aber weniger als vier Armeen, im gerüsteten Zustande. In Deutschland, in den Niederlanden, stellte er mehr als cinmahl ein Heer von 100,000 Mann auf, und dennoch waren die Gränzfe- stungen 8z stungen immer mit hinlänglichem Kriegsvolke versehen. Aber er zählte auch, die Seetrup- pen mitgerechnet, gegen 450,000 Krieger. Der Prinz von Oranien war (1688 Jan.) noch nicht aus dem Terel, war noch nicht in England, als die französischen Armeen schon an den Gränzen der Niederlande, und am Rhein standen. Ludwig schickte eine Armee von hunderttausend Mann nach den Niederlanden. Den eigentlichen Oberbefehlshaber derselben stellte der Marschall von Duras vor. Aber der Dauphin, 27 Jahre alt, gutmü- thig und bescheiden, genoß die Ehre, für den Sbergencral zu gelten. „Mein Sohn,, sagte Ludwig XIV zu demselben, als er sich von ihm beurlaubte, „ indem ich Dir den Oberbefehl über meine Heere anvertraue, gewähre ich Dir eine Gelegenheit, die Welt von deinen Verdiensten zu überzeugen; bemühe Dich daher, ganz Europa auf dieselben aufmerksam zu machen, damit es, wenn ich einst sterbe, nicht gewahr werde, daß der König nicht mehr lebt.,. Während daß die französische Hauptarmee sich nach den Niederlanden hinzog, gieng T s Vouff- 84 Bouffiers mit einer Truppenabtheilung über den Nhcin, und der Marschall d'Humisres nahm seinen Standpunkt bey Cüln. Die deutschen Städte am Nheinufcr, Worms, Speyer, Maynz und Philippsburg, waren bald erobert. Die Belagerung von Philipps- bürg leitete der berühmte Kricgsbaumcistcr Vauban selbst. Catinat war der Obergencral der Truppen. Auch Mannheim, Frankenthal und Oppenheim, konnten der Gewalt der Franzosen nicht widerstehen. Die deutsche Reichsarmcc setzte sich in Bewegung, um de» bedrängten Rhcingegende'n Hülfe zu leisten. Zhre Aunahö'rung erzeugte aber in dem alles Menschengcfühls beraubten Louvois den Gedanken, die schönen Gegenden am Nhcin in eine so schreckliche Wüste zu verwandeln, daß sie dem deutschen Kriegsvolke durchaus nicht zum Aufenthalte dienen könnte. Die Generale erhielten nun den vom Könige selbst (1688 Nov.) unterzeichneten Befehl, eine Menge der schönsten Oertcr abzubrennen. Die Generale, denen die Befolgung dieses Befehls schwer wurde, kündigten hierauf den Bewohnern der zur Verwüstung bestimmten Oerter die traurige Nvthwendigkeit an, ihre Woh- Z; Wohnungen zu verlassen. Männer, Weiber, Greise, Kinder, flohen nun mit angstvoller Unruhe. Ein Wagen drängte den andern, und dennoch konnte malt der Fuhrwerke nicht genug herbeyschaffcn, um die Unglücklichen, und ihre beweglichen Habseligkeiten, wegzubringen. Viele suchten ihre Zuflucht in den benachbarten Dörfern; viele irrten auf den Feldern umher, als traurige Zuschauer des schrecklichen Schicksals, das ihren Wohnungen widerfuhr. Die Lcrmtrommeln wurden geschlagen. Nun eilten Grenadiere mit brennenden Fackeln zu 8en Ecken der Gassen, an welchen schon Pechkranze angeheftet waren, und nach wenig Minuten stand eine ganze schöne Stadt in Rauch und Flammen eingehüllt. Auch die Kirche, in welche die Einwohner ihren Hausrath, den sie, wegen der kurzen Frist, nicht fortschaffen konnten, gerettet hatten, auch diese wurden vom Feuer zerstört. Und so brennten alle Städte von Heidelberg bis Oppenheim. In Heidelberg wurde (1689 Jan.) vorher das Schloß ausgeplündert, und alles Geschütz aus dem Zeughause, und von den Wallen, nach Philippsburg gebracht, wurde hierauf daö Schloß und die 86 die Neckarbrücke in die Luft gesprengt. Noch unbarmherziger verfuhren die Franzofen mit Mannheim, dessen Einwohner sie den Winter hindurch mit der gastfrepsten Sorgfalt ver« pflegt hatten. Die schöne Stadt verwandelte sich in einen Schutt« und Aschcnhaufcn, der selbst auf den General, der den Oberbefehl führte, einen rührenden Eindruck machte. Das traurige Loos traf nun (im Febr.) auch die Städte Offcnburg, Krcutznach, Ladcnburg, Oppenheim, Gernsheim, Bruchsal, Franken« thal, Pforzheim, Nastadt u. a. m. Nichts aber gieng über die schreckliche Behandlung, welche die Städte Worms und Spepcr (im May) erfuhren. Die Einwohner verlohrcn nicht allein ihr Eigenthum; sie mußten auch noch überdies dem Spiele des unbarmherzig« sten Muthwillens sich unterwerfen. Wenn nun die ganze Welt über Ludwigs XIV ty« rannisches Verfahren schrie, so hatte sie gc« wiß das gegründetste Recht. Doch sein Be« fehl gieng blos auf die Vernichtung der Le< bensmittel in den pfälzischen Ländern, und er erfuhr es erst fünf Monathe hernach, daß der Befehl so grausam gcmißdcutet worden war. Sein Unwille über Louvois äusserte sich 8? sich auch in einem Conscil so lebhast, daß man es im Vorzimmer hörte. Louvois starb gleich hernach eines plötzlichen Todes. Das französische Verfahren in den schönen Nhcingegendcn reizte Europa zum höchsten Unwillen. Um so williger schloß man sich an den Kaiser Leopold I an. Ludwig XIV trotzte ja ohnedies; den an sein Gebietss gräm zcndcn Staaten so übermüthig, daß eine all« gemeine Verbindung ihnen höchst nöthig scheinen mußte. Schon im Nov. des vorigen Jahrs (l688) hatte er den Gencralstaaten Krieg angekündigt, weil sie, wie sein Manifest sagte, denjenigen unterstützten, der blos die Erneuerung des Krieges zur Absicht habe, weil sie starke Kriegsrüstungcn machten. Die Gencralstaaten sahen nun die Nothwcndigkeit ein, ihre Lage durch eine Verbindung mit dem Kaiser Leopold sicherer zu machen. So kam (1689 am i2tcn May) ein Bündniß zum Schlüsse, stvelchcs nicht allein auf Verteidigung, sondern auch auf Angriff, gerichtet war. Dem Könige von Spanien hatte Ludwig schon früher (15. April) den Krieg angekündigt. Der König, sagte er, bemühe sich. 88 sich/ jedermann gegen ihn zum Kriege zu reihen ; er habe das augsburger Vündniß befördern helfen; er habe dem Prinzen von Oranicn Hülfe geleistet. Doch dieser/ Wilhelm III, schon lange Ludwigs XIV erklärter Feind, weil er dessen Macht für die Frep- hcit von ganz Europa für gefährlich hielt/ dieser brachte es dahin, daß Großbritannien ihm (17. Map) seine Freundschaft gleichfalls aufsagte. So begann ein neuer Krieg in Europa, der manche Länder desselben acht Jahre hindurch unglücklich machte. Zu diesen Ländern gehörte auch ein Thcil von Deutschland, dessen Nheinufer eine so traurige Ansicht darbothen. So eifrig hatten sich die deutschen Reichsständc lange nicht gerüstet. Sic stellten in kurzer Zeit drey ansehnliche Armeen auf, die aus geübten Leuten bestanden, und von geschickten Generalen angeführt wurden. Ihre Wirksamkeit war um so größer, je mehr die Heere Ludwigs, der sich unpolitischer Weise mit zu vielen Feinden auf einmahl einließ, sich zu sehr thcilen mußten, je weniger seine Cavallerie, ihrer geringen Uebung wegen, mit der deutschen sich messen 89 messen konnte. Der Marschall Duras, der über die französische Nhcinarmce den Befehl führte, bcgicng das Versehen, dem Herzog von Lothringen, dem Obergencral der Deut« sehen, Zeit zu lassen, über den Rhein zu gc- Heu, und (16. Zul. bis 9. Sept.) Maynz zu erobern. Eine zwcyte deutsche Armee, die meistens aus Brandenburgern bestand, halte indessen Bonn belagert. Aber diese Festung wurde (im Zul.) von ihrer zahlreichen Besatzung so gut verthcidigt, daß sie den mächtigsten Angriffen Trotz both. Hierzu kam, daß der Kurfürst von Brandenburg seine Armee schwachen mußte, um dem Kurfürsten von Trier, dessen Land von einer Abthcilung Franzosen verwüstet wurde. Hülfe zu leisten. Bonn wurde auch nicht eher erobert, als bis (im Ott.) der Herzog von Lothringen den Kurfürsten unterstützen konnte. Nun war aber auch der Rhein für die Deutschen wieder geöffnet, und die Franzosen mußten sich aus der Gegend von Heidelberg wieder entfernen. Der ungünstige Ausgang des vorigen Feldzuges machte auf Ludwig XIV, dessen Ero< berungs- 90 bcrungsplane dadurch mächtig gestört worden waren, einen so großen Eindruck, daß er eine Veränderung in Ansehung der Obergenerale vornahm. An die Stelle des Marschalls Duras trat der Marschall de Lorges; der Marschall d'Humicres mußte dem Prinzen von Luxcmbourg Platz machen. Der deutsche Obergeneral änderte sich aber auch. Nachfolger des Herzogs von Lothringen, der noch im vorigen Jahre (1689 Oct.) gestorben war, wurde (1690 April) der Kurfürst Maximilian Emanuel von Bayern, der ein Heer von 70,000 Mann unter seinem Befehle versammelt sah. Aber die interessantesten Auftritte dieses kriegerischen Schauspiels ereigneten sich damahls in dem Lande an der Maas. Hier war es, wo sich die Ueberlegenhcit des französischen Kriegswesens am auffallendsten zeigte, wo sich die Talente der französischen Feldherren am glänzendsten entwickelten. Luxcmbourg, Zögling des großen Condc, und auch, eben so wie dieser, feurig, schnell ausführend, scharfsehend, wenn er auch gerade nicht die tiefsten Kenntnisse besaß, immer verliebt, und selbst zuweilen geliebt, obgleich nicht 9r nicht sehr liebenswürdig; mehr Held, als Weiser, war der erste General, der große Armeen manövriren ließ, der seinem Könige die glänzendsten, wenn gleich nichr folgenreichsten, Siege erfocht. Die Feinde desselben, die 140 bis i)0,Ooc> Mann im Felde hatten, ließen einen Theil des Sommers verstreichen , ohne ihre überlegene Macht zu benutzen. Daran war die zu geringe Ucbcrcin- stimmung, die unter verbundenen Staaten so öfters vorkömmt, hauptsächlich Ursache. Endlich war man entschlossen, die Armee unter dem Marschall von Luxembourg anzugreifen; doch wollte man vorher die Ankunft des brandenburgischen Heeres abwarten. So lange wartete aber Luxembourg nicht, mit dem sich Bouffiers glücklich vereinigt hatte. Zur großen Ucberraschung des Obcrgencrals der Vereinigten, des Fürsten von Waldeck, näherte sich ihm Luxembourg (1. Jul. 1690.) nach mancherlei) täuschenden Märschen, bcy dem Dorfe Flcurus, in der Grafschaft Namur, so sehr, daß er einer Schlacht nun gar nicht mehr ausweichen konnte. Luxembourg gewann sie durch seine taktischen Künste, worin er, oder sein Generalstaab, dem Fürsten von Waldcck 92 Waldeck überlegen war. Die Vereinigten verlohnen 14S00 Mann, und alle Kanonen, nebst ihrem Gcpacke. Doch Wilhelm III, der, immer Auskunft«» mittel wissend, die Niederlagen benutzte, um neues Geld und neue Truppen zu bekommen, stellte dem Marschall von Luxembourg bald wieder eine große Armee entgegen. In einer Versammlung von Bevollmächtigten der Vcr» einigten, die zu Anfang des folgenden Jahres (1691) im Haag gehalten wurde, beschloß man die Ausrüstung einer Armee von 120,000 Mann. Aber die Franzosen rückten früher ins Feld, als Wilhelm III es vermuthete. Sie eroberte (im April) die Festung Möns, welche der mit 45,000 Mann anrückende Wilhelm III nicht retten konnte, und die Franzosen bemächtigten sich bald der ganzen Grafschaft Hcnncgau. Doch Ludwig XIV, der gleichsam nicht Feinde genug haben konnte, vermehrte jetzt dieselben durch den Herzog von Savoycn. Ludwig, der diesem ehrgeihigcn und unter» nehmenden Fürsten, Victor Amadeus II, nicht traute. 95 traute, verlangte von ihm so demüthigendeBce weise seiner Ergebenheit, daß er ihn dadurch zu dem Entschlüsse brachte, an seine Feinde sich anzuschließen. Er sollte nchmlich alle seine Truppen mit der französischen Armee des Gee uerals Catinat vereinigen, oder, wenn er neutral zu bleiben wünschte, die Cittadclle von Turin, und noch zwey andre Festungen, den Franzosen einräumen. Da diese schon an seinen Granzen standen, so mußte er, durch schlau verzögerte Unterhandlungen, Zeit zu gewinnen suchen, bis er (1690 Jan.) mit dem Kaiser, mit England, Spanien und Hol- land, einen Bund geschlossen hatte. Nmr wagte er es, dem Könige Ludwig den Krieg anzukündigen, und nun sah sich der erobee rungssüchtige Monarch auf allen Seiten von Feinden umringt. Die Unternehmungen in Obcritalicn waren ihm aber besonders wichtig, weil er, wenn er die Thalcr von Savoycn nur erst in seiner Gewalt hatte , über das Schicksal des Herzogs und Obcritalicns fast entscheiden konnte. Aus eben diesem Grunde entzog er auch seiner Nheinarmce, an deren Spitze der Dauphin stand, einen Thcil ihrer Mannschaft, um sie in Italien auftreten zu lassen. 94 lasten. Auch erfocht Catinat über den Herzog und seine Hülfstruppen bey Staffarda (1690 am 15. Aug.) einen entscheidenden Sieg, der einen großen Theil von Savopcn in französische Gewalt brachte. Da die französische Armee in Deutschland aber jetzt weniger zahlreich war, so konnte der Kaiser den vorzüglichsten Theil seiner Rheinarmce nun auch nach Italien.marschieren lassen, um sowohl den Herzog von Savoyen, als das Herzogthum Mayland, zu retten. In Deutschland fiel daher (1691) nichts entscheidendes vor. Aber wenn es hier auch nicht an Kräften gefehlt hätte, so fehlte es doch an Einigkeit. Der kaiserliche General Caprara, und der kur- sachsische General Schöning, stimmten in ihren Planen gar nicht übercin. Darüber verstrich die Zeit des Feldzuges, und endlich riß unter dem Heere der Vereinigten eine ansteckende Krankheit ein, von welcher selbst der Oberbefehlshaber, der Kurfürst von Sachsen, nicht verschont blieb. Seine Stelle erhielt nun der Markgraf Christian Ernst von Brandenburg > Bayreuth. Aber die Unternehmungen gegen die Franzosen waren nicht allein am Rhein, sondern auf 95 auf dem ganzen Kriegstheatcr, sehr planlos. Man ließ Ludwig XIV Zeit, seine Feinde einzeln zu besiegen, und von der siegreichen Armee demjenigen seiner Heere, welches sich in Verlegenheit befand, Verstärkung zu schi- ckcn. Wahrend daß ein großer Theil der deutschen Truppen, in den Niederlanden, sich an die Spanier, Englander und Holländer anschloß, war das deutsche Rheinland fast allein der Vertheidigung der Kreistruppen von Franken und Schwaben überlassen. Doch Ludwig XIV stellte auch seine größte Armee in den Niederlanden auf, weil er diese schönen an sein Gcbicth gränzende Provinzen durchaus erobern wollte. Hier war cs, wo sein vortrefflicher Feldherr Lupcmbourg seine glückliche Thätigkcit zeigte. Während daß derselbe dem Könige Wilhelm III die Spitze both, belagerte und eroberte Ludwig selbst (1692 Zun.) die wichtige Festung Namur. Wilhelm wagte endlich bey Stecnkercken (ztcn Aug.) einen Angriff. In seinem Lager wurde ein Spion des Marschalls Lurcmbourg cnts deckt. Ehe man ihn hinrichtete, mußte er an seinen General einen falschen Bericht schreiben. den, der ihn irre führen sollte. Die französische Armee wurde, gegen Anbruch des Tages , im Schlafe überrascht. Sie befand sich zum Theil schon auf der Flucht. Um ihre Verwirrung und Niederlage zu verhindern, «nd den überraschenden Feind siegreich zurückzutreiben, war der große, glückliche General nichr allein hinreichend. Einsichtsvolle, brave Officicre, geübte und erfahrne Soldaten, mußten seine klugen und uncrschrocknen Anordnungen unterstützen. Lupembourg war eben krank ; aber die Gefahr ließ ihn seine Krankheit vergessen, verlieh ihm die Kräfte der Gesundheit. In weniger als zwei) Stunden, hatte er seine Stellung vorthcilhaft verändert, hatte er seine zerstreuten Vatallione und Schwadronen drey- mahi wieder gesammelt, hatte er drcymahl an der Spitze der königlichen Haustrnppen angegriffen. Unter diesen fochten Bourbon, Neffe des großen Conde, Conti, Vendome, Enkel Heinrichs IV, der seit dem zwölften Zahre diente, und noch manche andre Sprößlinge der edelsten Familien. Bouffiers und seine Dragoner vollendeten den Sieg. Wilhelm III zog sich, mit einem Verlust von etwa /soo Mann, aber in guter Ordnung, zurück. Aber 97 Aber den glänzendsten Sieg erfocht Luxemburg im folgenden Jahre (169z am 29. Jul.) zwischen Landen und Ncerwinden, einige Meilen von Brüssel. Luxemburg überraschte, durch einen Marsch von 7 Licues, den König Wilkclm, mit einer überlegner» Macht. Wilhelm suchte sich während der Nackt zu verschanzen, und auf einen Angriff vorzubereiten. Dieser erfolgte gegen Morgen. Wilhelm stand an der Spitze eines Cavallericregimenrs von Franzosen, die der Widerruf des Edictg von Nantes ihrer Häuser, ihrer Länderei), ihres Vaterlandes, beraubt hatte, und die daher mit dem glühendsten Rachgefühl fochten. Die tapfersten Schwadronen Ludwigs XIV wichen ihnen; aber endlich stürzte Wilhelm mit seinem ge- tödtetcn Pferde. Luxemburg war oft in großer Gefahr. Sein zärtlicher Sohn, der Duc von Montmorcncy, stellte sich vor ihn, um die Schüsse aufzufangen. Das Dorf Ncerwinden wurde endlich von den Franzosen zum drittenmahl eingenommen, und dieses entschied. Aber der mörderische Kampf hatte auch den Vereinigten 12,000, und den Franzosen 8000 Menschen, gekostet. EalletttWcltg.-4rTH. G Alle Alle diese Siege Luyembourgs hatten aber doch keine wichtigen Folgen, weil die Vereinigten immer nicht völlig geschlagen wurden, weil Wilhelm sich immer gut zurückzog. Die Vereinigten stellten im folgenden Jahre (1694) wieder ein Heer von 70,000 Mann zu Fuß, und 30,000 zu Pferde, auf. Die Franzosen zählten 20,000 weniger. Dennoch wagten die Vereinigten keinen Angriff. Doch der glückliche Feldherr Luxembonrg starb im folgenden Jahre (1695). Zn seine Stelle rückte der Marschall von Villersi, der seinem Vorgänger an Generalstalcnten weit nachstand. Wilhelm III eroberte (im Sept.) das von 16,000 Mann vcrthcidigtc Namur. Villeroi wurde freylich auch durch die Lage dieser Festung abgehalten, ihr Hülfe zu leisten; doch warf sich der thaligc, unternehmende, diensteifrige Bouffiers mit 7 Regimentern Dragoner hinein. Um so größer war aber auch der Verlust an Mannschaft, als Namur sich ergeben mußte. Villeroi beschäffrigte sich indessen mit der Bombardierung der großen und schönen Stadt Brüssel, um wegen der Verwüstungen, welche die Bomben der Engländer und Holländer in französischen Häfen an- gerich- 9) gerichtet hatten, Rache auszuüben. Auf zooo Häuser, meistens Klöster und öffentliche Gebäude, wurden zerstört. Schon Lurembourgs Tod schien dem französischen Kriegsglückc Gräuzen zu setzen; aber es fehlte Ludwig XIV auch immer mehr an Kräften, seinen vielen Feinden mit Nachdruck zu begegnen. Es wurde ihm immer schwerer, Recruteu, und noch schwerer, Geld zu bekommen. Während baß seine Armeen glänzende Siege erfochten; während daß man in den Kirchen dem Höchsten feyerliche Lobge- sänge brachte, daß man herrliche Freudenfeste anstellte, wurde ein großer Theil der Nation von schrecklichem Hunger, der Folge einer Mißerndte, gepeinigt. Ludwig XIV sehnte sich nach dem Ende dieses Krieges. Derjenige, der seinem Ruhme am meisten entgegenarbeitete, war Wilhelm III. Dieß erzeugte in ihm den lebhaften Wunsch, das vorige Königshaus wieder auf den großbritannischcn Thron zu bringen. Man verabredte mit den Mißvergnügten in England (1696) heimlich den Plan, - des G » Königs ILO Kölligs Wilhelm Regierung durch eine Ermordung zu endigen. An der französischen Küste versammelte sich, in der Stille, vieles französisches Kriegsvolk, mit der gehörigen Anzahl von Transport- und Kriegsschiffen. Jacob II befand sich schon zu Calais, um auf die Nachricht, daß der Streich glücklich vollführt fcy, nach England überzusetzen. Aber der Anschlag wurde zu früh bekannt, und Jacob sah seine Hoffnung abcrmahls getauscht. Im folgenden Jahre (1697 Jun.) sollte Brüssel überrascht werden; doch König Wilhelm verhinderte es. Die Feldzüge in Deutschland waren so wenig entscheidend, daß sie zu weiter nichts dienten, als die Zahl der Soldaten und der Glücklichen zu vermindern. Selbst Ludwigs Dauphin konnte jenseits des Rheins nicht vordringen. Die Ocstreicher, die der Kurfürst von Bayern (1691) nach Italien geführt hatte, waren nicht vermögend, den eben so glücklichen als entschlossenen Catinat von der Eroberung der Lander des Herzogs von Savoycn zurückzuhalten. Victor Amadeus II, ei» weiser, staatsklugcr Fürst, aber auch ein eben lOl eben so tapfrer Krieger, der sein Äriegsvolk selbst anführte, der jeder Gefahr trotzte, der, thätig, wachsam, Ordnung liebend, als Ne- gent, als General, aber auch manchen Fehler bcgicng, der führte mit Catinat einen ungleichen Kampf. Dieser äusserst gewandte, jeder Unternehmung fähige Feldherr, der, zuerst Advokat, im Alter von 2z Jahren, eines verlohnten Ncchtshandcls wegen, den Entschluß faßte, die Feder gegen den Degen zu vertauschen; der das Glück hatte, von feinem Monarchen bemerkt zu werden, der blieb, vom Kriegsruhme umglänzt, immer vorur- theilsfrcyer Philosoph; der blieb, mit den Künsten eines Hofmanns unbekannt, dem Eigennutze eben so sehr, als dem Stolze, feind. Der Herzog von Savoyen marschierte (1692) um Catinats Aufmerksamkeit von feinem Lande abzuziehen, nach Dauphinä; er wurde jedoch, als er diese Provinz schrecklich verwüstet hatte, durch Krankheit zum Rückzüge genöthigt. Als rr (169z) Pignerol erobern wollte, wurde er von Catinat schrecklich geschlagen. Sein fortwährendes Unglück machte ihn gegen die fernere Theilnahme an der Verbindung gegen Frankreich abgeneigt. Dicß IO2 Dicß bewirkte, daß Ludwigs XIV Bemühuns gen, ihn von derselben abzuziehen, endlich gelangen. Erst wurde ihm (169; Oct.) die Festung Casale, die er zum Schein belagern mußte, einer geheimen Abrede zu Folge, und unter der Bedingung, die Werke nicdcrzus reisten, übergeben. Nachdem ihn Ludwigs Unterhändler, der liebenswürdige Graf Teste, und Catinat selbst) noch mehr gestimmt hatte, beschleunigte Man endlich seinen Entschluß durch die falsche Nachricht von der Ermors dung Wilhelms III. Frankreich gab (1696 Aug.) alles, was es von seinem Lande cros bert hatte, wieder zurück, und trat ihm auch Pigncrol ab; doch sollte es keine Festung mehr scyn. Es war bey diesem Friedens! schlusse auch eine Hcnrath. Des Herzogs elfjährige Tochter sollte die Gemahlin des drcyzehnjährigen Herzogs von Vourgogne wers den. Der Herzog, der nun den Oberbefehl über die französische Armee in Italien übers nahm, belagerte die Stadt Valcnza im Hers zogtbume Manland, und nöthigte sowohl den Kaiser, als den König von Spanien, ihm die Neutralität zu bewilligen. Der König von Spanien war aber schon in seinem eignen Reiche IOZ Reiche in Noth. Der französische General Vcndome hatte, (1697) nach einem Siege über die spanische Armee, Barcelona, die Hauptstadt Cataloniens, erobert. Wahrend daß Ludwig XIV seine» Feinden so viele Armeen entgegenstellte, bekämpfte seine Seemacht auch die Flotten von England und Holland. Tourville, der Viccadmiral von Frankreich, der eine Flotte von 62 Kriegsschiffen unter seinem Befehle hatte, begegnete (1690 am 10. Jul.) auf der Höhe von Dicppe, an der Küste des Kanals, einer englisch-hollandischen Flotte von ungefähr 60 Scegeln. Die Franzosen hatten in kurzer Zeit die Knust gelernt, eine ordentliche Seeschlacht zu liefern. Ihr Sieg war glänzend. Von den englischen und holländischen Schissen wurden 17 entmastet; die übrigen retteten sich nach der englischen Küste, und den hollandischen Dünen. Die Franzosen hatten nicht eine Schaluppe vcrlohren. Ludwigs zwanzig Jahre hindurch gehegter Wunsch, den Engländern die Herrschaft zur See zu entreißen, schien nun erfüllt. Die feindlichen Kriegsschisse verbargen sich vor seiner Flotte. Die französischen ic?4 schen Galeeren wagten sich bis an die englische Küste; sie verbrennten über zo Handelsschiffe. Aber Ludwigs Freude dauerte kein Zahr. Tourville mußte, auf seinen Befehl (1691 am 29. May) mit 44 Schiffen eine Flotte von 6z englischen und z6 holländischen Schiffen, bey la Hougue, einem Vorgebirge an der Küste der Normandie, angreifen, um eine Landung in England zu befördern. Ludwigs Ucbermuth wurde nun gewaltig gedc- mülhigt. Er büßte fast seine ganze Flotte ein. Die Seeherrschaft hatte wieder ein Ende. Einige Jahre hernach (1696) bombardierten die Engländer Calais und andre französische Häfen; dagegen wurde (1697) die spanische Stadt Carthagena in Terra firma von einer französischen Flotte erobert, und eine Beute von mehrern Millionen gemacht. Durch diese Beute wurde aber die große Lücke in Ludwigs Casse nicht wieder angefüllt. Sie bedurfte daher der Erholung gar zu sehr; aber auch Ludwigs Heer konnte die Ruhe nicht entbehren. Der Zustand seiner Unter- thancn war so traurig, daß er selbst die kalte Maintenon rührte. Ludwig wollte wieder neue io; neue Kräfte sammeln, um das Aussterbe» des spanischen Königstammcs, mit welchem ihm seine Gemahlin in neue Verwandtschaft gebracht hatte, mit Nachdruck benutzen zu können. So gedieh der Friede zu Ryswick, einem Dorfe zwischen Haag und Delst, wo der Prinz von Oranicn ein Lustschloß hatte. 'Spanien und die Seemächte schlössen (1697 am 20. Sept.) mit Frankreich einen besondern Vergleich. Alles wurde wieder zurückgegeben. Ludwig XIV erkannte Wilhelm III für einen König von Großbritannien an; auch begnügte er sich mit einem kleinen Theile der Niederlande. Anfangs stellte er sich, als wenn er, in Ansehung des deutschen Reichs, den Zustand des westphalischen und nimwegischen Friedens wieder herstellen, als wenn er unter andern Straßburg, wieder herausgeben wollte; als es ihm aber gelungen war, die Verbindung seiner Feinde zu trennen, da räumte er nur dasjenige, was er, ausser dem Elsaß, in Besitz genommen hatte. Die pfälzische Erbschaftsstrcitigkeit sollten Leopold und Ludwig gemeinschaftlich entscheiden, und der Pabst sollte den letzten Ausspruch thun. Dieser erfolgte nicht eher, als nach fünf Jahren (1702 lL6 (I7O2 Febr.). Der Kurfürst zahlte an Ludwig die Summe von zoo,Ooo Scudi. Die Franzosen räumten die deutschen Festungen Kehl, Freyburg, Vreysach; sie zerstörten die Werke Key Hüningen, bey Fort Louis. Ludwig verglich sich endlich auch mit Lothringen; er behielt Saarlouis und Longwi; er bedung sich den freycn Durchzug aus. Sieb- i»7 Siebzehnter Abschnitt. Die Oestrcicher entrcisscn den Türken fast alle« Land an der linken Seite der Donau Zwar erobern diese unter ihrem braven Großwcssir Kiupcrli, während daß Leopold l mit dem französischen Kriege sehr bcschäfftigt ist, alle« wieder. Aber endlich zwingt sie doch der Prinz! Eugen zum Frieden von Passarowitz. ZAenn hex Kaiser Leopold I dem eroberungssüchtigen Ludwig XIV seine ganze Kriegsmacht nicht entgegen stellen konnte, so war der Krieg in Ungern, den er mit der Pforte führen mußte, und den Ludwig mit politischer Schlauheit nährte, daran Ursache. Als der Großwcssir (l6Zz Sept.) von Wien wieder abgezogen io8 zogen war *), rückte der König von Polen und der Herzog von Lothringen ihm nach, und sie bemächtigten sich unter andern der Festung Gran. Mohamed IV, der indessen das Vergnügen der Jagd ganz ungestört gc- noß, wurde von der traurigen Nachricht ge- waltig überrascht. Der Großwcssir schob zwar die Schuld der unglücklichen Belagerung von Wien auf Untcrgencrale; diesi rettete ihn aber doch nicht von dem Schicksale, den Ränken seiner Feinde zu unterliegen. Als er eben (1684) öu Belgrad mit der Wiederherstellung seines Heeres bcschäfftigt war, überreichte ihm ein Abgeordneter des Sultans den Strick, der das Ende seines Lebens geboth. Auch seine Freunde starben auf diese Art. Seine großen Schätze dienten dem Sultan, die unruhigen Janitscharcn zu besänftigen. Der neue Großwcssir Kara Ibrahim, vorher Kaimakam, oder Gouverneur von Con- stautinvpcl, mußte allen seinen Muth, und alle seine Klugheit aufbicthcn, um seinem wichtigen Staatsamte nur einigermaßen Gnüge zu Th. xiil- S, Z80. zu leisten. Venedig, welches von der damah- ligcn Schwäche der Pforte Vortheil z» ziehen suchte, schloß mit dem Kaiser Leopold I, dem Könige Johann von Polen, und dem Pabst Jnnocenz II, eine Verbindung. Der Groß« tvessir machte daher große Zurüstungen; er stellte zwcy Armeen auf; die eine gegen Po» lcn, die andre gegen Oestceich. Aber bis Macht des letztern zeigte sich, seit dem Waffenstillstände mit Frankreich (1684 Aug.) viel furchtbarer, als vormahlS. Leopold unterhielt jetzt bestandig eine beträchtliche Anzahl von Regimentern; Bayern, Sachsen, Brandenburg liehen ihm willig einen Theil ihres braven Kriegsvolkes. Dagegen zahlte Tökölk, der Bundesgenosse der Pforte, immer weniger Anhänger. Ocstrcichs Plan war fürs erste darauf gerichtet , die Herrfchaft der Türken vom linken Ufer der Donau ganz zu entfernen. Nun eroberte man zwar Wissegrad; dagegen mißglückte die Belagerung von Ofen (Jun. bis Nov.). Die kaiserlichen Ingenieure hatten zu wenig Erfahrung und Einsicht; auch fehlte es an Lebensmitteln. Auf eine übermäßig große Hitze, nc> Hitze, folgte eine schlimme Herbstwitternng. Es erzeugten sich ansteckende Krankheiten, und 20,000 Mann Maren das Opfer dieser mißlungenen Unternehmung. Dem Kaiser fehlte es aber hauptsachlich an einer wohlgc- füllten Kriegscasse. Um so willkommncr war ihm die Abgabe von den Stiftern und Klöstern, die ihm der Pabst bewilligte, war ihm die Summe von il Tonnen Goldes, die Spanien und Portugal zu diesem Kriege herschaffen. Diese Geldzuflüffe setzten ihn in den Stand, seine Armee durch Subsidientractate mit Braunschweig, Cöln, und andern deutschen Fürsten, bis aus 60,000 Mann, zu vermehren. Der Obcranführcr derselben, der Herzog von Lothringen, eroberte nun (1685 August) die Festung Neuheusel mit Sturm. Der Seraskier Ibrahim Schautan, der es retten sollte, erlitt eine Niederlage. Da nun auch Tököli's AnHanger in Oberungern sich an die Oestreicher anschlössen, so kam ein Ort nach dem andern in die Gewalt derselben. Der Großsultan ließ sich dadurch in seinem Zagdvergnügen noch immer nicht stören, und der Großwessir hatte auch nicht Much genug, sich selbst an die Spitze der Armee zu stellen. Das III Das Volk in der Hauptstadt lcrmte aber gewaltig. Der Großwessir Kara Ibrahim wollte zwar blos den Seraskicr verantwortlich machen, und dieser wurde auch hingerichtet; aber jener behauptete sich doch auch nicht. Sein Nachfolger Soliman, der gegen die Polen in der Moldau brav gefochten hatte, bewies eine ausserordentliche Thatigkcit, die Kriegsmacht der Pforte wieder in einen guten Zustand zu versetzen. Der Sultan mußte, um ihn mit hinlänglichem Geldvorrats zu versehen, das Gold- und Silbergeschirr seines Pallastes einschmelzen lassen. Aber die Kriegscasse des Kaisers Leopold wurde durch den Pabst, und den Erzbischof von Gran, reichlich angefüllt. Die Juden mußten ihre Verbannung aus den östrcichischcn Staaten mit 500,000 Gulden abkaufen. Leopold sah sich dadurch in den Stand gesetzt, 8000 Bayern, eben so viel Brandenburger, und 4700 Sachsen, nebst 11,000 Krcistruppen, in Sold zu nehmen. Die östreichisch? Armee wuchs dadurch bis auf 95,000 Mann an. Hierzu kamen noch 5000 Spanier und Frey- willige, und 20,000 Ungern. Erwcgt man nun. ll2 NUN, daß die Pforte zugleich mit Polen und Venedig in Krieg verwickelt war, so muß man ihre damahlige Lage für sehr bedenklich halten. Der Herzog von Lothringen unternahm jetzt (1686 Zun.) zum zwcytcn Mahl die Belagerung von Ofen. Nachdem diese schon zwey Monathe gedauert hatte, ' rückte der Großwessir endlich herbei), aber seine Leute waren muthlvs, und Ofen wich (2. Sept.) einem stürmenden Angriffe der Deutschen. Aber die Polen wareil weniger glücklich. So- bieski, der Wien retten half, erwartete von der Niederlage der Türken mehr, als erfolgte. Die Polen und Kosaken, die (1686) in die Moldau eindrangen, litten in den Wildnissen der Bucowina ausserordentlich viel, und'konn« len, wegen Mangel an Festungen, ihre Eroberungen nicht behaupten. Der Fürst Can- temir wagte es nicht recht, sich an die Polen anzuschließen, und Sobieski selbst wurde am Pruth so umringt, daß er nur mit großem Verlust der Gefahr entschlüpfte. Daß die Pforte wahrend der Zeit noch mit andern Feinden zu kampfei, hatte, half dem unver- wahrten HZ wahrten Polen nichts. Es fehlte an Geld, an schwerem Geschütze, an Lebensmitteln, an Soldaten. Johann konnte sich, als ein Spiel mannigfaltiger Ränke, nicht so wirksam zeigen, als er es wünschte. Der reiche und glückliche König, den man, nicht ganz ohne Grund, der Habsucht, des Aemtcr-Verkaufs, des Despotismus, der Absicht, die Krone erblich zu machen, beschuldigte; der seiner Gemahlin in politischen Dingen einen zu merklichen Einfluß gestattete, der war für die Großen seiner Nation ein Gegenstand des Neides und der Mißgunst, der wurde nicht geliebt, der sah die meisten Reichstage zerrissen. Eine Nation, die, wie die polnische, selbst ihren guten Königen so wenig Vertrauen schenkte, die konnte unmöglich einen Staat voit Bedeutung bilden. Eine glücklichere Rolle spielte die Republik Venedig, dpren Regierung sich mehr durch Weisheit, als Macht, auszeichnete. Ihr braver Morosini eroberte, von den Mainot- tcn, den Nachkommen der tapfcrn Spartaner, unterstützt, die Halbinsel Morca. Mv- rosini überwältigte auch die Seestadt Lcpanto, EallcttiWcItg.i4tTH- H und il4 und seine glühenden Kugeln zertrümmerten das Parthenion, und andre kostbare DenkM- ler von Athen. DaS venezianische und östreichische Kriegs- glück erregte in Constantinopcl eine so laute Unzufriedenheit, daß Mohamed seine Jagd- parthieen endlich unterbrechen mußte. Die Minister wurden zur Verantwortung gezogen, und abgesetzt. Um den rückständigen Sold zu bezahlen, und den fcrncrn Aufwand des Krieges zu bestreiten, verausscrte Mohamed seine Juwelen und andre Kostbarkeiten, ließ er sich von Moscheen und Hausern eine Abgabe entrichten. Aber von 40,000 aufgebo? thenen Asiatern stellten sich nur 6000 ein. Man unterhandelte (1687) mit dem Hofe zu Wien wegen des Friedens', dieser spannte jedoch die Forderungen so hoch, daß man der Bewilligung derselben selbst einen gefahrvollen Krieg vorziehen mußte. Der Großwessir So- liman stellte sich nun selbst an die Spitze von 50,000, meistens mnthlosen, Streitern. Lo- rhringcn hatte dagegen 64,000 Mann unter seinem Befehle. Esseck, die einzige noch übrige türkische Festung an der Drau , sollte ihnen "5 ihnen nun auch entrissen werden. Soliman hatte sich aber bei) derselben so gut verschanzt, und sein Geschütz wurde von Artilleristen, die Ludwig XIV der Pforte geschickt hatte, so gut bedient, daß die Deutschen sich wieder zurückziehen mußten. Soliman rückte ihnen muthig nach. Bey Mohacz, wo der letzte König von Ungern gctödtet wurde, marschierten (7. Aug.) die Janitscharen so unbedachtsam vorwärts, daß sch die versteckten Batterien zu spat gewahr wurden, daß iz.000 von ihnen niedergestreckt lagen. Von der ganzen türkischen Armee blieben kaum noch 10,000 Mann bcysammen. Sclavonicn, wo die Deutschen Essek und Pederwardein eroberten, kam in östreichische Gewalt. Siebenbürgen folgte, und die Pforte besaß nun am linken Donauufcr weiter nichts, als den Banat von Tcweswar. Der für dieselbe so unglückliche Ausganz dieses Fcldzuges erregte, wie gewöhnlich, unter der Armee die lauteste Unzufriedenheit; eine Unzufriedenheit, zu weicher schon ein rückständiger Sold von sechs Msnathen gereiht hatte. Der Großwessir, im Lager in H2 Gefahr, Gefahr, ermordet zu werden, flüchtete nach Constantinopcs. Die aufrührerische Armee zog aber gleichfalls dahin. Der Großsultan schickte ihr, um sie zu beruhigen, SolimanS Kopf entgegen; dicß rettete ihm aber doch nicht von dem Schicksale, den Thron verlas» scn zu müssen. An seine Stelle erhob mau den Bruder Osman III, der fünf Sechstel seines sechs und vierzig jährigen Lebens in der Einsperrung zugebracht hatte, und der auch, nur gezwungen, die Rolle eines Großsultans übernahm. Die Janitscharen, die sich in der Erwartung des Soldes getäuscht sahen, erregten von neuem einen gefährlichen Aufstand. Der Großwessir rieth dem neuen Großsultan, seinen Hofstaat einzuschränken, und ans dem Golde und Silber seines Marstalles Geld schlagen zu lassen. Aber die Janitscharen blieben unersättlich. Der Großwessir, der sich nun nicht mehr zu helfen wußte, legte sein Amt nieder, und schloß sich in seinen Pallast ein; aber der Pallast wurde erstürmt, und der Großwessir niedergehauen. Nur durch die Geistlichkeit,, welche die Fahne des Propheten Mohameds aufpflanzte, wurde ^j>ic Ruhe endlich wieder hergestellt. Der neue II? neue Großwessir Jsmael ließ, um den Trotz der Jauitscharen'zu bändigen, tausend von denselben, in einer Nacht, ins Meer werfen; aber die Brüder derselben lcrmten so 'gewak- tig, daß auch dieser Großwessir sich nicht be- Haupte« konnte. Durch die innerlichen Unruhen wurde die Pforte abgehalten, den Unternehmungen der Oesireichcr einen kraftvollen Widerstand entgegenzustellen. Diese eroberten (noch 1687) Erlau, und (1688 Jan.) die Festung Mon- gatsch, die Tököli's Gemahlin sehr brav verteidigte, imgleichen Stuhlweißcnburg, Lippa, und andre Ocrter mehr. Der Hospodar der Walachei) unterwarf sich dem Kaiser, als Könige von Ungern. Soliman III, den die Unruhen in der Hauptstadt nach Adrianopel vertrieben hatten, schickte Friedensunterhänds lcr nach Wien. Aber nur einen äusserst vor? thcilhaften Frieden wollten die Minister des Kaisers schließen, dem eine zahlreiche Armee, mit guten Feldherren, zu Gcbothe stand. Der Oberbefehlshaber war der Kurfürst Maximilian von Bayern, der schon Wien entsetzen half. Dieser erstürmte (1688 Aug.) die Festung "8 Festung Belgrad, und ganz Servien wurde den Türken entrissen. Soliman schickte nun (r6k>9) MW Zwcyten Mahl Fricdcnsvorschlagc nach Wien. Er wollte ihm, wenn er dem Fürstcnthumc Siebenbürgen die Unabhängig- kcit bewilligte, ganz Ungern überlassen» Allein Leopolds Minister verlangten ausserdem noch Sclavonicn, Croatien, Bosnien, Servien; sie verlangten eine Entschädigung dc5 Kriegsaufwandes von 6 Millionen Gulden; sie verlangten einen jährlichen Tribut von z Milkionen. Polen und Venedig machten gleichfalls sehr übertriebene Forderungen. Wenn Soliman III sie nicht bewilligte, wenn vielmehr sein Muth wieder auflebte, so war dieß eine Wirkung von den Eingebungen Ludwigs XIV, der, während er das deutsche Reich feindlich behandelte, das Oberhaupt desselben, den Kaiser Leopold, durch einen Krieg mit den Türken befchässiigt zu sehen wünschte» Soliman III stellte sich nun (1689 Febr.) selbst an die Spitze seiner Armee. Als aber die Deutschen Sigcth eingenommen hatten, begab er sich nach Sophia. Der Scraskicr Nedscheb, dem er de» Oberbefehl anvertraute, ließ "9 ließ sich durch einen Sterndeuter verleiten, dem Prinzen Ludwig von Baden,, eine Schlacht zu liefern. Freylich konnte er den i5>ooc> Deutschen 70,200 entgegenstellen; er wnrde aber dennoch geschlagen, und die Deutschen bemächtigten sich der Städte Widdin und Sophia in Bulgarien. Soliman konnte sich kaum noch retten. Leopold musite aber einen ansehnlichen Theil der Kriegsmacht, durch die er die Pforte bekämpft hatte, gegen die Franzosen marschieren lassen. Soliman III hatte auch das Glück, in der- Person des bisherigen Kaimakams Kiuperlt Mustafa, einen Groß- wessir von ausgezeichneten Einsichten und Verdiensten, der das Zutrauen der Geistlichkeit und des Volkes besaß, zu wählen. Dieser bestand auf der Herausgabe von Belgrad, und vergebens wendeten die Seemächte, die den Kaiser Leopold von diesem Kriege zu be, frcpen wünschten, alle Mühe an, den Frieden zu vermitteln. Einen bessern Großwessir,. als Kiupcrli, konnte die Pforte gar nicht bekommen. Er schaffte Geld und Leute. Den Ehrgcitz der letzter» wußte er durch kluge Mittel rege zu machen; Geld gewährte ihm die verbesserte Vcr- Verwaltung der Staatseinkünfte. Die Tür« ken fochten jetzt überall mit Glück; aber der Kaiser konnte auch, des französischen Kriegs wegen, die Anstalten gegen die Pforte so wenig mit Nachdruck betreiben, daß der Ober« fcldherr, der Prinz von Baden, erst in der Mitte des Sommers (168? am i. Aug.) bey der Armee anlangte. Indessen hatte sich Tököli wieder in Siebenbürgen festgesetzt, waren die Ocstrcicher, durch den Großwessir selbst aus Seemen herausgedrängt worden, mußten sie sich auch aus Bulgarien wieder herausziehen. Die Ucbcrgabc von Belgrad, welches der Großwessir belagerte, beschleunigte (im Ott.) das Auffliegen eines Pulvcrthurms, der einen großen Theil der Stadt in einen Steinhaufen verwandelte. In einem Herbst war alles, was die Oestrcicher den Türken entrissen hatten, von diesen wieder erobert. Soliman III, der dieses KriegSglück erlebte, starb (1691 Zun.) ait der Wassersucht. Ihm folgte Achmed II, der ihm in Ansehung der Geistes« kräste sehr ähnlich war, und, wahrend er sich zu Adrianopcl mit Versemachen und Musik beschafftigtc, dem Großwessir die Leitung der Staatsgeschaffce ganz überließ. Die I2l Die Türken zeigten jetzt eine ausserordent- lichc Bereitwilligkeit zum Kriege. Diese mar jedoch ciuch besonders nöthig, weil Leopold, d.urch 6000 Brandenburger und andre deutsche Truppen, sein Heer in Ungern bio auf 50,000 Mann reguläres Militär verstärkte. Vergebens bemühete sich der König Wilhelm III, den neuen Feldzug zu verhindern. Ludwig XIV schickte der Pforte einen seiner besten Ingenieure, nebst 22 andern Osficiercn. Der Großwessir nahm auf einer Anhöhe bep Belgrad eine feste Stellung, die durch 150 Kanonen, und eine Donanflotte von 100 Schiffen, gedeckt wurde. Alle Bemühungen do6 Prinzen von Baden, ihn aus dieser Stellung herauszulocken, waren fruchtlos. Baden mußte vielmehr, um seinen Schiffen und Vorräthe Bewaffneten, die er zu Saragossa zusammengezogen hatte, gegen Madrid anrückte. Karl II ernannte ihn, auf den Nach seiner Minister, zum Obersten der königlichen Leibwache, um ihm sein Vertrauen !?? träum zu beweisen. Die Großen, dadurch aber noch nicht beruhigt, drangen (1676) auf Venezuela's Verhaftung. Man beredete den König, im Wagen des Herzogs von Medina, von Madrid nach Vuen Rctiro zu gehen, um von der Mutter sich zu entfernen. Venezuela, der jetzt die Uebcrlegcnheit der Gegenparthei)- lebhaft fühlte, suchte mit dcu Seinigen im Kloster des h. Laurentius im Escorial seine Zuflucht. Aber dieses schützte ihn nicht. DaS Kloster wurde, unter der Leitung des Her« zogs von Mcdina Sidvnia, des Hauptes der Verschwörung, von 400 Edelleuten umringt. Venezuela, der sich vergebens zu verbergen suchte, verlohr nicht nur seine Würden, fom der» auch seine ungeheuren Schatze, unl» Wurde auf die philippinischen Inseln verwic« sen. Seine Ncichthümer, die er entweder cigenthümlich besaß, oder von der Königin nur i» Verwahrung hatte, mochten wohl sein größtes Verbrechen scyn. Er kam zwar nach einiger Zeit nach Madrid zurück; aber sein» große Nolle hatte er ausgespielt. Die Großen, in deren Gewalt sich Karl II jetzt befand, nöthigtcn ihn, den Don Juan die l?4 die Staatsverwaltung zu übergeben, und die Königin, die sich nach Aranjuez begeben mußte, erhielt nicht einmahl die Erlaubnis?, von ihm Abschied zu nehmen. Karl hegte aber noch immer eine große Zärtlichkeit für seine Mute ter. Don Juan, der sie ganz zu entfernen wünschte, verordnete daher eine besondre Com- Mission, um ihr Verfahren einer genauen Untersuchung zu unterwerfen. Aber er hatte nicht lange das Glück, Karls Zutrauen sich zu erhalten. Karl wünschte sich mit der Prinzessin Luise, der Tochter des Herzogs von Orleans, zu vermählen, und Don Juan, der diese Gelegenheit benutzen wollte, um der spanischen Monarchie wegen der Niederlande Vorthcile zu verschassen, hatte den Handel bald rückgängig gemacht. Dieses Umsiandcs bediente sich die Parthey der Königin, um Karls Mißtrauen gegen ihn rege zu machen, und bald sah sich Don Juan von jedermann verlassen. Das Gefühl dieses Schicksals war für ihn so kränkend, daß es (1679 Sept.) seinen Tod beschleunigte; einen so schnellen Tod, daß er eine Vergiftung nicht ganz unwahrscheinlich machte. Karl II weinte zwar bcy seinem Verlust, aber er vergaß ihn sehr bald. »75 bald. Um so länger betrauerte ihn die Na- tion. Wie ganz anders wäre vielleicht das Schicksal der spanischen Monarchie gewesen, wenn Juan Karls II Stelle eingenommen hätte! Vielleicht hätte das westliche Europa nicht die Drangsalen eines vierzehnjährigen Krieges erfahren dürfen! Als Juan nicht mehr lebte, kehrte die Konigin-Mutter gleichsam im Triumphe nach Madrid zurück, übte sie an den Freunden Juans, und an allen denen, die ihre Entfernung befördern halfen, Rache ans. Spanien befand sich, als Karl II seine Vermahlung mit der französischen Prinzessin vollzog, in einem armseligen Zustande. In der Hofcasse war so wenig Geld, daß die Bedienten, wegen Mangel an Lebensbedürfnissen, abgedankt werden mußten. Die französischen Herren, die, im Gefolge des Gesandten Villars, die Prinzessin begleiteten, krankten Karln so innig, daß er, um sie los zu werden, sogar einen Krieg wünschte. Der Forderungen des französischen Hofes, die Karl eingehen mußte, wurden immer mehr. Sein erster Minister, der rechtschaffne Medina Celi, vermochte, von der i?6 der Königin - Mutter eingeschränkt, dem ge- sunkencn Ansehn des Staates nicht wieder aufzuhelfen. Der zwcyte Monterey, der je- nen an Talenten übertraf, mußte der Herrsch- sucht der alten Königin gar weichen. Auch Medina Ccli dankte ab, und Oropcza war hierauf derjenige, der Karls Vertrauen vorzüglich besaß. Karl zeigte jetzt einen ersiaunens- würdigen Eifer, seinen gedrückten Unterrhanen Erleichterung zu verschaffen. Man zog die übermäßigen Gnadengehalte und Besoldungen ein, ohne auf das darüber ausbrechende Ge- schrey zu achten. Oropcza wußte, durch die Gesandten an auswärtigen Höfen, Spaniens Anschn wieder zu heben. Spanien gelangte wieder zu einigem Credit. Man befolgte eine Politik, die mit dem Wohle des Staates übereinstimmte; man verband sich mit dem Hose zu Wien, und unterstützte dessen Unternehmungen gegen Frankreich. Doch Karls II Thätigkeit wurde durch «ine Krankheit gehemmt, und seine Mutter «igncre sich nun wieder eine so große Gewalt zu, daß sie der Gemahlin desselben den Zutritt in sein Zimmer versagte, daß sie, unter dem 177 dem Verwände ihrer Unfruchtbarkeit, sogar eine Schödling bewirken wollte. Sie kam aber dem Spiele ihrer Ränke zuvor, - oder sie unterlag vielleicht denselben (1689 Febr.). Schon drep Monathe nach ihrem Tode verl mahlte sich Karl II mit der jungen und schöt neu Prinzessin Marie Anne von Pfalzncut bürg, und da das Band der Verwandtschaft mit Frankreich nun ganz aufgelöl-t war, so nahm Spanien an dem Kriege gegen Ludwig XIV um so lebhafter Anrheil. Der spanische Staat hatte damahls (1691) an Monterey einen musterhaften Aufseher der Finanzen - Verwaltung. Er vermehrte die Staatseinkünfte, denen mehrere Silbcrflotten einen ansehnlichen Zufluß verschafft hatten, durch die Entfernung der Unterschleifc, die, wahrend daß der Staat arm blieb, die Grcu ßen und die Kronbcdientcn bereicherte. Er ließ eben diesen von ihren Gücern Kriegst beyträge geben. Es wurde auch wieder ein fester Münzfuß eingeführt. ^ Dennoch stieg Spaniens Credit noch so wenig, daß man kaum für 15 Procent Geld erhielt. Aber das schwache Emporsteigen des spanischen Cre» Galltttj Weltg,-4r TH. M dits ly8 dits wurde schon durch die ziemlich gewisse Aussicht, daß mit Karln II der Mannsstamm des spanischen Königshauses erlöschen würde, verhindert. Die Hoffnungen, mit denen man sich in Ansehung der Schwangerschaft der jungen Königin getauscht hatte, verschwanden immer mehr, weil die Schwächlichkeit Karls II immer merklicher zunahm. Ilm so lebhafter wurden die Bewegungen nicht allein am Hofe zu Madrid, sondern auch in andern Cabinetten. Das künftige Schicksal der ungeheuren spanischen Monarchie war für ganz Europa, besonders aber für das westliche, gar nicht gleichgültig. Am bedenklichsten aber schien es, wenn diese Monarchie mit einer andern, welche bereits eine furchtbare Größe hatte, vereinigt werden sollte. Mit diesem Unglück drohctcn nun den übrigen Machten von Europa die Ansprüche Ludwigs XIV und Leopolds I. Ludwig hatte die ältre, und Leopold die jüngere Schwester Karls II, zur Gemahlin. Leopold war auch, weil er von Ferdinand I, Karls V Bruder, des Anhcrrn der Könige von Spanien, entsprossen war, der nächste Stammvetter. Am Hofe zu Wien glaubte man sich überhaupt von dem größern Rechte -79 Rechte auf die spanische Monarchie überzeugt. In dem Heyrathsvertrage zwischen Leopold I und seiner Gemahlin war das Recht der letzt kern ausdrücklich erneuert worden; Philipp IV hatte ja, in seinem letzten Willen, seine ältre Tochter, Ludwigs XIV Gemahlin, von der Thronfolge uahmenrlich ausgeschlossen, und diese hatte ja feycrlich Verzicht geleistet *). Von jeher haben aber Vertrage, wenn von der Befriedigung der Herrschsucht die Rede war, eine nur schwache Wirkung hervorget bracht. Ludwig XIV hatte auch, gleich nach Philipps IV Tode, seine Ansprüche auf die spanische Monarchie, in einem besonder» Mat nifeste, herausgesetzt. Karls II erste Gemäht lin. Marie Luise von Orleans, war für Ludt wigs Interesse eine starke Stütze. Aber die jetzige Gemahlin, die Prinzessin von Ncuburg, die Schwester der Kaiserin, und folglich die Tante der Erzherzoge Joseph und Karl, lenkte ihren Gemahl wieder auf die üstreichische Seite, und der östreichilche Gesandte bekam nun wiet der (1691) freyen Zutritt am Hofe. Doch Theil xm. S- 146. M 2 iLo Doch die Deutschen, die der jungen KS- nigin nach Madrid gefolgt waren, verstanden nicht die Kunst, die Spanier für eine östrei- chische Regierung zu gewinnen. Die Geistlichen, die bey der alten Königin in großem Ansehn standen, fühlten sich durch das stolze Betragen der Deutschen im Gefolge der Königin gekrankt. Am meisten ärgerten sie sich über die Grafin von Berlepsch, die, als Vertraute der jungen Königin, nicht nur ihre Gunst, sondern auch die Gnade des Königs, gewaltig mißbrauchte, die die Äemter und Ehrenstcllen fast mit uneingeschränkter Gewalt verkaufte. Ihr habsüchtiges, eigenmächtiges Venehmen zog den Oestreichern die Abneigung und den Haß der Nation zu. Am meisten verwünschte Montcrey die deutschen Nahmen. Ausser Ludwig XIV und Leopold I, gab es aber noch zwei) Prinzen, die ein Recht auf die spanische Monarchie behaupteten; der eine war der Herzog Victor Amadeus I! von Savoyen, der von einer Tochter Philipps II abstammte, und der andre der Kurprinz von Bayern, ein Enkel der an Leopold I vermählten Schwester Karls II. Bcyde hatten lLi hatten jetzt eine so wenig furchtbare Macht, daß deren Verbindung mit der spanischen Monarchie nicht sehr bedenklich seyn konnte. Für den bayrischen Kurprinzen, dessen Vater uneingeschränkter Statthalter in den spanischen Niederlanden war, interessirte sich vornehmlich der Minister Oropeza. Zwar konnte sich derselbe, nach dem Tode der alten Königin, gegen die Ranke seiner von der jungen Königin unterstützten Feinde nicht lange behaupten; aber es waren auch noch andre Minister und Große für die Ansprüche des bayrischen Hauses eingenommen. Im Auslande gönnte man die spanische Monarchie keinem weniger, als Ludwig XIV. Am wenigsten gönnten sie ihm die Seemächte, England und Holland. Die Gcneralstaaten, die Frankreich nicht zum Nachbar zu haben wünschten, schlössen sich fest an Oestrcich an. Ihrem Vcy- spicle folgten England, Spanien, Savoycn, und verschiedene deutsche Fürsten. Um der Unterstützung dieser Mächte und Fürsten sich noch stärker zu versichern, und um ihre. Besorgnisse wegen des künftigen Schicksals der spanischen Monarchie zu schwächen. chcn, trat Leopold seine Rechte seinem (1685 gebohrncn, zweotcn Sohne) Karl, ab. Doch auch Ludwig XIV war so vorsichtig, die große Erbschaft für einen jünger» Prinzen des Dauphins zu bestimmen. Jeder hatte am Hofe zu Madrid seine Parthey. Der schwache Karl, dessen Kranklichkeil immer bedenklicher wurde, fühlte am Ende seines traurigen Lebens noch die ängstliche Verlegenheit, daß er nicht Ivußtc, wem er seine Monarchie hinterlassen sollte. Hätte er blos auf das, was ihm sein Herz sagte, Rücksicht genommen, so würde er sich ganz für das Haus Oestreich entschieden haben. Aber selbst unter den königlichen Ministern, selbst in der königlichen Familie, gab es zwey Partheyen. Die Königin - Mutter und Oropcza stimmten für den bayrischen Kurprinzen, und sie brachten es auch dahin, daß ihn Karl II, in einem besonder» Testamente, zu seinem Erben einsetzte. Als aber die Königin - Mutter (1696) gestorben war, bcwog Karls zweyte Gemahlin, die ncuburgische Prinzessin, ihren Gemahl sehr leicht, jenes Testament wieder zu zerreißen, um einem Erzherzoge die Thronfolge zu gönnen. Der Minister Porrocarrcro, der nur von »83 von einem östreichischen Prinzen die Wiederherstellung des chemahligen, Glanzes des spanischen Reiches erwartete, lenke Karln II zur Wahl des Erzherzogs Karl hin. Der Hos zu Wien verhielt sich indessen ganz un< thätig. Selbst Ludwig XIV fand dessen Un- thatigkcit unbegreiflich. Aber Leopold und seine Rathgeber verließen sich auf Karls II bekannte Liebe für das östreichische Haus. Auch führte ja Frankreich damahls mit Spanien Krieg. So lange die Mutter des Königs, Leopolds Schwester, durch die man noch alles durchzusetzen hoffte, noch lebte, wollte man ihr, indem man ihren Planen entgegenarbeitete, keine Gelegenheit zur Erbitterung geben. Nach ihrem Tode wurden aber die Unterhandlungen wegen dieser Sache eifriger betrieben. Ludwig XIV sah wohl ein, daß, wenn Karl II wahrend des damahligen Krieges sterben sollte, die gegen ihn vereinigten Machte die Waffen nicht eher niederlegen würden, als bis Karls II zum Vortheil des Erzherzogs Karl gemachtes Testament seine Vollziehung erhalten hatte. Aus eben diesem Grunde suchte i 84 suchte mm Ludwig (i6y?) das Ende des Krieges zu beschleunigen. Obgleich aber Savoncn, Holland und England für den Frieden gcwvn- ncn wurden, so war doch der Hof zu Madrid für denselben noch nicht gestimmt. Man wollte vielmehr den damahl'gcn Krieg benutzen, um die französischen Ansprüche auf die spanische Krone ganz zu entfernen, um diese dem Hause -Ocstreicb desto stärker zu versichern. Daher meldete man auch dem Kaiser und seinen Milchstern alle schlauen Anschlage Ludwigs XIV, alle geheimen Unterhandlungen desselben. Der damahlige Zeitpunkt, sagte man ihnen unter andern, gäbe den schicklichsten Vorwand, die schon lange gewünschten deutschen Truppen nach Spanien zu versetzen. Die Franzosen wären bereits in Catalouien weit vorgedrungen; schon würde Barcelona von ihnen bedroht; das Verlangen nach deutschem Hülfs- volke wäre sehr lebhaft; der Kaiser möchte nur io,Ooc> Mann, aber auch den Erzherzog Karl, schicken. Aber in Wien hatte man gegen diese eben so klugen als gutgemcpntcn Vorschläge sehr viel einzuwenden. Der Zustand der Staatscasse, und der damahlige Krieg, hieß es, erlaubten keine besondre Ausrüstung. i8; tüstung. Nun wurde zwar Friede; aber nun brauchte man die Truppen, die man bey dem damahls noch fortdauernden Türkenkriege entbehren konnte, um sich in Italien, vornehmlich im Hcrzogthume Mayland, festzusetzen. Die Schwierigkeiten, die der Hof zu Wien den. Vorschlagen seiner Anhänger zu Madrid entgegensetzte, waren Ursache, daß diese gegen das Interesse des Kaisers endlich kalcsinnig wurden. Auch hatte der damahlige Gesandte des Kaisers, der Graf von Lobkö- witz, gar nickt die Eigenschaften, wodurch er die spanische Nation für die östreichische Herrschaft hatte gewinnen können. Vielmehr war sein stolzes Benehmen den spanischen Großen so kränkend, daß man ihn endlich abrufen mußte. An seine Stelle kam der Graf von Harrach, der schon in Madrid gewesen war, gegen den die Spanier kein Vorurtheil hatten. Er kam mit der uneingeschränkten Vollmacht, den Vorthcil seines Hofes auf jede Art und Weise durchzusetzen. Aber es währte lange, che die spanischen Minister sich mit ihm einlassen wollten. Endlich lenkte sich Por- tocarrero auf die östreichische Seite. Karl II sollte sollte den jungem Erzherzog für seinen Nachfolger erklären. Dagegen erwartete man, daß ganz deutsches Kriegsvolk nach Spanien kommen würde. Zum großen Erstaunen des Por- tocarrcro verlangte abcrHarrach, daß Spanien dasselbe bezahlen sollte.. Hgrrach entschuldigte seinen Antrag durch den schlechten Zustand der kaiserlichen Finanzen, die höchstens den halben Sold ertragen könnten. Karl II bewilligte alles; nur sollte zugleich der Erzherzog nach Spanien kommen. Er versprach sogar die Marschkosten bis »ach Holland. Man unterhandelte schon mit England und Holland wegen der ttebcrschiffung dieser Truppen. Aber wahrend man dieselben von einem Tage zum andern erwartete, brachte ein Courier die unvcrmuthete Nachricht, daß die vcrsproch- ncn Truppen schwerlich kommen würden. Leopold und seine Minister hatten wieder allerlei) Vcdcnklichkciten. Die Soldaten, die sie allenfalls schicken könnten, (sagten sie unter andern) bestanden meistens aus Protestanten. Die Kosten, die des Erzherzogs Karls Reise nach Spanien erfordre, wären für die kaiserliche Kasse zu groß, und ohne ein ansehnliches Gefolge wollte ihn die Mutter nicht reisen iL? reisen lassen. Man that daher den Vorschlag, den Erzherzog zum Statthalter von Mayland zn ernennen, damit man ihn auf genuesischen Schissen nach Spanien schaffen konnte. Das Benehmen des Hofes zu Wien war so um begreiflich unentschlossen und widersinnig, daß man, um es zu erklären, sogar ein Einverständnis; einiger kaiserlichen Minister mit Ludwigs XIV Cabinet vermnchet hat. Daß die Königin und die spanischen Minister für Sest- rcichs Interesse sich nun ganz kaltsinnig zeigten, war sehr natürlich. Um so eifriger arbeiteten jetzt die Franzosen und ihre Anhänger. Da von dem Anzüge deutscher Truppen nun gar nicht mehr die Rede war, so konnte das französische Kncgsvolk auch den Winter durch in Catalo- nien bleiben. Indessen wurde auch die Zahl der Franzosen zu Madrid immer größer. Unter ihnen zeichnete sich vornehmlich Ludwigs XIV bevollmächtigter Minister, der Marquis von d'Harcourt, aus, der seine Nolle ganz vortrefflich spielte. Mit der am spanischen Hofe herrschenden Unordnung und Verschwendung bekannt, wußte er durch seine wohlangebrachte Frey- »88 Freigebigkeit sich' so glücklich Freunde zu ver- schaffen, wußte er durch den Aufwand, den er und sein Gefolge machte, von einer so glänzenden Seite zu erscheinen, bezahlte er die Handwerkslcute, die für ihn arbeiteten, so verschwenderisch, begegnete er jedem so artig, so zuvorkommend, studierte er sich selbst in die Sitten und Gebräuche der Spanier so vortrefflich ein, versicherte er sich der Freundschaft der am Hofe herrschenden Geistlichen so glücklich, daß er die Spanier mit den Franzosen wieder aussöhnte. Dem schlauen d'Har- court half seine liebenswürdige Gemahlin, die Gunst der jungen Königin erwerben. Nun wagte er es allmählig, mit seinen Aufträgen hcrvorzurücken. Zu spät erboth sich Leopold, icz,ooc> Mann alte Truppen, und den Erzherzog Karl, nach Spanien zu schicken. Die Spanier trauten nun den Oestreichcrn nicht mehr. Doch Ludwig XIV überzeugte sich immer mehr, daß die Seemächte die Vereinigung der großen spanischen Monarchie, mit dem französischen oder östrcichischen Staate, durchaus nicht zugeben würden, lim sie nun von seinem l89 seinem Interesse nicht ganz abzuziehen, stellte er sich den Entwürfen, die sie wegen dieser Sache gemacht hatten, nicht abgeneigt. Der Graf von Portland, Wilhelms III Bertram ter, der den Grundsatz, daß man eben so wenig Oestreich als Frankreich .nächtiger wer, den lassen dürfe, hauptsächlich aufstellte, ließ sich von Ludwig für einen Theilnngsvcrtrag gewinnen, der (1698 Ott.) zwischen Frankreich , Großbritannien, und den vereinigten Niederlanden, abgeschlossen wurde. Demselben zufolge, sollte das Meiste von der spanischen Monarchie an den bayrischen Kurprinzen fallen, das übrige aber gcthcilt werden. Ludwig begnügte sich, für seinen Dauphin, mir den Königreichen Neapel und Sicilien, mit der spanischen Provinz Quipuscoa u. s. w. Aber er versicherte sich dabey schon des großen Bortheils', England und Holland vom Interesse Oestrcichs abgezogen zu haben. Auch "Bayern schloß sich jetzt um so fester an Frankreich an. Zum Unglück für das östrcichische Haus wurde der alte Harrach gegen seinen Sohn vertauscht, der weder das Anschn noch die Erfahrung des Vaters hatte. Wenn sich Portscarrsro von seinem Secretar Urraea auch lyo auch nickt geradezu für einen bourbonischen Prinzen stimmen ließ, so gönnte er den spat Nischen Thron doch nicht dem Erzherzoge Karl, sondern dem bayrischen Kurprinzen. Bey dem Könige Karl II setzte sich Ludwig XIV durch seinen Theilungsvcrrrag gar nicht in Gunst. Vielmehr ärgerte es denselben ganz gewaltig, daß man die spanische Monarchie noch bep seinem Leben Heilen wollte, llm so eher brachte ihn Portocarrcro zu dem Entschlüsse, durch ein neues Testament den bayrischen Kurprinzen (im Nov.) zu seinem Erben einzusetzen. Ludwig XIV war schon zufrieden, den Erzherzog Karl von der reichen Erbschaft ausgeschlossen zu sehen. Der Kurfürst von Bayern war ihm ja nicht sehr furchtbar. Desto unwilliger zeigte sich Leopold über Karls letzten Willen. Diesen Unwillen äusserte der junge Harrach gegen den Portocarrcro so unvorsichtig, daß dieser auf Ocst- reich und dessen Anhänger den unversöhnlichsten Haß warf. Allein der bayrische Kurprinz, für den er sich intcrcssirtc, und der zu Madrid erzogen werden sollte, starb im siebenten Jahre seines Alters zu Brüssel (1699 Febr.) 19! Febr.). Die spanische Thronfolge-Sache bc- kam dadurch wieder eine ganz andre Gestalt. Ludwig XIV, oder eigentlich sein General Tallard, vcrabrcdte (1700 Marz) mit den Seemächten einen zwcyten Theilungsvertrag. Dem Dauphin wurden die italienischen Lander , Moyland ausgenommen, zugedacht; dieses, so wie alles übrige, sollte der Erzherzog Karl bekommen. Aber auch mit dieser Theilung war der Hof zu Wien noch nicht zufrieden. Er hätte für die italienischen Lander gern beyde Indien hingegeben. Karl II bestimmte sich, seit dem Tode des bayrischen Kurprinzen, immer mehr für den Erzherzog Karl, und er war mehr als jcmahls entschlossen, ihn nach Madrid kommen zu lassen, damit er, als sein Nachfolger, gleich Besitz nehmen könnte. Wie sollte aber der Erzherzog nach Spanien kommen, da die Engländer und Holländer dessen Ucbcrschiffung zu verhindern verpflichtet, da die Meere mit französischen Schiffen besetzt waren. Sich verkleidet dahin zu schleichen, war gefährlich. Indessen wurden derjenigen, die des Erzherzogs Sache zu Madrid zu befördern suchten, immer IH2 mer weniger. Oropeza und Amirante, die bepdcn Minister, die sich Oestreichs am mei- stcn annahmen, verlohren ihre viclwirkenden Stellen. Portocarrero, der jetzt den ersten Nachgebe!' Karls II machte, fand, als Pas triot, den Gedanken einer Theilung der spa- nischen Monarä)ie ganz unerträglich. Der Besitzer war ihm gleichgültig; indessen fühlte er gegen das bourbonische Haus doch keine besondre Abneigung. Um die Seelenruhe seines Königes wieder herzustellen, gab er ihm den Rath, die Entscheidung dieser Sache dem Ausspruche der vornehmsten Theologen und Juristen seines Reiches zu überlassen. Urraca, Porrocarrero's Secrctär, der alles lenkte, brachte es leicht dahin, dasi man sich einstimmig für einen französischen Prinzen erklärte. Karl II gcricth darüber in eine lebhafte Bestürzung. Er liebte das bourbonische Haus nicht, und es war ihm ein höchst unangenehmer Gedanke, seine Monarchie einem andern, als einem Stammvetter, zu hinterlassen. Porrocarrero bewvg ihn hierauf, die Mcpnung des Oberhauptes der Kirche einzuholen. Karl schrieb deswegen (1700 Inn.) eigenhändig an den Pabst. Dieser, dem der Auftrag »9Z Auftrag schmeichelte, ordnete eine Commisston vv» drey Cardinalen an. Diese erhielt von Portocarrero, oder von dessen Secretär, die heimliche Anweisung, für Ludwigs XIVEnkel, den Herzog Philipp von Aujou, zu stimmen. Philipp war also der Prinz, den der Pabst Karl» II zu seinem Nachfolger vorschlug. Aber Karl konnte seine Vorliebe für das östreichische Haus noch immer nicht ganz unterdrücken. Er war indessen entschlossen, die Entscheidung seinem Staarsralhe zu überlassen. Da nun der junge Harrach, Leopolds Bevollmächtigter, dem, was Portocarrero und Urraka für den bourbonischen Prinzen thatcn, gar nicht entgegenwirkte, weil er Karls II Neigung für Scstreich gar zu viel zutraute, so erklarte sich endlich auch der Staatsrath für den Prinzen Philipp. Die Zweifel, die Karl noch immer hegte, suchte man durch einen zweytcn Ausspruch der Theologen und Juristen zu heben. Endlich wußte sich Karl, in welchen Portocarrero immer lebhafter drang, nicht weiter zu helfen, als daß er das ganze Geschaffte seinem Minister, als eine Gewis- senssache, übergab. So viel Mühe kostete es dem armen Karl, das künftige Schicksal Gallettj Wcltg. 14t Th. N seiner 194 seiner Monarchie zu bestimmen! Oeffentliche Gebelhe sollten nun für die Nechtsgelchrten, denen Portocarrcro die letzte Entscheidung dieses Handels überließ, Erleuchtung vom Himmel erflehen. Man legte das schon fertige Testament (1700 am istcn Qct.) Karln zur Unterzeichnung vor. Er weinte, unterschrieb, ließ es besiegeln, und — fiel in Ohnmacht. In dem königlichen Begrabnißgcwülbe im Escorial, vor den geöffneten Sargen seiner Eltern, und mit dem Gedanken an dieselben ganz erfüllt, reichte er, seine Blicke auf die Särge hinwendend, seinen letzten Willen, in welchem Philipp von Anjou zu seinem Nachfolger ernennt war, dem Marquis d'Har- court hin. Einen Monath hernach (1. Nov.) starb er im Zysten Jahre. Wie erstaunte Harrach nicht, als er, ganz wider sein Erwarten, hörte, daß nicht der Erzherzog Karl, sondern Philipp von Anjou, in Karls II letztem Willen, zum künftigen Besitze der spanischen Monarchie ernennt worden sey! Ludwig XIV war mit demselben nicht ganz zufrieden. Eine Theilnng hatte seine Macht ja unmittelbar vergrößert! Endlich lich gab er aber doch seine Einwilligung, daß sein Enkel Philipp nach Madrid reisen, und (1701 April) von der spanischen Krone Be- sitz nehmen durfte. Eine ansehnliche französische Armee, die schon an der Granze stand, schlug alle Gegenanstaltcn, welche die wenigen Anhänger des Hauses Oestreich hatten mache» können, vollends nieder. Daher äusserte damahls auch nicht eine Provinz über diese Negierungsvcr- anderung einige Unzufriedenheit. Der Kurfürst von Bayern ließ die Niederlande, deren Obcrstatthalter er war, sogleich von französischen Truppen besetzen. Sowohl die Seemachte, als die übrigen Könige und Fürsten von Europa, verstanden sich noch vor dem Ende des folgenden Jahres (1701) dazu, Philipp von Anjou als König von Spanien anzuerkennen. Der Hof zu Wien behandelte die Sache mit der unbegreiflichsten Nachlässigkeit. Er ließ es geschehen, daß der Vice- könig von Catalonicn, ein Prinz von Hcssen- dar.nstadt, daß der Prinz von Vaudemont, Statthalter von Moyland, beyde dem Hause Oestreich sehr ergeben, sich dem Könige Philipp unterwarfen. Die Ankunft einer Silberflotte von unermeßlichem Werth war für de» N 2- neuen 196 neuen Monarchen ein sehr glückliches Ercig- niß. So hatte ein bourbonischcr Prinz das Glück, Besitzer der spanischen Monarchie zu werden, und der Kaiser Leopold, der die Gelegenheit, dieselbe seinem Hause zuzuwenden, so schandlich versäumte, mußte nun, um nur einen Theil derselben zu bekommen, einen dreizehnjährigen Krieg führen. Doch vielleicht hielten es seine Minister auch für besser, durch einige schöne Provinzen derselben die östrcichische Monarchie selbst zu vergrößern, als in dem Erzherzoge Karl einen neuen Monarchen aufzustellen. Zwei)- »97 Zweyter Abschnitt. Ocstrcichs und Frankreichs Lage bey dcm Anfange des spanischen Erbfolgekricgcs. Eugens bewundernswürdiger Marsch nach Italien. -Vil- lcrvy in Crcmona von ihm gefangen. Aber Eugens Unternehmungen werden hauptsachlich, durch des Herzogs von Savvycn Verbindung, mit Frankreich, gehemmt. ^)n spat bereute es Leopold, daß er seinen Sohn Karl mit den verlangten Truppen nicht nach Spanien geschickt hatte. Der Zesuit Wolf, der damahls bei) ihm in großem Am sehn stand, war nun einer von denen, die ihm den Rath gaben, seine Rechte aufSpa- nicn mit den Waffen zu behaupten. Derjenige, «ige, der zum ersten Schauplatze dieser kriegerischen Entscheidung Italien vorschlug, war der durch den Türkenkrieg so berühmte Prinz Eugen, der erste kaiserliche Feldherr, welcher der französischen Uebcrlcgenheit das Gleichgewicht hielt. Eugen war eigentlich von französischer Abkunft. Sein Vater, der Graf vonSoissons, königlicher General-Lieutenant der Armee, und Gouverneur von Champagne, hatte ihn mit Olympia Mancini, einer Nichte des Cardinals Mazarini, gezeugt. Eugen (geb. i66z) mußte zwar griechisch und lateinisch lernen, um dareinst eine Stelle unter den Prälaten einnehmen zu können; aber der kraftvolle Jüngling hatte hierzu so wenig Neigung, daß er vielmehr am liebsten von Schlachten und Belagerungen hörte, daß ihm der Schall der Trompeten und Trommeln das lebhafteste Vergnügen gewahrte. Ludwig XIV verkennte den Jüngling so sehr, daß er ihn spotlweise den kleinen Abbe nennte, daß er ihm ein Regiment, oder wenigstens eine betrachtliche Officierstclle, abschlug. Eugen war zu stolz, um vor Günstliugcn und Maitressen zu kriechen. So reifte in ihm der Entschluß, als Freywilliger (168z) zur kaiserlichen Armee bei) 199 bey Wien sich zu begeben. Der Kaiser ver- traute ihm, als er erst 20 Jahre alt war, ein Dragoner - Regiment an, und bald war er der Schrecken der Türken. Seinem Bey- spiele folgten (1685) die bcyden Prinzen von Conti. Ludwig befahl ihnen, und allen ihren Begleitern, nach Frankreich zurückzukehren. Eugen war der Einzige, der diesem Befehle nicht gehorchte, der seinem Vatcr- lande entsagte. Ludwig glaubte, wenig an ihm verlohrcn zu haben, und seine Günst' linge und Maitrcssen glaubten eS auch, weil sie blos auf einige von seinen Jugendstreichen Rücksicht nahmen. Aber der scharfsinnige, erhaben denkende Eugen, eben so einsichtsvoll und entschlossen, wenn er die Feder führte, als wenn er den Degen zog, war der Erste, der Ludwigs XIV große Macht erschütterte, der, während er den Kaiser Leopold beherrschte, wahrend er als Feldherr und Staatsmann die glänzendste Nolle spielte, eben so sehr den Stolz als den Neichthnm verachtete, und den Wiener Höflingen die Erwerbung von Kenntnissen empfahl. Damahls 37 Jahre alt, und eben sowohl mit der Kricgswisscnschaft, als mit den Fehlern der bisherigen kaiserlichen 2OO chcn Generale, bekannt, war er unstreitig der beste Feldherr, dem Leopold die Aufsicht über seine italienische Armee anvertrauen konnte. Eugens Talente hoben sich um so mehr, je weniger die Generale, die ihm Ludwig XIV entgegenstellte, die Eigenschaften, .die sie als seine Gegner besitzen mußten, vereinigten. Der scchztgjahrige, eingezogen lebende Lud- wig sah jetzt die Dinge zu entfernt, sah sie mit abgestumpften, durch die anhaltende Glücks scligkeit verblendeten Augen. Seine Minister, seine Feldherren waren ihm jetzt weniger, als sonst, bekannt. Die Maintenon hatte, bey allen ihren schatzbaren Eigenschaften, zu wenig Geistesgröße, zu wenig Kraft und Muth, um das Anschn des Staates mit Nachdruck zu behaupten. Sie wählte die Minister und Generale nicht sowohl mit Einsicht, als mit Partheylichkcit. Chamillart, dem sie das Finanz- und Kricgsministerium verschaffte, besaß weniger Politik, als Nechtschassenheit, und war dennoch so sehr von sich eingenommen , daß er den Colbert und Lvuvois in einer Person vereinigen zu können glaubte. Lud- 2OI Ludwig, seinen Erfahrungen'zu viel trauend, schmeichelte sich mit der Einbildung, seine Minister leiten zu können. „Ich habe,, sagte er nach Louvoiö Tode, zum-Könige Jacob: „ einen guten Minister verlohren; meine Geschaffte werden aber dennoch immer gut besorgt werden, und meine Sachen immer gut stehen.,, Als er dem Barbcsieux zu Lon- vois Nachfolger wählte, sagte er zu dsmscl- bei,: „ich habe euren Vater gebildet, und ich werde auch euch bilden.,, Ungefähr auf eben diese Art drückte er sich bei) Chamillart's Anstellung aus. Aber die Erfahrung Widers sprach der günstigen Mennung, die Ludwig von seinen Einsichten hegte. Im Zimmer, in Gegenwart der Maintenon, mit welcher er die Leitung der Kricgsunternehmungen theilte, cutwarf er, mit Zuziehung Chamil- lart's, Instructionen für die Generale, die ihre Gewalt zu sehr einschränkten. Die Felds Herren sollten, che sie einen entscheidenden Schritt thaten, erst durch einen Courie'k anfragen. Indessen verstrich der glückliche Zeit- punct. Chamillart, oder die Maintenon, deren Werkzeug er war, schwächten die Wirkungen militärischer Beförderungen und Bc- loh- 202 lohnungcn, durch ihren Eigennutz, durch ihre Partheylichkcit. Den Söhnen ihrer Güust« linge wurden Regimenter noch im Knabenalter zu Thcil. Das Ludwigskrcuh konnte man für 50 Ecus kaufen." Die Kriegszucht ver- lohr immer mehr von ihrer Strenge. Die Truppen waren nicht vollzählig. Schwächere Batallionc mußten daher stärkern entgegengestellt werden. Die Kriegsvorräthe waren weder hinreichend, noch bey der Hand. Die Soldaten hatten schlechte Waffen. Doch Leopolds Kriegsmacht befand sich anfangs in einem noch schlechtem Zustande. Die Staatseinkünfte reichten kaum zur Erhaltung von 15,000 Mann hin, und doch waren, wenn man gegen Frankreich Krieg führen wollte, 90,000 Streiter nöthig. Danemark schickte dem Kaiser 6000 Mann. Von andern Bundesgenossen sah sich aber der Kaiser anfangs ganz verlassen. Die italienischen Fürsten, deren Unterstützung jetzt vorzüglich wichtig war, wollten sich, aus Furcht vor Frankreichs Macht, nicht erklären, oder traten als Ludwigs Bundesgenossen auf. Der Herzog von Mautua ließ sich (1701 April), durch 2OZ durch 60,000 Pistolen, bestimmen, in seine Festung Mantua eine Besatzung von Franzosen und Spaniern einzunehmen. Der Herzog von Savoyen wurde, durch die Verbindung seiner Tochter mit dem neuen Könige von Spanien, und durch den Auftrag der Oberfeldhcrrnstclle, für Frankreich gewonnen. Aber auch in Deutschland bekam Ludwig Anhänger. Selbst Leopolds Schwager, der Kurfürst von Bauern, der erst die Niederlande, und hernach die lebenslängliche Statthalterschaft derselben, nebst einigen Millionen an Geld, bekommen sollte, trat auf Ludwigs Seite. Seinem Beuspicle folgte sein Bruder, der Kurfürst von Cöln. Auch der Herzog Anton Ulrich von Braunschweig unterstützte Ludwig XIV mit 12,000 Mann. England und Holland schlössen gleichfalls (1701 Sept.) mit Ludwig XIV eine Verbindung. Doch schon drcp Monathe früher hatte der von jedermann verlassene Kaiser Leopold den Krieg in Italien angefangen. Eugen gieng mit ZO,OO0 Mann über die Alpen. Catinat hatte die nächsten Wege, die aus Deutschland nach Italien führen, stark besetzen 204 Hütt lassen. Aber in woniger als 24 Sinns den hatten Eugens Soldaten einen Weg von 6 Meilen in der Lange, und 9 Fuß in der Breite über die rauhen Alpen vollendet. Zum großen Erstaunen Catinats gicng Eugen bep Legnaco, im Gcbiothe von Verona, über so hohe und steile Gebirge, daß die Reiter absitzen und die Pferde am Zaume führen, daß die Kanonen von den Soldaten und Bauern an Seilen hinübergezogen werden mußten. Engen verband mit feinen Wohls ausgcdachten Planen eine schnelle Ausführung. Dieß zeigte jetzt sein Ucbcrgang über die Etfch. Catinat sah die Nothwendigkcit, ihn von demselben abzuhalten, sehr wohl ein. Einige von seinen Untcrgcncralcn machten ihm aber Schwierigkeiten, und Catinat war zu schwach, sich Gehorsam zu verschaffen, oder er wurde vielmehr von Eugen getauscht. So erfocht sich Eugen (7. Jul.) bcy Carpi die Gelegenheit, auf die rechte Seite der Etsch zu kommen, und Catinat mußte sich hinter den Mincio und Oglio zurückziehe». Die Hofleute, und vornehmlich diejenigen, die sich all seine Stelle versetzt zu sehen wünschten, behaupteten, daß durch sein Benehmen die ganze 2o; ganze französische Nation beschimpft worden sey. Villcroy wollte (seit dem August) die, sen Schimpf ivicdcr auswischen. Der Duc und Marschall de Villeroy, Sohn des Oberhofmeisters des Königs, mit ihm er, zogen, und immer in seiner Gunst, seine Fcldzüge eben sowohl, als seine Verguügun, gen thcilcnd, von einer eben so einnehmen, den, als Ehrfurcht gebietenden Gestalt; recht, schassen, Wahrheit liebend, prachtvoll; aus, ferst brav, aber in der Behauptung seiner einmahl gefaßten Meynungen zu hartnackig, und wie seine Feinde ihm Schuld gaben, mehr auf die Ehre und das Vergnügen, den Befehl über eine Armee zu führen, als auf die eines großen Generals würdigen Plane, Rücksicht nehmend. Als Günstling seines Monarchen, und als der Gcbielhcr eines zahlreichen Heeres, glaubte er sich über die Fürsten weit erhaben, nennte er den Herzog Victor Amadeus nur den iVIoulieur fie 8a- voie, behandelte er ihn, der doch den Zu, gang von Italien in seiner Gewalt hatte, als einen im französischen Solde befindlichen General. Der Hof zu Versailles rechnete darauf, 2OÜ darauf, daß seine große Armee in Italien, von welcher 6 bis 7000 piemontesische Soldaten beständig umringt waren, den Herzog in der Furcht erhalten würden. Man wies ihm auch einen Jahrgchalt von 500,000 Ecus, und hernach von monathlich 200,00s Franken, an. Aber Victor Amadeus, der seine Wichtigkeit für Frankreich fühlte, verlangte auch noch Land, und es war ihm um so empfindlicher, daß er, wie ihn der Stolz der französischen Generale und Minister befürchten ließ, bald ganz unbedeutend werden sollte. Als er seinen Schwiegersohn, den König Philipp zu Moyland, der, seinen Muth zu zeigen, nach Italien kam, besuchen wollte, gab man ihm zu verstehen, daß man ihn daselbst nicht anders, als einen courtistm oder Hof-Ca- valier würde empfangen können, und daß er auf die Ehre, mit dem Könige von Spanien zu speisen, nicht wohl rechnen dürfe. So legte man, aus unüberlegtem Stolz, den Grund zum Verfall des französischen Kriegs- glücks in Italien. Obgleich Viileroy, durch die mitgebrachte Verstärkung, Eugens Heere eine doppelt so ° große 2O7 große Armee entgegenstellen konnte, so fühlte er doch bald die Überlegenheit von Eugens Generals-Talenten. Als er ihn (am l. Sept.), in seiner vortheilhaften Stellung bey Chiari, zwischen dem Lago di Garda und Tyrol, ans zugreifen wagte, kostete es ihm gegen Zooo Mann, und fast wäre der Vater von seinem Sohne, dem Prinzen von Vaudemont, der sich bey den Oestreichern befand, gefangen worden. Villeroy, der, um dem einzucrnds tendcn Ruhme schneller entgegen zu gehen, mit Extrapost reisetc, sah seine Hoffnung eben so schnell getäuscht. Er hatte dieses Unglück vermeiden können. Catinat, der jetzt unter ihm diente, und andre von seinen Generalen, hatten ihn auf die Schwierigkeiten vergebens aufmerksam gemacht. Catinat ließ sich den Befehl zu demselben dreymahl geben. „Wohls an,, sagte Catinat, zu seinen Officicren sich wendend, „w>r muffen gehorchen!,, Catis nat, dem die Kränkung seines Ruhmes uncrs träglich war, suchte den Tod auf. Verwuns det fuhr er dennoch fort, seine Generalsobs liegcnheitcn zu erfüllen, ordnete er, als Vtls leroy seinen Degen eingesteckt hatte, den Rückzug an. Hierauf eilte er aber auch nach 208 nach Paris, um dem Könige Bericht abzn» statten. Eugen, der, wahrend dem Winter (1701 Dec.) das ganze Gcbieth des Herzogs von Mantua, den der Kaiser, wegen seiner Bert bindung mit Frankreich, für einen treulosen Vasallen erklärte, bis auf die Hauptstadt, besetzte, der sich auch der Fürstcnthümer Gua» stalla und Mirandola bemächtigte, war dem Villeroy auch an Wachsamkeit überlegen. Dieß zeigte er jetzt (1702 am 2. Febr.) in einem glänzenden Vcyspicle. Villeroy, der, in der Mitte des Winters, ganz unbesorgt lebte, schlief einst zu Cremona, von einer an» sehnlichen Besatzung umringt, ganz ruhig und fest, als ihn ein Lerm von Musketen» feuer aufweckte. Schnell steigt er, nur mit dem Hemde bekleidet, zu Pferde, und nner» wartet stößt er auf eine Schwadron, fühlt er sich, von Eugen selbst, bey dem Arme ergrissen, und gefangen. Eugen war durch Hülfe eines Geistlichen, der 400 Mann durch einen trocknen Graben führte, welche die Wache an zwey Thoren niederstießen, mit 4000 Mann in die Stadt gekommen. Alles dieß 209 dicß geschah/ che der Gouverneur, ein Spa- nier, es gewahr wurde, ehe Villcroy er- wachte. Ais sich der Gouverneur mit einigen Soldaten endlich zeigte, ward er sogleich er« schössen. Fast alle Generale in Crcmona wurden gerödtct oder gefangen. Der Retter der übrigen Franzosen, und der Stadt, wurde der Chevalier! d'Entragues, der um diese Zeit, um vier Uhr des Morgens, sein Regiment zur Musterung versammelte, und den Deutschen sich so nachdrucksvoll widersetzte, daß die Garnison, sich zu sammeln, Zeit gewann» Die Soldaten, zum Theil fast ganz unange- kleidct, und nicht gehörig bewaffnet, auch ohne ihre Officiere, marschierten in buntem Gemische auf, fochten, verschanzten sich in einer Gasse nach der andern, auf einem Platze nach dem andern. Zwey irlandische Regimenter hielten die Qestrcicher am meisten auf. Die Besahung war etwa 5000 Mann stark, und Eugen hatte nicht mehr, als 4000 Manu. Eine starke Abthcilung von Truppen sollte ihm über die Pobrücke nachkommen, aber die Curassicrc, welche die Brücke besehen sollten, nahmen einen unrechten Weg. Indessen Gallettj Weltg. 141° Th. O wurde 2lO wurde die Brücke von den Jrländcrn besetzt, und abgebrennt. Eugen mußte sich hierauf, den Villeroy und andre gefangne Generale mitführend, aus Cremona wieder herausziehen. Villcrou war nun für die Hosicute zu Versailles ein Gegenstand des Tadels. „Man zieht auf ihn los,,, sagte Ludwig „weil er mein Günstling ist!,, An seine Stelle trat nun der Duc de Vendome, Heinrichs IV Enkel, unerschrocken wie dieser, aber zugleich gutmüthig, wohlthatig, ohne Anmaßung, mit Haß, Neid und Nachsucht unbekannt, und nur gegen Prinzen stolz; der einzige General, für den die Soldaten aus Neigung fochten, aber in der rcifern Erwägung der Plane dem Eugen nachstehend; um die Versorgung der Armee und das Einzelne sich wenig bekümmernd, die Kricgszucht vernachlässigend, der Tafel und dem Schlafe zu viel Zeit widmend, daher mchrmahls in Gefahr, überrascht zu werden; doch am Tage einer Schlacht eine ausserordentliche Geistesgegenwart zeigend, und solche Tage geflissentlich aussuchend; unreinlich und schlecht wirthschaf- tcnd. tend, so daß ihm manchmahl das Nothwen- digc fehlte. Sein Bruder, der Großprior, der in Italien unter ihm commandirte, des saß alle diese Fehler noch in größerm Maße. Die Franzosen hatten damahls zwei) Generale, die das Bett oft nicht früher, als 4 Uhr Nachmittags, verließen. Aber eben dieser Vendome, bey welchem Thäligkeit und Nachlässigkeit auf eine sonderbare Art vereinigt war, setzte dem Eugen List und Ueberraschung entgegen, und lieferte-ihm Schlachten, die beyde Theile gewonnen haben wollten. Jetzt war aber auch der junge König von Spanien (1702 April) in Italien. Philipp wollte, auf die Vorstellung seines Ministers Porto- carrero nicht achtend, in Italien Lorbeeren cinernüten. Er verabredle mit Vendome den Plan, die Kaiserlichen zurückzudrängen, und das von ihnen eingeschlossene Mantna zu retten. Nach den Vorbereitungen von einigen Monathen, glückte es dem Vendome endlich (1702 Jul.) eine östrcichische Truppen - Abtheilung unter Visconti, die bey Santa Viktoria, nicht weit von Reggio, stand, mit überlegener Macht zu überwältigen, che ihr O 2 Eugen 2l2 Eligen zu Hülfe kommen konnte. Durch diese glückliche Unternehmung waren Philipp und Vendome so mit Much erfüllt, daß sie, ihres Sieges gleichsam gewiß, gegen die östrcichi- sche Armee geradezu anrückten. Eugen fühlte die Gefahr, in welche ihn der Anzug zweyer Heere, des französischen und des spanischen, versetzte, so innig, daß er, um alle feine Truppen auf einem Punkte zu versammeln, die Belagerung von Mantua aufhob, und bey Luzzara sich in Schlachtordnung stellte. Das Treffen, das nun (15. Aug.) folgte, war zwar aufferst blutig, aber nicht entschei« dcnd, und das Te Dcum wurde eben sowohl zu Paris, als zu Wien, gesungen; aber Eugen hatte doch den Ruhm, von einer der seinigen weit überlegenen Armee unbesiegt geblieben zu seyn, und die vereinigten Franzosen und Spanier hatten noch cinmahl so viele Leute, als er, verlohrcn. Der ganze Vor« thcil, den ihnen der vcrmeynte Sieg verschaffte, war die Einnahme von Luzzara und Guastalla. Philipp V, der nun in Spanien zu thun bekam, gieng aus Italien (im Aug.) wieder weg. Eugen, Eugen, welcher den 55,000 Franzosen, die ihm, ausser den Festungen gegenüberstanden, kaum die Hälfte so viel entgegenstellen konnte, der an Lebensbedürfnissen, an Geld, kurz an allem, Mangel litt, dcr rciscte, als seine schriftlichen Vorstellungen am kaiserlichen Hofe immer ohne Wirkung blieben (170z Jan.) endlich selbst nach Wien. Den Oberbefehl übertrug er dem Grafen Guido von Stahrcmbcrg, der Erfahrung und Einsicht genug besaß, um die Hoffnung des Duc de Vendomc, der sich jetzt die Vernichtung des östreichischen Heeres in Italien als eine leichte Unternehmung dachte, zu vereiteln. Doch seine Lage würde, wegen der Uebcrlegenhcit der französischen Armee, endlich doch noch sehr bedenklich gewesen scyn, wenn der Herzog von Savoycn nicht endlich zur kaiserlichen Parthcy übergegangen wäre, wenn Ludwig XIV nicht noch mit mehrcrn Feinden in einen lebhaften Kampf gerathen wäre, der Vendome's Entfernung aus Italien nach sich z°g. Wenn 214 Wenn Eugens Unternehmungen in Italien den Erwartungen, die man sich von ihnen machte, nicht ganz entsprachen, so war Sa- voyens Verbindung mit Frankreich hauptsächlich daran Ursache. Man mußte also alles versuchen, um denselben auf die östrcichischc Seite zu ziehen. Dicfi kostete keine große Anstrengung, weil Victor Amadeus des Einverständnisses mit Ludwig XtV ohuedicß schon sehr überdrüfiig war. Seine Stelle eines Generalissimus war weiter nichts, als ein leerer Titel. Die vcrsprochncn Substdien wurden nicht ordentlich ausgezahlt. Die Unwahr- scheinlichkcit, sich der französischen Oberherrschaft entziehen zu können, wurde immer größer. Auch war es, bcn fortgesetzter Verbindung mit Frankreich, unmöglich, die Königekrone , nach welcher Victor Amadeus strebte, zu erlangen. Um so williger unterhandelte er daher mit dem Kaiser Leopold. Dieser versprach ihm (170z Jul.) alles, was Ludwig und Philipp ihm abgeschlagen hatten. Er sollte auch eine größere Substdien - Summe erhalten. Aber er konnte sein Kriegsvolk, welches aus nicht mehr, als 5000 Mann bestand, von den französischen Truppen, von welchen 2i; welchen er überall umringt war, nicht zu rechter Zeit absondern. Dieses wurde daher (170z Sept.) auf Vendome's Befehl entwaffnet, und, noch vor dem Ende des Jahres , war ganz Savoyen, bis auf die Festung Montmelian, von den Franzosen besetzt. Dritter 2l6 Dritter Abschnitt. An dem spanischen Erbfvlgckricge nehmen auch die Seemächte, imgleichen Portugal, Prcussen u- a. m. Tkcil. Portugals Geschichte bis dahin. Prcussen wird ein Königreich. Ludwig XIV krankt die englische Nation. Wilhelms IN Tod. Marlborough's glänzender Feldzug in den Niederlanden. Des Kurfürsten von Bayern unglücklicher Zug nach Tyrol. Leopold l auch mit Ragoczy bcschäfftigt. Schcl- lenherg. Hochstedt. Leopolds i Tod. Misher hatten Leopold I und Ludwig XIV allein Krieg geführt, und anfangs war Italien der einzige Schauplatz dieses Krieges. Bald nahmen aber auch Großbritannien, die vereinigten Niederlande, Portugal, Preusscn, und das 2l? das deutsche Reich, an diesen blutigen Hau« dcln Theil. Alfons VI von Portugal, den der Sieg bey Montcs Claros (1667) auf den portugiesischen Throne befestigte *), hotte nicht die Eigenschaften, die ihn dieses Glückes würdig machten. Schon auf dem Reichstage, den sein Vater, Johann IV, kurz vor seinem Tode hielt, warfen die versammelten Stände die Frage auf, ob man dem an Geist und Körper schwachen Prinzen nicht seinem Bru> der, den talentvoller!, Don Pedro, vorziehen sollte; aber der Vater, der sich noch immer mit der Hoffnung schmeichelte, daß Alfons besser werden würde, beredte die Staude, ihm den Eid der Treue zu schwüren. Doch nach dem Tode des Johanns verschwand alle Hoff- iiung, die man sich von den Geistesfähigkei- tcn des Alfons gemacht hatte, völlig, und die Mutter mußte die Regierung übernehmen» Sic führte sie mit Ansehn und Würde, uni> wenn ihr Sohn nicht klüger wurde, so lag es nicht an den Personen, denen die Erzies hung und der Unterricht desselben anvertraut war. Zum Unglücke umringten ihn Schweich! ler, ») Th.xui. S. 170. 2l8 ler, die ihn in seinen Fehlern noch bestärk- ten. Antonio und Johann Conti, die Söhne eines Krämers ans dem Genuesischen, waren diejenigen, die sein Vertrauen am meisten besaßen. Als diese nun gewahr wurden, daß die Mutter, durch eine Parthcy der Großen nntcrstüht, ihren Liebling, den Don Pedro, auf den Thron zu bringen wünschte, gaben sie (1665) dem Könige den Rath, sie vom Hofe zu cntfcrucn. Ihr Anschn war aber noch so groß, daß Antonio, der gefahrlichste der bcpden Brüder, verhaftet, und, nebst einigen von seinen Freunden, nach Brasilien geschickt wurde. Man rechtfertigte dieses Verfahren durch das Vorgeben, daß man das allgemeine Beste, und die Ehrerbiethung für den König, dabcy zur Absicht habe. Der schwache Alfons wußte den Unwillen, den er über die Gewalt, die man sich angemaßt hatte, empfand, so gut zu verbergen, daß seine Mutter dem Schicksale, die Theilnahme an der Regierung zu verlieren, endlich doch nicht ausweichen konnte. Der Graf von Cassel - Melhor, einer der einsichtsvollsten aber auch ehrgcitzigsten Portugiesen, der, an Antonio Couti's Stelle, des Alfons vornehmster 2l9 ster Nathgcbcr wurde, beredte denselben, die Regierung selbst zu übernehmen, weil er als- denn sicher hoffen durste, den Regenten von Portugal vorzustellen. Die Königin wollte zwar durchaus nicht weichen; allein Castel- Melhor nöthigte sie, mit Hülfe der Bürgerschaft von Lissabon, mit ihrem Sohne, dem Don Pedro, sich in den Privatstand zu begeben. Sie gicng in ein Kloster, wo sie bald (1666 Febr.) ihr Leben beschloß. Schade, daß ihr männlicher Geist nicht das Erbihcil ihres Sohnes Alfons geworden war. Doch Castcl-Melhor, der Urheber ihrer Entfernung behauptete sich auch nicht lange. Seine despotische Staatsverwaltung machte ihn bcp den Großen, und bey den Bürgern der Hauptstadt, so verhaßt, daß sie eine Regicrungsveranderung wünschten. Ihre Aufmerksamkeit lenkte sich jetzt immer mehr auf den Don Pedro hin. Aber auch für die Aufmerksamkeit der jungen Gemahlin des Alfons, einer Tochter des Herzogs von Nemours, war Don Pedro ein anziehender Gegenstand. Diese fühlte sich bald überzeugt, daß er einen bessern Gemahl, als Alfons abgeben 220 geben würde, über dessen Unvermögen sie sich laut beklagte. In Verbindung mit dem Don Pedro brachte sie es (1667) bald dahin, daß Casiel - Mclhor das Ministerium gegen ein Kloster vertauschen mußte. Ja die junge Königin und Pedro wußten es so einzuleiten, daß eine Versammlung der Stande dem Als fons die Rcgicrungsfähigkcit absprach, daß sie ihn in Verwahrung bringen ließ. Seine Gemahlin, die sich erst in ein Kloster begab, stellte sich, als wenn sie nach Frankreich zurückkehren wollte. Durch ihre Anhänger wurden aber die Stande so gut.'gestimmt, daß sie dieselbe und den Don Pedro um ihre Vermahlung ersuchten. Pedro war nicht über 20 Jahre alt, aber sehr zärtlich. Die junge Königin bedachte sich also gar nicht lange, den Alfons gegen ihn zu vertauschen. Der Pabst gab (1668) seine Einwilligung, weil Alfons, nach der Untersuchung seines Legaten, die Ehe nicht vollzogen hatte. Der mitleidige Don Pedro ließ (1669) seinen Bruder auf die azorische Insel Tercera bringen, wo er sich seinem Lieblingsvergnügen, der Jagd, ungestört überlassen konnte. Aber 221 Aber der junge, zärtlichliebcnde Pedro war auch ein sehr eifriger Regent, der an Cadaval, einem Abkömmling des Hauses Braganza, einen guten Minister hatte. Die? ser suchte vornehmlich die Finanzverwaltung in bessere Ordnung zu bringen. Die Staats» einkünfce waren entweder voraus eingenommen, oder verpfändet. Die Domänen befanden sich, seit der spanischen Regierung, noch immer im Besitze der Großen. Nach Rom wurde vieles Geld geschickt. Die ostiudischen Bc» sitzungen waren durch Engländer und Hollän» der vermindert worden. Während daß nun Pedro und sein Minister einer bessern Staats» wirthschaft sich befleißigten, vereitelten sie standhaft alle Bemühungen der jungen Köm» gin, und ihrer französischen Unterhändler, die sie mit Spanien, mit welchem (1668 Febr.) ein feyerlicher Friede geschlossen wor» den, in einen neuen Krieg verwickeln wollt tcn. Dennoch nahm Spanien an einer Ver, schwörung, welche (167z) die Wiederhcrstel» lung des Alfons zur Absicht hatte, Antheil. Alfons VI wurde hierauf seinem angenehmen Aufenthalte auf der Insel Tcrcera entrissen, und in die Festung Cintra eingesperrt, wo er 222 er noch zehn Jahre lebte (st. 168z). Seine Gemahlin, die sich von ihm hatte scheiden lassen, starb um eben diese Zeit. Nnn hörte der französische Einfluß zu Lissabon völlig auf. Pedro vermahlte sich zum zwcyten Mahl (1687) mit einer pfalzneuburgischcn Prinzessin, die durch eine englische Flotte nach Portugal gebracht wurde. Die schöne und tugendhafte Prinzessin starb aber schon nach sieben Jahren (1694) ihrem Gemahle sechs Kinder hinterlassend. Der lehtre hatte zwar seine Armee so vermehrt und geübt, daß ihm selbst Ludwig XIV seine Achtung nicht versagen konnte; aber er mußte sich dennoch entschließen, den Philipp von Anjou als König von Spanien anzuerkennen. Philipp und Ludwig behandelten ihn jedoch mit so weniger Schonung, daß sie sogar den Plan machten, ihm sein Reich wegzunehmen. Dadurch gaben sie ihm einen gerechten Vorwaud, sich an die Seemächte anzuschließen. An die Seemachte schloß sich auch der neue König von Preussen an. Der große Friedrich Wik- 22Z Wilhelm, der zur brandenburgischen, zur prcusstschen Macht den Grund legte, war schon vor vierzehn Jahren (l688 April) gestorben. Er hat seinen Nachfolgern ein äusserst musterhaftes Bcyspiel der Aufmerksamkeit auf alle Pflichten eines Regenten hinterlassen. Friedrich Wilhelm, der mehr als einmahl als ein furchtbarer Feind des mächtigen Ludwigs XIV auftrat, der den König von Schweden in große Verlegenheit brachte 5), der hinterließ seinem Nachfolger ein vortreffliches Heer von 28,500 Köpfen, der hinterließ demselben seinen Staat nicht nur sehr vergrößert, sondern auch besser angebaut» Zu den Ländern, die ihm der westphälische Friede zusicherte, kamen noch die oranischen Besitzungen, die er von dem Vater seiner ersten Gemahlin, dem Prinzen Friedrich Heinrich von Nassau - Oranicn, erbte. In seinem Lande gab es aber noch manche Stadt, noch manchen Landstrich, wo es an Einwohnern fehlte. Daher benutzte Friedrich Wilhelm jede Gelegenheit, die sich ihm darboth, diesen Mangel zu ersetzen, und seine Untertha- nen *) Theil xili- S. Nv> 214. 22ch uen zu vermehren. Er gestand den Fremden, die sich in seinem Lande niederließen, nicht nur wüste Plätze, sondern auch Bauholz und Abgaben - Frcpheit, zu. Schon vor der Auf- Hebung des Edictcs von Nantes schlugen viele vornehme Franzosen ihren Wohnsitz zu Berlin ans. Schon gab es zu Verlin eine französische Gemeinde von hundert Familien, die drey Prediger hatte. Derjenige, dessen Nath- schlägen Friedrich Wilhelm, bcy der Aufnahme der französischen Ncligionsflüchtlinge, vorzüglich folgte, war sein Obcrstallmeistcr, der Graf von Beauveau. Die Zahl dieser Leute, die sich in Friedrich Wilhelms Landern niederließen, belief sich auf 20,000. Unter ihnen befanden sich viele geschickte und fleißige Manufakturisten; unter ihnen befanden sich, ausser dem berühmten Schömberg , der'" sich um Portugals Unabhängigkeit so verdient machte, viele gute Ingenieurs, Artilleristen und andre Officiere, die an der vollkomm- ncrn Ausbildung des brandcnburgischen KriegS- staates einen wichtigen Antheil hatten, die dem Kurfürsten Gelegenheit gaben, ein Ca- detten-Corps zu stiften. Auch Wallonen aus den französischen Niederlanden, und Walden- ser 22; scr aus dm Gebirgen von Savoyen, wan- dcrtcn in das Brandmburgische ein; die letzter» konnten sich an den Aufenthalt in demselben so wenig gewöhnen, daß sie bald wieder nach Hause giengen. Die neuen Ankömmlinge gaben dem Kurfürsten Gelegenheit, neue Städte anzulegen, und alte zn erweitern. Um den Handel seiner Untcrtha- nen nach Hamburg zu erleichtern, legte der sorgsame Kursürst einen Kanal an, der, vermittelst der Havel und Spree, die Oder mit der Elbe in Verbindung brachte. Aber auch die Sechandlung war für Friedrich Wilhelm ein vorzüglicher Gegenstand der Aufmerksamkeit. Er unterhielt deswegen auch eine kleine Flotte. Seine 6 bis 8 Fregatten und Gal- liotten thaten ihm im Kriege mit Schweden gute Dienste. Oberbefehlshaber derselben war ein Scelandcr, Rahmens Raule. Der spanische Hof blieb ihm (1680) 180,000 Thaler Subsidicngcldcr schuldig, und man lachte zu Madrid, als er durch seinen Gesandten erklären ließ, daß er sich schon würde Recht zu verschaffen wissen. Allein 6 von seinen Fregatten nahmen, in der Gegend von Ostends , ein großes spanisches Kriegsschiff weg, EallettiWcitg. i4r Tb' P und 226 und 5 von ihnen wagten sich bis in den mexikanischen Meerbusen, und machten noch manche gute Prise. Der vornehmste preussische Hafen war zu Pillau, wo, unter Raule'S Anleitung, ein Schiffswerft angelegt wurde. Preussische Schiffe giengcn bis nach Guinea. Es wurde zu Emden eine afrikanische, eine ostindische Handlungsgcscllschast errichtet. Friedrich Wilhelm nahm den berühmten Tavcr- nier in seinen Dienst. Aber am Ende waren alle diese Anstrengungen, und alle die darauf gewendeten Kosten, vergeblich. Der brandenburgische Seestaat war zu schwach, um den Hindernissen, die ihm die Eifersucht der Hollander in den Weg legte, mit Nachdruck entgegenarbeiten zu können. Der kraftvolle und thatige Friedrich Wilhelm hinterließ (1688) sein Land seinem Sohne Friedrich, der, verwachsen und etwas schwächlich, nicht das Glück hatte, die Gunst seiner Stiefmutter sich zuzueignen. Dorothea, die Wiltwe eines Herzogs von Braunschweig-Zelle, die Friedrich Wilhelm, nach dem Tode seiner ersten Gemahlin, geheyra- thet hatte, gebahr ihm noch vier Prinzen, für 227 für welche ihm die Mutter so viele Liebe cinflSßte, daß der Sohn der ersten Ehe nicht immer günstig behandelt wurde. Friedrich, der mit der Prinzessin Sophie Charlotte, der Tochter des ersten Kurfürsten von Hannover, vermahlt war, gcrieth über die Behandlung, die ihm sein Vater und seine Stiefmutter widerfahren ließen, endlich so sehr in Verzweiflung, daß er (1685), mit seiner Gemahlin , eiligst die Flucht ergriff. Die letztre kam, auf dieser schnelle!? Reise, in dem Hause eines Dorfschulmeisters, nieder. Ihr Vater, und der Landgraf von Hcsscncasscl brachten es jedoch (1686) dahin, daß sich Friedrich Wilhelm wieder mit seinem Sohne aussöhnte. Friedrich, ein leidenschaftlicher Verehrer des auffern Prunks, sah es mit einem unangenehmen Gefühle, daß alle seine Nachbarn die Königskrone entweder schon trugen, oder sie wenigstens in der nahen Aussicht hatten. Der Prinz Wilhelm von Oranien saß auf dem englischen Throne; der Kurfürst von Sachsen war König von Polen; der bayrische Kurprinz war damahls zum Könige von Spanien bestimmt, und der Kurfürst von P 2 Hanno- 228 Hannover hatte schon die sichere Hoffnung, dareinst König von Großbritannien zu werden. Es krankte den eitcln Friedrich auf das innigste, als ihn, bey einer Zusammenkunst im Haag (1695) kein Armsessel gesetzt wurde. So reiste in ihm der feste Entschluß, auch sein Haupt mit der Kön'gskrone geziert zu sehen. Unter den Landern, welche die Kurfürsten von Brandenburg damahls besaßen, war das souveräne Herzogthum Prcussen dasjenige, dem die Rechte eines Königreichs am füglichsten bepgelcgt werden konnten. Doch die Unabhängigkeit dieses'Herzogthums war von dem Kaiser noch nicht anerkannt worden. Auch schien, ohne Einwilligung des römischen Kaisers, kein neues Mitglied in die Reihe der Könige eintreten zu dürfen. Mit dem Hofe zu Wien mußten also (1694) Unterhandlungen angesponnen werden. Friedrichs Unterhändler schlugen die sichersten Wege ein. Der Beichtvater des Kaisers, und die vielgellenden Jesuiten, bekamen große Geschenke. Manche Million soll damahls von Berlin nach Wien gewandert seyn. Friedrichs Minister fanden, den Grafen von Wartenberg ausgenommen, den Aufwand, den diese Unter- 229 terhandlungen erforderten, zu ungeheuer. Der Prinz Engen war der Meynung, daß die geheimen Nathe, die den Kaiser für die preusstsche Königswürdc gestimmt hatten, gel hangt zu werden verdienten. Aber der Kail ser konnte das vortreffliche preusstsche Kriegs» volk, in seinem Kriege mit Frankreich und der Pforte, sehr gut brauchen. Friedrich machte sich (1700 Nov.) verbindlich, gegen die Franzosen, sechs Zahre hindurch, 10,000 Mann zu stellen; er versprach, bcy allen Reichsangelegcnheiten, der Meynung von Ocstrcich beyzutrcten; er entsagte den Subst» dicngeldern, die er noch zu fordern hatte. Dafür willigte Leopold in Preußens Erhe» bung zum Königreiche ein. Friedrich setzte sich, zu Anfang des folgenden Jahres (1701 am iZtcn Jan.) in der lutherischer. Schloß» kirchc zu Königsberg, die Krone selbst auf. Schon am Tage vorher hatte er den schwar» zen Adlerorden gestiftet. Der neue König von Preusscn trat nun, in dem spanischen Erbfolgekricge, als einer der bedeutendsten Bundesgenossen des Kaisers auf. Hierzu be» stimmte ihn nicht nur das dem Hofe zu Wien gegebene Versprechen, sondern auch Dran» den» 2Z0 dcnburgs, seit Friedrich Wilhelms Zeiten, bei stehende Verbindung mit den Generalstaaten. Da Wilhelm III, der Erbstatthalter der vereinigten Niederlande, und zugleich König von Großbritannien, von jeher das eifrigste Bestreben hegte, den eroberungssüchtigen Planen Ludwigs XIV Glänzen zu sehen, und die europäischen Mächte im Gleichgewichte zu erhalten, so war es ihn nichts weniger als -gleichgültig , seine Theilungsplane vereitelt, und die spanische Monarchie in der Gewalt eines französischen Prinzen zu sehen. Er leitete es daher mit Schlauheit ein, daß sowohl die Gcneralstaatcn, als das großbri« tannischc Parlament, unter dem Vorwande, ihre Sicherheit zu befestigen, mit Frankreich in Unterhandlungen treten mußten. Diese Unterhandlungen wurden im Haag gepflogen, und Wilhelm kam selbst dahin, um dem Gange dieser Unterhandlungen, die seinen Absichten angemessene Richtung zu geben. Diese Richtung gewannen sie sehr bald. Ludwig XIV wollte sich aus dasjenige, was die vereinigten Niederlande und Großbritannien zu ihrer Sicherheit verlangten, gar nicht einlassen. 2ZI lassen. Seine Anordnungen zeigten vielmehr das Gegcntheil friedlicher Gesinnungen. Die Franzosen und Spanier warfen bey Antwerpen und Sluis Verschanzungslinien auf; sie stellten verschiedene Festungen wieder Her. Das auffallendste Zeichen von Ludwigs geringer Bereitwilligkeit, die Sicherheit, die man wünschte, zu gewähren, war seines Gesandten plötzliche Entfernung vom Haag. Um so schneller gicngen nun Wilhelm III, und die Generalstaaten, Leopolds Einladungen zu einer Verbindung entgegen. Auch das englische Parlament erklarte sich dieser Verbindung nicht abgeneigt. So kam (1701 am 7teu Sept.) die sogenannte große Allianz zur Nichtigkeit. Das englische Parlament verwilligte anfangs nur die Unterhaltung von 10,000 Mann. Aber Ludwig XIV bcgieng einen politischen Fehler, wodurch er die englische Nation zur Unterstützung Leopolds antrieb. Jacob II endigte (1701 Sept.) zu St. Gcrmain, wo ihn Ludwig XIV so freundschaftlich aufgenommen hatte, sein Leben. Er hinterließ einen Sohn, den die zärtliche Mutter mit dem Königs- 2Z2 nigstttcl geziert zu sehen wünschte. Ludwigs Staatsrath widerrieth es standhaft, ihn als König anzuerkennen, weil er den großen Eindruck, den dicß auf die Engländer machen würde, mit Recht befürchtete. Ludwig war von den Gründen seiner Minister auch schon ganz überzeugt, als Jacobs II Wittwe, in dem Zimmer der Marquise von Maintenon, ihn mit Thranen bath, ihrem Sohne, der schon Prinz von Wallis geheißen hatte, den Königstitcl nicht zu versagen. Die Maintenon unterstützte ihre Bitten, und Ludwig, dem man mit der Ehre, ein Beschützer der Könige zu seyn, schmeichelte, war schwach genug, durch Weiber sich zu etwas verleiten zu lassen, was die Macht seiner Gegner vergrößerte. Der englische Nationalstolz fühlte sich durch das, was Ludwig XIV gegen sein im ryswickschcn Frieden gegebenes Versprechen, gethan hatte, äusserst beleidigt. Der von ihm anerkannte König wurde im Parlamente des Hochverraths angeklagt, wurde der Todesstrafe schuldig erklärt. Das neue Parlament trat (1702 Jan.) der großen Allianz ftyerlich Hey, und es bewilligte nicht allein 2?Z allein 40,000 Mann Landtrnppen, sondern auch eben so viel Matrosen. Schon waren die englischen Truppen in Holland angelangt, als ihnen die traurige Nachricht von dem Tode ihres Königes nach« eilte. Ein Sturz vom Pferde, den das Stol« pern desselben verursachte, erschütterte den König so gewaltig, daß er ihm ein unbe« zwingbarcs Fieber zuzog, das ihn nach fünft zehn Tagen (lytcn März) tödtete. Wilhelm III war ein wichtiger Verlust für die damah« lige politische Welt. Ernsthaft, verschlossen, wenig sprechend, streng, und ein Feind der Weiber, war er in allem das Gegentheil von Ludwig XIV. Als Staatsmann und Gene« ral gleich groß, regierte er über Großbritan« nicn ganz ruhig, weil er das Ansehn, un« eingeschränkt regieren zu wollen, glücklich zu vermeiden wußte. Man nennte ihn den Statt« Halter von England, und den König von Holland. Da Wilhelm III keine Nachkommenschaft hatte, so folgte ihm seine Schwägerin Anna, die Tochter Jacobs II, und der Lady Hyde (Clären« 51 2Z4 (Clarendon). Diese, die der Gemahlin des Generals Marlborough, der Lady Sarah, ihr vorzüglichstes Zutrauen schenkte, schickte denselben gleich nach Holland, um den Gel ncralstaaten ihre Anhänglichkeit an dem Systeme ihres Vorgangers versichern zu lassen. Den Gcneralstaatcn war diese Versicherung um so willkommner, jcmehr die Gefahr für ihr Gcbicth sich vergrößerte. Die Festungen in den spanischen Niederlanden waren stark besetzt. Die hollandische» Provinzen waren auf allen Seiten von französischen Truppen eingeschlossen. Der Marschall von Bouffiers, der, unter dem Duc von Bourgogne, den Oberbefehl über ein Heer von 60,000 Mann führte, drohcte der Stadt Nimwcgcn mit einem Angrisse. Der Kurfürst von Cöln hatte es, als Ludwigs heimlicher Bundesgenosse, so einzuleiten gewußt, daß in die Hauptstadt des Bißthums Lüttich, das er gleichfalls verwaltete, (1701 Nov.) eine französische Besatzung sich einschleichen konnte. Er nennte sie burgundische Kreistruppen. Durch die französische Besetzung von Lüttich war aber den Kaiserlichen und Deutschen der Weg nach Holland verschlossen. Auch in Eöln wollte der 2Z5 der Kurfürst Franzose» einrücken lassen; aber eine hollandische Truppen 5 Abcheilung, die der Kurfürst von der Pfalz herbcyholte, kam ihnen zuvor. Dagegen glückte es den Franzofen, die kölnischen Festungen Ncus, Kaiserswerth u. a. in. zu besetzen. Kaiserswerth wurde ihnen jedoch (1702 Zun.) von Holländern und Preussen, als ein Schutthaufen, wieder entrissen. Im innern Deutschland schloß man sich immer enger an den Kaiser an.' Der Herzog Anton Ulrich von Brauuschwcig-Wolfenbüttel ward durch seine Vettern, den Kurfürsten von Hannover, und den Herzog von Zelle, gcnöthigt, der Verbindung mit Frankreich zu entsagen. Die beyden rheinischen Kreise machten sich, nach dcmBeyspiele des östreichischcn, verbindlich, den Kaiser mit Mannschaft zu unterstützen. Die übrigen Kreise im westlichen Deutschland hielt der Kurfürst von Bayern, unter dem Vorwande der Neutralitat, von dem Entschlüsse, dem Kaiser Mannschaft zu geben, noch zurück. Aber die Absichten, die dieser Kurfürst hegte, verriethen sich jetzt immer deutlicher. Nachdem er, nach man- 2Z6 mancherlei) zwcydeutigen Rüstungen, auf dem Lcchfelde (1702 Sept.), ein Heer von 20,000 Mann versammelt hatte, bemächtigte er sich, durch einen Uebcrfall, der Reichsstadt Ulm. Dieß machte auf die Neichsvcrsammlung zu Ncgcnsburg einen so tiefen Eindruck, daß sie in den Antrag des Kaisers, den Neichskricg gegen Frankreich zu erklären, (im Oct.) um so eher willigte. Dennoch fuhr der Kurfürst von Bayern fort, die schwäbischen Reichsstädte, als Biberach, Mcmmingen, und andre mehr, unter dem Vorwande, daß sie dem verabredtcn Systeme nicht treu geblieben wären, durch Contributionen so zu ängstigen, daß die Kreise dieser Gegend ihre Truppen von der kaiserlichen Armee zurückriefen, um sie hier den Bayern, und dort den Franzosen, entgegenstellen zu können. Die kaiserliche Armee, über -welche der Prinz Ludwig von Baden den Oberbefehl führte, belagerte um diese Zeit die Festung Landau, welche zu dem, dem deutschen Reiche entrissenen Elsaß, gehörte. Ihr Commandant Mclac mußte, nachdem der römische König Joseph sich bey der Velageruugsarmee ein- gefun- 2Z7 gefunden hatte, diese Festung, die ihr Er? datier Vauban fast für unüberwindlich hielt, (loten Sept.) dennoch übergeben. Eine Abl theilung der französischen Rheinarmee stand damahls unter dem Befehle des Ducs von Willars, der, voll Muth und Selbstvertrauen, Schöpfer seines Glücks mehr durch seine Hartl nackigkeit, als durch die gewissenhafte Erfül» lung seiner Pflichten, wegen seiner Frey» müthigkeit Ludwig XIV und dem Louvois mißfiel, und dennoch immer höher stieg. Er drang aus dem Elsaß hervor, um sich an den Kurfürsten von Bayern anzuschließen. Aber sein Plan wurde vereitelt. Catinat, damahls Gouverneur von Straßburg, versuchte es vcrl geblich, bey Weisienburg durchzubrechen. Das, was Catinat nicht thun wollte, oder nicht thun konnte, beschloß Villars auf jede Art auszuführen. Er suchte den Marschallsstaab, oder den Tod auf. In dieser Absicht setzte er bey Hüningcn über den Rhein. Um seine Vereinigung mit dem Kurfürsten von Bayern zu verhindern, ließ der Prinz von Baden den Posten bey Friedlingen besetzen. Wahrend daß ( i4tcn Oct.) die Cavallerie sich in der Ebene schlug, kletterte die französische Infam terie 2Z» teric über die Berge, um das im Walde ver- schanzte deutsche Fußvolk anzugreifen. Der Sieg blieb jedoch so unentschieden, daß bcyde Theile auf denselben Anspruch machten. Die französischen Soldaten riefen ihren Oberg« neral Villars, auf dem Schlachtfelde, zum Marschall von Frankreich aus, und Ludwig XIV bestätigte ihren Ausruf. Indessen hatte doch der Prinz von Baden seine Absicht, Willars Armee von der Vereinigung mit dem bayrischen Heere entfernt zu halten, erreicht. Die Franzosen giengen wieder über den Rhein zurück. In den Niederlanden war das Kriegs- glück den Waffen Ludwigs XIV auch nicht günstiger. Die Armee der Vereinigten, die er daselbst zu bekämpfen halte, war damahls sehr stark. Sie bestand aus Englandern, Holländern, Preussen, Hessen, und andern deutschen Truppen. Aber ihren größten Werth machte nicht die Menge ihrer Streiter, sondern ihr Obergcneral, der Herzog von Marl- borough, aus. Durch seine Gemahlin über die Königin Anna herrschend, und durch den Eroßschatzmeistcr Godolphin, den Schwiegervater 2Z9 vater seines Sohnes, das Parlament leitend, übte er die Rechte eines Königes fast noch mehr, als Wilhelm III, aus. Wenigstens war er ein besserer und glücklicherer Fcloherr. Mit einem sehr einnehmenden Anstände, mit einer nachdrucksvollen Veredtsamkeit, verband er die glücklichsten Eigenschaften eines Hof« mannes, eines Staatsmannes, verband er eine Seelenruhe, eine Gleichgültigkeit, eine Unerschütterlichkeit, wie sie noch selten einem großen Feldherrn zu Theil geworden war. Wahrend einer Schlacht unerschrocken stand« Haft, selbst in der Gefahr bestandig geistes« heiter, und wahrend des Feldzuges unermüd« lich thätig, war er, wenn die Wintermonathe die Veschafftigungen im Felde hemmten, ein eben so arbeitsamer Staatsmann. Aber sein Ansehn und sein Einfluß in diesem Kriege war auch unerreichbar. Er besuchte nicht nur Haag, sondern auch verschiedene deutsche Höfe. Er beredte die Hollander, alle ihre Kräfte gegen Frankreich aufzubiethen, er brachte eS dahin, daß der Kurfürst von der Pfalz der großen Allianz beytrat; er schmeichelte dem Kurfürsten von Brandenburg, der damahlS König werden wollte; er prasentirte ihm bep der 240 der Tafel die Serviette, um 7 bis 8000 Mann von ihm zu bekommen. Die Rathspensionare Hansen und Fagel, welche zu der Zeit an der Spitze der vereinigten Niederlande standen, waren ganz von ihm eingenommen. Die Gcneralstaatcn ernannten ihn zum Gcneralcapitän über ihre ganze Kriegsmacht , mit einem jährlichen Gehalt von 100,000 Gulden, und der Vollmacht, die vornehmsten Officierstcllcn zu vergeben. Das englische Parlament bewilligte ihm, als Ober- gcncral (1701 Dcc.) eine jährliche Pension von 5000 Pfund. Wie sehr stach gegen Marlborough, der auf das Kriegswesen der Feinde Ludwigs XIV einen so mächtigen Einfluß hatte, der damah- lige französische Kriegsministcr Chamillart, ab! Weder Staatsmann, noch General, selbst kein Staatswirthschafter, war er als Minister so schwach, daß er sich von Subalternen mußte helfen lassen. Dieß mußte sogar seine Gönncrin, die hochgebietende Maintenon, eingestehen, und dennoch ließ man ihn, zu Frankreichs Unglück, fortwirken! Marl- Marlborough hatte unter dem berühmten Tureime als Freywilliger gefochteu. Man neunte ihn bey der französischen Armee den schönen Engländer. Turcnne sah es aber bald ein, daß der schöne Jüngling sich darcinst als ein großer Mann zeigen würde. Als Obers gencral gab er von dem, was er von Tus renne gelernt hatte, bald die glänzendsten Beweise. Er bildete seine Officiere Uberems stimmend mit seinem Systeme; aber er sah bey ihrer Beförderung auch nicht blas auf das Dienstalter. Eine seiner vornehmsten Generalskünste bestand darin, daß er (seit Inn. 1702) den Feinden, ohne zu fechten, blos durch klug angeordnete Bewegungen, Land wegnahm. Die französische Armee uns ter dem Duc von Vourgogne, und dem Mars schall von Bouffiers, zählte viel weniger Streiter. Um so muthvoller rückte er ihr (im Sept.) entgegen. Aber diese zog sich immer zurück. Alles zitterte vor Marlbos roughs Anzug; alles ergab sich, und nach 5 Wochen war Lüttich, waren verschiedene hols ländische Festungen, wieder erobert. Doch zu Ende dieses Fcldzuges, der bis in den November dauerte, gerielh Marlborough in EallcttiWtlts.i4rTH. Q große 242 große Gefahr, ein franzosischer Gefangner zu werden. Er wollte von Mastricht nach dem Haag gehen. Um den Weg in der kürzesten Zeit zurückzulegen, fuhr er (ztcn Nov.) in einer Jacht, auf der Maas, ganz ruhig, als er sich unvermuthet von einem Haufen französischer Soldaten aus Geldern umringt sah. ' Zum Glücke hatte einer von denen, die bey ihm waren, einen Paß für Marlboroughs Bruder, den Generallicutcnant Churchill, der, einer Krankheit wegen, die Armee verließ. Für diesen gab sich Marlborough aus, und so wurde er, zum Besten der vereinigten Freunde Leopolds, von der französischen Gefangenschaft gerettet. Als er, nach Endigung des Feldzngcs, wieder zu London erschien, erhob ihn seine Königin zum Herzog, ließen ihm beyde Hauser, durch besondre Deputationen, in seiner Wohnung Dank abstatten. Die Vereinigten hatten, bey dem Anfange des neuen Feldzngcs (170z) den Plan, die Franzosen aus den Festungen des Kurfürstcn- thums Cöln noch vollends zu vertreiben. Daher belagerten sie die Stadt Bonn, die auch, nach »4? nach einer standhasten Anstrengung, (im May) in ihre Gewalt kam. Die französischen Generale Villars und Bouffiers bcmühcten sich zwar indessen, die Eroberung der lüttichischen Festung Tongern zu beschleunigen; aber schon Marlboroughs Anzug bewog sie, ihre Eroberung wieder aufzugeben. So gelang dem Marlborough, der sich den Franzosen schon so furchtbar gemacht hatte, fast jede Unternehmung, und waren die Waffen des Kaisers und seiner Bundesgenossen in Italien und Deutschland eben so glücklich gewesen, so Härte Ludwig XlV seinen Stolz und Ucber- muth gewiß empfindlich gedemüthigt gesehen. Aber so wie Eugen Italien verließ, um die Mittel, die Franzosen zu bekämpfen, mit größcrm Nachdruck herbeyzuschaffen, so mußte Marlborough von seiner glänzenden Laufbahn in den Niederlanden sich entfernen, um in Deutschland dem Kaiser Leopold in seiner bedrängten Lage bcyzustchen. An dieser bedrängten Lage des Kaisers war hauptsächlich die Verbindung des Kurfürsten von Bayern mir Ludwig XIV Ursache. Der Kurfürst äusserte seine Anhänglichkeit an Q a Frank- 244' ^ Frankreich immer deutlicher. Er setzte nicht nur seine Kriegsrüstungen eifrig fort, sondern er ließ auch die Granzen seines Landes, wo er einen Angriff befürchtete, durch Vcrschan- zungcn verwahren; er besetzte nicht nur seine, sondern auch fremde Ocrter. Doch che seine Vcrschanzungen vollendet waren, rückten (170Z im Febr.) schon zwei) östreichische Truppen - Abtheilungcn in sein Land ein. Aber sowohl die Oestrcichcr, als die Sachsen, die ihnen Veystand leisteten, wurden von dem Kurfürsten, der seine Kenntniß des Bodens vortrefflich benutzte, so geschlagen, daß sie ihm gar keine Vcsorgniß mehr erregten. Um so lebhafter fürchtete sich die Reichsversammlung in Negcnsburg vor dem Kurfürsten. Man hatte wegen der Neutralität dieser Stadt schon lange unterhandelt; aber die Unterhandlungen kamen nicht zu dem gewünschten Schlüsse. Der Kurfürst glaubte sich daher nicht langer verbunden, eine Stadt, wo man für ihn keine günstigen Gesinnungen hegte, zu schonen. Er rückte ihr (im April) ganz uuvermuthet näher. Man machte anfangs alle Anstalten, die zur Vertheidigung der Stadt nöthig schienen. Als aber die schon bis 245 bis an den Stadtgraben vorgedrungenen Bayern zur Bombardierung der Stadt sich rüsteten, wollte man den schrecklichen Angriff nicht abwarten , und man wurde mit dem Kurfürsten einig, daß er die Donaubrückc und das innere Thor so lange besetzen sollte, bis der Kaiser die bisher verweigerte Genehmigung der von dem Kurfürsten verlangten Punkte nicht langer versagte. Aber zu Wien hielt man es für schimpflich, wenn sich das Rcichsobcrhaupt von dem Kurfürsten von Bayern, mit den Waffen in der Hand, sollte Bedingungen vorschreiben lassen. Die Stadt Ncgensburg mußte sich daher dem Schicksal unterwerfen, eine bayrische Besatzung einzunehmen, und die Neichsvcrsammlung befand sich gleichsam in der Gefangenschaft des Kurfürsten. Krieges zu machen, und den Kaiser in seinen Erblandern anzugreifen. Diesen Plan hatte Villars schon im vorigen Fcldzuge ausführen sollen; aber es war ihm nicht gelungen. Jetzt (170z Febr.) drang er aber, mit einer überlegenen Macht, über die deutschen Ver- schanzungcn so unaufhaltsam vor, daß sich die kaiserliche Armee unter dem Prinzen von Va- den zurückziehen mußte. Um sich längs dem Rhein einen festen Standpunkt zu verschaffen, belagerte Villars die Ncichsftstung Kehl, und da diese sich in schlechtem Zustande befand , und nur von wenigen Kanonen ver- thcidigt wurde, so konnte sie keinen langen Widerstand thun, und sie mußte sich (am 11. Marz) ergeben. Um der Vereinigung mit dem Kurfürsten von Bayern, die ihm sein Monarch zur ausdrücklichen Pflicht gemacht hatte, entgegenzugehen , griff Villars (24. April) die Verschanzungen der deutschen Armee bcy Stoll- hvfcn an; aber der unglückliche Versuch kostete ihm 4000 Mann, und die Deutschen versperrten ihm alle Zuführe von Lebensbedürfnissen so sehr, daß er sich zurückziehen mußte. 247 mußte. Hierauf bahnte er sich aber einen Weg durch den Schwarzwald, und das Kim zinger Thal. Sein Much, wurde vom Glück begünstigt. Er rückte über Donaueschingen bis nach Dutttingen, wo (12 May) die ge- wünschte Vereinigung mit dem Kurfürsten von Bayern erfolgte. Dieser bedurfte seines Vcys standes jetzt ausserordentlich. Die Kaiserlichen, und ihre Hülfstruppcn, waren bereits in Bayern und in die Obcrpfalz eingedrungen, und nun rückte auch das Kriegsvolk des fränkischen Kreises gegen Bayern an. Gegen dieses setzte sich der Kurfürst mit dem größten Theile seiner Armee in Bewegung. Diese Armee bestand aber großen Theils aus Bürgern und Bauern, die noch keine recht regelmäßigen Soldaten bildeten. Ein bayrischer General, Nahmcns Maffei, sollte der von den fränkischen Krcistruppen belagerten Festung Rothenburg zu Hülfe kommen. Er gericth darüber in ein Gefecht. Aber kaum ficng sich das Kanonenfeucr an, als die Artillerie - Knechte , als selbst die Kanoniere, meistens Bürger aus Amberg, davon liefen. Die Vereinigung mit den Franzosen half dem Kurfürsten überhaupt wenig. Sein Land wurde 248 wurde von den Kaiserlichen, und den Kreist truppcn, noch immer sehr feindselig bchan- dclt. Den größten Vortheil von dieser Vers ciuiguug zogen die Franzosen. Sie befanden sich in der Mitte von Deutschland, und der schwäbische Kreis wurde durch ihre Gegenwart abgehalten, dem Kaiser sein Kriegsvolk zu schicken. Die glücklichen Folgen, welche die Vereinigung der Franzosen und Bayern viel- leicht hervorbringen konnte, vereitelte die Uneinigkeit, die zwischen dem Kurfürsten und dem französischen Obcrgeneral sehr bald aus- brach. Villars verlangte, zu seiner Sicherheit, die Einräumung der Festungen Ulm, Ingolstadt und Braunau, und der Kurfürst fand es bedenklich, sein Verlangen zu erfüllen. Der stolze Marschall von Frankreich, der die Wichtigkeit, die sein Bcystand für den Kurfürsten hatte, sehr gut fühlte, wollte auf den Oberbefehl über das vereinigte Heer durchaus nicht Verzicht leisten, und der Kurfürst wollte, als einer der mächtigsten deutschen Fürsten, denselben standhaft behaupten. Endlich willigte Ludwig XIV in einen Opcrationsplan, ber die uneinigen Oberbefehlshaber trennte. Der Kurfürst wollte mit seiner Armee, an die 249 die sich zooo Franzosen anschlössen, in die Grafschaft Tyrol eindringen, um dem aus Italien anrückenden Vcndsme die Hand zu bicthcn. Indessen sollte Villars in Bayern stehen bleiben, um den Unternehmungen der kaiserlichen Armee unter dem Generale Styrum entgegen zu arbeiten» Dieser Plan, der den Kurfürsten zum Urheber hatte, sollte dem Kaiser die Verbindung mit Italien, Schwaben und der Schweitz entziehen. Die Ausführung desselben schien auch anfangs vom Glück begünstigt. Der Kursürst, der (170z Inn.) mit 16,000 Mann in Tyrol eindrang, brachte die Fclscnfe- stung Kuffstein in seine Gewalt. Die Eroberung derselben erleichterte ihm eine entschlossene Maßregel des braven Commandan- teu.. Dieser ließ, um den belagernden Bayern allen Schutz zu entziehen, die Vorstädte seiner Festung abbrennen. Aber ein heftiger Wink» gab den Flammen eine so unglückliche Richtung, daß ein großer Theil der Stadt selbst in Brand gerieth, daß ein Magazin mit Patronen, Granaten, Bomben und Pulverfässern in die Luft flog. Wahrend des Schreckens, 250 ckens, den dieser fürchterliche Auftritt unter den Soldaten und Einwohnern verursachte, erstiegen die Bayern den Felsen, auf welchem die Festung lag, und diese, deren Kanonen es an Pulver fehlte, durfte keinen Widerstand wagen. Eben so leicht eroberte der Kurfürst, vor dem jetzt alles zitterte, andre Passe und Oertcr, bis er (25. Jun.) in die Hauptstadt Jnnspruk einrückte. Indessen mar Vcndome mir 12,000 Mann schon bis Trient vorgedrungen. Der Kurfürst erstieg nun, um ihm näher zu kommen, den hohen Brenner. Jetzt ficng sich aber der unglückliche Zeitpunkt für den Kurfürsten an. Die ihrer einfachen Lebensart, und ihrer Anhänglichkeit an dem östrcichischcn Hause, gleich treuen Tyroler wurden von dem Kurfürsten, und dessen Soldaten, so unbarmherzig behandelt, daß sie für die bayrische Herrschaft unmöglich Zuneigung gewinnen konnten. Der Kurfürst drückte sie durch Contributionen; feine Soldaten erlaubten sich alle Handlungen des zuchtlosesten MurhwillenS. Dieß forderte dieTy- rolcr, gröptentheils geübte Scharfschützen, zur entschlossenen Verteidigung ihres Vaterlandes 25- landes auf. Lanze Schaaken derselben versammelten sich, um den Bayern einen nachdrücklichen Widerstand entgegenzusetzen. An ihre Spitze stellte sich ein Beamter, Nahmens Sterzingcr, der, als ein eben so rechtschaffner als einsichtsvoller Mann, und als ein Freund des Volkes, ein allgemeines Zutrauen besaß. Aber auch der Landesvater hatte die braven Tyrolcr zur tapfern Abwehrung der bayrischen Herrschaft aufgefordert. Der General Guttcnstein kam ihnen mit einer beträchtlichen Truppen - Abtheilung zu Hülfe. An diese schloffen sich nun die muthtgcn Schaaken der Tyroler an. Ucber den Brenner führt nur ein einziger Weg, auf der einen Seite von schrecklichen Abgründen, auf der andern von unersteigli- chen Felsen, eingeschlossen. Diese Felsen erkletterten aber die Tyroler mit Hülfe eiserner Haken, womit sie ihre Hände und Füße bewaffneten. Von diesen wälzten sie auf die vorüber marschierenden Bayern große Steins und Felsenstücke herab; hier hemmten sie den Marsch der Bayern durch Verhaue, die ihnen wenig Mühe machten, und doch ganze Schaaken 2;2 ren derselben vernichteten. Der Kurfürst und seine Bayern gcricthcn in solche Noth, daß nur ein schneller Rückzug sie retten konnte» Einer von den tyrolischen Jägern, die den Kurfürsten in Noll) brachten, faßte den Vor« sah, ihn, als den ärgsten Feind seines Va- terlandcs, zu erschießen. Zn seinem Glücke ritt vor Maximilian Emanucl, welcher den Srde! sstern mit seinem Oberrock bedeckte, vor dessen Pferd die gewöhnlichen Läufer nicht vorausliefen, der Graf Areo in prachtiger Kleidung voran. Diesen hielt der Jäger für den Kurfürsten, und diesen streckte seine Km gel nieder. Die falsche Nachricht von seinem Tode hallte von allen Felsen und Bergen Tyrols freudig wieder. Die Bayern waren auf ihrem Rückzüge in dem lebhaftesten Ge- dränge. Wahrend daß sie kaum ihr Leben retteten, mußten sie die Behauptung der eroberten Oertcr, Kuffstein ausgenommen, ganz aufgeben. Als der Kurfürst (im August) endlich wieder in seinem Lande anlangte, fand er sein Heer fast um d'.e Hälfte vermindert. Vendome, den die Nachricht von dem unglücklichen Fcldzuge gewaltig überraschte, der, von verschiedenen kaiserlichen Truppen - Ab- thci- 25Z Heilungen von Italien abgeschnitten zu werden, in Gefahr war, dessen Gefahr des Herzogs vonSavoyen Uebergang zur kaiserlichen Parthey noch vermehrte, entfernte sich schnell aus einem Lande, daß durch die Treue und die Tapferkeit seiner Einwohner schon damahls dem Haufe Oestreich erhalten wurde. Um wegen der unbarmherzigen Behandlungen, die die Tyrolcr von den Bayern erfahren hatten, sich zu rächen, fielen sie in das Land derselben ein, tödtctcn sie nur an einem Orte auf looo Menschen, und verübten sie übcrhauvt die härtesten Grausamkeiten. So mnntcn auch die bayrischen Unterthancn für das Unrecht ihres Landesherr» büßen! Dieser war, wegen des Bcystandes der französischen Armee unter Villars, aber noch immer in der Lage, seinen Feinden Trotz biethcn zu können. Villars stand bcy Dillingen in einem verschanzten Lager. Vergebens bemühcten sich der Prinz von Baden und der General Styrum, die sich deswegen vereinigt hatten, ihn aus seinen Verschanzungen herauszulocken. Als der Kurfürst von seiner traurigen Unternehmung gegen Tyrol zurückkam. 2)4 kam, wollte er sich der Stadt Augsburg be- mächtigen; der Prinz von Baden kam ihm jedoch zuvor, und da die Kaiserlichen auch das nahe dabey liegende Städtchen Fricdbcrg besetzten, so konnte nur eine Schlacht den Kurfürsten und Villars von dem äusscrstcn Mangel an Lebensmitteln rertcn. Die Gel legenheit verschaffte ihm Stnrum selbst. Diel ser zog sich, um eine Truppen » Abrhcilung von ihnen abzuschneiden, und deswegen bcy Donauwcrth über die Donau zu gehen, an diesem Strome hinunter. Villars drang jetzt in den Kurfürsten, gegen den Styrum anzurücken. Der Kurfürst, dessen Much der Tyl roler Fcldzug niedergeschlagen hatte, wollte vorher den Rath seiner Generale und Minister einholen. „Ich bin,, sagte Villars zu ihm, „ihr General und ihr Minister; brauchen Sie, wenn von einer Schlacht die Rede ist, einen andern Rath?,, — Der Kurfürst blieb noch immer unentschlossen. „Nun,, sagte Villars, „wenn Ew. Durchlaucht mit Zhren Bayern die schöne Gelegenheit nicht benutzen wollen, so will ich es mit meinen Franzosen thun.,. Der Kurfürst konnte jetzt seinem Antrage nicht lauger ausweichen. Er und 2;; und Villars rückten dem General Styrum so unausgesetzt nach, daß sie ihn beständig im Auge behielten. Als er sich der Stadt Dos nauwcrth näherte, machten sie (2ostc» Sept.) eine unvcrmulhcte Schwenkung, rückten sie, bey Höchstcdt, so schnell gegen ihn an, daß sie sich in seinem Lager befanden, che seine Truppen sich in Schlachtordnung stellen konnten. Dennoch wehrten sich die Kaiserlichen gegen die überlegenen Feinds so brav, daß sich diese einige Zeit zurückziehen mußten, daß sich Villars einige Minuten ganz allein auf dem Schlachtfelds befand. Aber er sammelte seine Truppen wieder, und erfocht über Styrum einen vollkommnen Sieg. Die Kaiserlichen verlohrcn auf 4000 Mann, und sie mußten den Siegern alle ihre Kanonen, und ihr ganzes Gcpacke, überlassen. Der Kurfürst bemächtigte sich hierauf auch der Stadt Augsburg, und der Weg nach Wien schien für die vereinigten Franzosen schon so gebahnt, daß man in der Kaiserstadt in einer lebhaften Besorgnis war. Diese Besorgnis wurde durch das Glück, welches auch die französischen Unternehmungen gen am Rhein begünstigte, noch sehr ver- mehrt. Daß Landau (1702) in die Gewalt der Deutschen gekommen war, schien für das französische Interesse so ungünstig, daß man diese Festung durchaus wieder erobern wollte. Allein der Herzog von Bourgognc, der es, an der Spitze eines großen Heeres, versuchte, war nicht glücklich. Um seine Ehre zu reu ten, unternahm er die Belagerung von Brep- fach, eine der wichtigsten Festungen Deutschlands, die, mit allen Kriegsbcdürfnisscn vortrefflich versehen, eine zahlreiche Besatzung hatte, über welche der von dem einsichtsvollen Grafen Marsigli unterstützte Graf von Arco den Oberbefehl führte. Jedermann erwartete, baß sich die Festung standhaft, daß sie sich wenigstens einen Monath hindurch vcrthcidi- gcn würde; auch hatten Commandant und Officiere den ausdrücklichen Befehl, der Vcr- theidigung der anvertrauten Festung selbst ihr Leben aufzuopfern. Aber kaum waren die Franzosen vor den Wallen derselben erschienen, als die Oberbefehlshaber (öten Scpt.) sich schon zur Ucbergabe bereit zeigten. Der Kriegsrath zu Wien konnte mit Grund ein verrätherischeS Einverstandniß vermuthcn. Are» 257 Arco wurde hingerichtet, und Marsigli mußte, aller seiner Acmter und Würden beraubt, das Land räumen. Die Reihe, von den Franzo- sen belagert zu werden, kam nun wieder an Landau. Der Duc de Vourgogne, der sich mit der Ehre, Breysach erobert zu haben, begnügte, kehrte (im Set.) nach Frankreich zurück. An seiner Stelle führte nun der Marschall von Tallard den Oberbefehl. Landau hatte an dem Grafen Friese einen uner- schrockncn Commandantcn. Auch machten die Deutschen bald genug Anstalten, der Festung Hülfe zu leisten. Unter der Anführung des Erbprinzen Friedrich von Hessen vereinigte sich, in dieser Absicht, ein Heer von Reichs- truppen. Aber Tastard benutzte, ausser der überlegenen Zahl seiner Truppen, auch den Kunstgriff der Ucberraschung. Der Graf von Nassau-Weilburg, der über den linken Flügel den Oberbefehl führte, gcricth (15. Nov.), bcy dem Dorfe Spcyerbach, in ein Gefecht, wo ihm der Beystand des Erbprinzen zu spat kam. Der rechte Flügel, den dieser herbey- führte, wurde von den Franzosen, die den linken schon besiegt hatten, von allen Seiten angegriffen, und der tapfersten Gegenwehro GallettiMItg.inTH. N unge- 258 ungeachtet, durch das französische Bajounet endlich doch überwältigt. Der Verlust der Dentschen, der sich auf 6000 Mann bclicf, nöthigtc sie, den Franzosen zu weichen, und schon am folgenden Tage öffnete das nun hoffnungslose Landau die Thore. So groß die Vorthcile waren, die sich jetzt auf der Seite der Franzosen und Bayern befanden, so wenig wurden sie benutzt. Der stolze K-urfürst fand das hochwüchsige Benehmen des französischen Obcrgenerals Villars so unerträglich, daß er nicht aufhörte, dessen Monarchen, Ludwig XIV, mit seinen Beschwerden über denselben zu belästigen. Diese Beschwerden, unterstützt von dem Rankespicl eines stürmischen und partheyischen Hofes, hatten endlich die Wirkung, daß Villars, durch ein Schreiben des Kriegsministers Cha- millart, von der glänzenden Laufhahn seiner Unternehmungen, abgerufen wurde, um gegen die aufrührerischen Bauern in den Sevenncn zu Felde zu ziehen. So verlohr die französische Armee den einzigen guten General, der ihr, ausser Vendome, noch übrig blieb. An 2)9 An Villars Stelle kam der Graf von Marsin, der nicht nur eine beträchtliche Geldsumme mitbrachte, die man bey der vereinigten Armee damahls sehr gut brauchen konnte, sondern der sich auch in Ansehung seines biegsamen Charakters sehr gut paßte, den Oberbefehl mit dem Kurfürsten zu theilen. Der Kurfürst und Marsin führten auch anfangs noch einige glückliche Unternehmungen aus. Der Prinz von Baden hatte sich über die Donau zurückgezogen, um seiner Armee ruhige Winterquartiere zu verschaffen. In der Stadt Augsburg ließ er eine Besahung von 7000 Mann zurück. An diese schloß sich die zahlreiche Bürgerschaft an. Aber die Festungswerke waren nicht im Stande, eine lange Belagerung der Franzosen und Bayern auszuhallen. Die Besatzung mußte sie ihnen daher (15. Sept.) unter der Bedingung eines frcyen Abzuges, übergeben. Eben dieses Schicksal hatte (1704 Jan.) die Stadt Passau, die, als der Schlüssel zu Oestreich, viel zu wenig befestigt, und mit Kriegsbcdürfnissen versehen war. R 2 Daß 2,6o Daß man von östreichischer Seite das Vordringen der Franzosen und Bayern so wenig mit Nachbruck verhinderte, daran war die Bcschässtigung, welche die damahligen Unruhen in Ungern den Kaiserlichen gaben, hauptsächlich Ursache. Diese Unruhen waren eine Wirkung der partheyischen Behandlung, welche der Hof zu Wien die nngcrschcn Großen empfinden ließ. Als Leopold I, wahrend seines glücklichen Krieges gegen die Türken, eine eben so furchtbare als ansehnliche Armee in Ungern zu seinem Gebothe hatte, da regte sich in den Köpfen seiner Minister sehr leicht der Gedanke, das Gewicht, das eben diese Armee dem Kaiser verlieh, zu benutzen, um den ungerschen Magnaten ihr Wahlrecht zu entziehen, und Ungern in eine erbliche Monarchie des Hauses Oestrcich zu verwandeln. Der Adel, der das Recht erhielt, durch Majorate und Fidecvmmisse über sein Eigenthuin zu dispontrcn, der entsagte ziemlich bereitwillig dem Wahlrechte, das ihm nichts einbrachte. Die protestantischen Bewohner Un- gerns waren froh, daß das Juguisitionsge- richt zu Epcries ihnen nicht langer Schrecken einflößte. So fand der Antrag Leopolds, den 26 l den er (1682 Ott.) auf ci'ncm Reichstage zu Presburg thun ließ, daß die Natiou das Wahlrecht nicht eher wieder ausüben sollte, als bis der ostreichische Mannsstamm ganz aufgehört hatte, wenig Widerspruch» Aber die kaiserlichen Minister giengcn weiter. Sie erklärten einer (1698) nach Wien berufenen Versammlung von ungcrschcn Großen, daß der Kaiser die Absicht habe, dem ungcrschcn Reiche die Einrichtung einer deutschen Provinz zu geben, um, wegen der Steuern und Abgaben, die Einwilligung der Stande nicht weiter nüthig zu haben, und wenn der Erz- bischof von Colocza auch noch so glücklich war, den Platt der kaiserlichen Minister zu vereiteln, so fand das Mißtrauen der ungerschen Großen, das dadurch rege wurde, doch bald manche Veranlassung, sich starker zu fühlen. Die Ungern, denen die Abneigung gegen die deutsche Oberherrschaft schon angebohren war, die fühlten diese Abneigung durch die Bedrückungen, welche die protestantischen Bewohner ihres Landes erfuhren, und durch die eigenmächtige Vermehrung ihrer Abgaben und Lieferungen , noch gar sehr vermehrt. Der Ausbruch ihres innigst gekränkten Gefühls wartete 2Ü2 wartete nur auf einen Mann von Ansehn, der sich an ihre Spitze stellte. Dieser Mann war der junge Fürst Franz Nagoczn, der sich des seiner Familie zugefügten Unrechts sehr lebhaft erinnerte. An diesen schlössen sich viele von den vornehmsten Herren aus Ungern und Siebenbürgen, schloß sich eine große Menge andrer Mißvergnügten, an. Schon vor einigen Jahren (1700) hatte eine Verschwörung derselben die Absicht, dem öst- reichischcn Hause die Herrschaft über Ungern zu entreißen, und diesem Reiche seine ehe- mahligc Verfassm g wieder zu geben. Wenn Ludwig XIV chiese Verschwörung auch nicht veranlaßte, so hatte er an der Unterhaltung der Unzufriedenheit in Ungern doch gewiß den lebhaftesten Anrhetl. Nagoczy schickte einen französischen Ossi» cier, Nahmens Longurval, mit Briefen, nach Frankreich. Dieser vcrriclh dem Kaiser den Anschlag. Nun mußte er aber seine Reise nach Paris fortsetzen, und seine Roste eines Mitvcrschworncn so lauge fortspiclcn, bis seine Entdeckungen ihre Vollständigkeit erhalten hatten. Man bemächtigte sich hierauf (1701 (1701 May) des Fürsten Nagoczy, und der übrigen Haupter der Verschwornen, und ließ sie nach Neustadt bey Wien in Verwahrung bringen. Aber selbst Nagoczy fand Mittel, durch Bestechung des Ofsiciers, dem seine Bewachung anvertraut war, (im Nov.) sich durch die Flucht zu retten. Vergebens licfi ihm nun der Kaiser den Proceß machen, liest er ihm (170z April) als einem des Hochverraths überwiesenen, das Todcsurtheil sprechen. Nagoczy fand desto mehr Freunde und AnHanger. Der Geist des Aufruhrs äusserte sich in Ungern immer lauter. Dieß geschah besonders seit der Zeit, da die kaiserlichen Regimenter, die in Ungern lagen, theils nach Italien, theils nach Deutschland, abgezogen waren. Als Nagoczy wieder in Ungern erschien, war fast kein Dorf, aus welchem nicht 10 oder 20 Mann, mit Waffen und Pferden, seinen Fahnen zueilten. Um diese höchst bedenklichen Unruhen zu dampfen, mußte der kaiserliche General Schlick mit allein Kriegsvolk, und allen Kanonen, welche die Stadt Passau und andre Ocrtcr, nur einigermaßen entbehren konnten, in 264 in aller Geschwindigkeit nach Ungern ziehen. Dieser war in seinen Unternehmungen anfangs ziemlich glücklich; da ihn aber der Hof zu Wien nicht genug verstärken konnte; da die Zahl der Mißvergnügten von einer Zeit zur andern größer wurde, so durften sie es wagen, ihre Streifereyen sogar bis in die Gegend von Wien fortzusetzen, und der Schrecken, der sich darüber in der Kaiscrstadt verbreitete, war äusserst lebhaft, bis endlich der General Heister (1704 Jul.) bcy Raab einen Sieg erfocht, der die Fortschritte der Empörer, wenigstens chuf einige Zeit, hemmte. Aber der kaiserliche Hof blieb, weil er zugleich von Franzosen und Bayern bedrängt wurde, doch noch immer in einer bcsorgniß- vollcn Verlegenheit. Daß der Herzog von Savoycn auf seine Seite getreten war, brachte für ihn noch keine große Wirkung hervor, weil dessen Militär von den Franzosen entwaffnet worden war, weil sich fast das ganze Land desselben in ihrer Gewalt befand. Doch Eugen, dem Leopold schon so viel zu danken hatte, entwarf auch jetzt einen Plan, der den Kaiser aus seiner bedrängten Lage am sichersten herausriß. Glücklicherweise stimmte der Herzog Dem von ihnen verabredten Plane gemäß , stieß Marlborough (1704 im Inn.) mit der unter seinem Befehle stehenden Armee zu dem Heere des Prinzen von Baden. Ihre Bereinigung erfolgte bcy Ulm. Der Kurfürst und Marstn, die bisher in dieser Gegend 265 Herzog von Marlborough mit feinem Plane übcrein, und eben diesem gelang es, die Abneigung , welche die Gencralstaaten gegen die Ausführung desselben äusserten, endlich zu besiegen. Das vereinigte Heer von Engländern, Holländern, Lüncburgern und Hessen, das sich auf Zo,OOo Mann bclief, versammelte sich an der Mosel. Ludwig XIV, und dessen Minister erriechen die Absicht seiner Bewegungen so wenig, daß sie einen Einfall in Frankreich vcrmntheten. Durch eine uns vcrmuthete Schwenkung versetzte sich aber Marlborough in die Gegend des Neckars. Bcy Heilbronn in Schwaben machten die Heyden großen Feldherren, Eugen und Marlborough , die erste persönliche Bekanntschaft, stifteten sie eine zärtliche Freundschaft, die durch nichts, als durch den Tod, unterbrochen wurde. Gegend gestanden hatten, bezogen zwischen Dillingcn und Laningen ein verschanztes La« gcr. Sie erwarteten hier den Anzug des Marschalls Tallard, der mit 24,000 Mann hcrbcykam. Da die vereinigte Armee unter Marlborough und Baden aber immer näher rückte, und die Gefahr für das bayrische Land immer dringender wurde, so ließ der Kurfürst, um ihr den Uebcrgang über die Donau zu erschweren, den Schcllcnbcrg bei) Donauwcrth mit 12,000 Mann Franzosen und Bayern, unter dem Befehle des Generals Arco< be- sehen. Ehe jedoch die Vcrschanzungcn, die ohnedies? zu weitläuftig angelegt waren, ihre Vollendung erreicht hatten, griff Marlborough (1704 am 2. Jul.) die in demselben befindlichen Franzosen und Bayern mit so mächtigem und glücklichem Ungestüm an, daß die tapferste Gigcnwchre ihm den Sieg nicht zu entreißen vermochte. Das Gefecht war so mörderisch, daß allein die Alliirtcn über zsoo Todte und Verwundete zählten. Der Verlust der Bayern und Franzosen war noch ungleich größer. Der Kurfürst von Bayern und Mar- sin standen jetzt bey Dillingcn so wenig sicher, daß sie sich bis in die Nähe von Augsburg zurück- 2ü? zurückziehen mußten. Der Kurfürst gab zwar den Befehl, sowohl die Brücke bcy Donau« Werth, als das daselbst befindliche Magazin, den Flammen preiszugeben; aber die siegreichen Alliirtcn rückten so geschwinde hcrbey, daß jener Befehl nicht zur Vollziehung kom« men konnte. Marlborough gicng nun über die Brücke bcy Donauwcrth bis nach Fricd- bcrg, wo er sich dem Kurfürsten gegen über stellte. Der kaiserliche Hof wollte den Kurfürsten von-Bayern, durch eine harte Behandlung seines Landes und seiner Unterthancn, zu dem Entschlüsse nöthigcn, die französische Parthey zu verlassen. Die armen Unterthancn mußten also auch jetzt für die Sünden ihres Landcsvatcrs büßen ! Das unbarmherzige Verfahren gegen dieselben machte auf das Herz des Kurfürsten den tiefsten Eindruck. Dieser schien den Vorstellungen, die man ihm von Seiten der Alliirtcn machte, einigen Eingang zu verschaffen. Der König von Preus- sen hatte zu solchen Vorstellungen schon vorbereitet. Der Kurfürst schmeichelte den fried> lichen Erwartungen, die man von ihm hatte, durch 2ö8 durch die langstgewünschte Versicherung, daß er die Neutralität der Reichsstadt Regens« bürg, als des Sitzes der Neichsvcrsammlung, ungokränkt lassen wollte, und er zog auch schon seine Besatzung aus derselben heraus. Aber er befand sich, wegen der Ucberlegenheit der Allitrtcn, ohnedieß in Gefahr, den Besitz von Negcnsbnrg aufgeben zu müssen, und die Truppen, welche die Garnison desselben aus« machten, waren ihm wegen des auf dem Schcllcnbcrge erlittenen Verlustes, uncntbchr« lich. Die Forderungen, die er mit seinem Abgange von der französischen Parthey vcr« knüpfte, waren auch so groß, daß sie seine Neigung zu friedlichen Gesinnungen zu wi« Verlegen schienen. Indessen machten die glan« zenden Versprechungen, die ihm im Nahmen des Kaisers geschahen, einen so tiefen Ein« druck auf ihn, daß er die Feder zum Unter« zeichnen schon in der Hand hatte, als ein Courier ihm die Nachricht von dem baldigen Anmärsche der von Ludwig XIV ihm ver« sprochnen Hülfstruppen überbrachte. Maxi« milian Emanucl warf nun die Feder wieder aus der Hand, und setzte sich einem neuen Spiele des Ungewissen Kriegsglücks aus. Tal« lards 26z lards Armee, die ihn dazu verleitete, rückte jetzt wirklich, nachdem sie über den Rhein gegangen war, durch den Schwarzwald Hers bcy. Vergebens suchte ihm Eugen, der bis? her die Verschanzungen bcy Stollhofen be? wacht hatte, auf seinem Marsche zuvorzukom? mcn. Tallard, und 18,000 Franzosen, stießen bey Augsburg (ztcn August) zu der Armee des Kurfürsten. Aber der Kurfürst und Tal? kard konnten es nun eben so wenig hindern, daß Eugen, zwcy Tage hernach, bcy Höch? stedt, sich mit Marlbvrough vereinigte. Tallard, jetzt der Oberbefehlshaber der französischen Armee in Deutschland, ein um ternehmendcr, scharfsinniger, geistesgegenwär? tiger General, hatte, durch die Beförderung des ersten Theilungsvertrages, und den Sieg bcy Spcyerbach, sich schon ein gewisses Am sehn erworben; aber zu einem guten Feldher? reu fehlte ihm ein schärferes Gesicht (er konnte die Gegenstande kaum auf zwanzig Schritte weit erkennen) fehlte ihm kaltblütige Ueber? legung. Marsin, der nächste Obcrbcfehlsha? ber, der noch nicmahls -Obergencral gewesen war, besaß zwar Verstand und Urcheilstraft genug: 270 genug; aber er hatte weniger Erfahrung des Generals, als des Officicrs. Der Kurfürst war kein eigentlicher Feldherr. Dieß waren nun die drcy Helden, die, als Gegner Eugens und Marlboroughs, auftraten. Der Prinz von Baden, der mit Eugen und Marlborough den Oberbefehl theilte, hatte durch seine Unentschlosscnheit, oder durch seinen Widerspruch, dem muthvollcn Plaue derselben Hindernisse eutgxgcnstellcn können. Sie richteten es daher sehr klug ein, daß sie ihn durch den Auftrag, die Festung Ingolstadt zu belagern, entfernten. Um so eher schrittet? sie nun zu einer Schlacht, die der /Lage des Kaisers auf cinmahl eine ganz andre Richtung geben, die den Untergang des Kurfürsten, beschleunigen sollte. Die Armee, mit welcher sie diesen Plan ausführen wollten, zahlte 52,000 Streiter, und 80 Kanonen; die vereinigten Franzosen und Bayern bildeten ein Heer von 58,000 Mann, mit 90 Kanonen. Eugen und Marlborough hatten aber nicht allein mit größcrn Streitkräften, sondern auch mit einem ungünstigen, morastigen Boden, zu kämpfen. Die Franzosen und 271 und Bayern standen zwischen Donauwörth und einem Bache mit hohen Ufern. Ihren rechten Flügel deckte die Donau, nebst dem Dorfe Blindheim. Das Lager der Franzosen und Bayern stand höher als die Gegend, aus welcher die Alliirten kamen. Aber jene dürft tcn keine Zeit behalten, um sich zu verlchant zcn. Sodenn schien es, als wenn Vllleroy, der dem Marlborough nachrückte, das Hers zogthum Wirtemberg bcdrohcte. Die?llliirtsn wären alsdenn in ihrem Kücken nicht sicher gewesen. Der Angriff mußte also ohne Aufschub erfolgen. Schon am Morgen (izten Aug.) brach die Armee der Alliirten auf; aber erst gegen Mittag hatte sie den beschwerlichen Weg über den sumpfigen Boden zurückgelegt, stand sie jenseits des Flusses, der sie von dem vereis »igten Heere der Franzosen und Bayern trennte. Tallard, der über den rechten Flügel der letzt tern den Oberbefehl führte, war bey d-m Anfange der Schlacht nicht gleich gegenwärt tig. Er fand, als er kam, seine Eavallerie schon drcymahl zurückgedrängt. Jetzt führte er sie nach dem Dorfe Blindheim, wo er 27 Bas 272 Batallione, und 12 Schwadronen, hingestellt hatte. Von da eilte er wieder in die Schlacht. Aber er wurde verwundet, und seinen Sohn stürzte neben ihm stehend eine Kugel nieder. Seine ganze Cavallerie begab sich auf die Flucht. Tallard, der jetzt einige von seinen Schwadronen zu sammeln bemüht war, wurde, eine feindlich« Schaar für die seinige haltend, von den braven Hessen gefangen genommen. Zu eben dem Augenblicke drang Eugen, we- gen der Hohlwege und Moräste drcymahl zurückgetrieben, und nachdem er zwey fliehende Kürassier mit eigner Hand erschossen hatte, vor der Fronte siegreich vor. Die Flucht der Franzosen und Bayern war jetzt eben so allgemein , als übereilt. Kein General ordnete den Rückzug an; keiner dachte an die Rettung oder die Anwendung der in Blindhcim von den Engländern und Hessen eingeschlossenen Truppen. Elftausend der besten Leute konnten, ihres Mnthes ungeachtet, ans den engen Gassen des Dorfes nicht herauskommen. Ihr Oberbefehlshaber wirft sich, als er von Tallard einen entscheidenden Befehl einholen will, und dessen Gefangenschaft erfährt, mit den übrigen Flüchtlingen in die Donau. Größer war war lange keine Niederlage gewesen; über 15,200 Franzosen und Bayern waren Gefangne, und gegen 20,000 Mann lagen unter den Tobten oder Verwundeten. Unter den Gefangnen befanden sich, ausser Tallard und seinem Sohne, 818 andre Qfficicre. Kaum 20,000 Mann konnte man von der Armee der Franzosen und Bayern wieder zusammenbringen, und diese hatten ihr ganzes Geschütz und Gepäckc verlohren. Sie mußten sich unter den Schutz der Kanonen von Ulm und Mcmmingen zurückziehen. Ihre Sieger zählten gegen 4500 Todte und 8000 Verwundete. So kostete eine einzige Schlacht Z2,50O Menschen entweder ihr Leben, oder ihre gesunden Glieder! Das größte Verdienst dieses großen Sieges der Mickten schrieb malt allgemein dem Herzog von Marlborough zu. Der dankbare Kaiser erhob ihn dafür in den Neichs- fürstenstand. Die Nachricht von dem Unglück, das der französischen Armee in Deutschland widerfahren war, mischte sich in die Freude, die der Hof zu Versailles über die Gcburth des nachmahltgen Ludwigs XV fühlte, und die Maintetton war setzt die einzige Person, die dem eiteln Ludwig XIV die Bemerkung GalltttiWcltg. i4rTH. S machen 2/4 machen durfte, daß er nicht mehr unüberwindlich sey. Die siegreichen Alliirtcn waren jetzt in ihren Unternehmungen gegen den Kurfürsten von Bayern gar nicht mehr gehindert. Augsburg, Negcnsburg, Und manche Stadt in Bayern, gerieth jetzt ohne Kampf in ihre Gewalt. Die Franzosen mußten das ganze Land an der Donau verlassen. Der Kurfürst von Bayern flüchtete, nachdem er die Landesregierung seiner Gemahlin übergeben hatte, nach Brüssel. Auf dem Wege begegnete er seinem gleichfalls vertriebenen Bruder, dem Kurfürsten von Cöln. Sich, mit Thranen in den Augen, umarmend, fühlten sie mit aller Innigkeit das Traurige ihrer so plötzlich veränderten Lage. Ludwig XIV sah sich nun von den Feinden in seinem eignen Gebiethe angegriffen. Der Prinz von Baden, unter dessen Befehl die Neichsarmee stand, unternahm (im Sept.) die Belagerung von Landau. Eugen und Marlborough stellten sich indessen mit 50,000 Mann dem Marschall Villcroy entgegen. Dieser wagte nicht den geringsten Schritt, der bedrängten Festung Hülfe Hülfe zu leisten. Sie mußte sich, nachdem die Hälfte der Besatzung ihrer standhaften Verthcidigung zum Opfer gebracht worden war, (24stcu Nov.) an den römischen König Joseph ergeben. Dicß war auf lange Zeit in Deutschland die letzte bedeutende Unternehmung dieses Krieges. Der Kaiser benutzte die Ucbcrlcgcnhcit, die ihm Eugen und Marl- borough verschafft hatten, der Kurfürstin von Bayern (im Nov.) einen Vertrag abzuuöthi- gcn, der für ihn äusserst vorteilhaft war, der Bayerns Macht für ihn ganz unschädlich machte. Man mußce ihm alle Festungen, welche die bayrischen Truppen noch im Besitze hatten, nebst allen zu denselben gehörigen Vorräthcn, einräumen; man mußte alles noch übrige Militär abdanken. Auch blieb der Kaiser im Besitz des größten Theils von Bayern. Er übertrug die Regierung desselben einem von seinen Ministem, dem Grafen von Löwenstcin-Wcrthhcim, der den Eigennutz seines Monarchen sorgfältig genug befriedigte. Die armen ttntcrthanen wurden von den kaiserlichen Soldaten so schrecklich gcmißhaudelt, daß selbst die kaiserliche Com- Mission ihre Mißhandlungen für höchst straft S 2 bare 276 bare Ausschweifungen erklarte. Sie dauerten aber dennoch immer fort, und Leopold, mit dem ohnmachtigen Zustande des Kurfürsten von Bayern noch nicht zufrieden, trieb seine Begierde, Rache an ihm auszuüben, so weit, daß er ihn ganz zu unterdrücken, daß er ihn (1705 Jan.) in die Neichsacht zu erklaren beschloß. Als er sich mit diesem Gedanken beschafftigte, überraschte ihn (1705 am 5WN May) am Ende seines Szsten Lebensjahres, der Tod, eine Folge der Brustwassersucht, deren Wirkung noch durch ein bösartiges Fieber verstärkt wurde. Wenn der an sich selbst gutmüthige Leopold I den Gefühlen seines Herzens oft zu wenig folgte, so war dieß ein Fehler des Verstandes, so war dieß eine Folge des allzugroßen Zutrauens, welches er denHvfgeist- lichen, dem Jesuiten Marcgatti, und den ihnen ergebenen Ministern, schenkte. Daher zeigte er für die Religion eine so ausserordentliche Ehrfurcht; daher bewies er aber auch gegen diejenigen, welche vom katholischen Glauben abgiengcn, eine so unerbittliche Unduldsamkeit; daher verzieh er die Krankung seiner 2?7 seiner Würde so wenig. Als Gönner der Wissenschaften und der Künste, vornehmlich der Alchymie, der Musik, hat er sich übrigens auf eine sehr rühmliche Weise gezeigt. Er beförderte unter andern die Stiftung von verc schiedcnen Akademien; er ließ sich die Verl mehrung der Hofbibliothek, deren berühmter Aufseher Lambck war, ausserordentlich angel legen scyn. Sein Sohn und Nachfolger, Kaiser Joseph I, bemühete sich, den Plan seines Vaters, Bayern mit den übrigen Sst- reichischen Erbländcrn zu vereinigen, zur Ausl führung zu bringen. Die Bayern sollten ihm, als ihrem Landesherrn, die Huldigung leisten. Aber die strenge Behandlung der kaiserlichen Commission, und das unbarmherzige Verfahl ren des kaiserlichen Militärs, hatte die Erl bittcrung der Bayern so hoch getrieben, daß sie sich heimlich verschworen, sich von denen, die sie so peinigten, durch eine gewaltsame Uebcrraschuug zu besteyen. Aber ein Bcvolll mächtigtcr des Kurfürsten, der die Reise von Brüssel nach Bayern schon oft gemacht hatte, schien den Oestreichern endlich verdächtig. Sie bemächtigten sich seiner Person, und seiner Papiere, und der Anschlag war verrathen. Jetzt 27« Jetzt würden die schon ans dem Marsche nach Italien begriffenen Regimenter sogleich zurückberufen. Man besetzte (im May) München, leerte das bürgerliche Zeughaus auch öntwaffnctc die Bürger. Die Geldcrprcffun- gcn wurden so weit getrieben, daß sie in Einem Jahre mehr als 7 Millionen betrugen. Der kleinste Thcil dieser Summe floß in die kaiserliche Kciegscaffe, für welche die Zuflüsse doch so unentbehrlich waren. Auch mochte der Kaiser, und seine Minister, das unbarmherzige Verfahren gegen die Bayern nicht geradezu anbefohlen haben, und man schrieb das Meiste auf die Rechnung des Grafen von Bronsfeld, der in Bayern den Oberbefehl führte. Indessen erstieg die Verzweiflung der Bayer» eine so hohe Stufe, daß sie sich von einer förmlichen Empörung nicht mehr zurückhalten konnten. Ihren Much feuerte der Abzug von den meisten nach Italien bestimmten Regimentern an. Ungeachtet der vielen nachthciligen Gefechte, die die Bauern den kaiserlichen Soldaten lieferten, wuchs ihre Zahl doch immer mehr an. Es standen zwischen 24 bis zo,ooo Bauern unter dem Gewehre. Aber es fehlte den rüstigen und 279 und braven Leuten an einsichtsvollen und klugen Anführern. Daher konnten sie dem durch reichsständischen Truppen verstärkten kaiserlichen Militär endlich keinen Widerstand thuu, und mehrere Tausend der Unglücklichen wurden (1705 Dec.) ein Opfer ihrer Vaterlandsliebe. Ihr Landesherr, der Kurfürst und sein Bruder, hatten mpn das Schicksal, daß die Achtserklarung, mit Bewilligung der Kurfürsten, von dem Härten Kaiser Joseph (1706 Febr.) wirklich ausgesprochen wurde. Der Kaiser brauchte nun einige Stücke des bayrischen Landes, um einige Reichsstande zu entschädigen, und seine Minister, als den Grafen von Lambcrg , zu belohnen. Das übrige blieb unter der kaiserlichen Verwaltung, und der zwischen Salzburg und Passau liegende Theil wurde dem Lande ob der Ens einverleibt. Die Stelle des Kurfürsten von Bayern im kurfürstlichen Collcgium nahm Braunschwcig- Lüncburg, oder Hannover, ein, dessen kurfürstliche Würde anfangs vielen Widerspruch gefunden hatte. Vierter 280 Vierter Abschnitt. Eugen enticitt Turin, und belagert Tvulon. Die Franzosen müssen Italien räumen. Gibraltar kömmt in die Gewalt der Engländer. Der vstreichische Karl ist in Spanien einige Zeit glücklich; aber er verliert die Schlacht bcy Almanza. Vereitelter Plan auf Schottand. Die Allürten siegen bcy Ramillics, und erobern Ryssel. Clemens XI bekriegt den Kaiser. Ludwig xiv bittet um Frieden. Joseph i endigt sein Leben. Kaiser Joseph I führte aber nicht allein den vaterlichen Plan wegen Bayerns aus; er setzte auch, gegen die Erwartung der übrigen europäischen Machte, den Krieg, der seinen Bruder Karl zum Besitzer der spanischen Monarchie 281 chie machen sollte, mit nachbrucksvoller Stand- haftigkcit fort. Eugen und Marlborongh hatten den Entwurf gemacht, den Krieg nicht nur in Ludwigs XIV eignes Gcbieth zu versetzen, sondern auch die in Italien, seit Eugens Entfernung, in großen Verfall gcrathcne Sache des Kaisers wieder emporzuheben» Wahrend daß Engen Frankreichs Macht im deutschen Reiche lebhaft bekämpfen, daß er des Kaisers ttcbcrlcgenhcit im deutschen Reiche befördern half, gelangten Ludwigs XIV Waffen in Italien zu einer vorzüglichen Macht. Der Herzog von Savoycn war zwar nicht mehr Ludwigs Bundesgenosse; aber seine Officiere waren Kricgsgefangne, seine gemeinen Soldaten dienten in den französischen Regimentern, und auf den Pferden seiner Dragoner ritten jetzt Franzosen. Der großdcnkendc, feurige Victor Amadeus fand sich durch eine solche Behandlung äusserst gekrankt. Alles, was seine Klugheit, was seine noch übrigen Staatskrafte, ^vermochten, both er (170z) auf, um sich wieder in eine ehrenvollere Lage zu versetzen. Er warb mit schneller Thatigkelt eine neue Armee; er ließ Ludwigs 282 Ludwigs XIV Gesandten zu Turin in VerHast nehmen; er ließ vin Regiment französischer Reiter, welches bcy Turin vorbcyzog, von seinen Leuten, zur Kriegsgefangenschaft nöthi- gen; er trat (25. Ott.) der großen Allianz gegen Frankreich feycrlich bei). Die Seemächte machten sich verbindlich, ihm für die Ausrüstung einer neuen Armee, 100,002 Scudi, und für .die Unterhaltung derselben, monath- lich 80,000 Send» zu zahlen. Dafür wollte er 15,000 Mann marschieren lassen. Der Kaiser versprach' ihm 20,000 Mann Hülst- truppen. Aber diese kamen nicht so geschwinde hcrbey, und der Herzog besand sich indessen in großer Noth. Endlich halte er die Freude, (1704 Jan.) sechzehn tausend Mann Kaiserliche, die einen eben so gefahrvollen als beschwerlichen Marsch zurückgelegt hatten, mit seinen Truppen sich vereinigen zu sehen. Aber die noch immer sehr kleine Armee, von welcher Victor Amadeus seine Rettung erwartete, verminderte sich, da der in Deutschland genug beschässtigte Kaiser ihr weiter keine Verstärkung schicken konnte, im ungleichen Kampfe gegen die bey weitem stärkere Armee von Veudome, so gewaltig, und sie litt dabey einen einen so , drückenden Mangel an Geld und Lebensmitteln, daß ihre Wirksamkeit zur völli- gen Unbcdcutsamkeit herabsank. Die Franzosen bemächtigten sich nun noch (Zun. bis Sept. ) der Festungen Susa , Vercclli und Jvrca. Das bis auf 8000 Mann geschmolzene Heer der Kaiserlichen mußte sich bis an die Gränzen von Tprol zurückziehen. Dem Kaiser blieb, ausser Mirandola, welches die Franzosen auch schon belagerten, keine einzige Festung in Italien mehr übrig. Wollte man dem Unglück, aus dem schonen Lande ganz herausgedrängt zu werden, und alle Aussichten zum Besitze der spanischen Provinzen in demselben zu verlieren, ausweichen, so mußte man, in möglichster Geschwindigkeit, eine ansehnliche Armee, mit einem guten Feldherrn, in demselben auftreten lassen. Man wollte 28,000 Mann dahin marschieren lassen; man wollte diese Armee mit allen Bedürfnissen hinlänglich versehen. Ihr Obergeneral Eugen sollte die Vollmacht erhalten, bcy Ausführung der kriegerischen Unternehmungen blos seinen Einsichten zu folgen. Marlborough, der selbst nach Berlin gieng, brachte es auch dahin, daß acht tausend Preussen sich (1705 April) l' l 284 April) an die östreichische Armee in Italien anschlössen. Doch der Ausgang des Feldzuges entsprach den schönen Erwartungen, die man sich von ihm machte, sehr wenig. Während daß En« gen, dessen Heer, wegen der bayrischen Em? pürung, nicht vollständig war, sich in die Ebene von Verona zog, um den 8oc>o Mann starken Uebcrrcst der kaiserlichen Armee, der im Gebiethe von Vrcscia seine Zuflucht gc? sucht hatte, an sich zu ziehen, und der ein? zigen Festung, welche die Kaiserlichen noch in Italien besaßen, der Stadt Mirandola, zu Hülfe zu kommen, war diese Festung an die Franzosen schon übergegangen. Indessen wurde (1706) die Verlegenheit, in welcher sich der Herzog von Savoyen befand, immer dringender. Es blieb ihm nun weiter keine Festung, als seine Haupt < und Residenzstadt Turin, und auch dieser drohete Vendome mit einem ernsthaften Angriffe. Den Herzog von Savoyen durfte man aber durchaus nicht ganz unterdrücken lassen, wenn man nicht zugleich allen Hoffnungen für den Kaiser entsagen wollte. Eugen gicng daher, als er ein Heer von 28) Vitt 40,000 Mann beysammen hatte, über den Sglio, und drang im Maylandischcn bis an die Adda vor. Aber auch über die Adda mußte er gehen, wenn er dem Herzoge von Savoyen einen nachdrucksvollen Beystand leisten wollte. Allein die Franzosen, die seinen Plan merkten, bewachten das rechte Ufer der Adda so sorgfältig, daß Eugens Versuche, einen Ucbcrgang zu bewerkstelligen, immer vereitelt wurden. Endlich zog einer dieser Versuche (1705 am 16. Aug.) bey Cassano, ein heftiges Gefecht nach sich, welches vielen Menschen ihr Leben kostete, und doch keinen entscheidenden Erfolg hatte. Vendome durfte Turin nicht belagern, und Eugen konnte dem Herzog von Savoyen nicht zu Hülfe kommen. Darüber verstrich die Zeit des Feldzuges. Der folgende (1706) sollte, dem Wunsche und Plane der Mickten zufolge, entscheidender werden. Der staatskluge und thatige Marlborough bestimmte die Generalstaaten, die kaiserliche Armee in Italien mit 10,000 Mann deutschen Soldtruppen zu vermehren. Zu 286 Zu diesen kamen wieder 8ooo Mann Prcussen hinzu. Die Befrcyung von Turin war jetzt die wichtigste Unternehmung für den Prinzen Engen. Ein glücklicher Umstand für die Ausführung seines Planes war Vendome's Entfernung von der französischen Armee in Italien. Der Hof zu Versailles stand in der Mcynung, daß feine Gegenwart in Italien jetzt nicht mehr nöthig scy» Es-fehlte dem Eugen nicht allein noch an Kriegsvolk, sondern auch an Geld. Aber die londoner Kauf- lcute liehen ihm endlich- sechs Millionen Li- vrcs, und Bcndome ließ ihm Zeit, aus Deutschland Verstärkung an sich zu ziehen. Mit einer Armee, die nicht viel über ZO,ooo Mann stark war, marschierte nun Eugen, aus der Gegend von Verona, jenseits der Etsch, durch ei» von den Feinden besetztes, und von Flüssen durchschnittenes Land, nicht allein über die Etsch, sondern auch über den Po, und schon stand er in der Nahe von Turin, als Vendome die französische Armee in Italien verließ. Sein Nachfolger/ der Herzog von Orleans, ein Neffe Ludwigs XIV, dessen größtes Verdienst die Gunst dcrMain- lenon war, ein General ohne Erfahrung, fand 2K7 fand das Heer, über welches er den Oberbefehl übernahm, dlirch Krankheiten und Unordnung muthlos. Fenillade, der das Bc- lagcrungshecr vor Turin commandirtc, war so ausgemacht einer der schönsten und liebenswürdigsten Manner Frankreichs, daß er, obgleich Schwiegersohn des Kriegsministers Chat millart, - doch einen Liebling des Publieums abgab. Fcuilladc, voll Feuer und Thatigkeit, zu Unternehmungen, die weniger Kenntnisse als Much erforderten, sehr geschickt, war, von seinem Schwiegervater, zur. Ausführung der ihm aufgetragenen Belagerung mit er- srauuenswürdigcr Sorgfalt ausgerüstet worden. Ein Zug von 140 Kanonen, ein Vorrath von 110,000 Kugeln, von 21,000 Bomben, von 1200 Ccntuern Pulver, und eine Armee von 38,000 Mann, setzte ihn in den Stand, seiner Belagerung einen glücklichen Erfolg zu versichern. Aber er betrieb dieselben gegen alle Regeln. Der berühmte Vauban wollte als Volontär unter ihm dienen, und Feuillade nahm sich vor, Turin auf cochonnische Manier zu erobern. Er griff die Cittadclle, den stärksten Thcil, zuerst an, und schloß die Stadt selbst so wenig ein, daß ihr die Zuführe, daß ihr 288 ihr der Weg, Verstärkung zu bekommen, im- mer offen blieb. So gelang es dem Herzoge von Savoycn, der sich in Turin befand, an der Spitze einer Schaar von Eavallerie, Herl auszukommen. Feuillade setzte ihm vergeblich nach. Die Bclagcrnngsarbciten wurden darüber unterbrochen. Man glaubt, Feuillade hatte Turin, als die Residenzstadt des Schwiegervaters des Herzogs von Bourgogne, nicht erobern wollen. Eugen setzte nun ( 1706 im Zun.) im Angesichte des Herzogs von Orleans, über den Tanaro. Er gewann demselben einen Marsch ab, und bei) Asti erfolgte seine Vereinigung mit dem Herzoge von Savoycn. Orleans schloß sich nun an Feuillade vor Turin an. Orleans urtheilte ganz richtig, daß man, in den ausgedehnten Verschanzungslinicn, Eugens Angriff nicht erwarten dürfe. Alle Generale stimmten seiner Meynung bey, als Marsin, der schon die unglückliche Schlacht bey Höchstcdt veranlaßte, eine durch Chamil- larts Furchtsamkeit bewirkte königliche Ordre aus der Tasche zog, welche die Verlassung der Linien ausdrücklich untersagte. Zum Unglücke 289 glücke stimmten die französischen Generale in ihren Verthcidigungsmaßregeln auch nicht mit einander überein. Zn Zeit von zwcy Sinns den hatte Eugen (7. Sept.) die französischen Vcrsckanzungen überstiegen. Als Orleans, der sich verbinden lassen mußte, sich entfernte, wurde die Unordnung herrschend. Auch Marsin war so stark verwundet, daß er bald hernach starb. Die Bestürzung der Franzosen war größer, als ihre Niederlage. Aber sie befanden sich in einer so großen Zerstreuung, sie litten einen so empfindlichen Mangel an Lebensmitteln, daß sie sich nach Danphiiw zurückziehen mußten. Italien war jetzt auf cinmahl für Ludwig XIV verlohren; verkohlen war es auch ungeachtet des Sieges, den, zwey Tage hernach, (9. Sept.) der General Medavi Grancci, bcy Castiglione, im Ge- bicthe von Mantua, über den Erbprinzen von Hessen erfocht. Man mußte, um eine Truppen-Abcheilung von 15,000 Mann zu retten, den Kaiserlichen alle Oerter im Mayländischen Überlassen. Eugen nöthigte hierauf die italienischen Fürsten, den Aufwand, den dieser Feldzug EgllettiWcltg. lU'TH., T dem 290 dem Kaiser verursacht hatte, durch große Contributionen zu vergüten. Die Summen, die er von ihnen forderte, waren im Grunde nicht übermäßig; aber sie waren es für die armen Cassen, und für die armen Unterthas neu der meisten von diesen Fürsten. Der Pabst, der für seine Provinzen Ferrara und Bologna die Winterquartiere abkaufen sollte, fühlte, daß der jetzige Kaiser Joseph kein frommer Leopold war. Joseph genoß jetzt (1707 Marz) die Freude, daß ihm Philipp von Spanien, durch eine Verabredung mit dem Prinzen Eugen, die ganze Lombardei) überließ. Der Kaiser wies nun das Herzogs thum Mayland seinem Bruder Karl an; eis nen Theil desselben, die Bezirke von Valenza, Alessandria u. s. w. bekam der Herzog von Savoyen. Der Pabst mußte, um sich von den deutschen Soldaten zu bcfrcycn, ihnen Geld zahlen. Diese marschierten, 9000 Mann stark, und vom General Daun angeführt, nun nach Neapel, dessen Eroberung ihnen (im Jul.) einen sehr leichten Kampf verurs sachte, indem die wenigen Franzosen, die es besetzt hielten, bey den Einwohnern des Lans des sich sehr verhaßt gemacht hatten. Eugen 2Zl Eugen und der Herzog von Sovoyen griffen indessen Ludwig XIV in seinem eignen Reiche an. Zu diesem Angriffe, den man auf die durch keine Festungen verwahrte Provence richtete, bestimmte man alle in Italien befindlichen kaiserlichen und reichsfürstlichcn Truppen, die, ausser der kleinen nach Neapel geschickten Armee, noch übrig blieben. Eugen stimmte für einen Einfall in Dauphinü; aber die Seemachte, die auf ihre eignen Kosten 20,000 Mann in Italien unterhielten, und noch ausserdem große Snbfidien zahlten, bestanden auf einer Unternehmung gegen die Provence, weil der Besitz dieses Landes ihrem Handlungsintcrcsse vorzüglich günstig schien. Engen gieng also mit Zi,oOo-Mann über den Col di Tenda, der aus Picmont nach Nizza führt. Eine Flotte von 4z Linienschiffen der Alliirten näherte sich indessen der französischen Küste. Man wußte in Frankreich nicht, auf welche Gegend die Alliirten ihren Angriff richten würden. In der ganzen Provence, wo (1707 Jul.) der Angriff wirklich hingieng, befanden sich nicht mehr, als 10 Darallione. T 2 Aber 2^2 Aber die Alliirten rückten nicht geschwinde genng herbei). Sie entzogen sich das Vertrauen der französischen Nation durch ihre drückenden Gelderprcssungcn. Indessen gewannen die Franzosen Zeit, die Stadt Toulon , ehe die Alliirten ihre Belagerung anficngen, mit einer stärkern Besatzung zu versehen, und in der Nahe desselben ein Lager von 41 Vatallionen zu bilden. Dieses Lager, über welches Tesss die Aufsicht führte, wuchs immer mehr an Mannschaft. Selbst Abteilungen von der Rheinarmee schlössen sich an dasselbe an. Das die Stadt Toulon umgebende Land ist bergig und getrcidearm. Um so eher fühlte die Armee der Alliirten einen empfindlichen Mangel an Lebensbedürfnissen, um so eher rissen Krankheiten unter derselben ein. Indessen wurden die Angriffe, welche die Franzosen auf ihre Verschanzungen wagten, immer ungestümer, immer unwiderstehlicher. Es kostete den Alliirten sehr viele brave Leute. Unter den Sfsicicren, die dieser unglücklichen Unternehmung ihr Leben zum Opfer brachten, zeichnete sich besonders der Prinz Johann Wilhelm von Gotha aus, der, als sein ganzes Vatallion vernichtet war, die Ver- 29 z Verschanzung, die er vcrtheidigte, dennoch bis an seinen Tod behauptete. Nachdem Eugen, und der Herzog von Savoyen, ihr Heer um 7000 Mann vermindert hatten, mußten sie (22. Aug.) einen traurigen Rück- zug antreten, hatten sie für die schöne Zeit des Fcldzuges, die sie dieser Unternehmung widmeten, keinen andern Trost, als einen großen Landstrich von Frankreich verwüstet, als Toulon von der Flotte der Alliirten schreck- lich bombardiert, als Ludwigs XIV Macht etwas gethcilt zu sehen. Ludwigs XIV Macht wurde indessen von den Alliirten auch in Spanien lebhaft beschaff- tigt. Die Alliirten, auf deren Entschlüsse Marlborough am stärksten wirkte, hielten es für nöthig, den Erzherzog Karl in dem Lande, dessen Krone er dem Philipp von Anjou streitig machte, selbst austreten zu lassen. So sehr das spanische Volk mit der Regierung, die Philipps Gemahlin, wahrend seines Fcldzuges in Italien führte, zufrieden war, so sehr rcitzte es doch die Grandes zum Unwillen, daß ihre auf den aus Amerika kommenden Gallionen befindlichen Schatze nicht un- geschont 294 ^ - geschont wurde», daß Philipp der Leitung des französischen Ministeriums sich so sehr überlassen mußte. Daher bildete sich auch eine Parthcy für den Erzherzog, und dieser begab sich, gegen das Ende des Jahrs 170Z, nach London. England rüstete für ihn zo Kriegsschiffe, mit 200 Transportschiffen, aus. Mit diesen vereinigten sich zehn hollandische Kriegsschiffe. Auf dieser Flotte befanden sich 9000 Soldaten. Diese Flotte versuchte ihre Wirksamkeit zuerst (1704 Jul.) an Barcelona, der Hauptstadt von Catalvnien. Ihr Angriff mißlang; dagegen glückre ihr ganz nnvcrmm thcc eine andre Unternehmung, deren Erfolg für England äusserst wichtig wurde. Die an sich unüberwindliche Felsenfestung Gibraltar hatte damahls nicht mehr, als hundert Mann, zur' Besatzung. Diese waren indessen, zur Vcrtheidigung derselben hinlänglich gewesen, wenn sie sich nur nicht die äusserste Nachlast sigkcit hatten zu Schulden kommen lassen. Der Prinz von Hessendarmsiadt, her über die im englischen Solde befindlichen deutschen Truppen den Oberbefehl führte, setzt? sich <4tcn Aug.). auf der Landenge, in: Rücken der Festung, mit iZcoo Mann fest. Die Flotte 29) Flotte schleuderte vergeblich 15,000 Kugeln gegen die Felsenstadt. Endlich nähern sich die Matrosen, von ihrer Lustigkeit hingerissen, dem Damme, dessen Artillerie sie zerschmettern sollte, aber uulhätig blieb. Sie ersteigen kühn den Damm, die herbcygeeiltcn Soldaten leisten ihnen Bcnstand, und — Gibraltar kömmt in die Gewalt der Engländer. Die englische Flotte, die jetzt im mittelländischen Meere herrschte, griff (24. Aug.) im Angesichte von Malaga, die französische Flotte von 25 Linienschiffen, und 24 Galeeren, die den Admiral von Frankreich, den Grafen von Toulouse, Ludwigs XIV unehlichen Sohn, zum Oberbefehlshaber hatte, entschlossen an; aber der Sieg blieb unentschieden, und Toulouse zog sich ruhmvoll zurück. Der Verlust von Gibraltar, den der König Philipp V erlitten hatte, wurde von seinem Großvater so lebhaft empfunden, daß er die nachdrucksvollste Anstalt machte, dem Enkel Gibraltar wieder zu verschaffen. Während daß der Marschall von Teste (1705 März) diese Festung zu Lande belagerte, schloß sie eine 296 eine Flotte von iz Linienschiffen zur See ein. Aber ein Theil dieser Schisse wurde durch einen schrecklichen Sturm zerstört; einen cmdcrn überwältigten die Engländer, nach einem sehr hartnäckigen Widerstande; ein dritter stieg an den spanischen Küsten im Rauch auf. Seit diesem unglücklichen Zeitpunkte erschien keine große französische Flotte mehr in der See, und die französische Seemacht war wieder in ihren unbeträchtlichen Zustand vor Ludwig XIV versetzt. Um so weniger konnte sie der Alliirtcn Unternehmungen gegen die spanischen Seeprovinzen verhindern. Diese eroberten in Zeit von sechs Wochen (im Oct.) die Reiche Valenzia und Catalonffn für den Erzherzog Karl. Diese Eroberung erleichterte ihnen die beständige Unzufriedenheit, welche die Cata- louier über die spanische Regierung empfanden. Die Eroberung von Barcelona beförderte ein für die Alliirtcn günstiger Zufall, den die Verwegenheit der Belagerer hervorbrachte. Der Graf von Pcterborough, ein kühner Abcnlhcurer, der, kaum fünfzehn Jahre alt, gegen die Mauren in Afrika focht, hierauf 297 ' auf zwanzig Jahre alt sdic Revolution in England beförderte; der den damahligen Krieg in Spanien auf seine Kosten führte, und so- wohl den Erzherzog Karl, als seinen ganzen Hofstaat, unterhielt, der wagte es jetzt, Bar- cclona's Werke zu ersteigen. Der Prinz von Darmstadt fallt, aber der Sturm gelingt. Eine Bombe bewirkt das Auffliegen des Pulvermagazins. Das Fort wird erobert, die Stadt capitulirt. Wahrend daß der spanische Vicckönig und Petcrborough, unter dem Thore der Stadt, die Punkte der Ucbergabe verhandeln, entstand ei» klägliches Geheul. „Sie hintergehen uns,,, sagte der Vicckönig zu Petcrborough; „ wahrend daß wir, als rechtschaffne Männer unterhandeln, dringen ihre Engländer über den Wall in die Stadt, erlauben sie sich alle Arten von Gewaltthätigs leiten und Mißhandlungen. „ Sie irren sich, versetzte Petcrborough, diejenigen, die dieses thun, können keine andern Truppen, als die deutschen des Prinzen von Darmstadt scyn, und es bleibt, zur Rettung ihrer Stadt, kein andres Mittel übrig, als die Erlaubniß, mich und meine Engländer sogleich einrücken zu lassen; ich werde die Ruhe wieder herstellen, 298 lcn, und ich komme alsdenn wieder unter das Thor, um die Capitulation zu vollenden. — Peterborough sagte dicß mit einem ^solchen Tone der Wahrheit und der Erhabenheit, daß er, in Verbindung mit den Umständen, den Vicekünig überzeugte. Er verstattet ihm den Einmarsch. Peterborough eilt mit seinen Sfficicrcn dahin, wo die Deutschen und die Catalonier, von dem Pöbel der Stadt unterstützt, die Häuser der vornehmsten Leute plünderten; er verjagt sie; er entreißt ihnen die geraubte Beute; er gicbt die Prinzessin Po- poli, die sich in der Gefahr befindet, von wollüstigen Soldaten entehrt zu werden, ihrem Gemahlc wieder. Nun kehrt er, alles beruhigt sehend, unter das Thor zurück, und unterzeichnet die Capitulation. Philipp V, der auf diese Art Barcelona verlohr, empfand noch überdieß die Kränkung, seine Bemühungen, Barcelona wieder zu erobern, vereitelt zu sehen. Er hatte weder Generale noch Ingenieurs; er hatte nur wenige Soldaten. Sein Großvater, Ludwig XIV, mußte ihm daher mit allem aufhelfen. Toulouse schloß (1706 April) mit 25 Kriegsschiffen, dem Ueberreste der französischen Seemacht, die Stadt 299 Stadt von der Seescite ein, während daß Tests sie zn Lande angriff, und, der braven Vcrthcidigung des Erzherzogs Karl ungeachtet, sie in große Noch brachte; aber die Annäherung einer englischen Flotte von 48 Linienschiffen unter Leakc bewirkte, daß sich (iiten May) die französische Flotte schnell entfernte, und Tesss zog so eilend ab, daß er alle Vorrärhc, und 1500 Verwundete, zurückließ. Seine Armee war um die Halste vermindert. Philipp V, der nach Madrid zurückgeeilt war, sah nun, wie ein von Engländern und Portugiesen zusammengesetztes Heer sich dieser Hauptstadt näherte. Obcrgcncral der Engländer und Portugiesen war Galloway, ein nach England gewanderter Franzose, der eigentlich Graf Nuvigny hieß. Die Franzosen standen unter dem Befehle des Herzogs von Bcrwik, eines Neffen des Herzogs von Marl- borough. Dieser übergab jedoch das Com- mando an den Grafen von Tests, den Philipp so übermäßig ehrte, daß die spanischen Großen dadurch vollends erbittert wurden. Zum Glücke waren die Engländer und Portugiesen ZOQ tngiesen nicht recht einig. Den größten Scha- den that dem Philipp der nach Portugal aus- gewanderte Amirante von Cnstilien, der seine AnHanger zur Untreue, und zu einer Verschwörung, verleitete. Mit dem Tode dieses Amirante vcrlohr Karl (1705) seinen besten Freund in Spanien. Doch Philipp kämpfte noch einige Zeit mit einem ungünstigen Schicksale. Die spanischen Großen fanden sich durch den ausgezeichneten Anthcil an der Regierung, den man der Fürstin von Srsini, einer Italienerin, zugestand, sehr gekrankt. Sie wurde zwar, weil auch der Hof zu Versailles nicht mit ihr übereinstimmte, entfernt; aber Philipp und seine Gemahlin konnten ihren Rath so wenig entbehren, daß man sie zurückrufen mußte. Doch Philipp mußte seinem Großvater so vieles Geld leihen, daß seine eigne Kriegscasse darüber leer war, und daß er seine Kriegsanstalten nicht eifrig genug betreiben konnte. Ludwig XIV schickte ihm zwar den Herzog von Berwik mit einer neuen Armee zu Hülfe. Aber che diese herbeykam, hatten die Engländer schon Salamanca erobert, mußte Philipp nach Burgos flüchten, gieng Madrid (24. Inn.) an die Engländer und zor und Portugiesen über, wurde (2. Zul.) der Erzherzog, als Karl III, zum Könige ausgerufen. Philipps schwaches Heer war bald vernichtet, und alles schien für ihn so verkehren, baß Vauban schon den Vorschlag that, sein Reich nach Amerika zu versetzen. Philipp willigte auch bereits in die Ausführung dieses Vorschlags. Aber die Standhastigkcit der Casiiliancr, die sich vor der östreichischen Herrschaft, als vor dem Tode, fürchteten, und die Unthatigkeit und Nachlässigkeit der Sesrreicher, war Ursache, daß Philipp sich bey dem Besitze der spanischen Krone behauptete. Das castilianischc Volk liebte den Philipp. Noch mehr aber liebte es dessen Gemahlin , die Tochter des Herzogs von Sa- vopen, die sich alle Mühe gab, sein Zutrauen sich zu erwerben, die von einer Stadt zur andern reiscte, um ihrem Gemahlc Anhänger und Geld zu verschassen, die ihm in Zeit von drcy Wochen über 200,000 Thalcr zusammenbrachte. Keiner von den Grandes, die dem Philipp geschworen hatten, wurde ihm untreu. Als Galloway Karln III zn Madrid ausrief, ließen viele Stimmen den König Philipp hochleben, und zu Toledo wurde ZO2 wurde durch Karls Ausrufung sogar ein Lcrm verursacht. Die Spanier, die für ihren König bisher nur wenig gethan hatten, bewiesen, als sie ihn in Gefahr sahen, einen bewundernswürdigen Eifer, einen ausserordentlichen Muth. Die mit dem Boden zu wenig bekannten Hülfstruppen Karls sahen sich überall gedrangt, und der Lebensbedürfnisse beraubt. Philipp V that alles, um seine Kriegs- casse wieder anzufüllen. Er wirthschaftete genau, verschaffte sich durch die Einziehung der Güther seiner Feinde große Zuflüsse, und empfieng aus Amerika große Schatze. Ber- wik, der Anführer der französischen Hülfsar- mce, hielt sich sehr'brav. Durch das Ein- verständniß mit einem portugiesischen General, der seines Königs Verbindung mit dem Kaiser dem Interesse des erster« für nachtheiiig hielt, wurde er mit dem Znstande der Alliirtcn, und mit ihren Planen, genau bekannt gemacht. Gailoway und las Minas, der portugiesische Obergeneral, belagerten (1707 April) Viliuna. Verwik äusserte die Absicht, es zu entsetzen. Die Engländer und Portugiesen zogen sich hier- hierauf in die Ebene von Almanza, an der Granze von Valenzia. Weder Philipp noch Karl war bei) dieser Schlacht (eisten April) gegenwärtig. „Es ist doch sehr gut,,, sagte Peterborough zu Karln, „daß man sich für Sie schlägt!,. Die portugiesische Cavallerie gab das englische Fußvolk dem schrecklichen Feuer, und dem kraftvollen Angriffe der alten spanischen Ncitercy, preis. Die Alliirtcn vcrlohren siooö durch den Tod, und 2000 durch die Gefangenschaft. Beyde Obergenes rale waren verwundet. Am folgenden Tage mußten noch iz Bataillone das Gewehr strecken. Von der 35,000 Mann starken Armee der Alliirten waren kaum noch 6000 beysam- men. Karl halte nun auf einmahl alle Hoffnung , den spanischen Thron zu behaupten, wieder vcrlohren. Valenzia und Aragon, die sich dem Philipp unterwerfen mußten, wurden mit dem Verlust ihrer Vorrechte bestraft. Ein Sohn, der Ossten Aug.) dem Philipp gebohrcn wurde, galt sogleich für den Erben der spanischen Krone. Karl wurde in Spanien nicht nachdrucksvoll genug unterstützt, weil man in Italien Soft 204 Soldaten nöthig hatte, weil man sie, als man sie hier nicht mehr brauchte, vor Toulon marschieren ließ; weil man endlich sowohl in den Niederlanden, als in Deutschland, den Franzose» Armeen entgegenstellen mußte. Dort wollte (1706) Villeroy, dessen Befehle 8o,oao Mann gehorchten, die Krankung, die ihm Eugen in Italien zugefügt hatte, durch glänzende Thatcn wieder in Vergessenheit bringen. Weil die Verthcidigung der zu ausgedehnten Verschanzungen für Frankreich nachtheilig ausgefallen war, so wollte Ludwig XIV seine Feinde im freycn Felde angreifen lassen, und Villeroy empficng daher von ihm den ausdrücklichen Befehl zur Schlacht. Aber Villeroy führte (Vzstcn May>, die Erfahrung und Klugheit des Gegners Marlborough nicht genug erwägend, diesen Befehl mit vieler Un- bchutsamkeit aus. In die Mitte seiner Schlachtordnung, bey dem Dorfe Ramillies in Vrabant, stellte er neuangeworbene, nicht vollzählige und ungeübte Bataillone. Das Gcpäcke befand sich zwischen den Linien der Armee. Der linke Flügel stand hinter einem Mvraste. Villeroy ließ sich durch keine Vorstellungen seiner einsichtsvollern Generale bewegen. 305 wegen, diese fehlerhafte Stellung zu verbessern. Die Franzosen thatcn den Mickten, die sie mit großem Selbstvertrauen angrissen, kaum eine halbe Stunde Widerstand, und doch verlohren sie auf 20,000 Mann, unter welchen sich 8000 Getödtete befanden. Sie verlohren 80 Kanonen; sie verlohren unter andern auch die Pauken und Standarten der als unüberwindlich gepriesenen mailon ccki roi. Marlborough zog nun tu Antwerpen, in Brüssel, ein, und die Niederlande waren für Ludwig XIV verlohren. Villeroy, der sich über diese schreckliche Täuschung seiner glanzenden Entwürfe gar nicht trösten konnte, schickte den Courier mit dem traurigen Berichte erst nach fünf Tagen ab. „ Mein Herr Marschall,,, sagte Ludwig, als er vor ihm erschien: „man hat in unserm Alter kein Glück mehr!,. Nun mußte Vendome, mit einem Theile der am Rheine stehenden Armee herbeykpm- men. Hier waren die Vorfalle bisher ganz lmbedeurend gewesen. Die Kriegsanstalten des deutschen Reiches blieben, wie gewöhnlich, so kraftlos und unvollständig, daß keine von Gasiettj Weltg. 14t Tb, U den ZO6 den Unternehmungen, die man (1705) gegen die Franzosen ausführen wollte, gelingen konnte. Der Befehlshaber eines jeden Reichs- contingcnts wollte blos nach der Instruction seines Hofes handeln; die Contingente kamen gewöhnlich erst im Julius herbey, und nach drey Monathcn sehnten sie sich schon wieder nach den Winterquartieren. Die Batallione waren selten vollzählig. Man hatte ihnen oft ihren Sold noch nicht ausgezahlt. Es fehlte ihnen an den Lebensbedürfnissen. Eben deswegen mußte man auch eine der guten Kriegszucht gar nicht angemessene Nachsicht beweisen, und man durfte diejenigen, die das Lager, oder wohl gar ihren Posten, verließen , nicht mit aller Strenge bestrafen. Dadurch wurde aber der Reichs - Obcrgencral, der Markgraf Ludwig von Baden, von der Ausführung einer planmäßigen Unternehmung abgehalten. Da aber die Franzosen ihre Truppen in den Niederlanden nöthig hatten, so konnten am Rheine keine Ereignisse von großer Wichtigkeit vorfallen. Indessen waren die Deutschen im folgenden Feldzuge (1706) in so schlechter Verfassung, daß sie die Franzosen von den innern Ländern nicht mehr zurück- rückhalten konnten. Die ganze Reichsarmee unter dem Markgrafen von Baden bestand aber aucb nur ans 16,000 Mann, die mit Geschütz und Munition sehr dürftig versehen waren. Villars und Marsin trieben sie daher mit 50,000 Mann nicht allein über den Rhein zurück, sondern sie drangen bis in Schwaben und Frauken vor. Der Oberbefehlshaber der Neichsarmec, der Markgraf von Baden, starb zu Anfang des folgenden Jahres (1707 Jan.) Als General sehr erfahren, und mit großen Einsichten in der Belagerunaskunst/ war er in der Ausführung wichtiger Unternehmungen nur zu bedenklich. Sein Nachfolger, der Markgraf Georg Wilhelm von. Bayreuth, der sich, als ältester Reichsfcldmarfchall, wegen des Oberbefehls, schon mit dem Markgrafen Ludwig gestritten hatte, stand demselben an Erfahrung und Kriegstalcntcn weit nach; auch drückte ihn schon die Schwächlichkeit des Alters. Um so weniger paßte er sich also zum Gegner des Marschalls Villars. Die katholischen Neichsstande thatcn zwar den Vorschlag, den Prinzen Eugen zum Oberfeldherrn des Neichshecrcs zu ernennen; aber die protestantischen Fürsten waren, wegen der U 3 Kran- Kränkung ihrer Neligionsrechte so besorgt, daß sie dem Prinzen Engen nur die Stelle des zweytcn Neichsfeldmarschalls gönnten. Man machte auch übrigens wieder so schlechte Anstalten, daß die Franzosen (im May) die deutschen Verschanzungcn bey Stollhafcn übers wältigen konnten. Was hatte Villars unter diesen Umständen nicht ausführen können, wenn ihn der Befehl seines Monarchen nicht genöthigt hatte, einen Theil seiner Armee nach Frankreich zu schicken? In einer gefährlichen, und nachtheiligern Lage hatte sich Ludwig XlV aber auch lange nicht befunden. Italien war vcrlohren, aus den Niederlanden' waren die Franzosen gleich? falls herausgedrängt, und die Mickten hatten sogar einen Einfall in Frankreich gewagt. Aber gegen die Erwartung von ganz Europa both Ludwig XIV für den neuen Fcldzug (1708) alle seine Kräfte so sehr auf, daß er ganz unvorhergesehene Unternehmungen wagen durfte. Des ohnmächtigen Zustandes seiner Flotte ungeachtet, entwarf er, während daß Großbritanniens Kriegsschiffe das Meer bedeckten, von schottischen AnHangern des Präs tcns Z°9 tendcnten verleitet, den Plan zu einem Angriffe auf Schottland. Alle schottischen Großen, die sich der Königin Anna nicht verkaust hatten, befanden sich unter dem empfindlichsten Druck, und sie wünschten daher die Wiederherstellung der stuartifchen Familie mit großer Sehnsucht. Ludwig war stolz auf die Ehre, Schottlands Bcfreyer zu werden. Man verlangte von ihm nur einige Mannschaft, die bey Edinburg landen sollte. Ludwig versprach 8 'Linienschiffe, und 70 Transportschiffe, mit 6ooo Mann. Die mißvergnügten Schottlandcr wollten zo,ooc> Bewaffnete stellen. Zu Schottland waren nicht über zoocz ordentliche Soldaten, und England selbst befand sich von Militär entblöße. Aber auf dem Meere schwammen fünfzig englische Kriegsschisse umher. Man ließ dem englischen Ministerium Zeit, 12 Batallione aus den Niederlanden kommen zu lassen. Die Verdachtigen wurden zu Edinburg verhaftet. Der Prätendent wartete, als er sich (1708 May) der Küste näherte, vergeblich auf die abgeredten Zeichen, und kehrte daher wieder nach Frankreich zurück. Ludwig ZIO Ludwig XIV und die Maintenon bildeten sich ein, die Gegenwart dcö Herzogs von Vourgognc, des wahrscheinlichen Erben der französischen Krone, würde den erloschncn Wetteifer der französischen Ofsicicre und Soldaten wieder anfeuern. Standhaft, unerschrocken, die Gerechtigkeit, die Religion und die Philosophie verehrend, ein Zögling des berühmten Fcnelon, aber mit Erfahrungen und Kenntnissen zu wenig ausgerüstet, stimmte er mit dem Marschall Vcndome, den man ihm zur Seite stellte, so wenig übcrein, daß die Generale der untergeordneten Armee bald zwcy Parthcyen bildeten, daß die Unternehmungen gegen zwey Feldherren, die, wie Eugen und Marlborough, so planmäßig handelten, unmöglich gelingen konnten. Der Anfang des Feldzugcs schien jedoch den Franzosen günstig. Sie hatten eine Armee von mehr als 80,000 Mann. Die niederländischen Provinzen waren der holländischen Besatzungen überdrüßig; sie zogen größ- teuthcils Philipps V Herrschast der östrcichi- schen vor. Durch ein wohlunterhaltcncs Ein- versiändniß bemächtigten sich die Franzosen der Sil der Städte Gent, Brügge u. a. m. Um die Alliirtcn von der Schclde zu entfernen, fuchs ten sie auch Ondenaarde in ihre Gewalt zu bringen. Nun eilte Eugen, mit Marlbo- rough sich zu verbinden, lieber das Zurückbleiben einiger deutschen Truppen verdrießlich, trennte er sich erst von seiner Infanterie, und hernach auch von der Cavallerie, um mit Extrapost in das Lager der Alliirten zu eilen. Man setzte über die Schclde. Selbst die kranken Soldaten stellten sich mit in Reihe und Glied. Vcndome erfüllte, die Uneinigkeit vergessend, alle Pflichten eines braven Generals. Bourgogne that desto weniger. Die französische Armee wurde (ilten Iul.) von dem ungleich schwachen? Heere der Alliirtcn völlig zerstreut. Sie büßte in und nach der Schlacht auf 20,000 Mann ein. Der Ucberrcst zog sich nach Gent zurück,-und Vendome erwarb sich das Verdienst, den Rückzug der geschlagenen Franzosen zu decken. Die Kaufleute der Stadt Nyssel, einer der reichsten in den Niederlanden, waren diejenigen , die dem Hofe zu Versailles das zum Fcldzuge gegen die Alliirten nöthige Geld Haupt- Il2 hauptsächlich Herschossen. Die holländische!» Deputirtcn, die sich bey der Armee der Alliir- tcn befanden, drangen daher auf die Vela- gerung dieser Stadt. Die Unternehmung war jedoch mit großen Schwierigkeiten vcr- bundcn. Die große Stadt hatte vortreffliche Festungswerke. Die französische Armee stand bey Gent.- Dadurch war die Zufnhrc von Ostcnde gehemmt. Man konnte sich der Stadt nur auf einem schmalen Damme nähern. Aber die französische Armee befand sich im Zustande der Ohnmacht, in welchem sie zur Rettung der bedrängten Festung nur wenig bcytragcn konnte. Das zur Belagerung der« selben nöthige schwere Geschütz mußte von Antwerpen und Gas van Gent hcrbcpgeholt werden. Eugen übernahm dieses Geschäffte selbst. Er machte einen Umwog von 2z Stunden. Die Bedeckung des Artillericzugcs bestand aus einem Heere von 42,000 Mann. Aber der Zug von 94 Kanonen, 62 Mörsern, und mehr als zoso Wagen mit Bomben, Kugeln und Munition, machte eine Länge von fünf Stunden aus. Die Truppen marschierten aus bcydsn Seiten. Vondome gab auf der einen, und Verwik auf dxr andern, einen 3IZ einen Zeugen dieses Marsches ab. Marlbo? rough, der die französische Armee immer im Auge behielt, war nahe genug, um, wenn es die Umstände erforderten, an Eugen sich anzuschließen. Bcyde waren alsdenn 95,000 Mann stark. Doch die Heere des Herzogs von Bourgogne und des Marschalls Berwik bestanden wieder aus 120,000 Streitern. Sie machten auch einen Plan, Rysscl von der Belagerung zn bcfreyen; aber Uneinigkeit und Unemschlossenheit vereitelten denselben. Man ließ erst durch einen Courier zu Vers sailles anfragen. Indessen hatten sich die Alliirten so gut verschanzt, daß ein Angriff derselben sehr gefährlich war. Eugen wurde bey einem Sturme am linken Auge von einer Kugel gestreift. Der Oberbefehlshaber der Festung, der brave Bouffiers, wußte vier Monathe hindurch alle Angrisse zu vereiteln. Die Kanonen donnerten aber auch so unauft hörlich fort, und die Einwohner der Stadt gewöhnten sich an den Lerm, und an die schrecklichen Auftritte des Krieges, so sehr, daß die gesellschaftlichen Vergnügungen immer fortdauerten, daß von einer in das Komoc dienhaus fallenden Bombe das Schauspiel nicht 3l4 nicht unterbrochen wurde. Endlich fühlten sie die Roth der langen Einschließung aber doch so drückend, daß sie den Bouffiers, der von seinen 15,000 Mann nur noch 6000 übrig hatte, zur Unterzeichnung der Capikulation (22sren Oct.) bewogen. Die Cittadclle hielt sich noch sechs Wochen (bis zum ßtcn Dcc.) Der Kurfürst von Bayern bediente sich in« dessen (28ston Nov.) eines Theiles der Trup« pcn, die man gegen die Alliirtcn brauchen konnte, auf die Hauptstadt Brüssel einen vergeblichen Angriff zu thun. Vendome kehrte, nach Frankreich zurück. Gent und Brügge kamen nun in den Besitz der Alliirten. Eine hollandische Streifparthcy wagte sich von Courtray bis nach Versailles, und erwischte auf der Brücke von Sevcs den ersten königlichen Stallmeister, den man für den Dauphin, den Vater des Herzogs von Vourgogne, hielt. Ludwig XIV, dcss.tt Waffen in den Niederlanden so unglücklich waren, mußte nun sehen, w!e eine englische Flotte die Insel Sardinien (1708 im August) für den Kaiser Joseph eroberte, weil sein Bruder Karl nur Spanien bekommen sollte, wie die Engländer (im Sl5 (im Scpt.) der Festung Portmahon auf der Insel Minoren, die sie für sich behalten wollten, sich bemächtigten; wie der Pabst Cle- mcnz Xl, Ludwigs und Philipps Bundesgenosse , von dem Kaiser gcdemüthigt wurde. Der Pabst fand sich beleidigt, daß Joseph die bcydcn Herzogthümer Parma und Piaccnza für Reichslehne erklarte. Als nun Philipp V die Schlacht bei) Almanza gewonnen hatte, als die Alliirten den vergeblichen Zug vor Toulon gcthan hatten, da wagte es Clemcnz, den Kaiser seine Empfindlichkeit fühlen zu lassen, da weigerte er sich, den Erzherzog Karl als König von Spanien anzuerkennen. Joseph ließ hierauf (1708 May) die Stadt Comacchio besetzen. Nun drohcte das Oberhaupt der Kirche, im Tone Gregors VII, die väterliche Gnade, die er bisher für den Kaiser bewiesen hätte, ihm zu entziehen; ihn, als einen aufrührerischen Sohn mit dem Bann zu belegen, und allenfalls auch mit den Waffen zu züchtigen. In der Folge schämte er sich aber des Vreve, in welchem er sich diese unbchutsame Erklärung erlaubt hatte, so sehr, daß er sie für falsch und untergeschoben ausgab. Aber damahls ließ er sich Zl6 sich noch zu einem sehr unbesonnenen Benehmen verleiten. Der König Karl entzog den Prälaten, die keine gcbohrnen Neapolitaner oder Mayländcr waren, ihre Pfründen. Dies, ärgerte die Cardinäle, die sie bisher besessen hatten, so gewaltig, daß sie dem Pabst die Ergreifung der Waffen riechen, und dieser beschloß nun die Anwerbung einer neuen Armee von 25,000 Mann. Um diese in der Geschwindigkeit aufzustellen, nahm man nicht nur ungeübte Leute, sondern auch Ausreißer von andern Armeen, ja sogar Mis- sethätcr, die ans ihre Lebenszeit aus dem Kirchenstaate verbannt waren, als Rccrutcn an. Dennoch stand manche Compagnic blos auf dem Papchrc. Der so schnell angeworbenen Armee fehlte es nun an Gewehren, und die übereilte Anschaffung ihrer Bedürfnisse verursachte der päbstlichen Kammer einen übermäßigen Aufwand. Die Regimenter bekamen die Nahmen des A, B, C. Obergeneral derselben wurde der von dem Kaiser verabschiedete Graf Marsigli. Der Pabst bewarb sich auch um Bundesgenossen; aber niemand wollte an seinen schwachen Kriegs- nnternehmungen gegen den Kaiser Theil nehmen. NIM. Joseph, 'der diesen Zurüstungcn des Pabstes ganzl ruhig zusah, wollte keinen Krieg mit dem h. Stuhle; er trug nur auf billigere Gesinnungen an. Die Generalstaaten Kathen ihn um Nachgiebigkeit; der König von Prcus; sen und der Herzog von Gotha verbothen ihrem Kricgsvolke, gegen den Pabst zu fech» ten. Joseph selbst untersagte seinen Truppen alle Feindseligkeiten gegen das pabstliche Ge? bicch. Allein der Pabst bewies sich, durch Ludwigs XIV Gesandten, den Marschall von TeM aufgemuntert, so hartnäckig, daß der Ausbruch des Krieges nicht verhindert werden konnte. Der Kaiser ließ nun zehn Regimen; ter in die päbstlichen Provinzen Ferrara und Bologna einrücken» Diesen that die Armee des Pabstes einen sehr schwachen Widerstand. Die furchtsamen Leute, aus welcher sie be; stand, verstanden sich eben so wenig auf Hand; griffe, als auf Evolutionen. Ihr Obergern; ral Marsigli, der, wenn er in die Gefan; genschaft der Kaiserlichen gericth, ein schlim; mes Schicksal befürchten mußte, hatte so we; nig Much, daß er sich immer, daß er sich endlich (im Nov.) bis nach Rom, zurückzog. Die deutschen Truppen des Kaisers rückten der Zl8 der pabstlichcn Hauptstadt immer näher. Auf die Vorstellungen der Gcncralstaaten wurden neue Unterhandlungen gepflogen. Joseph schickte den Marquis von Prie nach Rom. Clemcnz XI war froh, sich vergleichen zu können. Er versprach (1709 Jan.) alle seine Soldaten, bis auf 5020, abzudanken, und Karln als König von Spanien anzuerkennen. Ein andrer italienischer Fürst, der Herzog von Mantua, zog sich aus seinen.Händeln mit dem Kaiser nicht so glücklich heraus. Schon Leopold I hatte ihn, wegen seiner Verbindung mit Frankreich, für einen untreuen Lehnsmann erklärt; Joseph I sprach aber (1708 Jun.) gar die Neichsacht über ihn aus. Der unglückliche Hctzog lebte zu Venedig von einem Jahrgehalte, den ihm Ludwig der XI V anwies, der ihm aber nicht ordentlich ausge- zahlt wurde. Er starb jedoch bald hernach (im Jul.) ohne Kinder. Eben dieses Schicksal halte, aus eben dieser Ursache, der Herzog Franz Maria von Miraudola, welches Joseph, für eine Geldsumme, dem Herzog von Modcna, seinem treuen Bundesgenossen, überließ. Ludwig Ludwig XIV, dessen italienische Bundesgenossen die Ucberlegcnhcit des Kaisers so lebhaft fühlten, befand sich damahls selbst in der bcdrängtcsten Lage. Die Kräfte seines Staates waren ganz erschöpft, und dessen Credit vernichtet. Das Volk, das den unglücklichen Ludwig angebetet hatte, murrte über den unglücklichen. Leute, denen die eigennützigen Minister das Wohl der Unter- thanen verkauft hatten, bereicherten sich auf Kosten ihres.Unglücks, und spotteten desselben durch ihren Luxus. Die von ihnen vorgeschossenen Geldsummen waren verschleudert, und wenn Kauflcute von St. Mala, die von Peru Zo Millionen Livrcs zurückbrachten, die Hälfte derselben nicht dem Staate geborgt hätten, so würde die Armee unbezahlt geblieben scyn. Dicß half jedoch nur auf einige Monathe. Die Werbungen, welche zur Ergänzung der Armee nöthig waren, hatten einen schlechten Fortgang. Mehrere Provinzen waren so entvölkert, daß sie Wüsteneycn glichen. Chamillart, der an dieser unglücklichen Lage Frankreichs am meisten Schuld war, legte zwar (1708) die Aufsicht über die Finanzen, und (1709) auch die Leitung des Kriegs- Z2V Kriegswesens nieder; aber die Verwirrung und Ohnmacht dauerte auch -unter seinem Nachfolger fort. Während daß bey den Alliirten, vornehmlich bcy den Holländern, die Magazine wohl versehen, und die Regimenter vollzählig waren, blieb die französische Armee klein und muthlos, fühlte sie den Mangel an Kriegs - und Lebensbedürfnissen immer drückender. Dem Eugen und dem Marlbo- rough, diesen großen Feldherren der Alliieren, standen französische Generale, deren größtes Verdienst auf der Gunst der Maintenon beruhete, gegen über. Doch der Much der Franzosen, so wie der übrigen Europäer, wurde noch durch die schreckliche Kälte dieses Jahres (1709) niedergedrückt, die vom 6ccn bis 25sten Januar ununterbrochen fortdauerte. Hierauf fiel, vornehmlich am 6ten Februar, wieder ein sehr tiefer Schnee. Dieser schmolz zwar nach einigen Tagen wieder weg, aber nun folgte wieder eine strenge Kälte, welche bis zum Htem März anhielt. Der Winter dauerte 4 Monate hindurch, und der Frost richtete in den wärmste-n und mildestesten Ländern von Europa Z2l Europa großen Schaden an» Fast alle Obstbäume uud Wcinstöcke erfroren. Zu Frankreich erfroren die Olivcnbaume. Das Wild erstarrte vor Kalte; die Vögel fielen todt aus der Luft. Alte und Kinder starben häufig. Zu Paris, uud in andern Städten Frankreichs, wurden einige Zeit hindurch die Gerichte, und andre Versammlungen, eingestellt. Auf den Gassen ließen sich nur sehr wenige Menschen sehen. Der schreckliche Winter hatte aber auf die Feldfcüchte einen so nachtheiligen Einfluß, daß er Mißwachs und großen Mangel nach sich zog. Frankreich litt besonders sehr viel, weil seine Zufuhr? durch die Englander gehemmt war. Ludwig XIV verkaufte für 400,000 Livres goldne Gcrathe, um Getreide dafür anzuschaffen. Die Großen schickten ihr Silbergeschirr in die Münze. Man hatte, cinige Monate lang, zu Paris kein andres, als schwarzes Vrod. Selbst die Maintcnon mußte sich mir Haferbrod begnügen. Ludwig XIV, der alte unglückliche König, fühlte setzt eine sehr ecfisiliche Neigung, Frieden zu schließen. Schon seit einigen Zahren GalltttiWkllz.ikiKH. A Hatte Z22 hatte er der Absicht, sich Ruhe zu verschaffen, durch dle Vermittlung der Gcncralstaaten, denen er mit Handelsvortheilen schmeichelte, naher zu kommen gesucht. Jetzt (1709 Marz) war seine Sehnsucht nach Frieden aber so dringend, daß er deswegen einen besondern Gesandten nach Holland schickte. Ludwig ver« langte jetzt für seinen Enkel Philipp weiter nichts, als die Reiche Neapel und Sicilicn. Er bewilligte fast alles, was man von ihm verlangte. Aber die Generalscaaten verlang« ten immer mehr. Eugen und Marlboroügh, die sie leiteten, bestanden darauf, daß der König K.arl die ganze spanische Monarchie bekommen, daß der münstcrsche Friede genau befolgt werden sollte. Ludwig gcrieth darüber in die äußerste Verlegenheit. Kaum konnte er den Ausbruch seines Kummers und Verdrusses zurückhalten. Vor zwcy Jahren gc- borh er vom Tajo bis zur Donau, und jetzt war er in seiner Residenz nicht mehr recht sicher. Nun mußte er den Frieden von eben der Republik erbetteln, die er einst (1672) fast ganz vernichtet hatte. Aber in dem Eonseil, welches in dieser Staatsnoth gehalten wurde, schilderte der damahlige Chef der Finanzen, Z2Z nanzen, der Duc von Veauvilliers, den traut rigen Zustand Frankreichs so rührend, daß Bourgogne und andre weinten, daß Ludwig selbst der Thränen sich nicht enthalten konnte. Genug, Veauvilliers zeigte die Unmöglichkeit, den Krieg länger fortzusetzen. Der Gencralt Controleur Dcsmarcts, und Chamillart, da» niahls noch Kriegsminister, konnten gleichfalls weiter nichts thun, als zum Frieden rathen» Ludwig wollte nun sogar Rossel und Straß- bürg aufopfern; er wollte den Prätendenten fortschaffen; er verlangte für den Philipp blos Neapel. Sein Minister der auswärtit gen Angelegenheiten, der Marguis von Torcy, kam nun (1709 May) selbst nach dem Haag. Die Holländer hatten seit Wilhelm III keinen Erbstatrhalter. Sein nächster Vetter, der Fürst Johann Wilhelm Friso von Nassaus Diez, der bisher Erbstatthalter in Friesland, und Statthalter in Geldern, gewesen war, hatte unter den Generalstaaten nicht Freunde genug, um die Erbstatthalterschaft über fünf Provinzen, und die Generalcapitains 5 Stelle der Union, in seiner Person vereinigt zu sehen. Der Provinz Holland, die den Ton R 2 angab, Z24 angab, war cs schmeichelhaft, wenn ihr Land- spndicus Hcinsius an der Spitze der nieder- ländischon Regierung stand. Dieser Heinsius war aber fast noch leidenschaftlicher, als Eugen und Marlborough, für den Krieg gegen Frankreich gestimmt. Die Familien der Ge- neralstaaten, die durch ihn regierten, dünktcn sich den patricischen des alten Roms gleich, und fühlten sich von Königlichen Stolze beseelt. Ihre vier Abgeordneten, die sich bey der Armee befanden, behandelten die unter derselben dienenden dreyßig deutschen Fürsten und Prinzen mit krankendem. Uebermuthe. „Holstein (dieß war ihre Sprache) soll herkommen; man sage zu Hessen, daß wir ihn sprechen wollen.,, — Und diese Leute, die sich ein Vergnügen daraus machten, den Stolz der Fürsten zu dcmüthigen, diese kleideten sich ganz einfach, diese führten einen sehr mäßigen Tisch. Heinsius wunderte sich nicht wenig, als er die Ankunft des ersten französischen Ministers erfuhr. Aber er hatte cs eben so wenig vergessen, daß ihn Louvois, als er für die Rechte seiner Republik mit Warme sprach, mit Z2§ mit der Bastille drohete. Er empfienz daher deil Marguis von Torcy mit kalter Höflichkeit, er wollte sich, ehe Marlborough angelangt wäre, auf nichts einlassen. Eben so wollte Marlborough erst die Ankunft von Eugen erwarten. Marlborough machte (1709 MaiH gewaltige Forderungen. Torcy, der die Eröffnung des Feldzuges zu verhindern wünschte, leistete, in Ludwigs und Philipps Nahmen, auf die ganze spanische Monarchie Verzicht. Marlborough war damit noch nicht zufrieden. Ludwig XIV sollte sich auch verbindlich machen, den Philipp, in Zeit von zwey Monathcn, aus allen Landern der spanischen Monarchie vertreiben zu helfen. Torcy versuchte es, den Marlborough durch ein Geschenk von vier Millionen Livres zu billigern Forderungen zu stimmen; der englische Obergeneral war jedoch zu reich und zu rechtschaffen, um sich durch dieses Aucrbiethen gewinnen zu lassen. Eugen verlangte aber für seinen Kaiser noch Straßburg und ganz Elsaß. Dieses zu bewilligen, hatte Torcy keine Vollmacht. Die Alliirten machten überhaupt immer größere Forderungen. Torcy gab daher seinem Monarchen selbst den Rath, einem s° Z26 so schimpflichen Frieden lieber das äusserst- Schicksal des Krieges vorzuziehen. Ludwig XIV hatte diese Dcmüthigung freylich ver- dient; aber man versäumte doch damahls den günstigen Zeitpunkt, die spanische Monarchie dem östreichischen Hause zu verschaffen. Solls ton aber Marlborough und Heinsius wirklich die ernstliche Absicht gehabt haben, Oestreichs Macht auf einen noch höhern Gipfel zu er- heben? Rouille, der, nach Torcy's Entfernung, noch einige Tage im Haag blieb, mußte, auf Befehl der Generalflaaten, in 24 Stunden abreisen. Ludwig XIV sagte, als man ihn von den harren Friedensbedingungen der Alliirten Bericht abstattete: „da der Krieg doch ein- mahl unvermeidlich ist, so will ich lieber mit meinen Feinden, als mit meinen Kindern, Krieg führen! „ Er wußte sich der unnachgiebigen Gesinnungen der Alliirten auch sehr gut zu bedienen, um seine Unterthanen von der Ncthwendigkeit, oen traurigen Krieg fortzusetzen, zu überzeugen. Mancher, der kein Brod hatte, wurde jetzt Soldat. So war Ludwig im Stande, doch wieder mehrere Armeen mcen aufzustellen. Nillars marschirte den Alliirten mit 70,000 Mann entgegen. Marl? borough und Eugen, denen wenigstens 80,000 zu Gebothe standen, setzten ihre Eroberungen in den Niederlanden weiter fort. Sie bemächtigten sich, nach einer langen Belagerung (vom Jnl. bis Sept.) der Festung Dor- nik. Nun schlössen sie auch die Stadt Möns ein. Villars, der ihnen diesen wichtigen Ort nicht auch überlassen wollte, nahm bey dem Dorfe Maeplaquct eine vortheilhaste Stellung ein. Hier wurde er von den Alliirten (11. Sept.) angegriffen, und von Eugen, der ausserordentlich viel that, endlich besiegt. Vitlars, der sehr brav focht, wurde am Knie so stark verwundet, daß er sich mußte wegschaffen lassen. Das Gefecht war äusserst blutig. Die Alliirten hatten 18,000 Todte und Verwundete, die Franzosen nur 12 bis 15,000; aber die Zahl ihrer Streiter war auch geringer. Die Hälfte derselben bestand aus Necruten. Diese Leute, die einen ganzen Tag hindurch kein Vrod gehabt hatten, doch einen Thcil desselben weg, um geschwinder marschieren zu können. Bouffiers ordnete ihren Rückzug, in die Gegend zwischen Z28 scheu Quenoy und Valeneiennes, mit vieler Klugheit au. Möns mußte sich aber (am soften Oct.) ergeben. Durch den unglücklichen Ausgang des Fcld- zuges, dem man gleichsam die letzten Kräfte Frankreichs aufgeopfert hatte, wurde die Muthlosigkcit der franzosischen Nation noch vermehrt, wurde ihre Sehnsucht nach dem Frieden noch dringender. Ludwig machte daher neue Friedcnsanträge; auch brachte er es dahin, daß (1710 Zun.) zu Gcrtruidenbcrg eine Zusammenkunft von französischen und holländischen Bevollmächtigten gehalten wurde. Ludwig wollte sich sogar verbindlich machen, seinem Enkel Philipp, wenn er eine kleine Entschädigung in einer gewissen Zeit nicht annehmen würde, auf keine Weise Beystand HU leisten, und cS vielmehr als einen Fric- dcusbruch anzusehen, wenn er einen einzigen Franzosen in Dienst nehmen würde. Aber die Holländer, die durch Marlboroughs und Hcinsius Einfluß regiert wurden, machten Bedingungen , die den Abschluß des Friedens gleichsam unmöglich machten. Sie verlangten nichts weniger, als die Zusammcnberufung der 329 der französisch«!!! Rcichsstande, die mit Lud» wigs despotischem Ncgicrungsspsteme im Höcht sten Widerspruche stand. Sie erbitterten den durch einen solchen Antrag schon genug gekrankten Ludwig aber noch stärker, durch Schriften, die, durch die holländischen Ge» sandten verbreitet, den Wunsch der Nation nach einer Ncichsvcrsammlung, die der willkühr- lichcn Gewalt des Königs Gränzen sehen, und seine Einwilligung zum Frieden crzwin- gen könnte, noch erhöhen sollten. Ludwig, von der unumgänglichen Nothwcndigkcit des Friedens überzeugt, wollte nicht nur, ausser Elsaß, noch Valcncicnnes aufopfern, sondern auch alle Monathe eine Million Subsidien zahlen. Dieses letztre Versprechen war um so nüthiger, je weniger Philipp zur Abtretung der spanischen Monarchie sich entschließen wollte. Da nun auch die holländischen Bevollmächtigten von ihren harten Bedingungen nicht abgehen wollten, so wurde auch dieser Fricdcnscongreß (im Jul.) wieder abgebrochen, und der Krieg gieng so lange fort, bis ihm die Politik unvermuthet eine andre Wendung gab. Philipp, zzo Philipp, welcher der spanischen Monar- chie durchaus nicht entsagen wollte, hatte gar nicht unrecht, auf den Besitz derselben zu trotzen. Der Herzog von Orleans, der Obers gcncral der Hülfstruppen seines Großvaters, eroberte für ihn eine Stadt nach der andern. Karl, der zwar, eben so wie Philipp, sich selbst bcy der Armee befand, bewies mehr Standhastigkcit, als Thätigkeit, und seine Minister und Generale machten ihm die Nation durch ihre Habsucht ungeneigt. Dagegen hatte dem Philipp die Geburth des Prinzen von Asturicn viele Große gewonnen. Sie hatten ihn mit großen Summen beschenkt; sie hatten sogar ihr Silbergeschirr für ihn einschmclzcn lassen. Philipp machte, auf Portocarrcro's Rath bekannt, daß er in Zukunft nur Diener von echt spanischer Abkunft um sich haben wollte. Er wählte sich auch spanische Minister. Die Franzosen wurden dagegen an Philipps Hofe mit Kaltsinn behandelt. Die spanischen Großen fühlten sich zu einem Monarchen, der ihrem Nationalstolze so glücklich schmeichelte, immer starker hingezogen. Als er daher das Verlangen der Alliirtcn, die spanische Monarchie dem Erzherzog Herzog Karl abzutreten, durch ein Manifest bekannt machte, wurde die Anhänglichkeit an ihm noch sehr erhöht. Ihren und Philipps Much feuerten die großen Schatze, welche um diese Zeit (1710) aus Amerika kamen, noch mehr an. Philipp stellte sich selbst an die Spitze seiner Armee, welche Karls Truppen in Catalonien bekämpfte. Doch Philipps erster Minister, der Herzog von Medina Sidonia, wurde eines geheimen Einverständnisses mit Sestreich überführt, und zum ewigen Verhafte verurtheilt. Philipp mußte sich, des drückenden Mangels der Lebensbedürfnisse wegen, nach Saragossa zurückziehen. Ein Fieber nöthigtc ihn, das Zelt gegen das Bett zu verrauschen. Seine Generale verschanzten sich indessen bey Saragossa. Sie bildeten sich ein, der Obergene- ral der deutschen Truppen, der Graf Guido von Stahrembcrg, würde sie hier nicht angreifen. Aber dieser General, derjenige der deutschen Feldherren, dem Eugen das größte Vertrauen widmete, täuschte ihre Anwartung (1710 am 20. Aug.) durch einen glücklichen Angriff. Der Marguis von Vay, Philipps Ober- ZZ2 Obcrgeneral, war eben so wenig, als Philipp selbst gegenwartig; doch zog dieser noch an dem Abende eben dieses Tages in Saragossa ei». Seine Gesundheit war wieder so weit hergestellt, daß er, fast ohne Begleitung, nach Madrid eilen konnte. Aber auch hier war er nicht mehr sicher. Karl näherte sich (28stcnSept.) mit der siegreichen Armee der Alliirten. Philipp mußte sich, nebst seiner Gemahlin, und seinem kleinen Sohne, aber- mahls entfernen. Die spanischen Großen ersuchten hierauf Philipps Großvater Ludwig, ihnen den Marschall von Vcndome zu schicken, der in der Einsamkeit lebte, der, durch den unglücklichen Feldzug in den Niederlanden, seinen großen Ruf aber nicht vermindert sah. Schon die bloße Ankunft des populären, frey« gebigcn, den Soldaten sehr gewogenen Generals feuerte den Muth derer, die für den König Philipp fochten, von neuem an, und ihre Zahl wurde bald durch viele Freywillige vermehrt. Städte, Dörfer, Klöster, gaben Geld her. Während daß Philipps Macht sich wieder hob, machte sein Gegner Karl nur langsame Fort- Fortschritte. Die Oestreicher waren Key den Spaniern so verhaßt, daß diese, um den Miirtcn den Unterhalt zu entziehen, ihr Getreide verbrennten, und ihr Land zwischen Saragossa und Madrid in eine Wüste verwandelten. Die Armee von Philipp und Vendomc war hingegen reichlich versorgt. Als sie sich (im Nov.) näherte, mußte sich Karl, schon des Mangels wegen, von Madrid wegziehen, und Philipp hatte zum zwcytcn Mahle die Freude, sich wieder im Besitze der Hauptstadt zu sehen. Karl gieng wieder nach Ca- talonien. Der englische General Stanhope wurde (am 5ten Dcc.) mit 5000 Mann in Vrihuega, am Jago, vom Vcudome, der über den Fluß schwamm, unvcrmuthet eingeschlossen. Stahrembcrg wollte ihm zu Hülfe kommen. Dieß veranlaßte (9tcn Dcc.) das Treffen bey Villa viciosa. Philipp und Vendomc hatten 12,000 Mann zu Fuß, und 5000 zu Pferde, fast lauter ucue, ungeübte Leute; Stahrembcrg zählte 10,000 zu Fuß, und 2500 zu Pferde. Aber er brachte kaum die Hälfte von denselben nach Catalonicn zurück , und die Engländer unter Stanhope waren ZZ4 waren gleichfalls verlohren. Vendome theilte 50,000 spanische Thaler, die ihm Philipp schenkte, unter seine braven Soldaten ans. So glücklich hatte Ncndome die Krankung, die sein Ruhm in den Niederlanden erlitt, in Vergessenheit gebracht! Hier waren Ludwigs Generale noch immer nicht glücklicher. Villars, der keine Schlacht wagen durfte, mußte es geschehen lassen, daß die Aliiirten, (1710IUN. bis Nov.) Douay, Bethüne, St. Vcnant, und Aire, lauter Festungen in den französischen Niederlanden, eroberten» Sie kosteten ihnen zwar viele Leute, und vieles Geld; zum Theil aus dem Grunde, weil ihre Ingemcnrgcncrale keine tiefen Einsichten hatten. Aber die Franzosen kamen doch immer mehr ins Gedränge, und Joseph I säh sich dagegen in einer glänzenden Lage. In den Niederlanden drangen seine und seiner Bundesgenossen Waffen immer weiter vorwärts; in Deutschland waren seine Feinde, vornehmlich Bayern, völlig unterdrückt; in Italien hatte er schon seit einigen Iahren keinen Feind mehr zu bekämpfen. 3Z5 pfen, sah er sich im Besitze der Lombardei) und des Königreichs Neapel. Ludwig XIV durste seinen Enkel Philipp in Spanien nicht mehr unterstützen; er mußte sogar einen Theil seines Kriegsvolkcs ans Spanien herausziel hcn. Ganz Catalonien, und halb Aragonicn, waren dem Philipp abgeneigt, und der Her» zog von Orleans, Ludwigs Obcrgcncral in Spanien, hoffte, nach dessen Verdrängung selbst König dieses Reichs zu werden. In dieser Hoffnung bestärkte ihn das Einverstandl niß mit einigen Großen. Die Ausführung dieses Planes würde für die Absichten der Seemächte vielleicht nicht unwillkommen ger Wesen sepn. Aber er wurde, während daß Orleans (1709 Jan.) sich zu Versailles bel fand, verrathcn. Seine Bevollmächtigten in Madrid kamen in VerHast, und sowohl der Vater, als der Großvater von Philipp, nahl men die Sache sehr hoch auf. Eben diese Uneinigkeit zwischen den Franzosen selbst schien zur Befestigung des östreichischcn Karls auf dem spanischen Throne beförderlich zu sepn, und fast zweifelte kein Hof in Europa mehr daran, daß Karl sich bey dem Besitze der spani, Z?6 spanischen Monarchie behaupten würde, als der unvernmthcce Töd seines Bruders, des Kaisers Joseph I, sich ereignete. Einige Tage vor Joseph (1711 am i4tcn April) starb der Dauphin, an den Blattern, und der Herzog von Bourgogne wurde sein Nachfolger. Joseph (starb am 17t«: April) war noch nicht volle drei) und drepßig Jahre alt. Seme nicht gewöhnlichen Geistesgaben waren mit ziemlich vieler Sorgfalt ausgebildet worden. Der Vater, Leopold, befahl demjenigen, der ihn in der Geschichte und Politik unterrichtete, ihn auf alle Fehler seiner Regierung aufmerksam zu machen. Joseph erwarb sich auch in der Baukunst, in der Musik, und in manchen Sprachen, Kenntnisse. In seinem Charakter waren Abneigung gegen Schmeichelei»«:, aber auch allzngroße Hitze, und leidenschaftliche Liebe für die Jagd, und den Lupus, die hervorstechendsten Züge. Da er keinen Sohn hinterließ , so wurde sein Bruder Karl der Erbe der östreichischen Monarchie. Dieser rciscte einige Monache hernach (im Sept.) von Bar- 3Z7 Barcelona ab, um, über Italien, nach Deutschland zurückzukehren. Ludwig XIV drohete, seine Kaisxrwahl zu verhindern. Eugen rückte aber mit seiner Armee in die Gegend von Frankfurth, und Karl VI wurde daher nicht nur ruhig gewählt, sondern auch gekrönt (am i2ten October und aersten De» cm'ber.) EallettiWclta. Z4rTb> V Fünfter Fünfter Abschnitt. Verändertes Staatssysicm in England. Die Königin Anna trennt sich von den Alliirten. Friede zu Utrecht. Karl VI setzt den Krieg gegen Frankreich allein fort. Er willigt endlich in den Frieden zu Rastadt, der, von Seiten des deutschen Reichs, zu Baden genehmigt wird. Aarl VI, der Besitzer der ösireichischen Monarchie, gab, wenn er mit derselben noch die spanischen Reiche und Länder vereinigte, das Bild einer für ganz Europa furchtbaren Macht. Die Politik der übrigen Staaten, vornehmlich aber der Seemächte, mußte eine solche Vereinigung zu verhindern suchen. Hierzu bcrei- bereitete nun eine in Engsand vorgefallne Veränderung des Rcgierungssystems sehr kraftig vor. Die politischen Partheyen inEuglaud theil- ten sich in die Torie's und in die Whigs. Jene hatten unter den Königen aus dem Hause Stuart, vornehmlich unter Karl II und Jacob II, einen großen Einfluß gehabt, und, als eifrige Verfechter der königlichen Vorrechte, den lebhaften Kampf mit dem Parlamente veranlaßt. Wilhelm III und Anna, die ihre Negierungsgewalt nicht über die Schranken der Constitution ausdehnen wollten, befolgten die Grundsatze der Whigs, oder der Volksparthey. Durch deren Betrieb kam es auch dahin, daß England und Schottland sich (1707) zu einer gemeinschaftlichen National-Repräsentation vereinigten, daß sie künftig nur Ein Parlament haben wollten. Durch ' den Betrieb der Whigs wurde auch (1708) von dem vereinigten Parlamente festgesetzt , daß das kurbrauuschweigische Haus, welches von Jacobs I an den unglücklichen Friedrich V von der Pfalz vermählten Tochter Elisabeth abstammte, nach dem erbenlosen Tode der Königin Anna, zum Besitze des großbrilannischen Throns gelangen sollte. P A Die Die Seele der Whigs war aber Mark borough, der, nebst seiner Gemahlin, die man im gemeinen Leben die Königin Sarah nennte, an der Stelle der schwachen Königin Anna regierte. Der Großschatzmeistcr Go- dolphin war der Schwiegervater seiner Toch- ter, und der Stgatssccretär Sunderland war sein Schwager. Ein so mächtiger Einfluß der Familie Marlboroughs erregte natürlich den Neid und die Eifersucht der Gegcnpar- thcy, der Toric's. Marlborongh, der nicht allein in London regierte, sondern auch im Haag mehr als der Großpensionär galt, und in Deutschland einen nicht geringen Einfluß hatte; der, als Staatsmann und Feldherr, im« mer glücklich war, der, als Sbcrgcncral, zur Erwerbung großer Reichthümer Gelegenheit gehabt hatte; der besaß eine Macht und ein Ansehn, die einem Privatmanne höchst selten zu Theil werden. Aber man machte ihm auch den nicht ungegründctcn Vorwurf, daß er Großbritanniens Streitkräfte und Gcldschätze eigentlich nur für ein fremdes Reich benutze, ^eine Gemahlin, eine der schönsten Frauen ihrer Zeit, wurde von der Königin Anna bis zur gänzlichen Ergebung, bis zur Unterwürfigkeit figkeit, geliebt. Wie manche ändre Frau mochte darüber nicht neidisch scyn, mochte ihres Mannes Haß gegen die Marlboronghs und die Toric's noch mehr anfeuern! Die Torie's, die, weil die Bischöfe ihre vornehmsten Häupter waren, den leidenden Gehorsam gegen den König empfahlen, und die Wiederherstellung des Hauses Stuart wünschten, weil die Rcgicrungsgrundsätze derselben dem Interesse der Bischöfe günstig waren, diese gaben sich alle Mühe, Marlboronghs Staatsverwaltung bcy der Nation verhaßt zu machen. Ein Prediger, Nahmens Sachevcrcl, mußte ihre Absichtauf der Kanzel der großen Paulskirche zu befördern suchen. Aber so sehr auch dieser Prediger die Gunst der Königin Anna besaß, so konnte sie es doch nicht verhindern, daß ihm durch das Parlament, in welchem die Whigs herrschten, das Predigten auf drcy Jahre untersagt, und seine Predigt verbrennt wurde. Anna wagte es nicht, die damahlige Stimmung zu benutzen, um der Nachkommenschaft ihres Bruders den Weg zum großbritannischen Thron von neuem zu öffnen. Sie wagte es nicht Z42 nicht cinmahl, dem Marlborough den Obers bcfehl über die Armee zu entziehen, und doch hotte Er, und doch hatte seine Gemahlin aufgehört, ihre Gunst und ihr Vertrauen zu besitzen. Es war der Lady Masham endlich gelungen , bc» der Königin Anna sich gleichfalls beliebt zu machen. Die Herzogin von Marlborough fand es unerträglich, die Gunst der Königin mit ihr zu thcilcn. Ihr Acrger wurde rachsüchtig. Erst verweigerte sie der Königin, die sehr eitel war, ein Paar schöne Handschuhe, auf welche dieselbe einen großen Werth setzte; sodenn ließ sie ans das Kleid der Lady Masham einen Spülnapf fallen. Dies erregte den Unwillen der Königin so lebhaft, daß sie der Herzogin, gegen die sie schon seit einiger Zeit eine abgckühltcre Zuneigung empfand, ihre Gnade entzog. Dicß hatte auch bald für den Gemahl derselben wichtige Folgen. Der Bruder der Lady bath den Marlborough um ein Regiment. Dieser versagte es ihm, aber die Königin erfüllte seinen Wunsch. Dieses Mißverhältnis; zwischen der Königin und der Familie Marlborough 345 rough wurde durch die Torie's', welche die Lady Masham unterstützte, vortrefflich bc- nutzt, um den Einfluß, den bisher die Whigs auf die Regierungsvcrwaltung gehabt hatten, ganz zu vernichten. Aber die Herzogin Sarah bewies sich auch z» wenig nachgebend. Sie gab sich, auf ihr ehemaliges Anschn bey der Königin zu viel rechnend, gar keine Mühe, die für sie verlöschende Gunst derselben wieder anzufeuern. Sic vernachlässigte den vorteilhaften Gebrauch, den sie von dem Briefwechsel mit der Königin hatte machen können. So wurde der Sturz ihrer Familie und der Whigs unvermeidlich. Godolphin und Sun- dcrland hörten auf, Minister zu seyn. Die Parthcy der Torie's im Parlamente wurde die herrschende. Dieß hatte die Folge, daß die Theilnahme an dem spanischen Erbfolgekriege immer lauter gcmißbilligt wurde, daß die Regierung den Frtcdcnsanträgen Ludwigs XIV bereitwillig die Hand both. Ihre veränderten Gesinnungen benutzte Tallard, der sich damahls als Gefangner in London befand, die Königin Anna für Frankreich zu gewinnen. Ihre neuen Minister, der Z44 der Staatssekretär St. Ivo» und der Großt schatzmcistcr Harley, schickten sogar (1711 Jan.) einen Unterhändler nach Versailles; den Abt Gantier, der sich ehedem unter dem Gesandtschaftspersonale des Generals Tallard befand, und jetzt in der Privatkapclle des kaiserlichen Gesandten in London den Gottesdienst besorgte. Dieser Mann, der sich durch einen Zufall das Vertrauen eines Freundes des neuen Ministeriums erworben hatte, begab sich, als er nach Versailles kam, sogleich zum Minister Torcy. „Haben Sie Lust, Frieden zu schließen?,, sagte er zu demselben; „ich verschasse Ihnen die Mittel, deswegen zu unterhandeln! „ Torcy eröffnete ohne Aufschub eine geheime Unterhandlung niit den englischen Ministern, die hauptsächlich deswegen Frieden zu machen wünschten, weil er den Herzog von Marlborough von der ihnen so unerträglichen Obergcneralsstclle entfernte. Ihren eigennützigen Plan beförderte Josephs Tod (1711 April). „Warum,, hieß es nun, „soll England Karls VI Macht, auf seine Kosten, so gewaltig vergrößern helfen?,,— Dieser Krieg kostete ihm freylich so viel, als dem deutschen Reiche, und den vereinigten Nie- 345 Niederlanden zusammen. Der Aufwand, den derselbe veranlaßt«:, betrug allein für dieses Jahr 7 Millionen Pfund. Ein neues Parlament drückte die Sehnsucht nach Frieden, welche die Nation empfand, noch unzwcndeu- tigcr ans. Harlcy, jetzt Graf von Oxford, und St. Jvon, nunmehriger Gras von Vo- lingbroke, thaten dem Hose zu Versailles den Antrag, einen vorläufigen Friedcnsplan zu entwerfen, den sie nach dem Haag schicken könnten. Die Lage der Sache war jetzt ungleich vortheilhaftcr für Frankreich, als für Oest- retch. Der neue Dauphin, Frankreichs künftiger König, war nur Philipps V Bruder, Karl VI aber vereinigte allein den ganzen Besitz der vsireichischen Monarchie. Genug, es wurde im Cabinet zu London beschlossen, daß Philipp V die spanische Monarchie bis auf diejenigen Länder bekommen sollte, welche Sesrreich in Italien besetzt hätte. Man schickte (1711 August) zwcy Abgeordnete mit diesem Fricdensentwurfe nach Versailles. Torcy sendete hierauf einen Bevollmächtigten nach London, und die Präliminär - Artikel wurden. Z46 wurden, im Nahmen der voyden Höfe (ßtsst Äctober) wirklich unterzeichnet. Der kaiserliche Hof und die Gcneralstaaten fanden sie zu unbestimmt und unbefriedigend. Die Erörterungen, die ihnen Ludwig XIV über dieselben mitthcilcn ließ, waren auch nicht sehr trostreich. Aber England ließ nicht eher nach, als bis nicht nur die Gencralstaaten, sondern auch die übrigen Bundesgenossen, (1712 Jan.) in den Friedenskongreß zu Utrecht willigten. Indessen hatten die Kriegsuuternehmun- gen (1711) ihren ungestörten Fortgang. Marl- borough, den die neuen Minister von der glänzenden Laufbahn seiner glücklichen Feldzüge nicht sobald entfernen konnten, setzte die Eroberungen in den Niederlanden ungehindert fort. Der Marschall von Villars bildete sich ein, daß seine Verschanzungeu zwischen Bou- chain und Arras, in der Picardie, das größte Meisterstück der Bcfestigungskunst wären; Marlbvrough überwältigte sie aber (im Aug.) dennoch. Er rückte schon bis Quenoy vor, und zwischen dieser Festung und der Hauptstadt Paris war kaum noch ein Wals. Die Alliir- 347 Alliirten stellten für den künftigen Feldzug (1712) eine so große Macht auf, daß man zu Versailles in die lebhafteste Besorgnis gc- rathen konnte, weun das heimliche Einverständnis mit den englischen Minister» eine günstigere Aussicht eröffnet hätte. Die Königin Anna hatte durch neue Pairs, die sie ernennte, ihre Par'kcy im Parlamente so sehr verstärkt, daß sie es wagen durste, dem Herzog von Marlborough, als er (1712 Jan.) nach London zurückkehrte, vermittelst eines eigenhändigen Schreibens, den Verlust der Obcrfcldhcrrustelle, und aller seiner übrigen Aemtcr, anzukündigen. Die Beschuldigung der Untreue widerlegte er, wie einst Scipio 5). Er erhielt die Erlaubnis zu einer Reise, auf welcher er, ausser den vereinigten Niederlanden, auch einen Theil Deutschlands, besuchte. Von dieser kam er nicht eher, als am Todestage der Königin Anna (1714 am isten August) wieder zurück. Eugen begab sich selbst nach London, um die Königin und ihre Minister für den Herzog von Marlborough anders zu stimmen; aber seine Bemühungen waren vergeblich. Eugen, *) Thcil in. S. 44-. 348 Eugen, der in diesem Feldzuge auf eine Armee von 100,000 Mann rechnete, eroberte (1712 am 4tcn Jul.) die Festung O.uenoy. Die Königin Anna, welche die Veränderung ihrer Gesinnungen noch nicht offenbaren durfte, ließ den Herzog von Ormond, als Marlbot roughs Nachfolger, mit 12,000 Mann nach den Niederlanden geben; auch bezahlte sie noch viele deutsche Truppen.- Villars schützte die Srädte Arras und Cambray gegen einen Augriff. Eugen wünschte ihn aus dieser Stellung zu entfernen; aber Ormond hatte den Befehl, sich in keine Schiacht einzulassen. Schon war (lyten Jul.) der Waffenstillstand zwischen Frankreich und England geschlossen. Frankreich räumte, zur Sicherheit, den Engländern Dünkirchen ein. Ormond zog sich mit seinen Nationaltruppcn nach Gent zurück. Von den deutschen Sold- truppcn folgten ihm nur vier Schwadronen Holsteiner, und ein Regiment Lütricher; die übrigen, zu welchen auch die Hannoveraner gehörten, blieben bey Eugens Armee, wo sie ihren Sold von den Gencralstaaten cmpfien- gcn, und Eugen war dem Villars noch immer um 20,000 Mann überlegen. Seine Armee Armee stand sehr vortheilhaft, und hatte reiche Vorrathe. Er unternahm die Belages rung von Landrecy, und wahrend der Zeit wagten sich betrachtliche Strcifpartheyen bis vor die Thore von Rheims. Zu Versailles herrschte schon die lebhafteste Unruhe. Das an Menschen und Geld erschöpfte Frankreich lag beynahe in einer politischen Ohnmacht. Die Bestürzung darüber vermehrte noch der Tod des noch einzigen Sohnes Ludwigs XIV, des Herzogs von Bourgogne (1712 Febr.), Ihm folgten, in wenig Monathen, seine Ges mahlin und ihr ältester Sohn. Auch ihr letztes Kind befand sich in Todesgefahr. Lud» wig XIV vcrlohr um diese Zeit (1712JUN,) auch einen von seinen wenigen guten Genes ralcn, den Marschall von Vendome, der in Spanien starb. Ludwig wollte schon nach Chamber an der Loire gehen; der 74 Jahre alte König wollte (vermuthlich nur ein vors übereilender Entschluß! ) an der Spitze seines Adels sterben. Aber Villars rettete ihn und Frankreich. Landrecy, welches Eugen belagerte, war von den bereits eroberten Festungen zu weit ent, entfernt. Dieß hatte die Folge, daß Eugen, um sich in der Verbindung mit diesen zu er- halten, seine Verschanzungslinicn zu weit ausdehnen mußte, daß seine Magazine zu Marchienes zu weit ablagen. Eine von Eugen geliebte schöne Italienerin, die sich zu Marchienes befand, war , wie man sagt, Ursache, daß man sie nicht naher schaffte. Vey Denain, zwischen Marchienes und Eugens Lager, stand der General Albcmarle mit 17 Batallionen, der nicht bald genug unterstützt werden konnte. Villars läßt festen Iul.) gegen Eugens Lager ein Corps von Dragonern anrücken, als wenn er einen Angriff gegen dasselbe beschlossen hätte. Wahrend daß nun Eugen, diesen Angriff abzuwehren, Anstalten machte, warf sich Villars mit seiner ganzen Armee über den General Albemarle her, der, nebst mehrern andern Generalen, gefangen wurde. Sein ganzes Corps wurde vernichtet. Eugen, der, um «s zu retten, zu spät kam, verlohr bey dem Angriffe auf eine Brücke noch viele Leute. Marchienes mußte sich, mit allen seinen Vor- rathcn, nach vier Tagen ergeben. Eugen durfte die Belagerung von Landrecy nicht mehr 3,'l mehr fortsetzen. Villars war ihm jetzt an der Truppcnzahl überlegen, und die Festungen Douay, O.uenoy, Vouchain, kamen wieder in französische Gewalt. Villars glückliche Unternehmungen hatten auf den Friedenscongreß zu Utrecht einen wohlthätigen Einfluß. Die Gcneralstaaten neigten sich immer mehr zum französischen Interesse hin. Da (1712 März) auch der dritte Dauphin gestorben war, und die Aussicht , die französische Monarchie zu erben, dem Philipp immer näher rückte, so war es für die Seemächte sehr beruhigend, daß dieser (Nor.) zu Madrid seinen Ansprüchen auf die französische Krone fcyerlich entsagte. Dagegen leisteten die Herzoge von Orleans und von Berri auf den spanischen Thron Verzicht. Karl VI und seine Minister konnten jedoch die Idee, die ganze spanische Monarchie mit der östreichischen vereinigt zu sehen, aus ihrer Einbildung noch so wenig verbannen, daß sie an den Unterhandlungen zu Utrecht durchaus keinen Antheil nehmen wollten. Hätten sie sich an England näher angeschlossen, so Ware dem Hause Ocstreich wahrscheinlich auch noch z;2 noch Landau, und wohl gar Straßburg,- zu Theil geworden. Die Gcneralstaaten begnügten sich, für den großen Aufwand, den ihnen dieser Krieg verursacht hatte, mit dem Besatzungsrechte, das man ihnen (171z Jan.) in elf niederländischen Gränzfesiungcn zugestand. Erst drcy Monathe hernach (iitcn April) wurde der Friede zwischen Frankreich und England abgeschlossen. Diesem traten auch Savoyen, Portugal, Preussen, und die Gcneralstaaten, bey. Frankreich erkannte die protestantische Thronfolge in Großbritannien an, und machte sich zugleich verbindlich, dem Prätendenten weiter keinen Veystand zu leisten, ja ihm nicht einmahl einen Aufenthalt zu vcrstatten. Die Festungswerke von Dünkirchen sollten niedergerissen werden. Frankreich trat zugleich an Großbritannien ab: die Hudsonsbay, die französische Hälfte der Insel St. Christoph, ganz Acadien (Nenschottland) nach seinen ehemahligen Gränzen, wie auch Portroyal, und Tcrrsnenve (Neufundland) nebst den umliegenden Inseln; doch sollten die Untertha- nen Frankreichs das Recht haben, an einigen Küsten Z5Z Küsten von Neufundland zu fischen, und Frank« reich Cap Breton, nebst den Inseln an der Mündung und an der Vay des Lorenzstrp« nies, behalten. Mit Savoyen traf Frankreich einen Tausch der Alpen « Thäler, damit der Gipfel der Alpen die Gränze machen möchte. Savoyen sollte übrigens die Insel Sicilien als ein sou« vcraueS Königreich bekommen, und die Anwart« schaft auf die Erbfolge in Spanien behalten. In Rücksicht Portugals entsagte Frankreich dem Lande, das sich, auf der Nordseite des Amazonenflusses, bis an den Fluß Yapoc, ausdehnt. Der König von Preussen überließ an Frank« reich das kleine Fürstcnthum Orange. Dafür wurde er von demselben für einen souveränen Fürsten von Ncufchatel und Valengin aner« kannt; auch bekam er das Oberquartier von Geldern. Den Generalstaaten räumte man die nie« derlandischen Provinzen ein, um sie dem Valietti Weltg. i Mann herbei), um von diesem Einverständnisse Vortheil zu ziehen. Aber die Gefahr, unter eine fremde Herrschaft zu kom- Z6z komme» , stellte die Einigkeit zwischen dem Magistrat und der Bürgerschaft auf cinmahl wieder her. Der Herzog Georg Wilhelm von Zelle, bisher ein Feind der Stadt, und der Kurfürst von Brandenburg, ließen Kriegs« volk anrücken. Dieß bewog den König, nach einem vergeblichen Angriffe auf die Stadt, (im Sept.) abermahls wieder abzuziehen, ohne seinen Zweck erreicht zu haben. Schnitt- gor und Jastram hatten, gleich nach der Belagerung, das Schicksal, hingerichtet zu werden. Aber nach drey Jahren mußte Hamburg Danemarks Ansprüche doch wieder mit einer Geldsumme abzuweisen suchen. Christian V gericth jedoch der Oberherrschaft wegen, mit seinem eignen Stammest- tcr, dem Herzoge Christian Albrccht zu Holstein - Gottorp, in lebhafte Händel. Das Herzogthum Schleswig war unter die königliche und herzogliche Linie gethcilt. Aber die königliche Linie behauptete die Lchushohcit des dänischen Reiches über Schleswig. Nun war zwar im roeskiidcr Frieden diese Lchushohcit aufgehoben worden, und Dänemark, welches damahls noch keine uneingeschränkten Königs- Zb4 Königsrechte besaß, 'freute sich, wenigstens eine Provinz seines Reichs als Souverän zu besitzen; seitdem aber (seit 1660) alle Schranken der kömglichen Macht entfernt waren; seitdem Staat und Monarch einerlei) Interesse hatte»; seitdem suchten die Könige ihre Ho- heilsrechto über die herzogliche Linie wieder in ihrem ganzen Umfange geltend zu machen, und sie verfuhren dabey mit einer leidenschaftlichen Erbitterung, die bcy Familicnhandcln keine seltene Erscheinung ist. Christian V wollte (1682) dem Herzoge keinen Theil der 'Landsteuer zugestehen, weil die Einrichtung derselben blos die Verteidigung des Landes zur Absicht habe, und weil er (der König) die Festungen allein unterhalte; weil der Herzog nur eine Compagnte Leibwache, und eine maßige Besatzung des Schlosses Gottorp, unterhalten dürfe. Vergebens bewarb sich der Herzog um Voystand. Der König besetzte (1684) seinen Anrheil an Schleswig, und gab ihn, nur durch die Vorstellungen der benachbarten Fürsten bewogen, (1689) wieder heraus. Der Herzog Christian Albrecht hatte aber (1694) seinen Sohn Friedrich zum Nachfolger , der mit Karl XII von Schweden auft gcwach- 36; gewachsen und erzogen, mit dessen Denkart sehr übereinstimmte. Dieser faßte den crust- liehen Vorsatz, die unangenehme Lchnsverbin- dung mit der königlichen Linie ganz zu entfernen. Er schloß in dieser Absicht (1696) mit Vraunschweig - Lüneburg eine Verbindung, und dieses stiftete, nebst dem Kaiser und Brandenburg, einen vorlaufigen Vergleich. Doch der Herzog Friedrich, der, als Karls XII Schwager, auf dessen Unterstützung rechnen durfte, vollendete ohne weitere Umstände, die Vcrschanzungslinie an seinen Granzen, und verwickelte dadurch Dänemark mit Schwede» in einen äusserst gefährlichen Kampf. Karl XII war der Nachfolger Karls XI, der aus der Verlegenheit, in welche ihn der Krieg mit Dänemark und Brandenburg versetzte, blos durch das Ansehn Ludwigs XIV sich herausgewunden hatte *). Aber Ludwig XIV konnte nicht für die Wiederanfüllung der durch den unglücklichen Krieg ganz ausgeleerten Staatskasse sorgen. Schon vor 27 Jahren war, durch einen Neichscagsjchluß, die ') Ah. XUI, S. Z4Z. Z66 die Einziehung der veräusserten Krongütcr festgesetzt, aber durch die Ränke des Adels, der sie nicht wieder herausgeben wollte, immer hintertrieben worden. Indessen hatten, auf jedem Reichstage, die drey untersten Classen der Ncichsstande auf die Beobachtung jenes Schlusses gedrungen, und jetzt war die Nvth des Staates so groß, daß man die Vollziehung desselben nicht länger aufhalten durfte. Man schlug den geraden Weg der Justiz ein. Nun hörten nicht allein alle Grafschaften und Baroniecn auf; nun wurden nicht allein alle verausscrten Krongüter eingezogen; es wurden auch alle Gnaden - und Jahrgelder, die über 6oo Thalcr Kupfermünze betrugen , nicht ferner bezahlt. Dadurch bekam die Staatskasse reiche Zuflüsse^, und dennoch waren sie zur Bezahlung der Schulden nicht hinreichend. Die Ncichsstande beschlossen daher, (1681) daß alle vor dem Jahre (1675) gemachten Kronschulden vernichtet sepn sollcen. Durch diese Anordnungen wurden aber viele adliche Familien in die traurigsten Umstände versetzt. Ganze Schaarcn von den Leuten, die dadurch unglücklich geworden waren, füllten die Straßen von Stockholm, und drängten sich zu den Thoren s6y Thoren des königlichen Pallastes, um daselbst ihr Elend zu klagen. Die mitleidsvolle Kö- nigin Ulrike, eine Tochter Friedrichs III von Danemark, unterstützte sie mit allem, was sie hatte, mit Geld, Edelsteinen, Gerächt schaftcn, Kleidern; sie bath ihren Gemahl auf den Knieen, in seinem Verfahren weniger Strenge zu beweisen. Aber Karl XI konnte nicht nachgeben. Der Adel verlohc jedoch mit seinem Rrichthumc natürlich auch sein Ansehn. Die adlichen Neichsräthe wurden (1682) königliche Näthe, wurden aus Mitrcgenten Untccthanen. Wenn nun aber auch die aristokratische Verfassung in Schweden aufhörte, so war der König deswegen nicht uneingeschränkt. Eö wurden vielmehr alle drcy Jahre ordentliche Ncichsräge gehalten, und der König legte, fast genauer als ehedem, den versammelten Standen den Finanzzustand des Reichs vor. Er wirrhschaf- tcte aber auch mit einer solchen Sorgfalt, daß er schon nach zwölf Jahren (169z) den Ständen beweisen konnte, daß ^ zur Zeit des Friedens, ausserordentliche Steuern so wenig nörhig wären, daß man, selbst wegen ungewöhnlicher Ausgaben, nicht besorgt seyn z68 seyn dürft. Den Ueberschuß der Staatseinkünfte verwendete er aber hauptsächlich cn.ss die Vergrößerung der Land - und Seemacht. Die Verdienste, die er sich durch seine weise Regierung erwarb, waren so einleuchtend, daß man immer weniger an Einschränkungen derselben dachte. Als er (1697 April) sein Leben endigte, harte er 19 Millionen Thalcr Silbermünze bezahlt, und doch lagen fast » Millionen vorräthig. Könige, die wie Karl XI regieren, verdienen das Zutrauen ihrer Nation so sehr, daß sie nicht zu uneingeschränkt regieren können. Wie ganz anders war es mit seinem Nachfolger, Karl XII, der, durch seinen abentheuerlichen Unternehmungsgeist, den Wohlstand seines Reiches so gewaltig störte. Dieser ausserordentliche Mensch (geb. 27. Zun. 1682) genoß seit dem sechsten Jahre männliche Erziehung. So sehr seine Lehrer Pedanten waren, so wenig vermochten sie doch seinen feurigen Geist niederzudrücken. Das erste Buch, das seine Aufmerksamkeit fesselte, war Pufeudorfs Staatengeschichte. Das Lateinische lernte er, weil, wie man ihm vorsagte, ZöA sagte, daß auch der König von Dänemark, und der König von Polen, es verständen- Wie freute es ihn hernach, den lateinischen Cürtius lesen zu können! Französisch zu spre- cheiy konnte er sich niemals entschließen, aber deutsch redte er so fertig, wie seine Muttersprache. In seinem siebenten Jahre wagte er sich schon auf ein Pferd; die starken Leibesübungen waren ihm überhaupt so angenehm, daß er sie bis zu einer ausserordentlichen Abhärtung seines Körpers trieb. Aber schon als Knabe äusserte er einen uNbezwing- lichcn Starrsinn, der sich blos durch den Ehr- geitz lenken ließ. Ruhmsucht war seine größte Leidenschaft. ,>Was denken Sie, Prinz.,, sagte einst der Lehrer, der den Curlius mit ihm las, „von Alexander?,, „ich denke, daß ich ihm gleich seyn möchte!,, — Aber Alexander hat ja nur Z2 Jahre gelebt. — Ist das nicht lauge genug,,, tief Karl, ,>wenn man Königreiche erobert hat?,. Das schwedische Neichsgesctz bestimmte das fünfzehnte Jahr zur Volljährigkeit; Karl XI hatte aber, um der Ncgicrungslust seiner Mutter, Hedwig Eleonore von Holstein-, zu Gallctti Wcltg. 14c Th. Aa schmes- 87-? schmeicheln, die Grenzen der Minderjährig» keit bis zum istten Jahre ausgedehnt. Zu ihrer Unterstützung waren fünf Minister ver» ordnet. Sie, die schon die Negierung ihres Sohnes getheilt hatte, hielt nun den Enkel, so viel als sie konnte, von der Theilnahme gn den Staatsgefchaffccn zurück, und, wah» rcnd daß sich der Prinz mit der Jagd, und mit der Uebung seiner Soldaten, die Zeit vertrieb, hossce sie die Staatsverwaltung noch lange fortführen zu können. Aber plötzlich kam Karln bep einer Musterung, wo er eine große Schaar braver Leute nach seinem Be» fehle sich bewegen sah, der Gedanke bey, dem Willen eines Weibes nicht langer unterworfen zu scyn. Der Staatsrath Piper machte die übrigen Minister mit Karls Gedanken be» kannt. Keiner wollte der letzte seyn,^ von einer Gelegenheit, die Gunst des jungen Monarchen sich zu erwerben. Vortheil zu zie» hen. So wurde der Vormundschaftsrath sehr bald für Karls Plan gewonnen. Von den eben versammelten Neichsständen war nicht Eine Stimme dagegen. Ehe drei) Tage ver» flössen, trat Karl XII (1697 Dcc.) die Re» gierung selbst an. Seine Großmutter, die es es geschehen lassen mußte, zog sich, ihres Ansehns fasr ganz beraubt, in das Privatlet ben zurück. Der fünfzehnjährige Karl XII riß dem Erzüischof von Upsala die Krone aus der Hand, um sie sich selbst aufzusetzen. Dieß zog ihm die Bewunderung des Volkes zu. Piper, den er zum Grafen erhob, ward nun sein erster Minister. Aber der junge König zeigte anfangs nichts, als Uebereilungen der Jugend und des Eigensinnes. Die fremden Gesandt ten schilderten ihn ihren Monarchen als einen mittelmäßigen Kopf. Selbst in Schweden hatte man von seinen Geistesgaben keinen vorthcilhaften Begriff. Wie ganz anders aber erschien Karl XII, als der Krieg gleichsam seine Talente entwickelte! Die Gelegenheit zu dieser Entwickelung verschaffte ihm der Krieg mit Danemark. Christian V, der seinem Nachfolger eine Flotte von 32 Schiffen von 100 bis 26 Kanonen, mit 12,700 Mann, und eine Armee von 36,500 Mann, mit drey Millionen jahrlicher Staatseinkünfte hinterließ, starb eben zu Aas der Z?2 der Zeit (1799 Aug.) als der junge Herzog von Holsrciii, im Vertrauen auf die Unterstützung seines Schwagers, Karls XII, die Verschanzungcn, die er hatte niedcrrcissen lassen, wieder herstellte. Der neue König von Dänemark, Friedrich IV, war nicht ver- mögend, in dem Könige von Schweden, und dem Herzoge von Holstein, Empfindungen der Furcht zu erregen. Von seiner ersten Jugend an einer schwachen Gesundheit genießend, war er von einer angestrengten Veschässtigung mit den Wissenschaften, und besonders von dem Studium der Staatskunst, mit Vorsatz, zurückgehalten worden. Daher hatte er auch nur in einigen Sprachen, hatte er nur in der Mathematik, und in den Leibesübungen, Fortschritte gemach?. Auch war er, erst einige Monathe vor dem Tode seines Vaters, zur Theilnahme an der Regierung gezögen »vordem Selbst regierend, fühlte er bald, daß er die Unterstützung der Minister nicht entbehren konnte, suchte er durch vergrößerte Anstrengung den Umfang seiner Kenntnisse zu erweitern. Aber auch den Umfang seines Reiches wollte er vergrößern. Deswegen hatte hatte er sich mit Rußland und Polen Hein» lich in eine Verbindung eingelassen. In Polen stellte damahls der sächsische August II den König vor. Dieses Reich sank in der Wagschaale der politischen Macht immer tiefer. Seit Vatory hatte die Nation keinen recht geistvollen König, und dieser regierte nur zu kurze Zeit. Johann Sobicsk» mar zu sehr mit KriegshÄndcl» beschäftigt, als daß er seiner Staatsgewalt das nöchige Ans sehn hatte verschaffen können. Der Adel dehnte indessen den Umfang seiner Rechte und Anmaßungen immer weiter aus. Zugleich stieg aber auch sein Luxus, und die Vefrie- digung desselben machte drückende Erpressungen ttöthig. Der Edelmann that alles, was ihm beliebte, und selbst das Recht suchte er auf eine ungerechte Weise durchzusetzen. Ein Theil des Adels schloß sich, theils der Verwandtschaft, Heils der Hofgunst wegen, an den König an. Daher wurde Polens Wohl» stand immer von zwep einander ftindseclig behandelten Partheycn gestört. Indessen machten auch unbarmherzige Religionsverfol- gungen Z?4 gungen einen großen Theil der Bewohner Polens unglücklich. Der König Johann (starb 1696 Inn.) nvar bereits ein Jahr todt, ehe man zur Wahl seines Nachfolgers ernstliche Anstalten machte. Seine Gemahlin, die, der reichen väterlichen Erbschaft wegen, mit dem ältesten Sohne Jacob in einem Ncchtshandcl begriffen war, und dagegen dem jüngern, Alexander, ihre ganze Zuneigung schenkte, beschwor dennoch die Ncichsstände öffentlich, keinen von ihren Söhnen zu wählen. Die Armee, die seit 6 Jahren (seit 1690) wo kein Reichstag gewe- sen war, ihren Sold zu fordern hatte, com föderirte sich, kündigte ihren Generalen, während daß Türken und Tataren das Land verwüsteten, den Gehorsam auf, und machte sich durch eigenmächtig erpreßte Contributionen bezahlt. Ihr war es also ziemlich gleichgültig , ob wieder ein König gewählt wurde. Doch, die Großen der Nation waren (1697 Sept.) in Ansehung desjenigen, den sie ihrer Krone werth hielten, uneinig. Ludwigs XIV Gesandter, der Abbe Polignac, der Z75 der diese eitle Krone einem Prinzen seines Hofes verschaffen sollte, unterhielt diese Uns einigkeit geflissentlich, um zur Ausführung seines Auftrages Zeit zu gewinnen. Aber der Throncandidaten waren auch nicht wenige. Derjenige unter ihnen, der fleh zuletzt mcls dete, war der Kurfürst von Sachsen, Fries drich August I. Kursachsen spielte in Deutschs laud eine ausgezeichnete Nolle. Seine Fürs sten fochten gegen die Reichsseinde, gegen die Türken und Franzosen, mit patriotischem Eifer. Johann Georg III, der Wien entsetzen half, starb (1691 Aug.) als Oberbefehlshaber des deutschen Heeres, das den Franzosen am Rhein entgegengestellt war. Auch sein Nachs folger, Johann Georg IV, führte (169z) I2,ooo Mann seines eignen Kriegsvolkcs ges gen die Franzosen an; als er sich aber zum zwcyten Fcldzuge rüstete, überraschte ihn (1694 April) der Tod. Ein Fräulein von Neidschütz, das er zur Gräfin von Nochlitz erheben ließ, theilte die eheliche Liebe, die er seiner Ges mahltn schuldig war. Da er keine Kinder hinterließ, so folgte ihm sein Bruder Fries drich August (geb. 1670). Ansehnlich und schön gebaut, besaß dieser Prinz einen feuris 6-n Z?6 gen Geist, der vornehmlich Geschichte, Erdkunde, Mathematik, und das Zeichnen, anziehend fand. Doch dieß waren auch die Wissenschaften, die damahls das gewöhnliche Studium der fürstlichen und adlichen Jünglinge ausmachten. Einen ganz vorzüglichen Reil- hatren für unser» Friedrich August die Leibesübungen, die dem Körper Festigkeit und Gewandtheit geben. Er trieb sie mit solchem Eifer, daß seine natürlichen Anlagen der Körperstrafe sich auf eine bewundernswürdige Art entwickelten, und daß man ihn daher, wenn auch nicht den Großen, doch wenigstens den Starken, nennen kann. Nachdem er Frankreich, Spanien, Portugal, und Italien, besucht hatte, erschien er auf dem Schauplatze des Krieges, wo er bald am Rhein, und bald gegen die Franzosen, focht. Zwcy Hauptzüge in seinem Charakter waren jedoch Neigung für das Frauenzimmer, und Eitelkeit. Jene beherrschte ihn so leidenschaftlich, daß er alles anfboth, um zum Besitze eines Frauenzimmers zu gelangen, welches seine Aufmerksamkeit cinmahl auf sich gezogen hatte. Welche Pracht und Frcygebigkcit äusserte er nicht, welche glänzende und galante Feste stellte er " nicht nicht an, um das Herz der eben so geistreichen als schönen schwedischen Gräfin, Marie Aurora von Königsmark, zu gewinnen? Aber eben diese leidenschaftliche Liebe war einem öftern Wechsel unterworfen. Schon die Geschichte seiner vici.a Licbeshändcl macht daher einen ziemlich weitläuftigen Roman aus. Möchten ihn aber diese Licbeshändcl nur allein bcschässtigt, möchte ihn der eitle Rcitz ei- ncr Krone nicht auch geblendet haben! Wie thcuer hat sein schönes Land die Ehre, zwey von seinen Kurfürsten mit der polnischen Krone geziert zu sehen, bezahlen müssen! Friedrich August I hatte, um sich diese Krone zu verschaffen, (1697 Zun.) den Glauben seiner Vater gegen die katholische Religion vertauscht. Derjenige, der ihn den polnischen Herren als einen Throncandidaten empfehlen musite, war der Oberste und Kam- mcrhcrr von Flemming, dem sein Schwager, der mimische Castcllan Prebenda», eine betrachtliche Parthcy verschaffte. Die übrigen Edellcute thciltcn sich, als es (1697 May) zur eigentlichen Wahl kam, in die sobies- kische, und in die französische (für den Prinzen Conti). Z?8 Conti). Als aber die Nachricht von Friedrich Augusts ttcbergang zur katholischen Religion anlangte; als sein bevollmächtigter Flemming noch immer Geld austheilte, wie der französische Gesandte schon aufgehört hatte, Gc- schenke anzubringen; als <26sten Jim.) die Parthey des Prinzen Jacob Sobiesky sich mit der sachsischen vereinigte, da war diese auf einmahl die stärkere. Aber an der Svitze der contischen Parthey stand der Primas von Polen, der Erzbischof von Gnescn, Radjczowski, ein Mann von grosiem Ansehn. Der Prinz Conti kam zwar mit einer französischen Flotte, und einer beträchtlichen Menge von Ducaten, nach Danzig; aber er schonte seine Ducaten zu sehr; er wollte sie sogar über den Cours aus- geben. Auch hatte er, aller Aufforderungen des Primas ungeachtet, keine Lust, seine Ansprüche auf die polnische Krone mit dem Degen zu behaupten. Seine Parthey wünschte sein Geld, und er ihre Armee, zu sehen. Er hielt es daher-nicht cinmahl der Mühe werth, den polnischen Boden zu betreten, sondern seegelte (im Nov.) nach Frankreich zurück. Die meisten Mitglieder seiner Parthey vereinigten sich nun mit der sachsischen. Endlich Z79 Endlich ließ sich auch (1698 May) der Primas zu derselben hinziehen, und zwar durch Juwelen, die ihm zum Unterpfands einer großen Summe dienten. Der lithauische Sa» picha mußte, als Flcmming mit 20,000 Sacht scn zu dem kleinen Adel zu stoßen drohete, endlich auch nachgeben. Eben diese Sachsen verursachten aber die lautesten Beschwerden. Der König August II mußte sich (1699) ver« vindlich machen, sie, bis auf 1200 Mann Leibwache, aus dem Lande zu schassen; aber er hielt sein Versprechen nicht, und blos Li« thauon berechnete den Aufwand, den ihm die Unterhaltung der sachsischen Truppen verur« sacht hatte, auf mehr als sieben Millionen Thalcr. Als durch den earlowitzcr Frieden auch Polens auswärtiger Friede wieder her« gestellt war, hätte August II, von seinen fach? fischen Staatskräften unterstützt, der politischen Krone vielleicht ein bisher ungewöhnliches Ansehn geben können; aber er glaubte, dieses Ansehn am leichtesten durch Vergrößerung des Gebiethcs der Republik bewirken zu können, und er fieng daher mit dem schwedischen Karl XII einen Krieg an, der die Ruhe des pols Nischen Staates von neuem mächtig störte. Zu z8o Zu diesem Kriege verleitete ihn Friedrich IV von Dänemark, der sich, durch Nerbin- düngen, gegen den schwedischen Karl XII, von welchem der Herzog von Holstein-Gottorp unterstützt wurde, mächtiger zu machen wünschte. Augusts Entschluß befestigte seine Unterredung mit dem Zaar Peter, als dieser ihn (1698) auf seiner Rsickrcise besuchte, befestigten hauptsächlich die schonen Hoffnungen, durch welche ihn Palkni zu der Eroberung Lievlands reihte. Johann Neinhold Pgtkul war von den Standen seines Vaterlandes dazu bestimmt worden, die Klagen über die Bedrückungen, die sie unter der schwedischen Regierung erfuhren , vor den Thron zu bringen. Der talentvolle Mann ließ sich durch seinen patriotischen Eifer zu einer Freymüthigkcit hinreisten , die Karl XI lind seine Minister so beleidigend fanden, daß sie ihn für einen des Hochverrathes schuldigen erklaren ließen. Pat- kul mußte, um der Vollziehung dieses Urthcils auszuweichen, sein Vaterland verlassen. Er durchlebte hierauf einige Jahre, an dem reihenden Gcuftr See, in philosophischer Ruhe. Als 381 Als ihm Karl XII nicht verzeihen wollte, wi- Verstand er endlich nicht langer dem Antrage Augusts II, der ihn in seine Dienste rief. Dieser hatte aber damahls die Eroberung Liev- lands schon beschlossen, und Patknl war also nicht derjenige, der diesen Krieg veranlagte. Indessen war er ihm willkommen, weil er von demselben die Befreiung seines Vaterlandes erwartete, weil er ihn an dem unversöhnlichen Karl XII zu rächen versprach. Patknl kam (1699 Nov.) im Gefolge der kursächsischen Gesandten, des Grafen von Car- lowitz, heimlich nach Moskau. Die Verbindung zwischen dem Zaar Peter und dem Könige August wurde nun enger geschlossen. Auch Peter hatte die Absicht, dem jungen Karl die Provinzen zu cntreissen, die seine Vorfahren dem russischen Staate entzogen hatten. August II verpflichtete sich, den Fcldzug gegen Lievland noch in eben dem Jahre anzufangen^ und Peter gab das Versprechen, daß er, nach geendigtem Tückcnkricge, seine ganze Kriegsmacht in den Ländern an der Ostsee wollte auftreten lassen. Die Verbindung mit Dänemark war schon früher (im Jul.) abgeschlossen. Karl XII merkte diese gegen ihn gemachten An. S82 Anschläge so wenig, daß er den Zaar mit 200 Schiffskanoncn für die.asowische Flotte beschenkte, daß er ihm die Werbung von Seeleuten in seinem Lande vcrstattcte. ^ Zn< dessen mußte es bcy Karln doch schon Verdacht erregen, daß Peter die Erneuerung der bist herigcn Freundschaftsverbindung eidlich zu versichern sich weigerte, daß er allerlei) Urs fachen der Unzufriedenheit über Schweden anführte. Unter andern beschwerte er sich über Beleidigungen, die (1697) seiner Gesandtschaft zu Riga zugefügt worden waren. Ein Mitglied derselben hatte sich von den vornehmsten Festungswerken einen Riß machen wollen. Dicß hatte ihm der Commandant nicht ver- ftattct. Karl XII rechtfertigte jedoch dieses Benehmen so gut, daß die Freundschaft, dem Anschn nach, noch fortdauerte, baß Peter sogar einen Gesandten nach Stockholm schickte. Doch das Gerücht von der gegen Karln XII geschlossenen Verbindung wurde endlich so über allen Zweifel erhoben, daß es Thor- heit gewesen wäre, ihm den Glauben langer zu entziehen. Der schwedische Staatsrath fühlte die Gefahr, mit welcher sie das Reich bedro! Z8I bedrohcte, so innig, daß man sogar den Vor» schlag that, dem Zlusbruche des Gewitters durch Unterhandlungen entgegen zu kommen. Jetzt erhob sich aber der junge Karl mit der Würde und dem Tone eines völlig entschlösse» ncn Mannes. „Ich habe„ sagte er, „den festen Vorsatz, niemahls einen ungerechten Krieg anzufangen; aber ich werde einen ge- rechten Krieg auch nie anders, als durch Vertilgung meiner Feinde, endigen.,,— Von dieser Zeit an fieng Karl ein ganz neues Leben an. Von dieser Zeit an entsagte er sich auch die unschuldigsten Vergnügungen. Das Heldenmustcr Alexanders und Casars im Sinne habend, lebte er äusserst mäßig, kleidete er sich nicht besser, als ein gemeiner Soldat, (in einen Rock von dunkelblauem Tuche, lederne Beinkleider und große Stiefeln) entsagte er dem Umgange mit den Weibern (wenn er auch vorher den Hofdamen nicht ganz gram war) nun völlig, trank er keinen Wein, sondern blas Wasser, wollte er in allem ein Urbild seyn. Der erste von den gegen ihn verbundenen Fürsten, der ihn zum Kriege reihte, war der Z«4 der König Friedrich IV von Dänemark. Dieser ließ nicht nur die vom Herzoge von Holstein hergestellten Vcrschanzungen wieder zerstören; «r belagerte auch die Stadt Tönningcn. Diese erhielt von Wismar her eine Verstärkung von 1200 Schweden; auch marschierten zu ihrer Rettung noch so viele andre Kricgsschaarcn von Schweden > und Braunschweig herbey, daß sie das Bclagsrungshecr von 18,00a Mann bey weitem übertrafen. Die kursäch- sischcn Truppen, die den Danen Beystand leisten sollten, wurden von dem im Lande gebliebenen hannoverischen und zellischen Kriegsvolkc zurückgetrieben. Genug, Frie< brich IV mußte die Belagerung von Töunim gen, welche die Unwissenheit seiner Ingenieure verzögert hatte, wieder aufgeben. Dicß war jedoch das kleinste Unglück, das ihm jetzt widerfuhr. Karl XII betrachtete ihn als denjenigen seiner Feinde, der ihn zuerst angegriffen hatte. Sein Entschluß, diesen Angriff zu rächen, war nun gefaßt. Et verließ (170a am 8ten May) Stockholm) ohne es jemahls wiederzusehen. Vorher ord» nctc er die einstweilige Staatsverwaltung an. Die Die inner» Angelegenheiten sollte der Reichs- rath besorgen. Die Sorge für die Land- und Seemacht bekam ein aus verschiedenen Neichsräthen zusammengesetzter Defensions- rath« Friedrich !V glaubte sich gegen einen Ans griff Karls X'k hinlänglich gesichert. Alle seine Bauern waren zur Bewachung der Küste aufgebotheni Seine aus Z2 Linienschiffen, und 22 Fregatten, bestehende Flotte, befand sich in der Sstsec, um die schwedische Kriegs- macht zurückzuhalten. Friedrich erwartete aber auch schon deswegen keinen Angriff, weil die sächsische Armee in Lievland eingerückt war« Allein er sah sich in seinen schmeichelhaftem Erwartungen ga? sehr getäuscht. Die Sees mächte, die, für die Erfüllung des zwischen dem Könige von Dänemark und dem Herzoge von Holstein geschlossenen Vertrags, die Gewährleistung übernommen hatten, die dem dänischen Staate die Herrschast über den Sund nicht gestatten wollten, diese ließen eine ansehnliche Flotte in der Ostsee, und in dem Sund, erscheinen. Hinter dieser schlich sich die schwedische Flotte bis nach Kopenhagen TallcttiWelta. -4t Tb. Z86 durch. Während daß nun Friedrichs Residenzstadt von den Schweden mit Bomben heimgesucht wurde, kam Karl XII hosten Jul.) auf den Einfall, eine Landung auf der Insel Seeland zu wagen. Der französische Gesandte Guiscard folgte ihm. Noch zoo Schritte von der Küste, stürzte sich Karl in das Wasser, das ihm noch bis über den Gürtel gicng. Minister, Gesandter — alles eilte ihm nach. Die eben so erschrocknen als erstaunten Danen leisteten wenig Widerstand. Die Zahl der gelandeten Schweden belicf sich nicht höher, als auf 9000 Mann, und dennoch waren sie der ganzen Macht, die Friedrich in seiner Gewalt hatte, sehr furchtbar. Friedrich forderte alle wehrhafte Leute zur Gegenwehre auf; er versprach den Bauern, die ihr Vaterland vertheidigen würden, die Aufhebung der Leibeigenschaft. Die Studenten von Kopenhagen, 200 an der Zahl, nebst ioo Jägern, bildeten bey Kopenhagen ein Lager, das sich bald vergrößerte. Friedrich und seine Minister sahen es aber ein, daß sie Karls Angriff auf Kopenhagen nicht würden abwenden können. Sie hielten es für rathsam, sich zu vergleichen. Friedrich entsagte, auf dem an der holsteinischen 5 ' Z8? schon Granze liegenden Lustschlosse Travendal (29sten Aug.) der Verbindung gegen Schweden, und stellte, in Rücksicht Holsteins, das chemahlige Vcrhältniß wieder her. Dieser ganze Krieg hatte nicht langer, als sechs Wochen, gedauert. Aber er war nur das Vorspiel des großen nordischen Krieges. Vb 2 Zweptex S8L Zweyter Abschnitt. AarlXl! schlagt die Russen bcy Narwa. Cr dringt hie! auf in Velen ein, siegt über den König August bey Clissow, und läßt, an dessen Stelle, den Stanislaus Lescynski zum Könige wählen. Nach der Schlacht Key Fraustadt, bricht er in Sachsen ein, und August muß, im Frieden zu Altranstädt, der polnischen Krone ent» sagen. Hon Kopenhagen eilte Karl XII nach Licve lano, um die von den Sachsen belagerte Stadt Riga zu retten. So eifrig der Graf von Flemming, ein eben so guter General als Staatsmann, und der Lievländer Patkul, die Belagerung derselben betrieben, so standhaft wurden doch alle ihre Bemühungen von dem Gon« Z89 Gouverneur, dem Grafen von Dalberg, der im kosten Jahre, noch das Feuer des jungen ManncS, mit der Erfahrung des Greifes, vereinigte, getäuscht. Karls Anzug beweg den König August, diese Belagerung aufzut geben. Zu Riga befand sich ein großer Vorl rath von Waaren, die den Holländern gehört tcn. Die Generalstaaten machten dem Könige August deswegen Vorstellungen. „Ehe ich nieine Bundesgenossen kränke, „ sagte er „will ich lieber einen Vorthcil aufopfern.,. So zog er sich, unter einem guten Vorwande, aus dem Handel heraus. Indessen hatte der Zaar Peter die Maske abgenommen, und Karln XII (29. Aug. 1700) Krieg angekündigt; er hatte den Feldzug mit so ungestümer Eilfertigkeit eröffnet, daß er fünf Wochen hernach schon Narwa, eine Festung in Zngermannland, belagerte. Bald zeigten sich aber die schlimmen Folgen der nickt gel hörig vorbereiteten Unternehmung. Nach eil nem Monathe hatten die Belagerer weder Pulver, noch Kugeln. Dieß wurde dem Comt Mandanten der Festung durch den Bombardiert Capitain Hummert, einen Schweden, verrat then Z90 thcn. Um so größer war nun seine Sündhaftigkeit. Die schlimme Hcrbstwittcnmg, welche die üblen Wege noch mehr verdarb, verhinderte aber die Hcrbeyschassuug von neuer Munition. Peter bildete sich ein, auch Karl würde durch das schlimme Wetter zurückgehalten werden. Aber der schwedische Alexander landete bcy Pernau, und eilte, als er bcy Riga nichts mehr zu thun fand, sogleich vorwärts, um die Russen von Narwa zu entfernen. Mit nicht mehr als 5000 zu Fuß, und zooo zu Pferde, begann er den mühvollen Marsch durch ein verwüstetes Land, und auf ungebahnten Wegen. Schercmcrew rieth, dem Könige von Schweden, mit dem größten Theile der Armee entgegen zu gehen, weil der Raum innerhalb der Verschanzungen zur Aufstellung derselben nicht hinlänglich wäre, und weil man folglich von der überlegenen Truppenzahl keinen Gebrauch machen könne. Allein Peter, und die übrigen Generale, sahen die Weisheit seines Vorschlages so wenig ein , oder wagten es vielmehr noch so wenig, ihre neuen, noch nicht genug geübten Soldaten, den braven 5yr vcn und erfahrnen Schweden tm freyen Felde entgegenzustellen, daß man den Entschluß faßte, Karls Angriff in den Verschanzungen zn erwarten, Um ihn abzuwehren, sollte Schere? mctcw, mit einigen taufend Mann, einen gefährlichen Weg, durch den die Schweden marschieren mußten, zu vertheidigcn suchen; aber die kleine Truppen < Abthcilung wurde bald zurückgedrängt, und der unerwartete Ans marsch der Schweden machte den Schrecken, den ihre Annäherung unter der russischen Ar? mee verbreitet hatte, noch größer. Peter, der noch nicht so weit emporgestiegen war, um den Oberbefehl über seine Armee selbst zu übernehmen, vertraute denselben dem Herzog von Croy an, der erst in diesem Jahre aus östreichischen in russische Dienste übergegangen war, und bisher nur noch als Fremvilligcr gedient hatte. Croy fühlte die Gefahr, in die ihn Peters Vertrauen bringen konnte, so lebhaft, daß er sich standhaft weigerte, demselben Gnüge zu leisten. Peter kam endlich, von seinen vornehmsten Generalen begleitet, selbst zu ihm. Er müsse, sagte er zu ihm, sich zu einer Unterredung mit dem Könige 59? Könige August begeben; Eroy sollte daher in« dessen entweder commandiren, oder sterben. Die kurze Ordre, die er von ihm empsieng, sagte ihm weiter nichts, als daß er Narwa erobern sollte. Jetzt sollte aber Croy mit einer Armee, welche die Furcht beherrschte, und mit Generalen, die nicht übereinstimmten, den König von Schweden zurückschlagen. Karl rückte schon am folgenden Tage (Zossen Nov.) an. Croy hielt seine kleine Armee blos für den Vortrab. Der Wind trieb den Nüssen ein dichtes Schnee« gestöber entgegen. „Es ist recht gut,,, sagte Karl, „daß es trübe ist; die Feinde können uns um so weniger zählen!,, — Auch war das Schneegestöber den Schweden günstig, den russischen Verschanzungen sich ungehinderter zn nähern. Wie waren die Nüssen aber nicht überrascht, als sie, nach Verschwindung der Schncewolke, die Schweden vor sich sahen? Ihr Much, ihre Besonnenheit war ganz da» hin! Aber man hatte auch ihre Schlachtord« uung nicht zweckmäßig eingerichtet. Ihre Ba« tallione standen zu sehr getrennt. Sie bilde« tsn nur Ein Treffen. Croy, und der sächsische General 3?? General Allart, gaben sich zwar alle Mühe, dem Angriffe der Schweden die nöthigen Maßregeln entgegenzustellen; aber die Russen woll- ten den ausländischen Befehlshabern, von denen sie sich vcrrathen glaubten, nicht gehorchen; sie kehrten sogar die Waffen gegen ihre deutschen Camcradcn ; sie mordeten sogar einige derselben. Croy selbst befand sich so sehr in Lebensgefahr, daß er, das unruhige Lager verlassend, dem schwedischen Generale Steens bok sich ergab. Während der rechte Flügel, der unter Croy's Befehl stand, in Unordnung gcrathcn war, kämpfte der linke, vom Gc« neral Weid angeführte, so brav, daß sich die Schweden, in Unordnung gebracht, zurückziehen mußten; es fehlte jedoch den russischen Generalen an Erfahrung und Entschlossenheit, von ihrem Siege Vortheil zu ziehen. Sie verschanzten sich, während der Nacht, am Ufer der Narowa, um von Karln, der kaum Noch 6oc>cz schlachtfähigc Leute zahlte, einen neuen Angriff abzuwarten, als ein Adjutant des Fürsten Dolghoruky, des jetzigen Obergs- «crals, dem linken Flügel den Befehl brachte, den mir dem Könige von Schweden geschlossenen Vertrag, der das Gclpehrstrccken zur Bs- Z94 Bedingung machte, gleichfalls zu befolgen. Diesen Befehl wollten die ausländischen Ober« freu nicht annehmen, weil derjenige, der ihn gab, sich in der Gefangenschaft befand. Sie wollten lieber den äußersten Kampf bestehen. Aber der General Wcid, der, ohne militari« schen Geist, blvs durch Hvfgunst, sich empor« gehoben hatte, bestand auf der Befolgung desjenigen, was der Obergencral gcboth. Am folgenden Tage zogen über zo,Ooo Russen (ihre ganze Zahl bclicf sich nicht höher, als auf zssooo) vor 6000 Schweden, die, um starker zu scheinen, in Einem Gliede aufgestellt waren, vorüber, und streckten das Gewehr. Karl wurde durch einen Flintenschuß am linken Arme gestreift; ohne es zu fühlen, ritt er durch einen Sumpf, und vcrlohr einen Stiefel; auch wurden zwcy Pferde unter ihm gelobtet. Ais die für die Russen unglückliche Schlacht bey Narwa sich ereignete, näherte sich Peter mit 12 Regimentern Fußvolk, und einem frischen Vorrathe von Munition. „Ich weiß es wohl,,, sagte er, „daß uns die Schweden noch manchmahl schlagen werden; aber endlich wird 3^5 wird mich die Zeit unserer Siege kommen! „ Die ganze reguläre Kriegsmacht Nußlands bestand damahls, ausser der Garde, und 4 noch bestehenden Regimentern Strslitzen, die nicht viel über 2000 Mann stark waren, aus 60,000 meistens rohen, ungeübten, unerfahr« neu, von unwissenden und uneinigen Generalen angeführten Kriegern. Diese hätten, wenn Karl, an der Spitze seines siegreichen Heeres in das Innere von Nußland eindrang, vielleicht wenig Widerstand geleistet, und Peter hätte sich vielleicht in großer Verlegenheit befunden. Aber Karl verachtete die Rüssen zu sehr, um den Fcldzug gegen sie sogleich fortzusetzen. Er ließ die Gefangnen, die er frcy- ltch nicht verwahren konnte, nach Hause gehen. In der Mcynung, daß 6 bis 8000 Mann, nebst einer kleinen Flotte auf dem Pcipussee, hinreichen würden, den Zaar von allen ferner» Unternehmungen abzuhalten, richtete er jetzt seine ganze Aufmerksamkeit auf die Ausführung des Plans, den Küttig August, den er unter seinen Feinden am meisten haßte, ganz vernichtet zu sehen. August Z96 August hielt mit dem Zaar Peter in Li- thaucn eine Unterredung. Er versprach dem; selben ein Heer von 50,000 Deutschen zu stellen, und Peter sollte 50,000 von seinen Nüssen nach Polen schicken, bannt aus ihnen gute Soldaten gebildet werden möchten. Dieser Plan, der, klug ausgeführt, für Karln sehr gefährlich werden konnte, wurde ihm durch einen jungen Schottlandcr, der unter den sächsischen Kürassier» diente, verrathsn, und ohne Zweifel war dicß die Ursache des unversöhnlichen Hasses, mit dem er den König von Polen verfolgte. Karl XII zog sich aus Jngermannland, durch Estland, nach Lievland, wo er bey Niga erschien. Die sächsischen Truppen bewachten das linke Ufer der sehr breiten Düna. Der König August war eben krank. An seiner Stelle thcilten der brave Herzog Ferdinand von Kurland, und der Feldmarschall von Steinau , den Oberbefehl. Karl setzte seine Leute auf Nachen über, t«e einen hohen Bord hatten, der, gleich einer Zugbrücke, auf- und nieder gieng. Eine Menge nasses Stroh verursachte, angezündet, einen Dampf, den der Wind Wind den Sachsen zuführte. Karl sagte, schon in der Mitte des Stromes sich befindend, zu Rhcnschild: ,, die Düna wird hoffentlich nicht wilder seyn, als das Meer Key Kopenhagen; wir schlagen sie gewiß l Es kränkte ihn. daß er bey der Landung erst der vierte Mann war. Steinau empfieng die Schweden mit einer so nachdrucksvollen Gegenwehr«, daß sie anfangs weichen mußten; aber endlich fiel er selbst, und Karl siegte. Die Sachsen mußten sich (im Inn.) aus Kurland herausziehen, und die polnischen Großen nöthjgten nun den König August, seine Sachsen durch Westprcussen und Großpolen, nach Deutschland zurückmarschieren zu lassen» Um so ungehinderte? konnte nun Karl (1701 im Frühjahre) über die Düna in Li- thauen eindringen, und sich mit den polnischen Herren vereinigen, die mit Augusts Regierung unzufrieden waren. Sapieha, und seine Freunde, überwältigten, mit den Schweden vereinigt, die sächsische Parthcy, deren Oberhaupt Oginsky war, ohne große Mühe. Die eigentliche polnische Kronarmee, die aus wenigen, und noch dazu schlecht bewaffneten Leuren 398 Leuten bestund, gab einen elenden Schutz für das Vaterland ab. Polen gehorchte also nur demjenigen, der die meiste Gewalt hatte. Karl erklarte es für ein neutrales Land; doch müsse August enthront werden. Alle Woiwoden drangen nun auf einen Reichstag. Dieser versammelte sich (1701 Dec.) in der Eile. August erkundigte sich, was man, da man ihm den Gebrauch seiner sächsischen Truppen nicht erlaube, für Ver- theidigungsmaßregcln zu treffen gedenke? Anstatt einer dieser Anfrage angemessenen Erklärung , erfolgte die Aufforderung, mit dem Sapicha sich auszusöhnen, alle noch im Land« befindlichen sächsischen Truppen zu entfernen, den evangelischen und griechischen Gottesdienst abzuschaffen. August hoffte nun, bey dem Senate ein willigeres Gehör für seine Vorschläge zu finden; aber er sah sich auch hier getäuscht, und er wurde nun völlig überzeugt, daß er, in seinem Kampfe mit Karln, blos auf seine eignen Kräfte, und seine eigne Klugheit, rechnen dürfe. Aber Aber seine Kräfte waren zu schwach, uui sie der Macht des eben so siegreichen als entschlossenen Karls entgegenzustellen. Er wagte es daher, den Weg der Unterhandlungen einzuschlagen. August ließ Karin, durch einen Kammerhcrrn fragen, wo und wie er seine, und die Gesandtschaft der Republik, aufnehmen würde ? Aber der Kammcrherr hatte zum Unglück keinen schwedischen Paß, und Karl ließ ihn daher gar nicht vor sich. Er würde, war die Antwort, blos einen Gesandten der Republik annehmen. Dieser kam nach Grodno. Karl empfieng ihn mit ungewöhnlicher Pracht. Er würde, hieß es endlich, in Warschau antworten, und nun machte er der polnischen Nation durch ein Manifest bekannt, daß er, als ihr Beschützer, allen Veystand von ihr erwarte, und daß seine Unternehmungen nicht nur dem ganzen Staate, sondern auch den Einzelnen, Vortheil bringen würden. Karl konnte diesen Ton der Anmaßlichkcit um so eher anstimmen, je mehr die Freunde des Fürsten Sapieha, imgleichen die s'ubo, miröki, die Lesczinski, die Sobieski, heimlich mit ihm einverstanden waren. Das Haupt dieser 4QO dieser Parthey war der Primas Nadjezswski, ein schlauer, verschlossener Prälat/ der in großem Ansehn stand, ob er sich gleich von einem ehrgeizigen Weibe, welches die Schwee den die Frau Eardmalin nennten, beherrschen ließ. Er hatte nur mit großer Ueberwindung Augusts Wahl gebilligt, und heimlich war er noch immer ein Feind desselben. Er, und die vornehmsten Mitglieder seiner Parthey, richteten ihren Blick auf den Prinzen ZaeoS Sobicski. Für diesen erklärte sich auch der Zaar Peter. Aber alles Kriegsvolk, das er ihm schickte, bestand aus nicht mehr, als no.oöo Mann, die Äthanen, noch unbarmherziger, als die Schweden, verwüsteten, die, als eS nichts mehr zn plündern gab, hordenweise abzogen. Doch Karl und seine Schweden drangen um so tiefer in Polen ein. August, der sich lieber von seinem Sieger, als von seinen Unterthancn, Gesetze wollte vorschreiben lassen, schlug daher von neuem den Weg der Unterhandlungen ein. Cr bildete sich ein, Aurora von KZuigsmark, die über Sein Herz so viele Gewalt hatte, würde auch den harten Sinn des des schwedischen Karls erweichen können. Die Gräfin begab sich in Karls Lager in Lithauen. Zuvoreilig machte ihr der Graf Piper zu ei, ner Unterredung mit seinem Königs Hoffnung. Karl schlug sie ab. Die schone Grasin, die, ohne das Acusscrste versucht zu haben, zu ih- rem erhabenen Verehrer nicht wieder zurück, kehren wollte, paßte ihm auf seinen Ritten auf. Einst begegnete sie ihm, in einem engen Wege, wo er ihr nicht gut ausweichen konnte. Sie stieg, als er sich näherte, aus dem Wagen. Karl zog den Hut ab, lenkte, ohne ein Wort zu sprechen, sein Pferd um, und ritt wieder zurück. Die Grafin erndtcte von ihrer Reisewetter nichts, als das schmeichelhafte Gefühl ein, daß sich Karl XII nicht getraut habe, ihrer sanften Berebtsamkeit zu wider, stehen. Karl rückte indessen der Hauptstadt War, schau immer näher. Hier war der Reichstag (schon im Febr. 1702) aufgelöfet worden, und nur der Senat blieb noch zurück. Aber auch dieser entfernte sich jetzt, und der Primas war einer der ersten, die Warschau verließen. August durfte jetzt nicht zurückbleiben. Cr GMttiWelts. i4?TH. Ce ließ 4O2 ein allgemeines Aufgebots) ergehen, das jedoch wenig bewirkte. Dagegen eilten seine sachsischen Krieger wieder herbey; erst 12,000, und hernach 8000, die er dem Kaiser Leopold ge> gen die Franzosen versprochen hatte, die er aber jetzt selbst nicht entbehren konnte. Während daß diese in einzelnen Haufen ankamen, während daß August von einer Woiwodschaft zur andern zog, um den ihm treugebliebenen Adel zu sammeln, rückte Karl, ohne Widerstand zu finden, in Warschau ein. August versammelte seine Macht bey Krakau. Hier kam der schlaue Primas zu ihm, um sich die Erlaubnis; zu Unterhandlungen mit dem Könige der Schweden zu erbitten. Mit dieser eilte er zu Karln, vor dem er sich bisher nicht zu erscheinen getraute. Karl schenkte ihm eine Viertelstunde. Diese schloß sich mit der Erklärung: „ich gestehe den Polen nicht eher Frieden zu, als bis sie einen andern König wählen! „ Der Primas machte dteß sogleich allen Woiwoden bekannt. August, der sich jetzt von allen seinen sächsischen Kriegern umringt sah, an den sich der Adel der Woiwodschaft Krakau wetteifernd an- 4OZ anschloß, der mußte jetzt sein Schicksal der Entscheidung der Waffen überlassen. Diese Entscheidung erfolgte (1702 am izten Jul.) auf einer großen Ebene bey Clissow, zwischen Krakau und Warschau. Karl stellte den 24,000 Streitern des Königs von Polen nur halb so viele, aber lauter geübte und erfahrne Leute, entgegen. Gleich bey dem Anfange des Tref- sens, wurde sein Schwager, der junge Herzog von Holstein, General der Cavallcric, gelobtet. „Ist er todt?,, fragte Karl. Auf die Antwort: Ja! sagte er weiter nichts, gab er, indem einige Thrancn seinem Auge entschlüpften, indem er einige Augenblicke sein Gesicht mit der Hand bedeckte, dem Pferde die Sporen, und drang, an der Spitze seiner Leibwache, vorwärts. August führte seine Sachsen selbst dreymahl wieder in das Treffe!» zurück; aber endlich mußte er dem Sieger Karl dennoch weichen. Er zog sich nach Sendomtr zurück. Karl rückte gerade gegen Krakau an. Man verschloß ihm die Thore (iiten Aug.). Aber bald drangen die Schweden stürmend ein. Karl erlaubte ihnen nicht, zu plündern. Desto größer aber war die Brandschatzung, welche die Einwohner von Krakau entrichten mußten. C c 2 Karl, 404 Karl, von Krakau forteilend, um seinen Gegner August völlig zu vernichten, stürzte mit dem Pferd, und brach ein Bein. Dieses Unglück hielt ihn aber doch nicht länger, als acht Tage zu Krakau zurück. Auf seinem Bette liegend, von Gardisten getragen, setzte er den Marsch fort. Die Großen wurden durch die Furcht, ihre Güter verwüstet zu sehen, oder gewaltige Contributioncn bezahlen zu müssen, immer mehr zu ihm hingezogen. Seim Krieger lebten auf Kosten des Landes. Während daß die polnischen Herren der sächsischen Parthey von den Schweden geängstigt wurden, behandelte August, der sich zu Lublin befand, die Anhänger Karls mit unpolitischer Nachsucht. Selbst von den Unter- thanen des Primas ließ er, während daß dieser zu Lublin war, drückende Brandschatzungen erpressen. Augusts Anhänger hielten zu Lublin eine sogenannte Reichsversammlung, wo sie sich eidlich verpflichteten, eine Armee von 50,000 Mann zu stellen. Karl versammelte indessen, mit dem Primas heimlich einverstanden , die Herren von seiner Parthep zu einem Reichstage nach Warschan. Den König 405 König August ganz zu unterdrücken, war der einzige Gedanke, der ihn damahls belebte. Vergebens machten ihn seine Generale auf die Beweglmgen der Nüssen, auf ihre Vorl bereitungcn zu wichtigen Unternehmungen, auft merksam. Schade für die schönen Kräfte des Staats, die Karl der Ausführung seines räch« süchtigen Plaues widmete! Es zogen ihm aus Schweden 14,000 neue Krieger zu Hülfe» Mit diesen sehte er sich (170z) in Bew« gung, um den Ucbcrrest der Sachsen zu verl Nichten. Bey Pultnusk (Pultusk in Großpol len) standen (170z am 1. May) 10,000 Mann derselben, unter dem Befehle des Feldmarl schalls Steinau. Karl hatte ungefähr eben so viele Streiter. Aber die Hälfte der Sachl scn kam dem ernstlichen Gefechte durch die Flucht zuvor. Vergebens hielt der entschlossene Steinau mit 2 Regimentern Stand. Kaum 1000 Sachsen wurden gefangen, und nur 600 getödtet. August eilte nun nach Thorn; aber auch hier ließ ihn Karl nicht lange in Ruhe. Er mußte abermahls fliehen, und er verließ ein Land, wo ihn die Gefahr auf allen Seiten UMl 4v6 umringte, um einem sichern Zufluchtsorte in seinem Erblandc entgegen zu eilen, um seine Casse von neuem anzufüllen. Karl unaufhaltsam forteilend, über einen Fluß nach dem andern schwimmend, sein Fußvolk hinter die Reiter setzend, daö schwere Geschütz zurücklassend, weil er es von der See erwartete, näherte sich endlich (im Sept.) der Stadt Thorn bis auf einige Stunden. In seinem gewöhnlichen, durch nichts sich auszeichnenden Anzüge, ritt er oft ganz nahe bis zu den Wällen hin. Kaum hatte er einst seine Stelle mit der eines Officiers im scharlachnen Rocke verwechselt, als dieser getödtet vom Pferde stürzte. Thorn wehrte sich einen vollen Wonach (bis 22. Ott.). Elbingen, das Karln den Durchzug versagte, wurde hart behandelt. Karl war damahls in Polen gleichsam allmächtig. Während daß sein Feldmarschall Rehnschild, mit 20,000 Mann, die nördliche und östliche Gränze Polens gegen die Russen bewachte, rückte er selbst, mit dem besten Theile seines Kricgsvolks, nach Westen, um dem August auch in Deutschlaud keine Ruhe zu gönnen. August, August, der in Sachsen sich mit einem neuen Geldvorrats) versehen hatte, kam doch wieder nach Polen zurück, um sein Glück ge« gen Karln von neuem zu versuchen. Dieser arbeitete aber jetzt mit allem Ernst an der Ausführung seines Planes, ihm die polnische Krone zu entrcissen. Nachdem sich der Adel der Woiwodschaften Posen und Kalisch schon conflderirt hatte, veranstaltete der Primas die Neichsversammlung zu Warschau. Diese bil« beten freyltch nur zehn Senatoren, und elf Landbothen; aber der Primas erschien selbst, von ZOoo auf seinen Gütern bewaffneten Leu« ten begleitet. Zuerst blos von Eintracht und Gehorsam sprechend, aber die Maske endlich abnehmend, erklärte er (1704 Febr.) im Nah« men des Reichstages, daß sich der sächsische August, durch sein Betragen gegen den Staat, unfähig gemacht habe, dessen Krone ferner zu tragen, daß seine Anhänger als Sraatsver« brechcr, daß die Sachsen als Reichsfeinde, betrachtet werden müßten. Ein Courier von Karln brachte der Versammlung dessen Vsr, langen, die erledigte Krone dem Prinzen Ja» cob Sobieski zu geben. Schon war der Wahl« tag festgesetzt; der Prinz Jacob empfieng zu Bres« 408 Breslau schon die Glückwünsche, als er einst (istcn März) mit seinem Bruder Konstantin auf die Jagd reitend, einige Stunden von Breslau, von zo sächsischen Offneren, aus dem nächsten Walde, überfallen, und, mit untergelegten Pferden, nach Leipzig, auf die Plcissenburg, gebracht wurde. Doch August, der Urheber dieser ttcberraschung, die den Ca- binclten des damahligen Europa gewaltig auffiel, befand sich hierauf gleichfalls in der Gefahr, in die Gewalt seines Feindes zu gera- thcn. Er saß einst, g Stunden von Warschau, ganz ruhig bcy Tische, weil er sich auf einen Vorposten verließ, als Nehnschild, diesen Vorposten glücklich überraschend, ihm unvec- mulhet so nahe kam, daß er kaum noch so viel Zeit gewann, von einigen Officicren begleitet, sich durch die Flucht zu retten. Nehnschild verfolgte ihn zehn Tage laug, und mehr ats einmahl holten ihn die Schweden fast ein. Das Verfahren der warschauer Versammlung schien aber den übrigen polnischen Herren so höchst eigenmächtig, daß sie zu Scndomir in einer Confodekation zusammentraten , in welcher sie alle Handlungen derselben für unrecht- Unter denen, welche die warschauer Versammlung au Karln abgeschickt hatte, befand sich Stanislaus Lescynski, 27 Jahre alt, mit einer glücklichen, den ehrlichen, offnen Sinn ausdrückenden Gcsichtsbildung, Entschlossenheit und Geistesgegenwart vereinigend. Einige kluge Aeusscruugcn über die damahlige Lage bewirkten, daß Karl seine Aufmerksamkeit auf ihn rechtmäßig erklärten. August trat (1704 im März) dieser Conföderation selbst bcy; auch beschwor er damahls die Pacta convcnta (die Wahleapitulation eines Königes von Pole») von neuem. Doch die warschauer Versammlung ließ sich dadurch nicht abhalten, in einen förmlichen Wahltag überzugehen. Der Graf Piper that seinem Könige den Vorschlag, die polnische Krone selbst anzunehmen. Allein für Karln hatte blos der Ruhm einen Neitz. Ihm schien es weniger groß, eine Krone zu besitzen, als sie zu verschenken. Karl trug die Krone, die er verschenken wollte, dem jüngcrn Prinzen Sobicski, Alexander, an; aber der edle Jüngling weigerte sich standhaft, die unglückliche Lage seiner altern Brüder zu seinem Vorthcile zu benutzen. stlO ihn richtet?. Er erkundigte sich näher nach ihm. Man schilderte ihm denselben als einen abgehärteten Mann, der ans einer bloßen Strohdcckc schlafe, von seinen Bedienten keil ncn Dienst annähme, mäßig, freygebig, von seinen Vasallen angebetet, kurz einer von den wenigen polnischen Herren sey, die in der gegenwärtigen Zeit wirkliche Freunde besäßen. Karl erkannte in manchem dieser Züge sich selbst. „Stanislaus soll König werden,,, sagte er zum Primas. Dieser wendete alle Mühe an, um ihn für den Krongroßfeldherrn Lubomirskt zu gewinnen, dessen Sohn die Tochter der Frau Cardinalin hcyrathen sollte. „Aber was haben Sie denn,, sagte Karl endlich zum Primas „an dem Lescynski auszusetzen?,,— Er ist zu jung, Ew. Majestät! — „Er ist ungefähr in meinem Alter,,, antwortete Karl ganz trocken, ihm den Nük- ken zukehrend. Der Graf Horn reisete nun sogleich nach Warschau, und überbrachte der dasigcn Versammlung das ausdrückliche Verlangen seines Monarchen, daß sie, in Zeit von fünf Tagen, einen König, und zwar den Lescynski, wählen sollte. Am 7tcn Zul. langte Horn zu Warschau an, und auf den i2tcn 4" i2ten befahl er die Wahl. Vergebens bc- mühcte sich der Primas, ihr durch List entgegenzuarbeiten. Karl kam selbst nach Ware schau. Der Primas konnte nun weiter nichts thun, als sich der Thcilnahme an dieser Sache ganz zu entziehen. An seine Stelle trat der Bischof von Posen. Dieser rief endlich (12. Iul.) den Nahmen Lescynski aus. Karl, der sich unter dem Haufen der Zuschauer befand, war der erste, der ihn hochleben ließ. Diejenigen Mitglieder der Versammlung, die diese Wahl mißbilligten, wurden gar nicht gehört. Sie, und der Primas, mußten am folgenden Tage dem neuen Könige huldigen: aber der Primas, und der Krongroßfcldherr, blieben im Herzen dieser Wahl immer abgeneigt. Die Conföderation zu Sendomir wi, versprach ihr fepcrlich. Die damahligcn Al- liirten, der Kaiser und die Seemachte, waren, des Kurfürsten von Sachsen wegen, mit dieser Wahl gleichfalls unzufrieden. Der Pabst machte dem Cardinal, wegen der Nachgiebigkeit gegen einen Ketzerkönig, lebhafte Vorwürfe. Doch der Ketzerkönig war damahls in Polen allmächtig. Lemberg, die Hauptstadt in Ga- lizicn. 4l2 lizicn, wich seinem stürmenden Angrisse schon am zweyken Tage. Er erbeutete daselbst auf 400 Kisten mit Kostbarkeiten. Stanislaus befand sich um diese Zeit in großer Gefahr. Zu Warschau mit seiner Familie, und dem Primas, von 6000 Soldaten von der Krvn- armcc, die erst kürzlich in seinen Dienst getreten waren, umringt, während daß die Besatzung, über welche der Graf Horn den Oberbefehl führte, aus nicht mehr, als 1500 Schweden, bestand, lebte er in tiefer Ruhe, machte er Anstalten, um nach Lemberg zu reisen, als sich ganz unvermuthet August mit 20,000 Mann näherte. Er hatte den Weg, durch einen künstlich versteckten Marsch, sehr schnell zurückgelegt. Warschau war schlecht befestigt. Auf die polnischen Soldaten durfte man sich nicht verlassen. August unterhielt in der Stadt noch immer geheime Verbindungen. Lescynski schickte daher seine Familie nach Posen. Er selbst eilte zu Karln. Horn blieb mit seinen Schweden im Besitze des Schlosses. Die Stadt wurde von August gebrandtschatzt, und von dessen Soldaten gemifihandelt. Der Bischof von Posen, den eine Krankheit zurückgehalten hatte, wurde erst dem päbstlichen Nuncius über- 4l? übergeben, uud sodcnn nach Sachsien gebracht. WD cr starb. Horn und seine Schweden mußs tcn sich der Kriegsgefangenschaft unterwerfen. Doch Augusts Annec bestand aus zusammengerafften Polen, aus sächsische» Recruten, aus plündernden Kosaken, die alle vor Karin zitterten; vor Karln, der, von Stanislaus begleitet, die Sachsen immer vor sich hertrieb. Karl ärgerte sich darüber, daß ihm alles ohne Mühe wich. Warschau befand sich bald wieder in seiner Gewalt. August übergab, während daß cr selbst mit dem größten Theils seiner Cavallerie nach Krakau gieng, den Oberbefehl über sein Fußvolk dem Graft» von Schulenburg, einem sehr einsichtsvollen Generale, um es nach Schlesien zu führen. Karl und Stanislaus, die in 9 Tagen 25 Meilen zurücklegten, holten ihn bey Punitz an der schlesischen Gränze, ein. Sie hatten eine Cavallerie von ic> bis 12,000 Köpfen. Schulenburg zählte, nebcit seinen 8000 Mann Fußvolk, nur 1000 Reiter. Diese konnten den lebhaften und kraftvollen Angriff der Schweden nicht lange aushalten. Desto standhafter wehrte sich die Infanterie. Sie war so gestellt. 4l4 stellt, daß sie nicht umringt werden konnte. Das erste mit Piken und Flinten bewaffnete Glied lag mit einem Knie auf der Erde; das zweyte schoß, sich etwas über das erste hin» biegend, und das dritte feuerte über das zweyre hin. Karl vergaß es, seine Cavallerie absitzen zu lassen. So zog sich Schnlenburg, mit fünf Wunden geziert, in viereckiger Schlacht« vrdnung zurück, und am folgenden Tage ent» gieng er der Gefahr, überwältigt zu werden, durch das glückliche Uebersetzen über die Oder. „Heute,,, sagte Karl, „hatSchulenburg uns »verwunden! „ August mußte Polen jetzt zum zwepten Mahle verlassen. Stanislaus kam wieder nach Warschau. Der Pabst Clemenz XI ver» both dem Primas, und allen übrigen polnischen Prälaten, an der Krönung des Stanis« laus Antheil zu nehmen. Das Breve sollte zwar nicht nach Warschau kommen; aber ein Franciscancr überbrachte es dem Bischof von Chelm. Kar! ließ hierauf an die Thüren aller geistlichen Hauser Wachen stellen. Stanislaus wurde nicht zu Krakau, sondern (1705 Oct.) zu Warschau, gekrönt. Die Krönung verrichtete tete der Erzbischof von Lemberg, und Karl wohnte ihr im Stillen bcy. August eilte indessen aus Schlesien nach Grodno in Lithauen, um mit dem Zaar Pe- tcr, der Mietau wieder erobert hatte, eine Unterredung zu halten. Hier wollte ihn Karl aufsuchen; aber er mußte, um diesen Plan auszuführen, so lauge warten, bis der Frost die Wege verbesserte. Bis dahin kämpfte er (bis zum Jan. 1706) unter freyem Himmel, mit allen Schrecknissen eines rauhen Winters, während daß seine vornehmsten Ossiciere sich in die Erde eingruben, daß sie ihre Zelte bey Tage durch Wachfeuer, und des Nachts durch glühende Kugeln, erwärmten. Endlich gieng der Marsch nach Lithauen. Aber Peter und August hatten nicht so lange gewartet. Der russische Feldmarschall Sgilwte, der, bey Grodno hinter starken Verfchanzuugcn stand, entwischte den Schweden glücklich. Karl folgte ihm nach Volhynien. Durch morastvolle Gegenden, arm an Menschen und Lebensmitteln, war der Marsch äusserst beschwerlich und entkräftend. Karl befand sich eiuigemahl in Lebensgefahr. Der Adel dieser Provinz unterwarf sich 4^6 dem Könige Stanislaus um so bereitwilliger, je weniger die Sachsen die Rechte ihres Herrn zu vcrtheidigen im Stande waren. Sie und die Russen, die in Sachsen lange exercirt worden waren, wurden (1706 am 12. Febr.) dey Fraustadt, an der schlestschen Gränze, fast ganz vernichtet. Der Sbcrgeneral Schulenburg war nicht Schuld daran. Er hatte seine Leute, zusammen etwa 20,000 Mann, sehr gut ge- stellt. Die 6000 Russen, die sich bcy Augusts Armee befanden, mußten das rothe Futter ihrer grünen Montur herauskehren, um von den Sachsen, die gleichfalls rothe Uniform trugen, sich weniger zu unterscheiden. Die Sachsen wichen sehr bald zurück. Die Russen warfen, als sie die furchtbaren Schweden anrücken sahen, sogar das Gewehr weg. Gegen 7000 noch nicht abgeschossene Flinten lagen auf dem Schlachtfelde. Die rühmlichste Standhastig- keit bewies die 80 Köpfe starke Chevaliers- Garde des Königs August. Die Russen Kathen, auf den Knien liegend, um die Scho, nuug ihres Lebens. Aber demungeachtct ließ sie Rehnschild, 6 Stunden nach der Schlacht, ohne Barmherzigkeit niederhauen, um an ihnen die Grausamkeiten zu rächen, die ihre Lands- 417 Laudsleute an den Freunden der Schweden bewiesen hallen, um sich von einer lästigen Menge Gefangener zu bcfreyen. „Nehnschild, sagte Karl, als er den Bericht von dieser Schlacht empfieng, „Nehnschild wird sich wohl nicht mehr mit mir vergleichen lassen!,, Karl sah jedoch immer mehr ein, daß er seinen Gegner August in Polen nicht eher bezwingen würde, als bis seine Hilfsquellen in Sachsen verstopft seyn würden. Sachsen hatte diesem erst fünfjährigen Kriege, den die Eitelkeit seines Kurfürsten vcranlaßte, schon 88 Millionen Thalcr, und 36,700 brave Jüng- linge, aufgeopfert. Diese Quelle wollte Karl verstopfen. Der Marsch nach Sachsen, den die dringenden Vorstellungen der Alliirten bisher noch zurückgehalten hatten, gieng nun vor sich. Vergebens erklärte die Ncichsversamm- lung zu Regensburg den König Karl, in dem Falle, daß er mit einem Kricgshcere über die Oder gehen würde, für einen Neichsfcind. Karl rückte, dieser Drohung trotzend, durch die Lausitz, in Sachsen ein. Viele reiche Familien flüchteten. Selbst Augusts Familie entfernte sich. So wenig traute man dem Ver- EallcttiWeltg. i4rTH. Dd sprechen 4^8 sprechen Karls, daß er die Personen und das Eigcnthum derer, die im Lande blieben, schs; nen würde. August befand sich jetzt in der gefahrvoll; sten Verlegenheit. Auf der einen Seite sah er dem traurigen Schicksale entgegen, seine Erblande zu verlieren; auf der andern war er, wenn er sich mit Karln verglich, der Nache des Zaars, dessen Truppen ihn auf allen Sei; tcn umringten, preisgegeben. Dennoch war die Roth so dringend, daß er sich entschließen mußte, einem Vergleiche mit dem furchtbaren Könige von Schweden auf alle Weise entge; genzukommen. Er bevollmächtigte hierzu sei; nen Kammerpräsidenten von Zmhof, und den geheimen Referendar Pfingsten. Diese ließen sich Karln schon zu Bischofswerde, in der Oberlausitz, vorstellen. Unter dem Vorwande, dje Contributionsangelegenheiten in Ordnung zu bringen, eröffneten sie ihm ihres Herrn heißen Wunsch nach Frieden. August schlug unter andern eine Theilnng von Polen vor. Karl dictirte dem Grafen Piper seine Frie; densbedingungen, und setzte hierauf seinen Zug bis nach Altranstädt, z Stunden von Leipzig, fort. 4l9 fort. Er wählte (1706 am 20. Sept.) die Gegend, wo einst der große Gustav Adolf fiel, zu seinem Hauptquartiere. Hierhin folg, tcn ihm auch Augusts Minister nach. Mit ihnen unterhandelten der Graf Piper, und der Staatssccretar Hermelin. Karl verharrte unerschütterlich bcy seinen einmahl festgesetzten Friedensbedingungen. August sollte (am 24. Sept.) nicht einmahl den Nahmen und das Wappen eines Königs von Polen behalten 5 er sollte ganz schlechtweg König heißen. Zu gleich mußte er allen Verbindungen gegen Schweden entsagen, mußte er das Versprechen geben, alle russischen Hülfstruppen, alle schw« dischen Ausreißer, und unter andern den Lievs lande» Patkul, Peters ausserordentlichen Gesandten, auszuliefern, die gefangnen Prinzen Sobieski wieder in Freyhcit zu setzen, und den Schweden die Winterquartiere in Sachsen zu gestatten. Pfingsten begab sich mit der Urkunde dieses Vergleichs, welchen noch ein tiefes Geheimnis bedeckte, nach Polen, zu seinem Herrn, der ihn ftyerlich genehmigte. August schmeichelte sich mit der Hoffnung, Karl würde, bcy einer persönlichen Unterredung mit hm, noch einen oder den andern von den hatten 42Q ton Punkten nachlassen. Doch che er dieser Unterredung entgegeneilen konnte, mußte er den Schweden noch ein Treffen liefern, mußte er seinen ersten Sieg über sie erfechten! Zu einer Zeit, wo August denBcystand der Nüssen am wenigsten erwartete und wünschte, stieß Mentschikow mit zo,oOo Mann zu seiner kleinen Armee von 6ooo Mann. Ihnen ge- gen über, bei) Kalisch, stand der General Mardefeld mit Schweden. August, der dem Treffen nicht ausweichen konnte, gab dem schwedischen General, von dem zwischen ihm und seinem Könige gepflogenen Friedens- Unterhandlungen, Nachricht. Mardefeld traute ihm- jedoch nicht. August bath hierauf den Mardefeld, sich zurückzuziehen; der an ihn geschriebene Brief langte aber zu spät an. Die Nüssen siegten jetzt (lytcn Oct. ) zum ersten Mahl in einer ordentlichen Schlacht. ES wurden 4000 Schweden gctödtct, und Mardefeld selbst befand sich unter den Gefangnen. August hatte, durch die Freude über diesen Sieg berauscht, fast den Entschluß gefaßt, den König von Schweden aus seinem Erblande herauszutreiben; aber der kühne Gedanke wich bald 42l bald, der kälter» Uebcrlegung. Die Nüsse» bezöge» die Winterquartiere, und August gicug nach Sachsen, um sein und seiner Untcrtha- neu Schicksal, so viel als es möglich wäre, zu erleichtern. Zu Günthersdorf, in Pipers Hauptquar- ticr, ward ihn? (am 16. Dcc.) sei» Wunsch, mit seinem Gegner Karl sich zu unterreden, gewährt. Kail unterhielt ihn von seinen großen Stiefeln, die er, in Zeit von 6 Iahren, nicht eher, als wenn er zu Bette gicng, von den Füsicn gebracht hatte. August folgte ihm nach Altranstädt. Eine Unterredung zwischen August und Karl dauerte lange., Vcyde spci- scten auch öffentlich zusammen. Dies; war aber auch alles. Karl, den der Aerger über das Treffen bey Kalisch noch unerbittlicher machte, ließ nicht eine einzige von seinen Bedingungen nach. Unter diesen machte besonders Patkuls Auslieferung dem August lebhafte Bekümmernis. Karls Nachsucht gegen den talentvollen Mann gieng so weil, daß er ihn, zu Casimir in Polen, lebendig rädern und viertheilen ließ. August begegnete in Leipzig demjenigen, dem er die polnische Krone hatte 422 hatte abtrete» müssen. Er kennte sich jedoch nicht entschließen, ihn anzureden; vielmehr ritt er, gleichsam mit seinem Pferde beschaff- tigt, mit einer bloßen Verbeugung vorüber. August mußte nun selbst seinen Unterthanm befehlen, ihn nicht mehr König von Polen zu nennen; Karl nöthigte ihn sogar, an den Stanislaus zu schreiben. Er wünschte ihm, treuere Unkcrthanen zu haben, als er selbst sie erfahren hatte. Zu Leipzig warteten Karln viele Reichs- fürstcn, und unter andern auch Marlbo- rough, auf. Der feine Hofmann schmeichelte dem schwedischen Alexander mit der Erklärung, daß er sich glücklich schätzen würde, wenn eck ihm seine Umstände erlaubten, von ihm zu lernen. Demungeachtet sprach Karl, als Marlborough an seiner Tafel speiscte, nicht ein Wort. Der Kaiser Joseph, mit dem er, wegen seines Einmarsches in Deutschland, und wegen der protestantischen Schlosser, für welche sich Karl nachdrücklich verwendete, in Händel gorathen war, mußte nachgeben. Als ihm der päbstliche Nunclus deswegen Vorwürfe machen wollte, versetzte Zdseph lächelnd: er möchte D . 42z möchte froh seyn, daß ihm (dem Kaiser) Karl Vicht zugemuthet habe, lutherisch zu werden. Eben diese Unterhandlungen mit dem Kai« scr waren es aber, die Karln, neben den rückständigen Kriegssteuern, und der Ergans zung seines Heeres, von einem Monarhe zum andern, in Sachsen zurückhielten. Sein vere längerter Aufenthalt war für das schöne Land äusserst drückend. Ausser der monathljchen Krtegssteuer von 625,000 Thaler, bey wel» cher auf den Ertrag der Staatseinkünste Nücke ficht genommen war, mußte auch für den Uns terhalt der schwedischen Armee gesorgt werden, und die Soldaten wußten die Gelegenheit, sich Geld zu machen, so gut zu benutzen, dasi einer in den andern gerechnet, jeder eine Ncisecasse von 50 Thalern mitnahm. Wie viele Recruten mußte aber Sachsen nicht noch stellen! Von noch nicht vollen 19,000 Mann vermehrte sich das schwedische Heer bis über Z2 ,ooo Köpfe. Nach elf Monathcn (1 am 2tcn Sept.) erfolgte endlich der Aufbruch. Karl ritt an der Spitze seiner Leibtrabanten, und seiner Leibdragonsr. Nicht weit Dresden war er plötzlich verschwunden. Er sprengte. 424 sprengte, nur von einigen Officieren begleitet, nach Dresden, in das Schloß, und überraschte den König August in der Morgcnkleidung, um ihm noch ein Lebewohl zu sagen! Er blieb einige. Stunden bcy ihm. Vergebens bath ihn August, einem Lievländcr, der sich in seinem Dienste befand, Verzeihung angedcihcn zu lassen. Karl blieb jetzt eben so unerbittlich, wie er immer war. Wie er wieder zu seiner Armee zurückkam, fand er seine Generale in cincm Kriegsrathe versammelt. „ Wir wollten,,, sagte Nchnschild, „Dresden belagern, wenn man die Person Ew. Maj. etwa festgehalten hätte.,, — „Diese würden,,, sagte Karl, „auch wohl so etwas gewagt haben! ,, — Am folgenden Tage hörte man von einem Cabinetsrathe, der zu Dresden gehalten worden war. „Heute werden sie,,, sagte Rehnschild, „überlegen, was sie gestern hätten thun sollen!,. cwagt ! man !esden