Als Manuskript MM. DllS i'äÜUl UOil-ThK und anderes. Manchem zu Lieb, Manchem zu Leid. Die Anklage lautet auf Verkehrsbehinderung und Domverunschönerung. Nachdem nun die Fastnachtsgecken mit ihrem a kasso .... vernommen worden sind, die Ultramontanen eine Kundgebung veranstaltet, und ein Theil der Cementarchitekten (darunter Einer, der seit Gründung der Rheinischen Baugesellschaft traurigen Andenkens jetzt wohl zum ersten Male wieder als Autorität auftaucht) sich angeschlossen hat, erscheint es der offenbaren Majorität wohl als gerecht, — der Minorität aus Respekt vor möglichen Gewaltthätigkeiten rathsam, — die Thorruine anderswo zu reeonstruiren und ihre Lage Trümmerhaufen. Worin besteht denn nun der Zauber am Siebengebirge? Ist es nicht die Erinnerung, welche den Erdenfleck weiht? Manche gedenken der Jungfrau und des Drachen des Ritters oder der Nonne; wir gedenken des Kaufmanns, welchen Bewaffnete anf Heller Straße überfielen und ausplünderten. Ueber alles das aber macht sich kein ächter Kölner Kopfzerbrechen. Inmitten des rheinischen Paradieses redet er auf dich ein von der Prozession, und wer die Monstranz getragen hat, von der neuen Fahne des Jünglingsvereins, wo er nach der Elfuhrmeß' gemüthlich den Frühschoppen genommen, und beim vierten Niedermendiger schreit er nach einer Bierkarte mit Ansicht für seinen Erbonkel in Bocklemünd. Montags Morgens, wenn er sich neben seinem Bette erhebt, ist sein erster Gedanke: Die äkelige Paafepooz. — Das römische Nordthor ist eine „ächte" Reliquie aus klassischer, großer und denkwürdiger Zeit. Reliquien sind selten schön, — seien es Knochen, Lappen oder Mauerwerk. Wer mochte das Pietätsgefühl tadeln, wenn sich eine geistige Betrachtung daran knüpfen läßt, wenn eine Ge- 5 schichte oder Sage sie umrauscht? Erfreulich ist's, wie selbst den Protestanten noch soviel Phantasie geblieben ist, daß sie den Tintenfleck Luther's aus der Wartburg ab und zu neu anstreichen, wie die gewaltigen Preußen die häßliche Mühle bei Sanssouci, den grauen Steinhaufen, liebevoll conserviren zum Andenken an eine Nichtungerech- tigkeit Friedrich's des Einzigen. (Ein Glück für die Mühle, daß sie keine Provinz war!) Möge nie unser Volk die Merksteine seiner Geschichte verachten, noch die Fußstapsen verwischen, welche das Menschengeschlecht auf Erden hinterlassen hat! Geschähe das Gegentheil, so wäre es ein Zeichen des Niederganges. Uebergroß ist unsere Cnltur wahrlich noch nicht; denn angesichts des herrschenden Byzantinismus, der Frivolität der höheren Gesellschaftskreise, der Stumpfsinnigkeit, in mittleren Schichten, wo faustdicke Lügen, lächerliche Unwahrscheinlichkeiten aller Art, die ein Blinder mit dem Krückstock merken konnte, für — ewige Wahrheiten gelten, da fragt man sich ohnehin, wie lange die öffentliche Heuchelei noch halten wird, und wann das faule Gebälk unserer falschen Civilisation endlich zusammen bricht. — Während, wie bekannt, der englische Raritäten- sammler die Urkunden und Belegstücke unserer Geschichte besitzt, und Deutschlands Museen eigentlich eine Collektion der Lücken bilden, lese ich in einem Zeitungsblatte, „daß sechs Stadtraths- „sitzungen sich mit der Beseitigung der ?orta „?aplria, dieses des hehren Gotteshauses unwürdigen Steinhaufens, dieser den Eindruck des „mächtigen Gotteshauses beeinträchtigenden Mauer- Stümpfe befaßt hätten, und der Landesherr durch „eine Massenpetition angerufen werden müsse." Nun, solches Gnadengesuch spricht wenig für eine starke Position der Peteuten; aber bei diesem Anlasse sei es denn auch gesagt, daß der Dom kein Gotteshaus ist. Nicht einmal ein vornehmer Mensch mochte in der dumpfen Grotte bei den herumjagenden Schweizern, welche eigentlich in Scharlach gekleidete Schuster sind, wohnen (ckolr. IV. aap.). Das Domgebände soll wohl einen Strauch vorstellen, — aber sein Laubwerk ist welk nnd unersrischend. Seit mehr als 50 Jahren kenne ich den Dom: ich habe darin gewacht und geschlafen, aber schön befunden habe ich ihn nie. Die Redensart von den „schönsten 7 Thoren der Welt" gehört in das Reich der Ge- schmäcke, worüber nicht zn streiten ist; sonst würde uns in der Abneigung gegen die Spitzbögen und monotonen, lästigen Schnörkeleien, wovon das Auge sich bald ermüdet abwendet, kein Geringerer als Göthe sekundiren. Die äußere Gestalt des Domes ist das Vorbild der Locomotive. Die Aehnlichkeit wäre noch frappanter, wenn von Zeit zn Zeit etwas Rauch und Dampf den Thurmspitzen entstiegen; dann riefe Jedermann: „Siehe „da, die Lokomotive des Stillstands!" Der Stillstand ist eine Fessel für die Freiheit der Seele. Ein großer Verstorbener hat treffend den Dom: des Geistes Ba stille genannt; und der Anblick dieses Riesenkerkers sollte durch die winzigen Reste der römischen Thorburg beeinträchtigt werden? Elender Augurenwitz! Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier Bücher und Menschen verschlungen; Die Glocken wurden geläutet dabei Und Kyrie eleison gesungen. Dummheit und Bosheit buhlten hier Gleich Hunden auf freier Gasse; Die Enkelbrut erkennt man noch heut An ihrem Glaubenshasse. 8 Doch kommen wir auf die fo schreckliche Massenpetition zurück. Der Landesherr wird sich wohl daran erinnern lassen, wie der Kölner Stadtrath owiro 1863 sich's herausnahm, den Herrn Großvater Seiner Majestät durch „Senatsbeschluß" vom Dombanfeste auszuschließen. Man traut seinen Sinnen nicht! Ja, der Kölner Stadtrath hatte die Flegelei zu beschließen, daß der König von Preußen, der hohe Protektor des Dombaues, zu der betreffenden Feier n i ch t einzuladen sei. Bismarck rächte damals seinen Herrn, indem er den fortschrittlichen Stadträthen mit ihrem Anhang und ihren Gästen, worunter sechszig Abgeordnete der zweiten Kammer, als sie bei anderer Gelegenheit festesten wollten, den Gürzenich verschloß. Die dampfenden Speisen wurden dann (ich habe mit meinen leibhaftigen Augen zugesehen) in Möbelwagen nach dem zoologischen Garten (Bürgermeisterei Longerich, wo der Polizeipräsident Geiger nichts zu befehlen hatte) gefahren; als aber zwischen Suppe und Rindfleisch, vielleicht auch noch früher, das Reden dieser Brüder, von denen ich mehrere persönlich als ganz unzuverlässige und innerlich unwahre 9 Maulhelden Wimen gelernt habe, losgehen sollte, da hob der Bürgermeister Eich, dem bei dieser Gelegenheit von einem Hückeswagener Fabrikbesitzer der helle Cylinder eingetrieben wurde, die fröhliche Tafelrunde auf. Tags drauf fuhr die Gesellschaft auf gemietheteu und reichbeflaggten Dampfbooten nach dem damals noch herzoglich- nasfauischen Oberlahnstein, wurde aber auch von da durch preußisches Militär vertrieben und langte Abends noch immer undinirt wieder in Köln an. Wenn ich die Söhne der taktlosen Schaar heute in ungerechter Sache vor den allerdurch- ^ wuchtigsten Enkel des beleidigten Landesherrn hinrreten sehe, dann gelüstet es mich allerdings, dazwischen zu rufen: „Herr, gedenke der Athener!" In der ?orta ?ap»lria-Frage kann mir der verehrliche Kölner Stadtrath in oorporo mit dem hinter ihm stehenden geistig bedeutungslosen Haufen einschließlich des unglaublichen blau äs OoloZms- Schwindels, der von Köln ausgegangenen Ge- würzvcrsälschung (gemahlener Cigarrenkistchen- Kaneel), der Hubertusriemen nud zweifelhafter Sehenswürdigkeiten — nicht imponiren. Waren doch selbst die Dombau-Verwaltung und ihre 10 Künstler nicht einmal im Stande, eine kurze Inschrift auf der kaiserlichen Votivtafel im Dom (Südportal) einwandfrei zu Stande zu bringen, wie ich solches jüngst unwidersprochen nachgewiesen und publizirt habe. In das Wappen der Stadt gehören, so lange der heutige Geist darin lebt, drei Fastnachtsmützen und elf Glas „Wiest"! An allen Ecken liest man das alte Selbstlob der Gecken: (losllsv Orozw, tZovsll allen Ltaclen selio^n, Ja, wenn man in seiner Jugend den beispiellosen Dreck nicht gesehen hätte! Als Victor Hugo den Rhein bereiste, da schreibt er über die sieben Gestänke Kölns, über die schamlose Beutelschneiderei seiner Fremdenführer, Kutscher, Küster und Glöckner, In früheren Jahrhunderten warfen Köln's Bewohner ihren Kehrricht auf die Straße, daß die Wagen in Staub und Schlamm stecken blieben; eine weihrauchgeschwängerte Pestdöhle war das mittelalterliche Köln! Wie lange diese Zustände blieben, mag aus einem Briefe meiner Dokumenten-Sammlung vom Jahre 1846 erhellen, worin ein Tapezierer in der Thiebolds- 11 gasse an seinen Hausherrn schrieb: „Da die neue „Polizei-Verordnung es nicht mehr gestattet, den „Abtritt auf den Hof zu schütten, der nnserige „aber voll ist, so bitte ich, mir angeben zu „wollen, wie und wohin er gereinigt werden „soll." LosIIsir SM OroM, Lovsa allen Ltactsn solloM sAber auch andere rheinische Magistrate sind nicht loyal. Damit ein schönes historisches Thor falle, ward jüngst die Regierung des heutigen Landesherrn in unerhörter Weise hintergangen und vor ein 1a.it aeoomxli gestellt. —j In vorchristlicher Zeit hegten die Bewohner Deutschlands liebende Verehrung für alte majestätische Bäume; den Hain dachten sie sich als Wohnsitz höherer Wesen, und einer Nymphe war nach den Borstellungen ihrer unschuldigen Herzen jeder Baum anvertraut. Der Schutzgeist klagte über die Verletzung seines Schützlings und ahndete die rohen Thate». Das war ein feiner Religionsparagraph, und ich wünschte, das Christenthum hätte ihn nicht abgeschafft. Mit Ehrfurcht versammelten sich die Gau-Eingesessenen unter dem 12 grünen Dache der Buchen und Eichen zu Gericht und Rath, zum Lobe ihrer Helden und der obersten Gottheit. Da kamen von den britischen Inseln Leute, deren späte Enkel noch heute ihre Nasen und Hände überall hineinstecken. Diese englischen Colonisten, die würdigen Vorfahren eines Or. Jameson, hatten die Unverschämtheit - ^ und darin bestand damals die neu einzuführende Toleranz — jene durch Alter und Volksfrömmigkeit geweihten Stämme zu fällen, angeblich um zu zeigen, daß keine rächende Dryade in ihnen wohne. Ein wahrhaft einfältiges Experiment, welches nur dann einen Sinn hätte, falls auch dem Sakrilegium, welches man an den englischen Altären verübt, eine wunderbare Strafe folgen würde. Wenn einige der Baumfrevler von der erregten Menge getvdtet wurden, so war das keine große Ungerechtigkeit; denn bei jedem Natnrvolke wird das heilige Gefühl angeboren, daß den Tod Derjenige verdiene, der muthwillig die Axt gegen das schuldlose Vaum- leben erhebt. Einst waren Städte und Straßen im alten Europa mit griechischen und römischen Kunst- 13 werken übersät. Die teuflische Zerstörungswut!) der Wandalen und die Glaubensverfolgung der Alleinrechthabenden zerschlugen Millionen der herrlichsten Bilder. Tausend Jahre später gab der schützende Boden einige spärliche Trümmer der ehemaligen Pracht heraus, und diese Torfen schmücken heute die Museen unserer Weltstädte. Daß der Geist der als Volk untergegangenen Wandalen noch lebt, davon legt die erst chronische Versauung und dann um Mitternacht begonnene akute Zerstörung des Bergerthores zu Düsseldorf ein betrübendes Zeugniß ab. Bald wird es auch klar sein, wer den Judaslohn für die dunkle That einstreicht. Das Christenthum hat seine große Mission: die Tempel und Altäre der alten Culturvölker zu vernichten, glänzend erfüllt; aber es verstand sich auch auf's conserviren. In Rom pflegt man ein feuchtes kellerartiges Kerkergelaß, worin Petrus, obwohl er niemals in Rom war, und seine Briefe der philologisch-theologischen Krilik zufolge erst im zweiten Jahrhundert entstanden, — einmal geschmachtet haben soll. Hätte man frühzeitig etwas Aehnliches der 1?orta?ap>kria nachgerühmt. 14 ja dann müßte sie jetzt auch in ihren Resten noch stehen bleiben und brauchte sich um die Ver- kehrsnoth noch weniger als der Dom selber zu geniren. Bei Anregung des Abbruches würde der ultramontane Schuster einfach die Aermel aufschlagen und in die Hände spucken. Schade, daß der solcher Begeisterung fähige Mann es nicht versteht, wie Jemand aus wissenschaftlichem Sinn, und weil er in geistiger Beziehung zur grauen Vorzeit steht, ein wenig schwärmen kann für die letzten Reste der alten lüolonia (Uanclig. ^g-ripz- päna ^.nAusta. — Der Herr bessere es! Wir singen jetzt das Lied aus dein blauen Hest: „O alte Funken-Herrlichkeit , . Düsseldorf, 28. Februar 1897. Bruno Pfeil. 15 Anhang. Ich glaube, es war Wallraf, welcher die Ansicht ausgestochen hat, daß die Thore der (lotonia ^.»rippina nach den damals offiziellen Gottheiten benannt worden seien, und daß die heutigen Namen: Hohe Pforte, Hahnenpforte und Ehrenpforte von Norta Aovw (Jupiterthor), Uorta Uani (Janusthor), Uorla Horas (Ehrenthor) w, sich herleiten. Bei der östlich gelegenen Marspsvrte findet dieses System seine augenscheinliche, kaum widerlegbare Bestätigung, und so dürfte das Nordthor denn wohl der Venus vonUaplios geweiht gewesen sein, deren Cnltns weit verbreitet war. Ihr Oberpriester, welcher eine weltliche Herrschaft ausübte, und dessen Orakelsprüche für unfehlbar galten, stand auch im Abendlande in großem Ansehen — natürlich nur bei den Ungebildeten. Jedoch soll diese Etymologie der gelehrten Meinung, wonach das Nordthor zu Ehren der beiden Pfaffen benannt worden sei, welche im dreizehnten Jahrhundert dem Herrn Oberbürgermeister Gryn opponirten, keinen Eintrag thun. Druck von Bleis uß 6c, Co, in Düsseldorf. Selbstverlag des Verfassers,