Forschungen auf den) Gebiete der von A. Faline. IV. und V. Band. Mit vielen Illustrationen. Cölii 1870. In Commission bei J. M. Heberle (H. Lempertü Söhne). L i v 1 a n d imcl sein© Gresch 1 eclit er von A. Fahne. Mit vielen Holzschnitten und lithographirten Täfeln, enthaltend Wappen, Siegel, Trachten, Denkmale etc. I. Band. Cöln 18*75. In Commission hei J. M. Heberle (H. Lempertz Söhne). Vorwort. In Folge der im Jahre 1855 von mir herausgegebenen Schrift: „Die Westpfalen in Lübeck" wurde ich veranlasst, meine Forschungen auch auf die Vermehrung des Materials für die Darstellung der Verbindungen und Uebersiedelungen von Westphalen und Rhein nach Livland zu richten. Es wuchs ansehnlich und wurde ein Theil desselben in meiner Geschichte der westpfälischen Geschlechter verwerthet, jedoch viel Bedeutendes, welches dort nicht Platz finden konnte, oder später sich neu sammelte, blieb in den Mappen. Mit gegenwärtiger Schrift wird der Versuch begonnen, es daraus zu befreien und der Oeffentlichkeit zu überliefern. Die Arbeit war aber keineswegs eine so leichte, als ich sie nur gedacht hatte. Sollte der Stoff seine richtige Würdigung finden, so musste die Veranlassung zu den Verbindungen und Uebersiedelungen klar gelegt werden und das führte auf die Kreuzzüge und weiter auf die Triebfeder dieser fanatischen Erscheinung, sowie auf dasjenige, was die Päpste von Mohamed gelernt und ihm nachgemacht haben, also auf ein bisheran noch gar nicht bear- beitetes Feld. Das Resultat nach dieser Seite liefert Band I. dieses Werkes (Band 4 der Forschungen) der, erweitert auch unter dem Titel: „Livland, ein Beitrag zur Kirchen- und' Sitten-Geschichte erschienen ist. Der 2. Band (Bd. 5 der Forschungen) ist lediglich den Geschlechtern gewidmet und sollen Fortsetzungen dazu folgen, sofern sich die Arbeit lohnt. Fahne.nburg bei Düsseldorf, 14. Mai 1875. Fahne. Die Vorbereitimg*. ie deutschen Niederlassungen in Livland (jetzt Curland, Livland, Esthlaud) werden sehr häufig "j^T^damit erklärt, dass die hoch adeligen Deutseh- ' ordens-Ritter ihre güterlosen Verwandten nach J 5 sich gezogen, mit eroberten Ländereien beschenkt und so den Ruhm ihrer Geschlechter durch neue, sässige Aeste vermehrt hätten. Dieses ist aber wenig zutreffend, Der Orden, sich seihst Zweck, aller Scbenklust fern, seine Existenz und Genüsse im Auge, war vor allem darauf bedacht, durch stete Schlagfertigkeit sich die Herrschaft in dem, nach moralischen Grundsätzen ungerechtfertigt eroberten Lande für alle Fälle zu sichern. Während die, von Bürgern gepflegten, handeltreibenden Städte ihm den Weg zu Bevölkerung, Reichthum und Bildung öffnen mussten, wusste er durch übertriebene, wahrheits- entbehrende Erzählungen und unterstützt von kirchlicher Vorspiegelung der ewigen himmlischen Glückseligkeit seine eigenen Verwandte und Freunde zu fanatisiren und als Kampfgenossen auf seine Schlachtfelder zu locken, wo sie zu Tausenden dem Tode verfielen. Erst nach einer langen Reihe von Jahren änderten sich nach und nach die Zustände. Livland war zur Zeit der ältesten Nachrichten , wo durch seeräuberische Völker, — einige nennen sie Nonnannen (Dänen), andere Waräger, — seine Küsten beherrscht wurden, ein im Innern Fahne, Forschungen IV. j. 2 unbekanntes Land, bis 1158 ein Breiner Kauffartei- schitf auf einer Fahrt, nach Wysby, der berühmten Handelsstadt der schwedischen Insel Gottland, durch Sturm verschlagen, zu der Dünamündung gelangte und mit den dortigen Bewohnern in Verkehr trat. Diese Bewohner hiessen Liven und haben dem dortigen Landstriche ihren Namen gegeben, sowie die Esthen dem nördlich und die Curen dem südlich davon gelegenen , alle drei von den Ordensrittern unter dem Namen Livland zusammen begriffen. Städte waren überall noch nicht vorhanden. Riga, Hauptstadt vom jetzigen Livland, wurde erst gegen 1200 durch Albert, dritten Bischof, Reval Hauptstadt von Esthland 1230 von König Waldemar von Dänemark und Mitau, Hauptstadt von Curland und Semgallen, noch später angelegt. Der begonnene Verkehr der Bremer wurde länger als zwanzig Jahre friedlieh fortgesetzt, dann warf Religionswuth die Fackel des Krieges dazwischen. In keiner Erkenntnissart ist soviel ausgeschweift als in der Religion. Die Umgestaltung des vorweltlichen Jrituovpync, des Weltschöpfers und allgemeinen, körperlosen Gottes, in einen mitweltlichen mit- bestimmter Gestalt findet sich in der Regel begleitet von dem Glauben an eine nähere Verbindung zwischen ihm und einer gewissen, zu seiner Erkenntniss und seinem Umgange besonders berufenen Klasse von Personen, die nachhaltig, unter Aufstellung des maaslosen Satzes »der Vertretung der Gottheit« zugleich deren Heiligkeit mit allen daran geknüpften Straf- und Verdammungsfolgen beansprucht und aus solchen Anfängen und auf dieser elastischen Grundlage, getrieben von der Herrschsucht, die menschlichen Schwächen mehr oder weniger zu ihrem Vortheil ausgebeutet hat. Die climatisckön Zustände des Erdkörpers, B die mehr oder weniger beschränkte Bekanntschaft seiner Bewohner mit einander, die verschiedenen Bildungsstufen derselben u. s. w. veranlassten die verschiedenartigsten Ideen gotterfüllter Diener. So entstanden die verschiedenen Systeme mit weitzielen den Prätensionen. Jedes gah sich in der Kegel für das allein richtige aus und masste sich die weitgrei- fendsten Befugnisse an, selbst bis zur Allherrschaff. Um die Grösse der Macht und die Kennzeichen der Zugehörigkeit und Unterwerfung festzustellen, wurden Formen erfunden, und diese vermehrten sich meistens in den Fällen, wo die verschiedenen Prätensionen neben einander ins Gedränge kamen. Man knüpfte an ihre Erfüllung den Beweis der wahren Gottes- erkenntniss und ächten Gesinnung und nannte dies ,,Religion haben." 1 ) So ward das Kennzeichen auch das Richtzeichen, an dein man einzelne Menschen und ganze Völker he- und verurtheilt. Wo noch zur Vollendung des Baues die starke Hand fehlte, welche die x ) Religio bedeutet bekanntlich nur die Form für eine Gottesverehrung',""nicht die Gottesverehrnug seihst, es ist also derjenige, der die bestimmte Form nicht erfüllt, noch kein Verdammungswürdiger, mindestens kein Gottesläugner, er kann sogar Gott viel reiner verehren, als derjenige, der die Form gebraucht. Voll den ersten christlichen Zeiten bis zu der neuern Zeit wurden unter religiösen Personen nur Mönche und Nonnen verstanden, die scheu Silvianus in so weit verdammt, als sie durch ihre religiöse (Kloster) Tracht Religion erheuchelten (religionem vestibus simulare) oder wie er an anderer Stelle schreibt: sub religionis titulo a Religione dissontiunt et habitu magis seculum relinqunt quam sensu. Erst seit das Formale das Wesen im Gottesreiche geworden ist, hat man dem Worte Religio den Begriff Glauben an Gott unterlegt, womit indess Boutenveck (Religion der Vernunft 1824) nicht einverstanden ist; er hält das Wort Religion, ohne es zu deflniren, wegen seiner Vieldeutigkeit für ein Irrlicht. 1* 4 Verdammungs- und Vernichtungsbefehle gegen die Vertreter und Anhänger anderer Systeme vollstrecken sollte, fanden sich Mittel auch sie zu schallen. Das erste Zugeständniss eines Rechts auf die Regelung des menschlichen Denkens war die Preisgebung des ganzen Menschen. Um die Vorgänge, die hier dargestellt werden sollen, namentlich die mörderischen Kriege, die mehrere Jahrhunderte, fast ohne ein Jahr Ruhe, des Gottesreichswegen gegen die Urbewohner der Ostsee-Provinzen geführt worden sind, zum klaren Verst ändniss zu bringen, ist es nothwendig einen Blick auf zwei Glaubenssysteme zuwerfen, welche namentlich durch Umänderungen völkerrechtlicher Grundsätze wesentlich darauf eingewirkt haben: icbmeine Islam und Christenthum. Bis zum Auftreten beider gab es in dem weltregierenden römischen Staate nur ein Völkerrecht, welches aus dem Begriffe eines Vernunftrechtes hervorgegangen und durch Gewohnheit und Verträge weiter entwickelt worden war. Es lag ihm ein ausgebildetes, sogar feinfühlendes Hechts-Bewusstsein zum Grunde, wovon sowohl die Anklage Cato's gegen Julius Caesar Beweis liefert, weil dieser die Usipeter und Tencterer hinterlistig behandelt hatte, als das berühmte Buch des Hugo Grotius: de jure belli et pacis (zuerst Paris 1635) worin die Sätze hauptsächlich durch Belege aus jenem Rechte begründet worden sind. Wie aber änderte sich die Sachlage, als, an Stelle des natürlichen Rechtsbewusstseins, der Glaube auch für das Völkerrecht die Grundlage wurde und jene beiden, zurZeit gross teil Glaubenssysteme, jedes von einem einigen Gotte, dein Allgerechten und Allerbarmer ausgehend, aus zwei, der Natur und dem Willen ihres göttlichen Herrn direet widersprechenden Leidenschaften, Meinungswuth und Religionshass, den Vernichtungskatnpfgegeu Andersdenkende eröffneten. Der Islam stellt zuerst organisirt und kampf- fertig geschlossen da, kaum 10 Jahre nach dem Tode seines Stifters, Mohämed (f 632). In ihm herrscht eine einzige Person, der Prophet und sein gesetzlicher Nachfolger, und zwar durch die höchste, alles bewegende Macht, den Glauben. Recht, Verfassung und höchste Gewalt sind geistlich. Im Islam lebt die Ueberzeugung, dass er die alleinige, allgemeine und ausschliessliche Heilanstalt Gottes auf Erden sei und deshalb den heiligen Beruf habe, alle Menschen und Völker, selbst gewaltsam, zu bekehren, denn er denkt mit Jeremias (48, 10) „verflucht sei, wer des Herrn Werk lässig thut, verflucht, wersein Schwert aufhält, dass es nicht Blut vergiesse" und hält mit Moses (II. 23. 32—33) den Umgang mit Ungläubigen für sträflich. Er verlangt, was sein Name Islam sagt: „Völlige Hingabe an Gott", den einen, wahren, allbarmherzigen, allmächtigen und allwissenden und an die göttliche Sendung Mohamed's des grössten und letzten Propheten. Am Ausgange aller Dinge, am Tage des jüngsten Gerichts, gelangen die Ungläubigen in die Qualen des ewigen höllischen Feuers, die getreuen Anhänger des Islams aber in die, mit sinnlichen Farben geschilderten Freuden des. Paradieses. Den Ungläubigen jene zu ersparen und sie dieser theilhaftig zu machen, ist Mitgrund der Bekelirungswuth. So tritt er fertig auf. Die Einfachheit seines Glaubens an einen einzigen einfachen Gott, der selbst und allein Grund und Ursache von allem und jedem ist, Alles selbst und allein thut und will, auch von Ewigkeit her vorausgewollb und bestimmt hat, ersparte eine weitere Gliederung und seinen Auhäu • gern jedes weitere Nachdenken. Es bedarf nur des Aufrufs des Propheten, resp. seiner Nachfolger und alle stürzen zum Schwert und opfern mit Enthusiasmus zur Ehre Gottes ihr Lehen; — der Belohnung sicher, „denn es ist nur ein Gott und Mohamed ist sein Prophet". Mit diesem Bewusstsein wurden in nicht, erkaltendem Feuereifer Jahrhunderte hindurch die schönsten Theile der Erde verheert undgrossen- theils beherrscht, ein schlimmes Beispiel für die abendländische Kirche und deren geistliche Beherrscher; doch ehe von ihnen die Rede ist, müssen hier noch genauer die Vorschriften des Islam über Völker- und Kriegsrecht ihren Platz finden. Sic stehen alle im Koran, der als Fundanieutalgesetz- buoh, neben trelFlichen moralischen Vorschriften und dringlichsten Mahnungen zur Ausübung der guten Werke, auch alle Ceremonial-,Staats-, Civil-, Crimi- nal- und Polizei-Gesetze enthält, sämmtlich von Mo- £>i hämed als göttliche Offenbarungen und für alle .Zeiten gültig hingestellt. Alle Gläubigen sind einander gleich, sowohl vor Gott, der sie zur Erkenntniss der Wahrheit und zur ewigen Glückseligkeit von Ewigkeit her bestimmt hat, als auch vor dem Nachfolger des Propheten, (Iman, Mufti, Sultan, Kalif). Sie sollen mit den Ungläubigen keine Gemeinschaft und Freundschaft haben, sondern sie bekriegen und den ewigen Rath- schluss Gottes an ihnen vollziehen, dass diejenigen, denen er gnädig ist, den Weg der Wahrheit wandeln, die andern aber verderbt werden und zur Hölle fahren, denn am Tage des Gerichts kommt alle Reue zu spät. „Das Schwert ist der Schlüssel zu Himmel und Hölle, 1 ' denn Gott lässt dem höllischen Feuer keine Gewalt über Diejenigen, die „seine Wege gehen und man soll nicht meinen, dass sie gestorben seien, die 7 in diesem heiligen Berufe, im Kampfe für den allein seligmachenden Glauben und seine Ausbereitung gefallen sind: sie sind nicht todt, sondern leben ewiglich von Gott versorgt und beseligt in schattigen Hainen und Auen. Da die Bekehrung der Ungläubigen des Propheten Gebot und Endzweck ist, so sollen die Unwissenden, die seine Lehre noch nicht kennen, bevor der Krieg beginnt zur Annahme und Bekenntniss des Glaubens ermahnt und aufgefordert werden, diejenigen, welche sich bekehren, werden in die grosse Gemeinschaft der Gläubigen zu gleichem Recht und freiem Genuss ihrer Güter aufgenommen. Die Bünden aber, die dagegen kämpfen, sollen mit aller Macht angegriffen, niedergehauen und unterworfen werden. Den in der Schlacht Gefangenen kann der Iman, Kopf, Hände und Küsse abhauen lassen, auch darf er sie, nach seinem Gefallen, gegen gefangene Moslems austauschen, gegen Lösegeld oderumsonst freigeben. Regel ist, dass alle Gefangenen mit Weib und Kind, Hab und Gut, Sclaven und Beute der Eroberer werden. Die Schriftvölker: Juden, Christen und Sabäer, welche heilige Bücher besitzen und an Gott und seinen Gerichtstag, wo die ewigen Belohnungen und Strafen verhängt werden, glauben, dürfen geduldet werden. Wenn sie vor der Eröffnung der Feindseligkeiten sich freiwillig unterwerfen, so sollen sie bloss eine massige Kopfsteuer (1 Dinar = 72 Gran Gold =3 Thaler) zahlen und ihre Güter behalten. Es kann in ihrem Unterwerfungsvertrage aber auch bestimmt werden, dass sie den Genuss ihrer Güter nur gegen eine Grundsteuer behalten sollen. Bekehren sie sich später, so fällt Kopf- und Grundsteuer weg. Bei Kriegen gegen abtrünnige und aufrülirische Glaubensgenossen wird Eigenthum, sowie Freiheit der Weiber und Kinder geachtet, weil sie dem Islam angehören, obwohl für diese ärgsten aller Verbrecher besonders wenn sie zum zweiten Male abfallen, keine Gnade bei Gott, noch bei den Menschen ist. Zum heiligen Zwecke der Ausbereitung des Islam und seiner Herrschaft über die Welt ist dein Kriegsfürsten Alles gestattet, was zum Siege führt und seine Erfolge sichert. Er darf und muss nicht nur, wenn der Feind angreift, alle Gläubigen zur Vertheidigung aufrufen (sie müssen auch ohne diesen Ruf zum Schutz der Grenzen herbeieilen), sondern kann auch diejenigen, die sonst — weil sie verschuldet sind und keine Sicherheit bieten können —nicht ohne besondere Genehmigung in den Krieg ziehen dürfen, heranziehen. Ja, um das Heer zur doppelten Stärke des Feindes zu bringen, kann er ungläubige Schutzgenossen und ungläubige Hülfstruppen sich zugesellen. Im Kriege ist er nicht ganz unbedingt au die Gesetze (des Kriegsgebrauch) gebuuden, sondern im Falle der Noth sogar in den vier heiligen Monaten, wonach den Vorschriften des Propheten das Schwert ruhen soll, gegen diejenigen, welche sie nicht heilig halten wollen, zu kämpfen befugt. Wo Gründe der Noth nicht obwalten, soll er, wie seine, ihm zu blindem Gehorsam verpflichteten Krieger und Untergebenen sich aller unnützen Grausamkeit enthalten namentlich nur im Falle der äussersten Notli Brunnen und Trinkwasser vergiften, Städte und Schlösser zerstören, Bäume, besonders fruchtbare, ausrotten, Dämme durchstechen und'Feindesland unter Wasser setzen. Er soll Weiber, Kinder, Altersschwache, Blödsinnige, Zwitter nicht umbringen, den Gefangenen nicht Nase und Ohren abschneiden, keinen davon ohne Genehmigung des Fürsten tödten, am wenigsten verhungern lassen. Auch dem Lastthiere soll man 9 keine unnöthigen Qualen bereiten, namentlich ihnen nicht die Sprunggelenke durchhauen. Das Freigeleit,- welches ein Gläubiger einem Feinde zugesagt hat, inuss unter allen Umständen gehalten werden. Ein Fürst soll niemals mit den Ungläubigen ewigen Frieden, noch weniger Freundschaft und Bündniss sehliessen, aber das einmal gegebene Versprechen mass er selbst den Götzendienern halten, auch ist sein Nachfolger daran gebunden. Ist die Zeit des Friedens, der immer nur höchstens auf 10 Jahre geschlossen werden soll, verstrichen, oder verletzt der Feind vor der Zeit die Friedensbedingungen, lästert er Gott, oder den Propheten, so ist das Versprechen gelöst; auch gegen die,- welche sich vorbereiten den Frieden zu brechen, darf man losschlagen. Der Ungläubige soll zu jeder Zeit das Land und Gebiet der Moslem meiden, es sei denn, dass ihm Freiheit und Schutz, den ihm jeder Moslem auf 4 Monate gewähren kann, zum Ueberschreiten der Grenzen ertheilt ist. Ist er im Vertrauen auf den Schutz eines Unmündigen oder Blödsinnigen hineingekommen, so soll er an einen Ort gebracht werden, wo er frei ist. Wird er jedoch nachher wieder gefangen, so darf man ihn tödten, oder zu der allgemeinen Beute abliefern. Ein Weib und was ein Götzendiener verliert, gehört dem Erstergreifenden. Ist einem Götzendiener die Erlauburss zum Aulenthalte ertheilt, um den wahren Glauben kennen zu lernen, so ändert sich seine Stellung. Er und die Seinigen sind frei, er kann über seine Güter verfügen. Stirbt er ohne Erben, so fällt sein Nacli- lass dem Fürsten zu, ebenso wenn er das Land ver- hisst, ohne einen Moslem zum Erben eingesetzt zu 10 haben, denn er ist dann wieder rechtlos, wie seine ausländischen Erben. Der 1'irrst kann ganzen Dörfern und Städten Schutz und Freiheit, ganzen Völkern die Befugnis» zum Handel im ganzen Lande — ausser dem Bezirk von Mecca — gegen bestimmte Abgabe (nach dem Koran 3°/ 0 , später 10°/ 0 ) geben, indem er die Reisenden in seinen hohen Schutz nimmt und mit Pässen (Ferman) versieht. Zu den Schützlingen gehören auch die fremden Gesandten und Consulen. Sie dürfen unter keinen Umständen getödtet, können aber als Geiseln festgehalten werden, wenn Krieg ausbricht und als Kriegsgefangene, wenn der Sou verain, der sie schickte stirbt. Wie nun mit den Ungläubigen aller Friede und jede Freundschaft verboten ist, so unter den Gläubigen aller Krieg. Sie sollen ihren Zwist vor dem heiligen Richterstuhl des Nachfolgers des Propheten als Stellvertreter Gottes bringen und das Schwert nur ziehen, um dessen Urtheil gegen Widerspänstige zu vollstrecken. Diesem gegenüber stand das Christenthum, aus widersprechenden Secten grossgezogen. Sein Stifter selbst setzt die Liebe an die Spitze seiner Lehre. Sie soll die Menschen veredeln, durch Belehrung, nicht durch äusseren Zwang, allen Völkern zu Gute kommen und sich mit jeder Staatsform vertragen. Diesem entsprechsnd hat sich auch die christliche Kirche in den ersten Jahrhunderten bewährt- Was haben aber die sogenannten Theologen später daraus gemacht! sie haben zuletzt sogar den Islam als Mittel für ihre Herrschsucht benutzen gelernt, und in Manchem überboten. Lactantius, der christliche Cicero genannt (f 330) sagt noch: Gottesverehrung kann man nicht er" 11 zwingen; mit Worten, nicht mit Schlägen muss man wirken, damit freier Wille zur IJeberzeugung führe 1 ); aber schon den Kaiser Theodosius (-j* 395) brachten fanatische Bischöfe dahin, dass er, weil Ketzerei Empörung gegen den Himmel und ihre Duldung eine der schwersten Sünden sei, eine Menge Lehren, Zusammenkünfte, Gebräuche etc. in seinen Erlassen mit Schimpfreden bezeichnete, durch Verbannung, Güterconfiscation, Verlust von bürgerlichen Rechten, (Testamentsunfähigkeit) bestrafte und Bischöfe zu Glaubensrichter bestellte. Beispielsweise fielen sogar die Ilydroparasteu (Wasserliebhaber), weil sie bei dem Abendmale, statt des', mit Wasser gemischten Weines, nur Wasser allein gemessen wollten, unter die Bestraften. Noch war kein Blut geflossen. Diese Schandthat wurde von Spanien aus ins Werk gesetzt. Priscillian, ein gelehrter Mann von vornehmer Geburt und strenger Lebensweise, Führer der Gnostiker (d. h. Denker und Forscher) wurde mit mehreren Genossen, worunter 2 Bischöfe, 380 fUif einem Concil zu Saragossa der Ketzerei angeklagt,, und weil sie nicht erschienen, mit dem Kirchenbann belegt. Er reiste nach Rom sich vor dein Papste zu vertheidigen, wurde aber nicht angenommen, wohl aber fänden seine zwei Gegner, die Bischöfe Ithaeius und Jdacius zu Trier, wohin sie, dem Kaiser zu begegnen, gereist waren, Gehör, Priscillian und Anhang wurden zum Tode verur- theilt und hingerichtet. So das erste Ketzergericht. Noch erregte es allgemeinen Abscheu; selbst der b. Martin und Am- x ) Inst. div. c. 19. Religio cogi non polest, verbis potius quam verberibus res agenda est, ut sit volimtas. Vorgl. Augustin epp. II 9 ecclesia non sitit sanguinem, (Jone. Toletan IV Can. 56. von 633 in Gau I). 45. 12 brosius sprachen sich darüber missbilligend aus. Ithacius und Idacius wurden ihrer Würden entsetzt und verbannt und noch (401) wagte ein Vigilantius seine Feder zu erheben gegen Wunderthaten, Reli- (juienkram, Märtyrer-Verehrung, Mönchsleben etc. Indessen es war ein Präcedenzfall, dem Fanatismus wichtig, und man weiss nicht welche Folge er gehabt haben würde, wenn die Völkerwanderung nicht einstweilen Einhalt geboten und besseren Ansichten Raum geschafft hätte. Theodorich der Grosse, König der Ostgothen, wird in Folge ihrer Lenker der abendländischen Geschicke 489—526. Er verkündet in seinen Erlassen : Gottesverehrung können wir nicht befehlen, weil keiner wider seinen Willen zum Glauben gezwungen werden kann und Theodat, sein Nachfolger im Reiche (f 536), folgert noch bestimmter: Da die Gottheit verschiedene Arten von Gottesverehrungen duldet, so können wir nicht wagen, nur eine einzige vorzuschreiben. 1 ) Indess auch solche Regenten konnten den allgemeinen Verfall nicht abwenden, wo die Schulen aufgehoben, die letzten Spuren antiker Bildung und das natürliche Rechtsgefühl vernichtet, die Menschen von Aberglauben und Formelkram beherrscht und den Launen unwissender und selbst boshafter Führer und Fürsten preisgegeben wurden. 2 ) Die Zeit war gekommen, wo der Samen reifte, den Kaiser Con- stantin, der sogenannte Grosse. Bischof Martin von Tours und andere Heiligebei ihrem wüthenden Zer- x ) »Religionen! imperare non possumus, tjuia nemo co- gitnr ut creclat invitus«. „Cum divinitas patiatur niultas religiones esse, nos unam non audbmus imponere. Bei Cas- sidorus (f ,575) variarum libri II. 27 X 26. 2 ) lieber die Einflüsse der fränkischen Eroberungen auf Rechtsverhältnisse, Geschichte, Sprache. Künste. S. Fahne's Dynasten v. Bocholz. Bd. I, Abth. I. S. 262 u. f' 13 stören der antiken Künste und Wissenschaften besäet hatten, wo herrschsüchtige Bischöfe, ränkevolle, gewaltthätige Mönche an der Spitze aufgeregter unwissender Volkshaufen das Land durchzogen für Erreichung ihrer hierarchischen Zwecke zu allem fähig, wo der unwissende, Verbrechen häufende Erankenkönig Clodwig zur Vernichtung der ketzerischen (Arianer) Gothen und selbst Kaiser Karl der Grosse zu gleichem Zwecke gegen die Sachsen aufgehetzt werden konnte. Es war die Zeit, wo die Territorialherrschaft sich der Hierarchie bis zum Pantolfelkuss beugen sollte., die Zeit des Aufkommens der Päpste. Sie, die in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts nur als schlichte Bischöfe') von Rom dagestanden hatten, und erst im Jahre 381 auf dem Concil zu Constantinope-1 als Patriarchen 2 ) und zwar unr als die vierten, auf dem Concil zu Calcedon als die zweiten im Rang anerkannt worden waren, hatten die Stütze ihres Ansehen zuvörderst in dem glänzenden Wohlstande der römischen Kirche gefunden, *) Man muss sich unter einem Bischof damaliger Zeit nicht Kirchenfürsten mit Hofhalt und liunderten von helfenden Priestern, Diakonen und anderen Dienern, vorstellen , was sie in Folge der späteren Ausbildung und des steigenden Reichthums und damit verbundenen Luxus geworden sind, sondern einfach Priester, die mit einigen Gehülfen (im 3,'Jahrh erst Diaconen Eusebius H. E.) in einem gewissen Sprengel die kirchlichen Functionen wahrnahmen. Der spätere Erzbischof von Cöln z. B. war zur Römerzeit bis zum Untergang des Reichs (451, der einzige Priester in dem grossen Bezirke des dux germaniae secundae also des ganzen Erzstifts Cöln und seiner Suffra- gane, etwa das was ein jetziger Feldpropst ist. Als sein Sprengel mehr Seelen bekam,' als er versorgen konnte, halfen ihm Archidiacone, deren Bezirke jetzt noch in den Archidiaconaten, Bonn, Dortmund, Xanten kenntlich sind. 2 ) Durch die neue Form, welche der erste christlish# 14 ein Vermächtniss kaiserlichen Wohlwollens, dessen Ergiebigkeit sogar schon 367 den Neid der ersten Staatsbeamten erweckt hatte; 1 ) dazu gesellte sich die Anerkennung und Hülfe, welche ihnen von ein- llussreichen Persönlichkeiten, namentlich Mönchen, z. H. Hierouimus 378, zu Theil geworden war. Persönliche Ueberlegenheit, besondere Verdienste, Klugheit, Gelehrsamkeit, wodurch verschiedene aus ihrer Reihe glänzten [Damasus 1 366—884, dessen Leben jedoch nicht fleckenlos war 2 ), Leo 440 — 461 durch Kaiser Constantin 332 dem römischen Kaiserreiche gab, wurde es in 4 Priifecturen getheilt und in jeder Präfectur ein Würdenträger unter dem Titel Patriarch an die Spitze der Geistlichkeit gestellt Der Patriarch von Constautiuo- pel erhielt unter ihnen den ersten Rang. Dem Kaiser blieb die höchste Gewalt in Kirchensachen. Euseb. vit C. L. IV. C. 24. 1 ) Ammian Marcel. XXVII. C. 3.) 2 ) Ammian schreibt: „Damals (367) stritten sich Damasus und Ursin um den römischen Bischofssitz, es kam zu den heftigsten Gefechten. Der Anhang von beiden scheute nicht Wunden, nicht Mord; der Schrecken beherrschte die ganze Stadt. An einem Tage wurden in der christlichen Sicinius Kirche 137 Erschlagene vorgefunden. Damasus wurde Sieger. Wenn ich mir den Prunk und das Wohlleben in Rom denke, so gestehe ich gern, dass, wenn man einmal den Trieb in sich fühlt, Bischof zu werden, es schon der Mühe werth ist, im Kampfe für das Ziel seine volle Kraft daran zu setzen. Denn wer siegt, ist auf einmal aller Sorgen für sein ganzes Leben überhoben, bereichert sich mit den Geschenken und Vermächtnissen alter Mütterchen, erscheint vor dem Volke nicht anders als auf einem Prunkwagen in einem Gewände, das aller Augen auf sieh zieht und kann Gastmahle geben wie kein König. Diese-Menschen könnten fürwahr glücklicher sein, wenn sie einige jProvinzialbischöfe zu Muster nähmen, die sich durch sparsamen Genuss massiger Kost, durch schlichten Rock, und wahrhafte Domuth als tugendhafte und bescheidene Leute empfehlen. So weit Ammian. Was würde er gesagt haben, wenn ihm die spätere Heiligsprechung jenes Damasus bekannt geworden wäre. Andere Klagen über den über- Kaiser Valentin unterstützt, Gregor 1.590—604], und die dadurch bedingten häufigen Berufungen zu Schiedssprüchen in weltlichen und kirchlichen Sachen thateu das Weitere. Auch halfen die Kennt- niss und Benutzung der Schwächen der Fürsten und Völker, namentlich die Einmischung in die Ehe- und Familienverhältnisse, die]Ausdehnung der Cognitions- Befugniss und sogar falsche Urkunden (Isidors De- cretalen , Diplom Ludwigs des Frommen für Papst 'Paschalis, worin jener auf das kaiserliche Bestätigungsrecht bei der Papstwahl verzichtet haben sollte) mussten mitwirken. Was aber am meisten wirkte, waren die Bekehrungen ganzer Völker: Burgunder, Vandalen, Irländer, Franken, Friesen und insbesondere der Deutschen (718—755, durch Bonifacius) denn jede gewonnene Faust eine gewonnene neue Waffe und eine neue Einnahmequelle; es fehlte nichts als ein höherer und stets bereiter Feldherr für die neuen Massen und er fand sich. Durch die freundschaftliehen Beziehungen zwischen Papst Zacharias 1 ), resp. dessen Nachfolgers Stephan und Pipin, dem ersten Reichsbeamten des Frankenreichs, wurde Letzterer von den Erstereu, unter Absetzung des rechtmässigen Regenten Childerich, zum König gemacht, während dieser zum Dank die Päpste mit dem, von den griechischen Kaisern eroberten Exarohat (d. h. mit der bis dahin denselben noch zustehenden Provinz Ravenna in Italien) beschenkte (754 755); für die Päpste ein doppelter Gewinn. Bisdahin musste jede Papstwahl dem Exarchen zu Ravenna bekannt triebonen Luxus der damaligen Bischöfe findet man beim h. Chrysostomns, bei Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz. Als obiger Damasus den Präsidenten von Köln zum Christentimm zu überreden versuchte, sagte der letzte, macht mich zum Bischof von Rom und ich werde sofort Christ, Iß gemacht und durch diesen die Bestätigung vom Kaiser zu Constantinopel eingeholt und ertheilt werden. Durch den Besitz des Exarchats wurden die Päpste Fürsten und wussten in kurzer Zeit es dahin zu bringen, dass das Bestätigungsrecht des Kaisers vergessen wurde. Ausserdem wurde es für Pipin Pflicht, dem Papste seinen Beistand zu leihen und diese wurde für seinen Sohn Carl den Grossen dadurch noch bindender, dass Papst Leo III ihn 800 zu Rom 'in der Petrikirche zum römischen Kaiser salbte und krönte, ein Ereigniss, welches dreiste Theologen, die aus dem vieldeutigen Buche das Unglaublichste herauszulesen wissen, für die Erfüllungen der Weissagungen Daniels 2, 31 — 45, 7. 3. u.s. Ezechiels 17, 3 von der vierten Monarchie und der Herrschaft über die ganze Welt ausgaben. Prac- tisch wichtig für das Papstthum entwickelt sieh daraus der juristische Begriff des Advocafus ecclesiae, d. h. dass der Kaiser der erste Beschützer, tliat- säclilich Diener der Kirche sei, der sie nicht allein gegen alle ihre Feinde mit aller Macht schützen und vertheidigen, sondern auch alle und jedes ihrer Urtheile ohne Widerrede und Cognition bei Strafe des Kirchenbanns und des Verlustes seiner Krone vollstrecken, namentlich die Ketzer und sonstige Widersacher verbrennen, köpfen, viertheilen etc., miisste, (der blosse Henker), damit die Kirche acht iesuitisch sagen könnte: ecclesia non sitit sanguinem. Auf diesem Standpunkt angelangt konnte das, was Mohämed der Welt gezeigt hatte, zur Nachahmung schon näher in Betracht gezogen werden. Seine Lehre hatte binnen 33 Jahren von den Säulen des Herkules bis zum Indus, von den Wüsten Afrika's bis zu den Steppen der Tartaren Verbreitung gefunden und durch die Begeisterung des ihr zugethanen Volkes sich thalkräftig und unwider- 17 stehlich bewiesen. Es galt nun auch, die abendländischen Christen ebenso, wenn nicht noch mehr, zu fanatisiren und opferwillig zu machen, damit die ganze Welt dem Christenthum, in der Eorm wie es von den Päpsten anerkannt werde, gehorche. Umsonst bekämpften noch Claudius, Bischof von Turin 814 und Hincmar, Erzbischof von Rheims 860 — 63 den Uebermuth der Päpste und die übermässige Ehrfurcht vor ihnen. Rom siegte und seine Loosung blieb; wer als Christ nicht mit uns geht, ist Ketzer und Ketzer und Heiden müssen vertilgt werden. Papst Nicolaus 1. durfte schon 863 auf dem Concil zu Rom festsetzen ; Dass jeder, der die vom päpstlichen Stuhle ausgehenden Verordnungen nicht pünktlich befolge, gebannt sei, 1 ) durfte in Briefen den kirchlichen Gesetzen vor den weltlichen den Vorzug einräumen und schliesslich darin erklären: dass die Unterthanen denjenigen Königen keinen Gehorsam schuldig seien, die nicht nach dem Willen Gottes (d. h. des Papstes) handelten. Wazon, Bischof von Lüttich (j-1048) war der letzte, der sich gegen den eingerissenen Gebrauch, Ketzer am Leben zu strafen, erhob. Vergebens! Papst Lucius III. konnte 1181 verfügen : „Dass alle Grossen, Barone, Gemeindevorsteher, welche die, ihnen von den Bischöfen angezeigten Ketzer etc. zu bestrafen unterlassen würden, ihres Amtes und ihrer Würden verlustig und in Bann und Strafe verfallen sein sollten" 2 ) und — was hierdurch stillschweigend angedeutet schien, das verkündigte Innocenz III. allen öffentlich, indem er schrieb; Gott hinterliess dem Petrus nicht bloss das Regiment der ganzen Kirche, *) Concil. Rom. a 863. Gratiani decret. Caus XXY, Qu. 2. e. 18. *) Cap. 9 X de liaeret. (Y. 7). Fahne, Forschungen IV, 2 18 sondern der ganzen Welt 1 ) und an anderer Stelle: der Papst vertritt nicht den Menschensohn, sondern den wahren Gott auf Erden. So wurde der Glaube der abendländischen Kirche mit dem Islam in einer Hauptsache auf gleiche Stufe gebracht: Iman, Mufti, Chalif, Sultan für die einen, Papst, Patriarch, Bischof für die andern die Stellvertreter Gottes auf Erden, ihr Ausspruch unantastbar, zu dessen Vollstreckung gegen die Widerspenstigen das Schwert ziehen Pflicht und lohnend, denn es bringt sofort und sicher den Himmel mit seiner ewigen Glorie. Dabei wurden ebenfalls jene Bibelworte: verflucht wer des Herrn Werke lässig thut, verflucht wer des Herrn Schwert aufhält; dass es nicht Blut vergiesst benutzt und durch das «cogite intrare» bei Lucas verstärkt. Schon Papst Leo IV. 847—855 konnte allen im Kampfe für den Glauben Gefallenen den sofortigen Eingang in das Himmelreich versprechen. 1 ) Auch die christlichen Massen wussten es nun, dass es das allergottgefälligste Werk sei, andersdenkende Völker zu knechten und zu vertilgen, damit nur ein einzig, allein seligmachendes Reich Gottes bestehe. Mit dieser Unterlage konnte man die Lehre der Liebe, welche Jesus gepredigt hatte, in Lehren des fanatischen Hasses verwandeln, mit ihr konnte man das Kreuz, das Zeichen der Aufopferung !) lib. II ep. 209 ad Patriarch. Const. Innocenz war der erste Papst, der sich auf Petrus stützte. 2 ) Can. 9 C. Causa XXIII. cpi. 8. Omni timore ac terrore deposito contra inimicos sanctac lidei et adversa- rios omnium rebgionum agere viriliter studete. Novit enim omnipotens si quilibet vestrum morietur, quod pro veri- tate fidei et salvatione patriae ac defensione christianorum mortuus est et ideo ab eo praemium coeleste consequetur. 19 und Versöhnung, als Feldzeichen zu Brudermord, Rauh und Brand gebrauchen, freilich immer unter dem Vorgeben, eine wahre Gottesverehrung zu fördern, in der That aber um eine alles verschlingende Hierarchie zu schaffen mit einer Moral, welche der Mohamedauischen beziehungsweise sogar nachstand. 1 ) Dieungebändigsten Naturen, die grössten Verbrecher wurden ganz besonders in dem Kampfe verwerthet, die Theilnahme daran sühnt ja alle Unthaten und selbst der Verruchteste, wenn er darin fällt, fährt direct in den Ort der ewigen Seligkeit und der Befriedigung aller Lüste. Und so konnte denn Papst Urban II. auf dem Concil zu Clermont im November 1095 den ersten Kreuzzug gegen die Moliamcdaner mit Erfolg durch die Worte einleiten: Hier muss jeder Muth und Tapferkeit beweisen, denn es gilt Vergebung der Sünden und die Krone der Märtyrer zu erwerben. Keiner fürchte Gefahr, denn wer für den Herrn streitet, dein sind die Kräfte des Feindes unterthan Keiner fürchte Mangel und Noth, denn wer den Herrn gewinnt, ist überall reich. Keiner lasse sich durch Klagen der Zurückbleibenden abhalten, denn die Gnade des Herrn wird auch diese schützen. Der erste Kreuzzug vollzog sich 1096—99; er kostete weit über zweimal soviel Menschen, als der Zug Napoleons nach Russland. In Heereshaufen von Hunderttausenden bewegte man sich auf verschiedenen Wegen zum Ziel, jeder bezeichnete den 0 Gewährt doch, beispielsweise Mohameds Lehre den Juden und Christen ihr Eigenthuni und Schutz für ihren Glauben, wenn sie sich nur unterwerfen, während das päpstliche Recht den Juden und Mohamedanern nur dann das Eigenthum lässt, wenn sie sich bekehren. Cap, 5. X de Judeis et saracenis. (V. 6.) si cpü adfidem se converterint a possessionibus nullatenus excludantur. 2 20 seinigen durcli allerart Greuelthaten an Freud und Feind und bewies die scheusslichste Moral. Bei der Einnahme Jerusalems 15 Juli. 1099 wurden 10,000 Saracenen in ihrem Tempel und die Juden in ihrer Synagoge verbrannt, jedes Haus geplündert, kein Weib, kein Kind, kein Greis wurde verschont, sie wurden mit wilder Grausamkeit erst gemartert, dann getödtet, ja mehrere im langsamen Feuer verbrannt. Anderen schnitt man den Bauch auf, theils um zu untersuchen, ob sie Geld verschluckt hätten, theils um ihre Galle zu erhalten, welcher man damals besondere Heilkräfte zuschrieb (fei eoruin usui me- dicinali servaverunt schreibt der Berichterstatter). Die Kinder riss man von den Brüsten der Mütter und schleuderte sie gegen die Wände. So kamen am ersten Tage 70,000 Saracenen und Juden um. Am folgenden Tag wurde das Morden fortgesetzt, damit Niemand übrig blieb. Das geschah alles unter den Augen des Legaten des Papstes. Wie anders war das Benehmen des Califen Omar, des ersten Nachfolgers Mohameds gegen Jerusalem gewesen, als es sich ihm 637 hatte ergeben müssen: er ritt an der Seite des christlichen Patriarchen So- phronius in die Stadt hinein und liess sich von ihm ihre Alterthiimer erklären. Als Früchte dieses Kreuzzuges, wiewohl von sehr zweifelhaftem Werthe, sind die Gründung des Königreichs Jerusalem, der Fürstenthümer zu Antiochien, Edessa, Tiberias und Tripolis, sowie der beiden Ritterorden, der Johanniter 1099 und Templer 1118, letztere als stehende, päpstliche Krieger, hervorzuheben. Zu den beiden letzteren gesellte sich während des dritten Kreuzzug noch die Stiftung des deutschen Ordens, von dem später die Rede sein wird. Der zweite Kreuzzug fand 1147 statt. Der heil, 21 Bernhard, Abt von Clairvaux, forderte im Namen des Papstes Eugen III. dazu auf und verhiess allen Theilnehmern Vergebung der Sünden und den Sieg. Er führte in einem Briefe an die Deutschen (Cap. 363) dabei aus: „Gott verlangt nicht eure Hülfe, weil seine Macht geringer geworden ist, sondern er schafft nur, weil er euch retten will eine Gelegenheit, wo ihr ihm dienen könnt. Er veranlasst den Schein, als mangele ihm etwas, während er nur eurem Elende zu Hülfe kommt; er will, als euer Schuldner dastehen , während er euch, als seine Krieger, überreiche Belohnung, Vergebung der Sünden und ewigen Ruhm verleiht. Glückliches Geschlecht, dem solche Gnade geboten wird. 1 ' Als König Konrad, seiner Regenten - Pflichten gegen Deutschland eingedenk, sich zur Annahme des Kreuzes wenig geneigt zeigte, drohte er ihm 1146 auf dem Reichstage zu Speier von der Kanzel aus, ganz im Sinne Mohameds , er werde am jüngsten Tage nicht nachzuweisen im Stande sein, dass er seine Pflichten erfüllt habe. Diese Redewendung, ebenso wie obiger Brief, ganz der geistigen Knechtschaft entsprechend, in welche die Kirche die Völker geführt hatte, erschütterten den König so sehr, dass er den Redner mit den Worten unterbrach; ich erkenne die Gnade Gottes und werde dankbar seinen Willen erfüllen. Zwei mächtige Heere traten den Zug an, ein deutsches und ein französisches. Aber die Verheis- sung Bernhards ging nichtin Erfüllung. Das deutsche Heer von mehr als 70,000 Mann wurde bis auf 7000 durch Pest und die Feinde vernichtet. Das französische, gegen 100,000 Mann (60,000 Geharnischte) wurde zum grossen Theile am Flusse Mäander (1148) erschlagen oder gefangen. Ein anderer Theil wurde bei Attalea durch griechische 22 Misshandlungen uncl Bedrückungen einem langsame^ schmerzhaften Untergange durch Hunger und Krankheit preisgegeben, dem nur wenige durch Mitleiden von Türken entgingen. Nur ein dritter, sehr unbedeutender Theil gelangte mit dem Könige Ludwig nach Jerusalem, wo sich auch König Konrad und dessen geringes Häutlein einfand und beide muth- und erfolglos die Rückreise antraten. Das ganze Abendland war durch den grossen Verlust in Trauer versetzt. Man tadelte allgemein die Heerführer, aber vor allein die Kirche. Bernhard wurde ein falscher Prophet, ein Betrüger genannt, der die Christenheit ins Verderben geführt habe. £r antwortete zur Abwehr, indem er den Papst vorschob: „er habe nur den Weisungen des päpstlichen Stuhls gehorsamt, sich aber nie ange- masst Gottes Rathschläge zu bestimmen" (de 0011- sideratione sui II. 1). Und beiden, ihm und Papst, half Abt Johannes von Casa-Maria aus der Klemme. Dieser Hess bekannt machen : Die Schutzheiligen seines Klosters, Johannes und Paulus, seien erschienen und hätten geoll'enbart: Gott habe den Untergang des christlichen Heeres zugelassen, damit die Schaar der vormals gefallenen Engeln im Paradiese durch die Seelen der jetzt ums Leben gekommeneu christlichen Krieger ersetzt würden (Epist Bernh. ep. 386 edit. Mabillon.) Es wurde auf diese Weise, geschickt für jene Zeit, der nach und nach gross gezogene Glauben an einen unmittelbaren Verkehr besonders begnadigter Mensehen mit Christus und seinen Heiligen und deren zeitweisen Einkehr bei ihnen, benutzt, um zugleich den Weg für einen neuen, dritten Ivreuz- zug zu ebenen. Es gelang und es ist nicht bei diesem ersten Versuche, durch Wunder zu wirken, geblieben; Fanatikern dient Alles, was ihren Zweck unter- 23 stützt, wie sich unten zeigen wird. Schaffen doch jetzt noch die Dunkelmänner Frankreichs (der Grosspöbel) mit einer unerhörten Schamlosigkeit Wundererscheinungen, um sich durch Bewegungen, der leider so wenig gebildeten Masse des französischen Volkes den Schein einer nummerischen Stärke zu geben! Für den dritten Kreuzzug, 1190, führten Kaiser Friedrich I. und die Könige Philipp Ludwig von Frankreich und Richard Löwenherz von England, jeder für sich, ihre Kämpfer nach Asien; derErstere zu Lande mehr als 100,000 Mann, von denen in Ka- lipolis beim Ueberschiffen nach Asien (23—29 März 1190) noch 82,000 gezählt wurden, der zweite von Marseille auf einer Flotte, von der am 8. Juni 1191 25 Schiffe nach Akkon kamen, der Dritte, ebenfalls zu Schiff von Genua aus. Ausserdem erschienen unter der Fuhrung Godfrids von Lusignan 10,000 Mann, und unter dem Banner von Venedig, Pisa, Genua und anderer Orte erhebliche Mannschaften. Trotzdem war der Erfolg ein beschämender. Mit Schmerzen und empörtem Gemüth liest man von den Betrügereien, Treulosigkeiten, Martern, grausamen und massenhaften Ermordungen und sonstigen zahllosen Scliandthaten, welche zur Befriedigung der Herrschsucht, Habsucht und anderer Leidenschaften nicht allein gegen den F'eind, sondern gegen die eigenen Verbündeten verübt worden sind. Die Verthierung ging sogar bei Richard Löwenherz so weit, dass er auf Maria Himmelfahrtstag 1191 zu Akkon mehrere tausend gefangene Türken, welche bei der heldemnüthigen Vertheidigung dieser FTstung wie ein christlicher Augenzeuge schreibt: so bewun- drungswürdig in Hinsicht auf kriegerischen Mutli und jede andere Tugend sich zeigten, dass sie niemand auf Erden übertroffen hätte, wenn nur ihr 24 Glaube der rechte gewesen wäre" und welche deshalb in dem Uebergabe-Vertrage dem Sultan Saladin gegen Zahlung von 200,000 Byzantinern binnen 2 Monaten zur Auslöse gestellt worden waren, auf eine Wiese führen und sämmtlicli niederhauen liess, blos weilSaladin nicht pünktlich auf denTagdieLösesumme bezahlt, vielmehr unter Darbringung von reichen Geschenken nur um eine Verlängerung der Zahlfrist gebeten hatte. Bei dem ganzen Kreuzzuge, fiir den erweislich blos nach Akkon,6Erzbiscl)öfe, 12 Bischöfe, 40 Grafen, 500 Edelherrn, überhaupt 300,000 Mann gezogen waren, von denen nur ungefähr 6000 Mann die Heimath wieder sahen, ragen nur zwei Personen wahrhaft gross und edel hervor : Der Kaiser Friedrich und der genannte ägyptische Sultan Saladin. Dem Letzteren gestand dieses sogar ein christlicher Bischof, Hugo von Salisburv direct, zu , indem er ihm bei 'einem Gespräche die Eigenschaften des vollkommensten Fürsten auf Erden, natürlich seinen Unglauben abgerechnet, beilegte. Das Resultat des Zuges war die Unterwerfung von Akkon (Ptolomais) und Joppe und des Küstenlandes zwischen beiden. Jerusalem konnte nicht genommen werden. Doch gab Saladin den Pilgern freies Geleit dahin, beköstigte sie sogar daselbst unentgeldlicli und liess sich mit ihnen in Gespräche ein. Für einen vierten Kreuzzug ergriff Innocenz III. im Sinne der lateranischen Kircheuversammlung von 1215 das Wort, In seiner Bulle (Bullarium R. I 62) befiehlt er: ,,Damit die Werke Christi nicht versäumt werden 1 ', sollen alle Patriarchen, Bischöfe und Seelsorger für den Eintritt in das Kreuzheer predigen , diejenigen welche nicht persönlich mitgehen können, sollen mit anderen auf gemeinschaftliche Kosten, entweder eine Anzahl Krieger stellen und für deren dreijährige Beköstigung sorgen oder Schiffe 25 ausrüsten. .Allen, welche für (las Unternehmen mitzuwirken sich weigern, also sich Gott dem Herrn undankbar zeigen, soll man sagen, dass sie dem jüngsten Gericht und seinen schrecklichen Strafen nie entgehen werden. Die Erfüllung des Gelübdes soll man mit Escommunication und den schwersten Strafen erzwingen. Aehnlich und ganz speciell forderte er die Einwohner der verschiedenen Kirchenprovinzen auf, so am 5. Mai 1213 und 8. Januar 1216 diejenigen der Diöcese Trier, nachdem er am 27. April 1213 die Aebte von Villers und Romersdorf zu Specialexecutoren gestellt hatte. Beiden wurde zuletzt auch der berüchtigte Conrad von Marburg als Geldsammler hinzugefügt. Dieser vierte Kreuzzug wurde 1217 unter Führung des Königs Andreas von Ungarn ausgeführt und endigte mitder Eroberung von Damieta in Aegypten 1220, und der fünfte unter der Führung des mannhaften und edelgesinnten Kaisers Friedrich II. im März |1229 mit einem Frieden, worin der Sultan ihm Jerusalem, Bethlehem. Nazareth und alles Land bis zum Meere zwischen Sidon und Ramla abtrat und so das christliche Königreich Jerusalem gegründet wurde. Dieser glänzende Erfolg, der eine allgemeine Freude erregte, genügte keineswegs dem Papste und seinem Anhange, Die Gründe hierfür sind theilweisein einem Schreiben des Patriarchen Gerold von Jerusalem an den Papst ausgesprochen. Friedrich hatte den Kreuzzug bei seiner Krönung zu Aachen als einundzwanzigjähriger Jüngling dem Papste versprechen müssen, aber nicht nach dessen Willen zeitig genug angetreten und war deshalb von Gregor IX. 15 August 1227 mit dem Banne belegt worden. Er hatte ihn jetzt vollführt, ohne sich die päpstliche Lossprechung erwirkt zu haben, war als belasteter m Jerusalem eingeritten und beim Gottes- 26 dienst zugegen gewesen. Deshalb belegte Patriarch Gerold die Stadt und die heiligen Orte mit dein lu- terdiete. Der Kaiser liess nach dein Grunde dieses Verfahren fragen und erbot sich dem Patriarchen zur Genua'thuung;, wenn er ihn wider Willen belei- o <5 1 digfc haben sollte, erhielt aber keine Antwort. Es blieb ihm nur die ölfentliche Beschwerde an das Volk. Die Orte, sprach er mit Recht, welche durch Gottes Hülfe von der Herrschaft der Saracenen befreit worden sind, unterliegen nunmehr durch ungerechte Verbote der alten Gefangenschaft. Gerolds Schreiben dagegen, welches so unverholen die unlauteren Bestrebungen ausspricht, lautete: ,,Der angeblich höchst vortheilhafte Friede ist durchaus zu verwerfen: denn, erstens hat der Kaiser mich, den Patriarchen, keinesw egs wie es sich gebührt um Rath gefragt, sondern gesagt : ,„,er bedürfe über solche Angelegenheiten keines geistlichen Rathes""; zweitens erhalte ich, der Patriarch, durch diesen Frieden so wenig, dass dei Christenheit sich dessen schämen sollte; drittens hat der Frieden keine Haltung, denn der Sultan begnügt sich mit des Kaisers Eide und der Kaiser mit des Sultans Eide, während die Zustimmung der übrigen türkischen Herrscher und vor allem meine Zustimmung fehlt, ohne welche die Christenheit nicht verpflichtet werden konnte; viertens widerspricht der Frieden dem Gelübde des Kaisers, denn er versprach ja keineswegs Frieden zu schliessen, sondern wenigstens zwei Jahre lang zu kriegen; fünftens, verräth der Friede Christus unsern Herrn an den Sultan, weil den Muhamedanern freier Gottesdienst im Tempel Salornons verstattet ist, anstatt dessen Uebergabe an mich, den Patriarchen auszubedingen." ,,l)a also der Sultan nicht auch den Frieden 27 mit mir geschlossen hat, und nach des Kaisers Abzüge nicht halten wird, da ich in der Friedens-Urkunde nicht einmal erwähnt bin und deren Inhalt nichts taugt, da der Kaiser überall trügerisch verfährt und mir und der Kirche die Schuld aller künftigen Unfälle zuschreiben wird: so habe ich, der Patriarch, den Gottesdienst verboten und allen Pilgern den Eintritt in Jerusalem untersagt, welcher ihnen hätte Gefahr bringen können und ohnedies, nach altern päpstlichen Befehlen, die ich nicht aufheben konnte, unerlaubt erschien. — Zwar hat mich der Kaiser nach Abschluss des Friedens einladen lassen, mit nach Jerusalem zu ziehen und geäussert, wie lieb ihm meine Ankunft sein würde, wie er alles Notlüge mit meinem Rathe ordnen wolle: allein ich habe mich weder dadurch, noch durch Aufforderungen anderer guten Freunde bereden lassen, sondern klüglich überlegt und erkannt, dass Friedrich nur das Netz seiner Falschheiten ausdehnen und mich und alle übrigen mit Lug und Trug umstricken wollte. Meines Sinnes waren auch die meisten und bloss die Deutschen haben dem Kaiser überall beigestanden, ihn geehrt, erhoben, bewundert und am Krönungstage den Gesang angestimmt, dadurch aber jedem andern — ihre Narrheit klärliehst bewiesen u. s. w. !*' Der Papst hob den Bann gegen den Kaisernicht auf, ja er, 'der ihm schon«beim Beginn des Zuges alle mögliche Hindernisse für dessen Erfolg gelegt, selbst die Kriegsschaaren, welche nach Jerusalem zu Hülfe kommen wollten, vom Einschiffen mit Gewalt zurückgehalten, dabei das aufrhürerische Benehmen des Patriarchen, der Templer, der Johanniter und Mönche von Jerusalem unterstützt, sogar den beiden Ritterorden den Gehorsam gegen den Kaiser verboten hatte, that jetzt das Möglichste, ihm in seinen 28 Reichslanden Verlegenheiten zu bereiten, sein Ansehen vor den Unterthauen und vor der ganzen Welt zu untergraben und zum Aufruhr zu bringen. Er gab insbesondere jenem Schreiben des Patriarchen Gerold die grösste Verbreitung und fügte aus eigenem Antriebe hinzu: „ungerecht und lähmend für die Anstrengungen des Abendlandes habe der Kaiser dem Sultan versprochen, Angriffe anderer christlichen Mächte entgegen zu treten, ungerecht habe er Antiochien und Tripolis nicht in den Frieden eingeschlossen, freventlich den Tempel Salomons in den Händen der Ungläubigen gelassen. Offener Krieg, sei einem Frieden vorzuziehen, in welchem Göttliches und Teuflisches untereinander gemischt sei. Frieden sei überhaupt nicht vorhanden, da der Kaiser Geistliche, Mönche und Ritter nicht selten grausamer behandelte als Saracenen. Auch sei der zweite Hauptfeind, Sultan David von Damaskus nicht, znm Beitritt vermögt, stattdessen habe der Kaiser vor abgelaufener Frist (er hatte nämlich gelobt 2 Jahre zu kämpfen) Asien verlassen, um seine Wallen gegen den päpstlichen Stuhl zu wenden " Mit diesen und ähnlichen Gründen forderte er von den deutschen Fürsten Abfall vom Kaiser, und von den Königen von Frankreich, Spanien, England Hülfe gegen ihn. Die oben erwähnten Reichslandsverlegenheiten zwangen Friedrich 1229 17. Mai eiligst nach Apu- lien zurückzukehren , nachdem er Jerusalem neu befestigt und seinen Marschall an die Spitze der Verwaltung des neuen Königreichs gestellt hatte. Zweifellos hatten die trefflichen Eigenschaften Friedrichs am meisten zu dem Zustandekommen des Königreichs mitgewirkt. Tapferkeit, edle Gesinnung, Gerechtigkeitsliebe, Sprachkenntniss (er sprach auch arabisch) neben einnehmender Gesichtsbildung hal ten ihm die Achtung der Saracenen erworben, ihr Sul- 29 tan war ihm im vollsten Vertrauen ergeben. Sieherlich würde ein solch guter Anfang' einen entsprechenden Erfolg gehabt haben, wenn nicht die maaslose Herrschsucht und Leidenschaftlichkeit der geistlichen Würdenträger, die Intriguen der verschiedenen Mönchsorden, die Streitigkeiten und selbst blutigen Kämpfe der Templer, Johanniter und Deutsch- Ordensritter unter sich und sogar gegen die kaiserlichen Bevollmächtigten die Kraft und die Würde untergraben hätten. Der Zug des Grafen Richard von Kornwall mit zahlreicher Männschaft konnte 1240 wenig bessern. Am 17. September 1244 wurde Jerusalem von den Cbowaresmier, einem unstäten, von den Mongolen verdrängten Volkshaufen eror- bert und ausgeplündert, was zu Sclaven brauchbar war, fortgeschleppt, und das Uebrige niedergehauen. Jetst erst einigte und ermannte man sich und selbst die Sultane von Damaskus und Emesa (so sehr hatte sich schon das achtungsvolle Andenken an den edelen Kaiser in das Herz der Mohamedaner eingegraben), stellten sich auf die Seite der Christen. Es kam am 18. October 1244 bei Gaza zur Schlacht; aber die angemasste christliche Ueberlegenheit bewährte sich nicht; IG,000 christliche und mohamedanische Krieger blieben todt; darunter 312 Templer, 325 Johanniter mit ihren Grossmeistern, der Erzbischof von Tyrus, der Bischof von Ramla und viele andere; nur 33 Templer, 26 Johanniter und 3 Deutsch - Ordensritter entkamen. Den christlichen Gefangenen, welche nach Aegypten gebracht wurden, warf der Sultan vor: sie hätten den Waffenstillstand treulos gebrochen, treulos gegen ihren Kaiser, gegen ihr Gelübde und gegen das Liebe gebietende Evangelium gefrevelt. Nur die Fürsprache ihres Herrn, des Kaisers, den er ehre und liebe, könne ihn für ihre Wünsche geneigt stimmen. 30 So büssten die herrschsüchtigen, dem Gesetze und der weltlichen Ordnung trotzenden Frevler ihre eigene Schuld. Die Sache Palästinas war indess verloren. Zwar versuchte 1248 König Ludwig von Frankreich noch einmal eine Fahrt nach Palastina (6. Kreuzzug) allein so erfolglos, dass die Päpste seitdem für diesen Zweck nicht mehr aufzufordern wagten, desto mehr aber den einmal geweckten, ihnen dienstbar gewordenen Fanatismus für andere, ihnen dauernd Reichthum und Herrschaft bringende Unternehmungen benutzten. Ihrem consequenten Streben nach Weltherrschaft stand zunächst das weltliche Regiment entgegen. Dieses, dem sie ihre eigene Existenz dankten, das sie gestützt und mächtig gemacht hatte, musste gebrochen und ihnen unterwürfig gemacht werden. Mit feiner Ueberleguug griff man nicht die Sache, sondern die Träger der Würde an, man behandelte sie verächtlich und suchte sie durch beschimpfende Aussprüche herabzusetzen. Papst Gregor IX. scheute sich nicht 1239 in einem Briefe den edeln Kaiser Friedrich II. eine Bestie zu nennen. Sein Nachfolger Innocenz IV. ging weiter, er wagte es auf dem unwürdigen Goncil zu Lyon 1245 unter erheuchelten Thränen, ihn, den er einen Meineidigen, Friedensbrecher, Kirchenräuber Ileiligthumscliänder, Betrüger, Ketzer, kurz einen gottverworfenen Mensehen nannte, aus eigener Machtvollkommenheit, ohne weitere Untersuchung und Yertheidigung, aller Würden und Ehren zu entsetzen, dabei allen und jedem zu verbieten, ihm zu gehorsamen und jedem, der es doch thue, mit dem Kirchenbann zu belegen. Aelinliches kam zwischen Bonifazius VUL und Philipp IV. von Frankreich vor, aber Philipp unter- 31 stützt von seinen Ständen , liess sich nichts bieten: Wisse maxiina tua fatuitas, (Erzpinsel!) dass wir in weltlichen Dingen Niemanden unterworfen sind, schrieb er dem Papste zurück, als er in geistlichen und weltlichen Sachen Unterwerfung von ihm verlangt hatte. Mit anderen Königen gelang es bald besser, bald schlechter, so mit Erich von Dänemark, der Erbarmen! Erbarmen! flehte, als man mit Bann drohte; dagegen brachte dem Papst Alexander IV. der Ivreuzzug, den er 1255 gegen Manfred, König von Sicilien veranlasst hatte, statt Erfolge: Spott. Mit nicht gekrönten Häuptern verfuhr man kürzer. Gegen einzelne Landstriche wurde, weil ein Theil ihrer sonst unschuldigen Bewohner mit römischen Ansichten über ein und andere Punkte in Meinungsverschiedenheiten gerathen waren (Albigen ser 1209—1229. Wajdenser 1194—1211. Stedinger 1197 — 1234) das Kreuz gepredigt und mit aller Grausamkeit verfahren. So liess der päpstliche Legat Arnold, Abt von Citeaux, 1209 zu Beziers im südlichen Frankreich alle Einwohner ohne Unterschied des Glaubens (60,000 Menschen) niederhauen. Aehnlich wurde in vielen andern Orten der sonst so glücklichen Provence verfahren, alles zu dem Zwecke, dass auch nicht der letzte der Albi- genser entkomme. Das eroberte Land schenkte die Kirche dem grausamen Vollstrecker ihrer Befehle, dem Grafen von Monfort. Die Stedinger, arme Leute im Stift Bremen, welche sich wegen zu grossen Druckes aufgelehnt hatten, wurden zu Tausenden massenweise ermordet. Vornehmlich richtete man die Kreuzzüge gegen die Völker im Norden; zuerst 1147 Papst Eugen IV. gegen die Wenden im Mecklenburgischen, 11. September 1171 Papst Alexander 111, 3. October 1199, 32 Innocenz III gegen die Livläuder und 1217 Hono- rius III. gegen die Preussen. Alexander III. richtet sein Wort an die Dänen, Schweden und Norweger und befiehlt ihnen : „zum Heile ihrer Seele den Bischöfen und Priestern nicht allein den Zehnten und die sonstigen Gebühren zu zahlen, sondern auch deren Ermahnungen zu gehorchen, insbesondere gegen die Ungläubigen (Esthen) zu kämpfen, damit ihnen die Krone der Gerechtigkeit zu Theil werde, welche für solche Kämpfer aufbewahrt bleibe.'' Der Kampf.*) Der Handelsverkehr der Bremer mit dem von ihnen neuentdeckten Lande Livland und die Nachrichten über dessen Beschaffenheit waren selbstredend dem Bremer Erzbischof kein Geheimniss gehlieben und für ihn Veranlassung geworden, sei es aus frommem Sinne, sei es aus Begierde seine Macht zu "erweitern, einen Bremer Augustinermönch, Namens Meinhard, als Heidenbekehrer dorthin zu senden. Dieser machte die Ueberfahrt auf einem Bremer Handelsschiffe und nahm seinen Sitz nicht weit von dem Landungsplätze am Ausflusse der Düna in einer angenehmen, wasserreichen Gegend, die er deshalb Riga benannt haben soll! Die Mittel für sein Unterkommen und ein damit verbundenes Andachtslocal waren bald beschafft (spätere Schriftsteller behaupten kühn: es' sei für diesen Zweck ein Kloster und eine Marienkirche aulgebaut worden, man muss aber, wie sich unten *) Es sind dafür meistens die vom Orden selbst veranlassten, oder inspirirten Chroniken benutzt. Die Chronologie darin ist liiiufig verworren, sie zu regeln schwierig. Meine Arbeit dafür wird nicht ausreichen, allein sie war liier auch nicht das Ziel, sondern clor Nachweis der Verluste an Menschen und Vermögen. Fahne, Forschungen IV, g 84 ergeben wird, höchstens an ein Blockhaus denken) und aus diesem begann er seine Bekehrungsversuche zu leiten. Sie liessen sich anfänglich gut an, ein Zeichen, dass Meinhard ein Menschenkenner und kluger Mann war, was auch das Chronicon ordinis teutonici (bei Matthaei Analecta tom. V. 700) ausdrücklich hervorhebt: (hv) was seer wys, cloeck ende stout van inoede ende hy konden hem alsoe hehben, dat hem alle man Hell' had. Dieser Fortgang- und die mannigfachen Handelsartikel, welche das Land bot, zogen immer mehr Kaufleute und anderes Volk aus Bremen und den übrigen hanseatischen Orten dahin und so erweiterte sich Riga, neben der Feste Ykesola, jetzt Yxküll, welches die Landbewohner zu allererst den Bremern als Niederlassung und Stapelplatz eingeräumt hatten, zu einem bedeutenden Handelsplätze und aus Meinhard dem Mönche wurde Meinhard der erste Bischof, vom Bremer Erz- biscliof als solcher geweiht. Er leitete das Bekehrungswerk 23 Jahre und starb 1193. An seine Stelle setzte der Erzbischof einen Mönch aus Loccum, mit Namen Bertold, Dieser scheint die Bekehrung weniger gut verstanden zu haben, denn kaum 5 Jahre im Amte, erhoben sich, 1198, Liven und Letten gegen ihn. Es kommt am 24. Juli zu einer Schlacht, in welcher gegen 1100 Christen und über 600 Heiden fielen, unter jenen auch der Bischof, der mit seinem Pferde mitten in die Feinde gesprengt war. Die Sieger benutzen ihren Sieg nicht, um die Christen aus dem Lande zu vertreiben, sondern begnügen sich mit der, durch den Sieg gewonnenen Abwehr , ein Zeichen milder Gesinnung. Aber damit sind Papst und der nachfolgende dritte Rigaer Bischof Albert, früher Mönch (regulirter Chorherr) zu Bremen nicht zufrieden. Es wird die Thatsache, dass ein gesalbtes 35 Raupt, ein Bischof erschlagen ist, benutzt, die Ge- mütlier aufzuregen. Papst Innocenz III. befiehlt 1199, 5. Oct. Beistand gegen die siegreichen Liven und richtet namentlich an die Westphalen und Sachsen die Aufforderung zur Hülfe, denn: „die in Livland zum Christenthum Bekehrten werden, wenn sie .keinen Schutz gegen die Ausfälle der Heiden finden, ihren umwohnenden Glaubensgenossen Gleichgültigkeit vorwerfen ; Noth wird sie zum Abfalle zwingen", so schrieb er und gestattete, die gelobten Wallfahrten nach Rom in eine Theilnalime an den Kreuzzug nach Livland umzuwandeln. (Innocenz Briefe II. 191.) Um mehr Schutz und stete Hülfe durch das Schwert zu erlangen, stiftete Bischof Albert', den Vorgängen in Palästina entsprechend, für kirchliche Dienste ein Cisterzienser Kloster und für das blutige Werk mit dem Schwerte einen Ritterorden, der durch einen weissen Mantel, auf dem zwei rothe Schwerter kreuzweise übereinander genäht waren, kenntlich gemacht wurde und desshalb den Namen „die Schwertbrüder'' erhielt. Es fehlte auch für diese Einrichtungen nicht die Genehmigung und Förderung Roms. Innocenz III. bestätigte sie 1204 im October und genehmigte, dass Geistliche und Laien der Diöcese Bremen ihr Gelübde zu einem Kreuzzug nach Jerusalem durch den Kampf für die neuen Einrichtungen Alberts umwandeln und erfüllen könnten. Die Sqhwertbrüder waren durch solche Unterstützung schnell organisirt. Sie erhielten für den Eid: „das Land der Maria, der man die Ostseeprovinzen gewidmet hatte, zu erobern, den päpstlichen Stuhl zu vertheidigen und sich nicht zu verheirathen", vom Papste als Gegengeschenk alles Gut, was sie den heidnischen Einwohnern nehmen würden, dagegen denn auch bald Streit mit Bischof Albert wegen der 3* 86 Herrschaft im Lande Der erste Vergleich darüber lautet: Der Bischof erhält zwei Drittel, der Orden ein Drittel von Livland und Lettland. Letzterer muss das Land und die Kirche gegen die Heiden vertheidigen, sein Ordensmeister dein Bischöfe gehorsamen. Die Ordensglieder sind zehntfrei, die Landleute in dem Ordenstlieile zahlen Zehnten, von denen dem Bischof jedoch nur ein Viertel zufällt. Der Orden ist Kirchenpatron in seinem Antheile, alles Land, welches er ausserhalb Liv- und Lettland erobert, gehört ihm allein. Er wird die Regeln der Tempelritter befolgen, das Begräbniss seiner Mitglieder ist kostenfrei. Dieser Vergleich, bestätigt durch Innozenz 20. October 1210, wurde 1211 und 1212 genauer durch Benennung der einzelnen Landes- tlieile abgefasst. Albert bemühte sich seinem Landestheile durch das Heranziehen der Kaufleute von Gothlaud aufzuhelfen. Er befreite diesen von Zoll, erliess ihnen das glühende Eisen und den Zweikampf als Beweismittel, verzichtete auf das Strandrecht,') ermächtigte die Städte die bürgerlichen Streitigkeiten zu vergleichen ; nur bei Streitigkeiten zwischen Bürgern und nicht Städtern und wo der bischöfliche Richter angerufen werden möchte, soll letzterer entscheiden. Bei Todtschlag ist die Strafe 40 Mark. Auch betrieb er mit soviel Eifer und Erfolg das Bekehrungsgeschäft, dass Innocenz III, ihn 20. Februar 1213 aus seiner Abhängigkeit vom Erzbischofe von Bremen ') Wonach die Schiffbrüchigen ihr gestrandetes Eigen- 1,1mm verloren. Wie weit man mit diesem Rechte in jenen finstern Zeiten zu gehen wagte, bewies der Erzbischof von Bremen, der den Grafen Friedrich von Stade für seinen Hörigen (Leibeigenen) erklärte, weil dessen Mutter, als sie mit ihm schwanger ging, an der Bremer Küste Schiffbruch gelitten habe. 37 befreite, Papst Honorius III. ihn 30. September 1217 ein für alle Mal ermächtigte, neue Bischöfe einzu setzen und zu weihen , sowie Kathedralkirchen zu bauen, dabei 28. Oetober 1219 in seinen ganz besondern Schutz nahm und in den Besitz der neuerworbenen Länder Estland, Selonien und Semgallen bestätigte, in Folge dessen er die Stellung eines Erz- bischofs und die neuen Bisthiimer: Semgallen und Deal (später Dorpat) als Suffragane unter sich bekam, aber auch mit dem Erzstifte Bremen, dem Könige von Dänemark und den Schwertrittern in schlimme Händel gerieth. Christliche Milde scheint auch ihm gefehlt zu haben, denn selbst der Papst Innocenz III. befiehlt ihm, Oetober 1213, von der Unterdrückung der Neubekehrten abzustehen. Statt dessen berichten die Chroniken nur Greuelthaten und unausgesetzte Kriege mit den Eingeborenen. Zuerst 1211 eroberte der Orden Fellin, dieFeste und das Land der Saccaler, dann, in den folgenden Jahren uud unterstützt von Kreuzfahrern, Ugaunien mit der Feste Odeinpä, zuletzt die Wiek und Leal, so dass 1216 das südliehe Esthland dem Orden unterworfen schien. Aber der russische (christliche) Fürst Wladimir von Plescau brachte Umkehr. Im Februar 1217, fiel er unterstützt von den Sacoalern mit 20000Mann in Ugaunien ein, eroberte Odempä, plünderte das weitere Land und vernichtete die Eroberungen des Ordens. Dieser gewinnt mit dem Schwerte das Verlorene im nachfolgenden Winter zurück. Johauni 1218 schenkt Papst Honorius III dein Könige Waldemar II. von Dänemark, der zu einem Kreuzzuge gegen die Esthen gewonnen ist, alles Land, was er erobern wird. Dieser erscheint 1219 mit einer Flotte vor Lyndanise, der Feste der Esthen, erobert sie, gründet auf dortigem Felsen die Burg 38 Rcval und sucht von liier aus seine Herrschaft nach Süden hin über das Land auszudehnen, während ein Ordensheer kämpft , um von Süden her die Ordensherrschaft zu erweitern. Die Kriegsbanden überfluthen von Wenden aus zunächst Jerwen und im Herbste auch Wirland , wo die Feste Warbola sich ergeben inuss. Das Erschlagen von tausenden Eingeborenen, das Rauben ihrer Habe setzt sich auch im folgenden Jahre fort. Und hierbei bleibt es nicht stehn; es wüthete gleichzeitig ein Kreuzherr unter Führung des Herzogs Albert von Sachsen in Curland. Das Streben des Dänenkönigs und des Ordens, das möglich grösste Stück von Esthland an sich zu reissen, findet sich auch bei dem dänischen und Inländischen Bischöfe. Beide suchen sich durch Schnelligkeit bei der Vornahme von Besitzhandlungen für die Gründung ihrer geistlichen Herrschaft zu überbieten. Da man hierfür das Taufen allein als hinreichend ansah, so wurde es in Massen betrieben. Der Livländische lässt es in Saccala, Jerwen und Wirland an den Esthen haufenweise verrichten und der Dänische macht es noch kürzer: er lässt lediglich die Grenzen der Bezirke, welche er durch ein, in ihrer Mitte errichtetes Kreuz kenntlich gemacht hat, mit Weihwasser besprengen und in Folge dessen alle darin Wohnenden für getauft erklären. Ja, er treibt seine Herrschsucht so weit, dass er, wie die livländische Chronik erzählt, einen wirländer Aeltesten Thabelin, lediglich deshalb aufhängen lässt, weil er sich durch Deutsche, statt durch seine Leute hat taufen lassen. Das Morden geschieht ebenfalls massenweise; 1219 werden aus Glaubeuseifer die widerspänstigeu Harrier, in den Höhlen, wo sie sich verkrochen haben, aufgespürt und gegen Tausend durch Dampf und Feuer getödtet. 39 Die natürlichste Folge solcher Sohandthaten war Widerstand und Entgeltung. Die Esthcn, welche Jornandes, der Geschichtschreiber der Gothen im sechsten Jahrhundert als friedliche Menschen darstellt und welche der Seefahrer Wulfstan noch als solche im 9. Jahrhundert rühmt, sehen mit Verachtung auf solche Bekehrungswerke herab, greifen zu den Waffen und vertheidigen sich bis auf den letzten Mann; die Oeseler überfallen 8, August 1220 das Sehloss Deal, ermorden den Bischof und 500 Mann sammt ihrem Anführer. Im nächsten Jahre erheben sich die Estlien auf's Neue. In .Harrien und Wiek werden alle Priester und mehrere Dänen erschlagen, in Wirland und Jerwen alle Priester gefangen nach ßeval gesandt, in Dorpat und Saccala alle dänischen und deutschen Christen und am 29. Januar 1222 in der Kirche zu Saccala während der Messe alle Ordensritter ermordet, wogegen die Schwertritter im August 1223, als sich ihnen das von Estlien und Russen bewohnte Dorpat übergeben musste, alle Einwohner bis auf einige Weiber und Kinder niederhauen. In Mitte dieser Wirren kam es auch zu Feindseligkeiten mit König Waldemar. Er und die Schwertritter hatten Theile von Esthland mit dem Schwerte an sich gerissen und war unter dem so getheilten Besitzstande das Bisthum ßeval entstanden, dessen Stuhl seit 30. October 1222 Theoderich, Abt des Klosters Dunamünde bekleidete. Die Zahl der Neubekehr, en gibt Papst Honorius III. 1220 für so gewachsen an, dass überall die Seelsorger fehlen und Theoderich ermächtigt wird, sie aus jedem Kloster zn holen. König Waldemar aber fühlt sich dadurch in seinen Rechten gekränkt, er belegt die Schifte der Kreuzfahrer nach Esthland mit Beschlag, wogegen der Papst 18. April 1220 deren Freigebung und Unterstützung des Bekehrungswerks befiehlt. Darauf kommt ein Vergleich zu Stande; der König erhält Estliland, der Orden Saccala und Ugaunien, der Ordensbischof aber in letzteren keine Rechte. Dieser Vertrag wurde 1222 zu Oese! modificirt. Damit schien der Zwist geschlichtet, allein als gleich darauf der König vom Grafen von Schwerin, weil er dessen Weib während seiner Fahrt nach Jerusalem missbraucht haben sollte, überfallen und zwei Jahre in Haft gehalten wurde, benutzten Ritter und Bischöfe die Gelegenheit die Herrschaft der Dänen zu beschränken. Den Streit der Letzteren mit dem Bischof über das Land Wiek entschied der päpstliche Legat dadurch, dass er das Streitobject dem Papste zusprach und sich im Namen des Letzteren in dessen Besitz setzte. Gleichzeitig mit der Gefangenschaft entstand ein Aufstand sämmtlicher Estken. In einem Treffen wurden viele Christen erschlagen, unter ihnen auch der Bischof Theoderich, an dessen Stelle Albert seinen Bruder ILerman, Abt zu St. Paul in Bremen weihte. Dieser fand es geeigneter, statt wie sein Vorgänger selbst gegen die Ungläubigen zu kämpfen, den Schwertorden damit zu belasten, er trat ihm 23. Juli 1224 unter diesem Bedinge die Hälfte seines Sprengeis sammt der Gerichtsbarkeit ab, bekundete auch gleichzeitig seine Schlauheit dadurch, dass er und sein Bruder, Erzbischof Albert, wenn anders die Urkunden acht sind 1 ) beim römischen Könige B Friedr. Georg v.Bunge Liv. Esth —und Curländi- sches Urkundeiibuch 1853. I. S. 71. Mehrfache, historische und stylistische Gründe veranlassen mich diese beiden Urkunden für unächt zu halten. Leal war noch 27. Sept. 1224 Bischofssitz (Bunge S. 67) nach Russow's Chronik war Dorpat (Tharbatum) damals noch eine Befestigung (Schlot yan Holte vnde Planck-Werk, rund um durch einen Erd- 41 Heinrich VII. die .Erhebung in den Fiirstenstand betrieb und 1. Dezember 1224 erlangte. Beide Brüder hatten ihre Sprengel besser arrondirt, namentlich hatte Ilerman seinen Sitz Lea! der Rigaer Kirche abgetreten und Dorpafc an dessen Stelle gesetzt. König Heinrich erhob nun 1. Dorpat mit den umliegenden Landestheilen zu Gunsten Hermans und seiner Nachfolger und 2. Livland, Lettland und Leal zu Gunsten Alberts und dessen Nachfolger zu einer Mark, als Fürstenthum, mit den Rechten der Reichsfürsten (prineipatum jure aliorum prineipum) also mit dem Rechte zu Münzen, Bergbau, Städtegründung! Zur selben Zeit verlegten die Schwertritter den Ilauptsitz ihres Heermeisters nach Wenden, das sie stark befestigten und betrieben mit aller Macht die Erweiterung ihrer Herrschaft. Diese war eine eiserne und wilde. So zeigte sie sich schon unter dem ersten (seit 1204) Heermeister Vino, oder Winand, von Rohrbach, der die Vergehen der Neubekehrten mit dem, später vom Papste verbotenen. Tragen des glühenden Eisens bestrafte, und wegen Tyrannei gegen seine eigenen Ritter, von einem derselben, Namens Wigbert ermordet wurde. An seine Stelle trat, 1209—1330, Volquin Schenk. Auch ihm kann das Grausame und Wilde nicht abgesprochen wer- wall befestigt), welche den Russen gehörte, von ihnen bewohnt und vertheidigt wurde. Die Ordensritter erstürmten sie erst 1230 und brachen und brannten sie nieder. Erst nach dieser Zeit fasstc der Bischof von Leal den Boschluss nach Dorpat zu übersiedeln, welches Colonisteu aus Dortmund neu gegründet hatten (Bahne, Dortmund Bd. III. S. 17) .1250 war der Ort noch nicht vollständig befestigt, die Dorpatcr erklärten dafür zu arm zu sein und baten den Rath von Lübeck um Unterstützung (Bunge S, 273.) Unter solchen Umständen lässt sich ein Bürstenthum und Bischofssitz Dorpat 1224 füglich nicht denken ; die stylistischen Gründe zu erörtern, würde zu weit führen. 42 den. Bald nach seiner Wahl schon erhebt sich zwischen Orden und Bischof »Streit über ein Paar Honigbäume (hohle Bäume, worin Bienen ihren Wachs und Honig sammelten.) 1211 wird ein lettischer Volksältester Thalibald, weil er den Christenglauben wieder verlassen hat, nach den Worten der Chronik ,,langsam zu Tode geröstet wie ein Fisch.' 1 Die Letten aber rächen sich, fallen neunmal in das Land, verbrennen hunderte von Menschen, enthaupten Weiber und Mädchen. Im »Januar 1227 gelingt es den Rittern unter Hülfe der Rigaer Bürger und der Kreuzfahrer, zusammen 20,000 Mann, die Insel Oesel zu unterjochen und dort einen Bischofsitz zu gründen, dagegen verlieren sie gegen die Semgallen, deren sie 1600 erschlagen, 300 Mann und mehr kostete ihnen die Vertreibung der Dänen aus Esthland, dessen Provinzen Reval, Jerwen, Harrien und Wierland ihnen 1. Juli 1228 der römische Kaiser Heinrich VII. schenkte. Wenn gleich diese beiden Verluste reichlich durch die freiwillige Unterwerfung Curlands gedeckt wurden, welche der Bisthumsverweser Balduin nach dem Tode des Bischofs Albrecht, f 1229, bewirkte, so blieb doch den Rittern für die Sicherstellung gegen Dänemark und Russlsnd und für die Erreichung ihrer ehrgeizigen Ziele soviel zu thun übrig, dass sie, allein zu schwach, beschlossen eine Vereinigung mit dem ihnen gleichstrebenden deutschen Orden um so mehr herbeizuführen, als dieser 1229, wie sogleich erzählt werden soll, ihr Nachbar geworden war und die Unterwerfung Preussens in Angriff genommen hatte. Volquin schickte deshalb Gesandte an Her- inan v. Salza, vierten Hochmeister des deutschen Orden, der sich bei Kaiser Friedrich II. in Italien aufhielt und darauf dieser zwei Ritter, Ehrenfried von Neuenburg und Arnold von Neuendorf, nach 43 Livland zur Prüfung der Lage. Beide kehrten, begleitet von Gesandten Volquins, darunter Johann v. Magdeburg, nach Marburg, dem Sitze des Hochmeisters zurück und erstatteten Bericht vor versammeltem Ordenscapitel. Ehrenfried beschrieb die Schwertbrüder als wilde, ungehorsame und eigennützige Menschen, 1 ) welche die Ordensregel nicht achten und rieth von der Vereinigung ab. Der Be- sch'luss wurde dem Hochmeister auheim gestellt. Zu diesem reiste Johann von Magdeburg. Salza gab ihm günstigen Bescheid, aber nicht der Papst, den die Stellung zu König Waldemar abhielt, bis der Schwertritter Gerlach der Rothe (Rufus) die Nachricht von der, 22. Sept. 1236 verlorenen Schlacht von Säule überbrachte. Es war das ganze christliche Heer sammt Volquin und 50 Ritter von den Litthauern erschlagen. Sollte nun Livland nicht aufgegeben werden, so inusste etwas geschehen. Der Papst vollzog am 12. Mai 1237 zu Viterbo die Vereinigung beider Orden, und so entstand die Deutsch- ordens-Abtheilung Livland, die unter ihrem eigenen Land- oder Heermeister bis 1561 fortbestanden hat. Ihre Reihenfolge ist: Reihefolge der Heer- oder Landmeister. des deutschen Ordens in Livland. lateinisch bald Magistri, bald praeeeptores genannt. Die Jahreszahlen beruhen auf Urkunden, die eingeklammerten auf Chroniken. 1. Hermann B a 1 k e, ein Westphale (eonf. Fahne westph. G-esch.) vorher Landmeister in Preussen x ) Das chronicon Alberiei ad annum 1232 beschreibt die Schwertritter ebenso ungünstig : cum sint mercatores et divites et olim a Saxonia pro sceleribus banniti, jam in tantüm exoreverant, quod se posse vivere sine lege et sine rege credebant. 44 wird 1238 vom Hochmeister mit 40 Ritter nach Liv- land beordert, schliesst 7. Juni 1238 Frieden mit Waldemar von Dänemark und gibt ihm Schloss Ueval zurück f 5. März 1239.i 2. Thcoderich , auch Thidericus, Tetricus oder Thctricus von Groningen. (1254 de Chruinge) 1234— 46 magister sive praeeeptor von Livland, 1249 von Preussen, Livland und Estldand. 1251 13. November von Preussen und Curland, auch von Preussen und Livland. 1254 Landmeister von Deutsehland. Neben ihm und wahrscheinlich wegen seiner Abwesenheit in Deutschland fungirte 1243 — 1244 Heinrich von Heimburg. 3. Andreas von Velven, magister in Livoniä 1241, ohne Tag. 4. Andreas Stuckland, auch A. de Stiria 1251 8. August — 1253 1. April, ist 1255 27. August todt, neben ihm erscheint Everhard von Seyn als Bevollmächtigter des Hochmeisters und gründen beide 1252 18. und 19. October Kirchen und Städte, darunter Memel in Curland. 5. Otto von Sangershausen 1254—1256 25. April, wird 1257 zum Hochmeister erwählt und stirbt als solcher 1272. 6. Burscheid von Hornhusen, vorher Com- tliur zu Königsberg, theilt 1257 14. April mit dem Bischöfe Heinrich von Samland Schloss und Berg zu Königsberg f 13. Juli 1260 in der Schlacht bei Durben. Nach ihm führt 1261 27. August Georg (Jurrien) von Eichstadt das Regiment als Vice- Magister. 7. Werner von Breithusen wurde von einem rasenden Bruder schwer verwundet und zog sich nach Deutschland zurück (1261—63). 8. Andreas . . . vergleicht sich mit Bischof 45 Heinrich von Curland über die Curländer Häfen und die Jesuburg 1263. 10. Conrad von M anderen (nicht Medem) 1265 5. April — 1268, 30. Mai. Ertheilt Eimbeck (Pernau) Stadtrechte, scldiesst. mit dem Capittel zu Riga ein Bündniss und ist zuletzt in Lübeck bei einem Frieden mit Nowgorod thäitig. Erbauer von Wittenstein in Jerwen und Mitau in Curland. In wieferndas Datum seiner letzten Urkunde: MCCLXVIH feria quarta dierum sacrorutn pentecostes mit den beiden ersten Urkunden seines Nachfolgers Otto de Luttergh dusent tweliundert seven und sestich in dem Mande des oisten (1267 Aug.) und MCCLVIII. die marcelli pape (16. Januar 1268) zu vereinbaren ist, bedarf einer besonderen Untersuchung, für welche die Originale selbst vorliegen müssen; die ihm beigelegte Urkunde vom 28. Juli 1264 scheint mir gefälscht. 11. Otto von Lutterberg, so nennen ihn die Urkunden, die Chroniken aber haben Otto von Rodenstein. — Die erste Urkunde betitelt ihn: Meister der brodere des dudeschen huses over Lif- lant, die folgende Magister livoniae, auch totius livoniae ac ilomns. theutonicae. In einer Urkunde vom 21. April ohne Jahr (angeblich 1270) wird er todt genannt. Nach der Chronik fiel er 16. Febr. 1271 in der Schlacht bei Oesel auf dem Eise. 12. Andreas von Westphalen erst, 21. April 1270, Aintsverweser, später Landmeister f 1271 in einer Schlacht gegen die Litthauer. 13. Walter von Nordeck verpflichtet sich 27. August 1271 aus Ordensmitteln das Schloss Tar- vethen bis nächsten Michaelis aufzubauen, um dadurch Semgallen zum Christenthume und unter die Herrschaft der Rigaer Kirche zurückzubringen , wogegen der Bischof dem Orden für die Arbeiten und ; ,l Kosten entweder sein Scliloss Syrene oder Sehloss Sagare übertragen wird. 1273 setzt, er mit demselben Bischof die Abgaben der Semgallen fest. Er zog krankheitshalber nach Deutschland 1273. 14. Ernst von Ratzeburg 1275 G. October bis 1276, erbaut Diinaburg und wird 1279 5. März mit 71 Ordensrittern in der Schlacht bei Ascheraden von den Litthauern erschlagen. 15. Gerard von Katzenelnbogen (1279). 16. Conrad von Vüclitwangen 1280 auch Meister in Preussen, wurde später Hochmeister. 17. Mangold von Sternberg 1282 18. Mai Meister in Preussen und Livland. 18. Wyllekinus von Endorp, (andere nennen ihn von Schurborch), wurde October 1282 zu Vellin erwählt und 1283 vom Hochmeister bestätigt, baute die Schlösser Wolmar, Burtnik und Trikaten, führte 5 Jahre Krieg mit den Litthauern, Samaiten und Semgallen und wurde von den Letzteren mit 49 Ordensritter (1286) erschlagen. 18. Chono (conrad) von Herzogenstein, 1288 10. October, führt Krieg mit den Semgallen und nimmt ihnen ihre beiden festen Plätze: Ratten und Sydroben. 19. Halt (von Hönbach) 1290 9. Mai — 1292 5. Mai, Venator nennt ihn Botho von Hagenbach. Erhält von Edmund, Bischof von Curland, Sehloss Amboten , kann 1290 November aus Esthland und Curland nur 1800 Manu Ordens-Ritter und Bauern (theutonici et rurenses) zum Zuge über die Düna gegen die Litthauer stellen, denen der Erzbischof von Riga 18 Ritter und 300 Mann beifügen will, die übrigen Bischöfe, Capitaine, Ritter und Vasallen haben nach dreitägiger Berathung ihren Beistand verweigert. Es beginnen die Streitigkeiten zwischen Orden und den livländischen Bischöfen, , r . '• '• V • .f-*K , ,