Geschichte der Familie R o t e n h a n älterer Knie verfaßt von Julius I. Freiherr» von Roteuhan, Familienobmann. Zweiter Band. Für die Fmnilic nls Wmnsiript in Dunk zegrden. Mürzsiutg. Druck von Friedrich Ernst The in. 1865. />ä-?e0 Mit dem Schwerte sei dem Feind gewehrt, Mit dem Pstug der Erde Frucht gemehrt, Frei im Waide grüne seine Lust, Schlichte Ehre wohn' in treuer Hrust; Pas Geschwätz der Städte soll er stiehn, Whnc Roth von seinem Herd nicht gich'n. So gedeiht sein wachsendes Geschlecht; Pas ist Adels alte Sitt' und Necht. Friedrich von Schlegel, ! i > I Inhalt des zweiten Bandes. Seite Sechsundzwanzigstes Kapitel- Johann Friednch's II. Kinder 393 Siebenundzwanzigstes Kapitel. Johann Friednch's II. Kinder (Fortsetzung), Sigmund I. v. Rotcnhan 493 Achtnndzwanzigstes Kapitel. Johann Friednch's II. Kinder (Schluß) . . . 33? Ncunundzwanzigstcs Kapitel. Rechts- und Vermögensverhältnissc der Familie bei dem Tode Sigmund's 1 347 Dreißigstes Kapitel. Sigmund's I- Nachkommen 57? Einnnddreißigstes Kapitel. Sigmund's I. Nachkommen (Schlnß) Hermann III. 691 Zweiunddreißigstes Kapitel. Die Familien- und Gutsverhältnisse vom Tode Hcnnann's III. an bis zur Gegenwart, und — Schluß — . . 733 Anhang, Ortsbeschreibung, und zwar: I. Orte, in denen unsere Familie als solche zur Zeit Besitzungen oder Rechte hat, nämlich: Orte mit Castrum (Schloß) 767 II. Orte ohne Castrum (Schloß) 833 II. Orte, in denen unsere Familie früher Besitzungen oder Rechte hatte, welche später verloren gingen oder veräußert wurden 833 III. Orte, in denen einzelne Glieder der Familie von Notenhan, älterer Linie, Besitzungen oder Rechte haben. Besitzungen Georg's V. von Notenhan auf Neucnhvf . . 386 L. Besitzungen der Freifrau Marline (Marie Caroline) von Rotcnhan, geborene Frciin von Ricdesel, in Schlesien . . 891 Beilagen: Beilage I., Schiedspruch zwischen dem Bischof zu Bamberg, dem Burggrafen zu Nürnberg und dem Grafen von Truhendingen, vom 25. September 1234 897 IV Seite Beilage II., Schicdsprnch zwischen dem Bischof von Bamberg und den Merau'- schen Erben, vom 18. Januar 1255 899 Beilage III-, Schiedspruch zwischen dem Bischof von Bamberg, dem Grafen Friedrich von Truhendingen und dem Burggrafen Friedrich von Nürnberg, vom 13. Januar 1255 993 Beilage I V., Rentweinsdorfer Burgfriede vom 19. August 1539 .... 995 Beilage V., Stiftung oder Schenkung von Todeswcgen, welche Sebastian I. von Rotenhan und sein Bruder Hans VI. zur steten Instandhaltung der Familienburg Nentweinsdorf machten 913 Beilage VI., Schreiben vom Lorpus IXuuiAvIieorum an den Kaiser, vom 17. Juli 1713, die Religons-Lravamina (hier in spooia zu Ebelsbach) betreffend 917 Beilage VII., Urkunde vom Jahre 1232, worinnen Bischof Hermann von Würzburg das Filial Ebern von der Pfarrei Wisach (Pfarrweisach) abtrennte und Ebern zu einer selbstständigen Pfarrei erhob ... 921 Beilage VIII. Verzeichnis): V. der uns bekannten Glieder unserer Familie, welche für Böhmen das Erbuntcrschcnkenamt beim Fürstbisthum Bamberg hatten, und v. der Glieder unserer Familie, welche für Brandenburg das Erbnntcrkämmercramt beim Fürstbisthum Bamberg hatten 925 Beilage IX. Directe Stammtafel der älteren Linie von Notenhan, von Wintber an bis zur neuesten Linientheilung unter Sigmund's I. Söhnen 927 Beilage X. Verzeichnis; derjenigen Familien, welche durch Heirath mit der Familie vou Notenhan, älterer Linie, in Verbindung traten . . 929 Name nsvcrzeichniß der Rotenhan'schen Familienglieder älterer Linie ... 931 Stammbaum der Familie von Notenhan, älterer Linie. Beilage XI. . . 939 Stammbaum der Familie von Rotenhan, jüngerer Linie. Beilage XII. . . 919 Sechs und? wanzig st es Kapitel. Johann Friedrichs II. Kinder. In dem ersten Bande unserer Familiengeschichte, also in den ersten fünfundzwanzig Kapiteln derselben, habe ich die Ereignisse unserer Familie und deren Rechtsverhältnisse bis zum Tode Johann Friedrichs II. und seiner Geschwister aufgezählt. — Mit Johann Friedrichs II. Kindern beginnt die Neuzeit unserer Familie, denn viele derselben haben noch zu unserer Zeit gelebt, und ein Theil ihres Wirkens, wie ihrer Lebensereignisse, gehört dem gegenwärtigen Jahrhundert an, weshalb unsere Familiengeschichte von ihnen an in einen neuen Band zusammengefaßt wird. Johann Friedrichs II. Ehe mit Johanne Wilhelmine von Seckendorfs war, wie wir sahen, eine reich gesegnete, da ihm in solcher fünfzehn Kinder geboren wurden. — Ich gehe nun zu diesen über. Sie waren: 1. Friedrich Karl Franz Philipp, geboren am 8 Mai 1730 zu Rentweinsdorf, wo er seine Kindheit zubrachte. Seine erste wissenschaftliche Ausbildung empfing er im älterlichen Hause durch Hofmeister, und kam später auf die Universitäten Göttingen und Erlangen. Dieser R Aufenthalt war für den Vater, der sich schon damals in gedrückter Finanzlage befand, sehr beschwerlich, da der junge Friedrich Karl trotz fortgesetzter Ermahnungen und selbst strenger Beaufsichtigung, wovon uns die noch vorhandenen Briefe Auskunft geben, große Summen kostete, und sich auch sonst nicht in die gehörige Ordnung fügen wollte. Nach beendeten Studien machte er eine Reise nach Paris, und trat dann in Weimar'sche Dienste, wo er am 10. September 1773 Hofjunker und Regierungsassessor, und ein Paar Jahre darauf Negierungs- rath wurde. Nach des Vaters Tode war er der einzige der hinterlassenen Söhne, welcher bereits großjährig war, weshalb er den Dienst einige Jahre darauf verließ, nach Rentweinsdorf zurückkehrte und dort gemeinschaftlich mit den Vormündern seiner drei Brüder die Regierung und Verwaltung der Güter übernahm. Als Senior der Familie war er seit des Vaters Tode Erbunterkämmerer des Fürstbisthums Bamberg geworden (der zwanzigste aus unserer Familie), und fast zur selben Zeit ward er von der Ritterschaft des Cantons Baunach zum Ritterrath erwählt, und erhielt dabei vom Kaiser den Titel eines kaiserlichen wirklichen Rathes. Auch wurde er später preußischer Kammerherr, und erhielt wie sein Vater die Exspectanz auf den Johannitterorden und auf eine Comthurei in solchem, welche ihm aber, da er frühe starb, nicht zu Theil wurde. Er vermählte sich am 26. August 1777 mit Luise von Staff, Tochter des damals schon verstorbenen Weimar'schen Oberjägermeisters Johann von Staff zu Weimar, und blieb vorerst in Rentweinsdorf wohnen, wo ihm am 8. October 1779 eine Tochter geboren wurde, die den Namen der Mutter — Luise — erhielt. Friedrich Karl ertheilte mit Zustimmung der Vormundschaft seiner Brüder die Erlaubniß zur Anlegung einer Wasenmeisterei am Buchholz zwischen Rentweinsdorf und Sendelbach an Philipp Schäfer, und vererbte einen Bauplatz hierzu. Diese Wasenmeisterei, die später an einen gewissen Beck überging, bestand bis in die neueste Zeit, wo das zu nahe an der großen Straße stehende Fallmeisterhaus, was zugleich der Schlupfwinkel schlechten Gesindels wurde, lästig ward, weshalb ich 397 es für unsere Familie den Kindern des Beck abkaufte und niederreißen ließ. Am 1. Mai 1781 kaufte Friedrich Karl für unsere Familie von dem Canton Bannach die f. g. untere Consulentenwohnung in Rent- weinsdorf, die nach dem Tode seines Vaters, des Ritterhauptmannes Johann Friedrich, dem Canton entbehrlich geworden war. Es ist dieß unser jetziges Rentmeistershaus daselbst. Am 16. Juni 1785 erwarb er mit seinen Brüdern, von denen die beiden jüngeren, wie ich sofort ausführen werde, für großjährig erklärt worden waren, den s. g. Fiersterwald von der Gemeinde Fierst, welcher Kauf aber wieder rückgängig wurde, und wollte 1786 zur Erlangung einer neuen Finanzqnelle zu Rentweinsdorf ein Lotterieinstitut oder ein f. g. Wettlotto einrichten, wozu ihm ein Neckendorfcr Jude den Plan entworfen hatte. Seine beiden jüngsten Brüder waren entschieden gegen die Einrichtung eines solchen demoralisirenden Spieles und kamen darüber in argen Conflict mit ihm. Glücklicherweise mischte sich auch die Cantonsregierung darein und verbot die Einrichtung, weshalb es unterblieb. Die häufigen Differenzien, die die Vormünder mit Friedrich Karl wegen der Güterverwaltung gehabt, hatten schon seit mehreren Jahren auf die Verwaltung so störend eingewirkt, daß Friedrich Karl dahin zu wirken begonnen hatte, daß die Vormundschaft aufhöre. Sein zweiter Bruder Gottlob war 1783 großjährig geworden, und Beide hatten ihre beiden jüngeren Brüder Sigmund und Christian Ernst bestürmt, beim Kaiser die Großjährigkeitserklärung nachzusuchen, was diese nach vielem Widerstreben endlich thaten. Der Kaiser ertheilte solche am 4. März 1785, worauf nun Sigmund, dein die Brüder Gottlob und Christian Ernst Generalvollmacht ertheilten, mit Friedrich Karl die Regierung und Gutsverwaltung gemeinschaftlich führte. Die Dissidien hörten aber nicht auf, da es Sigmund kaum möglich war, die Geschäfte mit seinem Bruder gemeinschaftlich zu führen. Endlich wandte sich Sigmund an seinen früheren Vormund, nunmehrigen Minister zu Bayreuth, Freiherrn von Seckendorfs, der eine Ausgleichung dadurch herbeiführte, daß er Friedrich Karl beredete, sich mit seinen drei Brüdern abzutheilen, wozu Letztere gerne bereit waren. Am 15. Juni 1789 wurde ein Theilungsrezeß errichtet, wonach 2L* eine gemeinschaftliche Erogantenkasse, sowie 2. eine gemeinschaftliche Schuldentilgnngskasse errichtet, und einer jeden der beiden Kassen bestimmte Fonds zugewiesen wurden, und wonach ferner 3. Friedrich Karl für seinen Theil erhielt: u. das Schloß und Rittergut Eyrichshof, wohin er bereits einige Zeit vorher gezogen war, nnt dazu gehörigen Oekonomiegütern, Schäfereien, Waldungen und übrigen Dependenzien, einschließlich der Specke und Rotenhan, b. die Unterthanen zu Siegelfeld, Höchstädten, Kurzewind, Jesserndorf und Wölkendorf, c. unseren Antheil am Eberner Wald. Alles Uebrige verblieb den drei jüngeren Brüdern gemeinschaftlich. Friedrich Karl widmete sich nun vorzugsweise nur der Verwaltung seines Gütertheiles, war aber dabei auch als Ritterrath für die Can- tonsgeschäfte thätig. Doch dauerte diese Thätigkeit nicht lange, da er schon an: 31. October 1792 zu Eyrichshof starb. Er wurde in der Gruft zu Fischbach beigesetzt, in die seitdem keine weitere Leiche kam. — Ich werde seiner weiter unten bei seinem Bruder Sigmund noch zum Oefteren gedenken. Seine Wittwe blieb mit ihrer Tochter, — dem einzigen Kinde aus dieser Ehe — für die Freiherr von Könitz zu Simau als Vormund aufgestellt wurde, noch einige Jahre in Eyrichshof wohnen, und zog sodann nach Coburg, wo sie im April 1800 gestorben ist. Sie hatte nach dem Tode ihres Gemahls an dessen Brüder verschiedene Forderungen erhoben, die sich theils auf ihren Heirathsvertrag, theils auf angebliche Meliorationen bezogen, die ihr Mann seit der Gutstheilung in seinem Theil der Güter, die nun an seine Brüder fielen, gemacht habe. Wegen Beiden kam am 31. Dezember 1793 ein Vergleich zu Stande, wodurch die Wittwe bezüglich dieser ihrer Forderungen mit 2000 fl. abgefunden wurde. Die hinterlassen? Tochter Friedrich Karls, Luise, gewöhnlich in der Familie Lulu genannt, geboren zu Nentweinsdorf am 8. October 1779 hat bis zu ihrem hohen Alter ein überaus beklagenswerthes Leben geführt. Sie hatte von Kindheit an ein so überreiztes Nerven- 399 system, daß solches später in ein krankhaftes überging, in Folge dessen sie durchs ganze Leben von trüben fixen Ideen geplagt wurde, über die sie trotz ihrer großen geistigen Begabung nicht Herr werden konnte. — Als 14 jähriges Mädchen hatte sie während längerer Kränklichkeit ihrer Mutter das Hauswesen 'allein zu führen und zu überwachen. Damals entdeckte sie die fortgesetzte Untreue zweier ihrer Domestiken, welche Schulden hatten, und zur Bezahlung derselben ihre Herrschaft nicht nur betrogen, sondern selbst bestehlen wollten. Als Luise dieß bemerkt hatte, und Ermahnungen nichts fruchteten, drohte sie Beiden, im Wiederholungsfalle ihre Untreue der Mutter mitzutheilen, die sie dann sicher aus dem Dienste entfernen würde. Die beiden Domestiken (Mutter und Sohn) kannten die nervöse Reizbarkeit des jungen Fräuleins und suchten sie durch Furcht von der Ausführung ihrer Drohung abzuhalten. Sie sagten ihr: daß wenn sie ihre Drohung je ausführen werde, sie ihr durchs ganze Leben keine ruhige Stunde lassen und ihren guten Ruf vernichten wollten; sie würden sich mit Anderen verbinden, um sie überall, wo sie sich auch aufhalte, zu verfolgen. Diese Drohimg machte zwar auf das junge krankhaft-reizbare Mädchen einen tiefen Eindruck, hielt sie aber doch nicht ab, als sie neue Veruntreuungen beider Domestiken entdeckte, ihrer Mutter Mittheilnng zu machen, worauf diese die beiden Leute fortschickte. Beim Abschiede sagten sie zu Luise unter Ausstoßung vieler Flüche und Verwünschungen, daß sie nun ihre früher ausgesprochene Drohung vollziehen würden, und daß sie keine Ruhe im Leben mehr haben sollte. Letzteres ging auch wirklich in Erfüllung. Es ist möglich, daß diese Leute in der ersten Zeit wirklich ihre angedrohte Rache ausübten, daß sie dieß aber lange fortgesetzt haben, kann, da es für sie zwecklos, ja selbst unmög- lig war, nicht angenommen werden. Allein sie hatten schon ihre schändliche Absicht erreicht. Das junge Mädchen konnte die Drohung nicht wieder vergessen, jedes Geräusch bei Nacht hielt sie für absichtlichen Lärmen ihrer Verfolger, um sie im Schlafe zu stören; ihre Nerven wurden hierdurch bald so aufgeregt, daß sie wirklich keine Nachtruhe mehr fand, und es dauerte nicht lange, so hatte sich der Gedanke, daß eine große weitverzweigte Verbindung bestehe, die sie verfolge, förmlich als fixe Idee, als Geisteskrankheit, bei ihr festgesetzt und diese blieb ihr bis zu ihrem Ende. — Sie lebte nach der Mutter Tod einige 400 Zeit in Nentweinsdorf bei ihrem Onkel Sigmund, aber bald glaubte sie, daß die dortige Dienerschaft, ja daß selbst einzelne ihrer Verwandten in der ihr feindlichen Verbindung seien, und in jedem Zimmer, das man ihr gab, hörte sie Nachts fortgesetzten Lärmen und selbst Spottrufe. Sie verließ Nentweinsdorf und zog in eine Stadt, doch überall war es dasselbe. Sie wechselte nun nach jeden Paar Jahren ihren Aufenthaltsort, reiste oft heimlich ab, nahm andere Namen an, um unerkannt zu sein, Alles umsonst; die erste Zeit am neuen Orte hatte sie Ruhe, bald aber gewann die fixe Idee wieder die Oberhand, und wo Alles ganz still war, horte sie fortgesetzten Lärm, der Folge ihres gestörten Nervensystems war. So wurde die Aermste fast fünfzig Jahre lang durch jene qualvolle Krankheit ihres Geistes gemartert. Sie hatte nach und nach in einer Menge Städte Deutschlands gewohnt, hatte einen längeren Aufenthalt bei der Herrnhutergemeinde in Niesky gemacht, hatte sich überall an die Behörden, öfters sogar an die Landesfürsten um Schutz gewendet, und es wirklich einigemal erreicht, daß Untersuchungen angestellt wurden. Da aber das, was sie ihren Feinden zuschrieb, meist in ihrer krankhaften Einbildungskraft lag, so konnten ihr Polizei und Gerichte nichts helfen. Manchmal zeigte es sich allerdings, daß der von ihr gehörte Lärm wirklich gemacht wurde, um sie zu stören, allein es erwies sich auch immer, daß dieß nicht Folge einer weitverzweigten Verbindung oder Verschwörung sei, sondern von ihren eigenen Domestiken veranlaßt war, die entweder irgend eine boshafte Rache an ihr ausüben oder Geld von ihr dadurch gewinnen wollten, weil sie ihnen dann gegen besondere Bezahlung Nachtwache auftrug. Vorstellungen und Ueberredungen fruchteten nichts, und Widerspruch ihren Erzählungen und Behauptungen entgegen zu setzen, setzten der Gefahr ans, selbst als Theilnehmer der feindlichen Verbindung zu gelten. — Im Uebrigen war Luise vollkommen bei klarem Verstände, sehr unterrichtet, geistreich und liebenswürdig, und ihr Umgang, so lange sie nicht von der Verfolgung sprach, höchst angenehm, dabei war sie von Herzen gut und edel. — Ihr letzter Aufenthalt war in Nürnberg, wo ich als damaliger Regierungsrath vom Regierungsbezirke Mittelfranken, zu dein Nürnberg gehörte, viel und oft von ihr um Hülfe und Beistand angegangen wurde, und der Polizei Nürnbergs wirklich die Weisung gegeben hatte, ihr Haus zur Nachtzeit zu 401 überwachen, well ihre fixe Idee in der Stadt bekannt geworden war, und nun wirklich öfters Nachts aus boshaftem Scherz von Vorübergehenden vor ihren Fenstern Lärm gemacht und ihr Name mit spotthaften Zusätzen gerufen wurde. — Luise wurde in den letzten Jahren ihres Lebens auch körperlich leidend. Zu Anfang des Sommers 1846 reiste sie deshalb zu einem Arzte nach Bamberg, erkrankte dort bedeutender, und starb daselbst am 30. Juni desselben Jahres. Sie liegt auf dem dortigen Kirchhofe begrabew — Nur mit tiefer Wehmnth kann man auf das lange qualvolle Leben dieser armen Hartgeprüften zurückblicken, und man mußte sich freuen, als ihr endlich Ruhe im Grabe wurde. Ich gehe nun zu den übrigen Kindern Johann Friedrich's über: 2. Ernst Ludwig Johann Heinrich, geboren am 10. März 1752, starb schon am 17. April 1753. 3. Gottlob I. Johann Wilhelm Franz, geboren am 22. August 1753, starb am 17. Mai 1754. 4. Caroline Christine, geboren am 10. November 1754, vermählte sich mit Johann Christoph Friedrich von Mandelsloh, der als preußischer Werbofficier im Cobnrg'schen stationirt war und von hier aus sie kennen lernte. Als er sich mit ihr verehelichte, stand er in Halle in Garnison. Er hatte noch das letzte Jahr des siebenjährigen Krieges mitgemacht, da er schon als Knabe von fünfzehn Jahren zum Militair gegangen war. Später wohnte er allen Kriegen Preußens bis 1813 bei, in welchen: Jahre er Obristlieutenant und Festungs- Commandant von Spandau war. Noch im selben Jahre wurde er mit dem Character als Oberst pensionirt. Am 4. Mai 1813 war Caroline mit Hinterlassung einer Tochter Namens Julie gestorben. Ihr Mann zog später mit seiner Tochter nach Nentweinsdorf, wo sich letztere 1816 mit dem preußischen Hauptmanne Baron Rolas Du Rosey verheirathete, der später bis zum General avancirte, und zuletzt im Pensionsstand in Dresden lebte, wo er mit Hinterlassung einer Tochter — Clara — die noch daselbst lebt, kürzlich gestorben ist. Seine Gattin und jüngste Tochter waren ihm einige Jahre vorher im Tode vorausgegangen. Obrist von Mandelsloh brachte den Rest seines Lebens in Rentweinsdorf zu, wo er in hohem Alter am 27. October 1829 gestorben ist. Er wurde auf unserem Bcgräbnißplatze des dortigen Kirchhofs beerdiget. S. Franziska Dorothea Wilhelmine, geboren am 1. Januar 1756, brachte ihre Kindheit in Rentweinsdorf bei den Aeltern zu, kam aber sodann zu Verwandten ihrer Mutter, einer Familie von Seckendorfs, die abwechselnd in Unternzenn und Weingartsgerenth lebten. Bei diesen verlebte sie fast ihre ganze Jugendzeit. Am 11. März 1783 verehelichte sie sich mit Karl August Freiherrn Truchseß von Wetzhausen zu Oberlauringen. Ihre Ehe war durch langjähriges schweres Leiden ihres Mannes viel getrübt und blieb kinderlos. Nach des Mannes Tode siel das Gut Oberlauringen an zwei seiner Schwestern, Frau von Drachsdorf und Frau von Löweneck, mit denen Wilhelmine in einen Prozeß wegen Rückgabe ihres Heirathsgutes, das ihr verstorbener Gemahl in das Gut verwandt hatte, verwickelt wurde. Der Prozeß dauerte noch lange nach ihrem Tode fort, und erst nach meines Vaters Tode gelang es uns, im Vergleichswege einen geringen Theil davon zurückzuerhalten. Wilhelmine lebte als Witpve theils noch zu Oberlauringcn, theils bei ihrem Bruder Sigmund zu Rentweinsdorf, wo sie am 25. November 1816 starb. Sie liegt daselbst auf dem Kirchhofe begraben. 6. Amalie Anna Christine Friedrike, geboren am 23. November 1756 (also im selben Jahre wie ihre Schwester Wilhelmine), starb noch als Kind am 19. Juli 1769. 7. Gottlob II. Johann Georg Heinrich, wurde zu Rentweinsdorf am 4. Januar 1758 geboren, und brachte seine Kindheit daselbst zu. Zu seiner späteren Ausbildung kam er nach Straßburg, sodann nach Stuttgart, wo er noch sehr jung in den Militärdienst trat und bald Lieutenant wurde. Wenige Jahre nachher verließ er aber diesen Dienst und trat in die kurfürstlich hanöver'sche Armee ein, wo er Lieutenant bei der Leibgarde zu Pferde wurde. Von seinen Lebensereignissen während seines Militärdienstes ist nichts Bemerkenswerthes anzuführen. Daß er 1789 mit seinen Brüdern zur Abfindung seines ältesten Bruders Friedrich Karl einen Gütertheilungsrezeß vornahm, 403 habe ich schon oben bei diesem erwähnt. Er blieb in Folge dessen mit seinen beiden jüngern Brüdern im gemeinschaftlichen Besitze der diesen Dreien verbliebenen Güter. — Als er um jene Zeit im Urlaub zu Rentweinsdorf war, hatte er ans einer Hirschjagd das Unglück, von einem Jäger, der hinter ihm ging, und dessen Gewehr ans Versehen losging, geschossen zu werden. Die Kugel ging in den Rücken und kam vorne wieder heraus, ohne aber — was auffallend ist ^ ihn zu tödten, oder auch nur bedeutend zu verwunden, doch aber hatte diese Verwundung die traurige Folge, daß er den Militärdienst verlassen mußte, und von da an leidend wurde. Er blieb in Rentweinsdorf, wo er trotz seines oft leidenden Zustandes ein überaus heiteres Leben nur sich verbreitete und jeden Tag neue Scherze oder muntere Streiche vorzubringen wußte, bei deren Auswahl er es nicht immer sehr genau nahm, so daß mitunter dabei etwas zu große Ausgelassenheit herrschte. Besonders liebte er es, seine Scherze und Possen an den Juden auszulassen, und er hatte einige förmlich herbeigezogen, die nach dem Muster der alten Hofnarren seine tägliche Erheiterung und das Stichblatt seiner steten Witze waren. — Sein Leben war aber nur noch von kurzer Dauer. Jene Verwundung hatte doch ein inneres Leiden erzeugt, in Folge dessen er im Herbste 1792 schwer erkrankte. Als er schon dem Tode nahe war, starb sein Bruder Friedrich Karl znEyrichs- hof, und so wurde Gottlob kurz vor seinem Tode noch Senior der Familie, und als solcher Erbunterkämmerer des Bisthums Bamberg (der einundzwanzigste aus unserer Familie), allein nur noch für sieben Tage, denn am 7. November 1792 endete sein Leben. Seine Leiche wurde in der Familiengruft unter der Kirche beigesetzt. Er war unvermählt gestorben. 8. Friedrich Emanuel Christian Heinrich, geboren am 30. November 1758 (also im selben Jahre wie sein Bruder Gottlob), starb schon am 30. April 1759. 9. Henriette Johanne Friedrike, geboren am 30. April und gestorben am 5. Mai 1700. Das zehnte Kind Johann Friedrichs, Sigmund, ist mein Vater, dem ich nicht blos ans kindlicher Liebe, sondern weil er unbestritten zu den bedeutenderen Männern unserer Familie gehört, ein eigenes Kapitel widmen, und dessen Leben ich abweichend von der vorstehenden Behandlung dieser Familiengeschichte in viel ausführlicherer Weise darstellen werde, was mir bei den früheren Familiengliedern wegen Mangels der nöthigen Notizen meist nicht möglich war, und was man bei der Lebensbeschreibung eines so vortrefflichen und innig geliebten Vaters, wohl sehr natürlich finden wird. SieliemmdMlNyigftes Äapitel. Johann Friedrichs II. Kinder. (Fortsetzung.) Sigmund I. von Notenhan. 10. Sigmund I. Johann Christoph Friedrich, wurde zu Rcntweinsdorf am 31. März 1761 geboren. Unter der Leitung seiner trefflichen Eltern ward schon früh in dein Knaben der Keim zu all' den vorzüglichen Eigenschaften gelegt, die sein ganzes Leben zu einem reich gesegneten machten, und ihm die höchste Liebe, Achtung und Verehrung Aller, die ihn kannten, in reichem Maße verschafften. Seinen Unterricht leitete ein Hofmeister, der es verstand, in dem Knaben regen Eifer für die Wissenschaften zu wecken, und der ganz besonders ans das Herz desselben wirkte, das schon frühe von jenem Feuer begeisterter allgemeiner Liebe für die Menschheit durchlodert ward, die der Grundzng seines Wesens durchs ganze Leben blieb. Die Richtung jener Zeit war recht eigentlich hierauf gerichtet. Der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in und außer Deutschland an die Stelle der früheren despotischen Unterdrückung und der großen religiösen Unduldsamkeit getretene Anfklärungseifer, der von den großen Geistern jener Zeit mächtig gefördert und von den Freimaurern zum wahren Cultus gemacht wurde, war zur schwärmerischen Modesache geworden, die in Kaiser Joseph II. ihren Culminationspunkt erhielt, aber bei allem Guten, das dadurch gefördert ward, doch in eine überspannte krankhafte Manie ausartete, die die beklagenswerthe Richtung annahm, den Menschen über den Christen, und allgemeine poetische Menschenliebe über die wahre christliche Liebe, die die Frucht des Glaubens ist, zu stellen. Das Fundament der christlichen Lehre — Liebe zu Gott und den Menschen — wurde ganz irrthümlich aufgefaßt, es wurde von: Glauben getrennt und ward als die allein nur aus der natürlichen Religion entstandene Liebe gedacht, während die wahre Christenliebe, die uns die geoffenbarte Religion lehrt und einprägt, als der Aufklärung angeblich feind, verworfen ward. Diese Richtung der Zeit, die der Lehrer dem jungen Sigmund einprägte, drang tief in das jugendlich empfängliche Herz, und ward der Grund zu der ganzen künftigen Ausbildung seines Geistes und Herzens, aber nicht in der falschen krankhaft ausgearteten Ueberspan- nung jener Zeit, sondern nur nach ihrer besseren Richtung hin, und dieß war das Werk seiner trefflichen Mutter, die mit ihrem gläubig frommen, aber praktischen Sinn der schädlichen Ueberspanntheit jener Richtung das Gegengewicht hielt; und so sehen wir in Sigmunds religiöser Richtung, wie er sie durchs ganze Leben kund gab und that- süchlich bewährte, nur das Gute und Lobenswerthe jener Zeitrichtung. Er war und blieb wohl ein treuer Jünger jener Zeit, bezeugte aber stets wahre Ehrfurcht vor den positiven Glaubenslehren des gcoffen- barten Christenthums, die in jener Zeit und noch in den ersten De- cennien des gegenwärtigen Jahrhunderts vom Nationalismus fast verdrängt waren. Das von Liebe zur ganzen Menschheit überströmende Herz gab sich in mehreren poetischen Versuchen des erst fünfzehnjährigen Knaben kund, die zwar ohne poetischen Werth, doch ein treuer Spiegel seines reinen liebereichen Herzens sind, von seiner schwärmerischen Begeisterung für alles Gute und Edle zeugen, und schon damals den Drang seines 407 Geinüthes darstellten, sich dereinst der Menschheit nützlich zu machen und ihrem Dienste sein ganzes Leben zu weihen. Wir sahen oben bei Sigmunds Vater, daß dessen Kränklichkeit und der traurige Zustand der Finanzen während seiner letzten Lebensjahre eine überaus trübe Stimmung in das sonst so heitere und glückliche Familienleben gebracht hatte. Dieß blieb natürlich nicht ohne Einfluß auf den jungen Sigmund, es brachte schon frühe eine ernstere Richtung in seine EntWickelung und hatte den wohlthätigen Einfluß auf ihn, daß er von Jugend auf von der frivolen Richtung, die damals die meisten jungen Cavaliere hatten, ferne gehalten wurde, und auf ein durch Reichthum glänzendes Leben keine Hoffnung setzen konnte. — Am 18. August 1776 hatte Sigmund das Unglück, seinen Vater zu verlieren, er war damals erst fünfzehn Jahre alt, und es ward nun für ihn und seine beiden Brüder Gottlob und Christian Ernst eine Vormundschaft aufgestellt und hierzu die beiden Brüder Freiherrn von Seckendorfs zu Weingartsgereut und Unternzenn erwählt, die nun gemeinschaftlich mit Sigmunds ältestem Bruder, dem bereits großjährigen Friedrich Karl, die Verwaltung und Regierung auf den Gütern führten. Sigmund blieb nach des Vaters Tode noch ein Jahr im älter- lichen Hause, und bezog sodann gemeinschaftlich mit seinem jüngsten Bruder Christian Ernst das damals in hohem Rufe stehende Gymnasium in der benachbarten Stadt Coburg. Der sechszehnjährige Jüngling faßte diesen ersten Wechsel in seinem Leben mit rechtem Ernst auf, wie mehrere Aufsätze, die er darüber niederschrieb, bezeugen. Trotz seines Dranges zu größerer Ausbildung wurde es ihm schwer, das väterliche Haus und die ihm so überaus lieben heimathlichen Fluren zu verlassen, und er nahm in rührenden Gedichten von letzteren Abschied. In Coburg widmete er sich mit Eifer den alten Sprachen, der Geschichte und Mathematik, und verwandte dabei auch viel Fleiß auf die französische Sprache, die er mit besonderer Liebe betrieb, und die vom Professor Slevogt sehr gut gelehrt wurde. 408 Nach zweijährigem Aufenthalt daselbst bezog Sigmund gemeinschaftlich mit seinem jüngsten Bruder 1779 die Universität Erlangen, wo damals ein überaus heiteres Studentenleben herrschte. Nach damaliger Sitte begleitete sie ihr früherer Hofmeister dahin, der auch mit ihnen in Coburg gewesen war. Sie lebten hier eifrig ihren Studien, genossen aber daneben mit jugendlicher Frische das fröhliche Leben in einer Studentenverbindung, wo sie bald allgemein geliebt waren und bei ihren Verbindungsgenossen in hohem Ansehen standen. Zu jener Zeit lebte ein Prinz des markgräflich bayreuth'schen Hauses iu Erlangen, der einen kleinen Hof hielt, zu dem die adligen Studenten gezogen wurden. Sigmund und Christian Ernst wurden oft an Hof geladen, und bei der etwas zu großen Ungebundenheit des damaligen Studentenlebens, dem feinere Lebensmanieren sehr fremd waren, hatte dieses Hofleben für Beide einen recht wohlthätigen Einfluß. Mein Vater erzählte noch in seinem Alter oft und gerne von jenem heiteren Studentenleben, wie er da nach damals üblicher Weise die Uniform seiner Verbindung getragen, und zugleich mit seinem Bruder viele lustige Schwänke aufgeführt habe, die der Hofmeister wohl verhindern wollte, aber nicht konnte. Mitten in dieses heitere Studentenleben trat aber im Juli 1780 die Schmerzenskunde von der schweren Erkrankung der innigst geliebten Mutter. Beide Brüder eilten an ihr Krankenlager nach Rentweinsdorf, empfingen dort noch den treuen mütterlichen Segen und beweinten am 14. Juli mit heißen Thränen den Tod dieser vortrefflichen Mutter. Im Dezember desselben Jahres verließen sie Erlangen. Wie sehr beide Brüder in ihrer Studentenverbindung beliebt waren, zeigt ein gedrucktes Gedicht, das Beiden bei ihrem Abschiede von 160 Studenten, die unterschrieben sind, gewidmet wurde. Sigmuud hatte seiuen Aufenthalt in Erlangen bezüglich seiner Studien gut angewendet, und neben seinen Fachstudien (der juristischen und cameralistischen Wissenschaft) sich auch mit der allgemeinen Literatur viel beschäftigt. Er übersetzte damals die in französischer Sprache erschienenen Briefe eines reisenden Engländers. 409 Beide Brüder trennten sich nun; Christian Ernst bezog die Universität Göttingen, und Sigmund die herzoglich würtembergische Militär- Academie zu Stuttgart. Es war dieß die von Herzog Karl gestiftete berühmte Karlsschule, die damals auch Karls-Universität genannt wurde, auf der Schiller seine Ausbildung erhalten hatte. Dieser gehörte ihr damals noch an, obgleich er bereits militärischer Unterarzt war. Zu jener Zeit war es, wo Schiller sein Drama: „die Räuber" herausgab, das ihm die Ungnade des Herzogs zuzog, und ihn veranlaßt Württemberg zu verlassen. Sigmund widmete sich in Stuttgart mit großem Eifer dein camera- listischen Fache, das er zu seinem Hauptstudium machte, und erhielt am 14. Dezember 1781 einen Preiß in der Geometrie, wofür ihm ein ans Pergament ausgefertigtes Diplom zugestellt wurde, was wir noch besitzen. Er blieb dort bis zum Frühjahr 1782, wo er zur Vollendung seiner cameralistischen Studien die erst kürzlich neu errichtete hohe Cameral-Schule (auch cameralistische Academie genannt) zu Kaiserslautern bezog. Dort hörte er hauptsächlich Vorlesungen über Land- und Forstwirthschaft, Finanzwissenschaft und andere staatswirthschaftliche Fächer. Diese Anstalt war damals noch wenig besucht, und während Sigmunds Aufenthalt waren nur meist 20 bis 30 junge Leute dort; sie war keine Universität, da nur allein cameralistische Wissenschaften dort gelehrt wurden, und die meisten Studirenden gehörten auch bereits dem reiferen Alter an, und waren selbst solche, die schon in's prac- tische Leben eingetreten waren. Das Verhältniß zu den Professoren war daher ein ganz anderes als auf einer Universität, es standen Lehrer und Studirende in einem viel engeren und genaueren Verhältniß zu einander, und dieses hatte einen ganz besonders fördernden Einfluß auf Sigmund und brachte ihn selbst in ein engeres freundschaftliches Verhältniß zu mehreren Professoren, die — als sie später in die Dienste verschiedener Fürsten als Cameralbeamte und Räthe eintraten, mit Sigmund in stetem freundschaftlichen Verkehre blieben. — Letzterer benützte auch seinen Aufenthalt in Kaiserslautern, um sich noch in der lateinischen, und ganz besonders um sich in der französischen Sprache weiter auszubilden. 410 Die Ferien der Hochschule brachte er meist in Rentweinsdorf zu; so war er insbesondere im Frühjahre 1783 dort, wo sich seine Schwester Wilhelmine am 11. März mit dem Freiherrn Karl August Truchseß von Wetzhausen auf Oberlauringen vermählte. Daneben machte er auch von Kaiserslautern aus öfters kleinere Excursionen in der Pfalz. Es sind noch einzelne Aufschreibungen darüber vorhanden, die Zeug- niß geben, wie er jede solche Tur zur Vervollständigung seiner Kenntnisse benützte, und wie tiefe Studien er dabei über Volk und Land machte. Vom Herzogthume Zweibrücken gibt er eine sehr unvortheil- hafte Schilderung; Cultur und Sitten seien noch gegen andere Länder sehr zurück und Vieles wie noch im Urzustände. Charakteristisch für die Denkungs- und Gefühlsweise Sigmunds ist es, was er über den damaligen Herzog von Pfalz-Zweibrücken schreibt, der roh und despotisch sei, und sich um das Wohl seines Landes gar nicht kümmere. Mit dem Ausdrucke der tiefsten sittlichen Entrüstung erzählt er mehrere Anecdoten aus dessen Leben, die seine despotische Willkühr und seine rohe Menschenverachtung schildern, und für einen jungen Mann, wie Sigmund, dessen ganzes Wesen überströmende Liebe zur Menschheit war, doppelt empörend sein mußten. — So erzählt er unter Anderem, daß der Fürst einen armen Bauer, der auf einer Jagd, wo er das Wild zu treiben hatte, vor Müdigkeit eingeschlafen war und sich gegen einem jungen Jäger, der ihn mit Peitschenhieben aufweckte, thätlich vergangen hatte, zu fünfzig Stockprügel verurtheilte, und nachdem der arme Bauer nach Empfang der Hülste so heftige Convnlsionen bekam, daß er fast den Geist aufgab, dekretirte: man solle ihn bis nach der Jagd liegen lassen, bis dahin werde er sich soweit erholt haben, um die andere Hälfte aushalten zu köuneu! Die Nähe Kaiserslautern's von Frankreich veranlasste Sigmund im Jahre 1784 von dort eine Reise nach Paris zu machen. Er hatte eine so weite Reise anfangs für ein leichtsinniges Unternehmen gehalten und geglaubt, seine Brüder würden ihn deshalb tadeln. Diese aber redeten ihm selbst zu, besonders sein ältester Bruder Friedrich Karl, der längere Zeit dort gewesen war und die Weltstadt ganz besonders liebte. Da erst entschloß er sich dazu, und benützte seinen Aufenthalt in Paris nicht nur zum tiefen Studium der dortigen politischen Ver- 411 Hältnisse, die schon damals auf eine nahe Catastrophe hindeuteten, sondern auch zur Kenntnißnahme alles Wissens - und Sehenswürdigen der interessanten Stadt. Unterdessen war es daheim auf den Gütern nicht immer so friedlich und gut gegangen, wie es Sigmund gewünscht hatte. Sein ältester Bruder, der gemeinschaftlich mit den beiden aufgestellten Vormündern die Regierung und Verwaltung der Güter führte, harmonirte mit diesen nicht, und häufige Dissidien kamen vor, an denen wohl Friedrich Karl die Hauptschuld trug, denn die beiden Vormünder der jüngeren Brüder führten ihre Geschäfte mit großer Gewissenhaftigkeit und mit strenger Pflichttreue. Als nun 1733 der zweite Bruder, Gottlob, 25 Jahre alt, also großjährig wurde, suchte Friedrich Karl diesen auf seine Seite zu bringen, und da derselbe damals in hanöver'- schen Diensten stand, also ineist abwesend war, suchte er von ihm Generalvollmacht zu erhalten, wodurch er nun gleichviel Stimmen hatte wie die Vormundschaft, was bei den vielen Differenzien den Geschäftsgang noch mehr hinderte. Dieß führte endlich die beiden älteren Brüder zu dem Entschlüsse, an ihre beiden jüngeren Brüder, Sigmund und Christian Ernst das Ansinnen zu stellen, beim Kaiser um die Großjährigkeitserklärung einzukommen, damit die Vormundschaft ganz aufhöre. — Die ersten Aufforderungen hiezu sind noch von 1783. Sigmund konnte sich lange nicht dazu entschließen, da er voll Dankbarkeit für die beiden Vormünder war und sie durch diesen Schritt zu verletzen fürchtete. Auch glaubte er, die kaiserliche Bewilligung würde Schwierigkeiten haben, da bei einem mit kaiserlicher Genehmigung einige Jahre vorher von der Vormundschaft contrahirten Bankanlehen vom Kaiser ausdrücklich festgesetzt worden war, daß wegen der richtigen Abtragung jenes Anlehens die eingesetzte Verwaltung? - Direction der Güter noch nach der erlangten Volljährigkeit der jüngeren Brüder einige Jahre fortdauern solle. Das Andringen der Brüder ließ jedoch nicht nach und auch die Beamteu unterstützten solches, und schilderten den jetzigen Verwaltungszustand wegen der häufigen Differenzien als einen für die Güter und das Wohl der Unterthanen sehr nachtheiligen. Dieß bewog endlich Sigmund nachzugeben, und da sein jüngerer Bruder beistimmte, wurde das Gesuch endlich nach vielfach noch gepflogener Correspondenz am 27 412 11. October 1784 an den Kaiser abgesandt, und darinnen nicht nur um die Großjährigkeitserklärung der beiden jüngeren Brüder, sondern auch um Aufhebung des für jenes Capital angeordneten Verwaltungs- Directoriums gebeten, zugleich aber nach der traurigen Nothwendigkeit jener Zeit, einem vermittelnden Unterhändler, im Fall er in Wien die Bewilligung des Gesuches durchsetzen würde, ein Douceur von 4000 fl. zugesichert. Am 4. März 1785 ertheilte Kaiser Joseph II. die erbetene Großjährigkeit für Sigmund und Christian Ernst und zugleich den Befehl an die Cantonsregierung, nunmehr die vier Brüder von Rotenhan zur alleinigen Administration der Güter zuzulassen. Man schrieb nun sofort an den Ritterhauptmann, Minister Freiherrn von Lichtenstein und an die Vormundschaft nach Weingartsgereuth um Freigabe der Vormundschaft, und am 14. Mai wurde den Vormündern von der Cantonsregierung aufgetragen, den vier Brüdern von Rotenhan die Selbstadministration der Güter zu übergeben, was denn auch von der Vormundschaft unterm 8. Juni geschah. Um eine Probe des damaligen Styls der reichsritterschaftlichen Korrespondenz zu geben, setze ich den Erlaß hier bei, durch den die Cantonsregierung den an die Vormundschaft ergangenen Auftrag an die vier Brüder kund gab; er lautet: Reichsfreyhochwohlgeborene Herrn, insonders Hochgeehrte Herrn Vettere, Oheim und Schwägere Welchermassen auf das uns zugekommene allerhöchst kaiserliche Drigiualreseriyt, Unserer insonders hochgeehrten Herrn Vettere, Oheim und Schwägere eigene Güter-4ckmiuistraticm und erlangte veniam aotatis betreffend, das behörige an die Freyherrliche Vormundschaft Herren Gebrüder Freyherrn von Seckendorfs sud ck. 14 May a. e. erlassen worden ist, solches eommuuieireu wir in dem abschriftlichen Anfügen zur Nachricht und zur Beantwortung Dero beliebigen Erlasses ck. cl. 20 elaxsi mit Versicherung der vollkommensten Geflissenheit verharrend. Unserer insonders hochgeehrten Herren Vettere, Oheim und Schwägere Datum Freunddienstwillige Jhro Römisch. Kais. Majest. Nürnberg den wirklicheNäthe und d. ohnmittelbaren freien Reichs, t 4. Juny 1785. Ritterorts an der Baunach Hauptmann und Näthe. 413 Sigmund nahm nun seinen ständigen Wohnsitz in Rentweinsdors und übernahm gemeinschaftlich mit seinem ältesten Bruder Friedrich Karl die Direction der Verwaltung und Negierung der Güter, doch war er es hauptsächlich, der solche zu führen hatte, da ihm seine beiden Brüder Gottlob und Christian Ernst Vollmacht ausfertigten, so daß seine Stimme die entscheidende war, auch erhielt er die Direction über die Hauptkasse. Er widmete sich nun mit Eifer den Gutsgeschäften, suchte Ordnung in den damals noch sehr zerrütteten Finanzzustand zu bringen, und war besonders bedacht, Rentweinsdors zu vergrößern und zu verschönern. In letzterer Beziehung ist zu bemerken, daß die alte Kalkhütte am Gottesacker schon 1784 zu einem Wohnhaus umgeschaffen worden war, daß Sigmund 1785 dem Centchirurg Frommann das Gartenhaus im alten Schloßgarten unten im Dorfe, wo der Weg zur Eisgrube führt, verkaufte, der an dessen Stelle ein Wohnhaus (das spätere Chirurg Solger'sche Haus) baute, und daß er im selben Jahre selbst mehrere Häuser vor dem untern Thore erbauen ließ, die er an neue Ansiedler abtrat, unter denen Häfnermeister Johann Wächter und Johann Georg Mannert waren. Das untere Thorhaus, welches 1775 der Amtsbote Huther erkauft hatte, ward damals abgebrochen und dafür ein neues Haus seitwärts gebaut. Wie der untere Theil der Hauptstrasse in Rentweinsdors in den folgenden Jahren innner mehr vergrößert wurde, ist aus der nachfolgenden Ortsbeschreibung zu ersehen. — Alle neue Ansiedler erhielten drei Freijahre. Obgleich Sigmund auf den Gütern ein reiches Feld für seine Thätigkeit und für seinen regen Eifer, Gutes zu schaffen, und Segen zu verbreiten, vorfand, und auf solchen auch überaus eifrig war, genügte dieß doch seinem regen Triebe nach Thätigkeit nicht, er wünschte daneben im weiteren Kreise sich nützlich machen zu können, und außer seinen Geschäften auf den Gütern noch eine öffentliche Stellung zu haben, die ihm zugleich Gelegenheit verschaffte, die Winter in einer Stadt zuzubringen. Dieses Leben zog den noch jugendlichen Mann ganz besonders an, aber blos zu seiner Unterhaltung in einer Stadt zu leben, hielt er für unrecht. Damals war nun gerade die preußische Gesandtschaft am fränkischen Kreise und bei den einzelnen fränkischen 27* 414 Fürsten erlediget, und Sigmund glaubte, eine solche Stelle würde seinen Wünschen ganz besonders zusagen, sie würde ihm nicht übermäßige Beschäftigung geben, so daß er die Gutsgcschäfte daneben recht gut besorgen könnte, und würde ihn wohl nur für die Wintermonate an eine Stadt in Franken fesseln, während er im Sommer die Gesandtschaftsgeschäfte von Rentweinsdorf aus besorgen könnte. Die ihm für's Erste mangelnde diplomatische Geschäftskenntnih hoffte er durch Annahme eines tüchtigen Legationssecretärs ersetzen zu können. — Diese Idee beschäftigte ihn damals viel. Er correspondirte darüber mit seinein Bruder Christian Ernst, der damals in Wien war, um sich um eine Neichshofrathsstelle zu bewerben, und mit mehreren Freunden, bevollmächtigte auch den Prozeßrath Herrgotts zu Markt Dachsbach an der Atsch, einen damals in Wien und Berlin sehr angesehenen und viel vermögenden Mann, seinen Plan zu unterstützen, und versprach ihm im Falle des Gelingens ein Douceur von 3000 fl. Durch dessen und Christian Emsts Vermittelung wurde der damalige preußische Ministerresident von Jacobi in Wien zur Mitunterstützung aufgefordert, der sich der Sache mit großem Eifer annahm und Sigmund an den damaligen Kriegsminister von Herzberg in Berlin empfahl, mit dein er nun in längere Correspondenz trat. Minister von Herzberg forderte ihn auf, nach Berlin zu kommen, um dem König und dem Hof bekannt zu werden, und dieser Aufforderung entsprach Sigmund, indem er zu Anfang 1786 dahin reiste. Er brachte ein sehr empfehlendes Schreiben Jacobis an den Minister von Herzberg mit dahin, worin er als zu fraglicher Stelle ganz passend geschildert ward. — Herzberg nahm ihn mit großer Freundlichkeit auf und empfahl ihn an den Minister Graf von Finkenstein, der ihm zwar seine lebhafteste Unterstützung beim König zusicherte, ihm aber auch zugleich kund gab, daß sein noch zu jugendliches Alter wohl ein Hinderniß für diese Stelle sein würde, da der König gewöhnlich Niemand unter dreißig Jahren zu solcher Stelle ernenne. — Sigmund ließ sich aber dadurch nicht abschrecken. Er brachte den Winter in der preußischen Hauptstadt zu, und suchte alle Quellen auf, die ihm zur Erlangung der fraglichen Stelle förderlich sein könnten. Viele einflußreiche Männer, die ihn lieb gewannen, und die ihn wirklich für eine solche diplomatische Stelle ganz befähigt erkannten, verwandten sich für ihn, und er würde ohne 415 Zweifel reusirt haben, wenn er nicht gerade damals das Unglück gehabt hätte, sich durch einen Fall den Fuß so zu verletzen, daß er längere Zeit an's Zimmer gefesselt war, und seine Bemühungen nicht fortsetzen konnte. Wie es in solchen Fällen in der großen Welt oft geht, so geschah es auch hier. Da man ihn einige Zeit nicht sah, erkaltete der Eifer seiner Gönner, und als er wieder ausging, erfuhr er, daß der König den fraglichen Posten für's Erste gar nicht wieder besetzen würde. Mißmnthig verließ Sigmund Berlin und kehrte nach Rentweinsdorf zurück. Sein Gönner Jacobi in Wien rieth ihm aber seinen Plan nicht aufzugeben, und that noch ferner Schritte für ihn, weshalb auch Sigmund seine Correspondenz mit Minister von Herzberg wieder anknüpfte, und sich auch mit dein preußischen Oberlandjägermeister von Stein deshalb in Verbindung setzte. Die Correspondenz dauerte das ganze Jahr 1786 fruchtlos fort, doch am 12. Dezember desselben Jahres schrieb Minister von Herzberg, daß der König einem Rath von Baumgärtncr aus Ansbach die fragliche Stelle verliehen habe. Trotzdem blieb aber Sigmund deshalb in Correspondenz mit Jacobi und Herzberg, da Ersterer rieth, sich nun um eine andere diplomatische Stelle gleicher Art in der Nachbarschaft zu melden. Auch diese Versuche blieben aber resultatlos. Sigmund widmete sich während des Sommers und Herbstes 1786 nun wieder mit vollem Eifer den Gutsgeschäften, hatte aber dabei mit vielen Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Die Zerrüttung der Familienfinanzen nahm eher zu als ab, und Alles drängte, eine neue Schuld zu contrahircn. Es war ein Capital von 70,000 st. nöthig, um die immer drückender werdenden currenten Schulden, die die Hauptkasse in stete Geldverlegenheiten brachten, zu beseitigen. Es hielt aber schwer, solche Summe zu bekommen, und Sigmund kam mit seinen beiden älteren Brüdern, besonders mit Friedrich Karl, der überall hindernd einwirkte, deshalb in vielfache Dissidien. Diese wurden endlich so heftig, daß Sigmund am 31. Dezember 1786 an seine drei Brüder schrieb: die Art, wie sie sich gegen ihn benähmen, mache es ihm unmöglich, die Direction der Güter, zu deren Vortheil und zum Wohl der Unterthanen fortzuführen, und er beabsichtige daher, solche niederzulegen. Diese Drohung brachte ein etwas besseres Verhältniß hervor, 416 und Sigmund behielt die Direction der Gutsverwaltung und entwickelte von Neuem große Thätigkeit. Doch war er 1787 häufig abwesend. Der Wunsch, sich eine Häuslichkeit durch Verehelichuug zu verschaffen, veranlaßte ihn zu jener Zeit zu öfteren Reisen, namentlich nach Stuttgart. Diese blieben aber resultatlos; nach Gottes gnädiger Fügung sollte ihm das eheliche Glück erst später zu Theil werden, dann aber auch das vollste reinste Glück, wie es sein für Liebe so reiches Herz stets ersehnt hatte. Die Differenzien mit dem ältesten Bruder dauerten leider immer fort und zogen sich auch durch's ganze Jahr 1788 hindurch, so daß Sigmunds Aufenthalt in Rentweinsdorf kein angenehmer war. Friedrich Karl wohnte zwar schon seit einiger Zeit in Eyrichshof, kam aber viel nach Rentweinsdorf, und bei den geschäftlichen Konferenzen kam es meist zu recht unangenehmen Scenen. War auch Friedrich Karls Gemahlin, mit der Sigmund in sehr freundschaftlichem Verhältniß stand, viel und oft bemüht, die Zerwürfnisse der Brüder auszugleichen, so hatte dieß bei dem eigenthümlichen Charakter ihres Mannes nur wenig Bestand, und Sigmund, trotz seiner großen Liebe für Rentweinsdorf und seiner Freude an seinem dortigen Wirken, vermochte es, wegen der häufigen Reibereien nie lange dort auszuhalten. Er brachte daher mehrere Monate dieses Jahres zu Frankfurt und Straßburg zu, und studirte an letzterem Orte besonders eifrig den geheimnißvollen Somnambulismus, der damals Aerzte und Nichtärzte auf's Eifrigste beschäftigte, und gerade zu jener Zeit in dieser Stadt Alles in lebhafte Aufregung versetzte. Das Geheimnißvolle war überhaupt damals der Typus, in dem Alles eingekleidet wurde. Für Religion und Moral erstrebte der Freimaurerorden einen neuen, den Lehren der Kirche vielfach widersprechenden Cultns, der Illuminatenorden schuf geheime politische revolutionäre Verbindungen, und selbst der Somnambulismus gab zur Bildung mysteriöser Gesellschaften Anlaß, wovon auch in Straßburg eine bestand, die sich Loeietö llarmonigno ckes ainis rönnis nannte, und in die Sigmund während seines Aufenthaltes dort eintrat. — In die Verbindung der Freimaurer war er schon früher getreten, und hing ihren Grundsätzen mit schwärmerischer Begeisterung an, besuchte daher von Rentweinsdorf aus häufig die Loge in Bayreuth, die damals eine 417 besonders berühmte war. — In dieser Stadt lebte zu jener Zeit der eine der beiden früheren Vormünder Sigmunds, Freiherr von Seckendorfs von Weingartsgereuth, der Bayreuthischer Minister war, und der ihm stets die freundschaftlichste Zuneigung erwies. Diesem klagte Sigmund seine traurigen Zerwürfnisse mit seinem ältesten Bruder, und der Minister versuchte bald darauf selbst eine Ausgleichung, und kam zu diesem BeHufe im Herbste 1788 nach Rentweinsdorf, wo nun mehrere Konferenzen unter seiner Leitung stattfanden, die den Grund zu einer völligen und bleibenden Ausgleichung nicht nur unter den beiden genannten Brüdern, sondern bezüglich aller geschäftlichen Diffe- renzien unter den vier Brüdern legen sollten. Den ganzen Winter auf 1789 arbeitete Minister von Seckendorfs an diesem Versöhnungswerke rastlos fort, und brachte es auch glücklich zu Stande. Einsehend, daß eine gemeinschaftliche Negierung und Verwaltung bei dem eigen- thümlichen Charakter Friedrich Karls zu steten Zwistigkeiteu führen würde, überredete er diesen, sich mit seineu drei Brüdern abzutheileu, wozu derselbe auch endlich seine Zustimmung ertheilte. — Ein Theilungs- receß wurde verabredet und bald darauf festgesetzt, wonach Friedrich Karl für sich allein Eyrichshof mit den umliegenden Besitzungen, und die drei andern Brüder gemeinschaftlich alles klebrige erhalten sollten. Sigmund sollte über solches die alleinige Dircctiou Namens seiner und seiner zwei Brüder Gottlob und Christian Ernst führen, die ihm hiefür neue desfallsige Vollmachten ausstellten. Ich habe von dieser Güter- theilung schon oben bei Friedrich Karl gesprochen. Die Freude der Brüder, besonders der drei jüngeren, über diese Ausgleichung war groß. Letztere beschlossen, dein Minister von Seckendorfs, dem sie schon längst auch wegen seiner trefflichen Vormundschaftsführung ihre Dankbarkeit thatsächlich hatten ausdrücken wollen, nunmehr, wo er ihnen von Neuem einen so großen Dienst geleistet hatte, ein würdiges Geschenk zu machen. Sie wählten dazu die prachtvollen zwei chinesischen Urnen, die, wie ich schon oben bei Johann Friedrich II. anführte, ein Geschenk des Feldmarschalls Grafen von Seckendorfs gewesen waren, und den unteren Saal im Schlosse zu Rentweinsdorf zierten. Christian Ernst übersandte solche Namens der Brüder dem Minister von Seckendorfs nach Bayreuth, der in seinem Dankschreiben vom 14. März 1789 unter Anderein sagt: 418 „Es sölleil mir solche als ein kostbares Andenken der so glücklich hergestellten Auseinandersetzung einer Familie, für deren Wohl ich stets besorgt sein werde, äußerst schätzbar sein, und sie werden täglich jedem, der sie bewundert, zum redenden Denkmal dienen, wie rein das Gefühl edler Männer ist, die meinen Gesinnungen für Sie Gerechtigkeit wiederfahren lassen." Diese beiden Urnen blieben im Besitze des genannten Ministers von Seckendorfs, der nach Uebergang des Fürstenthums Bayreuth an die Krone Preußen, churmainzischer Staats- und Conferenzminister wurde, und gingen nach seinem Tode an zwei seiner Söhne, dem würtemberg'schen Obersthofmeister und dem bayerischen Generallieutenant von Seckendorfs über, die sie unter sich theilten. Die eine derselben ist jetzt im Besitz meiner Mündel, der Enkelinen des Elfteren, die zweite in dein des Sohnes des genannten Generallieutenants, des Obristlieu- tenants Adolph von Seckendorfs zu Guggenheim. Der verabredete Theilungsreceß der vier Brüder wurde am 15. Juni 1789 ausgefertiget, und befindet sich in unserem Archive. Er war ganz besonders für Sigmund von hohem Werths, da der Grund der steten Reibungen dadurch nun größtentheils beseitiget war. Nachdem nun Sigmund ein friedlicheres Geschäftsleben und in den meisten Verwaltungssachen nur allein zu verfügen hatte, brachte er rasch größere Ordnung in die Geschäfte. Noch im selben Jahre verkaufte er das ganz baufällig gewordene und für die Familie nutzlose alte Schloß zu Rudendorf an Peter Koch daselbst, der es kurze Zeit noch bewohnte, dann aber abbrach. Schon zu Ende des Jahres hatte er alle Familien- und Gutsgeschäfte so geordnet, und in einen so regelmäßigen Gang gebracht, daß er nun an die Ausführung eines lange gehegten Lieblingswunsches gehen konnte, nämlich eine Reise durch einen Theil Frankreichs, namentlich durch den Süden dieses Landes zu machen. Frankreich hatte stets eine große Anziehung für ihn gehabt, und sein Aufenthalt in Paris — 1784 — hatte den Wunsch, einen Theil des übrigen Landes kennen zu lernen, innner lebhafter gemacht. — Es möchte auffallen, daß Sigmund gerade zu jener Zeit, wo die Revolution in 419 Frankreich bereits begonnen hatte, und nach Abschaffung der Feudalrechte, die am 4. August 1789 dekretirt worden war, bereits die größten Excesse vorgefallen und die Gemüther bereits in höchster Gährung waren — eine solche Reise unternehmen mochte, allein es erklärt sich dieses, wenn man die ganze Richtung und Denkungsweise desselben richtig in's Auge faßt. — Sigmund war ein treuer Jünger seiner Zeit, er erkannte zwar die Nothwendigkeit der souverainen Gewalt im Staate, aber er war erklärter Feind des Despotismus, und die jetzt in Frankreich proclamirten Menschenrechte waren das, was er von Jugend an als höchstes Ideal erkannt hatte, und was durch die Lehre der Freimaurer in ihm immer schwärmerischer geworden war. In dieser Proclamirung sah er daher nicht Revolution, sondern berechtigte Einschränkung der ihm verhaßten despotischen Gewalt und den Sieg des natürlichen Nechtsznstandes über unrechtmäßig geschehene Anmaßung. — Sigmund war Aristokrat, aber Aristokrat im guten, edlen Sinne, er erkannte die Nothwendigkeit des Adels in einem geordneten Staate, aber jede Ueberhebung dieses Standes, jede Bedrückung, die sich solcher erlaubte, verwarf er, wie er auch einsah, daß die alten Feudalrechte desselben und die Uebermacht des Clerus nicht mehr zeitgemäß seien, kurzer erkannte, daß das alte Staatensystem, das feudale, wie das im Unverstand wieder aufgelebte despotische — sich überlebt hätten, und ein neues Staatensystem sich zu bilden habe, und begrüßte dieß mit Freude. Die begonnenen Unruhen in Frankreich waren ihm daher nicht Revolution, sondern die Morgenröthe einer besseren Zeit, und wenn er auch die begangenen Excesse tief beklagte, so traten sie ihm bei dem Großen, das er erwartete, in den Hintergrund, und. waren ihm, wenn auch traurige und verdammenswerthe, aber doch nothwendige Folgen, der von den Mächtigeren lange Zeit hindurch begangenen Frevel. — Daß diese Excesse nur der Beginn furchtbarer Gräuel sein würden, daß aus der damals noch mehr gemäßigten Aufregung sich bald die scheußlichste Revolution bilden würde, die durch Ströme vergossenen Blutes bis zum Blute des Königspaares, durch thierische Verwilderung bis zur dekretirten Aufhebung der Gottheit gelangen werde, und die geistige Errungenschaft der Jahrhunderte in Frage stellte, das ahnte Sigmund nicht, und wer es ihm damals vorausgesagt hätte, dem würde er keinen Glauben geschenkt haben. . 420 Wie er später durch die Gräuel der französischen Revolution empört und niedergedrückt wurde, ebenso jubelte er jetzt noch ihrem Beginne, als einer für die Menschheit, der sein Herz so warm entgegenschlug, neu entstehenden schöneren Zeit entgegen. Gerade in dieser Zeit Frankreich zu durchreisen und den Geist der erwachten Weltreform an der Quelle kennen zu lernen, hatte darum besonderen Reiz für ihn, und so setzte er das folgende Jahr — 1790 — für diese Reise fest. — Solche sollte aber keine gewöhnliche Vergnügungsreise sein, er wollte Land und Volk gründlich kennen lernen und seine Kenntnisse in der Politik, Volkswirthschaft, Geschichte und Geographie, in Kunst und Wissenschaft bereichern, — darum machte er denn vor Allem gründliche Vorstudien, und erst nach deren Beendigung, und versehen mit vielen Empfehlungsschreiben, trat er am 6. Mai 1790 diese Reise an. Es kann meine Aufgabe nicht sein, die Beschreibung derselben hier wiederzugeben, sie liegt uns von Sigmund selbst — in Briefen an seinen Bruder Christian Ernst in französischer Sprache niedergeschrieben — gedruckt vor, und ich verweise meine Leser auf dieses 1792 erschienene, wirklich höchst anziehende und interessante, in elegantem Französisch geschriebene Buch, das nicht nur ein treues Bild der damaligen Zustände Frankreichs und seines Volkes, sondern zugleich der Denknngs- weise, der politischen Ansichten und der Gefühle des Verfassers giebt. — Die Reise ging über Stuttgart und Carlsruh nach Straßburg, von da über Besannen, Lyon und Avignon ins südliche Frankreich, wo er besonders in Montpellier, für welche Stadt er mehrere Empfehlungsbriefe hatte, einen längeren Aufenthalt machte. Von da aus bereiste er den südöstlichen Theil des Landes, verweilte einige Zeit in Marseille und Toulon, und fuhr zu Schiff nach Nizza und Genua, von wo er nach Deutschland zurückkehrte. Der gedruckten Beschreibung dieser Reise ist noch ein Brief vom März 1792 aus Straßburg beigefügt, wohin Sigmund zwei Jahre nach der größeren Reise durch Frankreich zurückkehrte, welcher ein ausführliches Raisonnemcnt über die damaligen Zustände Frankreichs und namentlich über dessen neue Constitution vom 18. September 1791 enthält. In diesem findet sich recht bestätiget, was ich oben über 421 Sigmunds Denkungsweise im Bezug auf die französische Revolution ausführte. — Er sagt darinnen: Vous lo savo?, du moinent guo In raison öelaira inon osprit, so lus 1'onnomi döelarö do tont eo gui portoit attoiute aux loix saeröos do la naturo. .lo n'ai famais pu voir sans indignation gu'on oudliat, gu'on violat los dovoirs gu'ollo nous impose. I/in- fustieo, los procödös arditrairos, los violoneos, los prötontions ridieulos, cetto irzdro entin gui s'ost glissoo dans tous los gouvor- noinons, gui los a tous inkeetö, eorrompu, cetto Ir^dro internale, — lo despotismo! Xe sont-oo pas In los soureos ompoisou- nöos d'oü dörivont tous los ilöaux du gonro Irumain? (juol soroit lo eoour asso^ eorrompu, guollo soroit l'amo assoii vilo pour on protöger lo cours au liou do elrorelrör a los tarir? Nais proudro 1a naturo pour guido, odöir a ses loix divinos, rospoetor la dignitö naturollo do l'bommo ot sos droits saerös, ostiiner lo vrai morite sous guelguo lorino gu'il so prosents, mö- xriser los möelians, punir los eriminols saus ögard ni a la naissaneo ni a la lortuno, lairo a l'Iruinanitö tont lo dien guo permottont los eireonstaneos, attaguer et oxtirpor do la soeiotö los pröfugös et los vieos, öclairor los lrommos, los rendrs sagos ot Irouroux, en un mot, la fustieo la plus intogrs, lo patriotismo lo plus pur dirigö par I'amour du dien public, la libertö guidös par la raison; voila los vortus «ins f'ai toufours fuge dovoir ötro los basos d'un don gouvernomont, d'un gouvernomont propre ä opöror la kölicitö publiguo. Vous veno?:, inon tröro, d'ontendro ina prolession do toi; rolisoü-la avoo attention, oxamine^-la Inon, comparo2-Ia ensuito a la eonstitution Iran^oiso döerötoo par l'assomdlöo nationale, ao- eoptöo par lo roi et proelawöo on VII titros lo 18 soxteinbro 1791; vous no doutoro^ pas un instaut guo cotto eonstitution gui a tixv los rogards de I'Luropo ontiöro, gui a trouvö taut d'admiratours ot de Partisans, n'ait de memo lait sur moi uns vivo improssion; u'ait ro^u mon sincöro liommago. Xon, so uo lo dissiinulorai pas, f'avouorai liautoinont

o i'esprü de cetto eonstitution m'a d'abord oncbantö; f'afonto niomo, saus crainto d'ou rougir famais, gu'il 422 ML Mut) nie cdarine eneore, et gue cette Impression äurera autant c^ue ma vio öbc U.ais il kaut, mon krers, dien compronäre et dien saisir cette protestation; eile pourroit, vus äaus nn taux jour, mener n cie kausses conseciuenees. (juanä je äis äone gue In nouvelle con- stitntion cie In brance n proäuit en inoi In plus vive Sensation, r. Hoffmann war nicht blos der Arzt im Hause Sigmunds, er war Hausfreund, und die beiderseitigen Töchter, so ziemlich von gleichem 462 Alter, waren so unzertrennliche Gespielinnen, daß sich später zwischen ihnen innige Freundschaft bildete, die durch's Leben fortdauerte. — Nach dem Tode des Pfarrers Neumeister — 1800 — wurde der dortige Schullehrer Schneider, ein Theologe, Pfarrer zu Rentweins- dorf, der bis 1814 daselbst blieb, ein sehr trefflicher Geistlicher, mit dem Sigmund und dessen Familie stets in recht freundschaftlichem Verkehr stand. — Bald darauf kam der Pfarramtscandidat Meißner aus Hellingen als Rector, und Johann Wilhelm Oppel aus Fechheim im Coburgischen als Cantor nach Nentweinsdorf. — Des sehr würdigen Ämtmanns Müller habe ich schon oben bei den Kriegsbedrängnissen gedacht, er war ein tüchtiger Jurist und guter Polizeibeamter, treu und eifrig, und besaß so gründliche Bildung, daß er dem strebsamen Geiste Sigmunds in Allem folgen konnte. Seine beiden sehr gebildeten Töchter waren, wie die des vr. Hoffmann, tägliche Gespielinnen von Sigmunds Töchtern und deren spätere Freundinnen. Die eine derselben, Agnes, ein reizendes Mädchen, begeisterte später das Herz des jugendlichen Dichters Friedrich Rückert, der sich im benachbarten Städtchen Ebern, wo sein Vater Rentamtmann wurde, öfters aufhielt. Der nachmals so berühmte Dichter, liebte sie zärtlich und besang sie in vielen Gedichten auf höchst sinnige Weise. In einem derselben ist das Amthaus in Nentweinsdorf, wo Agnes wohnte, was damals natürlich für den liebenden Dichter der Mittelpunkt aller seiner Wünsche und Gefühle war, als dieser Centralpunkt dargestellt. Es heißt darinnen: Deutschland in Europa's Mitte Und in Deutschlands Mitte Franken. In des schönen Frankenlandcs Mitte liegt der BannachSgrund. In des Baunachsgrundes Mitte Liegt ein schöner, schöner Garten, In des schönen Gartens Mitte Steht der Allerschönsten Haus. Fragt mich nicht, warum ich immer Mich um dieses Häuschen drehe, Als um meines Vaterlandes Allerschönsten Mittelpunkt. 433 Dieses liebliche Mädchen starb als eben erblühte Nosenknospe und liegt auf dein Kirchhofe zu Nentweinsdorf begraben. Ein weiterer Beamter Sigmunds zu Nentweinsdorf war Rentmeister Kraussold, ein sehr ehrcnwerther, pflichtgetreuer Mann, der später in den Staatsdienst trat. Sein Enkel ist der jüngst von Nentweinsdorf wieder abgezogene treffliche Pfarrer Kraussold, dieser treue Freund unserer Familie. — Secretair Sigmunds war Ludwig Solger aus Frankenberg, der nach Kraussolds Abgang —1804— Nentmeister wurde, und dieß zum Segen unserer Familie dreißig Jahre lang blieb. Er gehörte zu den trenesten und edelsten Männern, die unsere Familie umgaben, und blieb bis zu seinem Tode — 1834 — ein in unwandelbarer Pflichttreue ihr eifrig ergebener Beamter. Er hatte die älteste Tochter des I)r. Hoffmann geehelicht und ist der Vater unseres zeitweisen Rentmeisters und dermaligen Familienconsulenten Friedrich Solger zu Merzbach, des durchaus würdigen Sohnes seines Vaters. Die gesammten Forsten der Familie standen unter Forstcommissair Kaufmann, der damals zwei Revierjäger in Nentweinsdorf, ferner einen zu Eyrichshof und einen zu Ebelsbach unter sich hatte. Kaufmann, im Dienste der Familie herangezogen, wurde Revierjäger, und 1797 Chef unseres gesammten Forstwesens, für das er wenigstens insoweit gut sorgte, daß er auf die Erhaltung der werthvollen Hölzer eifrigst, ja vielleicht selbst zu eifrig bedacht war. Eine sorgsame Forst- cnltur, wie sie jetzt durch die seitdem wissenschaftlich behandelte Forst- wirthschaft statthat, kannte man damals noch nicht. Inmitten dieser Männer und Familien lebte Sigmund, und sein Verhältniß zu ihnen Allen war das allerfreundlichste. Er hatte mit ihnen auch einen regelmäßigen geselligen Verkehr durch einen Gesellschaftsclub, den er im Schlosse einrichtete, wo sich Herren und Damen jeden Sonntag einfanden, und wo neben Billard- und Kartenspiel eine heitere Abendunterhaltnng stattfand. Einen ganz besonders wohlthätigen und fördernden Einfluß hatte Sigmund auf junge Männer, die sich zur Erlernung der Landwirth- schast bei ihm aufhielten, oder die er herbeigezogen hatte, um sie für seinen Dienst auszubilden. Sie hingen Alle mit außerordentlicher Liebe 4K4 und Verehrung an ihm, und behielten diese Gefühle durch's ganze Leben. Sigmund und dessen Familie stand auch mit den benachbarten Adeligen in sehr freundschaftlichem Verhältnisse. Vor Allem natürlich mit der gräflich Nvttenhan'schen Familie zu Merzbach, dann ferner mit der Familie Lichtenstein von Lahm, mit der jedoch durch das excentrische Leben, welches Herr von Lichtenstein schon damals führte, trotz der nahen Verwandtschaft häufige Differenzen vorkamen, mit der Familie Könitz zu Simau, Altenstein zu Pfaffendorf, Greifenklau zu Gereuth, Guttenberg zu Kirchlauter, Oberkamp zu Weissenbrunn, Wöllwarth zu Birkenfeld, Hutten zu Stöckach, Fuchs zu Burgpreppach, und vor Allem mit den Familien Truchseß zu Wetzhausen und Bundorf, und dein edlen Major von Truchseß auf der Bettenburg, der wie ein zweiter Ullrich von Hutten als ächter deutscher Ritter uud Gelehrter auf seiner Burg lebte, und mit allen Gelehrteil und Dichtern jener Zeit im steten innigen Verkehre stand. Rentweinsdorf war damals viel von den zahlreichen Freunden Sigmunds, und namentlich von seinen und seiner Frau Verwandten, besticht. Auch viele Gelehrte, mit denen Sigmund in lebhaftem Verkehre stand, kamen häufig dahin, so namentlich der auch als Schriftsteller bekannte geistliche Rath Oberthür aus Würzburg, mit dem Sigmund bis zu seinem Tode in stetem Briefwechsel blieb; dann Abt Otto von Kloster Banz und Pater Roman von dort (später Professor zu Jena und dann in russischen Diensten zu Charkow in der Ukraine), der aus Miersbach bei Rentweinsdorf gebürtig war und Schad hieß. Von den katholischen Geistlichen der Umgegend war es besonders der geistliche Rath und Dechant Schlör von Ebern, der viel in sein Haus kam, und mit dem er ans sehr freundschaftlichem Fuße stand. Der angenehmste Besuch von allen war aber immer der seines vortrefflichen Schwiegervaters, der mit der herzlichsten Liebe an'seiner geliebten Toinon, wie er seine Tochter Antoinette nannte, und all seinem Schwiegersohne hing, und die Enkelschaar mit treuester Zärtlichkeit liebte. Lenthe gehörte unbestritten zu den geistreichsten und gebildetsten Staatsmännern der damaligen Zeit, und war nun seit mehreren Jahren hannöverischer Cabinetsminister in London. Dieser 465 Cabinetsminister, was kein diplomatischer Posten war, war dem Könige von England, als Kurfürst von Hannover, zur Regierung des letztgenannten Landes beigegeben, und durch ihn gingen daher alle Nc- gierungsbefehle für das Kurfürstenthum. — Seit Lenthe's Aufenthalt im fernen London wurden natürlich seine Besuche in Rentweinsdorf seltener, kam er aber, dann blieb er gewöhnlich längere Zeit, und seine Anwesenheit war eine rechte Festzeit für die ganze Familie. Für die Enkel brachte er gewöhnlich kostbare Geschenke aus England mit, und der ernste Staatsmann war in ihrem Kreise voll der ungezwungensten und liebenswürdigsten Heiterkeit. Das Kriegsgewitter, welches sich in der Mitte des Jahres 1800 über unser Land zusammengezogen, durch den Waffenstillstand sich aber augenblicklich wieder entfernt hatte, drohte im September dieses Jahres von Neuein loszubrechen, man erwartete wiederholt von Tag zu Tag den Einmarsch französischer Truppen. Wiederum mußte die arme Antoinette Rentweinsdorf verlassen und zu der befreundeten Familie von Könitz nach Siman gehen, und da es unbescheiden gewesen wäre, vier Kinder, noch dazu so kleine, mitzunehmen, konnten sie wiederum nur ihre beiden ältesten Töchter begleiten, und Thusnelde und Hermann blieben beim Vater zurück. Es war dießmal eine lange Trennung, und eine um so peinlichere, als man lange in steter Ungewißheit über die nächste Zukunft war. Sigmund kam wohl öfters zu den Seinigen nach Siman, aber immer noch wagte er nicht, sie mit sich zu nehmen. Zu Anfang Winter zog Antoinette mit der Familie Könitz nach Coburg, und mußte noch mehrere Monate dort getrennt von ihrem Manne und ihren beiden jüngsten Kindern bleiben, da das Kriegsunwetter immer näher kam. Im Dezember 1800 kam es in unserer Gegend, namentlich bei Ebelsbach, zu mehreren Gefechten. Die längere Abwesenheit An- toinettens war indessen trotzdem jetzt keine absolut nothwendige mehr, wie sie es 1796 gewesen, da die groben Excesse der Soldaten sehr nachgelassen hatten. Die große Aengstlichkeit Sigmunds ist allein nur aus seiner unbeschreiblichen Liebe zu seiner Gattin zu erklären, von der er jede Gefahr ferne halten wollte, und für die ihm kein Opfer zu schwer war. Die beiden folgenden Jahre 1801 und 1802 — boten in Sigmunds Leben einen großen Wechsel von Glück und Unglück. Am 400 2. Juli 1801 schenkte Antoinette ihrem Gatten einen zweiten Sohn — Sigmar Hermann — der aber schon am 25. September 1802 wieder starb, und eine kurz darauf — am 23. November 1802 — ihm geborene vierte Tochter Mathilde Caroline wurde nur wenige Wochen alt, sie starb am 15. Dezember desselben Jahres. Zwei herbe Verluste für diese Eltern, die mit so unbeschreiblicher Zärtlichkeit an ihren Kindern hingen, und die diesen Schmerz um so tiefer fühlten, als er ein für sie bis dahin noch ungekannter war. Außer diesem Familienkummer drohte zu Ende des Jahres 1802 noch ein Unglück anderer Art über Sigmund hereinzubrechen. Durch den Luncviller Frieden (9. Februar 1801) war allen Souverainen Deutschlands, die durch die Ländererweiternngen Frankreichs Verluste erlitten hatten, eine Entschädigung verheißen worden, die durch die Säcularisation mehrerer geistlichen Fürsten, dann der Klöster und Stifter, wie durch die Mediatisirung mehrerer Reichsstädte gewährt werden sollte. Ein Ausschuß des Reichstages zu Negensburg ward niedergesetzt, der diese Entschädigung reguliren sollte, der aber eigentlich nur thun mußte, was der gebietende französische Consul für gut fand. Die langen, höchst unerquicklichen Verhandlungen dieses Ausschusses sind geschichtlich bekannt und gehören, wie der Rastadter Congreß, zu den schmählichsten Epochen unserer vaterländischen Geschichte. Sie endeten mit dem Reichsdeputationshauptschluß vom 25. Februar 1803. Der Eigennutz und die Habsucht einzelner Fürsten, wie die schmachvolle kriechende Unterwürfigkeit anderer vor Bonaparte sind unvertilg- bare Flecken in diesen traurigen Verhandlungen. So konnte vor Allem Kurbayern nie zufrieden gestellt werden, obgleich es großen Zuwachs an Ländern erhielt. Es verlangte noch die sofortige Mediatisirung des Reichsadels in den Territorien, die es erhalten hatte. Die Neichs- ritterschaft in den nun mediatisirten und Bayern zugetheilten Fürst- bisthümern Bamberg und Würzburg sträubte sich heftig dagegen, und suchte namentlich bei Preußen Schutz, das sich auch ihrer eifrigst annahm. Der gebietende erste Consul Frankreichs war aber dieser Ritterschaft feind, da sie stets treu zu dem Kaiser und Reich gehalten hatte, und erklärte sich mit dieser Mediatisirung einverstanden, und so versuchte die kurbayerische Regierung noch während des Verlaufs der 407 Unterhandlungen in Regensburg die Besitzungen und Unterthanen dieses Neichsadels sofort zu occupiren. — Am 12. Dezember 1802 erschien der bisherige fürstbischöfliche, nunmehrige kurbayerische Amtskeller von Ebern, um von Nentweinsdorf Besitz zu ergreifen. Er heftete das Besitzergreifungspatent an die Kirchthüre zu Nentweinsdorf. Sigmund protestirte gegen diesen Gewaltstreich, und führte sofort Beschwerde, die auch von anderen Reichsrittern, denen dasselbe widerfahren war, gleichzeitig erhoben wurde. Die Cantonsregierung nahm sich der Sache ernstlichst an, und Preußen protestirte auf's Neue beim Reichstage, und brachte es wirklich dahin, das Kurbayern seine Occu- pationsbefehle zurücknahm. Das Leben der Neichsritterschaft in fraglichen Territorien war noch auf einige Jahre gefristet. — Dieser Gewaltstreich ließ aber Sigmund wohl erkennen, daß die Tage seiner Existenz als Neichsritter bereits gezählt seien, und dieser Tag — der Vorabend des Todestages seiner jüngsten Tochter — blieb ihm ein steter tiefer Schmerzenstag. Im Frühjahre 1802 war Antoinetten nach langer Zeit wiederum die Freude geworden, ihren Vater in Lenthe zu besuchen, sie war mit den Kindern dahin gereist gewesen, und kehrte am 3. Juni von dort nach Nentweinsdorf zurück. Ihr Mann war erst später nachgereist, und hatte von Lenthe aus eine Tur nach Bremen und in die Marschgegenden gemacht. — Von der Reise nach Nentweinsdorf zurückgekehrt, versuchte er nun einen längst gehegten Wunsch in Ausführung zu bringen, nämlich für Nentweinsdorf Stadtrechte zu erlangen, und ein städtisches Rathscollegium dort einzuführen. Seine Bemühungen blieben aber fruchtlos, was für Nentweinsdorf durchaus nicht zu beklagen ist. In dem genannten Jahre acquirirte Sigmund gemeinschaftlich mit feinein Bruder einen Theil unserer f. g. Siegelfelder Güterhölzer von einem Bauern Dressel. Es waren dieß zehn Morgen Wald. Später, nämlich 1818, erkaufte er von Bauer Höchstädter noch weitere 7^/z Morgen daselbst, und Beides zusammen, was eigentlich ans fünf Abthei- lnngcn besteht, bildet jetzt die zwölfte Abtheilung unserer Eyrichshöfer Waldung. Das Jahr 1803 war ein für die Neichsritterschaft wichtiges und setzte daher alle einflußreicheren Glieder derselben in große Bewegung 408 und Thätigkeit. — Der erste, Ende 1802 gemachte Versuch Kurbayerns, diese Ritterschaft in den Fürstenthümern Bamberg und Würzburg zu mediatisiren, war zwar, wie oben angeführt, mißglückt, allein Bayern ließ die Sache nicht beruhen. Als es 1803 definitiven Besitz von beiden Fürstenthümern genommen, ernannte es im November zu Bamberg eine Ministerialcommission, bestehend aus dem bayerischen Minister Grafen von Thürheim und deni würzbnrg'schen Präsidenten von Asbeck, denen der französische Bevollmächtigte Bayard beigegeben wurde, und die Neichsritter der Umgegend, oder vielmehr der Ritterausschuß, der auf Andringen Bayerns gebildet wordeil, und von dem Sigmund ein Mitglied war, wurden nach Bamberg citirt, um wegen der Auflösung der Reichsritterschaft zu unterhandeln. Sigmund war mit seinem Bruder dort. Mail suchte die Erschienenen einzuschüchtern, indem man ihnen gleich Anfangs zeigte, daß sie der Gewalt zu weichen hätten, weshalb eine Compagnie Soldaten vor dem Versammlungslocale aufgestellt war. Als dies aber nichts fruchtete, wurden mildere Saiten aufgezogen, und neben verschiedenen Auszeichnungen, die man den Erschienenen machte, und neben Föten, die man ihnen gab, wurden Versprechungen aller Art gegeben, wenn sich die Einzelnen freiwillig der bayerischen Regierung unterwürfen. Diese Versprechungen hatten viel Lockendes, denn daß das deutsche Reich und mit ihm die ReiDritterschaft dem Untergang mit Riesenschritten entgegengehe, das sah wohl jeder Einsichtsvolle ein und es wäre nach menschlicher Denk- und Handlungsweise daher fast verzeihlich gewesen, wenn man unter solchen Verhältnissen die bei einer freiwilligen Unterwerfung gebotenen Vortheile der doch bald, dann aber gewiß ohne jede Bevorzugung eintretenden gezwungenen Mediatisirung vorgezogen hätte. Allein der edle Stolz der alten Reichsritter ließ dieß nicht zu. Man wollte lieber ehrenvoll untergehen, als der altehrwürdigen Reichsritterfchaft, die Jahrhunderte lang der Glanz unseres Adels war, gegen einen augenblicklichen Vortheil, selbst den Todesstoß zu geben. — Sigmund schrieb hierüber am 2S. November aus Bamberg an seine Frau: „Gestern haben wir unsere Deliberationen beschlossen und heute erwarten wir die Auflösung des zeitherigen Nitter- ausschusses, wo sich dann alles Weitere bald zeigen wird." 469 Statt dieser Aufläsung uud statt weiterer Unterhandlung wurde aber uoch am selben Tage unter Androhung militärischer Exemtion von den anwesenden Neichsrittern categorisch die sofortige Ableistung des Unterthaneneides an Bayern gefordert, dieser Eid jedoch muthig von ihnen verweigert. — Sigmund schrieb darüber noch am nämlichen Tage an seine Frau: „Dein Mann, edles herrliches Weib, ist den Pflichten der Ehre und der Moralität streng treu geblieben. Er hat nicht einen Eid geleistet, den er für unerlaubt hielt, und hatte Muth, dieß laut zu sagen, auch Kraft, vortheilhafte Aussichten gleich einer Seifenblase von sich wegzublasen, wenn sie auch gleich auf immer verschwunden sind. Christian Ernst denkt ebenso — und Gott sei dreifach gepriesen, daß die Rotenhane auch in den epineusesten Verhältnissen nicht die Alanen ihrer Ahnen beschimpft, sondern der Ehre und Pflicht treu geblieben sind. Der Gott, der das Gefühl von Recht und Unrecht, von Tugend und Pflicht in unseren Herzen fest und unerschütterlich hat Wurzel fassen lassen, dieser Gott, der Gerechtigkeit so eng mit seinem Universo zu verweben wußte, muß uns auch für die Folgen dieses Schrittes schützen. — Beruhige Dich also Beste, wenn vielleicht Execution oder Sequestration erscheinen sollte. Es sind bereits die Anstalten getroffen, die uns hoffentlich für wesentlichen Schaden schützen werden. — Ich habe vom Minister schriftlich meine Entlassung auch als neu errichtet gewesenes Mitglied des Directoriums und die Erlaubniß abreisen zu dürfen, erhalten. Doch kann ich Dich erst in 3 vielleicht 4 Tagen sehen. Warum? mündlich. Sei nur ruhig, die Sachen werden am Ende noch hoffentlich gut gehen :c." Sie gingen auch für den Augenblick noch gut aus. Es blieb bei der geschehenen Eidesverweigerung und Gewaltschritte wurden seitens Bayerns nicht gethan. Wohl hatte man kleine Truppenabtheilungen durch die Güter der benachbarten Reichsritter, um sie zu schrecken, marschireu lassen, uud auch nach Rentweinsdorf kamen bayerische Chevauxlcgers, wovon 6 Mann einige Tage dort blieben, allein damit 470 war es abgethan. Noch einmal war die Existenz der Reichsritterschaft in den beiden Fürstenthümern auf kurze Zeit erhalten. Höchst auffallend und fast unerklärlich ist es, daß in dieser sturm- bewegten, unsicheren Zeit, wo noch dazu die Finanzen unserer Familie noch immer recht schlecht standen, Sigmund und sein Bruder daran denken konnten, große Güterkäufe zu machen. Es war ihnen das große Rittergut Beichingen in der Gegend von Ulm angeboten worden, das um 200,000 st. zu kaufen gewesen wäre, welche große Summe bei dem damaligen niedrigen Güterpreise auf den bedeutenden Umfang des Gutes schließen läßt. Christian Ernst besah das Gut und war sehr für den Kauf eingenommen. Es sollte ein Speculationskauf sein. Was Sigmund dabei besonders anzog, war die Verbesserungsfähigkeit desselben, da große sumpfige und öve Flächen vorhanden waren, die einer Cultur fähig sein sollten. Der Kauf kam indessen nicht zu Stande. Im Mai 1804 erwartete Antoinette ihre 7. Niederkunft. Sie war aber damals mit ihrem Manne in großem Kummer, denn ihr einziger Sohn, der erst vierjährige Hermann, war so krank, daß man ihn zu verlieren fürchtete. Noch in Mitte dieser Bedrängniß gebar Antoinette am 24. Mai 1804 ihre fünfte Tochter — Adelheid. Die Freude über dieses neue Pfand ihrer Liebe wurde bald eine ungestörte, da der kleine Hermann kurze Zeit darauf von seiner schweren Krankheit genaß. Im Juli desselben Jahres wurde Sigmund zum ersten Mal von Kurbayern, das nun an der Stelle der Fürstbischöfe Lehensherr geworden war, in Bamberg belehnt. Es war ihm dieß ein schmerzlicher Akt, denn er deutete auf baldigen größeren Wechsel hin. Ueberhaupt lag jene inhaltsreiche Zeit gewitterschwer auf seinem und aller Patrioten Ge- müthe. Dazu war er jenen Sommer viel leidend und keine Kur wollte recht anschlagen. Doch fand er Trost, Glück und Freude in seinem häuslichen Leben, wo ihn die treueste liebevollste Gattin und die fröhliche Kinderschaar unendlich beglückte. Er und Antoinette waren immer bedacht, sich freudige festliche Ueberraschungen zu bereiten und Beide waren glückselig, wenn solches heimlich bereitete Fest als Ueberraschung gelang. So wollte dießmal Jedes von ihnen an ihrem 10. Hochzeitstage dein Andern heimlich ein Fest, nämlich die Beleuchtung der Insel im Kappelsee, bereiten. Jedes machte hiezu Anstalten und die damit 471 beauftragten Diener befolgten die beiderseitigen Anordnungen, ohne die Geheimnisse zu verrathen, was denn am Ende großer Jubel war. Antoinette beschreibt dieses nächtliche Fest, bei dem Kanonen donnerten und Musik spielte, als ein wahres Feenfest. Solche freudige Tage thaten in jener Zeit dem durch die politischen Ereignisse schwer niedergedrückten Manne recht wohl und hielten ihn bei den Stürmen der Zeit aufrecht. Den Winter auf 1805 brachte die Familie Sigmunds ganz in Nentweinsdorf zu; diese Zeit verging in ungestörtem Glücke. Mit dem Frühling stellte sich aber wiederum Sigmunds früheres Leiden ein und trat dießmal in beängstigender Weise auf. Heftige Unterleibskrämpfe machten ihn oft recht krank, und seine Frau war darüber sehr niedergedrückt und ängstlich, sie hielt seinen Zustand für sehr gefährlich und ihre Briefe an ihre Schwägerinnen sprechen oft selbst von naher Todesgefahr. Er wurde wiederholt in's Bad Bocktet gesandt, was ihm, wie früher, gut that und das Uebel, wenn auch nicht hob, doch linderte. — Auch eine neue Erkrankung Hermanns im Sommer 1805 machte der armen Mutter viele Sorge, und ihr sonst so heiteres Gemüth ging dießmal mit bangen Sorgen ihrer neuen Niederkunft entgegen, die sie im August dieses Jahres erwartete. Im Hause war unterdessen eine neue Veränderung vorgegangen. Im Mai dieses Jahres hatte Sigmund für seinen fünfjährigen Sohn Hermann einen Erzieher genommen, den ihm der befreundete Pfarrer Wohlfart aus Heilgersdorf vorgeschlagen hatte. Es war dies ein Pfarrerssohn aus Schottenstein, der erst 18 jährige junge Weinmann, der anfangs zum Lehrfach bestimmt war, durch Pfarrer Wohlfart aber, der sich seiner Ausbildung annahm, zum Studium der Theologie bestimmt worden war. Die Mittel hierzu fehlten noch, und auch im Griechischen mußte sich der junge Mann noch mehr ausbilden. Hierzu sollte ein längerer Aufenthalt in Nentweinsdorf dienen, wo er neben der Beaufsichtigung des kleinen Hermanns genug freie Zeit zum Selbststudium finden und Ersparnisse zum Universitätsstudium machen könnte. Weinmann, ein durch und durch trefflicher junger Mann, erwarb sich bald die Liebe Sigmunds in so hohem Grade, daß dieser ihn einige Jahre darauf, als er die Universität Erlangen bezog, selbst dort unter- 472 stützte, und ihm nach Vollendung dieser Studien eine Hofmeisterstelle in seinem Hause zusicherte, die er auch später erhielt, uud bis 1818 in treuester Pflichterfüllung beibehielt. Von diesem edleu Manne, der von 1814 bis 1838 Pfarrer in Rentweinsdorf war, werde ich später noch sprechen. Am 16. August 1803 wurde Antoinette von einem Sohne entbunden, der nach seinem Großvater Lenthe, nach seinem Bruder und Onkel in der Taufe die Namen Julius Hermann Ernst erhielt. Dieser Ebeugeuannte bin ich, der Verfasser dieser Familiengeschichte. — Da die männliche Nachkommenschaft in unserer Linie bisher nur auf dem einzigen noch lebenden Sohn Sigmunds, dem erst fünfjährigen Hermann beruhte, so war die Freude über meine Geburt doppelt groß und wurde durch Festgedichte wie in anderer Art gefeiert. Auch der kleine Hermann war hoch erfreut über die Geburt eines Bruders und nicht wenig stolz, als er bei der Taufe an der Seite der Pathen ging und das Kind vor dem Altar selbst auf den Armen halten durfte. Diese erste kindliche Freude war der Beginn jenes nie getrübten, dnrch's ganze Leben in seltener Weise fortbestandenen innigen Verhältnisses zwischen uns Brüdern, das zu unserem und der Familie Segen fortdauerte, bis der Tod es für hier, aber auch nur für hier trennte. Schon bald nach meiner Geburt, nämlich am 6. Oktober desselben Jahres, reiste meine Mutter mit ihrer ganzen Kinderschaar nach Weimar, wo ihr Vater zu längerem Besuche seiner Tochter Egloffstein anwesend war, und wo unsere Familie den Winter 'zubringen sollte. Sie kam an: 8. dort an. Mein Vater war noch durch landwirthschaftliche Geschäfte daheim festgehalten und reiste erst später nach. Er richtete damals einen neuen Wirthschaftszweig in Rentweinsdorf ein, nämlich eine Schweizerei, die auch, mit nur kurzer Unterbrechung, seitdem dort fortbesteht. Der Winter ans 1806 bot in Weimar viel Stoff zur Erheiterung. Das Zusammenleben mit dem geliebten Vater und der trefflichen Egloffstein'schen Familie war für meine Mutter ein hoher Genuß, und der höchst anziehende Hof des geistreichen Herzogs, der Weimar zum deutschen Athen umgeschaffen hatte, und bei dein die ersten Geister unseres Vaterlandes lebten, bot damals Genüsse seltener Art, wie keine 473 andere Stadt sie gewähren konnte. Mein durch Geist und Weltbildung gleich ausgezeichneter Vater und weine höchst liebenswürdige Mutter waren bald in der Gesellschaft Weimars gefeierte Gäste, und von allen Seiten wurden sie mit Freundlichkeit überhäuft. Trotzdem war mein Vater dießmal in dieser Stadt, die er sonst sehr liebte, nicht heiter und befriediget, die schwarze, unglücksvolle Gewitterwolke, die namentlich nach der großen Drei-Kaiserschlacht bei Austerlitz (I. Dezember 1805) und dem am 26. desselben Monats geschlossenen unheilvollen Frieden von Preßbnrg über unserem armen Vaterlande hing, drückte schwer auf sein Gemüth, er hatte keine Ruhe ferne von der Heimath, wo sich die politischen Verhältnisse unseres Frankens und namentlich der Neichsritterschaft immer trüber gestalteten, und reiste am 31. Dezember nach Rentweinsdorf zurück, von wo er sogleich nach Erlangen und Nürnberg eilen mußte, um den verschiedenen Conferenzen, die namentlich in letzterer Stadt gehalten wurden, beizuwohnen. Seine Trennung von der geliebten Gattin wurde ihn: dießmal besonders schwer, sie mußte, wie er wohl einsah, eine ziemlich lange sein. Ach! er ahnte nicht, daß sie eine Trennung für's Leben sei! Auch meine Tante Sophie brachte einige Zeit mit meiner Mutter in Weimar zu, und ging von da nach Halle zu ihrer Schwester Mandelsloh, die tief niedergedrückt war, da ihr Mann, den man verlänmderischer Weise als für's Avancement zum Stabsoffizier körperlich als untauglich geschildert hatte, im Dienste präterirt worden war, und tief gekränkt seinen Abschied nehmen wollte, was indessen verhindert wurde. Bald nach meines Vaters Abreise von Weimar kam eine für die Töchter angenommene Gouvernante, Mademoiselle Hahn, dortselbst an, die von da an lange im Hause meines Vaters blieb, und seine und der Familie Zuneigung im hohen Grade erwarb. Um jene Zeit erschien der Kaiser von Nußland zum Besuche seiner Schwester, der Erbprinzeß, in Weimar, was große Feste dortselbst hervorrief und das gesellige Leben sehr erhöhte. Meine Mutter machte dieß Alles mit, aber ihr Herz war ferne beim geliebten Gatten, dem sie die zärtlichsten Briefe schrieb, voll Sehnsucht nach Wiedervereinigung. Ganz besonders rührend ist es, mit welcher unbeschreiblichen Liebe sie 474 an Rentweinsdorf hing. In jedem ihrer Briefe sprach sie dieß aus, und mein Vater konnte ihr keine größere Freude machen, als wenn er ihr von dort irgend ein kleines Andenken, ein Bouqnet Blumen oder dergleichen zusandte. Rentweinsdorf war ihr Eldorado, nach dem sie sich mitten in den heiteren Festen der Herzogsstadt sehnte. — Ihr Vater und die Familie ihrer Schwester überhäuften sie mit Freundlichkeit und suchten sie dadurch wegen ihres TrennungSschmcrzes zu trösten; so wurde am IS. Januar, ihrem Geburtstage, ein sinniges Familienfest gefeiert, wobei ein Transparent die von ihrem Vater gedichteten hübschen Verse enthielt: Lebe lang, um lang geliebt zn werden, Liebe lang, nm lange froh zu sein. Nur geliebt genießt man Glück auf Erden, Liebe macht auch fremde Freuden Dein. Vorher waren sie im Theater gewesen, wo Göthe's Stella gegeben wurde, und es ist für meiner Mutter kindlich reines Herz sehr bezeichnend, daß sie dieses Trauerspiel des gefeiertesten Dichters ein schändliches Stück nannte. Als Nachfeier des Geburtstages fand Tags darauf auch ein Konzert statt, in dem auch meine Mutter Clavier spielte und viel Beifall einärndtete. Ihre Sehnsucht nach dein entfernten Gatten wuchs aber von Tag zu Tag, und der Aufenthalt in Weimar wurde ihr stets peinlicher, besonders wurde ihr die Trennung schwer, als sie erfuhr, ihr Mann habe sich wegen der immer größer werdenden Finanznoth, die Folge des zu geringen Ertrages von den Oekonomiegütern sei, entschlossen, letztere zu verpachten und mit seiner Familie in eine Stadt zu ziehen. Sie wußte, welches große Opfer dieß meinem Vater kosten würde, der die Landwirthschaft mit solcher Passion betrieb, und während dieser inneren Kämpfe von ihn: fern zn sein, war ihr schrecklich. Trotz ihrer großen Liebe für Rentweinsdorf redete sie ihm aber zn, diesen Plan auszuführen, da sie die in der letzten Zeit häufige Beunruhigung ihres Mannes der trostlosen Finanzlage zuschrieb. Doch war sie sehr beglückt, als er ihr bald darauf schrieb, er habe nach reiflicher Ueberlegung jenen Plan der Verpachtung wieder aufgegeben. Unterdessen waren die traurigen politischen Verhältnisse unseres Vaterlandes immer trüber geworden. Die Reichsritterschaft wurde von 475 dm meisten Mächten nicht mehr anerkannt, der Nitterhauptmann des Cantons Baunach, von Seckendorfs, abgesetzt und die einzelnen Mitglieder der Ritterschaft in den Fürstenthümern Bamberg und Würzburg aufgefordert, dem Könige von Bayern (was der Kurfürst seit dem Preßburger Frieden geworden war) zu huldigen. Sie weigerten sich wiederholt standhaft und beschlossen, nur der äußersten Gewalt weichen zu wollen. Man schritt aber seitens Bayerns unaufhaltsam vorwärts. Noch im Januar 1806 zwang man unsere beiden Beamten, Müller zu Nentweinsdorf und Strebet zu Eyrichshof, der Krone Bayern zu huldigen, und am 23. desselben Monats nahm der bayerische Landrichter Eckert sämmtlichen Schultheißen, Dorfsmeistern und von jedem Dorf zwei Deputirten von allen unseren Unterthanen in den Amthäusern von Nentweinsdorf und Eyrichshof den Unterthaneueid für den König von Bayern ab. Patente und das bayerische Wappen wurden allerwärts in den Dörfern angeschlagen. — Endlich zu Ende Januar wurden die Neichsritter, und darunter mein Vater und Onkel wiederholt, und jetzt unter Androhung militärischer Beischaffung, zur Huldigung nach Bamberg vorgeladen. Sie hatten sich lange gesträubt und standhaft widerstanden, endlich mußten sie der Macht weichen. Der schon oben genannte bayerische Minister Graf von Thürheim empfing, auf einer Art Thron sitzend, die Reichsritter, die durch ein Spalier Soldaten bis zu ihm gehen mußten. Mit hochmüthiger Anrede verkündete er ihnen, daß keine Einrede der Ritterschaft gegen die verlangte Huldigung mehr angenommen werde, daß sie sich der Krone Bayern zu unterwerfen, und daß jedes einzelne Glied derselben dem Könige von Bayern zu huldigen habe. Man mußte der Gewalt weichen, aber auch jetzt noch leisteten sie den Huldigungseid nur als einen ihnen zwangsweise auferlegten ab, und nur unter dem Vorbehalt aller Rechte des Kaisers, des Reichs, der Rittergenossenschaft und ihrer selbst. — Mein Vater schrieb darüber am 31. Januar 1806: „Die politische Lage der Dinge, erhaltene Winke und Aeußerungen lösten unsere Pflichten auf. Wir konnten als Männer von Ehre und Pflicht dem neuen Landesherrn huldigen. Dein Mann, sein Bruder, die Trnchsesse, Seckendorf, Altensteins, ja nun alle soliden Familien haben gehuldiget. St 476 Gott helfe weiter! Ich hatte 14 Mann Cavalerie als Exe- cutions-Commando und abermals förmliche Sequestration. Ein gleiches Loos hatten alle ritterschaftlichen Güter. Manche hatten 20 bis 30 Mann Exemtion. Ein eigener königl. Sequestration-Commissarius reiset im Lande herum w." Für meinen Vater war dieser Akt der schwerste, den er noch erlebt, und nur mit blutendem Herzen sprach er die Huldigungsformel aus. Ein großer Lebensabschnitt war für ihn eingetreten; vom freien, über seine Unterthanen selbst regierenden Neichsritter war er Unterthan geworden, und Unterthan eines Fürsten, für den er keine Sympathien haben konnte. Eine große Epoche in unserer Familie war abgeschlossen, und alle die Pläne, die sich mein Vater in seiner Regierung für das Wohl seiner Unterthanen gemacht hatte, waren vernichtet. Wohl ertrug er dieß große Unglück mit männlicher Fassung, aber es lag in ihm der größte Schmerz, den er noch je im Leben empfunden hatte, und dieser wurde noch erhöht, als er nun die Belästigungen aller Art sah, die seine zeitherigen Unterthanen unter ihrem neuen Landesherrn zu erdulden hatten. Statt der geringen Steuern an den ritterschaftlichen Herrn und den Kaiser trat nun eine hohe Besteuerung an Bayern, statt der Militärfreiheit die in Bayern bereits eingeführte Conscription, die eine Menge zum Kriegsdienste berief, und statt der väterlich wohlmeinenden Regierung Sigmunds, die nur auf das Glück der Unterthanen bedacht war, das von den königlichen Beamten in übermüthiger bureaukratischer Weise geführte Negierungsscepter. Sein Herz blutete, wenn er dieß Alles sah, und daneben wurde nun seine Lage eine viel schlimmere. Neben dem Verlust der Regierungsgewalt und der hervorragenden Stellung eines freien selbstständigen Neichsritters verlor unsere Familie alle landesherrlichen Steuern von den Unterthanen (nur die Grundabgaben als: Handlohn, Zehnten, Gülten, Erbzinsen, Frohnd- gelder w. blieben) und mußte nun statt der geringen Stenern an den Kaiser und die Cantonskasse sehr hohe an Bayern zahlen. Die gedrückte finanzielle Lage wurde dadurch eine noch schlimmere. Meine Mittler erfuhr dieß Alles nur aus ihres Mannes Briefen und war trostlos, in solcher Zeit nicht an seiner Seite sein zu können. Sie suchte aber Alles auf, um ihn zu trösten, und schrieb ihm die 477 rührendsten Briefe. Zugleich bat sie ihn inständig, sogleich eine Einrichtung zu treffen, daß sie bei den nun veränderten Finanzverhältnissen mit einer geringeren Summe auskommen könnten; sie erklärte sich zu jedem Opfer und zn jeder Einschränkung bereit. Als Mitte März die Geschäfte in Nentweinsdorf noch immer so dringend waren, daß mein Vater zu seiner Familie nicht zurückkehren konnte, wünschte er sehnlichst deren Rückkehr nach Nentweinsdorf. Allein Vater Lenthe bat so sehr um Verlängerung des Aufenthaltes seiner geliebten Tochter in Weimar, daß beide Ehegatten nachgeben mußten, obgleich sie Beide eine unbeschreibliche Sehnsucht nach Wiedervereinigung hatten. So kam der April heran und in diesem Monate sollte denn endlich die Rückreise der Familie nach Nentweinsdorf erfolgen; sie wurde auf den 26. festgesetzt. Noch am 18. schrieb meine Mutter an meinen Vater einen langen Brief voll Sehnsucht und glückselig über die baldige Wiedervereinigung. Tags darauf erkrankte sie. Man hielt die Krankheit anfangs für nicht bedeutend und meine Mutter schrieb selbst noch einige Worte vom Krankenlager aus an meinen Vater, um ihn zu beruhigen. Es waren die letzten Zeilen, die er von ihr erhielt. Schon nach wenigen Tagen hatte die Krankheit, die die Aerzte ein nervöses Faulfieber nannten, so sehr zugenommen, daß man selbst uns Kinder, der befürchteten Ansteckung wegen, nicht mehr zu der Mutter bringen durfte, was dieser ein namenloser Schmerz war. Ihre Sehnsucht nach den Kindern nahm in dem Grade zn, als sie die nahe Todesgefahr immer mehr fühlte, und um sie zu beruhigen, zeigte man ihr endlich die Kinder von ferne in dem anstoßenden Zimmer. Da betete sie noch für solche mit so lauter Stimme und mit so erhebender Andacht, daß Alles tief ergriffen war. Dieses mütterliche Gebet machte auf die älteren Kinder einen so tief erschütternden Eindruck, daß sie noch später im Leben immer mit tiefer Rührung davon sprachen. Dieses fromme Gebet der sterbenden Mutter blieb ein segenreiches für uns Kinder durch's ganze Leben. Als man die Gefahr, in der meine Mutter schwebte, erkaunt hatte, sandte man eine Estaffette au meinen Vater nach Nentweinsdorf, die am 24. früh daselbst eintraf. Mein Vater, obgleich selbst leidend, reiste sofort ab, hatte aber unterwegs 31* 478 allen möglichen Aufenthalt, da er an vielen Orten keine Postpferde fand, und so kam er erst am 25. spät Abends nach Blankenhahn, wo ihm sein Schwager Egloffstein zu Pferde entgegenkam und ihm die Nachricht brachte, meine Mutter lebe zwar noch, sei aber sehr krank. Er setzte sich sofort zu Pferde und Beide jagten nach Weimar, wo sie mitten in der Nacht ankamen. — Ich lasse nun meinen Vater selbst reden, wie er seine Gefühle niederschrieb: „Das Wiedersehen von meinein würdigen Schwiegervater, von Dorette, Fritz Lenthe und dessen Frau war für mich in diesem Augenblicke und unter diesen Umständen schrecklich. Nachdem ich mich einigermaßen gefaßt hatte, ging ich zu der geliebten Patientin. Gott! welche Gefühle — der holde, liebevolle Engel, seine Zärtlichkeit gegen mich, seine Leiden, die Gefahr der Krankheit — ich vermag nicht das schrecklichste aller Gemälde zu schildern. — Von Morgens (den 26.) in aller Frühe, wo ich um die Geliebteste war, konnte ich noch mit ihr reden, und sprach noch mit ihr bis nach 1t Uhr Mittags — hier siel sie in einen tiefen Schlaf — nach 7 Uhr Abends entschlief sie! Gott helfe mir mein Unglück ertragen und erbarme sich meiner 6 noch unerzogenen Kinder! Weitere Niederschreibungen aus den folgenden Tagen bezeugen meines Vaters gränzenlosen Schmerz. Sein Leben lag wie verödet vor ihm, denn ein selten inniges eheliches Band war so plötzlich zerrissen worden, und den meist noch ganz kleinen Kindern fehlte die treueste Mutter. Mir war sie entrissen worden, ehe ich sie noch gekannt. Die beiden Aerzte, Leibmedicus Huschke und geheime Hofrath Starke in Weimar, drangen darauf, daß die Leiche wegen der eigen- thümlichen Krankheit sofort in's Leichenhaus gebracht werde. In der Nacht auf den 30. wurde sie zu Weimar begraben. Dort ist auf einem jetzt verlassenen Kirchhofe das Grab meiner theneren Mutter noch heute zu sehen; ein einfacher Grabstein mit Inschrift deckt es, und ein eisernes Gitter umschließt dasselbe. In Weimar hatte dieser Todesfall die wärmste Theilnahme gefunden, und namentlich drückten solche die sümmtlichen Fürstlichkeiten auf's Innigste aus. 479 Nach einigen Tagen kehrte mein Vater mit seiner verwaisten Kinderschaar nach RentweinSdorf zurück. Hier übernahmen nun seine beiden Schwestern Sophie und Auguste das Hauswesen und die Mntter- pflichten, und erfüllten Beides während mehr als 4 Jahre mit der treuesten Liebe und Sorgfalt. Aber der bittere Schmerzenskelch war noch nicht bis zum Grunde geleert. Dieses Unglücksjahr 1806 sollte meinem armen Vater noch vielen Schmerz und Herzeleid bringen! Bald nach der Rückkehr von Weimar kam französische Einquartirung unter General Piccard, der im Schlosse zu Neutweiusdorf wohnte. In Mitte dieser großen Unannehmlichkeit wurde fast unsere ganze Kinderschaar gefährlich krank, und die ansteckende Krankheit, eine Art Nervenfieber, befiel auch unser Dienstpersonale. Das Schloß zu RentweinSdorf war ein großartiges Lazareth, und während mehreren Wochen schwebte der Todesengel über Vielen der Erkrankten. Endlich trat wohl bei den Meisten Besserung ein, aber meine älteste Schwester Sophie, ein überaus liebliches, viel versprechendes Mädchen, erlag am 11. August der schweren Krankheit, und das noch frisch blutende Herz meines armen Vaters erhielt eine neue, tiefschmerzende Wunde. — Für meinen armen Vater waren dicß schreckliche Monate, die um so angreifender waren, da er neben dem Herzensschmerze die große Belästigung der Einquartirung hatte. Aber nicht nur dem Gatten und Vater wurde der bittere Schmerzenskelch gereicht, auch den Patrioten, den an seinem theueren Vaterlande mit heißer Liebe hängenden Mann traf zur selben Zeit der tiefste, herbste Kummer. Die Bildung des schmählichen Rheinbundes, den 16 Fürsten des südlichen und westlichen Deutschlands theils von Napoleon gezwungen, theils aus ehrvergessener Habsucht und Herrschsucht am 12. Juli 1806 zu Paris geschlossen hatten, und der vom Protector desselben, dem neuen Kaiser der Franzosen, zu St. Clond am 19. Juli ratificirt und am 25. zu München vollzogen wurde, hatte nun eigentlich — da sich diese Fürsten förmlich und vertragsmäßig vom Reiche und von der Hoheit des Kaisers lossagten — schon faktisch das deutsche Reich aufgelöst. Napoleon zögerte auch nicht, es völlig zu stürzen. Am 1. August ließ er der deutschen Neichsversammlnng zu Regensburg in 480 seinem und der Rheinbundsfürsten Namen die Stiftung des Rheinbundes eröffnen und die Rheinbundsakte vorlegen, und dabei offiziell erkläreil: „er erkenne das deutsche Reich nicht mehr an." Ohne Weigerung und unverweilt erfolgte von dem letzten Kaiser Deutschlands, Franz II., die Niederlegung der reichsoberhauptlichen Würde und der damit verbundenen Kaiserkrone. Er erklärte an: 6. August das heilige römische Reich für aufgelöst, und am 11. August — diesem Schmerzens- tage in der Familie meines Vaters — wurde die Abdication des Kaisers der Reichsversammlung eröffnet, und dieser Tag ist demnach der rechtliche Endpunkt des tausendjährigen deutschen Reiches. Es ist schwer zu sagen, welcher Schmerz meinen armen Vater tiefer niederdrückte. Zusammen waren diese Unglücksschläge wohl geeignet, ihn trotz seiner Charakterstärke und seiner treuen Ergebung in Gottes Willen völlig niederzudrücken, und dennoch hielt ihn sein Gottvertrauen und der Blick auf seine 5 kleinen Hülflosen Kinder aufrecht, aber seine ohuedieß schon seit einiger Zeit sehr geschwächte Gesundheit litt sehr und wurde immer gestörter. Bald nach der Huldigung meines Vaters an Bayern wurde in Folge des Preßburger Friedens das Fürstenthum Würzburg wiederum vvir Bayern getrennt und dem Kurfürst Ferdinand von Salzburg, früher Grvßherzog von Toskana, einem östreichischen Erzherzog, unter Beibehaltung seines Titels als Kurfürst gegeben. Dadurch gehörten nun fortan unsere Güter theilweise zu dem neuen Staate Würzburg, theilweise zu Bayern, je nachdem sie vorher in dem Territorium des Fürffbisthums Würzburg oder in dem des Fürstbisthums Bamberg gelegen waren. Statt der früheren Freiheit und Reichsunmittelbarkeit hatten wir nun mit einem Male zwei Landesherrn. — Noch im Laufe des Jahres 1806 erhob sich zwischen Beiden Streit wegen der Landeshohheit über Rentweinsdorf und seine Pertinenzien, und Beide machten meinen Vater für jeden Schritt, wodurch die Anerkennung des anderen Fürsten als Landesherrn ausgesprochen würde, verantwortlich. Sehr unangenehme Collisionsfälle für meinen Vater waren Folge hievon. Erst unter'm 12. Juni 1807 ward von Bayern und dem Großherzog von Würzburg ein Staatsvertrag abgeschlossen, in welchen! wegen Ver- 481 Mischung der beiderseitigen Territorien durch die ritterschaftlichen Besitzungen Bestimmungen getroffen, und deshalb eine förmliche Gränz- linie von Aub bei Würzburg bis nach Schottenstein an der Coburger Gränze gezogen wurde. Diese Gränzliuie ging über Ausfeld und Bischofsheini zwischen Dörfles und Pettstädt bei dem Stachel (im Haßwalde) und dem Eichelberg vorbei, Kirchlauter, Rentweinsdorf und Lind auf der bayerischen Seite belassend, nach Hebendorf, von da zwischen Laßbergsgereuth und Landsbach, dann zwischen Fierst und Prezenstein auf Kurzewind bayerischer — Gereuth, Obermerzbach und Memmelsdorf großherzoglich Würzburger Seits. — Hierdurch waren nun unsere Güter wiederum anders getheilt. Rentweinsdorf mit Allem, was davon südlich und westlich lag, dann Ebelsbach mit den weiter aufwärts im Mainthal gelegenen Orten, ferner Kleinheirath und unsere Besitzungen am Stasfelberg blieben unter bayerischer — Eyrichshof mit Fischbach, dann Heubach, Eichelberg und die nördlich und westlich von Eyrichshof und Fischbach gelegenen Orte waren unter Würzbnrg- scher Hoheit. Der Streit der beiden Regierungen war nun zwar damit beendet, allein es war für meinen Vater und Onkel höchst lästig, nun unter verschiedenen Landesherrn zu stehen. — Es blieb dieß bis 1810, wo eine neue Gränzliuie, von der ich später sprechen werde, gezogen wurde. Das Schmerzensjahr 1806 hatte meinen Vater wohl tief gebeugt, hatte aber seinen Wirkungseifer und seine produktive Thätigkeit nicht gelähmt. In seineu Geschäften war er nach wie vor überaus eifrig und unablässig bestrebt, die Güter zu verbessern, und auch auf ihnen Verschönerungen anzubringen. — So kaufte er gegen Ende dieses Jahres, nämlich am 12. Dezember, von dem Müller Johann Fischer in Ebelsbach die Ruine Schmalenberg mit den dazu gehörigen, oben auf dem Plateau des Berges gelegenen f. g. Oberamtsgründdn, was dieser am 1. Juli 1805 von der bayerischen Regierung acquirirt hatte. Mein Vater hatte bei diesem Ankauf einen doppelten Zweck, er wollte oben auf dem Berge einen Oecouomiehof errichten, um von diesem aus unsere Weinberge zu Ziegelanger leichter und besser bewirth- schafteu und bedüngen zu können, und um große Obstplantagen anzulegen, dann um die herrlich gelegene Ruine zu einem besonders anziehenden Punkte für die Gegend umzuschaffen. Er wollte deshalb in 482 ihren alten Thürmen Zimmer einrichten, nnd nin die Burgruine Gartenanlagen anbringen. Dieser Schmachtenberg wurde bald der besondere Lieblingspunkt meines Vaters, dem er sein ganzes Interesse zuwendete, und wofür er sich von vielen Technikern und Kunstgärtnern Pläne machen ließ. — Die Oekonomiegebäude wurden in späterer Zeit wirklich errichtet, und ein eigener landwirthschaftlichcr Hof hergestellt, auch namentlich sehr viele Obstbäume oben auf dem Plateau gepflanzt, allein der seichte unfruchtbare Boden auf der Höhe und die rauhen Winde ließen die Obstbäume nicht gedeihen, und gaben einen sehr ungenügenden Ertrag der Felder, sodah der Hof, statt eines Ertrages, jährlichen Zuschuß erforderte. Einige Gartenanlagen wurden um die Ruine gemacht, die Einrichtung der Thürme kam aber unter meinem Vater nicht zur Ausführung. Am 16. Januar 1807 erwarb auch mein Vater das Oeconomiegut Hebendorf, welches, wie wir sahen, früher schon einmal unserer Familie gehört hatte, nnd 1588 an das Kloster Banz verkauft worden war. Nach der Säcularisation dieses Klosters kam es mit dessen sämmtlichen Besitzungen an Bayern, das es, wie den größten Theil der übrigen Bauz'schen Gruudbesitznngen, nun veräußerte. Auf dieses ganz arron- dirte, der Verbesserung sehr fähige Gut, verwendete mein Vater die größte Sorgfalt. Er vergrößerte es zuvörderst, indem er den ans der Westseite an die Felder stoßenden, zum Gute gehörigen Wald ausrodete nnd zu Feld inachte, und hierauf — einige Jahre später — eine Potaschensiederei daselbst einrichtete, und den s. g. Potaschenaus- wurf zur Verbesserung des Bodens in die Felder brachte, wodurch er die Productionsfähigkeit dieses Gutes bald sehr erhöhte. — Dieses überaus freundlich gelegene Gut wurde bald ein besonderer Liebliugs- punkt meines Vaters. Er pflanzte dortselbst große Obstalleen, die noch heute dessen Zierde sind, und legte an dem schönsten Punkte, wo man eine sehr liebliche Aussicht in das Baunachsthal hat, einen Platz mit Bosquets an, wie er denn stets bemüht war, das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden und die Gegend umher immer mehr gartenähnlich zu verschönern. Der Winter auf 1807 wurde still in Rentweinsdors zugebracht. Der tiefniedergedrückte Mann bedurfte der Zeit der Ruhe, um wieder frischen Lebensmut!) zu sammeln. In der Familie war eine Aenderung 483 dadurch eingetreten, daß der junge Erzieher Hermanns, Weinmann, auf die Universität Erlangen gegangen, und Hermann deshalb zu Pfarrer Wohlfart nach Heilgersdorf zur einstweiligen Erziehung gekommen war. — Meines Vaters Gesundheit blieb eine stets gestörte, und als das Frühjahr kam, wurde ihm der ärztliche Rath ertheilt, das Bad Pyrmont zu gebrauchen, zugleich aber eine größere Reise damit zu verbinden, die ihn stärken und aufheitern sollte. Er konnte sich lange nicht dazu entschließen, da einmal seine Stimmung eine sehr gedrückte war, und dann aus finanziellen Gründen, denn trotz aller Einschränkung langten die Einnahmen nie. Es war aber auch solches bei der vorhandenen Schuldenlast, der zu großen Beamtenzahl, dem Wegfall der Stenern, und der jetzt von Bayern und Würzburg erhobeneu großen Besteuerung, dann bei dem unverhältnißmäßig geringen Ertrag der Güter, sehr erklärlich. Die Waldungen, dieser beträchtliche Theil unserer Besitzungen, lieferten — obgleich sie in gutem Staude waren — bei den sehr geringen Holzpreisen nur eine verhaltnißmäßig sehr kleine Rente, und die Oekonomiegüter ertrugen, trotz der vielen Verbesserungen, die mein Vater eingeführt, nur noch wenig, ja bedurften manches Jahr einen Zuschuß. Wenn man aber auch einen Erndte-Ertrag aus jener Zeit in's Auge faßt, und mit der Gegenwart vergleicht, so ist solches erklärlich. So ertrug z. B. das Oeconomiegut Rentweinsdorf in diesem Jahre 1807 nur 10 Schock 12 Garben Waizen, 46 „ 51 „ Korn, 13 „ 15 „ Gerste und 17 „ 55 „ Haber. Der ärzliche Rath zur Reise und zum Badegebrauch wurde indessen so ernstlich wiederholt, und von den Familien gliedern so dringend unterstützt, daß sich mein Vater endlich entschloß, und am 8. Juni 1807 die größere Reise antrat. Er ging über Regensburg nach Wien, bereiste von da einen Theil Ungarns bis Ofen, ging dann über Prag auf das gräflich Rottenhau'sche Gut Roteuhaus in Böhmen, und von da über Teplitz, Dresden, Leipzig nach Halle zu seiner Schwester Mandelsloh, dann über Brannschweig und Hannover nach Pyrmont. Gern hätte er von Hannover aus sein theures Lenthe besucht, aber er fühlte noch nicht Kraft genug dazu, und glaubte, dieser Besuch würde 484 ihn vor dem Vadegebrauch zn sehr aufregen. — Nach längerem Badegebrauch in Pyrmont machte er noch eine Reise durch Westphalen, und kam sodann nach Lenthe zu seinem Schwiegervater. Welche Gefühle mögen ihn bestürmt haben, als er diesen Ort, wo er mit meiner theueren Mutter verbunden ward, wiedersah! Nach einem längeren Aufenthalte dort reiste er von da nach Weimar, und eilte zu dem Grabe seiner heißgeliebten Gattin. Von da kehrte er nach Rentwcins- dorf zurück, wo er am 23. September, nach Z'/z monatlicher Abwesenheit, wesentlich gestärkt wieder ankam. Vom Jahre 1808 ist nicht viel Beachtenswerthes zu melden. Meines Vaters Gesundheit war auch in solchem eine oft gestörte, und lästig war es ihm, daß man schon jetzt von vielen Seiten in ihn drang, sich wieder zu verehelichen. Eine Verwandte, Frau Alexandrine von Seckendorfs zu Obernzenn trug ihm sogar ihre Nichte Therese von Hohneg, die bei Minister von Seckendorfs in Stuttgart lebte, förmlich an, und schilderte sie als ein ganz für ihn passendes Wesen. Mein Vater konnte sich aber, obgleich er für seine noch so kleinen Kinder eine Mutter als recht nothwendig erkannte, noch nicht dazu entschließen. Sein Schmerz war noch zu neu, und die Zeit seit seinem großen Verluste noch zu kurz, um ihm den Gedanken einer Wiederverehelichung erfreulich zn machen. Von mehrfachem Einfluß auf unsere Familie waren mehrere, im Laufe des Jahres 1808 von der bayerischen Regierung ergangene organischen Einrichtungen und Erlasse. Die am 1. Mai 1808 errichtete Constitution für das Königreich gab eine Art Landesvertretung, die jedoch nur einen schwachen Schatten dessen gab, was die früheren Landstände in Bayern und in den fränkischen Fürstenthümern waren. Eine Ständerepräsentation fand nicht statt, und der Adel war dabei allen übrigen Gutsbesitzern gleich gestellt, und behielt überhaupt nach dieser Verfassung nichts als seinen Titel. Ein eigenes Edict über den Adel im Königreiche wurde uuterm 28. Juni desselben Jahres erlassen, welches jedoch nur von dem Erwerb und Verlust des Adels, nicht aber von Rechten desselben handelt, und daher die früheren Reichsritter, welche eine bevorzugte Stellung im bayerischen Adel erwarteten, nicht befriedigte. Dieses 485 Edict hob zugleich die in Bayern bestehenden Fideieonunisse auf, doch wurde ihm nie eine practische Bedeutung auf die Stammgutseigenschaft der Güter des früheren Reichsadels eingeräumt, sodaß dessen althergebrachte Erbfolgeordnung und Gebundenheit der Güter unverändert blieb. Für die Ausübung der Gerichtsbarkeit (der Patrimonialgerichtsbarkeit) erschien am 8. September desselben Jahres ein Edict, wodurch jedoch dein Adel kein besonderes Vorrecht für diese Gerichte eingeräumt, der Fortbestand der vorhandenen Gerichte dieser Art aber ausgesprochen wurde. Ein Edict über die Lehnverhältnisse im Königreiche Bayern vom 7. Juli 1808, welches bei der Zweiseitigkeit des Lehenvertrages nichts Neues hätte schaffen dürfen, bildete das Lehenverhältniß mit großer Willkühr um, und war ein rein fiskalisches Machwerk, nur darauf berechnet, dem LehenSfiscns größere Rente zu verschaffen, und den Heimfall der Lehen zu erleichtern. Alle diese Einrichtungen waren für den noch vor ein paar Jahren freien Reichsadel neue schwergefühlte Schicksalsschläge, und es gehörte Muth und Charakter dazu, sich in dieß Alles mit männlicher Fassung und Ergebung zu fügen. — Mein Vater gehörte aber zu den Männern, die bei allem Schmerze über den Wechsel, den die Zeitereignisse in der politischen Stellung des früher reichsfreien Adels hervorgebracht, es für ihre Pflicht hielten, sich mit männlicher Ergebung in das Unvermeidliche zu fügen und statt zweckloser Klagen und verzweifelnden Mißmuthes in der neuen Stellung sich nach Kräften nützlich zu machen. Es schien ihm daher in seiner jetzigen Stellung als Unterthan und Vasall Bayerns viel gerathener, sich seinem neuen Landesherrn zu nähern, als wie dem Beispiele Derer zu folgen, die ihren Groll und Aerger gleichsam durch Jgnoriren des Bestehenden an den Tag legten und Bayern gegenüber noch ihre frühere Rolle als Reichsritter dadurch fortzuspielen suchten, daß sie sich gerirten, als erkennten sie den neuen Landesherrn nicht an. — Das deutsche Reich war aufgelöst und die Reichsritterschaft mit ihm zu Grunde gegangen. Hofften auch alle Patrioten, und mein Vater vor Allem, daß an die Stelle des untergegangenen Reichsverbaudes sich ein neues zeitgemäßes Band für 486 Deutschland aus den Wirreu der Zeit bilden werde, so sahen doch die Einsichtsvolleren recht wohl ein, daß bei solcher Neugestaltung an eine Wiederherstellung der Neichsrittcrschaft, oder auch nur an eine Rückgabe von Landeshoheitsrechten an die einzelnen früheren Reichsritter nicht mehr zu denken sei, da die Zeit gegen jede solche Duodezherrschaft gebieterisch anstrebte. — Sollte daher der Adel eine im Staate nöthige politische Stellung wieder erlangen, so konnte dieß nur dadurch werden, daß er sich an den neuen Landesherrn enger anschließe und ihn für sich günstig gestimmt mache. — Dieß brachte meinen Vater im Januar 1809 zu dein Entschluß, nach München zu reisen, dem König aufzuwarten und den bayerischen Kammerherrnschtüssel zu erbitten. Der Vorsatz wurde sofort ausgeführt. Mein Vater wurde von König Max von Bayern sehr freundlich empfangen, und ihm noch im selben Monate der Kammerherrnschlüssel verliehen, so daß er nun dreifacher Kammerherr war. Im klebrigen widmete pr sich nach wie vor eifrig seinen Gutsgeschäften und dem Wohle seiner Medial - Unterthanen, wie man jetzt die früheren Unterthancn nannte. In der Landwirthschaft studirte er fleißig fort, und beschloß nun, statt der mehreren von einander getrennten Oeconomiehöfe zu Rentweinsdorf einen einzigen großen Hof dort zu errichten. Deshalb erbaute er 1809 das großartige Stallgebäude in Rentweinsdorf, in dessen Mitte Brauhaus und Branntweinbrennerei mit Wohnung darüber eingerichtet wurde. Die eine Seite der Stallungen war für die Schweizerei, die andere für die Zugthiere bestimmt. Ein so großartiges Oeconomiegebäude machte in damaliger Zeit Aufsehen, und der Großherzog von Würzburg, als er einige Zeit darauf durch Rentweinsdorf fuhr, ließ halten, nur den Palast, wie er ihn nannte, zu bewundern, wobei er scherzhaft äußerte, solche Paläste könne er auf seinen Gütern nicht erbauen. Was meinen Vater damals und schon seit mehreren Jahren ganz besonders beschäftigte, und was er mit dem größten Eifer verfolgte, war die Freimauerei, für die er, wie ich schon oben anführte, von Jugend auf das lebhafteste Interesse hatte. Was darüber in der reichen Freimaurer-Literatur erschien, wurde von ihm angeschafft, und wie er sich früher vorzugsweise zur Loge von Bayreuth gehalten hatte, 487 so gehörte er nun seit einigen Jahren zu der damals besonders angesehenen in Erlangen, wo er bald eine höhere Würde, die eines Meisters vom Stuhl, erhielt. — Auch in der Nachbarschaft Nentweinsdorfs gab es damals viele Freimaurer, und die meisten unserer Geistlichen und Beamten waren dem Orden beigetreten; selbst sein Bedienter Diegritz hatte einen niederen Grad in solchem. Diese allgemeine Theilnahme in unserer Gegend veranlasste meinen Vater, in Nentweinsdorf selbst eine Filialioge zu errichten. Der obere Saal im Schlosse wurde dazu eingerichtet und oft versammelten sich die Freimaurer aus der Gegend zu ihren dortigen Zusammenkünften, deren geheimnißvolle, jedem Uneingeweihten verborgen bleibende Einrichtung unsere kindliche Phantasie in stete lebhafte Spannung und Neugierde versetzte. Ich habe jenen mysteriösen oberen Saal erst im Jahre 181ö, wo nach dem von der bayerischen Regierung für Staatsdiener und Geistliche ergangeilen Verbot der Theilnahme am fraglicheil Orden diese Loge wieder einging, zum ersten Male im Leben betreten und dieß mit heiliger Scheu, große Dinge dort erwartend, während ich nun nichts als die vier kahlen Wände fand. — Ueber das eigentliche Wirken meines Vaters als Freimaurer kann ich natürlich nichts sagen, da ich kein Eingeweihter war, noch bin, alles tiefes Geheimniß blieb und nach seinem Tode alle darauf Bezug habenden Papiere, die in verschlossenen Kisten standen, zur Loge nach Erlangen geschickt werden mußten. Daß er aber in dem Orden sehr angesehen war und für eines seiner thätigsteu und eifrigsten Glieder galt, ist mir aus der hohen Achtung bekannt, die ihm voil den nah und fern wohnenden Ordeusgliedern gewidmet wurde, und die sich noch nach seinem Tode vielfach kundgab. > Der neue — 1809 — begonnene Krieg Oestreichs gegen Frankreich brachte uns wieder französische Einquartirung, sowohl beim Marsche der Franzosen gegen Oestreich, wie im Herbste bei dem nach dem Wiener Frieden vom 10. October erfolgteil Rückzüge eines Theiles dieser Truppen nach Frankreich. Diese Einquartirung war zwar eine große Belästigung, war aber jetzt, wo gute Mannszncht im französischen Heere herrschte, von den früheren Gräueln und Excessen nicht mehr begleitet. Doch machte sich der Uebermuth des stets siegreichen Heeres recht fühlbar. 488 Im Herbste 1809 kehrte der junge Weinmanu nach Vollendung seiner theologischen Studien von Erlangen nach Rentweinsdorf zurück und übernahm nun die ihm von meinem Vater versprochene Hofmeisterstelle bei meinem Bruder Hermann, der deßhalb von Heilgersdorf zurückkehrte. Von da an blieb Weinmann in Rentweinsdorf und wurde bald ein wahrer Freund des Hauses, dabei auch ein eifriges Glied der Freimaurerloge. Mein Vater brachte den Winter auf 1810 meist ruhig in Rentweinsdorf zu. In seiner Familie ging nun wohl Alles einen streng geregelten Gang, indem seine beiden Schwestern das Hauswesen führten und mit ihm die Kindererziehung leiteten, für die, wie gesagt, noch ein Hofmeister und eine Gouvernante thätig waren, doch aber fühlte er immer mehr, daß die wahre Seele für Alles, die Hausfrau und Mutter, fehle, und immer lebhafter entstand jetzt in ihm der Wunsch, sich wieder zu verehelichen. Die Zeit hatte zwar seinen tiefen Schmerz um die geliebte Gattin nicht geschwächt, sie hatte ihm aber die Ueberzeugung verschafft, daß ein zweites eheliches Glück für ihn möglich sei. Den ganzeil Winter erfüllte ihn dieser Gedanke und im Frühjahre 1810 kam er zu einem festen Entschluß. Noch hatte er aber kein weibliches Wesen kennen gelernt, das er für würdig erkannte, die Stelle seiner unvergeßlichen theueren Antoinette einzunehmen. Da wurde der Gedanke in ihm rege, sich wieder nach Berlin zu wenden, wo er so glücklich war, die erste Gattin zu finden. Er hatte die innere feste Ueberzeugung, daß ihm dort und nur dort ein zweites Glück erblühen könne. Er schrieb an mehrere dortige Freunde und theilte ihnen seinen Entschluß mit, sie bittend, ihm bei der Wahl einer guten Mutter für seine Kinder und einer treuen Lebensgefährtin be- hülflich zu sein, und sprach nun auch seinen Vorsatz seinen Geschwistern aus, die ihn alle freudigst begrüßten und gut hießen. Seine Schwestern namentlich hatten seine Wiederverehelichung stets gewünscht, da sie diese für des geliebten Bruders Glück und für die Kinder als nothwendig erkannten. — So reiste denn mein Vater Anfangs Mai 1810 nach Berlin. Er ging zuerst nach Spandau, wo jetzt sein Schwager Mandelsloh FestuugScommandant war, und kam von da in die preußische Hauptstadt. — Sein guter Stern hatte ihn richtig geleitet, denn hier sollte er wirklich reichen Ersatz für das Verlorene finden! Konnte auch l « 489 jene schwärmerisch heiße Liebe, die ihn mit der ersten Gattin verbunden, nicht zum zweiten Male entstehen, so war doch sein liebereiches Herz sähig, sich nnt inniger Liebe an eine zweite Gattin zu schließen, wenn sie ihm ein edles Herz, geistige Vorzüge und treue Mutterliebe zu seinen Kindern entgegenbringe. Und dieß Alles fand er in hohem Grade, ja in viel höherem, als er es sich selbst zu erwarten und zu hoffen geträumt hatte. Er erfuhr, daß die zweite Tochter des preußischen Obertribnnalspräsidenten von Grolman — Luise — eine in jeder Beziehung für ihn passende Gattin sei, und deren nähere Bekanntschaft bestätigte ihm dieß sofort in hohem Grade. Luisens Vater stammte aus Cleve am Niederrhein und gehörte zu den bedeutendsten und hochgeachtetsten Justizbcamten Preußens. Er war damals schon ein Mann von 69 Jahren, aber noch rüstig und in voller Amtsthätigkeit und mit 5 Kindern gesegnet, die durch hohen Geist und edlen Charakter hervorragend waren. Sein ältester Sohn, früher preußischer Major, diente jetzt mit gleichem Range in der deutschen Legion in Spanien gegen Napoleon, und ist der nachmals hochberühmte preußische General der Infanterie, von dem ich weiter unten sprechen werde. Der zweite Sohn wurde später Präsident des Kammergerichts in Berlin und, wie sein Vater, einer der geachtetsten Justizbeamten der Monarchie. Die älteste Tochter Caroline war bereits an den Präsidenten von Braunschweig in Berlin verheirathet, eine durch Geist, Herz und Bildung hervorragende Frau. — Luise (geboren am 11. Dezember 1784) war die zweite Tochter, die noch eine jüngere Schwester Wilhelmine, die nachmalige Oberforstmeisterin von Schenk, zur Seite hatte. Luise, wenn auch in Vielem von meiner Mutter verschieden, hatte gerade die für meinen Vater damals passenden Eigenschaften; in religiöser und politischer Beziehung harmonirten Beide ganz, und das charakterfeste, und doch überaus liebende Wesen derselben, dessen Grundzug edle Herzensgüte war, war wie geschaffen, eine liebende Mutter der fünf Kinder zu werden. Sie wurde dieß aber auch in so hohem Grade, daß wir Alle durch's ganze Leben an ihr, wie an unserer rechten Mutter, hingen, und als sie eigene Kinder bekam, wurde in ihrer zärtlichen Liebe und Sorgfalt niemals ein Unterschied zwischen den Stiefkindern und eigenen Kindern wahrnehmbar. — Meinem Vater war sie die liebevollste, treu ergebenste Gattin, die sein oft recht schweres Alter reich beglückte, und auch in den äußeren, meist drückenden Verhältnissen, für ihn und die Familie von dem reichsten Segen war. Am 14/ Juli desselben Jahres fand die Vermählung meines Vaters in Berlin statt, und am 29. desselben Monats hielt er mit meiner nunmehrigen Mutter seinen Einzug in NentweinSdorf. Wir Kinder waren mit den Tanten den Eltern bis Junkersdorf entgegengefahren, und, obgleich ich damals noch nicht fünf Jahre alt war, steht mir doch der Moment noch lebhaft vor Augen, als im dortigen uns lehnbaren Wirthshause die hohe freundliche Gestalt meiner Mutter mir entgegentrat und mich mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit in die Arme schloß. Mir war ja das süße Gefühl, die Liebe zur Mütter, nie zu Theil geworden, und so war ich schnell mit der innigsten Liebe der neuen Mutter zugethan und blieb es ungetrübt bis zu ihrem Ende. In Rentweinsdorf war ein festlicher Einzug veranstaltet. Kanonendonner erschallte von einem nahen Hügel, Ehrenpforten waren erbaut und die Jugend des Dorfes, im Spalier aufgestellt, streute Blumen. Alle Beamten und deren Frauen, sowie viele benachbarte Verwandte und Freunde empfingen das neuvermählte Paar am Schlosse, und die neue Herrin des Hauses gewann schnell Aller Herzen. Für meinen Vater entstand nun wieder ein neues, reiches Glück, das ihm im Besitze der zweiten Gattin bis an sein Ende blieb. — Doch ich muß jetzt wieder einen Blick auf unsere Gutsverhältnisse werfen. Am 11. September 1810 ward zwischen Bayern und dem Groß- herzogthume Würzburg die bereits von nur oben berührte neue Gränz- theilung gemacht, wodurch von der sächsischen Gränze herab die Nodach und Jtz, letztere bis zu ihrem Ausflusse in den Main, von dort aber die Orte Lauterhof, Lepelsdorf, Stettfeld, Rostatt n. s. w. für Würzburg die Gränzorte sein sollten. Hierdurch kamen unsere sämmtlichen Besitzungen im Bannachs- und Jtzthale, sowie Ebelsbach und die im Mainthale abwärts gelegenen Orte unter Würzburg'sche Landeshoheit und wir blieben nur bezüglich der von Stettfeld aufwärts liegenden Orte Staffelbach, Unter- und Oberhaid, sowie bezüglich unserer Grund- - ! Ss. 491 holden und Lehnschaften in Bamberg, Stublangen und Fraucndorf, dann bezüglich des Rittergutes Kleinheirath unter bayerischer Hohheit, und gehörten bezüglich ihrer zum damals neu gebildeten Mainkreise, dessen Regierung in Bayreuth, und dessen Appellationsgericht in Bamberg war. Unser eigentlicher Landesherr war aber von da an der Großherzog von Würzbnrg. Eine recht ungestörte Zeit des inneren Glückes verging nun meinem Vater, und dieses Glück wurde noch erhöht, als ihm meine Mutter am 20. Mai 181t eine Tochter gebar, die in der Taufe den Namen Ida erhielt. Aber diese neue Freude war nur von kurzer Dauer, schon nach wenigen Wochen — am 8. Juni — wurde ihnen dieses Kind wieder entrissen und meine arme Mutter mußte frühe den bittern Mutterschmerz empfinden. Um jene Zeit nahm mein Vater zwei Neffen, Louis und Julius von Eglofsstein, die beiden Söhne seines Schwagers von Egloffstein, nach Rentweinsdorf, wo sie mit meinem Bruder und mir unter des trefflichen Weinmanns Leitung erzogen werden sollten. Sie standen in ihrem Alter zwischen uns beiden Brüdern, und so gestaltete es sich bald, daß sich Louis mehr an meinen Bruder, Julius an mich anschloß. Wir beide wurden bald die Unzertrennlichen, und blieben dieß während der drei Jahre, die diese Vettern bei uns waren. Im Uebrigen ist vom Jahre 1811 nichts Bemerkenswerthes zu sagen. Mit dem Jahre 1812 begann aber für meinen Vater eine recht unruhige und in vieler Beziehung recht unangenehme Zeit. — Kaiser Napoleon wälzte in diesem Jahre seine ungeheueren Heeresmassen nach dem fernen Rußland, und alle seine deutschen und außerdeutschen Vasallenfürsten mußten ihre Contingente dazu stellen. Ununterbrochene Truppenzüge aller Nationen kamen nun durch unsere Gegend, und blieben oft lange in unseren Ortschaften einqnartirt. Man war nicht mehr Herr im eigenen Hause, und es war oft recht schwer, für die vielen Truppen Lebensinittel und Fourage herbeizuschaffen. Da übrigens damals meist Vergütung, entweder von den Truppen selbst oder vom Lande bezahlt wurde, und da wegen der vielen Einqnartirnngen von den Landwirthen die Lebensmittel zu hohen Preisen verkauft werden konnten, so war die pecuniäre Belästigung weniger groß. Da- 492 gegen fehlte es aber nicht an anderen Belästigungen, denn der Soldat im Felde ist schwer zufrieden zu stellen, und betrachtet sich als den gebietenden Herrn. So hatte denn mein Vater oft recht unangenehme Scenen mit Officieren und Soldaten, die mitunter so arg wurden, daß er häufig bei den commandirenden Generalen Schutz suchen mußte. Mehrmals führte aber solche Eiuquartirung auch zu recht heiterer Unterhaltung. So veranstalteten einmal die Officiere eines französischen Regiments im Saale zu Rentweinsdorf einen Ball, und luden alle Damen der Nachbarschaft und viele Cammeraden ans Bamberg dazu ein, sie bestellten ein glänzendes Souper und gute Getränke, und machten auf die artigste Weise die Honneurs. Der hinkende Bote kam aber nach, denn als sie kurz darauf abzogeu, übergaben sie meinem Vater alle unbezahlten Rechnungen für ihren schönen Ball. Mitten in diesen Kriegszügen und Unruhen gebar meine Mutter am 19. Mai 1812 ihre zweite Tochter — Mathilde — deren Geburt nach dem Verluste des ersten Kindes doppelt große Freude hervorrief. Im Herbste 1812 wurden meine Eltern von einem Besuche überrascht, der ihnen zwar große Freude, aber auch viele Beängstigung machte. Der älteste Bruder meiner Mutter, Karl von Grolman, der, wie ich schon oben anführte, in Spanien gedient hatte, war dort in die Gefangenschaft der Franzosen gekommen und nach Frankreich gebracht worden. Dort gelang es ihm, mit seinem Bedienten zu entkommen, und niit unsäglichen Beschwerden, und unter fortgesetzten Gefahren erreichten Beide die Schweizergränze. Aber auch hier waren sie nicht sicher, da das Land von den Franzosen besetzt war. Mühevoll überstiegen sie die höchsten Alpensteige, die nur der Gemsjäger kennt, die aber dem gründlich unterrichteten Generalstabsofficiere bekannt waren, und kamen so — mitten durch die Feinde ziehend — glücklich nach Deutschland, wo Grolman unter dem angenommenen Namen von Gerlach, wie seine frühe verlorene Gattin geheißen hatte, in Rentweinsdorf ankam. Meine Mutter hatte den geliebten Bruder mehr als drei Jahre nicht gesehen, und mein Vater kannte ihn noch gar nicht. Die Freude war darum groß, aber eben so groß die Gefahr, denn ringsum standen französische Truppen, und wäre er entdeckt worden, so würde es ihm, da er der Gefangenschaft entflohen war, 493 das Leben gekostet haben. Lange konnte er nicht bleiben, aber auch nach Preußen durfte er nicht zurückkehren, denn dieses ganze Land hielten die Franzosen noch besetzt. Er ging nach Jena, ließ sich als Student immatriknliren, und hörte den Winter auf 1813 Collegia. Erst als nach Beendigung des russischen Feldzuges die große Erhebung in Preußen erfolgte, eilte er dahin, und trat sofort wieder in das preußische Heer ein. Bei seinein Aufenthalte in Nentweinsdorf war es, wo Grolman zum erstenmale meine Schwester Hedwig sah, das eben erst sechszehnjährige Mädchen, auf die der schone junge Held sofort einen tiefen Eindruck machte, der auch in seinem Herzen schon damals solchen Wiederhall fand, daß nach den Kriegsstürmen der nun zum General beförderte Stiefonkel die Hand seiner Nichte begehrte, die ihm gerne und freudig gewährt wurde. Ich habe schon öfters in dieser Lebensbeschreibung meines Vaters der großen Finanznoth Erwähnung gethan, die sich wie ein schwarzer Faden durch sein ganzes Leben hinzog. Der übermäßig große Aufwand, den sein Vater und Hans Georg IV. von Eyrichshof längere Zeit hindurch gemacht hatten, und der zu bedeutender Verschuldung der Güter geführt, die Vergleichssumme, die in dem Bobenhausen'schen Prozeß hatte bezahlt, und die Schuld, die nach Beendigung desselben hatte übernommen werden müssen — die Schulden, die die vier Brüder in ihrer Jugend einzeln gemacht, sowie endlich die großen Verluste, die unsere Familie durch die Aufhebung der Neichsritterschaft an dem Wegfall der Landessteuern erlitten, hatten trotz der emsigsten Sorge und vielfacher Einschränkung, und trotzdem daß meine Mutter Lenthe ein großes Capital in die Ehe gebracht, was mein Vater in die Güter verwendete — die Schuldenlast der Familie fortwährend auf einer Höhe erhalten, daß immerwährende Geldnoth vorhanden war, und bei jeder Kündigung eines Capitals wieder ein neues aufgenommen werden mußte. Gerade damals hatte ein gewisser Müller sein unserer Familie geliehenes Capital von 40,000 fl. gekündigt, und andere Kündigungen standen zu erwarten. Geld zu borgen war damals schwer, und man konnte nur gegen hohe Zinsen und bedeutende Provision Capitalien aufnehmen. Mein Vater und Onkel waren daher in großer Verlegenheit, und kamen da endlich zu einem verzweifelnden Schritte, den sie ' ' -..-T" ' ' aber nur mit schwerem Herzen vollzogen; sie boten der großherzoglichen Regierung von Würzburg eine große Zahl unserer Mediatunter- thanen und Lehnschaften zum Kaufe an. Die desfallsigen Unterhandlungen begannen 1812, und mein Vater mußte deshalb öfters nach Würzburg reisen. — Die Würzburger Regierung ging zwar auf fragliches Geschäft ein, wollte aber dabei mehrere eigene Grundbesitznngen und Dominicalien, deren Besitz ihr lästig war, besonders weil einige außer Landes lagen, tauschweise gegen die von unserer Familie zu acquirireuden Objecto abgeben, sodaß aus dem projectirteu Kaufsgeschäft ein Tauschgeschäft wurde. Ungern gingen mein Vater und Onkel hierauf ein, da der eigentliche Zweck des Geschäftes, eine größere Summe Geldes zur Schuldeuabzahluug zu bekommen, dadurch erschwert wurde. Als sie sich indessen überzeugten, daß sie bei fraglichem Tausche doch noch eine baare Summe von etwas über 48,000 fl. herausbezahlt bekommen würden, und daß es ihnen wohl leicht sein könnte, die von Würzburg durch den Tausch zu erhaltenden Objecto bald wieder verkaufen, und so eine größere Summe zur Abtragung von Schulden verwenden zu können, gingen sie in das Geschäft als Tausch ein. Es ist dieß der große Gütertausch von 1813, von dem ich im Laufe dieser Familiengeschichte oft gesprochen habe, und wovon namentlich in der nachfolgenden Ortsbeschreibung sehr häufig die Rede ist. Es ist dieß das großartigste Gutsveräußerungsgeschäft, das im ganzen Verlaufe unserer Familiengeschichte vorkommt, und unsere Familie verlor dadurch eine große Zahl von Unterthanen und Lehnschaften, und trat nun mit vielen unserer früheren Ortschaften ganz aus dem Grundbarkeitsverband. Die dabei berechneten Summen sind bei deni geringen Güterwerth, der 1813 noch bestand, anscheinend nicht hoch, würde man aber den jetzigen Werth der Güter und Grundgefälle als Norm der Berechnung annehmen, so würde sich wohl das Doppelte herausstellen. — Die von unserer Familie an den Staat abgegebenen Objecto waren theils Lehen, theils Allod, und für erstere ertheilte unser Vetter Graf Karl von Rottenhan zu Merzbach resp. seiue Vormundschaft unterm 7. April 1813 den agnatischen Consens. Das fragliche Tauschgeschäft kam endlich nach langen Unterhandlungen am 21. Juni 1813 zu Stande, und hiernach betrug die Summe der von unserer Familie an den Staat abgetretenen Objecto !», ' » » » 495 118,179 fl. 18Vs kr., und die vom Staate unserer Familie dagegen gegebenen Objecte 70,018 fl. 58V« kr., so daß 48,130 fl. 20Vs kr. an ineinen Vater und Onkel baar herausbezahlt wurden. Die von unserer Familie bei diesem Tauschgeschäste an den Staat abgetretenen Objecte sind folgende: 1. Brünn — unsere Mediatuuterthanen daselbst. 2. Craisdorf — desgleichen sammt Zehnt. 3. Frillendorf — unsere dortigen Lehen und herrschaftlichen Gefälle, sammt der Koppeljagd auf der Flur jenseits der Baunach. 4. Forst- und Hainachszehnt von den zwischen den Orten Steinbach, Schönbach und Weisenau gelegeneu s. g. Forst- und Hainachsfeldern. 5. Ger ach — unsere sämmtlichen Mediatunterthanen und Lehnschaften. 6. Gleisen au mit Steinbach und Schönbach desgleichen. 7. Holzhausen desgleichen. 8. Jesserndorf desgleichen nebst Koppeljagd. 9. Junkersdorf unsere sämmtlichen dortselbst befindlichen Mediat-Unterthanen, die den größten Theil des Ortes ausmachten, — dann Koppeljagd. 10. Laimbach — Gefälle an lehnbaren Grundstücken. 11. Obermanndorf — sämmtliche Mediatunterthanen und Gerechtsame. 12. Pfarrweisach — ein lehnbares Grundstück. 13. Reckendorf — unsere sämmtlichen Mediatunterthanen und Gerechtsame, nebst dem Zehnt. 14. Roßstadt — unsere dortigen lehnbaren Grundstücke nebst Jagdgerechtigkeit auf einem Theil der Flur. 15. Sand — ein unserer Familie daselbst gehöriges lehnbares Gut. 10. Saudhof -— unsere Mediatunterthanen und Gerechtsame. 17. Schmachtender g — (das Dorf) desgleichen. 496 18. Schönbach — desgleichen. 19. Schönbrunn — unsere dortigen lehnbarcn Grundstücke. 20. Steinbach — ( Eyrichshöfer Antheil) unsere dortigen lehnbaren Grundstücke. 21. Stettfeld — unsere dortsclbst besessenen purificirten und halbirten Mediatunterthanen. 22. Un finden — unsere dortigen Mediatunterthanen. 23. Untermanndorf — einen Theil unserer dortigen Mediatunterthanen und Gerechtsame. 24. Wo Ikendorf — unsere dortigen Mediatunterthanen nebst Zehnt. 25. Zeil — unsere dortigen Mediatunterthanen und Gerechtsame. 26. Ziegclang e r — desgleichen (jedoch ohne die Grundbesitzungen daselbst). Was unsere Familie durch den Tausch von der großherzoglichcn Negierung dagegen erhielt, war Folgendes: 1. Das Hofgut zu Pfarrweisach mit der dazu gehörigen Schäferei, was aber mein Vater und Onkel unter Vorbehalt eines ans dieses Gut gelegten Bodenzinses sofort wieder verkauften. 2. Das Hofgut zu Vorbach mit Schäferei, was wir noch besitze». 3. Das Hofgut zu Heubach, der, Schümmerichshof genannt, welches gleichfalls wieder verkauft ward. 4. Die Dimperts- und Schämmerichswiese zu Brünn nebst einer Wiese am genannten Dorfe, die nach jetzigein Maße zusammen 4 Tagw. 601 Dezim. groß sind und die wir noch besitzen. 5. Die große Eckartswiese mit etwas Feld zu Todtenweisach, jetzt 12 Tagw. 345 Dezim. groß, die noch in unserem Eigenthum ist. 6. Die Neumühlsee- und Eselseewiese bei Pfaffendors, jetzt zusammen 5 Tagw., die uns gleichfalls noch gehören. 7. Die OberamtmannSwiese zu Preppa ch, t Tagw. 623. Dezim. betragend, noch in unserem Besitz. 8. Mehrere im Herzogthume Hildburghansen gelegene Grundgefälle, nämlich: 497 u) eine Gült zu Käslitz, die sofort wieder verkauft wurde; b) den theilweiseu Zehnt zu Poppenhausen und Volkmannshausen nebst einigem Grundzins und Handlohn in letzterem Orte; unser Zehntantheil wurde wegen der Entfernung und der dadurch schwierigen Erhebung von meinen: Bruder und mir später an die Familie von Truchseß, der der andere Theil des Zehnts gehörte, verkauft, der geringe Grundzins und Handlohn 1848 abgelöst. 9. Die im Herzogthnme Coburg gelegenen Antheile an den Zehnten zu Buchenroth, Großheirath, Neuses an der Eiche, Ober- simau, Roßach, Scherncck, Wolbach und Zickelsdorf, welche mein Vater und Onkel alsbald wieder veräußerten, worüber die nachfolgende Ortsbeschreibung das Nähere angibt. Von den durch fraglichen Tausch erhaltenen Objecten befinden sich demnach jetzt noch im Besitze unserer Familie: das Oekonomiegnt zu Vorbach und die obengenannten Wiesen zu Brünn, Todteu- weifach, Preppach nebst der Neumühlsee- und Eselseewiese bei Pfaffendorf. — Aus dem Verkauf der Hofgüter zu Pfarrweisach und Heubach, dann der obengenannten Gefälle und Zehnten in den Hildburghausischen und coburgischen Orten wurde trotz des damaligen sehr geringen Güterwerthes doch so viel gelöst, daß nun unter Hinzurechnung der baar erhaltenen Summe von etwas über 48000 fl- meinem Vater und Onkel die Mittel zu Gebote standen, einen Theil der dringendsten Familienschnlden abzutragen und dadurch etwas mehr Beruhigung zu haben. Freilich erhöhten sich damit ihre Einnahmen nicht, denn wenn nun auch die Zinsenlast geringer war, so war es eben auch die Einnahme. Hatte das Jahr 1813 meinein Vater durch die Weggabe so vieler Unterthanen ein schweres Opfer gekostet, was seinen: Herzen viel Kummer verursachte, so brachte dagegen dieses Jahr der längst ersehnten deutschen Erhebung, dieses höchste Glanzjahr unserer deutschen Geschichte, dem patriotischen, für sein Vaterland höchst begeisterten Manne unbeschreibliches Glück und die höchste, reinste Freude. Jedem Sieg der Deutschen folgte ein Dank - und Freudenfest in Rentweinsdorf, und als die Nachricht von der siegreichen Völkerschlacht bei Leipzig, deren furchtbarer Kanonen- 498 donner bis in unsere entfernte Gegend hörbar war, in RentweinSdorf eintraf, da war, wie in allen deutschen Gauen, auch hier unendlicher Jubel. Mein Vater ließ Dankgebete in der Kirche halten und auf einer Anhöhe bei Lind ein großes Freudenfeuer anzünden, und Alles vereinigte sich Abends im Schlosse zu einem großen Freudenfeste. — Das so lange tief niedergedrückte Herz des deutschen Patrioten lebte wieder freudig auf, und ich darf es kühn behaupten, unter allen begeisterten Patrioten war mein Vater der begeistertste. Ihm stand Deutschland oben an; das ächte, reine Vaterlandsgefühl war das höchste Gefühl seines Herzens. Dieses Freudenjahr brachte aber auch meinem Vater viel Schmerz, Unruhe und Belästigung. Schon in der ersten Hälfte des Jahres verlor er schnell nach einander seine jüngste und älteste Schwester. Auguste starb am 12. März, und Caroline von Mandelsloh folgte ihr am 4. Mai im Tode nach, zwei sehr harte Verluste, da er an allen Geschwistern mit so großer Zärtlichkeit hing. Neben diesem Schmerze hörte die Einqnartirnng auf unseren Gütern gar nicht ans. Erst kamen die unglücklichen Rudera der nach Rußland gezogenen stolzen Regimenter, oft nur ans langen Wagenzügcn schwer verwundeter und durch Frost und Hunger aufgeriebener Soldaten bestehend, die den jämmerlichsten Anblick boten. So kam der schwache Ueberrest eines im Jahre vorher durch RentweinSdorf gezogenen schönen würtembergischen Regimentes auf dem Rückmarsch von Rußland wieder durch diesen Ort, ein furchtbarer Anblick! Halbtodte, kaum nothdürftig bekleidete Soldaten, die ans Wägen transportirt wurden, und daneben einige wenige zu Fuße, die sich mit Mühe fortschleppten. — Jede solche Einqnartirnng war ein sofortiges Lazareth. Dann kam ans Frankreich Napoleons neugeschaffenes und wiederum sieggewisses Heer, das trotz der furchtbaren Niederlagen auf Rußlands Schneegefilden den alten Ueber- muth wieder mitbrachte. Später zogen Truppen aller Nationen herbei, die der französische Kaiser zur Entscheidungsschlacht auf Leipzigs Ebene sammelte, und dann, als diese Schlacht in dreien blutigen Tagen geschlagen war, durchzog ein Theil des fliehenden französischen Heeres unsere Gegend, und ihm folgten die siegesbegeisterten Heere der Alliirten — Deutsche und Russen. — So ging es vom Frühjahre bis 499 zum Winter, und selten war eine Woche, die ohne Truppenzüge und Einqnartirnng verging. Besonders waren unsere Güter im Mainthale heimgesucht, denn von Bamberg längs dem Maine hinab zum Rhein zogen beide Armeen, die geschlagene und die der Sieger. — Es war zuletzt schwer, noch Lebensmittel aufzutreiben, und mein Vater mußte das ganze Jahr über eine außerordentliche Thätigkeit entwickeln. Inmitten dieser Kriegsbelästigungen kam meine Mutter am 6. September 1813 mit ihrer dritten Tochter nieder, die in der Taufe den Namen Agnes erhielt. Ein überaus liebliches Kind, dessen Liebreiz die Eltern ganz besonders beglückte. Trotz dieser Catastrophe, die während der Unruhen recht störend war, entwickelte meine charakterfeste und überaus praktische Mutter in jener schwierigen Zeit die vollste Thätigkeit und war meinem Vater auch in seinen Geschäften von größtem Nutzen. Sie hatte einen stets richtigen Blick, war rasch entschlossen und führte Alles schnell und gilt aus, was in solchen Zeiten, wo man selten Zeit zum Ueberlegen hat, die Hauptsache war. Auch im Winter von 1813 auf 1814, wo die Alllirten gegen Paris vordrangen, brachten uns die aus Deutschland und Rußland nachrückenden Truppen häufige Einquartirungen, so daß an ein ruhiges ungestörtes Familienleben nicht zu denken war; indessen ertrug mein Vater diese Belästigungen gerne, da diese Zuzüge zu einer nun meist siegreichen Armee geschahen, und man den baldigen Sturz unseres großen Nationalfeindes hoffen konnte. -— Dieser erfolgte denn auch schon im Frühjahre 1814. Auf den am 31. März stattgehabten Einzug der Sieger in Paris folgte am 10. April Napoleons Niederlegung der französischen Kaiserkrone, und ganz Deutschland jubelte diesem sieggekrönten Ausgange seines Heldenkrieges entgegen. Der Abmarsch aller disponiblen Truppen nach Frankreich hatte die meisten deutschen Länder von Truppen ganz entblößt, und zur Aufrechthaltung der inneren Ruhe hielten es daher die meisten Regierungen für nöthig, einen Landsturm, eigentlich eine Bürgerbewaffnung, einzuführen, die zugleich auch, im Falle das Land von einem äußeren Feinde wieder bedroht werden sollte, zu dessen Vertheidigung im Inneren des Landes mitwirken sollte. Auch die großherzoglich Würzburgische Regierung schuf diesen Landsturm und übertrug meinem 500 Vater in solchem ein Brigade-Commando, was derselbe annahm und was ihm im Frühjahre 1814 viele Beschäftigung gab, doch schon nach ganz kurzer Zeit wegen der wichtigen Veränderung, die mit dem Groß- herzogthnme vorging, nicht weiter fortgesetzt wurde. — Diese Veränderung, die das Großherzogthum Würzburg betraf, trat schon unmittelbar nach dem Pariser Frieden am 30. Mai ein, und war auch für unsere Familie von hoher Bedeutung. Durch einen zwischen Oestreich und Bayern geschlossenen Vertrag trat nämlich Letzteres die im Laufe der letzten Jahre erhaltenen östreichischen Provinzen an den Kaiserstaat wieder ab und erhielt dafür das Großherzogthum Würzbnrg nebst dem Fürstenthum Aschaffenbnrg. Der Großherzog von Würzburg bekam dafür sein früheres Land Toskana zurück. Am 19. Juni 1814 nahm Bayern Besitz von beiden Fürstenthümern, und so kam nun unsere Familie mit allen ihren Besitzungen (das Wenige, was im Hildburghausischen und Coburgischen lag, ausgenommen) wieder ganz unter bayerische Landeshohheit, und ist seitdem unter solcher geblieben. Der frühere Mainkreis (Bayreuther-Bamberger Land) erhielt nun die Benennung Obermain-, das Würzburger Land mit dem Fürstenthum Aschaffenburg die des Untermainkreises und die Regierung des Letzteren bekam ihren Sitz zu Würzburg. Im Innern der Familie brachte das Jahr 1814 manche Veränderung. Mein Bruder Hermann war nun so weit herangewachsen, daß ihm der Unterricht eines Hofmeisters nicht mehr genügen konnte, und mein Vater wählte für ihn das Gymnasium zu Gotha, was derselbe nun bezog. Ebenso nahm auch mein Onkel Egloffstein seine beiden Söhne wieder zu sich nach Eisenach, wo er damals Stadtcommandant war, und brachte sie auf das dortige Gymnasium. Da wurde es denn viel stiller im älterlichen Hause, wo ich nur allein noch von der Knabenschaar unter Weinmanns Leitung zurückblieb. Bald hernach vermehrte sich dagegen die Mädchenschaar, da ans die Bitte meiner Tante Marie deren Pathe, Marie von Egloffstein, deren Aeltern in Fulda lebten, von meinem Vater in's Haus genommen wurde, um mit meiner Schwester Adelheid zusammen erzogen zu werden. Sie blieb fortan längere Jahre in unserem Hause (in späterer Zeit heirathete sie den Negierungsrath und späteren Regierungs-Präsidenten von Stenglein zu Bayreuth). 501 Neben diesen Veränderungen brachte das Jahr 1814 meinen Aeltern noch zwei recht schwere Verluste. Ihre Tochter Agnes wurde ihnen am 2. September 1814 durch den Tod entrissen, und meine arme Mutter hatte nun schon zwei herbe Verluste zu beweinen. Dieser letzte war ihr aber ein besonders schmerzlicher, denn an diesem lieblichen Kinde hing ihr Herz mit vorzngsweiser Zärtlichkeit. — Der zweite Todesfall war der meines trefflichen Großvaters Lenthe, der zu Ende des Jahres erfolgte, und meinen Vater, der mit zärtlicher kindlicher Liebe an diesem in jeder Beziehung edlen und ausgezeichneten Manne hing, tief erschütterte. Zu den schon seit Jahren eingetretenen Unterleibsleiden meines Vaters gesellte sich um jene Zeit eine traurige Folge derselben, die Hypochondrie, und dieses qualvolle Leiden, das um so peinlicher ist, als es meist auch ans die Umgebungen des Patienten störenden Einfluß hat, von solchen aber oft nur als ein mehr eingebildetes angenommen wird, trübte von da an das Leben meines armen Vaters in hohen: Grade, und dieß namentlich in späteren Jahren, wo es immer heftiger wurde. Damals hemmte es übrigens die unausgesetzte Thätigkeit desselben noch nicht, erschwerte sie ihm aber und brachte auch oft Verstimmungen in dem Geschäftsverkehr mit seinem Bruder hervor, der zu Denen gehörte, die die Hypochondrie als Krankheit nicht anerkannten, und für jede daraus hervorgehende Verstimmung oft nur Tadel hatte. Das Leben meines Vaters hatte sich gegen früher sehr geändert, wohl nöthigten ihn seine Geschäfte noch öfters zu Abwesenheiten von den Gütern, sie waren aber meist nur kurz und beschränkten sich gewöhnlich nur auf den Besuch der benachbarten Städte oder benachbarten Freunde. Größere Reisen kamen in jener Zeit nicht vor und Zeit und häufiges Leiden hatten seinen für Verbessernngs- und Neubildungspläne so empfänglichen Geist mehr zur Ruhe gebracht. Aber seinen Eifer und sein Interesse für Alles, was Politik und Wissenschaft brachte, hatte dieß nicht geschwächt. Seine bedeutenden Anschaffungen für die Bibliothek und seine reiche Korrespondenz mit ausgezeichneten Männern — damals besonders mit Kanzler von Müller in Weimar — bekunden dieß. 502 In Bezug auf die Landwirthschaft stand er jetzt vorzugsweise mit einem sehr tüchtigen Oeconomen aus Würzburg, Herrn Schlier, in reger Verbindung, der oft nach Rentweinsdorf kam und wegen seines lebhaften Geistes und seines originellen Wesens meinein Vater ganz besonders angenehm war. Der Einfluß dieses Mannes auf meinen Vater war aber nicht immer ein erwünschter. Er brachte jedesmal neue Pläne und neue Veränderungsvorschläge mit, die mein Vater, der, wie schon gesagt, nur zu gerne Neuerungen einführte, zu häufig annahm und dadurch in fortgesetzten Wechsel seiner Wirthschaftsarten kam, was große Kosten verursachte und einen genügenden Ertrag der landwirthschaftlichen Güter sehr hinderte. Schlier war in seinem Fache tüchtig und gebildet, aber ein unruhiger Kopf, der voller Weltbeglückungsideen war, und dafür bei allen Personen, mit denen er in Verbindung stand, Propaganda machte, übrigens aber ein durchaus edler und rechtlich gesinnter und in seiner großen Originalität liebenswürdiger Mann. — Er hatte für meinen Vater große Verehrung und trug diese auf unsere ganze Familie über, mit der er auch nach meines Vaters Tode noch lange in freundschaftlichem Verkehre blieb. Das Leben meines Vaters zu Hause war sehr geregelt. Er stand frühe auf, wo er sich, um keinen Augenblick Zeit zu verlieren, während einer sehr lange dauernden Toilette, die eine Angewohnheit aus der früheren Zopf- und Puderzeit war, stets das Neueste aus jener reichen Brochurenliteratur jener Zeit vorlesen ließ, was auch während seines allein auf seinem Zimmer genossenen Frühstückes fortgesetzt wurde. Während dieser Zeit mußten die Kinder ihren Morgengruß bringen, worauf mein Vater, der auch in der Familie eine gewisse Form und Etiquette für durchaus nöthig erachtete, strenge hielt. War Toilette, Frühstück und Vorlesen beendet, so machte mein Vater einen Rundgang durch's Schloß, um jedes Glied der Familie, von der Mutter herab bis zu uns Kindern, mit seinem Morgengruß zu besuchen, und hierbei wurden Hofmeister und Gouvernante genau nach unserem Betragen ausgefragt, und wenn nöthig, ernste Ermahnungen ertheilt, denn bei aller Liebe war seine Kinderzucht eine sehr strenge. — Nach diesem Rundgang blieb er bis Mittag in seiner Arbeitsstube, wo ihn Gnts- geschäfte, literarische Arbeiten und Verhandlungen mit den Beamten 503 vollauf beschäftigten, und ein Secretär, den er sich stets hielt, hatte immer viel zu thun. In den Mittagstunden ward der Oeconomiehof und der Garten besucht, dann wiederum Toilette zum Mittagstisch gemacht, und auch bei diesem, um keine Zeit zu verlieren, vorgelesen. Der Secretär oder Hofmeister mußten da die Zeitungen vorlesen und die Mittagstafel verlängerte sich dadurch gewöhnlich so sehr, daß die weiblichen Glieder der Familie dabei ihre Arbeiten zur Hand nahmen. — Nach dem Essen ritt mein Vater gewöhnlich auf's Feld oder auf benachbarte Höfe, brachte dann wieder einige Stunden auf seinein Geschäftszimmer zu und vereinigte sich erst zum Abendessen wieder mit den Seinigen, wo der Abend bis zum Schlafengehen in heiterer Unterhaltung zugebracht wurde. Um mich von der äußeren Erscheinung meines Vaters ein Bild zu geben, bemerke ich, daß er von mittlerer, nicht großer Körperstatur, und in der ersten Hälfte seines Lebens ziemlich beleibt, später aber, und namentlich seit dem Beginne seiner körperlichen Leiden, mager war. Er hatte ein schönes geistreiches Gesicht mit sanften blauen Augen, die das Abbild seines liebereichen Herzens waren, und eine hohe edle Stirne. In seiner Jugend hatte er blonde, röthlich schimmernde Haare gehabt, die aber nach damaliger Sitte stets gepudert, und nach dem Aufhören jener Sitte grau geworden waren. Er war einfach, aber stets sorgfältig gekleidet, und seine Erscheinung zeigte auf den ersten Blick den edlen und feingebildeten Aristokraten. Sein Wesen war ernst und imponirend, hatte aber dabei durch den Ausdruck hoher Seelenmilde viel Anziehendes und Gewinnendes. Seine äußeren Manieren waren überaus artig und zuvorkomüwnd gegen Jedermann, voll der freundlichsten Höflichkeit, und zeigten in. Allem den feingebildeten Weltmann und den ächten Edelmann. . Doch ich kehre zu dem weiteren Verlauf der Ereignisse zurück: Der Wiener Congreß beschäftigte meinen Vater lebhaft. Er hoffte mit vielen seiner Standesgenossen, daß dort von den verlorenen Rechten der früheren Reichsritter vielleicht doch noch etwas wieder zu erlangen sei. Eifrigst wirkte er deshalb dahin, daß die fränkische Ritterschaft eigene Abgesandte zum Congreß sende, was denn auch geschah. Freiherr Friedrich von Zobel-Giebelstadt und Freiherr Ludwig von Rüdt- 504 Collenberg wurden dahin abgesandt. Diese säumten nicht, während des ganzen Laufes des Congresses dem Interesse ihrer Comittenten, theils durch vielfache mündliche Vorstellungen, theils durch Druckschriften ihren Diensteifer nach Möglichkeit zu widmen. Lange Verhandlungen entspannen sich darüber beim Congresse, und von vielen Seiten wurden die Ansprüche als begründet erachtet. Selbst Rußland erklärte sich entschieden für Wiedergewährnng bevorzugter Rechte und Steuerfreiheit der ehemaligen Reichsritter. Auch Preußen und Oestreich waren dafür, und die ersten Entwürfe einer Bundesakte, die von diesen beiden Regierungen vorgelegt wurden, enthielten solche Begünstigungen. Diejenigen Staaten aber, welchen die reichsritterschaftlichen Besitzungen zugefallen waren, wendeten Alles an, solche Wiedererstattung zu verhindern, und namentlich stemmte sich Bayern gegen die beanspruchte Steuerfreiheit. Endlich kam es zu einem, für die Ritterschaft freilich sehr ungenügenden Resultate, dessen detaillirte Darstellung in meinem Werke: „die staatliche und sociale Gestaltung Frankens" Seite 450 ff. zu lesen ist. Der Wiederausbruch des Krieges gegen Napoleon — 1815 — brachte meinem Vater einen schweren Entscheidungskampf. Mein eben erst fünfzehnjähriger, aber geistig und körperlich bereits sehr entwickelter Bruder hatte in seiner hohen Begeisterung für das Vaterland den heißen Wunsch, mit in den Kampf zu ziehen. Er hatte es gehört, wie 1813 eine Menge ganz junger Leute, die nicht älter waren als er jetzt, die Waffen ergriffen hatten und mit bis Paris gezogen waren, und er hielt es für Pflicht, ein Gleiches zu thun. Er schrieb es dem Vater mit begeisterten Worten, und bat um seine Erlaubniß. Mein Vater war über des Sohnes muthige Begeisterung hoch erfreut, sie that seinem väterlichen Herzen wohl, und es wurde ihm schwer, es abzuschlagen. Nach längerein inneren Kampfe that er es aber doch. Wäre es nochmals das Jahr 1813 gewesen, wo alle Kräfte des Vaterlandes zur Bekämpfung Napoleons nöthig waren, würde er es wohl nicht verweigert haben; jetzt aber, wo die mächtigen und siegreichen Heere der Alliirten noch an der französischen Gränze standen, und Napoleon sich erst wieder ein Heer sammeln mußte, jetzt schien ihm der neue Sieg der Verbündeten zweifellos, und eine außerordentliche Beihülfe der deutschen Jugend nicht so dringend nöthig, daß ein erst fünfzehn- 305 jähriger Jüngling deshalb aus seinen Studien gerissen werden sollte und für sein noch zu jugendliches Alter so großen Mühseligkeiten ausgesetzt würde. Trotz diesen, gewiß richtigen Gründen, wurde meinem Vater aber die abschlägige Antwort recht schwer. In diesem Jahre kamen neue Truppenzüge in unsere Gegend. Namentlich lagen viele Russen dort, und von diesen insbesondere s. g. Bauernrussen, d. h. neuformirte, noch gar nicht einexercirte, un- disciplinirte, ja noch nicht einmal nniformirte Bataillone, die trotz der Gutmüthigkeit, die der russische Bauer von Natur hat, durch ihren Schmutz und ihren Mangel jeder Civilisation recht lästige Gäste waren. Wegen ihres Schmutzes wagte man gar nicht, sie in's Schloß einzn- quartircn, sondern räumte für sie das Orangeriegebäude ein, was aber zu argen Scenen mit den Officieren Anlaß gab, die am Ende so heftig wurden, daß sie meinem Vater mit der Knute drohten. Sein energisches Auftreten, und die Drohung, sofort nach Bamberg zum commandirenden General zu reiten, um Beschwerde zu führen, stimmte die Officiere plötzlich ganz um, die von da an höflich und artig wurden. Die undisciplinirten Soldaten waren aber wie halbe Wilde. Mitten am Tage badeten sie sich in dem schlammigen Hutsee, also gleichsam unter den Fenstern des Schlosses, und liefen nackend durch den ganzen Garten, sodaß es meiner Mutter und meinen Schwestern nicht mehr möglich war, den letzteren zu betreten. Indessen auch dieses Ungemach ging vorüber, und der glänzende Sieg bei Waterloo führte zum zweiten Sturze Napoleons und zum zweiten Pariser Frieden, durch den die lange und schwere Kriegszeit nun definitiv beendet war. — Der große entscheidende Sieg wurde in Rentweinsdorf wiederum festlich begangen, wie auch der 18. October von meinen! Vater noch eine Reihe von Jahren hindurch durch Freudenfeuer gefeiert ward. Das Jahr 1815 brachte unserem Familienkreise neuen Zuwachs. Mein Onkel, Obristlieutenant von Mandelsloh, der bald nach dem Tode seiner Gattin mit dem Range eines Obersten pensionirt worden war, bat meinen Vater, mit seiner Tochter Julie für einige Zeit in Rentweinsdorf wohnen zu dürfen, da ihm wegen vieler Unannehmlichkeiten, die er zuletzt im Dienste gehabt, der Ausenthalt in Preußen lästig geworden war. Mein Vater erfüllte seinen Wunsch, und so 500 kamen Beide im August dieses Jahres uach Reutweiusdorf, wo mciu Onkel statt des beabsichtigten kurzen Aufenthaltes bis zu seinem 1829 erfolgten Tode blieb. Noch im selben Jahre — im November — erfolgte in Reutweiusdorf die Vermählung meiner ebengenannten Cousine Julie mit dem preußischen Hauptmaune (späteren General) Baron Rolas Du Rosey. Auch meine Tante Truchseß, die ihren Gatten verloren hatte, brachte nun, da dessen Gut Oberlauringen an seine zwei Schwestern, Frau von Drachsdorf und Frau von Löwencck, gefallen war, viele Zeit in Nentweinsdorf beim Bruder zu, obgleich sie ihren Wittwensitz in Oberlauringen behalten hatte. Die Kriegszeit war nun wohl beendet und man sah einer ruhigen Zeit entgegen, aber nun kamen die Nachwehen des langen Krieges. Zur Deckung und theilweisen Wiedererstattung der großeil Kosten, die die Einguartirungen und Lieferungen den einzelnen Orten verursacht hatten, wurde von Bayern eine sehr hohe Kriegssteuer erhoben, die unsere ohnedieß immer schlecht bestellte Kasse recht hart traf, und zu dieser Calamität kam im folgenden Jahre noch eine neue viel bedeutendere. Bei uns, wie in ganz Deutschland, war das Jahr 1816 ein völliges Mißjahr. Der fast ununterbrochene Regen hatte Getraide und Viehfutter fast ganz zerstört, und in unserer Gegend hatte noch dazu ein Hagelschlag ungeheuren Schaden gethan. Auch die Kartoffeln verfaulten im Felde, und so trat eine völlige Mißärndte und zwar durch ganz Deutschland ein. Vorräthe waren nicht mehr da, da die Aerndte von 1815 kaum für die massenhaften Truppenzüge auf ihrem Heimmarsch aus Frankreich ausgereicht hatte, und so war bei den damals noch ganz schlechten Verkehrsmitteln allgemeine Hungersnoth die Folge, die im Winter auf 1817 und bis zur Aerndte dieses Jahres in allen Landen wüthete. — Da galt es zu helfen. Wo es in der Nähe möglich war, wurde Getraide und wurden Kartoffeln angekauft, und als dieß nicht ausreichte, wandten sich mein Vater und Onkel nach Nußland und ließen von dort größere Trausporte Getraide kommen, die aber im Winter nicht stattfinden konnten, und erst weit im Sommer 1817 eintrafen, wo sie nun nutzlos waren. — Brodbäckereien und Suppen- anstalten (wo die s. g. Numford'sche Suppe bereitet ward) wurden in 507 Rentweinsdorf und Eyrichshof eingerichtet, wo die bemittelteren Unter- thanen gegen geringe Bezahlung, die Armen umsonst Speise erhielten. Nur allein vom 9. November bis 2. Januar, also in nicht ganz zwei Monaten, wurden in Neutweinsdorf 9300 Pfund Brod abgegeben. Die große Sorgfalt der beiden Brüder für die Unterthanen, wobei meine Mutter die größte Thätigkeit an den Tag legte, rettete Hunderte von Krankheit, ja wohl selbst vom Hungertode, dem in manchen Gegenden Deutschlands Viele erlagen. Es war seit langer Zeit keine solche Calamität über unsere Gegend gekommen, aber auch keine Zeit, wo das Wirken meines Vaters ein segensreicheres gewesen. Auch in dem Familienkreise meines Vaters brachte der Tod in dein Jahre 1816 eine neue Lücke. Meine zum Besuche uach Rent- weinsdorf gekommeue Tante Truchseß erlag dortselbst einer kurzen, aber äußerst schmerzlichen Krankheit, und wurde auf dem dortigeil Kirchhofe begraben. — Auf diesem hatte mein Vater seit dem Verbote — die Gruft unter der Kirche zu benützen — eine eigene Begräbniß- stätte für unsere Familie — ein kapellenartiges Gebäude mit Gruft — aufbauen lassen wollen, und besaß bereits mehrere Pläne hiefür, die ihn aber nicht befriedigten. So verschob sich der Bau. Einstweilen nun hatte er die Särge der seitdem verstorbenen Glieder der Familie, von dem Sarg meiner Schwester Sophie an, in ausgemauerte Gräber in einer auf dem Kirchhofe befindlichen Halle provisorisch einsetzen lassen, um später in die zu erbauende Begräbnißkapelle überbracht zu werden, was jedoch unterblieb, da der projectirte Bau nie zu Stande kam. Als nach meines Vaters Tode mein Bruder und ich jene Halle, die baufällig geworden war, niederrissen und eine neue massive Halle dafür an einem anderen Platze des Kirchhofes erbauten, schufen wir den Grund der alten, in dem nun viele provisorisch eingesetzte Särge unserer Familienglieder standen, zu einem förmlichen Begräbnißplatze für unsere Familie um, und ließen auf jedes Grab einen Grabstein mit Inschrift und Wappen legen. Neben dem Unglücke des Jahres 1816, das bezüglich der Hungersnot!) weit in das Jahr 1817 hineinreichte, brachte aber ersteres meinen Aeltern auch recht glückliche frohe Tage. — Im Frühjahre desselben feierte der alte ehrwürdige Vater meiner Mutter sein 50jähriges Dieust- 33 508 jubiläum, und meine Mutter reiste mit meinen Schwestern zu diesem Feste nach Berlin. Hier fand im Mai die Verlobung meiner Schwester Hedwig mit ihrem Stiefonkel General von Grolman statt. Die erste Bekanntschaft meiner Schwester im Herbste 1812 hatte in Grolman einen bleibenden Eindruck zurückgelassen, den die drei inhaltsreichen Kriegsjahre, an denen er den thätigsten Antheil genominen, und in denen er zu den Helden des Befreiungskrieges gezählt wird, nicht zu verwischen vermochten. Im Frühjahre 1813 als Major wieder in die preußische Armee eingetreten, avancirte er bald zum Obristlieutenant und Obrist, und war bei Leipzig Chef des Generalstabes von Kleist. Noch im selben Jahre ward er Generalmajor und zweiter Chef vom Generalstab Blüchers, wo er sich den höchsten Ruhm während des Winterfeldznges in Frankreich erwarb. Ihm ist es vorzugsweise zu verdanken, daß sich Blücher dem Rückzugsbefehle Schwarzenbergs Wider- setzte, was unbczweifelt den glücklichen Ausgang des Feldzuges zur Folge hatte. Seine glänzendsten Waffenthaten vollzog er im Feldzug von 1815 in den Kämpfen Blüchers vor der Schlacht von Waterloo; und bald nach dem Kriege wurde er Chef des allgemeinen Generalstabs der preußischen Armee. Hedwig, auf deren jugendlich schwärmerisches Herz der edle und schöne junge Held schon bei der ersten Bekanntschaft einen tiefen Eindruck gemacht hatte, war ihm im Herzen mit Begeisterung auf seinen Kriegszügen gefolgt, und als er nun um ihre Hand anhielt, gab sie ihm freudigst ihr Jawort, und am 26. October 1816 erfolgte die Vermählung, die in Nentweinsdorf gefeiert wurde, und für meine Schwester ein reich beglücktes Leben eröffnete. Mein Vater war zwar über diese Heirath hoch beglückt, aber durch Hedwigs Scheiden trat eine recht fühlbare Lücke ein. Das heitere Wesen des jungen Mädchens hatte ans den durch Hypochondrie oft tief niedergedrückten Vater stets wohlthätig eingewirkt, und ihr Scheiden wurde darum recht fühlbar, und dieß besonders in dieser schweren Zeit, wo, wie ich schon anführte, der ungeheuere Nothstand Alles niederdrückte, und mein Vater, der überall helfen wollte, oft nicht wußte, wo er Brod für seine armen Unterthanen hernehmen sollte. Ein zweites glückliches Ereigniß dieses Jahres war die Niederkunft meiner Mutter, die am 6. August wiederum eine Tochter gebar, die 509 in der Taufe den Namen Bertha erhielt, und die nach den jüngsten harten Verlusten das Herz meiner Aeltern doppelt erfreute. Ich habe oben, wo ich von der Bildung des Pfarr- und Schul- fonds zu Rentweinsdorf sprach, angeführt, daß dieser später einen namhaften Zuwachs erhielt, durch den meines Baters Pläne für Verbesserung 'der Schulen erst eigentlich bleibend ausgeführt werden konnten. Dieß geschah im Laufe des Jahres 1817, wo unser Beneficiat zu Ebern, Priester Lambert, aus Dankbarkeit, daß ihm das Beneficium daselbst verliehen worden, am 22. März desselben Jahres freiwillig und ohne vorausgegangene Verbindlichkeit, erklärte, von den Erträgnissen desselben IVO fl. fränkisch oder 125 fl. rheinisch jährlich zur Verbesserung der Schulen in NentweinSdorf ans so lange abgeben zu wollen, als er sich im Genüsse des Beneficiums befinden werde. Nun konnte mein Vater die lange gewünschte Aufbesserung der ersten Schule, die auf 580 fl. 50 kr. gesetzt wurde, vornehmen, und als später die Getraidepreise stiegen, und sich dadurch das theilweise aus Naturalien bestehende Einkommen des Pfarr- und Schulfonds erhöhte, konnte auch für die zweite Schule wieder ein definitiver Lehrer angestellt werden. Diese Zuschüsse des Beneficiaten Lambert dauerten bis 1843/44, wo derselbe starb. Deren Wegfall war damals und seitdem durch die bedeutend höheren Einnahmen des Fonds ans den Naturalien so vollkommen genügend ersetzt, daß die erhöhten Lehrerbesoldungen auch seitdem ungeschmälert fortentrichtet, ja selbst theilweise noch bedeutend erhöht werden konnten. Im Herbste 1817 wurden meine Aeltern durch einen Besuch des jungen Grolman'schen Paares erfreut, und als diese wieder nach Berlin zurückkehrten, nahmen sie meine Schwester Thusnelde mit, für die ein längerer Aufenthalt in der Stadt und besonders im Hause der geliebten Schwester, mit der sie von Kind an innigst verbunden war, Nutzen und Erheiterung bringen sollte. Dieser Aufenthalt in Berlin wurde für sie zum wichtigsten Wendepunkte ihres Lebens. Sie fesselte dort durch ihren Liebreiz und ihre seltene Schönheit das Herz des trefflichen und edlen Gardehauptmanns August von Rappold aus Potsdam, mit dem sie sich verlobte. Ich habe oben bemerkt, daß mein Vater sich nicht nur mit männlicher Fassung und Ergebung in die großen politischen und pecuniären 33* 510 Verluste, die die Mediatisiruug des Reichsadels zur Folge hatte, zu finden wußte, sondern es nun selbst für nöthig gehalten hatte, sich enger an den neuen Landesherrn anzuschließen. So wenig er auch bis jetzt noch Sympathien für Bayern haben konnte, das in seiner Bildung und seiner confessionellen Richtung im vollsten Gegensatz zu Franken stand, dieses lange wie ein erobertes Land behandelt, und den früheren Neichsadel namentlich, wahrhaft systematisch gedrückt und verfolgt hatte — so erschien es ihm doch jetzt — wo seit 1814 unsere sämmtlichen Besitzungen unter bayerische Hoheit gekommen waren, und wo doch nun auch allmählich eine gerechtere und bessere Behandlung Frankens eingetreten war, dringend nöthig, mit Bekämpfung jeder inneren Abneigung, sich mit diesem Staate und seinen Institutionen recht vertraut zu machen, und auf eine bessere Stellung Frankens in solchem nach Kräften hinzuwirken. Er widmete sich daher nun vor Allem einein genauen Studium der bayerischen Staatsvcrhältnisse, seiner Gesetze und Verordnungen, und war dadurch bald in allen bayerischen Zuständen eben so gründlich instruirt, wie er es bereits seit Langem in den allgemeinen deutschen war. Für Bayern hoffte er die baldige Verwirklichung der von dem Könige gegebeneu Verheißung einer Verfassung ; für Deutschland ein festeres Band durch eine allgemeine deutsche Verfassung und in solcher für den Adel eine politisch gesicherte, einer constitutionellen Verfassung anpassende Stellung. — In dieser dreifachen Richtung schrieb er 1817 seine Gedanken nieder und übergab sie noch im selben Jahre dem Drucke. Es gab aber dabei einen längeren Aufenthalt, und so erschien dieses Werk unter dein Titel: „Freimüthig-patriotische Beobachtungen und Bemerkungen über die gegenwärtigen öffentlichen Angelegenheiten in Deutschland" erst 1818 im Buchhandel (bei Steinacker in Leipzig). — Es hatte in der einen Richtung, nämlich bezüglich der bayerischen Verfassung unterdessen seinen Zweck verfehlt gehabt, da König Max wirklich am 26. Mai 1818, und zwar noch vor Erscheinen des Buches seinem Lande die verheißene, auf constitutionelle Basis beruhende freisinnige neue Verfassung gegeben hatte. Da es übrigens im Drucke fast vollendet war, ließ es mein Vater wegen des übrigen Inhaltes doch erscheinen. Indessen überzeugte er sich bald, daß es in seiner nicht mehr ganz zeit- 511. gemäßen Abfassung wenige Leser fand, und dies; veranlasste ihn, es in etwas umgearbeiteter Form neu erscheinen zu lassen, und zwar nun in erster Linie als patriotische Wunsche, Bitten und Vorschläge an die erste Ständeversammlung Bayerns, die 1819 zusammentreten sollte Was er über die Verfassung Deutschlands und den Adel gesagt hatte, behielt er fast unverändert bei. So erschien denn nun das umgeänderte Werk 1819 (bei Raspe in Nürnberg) wiederum anonym, unter dem Titel: „Patriotische Wünsche, Bitten und Vorschläge, der hohen Ständeversammlung des Königreichs Bayern, dem deutschen Adel und der deutschen Nation zur Prüfung und Beherzigung ehrerbietigst übergeben." In seiner neuen Form machte es großes Aufsehen. Ein compe- tcnter Nichter, der schon in dieser Lebensbeschreibung genannte Graf Julius von Soden, damals zu Nürnberg lebend, nennt es „ein wahrhaft klassisches Werk" und ich kann es, obgleich es natürlich viel enthält, was jetzt veraltet ist, meinen Lesern zur Lectüre und zum Studium dringend empfehlen. Es enthält sehr viel Gutes und Richtiges und zeugt von der tiefen und gründlichen Kenntniß, die mein Vater von den damaligen Zuständen und den Volksbedürfnissen hatte. — Nach einer gründlichen Einleitung behandelt es in der I. Abtheilung eine geschichtliche, rechtliche und politische Beleuchtung des ehemaligen und gegenwärtigen Zustandes von Franken, in der II. Abtheilung seine patriotischen Wünsche, Bitten und Vorschläge über die Staatsverfassung des Königreichs Bayern. Die III. Abtheilung enthält eine Abhandlung über den Adel in Deutschland, bespricht seine notwendige Stellung für die Zukunft und enthält eine Ansprache an solchen, die, wäre sie von diesem seither beherziget worden, ihm eine bessere Stellung verschafft haben würde. Die IV. Abtheilung enthält Beobachtungen und Bemerkungen über Deutschland und über die deutsche Nation. In dieser vierten Abtheilung tritt der ächt deutsche Patriotismus meines Vaters leuchtend und glänzend hervor. In ihm ruft er die 512 Worte aus, die 30 Jahre später der Grund zu Erzherzog Johanu's Ernennung zum Reichsverweser Deutschlands wurden. Nachdem er nämlich von der Wichtigkeit der deutschen Bundesverfassung gesprochen, endet er mit dem Ausrufe: Nicht Latus Lnvnrino, nicht Latus Laxauiao, nicht Latus Itrumousis etc., sondern Latus dormauiao coukooctoratae suprmua Imx esto! In dem Schlüsse des Werkes giebt der Verfasser rhapsodische Vorschläge für eine Constitution für Deutschland, und cS ist wirklich höchst auffallend, eine Menge dieser Vorschläge jetzt nach mehr als 40 Jahren in dein vom Kaiser von Oestrcich im September 1863 zu Frankfurt a. M. den deutschen Fürsten vorgelegten Bundesreformproject wieder zu finden. Was jetzt für gut und dringend nöthig erkannt wird, hatte mein Vater schon vor so langer Zeit in Vorschlag gebracht. — Sein Werk endet er mit dem Ausrufe eines ihm lieben und theueren vaterländischen Dichters: Deutsche! meine kleine Harfe schweiget — Und ist Alles in den Wind dahin — O so laßt mich mit der Hoffnung sterben, Daß Ihr E i-nS seid, wenn ich nicht mehr bin. Schon seit 38 Jahren ruht der thenere Vater im Grabe, dieser Wunsch ist aber in dieser langen Zeit nicht in Erfüllung gegangen! — Die große Roth war durch die ziemlich gesegnete Aerndte des Jahres 1817 wohl vorüber, und die ersten in diesem Jahre heimgebrachten Getraidewägen wurden in Rentweinsdorf und Eyrichshof vor die Kirche gefahren, wo ein Dankgottesdienst stattfand, worauf diese erste Frucht sogleich auSgedroschen lind den Armen gegeben ward; aber die Nachwehen des schrecklichen Nothjahres — Krankheiten und Geldmangel — danerteil noch fort, und an die Stelle der zu großen Theuerung trat nun in Folge mehrerer sehr reichen Aerndten eine solche außerordentliche Wohlfeilheit aller landwirthschaftlichen Produete, daß trotz der nun vorhandenen großen Vorräthe der Geldmangel in unserer Kasse, wie in der Kasse aller Landwirthe, fortdauerte. Man konnte während mehreren Jahren fast gar nichts verkaufen, und dieß dauerte 5 — 6 Jahre lang, so daß mein Vater am Ende das geärndtete Getraide auf den Böden nicht mehr unterbringen konnte, und im 51.1 Schlosse zu Eyrichshof, als ihm solches nach dem Tode seines Bruders zugefallen war, eine große Masse Korns in einem Thurm einmauern ließ, um es zugleich vor Verderben und Würmerfraß zu sichern. Es hielt sich da mehrere Jahre ganz gut und war bei der Wiedereröffnung des überirdischen Silo's in vollkommen gutem Zustande. — Diese Jahre des Ueberflnsses steigerten auffallender Weise die Finanznoth meines Vaters, mit der er sein ganzes Leben zu kämpfen hatte, noch mehr als die Kriegs- und Nothjahre, und trübten sein Alter sehr. Meine Mutter war seit ihrer Verheirathung nur einmal zum Besuche ihres alten Vaters in Berlin gewesen. Zu Anfang Winters von 1818 auf 1819 sollte ein zweiter Besuch daselbst gemacht werden, und diese Reise hatte noch außerdem einen zweifachen Zweck, Thusneldens Hochzeit sollte dort gefeiert werden und mich wollte mein Vater auf ein Gymnasium nach Berlin bringen. So reisten wir denn jnSgesammt zu Anfang Dezember 1818 von Nentweinsdorf ab. Solche Reise zu damaliger Zeit und beim bereits begonnenen Winter war eine lange und beschwerliche Sache. Erst nach 7 Tagen trafen wir in Berlin ein, und wohnten bei dem alten Großvater Grolman. Ich kani sofort auf ein dortiges Gymnasium, und am 21. Dezember desselben Jahres fand die Vermählung meiner Schwester statt, die hierauf mit ihrem Manne nach dessen Garnisonsstadt Potsdam zog. — Meine Aeltern und übrigen Geschwister blieben den Winter in Berlin und brachten mich bei ihrer Abreise zu Schwester Hedwig, bei der ich fortan wohnen sollte. So war es nun im Kreise meiner Eltern daheim wieder stiller geworden, und mein zeitheriger Hofmeister, der edle wackere Weinmann, der bereits 1814 Pfarrer in Nentweinsdorf geworden, aber als mein gleichzeitiger Hofmeister bis 1818 im Schlosse wohnen geblieben war, zog nun in das Pfarrhaus und verheirathete sich mit der ältesten Tochter des obengenannten Amtmanns Müller von Nentweinsdorf. — Auch bei den Gouvernanten meiner Schwestern war mehrfacher Wechsel eingetreten. Die treffliche Hahn war gestorben, und es folgten ihr nacheinander mehrere andere, die Kindern und Eltern das Leben verbitterten. Namentlich war es die eine, eine gewisse Müller, eine überspannte, oft halbverrückte Person, die so wenig entsprach, daß mein 514 Vater sie bald entfernen mußte, und die ihm später noch vielen Kummer machte. Ihre krankhafte Uebcrspanntheit wurde so arg, daß sie sich in Erlangen in's Wasser stürzte, und noch kurz vor ihrem Tode in ' einem Schreiben meinen Vater anklagte, Schuld an ihrem Tode zu sein, weil er sie ans seinein Hause entlassen habe. Aus den nun nächstfolgenden Jahren ist für die Lcbensgeschichte nreines Vaters wenig Bemerkenswerthes zu sagen. Er war in solchen meist daheim, wo er neben seinen landwirtschaftlichen Arbeiten sich viel mit Vorarbeiten zum Ordnen der allgemeinen Familiengeschäfte befaßte. Er legte unterm 28. Februar 1820 seinem Bruder darüber einen, eigentlich an die ganze Familie gerichteten, ausführlichen Plan vor, der wie eine letztwillige Verfügung mit dem Bibelspruch begann: „Bestelle Dein Haus, denn Du wirst sterben und nicht lebendig bleiben." (Jesaias 38, 1.) und mit den Worten schließt: „Möchten die gewiß reinen und guten Absichten, die ich bei dieser meiner Arbeit hege, von den Zeitgenossen meiner Familie nicht verkannt, vielmehr mit Güte und Wohlwollen beherziget werden, und möchten meine Vorschläge und Pläne der Nachkommenschaft unserer Familie Nutzen und Heil, Eintracht und Wohlstand verschaffen und sichern. — Mit dieser schönen und beruhigenden Hoffnung möchte ich gerne die Augen schließen und hinüber gehen zu den verklärten Geistern eines Götz, eines Sebastians, eines Adam Hermanns, eines Johann Friedrichs, — und noch so mancher anderer vorausgegangener verdienstvoller, tugendhafter, wahrhaft edler Rotenhane!" Der fragliche Plan betraf: 1. Die Ordnung seiner Privatfinanzen. 2. Die der gemeinschaftlichen Familieufinanzen. 3. Einen zu entwerfenden Familienvertrag zwischen beiden Brüdern, und einen weiteren mit der Merzbacher Linie. 4. Die Regulirung mehrerer mit dem Staate obschwebenden Diffe- renzien, und endlich 5. Die Ordnung des Familienarchivs. 515 Die Ausführung dieses Plaues wurde zwar von seinem Bruder nicht verworfen, vielmehr in den meisten Punkten für gut befunden, es kam aber doch nichts Wesentliches zu stände. Des Bruders stete Abwesenheit, und die hierdurch nvthige, von beiden Theilen immer sehr weitläufig geführte Correspondenz brachte keinen Entschluß, oder vielmehr keinen Schluß in solcher Sache zu stände, auch war Christian Ernst in den letzten Jahren schwerfälliger geworden, und opponirte meist den Plänen und Verbesseruugswüuschen meines Vaters, was diesen, der ihn: nach wie vvr mit dein wärmsten Herzen entgegen kam, oft recht schmerzlich berührte. Im Sommer 1820 hatte mein Vater recht angstvolle Tage, wozu ein Pistolenduell meines Bruders Veranlassung gab. Letzteres war Folge eines Ehrenhandels, der damals in unserem Lande viel Aufsehen machte. Mein Bruder hatte im Jahre zuvor, wo er Student in Erlangen war, mit einem Freunde eine Tur nach Bayreuth gemacht, und war hier, ohne irgend eine Veranlassung gegeben zu haben, von einem Lieutenant der dortigen Garnison, wahrscheinlich aus Eifersucht, so beleidigt worden, daß er dafür Genngthnung verlangte, die ihm dieser aber mit dem Bemerken, daß er sich mit keinem Studenten schlage, verweigerte. Als mein Bruder aber darauf bestand, fügte der Offizier noch weitere gröbliche Beleidigungen bei, und sein Vater, der Oberst des Regiments, der den Wortwechsel der jungen Leute in einem Nebenzimmer mit angehört hatte, mischte sich darein, und ging so weit, meinen Bruder mit thätlicher Mißhandlung zu bedrohen, und als dieser einer solchen Jnfamität mit edlem Stolze energisch entgegen trat, ihn auf die Wache führen ließ, von wo er jedoch durch Vermittlung seines Freundes sofort wieder entlassen wurde. — Als mein Vater diesen Vorfall erfuhr, war er im höchsten Grade empört. Er würde sich in einen Ehrenhandel seines Sohnes nicht gemischt haben, aber die solchem von beiden Officieren, Vater und Sohn, widerfahrene Behandlung war kein Ehrenhandel mehr, der durch Waffen ausgeglichen werden konnte. Mein Vater reiste nach München und führte Beschwerde bei König Max, der auch sofort eine Untersuchung anordnete, die sich lange hinzog. Sie endete mit der Verurtheilung der beiden Officiere, die mit vier und beziehungsweise sechswöchcntlichem Arrest bestraft 516 wurden. Hiermit war aber die Sache nicht beendet. Das Officier- corps des Regiments verlangte vom Lieutenant, daß er sich mit meinem Bruder schlage, und als er dieß fortwährend verweigerte, erklärte es, nicht mehr mit ihm dienen zu wollen. Da endlich kam es zur Forderung ans Pistolen. Ein ganzes Jahr war darüber verstrichen, und mein Bruder befand sich seit Ostern 1820 als Student in Berlin. Er reiste zu Pfingsten dieses Jahres nach Altenburg, wo das Duell stattfinden sollte. Um meinem Vater keine Angst und Besorgniß zu machen, hatte er ihm diese neue Katastrophe der Sache verschwiegen. Dieser hatte sie aber, da sie in Bayreuth allgemein bekannt war, und selbst in der Presse besprochen wurde, von dort her erfahren, und es hatte ihn, wie natürlich, mit großer Angst und Besorgniß erfüllt. Er erkannte recht wohl, daß nach dem dermaligen Stande der Sache ein Duell nicht vermieden werden könne, aber er war ein entschiedener Gegner der Pistolenduelle, die er für unritterlich und für Frevel hielt, und in seiner wohl verzeihlichen väterlichen Aengstlichkeit und Sorge um den geliebten Sohn entschloß er sich, nach Altenburg zu reisen, um, wo möglich, durch Vermittlung bei den Secundanten die Annahme einer anderen Waffengattung zu erzielen. — Meinem Bruder war das Erscheinen seines Vaters am Orte des Zweikampfes, wie natürlich, sehr unangenehm, da er, und wohl mit Recht, fürchtete, daß dies; als seiner Ehre nachtheilig ausgelegt werden könne. Er suchte meinen Vater von jeder Einmischung abzuhalten, und als dieß nichts fruchtete, suchte er das Duell zu beschleunigen, und verheimlichte den Ort, wo es stattfinden sollte. Die Bemühungen meines Vaters bei den Secundanten mißlangen, und als er hierauf erfuhr, daß beide Gegner mit den Secundanten die Stadt plötzlich verlassen hätten, gerieth er in eine so große Aufregung, daß er die ihm sonst eigenthümliche Ruhe und Besonnenheit ganz verlor, und in der Umgegend Altenburgs nmhereilte, um die Spur der Kämpfenden zu finden. Es war umsonst, und in der größten Aufregung kehrte er in die Stadt zurück. — Das Pistolenduell hatte unterdessen stattgefunden, und war, Gott sei es gedankt, glücklich vorüber gegangen. Jeder Theil hatte drei Kugeln gewechselt, von denen nur eine den Rock meines Bruders zerriß, ohne ihn selbst zu verletzen. — Mein Vater war zwar hochbeglückt über diesen Ausgang, aber er konnte es meinem Bruder lange nicht ver- 517 zeihen, daß er ihn durch die Beschleunigung des Duells und durch die Verheimlichung des Ortes getäuscht uud hintergangen hatte. In ruhiger Zeit, und als er durch seinen krankhaft hypochonderen Zustand noch nicht so niedergedrückt war, würde er hierüber anders gedacht und es natürlich gefunden haben, daß sein Sohn das Erscheinen des Vaters auf dein Kampfplatze um jeden Preis habe verhindern müssen. Seine große Liebe zu seinem Sohne hatte ihm in jener Zeit seiner krankhaften Schwermuth die rechte Nuhe und Besonnenheit getrübt. Im selben Jahre 1820 trat noch eine Vermehrung des Hausstandes meines Vaters ein. Sein Vetter, Freiherr von Seckendorfs zu Oberuzenn, hatte seine Gattin verloren, die ihm eine große Kinderzahl hinterließ, von denen das älteste Kind, Julie, erst 14 Jahre alt war. Diesen Verwandten eine Erleichterung zu verschaffen, wurde diese seine älteste Tochter, ein liebreizendes Mädchen, nach ReutweinSdorf genommen, die sich schnell mit meiner Schwester Adelheid, wie mit der Pflegetochter Marie von Egloffstein innig befreundete. Dieselbe kehrte zwar schon im Jahre darauf zu ihrem Vater zurück, der sie wegen der kleinen Kinder bedurfte, kaue aber, als ihr Vater kurz darauf starb, wiederum nach Rentweinsdorf, wo sie bis zu ihrer 1324 erfolgten Verehelichung blieb. Mein Vater war damals sehr befreundet mit einem Arzt in Bamberg, dem Director Or. Pfeufer, der in zweiter Ehe eine Gräfin von Rottenhan aus Merzbach geheirathet hatte, und dessen beide älteste Töchter wurden bald intime Freundinnen des Rentweinsdorfer Mädchenkleeblattes, so daß ein gegenseitiger Besuch häufig ward, und die Anwesenheit der muntereil Pfeufer'schen Töchter in Rentweinsdorf trug viel zur Aufheiterung meiner Aeltern bei, was bei der immer mehr zunehmenden Hypochondrie meines Vaters recht erwünscht war. Das Jahr 1821 brachte meineil Aeltern noch einmal die Freude, ihre Kinderzahl vermehrt zu sehen. Am 3. Januar ward ihnen wiederum eine Tochter geboren, die, wie die älteste aus dieser Ehe, den Namen Ida erhielt. Hierbei zeigte sich recht deutlich der edle, opferfähige Charakter meiner vortrefflichen Mutter. Nachdem sie bereits 4 Töchter geboren hatte, war es wohl sehr natürlich, daß sie sich nun auch einen Sohn wünschte, uud es würde sie dessen Besitz auch unendlich beglückt 518 haben, allein sie hatte nie einen Unterschied zwischen Stief- und eigenen Kindern gemacht und hatte ersteren stets den gleichen Platz in ihrem Herzen eingeräumt. So liebte sie denn auch uns beide Söhne, als wenn sie uns unter ihrem Herzen getragen, und in unserem Interesse — das durch die Geburt eines dritten Bruders geschmälert worden wäre, was sie bei dem schlechten Zustande der Finanzen nicht wünschte, — erlaubte sie sich nicht, ihren so natürlichen Herzenswunsch in ihrem Innern festwurzeln zu lassen, bekämpfte ihn vielmehr nach Kräften und sprach nach der Geburt der Tochter laut ihre Freude darüber aus, daß ihr Gott, wie sie es erbeten, abermals eine Tochter geschenkt habe. Die Freude über dieses neue Pfand der göttlichen Liebe wurde aber durch die stets zunehmende Kränklichkeit meines Vaters sehr getrübt. Zu seinen Unterleibsleiden und deren trauriger Folge, der Hypochondrie, trat ein neues, wohl auch aus derselben Quelle stammendes Uebel, ein heftiges Augenleiden, das meinem Vater wegen seiner vielen Studien und vielen schriftlichen Arbeiten ganz besonders lästig war. Viele Aerzte wurden consultirt und auch der berühmte vr. Langenbeks, damals zu Göttingen, herbeigerufen, allein da das Leiden Folge eines anderen tiefgewurzelten war, so konnte es ohne Hebung des Grundübels mit Erfolg nicht bekämpft werden. — Der Zustand meines armen Vaters wurde nun von Jahr zu Jahr ein beklagenswertherer, er litt viel, und durch ihn seine Umgebung, besonders meine gute Mutter, die sich unablässig bemühte, den tiefniedergedrückten theuern Gatten aufzuheitern und aufzurichten. Große, sein Herz zu lebhaftem Danke erhebende Freude gewährte ihm in Mitte dieser Leiden die stets erfreulichen Nachrichten von seinen beiden verheiratheten Töchtern, die ihm bereits eine Schaar lieber Enkel geboren hatten. Aber es war auch eine schwere Prüfung über die älteste Tochter gekommen, deren Mann im Herbste 1819 wegen vielfacher Differenzien mit seinem Könige gleichzeitig mit dem damaligen preußischen Kriegsminister seinen Abschied genommen und dabei jede Pension ausgeschlagen hatte. Es war dieß ein Schritt, der zwar dein edlen Charakter Grolmans zur Ehre gereichte, ihn und seine Familie aber in eine sehr mißliche Lage brachte. Er hatte nur wenig Ver- 519 mögen, und das geringe seiner Frau, welches solche als ihren Antheil an dein mütterlichen Vermögen erhalten hatte, reichte auch zu dem eingeschränktesten Leben nicht zu. Grolman kaufte von diesem Vermögen das Gut Gosda in der Niederlausitz, wo der berühmte General nun einfacher Landwirth wurde und 0 Jahre in der größten Eingeschränktheit, aber dennoch in recht innerem Glücke zubrachte, bis ihn sein König wiederum in den Dienst zurückrief. Im Frühjahre 1821 nahm mich mein Vater von Berlin weg, um mich auf ein bayerisches Gymnasiium zu bringen, was er für meine spätere staatsdienerliche Karriere für zweckmäßiger hielt. Ich kam zuvorderst in Privatunterricht nach Bamberg, wo ich in dem Hause des genannten Directors I)r. Pfenfer wohnte, und im Herbste auf das Gymnasium nach Ansbach. Jni selben Jahre trat noch eine weitere Pflegetochter in mein väterliches Haus ein, Louise von Seckendorfs, eine jüngere Schwester obengenannter Julie. Sie war damals erst 8 Jahre alt und schloß sich nun ganz unserer Familie als zu ihr gehörig an, und ist seitdem diesem Gefühlen durch's ganze Leben treu geblieben. Louise, oder wie sie vielmehr genannt wurde, Lulu, ist jetzt Stiftsdame zu Waizenbach. Unter den Planen, die mein Vater seinem Bruder vorgelegt hatte, war, wie wir sahen, auch das Ordnen unseres Familienarchiv's zu Rentweinsdorf, was allerdings etwas dringend Nothwendiges war, da es seit Langem in völliger Unordnung lag und es kaum möglich war, darinnen etwas aufzufinden. Dieses sollte nun endlich vorgenommen werden, und ein Archivbeamter kam deshalb nach Rentweinsdorf und begann dieses schwierige und umfangreiche Geschäft. Bald mußte aber niein Vater die unangenehme Wahrnehmung machen, daß dieser Beamte dieses Geschäft mehr zu seinem Vortheile als Literat verwendete und mußte es ihm wieder abnehmen, so daß dieser Plan meines Vaters, der ihm so sehr am Herzen lag, während seines Lebens nicht mehr zur Ausführung kam. Dagegen führte er um jene Zeit eine gute Spekulation aus. Die bayerische Regierung verkaufte damals zwei in der Flurmarkung Pfarr- weisach gelegene Waldparzellen, den Fuchsrangen und das Kuhholz, 520 in öffentlichem Verstriche. Diese kaufte mein Vater ziemlich wohlfeil, und erhielt durch den Verkauf des darauf stehenden Holzes den Kaufschilling zurück, so daß der bestockte Grund und Boden nun umsonst acquirirt war. Ich führe dieß namentlich um deßhalb an, weil derartige Finanzspekulationen dem Wesen und der Richtung meines Vaters ganz fremd waren, er sich darum auch sonst niemals damit befaßte und hierzu wohl auch am wenigsten Geschick gehabt hat. Der Grundbesitz hatte für ihn eine ganz andere, eine viel höhere Bedeutung. Zu Anfang 1822 trat für meinen Vater ein schmerzliches Ereignis; ein. Mein Bruder, zu jener Zeit Student in Würzburg, wurde plötzlich in die damals in Deutschland allgemein verbreitete Demagogen- untersnchuug verstrickt und auf Requisition der preußischen Regierung bei ihm Haussuchung gehalten. Seine Verbindung mit der Burschenschaft, von der einzelne Glieder an den demagogischen Umtrieben teilgenommen hatten und bei denen Briefe meines Bruders vorgefunden wurden, war die Ursache. Mein Vater nahm die Sache sehr ernst und schrieb wegen der vorgenommenen Haussuchung entrüstete Briefe an den damaligen Generalcommissär von Asbeck in Würzburg, der die Untersuchung gegen meinen Bruder leiten ließ. Es stellte sich jedoch bald die völlige Unschuld meines Bruders heraus. Mein Onkel Christian Ernst hatte fortwährend ein Wanderleben geführt. Der längere Aufenthalt in dem theilweise unbewohnbaren Schlosse zu Eyrichshof sagte dem unverheiratheten Manne nicht zu, und gab ihm auch zu wenig Beschäftigung, da seine Oekouomiegüter verpachtet waren. Seiner Hauptbeschäftigung, der Lectüre alles Wissenswertsten, konnte er in Städten bequemer genügen, und immer noch hatte er es im Innern nicht überwunden, sein väterliches Schloß zu Nentweinsdorf nicht sein Domicil zu nennen, und so zog er fast unablässig in der Welt herum, bald da, bald dort einige Monate verweilend, und kam gewöhnlich nur im Sommer für ein Paar Monate auf's Gut; die Winter brachte er in letzter Zeit meist in Frankfurt a/M. oder Nürnberg zu. — Im Sommer 1822 fühlte er sich aber, als er wiederum für einige Zeit nach Eyrichshof gehen wollte, recht leidend, und bat deshalb, ganz gegen seine Gewohnheit, meinen Vater, bei ihm in Nentweinsdorf für einige Zeit bleiben zu dürfen, was diesen 521 in hohem Grade und um so mehr erfreute, als er nun hoffte, die seiuein Bruder schon längst vorgelegten Verbesserungsplane durch mündliche Besprechung mit ihm erledigen zu können. — Allein Gott hatte anders beschlossen. Christian Ernst wurde bald nach seiner Ankunft in Nentweiusdorf ernstlich krank und starb daselbst am 11. August 1822. — Der Schmerz meines Vaters um diesen geliebten Bruder war groß, und allgemein, nah und fern wurde der Verstorbene tief betrauert, denn der höchst geistreiche, gründlich gebildete und sehr liebenswürdige Mann war überall geliebt und besaß zahlreiche Freunde. Er wurde auf dem Kirchhofe zu Nentweinsdorf beigesetzt. Christian Ernst hatte in seinem Testamente eine größere Summe, die ihm sein Bruder theilweise schuldete, zu wohlthätigeu Stiftungen verwendet, und darunter 30,000 fl. zur Errichtung einer Wohlthätigkeits- anstalt für unsere Beamten, Diener und Unterthanen (oder vielmehr Grundholden, wie solche seit dem Erscheinen der Verfassung in Bayern hießen). Ich werde hievon weiter unten bei ihm selbst ausführlicher sprechen. Meinem Vater wurde im Testamente der Auftrag, Verwaltungsstatuten dafür zu errichten und eine Beschäftigungsanstalt damit zu verbinden, was auch von demselben, wie ich des besseren Zusammenhanges halber gleichfalls unten bei Christian Ernst ausführen werde, in Vollzug gesetzt wurde. Die Geschäfte meines Vaters hatten sich nun vermehrt, da des Bruders Güterhälfte ihm zugefallen war, und diese vermehrte Geschäftslast, die dein leidenden Manne schwer fiel, war die Ursache, warum er seine längst gefaßten größeren Verbesserungspläne, deren Ausführung jetzt nach des Bruders Tode leichter geworden wäre, dennoch nicht zum Vollzug brachte. In finanzieller Beziehung wurde seine Stellung nun eine bessere, und er, der sein ganzes Leben mit materiellen Bedrängnissen zu kämpfen gehabt hatte, konnte wenigstens die letzten Jahre seines Lebdns etwas sorgenfreier zubringen, obgleich ihn der Gedanke oft schwer niederdrückte, daß seinen Kindern dereinst wiederum dieselben Sorgen und Mühen erwachsen würden, was indeß nach Gottes gnädiger Führung nicht in Erfüllung ging. Zu den: Schmerze um den geliebten Bruder gesellte sich bald ein neuer. Mein Schwager Nappold, der einige Zeit vorher als Gouverneur der Söhne des Prinzen Wilhelm, Benders des Königs, nach Berlin berufen worden war, und nun dort im königlichen Schlosse wohnte, sing an zu kränkeln, und bald zeigte es sich, daß sein Lungenleiden unheilbar sei. Den ganzen Winter auf 1823 brachte er in dein traurigsten Znstande zu, und im Frühjahre dieses Jahres entschlief er nach nur 4 Vz jähriger überaus glücklicher Ehe. Es war für meinen Vater ein sehr harter Schlag, seine geliebte Tochter so früh schon im Wittwen- schmerze und ihre 3 Kinder, von denen das jüngste erst kurz vor des Vaters Tode geboren war, so früh verwaist zu sehen. — Auch mein Bruder machte ihm damals Sorge, der schon auf der Universität ein heftiges Augenleiden erhalten hatte, das so zugenommen, daß er den Winter von 1822 auf 1823 sich in Göttingen einer längeren Kur bei Dr. Himly unterwerfen und im Sommer 1323, als Fortsetzung davon, eine größere Fußreise machen mußte. — Dieß Alles, und das eigene immer mehr zunehmende Leiden trübte die letzten Jahre meines Vaters sehr. Sein immer mehr zunehmendes Augenübel, das ihn Erblindung befürchten ließ, veranlaßte ihn, den damals zu Bonn lebenden berühmten Augenarzt Dr. Walther zu consultiren, der ihn aufforderte, nach Bonn zu kommen, und mein Vater entschloß sich, im Herbste 1823 dahin zu gehen. Die Reise war wegen seiner Kränklichkeit eine sehr beschwerliche. Langes Fahren war ihm nicht möglich, und so wurde die Reise von Mainz bis Bonn zu Schiff gemacht, was damals, wo mau die Dampfkraft noch nicht kannte, langsam ging. Meine Mutter und mein Bruder begleiteten ihn. Eine Kur wurde begonnen, brachte aber keine Besserung, weder für die Augen noch für das Grundübel, die krampfhaften Leiden des Unterleibes, und der Winter auf 1824 war ein sehr trüber. In diese schmerzliche Zeit trat als erfreulicher Moment die Verlobung meiner Schwester Adelheid mit dem Freiherrn Ernst von Seckendorfs-Gutend aus Oberzenn, der als Forstrath im Dienste des Fürsten von Wallerstein stand, und durch meine Großmutter bereits mit uns verwandt war. Der edle und gediegene Charakter dieses Mannes ließ meineni Vater eine glückliche Zukunft für seine Tochter hoffen. Trotz des fortgesetzten leidenden Zustandes sah sich mein Vater im Frühjahr 1824 doch noch einmal veranlaßt, eine Reise zu machen. Mein Bruder war seit dem Herbste vorher in München in der Land- 523 gerichtspraxis, und hatte sich dort in der Hofgesellschaft einführen lassen. Mein Vater wünschte, daß er sich auch bei Hofe vorstellen ließe, was auch meinem Bruder sehr angenehm gewesen wäre, was aber nicht geschehen konnte, da Letzterer keine Hofcharge hatte, die hierzu erforderlich war. So entschloß sich denn mein Vater nach München zu reisen, um den König persönlich zu bitten, seinem Sohne die Kammerherrnwürde zu verleihen. Er wurde von König Max sehr freundlich empfangen und sein Wunsch sofort erfüllt. Am 27. August 1824 fand eine Doppelvermählung im Hause meines Vaters statt, die wieder einmal einige heitere Tage in das meist trübe Leben, was jetzt dort herrschte, brachte. Es wurde meine Schwester Adelheid und meine obengenannte Cousine Julie von Seckendorfs zur selben Stunde getraut. Letztere vermählte sich mit ihrem Vetter Alexander von Seckendorfs aus Burckersdorf im Weimar'schen. Diese letztere Ehe war leider eine sehr unglückliche. Gott zog indessen das arme Opfer, die unglückliche Julie, bald zu sich in das Land des Friedens. Als das Leiden meines Vaters im Herbste 1824 immer mehr zunahm und er fühlte, daß er nicht mehr im Stande sei, die Gutsund Familiengeschäfte allein zu bewältigen, rief er meinen Bruder, der seit einem Jahre beim Landgerichte München praktizirte und wegen des ungünstigen Standes unserer Finanzen in den Staatsdienst treten wollte, zu sich nach Rentweinsdorf, um ihn in den Geschäften zu unterstützen. Mein Bruder blieb von da au bei dem Vater und diese, wegen des hypochonderen Znstandes des Letzteren, für ihn in mancher Beziehung schwere Zeit brachte ihm den großen Vortheil, sich nun schnell auf das Gründlichste in unsere Gutsgeschäfte einzuarbeiten. Bald schon konnte er der Aufforderung meines Vaters, ihm seine Ideen über das Ordnen der Finanzgeschäfte und Vermehrung der Gutserträgnisse mitzutheilen, durch eine gründliche und umfassende Arbeit entsprechen, die, wie die spätere Erfahrung zeigte, sehr viel Praktisches enthielt. Mein armer Vater war aber schon zu leidend, um zu einem durchgreifenden Entschlüsse kommen zu können. — Doch wurde noch eine neue verbesserte Einrichtung getroffen. Es war die Einführung der Accordwirthschaft auf den in eigener Negie betriebenen landwirthschaft- 34 524 lichen Gütern, nämlich zu Rentweinsdorf, Sendelbach, Hohendorf, Eichelberg und Ebelsbach. Die beiden ersten Oeconomiegüter hatte mein Vater schon seit Beginn seiner landwirthschaftlichen Thätigkeit selbst administrirt; Hebendorf seit dessen Acqnisition im Jahre 1807. In Eichelberg hatte unsere Familie bis in das erste Decennium des gegenwärtigen Jahrhunderts kein Oeconomiegut besessen. Da erst hatte mein Vater begonnen, durch den Ankauf einzelner Bauerngüter ein eigenes größeres Gut zu bilden, was durch weitere Ankäufe immer mehr vergrößert wurde. Er hatte solches stets selbst verwaltet. Ebelsbach war erst nach dem Tode meines Onkels Christian Ernst meinem Vater zugefallen, doch hatte er es schon vorher seinem Bruder abgepachtet gehabt und also schon seit Jahren das dortige Oeconomiegut in eigener Verwaltung geführt. Das Gut Vorbach hatte mein Vater zwar auch schon längere Zeit selbst verwaltet gehabt, hatte es aber mehr als Schafgut behandelt, und beließ auch jetzt diese Einrichtung (Eyrichshof und Fischbach waren von meinem Onkel verpachtet gewesen und blieben es vorerst auch noch unter meinem Vater). Aus. den fünf oben genannten selbst administrirten Oeconomiegütern war überall die s. g. Sackbauernwirthschaft eingeführt gewesen. Der Sackbauer, der eine Art Unterverwalter oder auch Vorarbeiter war, hatte die Knechte und Mägde zu verköstigen und die Tagelöhner zu überwachen. Diese Einrichtung führte nie zu einem befriedigenden Resultate, denn die Kosten der Knechte, Mägde und Tagelöhner, dann die für Unterhaltung und Nachschaffung des Jnventariums waren stets so beträchtlich, daß sie die damals allerdings noch geringen Erträgnisse meist überstiegen, und in vielen Jahren daraufgezahlt werden mußte. Es war dieß vielfach Schuld der Sackbauern, denen es gleich war, ob jene Kosten hoch oder gering seien, und die darum in ihrer Aufsicht nach? lässig waren. Mein Vater hatte sie daher bereits statt des Lohnes auf Antheil am Ertrag gesetzt, aber auch dieses half nicht wesentlich, und so war er denn unablässig bemüht, eine andere bessere Einrichtung zu finden, die endlich einmal einen Ertrag von den Oeconomiegütern brächte. Er fand hierzu Ideen in der Broschüre eines sächsischen Oeconomierathes Albert, die ihn so sehr ansprachen, daß er sie alsbald bei uns zu versuchen beschloß. Die ganze Arbeit auf jedem der Güter sollte an eine bäuerliche Familie in Accord gegeben werden, die dazu 525 in Dienst genommen würde, und die, was sie nicht selbst mit ihren eigenen Knechten und Mägden leisten könne, durch Tagelöhner ans ihre Kosten zu vollziehen hätte. Ebenso sollte diese Familie das todte Jnventarinm auf eigene Kosten erhalten und ergänzen, und für dieß Alles erhielt sie einen gewissen Antheil am Ertrag des Gutes. Nur die Viehwirthschaft in allen ihren Zweigen blieb ausgeschlossen, für deren Besorgung erhielt der Accordant besondere Vergütung, wie auch für den Futterbau. Der Accordant war übrigens in allen Arbeiten an die täglichen Anordnungen des Herrn oder des Verwaltungspersonales wie ein Knecht gebunden, hatte daher keine selbstständige unabhängige Stellung. Nach diesen Grundzügen wurde von meinem Bruder unter der Leitung meines Vaters die Accordwirthschaft im Winter von 1825 auf 1826 eingeführt, die nun 38 Jahre lang mit geringen Abänderungen besteht, und sich bei uns als vorteilhaft erwiesen hat. Um jene Zeit begründete, resp. erweiterte auch mein Vater noch ein für unsere Grundholden sehr wichtiges und segensreiches Institut, eine Creditkasse. Mein Onkel Christian Ernst hatte nämlich schon lange vorher, aus einer größeren Masse von Activresten, die er von seinen Unterthanen zu fordern hatte, eine solche Kasse für seine speciellen Untertanen gebildet gehabt, woraus Einzelne, die sich in augenblicklicher Roth und Geldverlegenheit befanden und dann gewöhnlich den Juden in die Hände fielen, Anlehen erhielten, die sie neben einer geringen Verzinsung durch Annuitätenzahlungen wieder tilgen sollten. Er hatte dafür zwar eine eigene Verwaltung in Eyrichshof aufgestellt, allein dieses in seinem Prinzip gewiß recht segensreiche Institut hatte in der praktischen Anwendung den von ihm gewünschten Erfolg nicht gehabt, woran wahrscheinlich seine viele Abwesenheit Schuld war. Christian Ernst hatte darum in seinen: Testamente die ganze Aktivmasse dieser Creditkasse, die sich auf 11,692 sl. belief, meinein Vater vermacht, wodurch diese Creditkasse ihr Ende erreicht hatte. Letzterer konnte sich aber bei seinem edlen Herzen, das für das Wohl der Grundholden so warm schlug, nicht entschließen, diese Summe für sich zu verwenden und dadurch ihrem gutem Zwecke zu entziehen, er glaubte vielmehr, daß, wenn das Institut nur eine bessere Einrichtung erhielte 31* 526 und sein Fond größer wäre, so könnte dadurch der früher gehabte Zweck erreicht und viel Segen gestiftet werden. Er beschloß daher, Beides in Vollzug zu setzen. — Er fügte dein ererbten Creditkasse- capital noch die Activa der frühereil, seit Christian Ernstens Tode aufgehobenen Erogandenkasse und die der Rentweinsdorfer Renteikasse im Gesammtbetrage von 8206 fl. 40 kr. hinzu, so daß das Capital nun nahezu 19,900 fl. betrug, und bestimmte solches zu einer nunmehr für alle unsere Grundholden zu bildenden Crcditkasse, für die er unter'in 1. Januar 1826 neue Statuten gab. — Nach solchen sollte die genannte Summe, die bis auf 20,000 fl. zu erhöhen und in dieser Größe möglichst zu erhalten wäre, ein untheilbares freies Eigenthum unserer Familie sein, über welches nur diese zu verfügen habe, eine anderweitige Oberaufsicht oder Einwirkung darauf aber nicht gestattet werden, wie es auch unserer Familie in Zeiten der Noth erlaubt sein sollte, diese Kapitalteil der Creditkasse für sich zu verwenden. — Wie diese Kasse zu verwalten sei, und in welcher Art und Weise sie Gelder an die Grundholden auszuleihen habe, bestimmen die Statuten in ausführlicher Weise. — Diese Creditkasse trat nun sofort in's Leben, aber es zeigte sich bald, daß ihr angegebener Betrag von 19,900 sl. nur nominell diese Höhe habe, da viele Forderungen dazu gehörten, die höchst unsicher, theilweise auch selbst werthlos waren, so daß sich der wirkliche Betrag viel geringer herausstellte. Derselbe ist nun aber seitdem durch Zinsenadmassirnng bis auf jene Höhe von 20,000 fl. gebracht worden und die Creditkasse besteht noch heute unverändert fort. Im Laufe des Winters ans 1826 beendete mein Vater noch ein anderes Geschäft, zu dem er aber nur mit schwerem Herzen geschritten war. Schon beim großen Tausch mit Würzburg 1813 war von ihm und seinem Bruder projectirt gewesen, das Rittergut Kleinheirath sammt dem Patronate über die dortige Pfarrei zu verkaufen und zwar aus demselben Grunde, aus welchem jener Tausch, resp. großartige Verkauf vorgenommen worden war. Der Würzburger Regierung konnte aber Kleinheirath nicht angeboten werden, da es im bayerischen Gebiete lag und ein anderweitiger Käufer fand sich nicht. So verblieb es in unserem Besitze, aber bei den vielfachen Verabredungen unter den beiden Brüdern über die weiters nvthige Tilgung von Schulden kam 5)27 immer wieder der Verkauf dieses Rittergutes iu Vorschlag. Nach dem Tode meines Onkels, wo solcher Verkauf für meinen Vater nicht mehr als dringend nöthig erschien, ruhte das Project, als plötzlich 1825 der Herzog Wilhelm von Bayern, der Besitzer von Banz, der damals bestrebt war, seinen dortigen Besitz zu erweitern, meinen: Vater sich als Kaufsliebhaber für Kleinheirath darstellte. So schwer es diesem nun auch wurde, sich von diesen: alten Familienbesitze zu trennen, so glaubte er doch, daß eine so gute Gelegenheit zun: Verkauf sich nicht wieder finden werde, besonders da der Herzog ein sehr annehmbares Gebot stellte, und so trat mein Vater in Unterhandlung ein. Während derselben kau: noch eine Deputation unserer dortigen Grundholden mit der dringenden Bitte, den Kauf nicht abzuschließen, da sie Alle unserer Familie treu ergeben seien und dieß, wie ihre Vorältern, von jeher stets bewiesen hätten. Es war dieß für meinen Vater ein schmerzlicher Moment, aber es war bereits zu spät, er konnte nicht mehr zurücktreten, und als an: 27. Februar 1826 der oberstlehnsherriiche Konsens zur Veräußerung kam, wurde der Verkauf mit dem Herzog abgeschlossen, wodurch wir dieses altangcstammte Gut, dessen Erwerb in die vorurknndliche Zeit fällt, daher nicht mehr ermittelt werden kann, verloren. Welche Hindernisse übrigens den: Vollzug des abgeschlossenen Kaufes noch entgegentraten und diesen noch um einige Zeit verzögerten, werde ich unten bei Hermann III. anführen. Fast um dieselbe Zeit erlebte mein Vater noch einen großen Schrecken. In dem großen Oekonomiegebäude zu Nentweinsdorf brach am 8. Februar 1826 spät Abends Feuer aus, wodurch der Ochsenstall ganz und das Brauhaus halb abbrannte. Ein recht trauriger Vorfäll ereignete sich dabei. Ein junger Bürger von Ebern, Färbermeister. Schmidt, der eifrigst beim Löschen beschäftiget war, wurde von dem herunterstürzenden Gesimse getödtet. Am 11. wurde die Leiche, nachdem ein feierlicher Gottesdienst gehalten worden, von: Schlosse aus nach Ebern gebracht. Mein Vater hatte zur Linderung seiner Leiden in den letzten Jahren alles Mögliche versucht. Jeden Sommer brauchte er Kissingen oder Boklet, was ihn: aber nie eine dauernde Besserung gab. Auch war ihm eine heftige, den ganzen Körper erschütternde Bewegung ver- 528 ordnet worden, und da er nicht mehr viel gehen konnte, so ließ er sich einen Stoßwagen ohne Federn bauen, mit dem er auf den damals noch überall unchanssirten Wegen im Trapp fuhr, so daß es kaum der Kutscher zu ertragen vermochte, und doch begleitete ihn dabei meine gute Mutter! Er kaufte sich auch ein hart trabendes Reitpferd, und fing im Winter, wo er seltener hinaus konnte, sogar an Holz zu sägen, nur eine anstrengende Bewegung zu haben. Noch Abends vor dein Schlafengehen ging er oft stundenlang auf den langen Gängen des Schlosses herum, da ihm sonst seine heftigen Leiden keinen Schlaf erlaubten. Die höchst eigenthümlichen Krämpfe des Unterleibes waren oft so heftig, daß man sie durch mehrere Zimmer hindurch hörte, und daß sie in der Kirche während der Predigt selbst für die Gemeinde störend wurden, und seine Schmerzen dabei waren entsetzlich. Im Frühjahre 1826, wo ich meine Schwester Thusnelde mit ihren drei verwaisten Kindern von Berlin, wo ich auf der Universität war, nach Nentweinsdorf begleitete, sah ich meinen armen Vater zum letzten Male. Ich ging von da nach Göttingen. — In der Mitte Juni dieses Jahres ward er wieder in's Bad nach Boklet geschickt, wohin ihn mein Bruder begleitete. Meine Mutter befand sich gleichzeitig mit den jüngeren Töchtern in Kissingen. Das Bad hatte ihm wenig Linderung verschafft, dennoch reiste er von dort mit meinem Bruder nach Brückenau, wo König Ludwig von Bayern zum erstenmale seit seiner Thronbesteigung einen Sommeraufenthalt machte, und wo ihm der größte Theil des fränkischen Adels aufwartete. Beide ließen sich zur Aufwartung melden, und wurden zur königlichen Tafel geladen. Während diesem Mittagsmahle sah mein Bruder plötzlich, daß sich die Züge meines Vaters veränderten und er vom Stuhle herab zu sinken begann. Er fing ihn rasch auf und führte ihn in die Nebenstube. Es war ein erster Schlaganfall, von dem sich aber mein Vater bald so weit wieder erholt hatte, daß er nach Kissingen zurückfahren konnte. Indessen von da sandte man ihn sofort nach Hause, denn der Arzt befürchtete eine Wiederholung des Schlaganfalles. Meine Mutter und Schwestern, sowie mein Bruder begleiteten ihn. Er kam recht leidend in Nentweinsdorf an, konnte aber noch mehrere Tage ausfahren. Auf einer dieser Fahrten aber zwischen Nentweinsdorf und Sendelbach fühlte er sich plötzlich so unwohl, daß er auszusteigen verlangte. Meine Schwester Thusnelde, die ihn an diesem Tage auf der Spazierfahrt begleitet hatte, half ihm aus dem Wagen steigen. Kaum ausgestiegen, fiel er ihr bewußtlos in die Arme; ein zweiter Schlaganfall hatte ihn getroffen. Man brachte ihn wieder in den Wagen und nach Hause, diesem zweiten Anfall folgte bald ein dritter, und von da au konnte er das Bett nicht mehr verlassen. Er lag noch drei Tage in meist bewußtlosen: Zustande, und am 28. Juli erlöste der Tod ihn von seinem Leiden. An seinem Sterbebette stand seine treue Gattin, meine theuere Mutter, die ihn seit Jahren so liebevoll gepflegt und selbst in der schweren Zeit seiner tiefsten Hypochondrie in immer heiterer Geduld ihm zur Seite geblieben war, standen sechs seiner trauernden Kinder, von denen das jüngste erst fünf Jahre zahlte— und die beiden Pflegekinder, mit ihnen seine ihn so innig liebende Schwester Sophie und des Hauses treue Dienerschaft, die Alle mit unbeschreiblicher Liebe und Verehrung an ihm hingen. — Mir allein von Allen, die noch zun: väterlichen Hause gehörten, war es nicht vergönnt, des theneren Vaters letzten Segen und letzten Licbesblick zu empfangen. Ich hatte die große Gefahr, in der er schwebte, erst erfahren, als er schon gestorben war. — So hatte der Tod ein schönes und reiches Leben geendet. Wer aus dem, was ich hier in treuer und kindlicher Liebe niedergeschrieben, meines Vaters edlen Geist, sein reines Streben, sein tiefes Wissen und thatenreiches Wirken, sein treues Lieben und seine begeisterte Vaterlandsliebe ersehen, und die schönen und edlen Worte liest, die er in seinen: Testamente an seine Familie und Nachkommen richtete, die ich jeden: Glied unserer Familie zu lesen an's Herz lege, der wird mir beistimmen, daß er zu den edelsten und bedeutendsten Männern unseres Geschlechtes gehörte und den hervorleuchtendsten desselben, mit denen er dort oben vereint zu sein hoffte, würdig an die Seite gesetzt werden kann. Sein Segen und seine Liebe, die so augenscheinlich auf uns seinen Kindern und auf unserer ganzen Familie seit seinen: Tode geruht, und uns bei einer seltenen Einigkeit mit den Früchten seines Strebens und Wirkens so reich beglückt haben, mögen auch ferner heilbringend unser Geschlecht beschirmen, und einen Jeden anspornen, Seiner würdig zu werden, und wie Er, nur für der Familie 530 Wohl und ihre Ehre zu leben und zu wirkeu! Ihm bleibe ein treues dankbares Andenken! Meine Mutter blieb noch bis zum Herbste 1827 in Rentweins- dorf, wo sie dann mit meinen drei jüngsten Schwestern und der Pflegetochter Lulu von Seckendorfs zu ihrem alten Vater nach Berlin zog. Marie von Egloffstein kehrte zu ihren Aeltern zurück, und kam von da nur zeitweise wieder nach Nentweinsdorf. Mein Bruder übernahm die Gutsverwaltung und lebte mit unserer geliebten Tante Sophie im älterlichen Hause. Meine Mutter blieb in Berlin bis zum Jahre 1848; sie hatte dort ihre^ alten Vater bis 1840, wo er, fast hundert Jahre alt, starb, treu gepflegt, und hatte hier wiederum eine schwere Liebespflicht in treucster Aufopferung durchgeführt, denn der alte Manu war in den letzten Jahren ganz taub und ganz erblindet, daher in dein traurigsten Zustande. — Einige Jahre vorher hatte sich meine Schwester Mathilde mit dein preußischen Regierungsrathe Freiherrn von Minutoli zu Posen vermählt, und meine Mutter sah hocherfreut, wie ihrer geliebten Tochter ein reiches eheliches Glück an der Seite dieses trefflichen überaus geistreichen und ausgezeichneten Mannes erblühe. Ich werde weiter unten bei Mathilde selbst Einiges über diesen höchst interessanten Mann anführen. Nicht lange nach dem Tode des alten Vaters hatte meine arme Mutter den tiefen Schmerz, ihre jüngste Tochter Ida zu verlieren, die am 12. Januar 1842 zu Posen starb, wo meine Mutter zum Besuche bei meiner Schwester Minutolt den Winter zubrachte. Der Tod dieser erwachsenen Tochter drückte sie schwer nieder, und dazu kam noch der Schmerz um den geliebten Bruder, meinen trefflichen Schwager Grol- man, der um jene Zeit in Posen starb. — Ein schweres Herzleiden befiel die sonst so kräftige Frau und verließ sie fortan nicht mehr, obgleich ihr noch eine längere Reihe von Lebensjahren gegönnt war. Nach den politischen Stürmen des Jahres 1848, die, wie bekannt, in Berlin besonders heftig aufgetreten waren, zog ineine Mutter mit meiner Schwester Bertha wiederum nach Nentweinsdorf zurück, wo sie das nun leer gewordene Amthaus zu ihrem Wohnsitze wählte, und wo sie noch über zehn Jahre, aber in hänsig leidendem Zustande, und 531 von meiner Schwester auf's Treueste gepflegt, still und friedlich lebte. Dort hatte sie oft die Freude, die Minutoli'sche Familie bei sich zu haben, und mein Schwager brachte selbst den größten Theil der Zeit, wo er außer dein activen Staatsdienste war, mit den Seinigen bei der Schwiegermutter zu. Auch die Pflegetochter Lulu, die dazwischen eine Reihe von Jahren in Mcrzbach bei der gräflich Nottenhan'schen Familie gelebt hatte, war nun oft und viel bei der theueren Mutter, und brachte auch, als sie Stiftsdame von Wasenbach geworden, ihre Sommer meist ine traulichen Amthäuse von Rentweinsdorf zu. Im hohen Alter traf meine arme Mutter noch ein herber Schmerz, der uns Alle auf das Tiefste niederbeugte, der Tod meines vortrefflichen Bruders. Sie überlebte ihn nur noch kurze Zeit. Im Winter auf 1859 verschlimmerte sich ihr Leiden, und am 27. Mai dieses Jahres führte sie ein sanfter Tod zu dem geliebten Gatten, au dessen Seite sie auf dem Kirchhofe zu Rentweinsdorf ruht. — Ihr Scheiden ließ eine große Lücke in unserer ganzen Familie zurück, denn sie war der Mittelpunkt derselben geworden, und ihr bis zum Ende klar gebliebener Verstand, ihre nie veränderte treue Mutterliebe und ihr durchaus edler Charakter hatte ihr die höchste Liebe und Verehrung verschafft, die ihr in und außer der Familie im reichsten Grade zu Theil wurde. Wie mein Vater ein Glanzpunkt unter den Männern unseres Geschlechtes war, so leuchtet sie unter dessen Frauen, und wir widmen auch ihr das treuste und dankbarste Andenken! AchtundMnnzi.qstes Kapitel. Johann Friedriche II. Kinder. (Schluß.) Ich habe in den beiden letzten Kapiteln von den zehn ältesten Kindern Johann Friedrich's II. gesprochen, und gehe nun zn seinen fünf jüngsten über. 11. Marie Juliane, geboren zu Rentweinsdorf am 25. April 1762. Sie brachte ihre Jugend im älterlichen Hause zu, und hatte, wie wir sahen, schon frühe das Unglück, ihren Vater zn verlieren. Bei dem Tode ihrer Mutter war sie erst achtzehn Jahre alt. Von da an war sie viel bei den Verwandten ihrer Mutter, den befreundeten Seckendorsf'schen Familien, und sodann in Rentweinsdorf, wo sie mit ihren beiden jüngeren Schwestern im Hause des Bruders lebte. — Ihr Bruder Sigmund, der ihr mit der zärtlichsten Liebe zugethan war, erkannte indessen, daß es für Marie kein Glück sei, ihr Leben berufslos zuzubringen, daß ihr vielmehr ihrer ganzen Richtung nach eine bestimmte thätigere Stellung im Leben noth thue. Als sich nun keine passende Heirath für sie fand, bemühte er sich, ihr eine Stelle als Hofdame zu verschaffen. Er wandte sich 1794 an die Gemahlin des Pfalzgrafen Maximilian zn Mannheim, eine geborene Darmstädter Prinzeß, die er von seinem Aufenthalt in Darmstadt kannte, und bat i 533 sie, seine Schwester Marie als Hofdame zu sich zu nehmen, was ihm diese auch zusagte. Marie kam noch im selben Jahre nach Mannheim, und blieb dort in dieser Stellung bis zum Jahre 1799, wo Pfalzgraf Maximilian Kurfürst von Bayern wurde und nach München zog. Dahin konnte Marie der neuen Kurfürstin nicht folgen, da diese nur bayerische und — obgleich sie selbst Protestantin war — nur katholische Hofdamen annehmen mußte. — Marie trat nun als Hofdame in den Dienst der Erbprinzeß von Darmstadt, an die sie die neue Kurfürstin empfohlen hatte. Sie wurde später, als die Erbprinzeß Großherzogin ward, zu deren Schlüsseldame erhoben. Am Hofe zu Darmstadt war sie sehr geliebt, und als sie in ihrem vorgerückten Alter zu kränkeln begann, hatte ihre Fürstin die zartesten Rücksichten für sie, und sandte sie wiederholt in Bäder, um ihre geschwächte Gesundheit zu stärken. Auch 1830 sollte sie wieder nach Kissingen gehen, wurde aber in Rentwcinsdorf, wo sie sich vorerst einige Zeit aufhalten wollte, so leidend, daß sie die Reise in's Bad aufgeben mußte. Ihr Zustand verschlimmerte sich gegen den Herbst zu, und am 14. September desselben Jahres starb sie daselbst, gottergeben und in überaus schöner und frommer Stimmung, und wurde auf dem dortigen Kirchhofe begraben. — Als ich Namens der Familie noch im selben Jahre nach Darmstadt reiste, um ihre Hinterlassenschaft zu ordnen, und den Fürstlichkeiten für die meiner Tante so lange Jahre bewiesene Gnade und Güte den Dank der Familie auszusprechen, ersah ich, in wie hohem Grade die Verstorbene von dem großherzoglichen Paare, von der Hofgesellschaft in Darmstadt, und überhaupt von allen Bewohnern dieser Stadt verehrt und geliebt war. Von allen Seiten wurde mir dieß kund gegeben, und namentlich erfuhr ich dort, welche Stütze dieselbe für die Armen der Stadt gewesen war, von denen sie mehrere Familien aus ihren nur geringen Mitteln fast ganz erhielt. Ihr folgte ein schönes Andenken dortselbst nach. — 12. Christian Ernst, geboren zu Reutweinsdorf am S. October 1763. Von dem Leben dieses höchst geistreichen und in jeder Beziehung edlen Mannes habe ich schon oben bei der Lebensbeschreibung seines Bruders Sigmund viel und oft gesprochen, und es bleibt nur darum hier nur noch übrig, ein allgemeines Bild von ihm zu entwerfen, und einiges ihn speciell Betreffendes anzuführen. / 534 Nach seinen Fähigkeiten und Kenntnissen, und bei seinem Charakter wäre er berufen gewesen, Großes im Leben zu leisten, und dennoch war sein Leben eine in vieler Beziehung verfehlte Existenz, die ihn selbst nie beglückte, und ihm nicht Gelegenheit gab, sich so, wie er gekonnt, in weiteren Kreisen nützlich zu machen. Die alleinige Schuld daran war, daß er nicht Kraft hatte, die Neigung zu steter Veränderung und Abwechslung zu bekämpfen und sich einein bestimmten Berufe im Leben zu widmen. Viel Edles und Gutes ist dadurch nn- benützt verloren gegangen. Eine rechte Lehre für Jeden, daß dein Manne vor Allem ein bestimmtes Berufsleben — eine, einem festgesetzten Thätigkeitszwecke gewidmete Existenz, — nöthig sei! Ich führte bereits an, daß Christian Ernst mit Sigmund gleichzeitig auf dein Gymnasium in Coburg und auf der Universität Erlangen war, und von da im Dezember 1780 die Universität Güttingen bezog, wo er bis zum Frühjahre 1784 blieb. Nachdem er hier seine Studien der Rechts- und Staatswissenschaft vollendet hatte, beschloß er, in den Staatsdienst zu treten, und ging zu diesem BeHufe nach Nassau, wo er sich bei öffentlichen Aemtern für denselben vorzubereiten begann. Er hatte alle Eigenschaften hierfür, denn er war von der Natur mit einem überaus klaren und praktischen Verstände begabt, und hatte sich gründliche Kenntnisse erworben, aber er hatte daneben eine unbezwing- liche Neigung zu steter Abwechslung. Es war ihn: nicht möglich, lange an einem und demselben Orte zu verweilen, und schon als junger Mann begann er daher von Nassau aus fortwährende Türen, und selbst größere Reisen zu machen, wodurch natürlich seine praktischen Vorstudien zum Staatsdienste viel unterbrochen wurden. Endlich gewann der Reiz des Wanderlebens bei ihm so das Uebergewicht, daß er jene Praxis in Nassau ganz aufgab, und nun einige Zeit fast ausschließlich auf Reisen in und außer Deutschland zubrachte, während welchen er nur zeitweise auf wenige Wochen nach Rentweinsdorf zu den Brüdern kam. — Diese Reisen, mit denen er stets gründliche Völker- und Länderstudien verband, trugen übrigens sehr zu seiner weiteren Ausbildung bei, und machten ihn nicht nur zu einem höchst geistreichen und liebenswürdigen, sondern auch zu einein recht gründlich unterrichteten Mann. 535 Auf diesen Reisen machte er 1785 ans 1786 einen längeren Aufenthalt in Wien, welche Stadt ihn ganz besonders anzog und wo er gerne seinen bleibenden Wohnsitz genommen hätte. Dieß brachte ihn zn der Idee, sich dort um eine Anstellung im Staatsdienste zn bewerben. Es war damals gerade eine adliche Reichshofrathsstelle daselbst erlediget, und obgleich solche hohe Stelle nur älteren lang gedienten Juristen gegeben wurde, und es einem Protestanten auch überhaupt schwer war, in dieses Collcgium zu kommen, so war er doch so kühn, sich darum zu bewerben, und wurde von dem preußischen Ministerresidenten von Jakobi zn Wien, von dem ich bereits oben in Sigmunds Leben sprach, und mit dein er sich sehr befreundet hatte, hierbei kräftigst unterstützt. Unter der damaligen Negierung des toleranten Kaisers Joseph II- würde der Umstand, daß Christian Ernst Protestant war, vielleicht weniger Schwierigkeit geboten haben, aber sein noch zu jugendliches Alter war ein unübersteigliches Hinderniß, so daß auch sein Wunsch nicht in Erfüllung ging. Er setzte nun sein Wanderleben fort, und zwar, wie er dieß auch später meist führte, ohne eine vorher beschlossene bestimmte. Reise zn machen, meist nur von einem Orte zum andern ziehend, wie es gerade eine augenblickliche Idee in ihm wünschenswerth machte. Von diesem seinen Leben ist daher auch hier nur wenig zu sagen. Ein besonderer Glanzpunkt in jenem Wanderleben war sein Aufenthalt in Frankfurt cpM. im Juli 1792, wo am 14. desselben Monats die Krönung Kaisers Franz II., des letzten römischen Kaisers, stattfand, worüber er eine ausführliche Beschreibung lieferte. — Er war kurz zuvor landgräflich Hessen-Darmstadt'scher Kammerherr geworden, und hatte dadurch bei den Krönungsfeierlichkeiten eine Stellung, die ihm eine Theilnahme an solchen ermöglichte. Sein Wanderleben dauerte bis zum Jahre 1794 fort, wo, wie schon oben in Sigmunds Leben bemerkt wurde, in ihm wiederum der lebhafte Wunsch nach bestimmter, geregelter Thätigkeit und nach einer zn begründenden Häuslichkeit entstand. Er drang damals, wo er nach dem Tode seiner beiden ältesten Brüder mit Sigmund Alleinbesitzer der Güter war, auf Theiluug derselben. Wie diese im Jahre 1794 geschah, wie hierauf von beiden Brüdern geloost wurde und welchen edelmüthigen Akt brüderlicher Liebe Christian Ernst hierbei vollzog, '' ^' 536 habe ich schon oben erzählt. Durch seinen Tausch der Loose war ihm nun der Gütertheil Eyrichshof-Ebelsbach zugefallen, aber eines dieser Schlösser zu seinem bleibenden Domicile zu erwählen, dazu konnte er sich nicht entschließen, und er beschloß daher, von Neuem Schritte zu thun, um eine Anstellung im Staatsdienste zu erhalten, wozu ihm sein Bruder, der ihn hiefttr besonders geeignet hielt, sehr zuredete und ihn hierbei durch seine ausgebreiteten Bekanntschaften kräftigst unterstützte. Vorerst aber brachte Christian Ernst den Sommer und Herbst 1794 in Eyrichshof zu, wo er verschiedene Häuserverkäufe vornahm. Am 30. Juni verkaufte er die vordere au der Straße gelegene Hälfte des bisherigen herrschaftlichen Hauses vor dem Hofthore zu Eyrichshof mit Hintergebäuden und 3 Kärtchen an Johann Heinrich Schultheis aus Memmelsdorf, und die Hintere Hälfte au die Amtmännin Gündelbach zu Eyrichshof. — Am 18. Dezember veräußerte er die Hälfte des s. g. Speckenhauses, die ehemalige Ziegelhütte, an Johann Georg Schad zu Eyrichshof, und ziemlich zur selben Zeit die gutsherrliche Schmiede daselbst an Paulus Schramm aus Obermerzbach. Während dieser Zeit wandte er sich, unterstützt von seinem Bruder, wiederum an den Fürsten von Nassau um Anstellung, und dieser, geschmeichelt, daß ein Neichsritter bei ihm Dienste suche, entsprach auch sofort seinem Wunsche, und ernannte ihn noch im Laufe desselben Jahres zum Regierungs- und Cousistorialrath. Zu Ende des Jahres trat er diese Stelle an, aber das ruhige, geregelte Leben sagte seinem unruhigen Geiste nicht zu. Da er vorerst noch ohne Gehalt diente, war es ihm gestattet, nach Belieben Ausflüge, und selbst kleine Reisen zu machen, und schon bald wurde wiederum daraus sein früheres Wanderleben, und er verweilte namentlich mehr in Frankfurt, als an seinem Amtssitz, bis er endlich seine amtliche Stellung ganz wieder aufgab und von Neuem uustät von Ort zu Ort zog. — Wie aber ein längeres Verbleiben am selben Orte und eine geregelte fortgesetzte Berufsthütigkeit ihm nicht zusagte, so befriedigte ihn auch das Wanderleben durchaus nicht. Es hatte wohl immer im ersten Augenblicke Reiz für ihn, aber dieser hielt nicht nach und konnte es auch nicht, denn der Grundton von Christian Erustens Charakter war ein zu ernster, für gediegene, wissenschaftliche Beschäftigung zu sehr 537 geschaffener, als daß er an jenem zwecklosen Herumziehen lange Gefallen finden konnte; es ließ ihm solches vielmehr immer bald schon das Gefühl des Unbefriedigtseins zurück, und stimmte ihn selbst damals schon oft recht unglücklich. In dieser traurigen Stimmung suchte er auf seinen Reisen leider oft eine Art von Zerstreuung, die ihn zwar augenblicklich betäuben, aber noch weniger befriedigen konnte. Er begann zu spielen, und kam durch größere Verluste oft selbst in rechte Verlegenheiten. Wohl erkannte er immer bald das Gefährliche dieser tadelnswerthen Zerstreuung, und das Edle und Treffliche in ihm brachte ihn jeder Zeit von solchen Irrwegen wieder ab, doch aber vermochte er nicht, sich davon ganz frei zu halten, und das Spiel blieb für ihn stets eine gefährliche Versuchung, der er nur erst in seinein vorgerückten Alter insoweit widerstand, daß er von da an nur in öffentlichen Lotterien sein Glück versuchte, den Spieltisch selbst aber vermied. — Im Sommer 1795 brachte Christian Ernst einige Zeit in Berlin zu, und hier entstand nochmals in ihm der Wunsch nach geregelter Thätigkeit. Er bestrebte sich, in die preußische Diplomatie einzutreten, was ihm jedoch nicht gelang, und so viel nur bekannt ist, war dieß sein letzter Versuch, in den Staatsdienst zu treten. Von da an blieb sein ganzes Leben, bis zu seinem Ende, ein fortgesetztes Wanderleben, auf dem wir ihm in dieser geschichtlichen Darstellung unserer Familie nicht zu folgen vermögen, da Niederschreibungen hierüber nicht existiren und besondere wichtigere Ergebnisse daraus nicht mehr bekannt sind. Jedes Jahr brachte er aber einige Zeit in Eyrichshof zu, wo er sich im neuen Flügel des Schlosses einige Zimmer eingerichtet hatte, und wo er eine große Bibliothek besaß, für die er von jeder Reise eine Menge Bücher mitbrachte, denn Lectüre war seine Hauptbeschäftigung, und nicht blos die reiche Brochurenliteratur, die die Politik brachte, wurde von ihm eifrig gelesen, sondern in den verschiedensten Wissenschaften, wie auch in der Belletristik, besonders in der französischen, war er gründlich unterrichtet, und schritt in solcher mit der Zeit fort. — Dabei blieb er aber den Gntsgeschäften nicht fremd, sondern ließ sich, wenn er abwesend war, von seinem Amtmann Strebet und seinem Rentmeister Kühnrcich, beide zu Eyrichshof, fortwährende Be- 538 richte erstatten, die ihn genau an tait erhielten, wie er denn auch mit seinein Bruder in einer sehr eifrigen Correspondcnz stand. Im Jahre 1796, wo die Durchzüge und Einquartirnngen der französischen Truppen über unsere Gegend so viel Unheil brachten, was ich weiter oben ausführlich erzählt habe, war er meist in Eyrichs- hof, und war auch damals als Rickelraths-Deputirter für die Angelegenheiten des Cantons sehr thätig, wovon ich bereits bei Sigmund sprach. Er war damals ein wahrer Segen für seine Unterthanen, für die er überhaupt stets auf das Väterlichste sorgte, und die trotz seiner vielen Abwesenheit ihm mit großer Liebe zugethan waren- Welche trübe Zeit auch er bei der Auflösung der Neichsritterschaft von 1802 bis 1806 zu durchleben hatte, haben wir schon oben gesehen. Er empfand darüber, wie Sigmund, den tiefsten Schmerz, nur daß dieser bei ihm ein mehr ruhiger war, da sein Herz zu so überströmenden Gefühlen, wie sie sein Bruder empfand, nicht geschaffen war. Mit der Landwirthschaft befaßte er sich nie, und seine Oekonomie- güter Eyrichshof, Fischbach und Ebelsbach hatte er verpachtet. Sein Bruder suchte bei ihm oft Geschmack dafür zu erwecken, und hoffte, er würde, wenn dies gelänge, sich zum bleibenden Aufenthalt in Eyrichshof, wenigstens für einen längeren Theil des Jahres, entschließen, allein dies gelang nicht. Theils mochten die ungünstigen pecuniären Resultate, die Christian Ernst bei seinem Bruder wahrnahm, daran schuld sein, theils und hauptsächlich lag die Ursache in dem, was ich schon oben im Leben Sigmunds bei Gelegenheit der Verloosung der Gütertheile anführte. Christian Ernst hatte wohl aus brüderlicher Liebe das Opfer gebracht, auf Rentweinsdorf zu verzichten, und das andere Güterloos zu übernehmen, aber er hatte die Kraft nicht, seinen inneren tiefen Schmerz hierüber zu bekämpfen. Der Aufenthalt in einem anderen Schlosse als zu Rentweinsdorf behagte ihm nicht, und er konnte, trotz aller Liebe zu seinem Bruder und zu dessen Familie, Rentweinsdorf nie betreten, ohne inneren Kampf und ohne tiefen Schmerz. Dies ging oft so weit, daß, wenn er von Eyrichshof nach Rentweinsdorf zum Besuche des Bruders ging, er am Anfang des Gartens wieder umkehrte und es nicht über sich vermochte, das Schloß zu betreten. — Man kann dieß Schwäche nennen, und ich bin weit 539 entfernt, solche zu entschuldigen, allein ich sagte schon oben, über derartige Gefühle ist schwer zu urtheilen. Gewiß ist es aber, daß dieser Umstand viel dazu beitrug, das Leben Christian Ernstens zu einem so unstäten und für ihn selbst so überaus unglücklichen zu machen. Wie sehr derselbe stets besorgt war für das Wohl seiner Unter- thanen, erhellt aus einer überaus wohlthätigen Einrichtung, die er einige Jahre nach Auflösung der Reichsritterschaft machte. Es hatten sich damals schon die Reste von Schuldigkeiten der Unterthanen an ihn sehr gehäuft, und waren zu einer beträchtlichen Summe angewachsen. Diese mit Gewalt für sich eintreiben zu lassen, widerstrebte seiner Milde, und so bestimmte er die ganze Summe dieser Reste zu einer Creditkasse, woraus seine Unterthanen bei augenblicklicher Roth und Geldverlegenheit, und um dabei nicht in die Hände der Juden zu gerathen, Vorlehen empfangen sollten, die sie neben einer geringen Verzinsung durch Annuitütenzahlungen wieder tilgen könnten. Eine eigene Verwaltung für diese Kasse wurde von ihm eingesetzt, die damit begann, die exigibelen Posten fraglicher Reste für diese Kasse, jedoch mit großer Schonung, beizutreiben, und sodann die Creditkasse selbst in's Leben treten zu lassen, die von da an auch ziemlich wohlthätig wirkte. Wie aus ihr unsere noch jetzt bestehende Creditkasse entstand, habe ich schon oben bei Sigmund ausgeführt. Das Leben Christian Ernstens blieb sich gleich. Im Sommer reiste er im Lande umher, besuchte die größeren Bäder und brachte dazwischen ein Paar Monate in Eyrichshof zu. Auf seineu Reisen hatte er meist seinen eigenen Wagen bei sich, und längere Zeit hindurch auch eigene Pferde, und machte darum nur kurze Tagesturen, wobei er seiner besondern Liebhaberei gemäß den größten Theil des Weges zu Fuße zurücklegte und den Wagen folgen ließ. Wo sich ein schöner Punkt für eine Aussicht oder irgend etwas Sehenswerthes in der Nähe zeigte, verließ er die große Straße zu Fuße und traf oft erst nach vielen Stunden wieder mit seinem Wagen zusammen. — Den Winter brachte er viel in Wien, in späteren Jahren in Frankfurt und zuletzt meist in Nürnberg zu, aber selten traf er in diesen Städten mit dem Vorsatz ein, dort längere Zeit zu bleiben. Er wollte einen vorübergehenden kurzen Aufenthalt dort machen, oder irgend etwas bö 340 neues dort Entstandenes kennen lernen, und aus einigen Wochen, die er sich zum Aufenthalt vorgenommen, wurde oft ein halbes Jahr, während welchem er aber stets am Vorabend der Abreise war, so zwar, daß er oft einen Theil seines Gepäckes die ganze Zeit über im Koffer ließ. Umgekehrt, wenn er manchmal einen längeren Aufenthalt gleich anfangs projcctirt hatte, ließ es seine Unruhe nicht dazukommen, und er war plötzlich und ohne, daß es seine Bekannten nur ahnten, wieder abgereist, so daß Kisten voll Bücher, die er sich stets nachsenden ließ, oft erst nach seiner Wiederabreise ankamen. Von etwas größeren Reisen außer Deutschland sind nur zwei zn nennen, wovon die eine nach Paris, die andere nach Stockholm und in einen Theil Schwedens ging. In den letzten Jahren seines Lebens war er oft leidend, und mußte nun die Bäder, die er früher nur, zu seiner Zerstreuung besucht hatte, wirklich gebrauchen. Diese häufige Kränklichkeit ließ ihn ein baldiges Ende befürchten, und schon ein paar Jahre vor seinem Tode machte er sein Testament, dem er aber später noch mehrere Supplemente (Codicille) beifügte. Das letzte ist von Marienbad, wo er im Juni 1822 war. — Das Bad hatte ihn diesmal wenig gestärkt, und er empfand das Bedürfniß, nach Hause zu reisen, da er sich recht leidend fühlte. Es mögen wohl schon Vorahnungen seines baldigen Todes durch seine Seele gegangen sein, denn es drängte ihn diesmal, was früher nie der Fall gewesen, nach seiner Geburtsstätte, nach seinem väterlichen Schlosse Rentweinsdorf. Er bat seinen Bruder, ihn für einige Zeit bei sich aufzunehmen, was Diesem, der mit so treuer Liebe an Christian Ernst hing, die größte und innigste Freude verursachte. Sein Aufenthalt dort war aber nur von kurzer Dauer. Seine Ahnungen hatten ihn nicht betrogen. Bald nach seiner Ankunft in Rentweinsdorf wurde er bedeutender krank, und am Abend des 11. August verschied er in den Armen des treuesten Bruders. In den Kirchen zu Eyrichshof, Rentweinsdorf, Ebelsbach und Kleinheirath wurden Trauergottesdienste gehalten und seine Leiche auf dem Kirchhofe in Rentweinsdorf begraben, wo sie nahe bei der seines Bruders, der ihm vier Jahre darauf im Tode folgte, der dereinstigen 541 Wiedererweckung harret. Dort fand er die Ruhe und den Frieden, die ihm im Leben nicht beschieden waren. In seinem Testamente ernanute Christian Ernst meinen Vater zu seinem Universalerben. Neben mehreren Legaten, worunter er mir unter Anderen seine reiche Bibliothek hinterliest, machte er auch zwei fromme wohlthätige Stiftungen, wovon namentlich die eine ihm ein bleibend treues Andenken sichert. Er hatte nämlich an meinen Vater eine größere Forderung, die dieser ihm allmählig schuldig geworden war. Diese Summe verwendete er zu fraglichen Stiftungen. Er vermachte 1. der Pfarrei und Schule Eyrichshof, dann den Schulen zu Ebelsbach und Nudendorf zusammen 4375 fl. und bestimmte 2. die Summe von 30,000 fl. zur Errichtung einer Wohlthätig- keits-Anstalt für die Freiherrlich von Rotenhan'schen Beamten, Diener und Grundholden, womit zugleich eine Beschäftigungs-Anstalt verbunden werden solle. Die Entwerfuug der Statuten hiefür übertrug er seinem Bruder Sigmund und bestimmte zugleich, daß wegen der Beschäftigungs- Anstalt durch öffentliche Bekanntmachung eine Aufforderung zur Einsendung von Vorschlägen zu erlassen sei, wobei für den besten Vorschlag ein Preis ausgesetzt werde. — Mein Vater unterzog sich mit Freude diesem Geschäfte. Das Ausschreiben erfolgte, und es liefen ziemlich viele Vorschläge ein, von denen aber keiner recht entsprechend war, und von denen einzelne sogar ganz widersinnige Anträge brachten, wie z. B. die Einrichtung einer Lapinszucht u. dergl. Der annehmbarste war noch der vom damaligen Landrath und Landschaftssyndikus Hauuibal Fischer aus Hildburghausen, dem nachmals auf so traurige Weise auch in weiteren Kreisen bekannt gewordenen Verkäufer unserer deutschen Flotte, der hiefür den Spottnamen Reichstodtengräber bekam. Dieser erhielt, da er unter dem wenig Brauchbaren noch das Bessere geliefert hatte, den ausgesetzten Preis, der ihm von einer von meinem Vater zur Prüfung der Eingaben aufgestellten Commission zuerkannt wurde. Dieser Fischer'sche Plan ging auf Beschäftigung durch Spinnen und Weben von Leinwand. — Mein Vater arbeitete diesen Plan noch sachgemäßer aus und entwarf sodann unterm 20. September 1823 die 542 Statuten für die gesummte Wohlthätigkeits-Anstalt, die nach dem Stifter die Benennung: „Christian Ernst von Rotenhan'sche Wohlthätigkeits-Anstalt" bekam, und nach Regierungs-Entschließung vom 21. Januar 1824 (Jntelligenzblatt für den Untermainkreis von 1824 Nro. 20) die allerhöchste königliche Bestätigung erhielt. — Es ist dies eine Privat- und Familienstiftung, deren Statuten alle, in den Nachlaß des Testircrs snccedirende, gleichen Namen, Schild, Helm lind Wappen führende Familienangehörige mit Ausschluß unserer jüngeren (Merzbacher) Linie zur Aufrechthaltung der Stiftung nach Vorschrift der Statuten verpflichtet. Diese Wohlthätigkeitsanstalt sollte sich nur auf Personen beschränken, welche mit der Freiherrlich von Notenhan'schen Familie in einem persönlichen Dienst- oder Grundholden- und grundherrlichen Hintersassen - Verbände stehen, ohne Rücksicht ans Religion, Stand, Alter und Geschlecht, lind ein männliches Familienglied (jetzt der Familien-Obmann) sollte die Direction führen, und die Unterstützungen bestimmen, wobei ihm jedoch ein Stiftniigs-Verwaltungsrath, bestehend aus dem Polizei- und Renteibeamten oder Familienconsulenten, sowie den Patronatsgeistlichen mit berathender Stimme beigegeben wurde. — Zugleich erhielt jedes Mitglied des Verwaltungsrathes einen Distrikt unserer Ortschaften zur Ueberwachung der Armen und Ermittelung der Unterstützungsbedürftigen. — Von den Zinsen des Stiftnngskapitals sollten jährlich 200 fl. zur Bildung eines besonderen Hülfsfonds, der für außerordentliche Unglücksfälle bestimmt sei, verwendet werden, (dieser beträgt jetzt schon 7685 fl. 30 kr.), die übrigen Jahreszinsen sollten zu permanenten Unterstützungen an Arbeitsunfähige, zu momentanen an vorübergehend Hülfsbedürftige, zur Reichung von Stipendien für Studirende wie zur Unterstützung von Handwerkslehrlingen w., und endlich, wenn nöthig, zur Beihülfe für die mit der Stiftung zu verbindende Beschüftigungs-Anstalt verwendet werden. Letztgenannte trat als Spinn- und Webebeschäftigungs-Anstalt ins Leben. Es wurde alljährlich Flachs gekauft, der im Winter armen Frauenspersonen zum Spinnen gegeben wurde, von welchen Gespinnsten dann die armen Weber unserer Ortschaften Leinwand w. zu fertigen hatten, die gebleicht und dann für die Anstalt wieder verkauft wurde. 54Z Diese ganze Wohlthätigkeits- und Beschäftignngsanstalt besteht nun seit 40 Jahren zum grasten Segen unserer Bediensteten und bisherigen Grundholden, und hat in dieser langen Zeit vieler Noth und vielein Unglücke gesteuert, und Christiair Ernst's wohlthätige Absicht ist dadurch vollkommen erreicht worden. — Mit der im Jahre 1848 stattgefnndenen Auslosung des Grundholdenverbandes hätte eigentlich der Hauptgrund der Stiftung sein Ende erreicht gehabt, allein mein Bruder und ich glaubten diese so wohlthätige Stiftung auch für die bisherigen Grundholden fortbestehen lassen zu sollen, damit des Stifters edler Zweck auch fernerhin erfüllt und ein bleibendes Band zwischen unserer Familie und unseren früheren Grundholden aufrecht erhalten würde. Die Statuten wurden aber von uns, den veränderten Verhältnissen anpassend, abgeändert. — Möchten alle jetzigen und künftigen Glieder unserer Familie diesem so überaus wohlthätigen Institute stets die treneste Sorgfalt widmen, und dadurch das Andenken an den edlen Stifter Christian Ernst hoch in Ehren halten. Ich komme nun zu den drei jüngsten Kindern Johann Friedrichs II. Diese sind: 13. Henriette Amalie, geboren am 20. Dezember 1704, die aber schon am 1. August 1769 starb. 14. Sophie Henriette Franziska, geboren am 11. Januar 1766 zu Nentweinsdorf, wo sie den größten Theil ihres Lebens zubrachte. In ihrer Jugend war sie viel und oft bei den Verwandten ihrer Mutter, den befreundeten Seckendorff'schen Familien, besonders bei dem Minister von Seckendorfs zu Bayreuth, ihrem und ihrer Geschwister früheren Vormund, der innner überaus freundlich gegen sie war. Sie brachte oft mehrere Jahre in Bayreuth zu, und verlebte da eine sehr heitere Jugend. Als Freiherr von Seckendorfs Staats- und Conferenzminister in Mainz wurde, nahm sie wieder ihren bleibenden Wohnsitz in Nentweinsdorf. — Ihr Bruder Sigmund, der mit großer Liebe an dieser Schwester hing, wünschte für sie vorzugsweise eine baldige Verheirathung, da er überzeugt war, daß sie recht dazu geschaffen sei, eine glückliche und beglückende Gattin zu werden. Es knüpften sich auch mehrere dahin zielende Verhältnisse an, die jedoch nicht zu dem erwünschten Ziele führten. — Diese öfters eingetretenen Täuschungen wirkten höchst 544 störend ans Sophiens innere Stimmung. Während mehreren Jahren verschwand die ihr angeborne sehr liebenswürdige Heiterkeit, und an ihre Stelle trat eine oft recht schwermüthige Verstimmung, die ihren Geschwistern viel Schmerz und Kummer machte, und die endlich ihren Bruder Sigmund zum Entschluß brachte, auch für sie — wie er es für seine Schwester Marie gethan — eine Hofdamenstelle zu erlangen, und ihr dadurch einen bestimmten Beruf zu schaffen. Aber auch dieses Bestreben führte zu keinen: Resultate, und das Mißlingen auch dieser Pläne trübte das Leben Sophiens noch mehr. So verstrichen ihr mehrere unglückliche Jahre, die ihr der Herr recht augenscheinlich gesandt hatte, um es ihr innerlich klar zu machen, daß das wahre Glück des Lebens und der wahre innere Friede nicht durch die äußeren Lebensverhältnisse erlangt werden, sondern eine Frucht unseres Lebens mit Gott sind. Und der Herr erreichte diesen Zweck bei ihr. Nach laugen inneren Kämpfen ward ihr dieser Friede, den die Welt nicht giebt, und die zweite Hälfte ihres Lebens war eine schöne reiche Zeit für sie, in der sie sich innerlich glücklich fühlte, und alle ihre Umgebungen durch ihr liebevolles Herz, ihre treue Sorge und Freundlichkeit, wie durch ihre seltene Liebenswürdigkeit bis an ihr Ende reich beglückte. Mit großer Liebe hing sie an ihrem Bruder Sigmund, für den sie gemeinschaftlich mit ihren Schwestern das Hauswesen führte, bis sich solcher 1794 verehelichte. Sie schloß sich nun mit schwesterlicher Innigkeit an die liebenswürdige junge Schwägerin an, zwischen denen bald ein sehr inniges Verhältniß entstand. Als diese 1806 starb, übernahm sie gemeinschaftlich mit ihrer jüngsten Schwester Auguste wiederum das Hauswesen des Bruders in Nentweinsdorf, und zugleich die mütterliche Leitung und Erziehung seiner Kinder, und widmete dieser Pflege die größte Liebe und Treue. Doch aber sah sie bald ein, daß eine Wiederverheirathung für ihren Bruder nothwendig sei, und gab sich alle Mühe, ihn dazu zu bewegen. Wir sahen bei Sigmund, wie ihm dieß erst nach vier Jahren eines trüben Wittwerstandes möglich war. — Auch an die zweite Schwägerin schloß sich Sophie mit inniger Liebe an, und da sie nun in: Hause keinen bestimmt angewiesenen Beruf mehr hatte, begann sie ihre Thätigkeit und ihre Sorge mehr den Armen und Nothleidenden in und um Nentweinsdorf zuzuwenden. 545 Ihren Neffen nnd Nichten blieb sie aber stets die treueste Tante, und wir Alle hingen mit der zärtlichsten Liebe an ihr. Von Allen, die sie kannten, ward sie hoch verehrt. Ihre mitunter gestörte Gesundheit veranlasste sie zu öfteren Besuchen des Bades Kissingen, wo sie bald mit den gewöhnlichen Stammgästen des damals noch wenig besuchten Badeortes so befreundet wurde, daß sie dort überaus gerne gesehen war, und diesen Ort bald so lieb gewann, daß sie — auch wenn es ihre Gesundheit nicht erforderte — nun jedes Jahr einige Zeit dort zubrachte. Sie nannte diese Zeit ihren Carneval, da sie sonst das ganze Jahr ruhig in Nentweinsdorf zubrachte, nnd nur selten die Freunde auf den benachbarten Gütern oder in Bamberg und Coburg besuchte. Als nach dem Tode ihres Bruders Sigmund dessen Wittwe, meine Mutter, mit ihren Töchtern nach Berlin zog, und mein Bruder Hermann nun mit der Tante im Schlosse Nentweinsdorf allein znrückblieb, übernahm diese das Hanswesen, und führte solches bis zum Jahre 1830, wo mein Bruder sich verheirathete. Diese neue Berufsthätigkeit hatte viel Beglückendes für sie. War aber auch ihr Leben seit Jahren ein friedlich glückliches zu nennen, so war es doch auch von vielem Schmerz getrübt worden. Sie sah nach und nach alle ihre Geschwister von sich scheiden, und von der zahlreichen Schaar von Brüdern und Schwestern war es ihr beschieden, die Letzte hier auf Erden zu sein. Im Jahre 1832 ging sie wie jedes Jahr nach ihrem lieben Kissingen; dort erkrankte sie. Meine Mutter und Schwester Thnsnelde eilten zu ihrer Pflege dahin und hofften sie bald nach Nentweinsdorf zurückbringen zu können, was sie selbst sehnlichst wünschte. Es war nicht mehr möglich, denn bald zeigte es sich, daß ihre Krankheit das Nerveufieber sei. Am 28. September desselben Jahres starb sie dort- selbst und wegen der Gefahr von Ansteckung konnte nicht einmal ihre Leiche in ihr geliebtes Nentweinsdorf zurückgebracht werden. Sie liegt auf dem Kirchhofe in Kissingen begraben. In ihrem Testamente bedachte sie eine Menge Personen, die sie ine Leben stets unterstützt hatte, und für unsere Familie machte sie eine überaus wohlthätige Stiftung, indem sie 5000 fl., die sie sich nach und nach zusammengespart hatte, zu einer Familienstiftung für die 54a Fräuleins unserer Linie bestimmte, — Nach dem Aussterben dieser Linie solle die Stiftung ans die Merzbacher Linie übergehen, und wenn dereinst auch diese erlöschen wurde, so sollten die Rcvenüen der Stiftung zur Verkeilung von Präbenden an Fräuleins aus altadligen fränkischen Familien verwendet werden. — Nach ihrer Verfügung sollte die gestiftete Summe durch zwölfjährige Adinassiruug der Zinsen erst vermehrt, und dann die jährlichen Revenüen daraus zu Präbenden für Notenhan'sche Fräuleins verwendet werden. Mein Bruder und ich sollten dazu eigene Statuten verfassen. — Ihr Wille wurde getreulich erfüllt, und die „Sophie von Notenhan'sche Fräuleinstiftung" ist seitdem schon zu einer hübscheu Größe angewachsen, so daß bereits seit mehreren Jahren zwei Präbeuden creirt sind und doch noch alljährlich ein Theil der Revenüen admassirt werden, so daß dereinst ansehnlichere Präbenden zur Vertheilung kommen können. — Möchte die edle Absicht der Stifterin auch bei anderen Gliedern unserer Familie und Nachkommenschaft Nachahmung finden, und der Stiftungsfond durch weitere Vermächtnisse oder Schenkungen vermehrt werden! Der edlen Stifterin aber bleibe von allen Gliedern unserer Familie ein treues, dankbares Andenken. Das jüngste Kind Johann Friedrichs II, endlich ist 15. Auguste Charlotte, geboren zu Rentweinsdorf am 2. April 1767. Wie ihre vorgenannte Schwester Sophie blieb auch sie den größten Theil ihres Lebens in Rentweinsdorf, da auch sie sich nicht verehelichte. Mit Sophie vereint, leitete sie des Bruders Hauswesen und die Erziehung seiner Kinder während dessen Wittwerstandes, und führte außerdem ein stilles, in einfacher Znrückgezogenheit sich bewegendes Leben, in dem sie sich die treueste Liebe Aller, die sie umgaben, erwarb. Sie starb zu Rentweinsdorf am 12. März 1813, und liegt auf dortigem Kirchhof begraben. In Vorstehendem ersahen wir, daß von den 15 Kindern Johann Friedrichs II. nur zwei Söhne — Friedrich Karl und Sigmund — sich verheirathet hatten. Ersterer hatte nur eine Tochter hinterlassen, von der ich bereits oben gesprochen habe, und unsere Familie — ältere Linie — wurde daher allein nur durch Sigmund fortgesetzt. NeunundMnnzigstes Kapitel. Rechts- und Vermögensverhältnisse der Familie bei dem Tode Sigmunds l. Bevor ich zu den Nachkommen Sigmunds I., also eigentlich zur Gegenwart übergehe, erscheint es mir der klarern Uebersicht halber nöthig, erst noch eine kurze Uebersicht über die Rechts- und Vermögeus- verhältnisse unserer Familie, wie sich solche zur Zeit des Todes Sigmunds gestaltet hatten, zu geben, um sodann klar machen zn können, was sich seitdem und bis jetzt daran geändert hat. Während Sigmunds Leben hatte unsere Familie, wie wir sahen, ein großes, alle Verhältnisse derselben durchdringendes Ereignis? betroffen, das größte und wichtigste während ihres Bestehens. Durch die Aufhebung der Reichsritterschaft waren ihre Glieder von selbstständigen Reichsrittern, denen selbst einzelne Landeshoheitsrechte zustanden, Unterthanen geworden, und unserer Familie waren gleich allen übrigen der Neichsritterschaft nur einzelne bevorzugte Rechte geblieben, die theils aus der Grundherrlichkeit, theils aus der Patrimo- nialherrlichkeit über ihre früheren Unterthanen hervorgingen. Diese Letzteren waren nun ihre Grund- und Gerichtsholden geworden. An 548 dem Grnndherrlichkeiisverhältniß war daher nichts geändert; nach wie vor stand unserer Familie nach dem von Alters her entstandenen Rechtsverhältnisse das Obereigenthum an dem den Grnndholden gehörenden Grundbesitze zu, und letztere hatten ihr bei Veränderungsfällen davon den hergebrachten Handlohn zu zahlen, in dein eben die Anerkennung des Obereigenthums lag. Auch die übrigen Grund- und persönlichen Abgaben und Grundherrlichkeitsreichnisse, wie Gülten, Erbzinsen, Zehnten w. :c., waren geblieben, und ebenso die Frohnden, die aber, wie wir sahen, ans unseren Gütern schon durch Johann Friedrich II. größtentheils in Frohngelder umgewandelt worden waren. Die Steuern an unsere Familie, die Folge des Unterthansverhältniffes waren, hatten mit diesem geendet, und statt solche zu empfangen, mußte nun unsere Familie, da sie selbst in ein Unterthansverhältniß gekommen war, an den neuen Landesherrn Steuern zahlen, und zwar ungleich höhere, als die früheren an den Kaiser und die Cantonskasse. Die Gerichts- und Polizeihoheit hatte als solche geendet, und es trat an ihre Stelle eine aus der Patrimonialherrlichkeit nun hervorgehende beschränkte Gerichts- und Polizeigewalt über die Grundholden. Die Gerichtsgewalt wurde eine beschränkte, da ihr die Cent- oder Criminalgewalt entzogen, und nur die streitige und freiwillige Gerichtsbarkeit belassen wurde; die patrimonialherrliche Polizeigewcklt wurde beschränkt, da ihr einzelne Zweige der Verwaltung und die höhere Polizei genommen, und die Patrimonialgerichte des Adels, die zugleich die Polizei auszuüben hatten, den fürstlichen Landgerichten untergeordnet wurden. Unsere Familie hatte anfangs zwei Patrimonialgerichte, nämlich eines zu Nentweinsdorf und eines zu Eyrichshof, deren Umfang mit der zwischen Sigmund und seinem Bruder Christian Ernst bestandenen Gütertheilung zusammenhing. Später, als unsere sämmtlichen Güter unter bayerische Hoheit gekommen waren, und als durch die bayerische Verfassung von 1818 die Patrimonialgerichte neu formirt werden mußten, wurde das Patrimonialgericht Eyrichshof als überflüssig aufgehoben und mit dem von Nentweinsdorf vereint, dagegen aber ein zweites mit der Benennung „Staffelbach" gebildet. Ersteres umfaßte nun alle unsere Gerichtsholden im Uutermainkreise (dem jetzigen Unter- 549 franken), letzteres alle die, welche zum Obermainkreise (jetzigen Oberfranken) gehörten. Für beide Patrimonialgerichte wurde aber fortan nur ein einziger Patrimonialrichter angestellt, der zu Rentweinsdvrf wohnte, wo denn auch der Sitz beider Aemter war. Nach der genannten Verfassung des Königsreichs Bayern war mit dem Besitze eines Patrimonialgerichts für den Adel die Standschaft, d. h. die Wahl zur zweiten Kammer aus der Klasse der adeligen Grundbesitzer verbunden, und unsere Familie, resp. der Vertreter derselben, hatte demnach in den zwei Kreisen die active und passive Wahlfähigkeit. Um ein Bild unserer Guts- und Vermögensverhältnisse zu geben, wie solche in dem angegebenen Zeitpunkte bestanden, halte ich es für das Klarste, wenn ich hier eine genaue Zusammeustclluug nach den einzelnen Objecten aufstelle, durch deren Vergleich mit der Vergangenheit, wie mit der Gegenwart, zugleich übersichtlich wird, welche Veränderungen sich gegen früher bis zu Sigmunds Tode, und welche sich seitdem ergeben haben. Ist diese Darstellung für den gewöhnlichen Leser auch eine sehr wenig anziehende, so glaube ich doch, daß sie den gegenwärtig lebenden, wie den zukünftigen Familiengliedern schon deshalb interessant sein werde, da sie daraus die bestandene Observanz bei unseren grundherrlichen Bezügen ersehen können. Unser Grund- und grundherrliches Vermögen, welches theils im Lehenverbande stand, theils nicht lehnbares Familieustammgut, theils endlich reines Allod war (zu letzterein gehörten die seit 1806 erworbenen Objecte) bestand zur genannten Zeit aus folgenden Objecten: 1. Rentweinsdvrf') (purificirt, d. h. daß alle Bewohner des Ortes unter unserer Gerichtsbarkeit und Polizeigewalt standen). Lehenbares Familienstammgut und zwar: I. vormals bischöflich würzburgisches Mannlehen, auf welches die Merzbacher Linie mitbelehnt war. (Erster Lehnskörper.) Sämmtliche Gebäude — 10'/, Ich führe hier zuerst NentweinSdorf an, um mich zur Vermeidung von Wiederholungen bei vielen der anderen Objecte bezüglich der Observanz darauf beziehen zu können. — Die folgenden Objecte sind alphabetisch verzeichnet. 550 Morgen '/- Ruthen Gärten — 140^ Morgen 14'/^ Ruthen Wiesen — 381 Morgen 8'/i Ruthen Felder — 892Vs Morgen oder 549 daher. Tagwerk Wald — 52V« Morgen 4 Ruthen Teiche — Flußfisch erei in der Baunach längs der Flurmarkung Rentweinsdorf — Hohe und niedere Jagd — Gerichtsbarkeit und Polizei, deshalb Gerichtssporteln und Polizeistrafen — Branntwein- blasengelder resp. Concessionsgelder — Schutzgelder mit 1 fl. 15 kr. von jeder Mannsperson oder Familie und 37 V- kr. von jeder außer Dienst lebenden Weibsperson, die ihre eigene Haushaltung führte. Mannspersonen zahlten bis zum zurückgelegten 60., Weibspersonen bis zum zurückgelegten 50. Lebensjahre — Marktstandgelder — Erbzinsen und Frohngelder (jährlich 695 fl. 45'^ kr.) — Gülten — Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn zu !0"/o in allen Veränderungsfällen, jedoch mit folgenden Ausnahmen: a) wenn es aus Erbfall herrührte, wurde der Erbhandlohn fällig, und zwar: na) wenn nur ein einziges Kind oder Erbe vorhanden war, der ganze Erbhandlohn, bb) wenn 2 Kinder oder Erben vorhanden waren, so fiel Erb- und Kauf- oder Bestehhandlohn jedes zu 10"/« an, jedoch Beides nach Freilassung eines Dritttheils vom Lehcnwerth. ce) im Falle mehrere Kinder oder Erben vorhanden waren, mußte ebenfalls Erb-, Kauf- oder Bestehhandlohn zu 10"/„ nach Abzug des jedesmaligen Kindestheils entrichtet werden. b) In Kauf- und Schenkungsfällen wurde der einfache Handlohn zu 10 vom ganzen Lehenwerth erhoben. e) In Tauschfällen unter gleichen Lehen wurde das Hinausgabs- handlohu zu 10"/„ fällig. Siegel- oder Confirmationsgelder (die aber mein Bruder und ich für unsere Lebensdauer erlassen haben) — Lehenconcessious- gelder bei Dismembrationen, welche mit 2 vom Kauf- oder Schätznngswerthe dismembrirter Grundbesitzungen und zwar von den Verkäufern gezahlt wurden. — Abzugs- oder Nachsteuer bei Ver- mögensexportationen, so weit solche nach der Verfassungsurkunde noch statthatten. Es wurden 5 "/„ vom ganzen erportirten Vermögen der 551 Grund- und Lehenholden erhoben, wenn die Auswanderung nach Ländern ging, mit denen Bayern keine Freizügigkeitsverträge eingegangen hatte. Der Gesammtzehnt und zwar a) der Blutzehnt, nämlich: na) Kälberzehnt, wo in der Regel von jedem zugezogenen Kalb 1 und, wenn deren I vorhanden waren, l'/i, Pfennige gezahlt wurde, bd) Lämmerzehnt, nämlich 3ch^ kr. von jedem Lamm, ee) Schweinezehnt, wo das zehnte Stück in natura gegeben wurde, ckck) Gänsezehnt desgleichen. b) Frucht- und Heuzehnt, nämlich von Waizen, Roggen, Gerste, Haber, Erbsen, Linsen, Wicken und Heu; alles in natura vom Felde. e) Klee-, Flachs-, Obst-, Hopfen- und Kleinodzehnt (Letzterer von Kraut, Rüben und Kartoffeln). Ferner Patronats- und Präsentationsrecht auf die Pfarrei und die Schulen zu Nentweinsdorf. II. Senioratslehen, worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war: 1^ Morgen 3'Z Ruthe Wiese im Gänswinkel und 10 Morgen Feld, die Seeleite genannt. L. Nicht lehnbares Familienstammgut: a) 15 kr. jährlicher Erbzins, dann Handlohn und zwar Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn zu 10 °/<, von einer zur Trein- feldsmühle gehörigen Wiese, desgl. Siegelgeld, Concessionsgeld und Abzug davon. d) Zwischen den Fluren Nentweinsdorf, Salmsdorf und dem Eberner Haßwald 2158Vs Morgen oder 1330 bayer. Tagwerk Wald an den Eichelberg und obengenannten lehnbaren Wald angränzend. (Wegen dieses nicht lehnbaren Waldes bestand damals mit dem königl. Lehnhof ein Prozeß wegen der Lehnbarkeit, der später zu unseren Gunsten entschieden wurde.) e) Die s. g. Heghölzer, welche an unseren Hanptwald anstoßen, 23,176 Tagwerke groß. 552 I. Bamberg (Stadt), darinnen Grundstücke, die ein zum Se- niorat gehöriges Lehen waren; davon 12 st. 43'/- kr. Erbzinsen, dann 10°/g Kauf-, Tausch- und Erbhandlohn. Letzterer nur einfach jedoch ohne Freilassung eines Erbtheils. 3. Brünn, "/? des dortigen Koppel-Jagdrechts, was zum nicht lehnbareu Familienstammgut gehörte. Dazu die gleichfalls dazu gehörige 3'/z Morgen 23"/, Ruthen große Dimpertswiese und die 5"/, Morgen umfassende Schämmerigswiese, beide im damaligen Taxwcrthe von 1020 fl. 45 kr. 4. Dorgendorf, Senioratslehen (0. Lehnskörper), worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war. Gerichtsbarkeit über einige Grundholden, dieserhalb Gerichtssporteln und Polizeistrafen, Schutzgeld, Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn, dann Siegelgeld, Lehnscvncessionsgeld und Nachsteuer, Alles wie bei Rentweins- dorf. — An beständigen Grundzinsen 1 fl. 13'/g kr. nebst einer Schutzhenne, zu 15 kr. augeschlagen. 5. Ebelsbach. Lehnbares Familienstammgut, und zwar: u) solches Lehen bei dem die Merzbacher Linie mitbelehnt war (3. Lehnskörper), nämlich: Gerichtsbarkeit über einen Theil der Bewohner und daher Gerichtssporteln und Polizeistrafen, Flußfischerei im Ebelsbach, Schutzgeld von Christen wie bei Nent- weinsdorf, bei Juden mit 0 fl. 15 kr. von jedem Manne und 3 fl. 7'/z kr. von jeder Weibsperson — Erbzinsen jährlich 15 fl. 40^8 kr. — jährliche Gült, 4 Scheffel 5 Metzen "/< Viertel Roggen und 4 Metzen °/g Viertel Waizen, — Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn, — Siegelgeld, Concessionsgeld und Nachsteuer wie bei Rentweiusdorf, der s. g. Auzehnt, der der 4. Theil des ganzen Zehnts war. b) Lehen, wobei die Merzbacher Linie nicht mitbelehnt war (zum 8. Lehnskörper), nämlich: Schloß mit Nebengebäude, Brauhaus, Schloßkirche — 6'/< Morgen 5 Ruthen Gärten, 84 Vs Morgen 3 Ruthen Wiesen — 273 Vs Morgen 18 Ruthen Felder — 430,685 Tagw. Wald (Grubenholz, Längebach, Eyrichshöfer Hölzlein) — 9 '/z Morgen Weinberge — Jagdgerechtsame auf einen Theil der Ebelsbacher und der Steinbacher, dann auf der 553 ganzen Schönbacher Flur, die theils privative theils Koppeljagd mit der Familie Groß war. — Jagdfrohn. — Gerichtsbarkeit über einen Theil unserer Grnndholden daselbst, demnach Gerichts- sporteln und Polizeistrafen — Schntzgelder wie oben bei a. — Nauchgeld, es mußte nämlich jedes uns lehnbare Haus oder jede uns lehnbare Hofreuth auf Set. Andreastag ein Zehenthuhn, oder 3 alte Pfennige geben, was Rauchgeld genannt ward. — Von jeder Judenhochzeit 2 fl. 24 kr. — Jährliches Nenjahrgeld der Judenschaft, zusammen 7 fl. l2kr. — Erbzinsen und Frohn- gelder, jährlich 68 fl. 24^ kr. — Getraidegült, jährlich 3 Scheffel 2 Metzen 3 ^/z Viertel Roggen. — Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn, wie oben bei a, desgleichen Siegelgelder, Lehensconcessionsgelder, Nachsteuer. — '/^ des ganzen Zehnts. — Surrogatcapital von 120 fl. als Ablösungsqnantum eines früher von 3 Weinbergen zu reichenden Zinsmostes von 2 Eimern, wofür dem Lehen noch ein Acquivalent zu substituiren war. 6. Ebern, lehenbares Familienstammgut, worauf die Merzbacher Linie mitbelehnt war (zum zweiten Lehnskörper gehörig), nämlich: die hohe und niedere Jagd auf der Eberner Markung kinks der Bannach, dann jenen Theil rechts dieses Flusses, welcher zwischen Ebern, Sandhof, der Hetschingsmühle und der Heubacher Markungs- gränze liegt. 7. Eich elber g (purificirt). /r. Lehenbares Familienstammgut zum Seniorat gehörig. Gerichtsbarkeit über einige Objecte; also Gerichtssporteln und Polizeistrafen. — Schutzgeld wie bei Rentweinsdorf. — Erbzinseu und Frohngelder, jährlich 13 fl. S9 V« kr., — Gült 1 Scheffel 2 Metzen Viertel Roggen und 1 Scheffel 2 Metzen und 2'/- Viertel Haber. — Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn, dann Nachsteuer, Coucessionsgeld, und Siegelgeld wie bei Rentweinsdorf, — 112 fl. Bodeuzins, welcher jährlich von unserem Oekonomiegut daselbst anstatt früherer Erbzinseu und Gült von Bauernhöfen, die zum Oekonomiegut geschlagen wurden, zur Senioriatskasse vergütet werden. — Hohe und niedere Jagd zur Hälfte. 554 L. Nichtlehnbares Familienstammgut. Hohe und niedere Jagd zur anderen Hälfte. — Jagdfrohn. — Gerichtsbarkeit über mehrere Objecte, also Gerichtssportelnw. — Schutzgelder wie bei Nentweinsdorf. — Erbzinsen, jährlich 74 fl. 42chg kr.— Gült 1 Scheffel 3 Wetzen 1 P« Viertel Roggen und 2 Scheffel 1 Metze l 'chj Viertel Haber. — Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahms- handlohn zu 10"/„ von mehreren Objecten. — Siegelgelder, Nachsteuer, Concessionsgelder wie bei Nentweinsdorf. — Universal- Blut- und Flurzehnt im Dorf und auf der Markung ohne Ausnahme, nebst Heu- und Kleinodzehnt. E. Allod. Das gesammte Oekonomiegut Eichelberg 303 Vg Morgen Feld und Wiese nebst Gebäuden im damaligen Taxwerthe von 8720 fl., wovon, wie oben bemerkt, 112 fl. Grundzins zur Seniorats- kasse gezahlt wird. 8. Eyrichshof mit Notenhan, Sachsenhof, Specke und Papiermühle. (Purisicirt) Lehnbares Familienstammgut, und zwar vormals bischöflich Würzburgisches Mannlehen, bei welchem die Merzbacher Linie mitbelehnt war. (Bildete mit unserem Besitz in Ebern, Fierst, Höchstädten, dein Zehnt zu Frielendorf, Siegelfeld, Kurzewind, Hanbenhölzchen und einer Wiese in Kraisdorf den 2. Lehnskörper.) Dazu gehörten: Schloß mit sämmtlichen Gebäuden — 2 Morgen 19 Ruthen Gärten (der jetzige eigentliche Lustgarten ist unter den Feldern enthalten, da er damals als Feld benützt wurde) — 106 ^ Morgen Wiesen — 458 Morgen 5 V2 Ruthen Felder und Ellern — 544 '/« Morgen 10 Ruthen oder 350,88 Tagwerk Wald, nämlich der Rotenhaner Wald mit der Ruine Notenhan, der Hundertgnldenschlag und der Rußgraben. — 3 Morgen 18 Ruthen Teiche. — Flußfischerei in der Baunach auf Eyrichshöfer Marknng, incl. der s. g. Lache im Fischbacher Flur, letztere gemeinschaftlich mit dem Fischbacher Gut. — Hohe und niedere Jagd — Jagdfrohn — Schäferei mit Hutrecht. — Gerichts- .barkeit mit Gerichtssporteln und Polizeistrafen. — Patronats- und Präsentationsrecht ans Pfarrei und Schicke — Schutzgelder wie bei Nentweinsdorf — 90 fl. 41V« kr. Erbzinsen und Frohngelder — Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn zu 10"/o, dann Siegel- und 555 Consirmationsgelder, Lehens- und Concessionsgelder, Abzug- und Nachsteuer, sämmtlichst wie bei Reutweiusdorf — Gesaunutzehnt desgleichen, (der Blutzehnt beschränkte sich auf Lämmer- und Gänsezehnt) — Brauhaus mit anfallendem Kesselgeld — Surrogatcapital von 187 fl. 30 kr. für eine zu Eyrichshof verkaufte Scheune. 9. Fierst, lehnbares Familienstamm gut, wie bei Eyrichshof, besteheud aus dem vormals ärarialischen Koppelantheil der hohen und niederen Jagd ans der Fierster Flurmarkung (zum 2. Lehnskörper gehörig). 10. Fischbach (purificirt). u) Mannlehen, auf das die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war (zun: 4. Lehnskörper gehörig.) Dazu gehörte der Universalzehnt mit der Zehntscheune, b) Wiirzburgisches Domprobsteilehen, worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war -(zum 5. Lehnskörper gehörig). Dazu gehörte das alte Schloß zu Fischbach, jetzt Meiereiwohuuug, mit Nebengebäuden und Hofraum, '/8 Morgen 18 Ruthen Gärten, 99 Morgen 5 Ruthen Wiesen, 287 Morgen 17 Ruthen Feld, 498'Vs Morgen i'/, Ruthen oder 306,3914 Tagwerk Wald, 2 Morgen Teiche. — Die Fischerei in der s. g. Fischlache, gemeinschaftlich mit Eyrichshof. — Schafhutrecht in der ganzen Markung — hohe und niedere Jagd mit Jagdfrohn Gerichtsbarkeit mit Gerichtssporteln und Polizeistrafen. — Schutzgelder, Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn, dann Siegelgelder, Lehensconcessionsgelder und Nachsteuer wie bei Rentweinsdorf. — Einzugsgelder mit 2 sl. 30 kr. von jeder einziehenden Haushaltung und 1 fl. 15 kr. von jeder einziehenden einzelnen Person. — Erbzinsen und Frohngelder 266 fl. 58'/8 kr. — Braurecht. — 10. Frauendorf. Lehnbares Familien stamm gut, gehörte zu den vereinigten, vormals Würzburgischen und bambergischen Lehensparzellen im Obermainkreise, worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbe- lehut war. Dazu gehörte die Gerichtsbarkeit mit Gerichtstaxen und Sporteln ohne Polizeistrafen, da wir die Polizei nicht daselbst hatten. — Erbzinsen jährlich 10 fl. 28^ kr. — Gült, nämlich: 1 Schüssel 36 4 Wetzen 2 ^/z Viertel Walzen und 1 Schäffel 1 Metze 3 Vs Viertel Haber (wogegen jede bei der Ablieferung nothwendig anwesende Person 20 kr. Gegenleistung erhielt). — Kauf-, Tausch-, Erb- und Annahms- handlohn zu 10"/», dann Concessionsgeld und Nachsteuer wie bei Rentweinsdorf. L. Nicht lehnbares Familien stamm gut mit Stnblangen vereinigt (siehe dieses). 12. Freiberg, nicht lehnbares, zum Familienseniorat gehöriges Stammgut. Ein Feld bei Merkendorf in der Flurmarkung Freiberg, wovon gegeben wurde 5 kr. jährlicher Erbzins, Kauf-, Tausch-, Erb- und Annahmshandlohn zu 10°/„ nebst Siegel- und Concessionsgeld, sowie Abzug wie bei Rentweinsdorf. 13. Frickendorf, lehnbares Familienstammgnt, »vorauf die Merzbacher Linie mitbelehnt war (zum zweiten Lehnskörper gehörig). Die hohe und niedere Jagd auf der Markung rechts der Baunach. — Der Zehnt auf einer Wiese. 14. Gerach, nichtlehnbares Familienstammgnt. Die hohe und niedere Jagd auf der Markung, wie sie durch den Weg abgeschnitten wird. 15. Meusdorf. Nicht lehnbares Familienstammgnt, die hohe und niedere Jagd auf der ganzen Markung. L. All od. Wiesen zum Oekonomiegut Hebendorf gehörig, die bei diesem Gut mit berechnet sind. 16. Gräfenholz (purificirt), lehnbares Familienstammgnt, und zwar: a) solches Lehen, worauf die Merzbacher Linie mitbelehnt war, (zum dritten Lehnskörper) — hohe und niedere Jagd auf einem Theil der Markung — Jagdfrohn, diese letztere nicht allgemein. — Flußfischcreirecht auf dem linken Baunachsufer längs der Gräfen- hölzer Markung, zum Theil gemeinschaftlich mit der dortigen Gemeinde. — Gerichtsbarkeit, demnach Sporteln und Polizeistrafen — Schutzgelder wie bei Rentweinsdorf — beständige Erbzinsen 557 und Frohngelder jährlich 50 fl. 23 V4 kr. — Gült: 10 Scheffel 3 Mtzn. '/s Viertel Roggen, und 11 Scheffel 4 Mtzn. 3V» Viertel Haber, wogegen bei der Ablieferung 9 K Brod und 4 Maas Bier Gegenreichniß gegeben wurden. — Erb-, Kauf-, Tausch- nnd AnnahnlShandlohn wie bei Rentweinsdorf — Siegel- oder Confirmationsgeldcr, dann Lehns- und ConcessioNsgelder desgleichen. — Der ganze Zehnt. d) Lehen, worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war (zum sechsten Lehnskörper). — Hohe und niedere Jagd auf dem Theil der Markung, die nicht zu a gehörte. — Jagdfrohn. — Gerichtsbarkeit mit Sporteln und Polizeistrafen. — An Erbzinseu jährlich 31 fl. 11'/z kr. — Beständige Gült: 2 Schsfl. — Mtz. 2V2 Viertel Roggen, — Schffl. 3 Mtzn. l '/z Viertel Haber. — Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn, dann Sicgel- gelder, Lchnsconcessionsgelder wie bei Rentweinsdorf. 17. Grehberg (Staatswaldung), nicht lehnbares Familienstamm gut; die hohe und niedere Jagd in einem Theil dieser Waldung. 18. Göggelhirn, nicht lehnbares Familienstammgut. Eine Wiese, das Eselsseelein genannt, zwei Morgen groß, Taxwerth 225 fl. 19. Güßbach, nicht lehnbares Familienstammgut. — Erbzins jährlich 1 fl. 15 kr. Voller Handlohn wie bei Rentweinsdorf. 20. Haßwald (auch Eberner Wald genannt). a) Lehen, und zwar vormals bischöflich würzbnrgisches Mannlehen, auf welches die Merzbacher Linie mitbelehnt war (erster Lehnskörper). An einem Theile dieser Waldung stand unserer Familie mit dem Staat das gemeinschaftliche Eigenthum zu, welches bald darauf zur Bceudigung eines Prozesses auf dem Vergleichswege gegen die ärarialische Waldung, Haube genannt, eingetauscht wurde. — Hohe und niedere Jagd auf einem Theil des der Stadt Ebern gehörigen Antheils am Haßwalde. b) Allod. Wiese am Katzenrangen. Die Haubenwaldung, welche als Lehen an uns überging, und in welcher die Ruine Raueneck liegt, hat eine Größe von 806^8 Morgen 36 5 558 13 Ruthen, oder S19,38 bayer. Tagwerk. Die hohe und niedere Jagd in der Haube ging an uns mit über. (Die Haube gehörte sodann zum zweiten Lehnskörper; die Merzbacher Linie war darauf mitbelehnt.) 21. Hebendorf. Nicht lehnbares Familienstammgut, die hohe und niedere Jagd auf der ganzen Flur. L. Allod, das von meinem Vater angekaufte Oeconomiegut, bestehend aus sämmtlichen Gebäuden, dann 282 Morgen 10'V, Ruthen Grundfläche, wozu die in der Gleusdorfer Flur gelegenen Wiesen gehören (siehe Meusdorf). Damalige Taxe 17,007 fl. 31 kr. 22. Hemmendorf, nicht lehnbares Familienstammgut. — Die Gotteswiese, ein Wald, wovon uns 8^/4 Morgen 13 Ruthen gehören. 23. Heubach. Lehnbares Familienstammgut, und zwar solches Lehen, worauf die Merzbacher Linie mitbelehnt war (gehörte zum dritten Lehnskörper). — Die Hälfte der hohen und niederen Jagd mit Jagd- frohn. — Gerichtsbarkeit über unsere dortigen Grundholden, darum Gerichtssporteln und Polizeistrafen. — Schutzgeld wie bei Nentweins- dorf. — Erbzinsen und Frohngeld jährlich 114 fl. 29 kr. — Gült: jährlich 6 Schffl. 2 Mtzn. l'/z Viertel Roggen, und 6 Schffl. 4 Mtzu. 2 Viertel Haber. — Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn, Concessionsgeld, Branntweinblasengeld und Nachsteuer wie bei Rent- weinsdorf. — Universalzehnt auf der ganzen Flur zur Hälfte (die andere Hälfte siehe unten bei L). — Auf zwei Gülthöfeu ruhten Most- und Fischfrohnfuhren; für jede Fuhre wurde 1 fl. 42'/s kr., und zusammen 18 T Brod und 8 Maas Bier als Gegenleistung gegeben. U. Nicht lehnbares Familienstammgut, 21 Morgen 13'/- Ruthen Wiese (Hutwiese), 5°/s Morgen 9 Rthn. desgleichen (die Kürschnern:), beide zum Oeconomiegut Eyrichshof geschlagen. — Hohe und niedere Jagd auf der anderen Hälfte der Flur (siehe oben) sammt Jagdfrohn. — Gerichtsbarkeit, also Sporteln und Polizeistrafen. — Erbzinsen jährlich 170 fl. 41°/g kr. — Erb-, Kauf-, Tausch- und 359 Annahmshandlohn zu 10°/„, wie bei Rentweinsdorf. — Siegelgeld, dann Nachsteuer, resp. Abzug- und Concessionsgeld desgleichen. — 35 fl. 46 Vs kr. jährliche Bodenzinse von unserem früheren Oeconomie- gute daselbst, welches 18l3 beim großen Tausche acquirirt, später gegen Bodenzins wieder veräußert wurde. — Die andere Hälfte des Uni- versalzehnts. 24. Höchstädten (purificirt). Lehnbares Familienstammgut, und zwar bischöflich würzburgisches Mannlehen, worailf die Merzbacher Linie mitbelehnt war (gehörte zum zweiten Lehnskörper). Dazu gehörte: Das Haubenhölzchen 39 Morgen, oder 23,400 Tagw. Wald. — Hohe und niedere Jagd nebst Jagdfrohn auf den lehnbaren Objecten — Gerichtsbarkeit, also Gerichtssporteln und Polizeistrafen. — Schutzgeld wie bei Rentweinsdorf. — Erbzinsen jährlich 72 fl. 56^ kr.— Gülten: 9 SM. — Mtz. '/,° Viertel Roggen, 9 SM. 1 Mtz. V4 Viertel Haber. — Siegelgelder — Lehnconcessionsgelder, Nachsteuer wie bei Rentweinsdorf. — Gesammtzehnt auf der Flur. — Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn zu 10"/<> von mehreren Objecten, wie bei Rentweinsdorf. L. Nicht lehn bares Familienstammgut. Hohe und niedere Jagd sammt Jagdfrohn auf den nicht lehnbaren Objecten. — Gerichtsbarkeit über solche nebst Sporteln und Polizeistrafen — Schutzgeld — Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn, dann Siegelgeld, Con- cessionsgeld und Nachsteuer wie bei Rentweinsdorf. — Erbzinsen jährlich 3 fl. 45'/g kr. 25. Kraisdorf. Lehnbares Familienstammgut, auf das die Merzbacher Linie mitbelehnt war (gehörte zum zweiten Lehnskörper). Eine Wiese, die Füchsin genannt, zu 3 Morgen 6 Ruthen. L. Nicht lehnbares Familienstammgut. Die Koppeljagd im Flur zu drei von sieben Antheilen. 26. Kurze wind (purificirt). Lehnbares Familienstammgut, worauf die Merzbacher Linie mitbelehnt war (zun: zweiten Lehnskörper gehörig). 68 V? Morgen 560 oder 40,0585 baher. Tagw. Wald, der Lerchenstrich — hohe und niedere Jagd nebst Jagdfrohn ans den lehnbaren Objecten — Gerichtsbarkeit, demnach Sporteln und Polizeistrafen. — Schntzgeld wie bei Nentweinsdorf — Erbzinscn jährlich 47 fl. 12 Vs kr. — Gülten jährlich 11 Schffl. 4 Mtzn. 1'/? Viertel Roggen, und 12 Schffl. 4 Mtzn. 3 Viertel Haber, Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn zu 10 "/g, wie bei Nentweinsdorf — Lehnconcessionsgelder und Nachsteuer desgleichen. — Der gesammte Zehnt. L. Nicht lehnbares Familienstammgut. 14V« Morgen Wiese (der lange Grund) hohe und niedere Jagd saunnt Jagdfrohn auf den nicht lehnbaren Objecten — Gerichtsbarkeit und Sporteln sammt Polizeistrafen desgleichen— Schutzgeld, Handlohn, Concessions- gelder und Nachsteuer wie bei Nentweinsdorf — Erbzinsen jährlich 15 fl. 32 V« kr. (Das Oeconomiegnt Knrzewind wurde erst später zusammengekauft.) 27. Lahm, nicht lehnbares Familienstammgut. — Erbzinsen von Grundstücken jährlich 20 kr. — Voller Handlohn davon wie bei Nentweinsdorf. 28. Laimbach, nicht lehnbares Familienstammgut. — Die hohe und niedere Jagd auf dem nördlichen Theil des Laimbacher Flurs. 29. Lahbergsgereuth (purificirt), nicht lehnbares Familienstammgut. — 230'/- Morgen oder 144,7464 Tagw. Wald, das Laßbergsgereuther Eichholz genannt — hohe und niedere Jagd nebst Jagdfrohn. — Gerichtsbarkeit im ganzen Ort und Flur mit Sporteln und Polizeistrafen — Schutzgelder, Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn, dann Siegelgelder, Concessionsgelder und Nachsteuer wie bei Nentweinsdorf — Erbzinsen jährlich 105 fl. 53'/« kr. — Gült: 27 Schffl. 5 Mtzn. 2 V« Viertel Roggen, und 26 Schffl. 5 Mtzn. 1 Viertel Haber, wobei eine Gegenleistung üblich war. — Auf einigen Höfen ruhten Most- und Fischfuhren nebst Gegenleistung. — Universalzehnt. 30. Lind, nicht lehnbares Familienstammgut. — Hohe und niedere Jagd mit Jagdfrohn auf der ganzen Flur. — Gerichtsbarkeit über einen ganzen und zwei halbe Höfe, und einem Feld mit 561 Sporteln und Polizeistrafen — Schutzgelder, Concessionsgelder, Siegelgelder und Nachsteuer wie bei Nentweinsdorf. — Erbzinsen von obigen Höfen jährlich 16 fl. 21^/z kr. — Voller Handlohn zu 10"/^, wie bei Nentweinsdorf. — Universalzehnt im ganzen Flur, Heu und Kleinodzehnt mit inbegriffen. 31. Lützelebern, leheubares Familienstammgut, worauf die Merzbacher Linie mitbelehnt war (zum 2. Lehnskörper gehörig). Der vormals ärarialische Koppelantheil der hohen und niederen Jagd auf der ganzen Markung. 32. Mauschendorf, nicht lehnbares Familienstammgut. Die hohe und niedere Jagd auf der Flurmarkung rechts des Baches. 33. Mirsbach, nicht lehnbares Familienstammgut. Die hohe und niedere Jagd auf der ganzen Flurmarkung. 34. Neuses an der Eiche, nicht lehnbares Familienstammgut. — Erbzinsen jährlich 21 ^/g kr. — Voller Handlohn von einigen Grundstücken wie bei Nentweinsdorf. 35. Oberhaid. Lehnbares Familienstammgut, welches zu den vereinigten vormals Würzburgischen und bambergischen Lehnsparzellen gehörte, worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war. — Gerichtsbarkeit (ohne Polizei) — Gerichtstaxen und Strafen — jährliche Erbzinsen 19 fl. 41'/< kr. — Erb-, Kanf- und Tauschhandlohn zu 10"/„ in allen Besitzveränderungsfällen vom ganzen Lehenwerth. Bei Erbfällen in absteigender Linie aber nur in der Art, daß a) wenn nur 1 Erbe vorhanden war, der Erbhandlohn zu 10"/„ vom ganzen Lehenwerth berechnet und erhoben wurde-; b) waren aber 2 oder mehrere Erben vorhanden, so wurden bei 2 und 3 Erben ein Drittheil, bei 4 ein Viertheil und so bei mehreren Erben immer ein Kinds- oder Erbtheil handlohnssrei zurückgerechnet, und von dem, was dann blieb, waren 10 °/g Erbhandlohn zu entrichten. — Separirtes Annahmshandlohn in Erbfällen war bei diesem Lehen nicht hergebracht. — Concessionsgeld und Nachsteuer wie bei Nentweinsdorf. IZ. Nicht lehnbares Familienstammgut. Gerichtsbarkeit mit Taxen und Strafen ohne Polizei. — Schutzgeld wie bei Rentweins- 562 dorf. — Kauf-, Tausch- uud Erbhandlohn wie obeu sud — Jährlich 18 fl. 40 Vs kr. Erbzinseu. — Conccssiousgelder uud Nachsteuer. 36. Obermauudorf, nicht lehubares Familienstamm- g ut. Die hohe uud uiedere Jagd auf der gauzeu Markuug. 37. Ottneuses, nicht lehubares Familieustammgut, desgleichen. 38. Pfaffeudorf, nicht lehubares Familieustammgut. Die Neumühlseewiese zu 7^ Morgen und Taxwerth 725 fl. 39. Pfarrweisach. Nicht lehnbares Familieustammgut. 40 fl. jährlicher Bodenzins von dem im Jahre 1813 von Würzburg eingetauschten und dann wieder verkauften Hofgut. L. Allod. Der Fuchsrangen, ein Wald, 173 Morgen groß — Ankaufspreis 2350 fl. — Das Kuhholz, ein Wald, 50 Morgen groß, Ankaufspreis 1900 fl. 40. Preppach. Lehnbares Familieustammgut, worauf die Merzbacher Linie mitbelehnt war (gehörte zum 2. Lehnskörper). Die hohe und niedere Jagd auf dem nördlichen Theil der Flurmarkung. L. Nicht lehnbares Familieustammgut. Die f. g. Oberamtmannswiese zu 2^4 Morgen, Werth 1100 fl. 41. Rossach, nicht lehnbares Familieustammgut. — Jährliche Erbzinsen von Grundstücken 1 fl. 35^/g kr. — Voller Haud- lohn wie bei Rentweinsdorf. 42. Nudendorf (purificirt). Lehnbares Familien- stammgut (zum 8. Lehnskörper gehörig), worauf die Merzbacher Linie nicht* förmlich mitbelehnt war. Dazu gehörte der Platz, worauf das Castrum stand. — Der Dorfsee zu 1 Morgen. — ^ Morgen Wiese und V- Morgen Feld. — Hohe und niedere Jagd sainmt Jagd- frohn in der ganzen Markung. — Flußfischerei in der Lauter. — Gerichtsbarkeit, Sporteln und Polizeistrafeu. — Schutzgelder, Erb-, Kauf-, Tausch- und Anuahmshaudlohn, dann Siegel- und Lehu- concessionsgeldcr nebst Nachsteuer, sämmtlich wie bei Rentweinsdorf. — Jährlich 219 fl. 33^2 kr. Erbzinsen. — Großer und kleiner Zehnt in der halben Flurmarkung, nämlich diesseits der Lauter, mit Ausnahme des HeuzehntS, welcher daselbst nicht hergebracht war. 563 L. Nicht lehnbares Familienstammgut.— 170^ Morgen oder 110,0549 bayer. Tagwerk Wald, die Sutten und an der Hirnschale genannt. 43. Ruppach, nicht lehnbares Familienstammgut. Die hohe und niedere Jagd auf Nuppacher Flurmarkung nördlich des Baches. 44. Salmsdorf (purificirt). Lehnbares Familienstammgut, und zwar: a) (zum 3. Lehnskörper gehörig), worauf die Merzbacher Linie mitbelehnt war. — Dazu gehörte der ganze Zehnt. l?) Lehen (zum 6. Lehnskörper gehörig), worauf fragliche Linie nicht förmlich mitbelehnt war. — Hohe und niedere Jagd mit Jagdfrohn auf einem Theil der Flur. — Gerichtsbarkeit und Polizei mit Sporteln und Polizeistrafen. — Schntzgelder, Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn zu 10"/„, Siegelgelder, Lehnconcessionsgelder und Nachsteuer, Alles wie bei Rentweins- dorf. — Jährlich 25 fl. 16Vz kr. Erbzinsen. — Most- und Fisch- frohnfuhren zu 5 fl. angeschlagen. — Gült, nämlich 3 Scheffel 4 Metzeu Vs Viertel Roggen und 3 Scheffel 5 Metzen 2Vz Viertel Haber. L. Nicht lehubares Familienstammgut. Zwei Teiche, und zwar 5^ Morgen der f. g. neue See und 2^/g Morgen, der f. g. alte See (letzterer jetzt Wiese). — Die hohe und niedere Jagd mit der Jagdfrohn auf einem Theil der Flur. — Gerichtsbarkeit und Sporteln, Polizeistrafen und Taxen. — Erbzinsen jährlich 132 fl. 55°/z kr. — Gült 12 Scheffel — Metze 1'V« Viertel Roggen und 10 Scheffel 5 Metzen 3'/s Viertel Haber. — Schutzgelder, Kauf-, Tausch-, Erb- und Annahmshandlohn zu 10 "/o, Siegelgeld, Lehnconcessionsgeld und Nachsteuer, Alles wie bei Rentweinsdorf. 45. Sendelbach (purificirt). Lehnbares Familiensinn: mg ut: a) Fürstlich bambergisches Lehen, worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war (gehörte zun: 6. Lehnskörper). — Gerichtsbarkeit über einige grundbare Objecte — Gerichtssporteln und Polizeistrafen — Schutzgeld, Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahms- 564 handlohn zn 10 "/„ wie bei Rentweinsdorf. — Siegelgeld, Lehn- concessionsgeld, Nachsteuer desgleichen. — Jährlich 32 fl. 26^/g kr. Erbzins — der halbe Zehnt der ganzen Flurmarkung. d) Söhn- und Töchterlehen (7.Lehnskörper), worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war. — Dazu gehörten die Oeconomiegebäude — 171 Morgen 19 Vs Ruthen Felder — '/< Morgen 3 Ruthen Gärten — 41^/z Morgen 11^ Ruthen Wiesen — 383^ Morgen oder 229,1204 Tagwerk Wald (Sendelbacher Eichholz und Bnchholz) — 8Vs Morgen 15^ Ruthen Teiche — hohe und niedere Jagd mit Jagdfrohn auf den als Lehen anerkannten Objecten — Gerichtsbarkeit auf einem Theil der grundbaren Objecte mit Gerichtssporteln und Polizeistrafen — Schutzgeld, Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn zu 10"/« wie bei Rentweinsdorf — Branntweiublasengeld — jährlich 223 fl. 13^ kr. Erbzins. L. Nicht lehnbares Familienstammgut. (Bezüglich der hier nachfolgenden Objecte hatte zn jener Zeit unsere Familie mit dem Aerar einen Rechtsstreit wegen der lehnbaren Eigenschaft derselben, die das Aerar behauptete, welcher Streit später zn unseren Gunsten entschieden wurde.) Sie sind: Eine doppelte Zehntscheune — Flnßfischerei in der Baunach längs der Flurmarkung — hohe und niedere Jagd nebst Jagdfrohn auf einem Theil der Sendelbacher Flur — Gerichtsbarkeit mit Gerichtssporteln, Polizeitaxen und Strafen — Schntzgeld, Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn zu 10"/«, Siegelgeld, Lehn- concessionsgeld und Nachsteuer, Alles wie bei Rentweinsdorf. — Branntweinblasengeld. — Jährlich 115 fl. 40 kr. Erbzins und Frohngeld. — Die andere Hälfte des ganzen Zehnts. E. Allod. Das Dörr'sche Söldengut zu Sendelbach, 28 V- Morgen 29 Ruthen groß, welches mein Vater 1823 um 1040 fl. gekauft und zum dortigen Oekonomiegnt geschlagen hatte. 46. Siegelfeld (purificirt). Lehnbares Familien- stammgut, und zwar vormals bischöflich würzburgisches Mannlehen, zu welchem die Mcrzbacher Linie mitbelehnt war (gehörte zum 2. Lehnskörper), dazu gehörte: 565 Der Siegelfelder Weiher zu 1 ^ Morgen 14 Ruthen. — Hohe und niedere Jagd mit Jagdfrohn auf den zum Lehen gehörigen Ob- jecten. — Gerichtsbarkeit, also Gerichtssporteln und Polizeistrafen. — Schutzgeld, Erb-, Kauf-, Tausch- und Annahmshandlohn, dann Siegelgeld, Concessionsgeld und Nachsteuer wie bei Nentweinsdorf. ^ Jährlich 17 fl. 49'/- kr. Erbzins. — Von dem hier Angegebenen gehörten 5 fl. 28 V« kr. Erbzinsen, dann ein Theil des Handlohns, des Siegel- und Concessionsgeldes und der Nachsteuer zum Familienseniorat. 11. Nicht lehnbares Familienstammgut. Hohe und niedere Jagd auf den nicht lehnbaren Objecten daselbst. — Gerichtsbarkeit mit Gerichtssporteln und Polizeistrafen. — Schntz- geld. Volles Handlohn zu 10"/„, Siegel-, Concessionsgeld und Nachsteuer wie bei Nentweinsdorf. — Jährlich 32 fl. 38 Vs kr. Erbzins. — Gült, und zwar 1 Scheffel 2 Metzen 2^/g Viertel Korn und 4 Metzen 3Pg Viertel Haber. — Dazu die Siegelfelder Güterhölzer 17^ Morgen 11 Ruthen groß, welche später unter Nro. XII mit der Eyrichshöfer Waldung vereinigt wurden. Davon waren von Sigmund 1802 lO Aecker um 331 fl. 15 kr. und 1818 der Ueberrest um 52 fl. gekauft worden. 47. Staffelbach. X. Lehnbares Familienstammgut, welches zu den vereinigten würzburgischen und bambergischen Lehnsparzellen im Obermainkreise gehörte, worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war. Dazu gehörten: Jagdgerechtsame auf den uns lehnbaren Grundstücken, Gerichtsbarkeit ohne Polizei über einige Objecto, dazu Gerichtsstrafen und Taxen. — An Schutzgeldern zahlten die in dem eigenthümlichen Lehen wohnenden Grundholden jährlich 18^4 kr. und jene im halbirten Lehen 9^/« kr. ohne Unterschied des Geschlechts. — Erbzinsen und Frohngeldcr 33 fl. 21^ kr. — Gülten 11 Scheffel 3 Metzen 3'-/« Roggen. — Handlohn von einigen Objecten und zwar: bei dem halbirten Lehen nur Kauf-, Tausch- und Hinans- gabs-, resp. s. g. Collateral-Erbhandlohn zu 5 indem bei diesen das königl. Aerar als Mitlehnherrschaft die anderen 5 "/„ bezog. — Concessionsgeld und Nachsteuer wie bei Nentweinsdorf, aber gleichfalls nur von: halben Werth. U. Nicht lehnbares Familienstammgut. Hohe und niedere Jagd mit Jagdfrohn. — Gerichtsbarkeit ohne Polizei über die nicht zum Lehen gehörigen Objecte, also Sporteln und 566 Strafen. — Schutzgeld wie oben sud — Jährliche Erbzinsen 118 fl. 21 Vs kr. — Gült 16 Scheffel 1 Metze Roggen. — Handlohn, und zwar bei den pnrificirten oder f. g. eigenthllnilichen Objecten das Kauf-, Tausch-, Erb- und Annahmshandlohn zu 10°/o, bei den halbirten f. g. Hellerlehen aber das Kauf-, Tausch- und Herausgabs-, resp. Collateral-Erbhandlohn zu 5, resp. J Vz"/«, indem bei diesen das königl. Aerar, als Mitlehnherrschaft, die anderen 5 beziehungsweise 6'Vz"/» bezog. — Concessionsgeld und Nachsteuer wie bei Rentweinsdorf. 48. Stublangen. Lehnbares Familienstammgut, welches zu dem Lehnskörper wie Staffelbach gehörte, worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war. — Gerichtsbarkeit (ohne Polizei), Gerichtstaxen und Strafen. — Schutzgeld wie bei Rentweinsdorf. — Erbzinsen 12 fl. 21V« kr. — Gült, nämlich 3 Viertel Waizen, 1 Scheffel 5 Metzen 3V« Viertel Roggen, 1 Scheffel 4 Metzen IV« Viertel Gerste, 5 Metzen '/g Viertel Haber, 2 Metzen 1 Viertel Erbsen, 3 Viertel Hanfkörner. — Kauf-, Tausch-, Erb- und Annahmshandlohn, dann Concessionsgeld und Nachsteuer wie bei Rentweinsdorf. 13. Nicht lehnbares Familienstammgut (mit Frauendorf vereinigt). Gerichtsbarkeit, also Gerichtstaxen und Strafen. — Schutzgeld, Kauf-, Tausch-, Erb- und Annahmshandlohn, dann Concessionsgelder und Nachsteuer, Alles wie bei Rentweinsdorf. — Jährliche Erbzinsen 25 fl. 53V« kr. — Gült, nämlich 6 Scheffel 5 Metzen 2>/- Viertel Roggen, 6 Scheffel 4 Metzen 3 V« Viertel Gerste, 8 Scheffel 1'/< Viertel Haber, 3 Metzen Erbsen, 2 Metzen 1 Viertel Hanfkörner. 49. Todtenweisach, nicht lehnbares Familienstammgut. Der große Eckart, eine Wiese mit etwas Feld, 19^ Morgen groß, Taxwert!) 2275 fl. 50. Treinfeld (purificirt), lehnbares Familienstammgut. Vormals bischöflich bambergisches Lehen (gehörte zum 6. Lehnskörper), worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war. Dazu gehörte das Treinfelder Eichholz 161^8 Morgen 11 Ruthen oder 97,101 daher. Tagwerk groß — hohe und niedere Jagd und Jagdfrohn auf der ganzen Markung — Gerichtsbarkeit und Polizei, also Gerichts- sporteln und Polizeistrafen — Schutzgeld, Erb-, Kauf-, Tausch- und 567 Annahmshandlohn von den zum Lehen gehörigen Grundholden, dann Siegel- oder Confirmationsgelder, Concessionsgeld, Branntweinblasengeld und Nachsteuer, Alles wie bei NentweinSdorf. — An beständigen Erbzinsen und Frohngeldern 303 st. 27"/g kr. — Gült, nämlich 30 Scheffel I Metzen 2V« Viertel Roggen und 18 Scheffel 2 Metzen V« Viertel Haber. — Der ganze Zehnt in Ort und Flurmarkung. 51. Unterhaid, nicht lehnbares Familienstammgut. Gerichtsbarkeit ohne Polizei, also Gerichtstaxen und Strafen. — Schutzgeld, dann Kauf-, Tausch- und Erbhandlohn zu 10°/o, Concessions- gelder, Nachsteuer nud Siegelgeld, Alles wie bei Rentweinsdorf. — Erbzins jährlich 2 fl. 30'/z kr. 52. Untermanndorf, Familienstammgut (nicht lehnbares). Die hohe und niedere Jagd auf dein nordwestlichen Theil der Flurmarkung, insoweit er durch das Bächlein, welches von der Jägerwiese kommend, sich unterhalb Untermanndorf in die Baunach ergießt, abgeschnitten wird. 53. Vorbach. Familienstammgut (nicht lehnbares). Das vormals großherzoglich Würzburgische Hofgut mit der Schäferei. Es umfaßte nebst Gebäuden: 9 Morgen 12 Ruthen Gärten, 97"/« Morgen 2 Vs Ruthen Wiesen und Ellern, 269'/- Morgen 2'/z Ruthen Felder. — Zu diesem Gute gehörten 3 Rechtlerwald-Rechte. Das Schafhutrecht auf Vorbacher, Preppacher, Brünner und Frickendorfer Markung, und zwar für jede Markung an bestimmten Wochentagen. R. All od. Die Erhards- oder Reutersche Sölde sammt den gegen einzelne Grundstücke derselben eingetauschten Parzellen, 37"/s Morgen 16 Ruthen groß mit 1 Gebäude, 1 Gemeinderecht und 1 Rechtler- Wald-Recht. Etwaiger Werth 1l40sl., wurde zu obigem Gut geschlagen. 54. Ziegelanger. Lehnbares Familienstammgut (zum 8, Lehenskörper gehörig), worauf die Merzbacher Linie nicht förmlich mitbelehnt war. — 13 Morgen Weinberge. L. Nicht lehnbares Familienstammgut. — Das Weinbergshaus in Ziegelanger mit Nebengebäuden, Kelterhaus und Garten. 568 E. All od. Eine zum Weingut daselbst gehörige Wiese nebst Feld im Riß, wovon 1838 ein Theil zur Maincorrection abgetreten wurde. Der Ueberrest beträgt noch 2,914 Tagwerke. SS. Vermögenstheile, welche zu keinem bestimmten Objecte mehr zu rechnen sind. Lehnbares Familienstammgnt (zum Seniorat gehörig). a) 17 fl. 20 kr. jährlicher Bodenzins von den Freiherrn von Pöllwitz zu Aschbach rücksichtlich ihrer Besitzungen in Schönbrnnn und Burgebrach. b) 32 fl. 11 °/s kr. jährlicher Abzins von einem Ablösungscapital der Freiherrn von Heppenstein, beziehungsweise des Aerars als ihrer Besitznachfolger, im Betrage von 804 fl. 55^ kr. L. Nicht lehnbares Familienstammgnt (zum Seniorate gehörig). n) 2 fl. 40 kr. jährlicher Bodenzins von den Freiherrn von Pöllnitz zu Aschbach, bezüglich ihrer Besitzungen zn Schönbrnnn und Burgebrach. d) 40 fl. 2V- kr. desgleichen von den Freiherrn von Löffelholz von Collberg, bezüglich ihrer Besitzungen zu Bnrgebrach, Erlau und Schmierldorf. e) 28 fl. 33'/g kr. jährliche Abzinsen von verschiedenen Allodifications- und gestifteten Capitalien, welche bei unserer Hauptkafse im Ge- sammtbetrage von 714 fl. 8Vs kr. gegen 4°/„ angelegt waren. Dies war der Grund- und Dominicalbesitz unserer Linie zur Zeit des Todes Sigmunds I. Man nahm damals an, daß n) unsere lehnbaren Besitzungen und Rechte mit Einschluß der diesseits als allodiales Familienstammgnt angesprochenen Bestand- theile der Lehnskörper I und VII . . 520,31S fl. SS'/» kr., b) unsere nicht lehnbaren Familienstammgüter 159,444 fl. 53^ kr., und e) unser allodialer Besitz 40,453 fl. 10 kr., Alles zusammen demnach .... 726,214 fl. 5 kr. 569 Werth seien, was jedoch ein viel zu geringer Werthansatz auch für die damalige Zeit war. Hierauf ruhten außer den landesherrlichen Steuern, dann den gesetzlichen Kreis-, Distrikts- und Genleindeumlagen, folgende Lasten: 1. 40 kr. Erbzins zum Rentamte Ebern von dem Rittergut Fischbach, oder vielmehr dem 5. Lehnskörper. 2. 11 fl. Weinzehntfixum zum Rentamt Zeil, wegen der zum 8. Lehnskörper gehörigen Weinberge in Ziegelanger. 3. An Holz und Reisig auf Waldrecht gegen Ersatz des Holzhauerlohns ; nämlich n) in Nentweinsdorf 227g Klafter Holz und 20 Schock Reisig; 1?) in Sendelbach 6^/4 Klafter Holz und 6 Schock Reisig; e) in Untermanndorf 11 Vg Klafter Holz und 10 Schock Reisig. 4. An den Pfarr- und Schulfond in Nentweinsdorf 18 fl. 30 kr. baar Geld, 1 Scheffel 1 Metze 37« Viertel Waizen, 7 „ 2 „ Roggen, 2 ,/ 3 „ '/- „ Gerste, 2 », 1 ,, 17» „ Haber, 37« „ Erbsen, ,/ 37« „ Linsen, 1 Schock Stroh, 40'/s Klafter Holz, 36 Schock Reisig, 2 Schleißenbäume. 5. An den jeweiligen Pfarrer in Eyrichshof 72 fl. 40 kr. baare Geldbesoldung, 7 Pfund 9°/s Loth Hopfen, 1 Scheffel 2 Metzen I V? Viertel Wenzen, 5 „ 4 „ l'/s „ Roggen, 8 „ 5 „ 3'/< „ Gerste, 9 „ 1 „ '/4 „ Haber, 570 18 Klafter Holz, 7 Schock Reisig. Die Nutzung einiger Grundstücke im jährlichen Ertrag von 14 st., 29 Pfund 47/2 Loth Fische. Die Eichellese in der gutsherrlichen Waldung für 1 Person. Freie Wohnung sammt den nöthigen Räumen an Keller und Holzlage in so lange die Pfarrei Eyrichshof kein eigenes Pfarrhaus besitzt. (Diese Reichnisse erlitten durch späteres Uebereinkommen mehrere Aenderungcn.) 6. Dein zeitlichen Cantor, resp. Schullehrer in Eyrichshof 32 fl. 25 kr. an baarem Geld, — Scheffel 4 Metzen ^ Viertel Waizen, 6 „ 1 „ 3 „ Roggen, 2 „ 4 „ 3'/2 „ Gerste, — „ 5 „ '/, ' „ Haber, 18 Klafter Holz, 7 Schock Reisig, Die Nutzung verschiedener Grundstücke im jährlich angenommenen Ertrag von 29 fl. 30 kr. —> Freie Wohnung und Lehrzimmer in so lange die Schulgemeinde hiefür kein eigenes Haus besitzt. 7. 2 Metzen V2 Viertel s. g. Brücken- oder Fahrkorn an das Bürgermeisteramt Eltmann, wogegen bei großem Wasser die freie Ueberfahrt, sowie die Befreiung von Pflaster- und Brückenzoll stattfand. 8. Zehntpflichtig waren mehrere unserer Grundstücke zu Ebelsbach und Vorbach. 9. 1200 fl. Zinsen des von Christian Ernst von Rotenhan zur Begründung einer Wohlthätigkeits- und Beschäftigungsaustalt für unsere Grnndholdeu testamentarisch gestifteten Capitals von 30,000 fl., welches Capital mein Vater seinein Bruder Christian Ernst geschuldet hatte, und welches auch seitdem nicht abgezahlt wurde, so daß fragliche 1200 fl. nicht mehr als Zinsen eines Passivcapitals unserer Familie, sondern als ständige Last, die auf unfern Gütern haftet, zu betrachten sind, obgleich es im freien Willen unserer Familie steht, das Capital selbst abzuzahlen und dadurch in ein Stiftungscapital zu verwandeln. 571 10. 175 fl. Zinsen eines Capitals von 4375 fl., welches Christian Ernst von Rotenhan gleichfalls testamentarisch zum Besten der Pfarrei und Schule zu Eyrichshof, daun der Schulen zu Ebelsbach uud Ruden- dorf gestiftet hatte und mit dessen Zinsen es dieselbe Bewandniß hat, wie mit den snd Nr. 9 vorgetragenen 1200 sl. Unsere Familie hatte zur Zeit des Todes Sigmunds I- neben diesen hier verzeichneten jährlichen Lasten eme Schuldenlast von 175,972 fl. 52V« kr., oder, da in den Rechnungen die oben sud 9 und 10 vorgetragenen 34,375 fl. als Schuld mit angenommen wurden, von 210,347 fl. 52^ kr., welche sich im ersten Jahre nach Sigmunds Tode theils durch Forderungen, welche unsere jüngeren Schwestern nach dem väterlichen Testamente an uns zu machen hatten, theils durch Regelung kleinerer Currentschulden auf die Summe von 219,015 fl. 2^8 kr. erhöhte, wozu später noch verschiedene größere Zahlungen kamen, so daß die Schuldenlast eigentlich und in Wirklichkeit noch bedeutender war. Nach dieser Aufzählung der Rechts- und Vermögensverhältnisse unserer Familie beim Tode Sigmunds I. kehre ich nun zur Familiengeschichte selbst wieder zurück. Dreißigstes Kapitel. Sigmunds I. Nachkommen. Mit Sigmunds I. Nachkommen trete ich in die Neuzeit, zu der gegenwärtigen, theilweise noch lebenden Generation, und ich kann daher nur über Einzelne derselben, die bereits wieder heimgegangen sind, ausführlicher sprechen, und selbst bei ihnen kann diese Ausführlichkeit in Vielem nur eine beschränkte sein, da ihre Lebensereignisse in einem zu innigen Verhältnisse zu den noch Lebenden stehen. Was aber Letztere selbst betrifft, so wird man es natürlich finden, daß ich mich nur auf ihre Anführung mit kurzen Bemerkungen über ihr Leben beschränke und es den Nachkommen überlasse, über sie dereinst als Fortsetzung dieser Familiengeschichte Ausführlicheres niederzuschreiben. Wir sahen, daß dem Sigmund I. in seiner ersten Ehe mit Antoinette von Lenthe acht, und in seiner zweiten mit Luise von Grol- man fünf Kinder geboren worden waren, von denen ich schon oben in Signrunds Leben Einiges anführte. Ich gehe nun zu ihnen im Einzelnen über. Kinder erster Ehe waren: 1. Sophie, geboren zu Rentweinsdorf den 19. Juni 1795. Als nach dem Tode ihrer Mutter eine Nervenfieberepidemie viele Be- 573 wohner des RentweinSdorfer Schlosses, und unter ihnen auch Sophie, auf's Krankenbett geworfen hatte, unterlag das in jeder Beziehung hoffnungsvolle Mädchen dieser schweren Krankheit, und starb am 11. August 1806. 2. Hedwig, geboren den 29. September 1796 zu Rentweinsdorf, wo sie ihre Kindheit und Jugend zubrachte. Schon in ihrem jugendlichen Alter zeigte sie die ausgezeichnetsten Gaben des Geistes und Herzens, die bei ihr in späterer Zeit in eine so schöne harmonische Verbindung traten, daß sie bei Allen, die sie kannten, durch's ganze Leben als ein wahres Vorbild weiblicher Vollkommenheit galt. Wir nannten sie die Perle unserer Familie, und in ihrem zwischen Glück und Unglück, zwischen Glanz und Entbehrung überaus reichen Leben war sie sich stets gleich in treuer, aufopfernder Pflichterfüllung, christlich gläubiger Ergebung und reinster weiblicher Zartheit des Herzens, gepaart mit klarer, aber überaus milder Charakterfestigkeit. — Will man ein Bild von ihr haben, so verweise ich auf die unten folgende Lebensskizze meines Bruders Hermann. Was er in seltener Vollendetheit als Mann gewesen, war Hedwig als Frau, nur daß in ihrem Leben der Wechsel zwischen Glück und Unglück ein größerer war, während meinem Bruder ein von Gott selten beglücktes, nur wenig getrübtes Leben beschieden war. Es ist mir schmerzlich, von dieser überaus trefflichen Schwester und in seltener Vorzüglichkeit hervorragenden Frau keine ausführliche Lebensskizze hier geben zu können, es gehört aber solche in die Geschichte der Familie Grolman, in die sie eingetreten, und nicht in gegenwärtige Familiengeschichte.—Hedwig vermählte sich, wie wir bereits oben sahen, am 26. Oktober 1816 mit dem preußischen General Karl von Grolman, ihrem Stiefonkel, der damals Chef des allgemeinen Generalstabs in Berlin war. Als derselbe ans Unzufriedenheit über militärische Einrichtungen 1819 den Dienst verließ, lebte sie mit ihm 6 Jahre zu Gosda, einem von ihm in der Nicderlausitz gekauften kleinen Gute, dessen geringer Ertrag ihr ganzes Einkommen war, da Grolman in edlem Stolze jede Pension ausgeschlagen hatte. Der Abstand gegen das frühere Leben in Berlin war groß, aber Hedwig wußte sich sofort mit vollster Ergebung in dieses ganz veränderte Leben zu finden, und zählte selbst diese Jahre zu den besonders glücklichen ihrer Ehe. — Als Grolman 1825 von 37* 574 seinem Könige wieder in den Dienst gerufen und Commandirender einer Division wurde, lebte sie mit ihm mehrere Jahre in Glogau und dann in Posen, wo er ein Armeecorps befehligte und zum General der Infanterie erhoben wurde. Er galt mit Recht als der ausgezeichnetste General der preußischen Armee und zählt zu den Helden der Befreiungskriege. — Nach dein 1842 erfolgten Tode ihres Mannes zog Hedwig nach Berlin, wo sie am 25. Februar 1864 fromm und gottergeben starb. — Ihre Ehe war mit Kindern reich gesegnet, aber das Mutterherz erlitt harte Schläge. Der Tod raubte ihr die meisten ihrer Kinder, und nur drei haben sie überlebt und konnten der trefflichen Mutter, die mit der innigsten Liebe an ihnen hing, das sterbende Auge schließen. — Ihr wird ein treues Andenken in reichster Liebe bewahrt werden. 3. Thusnelde, zu Rentweinsdorf am 2. Juli 1798 geboren, brachte gleichfalls ihre Kindheit und Jugend im väterlichen Hause zu, bis sie sich am 21. Dezember 1818 mit August von Nappold, Hauptmann im 1. preußischen Garderegiment zu Potsdam, verehelichte, der einige Jahre darauf Gouverneur der Söhne des Prinzen Wilhelm zu Berlin wurde, was er aber nur kurze Zeit war, da er schon im Frühjahre 1823 daselbst starb. — Thusnelde lebte als Wittwe mit ihren 3 Kindern erst zu Charlottenburg, dann vom September 1831 an in Rentweinsdorf, wo sie das Unglück hatte, das älteste derselben zu verlieren. Sie selbst starb daselbst am 17. Juni 1835 und liegt auf dortigem Kirchhofe begraben, wo ihr einziger Sohn, der ihr am I. Mai 1842 im Tode folgte, neben ihr ruht. Thusnelde war von Jugend an eine überaus liebliche Erscheinung. Sie verband mit großer körperlicher Schönheit eine seltene Liebenswürdigkeit und anmuthige Weiblichkeit, und war der allgemeine Liebling Aller, die sie kannten. Sie hatte ein tief religiöses Gemüth, das ihr einen beglückenden heiteren Frieden der Seele gab. Wohl hatte der tiefe Schmerz, den ihr nach so überaus glücklicher Ehe der frühe Verlust ihres Gatten und der nachfolgende Tod ihrer ältesten Tochter bereitete, in ihr sonst sehr heiteres Gemüth viel Trübes gemischt, doch aber war ihr der große Liebreiz ihres ganzen Wesens geblieben und versüßte selbst ihr längeres Leiden, das ihrem Tode voranging, der die 575 tiefste allgemeinste Trauer hervorrief. Die leider so früh Gestorbene lebt noch in treuestcm Andenken fort. 4. Hermann lll. Ernst, geboren am 19. März 1800, gehört zu den bedeutendsten Männern unseres Geschlechtes, und hat insbesondere für unsere Faniilie überaus segensreich gewirkt, weshalb ich ihm am Schlüsse der Aufzählung aller Nachkommen Sigmunds I. ein besonderes Eapitel widmen werde. Hier bemerke ich nur zum einstweiligen Vcrständniß dieser Aufzählung, daß ihm in seiner Ehe mit Marline von Riedesel 9 Kinder geboren wurden, wovon ihn 8 überlebt haben. 5. Sigmar, geboren zu Rentweinsdorf am 2. Juli 1801, starb schon am 25. September 1802. 6. Mathilde lebte nur wenige Wochen. Sie wurde am 23. November 1802 zu Rentweinsdorf geboren, wo sie am 13. Dezember desselben Jahres starb. 7. Adelheid, geboren zu Rentweinsdorf am 24. Mai 1804, brachte eine glückliche Kindheit und Jugend im Vaterhause zu, und vermählte sich am 27. August 1824 mit Freiherrn Ernst von Seckendorff- Gutend auf Obernzenn, welcher als Forstrath und Oberforstmeister im Dienste des Fürsten von Wallerstein stand. Mit ihm lebte sie 35 Jahre in Wallerstein, wo Gott der Herr ihr viel Glück, aber auch viel Unglück und herbes Leid auferlegte. Eine große Kinderzahl wurde ihr geschenkt, aber der größere Theil derselben, und darunter zwei erwachsene Söhne, raubte ihr der Tod. Schwere Sorgen anderer Art trübten ihr Leben, aber ihr ward von Gott der schönste Theil beschieden, ein gläubig frommes Herz, das dankbar für alles Gute, was der Herr ihr gegeben, mit Ergebung und Demuth jeden Schmerz, der so vielfach ihr Leben trübte, erträgt. Als im Jahre 1859 ihr Mann iu Pension trat, zog sie mit ihm auf sein Gut Buchenau iu Kurhessen, das er von der ausgestorbenen Familie gleichen Namens geerbt hatte, wo sie zur Zeit noch mit Mann und Kindern lebt. 8. Julius I. Hermann Ernst, der Verfasser dieser Familiengeschichte, geboren zu Rentweinsdorf am 16. August 1805. 5>7K Es ist meine Absicht nicht, hier eine Selbstbiographie zu geben, und ich muß es meinen Nachkommen überlassen, falls einer derselben, meinem Wunsche gemäß, eine Fortsetzung dieser meiner Familiengeschichte zu liefern beabsichtigen würde, auch meine Lebensgeschichte mit in solche aufzunehmen, wozu sich wohl unter meinen nachgelassenen Papieren, wie in der Privatcorrespondenz zwischen meinein Bruder und mir, die ich in unserem Familienarchive niederlege, Stoff finden wird. Zu einer Selbstbiographie gehört nicht blos eine Niederschreibung der Lebensereignisse, es gehört dazu eine Selbstbeurtheilnng, die immer etwas Gewagtes ist. — Ich gebe daher hier nur der Vollständigkeit halber zu dem, was ich bereits in der Lebensbeschreibung meines Vaters über meine Lebensereignisse gesagt, und zu dem, was ich weiter unten in der meines Bruders Hermann über solche anführen werde, einige allgemeine Mittheilnngen und Bemerkungen, werde aber das, was ich seit dem Tode meines Bruders, wo ich die Verwaltung unserer Güter allein zu führ-en hatte, für unsere Familie gethan, am Schlüsse dieser Familiengeschichte zusammenstellen. Nach überaus glücklicher Kindheit, die ich im Baterhause zubrachte, wo der treffliche Hofmeister Weinmann meinen Unterricht leitete, kam ich im Dezember 1818 auf das Gymnasium zum grauen Kloster in Berlin, und hier wie später in Ansbach genoß ich meinen Gymnasial- nnterricht, während ich dazwischen ein halbes Jahr — Sommer 1821 — im Privatunterricht zu Bamberg zugebracht, wo ich im Hause des Direciors vr. Pfeufer wohnte. Nachdem ich im Herbste 1823 daS Gymnasium zu Ansbach absolvirt und noch ein halbes Jahr zu Bayreuth dem Studium der alten Sprachen gewidmet, bezog ich zu Ostern 1824 die Universität Erlangen, wo ich in die damals noch bestehende Burschenschaft eintrat, deren sittlich-ernstes Streben wesentlich fördernd auf mich wirkte, und insbesondere die von Kindheit an mich beseelende Begeisterung für mein deutsches Vaterland mächtig erhöhte. Hier wie sodann auf den Universitäten Berlin, Göttingen, Würzburg und München widmete ich mich dem Studium der Jurisprudenz und der staatswirthschaftlichen Fächer und absolvirte die Universität im Frühjahre 1828. Ich beabsichtigte den Staatsdienst als Berns zu wählen, und zwar im Bereiche der Verwaltung, und trat daher nach vollendetem Uni- versitätsstudium sofort in Praxis. Meine vorbereitende Landgerichtspraxis bestand ich in München und Bayreuth und machte in letzterer Stadt im Frühjahre 1830 das Staatsexamen. — Schon in jener frühen Zeit erhielt ich vom König Ludwig den Kammerherrnschlüssel, trat nach vollendetem Staatsexamen bei der Negierung des damaligen Obermainkreises zu Bayreuth, Kammer des Innern, ein und wurde im Frühjahre 1831 in Folge befriedigender PrüfungSnote sofort Rathsaccessist bei genannter Kammer, wodurch ich dem größten Theile meiner Prüfungsgeuossen im Range vorkam. Damals hatte meine Neigung sich aber mehr der diplomatischen Sphäre zugewendet, und da mir hierzu vor Allein große Fertigkeit in der französischen Sprache noth war, nahm ich einen längeren Urlaub und reiste nach Lausanne, wo ich den Herbst 1831 und den Winter auf 1832 zubrachte. Hier trat eine wichtige Lebenswendung für mich ein, ich verlobte mich im Frühjahre 1832 mit Justine, der jüngsten Tochter des aus Frankreich stammenden aber schon seit Langem in der Schweiz angesessenen Marquis von Langalerie, und im Januar 1333 fand unsere Vermählung zu Läusanne statt. Unterdessen war ich bei dem Ministerium des Innern in München als Accessist eingetreten, und da ich meinen Vorsatz, zur Diplomatie zu gehen, seit meiner Verheirathung aufgegeben hatte, wurde ich im Herbste 1834 als I. Assessor am Landgerichte Au (einer Vorstadt von München) angestellt. Kurz vorher ward mir die erste Vaterfreude. Am 15. September desselben Jahres wurde mir nämlich meine erste Tochter — Sophie — geboren. Der Dienst am Landgerichte Au, wo ich vorzugsweise die Justizgeschäfte zu führen hatte, war für mich, da ich in den letzten Jahren nur in der Verwaltung gearbeitet, mit großen Schwierigkeiten verbunden, aber gerade diese hatten für mich Reiz, und die l'/s Jahre, die ich diese Stelle inne hatte, waren für mich eine sehr interessante und lehrreiche Zeit. Dazu verschaffte uns der Aufenthalt in München vielfachen Genuß, und dieß ganz besonders meiner Frau, die einen reichen Sinn für alle Künste und namentlich für die Musik hat, in der sie eine, man kann fast sagen vollendete Ausbildung besitzt, und dafür in der reichen Kunststadt hohe Anregung fand. Auch unser inneres Familienleben war ein überaus glückliches, und wurde es noch mehr, 578 als uns am II. Januar 1830 unser erster Sohn — Hermann — geboren wurde. — Im Frühjahre desselben Jahres ward ich zum Negierungsassessor, Kammer des Innern, in Bayreuth befördert, und hatte da unter dem trefflichen Präsideuten Freiherrn von Andrian in geschäftlicher Beziehung eine ebenso ansprechende Thätigkeit, wie überhaupt in der damals sehr geselligen Stadt ein heiteres anziehendes Leben. Auch hier trat eine Vermehrung unserer Familie ein, indem mir am 21. August 1837 mein zweiter Sohn— Sigmund — geboren wurde. Doch war mir kein langes Bleiben daselbst beschieden. Schon zn Ende Sommers 1838 wurde ich zum Laudrichter uud Bade- commissair iu Kissingen ernannt, und verlebte nun 3 sehr interessante und für mich in jeder Beziehung sehr befriedigende Jahre daselbst. Ich hatte dort ein großes Feld der Thätigkeit sowohl als Landrichter wie insbesondere als Badecommissair, in welch' letzterer Beziehung ich zur Hebung des Bades eifrig wirkte, und die Befriedigung allgemeiner Anerkennung hatte, die mir anch insbesondere durch König Ludwig, dessen besonderer Gnade und Wohlwollen ich mich zu erfreuen hatte, zu Theil ward. In unserer Familie trat aber durch häufige Kränklichkeit meiner Frau viele schmerzliche Störung ein, dagegen hatten wir hier die Freude, am 4. August 1840 eine zweite Tochter zu erhalten, die den Namen Pauline erhielt. Schon zu Ende Sommers 1841 wurde ich zum Negierungsrath in Ansbach befördert, wo mir wiederum das Glück wurde, unter demselben trefflichen und mir wahrhaft väterlich gesinnten Präsidenten von Andrian zu dienen, der mein Chef in Bayreuth gewesen war. — Ich brachte 6 Jahre in Ausbach zu, die in Bezug auf meine Bcrufs- thätigkeit wie bezüglich unseres Familien- und geselligen Lebens überaus glückliche waren. Ich hatte bei der Regierung wie im Kreise eine einflußreiche Stellung, und bekam durch die Wahl zur protestantischen Generalsynode 1844 Gelegenheit, für die Interessen unserer Kirche thätig mitzuwirken. — Mein Leben dort wurde noch dadurch verschönt, daß mein Schwager Freiherr von Hogguör mit seiner Frau, einer Schwester der ineinigen, den größten Theil dieser Jahre auch in Ansbach lebte. Wie meine Frau mit ihrer Schwester, so war ich mit Hogguör auf's Innigste befreundet. — Doch dieses glückliche Zusammenleben mit 579 meinem Schwager dauerte nicht lange; im Jahre 1846 hatte ich den tiefen Schmerz, ihn dnrch den Tod zu verlieren, worauf seine Wittwe mit ihrem Kinde, dessen Vormund ich wurde, ganz in unsere Familie zog. — Im Jahre vorher war uns ein dritter Sohn — Wolfram — geboren worden, und in den beiden letzten Jahren unseres Ansbacher Aufenthaltes hatte ich das mir in der Theilung mit meinem Bruder zugefallene Schloß Eyrichshof restauriren lassen, in das ich im Jahre 1847 meinen Einzug hielt. Zu Ende des Jahres 1847 wurde ich zum Regierungs - Director und Consistvrial-Vorstand in Bayreuth befördert, und trat beide Stellen in den ersten Tagen des Jahres 1848 an. Mit dieser neuen Beförderung endete der schöne und befriedigende Theil meiner staats- dienerlichen Laufbahn. Bis dahin hatte ich mit meinen Vorgesetzten in der schönsten Harmonie gelebt, genoß ihre Liebe und ihr Vertrauen, und erfreute mich einer, weit über mein Verdienst gehenden Auszeichnung der mir vorgesetzten Minister, wie insbesondere des Königs Ludwig, der mir sein Wohlwollen bei jeder Gelegenheit aussprach, und dessen besonderer Gnade ich auch meine schnellen Beförderungen zu verdanken hatte. Auch mein Geschäftsleben war bisher in allen Stufen des Staatsdienstes, den ich bisher durchlaufen hatte, ein überaus angenehmes und befriedigendes gewesen. Von allem Dem trat nun das Gegentheil ein. Das Alles erschütternde Jahr 1848 brachte auch unter den Cvnservativgesinnten sofort zwei Hauptrichtungen, die sich in ihrem Streben diametral entgegenstanden. Während die Einen das große deutsche Vaterland über das spezielle Land stellten, dem der Einzelne angehörte, und als nothwendig erkannten, daß jede Spezialregierung zur Erreichung deutscher Einheit und Macht wie zur Selbsterhaltung Opfer bringen müsse, — hatten die Anderen nur das particulare Interesse des Eiuzellandes im Auge und waren zu Opfern für das große Vaterland nur insoweit bereit, als dadurch die Macht der Einzeln- regierung uud die Selbststäudigkeit des engeren Vaterlandes nicht geschwächt werde. — Ich gehörte zur ersteren Richtung, die der mich von Jugend auf durchdringenden Begeisterung für mein deutsches Vaterland so ganz entsprach, und in meiner Stellung als Regierungs- Director, wo ich oft — wenn mein Präsident vom Sitze der Regierung 580 abwesend war — das Präsidium zu führen hatte, mußte diese weine Richtung häufig zu Tage treten, ja ich hielt es selbst für nöthig und in meiner Stellung als höherer Beamte als gebietende Pflicht, ineine Ansicht dem Ministerium wie dem König gegenüber offeil und ohne Furcht auszusprechen. König Max, der 1848 den Thron bestiegen hatte und die Mehrzahl seiner Minister gehörten aber entschieden der zweiteil Richtung an, und in ihren Augen war ich fortan ein Gegner Bayerns und wurde später von ihnen sogar der s. g. Gothaer Parthei zugerechnet, obgleich ich deren Hanptstreben — den Schwerpunkt der Regierung in die Kammer zu legen und die Regierung voll deni Willen der Kammermajorität abhängig zu machen — stets auf's Entschiedenste verurtheilte und mich überhaupt nie an einem Partheistreben betheiligte. Wie das gestörte Vertrauen zu mir in den oberen Regionen mein staatsdienerliches Leben in hohem Grade trübte und meine Stellung in solchem zu einer sehr unangenehmen machte, ebenso wurde auch mein Verhältniß zu meinem speziellen Chef, dem Präsidenten der Regierung, Herrn von Stenglein, ein sehr gestörtes. Wir gehörten Beide den zwei oben angegebenen verschiedenen politischeil Richtungen an, indesseil würde dies allein nicht Grund zu einer Störung unserer gegenseitigen dienstlichen Stellung gegeben haben, wir waren aber zwei, ihrem ganzen Wesen nach, verschiedene Naturen. Mein Präsident, ein durchaus tüchtiger und erfahrener Geschäftsmann, hatte bei anerkennenswerthem lind edlen Streben einen ihm angeborenen Zug des Mißtrauens gegen Andere, und obgleich ich ihm schon von lange her genau bekannt war und durch seine Frau, Marie geborne von Egloffstein, die mit mir in meinem väterlichen Hause gleichwie meine Schwester erzogen worden war, mit ihm in näherer Verbindung stand, erwachte doch in Folge einiger geschäftlicher Differenzien, in ihm schon bald nach meinem Eintritte in seine Regierung auch gegen mich ein Gefühl des Mißtrauens; er glaubte in nur einen Gegner zu sehen, der seinem Ansehen im Regierungscolleginm entgegenstrebe, ja der ihm selbst nach oben zu schaden suche. Nie hatte ich auch nur entfernt hierzu Veranlassung gegeben, aber die einmal vorgefaßte Meinung blieb, und führte zu sortgesetzten Differenzien, die mein ohnedies schon sehr getrübtes Dienst- verhältniß von Jahr zu Jahr unerträglicher machte. Diese sortgesetzten 581 Widerwärtigkeiten wirkten sehr störend ans meine Gesundheit, Anfälle vvn Hypochondrie traten ein und zugleich körperliche Leiden verschiedener Art, die auf meine Arbeitskraft und namentlich ans ineine Arbeitsfrendigkeit lähmend einwirkten, und verschiedene angeordnete Badekuren halfen nur wenig und höchstens nur vorübergehend. Meine Gesundheit blieb von da an eine gestörte und ist es noch. — Wohl versuchte ich es zum Oefteren, die in München in den höheren Regionen gegen mich gefaßte irrige Ansicht aufzuklären, und es schien auch einige- male, als ob es mir gelungen sei, da mir durch Verleihung zweier Orden königliche Auszeichnungen zu Theil wurden, und mir auch durch besondere Commissionen, die ich vom Ministerium erhielt, wie insbesondere an der Universität Erlangen zur Leitung der juristischen Prüfungen, sowie bei zwei protestantischen Generalsynoden, wo ich Ministerialcommissair war, besonderes Vertrauen an den Tag gelegt wurde, allein es waren dies nur einzelne vorübergehende Lichterscheinungen. Die einmal vorgefaßte irrige Ansicht blieb und die betrübenden Zerwürfnisse mit dein Chef meiner Regierung dauerten trotz aller von mir dagegen angewandten Mühe fort. Als nun auch Versuche, mich zu einer andern Regierung versetzen zu lassen, fruchtlos blieben, faßte ich endlich — der laugen, fast zehn Jahre angedauerten Qual müde — im Sommer 1857 den Entschluß, den Staatsdienst zu verlassen und mich nach Eyrichshof zurück zu ziehen, wo ich zugleich meinem theneren Bruder, der kränklich zu werden begann, durch Uebernahme eines Theiles der Gutsgeschäfte Erleichterung zu gewähren hoffte. Mein Entschluß wurde ausgeführt, aber ein halbes Jahr verging noch, bis man sich entschließen konnte, ob man meinem Gesuche willfahren oder ob man mich durch Beförderung zum Regierungs-Präsidenten, wozu durch den kurz nach der Einreichung meiner Entlassung erfolgten Tod des Präsidenteil von Stenglein Gelegenheit geboten war, dem Staatsdienst erhalten solle. Während dieses halben Jahres hatte ich das Präsidium der Negierung zu führen. Endlich nach vollen sechs Monaten, und obgleich man mit dieser meiner Präsidialverwesung so zufrieden war, daß mir ein höherer Orden verliehen und mir durch besonderes Dekret gestattet ward, den Titel als Rcgierungs-Directvr mit dem Rang dieser Stelle fortzuführen, ward meiner Bitte um Entlassung aus dem Staatsdienste stattgegeben. Es geschah zu Aufang Januar 1858, und wenn 582 ich auch mit schwerem Herzen von dein mir, trotz der vielfachen Widerwärtigkeiten immer noch anziehenden Beruf schied, so fühlte ich doch eine innere Beruhigung, daß der lange Kampf nun zu Ende sei, und mit dem Gefühle, trotz vielfacher Verkennung meines Steedens, meine Pflicht im Dienste des Staates nach Kräften treu erfüllt zu haben, trat ich in's Privatleben. Die wohlthuendsten Beweise von Liebe und Anhänglichkeit wurden mir von meinen Untergebenen zu Theil und sämmtliche Geistliche meines Consistoriums legten ihre freundliche Liebe dadurch an den Tag, daß sie mir eine prachtvolle Bibel, die die Namen aller Geber enthielt, verehrten. Nicht unbemerkt kann ich eine Auszeichnung lassen, die mir bereits im Jahre 1849 von der Juristenfacnltät der Universität Erlangen zu Theil geworden war, welche mich in gütiger und freundlicher Anerkennung meines Wirkens an genannter Universität zum voetor furis (bonoris publice testiücancli causa.) ernannte. Diese Auszeichnung hatte für mich auch um deshalb besonderen Werth, da sie ebenfalls meinem Bruder — wegen seines ersprießlichen Wirkens am Landtage ^ zu Theil geworden war. Während meines Aufenthalts in Bayreuth, nämlich am 2. April 1850, war uns ein vierter Sohn — Ludwig — geboren worden, und machten wir, nämlich meine Frau, meine älteste Tochter und ich gemeinschaftlich mit meiner Schwägerin, Frau von Hogguör und einem Freunde, Baron von Vehr aus Kurland, 1851 eine sehr interessante Reise nach Belgien und Paris, und von da zur ersten großen industriellen Weltausstellung nach London, auf der wir auch mit einem sehr lieben Vetter meiner Frau, Alexis von Corsier ans Lutry in der französischen Schweiz, mit dem wir überhaupt in dem innigsten Verkehre standen, zusammentrafen. — Nach dessen im Jahre darauf erfolgten Tode fiel dessen Güterbesitz zu Lntry an meine Frau, den ich später verkaufte, wodurch diese ein nicht unbeträchtliches Vermögen erlangte, dessen Revenüen sie aber, so lange ihre Schwester Natalie von Hogguör, seitdem durch Wiederverehelichung Gräfin von Ingelheim, lebt, mit dieser zu theilen hat. — Im Jahre 1356 hatte sich ineine Tochter Sophie mit dem Freiherrn Max von Knnßberg auf Weinstein verheirathet, deren Vermählung wir in Eyrichshof feierten. 583 Im Frühjahre 1858 zog ich nun mit meiner Familie nach Eyrichs- hof. Ich nahm zu jener Zeit einen Pflegesohn an, Julius von Egloff- stein, der seinen Vater verloren hatte, und der nun ganz in meine Familie eintrat, in der er sich noch befindet. Da er nur ein halbes Jahr älter als mein jüngster Sohn Ludwig ist, so wurden von da an beide Knaben zusammen erzogen. — Nach meiner Ankunft auf den Gütern übernahm ich einen Theil unserer Gutsverwaltungsgeschäfte, wegen welcher eine Abtheilung zwischen mir und meinem Bruder stattfand, ebenso übernahm ich die Selbstbewirthschaftung der vier, in der Gütcrtheilung mit meinem Bruder (von der ich weiter unten bei diesem ausführlicher sprechen werde) mir zugefallenen Oeconomiegüter, von denen mir mein Bruder bisher drei abgepachtet hatte. Eine ganz neue Thätigkeit begann nun für mich, die mir zwar vielen Reiz verschaffte, doch aber nur sehr allmühlig die mir stets sehr anziehend gewesene Thätigkeit im Staatsdienste vergessen machte. Ich hatte aber bald wieder auch eine öffentliche Thätigkeit erhalten, da man mich sofort zum Mitglied des Landraths von Oberfranken erwählte, weshalb ich im Juni desselben Jahres der Landrathssitzung in Bayreuth beiwohnte. Was mich bei dem neuen ganz veränderten Leben am meisten beglückte, war das von mir stets ersehnte und nun endlich erst in Erfüllung gekommene Zusammenleben mit meinem mir über Alles theueren Bruder Hermann; aber Gott hatte beschlossen, daß dieses Glück nur von ganz kurzer Dauer sein solle. Am II. Juli desselben Jahres raubte uns der Tod diesen trefflichen Bruder. Was er mir, was er der Familie war, wird dessen nachfolgende Lebensbeschreibung zeigen. Eine nie mehr auszufüllende Lücke wurde dadurch meinem Leben. Dieser Tod legte mir nun die Verpflichtung auf, die Verwaltung unserer Güter allein zu übernehmen, wie mein Bruder sie seit unseres Vaters Tode geführt hatte. Zugleich erhielt ich die Vormundschaft über seine noch theilweise minderjährigen Kinder gemeinsam mit deren Mutter. Was ich seitdem bezüglich der Güterverwaltung gethan, wozu insbesondere die endliche Abfassung des lange projeclirten Familiengesetzes oder eigentlich Verwaltungsstatntes gehört, und was sich überhaupt in Bezug auf die Güterverwaltung in den Jahren seit meines Bruders Tode ereignet, werde ich im Schlußkapitel dieser Familien- 584 geschichte zusammenstellen. Bezüglich meiner selbst habe ich n»r nach Weniges zu bemerken. Im Herbste 1858 wurde ich zum Abgeordneten des Landtags erwählt, eine Wahl, die mich früher sehr beglückt haben würde, jetzt aber ein überaus beängstigendes Gefühl in mir hervorbrachte. — Die traurigen letzten Jahre meines Staatsdienstes hatten mich nicht nur körperlich leidend gemacht, sie hatten mir, was mir das Qualvollste war, die rechte geistige Frische geraubt, und ich fühlte, daß ich jetzt nicht mehr geeignet sei, in dieser mir neuen Sphäre der öffentlichen Thätigkeit mit Erfolg wirksam sein zu können, ja ich fürchtete deshalb, in solcher zu einer so passiven Stellung verurtheilt zu sein, daß der Ruf eines guten Geschäftsmannes, den ich mir trotz aller erlittenen Widerwärtigkeiten im Staatsdienste erhalten hatte, dadurch leiden könne. Ich hatte deshalb einen schweren inneren Kampf durchzukämpfen, ob ich die Wahl annehmen solle. Ich nahm sie an, um nicht gänzlich dein öffentlichen Geschäftsleben mit einem Male entfremdet zu werden, und in der Hoffnung, daß meine Gesundheit sich wieder bessern, und damit meine frühere geistige Frische wieder kommen werde. Ich hatte mich aber hierinnen getäuscht. Gott erhielt mir Wohl die ungestörteste Arbeitskraft, die mir, was ich mit dem innigsten Dank anerkenne, noch heute geblieben ist, aber jene geistige Frische, die für eine fruchtbringende Thätigkeit bei dem eigenthümlichen Verkehre eines Landtages nöthig ist, wurde mir nicht wieder, und meine körperlichen Leiden dauerten nicht nur fort, sondern vermehrten sich noch in den ersten Jahren. Hierdurch wurde meine Stellung beim Landtag eine für mich unbeschreiblich peinliche. Wäre in meinem Leben nicht eine überaus reiche Geschäfts- thätigkeit während 23 Jahren vorausgegangen, die sich noch dazu in der letzten Zeit meines Staatsdienstes in den höheren Stufen desselben bewegte, so würde ich mich in jene Stellung beim Landtage, zu der mich mein leidender Zustand führte, leichter gefunden haben, so aber war sie mir unbeschreiblich peinlich. Dazu kam, daß ich mich der Majorität der Kammer, die die allein gebietende war, ihrer politischen Tendenz wegen, die dahin ging, den Schwerpunkt der Negierung für die Kammer zu gewinnen, meiner politischen Richtung nach nicht anschließen konnte, und daß ich, da sich keine Parthei meiner politischen 585 Ansicht (das s. g, rechte Centrum) bilden ließ, in der Kammer ganz isolirt stand. Da ich überdies — mit der Kammermajorität nicht har- monirend — in keinen Ausschuß gewählt wurde, war mein Einfluß beim Landtag gelähmt. Es ging mir, wie es meinem Bruder, als er nach läugerer Pause im Jahre 1855 iu die nun ganz veränderte Kammer wieder eintrat, wie ich unten zeigen werde, ergangen war. So machte ich den Hauptlandtag von 1859, einen außerordentlichen im selben Jahre, und den fast elf Monate lang dauernden von 1861 mit, und diese Perioden gehören zu den peinlichsten meines Lebens. Gott der Herr hatte sie mir auferlegt, um mich zur rechten Ergebimg zu führen, denn sie waren eine fortgesetzte Zeit der inneren Demttthigung. Daß dieß der Herr mir iu väterlicher Weise auferlege, wurde mir immer klarer. Ich sollte nach einem anderen Glücke streben, als nach dem, was der menschliche Ehrgeiz eingiebt, nach dem wahren Glück, was der innere Friede in Gemeinschaft mit dem Heilande schafft. Dieß immer mehr erkennend, suchte ich schon beim Landtag von 1361 ein Gegengewicht für das mich niederdrückende Gefühl steter Demüthigung, und fand es in einer ganz anderen Beschäftigung, mit der ich nun meine freie Zeit beim Landtage ausfüllte. Ich verfaßte ein religiöses Buch, nämlich die Darstellung der christlichen Religionslehre für Aeltern, die ihren Kindern neben dem Confirmanden-Unterricht des Geistlichen einen unterstützenden Unterricht ertheilen wollen, wie ich dieß bei meinen Kindern selbst gethan hatte. Dieß Buch erschien noch im selben Jahre im Druck. Nach Beendigung des langen Landtags widmete ich die mir neben den Gntsgeschäften bleibende freie Zeit einer geschichtlichen Arbeit, die ich schon vorher begonnen hatte; ich schrieb ein Werk über die staatliche und sociale Gestaltung Frankens von der Urzeit an bis jetzt, die in dem Archiv des historischen Vereins von Oberfranken abgedruckt wurde, und nun auch im Buchhandel erschienen ist. Und als dieses Werk vollendet war, begann ich gegenwärtige Geschichte unseres Geschlechtes, und führte damit einen seit langen Jahren gehegten Vorsatz aus, dessen Erfüllung mir stets als für unsere Familie recht vortheilhaft erschienen war. Der Landtag von 1861 hatte aber auch neben dem Peinlichen, was er mir brachte, einige erfreuliche Lichtpunkte für mich. Mein 586 lange gestörtes Verhältniß zum Könige wurde auf erfreuliche Weise wieder hergestellt. Endlich sah König Max ein, daß er sich über nieine politische Richtung geirrt habe, und daß ich der s. g. Gothaer Parthei nicht angehöre. Sein Vertrauen wurde mir wieder, und zwar in so erfreulichem Grade zu Theil, daß er mich selbst während des Landtags bei einer sehr wichtigen Angelegenheit, einem Wechsel des Kriegsministers, zu Rathe zog und meinen Rath in Vollzug setzte, was auf eine friedliche Stimmung mit der Kammer wirkte. — Auch verschaffte dieser Landtag meiner Frau, die sich nur schwer an das Leben auf dem Laude gewöhnen konnte, und deren lebhafter, namentlich für die Künste reich empfänglicher Geist sich oft nach dem regen Leben in einer Stadt sehnte, die Freude eines Winteraufenthaltes in München, der ihr vielen und hohen Genuß gab. Hatte mir aber auch der letzte Landtag einige Lichtpunkte gegeben, so hatte er mir doch klar gezeigt, daß mein Beruf nicht mehr ini öffentlichen Leben sein solle, und als bald nachher eine neue Wahl zum Landtag stattfand, that ich die nöthigen Schritte, um nicht wieder gewählt zu werden, was mir denn auch gelang. Dagegen wurde ich in neuerer Zeit wieder in den oberfränkischen Landrath berufen, welche Wahl ich gerne annahm, da ich hierzu noch die volle Kraft und Frische in mir fühlte, und der öffentlichen Thätigkeit nicht ganz fremd werden wollte. Für diese öffentliche Thätigkeit wurde mir auch noch in anderer Beziehung Gelegenheit. Ich war bereits 1860 Präsident der land- wirthschaftlichen Wanderversammlung in Bayreuth geworden, und wurde 1861 auf der in Schwerin stattfindenden allgemeinen Versammlung deutscher Land- und Forstwirthe zum ersten Präsidenten der 1862 in Würzburg stattfindenden Versammlung derselben erwählt, was mir, besonders wegen der Vorbereitung hiefür im Sommer dieses Jahres, viele Geschäfte und Reisen brachte. Die Versammlung selbst fand im September statt. Mit dem 1. März 1863 trat das von mir mit meinem Neffen vereinbarte neue Familienstatut ein, von dem ich im Schlußkapitel dieser Familiengeschichte ausführlicher sprechen werde. In Folge dessen wurde ich der erste Vcrwaltungsmajoratsherr der Linie Eyrichshof und 587 zugleich erster Obmann unserer Familie, und habe als solcher alle gemeinschaftlichen Geschäfte unserer Familie sowie deren Vertretung nach Aussen zu leiten. In meinem Familienleben trat unterdessen Glück und Unglück ein. Meine zweite Tochter verheiratete sich im Februar 1863 mit Eduard von Saugst auf Vinzel in der Schweiz, und wenn wir sie auch mit Schmerz so weit hinwegziehen sahen, so waren wir doch überzeugt, daß ihr an der Seite dieses trefflichen Mannes ein dauerndes Glück werden würde. — Auf den Gütern und für die Familie gelang es mir, eine fruchtbringende Thätigkeit zu entwickeln und im Geiste meines Bruders fortzuwirken, wie ich dies weiter unten zeigen werde. Aber neben diesem Glücke sandte uns der Herr durch lange Krankheit meiner theueren Frau schwere Tage, die noch nicht vorüber sind. Wir beugen uns vor seinem allmächtigen Willen, fest überzeugt, daß, was er uns sendet, ans Vaterliebe geschieht und uns zur Forderung unseres ewigen Seelenheiles auferlegt ist, und blicken dankerfüllt zurück auf die viele und reiche Gnade, die er uns in so hohem Grade in unserem an Glück reichem Leben geschenkt hat. L. Die Kinder Sigmund'» I. aus zweiter Che waren: 9. Ida, geboren am 29. Mai 1811, starb schon am 8. Juli desselben Jahres. 10. Mathilde, geboren den 19. Mai 1812, verlebte ihre Kindheit in Nentweinsdorf, und zog mit der Mutter nach des Vaters Tode nach Berlin, wo sie bis zum Jahre 1834 blieb. In solchem — 22. November — vermählte sie sich mit Freiherrn Julius von Minutoli, damals preußischen Regierungsrath in Posen; Minutoli war ein in jeder Beziehung ausgezeichneter Mann. Mit vielem und sehr ausgebreiteten Wissen, verband er ein überaus anziehendes geistreiches Wesen mit künstlerisch-genialem Sinn und einen ungemein großen Thätigkeitseiser, der unablässig nach Gelegenheit sich nützlich zu machen strebte, und das lebhafte Bedürfniß hatte, seine Kenntnisse unausgesetzt zu vermehren, weshalb er auch viele und höchst interessante Reisen machte, die er bei seinem genialen lebhaften Geist und Wesen oft aus die originellste 36 588 Weise vollführte. Seine große Bedeutendheit verschaffte ihm ein schnelles Avancement, er wurde bald Pvlizeidirektor in Posen, wo er in der Zeit der polnischen Revolution zwar eine sehr schwierige aber höchst einflußreiche Stellung erhielt, die ihm bald darauf die Bahn zur Beförderung zum Polizeipräsidenten in Berlin eröffnete. Hier hatte er ein weites Feld für seinen rastlosen Eifer, aber schon kurze Zeit, nachdem er diesen Posten erhalten, trat das Nevvlutionsjahr 1848 ein, und Minutoli mußte die verhängnißvollen Märztagc als Polizeipräsident der Hauptstadt mit durchmachen, wo er eine überaus schwierige und für seine Zukunft verhängnißvolle Stellung hatte. Er versuchte in den Tagen der berliner Revolution die Vermittlerrolle der sich schroff gegenüberstehenden Partheien auszuüben, und führte dies auf das Ehrenhafteste und unter den größten persönlichen Gefahren aus, bereitete sich aber dadurch, wie es bei solchen Vermittlungsversuchen gewöhnlich geht, nur Widerwärtigkeiten. Er wurde von beiden Partheien verkannt, und sah sich bald darauf genöthigt seine Stelle als Polizeipräsident niederzulegen. Längere Zeit war er hierauf außer dienstlicher Activität, die er mit seiner Familie nieist bei der Schwiegermutter in Rentweinsdorf zubrachte, wo er sich geschichtlichen Studien widmete und verschiedene interessante Werke erscheinen ließ. — Die von seinen Gegnern ausgestreuten Verdächtigungen verhinderten selbst lange seine Wiederverwendung im Staatsdienste, nach der er sich lebhaft sehnte, und obgleich er alle diese Verdächtigungen siegreich zurückweisen konnte, gelang es ihm doch nicht, wiederum eine seinem Range und seinem erwählten Berufe entsprechende Anstellung zu erhalten. Er wurde erst nach einigen Jahren zum preußischen Generalconsul in Spanien und Portugals ernannt, und lebte nun mit seiner Familie abwechselnd in Madrid, Cadix und Barcelona, meist aber in letzterer Stadt. Aber auch diese ihm neue Berufssphäre wußte er zu einer höchst interessanten zu machen. Er bereiste vielfach beide Länder, Marokko und die canarischen Inseln, und ließ viel Interessantes darüber im Drucke erscheinen. — Mathilde stand ihm in allein diesen Lebenswechsel treu zur Seite, und verstand es, ihm das Schwierige seiner Lage zu versüßen. Sie war den größten Theil dieser Zeit mit ihm in Spanien, machte aber dazwischen öfters längeren Aufenthalt mit den Kindern in Rentweinsdorf bei der Mutter. — Endlich zu Anfang 1800 bekam Minutoli die zwar ehrenvolle aber 589 schwierige Mission als außerordentlicher Gesandter nach Persien. Er brachte seine Familie nach Berlin zurück und trat im Februar seine große Reise an, die eine höchst interessante, aber für ihn und seine Familie eine höchst verhäuguißvolle wurde. Nach längerem Aufenthalt in der persischen Hauptstadt, wo er vom Kaiser auf jede Weise ausgezeichnet ward, machte er im Auftrag seiner Regierung im Spätherbste desselben Jahres eine Reise in den Süden Pörstens, um dort Handelsverbindungen mit Preußen anzuknüpfen. Er erkrankte auf dieser Reise und starb im November in der Nähe der Stadt Schiras. Auf dem armenischen Kirchhofe dieser Stadt wurde er begraben. In seiner Ehe waren ihm vier Kinder geboren worden, ein Sohn, der preußischer Officier ist, und drei Töchter, die mit der Mutter seitdem abwechselnd in Nentweinsdorf und Berlin, sowie in ganz letzter Zeit in Görlitz lebten. 11. Agnes, geboren am t!. September 1813, starb im Jahre darauf am 2. September 1814. 12. Bertha, Stiftsdame, geboren zu Nentweinsdorf den 6. August 1816, brachte ihre erste Kindheit im Vaterhause zu und zog sodann nach des Vaters Tode mit der Mutter nach Berlin, wo sie ihre Jugend verlebte und bis zum Jahre 1848 blieb. In diesem Jahre kehrte sie mit der Mutter nach Nentweinsdorf zurück, wo sie seitdem lebt. Sie widmete sich mit der treuesten Liebe der Pflege der theuern Mutter und lebte nur für sie. Auch nach deren Tode blieb sie im ehemaligen Amthause zu Nentweinsdorf, wo die Mutter gelebt hatte, wohnen, und hat nun ihre Sorge und Pflege den Armen und. Kranken in und um Nentweinsdorf zugewendet, und deshalb für letztere eine Stiftung zur Errichtung einer eigenen Krankenstube gemacht. Wie zu des Großvaters Zeiten dessen Schwester Dorette, zu Vaters Zeiten dessen Schwester Sophie, so ist nun Bertha die allgemein geliebte Familientante, die neben unseren Familienkreisen in den beiden Schlössern zu Nentweinsdorf und Eyrichshof einen freundlichen Mittelpunkt für die Familie bildet. 13. Ida, geboren den 3. Januar 1821 zu Nentweinsdorf, war bei des Vaters Tode erst fünf Jahre alt. Auch sie verlebte ihre Kindheit 3Z« 590 und Jugend mit der Mutter in Berlin. Mit dieser brachte sie den Winter von 1841 auf 1842 in Posen bei der Schwester Mathilde zu, wo sie am Ziervenfieber erkrankte und am 12. Januar 1842 starb. Nachdem ich nun in Vorstehendein die Kinder Sigmunds I. genannt habe, gehe ich zu dessen Enkeln und gleichzeitig zu dessen Urenkeln über. Wir sahen, daß Hermann III. der älteste Sohn Sigmunds neun Kinder hatte, und daß mir, seinem fünften Sohne sechs geboren worden waren, die ich nun hier noch anzuführen habe. Kinder und Enkel Hermanns III. Erstere sind: 1. Georg V., geboren zu Nentweinsdorf am 4. August 1831. Er brachte seine Kindheit theils im Vaterhause, theils bei den Aeltern seiner Mutter in Neuenhof und Lauterbach zu und kam 1845 auf das Gymnasium nach Meiningen. Nachdem er dieses absolvirt und als Bayer eine Absolutorialprüfnng am Gymnasium in Bayreuth bestanden hatte, bezog er die Universität Bonn, wo er sein Rechtsstudium begann und daneben in einer heiteren Studentenverbindung eine jugendlich - frische fröhliche Zeit verlebte. Nachdem er Bonn verlassen, setzte er seine Studien in Göttingen fort. Hier trat aber eine Unterbrechung in seinem Studium ein. Sein Großvater Riedesel, der keinen Sohn hatte, wünschte, daß einer seiner Enkel dereinst nach seinem Tode seine bei Eisenach gelegeneu Güter, die seine und seiner Frau Privatbesitzungen waren, übernehmen solle, und daß er diesen schon bald zu sich nach Neuenhof nehmen könne, um ihn mit den Gutsverwaltungsgeschäften vertraut zu machen. Da Georg unter den Enkeln der einzige bereits erwachsene war, bestimmte er ihn zu seinem Besitznachfolger, verlangte aber dabei, daß er möglichst bald zu ihm nach Neuenhof komme. Georgs Vater — so sehr er auch über diese Zukunft seines Sohnes erfreut war — beklagte es dennoch, daß dadurch die Studien seines Sohnes unterbrochen würden. Indessen gab er nach und wünschte nur, daß Georg vorher noch erst einige Zeit sich bei einem Verwaltungsbeamten praktische Geschäftskenntnisse aneigne. Georg kam deß- halb zu dem preußischen Laudrath von Grävenitz zu Hirschberg in 591 Schlesien, wo er einen überaus interessanten und lehrreichen Aufenthalt hatte, Bon da brachte er noch einen Winter in Berlin zu, wo er von Neuein Collegia hörte und zog sodann nach Neuenhof. Sein Zusammenleben mit dein Großvater war aber nur von kurzer Daner, denn schon in: Jahre 1854 starb derselbe. Neuenhof mit den Gütern Lauchröden und Salmannshausen (sämmtlichst bei Eisenach gelegen) wurden nun alleiniges Eigenthum seiner Wittwe, der Großmutter Georgs, und Letzterer verwaltete solche für die Großmutter, bis solche, um den Wunsch ihres verstorbenen Gemahls zu erfüllen, sie ihrem Enkel Georg übergab, der nun in dem jugendlichen Alter von 23 Jahren Besitzer dieser drei schönen und sehr einträglichen Güter wurde. Die Uebcrlassung dieser Güter war übrigens keine wirkliche Schenkung, sondern wurde in der Form eines Kaufes vollzogen, wornach Georg den — übrigens sehr geringen — Kaufschilling seiner Großmutter zu verzinsen hatte. Der Grund hiefür lag in dem Umstände, daß bei einer reinen Schenkung, Georgs Mutter, die das einzige Kind ihrer Aeltern war, von diesen väterlichen und mütterlichen Gütern nichts geerbt haben würde, so aber wurde bestimmt, daß die ausgemachte Kaufssumme, dereinst nach dem Tode der Frau von Riedesel in das Eigenthum ihrer Tochter Marline überzugehen habe und dieser von ihrem Sohne Georg fort- zuverzinsen sei, Georg widmete sich nun mit Eifer der Verwaltung dieser Güter, die ebenso durch ihre hübsche Lage an der Werra, wie durch ihre große Ertragsfähigkeit, zu der sie die treffliche Verwaltung des Landmarschalls von Riedesel gebracht hatte, einen schönen und sehr einträglichen Besitz bilden, der seitdem durch Waldzukauf noch vergrößert worden ist. Als mein Bruder den Winter von 1855 auf 1856 beim Landtag in München war, brachte Georg einige Zeit bei ihm daselbst zu, und wurde dort bayerischer Kammerjunker, worauf ihn der Großherzog von Weimar, mit dem er von Jugend auf befreundet war, und in dessen Land er nun lebte, gleichfalls zum Kammerjnnker ernannte. In neuerer Zeit erhob ihn Derselbe zu seinem Kammerherrn, auch wurde er gleichzeitig preußischer Johannitterritter. Im Sommer 1857 vermählte sich Georg mit Gräfin Marie von Bernstrvff aus Gartow im Königreich Hannover, deren Großmutter 592 seines Großvaters Niedesel Schwester war. Durch diese überaus glückliche Wahl erschloß sich ihm ein reiches Lebensglück, und wir Alle waren hoch erfreut, Marie in unserer Familie eintreten zu sehen. Gott der Herr hat bis jetzt diese glückliche Ehe reich gesegnet, da er dem lieben Paare bereits vier Söhne geschenkt hat. Georg wußte sich schnell das Vertrauen seiner Standesgenossen, der größeren Gutsbesitzer im Fürstenthum Eisenach zu erwerben, und wurde von solchen im Jahre 1863 zum Landtagsabgeordneten in Weimar erwählt, weshalb er bereits einer Landtagsvcrhandlung daselbst beiwohnte. Im klebrigen widmete er seine Zeit mit Eifer der Landwirth- schaft und Gutsverwaltung, und hat nun auch sein Hauptgut Neuenhof durch Erbauung eines stattlichen Schlosses verschönert, was eine Noth- wendigkeit war, da bisher nur ein für den Sommer bestimmtes kleines Landhaus daselbst stand, was denn auch Herr von Riedcsel nie im Winter bewohnte. Dieses neue Schloß wurde am 17. October 1864 eingeweiht. So hat nun unsere Familie, oder doch wenigstens ein Glied derselben, auch in Thüringen Güter erworben, und während unser Geschlecht bisher nur hier in Franken begütert war, wird fortan ein Zweig desselben auch jenseits des Thüringerwaldes leben, ohne indessen dadurch von unserem gemeinschaftlichen Hauptbesitz dahier getrennt zu werden. Des kürzeren Zusammenhangs halber führe ich hier sogleich Georgs Kinder an, sie sind: u) Hermann VI., geboren am 28. April 1858, b) Friedrich II., geboren am 16. Januar 1860, e) Bechtold, geboren am 12. März 1862, und ck) Georg VI., geboren am 25. Januar 1864. Ich kehre nun zu den weiteren Kindern Hermanns III. zurück; sie sind: 2. Caroline, geboren zu Reutweinsdorf am 5. Januar 1833, wo sie eine glückliche Kindheit und Jugend verlebte, die jedoch öfters von körperlichen Leiden getrübt war. Im Frühjahre 1853 vermählte sie sich mit Walther von Eichel ans Mittelshof bei Eisenach, dessen 593 Mutter (geborne von Egloffstein) unsere Cousine ist, und wohnt von da an zu Eisenach und Mittelshof. Ihr ist ein schönes eheliches Glück an der Seite eines trefflichen Gatten, nnd als Mutter von jetzt noch lebenden vier Kindern geworden, aber der Herr hat ihr-eine schwere harte Prüfung auferlegt. Ihr schon als Mädchen häufig hervorgetretenes Leiden hat seit ihrer Verheirathung so zugenommen, daß die arme junge Frau jetzt fast immer leidend ist. Aber sie kann als schönes Vorbild allen Denen dienen, denen der Herr Leiden sendet, denn sie erträgt dieselben mit innigster Ergebung und selbst mit Heiterkeit der Seele, dankbar für jede gute Stunde, die ihr Gott sendet. 3. Julius II., geboren zu Rentweinsdorf am 27. April 1835, brachte, wie seine Geschwister, seine Kindheit im Vaterhause zu, und kam sodann auf die Realschule nach Meiningen. Als er zum Jüngling herangewachsen war, sollte er in's östreichische Militär eintreten, weshalb sein Vater bereits die nöthigen Schritte gethan hatte. Da er aber damals keine feste Gesundheit zu haben schien, wurde dieser Plan wieder aufgegeben und Julius zum Landwirth bestimmt. Nachdem er deshalb einige Zeit bei einem Oecvnomen in der Nähe Berlins, und dann auf einer landwirthschaftlichen Erziehungsanstalt im Hannöverischen zugebracht, kam er zu seiner weiteren Ausbildung 1858 zu unserem Freunde Grafen Butler in Haimhausen bei München, wo er längere Zeit blieb. Unterdessen war sein Vater gestorben, und dessen vier Söhne hatten die meinem Bruder nach unserer Theilung zugefallenen vier Oeconomiegüter gemeinschaftlich fortgeführt. Julius, der nun, nachdem er seine Lehrzeit bei Graf Butler vollendet hatte, den Wunsch hegte, ein Oeconomiegut allein zu bewirthschaften, pachtete seinen Brüdern das Oeconomiegut Hebendorf ab, und bewirthschaftete es von Rentweinsdorf aus, wo er wohnte, bis im Frühjahre 1863, beim Jnsleben- treten unseres neuen Familienverwaltungsstatuts jene vier Oeconomiegüter, wozu Hebendors gehört, seinem Bruder Gottfried als ersten Verwaltungs-Majorathsherrn der Nentweinsdorfer Linie zufielen. Von da an gab er jenen Pacht auf, und pachtete dagegen von unserer Gemeinschaft unser Gut Ebelsbach, weshalb er in unser dortiges Schloß, was über hundert Jahre von keinem Gliede unserer Familie bewohnt gewesen war, zog, wo er zur Zeit noch wohnt. 594 4. Luise, geboren zu Nentweinsdorf am 7. Januar 1837, vermählte sich am 30. Dezember 1856 mit Adolph von Harnier auf Echzell in der Wetterau, wo sie au der Seite eines edlen und geistreichen Gatten, umringt von einer bereits zahlreichen Töchterschaar, ein gluckliches Leben führt- 5. Gottfried IV., geboren am 8. Juli 1838, brachte seine Kindheit in Nentweinsdorf zu, und kam sodann auf die Schule nach Meiningen. Zum Jüngling herangereift, erwählte er den Militärstand als Beruf, weshalb ihn sein Vater erst in das Cadettencvrps in Dresden zur Vorbildung gab, und ihn sodann in's zweite bayerische Chevanx- lcgers-Regiment in Ansbach that, wo er einige Jahre als Cadett blieb, und hierauf Junker im ersten Chevauxlegers-Regiment in Nürnberg, und später im sechsten zu Bamberg wurde, in welch' letzterem Regiment er hierauf zum Lieutenant avancirte. — Obgleich übrigens Gottfried Freude am militärischen Leben hatte, entstand dennoch in ihm eine vorwiegende Neigung zu den Beschäftigungen als Gutsbesitzer, und da er sich Hoffnung machte, bei der nach dem neuen Familienverwaltungsstatut stattfindenden Wahl des ersten Verwaltungsmajoratsherrn für Nentweinsdorf von seinen Brüdern hierzu gewählt zu werden, bemühte er sich, die hiefür nöthige Ausbildung zu erlangen. Er nahm Urlaub und ging nach Berlin, um juristische und staatswirthschaftliche Collegia zu hören, und als er später erkannte, daß sich eine gründlichere Ausbildung in den verschiedenen für einen größeren Gutsbesitzer nöthigen Fächern mit - dem Verbleiben im Militärdienste nicht vereinen lasse, nahm er seinen Abschied, wurde aber seiner gestellten Bitte entsprechend zum Lieutenant ü In Luits ernannt. — Nunmehr ging er zu seinem Schwager Harnier in der Wetterau, um theils bei ihm, der in den für die Landwirthschaft nöthigen Fächern gründlich unterrichtet ist, die nöthige Anleitung zum Studium zu erlangen, theils und hauptsächlich Ilm bei einein in Echzell wohnenden Fachmann Unterricht in der Theorie der Landwirthschaft, sowie insbesondere in der Chemie und in den die Landwirthschaft unterstützenden naturwissenschaftlichen Fächern zu erhalten. Auch besuchte er hierauf noch auf kurze Zeit die Universität Gießen, um einzelne für sein spezielles Studium nöthige Collegia zu hören. Im Herbste 1862 fand die oben berührte Wahl des ersten Ver- waltuugsmajoratSherrn von Nentweinsdorf statt, und Gottsrieds Brüder 595 erwählten ihn hiefür. — Da das Verwaltnngsstatut erst ain 1. März 1863 in's Leben trat, benützte Gottfried den Herbst und Winter noch zur Erlangung einiger praktischer Verwaltungskenntnisse, und arbeitete deßhalb bei dein bayerischen Bezirksamte Karlstadt. — Zu Anfang März bezog er hierauf das väterliche Schloß Reniweinsdorf und übernahm die ihm als Verwaltungs-Majoratsherrn, der ausschließlichen Nutznießung und Revenue nach zugetheiltcn vier Oekonomiegüter Nent- weinsdorf, Sendelbach, Hebendorf und Eichelberg, sammt der Hälfte des Wiesengntes Lahm. Er widmet sich nun mit Eifer der Land- wirthschaft. Das Frühjahr 1864 war für sein inneres Lebensglück eine entscheidende Zeit, er verlobte sich da niit Julie, der zweiten Tochter des Bezirksgerichts - Direktors Freiherrn von Welser zu Nürnberg, ans dem berühmten schwäbischen Gcschlechte dieses Namens stammend, dem einst Philippine von Welser angehörte. Am 28. Juni desselben Jahres fand seine Vermählung zu Nürnberg statt, und noch am selben Tage hielt er mit seiner jungen Gattin seinen festlichen Einzug in Reniweinsdorf, der uns durch die herzliche Theilnahme der ganzen dortigen Bevölkerung daran einen erfreulichen Beweis gab, daß, wenn auch das Jahr 1848 rechtlich das innige Band zwischen der früheren Gutsherrschaft und den Grundhvlden gelöst hatte, letztere doch noch immer ihre alte Anhänglichkeit an unsere Familie bewahrt hatten. Der Herr gebe, daß dies auch ferner ungestört so bleibe! 6. Friedrich I., der vierte Sohn Hermanns III., wurde zu Reniweinsdorf am 16. März 1340 geboren. Er war ein talentvoller, frischer und fröhlicher Knabe, der zu den schönsten Erwartungen berechtigte. Zu seiner gründlichen Ausbildung wurde er auf's Gymnasium nach Erlangen gebracht, wo er im Hause unseres vielbewährten Freundes, des Professors Schmidtlein, wohnte. Während er sich daselbst befand, eröffnete sich ihm eine schöne Lebensaussicht. Die Tante seiner Mutter, Gräfin Reden zu Buchwald in Schlesien, hatte der Letzteren in ihrem Testamente ihre schlesischen Güter mit der Bestimmung vermacht, daß solche dereinst nach der Mutter Tod als ein Majorat auf ihren Sohn Friedrich, der der Pathe der Gräfin Reden war, kommen sollten, wovon ich weiter unten in der Lebensgeschichte meines Bruders ausführlicher sprechen werde. Friedrich wurde nun, da hier- 596 nach seine dereinstige Bestimmung war, in Preußen zu leben, zu seiner weiteren Ausbildung auf die Ritteracademie in Liegnitz gebracht, von wo er, wegen der Nähe Buchwalds von Liegnitz, schon frühe mit seinem dereinstigen Güterbesitz und den dortigen Verhältnissen bekannt werden konnte. Aber der Herr hatte anders beschlossen. Als im Herbste 1855 in Liegnitz eine Nervenfieber-Epidemie ausbrach, wurde auch Friedrich von solcher befallen, und erlag ihr am 18. November desselben Jahres. Seine Leiche wurde erst in Liegnitz selbst beigesetzt und später nach Bnchwald gebracht, wo sie an der Seite seiner Großtante, die ihm ein so schönes Erdenloos zu verschaffen bemüht war, in einem im reizenden Parke zu Buchwald erbauten Grabgewölbe ruht, über das sich eine geweihte Kapelle erhebt. Gott der Herr hatte ihm schon frühe ein noch schöneres Erbe bestimmt, als die Menschen ihm hier auf Erden hätten bereiten können. Er starb in frommer Ergebung in den Willen seines Gottes und lebt dort oben bei seinem Heilande. 7. Hermann V., geboren zu Rentweinsdorf am 21. August 1841, kam zu gleicher Zeit wie sein obengenannter Bruder Friedrich auf die Schule nach Erlangen und in das Haus des Professor Schmidtlein daselbst, und setzte dann seine Gymnasialstudien im Hannöverischen sowie in Bayreuth und Hof fort, wo er im Herbste 1861 das Gymnasium absolvirte und hierauf die Universität Göttingen bezog, um sich dem Nechtsstudium zu widmen. Nachdem er dortselbst fast zwei Jahre verweilt, setzte er seine Studien auf der Universität Berlin fort, wo er jedoch im Frühjahre 1864 sich entschloß, den Militärstand als Beruf zu erwählen. Er verließ die Universität und trat in ein preußisches Gardedragoner-Regiment ein. Zugleich ließ er sich in Preußen natn- ralisiren, und gab deßhalb sein bayerisches Unterthanenverhältniß auf, wodurch jedoch an seinem Mitbesitz unserer Güter keinerlei Aenderung erfolgte. 8. Marie, geboren zu Neuenhof am 21. Juli 1843, brachte ihre Kindheit im Vaterhause zu, und lebt seit dem Tode ihres Vaters mit der Mutter abwechselnd zu Rentweinsdorf und Buchwald. — Ebenso auch 9. Hedwig, geboren zu Rentweinsdorf am 8. October 1847, die sich am 6. November 1864 mit dem preußischen Gardehanptmann Ernst von Grolman in Berlin verlobte. 597 Nachdem ich in Vorstehendem die Kinder nnd Enkel Hermanns III. aufgezählt habe, gehe ich nun Ich )n den Kindern des Julius I., also zu meinen eigenen über. Diese sind: 1. Sophie, geboren zu München am 15. September 1834. Da mein Leben im Staatsdienste, wie ich schon oben zeigte, ein bewegtes war, so brachte Sophie ihre Kindheit an verschiedenen Orten zu. Ihre Jugend verlebte sie in Bayreuth, wo ich von Anfang des Jahres 1848 an als Negierungs-Director angestellt war. Von hier aus machte sie mit mir, meiner Frau nnd deren Schwester im Sommer 1851 eine sehr interessante Reise nach Paris nnd London, die für das kaum 17 jährige junge Mädchen natürlich vielen Reiz bot. In den Jahren 1855 und 1356 war sie auch meine Begleiterin auf zwei Badereisen an den Rhein und nach Gastein, wie sie auch vorher mit uns einen längeren Aufenthalt am Genfersee gemacht hatte. — Sie verlobte sich im Frühjahre 1856 mit Freiherrn Max von Künßberg auf Weinstein, der das seinem Vater nnd Onkeln dortselbst gehörige Oeconomiegut gepachtet hatte, und im Nebenschloß zu Wernstein wohnte. Die Vermählung fand am 17. September desselben Jahres in Eyrichshof statt, worauf sie mit ihrem Manne nach Wernstein zog, wo sie seitdem lebt. Ihr Leben an der Seite ihres trefflichen Gatten zeigt den Wechsel zwischen Glück und Unglück, den Gott der Herr der Mehrzahl aller Menschen hier auf Erden bereitet, um uns klar zu machen, daß unser wahres Vaterland nicht hier auf Erden sei. Mehrfaches Leiden, was Sophie und ihren Mann betraf, trübte ihr häusliches Glück, und von fünf lieben Kindern nahm Gott ein blühendes Mädchen schon frühe wieder zu sich. 2. Hermann IV., geboren zu München am 11. Januar 1836, brachte, wie seine Schwester, seine Kindheit mit den Aeltern in verschiedenen Städten zu, und genoß seinen Unterricht erst durch Hofmeister, dann auf den Schulen zu Ansbach und Bayreuth. Da er von jeher große Neigung zum Soldatenstand bezeigte, that ich ihn im Herbste 1851 zu seiner militärischen Ausbildung in's Cadettencorps in 598 München, wo er bis zum Juli 1856 blieb, und da als Lieutenant in's zweite Chevauxlegers-Regiment in Ansbach eintrat. Seitdem ist er in dieser Stadt, und dazwischen während drei Jahren in verschiedenen Städten der Pfalz in Garnison geblieben, und 1864 zum Oberlieutenant im selben Regiments avaneirt, 3. Sigmund II., geboren den 21. August 1837 zu Bayreuth, wo ich damals Regiernngs-Assessor war. Wie sein Bruder Hermann, erhielt er seinen ersten Unterricht durch Hofmeister, dann auf den Schulen zu Ansbach und Bayreuth, und kam 1852 in eine Erziehungsanstalt — Salon genannt — bei Lndwigsburg in Würtenberg, und als diese zeitweise aufgelöst ward, auf das Gymnasium nach Schwein- surt. Wegen seiner besonderen Borliebe für das landwirthschaftliche Studiuni brachte ich ihn im Sommer 1356 vorerst zu praktischen Land- wirthen, und zwar zuerst zu seinem zukünftigen Schwager Max von Künßberg nach Wernstein, und sodann zu einem Gutsbesitzer Berger in Aujezd bei Prag, wo er bis zum Herbste 1858 blieb, und hierauf die landwirthschaftliche Academie Proskau in Oberschlesien bezog, auf der er 1'/- Jahre landwirthschaftliche und naturwissenschaftliche Studien machte. — Von da sollte er im Frühjahre 1859 die Universität beziehen, um sich die für einen Gutsbesitzer nöthigen juristischen und cammeralistischen Kenntnisse zu erwerben, allein die damaligen Aussichten eines Krieges mit Frankreich riefen ihn zum Eintritt in's Militär. Er trat, noch bevor ihn die Conscription zwangsweise zum Eintritt genöthigt hätte, freiwillig in das erste bayerische Infanterie- Regiment zu München, und wurde schon fünf Wochen darauf Lieutenant im Infanterie-Leibregiment. Als im Frühjahre 1860 die Kriegsaussichten verschwunden waren, sollte nun sein nur verschobenes Univer- sitätsstudinm beginnen. Um jedoch für den möglichen Fall eines späteren Krieges die bereits erlangte Officierstelle nicht wieder zu verlieren, nahm er nur Urlaub und stndirte zwei Jahre auf den Universitäten München und Göttingen, worauf er noch ein drittes Jahr Urlaub nahm, um bei meinein Freunde, den Neichsrath Freiherrn von Thüngen, praktische Kenntnisse in der Forstwirthschaft zu erlangen, und sich zugleich auch in der Landwirthschaft noch weitere Kenntnisse zu verschaffen. Zur vollständigeil Ausbildung als Gutsbesitzer gehörte 599 noch Praxis bei einem Verwaltungsamte, da es aber nicht wohl möglich war, noch einen weiteren militärischen Urlaub zu erlangen, nahm Sigmund im Frühjahre 186.'; seinen Abschied, und wurde seiner Bitte gemäß Lieutenant n In Luits. Er trat nun bei dem Bezirksamte Aschaffenburg in Praxis, wo er bis zum Februar 1864 blieb. Da seine Lehrzeit hiemit beendet war und Sigmund das Verlangen nach selbstständiger Thätigkeit hatte, trat er zur angegebenen Zeit in den Pacht unserer beiden Güter Großfaarhof und Wttstenbirkach, den ich mit unserer Gemeinschaft eingegangen hatte, ein. Er wohnt seitdem bei mir in Eyrichshos, und verwaltet beide Güter von da aus. 4. Panline, geboren zu Kissingen am 4. Augnst 1840, brachte den größeren Theil ihrer Kindheit und einen Theil ihrer Jugend mit uns in Bayreuth, und den übrigen Theil derselben in Eyrichshos zu. Im Jahre 1854 reiste sie niit uns zu längerem Aufenthalt in die französische Schweiz, 1857 mit mir nach Schlesien, 1859 begleitete sie mich nach Gastein, brachte mit uns den Winter von 1860 auf 1861 in München zu, reiste mit uns im Sommer 1861 in ein belgisches Seebad, und im Sommer 1862 mit ihrer Mutter und Tante nach Lausanne. — Im Herbste desselben Jahres verlobte sie sich mit Eduard von Saugy auf Vinzel bei Genf, und am 16. Februar 1863 wurde ihre Vermählung zu Eyrichshos gefeiert. Sie zog mit ihrem Gatten nach Lyon, wo er vorübergehend mit einem Onkel und dessen Söhnen ein großes industrielles.Unternehmen leitet, und wird wohl in Zukunft mit ihrem Gatten in dessen Heimathland, der Schweiz, leben. Gott der Herr hat ihr an der Seite ihres in jeder Beziehung vorzüglichen Gatten, und in Mitte dessen trefflicher Familie ein schönes hoffnungsvolles Lebensglück bereitet. 5. Wolfram VI., geboren zu Ansbach am 20. April 1845, zog wenige Jahre nach seiner Geburt mit uns nach Bayreuth, als ich Regierungs - Director daselbst wurde. — Dort erhielt er seinen ersten Unterricht durch einen Hofmeister, und kam sodann auf das dortige Gymnasium, das er schon im Herbste 1862 absolvirte, worauf er auf die Universität Würzburg, dann 1863 auf die zu Leipzig, und im Herbst 1864 nach Berlin ging, um Rechtswissenschaft zu studiren. Er ist bestimmt, sich dem Staatsdienste zu widmen, und wird bei seinen 600 Fähigkeiten und Talenten hoffentlich für den Staat und unsere Familie Tüchtiges leisten. 6. Ludwig VIII., geboren zu Bayreuth am 2. April 1850, brachte einen Theil seiner Kindheit in dieser Stadt, und sodann einige Jahre mit uns in Eyrichshof zu, worauf er zugleich mit meinem Pflege- söhn Julius von Egloffstein im Herbste 1861 auf die Schule zu Bayreuth kani, auf der sich Beide noch befinden. Hiermit habe ich nun sämmtliche Nachkommen Sigmunds I. aufgeführt, und es erübriget nur noch das Leben meines theueren Bruders Hermann, den ich oben nur genannt, seiner Bedeutendheit halber aber ein eigenes Kapitel zu widmen verheißen habe, hier ausführlicher darzustellen, was einen schönen und würdigen Schluß der Lebensskizzen unserer Familienglieder bilden wird. t i ä ! «K 5 Einunddreißigstes Kapitel. Sigmunds I. Nachkommen (Schluß). Hermann III. Hermann III. Ernst, der älteste Sohn Sigmunds I., ist unbestritten einer der bedeutendsten und hervorragendsten Männer unseres Geschlechtes seit dessen Bestehen, der durch Geist, Herz und Charakter, wie durch seine Leistungen in und außer der Familie zugleich zu den bedeutenderen Männern unseres Landes gehörte. Es wäre meinem, in der innigsten, nie gestörten Liebe mit ihm verbundenen Herzen Bedürfnis das reiche Leben dieses meines von Gott hochbeglückten Bruders in recht umfassender Ausführlichkeit darzustellen, allein sein Leben steht in so innigen Zusammenhange mit der noch lebenden Generation, und kann darum, ohne auch über viele Derselben sich eingehend zu äußern, nicht in voller erschöpfender Ausführlichkeit dargestellt werden, weshalb ich keine ganz vollständige Lebensgeschichte von ihm entwerfen kann. Wenn dieselbe aber gleichwohl einen größeren Umfang erhält, als die Lebensskizzen der vorausgegangenen Familienglieder, so möge man dies einerseits dem Drange meines Herzens, und andcrntheils dem Umstände zurechnen, daß ich selbst die Hauptereignisse seines Lebens mit 002 durchlebt, und darum hier mehr Stoff, als bei jeder anderen Lebensskizze dieser Familiengeschichte habe. Namentlich besitze ich unsere überaus reiche, fast ganz vollständige Correspvndenz, von unserer Jugendzeit an bis zu seinem Tode, die — die Zeit, die wir zusammen zubrachten, ausgenommen — unser beider Leben fast vollständig enthält. Hermann wurde zu Nentweinsdorf am 19. März 1800 geboren. Seine Geburt war ein hoher Freudentag nicht nur im Vaterhause, wo mau sich schon längst einen Sohn gewünscht hatte, sondern bei allen Unterthaneu unserer Familie, und es war dieß um so natürlicher, als auf meines Vaters männlicher Nachkommenschaft allein nur das Fortbestehen unserer, der älteren Linie, beruhte. — Wie mein Vater die Geburt seines ersten Sohnes, und später dessen Tause festlich beging, und in seiner Freude selbst einem neu zu bildenden Hof den Namen Hermannshof gab, und den Wunsch aussprach, daß in Zukunft jedes männliche Glied unserer Linie den Beinamen Hermann haben möge, habe ich schon oben erzählt. Ebenso, daß die Schulzen aller unserer Ortschaften bei der Taufe Pathen waren und mit in das Kirchenbuch eingetragen wurden. In den ersten Lebensjahren hatte Hermann mehrmals schwere Krankheiten durchzumachen und schwebte öfters in Todesgefahr, so insbesondere im Mai 1804. Später kräftigte sich aber sein Körper so, daß er sich mit wenigen Unterbrechungen seine ganze Kindheit und Jugend über der festesten Gesundheit zu erfreuen hatte und ein überaus kräftiger Knabe und Jüngling wurde. In diesem kräftigen Knabenkörper zeigte sich schon frühe eine ebenso kräftige und gesunde Seele, die zu den schönsten Erwartungen Hoffnung gab. Ein fester bestimmter und durch und durch edler Charakter, der jedem Unwahren und Schlechten entschieden Feind war, trat schon in dem Knaben mit Bestimmtheit hervor und blieb der Grundzug von Hermanns Wesen durchs ganze Leben. Mein Vater erkannte bald, daß für diese kräftige Knabennatur eine männliche Leitung nöthig sei, und nahm darum schon im Mai 1805 einen jungen Erzieher, den schon bei meinem Vater genannten Pfarrerssohn Weinmann aus Schottenstein für einige Zeit in's Haus, der den fünfjährigen Knaben zu beaufsichtigen und bald darauf zu 603 unterrichten hatte, und dessen Einfluß ein so wohlthätiger war, daß ihn mein Vater später, als Weinmann seine Universitätsstudien als Theologe vollendet hatte, förmlich als Hofmeister wieder in's Haus nahm. In dieses früheste Knabenalter Hermanns fällt die Reise der Familie nach Weimar im Herbste 1805 und der im April 1806 erfolgte Tod der theueren Mutter daselbst, wovon ich bereits oben bei meinem Vater ausführlich gesprochen habe. So ward Hermann noch in seinem zartesten Kindesalter der treuen Mutter beraubt, die er kaum gekannt hatte, die aber mit der innigsten Liebe an ihm hing. — Im Herbste desselben Jahres bezog der junge Erzieher Weinmaun die Universität, und da mein Vater ihn, wie gesagt, nach vollendeten Universitätsjahren wieder als Hofmeister in's Haus nehmen, und deshalb für die Zwischenzeit keinen anderen Erzieher aufstellen wollte, zog er es vor, den sechsjährigen Hermann zu einem benachbarten Geistlichen, dem mit ihm sehr befreundeten Pfarrer Wohlfart in Heilgersdorf für diese Zeit zu bringen. Dieser Aufenthalt in dem einfachen Pfarrhause, und unter der Leitung des trefflichen Geistlichen, war für Hermanns Entwickelnng äußerst förderlich. Er kräftigte Seele und Körper des Knaben, und legte mit den Grund zu jener gesunden Geistesfrische, die ihm durchs ganze Leben in den verschiedenen Lagen, in welche ihn solches brachte, unverändert blieb. — Dieser Aufenthalt zu Heilgersdorf dauerte drei Jahre, denn da im Herbste 1809 der junge Weinmann die Universität absol- virte und nun nach Rentweinsdorf zurückkehrte, nahm der Vater auch Hermann zu sich zurück, und er blieb nun daheim unter der Aufsicht und in dem Unterrichte Weinmanns bis zum Herbste 1814. Der Einfluß dieses Letzteren auf den Knaben war ein vorzüglicher, recht geeignet, neben der vortrefflichen väterlichen Erziehung die gesunden Kenne Hermanns auf das Erfreulichste zu entwickeln. — Bald nach Hermanns Rückkunft in's Vaterhaus — Juli 1810 — erfolgte die Wiederverehe- lichung meines Vaters, und die neue vortreffliche Mutter wirkte nun gemeinsam mit Vater und Hofmeister für die Fortentwickelung des hoffnungsvollen Knabens. In diesem Alter zeigte es sich schon deutlich, daß er dereiust ein Mann im wahren edlen Sinne des Wortes werden würde, denn ein bei einem Knaben dieses Alters seltener fester Wille und Charakter, stets gestützt auf strenge Wahrheitsliebe und volle Offenheit 604 waren der Grundzug seines Wesens. Sein fester Wille zeigte sich schon jetzt, und sein höchster Genuß war es, Schwierigkeiten zu bekämpfen und Hindernisse zu besiegen. Dies trat ganz vorzüglich in seinem Lernen hervor, was ihm schwer wurde, besonders da er von Natur kein gutes Gedächtniß besaß. Diese Schwierigkeiten zu besiegen war ihm wahrer Genuß, und je größer ihm jene wurden, um so fester suchte er das Ziel zu erreichen. Ebenso war er ein erklärter Feind jeder körperlichen Verweichlichung. Wo ein Unternehmen, selbst in den kindlichen Spielen Mühe und Anstrengung, ja selbst körperliche Beschwerden erforderte, da war er stets dazu bereit und selbst körperliche Schmerzen zu überwinden, gewährte ihm eine wahre innere Befriedigung. War aber gar mit einem Unternehmen Gefahr verbunden, dann war er sicher der Erste, der es ausführte. So rettete er mir einmal, als ich, ein noch ziemlich kleiner Knabe, beim Baden in ein tiefes Loch gerieth, durch seinen Muth und seine schnelle Entschlossenheit, mit der er ohne weiteres Bedenken in das tiefe Wasser sprang, und mich herauszog, das Leben. Eine schöne und heitere Kindheit ward Hermann im Aelternhause zu Theil, wo ihm von Allen die innigste Liebe ward. Mir, den um fünf Jahre jüngeren Bruder war er schon in jener frühesten Zeit in innigster Liebe zugethan, und wenn uns auch die Verschiedenheit des Alters im Lernen und Spielen nicht zusammenführte, doch hing ich schon damals mit wahrer Zärtlichkeit an ihm, die durchs ganze Leben blieb. — Zwischen uns beiden im Alter standen um jene Zeit zwei Vettern Egloffstein aus Eisenach, die mit uns erzogen wurden, und Beide bildeten ihrem Alter nach gleichsam die Vermittelung in den kindlichen Spielen und Beschäftigungen zwischen uns Brüdern. Was sich ganz besonders in das kindliche Gemüth Hermanns ini Vaterhause tief einprägte, war der patriotische deutsche Geist, der dasselbe durchwehte. Ich habe von des Vaters hoher Liebe zu unserem deutschen Vaterlande oben vielfach gesprochen und muß hier wiederholen — er war unter Deutschlands ächten Patrioten der deutsch- gesinnteste, der begeistertste, und meine treffliche Mutter harmonirte ganz mit ihn: in diesen Gefühlen. — Diese Gefühle drangen tief in das für alles Edele reich empfängliche Herz Hermanns ein, und als « » » » 60S nun 1813 Deutschlands Erhebung erfolgte und Sieg auf Sieg über unseren langjährigen Unterdrücker erfochten wurde, da jubelte auch der erst dreizehnjährige Knabe dieser neuen schönen Morgenröthe entgegen, und es durchdrang schon den Knaben eine so hohe Begeisterung für das Vaterland, daß sie ihm stets unverändert blieb und sich in allen seinen späteren Lebensstellungen im öffentlichen, wie im Privatleben hellleuchtend in edelster, thatkräftigster Weise kundgab. Im Herbste 1814 erkannte mau, daß nun der Zeitpunkt gekommen sei, wo der Privatunterricht für Hermann nicht mehr genügend sei, und es ward für ihn das Gymnasium zu Gotha erwählt, wo er sofort eintrat. Er ward dort in die Familie eines wackeren Professors gebracht, der auf die Fortentwickelung Hermanns höchst vortheilhaft einwirkte. Hier lebte er mit einem Schulgenossen Fromann zusammen, einein sehr vorzüglichen und strebsamen Jüngling, mit dem er sich eng befreundete, welches Freundschaftsverhältniß durchs Leben blieb, wie dieß fast bei allen seinen in der Jugend geschlossenen engeren Freundschaftsverhältnissen der Fall war. — Fromann ist der noch lebende sehr ausgezeichnete und allgemein geachtete Buchhändler zu Jena. Schnell reifte nun Hermann zum Jüngling heran, und schon mit fünfzehn Jahren war er an Geist und Körper so entwickelt, wie Andere in viel vorgerückterem Alter. — Die Begeisterung für das Vaterland, die er schon vom Vaterhanse mitgebracht, fand im Hause des Professors und unter der Jugend Gotha's neue Nahrung, und als im Frühjahre 1815 nach Napoleons Rückkehr nach Frankreich der neue Krieg begann, wollte Hermann in seiner hohen Begeisterung an solchem Theil nehmen, und wandte sich dieserhalb an den Vater, um dessen Zustimmung zu erlangen. Ich habe schon oben bei Letzterem erzählt, welchen innern Kampf dieser deshalb zu bestehen hatte. Die Begeisterung des Sohnes erfreute zwar das Vaterherz sehr, aber dennoch konnte er den Wunsch nicht erfüllen, theils wegen des noch zu jugendlichen Alters Hermanns, theils auch weil er bei der Uebermacht der Allirten gegen Napoleon eine Theilnahme des Volkes an dem neuen Kampfe, gleichwie 1813, nicht mehr für so nöthig hielt, nur deshalb einen erst fünfzehnjährigen Jüngling aus seinen Studien zu reißen und den Gefahren des Krieges 60K auszusetzen. — Die abschlägige Antwort schmerzte Hermann tief, doch fügte er sich willig in des Vaters Ausspruch und setzte seine Studien am Gymnasium zu Gotha eifrigst fort. Der Aufenthalt dortselbst war zwar für Hermann sehr bildend und fördernd, bot aber für den schon so frühe herangereiften Jüngling manche Gefahr, indem er bereits in die geselligen Kreise der Erwachsenen gezogen wurde, wo man ihn schon als jungen Herrn, und nicht mehr als Schüler behandelte. Dieß ließ es meinen Vater als wttnschenS- werth erscheinen, ihn von Gotha wieder zu entfernen. Als nun im Herbste 181 (> meine Schwester Hedwig heirathete und nach Berlin zog, und auch mein Großvater Grolman dortselbst sich freundlich erbot, Hermann zu sich in's Haus zu nehmen, bestimmte dieß meinen Vater, seinen Sohn auf ein dortiges Gymnasium zu bringen, und es wurde das Joachimsthal'sche daselbst gewählt, das er im selben Herbste bezog. Hier begann nun für den ganz zum Jüngling herangereiften Hermann eine schöne sehr anregende Zeit. Die Freiheitskriege hatten namentlich in der preußischen Hauptstadt eine hohe patriotische Begeisterung, besonders auch unter der Jugend erweckt, und Männer wie Jahn, Eiselen und Andere hatten sich dieser Begeisterung bemächtigt, um vor Allem die Jugend in edlen patriotischen Gefühlen heranzubilden. Man hatte erkannt, daß mit der Befreiung des Vaterlandes vom fremden Joche die hohe Aufgabe, die dem deutschen Volke nach der langen tiefen Erniedrigung geworden, nur erst zur Hälfte erfüllt sei, daß jetzt dem großen deutschen Vaterlande wieder eine neue feste und kräftige Gestaltung in wahrer Einigung werden müßte; daß aber, um dieß zweck' entsprechend erreichen zu können, ein neuer Geist im Volke selbst herangebildet werden müsse, und daß man deshalb vor Allem mit der Jugend zu beginnen habe. In ihr müsse man eine gesunde Frische an Geist und Körper vorerst erziehen, damit die Vaterlandsliebe und die Begeisterung für solche einen guten Boden gewinne. So sammelten denn jene patriotischen Männer die reifere Jugend auf den gelehrten Schulen und Universitäten um sich, um durch Wort und Lehre auf sie zu wirken, und Jahn schuf dazu die Turnplätze, wo vor Allein der Körper gekräftiget werden solle, auf daß im gesunden Körper die Seele gesunde. Neben körperlichen Hebungen wurde hier die Jugend zu W7 patriotischen Gefühleil herangezogen, jeder Entsittlichung kräftigst entgegengearbeitet uild religiöses Gefühl in der Jugend geweckt und gefördert. Jil Berlin ward voll Jahn und Eiselen der erste große Turnplatz errichtet, und die Jugend strömte ihm schaarenweise zu. Dieß entsprach so ganz den Gefühlen Hermanns, daß er sofort der eifrigste Schüler Jahns wurde, dessen besondere Liebe er sich schnell erwarb. Nun begann ein frisches fröhliches Leben für ihn, ein Leben, das auf seine künftige Entwickelung mächtig einwirkte. Ein tiefer sittlicher Ernst, gepaart mit wahrer üchter Frömmigkeit, wurde der Grnndzng seines Charakters, mit dem heitere jugendliche Frische innig verbunden war. Hohe Vaterlandsliebe, feurige Begeisterung für alles Edle, ernstes Streben nach Bildung und Vervollkommnung loderten in seinem Innern, und der erst 17jährige Jüngling schloß sich bereits den Edleren der gereifteren Jugend an, und gewann deren hohe Liebe. Es war eine schöne herrliche Zeit, die Hermann in Berlin durchlebte, an die er sein ganzes Leben hindurch mit Begeisterung zurückdachte! Auch in religiöser Beziehung war solche von großem Einfluß für ihn. Am Joachimsthal'schen Gymnasium war, was bei der damaligen religiösen Richtung der Zeit noch eine Seltenheit war, ein der orthodoxen Glaubensrichtung angehörender Religionslehrer, dessen wenig angenehme Persönlichkeit auf Hermann zwar anfangs abstoßend wirkte, dessen positive Glaubenslehren aber doch bald in das empfängliche Gemüth desselben eindrangen, hier anfangs zwar vielfache innere Kämpfe und Widersprüche erzeugten, dann aber in ihm die Anfänge festeren positiven Glaubens legten, die später, als er mit Eifer in der heiligen Schrift forschte, in ihm zum wahren positiven Glaubensgrunde wurden, der ihm durch's ganze Leben blieb. Im Herbste 1818 verließ er das dortige Gymnasium, und bezog die Universität Erlangen. Hier fand er dasselbe frische Leben, was er in Berlin verlassen, dieselbe jugendliche Begeisterung, denselben sittlichen religiösen Ernst. — Die Burschenschaft, welche kurz zuvor auf vielen deutschen Universitäten gebildet worden war, und welche neben dem oben für die Turnerschaft angegebenen Zweck noch den weiteren hatte, der durch die Landsmannschaften auf den Universitäten 608 eingerissenen Rohheit und Sittenlosigkeit entgegen zn arbeiten, war zu Ende des Jahres 1817 auch in Erlangen gestiftet worden, und bestand daher hier in ihrer ersten jugendlichen Frische. In sie trat Hermann sofort ein, und zählte schon bald zu ihren geachtetsten, und trotz seiner Jugend zu ihren angesehensten Gliedern. Sein Wort hatte schon im ersten Jahre, wo der Student in der Regel noch ohne alles Ansehen ist, in den Berathungen der Verbindung volle Geltung, und da er sich schon bald als ausgezeichneter Fechter bewies, wurde er in den damals zwischen der Burschenschaft und den Landsmannschaften bestehenden fortgesetzten Streitigkeiten, die zu häufigen Zweikämpfen führten, viel und gerne benützt, um sich für seine Verbindung zu schlagen. So stand er denn oft, wie mau sich ausdrückte, auf der Mensur und da er immer Sieger blieb, war er bald ein gefürchteter Schläger. Hermann war freundlich und liebevoll gegen Alle, aber es war bei ihm von Jugend auf Grundsatz, sich nur an die Tüchtigsten und Hervorragendsten enge anzuschließen, welchem Grundsatze er durch's Leben getreu blieb. Dieß gab ihm schon auf der Universität sofort eine bevorzugte Stellung, und da sein liebenswürdiges offenes Wesen, seine schon auf seinem männlich schönen Aeußern eingeprägte edle und reine Seele die Herzen Aller schnell an sich fesselte, und ihm. bei Jedem, der ihn kennen lernte, hohe Achtung, und ich kann es sagen, wahrhaft begeisterte Liebe gewann, so wurde er bald einer der Angesehensten und Geachtetsten der Erlanger Burschenschaft, und stand selbst bei den Tüchtigeren in den feindlichen Studentenverbindungen in hohem Ansehen. Neben diesem frischen und heiteren Verbindungsleben lag Hermann auch schon in seinen ersten Universitätsjahren dem Studium eifrigst ob, und gehörte zu den fleißigeren Studenten, was auch damals in der Burschenschaft als Haupterforderniß galt, wenn man Ansehen und Achtung erwerben wollte. Unter den Jünglingen, die sich in Erlangen bald mit innigster Liebe ihm zuwandten, war auch der nachmals hochberühmte Dichter Graf Platen, der, man kann es sagen, eine wahrhaft schwärmerische Liebe für Hermann hatte. Er war um Vieles älter als der Letztere, «09 und beschäftigte sich scheu damals fast ausschließlich mit Poesie. Oft wenn mein Bruder Abeuds spät müde nach Hause kam, mußte er noch stundenlang die Dichtungen Platens, der mit ihn: in einem Hause wohnte, anhören und ihm sein Urtheil geben. Häufig waren die Gedichte ihm selbst gewidmet, und waren zärtlich, wie die eines Geliebten an seine Braut. So sehr auch Hermann über diese Liebe des jungen Dichters erfreut und geschmeichelt war, so hatte solche oft selbst etwas Belästigendes für ihn, und seinem gesunden Wesen widerstand das krankhafte Gefühl Platens; seine natürliche Freundlichkeit und sein liebevolles Wesen konnte ihn aber nie bewegen, dieß dem jnngen Dichter fühlen zu lassen. Unter den bedeutenderen Studirenden, mit denen sich Hermann hier noch befreundete, war der junge Stahl, ein Israelit«, der auf der Universität zum Christenthum übertrat. Hermann lernte ihn am Vorabend seiner Taufe kennen, und schon ihr erstes Gespräch, in dem sich Stahl's tiefer gläubiger Sinn, seine hohe geistige Bedeutsamkeit und sein durch und durch vorzüglicher Charakter kund gaben, und in dem wiederum Stahl Hermanns edle und liebenswürdige Vortrefflichkeit kennen lernte, verband beide junge Männer in inniger Freundschaft Der bildende Umgang mit Stahl wirkte überaus fördernd auf Hermann, und ihre Freundschaft dauerte durch's Leben fort. Stahl ist der nachmals hochberühmte Professor und preußische geheime Oberjustizrath, der eine so hohe Stellung in der preußischen ersten Kammer einnahm. Ich habe oben bei meinem Vater erzählt, welchen unangenehmen Vorfall Hermann im Frühjahre 1819 mit einem Officier in Bayreuth hatte, und wie dieser im Sommer 1820 selbst ein Pistolenduell zur Folge hatte. Um mich nicht der Wiederholung schuldig zu machen, übergehe ich dieß hier, und verweise auf die oben gegebene ausführliche Darstellung dieses für ihn und meinen Vater höchst unangenehmen Vorfalls, bei dem sich übrigens Hermann in jeder Beziehung so ehrenhaft und edel benahm, daß ihn in engeren und weiteren Kreisen volle Anerkennung dafür zu Theil ward. Mit dem Herbste 1819 begann Hermann in Erlangen sein Rechtsstudium, da er im ersten Studienjahr der damals bestehenden Vorschrift nach nur allgemeine s. g. philosophische Collegia gehört hatte. 610 Das Rechtsstudium, bei dem berühmten Rechtsgelehrteu Professar Glück begonnen, hatte sofort großen Reiz für ihn, und bewog ihn, da außer Glück damals keine weiteren hervorragenden juristischen Professoren in Erlangen waren, zu Ostern 1820 die Universität Berlin zu beziehen, wo er wiederum bei dem alten Großvater wohnte, und wo mir, der ich seit sechs Jahren von dem theuren Bruder getrennt war, und ihn nur zeitweise wiedergesehen hatte, das Glück wurde, ein ganzes Jahr mit ihm in einer Stube wohnend zu verleben, da ich damals auf dem Gymnasium zu Berlin war. Auch in Berlin trat Hermann in die daselbst bestehende Burschenschaft ein, und zählte auch hier bald zu ihren angesehensten und geach- testcn Gliedern. Seine Nechtsstudien setzte er hier vorzugsweise bei dem berühmten Professor von Savigny fort, in dessen Haus er auch viel kam, und dessen persönlicher, höchst anziehender Umgang sehr anregend auf ihn wirkte. — Neben dem Stndentenleben in der Burschenschaft bewegte sich Hermanns Leben in Berlin vorzugsweise in der zahlreichen Grolman'schen Familie und deren näheren Bekannten, wo er überall auf das Freundlichste aufgenommen wurde, und wo sein fester männlicher Charakter und seine liebenswürdige Freundlichkeit allgemein ansprach. — Auch hier wie in Erlangen gelang es ihm schnell, die Tüchtigeren unter den Studirenden an sich zu fesseln, und viele junge Leute, die er hier kennen lernte, blieben ihm Freunde durch's ganze Leben. Er konnte aber auch Allen ein Vorbild sein, da er sich ebenso durch sein religiöses sittliches Streben, durch seinen Fleiß, wie zugleich durch sein streng geordnetes Leben auszeichnete. Obgleich er ein hervorragendes Glied in der Studentenverbindung war, und auch das fröhliche Studentenleben gern mitmachte, war er doch hier, wie schon in Erlangen, stets in seinen Finanzen ganz geordnet, und der Grundzug seines Charakters, von dem ich schon oben bei dein Knaben sprach, daß es ihm Genuß und wahre Befriedigung war, alle Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten zu bekämpfen, zeigte sich auch in dieser Beziehung in seinem Studentenleben. Es war ihn: eine wahre innere Freude, ein wirkliches Bedürfniß, trotz aller Schwierigkeiten, und obgleich er gegen ärmere Studenten, die sich viel au ihn wandten, stets freigebig war, mit der Summe, die ihm auf der Universität ausgesetzt 611 war, und die bei den schlechten Finanzen des Vaters, von denen ich oben viel sprach, nicht beträchtlich war, jederzeit pünktlichst auszukommen, was ihm auch stets gelang. Wurde seine Kasse leer, dann wak es ihm eine wahre Freude, eine Zeit lang Entbehrungen aller Art zu leiden, und dieser Kampf gegen Widerwärtigkeiten war ihm anziehender als der Genuß mancher Lebensfreude. So traf es sich, daß er am Schlüsse seines Aufenthaltes in Berlin im Frühjahre 1821, nach Bezahlung aller seiner Rechnungen, nur noch acht Thaler hatte. Der Vater würde ihm zur Rückreise gewiß gerne eine besondere Summe gesandt haben, aber es hatte für ihn etwas Anziehendes, zu zeigeu, daß er mit dem, was man ihm für's Leben in Berlin gegeben hatte, auch noch zurückreisen könne, und so machte er sich zu Fuß auf den Weg, und legte den weiten Weg von Berlin nach Rentweinsdorf, mit dem Ränzchen auf dein Rücken, und mit den acht Thalern in der Tasche, zurück, und kam nach acht Tagen angestrengtesten Marsch zu Hause an. Er war, um mit dem wenigen Gelde auszukommen, in keiner Stadt übernachtet, und hatte oft in schlechten Dorfwirthshäusern Herberge gesucht, war aber fröhlich und heiteren Mnthes auf der ganzen Reise. Mit wahrer Freude und innerer Befriedigung zeigte er bei seiner Ankunft, daß er selbst noch etwas Geld in der Tasche hatte. — Ich habe diese Thatsache angeführt, da sie für seine männliche Willenskraft recht bezeichnend ist. Hermann ging nun — Frühjahr 1821 — auf die Universität Würzburg, um dort seine Studien zu vollenden. Hier arbeitete er viel und sehr angestrengt. Ich habe schon oben gesagt, daß ihm das Lernen schwer wurde, dieß war auch auf der Universität noch der Fall, aber eben deshalb verwandte er doppelten Eifer darauf. Um sein Gedächtnis; zu stärken, machte er sich von Allem Excerpten, die er stets bei sich trug, und im Sommer ging er schon in frühester Morgenstunde in's Freie, um diese Excerpten und Notizen auswendig zu lernen. Es bot sich ihn; aber jetzt eine neue Schwierigkeit dar. Schon in Berlin hatte er häufig an den Augen gelitten, und dieses Leiden trat in Würzburg öfter und heftiger hervor, und wurde oft so stark, daß er weder lesen noch schreiben konnte. Da rief er die Hülfe seiner Freunde an, deren er auch hier sofort viele und recht treue hatte, sie gingen mit ihn: die Collegia durch, und halfen ihm, wo seine Augen ihn hinderten, und er bekämpfte so nach Kräften alle Hindernisse. Mit ganz besonderer Liebe war er in Würzburg von dem schon oben bei meinem Vater genannten Occonomen Schlier aufgenommen worden, der wahrhaft väterliche Liebe für Hermann hatte, und ihn oft in der frühen Morgenstunde, wo Hermann seiner leidenden Augen wegen größere Spaziergänge machte, auf solchen begleitete. Da Schlier, wie ich schon anführte, ein sehr unterrichteter Landwirth war, so hatten diese Spaziergänge, auf denen derselbe meist docirte, für Hermann viel Belehrendes. Auch in Würzburg wurde Hermann wiederum eines der hervor- nagendsten Glieder der Burschenschaft, und wurde von der dortigen Verbindung im Sommer 182 t zu einem in Streitberg abgehaltenen allgemeinen deutschen Burschentag, bei dem die ganze Burschenschaft, d. h. alle ihre Verbindungen auf den verschiedenen deutschen Universitäten, vertreten waren, abgesandt. Damals hatten aber die deutschen Regierungen schon angefangen, die Burschenschaft für eine politisch-gefährliche Verbindung anzusehen und darum unter besondere Aichsicht zu stellen. — Als Verbindung selbst hatte sie durchaus keinen politischen Charakter, wenn man ihr Streben, die Jugend zur ächten Vaterlandsliebe zu erziehen, nicht daznrechnen will, wie man es leider that, aber es ist nicht zu läugnen, daß die in Deutschland entstandenen geheimen politischen Vereine, die auf eine Umgestaltung unseres Vaterlandes hinarbeiteten, bestrebt waren, die Burschenschaft zu ihren Zwecken zu benützen und darum sie zu einer politischen Verbindung umzugestalten. Mehrere hervorragende Glieder derselben waren auch bereits dafür gewonnen und waren in die geheimen Vereine eingetreten, und da man bei diesen, als die Untersuchungen gegen diese Vereine begannen — die s. g- Demagogenverfolgung — Korrespondenzen mit anderen Gliedern der Burschenschaft fand, und die mehrfach abgehaltenen s. g. Bnrschentage der Politik allerdings nicht fremd blieben, so glaubte man bald, daß die Burschenschaft selbst mit den Demagogenvereinen eins sei. — Hermann wirkte in der Burschenschaft stets auf's Eifrigste gegen jede politische Tendenz und bei dem obengenannten Burschentag in Streitberg, 613 wo solche offen zu Tage trat, sprach er vereint mit seinem Freunde Stahl, der sich auch als Abgesandter bei diesem Burschentage befand, mit vollster Entschiedenheit dagegen, und erreichte es auch, daß die Zwecke der dort anwesenden Glieder der geheimen politischen Vereine, die eine völlige Einverleibung der Burschenschaft in den Verein erstrebten, vereitelt wurden. — Ebenso wies er jedes Streben, ihn hinein zu ziehen, mit Entschiedenheit zurück. Solche Versuche wurden oft gemacht, da man sich bei seiner Bedeutendheit und dem hohen Ansehen, das er in der Burscheuschaft hatte, von seiner Theilnahme großen Gewinn versprach. Schon in Streitberg war dicß der Fall gewesen, und im Herbste 1821 kam selbst eines der eifrigsten Glieder jenes Vereins, Robert Wesselhöft, der später, um der Untersuchung zu entgehen, nach Amerika floh, zu ihm nach Rentweiusdorf, wo er die Ferien zubrachte, um ihn für die demokratischen Vereine zu gewinnen, und wandte Alles nur Erdenkliche dazu au, allein Hermann blieb fest und wieß jeden solchen Versuch zurück. — Diese Bestrebungen hervorragender Glieder des geheimen Bundes, wie viele Briefe, die bei ihnen gefunden wurden, und worinnen mein Bruder genannt war, hatten für ihn zu Anfang des Jahres 1822 die Unannehmlichkeit, daß auch gegen ihn eine Untersuchung eingeleitet wurde. Ich sprach schon oben bei meinem Vater davon und verweise darauf, wiederhole daher hier nur, daß sich in solcher bald die volle Unschuld meines Bruders herausstellte. Im Herbste 1822 endete die Studienzeit Hermanns. Nach glücklich bestandenein Examen kehrte er nach Rentweiusdorf zurück. — Gerne wäre er nun sofort in Praxis bei einem Gerichte getreten, da er der damals geringen Gütcrrevenüen wegen in den Staatsdienst treten wollte. Der sofortigen Ausführung seines Vorhabens stellte sich aber ein gewichtiges Hinderniß entgegen, nämlich sein noch immer fortdauerndes, ja noch vermehrtes Augenleiden. Das in letzter Zeit wegen des Examens eifriger wie je betriebene Studium hatte dieses Leiden sehr vergrößert, und die Aerzte Rethen zu einer längeren Kur unter der Leitung des damals besonders berühmten Augenarztes Himly in Göttingen. — So ging denn Hermann im Spätherbst dorthin und unterwarf sich dieser Kur, und um seine Zeit nicht zu verlieren, besuchte er dort im Wintersemester auf 1823 noch mehrere Collcgia. — Göttiugen war damals K14 die einzige deutsche Universität, wo keine Burschenschaft bestand, sein Wirken für solche konnte er daher dort nicht fortsetzen, auch war er ja nicht mehr Student. Er hatte dagegen bei mehreren hervorragenden Professoren daselbst Zutritt, wie bei dem Juristen Göschen, dem Naturforscher Blumenbach, dem Chemiker Strohmeier und Anderen, und namentlich war er im Hause des Erstgenannten ungemein freundlich empfangen. Daneben lebte er in einem höchst angenehmen Kreise jüngerer Leute, wie Karl von Melden, Eduard Schmidtlein und Anderen, mit denen er durchs Leben innig befreundet blieb. Diesem Kreise gesellte sich auch zeitweise der junge Graf Reissach aus Bayern bei, der damals in Göttingen Rechtswissenschaft studirte, später Theologe wurde und jetzt Cardinal in Rom ist. Von Göttingen aus besuchte Hermann unseren Onkel Lenthe, damals Oberamtmann zu Eggersen, wie die übrigen Lenthe'schen Verwandten im Königreiche Hanover. Mit dem Frühjahre 1823 endete die Augenknr, obgleich nur wenige Besserung eingetreten war. Professor Himly rieth deshalb, daß er die Augen noch sehr schonen müsse, daher noch eine Zeit lang die Gerichtspraxis nicht beginnen solle, vielmehr solle Hermann den Sommer dazu benützen, eine größere Fnßreise im Gebirge zu machen, was denn auch ausgeführt ward. In Begleitung seines Freundes Frommann, den ich oben als Hermanns Mitschüler in Gotha nannte, machte er eine viermonatliche Fußreise durch das Salzburger Land, Tyrol und die Schweiz, und kam merklich gestärkt und erfrischt zu Anfang des Herbstes nach RentweiuSdorf zurück. — Hier fand er aber den armen Vater recht leidend. Zu dessen schon längerem Unterleibsleideu und der qualvollen Hypochondrie, die Folge davon war, hatte sich, wie ich dies schon oben im 27. Kapitel erzählt habe, ein schweres Augenleiden gesellt und mau fürchtete Erblindung. Da wurde beschlossen, den berühmten Augenarzt vr. Walther in Bonn zu consultiren, und da dieser nicht nach Nentweinsdorf kommen konnte, entschloß sich mein Vater, trotz seines leidenden Zustandes, nach Bonn zu reisen, wohin ihn meine Mutter und mein Bruder Hermann begleiteten. Es war eine beschwerliche Reise, die von Mainz bis Bonn auf einem gewöhnlichen Rheinschiffe gemacht wurde, da die Dampfkraft damals noch nicht bekannt war. 615 Von der Reise zurückgekehrt, zögerte nun Hermann nicht länger, seine Vorbercitungspraxis zum Staatsdienste zu beginnen, und da er es für seine Zukunft sehr vortheilhaft hielt, sich sofort dem Könige und den einflußreichsten Staatsmännern unseres Landes bekannt zu machen, ging er nach München und trat dort bei dem Landgerichte München in Praxis. Diese Geschäfte hatten bald großen Reiz für ihn und diese Zeit der landgerichtlichen Praxis, obgleich sie nicht lange dauerte, hatte ans seine geschäftliche Ausbildung großen und sehr vor- theilhaften Einfluß. — Daneben ließ er sich in den Hofcirkel Münchens einführen und wurde überall mit großer Freundlichkeit empfangen. — Besonders war dies der Fall im Hause des Finanzministers Freiherrn von Lerchenfeld, wo er mit vorzngsweiser Herzlichkeit aufgenommen ward und sich bald mit dein Sohne sehr befreundete, mit dem er später in seiner Wirksamkeit in der bayerischeil Kammer in nähereil Verkehr kam. Ein ganz neues Leben begann nun für ihn, und ein großer Theil seiner Freunde konnte es nicht fassen, wie der noch vor Kurzem eifrige Bursche sich nun in den Cirkeln des Hofes bewegen könne, und Viele glaubten selbst, er habe seine Gesinnungen geändert und sei nun gerade Das geworden, was die Burschenschaft auf's Lebhafteste bekämpft hatte, ein Gegner freierer Volksentwickelnng. So schroff standen sich damals beide Richtungen gegenüber! Hermann war aber in seinen inneren Gesinnungen sich ganz treu gebliebeil, der Jrrthum bestand allein darin, daß Jene in den Fürsten und ihren Umgebungen, die ihnen ziemlich unbekannt waren, nur Volksfeinde, oder doch Gegner jedes liberalen Strebens sahen. Auf Hermann hatte dies nun ganz veränderte gesellige Leben durchaus keinen schädlichen, sondern vielmehr einen wohlthätigen Einfluß. Sein fester Charakter war ihm eine starke Mauer gegen alle unlauteren Einflüsse, und das Leben in den feingebildeten Cirkeln war nicht nur fördernd für seine Menschenkenntnis;, sondern auch für die feineren socialen Formen, die seine natürliche Liebenswürdigkeit nur erhöhten und für ihn zugleich sehr bildend waren. Später erkannteil auch Jene, die anfangs schmerzlich auf Hermanns neues Leben geblickt, daß sie sich getäuscht hatten, und die Einsichtsvolleren bekannten, er sei der Typus eines wahren Aristokraten im 616 edlen Sinne, was er denn auch durch's ganze Leben blieb; ein Edelmann nicht blos durch Geburt, sondern durch innere Gesinnung, und nie und zu keiner Zeit wurde er dieser untreu. Für Hermann war es in München störend, daß er keinen Hofrang hatte, da in Bayern noch die veraltete und für die Stellung des Adels ganz falsche Einrichtung bestand und auffallender Weise noch heute besteht, daß Niemand, und wenn er der ältesten und angesehensten Adelsfamilie angehört, an Hof gehen kann, wenn er nicht eine bestimmte Hofcharge oder einen dieser gleichstehenden Nang hat. Hermann wünschte daher Kammerherr zu werden. Da dies aber bei seiner Jugend und da er noch nicht im Güterbesitz war, Schwierigkeiten hatte, so reiste mein Vater trotz seiner Kränklichkeit im Frühjahr 1824 nach München und erbat beim König eine Kammerherrnstelle für seinen Sohn, die ihm auch vom König Max zugesichert wurde. So ward mein Bruder schon mit 24 Jahren Kammerherr und ließ sich nun sofort bei Hof vorstellen, wo er sehr freundlich aufgenommen wurde. Er setzte auch im Sommer l824 seine landgerichtliche Praxis in München fort, bis er plötzlich eine dringende Aufforderung des Vaters bekam, nach Rentweinsdorf zu kommen, da sich dessen leidender Zustand, besonders das Augenleiden, so verschlimmert hatte, daß er des Sohnes Aushülfe in seinen Geschäften bedurfte. Hermann reiste Anfangs August nach Rentweinsdorf ab. Dieses zunehmende Leiden des Vaters war von wichtigem Einfluß auf Hermanns Beruf. Der Vater erkannte, daß er einer bleibenden Hülfe in den Geschäften bedürfe und wünschte deßhalb, daß Hermann ganz bei ihm bleibe. Es wurde Letzterein schwer, sein Vorhaben, in den Staatsdienst zu treten, aufzugeben, allein er sah die Nothwendigkeit ein und fügte sich willig. Von da an wurde nun Rentweinsdorf sein bleibender Wohnsitz. Hermanns Thätigkeit wurde sofort bedeutend in Anspruch genommen; nicht nur, daß er für den Vater und nach dessen Anordnung die laufenden Gutsverwaltungsgeschäfte zu besorgen hatte, die damals nach dem von dein Vater eingeführten Geschäftsgange sehr umfangreich waren, sondern er erhielt von demselben zugleich de» Auftrag, seine Ideen über diejenigen Veränderungen in der Verwaltung, die zur finanziellen Verbesserung dienlich seien, schriftlich auszuarbeiten. Hermann unter- 617 warf sich sofort dieser Arbeit; um jedoch etwas Gründliches und Zweckentsprechendes liefern zu können, mußte er sich erst selbst mit den verschiedenen Zweigen der Verwaltung vertraut machen, das damals ziemlich complicirte Rechnungswesen studiren und unseren Finanzzustand gründlich kennen lernen. Schon nach einigen Monaten war ihm dies gelungen, und er konnte sich an die ihm gestellte Aufgabe machen, die aber für ihn besonders um deßhalb sehr schwer war, da der Vater damals durch sein schweres Leiden und besonders durch die Folge desselben, die Hypochondrie, sehr reizbar war und es darum keine leichte Aufgabe war, ihn: die Mängel der seitherigen Verwaltung, deren theil- weise Folge der geringe Güterertrag war, darzustellen. — Hermann löste übrigens die ihm gestellte Aufgabe in vollkommen entsprechender Weise, und wenn auch seine Arbeit kein sofortiges entsprechendes Resultat haben konnte, da der Vater zu leidend war, um sich noch zu umfassenden Reformen entschließen zu können, so wurde doch, wie ich bald zeigen werde, einiges Wesentliches geändert, und jedenfalls hatte jene Arbeit für Hermann den großen Vortheil, ihn schon jetzt mit allen Geschäften ganz vertraut zu machen. Die Charaktere von Vater und Sohn waren übrigens in Vielem so verschieden, daß Hermanns Stellung eine recht schwere war. Waren auch Beide in ihrer edlen Vortrefflichkeit gleich ausgezeichnet, so war doch ihre Richtung im geschäftlichen Leben eine ganz verschiedene. Mein Vater bewegte sich in den Systemen der Theorie, mein Bruder in denen der praktischen Anwendung. Ersterer war von Jugend auf den früher üblichen schriftlichen Geschäftsgang gewohnt, Letzterer wollte in allen Geschäften kurz und schnell, und wo es möglich war, durch einfaches mündliches Benehmen zum Ziele gelangen. An diese Art der Geschäftsbehandlung konnte sich der betagte kränkliche Vater nicht mehr gewöhnen, und trotz der großen Liebe, die zwischen Vater und Sohn bestand, waren doch oft Verstimmungen Folge dieser verschiedenen Richtungen, die durch den tief hypochonderen Zustand des Vaters noch vermehrt wurden. Die Stellung Hermanns war daher, wie gesagt, eine schwere, aber er trug sie in kindlich ergebener Weise, stets nur bemüht, des leidenden Vaters Willen zu erfüllen und ihm durch gehorsame Nachgiebigkeit und liebevolle Aufmerksamkeit Erleichterung in seinen Geschäften, wie in seinein Leben zu verschaffen. 618 Hermann hatte in seinem Geschäftsleben ans den Gütern sofort erkannt, daß der Hauptgrund ihres geringen Ertrages in den Oekonomie- gütern liege, die nicht nur keinen Ertrag brachten, svndern fast jedes Jahr Zuschuß erforderten. Theilweise kam dies allerdings in jener Zeit von den beispiellos niedrigen Getraidepreiscn, wovon ich bereits oben bei meinem Vater sprach, theilweise war aber auch die Bewirth- schaftungsart selbst daran schuld. Die Zahl der verwendeten Taglöhner war zu groß und ihre Kosten standen in keinem Verhältnis^ zu dem Preise der landwirthschaftlichen Produkte. Der eine Verwalter, der aufgestellt war, konnte auf den fünf Oekonomiegütern (Reutweinsdorf, Scndelbach, Hebendorf, Eichelberg und Ebelsbach) natürlich keine Beaufsichtigung der Arbeiter führen, und so leisteten diese zu wenig und man konnte nur mit Verdoppelung ihrer Zahl etwas erreichen. Wohl war auf jedem Gute ein s. g. Sackbauer, der die spezielle Aufsicht zu führen hatte, allein da dieser kein Interesse dabei hatte, ob die Arbeit schnell oder langsam geschehe, also ob sie wohlfeil oder theuer sei und meist selbst aus der Klasse der Taglöhner genommen war, also nicht geeignet war, einen imponirenden Einfluß auf diese zu haben, so war seine Aufsicht von sehr geringem Einfluß. Dies erkennend, wirkte Hermann sofort dahin, daß diesen Sackbauern selbst ein Antheil am reinen Ertrag und darum ein Interesse an wohlfeilerer Arbeit gegeben werde, und daß einzelne Arbeiten in Accord gegeben wurden, was schon im ersten Jahre ein günstiges Resultat brachte. Dies vortheilhafte Ergebniß führte meinen Vater sofort dahin, — wie ich bereits oben bei demselben ausführlicher erzählte, — nach dem Vorschlage eines sächsischen Oekonomcn Albert, im Jahre darauf — dem letzten seines Lebens — die s. g. Accordwirthschaft durch Hermann auf allen in eigener Administration stehenden Oekonomiegütern einführen zu lassen, eine Einrichtung, die meinem Bruder viel zu thun gab, aber von ihm so trefflich vollzogen wurde, daß sie sofort den Erwartungen entsprach und mit einigen seitdem nöthig gewordenen Veränderungen bis heute noch auf unseren Gütern besteht. Wie diese veränderte Bewirthschaftung eingerichtet sei, habe ich schon oben bei meinem Vater ausgeführt, und verweise darauf. Neben diesen Geschäften auf den Gütern war es zugleich Hermanns eifrigstes Bestreben, sich mit den allgemeinen Angelegenheiten 919 des Staats, und insbesondere mit denen unseres Standes vertrauter zu machen. In letzterer Beziehung suchte er vor Allem die bedeutendsten und angesehensten größeren Gutsbesitzer der Provinz kennen zu lernen, und da er schnell deren Vertrauen gewann, wurde er sofort zu mehreren Verathnngen, die solche über besonders belästigende Staatseinrichtungen hielten, beigezogen. Unter den Letzteren war besonders damals das Lehenswesen fiir die adeligen Vasallen in Bayern sehr drückend und belästigend, das nach dem durchaus ungerechten Edikt von 1808 und nach seiner noch ungerechteren Auslegung eine reine fiskalische Finanzquelle des Staates wurde, und in dem gegenseitigen Vertragsverhältnisse, worauf das Lehensverhältniß beruht, einseitige Aendernngen geschaffen hatte, wozu der Lehnsfiskus gar keine Berechtigung gehabt. Die adeligen Gutsbesitzer Frankens beriethen sich öfters, was hier zu ihrer Abhülfe zu geschehen habe, und beschlossen 1825, als der Landtag vereiniget war, sich mit einer Eingabe, d. h. Bitte um Abhülfe, an solchen zu wenden. Hermann, der diesen Berathungen beigewohnt hatte, wurde trotz seiner Jugend von ihnen mit der Abfassung jener Eingabe beauftragt, und seine Arbeit fand allgemeinen Beifall und wurde sofort an den Landtag abgesandt. Daß durch sie der erwünschte Erfolg nicht erreicht ward, ist nicht Hermanns Schuld, sondern war Folge der Lahmheit und Energielosigkeit des Landtags und des schlechten Willens der Regierung. Um nun auch von dem inneren Leben Hermanns zu sprechen, so muß ich bemerken, daß dasselbe bereits in jener Zeit zu einer, bei einem jungen Manne seltenen Reife gediehen war. Sein Wille und Charakter hatten schon volle männliche Bestimmtheit zur Benrtheilnng von Menschen und Verhältnissen und eine ungewöhnliche Klarheit. Hatte er auch wie früher immer noch bei jedem Studium, wie bei jeder Arbeit, die wissenschaftliches Forschen erforderte, mehr Schwierigkeiten wie viele Andere, so überwand seine feste Beharrlichkeit doch jede dieser Schwierigkeiten und jede Arbeit, die er lieferte, war klar und richtig. Eine besondere Gabe hatte er in der richtigen Benrtheilnng der Menschen und seinem von jeher festgehaltenen Grundsätze, sich nur an die Tüchtigeren anzuschließen, blieb er getreu. — Sein religiöses Leben war, wie ich schon oben anführte, bereits auf dem Gymnasium 10 620 in Berlin der positiv-gläubigen Richtung zugeführt worden, und hatte seitdem durch getreues tägliches Lesen in der Schrift, das er überhaupt sein ganzes Leben mit derselben Treue fortsetzte, festeren Halt bekommen. Auch die Burschenschaft und hier wieder der vertraute Verkehr mit den tüchtigsten Gliedern derselben, die fast alle mit einer streng sittlichen Richtung religiösen Sinn verbanden, hatte darauf fordernd gewirkt, und schon damals war Hermann eifrigst bestrebt, wo er noch religiöse Zweifel in sich zu bekämpfen hatte, volle Klarheit und Festigkeit zu erlangen. Er begann darum schon in jener Zeit exegetische Studien der Bibel, um über das, was ihm noch dunkel und unklar war, oder wo er noch Zweifel hatte, Licht und Aufklärung zu erhalten und gelangte bald durch sein eifriges Lesen der heiligen Schrift und sein Studium derselben zu jener festen gläubigen Richtung, die ihm unverändert blieb, und ihm jenen wahren inneren Feieden gab, den man beim ersten Blick auf seinem ganzen Wesen erkannte, und der sein ganzes Leben zu einem so überaus glücklichen machte, daß er bis zu seinem Ende Allen, die ihn kannten, als ein besonderer Liebling Gottes erschien. — Sein religiösgläubiger Sinn war aber jeder mystischen Richtung fremd, die damals vorzugsweise im Kampfe gegen den Rationalismus bei Vielen hervortrat, und wie dies gewöhnlich der Fall ist, in dieser ersten Zeit des lebhaften Kampfes oft in zu greller, uns jetzt fast unverständlicher und unbegreiflicher Weise auftrat. Er schrieb darüber an mich (3. Dezember 1824): „Jemehr ich in der heil. Schrift lese, desto mehr überzeuge ich mich, daß ihre Wahrheiten bei weitem weniger einer verständlichen Auffassung fremd sind, als die theologische Auslegung uns glauben lassen möchte. Wenn man nur mit unbefangenem Gemüthe und im Zusammenhange liest, so wird man finden, daß sich Alles nach und nach viel einfacher entfaltet und mit den Anforderungen unserer Vernunft viel inniger zusammenhängt, als man glauben sollte, wenn man die Auslegungen mystischer Köpfe hört. Was einzeln herausgerissen und durch die mystisch-technischen Ausdrücke der Theologen mehr verdreht und verdunkelt als aufgeklärt und faßlich gemacht, sehr paradox erscheint, wird in der Regel klar und 021 verständlich, wenn man die herrliche Quelle selbst in ihrem Znsammenhange liest. Davon habe ich mich erst wieder bei meinem hiesigen Aufenthalte überzeugt, während welchem ich die ersten vier Briefe Pauli mit sehr vieler Aufmerksamkeit gelesen habe. Die Episteln sind mir um deszwillen sehr wichtig, weil sich in ihnen die Art und Weise spiegelt, auf welche die Apostel und Jünger Jesu die Erscheinung Christi in der Welt und seine Lehre aufgefaßt haben. Diese Auffassungsweise halte ich nun für den sichersten Schlüssel für das Evangelium selbst, und finde in ihr einen ganz anderen Geist als in unseren mystischen Theologen." Man sieht daraus, daß er in jener Zeit noch in dem Stadium des Ringens nach voller Klarheit war, daß ihm solches aber recht Ernst gewesen. Jene volle Klarheit im positiven Glaubensleben wurde ihm denn auch durch die Gnade Gottes im vollsten Maaße, sie wurde eine ihn im ganzen Leben beseligende, wirkte aber zugleich in ihm jene Milde gegen anders Denkende, die die Frucht der wahren gläubigen Christenliebe ist. Jeder Härte in religiösen Dingen, wie jedem schroffen Pietismus blieb er stets fremd. Im Sommer 1825 ging Hermann nach Eisenach zu unserem Onkel Egloffstein und machte von da aus einen Besuch bei dem mit Letzterem sehr befreundeten Landmarschall von Riedesel zu Neuenhof, wo er dessen Tochter Marline, die er früher nur als Kind gesehen hatte, als eben erwachsenes löjähriges Mädchen wieder sah. Dieser Besuch ließ einen bleibenden tiefen Eindruck in seinem Herzen zurück, und legte den Grund zu seinem schönen und reinen ehelichen Glücke. Seine Gefühle hierüber, wie er sie zu jener Zeit, wie später, als er sich um Marlinens Hand bewarb, in seinen Briefen an uns Geschwister aussprach, muß ich leider, getreu dem was ich am Eingange sagte, aus Rücksicht gegen die noch Lebenden hier unberührt lassen, obgleich gerade diese Episode seines Lebens des Interessanten und für sein Wesen und seinen schönen und edlen Charakter des Bezeichnenden viel enthält. Im Uebrigen war das Jahr 1825 für Hermann ein recht trübes, da die stets zunehmende Hypochondrie des Vaters seine Stellung zu ihm, und seinen Geschäftsverkehr mit ihm so erschwerte, daß er zeit- 40* 622 weise daran dachte, nach Eyrichshof zu ziehen und die dortigen Oeko- nomiegüter zu übernehmen, was jedoch nicht zur Ausführung kam, da die immer mehr zunehmende Kränklichkeit des Vaters seine Abwesenheit von Rentweinsdorf nicht möglich machte. Zu seiner inneren Erfrischung brachte er im Winter auf 1826 einige Zeit in Bayreuth zu, wohin er namentlich durch seinen Freund Karl von Melden, dessen Vater daselbst Regierungspräsident war, freundlichst eingeladen worden war. Im Welden'schen Hause wie überall in der Gesellschaft Bayreuths wurde ihm die freundlichste Aufnahme. Zu Anfang Februar 1826 ereignete sich der große Brand in dem Oeconomiegebäude zu Rentweinsdorf, von dem ich schon oben bei unserem Vater sprach, und dieses traurige Ereigniß nöthigte Hermann, sofort von Bayreuth zurückzukehren, wo er nun doppelt viele Arbeit fand. Doch wurde es ihm möglich, im Frühjahre, wo er den Wollmarkt in Cassel besuchte, vou dort eine Reise zu mir auf die Universität Göttingen, und von da zu unseren Verwandten im Königreich Hannover zu machen. — Nach Rentweinsdorf zurückgekehrt, fand er aber den theueren Vater viel leidender, sein Leben neigte sich dein Ende zu. Wohl konnte er sich zu Anfang 1826 noch zeitweise beschäftigen, und in diese Zeit fällt, wie ich schon weiter oben bemerkte, die Einrichtung der Accordwirthschaft auf den landwirthschaftlichen Gütern, wie der Verkauf des Gutes Kleinheirath, aber seine Kräfte schwanden immer mehr, und der Gebrauch des Bades im Sommer dieses Jahres blieb ohne stärkende Wirkung. Ich habe oben bei Vaters Lebensbeschreibung hiervon, wie von der Tur gesprochen, die derselbe im Sommer mit Hermann nach Brückenau machte, wo sie dem König Ludwig aufwarteten, und wo meinen Vater an der königlichen Tafel der Schlag rührte. Es war für Hermann eine qualvolle schmerzliche Zeit, doch war es ihm wahrer Trost, dem theueren Vater in seinen letzten Lebenstagen noch beistehen und solche erheitern zu können. — Aber bald nach der Rückkehr nach Rentweinsdorf trat das lange befürchtete Ereigniß ein. Nach mehrmals sich wiederholenden Schlaganfällen endete des trefflichen Vaters theueres Leben am 28. Juli. Nach des Vaters Tode fielen unsere sämmtlichen Güter an meinen Bruder und mich. Ich wurde kurz darauf großjährig, und eine Vor- 623 mundschaft für mich war daher nicht nöthig. Mein Bruder übernahm, da ich noch auf Universitäten war, die alleinige Verwaltung, und entwickelte sofort eine große und überaus fruchtbringende Thätigkeit, wobei ihm die bereits erlangte gründliche Kenntniß aller unserer Verhältnisse sehr zu statten kam. Die wichtigsten größeren Geschäfte, die sofort bereinigt werden mußten, waren: 1. Ein möglicher Vergleich wegen unseres seit zehn Jahren anhängigen Processes mit dem Staat bezüglich des Mitbesitzes, resp. des Mitverwaltungsrechtes des Eberner- oder Haßwaldes, wovon ich schon weiter oben sprach, und wo nun zur Ausgleichung der Sache uns vom Staate der ärarialische Wald, die Haube bei Vorbach, als Aequivalent für unser Miteigenthnm am Eberner Wald angeboten wurde. Da die Regierung aber daneben noch die Herauszahlung einer Summe Geldes vou uns verlangte, während wir im Gegentheil nach der von uns aufgestellten Berechnung für unser Miteigenthnm ani Eberner Wald, die Haube als ein zu geringes Aequivalent erkannten, und deshalb noch eine Summe Geldes vom Staate verlangten, so zogen sich die Verhandlungen darüber noch bis zum Jahre 1829 hinaus, wo endlich ein Vergleich zu Stande kam, bei dein jeder Theil seine Forderung an Geldentschädigung fallen ließ, und uns für jenes Miteigenthnm nur allein der Waldbezirk Haube, jedoch als Lehen, gegeben wurde, wodurch der lange Prozeß endete. 2. Ein großartiger Jagdaustausch mit dem Staate, wegen verschiedener, theils privativer, theils Koppeljagden, der gleichzeitig mit dem obigen Waldtausch behandelt wurde und mit ihm 1829 endete. 3. Eine zur Tilgung der vielen und lästigen Currentschulden nöthig gewordene größere Capitalsaufnahme, wovon ich noch weiter unten sprechen werde. 4. Die schon oben berührte Lehnsangelegenheit, wo jetzt von sämmtlichen Vasallen des Untermainkreises wegen des bei den Belehnungen für den im Jahre 1825 eingetretenen Hauptlehnfall von der Regierung rechtswidrig angewendeten Gradationsstempels, ein Prozeß gegen den Fiskus beginnen sollte. 624 5. Der Verkauf des nicht nur nichts ertragenden, sondern vielmehr jährlich viel kostenden Schmachteubergs, der endlich 1827 zu stände kam, und 6. Der von meinem Vater kurz vor seinem Tode abgeschlossene Verkauf des Gutes Kleinheirath, wegen welchem der Käufer, Herzog Wilhelm von Bayern, nachträglich wegen der nach dem Tode meines Onkels Christian Ernst nicht erfolgteil Wiederbelehnung meines Vaters mit dessen Gntshälfte, Anstände erhob, und den Kaufschilling lange zurückbehielt. Neben diesen wichtigen Geschäften, wegen welchen Hermann einen längeren Aufenthalt in Würzburg machte, hatte er damals daheim viele Widerwärtigkeiten. Die Aerndte von 1826 war eine so geringe gewesen, daß trotz der niedrigen Getraidepreise allgemeine Noth herrschte, und von den Grnndholden fast nichts gezahlt wurde; auch wareil damals die Holzpreise, wahrscheinlich in Folge der allgemeinen Geldnoth sehr gering, und unsere aus früheren Jahren noch aufgespeicherteil Getraidevorräthe fanden keine Käufer. Unsere Kassen waren daher, wie früher, stets leer, sodaß man in steter Geldverlegenheit war. Dazu hatte Hermann das Unglück, sich durch einen Sturz des Reitpferdes einen Finger zu brechen, was ihm langes Leiden zuzog. — Doch hatte er dazwischen eine Tur nach der Tann gemacht, um Freiherrn Heinrich von der Tann, den intimen Freund des Kölligs Ludwig, den er in Brückenau hatte kennen lernen, zu besuchen. Ich bemerke dies, da sich seitdem eine Freundschaft zwischen diesem, in vieler Beziehung ausgezeichneten Manne und Hermann anknüpfte, die trotz der Verschiedenheit ihres Alters eine recht innige wurde, und dnrch's Leben dauerte, und die auf meines Bruders Wirksamkeit im öffentlichen Leben, das sich später so reich gestaltete, namentlich durch Tann's Ver- hältniß zum Könige von wesentlichem Einfluß wurde. — Mit diesem Besuche sollte zugleich ein neuer Besuch bei der Familie Niedesel verbundeil werden, die den Winter ans ihrem Gute Lauterbach in Hessen zubrachte, der jedoch durch eine Reise derselben nach Weimar vereitelt wurde. Unter deil interessanten Personen, mit denen er um jene Zeit in engere Verbindung und wahrhaft freundschaftlichen Verkehr trat, muß 625 ich hier auch besonders die Familie des Grafen Hermann von Giech in Thurnau, und Frau von. Low aus Staden in der Wetterau nennen. Letztere, eine überaus liebenswürdige und geistreiche Frau, blieb ihm durch's Leben in innigster Freundschaft verbunden, und die Gräsin Giech, eine Tochter des berühmten Ministers von Stein, geistreich wie ihr Vater, bewies meinem Bruder bis zu ihrem Tode das treueste innigste Vertrauen und freundschaftliche Zuneigung. Zu Ende Winter ging das oben berührte Geschäft wegen des Verkaufs von Kleinheirath zu Ende, und Hermann konnte Anfang März 1827 den Kaufschilling einkassiren, der sofort zur Schuldenzahlung verwendet wurde. Au der Bereinigung der übrigen Geschäfte arbeitete er eifrigst fort, und machte dazu wiederum einen längeren Aufenthalt in Würzburg. — Anfang Mai desselben Jahres wurde auch der genannte Verkauf Schmachteubergs an Graf Schönborn um 10,000 fl. abgeschlossen, und auch diese Summe nebst dein Erlös aus dein dortigen Inventar ward zur Tilgung von Passiven verwendet. Im Ganzen konnte Hermann schon im Juli 1827 aus den eingegangenen Kaufschillingen und aus Getraideverkäufen gegen 26,000 fl. zur Schuldentilgung verwenden, wodurch die stete Roth der Kassen, die die Current- schulden erzeugten, doch einigermaßen beseitiget wurde. Nachdem Hermann im Laufe des Jahres 1827 alle laufenden Geschäfte gehörig geordnet hatte, und die größeren oben genannten, namentlich der Wald- und Jagdtausch für's Erste noch nicht zum definitiven Abschluß kommen konnten, fand er den Zeitpunkt passend, einen längst gehegten Wunsch — eine größere Reise nach Frankreich zu machen — in Vollzug zu setzen. Zweck derselben war vorzugsweise die bessere Erlernung der französischen Sprache, zugleich auch dieß interessante Land gründlich kennen zu lernen. — Zu Anfang des Januars 1828 trat er diese Reise an, und ging vor Allem nach Paris, wo er sofort Sprachstunden nahm, zugleich aber, um das dortige Leben recht kennen zu lernen, sich bei Hof vorstellen ließ, und die hervorragendsten Familien der ersten Gesellschaft besuchte. — Das gesellige Leben im Carncval dortselbst, was ein überaus bewegtes war, hatte durchaus nichts Anziehendes für ihn, allein er machte es einige Zeit gleichsam als Studium, und um die leichtere französische Conversation zu er- lernen, mit, besuchte aber später mehr kleinere Zirkel, und ganz besonders die bei interessanteren und berühmteren Persönlichkeiten, und lernte alles Sehenswürdige der großen Weltstadt gründlich kennen. — Sein Aufenthalt dortselbst währte etwas über zwei Monate, worauf er über Bordeaux in's südliche Frankreich ging, dort Toulouse, Per- pignan, Nismes, Marseille und Toulon nebst den umliegenden interessantesten Gegenden besuchte, und von letzterer Stadt über Nizza nach Oberitalien reiste. Ende April 1828 kam er in Mailand an, und ging von da zu nur nach München, wo ich gerade damals meine landgerichtliche Praxis begonnen hatte, und wo er zugleich seine zahlreichen Freunde und Bekannte wiedersehen wollte. In Nentweinsdorf fand er viele Arbeit vor. Neben den schon obengenannten Geschäften, wozu namentlich die Ausgleichung der Eberner Waldsache und des großen Jagdtausches gehörte, hatte er bereits vor seiner großen Reise die Eintragung unserer Güter in die Fideicommiß- matrikel des Reichs zu bearbeiten begonnen, die schon seit 1818 nach den Bestimmungen der Verfassung hätte geschehen sollen, damals aber, wegen anderer dringender Geschäfte unterlassen worden war. Diese für die bleibende Erhaltung unseres Güterhesitzes und dadurch für die Aufrechthaltung unseres Familienwohlstandes überhaupt wichtige Vornahme, die bei uns, die wir zur früheren Reichsritterschaft gehörten, keine neue Fideicommißerrichtung war, sondern nach Z 104 und ff. des VII. Verfassungsediktes nur eine Constatirung der von früher her bestehenden Familienverhältnisse sein sollte, zu deren Aufrechthaltung uns die deutsche Bundesakte berechtigte, hätte eigentlich wenige Schwierigkeiten bieten sollen, allein das Appellationsgericht, welches die Matrikel führte, machte deren so viele, und die stets bei diesem Gerichte wechselnden Referenten, die meist aus Altbayern waren, konnten sich so wenig in die früheren reichsritterschaftlichen Verhältnisse finden, daß dieses an und für sich einfache Geschäft — es ist kaum zu glauben — fast 26 Jahre in Anspruch nahm und erst im Frühjahr 1853, wo die Ausschreibung dieser Fideicommißeintragung im Regierungsblatte erfolgte, vollständig bereiniget war. Wie man in Hermanns geschäftsreicher Thätigkeit seinen Eifer und seinen schnellen und richtig zum Ziele führenden Blick bewundern konnte, so in dieser Sache seine wirk- 627 lich unermüdliche Geduld und Ausdauer. — Daneben bearbeitete er nun sofort nach seiner Rückkunft von der Reise einen genauen Schuldenamortisationsplan, da es ihm vor Allem am Herzen lag, unsere Finanzen endlich in einen besseren und geordneten Znstand zu bringen. Zwischen diesen Arbeiten zog ihn sein Herz öfters nach Neuenhof zur Familie von Riedesel, und seine innige Liebe ließ ihn alle Schwierigkeiten, die einer förmlichen Erklärung noch entgegenstanden, mit männlicher Ergebung und Geduld ertragen. Hermann fühlte sich in Rentweinsdorf recht glücklich, doch aber war für den erst 28 jährigen jungen Mann ein lang fortgesetzter Aufenthalt daselbst, besonders im Winter, etwas einförmig, und er entschloß sich daher, auch den Winter auf 1829 in einer Stadt zuzubringen, und wählte dazu Berlin, wo ihn in dem großen Kreise von Verwandten und Bekannten die freundlichste Aufnahme erwartete. Er reiste im November dahin und verweilte unterwegs in Eisenach, von wo er, ohne Aufsehen zu erregen, einen wiederholten Besuch in Neuenhof machen konnte. Von da aus reiste er über Weimar nach Dresden, ging zu unserer damals in Glogau wohnenden Schwester Hedwig und besuchte von da die Gräfin von Reden, eine Schwester des Landmarschalls von Riedesel, bei der er einen überaus interessanten, seinem Herzen zugleich sehr wohlthuenden Aufenthalt in dem reizenden Buchwald am Fuße der Schneekoppe machte. Es war das erstemal, daß er diese ausgezeichnete Frau sah, die ihm später eine so treue mütterliche Freundin wurde, und daß er diesen herrlichen Ort besuchte, der ihm später so hohen Genuß geben, wo er aber auch 30 Jahre darauf sein Leben beschließen sollte. Für die Zeit seiner Abwesenheit übernahm ich die Direction unserer Verwaltungsgeschäfte, die ich von Bayreuth aus, wo ich damals practicirte, leicht leiten konnte. In Berlin ließ sich Hermann in die große Welt einführen, wo er die freundlichste Aufnahme erhielt. Er machte dort interessante genauere Bekauutschaften, so unter Anderen mit Minister Graf von Bernstorf, wie mit Herrn von Radowitz, der später eine so gewichtige Stelle in den öffentlichen Angelegenheiten Deutschlands einnahm. Ganz 628 besonders anziehend war ihm dessen Gattin, eine geborne Gräsin Voß, eine überaus liebenswürdige und interessante junge Dame. — Sehr befriedigt von seinein Aufenthalt in Berlin kehrte Hermann Anfang März 1829 nach Rentweinsdorf zurück. Hier war nun sein erstes Hauptgeschäft, ein größeres Anlehen zu contrahiren, was zur Tilgung unserer kleineren Schulden verwendet werden sollte und was durch Annuitäten heimgezahlt würde, sich daher in eiirer bestimmten Reihe von Jahren von selbst abzahlte. Scholl seit des Vaters Tod hatte er sich alle Mühe gegeben, ein solches Anlehen zu billigeil Bedingungen zu erhalten, und hatte sich deshalb an verschiedene Personen gewendet, aber zu jener Zeit war solch' Unternehmen, was heutzutage ans das Leichteste zu Stande gebracht wird, noch nlit großen Schwierigkeiten verbunden und konnte in der Regel nur gegen hohe Provision erlangt werden. Nun endlich im März 1829 kam ein solches Anlehen von 100,000 fl. zu 4"/« Zins und 6"/» Provision bei Banquier von Hirsch in Würzbnrg zu Stande, doch konnte erst im Herbste 1830 dieses Geschäft völlig bereiniget werden, da der lehnsherrliche Consens ans mehrfache Schwierigkeiten stieß. Mit dieser Summe wurde dann ein größerer Theil unserer Familienschulden gezahlt. Später trat Landmarschall von Riedesel als Gläubiger dafür ein, indem er den ganzen Betrag der ausgegebenen Partialobligationen einlöste, jedoch in den eingegangenen Vertrag der Annuitätenzahlung eintrat, und es ist nun dieses Schuldkapital, was seitdem auf dessen Enkel Georg von Rotenhan, den ältesten Sohn meines Bruders, als Gläubiger übergegangen ist, unterdessen bis auf die Summe von 20,000 fl. resp. zu Petri 1865 bis auf 16,000 sl. getilgt, und wird, da die Annuitäten jetzt 4000 st. betragen, in 4 Jahren ganz abgezahlt sein. Zu jener Zeit traf Hermann, wie uns Alle, ein tiefer Schmerz. Der würdige und verdienstvolle Hofrath vr. Hoffmann zu Rentweinsdorf, der langjährige Hausarzt und Freund unserer Familie, dessen ich schon oben bei meinem Vater gedachte, starb zu Rentweinsdorf im hohen Alter. Er hatte eine innige, man kann sagen väterliche Liebe für Hermann und sprach noch im Sterben für ihn segnende Wünsche aus. Wohl selten wurde ein Mann so tief und allgemein betrauert, 029 wie Hofrath Hoffwann. Seine Wittwe blieb bis zu ihrem Tode in Nentweinsdorf wohnen. Später wurde deren freundlich gelegenes Haus zu Nentweinsdorf verkauft. Das Frühjahr 1829 war für Hermann eine Zeit qualvoller banger Erwartung, denn es nahte nun der Zeitpunkt, wo für die Sehnsucht seines Herzens eine Entscheidung erfolgen sollte. — Zu Anfang Juli reiste er deshalb nach Neuenhof und endlich am 11. desselben Monats fand seine Verlobung mit der von ihm so lange innig geliebten Marline von Riedesel statt. Er schrieb überglückliche Briefe, die ich wie alles Nähere dieser Herzensgeschichte meines Bruders aus schuldiger Rücksichtnahme hier übergehen muß. — Hermann hatte nun erreicht, wornach er so lange mit seltener Ergebung in alle Hindernisse, die sich ihm entgegengestellt, gestrebt hatte, und wenn der Grund dieser früheren Hindernisse, wie ein längeres Leiden des Vaters seiner Braut auch in die Zeit seines Brautstandes noch viel Trübes brachte, so eröffnete sich ihm doch nun eine Zeit des reichsten und reinsten Glückes. Bisher hatte Hermann unsere gemeinschaftlichen Güter in brüderlicher Liebe zu mir ohne irgend eine Vergütung für seine Mühe verwaltet und die Revenüen wurden unter uns Beiden zu ganz gleichen Theilen getheilt. Jeden von mir desfalls gemachten Vorschlag hatte er stets auf das Uneigennützigste zurückgewiesen. — Jetzt, wo er im Begriffe stand sich zu verheirathen und einen Hausstand zu begründen, konnte ich solches aber nicht länger mehr zugeben, besonders da die Erträgnisse unserer Güter damals noch sehr gering waren. Eine von nur im Herbste 1829 darüber angestellte genaue Berechnung ergab, daß uns nach Bezahlung der Zinsen unserer Passiven und nach Bestreitung aller Lasten und übrigen Verwaltungsausgaben kaum 8000 fl. rein für's Jahr übrig blieben, so daß bei fortgesetzter gleichmäßiger Vertheilung dieser Revenüen meinem Bruder kaum 4000 fl. zum Leben geblieben wäre, was zur Führung eines Hauswesens in dem großartigen Schlosse zu Nentweinsdorf nicht genügend war. Mein Bruder erkannte dies selbst und nahm darum endlich mein oft wiederholtes Anerbieten an. Es wurde darnach bestimmt, daß er fortan von den reinen Güterrevenüen Vs und ich Vs beziehen sollte, so daß er doch bis zur Verbesserung unserer Einnahme auf eine Jahresrente von 630 5000 fl, rechnen konnte. Mir war dadurch eine wahre Beruhigung geworden, da ich nun die Existenz meines Bruders gesicherter sah und da das mich stets peinigende Gefühl beseitiget war, daß ich, der ich wegen meiner Abwesenheit für die Verwaltung der Güter nur äußerst wenig thun konnte, gleichviel, wie er, daraus bezog. Noch im Herbste 1'829 wurde eine für unsere Güterverwaltung wesentliche Aenderung dadurch getroffen, daß die Rentei Eyrichshof aufgehoben und mit der von Rentweinsdorf vereint ward. Unser bisheriger Rentmeister Kühnreich zu Eyrichshof wurde pensiouirt. Hermanu war in jener Zeit und den Winter auf 1830 viel von zu Hause abwesend. Erst besuchte er gleichzeitig mit der Familie Riedesel die Tante seiner Braut, Gräfin Reden in Buchwald, dann im Winter brachte er zu zwei verschiedenen Malen längere Zeit in Lauterbach bei der Braut zu. — Er hatte gehofft, daß seine Hochzeit zu Anfang des Frühjahres 1830 stattfinden werde, allein verschiedene Krankheiten in der Familie seiner Braut, sowie andere Hindernisse verzögerten solche, und erst am 12. Juni dieses Jahres fand endlich die langersehnte Verbindung statt, die wegen des leidenden Vaters der Braut in aller Stille in Neuenhof gefeiert wurde. Es war ein Tag des höchsten Glückes für Hermann und der Beginn einer überaus glücklichen Ehe, die seinem Leben einen neuen Glanz verlieh. Am 30. Juni kam Hermann mit seiner jungen Frau in Rentweinsdorf an, wo ich dem theueren Paare einen festlichen Einzug und einige Tage darauf ein besonderes Fest zu Eyrichshof, verbunden mit einem Feuerwerk auf dem Kappelsee bei Rentweinsdorf nebst Beleuchtung des dortigen Schlosses bereitete. Alle Verwandte und Bekannte der Umgegend waren dazu geladen '). Der Familienkreis in Rentweinsdorf war bisher ein sehr kleiner gewesen. Bis zum Herbste 1829 hatte er der Regel nach nur aus Hermann, unserer Tante Sophie, die das Hauswesen führte, und unserem alten Onkel Mandelsloh bestanden, welch Letzterer, wie ich In unserem Archive ist eine ausführliche Beschreibung dieser Feste hinterlegt. 631 schon oben bei meinem Vater anführte, schon geraume Zeit seinen ständigen Wohnsitz in Rentweinsdorf genommen hatte. Dieser Letztere war am 27. Oktober 1829 zu Rentweinsdorf in einem Alter von 82 Jahren gestorben, und seitdem bestand also der Familienkreis dort- selbst nur aus Hermann und unserer Tante Sophie. Im Frühjahr 1830 war auch unsere Tante Marie, Schlüsseldame in Darmstadt, nach Rentweinsdorf gekommen, wo sie erkrankte und am 14. September 1830 starb. — Trotz des nicht großen Familienkreises war aber auch seit des Vaters Tode das Schloß in Rentweinsdorf viel von Gästen besucht, denn es bildete nach wie vor den Vereinigungspunkt der vielen Verwandten unserer Familie, und die zahlreichen Freunde Hermanns kamen oft zu ihm in sein gastliches Schloß. — Doch ich kehre zu Hermanns Geschäftsthätigkeit zurück. Durch die oben angeführten Einnahmen für verkaufte Gutsobjecte war eine nicht unbeträchtliche Summe unserer Currentschulden bezahlt worden, und mit den bei Banquier Hirsch aufgenommenen 100,000 fl. waren die übrigen Schulden dieser Art nebst einigen Hypothekenschulden abgetragen, so daß nun mehr Ordnung in die Finanzen kam, Ersparnisse an den laufenden Einnahmen, und ein großer Holländerholzverkauf (er ertrug 24,000 fl.) der im Herbste 1830 vorgenommen ward, und der sogar für unsere Waldungen, die zum Nachtheil des Unterholzes zu viel Stammholz enthielten, vortheilhaft war, lieferten daneben eine so bedeutende weitere Einnahme, daß wir weitere Schulden abtragen konnten, und schon zu Ende 1830 hatte sich dadurch unsere Schuldenlast um ein Beträchtliches gemindert, was für Hermann große Befriedigung gewährte, und seinen Eifer für Hebung unserer Güter und fiir Verbesserung unserer Finanzen immer mehr steigerte. Namentlich arbeitete er eifrigst dahin, die Oekonomiegüter zu heben, und hatte dieserhalh eine neue Fruchtfolge eingeführt, die trotz bedeutender Verluste, die eine Viehseuche brachte, schon merklich höhere Einnahme aus den Oekonomiegütern verschaffte. Von jetzt an konnte überhaupt fast jedes Jahr eine Schuldentilgung vorgenommen werden, wozu neben den höheren Getraide- und Holzpreisen theils die gute Bewirthschaftnng der landwirthschaftlichen Güter, hauptsächlich aber die von Hennann sehr gut geleitete und streng geordnete Finanzverwaltung beitrug. 632 Neben dieser Ordnung der Finanzverwaltung war er auch eifrigst bestrebt, in alle übrigeil Gutsverwaltungsgeschäfte einen recht geregelten Gang zu bringen, und dieserhalb theilte er mir gewissenhaft jede Geschäftssache mit und verlangte stets vor deren Beginn mein Gutachten und meine Willenserklärung, was bei unserem damals noch ganz un- getheilten Besitz allerdings nöthig und auch für die Erledigung der Geschäfte förderlicher war, als wenn er mir solche erst nach instruirter Sache zur Entscheidung mitgetheilt hätte. Es hatte dies auch das Gute, daß ich stets von Allem unterrichtet und bei seinen öfteren Abwesenheiten vom Hause stets im Stande war, die Geschäfte interimistisch statt seiner zu leiten. Höchst erfreulich und für die Verwaltung fördernd war dabei unsere — Gott sei es gedankt' — nie gestörte Harmonie. Mit dem Jahre 1831 trat für Hermann eine neue überaus wichtige Lebensepoche ein, der Beginn seines Wirkens im öffentlichen Leben. Obgleich erst dreißig Jahre alt, hatte er doch bereits das allgemeine Vertrauen unserer Standesgenossen in so hohem Grade erlangt, daß er im Januar 1831 von den adligen Gutsbesitzern mit Gerichtsbarkeit sowohl im Untermain- wie im Obermainkreise, wo unsere Familie, wie angeführt, damals auch ein Patrimonialgericht besaß, zum Landtagsabgeordneten in die II. bayerische Kammer gewählt wurde. Da er sich bei dieser Doppelwahl für einen Kreis entscheiden mußte, so entschied er sich damals, damit sein Freund Heinrich von der Tann, der nach ihm.im Untermainkreise die meisten Stimmen hatte, in die Kammer komme, für den Obermainkreis. Hermann erfaßte diese neue wichtige Thätigkeit mit großem Ernste; wenn er aber auch über das ihm erwiesene Vertrauen sehr erfreut war, so lastete doch der Gedanke, daß er nun für längere Zeit oft und viel von seiner geliebten Gattin, und von der ihm so lieb gewordenen Thätigkeit daheim getrennt sein werde, schwer auf seinen: Geinüthe, und die neue ihm noch fremde Thätigkeit im. öffentlichen Leben, besonders in der durch die Julirevolution stark aufgeregten Zeit erfüllte ihn mit lebhafter Bangigkeit. Er kämpfte aber männlich gegen Entmuthigung und Schmerz an, und widmete sich nun mit regstem Eifer dem Studium der öffentlichen Staatsangelegenheiten. — Der Landtag begann am 20. Februar, und war von langer Dauer; erst 633 am S9. Dezember ging er zu Ende. Hermann gewann schnell großes Vertrauen in der Kammer und, obgleich einer der jüngsten ihrer Glieder, wurde er in die Commission zur Entwerfnng der Adresse auf die Thronrede, und in den fünften (Beschwerde) Ausschuß gewählt, und hatte Gelegenheit, während dieses langen Landtags viele und fruchtbringende Thätigkeit zu entwickeln. Die Partheien standen sich schroff gegenüber, was bei der allgemeinen politischen Aufregung des Jahres 1831 auch natürlich war. Hermann trat mit Entschiedenheit auf die Seite der (gemäßigteren) Konservativen, und als er deshalb in der Presse heftig angegriffen ward, vertheidigte er seine politische Ansicht in der Kammer mit vollem Freimuth, und auf eine so schöne ritterliche Weise, daß seine Achtung selbst bei seinen politischen Gegnern dadurch sehr gewanu, uud der durch seine politischen und ultromon- tanen Schriften bekannte Görres sich gedrungen fühlte, an den ihm persönlich unbekannten protestantischen Edelmann eine Schrift zu richten, in der er ihn als das Muster eines deutscheu Landesvertreters feierte. Einige Monate brachte seine Frau bei ihm in München zu, und ihm ward es vor und nach dieser Zeit möglich, einigemale längere Aufenthalte daheim zu machen, wohin ihn nicht nur sein Herz zog, sondern auch die Gutsgeschäfte riefen, denn diese konnte ich nur bis zum Sommer statt seiner führen, da ich in ein Bad ging, und dann eine größere Reise antrat, die mich V« Jahr vom Hause entfernte. — Unter den Gutsgeschäften war insbesondere eines, was seine Thätigkeit sehr in Anspruch nahm, nämlich die Fixirung unserer Zehnten, die von da au mit Eifer betrieben wurde, sodaß nach mehreren Jahren die Mehrzahl unserer Zehnten auf eine bestimmte jährliche Abgabe an Getraide :c. fixirt worden war. Der 4. August 1831 war ein großer Freudentag für Hermann, wie für uns Alle. An solchem wurde ihm sein erster Sohn geboren, der nach dem Großvater Niedesel Georg genannt wurde. Hermann brachte diese Zeit mit Landtagsnrlaub in Rentweinsdorf zu. Bei der Taufe dieses erstgeborenen Sohnes wurden die noch lebenden bäuerlichen Pathen Hermanns aus unseren Ortschaften mitgeladen, die mit im Zuge zur Kirche gingen. Der Landtag von 1831 hatte für Hermann recht viel Interessantes und Belehrendes geboten, hatte aber seinen Erwartungen nicht ent- 634 sprechen. Der Geschäftsgang war ein überaus schleppender gewesen, und die Partheien, die übrigens noch nicht wie in späterer Zeit festgeschlossene Clubs waren, standen sich so schroff entgegen, daß sich Hermann an keine derselben anschließen konnte, er stand mit seinen politischen Ansichten ziemlich isolirt, genoß aber die allgemeine Achtung und ward zu allen wichtigeren Berathungen gezogen. Namentlich war er bei einigen Gesetzen von Einfluß, die Gegenstände betrafen, in denen er schon früher gearbeitet hatte. Dies war besonders bei dein über Aufhebung des ganz willkührlichen und ungerechter Weise von der Staatsregierimg eingeführten Gradationsstempels bei Lehnreversen und bezüglich der Rechtsverhältnisse der auf die Gerichtsbarkeit freiwillig verzichtenden Standes - und Gutsherrn der Fall. Was Hermann schon während des Landtages und besonders nach der Rückkunft von solchem lebhaft beschäftigte, war die für unsere Grundholden nöthige Vorsorge beim Nahen der Cholera, die damals in den benachbarten Ländern ausgebrochen war und auch unser Land heimzusuchcn drohte. Er ließ Krankenstuben einrichten, schaffte Decken und Betten an und sorgte für die nöthigsten Medicamente. Glücklicherweise blieben indessen diese Vorrichtungen nnbenützt. Im Jahre 1832 war Hermann durch größere Reisen öfters vom Hause abwesend. Im Frühjahre, wo ich mich in Lausanne verlobt hatte, veranlaßte ihn seine brüderliche Liebe, dahin zn reisen, und im Sommer mußte er, da sein Nervensystem seit einiger Zeit angegriffen war, ein Seebad gebrauchen, weshalb er nach Wangerogge in der Nordsee ging, von wo er sichtlich gestärkt zurückkehrte. Mit diesem Nervenleiden hatte er aber doch noch lange zu kämpfen und es bereitete ihm während eines großen Theiles seines Lebens viele Belästigung, namentlich war eine oft unbezwingliche Neigung zum Schlafe Folge davon, die ihm jahrelang sehr lästig war, besonders weil er zeitweise dadurch an den Abenden am Arbeiten gehindert war und das gesellige Leben im Familienkreise fast gar nicht genießen konnte. Er kämpfte Jahre hindurch mit der ihm vorzugsweise eigenen Energie dagegen, aber meist ohne Erfolg und mußte zuletzt dieses Kämpfen, das seinen Augen schädlich wurde, auf ärztliches Anrathen selbst ganz aufgeben. — Vom Bade zurückgekehrt, hatte Hennann die Freude, unsere theuere s!35 Mutter und die jüngeren Schwestern wiederzusehen, die zu längerem Besuche von Berlin nach Rentweinsdorf gekommen waren. Der Herbst 1832 brachte uns aber, wie ich schon weiter oben anführte, einen sehr schweren Verlust, der besonders in Hermanns Familienkreis eine recht schmerzliche Lücke verursachte. Unsere theuere Tante Sophie, die in der Familie Hermanns zu Rentweinsdorf lebte, starb am 28. September im Bade Kissingen, wohin sie, wie fast alljährlich, auch in diesem Sommer zu ihrer Erholung gegangen war. Mit ihr schied das letzte Glied der väterlichen Generation. Auf den Gütern waren es hauptsächlich zwei größere Geschäfte, die um jene Zeit Hermanns Thätigkeit in Anspruch nahmen. Das eine war die von uns projectirte Abtretung der Patrimonialgerichtsbarkeit an den Staat nach dem Gesetze von 1831, rosp. deren Umwandlung in die Gerichtsbarkeit zweiter Klasse oder in Patrimonial- ämter, womit wir zugleich den Verkauf unserer Dominicalien im Obermainkreise an den Staat in Verbindung bringen wollten, da wir mit diesen unseren Grundholden wegen ihrer Entfernung von unserem Wohnsitze nur in geringe Berührung kamen, und wir ohnedies schon um jene Zeit erkannten, daß das gutsherrliche Verhältniß nicht mehr von langer Dauer sein würde. Dieses Project ließen wir jedoch später wieder fallen. Das zweite Geschäft war eine theilweise Theilung unserer Güter unter uns beiden Brüdern. Bis dahin hatten wir, wie ich schon anführte, sowohl der Verwaltung wie Nutznießung nach alle Güter gemeinschaftlich besessen und die reinen Revenuen seit einigen Jahren unter uns so vertheilt, daß Hermann, weil er die Hauptlast der Verwaltung hatte, davon ^ und ich ^/s erhielt. Diese Verthei- lungsart, die Hermann von Anfang an nur mit Widerstreben und nur auf mein ausdrückliches Begehren angenommen hatte, war ihm aber stets unangenehm gewesen, er wollte für seine Mühe keine Vergütung haben, sondern fand in seinem Wirken für mich und die Gesammt- familie genügende Belohnung und jetzt, wo ich im Begriffe stand, mich zu verheirathen, ergriff er dies als Vorwand, mich zu bestimmen, . jenen Vertrag wieder aufzuheben. Er schlug dagegen vor, wir sollten aus einem Theil unserer Güter, wozu namentlich der größere Theil der Oekonomiegüter gehörte, zwei gleiche Loose machen, und diese unter 636 uns so vertheilen, daß der Eine Nentweinsdorf mit den angränzenden landwirtschaftlichen Gütern, der Andere Eyrichshof mit dessen benachbarten Oekonomiegütern erhielte, da die einheitliche Bewirtschaftung von landwirtschaftlichen Gütern stets besser sei. Das übrige Vermögen und alle Geschäfte bezüglich der Patrimonialgerichte, der Rentei, mit den Grundholden, wie mit den Staatsbehörden, sollten nach wie vor gemeinschaftlich bleiben, und begehre er für deren Hauptführung keine Entschädigung. Dem Prinzipe nach war dieser Vorschlag bezüglich der Oekvnomiegüter richtig, aber der Schluß widerstrebte meinem Gefühle und nur nach langem, aber fruchtlosen Dagegenstreben gab ich hierinnen dem generösen Anerbieten Hermanns nach. Es wurden nun im Herbste 1832 zwei Sachverständige, Freiherr Gotthart von Truchseß von Bundorf, und Finanzrat Kölle, damals Pächter des Gutes Mariaburghausen bei Haßfurt, zur Abschätzung der Oekvnomiegüter aufgestellt, die die Freundlichkeit hatten, dieses Geschäft zu übernehmen und dasselbe mit großer Umsicht und Unparteilichkeit vollzogen. — Hermann arbeitete alles sonst noch auf diese Theilung Bezügliche sorgfältigst aus, und am 3. Mai 1833 wurde der Theilungs- vertrag selbst von uns unterzeichnet. Dieser Unterzeichnung ging aber wiederum ein Akt brüderlichen Generositätsstreites voraus, da Hermann durchaus verlangte, daß wir wegen der Verteilung beider Güterloose loosen sollten. Ich läugne es nicht, daß mir das Aufgeben des Vaterhauses schwer wurde, und daß mir der Gedanke, einst in Eyrichshof zu wohnen, nichts Anziehendes hatte und es schwebte mir Alles, was ich dieserhalb über das Loosen unseres Vaters und Onkels gehört hatte, vor Augen, ich zweifelte aber nicht, Kraft zu besitzen, solche Gefühle in mir zu bekämpfen, und mußte es als unnatürlich von meiner Seite erkennen, falls mir das Loos Nentweinsdorf zufallen würde, meinen Bruder, der sich nun ganz im dortigen Schlosse eingerichtet und fast 3 Jahre dort verheiratet gelebt hatte, daraus zu vertreiben und ihn zu zwingen, sich in dem damaligen unwirthbaren Eyrichshof erst neu einzurichten. Dazu kam, daß ich in den Staatsdienst zu treten beabsichtigte, er aber die Verwaltung des gemeinschaftlich Gebliebenen fortbehielt und sogar ohne besonderen pecuniären Vorzug fortführen wollte, und daß es natürlicher sei, wenn er deshalb in Nentweinsdorf wohne, wo der Sitz der Beamten, das Archiv w. war. Kurz ich verwarf das 037 Loosen und bestand darauf, daß er das Loos Rentwemsdorf, ich dagegen das von Eyrichshof erhalten sollte, was er denn auch endlich zugab, worauf der Vertrag unterzeichnet ward. Nach diesem Vertrag, der am 17. September 1847 noch einige Zusätze erhielt, haben wir denn nun auch bis zu Hermanns Tode, und auch von da an seine Söhne und ich bis zu dem neuen Verwaltungsstatut das ich nach dem Tode meines Bruders 1858 entwarf und was 1863 -in's Leben trat, die Güter besessen und verwaltet, und bei fraglichem Verwaltungsstatut ist theilweise jeuer Theilungsvertrag von 1833 mit seinem Zusatz von 1847 zur Basis genommen worden '). Hermann erhielt nun außer dein Schlosse Rentwemsdorf mit Gärten, die Oekouomiegüter Rentwemsdorf, Sendelbach, Hebendorf und Eichelberg nebst den Teichen daselbst. Ich dagegen neben dem Schloß Eyrichshof, für dessen Einrichtung eine Summe von 6000 fl. festgesetzt wurde, nebst Gärten, die Oekouomiegüter Eyrichshof, Fischbach und Vorbach sammt Teichen. Da diese drei Güter im Ertrag geringer waren als jene vier, wurde mir eine entsprechende Ausgleichungssumme aus der Hauptkasse alljährlich bezahlt. Als ich später, wie ich sofort anführen werde, das von mir privatim erkaufte Oekonomie- gut Kurzewind an die Gemeinschaft verkaufte, ward solches meinem Güterloos zugeschlagen, wodurch beide Loose so ziemlich im Ertrag gleichstanden und jene Ausgleichuugssumme bis auf ein Geringes wegfiel. — Diese Gütertheilung war übrigens, wie alle früheren in unserer Familie, wiederum keine Eigenthumstheilung, sondern bezog sich nur auf Verwaltung und Rentenbezug. Noch ein weiteres wichtiges Geschäft war die Regelung unserer Pfarrei Eyrichshof, die bis dahin blose Schloßpfarrei war und nun auf Andringen des königlichen Oberkousistoriums in eine öffentliche umgestaltet werden sollte. Die Sache wurde damals von uns erledigt, hat aber später bezüglich unserer Reichnisse an solche noch eine Aende- rung erlitten. l) Ich empfehle den Familiengliedern jene wichtigen Verträge von 1333 und 1347 Zn lesen. 41» 638 In der speziellen Familie Hermanns brachte das Jahr 1833 neuen Zuwachs. Am 5. Januar wurde ihm seine älteste Tochter, Caroline, geboren. Im März desselben Jahres, wo ich zum erstenmale nach meiner, im Januar stattgehabten Verheirathnng mit meiner Frau nach Rent- weinsdorf kam, bereitete mir Hermann in inniger brüderlicher Liebe einen schönen festlichen Einzug, dem noch mehrere andere Feste dort und in Eyrichshof nachfolgten '). Das Leben in Rentweinsdorf war seit Hermanns Verheirathnng ein überaus gastliches und sehr gemüthliches geworden. Der Familienkreis bestand, außer dem Ehepaar und den Kindern, aus unserer Schwester Thusnelde, die mit ihren beiden Kindern Clara und Karl im September 1331 nach Rentweinsdorf gekommen war, dann einer Jugendfreundin meiner Schwägerin, Fräulein Elise Stegmann, die seit der Verheirathung Marlinens ganz in deren Familie eingetreten war. Mit den Aeltern der jungen Frau fand ein häufiges Zusammensein statt, indem sie öfters nach Rentweinsdorf kamen und Hermann mit den Seinigen noch öfter die Aeltern in Neuenhof oder Lauterbach besuchte. — Dazwischen kam unsere theuere Mutter mit den jüngeren unverhei- ratheten Schwestern öfters von Berlin nach Rentweinsdorf, wo sie stets längere Aufenthalte machte, was zur Verschönerung des Familienlebens wesentlich beitrug. Die zahlreichen Freunde Hermanns kamen viel in das gastliche Schloß Rentweinsdorf, und da diese, wie schon öfters angeführt, fast ohne Ausnahmen Personen von innerer Bedeutung waren, so boten die dort vereinten geselligen Kreise stets viel Interessantes. — Ebenso fand, wie bei unserem Vater, ein steter geselliger Verkehr mit den benachbarten Gutsbesitzern, wie mit den Geistlichen und Beamten unserer Familie statt, die nach wie vor in einem innigen freundschaftlichen Verhältnisse zu dem Gutsherrn standen. Hermanns freundliches, ächt ritterliches Wesen, wie seiner Gattin Liebenswürdigkeit, zog Jeden an. Deren Beschreibung befindet sich in unserem Archiv zu Rentweinsdorf. 639 Ein besonders lebhafter und geistig fördernder Verkehr bestand mit den Verwandten in Merzbach, wo die geistreiche Cousine Gräsin Louise von Rottenhan mit ihrem edlen, biederen Gatten für Hermann und seine Familie ein sehr anziehender und bildender Umgang war. Hier trafen sie oft mit den überaus interessanten Verwandten der Gräsin zusammen, so mit dem Schwager derselben, dem berühmten früheren preußischen Minister von Stein, dessen beiden geistreichen Töchtern Gräfin Henriette Giech und Gräfin Kielmannsegge und deren ebenso ausgezeichneten Männern, mit den beiden Brüdern der Gräfin, den östreichischen Generälen Grafen Wallmoden, von denen der ältere ein Held der Freiheitskriege war, und Anderen. Es bildete sich von Jahr zu Jahr immer mehr der innigste Verkehr mit den Verwandten in Merzbach. Zu Ende des Jahres 1833 hatte ich, wie schon oben angedeutet, ein kleines Oekonomiegut zu Kurzewind, welches Rentamtmann Prell aus einigen daselbst zusammengekauften Bauerngütern gebildet hatte, von diesem gekauft und es durch Zukauf eines weiteren Bauerngutes daselbst noch vergrößert. Da ich später mit meinem Bruder mich dahin einigte, daß wir wo möglich alle im Bereich unserer Güter zu machenden Acquisitionen nur für die Gemeinschaft erwerben wollten, so trat ich dieses neu erkaufte Oekonomiegut an unsere Gemeinschaft käuflich ab, erhielt solches aber sofort unter Bezug auf unsere brüderliche Theilung der Oekonomiegüter auf meine Hälfte gegen Grundrente. Es wurden im Laufe der nächsten Jahre noch einige Bauerngüter daselbst hinzugekauft und so das jetzt in Kurzewind bestehende Oekonomiegut nach und nach gebildet. Das Jahr 1834 rief Hermann wiederum zum Landtag nach München, der aber diesmal nur 4 Monate — vom 1. März bis 1. Juli — dauerte. Das Ansehen und die allgemeine Achtung, die sich Hermann schon 1831 in der Kammer erworben hatte, verschafften ihm bei diesem zweiten Landtage sofort eine einflußreiche Stellung. Er wirkte nicht nur im Ausschuß, dessen Glied er war, sondern vorzugsweise in den Privatberathungen der einflußreicheren Kammermitglieder, zu denen er fast immer gezogen wurde. Auch König Ludwig, den das offene ritterliche Auftreten Hermanns und die strenge Eon- 640 seqnenz seiner Aenßerungen und Handlungen ungemein ansprach, und der trotz dessen öfteren Opponirens gegen Rcgierungsmaßregeln hohe Achtung und wahre Zuneigung zu Hermann gewann, berief ihn häusig zu sich, um seinen Rath und seine Ansicht über die Kammerverhandlungen zu hören. Hermann gehörte auch diesmal keiner bestimmten Parthei an, war aber bei allen geliebt und hochgeachtet und von dem günstigsten Einfluß auf den Gang der Kammerverhandlungen. Während dieses Landtages traf uns daheim auf den Gütern ein recht schmerzlicher Verlust. Unser trefflicher Nentmeister Solger, gleich ausgezeichnet als Beamte wie als Mensch, der seit einer langen Reihe von Jahren mit großer Treue und Aufopferung für unsere Familie gewirkt und ihr auf's Innigste ergeben war, starb im Frühjahre 1834 nach längerein Leiden. Es war ein großer Verlust für unsere Familie, und wir betrauerten zugleich mit seinem Tode das Scheiden eines wahren Freundes. Im Jahre darauf ließen wir ihm als Anerkennung seiiler vorzüglichen Leistungen auf dem Kirchhofe zu Rentweinsdorf ein Grabdenkmal setzen. — Hermann nahm sofort Kammernrlaub, um daheim wegen des Kasse- und Rechnungswesens Vorsorge zu treffen. Es wurde solches theilweise dem Sohne des Verstorbenen, der seine Rechtsstudien vollendet und neben landgerichtlicher Praxis schon einige Zeit bei dem Vater zur Aushülfe mitgearbeitet hatte, übergeben und derselbe später förmlich als unser Rentmeister angestellt. Doch ward nun eine Veränderung in den Rechnungs- und Kassageschäften gemacht. Unser bisheriger Sekretär Lang bekam die Hauptkasse mit dem Titel Kassier, führte daneben Hermanns Oekonomierechnungen und die Sekretariatsgeschäfte. Solger erhielt die Rentei- und Forstrechnungen nebst dem Bauwesen mit dem Titel Rentmeister, und dem Renteigehülfen Hübsch wurden neben seiner Aushülfe beim Rentmeister einzelne Stiftungsrechnungen, wie die des Pfarr- und Schulfonds und der Wohlthätig- keits- nebst der Beschäftigungs-Anstalt übertragen, und ihm bald darauf der Titel Renteiassistent gegeben. Was meinen Bruder und mich in jener Zeit ganz besonders beschäftigte und von da an bis zu seinem Tode ein stets fortgesetzter Geschäftsgegellstand blieb, war die Abfassung eines Familiengesetzes. Schon mein Vater hatte sich, wie ich weiter oben ausführte, viel damit 641 beschäftigt, war aber zu keinem befriedigenden Resultate gekommen. Im Herbste 1834 machte ich mich zuerst an diese Arbeit und brachte meine desfallsigen Ideen zu Papier, wobei ich die Bildung zweier Majorate im Auge hatte, nämlich eines größeren für Hermann und seine Nachkommen, mit dem die Reichsrathswürde in Verbindung gebracht werden könnte und das seinen Sitz in Rentweinsdorf habe und das Patrimonialgericht Rentweinsdorf umfasse, und eines kleineren Majorats mit dein Sitze Eyrichshof und dem Patrimonialgerichte Stasfelbach für mich und meine Nachkommen. Vielfache Besprechungen und ausführliche Korrespondenz zwischen uns Brüdern folgten dieser ersten Arbeit, und währnd 24 Jahren, in denen sich natürlich unsere Ansichten oft und wesentlich änderten, zog sich diese für uns und unsere Nachkommen so wichtige Angelegenheit als bleibender Geschäftsgegenstand fort, und es wurden von meinem Bruder und mir zum Oefteren ausführliche Bearbeitungen gefertigt. Je mehr wir uns aber in die Sache hineinarbeiteten, um so mehr sahen wir Schwierigkeiten aller Art. Zu reinen Majoraten, die wir anfangs beabsichtigt hatten, konnten wir uns schon bald, theils wegen der für solche in Bayern geltenden ungünstigen Bestimmungen, theils wegen unserer von Jahr zu Jahr wachsenden Kinderzahl schwer entschließen und eine das bestehende Condominats - Verhältniß mit dem Majorate vermittelnde Einrichtung bot der Schwierigkeiten viele. Es war nicht Ansichtsverschiedenheit unter uns, die dem Zustandekommen einer definitiven Einrichtung entgegentrat, vielmehr waren wir meist ziemlich gleicher Ansicht, sondern die gleiche Ueberzeugung, daß jede Einrichtung eine mangelhafte sei. — Hermann quälte diese Resultatlosigkeit unserer Bemühungen sehr und namentlich in der letzten Zeit seines Lebens, wo betrübende Gesundheitserscheinungen ihm schon häufige Todesgedanken gaben, und ich glaube, wenn ihn der Herr nur noch ein Jahr länger uns erhalten hätte, so würden wir beide doch noch zu einen: Resultate gelangt sein; so war es mir allein vorbehalten, nach seinem Tode diese für unsere Familie so wichtige Einrichtung mit Hermanns Söhnen zum Abschlüsse zu bringen, wovon weiter unten ausführlicher gesprochen werden wird. Recht betrübend in Hermanns glückliches Leben trat schon 1834 die uns Alle sehr beängstigende Kränklichkeit unserer lieben Schwester 642 Thusnelde, die, wie ich scheu anführte, mit ihren Kindern damals in Rentweinsdorf wohnte. Es hatte sich ein schweres Lungenleidcn bei ihr ausgebildet, und wir konnten es uns schon im Herbste dieses Jahres nicht verhehlen, daß sie ihren: Ende entgegengehe. Einige bei ihr eingetretene Besserung erlaubte indessen Hermann, in: Herbste mit seiner Familie nach Schlesien zur Gräfin Reden zu reisen; ein längerer Winteraufenthalt bei den Schwiegerältern mußte aber dieser Krankheit der Schwester wegen aufgegeben werden. Unsere Finanzen hatten sich unter Hermanns trefflicher Leitung bereits jetzt so gehoben, daß alljährlich neben der Schuldenabzahlung auch Capitalsanlagen oder Gutskäufe stattfinden konnten. So wurde Anfang 1835 ein Theil des Gutes des Bauern Scheller zu Sendelbach angekauft und mit dortigem Oekouomiegut vereiniget, und wie im Jahre vorher Staatspapiere augekauft, um allmählig eine größere Summe zur Schuldentilgung zu erhalten. Hermann begann auch um diese Zeit ein großes, für unsere Güter wichtiges Geschüft, nämlich die Anlegung neuer Lehnbücher, durch welche unser Besitz, und namentlich unsere Rechtsverhältnisse mit den Grundholden, bei denen Manches zweifelhaft war, festgestellt werden sollten. Dieß Geschäft nahm mehrere Jahre in Anspruch, und obgleich es nicht ganz vollendet wurde, hatte es doch vielfachen Nutzen für unsere Gutsverhültnisse, und diente später — 1848 — als die Ablösung unserer Dominikalien beschäftiget wurde, zu deren Grundlage. Daneben begann Hermann sich jetzt auf's Eifrigste mit der Forst- bewirthschaftung zu beschäftigen. Bis dahin hatte ihn die Landwirth- schaft vorzugsweise interessirt, und er hatte ihr ein bevorzugtes Studium gewidmet, weshalb er denn auch schon damals als einer unserer unter- richtetsten Landwirthe galt. Er sah nun aber ein, daß bisher für unsere Waldungen zu wenig geschehen sei, und daß bei der Bedeutendheit derselben, und dem steten Steigen der Holzpreise gerade für sie bei uns etwas Wesentliches geschehen müsse. Er begann nun vor Allem mit dem Studium der Forstwirthschaft selbst, und bemühte sich gleichzeitig, einen tüchtigen, wissenschaftlich gebildeten Forstmann zu finden, der uns einen gründlichen Forstbewirthschaftungsplan für unsere Waldungen ausarbeite. Diesen fand er in den: großherzoglich Weimar'- 643 schen Forstrath König zu Eisenach, der zu jener Zeit für einen der bedeutendsten Forstmänner Deutschlands galt, und der sich auch bereit erklärte, den Wirthschaftsplan zu bearbeiten. Das Geschäft konnte jedoch erst ein Paar Jahre darauf begonnen werden, wo Forstrath König nach vorausgegangener Besichtigung unserer Waldungen vorerst genaue Vermessungen derselben anstellte, und Waldkarten anfertigen ließ, dann eine Abschätzung vornahm, und erst hiernach den Wirthschaftsplan fertigte, der erst mit dem Jahre 1839 in's Leben trat. Er war auf allmählige Umbildung unserer meist aus Mittelwald bestehenden Forsten in Hochwaldbetrieb bastrt, und zugleich ward eine genaue Berechnung über nachhaltigen Betrieb geliefert, wobei sich ergab, daß wir außer dem Holläyderholzverkauf durchschnittlich jährlich 180,000 Cubik- fuß Stamm- und Brennholz schlagen durften. Es hat sich später ergeben, daß Forstrath König sich hieriuneu geirrt hatte, denn nachdem zwanzig Jahre lang stets diese Quantität Holz geschlagen worden war, war eine nicht unbedeutende Waldfläche, die nach dem Wirthschaftsplan in diesen ersten zwanzig Jahren hätte abgeschlagen, resp. umgewandelt werden sollen, gar nicht zum Hieb gekommen, also eingespart worden. Entweder war dieß Folge von zu geringer Abschätzung der Waldungen, oder von größeren! jährlichen Zuwachs, als Forstrath König angenommen hatte. Der letztgenannte Jrrthum Königs war Folge nicht richtiger Beurtheilung unseres Waldbodens, den er fast durchgehends als zu gering annahm, und deshalb auch fast überall eine Urnwandlung der Laub- in Nadelbestände, besonders in Kiefern und Lärchen empfahl, während es sich bald zeigte, daß er sich in vielen Distrikten zur Beibehaltung des Laubholzes (Buche und Eiche) oder wenigstens zur Umwandlung in Fichtenbestände sehr gut eigne, was denn auch von Hermann schon bald nach Beginn des neuen Wirth- schaftsplanes angewendet wurde, und bis zu seinem Tode mit bestem Erfolge geschah, und was ich seitdem in noch ausgedehnterem Maaße fortgesetzt habe. Trotz dieser Irrungen hatte aber der neue Wirthschaftsplan für unsere Waldungen wesentlichen Vortheil, und ihr jetziger vorzüglich guter Bestand ist Folge davon. Ich glaubte dieß schon hier anführen zu müssen, da Hermanns darauf bezüglichen Geschäfte schon im Jahre 1835 begannen. Als der 644 Wirthschaftsplan selbst 1839 in's Leben trat, wurde Hermann, der sich diesem Verwaltungszweig nun mit großer Liebe und regem Eifer widmete, bald ein gründlich gebildeter Forstmann, und der oben berührte jetzige sehr gute Stand unserer Waldungen ist vorzugsweise sein Verdienst, wobei ich aber nicht unerwähnt lassen darf, daß er dabei von unserem Forstpersonale, als sich dasselbe erst einmal in den neuen Wirthschaftsplan eingearbeitet hatte, kräftigst unterstützt wurde, wie dieß noch heute bei demselben lobend anzuerkennen ist. Neben diesen Geschäften nahm Hermann im Laufe des Jahres 1835 noch ein weiteres, recht wichtiges vor, was schon unser Vater projectirt und auch einmal begonnen hatte, was aber anfangs durch Schwierigkeiten, die sein Bruder machte, dann durch des Vaters Kränklichkeit damals nicht ausgeführt ward. Es war dieß das Ordnen unseres Familienarchivs zu Reutweinsdorf, was sich in völliger Unordnung befand, und darum für uns fast nutzlos geworden war. Der Archivbeamte Lehnes wurde dazu nach Reutweinsdorf berufen, der zu diesem Zwecke sehr lange daselbst blieb, das Geschäft aber gut vollendete. Er verfaßte bei dieser Gelegenheit, gleichzeitig mit dem Ordnen des Archivs, eine Zusammenstellung unserer Rechte, mit einzelnen Notizen über unsere Familie selbst, der er den Titel „des Geschlechts von Rotenhan Geschichte und Rechte" gab, und die ich schon öfters in dieser meiner Familiengeschichte citirte. Sie befindet sich im Manuscript in unserer gemeinschaftlichen Bibliothek, und wenn sie auch keine wirkliche Familiengeschichte ist, enthält sie doch viel Werthvolles, und wurde von mir vielfach bei diesem Werke benützt. Das Frühjahr 1835 brachte Freude und Schmerz in Hermanns Haus. — Am 27. April wurde seine Gattin von ihrem dritten Kinde, einem Sohne entbunden, der nach mir den Namen Julius erhielt; aber neben dieser Freude sah man mit dem tiefsten Schmerze das immer mehr zunehmende Leiden der Heueren Schwester Thusnelde, die ihren: Ende entgegenwelkte. Sie starb am 17. Juni nach vielen: Leiden, aber in frommer gläubiger Ergebung. Dieser Tod brachte eine recht fühlbare Lücke in den schönen Familienkreis Hermanns. Es verließen nun auch die Kinder der früh Dahingeschiedenen Rentweins- dorf, da sie meine älteste Schwester Hedwig zu sich nahm, die von da 645 an ihre zweite Mutter ward. — Bei diesem schweren Verlust war es für Hermann und uns Alle ein großer Trost, unsere treffliche Mutter um uns zu haben, die wegen der schweren Erkrankung der thcueren Tochter von Berlin gekommen war, und dieselbe aufs Zärtlichste bis zu ihrem Tode pflegte. Die Glieder der weiteren Familie, die bisher im Schlosse zu Rentweinsdorf mit der Familie Hermanns gelebt hatten, waren nun geschieden, und letztere lebte fortan allein daselbst, doch hatte ich, da ich mein Schloß Eyrichshof noch nicht eingerichtet, meine eigene Wohnung in dem zu Rentweinsdorf, wo ich in der Regel jedes Jahr mit den Meinigen einen längeren Aufenthalt machte, was ebenso für unsere innerliche brüderliche Liebe Bednrfniß, wie für unsere gemeinschaftlichen Geschäfte förderlich war, da hierdurch das Meiste gründlich besprochen und schnell erlediget werden konnte. In jener Zeit war man in Deutschland auf's Eifrigste bestrebt, einen neuen Industriezweig, die Zuckerbereitung aus Runkelrüben einzuführen. Versuche wurden allerwärts gemacht und Ertragsberechnungen angestellt, wornach man in kurzer Zeit große Reichthümer zu erlangen glaubte. Ich erhielt solche Berechnungen von mehreren größeren Gutsbesitzern in München, die so lockend waren, daß auch wir solche Fabrik ans unseren Gütern einführen wollten. Das alte Brauhaus in Eyrichshof wurde dazu ausgewählt, und Hermann war eifrigst bemüht, einen geeigneten Dirigenten für solche Fabrik zu finden. Ich verschaffte den nöthigen Samen für die Zuckerrüben, die denn auch sofort auf mehreren unserer Güter angebaut wurden. Hermanns kluger und praktischer Sinn rettete uns aber dabei vor großem Verluste. Anstatt, wie es andere Gutsbesitzer thaten, sofort mit Erbauung der kostspieligen Fabrik zu beginnen, schlug er vor, erst zu prüfen, ob unser Boden für den Anbau der Zuckerrübe geeignet sei, und dadurch zugleich Zeit zu gewinnen, die Erfahrungen Anderer für uns zu benützen. Dieser Vorschlag bewährte sich trefflich, denn es zeigte sich schon im Jahre 1836, wo der versuchsweise Anbau der Rübe bei uns geschah, daß unser Boden dafür nicht geeignet sei, eine Fortsetzung im Jahre darauf bestätigte dieß, und unterdessen hatte es sich auch anderwärts gezeigt, daß dieser Industriezweig nur in gewisse sehr fruchtbare Gegenden 646 passe, und so wurde bei uns das Project wieder aufgegeben, ohne daß wir, wie es bei anderen Gutsbesitzern der Fall war, unnvthigerweise Kosten dafür ausgewendet hatten. Neben diesem mißglückten industriellen Versuche zeigte sich um jene Zeit noch eine zweite Aussicht möglich großen Gewinnes, die aber auch in Nichts zerstob. Man glaubte nämlich plötzlich in unserem Hauptwalde an der Gränze der Eberner Stadtwaldung in den dortigen Thongruben Stein- oder Braunkohlen aufzufinden und rieth zu muthen und Schürfversuche zu machen, und zwar sollten letztere in Gemeinschaft mit der Stadt Ebern, also ans gemeinschaftliche Kosten geschehen. Die ersten Versuche fielen auch wirklich günstig aus, man kam auf Kohlen, die nach dem Urtheile des als Mineralogen und Geologen berühmten Regieruugsraths Grafen Münster zu Bayreuth als gute Steinkohlen erklärt wurden. Allein Ebenderselbe rieth entschieden von jedem weiteren Bohrversuche ab, da es wissenschaftlich feststehe, daß in unserer Gegend keine Steinkohlenlager existiren könnten, die vorgefundenen daher nur s. g. einzelne Steinkohlennester seien, die man an vielen Orten finde und die niemals einen bergmänn'schen Betrieb lohnten. So unterblieb denn auch der weitere Fortbetrieb. Diese beiden mißglückten Versuche, schnell größere Reichthümer zu erlangen, waren uns ein Fingerzeig, daß wir auf solchem Wege nicht zu größeren Revenüen gelangen sollten, dagegen erkannten wir immer- nrehr, daß die rechte Quelle dafür in unseren Gütern selbst liege, und Hermann verstand es, diese Quelle immer ergiebiger zu machen. Bedeutende Holländerholzverkäufe, die selbst zum Besten des Waldes nöthig waren, Verbesserungen in der Landwirthschaft und strenge Ordnung der Finanzen hatten bereits die Möglichkeit verschafft, viele Schulden abzutragen, so daß schon 1836 unsere gemeinschaftliche Schuldenmasse incl. unserer Familienstiftungen, deren Kapital wir zu vertreten hatten, auf 194,220 fl. herabgesunken war, obgleich wir in den letzten Jahren bedeutende außerordentliche Ausgaben zu bestreiten hatten und für unser Leben fast schon das Doppelte depensireu konnten, wie nach des Vaters Tode. Auch im Jahre 1836 wurden nahezu an 18,000 fl. Schulden abgezahlt und die Gossenberger'sche Brunnensölde in Rentweinsdorf, wie ein Theil des s. g. Jägerhofes in Sendelbach 647 angekauft, was ein größerer Holländerholzverkauf ermöglichte. — In diesem Jahre fand auch die weiter oben schon angeführte Uebernahme unseres bei Banquier von Hirsch auf Partialobligationen aufgenommenen Anlehens von ursprünglich 100,000 fl. durch Landmarschall von Riedesel statt, worauf sämmtliche Partialobligationen heimgezahlt wurden. Ein für unsere Diener und Grundholden wichtiges und sehr segensreiches Institut wurde am 1. Oktober 1836 von uns beiden Brüdern in's Leben gerufen, es war dies eine Sparkasse, welche für unsere Familienbesitzungen, d. h. für alle Einwohner der zu unseren Besitzungen gehörigen Orte, welche zu unserer Familie in einem Dienst-, Grundholden- und Gerichtsbarkeitsverhältnisse standen, sowie für deren Kinder, Dienstboten, Gesellen und Lehrjungen errichtet wurde. Für die Einlage wurde als Minimum 15 kr. und als Maximum 100 fl. bestimmt, und die Verzinsung auf 3Vs°/<> festgesetzt. Wir übernahmen die Haftung mit unserem Vermögen. Entstehende Ueberschüsse sollten zu Prämien für die ordentlichsten Einleger verwendet werden. Diese Sparkasse, die noch besteht, hatte zu Ende 1862/63 bereits ein Einlagekapital von 19,134 fl. 17 kr. und ist seitdem noch gewachsen. Zu Ende 1836 war die sechsjährige Wahlperiode für den Landtag beendet und eine neue Wahl fand statt. — Hermann wünschte dringend, nicht wieder gewählt zu werden und gab solches vielen seiner Wähler kund. Es wird dies befremdend erscheinen, wenn man nach dem oben Gesagten im Auge hat, in welch' hoher Achtung Hermann bei den zwei Landtagen, denen er bereits beigewohnt, stand und welch' großen Einfluß er auf deren Verhandlungen hatte, und man wird es zugleich nicht wohl begreifen können, warum der erst 36 jährige junge Mann sich schon jetzt vom Wirken im öffentlichen Leben zurückziehen wolle. Der Hauptgrund lag in dein seinem offenen Charakter und Streben widerstrebenden Partheiwesen, das er bei der Kammer gefunden, wo viel Unlauteres zu Tage trat und das Wohl des Staates und Volkes nicht immer der Grund der Handlungsweise war. Daneben waren auch vielfache Familienrücksichten für ihn dabei bestimmend, die ine Einzelnen hier nicht näher angeführt werden können. — Sein Wunsch wurde jedoch nicht erfüllt, denn der Adel des Obermainkreises erwählte ihn von Neuem, und er mußte sich, wenn auch mit Wider- 648 streben, diesem ihm von Neuem bewiesenen Vertrauen fügen. — Der neue Landtag begann am 3. Februar 1837. Kurz vorher hatte Hermann die Freude, seine Kinderzahl vermehrt zu sehen, da ihm am 7. Januar eine zweite Tochter, — die den Namen Luise erhielt — geboren ward. Während des Landtags war seine Familie meist in Nenenhof. Hermann begann seine Thätigkeit an diesem Landtag mit einem größeren, sehr gut ausgearbeiteten Antrag über das Straßenbauwesen in Bayern, wozu ihn der damalige schlechte Zustand unserer Straßen veranlaßt?. Der Antrag fand im Lande überall vielen Beifall. Im klebrigen war Hermanns Stellung wie sein Wirken bei diesem Landtag ziemlich gleich wie bei den früheren; ohne in einem der bedeutenderen Ausschüsse zu sein (er war wie früher im 5. Ausschüsse) hatte er doch viel Einfluß und genoß die größte Achtung, aber trotzdem befriedigte ihn dieser Landtag noch weniger als die früheren. Unangenehme Conflikte begannen zwischen den Kammern und der Negierung oder vielmehr dem Könige wegen des Budgets. Die Tendenz der Regierung ging dahin, durch übertriebene, für die wichtigsten Verwaltungszweige offenbar nachtheilige Ersparungen in den Ausgaben, wie durch zu geringe Einsetzung der Einnahmsposten Erübrigungen zu erzielen, über die die Regierung das alleinige Recht der Verwendung für sich in Anspruch nahm, was, wie ich weiter unten zeigen werde, bei den folgenden Landtagen zu großen, sich lange fortziehenden Conflikten führte, bei denen Hermann eine so einflußreiche Stellung bekam, daß ihm diese theilweise den Weg zu seiner späteren bedeutenderen Stellung in der Kammer anbahnte. Auch schon bei dem Landtag von 1837 trat Hermann mit vollster Entschiedenheit gegen diese für das Wohl des Landes schädliche Manipulation, wie gegen das irrige Princip der Regierung bezüglich der Verwendung der Erübrigungen auf. Bei Gelegenheit des Rechenschaftsberichtes bewies er in einer längeren, sehr gründlichen Rede den irrigen Standpunkt, den die Regierung eingenommen, und eröffnete damit jenen durch mehrere Landtage sich fortspinnenden Streit. Sein Ansehen in der Kammer gewann dadurch außerordentlich, und wenn er auch hierdurch mit dein Könige in Differenz gerieth, so vermochte solche 649 doch nicht ihm dessen Vertrauen und Achtung zu entziehen. König Ludwig erkannte den wahren loyal m Grund seiner Opposition, und achtete solchen. Wohl betrachtete er Hermann von da an als seinen Gegner, wie er sich ausdrückte, aber als einen, der aus loyaler Ueber- zeugung, und in acht aristokratisch-conservativem Sinne handele, treu ergeben dem Könige wie dem Lande, und beider Interessen stets im Auge habend. Diese Ansichten des Königs gaben sich auch sofort kund, denn derselbe willigte auf Andringen des mit ihm., wie mit Hermann eng befreundeten Abgeordneten Freiherrn Heinrich von der Tann ein, daß der Finanzminister mit Hermann eine Privatconferenz über das Budget habe. Hermann verfaßte zu diesem Zwecke eine sehr gründliche Beleuchtung des ganzen Budgets, worinnen er nachwies, daß in ihm durch die zu geringe Ansehung der Einnahmen circa 18 Millionen Einkünfte für die IV. Finanzperiode ohne Angabe der Verwendung enthalten seien, über die die Regierung, wenn ihre Annahme, daß sie ohne Zustimmung der Stände über die Erübrigungen zu verfügen habe, Geltung erhalte, allein zu disponiren haben würde, was von Seite der Kammer nicht zugestanden werden könne. Diese Arbeit, verfaßt in der Sprache eines unabhängigen Aristokraten, aber in treuer Anhänglichkeit an legitime Grundsätze übergab er durch Tann dem Könige, den solche zwar sehr unangenehm berührte, der aber bei dem durchaus edlen Grund seines Charakters meinem Bruder darüber seine Anerkennung nicht versagen konnte. Hermanns Bemühungen blieben auch nicht ohne günstigen Erfolg; konnten auch die entstandenen Conflicte noch nicht ausgeglichen werden, was einem späteren Landtag vorbehalten war, so wirkten jene Bemühungen doch einerseits auf vielfache Nachgiebigkeit des Königs, wie andererseits auf ein kräftigeres und einigeres Auftreten der Kammer, was Hermann nicht erwartet hatte, da ihm am Anfang des eingetretenen Conflictes die Kammer das Bild großer Zerworrenheit und sogar großer Apathie gegeben hatte. Verschiedene Anträge, die er bei den Budgetverhandlungen, namentlich wegen des schon oben berührten Straßenwesens gestellt hatte, gingen glänzend durch, und in der Kammer wie überall im Lande wurde ihm dafür volle Anerkennung zu Theil. Da sich der Landtag sehr in die Länge zog, nahm Hermann Anfang October seine Familie zu sich nach München, wohin auch Marlinens Eltern mitzogen. Nach langer Trennung war diese Familien- vereinigung ein wahrer Hochgenuß für meinen Bruder. Mitte November endete aber endlich der lange Landtag, und Hermann konnte mit den Seinigen nach Nentweinsdorf zurückkehren. Hier war unterdessen eine Veränderung bei unseren Beamten vorgegangen. Wir hatten uns im Laufe des Jahres veranlaßt gesehen, unseren Patrimonialrichter Jacobi zu pensioniren, und wollten nun die Patrimonialrichter- und Nentmeisterstelle vereinen, und unseren jungen Nentmeister Solger zugleich zum Patrimonialrichter ernennen. Dieses Vorhaben kam jedoch nicht zu Stande, da Solger, der anfangs damit einverstanden war, sich später dagegen erklärte. Es wurden daher unsere beiden Patrimoniakgerichte einstweilen durch den benachbarten Patrimonialrichter Eckt von Pfaffendorf verwest, und Solger verblieb allein in seiner Stelle als Rentmeister. Eine zweite, uns sehr betrübende Veränderung in Nentweinsdorf, die zu gleicher Zeit — Ende 1837 — eintrat, war die Versetzung unseres trefflichen Pfarrers und Dekans Weinmann, unseres früheren Hofmeisters, von dem ich schon oben bei meinem Vater öfters sprach. Er war der treueste Freund unseres Hauses und allgemein geliebt und verehrt, sodaß sein Scheiden uns Allen überaus schmerzlich war. In diesem Manne, der sein ganzes Leben hindurch der früheren rationalistischen Richtung angehört hatte, waren schon seit geraumer Zeit lebhafte Zweifel über die Wahrheit und Richtigkeit jener Richtung entstanden, die ihn fortwährend quälten, er rang nach Klarheit im Gebiete des positiven Glaubenslebens, und hatte mit Hermann wie mit mir hierüber oft die ergreifendsten Gespräche. Die vielen Geschäfte, die ihm die große Pfarrei Nentweinsdorf und das Dekanat brachten, ließen ihm keine Zeit zu reiflichen: Studium und Forschen nach Klarheit, und seine inneren Zweifel stiegen oft bis zur wahren Verzweiflung. Da wurde es ihm endlich klar, daß er aus den: zu großen Geschäftsdrang fort müsse, um den inneren Frieden zu erlangen. Er meldete sich auf die kleine und ruhige Pfarrei Pfofeld in der Nähe des Altmüh lthales, und erhielt sie. Mit blutendem Herzen schied er von dem ihm so lieben Nentweinsdorf, wo er seit seiner frühesten Jugend gelebt und viel Glück und Liebe genossen. Fast die ganze dort lebende li51 Generation war nnter ihm aufgewachsen, und Alles verehrte ihn auf's Innigste. Er hat Gottlob in dem stillen einsamen Pfofeld jenen innern Frieden gefunden, nach dem er in Rentweinsdorf vergebens gestrebt, jenen Frieden in der gläubigen Vereinigung mit unserem Heilande, und die letzten Jahre seines Lebens gingen ihm dort in ungetrübtem inneren Glücke vorüber. Wir Alle, und besonders Hermann, der mit ihm lebte, verloren aber durch sein Scheiden einen treuen redlichen Freund, der uns dnrch's ganze Leben stets derselbe geblieben war. Die lange Abwesenheit Hermanns hatte die Geschäfte daheim sehr gehäuft, und er fand, statt sich von den Anstrengungen des Landtages ausruhen zu können, vollauf Beschäftigung, konnte aber bei seinem Arbeitseifer und seinem klaren Geschäfisblick schnell currcnt werden. Auch zur weiteren Schuldentilgung lagen wieder 12,000 fl. bereit, wie sich denn überhaupt unsere Passiva jetzt jedes Jahr minderten. Neben diesen angehäuften Arbeiten für unsere Gutsverhältnisse hatte Hermann in jener Zeit auch ein schwieriges und zeitraubendes Geschäft für unseren Schwager Seckendorfs übernommen, nämlich die Erlangung eines Vergleichs desselben mit dem Kurfürsten von Hessen wegen des Gutes Buchenau in Hessen, welches Seckendorfs nach Aussterben der Familie Buchenau geerbt hatte, und das der Kurfürst als angeblich heimgefallenes Lehen einziehen wollte. Hermann mußte deshalb öfters nach Fulda und Kassel reisen. Das Geschäft zog sich sehr in die Länge, endete aber durch Hermanns Bemühungen zu Gunsten unseres Schwagers. ' An die Stelle des pensionirten Amtmanns Jocobi hatten wir den Negierungsaccessisten August von Schallern aus Bayreuth zu unserem Patrimonialrichter ernannt, der Anfang März 1838 diese seine Stelle in Rentweinsdorf autrat. Derselbe vereinigte mit großer wissenschaftlicher Bildung sehr gute practische Kenntnisse, und wurde nicht nur ein recht tüchtiger Patrimonialrichter, sondern später, wo wir ihm daneben auch noch unsere Rentey übertrugen, ein guter Rentmeister. Er blieb bis zur Auflösung der Patrimonialgerichtsbarkeit — 1848 — in unserem Dienste, wo er dann in den des Staates übertrat. Auf die erledigte Pfarrei Rentweinsdorf wurde auf den Wunsch Hermanns Pfarrer Wagner von Lichtenstein präsentirt, ein Jugendbe- 652 kannter von uns, der in einem schlichten unscheinbaren Aeußern tiefe innere Vortrefflichkeit besaß. Wohl fehlte ihm die für eine so große Pfarrei wie Rentweinsdorf nöthige Kraft und Energie, und er hatte ein fast zu kindlich stilles und sanftes Wesen, aber in ihm wohnte ein fester und klarer gläubiger Sinn, der über den rechten Weg zur Seligkeit mit sich ganz im Reinen war. — Hermann glaubte, daß gerade jetzt ein solcher Mann in der, in rationalistischen Lehren aufgezogenen Psarrgemeinde recht am Platze sei, da er in seiner einfach milden Weise dort leichter als ein zu eifriger Geistlicher eine Um- stimmung zur gläubigen Richtung anbahnen könne. Er hatte sich auch nicht getäuscht. Wohl ging es damit recht langsam, und es gehörte selbst geraume Zeit dazu, bis die Gemeinde sich an das schlichte einfache Wesen und an den veränderten Inhalt der Predigten gewöhnte, aber der in unendlicher Milde und christlicher Liebe ausgestreute göttliche Saame ging doch nicht verloren, und so wenige Sympathien Wagner auch anfangs unter seinen Psarrkindern zu gewinnen vermochte, eben so tief wurde er 1l Jahre darauf, wo er starb, von Allen betrauert. Für Hermann war der in seinem Glauben unerschütterlich feste Mann von großem inneren Werths. Beide harmonirten ganz in ihren religiösen Ansichten, und wo bei Hermann in Glaubenssachen noch etwas auszugleichen und zu befestigen war, fand er bei Wagner hierzu die rechte Stütze. Am 8. Juli 1838 ward meinem Bruder ein dritter Sohn geboren, der nach Onkel Egloffstein den Namen Gottfried erhielt. Um jene Zeit erhielt Hermann vom Könige von Preußen den Johannitter-Orden, um den er, und gleichzeitig mehrere protestantische Adelige unseres Landes, nachgesucht hatten. Im Sommer 1838 hatte Hermann wiederum die Freude, unsere liebe Mutter bei sich zu sehen, die mit den Schwestern gekommen war, und während ihrer Anwesenheit war das Schloß Rentweinsdorf überhaupt ein viel besuchtes, und es herrschte in diesen gastlichen Räumen ein sehr bewegtes heiteres Leben. Zu den besonders angenehmen Besuchen des Jahres 1838 ist der der trefflichen und liebenswürdigen Frau von Löw aus Staden zu zählen, mit der, wie ich schon anführte, 653 Hermann sehr befreundet war. Sie machte dießmal mit ihrem jüngsten Sohn und dessen Fran einen längeren Aufenthalt in Rentweinsdorf. Vom Jahre 1839 ist aus Hermanns Leben nichts besonders Bemerkenswertstes anzuführen. Er war in solchem viel vom Hause abwesend, theils in Geschäften, theils zum Besuche von Verwandten; so hatte er auch wieder einmal Berlin besucht, wohin er seit elf Jahren nicht gekommen war. Seine Zeit zu Hanse brachte er in eifriger angestrengter Arbeit zu. In diesem Jahre wurde das Oeconvmiegut Eyrichshof durch den Ankauf der Hvhn'schen Felder in Rotenhan, und das Oeconvmiegut Rentweinsdorf durch den Ankauf von etwas über acht Tagwerk Felder vergrößert. Die 1837 vorgenommene geographische Veränderung der acht Kreise Bayerns hatte 1839 eine neue Wahl für die II. Ständekammer zur Folge. Hermann wurde diesmal in beiden Kreisen, in denen wir begütert sind, von den adeligen Gutsbesitzern mit Gerichtsbarkeit wieder gewählt, und zwar in Oberfranken (dem früheren Obermainkreise) mit sehr großer Majorität. Er entschied sich wieder für diesen Kreis, und reiste Ende Dezember zu dem am 28. d. M. beginnenden neuen Landtag. — Bei diesem zeigte sich schon bei dessen Beginn, welch hohes Vertrauen Hermann bei den Kammermitgliedern genoß, denn er wurde bei der Wahl der Präsidenten unter die sechs Mitglieder gewählt, aus welchen der König den ersten und zweiten Präsidenten zu ernennen hatte. Traf ihn auch diese königliche Ernennung zum Präsidenten nicht, so lag doch in seiner Wahl schon ein sehr hohes Vertrauen der Kammer. Es wurde ihm denn auch in dieser Kammersaison eine viel bedeutendere Stellung als bei den früheren. Er ward in den II. Ausschuß (Finanzausschuß) erwählt, ruH erhielt hier das Hauptrefcrat über die Einnahmen, das Specialreferat über Straßen-, Wasser- und Landban, und jenes über ein den Ständen vorgelegtes Gesetz, Abänderung des Z. 6 Tit. VII. der Verfassungs-Urkunde, wodurch der Termin der Vorlage eines neuen Budgets verkürzt werden sollte. — Hermann hatte hierdurch, besonders durch das erstgenannte Referat, die wichtigste und einflußreichste Stellung unter den Kammer-Referenten. — Auch dem Könige gegenüber stellte sich Hermanns Stellung besser als er geglaubt. 42* 054 Auf seines Freundes Tann Veranlassung hatte er den: Könige einen Aufsatz über die Hauptresultate des Landtages von 1837 übergeben, worinnen er sich wiederholt mit vollster Offenheit aussprach, und diese Arbeit hatte wenigstens in der Stellung Hermanns zun: Könige einen recht guten Erfolg. Letzterer zeigte ihm großes Vertrauen und war überaus freundlich gegen ihn. Von da an berief er ihn öfters zn sich, sprach viel über Geschäfte mit ihm, und versicherte ihm in einem dieser Gespräche, er habe trotz seiner öfteren Opposition seinen Charakter nie verkannt, und habe ihn jederzeit für einen Ehrenmann gehalten. Hermann hatte nun vollauf zu thun, und arbeitete in angestrengtester Weise. Noch vermehrt wurden diese Geschäfte durch eine neue Arbeit, die ihm vom Ausschuß übertragen ward, nämlich die Bearbeitung der staatsrechtlichen Frage über die Gültigkeit oder Ungültigkeit, Verletzung oder NichtVerletzung ständischer Rechte bezüglich auf das Finanzgesetz und den Landtagsabschied von 1837. Diese Arbeit Hermanns war eine ganz vorzügliche, die nicht nur im Ausschusse einstimmig angenommen wurde, sondern überall den lebhaftesten Beifall fand, und selbst vom Minister Abel, der damals faktisch an der Spitze des Ministeriums stand, wegen der Conseqnenz, Ruhe und Bündigkeit ihrer EntWickelung gelobt ward. Den König berührte sie unangenehm, änderte aber in seinem Benehmen gegen Hermann nichts. Recht störend in diese Geschäfte trat für Hermann der Umstand, daß seine Frau gerade um diese Zeit ihrer Entbindung entgegensah. Hermann eilte dazu nach Rentweinsdorf, wo sich sein Aufenthalt etwas verlängerte. Endlich am 16. März gebar ihm seine Frau ihren vierten Sohn, der in der Taufe den Namen Friedrich erhielt. — Sogleich nach der Taufe eilte Hermann nach München zurück, wo nun die wichtigen Debatten über seine Referate folgten, bei denen er die große Genugthuung hatte, daß seine Anträge sämmtlichst angenommen wurden. Kurz darauf — am 15. April — endete dieser kurze, aber inhaltsreiche Landtag, bei dem Hermann unbedingt die wichtigste und bedeutendste Stellung gehabt hatte. Er fand nach dem Landtage zn Hause wieder viele Arbeit vor. Dazu kam, daß unser Nentmeister Solger uns verließ, indem er Patri- monialrichter und Rentenverwalter bei unserem Vetter Gras von Rotten- «,'l 055 hau in Merzbach wurde. Wir sahen ihn recht ungern scheiden, da er bereits, wie sein verstorbener Vater, sich durch Tüchtigkeit, Eifer und treue Anhänglichkeit ausgezeichnet hatte. Für unsere Merzbacher Linie war er aber von großem Gewinn, und hat sich auch seit den 24 Jahren, die er nun bereits dort im Dienste steht, als vorzüglicher und treuer Beamte bewahrt. Wir stellten für's Erste keinen neuen Rentmeister an, sondern übertrugen unserem Patrimonialrichter von Schallern zugleich die Rentey mit Beigebnng des Renteyassistenten Hübsch, der nun den größeren Theil der rentehtichen Geschäfte unter Schallern überkam, und zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigte. Trotz der vielen Geschäfte war es Hermann auch in diesem Jahre möglich gewesen, längere Aufenthalte bei den Schwiegereltern zu machen, und auch eine Reise zu Graf Giech, der ganz erblindet in Nassau, dem Gute seiner Frau, lebte, zu machen, auch mich konnte er in Kissingen, wo ich damals als Landrichter und Badecommissair lebte, einigemal« besuchen. Unter den Geschäften, die Hermann schon seit längerer Zeit auf den Gütern eifrigst betrieben hatte, war auch die Wiedererlangung der Polizei über Ebelsbach, die uns die Regierung unter Berufung auf Z. 85 der VI. Verfassungs-Beilage entzogen hatte. Endlich wurden seine Bemühungen mit einem günstigen Erfolge gekrönt, da uns die Polizei über fraglichen Ort im Mai 1841 wieder gegeben ward. Ein besonders wichtiges Geschäft, welches Hermann im Jahre 1841 beendete, war die Requisition der Nentweinsdorfer Pfarr- und Schulfondsgrundstücke. Ich habe weiter oben in der Lebensgeschichte meines Vaters angeführt, daß dieser schon zu Anfang des Jahrhunderts zur Aufbesserung des Pfarr- und Schnlfonds dessen Grundstücke in Pacht genommen habe, da eine Selbstbewirthschaftung für den Fond, besonders nach geschehenem Verkauf der Hofgebäude, nicht wohl mehr möglich war, zu einer anderweitigen Verpachtung sich aber keine Gelegenheit fand. Eine lange Reihe von Jahren war dies so geblieben, und sie waren so mit dem Betrieb des Oeconomiegutes Rentweinsdorf K5K verwachsen, daß wir sie schon gleichsam als dazu gehörig betrachteten. Plötzlich beanstandete die Negierung diese Fortverpachtnng an uns, weil wir zugleich die Verwaltung des ganzen Fonds hätten. Sowohl der Pfarrer wie die Lehrer waren mit dieser für den Fond nachtheiligen Verfügung der Regierung sehr unzufrieden, und beredeten meinen Bruder, Schritte zu thnn, um an die Stelle des beanstandeten bisherigen Zeitpachtes einen Erbpacht zu beantragen, oder wenn auch dieses nicht genehmigt würde, uns zum Ankauf dieser Grundstücke zu erbieten. Wir waren mit Beiden einverstanden, da uns, und besonders Hermann, an dem Fortbesitz dieser ziemlich bedeutenden Grundstücke viel gelegen war, und ihre Entbehrung eine totale Aenderung des Betriebes des Oeconomiegutes Rentweinsdorf zur Folge gehabt hätte. Unterhandlungen begannen, die sich sehr in die Länge zogen, da sich nun eine Parthei unter den Bewohnern Rentweinsdorfs und benachbarter Orte bildete, die unserem Vorhaben entgegentrat, hoffend, daß, wenn uns der Fortbesitz dieser Grundstücke untersagt bliebe, sie solche selbst wohlfeil pachten könnten. Das Auftreten dieser Parthei führte zu einer sehr gereizten Stimmung in der Pfarrgemeinde, und hatte sehr ärgerliche Verhandlungen zur Folge, weshalb mein Bruder die Sache längere Zeit ganz beruhen ließ. Der Einzelnverpacht fand aber bei der Mehrzahl der Gemeindeglieder selbst Widerspruch, und so wurde endlich, als sich die Regierung auch gegen den von uns vorgeschlagenen Erbpacht erklärt hatte, von den Vertretern der Pfarrgemeinde selbst beantragt, daß die fraglichen Grundstücke an uns verkauft werden sollten, was auch endlich im Jahre I8Ü1 von der Regierung in der Art genehmigt wurde, daß fraglicher Verkauf gegen jährliche Natural- und Geldreichnisse an den Fond stattfinden solle, wobei zugleich ein von uns angekauftes Gebäude für die zweite Schule eingeräumt ward, und zugleich Bestimmungen für den Fall, daß dereinst noch eine dritte Schule daseist nöthig werden sollte, festgesetzt wurden. Die Sache war hierdurch zwar vertragsmäßig geordnet, aber die bei einem Theil der Gemeinde dagegen bestandene Aufregung dauerte noch lange fort. Diese Veräußerung war übrigens für den Fond eine sehr vortheilhafte, da derselbe durch die ihm seitdem zufließenden jährlichen Naturalreichnisse bei den unterdessen stets gestiegenen Preisen der Naturalien eine sehr erhöhte Einnahme hatte. 057 Außer diesen Pfarr- und Schulfondsgrundstücken wurden im Jahre 1841 auch noch einige andere Giiteracquisitionen gemacht, nämlich das Wacker'sche Bauerngut zu RentweinSdorf, das mit dem dortigen Oeco- nomiegute vereiniget wurde, und eine Wiese zu Ziegelanger (unter dem Allmannsgraben) die zum Weinbergsgut daselbst geschlagen ward. Der Sommer 1841 führte unsere liebe Mutter mit den beiden jüngsten Töchtern wieder nach Rentweinsdorf, wo ein heiteres Zusammenleben stattfand, dessen Glück noch vermehrt wurde, da Marline am 21. August ihren fünften Sohn gebar, der nach dein Vater, Hermann, getauft wurde. Die nächste Zeit verging ohne besonders bemerkens- werthe Ereignisse, es mischte sich aber in solcher in das schöne glückliche Leben Hermanns viel Trübes. Schwere Krankheiten mehrerer naher Verwandten, und besonders der Tod unserer Schwester Ida, der im Januar 1842 erfolgte, brachten viel Schmerz und Sorge. Dazu kam, daß unser Neffe, Karl von Rappold, der in Bonn studirte, dort an einer Brustkrankheit gefährlich erkrankte. Sein Arzt, der das dortige Klima für ihn als schädlich erkannte, veranlasste ihn, nach Rentweinsdorf zu gehen. Sofort bei seiner Ankunft zeigte es sich aber, daß die Krankheit, ein Erbstück seines Vaters, große Fortschritte gemacht hatte. Es wurde ihni, wie dieß bei Lungenleidenden früher öfters geschah, ein längerer Aufenthalt im Kuhstalle angeordnet, und mein Bruder, der erst versuchen wollte, ob dieß für den Kranken nicht zu große Belästigung habe, brachte selbst erst eine Nacht darinnen zu, worauf ein förmliches kleines Etablissement für den Kranken daselbst hergerichtet wurde. Es hatte jedoch keinen Erfolg mehr, die Krankheit nahm reißend schnell zu, und Karl starb am 1. Mai desselben Jahres. Der tiefe Schmerz um diesen lieben und hoffnungsvollen Jüngling, und das viele Zusammensein mit dem Lungenkranken hatte auf Hermann sehr nachtheiligen Einfluß, er selbst wurde leidend und hustete selbst Blut aus. Sein Zustand flößte uns einige Zeit wahre Besorgniß ein, die jedoch, wie sich zeigte, glücklicher Weise unbegründet war. Im Herbste 1842 reiste Hermann mit mir nach München zur Vermählung des Kronprinzen, zu der alle Vasallen Bayerns geladen waren. Diese schöne Feier hatte für uns viel Erfreuliches und wurde noch dadurch erhöht, daß uns Prinz und Prinzeß Wilhelm von Preußen, 658 die Aeltern unserer jungen Kronprinzessin, die zur Vermählungsfeier in München anwesend waren, und die seit der Zeit, wo mein Schwager Nappold Erzieher ihrer Söhne war, zu unserer Familie stets in sehr wohlwollendem freundlichen Verhältnisse geblieben waren, ans sehr herzliche Weise bei sich empfiengen, wobei uns zugleich Gelegenheit wurde, uns an dein lieblichen Wesen der jungen Kronprinzessin, die zugegen war, recht innig zu erfreuen. Der Landtag für 1843 wurde schon auf den 14. November 1842 znsammenbernfen. Sogleich beim Beginn desselben wurde Hermann die große Auszeichnung zu Theil, unter den sechs Canditaten zur Präsidentenwürde die meisten Stimmen zu erhalten. Alan glaubte allgemein, er würde deßhalb vom Könige zum I. oder wenigstens zum II. Präsidenten ernannt werden, und dies um so mehr, als der zeit- herige I. Präsident Graf Seinsheim unterdessen Finanzmiuistcr geworden war, also gerade bei einem Budgetlandtag zum Kammerpräsidenten nicht paßte, weßhalb er auch bei der Wahl der sechs Canditaten nur wenige Stimmen bekommen hatte. Der König konnte es aber trotz seiner hohen Achtung für Hermann nicht über sich gewinnen, einen Mann der Opposition, wie er ihn sonderbarer Weise nannte, zum Präsidenten zu ernennen, und ernannte wiederum Graf Seinsheim zum I. und Professor Bayer zum II. Präsidenten. Hermann, der mit großer Bangigkeit der Entscheidung entgegengesehen hatte, da er in seiner Bescheidenheit sich für die Präsidentenstelle nicht gewachsen glaubte, fühlte sich durch diese-Entscheidung sehr erleichtert. Bei der Mehrzahl der Kammermitglieder aber, die meinen Bruder vor Allen zum I. Präsidenten zu haben wünschten, machte diese Entscheidung einen sehr übelen Eindruck. Hermann wurde nun wiederum in den Finanzausschuß gewählt und bekam hier von Neuem das Hauptreferat der Einnahmen, sowohl bezüglich des Rechenschaftsberichts, wie des Budgets, daneben auch das Referat über das Steuergesetz, was an die Stelle des früheren Finanzgesetzes gekommen war. Diese Referate waren diesmal von besonderer Wichtigkeit, da Jedermann einsah, daß die 1840 angeregte Prinzipicn- frage über die Verwendung der Ernbrigungen jetzt zur Entscheidung kommen müsse. Hermanns Streben ging auch dahin, und sein Be- 659 mühen war es, einen Weg zn finden, der unter Wahrung des Rechtes und des Landeswohls das Königthuni nicht schwäche. Er griff die Sache mit vollem Ernste, aber vor Allem mit Aufblick zu Dem an, von welchem ihm zu einem so schweren und wichtigen Werke allein nur Hülse kommen konnte. Eine ausführliche briefliche Aeußeruug hierüber an mich, worinneu er den Weg bezeichnet, den er dabei gehen wollte, schloß nnt den Worten: „Mit diesem Sinne gehe ich noch heute an meine Arbeit und bitte Gott, daß er mir in Gesinnung und That beistehen möge." Gleich zu Anfang der Kammerverhandlnngen fand eine höchst merkwürdige Debatte statt, bei der Hermann den lebhaftesten Antheil nahm. Es bestand nämlich schon seit einigen Jahren in Bayern unter den Protestanten große Aufregung über die vielfachen Belästigungen, die solche unter dem Ministerium Abel erfuhren, insbesondere hatte eine Kriegsministeralordre, wornach die Soldaten (katholische wie protestantische) in der Kirche bei Vorzeigung des Allerheiligsten (der katholischen Monstranz) niederknien und selbst auf der Straße beim Begegnen eines Geistlichen mit der Monstranz militärische Honneurs machen sollten, — große Gewissensbelästigung unter den Protestanten erzeugt und vielfache Beschwerden und Klagen hervorgerufen. — Zn Anfang des Landtages von 1843 brachten nun die 38 protestantischen Abgeordnetenan au die II. Kammer einen hierauf bezüglichen förmlichen Antrag, und übertrugen an Hermann die erste EntWickelung hierüber. Eine wahrhaft erhebende Debatte folgte, und der Antrag — den König zu bitten: Maßregeln zu ergreifen, wodurch die Protestanten von der durch die fragliche Ordre hervorgerufenen Gewisseusbeunruhigung befreit würden, für den selbst viele Katholiken sprachen — ging mit großer Majorität durch. Hermann galt seitdem auch für einen der eifrigsten Vorkämpfer des Protestantismus in unserem Lande und wurde fortan häufig zu den protestantischen Generasynoden gewählt, wo er stets eine bedeutende Stellung einnahm. Diese unglückselige KuiebeugungSfrage wurde übrigens trotz des in der Kammer angenommenen Antrages nicht sofort erlediget, sondern hat noch mehrere Jahre im Lande große Aufregung erzeugt und namentlich bei den folgenden Synoden stets Stoff zu lebhaften Debatten gegeben. 660 Hermanns Stellung in der Kammer bezüglich der Finanzfragen, besonders bezüglich der oben berührten Prinzipienfrage über die Er- übrignngen wurde, wie vorauszusehen war, eine sehr bedeutsame. Mit dieser Frage stand noch eine zweite im innigsten Znsammenhange, die sich gleichfalls schon durch mehrere Landtage hingezogen hatte und end- lich einmal entschieden werden mußte, ob nämlich die Stände das Recht hätten, Ansgabspositionen eines von der Regierimg vorgelegten Budgets, die ihnen für die wahren Bedürfnisse des Landes zu niedrig erschienen, einseitig, d. h. ohne Zustimmung der Regierung, zu erhöhen. — Eine vertrauliche Konferenz Hermanns mit einigen der Minister sollte den Weg zur Verständigung anbahnen, und diese Conferenz war wohl eine der bedeutendsten Akte in Hermanns öffentlichem Leben. Seine Bestimmtheit und Klarheit, verbunden mit ächter Loyalität, eröffnete bei der Conferenz auch wirklich diesen Weg. Er verlangte von der Regierung Nachgeben in der Prinzipienfrage und zugleich eine den Bedürfnissen des Landes entsprechende Erhöhung des Ausgabenbudgets, widrigenfalls eine Minderbewilligung der Steuern durch die Kaminer zu befürchten sei. Die Minister zeigten sich zur Nachgiebigkeit in der Erübrigungsfrage geneigt, wenn das aufzustellende Prinzip nur auf die Zukunft, nicht auf die schon von der Regierung verausgabten Erübrignngen ginge nnd verlangten bezüglich der angesprochenen Erhöhung einzelner Ausgabspositionen des Budgets, daß mein Bruder die einzelnen Positionen zu bezeichnen habe, die einer Erhöhung bedürften und die Größe der Summen angebe. Zu diesem Zwecke wurde die Fortsetzung der Conferenz vertagt. Hermanns Aufgabe war es nun, sich ein genaues Bild der ganzen Verwaltung zu verschaffen, um zu erkennen, wo durch größere Budgetsummen den dringendsten Mängeln abgeholfen werden könne. Er wandte sich deßhalb an mich und begehrte von mir eine Beleuchtung aller Verwaltungszweige nach der angegebenen Richtung hin, worüber ich ihm auch sofort eine detaillirte Arbeit fertigte, die das ganze Gebiet der Verwaltung umfaßte. Ich war so glücklich, durch diese Arbeit den Wünschen und dem Bedürfnisse meines Bruders zu eutsprecheu, uud diese Arbeit setzte ihn in den Stand, bei der zweiten Conferenz die geforderten Anträge stellen zu können. Längere Verhandlungen begannen nun, bei denen öfters große Gereiztheit hervortrat. Man sprach selbst von Seite der Regierung davon, die Sache 661 zur Entscheidung der Prinzipienfrage vor ein Bundesschiedsgericht zu bringen. Endlich sahen aber beide Theile doch ein, daß es nicht rathsam sei, die Sache auf's Aeußerste zu treiben, und es gelang meinem Bruder, eine Vermittlung herbeizuführen, die vom Finanzausschuß gutgeheißen und schließlich von der Kammer, wie vom Könige angenommen ward. Darnach ward 1. den bereits von der Regierung verausgabten Erübrigungen die nachträgliche Genehmigung der Kammer ertheilt, für die Zukunft aber als verfassungsmäßiges Prinzip festgestellt, daß die Regierung über Erübrigungen einseitig, also ohne Zustimmung der Stände nicht mehr verfügen könne, 2. wurde von Seite der Regierung bei mehreren Ausgabspositionen, die am dringendsten einer Aufhülfe bedurften, erhöhte Summen in's Budget eingesetzt, und, um dieses ohne Steuererhöhung zu ermöglichen, zugegeben, daß verschiedene zu gering eingesetzte Einnahmspositionen mit höheren Summen aufgenommen würden, dagegen aber als verfassungsmäßiges Prinzip festgestellt, daß die Stände bei Feststellung des Budgets Ausgabspositionen ohne Zustimmüng der Regierung nicht erhöhen dürften. So endete der seit Jahre,r bestandene Conflict zwischen Regierung und Ständen über die s. g. Erübrigungsfrage, der die Gemüther lebhaft erregt hatte und geeignet war, das innige Verhaltniß zwischen Volk und König zu erschüttern, und darum begrüßte Jedermann die endliche Entscheidung mit der lebhaftesten Freude. Im Landtagsabschied vom 25. August 1843 heißt es darüber: „Das zu Stande gekommene Verfassungs-Verständniß hat die Gränzen der königlichen und der ständischen Rechte, wo dieselben streitig geworden waren, auf dem Boden der Verfassung und in deutschem Sinne abgemarkt und durch die Beendigung des Streites in der Eintracht der Regierung und der Standschaft dem Fortschreiten zu». Besseren und dein Glücke des Vaterlandes eine sichere Gewähr bereitet. Ich habe diese Episode aus Hermanns öffentlichem Leben ausführlicher mitgetheilt, als sie eigentlich in eine Familiengeschichte ge- 662 hört, weil sie unbestritten zu den wuchtigsten Leistungen seines öffentlichen Lebens gehört. Es ward dies auch allgemein anerkannt. Von allen Seiten wurde ihm das gebührende Lob gespendet. Die Universität Erlangen verlieh ihm bei ihrer im August desselben Jahres stattgefundenen hundertjährigen Jubiläumsfeier als Anerkennung seiner ersprießlichen Leistungen im Gebiet des bayerischen Staatsrechtes das Ehrendiplom als vootor juris, und der König, der ihm schon am 25. August, dem Tage der Unterzeichnung des Landtagsabschiedes, ein überaus schönes Handschreiben zugesandt hatte, worinnen er ihm seinen Dank und seine Anerkennung für den Autheil aussprach, den er an dem — wie er sich ausdrückte — in seinen Endergebnissen hocherfreulichen Landtage und dessen gewiß Segen bringenden Früchten genommen, verlieh ihm kurz darauf den Civilverdieustorden der bayerischen Krone. Hermann hatte bei diesem Landtage eine ganz eminente Thätigkeit entwickelt; seine gelieferten Referate umfaßten allein 728 Druckseiten, und daneben hatte er für die Privatberathungen und die Conferenzen mit den Ministern noch bedeutende Arbeiten gefertiget, und in der letzten Zeit fast täglich Sitzungen im Ausschuß oder in der Kammer beigewohnt. Aber er konnte diesmal mit großer Freude auf diese inhaltsreiche und wichtige Zeit zurückblicken und kehrte auch sehr befriedigt von dem Landtage zurück. Er eilte sofort nach Neuenhof, wo seine Familie weilte, und konnte sich hier um so mehr eines hohen Glückes erfreuen, als ihm kurz zuvor ein neuer Kindersegen zu Theil geworden war. Am 21. Juli war ihn: in Neuenhof eine dritte Tochter geboren worden, die den Namen Marie erhielt. Bald nach der Rückkunft kam Hermann zu dein eben berührten Jubiläumsfeste nach Erlangen, wo wir zusammen mit den zahlreicheil früheren Universitätsbekannten ein schönes, jugendlich heiteres Fest begingen. Diese schönen und beglückenden Ereignisse des Sommers 1843 wurden aber daheim auf den Gütern durch den großeil allgemeinen Nothstand getrübt, den die Mißerndte des vergangenen Jahres hervor- iSk z»! N , C.K3 gerufen hatte. Unsere Getraidcvorräthe reichten nicht aus die ärmeren Bewohner unserer Ortschaften mit den nöthigsten Lebensbedürfnissen zu versehen, und ich hatte daher — da mein Bruder durch den Landtag zu sehr in Anspruch genommen war — größere Quantitäten Ge- traides in der Gegend von Ansbach, wo ich damals als Regierungsrath wohnte, aufgekauft und nach Nentweinsdorf geschafft, wodurch der Roth wenigstens einigermaßen gesteuert wurde. Es wurden auch Brodbäckereien eingerichtet, nur den Aermeren wohlfeileres Brod zu verschaffen. Trotz dieser Kalamitäten konnte aber auch im Jahre 1343 wieder eine Schuldenabzahlung und die Ausleihung von 15,000 fl. erfolgen. Zu dieser im Sommer 1843 eingetretenen Calamität trat noch ein recht schmerzliches Familienereigniß, es war dieß der im Juli dieses Jahres erfolgte Tod unseres trefflichen Schwagers Grolmann, der in Posen einem längeren Leiden erlag. Dieser Todesfall war nicht blos für meine Schwester, er war für uns alle ein schweres Ereigniß, wie er für den preußischen Staat, der durch ihn seinen ausgezeichnetesten General verlor, ein unersetzlicher Verlust war. Er wurde in Posen begraben, wo man ihm ein für seine Verdienste würdiges Grabdenkmal setzte. Im Winter auf 1844 hatte Hermann viele Krankheiten bei seinen Kindern, sonst verstrich ihm derselbe ruhig und glücklich, und ebenso Frühjahr und Sommer des genannten Jahres, wo er lange mit seiner Familie in Neuenhos war und von da aus eine Reise zu unserer Schwester Hedwig nach Gosda machte. — Im August begann aber wieder für ihn eine — wenn auch nur kurze, aber inhaltsreiche Zeit öffentlicher Thätigkeit. Er war in die protestantische Generalsynode gewählt worden, die diesmal getheilt, nämlich für den Consistorialbezirk Bayreuth in dieser Stadt, für den von Ansbach in letztgenannter nach einander abgehalten wurde. Die Protestanten Bayerns waren durch die vielen Vexatioueu, die unsere Kirche unter dem Ministerium Abel erlitt, und besonders durch die oben schon berührte Kniebeugungssache sehr aufgeregt, und die beiden Generalsynoden gaben davon Ausdruck. Ein äußerst heftiger Kampf gegen die Staats-Regierung begann und wurde um so heftiger, als man den Synoden nicht gestatten wollte, über die Kniebeugungssache, wie über den Gustav-Adolph-Verein, der in Bayern verboten worden war, zu berathcn. Hermann trat in Bayreuth als eifriger Verfechter unserer unterdrückten Kirche ans und brachte es — da Verhandlungen nicht stattfinden konnten — wenigstens dahin, daß eine Beschwerdevorstellung der Synode an den König abgesandt wurde, der von der Generalsynode von Ansbach, in welche ich gewählt worden war, eine zweite, von mir verfaßte, folgte. Wie im politischen Leben bei den Landtagen, so hatte sich mein Bruder hier im kirchlichen Leben die höchste Anerkennung erworben. Von der Generalsynode heimgekehrt hatte Hermann die Freude, die liebe Mutter mit Schwester Bertha wieder bei sich zu sehen. Er fand aber zugleich daheim viel zu thun, da auf einigen seiner Oekono- miegüter, so besonders in Rentweinsdorf, eine heftige Lnngenseuche unter dem Rindwieh ausgebrochen war, die ihm nicht unbedeutende Verluste brachte. Auch mußte er sofort ein sehr bewegtes Leben führen. Familienrücksichten nöthigten ihn, im selbigen Jahre zu einem nochmaligen Aufenthalt bei den Schwiegerältern in Neuenhof, sowie zu einer Reise mit den Seinigen nach Schlesien, und einen großen Theil des Winters auf 1845 brachte er mit seiner Familie in Lauterbach bei seinen Schwiegerältern zu. Hier beschäftigte ihn eine größere Arbeit, zu der ihn der Kronprinz, welcher schon bei den beiden letzten Landtagen viel mit meinem Bruder über öffentliche Angelegenheit in Verhandlung gestanden war, aufgefordert hatte. Der Kronprinz wünschte seine Ansichten über die politische Stellung, die der Adel in gegenwärtiger Zeit im Staate einnehmen sollte, zu hören. Hermann lieferte hierüber eine äußerst gründliche, umfassende Arbeit, die ihm viel Zeit kostete, einen practischen Erfolg aber natürlich nicht haben konnte, da sich bei der einige Jahre darauf statthabenden Thronbesteigung des Kronprinzen die politischen Verhältnisse des Adels durch die Umwälzungen des Jahres 1848 bereits gänzlich geändert hatten. Die immer noch sortdauernden kirchlichen Wirren, zu deren Abhülfe die von den Generalsynoden ausgegangenen Beschwerden nichts Wesentliches beigetragen hatten, da letztere als angeblich unbegründet abgewiesen wurden, führten im Laufe des Jahres 1845 zu bedauerlichen 663 Handlungen der Regierung, die allgemeine Mißstimmung erzeugten. Dazu gehörte namentlich die Versetzung des in der letzten Kammer mit vielem Freimuth aufgetretenen damaligen Professors (späteren Ober- consistorialpräsidenden) Harleß, unseres beiderseitigen Freundes. Ans vieles Zureden seiner Freunde, und ich darf es Hinznsetzen, auf mein dringendes Bitten, entschloß sich Hermann, seine Stellung zum Könige zu benützen und diesen auf das Gefährliche der Fortdauer jener betrübenden Schritte gegen die Protestanten aufmerksam zu machen. Hermann that es in einem ausführlichen Schreiben, was der König zwar sehr gut aufnahm und auf eingehende, aber für den Augenblick abweisende Weise beantwortete. Er ermächtigte darinnen meinen Bruder, diese seine Antwort durch den Druck veröffentlichen zu lassen, was mein Bruder jedoch als nachtheilig unterließ. Hermanns Schreiben hatte aber doch einen wohlthätigen Einfluß. Die Vexationeu minderten sich und die Stimmung des Königs gegen die Protestanten wurde eine andere. Es war der Weg zum Besserwerden angebahnt und wurde nun wirklich bald angetreten. In Hermanns Familie trat im Herbste 1845 eine wichtige Veränderung ein. Sein ältester Sohn Georg, der nun 14 Jahre alt war, mußte auf ein Gymnasium kommen. Es wurde Anfangs Ansbach gewählt, wo ich wohnte, doch wünschte sein Großvater Riedesel, ihn in seiner Nähe zu haben. Ich schlug meinem Bruder deshalb Meiningen vor, was er wählte. Herr von Riedesel, der den Enkel, dem er mit ganz besonderer Liebe zugethan war, viel bei sich haben wollte, zog nun für die Winter nach Meiningen und kaufte einige Jahre darauf selbst ein Haus in dieser Stadt. Georg wohnte mit seinem Hofmeister in dem großväterlichen Hause. Später kamen auch Julius und Gottfried in dortige Schulen, nämlich Ersterer in die Realschule, Letzterer auf's dortige Gymnasium. Im selben Herbste fand eine neue Wahl der Abgeordneten zum Landtag statt, da die für 1842 nur eine außerordentliche, wegen der neuen Kreiseintheilung nöthige gewesen war. — Bei den außerordentlichen Leistungen, die Hermanns Thäligkeit ans den letzten Landtagen und besonders auf dem von 1843 gehabt, und bei der ehrenvollen Stellung, die ihm dabei geworden, wird es befremden, wenn ich an- 600 führe, daß er jetzt wiederum bei deu Wählern in Ober- und Unterfrauken Schritte that, nur nicht wieder gewählt zu werden. Der Grund lag in ganz besonderen, und in mancher Beziehung eigenthümlichcn Familienverhältnissen, in denen er stand und die ich hier nicht näher anzugeben berechtiget bin. Von vielen seiner Freunde wurden solche als Entschuldigungsgründe anerkannt. Ich gestehe, daß ich es nicht konnte, da ich sein ersprießliches Wirken in der Kammer für des Landes Wohl zu bedeutsam hielt, um Privatrücksichten dabei in Betracht ziehen zu dürfen. Ich erkannte wohl die großen Opfer, die er bei wiederholter Wahl bringe, aber ich hatte ihn stets von jedem Schritte gegen die Wiedererwählnng abzuhalten gesucht und hatte mich dabei namentlich auf das Urtheil seiner mit mir übereinstimmenden Freunde in Erlangen, die ich gerade damals zu sprechen Gelegenheit hatte, berufen. Was er mir darauf antwortete, ist ein so schöner Spiegel seines bescheidenen, frommen Wesens und zeigt zugleich seinen richtigen Blick in die Zukunft in so klarer Weise, daß ich mich veranlaßt sehe, es hier wörtlich, jedoch natürlich nur im Auszuge, mitzutheilen. „Was Du nur über meine Landtagsangelegenheit geschrieben hast, war recht geeignet, einem den Kopf wirre und das Herz schwer zu machen. Doch ist es mir lieber, Du schreibst mir Alles, was Du über diese Angelegenheit vernimmst, als daß Du mich deshalb schonst. Hier heißt es vor Allem beten, daß man nicht in die Stricke der Eitelkeit verfalle, denn in dieser Meinung von Unentbehrlichkeit liegt ein gewiß recht gefährlicher Fallstrick. Mit Gottes Hülfe hoffe ich ihm zu entgehen. Dieses Bewußtsein von Unentbehrlichkeit habe ich nicht nur nicht, sondern würde es auch für unrecht halten, wollte ich es mir aufreden lassen. Die Erlanger Freunde überschätzen mich, d. h. sie glauben in mir die Gaben zu erkennen, einen auf den Gang des Landtags entscheidenden Einfluß unter allen Umständen zu üben, während dazu in der That und Wahrheit nur besondere Constellationen, wie am vorigen Landtage, erforderlich waren. Unter anderen Umständen, bei einer veränderten Zusammensetzung der Kammer, kann sich und wird sich die Sache ganz anders stellen. Hat der liebe Gott wir wirklich Eigenschaften 667 gegeben, die geeignet sind, in öffentlichen Geschäften Gutes zu wirken, so ist es sehr die Frage, ob ich nicht später nützlicher wirken kann, wenn ich mit frischen unabgenützten Kräften wieder hervortrete. Mir scheint es, als ob wir wohl Zeiten noch erleben können, wo auch ich der Meinung bin, daß jede Privatrücksicht, gegenüber der öffentlichen, in den Hintergrund treten muß. In Bayern scheint mir aber dieser Zeitpunkt noch nicht gekommen. Ich leugne nicht, daß mich diese Angelegenheit gewaltig durchpeitscht, aber zur Zeit hat mich doch jedesmal ruhiges Nachdenken wieder über meinen Schritt beruhiget. Wie es nun kommt, werde ich es hinnehmen. Ich glaube auch, daß man meiner Bitte entsprechen wird, alle Briefe, die ich bis jetzt erhalten habe, sprechen zwar ein Bedauern aus, aber auch, daß man es für eine Jndiscretion halten würde, meine Bitte unberücksichtigt zu lassen. Ich habe Briefe erhalten von Aus Oberfranken habe ich noch keine erhalten, glaube aber auch mit Dir, daß mein Schreiben denselben Eindruck gemacht haben wird. Sollten wir uns hierinnen irren, nun so gehe ich in Gottes Namen, darf ich aber bleiben, so erscheint mir dies auch jetzt noch als eine Wohlthat. Dem vielfältigen Tadel werde ich freilich nicht entgehen, wer weiß aber, ob ich ihm entgehen würde, wenn ich wiederum in jenes Getreibe berufen werde und den Erwartungen nicht entsprechen könnte, die man von mir hegt? Man soll nie stumpf und gleichgültig werden gegen den öffentlichen Tadel, sich aber auch nie von ihm beherrschen lassen u. s. w." Wenn irgend Jemand berechtiget gewesen wäre, ein Gefühl von Eitelkeit, und zwar von gewiß verzeihlicher, über die ihm gewordene Stellung in der Kammer und im öffentlichen Wirken zu empfinden, so wäre dies bei Hermann der Fall gewesen; dies Gefühl war ihm aber fremd, nicht seinem Verdienste, nur den besonderen Umständen schrieb er sein erfolgreiches Wirken und die ihm dafür gewordene große Auszeichnung zu. Er konnte die Nothwendigkeit, schon in jetziger Zeit den öffentlicheil Angelegenheiten so große Opfer zu bringen, wie seine lange Entfernung vom Hause und der Familie war, nicht erkennen, 43 668 und glaubte sich für wichtigere Zeiten frisch erhalten zn müssen. — Nicht Drang zu bequemer Ruhe war es, was ihn zn jenem Schritte bewog, denn diese hatte er auch nicht daheim, es war ein ernstes Abwägen der Pflichten, die er einerseits gegen seine Familie im engeren wie im weiteren Sinne, und andererseits gegen den Staat hatte, das sich nach seiner Ansicht bei ihm für erstere neigte. Man kann darüber verschiedener Ansicht sein, darf ihn aber dieserhalb nicht tadeln. Das Rundschreiben Hermanns an seine Wähler wurde in der Oeffentlichkeit bekannt, und die Presse bemächtigte sich dieser Angelegenheit. Man tadelte ihn deshalb, aber er fand sich nicht veranlaßt, dagegen auf demselben Wege der Oeffentlichkeit aufzutreten. Er schrieb mir viel und ausführlich darüber, und ermächtigte mich zn besonderen Erklärungen an diejenigen seiner Wühler, mit denen ich in Berührung käme. Ich gebe hier einen Auszug eines seiner Briefe aus jener Zeit: „Meine Stimmung über die Sache ist die, ruhig stille zn halten, und den Ausgang in Gottes Hand zu legen. Gerade die Wichtigkeit, die man auf meine Theilnahme am nächsten Landtage legt, führt mich am Meisten zu diesem Wege hin. Ich glaube weiter blicken zu müssen als auf die momentane Stimmung jetzt. Ich sehe, daß man von mir einen Einfluß erwartet, den ich nicht erfüllen kann, ich sehe, daß der nächste Landtag Aufgaben mit sich bringen wird, Erwartungen von den verschiedenen Seiten, die weder der Landtag im Ganzen, noch viel weniger ich in ihm zu lösen im Stande bin. — Man erwartet den Sturz des Ministeriums Abel. Bei einem Nichtbudgetlandtage und bei der Persönlichkeit unseres Königs wird dieses nicht zu erreichen sein. Man erwartet von mir von der einen Seite, daß ich mich an die Spitze der Opposition stellen werde. Ich glaube, daß die Opposition schon an sich eine so heftige werden wird, daß es eher einer Ermäßigung, als einer Anregung bedürfen wird. Seit einem Jahre hat sich in Deutschland Alles verändert, zu einer so mächtigen Bewegung, so rücksichtslosen Aufregung hinbewegt, daß Bayern nicht ohne Ansteckung bleiben wird. Auf der einen Seite das wohlbegründete Bedürfniß zur kräftigen Opposition nach den 669 Verhältnissen im Innern, auf der anderen Seite das ebenso große, vielleicht überwiegende Bedürfniß nach Mäßigung, gegenüber der Zustände Deutschlands im Allgemeinen, Der Kopf wird einem wirre, wenn man denkt, in eine Versammlung der Art berufen zu werden, daß man von verschiedenen Partheien her als der Mann gehalten wird, der hier helfen und den rechten Weg mit Erfolg führen könnte. Ich bin überzeugt, daß es ganz besonderer göttlicher Führungen bedürfte, sollte ich an dieser Ausgabe nicht scheitern, und gewiß würde hinterher der Tadel über mich größer, als er es jetzt ist. Unter diesen Umständen halte ich es noch jetzt für mich erlaubt, zu wünschen, der Kelch möchte vorübergehen. Geht er nicht vorüber, nun in Gottes Namen dann gehe ich mitten hinein und hoffe auf Gottes Hülfe, daß er mir im rechten Moment den rechteil Weg allzeit zeigen wird. Dem Tadel werde ich aber damit nicht entgehen. Solche Stellungen, wie ich sie bis vor Kurzem hatte, daß man von allen Partheien gelobt und anerkannt wird, sind Gnadengabeu Gottes, die zu sehr über Verdienst und Würdigkeit gehen, als daß sie dauern können. Das habe ich nur immer gesagt. Und daß ich es gethan, das hilft mir, jetzt in Mitte des mir von Dir und Anderen geschilderten allgemeinen Tadels ruhig zu bleiben." Man hat meinem Bruder von einer Seite her später einmal den Vorwurf gemacht, er habe nach Volksgunst gestrebt. Wer kann dies, wenn er Obiges liest, auch nur einen Augenblick annehmen?! Unter den adeligen Wählern zum Landtag war große Unent- schiedenheit wegen Hermanns Wahl. Ein Theil derselben wollte seiner Bitte entsprechen, ein anderer war entschieden dagegen. Das Resultat davon war, daß er den erhaltenen Stimmen nach nur als erster Ersatzmann gewählt wurde. Es war aber Gottes Wille, daß er doch in die Kammer komme. Gencrallicntenant von Seckendorfs, einer der Gewühlten, lehnte die Wahl aus Gesundheitsrücksichten ab. Die Wähler nahmen diese Ablehnungsgründe an, und Hermann trat nun als erster Ersatzmann dennoch in die Kammer ein. Er fügte sich mit christlicher Ergebung dem höheren Willen, war aber nun doppelt erfreut, die 43" 670 vorausgegangenen Schritte gethan zu haben, denn nun war es ihm klar, daß Gott der Herr allein, und nicht irrender Menschenwille, diese Bestimmung herbeigeführt habe. Der Landtag begann am 1. Dezember. Wie es zu erwarten war, so geschah es, mein Bruder ward nicht nur wieder unter die sechs Candidaten für die Prüsidentenstellen gewählt, sondern erhielt darunter die meisten Stimmen. Diesmal entschied sich der König für Hermann, und ernannte ihn aus der Candidatenliste zum ersten Präsidenten. — So war denn der längst gehegte Wunsch der Kammer erfüllt, und für meinen Bruder eröffnete sich nun eine zwar sehr ehrenvolle, aber auch sehr schwere und verantwortungsreiche Stellung. Sie wurde ihm indessen durch das hohe Vertrauen der ganzen Kammer, wie durch ein sehr freundliches Benehmen des Königs sehr erleichtert, und dieser Landtag, auf den er sich so sehr gefürchtet hatte, ging ihm als eine recht erfreuliche und im hohen Grade befriedigende Zeit vorüber. Viel trug dazu auch bei, daß er den größten Theil seiner Dauer seiue Familie bei sich in München hatte, wodurch es ihm auch möglich wurde, die hervorragendsten Glieder der Kammer öfters bei sich zu sehen, was in seiner Stellung als Präsident sehr ersprießlich war, da hier so manches für die Geschäfte Förderliche besprochen werden konnte. Von allen Seiten wurde er und seine Faimlie mit Auszeichnung behandelt, und er schied am 25. Mai 1846, als der Landtag zu Ende war, mit recht erfreuter dankbarer Rückerinnerung an diese ehrenvolle und wichtige Zeit seines Lebens. — Ich hatte mir die Freude nicht versagen können, während dieser Glanzperiode meines geliebten Bruders mit meiner Frau eine Woche in München zuzubringen, die mir durch die große Liebe, Verehrung und Hochachtung, die ich überall für ihn wahrnahm, ein wahrer Hochgenuß war. Ich habe in Vorstehendem zum Oefteren dargethan, daß Hermann seiner politischen Ansicht nach der gemäßigt conservativen Richtung angehörte, nach der gewöhnlichen Bezeichnung dem rechten Centrum. Auffallend war es daher, daß um jeue Zeit Gervinus in Heidelberg ihm die Aufforderung zusandte, an der von ihm herausgegebenen deutschen Zeitung, einem weit links stehenden Blatte, theilzunehmen, Was vielleicht ein Versuch war, ihu zu dieser Parthei herüber zu K71 ziehen. Hermann lehnte aber natürlicher Weise diese Theilnahme entschieden ab. Mein Bruder konnte sich nach seiner Rückkunft auf den Gütern nun wieder mit voller Muße den Geschäften daheim widmen, die nur auf kurze Zeit durch eine Einladung unterbrochen wurden, die er zur Einweihung des Donau-Main-Kanals, oder vielmehr des vom Könige gesetzten Kanaldenkmals bei Erlangen erhalten hatte, und die für Hermann um so ehrenvoller war, als sie auf den besonderen Wunsch des Königs geschah. — Zur besonderen Verschönerung des Sommers 1846 trug die wiederholte Anwesenheit unserer Mutter in Nentweinsdorf bei. Hermanns größere Geschäfte daheim bezogen sich vorzugsweise auf eine weitere Vervollständigung unseres brüderlichen Vertrages von 1833, die die Erfahrung als nöthig geboten hatte, und damit sollte zugleich ein Uebereinkommen unter uns verbunden werden, wonach wir nach gleichen Grundsätzen über unser Allodialvermögen bezüglich unserer Töchter letztwillige Verfügung träfen. Dieß nahm Hermanns Thätigkeit im Winter auf 1847 besonders in Anspruch. Der fragliche Vertrag wurde am 17. September 1847 von uns vollzogen. Daneben gab ihm auch die große Roth, die eine sehr ungünstige Aerndte im Jahre 1846 zur Folge gehabt hatte, viel zu thun. Er ließ für unsere Gemeinschaft Getraide in der Gegend von Passau ankaufen und auf unsere Güter bringen, um für die uothleidenden Grundholden Lebensmittel zu haben, und ließ wiederum Brodbäckereieu einrichten, wodurch solche wohlfeileres Brod erhielten. Seine gute Vorsorge trug viel dazu bei der allgemein herrschenden Roth zu steuern, und unsere Ortschaften befanden sich im Vergleiche mit den benachbarten unmittelbaren in einer sehr wohlthätig bevorzugten Stellung. — Hermann hatte überhaupt als schönes Erbe unseres Heueren Vaters ein recht warmes Herz für das Wohl unserer Grundholden überkommen. Während der ganzen Zeit, wo er die Verwaltung unserer Güter führte, war er unablässig besorgt, ihnen mit Rath und That beizustehen, und das schöne segensreiche Verhältniß, was, Gott sei es gedankt, von jeher zwischen unserer Familie und unseren Unterthanen bestand, in ächt patriarchalischer Weise fortzuerhalten. Darum widmete er auch viele Zeit der Ueberwachung der gerichtlichen und polizeilichen Thätigkeit »72 unserer Beamten, sowie der Hebung des Wohlstaildes der Grundhvlden, worauf auch ganz besonders die schon berührte Fixation aller Zehnten hinarbeitete, die in den letzten Jahreil durch ihn allmählig fast ganz zu Ende gebracht worden war. Wie er in einem überaus schönen Verhältniß als Gutsherr zu den Grundholden stand, so auch als Hausherr zu seiner Dienerschaft. Auch hier bestand ein wahrhaft liebendes Verhältniß, und mehrere, schoil seit einem halben Jahrhundert in dem Dienste unserer Familie stehenden alten Diener gehörten gleichsam mit zur Familie. Unter diesen waren namentlich vier alte treue Diener, die schon lange meinen Eltern gedient hatten, und nach des Vaters Tode in das Hauswesen Hermanns übergegangen waren. Es waren dieß Johann Diegritz lind dessen Frau, Georg Schorn und Wilhelmine Meinet, sämmtlichst hochbetagt, die nun kurz nacheinander ihr fünzigjähriges Dienstjnbiläuin feierten, was als ein wahres Familienfest begangen wurde. Das erstgenannte Ehepaar ist unterdessen heimgegangen, während die beiden Anderen sich noch im Schlosse zu Rentweinsdorf befinden, wo der alte treue Georg, obgleich über 78 Jahre alt, noch heute mit Eifer und seltener Anhänglichkeit an unsere Familie seine Dienste versieht. Im Sommer 1847 raubte uns der Tod einen recht lieben Verwandten. Am 5. Juli starb nämlich unser lieber Vetter Graf Karl von Rottenhan zu Merzbach, wodurch eine recht betrübende Lücke in dem Kreise unserer Familie entstand. Er war uns Allen, und vorzugsweise meinem Bruder, mit dem er im innigsten Vertrauen verbunden war, ein treuer Verwandter und Freund, und sein biederer und edler Sinn und Charakter hatte ihn in und außer der Familie allgemeine Liebe und Zuneigung erworben, so daß sein Tod sehr betrauert wurde. Sein einziger Sohn Max nahm nun Besitz von den Gütern seiner Linie, und bezog, nachdem er noch einige Jahre zu seiner weiteren Ausbildung bei Staatsbehörden gearbeitet, das Schloß Merzbach, um sich der Verwaltung der Güter zu widmen. Wie alle Jahre, so brachte ich auch im Herbste 1847 meine Urlaubszeit daheim auf den Gütern zu, wo ich stets bei meinem Bruder in Rentweinsdorf wohnte. Diesmal hatte dieser Aufenthalt für uns Beide eine ganz besondere Bedeutung, es war der letzte längere Anfent- halt, den ich mit ihm in unserem väterlichen Hause zubrachte, denn ich hatte mir nun das mir in unserer Theilung von 1833 zugefallene Schloß Eyrichshof, das in einem höchst baufälligen und ganz unbewohnbaren Zustande war, wohnlich hergerichtet. Vom Frühjahre 1846 an war daran gearbeitet worden, und im Herbste 1847 war diese bauliche Einrichtung vollendet, und ich hielt Mitte September meinen feierlichen Einzug daselbst. Es war dieß für mich wie für Hermann ein Moment sehr tief ergreifender Gefühle. Erst jetzt nahm ich eigentlich von meinem -väterlichen Hause Abschied, denn wenn es auch bereits seit vierzehn Jahren meinem Bruder als Wohnhaus eingeräumt war, so hatte ich doch bis dahin meine ständige Wohnung darinnen gehabt, und betrachtete mich noch immer gleichsam als Mitbewohner dieses Schlosses, und Hermann war darüber stets hocherfreut. Jetzt wurde ein anderes Familienschloß meine Wohnung auf den Gütern, und Hermann — obgleich einsehend, daß es für meine Familie, und namentlich für meine Kinder so besser sei, damit sich in ihnen bald ein heimathliches Gefühl für Eyrichshof bilde — beklagte es doch tief, daß unser schönes trauliches Zusammensein unter einem Dache nun aufhöre. — Atem Einzug im neu restanrirten Schlosse zu Eyrichshof, der ein überaus schöner und gemüthlicher war, und an dem sich auch ein Theil unserer Grundholden betheiligte, hat zugleich dadurch noch besonderen Werth erhalten, daß er eigentlich das letzte gutsherrliche Fest in unserer Familie war, denn zum letzten Male begingen wir dabei eine festliche Familienfeier mit unseren Grundholden als solchen, da das folgende Jahr dieses Band rechtlich löste. Gerade unter unseren Grundholden aus den Dörfern um Eyrichshof war aber große Freude, daß endlich nach so langer Zeit das Schloß Eyrichshof wieder einmal bewohnt werde. — Von da an brachte ich nun zehn Jahre lang meine Urlaubszeit stets in Eyrichshof zu, bis ich nach meinem Scheiden aus dem Staatsdienste im Frühjahre 1858 ganz und für immer dahin zog. Noch im selben Herbste — 1847 — wurde Hermann wiederum zum Wirken im öffentlichen Leben berufen. Am 20. September begann wegen mehrerer dringender Eisenbahngesetze ein außerordentlicher Landtag. Es war zu erwarten, daß er wiederum Präsident desselben ward. Wirklich erhielt er auch bei der Wahl der sechs Kandidaten zur Präsi- 674 dentenliste nicht nur dir meisten Stimmen, sondern ward fast einstimmig gewählt, und der König ernannte ihn wiederum zum ersten Präsidenten. Für Hermann war es recht peinlich, gerade in dieser Zeit seine Familie verlassen zu müssen, da seine Frau ihrer Entbindung nahe war. Am 8. October gebar sie ihm eine vierte Tochter, die nach unserer ältesten Schwester, Hedwig genannt wurde. Hermann kam auf kurze Zeit nach Hause, um der Taufe beizuwohnen. Dieser außerordentliche Landtag bot für Hermann wenig Erfreuliches dar. Die Stimmung des ganzen Landes, und besonders der Hauptstadt, war durch die bekannte Lola Montez-Geschichte eine sehr gereizte, und das nach dem Sturze des Abel'schen Ministeriums neu gebildete Ministerium hatte keinen Halt, ja sogar nicht einmal des Königs Vertrauen. Die Kammer selbst zeigte keine Einheit und Ueber- eiustimmung und es war, als ob bereits das Vorgefühl des Alles umstürzenden folgenden Jahres die Gemüther schon in Aufregung bringe. Von den adeligen Abgeordneten der II. Kammer, denen aber Hermann hierbei nicht beitrat, wurde die Ablösung der Dominikal- rechte und ein neues Preßgesetz beantragt, was den König sehr unangenehm berührte. Es war große Zerrissenheit in der Kammer und wiederum zwischen ihr und der Regierung. Mein Bruder hatte darum als Präsident eine schwierige Stellung, wurde aber diesmal noch mehr wie sonst vom Könige ausgezeichnet, der ihm bei jeder Gelegenheit volles Vertrauen bewies. Gleiches Vertrauen genoß er vom Kronprinzen, dem er fortlaufende Berichte über den Gang der Kammerverhandlungen erstatten mußte und der ihm am Ende dafür ein sehr freundliches Danksagungsschreiben zusandte. — Der Landtag wurde Ende November geschlossen und Hermann reiste hocherfreut über die Beendigung dieser unerquicklichen Zeit nach Hause. Trotz allem Widerwärtigen und trotz der Zerrissenheit, in der alle Verhältnisse und besonders die Kanuner in sich gewesen war, hatte aber Hermann seine Aufgabe als Präsident zu Aller Zufriedenheit erfüllt. Ich konnte ihm damals in voller Wahrheit schreiben: „Dir gratulire ich, daß der Landtag zu Ende ist und daß Du Deinen alten Ruhm auf solchem bis zum Ende bewahrt hast. lieber Dich herrscht nur eine Stimme 675 im Lande, und Du gehörst gewiß zu den wenigen Glücklichen, die in ihrem öffentlichen und privativen Wirken von allen Partheien volle Anerkennung erhalten. Das ist eine große Gnade Gottes." Hermann erkannte dieß auch mit dankbarem Herzen gegen Gottes Gnade, fühlte aber auch zugleich und äußerte es unverhohlen, daß sein öffentliches Leben jetzt seinen Höhepunkt erreicht habe. Ich habe oben erzählt, daß Hermanns Schwiegervater in Meiningen ein Haus gekauft habe, um wenigstens den Winter in der Nähe seines Enkels Georg zu sein. Dies gab Veranlassung, daß nun auch Hermann mit seiner Famlie häufig einen Theil des Winters dort bei den Schwieger- ältern zubrachte, was ihm jetzt, wo auch sein zweiter Sohn Julius auf die Schule daselbst gekommen, besonders erfreulich war. Zu Anfang des Februars 1848 reiste er dahin, und besuchte von dort die Fürstlichkeiten in Weimar, wo er mit vieler Auszeichnung empfangen ward. Von da inachte er einen Besuch bei unseren Verwandten in Berlin, wie bei Verwandten seiner Frau zwischen Berlin und Hamburg, und kehrte Anfangs März nach Nentweinsdorf zurück. Unterdessen war die Welt in Flammen gerathen! Die Februarrevolution in Paris hatte ihr verheerendes Feuer auch nach Deutschland gewälzt, wo schon längst die demokratischen Partheien Alles unterwühlt hatten und darum überall reicher Zündstoff vorhanden war. Der Kampf gegen das Bestehende, gleichviel, ob dieses veraltet und nachtheilig, oder noch brauchbar und nützlich sei, wurde die Loosung jener Partheien. Die Staatsverfassungen sollten nach dem System der Volkssouveränität umgewandelt und dem Königthnme seine Macht genommen werden. Alles, was an's frühere Feudalsystem noch erinnerte, also namentlich jede politisch bevorzugte Stellung des Adels, sollte abgeschafft und allgemeine Volksbeglückung gegeben werden. Dies war der Aushängeschild jener Parthei; was sie aber eigentlich wollte, war viel einfacher, ihr Streben ging nur überhaupt auf Umstoßung der bestehenden Ordnung, um für sich Vortheile zu erzielen, d. h. um sich an's Ruder der Staatslenkung zu bringen, oder wenigstens bei der allgemeinen Revolution im Trüben fischen zu können. Die Excentrischsten gingen selbst bis zur Anpreisung der Vermögenstheilung nach kommunistischem Princip. — Die schwachen Gemüther wurden von den glänzenden 676 Hoffnungen, die ihnen vorgeschwindelt wurden, hingerissen oder schloffen sich ans Furcht jenen Führern der Bewegung an; die verständigen Conservativen erkannten zwar das hereinbrechende Unheil, hatten aber keinen Halt unter sich und keinen an den gänzlich rathlosen Regierungen und verblieben in vollster Thatlosigkeit. So wurde von Woche zu Woche auch in Deutschland der öffentliche Zustand ein immer bedrohlicherer und das Schlimmste war die völlige Nathlosigkeit derjenigen, die einzugreisen berufen waren. — In Bayern, wo sich das Volk in einem weit glücklicheren Zustande befand, wie in den meisten anderen Ländern, und wo das Volk überhaupt den gewaltsamen Veränderungen nicht zugethan war und die für Revolutionen erforderliche Erregbarkeit nicht hatte, auch überhaupt mit an- erkennenswerther Liebe und Treue an seinem Fürstenhause hing, hätte das von Westen heranziehende Unwetter wenig Zündstoff gefunden und wäre vielleicht glücklich und ohne alle Verheerung vorübergezogen, wenn nicht das unglückselige Verhältniß des Königs zu der bekannten Lola Montez, die sich in alle Regiernngsmaßregeln einmischte und allgemein gehaßt war, die Gemüther in eine so große Gereiztheit versetzt hätte, daß dadurch der Demokratenparthei ein überaus günstiges Feld bereitet war. Besonders war dies in der Hauptstadt der Fall, wo man dem Schauplatz jener diabolischen Frau näher war. Hier brachen denn schon Anfangs März bedenkliche Unruhen aus, die zwar Anfangs nur gegen jene Spanierin gingen, bald aber in das weitere politische Feld übergriffen und vom Könige Concessionen aller Art verlangten. Im Betreff Letzterer gab Derselbe Versprechungen, und um das Volk weiter zu beruhigen, die Zusicherung, sofort die Stände zusammenzu- berufen, wozu der IL. März bestimmt wurde. Unterdessen brach in einigen Theilen Frankes, namentlich in einem Theile Oberfrankens, ein Sturm gegen die Rittergutsbesitzer los. Viele Schlösser wurden zerstört, Archive geplündert, dabei viel geraubt und mehrere Gutsbesitzer verwundet. Diese Stürme kamen unseren Gütern sehr nahe, aber das glückliche Verhältniß, in dem wir zu unseren Grundholden standen, bewahrte uns vor solchen Excessen. Hermanns Stellung beim Beginn des Landtages war eine höchst schwierige. Seine frühere bedeutende Stellung in der Kammer hatte 677 zur Folge, daß alle Augen auf ihn gerichtet waren und durch ihn Hülfe begehrten, denn die obersten Regierungsorgane waren rathloS. Er hatte vielfache Zusammenkünfte mit dem Könige und den Prinzen, die von der höchsten Bedeutung waren, deren Inhalt ich aber ans besonderen Rücksichten hier nicht mittheilen kann. Die Tage vom 18. bis 2V. März gehörten zu den bedeutungsvollsten seines Lebens und waren für Bayern von der folgenreichsten Wichtigkeit. — Am 20. Abends unterzeichnete König Ludwig seine Abdication, und Tags darauf bestieg sein Sohn Maximilian den bayerischen Thron. König Ludwig glaubte, daß der allgemein ausgebrochene Volkssturm das monarchische Princip so schwächen werde, daß er, ohne seinen Ansichten untreu zu werden, nicht mehr fortregieren könne, und hielt es darum für ehrenhafter und pflichtgemäßer, vom Throne herabzusteigen und jüngeren Kräften, die sich leichter in den Umschwung der Zeit fügen könnten, die Zügel der Regierung zu übergeben. Der gänzliche Zeitumschwung hatte auch natürlich seinen mächtigen Einfluß auf die Präsidentenwahl in der Kammer. Anfangs hatte zwar ein großer Theil der Kammerglieder entschieden den Wunsch, daß mein Bruder wieder I. Präsident werde, bald aber sah man ein, daß man der Zeit ein Opfer bringen und den Präsidenten aus der Reihe der mehr links stehenden Parthei wählen müsse. Dies geschah, und Hermann bestieg den Präsidentenstuhl nicht wieder. Sein Einfluß in der Kammer blieb aber doch ungeschwächt und er nahm sofort an den wichtigsten Verhandlungen Theil. Ihm wurde die Redaction der Adresse auf die Thronrede übertragen, und ebenso wurde er wieder, wie bei früheren Landtagen, in den Finanzausschuß gewählt, wo der Referent über das der Kammer vorgelegte Gesetz über die Ablösung der standes- und gutsherrlichcn Gerichtsbarkeit, dann die Aufhebung, Fixiruug und Ablösung der Grundlasten tägliche Privatberathungen über dies Gesetz mit ihm hielt. In Mitte dieser Berathungen kam aber der von Heidelberg ans veranlaßte Zusammentritt deutscher Abgeordneten in Frankfurt zur Berathung der deutschen Bundesfrage, welche Versammlung später das deutsche Vorparlament genannt wurde. Sowohl die Kammer, wie das bayerische Ministerium wünschten, daß bayerische Abgeordnete dieser 678 Versammlung beiwohnen möchten, und so entschlossen sich 12 Derselben, worunter auch Hermann war, zur Versammlung nach Frankfurt zu reisen. Sie waren nicht von der Kammer dazu abgesandt, sondern es war dieß ein völlig freiwilliger Akt jedes Einzelnen. Hermann wurde es schwer, zu dieser Versammlung zu gehen, da er voraussah, daß sie in ihrer Mehrzahl eine überaus stürmische und überwiegend demokratische sein würde, und nur auf vieles Zureden und erkennend, daß es gut sei, möglichst viele conservative Elemente in die Versammlung zu bringen, schloß er sich den übrigen dahin gehenden Abgeordneten an und reiste am 28. März von München ab. — Die Resultate dieses s. g. Vorparlaments sind bekannt, sie gingen auf die Constituirung einer Nationalversammlung (Parlament), zur Entwerfnng einer deutschen Verfassung. Die Verhandlungen waren, wie Hermann vorausgesehen, über alle Maßen stürmisch und erinnerten an das französische Natonalconvent des vorigen Jahrhunderts. Auf der Rückreise von Frankfurt besuchte Hermann seine Familie in Meiningen, wo, wie natürlich, durch die traurigen Zeitereignisse eine trübe Stimmung herrschte. Sein Aufenthalt bei den Seinigen, der überhaupt nur von kurzer Dauer sein konnte, war deshalb ein sehr trauriger. Nach München zum Landtag zurückgekehrt, nahm ihn vor Allem wieder die Berathung des Ablösungsgesetzes in Anspruch. Der den Kammern vorgelegte Entwurf hatte nirgends befriedigt, und die Bauern, denen die Demokraten glauben machten, daß alle Dominikalien unentgeltich aufhören würden, waren über die Idee einer Ablösung höchst aufgeregt. Es gab wieder Störungen und Excesse aller Art, und man befürchtete den Ausbruch eines allgemeinen Aufruhrs. Der Jagden bemächtigten sich die Bauern sofort und überall, so auch auf unseren Gütern zogen sie nngescheut in Wald und Flur herum und schössen das Wild nieder. Zur Steuerung dieser Excesse fehlte es überall an der nöthigen Macht. Mit großer Beschleunigung erledigten übrigens die Kammern das Ablösungsgesetz, das in seiner nun veränderten Form die Gemüther doch etwas mehr befriedigte und auch für die Berechtigten von geringerem Nachtheil war, als solche Anfangs geglaubt hatten. Die Patrimonialgerichtsbarkeit und Polizei, die dem ehemaligen Reichsadel sogar durch die deutsche Bundesacte Art. XIV. 679 garantirt war, ging aber, nebst manchen Anderen, dnrch dieses Gesetz für die Gutsherrn verloren. — Neben diesem Gesetze wurde auch ein Gesetz über die Ablösung des Lehenverbandes berathen, wodurch dem Adel für die Verluste, die er durch die Ablösung der Dominikalien erlitt, einiger Ersatz werden sollte. Während dieser Verhandlungen am Landtage fanden die von der Regierung veranstalteten Wahlen zum deutschen Parlamente statt und Hermann wurde von dem Wahlbezirke Nördlingen, wo mehrere seiner Jugendfreunde ohne sein Wissen für seine Wahl geworben hatten, zum Parlamentsmitglieds gewählt. Es war dies ein harter Schlag für ihn, den er zwar halb und halb erwartete, aber auch stets gefürchtet hatte. Gerade in dieser über alle Maßen aufgeregten Zeit voraussichtlich auf lange fern von der Heimath sein zu müssen und in das revolutionäre Treiben der aufgeregten Partheien, was er schon zur Genüge beim Vorparlamente hatte kennen lernen, geworfen zu werden, hatte für ihn etwas außerordentlich Niederdrückendes. Er fügte sich indessen mit Ergebenheit in Gottes Willen und reiste den 23. Mai von München ab. Nach' kurzem Aufenthalte in Rentweinsdorf und Neuenhof kam er Ende Mai mit seiner Frau nach Frankfurt. Nun begann für Hermann eine inhaltsschwere, überaus aufregende Zeit, ja gewiß die schwerste seines Lebens, die ein volles Jahr dauerte. Es kann meine Aufgabe nicht sein, hier in einer Familiengeschichte ein Bild der deutschen Nationalversammlung in einer Darstellung jener merkwürdigen Epoche zu geben. Sie ist geschichtlich bekannt und ich beschränke mich darauf, nur Dasjenige aus jener Zeit hervorzuheben, was speziell in das Leben meines Bruders eingriff. Von vielen Seiten gedrängt, war es sein erstes Bestreben, gegenüber den vielen demokratischen Clubs, die sich in der Nationalversammlung bildeten und die in den verschiedensten Schattirungen bis zur äußersten Linken, den rothen Republikanern, gingen, und wiederum gegenüber der für diese Zeit zu schroff auftretenden äußersten Rechten, die jeder zu machenden Concession entgegen waren, und endlich ebenso gegenüber dem zu weit links stehenden eigentlichen Centrum, ein konservatives Centrum (rechtes Centrum) als Vermittlungsorgan zu bilden, was ihm gelang. Es hatte sehr bedeutende Persönlichkeiten und bestand 680 aus etwa 60 Mitgliedern. Hermann wurde zum Präsideuten dieses Clubs gewählt. Hier begann nun als erste Hauptthätigkeit, sich klar zu machen und festzustellen, was denn eigentlich die Hauptaufgabe der Nationalversammlung sein solle und wie diese zu erreichen sei. Wie weit hierüber in den verschiedenen Clubs, je nach ihrer politischen Färbung, die Ansichten auseinander gingen, ist bekannt, und diese verschiedenen, sich oft diametral entgegenstehenden Ansichten, führten zu den heftigsten und leidenschaftlichsten Ausbrüchen in den allgemeinen Sitzungen, die durch die immer mehr steigende Gährung in allen Theilen Deutschlands stets neue Nahrung erhielten. Man sah dem Auseinandergehen der Nationalversammlung und dadurch dein förmlichen Ausbruch der Revolution entgegen. — Da erfolgte der kühne Griff Gagern's, des I. Präsidenten, der die Wahl eines Reichsverwesers vorschlug. Dieser Vorschlag brachte eine fieberhafte Aufregung unter allen Parlamentsmitgliedern hervor, und mit der größten Spannung sah Alles der Sitzung entgegen, wo hierüber entschieden werdeil sollte. Sie fand am 29. Juni statt, war zwar stürmisch, aber von gewaltigem, überwältigenden Eindruck. — Mein Bruder schrieb darüber an mich noch am selben Tage: „Das war ein erhebender Tag! Ich erinnere mich keines öffentlichen Momentes, der mich sv ergriffen hätte, als die heutige Sitzung der Nationalversammlung, wo die Vertreter des deutschen Gesammtvolkes in freier Aussprache jedes Einzelnen einen Reichsverweser gewählt haben. Ein Akt, ähnlich wie vor Jahrhunderten geschehen. Die Thränen rollten mir oft über die Wangen. Es waren aber gemischte Gefühle, Hochgefühl, und doch ein banges Sorgen — ohne Mitwirkung der Regierungen und ohne das sichere Gefühl, daß dieses provisorische Oberhaupt seine Aufgabe werde erfüllen können. — Und nun zum Schlüsse werde ich gewählt zu den Sieben, welche die Nationalversammlung nach Wien entsendet, dem Erzherzog Johann die neue Würde anzutragen. Hat je eine Mission mich mit Hochgefühl erfüllt, so ist es diese." Diese 7 Abgeordnete, die das Volk scherzweise die sieben Kurfürsten nannte, waren: Freiherr von Andrian aus Oestreich, von Saucken und m ,, 681 Raveaux aus Preußen, mein Bruder aus Bayern, Jucho aus Frankfurt (als der künftigen Residenzstadt des Reichsverwesers), Heckscher aus Hamburg und Franke aus Schleswig-Holstein (beide Letztere für die norddeutschen Länder). Die Reise dieser Abgesandten, die am Tage nach der denkwürdigen Sitzung angetreten wurde, war ein wahrer Triumphzug. Ueberall bis Wien wurden sie festlich empfangen, in Wien selbst mit aller Auszeichnung aufgenommen, und noch festlicher war ihre Rückreise, die sie in Begleitung des neuen Neichsverwesers machten. In Mitte der überaus qualvollen Zeit war diese Reise für Hermann eine Zeit erhebenden Gefühls, obgleich es ihn tief schmerzte, Wien, das er früher nicht gekannt und schon längst zu sehen gewünscht hatte, nun als Zerrbild der Revolution unter der Studentenherrschaft kennen gelernt zu haben. Dieser Reise folgten wieder recht stürmische Zeiten, in denen Hermann ein ungemein bewegtes Leben hatte, aber wie von Anfang an von sehr wichtigem Einfluß auf die Verhandlungen blieb. Der Reichsverweser bewies ihm großes Vertrauen und ernannte ihn sogar im August zum außerordentlichen Gesandten in Brüssel, welche Mission aber mein Bruder aus verschiedenen sehr triftigen Gründen nicht annahm. Die Wirksamkeit Hermanns stieg noch, als er bald darauf Mitglied und selbst Vorstand des Finanzausschusses wurde, und kurze Zeit darnach sogar in den Verfassungsausschuß eintrat. — Zu diesem wahrhaft aufreibenden Geschäftsdrang kam die überaus trübe Stimmung über die trostlose Lage der Centralregierung und der Nationalversammlung, gegenüber der immer aufgeregteren revolutionären Zeit, die im September sogar in Frankfurt selbst zu dem Sturm der demokratischen Horden auf die Nationalversammlung, wie zu den bekannten blutigen Barrikadenkämpfen und den scheußlichsten Mordscenen führte. Es waren schwere Tage für Hermann, und wir dankten Gott recht aus innigem Herzen, daß Er ihn dabei gnädigst beschützt hatte. In Mitte dieser über alle Begriffe bewegten Zeit, wo jeder Tag neue Verwickelungen brachte und Hermann mitten darinnen vom Morgen bis Abend angestrengt war, ließ er doch auch die wichtigeren Geschäfte daheim auf den Gütern nicht aus dem Auge. Wohl führte ich solche 682 in der Hauptsache, soweit es meine damals als Regierungs-Director auch sehr gesteigerten Geschäfte zuließen, aber die wichtigereil, wozu insbesondere das Ablösungsgeschäft der Dominikalien und das Aufhören der Gerichtsbarkeit gehörten, konnte ich allein und ohne stetes Benehmen mit meinem Bruder nicht erledigen. Durch das Ablösungsgesetz ging ein Theil unserer Dominikalien ohne Entschädigung verlorer; es waren dies: a) die Naturalfrohndienste, die nicht bereits in ein bestimmtes Frohugeld umgewandelt waren, was auf unseren Gütern, wie ich schon oben bei Johann Friedrich II. anführte, durch diesen bereits fast allgemein und mit nur einigen Ausnahmen geschehen war; b) das Mortuarium (Besthaupt), was uns nur auf einigen wenigen Lehenhöfen zustand; e) der Blutzehnt und N e u b r u ch z e h n t, sowie derjenige Kleinodszehnt, der noch nicht seit 30Jahren hergebracht war; cl) die Weide auf Aeckern während ihrer Fructification und auf Wiesen während ihrer Hegezeit, die übrigens bei uns in solchen Fällen ohnedies nicht mehr ausgeübt worden war; e) alle rein persönlichen, nicht auf Grund und Boden haftenden Abgaben. Alle übrigen Grundgefälle, die natürlich die größere Masse waren, sollten sogleich fixirt werden und gingen sodann behufs der Ablösung an die zu gründende Ablösungskasse des Staates über, die für solche fixirte Grundabgaben den zwanzigfachen Betrag der fixen Rente in vierprozentigen Ablösungsschuldbriefen gab, welche Schuld ihr von den Pflichtigen in 34- und resp. 43 jährigen Fristenzahlungen theilweise zurückvergütet wird. Das Fehlende hatte die Staatskasse zu tragen. Für die Gerichtsbarkeit hätten wir nach dem Gesetze vom 28. Dezember 1831 Entschädigung erhalten können, da der Art. 1 des Ablösungsgesetzes einen Termin (den 18. April) festgesetzt hatte, bis zu welchem die Erklärung über die Abtretung noch mit dem Erfolg der Entschädigung abgegeben werden konnte. Hermann hatte auch wirklich, als er im Frühjahr noch in der bayerischen Kammer war, auf meinen Antrieb eine Eingabe an's Ministerium mit unserer Erklärung der 08;; Gerichtsabgabe gefertiget, hatte aber, da damals das Ablösungsgesetz noch in dem Stadium der Ausschnßbcrathnng war — ans vielleicht übertriebener Gewissenhaftigkeit — Anstand genommen, diese Erklärung, die Folge einer nur ihm als Ausschußmitglied zukommenden Wissenschaft jenes Termins war, beim Ministerium sofort einzureichen, und hatte sie nur privatim dem Minister des Innern mit der Bitte übergeben, dieselbe, wenn der Moment komme, Ivo sie vorwurfsfrei für meinen Bruder eingereicht werden könnte, in den Einkauf des Ministeriums zu bringen. Der Minister versäumte dies, nnd der Termin der Entschädigung war für uns verfallen. Mit dem 1. Oktober 1848 hörte unsere Gerichtsbarkeit gesetzlich ans, das Gericht wurde aber noch als königliches Gericht bis Ende des Jahres von unserem bisherigen Patrimonialrichter von Schallern fortgeführt, der bis dahin noch unser Ablösungsgeschäft leitete, später aber in den Staatsdienst übertrat. Unsere Rentei übertrugen wir unserem bisherigen Eassier Hübsch, der fortan zum Rentmeister avancirte. Der 1. Oktober 1848 war für unsere Familie ein Tag von großer Bedeutung. Wie das Jahr 1800 durch die Aufhebung der Reichsritterschaft unsere Familie von selbstständigen, unmittelbaren Reichsrittern, die selbst einzelne Landeshoheitsrechte über ihre Unterthanen hatten, selbst in ein Unterthansverhältniß gebracht und unsere Unterthanen in Grundholden verwandelt hatte, also eine der wichtigsten Epochen in unserer Familiengeschichte war, so vollendete nun das Jahr 1848 den Akt unserer politischen Beraubung. Mit dem Aufhören der Gerichtsbarkeit und Polizei und mit dem Ablösen der Do- minikalien hörte unsere Grundherrlichkeit über unsere Grundholden auf. Das wohl seit einem Jahrtausend bestandene Band zwischen Gutsherrschaft und Unterthanen, oder jetzt Grundholden, war gelöst, nnd wir waren fortan nur mehr einfache Grundbesitzer ohne jede politische Bevorzugung im Staate. Daß wir diese Veränderung tief und schmerzlich empfanden, ist natürlich, doch kann ich nicht läugnen, so tief und schmerzlich wie der erste Akt im Jahre 1806 unseren Vater und Onkel betroffen hatte, betraf uns dieser zweite nicht, da die vorausgegangene stürmisch bewegte Zeit uns bereits an den Gedanken dieser Aenderung gewöhnt, ja selbst oft der Befürchtung Raum gegeben hatte, daß uns 44 684 die ausbrechende Revolution nicht blos der Rechte, sondern selbst des Besitzes und Einkommens berauben würde, was denn doch nicht geschah. Es trat nun eine neue Epoche für den Adel, also auch für unsere Familie ein. Seiner politischen Rechte beraubt, mußte er sich durch den moralischen Einfluß, den größerer Besitz und historische Erinnerung, verbunden mit dem richtigen adeligen Benehmen gegenüber der ländlichen Bevölkerung geben, eine neue einflußreiche Stellung erwerben, und die Erfahrung hat seitdem erwiesen, daß er dies kann, wenn er seinen Besitz erhält, ein geachtetes Leben führt und den früheren Grundholden, wie überhaupt der ganzen ländlichen Bevölkerung, unter der er lebt, auch ohne rechtliches Band nach wie vor rathend und helfend zur Seite bleibt; dann bleibt faktisch das frühere patriarchalische Ver- hältniß fortbestehen, und der Adel wird sich diejenige einflußreiche politische Stellung im Staate erhalten, die ihm als großer und intelligenter Gutsbesitzer, wie nach der historisch gesicherten Stellung seiner Familie gebührt. Unserer Faniilie ist es denn auch wirklich bis auf den heutigen Tag gelungen, diesen Standpunkt gegenüber unseren früheren Grundholden in so erfreulicher Weise fortzuerhalten, daß die große Veränderung, die das Jahr 1848 in unserer Stellung zu ihnen rechtlich gebracht hat, in unserem Ansehen ihnen gegenüber kaum eine Aenderung erlitten hat. Möchten alle Glieder unserer Familie jetzt und in Zukunft dessen stets eingedenk bleiben und überzeugt sein, daß es nur von ihnen selbst abhängt, daß dieses erfreuliche Verhältniß auch ferner so bleibe. Achtung gebietendes Leben, hervorgehend aus einem streng religiösen, sittlichen und edlen Sinn, Erwerbung höherer und gediegener Bildung/ geordneter Finanz- und Verwaltungsznstand der Güter, friedliches, humanes, jeder Ueberschätzung fremdes Benehmen gegenüber der ländlichen Bevölkerung, rathende und thatkräftige Hülfeleistung für solche, stetes sich Erinnern an das Jahrhunderte lang bestandene enge Band zwischen unserer Familie und den Bewohnern unserer Ortschaften, — dies zusammen sichert den Fortbestand jenes schönen Verhältnisses, und letzteres trägt wiederum wesentlich dazu bei, daß unserer Familie das Leben auf den Gütern ein stets erfreuliches sei. Ganz besonders muß aber hiezu noch kommen, daß wir die uns durch Gottes Gnade von den Vorfahren überkommenen Güter nie als eine blose Finanzguelle betrachten, oder gar als ein Object für äugen- 085 blickliche gewinnreiche Spekulation, sondern als ein uns zum Besten der Familie, wie der bei den Gütern lebenden und an sie gewiesenen ländlichen Bevölkerung anvertrautes und bleibendes Gut. Erhalten wir uns diese Gesinnung, so wird uns diejenige bevorzugte Stellung, die der historische Adel auch jetzt noch wie in Zukunft im Staate haben muß, niemals fehlen. Durch die Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit bekam der Grundadel in den Gemeinden, in denen er begütert war, eine ganz veränderte Stellung; während er früher als Guts- und Gerichtsherr über der Gemeinde stand und ihr durch die Polizeigewalt, die er durch sein Gericht ausüben ließ, Befehle zu ertheilen hatte, wurde er nun einfaches Gemeindeglied, gleich jedem Bewohner des Dorfes, der polizeilichen Gewalt des Gemeindevorstehers und beziehungsweise der Gemeindeverwaltung untergeordnet, — eine für ihn ganz besonders lästige und im Vergleich mit früher schmerzlich fühlbare Stellung, die, ganz abgesehen von der persönlichen Erniedrigung, die ihm dadurch zu Theil wurde, auch geradezu widersinnig ist, da hierdurch der Größtbegütertste in der Gemeinde, von dem ein großer Theil der übrigen Gemeindeglieder ihren Lebensunterhalt bezieht, bei den Berathungen in der Gemeinde rechtlich nicht mehr Stimmrecht hat, wie jeder Einzelne dieser Letzteren. Gestaltet sich dies auch bei dem großen Einfluß, den der Elftere durch seinen größeren Grundbesitz und durch die natürliche Abhängigkeit, in der ein Theil der Gemeindeglieder nothwendig von ihm steht, in praxi anders, so ist es doch einleuchtend, daß dies auch einer rechtlichen, d. h. gesetzlichen Abänderung bedarf, die jedoch bis jetzt in Bayern noch nicht erfolgt ist. Auch das denl Grundadel mit Gerichtsbarkeit verfassungsmäßig in Bayern zustehende Standschaftsrecht ging ihm im Jahre 1848 durch das Gesetz vom 4. Juni — die Wahl der Landtags - Abgeordneten betr. — verloren, da nun an die Stelle der Wahlen nach Ständen, die nach der Kopfzahl trat, eine durchaus demokratische Volksvertretung, die in das richtig zu bildende constitntionell-monarchische Staatensystem nicht paßt und gewiß in späterer Zeit, wenn man jenes Staatensystem richtig erkannt haben wird, wieder geändert werden wird, wo dann hoffentlich dem Grundadel mit den Größtbegüterten überhaupt, die ihm 686 gebührende Stellung in der Volksvertretung wieder zurückgegeben werden wird, wie solches bereits in der Kreis- und Distriktsvertretung (Landrath und Distriktsrath) geschehen ist. Durch das unter'm selben Datum gegebene Gesetz „die Aufhebung des Jagdrechtes auf fremden Grund und Boden" wurde der größte Theil der Jagden den bisherigen Eigenthümern derselben, und zwar ohne Entschädigung, entzogen und an die Gemeinden gegeben, nur auf größeren zusammenhängenden Gutscomplexen verblieb sie dem zeit- herigen Eigenthümer. Hierdurch verlor unsere Familie den größten Theil ihrer Jagden. Das gleichzeitig erschienene Gesetz — die Ablösung des Lehnverbandes betr. — sprach als Grundsatz aus, daß sämmtliche Lehen vom Lehnverbande befreit werden könnten, und zwar sollten sich diejenigen, welche urkundlich als aufgetragene (kouckn oblatn), oder durch den Vasallen vom Lehnherrn erkaufte Lehen (lonckg. omtitia) nachgewiesen werden, sofort in volles Eigenthum ohne Entgeld verwandeln, während die gegebenen Lehen (kernig, ckutn) je nach ihrer Eigenschaft, als Söhn- und Töchterlehen mit ein, als Männerlehen mit drei und als heimfällige Lehen mit zehn Prozent des Lehnsfassionswerthes abgelöst werden könnten. Dabei wurde, was für den Adel von großer Wichtigkeit war, den Betheilgten, d. h. durch die Mitbelehnung Verbundenen das Recht eingeräumt, sich über ihre gegenseitige Berechtigungen durch freies Uebereinkommen zu verständigen. — Wir machten von diesen Bestimmungen des Lehnsablösungsgesetzes sofort Gebrauch, und lösten unsere sämmtlichen Lehen, die nicht als keuckg. oblntn oder kernig em- kitin ohnedies durch dieses Gesetz ohne Entgelt in freies Eigenthum übergegangen waren, durch Bezahlung der Prozente ab, so daß unsere Familie von da an in keinem Vasallenverhältniß zu Lehnsherrn mehr steht. — Die gegenseitigen Verhältnisse zu unserer jüngeren (Merzbacher) Linie wurden bei dieser Gelegenheit vertragsmäßig festgestellt, wovon ich weiter unten sprechen werde. So war nun durch das Jahr 1848 eine gewaltige Veränderung in unseren Rechten und in unserem Besitze vorgegangen. An die Stelle der grnndherrlichen Abgaben traten nun die nach vollzogenem Ablösungsgeschäft von der Ablösungskasse des Staates uns ausge- 687 händigten Ablösnngsschnldbriefe, die mit denen für das Seniorat unserer Familie die Summe von 300,971 fl. I2'/s kr. erreichten und an die Stelle der abgelösten Dominikalrechte traten, also Fideikommißkapital wurden. Von dieser Summe gehörten Da die Dominikalieu jährlich circa 14,000 fl. eingetragen hatte», wovon aber für Erhebnngskosten und Nachlässe wohl über 1000 fl. jährlich abzurechnen waren, so war der Verlust, den wir durch die Ablösung erlitten, kein bedeutender. Von unserem Güterbesitz war uns nun nur der Grundbesitz geblieben. An Rechten verblieb uns nur noch die Siegelmäßigkeit und der privilegirte Gerichtsstand, wovon aber seit dem 1. Juli 1862 erstere fast ganz, letztere ganz aufgehoben wurden, dann das Patronats- recht über Pfarreien und Schulen, womit zugleich die niedere Cnratel über Kirchen- und Schulstiftungen, sowie die dem Patron verfassungsmäßig eingeräumten Ehrenrechte, wie Kirchengebet, Trauergelänte n. s. w. belassen wurden. Neben diesem Wenigen blieb uns noch der äußere Titel des Adels. — Dieß waren die Folgen des Revolutionsjahres 1848. ! Auch auf die Christian Ernst von Rotenhan'sche Wohlthätigkeits- Anstalt, wofür, wie oben angegeben ist, ein Capital von 30,000 fl. gestiftet worden war, dessen Zinsen gleichsam als ständige Last auf unseren Gütern hafteten, hätte das Jahr 1848 einen wesentlichen Einfluß haben können, denn da diese Stiftung vorzugsweise für unsere Grundholden geschehen war, so hätte sie jetzt, wo wir keine Grundholden mehr hatten, cessiren tonnen. Wir wollten aber, theils aus Pietätsrücksichten für unseren Onkel Christian Ernst, theils und hauptsächlich aus Rücksicht für unsere bisherigen Grundholden, zu denen wir auch ferner, trotz der veränderten rechtlicheil Stellung, in einein mög- lichst patriarchalischen Verhältnisse bleiben wollten, von der uns rechtlich n) zum Seniorat und d) zu unserem übrigen fideicommissarischen Vermögen 7,063 fl. 33^ kr. 293,907 fl. 38V« kr. Summa 300,971 fl. 12'/« kr. 688 zustehenden Befugnis; keinen Gebrauch machen und erklärten daher, daß diese Wohlthätigkeitsanstalt für die Ortschaften, für die sie bisher bestand, fortdauern solle. Die einzige Aeuderung, die wir dabei trafen, war, daß wir auch Porbach, wegen unseres dortigeu Oekonvmiegntes, daran participireu ließen. Eine Aeuderung der Statuten wurde aber später, als nun nöthig, vorgenommen. Im Dezember dieses Jahres mußte unser früherer Patrimonial- richter von Schaltern wegen der nahen Extradition seines Amtes an die königl. Landgerichte und wegen seines baldigen Eintritts in die ihm verliehene Stelle im Staatsdienste, die noch fortgeführte Leitung unseres Ablösungsgeschäftes, wie überhaupt unsere Familienconsulentie abgeben, was wir sofort Beides unserem früheren Rentmeister, damaligen Amtmann zu Merzbach, Friedrich Solger, der in seiner bisherigen Stellung daselbst bleiben wollte und solche dem Eintritt in den Staatsdienst vorzog, mit Genehmigung unsers Vetters Graf von Rottenhan übertrugen. Er leitete nun sofort mit unserem Rentmeister Hübsch das Ablösungsgeschüft der Dominikalien, und Beide führten solches trotz vielfacher Schwierigkeiten glücklich zu Ende. Nur bezüglich der Frohngelder bekamen wir mit einigen Gemeinden Prozesse, da solche in der Ansicht, daß diese nach unentgelticher Aufhebung der Natural- frohnen auch zu cessiren hätten, sie abzulösen verweigerten. Wir gewannen jedoch diese Prozesse und sie wurden abgelöst. — Am 2. Mai 1849 ernannten wir den Amtmann Solger förmlich als unseren Familienconsulenten, was er noch heute ist. Unterdessen waren im Winter auf 1849 die öffentlichen Verhältnisse mit Riesenschritten vorwärts gegangen. Die deutsche Verfassung war vom Frankfurter Parlament vollendet worden, und sollte nun bald zur Schlußberathung gelangen. Zugleich war aber bereits eine große Spannung zwischen Oestreich und Preußen eingetreten, besonders seit für ersteres eine besondere Verfassung octroirt worden war. Es war nun schwerer geworden, eine Verfassung für Deutschland zu geben, in der beide Großstaaten sofort eintreten konnten. Deshalb hatten sich im Frankfurter Parlament, wie in ganz Deutschland, neben einzelnen extremen Partheistellungeu bereits zwei große Partheien gebildet, wovon die eine einen deutschen Bundesstaat mit Preußen an der Spitze wollte, 6K9 in den zwar Oestreich eintreten dürfe, ivenn es wolle, und neben seiner neuen Verfassung könne, aber nicht nothwendig eintreten müsse. Zu dieser Parthei gehörten die Vertreter von Nord- und Westdeutschland. Die andere Parthei, zu der die von Oestreich und Bayern (wenigstens ein Theil seiner Parlamentsmitglieder), dann die Nltramontanen und ein Theil der Linken des Parlaments gehörten, war dieser Bundesstaatsbildung entgegen, und darum auch theilweise gegen die in Frankfurt berathene Verfassung. Die Erstgenannten dieser östreichisch-bayrischen Parthei glaubten, die einzelnen Regierungen ständen schon wieder auf so festen Füßen gegenüber der Volksbewegung, daß sie über diese Herr werden könnten, während gerade damals, d. h. zu Anfang des Frühlings 1849 die öffentliche Ordnung mehr wie je unterwühlt War, und Alles wie auf einem Krater stand, der jeden Augenblick einen, Alles verheerenden Ausbruch, drohte. Dies; erkannte die erste Parthei, und sah nur in der Bildung des Bundesstaats mit einheitlicher Spitze ein noch mögliches Rettungsmittel. Hermann theilte zwar diese Ansicht auch, erkannte aber zugleich, daß bei der Schroffheit, mit der sich beide Partheien gegenüber standen, und bei der Abneigung, die in vielen Theilen Deutschlands gegen die preußische Spitze bestand, der zu Stande gekommene Verfassungsentwurf mit der beabsichtigten Bevorzugung Preußens keine Hoffnung der Annahme, und jedenfalls keine bleibende Lebensfähigkeit habe. Er suchte daher noch in dieser zwölften Stunde nach einem AuSgleichnngsmittel zwischen beiden Partheien, und deshalb nach einer Verfassungsform, die zwar theilweise das erstrebte, was jene erste Parthei wollte, doch aber Oestreich in Deutschland nicht machtlos stelle, und wollte es dein Bundesstaate beitreten, nicht Preußen unterordne, und was zugleich deu Mittelstaateu, besonders den vier Königreichen unter ihnen, deren heftigste Opposition gegen die alleinige preußische Spitze gewiß war, einen Einfluß ans die Direction des Bundesstaates verschaffe. — Nach diesen Gesichtspunkten hin entwarf er einen Verbesserungsantrag zu dein Entwurf des Verfassungsausschusses, deu er mit einer größeren Zahl seiner Gesinnungsgenossen berielh, und den er, nachdem er von 33 derselben, worunter viele Abgeordnete aus Bayern waren, angenommen und mit unterzeichnet worden war, beim Parlamente einreichte. „Hiernach sollte an der Spitze des zu bildenden deutschen Bundesstaates ein Reich sdire et orium 6W stehen, welches die Negierungsgewalt im deutschen Reiche, die den Einzelregiernngen des Bundesstaates zustehe, im Auftrag derselben, und Namens des deutschen Bundesstaates, ausübe. Dieses Reichsdirectorinm habe zu bestehen: aus dem Kaiser von Oestreich, und den Königen von Prenßen, Bayern, Sachsen, Hannover und Wttrtemberg, welche sich durch verantwortliche Bevollmächtigte, die sie jederzeit zurück zu berufen berechtiget seien, vertreten lassen könnten. An der Spitze des Reichsdirectoriums solle, von vier zu vier Jahren abwechselnd, der Kaiser von Oestreich und der König von Prenßen als Reichsvorstand stehen, und in dem Falle, und in so lange, daß Oestreich in dem Bundesstaate nicht eintreten würde, habe nur der König von Preußen diese Neichsvorstandschaft auszuüben. — Der Neichsvorstand habe den Vorsitz und die Geschäftsleitung in dem Reichsdirectorinm, übe die Repräsentation im Innern des Bundesstaates und gegen das Ausland, beglaubige die eigenen und empfange die fremden Gesandten, sei aber in Ausübung aller der Reichsregierung verfassungsmäßig zustehenden Regierungsrechte an die Zustimmung des Directoriums gebunden. In dem Reichsdirectorinm würden die Beschlüsse durch Stimmenmehrheit gefaßt, und eine Beschlußfassung dürfe weder durch die Abwesenheit einzelner Mitglieder des Reichsdirectoriums oder ihrer Vertreter, noch durch Mangel an Instruction für die letzteren gehindert werden. Werde eine Stimmenmehrheit im Reichsdirectorinm nicht erzielt, so entscheide der Reichsvorstand, der auch alle Erlasse des Reichsdirectoriums in dessen Namen vollziehe. — Der Reichsvorstand werde während der Dauer des Reichstages in der Regel am Sitze der Reichsregierung residiren; so oft er sich nicht daselbst befinde, habe einer der Reichsminister in seiner unmittelbaren Umgebung zu sein. — Die Bestimmungen über den Sitz der Reichsregierung würden einem Reichsgesetze vorbehalten. — Das Reichsdirectorinm sei unverletzlich, und übe die ihm übertragene Gewalt durch verantwortliche, von ihm ernannte Minister ans." Diesem Verbesse'rnngsvorschlage waren ausführliche, sehr gründlich ausgearbeitete Motive beigefügt. Der Vorschlag Hermanns hatte unbestritten viel mehr Lebensfähiges in sich, als der vom Ausschuß gelieferte Verfassungsentwurf, allein er war der preußischen Parthei nicht genügend, da dadurch Prenßen nicht allein an die Spitze Deutsch- 691 lands gestellt, und Oestreich, das man aus Deutschland hinausdrängen wollte, mit gleicher Machtstellung über den deutschen Bundesstaat, neben Preußen gestellt war. Bei vielen anderen Parlamentsgliedern fand der Borschlag Hermanns um deshalb keinen Anklang, weil er nach ihrer Ansicht zu sehr an den früheren Bundestag erinnere und, wie sie meinten, solchen, wenn auch in etwas geänderter Form, wieder in's Leben rufe, — Der Antrag kam wohl zur Berathnng und fand mehrfache Zustimmung, hatte aber das Loos aller damaligen Vermittlungsvorschläge, er wurde von der Mehrheit nicht angenommen, was bei der Schroffheit, mit der sich die Partheien damals gegenüber standen, wo von einem Nachgeben keine Rede war, eine natürliche, aber überaus traurige Folge war. Nach der Verwerfung dieses Vermittlungsantrages mußte sich nun Hermann bei dem bevorstehenden Kampfe, den die Abstimmung über den Verfassungsentwurf hervorrufen würde, für eine der beiden großen Partheiungen erklären. Die s. g. östreich-bayrische Parthei bot nach der damaligen politischen Lage keinerlei Rettungsanker, denn sie verhielt sich nur negirend, ohne dem Verfassungsentwurf etwas Positives entgegenzustellen, ihr konnte er sich nicht anschließen, denn nur etwas Positives, wenn es auch mangelbar war, konnte bei der damaligen Stimmung in Deutschland vor dem Ausbruch vollster Anarchie schützen. Dazu widerte es ihn an, daß sich bei dieser Parthei die Conservativen, nur um Verstärkung zu erhalten, mit der Linken verbunden hatten, was ihm als unloyal und gesinnungslos erschien. — Die s. g. preußische Parthei bot doch wenigstens etwas Positives, wenn es auch recht mangelhaft war, und zwar etwas, wodurch voraussichtlich dem Ausbruch der Anarchie vorgebeugt werden konnte, aber daß die entworfene Verfassung, und namentlich die projectirte Wahl des Königs von Preußen zum deutschen Kaiser, nichts lebensfähiges sei, erkannte Hermann recht wohl. Die Entscheidung wurde ihm ungeheuer schwer, doch sie mußte gefaßt werden, und aus Rücksicht für die Ruhe Deutschlands entschied er sich, wenn auch mit schwerem, ja selbst mit vielfach widerstrebenden Herzen für die preußische Parthei. Er wußte, daß er dadurch mit dem Könige und der Regierung Bayerns brechen würde, aber Deutschlands Wohl und eine gesichertere Zukunft des ihm über Alles theueren Baterlandes geboten ihn: diesen Entschluß. — Der Zwiespalt und die 692 Ungewisse Zukunft hatten aber schwer auf ihn gelastet. Er schrieb darüber au mich am 14. März 1849: „Es ist eine große aber wahrlich anch eine enorm schwere peinliche Sache, so mitten in den größten Entscheidungen der gewaltigen Zeit zu stehen und mit seinem Ja und Nein die Würfel mit zu werfen, während kein menschliches Auge voraussehen kann, was aus unseren Abstimmungen wird. Gott stehe mit uns." Diese Tage der größten Aufregung lasteten so centnerschwer ans Hermanns Gemüth, daß er in drei Tagen graue Haare bekam. Je näher der Moment der Entscheidung kam, um so größer wurde in Frankfurt wie in ganz Deutschland die fieberhafte Aufregung. Endlich am 27. März wurde die deutsche Verfassung vom Parlament angenommen, und Tags darauf der König von Preußen als Haupt des Bundesstaates zum deutscheu Kaiser erwählt. Wohl war nun eine Entscheidung erfolgt, aber selbst Viele von Denen, die gedrängt von den Zeitereignissen, und in Ermangelung eines Besseren, dafür gestimmt hatten, erkannten sofort, daß ihre Absicht damit nicht erreicht werden würde, denn bei der zweiten Lesung und darauf erfolgten Berathung war die Verfassung gründlich verdorben und in vielen Punkten so radical geworden, daß ihre Annahme durch die Regierungen schwer zu erwarten stand, und daß der König von Preußen als deutscher Kaiser von der Mehrzahl der übrigen Fürsten nicht anerkannt werden würde, sodaß er diese Krone wohl selbst nicht annehmen könne, war den Meisten klar. Wenn einsichtsvolle Couservative, wie mein Bruder, dennoch dafür gestimmt hatten, so geschah es nur, weil sie, wie gesagt, bei der Nichtannahme der Verfassung, und bei der Verwerfung der Kaiserwahl den Ausbruch vollster Anarchie als unvermeidlich vor Augen sahen. Sie waren besonders durch die Nachrichten aus Baden, wo schon damals die blutige Revolution auszubrechen drohte, gleichsam dazu gedrängt worden. Nicht die Hoffnung, daß durch die Kaiserwahl etwas Lebensfähiges geschaffen würde, sondern die Notwendigkeit, daß für etwas Positives gestimmt werden müsse, um der augenblicklichen Gährung und Aufregung Halt zu gebieten, während ein Negativbleiben der Mehrzahl den sofortigen Ausbruch der Anarchie erwarten K93 lasse, zwang sie für die Annahme der Verfassung nnd die Kaiserwahl zu stimmen. Diese Stimmgebuug wurde aber meinem Bruder in München, und namentlich vom König Max sehr übel genommen, und es gehörten Jahre dazu, bis namentlich Letzterer ihm dies; einigermaßen verzeihen konnte. Er sah darinnen einen Angriff ans seine Souveränität, da er sich, wenn die Verfassung und die Kaiserwahl zum Vollzug käme, der Krone Preußen, für die überhaupt in Bayern keine Sympathien bestanden, unterordnen müsse. Was nun in Deutschland erfolgte, ist bekannt. Der König von Preußen nahm die ihm angebotene Kaiserkrone nicht an, nnd die Mehrzahl der Regierungen erklärten sich gegen die in Frankfurt beschlossene deutsche Verfassung. Da brach in vielen Theilen Deutschlands die längst befürchtete bewaffnete Revolution los. In Sachsen, dann in Baden und der Pfalz kam es zu blutigen Aufständen, die nur durch Absendung von Truppen besiegt werden konnten. DaS Parlament selbst spaltete sich in schroffer als je sich entgegenstehenden Partheien. Oestreich zog seine Deputirten zurück, und viele Parlamentsmitglieder aus den übrigen Staaten traten freiwillig ans. Hermann war lange schwankend, was er unter diesen Verhältnissen thun solle. Am liebsten hätte er seinen Austritt auch sofort erklärt, aber ein inneres Pflichtgefühl sagte ihm, daß, wenn alle konservativ Gesinnten diesen Schritt thäten, den Demokraten freie Hand gegeben werde, die dann ungestört ihr zerstörendes Bestreben ausführen könnten. Diese Ueberzeugung bewog ihn, für's Erste noch zu bleiben, aber er erkannte, daß der Zeitpunkt nahe sei, wo ihm bei dem von Tag zu Tag wachsenden Uebergewicht der demokratischen Parthei ein Bleiben nicht mehr möglich werde. Er folgte daher mit gespannter Aufmerksamkeit den Ereignissen, um zu erkennen, wann der richtige Zeitpunkt sei, vom Parlamente auszuscheiden. Dieser Zeitpunkt kam schnell. Das Ministerium Gagern stellte ein Programm aus, in welchem es erklärte, daß es die gesetzlichen Mittel den Vvlkswillen kund zu geben nnd zur Geltung zn bringen, in der Form gutheißen nnd schützen werde, wie solche die Verfassung der Einzelnstaaten es gestatteten. Der Reichsverweser nahm dieses Programm nicht an, weil es eine Anerkennung der Reichsverfassung von seiner Seite enthalte, nnd er diese Anerkennung ohne Zu- stimmnng aller Regierungen nicht ertheilen könne. Diese Erklärung bewog das Ministerium Gagern abzutreten, und stachelte die Leidenschaft der Linken des Parlaments auf, die das Jnslebentreten der Verfassung dadurch gefährdet sah. Es gelang ihr, einen Theil des linken Centrums für sich zu gewinnen, und so erklärte die Majorität des Parlaments am 10. Mai, daß sie den bewaffneten Aufstand sanctionire, sobald er unter dem Vorwand der Verfassungsdurchführnng unternommen werde. Dieser Beschluß, der klar und deutlich die Revolution sanctionirte, veranlasste die Conservativen zu einem berathcndcn Zusammentritt, wo von Vielen, zu denen Hermann gehörte, der sofortige Austritt beantragt wurde. Man beschloß jedoch, um die Reichsregierung nicht ganz machtlos zu stellen, vorerst und bis entschieden wurde, ob der Neichsverweser ein neues Ministerium zu bilden im Stande sei, zu bleiben. Dieser Beschluß, obgleich er gegen Hermanns Wunsch gefaßt worden, bewog ihn und seine Freunde, noch zu bleiben. Als aber wenige Tage darauf das Ministerium Grävell zu Stande kam, war nun jeder Grund, länger im Parlamente zu bleiben, gehoben, und Hermann erklärte mit mehreren seiner Freunde sofort seinen Austritt aus dein Parlament, und reiste am 18. Mai von Frankfurt ab. Hiermit schloß sich seine Thätigkeit in dieser geschichtlich merkwürdigen Versammlung. Ueberglücklich, ihr ferne zu sein, kehrte er nach Rentweinsdorf zurück. Eine der wichtigsten Epochen seines Lebens war damit geschlossen, aber er war tief betrübt, daß das Wirken eines ganzen Jahres in einer für Deutschland so hochwichtigen Sache ein völlig resultatloses gewesen. Sein Herz als Patriot blickte mit tiefem Schmerze auf die für Deutschland vereitelten schönen Hoffnungen zurück. Im Sommer 1849 trat im engeren Familienkreise Hermanns eine Aenderung ein, indem unsere Mutter, die mit unserer Schwester Bertha seit einem Jahre von Berlin zurückgekehrt, und im Schlosse zu Rentweinsdorf gewohnt hatte, einen eigenen Haushalt in Rentweinsdorf zu begründen beschloß, und deshalb das frühere Amthaus daselbst bezog, was wir für Beide Herrichten ließen, und wo sie denn auch fortan wohnen blieben. — So entstand nun in Rentweinsdorf ein zweiter Mittelpunkt für unsere Familie, der zur dortigen gastlichen Geselligkeit viel beitrug. Beide Familienkreise, im Schloß und Amthaus, lebten 695 in dem schönsten innigen Verkehre, und Hermann liebte es besonders, wenn ihm das Herz von ernsten Eindrücken oder von Sorgen beschwert war, zur Mutter zu eilen, die durch ihren klaren Verstand und ihre praktische Lebensanschauung ihm Rath und innere Aufmunterung gab. Auf den Gütern dauerte als Hauptthätigkeit das Ablösungsge- schäft der Dominikalien fort, was aber nur langsam vor sich ging, da bei der allgemeinen revolutionären Gährung in allen deutschen Landen noch immer von vielen der Pflichtigen gehofft wurde, daß eine auch bei uns ausbrechende Bewegung die Dvminikalien ganz und ohne Entschädigung abschaffen würde. Es wurde daher dein Ablösungsgeschäft aller nur mögliche Widerstand entgegengesetzt. Uebrigeus blieb es auf unseren Gütern ruhig, allein im nahen Thüringen gährte es überall, und viele aufrührerische Banden zogen im Lande umher, und bedrohten auch unsere Gegend, sodaß jeder Tag einen Ueberfall zu bringen drohte. Hermann setzte sich deshalb sofort mit ^ einflußreichen Personen in Coburg und anderen benachbarten Orten in Verbindung, um von dem Gang der dortigen Ereignisse stets genau unterrichtet zu sein. Von anderer Seite her konnte ich als Negierungs-Director zu Bayreuth den Lauf der Ereignisse überwachen und ihm jeder Zeit Nachricht zukommen lassen. Als im Sommer 1849 der Ueberrest des Parlaments Frankfurt verlassen mußte, und sich als s. g. Rumpfparlament noch für einige Zeit in Stuttgart niederließ, wurde, wie bekannt, von Mitgliedern des frühereu Frankfurter linken Centrums in Gotha eine Zusammenkunst gehalten, aus der sich die s. g. Gothaer Parthei bildete. Ihr Zweck war ein zweifacher, sie erstrebte einestheils die durch das Frankfurter Parlament nicht erreichte Verfassungseinigung Deutschlands als Bundesstaat, mit Preußen an der Spitze, und dann eine, nach dem Prinzip der Volkssouverainität zu erreichende Umgestaltung der Einzeln- verfassuugen in den deutschen Staaten, wonach in Zukunft der Schwerpunkt der Regierung, wie in England, nicht mehr im Fürsten, sondern in der Majorität der Kammern liege. Hermann wurde von vielen Seiten aufgefordert, dieser Versammlung beizuwohnen, und sich der zu bildenden Parthei anzuschließen. Er konnte es aber, getreu seinen stets ausgesprochenen Priucipien nach nicht thun. Dem erstgenannten 6W Zwecke hätte er wohl damals, wo eine Vereinigung Deuschlands mit Oestreich eine absolute Unmöglichkeit war, beitreten können, der zweite Zweck war aber seinen Ansichten über Regierung und Staatenbildung so entschieden entgegen, daß er das Streben dieser Parthei als für die öffentliche Ordnung und gesicherte Staatenexistenz verwerflich erkannte, und darum jede Betheiligung abschlug. Dieser s. g. Gothaer Parthei, die ihren Principien nach noch heute als großartige Partheiung in Deutschland besteht, stand nun eine andere Partheirichtnng, die man als die particularistische bezeichnete, streng geschieden und feindlich gegenüber. Letztere wollte von einein Bundesstaat mit preußischer Spitze nichts wissen, und stellte die Interessen des Einzelnstaates über die des großen Vaterlandes. Zu ihr gehörten aber Männer ganz verschiedener politischer Richtung, es huldigten ihr solche, die dem zweiten Zwecke der Gothaer Parthei, dein Principe der Volkssonverainität hold waren, wie auch solche, welche aus ächt conservativen Ansichten dem Fürsten die Negierungsgewalt allein erhalten wollten. In dem einen, dem particularistischen Streben, fanden Beide ihren Einigungspunkt. Hermann war ein Gegner beider großer Partheiungen; er verwarf das Princip der Volkssonverainität und ihrer nothwendigen Folgen, das die eine der Partheirichtungen an die Spitze stellte, wie das particularistische Streben der anderen. Er wollte den einzelnen Fürsten die ungeschwächte Regierungsgewalt erhalten wissen, stellte aber Deutschlands kräftige Einigung über das Sonderinteresse. Ich habe dieses hier anführen müssen, da es auf Hermanns künftige politische'Stellung und auf sein ferneres öffentliches Wirken von dein wesentlichsten Einfluß war. Er bekam von da an eine für seinen Einfluß in den öffentlichen Angelegenheiten nachtheilige Stellung, denn er gehörte fortan zu keiner der beiden großen Partheiungen, und die conservativ particularistische Parthei in Bayern mit dem König an der Spitze glaubte nicht einmal, daß er der Gothaer Parthei fremd sei, sondern zählte ihn, weil er in Frankfurt für die deutsche Verfassung und die Wahl des Königs von Preußen zum deutschen Kaiser gestimmt hatte, zu solcher. Von da an bekam Hermann eine politisch- isolirte Stellung, die für ihn, wie für den Gang der öffentlichen An- 697 gelegenheiten tief zu beklagen war, au der er aber keine Schuld trug. Er war sich in Allem streng consequent und treu seineu politischen Ansichten geblieben. Er theilte das Loos vieler Ehrenmänner, die die Revolutionszeit in solch isolirte Stellung gesetzt hatte. Die gewiß allein richtige Ueberzcugung Hermanns konnte bei den extremen Richtungen, die diese Zeit geboren hatte, keinen Anklang finden. Man hatte nur zwei extreme Paniere, und wer zu keinem von beiden schwor, ward politisch bei Seite geschoben. — Von da an muß wan denn auch Hermanns eigentliches Wirken in den öffentlichen Angelegenheiten als geschlossen betrachten. Wohl trat er später, wie wir sehen werden, noch einmal in die bayerische Kammer und betheiligte sich auch noch öfters an den allgemeinen Angelegenheiten, aber sein eigentlicher Einfluß auf solche und die hervorragende Stellung, die er so lange in solchen eingenommen hatte, war geendet. Er fühlte dieß wohl, aber es war kein schmerzliches Gefühl, was ihn dabei durchdrang. Er hatte sein Tagwerk nach dieser Richtung hin treu erfüllt und Großes gethan und war ganz ohne eigene Schuld in seine jetzige Stellung gekommen. Jhnr schien es fortan seine erste und Hauptaufgabe zu sein, alle Kräfte seiner Familie und dem engeren Wirkungskreis, den ihm Gott angewiesen, zu widmen, was er denn auch bis zu seinem Ende treulich und erfolgreich that. Was ich hier über Hermanns nunmehrige politische Stellung sagte, zeigte sich bereits im Herbste 1849 bei der neuen Wahl zum bayerischen Landtag, der ersten nach dem neuen, auf Kopfzahl basirten Prinzips. Mein Bruder wurde nicht gewählt und war wegen der jetzigen Kammer- bildnng hierüber doppelt erfreut. — Sonderbarer Weise und einigermaßen im Widerspruch mit dein Obengesagten, erhielt er aber um jene Zeit durch unseren Minister des Innern eine im Auftrage des Königs an viele der hervorragenderen Persönlichkeiten in Bayern gerichtete Aufforderung, sich auszusprechen, wie das bayerische Nationalgefühl im Volke zu heben sei. Ob die Antwort, die er darauf gab, befriedigte, möchte ich bezweifeln, sie war aber unter den gegebenen Verhältnissen und in damaliger Zeit eine, wenn auch originelle, doch gewiß ganz richtige. Der Inhalt sagte, kurz ausgedrückt: Das einzige und entsprechendste Mittel, dieses Nationalgefühl zu heben, sei eine, Land und Volk recht beglückende Regierung. 698 Doch ich muß wieder zu uusereu Gutsverhältnissen zurückkehren. Zu Anfang des Jahres 1850 verkauften wir au uusereu Vetter Grafen Max von Rottenhan die von unserem Vater aequirirten Wald- parzelleu in der Pfarrweisacher Flurmarkung — den Fuchsrangeu und das Kuhholz — um 3400 fl. Die entfernte Lage dieser Parzellen von unseren übrigen Watdungen und der Umstand, daß sie an die der Merzbacher Linie gehörige Lichtensteiner Waldung angränzten, war der Grund zum Verkauf, der — hätten wir damals gewußt, daß wir später in den Besitz der Altensteiner Waldungen kommen würden — natürlich unterblieben wäre, da sie an solche grenzen. Eine höchst wichtige Arbeit, welche meinen Bruder im Frühjahre 1850 vorzugsweise beschäftigte, und wegen welcher wir viel zusammen verhandelten, war der schon weiter oben berührte Vertrag mit unserem Vetter Grafen Max von Rottenhan zu Merzbach wegen Feststellung und Sicherung der gegenseitigen Successionsrechte unserer beiden Linien. Ich habe schon oben bei meinen: Vater angeführt, daß derselbe solchen Vertrag mit unserer jüngeren Linie zu Merzbach zu den dringenden Geschäften, deren Erledigung er sich vorgesetzt hatte, zählte, daß aber dessen Ausführung unterblieb. Auch wir beide Brüder hatten es öfter versucht, mit dem Vater unseres obengenannten Vetters Max solch' vertragsmäßiges Uebereinkomen einzuleiten, ohne jedoch zu einem erwünschten Ziele zu gelangen. Da trat nun aber das Alles umstürzende Jahr 1848 ein und mahnte gebieterisch, zur Sicherung des Vermögens unseres Gesammtgeschlechtes bindende Normen zwischen unseren beiderseitigen Linien zu treffen. Insbesondere gab uns die schon oben angeführte Auflösung des Lehnverbandes, also auch der gegenseitigen Mitbelehnung, hierzu dringende Veranlassung, und durch den Art. 4 des Lehnsablösungsgesetzes vom 4. Juni 1848 wurde uns solches erleichtert. — Die höchst gediegenen Vorarbeiten Hermanns für diesen Zweck, unsere beiderseitige Uebereinstimmung in den Hauptprinzipien und das freundliche und einsichtsvolle Entgegenkommen unseres Vetters Max brachten die Sache bald zu einein erfreulichen und, wie ich glaube, für beide Linien günstigen Resultate. — Unterm 10. Mai 1850 wurde zwischen nns beiden Brüdern einerseits, und unserem genannten Vetter andererseits, als den beiderseitigen Repräsentanten beider Hanptlinien 099 ein für unsere Gesammtfamilie höchst wichtiger Vertrag über fragliche Snccessionsverhältnisse abgeschlossen. Hierdurch wurde für den Fall des Aussterbens der einen oder andern unserer beiden Hauptlinien festgesetzt, daß 1. Die überlebende Linie in diejenigen Güter der erloschenen, auf welche sie bisher förmlich mitbelehnt gewesen, unbedingt succediren solle. Die Beilagen I. und II. des Vertrages enthalten die Verzeichnisse dieser Güter und Objecto. I. Daß bezüglich derjenigen Lehngüter, wo eine förmliche Mitbe- lehnschaft der anderen Linie nicht streng nachgewiesen werden konnte, sowie bezüglich der nicht lehnbaren Familienstammgüter, zwar ebenso beim Erlöschen einer Linie der überlebenden die Succession zuerkannt werde, daß sie jedoch der weiblichen Descendenz des letzten Besitzers der erloschenen Linie als Entschädigung für alle an diese Güter etwa zu machenden Ansprüche den halben Werth derselben hinauszuzahlcn verpflichtet sein solle. — Die Beilage III. sub und I>. enthält diese hier in Frage stehenden lehnbaren, und die Beilage IV. sub. und ö. die hierher bezüglichen nicht lehnbaren Familienstammgüter. 3. Wurden noch besondere Ausnahmsbestimmungen für den Fall getroffen, daß eine unserer Linien mit uns, den gegenwärtigen Con- trahenten, aussterben sollte, wo alsdann die sub 2 genannte Geldabfindung nicht auf die weibliche Descendenz dieses letzten Besitzers beschränkt sein solle. Worinnen diese Erweiterung besteht, ist im Vertrag ausführlich bestimmt. 4. Wurde festgesetzt, daß sich vorstehende Bestimmung nicht auf die für die abgelösten Grundrenten von der Ablösungskasse des Staates zu erhaltende Ablösungsschuldbriefe erstrecken solle, daher jeder der beiden Linien die freie Verfügung über solche zustehe. — Diese Bestimmung ist zwar eigentlich eine Jnconsequenz bezüglich der vorausgehenden Bestimmungen, da die fraglichen Ablösungspapiere an die Stelle von Dominikalien getreten waren, die zu den Gutsobjecten 1 und 2 gehörten, daher derselben Bestimmung, die dort getroffen wurde, hätten unterliegen sollen. Allein in der Erwägung, daß bei dem damals ungewissen und precären Werths dieser Papiere größere 45 700 Vermögensverluste, als die gesetzlich gebotene Umwandlung unseres zeitherigen Dominicalrentenbesitzes in neue Formen ohnedies mit sich brachte, nur in der Voraussetzung vermieden werden könnten, wenn bei der Wiederanlage derselben, sei es zum Ankauf von Grundbesitz, sei es zur Abtragung lästiger Schulden, günstige Gelegenheit rasch und ungehindert ergriffen werden könnte, daß somit jede Vinculirung leicht zum Nachtheil der Familie gereichen würde, wollten wir uns gegenseitig bei der Verwendung und Wiederanlage dieser Grundrentenbriefe die freie Verfügung zugestehen. 5. Wurden die auf den Gütern beider Linien haftenden Lasten, welche die überlebende Linie bei der Successiou in die Güter der erloschenen zu übernehmen habe, festgestellt. Sie sind in den Beilagen V. und VI. enthalten. 6. Desgleichen wurde festgesetzt, daß die überlebende Linie in die Verpflichtung der erloschenen bezüglich der Witthums und Fräuleins- sustentationen einzutreten habe. 7. Die überlebende Linie solle von den Schulden der erloschenen nur diejenigen übernehmen, zu deren Contrahirung sie consentirt hat, und dürfe solche, wie die auf den Gütern haftenden Lasten von dem Werths der oben snd I genannten Güter vor der Berechnung der an die weiblichen Descendenten zu zahlenden Abfindungssumme abziehen. 8. Ward festgesetzt, daß, falls die Betheiligten sich über fragliche Abfindungssumme nicht einigen könnten, ein Schiedsgericht solches feststelle. Es wurde ferner 9. Bestimmung über gegenseitige Consentirung der zur Zeit des Vertragsabschlusses bestandenen Passiva beider Linien getroffen. 1V. Solle keine der beiden Linien auf die in den Beilagen I., II-, III. und IV. nicht genannten Güter der anderen, im Falle des Erlöschens, irgend ein Successionsrecht haben, da solche als 5iovn uynisita, anzusehen seien. Endlich solle II. Der fragliche Vertrag dem Appellationsgerichte von Untersanken und Aschaffenbnrg zur Eintragung in die Fideicommißmatrikel, wie auch den betreffenden Hypothekenämtern vorgelegt werden. 701 Es wird einleuchten, daß die Bestimmungen sub 2, und selbst gewissermaßen die sul> 10 der von Alters her in unserer Familie bestandenen rechtlichen Observanz, von der weiter oben öfters gesprochen wurde, und wonach eine Linie im Falle des Erlöschens der andern in alle ihre Güter ein volles Successionsrecht hatte, auch wenn die Güter erst nach der Linientheilnng acquirirt wurden — nicht consorm sind, allein die Zeit und selbst die Ansicht der Rechtsgelehrten hierüber hatte hieran so Manches geändert, und es waren bei jeder unserer beiden Linien in neuerer Zeit bisweilen Rechtshandlungen vorgenommen worden, bei welchen die Einholung eines Consenses der andern Linie erforderlich gewesen wäre, ohne daß er eingeholt, oder daß andererseits dagegen ein Widerspruch entgegengesetzt worden wäre. Wir glaubten daher, daß die bestandene Observanz durch die Neuzeit eine zweifelhafte geworden, und daß wir zur Abschneidung möglicher späterer Streitigkeiten, wie aus Billigkeitsgründen, die obigen ausgleichenden Vertragsbestimmungen treffen sollten. Dieser Vertrag gehört unbestritten zu den wichtigeren in unserer Familie, weil durch solchen die gegenseitigen Successionsverhältnisse unserer beiderseitigen Linien geregelt und späteren Streitigkeiten vorgebeugt worden ist. — Möchte übrigens durch Gottes Gnade eine Anwendung dieses Vertrages in recht weiter Ferne liegen! Das Frühjahr 1850 brachte meinem Bruder wie uns Allen ein recht schmerzliches Ereigniß. Unser verehrter Pfarrer Wagner zu Rent- weinsdorf, der in so freundlichem Verhältnis; zu unserer Familie, und besonders zu Hermann stand, starb am 22. April. Er starb fromm und ergeben wie er gelebt hatte, und für meinen Bruder, der in den letzten Tagen viel um ihn war, hatte diese gläubig fromme Stimmung des Sterbenden unendlich viel Erhebendes. Das Pfarrhaus zu Rentweins- dvrf bot damals überhaupt viel, was die Seele in bewundernder Weise über Gottes Führungen zum Herrn zu erheben geeignet war. Die Frau Wagners, eine in seltener Weise begabte und fromme Seele, war seit längerer Zeit in eine ganz eigenthümliche Nervenkrankheit verfallen, in der sie oft Monate lang wie gelähmt darniederlag, und fast aller äußeren Sinne beraubt war, während das innere Seelenleben ungestört fortdauerte. Erscheinungen, die an das Wunderbare glänzten, 702 traten dabei zu Tage, und es war dies namentlich der Fall, als nun plötzlich der Mann erkrankte, und nach kurzer Krankheit starb. Es würde mich zu weit führen, wollte ich über diese im hohen Grade eigenthümlichen Erscheinungen, die mein Bruder in treuer Liebe und Sorge mit durchlebte, weiter eingehen. Sie wirkten aber mächtig auf Hermanns inneres Seelenleben, wie auf seine gläubige fromme Richtung. Aufgefordert von dem Professor Schubert in München, einem treuen und väterlichen Freunde Wagners, über dessen letzte Tage, die ein so schönes Bild seines frommen gläubigen Wesens gaben, etwas niederzuschreiben, verfaßte mein Bruder eine überaus schöne Beschreibung der Krankheit und des Todes dieses frommen Mannes, die er an Schubert sandte, und auf dessen Bitte für die vielen Freunde des Verstorbenen in mehreren Exemplaren lithographiren ließ. — Wer übrigens über die cigenthümliche Krankheitsgeschichte der Pfarrerin Wagner Näheres zu wissen begehrt, den verweise ich auf die trefflich verfaßte Schrift „Krankheit und Heilung", die der Bruder der Psarrerin Wagner, unser lieber Pfarrer Braun zu Eyrichshof geschrieben hat, und die im Drucke erschienen ist. Ich habe oben von der Verstimmung gesprochen, die in München über Hermanns Abstimmungen beim Frankfurter Parlament herrschte. Seine Freunde fanden es für sehr wünschenswert!?, daß er deshalb einmal wieder die Hauptstadt besuche, um durch mündliche Aufklärungen das Irrige in dieser Sache zu beseitigen. Ich selbst redete meinein Bruder sehr zu, diese Reise zu machen, und er führte sie auch im Juni dieses Jahres aus, und kam sehr befriedigt von seinem dortigen Aufenthalte nach Rentweinsdorf zurück. Er war überall mit großer Herzlichkeit einpfangen worden, und auch der König hatte sich ihm, wenn auch nicht in der alten Herzlichkeit, doch freundlich gezeigt. — Diese Reise hatte zugleich einen weiteren Zweck gehabt. Hermann wollte den Stadtvicar Kraußold in München, der sich auf die erledigte Pfarrei Rentweinsdorf gemeldet hatte, kennen lernen und predigen hören; auch in dieser Beziehung war seine Reise eine durchaus befriedigende. Bald nach seiner Rückkunft benutzte er die Veranlassung, daß ein Theil seiner Familie im Bade Nenudorf war, zu einer Reise 703 dahin, und ging von da zu dm Verwandten in Hannover, wie durch einen Theil Westphalens, welche Reise ihm viel Interessantes bot. Nach Hause zurückgekehrt, erwartete ihn sofort ein nicht unbedeutendes Geschäft. Es wurde damals die Eisenbahn von Bamberg nach Schweinfurt gebaut, und wir mußten dazu viel Grund und Boden von unserem Gute Ebelsbach abgeben, was aber gut bezahlt wurde. Die Entschädigungssumme dafür betrug 24,000 st., wofür Staatspapiere gekauft wurden. Gleichzeitig war mein Bruder nun eifrigst besorgt, für die erledigte Pfarrei Nentweinsdorf einen tüchtigen Nachfolger Wagners zu finden, worüber er mit nur in lebhaften Verkehr trat, da ihm dies ein ganz besonderes Herzensanliegen war. Meinem Rathe gemäß fiel seine Wahl unter den Candidaten, die sich gemeldet hatten, auf den Pfarrvicar Kraussold, den er, wie ich schon anführte, bereits im Sommer in München aufgesucht hatte. Kranssold war ganz geeignet, in recht segensreicher Weise Wagners Nachfolger zu werden. Mit ihm auf gleichem gläubigen Boden stehend, hatte er ein überaus frisches lebendiges Wesen, das auf den: durch Wagner gut bereiteten Boden recht fruchtbringend zu wirken versprach und, Gott sei es gedankt, auch recht segensreich wurde. Im Februar 1851 trat er seine Stelle in Nentweinsdorf an. Kurze Zeit darauf schrieb mir mein Bruder über ihn: „Unser lieber Pfarrer Kraussold wird uns mit jedem Tage lieber. Der Ausdruck sittlicher Reinheit, frischen fröhlichen Muthes und thatkräftigen Glaubens macht einen sehr angenehmen, Liebe erweckenden Eindruck. Auch in der Gemeinde, höre ich, gefällt er sehr." Für uns hatte es insbesondere etwas sehr Erfreuliches, daß Pfarrer Kraussold der Enkel unseres früheren Rentmeisters war, und darum einer uns schon befreundeten Familie angehörte. Er trat auch sofort zu Hermann, wie zu uns Allen, in das innigste freundschaftlichste Verhältniß, und blieb in solchem bis zu seiner im Herbste 1863 stattgefundenen Versetzung nach Schweinfurt. Der Herbst und theilweise Winter 1850 brachten viel Leben in die ländliche Stille, es war aber kein erfreuliches. Es war die traurige Zeit, wo das Zerwürfuiß der beiden deutschen Großmächte fast zum Kriege führte, woran auch Bayern sich zu betheiligen strebte. Kurhessen bot damals den Vorwand, und ein bayrisches Heer zog dahin, 704 das theilweise durch unsere Gegend kam. Ihm folgte später ein öst- reichisches, das, wie bekannt, hierauf nach Holstein gesandt wurde, wo das edle Volk der Schleswig-Holsteiner in ihrem acht patriotischen Kampfe gegen die dänische Unterdrückung gewaltsam niedergehalten und seinen Unterdrückern wieder ausgeliefert wurde. Es war ein schmerzliches, tief niederbeugendes Gefühl, deutsche Truppen zu so undeutschen Zwecken durch unsere Gauen ziehen zu sehen. Später folgte noch die Aufstellung eines größeren bayerischen Corps längs der Maiu- linie, wovon auch wiederum einzelne Bataillone in unsere Gegend gelegt wurden. Trotz dem für meinen Bruder als Patrioten niederdrückenden Gefühle, hatte aber dies militärische Leben in unserer Gegend für ihn, der eigentlich seinem ganzen Wesen nach von Jugend auf große Sympathien für den Soldatenstand hatte, viel Interesse. Jedes militärische Treiben hatte Reiz für ihn, und er hat es oft beklagt, nicht Soldat geworden zu sein, für welchen Stand er wohl auch ganz besondere Anlage hatte. Nachdem das bewegte Leben, das durch die Truppenmärsche hervorgebracht worden war, aufgehört hatte, trat ein stilles und friedliches Leben in Hermanns Familie ein, aber bald darauf kam eine recht schmerzliche Störung. Am 16. April starb zu Coburg unsere treffliche Cousine Gräfin von Rottenhan von Merzbach. Dieser Todesfall brachte eine große und fühlbare Lücke in Hermanns Leben, der mit großer Liebe und Verehrung an dieser geistvollen vorzüglichen Frau hing und von ihr hoch verehrt wurde. Frühjahr und Sommer 1851 vergingen meinein Bruder in gewöhnlicher Thätigkeit. Dazwischen war er einigemale bei seinen Schwiegereltern, die die Familie überhaupt jedes Jahr öfters besuchte. Im Herbste machte Hermann mit einigen Bekannten eine zwar kurze, aber sehr interessante Reise nach London zur großen industriellen Weltausstellung, die ihm vielfachen Genuß bereitete, und als er zurückgekehrt, riefen ihn Geschäfte nach Würzburg, wo er endlich das seit 1848 von den Behörden stets verzögerte Lehnsablösungsgeschäft beendete. Wir mußten für die Lehen in Unterfranken, die nach dem Gesetze abzulösen waren, die Ablösungssumme von 5711 fl. 21 kr. bezahlen. 705 Um jene Zeit trat ein Wechsel in der Pfarrstelle zu Eyrichshof ein. Unser dortiger Pfarrer Kaupert, ein sehr wackerer Mann, der lange Zeit diese Pfarrstelle innegehabt hatte, wurde auf eine königl. Pfarrei versetzt. Wir präsentirtcn für Eyrichshof nach meiner Auswahl den Schwager des kürzlich in Nentweinsdorf verstorbenen Pfarrers Wagner, den PfarramtScanditaten Braun, der einige Zeit Hofmeister von Hermanns Söhmen war. Die Wahl dieses Geistlichen war eine höchst glückliche und hat uns und insbesondere mir und meiner Familie wie der Eyrichshöfer Pfarrgemeinde einen in jeder Beziehung vorzüglichen Geistlichen gegeben, der noch heute zu unserem und der Pfarrgemeinde Segen daselbst wirkt. Ich habe schon oben angeführt, wie die ultraliberale Parthei bemüht war, meinen Bruder für sich zu gewinnen, und wie wohl hauptsächlich deshalb Gervinus schon 1846 ihn zur Theilnahme an seinem Blatte aufgefordert hatte. Aehnliches wiederholte sich im Herbste 1851, wenn auch von weniger ultraliberaler Seite. Bethmann-Hollweg in Berlin war damals bestrebt, unter seinen Gesinnungsgenossen einen Verein zu bilden und zu dessen Band eine Zeitschrift zu begründen, und forderte Hermann zur Theilnahme auf. War auch Bethinann- Hollwegs politische Richtung von der des Gervinus weit abweichend, so war sie doch die des s. g. linken Centrnms und darum nicht die Hermanns, der darum auch diesmal die Theilnahme zurückwies. Auch mehrere Jahre später kam ihm wiederum eine ähnliche Aufforderung von Coburg zu, die er aber ebenso ablehnte. — Es war überhaupt eine eigentümliche Fügung, welcher Hermann von frühester Jugend an und durch sein ganzes Mannesalter hindurch ausgesetzt war, daß ihm stets die Versuchung wurde, zu demokratischen Bestrebungen oder doch zur linken Parthei hinübergezogen zu werden. Schon als Student bestrebten sich, wie ich zeigte, Wesselhöft und Andere, ihn zur Theilnahme an demokratischen Verbindungen zu bewegen, und namentlich war es die in Berlin gebildete Arminia, die alles aufbot, ihn zu gewinnen ; auf dem Burschentage in Streitberg, von dem ich oben sprach, traten solche Bemühungen noch entschiedener hervor. Später die Versuche von Gervinus, Bethmann-Hollweg und Anderen, wie die von mir oben berührte dringende Aufforderung, nach Gotha zu gehe» und 706 dadurch sich au der zu bildenden Parthei, der hiernach genannten Gothaer, zu betheiligen. — Diese vielfachen Bestrebungen beweisen, welchen Werth man ans Hermanns Gewinnung legte, sie zeigen aber auch zugleich, welch' festen und conseqnenten Charakter er von Jugend auf hatte und wie ihn Gott der Herr bei allen Versuchungen, die ihn vom rechten Wege abzuziehen bestrebt waren, mit seiner besonderen Gnade beschützte. In Folge einer recht ungünstigen Ernte im Jahre 185l entstand im Winter auf 1852, und besonders im Frühjahr desselben Jahres, wieder viel Roth auf unseren Gütern, und es wurden für die Armen wieder Brodbäckereien eingerichtet, die sehr wohlthätig wirkten. Hermann entwickelte da wieder seine bekannte Thätigkeit. Im Frühjahre 1852 machten wir ein vortheilhaftes Kaufgeschäft, indem wir die zu dem ehemals Lichtenstein'schen, dann herzoglich bayerischen Gute Lahm im Jtzgrunde gehörigen 65 bayerische Tagwerk Wiesen, die zu den besseren des gesegneten Jtzgrundes gehören, um 39,277 fl. erkauften. Bald darauf acqnirirten wir noch ein Nebengebäude des dortigen Schlosses nebst Stall und Scheune und circa 6 Tagwerk Grundfläche dazu, die auch in Wiese umgewandelt wurden. Es war uns kurz vorher durch das herzogliche Hofmarschallamt das ganze Gut Lahm mit Schloß nebst dem kleinen Gütchen Ummersberg zum Kaufe angeboten worden, dabei aber von den herzoglichen Beamten die Wiesenfläche nnr auf 39 Tagwerke angegeben gewesen. Deshalb fanden wir die von uns geforderte Kaufsumme zu hoch und gingen auf das Kaufanerbieten nicht ein. Eine Gesellschaft Bauern, die die wirklichen Flächengrößen der Wiesen kannte, acquirirte hierauf diese Güter, verkaufte Schloß und Felder einzeln und von ihr kauften wir, als wir uns unterdessen überzeugt hatten, daß die Wiesenfläche nicht 39, sondern 65 Tagwerk betrüge, sämmtliche Wiesen. Hätten wir die sonderbare und auffallende Irrung bezüglich der Fläche früher gewußt, so würden wir unbedingt das ganze Gut erkauft haben, was für uns pecnniär sehr vortheilhaft gewesen und wodurch Schloß und Park erhalten worden wäre. — Der Kaufschilling wurde mit Ablösungspapieren bezahlt und darum dieses Wiesengut Lahm unserem Fideicommiß einverleibt. 707 Der Sommer 1852 führte Hermann in's Nordseebad Wangerogge, wohin er seine Tochter Caroline brachte, der es verordnet worden war. Da auch meine Frau dieses Bad zu gleicher Zeit gebrauchte und ich sie dahin brachte, so fand dort eine schone Familienvereinignng und ein höchst angenehmer Aichenthalt statt. Für meinen Bruder hatte aber diese Zeit viel gemüthlich Aufregendes, denn hier im Seebad war es, wo Walter von Eichel, der Sohn unserer Cousine (Tochter unseres Onkels Egloffstein) um Hermanns Tochter Caroline warb. Nach der Rückkunft vom Bade fand die Verlobung Beider statt, durch die nicht nur das junge Paar, sondern ebenso die Aeltern innigst beglückt wurden, obgleich der Gedanke, sich von der geliebten Tochter trennen zu müssen, für Hermann ein außerordentlich schwerer war. Nach längerer Pause trat Hermann im Herbste 1852 wieder in eine öffentliche Wirksamkeit. Er war in den unterfränkischen Landrath gewählt worden, der dieses Jahr seine Sitzungen im Oktober hielt. Die Versammlung erwählte ihn zu ihrem Präsidenten, und er hatte nun wieder einmal, wenn auch im kleineren Maßstabe, ein Feld nutzbringender, öffentlicher Thätigkeit. Er lenkte die Geschäfte des Landraths mit der an ihm gewöhnten Umsicht zur allgemeinsten Zufriedenheit. Hermanns Thätigkeit daheim wurde damals ganz besonders durch die Regelung der Verhältnisse unserer Pfarrei Eyrichshof in Anspruch genommen, deren Eigenschaft als Schloßpfarrei man bestritt, wie man auch ein früheres Uebereinkommen zwischen uns und dem Obercon- sistorium bezüglich der Besoldungsverhältnisse des dortigen Pfarrers, seitens des Ministeriums nicht mehr anerkannte, vorschützend, daß das kgl. Oberconsistorium hierzu keine Competenz gehabt habe. Weitläufige Verhandlungen entspannen sich, die für mich als Vorstand des Konsistoriums, unter dem die Pfarrei stand, doppelt unangenehm waren. Endlich kam durch vieles Nachgeben von unserer Seite eine definitive Regelung über die Eigenschaft der Pfarrei als öffentlicher und über die Gehaltsbezüge, die der jeweilige Pfarrer von unserer Familie zu beziehen habe, zu Stande. Eine weitere Arbeit meines Bruders, von der ich schon oben sprach, war eine durch die Veränderungen, die das Jahr 1848 gebracht, nöthige Abänderung unserer Statuten des Christian Ernst von Roten- 708 han'schen Wvhlthätigkeits-Instituts. Er war im März 1853 damit zu Stande gekommen, wo das neu umgearbeitete Statut der Kreisregieruug zur Geuehmrguug vorgelegt wurde, welche auch ertheilt ward. Es ist das jetzt für diese Stiftung gültige Statut. Das Frühjghr 1853 war für das Herz Hermanns eine bewegte inhaltsreiche Zeit. Ich habe schon oben gesagt, wie schwer ihm der Gedanke der Trennung von seiner geliebten Tochter Caroline wurde. Diese Trennung trat nun ein, denn am 5. April fand ihre Vermählung in Reniweinsdorf statt, eine Wohl schöne und glückverheißende Feier, aber für Hermann ein schwerer Tag. Es waren zahlreiche Gäste geladen und eine großartige Hochzeitsfeier wurde begangen, der ein Ball bei mir im Schlosse Eyrichshof folgte. Kurz darauf trat für unsere Gutsverhältnisse ein wichtiger Moment ein. Das Geschäft der Eintragung unserer von Alters her besessenen Güter in die Fideicommißmatrikel des Reiches, das, wie ich bereits oben anführte, schon 1828 begonnen und sich auf merkwürdige Weise seit fast 26 Jahren, jedoch ohne unser Verschulden, hingezogen hatte, ging nunmehr zu Ende. Durch Dekret des Appellationsgerichts von Unterfranken und Aschaffenburg vom 12. April 1853 wurde die Eintragung in die Fideicommißmatrikel ausgesprochen und unsere fidei- commissarischen Bestimmungen durch's Regierungsblatt (Seite 569 ff.) bekannt gegeben. Die endliche definitive Bereinigung dieses für unsere Familie überaus wichtigen Geschäftes, über das dickleibige Acten erwachseil waren, war für Hermann eine große Beruhigung und Befriedigung, und unsere Familie muß ihm für seine Ausdauer und seinen Eifer in diesem durch pedantische Aengstlichkeit der Behörden verwickelten Geschäft den innigsten Dank wissen. — Nun konnte er sich auch sofort darüber machen, auch unseren allodialen Grundbesitz, d. h. den erst seit 1806 acquirirten, der bei der erstell Constatirung resp. Anmeldung unseres Fideicommißbesitzes nicht mit angemeldet werden konnte, da nach § 104 des Ediktes über die Fideicommisse nur das vor Auflösung der Reichsritterschaft besessene zur Eintragung angemeldet werden konnte — als Fideicommißmehrung nach Z 105 des Ediktes zur Eintragung anzumelden. Es wurde dieß noch im Laufe des Jahres 1853 zwischen uns gründlich besprochen und die dabei aufzu- 709 stellenden Principien festgestellt, und nüt dein Beginn des Jahres 1854 konnte er sich an diese Arbeit machen, die keine leichte war, da nach der Bestimmung des angeführteil Z 105 auch die Mitglieder des vormals unmittelbaren Reichsadels bei neuen Dispositionen zur Vermehrung eines Fideicommisses an die im Verfassnngsedikt über Fidei- commisse enthaltenen Bestimmungen gebunden sind, wir aber natürlich bezüglich der als Mehrung einzutragenden Güter keine anderen sidei- cvmmissarischen Bestimmungen festgesetzt haben wollten, wie bezüglich unserer bereits in die Matrikel eingetragenen Güter, doch aber wegen dieses Allodialbesitzes, an dem unsere Töchter ebenso wie die Söhne Erbansprüche hatten, besondere Bestimmungen getroffen werden mußten, um einerseits die weiblichen Familienglieder nicht zu verkürzen, und um andererseits unserer männlichen Nachkommenschaft keine zu harten Verpflichtungen aufzulegen. Dabei kam es auch in Erwägung, ob wir sofort unseren ganzen allodialen Grundbesitz oder nur einen Theil desselben als Fideicommißmehrung anmelden sollten. Zwei Objecto boten sich hier nämlich als zweifelhaft dar, es waren dies das Gut Hebendorf und die acquirirten Pfarr- und Schillfondsgründe zu Nentweins- dorf, die beide für unsere jährlichen Reichnisse an den Pfarr- und Schnlfond, welche wir statt baaren Kanfschilling für die Pfarr- und Schulfondsgründe festgestellt hatten, als bleibende Hypothek bestellt worden waren. Wir hielten es aus verschiedenen Gründen für rathsamer, diese beiden Objecto vorerst noch nicht mit zur Fideicommißmehrung zu ziehen, weshalb sie noch allodialer Besitz blieben. Angemeldet und später eingetragen wurden 57,820 Tagwerk bei Rentweinsdorf, 59,326 „ bei Sendelbach, 192,696 „ das damalige Oeconomiegut Eichelberg nebst . 37,328 „ dazu gehörigen Waldparzellen, die später unseren wurden, 2,626 „ Waldparzellen in der Flur Fischbach, die gleichfalls später zu unseren Forsten geschlagen wurden, 11,879 0,500 Forsten einverleibt wurden, bei Eyrichshof nebst Waldparzellen, die später unseren Forsten einverleibt 710 21,970 Tagwerk bei Vorbach nebst 2,886 „ Waldparzellen, die später unseren Forsten zugetheilt wurden, 9,716 „ Grundstücke in der Haube, 179,171 „ das damalige Gut Knrzewind (was später noch vergrößert wurde) nebst 6,460 „ Waldparzellen, die später unseren Forsten einverleibt wurden, 2,013 „ bei dem Weingut Ziegelanger. 584,394 Tagwerst Für diesen allodialen Grundbesitz, welcher dem Fideicommiß einverleibt wurde, und ebenso für die Jnventarien der Oekouomiegüter Eichelberg und Kurzewind wurde zusammen eine Werthsumme von 46,653 fl. 22'Vs kr. bestimmt, die nach unserem Tode unserem Allvdial- nachlaß, auf dem unsere Allodialerben, also Sohne und Töchter, Erbansprüche hatten, zuzurechnen wäre. — Die Verhandlungen beim Appellationsgericht wegen Eintragung dieser Fideicommißmehrung zogen sich wiederum einige Jahre hinaus und die Eintragung erfolgte erst unter'm 22. August 1860. Der Sommer 1853 brachte meinen Bruder wieder für kurze Zeit in öffentliche Wirksamkeit, da er zum unterfränkischen Landrath nach Würzburg zu gehen hatte, wo er wiederum Präsident der Versammlung wurde. Hermanns Thätigkeit als Landwirth, von der ich bei seinem vielfachen Wirken im öffentlichen Leben, wie bezüglich unserer Gutsverhältnisse nun schon längere Zeit nicht mehr gesprochen habe, hatte neben all' der übrigen Thätigkeit von Jahr zu Jahr erfreulich zugenommen. Er war in seinem Studium Allein auf's Eifrigste gefolgt was die Wissenschaft in dieser Sphäre brachte, und hatte sich in unserem ganzen Lande den Namen eines ausgezeichneten Landwirths erworben, auch war ihm schon seit Jahren im Vergleiche mit früher ein weit größeres Feld der landwirthschaftlichen Thätigkeit dadurch geworden, daß er neben den vier Oeconomiegütern, die ihm nach unserem brüderlichen Theilungsvertrag zugefallen waren, noch Ebelsbach von unserer 711 Gemeinschaft und Eyrichshof, Fischbach und Kurzewind von mir gepachtet hatte. Sein eifrigstes Streben ging nun dahin, namentlich diese drei zuletzt genannten Güter zu heben, um sie mir einst als recht ertragsfähig zurückgeben zu können. Was ihn hierzu hauptsächlich beweg, war ein Skrupel, den er sich scheu seit unserer Theilung von 1833 darüber machte, daß er mir gegenüber durch jene Theilung im Vortheil sei, da seine Oeconomiegüter durch unseres Vaters langjährige gute Verwaltung, wie durch seine eigene Selbstbewirthschaftung bis 1833 in ihrer Ertragsfähigkeit sehr gehoben, meine Oeconomiegüter dagegen, die früher größtentheils verpachtet gewesen und von den Pächtern nicht verbessert worden, geringere Ertragsfühigkeit hätten. Er wollte dieß nun dadurch auszugleichen suchen, daß er vorzugsweise auf Hebung der von mir gepachteten 3 Güter hinstrebte, weshalb er denn auch große Summen hinein verwandte und selbst mehr, als ihm diese Güter nach Bezahlung des Pachtgeldes abwarfen. Er wurde dadurch nach und nach unserer gemeinschaftlichen Hauptkasse, aus der er jene Meliorationsgelder nahm, eine Summe von nahezu 20,000 fl. schuldig. Daneben hatte er aber auch die Gegenwart im Auge, er wollte, daß ich auch schon jetzt eine steigende Rente aus den Oeconomie- gütern hätte, und hatte darum den mit mir abgeschlossenen Pachtvertrag so eingerichtet, daß sein mir zu zahlendes Pachtgeld sich mit jedem Jahre um gewisse Prozente steigere. — Ich hatte diese Pachtbestimmung eingegangen, weil sie mir von meinem Bruder selbst vorgeschlagen worden und ich damals nicht glaubte, daß sie für ihn belästigend sei. Jetzt überzeugte ich mich aber vom Gegentheile und die fast mit jedem Jahre anwachsende Summe, die Hermann für die auf meine Güter verwandten Meliorationen der Hauptkasse schuldig wurde, begannen mich zu beunruhigen. Ich drang daher darauf, daß einestheils die Steigerung jenes Pachtgeldes nunmehr cessire, was mein Bruder auch zugab, und daß dessen Schuld an unsere Kasse nicht verzinst werden dürfe. Gern hätte ich sie ganz abschreiben lassen, allein darauf ging mein Bruder nicht ein. Das Einzige, was er zugab, war, daß sie, — falls sie bei seinem Tode noch bestehe — dann abgeschrieben werden solle. Dieß ist auch geschehen; einen Theil davon hatte er übrigens bereits abgezahlt, der Rest wurde nach seinem Tode abgeschrieben. Dieß hier Alles anzuführen, ist meinem Herzen Bedürfniß, da es von Neuem 712 ein Bild dieses trefflichsten aller Brüder gibt, recht geeignet, uns und unseren Nachkommen ein Vorbild der Nacheiferung zu sein. Wo in einer Familie an der Stelle des leider so häufig gefundenen Egoismus des Einzelnen nur das Wohl der anderen Familienglieder Richtschnur des Handelns ist, da gedeiht die Familie und da ruht auf ihr Gottes Segen und Gnade. In einer adeligen Familie soll ja überhaupt der Einzelne sich immer nur als Vertreter der Gesammtfamilie und als für sie da seiend betrachten. Dieß möge stets mehr und mehr beherziget werden! Auch von Hermanns Söhnen habe ich seit Langem nicht mehr gesprochen. Der älteste, Georg, von dem ich zuletzt erzählte, daß er das Gymnasium zu Meiningen bezogen, hatte dieß schon seit mehreren Jahren verlassen und hatte einige Jahre in Bonn und Göttingen studirt, dann auch noch Collegia in Berlin gehört. Sein Großvater Riedesel, der keinen Sohn hatte, wünschte, daß er dereinst seine thüringischen Güter erhalte, und drang darauf, daß er schon bald zu ihm nach Neuenhof komme, um in die Gutsverhältnisse eingeweiht zu werden. Mein Bruder hätte zwar gewünscht, daß er seine Universi- tätsstndien vollende, allein er mußte den Bitten des Schwiegervaters nachgeben, verlangte aber, daß Georg- vor seiner förmlichen Ueber- siedelung nach Neuenhof erst noch einige praktische amtliche Geschäfts- kenntniß erlange und that ihn für einige Zeit zu dem preußischen Landrathe von Grävenitz in Schlesien, der sich seiner sehr freundlich annahm und bei dem Georg einen recht nutzbringenden Aufenthalt machte. — Julius und Gottfried waren auch bereits seit längerer Zeit auf der Schule in Meiningen. Elfterer sollte damals zum Militär kommen und zwar in das östreichische, weßhalb Hermann vielfache Schritte that. Es unterblieb aber, weil man seine Gesundheit nicht für kräftig genug dazu hielt, und er wurde darum für das landwirth- schaftliche Studium bestimmt. Gottfried erwählte sich aber bald darauf die militärische Carriere und trat, nachdem er einige Zeit im Cadetten- haus zu Dresden zugebracht hatte, später in die bayerische Cavalerie ein. Die beiden jüngsten Söhne Friedrich und Hermann bezogen im Herbste 1853 die Schule zu Erlangen. Das Frühjahr 1854 brachte für Hermann die ersten großväterlichen Freuden, indem seine Tochter Caroline ihren ersten Sohn gebar. Er 713 eilte zur Taufe nach Eisenach, der Urgroßeltern (Riedesel) Großeltern und Eltern beiwohnten. Davon zurückgekehrt, ging mein Bruder wiederum zum Laudrath nach Würzburg, dessen Präsident er auch diesmal wurde, und kam sehr befriedigt von dort zurück. Wenige Tage nach dieser Rückkunft traf aber ihn und seine Frau ein recht schmerzlicher Verlust. Ihre treffliche Taute Gräfin Reden, die ihnen mit wahrhaft mütterlicher Liebe zugethan war, war auf ihrem Gute Buchwald gestorben. Dieser Verlust war für das Herz Beider ein sehr schmerzlicher, er war aber auch für ihr Leben von bedeutungsvollem Einfluß, da Gräfin Reden ihrer Nichte Marline ihre sämmtlichen Güter in Schlesien letztwillig vermacht hatte. Diese Güter sind nicht unbedeutend, und können bei richtiger Verwaltung wohl eine hübsche Rente abwerfen, allein die Gräfin Reden, der nebenbei schöne Renten zu Gebote standen, hatte die Verwaltung der Güter in so eigenthümlicher Art eingerichtet gehabt, daß sie nicht nur nichts ertrugen, sondern meist noch Zuschuß erforderten. Dabei hatte sie auf ihren Gütern so vielfache großartige wohl- thätige Einrichtungen getroffen, deren Fortbestand von ihr gewünscht wurde, daß diese Erbschaft in pekuniärer Beziehung, wenigstens für den Augenblick, keine lncrative war. Dennoch war sie für Marline und Hermann eine sehr erfreuliche, denn bei der großen innigen Liebe und Verehrung, die sie für diese treffliche Tante hatten, war es ihnen eine wahre Herzensbefriedigung, in dem schönen und edlen Geiste, in dem Gräfin Reden solange gewirkt hatte, eintreten zu können, und dabei bot Buchwald durch seine überaus herrliche Lage am Fuße des Riesengebirges und seine unbeschreiblich schönen Parkanlagen, in die die ganze Gegend hineingezogen war, einen so großen Reiz, daß der pekuniäre Punkt dabei vorerst ganz in den Hindergrund trat. — Unter den bedeutendsten Stiftungen, die Gräfin Reden dort in's Leben gerufen, gehörte vor Allem die Bibelgesellschaft, eine der bedeutenderen Töchtergesellschaften im Königreiche Preußen, und Hermann wurde nun das Haupt dieses großartigen Vereins und widmete ihm fortan die größte Sorgfalt. Alles, was Gräfin Reden mit so großer Liebe und zu großein Segen dort eingerichtet hatte, wurde auf's Gewissenhafteste und mit tiefster Pietät von ihm und seiner Frau forterhalten und im Geiste der Stifterin gepflegt, und selbst an der Verwaltungsart der 714 Güter nur in schonendster Weise und nur sehr allmählig die nöthigsten Aenderungen gemacht. Doch verstand es Hermanns organisatorisches Talent auch hier bald Einrichtungen zu treffen, die, ohne schroff in die BeHandlungsweise der früheren Besitzerin einzugreifen, allmühlig die jährlichen Zuschüsse beseitigten und selbst bald einige Rente von den Gütern verschafften. — Gräfin Reden hatte zugleich gewünscht, daß aus diesen Gütern für den vierten Sohn Marlinens, Friedrich, der ihr Pathe war und den sie besonders liebte, ein Majorat gebildet werde. Diesem Wunsche kam Hermann sofort nach und begann die hiefür nöthigen Vorarbeiten, die aber auch dort, wie bei uns die Fideicommiß- eintragung, auf vielfache geschäftliche Schwierigkeit stießen, so daß diese Sache erst nach seinem Tode ganz bereiniget werden konnte. Damit aber Friedrich, der künftige Majoratsherr dieser Güter, schon von Jugend an sich in die dortigen Verhaltnisse einlebe, brachte er ihn bald darauf von Erlangen nach Liegnitz in die dortige Ritteracademie. Gott der Herr hatte aber anders verfügt, wie wir bald sehen werden. Buchwald wurde nun Hermanns besonderer Lieblingsaufenthalt. Bei aller Liebe, die er für unsere Güter hatte, freute er sich doch jedes Jahr ganz besonders ans die Zeit, die er mit den Seinigen auf diesem „schönsten und reizendsten Fleck des deutschen Vaterlandes", wie er Buchwald nannte, zubringen könne, und entwickelte dort eine ganz besondere freudige Thütigkeit. Gleich nach der erhaltenen Todesnachricht eilte Hermann mit seiner Frau nach Buchwald an's Grab der theueren Tante, das sich in Mitte des schönen Parks neben dem ihres Gatten, des Ministers Grafen von Reden befindet. Als das Testament eröffnet war, übernahm er sofort alle ihn und seiner Frau von der Erblasserin auferlegten Obliegenheiten, wodurch ihm ein großer Geschäftszuwachs, aber auch eine ihn sehr anziehende neue Thütigkeit wurde. Inmitten dieser neuen Geschäfte trafen ihn und Marline aber bald große Sorgen. Seine Schwiegereltern waren auch sofort nach Buchwald gekommen, und bald nach ihrer Ankunft wurde Herr von Riedesel in Folge eines Schlaganfalls bedeutend krank, und ließ ein baldiges Ende befürchten. Als sich indessen sein Zustand wieder allmählig besserte, und für's Erste jede Gefahr verschwunden zu sein schien, reiste Hermann Ende Juli nach Rentweinsdorf zurück, wo seine Anwesenheit dringend nothwendig war. Allein kaum dort angekommen, erlitt sein in Bnchwald zurückgebliebener Schwiegervater einen neuen Schlaganfall, der kurz darauf seinem Leben ein Ende machte. Bei dem überaus innigen Verhältnis;, in dein der Verstorbene zu Hermanns ganzer Familie stand, in der er eigentlich seit seiner Tochter Verheirathung nur gelebt, war dieser Tod eine alle Lebensverhältnisse Hermanns erschütternde Begebenheit, und bei dem innigen Verhältnisse, in das Beide namentlich in den letzten Jahren getreten, ein tiefer erschütternder Schmerz für meinen Bruder. Nach des Großvaters Tode übernahm Hermanns ältester Sohn Georg die Administration der Riedcsel'schen Güter bei Eisenach für seine Großmutter, der sie nun allein gehörten, und lebte mit Letzterer zusammen in Neuenhof. Georg zog dabei, seines noch sehr jugendlichen Alters wegen, den Vater stets zu Rathe, der ihm übrigens möglichst freie Hand ließ. Ein sehr schönes, man kann sagen ideales Verhältnis;, bildete sich zwischen Beiden, das Hermann hoch beglückte. Er genoß das vollste Vertrauen seines Sohnes. Der für Hermanns Familie so ereignißvolle Sommer brachte aber noch ein weiteres Ergebnis;, was uns alle in tiefe Besorgniß versetzte. Hermann wurde eines Tages, als er von einen; Waldgang in Nent- weinsdorf heimkam, plötzlich in seiner Stube von einem so heftigen Schwindelanfall ergriffen, daß er besinnungslos niederfiel. Wohl hatte er sich bald wieder davon erholt, und es konnte dieser Anfall wohl nicht als Schlaganfall betrachtet werden, aber die Aerzte nahmen es doch ernst, und verordneten strenge Diät und sehr geregelte Lebensweise. Hermann wurde Wohl bald wieder vollkommen gesund, da aber ähnliche, wenn auch schwächere Erscheinungen, in den folgenden Jahren öfters wiederkehrten, stiegen recht trübe Gedanken in unseren Herzen auf, und ihn selbst beschäftigte von da an nicht selten der Gedanke, daß sein Leben nicht mehr von langer Dauer sein werde. Diese Gedanken stimmten ihn wohl manchmal ernst, nie aber trübe. Bei seinem festen gläubigen Sinn, der ihn zu dem innigsten Leben mit unseren; Heilande geführt hatte, war er jeden Augenblick bereit, vor ihm zu erscheinen, und wenn er auch im sorgenvollen Hinblick auf seine theil- 71 l; weise noch jugendliche Kinderschaar, die den Vater noch sehr bedurfte, oft den Wunsch aussprach, noch länger hier verweilen zu dürfen, hatte doch der Gedanke an den Tod nichts Bitteres oder Erschreckendes für ihn. Obgleich sich nun Hermann schon bald nach jenem ersten beunruhigenden Schwindelanfalle wieder ganz wohl und kräftig fühlte, machten es ihm doch die öfters wiederkehrenden Anwandlungen von Schwindel rathsam, nicht mehr so viele Zeit am Schreibtische zuzubringen, sondern sich recht viel in freier Luft zu bewegen, weshalb er einen Secretär annahm, durch den er einen Theil seiner schriftlichen Arbeiten und Korrespondenzen besorgen könne. Mit dem ersten, den er in seinen Dienst nahm, war er nicht glücklich, da derselbe bald nach seinem Eintritte geisteskrank wurde. Desto glücklicher war er aber mit dessen Nachfolger Ferdinand Meusel, gebürtig aus Eyrichshof, der neben einem sehr gediegenen edlen Charakter gründliche landwirthschaft- liche Kenntnisse und viel allgemeine Bildung besaß. Er ernannte ihn später, als er einsah, daß er für einen Secretär doch zu wenig Arbeit habe, zu seinen Verwalter in Eyrichshof, in welcher Eigenschaft er 1858 in meinen Dienst übertrat, und sich noch in solchem befindet. Während aber nun Hermann wegen der berührten beunruhigenden Anfälle Geschäftsminderung und größerer Ruhe bedurft hätte, war ihm solche nicht beschieden, vielmehr bekam er zu den vielen Geschäften auf unseren und den schlesischen Gütern zu Ende Winter 1855 noch ein neues, worin wir uns jedoch bald theilten. Der Obersthofmeister Freiherr von Seckendorfs zu Stuttgart war gestorben, und hatte meinen Bruder, und falls dieser verhindert sei, mich zum Vormund seiner Kinder ernannt. Dies uns bewiesene Vertrauen war um so überraschender, als wir Beide den Verstorbenen nur wenig kannten. Hermann reiste deshalb im Februar nach Stuttgart, um die Nachlaßgeschäfte zu ordnen, auf welcher Reise ihn seine Frau begleitete, die bei deni eingetretenen Unwohlsein Hermanns besorgt war, ihn allein reisen zu lassen. Als es sich nun später zeigte, daß es zur Abschneidung unangenehmer Verwickelungen besser sei, wenn zwei Vormünder ernannt würden, nämlich einer für den Sohn, und ein zweiter für die drei Töchter des Verstorbenen, übernahm Hermann die erstgenannte, ich die zweite Vormundsstelle. Diese Vormundschaft gab meinem Bruder viel zu thun, da sein Mündel nicht unbedeutende Güter hatte, die zu verwalten waren. Hermann widmete sich aber trotz seiner vielen Geschäfte diesen übernommenen Pflichten auf's Eifrigste, und hatte große Freude an seinen Mündel, der aber leider wenige Jahre nach meinein Bruder starb. Im Frühjahre 1855 war an mehrere Adelige Bayerns durch den Minister des Innern die Mittheilung ergangen, daß der König es gerne sehen würde, wenn sich der Adel corporativ verbände, wie dies in anderen Ländern noch der Fall war. In Folge dessen fanden Zusammenkünfte des oberfränkischen Adels in Calmbach, und des unter- fränkischen in Würzbnrg statt, denen Hermann beiwohnte, und wo er, da solche corpvrative Verbindung schon längst sein sehnlicher Wunsch war, für das Zustandekommen solcher Verbindung kräftigst wirkte. Es wurden auch in Folge der Berathungen Entwürfe gemacht, aber schon bald änderte sich die Ansicht des Königs hierüber, dem solche corpvrative Verbindung als für seine Regierungsgewalt schädlich hingestellt wurde, und so blieb das Ganze leider resultatlos. Im Mai desselben Jahres versammelte sich wiederum der Landrath von Unterfranken, und Hermann wnrde auch dieses Mal zu dessen Präsidenten gewählt, es war aber das letzte Mal, daß er der Landrathsversammlung beiwohnte, denn sofort nach deren Beendigung wurde mein Bruder bei der Wahl znm Landtag wiederum zum Abgeordneten erwählt, wodurch seine Eigenschaft als Landrathsmitglied endete. Hermann hatte bei der Vorberathnng der zu Hofheim stattfindenden Wahl bestimmt erklärt, daß er eine Wahl in die Kammer, theils wegen seiner gehäuften Familiengeschäfte, hauptsächlich aber aus Gesundheitsrücksichten nicht annehmen könne, und es stimmte dies auch mit unser Aller Wünschen überein. Vor der Wahl zeigte es sich nun aber, daß, wenn er bei seiner Weigerung beharre, die Mehrheit einem Demokraten oder besser gesagt Republikaner, dessen verderbliches Treiben aus dein Jahre 1848 bekannt war, ihre Stimme geben würde, und Hermann wurde nun von der conservativen Parthei bestürmt, seine Annahmsverweigerung zurückzunehmen. Er hatte deshalb einen schweren Kampf mit sich durchzumachen. Endlich entschied er sich aber im Interesse des össent- 718 lichen Wohls für die Annahme, nnd als dies bekannt ward, wurde er zum Abgeordneten gewählt. Es war dies zum erstenmal seit 1848, d. h. seit dem neuen Wahlgesetz, und so erfreulich auch das meinem Bruder gebliebene Vertrauen war, so schwer lastete doch diese Wahl auf ihn und ans uns Allen, und dies auch namentlich, weil wir einsahen, daß die ganz veränderten Verhältnisse und die gegen sonst ganz anders zusammengesetzte Kammer, Hermanns ganzem Wesen nicht mehr zusagen, und daß seine Stellung in der Kammer gegen sonst eine ganz veränderte werden würde, was denn auch wirklich der Fall war. Bevor ich aber zu diesem erneuerten Akt in Hermanns öffentlichem Leben komme, muß ich eines sehr freudigen Festes gedenken, was am 12. Juni dieses Jahres zu Rentweiusdorf gefeiert wurde. Es war die silberne Hochzeit meines Bruders, die eine große Menge lieber Verwandte und Freunde von nah und fern daselbst vereinte. Am Vorabend gab ich dein Jubelpaar ein Fest in Eyrichshof, wo in einer theatralischen Vorstellung die Hauptlebensereignisse desselben in scherzhafter Weise dargestellt wurden, und am Hochzeitstage selbst übergab ich demselben einen Familienpokal, der fortan allen Freudenfesten der Familie beiwohnen sollte. Anhängende Medaillen sollten von jedem Feste Kunde geben. Eine eigene Stiftungsurkunde wurde hierfür von mir ausgefertiget, der dann mein Bruder eine zweite des Inhalts beifügte, daß dieser Pokal nicht blos bei den Freudenfesten seiner speciellen, sondern der Gesammtfamilie zu erscheinen habe. Eine große Zahl anhängender Medaillen bezeugt bereits, daß es seitdem durch Gottes Güte in unserer Familie der Freudenfeste viele gab. — Das Fest der silbernen Hochzeit selbst wurde in Rentweinsdorf durch einen schönen Hausgottesdienst am Morgen, und hierauf durch ein stattliches Festmahl gefeiert. Von allen Verwandten und Freunden wurden überaus schöne und sinnige Hochzeitsgeschenke gegeben, und am Tage nachher gab noch unser Vetter Max in Merzbach zur Nachfeier einen glänzenden Ball. Zu Ende Mai desselben Jahres war eine Aenderung in der Verwaltung unserer Forsten eingetreten. Unser Förster Schönmann, der neben dein speciellen Revier Rentweinsdorf auch die Oberleitung der Reviere Eyrichshof und Ebelsbach hatte, war gestorben, und wir über- 719 trugen dessen Stelle unserem Forstgehülfen zu Estrichshof Emil Elßmaun aus Thüringen, der sie auch seitdem zu unserer vollsten Zufriedenheit versieht. Unsere drei Reviere sollten fortan ein einziges bilden, das der Förster von Rentweinsdorf verwalte, dem die Waldbezirke Estrichs- Hof und Ebelsbach als Forstwarteien untergeordnet seien. — Mit dem Tode Schönmanus endete ein langjähriger Dienst dieser Familie bei der nnsrigen, indem solche von l631 an, also 224 Jahre lang, stets im Forstdienst unserer Familie gestanden hatte. Gewiß ein höchst seltener Fall! Einen Theil des Sommers brachte Hermann mit seiner Familie wieder in Buchwald zu, wo durch einen längeren Aufenthalt der preußischen Königsfamilie im nahen Erdmannsdorf ein sehr interessantes Leben herrschte. Hermann präsidirte während dieser Zeit der Versammlung der großartigen Bibelgesellschaft, die zu seiner großen Freude in dem Jahre, seit er die Directiou übernommen, an Umfang gewonnen hatte. — In der Verwaltung der dortigen Güter hatte er bereits einflußreiche und nützliche Veränderungen gemacht, so unter Andern durch Einrichtung einer Schweizerei nach dem Muster der auf unseren Gütern, und er konnte schon einein befriedigenderen pecuniären Resultate der dortigen Verwaltung entgegensehen. Im October begann der neue Landtag, zu dem Hermann sofort nach München ging. Es war, wie wir Alle befürchteten, kein befriedigender für meinen Bruder. Zwar wurde er überall wieder mit großer Freundlichkeit und Herzlichkeit empfangen, aber die seit 1848 gänzlich veränderten Verhältnisse gaben ihm in solchem gegen sonst auch eine ganz veränderte Stellung. Wohl wurde er häufig bei Privatberathungen beigezogen, aber eine officielle einflußreiche Stellung konnte er nicht wieder erlangen. In die erste Zeit dieses Landtagslebens fallen zwei für Hermann und seine Familie wichtige Ereignisse. Das erste war ein freudiges, nämlich die am 3V. October stattgehabte Verlobung seiner zweiten Tochter Louise mit Adolph von Harnier auf Echzell in der Wetterau, die in Neuenhof gefeiert wurde, wohin Hermann auf kurze Zeit gereist war. — Das zweite Ereigniß war aber ein überaus schmerzliches. Kurz nach der Rückkunft nach München vernahm Hermann die schwere 720 Erkrankung seines Sohnes Friedrich in Liegnitz, wo eine Nervenfieber- epidemie ausgebrochen war, von der auch der liebe und hoffnungsvolle Knabe befallen wurde. Hermann eilte nach Schlesien, begleitet von seiner Frau, die von Nenenhof aus, wo sie zurückgeblieben, sich ihm unterwegs anschloß. Sie fanden ihr geliebtes Kind sterbend, und schlössen ihm am 18. November die gebrochenen Augen. Es war dies der erste tiefe Elternschmerz in dieser überaus glücklichen Ehe, und darum ein um so tiefer gehender. Friedrich war ein höchst begabter, frischer und liebenswürdiger Knabe gewesen, auf den die Eltern mit ganz besonderer Liebe und Hoffnung blickten. Er war der allgemeine Liebling der Familie, und trotz seines erst kurzen Aufenthaltes in der Ritteracademie auch der ihrer Lehrer und Schüler, und Alles hing mit der größten Innigkeit an dem hoffnungsvollen fünfzehnjährigen Knaben. Ihm war hier ans Erden durch den dereinstigen Besitz des reizenden Buchwaldes ein schönes Loos beschieden gewesen, aber Gott der Herr wollte ihm ein unendlich schöneres bereiten, und zog ihn schon am Schlüsse seiner Kindheit zu sich in das ewige Vaterland. — Seine Leiche wurde erst in Liegnitz beigesetzt, und später in das Familienbe- gräbniß nach Buchwald gebracht; dort ruht der zum Majoratsherrn Bestimmte neben der Leiche der liebenden Großtante, die ihm ein so schönes freundliches Erdenloos bereiten wollte. — Hermann trug diesen tiefen Schmerz mit männlicher Fassung und christlicher Ergebung, aber wir können es nicht leugnen, von da an begann seine sonst so kräftige Gesundheit, die trotz der vorgenannten Schwindelanfälle wieder eine ganz feste geworden war, — zu wanken, und beängstigende Erscheinungen verschiedener Art stellten sich zeitweise ein, ivenn er auch denen, die ihn nicht genau zu beobachten Gelegenheit hatten, noch immer, ja man kann es sagen, bis zu seinem Ende das Bild kräftiger Gesundheit gab. Im Januar 1856 kehrte Hermann mit seiner Familie zum Landtag nach München zurück, wohin ihn auch sein Sohn Georg begleitete, und blieb mit einigen Unterbrechungen bis zum Schlüsse im Juni dort, wo er recht beglückt, daß dieser für ihn unerquickliche Landtag zu Ende sei, nach Hause eilte. Unterdessen hatten daheim ans den Gütern wichtige Geschäftsunterhandlungen begonnen. Es waren uns fast gleichzeitig große Guts- 721 ankaufe in Aussicht gestellt worden, und da nur schon längst beabsichtiget hatten, unsere Ablösuugspapiere in Grund und Boden anzulegen, traten wir sofort in diese Kaufsunterhandluugen ein. Das eine und zwar größere Object war Gereuth mit dem gesammten Guts- complex des Banquier I. I. von Hirsch in unserer Nähe (das Gut Wiesent allein ausgenommen). Dieser Kauf kam jedoch nicht zu Stande, da der Verkäufer eine zu hohe Forderung stellte. Das zweite Object war das Waldrevier Altenstein mit Rabelsdorf, welches beide Brüder von Altenstein zur Ordnung ihrer zerrütteten Finanzen zu verkaufen wünschten. Dieser Kauf kam am 9. October 1856 um 56,500 sl. zu Stande, und wir gelangten dadurch in den Besitz fraglicher Waldung, die 735,669 Tagwerk groß ist, nebst Försterhaus zu Altenstein und einigen Grundstücken bei Nabelsdorf. Zugleich traten die Freiherrn von Altenstein mit diesem Kaufsobject auch ihr Patronat über die Pfarrei und Schule zu Altenstein an uns ab. — Eigenthümlich war die Kaufsbestimmung bezüglich der Ruine Altenstein. Diese wurde, als Stammschloß der Familie, nicht an uns mit verkauft, dagegen aber alle zwischen dem Gemäuer gelegenen Grundflächen uns aus dem Grunde eigenthümlich mit überlassen, weil der dortige Förster, den wir mit zu übernehmen hatten, die Gras- und Obstnutzuug auf diesen Grundstücken in der Ruine hatte. So gehört also jetzt eigentlich der Grund und Boden der Ruine uns, das Gemäuer darauf der Familie von Altenstein. Der gcsammte, durch diesen Kauf acquirirte Grundbesitz betrügt nahezu 764 Tagwerk. — Das Revier Altenstein verblieb für's Erste ein selbstständiges, nicht unter dem Förster von Rentweins- dorf stehendes Revier. Der dortige Wald ist ein Zukunftswald, d. h. ein zwar ziemlich gut gehaltener jüngerer Wald, aus dem aber eine längere Reihe von Jahren keine eigentliche Rente erwartet werden konnte, und wo wir nur auf so viel jährlichen Ertrag rechneten, als die Verwaltungs- und Kulturkosten, sowie die Lasten, die auf dein Walde ruhen, betragen. Der Kauf kann aber doch als ein sehr vor- theilhaster bezeichnet werden, da doch auch schon seitdem fast jedes Jahr über jene Kosten und Lasten noch eine Rente angefallen ist. Tritt erst einmal die wirkliche Schlagperiode ein, so wird sich das aufgewendete Kapital sammt dem eine Zeit lang verloren gegangenen Zinsenbetrag gut rentiren. — Da der Kaufschilling für diese Waldung 722 mit Ablösungspapieren bezahlt wurde, ward selche an Stelle letzterer dem Fideikommiß einverleibt. Außer diesem großen mit Ablösungspapieren gekauften Objecte waren aus den laufenden Revenuen in den letzten Jahren, d. h. seit dem als Fideicommißmehrung angemeldeten Allodialbesitz, gekauft worden: a) im Jahre 1853 das Koch'sche Bauerngut zu Siegelfeld ohne Gebäude um 4707 fl. 59'/- kr., was dem Oeconomiegut Eyrichshof einverleibt wurde; b) 1854 die Röder'schen Aecker in Ruppacher Flur 3,858 Tagwerk um 279 fl. 55 kr., die zum selben Gute geschlagen wurden; c) 1855 das 7,750 Tagwerk große Schwappach'sche Anwesen zu Eichelberg nur 1015 fl. 35 kr., was zum Oeconomiegut Eichelberg kam. Inmitten dieser Geschäfte daheim kam ein Ereigniß in Bayern, welches die ganze protestantische Bevölkerung lebhaft erregte. Es betraf dies die bekannten Oberconsistorial-Erlasse, die in Folge der Beschlüsse der letzten Generalsynode zur strengeren Kirchsnzucht und besserem kirchlichen Leben ergangen waren. Diese Erlasse wurden, je nach dem kirchlichen Standpunkte, den der Einzelne einnahm, sehr verschieden beurtheilt. Während sich ein Theil der streng kirchlich Gesinnten darüber freute, griff ein anderer Theil derselben, und mit ihm die rationalistische Parthei solche lebhaft an, und sah darinnen nur ein Streben unserer Geistlichkeit nach größerer Macht und größerem Einfluß, ja sogar einen Versuch der Katholisirung unserer Kirche. Hermann stand in seiner Beurtheilung mitten inne. Er erkannte die Nothwendig- keit strengerer Zucht und Kirchlichkeit, aber er fand diesen Versuch raschen und energischen Einschreitens für uachtheilig und gefährlich, und tadelte ihn. — „Unsere kirchlichen Oberbehörden, schrieb er mir, sollen wo möglich, stille fortfahren, tüchtige Geistliche heranbilden zu lassen, und in der Besetzung ihrer Stelleu Weisheit und Menschen- kenntniß zu bewahren, im klebrigen sich genügen lassen und froh sein, wenn ihnen nicht von Außen her schwierige Entscheidungsfragen aufge- drungen werden; sie selbst sollen so viel als möglich sich enthalten, dergleichen hervorzurufen." Die Sache erregte ihn gewaltig, denn er sah unseren kirchlichen Frieden gefährdet, und ganz besonders war es ihm leid, daß unser gemeinschaftlicher Freund Harleß, der Präsident des protestantischen Oberconsistoriums, dem er mit inniger Liebe zugethan war, seinen segensreichen Einfluß dadurch verlieren könne. — In seiner Besorgniß und seinem regen Eifer hier vermittelnd und rathend helfen zu können, eilte er nach Erlangen, und berieth sich dort mit seinen Freunden von der theologischen und juristischen Facultät der Universität. Man fand allgemein, daß es vor Allem nöthig sei, dem Präsidenten Harleß Vorsicht und Müßigung zu empfehlen, und bat meinen Brnder, selbst nach München zu gehen, um deshalb mit Harleß zu sprechen. — So schwer es ihm auch wurde, jetzt schon wieder eine Reise zu machen, nachdem er erst vor Kurzem wieder in Schlesien gewesen war, fand er doch die Sache zu wichtig, um seine Bequemlichkeit dabei berücksichtigen zu dürfen und nahm daher diese Mission an. Als er aber eben — Ansang Dezember — im Begriff war, abzureisen, erschien die allerhöchste königliche Entschließung vom 27. November, die auf jene Oberconsistorial- erlasse ergangen war und die solche — ohne sie zu desavouiren — für's Erste in ihrer Ausführung Wirte. Hierdurch wurde der Zweck seiner Reise nach München unnöthig. Das Jahr 1856 schloß sich für Hermann auf eine recht glückliche, heitere Weise, denn am 30. Dezember fand die Vermählung seiner Tochter Luise mit Adolph von Harnier statt, zu der wir Alle mit vielen Verwandten und Freunden im gastlichen Schlosse Rentweinsdorf waren. Es wurde dem Aelternpaar wohl schwer, nun auch die zweite Tochter hinweg ziehen zu sehen, doch versprach diese Verbindung deren sicheres Glück, und die Aeltern ließen daher jedes egoistische Gefühl verstummen. Das Jahr 1856 war ein an Hochzeiten in unserer Familie reiches Jahr gewesen. Am 25. August hatte sich unser Vetter Graf Max von Rottenhan mit Therese Freiin von Boyneburg vermählt — ani 17. September meine älteste Tochter Sophie mit Freiherrn Max von Küußberg ans Wernstein, und am Schlüsse des Jahres Hermanns 724 zweite Tochter Linse; da hatte der Familienpokal zu Rentweinsdorf viele Freudentage! Auch das Jahr 1857 begann für Hermann mit einem recht freudigen Familienereignisse. Am 24. Januar verlobte sich sein Sohn Georg, der nun bereits die großväterlichen Güter Neuenhof :c. bei Eisenach übernommen hatte, mit Gräfin Marie von Bernstorff auf Gartow ini Hanöverischen, deren Großmutter eine Schwester von Georgs Großvater Riedesel gewesen war. Diese Verlobung beglückte Hermann ganz außerordentlich, da er — und mit Recht — fand, daß beide Verlobte ihrem ganzen Wesen und ihrer innern Richtung nach vorzugsweise für einander paßten. Marie wurde denn auch, als sie in unsere Familie eintrat, bald der besondere Liebling aller Glieder derselben. Hermann, der schon projectrirt hatte, eine kurze Geschäftstur nach seinem lieben Buchwald zu machen, reiste nun vorerst — Anfang Februar — zur Braut seines Sohnes nach Gartow und von da nach Ebstorf im Hanöverischen, wo sein Sohn Julius auf einer landwirth- schaftlichen Erziehungsanstalt war, und sodann über Berlin nach Buchwald. Sein erster Gang dort war zum Sarge des lieben Friedrich. Es war ein schmerzlicher Eintritt in das von ihm so geliebte Buchwald. — Nach kurzem Aufenthalte kehrte er nach Rentweinsdorf zurück. Sein Aufenthalt dort war aber kein langer, denn Anfangs Mai reiste er mit seiner ganzen Familie wieder nach Buchwald, und ich benützte diese seine Anwesenheit dort, um auch einmal diesen ihm so lieben Ort und das schöne Riesengebirg kennen zu lernen. Mit meiner Tochter Pauline ging ich Ende Mai dahin und brachte in des geliebten Bruders Familie sehr angenehme Tage dort zu. — Hermann ging im Juni von dort zur Hochzeit seines Sohnes Georg nach Gartow, und sein Herz war hochbeglückt über diese in jeder Beziehung sehr erfreuliche Verbindung und über die mit jedem Tag ihm lieber gewordene neue Tochter. — Von Gartow ans besuchte er einen Onkel seiner Schwiegertochter, den in Mecklenburg reich begüterten Grafen Arthur von Bernstorff, dessen großartiger landwirthschaftlicher Besitz, wie überhaupt Mecklenburg, ihn sehr interessiirten. Zu Anfang Juli kehrte er nach Rentweinsdorf zurück. Um jene Zeit hatte ich nach langen inneren Kämpfen einen für mein Leben und meine Bernfsthätigkeit sehr wichtigen Entschluß ge- 725 faßt, ich hatte nämlich meinen Anstritt aus dem Staatsdienste erklärt und beabsichtigte, nun ganz nach Eyrichshof zu ziehen und mich dort mit meinein Bruder in die Gutsverwaltungsgeschäfte zu theilen. Vielfache dienstliche Unannehmlichkeiten, die ich seit einer Reihe von Jahren gehabt, waren der Hauptgrund, mitbestimmend war aber auch die Be- sorgniß, die mir und die uns Allen die schon oben erwähnten eigen-- thümlichen Krankheitserscheinungen bei meinem lieben Bruder einflößten. Ihm war durchaus größere Ruhe nöthig, und seine Geschäftslast halte sich im Gegentheil in den letzten Jahren durch die schlesischen Güter seiner Frau, wie durch die Seckendorff'sche Vormundschaft, sehr vermehrt. Eine innere Stimme sagte mir, daß sein Leben bei öfterer Wiederholung der Schwindelanfälle bedroht sei, und es schien mir Pflicht und war mir lebhaftes Herzensbedürsniß, Alles zu thun, was dazu beitragen könne, dieses mir und der ganzen Familie so theuere Leben zu verlängern. — Dazu hatte mir die Aussicht, nun endlich einmal ganz in der Nähe meines geliebten Bruders zu leben, unendlich viel Anziehendes, und ich wußte, daß er schon lauge denselben Wunsch hatte. Er hatte meine inneren Kämpfe wegen eines Entschlusses treulich mit mir getheilt, hatte aber nie beistimmend auf mich eingewirkt, da er einestheils nicht wollte, daß ich wegen ihm den Staatsdienst verlasse, und anderntheils wußte, daß ich trotz aller Unannehmlichkeiten, die mir solcher in letzter Zeit bereitet hatte, doch eigentlich noch fortwährende Neigung für solchen habe, die durch eine mögliche Beförderung noch erhöht werden würde, daß aber, um mich vor späterer Reue zu bewahren, der Entschluß nur allein von mir auszugehen habe. — Als er nun aber meinen definitiven Entschluß vernommen, hatte er große Freude darüber und drückte sie mir lebhaft aus. Wir entwarfen uns nun Beide ein schönes Bild unseres zukünftigen Zusammenlebens und Zusammenwirkens. Gott hatte aber anders verfügt. — Der König schwankte ein halbes Jahr lang in seinem Entschlüsse, ob er mir den begehrten Abschied geben solle, oder mich durch Beförderung zum Regierungspräsidenten dem Staatsdienste vielleicht erhalten könne, und so erhielt ich erst zu Anfang 1853 den geforderten Abschied und konnte, da ich nicht in der Mitte des Winters auf's Land ziehen wollte, erst im Frühjahr nach Eyrichshof übersiedeln, wenige Wochen vor Hermanns letzter verhängnißvoller Reise nach Buchwald. 726 Im August 1857 wollte meiu Bruder seiuem Sohn Georg, als er zum ersten Male mit seiner jungen Frau nach Rentweinsdorf kam, einen festlichen Einzug bereiten und hatte bereits Alles dazu angeordnet, als plötzlich eine schwere Erkrankung und bald darauf der Tod seiner Schwiegermutter, die mit ihrem Enkel Georg in Neuenhof lebte, eintrat. Dieser Todesfall war ein tief betrübendes Ereigniß für Hermanns ganze Familie, da die in jeder Beziehung ausgezeichnete Frau von allen innigst geliebt und verehrt wurde. Hermann hatte auch im Herbste kein ruhiges, stilles Leben, was ihm doch so uoth that. Im Oktober mußte er seinen jüngsten Sohn, der bisher auf der Schule in Erlangen gewesen, jetzt aber auf die hannöverische in Jlefeld kam, dahin bringen, er reiste über Echzell dahin und mußte von da noch einmal — das dritte Mal im selben Jahr — in Geschäften nach Buchwald gehen, und von da nach Rentweinsdorf zurückgekehrt, ging er bald darauf zur protestantischen Geueralsynode nach Bayreuth, in die er gewühlt worden war. Es war dies seine letzte Thätigkeit in öffentlicher Sphäre, der er aber noch mit aller Frische des Geistes und Körpers oblag, voll Interesse für das Wohl unserer Kirche. Zu diesem geschäftsreichen und unruhigen Leben traf um diese Zeit noch ein recht tiefer Schmerz meinen Bruder. Der treue und innige Freund unserer Familie, Freiherr Gotthardt von Truchseß zu Bundorf, dem Hermann ganz besonders nahe stand, erkrankte plötzlich im November. Er fühlte sein nahes Ende und verlangte Hermann noch zu sehen. Dieser eilte schnell nach Buudorf, fand den Freund wohl noch ani Leben, aber bereits unfähig, mit ihm zu sprechen. Er starb Tags darauf. — Hermann hatte wenige Monate zuvor einen andern Jugendfreund, Freiherru Karl von Melden, Regierungspräsident zu Augsburg, dessen ich weiter oben öfters gedachte, verloren, und so hatte der Tod in diesem Jahre ihm viele seinem Herzen nahe stehende Verwandte und Freunde geraubt, allerdings ein natürliches Schicksal des Aelterwerdens, aber darum nicht minder schmerzlich. Alle diese schmerzlichen Ereignisse und diese viele Unruhe hinderten aber meinen Bruder nicht, seine Geschäfte daheim rastlos fortzusetzen. So hatte er im Dezember einen langen Streit unserer Familie mit 727 der Gemeinde Rentweinsdorf, von dem ich schon weiter oben sprach, glücklich beendet. Diese Gemeinde hatte nämlich bereits seit Langem die Behauptung aufgestellt, daß unser ganzer Rentweinsdorfer Haupt- Wald sammt dem Eichelberg zur Gemeindeflur Rentweinsdorf gehöre, und wir darum auch von diesen Objecten der Steuer nach zu den Gemeindeumlagen beizutragen hätten, während wir von jeher — und gewiß mit Recht — angenommen hatten, daß dieser ganze Wald zu gar keiner Gemeindeflur gehöre, sondern nach § 4 des Gemeindeedicts als ein besonderes für sich bestehendes Object zu betrachten sei. Die Gemeinde stützte sich ans alte Urkunden, in denen Felder, die an unseren fraglichen Wald angränzten, als am Gemein Wald liegend bezeichnet waren und nahmen hier das Wort Gemein als mit Gemeinde gleichbedeutend, behauptend, dieser Wald sei in ältester Zeit Gemeindewald von Rentweinsdorf gewesen und erst später in den Besitz unserer Familie gekommen. Obgleich nun diese Behauptung jedes Grundes entbehrte, einmal, weil fraglicher Wald von jeher uns gehört hat, und dann, weil die Bezeichnung Gemeinwald daher rührte, daß bei den verschiedenen Theilungen unter den Linien unserer Familie, von denen weiter oben öfters gesprochen worden ist, fraglicher Wald im Gemeinbesitz, d. h. gemeinschaftlichen Besitz, geblieben war, so entspann sich doch ein langer Streit darüber mit der Gemeinde, den nun Hermann durch Vergleich dahin beendete, daß der s. g. Eichelberg, d. h. die Walddistrikte Schmidsgraben, Eichelberg, Schneidmüllersweg, Schäfersee und die Hälfte vom Bach als zur Gemeindeflur Rentweinsdorf fortan gehörig erklärt wurden, wogegen der übrige Theil unseres Hauptwaldes als auch ferner zu keiner Gemeindeflur gehörig von der Gemeinde anerkannt ward. Mitten durch den Distrikt Bach wurden nun Steine gesetzt, die die gemeindliche Flnrgränze feststellten. Neben diesem Geschäfte hatte er auch um jene Zeit ein anderes ziemlich verwickeltes, eine Erbabfindung seiner Frau mit einem Zweig der Familie Riedesel, glücklich beendet. Hermann hatte nun so ziemlich alle wichtigeren Geschäfte für unsere Familien- und Gutsverhältnisse geordnet und im Bezug auf die Rechtsverhältnisse der Familie wie auf die Verwaltung der Güter und unsere Finanzen Alles so klar und richtig gestellt, wie es gewiß selten 728 in einer Familie des Grundadels zu finden war. Nur eines fehlte noch, und daß dieses noch fehle, quälte ihn sehr; es war das schon von unserem Vater projectirte und von uns Brüdern viel besprochene und viel bearbeitete Familiengesetz, durch welches die nicht mehr zeitgemäßen Folgen unseres Condomiuatsverhältnisses gesetzlich geändert und für die Verwaltung unserer Güter passende Bestimmungen getroffen würden. Er hatte noch zu Ende des Jahres 1857 hierüber wieder eine größere Arbeit gefertiget, die er mir sofort zusandte und die mich zu Anfang 1858 veranlaßt«, unter eingehender Beurtheilung seiner Arbeit mit einem in mehreren Punkten neuen Projecte hervorzutreten. Beide Vorschläge wurden nun unserem Familienconsulenten Solger zum Gutachten übergeben und unser Beschluß bis zu meiner Uebersiedelung nach EhrichShof im Frühjahr ausgesetzt gelassen. Da war aber, wie wir bald sehen werden, unser Zusammensein nur von kurzer Dauer, da ich sehr bald darauf zum Laudrathe nach Bayreuth, Hermann nach Buchwald reisen mußte, und so wurde unsere definitive Berathung und gemeinschaftliche Beschlußfassung darüber auf meines Bruders Rückkehr von Schlesien verschoben. Wir konnten damals nicht ahnen, daß sie dadurch für immer unterbleiben würde! Die ersten Tage des neuen Jahres brachten endlich nach halbjähriger Verzögerung die definitive Entscheidung auf mein Gesuch um Austritt aus dein Staatsdienste. Ich erhielt den nachgesuchten Abschied, und obgleich ich ihn erbeten, war doch dieser Moment ein mich tief bewegendes Ereignis;, da es meine»; ganzen Leben nun eine ganz neue Gestaltung gab. Hermann verstand meine Gefühle so ganz, daß mir seine Acußernngen darüber unendlich wohl thaten, er half mir in ächt brüderlicher Weise diese schwere Zeit so zu tragen, wie ich es als Mann und Christ thun mußte. — Kurz darauf — am 18. Januar — feierte ich mit meiner Frau unsere silberne Hochzeit zu Bayreuth, und mein Bruder kam mit seiner Familie zu diesen; Feste, das viele unserer Verwandten und Freunde um uns vereinte. — Einige Zeit darauf reiste Hermann über München nach Haiinhausen zu unseren; gemeinschaftlichen Freunde Grafen Butler, zu den; er seinen Sohn Julius brachte, der dort in; Praktischen der Landwirthschaft ausgebildet werden sollte und von da an nun einige Zeit dortselbst blieb. 729 Meine beabsichtigte Uebersiedelung nach Eyrichshof hatte nnn auch zur Folge, daß ich die zeither von meinem Bruder mir abgepachteten Oeconomiegüter Eyrichshof, Fischbach und Kurzewind in eigene Administration übernahm, und es erfolgte daher zu Petri (22. Februar) deren Uebergabe an mich und die käufliche Uebernahme der meinem Bruder zugehörigen Jnventarien dieser Güter, wozu ich auf kurze Zeit nach Rentweinsdorf ging. Bei dieser Gelegenheit zeigte mir Hermann eine Verschönerung, die er an unserer Burg Rotenhan vorgenommen und die er schon lange beabsichtiget hatte. Er hatte das sie umgebende Gesträuch niederhauen lassen, so daß die alte Felsenburg nun frei im Schatten der alten sie umgebenden Eichen stand, was wirklich eine wesentliche Verschönerung war. Ich führe diese an und für sich geringe Sache hier an, da es so ziemlich das Letzte war, was er auf unseren Gütern unternahm, und es mir bezeichnend erscheint, daß dieß gerade eine Verschönerung unserer Stammburg war. — Als ich aber bei dieser Veranlassung mit ihm den Berg bestieg, auf dem unsere' Stammburg steht, mußte ich eine mich tief betrübende Wahrnehmung machen. Ein anscheinend leichter Katarrh hatte die Respirationsorgane Hermanns so afficirt, daß er, der sonst ein kräftiger und rascher Fußgänger und Bergsteiger war, jetzt nur mit großer Anstrengung den Hügel zur Burg zurücklegen konnte. Zum erstenmal fiel es mir auf, daß er dabei häufig stehen blieb, um Luft zu schöpfen. Was mich sonst nicht frappirt hätte, berührte mich dießmal sehr schmerzlich, da ich darinnen eine mir ganz neue Störung seiner sonst so kräftigen Gesundheit sah, und ich fürchtete, daß dieß in irgend einem Zusammenhange mit seinen früheren Schwindelanfällen stehe; wirklich wurde auch der Anfangs nur ganz leicht auftretende Katarrh später in? Laufe des Frühlings recht heftig und selbst beängstigend, so daß man fürchtete, seine Lunge könne angegriffen sei??. Dennoch Hielt ihn dieß nicht ab, im April eine Reise nach Neuenhof und Jena zu machen und die Leitung der bayerischen Wanderversammlung zu übernehmen, die dieses Jahr in Schweiufurt abgehalten wurde, weshalb er auch dahin und nach Würzburg gehen mußte. Mit seinen? gewohnten Eifer widmete er sich diesem übernommenen Geschäft, dessen Einleitung ihm viel zu thun gab. Unterdessen war ich mit meiner Familie Ende April nach Eyrichshof übersiedelt und hatte ineinen neuen Lebenslauf begonnen. Es fand nun zwischen nns Brüdern eine Theilnng der gemeinschaftlichen Gutsverwaltungsgeschäfte statt, wodurch mir ein großer Theil derselben zufiel. Hennann hatte sich neben einzelnen Zweigen derselben hauptsächlich die Forstverwaltung vorbehalten und wollte sich nun dieser und seinen speziellen landwirthschaftlichen Gütern vorzugsweise widmen. Die Abgabe eines großen Theils seiner bisherigen Geschäfte an mich hatte wohl manches Schwere für ihn, das sahen wir Beide ein, allein er fand sich willig darein, einestheils aus Liebe zu mir, um mir den Abstand von meinem bisherigen reichen Geschäftslebcn im Staatsdienst zu erleichtern, und dann aus der freilich für ihn betrübenden eigenen Uebcrzeugung, daß seine gestörte Gesundheit eine Geschäftsverminderung nöthig mache. Ein recht freudiges Ereigniß beglückte ihn noch in dieser Zeit, es war die Niederkunft seiner Schwiegertochter zu Neuenhof, die ihm den ersten Enkel seines Namens und Stammes gab. Er reiste bald darauf zur Taufe dahin, wo wir zusammen einige recht heitere Tage zubrachten. Von da zurückgekehrt, mußte er sich sofort zur Wanderversammlung nach Schweinfurt begeben, wo er trotz seiner angegriffenen Brust das Präsidium der Versammlung ohne Störung und mit der ihm eigenen Umsicht und Klarheit führte, und sich übrigens durch das viele dabei nöthige Sprechen, was er Anfangs selbst gefürchtet hatte, nicht angegriffen fühlte, so daß unsere Befürchtungen über seine Gesundheit sehr gemindert wurden. Auch Obermedicinalrath vr. Pfeuffer, der bald darauf zur Konsultation nach Rentweinsdorf berufen worden war, erklärte Hermanns Brust für gesund, und er konnte daher seine für den 17. Juni mit seiner Familie beabsichtigte Reise nach Buchwald unbedenklich antreten. Ich hatte ihn kurz zuvor verlassen, um zum Landrath in Bayreuth, zu dessen Mitglied ich erwählt war, zu reisen. Leichten Muthes hatte ich mich von ihm getrennt, da ich ein baldiges Wiedersehen hoffte und nun über seine Gesundheit sehr beruhigt war. — Noch beim Abschied empfahl er mir vor Allem unser Familienstatut, das ich nach meiner Rückkunft von Bayreuth nochmals gründlich durcharbeiten möchte, damit wir nach seiner Heimkehr von Schlesien wo möglich zu einer definitiven Beschlußfassung kommen könnten. — In Buchwald fühlte er sich dießmal besonders wohl und heiter und konnte 731 sich mit rechter geistiger und körperlicher Frische den dortigen Geschäften widmen. Er unternahm auch von dort noch eine Geschäftstur nach Breslau und besuchte auf seinem Rückweg unseren Neffen, Grafen von Garnier zu Turawa in Oberschlesien, wo man über seine Heiterkeit und Frische sehr erfreut war. Am 6. Juli kehrte er von dieser Tnr nach Buchwald zurück und präsidirte Tags darauf in der großen Versammlung des Bibelvereins, ohne irgend eine Ermüdung oder Anstrengung zu empfinden. Noch am 9. schrieb er mir einen ausführlichen Brief über dieß Alles und beschrieb mir die vielen dortigen Geschäfte, fügte auch bei: „Ich befinde mich Gottlob sehr Wohl und arbeitsfähig. Dabei genieße ich doch auch sehr das herrliche Erdenfleck, das uns hier zugefallen ist." — Tags darauf besuchte er mit seiner Frau mehrere Familien der Nachbarschaft und brachte den Abend heiter im Kreise seiner Familie zu. — Als am 11. früh seine Frau erwachte, fand sie ihn ruhig und sanft schlafend, ein Bild der Gesundheit und des innern Friedens. Wie aber noch ihr Auge mit wahrer Freude auf ihm ruhte, sah sie auf einmal mit Schrecken, wie sich plötzlich sein Gesicht hoch röthete, das Blut drängte mächtig nach dein Kopfe, er athmete tief und schwer, seine Arme hoben sich hoch und sanken sofort kraftlos nieder, ein Schlagflnß hatte sein Leben geendet! Im friedlichen Schlafe hatte Gott der Herr seine Seele zu sich genommen. Diese fromme, gläubige und in der innigsten Liebe mit dem Herrn verbundene Seele bedurfte der Erweckuug durch Krankheit und Todesahnung nicht mehr. Sie war zu jeder Stunde bereit, vor dein Throne des Ewigen zu erscheinen, und Gott der Herr, der mit besonderer väterlicher Liebe das Leben Hermanns zu einem reich beglückten gemacht, wollte ihn in seiner unendlichen Gnade vor allen Schmerzen und Schrecknissen, die das Scheiden von den Lieben, die Krankheit und Tod mit sich führen, bewahren. Wie Hermann uns Allen, die wir ihm nahe standen, durch's ganze Leben als der besondere Liebling Gottes erschienen war, so mußten wir auch in seinem Tode Gottes reiche und besonders gnädige Vaterliebe für ihn erkennen und im tiefsten und erschütterndsten Schmerze Ihm, dem Allgütigen, unsere Dankesopfer bringen. Ich war daheim und hatte keine Ahnung von dein, was der Morgen des II. Juli gebracht. Dem Wunsche meines Bruders zufolge, hatte ich mich seit der Rückkehr vom Landrathe ausschließend mit unserem 732 Familienstatute beschäftiget, um Heruiann, »venu er von Schlesien zurückkäme, einen feststehenden Entschluß, und, wo möglich, ein schon ausgearbeitetes Statut vorlegen zu können. Ich war darüber so ziemlich mit mir in's Reine gekommen und hatte wegen demselben am Vormittag des II. Juli eine Berathung mit unserem Familiencon- sulenten Solger gehabt. Eben hatten wir sie beendet, da trat Rentmeister Hübsch in's Zimmer mit verstörtem Gesicht. Ihm war der plötzliche Tod telegraphisch gemeldet worden, und er hatte die Mission, mir die Schreckensnachricht beizubringen. — Was ich dabei empfand, vermögen Worte nicht auszudrücken. Ich stand wie vernichtet. Eben noch durch unsere Arbeit mit innigster Freude au meines Bruders Rückkehr denkend, wo das letzte große Werk, das ihm so sehr am Herzen lag, nun hoffentlich schnell beendet werden könnte, kam mir die furchtbar erschütternde Nachricht seines Todes! Ich eilte sofort nach Buchwald zur trauernden Wittwe, zu den verwaisten Kindern, zur Leiche meines so heißgeliebten Bruders. Der Tod hatte die theuern Züge noch nicht verändert, der schönste Friede lag auf seinem Antlitz; diesen Frieden hatte ja mein Bruder hier im Leben so reich genossen, und der Tod hatte seine mit Gott und dem Heilande treu verbundene Seele sanft in's Land des ewigen Friedens geführt. Wir brachten die theuere Leiche nach Rentweinsdorf, wo sie am 15. auf dortigem Kirchhofe begraben wurde. Von nah und fern strömten seine zahlreichen Freunde herbei, und alle Bewohner der Umgegend hatten sich am Grabe versammelt, denn alle wußten, wie viel der Staat, wie viel unsere Gegend, was unsere Familie und was seine Freunde verloren hatten. — Ein reiches Leben, reich an Thaten und au Liebe hatte geendet, ein Leben, aus dem man auch nicht einen Zug streichen möchte, das ein harmonisches Ganze bildete, wie man es wohl selten bei einem Menschen findet. Aber er hatte das Tagewerk, was ihm Gott der Herr gesetzt, als treuer Haushalter erfüllt, für Staat und Kirche hatte er Bedeutendes geleistet, für die ihm von Gott angewiesenen Bewohner unserer Orte segensreich gewirkt, für unsere Familie Großes gethan. Wie er einer der bedeutendsten Männer unseres Landes war, so steht er in der Geschichte unserer Familie un- 733 bestritten als der Einflußreichste und als einer der Bedeutendsten unseres Geschlechtes da, auf den wir und unsere Nachkommen mit wahrem Stolze und mit innigster Liebe und Verehrung zurückblicken müssen. Was er mir, dem Bruder gewesen, zeigt die Geschichte seines Lebens, die ich hier in treuer Liebe entworfen habe. Mir war eine Lücke im Leben geworden, die nicht mehr auszufüllen war. Mir blieb aber als schönes Erbtheil das Streben, in seinem Geiste für das Wohl der Familie und unserer früheren Gruudholden fortzuwirken, und das innige Sehnen nach der- einstiger Widervereiniguug im Lande der ewigen Seligkeit. Von vielen Seiten erschienen meinem Bruder ehrende Nachrufe in den öffentlichen Blättern, von denen ich als passenden Schluß dieser Lebensskizze hier einen im Auszuge mittheile, den der berühmte Ge- ^eimerath und Professor Stahl in Berlin, der treue Freund Hermanns, diesem in der neuen preußischen Zeitung vom 21. Juli 1853 widmete. Derselbe spricht auf überaus schöne und treffende Weise mit kurzen Worten in vollster Wahrheit Das über Hermanus Wesen und Leben aus, was ich in vorstehender Lebensskizze ausführlicher darzustellen versucht habe. Nach einigen einleitenden Worten über Hermanns Lebensereignisse sagt er: „An Hermarin von Rotenhan verliert sein nächstes Vaterland Bayern und verliert das deutsche Vaterland einen Mann der Ehren und Tugenden und öffentlichen Charakter, wie sie zu allen Zeiten selten sind. Schon in der Stndentenwelt war er ein gefeierter Name. Die deutsche Jugend sah in ihm das Ideal deutscher Ritterlichkeit, das sie erfüllte, in vollkommener Weise verwirklicht und in jeder Beziehung verwirklicht nach seiner Erscheinung, Sitte und Lebensformen, nach der Meisterschaft in körperlichen Uebungen und vor allem nach seiner innersten Sinnesart. Jede Faser an ihm war Wahrhaftigkeit, Ehre, Mnth, Wohlwollen, edles, selbstloses Wesen, Er nahm die deutsche, vaterländische Begeisterung, die damals das Stndentenleben bewegte, nüt vollen Zügen in sein Gemüth auf, aber ohne alle Beimischung von Manierirt- heit oder von ungesetzlichen politischen Bestrebungen. Er ging 47* 734 durch jenes bewegte Leben durch, ohne ein Moment der Erhebung von sich gewiesen, ohne ein Moment der Verirrung getheilt zu haben. Jenen ritterlichen Sinn und diese Lauterkeit der Seele, die überall das Aechte herausfindet und ergreift und das Unächte abstößt, bewährte er denn auch nachher, zum Manne gereift, in seiner politischen Laufbahn als bayerischer Abgeordneter. Als 1831 die bayerische Abgeordnetenkammer unter den Nachschwingungen der Julirevolution stand, Alles voll Nachahmung der französischen liberalen Opposition war, der Geist, der im Gaibacher und Hambacher Fest sich kund gab, die ganze Athmosphäre erfüllte, da trat er mit der Verkündigung der vollen Loyalität der allgemeinen Strömung entgegen, so daß Görres sich gedrungen fühlte, an den ihm persönlich unbekannten protestantischen Edelmann eine Schrift zu richten, in der er ihn als das Muster eines deutschen Landesvertreters feierte. Dagegen 1837, als die Opposition im Geiste der Julirevolution ohnmächtig darniederlag, erhob er selbst eine energische Opposition, aber anderer Art, gegen die Regierung, nämlich eine Opposition für Ordnung im Staatshaushalte, für treue und reichlichere Verwendung der Einnahmen auf die Bedürfnisse des Landes, der Armee, Bildungsanstalten, Landstraßen u. s. w., für das Recht der Kammern auf genügende Nachweisungen zur Controle und auf Nichtanerkennung ungesetzlicher Ausgaben. Er begann damit einen Principie^nstreit gegen die Regierung, und er brachte ihn auch in der darauf folgenden Sitzungsperiode zur Lösung. Die von ihm aufgestellten Grundsätze über das Nechtsverhältniß zwischen König und Ständeversammlung für den Staatshaushalt erhielten in Forin einer authentischen Auslegung und Vereinbarung die königliche Sanction und die Zustimmung der Kammern. In den Jahren der protestantischen Beschwerden vertrat er in Verbindung mit Harleß und Thon-Dittmar das Recht seiner Kirche mit der ganzen Kraft seiner Ueberzeugung und dem ganzen Gewicht seines Ansehens in der Kammer. Auch 1848 bei dem Ausbruch der Katastrophe hatte er den Muth, den Nivellirungen, die in der Kammer beantragt 733 wurden, entgegenzutreten, wenn auch ohne Erfolg. So war er ein Führer (1.846 und 1847 auch Präsident) in der bayerischen Kammer, und ein Führer, der in völliger Unabhängigkeit von der herrschenden Macht, wie von der herrschenden Zeitströmung und Volksmeiuung, sowohl im Allgemeinen seine loyalen con- versativen Grundsätze behauptete, als in jeder Situation das Richtige und Gebotene erkannte und mit ebensoviel Ruhe und Würde als unerschütterlicher Festigkeit vertrat. Nicht so harmonisch freilich als die Aufgabe der Baierischen Kammer war die Aufgabe der Deutschen Nationalversammlung in Frankfurt zu lösen, deren Mitglied er nun wurde. Dort bildete er mit dem Herrn von Radowitz und Andern die sogenannte äußerste Rechte und stimmte für das Preußische Erbkaiserthum. Allein bei aller Begeisterung für Deutsche Reichseinheit und aller Sympathie für Preußen, die ihn ungeachtet seiner treuen Anhänglichkeit an seinen Landesherrn immer erfüllten, war er doch weit entfernt, in dem Verfassungswerk der Deutschen Nationalversammlung die reine Erfüllung seiner Wünsche und die aufgehende Herrlichkeit Deutscher Nation zu sehen; er betrachtete sie vielmehr nur als einen Rettungsanker in der Roth, da alle Stützen der Ordnung wankten. Seine Stimme war nicht die freudetrunkenen Schwindels, sondern schwerer Gedrücktheit und trüber Sorge um das Vaterland, dessen Wohl und Wehe er so lebhaft auf dem Herzen trug, und es war vielleicht der Aufenthalt in Frankfurt, der zuerst seine frühere felsenfeste Gesundheit erschütterte. So bedeutend seine politische Laufbahn war, so ist es doch sein Familienleben und seine gutsherrliche Stellung, in denen sein ganzes inneres Wesen hervortrat, in denen er sein Lebensziel sah, und seine Lebensbefriedigung fand. Sein Vorsatz war es von Anbeginn an, nicht in den Staatsdienst zu treten, für den er sich fähig machte, sondern den Beruf eines adeligen Gutsbesitzers vollkommen zu erfüllen. Das leistete er auch. Er brachte nicht blos die Güter seines Hauses durch ruhige, solide und einsichtsvolle Bewirthschaftung zu einer Ergiebigkeit, 736 die sie nie vorher besessen, sondern er war auch ein Gutsherr, wie er sein soll, durch Fürsorge für alle seiner Gutsherrschaft Angehörigen, durch Aufrechthaltung guter Sitte, durch uneigennützigen hülfreichen Gebranch seiner Stellung und seines Vermögens. Das hörte auch da nicht auf, als die Katastrophe von 1848 ihm die obrigkeitlichen Rechte, diesen Ersatz ehemaliger so viel als landesherrlicher Stellung, zu seinem Schmerze entriß. Dazu hatte er ein gastlich Haus, ohne Zwang und Formen, ohne Prunk, die Sitte würdig, wie es seinem Stand und noch mehr seiner Persönlichkeit entsprach, aber einfach, herzlich, die Begegnung leutselig, achtend gegen Vornehm oder Gering. Vollends aber war es der Familienkreis, der die Krone seines Lebens bildete: ein vollkommenes eheliches Glück und innerste Lebensgemeinschaft mit der Gattin ohne Vorbehalt, eine Schaar von Kindern, mit Ehrfurcht und innigster Liebe am Vater hängend, Bande zur zweiten Mutter, zu den Schwiegereltern, zum Bruder, zu den Schwestern und deren Nachkömmlingen, die er alle mit der höchsten Wärme und je ein jegliches mit Pietät, Zartheit, Treue und aufopfernder Dienstleistung pflegte. Der öffentlichen Wirksamkeit, zu der das Vertrauen seiner Standesgenossen und Mitbürger ihn berief, gab er sich nur aus Pflichtgefühl hin, denn bei aller Wärme für die Interessen des Vaterlandes legte er auf seine eigenen Leistungen für dasselbe niemals Gewicht, in diesem Kreise der Seinigen aber lebte seine ganze Seele. So ist denn ein Leben beschlossen, weniger an großen äußeren Erfolgen reich, aber ausgezeichnet durch seine Reinheit, durch die Beweggründe der Gewissenhaftigkeit, der Ehre der Liebe, die allein es bestimmten. Er war ein seltenes Beispiel von einem Menschen, fast ohne Leidenschaften, und doch von einer Fülle und Gluth der Liebe und der Begeisterung. Er trug aber noch ein höheres Gut in seinein Innersten, den christlichen Glauben, den er schon im Beginn der Mannesjahre ergriffen und mit der ihm eigenen Einfalt ergriffen hatte, und wenn er gleich in einer gewissen Keuschheit es 737 mehr liebte, ihn in der Ahat zu bewähren, als in Worten auszudrücken, so ermangelte er doch, wo die Aufforderung dazu war, auch nicht des Zeugnisses, wie z. B. in der Ansprache an die Geistlichen, da er als Erbe in die frommen Stiftungen der Gräsin Reden eintrat. So war über sein ganzes Wesen eine Harmonie ausgegossen, und höher noch als seine in die Augen fallenden Thaten, ist sein stilles unnachweisliches Wirken durch seinen sittlichen Eindruck auf alle Verhältnisse und auf alle Menschen, die er berührte. Sein Andenken werden Alle, die ihm nahe standen, bewahren in Schmerz und in Liebe." Iweiunddreißigstrs Aapitcl. Die Familien- und Gntsverhältnisse vom Tode Hermanns III. an bis znr Gegenwart nnd — Schluß. Ich habe im vorigen Kapitel erzählt, daß ich zu Anfang des Jahres 1858 den Staatsdienst verlassen, und im Frühjahre desselben Jahres nach Eyrichshof gezogen war, wo ich mich sofort nnt meinem Bruder Hermann in die Gutsverwaltungsgeschäfte getheilt hatte. Diese nun getheilte Verwaltung dauerte aber, wie wir sahen, nicht lange, denn wenige Monate nachher wurde Hermann in ein besseres Jenseits abgerufen. Nun fiel seine Gutshälfte an seine vier Söhne, von denen aber nur die beiden ältesten großjährig waren; Gottfried und Hermann, sowie die beiden jüngsten Töchter meines Bruders waren noch minderjährig, und nach dem Testamente des Vaters wurde ich und die Mutter den Kindern zu Vormündern bestellt, und meine erste Sorge war, den Nachlaß meines Bruders zu ordnen. Zugleich übernahm ich nun die alleinige Direction unserer Gutsverwaltuugsgeschäfte. Die im Jahre 1833 zwischen uns beiden Brüdern für unsere Lebenszeit gemachte Theilung eines Theils der Güter, von der ich im vorigen Kapitel ausführlich gesprochen habe, wurde vorerst zwischen mir nnd meinen Neffen beibehalten, so daß Letztere das Güterloos Rentweinsdorf behielten, wo 739 denn auch ihre Mutter wohnen blieb, und den gemeinschaftlichen Haushalt für ihre Kinder fortsetzte; ich behielt, wie zeither, das Güterloos Eyrichshof. Die zum Güterloos Rentweinsdorf gehörigen vier Oeco- nomiegüter und sonstigen Gutsobjccte wurden von dein ältesten der vier Brüder, Georg, für seine und seiner Brüder Rechnung in eigener Administration fortverwaltet, wobei ich ihn, da er wegen seines Domicils in Neuenhof nur zeitweise anwesend sein konnte, so viel als nöthig unterstützte. Da ich mit den hauptsächlichsten Geschäften unserer Güterverwaltung längst vertraut war, und da mein Bruder solche in eine musterhafte Ordnung gebracht hatte, war es mir natürlich nicht schwer, solche nun allein zu übernehmen, besonders auch, da mein langjähriger Staatsdienst im Verwaltungsfach mich mit dem Geschäftsleben vertraut gemacht hatte. Nur bezüglich der Forstverwaltung, für die ich mir erst spezielle Kenntnisse verschaffen mußte, hielt ich es bei der Bedeutendheit unserer Waldungen für rathsam, neben meiner Leitung und Direction eine ständige Jnspection durch einen tüchtigen höheren Forstmann für so sänge aufzustellen, bis ich mich in diesen Zweig der Gutsverwaltung genügend eingearbeitet haben würde. Diese Jnspection wurde einem benachbarten königlichen Forstmeister übertragen, der jedes Jahr die Waldungen zu begehen und gemeinschaftlich mit mir die erforderlichen Schlag- und Culturanordnungen zu geben habe. Ich werde später darauf noch zurückkommen, und bemerke hier nur, daß diese Jnspection im Herbste 1864, als von da an nicht mehr nöthig, wieder aufgehoben wurde. Die mir nun obliegende Direction unserer gemeinschaftlichen Güter, und die Führung der ans ihr hervorgehenden Geschäfte war im Vergleich mit der Geschäftslast, die meinem Bruder bei Uebernahme der Güterverwaltung nach des Vaters Tode oblag, eine sehr verminderte geworden. Damals — vor 32 Jahren — waren wir noch Gutsherrn, und die Geschäfte mit den Grundholden waren wohl eigentlich bedeutender als die der Verwaltung des Grundbesitzes selbst. Auch war in der Verwaltungsperiode Hermanns ein vollständiges Ordnen unserer früher so sehr gestörten Finanzen eingetreten, und gleichzeitig ein Ordnen fast aller Rechts- und Verwaltungsgeschäste der Güter, und 740 von den vielen größeren Geschäften, deren Erledigung sich Hermann als Lebensaufgabe gesetzt hatte, waren mit Ausnahme des öfters schon besprochenen Familienstatuts und einiger weniger in letzter Zeit erst hervorgetretenen allgemeinen Geschäfte, alle von ihm erlediget worden, und unsere Guts- und Verwaltungsgeschäfte waren bei seinein Tode in einer so exemplarisch guten Ordnung, wie dies gewiß nur selten bei größeren Gütern gefunden wird. Daneben waren theils durch seine Sorgfalt, theils aber auch durch die für den Grundbesitz veränderten besseren Zeiten die Erträgnisse der Güter gegen früher sehr gehoben worden, und während mein Vater, trotz des größten Eifers, den er der Gutsverwaltung widmete, und trotz seiner dabei angewandteil hohen Intelligenz fast nie aus der Finanznoth und Verlegenheit kommen konnte, hatten wir beide Brüder uns schon seit einer Reihe von Jahren einer so erhöhten Einnahme zu erfreuen, daß uns eigentliche finanzielle Sorgen ferne standen. Die große Schuldenlast, welche beim Tode meines Vaters mit Hinzurechnung der durch sein Testament nöthigen Zahlungen 184,640 fl. betragen hatte, worunter die Christan Erust'schen Stiftungen nicht begriffen sind, da sie nicht als eigentliche Schulden, sondern als auf deu Gütern ruhende Lasten zu betrachten sind, waren auf 62,487 fl. herabgesunken, und bestanden — mit Ausnahme des Nestes des durch Annuitäten heimzahlbaren früheren Hirsch'schen Passivkapitals — sämmtlichst aus kleineren Kapitalien, die wir aus Gefälligkeit für Verwandte übernommen hatten, und aus dieser Rücksicht bei unserer Kasse stehen ließen. Daneben hatten wir, außer den an die Stelle der Dominicalien gekommenen Ablösungskapitalien, von denen bisher nur ein Theil zu Güterankänfen verweudet worden war, beim Tode Hermanns 76,358 fl. allodiale Activcapitalien angesammelt, und unseren Grundbesitz seit des Vaters Tode um 327 bayer. Tagwerke, oder circa 523 fränkische Morgen vergrößert (wozu natürlich die von Ablösungscapitalien erkauften Lahmer Wiesen und der Altensteiner Forst nicht mitgerechnet sind.) Gleichzeitig hatten wir auch mit dein benannten Grunderwerb zwei auf unseren Waldungen ruhende Forst- oder Holzrechte im jährlichen Gesammtbetrag von 12°/,- Klafter Holz und 11 Schock Reisig abgelöst. 741 Trotz der finanziellen Verluste, die uns das Jahr 1848 gebracht, war demnach unser Familienvermögen um ein Beträchtliches vermehrt worden. Als ich nach Uebernahme der alleinigen Gutsdirection das durch den Tod meines Bruders Nöthige geordnet hatte, erschien mir nun als das Wichtigste für unsere Familie die endliche definitive Bearbeitung unseres lange projectirten Familienstatutes, und dies um so mehr, als die Nachtheile, die aus dem Coudominatsverhältnisse hervorgehen, jetzt bei der größeren Zahl der Bezugs- und Verwaltungsberechtigten nothwendigerweise größer werden mußten, und bei meinem dereinstigen Tode, wo auch meine Güterhälfte an meine vier Söhne fallen wird, noch vermehrt werden würden. Ueber die dem Familienstatut zu Grunde zu legenden Principien war ich, wie ich schon im vorigen Kapitel anführte, bereits kurz vor dem Tode meines Bruders mit mir einig geworden, es bedurfte daher nur der Ausarbeitung des Statutes selbst, und zu solcher schritt ich sofort, und war so glücklich, es schon wenige Monate nachher meinen Neffen vollendet vorlegen zu können. Es war in der Form eines zwischen mir einerseits, und meinen vier Neffen andererseits abgeschlossenen, uns und unsere Nachkommen bindenden Vertrages abgefaßt, und wurde, nachdem ich es vorerst sachkundigen Freunden zur gutachtlichen Aeußerung gegeben, und nachdem es sodann von uns Paciscenten und beziehungsweise von dem für meine beiden damals noch minderjährigen Neffen Gottfried und Hermann zu diesem Akte als Curator aufgestellten Freiherrn Max von Truchseß zu Bundorf, reiflich und gründlich geprüft worden war, am 27. November 1858 im Schlöffe Eyrichshof in Gegenwart unseres Vetters Grafen Max von Rottenhan von Merzbach und unserer Beamten von uns zur Bestätigung unterzeichnet und untersiegelt. Meine beiden ältesten, damals schon großjährigen Söhne Hermann und Sigmund, sowie der für meine noch minderjährigen Söhne Wolfram und Ludwig aufgestellte Curator Freiherr Karl von Dobeneck zu Bayreuth, und endlich der für meines Neffen Georg zu Neuenhof minderjährigen Sohn Hermann aufgestellte Curator Walter von Eichel in Eisenach unterzeichneten es zur gleichfallsigen Anerkennung nachträglich, und zu der gegebenen Erklärung 742 der drei genannten Curatoren wurde sodann die obervormundschaftliche Genehmigung des königl. Bezirksgerichts Schweinfurt und beziehungsweise des grvßherzoglich sächsischen Justizamtes Eisenach erholt, worauf das königliche Appellationsgericht von Unterfranken und Aschaffenburg, als Fideicommißgericht, nach vorausgegangener Zustimmungserklärung unseres Betters Grafen Max von Rottenhan zn Merzbach als aufgestellten Fideicommißvertreter, das Statut unterm 23. August 1859 gerichtlich bestätigte, und als integrirendeu Theil unseres Familien- fideicommisses in die Fideicommißmatrikel des Reichs eintrug. Dieses nun in aller Form Rechtens vollzogene und unserem Fideikommiß einverleibte Familiengesetz, oder wie ich es benannte, „Fa- milienverwaltungsstatut", welches zu den wichtigsten Urkunden unserer Familie zählt, und wonach von nun an die Verwaltung und Nutznießung unserer gemeinschaftlichen Güter geregelt ist, bestimmt 1. eine neue Linien- und Gütertheilung, und ist 2. bezüglich der Verwaltung der Güter, sowie der Direction und Repräsentation der Familie, soweit es bei dem Condominatsverhältnisse möglich war, auf das Princip einheitlicher Verwaltung bafirt, was für eine geregelte Güterverwaltung, wie für die Erhaltung des Friedens einer Familie, und selbst für deren Glanz und Ansehen heutzutage unbestritten das Beste ist. In Bezug auf die ueue Linientheilung wurde dariunen ausgesprochen, daß nun unsere Familie (ältere Linie), also die jetzt noch blühende Georg'sche Linie, fortan in zwei Unterlinien zerfalle, nämlich a) in die Rentweinsdorfer, gestiftet von meinem verstorbenen Bruder Hermann III., und b) in die Eyrichshöfer, gestiftet von mir. Hier erhielten also die neugebildeten Linien, abweichend von der früheren in unserer Familie bestandenen Observanz, die Benennung des jeder Linie zum Hauptsitz cingeräumteu Schlosses, während die früher bestandeneu Linien meist nach ihren Stiftern genannt wurden; es ist aber Wünschenswerther, daß wir fortan auch diese beiden umgebildeten Linien, wie es früher Observanz in der Familie war, nach 743 ihren Stiftern die Hermann'sche und die Julius'sche nennen, da die Benennung nach den Gütern nur zu leicht das Gefühl exclusiverer Anhänglichkeit an eines der Güter erzeugt, was bei einer Familie, die alle Güter gemeinschaftlich besitzt, und wo nur bezüglich der Nevenüen und Verwaltung Einiges getheilt wurde, mit aller Kraft zu verhindern gesucht werden muß. Die unter beiden Linien stattgefuudene Gütertheilung, die, wie es in unserer Familie stets rechtliche Observanz war, auch nur wieder eine Verwaltungs- und Nutznießungs-, aber keine Eigenthnms- th eilung war, — betraf übrigens nur einen Theil unserer Güter, und beziehungsweise unseres Familienvermögens überhaupt; es wurden nur die beiden Schlösser Rentweinsdorf und Eyrichshof mit ihren noth- wendigsten Pertinenzien und Gürten, sowie die acht Oeconomiegüter Rentweinsdorf, Sendelbach, Hebendorf, Eichelberg, Eyrichshof (mit einzelnen Grundstücken in benachbarten Flurmarknngen), Fischbach, Kurzewind und Vordach, dann unsere Lahmer Wiesen, und endlich die Teiche und Flußfischereien unter beide Linien der Nutznießung und Verwaltung nach getheilt, und zwar erhielt a) die Hermaun'sche (Rentweinsdorfer) Linie das Schloß Rentweinsdorf uiit Pertinenzien und Gärten, dann die Oekonomie- güter Rentweinsdorf, Sendelbach, Hebendorf und Eichelberg — die Hälfte der Lahmer Wiesen und die bei Rentweinsdorf und den zugetheilten Gütern gelegenen Teiche sammt der betreffenden Flußfischerei; b) die Julius'sche (Eyrichshöfer) Linie das Schloß Eyrichshof mit Pertinenzien und Gärten, dann die Oekonomiegüter Eyrichshof tmit den einzelnen Grundstücken in den benachbarten Orten) Fischbach, Kurzewind und Vorbach — die andere Hälfte der Lahmer Wiesen und die Teiche bei Eyrichshof und Fischbach nebst der betreffenden Flußfischerei. Man sieht, daß diese Gütertheilung der zwischen meinem Bruder und mir im Jahre 1833 geschehenen fast gleich war, indem nur noch das Lahmer Wiesengut, welches wir seitdem acquirirt hatten, mit in die Theilung gezogen wurde. Das Oekonomiegut Ebelsbach blieb auch diesesmal von der Theilung ausgeschlossen, theils weil ein jeder Theil, 744 dem es zugetheilt worden wäre, dadurch dem anderen gegenüber zu groß geworden wäre, theils um der Gemeinschaft noch ein Gut, und noch dazu eines mit Schloß zu erhalten, was außer den Linienchefs von einem der anderen Familienglieder, das etwa auf den Gütern leben wollte, bewohnt und durch Pachtung von der Gemeinschaft benützt werden könnte. — Von der Theilung blieb ferner, wie 1833, ausgeschlossen unser Waldbezirk, unsere Weinberge und unser Capital- vermögen. Der Zweck fraglicher Gütertheilung war derselbe wie 1833, damit nämlich einerseits jede Linie ihren bestimmten Wohnsitz habe und damit der betreffende Linienchef die Oekonomiegüter allein bewirthschaften könne, was anerkannt für den landwirthschaftlichen Betrieb vortheil- hafter, als gemeinschaftliche Verwaltung ist. — Die Forsten dagegen blieben ungetheilt, weil es wiederum anerkannt ist, daß, je größer die Waldungen sind, um so besser ihre Verwaltung geführt werden kann. Die Weinberge zu theilen wäre unpraktisch gewesen, da ihre Theilung die Verwaltungskosten vermehrt haben würde. Endlich blieben auch die Capitalien ungetheilt, um sie dadurch der Familie besser zu erhalten, da deren Theilung nur dann der einzelnen Linie, resp. deren Chef, genützt hätte, wenn ihm freie Disposition darüber zugestanden worden wäre, was aber dieselben der Gefahr der Vergeudung ausgesetzt haben würde. In allem Diesem schuf das Statut eigentlich nichts wesentlich Neues im Vergleich mit dem Vertrag von 1833. — Neu und von wesentlicher Wichtigkeit sind aber die folgenden Bestimmungeil des Statuts. Es wurde nämlich, wie schon oben gesagt, so weit es bei dem fortbestehenden Condominatsverhältnisse möglich war, das Prinzip der einheitlichen Verwaltung, welches vor dem aus dem Condominatsverhältnisse hervorgehenden Priuzipe, daß alle Bezugsberechtigte an der Verwaltung teilzunehmen berechtigt sind, durchaus den Vorzug hat, in Vollzug gesetzt, und darum in jeder der beiden neu gebildeten Linien ein Linienchef aufgestellt, der die Linie zu repräsentiren habe und deshalb die alleinige Verwaltung und Benützung der der Linie zugetheilten Gutsobjecte haben solle, und zwar solle, um durch die häusig wiederkehrende Wahl des Linienchefs nicht stete Ausregung und 745 wohl selbst häufige Erbitterung zu erzeugen und um nicht die Kinder eines verstorbenen Familienchefs bei der Neuwahl aus dem Vaterhause zu verdrängen, die Würde des Linienchefs, gleich einem Majorate in der speziellen Familie des ersten Linienchefs, eine erbliche sein, weshalb für jede Linie ein Verwaltungs - Majorat gebildet wurde und demnach der Linieuchef Verwaltungsmajoratsherr wurde. — In der Hermann'schen Linie mußte unter den, nach dem rechtlichen Verhältnisse des Condominats gleichberechtigten vier Brüdern für die erstmalige Bestimmung des Verwaltungsmajoratsherrn eine Wahl festgesetzt werden, in der Julius'schen Linie wurde ich der erste Verwaltungsmajoratsherr, jedoch mit dem Rechte, unter meinen Söhnen meinen ersten Nachfolger im Verwaltungsmajorate zu bestimmen, worauf sodann bei dieseni wie bei dem für Rentweinsdorf erstmalig Gewählten Erblichkeit nach dem Rechte der Erstgeburt einzutreten habe. Damit nun der jeweilige Verwaltnngsmajoratsherr beider Linien auf den Gütern zu leben vermöge, was bei großer Vermehrung der bezugsberechtigten männlichen Familienglieder, also bei großer Reve- nüentheilnng precär werden könnte, wurde festgesetzt, daß die seiner Linie ausschließend zugetheilten Oekonomiegüter und sonstigen Grundbesitzungen ihm nicht nur zur alleinigen Verwaltung, sondern auch zur alleinigen Nutznießung überlassen würden, woneben er gleich jedem anderen bezugsberechtigten Familiengliede seinen Antheil an den Re- venüen des gemeinschaftlich gebliebenen Vermögens behalte. Um aber wiederum von dem Condominatsprinzip, was fortbestehen blieb, nicht gänzlich abzuweichen, erhielt der Verwaltnngsmajoratsherr jene Güter und Objecte von der Gemeinschaft nur gleichsam in Erbpacht, d. h. gegen Bezahlung einer jährlichen Grundrente an die gemeinschaftliche Kasse, welche Grundrente (Pachtgeld) aber gering gestellt wurde, damit dem Majoratsherrn aus den Reuten der vertheilten Güter ein genügend großer Ueberschuß bleibe, um von solchem, unter Hinzurechnung der Rente aus der gemeinschaftlichen Kasse zum Leben auf den Gütern genügendes Einkommen zu haben. Durch diese Einrichtung sollte denn hauptsächlich bezweckt werden, daß auch bei großer Vermehrung und Ausbreitung der Familie doch wenigstens immer zwei Familienglieder — in jeder unserer Linien 746 eines — auf den Gütern leben könnten und voraussichtlich auch leben würden, und daß eine einheitliche Verwaltung der Oekonomiegüter, wodurch die Zwietracht vermieden und der Ertrag der Güter gefördert wird, geschaffen werde. Jedem der beiden Verwaltungsmajoratsherrn wurde zugleich das primitive Vorschlagsrecht zur Besetzung der Pfarrei und der Schulen seines Wohnortes eingeräumt. Dieser primitive Vorschlag geht an den Chef der Gesammtfamilie (Obmann), der nach erHolter Zustimmung des Familienraths den Vorgeschlagenen zu Präsentiren hat. — Das primitive Vorschlagsrecht zur Pfarrei und Schule in Altenstein wurde dem Obmann übertragen. — Die Präsentation auf die unserer Familie zustehenden katholischen Beneficien zu Ebern und Bamberg verblieb, wie hergebracht, dem jeweiligen Senior der Familie, dem auch der alleinige Genuß des Erbunterkämmeperamts- oder Senioratsvermögens nach wie vor allein zusteht. Aber auch für das gemeinschaftlich verbliebene Vermögen wurde das Princip einheitlicher Verwaltung als das jetzt anerkannt beste angewendet. Einer der beiden zukünftigen Verwaltungsmajoratsherrn solle stets der alleinige Dirigent des gemeinschaftlich gebliebenen Familienvermögens und aller gemeinschaftlichen Familiengeschäfte und Angelegenheiten sein und die Familie — also beide neugebildeten Linien — nach Außen vertreten, ja selbst nach Junen ein Controlamt über die einzelnen Familienglieder führen. Dieser gemeinschaftliche Dirigent erhielt die Benennung „Familienobmann", und dem Familienrathe, d. h. der Gesammtheit der bezugsberechtigten männlichen Familienglieder, dessen Vorsitzender der Obmann ist, wurde das Recht übertragen, falls sich beide Verwaltungsmajoratsherrn in der Bestimmung des Obmanns nicht einigten, unter Beiden die Auswahl zu treffen. — Das Verwaltungsstatut setzt genau fest, in welchen Verwaltungszweigen der Obmann allein zu verfügen habe und in welchen er an die Zustimmung des Familienraths gebunden sei; Letzteres war wiederum eine nothwendige Folge des fortbestehenden Condominatsverhältnisses, da den übrigen bezugsberechtigten Familiengliedern in den wichtigeren Angelegenheiten das Recht der Mitentscheidung nicht entzogen werden konnte. 747 Neben diesen hier nur kurz berührten Bestimmungen enthält das Verwaltungsstatut alle hierauf bezüglichen Detailanordnungen und insbesondere genaue Bestimmungen über den Familienrath, dessen Compe- tenz, dessen Abstimmungsart und dessen jährlichen Zusammentritt am Sitze des Obmannes, womit zugleich eine Vereinigung der Gesammt- familie zu stets festerem Band unter ihren Gliedern bezweckt wird. Dieses neue Familienstatnt sollte nach Ablauf des Rechnungsjahres, in welchem der jüngste der vier Söhne meines verstorbenen Bruders die Großjährigkeit erlangt haben werde, also zu Petri s22. Februar) l863 in's Leben treten, indem erst nach erlangter Großjährigkeit aller dieser vier Brüder die von ihnen vorzunehmende Wahl des ersten Verwaltungsmajoratsherrn für Nentweinsdorf geschehen konnte. Einstweilen und bis zum Jahre 18L3 verblieb die bisherige, seit dem Tode meines Bruders stillschweigend belassene Theilung einzelner Güterob- jecte fortbestehen. Den Familiengliedern jetzt und in Zukunft muß ich das genauere Studium dieses für unser Familie fortan überaus wichtigen Statuts dringend an's Herz legen, hoffe aber zu Gott, daß durch dasselbe der in unserer Faniilie stets bestandene schöne Familienfriede, von dem Glück und Gedeihen der Familie abhängt, erhalten, und daß dadurch zugleich der Familienwohlstand stets gefördert werde. Mit dem Familiengesetze, was schon, wie wir sahen, mein Vater so lebhaft erstrebt und für das er viele und gründliche Vorarbeiten gemacht, und das wir beide Brüder in den 32 Jahren seit des Vaters Tode stets als eine unserer Hauptaufgaben betrachtet hatten, war nun so zu sagen der Schlußstein zu allen den ordnenden Geschäften gelegt, die mein Bruder in seinem segensreichen Eifer für das Wohl der Familie ausgeführt hatte, und es war mir ein beglückendes Gefühl, seinem thatenreichen Wirken diesen von ihm so lebhaft erstrebten Schlußstein sofort nach seinem Tode beigefügt zu haben. Ob ich ihn so geformt habe, wie es mein Bruder zum Segen der Familie nöthig gefunden Hütte, vermag ich allerdings mit Bestimmtheit nicht zu sagen, denn obgleich er sich so viel damit beschäftiget, war er doch bis zum Ende seines Lebens nie mit sich hierüber in's Reine gekommen. Das Prinzip der einheitlichen Verwaltung erschien zwar auch ihm stets als 46 748 das allein richtige, aber wie dieß festzustellen sei, um einerseits den aus dem Condominatsverhältnisse hervorgehenden Berechtigungen nicht zu nahe zu treten und um doch andererseits die Nachtheile des Con- dominats möglichst zu beseitigen, darüber war er noch nicht in sich zur Entscheidung gekommen. Die von mir in dieser Beziehung gefaßte Idee, die ich nun dem Statute zu Grunde legte, war eine neue, erst nach Hermanns Abreise nach Schlesien von mir gefaßte, die ich ihm daher nicht mehr mittheilen konnte. Ich glaube indessen, daß er sie gutgeheißen haben würde, denn auch er war nun bereits zu der Ueber- zeugnng gekommen, daß es uns unmöglich sei, eine Einrichtung zu schaffen, die ohne alle Bedenken und Mängel sei, und daß wir uns damit begnügen müßten, etwas zu geben, was unter dem Mangelhaften menschlicher Weisheit, unserer Ueberzeugnng nach, das wenigst Mangelhafte sei, und unter allen von uns im Laufe der langen Zeit gehabten Ideen und Plänen würde er, wie ich seine Ansichten kenne, diese meine neue Idee gewiß als die wenigst mangelhafte erkannt haben. Daß sie ihre Mängel habe, sehe ich selbst ein und erkenne insbesondere, daß das Statut nur dann segensreich wirken könne, wenn unter den Gliedern der Familie ein edler, opferwilliger Sinn besteht, der das Familienwohl dem eigenen Vortheil voranstellt und darum zum Besten der Familie gerne einzelnen nach dem Condominatsverhältnisse Gleichberechtigten größere Annehmlichkeiten und selbst pecuniäre Vortheile gestattet. Hätte ich aber die Durchführung meiner neuen Idee blos um deshalb unterlassen, weil in Zukunft der traurige Fall eintreten könnte, daß einmal bei einem Familiengliede der für die segensreiche Durchführung des Statuts nöthige edle Sinn mangeln könnte, so würde ich zu der Ueberzeugnng haben kommen müssen, daß eben überhaupt nichts Durchführbares zu schaffen sei, und würde mich zugleich in solch pessimistischer Befürchtung an unseren Nachkommen versündigt haben, denn gleichwie unsere ganze Familiengeschichte uns bei unseren Vorfahren einen so edlen, jedem egoistischen Gefühle fremden Familiensinn zeigt, so dürfen wir ja unter Gottes gnädigem Beistande hoffen, daß dieß auch in Zukunft so bleibe, und daß unsere Nachkommen ihren edlen Ahnen an Edelmuth und ächtem opferfähigen Familiensinn nicht nachstehen werden. — Hierzu beizutragen, erschien es mir nun, wo das neue Familiengefetz gegeben war, als besonders wirksam und 749 fördernd, unserer lebenden Generation wie den Nachkommen die edlen Gestalten unserer Vorfahren wahrheitsgetreu vor Augen zu stellen, gleichsam als einen Spiegel, der ihnen leuchtende, glänzende Bilder der Nacheiferung geben sollte, wonach es schwer anzunehmen sei, daß ein Rotenhan, der sich als ein Glied einer so edelgeformten Kette betrachte, so ans der Art schlage, daß man ihn aus dieser Kette entfernt wissen möchte. — Dieß gab nur hauptsächlich Veranlassung, meinen schon lange gehegten Wunsch, unsere Familiengeschichte zu verfassen, nun zur Ausführung zu bringen. Sie sollte für die Familie nicht blos den Werth eines historischen Werkes und der Zusammenstellung der Rechtsverhältnisse der Familie haben, sondern vor Allem ein wirksames Mittel sein, daß der zur segensreichen Durchführung des neuen Familiengesetzes nöthige edle Sinn unter unfern Familiengliedern erhalten und gefördert werde. — So machte ich mich denn sofort an dieses mir zwar höchst erfreuliche, aber auch höchst schwierige Werk, das bei der Dürftigkeit unseres Archivs, namentlich in der älteren Zeit, eine sehr schwere und zeitraubende Arbeit war und vor Allem umfassende, mehrere Jahre in Anspruch nehmende Vorarbeiten erforderte, so daß ich erst in den letzten Jahren zur Ausarbeitung selbst schreiten konnte. Schon bald nach der Abfassung und Vollendung des wichtigen Familienverwaltungsstatuts trat in unserer Familie der schon oben am Schluß des 27. Kapitels angeführte überaus schmerzliche Todesfall meiner trefflichen zweiten Mutter ein, die am 27. Mai 18S9 zu Rent- weinsdorf starb — in Jahresfrist ein zweiter unersetzlicher Verlust — durch den unsere Gesammtfamilie ihren schönsten Mittelpunkt verlor. Doch ich gehe nun wieder zu dem, was in den Gutsgeschäften seit Hermanns Tode ferner geschah. — Noch bei Lebzeiten meines Bruders hatten Verhandlungen unserer Familie mit dem Pfarramt Rentweinsdorf und gleichzeitig mit der dortigen und der Salmsdorfer Kirchenverwaltung wegen Ablösung unserer augeblichen subsidiären Baupflicht au dem Pfarrhause zu Rentweinsdorf, dann an den Kirchen zu Rentweinsdorf und Salmsdorf begonnen. Wir waren zwar Beide der Ansicht, daß diese subsidiäre Baupflicht nicht unserer Familie, sondern der Pfarrgemeinde zustehe, allein wir erkannten auch, daß eine Weigerung 43» 750 von unserer Seite resp. eine Nichtanerkennung dieser subsidiären Baupflicht zu Prozeß und zu großer erbitterter Aufregung in der Gemeinde führen würde, und wir erklärten uns daher zur vergleichsweisen Ablösung bereit. Diese Verhandlungen führte ich am 14. März 1860 in der Art zu Ende, daß von uns als Ablösungskapital der subsidiären Baupflicht a) an den Pfarrgebänden zu Nentweinsdorf dem Pfarramte 400 fl. b) an der dortigen Pfarrkirche der Kirchenverwaltung . . 600 fl. und e) an der Filialkirche zu Salmsdorf der Kircheuverwaltung dortselbst 132 fl. gezahlt wurden, so daß uns jetzt auch die subsidiäre Baupflicht an diesen Cultusgebäuden nicht obliegt, sondern diese den betreffenden Cultusgemeinden zusteht und wir also nur den uns als Glied dieser Gemeinden treffenden Antheil bei jedem Bau in Zukunft zu tragen haben. Die Ausfertigung des desfallsigen Vertrags stieß noch auf einige Schwierigkeiten und erfolgte erst am 14. Oktober 1864. Ein weiteres wichtiges Geschäft, welches im Jahre 1860 bereinigt wurde, war die Revision unseres im Jahre 1839 vom Forstrathe König entworfenen Forstwirthschaftsplanes. — Ich habe schon oben in der Lebensgeschichte meines Bruders augeführt, daß Forstrath König sich bei der Beurtheilung und Abschätzung unserer Waldungen vielfach geirrt habe, indem er deren Boden zu ungünstig beurlheilt, darum den jährlichen Zuwachs zu gering angenommen und namentlich die Laub- waldculturen, für die er unseren Boden nicht mehr für passend hielt, ganz untersagt hatte, ja selbst bei den Nadelholzkulturen fast durchgehend die Kiefer und Lärche und nur selten die Fichte angewendet wissen wollte. In beiderlei Beziehung hatte sich die sonst vortreffliche Arbeit Königs schon längst als irrig erwiesen. Die nach seinem Wirth- schaftsplane jährlich zu schlagende Fläche konnte fast in keinem Jahre ganz geschlagen werden, da sonst die von ihm für jedes Jahr bestimmte Quantität an Holz, nämlich 20,000 Cubikfuß an Holländerholz und 180,000 Cubikfuß an übrigem Holz, 200,000 Cubikfuß in Summa, zu sehr überschritten worden wäre, 751 und obgleich fast jedes Jahr mehr als die angegebene Masse geschlagen wurde, so waren doch nach einer von mir für die ersten 20 Jahre des Königs'schen Wirthschaftsbetriebes gefertigteil umfassenden Zusammenstellung in dieser Zeit über 258'/s Tagwerk Waldfläche, die in diesen 20 Jahren hätte geschlagen werden sollen, eingespart worden, obgleich in dieser Periode 251,250 C' mehr Holz geschlagen worden war, als nach dem Wirthschaftsplan angeordnet worden war. Diese allerdings sehr erfreuliche Wahrnehmung war, wie gesagt, Folge zu geringer Abschätzung der in unseren Waldungen vorhandenen Holzmasse und zu geringer Annahme des jährlichen Zuwachses. — Ebenso hatte es sich auch bereits als sehr vortheilhaft gezeigt, abweichend vom Wirthschafts- plane, in vielen Walddistrikten statt der angeordneten Kiefern- und Lärchenculturen die Fichte, und selbst Laubholz anzubauen. — Diese Erfahrungen brachten mich zu der Ueberzengnng, daß der König'sche Wirthschaftsplan einer gründlichen Revision, ja einer völligen Umarbeitung bedürfe, und ich übertrug solches dem mit der Jnspection unserer Waldungen betrauten königl. Forstmeister Beer von Eichelsdorf, der diese Arbeit im Mai 1860 in sehr gründlicher Weise vollendete, und da damit eine mehrfache Aenderung der Unterabtheilungen des Waldes nöthig wurde, auch neue Waldkarten dazu anfertigen ließ. — Bei dieser Gelegenheit wurden auch viele Waldparzellen, die früher zum Oekonomiegut Eichelberg gehörten und schon unter meinem Bruder unserer Forstverwaltung übergeben worden waren, auf die neuen Forstkarten und in den neuen Wirthschaftsplan mit aufgenommen. — Andere Waldparzellen, die bisher zu den Oekonomiegütern Eyrichshof, Fischbach, Kurzewind und Vorbach gehörten und die ich nun seitdem auch der Forstverwaltung unterstellt und darum von den Oekonomiegütern getrennt und unserem gemeinschaftlichen Waldbezirk zugetheilt habe, müssen in die Karten und in den Wirthschaftsplan noch nachträglich aufgenommen werden. — Eine wichtige Abweichung des neuen Wirth- schaftsplanes vom König'schen besteht darin, daß jetzt größere Flächen zu Laubholzculturen bestimmt sind und daß bei den Nadelholzculturen die Fichte mehr, als früher bestimmt war, angepflanzt werden soll, was, wie ich schon oben anführte, bereits in den ersten 20 Jahren des König'schen Wirthschaftsplanes als vortheilhaft anerkannt und darum angewendet worden war. Da nun aber für die in Laubholz umzuwandelnden Flächen ein viel längerer (ein >20 jähriger) Umtrieb festgesetzt wurde und auch die Fichtenbestände einen längeren Umtrieb als die Kiefernbestände haben, so mußte das jährlich zu schlagende Holzquantum von 200,000 C' auf 176,000 C' herabgesetzt werden, was denn auch seitdem von mir eingehalten wurde, übrigens bei den unterdessen gestiegenen Holzpreisen keinen Ausfall in der Einnahme gab. Das Jahr 1860 war für unseren Güterbesitz auch in anderer Beziehung wichtig. Ich kaufte in diesem Jahre, und zwar unter'm 21. April resp. 15. Juni für unsere Gemeinschaft vom Juliusspital zu Würzburg die zwei in unserer Nähe gelegenen Oekonomiegüter Großsaarhof und Wüstenbirkach, wovon ersteres 212, letzteres 150 bayer. Tagwerk groß ist. Es war dieß ein sehr vortheilhafter Kauf, da für beide Güter zusammen nur 34,000 fl. gezahlt wurden, und wenn auch durch Verluste und Abfindung des einen der mit übernommenen Pächter hierzu noch etwas über 1000 fl. zugerechnet werden muß, so ist doch auch die Summe von 35,000 fl. für eine Fläche von über 362 Tagwerke ein nur geringer Preis. Der Kaufschilling wurde aus unseren zum Fideicommiß gehörigen Ablösungspapieren genommen und beide Güter daher sofort dem Fideicommiß einverleibt. Später wurde das Gut Großsaarhof noch dadurch vergrößert, daß in Pfaffendorfer Flur- markung eine Wiese — Baderswiese, 1,697 Tagwerk groß — dazu gekauft und mehrere zum Güterloose Eyrichshof gehörigen, in der Nähe Saarhofs gelegenen Wiesen diesem Gute einverleibt wurden. Diese beiden Güter blieben die ersten Jahre verpachtet, da wir beim Kaufe die Pächter mit übernehmen niußten. Auch noch außerdem war ich bestrebt, unseren gemeinschaftlichen Güterbesitz zu vermehren, indem ich überhaupt seit dein Tode meines Bruders außer jenen beiden Gütern im Ganzen etwas über 53 Tagwerk Feld und Wiesen für 20,921 fl. 46 kr. incl. der Kosten und Bodenzinsablösung kaufte, worunter sich das Bauerngut des Jakob Thein in Fischbach von 30 V- Tagwerk befindet, wofür an Kanfschilling, Kosten und Ablösung 10,565 fl. 25 V» kr. gezahlt wurde. Dieses Gut wurde dem Oekonomiegut Fischbach einverleibt, das Uebrige waren meist Grundstücke, die zum Oekonomiegut Rentweinsdorf geschlagen wurden, daneben noch drei Wiesen, wovon die eine, wie schon oben 733 bemerkt, dem Gute Großsaarhof, eine zweite unserem Weingut in Ziegelanger und die dritte, die in der Flur Busendorf gelegene Stahlwiese, unserem Wiesengut Lahm einverleibt ward. — Die einzelnen Kaufschillinge in der obigen Gesammtsumme von 20,92l fl. 46 kr., von der jedoch wegen Wiederverkauf einzelner kleinerer Objecte 975 fl. abzurechnen sind, wurden neben Verwendung einiger Allodialkapitalien hauptsächlich aus den laufenden Revenuen bezahlt, woneben es mir doch noch möglich wurde, trotz unserer jetzt vermehrten Ausgaben, in jedem Jahre unser gemeinschaftliches Vermögen durch Schuldenabzahlung zu erhöhen. Auch eine weitere Acquisition machte ich für die Gemeinschaft am I. September 1861, die aber nicht zum Zwecke der Besitzvergrößeruug, sondern aus Gründen der öffentlichen Sicherheit geschah. Ich kaufte nämlich von den Relikten des Fallmeisters Johann Beck von Sendelbach deren Haus nebst einem Grundstücke, was am Buchholz zunächst der großen Straße lag und der stete Aufenthalt und Schlupfwinkel alles schlechten Gesindels der Gegend war. Es wurde hiefür nebst Kosten und Ablösung 650 fl. 23 kr. gezahlt und das Haus sofort abgerissen, so daß uns nur die geringe Grundfläche nebst dem dazu gehörigen kleinen Grundstück blieb. Diese allerdings nicht lucrative Erwerbung war, wie gesagt, ein Opfer, welches wir dem öffentlichen Interesse brachten. Ein Theil der Grundfläche ist jetzt zum Buchholz geschlagen worden. Ein widerwärtiges Geschäft begann in der Zeit meiner Geschäftsleitung bezüglich unseres Pfarr- und Schulfonds in Rentweinsdorf, indem der erste Schullehrer daselbst, Rector Bittorf, der seit Jahren behauptet hatte, daß durch den genannten gemeinschaftlichen Fond die Schulen in Rentweinsdorf zu Gunsten der dortigen Pfarrei verkürzt würden, nun, nachdem weder von meinem Bruder, noch nach dessen Tode von mir seine Behauptung als richtig anerkannt worden war, Beschwerde bei der Regierung einreichte. Sein Streben dabei war ein durchaus uneigennütziges, wie er sich überhaupt seit der langen Zeit von 46 Jahren, die er der Schule in Rentweinsdorf vorstand, stets als ein eben so edler Mensch wie als ein vorzüglicher Lehrer bewiesen hatte; — aber seine Behauptung, von der ihn nichts abbringen konnte, 754 beruhte auf einer völlig irrigen Ansicht und auf völlig falschein Calcnl. Ich übergab ihm eine detaillirte Ausarbeitung über die Lage der Sache, konnte ihn aber von seiner vorgefaßten irrigen Ansicht nicht abbringen, und es mußten nun vielfache Verhandlungen darüber gepflogen werden, besonders seit es ihm gelungen war, auch die Vertreter der Schulge- gemeinde in das Interesse seiner Behauptung zu ziehen. Eine von mir der Regierung eingereichte ausführliche Beleuchtung der Sache endete den Streit, indem diese königliche Stelle die Beschwerde des, übrigens unterdessen verstorbenen Beschwerdeführers als unbegründet zurückwies. Dieser Pfarr- und Schulfond, von dein ich weiter oben viel gesprochen habe, hatte sich übrigens durch die erhöhten Naturalpreise und durch die geordnete Verwaltung desselben auch in neuerer Zeit in seinen Renten wieder so gehoben, daß ich 1862, als nach dem neuen Schulgesetz von 1861 eine bedeutende Besoldungserhöhung des II. Schullehrers in Rentweinsdorf nöthig wurde, die eigentlich die Schulgemeinde hätte leisten sollen, diese Erhöhung zur Erleichterung der Gemeinde auf fraglichen Fond übernehmen konnte, wobei indessen bestimmt wurde, daß diese Uebernahme nur für so lange gültig sei, als der Fond diese Mehrausgabe zu leisten vermöge, wahrend sie dann von der Gemeinde zu tragen sei. Hierbei wurde übrigens aus Billigkeitsgründen gegen die Pfarrei auch zugleich eine Besoldungserhöhung des Pfarrers festgesetzt. Auch eine Entschädigung des I. Lehrers dortselbst für Weihnachtssinggeld, was gleichfalls von den Gemeindegliedern hätte bezahlt werden sollen, aber stete Aufregung in der Schulgemeinde erzeugte, wurde zur endlichen Abschneidung des Streites auf diesen Fond übernommen. Besonders erfreulich war es mir, daß die längere Zeit von der Regierung uns bestrittene Curatel und Verwaltung über diesen Pfarr- und Schulfond während meiner Geschästsleitung von dieser königlichen Stelle definitiv anerkannt wurde, uns also jetzt wieder wie früher unbestritten zusteht. Auch unsere übrigen Stiftungen hatten unter der pünktlichen Kasse- und Rechnungsführung unseres Rentmeisters Hübsch bisher einen recht erfreulichen Fortgang. Die von meinem Vater gestiftete 755 Creditkasse bewies sich für die Bewohner unserer Ortschaften fortwährend als nützliches Institut, wenn es auch wünschenswerth wäre, daß die allinählige Heiiiizahlung der hingeliehenen Capitalien von den Schuldnern mehr angewendet würde. — Die Christian Ernst'sche Wohlthätig- keitsanstalt stiftet für die Armen unserer Ortschaften alljährlich sehr viel Gutes, und ihr außerordentlicher Hülfsfond hat — obgleich bei jedem besonderen Unglücksfall einer ärmeren Familie daraus größere Unterstützungen gereicht werden — schon eine namhafte Höhe erreicht. Auch die mit der Wohthätigkeitsanstalt verbundene Beschäftigungsanstalt geht ihren geregelten Gang fort und verschafft vielen sonst fast Erwerbsloseil Arbeit und Verdienst, wird sich aber als Spinn- und Webeanstalt wohl schwerlich mehr lange halten können, da es ihr schon jetzt kaum möglich ist, mit der nun fast überall fabrikmäßig betriebenen Leinewandfabrikation Concurrenz halten zu können, und es wird wohl bald Bedacht genommen werden müssen, der ärmeren Bevölkerung eine anderweitige Beschäftigung zu verschaffen. — Die von meinem Bruder und mir errichtete Sparkasse wird von Jahr zu Jahr mehr benützt und beweist sich höchst segensreich, indem sie die Sparsamkeit fördert und den Dienstboten und Gesellen, wie vielen Andern Gelegenheit verschafft, ihre kleinen Ersparnisse sich zu erhalten. — Die Sophie von Rotenhan'sche Fräuleinsstiftung wächst mit jedem Jahr durch Admassi- rung eines Theils ihrer Kapitalszinsen, und hat nun schon seit einer Reihe von Jahren zwei Präbenden, wovon die eine meine Schwester Bertha bezieht, die andere unter meinen und meines Bruders Töchtern wechselte. Zuerst hatte solche die älteste Tochter meines Bruders, Caroline; nach deren Verheirathung meine älteste Tochter Sophie, sodann, als diese sich verehelichte, deren Schwester Panline, und jetzt, seit diese geheirathet hat, die dritte Tochter meines Bruders, Marie. Am 17. November 1861 (27. Sonutag nach Trinitatis) wurde das hundertjährige Jubiläumsfest der Kirche zu Fischbach gefeiert, wozu ich einen Abendmahlskelch, meine Frau eine Taufsteindecke stiftete, und einige Jahre darauf, nämlich 1864, ließ ich eine gründliche Re- staurirung im Innern dieser Kirche vornehmen, wozu auch die Gemeinde Beihülfe leistete. Die Kirche gewährt nun wieder einen überaus freundlichen, einem Gotteshaus würdigen Anblick. 7S6 Im Jahre 1862, und zwar am 2l. August, war der jüngste Sohn meines Bruders großjährig geworden, und es trat nun nach dem neuen Familienverwaltungsstatut der Momeut eiu, wo unter den vier nachgelassenen Söhnen meines Bruders die Wahl des ersten Majoratsherrn für die Hermann'sche Linie stattzufinden hatte. Es war dies ein wuchtiger Akt nicht nur für diese Linie, sondern für unsere Familie überhaupt, da ja nicht blos der derzeitige VerwaltungSmajorats- herr dieser Linie bestimmt, sondern diese Würde erblich in dessen Nachkommenschaft werden sollte. Diese wichtige Wahl konnte daher auch nicht ohne große gemüthliche Aufregung vorübergehen. Sie würde Wohl in mancher Familie Streit nnd bleibende Erbitterung erzeugt haben, aber die Söhne Hermanns hatten seinen und ihrer Ahnen edlen Sinn geerbt, nnd so innig sie auch Alle an dem Vaterhause hingen, und so gerne auch jeder von ihnen für sich und seine speziellen Nachkommen das Verwaltungsmajorat zu Rentweiusdorf zu erhalten gewünscht hätte, so waren sie doch im höheren Interesse der Familie so opferbereit, daß diese am 2. September 1862 vorgenommene Wahl in der schönsten brüderlichen Eintracht erfolgte. Einstimmig wurde Gottfried IV. zum ersten Verwaltungsmajoratsherrn erwählt, und das darüber nach den neueren gesetzlichen Bestimmungen aufgenommene Notariatsinstrumcnt in unserem Familienarchive hinterlegt. — Zu Petri 1863, wo das neue Familienverwaltungsstatut in's Leben trat, bezog Gottfried das Schloß Rentweinsdorf und nahm Besitz von den seinem Verwaltungsmajorate zugetheilten Gütern. — Zu gleicher Zeit ging nun auch mein bisher besessenes Schloß Eyrichshof mit den zugetheilten Gütern als Verwaltuugsmajorat an mich über, und das wichtige neue Familiengesetz trat nun in allen seinen Theilen in's Leben. Unter uns beiden ersten Verwaltungsmajoratsherren wurde sofort bestimmt, daß ich Familienobmann werden solle, und ich verwalte nun von da an die gemeinschaftlich gebliebenen Güter in dieser meiner neuen Eigenschaft, und vertrete in solcher die Gesammtfamilie gegenüber dem Staate, der Kirche und den Bewohnern unserer Gegend. Eine einleitende Familienrathsfitzung hatte schon nach der Wahl im Herbste 1862 stattgefunden, und die erste eigentliche Familienraths- 757 sitzung wurde im Herbste 1863, die zweite im Dezember 1864 abgehalten, der nun vorschriftsgemäß alljährlich weitere folgen. Die Wahl Gottfrieds zum Verwaltnngsmajoratsherrn in Rent- weinsdorf hatte zugleich die nothwendige Folge, daß nun sein ältester Bruder Georg, der, wie wir schon sahen, die thüring'schen Güter seines Großvaters Riedesel erhalten hatte, auf solchen seinen bleibenden Wohnsitz behielt, und dieß bestimmte diesen, nun sofort einen schon seit der Besitznahme dieser Gitter gefaßten Entschluß auszuführen, nämlich in Nenenhof, dem Hanptgute, an die Stelle des kleinen ungenügenden Wohnhauses ein Schloß zu erbauen, was er sofort begann, und was er am 17. Oktober 1864 bezog. Die Uebernahme der zum Verwaltungsmajorat Rentweinsdorf gehörigen Oeconomiegüter Seitens Gottfrieds hatte die weitere Folge, daß sein Brnder Julius, der von der brüderlichen Gemeinschaft seit ein Paar Jahren das Oeconomiegut Hebendorf gepachtet hatte, und dasselbe von Rentweinsdorf ans, wo er wohnte, verwaltete, diesen Pacht nun aufgab, und dagegen zu Petri 1863 von unserer Gemeinschaft das Oeconomiegut Ebelsbach pachtete, weshalb er sofort unser dortiges Schloß, in dem ihm eine Wohnung eingeräumt wurde, bezog, das nun nach 117 Jahren wieder einmal von einem Glieds unserer Familie bewohnt wird. — Dieser Umstand gab mir auch Veranlassung, nun einen lange gehegten Vorsatz zur Ausführung zu bringen, nämlich in unserer Kirche zu Ebelsbach, wo, wie ich früher anführte, seit geraumer Zeit nur katholischer Gottesdienst gehalten wird, zeitweise neben solchem auch wieder protestantischen Gottesdienst durch den Pfarrer von Weisenau halten zu lassen, womit am 14. November 1864 der Anfang gemacht wurde. Es ist jetzt beabsichtiget, daß alljährlich zweimal — Kirchweihmontag und Freitag nach Cantate diese Gottesdienste stattfinden sollen. Zur selben Zeit war auch unser neu acquirirtes Oeconomiegut Großsaarhof pachtlos geworden, und wurde von mir der Gemeinschaft abgepachtet, von der ich auch das andere neu gekaufte Oeconomiegut Wüstenbirkach zu Petri 1864, wo dessen bisherige Verpachtung endete, in Pacht nahm, welche beide Güter ich aber zur angegebenen Zeit des zuletzt genannten Jahres meinem Sohn Sigmund in Afterpacht gab. — 758 So werden nun jetzt unsere elf Oeconomiegüter von Familiengliedern verwaltet, nnd nur unser Wiesengut Lahm, das, wie bemerkt, unter beide Verwaltungsmajorate getheilt ist, befindet sich größtentheils in Einzelpacht. Im Jahre 1862 war, wie ich schon oben anführte, unser langjähriger sehr würdiger erster Lehrer zu ReutweinSdorf, Rektor Bittorf, gestorben, der während 46 Jahren für die dortigen Schulen höchst segensreich gewirkt hatte, und an seine Stelle präsentirten wir den dortigen zweiten Lehrer Merz, der mit dem Titel Cantor seitdem diese Stelle bekleidet; die zweite Lehrerstelle erhielt erst August Hofmann, und nach dessen Abzug im Frühjahre 1864 Johann Thormann.— Im Herbste 1866 hatten wir den Schmerz, unseren trefflichen Pfarrer Kranssold, diesen bewährten treuen Freund unserer Familie, von Rent- weinsdorf wegziehen zu sehen, dein eine Stadtpfarrei in Schweinfurt verliehen worden war. Es war dies für uns Alle, wie für die Pfarrgemeinde ein recht großer Verlust, da er zwölf Jahre in letzterer höchst segensreich gewirkt hatte, und zu unserer Familie in ein inniges Freund- schaftsverhültniß getreten war. Auf seine Stelle wurde auf den Vorschlag des Verwaltungsmajoratsherrn von ReutweinSdorf der Pfarr- ämtscandidat Christian Heim präsentirt, der seine neue Pfarrstelle im Sommer 1864 bezog. Der Februar des Jahres 1864 brachte unserer Familie großen Schmerz. Meine treffliche Schwester Hedwig von Grolman, diese Perle unserer Familie, die schon im Jahre zuvor schlagähnliche Anfälle gehabt hatte, ward durch einen neuen Anfall dieser Art in Berlin gefährlich krank, und starb am 25. Februar d. I. fromm und gottergeben wie ihr ganzes Leben war. Unserer Familie ward dadurch eine nicht zu ersetzende Lücke. Nicht lange darnach — am 28. Juni — verehelichte sich Gottfried IV. mit Julie von Welser in Nürnberg, und der junge Ver- waltungsmajvratsherr hielt am selben Tage mit seiner Gattin seinen feierlichen Einzug in Rentweinsdorf, bei dem sich, wie ich schon oben bei Gottfried selbst bemerkte, eine so schöne Betheiligung der Bewohner Rentweinsdorfs und der umliegenden Orte zeigte, die uns den sehr erfreulichen Beweis gab, daß, wenn auch das Jahr 1848 unsere recht- 759 liche Stellung zu unseren früheren Grundholden gelöst hatte, deren Anhänglichkeit an unsere Familie noch dieselbe geblieben war, Hat diese auch theilweise ihren natürlichen Grund in dem Verhältnisse, in dem unsere Familie Jahrhunderte lang zu ihnen und ihren Vorfahren stand, so liefert doch dessen nunmehriger Fortbestand den deutlichsten Beweis, daß, wenn größere Gutsbesitzer ihre Güter nicht vorzugsweise als blose Finanzquelle betrachten, sondern sie als ein ihnen von Gott durch die Vorfahren zugleich auch zum Nutz und Frommen der mit ihnen und durch sie lebenden ländlichen Bevölkerung anvertrautes Gut behandeln und darum nach Kräften für das geistige und leibliche Wohl dieser Bevölkerung sorgen, auch daneben sich eine achtungsvolle Stellung erhalten, und ihre Güter in einem geordneten blühenden Zustande erhalten, — das richtige patriarchale Verhältniß zwischen ihnen und den Bewohnern der Güter nicht mehr durch Rechtsnormen gebunden zu sein brauche, sondern auch ohne solche ein gegenseitig segensreiches sein kann. Dieses fort und fort zu erhalten und zu befestigen, war seit der Auflösung des Grnndholdenverhültnisses mein und meines Bruders eifrigstes Streben, und erschien mir insbesondere seit Ueber- nahme der Gutsdirection und jetzt der Familienobmannschaft als eine meiner vyrzüglichsten Lebensaufgaben. Ich glaube auch, daß mir diese bis jetzt gelungen ist. Unsere Familie hatte in dieser Zeit keinen Rechtsstreit mit den Bewohnern unserer Orte, — kleine, hier und da entstandene Differenzien wurden stets gütlich ausgeglichen — das bestandene schöne Verhältniß zn denselben wurde erhalten und befestiget, und die von meinem Bruder hinterlassene große Regelung und Ordnung aller Geschäfte, bei der ich den Eifer und die Anhänglichkeit unserer Beamten und Bediensteten im hohen Grade lobend anerkennen muß, besteht in erfreulicher Weise fort. Auch unser Familenwohlstand hat sich seit dem Tode meines Bruders gehoben, indem an der oben aufgeführten, damals noch bestandenen Schuldenlast bis zum Schlüsse des Rechnungsjahres 1864/65 28,943 fl. weiter getilgt sein werden, und wie schon bemerkt, außer den mit Fideicommißkapitalien erkauften Oeconomiegütern Großsaarhof und Wüstenbirkach, seit Hermanns Tode nach Abrechnung der wiederverkauften kleineren Objecte für eirca 20,000 fl. Grundbesitz zugekauft 760 wurde, wovon etwa 17,000 fl. aus den laufenden Revenuen entnommen wurden. Unser Vermögen hat sich daher in den letzten sechs Jahren um nahezu 40,000 fl. vermehrt. Viel erfreulicher aber noch als diese Vermögensmehrnng ist die auch in dieser letztverflossenen Periode unter Gottes gnädigem Beistande forterhaltene Familieneinigkeit, die mir ein freudiges und hoffnungsvolles Vertrauen für die Zukunft giebt. — Gott der Herr erhalte sie! Und so bin ich nun an den Schluß meiner Bearbeitung unserer Familiengeschichte angekommen, die ich bis gegen das Ende des Jahres 1864 fortgeführt habe, und die demnach in fortlaufendendem Zusammenhange einen Zeitraum von nahezu sieben Jahrhunderten umfaßt, da uns vor dem Ende des 12. Jahrhunderts keine sicheren Notizen zu Gebote stehen, und sie also erst von da an zusammenhängend beginnt. WaS ich über die Ereignisse unserer Familie, wie über deren Nechts- und Besitzverhältnisse in dieser langen Zeit wahrheitsgetreu, und ohne irgend eine Ausschmückung, niedergeschrieben habe, giebt uns ein schönes Bild eines wahrhaft edlen Geschlechtes, wo jedes Glied bestrebt war, sich seiner Ahnen würdig zu zeigen, und sich hervorzuthun in christlich frommem Sinne, in liebender Sorgfalt für die seiner Herrschaft Untergebenen, in uneigennützigem Streben für das Wohl der Familie, wie in ächt ritterlichen Tugenden. — Glänzend leuchten unter ihnen ganz besonders hervor: Ludwig I., der im ganzen Lande hoch angesehene Ritter, den die Fürsten selbst zur Schlichtung ihrer Streitigkeiten beriefen. — Wolfram III., der muthige Kämpfer, der fromme Stifter und der eifrige Förderer des Familienwohlstandes. — Gottfried (Götz) I, der mit Gertraud, seiner gleichgesinnten Gattin, uns durch frommen Sinn ein schönes Vorbild ward. — Veit I., der edle Ritter, den der Kaiser zum Statthalter Kärnthens ernannte. — Die beiden Brüder Anton und Christoph, die zu gleicher Zeit Fürstbischöfe waren, und unseren Namen vom Frankenlande bis zur Gränze Polens berühmt machten.— Alexander, der fromme und thatkräftige Abt des Klosters Banz. — Mathäus II., der gelehrte und tapfere Ritter. — Vor Allem Sebastian I., der berühmte Doctor, Richter, Staatsmann und gekrönte Ritter, der durch seine Gelehrsamkeit und ritterliche Tapferkeit, wie insbesondere als Schriftsteller, in allen deutschen Landen hochberühmt war, und dem vorzugsweise das schnelle 761 Ende des verheerenden Bauernkrieges zu verdanken ist. — Hans VI., der Reformator unserer Familie. — Martin, der fürstl. Würzburg'sche Oberhofmeister, dem wegen seiner Verdienste im Kreuzgang des Würz- . burger Doms ein Epitaphium gesetzt wurde. >— Georg IV., dem man den schonen Beinamen des Frommen gab, und der ebenso wie Anna, seine gottesfürchtige Gattin, im Lande hochgeachtet war. — Sebastian II., der ritterliche Kämpfer für Recht und Kirche, den seine Zeitgenossen die Krone des Adels an Tapferkeit nannten. — Hans Georg I., der edle Ritterhauptmann, der sich als solcher, wie durch seine frommen Stilftungen auszeichnete. — Adam Georg, der fromme Dulder in der Schreckenszeit des langen Krieges. — Hans Sebastian, der Burggraf auf Notenberg, und Ritterhauptmann. — Adam Hermann, hochberühmt als Statthalter Frankens unter Gustav Adolph, wie auch hervorragend als gleichzeitiger Kreis- director der fränkischen Reichsritterschaft. — Hans Georg IV., der glänzende Kreisdirector dieser Neichsritterschaft. — Johann Friedrich II., der Generaldircctor der ganzen deutschen Reichsritterschaft, der in diesem seinem Amte in nie gekanntem Eifer segensreich wirkte, und als wahrer Grand Seigneur des vorigen Jahrhunderts unsere Familie im ganzen Lande in hohes Ansehen brachte, und der, wie seine edle Gattin, der Segen ihrer Unterthanen wurde.— Sigmund I., der edle Menschenfreund, dessen ganzes Leben in reinster Liebe dem Wohle der Menschheit gewidmet war, und der trotz harter Leiden und Widerwärtigkeiten, unterstützt von seinen beiden, an Geist und Tugenden hervorragenden Gattinnen, für die Unterthanen wie für unsere Familie höchst segensreich wirkte. — Und endlich Hermann III., hoch- berühmt im Lande durch sein erfolgreiches Wirken als Mitglied und Präsident der Ständekammer, wie als Vertreter unserer Kirche, hellleuchtend durch seinen frommen edlen Sinn, nie seinen eigenen Vortheil, sondern nur den der Familie im Auge habend und den Familienwohlstand fördernd wie kaum einer vor ihm! — Und neben diesen Allen nicht Einer, der sich der Familie unwürdig gezeigt! Ist eine solche Familiengeschichte nicht wohl geeignet, den edlen Sinn auch bei den Nachkommen zu fördern, denn wer von ihnen wird sich nach solchen Vorbildern nicht eifrigst bestreben, ihnen gleich zu werden?! — 762 Dahin zu wirken, war der Hauptzweck dieser meiner geschichtlichen Arbeit, die gleichzeitig der lebenden wie allen künftigen Generationen unserer Familie das Dunkel aufschließen sollte, was über die historischen Begebenheiten unseres Geschlechtes hinter ihnen liegt, und die endlich die Rechtsverhältnisse der Familie, wie sie sich durch die Jahrhunderte hindurch gestalteten, und die Basis für die Gegenwart bilden, festzustellen bestrebt war. — Ob mir dies Alles gelungen, überlasse ich der , Beurtheilung unserer Familienglieder. Es war eine große mühevolle Arbeit, die ich unternommen habe; möchte mir ein freundliches Andenken dafür bewahrt werden! Es war aber auch eine erfreuliche Arbeit, da sie mir so schone Bilder meiner Ahnen vor Augen stellte, sodaß ich es als eine besondere Gnade Gottes erkenne, solchem Geschlechts anzugehören. Große und ernste Geschicke sind über unsere Familie im Laufe der Zeiten dahin gegangen. Von selbstständigen Dynasten des Landes, was unsere Vorfahren bis zum Beginne des 14. Jahrhunderts waren, kamen sie als Vasallen in mehrfaches Abhängigkeitsverhältniß zu dem Landesherrn, in deren Territorien unsere Besitzungen lagen, doch bewahrten sie noch fünf Jahrhunderte lang ihre Reichsfreiheit und Reichs- unmittelbarkeit, und dadurch ihre landeshoheitlichen Rechte über ihre Unterthanen, wie die Consistorialhoheit über ihre Kirchen und Pfarreien. Mit dem Untergang des deutschen Reiches ging aber dies Alles verloren, und trafen sie schwere pecuniäre Verluste, sie wurden nun selbst Unterthanen eines Landesfürsten, der schwerste Schlag, der sie seit der Familie Bestehen getroffen hat. Doch blieben sie noch Guts- und Gerichtsherrn über ihre früheren Unterthanen, und behielten noch mehrfache bevorzugte Rechte. Aber dieses Alles nebst manchen lucrativen Rechten wurde unserer Familie durch das Revolutionsjahr 1848 und seitdem entzogen, und sie hat nun weder Unterthanen noch Grundholden mehr, und kaum noch ein von den übrigen Bewohnern des Landes bevorzugtes Recht. So hat die Zeit von sieben Jahrhunderten ihre Stellung geändert. Und dennoch steht sie noch angesehen und hochgeachtet da, und blühend im äußeren Wohlstande! Dies wollen wir mit innigem tiefgefühlten Danke gegen Gott erkennen, dessen reiche Gnade unsere Familie stets beschützt hat. Wir 763 wollen aber auch mit dankerfüllten Herzen unserer edlen Vorfahren gedenken, die es erkannten, daß der wahre Ruhm einer adeligen Familie nicht in ihrem Alter und dem Glänze der Vorfahren allein, sondern in der Ehre beruhe, die sich ein jedes ihrer Glieder selbst verdient, denn wer geehrt sein will, muß der Ehre würdig sein! — Dies sei auch fortan unser stetes Streben, und Gott der Herr gebe hierzu Kraft und Segen, und schütze unser Geschlecht mit Seiner Gnade bis in die fernsten Zeiten! 49 Anhang, Drislnschreiining, welche ein Verzeichnis mit kurzer Beschreibung derjenigen Orte enthält, in denen unsere Familie oder einzelne Glieder derselben Besitzungen oder Rechte hatten oder noch haben. (alphabetisch.) I. Orte, in denen unsere Familie als solche, zurZeit Besitzungen oder Rechte hat, und zwar: Orte mit Castrum (Schloß). 1. Melsbach; gehörte in ältester Zeit den Grafen Assig auf der Waldburg (Wallburg) bei Eltmann, von denen bereits 775 Erwähnung geschieht. Von diesen ward es gegen das Jahr 804 dem Stifte Fulda, zu Ehren des heiligen Bonifaz, geschenkt. Unsere Besitzungen in Ebelsbach sind zu sehr verschiedenen Zeiten zusammengekauft worden, und wurden später fürstbischöflich Bamberg'- sches Lehen. Aus den ältesten Lehnbriefen geht hervor, daß uns schon in frühester Zeit das s. g. centfreie Burggut jenseits des Baches (nämlich des Ebelsbaches) gehörte. Da diese Lehnbriefe in Bamberg ausgefertigt wurden, so heißt das Wort „jenseits" so viel als am rechten Ufer des Baches, und es ist daher der Platz, auf dem unser jetziges Schloß nebst Oeconomiehof steht, darunter verstanden. Schon damals stand daselbst ein Schloß (Castrum), wie es überhaupt in der älteren Zeit Sitte war, auf jedem bedeutenderen Gut, hauptsächlich zum Schutz, ein solches Castrum zu haben. Wann dieses nebst Bnrggnt von unserer Familie acquirirt wurde, ist nicht mehr zu ermitteln. 7K8 Neben diesem unserer Familie gehörigen Bnrggute war aber der übrige Theil des Ortes in verschiedenem Besitz. Ein eigenes Gnt daselbst, der s. g. Schafhof, gehörte der Familie von Fuchs, die in den Besitz der Waldburg bei Eltmann gekommen war; — ferner hatte die Familie von Herrnstadt Besitzungen in Ebelsbach, und das Spital St. Martin zu Bamberg besaß den s. g. Spitalhof daselbst. — Diese beiden letztgenannten Besitzungen kamen an unsere Familie, indem Jobst (Just) von Rotenhan — Conrad'sche Linie — der zu Ebelsbach wohnte, 1446 von Endres von Herrnstadt dessen Güter in Ebelsbach taufte, und sodann auch gemeinschaftlich mit seinem Bruder Markus (Marx) zu Rentweinsdorf, den Spitalhof in Ebelsbach vom Bamberger Spital St. Martin erwarb. Heinrich von Fuchs auf der Waldburg, der Besitzer des Schafhofs zu Ebelsbach, nahm 1464 in einem Streit, den er mit dem Bischof von Bamberg hatte, und in dem Jobst, der zu Ebelsbach wohnte, und sein Bruder Markus von Rotenhan dem Letzteren beistanden, worüber eine Fehde zwischen Fuchs und beiden Brüdern von Rotenhan entstand, diesen Ebelsbach mit Gewalt weg, mußte es ihnen jedoch, als er im Kampfe besiegt und vom Bischof und selbst vom Papste in den Bann gethan worden war, wieder zurückgeben. Das Nähere dieses Streites ist in der eigentlichen Familiengeschichte erzählt worden. Wann das ältere Schloß zu Ebelsbach erbaut worden, ist unbekannt. Das jetzige ist zwischen den Jahren 1564 und 1569 von Mathäus III. (Gottfried'sche Linie) erbaut worden. Neben dem Eingang zum Schloßhof steht neben unserem Wappen die Jahreszahl 1566, und am Eckthurm der Umfangsmauer rechts vom Eingang die Jahreszahl 1569, und mag dies mit dem Neubau des Schlosses zusammenstimmen. Mathäus III. hat das von ihm restaurirte Schloß nicht mehr bewohnt, da er im selben Jahre, wo die Restauration vollendet wurde, starb; bald nachher bezog es aber sein Neffe Wilhelm, der die Ebelsbacher Unterlinie gründete, die bis 1640 bestand. Im Jahre 1596 hatte unsere Familie zu Ebelsbach fünfzehn Unterthanen. Das s. g. rothe oder Jungfernhaus außerhalb des Schloßhofes gegen Gleisenau zu, gehörte damals der Wittwe des Wilhelm von 769 Rotenhan, und scheint von ihr erst erbaut worden zu sein. Sie bewohnte es. Durch ihr Testament kam es an ihre Enkelin Rosine Dorothea Englin von und zu Wagrein, geb. von Rotenhan, die es 1695 bewohnte, aber später an Ritter Peter Jacob verkaufte. Wegen Ebelsbach bestand 1618 mit einem Herrn von Linde, evangelischem Probst zu Obermünster in Regensbnrg ein Erbschaftsstreit, welcher 1624 durch Vergleich endete. Linde erhielt als Vergleichssumme 15,000 fl., und bis zur Zahlung derselben wurde ihm Ebelsbach verpfändet. Da diese Summe wegen der Drangsale des dreißigjährigen Krieges nicht bezahlt wurde, ward Linde 1629 in Ebelsbach förmlich immittirt, und betrachtete sich von da an als Eigenthümer des Gutes. Sein Sohn Christian verkaufte es sogar 1645 um 3000 fl. und 100 Dukaten Leihkauf an obengenannten Ritter Peter Jacob, der bamberg'scher Oberst, Geheimerath, fürstlicher Landhofmeister und Ober- schnltheis, auch Amtmann zu Ebelsbach und Schmachtenberg war. Hierüber entstand Streit zwischen unserer Familie und besagtem Oberst Jacob, da erstere ihr Eigenthumsrecht an Ebelsbach nicht aufgegeben hatte und durch die Immission des Herrn von Linde keinen Eigenthumserwerb desselben anerkannte. Erst 1679 endete dieser Rechtsstreit zu Gunsten unserer Familie, und am 9. März d. I. wurden die Brüder Valentin Julius und Johann Friedrich I. gegen Zahlung einer Vergleichssumme von 4000 fl. wieder gerichtlich in den Besitz Ebelsbachs gesetzt. Durch diese Vergleichssumms resp. den siegreich beendeten Prozeß kam auch das durch Rosine Dorothea Englin von Wagrein an Oberst Jacob verkaufte Jnngfernhans wieder an unsere Familie zurück, das jedoch später wieder verkauft wurde. Am 13. Januar 1697 theilten die Brüder Johann Wilhelm und Philipp Albrecht von Rotenhan ihre Güter. Letzterer erhielt Fischbach und Ebelsbach, und zog an letzteren Ort, wo er bis zu seinem Tode verblieb. Er erwarb 1717 die früher an das Stift Würzburg verkauft gewesene Schäferei daselbst. — Nach dem Tode Philipp Albrechts blieben dessen Kinder noch längere Zeit in Ebelsbach wohnen, und zogen theilweise zu Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nach Rentweinsdorf. Der jüngste Sohn Philipp Albrechts, Karl II., bewohnte noch einige Jahre lang, wenn er ans den Gütern 770 war, das Schloß Ebelsbach, zog aber nach dein, 174«? erfolgten Aussterben der Sebastian'schen Linie, nach Eyrichshof. Von da an bis in die neueste Zeit, wo Julius II. von Rotenhan Ebelsbach bezog, war das dortige Schloß von keinem Gliede unserer Familie bewohnt. In Ebelsbach war schon frühe eine eigene Pfarrei errichtet worden, die jedoch nach dem Religionsfrieden von 1355 wieder einging. Wo damals die Kirche stand, ist unbekannt, wahrscheinlich war nur eine Kapelle im alten Schloß vorhanden. Wilhelm von Rotenhan ließ 1580 die jetzige kleine Kirche dortselbst erbauen, und wurde ebenso wie seine Gemahlin Agnes, geborne Stein von Altenstein, in ihr begraben. — Am 28. October 1582 wurde die erste protestantische Predigt in dieser Kirche gehalten, aber bald entstand Streit über solche, da die katholische Geistlichkeit zu Eltmann, sich darauf stützend, daß während der Zeit, wo Oberst Jacob Ebelsbach besessen hatte, in dieser Kirche katholischer Gottesdienst gehalten worden sei, Ansprüche ans dieselbe machte. Doch waren im vorigen Jahrhundert eigene Schloßpfarrer zu Ebelsbach, und wurde die Cobnrger Kirchenordnnng dort eingeführt. Die Streitigkeiten über den Gebrauch der Kirche dauerten aber fort, und führten oft zu argen Excessen. Noch am Ende des vorigen Jahrhunderts wurde Pfarrer Neumeister von Rentweinsdorf, der öfters dort predigte, sogar einige Male gefänglich nach Eltmann abgeführt. Erst 1809 endeten die Streitigkeiten, ohne daß jedoch der Streit definitiv entschieden worden wäre. Bisher wurde einige Male im Jahre katholischer Gottesdienst daselbst gehalten, obgleich die Kirche unbestrittenes Eigenthum unserer Familie ist; nur zeitweise hielten die Pfarrer von Gleisenau, wohin die Protestanten Ebelsbachs gepfarrt sind, protestantischen Gottesdienst daselbst, was mich bestimmte, 1864 wiederum zu veranlassen, daß. neben dem katholischen Gottesdienste nun regelmäßig einige Male im Jahre von besagtem Pfarrer protestantischer Gottesdienst dortselbst gehalten werde. Der erste fand am 14. November 1864 statt. Pfarrer zu Ebelsbach waren: 1. Schmidt, Pfarrer zu Gleisenau, versah die Kirche zu Ebelsbach 1699. 771 I. Michael Nahrung, Schloßpfarrer zu Ebelsbach 1729 bis 1743, kam dann nach Burkersdorf. 3. Christ. Heinrich Hartlaub von 1743 bis 1754, wo er nach Eyrichshof kam. 4. Johann Friedrich Petschinann, Pfarrer zu Weisenau, versah die Pfarrei bis 1777. 5. Johann Jacob Mugler, Pfarrer daselbst von 1777 bis 1783. 6. Pfarrer Johann Valentin Neumeister zu Neutweinsdorf, von 1783 bis 1792. 7. Johann Friedrich Schröter, Pfarrer zu Eyrichshof bis 1809. Amtleute zu Ebelsbach waren: 1. Louis Schasfhäuser, Vogt 1505. 2. Jobst Schrein „ 1509. 3. Jobst Thein „ 1532. 4. Endres Rünagel „ 1566. 5. Georg Lochner „ 1573. 6. Endres Striegel „ 1584. 7. Georg Lochner „ 1586. 8. Christoph Rübing „ 1601. 9. Melchior Krämer „ 1603. 10. Martin Hilpert „ 1604. II. Valentin Mayer „ 1605. 12. Johann Georg Schöpf „ 1671. 13. Georg Graßmann „ 1679. 14. Johann Müller „ 1684. 15. Johann Conrad Geißler „ 1691. 16. Georg Martin Frank „ 1694. 17. Conrad Johann Meine! kam 1789 als Nentmeifler von Rentweinsdorf nach Ebelsbach, und ist am 6. August 1799 daselbst verstorben. I. Eyrichshof mit Rotcnhan, Eyringsmiihlc, Sachsenhof und Specke. Eyrichshof, oder eigentlich und richtiger Eyringshof, hieß in ältester Zeit Jringersdorf, was aus einer Urkunde vom Jahre 1232 hervorgeht, worinnen Bischof Hermann von Würzburg das Filial Ebern von 772 der Pfarrei Wisach (Pfarrweisach) abtrennte nnd zn einer eigenen Pfarrei erhob nnd dieser unter anderen Orten auch Jringersdorf zn- theilte. Ich füge diese Urkunde wegen ihres allgemeinen Interesses BciNize vu als Beilage VII. bei. Dieser Ort war, wie schon aus seiner Benennung hervorgeht, früher ein Dorf, hatte also eine größere Anzahl von Häusern als wie jetzt; wahrscheinlich bildete es mit dem Dörfchen Rotenhan und der Specke einen zusammenhängenden Ort, und in dein Dorfe war der EyringShof oder Jringshofs), der Haus- und Küchenhof der Burg Rotenhan, von dem unsere Borfahren die Naturalbedürfnisse für sich und ihre Leute bezogen. Als durch KricgSstürme, die in der alten Zeit stets mit der Verwüstung der Orte verbunden waren, ein Theil des Dorfes einging und dadurch der EyringShof mit seinen zunächst stehenden Häusern von den am Berge liegenden Wohnungen, sowie von den Häusern, die jetzt die Specke genannt sind, getrennt wurde, verschwand der Name Jringersdorf und blieb für den einen Theil die Benennung des Bnrggutes EyringShof (später Eyrichshof), während die Häuser, am Rotenhan gelegen, sich nach dem Berge resp. der Burg nannten, nnd für die nördlich gelegenen Häuser eine eigene Benennung — Specke — entstand, deren etymologische Entstehung unbekannt ist. Woher der Name EyringShof oder Jringshof entstanden ist, kann nicht ermittelt werden, wahrscheinlich hat einer unserer Vorfahren, Eyring oder Jring genannt (ein in unserer Familie öfter vorkommender Taufname), in der frühern Zeit, bis zn welcher unsere Nachrichten nicht mehr reichen, diesen Hof erbaut. Man hatte später vielfach angenommen, daß diese Benennung von Eyring von Rotenhan, dem Sohne des Hans V. von der Eberhard'schen Linie herkomme, der in den Jahre» nach 1530 das Schloß zu EyringShof erweiterte, was jedoch irrig ist, denn lange vor ihm kommt der Name EyringShof schon in vielen Urkunden vor. — Eine Sage über die Entstehung des Namens hat sich erhalten. Die Gemahlin Wolframs III-, Luidgarde, geborene von Schanmberg, soll nämlich bei der Zerstörung der Burg Rotenhan — ') Eyring und Jring sind alte gleichbedeutende Namen, daher Jringshof, Eyringshof oder jetzt Eyrichshof und Jringersdorf von gleichein Ursprung. 773 1323 — im Bugkeller, in den sie sich geflüchtet, verschüttet worden sein und habe da ihr Leben nur dadurch fristen können, daß eine dort mit ihr verschüttete Henne ihr täglich ein Ei gelegt habe. Als sie wieder aus dem Keller befreit worden, habe sie aus Dankbarkeit die Henne mit sich genommen und bestimmt, daß da, wo dieselbe daS erste Ei legen würde, das neue Schloß erbaut werden solle. Vom Berge herabgestiegen, habe sie die Henne laufen lassen, und dieselbe habe da, wo jetzt unser Schloß steht, ihr Ei gelegt, weshalb man dort das Schloß erbaut und solches darnach Eyrichshof genannt habe. Ist diese Sage auch in jeder Hinsicht sinnlos, so mußte ich sie doch anführen, weil sie sich durch so viele Generationen fort erhalten hat. Wann Eyrichshof in den Besitz unserer Familie kam, ist unbekannt; es gehört unbestritten zu dem allerältesten Besitze derselben, da es am Fuße der Burg liegt, die zu den primitiven Burgen gehört und wohl schon in den ersten Jahrhunderten unserer christlichen Zeitrechnung, also noch vor Besitznahme unseres Landes durch die Franken, erbaut worden ist. Bald nach Zerstörung der Burg, etwa gegen das Jahr 1330, erbaute Wolfram III. von Roteuhan das Schloß auf dem Eyringshof, das aber damals nur ans dem mittleren Theile des jetzigen Schlosses bestand, wie dessen innere Seitenmauern nach Süden deutlich zeigen, in denen uoch einige der früher in's Freie gehenden Fenster vorhanden sind. — In jener Zeit bestanden die Schlösser (Castra) meist nur aus einem viereckigen, festen Gebäude mit einer außerhalb in einem Thurme befindlichen und durch alle Stockwerke gehenden Wendeltreppe; — das zu Eyringshof hatte zwei große Hausplätze, auf denen sich ungeheuere Kamine befanden, wovon der im untern HauSplatz zugleich als Küche diente, der im obern Hausplatze aber, von dem ich bei der Restauration des Schlosses 1840 uoch Rudera in der südlichen Wand entdeckte, im Winter wohl der Vereinigungspunkt der Familie war. Einige Zimmer neben dem Hausplatze im ersten Stocke bewohnte der Hausherr und die Dienstboten; im zweiten Stocke waren die Frauengemächer und das Zimmer für die Kinder, und im dritten Stocke befand sich im genannten Schlosse ein großer Saal mit daneben befindlichen Prunkgemächern. Das Erdgeschoß bestand aus Gewölben, von denen aber das links am Eingang befindliche früher ein Stall war. 774 Im Bauernkriege — 1525 — wurde das Schieß zerstört. Eyring von Rotenhan begann 1530 den Wiederaufbau desselben, wobei er eS bedeutend erweiterte, indem er am südlichen und nördlichen Theile große regelmäßige Anbauten zu machen begann. Da er aber nicht anwesend, sondern würzburg'scher Amtmann zu Haßfurt war, es auch an Arbeitern fehlte, so ging der Ban nur langsam vor sich, doch scheint 1539 der südöstliche Thurm, der noch heute steht, vollendet gewesen zu sein, da Eyring an solchem sein nnd seiner Gemahlin Margaretha von Rosenau Wappen mit der Jahreszahl 1539 anbringen ließ, was noch heute dort zu sehen ist. Eyrings Tod im selben Jahre verzögerte den Weiterbau, der auch überhaupt nur lässig betrieben wurde, da damals kein Familicnglied zu Eyringshof wohnte. Vierzig Jahre später setzte Sebastian II. den Ban fort. Er ließ 1584 am südlichen Theil den jetzt noch vorhandenen Erker anbauen und sein und seiner Gemahlin (von Riedesel) Wappen daran anbringen und diesen südlichen Theil nicht nur vollenden, sondern auch im Innern mit reichem Schmucke einrichten. Der nördliche Theil blieb aber unvollendet und scheint auch niemals ganz fertig gebaut und eingerichtet worden zu sein; er war aber in seiner Anlage dem südlichen ganz gleich und hatte dieselben zwei Thürme. Das Ganze bildete also ein Viereck mit vier Eckthürmen nnd war mit einem Wassergraben umgeben. Auf der Ostseite befand sich der Eingang und eine Zugbrücke, die in einen kleinen, innerhalb des Schlosses befindlichen Hof führte. Rings um den Hof ging eine befestigte Mauer mit Thürmeu, von denen noch die beiden östlichen (an der Kirche und an dem Pfarrhause) stehen. Die Mauern hatten Schießscharten. Das EingangSthor hat Sebastian II. 1588 erbaut, wie die darüber befindliche Jahreszahl nachweist, und sein Wappen daneben angebracht. Die Zugbrücke wurde 1760 von Karl II. von Rotenhan abgebrochen, der auch einen Theil des Wassergrabens auf dieser Seite ausfüllen ließ. — Hans Georg IV. von Rotenhan ließ den nicht vollendeten nördlichen Theil des begonnenen Anbaues, der, weil er nicht ausgebaut war, durch die Länge der Zeit wieder baufällig geworden war, niederreißen und baute den jetzt noch stehenden neuen Flügel an dessen Stelle, der aber nur der Anfang eines großen Umbaues sein sollte; denn er beabsichtigte, das ganze alte Schloß niederzureißen und dann im neumodischen, nach dem Geschmacke des 775 vorigen Jahrhunderts regelmäßigen Style wieder aufzubauen, was jedoch durch seinen 1746 erfolgten Tod unterblieb. Dieser neue Flügel wurde am lt. Mai 1735 begonnen und kurze Zeit vor Hans Georgs Tod vollendet. Nach dessen Tod war das Schloß nur zeitweise bewohnt und wurde — besonders der alte Theil desselben — im Innern wie auch im Dachstuhl sehr baufällig. Ein niedriges, nicht massives Quergebäude, welches den innern kleinen Hof abschloß und durch das ein Thor ging, ließ mein Vater abbrechen. In den Jahren 1840 und 1847 ließ ich das Schloß vollständig wieder einrichten, den Dachstuhl erneuern, den Wassergraben ganz ausfüllen, die äußere Treppe gegen Westen anlegen und den niedrigen Vorbau links vom Haupteingang des Schlosses, der nur theilweise massiv war, ganz massiv aufführen, auch an solchem mein und meiner Frau Wappen anbringen, sowie ich auch ein während deS Baues in einer Wiese vorgefundenes, in Stein gehauenes Wappen von Sebastian II. und seiner Gemahlin Anna Rufina von Niedesel über den Haupteingang aufrichten ließ. Südlich vom Schlosse war ein Lustgarten und nördlich ein Gemüsegarten. Ersterer ward 1690 durch Gärtner Andreas Müller von Königsberg in Franken als Kunstgarten nach dem altfranzösischen Geschmack jener Zeit prachtvoll eingerichtet und galt für den schönsten der Gegend. In der Mitte war ein Bassin mit Springbrunnen. Viele Statuen zierten den Garten, der außer dem noch stehenden Orangerie- und Gärtnerhaus später noch ein Gewächshaus an der Baunach erhielt. Im vorigen Jahrhundert ging der Garten ein, da das Schloß lange nicht bewohnt war, und wurde endlich als Feld benützt. Ich ließ an dessen Stelle mit Hinzufügung eines Hutfleckens am südlichen Theil 1849 und 1850 den jetzigen Garten durch Hofgärtner Zeisig aus Coburg anlegen. Die noch vorhandene Kastanienallee auf der Straße gegen die Specke und gegen die Mühle zu ließ Hans Georg IV. zu Ende des 17. Jahrhunderts anlegen. Werfen wir nun noch einen Blick auf die im Schloßhofe befindlichen Gebäude. Das am Eingang rechts stehende jetzige Pfarrhaus und das links stehende jetzige Schulhaus (beide unser Eigenthum) sind die ältesten Nebengebäude im Hofe. Wann sie erbaut wurden, konnte 770 ich nicht ermitteln. Sie brannten im Bauernkriege gleichzeitig mit dem Schlosse ab, wurden sodann wieder aufgebaut und 1583 durch Sebastian II. restaurirt. Das frühere Pfarr- und Schulhaus stand außerhalb des Thores uud war wahrscheinlich das jetzt noch stehende Eckhaus an der Straße (Schultheiß'sche Haus), welches bis 1794 iu unserem Besitz blieb, damals aber von meinem Onkel Christian Ernst zur Hälfte au Johann Heinrich Schultheiß und zur anderen Hälfte an die Amtmännin Gündelbach aus Eyrichshof verkauft wurde. Das an das Pfarrbaus stoßende Amthaus uud das daneben stehende jetzige Försterhaus wurden später, wahrscheinlich im 16. Jahrhundert erbaut. Elisabethe Sophie von Rotenhan, geborene von Erffa, erbaute nach dem Tode ihres Gemahls Hans Georgs III. als Vormünderin ihres Sohnes Johann Georgs IV. in den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts das jetzt noch stehende Gartenhaus mit Einrichtung für Orangeric. Im oberen Stocke desselben wurde ein großer Saal mit Nebenzimmern erbaut, geschmackvoll eingerichtet und für Festlichkeiten bestimmt. In denselben weilte oft Kurfürst Lothar Franz von Mainz, der sich häufig in Bamberg aufhielt. Später, als der Schloßgarten eingegangen und das Schloß überhaupt lange unbewohnt war, blieb auch dieses Gebäude unbenützt. Ich ließ es bei der Restauration des Schlosses und Anlage des neuen Gartens wieder zur Benützung Herrichten und den Saal in zwei Theile theilen, wovon ich den östlichen, zu dem ich einen eigenen Eingang von der Straße her errichtete, als provisorisches Schulzimmer (bis einmal ein eigenes geräumiges Schulhaus erbaut würde) verwenden ließ. Früher war nämlich das Wohnzimmer des Schullehrers zugleich Schulzimmer; als jedoch die Zahl der Schüler wuchs und dasselbe deshalb zu klein wurde, ward ein Zimmer im alten Schloß als Schulzimmer verwendet, was bei der Restauration des Schlosses, die ich 1346 begann, geändert werden mußte. Die am Gärtner- und Glashaus angebauten Holz- und Wagenremisen wurden gleichfalls von Hans Georg IV. erbaut, der auch noch ein zweites Glashans an der Bauuach aufbaute, was jedoch später wieder abgerissen wurde, und der auch den nördlich vom Schlosse gelegenen Gemüsegarten mit einer Mauer umgab, an die er Spaliere 777 tinbrachte. Angleichen ließ er die großen Oeconomiegebäude zn Ende des 17. Jahrhunderts erbauen und, da er ein großer Freund von Pferden war und immer selbst eine große Anzahl besaß, erbaute er zugleich im Oekonomiehofe einen großen, noch daselbst befindlichen, Marstall für 16 Pferde, prachtvoll eingerichtet, mit laufendem Wasser, gleichzeitig auch an der Ecke hinter dem Pfarrhause eine Reitbahn (jetzt Chaisenremise und Wagenschnpfe). Diese Gebäude des Oekonomie- Hofes wurden 1715 vollendet. Die auf dein Schloßhofe stehende Kirche anbelangend, muß ich des Znsammenhangs halber auf die frühere Zeit zurückgehen. Im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts erbaute Kaspar I. (Eberhard'sche Linie) eine Schloßlapelle zu Eyrichshof, die dem heil. Bartholomäus geweiht wurde und die auf demselben Platze stand, wo sich die jetzige Kirche befindet. Sie ward 1525 im Bauernkriege gleichzeitig mit den: Schlosse niedergebrannt und blieb lange im Schutte liegen, bis Sebastian II. zn Anfang der achtziger Jahre des 16. Jahrhunderts an deren Stelle eine neue Kirche erbaute, die er sofort zur protestantischen Kirche machte. Im Jahre 1585 hatte die Kirche schon einen Thurm mit zwei zu Nürnberg gegossenen Glocken; 1594 kam auch eine Uhr darauf. Diese Kirche stand aber nur etwas über hundert Jahre, denn 1684 schlug der Blitz in den Thurm und die ganze Kirche brannte ab. Elisabethe Sophie von Rotenhan, geborene von Erffa, Vormünderin ihres Sohnes Hans Georgs IV., begann im Jahre darauf den Wiederaufbau. Am 22. Februar 1685 wurde mit Niederreißung der abgebrannten Kirche begonnen, und am I. April desselben Jahres der Grundstein zur neuen Kirche (der noch jetzt stehenden) gelegt. Sie kostete über 3600 fl. Im Frühjahr 1686 war sie vollendet und am Sonntage Rvgate 1686 (9. Mai) eingeweiht. An der Decke des Schiffes der Kirche ließ die Erbauerin ihr und ihres Sohnes Wappen mit der Jahreszahl 1686 anbringen, wie dieß noch zu sehen ist. Darüber steht: II. LI. v. Ii. u. Im 8. v. Ii. A. v. Im IV. (nämlich: Hans Georg von Rotenhan und Elisabethe Sophie von Notenhan, geborene von Erffa, Wittwe.) Im Thurmknopfe liegen Notizen von 1685, unter anderen vom damaligen Türkenkriege. Im Jahre 1796, wo der Thurm und der Thurmknopf reparirt wurden, sind noch weitere Notizen dieses 778 Jahres in letzteren gelegt worden; 1814 wurde eine gründliche Reparatur dieser Kirche vorgenommen. Der Umstand, daß die erste Kirche zu Eyrichshof dem heil. Bartholomäus geweihet war, gab zu der Sage vom Barchel l Abkürzung von Bartholomäus) Anlaß. Als nämlich diese erste im Bauernkriege zerstörte Kirche lange im Schutte liegen blieb, verbreitete sich die Sage, der Schutzpatron der Kirche, der heilige Bartholomäus — auch der heilige Barchel genannt — halte sich nun zeitweise im Schlosse auf, wo man ihn oft zu sehen glaubte und wodurch sich allerei Gespenstersagen vom Schlosse bildeten. Dieser, selbst noch bis in'S gegenwärtige Jahrhundert fvrtgedauerte Aberglaube vom Barchel gab einem Bedienten meines Onkels Friedrich Karl zu Ende des vorigen Jahrhunderts' zu dem Scherze Anlaß, einen im Schlosse vorgefundenen großen hölzernen Kopf als den heil. Barchel an die oberste Oeffnung des Eingangs- thurmes zu stellen und zeitweise wieder wegzunehmen, sodaß'dieses Gesicht nur von Zeit zu Zeit gesehen ward, und nun für den Barchel gehalten wurde. — Als dieser Bediente einmal eines Abends mit dem zu durchtriebenen Schwänken stets geneigten Silberarbeiter Nenmeister von Nentweinsdorf im Wirthshaus zur Specke zu gleicher Zeit mit übernachtenden Wallfahrern zusammen waren, machten Beide diesen Leuten allerhand Kunststücke vor, und ließen dabei den Barchel erscheinen, der sie bei den Kunststücken unterstützte; das Ansehen des Letzteren, jetzt des Schutzgeistes des Eyrichshofer Schlosses, stieg dadurch nur noch höher, und diese wie andere Wallfahrer gingen seitdem bei ihren Prozessionen nach Merzehnheiligen und anderen benachbarten Wallfahrtsorten in den Schloßhof zu Eyrichshof, knieten vor dem Schlosse, nämlich vor dem heil. Barchel, der vom Thurm herabsah, nieder und beteten. Daß man ihn nur zeitweise sah, — da der bezeichnete Bediente ihn oft wieder entfernte, — vermehrte den Aberglauben. Auch hieß es nun, sein Herabblicken bedeute ein gutes, sein Fernesein ein schlechtes Jahr und dergleichen mehr. Dieser Aberglaube mit dem Barchel dauerte noch geraume Zeit in diesem Jahrhundert fort, bis allmählig die zunehmende Aufklärung ihn verschwinden machte, und der Barchel jetzt nur noch scherzweise als Schutzgeist des Schlosses gilt und von dem Thurme herabschaut. 779 Das jetzige Oeconomiegut Eyrichshof bildete in älterer Zeit zwei ganz getrennte Höfe, den zu Eyrichshof selbst und den zu Sachsenhof. Zwischen beiden bildete die Baunach so ziemlich die Gränze. Caupert in seiner Geschichte der Pfarrei Eyrichshof und Fischbach, die wir in unserer Bibliothek zu Rentweinsdorf im Manuscript besitzen, will das Wort Sachsenhof aus dem Lateinischen, nämlich von Saxa ableiten, da der Grund des Hügels, auf dem der Hof stand, felsig ist. Diese Annahme entbehrt jedoch jedes Grundes, da der Name schon lange vor der Zeit vorkommt, in welcher es üblich wurde, aus dem Lateinischen abstammende Namen zu bilden, und auch nie Saxenhof geschrieben worden ist. Viel wahrscheinlicher ist, daß zur Zeit Karls des Großen, der, wie bekannt, nach Besiegung der Sachsen einen Theil dieses Volkes nach Ostfranken versetzte, einer dieser Sachsen von unseren Vorfahren zur Bewirthschaftuug dieses Hofes aufgestellt wurde, und man den Hof darum den Sachsenhof nannte. — Auf diesem Hügel, auf welchem ehedem ein Wartthurm stand, wurde schon frühe ein Hofgebäude errichtet, das bereits 1490 in einem Lehnbrief vorkommt. Später wurde dieser Hof mit dem von Eyrichshof vereiniget. In dem nun unnütz gewordenen Hofhaus wohnte von da an der Förster, der 1837, als das baufällig gewordene Haus abgebrochen wurde, seine Wohnung in Eyrichshof bekam. Neben dem Hofhause auf dem Sachsenhof wohnten mehrere Taglöhnerfamilien, deren Gebäude im 30jährigen Kriege eingeäschert und nicht wieder aufgebaut wurden. Mehrere dieser Familien starben damals aus, und es existirt jetzt nur noch eine Taglöhnerfamilie daselbst. Auf dem Platze, wo das Hofgebäude und der Oeconomiehof lagen, habe ich jetzt eine Gartenanlage angebracht. Der Hügel ist reich an Quellen, von denen fünf gefaßt sind und den Brunnen im Hofe zu Eyrichshof mit Wasser speisen; zwei wurden zur Füllung mehrerer kleinen Teiche benützt, die zur Aufbewahrung der Fische im Winter bestimmt waren. Als die Fischzucht im vorigen Jahrhundert in Eyrichshof und Fischbach, wo mehrere Teiche ausgetrocknet wurden, sehr verringert ward, gingen auch diese Winterungen bis auf zwei ein, und die eingegangenen wurden vor Kurzem in Wiese verwandelt. Eingegangene Fischteiche waren unterhalb der großen Wiese bei Eyrichshof, ferner zwischen Siegelfeld und dem Walde, und ebenso östlich von Fischbach. so 780 Das Oeconomiegut Sachsenhof hatte im 16. Jahrhundert eine eigene Schäferei, über die ein Vertrag von 1531 errichtet wurde. Auch sie wurde mit der von Eyrichshof vereinigt, die einen eigenen Schafhof nahe bei dem Dörfchen Rotenhan hatte, den Alexander von Notenhan, Abt zu Banz, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erbauen ließ, und der noch steht. Im 30jährigen Kriege litt Eyrichshof außerordentlich, besonders 1632, wo das Schloß mit Gewalt erstürmt wurde. Am 4. Mai 1634 ward es wiederum geplündert und für mehr als 2000 Thaler Schaden darin angerichtet. Im Jahre 1635 wurde das Rittergut Eyrichshof — weil dessen Besitzer, Adam Hermann von Rotenhan, schwedischer Statthalter von Franken war — von den Kaiserlichen confiscirt. Das Getraide, was zu Eyrichshof und Sachsenhof gebaut worden war, mußte deshalb zu Ebern ausgedroschen werden; doch wurde auf Befehl des Bischofs Franz von Würzburg, Adam Hermann am 2. Februar 1636 wieder in das Lehen Eyrichshof eingesetzt. Im Jahre 1641 ward Eyrichshof wiederum von den Kaiserlichen geplündert, und da sich dieß und die Verwüstung des Ortes noch mehrmals im selben Kriege wiederholte, standen 1650 vor dem Hofthore nur mehr zwei Hänser, drei neben dem Schashof am Rotenhan, und auf der Specke nur die damals unserer Familie gehörige Schenkstatt, und gegenüber von dieser die gleichfalls uns gehörige Schmiede. 1654 zählte die Pfarrei kaum 26 Seelen. Später ward neuen Ansiedlern gestattet, sich in Eyrichshof, am Rotenhan und auf der Specke Häuser zu bauen, auch ward auf der Specke eine gutsherrliche Ziegelhütte errichtet, die jedoch später wieder einging. Mein Onkel Christian Ernst verkaufte die Hälfte des dazu gehörigen Gebäudes an Johann Georg Schad. Er verkaufte auch die gutsherrliche Schmiede, die hierauf nach Eyrichshof verlegt wurde. Die Schenkstatt auf der Specke wurde schon früher verkauft, nnd kam später in den Besitz der Familie Gens. Die Eyringsmühle, unterhalb Eyrichshof gelegen, gehörte von jeher unserer Familie, wie dieß verschiedene alte Lehnbriefe nachweisen. Hans Georg III. veräußerte sie am 8. Mai 1645 an den Papiermacher Hans Schultheiß aus Schwarzenbach, der sie in eine Papiermühle umwandelte, woher ihr jetziger Name kommt. Nach dem Tode Hans 781 Georgs III. kaufte sie dessen Wittwe Elisabeth« Sophie als Vormünderin ihres Sohnes Hans Georg IV. am 4. Juli 1692 wieder zurück, behielt sie aber nur vier Jahre, denn am 30. September 1696 verkaufte sie sie wieder mit den zwischen der Mühle und dem Walde gelegenen Feldern und mit dem daran gränzenden Holze (darum das Mühlholz genannt) um 1300 fl. fränkisch an Hans Grubert von Hemmendorf, und seitdem kehrte sie nicht wieder in unseren Besitz zurück. Sie kam später auch an die Familie Geus. Früher wurde viel Wein bei Eyrichshof gebaut; die Weinberge lagen am Rotenhan, wahrscheinlich oberhalb des Dörfchens dieses Namens, und reichten wohl bis zu dem Fräuleinsgarten hinauf, da wo jetzt Wald ist, denn der Wald unter dem Fräuleinsgarten bestand früher nicht, und ist erst während und nach dem dreißigjährigen Kriege angeflogen und dann belassen worden. Im Jahre 1576 waren am Rotenhan 56 Acker Weinberge, die größtentheils an Bürger von Ebern, sowie an Einwohner von Fischbach und Höchstätten vergeben waren. Im dreißigjährigen Kriege wurden sie öde und dann nicht wieder angebaut. Die Gränze zwischen Eyrichshof und Ebern bildete und bildet noch der s. g. Siechanger, den unsere Familie gemeinschaftlich mit Haus Nr. 55 in Ebern besitzt. Derselbe hat seinen Namen von einem in älterer Zeit dortselbst gestandenen Siech- oder Krankenhaus der Stadt Ebern. Oestlich davon liegt der große Judengottesacker, in welchem sich über 700 Jahre alte Grabsteine befinden. Dieser Platz wurde in alter Zeit den sämmtlichen Juden der Umgegend von unserer Familie und der von Raueneck zur Begräbnißstätte eingeräumt, und war später der Gottesacker aller Juden des Cantons Baunach. Bischof Johannes II. von Würzburg nahm ihn jedoch, als unter bischöflicher Cent stehend, in Anspruch, und benützte ihn als Finanzquelle, indem er die Abgabe, die die Juden für jedes Begrübniß zu zahlen hatten, bedeutend erhöhte. Der Protest unserer Familie, der diese Einnahme zustand, blieb dem Stärkeren gegenüber fruchtlos. Wegen dieser erhöhten und nun sehr lästigen Begräbnißabgabe kauften sich viele Judengemeinden nach und nach los, und errichteten eigene Gottesäcker, sodaß jetzt nur wenige Gemeinden ihn noch benützen. Eine daneben im Walde befindliche tiefe 50* 782 Schlucht wird das Paradies genannt, was wohl in früherer Zeit wegen des jüdischen Gottesackers zum Spotte geschah. Noch muß ich der pfarrlichen und Schulverhältnisse von Eyrichs- hof gedenken. Eyrichshof, oder wie es damals genannt wurde, Jrin- gersdorf, gehörte in ältester Zeit zu der unter dem Archidiakonat und Capitel Münnerstadt stehenden Pfarrei Wisach (Pfarrweisach), und wurde, wie ich schon oben anführte, 1232, als aus Ebern, dem Filial von Pfarrweisach, eine eigene Pfarrei gebildet wurde, dieser zugetheilt. Als in Eyrichshof eine eigene Kirche erbaut ward, wurde diese Filialkirche von Ebern, und der Pfarrer von da mußte in dieser Schloßkirche zeitweise und auf Erfordern Gottesdienst halten, wofür der Pfarrei Ebern von unserer Familie mehrere nördlich vom Siechanger gelegene Grundstücke (die heute noch die Pfarräcker heißen) verliehen wurden. Allmählig wurden wegen dieses kirchlichen Verbandes mit Ebern, und da auch die zu Eyrichshof wohnenden Glieder unserer Familie längere Zeit zu Ebern ihre Begräbuißstätte hatten, der Kirche von Ebern vielfache Stiftungen von unserer Familie gemacht, so insbesondere der Zehnt zu Krottenbach, jetzt Siegelfeld, wovon ich weiter unten bei diesem Orte sprechen werde. — Eine andere Stiftung ist die des Viertelstundenackers. Ein in Eyrichhof wohnendes altes Fräulein von Rotenhan, deren Namen wir aber nicht mehr wissen, kam — als unsere Familie noch den Gottesdienst in der Kirche zu Ebern besuchte — täglich bei der Messe zu spät. Sie veranlaßte deshalb, daß der Pfarrer die Frühmesse 'Z Stunde später beginne, und stiftete dafür zur Pfarrei einen dicht neben der Eyringsmühle (Papiermühle) links von der Straße gelegenen Acker, der davon den Namen Viertelstundenacker erhielt, und heute noch so genannt wird. Als sie starb, und die Messe wieder wie sonst früher gehalten ward, wollten ihre Erben diesen Acker wieder zurücknehmen, der Pfarrer aber protestirte dagegen, und behauptete, er habe der Verstorbenen durch die spätere Haltung der Messe weit größeren Dienst geleistet, als ein solcher Acker Werth sei, indem er dadurch ihr Seelenheil gefördert habe. Würden sie ihm den Acker wieder entreißen, so würden sie dafür im Fegfener ihre Strafe erhalten. Dieß wirkte, und der Acker verblieb der Pfarrei und gehört ihr noch heute. 783 Beträchtlichere Stiftungen an besagte Pfarrei machten namentlich die Brüder Peter I. und Kaspar I. von Rotenhan, die im Jahre 1462 der Pfarrei Ebern die übrigen f. g. Pfarräcker oberhalb der Eyrings- mühle gaben, wofür aber nun allwöchentlich außer der Messe auch Predigt in der Schloßkirche zu Eyrichshof gehalten werden mußte. Als 1525 die Kirche zerstört wurde und, wie angeführt, lange im Schutt liegen blieb, hörte, wie natürlich, jener Gottesdienst auf, und als Sebastian II. in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Kirche wieder aufbaute, richtete er sie sofort als protestantische Kirche ein. Die für Haltung des Gottesdienstes gestifteten Pfarräcker verblieben aber der Pfarrei Ebern und gehören ihr heute noch. Sebastian II. wollte zu Eyrichshof eine eigene Pfarrei errichten, und sich deshalb von der Pfarrei Ebern ganz trennen, was jedoch zu großen Streitigkeiten führte; indessen stellte er 1579 einen s. g. Predi- kanten au, der als Hausdiener im Schlosse wohnte, worüber fortgesetzter Streit mit der Geistlichkeit zu Ebern bestand. Diese wollte auch die neuerbaute Kirche als ihr zugehörig betrachten, und als nach Sebastians Tode längere Zeit kein Glied unserer Familie zu Eyrichshof wohnte (Sebastians Kinder wohnten zu Rentweinsdorf), erlaubten sich die Geistlichen von Ebern alle möglichen Eingriffe. So machten sie häufig, begleitet vom fürstbischöflichen Amtmann von Raueneck, Prozessionen nach Eyrichshof. Man drohte dem Geistlichen daselbst gefangen nach Würzburg zu schaffen, und er wagte kaum das Schloß zu verlassen; er war wie ein Gefangener darin, und legte am Ende seine Stelle nieder. Als alle Remonstrationen seitens unserer Familie gegen diese ungerechten Eigenmächtigkeiten nichts halfen, wandte man sich endlich um Schutz an den Ritterhauptmann des Cantons. Dieser untersagte jede Prozession der Eberner nach Eyrichshof unter Androhung gewaltsamer Einschreitung. Dieß wirkte wohl im Augenblick, doch konnte man vorerst noch keinen anderen Predikanten wieder aufstellen, und die Bewohner Eyrichshofs mußten eine Zeit lang nach Rentweinsdorf zur Kirche gehen. Nur zeitweise kam der Präceptor der Scbastian'schen Kinder in Rentweinsdorf, ein junger protestantischer Geistlicher, nach Eyrichshof, um daselbst zu predigen. Als es nach und nach etwas ruhiger wurde, ward dieser Geistliche als Pfarrer in 784 Eyrichshof angestellt. Voller Friede trat erst ein, als Adain Hermann, Sebastians Sohn, nach Eyrichshof zog. Er errichtete 1611 eine eigene Schloßpfarrei daselbst, trennte Eyrichshof, Rotenhan, Siegelfeld nnd Kurzewind von der Pfarrei Ebern und theilte sie der Schloßpfarrei zu. Diese Trennung der genannten Orte von der Pfarrei Ebern konnte er nur um deshalb durchsetzen, weil Eyrichshof centfrei war. Im selben Jahre erbaute Adam Hermann auch den Gottesacker am Rotenhan, wie die au der Mauer befindliche Jahreszahl und andere Nachrichten ausweisen. Es war dieß nothwendig geworden, da nun nach der Trennung der Gottesacker von Ebern nicht mehr benützt werden konnte. — Die jetzt auf dem Kirchhof zu Eyrichshof befindliche Kapelle hat Hans Georg IV. von 1738 bis 1740 erbaut. Erst vor einigen Jahren stiftete Bürger Höchstätter von Ebern eine Glocke auf diese Kapelle. Im Jahre 1861 wurde dieser Kirchhof erweitert, wozu unsere Familie das Land unentgeldlich hergab. Sebastian II. errichtete zuerst eine Schule zu Eyrichshof, die aber bald wieder einging. Der Pfarrer ertheilte damals den Unterricht. Erst von 1606 au, wo die Pfarreien Eyrichshof und Fischbach vereinigt wurden, ward eine dauernde Schule errichtet. Die Lehrer wohnten meist zu Fischbach, später in Eyrichshof. Die Kinder gingen anfangs nur im Winter in die Schule. DiePfarrer, welche theils Eyrichshof, theils die combinirte Pfarrei Eyrichshof und Fischbach versahen, sind: 1. Hermann Jacob, Predikant und Schloßpfarrer zu Eyrichshof 1580 bis 1588. 2. N. Johann Tischner, Predikant und Hauslehrer, dann Schloßprediger 1588. 3. Joachim Düring, Pfarrer bis 1605, wohnte erst in Eyrichshof, dann in Fischbach. 4. Benediktus Thyselius, Pfarrer in Eyrichshof von 1606 bis 1611. 5. Pankratz Krüger wurde 1606 Schloßpfarrer zu Fischbach, und 1611 zu Eyrichshof. 785 6. Burkhardt Schneider erhielt 1612 die vereinigte Pfarrei, starb am 22. Juli 1614 und liegt in Eyrichshof begraben. 7. N. Leonardns Glaser kam 1625 nach Eyrichshof. Er war Verfasser g.) der Schrift NelluIIa, lloetrinae nnFelieae, d. i. die honigsüße und liebliche Lehre von den heiligen Engeln, in eilf Predigten. Schleusingen 1628. b) Laellum rsIsZatuM, d. i. vier Predigten wider die Trunkenheit. Schleusingen 1631. Er kam 1630 nach Westhausen im Hildburghansischen. 8. Mathäus Miling erhielt 1624 die Schloßpfarrei Fischbach, und 1630 die vereinigte von Fischbach und Eyrichshof; kam 1632 fort. Von 1632 bis 1652 wurde diese combinirte Pfarrei von Rent- weinsdorf aus Verseheu. 9. Johann Leonhard Glaser, Sohn des obigen, war von 1652 bis 1657 Pfarrer in Eyrichshof. 10. Johann Melchior Pfeiffer, Pfarrer zu Eyrichshof und Fischbach, von 1657 bis 1668. 11. Johann Samuel Buchenröder 1668 und 1669. 12. Johann Justus Hanf von 1669 bis 1670. 13. Johann Link von 1671 bis 1679. 14. N. Balthaser Frommann, von 1679 bis 1683, begrub Hans Georg III. und Valentin Julius von Rotenhan. 15. Johann Christian Meder, von 1688 bis 1726, wohnte in Fischbach und ist in Eyrichshof begraben. 16. Markus Brendel von 1726 bis 1736. 17. U. Johann David Steinmüller von 1736 bis 1739. 18. Bernhard Schunk 1739. Er ertrank am 9. Januar 1743 in der alten Baunach, als er von einem Krankenbesuche von Ruppach heimging. 19. Friedmann Adrian Slevogt von 1743 bis 1753. 20. Christoph Heinrich Hartlaub von 1754 bis 1788, wo er in Eyrichshof verstarb. 786 21. Johann Georg Seitz von 1789 bis 1792. 22. Johann Friedrich Schröter von 1792 bis 1821. 23. Johann Georg Karl Caupert von 1822 bis 1852. 24. Gottlieb Braun von 1853, befindet sich noch daselbst. Cantoren und Lehrer zu EyrichShof und resp. Fischbach waren: 1. Joachim Düring, Pfarrer und Lehrer zu Fischbach 1605 (siehe oben Nr. 3.) 2. Michael Rosa, Lehrer zu Eyrichshof 1630. 3. Hypolitus Luther oder Ludhardt, Lehrer zu Eyrichshof und Fischbach 1651 bis 1656. 4. Heinrich Müller, Lehrer an beiden Orten 1676; wurde quies- eirt und starb 1679. 5. Gabriel Wurzbacher 1678. 6. Michael Friedrich Ludwig starb 1689 zu Fischbach. 7. Nikolaus Fuchs, Lehrer an beiden Orten 1698. L. Johann Schmidt zu Eyrichshof 1705. 9. Christoph Bulla zu Fischbach und Eyrichshof 1719. 10. Johann Kaspar Ludwig, Schullehrer zu Eyrichshof bis 9. November 1720. 11. Johann Nikolaus Natz starb 1741 zu Eyrichshof. 12. Johann Nikolaus Meusel von Großenwaldenburg im Coburgischen. Er bildete sich auf dem Gymnasium zu Coburg. 13. Anton Meusel, jüngster Sohn des Vorigen, besuchte das Gymnasium zu Coburg bis 1796, wo er als Cautor und Lehrer nach Eyrichshof kam; starb am 28. Oktober 1828. 14. Ferdinand Oppel war erst zweiter Lehrer zu Rentweinsdorf und kam 1828 als Cautor und Lehrer nach Eyrichshof, wo er sich noch befindet. Beamte in Eyrichshof: 1. Moritz Rink, Vogt 1586. 2. Hans Dietz, Vogt 1574. -3. Moritz Rieneck, Vogt 1581. 787 4. Mathes Fischer, Vogt 1596. 5. Johann Scharmann, Vogt 1598. 6. Hans Fischer, Vogt 1632. 7. Friedrich Rindermann, Vogt 1645 bis 1649. 8. Mathias Kunze, Verwalter zn Eyrichshof 1680. 9. Georg Martin Frank, Vogt 1694. 10. Johann Christoph Ernesti, Sekretär 1759. 11. Georg Andreas Eyring, Amtmann starb 1770. 12. Johann Peter Wacker, Amtmann, geboren zn Ebelsbach, kam nach Eyrichshof 1770. 13. Johann Gundelach, erst Hofadvokat, dann Amtmann zu Eyrichshof von 1773 bis 1793, wo er starb. 14. Friedlein, Amtsverweser, starb 1793. 15. Johann Friedrich Strebe!, vorher zu Oberlauringen, Amtmann zu Eyrichshof 1793. 16. Wilhelm Heinrich Kühnreich, Rentmeister in Eyrichshof, wurde 1830 pensionirt. 3. Alschbach , früher Vischbach oder Viehsbach, gehört zu dem ältesten Besitz unserer Familie, und der Erwerb fällt in die Zeit, wo keine urkundlichen oder auch nur historischen Notizen vorhanden sind. Sein Name kommt wohl von den vielen Fischteichen um Fischbach, durch die der aus dem Walde kommende Bach floß. Das erste Schloß (Castrum) zu Fischbach wurde wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut; 1232 scheint es noch nicht gestanden zu sein, da es in der bei Eyrichshof angeführten Urkunde nicht vorkommt. Es war wohl ein bloses Castrum, anfangs mehr zum Schutz als zum Bewohnen bestimmt. — Im Jahre 1323, in der Fehde Wolframs III. mit dem Bischof von Würzburg, die mit der Zerstörung der Burg Rotenhan endete, wurde es auch zerstört, jedoch alsbald nach 1324 von Wolfram wieder wohnlich hergestellt und 1332 von ihm wieder als festes Castrum eingerichtet. Es war indessen nur ein niedriges, kleines, aber festes Gebäude. Im Bauernkriege wurde es wiederum zerstört und von 1530 an wieder aufgebaut und vergrößert, doch erst von Hans Georg I. (Georg'sche Linie), der einen Theil des 1530 darangebauten Gebäudes wieder einriß, 1603 in ganz 788 wohnlichen Zustand hergestellt. Sein und seiner Gemahlin Eva von Münster Wappen mit der Jahreszahl 1605 sind an dem nördlichen Thurme angebracht. Es war ein nur im Erdgeschoß massives, dreistöckiges Gebäude, dessen beide obere Stockwerke, die erst darauf gesetzt wurden, von Fachwerk waren. Die zwei Thürme an demselben wurden von Hans Georg I. so erhöht, daß sie die Höhe des nun dreistöckigen Schlosses bekamen. Dieser lebte längere Zeit in diesem Schlosse. Nach ihm war es nur zeitweise von Familiengliedern bewohnt. Es gehörte bei der Theilnng der Georg'schen und Sebastian'- schen Linie der ersteren. Im 30 jährigen Kriege ward es von Neuem zerstört und dann von Valentin Julius wieder hergestellt, der es bewohnte. Auch seine Wittwe Anna Christina, geb. von Notenhan, bewohnte es noch bis zu ihrem am 30. Dezember 1699 erfolgten Tode. Es waren aber damals die beiden oberen nur von Fachwerk erbauten Stockwerke so baufällig, daß die beiden Söhne des Valentin Julius, Johann Wilhelm und Philipp, Albrecht bald nach der Mutter Tod, nämlich 1707, dieselben abreißen und, da sie das Schloß nicht bedurften, nicht wieder aufbauen ließen. Auch die beiden Thürme wurden bis zur Höhe des Erdgeschosses abgetragen. Johann Wilhelm zog nach Nentweinsdorf, Philipp Albrecht nach Ebelsbach. Seitdem ist das Schloß in der Gestalt geblieben, die es heute noch hat und wurde nur von den Meiern und Pächtern des Oeconomiegutes bewohnt. Das Schloß und dessen Hof waren auf der West- und Nord-Seite von Teichen, auf der Süd- und und Ost-Seite von hohen Mauern eingefaßt. In Fischbach stand sehr frühe schon eine unserer Familie gehörige Kirche und wir wissen, daß sich Wolfrain III. nach Zerstörung der Kapelle auf der Burg Notenhan zu der Kirche in Fischbach hielt. Er blieb aber nicht im ungestörten Besitz dieser Kirche und des Gutes, denn 1330 behauptete Bischof Wolfram von Würzburg (derselbe, der ihm die Burg zerstört hatte) daß die Kirche zu Fischbach dein Bisthnm Würzburg gehöre und daß deshalb das Gut, wie aus dem Eigenthume der Kirche gefolgert werden könne, gleichfalls des Bisthums Eigenthum sei. — So unverschämt, ja widersinnig auch diese Behauptung des Bischofs war, da das Gut von jeher Eigenthum unserer Familie 789 gewesen, so wurde doch förmlich darüber prozessirt und die Entscheidung dem päbstlichen Subdelegateu, dem Probste des Klosters Holzkirchen (bei Honiburg am Main) übertragen, der 1332 einen Spruch zu Gunsten Wolframs III. erließ und den Bischof in die Kosten des Prozesses vernrtheilte. Das Nähere hierüber ist in der Familiengeschichte bei Wolfram III. erzählt worden. — Fischbach gehörte seit ältester Zeit zur Pfarrei Pfarrweisach, und selbst nach Uebertritt unserer Familie und der meisten Einwohner von Fischbach zur protestantischen Kirche, verblieb die Kirche dem katholischen Cultus und es wurde von Pfarrweisach aus zeitweise dort Gottesdienst gehalten. Als die Kirche 1S96 baufällig wurde, forderte Bischof Julius von Würzburg am 23. April desselben Jahres den Hans Georg I. zu Fischbach auf, dieselbe wieder baulich herzustellen, dieser hatte aber als Protestant hierzu nicht die geringste Lust und kam der Aufforderung nicht nur nicht nach, sondern erbaute für sich und seine protestantischen Uuter- thaneu zu Fischbach und Höchstädten 1601 im Schloßhofe eine kleine protestantische Kapelle. Der Bischof befahl hierauf seinem Amtmann zu Raueneck, diese neu erbaute Kapelle zu schließen und alle Einwohner zu Fischbach zur katholischen Mutterkirche in Pfarrweisach zürückzu- führen. Er hatte hierzu durchaus kein Recht, da der Schloßbezirk centfrei war, allein die Bewohner Fischbachs fürchteten sich vor der Uebermacht des Bischofs und beschlossen, das katholische Kirchlein aus Gemeindemitteln wieder herzustellen, was auch geschah. Dieß Kirchlein war sechseckig, hatte ein kleines Thürmchen und bot kaum für 20 Menschen Raum. Glocken hatte es nicht, sondern die Glocke, die auf dem Schloß- thurme hing, wurde zum Läuten für die Kirche benützt. Diese stand am westlichen Ende des Dorfes gegenüber dem jetzigen Wirthshause auf Gemeinde-Eigenthum bei einem Quellbrunuen. Lange wurde sie noch von der Geistlichkeit zu Pfarrweisach benützt. Endlich ward sie baufällig und, da kein Katholik mehr in Fischbach war, wurde sie nicht wieder reparirt; sie stand bis 1829 als Ruine, wo sie gänzlich abgetragen wurde. Da das Schloß und der Schloßhof, in dem die neue protestantische Kirche stand, centfrei war, und ebenso das Pfarrhaus, die Schule und das alte Schulgebäude, das später zu einem Wirthshaus umgeschaffen wurde, so konnten unsere Borfahren durch die Pfarrer zu Eyrichshof 790 und resp. Fischbach daselbst schon in früheren Zeiten alle kirchlichen Handlungen verrichten lassen, obgleich, wie gesagt, Fischbach zur Pfarrei Pfarrweisach gehörte. Der Umstand übrigens, daß Fischbach auch nach Erbauung der protestantischen Schloßkapclle noch fortwährend zu jener katholischen Pfarrei gehörte, führte zu steten Zwistigkeiten und selbst 1629 zu einem tumultuarischen Auftritte. Vor dem Fischbacher Kirchweihfeste in jenem Jahre machte nämlich der bischöfliche Amtmann von Raueneck bekannt, daß statt einer Predigt ein Hochamt' in der Kapelle zu Fischbach gehalten werden sollte, wobei sich alle Gemeinde- glicder bei Gefängnißstrafe einzufinden hätten. Es war gerade kein Glied unserer Familie in Fischbach anwesend und unsere Beamten hasten nicht den Muth, dieser Anweisung sich zu widersetzen. Der Pfarrer von Pfarrweisach kam mit seinem Messner und der Schuljugend und wurde vor dem Dorfe vom bischöflichen Amtskeller und dem Centgrafen von Ebern, welcher mehr als 20 Musketiere bei sich hatte, feierlich mit Schüssen empfangen. Der bischöfliche Amtsknecht ging von Haus zu Haus und forderte die evangelischen Einwohner zum Besuche der Messe auf. Auch die Bewohner des Schloßbezirks sollte er dazu herbeiholen. Zum großen Aerger des Centgrafen war aber das Schloßthor hart und fest verschlossen, so daß man selbst die Glocke auf dem Schloßthurme nicht benützen konnte. Als die Messe, zu welcher die Protestanten zu kommen genöthigt waren, begonnen hatte, weigerten sich diese niederzuknien und das Kreuz zu machen. In diesem Augenblicke entstand in der kleinen Kapelle ein solches Drängen, daß der Pfarrer am Altar den Gottesdienst nicht fortsetzen konnte und man endlich froh war, daß die tobende Menge hinaus eilte. Hier nahm sie eine drohende Stellung mit Knütteln und Heugabeln gegen ihren gewaltsamen Bekehrer an und der bischöfliche Centgraf war genöthigt, mit seinen Musketieren und dem Pfarrer abzuziehen. Jemanden gefänglich mitzunehmen, hatte er nicht gewagt, da sich eine große Menge aus der Nachbarschaft zum Kirchweihfeste eingefunden hatte. Wenige Tage darauf kam er aber mit einer größeren Anzahl Musketiere wieder. Uuter Schießen und Trommelschlag rückte er ein; den evangelischen Pfarrer vertrieb er aus dem Pfarrhause, stellte seinen Hausrath auf die Gasse, verbrannte seine Bücher, erbrach die protestantische Kapelle, raubte deren vasa saera und führte zuletzt 791 noch mehrere Einwohner gefänglich hinweg. Alle Einwohner sollten nun mit Gewalt katholisch gemacht werden, was jedech nicht gelang. Die Zwistigkeiten dauerten fort, und, da auch andere protestantische Adelige gleiche Beschwerde gegen die katholische Geistlichkeit hatten, richtete endlich 1682 unsere Familie in Gemeinschaft mit mehreren anderen eine Beschwerde an Kaiser Leopold I. wegen Bedrückung durch die Bischöfe zu Würzburg. Der Kaiser erließ hierauf im selben Jahre an den Bischof ein Mandat: „Bei Strafe von 15 Mark löthigen Goldes die Ritterschaft und ihre Unterthanen nicht mehr zu turbiren und sich binnen sechs Wochen zu verantworten." Dabei blieb es aber, und die Quälereien dauerten fort und haben sich als Zwistigkeiten bis in dieses Jahrhundert erhalten. Von 1606 an waren zeitweise protestantische Pfarrer zu Fischbach, die jedoch auch mitunter in Eyrichshof wohnten. Von 1653 bis 1789 wurden beide Pfarreien von einem Geistlichen versehen. Das Pfarrhaus zu Fischbach ist das links im Dorfe stehende große zweistöckige Hans. 1794 wurde Fischbach Filial der Pfarrei Eyrichshof, doch erst in diesem Jahrhundert wurde der Pfarrverband des Ortes Fischbach von Pfarrweisach gelöst. Als in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die von Hans Georg I. erbaute kleine protestantische Kapelle, die überhaupt zum Gottesdienste nicht mehr hinreichte, baufällig ward, ließ sie Karl II. von Rotenhan zu Eyrichshof 1756 niederreißen und erbaute die jetzt dort stehende neue Kirche, welche 1761 vollendet und am 27. Sonntage nach Trinitatis desselben Jahres eingeweiht ward. lieber der Hauptthüre bezeugt dieß folgende Inschrift: VusxieiiS nltissnni et in ssinpitornain ejus gloriam, nsäein Iiane snerain eonstituit, Enrolus läber Lara cke Rotsnlian, ckvnasta in LMellsüoken, bibelslmek, lÜLelibaeii, Rucken- ckork eeter: nun cum eonjuge sun ninantissiina Xlbertinu Oorotben Irickeriea, cke 1Vit?Islisn tünckainento tickeliter jaeto ckie XVIII. Nai NVMRVI. Er ließ in dieser Kirche eine Familiengruft einrichten. Die erste dahin begrabene Leiche war die seiner ersten Frau Albertine Dorothea Friederike, geborene von Witzleben, die 1772 zu Eyrichshof starb. Die zweite war seine eigene Leiche, er starb 1774; die dritte die seiner zweiten Frau Auguste Henriette, geborene Röder von Schwende, 792 verwittwete von Truchseß, welche 1783 zu Eyichshof verschied, und endlich die vierte die meines Onkels Friedrich Karl, der zu Eyrichshof am 31. Oktober 1792 starb. Seitdem ist keine weitere Leiche in diese Gruft gekommen. — Am 27. Sonntage nach Trinitatis 1861 wurde das hundertjährige Jubiläum der Kirche gefeiert und 1864 ward dieselbe im Innern restaurirt. Die Bewohner des Schloßgebäudes und der übrigen unserer Familie in Fischbach gehörigen Häuser wurden von 1611 an, wo zu Eyrichshof ein eigner Kirchhof erbaut worden war, in diesen begraben, was jedoch zu steten Streitigkeiten mit der katholischen Geistlichkeit in Pfarrweisach Anlaß gab, weshalb 1725 für diese Schloßbewohner hinter dem Schlosse zu Fischbach nördlich ein eigener Kirchhof errichtet ward. — Die übrigen Bewohner des Ortes wurden zu Pfarrweisach begraben, und als es auch deshalb Streit gab, wurde 1809 für das ganze Dorf ein Kirchhof außerhalb des Ortes errichtet, der 1833 vergrößert ward; der hinter dem Schlosse hörte damit auf. Im Jahre 1606 wohnte der erste Schullehrer, der die combinirte Schule von Eyrichshof und Fischbach versah, an letzterem Orte. Schule und Schullehrers-Wohnung befanden sich, sowie die Wohnung des Pfarrers, in dem obengenannten theilweise steinernen Hause links im Dorfe, was früher bis zur Ecke ging, wo sich die Straße links wendet. Es gehörte unserer Familie. Der nördliche Theil desselben wurde später Schenke und hieß, als das neue Wirthshaus am Ende des Dorfes eingerichtet wurde, das alte Wirthshaus. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts verkaufte unsere Familie die einzelnen Wohnungen in diesem großen Gebäude an mehrere Familien zu Fischbach. Diese neuen Eigenthümer rissen im Laufe dieses Jahrhunderts den nördlichen Theil (das alte Wirthshaus) ab und erbauten an dessen Stelle die noch dort befindlichen drei kleinen Häuser. Im Uebrigen ist von Fischbach noch Folgendes zu sagen: Das Schloß mit Schloßhof, Pfarr-, Schul- und Wirthshaus waren, wie schon angeführt, centfrei, das übrige Dorf stand aber unter würzburg'scher Cent, und es mußte der Centgerichtsstuhl mit einem täglichen Centschöppen besetzt werden, der dafür den Genuß einer Wiese erhielt, die ihm 1727 die Gemeinde entziehen wollte. 793 Damals gehörten 18 Familien zu dieser Cent. Noch 1805 mußte Fischbach Centhaber und Centlaibe entrichten. Kaspar I. von Rotenhan verkaufte 1502 den halben Zehnt von Fischbach an Härtung Stein von Altenstein, und 1507 verkauften Eyring von Notenhan und seine Brüder Kaspar Hans und Alexander den übrigen Theil des Zehnts an denselben. Der ganze Zehnt' wurde aber 1520 wieder eingelöst und verblieb seitdem bis 1848 unserer Familie. Im 30 jährigen Kriege litt Fischbach außerordentlich und hatte 1644 keinen einzigen Unterthanen mehr. Die ganze Umgebung des Ortes war eine völlige Wüstenei geworden und die Naubthiere, namentlich die Wölfe, hatten so überhand genommen, daß noch 1660 jede Nacht um den Pferch, in dem die Schafe auf dem Felde waren, Feuer angeschürt werden mußte, um die Wölfe abzuhalten. Die Pfarrei Fischbach-Eyrichshof zählte 1654 kaum 26 Seelen. Um Fischbach nach dem Kriege wieder empor zu heben, wurden neue Ansiedler herbeigerufen und ihnen vier Freijahre von 1649—1652 gegeben. 1650 war erst eine Haushaltung mit acht Personen dort. Gegen 1649 wurde das jetzige Wirthshaus zu Fischbach, damals ein Bauernhof, angekauft, die dazu gehörigen Grundstücke zu unserem Oekonomiegute geschlagen, das Haus, das als Wirthshaus eingerichtet worden war, verpachtet und am 7. Februar 1681 von Anna Christine, der Wittwe des Valentin Julius, an Georg Ritzel verkauft. Auch ein heimgefallenes Gut wurde 1649 zum Schloßgute geschlagen und 1632 kaufte obige Anna Christine den Spindlershof zu Fischbach. Im Jahre 1862 kaufte ich das Thein'sche Bauerngut zu Fischbach ohne Gebäude und verband die Grundstücke mit unserem dortigen Oekonomiegute. Johann Wilhelm von Notenhan glaubte, daß bei Fischbach Silbererz zu finden sei. Er ließ Bergleute kommen, schloß mit ihnen einen Vertrag, und sie eröffneten nahe beim Schlosse ein Bergwerk, das jedoch als nicht bauwürdig befunden ward, und bald wieder einging. Bei Fischbach ward in früherer Zeit Wein gebaut; die Weinberge, welche östlich vom Dorfe ani Berge lagen, gingen im 30jährigen Kriege ein, und wurden Wald. Wir besitzen noch heute drei Waldparzellen daselbst, die die Weinberge heißen. 794 Wir besaßen von jeher die hohe und niedere Jagd zu Fischbach, die auf der Flurmarkung 1848 verloren ging. Unsere Dominicalrechte daselbst wurden im selben Jahre abgelöst. Wegen der Geistlichen und Lehrer zu Fischbach, siehe Eyrichshof. 4. Hcilgcrsdorf, ein altes Lichtenstein'sches Gut mit Schloß, das nach dem Vermögensverfall dieser Familie von unserer jüngeren (Merzbacher) Linie angekauft wurde, die es noch besitzt. 5. Lichtenstein, an der östlichen Hochstraße des Baunachsgrundes gelegen, ist ein uralter Ort, der im neunten Jahrhundert zum Archi- diaconate und Kapitel Münnerstadt gehörte. Wann zuerst eine Burg daselbst erbaut worden, ist unbekannt, wahrscheinlich war solche zu Anfang die Burg der Familie gleichen Namens, da nur hieraus der Name der Familie erklärt werden kann, indem, wie bekannt, die adeligen Familien sich in ältester Zeit meist nach ihren Burgen oder Schlössern nannten. Allein sie blieb nicht im Alleinbesitz der Familie Lichtenstein, sondern wurde ein Ganerbenschloß mehrerer benachbarten adeligen Familien. Die Lichtensteins behielten zwar immer ein Burggut daselbst, und hatten innerhalb der Ringmauern der Ganerbenburg eine Kemmathe, die einzelne Glieder derselben zeitweise bewohnten, der größere Theil der Familie wohnte aber auf den vielen Schlössern, die sie auf ihren Gütern in der Nachbarschaft hatten. Jede der übrigen, zur Ganerbschaft gehörenden Familien, hatte aber innerhalb des Burgfriedens auch eine Kemmathe, sodaß oft gleichzeitig mehrere Adlige von verschiedenen Familien daselbst wohnten. Die Burg selbst war ihre gemeinschaftliche Beste. Daraus erklärt sich auch der große Umfang der Burggebäude und die verschiedenen darin befindlichen, theihs zerfallenen, theils noch bewohnbaren Gebäude. Südlich von der Burg im Walde steht ein Felsen, der Teufelsfelsen genannt, auf dem sich eine in den Stein eingehauene Zwickmühle befindet; und hieran knüpft sich eine alte Sage: In grauer Vorzeit soll ein Ritter von Lichtenstein ein überaus üppiges Leben geführt und zur Erlangung von Schätzen und gutem Leben seine Seele dem Teufel verschrieben haben. Später reute ihn der geschlossene Pact, und es ward ihm schwer um's Herz; er suchte daher nach einem Mittel, sich 795 vom Teufel wieder frei zu machen. Er rief ihn herbei und schlug ihm vor, mit ihm eine Parthie Zwickmühle zu spielen, mit der Bestimmung, daß, wenn er gewinne, er von der Macht des Teufels frei sein solle, verliere er, so wolle er dem Satan sofort, und nicht erst nach abgelaufener Frist angehören. Der Teufel ging den Vorschlag freudig ein, da er seine Uebermacht kannte. Man ging von der Burg hinaus in den Wald, und auf dem bezeichneten Felsen hieb der Teufel mit seinem Pferdefuße die Zwickmühle in den Stein. Lichtenstein, der ein pfiffiger Mensch war, setzte sich mit dem Rücken gegen die Sonne, so daß der Teufel solche gerade in den Augen hatte. Hierdurch entsetzlich geblendet, that dieser einen falschen Zug, und Lichtenstein gewann. Wüthend stampfte der Teufel mit seinem Pferdefuß auf den Felsen, wovon noch heute die Spur zu sehen ist, und verschwand. Lichtenstein war gerettet, und der Satan hatte sich wiederum als dummer Teufel bewiesen. Im Jahre 1345 kaufte Wolfram III. von Rotenhan, nachdem ihm seine Burg Notenhan zerstört worden war, von Heinrich von Lichtenstein auf Wiesen ein Burggnt mit Kemmathe zu Lichtenstein, wodurch unsere Familie — ältere Linie — in die Ganerbschaft von Lichtenstein eintrat, und bis zum Jahre 1568 in solcher verblieb, wo sich diese Art von Verbindungen überhaupt zu lösen begann, da ihr Zweck — gegenseitig bewaffneter Schutz — ohnedies schon lange nutzlos geworden war. Während 223 Jahren wurde aber die von Wolfram III. erkaufte Kemmathe in der Burg Lichtenstein meist von Gliedern unserer Familie — älterer Linie — bewohnt. Der erste Bewohner derselben war Wolframs III. Sohn, Hans I., der am 27. April 1349 damit belehnt wurde, und sofort seinen Wohnsitz daselbst aufschlug. In diesem Lehnbrief wurde die Burg Lichtenstein eine Stifts- veste genannt, womit das Ganerbenverhältniß bezeichnet ward. — Als unter Wolframs IV. Söhnen die zweite große Linientheilung in unserer Familie eintrat, kam diese Kemmathe sammt Burggut an die Eber- hard'sche Linie. Peter I., Eberhards Enkel, wohnte 1456 daselbst. Unter ihm wurde — 1468 — auch ein Garten dort acqnirirt. — Nach Peter I. bezog dessen Sohn Erasmus diese Kemmathe, und wurde am 30. Mai 1520 damit belehnt. Unter ihm wurde aber dieselbe, wie überhaupt die ganze Burg, im Bauernkrieg zerstört, doch ließ 51 796 Erasmus die Kemmathe wieder aufbauen. Nach ihm kam es an seinen Bruder Melchior, Kloster Langheimischer Hofmeister zu Kulmbach, der sich aber wegen seiner dienstlichen Stellung wohl selten dort aufgehalten haben mag. Als Melchior starb, erbten es die beiden Enkel seines Oheims Caspars I., nämlich Caspar II. und Eyring, von denen Caspar seinen Antheil an seinen Vetter Eberhard II. verkaufte. Als dieser kinderlos starb, und auch Eyring gestorben war, trat Christoph, des Letzteren Sohn, in den Besitz des Burggutes, wurde 1541 damit belehnt und wohnte daselbst. In dem Kriege des Markgrafen Albrecht von Bayreuth wurde die Kemmathe wieder zerstört. Als mit Christoph, der 1562 starb, die Eberhard'sche Linie erlosch, kam das fragliche Burggut mit sämmtlichen Besitzungen jener Linie an die Gottfried'sche Linie, d. h. an die drei Söhne Hans VI., nämlich an Mathäus III., Georg IV. und Sebastian II., welch' Letzterer damals noch minderjährig war. In der zwischen diesen drei Brüdern 1564 vorgenommenen Gütertheilung kam das Burggut Lichtenstein mit der zerstörten Kemmathe an Sebastian II., dessen Vormünder Beides 1568 mit Zustimmung seiner Brüder an Erhard von Lichtenstein verkauften, womit der Antheil unserer Familie an der Ganerbschaft, sowie unser Besitz zu Lichtenstein endete. Nach und nach kamen sämmtliche Kem- mathen und Burggüter zu Lichtenstein, also die ganze Burg, wieder an die Familie gleichen Namens, die dieselbe noch zu Anfang dieses Jahrhunderts besaß, später aber in Vermögensverfall kam, wo dann unsere jüngere Linie zu Merzbach ganz Lichtenstein kaufte, und es noch besitzt. Es besteht jetzt, außer der Burg, die theilweise Ruine, theil- weise noch bewohnbar ist, aus einem Oeconomiegut und einem beträchtlichen Walde. Die dazu gehörigen Dominicalien wurden unserer jüngeren Linie 1843 abgelöst. 6. Rentweinsdorf (früher auch Rentwigesdorf genannt). Woher der Name kommt, ist wohl nicht mit Gewißheit zu ergründen. Lehnes, der immer geneigt ist, unsere Ortsnamen vom Slavischen abzuleiten, sagt: der Nanie Rentweinsdorf komme von Rana (Landschaft, Gau) und Blaza (selig), und will dieß aus der Volksaussprache Rampelsdorf statt Rentweinsdorf herleiten. Diese kühne Etymologie hat jedoch ' 797 gar keine Begründung, besonders auch, da bekannt ist, daß alle mit Dorf endenden Orte ursprünglich rein deutsche Bevölkerung hatten, daher durchaus kein Grund da ist, anzunehmen, daß der Name aus dem Slavischen komme. Viel wahrscheinlicher ist es, daß dieser Ortsname von dem altdeutschen Männernamen Rantwin oder Renlwin herkommt, der schon im Nibelungenlied vorkommt, und wornach Rent- weinsdorf hieße: das Dorf des Rantwin oder Rentwin. Wer aber dieser Rentwin gewesen, ob etwa ein Meran, ist uns unbekannt. Rentweinsdorf gehörte zuerst den Herzogen von Meran, und ging von diesen an die mit ihnen verwandte Familie der Grafen von Truhendingen. Von diesen wurde es, wahrscheinlich im 12. Jahrhundert, an unsere Familie verkauft. Es sind aber einige schwache historische Andeutungen vorhanden, daß es kurze Zeit im Besitze der Familie von Giech gewesen sei. War dieß wirklich der Fall, so wäre anzunehmen, daß es von den Truhendingen an die Giechs, und von diesen erst an uns gekommen sei; doch ist es wahrscheinlicher, daß es sofort von den Truhendingen an unsere Familie kam. Eine Urkunde über den Erwerb Rentweinsdorfs ist nicht mehr vorhanden, unsere ältesten historischen Nachweise sagen uns nur, daß Ludwig I. 1231 schon im Besitz von Rentweinsdorf war. Es war ein freieigener Besitz mit der vollen Centgerichtsbarkeit, und wurde erst am 2. Juli 1497 von den Brüdern Mathäus II. und Götz II. (Gottfried'sche Linie) und ihrem Vetter Veit II. von Rotenhan (Conrad'sche Linie) aus Devotion dem Hochstifte Würzburg zu Lehen aufgetragen, wobei aber ein Theil des Waldes freieigen blieb. Wann dortselbst zuerst ein Schloß (Burg genannt) erbaut wurde, ist uns gleichfalls unbekannt geblieben, wahrscheinlich ist aber, daß schon die Meran oder Truhendingen ein festes Schloß dortselbst hatten, und zwar auf demselben erhöhten Platze, wo unser jetziges Schloß steht. Es wurde bald sehr vergrößert und befestigt, und galt als eine feste Burg. Es war, wie aus einer späteren Beschreibung hervorgeht, dreistöckig, und hatte gegen Westen einen dicken runden Wartthurm, auf dem ein Glöcklein hing, und gegen Norden zwei Thürme. Die Burg war gegen Westen und theilweise gegen Süden von einem mit Ouaderstücken ausgemauerten 40 Fuß breiten Graben umgeben, mit 51* 798 welchem ein äußerer und innerer Zwinger verbunden war. Der fragliche Graben war auf der Südseite durch Mauerwerk mit einem Wassergraben (dem jetzigen Kanal des Hutsees) verbunden, der die Ostseite der Burg schützte, und von dem aus, bei dem jetzigen Gärtnerhaus, sich ein zweiter Wassergraben, nördlich von der Burg, hinter dem jetzigen Amthause bis zum Dorfsee zog. Demnach war die ganze Burg mit ihrem weiten Burgfrieden im Osten und Norden von Wasser, im Westen und Süden von einem tiefen Graben und festen Mauerwerke umgeben. Am Eingang waren eine, über den breiten Graben gehende Zugbrücke und zwei verschließbare Thore. Im Innern war die eigentliche Burg noch mit Mauern umgeben, die Schießscharten hatten, und an den Ecken der Mauern standen dicke Thürme, von denen der nordwestliche noch sichtbar ist, ein gegen Westen in der Mitte gestandener, der noch in meiner Kindheit zu sehen war, wurde erst bei Bepflanzung der gegen das Dorf zu gelegenen Böschung ganz abgetragen. 1607 diente der südöstliche Thurm als Registratur der Gemeinbriefe (der gemeinschaftlichen Urkunden) und zugleich als Pulverthurm. Früher und zwar von 1564 an, wurde das Pulver in einem äußeren Thurm, dem s. g. Wasserthurm aufbewahrt. Noch 1532 hatte das Schloß vier Wächter und einen Thürmer, was von dessen Größe zeugt. Die eigentliche Burg, d. h. die Kemmathe im Burgfrieden, bildete ein unregelmäßiges Viereck, wovon die westliche Seite 96'/- Fuß, die nördliche 89 Fuß, die östliche 91 Fuß und die südliche 94'/- Fuß lang war. Unter der Burg waren von Alters her s. g. Casematten, die zur Vertheidigung dienten, und noch vorhanden sind. Ihr Haupteingang ist an der südlichen Seite. In solchen wird noch jetzt eine sogenannte Christenmarter gezeigt, die demnach, wenn sie wirklich solche gewesen, auf ein hohes Alter der Burg schließen ließe. Die Casematten gingen früher bis unter den jetzigen Marktplatz. Nahe an der Zugbrücke war ein tiefes Burgverließ, das erst 1782, als der untere Theil des Wartthurmes an der Zugbrücke abgebrochen ward, zugeschüttet wurde. — Die Burg hatte tiefe großartige Keller, die noch vorhanden sind, und wobei besonders bemerkenswerth ist, daß auf einer Seite zwei Keller übereinander stehen. Die Größe der Burg Rentweinsdorf geht schon daraus hervor, daß bei der zweiten großen Linientheilung unter Wolframs IV. Söhnen 799 zwei derselben — Conrad und Gottfried — die Burg Rentweinsdorf bezogen, was bei dem Besitze der Schlösser zu Fischbach uud Ebelsbach wohl nicht geschehen wäre, wenn sie nicht gehörigen Raum für zwei Familien geboten hätte. Bei der obengenannten Linientheiluug im 14. Jahrhundert wurde die Burg zu Rentweinsdorf Ganerbenschloß der verschiedenen Linien unserer Familie (älterer Linie). Doch scheint sie anfangs nur unter die beiden Linien, die dort wohnten, nämlich der Conrad'schen und Gottfried'schen, getheilt gewesen zu sein, von denen noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts jede die Hälfte besaß, denn es wird berichtet, daß Mathes II. und Götz II. von der Gottfried'schen Linie jeder '/<, zusammen also die Hälfte, und Veit II. von der Conrad'schen Linie zwei Viertel, also die andere Hälfte der Burg besaßen. — Im Jahre 1530, am St. Georgentag, errichteten die drei Brüder vr. Sebastian I., Hans VI. und Martin von Rotenhan für die Burg Rentweinsdorf, als die Ganerbenburg der Familie, einen s. g. Burgfrieden, der unterm 19. August desselben Jahres vom Kaiser Karl V. bestätiget wurde, und der als Beilage IV. diesem Werke beigedruckt ist. Derselbe enthält in zwölf Artikeln die nöthigen Bestimmungen über die Erhaltung der Burg, über die Rechtsverhältnisse unter den Ganerben, über Schlichtung ihrer und der Ihrigen Streitigkeiten, wie über die Vertheidignug dieser Burg, und gehört zu den wichtigsten und interessantesten Urkunden unserer Familie. Aus diesem Burgfriedeninstrument, (Artikel 4) geht auch hervor, wie reich das Zeughaus dieser Burg damals noch mit Waffen, Pulver und Blei versehen war; es ist darinnen von großen und kleinen Büchsen, ihren Ladungen, Rädern, Pulver, Eisenwerk und anderen zum Geschoß gehörenden, von Armbrüsten, stählernen Bogen, langen Fußknechtspießen, Hellebarten, Panzerwerk, Plattharnischen und anderen dergleichen Wehrstücken die Rede, wofür ein eigener Zeugwart aufgestellt war. Dieß Alles ging theils im dreißigjährigen Krieg, theils später, als es zur Restaurirung nach Nürnberg geschafft wurde, verloren. Nördlich von der Burg aber, noch im Burgfrieden, stand noch ein weiteres Schloßgebäude, über dessen Erbauung nichts bekannt ist. Es fiel bald in Trümmer, und wurde später in ein Brauhaus umge- 800 wandelt. Es stand neben dem jetzigen Amthause. — Die Eyrichshöfer oder Eberhard'sche Linie fühlte jedoch bald das Bedürfniß, auch ein Schloß in der Ganerbenburg zu haben, und baute sich ein solches nordöstlich von der Burg, auch noch im Innern des Burgfriedens. Es stand am 'nordöstlichen AbHange, da wo jetzt ein Nasenplatz vor dem Gärtner- und Glashaus sich befindet, und ward das weiße Schloß genannt. Dasselbe ward im Bauernkriege, wo die ganze Burg teilweise zerstört wurde, auch verwüstet. Nach dem Bauernkriege ließ Dr. Sebastian von Notenhan mit seinen beiden Brüdern Hans und Martin 1529 die Hauptkemmathe in der Burg wieder aufbauen. An deren hohem Thurms stand: Wir Sebastian Ritt, und der Recht äoe. vou Rotonlmll dies gebaut 1529. (Das dazwischen Fehlende war nicht mehr zu erkennen.) Statt des zerstörten weißen Schlosses begann die Eberhard'sche Linie, nämlich Eyring und seine Brüder, hinter der Hauptkemmathe gegen Osten auf demselben erhöhten Platze, wo diese stand, ein neues, aber nicht massives Schloßgebäude zu erbauen, sodaß nun auf dem Platze, wo jetzt unser Schloß steht, zwei Schloßgebäude standen. Dieses Eberhard'sche Schloß wurde jedoch damals nicht vollendet, und blieb in solch' unvollendetem Zustande bis fast zum Ende des Jahrhunderts. Um in das Hintere Schloß zu gelangen, mußte nian durch das vordere durchgehen. Das weiße Schloß blieb lange Zeit in Trümmern liegen. Bei der Theilung, welche Hans VI. Söhne vornahmen, bekamen die beiden ältesten Mathäus III. und Georg IV. das vordere Schloßgebäude zusammen; der jüngere Sohn, Sebastian II. das dahinter stehende Schloß, das er jedoch nicht bewohnte, da es bereits wieder baufällig war, und da er seinen Wohnsitz zu Eyrichshof nahm. Nach dem — 1569 — erfolgten Tode des Mathäus III. fiel dessen Schloßantheil an die Söhne seines verstorbenen Bruders Georg IV., sodaß diese nun das ganze vordere Schloßgebäude allein besaßen, und da nunmehr die neuere Linieutheilung (Georg'sche und Sebastian'sche) geschah, bei der Ebelsbach zur Georg'schen, Eyrichshof zur Sebastian'schen Linie kam, Rentweinsdorf aber gemeinschaftlich blieb, so nannte man nun das vordere Schloß das Ebels bach- Rentweinsdorfer, das Hintere das Eyrichshöfer-Rentweins- 801 dorfer. Letzteres war aber, weil es nicht ausgebaut worden, schon zu Lebzeiten Sebastians wieder ganz baufällig geworden, obgleich es erst nach dem Bauernkriege begonnen worden war; wahrscheinlich war für dessen Instandhaltung in den fünfzig Jahren seit der Erbauung nichts geschehen. Als nun nach Sebastians II. Tode (1588) die Vexationen der katholischen Geistlichkeit zu Ebern wegen des kirchlichen Verbandes von Eyrichshof wieder lebhafter ausbrachen, hielt es die Schwiegermutter Sebastians, Frau Ursula von Riedesel, geborene von Förtsch, die mit in Eyrichshof wohnte und für ihre noch minderjährigen Enkel sehr liebevoll sorgte, — für rathsamer, mit den Enkeln nach Rentweinsdorf zu ziehen. Sie ließ meist auf ihre Kosten das Eyrichshöfer-Rentweinsdorfer Schloß vollenden, oder eigentlich fast von Grund auf neu erbauen, und 1S93, als es vollendet war, an dessen Eingang ihr in Stein gehauenes Brustbild mit der Inschrift anbringen: Der Elter-Mutter Lieb und Treu Baut ihren Tichterlein ') Diesen Bau von Grund auf neu. Daneben wurde ihr Alliancewappen (Riedesel-Förtsch) angebracht, und an einem anderen Stockwerk des Schlosses ließ sie die Namen ihrer beiden Enkel, Hans Sebastian und Adam Hermann in Stein einHauen. — Als nun im Jahre darauf — 1594 — die Mutter der beiden Letztgenannten Anna Nufina sich mit Veit von Würzburg wieder vermählte, zog deren Mutter Ursula von Riedesel mit ihren Enkeln in das nun vollendete neuerbaute Schloß zu Rentweinsdorf, und leitete dort die Erziehung ihrer Enkel. — Daß statt der Mutter Name und Wappen die der Großmutter an dem wieder neu aufgebauten Schlosse zu Rentweinsdorf angebracht wurden, mag seinen Grund darinnen gehabt haben, daß eben die Mutter schon damals im Begriffe stand, sich wieder zu verehelichen, und also aus der Familie zu treten, und daß die Kosten des Schloßbaues vorzugsweise von der Großmutter bestritten wurden. Als obengenannte beide Söhne Sebastians II. erwachsen waren, wollte ein Jeder derselben sein eigenes Schloß zu Rentweinsdorf haben, 0 Enkeln. ... 802 und es baute darum der ältere derselben, Hans Sebastian, das in Trümmern liegende weiße Schloß, was oberhalb des jetzigen Glashauses stand, für sich wieder auf, und ließ sein und seiner Gemahlin, einer geborenen Stibar von Buttenheim, Wappen daran anbringen. Sein Bruder Adam Hermann blieb vorläufig in dein von der Großmutter wieder neu erbauten Eyrichshöfer-Rentweinsdorfer Schlosse wohnen. Als Hans Sebastian 1631 starb, und im Jahre darauf auch sein einziger Sohn Ernst Friedrich mit Tode abging, fiel das wieder neu erbaute weiße Schloß an Hans Sebastians Bruder Adam Hermann, der nun zwei Schlösser daselbst hatte. Neben diesem weißen Schlosse stand ein Thor, das den Burggraben von der Umgebung dieses Schlosses trennte. Es stand zwischen dem östlichen Eck des jetzigen Amthauses und der gegenüber stehenden Mauer. Seit 1612 befand sich im Schloßhofe zu Rentweinsdorf ein Kettenbrunnen. Im 30 jährigen Kriege litten die Schlösser in Rentweinsdorf außerordentlich, wurden zum Oefteren ausgeplündert und zuletzt durch Brand so zerstört, daß die beiden Schlösser Adam Hermanns gänzlich in Trümmer lagen und von dem Ebelsbach-Rentweinsdorfer Schloß, dem s. g. vorderen, nur noch das untere Stockwerk zu benützen war. Bei dem ungeheueren Schaden, den unsere Familie durch diesen Krieg erlitt, war es unmöglich, die vielen Schloßgebäude wieder aufzubauen, und es wurde darum auch nur das zuletztgenannte, die eigentliche alte Kemmathe, wieder hergestellt, aber auch diese nicht massiv, sondern es ward 1688 von Valentin Julius und Johann Friedrich I. auf dem noch haltbaren unteren massiven Bau ein niedriges Stockwerk von Fachwerk erbaut. Dieses Schloß mag in diesem Zustande wenig Annehmlichkeit zum Bewohnen geboten haben, weshalb Valentin Julius es nach seiner Vermählung vorzog, seinen Wohnsitz in Fischbach zu nehmen, obgleich dieses Schloß klein und baufällig war. Sein Bruder Johann Friedrich I. blieb, da er unvermählt war, und darum weniger Raum bedurfte, im Ebelsbach-Rentweinsdorfer Schloß zu Rentweinsdorf wohnen. Das Eyrichshof-Rentweinsdorfer und das weiße Schloß blieben ganz in Trümmer liegen und wurden nicht wieder aufgebaut. Im Jahre 1696 wurde der Schloßthurm zu Rentweinsdorf, der bei dem Brande im 30 jährigen Kriege stehen geblieben war, mit einem 803 kupfernen Knopf, 39 '/s T schwer und mit einem Hahne als Wetterfahne, 8 V4 T schwer, versehen. Als nach Valentin Julius Tode das Fischbacher Schloß für so baufällig erkannt ward, daß seine beiden Söhne es bald darauf, nämlich nach ihrer Mutter Tode, bis auf das untere Stockwerk einlegten, hätten diese Beiden nun nach Rentweinsdorf ziehen müssen; da aber das dortige Schloß nicht mehr den nöthigen Raum für zwei Familien bot, zog nur der ältere von ihnen Johann Wilhelm dahin, während der jüngere, Philipp Albrecht, seinen Wohnsitz im Schlosse zu Ebelsbach nahm. — Die Kinder Adam Hermanns wohnten nach der Zerstörung ihrer Rentweiusdorfer Schlösser zu Eyrichshof, wo diese Linie auch bis zu ihrem Erlöschen im vorigen Jahrhundert blieb. So war also nun seit dem 30 jährigin Kriege nur mehr ein einziges bewohnbares Schloß zu Rentweinsdorf — das Ebelsbach- Rentweinsdorfer oder vordere, die alte Kemmathe der Burg — alle übrigen lagen in Trümmer. Thürme, Ringmauern, Zwinger, Zugbrücke und Gräben waren aber noch wie früher vorhanden, jetzt aber gänzlich nutzlos geworden. Um das Schloß herum, auf den s. g. Basteien, waren Blumenbeete angebracht und südöstlich unterhalb des Schlosses befand sich ein Lustgarten. Als 1730 Johann Wilhelm, der damalige einzige Bewohner Rentweinsdorf's, kinderlos starb und seine Gemahlin Erdmutha, geborene von Künßberg, nach dem Tode ihres Gatten nach Erlangen zog, wo sie bis zu ihrem Tode — 1757 — blieb, stand das Rentweiusdorfer Schloß einige Jahre leer, da die Kinder Philipp Albrechts, der bereits 1725 zu Ebelsbach gestorben war, noch nicht erwachsen waren und zu Ebelsbach wohnten. Doch bald zog der älteste Sohn Philipp Albrechts, Johann Friedrich II., nach Rentweinsdorf, weil dieß mehr im Mittelpunkte der Güter lag. Er liebte die äußere Pracht und war als Kind des 18. Jahrhunderts kein Freund alter- thümlicher Gebäude, zumal wenn solche in dem wenig schönen Zustande waren, wie das Schloß zu Rentweinsdorf in damaliger Zeit. Er faßte daher bald den Plan, an die Stelle dieses alten und teilweise baufälligen Schloßgebäudes ein neues, nach dem Geschmacke seiner Zeit aufzubauen. Daß er es nicht sofort that, lag theils in k» ..st 804 den großen Kosten, theils in dem Umstände, daß ihm, resp. seiner Linie — der Georg'schen — der Burgfriede zu Rentweinsdorf, auf dein das Schloß stand, nur zum Theil gehörte, da sein Vetter Hans Georg IV. zu Eyrichshof (Sebastian'sche Linie) den Mitbesitz hatte. Als jedoch 1746 dieser Vetter starb und mit ihm dessen Linie erlosch, so daß nun Johann Friedrich II. mit seinem einzigen Bruder Karl Alleinbesitzer aller Güter wurde, traf ersterer mit seinem Bruder ein Uebereinkommen, wornach Karl seinen Wohnsitz in Eyrichshof nahm und Johann Friedrich II. alleiniger Besitzer des Burgfriedens zu Rentweinsdorf wurde. — Nun schritt er alsbald zur Ausführung seines Bauplanes. Er entfernte vor Allem die noch vorhandenen Rudera des Hinteren sowie des nordöstlich davon gestandenen weißen Schlosses, und legte 1750 den Grundstein zu dem neuen — dem noch jetzt stehenden — Schlosse. Da das alte Schloß, welches er bewohnte, an der Zugbrücke stand, also ganz vorne, wo jetzt die Böschung nach dem Marktplatze zu sich befindet, so konnte er das ganze jetzige Schloß aufbauen lassen, ohne genöthigt zu sein, während des Baues das von ihm bewohnte alte Schloß abtragen zu müssen. Ein ruhiges Wohnen in solchem während des Baues mag er freilich nicht gehabt haben. Der Bau ging nur langsam, und erst 1757 war der Mittelbau und der rechte oder nördliche Flügel fertig und bewohnbar eingerichtet. Nunmehr riß er das alte Schloßgebäude, diese Jahrhunderte alte Burg unserer Familie, ab, und bezog das neue Schloß, in dessen nördlichem Flügel er mit seiner Familie wohnte, während das Mittelgebäude mit seinen Sälen vorzugsweise zu Festen bestimmt war. Es trat nun eine mehrjährige Pause im Fortbau des Schlosses ein, denn der linke oder südliche Flügel wurde erst 1762 wieder in Angriff genommen und nur nach Jahren mit vielen Unterbrechungen vollendet. Die innere Einrichtung und Wohnbarmachung vollendete erst sein Sohn Sigmund I., und den äußeren Bewurf dieses Flügels ließen erst mein Bruder und ich vornehmen. Die wüsten und theilweise öden Plätze östlich vom neu erbauten Schlosse ließ Johann Friedrich II. nach dem damals herrschenden Geschmacks als altfranzösischen Garten anlegen und dazu 1759 Bäume aus Paris kommen. Er schuf den großen, theilweise mit regelmäßigen 805 Reihen von Bäumen bepflanzten Platz östlich vom Schlosse, erbaute die noch stehende großartige Treppe, die zu solchem herabführt und legte, wie bemerkt, von diesem Platze bis hinab zum Kanal des Teiches (Hutsees) einen nach französischem Geschmacks gepflanzten regelmäßigen Garten an, der sich durch seine künstlich geschnittenen Laubengänge, Irrgärten w. auszeichnete. Die noch stehenden, wegen ihrer Größe allgemein bewunderten Silberpappeln an der nördlichen Seite des großen Freiplatzes stammen noch aus jener Zeit. — Sigmund I. verwandelte diesen Garten in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts nach dem unterdessen veränderten Geschmacks in einen s. A englischen Garten, und erweiterte ihn durch Beiziehung der bis zur Baunach reichenden großen Wiese, von der er aber erst einzelne Theile acquiriren mußte. Diese Wiese wurde sodann durch Dämme längs der Baunach vor willkührlichen Ueberschwemmungen geschützt und mit Gartenwegen und höchst geschmackvoll angepflanztem Gebüsche als neue Gartenanlage mit zum Garten gezogen, wie sie es noch heute ist. Gleichzeitig legte er auch die Insel im Kappelsee an und errichtete bald darauf den südlich vom Orte noch befindlichen Obstberg. Im 17. Jahrhundert besaß unsere Famile außerhalb des Schlosses folgende Häuser: das Vogthaus, das Büttnerhaus, das Brau- und Mahlhaus unterm Seedamm, das Haus am See (Dorfsee), die Ziegel- Hütte und eine öde Hofstatt. — Die vordere Wohnung in der Ziegel- Hütte verkaufte Johann Friedrich II. am 14. November 1752 an Andreas Schmitt. Sein Sohn Friedrich Karl kaufte am 1. Mai 1781 von dem Canton Bannach die s. g. untere Consulentenwohnung, was das jetzige Rentmeistershaus ist. Johann Wilhelm erbaute 1711 das Gärtner- und Orangeriehaus und 1720 das Amthaus zu Rentweinsdorf. Letzteres hat über der Eingangsthür folgende Inschrift: Hoc uoäiüeium Doo ot justitiae sneratum oxstrui, loeit Dominus llolmnnos 'tVilbelmus äs Dotondan. ^nno 1720. Wieviel unsere Vorfahren auf die Befestigung ihrer Ganerbenburg hielten, geht übrigens nicht allein aus der oben beschriebenen Befestigung der Burg selbst, sondern auch daraus hervor, daß ein eigenes 806 Zeughaus daselbst bestand, welches seinen eigenen Zeugwart hatte, und daß das ganze Dorf Rentweinsdorf befestiget war. Um den ganzen Ort zog sich ein Befestigungswerk, theils aus Wasser, theils aus Gräben, Mauern und Pallisadenwerk bestehend, und dazwischen waren 3 feste und wohlverschließbare Thore. Das eine derselben stand an der nördlichen Seite des Dorfes dicht am s. g. Dorfsee (etwa da, wo jetzt das große Oekonomiegebäude steht). Es bildete den Eingang von Ebern her und hieß das Seethor. — Gegen Westen am oberen Ende des Dorfes gegen Salmsdorf zu stand das Schneiderleinsthor und am südlichen Ende des Dorfes gegen Bamberg zu, da, wo jetzt der Weg zur Eisgrube führt, das Reinbeins- oder untere Thor, welches 1589 erbaut wurde. An solchem war der s. g. alte Schloßgarten mit Gärtnerhaus da, wo jetzt das Solger'sche Haus mit Garten steht. — Wie bedeutend das obengenannte Zeughaus war, kann daraus entnommen werden, daß, als die darin befindlichen Waffen durch längeren Nichtgebrauch verrostet waren, man solche in vielen Wagenladungen nach Nürnberg zum Restauriren brachte. Leider gingen dieselben seitdem spurlos verloren, indem nicht mehr ermittelt werden kann, wohin solche von Nürnberg aus kamen, oder ob sie dort etwa verkauft worden sind. Dem Genannten füge ich über den Ort Rentweinsdorf noch weiter bei: 1. Mitten im Orte stand eine große Linde mit Gebälk gestützt, unter der die Gemeindeversammlungen stattfanden und um die der festliche Kirchweihtanz begann, bei dem mit einer Geige, Querpfeife und Trommel Musik gemacht wurde. Noch im Jahre 1590 geschieht dieser Linde Erwähnung. 2. Rentweinsdorf war, wie schon gesagt, centfrei und unsere Familie hatte daselbst die Criminalgerichtsbarkeit. Ein Pranger mit Halseisen stand auf dem Markt, der noch im vorigen Jahrhundert, als er umgestürzt war, wieder erneuert wurde. Es fanden auch Hinrichtungen zu Rentweinsdorf statt, und namentlich wurde unter Hans Sebastian von Rotenhan, dem Sohne des Sebastian II. (Sebastian'sche Linie) und zwar am 3. Juli 1613 ein gewisser Hans Klein von Zeil 807 wegen Diebstahl durch das Schwert hingerichtet. — Die körperlichen Strafen daselbst waren Gefängniß, Geige und Sturmhnt. 3. Rentweinsdorf hatte seine besondere Dorfordnung und sein Schöppengericht, bei dem 12 Schoppen aufgestellt waren. (Siehe Lehnes Seite 240 ff.) 4. Es hatte schon zur Zeit der Truhendingen die Marktgerechtigkeit, wie dieß aus dem Rescript des Kaisers Leopold I. vom 24. März 1698 hervorgeht. Das Marktpatent, welches die Truhendingen vom Kaiser erhalten hatten, ging bei einem Brand im 30 jährigen Kriege zu Grunde. Diese Gerechtigkeit ruhte später einige Zeit, wurde aber sodann wieder ausgeübt, und der Markt war für ein Dorf sehr bedeutend; so waren 1614 auf dem Pfingstmarkte — der vom 21. bis 30. Mai dauerte — 90 Kaufleute anwesend. Die Marktgerechtigkeit ward am 13. September 1790 durch den Reichsverweser wieder erneuert. 5. Im Jahre 1685 kam der erste Krämer Michael Abendörfer nach Rentweinsdorf. 6. Im 17. Jahrhundert bestand in Rentweinsdorf ein bewaffneter Ausschuß. Hans Sebastian von Rotenhan ernannte am 24. Oktober 1611 den Johann Storch zum Lieutenant desselben. 7. Vor dem 17. Jahrhundert befanden sich in Rentweinsdorf keine Juden; zwischen 1609 und 1622 wurde aber an mehrere Judenfamilien Schutz daselbst verliehen. 8. Es bestand daselbst eine gutsherrliche Gemeindeschmiede, die durch Elisabetha Sophie, Mutter und Vormünderin des Hans Georg IV. und durch Anna Christine von Rotenhan, Mutter und Vormünderin des Johann Wilhelm und des Philipp Albrecht, an Hans Rosenberger von Kirchlauter verkauft wurde. 9. Wolf Christoph I. von Rotenhan erbaute 1605 am Dorfsee eine Mahlmühle, desgleichen ein Brauhaus und eine Ziegelhütte. Schon vorher 1596 hatte er eine Badestube erbaut, die zwei Badezimmer hatte. Sie wurde nach dem 30 jährigen Kriege verkauft und kam später an Mannert von Hildburghausen. Derselbe Wolf Christoph legte auch Hopfengärten und Weinberge an. Wein wurde übrigens schon seit ältester Zeit in Rentweinsdorf gebaut, und Viele wollten so- 808 gar den Namen Rentweinsdorf davon ableiten, was jedoch keine Begründung hat, da der Weinbau wohl schwerlich so alt wie der Name ist. 10. Unsere Familie hatte mit der Gemeinde zusammen das Weggeld daselbst; man mußte zwei Kreuzer zahlen. Darüber erhob sich ein Streit mit der fürstbischöflichen Regierung von Würzburg. Es ertrug 1689 12 fl. 6 kr. 11. Vom 29. Juni 1712 an hatte die Schmiede-, Wagner-, Schlosser- und Nagelschmiedezunft für den ganzen Canton Baunach ihren Schild, d. h. ihren Sitz, in Rentweinsdorf. Es ward bei Aufrichtung dieses Schildes ein Spruch gesprochen, worinnen es unter Anderem hieß: Es wird bei Leib- und Lebensstrafe verboten, diesen Schild anzutasten, zu verletzen oder zu beschimpfen, welches ein Jedweder wohl zu merken und sich vor Unglück, Schimpf und Spott zu hüten hat. Die Zunftordnung ist vom 1. Juli 1712, worinnen 2 Zunftmeister, 4 Zunftälteste oder Obermeister angeordnet wurden. Das Ausbleiben vom Jahrestage wurde bestraft. Anfänglich wurden 45 Meister aufgenommen, die sich bis zum Jahre 1728 auf 52 mehrten. — 1804 wurde auch eine Schnhmacherzunft errichtet, jedoch 1811 wieder aufgelöst, da für den damaligen Landgerichtsbezirk eine vereinigte eingerichtet ward. 12) Im Jahre 1726 errichtete Apotheker Heinrich Alt eine Apotheke zu Rentweinsdorf. Man gab ihm vor dem Schlosse ohnweit der Treppe in den Lustgarten eine Baustätte mit 2 Gewölben. Diese Apotheke kaufte 1790 Gustav Adolph Seyffarth, konnte sich aber nicht darauf halten und zog nach Eyrichshof, von wo er bald darauf entlief. Das Apothekeranwesen kam dann an Johann Heinrich Weidmann, der eine Handlung darinnen errichtete, es aber später an unsere Familie veräußerte, die es abbrechen ließ. Weidmann baute sich für seine Handlung ein Haus neben der Kirche. (Das jetzige zweite Schulhaus.) 13) Der Canton Baunach hatte zu Rentweinsdorf außer der unteren Consulentenwohnung, die, wie oben gesagt, an unsere Familie verkaust wurde, auch noch eine zweite Consulentenwohnung daselbst, 809 die s. g. obere, welche in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an vr. Hoffmann, Cantonsarzt zu Rentweinsdorf, um 625 fl. frei von allen Lasten verkauft wurde (jetzt das Martin'sche Haus.) 14. Johann Friedrich II. verkaufte da im vorigen Jahrhundert wenig Werth auf Grundbesitz gelegt wurde — am 19. Oktober 1751 zehn bezimmerte und zwei unbezimmerte Höfe zu Rentweinsdorf und Sendelbach an den Oberamtsfaktor Low Dessauer zu Anbach, der sie zerschlug. 15. Sigmund I. verwandelte 1784 die gutsherrliche Kalkhütte am Gottesacker in ein Wohnhaus und verkaufte das Gartenhaus im alten Schloßgarten am untern Thor an Centchirurg Solger, der an dessen Stelle ein Wohnhaus baute. 16. Das untere Thor, das 1775 der Amtsbote Huther gekauft hatte, wurde 1785 abgebrochen und ein neues Wohnhaus dafür hingebaut. Vor dem ehemaligen Thore ließ Sigmund I. im selben Jahre mehrere Häuser bauen und übergab sie an herbeigezogene Kolonisten, resp. Ansiedler; darunter waren Häfner Wächter und Johann Georg Mannert; 1788 erbauten sich dort auch Schreiner Wunder, Johann Peter Kaiser und Schlosser Weidmann neue Häuser, und endlich 1795 erbaute Sigmund am Ende der linken Häuserreihe vor besagtem Thore ein für zwei Familien bestimmtes Haus und verkaufte es im Jahre darauf an Hildebrand und Petereins, deren Familien es noch besitzen. Jeder Colonist erhielt 3 Freijahre. — Auch vor dem Seethor gegen den Kirchhof zu am Dorfsee ließ Sigmund I. um jene Zeit mehrere Häuser erbauen, die er dann an neue Ansiedler verkaufte. Dieser neu entstandene Theil des Dorfes zwischen dem Dorfsee und dem Kirchhofe nannte man, da Sigmund damals aus Rentweinsdorf eine Stadt zu machen gedachte, die Vorstadt, welchen Namen er noch heute hat. Derselbe war zu jener Zeit überhaupt ernstlich bemüht, Rentweinsdorf zu vergrößern und ihm eine städtische Gestalt zu geben. Er berief 1795 in öffentlichen Blättern Handwerker und Fabrikanten unter vortheil- haften Bedingungen dahin und ging selbst 1802 damit um, ein städtisches Rathscollegium zu Rentweinsdorf zu errichten. Es siedelten sich auch wirklich viele eigentlich städtische Handwerker, wie Gold- und Silber- 810 arbeiter, Färber und Andere daselbst an, und selbst eine Krugfabrik ward 1797 durch Leute aus dem Trier'schen in Rentweinsdorf errichtet. Die meisten dieser industriellen Ansiedelungen gingen im Laufe der Zeit wieder unter. — Am 28. Oktober 1799 wurde zum Schutz für die Gewerbsleute jedem Handelsmann zu Reutweinsdorf eine Gewerbesteuer von 5 fl. auferlegt. 17. Ein eigenes Haus zur Salpeterbereitung wurde von Sigmund I. erbaut, das noch steht. 18. Im Jahre 1795 wurde die große Obstbaumallee auf der Ebene durch denselben gepflanzt und sodann theilweise der Gemeinde gegen die Verbindlichkeit der steten Unterhaltung und Nachpflanzung schenkungsweise überlassen. 19. Der große Dorfsee, früher nicht blos zum Zwecke der Fischzucht, sondern gleichzeitig zur Befestigung des Ortes bestimmt, war in letzterer Beziehung längst unnöthig und erzeugte in den zunächst liegenden Häusern viele Fieberkrankheiten. Sigmund I. beschloß daher, ihn trocken zu legen. Er kaufte zu diesem Zwecke 1799 die früher von unserer Familie veräußerte Dorfseemühle, die durch den Abfluß aus dem Teiche getrieben wurde, brach sie ab und trocknete hierauf den Teich aus, der in fruchtbares Feld und Wiese verwandelt wurde. 20. Der große Schloßgraben zwischen dem Schlosse und der Kirche wurde 1800 ausgefüllt und sodann der jetzige Marktplatz geschaffen Um dieß bezwecken zu können, mußten zwei Häuser abgebrochen werden. 21. Auf dem Marktplatze stand ein Brunnen, der sein Wasser durch eine Röhrenleitung aus dem Schelmsbrunnen, westlich von Rentweinsdorf im Hauptwalde gelegen, bekam. Dieser Brunnen wurde im 30jährigen Kriege zerstört und 1753 wieder hergestellt; er ging jedoch später ein, da seine Unterhaltung wegen der weiten Röhrenleitung zu kostspielig war. Die im Walde gefaßten Quellen sind noch sichtbar und ein Theil des Waldes, in dem die Röhrenleitung über der Erde auf s. g. Böcken lief, wird heute noch in der Volkssprache „bei den Böcken" genannt. 22. Der große unserer Familie gehörige Wald bei Rentweinsdorf, welcher sich vom Eichelberg bis Salinsdorf und Goggelgereuth gegen 811 Kirchlauter zu zieht, gehörte nicht zur Flurmarkung Reutweinsdorfs, sondern bildete stets für sich einen besonderen Körper, was auch unter bayerischer Regierung unverändert blieb. Ein Theil dieses Waldes war 1497 mit Nentweinsdorf dem Hochstift Würzburg als Lehen aufgetragen worden, während der andere Theil freieigen geblieben war. In neuerer Zeit stellte die Gemeinde Nentweinsdorf die Behauptung auf, daß dieser ganze Wald zur Gemeindeflur Nentweinsdorf gehöre und daß wir deshalb auch von ihm zur Gemeindekasse steuern mußten. Die Gemeinde stützte sich bei dieser Behauptung vorzugsweise auf alte Urkunden, in denen dieser Wald Gemeinwald genannt wurde, was nach der Volkssprache so viel bedeute, als Gemeindewald. Er sei also früher Gemeindewald von Nentweinsdorf gewesen und habe daher nothwendigerweise zur Flurmarkung dieses Ortes gehört, welche Eigenschaft er dadurch, daß er in den Besitz unserer Familie gekommen sei, nicht habe verlieren können. Diese Behauptung der Gemeinde war aber eine durchaus irrige, denn die Bezeichnung des Waldes als Gemeinwald bedeutete nicht Gemeindewald, was er nie war, sondern bedeutete gemeinschaftlicher Wald. Bei den verschiedenen neueren Liuieu- theilungen in unserer Familie nämlich, wobei ein Theil der Güter unter diese Linien getheilt, dagegen Nentweinsdorf als Gauerbenburg der Gesammtfamilie belassen wurde, ist auch dieser Wald der Gemeinschaft, d. h., wie man sagte, der Gemeinheit geblieben, und daher der Name Gemeinwald. In dem letzten Jahrhundert wurde er zwar einmal zwischen der Ebelsbach-Rentweinsdorfer und der Eyrichshof-Rent- weinsdorfer Linie getheilt und deshalb mitten durch den Wald Gräuz- steine gesetzt, die zum Theil noch stehen, allein dieß war nur in neuerer Zeit und nur vorübergehend geschehen. — Wegen der angegebenen Differenz mit der Gemeinde Nentweinsdorf entspann sich zwischen ihr und unserer Familie ein Rechtsstreit, den wir, mein Bruder und ich, durch Vergleich dahin endeten, daß wir einen Theil dieses Waldes, nämlich den Eichelb erg und bis zum f. g. Bach der Gemeindeflur Nentweinsdorf zutheilen ließen, während der übrige Theil, also der eigentliche Hauptwald, vom Bach gegen Salmsdorf, Goggelgereuth und Kirchlauter zu, von jedem Gemeindeverband nach wie vor frei blieb. Zwischen beiden Waldtheilen wurden Steine gesetzt, die die Flurgränze bezeichnen. 52 812 23. Im Jahre 1806 nach Auflösung der Reichsritterschaft und des deutschen Reiches entstand über die Territorialhoheit Rentweinsdorfs Streit zwischen Würzburg und Bayern. Jeder Theil wollte Sigmund I. in Pflicht nehmen, wodurch unangenehme Collisionen entstanden. Endlich siegte Bayern ob, doch ward Nentweinsdorf 1810 würzburgisch und blieb es bis zur Auflösung des Großherzogthums im Jahre 1814, von wo an es zu Bayern kam. 24. Im Jahre 1801 bildete Sigmund I. durch mehrfachen Tausch von Feldern den s. g. Hermannshof, wo er eigene Oekonomiegebäude bauen lassen wollte, was jedoch unterblieb. 25. 1805 ward eine Schweizerei zu Nentweinsdorf errichtet, und 1809 das dortige große Oeconomiegebäude mit Brauhaus erbaut. Ueber die kirchlichen, pfarrlichen und Schulangelegenheiten von Nentweinsdorf ist Folgendes zu bemerken: Nentweinsdorf gehörte früher zum Archidiaconat und Kapitel Münnerstadt, und wurde, als 1232 in Ebern eine eigene Pfarrei gebildet ward, dieser zugetheilt. Schon sehr frühe hatte Nentweinsdorf eine eigene Kirche, oder vielmehr Schloßkapelle, die sich in dem Theil des Schlosses befand, welcher nach Westen, also nach dem jetzigen Marktplatze zu stand. Ihre Bauart unterschied sich nicht von jener des Schlosses selbst, mit dem sie unter einem Dache stand. Später bekam sie einen Thurm mit Uhr, ein Chor und eine Empor. Sie stand bis 1605. — Schon die Grafen von Truhendiugen, die früheren Besitzer Rentweinsdorfs, hatten von den Päpsten einen Confirmationsbrief über diese Kirche erhalten, woraus ihr hohes Alter hervorgeht. — Wolfram III. und seine Gemahlin Luidgarde, geborene von Schaumberg, thaten viel für diese Schloßkirche, und stifteten 1317 zu Nentweinsdorf eine eigene Vicarie zu Ehren des heiligen Kreuzes, der heiligen Kunigunde und des heiligen Pankratz des Märtyrers, wodurch Nentweinsdorf ein Filial Ekerns wurde. Am 3. Februar 1342 stifteten sie auch einen Pfarrhof daselbst, d. h. einen der Vicarie gehörigen Oeconomiehof, welche Stiftung Bischof Otto von Würzburg an: 17. October 1343 genehmigte, und stellten einen eigenen Schloßgeistlichen daselbst auf. Der fragliche Pfarrhof bestand aus einem Haus mit Scheuer und Garten (es ist der 813 zunächst am jetzigen Pfarrhause gelegene Bauernhof), wozu Felder und Wiesen gegeben wurden. — Um fragliche Vicarie noch zu verbessern, wurde vom Papste Clemens VI. für die Schloßkirche ein Ablaß erwirkt, wodurch ihr für die ertheilte Sündenvergebung viel Geld zuging. Dieser gewährte Ablaßbrief hatte sechszehn anhängende Siegel von Heiligen, die dadurch Jndulgenz für begangene Sünden zusicherten. — Im Jahre 1383 erhielt die Schloßkapelle durch Conrad II. (Stifter der Conrad'schen Linie) den Fierster Zehnt, und 1388 gab ihr Ludwig VI., Conrads II. Sohn, einen Weinberg zu Rentweinsdorf. — Wallburga von Rotenhan, geborene von Förtsch, und ihre Söhne vr. Sebastian, Götz, Hans und Martin (Gottfried'sche Linie) stifteten 1507 eine Pfründe in dieser Schloßkapelle. — Am 13. Januar 1519 erwirkte vr. Sebastian von Rotenhan von dein Cardinal Albert zu Mainz, der damals als gleichzeitiger Fürstbischof in Bamberg weilte, einen neuen Ablaß für die fragliche Schloßkapelle zum heiligen Pankratz, wie zugleich für die Kapelle St. Wolfgang — von der ich alsbald sprechen werde — wornach Alle, so zur Kirchweih zu Rentweinsdorf seien und diese Kapellen besuchen, und im Gebet der Heiligen dieser Kapellen gedenken, für sich auch zu Gott thun (d. h. sich im Gebete zu Gott wenden) oder was sonsten zum Gottesdienst darein verschaffen, soviel Hundert Ablaß erhalten sollen. Im Jahre 1533 führten Hans VI. von Rotenhan und sein Sohn Mathäus III., Würzburgischer Amtmann zu Waldburg bei Eltmann, die Reformation in Rentweinsdorf ein, und trennten nun die dortige Schloßkirche, die, wie angeführt, Filial von Ebern war, von dieser Mutterkirche und Pfarrei, indem sie in Rentweinsdorf eine eigene Pfarrei errichteten. Welche Orte sofort zu dieser Pfarrei geschlagen wurden, ist nicht bekannt. Es gab aber wegen dieser Lostrennung von Ebern und eigenen Pfarrbildung vielfachen Streit mit dem Hochstifte Würzburg, und die Pfarrer zu Rentweinsdorf waren steten Störungen und Vexationen unterworfen. Noch 1579 kam es vor, daß eine Taufe nur Nachts 9 Uhr bei Licht vorgenommen werden konnte. Das Taufregister von Rentweinsdorf beginnt erst 1578, doch hat das erste darin aufgeführte Kind Nr. 161, ein Beweis, daß schon lange vorher Taufen vorgenommen wurden. Lind brachte schon in jener Zelt seine Kinder zur Taufe nach Nentweinsdorf. Von 1580 an Eichelberg; von 1581 an Mauschendorf (dieser Ort war 1509 fast ganz protestantisch), Gerach, Treinfeld, Laimbach und Mürsbach; von 1582 an Salmsdorf, Goggelgereuth, Eyrichshof und Kurzewind; von 1593 an Gräfenholz. — Nach dem zweiten Kirchenbuch von Nentweinsdorf (das erste existirt nicht mehr) bestand die Pfarrei Nentweinsdorf im Jahre 1001 ans den Ortschaften Nentweinsdorf, Salmsdorf, Sendelbach und Treinfeld, die Protestanten der übrigen genannten Ortschaften hielten sich daher nur charitativ zu dieser Pfarrei, lieber 200 Jahre blieb dieser Pfarrsprengel unverändert. 1746 hielten sich zur Pfarrei die Orte Treinfeld, Sendelbach, Salmsdorf mit dem Doctorshof und den Protestanten von Gerach, Eichelberg, Heubach, Lind, Laßbergsgereuth, Gräfenholz, Untermanndorf, Mürsbach, Speiers- berg und Melz; doch gehörten nicht alle diese Orte zur Pfarrei, sondern die Protestanten von vielen derselben hielten sich, wie gesagt, nur charitativ zu solcher. — Erst in neuerer Zeit wurde die Pfarrei bedeutend vergrößert, indem durch allerhöchstes Rescript ll. varie in nos, tainsuam in arbitratores, esset eompromissum, et Virieum Lteronem et Lderkaräum de Lieck, ita, ut tMeum) Redest!» IV, 754. 905 Beilage ZV (zu Seite 107). Rcntweinsdorfer Burgfriede vom 19. August 1530. Wir Karl der fünfft von gottes gnaden Römischer Kaiser zu allenntzeiten Merer des Reichs zc. In Germanien zn Hispanien beider Sicilien zu Jerusalem zn Hungern zn Dalmatien zu Kroatien zc. Künig. Ertzhertzog zw Osterreich, Hertzog zw Burgund :c. Graue zu Habspurg zw Flanndern vnnd Tirol zc. Bekhennen öffentlich mit diesem Brief und thun kunth allermenniglich. Nachdeni vnns vnnsere vnd des Reichs liebe getrewen, Sebastian Hans vnd Martin vom Rottenhan zu Rent- wenßdorf gebrüder fürbringen lassen. Wie das, darmit Sy vnnd Jr erben hinfürio bester südlicher beyeinander wonen und pleiben mochten, sich eins Burgkfriden in berürtem Jreni Schloß Nentwenßdorf vereinigt, dennselben angenomen und aufgericht, Welcher von wort zu wortten hernachfuolgt, also lauttend: Wir Sebastian Ritter beider Rechten Doctor, Hans vnd Martin vom Rotenhan zu Nentwenßdorf gebrüdere. Bekhennen hiemit öffentlich für vns, vnnser erben vnnd nachkommen Jnwonere des Schloss Nentwinßdorf, das wir zu Unterhaltung, aufnemen, frieden und einigkeit vnnsers geschlechts und namens mit Rath der verständigen, eins Burgfriedens, wie der zum theil durch vnnsere Vorfarn seliger gedechtnus hieuor gemacht, auch zum theil durch vnns geendert und gepessert ist, uns verglichen vnnd den zn halten geschworen haben. Nemlich wo vnnser einer, vnnser erben vnnd nachkamen seinen theil an dem Schloß Nentweinßdorf vnd in der mark daselbs zw dorf und zn Veldt gar oder zum theil verk- hauffen wolte, oder muest, So solle Er erstlich seinem nechstgesipten Vettern vnnsers namens, Schild vnd Helms, der in yetzgedachtem Schloss ein Ganerbe ist, sollichen teyl oder stück als he ein Viertel 906 des Schloss sampt seiner Nutzung zw dorf vnd zw Veld in der Mark gelegen vmb Funffzehen hundert gülden, vnnd ein halben theil vnib dreythawsent gülden Neinisch zuuerkhauffen vnder seinem offen versigelten brief kuntlich anpietten, wo dann der nach zwschickung des brieffs In acht Wochen den nechsten sollichen kawf mit knntlicher ant- wort nit annimpt, solle der verkänffer sein theil einem anndern Ganerben so nach diesem Jme der nechst gesipt und einer voin Rottenhan ehelichen geboren ist, vnd dann ans des abschlahen den anndern Ganerben also nacheinander, dergleichen volgendt anndern vom Nottenhan so nit Ganerben sein allen nach nehe der Sippschafft nacheinander, wie obengemellt zuuerkhawffen anbietten vnd auf Ire aller und yeder widersetzen dcnnselben theil allererst einen frembden vom Adel erlich geborn, Doch das der kein Fürst. Graf Freyherr oder Uebergenoss sey, umb gemelte Somma als den halben theil vmb Dreythawsent vnd ein Virteil vmb Fünffzehenhundert gülden Neinisch mit dergleichen auf vnd absteigen des kaufgelts nach anzal und gebure des theils zuuerkhauffen macht haben, Doch das der Kawffer den Burgkfrieden zu halten, auch schwern solle mit der Bescheidenheit, das derselb frembd Kauffer einem yeden Ganerben darzw auch anudern vom Rottenhan, so kein Ganerben sein, auf Jr yedes begeren in sollichen kawf vnd Widerlosung des entpfrcmbden theils zwzulassen gewertig sein. In einem halben Jar nach aufkhündung des vom Rotenhans sich ver- schreybe, auch den brief dem eltesten Ganerben zu Rentweinßdorf den andern vom Rottenhan allen zw gutem zu beWaren zwstelle, Welcher brief auch soll gelegt werden zu den gemein Ganerben brieuen, darzw kein Ganerb allein soll kommen können, sonnder mit den anndern Ganerben schlüssel zwgleich haben. Zum andern soll vnnser keiner seinein Weyb, tochtern oder schwestern auf dem Schloß Rentweinßdorf etwas vermachen noch verweitern geuerde, Wollte aber einer Inen außwendig des Schloss verweysen, So soll Inen, der sey vil oder wenig auf einem Virteil zw Dorf vnnd zu Veldt in der Nentweinß- dorfer Mark achthundert gülden Reinisch vnd nit mere, mit bewilligung des Lehenherren vermacht werden, Vnd wo darnach Ire Eheuogt, Vatter oder Brüder on Mennliche leibserben abstürben, So sollen die nechstgesipten des todten Frewndt aus dem geschlecht Notenhan ehelich geborn berürte vermechtnus mit obbestimpter Somma gelts nach anzal 907 der Theil im Schloß wider abzwlösen macht haben und sollichs Inen vnnerhindert gestatt werden. Zum Dritten so ein Ganerbe von seinen ligenden guettern, oder anndern dergleichen wichtigen tapffern stücken, rechten und gerechtigkeiten von außwendigen mit betruebnus oder ent- satzung thatlich vergewaltigt wurde, soll Er on Verhinderung der anndern Ganerben, doch mit Jrem vorwissen die nottgegenwehr aus seinem theil des Schloß Rentweinßdorf zu vben vnd nach der gepüre furzu- nehmen macht haben. Wo Er aber öffentliche Rheden gegen außwendigen furzunehmen gedechte, das soll Ine on Bewilligung der anndern Ganerben oder des merern theils aus Inen nit zwgelassen vnd gestatt werden. In Betrachtung das die Oberkeyten der hohen Tewtschen lannd itzt nit allein die fürgeforderten vermeinten oder offenbarn Frid- brecher, sonnder auch Ire beywoner vnd mit ganerben derhalben yet- zuzeitten ernstlich pflegen zw straffen. Doch wo berurter gegenwehr halben unnser Schloss niit mererm geschütz seiner zwgehorung auch wachen, Thorhuettern vnd anderm baß zu speysen vnd zuuersehen not sein wurde, darumb der merern stym und erkhentnus der Ganerben glaubt werden. So soll der so die gemelt gegenwehr oder offene Vhed gebraucht, das alles allein zwschicken zu vnnderhalten und darzwlegen schuldig sein. Es soll auch keiner einichen außwendigen in seinen theil vnd Schloss Rentweinßdorf on kundlicher Bewilligung aller Ganerben zu vheden offnung Massen oder gestatten. Zum Vierden, Es sollen auch alle vnd yede puechsen groß vnd klein Ire Laden, reder, puluer, Pley, Eysenwerk vnd annders zum geschöß gehorendt Armbrost, Stehele bogen, lange Fußknechtspieß, Helmbarten, Pantzerwerk, Platharnisch vnd anndere dergleichen stück zu der wehre gehorendt, die wir drey gebrü- der zum Schloss Rentweinßdorf erkhaufft, erobert vnd gezeugt, auch vnnser erben oder nachkhonien hinfuro mer darein schicken oder zewgen werden ausserhalb das Platharnasch Armbrost vnd handtpuchsen die ein yeder vf sein vnnd seiner Raysigen Diener leib selbst erkhaufft vnd schlahen lassen hat, alweg in vnd bei dem Schlöss on einiche Ver- gleichung oder bezalnng denen, so sich ye zwzeitten vf anndere ansytz aus ytzgemeltem Schloss würden abtheilen lassen pleiben, vleissig aufgeschrieben, Jnuentirt, vnd bis man der zur wehr bedarf bewart werden, dergleichen wie alle bricf, so die gemein Ganerben fürnemlich berüren, in einer gemeinen beschließung also das Sie durch einen on ss 908 der anndern willen nit mügen verruckt werden. Zum Funfften sollen auch alle und yede Bücher, die Ich ehebenantter Sebastian Ritter :c. dargeben Wirde, durch ein offen Notari in Beysein dreyer Zewgen Jnuentirt, angeschrieben, Hedem Ganerben ein glawblichs Register dauon gegeben, vnnd nach meinem Todt in einer gemeinen beschließung, dar- zw yeder Ganerbe 'einen Schlüssel habe, Also das einer on den anndern nicht darzw khomen möge, in einem trucken Platz, der nit fewcht sey, vleissig bewart werden, dauon ein Ganerb vom Rottenhan für sich seine Mannliche eeliche leybserben, oder wo der keiner wolt, für eines außwendigen von: Rottenhans Söne, der vf hohen Schulen der lernung nachzöge eine anzal Bücher auf zehen Jar die nechsten Jme vnd sein frewnden zu nutz zu geprauchen entlehen mage, mit der Bescheydenheit das sein des lernenden Vater oder Vettern einer für Ine auch sich und seine' Erben gegen gemeinen ganerben zw Rentweinßdorf genugsam sich verschreybe, das solliche entlehente Buecher, oder wo der etliche aus vngeuarlichen zwfellen verloren oder fürsetzlich empfrembdt, (das doch mit allem vleis verhuet werde) anndere den gleichlautend an der stat nach endnng der zehen Jare, Inen in Ire vorige bewarung des Schloss on Iren costen vnd schaden in Jarsfrist Wider sollen vberant- wurt werden, bey pene und verlierung zweihundert gülden Reinisch den Ganerben samptlich an denk Schloß zuuerpawen, zwbezalen vnnd sollichen versiegelten brief, dem eltesten Ganerben vom Rottenhan, den anndern allen zw gut zu beWaren ehe man die pücher darleyhet vber- antwurtte, und ob mer dann einer vom Rotenhan Ire Söne zw der lernung verlegten, so soll mit entlehung dieser Buecher der vorgeen, so in weltlichem stanndt sein leben znuolnfüren gedenckt, dieweil die so geistlich oder bepfründt Inen stattlicher eigener Buecher kauffen mugen, oder der so durch die meren stym der Ganerben dieser Bücher am maysten notturftig vnnder Inen zw sein erkent wirdet. Zum Sechsten solle kein Ganerb dem anndern sein vngeurlawbte Diener, Hintersessen oder verwandten on sein willen in diensten oder snnst zu gebrauchen zu uerthaidingen oder annderswohin zw furdern sich vnder- fahen. Auch die Personen daruor ein annderer Ganerb aus ansehnlichen beweglichen vrsachen sich oder die seinen in gefare vnd Unsicherheit zwsteen besorgt, vf desselben Ganerben bericht vnd bitt, Sy sagen dan guten bestenndigen fried zw, nit hawsen, herbringen oder für- 909 schieben ongeuerde. Zum Sybennden wo nach etlicher Ganerben tobt Ire lehbserben als minder Jarige Vormunden bekomen, die sollen diesen Burgkfrieden in zeit Jrer wehrenden Vormundtschaft Dergleichen der Witwen oder Frawen, so mit des Lehenherren bewilligung auf einen oder mer theylen außerhalb des Schloß in der Rentweinßdorfer Markh zw Dorf vnd zw Veld verweist werden Jr lebenlang auch dieweil Sie oder die Iren sich solcher beweysung gebrauchen darzw ein yeder Ganerb der seins alters Vierzehn Jare erraicht, diesen Burgfrieden in allen und Heden seinen puncten vnd Artikeln zu halten vnd zwuolnziehen, ein aide zw schwern auch des einen brief darüber zu geben vnd zw- thun schwldig sein, getrewlich vnd vngeuerde. Ob sich aber yemandt des wie oben lawt widersetzt, der soll in das Schloss Rentweinßdorf, so Er daraus khumbt, so lang bis Er den Burgkfriede zwhalten gelobt, schweret, verbriefst und versiegelt nit gelassen werden. Zum achten soll auch kein Ganerb on der anndern aller bewilligung newe Thor, thür durch die Jnndern oder awssern Schloßmanern prechen, Auch mer Stegg oder prücken vber den zwynger oder Schloßgraben hinaus setzen, machen, oder machen lassen oder anndere vnzimliche vberpewe den anndern zw Nachteil im Schloß fürnemen Auch außwendig in den Viche- höuen vnnd Schloßgartten keine gepewe zu vnd gegen dem Schloß oder Schloßgraben warttens neher dann wie Sy hetzt steen aufrichten, damit die offen Pletz vnnd Ort, so das Schloß zu beWaren nutz sein bester freyer pleiben. Zum Newndten. Nachdem das Schloß etwas weht gepawt, auch an zwen oder dreh Firsten nachend stossend, vnnd Jme also bester besser verwarung nott ist, durch vns bewilligt, das wir auch vnnsere Erben und nachkhommen hinfüro zu ewigen Zeitten vier Wechter vnd zwen Thorwartten nemlich den ewssern vnnd Innern mit costen vnd löne wie vnnser Vorfarn gethan in gemein erhalten und verlegen sollen. Also das ein yeder Ganerb nach der gepüre seines- theils im Schloss on Widerrede diese vnderhaltung hels verlegen. Zum zehenden wo einer oder mehr den Burgfrieden vielleicht auß Vergessenheit oder vnbedacht vberschriet vnd der anndern Ganerben einer Inen oder Sie bebe der vberfarung knntlich oder beweißlich erynnderte, sollen der oder die in vier Wochen den nechsten darnach one befleckung Jrer Eeren vnd guten lehmnts sollichs abstellen, oder wider ergentzen mugen. Wo aber Er, oder Sie das verachten, vnd hernach auß dem 58' 910 Schloß kommen, So sollen Er oder die vngehorsamen so lang bis diese abstellung oder ergentzung durch Ine oder Sye beschicht nit Wider in das Schloß gelassen werden. Zum Eylfften trüge sich dann zw, das dieses oder eins anndern stritts halben zwischen zweyen oder mehr Ganerben Irrung fürfielen, die am Werth sich ober dreyhundert gülden ungeuerlich nit erstrecken So soll der Cläger aus Sechs geschlechten, als nemlich den vom Altenstein, Lichtenhain, Rottenhan, Sternberg, Fuchßen vnd Hutten oder auß einem anndern eerlichen vnpartheyschem geschlecht yedem einen, der nit öffentlichen kuntligen Widerwillen mit dem den Er beclagen will, habe, schrifftlich vnnder seinem Sigel benennen, und furschlahen, daraus Er der Ganerbe so beclagter vnd Antworter sein wirdet, einen als zw Schyd Richter oder Obmann In vier Wochen den nechsten darnach erwelen vnd dem cleger widerumb vnder seinem Sigell schrifftlich anzeigen, welchem yder theil einen vom Adel zw setzen, die alle dreh sollen Sy beede gegeneinander müntlich oder schrifftlich, welchs der erWelt Obmann für bequemer anficht, verhören, Vnd alßdann umb Ire Irrung, wo Sy in die vnderhandlnng in guetlichen entschied nit willigen wollen, Rechtlich vnnd entlich aussprechen, dabey es auch bede theil on einiche Appellation, Supplication, Reduction vnd alle ausflucht sollen pleyben lassen. Wo aber der Werth der strittichen fachen sich vber dreihundert gülden Neinisch erstreckt, So solle ein Yder Ganerbe an den ordenlichen gerichten des Frankenlannds wie sich nach art einer yeder clagen gepnert, gegen dem, oder den anndern Ganerben Recht darumb geben vnd nemen als der Lanndsgebrauch vnd Recht ist. Zum zwolfften wurden aber Ire der Ganerben diener, vnderthan oder ver- wanten einer mit des anndern dienern, hinterseßen oder verWanten strittig, In fachen die nit an die Zendt oder halszgericht aus nott muessen Pracht werden, die sollen sich gegeneinander an vnnserm ge- meynem Burgkgericht zu Rentweinßdorf des Rechtlichen austrags be- nuegen lassen vnd in wehrenden Rechten auch daruor sich fridlich halten, das doch yedem die gepuerlich Appellation vnbenumen Hey. Vnd damit kein Diener oder verwandter der Ganerben des so es zw fall keine, sich widersetzen müge. Sollen die Ganerben alle vnnd yede, so Sy zw Dienst oder annder gestalt in Jr verwandtnus annehmen, 911 Erstmals mit pflichten beladen, das Sy Iren schaden warnen, fromen werben, Auch den Burgkfriede des Schloss Rentweinßdorf dieweil Sy da diener sein zwhalten getrewlich vnd nngeuerde. Zw Vrkhundt haben wir ehebenantte Sebastian, Hans vnd Martein vom Nottenhan gebrueder yeder sein Sigell an diesen Brief gehangen. Der geben ist auf Sanct Jorgentage Nach Christi gepurt im Funffzehenhunderteu vnnd dreyssigsten Jare. Vnnd vns darauf demütigklich angeruffen vnnd gepctten, das wir Inen solchen obgeschriben, aufgerichten und angenomen Burgkfriden zw Confirmiren vnnd zw bestettigen gnedigklich geruehten. Des haben wir also angesehen, solich Jr demütig Pitt, vnnd das berurter Burgfrid zw einickeit vnd friden zwischen berurten geprnedern langen mag, auch die an- nemen nützlichen vnd getrewen Dienst, so bemelte vom Rottenhan vns und dem Reich in vilfaltig weiß offt willigklich gethan Und hinfuro wol thun mögen vnnd sollen. Unnd darumb mit wolbedachtem muth, gutem Rath vnd Rechter wissen, den obeingeleibten Burgkfrieden in allen vnd yeden sein wortten, puncten, Artickeln, clausulen, Jnhaltungen, meynungen und begreysfungen. als Romischer Keyser gnedigklich con- firmirt und bestettigt. Confirmiren vnd bestettigen auch obgeschriben Burgfriden von Romischer Keyserlicher macht volkhomenheit wissentlich in crafft diß brieffs hiemit vnd meynen, setzen vnd wollen, das derselb Burgfriedt crefftig vnd mechtig sein gehalten vnd volnzogen vnd dar- wider nit gethan werden, sonnder die obgenantten gebrueder vngeJret darbey pleiben sollen von allermennigklich vnuerhindert. Vnnd gepietteu darauf allen vnnd yegklichen vnnsern vnd des heiligen Romischen Reichs Churfürsten, Fürsten, geistlichen vnnd weltlichen Prelaten, Grauen, Freyen Herrn, Rittern, Knechten, Hauptlewtten, Vitzthumben, Vögten, Pflegern, Verwesern, Amptlewtten, Schwltheissen, Burgermeistern, Richtern, Rethen, Burgern, Gemeynden vnd sunst allen anndern vnnsern vnd des Reichs vnderthanen vnd getrewen, In was wirden, stannds oder Wesens die sein mit diesem brief und wollen. Das Sy die obgenantten vom Nottenhan geprueder bei solchem aufgerichten Burgfrieden vnnd dieser vnnser Keyserlichen Confirmation und Bestätigung geruchlich Pleyben lassen. Sy daran nit Irren noch hindern in gar kein weg. Als lieb Inen allen und yedem besonnder sey vnnser und V12 des Reichs schwer vngnad zu uermeyden. Das meynen Wir ernstlich. Mit vrkhundt diß Briefs besiegelt mit vnnserm Keyserlichen anhanngendem Jnnsigel. Geben in vnnser vnd des Reichs Etat Augspurg am Newn- zehennden tag des Monats Augusti. Nach Christi vnnsers erlösers gepurt Tawsend Fünfhundert vnnd im dreyssigisten Vnnsers Kaiser- thumbs im zehennden Vnd vnnserer Reiche im Funffzehenden Jare. ^Idor: Card. mogis Carol. rolr: nredienncollnrius. vt. Mnttort. ^d mandntum Caesarens 1^- 8. l^- 8. Cntliolieo proprium Alexander Lelr^oiss k. 8 Contirmntio ordiuatiou" iuter tros'. de Rotteulmn iuito rationo Lnstri K«zut>vkiimdork. 913 Beilage V (zu Seite 186). Stiftung oder Schenkung von Todeswegen, welche Sebastian I. von Rotenhan und sein Bruder Hans VI. zur steten Instandhaltung der Familienburg Rent- weinsdorf machten. In Gottes Namen Amen, Kunde, wissen und offenbar sei allen denen, so dits offen Instrument und Uhrkundte sehen oder hören lesen, daß alls man nach Christi unsers lieben Herrn geburth zehlet 1532 Jahren, in der fünfften Römer Zahle Inciietio genannt am Dinstag des 25 Tag Juny zwischen 9 und 10 Urn vormittag oder nahen dabey. Babstumbs des allerheyligigsten In Gott Vatters und Herrn, Herrn (llomontis von Göttlicher Fürsichtigkeit des siebenden Babstes, im neunten Jahr seiner Heiligkeit Cröhnung, Die Gestrengen und Ehrenvesten Sebastian Ritter voetor zc. und Hanns von Rotenhan gebrüdere zu Renttweinsdorff in Schloß, in erstgedachts Herrn Sebastians gewöhnlicher Schlaffkammer, daselbst von mir offenbar schreiben, und der hernach benannten glaubwürdigen Zeugen gegenwertigkeit Persönlich erschienen sein, und haben bei Ihren rechten wollverstendigen vernunfften, einmütiglich mitt vernemlichen außdrücklichen wortten angezeigt und außgesagt, Wie der Allmechtige Gott, in Zeit Ihrer Diener-Schafft und ehrlichen Leben mitt Dienstgelten und Heyrathen, Sie durch seine milttreiche Gnade, begnadet und begabt, Also daß sie bede durch solche Ihre Dienstgeltt und Heyratt, eigene Pahrschafft so sie für sich (und in kein gemein guthe Ihrer Erbschafft gehörten) erlanget hetten, und darauff Sie bede Herrn Sebastian Ritter voetor zc. und Hanns von Rotenhan gebrüdere, einmütiglich, und jeden insonderheit gemeinen Schloß Rentweinsdorff, zu erhaltung und sonderlich 914 Ihren Nachkommen, des Geschlechts von Rotenhan daselbst, zn Ehren und gute, Donatione mortis, diese Übergabe, und Ordnung gethan, undt Also, daß je jedlicher besonder für sich, zu erhaltung solcher gemeinen Beue Ein Tausendt Gülden Wehrung zu Franlhen, verschafft, und unwiederrufflich geben haben, Darum mau dan hinfüro Jehrlich und ewiglich, an und uff der Rinkmauern herumb, deßgleicheu die Gräben, Thürn, Thore und Zwinger in guten wesentlichen Beuen erhalten und Bessern, und dann stetigs Vier Wechter, Zwen Thorwartten und einen Thürner Jerliche Belohnen solle, und dieselbige Zinß von 3000 fl. und sonderlich diese an Schloß verbauet werden, sollen uffs wenigst in Drein Jahren gantz angelegt, verbessertn, und die übrigen Fünffzehen gülden, so man Dero an die Dorffsbeue nit nottürfftig, (davon der nechstfolgendt Artikel anzeiget) gemeinen Dorff Renttweins- dorff zu gute, bis zu nottürftigen bauen, in Verwahrung auffbehaltten, und alß dan Überantwort, und neben andern berechnet werden, Wo es aber nit geschehe, So sollet es gehalten werden wie Nachvolgett, Item auß sondern günsten, damit gedachter Herr Sebastian dem Dorste und ynwohnern zu Rentweinsdorff geneigt ist, hatt er daffelbige Dorff begabt und diese Ordnung gemacht, daß man von den Zinßen, seiner Tausent gülden Haubtgelds, obstehet Jehrlichen, und yedes Jahr besonder, fünffzehn Gülden wehrung zu Franlhen zusammenlegen, und darvon zu Befestigung gemeines Dorffs Rentweinsdorff, die Thor- heußere gemeine Zenn w. in Wesentlichen Beuen erhaltten, machen und Bessern solle, Ittom solche Jehrliche Zinß von 3000 fl. haubt- summa, so am Schloß, deßgleichen am Dorste Rentweinßdorff, eines yden Orts, wie obgemelt verbauet, und die Diener davon belohnet werden sollen, Jederzeit durch den Eltesten von Rotenhan zu Rentweinsdorff, deßgleicheu einen Priester, und sonsten einen täglichen man, dene dan die von Rotenhan daselbst, der mehrer theil darzu erWehlen, eingenohmen, und alßbaldt in ein Laden ins Schloß, mit Dreien verkehrten Schlüsseln und Schlössern, der yeder einen haben solle, also daß keiner ohn dein andern drein kohmen möge, verwahret und eingelegt, Auch darvon Jehrlichen wissentliche underschiedliche berechnnng gethan werden, Ob aber einer oder mehr von Rotenhan dasselbe hindern, die Zinß in ihren nutz kehren und wenden wollten, daß also 915 dasselbige Geldt, so an gemeinen nntz, in Dreien Jahren nit verbauet, sondern verhalten würde, So — - — — — — und anders nit anlegen, Doch dergestaltt das die nachvolgende zufallende Zinß von gemelter Haubtsumma, am Schloß Rentweinsdorff laut dieser Ordnung obgemelt nichts desto minder hin- fnro, auch und wiederumb, andere Jahre verpauet werden sollen, bei ehegemelten als offt sich solche seumung des ver- bauers zutragen würden, Undt wollten auch, daß solche Ihre ordnung und Begabung, von stunden, nach Ihren Tödlichen Abschied Angefangen, und in allen Punckten und Artikeln hinfüro Jehrlich und ewiglich unverhindert meniglich, und ohne einigen Abbruch, stett, vest, treulich und unverbrüchlich gehalten und vollzogen werden, Und baten mich alsbalden hirunter benanten Notarien Ihnen darüber eine oder mehre sovill der nott sein würden, offen Instrument und Uhrkunde zu machen, daß ich also zuthun, Ihnen zugesagt, Daß alles wie Ob stehet, ist geschehen in und unter der Jahrzahl Christi, Romer Zal, Bebstlicher Regirung, Monat, Tag, Stunden und Stadt wie obgemeldt, hiebei und mit sein gewesen Die würdigen und ehrsamen Herrn Nicolaus Kraus Vienrior, Erhard Zehmer Schmid, beede zu Rentweinsdorff und Jobst Thein Vogt zu Ebelsbach als gezeugen darzu sonderlich gebetten, welche zween leyen Zeugen, genannte gebrüdere von Rotenhan, dieweil Sie Jhnnen mit Pflicht verwandt, und zu Ihrer Kundschafft reichen möcht also balden ihrer Pflicht ledig gezehlet haben. Undt Ich Georg Mümpffer bey Würtzburger . Bißthums ausgewolt Bäbstlicher Heiligkeit Notarius w. 917 Beilage VI. (zu Seite 382). 8eIir6Ü)6ii an Iliro Ilöm. X^86r1ioli6 Uagestät vom Oor^ore LvaiiAkIieoruni, äo dato 17. dulii 1748; nobst denen kuäenlieimiselleii) IZdelsbuekisellen, .^spseliisekeii, kvsvuberAisel«;», ^elivrnslieimi^elien »ilä krikseulleimisellvll nllermeistsns die ReliAioiis-tdi-nvaniiiig. im Reiebe überbnupt detrekkenä. ^.IleräiirelilÄiiolitiAstei', di'vssmäelitiAstkr und Ilnübeivinälielistsi' Röniiseliei' Kavsei' ete. ete. ^.IIki'AnäctiAsIki- Ivnvsei' und Herr! ete. ete. ete. Dvv. Xa^serl. Regsusxui-x, äen 17. 1748. ^Ileruntertbänigst - treu - geborsamste Oer Lvangeliseben (übuitürsten, Fürsten u. Ltänden xum allgemeinen Iteiebstag gevollmäebtigte Halbe, Lotbsebatktei' und (lesandte. 918 keilten. Lindum 4. Luinrnuriselres Verxeiolnnss derer seit äern an Ibre Ixavserl. ^lu^estüt unterin 3. rVug'ustl 1746. vorn Lor- pore IllvunAelieeruin erlassenen LelrreiDen De^ LeldiZein noelr weiter einAeluutkenen oder erneuerten Reli^ions- Leselrvverden. ete. ete. 4S. Xut dem Dre^berrl. Rotenbaniscben Durgscblosse xu Dbels- bacb, ist seit Xnno 1S80. in der selbiger Aeit gebauten Xircbe ein ötlentlieber Dvangelisebor Oottes-Dienst bis Xnno 1646. uns, serie in Debung gewesen, solcber aueb, obsebon der Dambergiscbe OebeimL- Ilatli und Oberste, Detor .laeob, an welebon Dbolsbaeb besagten dabres ex Mro xignoris eessi gekommen, cum protesta- tione derer von Dotenban, an ^nes statt den Oatboliseben ein- getübrt, naebdein in annis 1674. L 1679. die Digentbümer, vor- möge Lprucb Iteebtens, dosgloieben mit denen daeobiseben Drben erriebteten von damabligem Herrn Disebolke xu Hamberg und IVürtxburg bsstattigten Vergleicbs ibr Durgscbloss pleno lure wieder erlanget, von neuem völlig bergestellet worden. Dann demnacb nicbt anders denn scbnur - stracks gegen die Deiebs-Oesetxs anlaulken, wann breitern Innbalts des Nemorialis Xo. DXXII. IVürxburgisebe Deamtsn xu Dltmann auk dem uoek darxu von Damborg xu Deben rükrsnden obbemeldten Leblosse ex eapito des nicbt alleine per Instrumentum Daeis bekanntlicb sus- pendirten, sondern aueb ratione Dbelsbaeb Xnno 1682. dem Ltiktt 919 1Vürt?kurg vom Ra^serlicken unk Reicks - dammer - derickt noek gant? auskrückliek akgesproeken ^uris Dioeeesani, oker ankern uicktigen Draetoxten, als competirenksn dent - derickts, Rarockial- Rockt», itom okgekaekter possess ko anno 1646. bis 1679. mit manckerlcv empknklicken sonst nickt loiekt erkörton attentatis xu IVerke gegangen. Nassen um kas kakr 1690. das Rxercitium Religionis datkolicae publicum mit dewalt xu reintrokucireu ge- tracktet, ka aber cliesos nickt gelungen, vioknokr Kossen dnstatt- kaittigkeit alRumerklick getallen, Kock von selbiger ?eit an kor Rroikerrl. Rotenkaniseken Derrsckattt nur ein cultus privatus ?uge- stanken werken wollen, iluen Dekienten unk aut Ken privilegirten Durg-DIät^en koknklieken Rinwoknern kingegeu Dtarr - detälle akgekorkert, nickt winker datkolisckor Resttägo Nit-Rezmrung angesonnon, ^.nno 1706. an Naria-Dimmeltakrt 2. Lckloss-Rnsckte ke^ ker Deik-Arbeit mit Nus^uetirern ükertalleu, unk in kie Rüttele^ nack Ritmann getükret, ^uno 1727. am nemlieken Rage 2 Rneekte mit ikrem Dolt^-IVagen, am Dago Nariae dekurtk aber kenen Rotenkaniseken Risckern kie Ret?e weggenommen, kake/ anwesonke tremker llerrsekail'ten Dekiente mit tortgesckleppt workeu. — Denen ?iur Lckloss - Rireke gekenken Rotenkaniseken Dntertkanen bat man einstmakls mit Dunken autgepasst, mekr- malen etlicke ins dekängnüss geseklepxt, kariunen Lie last vor- kungern unk erst nack Rrxressung wieker losgelassen, oker wann sie nickt delk gekakt, mit ^urückkaltung ikrer Rleiker, last nackouk tortgesekiekt. — Lonkerliek sVnno 1730. wäkrenken dottes- Dienstes kie Lckloss - dapelle kergestalt bloc^uirt, kass kie meisten Deute 10 Ltunkon lang eingesperret geblieben, ankere kie sieb trüber vors Lckloss keraus gewagt, Retten unk Danke erkakren müssen. — Runo 1734. Ken Lckloss-Drekiger aut treuer Ltrasse bin weggenommen, unk erst nack 3 VVocken wieker kre^gegeken. — Leit ^nno 1746. ?!u versckiekenen maklen aut kem ^ur Lckloss- Rireke gskörigen Rirekkote bereits keertigto dörper unter De- keckung ^aklreickor kewattneter Nannsckatkt ausgegraben, unk nack Rltmann gekükret, kenen Rvangliseken gleickwokl Dogräbniss- Rosten kakür nock sugemutket, in Verweigerungs-Rall kie Rrei- 920 berrliek Rotenbanisebe Revenuen im "Wurtsburgiseken angedalten; Knälieb auek äie V^ürtüburgisebe Regierung selbsten, statt die Rltinannisebe Leamten auk äes Rreiberrn von Rotenban vielfältige Klagen uncl Vorstellungen in bessere Leliranlcen ?iu setsen, äem Rreiberrn von Rotenban 2Ugescbrieben, clie Llloeben von äsr Rirebe seines Ortes binnen 4 soeben abüutbun, oller äass 8ie selbige wegscbalken würden /u gewärtigen. — ete. ete. 921 Beilage VII. (zu Seite 835). Urkunde vom Jahre 1232, worinnen Bischof Hermann von Würzburg das Filial Ebern von der Pfarrei Wisach (Pfarrweisach) abtrennte und Ebern zu einer selbstständigen Pfarrei erhob. (Uebersetzt aus dem Lateinischen.) Im Namen der heiligen und ungetheilten Dreieinigkeit! Wir Hermann von Gottes Gnaden Bischof zu Würzburg, haben nach dem Willen des Herrn die Sorge der Hirtenpflicht übernommen und diese fordert uns auf, es .ins angelegen sehn zu lassen, für den Nutzen der uns anvertrauten Schaafe sorgfältig zu wachen und in der Hoffnung zu arbeiten, daß wir dafür die Belohnung des ewigen Hirten erlangen. Demnach sey hiermit Allen kund und zu wissen, daß uns bei Erledigung der Pfarrei Wisach') die Wiederbesetzung derselben mit allem Rechte zusteht, und sie sollen bedenken, daß die in dieser Pfarrei befindlichen Kirchen und Ortschaften von der Mutterkirche Wisach so entlegen sind, daß ihrer Entfernung halber der Pfarrer obiger Pfarrei für Kirchen und Menschen, welche in nachbenannten Ortschaften sich befinden, nicht hinreichend in kirchlichen Handlungen sorgen konnte, so daß gegen seinen Willen sehr viele, welche sich darin aufhielten, mit beweinungswürdiger Vernachlässigung öfters unterliegen mußten. Wir sind deshalb über den unerträglichen Nachtheil des Heils treuer Seelen aus Mitleid und väterlicher Liebe bewogen worden, und haben als ein frommer Hirte, indem unsere Schaafe zu Grunde giengen, beschlossen, ein schnelles Mittel anzuwenden. Nach gepflogener Berathung mit Wisach ist das jetzige Pfarrweisach, die älteste Pfarrei unserer Gegend. 922 unserm Decan und Archidiacon Arnold und unserm Capitel haben wir deshalb eine gewisse und bequeme Eintheilung der Pfarreien Ebern und Wisach gemacht. Die Kirche zu Ebern, welche die Mutterpfarrei Wisach als Tochter aufnahm, haben wir mit Befreiung von dem Rechte der ehemaligen Unterwerfung als Tochterkirche zu einer Pfarrei gemacht, welche von uns und unseren Nachfolgern einem Pfarrer, welcher daselbst seine Wohnung aufzuschlagen hat, freiwillig übertragen werden soll. Hierbei haben wir noch bestimmt, daß alle Leistungen in Betreff der Beherbergung des Archidiacons und seiner Boten, wenn sie zur Abhaltung einer Synode zusammenkommen, gleichzeitig zwischen beiden Pfarreien, seitdem wir aus der Kirche zu Ebern eine Pfarrei machten, mit dem jeder zustehenden Rechte getheilt werden sollten, weil sie die Pfarrei Wisach mit Hülfe der Kirche zu Ebern bisher zu tragen pflegte. Auch haben wir beschlossen, daß die Eintheilung der Grünzen und Einkünfte dieser Pfarrei eine solche sein soll, wie sie der Priester Albert daselbst und mehrere andere Verbesserer in jener Gegend gemacht haben. Wir bestimmen, daß nachbenannte Orte, sie mögen bewohnt oder unbewohnt seyn, mit allem Rechte und mit allen Einkünften und Ertragnissen, welche von ihnen kommen, oder in Zukunft erwachsen, nebst den darinnen liegenden Kirchen und sich aufhaltenden Leuten und über- dieß noch die Burgen Naueneck und Rotenhagen') mit den darinnen wohnenden Menschen von der Verwaltung des Pfarrers in Wisach künftig getrennt und dem Pfarrer zu Ebern mit allem Rechte untergeben seyn sollen. Die Namen der Orte sind aber folgende: Steine"), Merzebach"), Kutzenwinden^), Merzebach"), Ruche"), Necheldorf, Hemmendorf, Watzendorf, Botelstadt, Busche"), Linthe^), Nentwigersdorf"), Hipach'"), Eichelbergk"), Reutsbrunnen'"), Sunde'"), Jringersdorf"), Krozenbach'"), Breitbach ingleichen Breitbach'"), Geminde'"), Welchendorfs), Wisenbrunn'"), Gessendorf""), Trusendorf"'), Eyolnsdorf""), Welsbergk""), Bugk"^), Ruche""), Ruppach, Lützelebern, Treinfeld auf t) Burg Rotenhain — Schottenstein. — v) Obermerzbach. — ?) Kurzewind. — 5) Untermerzbach. — 6) Gereuth. — Fierst. — k) Zjud. — RentweinSdorf. — 1°) Heubach. — >>) Eichelberg. — >2) Reuteröbrunn. — >2) Sandhof. — Eyringö- hof. — >5) auch Krottenbach, jetzt Siegelfeld. — Prcppach. — Gemünd. — >8) Wölkendorf. — Weisenbrunn. — 2») Jesserndorf. — 21) unbekannt. — 22) unbekannt. — 2s) Welöberg. — Buch. — 25) Un zweites Gereuth, unbekannt. 923 der einen Seite des Flusses')- Auch fugen wir noch bei, daß die Hälfte der Höfe und andere Einkünfte im Orte Wisach, deren Erträgnisse berechnet sind, auf zwei Talente und zehn Solidi mit Ausnahme einer Wiese und der Pfründwohnung, welche der Pfarrer daselbst bewohnt, auf die Kirche in Ebern übergehen sollen; aber der andere Theil mit der Wiese und "der Pfründwohnung soll zum Nutzen der Pfarrei Wisach bleiben. Dabei sollen die Frohndienste, wenn sie nämlich die Hofbauern thun wollen, auf den Nutzen beider übergehen, ingleichen auch von Genreinfeld die fünfzig Donarien, welche der Pfarrer in Wisach zahlen wird. Auch der Zehnt in Buch mit allem Rechte und eine Wiese in der Erle soll auf die Kirche in Ebern übergehen. — Aber folgende Orte und die Burgen Altenstein und Lichtenstein mit ihren Kirchen und Menschen, sollen nach unserm Beschluß der Pfarrei Wisach bleiben mit allem Rechte, Einkünften und Zehnten, mit Ausnahme dessen, was oben bestimmt ist. Die Orte sind folgende: Birke, Gemeinfeld, Cresselbergk, Marbagk, Tobermannsdorf, Tichen, Hoffstetten'), Rodenmullendorf, Lore, Bischofswürden^), Alboldorf, Neuses, Brunen"), Ensdorfs, Fockendorf, Visbach"), Hergelsdorf°), Ruthe, Bunttorf, Rabenoldorf'), Junkersdorf, Pfaffendorf, Breitenbegge^), Totenwise"), Gngelhurne'"), Jrrbrechindein"), Waccenberge, Wisenbirke'^), Linthe. Da außerdem in den Gränzen dieser Pfarrei die Kapelle Ermershausen mit andern acht Orten so sehr weit entfernt ist, daß keiner von beiden Pfarrern sie bequem versehen kann, und da gewöhnlich ein Vicar daselbst wohnt, so wollen wir die Pfarrei Wisach ihres Alterthums wegen ehren und ihr das Recht verleihen, die erwähnte Kapelle zu besetzen. Damit wir aber nicht etwas übergehen und unberührt lassen, so bestimmen wir über alles das, was von dem Rechte der Pfarrer, es sei nun beweglich oder unbeweglich, widerrechtlich den Kirchen entfremdet oder entzogen worden ist. Wenn der Pfarrer zu Ebern in den Gränzen seiner Pfarrei oder der zu Wisach in den der seinigen durch Recht oder durch Freundschaft etwas erworben oder auf's Neue erlangt haben sollte, so soll es besonders zum Nutzen des Erwerbers nach unserer Höchstättm. — 2) Bischwind am Nauencck. — 3) Brunn. — Craisdorf. — 5 ) Fischbach. — 6) Herbelsdorf. — ^ Rabelsdorf. — 6) Breitenbäch. — 2) Todten- weisach. — i») Gnggelhirn. — li) Geroldöwind. — >2) Wüstcnbirkach. 59 gemachten Anordnung gehören, und wir machen es zu einer unverletzlichen und unanrührbaren Sache. Sollten überdieß noch einige Sachen in der Folge offenbar werden außer denen, welche hier benannt sind, oder sollte irgend ein Streit oder eine Uneinigkeit darüber entstehen, so behalten wir sie unserer Anordnung bevor. Damit aber über die Anordnung dieser Eintheilung kein Zweifel und Bedenken oder irgend eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Pfarrern dieser Ortschaften in Zukunft entstehen möge, so haben wir gegenwärtige un- abgetheilte Urkunde mit unserem und den Siegeln unserer Kirche befestigen lassen. Zeugen sind: Arnold, Decan und Archidiacon, Albert, Decan des neuen Münsters, Magister Walther von Thannenbergk, Arnold Cammerar, Canonicus zu Würzburg, Otto, Pfarrer zu Meiningeu, Heinrich Schreiber. Laien sind: Heinrich Truchseß, Johannes Mundschenk, und mehrere Andere. Dieses ist geschehen im Jahre des Herrn Ein Tausend Zwei Hundert und Zwei und Dreißig in der fünfften Römerzinszahl, im siebenten Jahre unseres Episcopats. 925 Beilage VlII. Verzeichnis). der uns bekannten Glieder unserer Familie, welche für Böhmen das Erbnntcrschcnkcuamt beim Fürstbisthum Bamberg hatten: 1. Winter, auch Werinth genannt. 2. Ludwig I. bis 1258. 3. Wolfram II. von 1258 bis 1303. 4. Wolfram III. von 1303 bis nm's Jahr 1333, wo es durch Vertrag an die Familie von Aufseß kam. L. der Glieder unserer Familie, welche für Brandenburg das Erbnnterkämmereramt beim Fürstbisthum Bamberg hatten: 1. Hans III., Conrad'sche Linie . . . von 1453 bis 1471 2. Ludwig VII. desgl. . . . von 1471 // 1492 3. Veit II. desgl. . . . von 1492 // 1501 4. Gottfried (Götz) II., Gottfried'sche Linie von 1501 (?) bis 5. Hans VI. desgl. von — bis 1559 K. Martin desgl. von 1559 1560 7. Mathes III. desgl. von 1560 1569 8. Sebastian II., Sebastian'sche Linie . von 1569 // 1588 9. Hans Georg I., Georg'sche Linie . von 1588 1613 10. Hans Sebastian, Sebastian'sche Linie, von 1613 // 1631 59* 92K 11. Adam Hermann Sebastian'sche Linie, von 1631 bis 1637 12. Hans Georg II., Georg'sche resp. Ebelsbacher Unterlinie von 1637 „ 1638 13. Adam Georg, Georg'sche Linie . . von 1638 „ 1648 14. Hans Georg III., Sebastian'sche Linie von 1648 „ 1684 15. Pankraz Karl, Georg'sche Linie . . von 1684 „ 1692 16. Johann Christoph desgl. . . von 1692 „ 1695 17. Johann Wilhelm desgl. . . von 1695 „ 1730 18. Hans Georg IV., Sebastian'sche Linie, von 1730 „ 1746 19. Johann Friedrich II., Georg'sche Linie, von 1746 „ 1776 20. Friedrich Karl desgl. von 1776 „ 1792 21. Gottlob II. desgl. vom bis Vi. 1792 22. Sigmund I. desgl. von 1792 bis 1803 wo durch die Säcularisatiou des Bisthuius dieses Ehrenamt erloschen ist. — Von da an blieb Sigmund I. als Senior der Familie noch im Bezug der Renten des Erbunterkämmereramts bis 1826 Herrmann III., Georg'sche Linie, bezog als Familiensenior diese Rente von . . . 1826 bis 1858 Julius I., Georg'sche Linie, bezieht solche als Familiensenior seit 1858. 927 Beilage IX. Directe Stammtafel der älteren Linie von Rotenhan, von Winther an bis zur neuesten Linientheilung unter Sigmunds I. Söhnen. 1. Winther (Werinth) lebte zu Ende des 12. und zu Anfang des 13. Jahrhunderts. Gemahlin unbekannt. 2. Ludwig I. starb 1258. Gemahlin: Sophie v. Bibra. 3. Wolfram II. starb 1303. Gemahlin: Sophie v. Füllbach. 4. Wolfram III. starb 1353 (?). Gemahlin: Luidgarde von Schaumberg. 5. Wolfram IV. starb 1364. Gemahlin: Kunigunde v. Seckendorfs. 6. Gottfried (Götz) I. starb—. Gemahlin: Gertraud v. Schaumberg. 7. Mathäus (Mathes) I. starb 1472. Gemahlin: Agathe Stein v. Altenstein. 8. Mathäus (Mathes) II. starb 1506. Gemahlin: Wallburga v. Förtsch. 9. Hans (Johann) VI. starb 1559. Gemahlin: Margaretha v. Seckendorfs. 10. Georg IV. starb 1565. Gemahlin: Anna v. Rotenhan. 11. Hans Georg I-, geboren 1559, starb 1613. Gemahlin: Eva v. Münster. 12. Adam Georg, geboren 1599, starb 1648. Gemahlin: Anna Christine v. Adelips. . 13. Valentin Julius, geboren 1628, starb 1680. Gemahlin: Anna Christine v. Rotenhan. 14. Philipp Albrecht, geboren 1671, starb 1725. Gemahlin: Dorothea v. Künßberg. 928 15. Johann Friedrich II., geboren 1713, starb 1776. Gemahlin: Wilhelmine v. Seckendorfs. 16. Sigmund I-, geboren 1761, starb 1826. Gemahlin: Antoinette v. Lenthe. 17. n) Hermann III-, geboren 1800 starb 1858. Stifter der Hermann'schen oder Rentweinsdorfer Linie. Gemahlin: Marline v. Riedesel, b) Julius I., geboren 1805. Stifter der Julius'schen oder Eyrichshöfer Linie. Gemahlin: Justine, Gräfin von Langalerie. 929 Beilage X. Verzeichnis? derjenigen Familien, welche durch Heirath mit der Familie von Rotenhan, älterer Linie, in Verbindung traten. 1. Adelips, Hannover und Braun- 23. Hirschhorn . . Franken. schweig. 24. Hohenheim . . Schwaben. 2. Adelsheim .... Franken. 2S. Kalbenberg . . Franken. 3. Altenstein .... desgl. 26. Künßberg . . . desgl. 4. Bernstorff . . . Hannover. 27. Langalerie, ursprünglich 5. Bibra Franken. Frankreich, dann Schweiz. 6. Bobenhausen . . . desgl. 28. Lentersheim . . Franken. 7. Egloffstein .... desgl. 29. Lenthe . . . Hannover. 8. Eichel .... Thüringen. 30. Lichtenstein . . Franken. 9. Ermreicherv.Aurach Franken. 31. Mandelsloh . . .Preußen. 10. Erffa desgl. 32. Marschalk . . . Franken. 11. Förtsch desgl. 33. Marschalk v. Redwitz desgl. 12. Freudenberg. 34. Marschall v. Ebneth desgl. 13. Fuchs desgl. 35. Minutoli . . . Preußen. 14. Füllbach .... desgl. 36. Münster . . . Franken. 15. Giech desgl. 37. Rappold . . . Preußen. 16. Grolman .... Preußen. 38. Redwitz . . . Franken. 17. Grumbach . . . Franken. 39. Reitzenstein . . desgl. 18. Gnttenberg . . . .desgl. 40. Riedesel, Hessen u. Thüringen. 19. Harnier Hessen. 41. Röder v. Schwende, Franken. 20. Hause Franken. 42. Rosenau .... desgl. 21. Heßberg desgl. 43. Rosenberg . . desgl. 22. Hirnheim .... desgl. 44. Rüd v. Collenberg desgl. 930 45. Saugt) Schweiz. 61. Truchseß . . . Franken. 46. Schaumberg . . . Franken. 62. Vestenberg . . . desgl. 47. Seckendorfs .... desgl. 63. Wagrein. 48. Seinsheim .... desgl. 64. Waldau. 4S. Selbitz desgl. 65. Wallbrunn . . . Baden. 50. Staff .... Thüringen. 66. Wallenfels . . Franken. 51. Stappel. 67. Wallenrod. 52. Stein Franken. 68. Welser Schwaben n. Franken. 53. Steinruck. 69. Wenkheim. 54. Sternberg .... desgl. 70. Wildenfels . . Franken. 55. Stiebar v. Buttenheim desgl. 71. Wildenstein . . . desgl. 56. Streitberg .... desgl. 72. Windeck .... desgl. 57. Sturz. 73. Witzleben . . . Sachsen. 58. Tann desgl. 74. Wolframsdorf . . Franken. 59. Teucher v. Fremsdorf desgl. 75. Würzbnrg . . . desgl. 60. Thüngen .... desgl. 76. Zollner v. Rotenstein desgl. Namensverzeichniß der Noteuhail'schcn Familienglicdcr älterer Linie'). Seitenzahl Adam Dietrich, Lieutenant 273 Adam Georg, Ritterrath und Erbunterkämmcrer 257 Adam Hermann. Statthalter Frankens, Kreisdirektor der Reichsritterschaft, Erbunterkämmerer 284 Adam Karl 329 Adelheid v. N. geb. v. ? — Gemahlin Eberhards I. v. R 192 Adelheid v. Seckendorfs, geb. v. R 575 Agathe von Fuchs, geb. v. N 142 Agathe v. N., geb. v. Altenstein 141 Agathe von Truchseß, geb. v. R 143 Agnes 589 Agnes v. R., geb. von Fuchs — Gemahlin Hans Iii. v. R 33 Agnes v. N., geb. von Fuchs — Gemahlin Hans IV. v. R 142 Agnes (Anna) v."R., geb. v. Truchseß 69 Albertine Dorothea v. R., geb. v. Wijzleben 381 Albrecht I 192 Albrecht II 329 Alexander, Abt 117 Amalie 492 Amalie Anastasie 327 Amalie v. Bibra, geb. v. R 148 Amalie Katharine v. R., geb. Stiebar v. Buttenheim 285 Amalie v. R., geb. v. Waldau ' 144 Anastasie v. R., geb. v. Marschalk 113 Anna Amalie v. Adclzheim, geb. v. R 255 Anna Christine v. R., geb. v. Adelips 257 ') v. R. heißt hier stets von Rotenhain 932 Seitenzahl Anna Christine v. R., geb. v. R 322 Anna v. Eglosfstein, geb. v. R 45 Anna v. Fuchs, später v. Truchseß, geb. v. N 243 Anna Johannette 256 Anna Katharine 257 Anna Katharine 327 Anna Katharine v. Truchseß, geb. v. N 328 Anna Magdalene v. Guttenberg, geb. v. R 326 Anna Marie 336 Anna v. R., geb. v. Grumbach 116 Anna v. R., geb. v. Lentersheim 63 Anna v. N., geb. v. R 213 Anna Rufina 327 Anna Rufina v. R., dann v. Würzburg, geb. v. Niedesel 217 Anna v. R., geb. v. Steinruck 162 Anna v. R., geb. v. Truchseß 196 Anna Sophie v. Wallbrunn, geb. v. R. 344 Anna v. Sternberg, geb. v. R 143 Anna Susanne 327 Anna v. Truchseß, geb. v. R 66 Anna Ursula Stiebar v. Buttenheim, geb. v. R 313 Antoinette v. R., geb. v. Lenthe 436 Anton, Fürstbischof von Bamberg 65 Apollonia v. Giech, geb. v. R 148 Auguste 346 Auguste Henriette v. R., verwittwete v. Truchseß, geb. Röder v. Schwenda . 385 Balthasar 169 Bechtold 592 Bertha, Stiftsdame 589 Blandine Sybilla 256 Brigitte Zollner v. Rotenstein, geb. v. R 141 Caroline v. Eichel, geb. v. N 592 Caroline v. Mandelsloh, geb. v. R 461 Christian Ernst, Stifter der Wohlthätigkeitsanstalt 533 Christine Katharine 336 Christoph I-, Fürstbischof von Lelms 93 Christoph II 115 Conrad 1 ?1 Conrad II., Stifter der Conrad'schen Linie 76 Conrad III 66 Davide (Dorothea) v. Vestenberg, geb. v. R 165 Dietrich (Theodorich) 32 933 Dorothea Dorothea v. R., geb. v. Hirnheim — Gemahlin Veits I I. v. R. . Dorothea v. N., geb. v. Hirnhcim — Gemahlin Mathes II- v. R. Dorothea Friederike Dorothea Friederike v. N., geb. v. Künßbcrg Eberhard I-, Stifter der Eberhard'schen Linie Eberhard II Egenolph Eleonore Elisabeth, Nonne Elisabeth Dorothea v. Stein, geb. v. R Elisabeth v. Freudenberg, geb. v. R Elisabeth v. R., geb. v. Bibra Elisabeth v. R., geb. Marschalk v. Nedwitz Elisabeth v. R., geb. v. Sturz Elisabeth Rüd v. Callenberg, geb. v. R Elisabeth Sophie v. R., geb. v. Erffa Erasmus (Aßmus) Erdmutha Johanne v. R., geb. v. Künßberg Erhard Erhard Ludwig Ernst Ernst Friedrich Cornet Ernst Ludwig Eva Agnes v. R., geb. v. Altenstein Eva v. N., geb. v. Münster Eva v. R., geb. v. Selbitz Eva v. Thüngen, geb. v. R. Eyring, Amtmann zu Waldaschach und Haßfurt Felicitas v. Lichtenstein, später v. Schaumberg, geb. v. N. . . . Felicitas (Felix) v- R., geb. v. Nedwitz Felix v. Seckendorfs, geb- v. R Felix v. Truchsesz, geb. v. N Friedrich I Friedrich II Friedrich Emanuel Friedrich Karl, Nitterrath, Erbunterkämmerer Friederike Georg 1 Georg II Georg III Georg IV. der Fromme, Stifter der Georg'schen Linie .... 934 Seitenzahl Georg V. auf Neuenhof 590 Georg VI 592 Georg Christoph 326 Georg Dietrich 326 Georg Eyring 256 Georg Friedrich 336 Georg Wolfgang 313 Gertraud v, N-, geb. Marschall v. Ebneth 45 Gertraud v. R., geb. v. Schaumberg 139 Gertraud v. Truchseß, geb. v. N 141 Gottfried I- (Götz), Stifter der Gottfried'schen Linie 133 Gottfried II. (Götz), Erbunterkämmerer 144 Gottfried III. (Götz) 19S Gottfried IV., erster Verwaltungsmajoratsherr der Hermann'schen (Nentweiusdorfer) Linie 594 Gottlob 401 Gottlob II., Lieutenant, Erbunterkämmerer 402 Eutha ?1 Hans I. (Johann), Ritter, Stifter und erster Hauptmann der Rittergesellschaft vom Fürspanu - 65 Hans II 192 Hans III., erster Erbunterkämmerer 62 Haus IV 142 Hans V 108 Hans VI., Reformator, Erbunterkämmerer 139 Hans VII 100 Hans VIII 115 Hans IX. . 113 Hans Georg I., Ritterhauptmann, Erbunterkämmerer 231 Hans Georg II-, Oberst, Erbunterkämmerer 270 Hans Georg III., Ritterhauptmann, Erbunterkämmerer 330 Hans Georg IV., Kreisdirektor der Reichsritterschaft, Oberstallmeister, Erbunterkämmerer 345 Hans Sebastian, Burggraf, Ritterhauptmann, Erbunterkämmerer ... 277 Hans Wilhelm, Oberstlieutenant 273 Hause, geb. v., verehelichte v. N 69 Hedwig 596 Hedwig v. Grolman, geb. v. R 573 Heinrich 25 Heinrich Christoph 355 Henriette 403 Henriette Amalie 543 Seitenzahl Hermann I-, Domkapitular 43 Hermann II 53 Hermann IIl>, vr. ^jnr., Kammerpräsident, Stifter der Hermann'schen (Rent- weinsdorfer) Linie 661 Hermann IV., Oberlieutenant 597 Hermann V 596 Hermann VI 592 Hermann Sebastian, Lieutenant 327 Hilpold 25 Ida 587 Ida 589 Joachim Heinrich 344 JobsNJust) 79 Johann Adam 344 Johann Christoph, Lieutenant, Erbnnterkämmerer 337 Johann Ernst 355 Johann Friedrich I 323 Johann Friedrich II-, Gcneraldirector der deutschen Neichsritterschast, Erbunterkämmerer 357 Johann Hartmann 345 Johann Schweikhardt 256 Johann Wilhelm, Nitterhauptmann, Erbunterkämmerer 337 Johanne Elisabeth 345 Johanne Sophie 385 Johanne von Wildenstein, geb. v. R 329 Justine v. R., geb. Gräfin v. Langalerie 577 Julie v. R, geb. v. Weiser 595 Julius I., llr. .sur., Regierungsdirector, Familienobmann, Stifter und erster Berwalt. - Major. - Herr der Julius'schen (Eyrichshöfer) Linie ... 575 Julius II 593 Karl I., Domherr 66 Karl II., Ritterrath, Oberstallmeister 386 Kaspar 1 166 Kaspar II III Katharine 115 Katharine, Klosterschwester 143 Katharine Blandine 327 Katharine v. Lichtenstein, geb. v. R 231 Katharine v. R., geb. v. Eglofsstein 262 Katharine v. N., geb. v. Wenkheim 196 Katharine v. R., geb. Zollner v. Rotenstein 93 Kunigunde 84 HB !s 936 Seitenzahl Kunigunde v. R., geb. v. ? — Gemahlin Ludwigs V. v. R 71 Kunigunde v. N., geb. v. Fuchs 76 Kunigunde v. N., geb. v. Seckendorfs 70 Kunigunde v. Seinsheim, geb. v. M 25 Kunigunde v. Streitberg, geb. v. R 106 Kunz 115 Ludwig 1., Ritter, Schenk 29 Ludwig II. (Lutz), Stifter der jüngeren (Merzbacher) Linie 15 Ludwig III., Domherr 53 Ludwig IV ' 69 Ludwig V 71 Ludwig VI. (Lutz) 77 Ludwig VII., Ritter, Erbunterkämmerer 93 Ludwig VIII 600 Lugard v. R., geb. v. Kalbenhcrg 32 Luidgarde v. N., geb. v. Schaumberg 5-1 Luise (Lulu) 398 Luise v. Harnier, geb. v. R 591 Luise v. R., geb. v. Grolman 139 Luise v. N., geb. v. Staff 396 Magdalene v. Bibra, geb. v. N 112 Magdalene Eva 331 Magdalene v. R., geb. Stiebar v. Buttenheim 278 Margarethe 71 Margarethe, Aebtifsin 80 Margarethe v. Heßberg (Gemahlin des Wolf v. Heßberg), geb. v. N. . . . 113 Margarethe v. Heßberg (Gemahlin des Hans Friedrich v. Heßberg), geb. v. R. 202 Margarethe Katharine 311 Margarethe v. R., geb. v. ? — Gemahlin Nikolaus I. v. R 73 Margarethe v. R., geb. v. Hirschhorn 102 Margarethe v. R., geb. v. Hohenheim 103 Margarethe v. R., geb. v. Rosenau III Margarethe v. R., geb. v. Schaumberg 108 Margarethe v. R., geb. v. Seckendorfs 190 Margarethe v. N., geb. v. Seinsheim 109 Margarethe Teucher v. Fremsdorf, geb. v. N 109 Margarethe v. Thüngen, geb. v. N 112 Marie 256 Marie, Hof- und Schlüsseldame 532 Marie . 596 Marie Apollonia 270 Marie Barbara 311 Seitenzahl Marie Barbara v. N., geb. v. Nedwitz 273 Marie Julianne 256 Marie Katharine 326 Marie Magdalene 326 Marie v. R., geb. Gräfin von Bernstorff 591 Marie Sophie v. R., geb. v. Wolframsdorf 266 Marie v. Wildenfels, geb. v. N 148 Markns , kann statt tann. „ 242 „ 13 „ oben: 1333 statt 1533. „ 245 „ 14 „ „ Caravane statt Caravana. „ 279 „ 6 „ „ Ganerbschaft statt Gewerbschaft. „ 315 „ 5 „ unten: ordnenden statt ordnendenden. „ 339 „ s „ Alt statt Abt. „ 353 „ 15 „ „ denen statt deren. ,, 447 „ 11 oben: Tnr statt Tour. ,, 472 „ 13 „ unten: nach „Besuche" ist zu setzen: bei. „ 725 „ 13 „ „ bestimmend statt beistimmend. „ 762 „ 17 ,, oben: den statt dem. „ 786 „ 4 „ „ Gottsried statt Gottlieb. „ 870 „ 1 „ „ LutzmannSstein statt Lutzmannsdorf. „ 875 „ 14 „ 1313 statt 1823. „ 919 „ unten: Evangelischen statt Evanglischen. „ 923 „ 1 „ oben: ist das Zeichen ') zu streichen. Stammbaum der älteren Linie: Georg Christoph 1' 1637 statt 1697.