Als Manuskript gedruckt nur für Autglieder der Burschenschaft Alemannia zu Bonn. 5 Geschichte der MMM IlMIIM M Bonn <^8^^ ^89^». Nestgabe zur Heier des 50 jährigen ^tiftu,lgsfestes der VurschensDast Alemannia. Bonn, Sonuner t894- Erinnern ng. ?NUer in der Fremde neue Heimat fand, Ans kurze Zeit zur alten Heimat kehrt, Er wandelt träumend in dem Vaterland, Das sein ist und ihm dennoch nicht gehört: So weilen heut nur an des Rheines Strand, lind ob das Ohr die alten Lieder hört, Nicht an das Heute mahnen diese Töne, Sie wecken altvergangner Zeiten Schöne. Hier war's zu Bonn! Wie schwellt' es uns die Brust, Daß wir zu gleichem Streben uns verbunden, Wie hat um unsre Herzen unbewußt Sich fest und fester dieses Band gewunden! So frei, so froh! In selig reiner Lust Entschwanden wie im Reigentanz die Stunden: Die Sorgen hat der Rhein uns all genommen, Mit seinen Wogen sind sie fortgeschnwmmen! Was ist geblieben? tönen bange Fragen, Was ist nach, jener schönen Zeiten Flucht Von all den tust- und lieberfulltcn Tagen, Was ist geblieben uns als Danerfrucht? „Die Blüten alle hat herabgeschlagen Das Leben, weh! mit schonungsloser Wucht, Es waren Träume, schöne Jugendlügen", So schallt die Antwort — „eitel Selbstbetrügcn!" Nein, dreimal Nein! es mar kein Selbstbetrug, Und fänden wir anch keine Frucht des Strebens: Sahst dn, daß eine Rase Früchte trug, Und fragst dn nach den Zwecken ihres Lebens? Sic selbst, ihr Duft, ihr ist es Zweck genug, Was ans der Erde schön, ist nie vergebens! Der Lenz, der einmal uns ins Herz gedrungen, Er wird vvn keinem Schicksal uns entrungen! Und dach — anch Früchte fielen golden nieder, Gereift aus jener welken Blüten Schoß: Verrauscht der Becherklang, der Klang der Lieder, Der einst die Herzen aneinander schloß, Doch treu geblieben sind des Bundes Brüder, Und Männerfrenndschaft wuchs uns fröhlich groß, Erfreuend, tröstend nnsrcr Tage Rest: Das ist doch wohl ein reiches Erntefest! Und ob anch längst die äußern Zeichen fielen. Das Schwarz-Rot-Gold nicht mehr die Brust uns schmückt, Ob alt und grau, zu andern Lebenszielen, Zu andern Sorgen man uns längst entrückt: In neuer Form nur wohnt das alte Fühlen, Dasselbe Wollen, das uns einst beglückt: Drum treu dem Wahlspruch, stark durch Einigkeit Soll Alemannia blühen allezeit! Koblenz. , Karl Kessel. OAAO Die Nlrmanma in den Iahren ^8^ bis H8H8. Von Karl Hessel. Am l8. Juli 1894 sind es fünfzig Jahre, daß die Burschenschaft Alemannia zu Bonn besteht. Als Festgabe zu diesem Ehrentag sind die nachfolgenden Blätter geschrieben: sie wollen eine möglichst zuverlässige Geschichte der bisherigen Entwickelung unserer Burschenschaft darbieten. Zunächst liegt es uns ob, die Geschichte der Alemannia in den ersten vier Jahren ihres Bestehens zu schildern. Als Quellen stehen zu Gebote die Versammlungsprotokolle vom 18. Juli 1844 bis 18. November 1847, die Ehrengerichtsprotokolle über den ganzen Zeitraum, einzelne Auslassungen im schwarz-rot-goldcnen Buche und eine Anzahl Briese, vor allem aber eine Reihe lebensvoller Aufzeichnungen und Erinnerungen, und zwar von Brunhoff (Geschichte der Knorschia, Fridcricia und Alemannia bis 1849, 14 Folioseitcn, geschrieben im Juni 1859); von Lieblich (Erinnerungen aus den Jahren 1843 und 1844, 4 Oktavseiten, am 18. September 1893 niedergeschrieben); von Spohr (Mitteilungen über die Jahre 1845 — 49, 24 Qktavseiten, datiert vom 28. Dezember 1892); von Adami (die Zeit von Ostern 1843 bis Herbst 1847; 8 Oktavseiten, geschrieben am 15. Dezember 1893); endlich von Wilmanns (über die Zeit von Ostern 1847 bis Ostern 1848, 4 Oktavseiten, am 23. Oktober 1893 verfaßt). Ich werde mich bemühen, dies Material zu einem Gesamtbilde zusammenzustellen und dabei mit meinem eigenen Urteil so wenig als möglich hervorzutreten. Wo die Worte der genannten Berichterstatter selbst zitiert sind, werde ich in Klammern die Anfangsbuchstaben ihrer Namen hinzufügen. Da die Geschichte der Fridcricia, der Mutterburschenschaft der Alemannia, Gegenstand einer besonderen eingehenden Festschrift bildet, so möge die Vorgeschichte der Alemannia hier nur in gedrängter Kürze berichtet werden. Als nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm IV. auf dem Gebiete der Politik ein freierer und nationaler Lufthauch in Preußen zu wehen begann, da entfaltete die Burschenschaft auch zu Bonn alsbald wieder ihre Fahnen. Es war im Jahre 1841, als die zwanglose Vereinigung der Knorschia, wie sie nach ihrem Führer Arnold Knorsch von den Corps spottweise genannt wurde, sich mit einer Anzahl alter Hallenser, Kieler und Breslauer Burschenschafter zu gemeinsamen Fechtübungen und gemeinsamen Kneipabenden verband. Der Wunsch, den Anmaßungen der sechs Corps entgegenzutreten, war das, was sie zunächst zusammengeführt hatte. Die alten Burschenschaster aber unter ihnen strebten danach, den Verein zu einer Burschenschaft umzugestalten. Da es ihnen gelang, den Rektor Naumann, die Professoren Ernst Moritz Arndt, Dahlmann, Nitschl und andere für den Plan wenigstens insoweit zu gewinnen, daß ihnen Duldung in Aussicht gestellt wurde, so gründeten sie am 18. Februar 1813 die Burschenschaft Fridericia, so genannt nach dem Namen der Universität (Ilnivar- sitas Ill'iäsrioiu duilslnrin. Ullsuunu). In sehr kurzer Zeit entfaltete sich die Verbindung zu hoher Blüte, im Sommer 1841 zählte sie 72 Mitglieder. Ihre Prinzipien waren: Wissenschaftlichkeit, Sittlichkeit, Ehrenhaftigkeit, ihr Wahlspruch: Gott, Ehre, Freiheit, Vaterland. Sie hatte die Farben schwarz-rot-gold, wenngleich sie nur bei feierlichen Gelegenheiten ihre Fahne zeigen durfte; als unauffälliges Abzeichen trugen die Mitglieder schwarze Mützen. Leider gelang es der Burschenschaft nicht schnell genug, die verschiedenen Elemente, aus denen sie entstanden war, einig zusammenzufassen; es bildeten sich Cliquen, insbesondere war der Gegensatz zwischen den Norddeutschen und den Rheinländern und Westfalen ziemlich schroff. Als nun im Sommer 1844 der Sprecher, Hermann Becker, wenngleich selbst ein Rheinländer, die Progreßideen des badischen Liberalismus in die Burschenschaft zu verpflanzen trachtete, als die erste Frucht dieser Ideen schnell reifte, eine „allgemeine Studentenschaft", da begannen die fröhlichen, einen engern Bund jugendlicher Geselligkeit suchenden Rheinländer sich innerlich von der Fridericia abzuwenden. Als nun gar die engere Verbindung — durch den Beschluß, daß einfache Mehrheit bei allen Abstimmungen, auch bei der Aufnahme in die engere Verbindung genüge, künstlich gemehrt — im Juli 1844 beschloß, das bisher unter Ilmständen gestattete Duell zwischen Mitgliedern der eigenen Burschenschaft fortan zu verbieten, da erhoben sich die Rheinländer, 21 an der Zahl, an ihrer Spitze Karl Liebrich, auf vorherige Verabredung und verließen die Versammlung der Fridericia. Und nun überlegte diese Opposition, was weiter zu thun sei. Einzelne hatten die Absicht, hinfort zu privatisieren, doch wich dieselbe alsobald bei einer allgemeinen Zusammenkunft auf Karl Igels großer Stube. Es waren elf Altburschen der Fridericia, also stimmfähige Mitglieder, anwesend: van Aersscn, Brunhoff, genannt Braun, Bruns- wicker, Collmann II., Cornely, v. Gahlen, Igel, Liebrich, Neunzig, Spennemann und Trimborn, außerdem acht Jungburschen: v. Carisicn, Düesberg, Hecker, van de Kasteelc, Krebs, Pesch, Neintjes und Wcstermann, endlich zwei Hallenser Burschenschafter, die sich der Fridericia angeschlossen hatten: Achenbach und Klein, genannt Martin. Die elf Altburschen erklärten, als die allein berechtigte Fridericia die Burschenschaft aufrecht erhalten zu wollen und nahmen sofort Neuwahlen vor: Liebrich wurde Sprecher, Trimborn Schreiber, Coltmann Fechtwart, Eornely Kassenwart, Brunhoff Kneipwart; ebenso wurde das Ehrengericht neu konstituiert, auch in den Statuten die alte Bestimmung wieder hergestellt, wonach für jeden Beschluß, der nicht bloße Verwaltungssachen betreffe, wiederum zwei Drittel der Stimmen der anwesenden Mitglieder erforderlich seien. Daß das Duell der Mitglieder untereinander unter Umständen wiederum zulässig sein solle, galt als selbstverständlich, denn die Nichtanerkennung des gegenteiligen Beschlusses war ja ein Hauptgrund der Sezession gewesen. Schon am 22. Juli beschloß man aber, sich als neue, selbständige Verbindung unter dem Namen Alemannia aufzuthun und alsbald eine neue Konstitution auszuarbeiten. Bis dies geschehen wäre, blieben die Statuten der Fridericia in Geltung. Acht Tage später legte man die bisher getragenen schwarzen Mützen ab und nahm dafür die einfarbige dunkelrote alte Burschenschaftsmütze an. Die Farben der Fridericia, d. h. die alten Burschcnschaftsfarben schwarz-rvt-gold, behielt man bei, ohne jedoch sich mit einem solchen Bande zu schmücken. Denn noch immer waren diese, wie alle studentischen Farben überhaupt, verpönt, sie durften nur auf der Kneipe und bei Festlichkeiten erscheinen oder außerhalb Bonns, so bei Ausflügen auf dem Dampfer; auf dem Markte aber oder sonst mußten noch Herbst 1847 sämtliche farbentragende Korporationen das Cerevis mit einem schwarzen Futteral umhüllen. (^.). So wurde denn bis 1849, vielleicht noch länger, das schwarz-rot-goldene Band erst beim Abgang von Bonn, in der Regel sogar erst in dem darauf folgenden Semester seitens der Burschenschaft zur Erinnerung ausdrücklich feierlich verliehen. Die Aktiven trugen es nicht. (8.). Und inin ging es an die Auseinandersetzung mit der Fridericia. Im ersten Eifer verhängte man Verruf über dieselbe, hob ihn aber schon nach fünf Tagen wieder auf und einigte sich friedlich über das Eigentum an Paukzcug, Bildern und dergleichen. Einer von den Sezessionisten trat wieder zur Fridericia zurück, van de Kasteele, ein zweiter, Krebs, wurde in Folge von Differenzen entlassen. Es war aber noch ein ernster Streitsall zu erledigen, dessen Nichterledigung durch die Waffen auch Mitveranlassung zur Trennung gewesen war. Der „rote Becker" hatte dein Bierzeitungsredakteur Brunhoff einen Artikel eingeliefert, der die Stcttiner beleidigt hatte. Es war darüber vor dem Ehrengericht zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen, die damit geendet hatten, daß Brunhoff dein Becker Feigheit vorgeworfen hatte. Auf solchen Vorwurf stand damals Verruf auf wenigstens acht Tage, und darnach war der Beleidiger genötigt, jede scharfe Forderung des Beleidigten anzuerkennen. Da kam der 18. Juli dazwischen. Brunhoff wurde, weil der Fall noch in der gemeinsamen Fridericia vorgekommen, von der Alemannia auf kurze Zeit dimittiert, und es fand ein Duell auf Schläger ohne Binden, unmittelbar darauf eine Pistolenmensur zwischen den beiden Gegnern statt; es waren 5 Schritt Barriere festgesetzt, jeder hatte einen Schuß, Becker den ersten. Nachdem die Distanz abgemessen war, avancierte Becker drei Schritt, legte an, fehlte aber, trat darauf, die Pistole zur Erde werfend, noch zwei Schritte vor und starrte seinen Gegner an. Dieser avancierte fünf Schritte, stand also nur noch fünf Schritte von Becker, legte an, schoß aber plötzlich absichtlich in die Luft, nachdem er sich überzeugt, daß Becker kein Feigling sei. (1Z.). Es folgten noch zwei Mensuren von Alemannen gegen Becker, der durch seine scharfe Zunge manchen beleidigt hatte, und eine zwischen Collmann und v. Kunowski, damit waren die Fehden beendigt und ein friedliches Einvernehmen trat an die Stelle der Erbitterung. Bestand doch vor allem der Wunsch, alle Verbindungen, welche nicht Corps waren, als geschlossene Opposition gegen diese fester zusammenzufassen. Die Zdeen der „Allgemeinheit" hatten in der Studentenschaft Anklang gefunden, selbst unter Corpsstudenten: ein Corpsbursch der Sachsen, von der Nahmer, hatte die beiden Corps der Sachsen und Rhenanen gesprengt, indem er beide veranlaßt hatte, unter seiner Führung sich vom L. E. loszusagen und als Landsmannschaft Saxo-Rhenania sich aufzu- thun — die beiden Corps hielten sich zwar daneben, aber sehr gemindert. Gleich nach Gründung der Fridericia hatten sich unter Mitwirkung eines ehemaligen Rhenanen, namens Erlemeper, eine Anzahl Kamelstudenten zu der Landsmannschaft Teutonia zusammengethan. Mit diesen beiden Korporationen hatte bereits die Fridericia einen E. (allgemeinen Convent) geschlossen, und dieser Vereinigung wünschte die Alemannia sich nunmehr auch anzugliedern. Schon am 3. August 1844 kam der Anschluß zu stände. Es handelte sich bei diesem d hauptsächlich um eine ge- — 9 — meinsame Vertretung der vier Verbindungen nach außen und um die Einrichtung eines Schiedsgerichts, das vorgekommene Beleidigungen (Contrahagen) zu prüfen hatte, ob es wirkliche Achtungsverletzungen gewesen seien, in diesem Fall hatte das Schiedsgericht das Duell zuzulassen. Das Präsidium wechselte alle 14 Tage. Nunmehr gestalteten sich vom Winter 1844—45 an durch mehrere Jahre hindurch die Beziehungen der vier befreundeten Korporationen sehr herzlich: besonders pflegte die Alemannia nunmehr enge und wahrhaft brüderliche Gemeinschaft mit der Fridericia, so daß man sich gegenseitig auf Verbindungs- und Privatkneipen besuchte, wohl auch Einladungen empfing und ergehen ließ. Auch die Teutonia und darauf die Saxo- Nhenania betrachteten sich jetzt als „burschenschastliche" Verbindungen. Besonders mit der letzteren verknüpften die Alemannia viele freundschaftliche Beziehungen. Die erste Alemannenkneipe war im „grünen Baum" auf der Sandkaul, dann ward sie zu Nicolai in der Josephstraße verlegt. Die Bierzeitung blühte unter Leitung von Brunhoff, später von Collmann; Neunzig, ein fertiger Zeichner, lieferte komische Illustrationen dazu. Das Musikkorps der Ulanen spielte wöchentlich regelmäßig einmal auf der Kneipe, auch außerdem fehlte es nicht an gemeinsamen brüderlichen Zusammenkünften. „Nie mochte wohl ein fideleres, innigeres Zusammenleben in einer Verbindung stattgefunden haben, wie in diesem aus gleichem Impulse ausgeschiedenen und zu einer neuen, resp. zu der „alten Verbindung" wieder zusammengetretenen Häuflein von Gesinnungsgenossen, welche sich alle schon längst genau kannten und nur nach strenger Prüfung neue Mitglieder aufzunehmen beschlossen." (L.). Die akademische Obrigkeit konnte bei dieser Lage der Dinge die Alemannia nicht mehr länger ignorieren. Es kam eine Untersuchung, zugleich gegen die Alemannia und die Corps gerichtet, in der Liebrich zu allererst vernommen wurde. Auf den freundlichen Rat des Professors jurw Or. Karl Sell, durch dessen Neffen, den Fridericianer Herbst, an Liebrich rasch und heimlich übermittelt, gestand dieser und nach ihm Brunhoff, daß sie allerdings einen „Verein" mit dem Namen Alemannia bildeten, der die Farbe der Liebe zur Kopfbedeckung gewählt, aber keineswegs eine „Verbindung" sei. Diese Bezeichnung mußte vor allen Dingen absolut vermieden werden. „Der Inhalt unserer Tendenzen (Wisscnschaftlichkeit, Sittlichkeit, Ehrenhaftigkeit) wurde auf Verlangen kurz erläutert, protokolliert und an das Ministerium Eichhorn gesandt und wurde von demselben gebilligt und gelobt, während wir in Halle von demselben Minister — 10 — wegen derselben Tendenzen scharf bestraft worden waren und zwar, weil wir verdächtig waren, einer verbotenen „Verbindung" anzugehören," Die neuen Statuten wurden erst im Sommer 1845 von Liebrich und Trimborn im Auftrage der Versammlung entworfen. Die Beratungen darüber zogen sich den ganzen Sommer hin. Leider haben sich diese Statuten nicht erhalten, auch zeigen sich die Protokollbücher sehr wortkarg darüber; es ist nur das daraus zu entnehmen, daß drei einleitende allgemeine Paragraphen beliebt wurden, inhaltlich ist aber auch darüber nichts im Protokoll aufgezeichnet worden. Insbesondere ist nicht überliefert, ob die neue Konstitution die Gestattung des Duells zwischen Verbindungsgliedern festgehalten hat. Im ersten Seinester des Bestehens der Alemannia ist es wiederholt zu Contrahagen zwischen Alemannen gekommen, doch ist jeder einzelne Fall vom Ehrengericht beigelegt worden, nachher verschwinden diese Dinge ganz von selbst, so daß also jene Theorie, die seinerzeit zur Trennung der Alemannia von der Fridericia geführt hatte, niemals in Praxis sich umgesetzt hat! Im übrigen ist aller Grund zu der Annahme vorhanden, daß die Statuten der Alemannia in allen wesentlichen Punkten mit denen der Fridericia in Einklang blieben. Auch die Einrichtung der Kränzchen, aus der älteren deutschen Burschenschaft und aus der Fridericia überkommen, blieb vorläufig bestehen: die Mitglieder wurden zu kleineren Gruppen nach den Fakultäten in vier wissenschaftliche Kränzchen verteilt, deren jedes einen Kränzchenführer hatte. An dem philosophischen Kränzchen konnte jeder teilnehmen. In den Privatwohnungen hielten diese ihre Sitzungen ab, es wurden bestimmte wissenschaftliche Themata bearbeitet, gemeinsam gelesen, diskutiert, schriftliche Arbeiten angefertigt und besprochen. In dieser Form bethätigtc also die Verbindung als solche das Prinzip der Wisscnschaftlichkeit. Außerdem bestand ein Fuchskrünzchen zur Einführung der Füchse in die studentischen Verhältnisse. In einein wichtigen Punkte wich die erste Verfassung der Alemannia von der späteren ab: mit dem Weggang von Bonn erlosch die Zugehörigkeit zur Verbindung, man wurde feierlich ehrenvoll entlassen und 'war fortan nur insofern noch Alemanne, als die engere Verbindung dem Abgehenden zur Erinnerung das Band, das alte schwarz-rot-goldcne Burschenschaftsband, übergab. Die Aktiven trugen, wie bereits oben bemerkt, keine Bänder. Auch dem Ehrengericht waren die nicht mehr in Bonn Studierenden nicht länger unterworfen. Als im Zahre 1846 das Ehrengericht gleichwohl Jurisdiktion über einige in Berlin studierende frühere Alemannen geübt und selbige schließlich sogar dimittiert hatte, wurde im Winter — 11 — 1846 -1847 diese Sache wieder neu untersucht und die Dimission zurückgenommen, als auf einem Nechtsirrtum beruhend. Die Ehrenmitgliedschaft, die nur wegen besonderer Verdienste um die Verbindung und nur mit Einstimmigkeit verliehen werden konnte, blieb jedoch aus Lebenszeit; Ehrenmitglieder hatten alle Rechte, aber keine Pflichten. (8.). Noch möge es gestattet sein, nach den Berichten der Zeitgenossen einige hervorragende Mitglieder aus der Anfangszeit unserer Burschenschaft näher zu schildern: Ganz besonders wurde die stramme Entwicklung der jungen Verbindung durch den Zutritt einiger evangelischen Theologen gefördert, die als Mitglieder der Hallenser Burschenschaft von 1841 dort relegiert worden waren und in Bonn sich der Fridericia, dann der Alemannia angeschlossen hatten; vor allem gehörte dazu der erste Sprecher der Alemannia, Karl Liebrich. Eine nahe an sechs Fuß hohe Gestalt, das Haupt von blondem Lockenhaar umwallt, in Zugendblüte leuchtend, war er einer der schönsten Studenten Bonns; bei Burschenschaftern und Corpsburschen hieß er nur „der deutsche Jüngling"; er war zudem ein trefflicher Schläger, vor allein aber eine gerade, offene und ideale Natur. Auch Wieb er war ein guter Fechter, dabei ein urfester und ehrenhafter Charakter. Er war Landwehroffizier und wäre gern Linienoffizier geworden, gab es aber aus Rücksicht auf seine Familie auf, wiewohl dies Opfer ihn dauernd melancholisch stimmte. Er ist 1876 als Pfarrer in St. Arnual bei Saarbrücken gestorben. Gleichfalls der Burschenschaft zu Halle hatte Wilhelm Klein aus Ottmeiler, allgemein unter dein Namen Martin bekannt, angehört. Von Halle deshalb relegiert, kam er Ostern 1844 nach Bonn. Er war von allen Kommilitonen besonders geliebt und geehrt und hat späterhin lange Jahre mit Milde und Energie des Amtes als Superintendent zu Trier gewaltet. Eine besonders merkwürdige Persönlichkeit war Friedrich Brunhoff aus Köln. Er hatte schon der „Knorschia" angehört, aus der die Fridericia hervorgegangen war. Brunhoff war kein großer Geist, wiewohl von gesundem Menschenverstand und als Mediziner vorurteilsfrei. Aber seine gewaltige Körperkraft und seine unglaubliche Überlegenheit im Fechten und Trinken sicherten ihm allein schon eine hervorragende Stellung. Er war nicht groß von Gestalt, sogar etwas verwachsen, aber von ungewöhnlicher Schulterbrcite, und seine muskulösen Arme reichten bis an die Kniee. Seine Körperstärkc war riesig; so bestand ein Stückchen von ihm darin, daß er ein 5V Pfund-Gewicht an den kleinen Finger der rechten Hand hängte und dann mit ausgestrecktem Arm langsam und ruhig mit Kreide seinen vollen Namen an eine Wand schrieb. Einen preußischen Thaler brach er mit den Fingern entzwei und hob einen auf einem Stuhle sitzenden Mann mit einer Hand von der Erde auf den Kneiptisch, indem er das Hintere Stuhlbein mit der Hand faßte. Im übrigen war er gutmütig, trieb keinen Mißbrauch mit seiner Kraft und war von seinen Freunden nicht schwer zu behandeln. Vor geistiger Überlegenheit hatte er viel Respekt, wenngleich er andere in erster Linie nach ihren: Fecht- und Trinkvermögcn beurteilte. Gegen die Corps den Schlüger zu führen, war seines Herzens Stolz. Und wie hat er ihn geschwungen! Schon als Friderieianer war er weithin gefürchtet, als standiger Sekundant hat er unzahlige Paukereien mitgemacht, selbst bei Mensuren der Corps untereinander hat er nach seiner Exmatrikulation häufig fungiert. Inzwischen hatte die Fridericia sich mit stets wachsendem Eifer der Sache der „allgemeinen Studentenschaft" oder „Allgemeinheit" hingegeben. Es war ihr gelungen, immer mehr Kamele der Hochschule dafür zu interessieren. Dieser Allgemeinheit konnte sich schließlich die Alemannia nicht mehr völlig entziehen. Auf wiederholte Aufforderung sandte die Verbindung gegen Schluß des Sonnnersemesters 1845 schließlich ihre Vertreter hin. Die Allgemeinheit war in „Sektionen" geteilt. Die Alemannia sollte mit einer Anzahl Kamele zusammen eine besondere Sektion bilden. Zunächst beschloß die Burschenschaft, zur Beratung der von den Sektionsausschüssen gestellten Anträge fünf Kamele, die dies beantragt hatten, einzuladen. In: Winter 1845 auf 1846 wurde die Strömung zu Gunsten der Allgemeinheit stärker und in Folge davon das Interesse an: <ü.-Verbände geringer; nachdem Verhandlungen mit den Corps wegen eines gemeinsamen Ehrengerichtes und eines geordneten Paukverhültnisscs gescheitert waren, beschloß die Alemannia nach wiederholter Beratung dieser Angelegenheit am 25. Januar 1846, sich vom E. loszusagen. In derselben Versammlung wurde definitive Beteiligung an der Allgemeinheit beschlossen. An: folgenden Tage wurde der Antrag angekündigt, daß durch den Beschluß, der Allgemeinheit beizutreten, die Verbindung ein neues Grundelement oder Wesen in sich aufnehme, das „sozialistische", ebenso ein Antrag, der Ducllzwang sollte abgeschafft werden. Der erste Antrag kau: überhaupt nicht zur Debatte, der zweite ward am 21. Februar zum Beschluß erhoben. Damit war der Grundsatz der „unbedingten Satissaktion" preisgegeben. Sprecher der Fridericia war in diesem Winter (1845/46) Friedrich Kirchhofs, ein alter Kieler Burschenschafter, der auch mit vielen Alemannen — 13 — nahe befreundet war. Er war zugleich Vorsitzeuder der Allgemeinheit und wird als eine sehr bedeutende Erscheinung geschildert, so daß die Annahme berechtigt erscheint, das; die Macht seiner Persönlichkeit nicht ohne Einfluß auf die Haltung der Alemannia in diesen Fragen gewesen sein wird. Der Hauptträger der Allgemeinheitsidee innerhalb der Alemannia war Karl Jahn aus Hamburg. Er war ein bartloser, kränklicher Mensch, im persönlichen Umgang sehr liebenswürdig, von überlegener Dialektik und voll von Hcgclscher Philosophie und Sophistik, sehr ruhig und autoritativ. Seine Ansicht über das Duell war, daß es unvernünftig und unsittlich sei. Man erzählte sich, daß er einen Corpsburschen, der ihn auf dem Markt einen dummen Jungen genannt, in einer Viertelstunde durch Tüfteln so umgestimmt habe, daß derselbe zugegeben, selbst der „dumme Junge" zu sein. Die Allgemeinheit ruhte auf dem vou Hegel abstrahierten Grundsatz, den auch Jahu vertrat: „Kein einzelner ist vernünftig, sondern die Menschheit"; diesen Gedanken wollte man auch auf die Studentenschaft anwenden. (L.). Dieser ganzen Richtung fehlte es nicht an Widerspruch innerhalb der Burschenschaft. Das Ehrenmitglied Wieber trat aus, wie er selbst erklärte, „aus persönlicher Überzeugung wegen Durchführung des abstrakten Allgemein- heitSprinzipcs". Auch Fiedler aus Frankfurt a. M., der zeitweise Sprecher war, kämpfte gegen die Allgcmeinheitsidee; bei seinem Abschied aus Bonn, zu Ostern 1846, schrieb er in das schwarz-rot-goldene Buch, wie folgt: „Jede Vereinigung, die nicht derAusdruckeines gemeinsamenBcwußtseinsund Strebens ist, wird stets nur eine äußerliche, oberflächliche Vereinigung, nie aber eine innere organische Einheit sein. Im Studcntenleben hat sich bis jetzt einzig und allein das Nechtsbewußtsein als allen gemeinsam und bei allen sich gleichbleibend gezeigt. ^ Diesem Nechtsbewußtsein gebe die Allgemeinheit einen Ausdruck, sie werde ein Ehrengericht, aber auch nur ein solches. Sittlichkeit und Wissenschaftlichkeit, zwei zur Hebung des Studentenlebens unentbehrliche Momente, sind soweit davon entfernt, sich bis jetzt als der ganzen Studentenwelt gemeinsam und das ganze Studentenleben bedingend darzustellen, daß im Gegenteil bei den meisten oder doch bei einer sehr großen Anzahl von Studenten die Würdigung und Anerkennung derselben ganz fehlt, bei den übrigen aber nur wenige dieselbe Ansicht darüber haben und gemeinsam nach ihrer Förderung und Verbreitung streben. Der Ausdruck einer solchen gemeinschaftlichen Anschauungsweise ist die Verbindung. Die Verschiedenheit der Ansichten über die zur Förderung von Sittlichkeit und Wissenschaftlichkeit zu ergreifenden Mittel macht eine Mehrheit von Verbindungen statthaft, ja sogar nötig, macht aber auch ebenso eine auf Anerkennung und Verbreitung von Wissenschaftlichkeit und Sittlichkeit gerichtete Allgemeinheit zu einem Unding!" Aber auch in der Fridericia empfand man ähnlich, es hatte sich dort eine Opposition gebildet, wie die, welche zur Loslösung der Alemannia geführt hatte, und schließlich waren zwölf Mitglieder ausgetreten, den Sprecher vom Sommer 1845, Gudden, an der Spitze, und hatten am 11. Dezember 1845 eine neue Burschenschaft gegründet, die Frankonia. Ziemlich gleichzeitig war die den Alemannen einst so befreundete Saxo- Rhenania aus ähnlicher Abneigung gegen die Allgemeinheit zu Grunde gegangen, indem ihre letzten Mitglieder teils das gänzlich erloschene Corps Saxonia wieder aufthaten, teils die Reste der alten Nhenania verstärkten. Nach Fiedlers und Wiebers Weggang war in der Alemannia die Opposition gegen die Allgemeinheit so ziemlich geschwunden. Ihre Blütezeit erreichte dieselbe im Sommer 1846. Sie brachte es bis auf 400 Mitglieder. Auch die neu gegründete Frankonia hatte sich entschließen müssen, wenigstens der Forin nach der Allgemeinheit beizutreten. Ebenso hatte sich die Germania, eine dem Wingolf ähnliche, christliche, das Duell gänzlich verwerfende Verbindung, der Allgemeinheit angegliedert.*) Viel zu stände brachte die Allgemeinheit nicht; sie strebte nach einem allgemeinen Ehrengericht für sämtliche Studenten, das aber kam nicht zu stände; sie strebte auch nach Aufhebung der akademischen Gerichtsbarkeit und Gleichstellung der Studenten mit den andern Staatsbürgern. Nur eins erreichte sie: daß im Lesezimmer das Mannheimer Journal gehalten wurde, damals Organ von Karl Blind und Genossen; Karl Blind war lange Vorsitzender des Scktionsausschusses, dem auch die Alemannia zugeteilt war. Im Januar 1847 trat der Alemanne Stammer an seine Stelle. Inzwischen hatte nach Kirchhoffs Weggang in der Fridericia die Abneigung gegen die Allgemeinheit die Oberhand gewonnen, sie trat samt der Frankonia aus der Allgemeinheit aus und bildete mit dieser und der Germania zusammen einen neuen E., die Alemannia dagegen verharrte noch bei der Allgemeinheit. Nun versuchte letztere sich in eine rein wissenschaftliche Vereinigung umzubilden, und als das mißlang, löste sie sich am 21. Januar 1847 auf. *) Aus der „Theologenkneipc" hatte sich durch Hallenser Theologen des dortigen „Alten Vereins", aus dem der Hallenser Wingolf und der Pflug hervorgingen, im Jahre 1841 ein Wingolf gebildet. Dieser änderte l843 seinen Namen in Germania und bestand bis 1849. Im Jahre 18Z6 ward der noch bestehende Bonner Wingolf gegründet. — 15 — Jahn, der begeisterte Vertreter der Allgemeinheitsidee, war inzwischen von einem schweren Leiden befallen worden, dem er schon im November 1846 erlag. Die Allgemeinheit bereitete ihrem eifrigen Verfechter ein glänzendes Leichenbegängnis. Karl Jahn liegt auf dem alten Bonner Kirchhof begraben, ein einfaches Denkmal bezeichnet seine Ruhestätte. In der Alemannia aber versuchte Franz d'Avis, Jahns Confuchs und Gesinnungsgenosse, dessen Erbe anzutreten. Da trat ein Ereignis ein, das die Entwicklung der Burschenschaft wieder in die alten Bahnen zurücklenkte: Brunhoff hatte seit Ostern 1845 in Berlin studiert und kehrte im Oktober 1846 als Dr. rnaci. nach Bonn zurück, um sich daselbst zum Staatsexamen vorzubereiten. Er schloß sich, soweit es seine Zeit erlaubte, der Burschenschaft wieder an, und bald bildete sich, ohne sein Zuthun, aus der Alemannia und Frankonia ein engerer Kreis von jungen Leuten, die mit Eiser unter Brunhoffs Leitung zu pauken begannen. Bald ertönten wieder die roten Schlägerkörbe lustig auf der Mensur, die Frankonen blieben nicht zurück, ja Brunhosf selber, der alte Haudegen, konnte der Reizung nicht widerstehen, noch einmal persönlich mit seinen Gesinnungsgenossen unter den Alemannen und Frankonen gegen die Corps zu Felde zu ziehen. Im Lauf weniger Monate wurden eine Masse Mensuren gegen die Corps geliefert. Höchst charakteristisch, auch für die damalige Fechtweise in Studentenkreisen, ist Spohrs Erzählung von Brunhoffs Paukerei mit dem über sechs Fuß großen, auch gewaltig starken Senior der Pfälzer, Eich hoff. Dieser kannte Brunhoff noch nicht persönlich und rempelte ihn des Nachts auf dem Markte an. Als er den Namen Brunhoff hörte, war er unangenehm überrascht, da ihm dessen Renommee natürlich wohlbekannt war. Abeken hat die Entstehung dieser Contrahage in der Bierzeitung besungen, es hieß da zum Schluß: „Da nannte Brunhoff seinen Namen, und die Palatia stob nach allen Winden." Die Wahrheit ist, daß man den in der Dunkelheit unansehnlichen Brunhosf von feiten der Pfälzer arg umdrängte, daß aber, als es zum Contrahieren kam, nur Eichhoff vor den Riß trat. Als dieser seine Forderung: „Große Binden, große Mützen!" weder unserin Herkommen, noch dem der Corps entsprechend, die bei persönlichen Contrahagcn unter Corpsburschen — also nicht Füchsen — wenigstens auf kleine Binden, kleine Mützen loszugehen pflegten, aussprach, sagte Brunhosf: „Der große Eichhoff, Senior von den Pfälzer», kann sich nur zu großen Binden, großen Mützen aufschwingen?" worauf Eichhoff verbindlich antwortete: „Einem Brunhoff gegenüber ist das wohl vollständig genug!" Er hatte Recht und sollte das bald genug erfahren. — 16 — Brunhoff, für solche Schmeicheleien sehr empfänglich, nnhm von jedem weiteren Reizen sofort Abstand. Am folgenden Morgen fand die Mensur statt. Es war ein kalter Tag des Vorwinters. Spohr versichert, diese Paukerei sei die interessanteste gewesen, die er je gesehen habe. Die beiden standen in der starken Rüstung der Mützen und Binden, die fast nichts vom Gesicht sehen ließ; wie üblich, sollte 15 Minuten geschlagen werden, nach 9 Minuten eine Pause von 10 Minuten eintreten. Brunhoff schlug die ersten 9 Minuten keinen einzigen Hieb, sondern parierte mit absoluter Sicherheit, ohne seinen Sekundanten irgendwie in Anspruch zu nehmen, die immer schneller sich folgenden Hiebe des Gegners. Die Pfälzer waren sehr beruhigt über den Ausgang der Sache. In der Pause trinkt Brunhoff ein Glas Wein, streicht sich seinen borstigen Schnurrbart und sagt zu seinem Gegner auf gut kölnisch: „Waat, Männche, jetz kenne mer dich, nu kommen ich an die Reih, jetz giff et Schmuckes!" Und nun ging es sofort los. Aus „LoS!" schlug Brunhoff eine so gewaltige und wohlgezielte Anquart, daß die linke Wange des Gegners gespalten war und der Arzt Abfuhr erklärte. Eichhoff protestierte, und das wiederholte sich in der kurzen Zeit der sechs Minuten noch drei- bis viermal. Gang für Gang saßen die Hiebe, zuerst eine Tiefquart, blitzschnell und beinahe unsichtbar geschlagen, unter der tiefen Auslage Eichhoffs durch, dann wurde die Mütze und der Brustpanzer durchschlagen, zwei „Hallenser" saßen auf dem Kopf, drei Durchzieher auf der obern Brust: kurz, obwohl damals, dem Paukbuch der Corps zu Liebe, Kopf- und Brustwunden nicht genäht wurden, waren doch noch über 40 Nadeln nötig, das Übrige zu nähen; der brave Eichhoff, der bis zum Schluß ausgeholten hatte, ohne sich abführen zu lassen, sank alsbald ohnmächtig zusammen. Die Mensur erregte großes Aufsehen. Zwei tüchtige Schüler zog sich Brunhoff heran: Spohr und Sterken, die mit Eifer und Erfolg das Waffenwcrk fortsetzten. Spohr insbesondere erbte das Amt eines ständigen Sekundanten. Die gemeinsamen Waffenthaten hatten einen besonders engen Anschluß an die Frankonen zur Folge. „Und es waren dort, wie hier, dieselben braven Burschen, alle begeistert für die hohen Ziele, die eine Burscheuschast erstreben will. So Julius Schmidt, der Astronom, damals schon Observator bei Argclander, Weise und der Koblenzer Karl Schurz, Ziemßen, „Fritzken" Spielhagen und Ludwig Meier, jetzt Professor in Göttingen, alles liebe, unvergeßliche Freunde vieler Alemannen." Da übrigens der Duellzwang aufgehoben war, so galt das Auspauken von Contrahagen als Privatsache der Beteiligten. Doch hielt die Burschen- — 17 — schaft an dem Grundsatz fest, ihre Farben auf der Mensur nicht zu verhüllen. Auf der Kneipe oder sonstwo wurde von Paukereien wenig oder gar nicht gesprochen, ward sogar nicht gern gesehen. (^.). Die Kneipabende sollten eben Stunden erhebender und idealer Geselligkeit sein, wie das altburschenschaftliche Tradition war und geblieben ist. Und sie waren es. In jenem Winter 1846/47 ist auch das Alemannenlied entstanden, als ein Beitrag Brunhoffs zur Bierzeitung. Die Worte „Und als ich kam nach Bonn am Rhein" u. s. w. waren ursprünglich auf Mühlinghaus gemacht, der, ehe er nach Bonn kam, schon mehrere Semester als Kamel studiert hatte. Alsbald ward es Sitte, auf jeden Alemannen eine vier- zeilige Strophe zu dichten, so hieß es von Brunhoff: „Als Helfer und als Sekundant War allen Leuten wohlbekannt Der alte braune Bär, Der lnst'ge Philistecr". Da von nun an gleich jedem Fuchs ein solcher Vers verliehen wurde, so erhielten sie den Namen „Fuchsverse" bis auf den heutigen Tag. Im Februar 1847 legte der „Schreiber" Hertz einen neuen Verfassungsentwurf vor, der nach mehrfacher Beratung im wesentlichen angegenommen wurde. Der Wortlaut dieser Konstitution hat sich leider auch nicht erhalten, doch werden im weiteren Verlauf dieser Geschichtserzählung die Berichte über die Statutenrcvisioncn der folgenden Jahre darthun, daß das Wesen der Burschenschaft durchaus dasselbe blieb. Die Änderungen betrafen, wie aus dein Protokollbuch hervorgeht, hauptsächlich geschäftliche Dinge, Abstimmungsmodus u. dergl. Die Reaktion aber gegen die neuerdings so eifrig betriebenen Mensuren konnte nicht ausbleiben: als die Triebfeder dieser Bewegung trat immer mehr d'Avis hervor. Er war aus Frankfurt a. M., klein, unansehnlich, von gelber, unreiner Gesichtsfarbe, krausein, schwarzem Haar, dunkeln, kurzsichtigen Augen — er trug eine Brille - von sehr heftigein Temperament und ungemein herrschsüchtig. „Da er es des Wortes wenig mächtig war," sagt Spohr, „sogar stotterte, ist mir sein Einfluß stets rätselhaft geblieben. Aus die liebenswürdigsten Mitglieder der Alemannia, Mohr, v. Colomb, Gerpott zc. behauptete er, meiner Ansicht nach wesentlich durch Selbstgefühl uud Anmaßung, seinen Einfluß." Ihm gegenüber stand der um drei Semester jüngere Bernhard Abelen, ein Braunschweiger. Er hatte ein freundliches, sanftes Wesen und bei hellein Verstände einen fein bescheidenen Anstand. „Es hing damals ein Bild auf der Kneipe, eine Federzeichnung von Bernhard Höfling, das d'Avis und Abeken einander gegenüberstehend darstellte: d'Avis mit leuchtenden Augen und wallendem Haar in eifriger Demonstration, Abeken in kerzengrader Stellung, schmunzelnd sich die Hände reibend. Es trat bald ein starker Gegensatz der Ansichten zwischen ihnen zu Tage, der oft zu Verstimmungen Anlaß gab." (^V.). Außerhalb der Verbindungskncipe bildeten sich verschiedene Gesellschaftsgruppen zu freundschaftlich intimerem Verkehr. So vereinigten sich z. B. Abcken, Lehmann, Drebs und Wilmanns zu einem Thcekränzchen, wo man sich mit den klassischen Werken der deutschen Litteratur beschäftigte. Auf der andern Seite schloß sich d'Avis mit seinen Freunden um so enger zusammen. „Die Verehrung derselben für ihr Haupt wurde zuletzt lächerlich und lustig in ihren Äußerungen für die Übrigen und artete in vollständiges Poussieren aus." (14.). Als im Sommer 1847 d'Avis zum Sprecher gewählt wurde, spitzte sich die Sache immer mehr zu. Am 17. Juli wurde der Stiftungskommers in Heddesdorf bei Neuwied bei „Onkel Vogtmann" gefeiert. Alles war voll Einmütigkeit, ein Herz und eine Seele. Und doch war es Täuschung: „weder die persönliche Liebenswürdigkeit Lehmanns noch der strenge Rechtssinn Adamis hatten eS vermocht, die widerstrebenden Gemüter zu dauerndem, harmonischem Zusammenwirken zu versöhnen." (IV.). Der schneidige Brunhoff war leider nicht mehr in Bonn; als der Julimonat zu Ende ging, trat d'Avis mit sechs seiner Freunde aus und gründete die Burschenschaft „Arminia": er wollte mit seinen Anhängern durchaus allein und ungestört sein. Als Abzeichen legten sie einen Goldstreifcn um ihre rote Mütze. Im zweiten Semester ihres Bestehens zählte die Arminia zehn Mitglieder, das dritte Semester erlebte sie nicht mehr. „Sie trug keine Keime eines Fortbestehens in sich: es fanden sich nur äußerst wenige Zuwüchse zu den Verherrlichern einer einzelnen Persönlichkeit." (1Z.). d'Avis fand 1881 zu Lima in Peru einen tragischen, nicht ganz aufgeklärten Tod, wahrscheinlich durch Mörderhand. Infolge des Austritts von sieben Leuten war die Burschenschaft im Winter 1847 —1848 schwächer an Zahl als je vorher. Ein Groll gegen die Arminen aber war nicht zurückgeblieben, es gab keine Waffenkämpfe gegen sie, und die Alemannen verkehrten gesellschaftlich mit ihnen weiter, ebenso wie mit den Frankonen. Die Mutterverbindung Fridericia war nicht mehr vorhanden, sie hatte sich mit Schluß des Sommersemcsters 1847 aufgelöst. Schon aber ergriff die frische, gewaltige Bewegung der Geister, welche die politischen Stürme des Jahres 1848 einleitete, mächtig die Gemüter: die Freude an Fechtübungcn schwand sichtlich dahin, die persön- — 19 — liche Freiheit solle gewahrt bleiben, war die Losung, gleichzeitig aber war die Schwärmerei für Deutschlands Einheit, Freiheit und Ehre größer als je zuvor, und unter solchen Bewegungen rückte der Frühling von 1848 heran, ohne daß jedoch die Erregung der Geister Gelegenheit fand, bereits in bestimmten Handlungen äußerlich zu Tage zu treten. Bald genug sollte diese Gelegenheit kommen: am Kriege in Schleswig-Holstein nahmen mehrere Alemannen teil; der verdiente einstige Sprecher Steiniger, Ehrenmitglied der Burschenschaft, ist als Offizier in diesem Kampfe gefallen. Die Alemannia voll Ostern M8 bis Ostern s858. Von Ilr. Fcodor Goecke. Vorbemevku n g. In verschiedenen, aus dem Anfang der sechziger Jahre herrührenden, in erster Linie für die Fuchskränzchen zur Information der jüngeren Mitglieder über die bisherigen Geschicke der Alemannia geschriebenen, geschichtlichen Darstellungen ist der Zeit von 1848 bis 1858 zum Vorwurf gemacht, daß sie die alten burschenschaftlichen Prinzipien nicht aufrecht erhalten habe. Richtig ist nur, das; die Verbindung als solche spezifisch wissenschaftliche und dergleichen Tendenzen, sowie namentlich Politik als außerhalb des Kreises der Verbindung als solcher liegend bezeichnete. Doch gestattete sie ausdrücklich, daß die Mitglieder sich untereinander zur Förderung derartiger Interessen zu sogenannten Kränzchen vereinigten. Dieser Standpunkt wurde auch, als man im Jahre 1851 die Prinzipien der Verbindung statutarisch feststellte, in dem am 30. Juni 1851 angenommene» K 2 ausdrücklich und ohne Widerspruch statutarisch genehmigt (in dem 1854/55 angenommenen Statut aber wieder sortgelassen). Wenn hiernach auch die Verbindung als solche sich nicht mit Politik befaßte, so war damit doch nicht gesagt, daß die Mitglieder sich nicht für die vaterländischen Interessen erwärmt hätten, oder daß ihnen die vaterländische Politik und wissenschaftliche Bestrebungen gleichgiltig gewesen seien. Im Gegenteil hat besonders in politischer Beziehung unter den Mitgliedern stets ein durchaus patriotischer, vaterländischer, jeder Reaktion widerstrebender Geist geherrscht, und es hat wohl kein Mitglied gegeben, das nicht an dem alten burschcnschast- lichen Ideal eines einigen Deutschlands mit ganzem Herzen festhielt. Wer das schwarz-rot-goldene Band um seine Brust schlang, war sich bewußt, daß dasselbe die deutschen Farben, die Farben Gesamtdeutschlands, des großen einen Vaterlandes repräsentierte und daß er sich mit der Annahme des Bandes zu diesem Vaterlande bekannte. Aus dem Sommer 1858 (also aus einer Zeit nach Ablauf unserer Periode) ist uns bezüglich der Politik folgender Beschluß überliefert- „Wenn man auch die politischen Tendenzen der alten Burschenschaft aufgegeben habe, so müsse man doch das Vaterlandsprinzip insoweit festhalten, als man darunter die Förderung der Liebe zum Vaterlands und der Teilnahme an den Geschicken desselben, sowie die Erweckung eines echt deutschen Sinnes verstehe, und es müsse daher die Verbindung ihren Mitgliedern die Mittel geben, sich mit den vorfallenden Ereignissen bekannt zu machen. Es sei die Pflicht der Verbindung, das Interesse an den politischen Vorgängen in unserem Vaterlande zu wecken und zu beleben." Zur praktischen Erreichung dieses Zweckes wurden dann für die Kneipe mehrere politische Zeitungen angeschafft. Zweifellos ist, daß dieser Beschluß in der damals für Preußen beginnenden „liberalen Aera" unbeanstandet gefaßt werden konnte, nicht weniger zweifellos aber dürfte sein, welches Schicksal unsere Alemannia gehabt haben würde, wenn schon im Jahre 1852, als unter dem Ministerium Manteuffel-Raumer-Westfalen unsere Statuten und Papiere mit Beschlag belegt wurden, der § 2 statt der ausdrücklichen Ablehnung der Politik den 1858er Beschluß enthalten hätte. So ist die damalige statutarische Ausschließung der Politik jedenfalls für die Verbindung als solche ein großes Glück gewesen. Daß sie daneben aber dem vaterländischen Geist sowohl der Verbindung selbst als der einzelnen Mitglieder nicht geschadet hat, das beweist ein Blick in das Alemannen-Album, der sofort zeigt, daß die aus dieser Periode hervorgegangenen Männer an Patriotismus und deutscher Gesinnung keiner anderen Periode nachgestanden haben und nachstehen, und daß sich die Alemannia dieser alten Herren wahrlich nicht zu schämen hat. Wie mit der Politik, so verhält es sich auch mit den wissenschaftlichen Bestrebungen. Man hatte bereits am 14. November 1846 den Kränzchenzwang einstimmig aufgehoben, weil man dessen Nutzlosigkeit einsah, und man überließ es der freien Entschließung der Mitglieder, in welcher Weise sie ihren wissenschaftlichen Bestrebungen nachgehen und ob sie sich insbesondere zu Kränzchen vereinigen wollten. Daß hierbei die Wissenschaftlichkeit gegen andere Perioden nicht gelitten hat, das bezeugt uns gleichfalls ein Blick in das Alemannen-Buch. Selbstverständlich wurde neben der Wissenschaft die studentische Fröhlichkeit nicht vergessen, und zwar um so weniger, als die Mitglieder der Verbindung der Mehrzahl nach aus Leuten der jüngeren Semester bestanden. Bonn und unsere Verbindung litten damals entschieden darunter, daß keine Infanterie dort stand, bei der die Studenten, deren Mittel ihnen den Eintritt bei der Kavallerie nicht gestatteten, ihr Dienstjahr abmachen konnten. So mußten sehr viele Mitglieder nach dem zweiten oder dritten Semester Bonn verlassen und in eine mit Infanterie-Garnison versehene Universitätsstadt (meist Halle oder namentlich Berlin) übersiedeln, die sonst sicherlich in Bonn geblieben wären. Man nannte damals nicht mit Unrecht Bonn eine Fuchs-Universität, und bei billiger Würdigung dieses Umstandes kann man sich gewiß nicht über ein zu geringes wissenschaftliches Streben der „Füchse" beschweren. Wollte man nach der heutigen preußischen fünfteiligen Gpmnasial-Zensuren-Skala ein Generalprädikat für diese Bestrebungen geben, so würde dasselbe vermutlich „genügend, zuweilen mangelhaft" gelautet haben, also nach heutigen Zensurbegriffen verhältnismäßig recht günstig. Diese Vorbemerkungen erschienen notwendig, um etwaige Vorurteile, die sich auf Grund der Eingangs erwähnten, auf mangelhafter Kenntnis der Thatsachen und Personen beruhenden Vorträge und Darstellungen über die fragliche Periode bei Manchem gebildet haben möchten, von vornherein zu beseitigen und eine unparteiische Beurteilung vorzubereiten. Für die Einzeldarstellung habe ich für zweckmäßig gehalten, zunächst bezüglich einiger allgemeineren Punkte, nämlich Statuten, Prinzipien, Stellung zum studentischen Duell, Stellung zu den Vereinigungen und Vereinigungsversuchen, die Darstellung für die ganze Periode von 1848 bis Wintersemester 1857/58 zusammenzufassen, und dann in einem Schlußabschnitt noch die sonstigen Vorgänge nach den einzelnen Semestern zu schildern. S t a k u t e n. Hinsichtlich der Neubildung und Abänderung der Statuten war unsere Periode recht fruchtbar. Der erste desfallsige Beschluß ist vom 28. Juni 1848. Die damals ernannte Kommission legte ihren Entwurf im November 1848 vor und es wurde derselbe mit vielen Abänderungen und Zusätzen in den Versammlungen vom 5. bis 11. November 1848 angenommen. Das so beschlossene Statut bestand aus 40 Paragraphen, welche später mit den inzwischen beschlossenen Änderungen als ZK 4 bis 37 und 43 bis 45 in das 1851 neu zusammengestellte Statut übergegangen sind. Erhebliche materielle Änderungen der bisherigen Satzungen scheinen dabei aber nicht vorgenommen zu sein. — 23 — Die Organisation, die Befugnisse und Pflichten der einzelnen Vorstandsmitglieder, sowie die Rechte der Versammlung und des Ehrengerichts u. s, w. sind im Wesentlichen dieselben geblieben. Nur mag hervorgehoben werden, daß den Mitgliedern der äußeren Verbindung, die bereits 4 Wochen aufgenommen waren, ein erheblich erweitertes Stimmrecht (in allen Angelegenheiten außer Statutenänderungen und in das Wesen der Verbindung eingreifenden Anträgen) gegeben wurde und daß die Berechtigung der durch ein Mitglied eingeführten fremden Burschenschafter zum Besuche der Versammlungen aufgehoben wurde. Unter den Vorstandsmitgliedern befindet sich auch wieder der „Möbelwart", dessen Charge zwar am 14. Dezember 1844 aufgehoben, aber schon seit der am 2. November 1846 beschlossenen Aufhebung des Paukbodenzwanges bei den Wahlen wieder erschienen war, während der bis dahin fungierende „Paukwart" seitdem nicht mehr bei den Wahlen vorkam. Das Statut enthielt keine allgemeinen Bestimmungen über Zweck und Wesen der Verbindung. Diese, sowie verschiedene andere Bestimmungen, sind erst in den folgenden Jahren beschlossen und dann bei der 1851er neuen redaktionellen Zusammenstellung als besondere Paragraphen dem Statut zugesetzt, und zwar: am 13. Februar 1851 die Bestimmung: „Die Alemannia ist eine burschenschaftliche Verbindung. Sie trägt die Farben Schwarz-Rot- Gold" (Z 1), am 3V. Juni 1851 die Bestimmung über die Zwecke der Verbindung (§ 2), am 3. Februar 1849 die Bestimmung über das Duell (K 3), am 20. Januar 1849 die Wiedereinführung des Paukbodenzwanges, von welcher Zeit an der „Möbelwart" auch wieder dem „Paukwart" Platz macht (K 41), am 16. Juli 1349 die Erhebung der Bierzeitung zu einem wirklichen Verbindungs-Jnstitut und die Bestimmung über die Wahl des Bierzeitungs-Redakteurs als Verbindungsbeamten durch die Versammlung, sowie über die Verantwortlichkeit desselben (§ 42), am 5. November 1849 das Verbot, ohne Befragen der Verbindung einem fremden Studenten das schwarz-rot-goldene Band zu dedizieren (§ 46), am 11. November 1850 die Bestimmung, daß jeder ehrenvoll Entlassene bei seinem Ausscheiden der Verbindung seine Silhouette dedizieren müsse (§ 47). — 24 — Außerdem wurden noch manche andere statutarische Beschlüsse gefaßt, z. B. über das Stimmrecht der Mitglieder der äußeren Verbindung (3. Dezember 1849), über das Aufschiebungsverfahren bei Aufnahme neuer Mitglieder und Zulassung von NichtMitgliedern bei Kommersen (18. Februar 1850), über eine Erleichterung der Konstituierung der Versammlung nach den Ferien bei Anwesenheit von drei Mitgliedern, von denen wenigstens zwei der inneren Verbindung angehörten (27. Mai 1850), über die Verpflichtung aller austretenden Mitglieder zur Abgabe des Bandes an das Ehrengericht behufs Beschlußfassung desselben über Rückgabe oder Nichtrückgabe (18. Januar 1850), über die Verpflichtung zur Bezahlung der rückständigen Wechselsteuer und Schulden beim Kneipwirt (14. Mai 1849), ferner im Winter 1849/50 auch noch eine Reihe von Beschlüssen bezüglich näherer Präzisierung der Befugnisse und Pflichten der einzelnen Vorstandsmitglieder. Durch die vielen Zusätze und Änderungen war das Statut natürlich in einen Zustand geraten, der eine neue redaktionelle Zusammenstellung unabweislich machte. Diese wurde durch Beschluß vom 17. Januar 1851 einer Kommission überwiesen, welche am 31. Januar 1851 ihren Entwurf vorlegte. Derselbe wurde auch im allgemeinen genehmigt, erfuhr jedoch bezüglich eines neu vorgeschlagenen Paragraphen eine Beanstandung, welche am 13. Februar und 30. Juni 1851 die Annahme der späteren HZ 1 und 2 zur Folge hatte. Die darauf erfolgte endgültige Zusammenstellung bildet das älteste uns erhalten gebliebene Statut*). Über dieselbe ist aus den Protokollen nichts weiteres ersichtlich, sie muß aber vor dem 2. Dezember 1851 erfolgt sein, da eine an diesem Tage beschlossene anderweite Festsetzung des Eintrittsgeldes auf zwei Thaler unter Hinzufügung des Datums als spätere Abänderung am Rande hinzugefügt ist. Die nächste Statutänderung, die uns erhalten ist (die Versammlungs- Protokolle vom Sommersemester 1852 bis einschließlich Wintersemester 1357/58 fehlen leider), datiert vom 14. Juni 1852 und enthält eine ') Das 1351er Statut ist, wie für die sich für das Archiv der Burschenschaft interessierenden Mitglieder bemerkt wird, in zwei von einander getrennten Stücken erhalten geblieben. Das erste Stück bilden die drei einzelnen als „Statuten Ii" bezeichneten Blätter, das zweite Stück das als „Statuten III" bezeichnete eingebundene Statut mit Ausnahme der ersten vier Blätter (§ 1 bis Mitte des Z 12). Nach der am 5. Februar 1853 beschlosseneu Änderung des Duellparagraphen (K 3) sind die ersten drei Blätter aus dem 1851 er Statut herausgenommen und durch die jetzt darin vorhandenen vier ersten Blätter mit dem abgeänderten Z 3 ersetzt. Die auf den „Statuten II" und „Statuten III" befindlichen, von späterer Hand herrührenden Vermerke sind irrig. — 25 — Präzisierung der von der Verbindung zu tragenden notwendigen Kosten beim Duell. Unterm 27. Juli 1852 folgte eine teilweise Änderung des Duellparagraphen (H 3) und unterm 5. Februar 1853 eine neue völlige Änderung desselben. Am 10. Juli 1853 wurde eine nähere Präzisierung hinsichtlich der Erstattung von Kosten für die gewählten Kommissionen beschlossen. Am 12. Juli 1853 wurde das bisher den Mitgliedern zustehende Recht, nach Befragung der Verbindung einein fremden Studenten das Band zu dedizieren, aufgehoben und dieses Recht lediglich der Verbindung vorbehalten. Am 28. Januar 1854 folgte beim Duellparagraphen eine Erweiterung der Befugnisse des Ehrengerichts und am 6. Mai 1854 wurde die Zu- lässigkeit der Vereinigung der Chargen des Schreibers und des Kassenwarts beschlossen. Diesen Einzelbeschlüssen folgte dann im Anfang des Wintersemesters 1854/55 wiederum eine allgemeine Revision der gesamten Statuten, deren Ergebnis uns erhalten geblieben und mit dem Vermerk „Statut IV" versehen ist. Die darin vorkommenden Änderungen der ZZ 2 und 3 werden unten näher besprochen werden; im übrigen enthält das neue Statut keine wesentlichen materiellen Änderungen, bildet vielmehr mit geringen unwesentlichen Ausnahmen nur eine erheblich verbesserte und abgekürzte Zusammenstellung des bis dahin Gültigen. Aus den nach Annahme dieses Statuts bis zum Winterseinester 1857/58 gefaßten statutarischen Beschlüssen sind noch folgende erwähnenswert: ein Beschluß vom 14. März 1855, nach welchem die innere Verbindung solchen Studenten, die sich seit längerer Zeit an die Burschenschaft angeschlossen haben, als Erinnerungszeichen einen Bierzipfel dedizieren kann, ein Beschluß vom 2. Juli 1856 betr. Bewillung von Terminen seitens des Ehrengerichts für Bezahlung von Verbindungs- und Kneipschulden an austretende Mitglieder, und ein Zusatz vom 22. November 1856 zum Duellparagraphen (3). Prinzipien (§ 2). Wie bereits oben erwähnt, enthielten die alten Statuten keinerlei Bestimmungen über den Zweck und das Wesen der Verbindung. Als jedoch am 28. Juni 1843 die Revision der Statuten beschlossen und am 4. Juli die Kommission gewählt war, wurde sofort von einem Kommissions- mitgliede der Antrag gestellt, — 26 — „die Verbindung solle erklären, sie verlange von jedem ihrer Mitglieder, daß es sich überall ehrenhaft, sittlich und anständig benehme". Dieser Antrag wurde in der Sitzung vom I I. Juli 1848 „als im Wesen der Verbindung begründet" zurückgewiesen, was wohl heißen soll, daß eine derartige Erklärung überflüssig sei, weil die betreffenden Gebote bereits in dem (burschenschaftlichcn) Wesen der Verbindung von selbst begründet seien und daher keiner statutarischen Festsetzung bedürften. Demgemäß enthielt auch der im November 1848 vorgelegte und beschlossene Entwurf keinerlei derartige Grundsätze. In der Schlußsitzung vom 11. November 1848 wurde jedoch wiederum der Antrag gestellt, „ein Prinzip an die Spitze der Verbindung (soll wohl heißen: Statuten) zu stellen". Die Beschlußfassung hierüber wurde dem Statut gemäß aufgeschoben, ist aber merkwürdiger Weise niemals erfolgt, wenigstens ergeben die Protokolle nichts darüber. Das Ehrenmitglied Rud. Franz erzählt jedoch mündlich, daß innerhalb der Verbindung seitdem sehr lebhaft für die ausdrückliche Festsetzung derartiger Prinzipien agitiert worden sei und daß es sich dabei hauptsächlich auch um ausdrückliche statutarische Anerkennung des sogenannten „Sittlichkcitsprinzips" gehandelt habe. Hauptfreunde dieser Richtung seien außer ihm namentlich auch die (späteren) Ehrenmitglieder Weller und Carl Schmidt gewesen. Von anderer Seite sei die Sache aber als überflüssig bekämpft. Zum Austrag kam die Sache erst, als die im Jahre 1851 zur redaktionellen neuen Zusammenstellung gewählte Kommission in der Versammlung vom 31. Januar 1851 ihren Entwurf vorlegte und darin auch einen neuen Paragraphen mit allgemeinen Grundsätzen vorschlug. Dieser Paragraph enthielt keine Anerkennung des Sittlichkeitsprinzips, weßhalb in der folgenden beschließenden Versammlung von dem späteren Ehrenmitglieds Carl Schmidt ein aus zwei Paragraphen bestehender Gegenentwurf eingebracht wurde, der im Z l die allgemeine Bezeichnung der Alemannia als Burschenschaft mit den Farben Schwarz-Not-Gold enthielt, und im § 2 außer sonstigen Geboten insbesondere auch von den Mitgliedern „Ehrenhaftigkeit in jeder Beziehung, sowie ein humanes, auf den Grundlagen der Sittlichkeit und Wissenschaft gegründetes Leben forderte". Der Kampf war sehr lebhaft und ergab zunächst in der Versammlung vom 13. Februar 1851 nach Annahme des § 1 (in etwas veränderter Fassung) die Verwerfung sowohl des Kommissionsantrages, als — 27 — des Schmidt'schen K 2. Auf erhobene Revision wurde dann zwar in der Versammlung vom 21. Februar der Schmidt'sehe K 2 mit einem aus dem Kommissionsantrage entnommenen Zusatz über die Ausschließung der Politik von der Mehrheit angenommen, doch wurde dieser Beschluß später wegen Mangels der statutenmäßig erforderlichen Zweidrittelmehrheit als ungiltig angefochten. Bei der erneuten Abstimmung (24. Juni 1851) wurde sowohl der frühere Kommissionsantrag, als der angenommene Schmidt'sche K 2 abgelehnt, jedoch von L. Keibel ein neuer abgeänderter Antrag vorgelegt. Letzterer wurde dann endlich in der Versammlung vom 3V. Juni 1851, nachdem auf Schoenstedt's Antrag ein wesentlicher Teil des früheren Kommissionsantrages in demselben aufgenommen war, mit allen gegen eine Stimme angenommen. Der vielgenannte § 2 lautete danach: „Zum Zweck hat die Verbindung, größtmögliche Entwicklung der Geselligkeit, sowie ein freudiges Jneinanderleben und echt freundschaftliches Verhältnis unter den einzelnen Mitgliedern zu schaffen und zu befördern. Sie macht es sich serner zur Aufgabe, die Gesinnungstüchtigkeit, Energie und Selbständigkeit der Charaktere zu erwecken und zu entwickeln, einen sittlichen Geist in ihrer Mitte aufrecht zu erhalten und nach außen hin einen vernünftigen Begriff von Ehre und Ehrenhaftigkeit zur Geltung zu bringen. Spezifisch wissenschaftliche und dergleichen Tendenzen, sowie namentlich Politik liegen ganz außerhalb des Kreises der Verbindung als solcher. Doch bleibt es den Mitgliedern dieser unbenommen, sich unter sich zur Förderung derartiger Interessen zu sogenannten Kränzchen zu vereinigen." Die oben gesperrt gedruckten Worte sollen ihrer Tendenz nach das Keuschheitsprinzip enthalten, und sind stets in dieser Weise streng ausgefaßt und gchandhabt. Dasselbe gilt von der bei der Statutenrevision im Winter 1854/55 abgeänderten Fassung (bei der der zweite Absatz ganz fortgelassen wurde): „Die Verbindung will ein freudiges Jneinanderleben ihrer Mitglieder durch einen geselligen, freundschaftlichen Verkehr schaffen und fördern. Als notwendige Voraussetzung und Grundlage eines solchen sieht sie die auf Anerkennung sittlicher Tüchtigkeit beruhende Achtung aller Mitglieder unter einander an und macht es sich daher zur Aufgabe, einen entschieden sitt- liehen Geist durch Entwicklung der Ehrenhaftigkeit, Energie und Selbständigkeit in ihrer Mitte aufrecht zu erhalten und auch nach außen hin nachdrücklich zur Geltung zu bringen." Während der ganzen Berichtsperiode ist kein „Vergehen gegen den Z 2" zur Aburteilung durch das Ehrengericht gekommen, woraus wohl mit Sicherheit aus eine strenge Beobachtung des fraglichen Grundsatzes geschlossen werden kann. Auf ehrenvoll entlassene nicht in Bonn befindliche Mitglieder ist allerdings der Z 2 und die Jurisdiktion des Ehrengerichts in dieser Beziehung damals nicht ausgedehnt worden. Stellung zum Duell. Weder die alten Statuten, noch die im November 1848 angenommenen enthielten eine Bestimmung über die Auffassung des Duells und die Stellung der Verbindung zu demselben. Doch ist es zweifellos, das; von der Stiftung der Burschenschaft ab das Duell konstant lediglich als Mittel zur Sühnung von auf andere Weise nicht zu sühnenden Beleidigungen, also als Genugthuungs- und Ehrenreinigungsmittel betrachtet und behandelt und in diesem Sinne der Prüfung durch das Ehrengericht unterstellt gewesen ist. Das Duell war demgemäß nur auf Contrahage gestattet; Bestimmungsmensuren waren unbedingt untersagt. Das Benehmen des Verbindungsmitgliedes bei jeder Contrahage mußte vom Ehrengericht geprüft werden. Wechselnd war die Ansicht (wie bei der alten Burschenschaft) darüber, ob das Ehrengericht auch das Ausfechten einer Contrahage verbieten könne; letzteres ist jedoch nur ganz kurze Zeit statutarisch festgesetzt gewesen. Das Ehrengericht hatte vornehmlich auch zu prüfen, wer das Duell provoziert hatte; Provokationen seitens der Verbindungsmitglieder waren verboten und wurden von: Ehrengericht je nach Befinden mit den verschiedenen ehrengerichtlichen Strafen belegt. Im Gegensatz zu dem Grundsatz, der die Veranlassung zur Abzweigung der Alemannia aus der Fridericia gegeben hatte, daß nämlich die Austretenden das Duell auch unter den Mitgliedern derselben Burschenschaft gestattet wissen wollten, geht durch die folgende Zeit der allgemeine Zug, daß die Burschenschafter, auch die verschiedenen Burschenschaften ange- hörigen, das Duell unter sich möglichst vermeiden, vielmehr gemeinschaftlich gegen die Corps Front machen sollen. Mensuren der Alemannen mit Burschenschaftern sind daher während unserer Periode verhältnismäßig selten und hauptsächlich nur dann vor- — 29 — gekommen, wenn unsere Verbindung mit einer anderen in einen besonderen Konflikt geraten war, der dann auch sofort eine größere Anzahl von Mensuren zur Folge hatte (z. B. 1853/54 und 1854 mit den Markomannen, 1856 und 1857 mit den Teutonen). Praktisch hing daher die Mensurcnsrage für die Alemannia von deren jeweiligen Verhältnis zu den Corps ab. Gestatteten die Corps ihren Mitgliedern das Losgehen gegen die Alemannen, so fanden auch Mensuren statt, verboten die Corps solche, so wurden die Mensuren selten bis zum zeitweiligen völligen Verschwinden. Während des weitaus größten Teils unserer Periode (eine Zeit lang herrschte auch Verruf, weil die Alemannia mit zwei in Corps-Verruf befindlichen Burschenschaften in einen 0. getreten war) erklärten sich die Corps zwar theoretisch bereit, Paukereicn mit den Alemannen zu gestatten und auszufcchten, knüpften daran aber die Bedingung, daß Unparteiischer, Sekundant und Zeugen Corpsburschen sein müßten, was natürlich diesseits unannehmbar war. Man bchalf sich zeitweilig damit, daß beide Teile ohne Farben losgingen, was aber bald sowohl seitens der Corps, als unsererseits verboten wurde. So blieb denn schließlich nur der Ausweg, daß die Auspaukung der Contrahagen bis zum Abgang von Bonn verschoben wurde. Beide Teile traten dann etwas früher aus und gingen ohne Farben los; bezüglich des Unparteiischen einigte man sich dabei meist über einen früheren beiden Teilen bekannten Corpsburschen, während Sekundanten und Zeugen von jeder Seite gestellt wurden. Dieser Ausweg war natürlich nur in verhältnismäßig wenigen Fällen gangbar, hatte aber doch am Schluß mancher Semester eine Anzahl Mensuren zur Folge. Im großen Ganzen kann man sagen, daß, sobald die Corps sich nicht auf Paukereicn mit uns einließen, die Pauklust bei uns vielfach größer war, als die Gelegenheit sie zu befriedigen. Aller statutarischen Bestimmungen und aller Provokationsverbote ungeachtet ließen sich doch die jugendlichen thatendurstigen Gemüter nicht immer in den statutarisch gebotenen Schranken halten. Wirkliche Beleidigungs-Contrahagen zwischen Einzelnen kamen verhältnismäßig selten vor, die meisten Contrahagcn erfolgten bei Konflikten zwischen verschiedenen Couleuren oder bei zufälligen Zusammenstößen mit anderen „feindlichen Volksstümmen" durch mehr oder minder höfliches Aufbrummen des „dummen Jungen". Diese Zusammenstöße vollzogen sich gewöhnlich in der Weise, daß um die mitternächtige Stunde nach beendeter Kneipe die betreffende Couleur zum Markt zog, dort unter dem Gesang des „Juchheirassassa, die sind da, Die sind lustig, sie rufen hurrah!" — 30 — aufzog und mehrmals um die Pyramide zog, eine Prozedur, die heute zweifellos als nächtliche Ruhestörung dein Schwerte der Gerechtigkeit verfallen würde, damals aber, wenn auch Nachtwächter und Pedelle zuweilen etivas eingriffen und wenn auch die am Markt wohnhaften ehrsamen Philister darob weidlich geschimpft haben mögen, doch, offenbar in Anerkennung des vorhandenen Bedürfnisses, stillschweigend geduldet wurde. Stießen nun zwei solche Züge an der Pyramide oder sonstwo auf dem Markte (das westliche Trottoir war als derartiger Punkt gleichfalls sehr beliebt) zusammen, so ging dies, entsprechend der Eifersucht und Feindschaft der alten Germanenstämme, deren Namen die zusammenstoßenden Helden trugen, nicht ohne Kamps und Streit ab, nur daß die Helden vermöge ihrer altklassischen Bildung sich zunächst nach Art der homerischen Helden dem Wortkampf Hingaben, und den blutigen Waffenkampf für die nächsten Tage vorbehielten. Dieses Aufziehen mit Juchheirassassa war die Hauptprovokation, die Provokation und wurde vom Ehrengericht gegebenenfalls besonders streng getadelt. Nichtsdestoweniger haben die ehrsamen Bonner Philister am Markt in mancher Nacht auch den Kriegsruf und den Wortkampf der Alemannen hören müssen. Solche Vorkommnisse und Gesinnungen blieben aber Sache der Einzelnen; die Verbindung als solche kannte das Duell nur als Sühnemittel bei Beleidigungen. Demgemäß wurde weder theoretisch noch praktisch verlangt, daß ein Mitglied Mensuren ausgefochten habe, noch weniger wurde die Verleihung des Bandes oder die Wahl zum Vorstandsmitgliede oder Ehrenrichter hiervon abhängig gemacht. Wer keine Mensur gehabt hatte, war und blieb ebenso angesehen, als der, der mehrere hinter sich hatte. Wohl aber hielt die Verbindung als solche seit der Wiedereinführung des Paukzwanges (20. Januar 1849) mit Strenge daraus, daß die Mitglieder den Paukboden regelmäßig und fleißig besuchten, damit sie gegebenenfalls sich auf der Mensur wacker schlagen könnten. Letzteres ist denn auch immer geschehen; auch die weniger kräftigen und ungeübteren Mitglieder haben stets mit Mut und tadellos auf der Mensur gestanden. Lange berühmt gewesen ist in dieser Beziehung eine Mensur zwischen einem sehr gut schlagenden Corps-Senior und unserem schwächlichen und ungeübten Schlodtmann (Seppel), der seinen Gegner durch sein wildes, ungestümes und unaufhörliches Drauflosschlagen derartig in Verlegenheit setzte, daß letzterer von seiner unbedingten Überlegenheit keinen Gebrauch machen konnte, und zum größten Gaudium unserer Leute nichts bei der Mensur herauskann — 31 — Die Bemühungen auf dein Paukboden blieben auch nicht ohne Früchte; die Alemannia hat ganz hervorragende Schläger gehabt, unter denen aus der Zeit von 1849 bis 1855 Knorsch, Spohr, Ashölter, Gerhardt, Philippi, Schmidt (Danzig), Thikötter, Förster, Otto Müller, Melm u. A. als Schläger ersten Ranges zu bezeichnen sind, denen sich auch eine Menge anderer guter Schläger anschloß. Für die Jahre 1856 und 1857 fehlt dem Verfasser die spezielle Kenntnis, doch wird es, da die Mensuren dieser Zeit durchweg zu unseren Gunsten bezw. ohne Nachteil selbst gegen die besten feindlichen Schläger (z. B. den für den besten Schläger Bonns geltenden Teutonen Peter Reitz) ausgefallen sind, auch damals nicht an guten Schlägern gemangelt haben (wie Altgelt, Cols- man Zc.). Jedenfalls hat es diese ganze Periode an Waffenübung und da, wo ihr dazu die Möglichkeit geboten wurde, auch am Waffenkampf und Waffenerfolg nicht fehlen lassen. Zur näheren Darlegung der theoretischen Stellung zum Duell mögen hier die einzelnen statutarischen Bestimmungen folgen. Der älteste Beschluß datiert vom 3. Februar 1849, er ist auf Antrag des waffengewandten und mensurfrcudigcn Knorsch gesaßt: „Die Verbindung sieht in dem Duell ein an sich zwar verwerfliches, jedoch zur Ausgleichung von Beleidigungen und zur Verhinderung eines in noch roherer Gestalt auftretenden Faust- rcchts zur Zeit unter Studenten verschiedener Verbindungen noch nicht gänzlich zu beseitigendes Mittel der Selbsthülse gegen persönliche Beleidigungen, auf dessen allmähliche Beseitigung und einstweilige möglichste Beschränkung sie hinzuwirken für ihre Pflicht hält. Ihren Mitgliedern verbietet sie jede Art der Selbsthülfe unbedingt, und weist dieselben bei vorkommenden Beleidigungen oder persönlichen Angriffen darauf hin, durch das Ehrengericht Genugthuung und Schutz sich zu verschaffen. Indem aber die Verbindung ihren Mitgliedern das Duell mit andern Studenten zum Schutz gegen persönliche Beleidigungen gestattet, auch dasselbe im einzelnen Falle nicht von einer Erlaubnis ihrerseits abhängig macht, hält sie sich danach für berechtigt, ja für verpflichtet, darüber zu wachen, daß ihre Mitglieder nicht auf leichtsinnige Weise Duelle kontrahieren und besonders, daß dieselben nicht zur Eingehung von Duellen durch unprovozicrte Beleidigungen Veranlassung geben, und sie legt aus diesem Grunde ihren Mitgliedern die Pflicht auf, jede zwischen ihnen und anderen Studenten — 32 — stattgehabte Eingehung eines Duells mit den sie begleitenden Thatumständen, welche womöglich durch Zeugen zu konstatieren sind, in der nächsten Versammlung zur Kenntnis des Ehrengerichts zu bringen." In dieser Fassung ist der Beschluß dann in das im Jahre 1851 neu zusammengestellte Statut als Z 3 übergegangen. Durch Konventsbeschluß vom 27. Juli 1852 wurde der Schluß des K 3, wie folgt, abgeändert: „Indem aber die Verbindung ihren Mitgliedern das Duell mit anderen Studenten zum Schutze gegen persönliche Beleidigungen gestattet, verlangt sie, daß dieselben im vorkommenden Falle die Erlaubnis einholen, die Contrahage auszufechtcn, mit Darlegung der Verhältnisse (welche womöglich durch Zeugen zu konstatieren sind), die die Contrahage veranlaßt haben. Das Ehrengericht entscheidet dann, ob die Beleidigung eine Forderung nach sich zu ziehen im Stande gewesen sei oder nicht, und erlaubt oder verbietet danach das Aussechten der Contrahage." Durch diesen Beschluß wurde zum ersten und einzigen Mal dein Ehrengericht die theoretische Befugnis eingeräumt, das Ausfechten einer eingegangenen Contrahage zu verbieten. Zur praktischen Ausführung ist- der Beschluß ausweise der Ehrengerichtsprotokolle nicht gekommen, und er wurde bereits am 5. Februar 1853 wieder geändert. Vorher und nachher galt stets der Grundsatz, daß die eingegangene Contra Hage (abgesehen von dem Falle ehrenvoller Einigung) unbedingt ausgepaukt werden müsse und letzteres nicht verboten werden könne. Veranlaßt ist der Beschluß offenbar nur durch theorctisch-philosophisch-moralische Erwägungen; irgend welche praktische oder thatsächliche Veranlassung hat nicht vorgelegen. Unterm 7. Februar 1853 erhielt der K 3 nachfolgende wesentlich veränderte Fassung: „Die Verbindung sieht in dein Duell ein an sich zwar verwerfliches, jedoch zur Ausgleichung von Beleidigungen und zur Verhinderung eines in noch roherer Gestalt auftretenden Faustrechts gegen Studenten, die nicht derselben oder einer anderen burschenschaftlichen Verbindung angehören, nicht gänzlich zu beseitigendes Mittel der Selbsthülse, auf dessen möglichste Beschränkung sie hinzuweisen für ihre Pflicht hält. — 33 — Die Verbindung hält sich deshalb für berechtigt, ja für verpflichtet, darüber zu wachen, daß ihre Mitglieder nicht auf leichtsinnige Weise durch unprovozierte Beleidigungen Veranlassung zu Duellen geben; aus diesem Grunde legt sie ihren Mitgliedern die Pflicht auf, jede zwischen ihnen und anderen Studenten stattgefundene Contrahage mit den sie begleitenden Umständen der Wahrheit getreu in der nächsten Versammlung zur Kenntnis des Ehrengerichts zu bringen. Das Ehrengericht kann ein einmal kontrahiertes Duell außer im Falle eines ehrenvollen Vergleiches der kontrahierenden Teile nicht rückgängig machen, hält im Gegenteil mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln daraus, daß ein solches auch ehrenvoll aus- gefochten werde, kann aber deßungeachtet nachträglich jeden zur Rechenschaft über seine Handlungsweise ziehen und eventuell die ihm zu Gebote stehenden Strafen verhängen. Wie der Einzelne und mit ihm die ganze Verbindung Satisfaktion für empfangene Beleidigungen beansprucht, so hält auf der anderen Seite die Verbindung auch darauf, daß im Falle einer von einem ihrer Mitglieder ausgegangenen Beleidigung auf eine oder die andere Weise dem begründete Satisfaktion Fordernden auch Satissaktion gegeben werde." Die gesperrt gedruckten Worte des ersten Satzes scheinen anzudeuten, das man damals das Duell nicht nur zwischen den eigenen Mitgliedern, sondern auch mit Mitgliedern anderer burschenschaftlichen Verbindungen für ausgeschlossen hielt. Ob dies damals wirklich beabsichtigt ist, hat der Verfasser nicht ermitteln können (die Conventsprotokolle aus damaliger Zeit fehlen), praktisch beobachtet ist jedenfalls der Grundsatz nicht, da schon bald darauf eine ganze Reihe von Mensuren mit Mitgliedern der Marcomannia, die damals noch burschenschaftliche Verbindung war, stattfand. Bei der Statutenrevision des Wintersemesters 1854/55 erhielt der Paragraph eine erheblich abgekürzte und durch Weglassung der Erwähnung des Faustrechts zc. wesentlich verbesserte Fassung: „Die Verbindung verwirft grundsätzlich zwar das Duell, räumt ihm jedoch, da noch kein anderes ehrenhaftes Ausgleichungsmittel für Beleidigungen zu allgemeiner Anerkennung gelangt ist, eine durch die bestehenden Verhältnisse gebotene Notwendigkeit ein. Deshalb fordert sie, daß ihre Mitglieder leichtsinnige Provokationen vermeiden, hält aber ebenso strenge darauf, daß ein 3 einmal kontrahiertes Duell auch wirklich ausgesuchten werde, außer im Falle eines ehrenvollen Vergleichs. Das Ehrengericht, welchem jede Contrahage angezeigt werden muß, kann daher dieselbe nur in dem einzigen Fall rückgängig machen, wenn Mitglieder der äußeren Verbindung provoziert worden sind. Hat jedoch ein Mitglied der Verbindung provoziert, so hat das Ehrengericht die Macht, falls der Gegner statt der Satisfaktion durch die Waffen eine Vcrbalsatisfaktion ausdrücklich fordert, hierzu den Betreffenden zu nötigen." Diese Fassung des ersten Satzes gicbt die wirkliche Anschauung, die die Verbindung während unserer ganzen Periode über das studentische Duell gehabt hat, korrekt wieder. Der im zweiten Satz gemachte Vorbehalt, daß das Ehrengericht eine Contrahage rückgängig machen könne, wenn Mitglieder der äußeren Verbindung provoziert worden seien, hatte den theoretisch möglichen Fall im Auge, daß ein älterer gegnerischer Student sich einen ungeübten Fuchs zum Zweck der Ausschmierung ausgesucht und beleidigt hatte. Praktisch hat das Ehrengericht von dieser Befugnis niemals Gebrauch gemacht, es verstand sich von selbst, daß dem ungeübten Fuchs in solchem Fall die nötige Zeit zum Einpauken gegeben wurde. Die Teutonia hatte für diesen Fall die statutarische Bestimmung: „Jede Provokation und unmotivierte Beleidigung von Seiten eines Teutonen ist streng untersagt. Eine Ausnahme hiervon tritt dann ein, wenn von einem Mitglieds einer anderen Korporation ein Teutone beleidigt worden ist, in welchem Falle es ihm dann freisteht, an der betreffenden Couleur Revanche zu nehmen." Dieser eine Wiederausgleichung der Schmisse bezweckenden Revanche- Theorie hat sich die Alemannia nicht angeschlossen; für sie war die Satisfaktion durch den Waffcngang erfolgt, gleichgültig, wie derselbe gemäß der Geschicklichkeit und dem Waffenglück ausfiel, und sie hielt für den Ausgeschmierten eine weitere Revanche dadurch, daß er nun seinerseits einen schlechteren Schläger der gegnerischen Couleur beleidigte und ausschmierte, weder für nötig noch für angemessen. Nach den oben entwickelten Duellgrundsätzen waren selbstverständlich auch die ?ro patria-Paukereien , sowie über die dabei entstandenen Streitigkeiten und Mensuren mit den Teutonen ist bereits berichtet. In den folgenden Semestern waren Sprecher: Wintersemester 1856/57 Altgelt, dann Rob. Günther, Wintersemester 1857 Colsman und Wintersemester 1857/58 Krummacher. Die Mensuren mit den Teutonen dauerten fort. In dem letztgedachtcn Semester vollzog sich der politische Umschwung in Preußen (durch die im Oktober 1857 beginnende Stellvertretung des Prinzen von Preußen, nachmaligen Kaisers Wilhelm I.). Die Reaktion trat zurück, ein freierer Geist regte sich überall. Dies trat in der deutschen Studentenschaft insbesondere auch bei dem Fackelzug hervor, der im Februar 1858 seitens der Berliner Studentenschaft dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm und der Kronprinzessin Victoria nach ihrer Vermählung dargebracht wurde. Die alten Alemannen in Berlin hatten sich Fahne zc. von Bonn kommen lassen, und nahmen unter Zuhilfenahme der jüngeren alten Herren in der stattlichen Anzahl von 3V bis 4V als vielleicht die stärkste Korporation in vollem Wichs am Fackelzuge teil; der Verfasser war damals Auskultator beim Berliner Stadtgericht und fungierte als Renommier-Chargierter neben der Fahne. Nach dem Zusammenwerfen der — 53 — Fackeln auf dem Dönhofsplatz folgte der Festkommers in der Tonhalle, bei welchem der Festredner unter dem donnernden Jubel der vielen Tausende von Teilnehmern die Überzeugung aussprach, daß uns eine neue Aera bevorstehe, daß Deutschland nur unter Preußens Führung groß und einig werden könne, und daß hoffentlich die lebende Generation den eben gefeierten Kronprinzen noch als Kaiser an der Spitze von Deutschland erblicken werde. Dazu aus voller Kraft mitzuwirken haben alle Festteilnehmer damals gelobt, und wir Alemannen haben es treu gehalten! Zum Schluß sei das treue Zusammenhalten der alten Leute in Berlin während dieser ganzen Periode erwähnt. Wöchentlich einmal war Kneipabend, an dem auch die zahlreichen alten Herren regelmäßig teilnahmen; ebenso wurde das Wcihnachtsfcst alljährlich gemeinschaftlich in schönster Weise gefeiert. Am 18. Juli war regelmäßig feierlicher Kommers in Treptow (zu dem der leider zu früh verstorbene Paul Keibel II. durch besonderes Vermächtnis seinen ganzen Weinkeller stiftete). Es herrschte damals der innigste und regste Zusammenhang zwischen den alten Leuten in Berlin und der Verbindung, der nicht wenig dazu beigetragen hat, bei diesen alten Leuten das Interesse und die Liebe zur Verbindung wachzuhalten und dauernd zu erhalten. In welchem Maße dies der Fall ist, hat die rege Teilnahme gerade dieser Semester an den Stiftungskommersen und an dem Erwerb des Schänzchens dargethan. Vivullb ssczuöutoL! Bonn, Januar 1894. Or. Feodor Goecke. Die Alemannia in den Iahren 1^858 bis !j867. Von Karl Hessel, unter Mitwirkung von Karl Rehorn, Ernst Nieten und Ernst Jakob Broicher. In dasSominerscmester 1858 ging die Alemannia mit nur nenn Mann, zu denen sich noch drei Füchse gesellten. Aber es waren tüchtige und energische Leute, die mit besonders lebhaftem burschenschaftlichen Bewußtsein erfüllt waren. Die Empfindung, daß es jetzt endlich an der Zeit sei, die patriotischen Bestrebungen unverhüllter als in den vierziger und fünfziger Jahren zu Tage treten zu lassen, zog damals gleichzeitig über fast alle Burschenschaften der deutschen Hochschulen als eine Begleiterscheinung des so mächtig aufstrebenden nationalen Bewußtseins. Das Jubelfest der Jenaischen Hochschule fiel in den Sommer 1858 und gab der Alemannia Gelegenheit, durch ihre Beteiligung der Außenwelt ein Lebenszeichen von sich zu geben. Man hielt jetzt politische Zeitschriften, beteiligte sich lebhaft an den Geschicken des Vaterlandes, sammelte für Schleswig-Holstein, für das Schenkendorf-Denkmal zu Koblenz, agitierte, hielt eifrig Vorträge im Fuchskränzchen und suchte nun auch auf, was man früher zurückgewiesen hatte: Vereinigungen mit fremden Burschenschaften. Zunächst waren es persönliche freundschaftliche Beziehungen, die den Gedanken an ein Kartell mit der Frankonia in Heidelberg und der „grünen" Hannovera in Göttingen Hervorriesen. Gegenseitige Kommerseinladungen waren die einleitenden Schritte. Im folgenden Semester zog man die Sache ernstlich in Erwägung, und am 2. Februar 1859 ward mit der Frankonia ein sogenanntes „freundschaftliches Verhältnis" abgeschlossen. Es erschien als kein Hindernis, daß die Alemannia unbedingte, die Frankonia dagegen nur bedingte Satissaktion gab. Jeder Frankone, der nach Bonn, und jeder Alemannc, der nach Heidelberg kam, sollte bei der befreundeten Burschenschaft aktiv werden, wenn er das 3. Semester noch nicht überschritten hatte, sonst Konkneipant sein. Er war dem Ehrengericht der betreffenden Burschenschaft unterworfen und hatte das Recht, deren Farben zu tragen und den Conventen beizuwohnen. Das Verhältnis bethätigte sich durch häufigen schriftlichen Verkehr und besonders durch fleißige Beschickung der Kommerse. Noch größer war die Verschiedenheit mit der Hannovera, die sich „Progreß- verbindung" nannte. Es war besonders der mit den Philologen der Alemannia befreundete Hannoveraner Helbig (jetzt Direktor des archäologischen Instituts zu Rom), der für das Zustandekommen geregelter näherer Beziehungen zwischen den beiden Verbindungen thätig war. Wie gemütlich das Leben in der Alemannia damals war, das spiegelt sich u. a. auch in den Bierzeitungen jener Tage ab, zumal in der vom Sommer t859, zu welcher Johannes Trojan (Neubraunschweiger, jetziger Redakteur des Kladderadatsch) eine große Zahl trefflicher Beitrüge lieferte. Den studentischen Korporationen Bonns mußte öfters scharf entgegengetreten werden, besonders den Teutonen, deren Benehmen offen und offiziell als ein unburschenschaftliches bezeichnet wurde, eine Ironie des Schicksals, denn noch vor drei Jahren hatte die Teutonia der Alemannia denselben Vorwurf gemacht. Wilke und Castendyk besonders gaben sich viele Mühe, über die Vergangenheit der Alemannia näheres zu erfahren, über die nur unbestimmte Überlieferungen im Umlauf waren, und schrieben zu diesem Zweck an mehrere alte Herren, baten auch die Frankonia und Teutonia um Einblick in ihre Akten. Damals verfaßte auch Brunhoff auf Ersuchen der Burschenschaft jene Aufzeichnungen, die bis auf den heutigen Tag wesentlich die Überlieferung über die ersten Jahre der Alemannia lebendig erhalten haben. Es wurde beschlossen, jedes Semester einen Bericht über die Verhältnisse der Alemannia abzufassen und so allmählich eine fortlaufende Chronik zu schaffen. Leider sind jedoch gerade die ersten dieser Berichte nicht mehr vorhanden. Den 15 jährigem Stiftungskommers war man durch die Ungunst der Verhältnisse verhindert zu feiern. Es war damals die Mobilmachung, und der akademische Senat hatte die Abhaltung größerer Festlichkeiten für diese Zeit untersagt. Man verlegte deshalb die Feier in den folgenden Sommer. In das Wintersemester 1859/60 ging die Verbindung mit nur neun Mann, und darunter waren sieben Leute, die erst ihr zweites Semester antraten. Es kamen zwei alte Mitglieder nach Bonn zurück, elf neue Füchse traten ein, sodaß die Zahl auf 22 stieg. Am 29. Januar 1860 starb Ernst Moritz Arndt; die Begräbnisfeier gestaltete sich zu einer großartigen Kundgebung der studierenden Jugend. Alle deutschen Hochschulen hatten ihre Vertreter gesandt, und so wohl angesehen war draußen die Alemannia, daß fast sämtliche hergekommenen Burschenschafter ihre Gäste waren. Über eine Woche lang versammelten sich täglich 7t) bis 8V Mann auf der Kneipe. Auch wurden in jenen Tagen eine Reihe von Mensuren, teils von unfern Leuten, teils von Fremden auf unsere Waffen gegen die Corps ausgefochten und zwar, wie es damals bei der Alemannia ausschließlich Sitte war, ohne Mützen, ohne Brillen, mit abgetretenen Sekundanten. Dabei ist viel Blut geflossen, aber die Erfolge waren uns günstig. Die zahllosen Contrahagcn, die in den aufgeregten Tagen nach Arndts Begräbnis gefallen waren, veranlaßtcn die Corps, eine Annäherung mit der Alemannia zu suchen. So sehr letztere aus Erledigung der schwebenden Sachen drängte, so kam es doch nur mit den Pfälzer» zu Mensuren und zwar mit verhüllten Waffen des Corps gegen unsere offenen. Man sann, wie man ein geordnetes Paukverhältnis mit den Corps anknüpfen könne. Der alte Or. Brunhoff, den man gelegentlich um Rat fragte, meinte, dies müsse auf jede Bedingung hin geschehen, und wir müßten uns ohne Bedenken dem Pauk- und Strafkomment der Corps unterwerfen. Die Alemannen jedoch mochten sich nicht ohne weiteres dem fügen, und so blieb es vorläufig beim Alten. Von Tag zu Tag entfaltete sich nicht allein in Bonn, sondern in der gesamten deutschen Burschenschaft ein regeres Leben. Sehr viele zum Teil jetzt in großer Blüte stehende Burschenschaften thaten sich damals auf, hier und da machte man Versuche zu einer Einigung der gesamten deutschen Burschenschaft wie zum Zusammentritt mehrerer zu einem Kartell. Auf verschiedenen „Burschentagcn" konstituierten sich die einen zum sogenannten „süddeutschen", die anderen zum sogenannten „norddeutschen Kartell". In Berlin trat ein „burschenschastlicher Verein" ins Leben, aus Angehörigen der verschiedensten Verbindungen bestehend, worin auch die Alemannia vertreten war durch frühere Mitglieder, die in Berlin studierten. Das Ziel dieses „burschenschaftlichcn Vereins" ging dahin, sämtliche Burschenschaften zu einigen. Man definierte die Burschenschaft als eine „studentische Korporation, die Ausbildung von Körper und Geist zum Dienste des deutschen Vaterlandes bezweckt", und danach bemaß man die Einladungen zu einem Burschentag, der im August 1860 zu Koburg abgehalten werden sollte. Die Alemannia sagte anfangs zu, zog sich aber daraus wieder zurück, weil die vielen eingeladenen Burschenschaften teilweise zu weit auseinander gingen, weil ein eigentliches Programm der Vereinigung nicht gegeben war und überhaupt im Ganzen eine zu große Unklarheit herrschte. — 57 — Nur sehr wenige Leute verließen Ende des Semesters Bonn, so daß im Sommer 1860 die Zahl der Mitglieder auf 31 stieg. Nun nahm die Alemannia der Zahl nach den ersten Platz unter den Bonner Korporationen ein. Mit Beginn des Sommers 1860 hatte es auch einen Wechsel der Kneipe gegeben. Aus dem Hinterhaus von Werner auf der Sandkaul ging es zurück auf das Schänzchen. Rehorn und Voigt leiteten die" Verhandlungen mit dem „alten Zartmann", der sich zu einigen baulichen Veränderungen entschließen mußte. War die neue Kneipe auch am Tage recht unfreundlich, so genügte sie für die Abende, und am Tage entschädigte der Garten am Rhein mit dem Blick aufs Gebirge für viele Mängel. Mit den übrigen Verbindungen Bonns ward ein loser ,,V. E." abgeschlossen, die Teutonen zeigten sich schroff, zwischen einzelnen Frankonen und Alemannen bestand freundschaftlicher Verkehr, und an dem im Februar alljährlich stattfindenden Fridericiancr-Kommers erschienen regelmäßig als eingeladene Gäste eine Anzahl Frankonen, wodurch die gemeinsame Tradition aufrecht erhalten wurde. Mit den Göttinger Hannoveranern war das lose Band thatsächlich längst zerrissen, eines TageS kündigte der Convcnt denn auch in aller Form das bisherige Verhältnis, damit war diese Sache erledigt. Die Beziehungen, welche bei Arndts Begräbnisfeier mit fremden Burschenschaften angeknüpft waren, spannen sich fort, und die Gießencr Germanen schickten eine förmliche Aufforderung, dem neugeschaffenen „norddeutschen Kartell" beizutreten. Die Alemannia lehnte ab. Die Tübinger Germanen ersuchten uns, das Verhältnis mit den Heidelberger Franken zu lösen und uns dem zwischen ihnen und den Heidelberger Alemannen bestehenden Kartell anzuschließen. Die Alemannia lehnte auch diesmal ab. Überraschender Weise sollte die so oft schon erörterte Frage eines geregelten Paukverhältnisses mit den Bonner Corps diesmal rasch ohne viele Schwierigkeit gelöst werden. Ohne jede voraufgegangene Verhandlung erklärte nämlich plötzlich am 15. Dezember 1860 der Bonner 3. E., der Verruf gegen die Alemannia, Frankonia und Teutonia sei aufgehoben. Diese Mitteilung war jedoch in einem so schroffen Tone abgefaßt, daß man erklärte, weitere Verhandlungen nur auf der Basis völliger Gleichberechtigung führen zu können. Es folgte nun die Niedersetzung einer Kommission aus Vertretern des 8. E. und der Alemannia, um über die Satzungen einer Pauk-Verein- barung zu beraten. Der Hauptstreitpunkt war, wie es mit dem Unparteiischen gehalten werden sollte. Die Corps verlangten, daß dieser nur — 58 — aus Angehörigen der sieben Korporationen (Alemannia, Borussia, Palatia, Hansea, Saxonia, Guestphalia, Nhenania) gewühlt werden dürfe, die Alemannen, daß auch fremde ehrenhafte Studenten dazu genommen werden könnten. Etwaige Streitigkeiten sollten durch eine Jury geschlichtet werden, welche aus je zwei Vertretern der sieben beteiligten Korporationen bestehen sollte. Als man nach viel Aufwand an Zeit und Beredsamkeit schön am Zustandekommen fast verzweifelte, ward am 20. Februar 1861 da§ Paukverhältnis abgeschlossen. Mit dem Unparteiischen setzten die Corps ihre Forderung durch, dagegen erlangten die Alemannen einen Paragraphen, wonach die Corps sich verpflichteten, jede andere Korporation in Bonn, die unbedingte Satisfaktion gebe und „bürgerlich unbescholten" sei, auf deren Antrag in dasselbe Verhältnis aufzunehmen, eine Bestimmung, die bald verhängnisvoll werden sollte. Am Tage nach Abschluß des Verhältnisses wurden gegen Borusscn und Hanseaten eine Masse Mensuren ausgcpaukt, da vom Tage der Aufhebung des Verrufs an zahlreiche Contrahagen gefallen waren. Das Glück der Waffen war den Alemannen überaus günstig. Es entwickelte sich auf dem Paukboden reges Leben, und es bildeten sich eine Reihe von Schlägertalenten aus, die auch späterhin den Corps mit dem größten Erfolge gegenübertraten, so vor allein A. Müller, der unter andern eine scharfe Mensur gegen den berühmten Sachsen Althof (jetzt Geheimer Rat in Berlin) mit Ehren und Erfolg auspaukte, und Averdunk, der den besten damaligen Schläger Bonns, den Pfälzer Poindcxter, einen Amerikaner, in einer berühmt gewordenen Mensur abführte. Der vorhin angedeutete starke nationale Zug, der damals durch die deutschen Burschenschaften ging, und das gehobene Selbstbewußtsein der Mitglieder der Alemannia war die innere Ursache, daß der Wunsch rege ivard, die Statuten einer Revision zu unterziehen. Man beauftragte eine Kommission damit, die aus den drei Chargierten und zwei andern Mitgliedern bestand. Heimreich war an Stelle Freys, der aus Gesundheitsrücksichten zurücktreten mußte, zum Sprecher gewühlt. Die Debatten und Meinungsverschiedenheiten wurden nun so lebhaft, daß Heimreich sogar auf kurze Zeit austrat. Die neuen Statuten wurden gegen Ende des Wintersemesters 1860 auf 61 vom Convent in der Fassung genehmigt, wie sie im Wesentlichen noch bestehen. Die wichtigsten Veränderungen betrafen die Fassung der Prinzipienfragen und die Stellung der Inaktiven. Was über Vaterlandsliebe und Sittlichkeit die Auffassung der Burschenschaft ist, war genauer präzisiert worden; die Mitglieder der inneren Verbindung aber wurden beim Weggange von Bonn nicht mehr entlassen, '.-5V — 59 — sondern blieben als Inaktive der Jurisdiktion des Ehrengerichts unterworfen und auf die Statuten verpflichtet. Die Mitgliederzahl stieg mit jedem neuen Semester. Die Stellung in der Studentenschaft blieb dieselbe etwas exklusive, aber auch dieselbe ehrenvolle. Von den Verbindungen zeigte sich nur die Teutonia feindselig, die übrigen dagegen gleichgültig. Das Paukverhältnis mit den Corps bewährte sich als eine nützliche Waffe zur Abwehr von Übergriffen. Das Verhältnis zur Frankonia in Heidelberg war inzwischen eingeschlafen, die beiden Universitäten berührten sich zu wenig; wenn auch zuweilen Bonner Alemannen in Heidelberg ihre Studien fortsetzten, so ist uns doch kein Fall bekannt geworden, daß ein dortiger Franke zu Bonn studiert hat. Die Statutenrevision gab den äußern Anstoß, dies Verhältnis ganz zu lösen, denn da die auf fremden Universitäten studierenden Alemannen fortan unter dem Ehrengericht ihrer eigenen Burschenschaft stehen sollten, so war jene Hauptbasis des „Kartells" hinfällig geworden. Auch war nicht abzusehen, daß diese Vereinigung je der Kern eines größeren Kartells werden könne, und so wurde von Seiten der Alemannia das Verhältnis einfach aufgekündigt. Der Brief, der dies nach Heidelberg meldete, blieb ohne Antwort. In das Wintersemester 1861/62 trat die Burschenschaft mit 25 Leuten und kam im Laufe des Semesters aus die stattliche Zahl von 44 Mitgliedern. So stark war sie bisher noch nie gewesen. Nach außen geachtet, im Innern gekräftigt, konnte sie getrost in die Zukunft blicken. Wenn Feodor Goecke oben (S. 22) Bonn in den fünfziger Jahren eine „Fuchsuniversität" genannt hat, so ist dies doch mit Einschränkungen zu verstehen. Vor allem glänzte damals in der philologischen Wissenschaft der Name Friedrich Ritschl. Und als gegen Ende der fünfziger Jahre Otto Jahn und der Kunsthistoriker Anton Springer hinzutraten, als nach des allverehrten Dahlmanns Tode (Dezember 1860) Heinrich v. Sybel »ach Bonn berufen wurde, da ward die Bonner Universität auf dem philologischhistorischen Gebiete bis weit in die sechziger Jahre hinein entschieden die erste deutsche Hochschule. Infolgedessen verbrachten die Philologen vielfach ihr ganzes Triennium in Bonn. Aber in den fünfziger Jahren traten die Philologe», welche überhaupt einer Burschenschaft sich anschlössen, mehr der Frankonia bei, während die Alemannen nur vereinzelte in ihrer Mitte hatten, so z. B. August Wilmanns (8. 8. 54) und Diedrich Volkmann (8. 8. 57). Erst seit Heimreichs Eintritt (8. 8. 59) nahm ihre Zahl allgemach zu, der Burschenschaft zum Gewinn, da sie, ihre ganze Studienzeit in Bonn bleibend, auch noch als ältere Inaktive mit ihrer Erfahrung den aktiven Leuten zur Seite stehen konnten; die Philologen waren meist Norddeutsche und bildeten dadurch eine willkommene Ergänzung zu dem rheinisch-westfälischen Elemente; ihr wissenschaftliches Streben brachte einen frischen, anregenden Zug in die Burschenschaft, jedenfalls war der norddeutsche Einfluß deutlich fühlbar, ähnlich wie zu den ersten Zeiten der Fridericia und wie zu Beginn der fünfziger Jahre in der Alemannia. Ich erwähne als bemerkenswert, daß in dem Nitschl'schen philologischen Seminar, in das aufgenommen zu werden der Philologen höchster Ehrgeiz war, von den zwölf ordentlichen Mitgliedern, die es zählte, zeitweise über die Hälfte Alemannen gewesen sind. Endlich schlössen sich außer Juristen und Medizinern vorzugsweise auch ältere tüchtige Philologen, die sonst ihres Zeichens Kamele waren, als Konbummelanten der Alemannia an, Leute, die zwar von uns als „haarige" Philologen bezeichnet wurden, deren Umgang wir aber doch manches verdankten, insbesondere eine Fülle anregender Unterhaltung und eine Erweiterung des Gesichtskreises, die für das ganze Leben wichtig war. Ich nenne z. B. von Bamberg, jetzigen Schulrat und Gymnasialdirektor in Gotha, Rudolf Schöll, der als Professor der klassischen Philologie in München 18O3 gestorben ist, und seinen jüngeren juristischen Bruder Robert, jetzigen Geh. Legationsrat und vortragenden Rat im Auswärtigen Amt; auch Ernst Schultze war mit vielen befreundet, er war lange Direktor des deutschen Gymnasiums in St. Petersburg und lebt jetzt zu Homburg i. T. So stand also in diesen Jahren die Alemannia, wie tüchtig auch ihre Mitglieder aus andern Fakultäten sein mochten, entschieden im Zeichen der philologischen Studien. Leider verbietet die Rücksicht auf Lebende, alle damals in der Burschenschaft hervorragenden Einzelpersönlichkeiten nach Gebühr zu würdigen. Als besonders glänzende Erscheinung ist vor allem Christian Heimreich (Heimchen) zu nennen, ein Neffe des berühmten, oben erwähnten Otto Jahn, ein Schleswig-Holsteiner wie dieser. Heimchen war groß, blond, von echt germanischer, jugendlicher Schönheit, lebhaft, geistreich, lebenslustig, jahrelang eine Hauptstütze der Burschenschaft und ihr geistiger Mittelpunkt; er ist 1888 als Gymnasialdirektor zu Plön in Holstein gestorben; nach seiner Studienzeit ist er selten mehr nach Bonn gekommen. Sein Erbe in der Sprecherwürde war Heinrich Bubendey aus Hamburg, auch ein Philologe, von überaus heiterem Temperament, das sich merkwürdigerweise zuweilen mit großer Schweigsamkeit paarte, Tenorsänger, gleich tüchtig auf der Mensur, im Convent, in der Bierzeitung, im Kolleg. Gleichfalls Philologe — 61 — war Otto Korn, berühmt ob seiner großartigen Grobheit und Gradheit; die Korn'sche Bierzeitung war eine der schärfsten und geistreichsten. Korn starb als Gymnasialdirektor zu Natibor 1883. Eine merkwürdige Erscheinung war Alb recht Deetz, eine hervorragende Intelligenz: er war Kaufmann gewesen und hatte durch Privat-Studium sich in anderthalb Jahren zum Abiturientenexamen vorbereitet. Sein Bruder war der bekannte Direktor des Schauspiels am Königlichen Hofthcater zu Berlin. Deetz war Schwärmer, besonders in der Politik; er arbeitete unermüdlich für Eintritt der Burschenschaft ins Norddeutsche Kartell und hat dadurch lange Zeit große Erregung geschürt, Anträge und Debatten hervorgerufen; doch fiel er und seine Freunde mit dem Plane durch. Deetz ist 1881 als Lehrer in Altona gestorben. Die deutsche Politik bot damals sehr viel der Aufregung: die Kon- sliktszeit näherte sich, die fünfzigjährige Gedächtnisfeier des Jahres 1813, der dünische Krieg — kurz, alles drängte die Burschenschaft in die Politik hinein; die Alemannia hielt sich jedoch dauernd auf dem Mittelweg; sie wollte nicht als Gesamtheit politische Parteifarbe annehmen, sondern lieber dein Einzelnen seine ihm zusagende politische Stellung lassen, zumal einerseits manche vermöge ihrer ganzen Erziehung mehr nach rechts neigten, andererseits die Deetzische Richtung Elemente umfaßte, die keineswegs geeignet waren, tonangebend zu werden. Weder Schmemann, genannt Nabullus, ein Bcrgbeflissener, der in seinen: sechzehnten Semester noch aktiv geworden war, war dazu im stände, noch Hornay, der Sohn eines alten Burschenschafters, der seinerzeit zum Tode verurteilt worden war, dann auf seinen Adel freiwillig verzichtet hatte und nun als Steinbruch-Besitzer im Thorgebäude des Heisterbacher Klosters lebte. Er kam oft nach Bonn, sekundierte seinem Sohn auf Mensur und war wie dieser ein Schwärmer. Der letzte Vertreter dieser politischen Richtung war Lenzmann, der bekannte westfälische Rechtsanwalt, Abgeordnete und demokratische Agitator, der unter anderem wollte, die Burschenschafter müßten Zeitungsartikel schreiben, offiziell der Fortschrittspartei angehören und einen völligen Umschwung vorbereiten. Auch der tüchtige Livländcr Löwis Freiherr of Menar dachte ähnlich, wenn auch nicht ganz so extrem. Das Vorhandensein solcher Gegensätze innerhalb der Burschenschaft hatte zur Folge, daß politische Unterhaltungen im Vordergrund des Interesses standen und das Gefühl vorhanden war, die Verbindung müsse durchaus ihr Vatcrlandsprinzip öffentlich bethätigen. Diese Bethätigung sollte zunächst in der Teilnahme am akademischen Turnverein bestehen. Wie es dabei herging, schildert Georg Eschenburg in der Bierzeitung vom Sommer 1863 in ergötzlicher Übertreibung. Außerdem ward sehr viel gesammelt für patriotische Zwecke. Unter den — 62 — studentischen Beiträgen für die deutsche Flotte nahmen die der Alemannia die erste Stelle ein. Noch zweier verstorbener Alemannen aus dem Beginn der sechziger Zahre möchte ich ehrend gedenken: es sind Ohmichen und Schliem an n. Elfterer war ein Sachse, der in Poppelsdorf Landwirtschaft studierte und noch in ganz hohen Semestern aktiv wurde. Er widmete sich dann der akademischen Laufbahn und ist als Professor und Direktor der landwirtschaftlichen Akademie zu Jena 1881 gestorben. Das „Öhmchen", so nannte man ihn, war immer laut und kreuzfidel, höchst beliebt und in seinem Fache sehr tüchtig. Ein ungewöhnlich begabter Mensch war der Mecklenburger Theologe Gustav Schliemann, ein hervorragender Bierzeitungsredakteur. Er war still und ernst, von ganz idealer Richtung. Als Hauslehrer in seiner Heimat faßte er nach schweren Seelenkämpfen den Entschluß, Schauspieler zu werden. Er studierte sein neues Fach gründlich, und nachdem er seine Ausbildung vollendet, wurde er Heldenspieler in Mainz, Hannover und zuletzt in Leipzig. Dort gründete er eine Theaterschule und soll in der Deklamation hinreißend gewesen sein. Innerlich befriedigt war er nicht, da er geistig hoch über seinen Berufsgenossen stand. In unserem „Rundschreiben" berichtet er noch im Herbst 1873, daß er die glänzendsten Anerbietungen von allen Seiten habe und nur im Zweifel sei, wo er zugreifen solle, da wird er vom Typhus befallen und stirbt Dezember 1873. Unter den Juristen ragte unter andern Karl Lehr, der jetzige Oberbürgermeister von Duisburg, hervor, unter den Medizinern Ernst Nieten und Hermann Wolf, beides angesehene, zielbewußte Sprecher, die i» allen Stürmen die Burschenschaft taktvoll und sicher, wahrhaft glänzend leiteten, Nieten besonders trotz seiner schweigsamen Natur ein vortrefflicher Redner. Dieser Stürme Höhepunkt war die Auflösung des Paukverhältnisses mit dem Bonner L. (R Es war ja eigentlich kein Paukverhältnis zwischen Alemannia und L. E. gewesen, sondern zwischen sieben gleichberechtigten Korporationen, die unbedingte Satisfaktion gaben. Weiter oben ist schon erzählt, daß die „Jury" aus je einem Vertreter der sechs Corps und der Alemannia bestand, daß der Unparteiische nur aus einer dieser Korporationen genommen werden durfte, daß aber in der Vereinbarung auch ein Paragraph Platz gefunden hatte, wonach bürgerlich unbescholtene Korporationen, wenn sie unbedingte Satisfaktion gäben und sich den Bestimmungen der „Jury" unterwürfen, gleichfalls aufzunehmen seien. Nun meldeten sich im Winter 62/63 die Teutonen zur Aufnahme, und siehe da! nur die Palatia stimmte dafür, alle andern Corps dagegen. Der Graf Hohenthal von den Borussen erklärte, er habe im Auftrage seines Corps dagegen zu stimmen, da ihr früherer Senior die — 63 — Vereinbarung unterschrieben habe; dies sei für das jetzige Corps nicht bindend. N offhack von der Hansea sagte, er binde sich nicht an das Abkommen, da er seinerzeit persönlich dagegen gestimmt habe. Die Palatia hatte damals zum Sprecher einen mecklenburgischen Theologen, Namens Hinsch, einen ebenso ernsten als liebenswürdigen Mann, unter dessen Leitung die Pfälzer sich von allen andern Corps vorteilhaft unterschieden. Er allein stimmte also für die Aufnahme der Teutonen. Es entspann sich natürlich sofort ein gereizter Briefwechsel, der mit gegenseitigein Verruf endete. Trotzdem entwickelte sich den Corps gegenüber kein feindseliges Verhältnis, sondern völlige Gleichgültigkeit, einzelne Alemannen hielten alte Beziehungen von dem Pennale her insgeheim aufrecht. Als am 3. Februar 1863 zur Erinnerung an 1813 ein großer Studentenkommers gefeiert wurde, wo der frühere Bubenrcuther Schräder präsidierte und Nieten die Festrede hielt, erschien von den Corps nur Hinsch mit einer Anzahl Pfälzer», wenn auch nicht in Farben. Seit dieser Zeit begannen die Teutonen zum Dank dafür, daß sie die unschuldige Veranlassung zur Auflösung des Paukverhältnisses gewesen waren, sich ungemein liebenswürdig gegen uns zu zeigen: sie fraternisierten mit uns in auffallender Weise, veranstalteten gemeinsame Spritzen, tranken mit unfern Leuten Smollis, luden uns auf ihre Kneipe, kurz, sie waren mit der Alemannia ein Herz und eine Seele. Sie schlössen aber anderthalb Jahre später, im Juli 1864, ein Paukverhältnis mit den Corps unter Bedingungen, die wir nicht Hütten annehmen mögen, weil sie von denen unseres früheren Paukverhältnisses zu sehr abwichen. Damit beschritt die Teutonia die schiefe Ebene, die schließlich dahin führte, daß diese halb landsmannschaftliche, halb burschenschaftliche Verbindung endlich Corps wurde, bis sie im Jahre 1875 sich auflöste. Nunmehr begannen die andern damals in Bonn bestehenden Satisfaktion gebenden Verbindungen mit uns eifrig zu pauken: Frankonen, Märker und Helvetier; zu den Teutonen blieb das Verhältnis dafür zu freundschaftlich. Die Frankonen nahmen im Winter 63/64 das Prinzip der unbedingten Satisfaktion an, die Märker entwickelten eine vorher ungekannte Pauklust. So kam es mit diesen sogar zu einer p. p. Suite. Ihr Sprecher war Breidhard; dieser trat später zu den Frankonen über und ist als Arzt und Schwiegersohn des bekannten Baunscheidt, des Erfinders des „Lebensweckers", gestorben. Die Helvetier waren stets schwach an Zahl, so daß sie während des Krieges 1870 suspendierten, endgültig aber 1873 aufgeflogen sind; bei ihrer geringen Stärke waren sie eifrig bestrebt, durch Mensuren sich zur Geltung zu bringen. Was die Beziehungen nach auswärts angeht, so bildete die Alemannenkneipe den Sammelpunkt für alle auswärtige» Burschenschafter; bei uns — 64 — verkehrten als Kneipgäste Angehörige des Norddeutschen und des Süddeutschen Kartells, besonders aber Bubenreuther, Tübinger Germanen, Heidelberger Allemannen, Ncubraunschweiger, Pflüger, Salinger (damals Verbindung mit burschenschaftlicher Färbung, später Corps geworden und dann aufgeflogen) und Kieler Teutonen. Von den Neubraunschweigern hatte schon im Sommer 1859 Johannes Trojan unsere Bierzeitung beinahe als Redakteur geführt, so zahlreich und trefflich waren seine Beiträge. Später verkehrten Fulda, Lupus, Brentano, Sieveking und andere so freundschaftlich mit uns, daß sie von Ferncrstehenden vielfach für inaktive Alemannen gehalten wurden. Von Pflügern nenne ich besonders Vieregge, später Pfarrer in Bonn, jetzt Hofprediger in Berlin, von Kieler Teutonen Siemonsen, Griebel, genannt Pfennigmeister, später als Hauptführer der Augnstenburger Partei bekannt geworden, Diederichsen, von Jenenser Arminen Aldenhoven, den jetzigen Direktor des Wallraf-Nichartz-Museums in Köln, von Bubenreuthern insbesondere Schräder, von Berliner Burschenschaftern Krüger, Tzschirner und Julius Lessing. Nachdem der Antrag auf Beitritt zum Norddeutschen Kartell gefallen, suchten nun die Freunde des Süddeutschen Kartells unseren Anschluß an dieses zu betreiben, doch auch dieser Antrag fiel. Nun versuchten die Neubraunschweiger eine neue Vereinigung zu gründen und luden zehn Burschenschaften, die bisher zu keinem Kartell gehört, dazu ein. Schon hatten wir.unsere Teilnahme zugesagt, als ein Antrag der Erlanger Bubenruthia einlief, mit ihnen und den Arminen von Jena ein freundschaftliches Verhältnis einzugehen. Dies war im Sommer 1863. Da unsere Prinzipien übereinstimmten, so entschlossen wir uns nach heftigem Aufeinanderplatzen der Geister, diesen Vorschlag zu erwägen, und im November 1863 kam ein förmliches Kartell zwischen den drei roten Burschenschaften zustande. Es folgten gegenseitige Einladungen der „Exklusiven", wie man uns nannte; die in Berlin studierenden Inaktiven der drei Burschenschaften richteten eine gemeinsame Kneipe ein, und als im August 1865 das Jubiläum der Burschenschaft in Jena gefeiert wurde, da stand das Kartellverhältnis in höchster Blüte. Den vielen Alemannen, die das Jenenser Fest mitgefeiert, bei dem u. a. Jakob Venedep eine zündende Rede hielt, bleiben jene Tage unvergeßlich. Von dem innern Leben habe ich schon mancherlei mitgeteilt, einiges ist jedoch noch nachzuholen. Im Juli 1863 ward die Anlegung einer Bibliothek beschlossen; der Schreiber dieser Zeilen stiftete die ersten Bücher und ließ einen Schrank dafür bauen. Das Fuchskränzchen, damals wieder ins Leben gerufen, sollte anfänglich eine wissenschaftliche Veranstaltung sein, wie die oben beschriebenen Kränzchen in den ersten Jahren der Burschen- — 65 — schaft, ich erinnere mich z. B., daß ich einen Vortrag über Schleiermacher als Patrioten hielt. Doch stellte sich dieser Zweck bald als verfehlt heraus, und nunmehr diente es lediglich zur Einführung der Füchse ins Verbindungsleben. Unter Zugrundelegung einer Arbeit von Schliemann und unter Zuhilfenahme des vorhandenen Aktenmaterials habe ich damals mühsam und recht lückenhaft die Geschichte der Alemannia zusammengestellt und im Fuchskränzchen vorgetragen. Ich habe auch zuerst ein allerdings noch mangelhaftes Alemannenalbum aufgestellt, das 1864 zum zwanzigjährigen Stiftungsfestkommers gedruckt wurde und so segensreich zum Zusammenschluß der alten Häuser gewirkt hat. Eine Burschenschaft, die fünfzig Jahre alt ist, hat natürlich einen ganz anderen Halt an ihren alten Herren, als eine, die noch nicht zwanzig Jahre alt ist. Wir merkten damals nicht viel von alten Häusern; wohl kam ab und zu eines heran, so der „Vetter Gottlieb" (Pfarrer Gottlieb, damals in Sonnborn bei Elberfeld), Altgelt, Schöler, Thikötter, Brunhoff und manche andere, aber die Aktiven wußten von ihnen nicht viel mehr als die Namen. Nur August Wil- manns, der in Bonn Studien betrieb und sich längere Zeit daselbst aufhielt, trat manchem näher. DaS alles ist im Lauf der Zeiten besser geworden, die Tradition hat sich lebendiger gestaltet. Viel trug dazu u. a. das innige Verhältnis bei, das Höstermann, seit er sich 1863 als Arzt in Andernach niedergelassen hatte, zu der aktiven Burschenschaft unterhielt. Die Kneipe der Alemannia blieb vom Sommer I86V bis zum IS. Dezember 1862 das Schänzchen, d.h. dessen jetziger Mittelbau. Der Hintere Teil des jetzigen Kneipzimmers samt dem Vorzimmerchen bildete unsere Kneipe, deren Längsaxe dem Rhein parallel lief; die Kommerse, die in Bowle abgehalten wurden, fanden auf der jetzt verschwundenen gedeckten Kegelbahn statt, welche an der Hinteren Gartenmauer lag. Es war ein recht ärmliches Festlokal, die Husarenmusik des Meisters Hecht dröhnte unerträglich, und wir waren doch so vergnügt! Viele Streitigkeiten mit dem Wirt Zartinann führten zur Kündigung, und wir gingen zu Werner auf der Sandkaul. Aber wie eine stille Sehnsucht blieb der Wunsch, wieder aufs Schänzchen zu kommen, und im Winter 63/64 bereits wanderten wir dorthin zurück. Des Kncipwart- amtes waltete besonders ideal mit seiner durchdringenden hellen Stimme der „Doktor" Büren. Die Bierzeitung stieg jeden Sonnabend. Der Redakteur arbeitete gelegentlich schon in der Woche vor, die Hauptarbeit aber geschah in der „Bierzeitungskommission"; diese tagte Samstags den ganzen Nachmittag auf einer Fuchscnbude; eingeladen war jeder, der etwas liefern wollte. Der Inhaber der Bude hatte zu sorgen, daß hinreichend Zigarren und Kaffee da waren, darauf mußte er aus seiner Bude verschwinden, ausgenommen, wenn er selbst mitarbeiten wollte. All die Jahre, von denen ich rede, war die Bierzeitung vortrefflich; besonders gute lieferte Schliemann, dann Otto Richter, ferner Georg Eschenburg, Karl Besserer; und auch in der von mir geleiteten vom Sommer 1864 steht manches Interessante, oft freilich recht Gesalzene; denn die erziehliche Seite der Bierzeitung, das riclsuäo äiosrs vsruiu, betraten wir stets. G. Eschenburg ist auch der Erfinder der Fastnachtsspiele. Er mit Besserer und meiner Wenigkeit schufen im Februar 1864 das erste Stück dieser Art, betitelt: „Eine Bierzeitungsverfertigungskommissionssitzung, Rummel- und Bummel-Satyrdrama in einem Aufzug, aber mit vielen anziehenden Anzüglichkeiten." Einen eigentlichen Bierkomment haben wir nie gekannt, und so ist es, nach meiner Überzeugung zum Heil der Verbindung, bis heute geblieben. Die Geselligkeit ist dadurch ungezwungener und heiterer. Als bevorzugte Zielpunkte unserer Spritzen nenne ich besonders Hotel Groyen in Rolandscck und die Lochmühle im Ahrthale, wo der treffliche Wirt Severin Hallerbach nebst Hausfrau und lieblicher Nichte, auf der soliden Basis des „Lochmühler Leyer" eine bedeutende Anziehungskraft übten. Im Februar 1863 war fünf Tage lang nahezu die ganze Burschenschaft dort versammelt, und als wir schieden, hinterließen wir einen hochansehnliche» Pump. Dem Tanze ward eifrigst gehuldigt; die es als Schüler zu lernen versäumt hatten, holten es im sogenannten Tanzzirkus nach, der Bälle veranstaltete, auf denen die Hauswirtstöchterlein eine große Nolle spielten. Auch im „Karnevalsverein" waren wir, wo der gewiß vielen noch erinnerliche Photograph Hax den Vorsitz führte. Die „Schwofe" in Kessenich, Endenich, Honnef, Küdinghoven u. s. w. wurden fleißig mitgemacht, wobei eS dem gemütlichen „Kanonikus" sogar einmal passiert sein soll, daß er sich zwanzig Pfennige Tanzgeld von seiner Dame leihen mußte. Auch ging das Gerücht, er nehme sogar Eisenbahnbillette auf Hauspump: soviel steht fest, daß er seine Wohnung im Bahnhof aufgeschlagen hatte, wo sein Hauswirt Billetverkäufcr war. Mit besonderem Eifer wurde das Gigfahren betrieben. Allmählich änderte sich das Bild: neue Personen traten auf, der Schauplatz und der Geist blieb jedoch der alte. Die große Zahl der Mitglieder hatte übrigens manche Schattenseiten. Eine Freundschaft mit allen, ein sogenanntes „Jneinanderleben", war unmöglich. Es bildeten sich kleinere Kreise. Pauksimpler zogen einander an, und gewisse ästhetisch oder sogar schwärmerisch angelegte Naturen fanden sich gleichfalls. Neckereien blieben nicht aus; ei» — 67 — Bild dieser Verhältnisse giebt das Bierzeitungsdrama: „Viel Lärm um Nichts" oder „die Klique", aus dem Sommer 1864; ähnlich Paul Hasses „Philippika" vom Winter 1365 — 66. Drei Personen traten nun besonders in den Vordergrund: Oskar Meyer, E. Z. Broi cher und Max Lang. Lang kehrte als älterer Mediziner nach Bonn zurück, machte dort das Staatsexamen und blieb auch als Assistenzarzt an der Klinik. Er hatte eine idealistische Richtung, war ungewöhnlich ernst und um das Wohl der Burschenschaft als solcher sehr besorgt. Broicher, ein Neffe des bekannten Schriftstellers, Burschenschafters, politischen Flüchtlings, ehemaligen Freundes und späteren Feindes von Heinrich Heine, Jakob Venedcy, war im dritten Studiensemestcr aktiv geworden, veranlaßt von seinem Onkel. Da er seine ganze Studienzeit in Bonn zubrachte, zwei Semester Sprecher war, und für die burschenschaftlichen Prinzipien besonders begeistert, so war es kein Wunder, daß er immer mehr in den Mittelpunkt rückte. Eine bedeutende Erscheinung war Oskar Meyer aus Hamburg, ein Bruder des bekannten Obcringenieurs Andreas Meyer, der die großartigen Zollanschlußbauten in Hamburg geschaffen hat. Oskar Meyer war groß von Gestalt, wenn auch körperlich etwas unbeholfen, war ein Original durch und durch; kindlich naiv, von durchdringendem, klarem Verstand, sagte er jedermann die Wahrheit und durfte sie sagen, denn niemand sagte Wahrheiten so originell wie Oskar Meyer. Zu ihm mußte jeder Stellung nehmen, ihn lieben oder fürchten; hochachten aber mußte ihn jeder. So lange er in Bonn war, und das war mit Unterbrechungen bis 1868, war die Alemannia überhaupt nicht denkbar ohne Oskar Meyer. Die Macht seiner Persönlichkeit war so groß, daß jede Redensart, jede Bewegung beinahe, die ihm eigentümlich war, allgemein kopiert wurde. Er war eine Respektsperson für die ganze Studentenschaft und sagte auch trotz des Verrufsverhältnisscs Corpsstudcnten, die er von der Heimat aus kannte, mehr als einmal derb die Wahrheit, nicht aus Schmähsucht, sondern als teilnehmender, wohlwollender Freund. Voll von Scherzen, schonungslos in seinem Humor, erfüllte ihn heiligster, fast fanatischer Ernst, wenn es sich um ernste Dinge handelte. Er war das verkörperte gute Gewissen der Burschenschaft. Wie Oskar Meyer dachten, sprachen, handelten unbewußt viele, die sonst in ihrer Natur himmelweit von ihm verschieden waren. In seiner Wissenschaft — er war Philologe und warf sich mehr und mehr auf Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft — war er tief eindringend und hätte Großes geleistet, wäre ihm ein längeres Leben beschieden worden. So sagte mir Hermann Osthoff, jetzt Sanskrit-Professor in Heidelberg, daß Meyer ihn zum Sanskrit angeregt habe. Meyer hatte zuerst mit — 68 — Fuchs Osthoff, der drei Semester jünger war als er, Sanskrit getrieben, dann ihm vom Weiterstudium abgeraten, da Osthoff die Ausdauer fehle. An diesem Tadel Meyers lag Osthoff so viel, daß er nicht rastete, bis Meyer seinen Eifer anerkannte. Schon 1867 hatte Meyer eine Rippenfellentzündung, deren Folgen ihm das Leben kosteten. Mehrere Winter brachte er zur Heilung im Süden zu, ließ sich dann als Konsulatsbeamter in Jerusalem anstellen, und dort ist er am 19. September 1870 gestorben. Seinen Freunden ist er unvergeßlich, mit den schärfsten Umrissen in ihr Gedächtnis und Herz eingeschrieben; wenigen Alemannen war es vergönnt, so viel für die Burschenschaft zu wirken, wie Oskar Meyer. Als der Konvent ihn zum Ehrenmitglied ernannte, lehnte er es bescheiden ab. Als Gegenbild zu ihm muß ich des Lübeckers Friedrich Matz gedenken. Auch er war Philologe, hat sich aber früh ganz dem Studium der Kunst zugewandt. Als Kouleurstudent war er wenig, als Bierzeitungsredakteur vortrefflich, aber als Freund und Mensch überaus trefflich. Mit welchem Hochgenuß denke ich als älterer Mann noch der Gespräche mit Matz und Meyer, die grundlegend waren für das Denken und Fühlen durch die ganze Lebenszeit, weit hinausgriffen über den Horizont, der gewöhnlich Studenten gesteckt ist, anregend nach den verschiedensten Seiten hin. Wer einer Verbindung angehört, der es an solchen Geistern nicht fehlt, der erkennt den Wert echter Jugendfreundschaft, der hat das Charakterbildende solchen Zusammenlebens gespürt! Ich hatte das Glück, darf ich wohl sagen, mit Matz beinahe ein Jahr in engster Verbindung in Rom zuzubringen; er ist, ehe er dreißig Jahre alt war, Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und Professor an der dortigen Universität gewesen, sein Tod war für die archäologische Wissenschaft geradezu unersetzlich. Er starb am 30. Dezember 1874. Das Sommersemester 1866 führte mich nochmals nach Bonn zurück. Der Krieg brach aus, Alemannen, die auf süddeutschen Hochschulen studierten, strömten nach Bonn zurück, andere blieben, die weggewollt hatten: so ist es das stärkste Kouleursemester geworden, das wir je hatten. Die Füchsezahl stieg auf dreiundzwanzig. Es fehlte uns nur einer an der Jahreszahl. Im Alemannenalbum von 1889 sind ausgelassen: Or. rusä. Lang; I)r. rnsä.Hager; I)r. iwsä. Neinbach; Or. rnsä. L. Türk, Konkneipant Müller (8. 8. 63) Flues (^V. 8. 64—65), Betzhold (8.8.64), macht 65! Freilich nicht alle dreiundzwanzig Füchse gediehen bis zum „alten Haus", manches Element mußte als ungeeignet wieder abgestoßen werden. Was die Verhältnisse zu andern studentischen Korporationen anlangt, so trage ich, aus den Berichten jener Semester schöpfend, einiges nach, was nur entfallen war. — 69 — Das Kartell der drei roten Burschenschaften nahm leider schon 1866 ein Ende: am 28. November ward es zu Grabe getragen, und zwar infolge von Meinungsverschiedenheiten, deren ersten Anlaß die Streitsache der beiden Bonner Professoren Ritschl und Jahn gegeben, die im Jahre 1865 auch die Alemannia in ihre Wirbel hineingezogen und sogar den zeitweiligen Austritt ihres Sprechers zur Folge gehabt hatte. Mit der Erlanger Germania gab es im März 1866 eine ?. ?.-Suite, die in Heidelberg zum Austrag kommen sollte, jedoch nicht zum Auspauken kam. Mit der Bonner Frankonia setzte es allerlei Zwist, der im Sommer 1864 zu kurzem Verruf führte; die Teutonen schlugen einen D. E. vor, die Alemannia verhielt sich aber ablehnend, besonders weil die Marchia mit dazu eingeladen sei, welche zwar soeben die unbedingte Satisfaktion angenommen habe, aber keine Burschenschaft sei*). Mit dem L. E. wurden wieder Verhandlungen eröffnet wegen eines Paukverhältnisses, das dann auch im Sommer 1865 unter den früheren Bedingungen zu stände kam; der Unparteiische konnte jetzt aus den Teutonen genommen werden, die ja, wie oben berichtet, seit Juli 1864 im Paukverhältnis mit dem L. E. standen. Die Marchia that sich nunmehr in aller Form als Burschenschaft auf, trat in den „Eisenacher O. ZZ." ein und vereinte sich mit der Frankonia und Helvetia zu einem 1). E., der seine Thätigkeit damit begann, mit der Alemannia in Verrufsverhältnis zu treten. Die Verwicklungen mit Corps und Verbindungen in Bonn, die nun eintraten, wird Karl Wichmann im folgenden Abschnitt ausführlich erzählen**). Ich beschränke mich darauf, noch einige allgemeine Bemerkungen über den Betrieb des Paukens in dem geschilderten Zeitraum hinzuzufügen. In den Jahren von 1858 — 1867 ist unbedingte Satisfaktion gegeben worden, jedoch nach der Fassung unserer Statuten so, daß nur auf Contrahage hin gepaukt wurde, und daß Provokation von unserer Seite verboten war. Das Ehrengericht mißbilligte sogar stets, wenn Leute, ohne daß ihr Weg sie übers Trottoir führte, nächtlicherweise dort „bummelten". Daß dies geschah, war allerdings nicht zu vermeiden, ebensowenig, daß zuweilen doch provoziert wurde. Aber jede Contrahage mußte dem Ehrengericht an- ') Die Marchia ist am 1. November 1854 von Münsterer Abiturienten als Verbindung „Mnnsterania" gestiftet worden, nahm Sommer 1857 den Namen Marchia an und betrachtete sich seit dem Jahre 1862 als „bnrschenschaftlichc Verbindung". ") Man vgl. unten Seite 77 ff. gezeigt werden, unterstand dessen Beurteilung und wurde nötigenfalls gerügt. Also genau so, wie oben Goecke uns aus der vorhergehenden Zeitepoche berichtet hat. Den burschenschaftlichen Prinzipien entsprechend, wurde bei Aufnahme in die innere Verbindung in dem gedachten Zeitraum ebensowenig wie in den fünfziger Jahren Wert darauf gelegt, ob der Betreffende Mensur geschlagen habe oder nicht. Bei der großen Mitgliederzahl kam es mehrfach vor, daß Alemannen Ämter bekleideten, vier Semester aktiv waren, außerdem noch mehrere Semester inaktiv, ohne jemals auf Mensur gestanden zu haben, sei es, daß sie bei der Masse hängender Contrahagen, die stets zu erledigen waren, nicht an die Reihe gekommen waren, sei es, daß sie überhaupt keine Contrahage gehabt hatten. Pauklustige Gemüter erlebten freilich stets allerlei Dinge, die zum „Hängen" führten. Aber jeder war sich wohl bewußt, daß er gegebenen Falles jeden Augenblick bereit sein müsse, auf die Mensur zu treten. Bis 1867 ist die Einführung der „Bestimmungsmensur" überhaupt nie in Frage gekommen, freilich war stets eine Minoritätspartei da, die das sogenannte „Nempelprinzip" eingeführt haben wollte. Bis zu einem förmlichen Antrag in dieser Richtung kam es nicht. Auch über das Parieren auf Mensur dachte man anders als jetzt, wo das ruhige Stehenbleiben höher geschätzt wird als das geschickte Ausweichen und sorgfältige Decken. Das ruhige, feste Stehen war ja allerdings auch damals bei weitem die Regel, und nur wenige machten eine Ausnahme; den damaligen Korporationsstudenten galt das Pauken mehr als jetzt für eine Kunst, von der man bei der Verteidigung wie beim Angriff Gebrauch machen dürfe und müsse; es war ein Genuß, eine Mensur zwischen zwei furchtlosen, aber dabei auch kunstfertigen Schlägern anzusehen. Als ein glänzendes Beispiel der damaligen Kampfesweise möge Heinrich Averdunk (61 — 62) angeführt werden; mit scharfem Auge studierte er erst die Schlagweise seines Gegners, wußte bald seine Blöße zu erfassen, und während er nie die eigene Deckung aus den Augen verlor, brachten geschickte Lockhiebe den Gegner bald dazu, auf Momente seine Deckung zu vergessen, und blitzschnell erfolgte dann von Averdunk als Nachhieb die damals allgemein bekannte Hochterz, die ihn bald zum gefürchtetsten Schläger in Bonn machte. Die Mensuren verliefen dadurch lange nicht so blutig, wie heutzutage, und es galt dies von allen Korporationen ohne Ausnahme; aber sie waren kunstvoller und erforderten gewiß denselben Mut, sicher aber mehr Schärfe des Blickes und eine größere Ruhe des Blutes als die heutige Kampfweise, die, dem Zuge der Zeit folgend, bei allen Korporationen den Hauptwert auf forsches, rücksichtsloses Schlagen legt. Wann und durch was — , 71 — für Einflüsse sich die Anschauungen geändert haben, das werden vielleicht die Aufzeichnungen meiner Nachfolger feststellen. Und so schließe ich denn meine Erinnerungen mit dem alten, von Herzen kommenden Wunsche: Vivnt, tloisnt, orssont ^.Isiununiu! Koblenz, März 1894. Or. Karl Hessel. Die Alemannia in den Iahren ^867 bis ^87H. Von Karl Wichmann. Ein junger Alemanncnbursche war ich, stolz auf das mir kurz vorher vom Sprecher überreichte Band, als unsere Burschenschast zur Feier des 25. Stiftungsfestes ihre fröhliche Rheinfahrt von Bonn zum Kommers nach Oberwesel unternahm. Jetzt, da sie sich zum 50. Stiftungsfest rüstet und ich ein altes Haus geworden bin, das ebenso viele Semester zählt wie die Alemannia Jahre, das seitab von der herrlichen Rheinstraste wohnt und nur selten wieder den Weg zum Schänzchen in Bonn gefunden hat, da soll ich mit der Schilderung vergangener Zeiten einen Beitrag zur Geschichte der Alemannia liefern und den Alten zur Erinnerung, den Jungen zur Belehrung erzählen, wie wir einst den Kamps des Lebens aufgenommen haben, wie wir an uns selbst gearbeitet, in Friedenszeiten von dem Ruhme und der Gröste Deutschlands geträumt und gesungen und in dem gewaltigen Kriege unter großen Führern für des Vaterlandes Macht und Einigkeit mitgestritten haben. Den Zoll der Dankbarkeit für die schöne Zeit der goldenen Freiheit, die ich in jugendlicher Kraft und frisch- fröhlichen Mutes als Alemanne auf der rheinischen Hochschule verbracht, die Zeit, in der ich Freunde für das Leben gefunden habe, will ich gern entrichten, indem ich meine Erinnerungen niederschreibe. Aber es sind viele Jahre dahingegangen, seit ich der Alemannia zu Ehren auf der Mensur den Schläger geführt, seit ich unter ihrem Wappen als Kneipwart Salamander aus dem Schänzchen kommandiert und meinem Fuchsverse getreu bei der „alten Garde" gesessen habe. Dem Gedächtnis ist vieles entschwunden, wofür die spärlich erhaltenen Briefe und kurz gefaßten Protokolle nur schwachen Ersatz bieten können, und was das Gedächtnis festgehalten hat, das strahlt nicht alles mehr in dem heiteren Glänze, in dem die — 73 — Jugend es gesehen. Und doch darf des Lebens Ernst nicht die Vorherrschaft gewinnen, wenn die Geschichte der Burschenschast geschrieben werden soll. Denn diese hat nicht der Philister gemacht, der Bursche macht sie. Wer sie erzählen will, muß im Herzen die Erinnerung lebendig tragen, muß fühlen können mit der Jugend, damit er ihr Denken und Handeln nicht durch späteres Urteil entstellt und verdunkelt. Das ist nach 25 Jahren auch bei gutem Willen nicht so leicht. Wenn daher die folgenden Aufzeichnungen nicht überall der Erwartung entsprechen, wenn von den Jungen nicht alle Ansichten des alten Hauses geteilt werden und von manch einem der Alten etwas vermißt wird, was der Überlieferung wert war, so möge man bedenken, daß die Geschichte jener Jahre längst hätte geschrieben werden sollen und daß der jetzige Schreiber es nur deswegen übernommen hat, weil es einem jüngeren wohl noch schwerer geworden wäre, es zum Ziele zu führen. Acht Semester habe ich in Bonn verlebt, zweimal bin ich zum Studium an die liebgewordene Stätte zurückgekehrt, zuerst nach dem Kriege im Sommer 1871, das zweite Mal nach einem dreisemestrigen Aufenthalte in Leipzig. So kenne ich nicht nur vom Sommer 1869 bis zum Sommer 1875 alle Alemannen, sondern mit wenigen Ausnahmen auch alle vom Fuchssemester 1866 an und noch viele aus früherer Zeit, die in hohen Semestern ins Examen gingen, als ich Fuchs und Jungbursche war. Das Ende der 60er Jahre stand unter dem Einflüsse dieser alten Leute und der Konfuchsia des Sommers 1866, die 23 gezählt hatte, bis ins vierte Semester noch mit zwölf Mann aktiv war und sogar im fünften Semester noch zwei, im sechsten einen Aktiven stellte. Diese zwölf, fünf Westfalen, fünf Hamburger und zwei aus der Provinz Preußen, so verschieden sie nach Heimat, Studium und Charakter waren, sie ergänzten sich gegenseitig und bildeten einen guten Stamm, der in sich fest und stark war, wenn er auch nicht rasch neue Zweige trieb. Im Laufe der vier Semester hat fast jeder von ihnen ein Amt bekleidet, und auch wer nicht zu solcher Würde kam, wie Lose und Angenete, der behauptete doch seinen Platz und seine Eigenart. Sprecher sind geworden Westphalen und König, nachdem dieser vorher Paukwart, jener Kassenwart gewesen war. In dieser letzteren Eigenschaft hatte Westphalen ebenso wie sein gleich geschickter und gewissenhafter Nachfolger im Amte, Leopold Schmidt, unter besonders schwierigen Verhältnissen sehr günstige Erfolge zu verzeichnen. Schriftwart war Michels, Eduard Schmidt aber und Ludwig Lange, beide als Schläger unübertroffen an Feinheit und Gefährlichkeit, versahen nacheinander das Amt des Paukwarts. — 74 — Die Kneipe gehorchte zwei Semester lang den Kommandowortcn Hantels und drei Semester erfreute sie sich Soltaus als eines der trefflichsten Bierzeitungsredakteure. Von vielen unterstützt, so von den drei Lübeckern Matz, Hasse und Krauel, von Borges, der sein Nachfolger wurde, vor allen aber von Franz Niethen, der über einen unerschöpflichen Vorrat von Couplets verfügte und immer neu war in ihrer Anwendung auf politische oder burschcnschaftliche Verhältnisse, hat Soltau in Vers und Prosa, mit Witz und Spott die Gemüter erheitert und rauschenden Beifall namentlich durch seine Fastnachtsspiele hervorgerufen. Als vorzüglich gelungen galt das Spiel vom Wintersemester 1867/68, das unter dem Einfluß von Offenbachs „Schöner Helena" moderne Anschauungen in antikes Gewand kleidete und Bonner Studenten nach Athen versetzte. Achill (Hantel), der beste Schläger des Corps, ist von Onkel Kalchas (Witte, Brunsviga) eingeheimst, wird aber durch die List des Odysseus (Borges), des einstigen Seniors der Jthakesier, mit seiner Geliebten Deidamcia (Leop. Schmidt), des Kalchas Nichte, der Musenstadt Athen zurückgegeben. Der Humor auf der Kneipe mußte aber oft patriotischen Gefühlen weichen. Der Gedanke, daß die Entscheidung über die deutsche Einheit nahe bevorstehe, daß die Ideale der Burschenschaft zur Wirklichkeit werden konnten, gab manchen Abenden eine höhere Weihe. Lieder wie „Hinaus, hinaus, es ruft das Vaterland", „Wo Mut und Kraft in deutschen Seelen flammen", „Flamme empor" und manche andere jetzt vergessene Lieder wurden mit Vorliebe gefordert. Der Kneipgesang wurde überhaupt, da es an musikalischen Talenten nicht mangelte, eifrig gepflegt. Soltuu war unermüdlich in der Begleitung am Klavier und ließ sich nur selten von Borges oder ? N (Krummacher) ablösen. Die alte Kneipe auf dem Schänzchen bot, obschon sie aus zwei Zimmern hergerichtet war, nicht allzuviel Raum. Man saß daher, wenn es die Witterung irgend erlaubte, draußen am Ufer des Rheins und sang die Lieder in die frische Nachtlust hinaus. Dabei hatte der Kneipwart oft Mühe, den lauten Lärm zu übertönen und die Gewaltigen unter den Zechern zu meistern. Der Heimweg in die Stadt brachte manche Abenteuer mit sich, in denen sich reckenhafte Körperkrast austobte. Er begann mit einer Geschicklichkeitsprobe, die alle regelmäßig ablegen mußten, indem sie das Gitter des schon früh geschlossenen unteren Rhcinthores vor dem Josefthor mit kühnem Umschwünge schwebend über den Fluten des Rheins umkletterten. Ein Wunder, daß das Kunststück immer ohne Unglück abgelaufen ist! Während so auf der Kneipe trotz mancher Stunden ernster und gehobener Stimmung Frohsinn und Gemütlichkeit vorherrschten, kam es im — 75 — Convent oft zu langen Reden und erregten Verhandlungen. Es war die Zeit, von der die Bierzeitung sang: „Wieder und wieder stellt im Convent Antrag auf Antrag Wcstphalen ohn' End'." Es ist dainals viel an den Statuten geändert und gebessert worden, und es ist Thatsache, das; in einer Conventssitzung' (9. II. 67) nicht weniger als zehn Westphalen'schc Anträge, unter ihnen einige von wirklicher Bedeutung, vorlagen, die alle besprochen sind und bis auf einen alle die Zustimmung des Convents gefunden haben. Die Bestimmungen über das Kasscnwescn, über Wechselsteuer, Beifuhrcn u. s. w. erhielten Verbesserungen, auch der Abstimmungsmodus. Die Statuten der Konkneipanten sind in jener Zeit nach Broichers Vorschlägen entworfen und angenommen. Freilich wurden auch einige Änderungen beschlossen, die nachträglich nicht jeder zu den Verbcsserungen zählen wird. So ging, wenn auch gegen eine starke Minderheit, der Antrag durch, die Bibliothek, die hauptsächlich aus namhaften Geschichtswerkcn bestand und in den wenigen Jahren seit ihrer Gründung 1863 für den „Couleurschrank" fast zu groß geworden war, vorläufig nicht weiter durch Neuanschaffungen zu vermehren. Die Broschürenkommission (die Zeiten des Konflikts waren freilich vorbei) wurde aufgelöst, und unter Hinweis auf die Verschiedenheit der Fakultäten wurde der wissenschaftliche Abend aufgegeben mit der nicht gerade glücklichen Begründung, „das; ein Vortrag entweder allgemein verständlich aber flach, oder eingehend aber für die meisten uninteressant wäre." Wollte man in diesem Vorgehen eine gewisse Reaktion erkennen, die von den Medizinern ausging und sich gegen das frühere Überwiegen des philologischen Einflusses wendete, so würde das dem Zahlenverhältnis der Fakultäten zu einander wohl entsprechen. Denn die Hälfte aller aktiven und inaktiven Alemannen studierte in jenem Semester Medizin, Sprecher, Schriftwart und Paukwart waren Mediziner, die Zahl der Philologen wurde sogar durch die der Juristen noch übertroffen, während die Theologie vom Sommer 1867 bis Ostern 1869 gar nicht vertreten war. Aber wenn auch dieser Gegensatz damals ohne Frage vorhanden war, so teilten sich doch bei jenen Beschlüssen die Parteien durchaus nicht nach Fakultäten. Es gab auch Mediziner unter uns, in denen das ideale Element mehr hervortrat als in manchen Philologen. Für das wissenschaftliche Leben des einzelnen hatten solche Conventsbeschlüsse überhaupt keine Bedeutung. Die Beziehungen zur Studentenschaft haben sich in jener Zeit nicht geändert, das Ansehen der Alemannia erhielt sich ungeschmälert bei dem nicht Farben tragenden Teil der Studenten wie bei den Verbindungen, — 76 — wenn sich das auch in verschiedener Weise äußerte. Mit manchen unter den ersteren verband den einzelnen Alemannen Freundschaft von früherer Zeit oder gemeinsames Studium z. B. durch die Arbeiten im philologischen Seminar. Einige von ihnen waren gern gesehene Gäste auf der Kneipe. So bin ich von einem Philologen und Landsmann auf dem Schänzchen eingeführt worden mit den Worten: „Wenn überhaupt, so darfst du nur in die Alemannia einspringen." Unsere Stellung aber zu den Bonnner Verbindungen und ihren Mitgliedern hing von Paukverhältnis und Verruf ab. Dabei ist vielfacher Wechsel zu verzeichnen. Eines aber blieb während der ganzen Zeit von 1867 — 1874 gleich, die kühle Zurückhaltung, die wir im Verkehr beobachteten. Die Alemannia nahm eine Stellung vollständig für sich ein, sie wies Einladungen zum Anschluß an einen wiederholt gebildeten und wieder aufgelösten D. E. regelmäßig zurück, ohne daß je eine Debatte darüber im Convent nötig gewesen wäre. Sie suchte weder Halt an anderen noch wollte sie ihn bieten. Denn die burschenschaftliche Sache glaubte sie, ohne sich einer Anmaßung schuldig zu machen, in Bonn allein zu vertreten. Zwar gab es im Sommer 1867 noch vier andere Verbindungen in Bonn, die sich als Burschenschaften bezeichneten. Aber die Teutonia befand sich schon auf der abschüssigen Bahn, im Herbst wurde sie Landsmannschaft, acht Jahre später auf kurze Zeit Corps, dann ging sie ein. Die Marchia ließ uns über ihre burschenschaftliche Richtung im Unklaren, zu unbedingter Satisfaktion entschloß sie sich erst 1865. Sie trat überhaupt wenig hervor, aus der Mensur waren die blauen Mützen der Märker selten zu sehen, zum Frühschoppen bei Nuland und zum Kaffeeskat bei Kley erschienen sie täglich. So war die Marchia damals nicht viel mehr als eine Farben tragende Blase. Sie suspendierte vor Ostern 1871, als die Paukereien nach dem Kriege wieder ausgenommen werden sollten. Die Helvetia trat aus der Mensur strammer auf, schadete sich aber selbst durch den rüden Ton ihrer Mitglieder. Im Jahre 1873 flog sie, von allen in Verruf gethan, endgiltig auf. Die Frankonia ist zwar wie unsere eigene Burschenschaft aus der Fridericia hervorgegangen, aber sie unterschied sich von uns nicht nur durch den § 3, sondern ließ von innerer Verwandtschaft überhaupt wenig merken. Es schien uns, daß sie die burschcn- schaftliche Richtung ebenso leicht und ebenso unbegründet wechsele wie die Farben ihrer Mützen und Bänder, und zeitweise kamen uns ihre Leute mit dem übertriebenen Gewicht, das sie aus Äußerlichkeiten legten, auf sogenannte patente Kleidung, auf den bis zum Hals frisierten Scheitel, auf schnoddrigen Ton und äußerlich forsches Auftreten, ganz corpsmäßig vor, so daß wir — 77 — meinten, sie lasse es nur an der Änderung des Namens fehlen, im übrigen gehe sie den gleichen Weg wie die Teutonia. Daß letztere zu den Corps überging, war für uns sogar eine größere Ueberraschung, als es bei jener der Fall gewesen wäre. Anfangs der siebziger Jahre war die Frankonia sehr schwach, so wie manche Corps, und zählte mitunter nur drei Aktive, und trotzdem stand damals Farbenverruf, Dimission und Exklusion, Wiedereintritt und Wiedcraustritt bei ihren Mitgliedern auf der Tagesordnung. Fast schien es, sie würde dasselbe Schicksal erleiden wie die anderen drei Burschenschaften und auffliegen, aber sie hat sich doch gehalten. Umgang mit den Mitgliedern dieser Verbindungen war für uns ausgeschlossen, der offizielle Verkehr beschränkte sich, so weit er nicht schriftlich geführt werden konnte, auf Verhandlungen der Chargierten vor öffentlichen Aufzügen, allgemeinen Kommersen und ähnlichen Vorgängen. Daß die Burschenschaften für sich ohne die übrige Studentenschaft öffentlich austraten, war eine Seltenheit. Es geschah z. B. Anfang des Wintersemesters 1867/68, als auf unsere Anregung dem neugewählten Rektor Professor v. Sybel ein Fackelzug gebracht wurde, aber auf einen gemeinsamen Kommers ließen wir uns dabei nicht ein. Im Übrigen traten wir, solange ein studentisches Verhältnis überhaupt möglich war, in Beziehung zu den anderen nur mit dem Schläger in der Hand. Bis in den Februar 1867 hatten wir mit den Corps gepaukt. Da kam es nach mehrfachen Streitigkeiten zu einem Bruch mit ihnen aus sehr sonderbarem Anlaß. Im Januar desselben Jahres hob nämlich die Helvetia den Verruf auf, den sie als D .E.-Burschenschaft hatte aussprechen müssen, nachdem kurz vor Abschluß dieses D. E. im Sommer 1865 die Märker uns in Verruf gethan und wir fast gleichzeitig infamen Verruf über die Frankonen verhängt hatten. Der D. E. bestand zwar noch, aber um mit uns pauken zu können, hatte die Helvetia aus dem letzten Burschcnbundestage um Befreiung von den besonderen Bestimmungen bei Verrufserklärungen des D. E. nachgesucht und sie erhalten. Als die Alemannia dann ein Paukverhältnis mit ihr abschloß und hiervon auf Grund des Paukkommcnts dem 8. E. Anzeige machte, stellte dieser unter unglaublich willkürlicher Auslegung des betreffenden Paragraphen die Forderung, das Paukverhältnis mit der Helvetia „sofort abzubrechen, widrigenfalls er seinerseits sich genötigt sehen würde, sein Paukverhältnis mit der Alemannia aufzuheben." Da es nicht möglich war auf solche Bedingung einzugehen, so erklärten wir das Verhältnis mit dem 3. E. für gelöst (9. 2. 1867). Im Mai desselben Jahres that dann die Marchia den gleichen Schritt wie die Helvetia. Nachdem sie den Vorwurf der An- — 78 — maßung revociert und andere Beleidigungen depreciert. und nachdem darauf auch die Franko nia nach dem Fortgang aller früheren Mitglieder die 1865 gefallenen Beleidigungen depreciert hatte, ließen nur uns wieder in ein Paukverhältnis mit ihnen ein. Mit der Teutonia war es zu einem solchen seit mehreren Jahren nicht gekommen, obwohl ein Verruf nicht bestand. Da wurden im Sommer 1867 unsere Leute wiederholt von Teutonen ankontrahiert. Die Mensuren, die infolgedessen stiegen, endeten mit unerwartetem Unglück. Zwei Teutonen, Rosier und Schaefscr, starben im Juli in dem kurzen Zwischenraum von etwa 14 Tagen an gewöhnlichen Schlägerschmissen, die sie von Ed. Schmidt und Ahlemann erhalten hatten. Die langdauernde Untersuchung ergab, daß unsere Paukanten keine Schuld traf, sondern daß Vernachlässigung der an und für sich ungefährlichen Wunden den Tod der beiden unglücklichen Teutonen herbeigeführt hatte. Aber eine Untersuchungshaft von drei Monaten war für Schmidt und Ahlemann die Folge gewesen. Fast gleichzeitig mußte Ludwig Lange zu einmonatlichem Aufenthalt auf die Festung Wesel wandern. Er hatte — auch auf gewöhnlicher Mensur — einem Frankoncn einen so festen Schmiß gegeben, daß man, nach jenen Unglücksfällen ängstlich geworden, auch hier das Schlimmste fürchtete. Doch zum Glück war in diesem Falle die Besorgnis übertrieben: der Schmiß heilte gut. Aber natürlich litt unter dem Eindruck dieser Ereignisse die sonst so muntere und zuversichtliche Stimmung. Der für den Schluß des Semesters geplante Kommers in Oberwesel wurde aufgegeben. Anstatt die schöne Fahrt den Rhein hinauf zu machen, mußte die Burschenschaft den gestorbenen Kommilitonen im Trauergeleite die letzte Ehre erweisen. Von dem Ernst der Ereignisse ist auch etwas auf das Semesterbild des Sommers 1867 übergegangen, auf jenes Bild, das im Hintergrunde die Ruine von Heisterbach zeigt. Zwar fehlen die drei Unglücksschläger nicht. Da sie in Haft waren und doch auf dem Bilde ihren Platz erhalten sollten, so half sich Hax „der Grande", unser origineller Photograph, an den sich viele noch gern erinnern werden, indem er alte Photographien der Abwesenden an verschiedenen Ecken einfügte, von Lange z. B. ein Fuchsbild, ohne Burschenband. Aber so ist es gekommen, daß jene drei anders als in Wirklichkeit neben den vielen Gruppen des Bildes, dessen Mitte Broich er mit hocherhobener Weinflasche belebt, steif und vereinsamt dasitzen. Weitere Folgen aber für die Stellung der Alemannia zur Teutonia hatten diese Unglücksfälle, obwohl sie großes Aufsehen erregten und viel besprochen wurden, durchaus nicht. Mit dem neuen Semester nahmen die - 79 - Paukereien ihren Fortgang. Erst zu Anfang des Jahres 1869 folgte rasch ein Bruch dem andern. Nachdem mit der Teutonia, nunmehr einer Landsmannschaft, schon im Wintersemester 1867/68 eine ?.?.Suite, zu der das kleine Format eines Briefes den kleinlichen Anlaß gegeben hatte, ausgepaukt war, mehrten sich gegen das Ende des Jahres 1868 die Streitigkeiten. Auf der Straße und auf dem Trottoir fielen schwere Beleidigungen, der Ton auf den Mensuren wurde schärfer, für Jnkommentmäßigkeiten war von den Teutonen, die alle in den ersten Semestern standen, schriftliche Genugthuung nicht zu erhalten, und so beschloß der Convent einstimmig jeden studentischen Verkehr mit ihnen abzubrechen. Mit den Fr an tonen war meist in leidlichem Einvernehmen gepaukt worden, bis es auch mit ihnen seit November 1868 mehrfach zu Reibereien und im Februar 1869 zu einem großen Streit auf dein Trottoir kam, dem am nächsten Tage die Verrufserklärung der Frankonia folgte. Auf beiden Seiten waren Ausdrücke gefallen, die besser vermieden worden wären, aber einen Ausgleich keineswegs ausschlössen. Der Bruch kam uns daher unerwartet und schien ohne Grund überstürzt zu sein. Die Marchia, die im Jahre 1868, in der Vorbereitungszeit zur Universitätsfeier, zu einem neuen D. (st. mit der Frankonia und Helvetia zusammengetreten war, benutzte diese Gelegenheit, um ebenso wie die Frankonia die Beziehungen zu uns zu lösen. Die Helvetia dagegen zog es vor, sich vom O. (st. loszusagen und das Paukverhältnis mit uns aufrecht zu erhalten. So paukten wir gerade wieder wie in der ersten Hälfte des Jahres 1867 allein mit den Helvetiern, aber auch mit ihnen diesmal nicht, ohne daß es zu MißHelligkeiten gekommen wäre. Doch wurden diese im Juli 1869 durch eine uns von den Helvetiern angebotene ?.?.Suite beseitigt. In demselben Monat hoben wir zuerst den über die Teutonia, dann den über den 8. (st. verhängten Verruf auf. Diejenigen Teutonen, deren grobe Jnkommentmäßigkeiten die Verrufserklärung veranlaßt hatten, waren nicht mehr in Bonn. Für sie leisteten die Chargierten der Teutonia jetzt Dcprekation, und so kam es, nachdem der Paukkomment ohne Schwierigkeiten vereinbart war, noch vor Schluß des Semesters zu einigen Mensuren. Mit den Corps, deren es bis 1870 noch sechs, nach dem Kriege zunächst nur drei gab, glückte es uns nicht in gleicher Weise. Wir thaten den ersten offiziellen Schritt, ein Paukverhältnis wiederherzustellen, nachdem uns unter der Hand ein Entgegenkommen wahrscheinlich gemacht war. Aber diese privaten Zusicherungen erwiesen sich als sehr trügerisch. Schon die erste Besprechung zwischen den Vertretern der Parteien, die im „Sälchen der Wittib" stattfand, ließ die Unmöglichkeit einer Einigung klar erkennen. Hatte der 8. E. des Jahres 1867 mit der Forderung, wir sollten seinetwegen das neu geschlossene Paukvcrhältnis mit der Helvetia lösen, die Grenzen, die in dem Paukkomment zwischen Gleichberechtigten gezogen waren, weit überschritten, so stieg bei den Verhandlungen des Jahres 1869 die Anmaßung fast ins Unglaubliche. Die Gleichberechtigung, die notwendige Grundlage eines jeden Paukverhältnisses, wurde von den Vertretern des 8. G,, deren Wortführer der damalige Senior der Borussen war, so wenig anerkannt, daß sie glaubten in den § 1 die Bestimmung aufnehmen zu können, die Alemannia solle sich in jede Änderung des Paukkomments fügen, die der 8. E. für gut halte. Unser Sprecher — damals Borges, der ebenso schlagfertig mit der Antwvrt wie gewandt in der Rede war — wies auf das Sonderbare dieses Ansinnens hin, indem er mit ironischem Lächeln als § 2 vorschlug, der 8. E. willige in jede Änderung, die die Alemannia zum Beschluß erhebe. Als er aber kein Verständnis fand, brach er lieber die Unterhandlung ab, als daß er mit solchen Gegnern noch mehr der unnützen Worte gewechselt hätte. Die Frankonia paukte in jenem Sommer, die Teutonia bald nachher mit dem 8. E., beide, wie wir annahmen, nicht unter gleichen Bedingungen. Das letzte Paukverhältnis, das die Alemannia mit dein 8. E. gehabt hat, kam im Herbst 1877 zustande und währte bei voller Gleichberechtigung bis 1880. Der 1869 aufgehobene Verruf wurde aber nicht wieder ausgesprochen. Zu Reibereien ist es trotzdem in jenen Jahren selten gekommen. Man ging ohne sich zu beachten an einander vorbei. Nur einmal ist man, soweit ich mich erinnere, in Ermangelung eines Paukkomments zum Holzkomment übergegangen. Es war in demselben Jahre 1869, da versuchten die Sachsen eben jenes Sälchen im Vorderhause von Ruland, das wir als Exkneipe inne hatten, ich weiß nicht mehr genau aus welchem Grunde, nur daß es sich um einen unserer Kneipgäste handelte, zu stürmen. Es gab großen Lärm, Hundegebell und Säbelgerassel der Einjährigen unter den Sachsen, und die alte Wittib unten am Schenktisch wußte sich vor Entsetzen gar nicht zu helfen. Einige wenige von uns aber wiesen von den obersten Stufen der steilen Treppe die Angreifenden ab. Als Irls, mit dem Beinamen Ratz, den letzten der Sachsen die Treppe hinuntergeschleudert hatte und ins Zimmer tretend gefragt wurde, was es denn da draußen gegeben habe, antwortete er in seiner lakonischen Weise: „Jch-e hab-e sie-e etwas gezaust!" Der Vorfall hatte weiter keine Folgen, Nichtbeachtung wurde auf beiden Seiten wieder Losung. — 81 — Die Wirtschaft von Ruland in der Stockenstraße wurde in jener Zeit viel von uns besucht. Wir gingen auch wohl in andere Kneipen, z. B. zu Breuer in der Wenzelgasse, wenn ein Nachmittag der Kegelei gewidmet wurde, in den Zeergarten am Markt, wo ein Special Mosel verführerisch winkte, auch die Pforten des „Lümmels" öffneten sich uns gelegentlich im Kampf mit Gebrüder „Dick- und Dünn-Darm", den Spendern des Knickebeins, zu später Nachtstunde. Aber in diese Wirtschaften gingen wir nie in eorxoro oder gar offiziell. Wenn uns die Abendkneipe nicht auf dem Schänzchcn vereinigte, so fanden wir uns in dem obenerwähnten Sälchen bei Ruland zusammen, das eine Treppe hoch nach vorne lag. Auch unfern Frühschoppen tranken wir bei Ruland, aber nicht oben, sondern im Hofe oder in dem langgestreckten, niedrigen Wirtschaftsraum an den beiden Tischen, die dem Hoffenster zunächst standen. Offiziell war der Frühschoppen nur Sonntags, aber auch an den Wochentagen versäumte man ihn ungern und fand nach oder zwischen den Kollegien oder auch mit Umgehung derselben die Zeit zur ersehnten Stärkung. Im Mauspfad herrschte damals noch friedliche Stille, die Wirtschaft der „Wittib" war in der Nähe der Universität für uns das einzige mögliche Lokal. Fast nur Couleurstudenten verkehrten da. Den Tisch neben uns nahmen die Teutonen ein, dann kamen weiter die Frankonen, die Märker, und am Fenster nach der Stockenstraße hielten sich abseits die Sachsen, die im Hinterhause ihre Kneipe hatten; Helvetier waren seltene Gäste. Da saßen wir, die rote Mütze auf dem Kopf, an unseren Tischen und ließen uns vom „kleinen Adam" oder anderen halbwüchsigen Kellnerjungen schäumendes Niedermendiger kredenzen, ohne uns um die Nachbartische zu kümmern, ganz gleich, ob Verruf odbr Paukverhältnis bestand. Märker und Franken freilich waren mit einander meist sehr vertraut, unter uns aber war es nicht Brauch, nnch anderen Tischen hinüber vorzukommen. Der enge Raum pflegte gedrängt voll zu sein, aber die Wittib verstand es streng auf Ordnung zu halten. Nicht nur Bedienung und Küche waren gut, es ging auch anständig in ihrem Hause zu. Ihre Redensart: „Aber ich verlange, dat Se mer de Wirtschaf nich stören!" war bei uns zu einem geflügelten Worte geworden. Es mußte bar bezahlt werden, nur wenige Auserwählte hatten das Vorrecht anschreiben zu lassen, aber wehe dem, der das Vertrauen mißbrauchte! Ein wohlgetroffenes Bild der Wittib befindet sich in der Bierzeitung des Jahres 1368. Wie sie hinter dem Schenktisch an dem kleinen Fenster sitzt und durch ihre große Brille prüfend den Blick auf den Schuldigen heftet, so ist sie von Jehn's gewandter Hand im Bilde verewigt worden. Als ihr Sohn 1871 aus dem Felde heimkehrte und die Wirtschaft über- 6 — 82 — nahm, ging diese bald zurück. Je mehr er seine Freunde hinzog, desto weniger kamen die Studenten, und schließlich blieben sie ganz aus. Da kam Hagemann im Mauspfad in Flor. In jenen früheren Jahren aber waren wir täglich zum Frühschoppen da und saßen auch oft noch über Mittag auf unserem Platze. Mancher zog überhaupt eine Rulandsche Portion dem üblichen Mittagessen von Suppe und zwei Gängen vor, wie es ein großer Teil von uns zu 6, dann zu 8 und später zu 10 Sgr. in der Rheingasse bei Jordan zu sich nahm, den wir den Menschenvernichter nannten, weil er einmal einen schlechten Zahler durch eine gerichtliche Anzeige zu vernichten gedroht hatte. Einen offiziellen Mittagstisch hatten wir trotz verschiedener Anläufe ihn zu gründen damals nicht. Nach dem Essen ging es „zur Beförderung der Verdauung" regelmäßig um 2 Uhr zum Paulboden, auf dem der alte Ehrich, seit 1869 von seinem Neffen unterstützt, noch weise das Wort und zu vereinzelten Muster- Hieben auch noch scharf den Schläger führte. Der körperlichen Anstrengung folgte ebenso regelmäßig die Erholung, indem im Garten von Kley bei schlechtem Kaffee ein guter Skat gespielt wurde. Von dort schweifen die Blicke hinüber auf das andere Ufer und rhein- aufwärts. Der grüne Strom rauscht majestätisch vorüber und ladet zur Fahrt ein, die sieben Berge erscheinen in scharfen Umrissen dem Auge so nahe, als wenn ein Sprung genügte sie zu erreichen, oder sie liegen in blauer Ferne wie von einem duftigen Schleier umhüllt, der nur bestimmt scheint den Reiz zu erhöhen. Über Fluß und Berg und Thal webt Sommersonnenglanz ein goldenes Netz. So liegt verführerisch vor unseren Blicken die herrliche Landschaft. In den Herzen regt sich frische Wanderlust. Da kommt der Dampfer in Sicht. Wer will noch überlegen, ob der Nachmittag frei ist, wer denkt ans Kolleg? Aufs Schiff, aufs Schiff, nach Königswintcr! Wer je an den Rhein nach Bonn gezogen ist, hat diesen Zauber an sich selbst erfahren, der die Herzen umstrickt, der Sinn und Gemüt gefangen nimmt. Wie oft haben wir dem alten Simrock für sein Lied an den Rhein, das dieser eigenartigen Stimmung so schöne dichterische Worte leiht, unsere Dankbarkeit bezeugt, indem wir es ihm zu Ehren anstimmten, wenn er sich an schönen Sommerabcndcn im Garten des Schänz- chens einfand! Wie oft haben wir, war es nun von Kley oder vom Schänzchen oder später von Löllgcn aus, dieser Stimmung durch die That noch unmittelbareren Ausdruck gegeben und sind mit fröhlichem Mute aufgebrochen, um die steilen Höhen zu erklimmen und hinabzublicken in den Strom! Nicht einmal das Dunkel der Nacht war ein Hindernis, wenn am — 83 — Schlüsse des Kneipabends dein kühnen Gedanken ins Siebengebirge zu spritzen die Ausführung auf dem Fuße folgte. Dann traf uns der erste Sonnenstrahl auf dem Gipfel des Ölbergs. Heutzutage keucht die Lokomotive die Berge hinauf, wir waren auch ohne sie glücklich und fanden das Menschengctriebe auf dem Drachenfels schon damals bunt und lebhaft genug. Das einfache Mittagessen im stillen Forsthaus auf der Löwenburg, die Erdbcerbowlc auf dem grünen Rasen vor der Klosterruine in Heisterbach, in kühler Abcndluft unter Gesang die Heimfahrt im gleitenden Nachen, das war uns nach dem Herzen. Oft gingen die Wanderungen auch über das Siebcngebirge hinaus: Honnef schien vom Drachenfels aus so bequem zu erreichen, gegenüber lag Rolandseck, wo bei Groyen zwar die Bowle mäßig, aber der Platz im Garten mit seiner herrlichen Aussicht um so schöner war. Oder es winkten in der Ferne Remagen und Linz, weit öffnete sich das Ahrthal, und man zog ein in den Bannkreis von St. Peter zu Walporzheim. Lange Zeit war die Lochmühle das Hauptquartier, und wir waren gut angekreidet, aber auch sonst fand der durstige Student Plätze genug, wo er sich zu fröhlichem Trünke niederließ, um nachher vom Weine schwer müde das Haupt zu senken oder in erquickendem Bade neue Kraft sich zu holen. Ins Ahrthal führt von Bonn auch die Meckenheimer Straße, auf ihr sind wir mit Omnibus und Wagen insgesamt nach Altenahr gefahren, um bei Caspari auf regelrechtem Kneipabend die Macht des Rotweins zu erproben. Aber nicht alle Tage konnte es so hoch hergehen. Auch der Rhein ist nicht immer grün, das Siebengebirge schimmert nicht immer blau-golden. Doch der Bonner Student ist um seinen Nachmittag auch dann nicht verlegen, wenn die Wolken tief hängen und grau-gelb sich die Flut am alten Zoll vorbeiwälzt. Das Schiffchen bringt ihn hinüber nach Beuel zur Kegelbahn beim „Schwiegervater" oder nach Brodesser zum schwersten aller Quodlibets. Am besten aber waren wir immer aufgehoben bei gutem wie bei schlechtem Wetter in Godesberg. Der Adler hatte sich mehr und mehr als Studentenkneipe vervollkommnet. Die Zimmer im Hinterhause, erst die einfacheren zur linken, dann die prächtiger ausgestatteten geradeaus, waren wie geschaffen für unsere Exkneipen, das Jagdzimmer für Bowlen in kleinerem Kreise, die anderen für Niesenbowlen. Besonders an den Tagen nach Kommersen war Godesberg unser Ziel. Nirgendwo konnte der Kater so gut vertrieben werden wie im Adler, nirgendwo konnte ein neuer so leicht wenn auch nicht gerade billig gekauft werden wie hier. Plittersdorf und Rüngsdorf waren noch unbekannte Größen, unsere Ausfahrten endeten damals zumeist in Godesberg. g» — 84 — Godesberg erhielt für uns noch eine besondere Bedeutung in jenen schönen Togen des großen Jubelfestes, das die rheinische Friedrich- Wilhelm-Universität im August 1868 feierte, 50 Jahre nach ihrer Stiftung. Der Jubiläumstag fiel auf den 3. dieses Monats, auf einen Montag, die Alemannia aber hatte ihre alten Herren und alle, die ihr nahe standen, schon zu den beiden vorhergehenden Tagen eingeladen und diese zu ihren besonderen Festlichkeiten bestimmt. Sie hatte auch die große Freude, eine recht stattliche Zahl von Gästen schon in den Vormittagstundcn des Sonnabends auf dem Schänzchen begrüßen zu können. Von da ging es Nachmittags in froher Fahrt hinaus nach Godesberg. Vor der Villa von der Heydt machte der Zug Halt. Befreundete Damen aus Elberfeld hatten der Alemannia zur Zier und Ehre eine prächtige Fahne mit unserem Wappen gestickt, und eine von ihnen, die Schwester unseres alten Herrn v. Hurter, Frau von der Heydt, überreichte jetzt in feierlichem Akte das neue Banner. Es ist, wie von der einen Seite gewünscht und von der anderen versprochen wurde, als Sinnbild unserer burschenschaftlichen Ideale bei allen festlichen Gelegenheiten mit Stolz vorangetragen und in dankbarer Erinnerung an die freundlichen Geberinnen hoch in Ehren gehalten worden bis auf den heutigen Tag. Die Alemannia blickte damals auf eine rühmliche Vergangenheit von 24 Jahren zurück und hatte schon manchen Kommers in Herrlichkeit und Freuden gefeiert, aber so großartig zugleich und so stimmungsvoll wie das Univcrsitätsjubiläum war noch keines ihrer Feste verlaufen. Ernst und würdig war die Feier in Godesberg mit der Übergabe der Fahne eingeleitet, ein ernster Zug, ein idealer Schwung blieb den Rednern des Abends, aber auch Frohsinn und Humor hielten während der Musikkneipc ihren Einzug auf dem Schänzchen. Ein Festspiel kam zur Aufführung, in dem die glückliche Zuversicht des jungen Burschen und die reife Erfahrung des jugendfrisch gebliebenen alten Hauses den Sieg davontragen über die Zweifel und Sorgen des zaghaften Philistertums. Das flotte Spiel und der Grundgedanke gefielen, regten an und weckten fröhliche Stimmung. Die Stimmung hielt mit dem Festprogramm gleichen Schritt. Geschickt war dieses auf eine Steigerung jener berechnet. Der zweite Tag brachte eine Dampfschiffahrt nach Rolandseck und ein Festessen bei Groyen, abends großen Kommers auf der Schanze. Die Zahl der Festtcilnehmer war inzwischen bedeutend gestiegen und übertraf so sehr die Erwartungen und Anmeldungen, daß es schwer wurde das Versprechen zu halten und für so viele das gewünschte Quartier zu besorgen. Aus allen Gegenden kamen sie an den Rhein gezogen, die meisten waren freilich aus dem Westen, — 85 — aber auch Berlin hatte viele gesandt und ebenso eilten sie von Nord und Süd herbei, aus Flensburg und Haderslebcn, wie aus Heidelberg und Tübingen. Die hohen Semester waren gut vertreten, indem nicht nur mehrere Stifter der Alemannia erschienen waren, sondern auch alte Fridericiancr sich uns anschlössen, so der erste Sprecher unserer Muttcr- burschcnschaft, Prien aus Lübeck, so die beiden v. Kunowski und der „rote" Becker, und sogar noch ältere wie Knorsch und Landfermann nahmen an unserem Kommers teil. Der Montag, der dritte Tag, begann wie jeder seiner Vorgänger unter den Klängen der Musik mit einem Frühschoppen im Garten des Schänzchens, dann drängten sich die Festlichkeiten der Universität. Großer Umzug, Festaktus mit Rede des Rektors, Gartenfest bei Kley, Festessen, Fackelzug und Kommers, das war das Programm. Daß der Kronprinz an der Jubelfeier teilnahm, gab diesem Tage besonderen Glanz, die festliche Stimmung erreichte ihren Höhepunkt. Bei den öffentlichen Aufzügen kam die große Zahl unserer Mitglieder und Gäste so recht zur Geltung, bei dem Essen, das dem Kronprinzen zu Ehren von der Universität gegeben wurde, waren wir durch unseren Sprecher vertreten, der Fackelzug endete in Poppelsdorf, und dort im Schloß, dessen Hof durch ein Zeltdach in einen großen Saal umgewandelt war, wurde der Kommers gehalten. Nach diesem vereinigte sich, als wenn der Tag »och nicht genug geboten hätte, eine Anzahl ausdauernder Zecher, darunter auch würdige alte Herren wie der „rote" Becker, zu später Stunde auf dem Schänzchen. So sehr bildete dieses für uns den Mittelpunkt der Feier, und so hoch gingen noch die Wogen der Begeisterung. Dem entsprach am folgenden Tage die Katerstimmung. Ausgelassener ist sie in Bonn selbst zur Karncvalszeit nicht zum Ausdruck gekommen. Wie weit der fröhliche Übermut unserer Leute ging, mag ein Beispiel zeigen. Ein offener Möbelwagen war ausfindig gemacht und vor die Kneipe gefahren. Auf ihn lud man das Klavier und setzte dazu den unermüdlichen Sänger, Klavierspieler nnd Bierzeitungsredaktcur Soltau. Handfeste Burschen spannten sich vor den Wagen und zogen ihn durch die Straßen der Stadt. Soltau spielte, als wenn es Kneipabend wäre, und sang dazu die schönsten Kouplets, und der von Straße zu Straße anwachsende Chorus fiel mit Macht ein. So ging es über den Markt bis zur Wittib und hier endigte die fröhliche Fahrt mit dem schönen Liede: Ich bin die Wittib nnd herrsche im Haus, Drum strenge Ordnung bitt' ich mir aus. Speis' und Getränke die gebe ich, Aber wer mehr verlangt, dem sage ich: Und ich verlange, dat Se mer de Wirtschaf nich stören! Es war gut, daß für den Nachmittag Spritzen in die Umgegend Bonns angesetzt waren. Da konnte der Übermut freier austoben. Für die Burschenschaft hatte das Universitätsjubiläum Bedeutung über die Festtage hinaus. Es war die Gelegenheit gegeben und benutzt worden, das Band zwischen ihr und den alten Leuten fester zu knüpfen. Die jüngeren unter diesen haben naturgemäß den Verkehr mit den Aktiven innner mehr gepflegt, jetzt war aber auch die Verbinduug mit den älteren und ältesten der alten Häuser wiederhergestellt. Wenn die augenblickliche Empfindung es nicht schon gesagt hätte, die vielen Briefe, die nach dem Jubiläum einliefen, zeigten es klar und deutlich. Alle waren sie voll der Erinnerung an das herrliche Fest. Auch erschien nun öfter als früher das eine oder andere alte Haus, z. B. Nieten aus Duisburg, Altgelt, unvermutet, ohne Einladung auf der Kneipe, und die Freude war dann allemal groß. Eine weitere Bestätigung dafür, daß ein festerer Zusammenhang gewonnen war, brachte das fünfundzwanzigjährige Stiftungsfest der Burschenschaft, das am Schluß des Sommcrsemestcrs 1869, gerade ein Jahr nach dem Universitätsjubiläum gefeiert wurde. Freilich so hoch wie bei diesem stieg die Zahl der Teilnehmer nicht, Hankwitz vom Sommer 1859 war der älteste, aber doch war es wieder ein großes Fest für die Burschenschaft, zu dem Gäste aus weiter Ferne gekommen waren, z. B. Löwis of Mcnar aus Riga. Der erste Tag gehörte wie immer dem Schänzchen, am zweiten Tage aber wurde mit dem Kommers der Schwerpunkt der Feier nach Oberwesel verlegt. Das war zum letzten Male im Sommer 1864 geschehen, seitdem war es öfter geplant worden, aber zufällige Umstünde hatten jedesmal die Ausführung verhindert. Seit 1869 ist es Regel geworden, das Stiftungsfest alle fünf Jahre in Oberwesel zu feiern. Das ist ein ganz eigenartiges Fest, keiner anderen Universität ist die Möglichkeit gegeben es so zu feiern, das kann nur Bonn am Rhein. Denn die Rheinfahrt giebt ihm das besondere Gepräge, sie nimmt den größten Teil des einen Tages in Anspruch. Frühmorgens geht es im festlichen Zuge zum Dampfer. Mit argwöhnischen Blicken empfängt das reisende Publikum die lärmende Schaar von jungen Studenten und bemoosten Häuptern. Die Musik spielt aus, Böllerschüsse krachen los, Weinfässer werden an Bord gerollt und die schwarz-rot-goldnc Fahne steigt am Mast in die Höhe. Wie soll das werden? Aber es geht besser, als man gedacht. Die Fahrt währt lange und es bietet sich den Reisenden genug Gelegenheit um zu beobachten, wie in harmloser Fröhlichkeit sich das bunte Treiben über das ganze Schiff verteilt. Hier sitzen vergnüglich die Alten — 87 — beim Wei» und erzählen von vergangenen Zeiten, dort ist der junge Student auf neue Thaten bedacht. Er kennt die Städte und Dörfer und Ruinen so genau, er weiß so hübsch zu erklären und zu erzählen von Nonnenwerth und Nolandseck, und immer giebt es Neues zu sehen und zu erfragen und zu beantworten. Und wie sich nun so allmählich die Zurückhaltung verliert, da reicht er der neben ihm stehenden jungen Dame das große Trinkhorn, das mit Wein bis zum Rande gefüllt ist, und sie wagt zu nippen. Da ertönt Musik und fordert zum Tanze auf. Einige Paare treten an und die anderen fassen Mut, man ist ja am Rhein, wo das Leben so frei und fröhlich ist, wo man den Zwang nicht kennt, und nun windet sich in langer, langer Reihe die Polonaise durch das ganze Schiff, treppauf-treppab, durch die Kajüten und übers Verdeck. Dann folgt Tanz auf Tanz und die Zeit vergeht wie im Fluge. Es ist, als wenn alle Reisenden eine Gesellschaft bildeten, die schon längst zusammengehört Hütte. Aber da naht schon die Stunde der Trennung, der Ehrenbreitstein zeigt seine mächtige Front, rechts öffnet sich das Moselthal und der Dampfer legt an der Landungsbrücke von Koblenz an. Hier muß das Schiff gewechselt werden, da das große ohne zu halten an Oberwesel vorbeifährt. Die roten Mützen werden geschwenkt, weiße Tücher wehen von drüben und ein donnerndes Hoch schallt dem davonrauschenden Dampfer nach. Sogleich wird auf dem kleineren Schiff in der Kajüte das gemeinsame Mittagessen eingenommen. Wir sind hier unter uns und das ist gut, denn der Wein ist doch stärker gewesen als mancher Trinker, und schon während deS Essens sinkt einer oder der andere rückwärts von der Tafel in die Kissen der Bank, mitleidig verhüllt eine Serviette sein Antlitz. Aber Böllerschüsse tönen wieder und wecken selbst die „Leichen" auf. Wir sind an der Lorelei und nun winken schon in der Ferne die Türme von Oberwesel, auf halber Höhe ragt der schlanke Bau der Wernerkapelle und hoch oben krönen den Berg die Trümmer der Schönburg. Das Schiff verlangsamt die Fahrt und hält, Ruderkähne nehmen uns auf und an der Landungsstelle begrüßt uns in Frack und Cylindcr der Bürgermeister und geleitet den rasch geordneten Zug durch die engen Gassen des altertümlichen Städtchens bis an den Rheinischen Hof. Die Musik hat Groß und Klein hcrvorgelockt und bereit gemacht den Wegweiser zu den in der Stadt gelegenen Quartieren zu spielen. Nachdem uns ein kühles Bad in den Fluten Vater Rheins gestärkt und erfrischt hat, beginnt im geschmückten Saale der Kommers. Von dem ersten Liede und von der großen Rede des Sprechers an verlief er unter den rauschenden Klängen der Musik und unter wachsendem Stimmengewirr in herkömmlicher Weise bis zum Landes- vater und iuitiuiu üäslitatis, aber wie er zu Ende ging, danach fragt nicht die, welche in fremdes Quartier gedrungen, welche auf dem „Bahnkörper" umhergeirrt sind, nicht die, welche unter freiem Sternenhimmel im Felde ihre Lagerstätte gesucht haben! Das Katerfrühstück vereinigte die meisten wieder an der fröhlichen Tafel, und der tolle Katerumzug in der friedlichen Stadt, die alles erlaubte und alles verzieh, weckte mit seinen launigen Scherzen auch die letzten der Schläfer. Der Nachmittagsausflug in die frische Luft der Höhen und wieder hinab in das weinberühmte Bacharach bildete den schönen Abschluß des Festes wie das Fest selbst den Abschluß eines schönen Sommersemesters. Einen ganz anderen Anfang nahm das folgende Wintersemester. Von den 15 Aktiven, die von Oberwesel in die Ferien gegangen waren, erschienen zum Antrittskonvent Ende Oktober 1869 in Bonn statt der erwarteten 14 nur 5. Von den 7 Füchsen des Sommers fehlten 3, von den 7 Jungburschen 5. Ganz unvermutet liefen 5 Austrittserklärungen und 4 Gesuche um Jnaktivität ein. Dieser plötzliche Rückgang nach einem Feste, bei dem alles ein Herz und eine Seele gewesen zu sein schien, konnte nicht anders als niederdrückend wirken, er that es um so mehr, je weniger für ihn ein wirklicher Grund erkennbar war. Freilich war die Mitgliederzahl der Burschenschaft schon seit Herbst 1866 stark zurückgegangen: Von den 48 Aktiven des Sommers 1866 blieben im Winter 25 aktiv, „ „ 3S „ „ W. 66/67 „ „ S. 20 „ „ „ 22 „ „ S. 67 „ „ W. 14 „ „ „ 20 „ „ W. 67/68 „ „ S. II „ „ „ 14 „ „ S. 68 „ „ W. 7 „ „ „15 „ „ W. 68/69 „ „ S. 11 „ „ „ 19 „ „ S. 69 „ „ W. 5 „ Diese rasche Abnahme in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, während in der ganzen ersten Hälfte die Mitgliederzahl sich aus ziemlich gleicher Höhe, zwischen 32 und 43 Aktiven, gehalten hatte, ist zu auffällig, als daß sie unerwähnt und unbesprochen bleiben dürfte. Allerdings ist unsere Burschenschaft nicht nur in diesem Jahrzehnt solchen Schwankungen unterworfen gewesen. Das zeigt ein Blick in das Alemannen-Album: Da steigen und sinken die Zahlen, es ist wie ein stetes Auf- und Abwogen bald längerer, bald kürzerer Wellenzüge. Aber die Gegensätze sind, wenn Zahlen sprechen sollen, niemals so groß gewesen und niemals sich so nahe getreten wie in den sechziger Jahren. Hinter der höchsten Welle, die sich schäumend überstürzt, folgt gähnend der tiefste Abgrund. Jene kam im — 89 — Sommer 1866: 65 Alemannen verkehrten auf dem Schänzchen, die der Examina wegen Exmatrikulierten miteingerechnet. Die niedrigste Zahl hat das Wintersemester 1870/71 mit nur 9 Alemannen in Bonn. Aber die Gegensätze sind einander noch näher gerückt als die beiden Kriegsjahre 1866 und 1870. Das Sommersemester 1866 zählte 48 Aktive, das 8. 8. 1868 nur 14, jenes brachte der Alemannia 23 Füchse, eine Zahl, die weder vorher noch nachher wieder erreicht ist, das 8. 8. 1867 dagegen, abgesehen von 3 Konkneipanten, von denen einer blieb, nur zwei Füchse, die noch dazu beide das zweite Semester in der Alemannia nicht erlebten. Eine Gegenüberstellung der Fuchszahlen wird den großen Unterschied am besten veranschaulichen: ausgeschieden ausgeschieden Füchse als Fuchs, als Bursche Füchse als Fuchs, als Bursche 8.8. 62 13 — 4 ^V.8. 66/67 10 7 — ^V.8. 62/63 14 1 3 8.3. 67 5 4 — 8.8. 63 11 1 2 ^V.8. 67/68 5 — — ^V.8. 63/64 11 3 2 8.3. 68 3 — 2 8.3. 64 12 1 2 ^V.8. 68/69 7 — 5 >v. 3. 64/65 13 1 1 8.8. 69 7 3 — 8.8. 65 14 1 1 ^V.8. 69/70 5 1 1 ^V.8. 65/66 10 I 2 8.8. 70 4 1 1 98 9 17 46 16 9 8.8. 66 23 8 5 Es nimmt also nicht nur die Zahl der Füchse ab, sondern es gestaltet sich auch das Verhältnis der Aus- zu den Eintretenden für die Burschenschaft viel ungünstiger. Denn während die Zahl der Füchse um die Hälfte in der zweiten Periode von 8 Semestern hinter der ersten zurückbleibt, hält sich die der Austretenden aus gleicher Höhe, mit dem einzigen Unterschiede, daß jetzt ebensoviele im Fuchssemester ausscheiden wie früher als Burschen. Der Sommmer 1866 weist in jeder Beziehung die höchsten Ziffern auf, es treten am meisten ein und am meisten aus. Über die Gründe und Folgen eines so auffälligen Wechsels der Mitgliederzahl wird man in der Geschichte der Alemannia nach Aufklärung suchen. Doch liegen die ersteren nicht so klar, die letzteren könnten in ihrer Bedeutung leicht übertrieben werden. Zahlen beweisen, aber sie beweisen nicht alles. Es kommt darauf an, was man aus ihnen schließen will. Es wäre jedenfalls ein falscher Schluß, wollte man behaupten, daß das Ansehen der Burschenschaft in gleichem Verhältnisse gesunken wäre wie die Zahl. Nicht das zahlreichste Volk ist darum auch das berühmteste. — 90 — Die Kraft des Volkes und die Umsicht seines Herrschers machen einen Staat groß und mächtig, nicht die Einwohnerzahl. Ebenso wird die Stellung der Burschenschaft nicht von der Zahl, sondern von der Tüchtigkeit ihrer Mitglieder abhängen. Aber wie trotzdem für jeden Staat die Abnahme oder Zunahme seiner Bevölkerung wichtig genug ist, so kann auch aus die Alemannia das Ausbleiben oder Austreten der Füchse nicht ohne Einfluß gewesen sein. Freilich äußerte sich dieser Einfluß uicht so plötzlich, wie die Zahl rasch abnahm. Denn wenn auch von den 23 Füchsen des Sommers 1866 während oder gleich nach dem ersten Semester schon 9 austraten und von den 10 Füchsen des folgenden Winters sogar 7 verschwanden, so trat man doch das 8.8. 1867 mit 21 aktiven und 7 inaktiven Burschen an. Bei dieser immer noch stattlichen Zahl hatte der Mangel an Füchsen für den Augenblick keine Bedeutung, das nächste Semester konnte wieder mehr bringen. Den Austretenden wurde keine Thräne nachgeweint, man vermißte uicht, was man nicht geschätzt hatte. Nicht als Nachteil, als Vorteil sah man das Ausscheiden unsicherer und unpassender Elemente an. Was geblieben war, schloß sich um so fester zusammen. Auch als in den folgenden Semestern der alte Fuchsenreichtum nicht wiederkehren wollte, blieb doch die Sorge fern. Denn was an Füchsen kam, war gut und weckte Hoffnung, und die Alemannia war immer noch stärker als jede andere Verbindung. Es kam hinzu, daß gerade damals viele ältere Leute, inaktive und exmatrikulierte, zurückkehrten, um nach dem Besuche einer anderen Universität in Bonn Doktor und Staatsexamen zu inachen. Das war ein guter Brauch, den mehr noch Mediziner als Philologen, am wenigsten die Juristen beachteten. Es würde genügen die Namen zu nennen, um zu zeigen, wie wichtig für die Burschenschaft und für den einzelnen gerade die Anwesenheit dieser älteren Leute gewesen sein muß. Da treten Kaps er und Flu es, äußerlich und innerlich Gegensätze, schon damals durch dasselbe Couleurinteresse in den Vordergrund, das sie heute noch auszeichnet, der eine mehr im Stillen wirkend, der andere nie um ein gerades, derbes, treffendes Wort verlegen. Wiedemann herrschte unter den Fröhlichen, selber immer fidel, immer geneigt dem Leben die gute Seite abzugewinnen, sicher, rasch und gewandt, und mit ihm zusammen waren, bald fleißig bei der Arbeit, bald flott auf der Kneipe, der schöne Becker und Beckhaus, die Ente, ein Hüne voll überschüssiger Kraft und Leidenschaft, und Madelung, auch fröhlich unter den Fröhlichen, aber doch ernster als die anderen, zielbewußt, kurz und bestimmt im Urteil, ausschlaggebend im Konvent, in späteren Jahren mehr dafür, daß die — 91 — Jungen sich selber Helsen lernten. Dazu kam noch Simons, das Original, das eigentlich nicht ernst zu nehmen war und doch sehr ernst genommen sein wollte, voll launiger Scherze und unberechenbarer Einfälle, geneigt andere zu quälen und zu necken, aber selber viel leichter noch geneckt und gequält, da er in der Abwehr von Angriffen unbeholfen und schwerfällig war. Neben diesen Medizinern nahm eine besondere Stellung ein: Julius Fischer, aus Flamersheim, einer der wenigen Rheinländer der Bonner und Kölner Gegend, die in jener Zeit bei uns zu Ansehen kamen, Jurist, unsere höchste Autorität auf finanziellem Gebiete. Auf Anstand und Sitte hielt Merschberger, eben erst mit neuerworbencn Sprachkenntnissen aus Paris zurückgekehrt, darum Werschbergs genannt, salonmäßig in Kleidung, gewählt im Ausdruck. Den größten Einfluß aber übte immer noch Oskar Meyer aus, der im Sommer 1868 sein letztes Semester in Bonn verlebte. Älter noch als er war Krummacher aus Duisburg, i?. N. genannt, der Fuchs im Sommer 1861 gewesen war. Er hatte zuerst Theologie studiert und diese Studien auf Wunsch seines Vaters auch mit dem Examen beendigt, obwohl er längst die Absicht hatte umzusatteln und Mediziner zu werden. Als solcher war er nach Bonn zurückgekehrt und stand nach vielen Semestern nun wieder im Examen. Uns jungen Füchsen gab er sich als hohe Respektsperson, würdevoll trug er den Cylinder im Leben wie auf dem Kneipbild; aber das war nur äußerlich, innen saß ihm der Schelm, mit Schnurren und Witzen fand er kein Ende, er war ein Kneipgenie sondergleichen: den Gipfel der Fidelität erreichte die Kneipe, wenn er am Klaviere sitzend mit Meisterschaft die Japanaise pfiff, und unbeschreiblich war der Jubel beim Fastnachtsspiel von 1868, als sich der Vorhang hob und ?. N. als Apoll in Trikot und Lorbeerkranz, die Leier im Arm, auftrat, mit Macht in die Saiten schlug und den Gesang anstimmte: „Seid uns heute all' gegrüßt zc." Alle diese Alten waren stolz auf die „Couleur". Sie hatten eine große Zeit in ihr erlebt und wollten deren Geist auf die jüngere Welt vererben. Sie hatten das Kartell mit Arminen und Bubenreuthern gelöst und der Alemannia die Richtung gegeben, die exklusiver war als das exklusive Kartell. Die Alemannia sollte allein bestehen und sollte zeigen, daß sie am sichersten und besten allein bestand, verantwortlich nur sich selbst. Blieb sie aus eigener Kraft in Bonn die erste, die einzig wahre Burschenschaft, so war auch nach außen ihr Ruf gesichert, ganz gleich ob Verruf kam von Erlangen oder Heidelberg. Waren es ihrer weniger als früher, so mußten sie um so fester auftreten, stramm nach außen und in sich geschlossen. Die freie und gesunde Entwicklung des einzelnen zu fördern, Charaktere zu bilden und so ein wohlbegründetes Selbstbewußtsein zu erzeugen und zu erhalten, das war das Ziel, Die burschenschastlichen Grundsätze wurden betont, aber es war nicht ein Spielen mit Wörtern und Schwärmen in Gedanken, persönliches Beispiel sollte das Beste thun. Daß sie durch ihre Teilnahme an allen Vorgängen im Konvent, auf der Kneipe und bei Ausflügen und durch vertrauten Verkehr mit den einzelnen wirklich einen solchen Einfluß im guten Sinne ausgeübt haben, kann nicht bezweifelt werden. Unter den Züngeren war das Holz, aus dem Männer geschnitzt werden. Auch nachdem das große Semester von 1866 vom Schauplatze abgetreten war, machte die Besetzung der Ämter keine Schwierigkeit. In dem Sommer des Universitätsjubiläums waren wir sogar durch Krüger, Krauel und Bosch ausgezeichnet vertreten. Die Mehrzahl der Aktiven stammte aus Westfalen, aber auch unter ihnen war noch der Nordosten unseres Vaterlandes vertreten. Krüger war ein rühriger Westpreuße, eifrig im Reden, rasch im Handeln. Sein preußisches ei machte so viele Freude wie das st des Lübeckers Krauel. Dieser zeichnete sich durch vornehme Ruhe, durch Gemessenheit in Haltung und Sprache aus, sein überlegener Verstand gab ihm Sicherheit und Selbstbewußtsein. Wer ihm befreundet war, wundert sich nicht über seine spätere glänzende Laufbahn. Ruhe kannte auch Bosch aus Laasphe, aber es war die behagliche Ruhe, mit der sich der gute Walzertänzer dreht, der gewandte Billardspieler den richtigen Punkt der Kugel mit richtigem Effet trifft; auf der Mensur war er ein unangenehmer Linkser. Die fünf Füchse von Herbst 1867 machten bei der Erziehung mancherlei Mühe, das verraten schon einige Beinamen, wie der „freche" Zehn, der „weise" Mendt. Sie brachten ein gut Teil des Selbstbewußtseins, das ihnen anerzogen werden sollte, schon mit, aber sie schlugen doch alle fünf gut ein. Bei weitem der bedeutendste unter ihnen war Borges aus Münster, ein talentvoller Mensch, flott und ausdauernd im Arbeiten wie im Kneipen, geschickt zu allem, nur als Schläger nicht gerade glücklich, aber ein guter Redner und Sänger, am Klavier und bei den Fastnachtsspielen so unentbehrlich wie bei der Bierzeitung. Es wurde ihm leicht, den mitunter — wie soll ich sagen — stark medicinischen Ton der höheren Seinester mit aristophanischen Kraftausdrückcn noch zu übertrumpfen, und doch erfüllte ihn Begeisterung für die Ideale griechischer und deutscher Dichtung. Er war zum Spott geneigt und leicht absprechend im Urteil, ein Feind aller unklaren Gedankenschwärmerci so gut wie von öder Fach- und Pauksimpclei. Drei Semester lang bewährte er sich als Kneipwart und Bierzeitungsredakteur, er war Schriftwart und zweimal Paukwart, zuletzt Sprecher. In seinem 5. Semester ging er nach Leipzig, aber in der Absicht, - 93 - sein philologisches Examen später in Bonn zu machen. Beim Ausbruch des Krieges trat er als Einjähriger zusammen mit Schulte in das 13. Infanterie- Regiment ein. Vor Metz erkrankte er am Typhus und starb nach wenigen Wochen im Lazarett von Kreuznach. Er ist der einzige, den die Alemannia im Kriege verloren hat, aber es paßt auf ihn Schillers Wort: „Ja, der Krieg verschlingt die Besten!" Wer die hohe Stirn, umrahmt von braunen Locken, die hellen forschenden Augen über der gebogenen Nase, unter vollen Lippen das kräftige Kinn gesehen hat, der wird Borges nicht so leicht vergessen. Mendt verließ Bonn Herbst 38, Zehn Ostern 39, beide kehrten aber zurück und haben der Burschenschaft dann noch wesentliche Dienste geleistet, der erstere als Sprecher in kritischer Zeit vor dem Kriege, der andere nach demselben als alter Herr im medizinischen Staatsexamen. War also auch in jenen sechziger Jahren die Zahl zurückgegangen, so ergänzten sich doch damals Alte und Junge in so glücklicher Weise, daß man für den Augenblick einen Mangel gar nicht empfand, und sorgende Blicke in die Zukunft zu thun ist ja nicht gerade eine Gewohnheit der akademischen Jugend. Dann kam auch wieder die Zeit, die einen regelmäßigen Zugang an Füchsen zu bringen und somit für die Zukunft wieder eine Verstärkung der Mitgliederzahl zu verheißen schien. Das Wintersemester 1338/39 und der Sommer 1839 zählten je 7 Füchse, und da zugleich ältere Inaktive wieder aktiv wurden wie z. B. Weyland, der das schon im 4. Semester verwaltete Amt des Sprechers wieder im 8. Semester übernahm und Osthoff, der im gleichen Semester Schriftwart wurde, so wuchs das Gefühl der Sicherheit nicht nur infolge der zunehmenden Zahl, sondern auch infolge des Ansehens, das einzelne genossen. So kam es, daß selbst sorgende Gemüter wie Weyland, die Krisis, an die andere gar nicht gedacht hatten, für überwunden hielten, und das fröhliche Sommersemester 1839 mit dem schönen Abschluß des 25jährigen Stiftungsfestes schien ihm Recht zu geben. Aber wie gesagt erwiesen sich diese Hoffnungen beim Antritt des Wintersemesters als ganz trügerisch. Die Austrittserklärungen in den Jahren 1833 und 1837 waren zwar in größerer Masse erfolgt, in beiden Jahren je 12, aber sie hatten für die Burschenschaft viel geringere Bedeutung gehabt. Denn es waren fast nur Füchse gewesen, die Zahl der Zurückbleibenden war immer noch sehr groß zu nennen und es ließen sich wohl Umstände finden, die als Erklärung dienen konnten. Die übergroße Zahl hatte das Zusammenleben erschwert und eine einheitliche Erziehung der Füchse fast unmöglich gemacht. Man gab sich überhaupt weniger mit ihnen ab, weil man es nicht für nötig hielt. Manche derselben mögen sich zu wenig beachtet gefühlt und einen — 94 — Anschluß nicht gefunden haben. Vielleicht hat auch das Mensurunglück des Sommers 1367 ungünstig eingewirkt. Jetzt aber lag die Sache wesentlich anders. Vom Herbst 1867 bis Herbst 1869 trat kein Fuchs aus, aber von: Sommer 1868 bis Sommer 1869 traten aus oder wurden dimittiert oder exkludiert nicht weniger als 9 Burschen, 6 auswärtige inaktive im 6. und 7. Semester und 3 aktive und vom Beginn des Wintersemesters 1869 folgten bis Weihnachten noch die Austrittserklärungen von 4 Burschen und 3 Füchsen, die im Sommer aktiv gewesen waren. Das war um so empfindlicher, weil der Bestand der Aktiven überhaupt schon geschwächt war, weil die neue Einbuße ganz unerwartet kam, gerade in einer Zeit, die voll Hoffnung gewesen war, und weil triftige Gründe für den Austritt nicht angegeben wurden. Wenn zutreffend war, was wir darüber dachten und sagten, so konnte das auch nicht gerade ermutigend wirken. Die Sache lag so: Man wußte schon im Sommer, daß Borges, die einzige imponierende Persönlichkeit unter den Jüngeren, am Schluß seines 4. Semesters inaktiv werden würde, um nach Leipzig zu gehen, man wußte ferner, daß der größere Teil der oben geschilderten alten Herren nach Erledigung der Staatsexamina im Herbst Bonn verlassen und daß auch die meisten der neun Kneipgäste, die während des Sommers in engem Verkehr mit uns gestanden hatten, nach dem Stiftungsfest nicht zurückkehren würden, von Ersatz für alle diese Verluste war nichts bekannt, man hatte also die Aussicht, im Winter weder ein so fröhliches noch ein so günstiges Semester zu verleben wie im Sommer. Es scheint, daß ein großer Teil von denen, die hätten bleiben sollen, unter diesen Umständen schwachmütig genug war, das nach seiner Meinung sinkende Schiff zu verlassen. Es fällt auf, daß die 7 Burschen, die im Laufe des Jahres freiwillig austraten, allesamt Rheinländer waren aus Köln oder doch dem mittleren Teile der Rheinprovinz. Unter ihnen befand sich der Sprecher, den wir zum Nachfolger von Borges gewählt hatten, übrigens ein guter und gefährlicher Schläger; ein anderer lief sogar zu den Teutonen über, unter denen er viele Landsleute aus der Gegend von Köln und Aachen fand. Gegen Rheinländer dieser Gegend waren wir seitdem sehr argwöhnisch; anders war es mit denen von der Nahe und vom Niederrhein. Wie den Kern der Burschenschaft schon seit Jahren Westfalen gebildet hatten, zu denen außer Rheinländern besonders Hansestädter und Preußen aus dem Osten gekommen waren, so befanden sich unter den Ausharrenden jetzt nur Westfalen, ein Danziger, ein Lübecker und einer von der Nahe. Das Ausharren hat sich belohnt, die zwei Semester bis zum Kriege zählen freilich nicht zu den glänzenden, aber auch nicht zu den verlorenen. — 95 — Mit 5 Füchsen und den zurückgekehrten Inaktiven kamen wir aus 14 Mann und waren bei der damaligen Schwäche aller Verbindungen noch relativ stark. Mendt wurde wieder aktiv, zunächst Schriftwart, dann Sprecher. Er hat uns wiederholt bei wichtigen Gelegenheiten in Bonn und Eisenach mit Erfolg vertreten. Mit gutem Rat half uns Leopold Schmidt, ein eifriger Philologe, der nach gut bestandenem Staatsexamen leider allzufrüh gestorben ist. Wegen seiner kleinen, unansehnlichen Figur und der großen schwarzen Augen wurde er das kleine Üz genannt; in Tübingen, wo sein Name zu einer Verwechselung mit unserem hochgewachsenen, vielgerühmten Schläger Ed. Schmidt geführt hatte, so daß er gleich nach seiner Ankunft von Germanen ankontrahiert worden war, hatte er sich eine Hochguart durch das ganze Gesicht geholt. Er spielte nicht gerade, was man eine Rolle nennt, unter uns, dazu war er zu einfach und bescheiden, aber er hielt die Überlieferung aus der guten Zeit der sechziger Jahre in uns wach. Simons erfreute uns und die Bierzeitung durch stets neue Schwänke seiner freiwilligen und unfreiwilligen Komik, doch stand die Bierzeitung dieser Semester nicht auf der Höhe früherer Zeiten. Bei unserer geringen Zahl durften wir nicht mehr mit dem einst anerkannten Einfluß auf die Studentenschaft rechnen, um so weniger, als sich damals in dieser eine Bewegung gegen die Vorrechte der Verbindungen vollzog, die zu der Bildung eines sogenannten permanenten Studenten- Komitees führte und etwas später, im Winter 1870/71, ein äußeres Zeichen in dem allerdings bald aufgegebenen Versuch fand, bunte, nach den Fakultäten unterschiedene Mützen für alle Studenten einzuführen. Aber wo es galt öffentlich aufzutreten, wie z. B. beim Arndtkommers, der im Januar 1870 zur Feier des 100. Geburtstages des Kämpfers für Recht und Freiheit und Einigkeit des großen deutschen Vaterlandes gefeiert wurde, und beim Begräbnis von Bölling im Mai 1870, da gelang es uns ohne besonderen Kampf unsere Wünsche durchzusetzen, indem wir unserem Sprecher die zweite Rede und uns einen bevorzugten Platz sicherten. Zu anderen Hochschulen traten wir damals in ein neues Verhältnis. Seit die enge Verbindung mit den Arminen und Bubenreuthern durch Kündigung des Kartells von uns Ende 1866 gelöst war, hatten wir jede Annäherung an andere Burschenschaften streng vermieden und waren für uns geblieben. Kneipgästc hatten wir bis zum Sommer 1869 wenig, nur einzelne Brunsvigcn wie Witte, der 1867 den Bierzipfel erhielt. Unsere Inaktiven aber gingen mit Vorliebe nach Berlin, wo ihnen der Verkehr mit anderen Burschenschaften fern lag und sie eine eigene Kneipe, bei Stieme, hatten. Andere studierten in Würz- — W — bürg und waren sich auch da selbst genug. Mit eigenen Waffen traten sie den Makaren gegenüber und paukten 1868 — 69 eine beträchtliche Anzahl von Mensuren aus. In Tübingen gingen einzelne unserer Leute mit Germanen los, nur in Göttingen und Heidelberg kneipten je zwei, dort mit den Brunsvigen, hier mit den Frankonen. So hatten wir uns in und außer Bonn rasch wieder daran gewöhnt, allein unsere Wege zu gehen. Wir waren bei der Lage der Dinge davon überzeugt, der gemeinsamen burschenschaftlichen Sache den schuldigen Dienst am besten zu erweisen, wenn wir die Fahne der Alemannia zu Bonn hochhielten. Wenn gerade zur Zeit unserer höchsten Blüte von zwei auswärtigen Burschenschaften der Verruf über uns verhängt worden war, so hatten wir uns in unserem Thun und Lassen dadurch nicht behindert gefühlt, weil wir die Schuld an dem Zerwürfnis nicht trugen, aber hatten doch in so unberechtigten Verrufserklärungen einen Schaden für die burschenschaftliche Sache überhaupt gesehen. Die Aufhebung des Verrufs, die von den Heidelberger Frankonen im Februar 1868 und von den Erlanger Germanen im April 1869 ausgesprochen wurde, war daher von uns nur als die Wiederkehr des natürlichen Auslandes begrüßt worden. Nun erging im November 1869 von eben denselben Germanen an uns die Aufforderung, an der Bildung einer Konvention vorläufig von 13 Burschenschaften uns zu beteiligen. Wir erkannten darin zunächst mit Genugthuung den Beweis dafür, daß auch von jenen das Unnatürliche des früheren Verhältnisses wohl empfunden war. Dann aber war zu überlegen, ob wir unserer bisherigen Politik der Zurückhaltung treu bleiben oder jener Aufforderung Folge leisten sollten. In einer Reihe von Konventssitzungen wurde diese Frage erwogen. Es ließ sich nicht verkennen, daß die Vereinigung einer stattlichen Zahl von Burschenschaften, die sich alle wenn auch mit Unterschied eines guten Rufes erfreuten, die gemeinsame Sache besser fördern könne als das wenn auch noch so zielbewußte Auftreten einer einzelnen Burschenschaft. Freilich mußten wir, wenn wir beitraten, auf die Annehmlichkeit einer Stellung, welche nur für das eigene Thun und Handeln Verantwortlichkeit kennt, verzichten, und doch hatten wir sie erst seit kurzem wieder recht schätzen gelernt. Aber der etwaige Nachteil, den der Anschluß an die anderen etwa mit sich bringen konnte, durfte auch nicht zu hoch angeschlagen werden. Das Kartell hatten wir gekündigt, weil wir von Nicht-Alemannen nicht das Verhältnis der Burschenschaft zu ihren eigenen Mitgliedern beurteilt wissen wollten, sondern in dem Versuche es zu thun einen Eingriff in unsere Rechte und eine Gefahr für unsere Selbständigkeit erkannten. Die Konvention aber sollte — 97 — nach den eingesandten Statutencntwürfen eine Vereinigung werden, in der neben den Kartellen die einzelnen Burschenschaften bestehen und also auch ihre Freiheit behalten konnten. Wir entschlossen uns daher, zun: 20. Januar 1870 einen Vertreter nach Eiscnach zur Mitberatung der Statuten zu entsenden. Auf diesem Burschentage waren außer uns vertreten die Arminen von Marburg und die Brunsvigen, dann das rote Kartell, die Bubenreuther und Jencnscr Arminen, das süddeutsche Kartell, das damals aus den Alein anneu in Halle und Heidelberg, aus den Germanen in Erlangen und Tübingen und den Kieler Teutonen bestand, und das sogenannte grünweißrote Kartell, die Heidelberger Frankonia, die Germania in Jena und die Hannovcra. Es gelang die vorhandenen Bestrebungen, die auf eine engere Vereinigung hinzielten, zurückzudrängen. Der Statutenentwurf der Erlanger Germanen wurde den Beratungen zu Grunde gelegt und im wesentlichen angenommen. Als Zweck der Konvention wurde im K I gegenseitige Förderung der burschenschaftlichen Bestrebungen, allmähliche Herbeiführung einer Vereinigung sämtlicher deutschen Burschenschaften und Verhinderung von Verrufserklärungen angegeben. Im K 2 waren als Grundsätze aufgestellt: Vaterlandsliebe, Sittlichkeit und Wissenschaftlichkeit; K 3 verpflichtete zu unbedingter Satisfaktion. Mit diesen allgemein gefaßten Grundsätzen konnten sich alle einverstanden erklären, im übrigen gewährleistete der K 4 ausdrücklich jeder Burschenschaft vollständige Freiheit der Entwicklung. Auf fremden Hochschulen wurde Anschluß der Inaktiven an eine Konventionsburschenschaft oder, wo es eine solche wie z. B. in Berlin und Leipzig nicht gab, Zusammenschluß der Inaktiven untereinander gefordert. Wie weit trotzdem die Konvention von einem Kartell entfernt war, zeigt am besten der Umstand, daß das Pauken innerhalb der Konvention mit Ausnahme von?.?. Suiten gestattet wurde. Auf Grund dieser im Januar vereinbarten Statuten erklärten die Konvente aller 13 Burschenschaften ihren Beitritt zur Konvention. Freilich einig war man noch lange nicht. Schon dem ersten ordentlichen Burschentage, der im Juni 1870 in Eisenach abgehalten wurde, lag eine lange Reihe von Antrügen zur Abänderung der Statuten vor. Am gefährlichsten erschien uns der Antrag der Marburger Arminia, im § 2 das Wort Sittlichkeit durch den engeren Begriff Keuschheit zu erläutern. Die Neigung für ihn zu stimmen und so unserem allezeit streng gewahrten Grundprinzip Geltung in weiteren Kreisen zu verschaffen, war natürlich groß. Aber es war vorauszusehen, daß bei der Annahme des Antrages das grünweißrote Kartell ausscheiden würde. Aber der Zweck der Konvention, eine Vereinigung sämtlicher Burschenschaften herbeizuführen, würde damit 7 eine eigentümliche Beleuchtung erhalten haben, indem der Anfang zur weiteren Vereinigung mit einer Trennung der schon vereinigten gemacht wäre. Auch hatte die Erfahrung mit dein roten Kartell uns ja gerade den Nachteil einer zu engen Vereinigung klar gemacht. Die Konvention schien uns zweckmäßig zur Vertretung der burschenschaftlichen Interessen nach außen, in allen inneren Angelegenheiten wollten wir volle Freiheit der Bewegung behalten. Unser Vertreter Mendt wurde daher beauftragt, auf Grund der schon angenommenen Statuten die Berechtigung des Burschentages, in die innere Verfassung einzugreifen, zu bestreiten. Wäre dem Burschentage diese Berechtigung zuerkannt worden, so war klar, daß die Konvention eine ganz neue Grundlage gewonnen hätte. Sie wäre eine Vereinigung geworden enger, als beabsichtigt war, und hätte, wenn die Form der Statuten, die die Mehrheit für gut hielt, den einzelnen aufgezwungen werden konnte, eine Vereinigung vollständig gleichartiger Burschenschaften werden müssen. Daß wir unter dieser Voraussetzung das Verlangen hätten stellen oder unterstützen müssen, die für unsere wie für die Statuten der Mehrheit geltende Keuschheit in die Konventionsstatuten aufzunehmen, leuchtet ein. Wurde aber dem Burschcntage die Berechtigung aberkannt, über so eingreifende Fragen der inneren Verfassung zu urteilen, so war die Konvention in ihrem bisherigen Bestände und in ihrer bisherigen Verfassung gesichert. Mendts Auseinandersetzungen wirkten so überzeugend, daß der Vertreter der Arminia den Antrag auf Keuschheit zurückzog. Auf demselben Burschentage wurde mit der Ausnahme der Zenenser Teutonia der erste Schritt zur Erweiterung der Konvention gethan, so daß die Vereinigung nunmehr aus 14 Burschenschaften bestand. Während wir so der burschenschaftlichen Sache durch neu gewonnene Beziehungen zu auswärtigen Burschenschaften zu dienen hofften, blieb unser Verhältnis zu den Bonner Verbindungen unverändert. Wir standen in dem Winter 1869/70 mit den Corps, mit Franken und Märkcrn in Verruf und paukten mit der Landsmannschaft Teutonia und der Burschenschaft Hclvetia, natürlich ohne uns sonst mit diesen näher einzulassen. Die Paukereien wurden aber bald nach Beginn des Semesters infolge eines Unfalls, der viel von sich reden machte, sehr erschwert. Als nämlich Bismarcks ältester Sohn, der mit seinem jüngerem Bruder bei den Borusscn aktiv war, lange und gefährlich an einem Mensurschmisse darniederlag, ergriff auf Anordnung des Ministeriums der Senat die strengsten Maßregeln, um jede Paukerei zu verhüten. Am unangenehmsten wurde von uns, obwohl darin schon ein Entgegenkommen lag, die Anordnung empfunden, — 99 — wenn überhaupt, doch nur mit Mützen loszugehen. Die Helvetier wollten sich dieser Bestimmung fügen, die Teutonen schlugen vor, um die Aufmerksamkeit abzulenken, eine Weile das Pauken einzustellen. Es gelang uns aber doch, freilich unter großen Schwierigkeiten, jene Vorschrift zu umgehen und nach dem alten Paukkomment eine Reihe von Mensuren auszupauken. Auf ein Losgehen im altbewährten Pauklokale zu Duisdorf mußte freilich bald verzichtet werden. Denn der Pudel war stets frühzeitig zur Stelle. Aber gerade weil wir auf den dortigen Saal, der selbst im Sommer dein Sande vorgezogen zu werden pflegte, im Winter einzig und allein angewiesen zu sein schienen, glückte es uns gelegentlich den Aufpasser gründlich zu täuschen. So traf es sich einst zufällig, daß der Pedell Adam gleichzeitig mit unserem Unparteiischen in Duisburg einfuhr. Diesen hielt er, seiner Sache nun ganz sicher, in seiner schlauen Gemütlichkeit durch ein Gespräch fest und wartete geduldig auf uns im Wirtshause. Uns aber hatte, als vor dem Dorfe die Meldung des Paukaffen einlief, der Pudel sei schon da, ein rasch gefaßter Entschluß nach dem Sande entführt und es ermöglicht, in aller Ruhe sechs Mensuren unter freiem Himmel auszupauken. Nun war natürlich auch der Sand nicht mehr sicher, vom Sternthor ging bei jeder Ausfahrt der Wind zum Universitütsgebäude. Die ungewöhnliche Wachsamkeit der Pedelle nötigte daher zu immer neuem Wechsel des Paukortes. Leicht war es nicht, geeignete Plätze zu finden, aber doch weiß der einsame Weg, der vom Schänzchen am Rhein entlang nach Grau- Rheindorf führt, von Mensuren zu erzählen, bei denen der Rhein uns das Eis zum sofortigen Kühlen geliefert hat, und ebenso ist das auf entlegener Höhe über Küdinghoven aus dem Walde vorschimmernde Fauveauxhäuschen Zeuge gewesen von Kämpfen zwischen uns und den Teutonen, die uns bereitwilliger als die Helvetier auf den neuentdeckten Pfaden folgten. Im Februar 1870 wurde unser Sprecher nochmals vor den Richter geladen und darauf aufmerksam gemacht, daß nach den neuesten Bestimmungen aus Berlin Paukereien ohne Grund, d. h. gewöhnliche Mensuren, mit Relegation der Pnukanten und der Sprecher der beteiligten Verbindungen bestraft werden würden. Aber die von uns angewendete Vorsicht, die es zu einem Abfassen nicht kommen ließ, und nicht weniger wohl auch die Nachsicht von Seiten der Universitätsbehörden hat es zu einer Anwendung der angedrohten Strafen nicht kommen lassen. Am meisten mag dazu beigetragen haben, daß weitere Unfälle aus Mensuren ausblieben. So kam es bald wieder zur alten Gewohnheit. Im Anfang des Sommersemesters 1870 sind wir noch einmal im Kottenforst abseits von der Meckenheimer 7* Landstraße losgegangen, mit Helveticrn und Teutonen, dann aber führte uns das Gefühl größerer Sicherheit wieder ans den Sand zurück. Hier wurde mehrere Male rasch hintereinander in zahlreichen Mensuren mit den Frankonen gepaukt, die Ende Mai 1870 den Verruf vom Februar 1869 aufgehoben hatten. Da aber gebot plötzlich den Mensuren ein kräftigeres Halt, als es vom Univcrsitätsrichter ausgegangen war, die Kriegserklärung der Franzosen. Mit dein Ausbruche des Völkerstreites verstummte der Klang schwirrender Schläger, verhallten die Rufe der Sekundanten: Bindet die Klingen! Sind gebunden. Los! Eine größere Mensur wurde gezogen, dem militärischen Kommando mußte der Bursche gehorchen, und der Kanonendonner rief ihn fort in einen ernsteren Kamps. Urplötzlich war das Kriegswetter heraufgezogen, eine Überraschung für uns wie für alle Welt. Die erste Nachricht von der Wahl des Erbprinzen von Hohenzollern, ja selbst die dreiste Drohung des Herzogs don Gramont hatte uns nicht in unserem fröhlichen Studententreiben gestört. Gerade in jenen Tagen machten wir eine sehr fidcle Ahrspritze. Wir sprachen wohl vom Kriege, aber ohne recht an ihn zu glauben, wir lasen in den Zeitungen von der wachsenden Aufregung in Paris und konnten sie doch nicht verstehen und erwidern. Uns beschäftigten damals die Vorbereitungen zum Stiftungsfest, das am 18. Juli gefeiert werden sollte und zu dem schon das Trompetercorps der Husaren bestellt war. Die Frage, in welcher Form das neue Semesterbild für die Kneipe angefertigt werden sollte, erschien noch wichtig genug, um uns in zwei Konventen zu beschäftigen, und am 9. Juli schrieb der Schristwart ohne zu ahnen, wie rasch der Beschluß vergessen sein werde, mit der bestimmtesten Form in das Protokollbuch: „Das Kneipbild wird also in kleinerem Format und in einer Gruppe aufgenommen werden." Dann kamen die aufregenden Nachrichten aus Ems. Die zudringliche Geschwätzigkeit Bcnedetti's, die einfache und vornehme Haltung König Wilhelms erfüllten alle deutschen Herzen mit Unwillen und Stolz. Das „Echo" war jetzt wachgerufen und hallte von den Ufern des Rheins zurück nach Paris. Der 15. Juli brachte die Entscheidung. Am Abend des Tages hatten wir zwar nur die kurze Depesche in Händen mit jener der wirklichen um mehrere Tage vorausgeeilten Kriegserklärung. Von den entscheidenden Beschlüssen des gesetzgebenden Körpers in -Paris, die den Krieg in sich schlössen, erfuhren wir erst am folgenden Morgen. Aber die Depesche war uns mehr als genug. Mendt brachte das Extrablatt der Kölnischen Zeitung mit, das er zufällig auf der Durchreise durch Köln am Bahnhof ergriffen hatte. Schon von weitem winkte er mit dem — 101 Blatt, als er dem Schänzchen zueilte, wo wir im Garten unter den Kastanien saßen. Dem ersten Durcheinander von Fragen und Antworten, von Zweifeln und Versicherungen folgte ein Kneipabend, dessen Stunden uns die Begeisterung in einen Augenblick zu verwandeln schien. Krauel feierte in schwungvoller Rede, voller Ernst und doch voll Zuversicht, das Vaterland; das Lied von der „Wacht am Rhein", das in wenigen Tagen durch die Gewalt der Ereignisse und die packende Kraft seiner Melodie zum Volkslied«: geworden war, erklang mit voller Macht auf unserer Kneipe, und in der Ferne, wo Scharen junger Leute, gleich uns von aufgeregter Stimmung beherrscht rheinauf rheinab zogen, klang es wieder: „Fest steht und treu die Wacht am Rhein!" Am Rhein war Bonn die einzige, zugleich die westlichste aller deutschen Hochschulen. Dicht am Ufer des Rheines hatte unsere Burschenschaft ihr Heim, durch die offenen Fenster drang das Rauschen seiner Fluten an unser Ohr, unser Sang schallte hinaus und wurde von seiner Strömung weitergetragen. Und diesen schönen Strom, sein ganzes Wcstufer mir unserem Bonn, wagte fremde Habsucht als Eigentum zu fordern, wollte ihn wieder zur Grenze inachen, wie er es in den Tagen der Knechtschaft gewesen war, die unsere Väter und Großväter in Jahren voll Not und Mühsal ertragen und in Jahren voll Mut und Begeisterung von sich abgeschüttelt hatten! Nein, so begeistert wir sangen, so fest waren wir auch entschlossen an der Wacht teilzunehmen, den Rhein zu verteidigen und unser Blut für das Vaterland hinzugeben. Jetzt war die Zeit gekommen zu zeigen, daß Vaterlandsliebe nicht nur als schöner Grundsatz auf dem Papier unserer Statuten stand, sondern daß sie auch in unseren Herzen wohnte, daß die Burschenschaft uns zu Männern erzogen hatte, die edle Gedanken in edle Thaten umzusetzen imstande waren. Auch das Kriegsjahr 1866*) hatte in der Burschenschaft Aufregung und Begeisterung hervorgerufen. Die ersten Siegesnachrichten, die Ende Juni einliefen, wurden auf einer jener heiteren Ahrspritzen gefeiert, die Nachts um 12 Uhr zu Schiff rheinaufwärts unternommen, mit einer Früh- bowlc im Garten der Lochmühle ihren ersten Abschluß fanden. Als dann am 4. Juli die Kunde von der Entscheidungsschlacht bei Königgrätz nach Bonn kam, da wurde auf dem Schänzchen stürmisch nach Musik verlangt, von den Hanseaten nicht weniger als von den Preußen, und unvergeßlich wird wohl allen Teilnehmern sein, wie dann im Garten am Rhein in ernst-patriotischer Stimmung das Lied gesungen wurde „Deutschland, Deutschland über alles." Wo möglich noch gewaltiger wirkten die Kölnischen ') Die Mitteilungen über I86K stammen von Soltan. — 102 — Couplets mit vaterländischem Inhalt, die Franz Niethen einbürgerte, vortrug und mit seinen drastischen Gesten begleitete: De Benedek, de Benedek, Hurrah! De wull us hau», de olle Jeck, Hurrah! Doch eh he noch in Preußen wich', Do kreg he schnell ens up de Schnich, Deutsche Brüder, deutsche Brüder Haltet fast, was de hast! De König von Hannover säd: Hurrah! Mein treues Volk verlaß mi net, hurrah! Ich komme wieder über's Jahr. Ne, Männeke», det ist nich wahr! Deutsche Brüder:c. Ein anderes fing nach der Melodie „Es steht ein Wirtshaus an der Lahn" höchst unpolitisch an: „Auf finst'rem Flur ein Ehemann", ging aber nach der ersten Strophe weiter: Augustenburg, wo willst du hin? Ich will nur eben blos nach Wie». Er bekam vor Angst den Husten. Drum lassen sie ihn in Frieden ziehn, Er muß sich mal verpusten. und schloß, nachdem der König von Hannover und die anderen Flüchtigen an die Reihe gekommen waren: Jetzt sing' ich keine Verse mehr. Wo kämen all' die Fürsten her? Doch vielleicht wird's uns gelinge», Wenn Preußen lustig weiter schafft, Die andern zu besingen. Aber so allgemein wie bei dem französischen Krieg war die Begeisterung nicht. War doch der von 66 ein Bruderkrieg, wenn auch eiu notwendiger. So wie in Deutschland damals die Stimmung geteilt war, so war sie auch in der Alemannia nicht ganz einig. Einzelne gab es, wie z. B. Freund Westphalen „aus Hamburgs Salons", die Österreich den Sieg wünschten. Die große Mehrzahl freilich war gut preußisch gesinnt, aber auch bei dieser war es anders als 1870. Es meldeten sich wohl mehrere freiwillig zum Eintritt in das Heer, sechs Burschen wurden auch angenommen und zogen mit in den Krieg: Wiedemann, der Sprecher, Ad. Mendt, Jungk, Jrle, Nichter und Henrich. Die meisten aber dachten überhaupt nicht daran sich zu melden, die Hansestädter waren noch gar nicht dienstpflichtig. Diejenigen aber, die sich gemeldet hatten, wie „Piefke" und ähnliche wohlbeleibte Konventsrcdner, und wegen allgemeiner — 103 — Körperschwäche zurückgestellt waren, traten fröhlich wieder auf dein Schänzchen an und gaben durch ihr Mißgeschick Anlaß zu vielen erheiternden Couplets. So brachte der Krieg dein Leben der Burschenschaft keinen Stillstand, im Gegenteil, er ließ es rascher und feuriger pulsieren. Von 58 Alemannen blieben 52 in Bonn. Im Jahre 1870 aber kamen wir durch den Krieg in eine ganz andere Lage: Alles wollte eintreten, alles wartete nach dem 15. Juli mit Ungeduld auf die Mobilmachuugsordre, und noch ehe sie gekommen war, machten wir unsere Abmeldungsbesuche bei den Professoren. Das Studium hörte einfach auf, das Semester wurde geschlossen. Wir erwarteten den plötzlichen Vormarsch der Franzosen, die Nhcinprovinz, der Rhein war bedroht. So kam es, daß sich die Burschenschaft in wenigen Tagen auflöste. Es wurden nicht Siege gefeiert, sie wurden miterkämpft. Nur wen ein ganz besonderer Grund hielt, wie z. B. ein nahe bevorstehendes Examen, der blieb zurück, aber auch nur für Tage oder Wochen. So ging Soltau in seinen „Kriegsdoktor" erst am 22. Juli, aber nachdem er ihn euin lauäs bestanden, da zog auch er Anfang August nach Frankreich und zwar als Führer einer Abteilung von 24 Mitgliedern des Bonner Sanitätskorps. Sie kamen gerade zur rechten Zeit, am 15. August, vor Metz an, um auf dem Schlachtfelde des 14. ihre hülfreiche und aufopfernde Tätigkeit zu beginnen. Auch Gustav Osthoff schloß sich als Krankenpfleger einer Abteilung an. Beide hatten das Unglück, selbst von ansteckenden Krankheiten ergriffen zu werden, jener von den Pocken, dieser von der Ruhr, aber geheilt kehrten sie zurück. Krüger, Bosch, Angenete machten im Juli glcichfachs ihren Doktor und traten dann als stellvertretende Assistenzärzte ein. In dieselbe Stellung kamen auch auswärtige Inaktive wie Zehn, und Lange. Alle übrigen dienten mit der Waffe, Borges, Gottschalk, Livvin, Lose, Schulte und ich bei der Infanterie, Weihe und Gustav Mendt bei der Kavallerie. Die Zahl der alten Alemannen, die mitzogen, meist als Ärzte oder Offiziere, war natürlich außerordentlich viel größer. Im Kampf gefallen ist von allen niemand, verwundet dagegen wurden manche und mit dem eisernen Kreuze sind viele geschmückt worden. Das Kriegsglück war uns merkwürdig hold. Nur einen einzigen, aber um so schmerzlicheren Verlust hatte die Alemannia zu beklagen: Am ll. November 1870 erlag, wie schon erwähnt, Borges im Lazarett von Kreuznach dem Typhus. Ich selbst habe während des Krieges manchen der Bundesbrüdcr zufällig getroffen. Mit Kttnzel, Reserve-Offizier im 15. Regiment, konnte ich in Metz wenige Tage nach der Übergabe der Festung bei einer guten — 104 — Flasche Sieg und Wiedersehen feiern. Den Feldzug im Norden machte Lisvin, Einjähriger im 4. Regiment, beim I., ich als 28er beim VIII. Armeekorps mit. Während sein Regiment vorübergehend in Amiens stand, kam ich als Leichtverwundeter dorthin. Ich suchte ihn auf und an mehreren Abenden saßen wir mitten in Feindes Land beim Bier und Skat zusammen und erzählten von unseren Kriegsabenteucrn. Nicht weit von Amiens begegneten Beckhaus, der Assistenzarzt bei einem Ulancnregiment war, und ich einander während des Marsches bei strenger Winterkälte und tauschten wenigstens einen eiligen Händedruck. Während der Okkupationszeit fuhr ich mit Urlaub von Amiens nach St. Denis und fand dort Gottschalk und Merschberger, die im Garde-Füsilier-Ncgiment standen. Gemeinsam genossen wir von der Spitze einer Seincinsel aus den wunderbaren Anblick, wie der geschlagene Feind die Waffen gegen sich selbst wendet. Mit Hülfe eines guten Fernrohres konnten wir uns mitten zwischen die kämpfenden Parteien versetzen. Wir hörten wieder einmal heftiges Gewehrgeknatter, das langgezogene Sausen der Granaten und sahen, selbst friedliche Zuschauer, uns zur Seite den Bauer, dank der Sicherheit, die ihm der Landesfeind gab, seinen Acker bestellen und lange Züge flüchtiger Bewohner den Schutz unserer Waffen aufsuchen. In anderen Gegenden des weiten Kriegsschauplatzes begegneten sich andere Alemannen. So erzählt Hantel in seinem Buche „Aus dem Siegesjahre 1870/71. Kriegsfahrten eines Truppenarztes Zc.", wie er auf dem Schlachtfelde von Beaugency seinen Freund Lose wiedersah, als dieser, gerade aus dem Lazarett entlassen, auf dem Wege war, um sich seinem im Gefecht befindlichen Bataillon, einem mecklenburgischen, wieder anzuschließen. Den berühmten Schlägerschmiß, den ihm ein Frankone über sein ganzes großes Gesicht, vom Ohr durch Backe und Mund bis zum Kinn gerissen hatte, durchkreuzte jetzt die frische Narbe eines Chassepotschusses. Die breite Brust mit dem eisernen, mit dem goldenen mecklenburgischen Kreuz und dem russischen St. Georgsorden geschmückt, so ist Lose im Sommer 1871 aus dem Felde über Bonn in die Heimat zurückgekehrt. An der Loire hatte er während des Krieges auch die beiden Brüder Michels gesprochen, die als Ärzte eine Zeit lang in Kriegsgefangenschaft gesessen hatten, und auch Hager gesehen, der über seine Erlebnisse als Arzt im Felde mancherlei Interessantes in den Burschenschaftlichen Blättern veröffentlicht hat. Während wir so durch Feindesland zogen und unter Mühsal und Freuden die Einigkeit des deutschen Reiches, das langersehnte Ziel der Burschenschast, erstreiten halfen, war am Rhein das Couleurlebcn doch — 105 — nicht ganz erloschen. Als Gustav Osthofs geheilt von seiner Krankheit aus Frankreich zurückkehrte, fand er in Bonn seinen Bruder und sechs jüngere Alemannen vor, die das Unglück ' gehabt hatten nicht für kriegstauglich befunden zu sein. Die übrigen Burschenschaften waren eingegangen, Teutonen gab es, von Mensuren beschloß man aber während des Krieges abzusehen. Unsere Leute richteten sich bei der kleinen Zahl, die im Laufe des Winters nur um zwei Füchse stieg, so gut es ging, auf dem Schänzchen ein, indem sie die größere Kneipe mit dein kleinen Zimmer im ersten Stock des Vorderhauses vertauschten. Hier hatten sie sich behaglich eingelebt, wenn nur mit Zartmann, dem Wirt des Schänzchens, besser auszukommen gewesen wäre, aber der machte ihnen mit ständigen Klagen das Leben schwer. Daß er so ganz Unrecht gehabt hätte, kann man nicht sagen. Denn weder mit der Essigfabrik noch mit der Nestauration machten er, sein Vater und sein Bruder glänzende Geschäfte, und wir selbst hatten bei ihm Schulden. Das war nun freilich nichts Neues, aber in früheren Jahren, als die Kneipe für die vielen Zecher kaum groß genug gewesen war, hatte er an uns gnt verdient, jetzt dagegen nahm er bei den wenig Leuten wenig ein, und die natürliche Folge war, daß er das Ausstehende einzuziehen suchte. Es war nicht so sehr der Krieg, wie der Jahresbericht sagt, der die bedenkliche Lage der Burschenschaft herbeiführte, die Verschuldung war viel älteren Datums. Auch die in den letzten Semestern aktiv gewesenen Leute traf kein eigentlicher Vorwurf. Man kann wohl nachträglich behaupten und zugeben, daß bei den großen Festen, dem Universitätsjubiläum und dem 25jährigen Stiftungsfest, die in Jahresfrist einander folgten, hätte gespart werden können. Aber das ist bei solchen Nepräsentationspflichten nicht so leicht, und diese Feste haben doch auch, da die Kosten auf die Teilnehmer gleichmäßig verteilt und die Jubiläums- kassen von der Hauptkasse getrennt wurden, höchstens insofern dazu beigetragen die Lage zu verschlimmern, als sie die Geldbeutel der einzelnen Mitglieder stärker als gewöhnlich in Anspruch nahmen und vielleicht den einen oder anderen zur Bestreitung der gewöhnlichen Ausgaben weniger fähig machten. Von diesen Festen sind Schulden nicht zurückgeblieben, weder in Bonn noch in Oberwesel, sondern die Termine sind regelrecht eingehalten worden. Die Hauptschuld an der Lage trug thatsächlich die andauernde Abnahme der Mitgliederzahl, die bei ihrem Anfang im Jahre 1867 als nachteilig zwar gar nicht empfunden war, jetzt aber, da sie an ihrer äußersten Grenze anlangte, fast einen Zusammensturz zur Folge gehabt Hütte. Denn keineswegs ließen sich in gleichem Maße, wie die Mitgliederznhl zurückging, die Ausgaben der Burschenschaft verringern, manche mußten in gleicher Höhe bleiben, eine und zwar die bedeutendste ist sogar gewachsen. Für die eigenen Ausgaben, d. h. diejenigen, die die Burschenschast als solche hatte, ist es ihr immer möglich gewesen aufzukommen. Die Gefahr für die Semester zu Ende der 60 er Jahre bestand in der Pflicht, die Kneipschulden der früheren Aktiven und Inaktiven bis zur Höhe von Ilk Thalern zu übernehmen, wenn sie nach einem Vierteljahr nicht bezahlt waren, und sie wuchs natürlich, je mehr Mitglieder Bonn verließen oder austraten. Die von Semester zu Semester zusammenschmelzende Zahl der Zurückbleibenden stand dem Anschwellen deS allgemeinen Kneippumpes machtlos gegenüber. Bei den Inaktiven konnten Ehrentermine helfen, aber gegen die Ausgetretenen oder Exmatrikulierten gab es, wenn sie nicht zahlen wollten oder konnten, kein zwingendes Mittel, und der Wechsel der Aktiven reichte nicht aus die übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen. Trotzdem sind mehrmals an ihn starke Anforderungen gestellt worden. Zu Ostern 1867 schuldete die Burschenschaft als solche, abgesehen von den Einzelpümpen, dem Wirte Zart mann 1040 Thaler. Davon zahlte sie im Laufe des Sommersemesters durch den Kassenwart West- phalen baar 333 Thaler ab. Aber der Rest blieb immer noch so bedeutend, daß es dem Wirte nicht verübelt werden konnte, wenn er auf weitere Abzahlung drang, obschon seine Forderung, den allgemeinen Pump gleich bis auf 150 Thaler herunterzubringen, übertrieben war. Man nahm die Sache anfangs noch leicht, auch als er mit Kündigung drohte, und beschloß nur, die alten Leute und Inaktiven, an die die Burschenschaft im ganzen eine Forderung von nahezu 900 Thaler hatte, zur Bezahlung anzuhalten. Aber Zartmann ließ nicht nach, sondern erklärte Januar 1868 in allem Ernst, daß er bis zum Februar 600 Thaler verlange. Da von den alten Herren nur gut 300 Thaler einliefen, sahen sich die Aktiven genötigt durch eine doppelte Wechselsteuer fast die gleiche Summe aufzubringen. Dieser „heroische" Entschluß und die eigene eifrige Thätigkeit machten es dem Kassenwart Leop. Schmidt möglich, am 1. Februar auf einem Brett dem Wirt wirklich die 600 Thaler aufzuzählen, eine Leistung, die alle Anerkennung verdient. Der Wirt selbst war so überrascht, daß er sich bei Ausstellung der Quittung das schriftliche Versprechen abnehmen ließ, bis zum 1. März 1870 „weder durch Drohen mit Kündigung noch auf irgend eine andere Weise zur Bezahlung des offiziell garantierten Restes zu nötigen, falls der garantierte allgemeine Pump (außer dem für jeden Alemannen garantierten Privatpump von 12 Thalern) die Summe von 300 Thalern nicht übersteige." — 107 — Aber schon im Oktober 1869, also vor jener Frist, kündigte Zartmann von neuem, weil die Burschenschaft ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen sei, was insofern richtig war, als der garantierte Zwölf- thalerpump der abgehenden Alemannen in den letzten Semestern nicht regelmäßig bezahlt worden war. Es gelang nun zwar durch Zugeständnisse im neuen Kontrakt, indem z. B. die Burschenschaft sich verpflichtete schon Mitte statt Ende des Semesters den Zwölfthalerpump zu berichtigen und mit dem allgemeinen Pump auf 150 Thaler heruntergehen, und durch Zahlversprechungen die Zurücknahme der Kündigung zu erwirken, aber nun hieß es auch das nötige Geld aufbringen. Das war bei dem sorgenvollen Anfange des Semesters nach dem 25. Stiftungsfest eine neue Sorge. Da von 20 Aktiven des Sommersemesters 11 Bonn verlassen hatten, so stand zu befürchten, daß der allgemeine Pump um eine entsprechende Summe von 11X12 Thaler wachsen würde, wepn nicht energisch vorgearbeitet wurde. Da fiel dem Kassenwart wieder die ebenso unangenehme wie undankbare Aufgabe zu, an inaktive, alte und frühere Mitglieder, von denen damals im ganzen beinahe 700 Thaler ausstanden, einmal und nochmals zu schreiben und sie zur Bezahlung aufzufordern. Indem auf diesem Wege wirklich 280 Thaler einliefen und indem man sich, auch angesichts anderer Ausgaben, wieder wie vor zwei Jahren zu einer doppelten Wechselsteuer entschloß, die von 9 Aktiven 162 Thaler einbrachte, wurde es möglich, Zartmann zu befriedigen. Vom Januar bis April des Jahres 1871 wurden ihm durch den Kassenwart in Raten 329 Thaler ausgezahlt, so daß der allgemeine Pump auf 220 Thaler herunterging. Von den kontraktmäßig noch zu zahlenden 70 Thalern waren im Sommer schon 10 bezahlt, als der Krieg ausbrach. Der Wirt meldete sich mit Beginn des Wintersemesters. Er hatte ein Recht zu fordern, daß der Pump bis auf 150 Thaler abbezahlt würde, das war eine Forderung von 30 Thalcrn, er verlangte aber, daß die kontraktmäßig erst im Januar fälligen Einzelpümpe der inaktiven Alemannen und die Pümpe der Kneipgäste, für die die Burschenschaft überhaupt nicht garantiert hatte, sofort auf den allgemeinen Pump übernommen würden. Es war der erste Fehler, der in diesem Winter bei den Verhandlungen mit Zart mann gemacht wurde, daß man auf diese unberechtigte Forderung einging. Der zweite, schlimmere, war aber, daß der Kassenwart trotz eines gleich gefaßten Konventsbeschlusses und trotz späterer Ermahnung nicht dafür sorgte, daß ausstehende Gelder eingezogen wurden. Wollte man auch annehmen, daß während der Kriegszeiten Summen wie früher nicht aufzubringen waren, so mußte er doch wenigstens den Versuch machen. Er — 108 — hat aber nicht einen einzigen Brief an einen der schuldenden alten Herren geschrieben. Das; man ihn daraufhin absetzte, war das Mindeste, was man thun konnte. Es war die Schuld des Konventes, wenn zur Besserung der Lage nicht mehr geschah. Diese war noch gar nicht so schlimm. Denn da Zart mann im Dezember seine Forderung darauf beschränkte, daß 50 Thaler vor und 5V Thaler nach den Weihnachtsferien bezahlt würden, so brauchte man nur zu dem Mittel der früheren Jahre zu greifen und eine doppelte Wechselsteuer auszuschreiben. Daran dachte man aber nicht oder wollte man nicht denken. Man erhob für das lange Wintersemester pro Kopf nicht einmal so viel wie für das kurze Sommerscmester, und dieselben, die im vorigen Winter 16 Thaler gezahlt hatten, zahlten in diesem 6 oder nur 5. Acht Aktive brachten nur 50 Thaler auf, und an Zartmann wurden durch den Kassenwart überhaupt nur 35 Thaler gezahlt, und doch fielen in dieser Zeit mancherlei Ausgaben wie z. B. Mensuren von vornherein fort. Aber trotz dieser offenbaren Saumseligkeit hätte Zartmann es vielleicht nicht zun; Bruch kommen lassen, obwohl er damit drohte sich wegen Kränklichkeit vom Geschäft zurückzuziehen, wenn nicht von unserer Seite der letzte und schlimmste Fehler begangen wäre. Am 11. Februar 187i wurde, wie alljährlich, das Stiftungsfest der Fridericia mit einer Musikkneipe gefeiert. In dem Konvent, der vorhergegangen war, hatte man, da die Verhandlungen mit Zartmann gerade einen günstigen Verlauf zu nehmen schienen, beschlossen alles zu thun, um das Schänzchen zu halten. Aber an den; festlichen Abend erhitzten sich die Gemüter. Als es in später Stunde zu einem Wortwechsel mit dem Wirte kam, redete man sich in die Stimmung einer gerechten Entrüstung hinein, und das Wort Kündigung fiel. Der Gedanke, das; man den Pump nicht bezahlen könne und also wahrscheinlich ohne Kneipschmuck in eine neue Kneipe übersiedeln müsse, steigerte die Erregung. Der unsinnige Vorschlag tauchte auf, zu retten, was zu retten sei, und schnell war der Entschluß gefaßt. Jeder ergriff, was er tragen konnte, Bilder, Hörner, Schläger, und so ausgerüstet zog man in die dunkle Nacht hinaus, nicht rheinauswärts, da in diesem tollen Aufzuge das llmklcttern des Gitters zu schwierig gewesen wäre, sondern den; Kölnthore zu. Der kleine Flu es rettete das große Trinkhorn, das ihn; besonders ans Herz gewachsen war, die noch kleinere „Trichine" brach unter der Last eines Semesterbildes, das man ihn; aufgepackt hatte, schon vor den; Kölnthore zusammen, hier fand am folgenden Tage ein Bürger das Bild vor seinem Hause, und noch anderes hätte bei diesem eiligen Rückzüge komisch genug erscheinen können, wenn nicht die — 109 — Sache zugleich eine so verzweifelt ernste Seite gehabt hätte. Und wie war das Erwachen? Der Kater, der sich im Laufe des Vormittags auf allen Buden einstellte, gehörte zu der schlimmen Art, die sich selbst durch bewährte Mittel nicht so leicht vertreiben läßt. Der Anblick der geborgenen Schätze hatte wenig Tröstliches. Denn sobald Zartmann vor Gericht klagte, mußten sie wieder herausgegeben werden. Jedenfalls war das Schänzchen verloren, verloren durch eigene Schuld. Denn wenn auch der größere Teil der Schulden aus alter Zeit stammte, die augenblickliche Lage war durch die unentschlossene und langsame Behandlung der Geldfrage während des Winters und durch die thörichte Übereilung des letzten Abends verschuldet. Auf ein Entgegenkommen des Wirtes durfte man eigentlich nicht mehr rechnen. Die trotzdem über eine Rückkehr in die verlassene Kneipe gepflogenen Unterhandlungen führten denn auch nicht zum Ziele. Man mußte froh sein gegen Bezahlung von 100 Thalern, die nach Ostern aus eigenem und von Öhmichen geliehenem Gclde aufgebracht wurden, einen Teil des Kneipschmuckes zu erhalten, der notdürftig ausreichte, die neue Kneipe bei Nied er stein auf der Sandkaul, die frühere Westfalenkneipe, einzurichten. Den übrigen Teil, darunter den ganzen Kommerswichs, behielt Zartmann bis zur vollständigen Tilgung der Schulden zurück. Das währte bis zum Februar 1872. Es war äußerst lästig, daß in der ganzen Zeit bis dahin, jedesmal wenn ein Kommers oder sonst eine Feierlichkeit bevorstand, um leihweise Herausgabe des notwendigsten Schmuckes unterhandelt werden mußte, und Zartmann that nichts, diesen Druck weniger fühlbar zu machen. Zur Zeit des unglücklichen Auszuges belief sich die ganze Schuld der Burschenschaft, allgemeiner Pump und Einzelpümpe, garantierte und ursprünglich nicht garantierte, alles in allem auf rund 375 Thaler. Demgegenüber hatte die Burschenschaft etwa 400 Thaler als Forderung an alte Herren und gegen 150 Thaler bei Aktiven und Inaktiven ausstehen. Hiervon wurde die letztere Summe im Laufe des Jahres zum größten Teile eingezogen und Zartmann übergeben, jene ältere Schuld aber, von der nur ein geringer Bruchteil eingelöst wurde, ist, als die Zeit der .Not vorüber war, gestrichen. Nur wenige der Beteiligten haben in rühmlicher Ausnahme, als sie in bessere Lage gekommen waren, sich selbst ihrer Schuld erinnert und sie nachträglich berichtigt. Haben auf der einen Seite also alte Herren versagt, so haben auf der anderen viele um so bereitwilliger geholfen. Es war von dein Konvent sehr verständig, daß er, um sich endlich von der drückenden Last zu befreien, die Scheu überwand und sich entschloß eine Anzahl besonders bekannter alter Herren brieflich um Hülfe zu bitten. Als in dein alten Hause Öh wichen, damaligem Privntdozentcn an der landwirtschaftlichen Akademie in Poppelsdorf, ein guter Ratgeber und in Voigtei ein eifriger Kassenwart gewonnen war, da kam die Sache in Fluß. Anfang Februar 1872 gingen die Briefe ab, und schon nach vier Wochen war durch Vcrmittelung Öhmichens mit Zart mann abgerechnet, der Nest der langjährigen Schuld, etwa 225 Thaler, war getilgt und die Burschenschaft wieder im Besitz ihrer ganzen Habe. Nachdem in den folgenden Wochen noch mehr Gelder eingelaufen waren, stieg die von alten Herren gespendete Summe auf 390 Thaler, so daß ein beträchtlicher Überschuß über das augenblickliche Bedürfnis vorhanden war. Die Zeit der Not war überwunden, die Sorge gebannt und an ihre Stelle das Gefühl der Sicherheit getreten. An der schnell und bereitwillig gewährten Hülfe erkannte der Aktive die treue Gesinnung der Alten, dankbaren Herzens fühlte er sich diesen verpflichtet und sich selbst zugleich fester gebunden an die Burschenschaft, der sie alle sich geweiht. Es war ein neues Geschlecht, das nach dem Kriege die rote Alemannenmütze trug. Von allen, die der Zeit vorher angehört haben, sind im Sommersemestcr l871 nur drei aktiv gewesen, Gustav Osthoff und Haake und nach der Heimkehr aus dem Felde und dem Einzug in Aachen vom 1. Juli an auch ich, nur einen Monat lang, einen kurzen, aber sorglosen, fröhlichen, glücklichen Monat am schönen Rhein, einen Monat, den noch volle Siegesstimmung beherrschte. Als Inaktive kehrten zurück für das folgende Wintersemester Nud. Gerlach und dann für drei Semester der kleine Flues, Ostern 1873 auch Haake und ich, im ganzen also nur vier Inaktive. Als alte Herren kamen nach dem Kriege für die Dauer des medizinischen Staatsexamens wieder nach Bonn die Doktoren Weyland, Jrle, Angenete, Bosch, Krüger und Zehn. Der Zusammenhang mit der alten Zeit ist also nie ganz zerrissen, eine Überlieferung setzte sich fort, aber doch bildet der Winter 1870/71 einen deutlich erkennbaren Abschnitt in der Geschichte der Alemannia. Es ist oft behauptet worden, durch den Krieg und seine Folgen habe die deutsche Burschenschaft jede Berechtigung verloren, denn mit der Einigung Deutschlands sei erreicht, was sie erstrebt habe, das Couleurwesen überhaupt kranke, es habe sich überlebt. Weder das Eine ist richtig noch das Andere. Was geeinigt ist, soll auch erhalten werden. Dazu braucht das Vaterland Männer. So unberechtigt wie der Vorwurf ist, den man gelegentlich aussprechen hört, daß die Burschenschaft sich anmaße, — III — sie allein heranzubilden — gewiß nicht, es führen viele Wege nach Rom — so berechtigt ist unser Anspruch, das; auch wir sie heranbilden und das; wir jedenfalls dabei der idealen Richtung den Vorzug geben. So lange also das Vaterland Männer von idealer Gesinnung braucht, so lange hat die Burschenschast das Recht und die Pflicht mitzuwirken au der Erziehung der studentischen Jugend Deutschlands. Das; wir alle so ideal wären, wer möchte es behaupten, aber daß die Besten es erstreben, ist gewiß. Zweitens ist falsch, das; die Burschenschast seit dein Kriege im Niedergang begriffen sei. Für die Burschenschaft Alemannia in Bonn beginnt im Gegenteil gerade mit dem Jahre I87l eine Zeit neuer Blüte. Es ist nicht plötzlich ein gewaltiger Aufschwung gekommen, langsam mehrt sich die Zahl, langsam gewinnt sie an innerer Kraft. War es von dem Sommcrsemester 1866 bis 1871 fast zur Regel geworden, das; jede Confuchsia, ausgenommen die von Herbst 1867, um mehr als die Hälfte im Laufe der Jahre zusammenschmolz, so folgten im Gegenteil nach jenem Zeitpunkt eine Reihe Semester von Bestand, auch nicht einer trat aus, und die dann folgenden verloren einen viel geringeren Prozentsatz. Es gingen ab von den 8 Semestern von S. 62 —W. 65/66 26°/«, in den 16 Semestern S. 66—W. 76/71 55°/», in den 6 Semestern S. 71—W. 73/74 nur l4°/„. Im Sommer 1873 hatten wir nach langer Zeit wieder einmal 12 Füchse und kamen mit den 5 Inaktiven auf 28 Mann. Auch insofern war es ein neues Geschlecht, als alle Leibfamilien ausstarben bis auf eine. Die Späteren müssen insgesamt Haake als ihren Stammvater verehren. Während des Krieges hatte er in Bonn unter schwierigen und auch verdrießlichen Verhältnissen standhaft ausgchalten. So hat sein Fuchsvers das Nichtige getroffen: Er krümmte sich bei Zeiten, Für Schwarz-rot-gold zu streiten i. d. A. An diesem in seiner aktiven Zeit oft scharfen und spitzigen Haken hängt das ganze neu herangewachsene Alemannen-Geschlecht. „Graf" Haake war aus Halle i. W. und hatte das Bielefelder Gymnasium besucht. Von dort folgten ihrem zukünftigen Lcibburschen Hartog und Voigtel »ach, und für ein Jahrzehnt bleibt Bielefeld uns treu. Westfalen überhaupt stellt uns nach wie vor die meisten Füchse, die Hälfte von allen, auch sonst blieb es, ums die Herkunft betrifft, beim Alten: nur noch Rheinländer aus dein südlichen und nördlichen Teil der Provinz sprangen ein, .einzelne Ost- und Wcstpreußcn, auch wieder einmal Lübecker, neues Blut brachten einige Östreicher, fröhliche Prager. Unter allen diesen trat keiner so hervor, daß man sagen könnte, ihm verdankt die Burschenschaft ihre neue Blüte. Aber man muß ihnen nachrühmen, daß sie fest zusammenhielten, daß sie für einander lebten, daß sie stramm waren nach außen, gemütlich untereinander, mit geringen Ausnahmen alle brauchbar und tüchtig. Sie haben auch im späteren Leben ihren Weg gemacht und sind, von einem einzigen abgesehen, alle zu Amt und Würden gekommen, so wie sie es in der Jugend geplant hatten. Es waren unter ihnen gewiß große Gegensätze vorhanden. Der feine, kleine Hartog, der stillvergnügt sein Pfeifchen rauchte und mit dem lebhafteren, leider schon damals Herzkranken Voigtei fest an seinem Leibburschen hing, der „chrausige" Spitzbarth, der in seinem Thatendurst lärmend um sich schlug, dann der sangcsfreudige Jösting und der schüchterne, wortverlegene Schindler machten im Sommer 1871 den Anfang. Im nächsten Semester treten auf Ruer und Graeve, die beide nachher Sprecher geworden sind. Jener hatte es bei den Ghibellincn in Tübingen und bei den Dresdcnsern in Leipzig versucht, aber erst, als er im 4. Semester nach Bonn kam, fand er bei uns das Wahre. Er war lebhaft und empfindsam, warm schlug ihm das Herz für seine Freunde. In kurzein wurde er zum Bierzeitungsredaktenr gewählt, wozu ihn, den Dichter des zuerst in der Bierzeitung der Drcsdcnsia erschienenen Liedes: „Es saßen die alten Deutschen an beiden Ufern des Rheins," Witz und Humor besonders empfahlen. Graeve, der von seinem weit älteren Bruder bei uns eingeführt wurde, war schmuck in seinem Äußeren, zurückhaltend, ruhig und sicher in seiner Haltung, ein überzeugter Anhänger der idealen Richtung in der Burschenschaft. Mit ihnen sprangen Stein und Dewitz ein, beide rege und strebsam und doch ganz verschieden, Dewitz, hager von Gestalt, nachlässig in Gang und Kleidung, ein fleißiger Historiker, Stein ein ebenso eifriger Jurist, volltönend in Sprache und Auftreten. Unter den Füchsen von Ostern 1872 stehen sich in ähnlicher Weise gegenüber der rauhbärtigc, wildgewaltige Ger lach, ein heißblütiger Nnheländer, und der niedliche, rundwangige, immer fröhliche Natorp, dem schweigsamen Wortmann und dem festen, braven, für Wald und Jagd begeisterten Mötke lBertels- mann), der von der Prima aus mit dem Gewehr auf der Schulter nach Frankreich in den Krieg gezogen war, der bewegliche, muntere, nie redemüde Philippi und der gleich redegewandte Lehmann, Sprecher im Sommer 1874. Es folgt die kleine aber stramme Confuchsia des Winters 1872/73, Beckhaus, Wißmann und Schulte, hochgewachsen und kräftig die beiden ersten, alle drei von gleichem Paukeifer beseelt, wenn auch nicht gleich vom Glücke begünstigt. — 113 — Aber die Verschiedenheit der Charaktere, die sich bei allen erwähnten und bei den folgenden Semestern zeigte, hat nicht zur Trennung gefuhrt, sondern zur Einigung, es war eine Verschiedenheit, die sich anzieht und ergänzt. Dafür ist der beste Beweis, das; gerade diese Semester von 1871/1874 noch heute durch eine sogenannte Korrespondenz, die dritte in der Alemannia, eine regelmäßige Verbindung aufrecht erhalten, indem ein jeder alljährlich in ein umlaufendes Buch einen Brief einträgt und so allen Nachricht giebt und von allen Nachricht erhält. Damals entwickelte sich trotz der ungünstigen Kneiplokale das Kneipleben mit großer Fidelität. Schon zu Ostern 1872, also nach einem Jahre, war die Kneipe bei Niedersten: auf der Sandkaul von uns aufgegeben, nur ein halbes Jahr blieben wir dann in der Wilhelmstraße bei Arenz. Kommerse konnten wir dort nicht halten, weil die Musik nicht über 11 Uhr hinaus spielen durfte, wir feierten sie also im Sommer 1872 zu Anfang und zu Ende des Semesters wieder auf dem Schänzchen, das auch sonst gelegentlich als Exkneipe diente; an eine Rückkehr für immer aber war in jener Zeit nicht zu denken, weil Zartmann erklärt hatte die Wirtschaft überhaupt aufgeben zu wollen. Herbst 1872 siedelten wir in die alte Wirtschaft von Felder über, die dann Löllgen führte, die sogenannte Nheinlust unten an der Ecke der Josefstraße. Der Kneipraum, der eine Treppe hoch nach dem Garten lag, genügte für die wachsende Zahl, was ihm an Schönheit und Reinlichkeit abging, mußte, so viel als möglich, der Kneipschmuck verdecken, das Bier war gut, leicht und gesund, so fühlten wir uns trotz mancher Unbequemlichkeiten sehr wohl, es wurde flott und gemütlich gekneipt. Für die Bierzeitung brach unter der Leitung von Nuer wieder eine glänzende Zeit an, Dewitz, Natorp, Eschenburg waren im Anfang eifrige Mitarbeiter und dann hervorragende Bicrzeitungsredakteure. Damals kam auch der Spinnkomment unter uns auf, wohl durch den Einfluß der sich mehrenden Kneipgäste, von denen viele engen Anschluß an uns fanden. Vorher waren wir auf der Kneipe nur dem Kneipwart Gehorsam schuldig, gegen seine allzugroße Strenge bildete Berufung an den Konvent das Gegengewicht. Als einzige Regel hatte gegolten Vorgetrunkenes nachzukommen, kein Bursche hatte den Fuchs, kein älteres Semester das jüngere durch Kommando zum Trinken zwingen können. Jetzt war es umsonst, daß sich das höchste Semester bemühte der Einführung des Spinnkomments, diesem geistlosen Mittel unbequeme Opposition in Bier zu ersäufen, entgegenzuwirken. Es hat doch die Neigung, nachdem man selbst gemeistert war, andere zu meistern, den Sieg davongetragen. 8 Allgemeine Zustimmung fand eine andere Neuerung. Pfingsten 1873 hielten zum ersten Male alte Herren eine Zusammenkunft in Nolandseck ab. Die Teilnahme war so rege, das Wiedersehen so fröhlich, das; man beschlos; das Fest alle zwei Jahre zu wiederholen. Es wurde aber bald daraus eine jährliche Feier, ein neues Band, das die Beziehungen zwischen der Burschenschaft und ihren alten Herren noch fester zu knüpfen geeignet war. Ihre eigenen Ausfahrten machte die Burschenschaft nach Kommersen meist noch in den Adler nach Godesberg, zuweilen aber auch nach Remagen und an die Ahr. Auf allgemeinen Kommersen zu erscheinen und in öffentlichen Aufzügen das Banner der Alemannia zu entfalten, bot jene Zeit mehrfach Gelegenheit. Mit Fackelzug und Kommers wurden im Wintersemester 1872/73 die Professoren Schultz« und Clausius und darauf Hälschncr gefeiert, im Sommer vorher war der Professor Hundeshagen, ein alter Burschenschafter, zu Grabe geleitet und im Winter nachher hatten wir die traurige Pflicht den Professoren Schultze und Hilgers die letzte Ehre zu erweisen. Im Sommersemester 1872, als es galt in Straszburg, der Hauptstadt der einst schmachvoll verlorenen und jetzt durch das einige Deutschland ruhmreich zurückeroberten Reichslande, deutscher Wissenschaft wieder Eingang zu verschaffen und schlummernde Kräfte in altdeutschem Kulturboden wieder zu beleben, da war die Burschenschaft Alemannia bei der Einweihung der neuen Hochschule durch 6 Aktive vertreten, die sie mit Fahne und Wichs hingesendet hatte. Jede Konventionsburschenschast, auch die entfernteste, war in gleicher Weise vertreten, die süddeutschen hatten mehr Teilnehmer gestellt, einige waren sogar vollständig auf dem Platze erschienen. Mit ungefähr 150 Mann trat die Konvention geschlossen auf und half durch ihre Teilnahme an dem feierlichen Umzüge und den anderen Festlichkeiten nach Kräften die patriotische Feier würdig zu gestalten. Es war das letzte Mal, daß die Konvention in ihrer damaligen Zusammensetzung sich so einig zeigte. Dem guten Anfang ihrer Entwicklung entsprach nicht die Fortsetzung. Statt Vermehrung und Stärkung folgte Streit und Trennung. Gegensätze persönlichen Ursprungs, die besonders in Göttingen und Marburg hervortraten, erweiterten sich zu feindlicher Haltung ganzer Burschenschaften und verringerten die Hoffnungen, die sich für die burschcnschaftliche Sache an die Konvention knüpften. Die Marburgcr Arminia beschuldigte die Hannovcra mit dem Ehrenworte leichtsinnigumgegangen zu sein und stellte auf demBurschentagc zu Eisenach Pfingsten 1872 den Antrag die Hannovera aus der Konvention auszuschließen. Da der — 115 — Beweis für die Beschuldigung nicht erbracht werden konnte, wurde der Antrag abgelehnt. Aber die mit Erbitterung geführten Verhandlungen hatten den Vertretern aller Burschenschaften mit Ausnahme des grün-wcisz- roten Kartells die Überzeugung verschafft, daß zur Zeit ein Zusammengehen mit der Hannover« nicht möglich sei. Sie beschlossen daher durch Austrittserklärungcn die Konvention aufzulösen. Unmittelbar nachdem das geschehen war, traten sie zu einer neuen Konvention zusammen, die sich von der alten nur dadurch unterschied, das; das grün-weiß-rote Kartell fehlte. Es wurde weder an den Statuten noch an der Reihenfolge des Vorsitzes irgend etwas geändert. Dieses selbständige Vorgehen der Vertreter fand nachträglich die Billigung aller Konvente. Die Neubildung der Konvention wird verschwiegen im Handbuch für die Deutschen Burschenschafter, § 33, während Z 35 von den „Resten der Konvention" gesprochen und §110 richtig angegeben ist, daß die Alemannia der Konvention bis 1876 angehört hat. Auch E. Dictz in den Bursch. Blättern 1889/90 IV, 2 und 1893/94 VIII, 6, S. 152 schließt die Konvention mit dem Jahre 1872 ab, ohne ihre Erneuerung zu erwähnen. Das giebt aber ein falsches Bild. Weil die Hannovera durch ihr Kartell gestützt wurde, brachen die übrigen elf Burschenschaften mit dem Kartell, die Konvention hat thatsächlich bis 1876 bestanden. Aber ihrem Ziele kam sie nicht näher. Zwar fand im Januar 1873 die Wiener Silesia Aufnahme, aber dafür schieden im Juli desselben Jahres die Brunsvigen und Marburger Arminen aus. Erstere lebten in Uneinigkeit mit ihren Kneipgüsten, die sie enger mit sich verbunden zu sehen wünschten, als diesen lieb war. Unter anderen Anträgen hatten sie auf dem Burschentage auch den gestellt, die Kneipgäste zur Ermittelung von Thatsachen vor ihr Ehrengericht ziehen und auf Revokation und Deprekation gegen sie erkennen zu können (Brief d. präsid. B. Tüb. Germ. 22. 5. 73). Auf die Ablehnung der Anträge, die mit großer Mehrheit erfolgte, antworteten die beiden genannten Burschenschaften mit der Austrittserklärung. Unter den Kneipgüsten der Brunsviga befanden sich auch vier unserer Inaktiven. Obwohl nun auch diese zeitweise auf sehr gespannten Fuße mit ihr gestanden hatten, so bot uns die Göttinger Burschenschaft doch gleich nach ihrem Austritt einen Gastvertrag an, der unsere Inaktiven in Göttingen bei ihr und umgekehrt die Brunsvigen in Bonn bei uns verpflichtet hätte das Gastrccht nachzusuchen. Sie wollte damit offenbar zum Ausdruck bringen, daß die Beziehungen beider Burschenschaften zu einander lange Zeit gute gewesen seien (Brief vom 16. 7. 73), und für die Zukunft dasselbe erreichen. Wir waren aber gar nicht in der 8» Lage den Antrag anzunehmen, weil er uns in Widerspruch mit den Statuten der Konvention gebracht Hütte. Ein Aufruf zur Vereinigung aller Burschenschaften ging im Dezember 1373 von der Grcifswalder Rugia aus. Diese Angelegenheit war noch nicht erledigt, als Ostern 1874 der Vorsitz in der Konvention an die Alemannia in Bonn überging. Eine Zeit lang war die irrtümliche Meinung verbreitet gewesen, daß die der Konvention angehörigen Burschenschaften beigetreten seien, und infolge davon war von den Bonner Frankonen an uns die Aufforderung ergangen mit ihr einen Bonner DE zu gründen. Wir waren aber weit entfernt davon zu einem Schritte die Hand zu bieten, der eine solche Gründung zur notwendigen Folge gehabt Hütte. Ebensowenig hielt die Konvention eine Vereinigung mit den übrigen Burschenschaften, die sich zum Teil eines sehr zweifelhaften Rufes erfreuten, für möglich. Durch ein schleunig erlassenes Rundschreiben und durch Mitteilung nach Greifswald klärten wir den Irrtum auf. Die Rugia hatte sich mit ihrer Einladung an die einzelnen Burschenschaften gewendet, die Konvention als solche erteilte die ablehnende Antwort. Eine gleiche ging nach Beginn des Wintersemesters 1874/75 an die Hannovera nach Göttingen ab, die im Auftrage des grün-weiß-roten Kartells von neuem zu einem Eisen ach er Deputierten-Konvent, der denn auch wirklich zu stände kam, eingeladen hatte. Zu den Bonner Verbindungen blieb also unser Verhältnis unverändert. Die Marchia hatte vor Ostern 1871 mit uns wegen eines Paukverhältnisses unterhandelt, gerade als es zum Abschluß kam, flog sie auf. Eine Märkermensur habe ich nie gesehen. Mit der Helvctia, die sich im März 1872 wieder aufgethan hatte, paukten wir im Sommer; im November 1872 wurde sie von uns, im Mai 1873 von Frankonen und Teutonen in Verruf gesteckt, so verschwand sie von der Bildfläche. Mit den beiden zuletzt genannten Verbindungen haben wir seit 1871 ein regelmäßiges Paukverhältnis unterhalten, dessen Ton im ganzen anständig geblieben ist. Seit November 1872 tauschen wir auf unseren Wunsch zu Anfang des Semcrsters Mitgliederverzeichnisse aus. An Zahl waren wir ihnen gewöhnlich überlegen, wie weit wir allen in den Waffen überlegen waren, das läßt sich zahlenweise nicht mehr feststellen. Denn über die Mensuren ist von unserer Burschenschaft grundsätzlich nie Buch geführt worden. Die Mensur galt uns immer nur als Mittel zum Zweck, nicht als Selbstzweck. Auch Mensurbänder mit Angabc des Gegners, der Abfuhren, der Nadeln waren bei uns nicht Brauch; versuchte es einer einmal mit einem solchen, so galt er als schlimmer Pauk- simpler. Wenn ich heute an meine eigenen Meilsuren zurückdenke und nicht einmal den Namen des ersten, mit dem ich los war, und ebensowenig den des letzten anzuführen imstande bin, so beunruhigt mich das sehr wenig. Was wir von uns fernhalten wollten, war Nenommage, und das ist uns auf diese Weise gelungen. Darum war man nicht gleichgültig gegen den Waffenerfolg. Mancher Sieg ist auf fröhlicher Kneipe gefeiert worden, und die Semesterberichte betonen mit Vorliebe das Glück auf der Mensur. An guten Schlägern hat es uns selten gefehlt. Nach Tübingen und Würzburg, nach Göttingen und Leipzig haben sie als Inaktive unseren Ruf getragen. Im Jahre 1867 verfügten wir über eine Reihe gefürchteter Klingen, was bei der großen Mitgliederzahl' nicht zu verwundern war, aber auch aus der späteren Zeit lassen sich Namen von gutem Klang nennen. Der jüngere Beckhaus hat sich schon in seinem 2. Semester, im Sommer 1873, einen Namen gemacht, indem er einen Verdenser, der in Göttingen auf seinen vier ersten Mensuren vier Abfuhren ausgeteilt hatte und dann, um Gastrollen zu geben, nach Bonn gefahren war, mit einer festen Abfuhr heimschickte. Allerdings sind auch auf unserer Seite auffällige Abfuhren zu verzeichnen. Borges mußte, nachdem ihm mitten auf dem Kopf ein gefährlicher Schmiß die Hirnschale zersplittert hatte, so daß man nach der Heilung fast einen Finger hineinlegen konnte, bei späteren Mensuren eine starke Schutzplatte tragen, Stachelhauscns Stirn war mit Blühe geflickt, zwei parallele Linien durchfurchten die Stirn Geyers von der einen zur anderen Seite, und manche Backe war mit einer Tiefquart oder einem Durchgerissenen geschmückt. Doch das war in den Jahren vorher auch so gewesen, man braucht nur an Madelung und Leopold Schmidt, an Lose und Tillmanns zu erinnern. Wenn ich hier an eine Bemerkung Hcssel's anknüpfen soll, so hat sich die Praxis auf der Mensur, glaube ich, nicht so sehr geändert, wie seine Worte vermuten lassen. Allerdings hielten wir auf ruhiges Stehenbleiben. Ein Herumlaufen mit dem ewigen Terzengetrommel auf den Arm des Gegners schien uns unschön und unzweckmäßig, und kam es vor — ich erinnere mich an einen Fall aus dem Sommer 1869 — so blieb unsere Unzufriedenheit nicht ohne deutlichen Ausdruck: der Betreffende gehört nicht mehr zu uns. Aber Deckung zu nehmen verschmähten wir keineswegs. Das verlangt auch gar nicht der feste Stand. Wer es gelernt hat, kann stehend die Tiefquart besser parieren als mit einem Seitensprung, der nur zu leicht von der Mensur abführt, um von dem Ausweichen mit dem Kopfe gar nicht zu reden. Mit der Klinge soll man den Hieb auffangen oder ihm zuvorkommen. Denn nicht allein das Abwehren ist wichtig, auch dcn Gegner zu treffen gilt es. Dazu gehört Geschicklichkeit und Mut. Das war früher so und wird auch heute noch so sein. Eine Abfuhr auszuteilen war immer das Beste, aber ohne Blutigen und ohne Nadel die Mensur zu verlassen galt wenigstens zu unserer Zeit noch für besser als mit dem Eisbeutel im Korbe zu liegen, vorausgesetzt natürlich, das; stramm gepaukt worden war. Der Schmiß im Gesicht allein war uns weder ein Beweis für Mut noch für Geschicklichkeit. Den guten Schlager ließen wir schlagen, wie er wollte, manch einem müßigen haben auch wir zugeredet nur draufzuschlagen, ganz gleich, ob es mit einer Abfuhr für ihn ende oder nicht. Ob es richtig ist, was man jetzt öfter sagen hört, daß das Pauken in dcn letzten Jahren wüster geworden sei und daß zu viel mit der Backe pariert werde, weiß ich nicht. Vielleicht kommt aber der einzelne jetzt öfter auf die Mensur. Mehr zerhackt als zwei unserer Kneipgüstc es waren, ein Vrunsvige und ein Pflüger, wird heutzutage kaum jemand sein. Beide waren gute Schlager, doch ihre Mensuren waren zahllos. Aber jedenfalls in anderer Beziehung hat sich im Anfang der 70 er Jahre die Anschauung der Aktiven etwas geändert. Dem Z 6 unserer Statuten ist ein Satz angehängt worden, der sich, später ergänzt durch einen ferneren Zusatz, bis jetzt erhalten hat. Dieser Z 0 verwirft grundsätzlich das studentische Duell und fordert doch für jede Beleidigung unbedingte Satisfaktion. Dieser Widerspruch hat zu mancherlei Mißverstündnissen und Meinungsverschiedenheiten Anlaß gegeben. Die bestehenden Paukverhältnisse brachten oft Contrahagen ohne vorhergegangene Beleidigung mit sich. Es war alter Brauch auf das Trottoir am Markt zu gehen und sich dort ankontrahieren zu lassen. Das Ehrengericht gestattete das, es bestraste nur leichtsinnige Provokation und unpassendes Benehmen. So lange nun die Alemannia die stärkste Verbindung in Bonn war und über vierzig und mehr Aktive verfügte, so lange hatte man Überfluß an Kontrahagen und Mensuren. Da doch nicht alle Kvn- trahagen ausgepaukt werden konnten, so brauchte nicht jeder zu kontrahieren. Wer die Lust verspürte, der ging aufs Trottoir, wer keinen Gefallen daran fand, unterließ es. Der eine hielt sich daran, daß die Statuten die Mensur als „eine durch die bestehenden Verhältnisse gebotene Notwendigkeit" anerkannten, der andere betonte, daß nur eine Beleidigung Satisfaktion erfordere. Es war nicht nötig, daß er auf die Mensur ging, um seinen Mut zu zeigen, sondern es kam nur darauf an, daß die anderen das Vertrauen in ihn setzten, er werde gegebenen Falles den Mut zeigen. — 119 — Das wurde anders, als gegen Ende der 60 er Jahre unsere Zahl immer mehr zusammenschmolz und in wenigen Semestern von 50 auf 12 Aktive herunterging. Wenn die Gegner, um überhaupt Paukcreien zu stände zu bringen, uns aufsuchen mußten, so konnte es auffallen, wenn gerade der eine oder andere nicht zu finden war. Der Gedanke oder gar das Gerede, er könne absichtlich die Wege meiden, enthielt eine Beleidigung und mußte die Stellung der Burschenschaft schädigen. Jetzt nahm nicht nur der Bursche seinen Leibfuchs mit auf das Trottoir, auch der Paukwart sorgte dafür, daß alle Füchse des Weges zogen. Zugleich kam aber auch der Kamps um die Form des Paragraphen in Fluß. Wie sollte man den Fuchs, der sich mitzugehen weigerte, überreden oder zwingen? Er berief sich auf die Statuten und sagte, er sei dazu nicht verpflichtet; er konnte weitergehen und behaupten, das Trvttoir- gehen sei statutenmidrig. So lange kein begründeter Verdacht auf Feigheit vorlag, war das Ehrengericht nicht in der Lage gegen ihn einzuschreiten. Aber daß sich ein solcher Verdacht regen konnte, war schon unangenehm genug. Warum sollte man sich ferner den Nachteil gefallen lassen, daß der Gegner wählte, mit wem er losgehen wollte, daß er den Schwächeren aufsuchen und an dem Stärkeren vorbeigehen konnte? Bon allen schlagenden Verbindungen in Bonn verzichtete die Alemannia allein auf das Ankontrahieren. So fühlte sich auch der Bursche in der Freiheit seiner Bewegungen beengt. Lieber nahm er einmal einen Verweis des Ehrengerichts mit, als daß er unbehelligt den entschlüpfen ließ, der seinen schwächeren Freund abgeführt, aber mit ihm selbst anzubinden nicht den Blut hatte. Am schwersten aber empfand er es doch, daß er den Widerspruch, den er in der Form des Paragraphen und in seiner Anwendung sah, nicht lösen konnte. Denn einen Widerspruch erkannte er darin, daß das Ehrengericht „oft Contrahagen bestrafen müsse, die nach der persönlichen Meinung der Ehrenrichter im Interesse des forschen Paukverhältnisses wünschenswert" gewesen seien (Gracvc, Protokoll 17. 7. 73). Die Angriffe richteten sich daher besonders gegen die Forderung des Paragrapcn „leichtsinnige Provokation zu vermeiden". Dieser Satz sollte gestrichen und ein anderer an den Schluß gefügt werden, der das Ankontrahieren erlaube. So glaubten die einen die Statuten mit den wirklichen Verhältnissen und Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Die anderen aber, die Anhänger der alten Fassung, leugneten, daß das Ehrengericht sich in Widerspruch mit den Statuten setze oder daß seine Stellung erschwert werde. In dem Besuche des Trottoirs mußten auch sie natürlich eine Provokation erkennen. Ob man allein oder haufenweise hinzog, ob man dcn Gewünschten gleich traf oder stundenlang warten wußte, ob man stieß oder sich stoßen ließ, sich mit der höflicheren Frage nach dem Semester begnügte oder es dahin brachte, daß ein „dummer Junge" fiel, das machte keinen großen Unterschied aus, Provokation war alles, da nur die wenigsten der Heimweg über das Trottoir führte, aber die Verteidiger der Paragraphen sagten, es sei nicht leichtsinnige, sondern notwendige Provokation. Ohne eine solche gehe unser Ansehen verloren, es aufrecht zu erhalten sei aber der Zweck des Paragraphen, der bei grundsätzlicher Verwerfung eben nur darum das Duell gestatte. Da er das Wort „Ankontrahicren" gar nicht kenne, so verbiete er es auch nicht. Er fordere nur, daß von der Contrahage mit den begleitenden Umständen Anzeige gemacht werde, damit ein Urteil über das Betragen möglich sei. Anzukontrahicren könne unter Umständen geboten sein. Doch das konnte man für Streit um Worte halten. Die Anhänger des Alten aber sahen mit der Änderung mehr verloren gehen, als die Neueren Gewinn erhoffen durften. Füchse ließen sich überreden oder konnten ausspringen. Was man fürchtete, war eine Verstärkung der Pauksimpelei. Die Mensur sollte nicht zur Hauptsache werden und unsere Grundprinzipien Sittlichkeit, Vaterlandsliebe, Wissenschaftlichkeit in. den Hintergrund drängen. Auf dem Wege, auf dem die Mensur Selbstzweck werde, sei die vorgeschlagene Änderung der erste Schritt. Der Erlaubnis regelmäßig anzukontrahicren werde die Bestimmungsmensur folgen, denn sie sei ein noch einfacheres Mittel zur Mensur zu kommen. Mit solchen Gründen und Gcgcngründen bekämpfte man sich besonders im Anfang der 7V er Jahre im Konvent und in Gesprächen. Strammes Pauken wollte jeder gelten lassen, denn keiner wollte das Ansehen der Burschenschaft mindern, aber eine Meinungsverschiedenheit, die aus praktischen Bedürfnissen entsprungen war, hatte zu einem grundsätzlichen Gegensatz geführt. Dieser Gegensatz liegt im Paragraphen und ist in ihm nur äußerlich ausgeglichen. Das Duell wird verworfen und doch als notwendig anerkannt, die Mittel zu seiner Ausführung werden bewilligt und doch beschränkt. Je näher nun jemand der Ansicht stand, das Duell sei nur eine zur Zeit nicht zu umgehende Notwendigkeit, um so weniger wollte er die Mittel vermehrt wissen, die zur stärkeren Betonung des Duells führen konnten, je mehr er aber auf die ehrenvolle Stellung gab, die von dem Urteil anderer Verbindungen und anderer Studenten abhängt, desto mehr Gewicht legte er darauf, daß alle Mittel, die ein strammes Paukverhältnis wünschenswert erscheinen ließ, zur Anwendung kamen. — 121 — In den Sommersemestern 1872 und 1873 wurden die Angriffe auf die ältere Form abgeschlagen, einmal führte ihn der Schriftwart, das zweite Mal der Sprecher, höhere Semester traten als Verteidiger auf. Aber im Sommer 1874 wurde auf Antrag wiederum des derzeitigen Sprechers und diesmal mit allen Stimmen eine Änderung vorgenommen, die nicht den Sieg der einen Partei, sondern einen Ausgleich bedeutete. Der umstrittene Satz von der leichtsinnigen Provokation blieb bestehen, aber ein Zusatz gestattete das Ankontrahieren innerhalb eines Paukverhältnisses mit der Begründung, daß „dieses Pauken nicht sowohl zum Ausgleich von Ehrensachen dient als vielmehr zur Erlangung und Aufrechterhaltung einer angesehenen Stellung in der Studentenwelt." So war die Überlieferung nicht gebrochen, die Mensur war Mittel geblieben, nicht Selbstzweck geworden, die Richtung wurde nicht geändert, nur freiere Bewegung gestattet. Wie in diesem einzelnen Falle so war es überhaupt. Neue Wege wurden zwar gewiesen und betreten, aber der Ausgangspunkt ging so wenig verloren wie das Ziel. Wer, wie ich, inmitten zweier Geschlechter stand, konnte am besten vergleichen und beurteilen. Ich gehörte zu den letzten, die einen Blick gethan hatten in die große Zeit der 6ver Zahre, ich hatte den Niedergang erlebt und dann, nachdem die Gefahr überwunden war, als einer der ersten das Erwachen einer neuen Zeit begrüßt. Das neue Geschlecht aber stand auf dem Boden alter Überlieferung. Es verdankte den Alten zu viel um sie zu vergessen, und die Alten hielten zu fest an ihrer Erinnerung, als daß sie nicht durch den Verkehr mit den Zungen die Überlieferung gesichert hätten. Freiheit der Entwicklung aber wollten die einen weder nehmen noch die anderen sich nehmen lassen. So kam es, daß wohl in der Form Änderungen eintraten, aber das Wesen blieb, die Grundsätze der Burschenschaft standen unverrückbar fest. Es war neues Leben, aber ein Wiederaufleben des alten Stammes, der den harten Winter, der anderen zum Verderben geworden war, überdauert hatte und nun wieder frisch ausschlug, neue Zweige trieb und grünte und blühte und Früchte trug. So soll es bleiben: Vivut tiorsat arsLant ^.löiwnuniu! Die Mmaimia in den Iahren bis ^879. Vvn Heinrich Höcker. Den folgenden Erinnerungen aus meinem Studentenleben und aus meiner Studentenzeit, so möchte ich sie nach berühmtem Muster heißen, muß ich ein Wort zur Verständigung voraufschicken. Der Protokolle aus der zweiten Hälfte der 70er Jahre sind wir in bisher unaufgeklärter Weise verlustig gegangen; bis auf eins, das ich ein paar Tage vor dem Druck noch vergleichen konnte. Deshalb war ich mit meiner Darstellung, abgesehen von einigen Briefen und der Aufzeichnung der empirischen Fakta, wie sie die Jahresberichte geben, allein auf meine Erinnerung angewiesen und muß demgemäß für Besonnung und Bewölkung verantwortlich sein. Will es scheinen, ich rede wie die Weisheit Salomonis 3000 Sprüche und von den Cedern an zu Libanon bis an den Asop, der aus der Wand wächst, so habe ich dem gegenüber die Hoffnung des Schauspicldirektors: „Ein Zeder sucht sich endlich selbst was aus; Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen." Leider konnte ich nicht, wie ich wünschte, allen Bundesbrüdern aus dieser Zeit den Aufsatz vorlegen, das verbot die unabweisbare Beschleunigung des Drucks. Es haben daher nur einige teils der Handschrift, teils den Korrekturbogen sachlich oder stilistisch das Geleit geben können. Für diese Teilnahme gebührt ihnen unser aller Dank; für die Bemerkungen und Beiträge aber, die Bansi, Froning, Hartog, Hilburg, Jul. Smend, Wißmann und vor allem Nicharz und Vogeler mir gespendet haben, bin ich ihnen noch besonders verbunden. Frei bürg im Breisgau, im Jnni I8!14. Köcker. — 123 — Wer die Geschichte so eigenartiger Bildungen schreibt, wie es deutsche Studentenverbindungen sind, der wird wegen ihres innerlichen und an Wert und Unwert jedes ihrer Mitglieder gebundenen Lebens von selbst zu einer chronikartigen und zum Teil biographischen Darstellung kommen. Indes darf man es nicht ablehnen, auch größere Abschnitte aus dem Gesichtspunkte einer Entwicklung zusammenfassend zu betrachten und wird bedenken, daß die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zustände in Stadt und Land und Reich auch auf so enge und in sich gekehrte Kreise bestimmend, d. h. hemmend und fördernd wirken. Dies glaube ich für meine Zeit besonders hervorheben zu dürfen. Sehe ich auf das Lustrum zwischen dem 30- und 35jährigen Stiftungsfeste zurück, so will mir trotz der Stärke in den Svmmersemestern 73 und 74 des Anteils an der Übergangszeit, die ja zweifellos mit Ende der 00 er Jahre begonnen, noch immer genug erscheinen. Vorauf einige Zahlen! Inaktive und Konkneipanten mitgerechnet war unsere Burschenschaft stark: Erst das folgende Jahrzehnt weist wieder Zahlen auf, die hoch in die zwanzig, einmal auch über die hohen 29 hinausgehen. Mehrmals wiederholt sich der Stand von 15—17, einmal sinkt er auf 13, einmal auf 10. Gering war also der Zuzug im ganzen; und serner sind von 54 überhaupt vom Sommerscmcster 1874 bis Wintersemester 1879/80 Eingetretenen neun im ersten oder am Schluß des ersten Semesters ausgetreten, zwei davon freilich zurückgekehrt; also ein Verlust von etwa I0pCt. Der steigert sich aber durch vier, die mit dem zweiten Semester dauernd austreten und die fünf unbestreitbar notwendigen Dimissionen. Der schließliche Verlust betrügt also 16 von 54. Zum Vergleich dienen Wichmanns Zahlen, auch verweise ich auf die Tabelle am Schluß. War also die Mitgliedcrzahl in dieser Zeit ziemlich stätig, ohne starke Schwankungen, so ist sie doch gering im Vergleich zu früheren und späteren Zeiten, und man wird Erklärung suchen. Gewiß, seitdem das Bürgertum („hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft!") sich im politischen Leben zu bethätigen strebte, nachdem ihm ein Bewußtsein seiner maßgebenden Bedeutung für das nationale 8. 8. 74 : 22 8. 8. 75 : 15 8. 8. 70 : 17 8. 8. 77 : 18 8. 8. 78 : 17 8. 8. 79 : 15 >V. 8. 74/75 : 13 >V. 8. 75/70 : 17 >V. 8. 76/77 : 10 >V. 8. 77/78 : 17 >V. 8. 78/79 : 15 8. 79/80 : 17. Lebe» gekommen mar, haben viele seiner Söhne, nicht einseitig genug, um sich ganz in die Dachshöhlen wissenschaftlicher Arbeit einzugraben oder sich im bloßen Genuß der Burschenfrciheit auszutoben, durch häuslichen oder erzieherischen Einfluß getrieben in der Burschenschast ihre Statte gesucht und gefunden. Forderte doch deren Wahlspruch zum Ringen um Einheit und freiheitliches Gedeihen unseres Vaterlandes auf. So hat auch wohl keiner der Fest- und Kommersreden vor 1870 der Ausdruck der Sehnsucht und der Begeisterung für das Ideal gefehlt. Wie manche Stunde hat dadurch ihre Weihe erhalten und die jugendlichen Herzen erhoben! Unsere älteren Jahre sind das Senkblei, das die Tiefe solcher Gefühle mißt. Nun wurde die Idee einer neuen nationalen Neichsverfassung, die Vereinigung Preußens und Deutschlands — wesentlich eine Forderung des deutschen Bürgerstandes, der aber bei dem Versuch, aus eigenen Kräften sie ins Leben zu rufen, zwanzig Jahre vorher völlig gescheitert war — sie wurde 1871 verwirklicht; und deshalb wollte vorzeitige Schadenfreude oder Kleinmut behaupten, daß die Götter, wie oft die Menschen, so jetzt auch die Burschenschast durch Erfüllung ihrer Ideale gestraft hätten, wollte ihr das Recht zu besonderem Dasein um so mehr bestreiten, als auch fast alle anderen studentischen Verbindungen ihre Satzungen und Festreden mit einein Tropfen burschcnschaftlich-patriotischen Öles zu salben pflegten. Aber wir verlangen auch für uns das Recht der Entwicklung. Und wenn wir sagten: Nur neue rastlose Arbeit kann das Werk so schwerer Mühen aufrecht erhalten, weil große Schöpfungen durch die gleichen Kräfte weiterleben, die sie hervorgebracht haben, so klingt die Aufforderung, zu sorgen und zu arbeiten, daß es dem Vaterlande an solchen Kräften nicht fehle, der alten patriotischen Tendenz der Burschenschaft gegenüber zwar nüchterner, ist aber doch ihre notwendige d. h. sinn- und zeitgemäße Weiterbildung. Andererseits hat unsere Burschenschaft nach wie vor die Gefahr gemieden, für irgend eine der politischen Parteien akademische Vorschule zu werden, also der praktischen Politik näher zu treten; das kommt andrcr- orten, z. B. an manchen süddeutschen Hochschulen durch Überlieferung oder mißbrauchten Einfluß alter Herren wohl vor. Wir waren gut preußisch, gut deutsch und gut kaiserlich; aber wenn wir schon die Parole nicht von Rom holten — ebensowenig von Byzanz. Konnte sich also auch das patriotische Prinzip nicht mehr so vordrängen: hier ist doch kein Riß in unscrm Gebäude, keine Lücke in unserm Wesen. Keiner von uns wird glauben, daß in der Annahme solches Mangels jemand der Burschenschaft fern geblieben oder beim Innewerden — 125 — desselben wieder gegangen wäre. Man wird vielmehr die Thatsache beachten, daß die farbentragenden Verbindungen überhaupt in Bonn gleichzeitig noch geringeren Bestand hatten als wir. Von den früheren Burschenschaften Helvetia, Marchia waren uns die Namen, nur unsicher die Farben, noch bekannt. Es lebte neben uns bloß die Frankonia in so kümmerlichem Bestände, daß sie notdürftig die Ämter besetzen konnte. Die Landsmannschaft Teutonia stand um wenig oder gar nichts besser. Sie schien also auch nur die Wahl der Todesart frei zu haben und, ihrer proteischen Natur eingedenk, entschied sie sich im Sommer 1875 für die besonders vornehme, Corps zu werden. Bald darauf ward sie nicht mehr gesehen. Ein altes Haus von ihnen meinte: „Wenn et dem Esel ze wol is, seht he up et Eis." Von den Corps waren eigentlich nur drei zu zählen: Preußen, Pfälzer und Hanseaten; stärker als wir ist, glaub ich, keines je gewesen. Ein viertes gab es manchmal als Sachsen, manchmal als Nhenanen, manchmal als Westfalen. Die beiden letzten kamen und gingen (Winter 1874/75 und Sommer 1875) mit einem Semester. Die Sachsen schleppten sich mit einem Fuchs, den wir trotz der eigenen Schwäche im Wintersemester 1876/77 nach der Bekanntschaft des ersten Abends abgewiesen hatten, noch bis in den Winter des Jahres 1877, wurden dann mit unserer Hilfe alle in den Korb gelegt und hörten auf zu sein. Soviel ich noch gedenke, waren sogar die Bavaren und ihre Stiefbrüder, die Wingolfitcn, oft viel schwächer als wir, obschon sie es leicht hatten, ihre von anderen Hochschulen zugereisten Freunde als Zwei- oder Dreibändcrmänncr mitzuzählen*). Nur der Wingolf mag mal über die zwanzig hinausgekommen sein. Genannt muß dann noch die kleine farbentragende Blase der Sugambrer werden, der Gegenstand besonderer Abneigung für Diez Barfurth (Brunsvige), der mal ihrem Tische bei Hagemann Feierabend gebot und ihnen ansagte, daß es Zeit sei, zu Bett zu gehen. Da riß dem tapfersten unter ihnen die Geduld: „Herr Barfurth, ich wünsche met Ihnen ein Duell ze hau", rief er in seinem echten rheinischen Dialekt. „Lange, dat is jejen de Statuten", rief ein anderer. „Wat is? Ich pfeife auf die Statuten!" Und so kam es. Sommer 1375 lösten sie sich auf. Aus den Trümmern rettete sich einer zu uns, andere wiesen wir zurück. Es ist unser lieber, braver „I. P.". Freilich meinte sein Großvater, der Professor der Dogmatil: „So hast Du Dich doch den schwarzen Mächten ergeben!" Das hinderte den alten geistreichen und zu ') Man sah wohl Wingolfiten mit einem doppelten schwarz-wciß-goldcnen Bande pomphaft angethan. — 126 — Zeiten freundlichen Herrn nicht, gelegentlich seines Enkels Bundesbrüder anzusprechen. Besonderer Zuneigung erfreute sich Spickes. Wenn der im Winter durch die PoppclSdorfer der Anatomie zuwanderte, dann hielt ihn der alte I. P. an und lohnte ihm am Ende die Unterhaltung mit rotwangigen Äpfeln. Und die gelehrte Tante erschien eines schönen Tages bei Lö Ilgen und ließ in dessen Vadcmecum eine mit ihrem Hausnamen geschmückte Seite durchstreichen, nicht ohne vorher einen Blick kopfschüttelnd in die Kneipe zu werfen und zu sagen, auch ihr Neffe hänge sich wohl eins der großen Trinkhörncr kncipabendlich um den Hals. Doch zurück! Es war also in unserm Lustruin in Bonn die Meinung für farbentragende Verbindungen aller Art überhaupt gering. Das war ebenso auf manchen anderen Hochschulen, aber nicht überall; in Jena z. B. nicht, wie ich selbst weiß; auch in Erlangen nicht. Es werden daher wohl noch besondere örtliche Gründe vorliegen und man wird die Verhältnisse der Stadt und der Universität bei der Betrachtung des studentischen Lebens in dieser Zeit wohl beachten. Ich meine, daß auch die Stadt den Charakter des Überganges schon vom Ende der 60 er Jahre an zeigt. Wohl ist Bonn nie eine so stille Kirchturmsuniversität — eine Jean Paul'sche Idylle — gewesen, wie etwa Jena oder Erlangen oder Tübingen u. a. es lange waren; aber unsere Zeit ließ doch ihr Leben als das einer Studentenstadt vor dem der kosmo- und pensionopolitanischen Reise- und Fremdenstadt etwas zurücktreten. Rege Bauthätigkcit veränderte zunächst die Umgebung. Schon Ende der 60 er Jahre hatte der Platz zwischen Universität und Poppelsdorfer Allee begonnen sein Aussehen zu wandeln. Bis dahin lagen zu beiden Seiten dieses Platzes tiefe Gräben, die von der alten Befestigung herrührten; an der Seite des Bahnhofs, wo jetzt das Restaurant „Zur Kaiscrhalle" steht, „et Muhrsch Jrävchc" genannt; an der anderen Seite Gärten, deren einer den Erben des zerstreuten Professors Harles; gehörte und sich auszeichnete durch ein Gartenhüuschen mit einer unförmlich großen Wetterfahne, berühmt als „Harles;' Kaffeemühle". An ihrer Stelle wurde Ende der 60 er Jahre die neue evangelische Kirche gebaut. Aber noch 1874 stand zwischen Bahnhof und Universität kcins der großen Häuser, die jetzt den prächtigen Kaiscrplatz einrahmen. An der Koblenzer und Poppelsdorfs entstanden nach und nach die schönsten der Villen. Die Straßen hinter der evangelischen Kirche wurden schon ausgebaut bis zur Weder- und Arndtstraße, weniger die nach der Meckcnheimer und Kölner Seite. — 127 - Einstweilen blieb die alte Stadt noch unberührt. Kein Mensch dachte an die Erneuerung und Ausschmückung des herrlichen Münsters. Vor dem alten hölzernen Bahnhof links von der Preußenkneipe sah man die alte Bretterbude auf dem „Knabengartcn", noch Ende der 7t) er ein so sicherer, abgeschiedener Ort, daß wir hier wiederholt mit den Corps gepaukt haben. Man war dabei der Nachsicht des Bierrichters genau so sicher wie der Schaulust des Prinzen Wilhelm. Zu ähnlichen Zwecken ließ sich übrigens gleichzeitig das Maricnbildchen in der Joscfsgasse unbedenklich verwenden. Ihr altes Gesicht hatte die Stadt besonders noch an der Nheinscitc. Hier begann bald oberhalb der ersten Fährgasse der Leinpfad, von Anlagen war noch nichts vorhanden. Der alte Zoll hatte seinen Zugang nur vom Coblenzcr Thor her. Vom Nheineck abwärts, dem Tummelplatz der kohlcn- tragenden Nabauen und angelnden Nhingkadetten, sah man noch immer die alte Bcfcstigungsmaucr. Da, wo jetzt die neuen Kliniken stehen — die weithin lesbare, von der damaligen Baukommission verbrochene philologische Ungeheuerlichkeit suoruna" ist kürzlich geändert worden — ragte noch auf hohem Hügel die alte Windmühle, das Wahrzeichen von Bonns Rhcinseite; auch sie leckte die Kultur der neuen Zeit hinweg. Dann folgte die stille, unter der Fremdherrschaft des Minheer de Hoist verfallende Schanze, noch weiter abwärts Gärten und auf hohen: Ufer die einsame Hütte des Eier und Fische essenden Anachoretcn, bis sie die große Sturmflut des Jahres 1877 hinwegriß. Bis zum 1. Januar 1875 wurden wegen der städtischen Schlacht- und Mahlsteuer abends noch die Thore geschlossen. Wohl brauchten wir nicht mehr lebensgefährliche Kunststücke am Nheinthor beim Rückweg von der Schanze auszuführen, aber wenn uns, von der andern Stadtseite heimkehrend, die „Jodesbcrjcr Luff" an das Coblcnzer Thor wehte, dann galt es des siAuiksr Lorwtus Niollnsl da oben irdisches Nachbild, den Thorhütcr, zu locken, daß er gegen das übliche Kastemänche den Einlaß- begchrenden aufthue. Wie ganz anders das Bild gegen Ende der 70 er Jahre! Deutlich fühlbar ward die Wandlung dem Studenten durch den Druck auf den usrvus rsrum. Vielleicht galt Bonn mit Unrecht damals als die teuerste Universität — es kam, wie überall, ganz darauf an, wie man lebte — aber teurer als zu Anfang desselben Jahrzehnts und als die kleineren alle war sie sicher, und zwar ebenso die Wohnungen wie die ganze Lebenshaltung. Liegt für eine Stadt mit reichein Frcmdenzuzug und Verkehr die Gefahr luxuriöser Vornehmthuerci schon nahe, so kam damals noch der Wirbel der Gründer- und Schwindeljahre hinzu. Der- gleichen geht auch am studentischen Leben nicht spurlos vorüber. Wähnte doch mancher seine Farben am tüchtigsten nach außen vertreten, wenn sie in der Stadt nie zu Fuß und in der Eisenbahn immer in der ersten Klasse erblickt wurden. Letzteres entsprach freilich den Stärkevcrhältnissen der betreffenden Verbindungen. Mit einein geflügelten Worte der Frau Pitter Krölp kann man sagen: „Dat ligg im Zickgcis." Denn so was geschah am grünen Holz wie am dürren. Auch die Repräsentationen der akademischen Würdenträger ergingen sich manchmal in großartigsten? Stile. So genügte die Magnifizenz Mangold Wintersemester 187(!/77 ihren Pflichten mit einem großen Ball in der Beethovenhalle, zu dem hunderte von Einladungen aus allen Kreisen der Stadt und Universität, auch an seine sämtlichen Zuhörer, ergangen waren; er ließ dabei mit einem sehr feinen Essen und vortrefflichen Weinen aufwarten. Und sein Nachfolger Kekuls führte aus einem eigens gecharterten Dampfer seinen Gästeschwarm nach Nolandseck zu den dort bereiteten Hekatomben. Man darf finden, der Abstand gegen frühere Gepflogenheiten sei ziemlich bedeutend und zweifeln, ob an anderen Hochschulen dergleichen je vorgekommen ist. Von uns dürfen wir behaupten, daß wir nie in diesen Jahren mit der Pflege der sinnfälligen Äußerlichkeiten nach Art der Franken und Heidelberger unser Bestes zu thun geglaubt haben. Aber es stellte das Dasein überhaupt größere Ansprüche, und da ist es für jede Verbindung, die nach außen etwas zu vertreten hat, übel, wenn die allgemeinen Unkosten, d. h. die Opfer an Zeit und Geld sich auf durchschnittlich k2 Aktive verteilen, selbst wenn keine außerordentlichen Fälle eintreten. Die Folge ist, daß die Mittel in den ersten zwei oder drei Semestern zu stark in Anspruch genommen werden und eine längere Aktivität, vielleicht auch spätere Rückkehr unmöglich wird. Oder man entschließt sich ein Opfer dem Ganzen zu bringen, weil es einer besonderen Stütze dringend bedarf oder sie doch gut brauchen kann. So sind F. Franz im 5., H. Smend im 6., Höcker im 6. und 7., Müller im 7., Bansi im 6., Froning im 6. nochmals aktiv und Sprecher gewesen; nur viermal jüngere Semester. Ja Hi Iburg hat in dringender Zeit (Sommerscmester 1879) im Besitz sämtlicher jurn st privilsZio. eines iusi»ui surr? luuäs Promovierten der roten Mütze noch einmal den Vortritt vor dem Doktorhut gegeben, sich zum Sprecher wählen lassen und in opferbereiter Treue dem Jubiläumsemester zu einem würdigen Abschluß verhelfen. Derart gelang es, freilich unter großen persönlichen Opfern, die Chargen ordentlich zu besetzen und das Schiff konnte mit festen? Maß im alten — 129 — Kurs gesteuert werden, bis sich der Sturm gebrochen. Wer die Ämter- besetzung im folgenden Jahrzehnt vergleicht, wird gerade das umgekehrte Verhältnis finden; das ist natürlicher und besser. Begehrenswert wäre also etwa, das; die Zahl der Füchse und aktiven Burschen nicht unter 20 sinkt. Das; das Wintersemester, anders als früher, jetzt manchmal nur einen oder gar keinen Fuchs brachte und bringt, liegt auch an der Prüfungsordnung/ die jetzt die Entlassung der Abiturienten zum großen Teil auf Ostern setzt. Zweitscmestrige gehen aber schon schwerer bei und sind schwieriger zu erziehen. Noch höhere Semester aber aufzunehmen, haben wir immer Bedenken getragen, obgleich es an Angebot nicht gefehlt hat, so mehrfach im Wintersemester l876/77. Antecedentien sind oft Antidecenticn. Ein einziges Mal sind wir von der Regel abgewichen; daß es hätte unterbleiben sollen, zeigte sich später. In dieser Hinsicht hat es in Bonn jede Verbindung leichter, oder nimmt es leichter, zumal die ohne Farben. Aber auch die Korps, besonders die Sachsen, hatten in jedem Semester dergleichen problematische Naturen und hie und da Franken und Teutonen. Die Füchse wurden uns meist durch ältere Mitglieder von der Heimat mitgebracht, oder meldeten sich mit einer Empfehlung, seltener aus eigenem Antrieb. Das Hausieren oder die Keilerei auf den Bahnhöfen („Was kommt dort von der Höh?") kannten wir nicht. Gar nicht zu reden davon, wie es z. B. die Hanseaten machten, die Verbindungen mit Gymnasiasten unterhielten und solche schon förmlich in Eid und Pflicht nahmen. Auf die dreitägige Karenzzeit (§14 der Statuten) wurde streng gehalten. Für manche studentischen Verbindungen ist es völlig gleichgiltig, ob die wissenschaftlichen Kräfte der Universität Zugkraft üben oder nicht. Man braucht auch bei ihnen den Besuch der Kollegien nicht erst noch zu verbieten, wie es der Heidelberger vor einigen Jahren gethan haben soll, denn sie bleiben schon von selber fort. Hier möchte ich z. B. durch den Hinweis auf die Blüte unserer Burschenschaft zur Zeit Jahns und Nitschls feststellen, daß es für uns allerdings darauf angekommen ist, in welcher Verfassung sich die Universität befand. Der Beweis nun eines gewissen Stillstandes, wenn nicht zu sagen ihres Rückganges um die Mitte des Jahrzehnts liegt zunächst in der Zahl der Zuhörer überhaupt, sie ist im Wintersemester 1874/75 auf fast- 600 gefallen; das würde man jetzt eine kleine Universität heißen. Im Lehrkörper waren zu gleicher Zeit eigentlich die Persönlichkeiten rar geworden, die jüngere Semester zu fesseln vermögen. Denn es ist zwischen der vollen wissenschaftlichen Ausreife eines akademischen Lehrers und seiner 9 — 1.80 — Anziehungs- und Anregungskraft für die jungen Studenten sehr zu unterscheiden. Am meisten trat der eben berührte Mangel wohl bei den Theologen seit v, d. Goltz' und bei den Juristen seit Wach's Weggang hervor. In beiden Fakultäten gab es in dieser Zeit keinen einzigen Privatdozentcn (Halt! doch: Rucläsus ills, kortasss taiusu, oder wenn der stuck, tkrsok. oatkr. Huiutus ^koisius Lix bei einer protestantischen Licentiatenpromotion, ich meine, eines Wingolfiten, diesen, nicht minder aber auch oräinis ttzsolciAorurn krcw anno äsoauuiu durch seine wohlgelernten lateinischen Definitionen über oovsoisvtiu est in nicht geringe Verlegenheit brachte*), Oder wenn Papa Seil (Februar 1876), nachdem er den wie ein Niescn- kürbis gestalteten roten Doktorhut über Nathan Stein geschwungen, nun statt des diskreten uesips rnunurn oseuli Ivos die schmatzende Liebkosung leiblich ihm applizierte. Purpurübergossen dastehend wußte der nicht, wie ihm geschah. Oder wenn auf des Dekans Ruf u^pmus nuuo tu, vir ull ustis, der scheeläugige Sekretär Köhler zur Thür herein kam, den Eid zu verlesen und die Mediziner schwuren Ns lluss oinuin ezuua milli uuus ^rus- Isetu sunt st Die Füchse vom Sommer- scmestcr 1874 und folgenden Wintersemester erinnern sich noch an die unendlichen Schreibereien von Protokollen und Korrespondenzen und einen Inhalt barer Nichtigkeiten und Formalitäten. Zu einem gemeinsamen Z Das einzige, was wir von diesem Verhältnis gehabt haben, war der Verkehr mit zahlreichen Kneipgästcn. Es waren ihrer 3. L. 74 nicht weniger als 13; IV. 8. 74/75 8; S. L. 75 II; IV. S. 75/76 6; S. S. 76 noch 6. Nach der Auflösung der Convention waren es bedeutend weniger, 2—5, Jencnscr und Marbnrgcr Arminen, Hallenser Alemannen, Königsberger Goten. Bnbenreuther waren in diesen Jahren nur mehrfach zum Besuch in Bonn, unser Verhältnis zu ihnen war aber ebenso herzlich wie zu den zuletzt genannten Burschenschaften. Ans fremden Hochschulen hielt die Convention wohl von Zeit zu Zeit eine Kneipe; allein cS war in der Mitte der 7Ver kein Zug mehr in der Sache. — 1Z6 — Auftreten, wie bei der Eröffnung der Universität Straßburg 1872, ist es nicht mehr gekommen. Man ließ sich die Gelegenheit dazu z. B. bei der Einweihung des Hermannsdenkmals (August 1875) entgehen. Wohl aber kam es zu Streitigkeiten. Sie hatten bis dahin stets zum Austritt einer der Parteien geführt- Jetzt versuchte der Burschentag (Pfingsten 1874) die Beilegung solcher Zwiste dadurch zu erleichtern, daß er ?. ?.-Suiten zwischen Conventivnsburschenschaften gestattete. Grade dies gab den Anlaß zum Bruch. Die Bubenruthia wollte gemäß ihren Statuten eine von der Tübinger Germania aufgebrummte ?. ?.-Suite nicht annehmen. Die Germania stellte den Antrag auf Ausschluß der Bubenruthia und zog zur Begründung den Pfingsten 1874 gefaßten Paragraphen an, der aber nur gestattete, nicht gebot. Der Streit endigte mit der Auflösung der Convention. Der eigentliche Grund war freilich die Unvereinbarkeit der Richtung des Süddeutschen Kartells (Alemannia Heidelberg, Germania Tübingen, Germania Erlangen, Teutonia Kiel und Teutonia Jena) und des Roten (Arminia Jena und Bubenruthia). Zwischen ihnen wahrten wir unter allen Umständen unsre Selbständigkeit und waren eigentlich froh, daß es so gekommen. Denn war früher in der That die Convention ein Verband der anerkannt tüchtigsten Burschenschaften: jetzt hatten manche an Kraft und Ansehen viel eingebüßt und gingen — mors rusutis uesrvi — zum Teil recht Übeln Schicksalen entgegen. Mittlerweile hatte der große Rest deutscher Burschenschaften, also der Mehrzahl nach die weniger tüchtigen oder gradezu untüchtigen, im November 1874 zu Eisenach einen neuen allgemeinen D. E. gegründet, der womöglich alle Burschenschaften überfluten sollte. Wir schlössen uns nicht an, einmal, weil damals die Convention noch bestand und dann, weil wir uns zu gut dünkten, mit allem, was sich Burschenschaft nannte, unS solidarisch zu machen. Wir gingen aber auch der Erneuerung engerer Beziehungen aus dem Wege, obschon dazu die Jenenser Arminen und Bubenreuther die Hand boten. Es waren jetzt seit 1875 auch mal Leute von uns als Kneipgäste nach Jena (Eschenburg, Sommersemester 1875, Höcker, Wintersemester . 1875/76) und zahlreich nach Erlangen (F. Franz, H. Smend, Heinke, Spiekmann, Pferdekämper, Strupp, Niemeper u. a.) gegangen; von jener Seite waren Tönnies, Hummerich, Maltet 1874 und 75, Zicse, Hegel, Wiegand 1876 gekommen. An der Pflege persönlicher Freundschaft hat es auch nicht gefehlt. Aber ich selbst habe s. Z. einem diplomatischen Fühler gegenüber unsere Meinung dahin ausgedrückt, daß das bisherige Verhältnis uns lieb und wert sei, ein Kartell aber nicht. In — 137 — gleichem Sinne hatte sich Müller bei einem Besuch in Erlangen (Sommer- semestcr 1876) dem Sprecher der Bubenreuther gegenüber vernehmen lassein Es erfolgte zum Sommerkommers der Arminen (1876) eine offizielle Einladung, Wir dankten verbindlich, könnten aber keine Zusage machen. Einmal dies und dann — drollig genug — die etwas fahrige Schrift unseres Schriftwarts — man vermutete wohl seine persönliche Abneigung darin — führte zur Rücksendung unseres Briefes in Abschrift und zu Anfrage», ob wir ihn nicht desavouierten. Das konnte nicht sein. Da brachen die Jenenser den Verkehr ab und brachten so die Bubenreuther, die der Sache ruhiger gegenüber standen, in große Verlegenheit, weil unsere Leute bei ihnen Kneipgäste waren. Als wir nun in Jena um Aufklärung ersuchten, sandten sie unfern Brief (das oorpus ckslioti) im Original. Wir erwiderten, daß wir ein mundiertes Äußere gewünscht, aber die Fassung genau so beschlossen hätten, wie sie auf dem Papier stünde; die dilatorische Antwort auf die Einladung sei in unseren damaligen Verhältnissen begründet gewesen. Da sah man auf der anderen Seite bald ein, daß zu weit gegangen war und das alte Verhältnis wurde stillschweigend wieder hergestellt. Wenn überhaupt, Hütten aber nur zu den Arminen und Bubenreuthern nähere Beziehungen in Frage kommen können. Wohl haben wir dadurch, daß manche von uns mit Hallensern oder Marburgern befreundet waren, um die Mitte und gegen Ende der 70er diese Burschenschaften mehr gekannt als früher. Aber das waren rein persönliche Verhältnisse, wie einzelne Vorgänge in späterer Zeit darthun. Es muß hier im Gegensatz zu einer in den 80 er Jahren gewühlten Stellung ausdrücklich hervorgehoben werden, daß unser allgemeiner Wille war: Selbständigkeit um jeden Preis und äußerste Zurückhaltung. Unerhört wäre der Gedanke erschienen, daß einer unsere Burschenschaft verlassen und bei einer anderen eintreten könnte. Man wird bei der damaligen Gährung innerhalb der Burschenschaften, dem Sturz mancher alten, dem Aufkommen mancher unbewährten neuen, unserem Standpunkte sein Recht nicht versagen; hatten wir doch allen Grund, die eigenen Kräfte zusammen zu halten. Hier sei der Besuch der anderen Hochschulen durch unsere Inaktiven erwähnt. Auch in dieser Zeit gingen sie mit Vorliebe nach Verlin, besonders gegen Ende des Lustruins. Eine eigene Kneipe, wie früher, hatten wir dort aber nicht. In Berlin mußten sie, namentlich zur Zeit unseres Paukverhältnisses mit dem 3. (1., auch öfters den Schläger führen. Juristen (Beckhaus, Alfermann, Heinke, Bachosen, Strupp) und Theologen — 138 — (Fritz und Neinhold Niemeyer, Thümmel) wählten gern Leipzig, Halle besuchten Thümmel und I. Smend. In Leipzig gab es mal Streit mit der dortigen Germania und das veranlaßte uns, sie wegen in- kommcntmäßigen Benehmens bei Kontrahagcn und deren Verfolgung im Wintersemester 1876/77 in Verruf zu thun. Das ist beiläufig außer dem von der Tübinger Borussia über uns ausgesprochenen Verruf — es handelte sich, glaube ich, um Vorfälle auf der Mensur — in unserer Zeit das einzige Zerwürfnis mit auswärtigen Korporationen, Außer den S. 136 und S. 137 genannten Universitäten kommt noch Güttingen in Betracht, das den Westfalen nahe liegt. Hier haben Beckhaus, Lehmann, Wißmann 1875 und 1876, nicht minder später I, Smend, Froning und Adolf Vogeler tapfer studiert, dabei aber auch zum Teil des Dichters Wort bewähren müssen, der schon vor 50 Fahren rühmte, „Zch habe sie immer so lieb gehabt, Die lieben guten Westfalen . . . Wie fielen so ehrlich, so treu gemeint Die Quarten und die Terzen. Sie fechten gut, sie trinken gut," Sehr selten, mit Ausnahme von Erlangen, ging mal einer auf eine süddeutsche Hochschule, wie Lehmann und Eschenburg nach Würzburg und Spiekmann nach München, oderAverdunkund Hilburg nach Tübingen und Freiburg, wo auch Neckmann diente, eher nach Straßburg (Gräve, Gerlach, Dewitz, Wortmann, Hücker, Natorp). Später kam Marburg in Betracht (Davidsöhn, Lange, Paul Franz), Kehren wir auf unsere nlrnn Rkwunun zurück! Es sind oben die Verhältnisse beleuchtet, die besonders den farblosen Verbindungen zu statten kamen. Mit den Permanenten ging das an, an anderen Hochschulen, besonders in Jena, florierten die Reformer Lutterkorts, eine Menge von Blasen blieb übrig. Teils waren sie nach Fakultäten gruppiert, wie der Theologische, der aostus nnntoinious, der Medizinisch-naturwissenschaftliche Verein, vul^o Vlechkasten, der Mathematische, die Neu- und die Altphilologen, Historiker, Chemiker und Ökonomen; teils lebten sie auf breiterer Grundlage, wie die Norddeutsche Verbindung, der stark korpsenzende Juristenverein, dazu die besondere Spezies der ultramontanen Vereine; jeder der 14 Nothelfer mag eines solchen Patron gewesen sein. Zum Teil standen sie sich übrigens spinnefeind gegenüber, wie z. B. der Philologische und die sogenannten Hamburger, auch Philologen, die aber die feineren spielten. Nun hat sich gegen früher eine gewisse Veränderung vollzogen. Wich- — 139 — mann sagt oben, daß mancher nicht Farben tragende Student auf der Kneipe gern gesehen worden sei. Solcher Verkehr ist in unserer Zeit sehr selten gewesen, wenn es auch nicht an Bekanntschaft aus Kolleg und Seminar gefehlt hat. Nur in den Theologischen Verein gingen unsere Leute zum wissenschaftlichen Abend und blieben dann auch zu der folgenden Kneipe da.*) Sonst aber schloß man sich in Leben und Verkehr ganz von der übrigen Studentenschaft ab und sie that es auch. Die rein fachwissenschaftlichen Vereine hatten jetzt in ihren Satzungen den Paragraphen, daß niemand einem andern angehören dürfe. Einzelne erfreuten sich dabei des besonderen Schutzes der Professoren, die von dem Nitschl'schen Rezept „fachwissenschaftliche Studentenvereine: allerherrlichstcs Jncitament" vielleicht mit Recht Erfolge erwarten. Ich kann aber eine „reinliche Scheidung" noch heute nicht für glücklich halten, habe mich auch gelegentlich s, Z. um größere Liberalität bemüht und zwar nach beiden Seiten; im Philologischen Verein z, B, fand ich Entgegenkommen, sie waren des trockenen Tons manchmal herzlich satt. Nicht als ob ich meinte, es sollten bei uns die Proselpten des Thors zu Proselpten der Gerechtigkeit gemacht und eine Art feiner Diebstahl versucht werden: der Verkehr an sich würde mannigfach zugute kommen. Er hält den geistigen Horizont weiter; und das kann man beiderseits brauchen. Unsere Stimme hat trotz dieser Wandlungen zu allen Zeiten entscheidendes Gewicht in der Bonner Studentenschaft gehabt. Das lag auch daran, daß, galt es einmal, eine allgemeine studentische Angelegenheit zu betreiben, gegen die ultramontane Phalanx sich alle Gegner zusammenschließen mußten. Da gab es denn in den Versammlungen heiße Kämpfe. So 8. 8. 75 bei der Vorbereitung zu einem Fackelzug für den damaligen Kultusminister Falck. Wie man auch über die nach ihm genannte Gesetzgebung denken mag, wir thaten recht daran, einen Beweis der patriotischen Gesinnung der Studentenschaft kräftigst zu stützen. Wo sich überhaupt öffentlich diese bethätigen ließ, haben wir nie gefehlt. Wir erschienen vollzählig in den populären Vorträgen des Deutschen Vereins in der Eintracht, wählten, meist mit Erfolg, mit der nicht ultramontanen Studentenschaft die Vertreter für das akademische Lesezimmer, das alle belegen mußten. Einzelne gingen in den Bildungsverein. Und um das hier anzuführen — soi^n?^ iss äätails! — wir haben uns der kleinen Herde der altkatholischen Studenten stets angenommen und um ') Seit dem Ende der 80 er Jahre nimmt aber auch dieser Verein leider strammkorporative Gestalt an, wodurch unseren Theologen der Anschluß versperrt wird. — 140 — ihnen die Teilnahme an Auf- und Fackelzügen in dem nötigen Wichs zu ermöglichen, van unfern Baretts, Pekeschcn und Schlägern gern hergeliehen. Ähnlich wie beim Falckfackelzug war es bei dem zu Ehren Kekulös 1874 gegangen, ging es Sommer 1875 bei der Ehrung Schäfers, der den Ruf als Direktor der preußischen Staatsarchive abgelehnt und Spbcls, der ihn angenommen hatte; wieder so im Wintersemester 1876/77, als Bücheler den Ruf, Ritschls Nachfolger in Leipzig zu werden, ausschlug. Zn der allgemeinen Studcntenversammlung in der Becthovcnhalle oder im Marienbildchen — der Verlauf war stets der gleiche — beantragte dann wohl ein schwarzer Ritter das Wort zu einer Resolution gegen die bevorstehende Schmähung der katholischen Universität Bonn und wird unter allgemeinem Tumult abgewiesen. Seine Schar brüllt dann jeden andern Antrag nieder. Ein alter, langbärtiger Wingolfit tritt auf und droht mit Gewalt, wenn die Störenfriede den Saal nicht verließen. Dann verhütet das älteste Auge des akademischen Gesetzes, Opitz, das wingolfische Blutbad durch Auflösung der Versammlung.*) Wir erlangten bei diesen Anlässen stets eine Vertretung unserer Burschenschaft für sich in den Ausschüssen und Kominissionen. Während der letzten Streitigkeiten (Winter 1876/77) tauchte nun der Gedanke auf, durch einen dauernden, nach bestimmteil Grundsätzen regelmäßig gewählten Ausschuß die Studentenschaft vertreten zu lassen. Das gelang im Wintersemester 1877/78. Eine allgemeine Studenten- versammlung beschloß, daß vertreten sein sollten 1) Burschenschaft Alemannia mit einer, 2) desgl. Frankonia, 3) Fakultäten mit fünf, 4) sieben Vereine (Blasen) mit drei Stimmen. Ausgeschlossen waren der Wingolf, die katholische Bavaria und der 8. d, der sich überhaupt seit Jahren nicht an studentischen Angelegenheiten beteiligte. Als Abgeordnete gingen der Senior des historischen Seminars, der mit uns befreundete Dr. Asbach, und Höcker zur Magnifizenz Mangold, die hocherfreut die Unterstützung unseres Werkes versprach. Es erfuhr bald eine Änderung. Als im Sommer 1378 sich die ruchlose Mörderhand gegen das ehrwürdige Haupt unsers Kaisers erhoben hatte, da wollte die Studentenschaft ihrer Freude über die Errettung laut Ausdruck geben. Der Ausschuß bereitete einen Kommers vor und das Los berief unfern Vertreter zum Vorsitzenden. ') Einmal war übrigens für die Frankonen nnd einige von nnS die „schlagende Logik" den schwarzen Herren gegenüber nicht zu vermeiden, als die Mosella im Wintersemester 1878/79 nach einem solennen PiuS-GedächtniskommerS bei Hagemann eindrang nnd nnS in unanständigster Weise belästigte. Folge dieser Schlacht war die Auslosung jener Blase durch das Biergericht. — 141 - Die Einladungen ergingen, selbstverständlich auch eine besondere an den Prinzen Wilhelm. Da forderte, wohl im Zusammenhang mit dieser, der Rektor (Kckulo) dringend, doch auch die bis jetzt noch nicht vertretenen Bestandteile der Studentenschaft — Korps, Minzöls, Bavaria — beizu- zichen. Diese waren jetzt auch sofort bereit, wenn nur die geschehene Verlosung des Präsidiums rückgängig gemacht und eine neue, zu der auch sie zugelassen, vorgenommen würde. Ilm der Sache willen kamen wir entgegen und verzichteten auf das Präsidium, das die neue Verlosung der Gruppe der Vereine zuwies. Nach dem Kommers verhandelte man sofort weiter und beschloß, daß in den Ausschuß von jetzt ab Vertreter schicken sollten: 1. die Burschenschaft Alemannia und Frankonia je einen, 2. die Korps Borussia, Palatia, Hansca je einen, 3. Bavaria und Minzöls je einen, 4. die Fakultäten sechs saiuli! Nun zweitens! Das Schlagen selbst, die Technik, wenn man so sagen darf, war schon länger in einer Umwandlung begriffen. Bismarcks Rezept: „Ein paar Dutzend Hiebe erst kunstvoll parieren, dann zuschlagen" galt nicht mehr, das alte Haus Schmitt (1849/50) hat uns mal gezeigt, wie das eigentlich ging. Keinen Hieb schuldig bleiben! Still und grade stehen! Nicht bloß Terzen trommeln! war also bei uns schon lange gesagt worden. Man sieht, eine rücksichtslose Offensive, das „Jnsgcschirrgehen" tritt an Stelle der alten Weise, die auch der Defensive ihr Recht gab. Dennoch ließ man zu unsrer Zeit die Sache erst etwas in Gang kommen und wollte etwa mit dem fünften oder siebenten Hiebe treffen. Aber es entstand so eine schnelle Folge der Hiebe, ein gewisses Taktschlagen. Auch glaube ich bemerkt zu haben und zwar schon seit meinem ersten Semester, daß die Kraft der Anhiebe stärker, und meist schon der dritte Hieb als Treffer eingepaukt wurde. So wurden die Gänge kürzer. Aber was sie an Ausdehnung verloren, gewannen die Hiebe an Kraft, wobei sie gleichzeitig an Schönheit einbüßten. So schöne Einzelhiebe, wie sie Zehn oder Wichmann oder Fritz Rehorn schlugen, habe ich später nie wieder gesehen. Natürlich wurden auch die Schinisse größer, ein Dutzend Nadeln war nicht mehr selten, auch zwei Dutzend und höher kamen vor. Im übrigen könnten hier vernünftige Paukärzte dein thörichten Ehrgeiz der Sekundanten — 149 — und Paukanten schon einen Niegel vorschieben und eher Wandel schaffen als auf die Art, die Rektor und Nichter im Wintersemester 1876/77 probierten. Sie beschieden die ersten Chargierten vor sich und pauksimpelten uns vor — es waren beide alte Korpsburschen — wie sie es früher gemacht Hütten und wie man zur Verhütung der schweren Wunden die Paukerei wieder harmlos treiben und vor altem mit Mützen losgehen müsse. Im Parieren und Gedecktschlagen haben wir uns aber immer geübt und nur, wer einem guten Schlüger gegenüber vu lznuc^us spielen wollte, versuchte wohl, gleich mit Anhieb ihm unter die Klinge zu kommen; denn auch die Auslage war freier geworden. Ich kann nur nun die weitere Entwicklung so denken, daß jetzt mehr mit dem Kopfe als mit der Klinge pariert wird, doch fehlt mir zum Vergleich die Beobachtung aus spüterer Zeit. Jedesfalls wäre eine solche Entwicklung der Verfall der eigentlichen Kunst. „Zu allen Zeiten, wo die Kunst verfiel, verfiel sie durch die Künstler." Ich habe schon manchen alten Korpsstudenten darüber schimpfen hören. Doch — Lilsntiuru! Paukboden sx! Höcker beigefahren! Die oben von Wich mann ausführlich erläuterte neue Fassung des Duellparagraphen (sie wurde am 5. Juli 1874 beschlossen) ist die einzige Abänderung in den Statuten, an der unser Lustrum Anteil hat. Es dürfen aber wohl in diesem Zusammenhange andre kleine Änderungen erwähnt werden. Als im Sommer 1876 die Kneipe in der Wilhelmstraße umgebaut worden war, empfahl sich eine besondere Obhut für den Schmuck und den Wichs, überhaupt das ganze Inventar, das sich nach und nach gemehrt hatte. Eine so reiche Bilderzier z. B. wie wir sie besaßen, habe ich auf keiner andern Studentenkncipe gesehen. Wir führten das Amt eines Schmuckwarts ein und übertrugen es an Graf, der sich dessen mit dem ihm eignen Ordnungssinn und Eifer annahm. Die Rückkehr auf die Schauze stellte seinen Nachfolgern dann bis auf heute allerlei dankbare Aufgaben. Der folgende Sommer 1877 brachte die Erneuerung des Burschenkrünzchcns. Der Besuch war bindend bis zum vierten Semester (eingeschlossen). Eine Wiederbelebung des zehn Jahre zuvor abgeschafften wissenschaftlichen Kränzchens in irgend einer Art schien noch nicht möglich. Wir beschränkten seine Thätigkeit einstweilen auf die Behandlung studentischer Angelegenheiten, Geschichte der Burschenschaft und der Universität. Aber auch so haben diese Anfänge sich gelohnt (vgl. Jahresbericht 1892/93) und den Zusammenhang mit der alten Zeit lebendig erhalten und zur inneren Kräftigung beigetragen. Was jedoch das meiste dazu thut, der Verkehr mit den alten Herren: so hat der in diesen Jahren auch nie gefehlt. Ein besondrer, soviel ich weiß, nur bei uns üblicher Brauch sind — 150 — seit 1873 die Zusammenkünfte alter Herren in Nolandseck. Sie fanden wiederholt zu Pfingsten statt (1875 bis 77), dazu kamen die Besuche am Stiftungsfest 1874 und 79. Und wenn das auch nur Tage oder Stunden sind, so machten sie doch das Band zwischen alter und neuer Zeit unzerreißbar. Es waren kleine Feste; am Samstag auf der Kneipe, Sonntag Mittag etwa ein Umzug durch die Stadt, Fahrt mit dem Schiff nach Nolandseck, hier Mittagessen und Bowle. Ebenso ist ein Neues aus unsrer Zeit: Alte Herren in Amt und Würden in Bonn, zunächst Madelung, dann Broicher; später ist es ab und an eine stattliche Reihe gewesen und die Burschenschaft ist ihnen zu vielem Dank verpflichtet. Ohne sie und die benachbarten wäre z. B. die Rückkehr zur Schanze, ihre Erwerbung und Verwaltung kaum bewerkstelligt worden. Versuchen wir nun noch die schwankenden Gestalten festzuhalten und mit ihnen die Bilder schöner Stunden, froher Tage und erster Freundschaft, die durch des Lebens labyrinthisch-irren Lauf gedauert hat. Das Sommersemester 1874, mein Fuchssemester, zeigt ein so reiches Bild buntbewegten Lebens in der Alemannia, wie wohl keines des Jahrzehnts wieder. Die Ämter waren bei erfahrenen und erprobten älteren Leuten in guter Hand, Lehmann 8p>., Wißmann und ?^V., Niemeycr Gerlach ?^V., Heinke, ein vorzüglicher Kassenwart, pünktlich auf die Minute, unerbittlich gegen Säumigkeit und Unordnung. Er hat einen wohl die lange Treppe von seiner Wohnung hinunter geschickt, daß man sich unten im Laden wechseln lasse; die abgezählte Summe war auf den Tisch zu legen. Wie ein Schalter- oder Sparkassenlöwe duldete er keinen, der abgefertigt war, auf seinem Geschäftszimmer. Später, als „Onkel Heinke" zum Examen nach Bonn zurückkehrte, hat er durch seinen biederen Sinn, durch seine vielfachen musikalischen Talente, die an manchem freien Abend fast die ganze Burschenschaft um ihn und einige Brüder in Apollo versammelten, zur Ausgestaltung des inneren Lebens der Burschenschaft beigetragen. Für das 30jährige Stiftungsfest war seine Thätigkeit unschätzbar und seine sachgemäße Vorbereitung ermöglichte dem bis auf den heutigen Tag geringen Finanztalent seines Nachfolgers die glückliche Abwicklung der Geschäfte. Außer den genannten Chargierten waren aktiv 4 dritte, 5 zweite Semester und sieben Füchse. Dazu kamen die älteren Inaktiven, Gustav Bertelsmann und später Gerlach, die Philister in sxumiuidus Jösting, Hartog, Haake, Wichmann, ferner dreizehn Kneipgäste. — 151 — Auch unter ihnen waren liebenswürdige und feine, tüchtige, ja bedeutende Menschen, Ich erinnere nur an Rudolf Franz, Rehorn, Diez Barfurth und Tönnies. Und die eigenartige Erscheinung „Brüder Kaisers" muß doch mit in die Runde gestellt werden. Sein Antlitz porträtiert uns jener Nabau: „Wenn do ne flnache drupp ktttt, plaaz et janze Jemöß up." Es war ein fröhliches Gedränge, wenn am Mittwoch oder Samstag oder Sonntag mal alles bei einander war. Da saß Westfalens derbe Dauerbarkeit, an Mundart und Gebühren unverkennbar; solche Originalausgaben der roten Erde wie Wißmann und Spickes, der kleine und der große Mötke, dieser manchmal von seinem jüngeren Bruder gemahnt: „Mötke, sei doch nich so butt!" Dann die Dortmunder: Fritz Niemeyer, still und fein, der „Onkel Heinke" und Alfermann, „der Mogul". Auch eine echte Westfalennatur war Hermann Smeud (Lp. 8. 8. 76). Treu, ehrenfest und herzlich: so kenne ich ihn von meinem ersten Abend in Bonn; so war er noch der alte, als ich ihn zuletzt sah (im Manöver 1883). Nun ist der Gute schon von uns hinweggenommen (er starb am 13. Sept. l 887). Nnltis ills loonis üstzilis ocwiäit. Den Niederrhein vertrat Gottfried Averdunk, wegen seines außerordentlichen Interesses für Geschichte und Personen unsrer Burschenschaft der „Couleurschrank" genannt. Er war Bibliothekar und fertigte für das 30jährige das Album, so lebte und webte er in den Überlieferungen der alten Zeit, der seines Bruders. Man war sicher, ihn in nachtschlafender Stunde noch aus dem Bette auf die Kneipe zu bringen, wenn man ihn anrief: „Gottfried, eS ist ein altes Haus da." Dann die rheinischen Frohnnturen, stillvergnügte wie Faust, Ferdinand Franz, das ungeheuer drall turnende und wie ein Gummiball springende Tesche Rädche, oder solche voll Lust an lautem Fabulieren, wie Willy T h ü m m e l. Und unter diesem Stimmengewirr die herzige Mundart unsrer österreichischen Brüder Bayer und B ach ose n. Jammerschade, das; das fröhliche Blut des Südens nicht öfter zu uns kommt! Denn so häufig Norddeutsche auf süddeutsche Hochschulen gehen und hier in Burschenschaften und KorpS eine Rolle spielen, — die Süddeutschen behaupten, sie verdürben ihnen die Gemütlichkeit — ein Süddeutscher, der nach dem Norden geht, dort sein Tirocinium zu machen, ist ein weißer Nabe. Der einzige Trans- albingier war Hugo Davidsohn, wort- und skatgewandt, wie denn er und Eschenburg mir als vorzügliche „Meister vom Spiel" in Erinnerung sind. Und wie ging es auf einer Kneipe von fast vierzig Mann her! Kaum daß am Samstag die Sonne — nach alter, nicht nach mitteleuropäischer Zeit — gesunken war, kaum daß das zweite Lied verklungen, so meldete wohl Brttchert dem Kueipwart: Herr Niemeyer, dat dritte Doppelfäßche! Da — horch! Was klinget und singet die Stiege herauf? Uns in die G eheimnisse des Biermalzers einzuweihen, naht die Stiefelfuchsia. Es waren das drei Gesellen, ein feins Kollegium, Stiefelfüchsc a. D. untergegangener Bonner Korps. Sie ziehen mit einem Marsch ein und spielen auf. „Bismarck" — er wurde nach seinem tödlichen Hintritt durch einen Guitarrödcn ersetzt — hat seinen Schlapphut oben auf seines Basses Grundgewalt gehängt, die Fidel des Primgeigers weint über dein Grabe besserer Tage und das „Schiffchen" begleitet mit süßen Flötentöncn das barbarische Wehmutsgeheul des Liedes „Ich war Brandfuchs noch an Jahren." Mit noch süßeren Reden auf das süße schwarz-rot-goldne Bändchen bedankt es sich, als Brüchert den Inhalt seiner Mütze in seine Hände leert. Der Kneipwart kommandiert: „Mit Marsch ab," Juchheirassassa! Später wurde Schiffchen wegen „Sittlichkeit" verurteilt und so das klassische Trio leider gesprengt. Drunten im Garten am Rhein zu sitzen haben wir wohl manchmal probiert, aber da mußte man sich ja in diesem Sommer die Gläser mit den Liederbüchern zudecken zur Unfallversicherung für die Schnaken. Man hielt gut zusammen, Sonntags- und sonstige Spritzen vereinig ten stets eine große Anzahl. Bevorzugt waren Heisterbach und die Ahr.*) Die Exkneipen abends wurden fast regelmäßig nach auswärts angesagt; so lernte man spielend die Heimatskunde; nach Endenich zu Makai und Bier, oder „Hin nach Kessenich, hin nach Kessenich, Zieht ein großes Interesse mich." oder nach Beuel in Brodessers Garten; der Asuius looi und Wichmann verlangten hier ein Quodlibet, wobei eines abends das alte Haus Witte wegen einer weithin vernehmbaren Kulturkampfpauke uns beinahe eine große Holzerei angezettelt hätte. Im Ansang des Semesters ging man auch wohl zur Wittib auf das Sälchen; da kam, ich weiß nicht mehr warum, das Haus ganz außer ') Fahrten in die Ahr sind auch später sehr beliebt gewesen. Ich erinnere an die im Sommer 1878, wo einige sogar zu Pferde reisten. Karl Bertelsmann that es der heilige Peter in Walporzheim — wie so manchem schon — an. Einer aber geriet unter eine Gesellschaft katholischer Pfarrhcrren, trefflicher Männer. Die nahmen ihn wohl aus und schenkten ihm voll ein und lieferten ihn so, satt gespeist und getränkt, an seine Bundesbriidcr schmunzelnd mit den Worten ab: He hett jett. — 153 — Verkehr und Hagemann im Mauspfad ward für den Früh-*) und Abendschoppen allein besucht. Das Haus hatte nicht den gemütlichen Charakter einer rheinischen Wirtschaft, wie die Wittib. Es sollte etwas Feineres, Modernes sein. Den Wirt hatte Gott eigentlich auch im Zorne dazu gemacht, wenigstens paßte er nicht recht zu Studenten; jeder Mustcrreiter wurde von ihm an- und abkomplimcntiert. Aber er hat es doch zu einem sorgenlosen Leben als Privat in Godesberg „sich bringen lassen." Was seine Küche und sein Keller leistete, war gut. Hier war auch eine der wenigen Stellen, wo ausländisches, d. h. Dortmunder Bier verzapft wurde. Bis dahin war wohl das Niedermendiger der Brüdergemeinde das einzige auswärtige gewesen. Echtes bairisches, Nürnberger oder Münchener, gab es meines Wissens damals in Bonn in offenem Ausschank überhaupt nicht; es ist, meine ich, erst 1877 oder 1878 gekommen und das „Hähnchen" am Dreieck fing damit an. Was wir in diesen Jahren auf der Kneipe tranken, war ein Helles leichtes Bierchcn, eigenes Bonner Wachstum. Wein wurde in Bonn selbst eigentlich wenig getrunken. Der Zehrgarten ßplüaclu; wurde 1874/75 gerade umgebaut und erst später und zwar feiner wieder eröffnet, so daß man hier sogar die Mütze absetzte. Einige besuchten wohl den Dreikönigspitter in Poppelsdorf am Nachmittage oder die Wacht am Rhein und tranken „von dem" und „von dem andern." Beliebt war später die einfache aber gute Weinwirtschaft der „Drei Grazien" in Königswinter, auch Mundorf in Plittersdorf kam auf. Vom besseren und besten aber bekam man doch im Adler. Die Kegelbahn bei Breuer in der Wenzelgasse wurde in diesem Sommer (1874) noch eifrig benutzt. Dann ließ das Vergnügen nach und wurde erst auf der Schanze wieder aufgenommen. In allen Fakultäten wurde aber auch fleißig gearbeitet, denn es waren überall ältere Semester da, die mit gutem Beispiel vorangingen und den Jüngeren sachgemäß berieten, weil sie wußten, worauf es ankam. So hat mir Wichmann auf dem ersten Kneipabend meinen ganzen Studicnplan, den ich nach Ratschlägen unsers allverehrten alten Gymnasialprofessors Jüngst mir zurecht gemacht hatte, über den Haufen geworfen und zweckmäßig umgestaltet. Das Sommersemestcr 1874 verlief ungetrübt und in Aussicht eines glänzenden Abschlusses durch das 30jährige Stiftungsfest. Da sollte es ein außerordentliches Ereignis noch unterbrechen. Es war an einein Sonntage; ein großer Teil der Leute hatte eine Ausfahrt nach Rolandseck Wie früher nur am Sonntag offiziell. — 154 — gemacht. Dort waren zwei Offiziere, Bekannte von Gerlach, an unfern Tisch geladen. Das sah ein anderer, Lieutenant Zachau vom Füsilicr- regiment 39. Er trat herzu und forderte seine Kaineraden auf, unsere Gesellschaft zu verlassen, mit den Worten: „Es ist für uns nicht passend, mit solchen Leuten zusammen zu sitzen." Von den Chargierten waren Gerlach und Wißmann anwesend. Sie griffen alsbald ein und der Offizier wurde von ihnen auf Säbel gefordert. Er verlangte Erledigung des Handels durch Pistolen. Das Duell fand dann, ohne das; Jemand außer unserm Ehrengericht darum wußte, in Düsseldorf statt. Es hatte mit Wißmann kein Ergebnis. Ger lach s Kugel raffte den Offizier nieder. Kurz darauf ist er verschieden. Gerlach stellte sich dem Gericht, blieb jedoch einstweilen gegen eine Bürgsumme, die wir dem Eintreten eines damals in Düsseldorf wohnhaften alten Hauses verdankten, auf freiem Fuße. Im Herbst 1874 wurde die Sache dann vor dem Schwurgericht in Düsseldorf verhandelt. Dies sprach das Minimum der Strafe aus (2 Jahre bezw. 3 Monat Festung). Bevor sie diese antraten, wurde Gerlach zu 6, Wißmann zu 2 Monaten begnadigt. Hartog, der als Kartellträger bei Beginn der Schwurgerichtsperiode mit ihnen einige Tage im Untersuchungsgefängnis gesessen, wurde freigesprochen. Das Urteil über den ganzen Fall kann auch heute nur lauten, wie der Jahresbericht später sagte: „Bedauerlich im höchsten Grade ist der Ausgang, aber nach dem, was vorgefallen, konnte nicht anders gehandelt werden." Daß in allem das Nichtige bei den Verhandlungen geschah, das hatten wir in erster Linie unserm alten Herrn Karl Wichmann zu danken. Die Burschenschast ernannte ihn für die reichen Verdienste, die er seit seinem Eintritt (Sommersemester 1869) sich erworben, kurz vor dein Stiftungsfeste zun; Ehrenmitglied. Nach ihm ist kein Name, dem das Album das vielsagende Zeichen NN beizuschreiben hat. Unser Fuchssemester schloß mit der Feier des 30 jährigen Stiftungsfestes. Schönere Tage habe ich in meinem Leben nicht genossen. Noch immer — und ich habe den Vater Rhein fast alljährlich begrüßt — erneut sich mir der erste Eindruck, den der wunderbare Reiz der Landschaft während der Fahrt ausübte. Selige, goldne Zeit naiver Freude, mit der ein Fuchsgemüt in die Wogen eines solchen Festes eintaucht! Dazu die Wärme der Begeisterung, die Broichers Vaterlandsrede entzündete. Genauer das Fest in seinem Verlauf zu beschreiben, darf ich nach Wichmanns Schilderung des zun; ersten Mal so gefeierten 25jährigen unterlassen. Möge beim 50jährigen wieder zu Wirklichkeiten werden, was uns entschwand! — 155 — Das folgende Wintersemester verlief eingezogener und ruhiger; blieben doch von den älteren Semestern überhaupt keine außer Bertelsmann, von Inaktiven kehrten nur Stein und Philippi zurück, von den 7 Füchsen waren nur drei geblieben: Spickes, wie er bald allgemein in Bonn hieß, schon älter, würdig, gesetzt und untersetzt; später eine der populärsten Gestalten der Bonner Studentenwelt, stets ehrfurchtsvoll als Herr Doktor von den Nosselenkern und anderer Bevölkerung des Marktes begrüßt, deren einer einst, als er ihn bandagieren sah, meinte: „Wenn ich der Arm hätt, lüß ich mich en paar Veen druß manche." In vielem sein Gegenstück war Willy Thümmel. Groß und schlank, hat er sich wohl selbst in seiner Bierzeitung Spickes gegenüber gestellt, wie Müller und Schulze im Kladderadatsch. Er war der lebhafteste von uns dreien. Nie um eine Antwort oder eine Anzapfung in Verlegenheit, hat er auch die gemächlichsten Karpfennatnren dazu gebracht, die Flossen lebhafter zu regen. Was er an tollen Einfüllen, Gcdankensprüngen und Vergleichen (bei der Fäßchenpauke 1871 z. B.) losließ, macht ihm so leicht keiner nach. So pflegte er auch in seiner Bierzeitung (Wintersemester l 874/75, Sommersemester 1875, Wintersemester 1876/77) mehr in Prosa als im Vers das Drastische und hatte auch damit in seinem Fastnachtsspiel Wintersemester 1876/77 eine durchschlagende Wirkung. Von den Füchsen des Winters ging der „lange" Auler leider schon nach einem Semester, er ist aber später zurückgekehrt und für seine treue Anhänglichkeit 1881 mit dem Bierzipfel belohnt worden. Es war eine Natur reich an trockenem Humor, den er in unverfälschtem Kölsch gemächlich sprudeln ließ. Dann Müller, dessen Art und Verdienste oben schon hervorgehoben sind. Drittens Pferdekümper, Westfale, aber sehr lebhaft, hellstimmig im Disput, zwei Semester im Amt als Kassenwart gleichverdient wie Onkel Heinke. Die geringe Zahl — auch die Kneipgüste waren auf die Hälfte zurückgegangen — hielt aber in diesem Winter nicht minder zusammen, wie im Sommer. Abends versammelte der getreue Diez mit dem einsilbigen Ruf: Skat? oft eine standhafte Runde um sich. Besonders in der Erinnerung ist mir dann noch eine mehrtägige Fußwanderung durch die Winterlandschaft. Sie ging über Meckenheim und Altenahr in die Lochmühle, dann rheinaufwärts nach Oberwesel und zurück bis Boppard, wo Mötkes dort arztender Onkel das gestrandete Schiff wieder flott machen mußte. Während dieser beiden Semester hatten wir die Kneipe noch bei Löllgen an der Ecke der Josefsgasse. Das war doch ein rechter Gegen- sntz zu der sich polierenden Stadt. Ich erinnere mich noch gut, wie die idealen Erwartungen, mit denen ich als inulus den Menschen wie den Dingen begegnete, einen empfindlichen Stoß erlitten bei dem ersten Schritt in dies Gebäude. Ein schmieriger Eingang durch den schmalen rheinischen Hausflur, an der Nabauenstube vorüber, durch den Kohlenhof; im Dunkel auch für den Ortskundigen ein schwieriger Weg. Dann die schmale Treppe hinauf, linksum! — linksum! — rechtsum! Wenn einmal ein besserer Gast die Kneipe besuchte, so wurde er vornen durch die Privatgemächer Löllgcns hinaufgeleitet. Das Kneipzimmer selbst war geräumig und hell, aber die Wände voll von Sprüngen; das kommt vom Salamandern her, vom Jubeln und vom Singen. Nun, der reiche Kneipschmuck konnte sie in etwas verdecken. Lebensgefährlich war stets der Rückweg durch das durchschnittene Gelände der Kohlenhaufen für jedes Individuum und Stadium. Und den 30jährigen Stiftungskommers konnte man hier unmöglich feiern. Wir hielten ihn bei Nettekoven. Taufe im Wirtshaus! Lö Ilgen war übrigens ein tüchtiger Wirt oder konnte es vielmehr werden, als er seine zweite Frau „us Pützche" heiratete. Wir zogen also mit ihm, als er das Haus in der stillen Wilhelmstraße kaufte, der Herberge der Gerechtigkeit gegenüber. Die Verbesserung war gering, die Räume zulänglich aber klein und etwas dunkel; kein gefährlicher Hof, denn es gab überhaupt keinen, nur nach dem Hintergebäude einen Gang, auf den die Fenster der Kneipe mündeten. Aber der Umbau machte aus dein Ganzen doch ein sauberes Haus. Hier haben wir auch seit Sommer 1877 einen gemeinschaftlichen Mittagstisch gehabt, den wir später auf der Schanze fortsetzten; er war an beiden Stellen ordentlich.*) Für einige war in meinein ersten Wintersemester der berühmte rheinische Karneval etwas Neues. Er war dies Jahr recht fröhlich und allgemein; in den Stammkneipen, z. B. bei Badenheuer, im Zehrgarten sangen auch die Bonner Philister ihre Lieder. Bonn hatte 1875 noch einen eignen Maskenzug, dessen Prachtstück der „Venusdurchgang" war. Z Vorher zerstreute man sich; ein Teil speiste bei Hageinann, ein Teil bei Badenhewer am Münsterplatz oder im Engel in der Rhcingasse oder in der Nähe des „Alten Lümmels" bei Blech. Hier wurde für die 80 Pfennig, die seine Herren bezahlten, der in der Erziehung ziemlich verunglückte „Plnto" zugleich mit abgefüttert. Dafür rechnete Blech aber auch für jeden Kopf nur ein Schweins- oder Kalbsripple, und so blieb für den, an den die Schüssel zuletzt kam, nur HiatuS, Scherz, List und Rache. Später, 77 und 78, ging man zu anderen „langsamen Vergiftungen", Adtorf, Braun, Beethoven Halle. Der Preis war zuletzt überall 90 Pfennige oder 1 Mark. Dem gegenüber war das nach den Kommersen übliche Katerfrühstück im Adler in Godesberg eine Oase in der Wüste. — 157 — Vor einer großen Pnppsonne thronte auf hohem Wolkenpfühl Frau Venus, das war in: Ballerincnkostüm der jüngste hübsche Sohn von Peter Kröly. Auf dem nächsten Wagen folgte eine durch ein Riesensernrohr eifrig beoachtende astronomische Kommission, Seit Jahren gab es für die Studenten eine Festordnung. Sonntags vertrieb man sich in Bonn, als Bauer vermummt den Nachmittag mit allerlei Scherzen. Auch waren Familienbcsuche der „aanständije Bure" damals noch Sitte und wurden mit einem Glase Wein und Spritzgebäck empfangen. Unternehmungslustige Naturen wie Karl Müller wußten dabei durch allerlei Einfälle die Stimmung zu beleben. Der zweite Tag brachte tausend Aventiuren in Köln und wer am dritten des allgemeinen Elends noch nicht genug hatte, ging zum großen Ball in der Beethovcnhalle. Am Abend war stets mit eomiwönt suspwuäu ein großer Kommers bei Hagemann. Auf den Tischen saßen die Präsiden, Smends Harmonium, sonst nur geweiht zu Friedcnsklängen, stimmt jetzt die Weise an zu echten Fastnachtshauern. Wer aber durch Rüpelei sich unangenehm machte, wurde an die Luft gesetzt. Auch das geschah alles mit Musik. Es ertönten dazu, die Bande um den Frevler schlingend, die Dochmien des Brautchors aus Lohengrin: Schmeißt ihn heraus! Brecht ihm die Rippen! Denn er hat ja im Vennsberg gekuippen. Vorsichtig, leise, mit Bedacht! Bald naht die Rache; Gute Nacht! Mittwoch nahm dann sowohl der gute wie der schlechte Haushalter einen Kassensturz vor und wohl dem, der wie Freund Spickes behufs weiterer Mittel und zum Ersatz seiner von der Lokomotive ihm aufgerissenen neuen schwarzen Unaussprechlichen Befehl zur schleunigen Abschlachtung zweier Mastschweine oder zur Fällung einer Eiche nach Hause geben konnte. Wir waren Ostern 1875 mit großen Hoffnungen aus das Soinmer- semestcr in die Ferien gegangen; allein auch dieses versagte eine größere Anzahl Füchse. Es sind ihrer nur drei: 1) Hi Iburg, Sprecher im Sommersemester 1879; Westfale, klein aber kregel und auf dem Trottoir wohl bewandert, 2) Strupp, Bruder unseres Kneipgastes und Thüringer, 3) I. P. (Lange). Leider mußte er gegen Weihnachten um seinen Austritt einkommen, aber seine unwandelbare Anhänglichkeit lohnte das 1879 verliehene Band. Mir scheint, daß in diesem Sommer die Leute untereinander nicht den rechten Anschluß fanden; dazu trugen die disparaten Elemente der 12 Kneipgäste auch das ihrige bei. Andererseits waren unsere älteren Inaktiven mit Studien oder Examina so beschäftigt, daß sie die jungen Leute sich selber überlassen mußten. Dies war um so unerfreulicher, als eine Menge Anlässe zu öffentlichem Auftreten gegeben waren, der Falckfackelzug, ein Schäfer- und ein Sybelkommers. Die großen Studentenkommerse — ich habe deren nicht weniger als sieben mit gefeiert — waren übrigens eine Bonner Eigentümlichkeit, wie Auswärtige gern versicherten. Fakultäten, alle möglichen Verbindungen steckten ihre Vertreter in Wichs. Jede saß dann an einem besonderen Tisch, hinter ihrem eigenen Faß. Mit dessen Resten hielten die Stiefelfüchse nach dem Ende des Gelages eine Fidelitas bis an den Morgen. Das Ehrenpodium, wo auch das Präsidium und die Chargierten saßen, war stets voll besetzt mit akademischen, militärischen und anderen Würdenträgern. Man hörte heitere und ernste, tüchtige und thörichte Reden von Professoren und Studenten. Mancher von uns denkt wohl noch an den „größten Germanisten Deutschlands" Anton Birlinger aus Schwaben und seine Rede auf dem Schäferkommers 1875, in der er ausführte, wie der Gefeierte ohne „das deutsche Weib, Frau Eulalia," überhaupt nichts zu stände gebracht hätte. Aus der Studentenschaft bot wohl seit langer und für lange Zeit weitaus die bedeutendste Leistung Sommcrsemester 1875 der jetzige Professor der Archäologie Lösch ke, damals Senior des historischen Seminars, mit seiner Rede auf Spbel. Das tollste, was ich je an unfreiwilliger Komik bei solcher Gelegenheit gehört habe, vollführte ein Wingolsit beim Büchelcrkommers 1876. Er feierte die Professoren. Teil I: über das Standesbewußtsein, mit dem der Student ißt und trinkt, denkt und singt, ins Bett, aus dein Bett, in den Karzer, aus dem Karzer u. s. w. steigt. Teil 2: ruututis mutunclis ist das bei den Professoren ebenso. Als das Gelächter immer ärger wurde, schloß er mit Standesbewußtsein, daß alles sein völliger Ernst sei, und in diesen: Sinne — alles rief: Mit Standesbewußtsein! — kommandierte er seinen Salamander. Daß die beiden folgenden Semester, Wintersemester 1875/76 und Sommersemester 1876 sich wieder besser anließen als der Sommer 1375, ist der Einwirkung der älteren Seinester zuzuschreiben. Ihrer waren mit den Zurückgekehrten (Heinke, F. Niemeper, Wortmann, Gerlach, Franz, der zum zwcitenmale Sprecher wurde), und Spiekmann, der sein viertes Semester da und aktiv blieb, neun, die stattlichste Zahl aus dem Jahrzehnt. Es sind auch im folgenden Sommer (mit Müller im vierten Semester) noch sieben. Der Füchse sind aus den: Winter 1875/76 zwei, Paul Franz, Bruder des blonden und zarten Ferdinand, — 159 — und sein noch zarteres Nachbild, aber dunkel von Auge und Haar, und Karl Kunkel, ein tüchtiger Jurist, der sich schon im zweiten Semester an die Preisaufgabe seiner Fakultät machte. Er konnte leider nur den folgenden Sommer noch bleiben und hat sich seinen Weg weiter aus eigener Kraft gebahnt. Seit dieser Zeit (1876) nahm der Kneipgcsang einen neuen Aufschwung. Darum haben unsere vortrefflichen Musiker, vor allem Onkel Heinke und Tante Froning, Bansi, Meyer, Julius Smend, Karl Bertelsmann großes Verdienst.*) An der alten Sitte, am Kneipabend (wie früher Mittwoch und Samstag) mit einem vaterländischen Liede zu beginnen, hielten wir fest. Dann folgte ein Volkslied oder Studentenlied. Eine besondere Eigentümlichkeit unserer Kneipe war die Fülle fröhlicher Anstichlicder, über die wir verfügten. Aus dem Schatze des Lahrcr Kommersbuches haben wir manches im Singkränzchen seit 1876 geprobt und neu gelernt. Es waren das aber die alten goldenen Lieder, besonders Volkslieder; denn vor der cffeminierten Poesie der Lindenwirtin und der Frida Schanz war man damals noch sicher. Es ist mir noch jetzt eine wohlthucnde Erinnerung, wie germanische Laicntugend auf der Kneipe ohne jeden sogenannten Komment geübt wurde. Die einzige Verpflichtung war, ehrlich nachzutrinken. Taeitus freilich würde auch dazu uoch den Kopf schütteln und sagen: e8t in rs pravn pervionoin,; ipsi tiäein aMsIIant. Ein Vierjungc wurde wohl getrunken und trinkbare Unparteiische, wie Diez Varfurth, wußten den Verlierer auf die Kosten zu bringen. Sonst kannten wir kein Übers- kreuztrinkcn, keinen L. V., keinen Doktor oder was derlei Alfanzereien mehr sind. Leider haben wir die widerwärtigste von allen Grimassen, den „Spinnkomment", uns nicht ganz von: Leibe gehalten; jedoch nicht, als ob er uns als eine heilbringende Erfindung erschienen wäre, sondern offenbar in übler Nachgiebigkeit gegen zahlreiche Kneipgäste, die dieses Brauches froh waren.**) In der That war und ist es besonders für jüngere Semester nicht immer leicht, solchen gegenüber in allem die Selbständigkeit zu behaupten. Aber indem wir vom einzelnen verlangen, daß er durch seinen Takt sie sicherstelle, nehmen wir ihn in eine unverächtliche Schule des Lebens. ES schadet nicht, wenn dabei mit einem gewissen eifersüchtigen ') Sie machten bei dem Fastnachtsspiel 1877/73 ein kleines Orchester und spielten eine sehr hübsche Quodlibetenvcrtüre. ") Als das, was er ist, eine Brutalität, bezeichnete ihn mal ein Wort, treffend aber derb (natürlich, den» eS kam von einem Westfalen): „Der Gerechte erbarmet sich auch seines ViehcS, aber beim Spinnen ist alles unter dem Vieh." — 160 — Stolz das Wort Billroths befolgt wird: „Wir halten fest an unserm Burschenkomment." Von besonderen Kneipwartstalenten aus dieser Zeit wüßte ich nichts zu berichten, wohl muß aber der Bierzeitung hier gedacht werden und im besonderen dreier Namen: Eschenburgs, Thümmels, H. Blender- manns. Von Thümmel haben wir schon oben gehört. Eschenburg kenne ich aus seiner eigentlichen Arbeit als 11H. in den drei Semestern Winter 1873/74, Winter 1875/76 und Sommer 1876 nicht,- aber sein Ruhm reichte auch darüber hinaus. Zn unserem Fuchsscmester wurden noch die Couplets seines Fastnachtspiels gesungen, die auf „Hummerich, das Kirchenlicht" und „Bäk, den Beichtvater der Jsabella." Eschenburg war die Bierzeitung ein Lebenselemcnt und er spendete unvcrpflichtet später immer noch gern in leichten Versen vom attischen Salz des Hanseaten. Auch schrieb er den Füchsen einen kleinen Wegweiser durch das Schatzhaus unserer Bierzeitung, dieses uns eigentümlichen ruhmvollen Produktes. Er war ein vorzüglicher Erzähler; ich erinnere nur, wie er die Darstellung der Operation irgend eines, ich weiß nicht, Baron Rothschild oder Oppenheim, je nach den Zuhörern, ob Fremden, ob Bekannten, abwandelte. Diese Gabe, elegant zu plaudern, mußte ihn vor Göttern und Menschen im Salon angenehm machen, nicht minder vor den Füchsen beim Abendbrot. Dann diente ebenfalls drei Semester Hermann Blendermann der Bierzeitung mit dem ihm eigenen tiefen Humor. Er war nicht, was man einen Witzemacher nennt; nicht aus dem Spiel seines scharfen Verstandes, sondern aus der Macht des Gemüts, der Stimmung quollen ihm seine heiteren und ernsten Gedanken und seine Gewalt über die Sprache sicherte ihnen den treffenden Ausdruck. Seine Glanzleistung war wohl das Fast- nachtspicl Wintersemester 1877/78. Die Helden der üblichen Liebes- gcschichte erschienen hier nicht wie Soltaus Korps der Zthakesier in klassischem Faltenwurf sondern als die derben Realitäten der „Bielefelder Rutke"; es waren deren sieben in diesem Semester. Hermann spielte und sang selbst den schönsten von ihnen in dessen braunen Originalhosen: Mein Herr, Sie sind aus Bielefeld, Man sieht es Ihnen an; Das Mädchen kann einen Rutk wie Sie Doch nehmen nicht zum Mann. Die fünf Füchse des Sommers 1876 blieben alle, kehrten auch in höheren Semestern mit Ausnahme Smcnds zurück und sind mit der ebenfalls tüchtigen und bis auf einen vollzählig gebliebenen Konfuchsia vom Sommcrsemester 1877 der feste Stamm der folgenden Jahre. Es waren — 161 bis auf zwei Westfalen — auch H. Blendermann kam vom Bielefelder Gymnasium — eine Schaar mit den mannigfachsten Ergänzungen und Gegensätzen, Innerliche, sinnige und herzhaft-keck nach außen gewandte Naturen; ruhige Biederkeit und stille Heiterkeit, wie ausgelassene Fröhlichkeit; fein und gewandt im Verkehr und gesellig einer, selbständig, rund für sich ein anderer; nicht zu vergessen das Zauns irritndils vntnrn, drei Poeten! Um die Burschenschaft aber haben sie alle preiswerte Verdienste und ihre Wirksamkeit reicht zum Teil bis in den Anfang der 80 er Jahre. Nach der Heimat ordnen sie sich paarweise zu einander, die beiden Dortmunder Froning und Niemeyer, die Münsterländer Smend und Graf, die Bielefelder Bansi und Karl Reckmann, die aus dem Bistum Minden Meyer und Vogeler. Eine eigene Figur machte Paul Werschberg er aus Danzig, Bruder unseres alten Hauses von 1864, Kommerschberger, wie wir ihn nannten, weil er nie ein Spielverderber war, wenn es etwas zu unternehmen galt. Der einzige Rheinländer war Balg. Er mußte leider nach zwei Semestern seine Studien unterbrechen, ebnete sich aber selbst den Weg zu ihrer Vollendung und kehrte dann im Winter 1881 zurück. Und nun müssen wir der beiden Teuren, die nicht mehr mit uns den Tag sich röten, die Nacht schimmern sehen, gedenken, und ihre frühen Gräber mit dem Kranze schmücken. Am 2. April 1886 starb K arl Bertelsmann, ein treues Herz und eine Seele wie ein Kind. Er hatte, was der Jugend so wohl ansteht, weil es keinen Schein von blasiertem Wesen aufkommen läßt, er war leicht zu entzünden für das, was ihm als groß und schön entgegen trat. Und ein Gesicht, freundlich wie ein Kind, bis ihn eine schälende Quart über den Mund entstellte; auch Langenbecks plastische Kunst konnte das nicht wieder gut machen. Hochgewachsen, war er doch nicht recht kräftig und trug den Keim des Siechtums schon lange in sich. Er hatte noch inuAnn. onin luuäs promoviert; dann nahm ihn der Tod hinweg. Am 27. Juli 1884 war ihm Hermann Blendermann vorausgegangen; er verunglückte bei einem Bade im Rhein. Es war ein erschütternder Verlust für alle, die ihn kannten; denn solche Naturen begegnen einem selten im Leben. Nicht leicht vergißt sich der Eindruck seiner äußeren Persönlichkeit; die kleine, etwas ungelenke Gestalt, der trippelnde Gang, die aus der kräftig hervortretenden Stirn noch mächtiger vortretende Nase, die charakteristisch unter der Mütze sich hcrvorringelnde Stirnlocke, das kleine, in der Unterhaltung, wie er sie geistreich zu führen verstand, schalkhaft blinzelnde kluge Auge, die Art, wie er die Hand zum Gruße reichte, oder vielmehr mit einem Ruck entgegen öffnete. Es war schon einer der ihm 11 — 162 — eignen Wege, wie er zu uns kam. Von seinen Bielefelder Mitabiturienten gingen Bertelsmann, Delius und Neckmann nach Bonn in der Absicht, bei uns einzutreten. Er aber hatte sich vorgenommen in Frciburg zu studieren, weil nach seiner Meinung ein ordentliches Kolleg über Knochen- und Bänderlehre in Bonn nicht zu haben war. Er begleitete also die drei, blieb in Bonn einen Tag und fuhr dann an den Ort seiner Wünsche. Angekommen erkundigt er sich nach dem Stande der Vorlesungen beim Pedell Arnold — ich habe den altbadischen Knebelbart, ehemaligen Sergeanten der (Masseurs ck'^kri^ue, später noch gut gekannt und kann mir die Scene in dem dunklen Zimmer des früheren Jesuitcn- klosters denken. Die Auskunft befriedigt unfern Freund nicht: sofort kehrt er um nach Bonn und läßt sich von Eschenburg den Fuchsvers dichten: Auf Knochen und Bänder kommt es an; Ich bin der Knochen- und Blendcrmann. Die Reiselust verzehrt mich; Gottlob, jetzt bin bekehrt ich. Hervorragend auch für sein Studium begabt und hierin sehr fleißig, hatte er doch zugleich ein nie erlahmendes Interesse für alle idealen Richtungen des Lebens und besaß eine Reinheit der Gesinnung, wie sie mit Recht an seinem Sarge Julius Smend, damals Pastor an der Bonner Gemeinde, rühmend hervorhob. Diese Natur mit ihrem echten, tiefen Humor erinnert in der That an die idealen dichterischen Gestaltungen Jean Pauls, einen Gottwalt Harnisch und Schopps. Die Semester, Winter 1877/78 bis Sommer 1879, gehören dann wieder zusammen. Westfalen war durch Graumaun, Schneider, Hartmann, Kockelke in alter Originalität vertreten; ebenso Rheinland durch König, Bockamp, Brockhoff, drei Duisburger, Guntelmann aus Andernach und Reuter aus Ems. Diese Zeit brachte uns aber auch eine neue, besonders edle Spielart der Rheinländer, die echten „Bönnschcn" Springorum und Nicharz, die sich im Wintersemester 1879/80 verstärkten durch Arntz, Schultz e, Rühle, Loh mann, den älteren, und von der Becke. Merkwürdiges Zusammentreffen! Die Einheimischen kamen zu uns, als wir selbst wieder heimisch wurden auf der alten Heimstätte unsrer Burschenschaft, der Schanze. In unserm ersten Semester führte uns Füchse wohl der „Couleurschrank", der „kleine" Averdunk rheinab, wo jetzt verschlossen, eingegattert, doggenbehtttet, etwas verfallen die Stätte ehemaligen Burschenjubels lag. Keine Hoffnung in diesen Jahren der Spekulationen und Gründungen, je wieder in den Besitz zu kommen. — 163 — Gott sei Dank verspekulierte sich Minheer, der wohlgenährte Holländer. Er mußte das Haus zunächst zur Miete, dann zum Betriebe einer Wirtschaft austhun und zwar an den ewigen Projektenmacher „Hietz". Der hatte sofort auch unser gedacht und schon in den Herbstferien 1877 vorgeschlagen, daß wir zu ihm übersiedeln sollten. Indes die Verhältnisse schienen nicht zuverlässig genug, daß wir unsere Verbindlichkeit bei LöIlgen so ohne weiteres hätten lösen dürfen. Dieser hatte sich stets entgegenkommend und anhänglich gezeigt, erwog auch jetzt den Plan, seine Wirtschaft auf die Schanze zu verlegen. Mit einem regelmäßigen Exkneipabend setzten wir aber wenigstens einen Fuß auf die ehrwürdige Stätte. Sie war noch unverändert; der schmale Rampenaufftieg mit dem verwitterten Geländer, der verwinkelte Eingang in die Kneipe, vorbei an den üppig gediehenen Taxusbäumen; die Kneipe selbst nieder, dämmerig mit ihren kleinen Fenstern und dem vorliegenden Holzbau, der „Veranda". Der Reiz der Lage wirkte bald unwiderstehlich, die alten Erinnerungen wurden wieder lebendig und da gar noch Hietz den Frankonen einstweilen die Kneipe in iuAuru vuoui eingeräumt hatte, so stachelte uns das, als ob wir uns aus den Rechten der Erstgeburt um ein Linsengericht hätten setzen lassen. So mußten denn doch Mittel und Wege gefunden werden zum Wiedergewinn; und sie wurden gesunden. Nach Madelungs sachgemäßem Rat regelte ein Vertrag die Erfüllung der Verpflichtungen gegen Löllgen; sie sind pünktlich erledigt worden. Seit dem 4. März 1878 sind wir wieder auf der Schanz. Sie wurde in den folgenden Osterferien eingewohnt, die Kneipe hergerichtet und geschmückt von einem Kreis verschworener Freunde, dazu auch unfern Jenenser Kneipgüsten Ziese, Hansen und Hermann Hartog. Freilich war damit nur der erste und leichteste Schritt geschehen. Er forderte in der Folge besondre Maßregeln, eine Neichsfinanzreform, ein System indirekter Steuern und große Umsicht des Kassenwarts; dies um so mehr, da der Wirt nicht seinem Geschäft, sondern allerlei Liebhabereien nachging, bald in der Kegelbahn eine Holzschneiderei, bald eine künstliche Brütanstalt für alles, was da kreucht und fleucht, einrichtete. So wäre uns z. B. wegen seiner Nachlässigkeit beim Stiftungskommers 1879 beinahe das Bier ausgegangen. Der damalige Sprecher Hilburg mußte sich gegen 11 Uhr Abends selbst auf die Beine machen und in verschiedenen Brauereien an den Felsen schlagen, wie Mose, damit den Festgenossen der Trunk nicht versiegte. Gewiß war der für die Gestaltung des täglichen und inneren Lebens wichtigste Schritt die Rückkehr auf die Schanze. Das tritt aus der Geschichte der folgenden Jahre noch mehr heraus. Wir, die wir 11* — 164 — damals 1878 oder 1879 als bemoste Bursche auszogen Huusi rs dsns Assta. und dem alten Hause und seiner Besatzung ein herzliches Behüt dich Gott! zuriefen, thaten das in der Hoffnung auf ein fröhliches Blühen und Gedeihen, Nicht als ob wir geglaubt hätten, daß die Gunst des Ortes und der Zeit alles jetzt von selber mache; das thut sie freilich nicht, wie gleich die ersten Semester auf der Schanze zeigen. Denn höher als alle Gunst der Verhältnisse gilt die That. Zu jeglicher That aber besähigt nur ein männlich erzogener Wille und die Liebe zur Sache und die Arbeit. Möge in der Einsicht in diese Wahrheit die Gewähr liegen für die Erfüllung unsres Wunsches und Rufes immerdar: Vivut, tiorsut, orssont ^lsinunnin! Iu Seile 123 unk» M. I, Zahl der Füchse, Theol. Jur. Med. Phil. Sonstige 1860 14 3 3 1 5 1 11 4 3 2 2 — 1861 16 5 1 4 5 1 20 2 4 6 7 1 1362 14 — 2 3 7 2 14 4 3 4 1 2 1863 11 1 1 2 6 1 11 — 2 4 4 1 1864 12 — 4 4 3 1 13 — 3 7 3 — 1865 15 2 3 6 4 — 10 3 1 4 2 — 1866 23 2 6 9 6 — 10 1 2 7 — — 1867 5 — 3 1 1 — 5 — 2 1 2 — 1868 3 — 2 1 — — 7 — 3 3 1 — 1869 7 1 — 4 2 — 5 2 2 1 — — 226 30 50 74 61 10 — 165 II. Zahl der Fuchse Theol. Jnr. Med. Phil. 1870 4 — 1 1 2 2 — 1 1 1871 6 1 3 — 2 4 — 2 1 1 1372 6 — 1 2 3 1873 12 2 3 3 1 1 5 I 3 1 1874 7 1 2 1. 3 3 — 1 — 2 1875 4 — 2 1 1 3 — 1 — 2 1876 5 1 2 2 1 — 1877 I 8 1 1 2 5 4 — 1 — 3 1878 6 — 3 1 2 1879 5 1 2 1 1 1 7 3 2 1 1 96 12 39 14 31 III. Zahl der Fuchse. Theol. Zur. Med. Phil. 1880 12 1 7 1 3 6 2 1 3 — 1881 12 — 6 1 5 2 — — 1 1 1882 7 2 4 1 1 1 — — — 1383 II 1 4 5 1 4 — 1 3 — 1884 4 1 2 — 1 8 2 1 2 3 1385 10 3 2 4 1 2 1 1 — — 1886 11 1 5 4 1 4 1 — 3 — 1387 8 1 3 4 — 4 1 2 1 — 1888 7 2 3 1 1 1889 9 2 4 2 1 4 — 1 3 — 126 22 47 39 18 Anmerkung: Die fünf Jahre 1899—94 bewegen sich nach Zahl, Heimat und Studium der Eingetretenen im Gleise des voraufgehenden Jahrzehnts. Die Alemannia in den Iahren H8?9 bis s89^. Von Ludwig Asch off. Der letzte Abschnitt der Geschichte unserer Burschenschaft soll die Zeit vom 35sten bis zum övsten Stiftungsfeste umfassen. Absichtlich haben wir davon Abstand genommen, eine Schilderung der Persönlichkeiten oder der intimen Vorgänge in unserer Burschenschaft zu versuchen, weil allein der Zukunft ein richtiges Urteil über die Gegenwart zustehen wird. Daher soll nur mit wenigen Worten der Bestrebungen und der Ideen gedacht werden, von denen unsere Burschenschaft erfüllt war und von welchen ihr Handeln beeinflußt worden ist. Dieser letzte Abschnitt in der Entwicklung unserer Burschenschaft wird wesentlich beherrscht von dem Bestreben nach Einigung, welcher die gesamte deutsche Burschenschaft durchzog und seinen dauernden Ausdruck in der Gründung des Allgemeinen Deputiertenkonvents, des sogenannten ^.. D. E., fand. Eine erfolgreiche Einwirkung unsererseits auf den Verband konnte nur durch eine achtunggebietende Stellung auf der eignen Universität gewährleistet sein. Den alten Forderungen unserer Burschenschaft, durch rege Beteiligung an den genieinsamen Interessen des studentischen Lebens, durch konsequent durchgeführte Ansprüche an eine wissenschaftliche Betätigung unserer Mitglieder, durch ein fröhliches und doch zugleich sittlich ernstes Burschenleben der übrigen Studentenschaft init gutem Beispiel voranzugehen und durch eifrige Übung in der Kunst der Waffenführung der Mißgunst oder dem frechen Spott eine wirksam schlagende Entgegnung zu bieten — diesen Forderungen mußte man in erster Linie gerecht werden, ehe anderer Aufgaben gedacht werden konnte. Und daran hat es unsere Alemannia nicht fehlen lassen. Grade aus dem Anfang der achtziger Jahre stammen die Mitglieder, welche als eifrige — 167 — alte Herren der Burschenschaft auch in späteren Jahren viel Anregung und Unterstützung gewährt haben, zumal wenn es galt, gewissenhaft abzuwägen zwischen dem, was wir uns, und dem, was wir der Allgemeinheit der deutschen Burschenschaft schuldig waren. Eine besondere Aufmerksamkeit schenkte unsere Burschenschaft den Ausschußbestrebungcn der Bonner Studentenschast, bekanntlich ein sehr schwieriges Problem, an dessen Lösung wir noch heutigen Tages zu arbeiten haben. Immerhin ist die Entwickelung dieser Frage interessant genug, um sie hier kurz zu besprechen. Der Ausschuß des 8. 8. 1879 löste sich gegen Ende des Semesters auf, da die Korps, welche durch einige Nichtkouleurstudenten schwer beleidigt worden waren, sich zurückzogen, und ihnen bald andere Verbindungen, wie der Wingolf, Bavaria, Juristenverein folgten, während die zurückbleibenden nicht farbentragenden Verbindungen, die bisher zusammen drei Stimmen gehabt hatten, jetzt je eine Stimme für sich verlangten. Im Wintersemester 1879/80 wurde ein neuer Versuch gemacht. Alemannia und Frankonia sollten zusammen drei, Wingolf und Bavaria gleichfalls drei, die Fakultäten sechs und die sechs tüchtigsten Vereine je eine Stimme haben. Wir verlangten, daß auch Wingolf und Bavaria nur je eine Stimme erhielten. Das wurde abgelehnt und es kam kein ständiger Ausschuß zu Stande. Die wichtige Frage, ob ein derartiger ständiger Ausschuß bei unserem vielseitigen Studentenleben überhaupt einen Nutzen hat, ist in der Folgezeit nach der negativen Seite hin entschieden worden. Unsere Burschenschaft hat es jedoch nicht an erneuten Versuchen fehlen lassen, einen Ausschuß innerhalb der Studentenschaft zu Werke zu bringen. Als im 8. 80/81 der große Kommers zur zehnjährigen Stiftungsfeier des deutschen Reiches stattfand, begannen die neuen Verhandlungen. Es sollten drei Gruppen gebildet werden, die eine von den Fakultäten, die andere von den sieben tüchtigsten Vereinen, die dritte von den Franken und uns. Zwischen diesen drei Gruppen sollte das Präsidium semesterlich abwechseln. Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Leider war auch diesem Ausschuß, wie allen früheren, nnr ein kurzes Leben beschicden. Im ^V. 8. 81/82 wurde gegen unseren energischen Einspruch ein Student zum Vertreter der medizinischen Fakultät gewühlt, der sich bei Gelegenheit eines Kommerses beiden Burschenschaften gegenüber höchst flegelhaft benommen hatte, sodaß unser Austritt die notwendige Folge war. Der betreffende Herr brannte später mit den Geldbeträgen, welche er für jenen Kommers gesammelt hatte, durch. Seitdem bestand der Ausschuß nur noch aus unbedeutenden Blasen und einem Teil der Finkenschaft, die keinen erheblichen Einfluß auf die Geschicke der Bonner Studentenschaft ausgeübt haben. Da die folgenden Jahre wenig Gelegenheit zum öffentlichen Auftreten boten, wurde die Frage nach dem Ausschuß erst wieder lebendig, als im 3. 8. 84 größere studentische Festlichkeiten zu Ehren des scheidenden Professors Maurenbrecher und des hiesigen Universitätsrichters Geh. Bergrat Brockhoff, der einen höchst ehrenvollen Ruf als vortragender Rat ins Ministerium nach Berlin abgelehnt hatte, stattfanden und ferner unserem Bismarck zu seinem 70sten Geburtstage und 50 jährigen Amtsjubiläum eine Glückwunsch- und Dankes-Adresse überreicht werden sollte. Unsere Burschenschaft beteiligte sich, wie es ihre Pflicht war, rege an allen Borbereitungen, und da sie als älteste Verbindung dank ihrer in fester Tradition vererbten Erfahrungen überall mit gutem Rat beisprana, so wurde ihr auch von der Studentenschaft bereitwilligst der Vortritt eingeräumt. Das Prinzip, durch eifrige Mitarbeit nach wohlüberlegtem Plane den großen Festtagen der Studentenschaft und der Universität eine würdige Feier zu sichern oder durch persönlichen Umgang und Besprechungen mit den uns nahestehenden Korporationen bei Lösung wichtiger studentischer Fragen Bundesgenossen für uns zu werben, hat sich in Zukunft immer wieder bewährt. Mit diesem Prinzip war aber der Gedanke eines ständigen Ausschusses, wenigstens in Bonn, sehr schwer vereinbar. In dem ständigen Ausschusse mußten die Gegensätze zwischen freier Geistcsrichtung und ultramontaner Gesinnung, die grade in Bonn einen immer steigenden Einfluß gewinnt, um so häufiger aufeinander prallen und so einen dauernden Kriegszustand schaffen, wie er jetzt nur zu Zeit der Lesezimmerwahl") zu herrschen pflegt. *) Zu dem Vorstande des akademischen Lesezimmers gehört auch eine Studenten- Vertretung, aus drei Kommilitonen bestehend, welche von den Studenten, soweit sie das Lesezimmer belegt haben, gewählt werden. Da dieser Vertretung ein gewisser Einfluß ans die Auswahl der ausgelegten Zeitschriften zukam, so war unser Bemühe», in der Wahl nur frcidenkende Kommilitonen durchzubringen. Gewöhnlich stellten zwei philologische Vereine und wir je einen Vertreter. Die Gegenpartei der NItramontanen hatte bisher im 3. 8. stets verloren, im äV. 3. zuweilen gesiegt. All unser Mühen ist aber umsonst gewesen, seit das erzbischöfliche Konvikt, welches in der Zeit des Kulturkampfes aufgelöst war, neu eröffnet wurde. Seine Angehörigen belegten sämtlich das Lesezimmer, beteiligten sich an der Wahl, und der studentische Ausschuß des Lesezimmers ist jetzt dauernd schwarz. — 169 — Anstatt die Kräfte und die Bcthätigung des guten Wittens für die großen Momente aufzusparen, wo die Begeisterung alle Hindernisse schwinden laßt, werden im ständigen Ausschuß die Eifersucht und Begehrlichkeit mancher Parteien erst recht aufgestachelt, um allen späteren Einigungsversuchen gründlich die Bahn zu verlegen. Hier werden alle Verbindungen, selbst wenn sie erst kurze Zeit auf der Hochschule bestehen, sehr bald dieselben Rechte verlangen, wie die ältesten. Entweder bedarf es eines stets von neuem entbrennenden Kampfes oder man giebt nach. Diese Gleichberechtigung der Korporationen — wohlverstanden nicht der einzelnen Studenten — ist aber in Fragen, die organischer Natur sind und vielleicht auf Jahre hinaus die Studentenschaft binden — und auf solche Fragen muß der Ausschuß mangels anderer Beschäftigung verfallen, — völlig unstatthaft. Den Verbindungen, welche einen mehr beständigen Charakter tragen, könnte so leicht diese beste Eigenschaft durch Mehrheitsbeschluß genommen werden. Oder es erfolgte Austritt, Auflösung, kurzum das alte Bild. Viel praktischer und erfolgreicher erschien uns der Weg, den wir in den letzten Semestern betreten hatten und der uns im 3. 3. 86 zu einem glücklichen Ziele führte. Statt des ständigen Ausschusses sollte ein sogenannter Turnus eingeführt werden, d. h. es sollte nur bei besonderen Veranlassungen, wo es sich um das Interesse der gesamten Studentenschaft handelte, eine Versammlung der Vertreter sämtlicher Verbindungen berufen werden, der abwechselnd eine Verbindung nach der andern präsidierte und auf der ausschließlich die aktuellen Fragen zur Beratung kamen. In dieser Versammlung, welche keine neuen Institutionen schaffen oder einschneidende Veränderungen unseres akademischen Lebens herbeiführen konnte, welche ursprünglich überhaupt kein beschließendes, sondern beratendes Vermögen hatte, war jeder Verbindung eine Stimme zuerkannt. Sobald sich die Mehrzahl für die angeregte Frage erklärte, wurde die allgemeine Studentenversammlung berufen und ihr der Vorschlag der Vertreterversammlung zur endgültigen Entscheidung vorgelegt. Auch hier galt die Stimme eines jeden Studenten gleich. Das burschenschaftliche Prinzip der Gleichberechtigung der Einzelnen war somit im vollsten Sinne gewahrt und doch uns zugleich die Gelegenheit geboten, in diesen Versammlungen dank unserer Erfahrung und unseres Eifers für die Sache, das Schwergewicht der weiteren Verhandlungen an unsere Partei zu knüpfen. Der große Vorteil dieses jedesmal sich frei zusammenfindenden Ausschusses war der, daß keine künstlich und systematisch betriebene Beeinflussung, die bei den sporadischen Tagungen der Vertrcterversammlung von keinem Erfolg sein durfte, sondern die geschichtliche Entwicklung die Gruppierung und Stellungnahme der — 170 - Parteien bedingte. Zu solchen Beeinflussungen gehörten zum Beispiel die Bestrebungen des Vereins deutscher Studenten*), welcher, kaum geboren, eine Neugruppicrung der Bonner Verhältnisse, um sich natürlich als Angel der Welt, herbeiführen zu können glaubte. Da er aber abgesehen von der Aussichtlosig- keit dieses Beginnens noch den einzigen Weg einschlug, um es mit der Bonner Studentenschaft gründlich zu verderben, nämlich des allergnädigsten 8. Li. unterthänigst ergebener zu sein, so fiel sein Versuch ins Wasser. Trotzdem lud er noch, es war Anno 1887 am Ende des 8., die gesamte Studentenschaft zu einem Kaiserkommers ein, nachdem diese bereits am 18. Januar denselben gefeiert hatte. Dieser Einladung folgte zwar keine Verbindung, wohl aber das gesamte Offizierkorps, welches durch die Mitteilung, daß Moltke die Kommerse des Vereins in Berlin besuche, sich dazu hatte bestimmen lassen. Auf Grund dieser Erfolge erschien dann ein Aufsatz aus der Feder eines Mitgliedes des V. D. 8t., daß endlich die Bonner Studentenschaft durch den V. D. 3t. wieder zum patriotischen Denken und Handeln aufgerüttelt worden sei. Doch wir kommen von unserer Vcrtretcrversammlung zu weit ab. Es stellte sich später heraus, daß die jedesmalige Berufung einer allgemeinen Studcntenversammlung sehr großen Schwierigkeiten begegnete, und so wurde durch Hinzuziehung der sechs Fakultätsvertreter die ursprünglich nur vorberatende Vertretervcrsammlung für die Mehrzahl der Fülle zur ausschlaggebenden erhoben. Doch müssen wir im Prinzip daran festhalten, daß, wenn eine Frage nicht mit großer Majorität der Vertreter erledigt wird, die Studentenschaft selbst das letzte Wort in der Angelegenheit zu sprechen hat. Diese Einrichtung, welche sich bis heute, von geringfügigen Unterbrechungen und Veränderungen abgesehen, erhielt, hat sich noch als die beste Form der bisherigen Vertretung erwiesen; nur gehört eiserner Fleiß und dauerndes Interesse unserer Burschenschaft dazu, um sich innerhalb dieses Kreises die ihr gebührende Stellung zu wahren und Übergriffe desselben auf ihm nicht zustehenden Gebiete energisch zurückzuweisen. Wir verdanken es dieser Stellung, daß uns oder dem D. E. bei den meisten größeren Festen der Studentenschaft in den letzten zehn Jahren das Prä- *) V. O. Lt. — Verein deutscher Studenien. Vor etwas langer als einem Dezennium gegründet, fast über alle Hochschulen verbreitet, besonders in Berlin und Leipzig stark vertreten, wollte die deutsche Studentenschaft im nationalen Sinn reformieren. Diese gute Absicht hatte weniger Früchte gezeitigt. Nach meinen persönlichen Erfahrungen hat sich der V. O. Lt. meist als höchst einseitiger politischer Verein in der Studentenschaft aufgeführt. Ihn der deutschen Burschenschaft als Muster hinzustellen, ist mir unverständlich. — 171 — sidium oder eine der Hauptreden zugeteilt wurde, und daß bei den zum 9V. Geburtstag unseres Kaisers Wilhelm I. und den beiden 1884 u. 1893 dem Fürsten Bismarck gesandten Deputationen sowie bei dem Fackelzuge beim Besuche des jetzigen Kaisers Mai 1891 in Bonn unsere Burschenschaft den Sprecher stellte. Da wir einmal mit den äußeren Verhältnissen der Burschenschaft begonnen haben, seien einige andere dahin gehörende Dinge gestreift. Von dem oben erwähnten Turnus hatten sich die Korps prinzipiell ferngehalten. Sie nahmen dementsprechend auch an den wenigsten, zeitweilig an gar keinen Festen der Studentenschaft teil. Da in unfern Augen eine derartige Ignorierung der Interessen und Pflichten gegenüber der Studentenschaft etwas sehr Verletzendes enthielt, so war unsere Stellung ihnen gegenüber klar vorgezeichnet. Das Verhältnis zu den Korps war bis zu dem Jahre 1880 ein ganz leidliches gewesen, bis es sich durch den plötzlichen Abbruch des seit IV. 8. 1877/78 bestehenden Paukverhältnisses erheblich verschlechterte. Die Veranlassung dazu gab folgende Forderung der Korps: „Die Burschenschaft Alemannia soll gehalten sein, Herren, die sie bei der Mensur einzuführen wünscht, dem präsidierenden Korps namentlich anzuzeigen, und die Anzahl derselben möglichst zu beschränken." Da wir uns einer solchen Forderung, — übrigens thatsächlich nur ein an den Haaren herbeigezogener Vorwand zur Lösung der Paukverhältnisses — die auf eine Partei einen Druck ausgeübt hätte, welcher der anderen erspart geblieben wäre, unmöglich fügen konnten, erklärte der 8. G. nach mehrfachen Verhandlungen das Paukverhältnis für gelöst, zum Teil hocherfreut, den Klingen einiger unserer Burschen entgangen zu sein. Da sich nun mehrere aufbrausende Gemüter unserer Burschenschaft nicht enthalten konnten, ihrem wohlberechtigten Groll durch Spottverse, die speziell gegen das Korps Hansea gerichtet waren, poetischen Ausdruck zu verleihen, verhängte der 8. G. über uns den studentischen Verruf.*) Somit war das letzte Band, welches den 8. G. mit der Studentenschaft verknüpfte, gelöst, und es machten sich, wie schon oben gesagt, die Folgen sehr bald bemerkbar. Der 8. G. schloß sich nicht nur exklusiv von der Studentenschaft aus, sondern wagte es sogar in verschiedenen Fällen durch ein unverschämtes Gebühren dieselbe aufs höchste zu reizen. In einer besonderen Denkschrift**) sind die Motive auseinandergesetzt, welche P Siehe Jahresbericht 1880/81. ") „Das Verhalten der Bonner Studentenschaft im >V. 3. 1889/90". Als Manuskript gedruckt und de» lluiversitätsbehördeu und akad. Lehrern übersandt. — 172 — uns endlich zu energischen Schritten zwangen. Im Einverständnis mit der ganzen Studentenschaft — nur 4 Vereine, unter ihnen der V. O. Lt., schlössen sich aus — unternahmen wir den Kampf gegen den L. d, der nach mehrjähriger Dauer im ^V. L. 1889/90 siegreich zu Ende geführt wurde. Wir sahen uns genötigt, Rektor und Senat einen einmütig gefaßten Beschluß mitzuteilen, worin wir erklärten, daß die Studentenschaft nur unter der Bedingung den 3. d zu weiteren studentischen Festen zulassen würde, daß er eine schriftliche Erklärung abgäbe, „in Zukunft entgegen seinem bisherigen, bei der Studentenschaft Anstoß erregenden Benehmen, alle Pflichten zu erfüllen, wie sie ihm als einer studentischen Korporation oblägen und zwar unter vollkommen gleichen Bedingungen, wie die übrige Studentenschaft". Der damalige Rektor Pf lüg er hatte leider nicht die geringsten Kenntnisse von den Vorfällen, die schon seit Jahren die Studentenschaft in höchste Erbitterung versetzten, noch weniger Verständnis für Versuche einen gütlichen Ausweg zu finden, sondern stellte sich, vermutlich infolge geschickter Beeinflussung, von vornherein auf die Seite der Korps und sprach der Studentenschaft das Recht ab, eine Verbindung von ihren Festen auszuschließen. Da die Studentenschaft, welche sich der Zustimmung der Mehrzahl der Professoren sicher wußte, nicht nachgab und ihre Rechte bis zum äußersten verteidigen wollte, erließ der Rektor ein Verbot für jede andere studentische Festlichkeit außer derjenigen in der Aula — es handelte sich um den Geburtstag unseres Kaisers —, wo er selbst die Plätze bestimmen würde. Es fehlten nur noch die gefalteten Hände, um eine Schulstunde daraus zu machen. Die Studentenschaft blieb fern. Die Korpsstudenten saßen unter den übrigen Zuschauern und waren ziemlich vollzählig erschienen, während sie sonst die Universitütsfeicrlichkcitcn nie mit ihrem Besuche beehren. Die zweite Hälfte des Pflttgerschen NektoratsjahreS bot der Studentenschaft keinen weiteren äußeren Anlaß, ihr festes Beharren in dieser Frage zu betätigen, wohl aber das Wintersemester 1890/91. Im Frühjahr 1891 wurde der Besuch unseres Kaisers in Bonn angekündigt, und die Studentenschaft rüstete sich zu einein großen Kommers, der auch von dem derzeitigen Rektor Hü ff er bereitwilligst gestattet wurde, obwohl auch diesmal die Korps unbedingt ausgeschlossen werden sollten. Das wäre nun für Letztere etwas fatal gewesen, und die seltene Einmütigkeit der Studentenschaft hatte endlich den erwünschten Erfolg. Die durch uns vom 3. d geforderte Sühne wurde durch die beim Rektor gegebenen schriftlichen Versprechungen gegeben. Hätten freilich die Korps gewußt, wie sehr die Gnade kaiserlicher Huld auf Kosten der übrigen Studentenschaft — 173 — auf sie herabströmen sollte, sie Hütten sich vielleicht nicht zn diesem Schritte bequemt. Nachdem jedoch das Versprechen gegeben war, haben sie es bis jetzt gehalten und beteiligen sich in der üblichen Weise an allen Festlichkeiten. Dieser systematisch auf die Korps ausgeübte Zwang zn einem vernünftigen Znsammenwirken mit der Studentenschaft hatte noch den weiteren Erfolg für uns, daß sie uns aus freien Stücken ein Satisfaktionsverhältnis ans schwere Waffen anboten, somit das Unrecht ihres Vergehens im Jahre 1881 offen eingestanden. Wir nahmen im Einverständnis mit den Märkern und Franken das Anerbieten der Korps an, ohne uns aber deswegen für ihre Interessen gegenüber der Studentenschaft irgendwie zu verpflichten. Hatten doch die Korps, wie es heißt auf Anregung von maßgebender Seite hin, den Vorschlag gemacht, alle schlagenden, satissaktiongebcnden Verbindungen sollten sich gegen die übrigen zusammenschließen. Die Verwirklichung dieses Planes wäre für uns das Aufgeben des wichtigen Prinzips der Gleichberechtigung aller Studenten und der Anfang zu unserer allmäligen Isolierung geworden. „Diwso Durmos st cloun tsrsutss." Hatten schon diese nur die Bonner Studentenschaft betreffenden Verhältnisse unsere Burschenschaft in hohem Maße in Anspruch genommen, so war das noch vielmehr mit denjenigen Fragen der Fall, welche die Einigung der gesamten deutschen Burschenschaft betrafen. Da diese Bestrebungen zu einem Resultat geführt haben, welches eine klare, unbedingte Stellungnahme unserer Burschenschaft verlangte, und gerade diese von manchem alten Herrn falsch aufgefaßt werden kann, so sei kurz der Entwicklung dieser ganzen Angelegenheit hier gedacht. Als wir im Jahre 1879 die Frankonia wegen fortgesetzten in- kommentmäßigen Benehmens gegen uns in Verruf stecken mußten, brach der Eisenacher Deputierten-Konvent, welcher bis dahin die Vereinigung einer größeren Zahl von Burschenschaften bildete, den studentischen Verkehr mit uns ab. Diese wechselseitige Verrufserklärung wurde jedoch im Sommer 1881 wieder aufgehoben und das frühere Verhältnis wieder hergestellt. So waren wir in der Lage, an dem Versuch, alle Burschenschaften Deutschlands unter Auflösung der bestehenden Verbände zu einigen, uns rege zu beteiligen. Der Aufruf zu diesem, die ganze deutsche Burschenschaft umfassenden Verbände ging von Jena aus. Es war seit den Zeiten der alten Burschenschaft der erste mit Erfolg gekrönte Versuch, und dieser Gedanke mußte alle Bedenken, die wir vielleicht gegen den neuen Bund hätten hegen können, unterdrücken. Wir wußten wohl, daß bisher allen solchen Einigungsbestrebungen nur ein kurzes Leben beschieden war, daß der be- — 174 — sondere Charakter einer Burschenschaft leicht den Allgemeinhcitsbestrebungen zum Opfer fallen kann, daß endlich in den Verband Burschenschaften aufgenommen werden müssen, deren Anschauungen über die Pflichten des Burschenschafters sehr weit von den unsrigen abweichen. Die urteilslose Menge warf vielfach uns und andere tüchtige Burschenschaften mit solchen minderwertigen in einen Topf; durch die Gründung eines allgemeinen Verbandes erhielten wir die Hoffnung, entweder jene Burschenschaften bessern oder ihnen durch Beschluß der Gesamtheit den Namen Burschenschaft absprechen zu können. Und ferner mußten wir bedenken, daß durch die Mannigfaltigkeit der Anschauungen eine Zersplitterung der burschenschaftlichen Kraft innerhalb der deutschen Studentenschaft herbeigeführt wird, die eines Mittelpunktes bedarf, um die nun einmal für die Außenwelt nötige achtunggebietende Kraftfülle hervortreten zu lassen. Das konnte nur im geschlossenen Verband geschehen. Daß aber unsere eigenen, gesunden und bewährten Anschauungen bei einer vorerst nur äußerlichen Vereinigung mit andersdenkenden Burschenschaften nicht beeinflußt und geschädigt werden könnten, dafür schien uns die feste Überzeugung von der vollen Berechtigung unseres Standpunktes und die Sicherheit langjähriger Überlieferung in unserer Alemannia volle Bürgschaft zu leisten. Soeben nannten wir den ^4.. D. E. eine vorerst nur äußerliche Vereinigung. Nur eine solche war in der That der O. E. bei seiner Begründung. Alle bisherigen Versuche, unter Aufstellung gemeinsamer Grundsätze eine Vereinigung der deutschen Burschenschaften zu Stande zu bringen, waren gescheitert. Deswegen wurde bei Begründung des Verbandes zunächst von der Aufstellung gemeinsamer Prinzipien ganz abgesehen, da man überzeugt war, daß bei dem Versuch, solche von vornherein zur Grundlage der Vereinigung machen zu wollen, diese überhaupt nicht zu Stande kommen würde. Dies war die Lage, unter welcher die Einigung der deutschen Burschenschaften im 8. 8. 1881 infolge des Jenenser Aufrufs glücklich durchgesetzt wurde. Die Satzungen des neugegründeten Verbandes enthielten zunächst nur Bestimmungen über die Gründungen eines lokalen D. E. an jeder Hochschule, über den Verkehr der Burschenschaften auf fremden Hochschulen, Regelung schwebender Streitfragen, Bestimmungen über ?. ?. Suiten, deren möglichste Beschränkung u. s. w., alles beeinflußt von dein Grundsätze, daß sich der D. E. jeder Einmischung in die Prinzipien, sowie überhaupt in die Konstitution der einzelnen Burschenschaften streng zu enthalten habe. — 175 — So war der Bund gegründet, und uns fiel durch das Los die Führung des zweiten Geschäftsjahres 1882/83 zu, nachdem dieselbe für das erste ehrenhalber den Jencnsern anvertraut war. Da für die Geschäftsführung noch keine Regeln ausgebildet waren, und, wegen Suspension der Frankonia, unsere Alemannia durch jenes ganze Jahr allein den Vorsitz zu führen hatte, war die uns zugefallene Aufgabe keine leichte. Unsere Burschenschaft wählte eine eigene Kommission, welche die laufenden Geschäfte des D. E. zu erledigen hatte und die etwa notwendigen Beschlüsse dem Konvent zur Begutachtung vorlegte. Als wir zu Pfingsten 1883 unser Amt niederlegten, wurde uns die besondere Anerkennung des v. E. für die Führung der Geschäfte ausgesprochen. Somit hatte unsere Alemannia ganz besonders schon in der ersten Entwicklungsphase des neuen Bundes an dessen Kräftigung mitgearbeitet. Dieser lebhaften Beteiligung an den Vorgängen im O, E. folgte nun zunächst eine Zeit ruhigen Abwartens, Der vorerst rein äußerliche Verband mußte soweit erstarkt sein, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit in ihm mußte so fest werden, daß er die unvermeidlichen Konflikte bei Aufstellung seines prinzipiellen Teils der Satzungen und bei der Behandlung in das Wesen einschneidender Fragen überhaupt ertragen konnte. Wir hatten dies Ziel stets fest im Auge, und würden ohne Erfüllung desselben, und zwar ohne Erfüllung in unserem Geiste, nicht auf die Dauer Mitglieder des D, E. geblieben sein. Der uns so eng befreundeten Bubcnruthia wurde leider diese Zeit des Abwartens zu lange; sie warf zu früh die Flinte ins Korn, da sie der Meinung war, im O, El. seien so viele Burschenschaften vorhanden, welche mit uns nur den Namen gemein hätten, daß die weitere Entwicklung des D, E. keine gedeihliche sein und uns nur schaden könne. Die Bubenreuther teilten uns daher kurz vor Pfingsten 188-1 mit, daß sie austreten würden und forderten auch uns zu diesem Schritte auf. Wir folgten jedoch nicht, da unsere Burschenschaft von dem Gesichtspunkt ausging, daß man erst dann ausscheiden dürfe, wenn man in Gemeinschaft mit den anderen älteren Burschenschaften den Versuch gemacht hätte, die größere Anzahl der Burschenschaften neuerer Richtung in unserem Sinne zu beeinflussen. ES war klar, daß es nur diese beiden Möglichkeiten gab, — entweder von vornherein an die Erfolglosigkeit jeden Versuchs zu glauben, dann war es unbedingte Pflicht, auszutreten, — oder im Verbände zu bleiben, dann aber auch thatkräftig anzugreifen und keine Gelegenheit unbenützt vorübergehen zu lassen, um durch Rat und That die Jüngeren und Minderwertigen unseren Anschauungen näher zu führen. Nachdem einmal unsere Burschenschaft diese — 176 — Notwendigkeit erkannt, hat sie die Folgerung daraus, wenn auch oft schweren Herzens, gezogen. Viel Mühe und Arbeitskraft, die oft vielleicht besser für den inneren Ausbau der Burschenschaft verwendet worden wäre, wurde dieser neuen Aufgabe gewidmet. Zunächst harrte das schwierige Problem, eine gemeinsame Grundlage für alle verschiedenen Richtungen zu finden und sie im Gewände eines Bekenntnisses der heutigen deutschen Burschenschaft niederzulegen, seiner Lösung. Pfingsten 1885 beschlos; der O. E. eine Kommission von 7 Burschenschaften zur Lösung dieser Aufgabe einzusetzen, unsere Alemannia befand sich unter den gewählten. Die von der Kommission ausgearbeiteten, im August 1885 und Januar 1886 vom D. G. angenommenen „Prinzipien der deutschen Burschenschaft" sind ganz im Geiste unserer Alemannia abgefaßt; einzelne Sätze sind sogar wörtlich aus unseren Statuten übernommen. In kurzen und klaren Worten enthalten sie alle Aufgaben, alle Pflichten, deren Erfüllung eine Burschenschaft von ihren Mitgliedern verlangt; sie lauten folgendermaßen: Die Burschenschaft ist eine Verbindung gleichgcsinnter, unabhängig und ehrenhaft denkender deutscher Studenten, welche das aufrichtige Bestreben haben, die Studienzeit in treuer Gemeinschaft und gewissenhafter Befolgung ihres Wahlspruches: „Ehre, Freiheit, Vaterland!" zu verleben. Sie stellt es sich zur Aufgabe, ihre Mitglieder zu tüchtigen, im Denken und Handeln freien und selbständigen Bürgern eines einigen, nach innen kräftigen, nach außen mächtigen deutschen Vaterlandes heranzubilden. Diese ihre Aufgabe sucht sie zu erreichen, indem sie folgende Grundsätze ihres inneren und äußeren Lebens aufstellt: In Bezug auf die innere Ausbildung verlangt die Burschenschaft von ihren Mitgliedern einen ehrenhaften und sittlichen Lebenswandel, Pflege der Vaterlandsliebe, Aufrechterhaltung des Grundsatzes der Freiheit, Be- thätigung der Wissenschaftlichkeit. u) Die Burschenschaft fordert einen ehrenhaften und sittlichen Lebenswandel. Ihre Mitglieder sollen die Gebote der Sittlichkeit befolgen, die uns die Erhaltung und Pflege unserer körperlichen und geistigen Kräfte, die Erhaltung der Reinheit und Aufrichtigkeit unseres Charakters zur Pflicht machen. Sie sollen ihre persönliche Ehre stets hochhalten und Kränkungen derselben mit Einsetzung ihrer ganzen Persönlichkeit entgegentreten. Jeder Burschenschafter giebt daher unbedingte Satissaktion. — 177 - b) Dem deutschen Vaterlande alle Kräfte zu weihen, ihm in Krieg und Frieden mit aller Treue zu dienen, macht die Burschenschaft zur unbedingten Pflicht ihrer Mitglieder. Demgemäß ist sie bestrebt, in ihren Mitgliedern reges Interesse für alle Verhältnisse des deutschen Vaterlandes zu erwecken, sowie die Kenntnis und das Verständnis der Geschichte und der öffentlichen Angelegenheiten Deutschlands zu fördern. Sie wird alles in ihren Kräften stehende dazu beitragen, um die Erhaltung deutscher Sitte und Sprache und das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Stämme deutscher Zunge zu unterstützen. e) Die Burschenschaft verlangt von ihren Mitgliedern, das; sie das Prinzip der geistigen und studentischen Freiheit stets vertreten. Die geistige Freiheit sieht die Burschenschaft in der Lossagung von Vorurteilen, der Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Denkens, der Energie und Freiheit des Handelns. Die studentische Freiheit sieht die Burschenschaft in dem Rechte der Studentenschaft, ihre inneren Angelegenheiten selbständig zu ordnen, und in dem Rechte jedes einzelnen Studenten, von allen akademischen Vorrechten Gebrauch zu machen und sich an allen studentischen Angelegenheiten zu beteiligen. Sie erkennt die Gleichberechtigung aller ehrenhaften Studenten an. Die Burschenschaft macht es sich selbst zur Pflicht, stets schützend für die Eigenheiten des deutschen Studentenlebens einzutreten, sie zu pflegen und in diesem Sinne an allen allgemeinen studentischen Angelegenheiten mitzuwirken, ck) Die Burschenschaft fordert Betätigung der Wissenschaftlichkeit. Wissenschaftliche Ausbildung ist einmal an sich der Zweck und das Ziel der akademischen Studienjahre. Andrerseits ist die wissenschaftliche Bildung die unerläßliche Vorbedingung eines erfolgreichen Wirkens im Dienste des deutschen Vaterlandes und das einzige Mittel zur Erlangung einer vollen geistigen Freiheit. Die Grundlage der Wissenschaftlichkeit ist die allgemeine Vorbildung. Als ihren äußeren Ausdruck verlangt die Burschenschaft von ihren Mitgliedern das Maturitäts-Zeugnis. In Bezug auf die äußere Erziehung fordert die Burschen- 12 schast Ausbildung der körperlichen Kräfte, Wahrung des äußeren Auslandes und strammes Auftreten. n) Behufs körperlicher Ausbildung hält die Burschenschaft ihre Mitglieder zum Fechten und sonstigen passenden Leibesübungen an. ll) Die Mitglieder sollen den Gesetzen der gesellschaftlichen Sitte und des auf mahrer Bildung beruhenden Anstandes gemäß auftreten, zugleich aber alle Übertreibungen in Äußerlichkeiten vermeiden. o) Die Burschenschaft verlangt von ihren Mitgliedern, daß sie sich stets voll bemußt sind, mie hohen Idealen sie als Burschenschafter nachstreben, und daß sie dies Bemußtsein auch äußerlich durch strammes, selbstbewußtes und einheitliches Auftreten an den Tag legen. Der Vertreter unserer Burschenschaft in der Kommission zur Aufstellung der Prinzipien der deutschen Burschenschaft war Richarz. Mit der Annahme dieser Prinzipien durch den O. E. waren keineswegs nur schöne Worte an die Spitze der Statuten gestellt. Zunächst war durch dieselben die Möglichkeit gegeben, gegen Burschenschaften vorzugehen, die sich nicht den Satzungen entsprechend verhielten: ein Verfahren, das bis dahin unmöglich war, da ihm die bestimmte Grundlage fehlte. Sodann war in den Satzungen ein ganz bestimmtes Postulat enthalten, welches bisher keineswegs alle Burschenschaften für ihre Mitglieder aufgestellt hatten, nämlich das Maturitätszeugnis. Ferner hatte die Aufstellung der Prinzipien den Erfolg, das; die Erlangcr Bubcnruthia, die ja grade wegen des Fehlens eines prinzipiellen Zusammenhalts aus dem O. E. ausgetreten war, wieder in denselben eintrat. Im allgemeinen endlich mußte die feste, sachgemäße Formulierung der Grundsätze auch der gesamten Burschenschaft rückwirkend eine innere Festigkeit verleihen und deren dauernden Bestand gewährleisten. Nachdem dieses erste Ziel nach 3 jährigem Hangen und Bangen in solchem Sinne erreicht war, vergingen noch 3 weitere Jahre, ehe das Pflichtgefühl gemeinschaftlichen, energischen Handelns eine größere Zahl älterer Burschenschaften gleichmäßig durchdrang und so zur Gründung des „roten Verbandes" führte, auf den wir noch später zurückkommen wollen. Dafür wirkten aber auch die Erfolge und das Bewußtsein, an einem großen Werke mitzuhelfen, belebend auf die Burschenschaft zurück. Hatte bis jetzt die Burschenschaft nur in der engeren Heimat, innerhalb der Studentenschaft Bonns, ihre Anschauungen zur Geltung zu bringen — 179 — versucht, so galt es jetzt, dieselben anderen Kreisen, die den verschiedensten Hochschulen unseres Vaterlandes angehörten, gegenüber zu vertreten. Die alte Kvlonisationsarbeit, durch welche die erste Burschenschaft so großartige Erfolge errungen, wußte, wenn auch in anderer Forin, wieder aufleben, wenn die deutsche Burschenschaft als Ganzes noch an eine Weiterentwicklung, an eine Zukunft glauben, und nicht sich selbst das Zeugnis ihrer Ohnmacht ausstellen wollte. Dabei sollte aber daran festgehalten werden, daß unsere Burschenschaft Lebcnsverbindung bleibe. Die Unterstützung anderer Burschenschaften konnte daher nur in der Forin geschehen, daß zeitweiliger Austritt gewährt wurde; dadurch allein konnten auch Konflikte mit dem L. El. vermieden werden. So kam es, daß unsere Burschenschaft bereits dreimal in dieser kurzen Zeit Mitgliedern den zeitweiligen Austritt gestattete, damit sie als Apostel unseres burschenschaftlichen Glaubens an der neuen Statte in unserem Sinne wirken möchten. Leider scheiterte der erste Versuch an der geringen Beteiligung seitens alter Burschenschafter. Es handelte sich um die Nekonstitution der mit uns befreundeten Brunsviga