Von nand Delbrück, Regierungs- und Schul- Rathe. Ueber die Verbindung des wissen» schaftlichen Geistes mit dem Geiste der Frömmigkeit bey Unterweisung der Jugend. Gehalten auf Veranlassung einer Schulfeyer- lichkeit im Königlichen Gymnasium zu Düsseldorf den Zv. December 1317. üsseldorf, 1818. I. H. (5. Schrtiner. ^nser Gymnasium sieht sich mit einem Lehrer bereichert, in der Person des wohlehrwürdigen Geistlichen Herrn Martin Boos, welcher als Lehrer der Religion für die katholischen Zöglinge der Anstalt berufen und in dieser Eigenschaft in das ihm anvertraute Amt eingeführt worden, mit der Verpflichtung, die religiöse Bildung und kirchliche Erziehung der gedachten Zöglinge zu leiten. Die Theilnahme der vorgesetzten Königlichen Behörde, in Deren Namen ich spreche, an diesem sür das Gymnasium so bedeutenden und erfreulichen Ereignisse glaube ich nicht besser an den Tag legen zu können, als durch Mittheilung einiger Gedanken über die Verbindung des wissenschaftlichen Geistes mir dem Geiste d«r Frömmigkeit bey Unterweisung der Jugend. < 4 ) Von Alters her hat man den Wissenschaften den Vorwurf gemacht, daß sie für die Frömmigkeit verderblich wirken und ihre Pfleger von Gott abführen. Zu wünschen wäre, diejenigen, welche heut zu .Tage diese Beschuldigung erneuern, möchten sich erklären, ob sie dieselbe gegen alle Wissenschaften richten, oder nur gegen einige, und in diesem Falle, gegen welche und gegen welche nicht. Sollten sie etwa dabey auch die Wissenschaft der Geschichte im Sinne haben? „Man findet in der Geschichte, sagt Johann von Müller, nicht sowohl, was iir einzelnen Fallen zu thun sey (die Umstände än- - dern alles unendlich) als vielmehr das General-Resultat der Zeiten und Nationen: Erfülle trefflich die vom Schicksale dir angewiesene Stelle 5 hierin scheine dir nichts zu hoch, daß du es nicht erreichen könntest, nichts so gering, daß du es vernachlässigen dürftest. Dadurch- werden Könige groß, dadurch erwirbt der Mann von Geist ewige Lorbeeren; dadurch er- hebt der Hausvater sein« Familie über Niedrig? Kit und Armuth." WaS der helle Scher durch diesen AusspruO uns zu Gemüthe führen will, ist die Lehre? daß jedem Volke und jedem einzelnen Men» < 5 > schen eine absonderliche Bestimmung angewiesen worden, von deren Erreichung oder Verfehlung sein Wohl oder Wehe abHange, daß zur Erreichung derselben jedem vornehmlich Kenntniß seiner selbst und seiner Verhältnisse noth thue, und daß, um zu dieser zu gelangen, die Geschichte «in vorzügliches Hülfsmittel darbiete. Wohlan! wenn die Lehrer eines Gymnasiums bey Unterweisung der ihnen anvertrauten Jugend in der Geschichte jene Gesichtspunkte fassen, und hieran Ideen knüpfen, die sie bey der Auswahl und Erzählung der Thatsachen leiten; wenn es ihnen gelingt, ihren Schülern für diejenigen, welche als Helden, Volksführer, Priester, Denker, Dichter, Künstler bedeutende. theils wohlthätige, theils verderbliche Wirkungen in der Welt hervorgebracht habe«, eine Theilnahme einzuflößen, welche die Wißbegierde mehr reizt, als befriedigt, so daß sie dermaleinst als Männer sich geneigt und fähig fühlen, dfe Gegenwart aus d^er Vergangenheit verstehen , was in dem Betriebe der Gemeiu- »vesen und Hauswesen eitel und was tüchtig sey, unterscheiden zu lernen; und demnach auf sich selber schauend, die gewonnene Einsicht gebrauchen , sich die große Frage zu beantwor- t b ) c^ueni ts llous «5»« jn5Zit «i Iiumsns hus parts loostus es in re,? — wahrlich, dann wird man diesen Lehrern nicht vorwerfen können, daß sie die Jünglinge unfromm machen: denn treue und gewissenhafte Erfüllung des einem jeden angewiesenen Berufs, wozu eine solche Behandlung der Geschichte vor allem Andern ermuntert, wird, so viel ich weiß, nach den Grundsätzen aller christlichen Bekennungen alS etwas angesehen, ohne welches kein echter Gottesdienst bestehen kann. Mißlicher beym ersten Anblick wenigstens ist der Religion gegenüber der Stand der Philosophie, welcher auch Tertullianus, wie es ^scheinen könnte, eben nicht geneigt gewesen. „Das eben, ruft der sromme Kirchenvater aus, ist die Beschäftigung der Weisheit dieser Welt, daß sie die göttliche Natur und Einrichtung auszulegen sich erkühne-t. Armer Aristoteles! der du deine Dialektik dazu leihen mußt, die so künstlich bauen, so künstlich entreißen kann, die auf alles ein Sprüchelchn, hat, so dringend mnthmaßct, so zwingend folgert, im Hadern so mächtig ist, in ihren eigenen Reden sich so verwickelt, nichts zu Ende bringt, immer von vorne anfangt. Daher jene Fabeln und Geschlechts - Register, die kein Ende haben, jene fruchtlosen Aufgaben, jene ( 7 1 wie der Krebs um sich fressenden Reden, von welchen uns der Apostel gern zurückhalten mochte, wenn er die Philosophie namentlich anführt und seine Colosser davor warnt. Unsere Weisheit ist aus der Halle Salomonis, wo der Herr zu suchen ist, in der Einfalt veS Herzens." Mir sey vergönnt, jenen Worten Tertul» lians hinzuzufügen: In der Halle Plato ns, des Fürsten der Philosophen, lautete es nicht viel anders als in der Halle Salomonis. Daß die Seele vortrefflicher sey, als der Leib, daß ihre überirdische Abkunft beurkundet werde durch gewisse ihr inwohnende Ideen des an sich Wahren, Guten und Schonen, von denen keiner unserer Sinne Zeugniß geben könne, weil sie weder Farbe, noch Gestalt, noch Geruch, noch Geschmack haben; daß jene Ideen des an sich Wahren, Guten und Schönen die Seele in unmittelbare Verbindung bringen mit Gott, welcher kraft höchster Macht und Weisheit die Welt geordnet habe und regiere; daß einzig und allein das Geistige als wesenhast zu betrachten sey, das Körperliche als wesenlos; daß des Menschen Bestimmung in nichts anderm bestehe als in der Verähnlichung mit Gott, zu welcher er in dem Maße gelange, in ( 8 > welchem er Wesenhastes zu erforschen und im eigenen Leben auszuprägen strebe; daß solchem Streben der Tod kein Ziel setze, weil Gott wolle, daß die Seele nimmer vergehe. Sehet da! das ist von Platons Lehre die Summa. Den frommen. Sinn, der sich hierin ausspricht, wußten unter den Kirchenvätern diejenigen wohl zu würdigen, welche in dem Plato n einen der Vorläufer Christi verehrten, der bestimmt gewesen, auf diesen die Gelehrten vorzubereiten, wie die Propheten das Volk; jenen frommen Sinn erkannte auch der große Meister Raphael, als er auf dem berühmten Gemählde der Schule von Athen, den Platv» in jugendlicher Kraft darstellte, schreitend, mit gen Himmel gewendetem Blicke; den Aristoteles dagegen bildete er ab stehend mit erdwärts gerichtetem Antlitze. Es ist nicht zu leugnen, daß dieser Denker sich weit mächtiger bewies, in Entwickelung und Verknüpfung der Erfahrrungsbegriffe, welche die Beobachtung ihm zuführte , als in Aufhellung dessen, was über die Erfahrung hinausliegend diese erst begründet. Aber man thut ihm unrecht» wenn man meint, er sey dem überirdischen Elemente ganz entfremdet gewe- sm. Auch er der scharfe, der strenge, der tro- < 9 ) ckene, der wortkarge Aristoteles erkannt?, daß es im Menschen etwas Höheres und Vortrefflicheres gebe als die Vernunft, das Vermögen nämlich, Unbegreifliches im Glauben anzuschauen. Was er von Verlangen, das Uebersinnliche aufzudecken getrieben, sein ganzes Leben hindurch suchte, was er seine äe-iäsrsw, ^ seine Ersehncte nannte, war, wie Leibnitz urlheilt, nichts anderes als die Theologie. Hätte er gefunden, was er so eifrig suchte, er würde erkannt haben, echter Philosophie widerstrebe nichts mehr, als zum Gegenstände des Wissens inachen zu wollen, was geglaubt werden muß, wie der heilige Augustinus erkannte, echter Religion widerstrebe nichts mehr, als zum Ge- ^ genstande des Glaubens zu machen, was sich s " wissen läßt. Damit der einen, wie der andern ihr Recht widerfahre, kommt alles darauf an, die Gebiete des Glaubens und des Wissens zu sondern und bey sich und andern darauf zu halten, daß deren Grenzen sich nicht verwirren. Wohlan denn, lasset uns bey Bildung der Jugend hierauf das Absehen richten und ihr frühzeitig einschärfen, man könne vor jedem sträflichen Jrthume bewahrt bleiben, wenn man sich nur da unterfange zu urtheilen, wo nach dem Zeugnisse des Gewissens so viele Gründe vorhanden sind, als zu einem bestimmenden ( ic> ) Urtheile er^odert werden; lasset unS jede sich darbietende Gelegenheit benutzen, um ihr zu Gemüthe zu führen, wie schwach oft die Vernunft sich in den Weisesten zeigt, wie hell oft in den wichtigsten Dingen durch die Kraft des Glaubens auch die Einfältigen sehen; lasset uns die einem jeden zustehende Befugniß, eigener, und die einem jeden obliegende Pflicht, sremder'Einficht zufolgen, gegeneinander abwägend, die Fälle, wo jene und wo diese in Anwendung komme, unterscheiden, damit nicht die Zuversicht, welche die Jünglinge zu sich tragen sollen, in Vermessenhcit, damit die bescheidene Mäßigung, die wir ihnen einflößen wollen, nicht in Zaghaftigkeit ausarte; lasset uns aus der Seelen künde ihnen erklären, woher es rühre, daß der Verstand sich dem gröbsten Truge aussetzt, wenn er versäumt, auf die Eingebungen des Herzens zu achten, daß sich das Herz in die gräulichsten Verwirrungen verstrickt, wenn eS den Beystand des Gedankens verschmäht, daß es daher beym Sinnen über göttliche und menschliche Dinge gleich gefährlich ist, die Vernunft allein und die Vernunft gar nicht zu gebrauchen; lasset uns solchergestalt die Jünglinge auf ihr künftiges Studium der Philosophie vorbereiten, sie kräftigen und starken, damit nicht dermaleinst ihre Seelen den Sophisten zur B^ute werden, die sich ih-- ( 1 rer bemächtigen zu wollen im Schilde führen möchten. Bey einer solchen Anwendung der Philosophie auf den Unterricht, die den Grundsätzen keiner christlichen Bekennung widerstreitet, hat gewiß Niemand, weder von Seilen des Apostels, noch des Kirchenvaters Tadel zu besorgen, vielmehr sich ihres Beyfalls und SegenS zu getrosten. Was aber die Sprachkunde anbetrifft, so ist diese von einer schuldlosen Frömmigkeit, die für sich selber redet. „Als Gott der Herr, sagt die Schrift, gemacht halte von der Erde allerley Thiere auf dem Felde und allerley Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, daß er sahe, wie er sie nennete: denn wie der Mensch allerley Thiere nennen würde, so soll, ten sie heißen. Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Thiere auf dem Feld seinen Namen." Durch diese Ueberlieferung will die heilige Sage ohne Zweifel andeuten, daß Gott selbst dem ersten Menschen zur Erfindung der Sprache behülflich gewesen und in Bildung der Wörter ihn unterwiesen habe. Aus jener göttlichen Ursprache sind im Laufe der Zeiten unzählige abgeleitete Sprachen hervorgegangen, welche jetzt weit und breit auf Erden ertönen. Unter ihnen sämmtlich ist uns geiviß keine licbcr, als ( 12 ) die deutsch?, nicht weil wir sie unter allen für die beste halten, sondern weil sie die unsrige ist, wnl sie des Volkes, dem wir angehören, Denk- und Empfi'ndungs-Weise seit vielen Jahrhunderten bestimmt hat und auf viele Jahrhunderte noch bestimmen wird, weil sie das Band ist, das uns nicht nur mit unsern itzo lebenden Landesleuten verknüpfet, sondern auch mit Vorfahren und Nachkommen, weil sie von Kindheit nuf unserm innerlichen Leben Nahrung und Wachsthum verliehen und in die uns angebor- nen und lieb gewordenen Gewohnheiten des Daseyns und Wirkens sich so vielfach verzweigt und verflochten hat, daß wir von ihr nicht scheiden können, ohne von uns selber zu scheiden. Nach dem Umfange und der Genauigkeit der Kenntniß, die wir von ihr besitzen, richtet sich die Fülle und die Klarheit unserer Vorstellungen ; von der Geübtbeit im Gebrauche derselben hangt großen Theils das Gelingen unsrerWirk- samkeit auf Andere ab, in den wichtigstin Dingen, wie auch die Annehmlichkeit im gesellschaftlichen Umgange, der über das trübe Erdelebcn so großen Reiz verbreitet. Soll sich nach Gottes Willen der Mensch vom Thiere dadurch unterscheiden, daß er spricht, so kann es Gottes Willen nicht entgegen seyn, wenn wer sich bemühet. daß er wohl spreche. Unter den übrigen Sprachen nehmen in un^ ( -3 ) serer Werthschätzung die griechische unv lateinische mit Recht einen hohen Rang ein, wegen des unendlichen Reichthums geistreicher Wörter und Wendungen, die sie sür alles, was ein menschlicher Verstand zu denken, nnd ein menschliches Herz zu fühlen fähig ist, besitzen» und wodurch sie mehr als andere beweisen, welche Wohlthat Gott der Herr seinem geliebten Menschengeschlechte in der Gabe der Sprachen erzeigt hat. Die/es thun sie auch durch so viele herrliche Werke von musterhafter Schönheit, welche höchst edle Geister ihnen anzuvertrauen gewürdigt ha- den. Zweckmäßigkeit und Fülle-, Einheit und Mannichfaltigkeit, Lebendigkeit und Gestaltung, Kraft und Maaß, das sind die Elemente des Schönen, durch deren glückliche Mischung ein echtes Werk der Kunst seinen Werth bekömmt, und das Weltganze, in dem alles mit allem in inniger und durchgängiger Verknüpfung wirkt, sinnbildlich darstellt. Indem wir nun die unS anvertrauten Jünglinge in das Heiligthum der alten Kunst einweihend, sie anleiten, die räth- felhaffe Sprache, welche diese führt, nach nnd nach zu entziffern, den Schleier, unter welchem ihre himmlisch» Anmuth sich birgt, allmählig zu lüften, die Empfindungen, welche sie erregt, in Gedanken, die Gedanken, welche sie weckt, in ( 14 ) Anschauungen zu vorwandeln, die Betrachtung Anfangs auf einzelne Theile, dann von den Theilen auf das Ganze, hierauf von kleineren Ganzen auf größere zu richten; indem wir solchergestalt die Jünglinge lehren , den Geist zu erfassen, der in den Werken der großen alten Meister lebt, schließen wir ihnen zugleich den Sinn auf, den höhern aber verwandten Geist ewiger Ordnung zu ahnen, der in dem All der Welten waltet, und dürfen nicht besorgen, bie- durch sie von Gott abzuführen, vielmehr hoffen» sie stufenweise dem Wesen der Wesen näher zu bringen, in dem die höchste Schönheit wohnt; wir dürfen nicht besorgen, hiedurch die Satzungen irgend einer christlichen Bekennung zu übertreten ; denn keine leugnet, daß Schönes zu erkennen Gewinn sey, der nimmcr uns entrissen werden kann. Sollte aber Jemand von den Wissenschaften der Mathematik und Naturkunde behaupten, daß sie etwas an sich hätten» wodurch sie die Seelen derer beschädigten, die sich ihnen mit Eifer ergeben, so möchte ich dagegen zuerst die Pythagoreer in Erinnerung bringen. „Unablässig strebe» Gesetzmäßigkeit außer dir in der Natur aufzusuchen» und im eigenen Leben sie hervorzubringen." — In diese wenigen Worte läßt sich der Grundsatz ihrer Philosophie fassen. ( 15 ) Die Entdeckungen, welche sie in der Lehre von den Größen und den Zahlen machten, verhalfen ihnen zur richtigen Einsicht in ven Bau unseres Sonnensystems, über welchen sie dieselde Lehre vortrugen, welche zweytausend Jahie später Co- pernicus von neuem erfand. Die Jr>ee von der Unermeßlichkeit des Weltgebäudes, in welchem die Erde mit allen ihren Herrlichkeiten wie ein Punkt verschwindet, gab ihuen von der Ohnmacht, Schwäche und Niedrigkeit des Mcnschen als eines Sinnenwesens ein so tieses Gefühl« daß sich daraus das Bewußtseyn der siltlicheir Hoheit desselben mit einer Klarheit und Stärke eutwickelte, wie es sich so früh bey keiner andern Philosophenschule findet. Die Rn'nheit ihrer Sittenlehre und die Strenge ihrer Zucht hatte einzig zur Quelle die Fortschritte, welche sie in der Sternkunde gemacht hatten, und die glückliche Berbindung, die sie zwischen dem Wissen und dem Handeln stifteten. Ferner möchte ich gegen jene Behauptung in Erinnerung bringen, was die Schrift sagt. „Woher kömmt denn die Weisheit, sagt die Schrift, und wo ist die Stäte des Verstandes? Sie ist verholen vor den Augen aller Lebendigen, auch verborgen den Vögeln unter dem Himmel. Die Verdammniß und der Tod sprechen: Wir haben mit unsern Obren ihr Gerücht ( ) gehört. Gott weiß den Weg dazu und ke^vct ihre Stslc. Denn er sieher die Enden der Erde, und schauet alles, was unter dem Himmel ist. Da er dein Winde sein Gewicht machte und sltzte dem Wasser seine gewisse Maße, da er dem Regen ein Z?el machte, und dem Nütze und Donner den W«'g: da sahe er sie, und crzahlete sie und erfand sie. Und sprach zu dem Menschen : Siehe! die Furcht des Herrn, daS ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Verstand." Wie? Das Reich der Freyheit und das Reich der Natur haben einen obersten Regiere, ? Das Gesetz, dem dieKärperwelt gehorchen muß, und das Gesetz dem die Geisterwelt gehorchen soll, haben eine QueLe? Derselbe Gott, welcher die Enden der Erde siehet, durchschauet unferHerz? Und es sollte in den uns anvertrauten Jünglingen für viesen Gott ihre Ehrfurcht; es sollte gegen seine heiligen Gebote ihre Unterwürfigkeit; es sollte wider das Böse ihre Scheu mindern, wenn sie lernen, zählend, messend, wagend einzudringen in die Wunderwerke der Schöpfung, die Gott der Herr nach Zühl, Gewicht und Maß geordnet hat, wie er will, daß sie selber ordnen sollen, was er von der Welt dereinst ihrer Herrschaft übergeben wird? Nein, antworten unsere Gegner, wir spre- ( »7 > HM der wissenschaftlichen Erkenntniß an sich ,'liicn Wtrth nicht ab, meinen aber, daß es für den Menschen etwas Höheres gebe, was durch sie leicht verloren geht. Gott, fahren sie fort, nennt sich in der Schrift einen verborgenen Gott, der in einem Lichte wohne, zu dem Niemand kommen könne. Betrachtet ihr daher, sagen sie weiter, dieNatur und das Menschenleben bloß wissenschaftlich: was erblicket ihr? nicht Gott, sondern nichts weiter, als blindwirkende Nothwendigkeit dort; nichts weiter als Zufall und Verhangniß hier. Wer Gott am Himmel oder auf Erden suchet, wer Gott über sich und um sich suchet; wer ihn anderswo suchet, als in sich, dem widerfahrt, was jenem Verirrten, da er verzweifelnd ausrief: gehe ich nun stracks vor mich, so ist er nicht da; weiche ich zurück, so spüre ich ihn nicht. Gott schauen wie die Schrift sagt, werden die, welche reines Heizens sinv, nicht ihn schauen werden daher die, welche nur scharfes Verstandes sind, nicht die, welche tägliche Beschäftigung verwöhnt, für wahr und wesenhaft nur das zu halten, was sie begreifen können, nicht die. welche über Erforschung der wirkenden Ursache die Betrachtung der Endursache versäumen; nicht ihn schauen werden die, welche ungezähmter Wißbegierde und dem wilden Trosse der sie .begleitenden Leidenschaften preis gegeben B. < 13 ) herrschend sn sich machen, was dienen soll, tinv dienend, was herrschen. Darum spricht der Herr: Seiig sind die Armen an Geiste, denn das Himmelreich ist ihre. Und abermal spricht er: Ich preise dich Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du solches verborgen hast den Weisen und Klugen, und hast es geoffen- baret den Unmündigen, ja Vater, also war es wohlgefällig vor dir. Hieraus sey vergönnt, mit geziemender Ehrfurcht zu erwiedern: Schlichtheit des Urtheils, Reinheit der Empfindung und Einheit des Strebens bilden die Bestandtheile dessen, was unter dem Namen christlicher Einfalt die Verheißung diksts und des zukünftig«» Lebens hat und uns allen als das Kleinod vorgehalten wird, dem wir nachjagen sollen. Es giebt in diesem Sinne eine zwiefache Einfalt. Die eine ist die, welche die "wohlbegabten, weict>geschaffenen, zartgcbildeten Seelen gleich bey ihrem Einlritle in das Leben als ein Geschenk göttlicher Gnade empfangen und als ihr theuerstes Kleinod heilig halten, keine Gefahr kennend als es zu verlieren oder zu verletzen, sich aller Sorge entschlagend, außer der einen, eS treu zu bewahren und darum jn ihrem Thun und Streben sich so viel sie können, beschrankend. Die andere Einfall ist t ty ) die, welche die stärkeren Seelen als Kampfpreis davon tragen zum Lohne dafür, daß sie beherzt die Frucht der Erkenntniß brechen und davon genießen, ohne sich damit zu übersättigen; daß, um Gutes vom Bösen, den Schein von dem Wesen unterscheiden zu lernen, sie ohnt sich in die Geschäfte, Leiden und Freuden der Welt zu verstricken, Theil daran nehmen, um sich zu unterrichten, wie es dabey zugeht; dafür, daß sie selbst nicht scheuen, in die schau- berichten Grüfte labyrinthischer Lehrgebäude hinabzusteigen und die mannichfaltiqen theils schreckenden, theils verführerischen Traumbildei und Wahngestalten, die daselbst Hausen, nicht fliehen, sondern entlarven; daß sie die Qualen des Zweifels nicht meiden, sondern dulden und überwinden; dafür, daß sie dieses alles thun, einzig und allein, um von dem, was zu ihrem Frieden dienet, das ihnen inwohnenve Gefühl zur Einsicht zu erheben. Die kindliche unwissende Einfalt gleichet der glückseligen Unschuld im Paradiese; die männliche und gelehrte Einfalt gleichet der schuldlosen Seligkeit im Elysium. Wenn nun der Heiland den himmlisch,'» Vater dafür preiset, daß er die köstlichsten Wahrheiten den Klu^ gen und Weifen verborgen habe: so verstehet er unter diesen ohne Zweifel nicht die, welche ( 2(, ) wirklich weise und klug sind, sondern die, welche sich einbilden es zu seyn ohne es zu seyn; und wenn er die Armen am Geiste selig preiset. weil das Himmelreich ihre sey, so schließet er von diesem gewiß nur die aus, welche sich mit eitelein Wissen aufblähen, nicht die, welche zur Nahrung für ihre Seele oie erquickende Milch des Glaubens mit dem stärkenden Safte derErkenntnißfrucht gemischt haben. Ja! wird, wie die Schrift sagt, im Himmel mehr Freude seyn über einen Sünder der Buße thut, als über zehn Gerechte, die derselben nicht bedürfen: so werden auch die Segnungen des im edlen Kampfe errungenen Friedens mit Gott größer seyn, als des kampslos gewonnenen. Diese Auslegung, welche ich wage, jenen anbetungswürdigen Worten unseres Herrn und Meisters zu geben, würde, wie ich mir schmeichle, wenn er sie vernehmen konnte. Einem nicht mißfallen, vor dem gewiß unser Aller Geist sich beuget, ich meine den Franz Baeo von Verulam. „Oberflächliches Wissen führer voi» Gott ab, tiefgeschöpftcs führt zu ihm zurück," — Das ist von des brittischen Weisen Weis- heitssprüchen der berühmtesten einer. Von der ersten Halste desselben sehen wir die Bestätigung, wohin wir blicken, von der zweyten unter andern im Sokrates. Was das delphische ( 2! ) Orakel bewog, diesen für den weisesten unter den Menschen zu erklären, war seine gelehrte sich selber kennende Unwissenheit und sein Gehorsam gegen das Göttliche, das über ihm waltete. Unablässig strebe, dich zu enttäuschen, das war der Grundsatz seines Lebens. Bey standhafter Befolgung desselben gicng seine Absicht nur dahin, dem Scheinwissen bey sich den Eingang zu verwehren; aber der Erfolg war viel größer. In dem Maße nämlich, als es ihm durch unablässige Bewachung seiner selbst gelang, den Trug von sich abzuhalten, womit jeder Tag und jede Stunde so geschäftig sind uns zu umstricken wie auch feine Seele von verjähr« tcm Wahn und Vorurtheil zu reinigen, in dem Maße gewannen die ihm inwohnenden Ideen des an sich Wahren, Guten und Schönen an Kraft und Helligkeit und verhalfen ihm über göttliche und menschliche Dinge zu Aufschlüssen und Einsichten , daß er nicht nur Vergangenes und Gegenwärtiges klärer durchschauete als andere, sondern selbst bisweilen in Zukünftiges drang und es weissagerisch verkündete; in dem Maße befestigte sich von dem wahrhaft Wissenßwürdigen in ihm eine Ueberzeugung, und zur rücksichtlosen Mittheilung desselben ein Muth, die beyde wohl nicht können schwach gewesen seyn, da er sie mit seinem Tode besiegelte« < »2 ) Dem Sokrates in vieler Rücksicht ähnlich und unähnlich war Montaigne. So denken zu lernen, daß er danach handeln könnte; zwischen seiner Erkenntniß und Empfindung eine Eintracht zu stiften, die ihn mit Vergnügen in sich hineinschauen, und mit Behaglichkeit bey sich selber wohnhaft seyn ließe — daraus richtete er bey Anordnung seines Lebens das Absehen. Hiezu sollten ihm die Denker der Borzeir behülflich seyn. Allein bey seinem scharfen Verstände und dem redlichen Ernste seines Streb.ns befriedigten ihn di.se nicht nur nicht, sondern machten ihn zweifelhaft selbst in dem, was ihm früher unmittelbar gewiß schien. In der ganzen sogenannten weltlichen Weisheit erblickte er kichtö als die erfüllte göttliche Verheißung: xeräsm ssxien- tism zspisniiiin et piuctentuoi xruclentlsin re- xrobsko. Hieraus entstand gegen seine eigene Einsicht in ihm ein so großes Mißtiauen, daß er, um in wichtigen Fällen sein Urtheil zu bestimmen, nicht einmal der Mübe für werth hielt, nachzusinnen: denn die Gefahr zu i.ren schien ihm weniger groß, wenn er sich der Eingebung des Augenblickes überließe, als wenn er lange nachdächte. Nie hat ein Mensch den Zweifel weiter getrieben als er; er zweifelte selbst daran, ob er zweifelte. Eine gleich- ( 2Z ) schwebende Wage mit der Unterschrift: waS weiß ich? war sein Symbol. Bey diesem unaufhörlichen Wechsel der Meinungen, womit er heuce verwarf, was er gestern behauptet hatte, over morgen wieder behauptete, was er heute verwarf: wie unglücklich wäre er gewesen, ohne seine unbedingte Unterwerfung unter die Satzungen des väterlichen Glaubens, die seinem Schwanken ein Ziel setzten, und an welchen in dem, was zu seinem Frieden diente, jeder Zweifel sich brach. „Ich bringe, sagt er an einer merkwürdigen Stelle ferner Bekenntnisse , nur ungeordnete und unaufgclöfete Einfalle vor, wie diejenigen thun, we che zweifelhafte Satze aufstellen zur Erörterung in den Schulen, nicht, um was wahr ist, auszumachen, sondern zu suchen; «nd ich unterwerfe jene Einfalle dem UNheile derer, welchen zukömmt, nicht nur meine Handlungen und Schriften z>u regeln, sondern auch meine Gedanken. Die Billigung und Verwerfung derselben, wird mir gleich willkommen und nützlich seyn, indem ich für ungereimt und ruchlos erkläre, was sich etwa in diesen Bruchstücken wider mein Wissen und Wollen in Widerspruche befindet mit den heiligen Entscheidungen und Vorschriften der katholischen, apostolischen und römischen Kirche, in der rch gs- doren bin und sterben will." ( 24 ) Den beyden genannren Namen sey vergönnt, einen dritten hinzuzufügen, der in ganz Deutschland hvch geehrt und in Düsseldorf zugleich so geliebt ist, den Namen Friedrich Heinrich Jacobi. „Das Wissen kann sich selber nicht verbürgen, sondern ruhet auf etwas höher Liegendem, auf dem Glauben." „Durch die Kraft des Glaubens werden wir inne, daß die Sittlichkeit ihren Ursprung nimmt in einer uneigennützigen Liebe, die sich an des Geliebten Glückseligkeit erfreuet wie an der eigenen; durch die Kraft des Glaubens werden wir inne^ daß Wahres, Schönes, Gutes in nichts andetm besteht, als in der Uebereinstimmung mit etwas an sich Wahrem, Schönen, Guten, wovon das Bewußtseyn Zeugniß giebt; durch die Kraft des Glaubens werden wir inne, daß sowohl jene Liebe als auch dieses an sich Wahre, Schöne, Gute uns von Gott unmittelbar eingegeben und geoffenbaret worden." „Die göttlichen Offenbarungen verkündigen sich uns durch eine uns inwohnende Stimme, die allen ohne Unterschied dasselbe sagt, und daneben einem jeden etwas besonderes." „Das Vermögen, was jene Stimme sagt, c 25 ) zu vernehmen, ist was wir Vernunft nennen. Das Vermögen, was die Vernunft vernimmt, zu verstehen, auszulegen unv richlig anzuwenden ist was wir Verstand nennen," „In dem richtigen Gebrauche der Vernunft und des Verstandes besteht die echte Philosophie, deren Bestimmung nicht ist, die Wahrheit zu erweisen sondern auszuweisen, deren Bestimmung nicht ist, dem Willen sein Gesetz vorzuschreiben, sondern dem ohne ihr Zuthun vorbandenen Gesetze, Achtung, Ehrfurcht und Gehorsam zu verschaffen," „Ihren Beruf erfüllt die Philosophie, durch Neini.s besuchenden Freunden wiederholt betheuerte, nirgendwo anders Heil gesunden zu haben als bey Christo. Ehret sein Andenke» dadurch, d.:ß ihr trachtet so sromm und schön zu sterben, wie er starb. Noch befindet ihr euch, so zu sagen, an der Schwelle des Lebens. Welche Prüfungen euch bevorstehen, wisset ihr nicht. WaS ihr aber zuverlässig wissen könnet, ist dieses, daß über allen Wechsel der Schicksale Eins er? Haben ist und euch nimmer entrissen werden kann, ich meine die Segnungen und Wohlthaten der Kirche, der ihr angehört, der Kirche, welche wie cjne zärtliche Mutter früh und spät für euch wacht und betet und gleich einer Henne für ihre Küchlein Tag und Nacht ihre Flügel ausbreitet für euch und alle ihre'Kinder, 5ie sich darunter sammlen wollen. Der großen Huld und Liebe, ,die sie zu euch tragt, möchtet ihr derselben würdig werden durch Folgsamkeit gegen diesen ihren für euch verordneten Diene»! Möchte an dem heutigen Tage in euch allen, geliebte Zöglinge ohne Unterschied der Bckennung! ein frommer Eifer sich entzünden, in Elkcnntniß und Gottesslischt tagl'ch zu wach- < 33 1 sen; und möchtet ihr dieses Wachsthums dadurch immer mehr inne und froh werden, daß ihr von Jahre zu Jahre besser verstehen lerntet und freudiger zu Herzen nähmet jenen Zuruf des Herrn, den er an uns alle richtete und an jeden von euch besonders, als er sprach: Vsnits «5. lollits zuAurri ineum 8Uper vos et «liscits a ine, mitis Zum et liumilis corcle; et inve- nietis reizuiein snirnsdus vestris. .luZun, snini meuni susve «3t et onu8 msum leve. Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seyd, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig: so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Düsseldorf, iZig. Gedruckt bey Hofkammerrath Stahl.