M ' M,^ W ^ N ^ ^/// ,Ä ^ MMMMMMMMMMM^^^^^^^M^^^M^M^MMMM^MD^MD^^Msi ''»I>^ ,^ ^?I ^H> ?I O-> M T? M> T? ?O>2)^ 8^D >s^ !^,, Die llusgelöste Sillhelllleesaiilüllung des Grts- Vereins des Evangelischen Kundes in Solingen nin L7. Juli l888. Fortrag des Herrn Pfarrer Thümmel über die Ach« UWllMMlt. DuizblNl!, Verlag Uon Ioh, Ewich, MMWMlI^NjI^^^<^^^^^N!^!^!^j^^i Z^H>'.^^'.^< ^^>'Ach>HH>HHH!Z^H>H!Z«Z>^>!"^, !^ lH- ^^.<^5 <5ä3. Ll ^ s- !^ns)!'H ! ;.>> ^ «i v i» 7 ^)ie große evangelische Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt; mehr als 2000 Personen haben sich eingefunden. Vorher schon geht das bestimmt auftretende Gerücht, daß der Bürgermeister zu einer Auflösung schreiten wolle. Vor der Kirche steht ein Aufgebot von Polizeimannschaften bereit. In der Kirche selbst hat neben dem Altare, was wohl noch niemals in einer Kirche vorgekommen, der Bürgermeister des Ortes und der Polizeikomnnssar zur polizeilichen Ueberwachung sich eingefunden. Gegen 7^ Uhr tritt Pfarrer Thümmel ein. Der Vorsitzende des Ortsvereins des Evangelischen Bundes, Pfarrer Schürmann, läßt zunächst zwei Verse des Chorals „Ach bleib' mit deiner Gnade" singen, nachdem vorher der Bürgermeister den Gesang hatte verbieten wollen. Die Verhandlungen darüber, ob überhaupt ein Choral gesungen werden durfte, oder nicht, hatten vor dem Altar angesichts der versammelten Gemeinde bereits in einiger Erregung stattgefunden. Der Bürgermeister verbot jeden Choral. Alsdann teilt Herr Pastor Schürmann mit, daß der Ortsverein des Evangelischen Bundes in Solingen die Versammlung für die Mitglieder und die Freunde des Vereins berufen hat und erteilt hiernach als Vorsitzender dieses Vereins Herrn Pastor Thümmel das Wort.'' Pastor Thümmel: Verehrte Mitglieder des Ortsvereins des Evangelischen Bundes für das ganze Deutsche Reich und heute hier anwesende Freunde dieser Sache! Gestatten Sie mir zunächst, bevor ich zu meinem Thema eile, eine persönliche Bemerkung, die Ihre und meine Person angeht. Wir sind hier in einer Kirche, und immer, wenn evangelische Christen zusammen sind, feiern sie in der Kirche nicht nur nach der Kirchenordnung einen Gottesdienst, sondern sollen auch in ihrem Herzen und Sinne allezeit dessen eingedenk sein, daß wir hier in einem Raume weilen, in welchem von Gott geredet und zu ihm gebetet wird, auf daß Ihr, die Ihr höret, und, Gott gebe mir Gnade, ich, der ich rede, allezeit gedenken, vor Gottes Angesicht zu reden und zu hören. Das zeige sich auch äußerlich! Und nun zu meinem Thema: „Ueber die Aachener Heiligtumsfahrt des Jahres 1888." Folgen Sie mir zunächst eine Reihe von Jahren zurück. Im Jahre 1844 sah man an den Ufern der Mosel und auf dem Strome selbst große Scharen ziehen und gezogen werden, reisen und zurückkommen, Scharen, die sechs Wochen lang unablässig strömten. In jenem Jahre, als noch keine Eisenbahnen und noch keine Schisse auf der Mosel in dem Umfang wie heute die Verkehrsgelegenheit darboten, sind im ganzen eine Million zweimal hunderttausend Menschen durch das Moselthal gezogen, alle nach Trier hin. Denn in Trier war in demselben Jahre nach langer, langer Zeit zum erstenmal wieder die Vorzeigung des heiligen Rockes, wenn ich recht berichtet bin, seit der Zeit, als Martin Luther diese Vorzeigung des heiligen Rockes den ärgsten Betrug genannt hatte, den der Satan über das Menschengeschlecht und über die Christenheit gebracht habe*). Und warum wurde damals der heilige Rock wieder vorgezeigt? Nicht von ungefähr, sondern — und die Aelteren unter Ihnen werden sich noch als Zeitgenossen dessen erinnern können — einige Jahre vorher war der Streit des preußischen Staates mit der kath. Kirche über die Frage der gemischten Ehen heftig entbrannt und hatte damit geendet, daß der preußische Staat, nicht gerade sehr geschickt, den Erzbischof von Droste-Vischering von Köln, gefangen auf die Festung Minden geführt hatte. Friedrich Wilhelm IV., kaum zur Regierung gekommen, ließ nachher denselben wieder frei. Die hierdurch entstandene damalige Bewegung, die Vorbereitung des vor zehn, fünfzehn Jahren entbrannten modernen Kulturkampfes, wie man ihn genannt, hat damals, wie heute geschichtlich überall feststeht, mit einem Sieg der katholischen Kirche über den preußischen Staat geendet. Traurig zu fagen, aber wahr! Wenn aber die alten Römer über die heidnischen Völker der alten Welt einst gesiegt hatten, pflegten sie nachher einen glanzvollen Triumphzug zu veranstalten. Nicht anders die neuen Römer! Auch sie wollten nach eingeheimstem Siege einen Triumphzug haben, und darum die Vorzeigung des sogenannten heiligen Rockes in Trier im Jahre 1844. Der heilige Rock in Trier soll jener Rock fein, der, wie wir wissen, bei der Kreuzigung Christi nicht zerteilt wurde, sondern weil er ein ungewirktes Gewand war, ungeteilt von oben bis unten hin, durchs Los dein gewinnenden Kriegsknechte zugewiesen worden war. Dieser heilige Rock wird aber nicht nur in Trier vorgezeigt. Es erschien gleichzeitig mit der Zeigung des heiligen Rockes jene gewaltige Schrift der beiden damals noch jungen Privatdozenten Gildemeister und v. Svbel — der eine ist jetzt der Direktor der preußischen Staatsarchive, der andre eine Zierde der Bonner Universität, der sprachgewandte Gildemeister. Diese beiden haben damals in Bonn, entrüstet über das, was im 19. Iahr- ') Warnung an sein« lieben Deutschen! Luthers Werke, Erlang« Ausgabe. Band 25. Seite 45. hundert und nach Luthers Reformation noch geschehen konnte, jene bekannte Schrift ausgehen lassen: „Die zwanzig ungenahten heiligen Röcke", und wiefen nach, daß an zwanzig andren Orten ebenfalls der heilige Rock gezeigt würde, und daß von allen behauptet würde, daß fei der Rock, der bei der Kreuzigung Christi nicht zerteilt wurde. Die Frage liegt nun nahe, welcher ist es denn? Ich will aber auch hier der geschichtlichen Wahrheit die Ehre geben, denn ich habe nicht unterlassen dürfen, auch die ultra- montanen Gegenschriften der damaligen Zeit zu lefen, obwohl das ein hartes Stück Arbeit war. So habe ich denn auch die ultra- montane Gegenschrift von Marx von 1844 gelesen, und ich muß gestehen, „zwanzig ungenähte Röcke" giebt es allerdings nicht, sondern solche Reliquien, welche mit dem vollen Anspruch auftreten, diefer einzige ungeteilte „heilige Rock" zu fein, werden gezeigt in der Laterane-Kirche in Rom, in Argenteuil in Frankreich, und im 12. Jahrhundert fchrieb ein damaliger Domherr aus Trier, der heilige Rock Jesu Christi sei in Jerusalem. Die 16 andern vorgezeigten Reliquien behaupten, wenn man ihnen näher zuleibe geht, nur Stücke aus diesem einen ungenahten Rocke zu sein. So viel zur Steuer der Wahrheit. Aber, ob zwanzig oder vier heilige ungenähte Röcke, einer davon kann nur der echte sein, und wahrscheinlich — ist keiner der echte. Das gefchah also im Jahre 1844 und war eine Demonstration der katholischen Kirche wider den preußischen Staat. Wenn ich nun fortfahre, fo fpreche ich in folgendem nur eine Behauptung aus, aber eine Behauptung, deren weitere Umrisse Sie im Verlaufe meines Vortrags verstehen werden und deren Beweis ich heute nicht erbringen kann, deren Beweis aber sicherlich, wie ich fürchten muß, das Jahr 1889 bringen wird. Denn am letzten Tage der vorjährigen Katholikenuerfammlung in Trier wurde das Komödienfpiel arrangiert, daß die fremden Bifchöfe von Luxemburg u. f. w. den fmnzösifchen Iesuiten- bischof von Trier baten, er möge doch den heiligen Rock wieder zeigen. Das kam ihnen zuletzt auf einmal wieder in den Sinn. Der Bischof Korum antwortete im vorigen Jahre, er müsse abwarten, bis „die Stunde Gottes käme" und „der Heilige Geist ihn dazu inspiriere". Das war natürlich nicht vorher abgesprochen! werden jene sagen. Aber, wie, wenn er im nächsten Jahre gezeigt würde? Damals ein leiser Fühler ausgestreckt, und keine bischöfliche Stimme hat sich damals dagegen erhoben, aber dieser eine Fühler im vorigen Jahre auf der Trierer Klltholikenversammlung bot noch nicht Garantie genug dafür, was alles sich wohl heute das Deutschland des 19. Jahrhunderts — 4 - bietenllassen könnte und würde. Darumzsollte die diesjährige, alle sieben Jahre stattfindende Aachener Heiligtumsfahrt besonders glanzvoll in Scene gesetzt werden, und wenn sie besonders glanzvoll ausgefallen wäre und man gesehen hätte, das alle» dürfen wir, beschützt durch die preußische Behörde, heute thun, und es erhebt sich keine Stimme dagegen, dann ist unsre Probe gelungen, und das Hauptschauspiel kann auf der Generalprobe nachfolgen und im nächsten Jahre wird in Trier der Rock wieder gezeigt, zu demselben Zweck wie damals, um eine Demonstration der römisch-katholischen Kirche, ihren Sieg über den preußischen Staat, den sie bekanntlich aufs neue errungen hat, auch jetzt wieder darzustellen und festzulegen. Ich fürchte, daß ich mit meiner Behauptung recht geweissagt habe, und im nächsten Jahre haben wir die Heiligtumsfahrt zum heiligen Rock in Trier. Was heißt nun überhaupt Reliquien und Reliquiendienst? Man liest heutzutage immer in den ultramontanen Blättern zur Verteidigung dieser jetzigen Aachener Schaustücke, daß die Neli- quienverehrung und Anbetung schon seit den ältesten Zeiten geschehen sei, das sei etwas Uraltes. Aber etwas, was alt ist, das ist darum noch nicht gut. Mord und Diebstahl sind auch seit Altersher auf der Erde, es hat aber keiner gewagt, sie darum als gut zu stempeln, das Alter an sich macht eine Sache nicht gut. Der Neliquiendienst ist allerdings etwas Altes, ich werde aber nachher beleuchten, wes Geistes Kind auch der alte Reliquiendienst zu jeder Zeit gewesen ist. Der Reliquiendienst hat allerdings zwei gewaltige Stützen im Gemüt des Menschen selbst; davon ist die eine eine recht redliche, echt menschliche, ich möchte sagen, halb und halb dem Christentum gar nicht feindliche. Die erste Stütze des Reliquiendienstes im menschlichen Gemüt ist das so natürliche und schöne Gefühl, mit dem jedermann zu allen Zeiten die Dinge, die einem teuren Toten zu eigen gewesen sind, mit großer Inbrunst umfaßt und behält. Wer unter uns verwahrt nicht vom Vater oder der Mutter, die gestorben sind, ein teures Andenken, ja vom Großvater, von den Urahnen weiter hinauf. Wen ergreift das nicht, wenn jemand sagt, das ist ein Brief, ein Stuhl, ein Kleidungsstück vom Großvater, von den Urahnen oder noch höher hinauf! Oder ich will es „evangelisch" ausdrücken, wen unter uns würde das nicht ergreifen, wenn er auf der Wartburg zum Beispiel in dem Zimmer weilen darf, wo Martin Luther als Junker Jörg die heiligt Schrift übersetzt hat! Jedesmal, wenn ich die Wartburg besuchte — und das letzte Mal am 2. Mai 1884, — 5 — ist mir darum unvergeßlich geblieben, weil^zu derselben^Stunde, als ich in Martin Luthers Zimmer auf der Wartburg war, unsres jetzt regierenden Kaisers Majestät in dem Zimmer nebenan wohnte und ich seinen huldvollen Gegengruß aus der Schwelle von Martin Luthers Zimmer auf meine ehrerbietige Begrüßung wieder empfangen durfte, hat es mich auch ergriffen, daß ich an dem Tische saß, an welchem, soweit menschliche Glaubwürdigkeit reichen kann, vor vierhundert Jahren Martin Luther gesessen und die Heilige Schrift übertragen hat, den Tisch mit der Hand zu greifen, an welchem er so manche liebe Nacht den Mond uno finstere Gedanken der Sünde, wie Gottes Freundlichkeit und Gnade, die ihm über seinem Worte aufging, herangewacht hat. Das ergreift uns alle; aber, was mir dazu zu gehören scheint: es muß der Ort sein, wo er geweilt hat, der Ort. Ich glaube, der Tisch allein und wenn er hier stünde, der könnte uns nicht so ergreifen; aber, wenn ich in dem Raume bin, und darin stehen die Sachen, die er gebraucht hat, so ergreift es mich, wenn ich da gedenke alles dessen, was Gottes Freundlichkeit unsrem lieben deutschen Vaterland durch diesen Martin Luther alles geschenkt hat. Meine lieben Freunde, das ist menschliches Gefühl, mit welchem die Neliquienverehrung so stark arbeiten kann. Denn nicht wahr, wenn diese eine sogenannte Reliquie in Aachen, das Lendentuch, welches der Herr auf Golgatha am Kreuzes Stamm getragen haben soll und welches, wie jene sagen, mit seinem Blute über und über getränkt sei, echt wäre, wer unter uns würde nicht, wie soll ich sagen, mit Ehrfurcht vor demselben stehen! Wir würden es zwar nicht anbeten und keine Kranken hinschleppen, daß sie dadurch geheilt würden, aber wir würden es mit Ehrfurcht betrachten, wenn es echt wäre. Zu diesem ersten Untergrund der Reliquienverehrung aber tritt noch ein andrer hinzu, und der ist nicht nur schlecht, sondern so direkt sündig und heidnisch, weil er nach dem Worte Jesu Christi ungläubig ist. Dieser andre Untergrund der Reliquienverehrung ist nämlich derselbe Sinn, in welchem die Juden, wie wir in den Evangelien lesen, je und je zu Jesu Christo hingekommen sind und haben ihm gesagt: Meister gib uns ein Zeichen, daß wir an dich glauben, das heißt, wenn du wirklich bist der Messias und wenn du Menschgeborener, der du vor uns stehst, wirklich Gottes Sohn bist; wenn in dir wohnt Gottes Kraft und Gottes Heiligkeit, dann zeige da« einmal, zeige es uns äußerlich, gib uns ein Zeichen! Wenn du hier vor unsren Augen ein Wunder thust, das wir mit unsren leiblichen Augen sehen tonnen, so wollen wir dir glauben. Die — 6 Juden, sage ich noch einmal, waren ungläubig, und wollten statt des Vertrauens auf Gott, den sie nicht sahen, so fest, als sähen sie ihn Dinge haben, die man mit Händen greifen kann und von ihnen Gottes Kraft und Macht empfangen. Solche Dinge wollten sie haben, und dieser Unglaube, der fein auftrat im jüdischen Volte, zeigt sich im Heidentum so gut wie in dem heutigen Katholizismus wiederum, und wir nennen ihn dann Fetischdienst. Das Wort Fetisch ist ein ursprünglich portugiesisches Wort, welches „nichts" heißt, ein Ding, ein stummes Götzenbild, ein Tuch oder ein Kleid, in welchem die Kraft Gottes ruhen sollte, von dem eine Kraft ausgehe, während es eigentlich doch nichts ist. Solcher Reliquiendienst, der auf dem Unglauben beruhte, der sichtbare Dinge haben wollte, um daran Gottes Kraft zu ermessen, existierte auch im ältesten Heidentum. So erzählt uns der griechische Schriftsteller Pausanias im zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt, der weite Reifen gemacht hat, von heidnischen Reliquien, welche aus den Mythen der alten Griechen übrig geblieben waren; so wurde zum Beispiel an einem Orte Griechenlands ein Stückchen von dem Thon aufgehoben, aus welchem Prometheus nach der bekannten Sage den ersten Menschen geformt habe, und dieses Stückchen Thon wurde verehrt. Ich könnte das, selbst an das Krasseste, Komischste streifend, weiter ausführen, wenn wir nicht hier in der Kirche wären. Es könnte mir nun einer einwerfen, es fänden sich Spuren der Reliquienverehrung auch im Neuen Testament, zum Beispiel wenn die Juden nach der Apostelgeschichte die Schweih- tücher des Paulus genommen und sie den Kranken aufgelegt und die Kranken in den Schatten des Petrus, wie dort steht, gelegt haben, — war das nicht auch fchon ein Reliquiendienst, wo man von einem Dinge Heilung erwartete? — Auf die Heilungen Christi und der Apostel selbst gehe ich hier nicht ein, das würde zu weit führen und liegt auch nicht im Rahmen des Themas, das sind Thaten lebendiger Persönlichkeit, wo die Kraft ausgeht von der Perfon Jesu Christi. Aber die Heilung durch Schweißtücher Pauli anlangend, — ja, meine lieben Freunde, lest doch in der Apostelgeschichte genau, die Juden glaubten, daß die Dinge heilen könnten, es steht aber nirgends in der Apostelgeschichte bestimmt ausgedrückt, daß sie geheilt worden sind. Es war der falsche Glaube der Juden, der mit Uebergehung der Umwandlung des inneren Herzens durch ein äußeres Ding Hilfe und Kraft von Gott haben wollte. Die wollten sie haben, aber es ist ihnen nicht gelungen. Scharf und gewaltig hat der Herr den Ungläubigen, die zu ihm kamen und Zeichen und Wunder forderten, das Wort geredet, daß sie keine Zeichen und Wunder sehen sollten. als nur das eine des Propheten Ionas. Wie der Prophet Ionas, er allein, der fremde Mann von der verachteten Sekte der Hebräer gegangen ist, hin in die große Stadt Ninive mit drei Millionen Einwohnern und hatte nichts in sich als den Glauben, den Glauben an den Gott, der ihn errettet hatte aus der Tiefe des Meeres, auf daß er sich bekehre zu den heiligen und unsichtbaren in der Höhe, wie dieser eine Mann, Ionas, ist hingegangen und hat die Dreimillionenstadt umgewandelt und bekehrt mit der Botschaft von dem Gott, der ihm geholfen hatte aus der Meerestiefe heraus, fo haben auch die Christen und die Christenheit allezeit nichts anders als nur den Glauben in sich an den Gott, der seinen Sohn Jesum Christum nicht gelassen hat in des Todes Bann, sondern der ihn hervorgebracht hat, auf daß nun von den armen Fischern Galliläas aus die Botschaft und das Evangelium von der Auferstehung Jesu Christi aller Orten glaubensstarke Männer hervorriefe, die in Kraft ihres Glaubens auftreten und mehr denn drei Millionen mit aller ihrer weltlichen Macht überwänden und zu den Ihrigen machten. Aber die innerhalb der Christenheit entstandene Reliquienverehrung hat doch, geschichtlich betrachtet, noch eine andre Herleitung. In der ersten Christengemeinde ist solches Heidentum nicht im Schwange gewesen, sondern die nachher entstandene christliche Reliquienverehrung, falfche christliche Reliquienverehrung, ist anderswo hergekommen. Ihr kennt die Zeiten, als die schrecklichen Verfolgungen in dem römischen Kaiserreiche ausbrachen wider die Christenheit, als diese bis aufs Messer und aufs Blut verfolgt wurden, und als die Christen Märtyrer lieferten, die den Tod nicht fürchteten, fondern, ehe sie ihren Glauben und ihre Ueberzeugung preisgaben, sich martern und auseinanderreißen ließen. Die Gebeine dieser christlichen Märtyrer wurden alsdann von den Christengemeinden gesammelt, sie wurden gesammelt aus der Arena heraus, wo die wilden Tiere die Märtyrer zerrissen hatten, sie wurden herabgenommen vom Kreuz und wo sonst sie in qualvollem Tod geendet hatten. Und diese Gebeine der Märtyrer setzte man mit Vorliebe an den Orten bei, wo die christlichen Gemeinden ihre Versammlungen hielten. Mehr noch da, wo, wie in den Katakomben, die Märtyrer beigesetzt waren, da versammelten sich die christlichen Gemeinden, und eine Erinnerung daran ist es zum Beispiel auch, daß unsre alten Kirchen allesamt auf Friedhöfen gebaut sind. Es ist das noch ein Rest des schönen Gedankens, daß wir mit denen, die vor uns in Christo entschlafen sind, auch äußerlich vereinigt bleiben wollen, und daß alle Zeit das Haus der Gemeinde, wo sie vor Gottes Angesicht steht, immerdar da sei. -< z ^ wo Gott zu dem Gemüt der Christen schon außen redet, wenn sie hineinkommen, über den Friedhof hin, und sehen dort zu ihren Füßen geschrieben das alte ewige Lied von des Menschen Vergänglichkeit, damit sie dann recht vorbereitet hören möchten im Eotteshause das Lied von Gottes heiliger Ewigkeit. Au« jener Martvriumszeit der Christenheit wurde es weiterhin Sitte, daß in jedem Altar womöglich ein Gebein oder ein Stück des Gebeins eines solchen Märtyrers eingeschlossen sei. Und das hat seinen Abglanz in der noch heute gültigen Bestimmung der römisch-katholischen Kirche gefunden, daß in jedem Altar wenigstens ein Stückchen eines Märtyrergerippes oder irgend einer anderen Reliquie eingeschlossen sein soll. Ein mir bekannter katholischer Militür- psarrer, der mir ein treuer Freund war und vor circa drei Jahren gestorben ist — bekannter dadurch geworden, daß er einstmal bei dem jetzigen König von Rumänien, der ja ein katholischer Hohen- zoller war und eine evangelische Prinzessin von Wied unter der Bedingung heiratete, daß die Kinder griechisch-katholisch würden, die katholische Trauung neben der evangelischen vollzog und sich dadurch allerdings etwas der Verfolgung von ultramontaner Seite aussetzte — dieser katholische Divisionspfarrer ließ mich eines Tages feinen Feldaltar fehen, einen Stein, den jeder katholifche Geistliche bei sich hat, damit, wenn irgendwo Messe gehalten wird, er denselben hinstellen und darauf die Messe lesen kann. In diesem Altar war auch ein Stückchen Knochen eingeschlossen, und ich wiederhole, jede katholische Kirche, jede Kapelle wo möglich muß irgend eine Reliquie haben. Allerdings, wenn man nun alle katholischen Kirchen zusammenzählt, dann muß man sich fragen, woher follen denn alle die heiligen Leiber herkommen? Ich glaube, man muß manchmal in die Erde greifen und auch nicht heilige Leiber wieder ausgraben, damit man Christenknochen hat, welche die Altäre heiligen. Dies war also, geschichtlich betrachtet, die Veranlassung, daß man in der Kirche die Ueberbleibsel von Heiligen haben wollte. Als nun aber nach Constantin die Verfolgungen aufgehört hatten, da fank auch der Wert der Märtyrerreliquien zusehends, und statt dessen griff man weiter zurück und nahm solche Reliquien, welche noch hinter der Christenverfolgung lagen und einen womöglich noch größeren Wert hatten. Und dann sing die etwas fagenhafte Mutter des Kaifers Constantin, Helena, jenes großartige Kommissionsgeschäft — anders kann ich es nicht nennen — für Reliquien an. Da feien alle die Legenden entstanden, damals auch das echte Kreuz Jesu Christi gefunden worden. Das heißt, dreihundert und fo viel Jahre nachher fand die Helena in Jerusalem drei Kreuze. Nun wußte man aber nicht, welches das echte war, und um das — 5 — > festzustellen, nahm man einen Leichnam und legte ihn auf alle drei, und als er auf das echte gelegt war, wurde der Tote wieder lebendig, und fo war also das echte Kreuz Jesu Christi gefunden!. (Bewegung.) Das fagte die Legende. Heute gibt es aber so viele echte Kreuze Christi und so niele Stücke davon, daß man, wie einer ausgerechnet hat, mindestens ein ganzes Haus damit bauen tonne. Damals wurden auch die sogenannten heiligen Stätten in Jerusalem, zum Beispiel das heilige Grab, die via äoloros«,, der Weg, den Christus vom Richthaus bis nach Golgatha gemacht Haben soll, und alle diese andern Stätten neu entdeckt — ich kann nicht anders sagen — und verehrt. An dieser Stelle will ich nicht unterlassen, das das trefflichste Licht auf die heutige Neliquien- verehrung werfende Wort des frömmsten Königs «us unsrem Hohen- zollernhaus, der auf Preußens Throne gesessen hat, anzuführen. Friedrich Wilhelm IV., jener frömmste unsrer Könige und jener edelste Monarch, hat sich bekanntlich lebhaft für die Errichtung des Bistums Jerusalem interessiert und damals mit der Krone Englands jenen bekannten Vertrag abgeschlossen, er hat sich zugleich an der Lösung der Frage beteiligt, welches nun wohl die Stätte sei, wo wirklich das Grab Christi gewesen, denn heute gibt es in Jerusalem wohl eine prachtvolle Grabeskirche, aber wir wissen nicht, ob hier wirklich die Stätte ist, wo das Grab Christi war. Als Friedrich Wilhelm IV. sich einen genauen Bericht darüber hatte erstatten lassen, schloß er mit dem Wort: „wir wollen es zu Gott hoffen, daß das nicht die Stätte des heiligen Grabes ist". Und warum sprach er so? In dieser Grabeskirche in Jerusalem wird immer in der Nacht zum Ostersonntag um 12 Uhr von griechisch- katholischen Priestern auf einmal das sogenannte Osterfeuer ausgereicht, das heißt diese grichisch-katholischen Priester lügen, drinnen habe sich ein Holz, wie in jeder Osternacht, von selbst entzündet, und nun reichen sie die Flamme heraus und die Tausenden von griechischen Pilgern bestreben sich, an diesem Osterfeuer ihre Fackeln anzuzünden und sind dann froh, wenn sie diese Fackel mit nach Hause tragen können. Bei dieser Gelegenheit entsteht aber stets ein entsetzliches Gedränge und eine Schlägerei mit Verwundeten und Toten, und die türkischen Soldaten, welche die Herren des Landes sind, die muffen Ordnung halten zwischen den sogenannten Christen, die dort an angeblich heiliger Stätte solchen Unfug treiben. Man hört ja auch, daß in Aachen, bei den Pilgerfahrten entsetzlich viel Gedränge und Unfug herrscht, und wenn es dort nicht ganz so toll hergeht wie in der Grabeskirche zu Jerusalem, dann, glaube ich, ist daran weniger der Unterschied zwischen römisch-katholisch und griechisch-katholisch schuld, als der Umstand, 10 daß da die Nachener Polizei wohl etwas besser, als die türkische in Jerusalem sein wird. Aber nimmer wollen wir die Stätte von Jesu Christi Grab als die Statte betrachten, von der aus Gottes Geist mehr ausgeht, als von andern, denn das wäre ja gegen das Wort Christi: es wird die Zeit kommen, daß ihr weder hier auf dem Berge Garizim noch zu Jerusalem anbeten werdet, sondern im Geist und in der Wahrheit. Als ich gestern in meinem Martin Luther las, da fand ich von ihm den herrlichen Ausspruch: „der Herr fragt nach dem Lande Palaestine nicht mehr als nach den Kühen in der Schweiz; er schauet allein nach dem Glauben." Wenn das die Wahrheit über den Erdenstätten Jesu Christi ist, wie soll es dann erst mit seiner Mutter angeblichen Gewändern sein? Wie geschieht die Vorzeigung der Heiligtümer in Aachen? Wie verläuft die Feier? Alle sieben Jahre nehmen das Kapitel nicht nur, sondern — ich bitte darauf besonders Obacht zu geben — auch der Oberbürgermeister und der Stadtrat von Aachen an dieser Feter teil. Nicht nur das, sondern ich habe sogar in einer ultramontanen Zeitung eine heftige Klage darüber gelesen, daß in diesem Jahre die Herren von der Negierung, die Beamten des Regierungspräsidiums dort, nicht in ihrer blauen Nniform, sondern bloß im Frack erschienen wären. Es findet also diese Feier der Ausschließung der Reliquien im Beisein der städtischen und, wenn jene Nachricht der ultramontanen Zeitung richtig ist, auch einer staatlichen Behörde Preußens statt. Diese Reliquien werden dann herausgeholt und jeden Tag von 2 bis 4 Uhr mittags vom Turme herab gezeigt, mitten im Winde. Ich finde das etwas leichtsinnig. Das eine ist ein einfaches baumwollenes Gewand, es soll das Kleid der Jungfrau Maria fein, ein Gewand, welches angeblich beinahe 2UNl) Jahre alt ist und alle ? Jahre 15 Tage lang oben auf dein Turme in Wind und Wetter gezeigt worden ist. Preußische Fahnen halten nicht so lange (Bewegung), das ist sicher, und die andern Reliquien, die ja vorsichtshalber nicht offen gezeigt werden, fondern bloß als Bündel und Paket vorkommen, auch, dort oben zu zeigen und dann nachher im Dome selbst von morgens 6 bis nachmittags 1 Uhr auf dem Altare auszustellen, so daß die dort vorüberziehende Prozession sie aus der Nähe betrachten kann — übrigens legt man dabei Geld hin, damit auch etwas einkommt, fo halte ich das für die Konfervierung dieser Altertümer nicht gerade vorteilhaft. Woraus bestehen nun diefe Reliquien, die vier großen Heiligtümer? Ich lasse diejenigen der Abtei Kornelimünster beiseite, weil wir sonst heute nicht fertig würden. Unter den kleinen Reliquien u — befinden sich z. B. auch allgemein national interessante Dinge, wenn sie nur echt wären; das möchte man ja so gern einmal untersuchen, aber man kommt nicht an die Sachen heran. Es befinden sich darunter zum Beispiel allerlei Andenken an Karl dem Großen und dann auch das übliche Stuck vom Kreuze Christi und dergleichen. Das sind alles die kleinen Reliquien, unter ihnen ist aber eins — und das wollte ich nicht versäumen hier zu sagen: — das mit Solingen, wenigstens mit einem Nachbarort, mit Grafrath, in nächster Beziehung steht. Unter den Aachener Heiligtümern findet sich auch etwas Oel von Grafrath. (Bewegung.) Als ich das las, habe ich es mir nicht verdrießen lassen und weiter nachgelesen. In Grafrath ist auch eine wunderthätige Reliquie, nur ist das Wunder dort vorläufig fupendiert. Inder heutigen Gräfrather katholischen Kirche wird ein Stück Gebein der heiligen Katharina aus ihrem Grabe auf dem Sinai aufbewahrt, und in dem Werke des katholischen Professors der Theologie, Floß, vom Jahre 1855, worauf ich nachher noch sehr oft zurückzukommen habe, sind am Ende desselben, ich glaube, zwölf lateinische Aktenstücke von solchen Männern und Frauen aufgeführt, welche das Wunder in Grafrath noch gefehen haben, es waren aber fast nur Geistliche und Nonnen. Das Knochenstück der heiligen Katharina in Grafrath hat nämlich die Eigenschaft, Oel zu schwitzen und zwar in großer Menge. Das könnte bei den vielen Maschinenfabriken in der hiesigen Gegend vielleicht noch einmal einen Industriezweig absetzen (Bewegung). Aber kurz und gut, das Gräfrather Oel ist überall hin versandt worden, und ein Teil davon ist auch in Aachen. Man zeigt dort ein schönes goldenes Gefäß und darin eine eingetrocknete Flüßigkeit: das wäre dann das Oel von der heiligen Katharina in Grafrath. Die Dokumente darüber hat ein katholischer Pfarrer Breuer — er muß in den fünfziger Jahren in Grafrath gewefen fein, dem Professor Floß selbst vorgezeigt. Welches sind nun aber die vier großen Aachener Heiligtümer? 1. — und es ist merkwürdig, daß das an erster Stelle steht, es scheint das die Behauptung zu rechtfertigen, daß die heutige katholifche Kirche nicht mehr christlich fein will, fondern sich demnächst marianisch nennen wird — an erster Stelle und als größtes Heiligtum wird dort aufgeführt das angebliche Kleid der Jungfrau Maria, ein baumwollenes Gewebe mit Aermel ausgeschnitten — der linke Aermel ist etwas lädiert, welches 6^/2 Schuh groß ist, wie in einer aus dem Jahr 1818 stammenden Beschreibung der Aachener Heiligtümer zu lesen ist. Da nun ein Gewand doch am Halse anfängt, fo muß, wenn nicht die Jung- 12 stau Maria selbst, so doch das Gewand, sehr groß gewesen sein, wenn es echt ist. (Bewegung) Es wird dort gezeigt und vom Dome aus mit den Worten, die man sich in singender Weise vorgetragen denken muß, immer eingeführt: „man wird euch zeigen das allerheiligste Kleid, welches die allerseligste Jungfrau Maria trug, als sie den Welt-Heiland gebar. 2. Man wird euch zeigen die Windeln, worin Jesus nach seiner Geburt eingewickelt war. 3. Man wird euch zeigen das Tuch, das heilige Kleid, auf dem der heilige Leib Johannes des Täufers nach der Enthauptung gelegt ward. 4. Man wird euch zeigen das Tuch, das heilige Kleid, das der Herr Jesus Christus getragen, da er am Kreuze den bitteren Tod litt. Ich habe mich nun über die Echtheit dieser Reliquien nach dem 400 Seiten starken Werke des Professors Floß zu vergewissern versucht. Es würde zu lange Zeit in Anspruch nehmen, wenn ich über alle vier reden wollte, und ich greife daher bloß zweie heraus: 1. das Kleid der Jungfrau Maria. Woher wollen die Leute wissen, daß es das Kleid der Jungfrau Maria ist? Damit Sie nun aber, wenn Sie darüber mit Katholiken sprechen, die richtige Antwort haben, so will ich meine weitere Ausführung über diesen Punkt an die diesjährige Nummer 16? „der Mecklenburger Nachrichten" in Schwerin anschließen. Ich erhalte jetzt mancherlei aus dem ganzen Deutschen Reiche zugesandt, so auch dieses Blatt. In dieser Zeitung war über den heiligen Rock zu Trier ein Difput entstanden, und die Redaktion in Mecklenburg- Schwerin hatte in einem Aufsatz den heiligen Rock in Trier eine alte Scharteke genannt. Daraufhin hat sich ein katholischer Priester namens Fideldei, wahrscheinlich in Mecklenburg, an die Zeitung gewandt und dieselbe gefragt: 1. Wo sind die vielen Röcke Christi? Beweisen Sie einmal, daß es auch nur noch einen andern gibt! 2. Kann die Redaktion nachweisen, daß der Rock in Trier nicht echt ist, so daß er also mit Recht eine alte Scharteke genannt wird? — Ja, liebe Freunde, so haben wir die Rechnung nicht aufgestellt. Wenn irgend einer kommt und nimmt dort einen Hut von der Wand und sagt, das ist der Hut, den Christoph Columbus aufgesetzt hatte, als er Amerika entdeckte, und nun beweise du, daß das nicht der Hut ist, ja so ist das schwer zu beweisen, daß das nicht der Fall ist. Aber ich meine, es wäre doch eine alte Regel, wenn einer etwas behauptet, so hat er den Beweis zu erbringen. Also man muß doch beweisen, daß die Aachener Heiligtümer wirklich echt sind, und es ist auf unserer Seite nicht der Beweis zu führen, daß sie unecht sind, namentlich. — 13 wenn wir nicht daran gelassen werden. Was hat man nun für einen Beweis für die Echtheit? Professor Floß spricht von zwei Berichten, deren genaue Stelle er aber nicht nennt- er sagt, der eine wäre in Paris, der andere in München. Dann aber geht er auf einen griechischen Schriftsteller namens Nicephorus Callisti, der ungefähr im Jahre 1330 geschrieben hat. Dieser Schriftsteller erzählt zuerst von einem Kleide der Jungfrau Maria. Und was erzählt er? Im Jahre 450 feien zwei vornehme Patrizier aus Konstantinopel nach dem heiligen Lande gewallfahrtet und hätten in dem Hause einer jüdischen alten Jungfrau — die Perfon hatte eine Jungfrau sein müssen, damit sie schon etwas Nonnen- Haftes an sich habe, da Priestertum und Nonnentum über allen andern Menschen stehen — ein Kästchen aufbewahrt gefunden, und Kranke mancherlei Art hätten an diesem Kästchen nicht gesund vorüber kommen können, sondern wenn sie durch das Zimmer gegangen, seien sie wieder gesund geworden. Das fiel den Leuten auf; sie pilgerten weiter nach Jerusalem, ließen dort ein Kästchen ganz so wie dasjenige machen, welches in jenem Zimmer stand und kamen dann mit dem nachgemachten Kästchen zu der Jungfrau zurück. Auf ihr erneutes Fragen, was in jenem Kästchen enthalten sei, sagte ihnen endlich jene jüdische Nonne: Das darin ist das Kleid, was die Jungfrau Maria getragen hat, als sie den Heiland gebar und das thut die Wunder. Da haben denn die beiden frommen Leute aus Konstantinopel in der Nacht das nachgemachte Kästchen an die Stelle des echten gesetzt und haben diese echte mit dem Kleide heimlich mitgenommen, und dann sind die frommen Spitzbuben abgezogen nach Konstantinopel zurück und haben es in ihren Augen geheimgehalten. Aber sie konnten es dort nicht lange geheim halten, denn als Kranke in das Haus hineinkamen, wurden sie gesund, sodaß endlich der Kaiser in Konstantinopel dahinter kam und fragte: was habt ihr denn eigentlich? Da konnten sie es nicht länger verbergen, es wurde ihnen das Kästchen abgenommen und eine prachtvolle Kirche in Konstantinopel gebaut und darin das Kästchen mit dem Kleide der Jungfrau Maria beigesetzt. Das schreibt der erwähnte griechische Schriftsteller im vierzehnten Jahrhundert als eine Legende aus dem 5. Jahrhundert. Das ist die einzige Nachricht auf die hin das Kleid in Aachen als das echte Gewand der Jungfrau Maria ausgegeben ist. Wie ist nun das Kleid von Konstantinopel nach Aachen gekommen? Die Legende sagt, Karl der Große hätte es von Konstantinopel mitgebracht. Nun ist aber Karl der Große niemals in Konstantinopel gewesen, niemals! Woher weiß man denn, daß das Kleid von Konstantinopel dahin gekommen ist? Angenommen einmal, es wäre echt. Nun — 14 — ist es interessant, zu sehen, wie Professor Floß Beweise schmiedet. Man wundert sich nämlich, wenn eigentlich nichts gesagt werden kann, wie dieser Mann dieses dicke, bald 400 Seiten starke Buch schreiben kann. Er streitet auf 30 Seiten darüber — nachdem er auf der ersten Seite davon spricht: wir werden jetzt zu untersuchen haben, ob dieses nach Konstantinopel gebrachte Kleid auch das echte Kleid ist? — welches nun das echte Kleid sein könne, da es in Konstantinopel allerdings zwei Kirchen gibt, welche beide behaupten, das echte Kleid der Jungfrau Maria zu haben. Er führt aus, diese Kirche kann es nicht haben, aus dem und dem Grunde, sondern jene, denn dort sei auch dies und jenes Heiligtum gewesen und er fahrt dann zum Schlüsse fort: demnach ist das echte Kleid in Konstantinopel in der einen Kirche gewesen, und — das ist dasjenige in Aachen! Nun fragt man sich doch immer wieder, wie kommt das nach Aachen? Und dafür liegt gar kein Anhaltspunkt vor, gar keiner. Im Gegen- teil, wir sehen in der Zwischenzeit, daß allüberall in der Christenheit sogenannte Kleider der Jungfrau Maria aufbewahrt werden. Der gute Floß baut zum Beispiel in seinem Buche einen Beweis, der selbst gegen ihn spricht; er sagt, in der Kathedrale in Chartres in Frankreich ist auch ein Kleid der Maria gewesen. Aber in der Zeit der französischen Revolution, die alle Zeit etwas fest zugegriffen hat, wurde 1793 eine stattliche Kommission beauftragt, dieses sogenannte Chartresheiligtum zu eröffnen, und man fand nun einen feidenen Ueberzug, in welchem Blumen und Vögel eingewebt waren. Es ist aber nicht denkbar, daß im Volke Israel Bilder in feidenen Gewändern vorhanden gewefen. Darin hat man einen andern feidenen Ueberwurf gefunden, der aber sicherlich nicht das Kleid der Maria war. Aber in der katholifchen Kirche war man fchnell mit der Ausrede bei der Hand: das ist der Kopfüberwurf der Jungfrau Maria gewefen, nicht das Kleid; aber weil es in Chartres einfach das Kleid genannt worden ist, woher kommt das? Das kann nur daher kommen, weil in Aachen das wirkliche Kleid gewefen ist, und die Aachner Benennung „Tunika" hat sich auch nach Chartres auf das ganz andersartige Gewand der Maria bezogen. Meine lieben Freunde, wenn man so etwas liest, dann greift man sich an den Kopf, und fragt sich, darf denn überhaupt ein solches Buch gedruckt werden! Gin solcher Mann wird von der preußischen Regierung als Professor bezahlt und soll Wissenschaft leisten! Ist das nun Wissenschaft, wenn er solche Dinge leistet? Ich habe auf Seite 28? des Floßfchen Buches mir einmal einen Beweis aufgefchrieben, wo > >i, — 15 — er binnen sieben Zeilen 400 Jahre überspringt, wer das Buch besitzt, mag dort nachlesen. Ich kann das hier nicht des weiteren darlegen, das würde zu weit führen; ich muß ganz kurz sein, sonst schneidet mir Herr Pastor Schürmann das Wort ab, und deshalb will ich das unterwegs lassen. Ich schreite nun zu dem andern großen Heiligtum. Ich habe gesagt, daß das Kleid der Jungfrau Maria zuerst im Jahre 1330 als echt behauptet wird. Ueber die mehr als tausend Jahre, welche dazwischen liegen, wissen wir nichts. Genau so ist es mit dem vorher von mir, wenn es echt sei, sicherlich als das wertvollste bezeichnete Stück, mit dem Lendentuch Christi. Dieses Lendentuch wird zum erstenmal überhaupt 1236 von dem Chronisten Alberich erwähnt, welcher erzählt, daß einige Jahre vorher ein Kanonikus in Aachen erklärt habe, er habe bei dem jüngsten Brande in Aachen dieses Stück gerettet. Bis zum dreizehnten Jahrhundert wissen wir somit gar nichts von dem Lendentuch; jetzt auf einmal tritt man mit einem Tuche auf und es wird uns gefagt, das ist das Tuch, welches Christus am Kreuz getragen hat. Ja, meine Freunde, darf man denn fo leichtsinnig mit dem Namen Christi umgehen, ohne auch nur vor dem menschlichen Verstand, der uns doch auch von Gott gegeben ist, einen Anhaltspunkt dafür zu haben, daß das wahr ist? Darf ich denn so leichtsinnig ins Blaue hinein das sagen? Oder nennen wir nicht vor Gericht, wie im bürgerlichen Leben einen Menschen, der so leichtsinnig ins Blaue hinein Behauptungen ausstößt, einen Schwindler? Wie nennen wir denn einen Schwindler der mit dem Namen Jesu Christi schwindelt? Den nennen wir einen Menschen, der Blasphemie und der Gotteslästerung treibt. Den nennen wir einen Menschen, der das Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes" — und der Name Gottes ist alles, wodurch er sich uns geoffenbart hat — „nicht mißbrauchen," ganz vergessen hat. Dieses Gebot haben übertreten der Grzbischof Kremenz von Köln, die Stiftsherren in Aachen, die römische katholische Geistlichkeit dort, und ich klage sie hier von den bergischen Bergen aus der Gotteslästerung an, -------------- (Bewegung). Der Solinger Bürgermeister van Meenen erhebt sich bei den letzten Worten eilends von seinem Platze und tritt auf den Redner, der ungefähr ^/^ Stunden gesprochen hatte, zu. Es entsteht allgemeine Erregung. Der Bürgermeister spricht: „Hierdurch erkläre ich die Versammlung für aufgelöst und fordere die Verfammlung —" (große Unruhe) — Pfarrer Thümmel: „Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie sich gröblichst gegen §' 16? des Strafgesetzbuches vergehen und — Z 1« Bürgermeister van Meenen: „Ich verbiete Ihnen, noch ein Wort weiter zu sprechen und — (große Unruhe — der Polizei- Kommissar tritt auf den Altartritt,) und ich fordere Sie auf, das Lokal zu verlassen! Wer diefer Aufforderung nicht nachkommt, wird-------- (große Unruhe; die letzten Worte des Bürgermeisters verhallen ungehört). Pastor Schürmann: Ich erkläre als Vorsitzender deö Evangelischen Bundes die Versammlung für geschlossen. Pastor Giesekke: Nachdem die Versammlung aufgelöst, bitte ich Sie, dielen Ort in aller Ruhe zu verlassen. Unsre weiteren Rechte werden wir schon wahrzunehmen wissen. (Großer Beifall.) Bürgermeister van Meenen: Es werden hier keine Reden mehr gehalten. Aus der Versammlung heraus wird das Lied „Ein' feste Burg ist unser Gott" angestimmt. Die Orgel beginnt zu spielen. Die in die Kirche eindringenden Polizeimannschaften verhindern dies aber, und es werden die Mengen aus der Kirche hinausgetrieben. Es herrscht bei allen große Erregung und Entrüstung. Stürmische Hochrufe werden auf Pfarrer Thümmel laut. Dazwifchen hört man die Rufe der Polizeibeamten. Es bilden sich Gruppen in der Kirche, die beim Auseinandersetzen ihrer Entrüstung über Has von dem Bürgermeister beliebte Verfahren lauten Ausdruck geben. Der in der Kirche anwesende Königliche Landrat des Kreises Solingen, Herr Möllenhoff, gibt Herrn Pfarrer Thümmel über die erfolgte Auflösung seiner Verwunderung Ausdruck und erklärt in Gegenwart einer Anzahl Herren: „Herr Pastor, Sie werden einsehen, wenn der Polizeivorstand das gethan hat, so ist das ein Gebot der Obrigkeit. Ich hätte allerdings auch bei dieser Stelle, woran ich nichts finde, eine Auflösung nicht eintreten lassen." Unter donnernden Hochrufen auf Pfarrer Thümmel begleitete die Menge den Herrn Pastor bis zu dem Hotel Becker, von welchem dem Herrn Pastor Thümmel mehrfach Ovationen dargebracht werden. Als ein Kreis von Freunden und Mitgliedern des Evangelischen Bundes bei einem kleinen Abendessen saß und Pastor Thümmel eine kleine Tischrede hielt, erschien plötzlich der Solinger Polizeikommissar mit der allgemein befremdenden Erklärung, daß er die „Versammlung" auflösen müsse. Es wurde ihm aber bedeutet, daß hier gar keine Versammlung sei, worauf sich dann der Polizet- tommissar, noch weiter im Saale verweilend, beruhigte. (Nu« bei Wtstdcutschln Zeltun«,) W»WW^ Mtz