UB Düsseldor 44152 113 01 Angeeth in D'E. Nedr. 15/7 nachstehend Wie 7 — Vergleichung der Erziehung der Alten mit der heutigen, und Untersuchung welche von beiden mit der Natur am meisten übereinstimme von D. Johann. Pet. Brinckmann. Ihrer Kurf. Durchl. zu Pfalz=Bayern Gülich und Bergischem Hofrathe und des Consilii Medici Direktor — der Geselschaft Naturforschender Freunde zu Berlin Mitgliede. Mens Sara in Corpore Sano. Juvenal. Sat. X. v. 356. — Deßau und Leipzig, in der Buchhandlung der Gelerten 1784. gakaten BIBLIOTREK zu VSSELDOR 7.12 . 2 7 Vorbericht. Wenn mein Herz mir nicht das Zeugniß gäbe, daß meine Hauptabsicht bei der Herausgabe dieser Briefe keine andre sey, als die Scherflein, welche ich als Arzt und Beobachter mancher fremden Erziehung so wol, als auch als Vater bei der Erziehung eigner Kinder sammlete, dem Publico zur beliebigen Prüfung mitzutheilen, so würde mich sonst nichts dahin haben bringen können, uber eine Materie, worüber so ganz unglaublich viel geschrieben worden, ebenfals etwas herauszugeben. Da ich also keine andre Absicht dabei habe, als hier und da nüzlich zu seyn, so bin ich Vorbericht. ich übrigens wegen der Aufnahme dieser Schrift ganz ruhig. Wo ich geirret haben solte, wird jede Zurechtweisung mir höchst willkomm seyn, und ich werde selbige zu meinem und andrer Vortheil möglichst zu benuzen mich bemühen. Ich habe mir in diesen Briefen zum Hauptzwecke gemacht, den ganzen Menschen zu betrachten, wie er zufolge seiner Natur, im Zusammenhang seiner physischen und moralischen Kräfte seyn sol. Ich bemerkte im gemeinen Leben gar oft, daß die Erzieher hauptsächlich an folgende Klippen stießen; daß ie nemlich entweder die zu entwickelnden Kräfte des Zöglings sich als zertheilt vorstelten, und dabei manche nothwendige Kraft unentwickelt ließen; oder gewisse Kräfte übersprangen, die doch den andern hätten zur Triebfeder dienen sollen. — Oder, durch Vorurtheile des Ansehens blindlings geleitet, in den Fehler fielen, daß sie die eigentlichen Erziehungsmethoden derer, welche sie sich zum Vorbericht. zum Muster gewählet hatten, selbst nicht anders als schief sahen, oder doch wenigstens nicht von allen Seiten kannten, und dann bei dem besten Vornehmen nicht selten ganz erstaunlich irre giengen. Hierher gehören die mehresten dererjenigen, welche sich in ihrer Erziehung nach der der Alten richten wollen, ohne doch den Plan der Erziehung der Alten auch nur im geringsten in seinem gehörigen Umfange zu kennen. Andere folgen hingegen ihrem sich gewählten Vorbilde zu blindlings, ohne zu bedenken, daß bei der Erziehung, wie überal, sich alles relativ verhalte, und daher was dem einen nüzlich ist, für den andern schädlich seyn könne. Um nun den Erziehern von dieser Seite ein Licht, zur Entdeckung ihres Irrthums zu verschaffen, nahm ich mir vor, im algemeinen, einen ganz kurzen Schattenriß von dem eigentlichen Plan der Erziehung der Alten Vorbericht. zu ziehen; und nur so viel davon anzuzeigen, als nöthig ist, um einzusehen, daß die Alten mit der allergrösten Sorgfalt hierin zu Werk gegangen, und sich bestrebt haben, den physischen so wol als den moralischen Menschen, von allen Seiten gehörig zu entwickeln, und ein zusammenhangendes Ganzes aus dessen gesamten Kräften zu bilden. Diejenigen meiner Leser, welche es für überflüßig halten sich hierum zu bekümmern, können die hiehin gehörigen Briefe überschlagen, und erst mit dem sechszehnten Briefe zu lesen anfangen. Um nun alle Vorurtheile des Ansehens, so viel wie möglich wegzuräumen, und zu gleicher Zeit einen sicherern Leitfaden, nach welchem man sich richten könne anzugeben, habe ich mich bemühet den auf die Welt eintretenden Menschen zu schildern, so wie die Natur dessen Kräfte entwickelt; und so viel mir moͤglich war, habe ich uͤber Vorbericht. al die Gründe von demjenigen Verfahren, welches der Natur in glücklicher und möglichster Entwicklung der gesamten Kräfte beförderlich seyn kan, angeführet. Ein jeder mag also prüfen, und das Gute behalten. Es komt hier auf zu erreichende möglichste Glückseeligkeit des Zöglings an. Diese kan aber in nichts anders bestehen, als in der möglichsten Fähigkeit, mit aller Leichtigkeit zweckmäßig immer forthandeln und würken zu können. Dies mus also der wahre Probierstein seyn, und jede Anordnung bei der Erziehung, welche hier nicht die Probe hält, ist gefährlich und mehrentheils höchst schädlich. Hier bleibt nun noch unendlich viel zu sammlen, denn die Materie ist bei weitem nicht erschöpft. Folgende Briefe müssen daher nicht anders, als ein schwacher Versuch, wie in diesem Geschäfte der sicherste und leichteste Weg zu finden sey, angesehen werden. Solte ich für einen oder anderen dazu die Bahn Vorbericht. Bahn gebrochen haben, so bin ich für meine Mühe und Arbeit reichlich belohnt; und ich bitte übrigens meine Leser bei Entdeckung des mangelhaften, an das: in magnis voluisse, sat est, immer sich zu erinnern. — Innhalt S # Innhalt. Erster Brief. Von demjenigen, was man zur richtigen Beurtheilung der Modeerziehung im algemeinen wissen und beobachten muß. S. 1. Zweiter Brief. Es wird gezeigt, daß die Alten nicht allein in der körperlichen Uebung, die ein gentliche für ꝺen Zögling ſo wol, als für den Staat selbst, nuzbarste Erziehung suchten, sondern auch die moralische Kultur und Erlangung einer gewissen Festigkeit der Seele hierzu erforderten. — Warnung gegen verschiedene schädliche Ausartungen der Gymnastik bei den Alten. = S. 9. Dritter Brief. Entstehung der Gymnastik — Ausartung derselben in die schädliche Athletik. S. 15. Vierter Brief. Algemeine Darstellung der vornehmsten Leibesübungen, welcher die Alten sich zur Erziehung und Gesundheit bedienten. S. 30. Fünfter Brief. Fortsetzung des vorigen Innhalts. S. 40. Sechster Brief. Der über den Nuzen, oder Schaden der Leibesübungen geführte Streit wird angeführet, und gezeiget daß selbiger, an statt zu schaden, vielmehr zur eigentlichen Bestimmung, wo und wie die Gymnastik dem menschlichen Körper nüzlich seyn könne, sehr vieles beigetragen habe. S. 46. Sko Jnnhalt. Siebenter Brief. Die Alten wurden zwar von der Nothwendigkeit der Leibesübungen ganz unwidersprechlich überzeuget; sahen aber auch bald ein, daß es zur Erreichung des Endzwecks nöthig sey, für jeden individuellen Menschen eine besondere kluge Auswahl und Einrichtung mit den Ue2 bungen ſelbſt zu treffen. S. 57. Achter Brief. Fortsetzung des vorigen Innhalts. S. 60. Neunter Brief. Nicht minder waren sie überzeugt; daß hierzu eine gesunde Beschaffenheit der Säfte erforderlich, und zu derselben Unterhaltung, die Beförderung der natürlichen Ausleerungen, und die Mäßigkeit gehörig zu beachten durchaus nothwenS. 72. dig ſep. Zehnter Brief. Fortsetzung des vorigen Innhalts, in Betref der Mäßigkeit und Enthaltsamkeit der AlS. 79. ten Eilfter Brief. Zur Erlangung und Unterhaltung der Stärke fanden die Alten ebenfals nöthig, der algemeinen Denkungsart, dem Nationalkarakter, eine dem Ganzen des Staats angemessene Nichtung zu geben, und schon dadurch der Jugend die nöthigen Bewegungsgründe und Triebfedern einzuflößen. S. 88. Zwölfter Brief. Fortsetzung des vorigen Innhalts. S. 97. Dreizehnter Brief. Vergleichung der Erziehungsart S. 114. der Alten, mit der heutigen Pierzehurer Brief. Ursachen, warum die Gymnastik gänzlich in Verfall und Vergessenheit gerathen. S. 125. Fünf⸗ Innhalt. Fünfzehnter Brief. Fortsetzung des vorigen Innhalts. Anzeige von noch hier und da übrig gebliebenen Resten von gymnastischen Uebungen — Ursachen warum selbige nicht leicht wieder werden algemein eingeführet werden. S. 137. Sechszehnter Brief. Bestimmung dessen, was es heiße, bei der Erziehung der Natur folgen. Genauere Bestimmung der darauf sich gründenden nothwendigen Eigenschaften der Hofmeister. — Vergleichung der Bewegungsgründe und Triebſebern der Alten, mit den der Neuern, um die Zöglinge anzusetzen, ihre Kräfte zweckmäßig zu entwickeln, zu bewahren und anzuwenden. S. 148. Siebenzehnter Brief. Bestimmung welches die bei der Erziehung, zu entwickelnden physischen Kräfte seyen. Dringende Warnung für den hiebei so häufigen und schädlichen Trugschlüssen. S. 168. Achtzehnter Brief. Erklärung obiger Kräfte: und Beweiß der Oberherrschaft der Seele über körperliche Empfindlichkeit in verschiedenen Fällen. Endzweck davon. Warnung für zu starke Dämpfung der Empfindlichkeit. Einfluß der Veränderung der Fasern, und der Säfte bei jedem Zeitalter des Menschen, auf dessen physische und moralische Kräfte. S. 176. Neunzehnter Brief. Es werden Regeln angegeben wie das Relative zur' nöthigen Bestimmung der Reitz= und Empfindbarkeit erkannt werden könne. In der Harmonie der Reitzbarkeit der festen, und des Vermögens der flüßigen Theile die festen zu weitzen, liegt der Grund, daß die Natur sich in den mehresten Fällen selbst helfen kan — wie auch dessen, daß der Mensch im gefunden Zustande ſeinen Körper nicht empfindet. Innhalt. det. Warnung, die Natur nie in ihrer natürS. 208. lichen Zustande zu stören. Zwanzigster Brief. Eigenschaften der Muskelfaser in ihrem verschiedenen Zustande; die Mittel welcher die Natur sich bedient, sie zu stuken — und die Hindernisse, welche dieses erschwehren. S. 215. Ein und zwanzigster Brief. Von der gehörigen Menge und Eigenschaft der flüßigen Theile. Was Schärfe sey — welche Nahrungsmittel scharf genennet werden können; wobei gezeigt wird, daß in beiden Fällen, alles nur relativ scharf seyn könne. Würkung der verdorbenen flüßigen Theile auf die Fasern. Nothwendigkeit der harmonischen Richtung dieser verschiedenen S. 2 Kräfte unter einander. Zwei und zwanzigster Brief. Untersuchung ob die besonderen Vorschriften der Alten, welche in Ansehung der Leibesübungen gegeben wurden, nicht der menschlichen Natur angemessen gewesen und auch noch befolget werden müssen. — Vor der Leibesübung müssen die gröberen Ausleerungen geschehen, der Kopf gewaschen und das Haar S. 249. gekämmet seyn. Drei und zwanzigster Brief. Von der Zeit, wenn die Leibesübungen gehalten werden müssen. — Von der Bewegung gleich nach dem Aufstehen, nach vorhergegangenem Waſchen des Körpers mit kaltem Wasser. — Man mus die ſtärkeren Leibesübungen des Morgens; und nie kurz vor dem Eßen verrichten, sondern sodann, wie auch noch eine bestimte Zeit nachher ruhen, und gegen den Abend gelindere angenehme Bewegungen S. 262. nur allein machen. Pier Innhalt. Vier und zwanzigster Brief. Bestimmung des nöthigen verschiedenen Maaßes der Bewegung in Rücksicht auf die Verschiedenheit des Alters, und der Jahreszeit. Schaden des Wickelns — des künstlichen Gehen lernens durch Bänder — der engen Kleider „ der Schnürbrüste „ der engen Schuhe. Ursachen, warum unter den ganz Armen und den Vornehmen die mehresten Krüppel gefunden werden. — Von dem Schaden der heftigen Bewegungen bei der Hitze, und bei der Kälte. S. 280. Fünf und zwanzigster Brief. Es wird angezeigt, was bei den besondern heftigen Bewegungen zu beobachten — Schaden so aus den zu heftigen Bewegungen entspringt. Nuzen der vorbereitenden, und nachherigen gelinden Bewegungen — des Reibens. Warnung nichts hier zu übertreiben — Rath die Leibesübungen bei den Kindern so einzurichten, daß sie mit Vergnügen geschehen die Bewegung bei einer zu erlernenden Leibesübung darf nicht so hoch getrieben werden, wie jede andere, so mit Zerstreuung verbunden ist. Wie man sich dieserhalb verhalten müsse. Von den erforderlichen Eigenschaften des Orts, an welchem die Uebungen gehalten werden sollen. Nöthige Beschaffenheit der Luft dazu. S. 308. Sechs und zwanzigster Brief. Was zur Nahrung der Kinder zu beobachten ist. Untersuchung ob es möglich sey, mit völligster Sicherheit, an statt der Muttermilch ein anderes eben so sicheres Nahrungsmittel den neugebohrnen Kindern zu geben. Ungrund und Schädlichkeit des Vorurtheils, daß die flüßige Nahrung allein, bei jungen Kindern nicht hinreiche. Bestimmung wenn man anfangen müsse, festere Speisen den Kindern zu geben. Nothwendigkeit des Kauens. Warnung für geistige Getränke. S. 333 Sieben= Innhalt. Sieben und zwanzigster Brief. Von dem Vortheil der Mäßigkeit; bei welcher Gelegenheit die Aerzte gegen Rousseau vertheidigt werden. Untersuchung was thierische Enthaltsamkeit sey, und wie selbige auf Empfindung von Bedürfniß ruhen müsse. Wie man den Kindern beibringen könne, dieser thierischen Enthaltsamkeit zu folgen. Wie und warum der Mensch zur verschiedenen Unmäßigkeit so leicht übergeht, und wie demselben vorzukommen. Die Gewohnheit in Unmässigkeiten ruhet im Anfang nicht so sehr auf Lust zur Schwelgerei, als wol auf unrichtige Begriffe von dem was Bedürfniß sey. Untersuchung wie der Hunger erreget werde — und nach welchen Gesetzen man denselben stillen müsse. Wie der Dürſt erzeuget wird — verſchiedene Urſachen desselben — Schaden des zu viel trinkens — Widerlegung daß man im gesunden Zustande mehr trinken müsse, als man Durst hat. S. 364. Acht und zwanzigster Brief. Ueber die Entstehung des Schlafs — desselben Nuzen in Beförderung der Nahrung der inneren Theile, und Ausführung der verdorbenen Säfte — wie man bei den ganz kleinen Kindern verlaren müsse, um in Anehung des Maaßes des Schlafes nicht gegen ihre Naturtriebe zu handeln — man mus die Kinder nie mit Heftigkeit aus dem Schlafe wecken - ihnen keine zu weiche, noch solche Betten geben, in welchen sie nicht warm genug werden können. — Kurze Rathschläge wie der zu heftigen und frühen Geschlechtsliebe Schrancken zu stellen. S. 403. Neun und zwanzigster Brief. Was zur Unterhaltung der unmerklichen Ausdünſtung bei den kleinsten und grösseren Kindern zu beobachten. Gesar bei dem ganz kalten Waschen der neugebohr Innhalt. bohrnen Kinder. — Nachtheil des Entkleidens derselben im kalten Zimmer; oder, vor dem Warinkorb. Schaden des ferneren zu kalten Verhaltens der Kinder. — Die verschiedene Kleidung kan die Ausdünſtung befördern, entweder durch Ableiten der ausdünsten müssenden Theilchen; oder durch Beschützung gegen widrige Eindrücke der Luft. — Besondere Sorge bei der Kleidung, in Ansehung des verschiedenen Klima's — der Jahreszeit — der besondern Beschaffenheit des individuellen Menschen, wie auch dessen besonderen Theile. Einige algemeine Regeln, die Ausdünſtung betreffend, zum Beſchluß. S. 425 Dreißigster Brief. Die Pflichten beim geselligen Zusammenleben erfordern Aufopferung der Befriedigung mancher Bedürfniße. — Hiezu mus der Zögling angehalten, nicht weniger mus selbiger darin geubet werden — wie lezteres geschehen könne und müsse. Fernere besondere Rathschläge hierüber. S. 458. Ein und dreißigster Brief. Von der nöthigen Ausbildung der moralischen Kräfte, zur zweckmäßigen Beſtimmung der Jugend. Dieſe Kräfte beſtehen in der gehörigen Menge und Deutlichkeit der Begriffe — und der nöthigen Festigkeit, diesen Begriffen gemäß zu handeln. Von den Mitteln so hiezu bei der Jugend angewendet werden müssen — vom Gehorsam, und auf welche Weise hiezu das Kind angehalten werden mus. S. 471. Zwei und dreißigster Brief. Von der Nothwendigkeit des Warheitredens, und der deutlichen Erkenntniß der algemeinen und besondern Pflichten; wie auch den, ausser dem Menschen sich findenden Hülfsmitteln dazu zu gelangen, nemlich der Kenntniß Gottes, und der von Ihm geoffenbar Innhalt. ten Religion; wie auch der der Ehre und des Nuzens, so auf dieser Welt aus der treuen ErS. 514 fällung der Pflichten fließet. Drei und dreißigster Brief. Von denjenigen Mitteln, die in dem Menschen selbst liegen, hierin zur Festigkeit zu gelangen. Deutliche Kenntniß des ganzen Umfangs der Pflichten. Schätzung des eigentlichen Werths des Lobs und Beifals andrer Menschen — Vermeidung aller Reservationen und daraus entspringenden Illusionen und endlich die gehörige Stimmung der moralischen Empfindsamkeit, wie auch Verhütung der Ausartung derselben in Empfindelei. „ S. 542. — Erster 0 0 Erster Brief. Sie begerten, mein Beſter, meine Gedanken über den Werth, oder Unwerth unster gegenwärtigen Mode=Erziehung; und daß ich Ihnen dabei hauptsächlich folgende Punkte erörtern solte: Ob nemlich die, verschiedene der alten Völker so sehr ausgezeichnet habende körperliche Stärke, aus dem Einfluß und Nutzen der bei ihnen im Schwange gewesenen Gymnastik herzuleiten; und ob es blos dieſe, oder ob noch andere Hülfsmittel gewesen, durch welche obgedachte Stärke von denselben erlanget worden sey: Nicht weniger begerten Sie von mir zu wissen, warum doch wol nachher die Gymnastik so ganz in Vergessenheit gerathen, und außer Mode gekommen wäre; und ob keine Hofnung zu derselben Wiederherstellung seye; und endlich solte ich Ihnen zuletzt sagen, wie man es dann wol bei der Erziehung, in unseren Tagen, am besten anfangen könne und müsse, wenn man den der Natur angemessenen Weg, so wol in Benutzung der Erfahrungen der Alten, als auch der Entdeckungen der Neueren mit möglichster Treue und Sicherheit befolgen wolle. Ich gestehe Ihneu, ich sehe es nicht allein als eine Pflicht aller guten Elteren, sondern als die Pflicht jedes ehrlichen Biedermanns an, sich hierum in Ernst zu bekümmern. Wil man dieses aber so thun, thun, wie man es thun sol, so muß man vorber untersuchen, was die Alten ihren Zöglingen für eine Erziehung gegeben haben; welche die neue, und modische sey — nicht weniger muß man den Nutzen und Schaden von beiden mit einander vergleichen, und sodann, da, wo wir merken, daß unser Verstand heller geworden, mit möglichster Sorgfalt jeden erlangten deutlichern Begrif benutzen. Dies ist aber eine äußerst beschwerliche Sache — hiezu gehöret die volkommenste praktische Menschenkenntniß, und zwar von allen Ständen und Alter; wer hat aber die? Und von der Erziehung der Alten haben wir nichts als bloße Bruchſtuͤcke, die man entweder hier oder da bei alten Schriftstellern zerstreuet findet; oder die auch mit vieler Mühe und Fleiß von verschiedenen zusammengetragen worden sind. Allein Sie begreifen leicht, daß es nicht eines jeden Sache ist, aus dergleichen für verschiedene Materien und Endzwecke zusammengesuchten Bruchstücken, ein planmäßiges Ganze zu machen. Wer hier außerdem nicht alles mit der Natur des Menschen gehörig abwieget, läuft immer Gefahr einige gute Sachen zu verlieren, oder unrecht anzuwenden. Da wir ohnehin, wie Sie nachher deutlich sehen werden, bei weitem nicht mehr das Ganze der Erziehungskunst der Alten wißen, indem die Schriftsteller, so daruͤber geschrieben hatten, verlohren gegangen, so müßen auch hier verschiedene Lücken nothwendig übrig bleiben. So viel viel können wir aber immer sehen, daß die Alten sehr sorgfältige Beobachter der Natur auch in diesem Stücke waren, und bis in den geringsten Punkten ihr zu folgen sich bemüheten. Dies werde ich mich Ihnen zu zeigen bestreben. Um aber ferner den Werth, oder Unwerth einer jedweden besondern Erziehungsart bestimmen zu können, wird außer der praktischen Meuschenkenntniß, eine genaue Bekanntschaft mit dem Theoretischen Menschen erfodert. Man muß nemlich nicht allein die physischen Kräfte des Menschen, sondern eben so nothwendig seine moralischen Kräfte und Neigungen wol kennen und erwegen. Das heißt, wir müßen den Menschen immer vorher im Zusammenhang wie er ist betrachten, ehe wir bestimmen können, was er seyn kan, seyn sol: und wie er dahin gebracht werden kan. Ich brauche Ihnen alſo wol nicht zu sagen, daß Sie von mir eine der beschwerlichsten Arbeiten begehren; und daß Sie nichts weniger als etwas Volständiges darüber von mir erwarten müßen. Wenn Sie gerecht gegen mich seyn wollen, so werden Sie letzteres um so weniger thun, da Sie meine überhäuften Geschäfte kennen, und wißen, daß ich die Augenblicke für dergleichen Nebenbeschäftigungen ganz in Wahrheit nur wegstehlen muß. A 2 Ich Ich werde Ihnen daher in meinen ersten Briefen einen Auszug oder vielmehr Schattenriß in Anführung von trocknen Datis, von demjenigen lieferen was die Alten zur Bildung des Körpers und der Seele ihrer Kinder thaten; und zwar werde ich nur so viele davon anführen, als ich zum Beweise desjenigen, was ich Ihnen gleich voxbin sagte nöthig halten werde; daß nemlich die Alten sich auch bei ihrer gymnastischen Erziehung dem ganzen Plane der Natur gemäß zu betragen sich bemüheten. Und da die von denselben gemachte Erfahrungen äußerst wichtig sind, und sehr vieles zur genauen Erkenntniß des Planes der Natur beitragen, so schicke ich wolbedächtig diesen historischen Theil voraus, und spare das Raisonnement, oder Darstellung obgedachten Naturplans; in so weit selbiger mir einleuchtend geschienen, bis auf die letzteren Briefe. Ich werde aber dasjenige, was zur Erlangung des Wissenschaftlichen, der trocknen Gelehrsamkeit gehöret, ganz vorbeigehen. Denn meine Hauptabsicht wird immer seyn, als Arzt und Menschenfreund zu schreiben, wie nemlich die Erziehung Menschen glücklich zu machen vermöge, und nicht wie sie dadurch gelehrt werden können. Wenn ich hiemit fertig bin, werde ich eine kurze Vergleichung unsrer Mode„Erziehung mit der Erziehung der Alten anstellen; wobei ich Ihnen zum Voraus sage, daß Sie hier keine weitläuftige Aufzählung aller unsrer gegenwärtigen besonderen Gattungen von Erziehung erwarten müßen. Dies würde ins ins Unendliche gehen, da bei unsren herrschenden unverdauten Begriffen von Freiheit, auch die Erziehung in unzähligen Zuckungen angetroffen wird; und bei der wenigen öffentlichen Sorgfalt, welche zu unseren Zeiten darauf gewandt wird, fast jeder Vater ein ganz besonderes Principium dabei hat; oder seine Kinder der bloßen wilden Natur, das heißt ihren eigenen Leidenschaften überläßt. Zuletzt werde ich einige wolgemeinte Rathschläge, wie dieß, oder jenes zu verbesseren sey, geben; jedoch keine andere als wobei ich die Gründe zugleich werde anführen können. Hier muß ich Sie aber warnen, ja nichts Systematisches von mir zu erwarten. Ich würde in dem Fal halbe Bücher von anderen vortreflichen Männern nur blosweg abschreiben müßen; von denen ich weiß, daß Sie als guter Vater sich es längst zur Pflicht gemacht haben, selbige durchzustudieren: Ich meine die eines Montaigne, Locke, Roußeau, Brechter, Campe, Basedow, Mangelsdorf, Resewitz und verschiedener anderen. Ich werde daher in diesem letzten Theil, ohne mich an irgend eine Ordnung ängslich zu binden, bald dieſe, bald jene Materie in meinen Briefen zum Vorwurf nehmen. Und da es uns an allgemeinen Systemen der Erziehung gar nicht gebricht; bei der Erziehung aber mehr wie irgendwo die Wahrheit eintrift und genau beobachtet werden muß, daß nemlich alles auf dieser Welt relativ ist; das ist, daß nicht jedem Kinde alles gut ist; auch demselben Kinde Kinde nicht zu jeder Zeit dasjenige gut ist, was ihm vorher gut war: mithin es von der äußersten Nothwendigkeit ist, hier und da von der allgemeinen Regel abzugehen, ſo ſehen Sie sehr leicht ein, daß man letzteres nie ohne deutliche Kenntniß des Ganzen thun könne. Der Mangel dieser deutlichen Kenntniß, hat schon so viele Widersprüche erzeuget, daß nicht allein die Eltern bei der Erziehung dadurch verleitet wurden, von einem Aeußersten in das andere zu verfallen; sondern so gar bei den Schriftstellern über diese Materie das nemliche eingetroffen ist. Ich führe Ihnen hier nur ein Beispiel an dem Aemil und Antiacmil an; dergleichen könnte ich Ihnen aber verschiedene beibringen. Jedoch dies konnte nicht fehlen, so bald man ein allgemeines für alle passen sollendes System entwerfen, oder auch nur ohne physikalische Gründe, und vorher richtig geformte logische Schlüße in der Erziehung seiner Einbildungskraft nach nicht gehörig ausgefegten Vorurteilen folgen, und einzelne Vorschriften liefern wolte. Ost wurden auch Schriftsteller unrichtig beurteilet. Ich für meine Person kan nie glauben, daß ein Mann von solchem Kopf, Kenntnißen und Herzen, wie Noußeau war, würklich in seinem Aemil ein allgemeines Gesetz der Erziehung, welchem alle Elteren um ihre Kinder glücklich zu erziehen folgen solten, habe geben wollen. Als Roußeau seinen Aemil schrieb, fand er die Erziehung in seinem Vaterlande in einem von der Natur höchst ausgeartetem artetem Zustande. Um dieses seinen Mitbürgern auffallend zu machen, nicht aber um ihnen ein allgemeines Muster zur Nachfolge aufzustellen, entwarf er einen Plan, wovon dieses Buch das Ideal ſeyn ſolte, welches nur für seinen individuellen Aemil der in einer solchen Geselschaft leben mußte, bestimmt und gut war; mithin auch für alle diejenige gut seyn kan, die so beschaffen sind, wie der Aemil war; die für den nemlichen Endzweck erzogen werden; und die einen ähnlichen Führer haben sollen, wie der Aemil hatte. Wie solte dies anders möglich seyn können, da z. E. ein schwächliches Kind bei der Erziehung, welche man dem Gesunden und Starken geben muß, sterben; und hingegen das Gesunde bei der Erziehung, welche das schwächliche Kind erfordert, einen weichlichen, wo nicht gar kränklichen Körper bekommen würde. Nicht anders geht es im moralischen. Geben Sie z. B. dem mit heftigen Leidenschaften versehenem Kinde diejenige moralische Erziehung, welche Sie den Regeln der Klugheit zufolge einem sehr furchtsamen, und leicht zu führendem Kinde geben müßen, so werden Sie Gefahr laufen, einen Wüterich zu ziehen; und im entgegen gesetzten Fal einen äußerst furchtsamen, unthätigen und zu nichts taugenden Menschen. Eben wenig wird jemand läugnen, daß die Erziehung nach jedem Stand, Clima, ꝛc. auch gar sehr verschieden seyn müße. Und wie viel komt endlich nicht auf den Hofmeister an? Eine Sache die in unsern Zeiten ganz ganz sicher viel zu leichtsinnig behandelt wird. Gewiß wil Rousseau auch nicht so verstanden seyn, daß das Kind nach den Trieben seiner eignen Natur aufwachse; sondern es sol sich zwar, nach Maasgabe daß seine Vernunft erleuchtet wird, in so fern selbst bilden; aber immer muß es doch lehren handeln nach Beispielen. Der Nachahmungs-Geist liegt im Menschen: Es ist unnöthig dieses durch Beispiele erläutern zu wollen. Wohin wir in der menschlichen Geselschaft unsre Blicke richten wollen, finden wir unter allen Ständen, und bei jeglichem Alter hievon die auffallendsten Beweise. Die Kinder ahmen aber alles wie die Affen nach; und nach diesem Triebe bildet sich das Kind, nach seinem Menter, das ist lernt handeln, wie sein Hofmeister handelt. Der Lehrer muß daher seinen Zögling nie verlaßen, eben so wie Roußeau seinen Aemil immer um sich hatte. Er muß alles auch die Spiele selbst mitmachen, damit das Kind selbige eben so zu machen lernen möge. Sie sehen daher wie unzuverläßig die mehreſten Eltern in der Erziehung der Kinder zu Werke gehen, und das bloß deswegen, weil sie nach einer einmal angenommenen allgemeinen Regel mehrentheils darin handeln, und das Ganze der Erziehung nicht übersehen; noch untersuchen, oder zu untersucheu fähig sind, ob und wo vieleicht eine Abartung von der Regel bei ihrem Kinde Platz finde. Ich hoſſe Sie durch diese Briefe wenigstens von einigen Seiten in den Fal zu setzen, aus zuverläßigeren Gründen Gründen beurtheilen zu können, ob eine solche Abartung würklich Platz finde; und ob Sie derselben selbst abhelfen können, oder darüber den Rath eines Kanstverständigen einholen müssen. Da es hier aufs ganze Wohl des Kindes ankömmt, indem ohne Gesandheit des Körpers, und Festigkeit der Seele, jeder andere Genuß unmöglich ist, so weis ich, daß es Ihnen gewiß bei jeder Gelegenheit wol der Mühe lohnen wird, hierüber die nöthige Untersuchungen anzustellen. Kein Gedanke kan Wonnevoller für mich seyn, als Ihnen hiezu eine dienliche Anleitung gegeben zu haben. In dieser Hofnung unternehme ich freudig diese, wenn schon für mich noch so beschwerliche Arbeit; und bin 2c. Zweiter Brief. Es kan zwar nicht geläugnet werden, daß die körperliche Stärke, welche einige unter den alten Völkern so sehr auszeichnete, der unter ihnen eingeführten Gymnastik großen Theils zugeschrieben werden müße. Man wil daher anjezt überal den Alten nachahmen, und die Jugend zu eben solchen Leuten zu bilden sich bestreben, wie die alten Griechen waren. Die Erfahrung lehret aber, daß diese Erziehung bis hiehin uns noch keine, oder aufs allerbeste genommen blutwenige 10 wenige Menschen ausliefert, die den alten Griechen an körperlichen Kräften, wie auch an Festigkeit der Seelen, und daraus fliessender Standhaftigkeit in allen Vorfällen einigermaßen gleich kämen. Sie ſagen: Das Ding muß ſeine Ursache haben; denn die Menschen sind immer Menschen gewesen, und bleiben sich darin, immer gleich? Allerdings mein Freund! und ich meine, daß die Ursache davon eben nicht so schwer zu finden seyn werde. Ich glaube nemlich, viele Elteren und Erzieher denken sich den Menschen nicht gnug im Zusammenhang seiner Kräfte; sondern abstrahiren diese oder jene Kraft in ihm, welche sie vorzüglich ausbilden wollen, ohne gnug zu überlegen, in wie weit dieſes mit der, zum Leben und Glück des Zöglings nothwendiger Entwicklung des Ganzen d. i. aller seiner Kräfte zusammengenommen bestehen könne. Die Alten suchten dieses ganz offenbar, so bald sie nemlich so viele Erfahrungen einmal über die Leibesübungen gesamlet hatten, daß sie planmäßig darin verfahren konnten, auf alle Weise zu verhüten. Bei Ihrem Wunſche die Erfahrungen der Alten gehörig benutzen zu können, glaube ich Ihnen also einen reellen Dienst zu erweisen, wenn ich über dieses planmäßige Verfahren der verehrungswürdigen Alten; und wie sie durch sorgfältige Beobachtung der Natur, nach und nach dahin gekommen sind, einige Fingerzeige und zwar so viel mir möglich seyn wird, deutlich vor Augen legen werde. Erwarten Sie aber hier keine eigentliche Beschreibung der der Gymnastik der Alten von mir. Ich könnte Ihnen hierüber nichts anders liefern als was ich aus Kompilationen von anderen wieder abschreiben müßte. Dieses würde Ihnen und mir viele vergebliche Zeit kosten. Also nur so viele Data werde ich Ihnen nach und nach daraus ins Gedächtniß rufen, als ich nöthig halten werde, Ihnen den Plan der Alten, ihre Sorge um ein zusammenhangendes dauerhaftes Ganze bei der Erziehung zu erhalten; wie nicht weniger um Ihnen die zu verhütende Abartungen, so zuweilen unter ihnen darin demohngeachtet entstanden, gehörig bekannt zu machen. Da nun aber jeder eine Sache aus einem besondern Gesichtspunkt ansiehet; und der eine dieses Datum, der andere jenes zum nemlichen Endzweck auffallender findet, so rathe ich Ihnen, wenn Sie sich mit den von mir zu obigem Endzweck angezogenen Datis nicht begnügen zu können glauben, zu den Quellen selbst zu gehen; oder, wenn Sie es sich gemächlicher machen wollen, die Abhandlungen zu lesen, in welchen alle aufbewahrt gebliebene Fakta mit Sorgfalt sind zusammengetragen worden; als wovon ich Ihnen einige, die ich ſelbſt hiezu gleichfals genutzet habe, anmerken wil; und zwar: Mercurialis de Arte Gymnastica. Burette in verschiedenen Memoires, welche Sie im ersten Theil der Memoires de l'Acad. R. des Inscriptions & belles Lettres finden können. Ferner Potters griechische Archäologie übersetzt und mit Anmerkungen und eigenen Abhandlungen vermehrt von Rambach. Und 12 Und zuletzt Mangelodorf in seinem Versuch einer Darstellung dessen, was seit Jahrtausenden im Betref des Erziehungsweſens iſt geſagt und gethan worden„. Aus demjenigen was ich Ihnen sagen werde, und Sie viel weitläuftiger in obgedachten Büchern selbst nachlesen können, werden Sie aber leicht erſehen Daß Erstlich es den Alten lange nicht gnug ware, daß ihre Jugend sich bei den zur Gesundheit und Bildung zu machenden Leibesübungen, recht stark bewegte, um dadurch ihren Muskeln Kräfte und Geschicklichkeit zu verschaffen; sondern daß Sie dieses alles nach bestimmten Gesetzen nicht allein thun liessen; sondern daß sie selbst einsahen, daß, wenn der gehofte Endzweck bei jedem individuellen Zöglinge glücklich erreichet werden solle, es durchaus nothwendig sey, daß jedem sein eigen Maaß, Art und Zeit der Bewegung 2c. genau vorgeſchrieben werden müße. Zweitens Nicht weniger bemerkten Sie gar bald, daß, wenn der Mensch zur moͤglichster Erreichung seines eigenen Glückes so wol, als zur Beförderung des Wohls des Staates, (zwei Sachen, welche bei den Alten nicht als besondere, sondern als unauflöslich verbundene Sachen angesehen wurden) gezogen werden solte, die bloße Erlangung der körperlichen Kräfte durch durch Uebung, bei weitem nicht hinreiche; sondern daß es, wenn man selbige bis auf den höchsten Punkt entwickeln, sie auf die längste Dauer erhalten, und auf die Erreichung des Glückes des Zöglings so wol, als des Wohls des Staats am glücklichsten richten wolle, ganz unentbehrlich nothwendig sey, der Seele des Zöglings einen gewißen hohen Grad von Feſtigkeit, zur nöthigen Bezähmung der sonst alle Kräfte wieder zerstörenden Leidenschaften, und Fähigkeit zum Ausdauren bei mühsamen und langwierigen Unternehmungen, zu verschaffen. Sie sahen aber auch ein, daß um diese in den Zöglingen bis auf den nöthigen Grad zu entwickeln, es nicht helfe, Ihnen gewiſſe Regeln zu geben; selbige öfters daran zu erinnern, oder selbige von ihnen auswendig lernen zu lassen; sondern daß der Mensch dazu durch dergleichen Bewegungsgründe, welche ihm den daraus für ihn und den Staat fliessenden Nutzen anschaulich darstellten, gereitzet werden müste. Diese Bewegungsgründe lieferte nun der Staat selbst durch seine innere Einrichtung; und auf solche Weise bildete sich sodann der Nationalkarakter ganz unvermerkt; und diesen suchte man auf solche Weise immer beim Volk ohne demselben widernatürlichen Zwang anzuthun, zu unterhalten. Man that solches auch nie ohne Erfolg, indem daraus nothwendig die allgemeine Volks Conduite fliessen, mithin sich einer nach dem andern zu seinem und des Staats Vortheil glücklich bilden mußte. Bei Bei aller dieſer ſorgfältigen Einrichtung konnten sie aber doch nicht verhüten, daß manche heilsame Anstalt hier und da in schädliche Einrichtungen ausartete und würklichen Nachtheil nach ſich zog. Die Geſchichte der Athletik dient hier zum frappanten Beispiel. Da ich verschiedentlich bemerket habe, daß man öfters die schädliche Athletik der Alten, mit ihrer heilsamen Gymnastik verwechselt, so finde ich es nöthig, Ihnen auch darüber so viel zu sagen, als es nöthig seyn wird, um derselben schädliche Folgen gehörig einsehen zu können. Nächstens werde ich Ihnen hierüber mehr, und zwar über die Entstehung der Gymnastik und derselben schädliche Ausartung in Athletik reden. Leben Sie bis dahin recht wol und vergnügt. Dritter 0 0 G Dritter Brief. Die ältesten Völker hielten es für das wesentlichste Glück ihrer Staaten, daß ihre Einwohner starke und zu allen Leibesübungen geschickte Körper besäßen. Es war daher eine ihter ersten Sorgen, das Volk zur Vervollkomtuung in der Kunst, welche angab, wie der Mensch die möglichste Fertigkeit in allen Leibesübungen erhalten könne, und von den Griechen Gymnastik genennet wurde, anzuhalten. Sie waren aber überzeugt, daß dieser Endzweck sich nicht so sehr durch Zwang; und nie durch bloßen Zwang erreichen ließe, sondern daß dazu allerlei Art von Aufmunterung durchaus erfodert würde. Man stelte derohalben nicht allein allgemeine Leibesübungen, die man Spiele nannte, an: sondern es wurden für diejenigen, welche sich hiebei am mehresten in Fertigkeit auszeichneten, ansehnliche und sehr ehrreiche Belohnungen ausgesetzet. Dergleichen Uebungen geschahen daher mehr mit Lust, als durch Zwang; und waren bei den ältesten Griechen schon üblich. Homer erwähnet schon (a) eines solchen Spielgefechts, welches Achilles angestellet hatte. Nachdem nun die öffentliche und gemeinsame Verehrung der Götter mehr Anſehen und Zulauf gewann, (a) Mad. I, II. gewann; wurden nach dem Plutarch (a) bei dergleichen Feſten, zur Beluſtigung des Volks, Streitspiele angestellet. Ja, diese Spiele wurden, wie Aristoteles sagt, (b) als den Göttern und Menschen angenehme Beschäftigungen angesehen. Auch wurden, wie aus dem Homer erhellet, dergleichen Streitspiele schon vor dem Trojauischen Kriege, bei Gelegenheit der Begräbniße großer Männer gehalten. (c) Zufolge Plinius setzte Lykaon zum ersten dergleichen ordentliche Spiele in Arkadien ein (d). Herkules war aber der Urheber der nachher so berühmt gewordenen Olympischen Spiele, welche zu Olympia in der Landschaft Elis, alle vier Jahre gefeiret wurden, und während welchen aller Krieg in Griechenland aufhörte. Bei der Art und Weise wie zu der Zeit diese Streitſpiele gehalten wurden, konnte es nicht wol fehlen, daß man auch gar bald den Nutzen derselben für die Gesundheit bemerkte. Schon vor Hippokrates Zeiten wurden diese Leibesübungen von dessen Lehrer, dem Herodikus, einem Bruder des berühmten Gorgias, zur Arzneikunst zugezogen. Dieser Herodikus war nemlich nicht allein ein Arzt, sondern gab zu gleicher Zeit in den Leibesübungen Unterricht. Da er selbst nun einen sehr schwächlichen Körper hatte, und denselben stets auf das genaueste beobachtet zu haben (a) L. V. Sympos. (b) z. Part. Prob. 8. (c) Iliad. Lib. XXIII. (d) Hist. nat. L. 7. Cap. 56. ben ſcheinet; ſo merkte er, daß gewiße Leibesübungen seine körperliche Leiden verminderten. Dieses machte ihn noch aufmerksamer; er entwarf daher nicht allein gewiße Vorschriften, nach welchen diese oder jene Bewegungen, diesem oder jenem Menschen nützlich werden könnten; sondern er sahe noch ausserdem ein, daß zur Erreichung dieses Endzwecks es zu gleicher Zeit durchaus nothwendig ſeye, eine gewiße Diät bei den Leibesübungen zu beobachten. Da nun in denen Zeiten die Wissenschaft in der Arzneikunst mehr in einer Sammlung von bloßen Erfahrungen bestand, mithin noch keine algemeine Regeln existirten, so wundern Sie sich nicht, daß man diesen Herodikus nicht allein als den Erfinder der medicinischen Gymnastik, sondern auch als den der Diätetik ansahe. (a) Plato, dem in seiner projecktirten Republik alle diejenigen Leute gar nicht dienten, welche sich aus Sorge für ihren Körper verzärtelten, machte sich derohalben über den Herodikus wegen seiner Leibesübungen, und dieserhalb gegebenen diätetischen Vorschriften lustig, und spottet seiner offenbar, als eines Mannes, der aufs beſte genommen ſich zwar ein sieches Leben hätte verlängern, sich aber doch nie genesen können (b) Herodikus muß es aber (4) Le Clerc Hist. de la Medec. P. I. L. II. C. VIII. (b) De Republ. Dial. III. — wo er unter andern sagt: Herodicus quum esset exercitandorum n. 1. aer Ju2r venum, aber doch auch zuweilen sehr unphilosophisch mit den gymnastischen Uebungen eingerichtet haben. Denn zufolge dem Plato, (a) rieth er an, einen kleinen Spatziergang von Athen nach Megara, welches zwanzig Stund war, zu machen; und daß, so bald man bis an die Mauren der lezten Stadt gelanget wäre, man gleich wieder zurückkehren solle. Nicht weniger warf Hippokrates, der doch sein Schüler gewesen war, ihm vor: daß er verschiedene mit Fiebern befallene Kranken dadurch umbrächte, daß er ſelbige allerlei Leibesübungen als z. E. Spatzieren gehen, Ringen rc. verrichten ließ; woher sie dann mit allerlei Entzündungen; Kopfwehe befallen; und anstatt gestärket zu werden blas, und entkräftet wurden. Da er aber der Anfänger hierin war, so muß man ihm dafür etwas zu Gute halten. Es wurden auch nachher öffentliche Gebäude aufgeführet, in welchen nicht allein zur Erlernung der Gymnastik der gehörige Unterricht gegeben wurde; sondern worinn jeder (die Sclaven ausgenommen) sich in derselben Vervollkommung weiter üben konnte. Ein solches Gebäude ward Gymnasion genannt. So viel man wissen kan, haben die Lacedämonier zu allererst eines gebauet. Diesen folgvenum, essetque valetudinarius, miscens Gymnasticam medicinae, primo quidem seipsum, deinde & posteros multo taedio affecit. Quonam pacto! Longau quippe sibi mortem praestitit. &c. (a) In Phædr. folgten die Athenienser, welche nach der Erzählung von Pausanias und Suidas drei verschiedene Gymnasien erbaueten; überhaupt ließen aber die alten Griechen keinen Fremden zu ihren olympischen Spielen zu, sondern sahen solche als Barbaren an. Nicht minder wurde allen Selaven, und denen welcher Herkommen nicht völlig bekannt war, der Antheil an diesen Spielen versaget. Jedoch muß man nicht glauben, daß sie nur allein den Adel, oder die vornehmsten der Republik hinzuließen. Dies war gar nicht, sondern es brauchte einer nur frei, und unter ihnen von ehrlichen Eltern gebohren zu seyn, so ward er eben so gut zugelaßen, wie der Sohn des ersten so am Staatsruder saß; er mochte auch sonst eine Profeßion haben, welche er wolte. Athenäus erzählt (a) daß einer der ersten, welcher in dem olympiſchen Spiele kämpfte, Nahmens Rorebe, nichts anders als ein Koch gewesen: und ein anderer Nahmens Augon hatte sich ebenfals den Preiß bei diesen Spielen errungen, obschon er nichts mehr, als ein Hirte war. Dieses erhellet ferner noch mehr aus der Anrede, welche die Richter, so darüber urtheilen musten, ob einer zugelaßen werden solte, oder nicht, und Agonothetes genannt wurden, hielten. Sie sprachen nemlich zuerst nach dem Philostrat (b) B 2 die(a) Deipnos. L. 9. C. 7. (b) Vita Apoll. L. 5. C. 42. 20 diejenigen welche sich zum Wettstreit angaben auf folgende Weiſe an: „Wenn eure Beeiferung und Fleiß in den Leibesübungen, euch die Ehre erworben in den olympischen Spielen erscheinen zu dürfen; wenn ihr euch gar keinen Vorwurf von Feigheit, oder anderer unedler Handlung zu machen habt, dann könnt ihr mit aller Zuversicht hier bleiben: wer unter euch sich aber nicht als einen solchen fühlet, der entferne sich und gehe, wohin er es gut findet". Darauf wurden sie alle, einer nach dem andern, von dem Herold, welcher seine Hand auf den Kopf des Streiters legte in dem Streitplatz (Stadium) herumgeführet; und nun wurden die Zuschauer mit lauter Stimme gefraget: ob einem von ihnen irgend eine lasterhafte, oder sonst entehrende Handlung des Kämpfers bekannt sey; oder, ob man wiße, daß er vieleicht gar ein Sclave seye, u. d. g. Wenn dieses alles geschehen war, und niemand etwas eingewendet hatte, dann ließ man den Streiter, vor der Statue des Jupiters den Eid schwören, daß er zehn Monathe lang hintereinander, sich in Erlernung der Leibesübungen befleißiget gehabt; und beim Wettstreit auf das sorgfältigste alle vorgeschriebene Regeln und Gesetze beobachten wolle. Ich führe Ihnen dieses deswegen. hier an, weil Sie aus der Folge sehen werden, daß man in den späteren Zeiten ganz anders gedacht hat; und nur allein ritterliche Körper der Leibesübungen würdig hielte, woher dann nothwendig bei der daraus folgenden Einschränkung kung der Gymnastik, die ganze Kunst immer mehr in Verfall eben so kommen muste, als jeder Handel durch die ertheilte Monopolien. Nach und nach wurden überal so viele Gymnasien erbauet, daß man zuletzt fast in keine Stadt kam, in welcher nicht ein solcher allgemeiner Uebungsplatz gefunden ward. Den Griechen folgten nachher die Römer hierin nicht allein, sondern letztere übertrafen die erstern weit an Pracht und Schönheit in den Gebäuden, als wovon man noch heutiges Tages an den Ueberbleibseln und Ruinen noch hinreichende Beweiſe erhalten kann. Und obwol freilich bei den Griechen die bekannten olympischen Spiele zur Erlangung der Fertigkeit in den Leibesübungen, das Volk ganz ungemein müßen aufgemuntert haben; so ist es doch auch gewiß, daß die Römer es ebenfals hieran nicht ermangeln ließen. Plinius schreibt, (a) daß wenn die Spiele angefangen wurden, jedermann auch selbst der Senat aufgestanden sey: nicht weniger hätten die Spieler das Recht, ganz nahe bei dem Senat zu sitzen und sich um alle Aemter bewerben zu können. Auch schreibt Vegetius (b) daß diejenigen, welche den Unterricht in den Leibesübungen ertheilten dopdelte Besoldung gehabt hätten; dahingegen wäre denjenigen Soldaten, welche in ihren Uebungen (1) Lib. 16. C. 4. (b) De re militari L. I. C. 13. gen schlechten Fortgang machten, an statt des Weitzens Gerſte, und zwar ſo lange gereichet worden, bis selbige in Gegenwart der Vorsteher ihre Besserung darinn erprobet hätten. Obzwar nun wol die vorhin gemeldete Uebungen in den Streitspielen entweder zur Belustigung des Volkes; oder zur Ehre der Götter; nicht weniger zur Erlangung der nöthigen Fertigkeit in den Kriegsübungen; wie auch um alle Leibesübungen nicht allein geschickt, ſondern auch mit Anſtand und Grazie zu verrichten; und endlich auch zur Bewahrung und Erringung der Gesundheit gehalten wurden, so konnte es, da alle Sachen mit der Zeit ausarten, auch hier nicht fehlen, daß fürnemlich so bald der Luxus auf einen hohen Grad gestiegen, hingegen der allgemeine kriegerische Hang noch immer das Uebergewicht behielte, manche Leibesübungen sich einschlichen, welche nicht mehr auf das Wohl des Staates, noch auf die Gesundheit der einzelnen Personen abzielten. Dieses sage ich konnte nicht fehlen, so bald das Publikum niedrig denkende Perſonen für Geld dahin brachte, allerlei überspannte Bewegungen und Uebungen öffentlich zu machen. Diese Leute wurden nachher eigentlich Athleten genennet, und bestrebten sich blos und allein eine überwiegende körperliche Kraft, und glänzende Fähigkeit zu erlangen um jedem körperlichen Leiden, so ihnen in ihrer Lage zustieß, gleichsam Trutz bieten zu können; und dadurch heim beim Volk sich entweder eine besondere Ehre, oder auch nur gar zuweilen etwas Geld zu erwerben: mit einem Wort, es ward, im Grunde ohne Vorurtheil betrachtet, wie ſehr es auch vom Volk in Ehren gehalten ward, ein niederträchtiges und öfters abscheuliches Brodverdienst, wobei alle Rücksicht, ob und wie lange dabei die Gesundheit bestehen könne, wegfiel. Schon Hippokrates und andere der ältesten Aerzte mißbilligten daher öffentlich dieses Verhalten; wie denn auch Galen dieser Kunst den Nahmen einer schädlichen Kunst beileget. Plato ſagt ausdrücklich: (a) “Ich geſtehe, daß es nicht die heftigen, ſondern die gemäßigten Uebungen sind, welche dem Menschen eine gesunde Leibesbeschaffenheit verschafften,,. Dieser platonische Ausspruch liefert eigentlich den wahren Maaßstab des Werths der Gymnastischen, und des Unwerths und Schädlichkeit der athletischen Uebungen; welcher Unterschied noch heutiges Tages so sehr verkannt wird, da schon diese Ausdrücke von den Schriftstellern selbst so oft mit einander vermischet werden. Im Anfang bestanden die Uebungen der Athleten mehrentheils in überſpannten körperlichen Spielen. Nach und nach aber, nachdem die Sitten bei den Römern noch mehr verdarben, artete dieſes ſo weit aus, daß ſich welche zur Beluſtigung des Volks auf Blut, ja Leben und Tod fochten. Diese wurden Schwerbfechter (Gladiatores) genannt, (a) Lib. de Philos. nannt, und unterschieden sich nachher gänzlich von den so genannten Athleren, wie Cicero solches zeiget. (a) Die arbletische Uebungen waren überhaupt menschlicher und ehrreicher, als die der Gladtatoren; denn, wenn ein Athlet im Kampf seinen Gegner umbrachte, konnt er zwar nicht am Leben gestraft werden, jedoch konnte er auch in solchem Fall nie den Preiß erlangen. Bei den Fechterſpielen war aber ꝺer Tod mehrentheils unvermeidlich und machte den Preiß nicht strittig. (b) Auch durften zu den feierlichen athletischen Spielen keine Sclaven zugelassen werden. Mit den Gladiatoren der Römer hatte es aber eine entgegengesetzte Bewandniß (c) Die Gladi=toren hatten sich im Verwunden und Morden auch dergestalt abgehärtet, daß sie, wenn sie selbst verwundet wurden, und den Tod vor ihren Augen sahen, doch ihre Gesichtszüge nicht einmal änderten, noch andere Zeichen des Schmerzens oder Leidens von sich gaben, sondern selbst sich mit Anstand und Grazie zur Erde ſinken ließen, wie Sie weitläuftig bei Cicero sehen können. (d) Gellius sagt daher (e) “ Eines zum Streit fertigen Gladiatoren bestimmtes Schicksal ist, entweder zu tödten, wenn er überwindet; oder selbst zu erliegen, (a) Epist. fam. L. VII. Epist, I. (b) Potters Archaologie 3ter Theil S. 584. Note 8. (c) Am Anges. Ort. S. 583. (d) II. Tusc. quæst. (e) Lib. 7. C. 3. gen, wenn er den Streit nicht vollführen kann, Sie fochten auch zuweilen freiwillig mit den wilden Thieren. Ja, ſie ſuchten ſo gar den Elementen zu trotzen, und achteten der unerträglichsten Sonnenhitze nicht. Nicht selten soffen sie das frische rauchende Blut aus den Wunden ihres gefallenen Gegners. Beim Volke standen beide aber in großen Ehren. Ja, die Geſchichte liefert drei Beiſpiele, wo den Athleten Göttliche Ehre, und zwar einem noch so gar bei seinen Lebzeiten angethan worden. (a) Die Lebensart war hauptsächlich dahin gerichtet um feiste Körper zu erhalten. Die alten glaubten nemlich daß nothwendig zur Stärke des Leibes ein gewißer Grad der Feistigkeit erfodert würde. Aristoteles sagt deutlich (b) daß ein feister Körper mehr auf Stärke; ein schlanker aber mehr auf Gesundheit Rechnung machen müße. Die Lebensart der Athleten war nun ohngefehr folgende: Zufolge dem Plinius und Oribasius bestand in den ersten Zeiten ihre Hauptnabrung in dürren Feigen. Ersterer behauptet (c) die Gladiatoren hätten im Anfang ihres Aufkommens mehrentheils Gerste gegeßen, und wären daher Hordeacei genennet worden. Nachher wurde ihnen aber Fleisch, fürnemlich Schwei(a) Burette troisieme Memoire pour servir à l'histoire des Atheles 8. Mem. de l'Ac. R. des Inser. & bell. La (b) Sect. VIII. Probl. VI. (c) Lib. 18. C. 7. Schweinenfleisch gestattet. Andere verfielen auf Ziegenfleisch, und nach dem Martial (a) auf Drüsen von wilden Schweinen. Zuletzt genoßen sie aber allerhand Fleisch, und würzten mehrentheils ihre Speisen mit Dill: eine ihrer Favoritſpeiſen war Schweinen oder auch ander Fleisch mit Dill gewürzet, mit einem ungegohrnen groben Brod vermischet und mit einer Gattung weichen Käses durchknetet. Sie nannten diese Speise Coliphium. Sie aßen über die Maßen viel, ja Galen behauptet (b) daß sie öfters wären gezwungen worden mehr zu essen, als sie hätten verdauen können. Er sagt, daß ein Athlete es für eine höchstsparsame Mahlzeit angesehen habe, wenn er nur zwei Pfund Fleisch und eine verhältnißmäßige Menge Brodtes für seine Mahlzeit bekommen habe. Ja von dem berühmten Milo von Croto erzählt man, er habe zwanzig Pfund Fleisch und so viel Brod essen, wie auch ungefehr fünfzehn Bouteillen Wein trinken können. Sie waren dagegen auch allerlei Krankheiten, ja wie Aristoteles sagt, (c) allerlei Verunstaltungen des Körpers unterworfen. Obzwar sie unordentlich den Tag durch aßen, bekamen sie doch eigentlich ihre Hauptnahrung nur des Abends, weil man glaubte daß des Nachts die Verdauung besser von statten kgienge. Es war aber doch kein (a) Epigr. 82. (b) 7. Method. (c) De Generat. Animal. L. 4. C. 3. kein allgemeines Gesetz hierüber, sondern es scheint mehr von jedem Lehrer abgehangen zu haben dieses Verhalten nach seinen Einsichten abzuänderen. Ein solches Gesetz hätte auch für sie nicht existiren können, da es ihnen gar nicht darum zu thun war, ihre Kräfte dem Naturplane gemäß zu entwickeln, sondern selbige nur für eine gewiße Zeit auf eine brillante Weiſe zeigen zu können. Sie tranken aber mehrentheils so wenig als möglich, und vermieden alle Speisen welche sie unter die feuchten zähleten, als wohin ihrer Meinung nach auch das Kuchenwerk gehörete. Sie enthielten sich nach einstimmigem Zeugniß der Alten aller Liebeshändel. Sonsten war ihre Lebensweise sehr unordentlich: zuweilen schliefen sie viel, zuweilen wenig: eben so verhielten sie sich mit der Speise; wie auch mit der Anstrengung des Körpers, indem sie solches zuweilen bis auf den höchsten Grad trieben, und nachher wieder einige Zeit völlig ruheten. Hierin suchte Aristoteles die Ursache warum bei denjenigen, welche sich mäßig bewegen, eine angenehme Rosenfarbe das Gesicht bemalete, hingegen die Athleten bei ihrer übertriebenen Bewegung immer im Gesicht ganz blaß wurden. (a) Sie erſchienen immer nackend auf dem Kampfplatz; jedoch hatten schon die ältesten Griechen ihre Schaam mit einer Scharpe bedeckt. Nachher soll diese Mode aber, bei Gelegenheit daß sicherer Athlete Orsippe, dem ſeine (1) 33. part. Frohl. 5. 28 seine Scharpe losgegangen war und darüber strauchelte, abgeschaffet und die Athleten völlig nackend erschienen seyn. Wie sehr die Erfahrung aber den Schaden dieſer Lebensart in Rücksicht auf die Gesundheit bald gezeiget, läßt sich leicht aus demjenigen abnehmen was der scharfsinnige Beobachter Hippokrates davon urtheilt, indem er sagt, daß diese athletische Lebensart gar nicht mit der Natur des Menschen übereinstimme: wie dann auch nachher Hieronymus schreibt (a) daß kein Atblete hätte lange leben können. Und Euripides sagt ausdrücklich beim Galen, daß unter allen den unzäligen Uebeln, welche sich in Griechenland eingeschlichen hatten, keines so schlimm seye, als das welches aus der athletischen Lebensweise entsprünge: und hätten die mehreſten ſich auſſerdem die boͤſen Sitten dermaßen angewöhnet, daß sie nachher kaum mehr einer Verbesserung fähig wären. Plutarch verweiset es den Griechen mit nicht minderer Bitterkeit, daß sie die dem Staat so heilsame und nützliche militärische Gymnastik mit dieser schlechten athletischen Gymnastik vertauschet, und erstere, durch ihren verderbten Geschmack an der letzten so sehr heruntergesetzet hätten. Und bei Cyprian kann man den ganzen Greuel davon in einem völlig declamatorischen Ton lesen. (b) So (a) Lib. 2. Adv. Jovin. (b) Lib. 2. wo er sagt: "Paratur Gladiatorius ludus, ut libidinem crudelium luminum sanguis oblectet. Impletur in Suc 29, So weit, Mein Freund kan sich die Menschheit bei dem besten Institut herabwürdigen, wenn ihre Sitten verderben und Vorurtheile die Oberhand behalten. Auch zu unseren Zeiten finden wir hievon noch Spuren. — Wie, und warum nun dergleichen athletische Uebnugen und Verhalten, dem Menſchen in gehöriger Entwicklung und möglichst dauerhafter Anwendung ſeiner Kräfte, norhwendig höchſt schädlich seyn und werden müssen, werde ich Ihnen nachher zeigen, wenn ich Ihnen von der Art und Weise wie die natürlichen Kräfte des Menschen am glücklichsten erhöhet werden können, reden werde. Nur bitte ich Sie bis dahin sehr sich zu hüten, niemalen Gymnastik mit Athletik zu vermischen, sondern selbige wol succum cibis fortioribus corpus, & a ruina assidui nidoris membrorum moles robusta pinguescit, ut saginatus in poenam carius pereat. Homo occiditur in hominis voluptatem; & ut quis possit occidere, peritia est, usus est, ars est; scelus non tantum geritur, sed docetur: quid potest inhumanius, quid acerbius dicit disciplina est, ut perimere quis possit, & gloria est, quod peremit. Quid illud, oro te, quale est, ubi se feris objiciunt, quos nemo damnavit, ætate integra, honesta satis forma, veste pretiosa viventes in ultroneum funus ornantur, malis suis miseri gloriantur, pugnant ad bestias non crimine, sed furore: spectant filios suos patres, fiater in cavea, & soror præsto est, & spectaculi licet pretium largior muneris apparatus amplificet, ut mœroribus suis mater intersit: hoc proh dolor! mater & redimit, & in tam imbiis spectaculis, tamque diris esse se non putant ocun lis parricidas, 30 wol von einander zu unterscheiden. Manches Kind hat durch diese Vermischung und Unwissenheit seine Gesundheit ja das Leben verloren. Wir wollen daher suchen, den Alten ihre gute Seiten abzulernen; und derſelben Ausartungen und Mängel uns zur Lehre und Warnung dienen zu lassen. Ich bin 2c. Vierter Brief. Da ich Ihnen versprochen habe Sie in so weit mit der Gymnastik der Alten bekannt zu machen, daß Sie sich überzeugen könnten, daß die Alten hierin nicht allein würklich Planmäßig verfahren; sondern daß sie die Gründung ihres Plans auf die Beobachtungen welche sie über die Natur machten, zu bauen bemühet gewesen sind; und wenn sie schon öfters in ihren Schlüßen den Regeln der Logik nicht gnug gefolget waren, dennoch auch an der anderen Seite mit vieler Treue und glücklichem Erfolge, den Weg der Natur in Entwicklung der Kräfte ihrer Zöglinge bewandelt haben, ſo muß ich Ihnen eine kurze Anzeige von den verschiedenen Gattungen der Bewegungen und Leibesübungen, welche die Alten zu obigem Endzwecke anwenden liessen, vorherschicken. Diese Sammlung war gleichsam ihre Rüstkammer, aus welcher sie einem jeden, nachdem 31 dem er es zu bedürfen schien, eine eigne Art von Leibesübung vorschrieben. In meinem vorigen Briefe habe ich Ihnen schon geſagt, daß sie zur Erleichterung denjenigen, welche sich in der Gymnastik üben wolten, fast in allen Städten öffentliche Gebäude hatten aufführen lassen, welche die Gymnasien genannt wurden und hiezu sowol, als zur übrigen öffentlichen Erziehung dienen solten, und deswegen als diejenigen Oerter angesehen wurden, in welchen die Ingend sowol, als andere Erwachsene, zum Nutzen des Staats völlig ausgebildet werden solten. Es waren derohalben in diesen Gebäuden 1lich ordentliche Plätze in welchen mündlicher Unterricht, fürnemlich in der Philosophie gegeben ward. 2tens solche, wo die Jünglinge allerlei Leibesübungen erlernten. — 3tens. Nicht weniger hatten die Athleten darin ihren angewiesenen Platz zur Uebung; und endlich 4tens fand man eine Menge derjenigen daselbst, welche allerlei Kriegsübungen; oder Leibesbewegungen zur Gesundheit anstelleten. Auch die Aerzte selbst besuchten in dieser Absicht die Gymnasien; wie denn Galen schreibt, daß er in seinem 35ten Jahr das Unglück gehabt hätte bei solcher Gelegenheit seine Schulter zu verrenken. Ich komme nunmehro auf die verschiedene Leibesübungen selbst, in deren Erlernung die Gymnastik bestand. Diese theilte man gewöhnlich in diejenige Bewegungen ein, welche vom Menschen selbst allein abhiengen; und solche, welche welche zwar vom Menschen wilkührlich geschahen, aber wozu er doch anderer Hälfswittel brauchte. Erstere ward wieder in diejenige Kunst welche die tanzende Leibesübungen lehrte, (Gymnastica Saltatoria) und in diejenige welche im Kämpfen Anweisung gab (Gymnastica palæstrica) getheilet. Zu den tanzenden Leibesübungen gehöreten alle Gattungen Tänze. Die Tanzkunst war bei den Griechen überhaupt von mehr als einer Seite äusserst wichtig. Potter und Bürette liefern hierüber merkwürdige Nachrichten. Man bediente sich nemlich derselben bei der Erziehung der Jugend, in so fern sie einen Theil der Musik ausmachte; und wie sehr sie die Musik als ein wesentliches Stück der Erziehung ansahen, werde ich Ihnen zu einer anderen Zeit zeigen. — Die Tanzkunst wurde aber auch von ihnen bei Gottesdienstlichen Handlungen gebraucht: Nicht minder bei den Schauspielen, wobei sie in der Kunst bestand, die Sitten, Handlangen und Leidenschaften andrer Personen durch Geberden auszudrücken. Endlich bedienten sie sich auch derselben, um die Kräfte und Biegsamkeit des Körpers zu vermehren: In die er Rücksicht diente sie nicht allein den Kriegern; sondern ward zur Beföderung der Gesundheit selbst sehr empfolen. Wir sehen dieses aus der Anrede des Sokrates, welche er an seine Freunde hielt, nachdem er durch die Aspasia, die mit ihren Blicken alles beseelte, große Lust zum Tanzen bekommen "Ihr lacht, daß ich hatte. Er sagte nemlich wie wie junge Leute tanzen wil? Ists euch etwa lächerlich, daß ich durch diese Uebung meine Geſundheit befördern, meinen Appetit zum Essen stärken, den Schlaf mir angenehmer machen, die Geschmeidigkeit und Stärke meines Körpers vermehren, und den dicken Bauch, den ich habe, vermindern wil? Wisset ihr nicht, daß Charmides mich vor kurzem des Morgens überrascht hat, als ich zu Hause kanzte? (a) Und Galen sagt, (b) daß er verschiedene schwächliche Menschen mittels des Tanzes und anderer Leibesbewegungen, genesen hätte. Außer obbemeldten Eintheilungen der Tänze, hatten sie aber noch eine Menge anderer, indem sie allerlei Gattungen Spiele und dergleichen Bewegungen zur Tanzgymnastik hinrechneten, und daher selbige auch ferner eintheilten in saltationem cubisticam, welche zufolge dem Xenophon diejenige Kunst war, unter allerlei Verdrehungen von Hände und Füssen, auch so gar auf dem Kopf zu tanzen. Ferner in sphæristicam, welche in allerlei Balſpielen beſtand. Die Griechen hatten vier Gattungen Balspiele, worüber Sie in der Abhandlung von Bürette, über die Sphäristik der Alten (2) (a) Xenophon in Sympos. p. 877. S. Potters. gr. Arch. 3. Th. S. 646. (b) περι υγιεινων Cap. ult. 34 (a) wie auch dem Mercurial (b) weitläuftigere Nachricht finden können. Nur wil ich Ihnen die leztere Gattung welche Corycus genannt ward etwas näher, und zwar des Endzwecks wegen beſchreiben. Hippokrates und Aretäus erwähnen selbiger schon. Es ward nemlich ein Sack, der, wenn schwache dieses Spiel ſpielen wolten, mit Mehl oder Feigen; wenn es aber für starke Menschen war, mit Sand angefüllet war, in einem Zimmer oben am Boden mittels eines Seils fest gemacht, daß er also schwebend da hieng. Nun nahm einer den Sack mit beiden Händen und trug denselben so weit als das Seil an welchem der Sack hieng es zugab: darauf lies er den Sack fahren, lief aber demselben nach; und so bald der Sack wieder zurück schleuderte, suchte er ihm zwar zuerst etwas auszuweichen, jedoch ergrif er ihn gleich nachher wieder mit beiden Haͤnden; und fieng wieder das nemliche, wie ich vorher gesagt habe, damit an, nur daß er auch zuweilen suchte den Sack mit seinen Händen aufzuhalten; oder den Stoß mit dem Rücken, oder gar mit der Brust abzuwehren, und empfieng dabei also zuweilen derbe Stöße, weswegen es einigen Kränklichen, als z. E. mit Schwindel oder Brustübeln behafteten abgerathen wurde. Uebrigens sezten sie aber für die Geſund(a) Memoires de l'Acad. R. des Inscript. & Bell. Lettr. T. 1. (b) De arte Gymnastica Lib. 11, 85 Gesundheit einen grossen Werth darin; theils weil dadurch der Körper sehr angestrenget werden muste: und theils, weil sie die durch die Stöße angebrachte Erſchütterungen den innerlichen Theilen vortheilhaft zu seyn glaubten. Die lezte Gattung der Tanzgymnastik war endlich drittens die Orchestica, welche eigentlich diejenige Kunst zu tanzen in sich enthielte, welche wir im algemeinen noch würklich unter Tanzen verſtehen. Die Kampfgymnastik (Gymnastica palæstrica) lehrte alle diejenigen Leibesübungen, durch welche einer den andern im Streit überwinden konnte, und hatte eine ganze Menge Abtheilungen; als das Ringen, (Lucta) wobei nach dem Zeugniß des Galens (a) immer vorher denjenigen, welche hierin sich üben wolten, die Muskeln gelinde erwärmt und gerieben wurden; ferner den Faustkampf (Pugilatus,) wo nemlich entweder mit blossen gebalten, oder auch mit einer in der Hand gehaltenen, ehernen oder steinernen Kugel dem Gegner so viele Stöße beigebracht wurden bis er zur Erde fiel. Eine Art zu streiten die schon vor den Zeiten der Trojaner im Schwange war, und bei den Engeländern noch ausgeübet wird. Auch umwickelten Sie zuweilen die Hände mit allerhand ehernen Blechen, um dadurch die Stöße desto C 2 empfind(1) L. IV. de loc. affect. Cap. 8. empfindlicher zu machen, als welches Cestygenannt ward: jedoch diese beide lezte Gattungen gehörten schon unstreitig zur schädlichen Gymnastik, mithin nur blos für die Athleten, oder Krieger, für welche dann auch nur allein der Kampf aller Kräfte, welcher Pancratium hieß gehörete und darin beſtand, wenn das Ringen mit dem Faustkampf zur nemlichen Zeit verbunden ward. Nicht weniger wurden die Jünglinge im Laufen; Werfen mit Scheiben; Wurfspiessen; Tragen von schweren Scheiben u. d. geübet. Ja, wir lesen daß die Knaben weit unter den Jünglingsjahren nicht allein in dergleichen Spielen geübet wurden, sondern in denselben zu gleicher Zeit mit um den Preiß fochten, und zuweilen gar den Sieg erhielten. Pausanias führet verschiedene dergleichen junger Ueberwinder an, denen zu Ehren wegen ihres erlangten Steges Ehrensäulen aufgerichtet wurden. (a) Ich wil Ihnen nur einen nennen, nemlich Damisque welcher im zwölften Jahr im Laufen den Sieg erhalten und gekrönet worden war. Jedoch alle diese aus der streitenden Gymnastik so eben berührte Uebungen wurden wol nicht so algemein in der medizinischen Gymnastik aufge(1) Ellac. I. 2. c. 2. c. 3., c. 4. c. 9. c. 14. c. 16. 37 aufgenommen: sondern man fand hiezu noch andere Uebungen zuträglicher; nemlich das Wandeln, oder Spazieren; (deambulatio) die Römer ließen sich sehr angelegen seyn durch Anlegung öffentlicher Spaziergänge, das Volk hiezu aufzumunteren. Vitruv (a) hielte deshalben die Auswahl dazu von groſtem Gewicht. Sie hatten so gar sichre besondere Oerter, wo sie zu dieser oder jener Zeit konnten spatzieren gehen, wovon einige schatticht, andere ganz frey waren. Plinius schreibt, (a) daß der Kaiser Alexander der Strenge, bei den öffentlichen so wol, als seinen eigenen privat Bädern deswegen Waldungen hätte unterhalten laßen. Nicht allein waren aber dergleichen öffentliche Spatziergänge in der freien Luft eingerichtet; sondern, da selbige gröstentheils der Gesundheit gewidmet waren, so wurden einige mit Mauren eingefaßet und mit Dächeren bedecket, damit man bei böser Witterung ebenfals spatzieren gehen könne. Ja Plinius meldet (b) daß ein sicherer berühmter Architekt Sostratus einen in der Luft schwebenden Spatzierplatz zu Gnidus erbauet hätte. — Sie hatten auch ihre besondere Vorschriften bei dem Spatzierengehen selbst. Zuweilen musten sie nemlich geschwind; bald langsam; bald im Sande; bald über Hügel; bald in der Fläche; zuweilen in der Stadt; bald (2) Lib. 12. Cap. I. (b) Lib. 36. Cap. 12. 38 bald auf dem Lande ꝛc. ſpatzieren, als wovon Aristoteles schon weitläuftig spricht. (a) Eine gewöhnliche Uebung in der medizinischen Gymnastik war auch eine Art Kampf, welche sie Pugna nannten, wo nemlich mehrentheils zwei mit einander kämpften. Entweder thaten sie dieses mit Waffen, aber doch dergestalt daß sie sich nicht beschädigten; welche Art zu streiten nach dem Cälius Aurelianus Hoplomachia genannt, und welche sehr den gar zu mäßigen Menschen, um magerer zu werden angerathen, und von den Aerzten selbst ausgeübet wurde, wie aus dem Martial erhellet (b) welcher sich über einen Arzt, der auf eine ungeſchickte Weiſe ſeinen Gegner am Auge verletzet hatte, folgendermaßen lustig machte: Hoplomachus nunc es, fueras ophtalmicus ante Fecisti Medicus, quod facis Hoplomachus. Zuweilen stritten sie auch ohne Waffen; ja, in Ermanglung eines Gesellen stritten sie mit ihrem Schatten, indem sie mit Händen und Füßen allerlei Bewegungen machten, eben als ob sie in ihrem Schatten den Gegner erblickten. Diese Art ohne Gegner zu streiten hießen sie Scia. (1) V. Probl. partic. (b) Lib. 1. de re militari & C. 9. & penult. Sciamachia, wovon Plato schon Meldung thut. (a) Sie war auch dem Apostel Paulus bekannt, wenn er zu den Korinthern sagte: (b) ich fechte also, nicht als der in die Luft streichet. Nicht allein wurden sie aber gelehret auf solche Weise mit ihrem Schatten zu fechten, sondern sehr oft steckten sie einen Pfahl in die Erde, und machten gegen denſelben die nemliche Bewegungen als wenn sie einen würklichen Gegner an demselben vor sich hätten. Diese Art zu streiten welche ad Palum exerceri genannt wurde, war bei den Römern in starkem Gebrauch. (c) Auch die Soldaten und Gladiatoren durften selbige nicht vernachläßigen, wie Végetius meldet; (d) welcher überhaupt, wie die Schüler sich hierin übten am angeführten Orte deutlich beschreibt. Auch übten die Alten ihre Jugend darin, daß sie lernen musten den Athem lange zurückzuhalten, weil sie glaubten daß dadurch die inneren Theile des Körpers mehr erwärmet wurden. Nicht weniger musten sie in verschiedener Erhebung der Stimme, ja starkem Rufen sich üben; als worin schon Plutarch ein sehr würksames Mittel Gesundheit und Kräfte zu erlangen, suchte. Ja, Aristoteles behauptete (a) (1) De legib. (b) 1. Br. an die Kor. Cap. 9. v. 26. (c) Epist. XVIII. (d) Lib. 1, de re militari Cap. II (a) daß selbst das Weinen eben wie das Zurückhalten des Athems hiezu merklich helfen könnte, indem beides eine Leibesübung abgäbe. Ausserdem hatten sie eine Menge anderer Spiele, als Cricilasia, Trochus, Petaurus, Pilamalleus und dergl., die alle dasselbige neinlich die Leibesübung zur Stärkung des Körpers zu befödern, zur Absicht hatten, wovon ich aber hier nichts weiter sagen darf. Sie können selbige ausführlicher beschrieben beim Mercurial finden. (b) Nächstens ein mehreres; bis dahin bin ich 2c. Fünfter Brief. Ich habe Ihnen in meinem vorigen Briefe von derjenigen Gymnastik der Alten geredet, wobei die Bewegungen vom Menschen allein abhiengen: Es bleibt mir also, wenn ich meinem Versprechen Genüge leisten sol noch übrig von derjenigen Gymnastik der Alten zu reden, wozu der Menſch noch auſſer ihm andere Hülfe brauch(a) 5. Polit. Cap. ult. (b) De arte Gymnastica Lib. III. Cap. VIII. brauchte. Hierin hat bei den ältesten Völkern das Reiten, als die edelſte Bewegung, wol den ersten Platz immer behauptet. Plato sagt, sie wäre jedem freien Menschen die anständigste. Wie sehr die Alten sich bemüheten, Data zu erhalten um über den Werth der Pferde urtheilen zu können, erhellet daraus was Galen sagt, (a) daß nemlich verschiedene (so gar den Mist der Pferde untersuchet und berochen hätten, um daraus den inneren Werth und die Beschaffenheit der Pferde bestimmen zu können. In der mediz. Gymnastik erwartete man vom Reiten einen großen Nutzen. Sueton erzählt, daß Germanikus, ein Enkel des Kaiser Tiberius, auf geschehenes Anrathen der Aerzte, durch's Reiten vom Schwinden der Beine wäre genesen worden. Nach dem Reiten ward wol das Fahren von den Alten am höchsten geschätzet. Zuerst war die Art zu Fahren ganz einfach, und zwar nur in Wagen mit zweien Rädern: Plinius sagt am angef. Orte daß die Phrygier zuerst angefangen hätten in vierräderichten Wägen zu fahren. Und Hippokrates thut von sechsräderichten Wägen Erwähnung, welche bei den Scythen in Gebrauch gewesen seyn sollen. (b) Nach und nach schlich sich hier ein gewaltiger, (a) 7. Method. (b) De sore, aquis & locis, ja unglaublicher Luxus ein, der, wie überal den wohlthätigen Einfluß sehr verminderte, und nicht selten völlig unmöglich machte. Bei dem allen ward aber doch immerhin das Fahren sehr zur Stärkung des Leibes, fürnemlich aber bei siechen Körpern von den ältesten Aerzten angerathen: Sie gaben dieserhalb eine Mengs Vorschriften, wo; in welcher Gattung von Wägen; wie lange; wie geſchwind u. s. w. der Schwache gefahren werden solte. Auch wurden in den alten Zeiten zur Beförderung der Gesundheit und Stärke, Wasserfarten vorgeschrieben, von deren Nutzen Aristoteles unter anderen bemerket, daß diejenigen welche viel zu Schiff führen, eine viel gesündere und röthere Farbe hätten (a) Avicenna und Plinius nennen einige Krankheiten welche dadurch wären genesen worden. Sie machten aber einen großen Unterschied; ob jemand zur See; oder ouf den Flüßen, in großen oder in kleinen Schiffen, in Ruderschiffen oder mit Seegeln, und zwar bei heftigem oder gemäßigtem Winde fahren solte. Ich komme jetzt auf's Schwimmen, welches in hohen Ehren gehalten wurde. Die Alten schätzten nemlich jedes Mitglied des Staats mehr oder weniger, nachdem es mehr vermögend (2) 14. partic. probl. 12. gend war dem Staate nützlich zu seyn, und zu deßen Vertheidigung im Fall der Noth, vieles beitragen zu können. Je mehrere körperliche Kräfte, und dabei Geschicklichkeit allen Gefaren zu entgeben einer daher hatte, desto mehr wurde er geachtet. Kein Wunder alſo daß ſie bei dieser ihrer Verfassung die Kunst zu schwimmen in höchstem Werth; ja unentbehrlich, und zwar eben ſo nothwendig zur Bildung des Körpers hielten; als die Erlernung der Buchstaben zur Bildung der Seele den Grund legen müsse. Wenn sie daher einen für den Staat ganz unnützen Menschen, mit dem nichts anzufangen war, beschreiben wolten, war die Schilderung gleich fertig, indem es von ihm als einem Menschen der nirgendworin einmal die erste Anfangsgründe kannte, hieß, er hat weder Lesen noch Schwimmen gelernet. (Nec literas, nec natare didicit.) Fürnemlich musten die Soldaten im Schwimmen, bei den alten Römern sehr geübt seyn; es wurden ihnen deswegen öffentliche Plätze, wo sie dieses lernen konnten, angewiesen, wie Vegerius angiebt (a) Aristoteles verglich die Bewegung welche der Mensch beim Schwimmen machen muß, in Rücksicht auf den Einfluß auf den Körper, mit der des Laufens. (b) Da es aber zu den heftigen Bewegungen hingerechnet ward, so wurden auch vorher verschiedene Vorsichtsregeln beobachtet, damit (a) Lib. 1. de re militari C. 10 (b) 23. partic. probl. 9. damit dem Körper dadurch kein Nachtheil wiederfaren möchte, wovon Antyllus einige Regeln aufbewahret hat; (a) und worunter wol die vornehmsten scheinen gewesen zu seyn; daß vor dem. Schwimmen der Körper gesalbet, und durch Reiben etwas erwärmet wurde. — Mit dem Schwimmen verbanden sie nun zugleich den Nutzen des Badens, welches sie von solcher Nothwendigkeit hielten, daß sie in jedem Gymnasium zugleich Bäder einrichteten, in welchen die Lehrlinge zu bestimten Zeiten sich baden musten. Jedoch machten sie ausserdem in Rücksicht der Würkung des Badens auf den menschlichen Körper unter diesen oder jenen Umständen, einen großen Unterschied; ob das Baden nemlich in kaltem oder warmen Wasser; in einem engen Bade; oder im Fluß; oder wol gar in der See geſchehen müſte, als welches letztere Aristoteles den anderen Bädern vorzog. (b) Ohnerachtet aller der heftigen und mühsamen Bewegungen welche die Alten, zur Erlangung der Stärke, vorschrieben, suchten sie doch so viel wie möglich, bei den Bewegungen das Gemüth munter und fröhlich zu erhalten. Galen sagt daher: (c) daß unter allen körperlichen Uebungen diejenige die allernützlichste sey, welche nicht allein den Körper (a) S. Oribasius Lib. 6. Cap. 27. (b) 23. partic. probl. 12. & 14. (c) Lib. de ludo parvae pilae. Cap. I. zu ermüden, sondern zu gleicher Zeit das Gemüth zu erfreuen im Stande wäre. Unter diese Art Bewegungen rechneten sie vorzüglich die Jagd: Jedoch wolten sie hierunter keine andere Art der Jagd verstanden haben, als wobei durch anhaltende Uebung der Körper beweget ward; als welches man ganz deutlich bei Plato sehen kan: (a) kein Wunder also, daß auch die allerältesten Aerzte, wie Chiron, Machaon, Podalirius, und Aesculap die eifrigsten Jäger waren, so wie Xenophon solches erzählt. (b) Galen zog zwar das Balspiel (ludus parvæ pilæ) der Jagd vor, aber doch nur aus der Ursache, weil letztere mehr Umstände erfodere. Plinius der jüngere sagt ausdrücklich, daß er der Jagd seine Gesundheit verdankte: (c) und der zwar gelerte arabische Arzt Rhazes trieb es so gar so weit, daß er im Ernst behaupten wolte; (d) es hätte sich bei einer graßirenden Pest einmal zugetragen, daß ohnerachtet selbige eine große Menge Menschen weggeraffet hätte, doch alle diejenigen, welche durch vorheriges Jagen, sich eine starke Leibesbeschaffenheit erworben hatten, glücklich davon gekommen wären. Bei dieser Gelegenheit muß ich an den Vorwurf Sie erinneren, welchen Dyonisius von Syracuſa da er einmal zu (a) L. VII. de legibus, in fine. (b) L. de venatione in princ. (c) Lib. 5. epist. 18. [d) 3. Contr. 13. C. 3. v. Galen. lib. de puero epilept. comm. 115. 46 zu Lacedämon an einem großen Gastmal war, und keine Lust zum Essen bezeigte, sich zuzog, und der Koch ihm vorwarf, daß der Abgang seines Appetits von keiner anderen Ursache entstehen könne, als weil er weder durch Jagen, noch durch Laufen den Körper vorher geübet und ermüdet hätte. So unentbehrlich glaubten die Alten, die Bewegung für den Körper; und schwerlich wird sich jemand unterstehen dürfen sie darin zu tadeln, wenn schon ihre damalige Verfassung, und Grad der Aufklärung hier und da, bei ihnen solche Einrichtungen zu erfodern schienen, welche man im ganzen jetzt nicht mehr als nützlich annehmen kan. Leben Sie wol. W Sechster Brief. Sie wissen mein Freund! daß keine Sache in der Welt ganz gut, oder ganz böse; sondern nur jederzeit nach den Umständen in gewissen Relationen gut, oder böse, nicht allein scheinen, sondern würklich seyn kan, und daß ausferdem die wenigsten Menschen gegen sich selbst treu genug ſind die Warheit, ſo viel die menschlichen Kräfte es erlauben, ergründen zu wollen: daß aber auch einige hingegen zu kurzsichtig, und andere durch Vorurtheile zu sehr verblendet seyen, um eine gewisse Sache von ihren ihren verschiedenen Seiten gehörig einsehen zu können; und dies doch höchst nothwendig sey, wenn man unter verschiedenen Umständen von dem Werth oder Unwerth einer Sache urtheilen wil. Sie wundern sich also nicht, wenn ich Ihnen sage, daß unter den älteren Aerzten, einige würklich aufstanden, welche die von so vielen unter Ihnen als so höchst nothwendig angedrungene Bewegung, mithin die Leibesübungen, dennoch öffentlich den Menschen als schädlich erkläreten. Erasistratus, und Asklepiades von Prusien haben sich hierin ausgezeichnet. Die Gründe welche sie dagegen anführeten waren nicht alle ohne Schein. Die Meinungen theilten sich aber; es entstanden also Parthien; und nun muste dasjenige erfolgen, was bei solchen für und wieder bestrittenen Streitfragen geschiehet; man lernte nemlich die verschiedene Relationen mehr einsehen, unter welchen diese oder jene Bewegung, diesem oder jenen Menschen, unter gewissen Umständen schädlich, oder nützlich seyn müsse. Das Publikum gewann daher sehr viel bei diesem Streit. Man suchte nemlich nun, durch die verschiedene gegenſeitige Beobachtungen und Erfahrungen geleitet, die Gymnastik, oder Lehre von den Leidesübungen in eine systematische Wissenschaft einzufassen, damit dadurch jederman Nutzen verschaffet, und keinem an seiner Gesundheit Schaden zugefüget werden möchte. Es wurde daher bei jedem Gymnasium einer angesezet, welcher nicht allein die Oberaufsicht über das Ganze hatte; 48 hatte; sondern der auch einem jedem, Zeit und Stunde und was er darin thun solte vorschreiben muste. Man nennte ihn Gymnasiarcha, oder wol Præfectus Gymnasii; er stand in großem Ansehen, und hatte ziemlich unbeschränkte richterliche Gewalt, wovon sie zum Zeichen einen Stab trugen. Ihre Würde bekleideten sie aber gemeiniglich nur ein Jahr hindurch. Nach diesem folgeten noch andere Lehrer und Aufseher, wie der Xystaccha, welcher nemlich überal in den Galerien des Gymnasiums die Aufsicht hatte, und zugleich Zeugnisse des Wohlverhaltens, und wer die Preiße verdienet hatte, ablegte. Er scheint mir aufserdem viel mit der inneren Verfassung, oder Oekonomie zu thun gehabt zu haben. Hippokrates nennt ihn παλαισροφύλαξ; nach unserer Art zu reden, war er also auch von dieser Seite ein Kastellan des Gymnasiums. Aufserdem hatten sie noch Agonistarchas, welche über die öffentlichen Spiele und Kämpfe die Aufsicht hatten: ferner Pædotribas, und Gymnastes u. s. w. Diese musten nach dem Galen (a) selbst Meister der Kunst seyn, und ausserdem gründliche Kenntnisse aller Leibesübungen haben, und hauptsächlich derselben Einfluß auf die Gesundheit genau kennen, mithin für jeden das Maaß der Bewegungen zu bestimmen wissen. Sie mußten entweder würkliche Aerzte selbst seyn, oder doch in diesen Kenntnissen denselben gleich (a) L. II. de tuend. Valet. Cap. II gleich kommen. Plato schätzte beide daher gleicher Privilegien würdig, (a) und nannte schon (b) den Herodikus, welcher ein Arzt war und zuerst die Gymnastik mit der Arzneikunst vereinigte, Pædotriba. Nicht weniger hatten sie zum Salben besonders angesetzte Männer, die Asiptæ auch Jatrasiptæ genannt wurden, und die nach dem Zeugniß von Cicero (c) und Aristoteles d) ebenfals von der nöthigen Diät gehörige Kenntnisse haben, und selbige öfters anordnen musten. Nachber hatten sie auch Frictores welche in der Kunst gehörig zu reiben wol erfahren seyn musten, und gewiß in Rücksicht auf die Gesundheit den angehenden Sreitern nicht geringen Nuzen verschaften. Es ist aber sehr zu bedauren, daß wir keine völlige Kenntnisse mehr von allen Regeln, nach welchen die verschiedenen Leibesübungen gehalten und jedem angemessen werden musten, haben. Es bleiben uns davon nichts wie Bruchstücke übrig, indem die Schriftsteller, welche diese Wissenschaft, wie man sagt ex professo behandelten, verloren gegangen sind. Ich kau Ihnen davon verschiedene nennen, als einen Praxagoras, Herophilus, Asclepiades, Theon, Diotimus und andere; aber leider wiſſen (a) L. XI de legibus. (b) L. III de Republ. (c) Epist. ad Famil. Lib. 1. Epist. 9. (d) Eth. ad Nic. L. 2. Cap. 5. wissen wir nicht viel anders mehr als ihre Namen, und daß sie über die Gymnastik geschrieben haben. Jedoch bleiben uns noch hinreichende Bruchstücke übrig, um unwiedersprechlich zu beweisen, daß die Alten die Leibesübungen, als etwas zur Erhaltung der Gesundheit, und zur Erlangung körperlicher Stärke äusserst nothwenig nicht allein gefunden haben; sondern daß sie an der anderen Seite auf das völligste überzeugt waren, daß wenn man obbesagten Endzweck zum Wohl des Staats erreichen wolte, es platterdings erfoderlich ſey, hierinnen nicht unbestimt allen und jeden die nemliche Leibesübungen machen zu lassen, sondern nach eines jeden Beschaffenheit auch besondere Uebungen vorzuſchreiben. Ich werde Ihnen hievon einige Bruchstücke mittheilen, damit sie mögen urtheilen können, ob wir unsre jetzige öffentliche so wol als Privaterziehungs Anstalten mit denen der Alten vergleichen, und ob wir uns bei der gegenwärtigen Theorie, in der Ausübung, wesentlicheren Nuzen versprechen dürfen. Hievon also nächstens. Ich bin unterdessen immer 2c. ⸸ Sieben Siebenter Brief. Sie werden gewiß bei Durchlesung dieses Briefes mit mir über den Verlust der eigentlichen Schriften der Alten über die Gymnastik seufzen. Der Rest welcher uns hier und da in den alten Schriftstellern zerstreuet aufbewahret worden, beweiset daß ihre Gründe für die Nothwendigkeit dergleichen Uebungen die wichtigsten, und ihre Anstalten der Sache selbst, und überhaupt dem Wohl des Staats, und der menschlichen Natur sehr angemessen waren. Die Erfahrung hatte sie nemlich zur Genüge gelehret, daß der Menſch auf keine andere Weiſe Festigkeit und Stärke als durch Mäßigkeit und Gewohnheit in den Leibesübungen erhalten könne. Diese waren also die einzigen Grundsäulen des Wohls ihrer Staaten; auf welche schon der strenge aber grosse Gesetzgeber Lykurg, seine Gesetze die er der aufkeimenden Republik der Spartaner mit dem bekannten herrlichen Erfolge vorschrieb, gründete; und mittels welcher er mit Hintansetzung aller Verzärtlung bei der Erziehung, nicht allein dem maͤnnlichen Geſchlecht, sondern auch den Jungfrauen befal im Laufen, Ringen, Pfeilwerfen und anderen Bewegungen sich nicht allein fleißig zu üben; sondern auch von ihren Progressen, öffentliche Proben abzulegen. Lezteres geſchahe mehrentheils bei Gelegenheit der Feste. (a) Wie sehr der ErD 2 folg (a) Plutarchus in Vita Lycurgi. folg den Nuzen davon bestätiget hatte, kan man aus der Politik der Achäer, welche die mannhaften Spartaner überwunden hatten, abnehmen, und welche Pausanias uns beschrieben hinterlassen hat. (a) Sie beschlossen nemlich diesem Volk auf immer seine Kraft zu nehmen, oder wie Plutarch im Leben des Philopömen sagt, die Spannadern ihres Staats zu zerſchneiden Sie ſchaften daher bei den Spartauern, die nach den Gesetzen des Lykurgs eingeführte Leibes- und hauptsächlich kriegerische Uebungen ab, führten aber hingegen selbige bei der Achäischen Jugend ein: und wie sehr die Achäer dadurch ihren Endzweck erreichten, erzählet Livius umständlich. Cyrus befal aus dem nemlichem Grunde den Persern, daß sie nie ohne vorhergegangene Arbeit Speise nehmen solten, indem er die Bewegung für den Körper eben so nothwendig hielte, als die Speise. (b) Diogenes erzählt daß die Medea die weichliche und entnervte Körper durch Bewegung und Leibesübungen wieder in starke umgeschaffen hätte, und daher im Ruf gekommen wäre, daß sie alte wieder jung machen könne. Sokrates sagt bei Plato ganz ausdrücklich, daß der Müßiggang die gute Leibesbeſchaffenheit zerſtöre, die Uebungen hingegen und Bewegungen denselben für dem Verderben bewahren. Celsus bekräftiget dieses durch folgenden (a) Lib. 7. (b) Xenophon Lib. 8. de Cyrc. Pædia. genden Ausspruch, wenn er sagt (a) Ignavia corpus hebetat, labor firmat; illa maturam senectutem, hic longam adolescentiam reddit. Ja Plato (b) und Galen (c) nahmen aus der Betrachtung der Natur der Thiere die triftigsten Bewegungsgründe für die Nothwendigkeit der Bewegung, indem sie nemlich ansühreten, daß man ja bei den neugebohrnen Thieren sähe, wie selbige sich gleich nach ihrer Geburt immer bewegten, herumhüpften, und geschwinde stark dabei würden. — Bei den Römern scheint es so gar eine Art von Rechtskraft erhalten zu haben, daß bei den Landhäusern, die vermiethet wurden, nicht allein Bäder, sondern auch gelegene Oerter zur Leibesübung eingerichtet würden, wie man aus demjenigen was Ulpian in den Pandeckten sagt, (d) abnehmen kan; nemlich: Cum Aurelius Quietus hospiti suo medico mandasse diceretur, ut in hortis ejus quos Ravennæ habebat, in quos omnibus annis secedere solebat, sphaeristerium & hypocausta & quaedam ipsius valetudini apta sua impensa faceret. — Sehr viele auch der vornehmsten schämten sich nicht fürnemlich auf dem Lande, jede Arbeit des Landmannes zur körperlichen Uebung mit zu machen. Clemens Alex. erzählt so gar (e) daß Pittakus der König . — — (a) Med. L. III. C. 1. (b) L. 2. de legib. 1.4 . (2) L. 2. de tuenda valet. (d) Leg. 16. ff. de mandat. (e) Lib. 3. Pædag. Cap. 10. . 0 König zu Mytilene in der Mühle zu stampfen gewohnt war. Und Galen sagt von sich selbst (a) daß man ihn des Winters öfters auf dem Lande in Holzhauen, Gerste zu scheelen und zu ſtampfen angetroffen hätte. Und unsre ehrlichen alten Deutschen machten es nicht anders. Auch erhielten sie durch dergleichen Erziehungsart, und durch lange Zurückhaltung ihrer Jünglinge von allen Liebesgeschäften, die ausgezeichnete Leibeskraft, welche von den Römern selbst bewundert und mehr wie einmal von den lezteren zu ihrem Schaden empfunden ward. Cäsar sagt daher, daß das ganze Leben bei den Deutschen, dem Jagen und den kriegerischen Uebungen gewidnet war. Die Jünglinge musten Auerochsen erlegen; und wer die mehresten gefället hatte, der trug die Hörner der überwundenen Thiere vor's Volk, und ward nicht wenig gelobet. Sie sehen, M. F., hieraus zur Genüge, welchen Werth die Alten in die Leibesübungen gesetzt, ja wie unentberlich sie solche zum Glück des Menschen geglaubt haben. War es ihnen aber wol gnug, daß ihre Knaben, Jünglinge und Männer sich nach Herzens Wilkühr recht herumtaumelten und sich entweder nach algemeinen oder besondern Vorurteilen, bis zur Ermüdung, wann, und wo sie wolten bewegten? (a) 2. de tuend. Valet. Cap. 8. 55 ten? Gewiß nicht. Sie werden auch aus dem folgenden sehen, wie sehr es unserm aufgeklärtem Zeitalter zur Schande gereichet, von dieſer Seite die Erfahrungen der Alten und erworbene noch richtigere Theorie so ganz unbenuzt mehrentheils vorbeizugeben. Es ist fast eben, als wenn jezt dem Staat nicht dran gelegen wäre, starke und gesunde Einwohner zu haben. Die Alten bemerkten nemlich gar bald daß verschiedenen Menschen die heftigere Bewegungen entweder zu jeder, oder auch nur zu besonderen Zeiten im algemeinen; oder auch nur gewisse Bewegungen im besonderen, offenbaren Schaden zufügten. Diese Fälle suchten sie durch fleißige Beobachtungen und Erfahrungen zu bestimmen, und zulezt daraus die nöthigen Regeln zu ziehen. Da bei den Alten wie sie wissen, jede Hauptveränderung der Gesundheit des menschlichen Körpers so durch irgend eine bekannte Ursache entstanden war, aufgeschrieben und bewahret bleiben muste, so konnte es nicht fehlen daß sie bald grosse Schritte auf diesem sicheren Wege zur Kenntniß der Natur zu gelangen machen musten, da ihnen keine einzelne Wahrnehmung verloren gieng, und selbige ſich bald auf den Grad anhäuften, daß ſie in den Stand gesetzet wurden das wahre von dem falschen unterscheiden zu können. Sie bestimmten daher in ihren Regeln, so viel uns davon bekannt geblieben die Zeit, das Maaß, die besondere Gattung der Bewegung, den Ort wo ſelbigt 56 selbige am zuträglichsten könnte gehalten werden; und in welchem Fal endlich die Bewegung Schaden verurſachen könnte. ꝛc. In Ansehung der Zeit, in welcher sie die Bewegungen dem Körper am zuträglichsten zu seyn glaubten, unterschieden sie selbige hauptsächlich in die algemeine und zwar diejenige der verschiedenen Jahreszeiten, und die besondere, welche die Stunden des Tages in sich begrif. Ausserdem aber namen sie auch noch sorgfältig gewisse Witterungen in Acht, bei welchen sie nemlich die heftigere Leibesübungen dem Körper nicht zuträglich fanden. In Ansehung der Jahreszeit in welcher die Bewegung am vortheilhaftesten seyn könnte, glaubte Aristoteles selbige mehr im Sommer zu finden. Die Aerzte waren aber einer anderen Meinung: Hippokrates, (a) Soranus Ephesius, (b) Paulus Aegineta, (c) Galen (d) und andere, da sie merkten, daß die Bewegungen bei der Sommerhitze den Körper viel heftiger ermüdeten, als bei anderen Jahreszeiten, und die Erfahrung sie lehrete daß jede heftige Ermüdung sich dem Menschen nachtheilig erwies, verordneten, daß im Sommer die Leibesübungen weniger, zur kälteren Zeit aber öfterer de Diæta. (b) Isagoge Medicinae C. 1. (c) Lib. 1. Cap. 53. (d) 2. de tuenda Valet. C. 7. terer und anhaltender vorgenommen werden müsten; jedoch müste auch zu dieser Zeit der Körper nicht ermüdet werden. Unterdessen waren die Aerzte doch Himmelweit entfernet die Bewegungen zur Sommerzeit auszuschliessen. Sie fanden selbige zu der Zeit ebenfals höchstnöthig: nur fanden sie diese Zeit aus der Erfahrung dazu nicht die geschickteste, um durch heftigere Leibesübung den Körper abhärten und stärken zu wollen. Galen sezt aber noch ferner hinzu, daß die in den natürlichen Bewegungen gemäßigte Körper (moderata corpora) zur gemäßigten Jahreszeit, nemlich im Frühjahr; die leicht zu erbitzende, (corpora calida) aber bei kalter Witterung hingegen die kalte Körper (corpora frigida) bei warmer Jahreszeit hauptsächlich beweget werden müsten. Selbst waren nach den Jahreszeiten auch die Stunden am Tage verschieden, in welchen die Leibesübungen zur Beföderung der Geſundheit und Stärke gemachet wurden. Hippokrates hielte zwar mehrentheils die Morgenstunde dazu für die bequemste; (a) welche auch der König Alexander nach dem Zeugniß von Plutarch dazu vorzog. Galen aber und Avicenna, wollen ausdrücklich, daß im Frühjahr die Mittagstunde; im Sommer hingegen die Morgenstunde dazu angewendet werden müste. Zur Herbst und Winterzeit wurden aber gegen den Abend (1) 3. de Diata. — 33 Abend die Leibesübungen am rathsamsten gehalten. Galen schreibt auch (a) daß der für seine Gesundheit sehr sorgsame Kaiser Marcus Antonius bei den kurzen Tagen, gegen Sonnenuntergang, in den längsten Tagen aber gegen 9. oder höchstens 10. Uhr auf dem Spiel und Kampfplatz sich geübet habe. Nach dem Martial zu urtheilen war diese Zeit wol die gewöhnlichste in dieser Absicht zur Bewegung. (b) Nach dem Sophocles und Pausanias wurden die Gymnasien bei den Griechen vor Sonnenaufgang geöfnet, und sodann mit den leichteren Bewegungen angefangen; die heftigere aber ſpäter gehalten. Ausserdem wurden aber hierüber noch folgende Hauptregeln beobachtet, daß nemlich 1lich. nie nach genommenem Essen eigentliche Leibesübungen gemacht wurden. Hippokrates, Galen ja alle ältere Aerzte stimmten darin überein, 2tens, daß auch die Bewegung nachher nach dem Essen nicht eher gehalten würde, als bis die natürliche Ausführungen würklich vor sich gegangen wären. Hierauf hielten sie sehr viel; und wie wichtig dieser zu unsern Zeiten bei der Erziehung so sehr vernachlässigte Umſtand auf Geſundheit und Stärke des Körpers seye, werde ich Ihnen zu einer anderen Zeit ausführlich darthun. 3tens. Auch durften bei würklich (a) 6. de tuend. Valet. Cap. 5. (b) Lib. 4. Epigr. 8. 159 würklich hungrigem Körper die Leibesübungen nicht vorgenommen werden. Hippokrates sagte dieserhalb: ubi fames, laborandum non est. Jedoch verboten sie auch 4tens, gleich nach geendigter Leibesübung zu essen, sondern verordneten immer einen sicheren Zwischenraum zu machen. Dieses, schreibt Galen, hätten auch die ältesten Aerzte stets angerathen. Bei Leibe dürfte auch nicht bald nach der Bewegung irgend ein kaltes Getränke, noch auch Wein getrunken werden; von lezterem glaubte man daß er bald nach geſchehener Bewegung den Kopf ſehr angreifen würde. Wie viel sie sich aber und gewiß mit Recht von der zur gehörigen Zeit eingerichteten Bewegung versprachen, erhellet aus dem Galen, welcher ganz dürre weg sagt (a) daß diejenigen, welche sich vor dem Essen, und zu gehöriger Zeit ordentlich bewegen, übrigens sich um eine sehr genaue Lebensregel nicht zu ängsten nöthig haben: nur müsten wie Hippokrates sagt: (b) die Leibesübungen den Speisen, und übrigen Fähigkeiten wie auch dem körperlichem Vermögen stets angemessen ſeyn. Thun Sie Mein Freund ein Gleiches und halten Sich recht geſund. Achter (a) Lib. de cibis bonis &c. S7 — — Achter Brief. Ich habe Ihnen schon in meinem vorhergehendem Briefe geſagt, daß in Rückſicht auf das Maaß der Bewegung, es von den ältesten Aerzten zur allgemeinen Hauptregel angegeben wurde, nie bis zur ſtarken Ermüdung die Bewegung zu treiben. Auch hier gaben sie auf ſolche Umſtaͤnde obacht, die jetzt nichtswuͤrdige Kleinigkeiten zu seyn scheinen. Ich wil Ihnen davon nur ein Exempel aus dem Aristoteles zum Beweiß anführen: Er sagt nemlich (a) daß diejenigen beim Spatzierengehen, welche kurze Wege öfters auf und abgehen, viel geschwinder ermüdet würden, als solche welche in langen Spatziergängen gehen, und seltner umzuwenden gezwungen sind. Ueberhaupt beruhete aber das Maaß nach welchen die Leibesübungen zur Gesundheit eingeschrenkt wurden, nach dem Hippokrates, (b) Galen, (c) Oribasius, (d) Avicenna, (e) Actius, (f) auf folgende zwei Veränderungen im Körper, nach welchen, so bald selbige bemerkt wurden, die Bewe(2) C. 4. partic. probl. 1. (b) b. Epid. con. 2. (c) 5. de locis aff. Cap. 5. (d) Lib. 6. collect. Cap. 11. (e) Lib. 1. fen. 13. doc. 2. Cap. 3 (f) Lib. 2. Cap. 3. Bewegung nicht weiter fortgeſetzet werden durfte. Erstlich so bald die Ausdünstung bis auf den Grab flieg, daß nun die erste Anfänge des Schweißes sich äusserten, die Blutadern aufgetrieben wurden und das Athemholen ſchneller wurde Die zweite Stuffe war, daß man sich so lange bewegen durfte, als das Gesicht und übrige Theile des Körpers ihre rosenfarbeue natürliche Gestalt behielten; die Bewegung noch leicht von statten gieng, und keine merkliche Müdigkeit verspühret wurde: So bald aber eines oder das andere eintraf, und der Körper wie sie es ausdrückten mehr zusammenzufallen schien, war ihr ernstlicher Rath alle fernere ermüdende Bewegung einzustellen. Auch hielten die Alten es höchst nöthig jedem Alter sein besonderes Maaß der Bewegung vorzuschreiben. Den bejahrten Personen riethen sie jede heftige Bewegung als etwas welches sie zu sehr austrocknen würde, ab. Dagegen wurde ihnen sehr angerathen sich gelinde zu bewegen, und zwar so lange, bis sie darüber ansiengen Hunger zu fühlen. Vom Socrates ist's auch bekannt, daß er diese Vorschrift genau befolget habe. Diejenige welche zwischen dem Jünglings und bejahrten Alter sich befanden, durften sich auch nicht mehr zu heftig bewegen. Aber den Knaben vom 7ten bis 21ten Jahr hielten sie dann und wann eine heftigere Bewegung, welche sie erhitzte, und aus Keichen und Schwitzen bis zu einiger Ermüdung brächte, zuträglich. Jedoch verboten 62 sie sehr die Bewegung auch bei diesen zu übertreiben, und wolten durchaus daß sie um so mehr, je näher sie nach dem siebenten Jahre wären, verschont bleiben solten. Aristoteles (a) und Galen (b) haben schon zu ihren Zeiten sehr daruͤber geseufzet, daß man die Knaben zu frühe und zu stark zu den Leibesübungen anhielte; und dadurch sehr oft ihrer völligen Ausbildung, und Ausrüstung wiederstünde. Merkwürdig ist es, daß unter allen denen die in den olympischen Spielen gekrönet sind, nur drei gefunden worden, welche als Jünglinge und Männer in beiden Zeitalieren den Sieg erhalten haben. Ein Beweis also daß durch dergleichen übertriebene Bewegungen bei den Knaben mehrentheils das eigentliche körperliche Vermögen und Kraft geschwächet wird. Sie musten daher öfters und lange, aber nie unmäßig geübet werden. Mit dem Maaß der Bewegung verbanden aber die Alten hauptsächlich die besondere Gattung derselben. Zu diesem Ende, und um derselben verschiedenen Endzweck und Nutzen zu bestimmen, theilten sie derohalben die Uebungen von dieser Seite in drei Claßen ein; die erste Gattung hieß bei ihnen die vorbereitende Bewegung (παρασκευαστικὸν γυμῖδσιον.) Zufolge dem Galen (c) war selbige eine zwar gehörig (a) 7. polit. Cap. 4. (b) 1. de tuend., sanit. Cap. 10. (c) 3. de tuend. Valet. Cap. II. 12. gehörig abgemessene, aber doch schon etwas heftigere Bewegung, welche nicht allein in Bewegung des Körpers, sondern auch in Reiben und Salben desselben ꝛc. bestand. Die Athleten pflegten, wenn sie so frottirt wurden, den Athem an sich zu halten, alle ihre Muskeln anzustrengen, und sich gleichsam der Hand deßen, der sie rieb; zu widersetzen. Sie ward fürnemlich bei erschlaften; wie auch hauptsächlich nach Liebeshändeln ermüdeten Körpern gebraucht. Eigentlich war sie aber nach dem Galen (a) hauptsächlich nur bei den Athleten im Schwange; diese hatten aber ausserdem noch viele andere Mittel, wodurch sie glaubten zu ihren übertriebenen Uebungen desto mehr Fertigkeit zu erlangen. So sagt unter anderen Cicero, daß sie, ehe sie ihre Uebung anfiengen, im Gebrauch gehabt hätten vorher tief zu seufzen. Die Art und Weiſe aber wie man ſich im algemeinen bei den Alten zu den Leibesübungen die zur Gesundheit und Erlangung der Stärke des Körpers vorgenommen wurden, vorbereitete, war zufolge der Erzählungen des Oribasius Pergamenus des Kaisers Julians Leibarzt, (b) des Aetius (c) und des Avicenna (d) hauptsächlich folgende. So bald der gelaßene Urin sichere Zeichen der geschehenen guten (a) L. cit. Cap. 8. 12. & L. 2. de tuend, valet. Cap. 3. (b) 6. Collect. C. 15. und folg. (c) Lib. 1. Serm. 3. Cap. 2. (d) Lib. 1. sen. 3. Cap. 3. ten Verdauung auslieferte; und die gehörige Leibesöfnung erfolget war, zogen sich die mehresten aus, ließen sich mäßig reiben, bis die Haut eine etwas blühendere Farbe erhielte, die Gelenke geſchmeidiger wurden und ſie ſich zu den Bewegungen aufgelegter fühlten. Nach geſchebenem Reiben, ließen ſie ſich mit ſüßem Oel beschmieren, und damit dasselbe in den Gelenken gehörig eingesogen würde, ließen sie dasselbe mit der flachen Hand, mittels eines gelinden Drucks einreiben: welche nun mit dem Ringen sich abgeben wolten, die ließen sich entweder mit Pulver bestreuen; oder versuchten sich ohne dasselbe. Die zweite Klaſſe der Uebungen zur Gesundheit wurde die erholende Uebung (αποθεραπευτικον γυμνάσιον) genannt, und war zwar ebenfals bei den Athleten fürnemlich im Gebrauch, jedoch wurde sie auch bei einigen wiedernatürlichen Umständen des Körpers angerathen; sie wurde überhaupt nach heftigen Bewegungen vorgeschrieben, um nach und nach sich wieder abzukühlen. Gelen nennt sie daher den letzten Theil der Uebungen. (a) Sie bestand nemlich in einem geringeren Maaß einer minder heftigen Bewegung; und wo nach einer geschehener gewißen Anstrengung abwechselnd dem Körper wieder Ruhe gelassen; auch derſelbe nachher wol gerieben und gesalbet und durch gelinde(a) 2. de tuend. valet. C. 12. gelindes Spatzieren beweget wurde. Diese Gattung Bewegung ward hauptsächlich denjenigen angerathen, welche durch vorhergegangene mehrmalige zu heftige Bewegung den Körper entnervt und ausgetrocknet hatten. Sie solte gleichsam den Mittelweg zwischen der völligen Ruhe und heftigen Bewegung ausmachen. Die dritte Klaße enthielt alle Arten von simpeln Uebungen in sich. Diese war also sehr manchfaltig. (a) Die Bewegungen wurden in derselben eingetheilet, nach derselben Menge und Eigenschaft; und letztere wieder, ob seldige in der Natur der Bewegung, oder ganz in einem anderen äußeren Umstande liege; ob selbige nemlich unter dem freien Himmel, oder unter dem Dach, oder auch im Schatten — an einem warmen, oder kalten, oder feuchten, oder temperirten Ort geschehen; ob die Bewegung langbaurend, anhaltend, oder mit Unterlaßung gleich, oder ungleich; nach einer gewißen Ordnung oder nach Wilkühr eingerichtet seyn müſte. Ob der Körpet vorher mit Pulver bestreuet, oder gesalbet werden, und ob dieses häufig oder mäßig geschehen solle. Ob die Bewegung sehr heftig ſeyn ſolle, daß ſie nemlich z. B. in einer kurzen Zeit einen großen Raum ablaufen muſten u. dergleichen; ob ſie auf flachem feſtem Boden oder in tiefem Sande geſchehen solle. (a) Galen. 2. de tuend. Valet. Cap. K. 66 solle. So sagt nemlich Sueton (a) daß der Kaiser Augustus bei einem heftigen Lendenweh, welches ihn, da es den linken Schenkel zugleich eingenommen gehabt, zuweilen zu hinten gezwungen hatte, unter andern auch durch Geben in tiefem Sande genesen wäre. Unter den heftigsten Uebungen machten! sie noch den Unterschied, ob selbige zugleich mit einer großen Geschwindigkeit geschehen muste, und gemeinige lich σφοδρὸν γύμνασιον genannt wurde; hiehin rechneten sie geschwinde zu graben; ohne auszuſetzen tanzen, ſehr ſchwehre Pfeile zu werfen, in einer schwehren Rüstung mit Geschwindigkeit die Handgriffe zu machen. Die andere Gattung, wo die Uebung zwar sehr heftig, aber doch mit keiner Geschwindigkeit verpaaret war, hieß εὐτονον γυμνασιον; hierunter rechneten sie, ungebahnte Anhöhen steigen, vier Pferde zu gleicher Zeit an den Zügeln zu halten, an einem aufgehangenem Seil in die Höhe zu klettern. Dergleichen Eintheilungen gab es noch mehrere, welche aber weiter hier anzuführen überflüßig seyn würde, da schon aus vorgesagtem hinreichend erhellet, mit wie vieler Sorgfalt und Bedacht die Alten die Bewegungen nach dem verschiedenen Subjekt und Umständen abänderten. — Ich wil Ihnen daher jetzt nur noch ein wenig von dem Ort der Bewegung erzählen. Die algemeinen Eigenschaften welche der Ort, wo die Uebungen gemacht (a) In vita Augusd Cap. 80. gemacht werden solten, in Rücksicht auf die Gesundheit haben muste, waren hauptsachlich folgende. Erſtlich muſte ſelbiger ſo liegen, daß diejenigen Winde, welche der Gesundheit zuträglich gehalten wurden, frei durchblasen konnten; hingegen allen schädlichen Winden der Eingang versperret seye. Unterdeßen muste doch jeder Durchzug auf das ſorgfältigſte vermieden werden; woher sie dann auch, solche Oerter dazu vorzogen, welche drin heftigen Winde nicht ausgesetzet waren. Daß sie überhaupt den Wind bei und nach ihren Leibesübungen sorgfältig vermieden haben, ist ausser Zweifel. Plinius der zweite führet davon noch ein Beispiel zum Beweiß an: ein gewißer, sein Verhalten sorgfältig beobachtender sieben und siebenzig jähriger Mann, Nahmens Spurina, der noch alle Stärke, seiner Sinnen besaß, hatte unter anderen täglichen Leibesübungen auch diese, daß er vor dem Bade nackend in der Sonne etwas herumspatzierte; jedoch that er letzteres, wie Plinius ausdrücklich sagt, niemalen wenn Wind wehrte. (a) Bei dem Spatzieren in der Sonne hatten sie aber auch ihre besondere Cautelen: Aristoteles bemerkte schon, (b) daß der mit Kleidern bedeckte Menſch von der Sonnenhitze weniger litte, als der nackende: sie riethen deswegen ſehr an, in der Sonnenhitze das Haupt zu bedecken, und die Sonne nicht unmittelbar darauf E . (a) Lib. 3. Epist. 1. (b) 2. partic. prob. 39. 65 darauf scheinen zu laßen. Galen sagt daher (a) daß diejenigen welche am ganzen Körper nackend in der Sonne gehen, auch am ganzen Körper erwärmet werden; dahingegen würde denjenigen welche bekleidet darin giengen, gröstentheils nur der Kopf erhitzet. Es lag ihnen überhaupt an der Lage der algemeinen und beſonderen Uebungsplätze ihrer Gesundheit wegen so viel gelegen, daß sie nachher für den Sommer und für dem Winter ihre beſondere Gebäuder dafür errichteten; wo nemlich diejenigen so für den Winter bestimmt waren, der Mittags Sonne blos getellet; die hingegen für den Sommer dagegen beschützet wurden. Eine zweite nothwendige Eigenschaft war, daß dergleichen Platz nicht dumpficht, eingeſchloßen, ſondern ganz frei liegen muſte. Wie ſehr ſie die Bewegung in einer reinen Luft allen anderen vorzogen, kan man ſehen, daß ſie auch die Spatziergänge ausser der Stadt, denen in der Stade, obschon daselbst der Platz wo das Wettrennen gehalten wurde war, weit vorzogen. Xenophon sagt mit dürren Worten, (b) daß er nach dem, vom Acumenus dem Arzt ihm ertheilten Rath auf den öffentlichen Wegen ausser der Stadt ſeine Spatziergänge hielt; indem derſelbe ihm versichert hätte, daß er auf denselben viel weniger würde ermüdet werden, als wenn er solches in dem Platz in der Stadt zum Wettrennen thun würde. Aus dieser Ursache wurden (a) Lib. de causs. morb. (b) Lib. de dist. & fact. Sacratia. 69 den auch bei den Römern groſſe Altäne gebauet, damit sie in freier Luft so zu sagen in ihrem Hause spatzieren gehen konnten, wie solches beim Vitruv zu ersehen ist. (a) Die dritte Eigenſchaft bei der Wahl eines Platzes zur Bewegung war, daß selbiger von den entfernten Oertern von wo man zu obgedachten Platz sich begeben; oder wohin man nach volbrachter Uebung wieder zurückkehren muste, so gelegen wäre, daß man auf dem Wege dahin, keiner ungeſunden Luft ausgeſetzet wäre, und das aus der Ursache, weil nach geschehener Bewegung, der Körper um so mehr, wie ein Schwamm die ſchädlichen Theile aus der Luft an sich zöge. Hieraus sehen Sie, Mein Fr., mit welcher Sorgfalt die Alten zu bestimmen sich bemüheten, wie die so nöthige Bewegung für den Körper am nützlichsten seyn könnte. Dies war ihnen aber noch nicht genug, sondern sie zeigten auch an, wo und unter welchen Umſtaͤnden, und welchen Subjekten jede heftigere Bewegung Schaden zubringen könne. Hievon muß ich Ihnen alſo noch ein Wort ſagen. Es fanden sich nemlich welche die durch das so sehr schädliche Vorurtheil des Ansehens geleitet, dem Hippokrates blindlings nachbeteten, (a) Lib. 5. Cap. 7. 70 teten, daß man vor dem Essen sich bewegen solle; und daher alle und jede anhielten, gewisse heftige Bewegungen immer vorher zu; machen, ehe sie sich zu Tische setzten. Dies war aber ganz gewiß nicht der Wille des Hippokrates; denn er selbst sagte, (a) daß denen zur Erhitzung geneigten Personen, kübles Verhalten, Wasser trinken und Ruhe am besten bekomme. Und so wie er den dicken und feisten Menschen anrieth ihre Reisen mit möglichster Geschwindigkeit und Heftigkeit zu thun, indem dadurch das Uebermaaß von Fett weggeſchaffet würde, als wozu Ariſtoteles auch die heftige Bewegung anräth; (b) so sehr rieth er doch an der anderen Seite den mageren Personen das Gegentheil an, indem er sagt (c) graciles iter facturi, lentis passibus incedant. Gelen legte daher den ersten Ausspruch des Hippokr, dahin aus, daß er verstanden haben wolte, daß diejenigen, welchen die Leibesübungen gesund wären vor dem Essen sich bewegen solten: und nahm überhaupt zum Satz an, daß wenn jemand eine Unordnung in seinem Körper fühlte, und bemerkte daß selbige nach geschehener Leibesübung zugenommen habe, er sodann selbige als seiner Natur schädlich ansehen und meiden müsse. Die (a) 6. Epid. Sect. 4. (b) 3. de partib. animal. Cap. 9. (c) de salubri Diata Aph. 3. Die besonderen Zeichen aber aus welchen sie für einzelne Personen die Schädlichkeit gewisser Leibesübungen schlossen, waren hauptsächlich folgende. Wenn in den Geleucke eine ganz ungewöhnliche H.tze verspühret wurde der Körper t oden und ungleich in der Oberfläche zu seyn schien: wenn nach der Uebung eine schmerzbaste Bewegung empfunden wurde, die derjenigen gleich käme die bei Geſchwüren empfunden wird; (sensus doloris cujusdam ulcerosi) wenn endlich die Uebung nicht mehr gut von statten gieng, sondern erzwungen werden muste, welches, wie Aristoteles sagt (a) sehr oft das Schicksaal der übertriebenen Athleten gewesen ist, . Ausserdem hatten sie Zeichen gesammlet, aus welchen sie gewisse Uebungen dem Menschen als schädlich urtheilten. So gehörete z. E. das lange Zeit hintereinander aufrecht stehen mit zu den Leibesübungen; Sie erinnern sich daß die Schule zu Salerno dieserhalb saakpost coenam stabis, vel passus mille meabis. Wenn sie aber merkten, daß jemanden die Beine anliefen, oder die Blutgefäße an den Beinen zu schwellen und in Knötchen auszutreten anfiengen; hielten sie solches, so wie auch in anderen Fällen schädlich. Dies war ein Zufal, der sehr oft denjenigen die aus den Ein. geweis (a) 38. partic. probl. 5. geweiden der Thiere wahrsagten und mehrentheils stehen muſten, zuſtieß: Juvenal ſagt daher (a) Varicosus fiet haruspex. Auf solche Art bemüheten sich die Alten den Nuzen und Schaden, welche jede Leibesübung insbesondere dem Körper zubringen könnte aus der Erfahrung genau zu beſtimmen; jedoch ich darf davon nichts mehr sagen, da ich ohnehin schon die mir vorgesetzte Schrancken weit überschritten habe. Wenn Sie mehr hievon wissen wollen, dann rathe ich Ihnen den Mercurial in seinem Buch de arte Gymnastica hierüber nachzulesen. Ich bin 2c. Neunter Brief. ie haben aus meinen vorigen Briefen in mehreren Stellen gesehen, daß die Alten die Erlangung der Leibesstärke mittels der Gymnastik nicht allein blosweg in der Abhärtung der Körper, welche die heftige Uebung, hervorbrachte, suchten; sondern sie waren überzeugt daß hiezu durchaus erfordert würde, daß die fernere Nahrung des Körpers mittels einer guten (4) betr. 6. Verl. 396. 73 ten Beschaffenheit der Säfte aufs möglichste unterhalten und durch nichts gestöret würde. Es war und blieb daher eine ihrer ersten Sorgen, die Leibesübungen dergestalt einzurichten, daß alle natürliche Ausführungen des Körpers nicht allein nicht gestöret, sondern so viel möglich befördert würden. Alle Einrichtungen, welche hiezu etwas beitrugen, wurden daher von ihnen noch als nothwendige Theile der Gymnastik angesehen. Diese bestanden nun in zweien Haupteintheilungen, wovon eine die Vorschriften, wie die natürliche Ausleerungen des Körpers zu beföderen seyen lieferte: und die andere, die Vorſchriften enthielte, auf welche Weiſe die Mäßigkeit in verſchiedenen Dingen zu beobachten ſeye. Galen (a) und Avicenna (b) sagen ausdrücklich, daß die Leibesübungen nie eher mit Sicherheit in Rücksicht auf die Gesundheit gehalten werden könnten, bis die natürliche Ausleerungen geschehen, und man aus derselben Eigenſchaft erkannt habe, daß die den vorherigen Tag genommene Nahrung würklich verbauet seye. Sie riethen daher jede heftige Uebung ab, wenn der Urin noch ungekocht, das iſt in blaßer Farbe weggieng; und ſtunden an bis er mehr ins gelblichte fiel. Unter diese (a) 2. de tuend. Valet. Cap. 2. (b) Lib. fen. 3. Doc. 2. Cap. 3. 74 in die Augen fallende Ausführungen rechneten sie nun nicht allein diejenige des Urins und Stublgangs; sondern auch dasjenige was durch die Na. und den Mund ausgeworfen wird. Und daß würklich hierin etwas reelles liege, kan man oft bei sich selbst beobachten, indem man mehrmalen an der Leichtigkeit, mit welcher man fürnemlich des Morgens nach dem Aufstehen den Schleim durch beide leztere Wege von sich giebt, allerdings ein Zeichen des vorhergegangenen und noch anhaltenden ordentlichen Umlaufs der Säfte, mithin auch der geschehenen Absonderungen der überflüßigen oder verdorbenen Theile, mit ziemlicher Zuverläßigkeit haben kan. — Nicht weniger gaben sie des Morgens auf das Aufstossen obacht, und urtheilten daraus, ob und wie die Verdauung der den vorigen Tag verſchluckten Speiſen vor ſich gegangen ſeye. Bei dieser ihrer Sorgfalt konnte ihnen als ſo die Nothwendigkeit, die Ausdünſtung beföderen nicht entwiſchen. Die wichtigſte Ausleerung von allen, ich meine die unmerkliche Ausdünstung, die Sancktorius eigentlich entdeckt hat, war ihnen freilich wol noch unbekannt. Aber, demohngeachtet sahen sie, daß viele Theile durch die Haut weggiengen, durch deren Zurückhaltung die Säfte mit Schärfe angefüllet; die Nahrung behindert und die Kräfte des Körpers vermindert werden müsten. Keill Wunder alſo daß ſie das Baden überal bei ih . 75 ren Leibesübungen für eine der nothwendigsten Verrichtungen hielten. Bei den Griechen waren zwar zu den Zeiten des Hippokrates noch keine öffentliche algemeine Bäder errichtet; sondern scheinen zur Zeit des Asclepiades und Pompejus zuerst erbauet worden zu seyn. Nachher ward aber das Baden algemein unter die Gymnastik nicht allein aufgenommen, sondern dergestalt überal algemein eingeführet, daß nirgendwo ein Gymnasiam gefunden wurde, in welchem nicht Bäder angelegt waren. Selbst lies jeder der nur etwas in seinem Vermögen hatte, sich in seinen Hause ein Bad erbauen. Uebrigens beobachteten sie bei dem Baden verschiedene wichtige Punkten, wovon ich die vornehmsten kürzlich anführen werde. Erstlich welche Bider es wären, und welche Oerter eigentlich zum Baden bestimt waren. Einige Bäder bestanden nemlich entweder aus süssem Wasser, welches aus den Waſſergängen; oder aus den Flüſfen, oder ſonſt aus den Brunnen genommen worden. Der Kaiser Nero lies so gar Seewasser in Rom zu ſeinen Bädern brauchen. In Anſehung des Ortes waren die Bäder ebenfals sehr verschieden; zuweilen giengen sie ins lauwarme, oder auch warme Bad; andere badeten aber im kalten Waſſer. Einige wenn ſie warm gebadet hatten, giengen, wenn sie merkten daß der Körper dadurch wäre angegriffen worden, ins kalte Bad, oder liessen sich kaltes Wasser über den den Leib ſchütten. Andere giengen in dem Fall zuweilen im kühlen spatzieren. — Diesen Ort nannte man Frigidarium: es war auch ein warmer Ort, der entweder eine trockne Wärme, oder auch warme Dünste enthielte, und Calidarium genannt wurde, und eine Art Dampfbad war. Ausserdem hatten sie noch eines dritten Ort, welcher in Rücksicht auf den Grad der Wärme, zwischen obigen beiden das Mittel scheint gehalten zu haben und Tepidarium hieß. Dieses diente theils denjenigen die aus Lust, oder der Gesundheit wegen darin spatzieren giengen: theils solchen, die das warm oder kalte Bad brauchen und sich vorher dazu hier vorbereiten zu müßen glaubten, wenn befürchten musten, daß der dem Körper auf einmal angebrachte Grad der Kälte oder Hitze des Bades, ihnen schädlich seyn könnte. (a) Bei steigendem Luxus ließen einige den Bädern, hauptsächlich aber den kalten, allerlei wolriechende Sachen zumischen. Lampridius ſchreibt daß Heliogabal ſich nie kalt ge badet hätte, ohne vorher das Bad mit Safran und anderen kostbaren Salben beschwängert (a) Nach Buͤrette Memoires de l'Acad. R. des Inſer. belles Lettres. T. 1. Memoire pour servir à l'histoire de la sphæristique des anciens, legten hier diejenigen welche ſich baꝺen wolten, ihre Kleider hin, obwol Mercurial einer anderen Meinung ist. Nach Aussagt des Aristoteles war auf den Diebstal dieser Kleider eine viel schärsere Strafe gesetzet als auf gewöhnlichen Diebstal. gert zu haben. Es machten aber auch zweitens die Alten einen Unterſchied in welchen Gefaͤßen oder Bädern, sie sich badeten. Einige Bäder, wie z. E. die kalten Bäder in den Gymnaſien, welche Piscinæ genannt wurden, waren so weitläuftig, daß man darin gemächlich schwimmen konnte. Ferner hatten sie allerlei Arten Babewannen für Gesunde und Kranke, die von einem Ort zum anderen getragen werden konnten. Ja, Asclepiades von Pruſien trieb es ſo weit, daß er ſchwebende Bäder machen ließ, in welchen diejenigen, welche sich badeten wie gewieget wurden. Eine Scharlatanerie, welche ihm, da sie dem wollüstigen Geschmack damaliger Zeiten sehr wol gefiel, großen Beifal verschafte. (a) Der Endzweck des Bades war drittens mancherlei. Clem. Alex. sagt (b) daß sie sich gebadet haben, entweder um die Körper von den anklebenden Unreinigkeiten zu befreien; oder dieselben gelinde zu erwärmen, welche Gattung Bäder fürnemlich diejenigen brauchten, die sich sehr ermüdet hatten, oder deren Körper durch zu heftige Bewegung schon steif geworden waren: nicht weniger brauchten sie selbige blos allein der Gesundheit, oder der Luſt wegen. Die kalten Baͤder waren aber ſchon bei ihnen wegen ihrer Kraft den Körper zu stärken sehr in Achtung: und wurden auch bei den Kranken gebraucht. Plinius sagt (c) daß (a) Plin. Lib. 26. C. 3. b) Lib. 3. pædag. Cap. 9. O lib. 29. C.1. daß ein gewisser Arzt Charmis: die warmes Bäder gewisbilliget, und auch ubei Winterzeit sich kalt zu baden angerathen, ja die Kranken selbst in die Teiche hätte tauchen laßen. Sogar schienen sie die kalten Baͤder noch nach dem Nachteßen, wenn sie sich dabei erbitze hatien, zuweilen zu brauchen. Agathinus that dieses mit guten Erfolg, wie er beim Oribasius sagt. (a). Obzwar die spartanischen Weiber sich zu gleicher Zeit mit den Männern in den nemlin Bädern badeten; auch nachher bei den Römern dieses nicht allein in Gebrauch gekom men, sondern bis zu einer unglaublichen Licenz gestiegen war, wie solches Clem. Alex. anführet (b) und Cäcilius Cyprianus sehr beklät get: (c) so ist es doch gewiß, daß bei verschiedenen auch der ältesten Völker, die Weibel nicht allein besonders baden musten; sondern daß sogar, kein Mann sich in einem Badt durfte baden, in welchem sich ein Weib gebadet hatte; Hesiodus sagt solches ausdrücklich Μηδε γυναικειω λούτρῶ χροα φαιδρυγεθαι. Aveocz. (a) Lib. 10. Capi 7. Equidem ſæpenumerd: a: cœna cum aegre in somnum delabor, propter aestum, in frigidas descendere, consuevi; & mirabile est quam jucundas noctem transigam. . (b) Pædag. Lib. 3. C. 5. (c) L. de Virgin, habitu. in fin. 2. op. Quid vero qua promiscuas balneas adeunt: quae oculis ad libidines curiosis pudori, ac pudicitiae dicata corpora prosti tuunt, quae cum viros, ac a viris, nudae vident turpite ut? ac videntur, nonne ipsae illecebram vitiis praest — # Zehnter Brief. er Nutzen, ja Nothwendigkeit der Mäßigkeit zur Erlangung und Erhaltung der Stärke des Körpers war den Alten ganz bekannt; und gewiß hatten sie in Beobachtung der hierauf ſich beziehenden Regeln die gröſte Sorgfalt von allen Seiten gerichtet, und übertrafen uns darin ſehr weit. Denn man kan ohne Furcht jetzt behaupten, daß mehr als ein Drittheil der Krankheiten, in der Unmäßigkeit, fürnemlich im Eſſen ihren Urſprung haben. Gewiß liegt mit eine Urſache der weit geringeren Anzal der Krankheiten, ja des längeren Lebens der ersten Nationen, von welchen die Geschichte uns aufbewahret worden, in ihrer so pünktlich beobachteten Mäßigkeit. Erinneren Sie sich nur mit mir an das patriarchalische Leben, wo die gröste Nahrung in Milch und Käse bestand; und wo der Gäumen nicht durch mehrere Abwechslung gereitzet und der Mensch verführet wurde mehr zu eßen, als ihm seine Natur, mittels des natürlichen Hungers zu bedürfen, anzeigte. Ja, es waren bei den Alten ganze Völker, denen die Diät durch Geſetze vorgeschrieben und durch Religion geheiligt war. Ich rede hier nicht allein von den Israeliten; sondern das nemliche galt bei den ältesten Aegyptiern und den Spartanern. Die Kinder der er ersten wurden äusserst gering beköstiget, mit Wurzeln, mit Stengeln vom Papyrus u. d. g. ſo daß der ganze Aufwand jährlich kaum einen Dukaten unsers Geldes betrug, wie der gel. Mangelsdorf solches aus dem Diodor und Herodot anführet. (a) Die Priester, welche bei ihnen die lebenbige Archive aller ihrer Geheimniße und Wissenschaften, folglich auch ihre Aerzte waren, (jede Wissenschaft war bei ihnen Geheimniß, und ward durch Hieroglyphen aufbewahret) schrieben nicht allein dem Volke, sondern sogar den Königen Speise und Trank vor. Der H. v. Paw ſagt ſelbſt daß ꝺie buͤrgerlichen Gesetze der Aegyptier ein so unmittelbares und genaues Verhältniß mit der Gesundheit gehabt haben, daß ein Aegyptier, welcher diese Gesetze beobachtete, sein eignet Arzt seyn konnte. Sie tranken auch keinen Wein, lebten also in der grösten Mäßigkeit, bis Psammetichus (b) die Sitten der verdorbenen Griechen einführte: und bald nachher es ſo weit kam, daß ꝺie Nüchternheit einem König als unanſtändig gehalten wurde. Und da die alten Aegyptier Feinde von aller Gymnaſtik waren, und die Einführung der Leibesübungen für ihren Staat nicht rathsam hielten, weil sie die Erlernung derselben gefährlich, auch die dadurch erlangte Stärke von kurzer Dauer (a) Versuch einer Darstellung was seit Jahrtaus. über Erz. geſagt worden. S. 14. (b) Recherches philos. sur les Egyptiens & Chincie T. I. p. 114. Dauer zu ſeyn glaubten; es alſo nicht fehlen konnte, daß bei ihrer körperlichen Ruhe; dennoch überflüßige ja schädliche Theilchen in ihrem Körper sich sammleten, so liegt wie mir dünkt darin mit der Grund, warum die egyptischen Priester dem Volk auferlegt hatten monatlich einmal Laxirtränke zu nehmen; (a) welches sie wegen der bei ihnen gemein seyenden Elephantiaſis, und Augenſchwäche um ſo nöthiger zu seyn glaubten. Lykurg suchte die Körper der jungen Spartaner zu ausgehärteten, in die Länge gewachsenen Jünglingen zu bilden, und zu verhüten daß sie nicht feist würden. Ihre Kost war daher sehr simpel und spärlich. Der Grund worauf Lykurg ſeine Geſetze der Mäßigkeit bauete, war folgender: Er suchte das Uebel gleich an der Wurzel auszurotten. Er gab nemlich den Spartanern keine andere als eiſerne Münze von unglaublicher Schwere. Weil nun diese Münze in anderen Städten nicht galt, so fand kein Handel mit Fremden statt. Plutarch sagt daher (b) daß in den spartaniſchen Häfen kein Schif einlief mit Kaufmanns Gütern: kein Sophiſt einlam; kein laudläuferischer Betrüger; kein Hurenwirth; keine Künstler in Gold und Silber sich sehen ließ, weil daselbst weder Gold noch Silber bei ihnen zu ver(a) Mangelsd. S. 15. (b) la vita Lycurgi, 22 verdienen war. Die Schwelgerei muste also von selbst wegfallen; und wie Mangelsdorf ferner sagt (c) die gemeinschaftlichen Mahlzeiten der Spartaner bei dem strengen Verbot häuslicher Gastereien, blieben undurchdringlich Wehren gegen Ueppigkeit und Entnervung. Die alten glücklichen Perser, welche in ihrer Erziehung bei ihren Kindern nichts als Stärke des Körpers zum Ausdauren, und Glückseeligkeit durch Rechtschaffenheit hervorzubringen bemüht waren, und ihre Söhne vom ſechſten bis zu dem ein und zwanzigſten Jahr nur zu drei Dingen, wie Herodot sagt, anführten, (b) nemlich zum Reiten, zum Bogens schießen und zum Wahrheitreden, gewöhnten sich selbst und ihre Kinder zu einem ausserokdentlichen Grad der Mäßigkeit. Die gewoͤhnt liche Kost der Knaben war Brod, Kreße und Wasser; und dieses genossen sie mit Maßen, zur bestimmten Zeit und mit Enthaltung. Uebelt haupt war nach dem Zeugniß von Xenophon (c) die Enthaltung von Speiſe und Trank mit ein ihrer wichtigeren Regeln der Erziehung Auf der Jagd, welche einer ihrer Hauptbeschäftigungen ausmachte, führten sie niemahls mehr als auf einen Tag ungekochte Speiſen mit Zuweilen geſchah es aber, daß ſie wol zweck Tage und eine Nacht auf der Jagd verweilten, ohne (a) Lib. Cit. p. 76. (b) Lib. 1. (e) Cyropæd. Cap. 2. ohne mehrere Speiſe zu ſich zu nehmen. Die Jünglinge genoßen aber dafür einen Theil des nit Mühe erjagten Wildprets, jedoch nur lediglich zur Sättigung. Und daß diese Lebensart nicht allein bei den niedrigern unter ihnen, sondern auch den vornehmsten in Uebung gewesen, erhellet zur Genüge aus dem, was Cyrus dem medischen Astyages sagte: “Bey uns ist der Weg zur Sättigung weit kürzer, als bei euch. Fleiſch und Brod führen uns ohne Umweg dahin, wohin ihr durch mancherlei Umwege, bald in die Tiefe, bald seitwärts hin wollt. Und mit genauer Noth und langam komt ihr endlich da an, wo wir schon lange vorher waren“. Ja die Mäßigkeit war bei ihnen, wenn ich mich so ausdrücken darf, gleichsam zu einem solchen allgemeinen National Principium geworden, daß es bei ihnen als ein Zeichen der Unmäßigkeit und als Schande angesehen wurde, wenn sie sich genöthigt fanden gröberer Ausleerungen des Körpers wegen, sich auf die Seite zu begeben. Es war daher bei ihnen zum allgemeinen Vorurtheil geworden, daß es zur wirklichen Schande diente, wenn sie in Gegenwart anderer ausspeyen, die Naſe putzen, oder anderer natürlicher Ausleerungen wegen auf die Seite gehen musten, wie Renophon solches zum Beweiß ihrer Mäßigkeit und anhaltenden Arbeit anführet; welches Marcellinus ebenfals bekräftigt. (a) UeberF 2 (a) Lib. 23. C. 6. er sagt daselbst: Super his nec stande mingens, 44 Ueberhaupt war es aber bei den alten Völkern eine allgemeine Gewohnheit des Tages eigentlich nur einmal und zwar gegen Abend nachdem die Hauptgeschäfte besorget waren, und sie sich gebadet hatten zu essen. Wie seht dieses eine allgemeine Gewohnheit derer Zeiten gewesen, kan man aus dem Aristoteles abnehmen; (a) welcher nemlich von den Syracis sanern, als eine unerhörte Sache, erzählt daß ſie des Tages zweimal ordentliche Mahlzeiten hjelten. Einige nahmen des Morgens eines Anbiß, welcher in Brod, Wein, Oliven oder dergleichen bestand — sie nannten dieses Prasdium, und nahmen nur eben so viel als sie zu bedürfen glaubten um der unangenehmes Empfindung eines ganz leeren, pricklenden Ma gens vorzukommen, wie solches aus dem Horatz erhellet, wenn er sagt: Pransus non avide, quantum interpellet inani — Ventre diem durare. Es ist ihnen hinreichend bekannt, daß viele Völker des Morgens der Jugend nicht einmal den Anbiß gestatteten, ehe und bevor sie sich im Wettrennen, Pfeilschießen u. d. 8 bis zum Schweiße geübet hatten. mingens, nec ad requisita naturae secedens facile vistur Persa. (2) 3. partic. probl. 32. Wie schädlich sie überhaupt das Uebermaaß im Eßen für Leib und Seele hielten, siehet man aus Aul. Gellius (a) wo er sagt: Die ungen Knaben, welche viel essen und schlafen, werden; nach der alltäglichen Erfahrung, dümmer und träger, ihre Körper wachsen wenig und werden undauerhaft, als welches alles von mehreren Aerzten und Weltweisen, besonders aber von M. Parro in seiner Capys, oder Abhandlung von Erziehung der Kinder ist dargehan worden. Eine Hauptsorge der Alten zur Erhaltung Stärke und Gesundheit der Körper, bestand auch in ihrem Bemühen die Triebe der iebe zu mäßigen; und den zu frühen Ausbruch derselben von dem Jünglinge zu entfernen. Sie suchten solches durch die tägliche Leibesübung; die Mäßigkeit im Essen, und beständige Beschäftigung zu erhalten. Aegineta sagt da(b) Es sind mehrere Gattungen von Leiübungen nothwendig, um den Körper zu eigewißen Stärke zu bringen: damit die glinge, an Geist und Körper beschäftiget, dem gewaltigen Triebe und Hange zur Ermischung zurückgehalten werden. — Wie fehr sie aber alle Gelegenheiten, wodurch die Einbildungskraft von dieser Seite gereitzet weren könnte, abzuschneiden suchten, siehet man aus (1) Nost. artic. Cap. 19. (b) De re medica Lib. 1. Cap. 14 86 aus dem Aristoteles. (a) Dieser befal nemlich da er von der Erziehung der Knaben sprach, ganz ausdrücklich, daß den Knaben gar nicht erlaubt seyn solle, Tragödien oder Jamber (die dramatischen Stücke waren nemlich bei den Alten gröſtentheils in Jamben geſchrieben) fruͤhe zu lesen, bis sie zu den ordentlichen Gastmalen, um mit zu Tische zu liegen, eingeladen worden waren. — Xenophon sagt, (b) daß die alten Perser mit ihren Kindern von der Geschlecht liebe nie eher gesprochen hätten, als bei der Annäherung des männlichen Alters. — Nach dem Plutarch scheute sich der alte Cato vor seinen Sohn eben so, als vor den Bestalinnen / in deßelben Gegenwart, etwas unmoralisches sagen, oder sich nur mit ihm zu baden. Des Athleten, welche doch sonst eine so sehr und dentliche, ja abscheuliche Lebensart führetes, ward wie Basilius sagt, (c) fürnemlich weill sie sich zu ihren Spielen vorbereiteten, nicht ein mal erlaubt schöne Weibspersohnen anzuschauen. Wie sehr sie endlich es unter sich sich Schande rechneten, wenn sie von dieser Seite ihrem Verbote untreu wurden, lehret die C schichte des berühmten Athleten Eubatas, u. che Aelian erzählt. (d) Die ſchoͤne und rühmte Lais verliebte sich nemlich sterblich denselben und entdeckte ihm ihr Begehren. (a) Lib. VII. Polit. (b) Cyrop. C. 5. (c) Homil. 52. (d) Var. Hist. L. 10. C. 2. 87 er nun den Einfluß der Lais aufs Volk kannte und ihren Zorn fürchtete, und sich Hofnung machte bei dem nächsten öffentlichen Spiel als Sieger erklärt zu werden, verſprach er der Lais alles, jedoch nicht eher als nach geendigten Spielen; und vermied bis dahin jeden Umgang mit ihr, der in ihm die Liebestriebe erwecken konnte. Nachdem er nun würklich in den Spielen den Sieg davon getragen hatte, wolte er dennoch sich weder dem Vorwurf aussetzen das allgemeine Verbot, der Athleten übertreten; noch der schönen Lais sein gegebenes Wort nicht gehalten zu haben; Um ſich aus dieſer Schlinge, ſo gut er konnte herauszuziehen, lies er die Lais abmalen, nahm ihr Portrait mit, und ſagte überal daß er die Lais mitnähme. Ob dieser Streich der Lais so gut mag gefallen haben, wie der Frau des Eubatas zweifle ich sehr, denn die Geschichte sagt, daß seine Frau, die zu Cyrene wohnte, ihrem Mann wie er wieder nach Hause gekommen zur Dankbarkeit für seine eheliche Treue eine Säule öffentlich hätte aufrichten laßen. So sehr lernten die Alten ihre Leidenschaften beherrschen, um bloße körperliche Stärke zu erhalten. Der Grund davon lag aber in dem allgemeinen Werth welchen man darin setzte, und in der offentlichen Belohnung so darauf erfolgte. Ich bin 2c. Silfter — 5— — . . Eilfter Brief. Ich komme jezt auf die moralische Erziehung bei den Alten, welche von ihnen als eines der sichersten Hülfsmittel angesehen ward, die Glieder des Staats dahin zu bringen, ihre physischen Kräfte auf den nuzbarsten Grad zu erhalten, und für das Wohl des Staats zu verwenden. Denn da bei den Alten, so lange selbige in ihren noch nicht so verderbten Sitten lebten, nicht die eigentliche Vergrösserung des Privat, sondern die des gemeinen Eigenthums, dei algemeine Pfeiler des Staats, welchen jederman zu unterstützen sich bemühte, und überhaupt salus reipublicae das allererste Gesetz noch war; so konnte es ihnen allerdings nicht genug seyn dafür zu sorgen, daß der Staat im algemeinen so wol, als jede einzelnen Glieder desselben den gehörigen Grad der Festigkeit in ihren Tagen hatte; sondern es muste ihnen eben so warm am Herzen liegen denselben nicht minder für die Dauer zu erhalten. Sie waren auch zu klug, als daß ſie dieſen Endzweck durch Einführung einer jeden republikaniſchen Geſinnung oder unverdauten Begriffes von Freiheit, oder jeden enthuliastischen Patriotismus zu erreichen glauben solten. Solte der obschon gute geſäete Saamen glücklich aufkeimen und gleichmäßige guter Früchte tragen, so muste der Boden ebenmäßig gut seyn. Diese Güte des Bodens Bodens suchten sie nun in der Einführung einer, dem beſten ihres Staates angemeſſenen Nationaldenkart, aus welcher sodann die eigentliche algemeine Volks Conduite fließen muſte, Die Resultate davon solten seyn, Abhärtung der Körper; Fertigkeit derselben um überal, wo es nöthig seyn könnte dem Staate beizustehen: Muth und Kraft der Seelen: Einfalt der Sitten: Genugſamer Fleiß im häuslichen. Mit einem Wort, sie sahen ein, daß die Geselschaft der Menschen im physischen kein eigentliches und dauerhaftes Glück besitzen kan, wenn ihre algemeine und besondere Moralität nicht dergestal eingerichtet ist, daß der Mensch durch höhere Triebe, als die welche seine gröbere Sinnen ihm einflössen, geführet werde. Solte der Körper seine Stärke behalten; sie für den Staat nützlich verwenden, so muste die Seele ebenfals gut geführet werden. — Sie wissen, M. Fr., die Alten thaten dieses nach ihren Einsichten, nach welcher sie dieses oder jenes dem Wohl ihres Staates angemessen glaubten, oder nicht. Ich weiß daher, Sie stossen sich nicht daran, wenn hier oder da eine ihrer Vorschriften unsern Begriffen von Moralität oder Staatsklugheit nicht völlig angemessen ist. Ich werde jezt nur, wie vorhin, blosse Data, daß iſt trockne Darſtellung desjenigen was die Alten von dieſer Seite gethan haben, zum Theil, und zwar so viel liefern, als ich zu meinem gegenwärtigen Endzweck nöthig zu seyn glauben werde, nemlich um zu zeigen daß die Alten Alten auch bei der moralischen Erziehung es sich nicht weniger angelegen seyn liessen, nach einem gewissen vorher geprüften und dem Staate angepaßten Plan, so viel thunlich die alge meine so wol als Privaterziehung einzurichten, und man also, um derselben Erziehung von dieser Seite gehörig prüfen zu können, man das zusammenhangende des Plans vorher durchgeschauet haben müsse. Glauben Sie aber ja nicht, daß mein Endzweck sey, Sie mit dem Ganzen des Plans der moraliſchen Erziehung der Alten hier bekannt zu machen. Dieß dörsen Sie hier nicht, sondern müssen es in des Quellen selbst suchen. Nur so viel werde ich Ihnen anführen, daß Sie überzeugend einsehen können, daß würklich die Alten sich jedesmal dazu einen Plan entwarfen. Sie sollen selbst urtheilen: Ich fange von den alten Aegyptier an. — Ihr fundamental Principium der Erziehung der jungen so wol als alten, war die Bürger zu gehorsamen und arbeitsamen Unterthanen zu ziehen. Zufolge Diodor waren sie in fünf Stände eingetheilt; wovon der vor nehmste der Stand der Priester war. Dieß waren bei ihnen die lebendige Archive nicht allein ihrer Religionsgeheimnisse, sondern auch aller ihrer Künste und Wissenschaften; sie wie ren also ihre Gesetz Ausleger, Aerzte, Astrondt men, und Mathematicker, und waren nach rem zwanzigsten Jahr um die Könige. diesen Stand folgte der der Soldaten rauf die Ackerleute; dann die Hirten, welche welchen aber doch die Schweinhirten als unreine Leute ausgeschlossen waren; und endlich kam der Stand der Künstler, oder wie es auch bei uns heißt, der Profeßionisten. Diese Eintheilung war deswegen bei ihnen gemacht, weil es verboten war, daß ein Vater sein Kind zu einem andern Stande anführte, als zu dem seinigen. Dieses Gesetz hatte nemlich zum Endzweck, der beſonderen Erziehung eines jeden g eich Anfangs ſeinen feſten und unveränderlichen Gesichtspunkt zu geben, da jedem auf diese Art ſeine künftigen Geſchäfte beſtimt wurden. Auch wurde dadurch das weitre Vorwärtsgeben in jedem Stande mehr erleichtert, da der Vater seinem Sohn alle erlernte, oder auch von ihm neu entdeckte Vortheile in seinem Stand, viel eher wieder ohne einige Zurückhaltung offenbaren würde. Ein Hauptzweck war aber hiebei, der Erhebung eines Standes über den anderen und einer Familie über die andere, und den daraus entspringenden langwierigen Feindschaften, oder wol gar Unruhen im Staat vorzukommen. Es durfte daher keiner sich um Dinge bekümmern, welche nicht zu seinem Stande gehöreten. Wer dieses that, wurde sehr hart, ja wol einmal am Leben gestraft. Der Müßiggang war bei ihnen durch Gesche nicht allein förmlich für ein Verbrechen erkläret (a) welches öffentlich beſtrafet werden müsse, (a) Plutarch, in vita solon, Diodor, I. 2. müsse, sondern jeder muste bei seinen Obern angeben, wovon er lebe — und wer hier der Wahrheit untreu war, lief Gefahr für sein Leben. In ihren Schulen unterrichteten die PriesterHier hörte man aber keine spitzsindige Distinktionen, Grübeleien, oder wol gar restrictiones mentales; sondern bei Lehrung ihrer Moral war überal das Principium — Dieses ſolſt du thun, weil es dir nützlich ist; und jenes folst du lassen, weil es dir schädlich ist; wie und warum dieses oder jenes nützlich oder schädlich seye, darüber durften sie nicht vernünfteln, sondern liessen solches zu thun den Priestern, und gläubten denselben. Sie liefen aber hiebei in keine Gefahr durch eine schädliche Politick einer Hierarchie verführet zu werden: das Interesse der Priester fiel dabei weg; und um so mehr weil ihre Ge= und Verbote durch sinnliche Gegenstände oft dargestelt; sie mithin ihre eigne Augen und Ohren zu ihren Lehrmeistern in der Sittlichkeit annehmen konnten. Um sich aber hierin zu erhalten, sahen sie es als eine nothwendige Staatsmaxime an, auf alle Weiſe zu verhüten daß ausländiſche Sitten ins Land kämen. Dies gieng bei ihnen so weit, daß man so gar keinem Künstler gestattete, neue Darstellungen nach seiner Phantaſie zu machen, aus Furcht, es moͤchte dadurch irgend eine angenommene Sitte verändert und verdorben werden. Plato sagt deshalb . . halb von ihnen (a) "Die Aegyptier, das heißt, die ersten Gesetzgeber derselben, sahen ein, daß die Jugend zu moraliſch guten Darſtellungen der Dichter, Maler, Bildhauer und Toukünſtler gewöhnt werden müsse. Diese alle sind durch ihre Religion beſtimt. Kein Tonkünſtler, Maler oder anderer darstellender Künstler darf ausser diesen andere Figuren darstellen. Dieses gilt auch von ihrer Musick, und verdient Bemerkung. Der Gehorsam und Ehrerbietung der Jugend gegen die Alten gieng bei ihnen so weit, daß nach dem Herodot (b) der junge dem alten immer aus dem Wege gieng, auch bei ſeiner Ankunft vom Stuhl worauf er vorhin saß, aufstand. Dankbarkeit war bei ihnen eine Haupttugend; und auf ihre Gerechtigkeit konnte jeder sich fest verlassen. Keine Kunst des Redners half bei ihnen das Gefühl der Richter zu hintergehen, sondern Klage und Vertheidigung musten schriftlich eingegeben werden. Ihr oberstes Reichsgericht beſtand auch aus den delegirten der vornehmsten Städte; und nie gaben hier die Könige in Rechtssachen Machtsprüche. Ja die Priester durften den Königen, welche bei gewissen Opfern zugegen seyn musten, in Beiſein des Volkes wegen guter Thaten Lob beilegen; selbige aber auch wegen geſchehener bösen, legib. (81. sen, dem Unterthan nachtheiliger Handlungen tadeln; jedoch wurde in lezterem Fal, warscheinlich des Volks wegen, die Schuld davon allein den königlichen Räthen beigelegt. Dies wusten aber die Könige immerhin, daß es von der Untersuchung ihres Lebenswandels nach ihrem Tode, allein abhangen würde, ob sie öffentlich oder im Geheim beigesetzet werden würden. Ich folge hier dem vortreflichen Mangels dorf (a) und komme auf die alten Perser, welche das heutige Farsistan, wo Shiras liegt bewohnten. Der erste Grundsatz ihrer moralischen Erziehung war: Der Mensch mus bis in das lezte vollendete Alter unter Zucht und Aufsicht stehen. Auf welche Weise die Knaben, die Jünglinge, die voljährigen Männer, und die Alten, nach obigem Grundsatz, durch die zwölf Aufseher, welche jede der viel bemerkten Ordnungen hatte, unterrichtet, ermanet und wo es nöthig war beſtrafet wurden, können sie weitläuftig beim Xenophon (b) lesen. Fanden sich nun Eltern welche ihre Kinder dieser Erziehung nicht unterwerfen wolten, so blieben dieselben auf immer von allen öffentlichen Geschäften und Aemtern, auch von den Kriegsdiensten ausgeschlossen — diese konnten sich mit dem Feldbau oder Viehzucht sodann abge(a) Versuch einer Darstellung was seit Jahrtausenden im Betref des Erziehungswesens gesagt worden. S. 32. u. f. (b) Cyropæd. Cap. 2 abgeben. — Der jüngere Stand sahe hier also immer Gehorsam vor seinen Augen, und das Gehorchen ward schon durch Beispiele bei ihm zur anderen Natur. — Die Achtung der Jünglinge gegen die Erwachsene litte aber auch nichts dabei, denn die Ehrfurcht der ersteren gegen die Alten war bei ihnen in einem hohen Grade; und noch nachher unter der persischen Monarchie, durfte ſich kein Jüngling in Gegenwart der Alten ohne Erlaubniß niederſetzen. Sie wurden auch dabei immer in der Thätigkeit erhalten, und überzeugten sich von der Wahrheit der groſſen Lehre, daß Würcken, die einzige reine Quelle des Genusses ist, und daß aller Genuß in dem Grade Vergnügen ſchaft, in welchem man durch Arbeit und Mühseeligkeit dazu gelangt. Der zweite Grundsatz war: Tugend ist Angewöhnung, und die moralischen Begriffe sind relativ. Kinder müssen also unter Aufsicht in jene Verhältnisse gesetzt werden, wo sie in einem Augenblicke gleichsam denken und handeln. So übt sich ihr Verstand im richtigen Denken, und findet die Lehre durch Ausübung. Die persischen Lehter gaben eigentlich nirgendworin einen wissenschaftlichen Unterricht, nur das Kriegswesen, und die Kenntniß von heilsamen und schädlichen Kräften der Pflanzen abgerechnet, wie solches Xenophon bezeugt. (a) Ihre Schule beſtand grösten(⁴) L. c. Cap. 8. gröstentheils in der Uebung der Tugend. Die Lehrer beschäftigten sich daher auf das sorgfält tigste mit der Entscheidung ihrer Händel und Angelegenheiten, und bemerkten dabei alle auch die kindischen Handlungen derer die ihnen anvertraut waren, und zeigten denselben wie solche Vorspiel des künftigen Lebens sind. Die eigentlichen Fehltritte wurden in aller Beisey untersucht, und an den schuldigen hart ge ahndet. Nichts strafen sie aber schärfer, boshafte Anklage und erwiesenen Undank. Sie glaubten, der Undankbare mache sich nie im Ernste etwas aus Göttern, Eltern, Vaterland de und Freunden. — Ja die Kinder musten ſelbſt über die Handlungen ihrer Kameraden urtheilen; und urtheilten sie unrecht, so bekamen sie Zurechtweisung, auch wol scharfere Ahndung. Sie durften also wol dergleichen Urtheil nicht so fällen, wie es zu unseren Zeiten in Gesel schaften mehrentheils geschiebet; sondern nach Gründen musten sie urtheilen: thaten sie es anders und fehlten sie gegen die Gerechtigkeitso blieb ihnen die Ahndwig nicht aus. — Ein vortrefliches und in der Natur des Menschen so sehr gegründetes Gesetz war bei ihnen, daß niemand von dem, was bei ihnen zu thun nich erlaubt war, auch nicht einmal reden; mithin noch weniger, so wie bei uns oft geschieht, davon demonstriren durfte. — Das nemlich galt von der Geschlechtsliebe bei ihnen vor dem männlichen Alter. — Lügen und Schulden hat ben, sahe man als sehr schändliche Dinge an; sie glaubten auch, daß wer schuldig sey nothwendig zuweilen eine Lüge sagen müsse. Eine Erfahrung die ſich bis auf den heutigen Tag noch immer bestätiget hat. Von den Griechen und Römern nächstens. Bis dahin bin ich 2c. Zwölfter Brief. Denn je eine Geschichte, Mein Freund! Beweiſe liefert, daß der Menſch die Anlage hat, unglaublich schwere Sachen thun zu können, wenn nur sein Wille gehörig gelencket wird, so ist gewiß keine darin ergiebiger als die der alten Griechen. Allein es ist kein Wunder; denn, wenn man ihren Patriotismus betrachtet, ſo findet man in demſelben nicht die ruhige Neigung, das ſtille Wohlgefallen am vaterländiſchen Boden, Sitte und Gewohnheit, ſondern er war, wie Mangelsd. sagt (a) eine Leidenschaft, welche um deſto mehr ſtürmte und tobte, je enger ihr Bezirck war. Wenn diese Flamme aufloderte, verzehrte ſie in einem Nu jedes Gefühl von Befreundung mit dem übrigen Menschengeschlechte. Diese Vaterlandsliebe, welche aus der Abtreibung gemeinsamer Gefaren entſteht, muſte freilich in dem Maaße Feuer (2) Im angef. Buch. S. 46. — 47. 98 Feuer und Stärke verlieren, in welchem da Drang von aussen nachließ, der Staat sich ein weiterte und damit aufhörte, seine Eingebohr nen, so wie ein Vater seine Kinder zu nähren Bis dahin hatten aber die Geſetze für An fachung dieſes Feuers in jungen Seelen geſergt Der junge Menſch ſahe und hörte, wie ſich ſein Volk in der feyerlichen Verehrung gewiſſa Landes und Hausgötter; in den Gebräuchen bei den Opfern; in gemeinſamen Spielen und in Verſammlungen von allen Voͤlkern abſonderte Ueberal, wo er hinkam, sah er die Herabwürdigung des Fremden, an welche ihn immerda der Name Barbar erinnerte. Er wurde be jeder Gelegenheit auf den vorzüglichen Werth seiner Mitbürger aufmerksam gemacht. Er fühle te bald, daß er Eigenthum habe, und mehr als Unterthan sey; und endlich die greuliche Verwünschungen, welche bei gewissen Gelegen heiten und zu gewissen Zeiten, im Beysein des Volkes, mit aller religiösen Feyerlichkeit auf den Kopf des Feindes des Vaterlandes gehäuf wurden, rissen seine Seele durch die unwieder ſtehliche Gewalt der Sinne hin zur Wuth für Vaterland, zur Verachtung, zum Haß bei Ausländers, welcher überdies hier und da, nichts geachteter Sklav vor seinen Augen trautt te und brutescirte.„ Es geschähe bei ihnen überhaupt alles mit einer sonderbaren Heftig und Entschlossenheit. Auch war ihnen, e Plato selbst sagt, der Tod besser, als sieches Halbleben. Dieses heftige Feuer und Steil 99 Steifheit ausartende Festigkeit, nebst ihren anhaltenden Leibesübungen, waren nun freilich in ihrer Staatsverfaſſung nothwendig; unterdeſſen sahen ihre Gesetzgeber gar bald ein, daß selbige doch durch etwas nothwendig gemäßiget werden müſten, wenn in allen Fällen ſelbige zum dauerhaften Wohl des Staats abzwecken ſolten. Das Mittel dazu suchten sie in der Musik. Plato sagt deshalb: (a) die Gymnaſtik macht die Seele wild, und erſtickt alle edle Begierde zur Kenntniß und Veredlung, wo ihr die Muſik nicht zu Hülfe komt. Nicht anders dachte Ariſtoteles. Er ſagt nemlich (b) die Musik ist eins von den Dingen, welche ergötzen und vergnügen. Die Tugend aber besteht darinnen, daß wir uns recht vergnügen, daß wir recht lieben, recht verabscheuen. Also iſt kein Zweifel, daß man Muſik lernen muß, und daß man nichts sichrer durch beständige Gewohnheit erlangt, als sich auf die rechte Art an guten Sitten und guten Handlungen zu vergnügen. In den Tonarten und Gesängen ſind Zorn, Sanſtmuth, Tapferkeit, und alles, was dieſen entgegen iſt, und ſonſt zur Sittlichkeit gehört, getreu nach der Natur ausgebrückt. Dieſes iſt klar aus der Wirkung. Denn unſre ganze Seele stimmt sich nach dem was wir ben hören. Die Gewohnheit bei verwandten G 2 Dar(a) L. 3. de Republ. (b) Polit. I. 8. c. 5. 100 Darstellungen Schmerz oder Vergnügen zu empfinden, macht, daß wir bei den wirklichen Vorfällen auf die nemliche Art fühlen. Wen die Abbildung ergötzt, der wird am Original noch mehr Vergnügen finden.“ Hiebei mus ich Sie aber bitten sich zu erinnern, daß Plato, und schon vor ihm die Pythagoräer, der gesamten Philosophie den Namen Musik, in einer gewissen Bedeutung beilegten. Sie verglichen nemlich die ganze Einrichtung der Well mit der Composition eines Gesanges, und hen alles als ein unmittelbares Werk der Gött ter an, was nur irgend einen Zusammenhaus mit der Musik hatte. Sie machten daher die Muſen zu Göttinnen, und gaben ihnen den Apoll zu ihrem Anführer, und nannten ihn daher den Musageten. (a) Ueberhaupt zweifelten sie nicht, daß, wie Iselin sagt; (b) das Gefühl des sinnlich volkommenen vor der Entpfindung des sittlich guten vorhergehen; daß Apoll und die Musen der Minerva Weg bahnen müssen. Strabo sagt (c) daß diejenigen, welche Unterricht auf der FlöteLaute und Harfe gaben, ſich das Epithet Kinder Erzieher und Sittenbessrer beilegten. man schloß, wie Sie wissen, von der verschiedenen Musik, auf den besondern Volkskarakten (4) Strabo Geogr. l. 10. (b) Geschichte der Menschh. T. 2. S.15. (9 Lib. dt. L. I. 101 So sagt Aristoteles (a) daß die Aeolische sich durch Einfalt unterſchieben; die Joniſche war hingegen weichlich und wollüſtig; die Phrygische erhöhte die Seele zu hohen und würdigen Gefühlen und wurde deswegen häufig bei religiösen Handlungen gebrauchet. Die Lydische war sanft und rührend: die Asiatische immer veränderlich, und am weitesten von der Einfalt entfernt: die Dorische männlich und kriegrisch; und die Jonische wurde zulezt, nachdem der Luxus die Dämme der Gesetze durchgebrochen hatte, bei allen häuslichen Vergnügen die herrſchende. Es war alſo gar nicht zu wundern, daß die alten Griechen die Tonkunst, als eine Angelegenheit des Staats, deren kleinſte Veraͤnderung wichtig werden koͤnne, betrachteten. Plato sagt darüber folgendes: (b) Der Geſchmack in der Muſik, oder die Tonarten ändern sich nie ohne darauf folgende Veränderung der Grundgeſetze eines Staats. Dergleichen Abweichung schleicht unvermerkt fort. Anfangs vergnügt ſie blos, und ſcheint einem unbedeutenden Scherze gleich. Nach und nach macht ſie ſich mit uns naͤher bekannt, und verwebt sich in unsre Sitten und Denkungsart; von denen gehen sie über in unsre Geschäfte, von diesen auf die Gesetze, und dann mit aller Ungebundenheit auf die Staatsverwaltung, bis ſie endlich in den Familien und im Staat alles um(a) Republ. dial. 4. 102 umkehrt.“ Nach dem Plutarch schnitten daher einsmals die Ephoren, dem Harfenschläger Phrynis, welcher seine Harfe nicht mit sieben, sondern mit neun Saiten bezogen hatte, zwo Saiten herunter. Ein anderer Namens Ti motheus, der das nemliche gethan und die Musik hatte vervielfältigen und weichlicher machen wollen, wurde so gar deshalb des Landes verwiesen. Terpander, einer der grösten Ton künstler seiner Zeit, der, nach Plutaxchs Erzählung in der Abhandlung von der Muſik, einsmals einen Aufruhr in Sparta durch ſein Kunst gestillet hatte, ward hart gestraft, daß er, um mehr Abwechslung in den Ton zu bringen, eine Saite auf ungewöhnliche Art ge stimmt hatte. Und in Athen war es bei tausend Drachmen verboten, fremde Sänger aufzuführen. Auch von der Dichtkunst erwarteten sie zu oben bemeldtem Endzweck sehr wolthätige Einsluͤsse. Ihre ersten Gesetzgeber waren mehrentheils selbst Dichter, oder bedienten sich derselben zur Ausführung ihrer Absichten. Als Ly kurg seinem Vaterlande eine bessere Staatsverfassung zu geben bemühet war, und auf seinen zu dieser Absicht angestelten Reisen nach Kreta kam, hielt er sich sehr zu dem Liederdichten Thales, und überredete ihn, nach Sparta zu gehen, und durch ſeine Geſänge ihm die Bahn zu brechen. (a) Ja Strabo sagt sogar (a) daß (a) Plutarch. in Vita Lycurgi. 103 (a) daß um ein guter Dichter zu werden, man vorher ein guter Mensch müsse geworden seyn. Und an einem anderen Ort sagt der nemliche (b). Man unterrichtete die Kinder zuerst in den Dichtern, nicht des Vergnügens sondern guter Sitten und Kenntnisse wegen. Es scheint aber daß viele, durch dergleichen Unterricht und Erzählung von unmoralischen Phantasien; oder wunderbaren und ſchrecklichen Mährchen, als die von den Lamien 2c. bei den Kindern, bei welchen der Hang zum wunderbaren um so leichter zu erregen ist, manchmal Schaden angerichtet haben. Plato sahe dieses sehr deutlich ein. Sein Raiſonnement iſt ſo vortreflich, ſo meiſterhaft, nachahmungswürdig, daß ich es ganz, so wie Mangelsdorf es aus dem 2ten 3ten und 3e huten Buch seiner Republik ausgezogen anführet, (c) Ihnen hiehinsetze. Er tadelt nemden Hesiodus und Homer wegen unmoralischer Vorstellungen, und sagt: Wenn die jungen Leute von den Fehden und Kriegen der Ritter, Heroen und Giganten lesen und hören; ſo werden ſie nicht immer ruhige Bürger ſeyn. Sie müssen nichts davon lesen, wie Juno von ihrem Sohne gefesselt, und Vulcan darum, weil er seiner Mutter beistehen wil, vom Himmel herabgeworfen wird. Denn der junge Menſch unter(2) L. 8. (b) (⁸) Versuch einer Darstell, 2c. S. 20. 104 unterscheidet noch nicht genug; und es bleiben gewisse Ideen hangen, welche nicht leicht wieder herausgerissen werden können. Die Erdicht tung des Hesiodus vom Kaelus, wie Saturn ihn beſtraft, was Saturn gethan, und von seinem Sohn erlitten hat, muß, wenn sie auch wahr wäre, unbedachtsamen Jünglingen nicht bekannt werden. Gott muß in Gedichten, Geſängen und auf der Bühne ſo dargeſtelt werden, wie er ist. Gott aber ist gut; was gut ist, ist nicht schädlich; was nicht schädlich ist, ſchadet niemanden; was niemanden ſchaꝺet, thut nichts böses; was nichts böses thut, keines bösen Ursache. Gott mus also nicht als Ursache des Boͤsen dargestelt werden. Mat mus deshalb nicht den Irrthum Homers am nehmen lassen, den er von den beiden Gefässen des grossen Jupiters an der Schwellt ſeines Pallaſtes, angefült mit dem Guten und Boͤsen des menschlichen Lebens, lehrt. Ich kan es auch nicht loben, wenn der Dichter des Bruch des Eides dem Jupiter und der Mi nerva beimißt; wenn vom Aeschylus die jun gen Leute hören, Gott wisse es, wenn er eine Familie stürtzen und ausrotten wolle, schon zu machen, daß der Mensch selbst Ursache und Gelegenheit dazu gebe; wenn er die Götter niedere Gestalten sich verwandeln und darin er scheinen läßt; (da doch Gott ein volkomment Wesen und jeder Verschlimmerung seines Zuſtandes unfaͤhig iſt;) wenn Jupiter ꝺen Ag memnon durch ein nächtliches Gesicht hinterzehl 105 geht, wenn Theris beim Aeschylus klagt, Apoll habe ihren Sohn umgebracht; eben der Apoll, ꝺer bei ꝺer Vermaͤhlung deſſelben ihm ein langes und von Krankheiten freies Leben geweissaget hatte; eben der Apoll, den man im Tempel als untrüglichen Propheten der Zukunft anbetet. Die Mütter müssen nicht durch Erdichtung naͤchtlicher Erſcheinungen die Kinder schrecken. Sie lästern dadurch Gott, und machen die jungen Seelen, furchtsam. Die Vorstellungen der Unterwelt bei Homer und andern, lassen den, der daran glaubt, nicht mannhaft dem Feinde entgegen treten, und den Tod einer ſchimpflichen Sclaverei vorziehen. Weg also mit den Gedanken: ich wolte lieber in harter Feldarbeit der Selav eines Sclaven ſeyn, als allen Unterirrdischen befehlen; die Unterwelt ist sterblichen und unsterblichen schrecklich und verhast. — Wir wollen die Dichter bitten, daß sie uns nicht Gottheiten, über den Verlust Kinder jammernd und weinend vorführen; noch weiſen Männern die Worte in den Mund legen; das beſte aller Dingen iſt ein gut beſetzter Tisch, und ein voller schäumender Becher; noch dem Vulcan die Venus und den Mars im Netz verwickeln lassen 2c.“ So sprach ein Grieche, ein Heide, der keine Offenbarung kannte. Obzwar die Spartaner in ihren Gesetzen verschiedene Anordnungen hatten, welche unsern Begriffen von Moralität ganz entgegen ſtehen, als 106 als z. E. das Aussetzen der neugebohrnen Kinder, an welchen die Aeltesten bei der Besichtigung einen Fehl bemerkten; die mehrentheils jährliche Ermordung vieler Sclaven, als welches aus Besorgniß wegen ihrer Vermehrung geschah. — Ferner die Erlaubniß welche ihren Kindern gegeben wurde Eßwaaren zu stehlen; wofür sie zwar wenn man sie darüber ertappte mit Schlägen und Hunger stark bestrafet wurden u. s. w. so kan man doch an der anderen Seite, ohne ungerecht zu seyn nicht und terlaßen, sie in vielen Stücken fürnemlich darin, wie alles so sehr mit Klugheit auf die Erreichung des beſtimmten Endzweckes eingerichtet war zu bewundern. In allen lebte ein Trieb nach einerlei Ruhm, nach dem Ruhm des gut ten Bürgers; des Lebens und Sterbens fürs Vaterland. Phocion schickte daher seinen unt gerathenen Sohn, wie Plutarch in deßen Leben erzählt, nach Sparta, in Hofnung daß daselbst auf beßere Wege kommen würde. Obzwar die Spartaner sich um keine eigentliche systematische trockne Gelehrsamkeit bekümmerten, so zeichneten ihre Geisteskräfte sich doch an vielen Seiten aus, wie solches die bekannten laconischen Reden und Antworten zur Genüge zeigen. Ja Plato sagt im Protagoras, die Lacedämonier hätten alle Griechen an Gelehrsamkeit übertroffen, hätten aber ihre Gelehrsamkeit geheim gehalten, und mit den Sophisten nur mit verschloßnen Thüren disputirt, Ohnerachtet ihrer ſteten und täglichen Anführung 107 rung zum Krieg, hielten sie es doch immer rühmlicher wie Plutarch im Pelopidas sagt, einen Krieg durch gütliche Unterhandlungen, als durch Waffen zu endigen; daher sie auch im erſtern Fal einen Farren, und im letzten nur einen Hahn opferten, welches bei den Römern umgekehrt war. — Wenn einer unter ihnen irgend eine ſonderbar ſchlechte Handlung begangen hatte, so blieb demselben davon der Schandfleck mehrentheils auf immer ankleben. Gellius führt aus dem Aeschines eine Begebenheit an, (a) welche von dergleichen moraliſcher Aufſicht und zärtlichem Volksgefühl einen unwiedersprechlichen Beweiß liefert. “ Ein Spartaner, der durch die Schändlichkeit seines vorigen Lebens eben so berüchtigt, als wegen seiner Beredsamkeik berühmt war, brachte vor dem Volk eine Sache in Vorſchlag, die an sich vortreflich war, und unterstützte sie mit tiner ſchoͤnen Rede. Die Epboren und das Volk billigten einstimmig den Vorſchlag, und wolten eben darnach ein Gesetz machen. Da trat ein alter Spartauer auf und ſagte: wie können wir hoffen, daß diese Stadt und Republick in guten Zustande und unüberwindlich bleibe, wenn wir uns von schändlichen Menſchen rathen laßen? iſt der Vorſchlag gut und anständig, ey so laßt einen andern, rechtschaffeyen, tapfern, wenn auch unberedten Mann auftreten, der ihn dem Volke antrage. Das Volk (1) Lib. 18. Cap. 4. 108 Volk gab ihm Beifal, und rief einen andern auf, der den Vorschlag mit wenig Worten that, und deßen Nahme, mit gänzlicher Verschweigung des erstern, in das Gesetz einge rücket ward. Welchen Eindruck musten dergleichen Vorfälle nicht auf die Seelen der jun gen Leute, ja Kinder haben, ihnen Abſchel für jede schlechte That einflößen! — Auch durften die Spartaner nicht wie die Athenien ser, die Aufsicht ihrer Kinder irgend einen Sclaven, oder wie bei uns mehrentheils 8 schieht, einem ungeübten, wenigstens in Welt noch unbekannten flüchtigen Gouverneu übertragen: Denn Lykurg verordnete, diese Aufsicht von den alten Spartanern, das Ruder des Staats geführt hatten, nommen werden solte. Keine Jugend übertre auch die Spartanische an Gehorsam. Achtung gegen Alte, war bei ihnen eigentlich Nationaltugend: Nur hatte der Hagestolz Recht sie zu fodern. — Wie heilig war lich die Freundschaft nicht bei ihnen? Freunde standen sich untereinander mehr Leben und Tod bei und liebten sich mehr die Spartauer. Die so genannte heilige Sche unter ihnen bestand aus lauter solchen durch Freundschaft und Liebe an einander geketteten Freunden und wurde wie unüberwindlich halten. In dem Treffen bei Chäronea las sie alle auf einem Haufen. Philip der Madonier rief bei diesem Anblick aus: verflugt müsse der seyn, welcher auf solche Männer 105 nen Verdacht haben kan, als thäten oder litten sie was schändliches! Von der moralischen Erziehungsart der alten Römer mag ich Ihnen nicht viel sagen, da ich ohnvermerkt bei der der Griechen so weitläuftig gewesen bin: auch die privat Erziehungsart der alten Römer, eben so wie ihre Geſetze mit denen der Griechen ſehr viel übereinſtimmten. Nur eigentliche öffentliche Erziehung beſorgte der Staat in Rom nicht, ſondern verlies sich darin auf die Sorgfalt der Eltern. Dies gieng auch alles gut so lange die Summe ihrer Nationaltugenden noch beträchtlich war; ſo lange noch der Römer mit einer Mahlzeit des Tages zufrieden, und bei häuslichen Gastmalen vom Gesetz abhängig war; so lange noch Weiber und Jünglinge kein berauschendes Getränke trinken durften; so lange noch die Censur ihre völlige Kraft hatte, und der Sittenrichter es wagen konnte, Rathsherren selbst ihre begangene Unordnungen vorzuhalten, ja zu strafen; mit einem Worte, so lange es noch für schändlich gehalten ward, in der ganzen Lebensart von alter Sitte abzuweichen. Die Mutter, auch die vornehmste unter ihnen erzog das Kind an ihrer eignen Bruſt und war ſeine beständige Gesellschafterinn; der Vater übernahm nachher die Erziehung mit äusserster Sorgfalt. Der ältere Cato, war so gar immer zugegen, wenn ſein Kind gebadet und gewickelt ward. Er lehrte ihn selbst das Lesen und Schreiben. Er 110 Er war seinem Sohn Grammatiker, Rechtslehrer und Fechtmeister; er übte ihn im Spieß werfen, im Fechten, Reiten, Ringen; er 8 wöhnte ihn Froſt und Hitze zu ertragen und über reißende Ströme zu schwimmen. Und im Moralischen scheute er sich vor seinem Sohn, wie Plutarch im ältern Cato erzählt, eben ſo, als vor den Beſtalinen, in deßelben GeHọt genwart etwas unmoralisches zu sagen. ratz erzählt ebenfals (a) mit wie vieler Sorg falt sein Vater ihn selbst erzogen, und ihn durch Beispiele und Erfahrungen von anderen klug und fürsichtig zu machen bei jeber Geld genheit bemüht gewesen wäre. Man lies die jungen Leute, außer den manchfaltigen Spielen zur Leibesübung, auch Verstandspiele spielen. Plutarch erwähnt eines solchen im ben des jüngern Kato. Der eine war nenlich Richter; ein andrer Kläger; ein andrer Bis klagter; einer Sachwalter und einige Gerichtsdiener. Die Form der Gerichte wurde genau nachgeahmt. Klaͤger und Beklagte hielten ihn Reden; der Richter rathschlagte mit seinen Beisitzern, und lies das mit gehörig angegebt nen Ursachen gesprochne Urtheil vollstrecken. Sie hielten auch ausserdem sehr viel auf Mnemonik oder Gedächtnißkunst, und suchten das Gedaͤchtniß auf allerlei Weiſe zu üben Quinctilian sahe ein gut Gedächtniß, welches leicht faßt und treulich behält, als das sicher (a) Satyr. 1.1.4. für ste Zeichen guter Köpfe an. Ueberhaupt war es bei den Römern ein hauptsächlicher Punkt der Sorgfalt ihrer Erziehung, daß der Jüngling nicht allein ſeinen Leib ſehr übte, ſondern in Führung der Staatsgeſchäfte gehörige Uebung und Festigkeit erhielte. Denn es kam hier nicht auf Patrocinanz, oder Reichthum an, um in den Rath zu kommen, sondern öffentlich anerkanntes Verdienſt war es nur allein, welches den Weg dazu bahnte. Der Jüngling gieng daher in Krieg; hielt ſich aber nach ſeiner Zurückkunft wieder zu einem angesehenen Rechtskundigen oder Staatsmann. Dieser war zugleich ſein Lehrer in der Redekunſt. Der Jüngling beſuchte ferner die öffentlichen Gerichte und Volksverſammlungen; er hörte die Reden seiner Mitbürger bey Klagen, Vertheidigungen und Berathschlagungen über Staatsgeschäfte; unterredete sich darüber mit seinem Anführer, und wiederholte das gehörte bey einer frugalen Mahlzeit mit seinen Verwandten, oder mit jungen Leuten von gleichem Alter. So erwarb er sich mit einer männlichen Beredsamkeit zugleich praktische Kenntniß von den Pflichten, von den Rechten und dem Intereſte einzelner Bürger und des Staats. Er privatisirte bis zu einem durch Gesetze bestimmten Alter, und diente dann in den Staatsämtern von unten auf bis zur höchsten Würde, zum Consulat. Hier haben Sie nun M. Fr. einen kurzen Schattenriß von den Bemühungen der älteſten 112 teſten Völker, in Rückſicht auf die Erziehung Ich weis es, Ihre Seele iſt ſeitdem noch um ein vieles mehr mit Hochachtung gegen dieſ würdigen Väter ihrer Kinder und des Staats angefüllt worden. Es war ihnen nicht genus ihr Land zu bevölkern um nur viel daraus ziehet zu können, sondern jeder wurde so gebilde daß er das Wohl des Staats als ſein eignes Wohl ansehen muste; dagegen waren die Geſetze auch der eigentlichen wahren Staatsklus heit angemeßen, welche nemlich einsiehet, daß ohne treue, ſtarke, kluge, verſtaͤndige und g sittete Einwohner kein Staat sicher seyn kan wenn man auch noch so viele Festungen in dem selben anlegt. Welche Sorgfalt ließen sie nicht auch in den geringsten anscheinenden Kleinis keiten blicken, um zu beobachten, ob dieſe oder jenes dem Koͤrper ſeine Stärke rauben könne? Wie sorgfältig verhüteten sie alle Selenansteckung, durch Verschanzung gefremde Sitten. Sie machten die Religion mehr zur Angelegenheit des Herzens, als des Ver ſtandes. Ihr Beſtreben in ihren Kenntniße und Wißenſchaften gieng mehr dahin ſelbig anschauend zu machen, es konnte also nicht beim bloßen Wißen bleiben, wie es bei da Symbolen mehrentheils geschiehet, sondern muſte bis ins Herz dringen, daſſelbe zur Erreichung des vorgestelten und gleichsam aus ſchauten Endzweckes anfeuren. Gute Hat lungen wurden daher öffentlich gelobet, was noch mehr ist die Belohnung dafür konnte 113 bei ihrer Einrichtung nicht ausbleiben — schlechte Handlungen hingegen fanden keinen Beifal; sondern Verachtung, Ausschliessung von den Ehrenſtellen, von dem Antheilnehmen an der Besorgung der algemeinen Wolfarth, waren die unausbleiblichen Folgen derselben. Alle ihre moralische Vorschriften giengen dahin, Augen und Ohren, unser aller Lehrmeister, in der Sittlichkeit zu bewahren, das ist, zu verhüten, daß mittels selbiger in unsrer Seele beim Anblik keine unmoralische Vorstellung, und im Körper dergleichen Empfindung erreget werden konnten. Jung ihr Wille war gut, und wenn sie freilich oft aus Abgang deutlicher Begriffe und guter logischen Gründe, schief schlossen, so kan man ihnen solches leicht verzeihen. Sie waren immer bei ihrer Staatsverfassung gute, ja unzählige unter ihnen ganz vortrefliche Leute, deden wir im Guten gleich zu werden uns bemühen; und uns immer so lieben wollen als die spartanischen Freunde sich untereinander liebund getreu waren. Dreie — Dreizehnter Brief. Sie begerten meine Meinung daruͤber; unsre Erziehungsart besser seye als die der ten: und warum die gymnastische Erziehung ganz aus der Mode gekommen wäre. Ich Ihnen in beidem wilfahren. Was den erſt Punkt betrift, so wil ich Ihnen nur eine kurSchildrung des moralischen Zustandes der ten Griechen und Römer vorlegen, nachdel bei ihnen schnelle Vermehrung des Reichthum und eingeschlichene fremde Sitten den Luzt und die Weichlichkeit eingeführet, das Bedät niß vervielfältigt, die Manieren zwar verfeiſſet aber die Sitten vergifter hatten. Die Erfahrung lehrte nemlich daß bei diesen Völkern nach geschlichenem Luxus, an statt der vorigen au gezeichneten Stärke der Seele und des Körpf nicht allein Weichlichkeit desselben, und schlaffung jeder Art, sondern überdem ein allerlei vorhin unbekannter, entkräftender fälle sich eingefunden hatte: und ausserde Habsucht, Eigennutz, Bedrückung, Mißkräch Mißbrauch der Kräfte für Privatabsichten, gegen aber Kraftlosigkeit für öffentliche Unnehmungen, gänzliche Ergebung an aller Laster, mithin Aufhebung aller Moralität die Stelle der vorhin bei ihren Vätern wundernswürdigen Festigkeit getreten 11 Glauben Sie nur nicht, daß ich die Ausdrücke übertrieben habe. Ich berufe mich hier auf den bekannten Thucydides, welcher im dritten Buch seiner Geschichte des peloponnesischen Krieges, fast darf ich sagen; ein noch schrecklicher Bild davon liefert. Ich wil Ihnen etwas davon hieselbst nach Anleitung von Mangelsdorf (a) auszeichnen: Er sagt nemlich: Die Zwietracht fand sich in den Städten ein; und in den folgenden spätern Zeiten trieb man, mit Zuziehung der Kundschaft voriger Begebenheiten, das neue und unerhörte noch viel weiter, sowol in Unſehung der ſchlaueten Kunſtgriffe, etwas ins Werk zu richten, als der ausserordentlichsten Urten, seine Rache zu befriedigen. Selbst die gewöhnlichen Bedeutungen der Worte wurden der Anwendung und Schätzung der Dinge einem ganz andern Sinn genommen. — Wer ray schalt und schmähte, hieß ein Mann, auf man sich verlassen könne; und wer ihm iedersprach wurde verdächtig — Sich an jenand rächen zu können, war ein reizenderes Glück, als ungekränkt zu bleiben. Eidschwüre, durch die sich etwan einer in dringenden Umständen, wo er sonst keine Rettung sahe, verpflichten muſte; waren ſo lange gültig, als der urpflichtete Theil keine Verstärkung erhielt. bald er hingegen nur seine Gelegenheit erſah, und jener ihm Blöſſe gab: brach er ſeine pflichtung ohne Bedenken. Die Häupter in H 2 den (1) Lib. cit. p. 4. 116 den Städten suchten auf beiden Theilen, unte dem schönen Namen einer gemeinschaftliche Regimentsverfassung des Volks; oder der vorzüglichen Anpreisung einer gemäßigten Arist kratie blos das gemeine Beſte, als den Preis ihrer Bemühungen, zu erhalten. In der Thaber giengen alle ihre Bemühungen dahin, einer über den andern emporzukommen. dieser Absicht nahmen sie die unerhörtesten D ge vor. Einer ſuchte den andern zu ſtürze und dieser suchte sodann seine Rache noch her zu treiben; ohne sich dabei an die Regt der Gerechtigkeit, und an die Vortheile Staats zu binden. Jeder machte seine Leide schaften zur Regel seines Verfarens, und such te entweder durch einen ungerechten Procek oder durch überlegene Gewalt und wirklich Thätlichkeiten blos seinen Muth zu kühl Dieses gieng so weit, daß kein Mensch und auf Religion sah. — Die gutherzige Ehrlic keit, mit welcher der Adel der Gesinnungen nahe verwandt ist, wurde lächerlich und schwand. Herrschendes Mistrauen und Caßt len erhielten den Preiß ꝛc. So sprach Thug dides; und bei den Römern hatten sich Griechen in solchen Ruf gesetzt, daß sie pruch griechische Treu und Glauben zum Wahlff aller Bankerottirer machten. Die Athenienser schienen hauptsächlich der Erziehung und Moralität sehr tief gesuzu seyn. Sie waren zulezt mit Neuerung 117 und Menterei behaftet — strebten sehr nach dem Ruhm der Vielwisserey, des Witzes und der Schoͤngeisterey; nach ausserm Schimmer und Glantz setzten Manier weit über Sitte; Pochten auf Freiheit und lärmten bei jedem ihnen oft vor den Augen nur herumschwebenden Wahn von Unterdrückung: waren aber dabei in Lust und Schwelgerey versunken. Obzwar sie im eigentlichen Verstand, nemlich in ihren Reigions Kenntnissen, so wol als der Moralität ihrer Handlungen höchst irreligiöß waren, so holten sie doch den äussern Schein haben, als glaubten sie an Götter, und hätten die herrliTempel nicht zum Spasse erbaut; sie jenten unterdessen darin öffentlich, wie der östel Paulus ihnen, zum grossen Beweist crassesten Unwissenheit in Religions=Savorwirft, (a) denen ihnen völlig unbeanten Göttern, und bauten denselben Altäre. konnte daher auch nicht anders seyn, als sie sehr intolerant seyn musten: sie waren in der That bei ihrer Unwissenheit auf höchst unverschämte Art. Sie nöthigten gar einmal den Euripides, die Worte; Jupiter — doch ich kenne dich blos Nahmen nach: womit er ein Trauerspiel gefangen hatte, wieder abzuändern, wo sie lbst doch auf dem Altar schriftlich dem unbeunten Gotte dienten. — Bei einer solchen Verfaſ(a) Apostelgesch. Kap. 17. v. 23. 118 Verfassung muste nun jeder Gedanken einer nur mittelmäßigen Erziehung weichen, und die auf keimende Jugend mit den Alten aus einer Unwissenheit in die andere, und aus einem Laster ins andere überfallen. Nicht besser gieng es aber bei den Römern nachdem die erste Einfalt ihrer Sitten mithin ihre Nationaltugend verschwunden war. Quinctilian giebt hievon folgendes trauriges Gemälde, er sagt: (a) Möchten wir doch nicht die Sitten unsrer Kinder selbst verderben! jen weichliche Erziehung, welche wir Nachsich nennen, entnervt Geist und Körper. Was nicht einst der Jüngling begehren, der als Kind in Purpur herumkriecht? kaum vermag er einige Worte zu lallen, ſo verſteht er ſchon Sprache des Kochs. Wir bilden eher Gaumen der Kinder als ihren Mund. Pulſtern und auf Sophas wächſt das Kind heran. Wenn es den Boden berührt, hängt zur Rechten und Lincken an den Händen ſeiner Führer. Wir freuen uns wenn es etwas Unanständiges plappert. Ausdrücke welche man kaum der Alexandrinischen Ueppigkeit zu halten würde, küssen wir lächelnd vor seinem Munde hinweg. Das Kind ſieht die Gegenstände unsrer unerlaubten Liebe. Bei unsren Schmauſereien hört es die unzüchtigſten Lied(⁸) L. I. Cap. 2. 119 und sieht Dinge, welche man ohne Schaamröthe nicht nennen mag. Dieses wird bald zur Gewohnheit, und am Ende zur Natur. Die unglücklichen Kinder lernen dergleichen Dinge, ehe ſie noch wiſſen, daß ſie Laſter ſind, und bringen Liederlichkeit und Schwäche mit in die Schulen, So weit Quinctilian. Wenn ich nicht glaubte, daß Sie dieſes Gemälde treffend genug und jedes andere überflüßig halten würden, könnte ich Ihnen den Pendant aus dem Juvenal (a) noch hiehinsetzen. Aber jetzt halſch's überflüßig. Nummer wird 's wol M. F. unnöthig seyn weitläuftige Vergleichungen über den Werth unſrer Erziehung mit der der alten Völker, die ſo gern der Natur allein folgten und so lange sie dieses thaten, fühlten daß nur auf diesem Wege eigentliche physische Glückseeligkeit zu erhalten möglich seye, anzustellen. Wie weit sind aber wir noch wol hievon herabgestimt? welche uns unüberwindlich ſcheinende Hindernisse zeigen sich nicht noch überal der Einführung einer algemeineren Verbesserung der Erziehung? Warlich, Mein Freund! bei aller Bemühung ſo vieler redlichen und groſſen Männer, die in unseren Tagen wieder mit einem ihnen nie gnug zu verdankenden unermüdeten Fleiß und Unerschrockenheit an der Verbesserung der (2) Säryc. 14. 120 der Erziehung arbeiteten, sieht es doch noch in so vielen Gegenden noch so gar, finster ausEs ist an kein System, noch weniger an irgend ein National Principium hierin zu denken. Ein jeder macht's nach seinem Sinn, ohne die Erziehung dem Subjeckt, noch dem Zeitalter anzupassen. Ich kenne Eltern und Erzieher, welche auf alle Weiſe, es mag koſten was es welle, ihren Kindern durch harte und rauhe Erziehung feste Körper verschaffen wollen; ja, die sich auch hierin nicht einmal irre machen lassen, wenn ihnen ein oder anderes durch diese Erziehungsmethode stirbt. Sie sagen nemlich, ein solches Kind hätte doch wegen seiner Weichlichkeit dem Staat nichts nuzen können. Dergleichen Erzieher bilden also ihre Kinder für einen spartanischen Staat. Glauben Sie aber wol daß solche auf diese übertriebene Art erzogene Kinder sich nachher in unsrer Staatsverfassung am rechten Ort finden werden? und ist diese Maxime wol um ein. Haar besser, als die des Lykurgs, da er befal die neugebohrnen Kinder solten von den Aeltesten besichtiget, und diejenigen an denen ein Fehl bemerket werden wurde, ausgesetzet werden? Die Spartauer scheinen aber selbst hier Ausnahmen gemacht zu haben, wie man an dem bekannten Spartaner Agesilaus, der sehr fehlerhaft gebildet war, unſtreitig abnehmen kan. Ja, wie oft habe ich's ganz deutlich bemerkt, daß man bei der gegenwärtigen Modeerziehung blindlings weg die Kinder hart zu machen sich bemühet, ohne nachzusin 121 zusinnen, ob sie würklich bei diesem Verfaren und ihrer besonderen Leibesbeschaffenheit wol gesund sein und bleiben können; eben als ob Gesundheit nicht zu einem dauerhaft starken Körper erfodert würde; oder, als wenn eine zu starke Anstrengung neue Kräfte herfürbringen könnte. Wo denkt man in unsern Zeiten daran, dem Körper der Zöglinge die nöthige Bewegung nicht allein zu geben, sondern selbiger Maaß, Eigenschaft, Zeit u. s. w. zu bestimmen, welches doch die Alten so sorgfältig thaten? Und wie sieht's mit der Mäßigkeit aus? Anstatt daß bei den durch ihre gesunde Leibesstärle ſo ſehr ausgezeichneten Völkern, das Kind den ersten Monaten nichts wie Muttermilch, später nur eine ordentliche Malzeit; auch Morgens wol einen Anbiß bekam, mus jezt das Kind öfters schon den dritten, vierTag nach seiner Geburt mit Brei gefüttert; und hernach den ganzen Tag durch genästet werden; eben als ob die Bestimmung des Neugebohrnen wäre, auf eine kurze Zeit, grobe und für ihn unverdauliche Materie in seinen Körper einzupacken, sich daran zu beluſtigen, und dann sich wieder zu empfehlen. Andere sinnen nur darauf ihre Kinder auf alle mögliche Weise durch rauhe Lebensart abzuhärten; vernachläßigen dabei völlig das moralische, und sehen nicht eher als zu spät ein, daß das Kind, jedoch ſehr oft nur auf eine kürzere Zeit, zwar einen Kälte, Hunger, Durst allerlei schwere Arbeiten leicht zu ertragen vermö 122 vermögenden Körper, aber dabei solchen unbiegſamen Karakter erhalten, daß auf dieſer Welt kein Glück für den neuen Zögling gleichsam mehr möglich ist, Jedermann lalt dem würklich grossen Rousseau nach, man müsse der Natur in der Erziehung der Kinder folgen; und schwerlich findet man einen der Fähigkeit hat, oder es sich auch nur recht angelegen seyn läßt ſet auch nur die Wincke der Natur zu errathen. Gnug ein jeder schaft sich die Natur nach seinen Einſichten, ſucht darnach, ſein Kind zu ziehen und es glücklich zu machen; und gar zu oft iſt eigentliches Unglück des Kindes und der Eltern das Resultat der jetzigen Modeerziehung. Und wie sieht 's mit unserer moralischen Modeerziehung wol aus? Werden hier wol Gehorsam und Warheitreden als die ersten Grundstützen der Moralität bei Kindern angesehen? Vielen Kindern werden vielmehr mit einer wahren Aengstlichkeit allerlei unverdaute und unrichtige Begriffe von Freiheit, die in unseren leichtsinnigen Tagen so Mode sind, eingeflößt; und nun wil sich nachher das Kind weder seinem Mentor, noch seinen Eltern, noch der Einrichtung des Staats fügen. Es mus alſo auswandern, und nach vielen und harten Erfahrungen die Warheit empfinden, daß Gehorsam und Verläugnung seiner selbst, jedem Menschen, der glücklich und nützlich leben wil eben so nöthig ſind, als das Leben. Das Kind mus aber wie die verdorbenen Griechen und hauptsächlich 123 die Athenienser von allem schwätzen können; von allem etwas wissen; es mus etwas haben, womit es sich brüsten könne, eben als ob Eigendünkel die wahre Triebfeder grosser Seelen wäre. Und wie ſiehr's mit der Religion aus? Davon wird bei vielen Kindern völlig abstrahirt, man glaubt die Kinder könnten sich doch keine deutliche Begriffe von Gott machen, es würde sie also nur verwirren; eben als ob die Eltern fähig wären dergleichen deutliche Begriffe ſich bilden zu können, und die Kinder, keiner höheren Bewegungsgründe ihre verkehrte Lüste bezwingen zu lernen, behürften. Groß zeigt ſich hier die Unwiſſenheit; da doch die chriſtliche Religion für die Bedürfnisse eines jeden Alters und jeden Standes hinreichend geſorget hat, indem ſie hinreichende Kenntniß und gnug ſam einleuchtende Bewegungsgründe lieſerte, um den Menſchen zur Erkentniß ſeines eigentlichen Glückes nicht allein, sondern auch zum Beſtreben es zu erhalten, anzuſezen. Andere fühlen wol die Nothwendigkeit höherer Triebe für den angebenden Menſchen und reden demſelben von hoͤheren Bewegungsgründen; allein die jetzigen algemeinere Begriffe eines grossen Theils des Publikums von Gott ſind nicht viel besser, als die der Athenienser; jeder schaft sich eine Religion, und bildet ſich Gottes Eigenſchaften nach seinen eignen Einsichten. Und was mus man endlich von der Moral des Zeitalters sagen, in welchem einige es als Bedürfniß angesehen haben, selbige nicht allein unter aller 124 lei Leckerbissen, sondern so gar unter verschiedenen Sophismen versteckt, einem Theil des Publikums beibringen zu müssen? Gnug man schämt sich nicht allein der alten Sitte, sondern so gar der christlichen Moral, und die doch Trotz allen die die Religion angefochten haben, keinen einzigen gefunden hat, der mit einigem Grund irgend eine Einwendung dagegen hätte machen können. Die Hauptkarakter algemeiner moralischen Schwäche sind daher in Ausgelaß senheit an der einen, und tändelnder Empfindelei an der anderen Seite, die Haupteigenschaft ten und Kennzeichen unsers Zeitaltern. Der Vorsicht sey es aber gedankt, daß man nicht nur anfängt das schädliche der jetzigen modernen, und so sehr schwankenden Erziehung fast algemein einzusehen, sondern daß schon würklich verschiedene Männer aufgetreten sind um sich diesem eingerissenen Uebel zu wiedersetzen. Auch wir wollen uns bemühen, Mein Freund! unſer Scherflein dazu mit beizutragen, um dadurch nicht allein unsern Kindern, sondern vieleicht auch noch einem oder anderen im Publiko nütlich zu werden. Leben Sie recht wol. — Zier S Vierzehnter Brief. Es war mir im vorhergehenden Briefe nicht möglich Ihre zweite Frage, wie und warum nemlich die gymnastische Erziehung so sehr aus der Mode gekommen, zu beantworten. Ich thue es also jetzt. Eine der ersten Ursachen liegt wol mit in dem allgemeinen Hang der Menſchen zur Abwechslung; und in der Veränderung selbst, die im Menſchen durch Würkung anderer Wesen auf ihn, ohne daß er es mehrentheils merkt, erfürgebracht wird. Ersterer Hang hat zwar allerdings ſeinen Nutzen, indem ohne denſelben manches Gute in der Welt, ja ich dürfte fast ſagen, die ganze Welt nicht anders als nur von einer Seite gehörig erkannt und benutzt werden würde. Und in Rücksicht auf das Zweite, so kan der Mensch nicht verhüten, daß er selbst bei der steten Abwechslung aller ihn umgebenden und auf ihn würkenden Wesen, nicht gleichfals dadurch in seinem inneren und äußeren eine angemeßene Veränderung untergehen solte. Mit einem Wort der verständige Mensch siehet die Nothwendigkeit von dergleichen Veränderung nicht allein ein, sondern der Kluge richtet sich gern nach den Umständen, und verändert dasjenige aus ſeiner vorigen Lage, was seine gegenwärtige nicht mehr paßt. Ueber 126 Ueberdem ist auch noch folgendes hiebei zu betrachten: Der Mensch fühlt sich nemlich zum Genuß erſchaffen; bemerkt er nun ein Gutes so er erreichen kan, so bestrebt er sich solches bis auf den äußersten Grad zu genießen, vergißt aber dabei, daß jeder übertriebene Genuß, kein Genuß mehr, sondern wahre Herabwürdigung des Guten ist, welches nachher den wohlthätigen und angenehmen Einfluß für ihn nicht mehr haben kan. Da es nun den Meüschen mehrentheils in dergleichen sinnlichen Sachen an dem gehoͤtigen Tackt fehlt, um zeitig genus zu beſtimmen, bis auf welchen Grad der Genuß einer Sache wahr, und nützlich; oder falſch und schädlich seye, so begreifen Sie leicht, wie es in dem Zirkel der Dinge gleichsam unmöglich seye, daß ein und dieselbige Sache dem Menſchen auf die Dauer gleichmaͤßig nütz lich bleiben könne; ja, daß es nicht wohl verhüten seye, daß die nemliche Sache, die in sich so gut war und so vielen Nutzen stiftete auf die Dauer nicht solte offenbaren Schaden ausliefern. Genug, der Mensch übertreibt mehrentheils alles, und verdirbt sich selbst seider Vergnügen. Das nemliche geschahe mit Gymnastik. Ich muß Sie hier bitten sich dasjenige zu erinnern was ich Ihnen im dritken Briefe, über die Entstehung der Athleten geſagt habe. Dieſe uͤbertrieben nicht allein wie Sie wißen ihre Uebungen, um dem Körper einen dem Ganzen nicht mehr angemeßenen wenn schon von einer Seite noch so glänzen 127 den, und daher auch noch heutiges Tages für manche verführerischen Grad von Kräften zu verschaffen, und verlohren dadurch gar zu frühzeitig ihre Gesundheit und Leben; sondern sie fiengen nach und nach an dieses als eines der niederträchtigsten Brodverdienste zu treiben, indem sie ihren eignen Körper muthwillig der niedrigen Luſt des Volks aufopferten, (a) Auſſerdem waren einige Gesetzgeber gleich von Anfang in einigen Anordnungen zu weit gegangen; wie z. E. Lykurg, der die nicht gehörig geſtalteten neugebohrnen Kinder auszuſetzen; das schöne Geschlecht zugleich mit dem männlichen nicht allein allerlei mögliche Leibesübungen zu machen, sondern so gar zusammen zu baden befahl, als welches nachher bis zur allerhdchsten Licenz ausartete. Dies muſte ja nothwendig anstößig werden Denn das Ganze der Welt ist immer so eingerichtet gewesen, daß bei jedem noch so hochgestiegenen Verderben immer einige übrig blieben, die den Werth des Guten nicht ausser Augen sezten, und das Boͤſe betrachteten wie es iſt: Dieſer fanden ſodann, ſo bald der Zeitpunkt gekommen, daß die Meuschen mehr im allgemeinen die unangenehmen Folgen ihrer Thorheiten zu fühlen ansiengen, bald Eingang: ihre erste Erinnerungen machten den Menschen stillstehen, er dach(a) Sie waren, fürnemlich die Gladiatoren, prostibule, ſuæ proſtabant, um das Volk durch Ausſetzung ihres eignen Körpers zu beluſtigen. 128 te sodann mehr nach, überzeugte sich und kam wieder zurück, und nach diesen Gesetzen scheint Weisheit und Thorheit; Tugend und Lasten immer miteinander abzuwechseln. — Das abschenliche und unsittliche also wohin die über triebene Gymnastik den Menschen gebracht hatte, muste durch die daraus für die Geselschaft entspringende schädliche Folgen, der Gymnastik den grösten Stoß geben. Auf welche Weise sie aber beinahe ganz abgekommen, wil ich Ihnen gleich nachher zeigen, nachdem ich nur ein paar Worte noch über den Einfluß des Luxus darauf werde gesagt haben. Dieser war ebenfals eine beträchtliche Quelle des Verfals der Gymnastik So bald nemlich mit Einführung fremder Silten die Einfalt der Volkssitte aufhörte; die Bedürfnisse sich also vermehrten; nicht weniger das aus den eroberten Ländern eingebrachte Geld die Befriedigung der neuen Bedürfniß erleichterte, konnte es nicht fehlen, daß an statt Leibesübung, Weichlichkeit algemein wurde Es währete auch nicht lange, daß sie nicht einmal selbst mehr in den Krieg zogen, sondern durch gemiethete Hülfstruppen ihre Rechte vertheidigen ließen; jeder Gedanke von Gymnastik fiel also weg. Wir sehen dieses offenbar an Sparta selbst. Dieses erhielte sich in seiner Verfaßung ein halbes Jahrtausend, bis auf Zeiten Lysanders. Dieser hatte nemlich Athenienser völlig gedemüthiget, und eine Menge Gold, Silber und andere Koſtbarkeiten zwa nach Sparta gebracht. Anfangs befahl 129 der Rath, alle goldne und silberne Münzen wegzuschaffen, und die eisernen beizubehalten. Aber er änderte selbst bald nachher diesen Schluß dahin, daß zwar der Staat das Gold brauchen, aber der Bürger am Leben gestraft werden ſolle, bei dem man goldne und ſilberne Münzen antreffen würde. Sie vergaßen aber bei diesem Gesetz, daß sie nicht dadurch das Naturgesetz aufheben konnten, daß der geringere ſich immer nach dem größeren bildet, und es nicht vergeblich heißt, Regis ad Exemplum totus componitur orbis, Ohnerachtet dieses Gesetzes, kehrte man sich daher nicht an den Befehl des Raths. Die Folgen dieser Neuerung waren auch bald sichtdar, und brachten ein so großes Verderbniß sich, daß als einige Zeit nachher Agis, König zu Sparta, die alte Zucht wieder herstellen wolte, er über diesen Versuch so gar sein leben verlohr. — Eine Folge des Luxus war auch ein zu großer Werth, welchen man auf schönen und mehr vergnügenden Künste setzdiese wandelten zuletzt mit all ihrem Zauunter dem Volke herum; und indem man zu viel mit ihnen beschäftigte, gieng Leidesſtaͤrke, Moralität, Gluͤckſeeligkeit der Familien und das Wohl des Staats zu Grunde. — gendwo war aber der Luxus mit allen seischädlichen Gefährten so sehr eingerißen, als 230 als unter den letzten Römern. Sie waren zwar beinahe Herren der ganzen Welt geworden; dagegen hatten sich aber auch alle Lüste der Welt in ihnen konzentrirt, und nicht lange darnach wurde dieser fürchterliche Staat durch diese Lüste völlig aufgelöset. Man dachte an keine Gymnastik mehr; nur wurden die Bäderaber blos aus Wollust unterhalten und keine Rücksicht mehr dabei genommen auf die Art und Weiſe wie dieſelben zur Stärkung des Körpers gebraucht werden müsten. Mit der völligen Auflösung dieses Reichs blieb als kaum mehr ein Schatten der systematischen Gymnastik übrig; und auch dieser wurde bald nach her durch die Einführung der chriſtlichen Re ligion und die dabei erfolgte Veränderungen völlig erstickt. — Sie wundern sich vieleicht, Mein Freund! daß ich in der Einführung der christlichen Religion eine Ursache der völligen Unterdrückung der Gymnastik suche. Nicht ist wahrer, nichts aber auch natürlicher als dieſes. Die Juden, das Volk welches immer auf seine alte Sitte so steif fest hielte, war das Volk, welchem die chriſtliche Religion von Gott zuerst mitgetheilet ward. Juden waren es, welche dieſe Religion den anderen Voͤlkerk zuerſt predigten. Daß aber die Juden einen entsetzlichen Aerger an der Gymnastik gehabt haben, kan man ganz deutlich aus den Klägen der Juden ersehen, welche sie darüber führeten als Jason unter der Regierung des Antiochus des edlen, zu Jerusalem unter Burg rat Burg ein Spielhaus bauen ließ: ihre Klagen waren nemlich folgende (a). "Da solches der König willigte, und Jaſon das Priesterthum kriegte: gewehnete er alsobald seine Leute auf der Heiden Sitten. Und die guten löblichen Sitten, von den alten Königen geordnet, thät er gar ab durch Johannem des Eupolemi Vater; welcher nach Rom geschickt war, mit den Römern einen Bund zu machen: und tilgete die alten ehrlichen Geſetze und richtete andere unehrliche Weise an. Unter der Burg bauete er ein Spielhauß; und verordnete, daß sich die stärksten jungen Geſellen darin üben muſten. Und das heidniſche Weſen nahm alſo überhand: daß die Prieſter nock des Opfers, noch des Tempels mehr achtete sondern liefen in das Spielhauß und sahen wie man den Ballen schlug und andere piele trieb. Und ließen also ihrer Väter Sitten fahren, und hielten die heidnische für köstlich. ieſe den Juden ſo natürliche Abneigung gegen Gymnastik muste bei den ersten Christen zu= als abnehmen, da zu der Zeit bei den Römern nicht allein die Athleten und Gladiatoren durch ihre öffentliche Uebungen der Menſchheit Schande machten; sondern in den öffentichen Bädern, die immer als ein nothwendiger Theil dieser Kunst angesehen wurden, auch noch überdem die unzüchtigsten Geschichten öffentlich vor sich giengen. Ausserdem hatte der Stifter dieſer Religion ausdrücklich geſagt, daß 3 2 sein (⁸) 2. Buch der Maccabäer Cap. 4. v. 10. u. f. 132 sein Reich nicht von dieser Welt seye, und seine Diener deswegen nicht auf derselben leibt lich zu kämpfen hätten: ja, als Petrus bei seiner Gefangennehmung das Schwerd zog und dem Malchus das Ohr abhieb, verwies demselben solches auf's nachdrücklichste, und befal ihm sein Schwerd in die Scheide zu st cken. Da nun bei den Christen gleich anfange die Hauptvorschrift war, ihrem Könige Denken und Handeln gleich zu werden, auf angeflißentlichste sich zu bestreben, so muste ſchon jeder Gedanke von feindſeeliger Gegen wehr, mithin auch von jeder kriegeriſchen Lbesübung ihnen um so mehr zuwieder seyn, sie noch gar keinen eignen Staat ausmachten / mithin auch kein Gedanke von Vertheidigung des Staats bei ihnen aufsteigen konnte. nicht allein dies, sondern ihre ganze Verfaßung brachte mit, daß ihnen an der Erhaltung, Vervolkomnung ihres eignen Körpers nit lag — Sie suchten nur ihre Seele zu retten. und achteten das irrdiſche gar nicht, ſonden kreutzigten ihren Körper, d. i. unterdrückten ist sinnliche Begierde so bei ihnen aufstand. würklich muste den ersten Christen bei den betroffen habenden Verfolgungen, die schon nach Christus Himmelfahrt anfiengen, alle ihren Körper zu pflegen, vergehen. Der ſtel ſagt daher ſelbſt — Die Leibesübung wenig nütze. — (a) Sie wären den Menschen (*) 1. Br. an Timoth. Kap. 4. v. 8. 133 gar ein Schauſpiel geworden. (a) Nachher. zerstreuten sie sich überal; lebten heimlich in Eindden; verlohren die sanfte geſelſchaftliche Empfindungen, — musten die Völker unter welchen sie wohnten als ihre Mörder ansehen — wurden ihres Lebens müde; und nach und nah stieg der Enthusiasmus, bei verschiedenen so hoch, daß einige selbst den Märterer Tod gleichsam ängstlich suchten, und sich glücklich schätzten wenn sie selben fanden. Kein Wunder also wenn sie für sich selbst nicht den mindesten Hang mehr hatten, ihren Körper durch Leibesübungen zu vervolkommnen; sondern vielmehr selbige, wo solche noch von den heidnischen Völkern ausgeübt wurden, als eine heidnische Manier um so mehr verabſcheueten, da ſie diese Völker als solche die nach ihrem Leben stunden, ansahen. Ja nach und nach schlich sich selbst eine von dem Geist des wahren Christenthums ganz entfernte Geſinnung bei ihnen ein, und ſie etrachteten diese Völker nicht anders als eigentliche zukünftige Höllenbrände, verabſcheueten daher ihre Sitten und Manieren im höchsten Grad. So gieng also unter den gesitteten Völkern die Gymnastik völlig verlohren; und die Geschichte sagt, so viel ich weis auch nicht, daß als nachher die Kaiſer ſelbſt, die chriſtlichReligion annahmen, mithin zuerst ein ChristenStaat 6) 1. Br. an die Korinth. Kap. 4. v. 9. 134 Staat errichtet wurde, an etwaiger Einführung derselben wäre gedacht worden. Warſcheinlich waren aber auch die Vorurtheile dagegen noch zu stark und alles vorhergegangene noch in 3 frischem Gedächtniß: oder vieleicht wachten Neuerungsſucht und unvolſtändige Begriffe glauben, daß man das Ding nicht mehr durch so viele Umschweise zu suchen nöthig habe, sondern man dem Körper die Geschicklichkeit und Stärke obne solche vorhergegangene und immer zu unter haltende Uebungen, durch kürzere Mittel verschaffen könne. Und später war bei dem, auch unter den christlichen Kaisern sehr überhand nehmenden, und zu ezt auf den höchsten Graf geſtiegenen Luxus, und mit ꝺemſelben unaufloͤſlich verbundener Weichlichkeit, gar nicht darazu gedenken. Da nun nachher algemeine Bar barej und Finſterniß beinahe den ganzen Erd bal bedeckte; kein Volk mehr für dem anderen sicher war, sondern eines das andere vertrieb nur noch hier und da einige Trümmer von Wissenschaften in den alten vieleicht halbvermög derten Handschriften, von Mönchen in Klöstern aufbewahrt wurden; da die Mönchen nur gleichsam die einzigen Menschen waren die lesen, doch nicht einmal alles, sondern nur lateinisch. und kein griechisch lesen konnten, um die P men ſingen zu koͤnnen; und da jeder fuͤr ſich nur auf eigne Sicherheit sinnen muste; wo man einzig und allein sein Heil und Seeligkeit dem abgeſonderten Kloſterleben in den Einöden erlangen zu können glaubte; zu der Zeit, ich 135 ich, konnte auch wol nicht einmal ein Gedanke, der algemeinen Ausbildung des Leibes gewidmet werden, da die ganze übrige Erziehung des Menſchen, der wilden Natur beinahe völlig überlassen werden muste. Es scheinen mir aber die ersten Stifter der Mönchsorden noch einige dunkle Rücksicht darauf genommen zu haben. Denn obzwar das vorgeſchriebene Aſcetiſche Leben (vita ascetica) eigentlich nur auf die Seegerichtet war; so finden wir doch in den Werken des Bernhardus und nachher des Bepediktus, einige Spuren, daß sie auch die Leibesübung den Mönchen nothwendig hielten. Sie musten nicht allein an der Urbarmachung der ihre Klöſter umgebenden Wüſteneien in den lagesstunden, die sie auf dem Chor nicht zubrachten, fleißig arbeiten: sondern Bernhardus schreibt noch andere Einrichtungen im Institut des strengen Cisterzienserordens vor, welche klar zeigen, daß er auch den Körper in Bewegung gehalten wissen wolle. — Auch konnten in den alten Zeiten die entfernten Walfahrten hiezu zweckmäßig seyn; obwol ich freilich nicht läugnen mag, daß alle dieſe Inſtitute eigentlich nur auf Seelenbeſchaͤftigung abzielten: und ich überhaupt selbst nicht einmal Bürge seyn möchte, ob nicht in den damaligen Zeiten von den Mönchen durch einen unzeitigen Eifer, ein oder anderes der nummer für uns völlig verlornen Bücher, die von der Gymnastik der Alten eigentlich handelten, dem Vulcan zur Ehre Gotaufgeopfert worden. Kaiser Karl der Große, 136 Große, war wol der erste, welcher nachher im Ernst daran dachte, die Wissenschaften zur Unterweisung der Menschen fürnemlich im ChristenEr thum, aus ihrem Kerker hervorzuziehen. hauete daher Kirchen und Schulen; errichtett Kanonikate und Thumstifter; und wies denselben aus den eroberten Ländern herrliche Einkünfte, fürnemlich in Zehnten an. Die darin angesetzten Geistliche solten nichts anders als Lehrer, Prediger, Schulmeister und Katecheten zur Unterweiſung in der chriſtlichen Religion, Lesen, Rechnen, Schreiben und Singen abgeben. Nur um ihnen das nöthige Ansehen geben, verordnete er, daß sie bei den Versammlungen der Geistlichen gegenwärtig seyn solten. Jedoch diese Materie führt mich weiter als der Endzweck dieſes Briefes gehet; ich mus her hier abbrechen, und mir vorbehalten mich nächstens mit Ihnen noch über die hier und d zerstreute Ueberbleibsel der Gymnastik, und sachen warum selbige bei uns noch nicht wied durchgebrochen, zu unterhalten. Bis dahin ben Sie wol. Fünf — S Fünfzehnter Brief. Die ersten Nachrichten von nachher förmlich angeſtelten Leibesübungen ſind wol die von den Turnieren und Ritterspielen der alten Deutschen. Dieſe hatten würklich in ſehr vielen Stücken grosse Aehnlichkeit mit manchen Spielen der Alten. Allein bei damaliger Verfaſſung konnte dadurch doch keine algemeine Gymnastik eingeführet werden, weil nur eigentliche Ritter zu diesen Spielen zugelassen wurden. Auch war dazumal verschiedenes unmoralisches auf eine inireckte Art mit dem Endzweck der ritterlichen Leibesübungen verbunden, daß alſo manchem mit zärtlichem Gefühl begabten, die Luſt dazu vergehen muſte. Ich meine an der einen Seite verschiedene Nothwendigkeiten des Zweikampfs, so daraus entstanden; und an der anderen, die Mühe welche ein groſſer Theil der Ritter sich zu der Zeit gab, überal an den Heerstrassen aufzupassen und die vorbeireisende, hauptsächlich Kaufleute zu plündern, und sich dadurch zu bereichern. — Wir haben aber doch auch noch zu unseren Zeiten in Deutschland so wol, als anderswo Ueberbleibsel von Leibesübungen die mit der alten Gymnastik Aehnlichkeit haben, aufzuzählen. Der ſehr gelerte Geheimrath und Leibarzt Franck führt verschiedene Beiſpiele 133 spiele davon an: (a) einige davon wil ich Ih nen hier auszeichnen: In Schwaben sieht man an mehreren Orten die Jugend sich im Baumklettern in die Wette üben. Es wird verschiedentlich ein langer Baum, ohne alle Aeste der Erde befestiget und senkrecht aufgestelt. Um das hinaufklettern zu erschwehren, wird Stange mit Fett durchaus beſtrichen. An dem obersten Ende dieses Stammes, werden gewisse Preiße geheftet: Schuhe, Strümpfe, Schürtze, Halstücher ꝛc. Die Jünglinge verſammlen ſie unter einer grossen Menge Volks, und bemüt hen sich Wechselweiß die Stange hinaufzuklebtern; und wer zuerst die Spitze erreichet, erhält den Preiß. Zu Bretten einer kurpfälzisOberamtsstadt ist noch jährlich auf Lorenztas unter den sämtlichen Schäfermädgen ein Wettlaufen, (b) das bei einem grossen Zusammenlauf des Volks auf das feierlichste geschiehet Der Gewinn beſteht in einem Hammel und gewissen Kleidungsstücken, um welche sämtlich Schäferinnen in einer leichten Kleidung Ziele entgegen laufen, woselbst der Beamte behenden Siegerin wartet und ihre Munterke lohnet.„ Von dergleichen üblichen Spielen ter der Jugend, in der Schweitz und Engeland finden sie ebenfals in vorangezogenem Bucht (c) verschiedene Beispiele angeführt. Bei 1710 bühr (a) System einer vollständ. Mediz. Policei T. 3. p. 645 (b) L. Cit. p. 655. (⁹) p. 634. 139 bühr können sie Nachrichten von ähnlichen Leibesübungen finden, die noch würklich unter den Arabern im Schwange ſind. Ich ſelbſt erinnere mich im Clevischen auf dem Lande gesehen zu haben, wie die jungen Bauren sich zu Pferde versammleten, eine lebendige Gans an den Füssen an einem Baume so hoch aufhiengen, daß sie, wenn sie unter derselben herritten mit Mühe den Kopf, welchen sie nebst derselben Hals mit weicher Seife beschmieret hatten, ergreifen konnten. Nun galoppirten sie, einer nach dem andern unter der Gans her, und wer derselben den Kopf dabei abriß, der war König. Die Mädgen hatten ein ähnliches Spiel. waren nemlich die Füße eines Habns an men. Pfahl an der Erde fest, dessen Kopf aber eben leicht in die Höhe gebunden. Die Mädgen stelten sich darauf in einer gewissen Entfernung von dem Hahn, und warfen mit eiKnüttel nach dem ausgestreckten Halse des Jahns; und diejenige welche auf solche Weise Kopf vom Rumpf abreissen konnte, die ward Königinn. — Bei späteren Schulanstalten hasich wol keine in Beibehaltung nützlicher leibesübung zur Gesundheit auf eine vortheilhaftere Weiſe ausgezeichnet, als der nunmero abgeſchafte Jeſuiterorden. Die Jugend ſo unihrer Erziehung stehen, müssen nemlich ihAusspannungsstunden mit Spaziergängen und anderen Leibesübungen zubringen; und oft habe ich mich darüber gefreuet, wenn ich sahe die dieſe Väter ſelbſt, auf eine kluge und liebvolle 140 volle Weise sich selbst unter die spielenden Schäler miſchten und dadurch auch unter den Spit len Ordnung beibehielten. In diesem Städ möchte ich mit dem grossen Baco sagen, was er einsmals von den Jesuiten sagte, da er übel die algemeine Erziehungsanstalten seiner klagte: nemlich (a) „Was die Pädagogik trift, wäre das kürzeste Gebot dieses: Geht hin in die Schulen der Jeſuiten.“ Und der seinen Gedanken zwar orthodoxe, aber intelle rante Lutheraner D. Schupp, sagt selbst seinem Regenten Spiegel „bekennen mus jeder man, daß die Jesuiten eine sonderbare haben, die Jugend in allerlei Künsten wol zuführen, und daß auch in diesen Stücken Kinder der Finſterniß klüger ſeyn, als die K der des Lichts.“ Ich kan es nicht begrei warum die Protestanten nach eingeführten formation, bei dem dabei so unglaublich schwinde gestiegenen Lichte in so vielen ande ren Sachen, dennoch so gar nicht an irgend ne Einführung der medizinischen Gymnastik! Ernst gedacht haben. Vieleicht verloren über den vielen Sorgen die Unwissenheit bekämpfen, die aristotelische Philosophie aus fegen, und die Rechte der Dogmatik zu behauf ten, diese in sich so sehr nützliche Sache dem Geſicht; wobei jedoch zu bedenken, die überal gegen ſie erregte Verfolgungen an manchen Orten in die nemliche Lage (*) De augm. scient. L. 6. C. 4. 141 sezten, worin die ersten Christen sich während den heidniſchen Verfolgungen befanden, und in welcher ihnen natürlicher Weise, alle Lust und Muth zur Bildung und Erhaltung des Körpers vergehen muſte. Es bleibt mir alſo jezt zu untersuchen noch übrig, warum dann bis auf unſere Tage die Gymnaſtik ſo gänzlich iſt versäumt worden. Hievon wil ich Ihnen noch ein paar Worte sagen. Ich suche die Ursachen davon in folgenden Umständen. Bei den alten Teutschen wurden wie bekannt, die Leibesübungen zu den ritterlichen Beschäftigungen gezählet; und der Bürger derselnicht werth gehalten. Sie konnten folgnicht allgemein werden. Der zweite Stand gte sich daher auf den Ackerbau, oder auf Handel. In keinem von diesen Ständen es weder auf Anstand noch Fertigkeit in perlichen Verrichtungen an: und da nachher entdecktem Kompaß, die Schiffarth so hoch getrieben, und mit so unzähligen neuen Proruckten, auch eben so viele neue Bedürfniße; mit dem neuen Golde auch Lust, und glichkeit zur Befriedigung der Bedürfniße gemeiner wurde; so muste überal der eintreende Luxus alle Winke zur Wiederherſtellung der Gymnastik unterdrücken. Bis auf welchen Grad der ſo hoch geſtiegene Luxus in unſeren Tagen, jeden Begrif von der Nothwendigkeit Leibesübung verdränget hat, kan man aus jetzigen Zeitvertreiben in müßigen Stunden der 142 der Jungen und Alten leicht abnehmen. älteren Zeiten wurden dergleichen Stunden mit solchen Spielen zugebracht, bei welchen der Mensch seinen Körper bewegte. Man spielte Kegel; man übte sich im Feder=Ballspiel; Ballonschlagen; man hatte das Mailspiel Und das Billardspiel, auch mehrere andere. man darf jetzt sagen: An die Stelle aller diese dem Körper nützlichen Spielen, ist das der Seile und dem Körper in so manchen Fällen höchst ſchädliche Kartenſpiel voͤllig allgemein geworden. Ich kenne Landbäuſer, auf welchen man die mehreste Zeit des Tages im Sommer, Morgens nach genommenem Frühstück anfängt Karten zu spielen; sich um die Mittagzeit eben ein wenig zu Tische setzet, und nach aufgehe bener Tafel wieder den Spieltisch besuchelmit dieser Beschäftigung den Tag endiget, hoͤchstens nur am Abend geschwind noch einen kleinen Spatziergang verrichtet. Auch stehe man Kinder von vier bis fünf Jahren ſchon fleißig in den Karten spielen. Nichts ist ab jewißer, als daß dieſes Spiel der Geſundheit höchst nachtheilig ist, ja in der großen bei mancher individuellen Person nicht selten eine Krankheit ungenesbar macht. Denn, auſter der gänzlichen Entsagung der Bewegung welch es erfodert, und des daher entspringenden grossen Nachtheils für die Gesundheit, verurſacht das anhaltende Kartenſpiel noch überdem daß dem Körper den grösten Schaden darin, es die Ausdünstung verdirbt. Denn zufolgt 143 verschiedener unwiedersprechlichen Erfahrungen wird die Ausdünſtung durch jedes anhaltende Anstrengen des Kopfs unterdrücket; ist nun mit dieſem Anſtrengen eine unangenehme moraliſche Empfindung wie z. E. beim Verlust, verbunden; ſo gehet die Ausdünſtung faſte gar nicht von ſtatten. Außer diesen innerlichen Ursachen ist noch eine wichtige äußere, nemlich diese; daß spielende Gesellschaft in Zimmern eingeſchloßen ſtille ſitzet; die Luft wird alſo daſelbſt nicht allein immer unfähiger die ausdünsten sollenden Theilchen aufzunehmen; sondern manher ſauget dabei giftige Theilchen die aus aneren, wenn schon noch so vornehmen, und ſauber scheinenden Körpern würklich ausgeinſtet ſind, wieder ein; er behält folglich die seinem Körper verdorbene Theilchen zum ül, und sammlet überdem noch andere schädhinzu. Dies ist mehrentheils der Fal bei zahlreichen Assembleen, wovon der Arzt der Großen Welt, fast immer dergleichen en mehr oder minder beobachten kan, nachobige Umstände mehr oder weniger vorgegangen sind. Und was wil man endlich unserm Zeitalter sagen, wenn man bedenkt, der Ton in demselben mit sich bringt, daß jenigen Kranken, welche bei obgedachter sauLebensart ihre Gesundheit verlohren habei denen nur scharfe Säfte in den Adern eben herumschleichen; die mithin einer obllig umgekerten Lebensart und solcher Mittel dürfen wodurch das Blut wieder mit mehrerej 144 rerer Lebhaftigkeit und Ordnung herumgetrieben werde, damit die Absonderung der verdorbenen Theile vor sich gehen könne; daß sage ich die ſe Kranken aus ganz Europa an einem Ort sammen kommen, um unter dem Schein einer Brunnenkur, alle dieſe Exceße in dergleichen Spielen noch viel stärker zu treiben? Freilich gehen einige in dem besten Vornehmen dahin, und würden auch durch den Gebrauch beBrunnens; einer damit verpaarten gehörigen Bewegung, und übrigen Verhaltens ihre verlohrne Gesundheit wieder erhalten. Allein ist nun einmal der Ton daselbst, daß wer nich mit macht, auch nicht zur großen Geselschaft gehöret; die Ehrgeitzige geben aus Schwächt nach, und haben wenn sie ihren kränklichen K per wieder nach Haus geschlept haben, die Beruhigung daß man ihnen nachſagen muß Sie hätten wie Leute von Stand und Distition gelebt. Andere verführet die Lust, weldie aufgehäuften Goldberge in ihnen erres und werden mehrentheils nicht eher klug, sie mit ihrem eignen Golde diese Berge, mit denselben die Verführung für andere größer gemacht haben. Auch hört man nicht mehr daselbst von Genesung wichtig Krankheiten reden, die durch die Gesundbruch nen wären bewürket worden — sondern bon ton bringt es mit sich, daß man sich zählt was dieser oder jener gewonnen, verloren habe. Und die moralischen Folgendoch davon ist hier nicht der Ort zu reden 141 Was meinen Sie, Mein Freund! ſolte in nachherigen Einrichtung der Arzneikunst nicht ebenfals eine Hinderniß zur Wiedereinführung der Gymnastik gelegen haben? Ich glaube es allerdings. So bald man nemlich anfienge es zu klein zu halten, ein Beobachter der Natur zu ſeyn; man ſich nun aus den Materialien, welche die Alten geliefert hatten, eine erhabene Theorie zu bilden bemühte, ſchlich ſich nach und nach die Theorieſucht ein. Nothwendig muſte man ſich dabei von dem Wege Natur immer mehr entfernen. Man glaubte durch Theorie und Kunst dasjenige sichrer und geſchwinder erreichen zu können, was die Nanur allein nach langwieriger Uebung geähret; und bei anhaltender Bewegung bewahret. ieſer Wahn gewann bei mehrerer Einführung Chemie, hauptsächlich der Alchemie, und gebildeter Erfindung der Universalarzneien, benstinkturen und Essenzen 2c. so viel eher lauden; und auf diese Art verdrang die Kunst, Natur zum grösten Nachtheil der Menschen, enn schon hier und da, die Universalarzeneien, Scharlatans, und den Herren, welche ihr Privilegium ertheilten, großen Nutzen eingen. Eine wichtige Urſache warum die Gymaastil aber nicht wol allgemein wieder eingeführt werden wird, liegt in den jetzt ganz verschiedenen Staatseinrichtungen, und hauptsächich denen der Armeen. So lange nemlich der Miles 146 Miles perpetuus noch nicht Mode war, musie das ganze Volk ſich jaͤhrlich in Kriegsübungen versuchen. Diese muthigten nicht allein die Jugend sondern auch andere an, um ähnlich oder doch andere Leibesübungen zu machen. Bei der jetzigen Einrichtung fält dieses abe alles weg.— Noch mehr verdarb ein Mönch die sen Spaß; ich meine den Berthold Schwarz der durch die Erfindung des Schießpulvers Kunst erfand, seine Gegner auf eine weit Entfernung, ohne daß man Leibeskräfte nöthig habe, nemlich durch einen bloßen gerdruck zu zertrümmern. Die Jugend brauch daher jetzt nicht mehr ihren Körper durch vorhergegangene Uebungen vorzubereiten, starke und beherzte Gegner zu überwinden; dern es komt nur auf die Geschicklichkeit List des Feldherrn, bei jetziger Art zu krie an, um allenfals mit blos gedungenen gern die gegenseitige Armee von lauter ſt tapfern Soldaten, und wären es auch aussuchten wie die aus der Armee des Alek ders, zur Flucht zu zwingen; oder sich ruh todt schießen zu laßen. Es wäre selbst ein litisches Problem; ob wol, wenn die Gymn stik wieder ordentlich eingeführet würde, hin die Soldaten ganz ungleich mehr Leibes: Seelenfestigkeit erhalten würden, diese der Subordination sich so fügen und in chen Fällen nur als bloße Maschinen gebrauclaſſen würden. Jedoch hievon gehet die sung mich nicht an. Mir ist's genug, 142 hoffe, meinem Versprechen ein Genüge geleistet Ihren eine kleine Schildrung der Gymnaſtik der Alten ſo wol, als der der neuen gelieferr zu haben. Ihre Frage, ob wir dann nicht Hofnung haben könnten, daß die Gymnastik wieder auf eine gewiße, ordentliche und nutzbare Weise für Publikum, eingerichtet würde? brauche ich Ihnen also wol nicht sehr weitläuftig zu beantworten. Sol dieses bei der öffentlichen Erziehung, auf eine nützliche Weise geschehen, dann müssen auch öffentliche Einrichtungen gemachet werden. Zu diesen wird aber Geld fodert; und was meinen Sie; solte wol ein Plan dazu an vielen Orten willkomm ſeyn? möchte wenigstens keinen dazu entwerfen. Vieleicht ist dieses dem großen Volkserleuchter Joseph aufbehalten: Dieser große Kaiser wäder Mann, der durch seinen unermüdeten ß, und ausgezeichnete Mäßigkeit, aus den gezogenen Klostergütern diesen Artickel der ziehung nicht allein durch leichte Anweisung dazu erfoderlichen Kosten, sondern auch rch kluge Einrichtung, und was noch mehr durch Darstellung seiner Person als Muam glücklichsten herstellen könnte. Wenighat die Schuleinrichtung viel von dieſem marchen zu hoffen. — Ich werde jetzt in folgenden Briefen bei einigen Hauptpunkder Erziehung zeigen, daß die Alten in ihrer Vorſchriften, um dem Körper ſo wol als K 2 der 148 der Seele wahre Festigkeit zu verschaffen, eigentlichen Weg der Natur eingeschlagen sind auch werde ich noch hier und da einige bemerkte Winke derselben, näher benutzenben Sie recht wol. Sechszehnter Brief. Kein Wort in der Welt ist wol unter verschiedenen Bedeutungen gebraucht; mißverstanden; und mit keinem sind mehrunbestimmte, ja völlig unrichtige Begriffe bunden worden, als mit dem Worte Natur Unter den Philoſophen ſelbſt iſt's mehrmal kein Häärchen beßer damit gegangen. wil man die Sache selbst in ihrem gan Umfange dadurch verſtehen: und von wird so gar der Schoͤpfer selbst mit dem A system, durch diesen unbestimten Ausdruck verwechselt: bald aber verstehet man durch ſes Wort nur gewiße Attributen einer Sach Kurz gesagt, Mein Freund! diese Unbestimheit rührt von nichts anders, als aus Mangel, daß man keinen richtigen Begriff davon denkt, und nicht auf die erste Grundil zurückgehet. Eigentliche Schwätzer brauch also das Wort nach ihrem Gutfinden bald 149 bald anders, nachdem sie glauben auf diese oder andere Art ihre Unwißenheit durch den Schein der Gelehrtheit bedecken zu können.— Sie begreifen leicht die Urſache warum ich hiemit meinen Brief anfange. Sie wißen es ebenfals gar zu wohl aus der Erfahrung, in wie vieler Mund das Wort Natur bei der Erziehung gehöret wird. Frägt man die Eltern wie sie ihre Kinder erziehen, ſo ſind ſie gleich mit der alles bedeutenden Antwort fertig; es heißt: ich ziehe mein Kind nach der Natur auf; ich folge der Natur; oder, ich laße der Natur ihfreien Lauf u. s. w. Mischt man sich aber sodann weiter ins Gespräch, und frägt man sie solches bewerkstelligen, und auf welWeise sie ihrem vermeinten Grundsatz getrei zu seyn sich bestreben, und das Glück Kindes dadurch zu bauen glauben; so komt mit ihnen gemeiniglich nicht weiter, als man merkt, daß sie so gar von ihrem undsatz, dem Principium ihrer Handlungen einmal einen deutlichen Begrif haben; nicht die eigentliche Natur es ist, welche eitet, sondern daß ihre mangelhafte Verſtandeskräfte, nebſt der verdorbenen Einbildung ihnen ihren Grundsatz wornach sie bei der Erziehung handeln, erſchaft. Hiebei iſt's dann auch warlich kein Wunder mehr, daß ſo viele Erziehungen mißrathen; so viele Kinder verzogen werden. Und wenn man noch genauer unterſucht, dann findet man's oft noch ſchlimmer, daß nemlich gar kein Grundſatz, mithin gar 150 gar kein Plan zum Grunde der Erziehung liege. Hiedurch kan die Bildung des Zöglings nicht anders als von allen Seiten schwankend werden, mithin wird das Kind nachher, wenn es keine hinreichende Energie in sich selbst hat, in der Welt immer herum ballottiret werden. Und dieser Rücksicht ist's oft beßer, einen mangel haften als gar keinen Plan zu haben, inden im ersteren Fal, doch eine oder mehrere Seiten des Kindes eher gut und fest werden mü Denn, da nach einem bestimten Plan handelt nichts anders ist, als von einem Punkt, welche den deutlichen Grundbegrif ausmachen muß ausgehen, und in einen andern Punkt der Endzweck vorstelt sich endigen; so wird immer mehr in ersterem Fal auf einer den Linie bleiben, mithin den Grund zur keit legen. Unendlich besser ist's aber freilich wenn der erste Punkt bei den deutlichen wahren Grundbegriffen anfängt. Da ich mich nun nothwendig mit Ihnen, Mein Werthef Freund! von der Natur bei der Erziehung unterhalten muß; so ist es meine erste P Ihnen deutlich zu zeigen was ich daꝺur verstehe. — Durch Natur versteht man neu lich im allgemeinen Sinn, den Innbegriſt Eigenschaften der Dinge: oder nach Kannt, Daseyn der Dinge, so fern es nach allgem nen Gesetzen bestimt ist. Der Natur folgt würde also nichts anders heissen, als den genschaften der Dinge folgen. Hiebei sind aber noch weit von einem deutlichen Begl 151 entfernt, um wißen zu können was es eigentlich heiße der Natur bei der Erziehung folgen. Damit Sie mich hierunter begreifen, wil ich Ihnen ſagen, daß ich dadurch eigentlich verstehe Alles dasjenige bei der Erziehung sorgfältig zu vermeiden, und wegzuräumen trachten, was der regelmäßigen und gehörig geschwinden Entwicklung der eigenthümlichen Kräfte des Zöglings entgegen, oder behinderlich seyn, und obgedachter Kräfte Richtung, mithin die daraus folgende Triebe stören kan; dabei aber auch alles vorzukehren, wodurch jedisharmonischen Würksamkeit eine beßere Richtung gegeben werden kan. Sie ſtutzen, Mein Freund! und ſagen: Wenn's wahr daß dies der Natur folgen heißt, dann kan sehr wenig bei der Erziehung thun. Um dieEinwurf in sein gehöriges Licht zu setzen, ich den Ungrund worauf derselbe ruht ecken. Wir zum Stolz so leicht verführte Kenſchen, denken uns ſo gern in eine Lage terein, worin wir etwas neues hervorbringen, ſchaffen können; das heißt, wir ambizionniin so fern Positiv würkende, das ist, neue Kräfte erſchaffende Geſchoͤpfe zu ſeyn; und wenn das Ding doch beim Licht der gesunden Vernunft, das ist nach der Logik, betrachten, dann iſt's nichts als Illuſion; und alle unſre vorhergegangene Würksamkeit ist bei derſelben Vergleichung mit dem Reſultat, im genauen Siv 152 Sinn nur negativ gewesen; das ist, wir haben aufs beste genommen, durch unsre Bemühungen die Hinderniße aus dem Wege geräumt, welche der zweckmäßigen Bestimmung eines Dinges wiederstanden. Das mehr thun wollen bei der Erziehung hat so manchen für ausZögling unglücklich abgeloffenen Verſuch geheckt; und wie mancher Kranke ist daruͤber durch seinen Arzt oder Wundarzt getödtet, mehr thun wolte, als die Hinderniße, welche der Erlangung der Geſundheit im Wege ſtan den wegzunehmen? Der Erzieher kan in nem Zögling eben so wenig eine neue Kraft erschaffen, als der Arzt dem schwachen Kre ken, deßen feſte Theile, durch die darin enth tene faule flüßige Theilchen auf einen gewiſt Grad erschlaffet worden, im eigentlichen stande neue Kräfte geben kan. Nur kan Arzt in dieſem Fal entweder die erſchlaſſe Eigenſchaft der flüßigen Theile heben; durch einen herfürgebrachten Reitz in den festen Theilen, die Bewegung derselben vermehren, und dadurch die Absondrung der faulich Theile begünſtigen. Nicht anders verhält ſich bei der Erziehung. Bei derſelben kan m im physischen nichts mehr thun, als die eig lichen phyſiſchen Kräfte ꝺes Zöglings, Ꞻur Wegräumung alles ꝺeſſen, was der gehoͤrigt Nahrung und Erhaltung des Körpers im Wesstehet; und durch die, mittels gehöriger Uebuns vermehrte Fertigkeit in allen und jeden Bewe gungen und Veränderungen des Körpers 153 erhöhen. Eben so geht's im moralischen. Denn, was kan der Erzieher dabei mehr thun, als beim Kinde, durch Beibringung deutlicher Begriffe von den daßelbe umgebenden Sachen, derſelben Werth, und moͤglichen Relationen, und überhaupt von seiner eignen ganzen Bestimmung; den Willen und das Beſtreben zur Erreichung guten Endzwecks zu erwecken; und dieses Beſtrehen, wo die Seele durch andere Gegenstände von einer falschen Seite zerstreuet, oder träg. geworden, durch allerlei Reitze wieder in gehoͤrige Lebhaftig= und Thätigkeit zu setzen? Und in Wahrheit, Mein Freund! ſagen Sie doch, was solte wol bei den kurzsichtigen griffen der Menschen von Glück und Beſtimmung aus dem Kinde werden, wenn die Eltern vermögend wären dergestalt in ihr Kind zu würken, daß sie diejenigen Veränderungen in ſelben nach Wilkühr ſchaffen könnten, die dem Kinde zur Ausführung ihres Plans wünſchen? ja, was würde der Menſch ſelbſt erden, wenn er dergleichen positive Kräfte in ſelbſt legen könnte? Ich glaube nicht, daß begehren würden in der Geselschaft dergleichen Kraftgenien zu leben. Es bleibt alſo dabei, daß der Erzieher bei ſeinem Zögling in obigem Verſtand weiter nichts thun kan, als Hinderniße so der regelmäßigen und gehögeſchwinden Entwicklung der natürlichen Anlage des Kindes, oder der gehörigen Richseiner Triebe, im Wege stehen wegzykäumen; die lahm gewordenen Reſſorts ſo viel möglich 154 möglich zu spannen, und überhaupt allen Kräften eine harmonische Richtung zum Ganzen geben. Im Grunde sind hier also zwei Klippen, woran man scheitern kan. Das zu viel, und das zu wenig thun. An die erstere stößt, man und scheitert gemeiniglich alsdann, wem man neue Kräfte glaubt in das Kind legen, oder solche Kräfte in demselben entwickeln können, zu welchen es doch kein Vermögen oder Anlage hat. Und an der zweiten Klipf ſcheitern alle diejenigen, welche bei ꝺer Erzie hung alsdann der Natur zu folgen glauben, wenn sie müßige Zuschauer dabei bleiben, und den Ausartungen der Kräfte, nicht vorzube gen bemühet sind. Laßen diese doch auch Kind, welches das Feuer noch nicht kennet, nicht in daßelbe hineinlaufen, sondern halten es in seinem Laufe auf, damit es sich nicht ganz verbrenne. Urtheilen Sie nun, M. S ob mein Begrif von dem was es heißt, der Erziehung der Natur folgen, richtig oder unrichtig sey. Der weiseste Schöpfer hat hier, wie überal, und das bei der Kurzsichtig keit der Menschen zu ihrem offenbaren Beste dergestalt eingerichtet, daß derselbe nie Herr über das Resultat ist, noch seyn kan. Wenn man daher bei der Erziehung bann Jugend, der Natur eigentlich folgen wil, komt es hauptsächlich von Seiten des Führers, oder der Eltern, bei dem schon im ersten Brie erwähnten Nachahmungstriebe der Kinder, 155 ſich nemlich nach ihrem Führer zu bilden, und den Kindern angebohrnen Neugierde, auf deutliche Begriffe, körperliche Fähigkeit und Treue an. Ehe ich weiter gehe, erlauben Sie mir von diesen dreien verschiedenen Punkten ein Wörtchen mit Ihnen zu reden. Dieſe Materie für Eltern und Kinder höchst wichtig; und fürnemlich ersteren, wenn sie im Fal sind ihren Kindern Hofmeister und Hofmeisterinnen gezu müßen, ganz unentbehrlich zu wißen. Daß an Seiten des Führers auf deutliche griffe ankomme, wird niemand in Zweifel ziehen; da, wenn der Lehrer keine hat, auch natürlicher Weise der Lehrling keine von demselben erlernen, noch Lust und Bestreben nach selbigen erhalten kan. Und siehet das Kind seinem Führer, daß derselbe nie bei dunbegriffen stehen bleibt, wenigstens sich nicht beruhigt, dann wird nach und nach das im den dunkeln Begriffen desto mehr Feind en, und in jeder ihm vorkommenden Sache, eder durch Fragen, oder eignes Nachsinimmer dem Grunde näher zu kommen emühen. Der Forschungstrieb wird datäglich dadurch bei demselben zunehmen. st aber nicht das einzige; denn, da sich vorhin gezeiget habe, was es eigentlich agen wolle, bei der Erziehung der Natur folſo erhellet, daß wenn man ſolches mit eruhigung ſeiner ſelbſt thun wil, es durchaus gothwendig ſeye, daß der Führer des Kindes, hinreichende Kenntniße von den eigenthümlichen Kräf 156 Kräften deßelben, derselben Richtung, mithin von deßen Trieben nicht allein besitze; sondern daß er nicht weniger alle die Hinderriße kein nen müße, welche der gehörigen Entwicklung ſich entgegen ſetzen können. Warhaftig! wer die ſes wol bedenkt; und es iſt doch an der War heit deßelben gar nicht zu zweifeln, dem muß bei jedem Verſuch ſich in die Erziehung G mischen, ein heiliger Schauer ankommen. wiß iſt es das allerwichtigſte, aber auch allerschwerste Geschäft. Und da der Hofmeister, wie ich schon im ersten Briefe gesagt be, ſich nicht allein in das Spiel ſeines Kinds mischen, ihm dasselbe gleichsam vormachen solſo iſt es nothwendig, daß er ſolches mit gehörigen Geschicklichkeit und Anstand könne; und überhaupt, da das Kind ihm allem nachahmt, so muß er in allen seinen auswendigen koͤrperlichen Bewegungen stets suche ſeinem Kind ein nachahmungswürdiges Muſ zu seyn, und zu scheinen, Wie viel Treue — wie viel Verläugnung wen wird also nicht beim Hofmeister erfodert, er zur Bildung seines Zöglings dasjenige tragen wil, was er eigentlich in seinem nommenen Amt leisten sol? Er muß sich in das Kind hinein denken, und selbst in man chen Augenblicken ganz Kind seyn, wenn nicht seinen Zögling in Gefahr setzen wil, der Nachahmung, Verſuche zu machen die nicht anders als sehr nachtheilig für ihn seyn können. Ueber Ueberhaupt muß es eine der Hauptsorgen bei der Erziehung seyn, wenn das Kind den Gesetzen der Natur gemäß erzogen werden sol, daß nemlich daßelbe stets darin geübet werde, um nicht allein einzuſehen daß alles in der Welt nur relativ gut seyn könne; sondern um selbst die verschiedenen Relationen, und den eigentlichen besondern Werth der Sachen gehökennen zu lernen. Man muß deswegen alle Weiſe ihren Verſtand üben, daß ſie vorher die Folgen ihrer Handlungen einsehen, abwiegen können. Wie wollen sie sonst lerkleineres, öfters nur im Schein beſtehendes Gute aufzuopfern, um das größere erlangen? Nichts ist aber hiebei nöthiger, sie recht lehren den Werth der Zeit von ersten Jugend an zu beherzigen, und selals nur der Ausübung ihrer Pflichten pfern. Immer muß bei dieſen und jeden Vorfällen die Politik des Hofmeisters seinem Kind den Nutzen welcher aus dieErkenntniß und Aufopfung fließt, zu zeigen und so viel es thunlich ist anschaulich zu en; denn, man mag den Menschen drehen wenden wie man wil, so ist und bleibt immer der Eigennutz, die Triebfeder und aller ſeiner wilkührlichen Handlungen. Wie vieles hatten aber die ältesten Völihrer Erziehung in der leichteren Errichung des Endzwecks in manchen Stücken brand Ihr großes Principium bei allen ihren Er 158 Erziehungsanstalten war, die Zöglinge überal, auch selbst bei ihren Spielen, durch anschau liche reelle Gegenstände zu reitzen, um mit ganzer Anstrengung ihrer Kräfte jede Sache ordentlich, wie sich's gehörte zu machen. Ueber ral verschafte ihnen der Staat Aussichten wichtigen Belohnungen; und daher stieg auch die ausschliessende Liebe zum Vaterland bei ihnen, fast bei jeder Gelegenheit zur heftigsten Leidenschaft. Ihre Erziehung war also viel beßer als die unsrige, weil sie zweckmäßiger war. Und zweckmäßiger konnte sie seyn, weil Ziel genau bestimt, und der Weg dahin kurz war. Alles Augenmerk richtete sich bei ihm auf körperliche Kraft und Geschmeidigkeit; Thätigkeit besonders für's Vaterland; auf folgung der Zwangspflichten, und auf Feſtider Seele. Aber alle diese Triebfedern sind sie? Kan auch der Vater jetzt wol der nemlichen Energie sein Kind zu irgend nen besondern Stand erziehen? ihm eine meralisch gute Erziehung geben, nachdem gewiße, anschauliche für die Zöglinge mehre theils wegfält? Wie beschwerlich ist's die rigen Triebfedern zu finden, den nöthigen Reitz zum moraliſch Guten durch die Schildrung Aussichten in die Zukunft zu erwecken, seitein großer Theil der Staatskörper dergeſt eingerichtet ist, daß es zur Beibehaltung Ordnung durchaus nothwendig ist, die Mens ſo zu ziehen, daß ſie ſich als Maſchinen drei und wenden laßen, wohin der Vorgesetzte Sta 159 Staats es nach seinem System dienlich und vördig zu seyn glaubt? und seitdem der Luxus einen so hohen Grad gestiegen, daß die mehreſten Menſchen nur hauptſächlich ſich um Geld zur Bestreitung der nöthigen Ausgaben bewerben müßen; wo also der Mensch nach und nach alle, auch seine ersten und wichtigsten Pflichten dem Gelde aufopfert; für Geld sich nicht allein zu allem brauchen läßt; sondern es nur deßen Menge ankomt, um ohne Anſtand Lahrheit und Gerechtigkeit offenbahre Fehde hwöhren; da sage ich, kann die Erziehung nicht anders als die erbärmlichste seyn. sehen, Mein Freund! daß dabei die Menviel eher verfaulen müßen; ja, daß man und da wol einmal aus Politik muß aulen laßen. Denn, daß bei jedem Menſchen allerbesten Anlage, so bald er nicht höhere Triebe zurückgehalten, sondern Sinnlichkeit überlaßen wird, letztere nicht immer zu, und deßen Moralität immer abnehmen; und der Mensch selbst sich zuletzt in gänzlichen Ruin, in Fäulung auflösen müße, kein Mensch läugnen. Wie abscheulich unig ist daher der Schluß derjenigen Eltern; wie ſehr wird das Roußeauſche Principinn. misgedeutet, wenn sie glauben, der Nafolgen, heiße eben so viel, als der Sinnkeit folgen? Dies heißt, seine Kinder dem sischen und moralischen Verderben zurennen laßen. Jedoch hievon muß ich noch weiter wenn ich mich mit Ihnen von der Nothwendigkeit 160 wendigkeit der Enthaltsamkeit unterhalten werde. Nur jetzt muß ich Ihnen noch ſagen, daß dasjenige was auf diesem Wege einzelnen Mein schen geschiehet, auch das Looß ganzer Staaten iſt. Der, ohne gute Richtung und Führung selbst überlaßene Staat, wohin verfält er? Um terſuchen Sie die Geſchichte von Anfang Welt, bis auf den heutigen Tag, so werden Sie finden, daß mit der überhand genommenen allgemeinen Sinnlichkeit, alle Laster in gleichen Grade stiegen; und jede Tugend gleichsam ver bannet wurde, bis der ganze Staatskörper völlig aufgelöset worden, oder noch vor diesen Zeitpunkt wieder in die gehörige Richtung 6 bracht wurde. Sollen wir aber nun, M. Fr.! in dieser mißlichen Lage, bei jetziger Verfaßung und Maugel der öffentlichen Triebfedern zur Erlang und der Stärke und Festigkeit im physischen moralischen, unsern Muth aufgeben, und zweifeln? Nein, daß ſei ferne. Das hieße allweise Vorsicht selbst einer Unordnung und Ungerechtigkeit beschuldigen. Sie setzt nemlich nie allein auch hier dem Verderben Maaß und sondern sie sorgt immer, daß es dem Mensch nie an den gehörigen Bewegungsgründen Guten fehle. An statt daß in den vorigen rioben, die Menschen durch den Patriotismus, und den mit demselben verknüpften Nutzen, anhaltenden Eifer in ihrer Vervolkommnung mer weiter zu gehen, stets angespornet den; 161 en; so sollen sie jezt durch erhöhete moralische Begriffe und Gegenstände geleitet, und zu ihter Vervolkomnung angesetzet werden. Ich meine nemlich durch die geoffenbarte chriſtliche Religion, und die darin ertheilte Lebensvorschriften. Wenn Sie ohne alles Vorurtheil hier mit kaltem Blut untersuchen wollen, dann wereingestehen müssen, daß keine Vorschrifglücklichen Entwicklung der menſchliNatur so angemessen sind, als die der hen Moral. Denn, welcher Philoſoph wol das innere des Menſchen, auch geheimere Triebfedern und Schlupfwinckel als Paulus? Wer lehrte mehr in allen aalen standhaft und guten Muths, mitalle Fälle gefaßt, und in dem Stand immer die beste Partie zu ergreifen, wer zeigte den Nutzen und die Notheit überzeugender, den Lüsten die den verderben, das ist der übertriebenen hkeit zu wiederſtehen? kurz, M. F.! wer auf eine einleuchtendere philosophische beſſer die Nothwendigkeit einer moraliFestigkeit; und zugleich auf eine so deutzeugende Weiſe, wie ſelbige zu erlanals eben dieser Paulus? O möchten Menſchen doch recht ſtudieren, und ſich bei demjenigen aufhalten, und an stossen, welches er nur für damalige schrieb, und auf die unsrige freilich nicht passen kan. — Sie können sich von der lichkeit und dem ausgebreitesten Nutzen der 162 der chriſtlichen Religion von dieſer Seite nicht deutlicher überzeugen, als wenn Sie sich schiedene der verwickeltesten Fälle, worin Mensch versetzet werden kan, denken; und dann untersuchen, wie ein solcher Mensch bei jedem Fal, nach den Vorſchriften obgedachter Religion, und den Regeln der menschlichen Klugheit verhalten sol. Leztere wird auch durch erstere nichts weniger als ausgeschlossen, dern sie ist vielmehr zur Erkenntniß desjenig was bei jedem besonderen Umstand zu th oder zu lassen ist, äusserst nöthig. Wenn sage ich, gehörig untersuchen, so werden jederzeit, und das ohne einige Ausnahme den, daß man dabei nicht allein zufolge Regeln der Menschenkenntniß, den sichersten wandelt, sondern am gewissesten die eigentl. Hochachtung der vernünftigen Welt nicht all sondern am Ende auch die seiner ärgsten sich erwirbt; das Resultat mag auch selbst fallen wie es wolle; denn letzteres hängt, Sie wissen, von so vielen Umständen ab, es nur allein unvernünftige Menſchen ſeyn nen, welche blos darnach die Absicht und lungsart des Menſchen beurtheilen. ich komme meinem Zweck noch näher und haupte, daß die Vorſchriften der chriſtlic Moral, den Lehrer ſo wol, als den Zögling das allerpünktlichste in den Stand stellen, jenige bei der Erziehung zu leisten, was bei allen moͤglichen verschiedenen Lagen und hoffen kan, wenn man in der Erzieh 163 der Natur folgen wil. Ich werde dieses nur noch mit wenigen Worten zeigen. Obzwar weder in den Vorſchriften des Heilandes, noch einer Apostel, irgend eine Leibesübung zur Bildun vorgeschrieben ist, so ist solches aus denen im 14ten Briefe angeführten Ursachen gar nicht befrembend. An der anderen Seite finman nirgenbwo in denſelben, irgend eine ure eines deshalb gegebenen Verbotes; wohl verschiedene ausdrückliche Gebote für den zu sorgen, und demselben die gehörige lung nicht zu versagen (a). Da nun aber erdem das Gebot der Liebe, die erſte Pflicht Christen, darin bestehet zu Gottes Ehren gemeinnütziger zu werden; lezteres aber harmoniſche Erhoͤhung aller Kräfte des ers so wol als der Seele, eigentlich nur werden kan; so folget es von dieſer von ſelbſt, daß die ꝺazu dienlichen in der christlichen Religion nicht allein sind, sondern derselben kluge Anwenzu den Pflichten eines jeden Christen gewerden müssen. Mit der angemessensten entlichkeit und Präcision finden Sie aber in gedachten Vorschriften, alle mögliche Anleiund Anspornung, weder durch irgend eiUnmäßigkeit, oder verkehrten Gebrauch des pers, oder eines desselben Glieder den Koͤrzu schwächen; noch weniger durch Bege8 etwas unmoralischen die Seele herabzuL 2 ſetzen (a) Br. an die Koloßer Kap. 2, 7, 63, 164 setzen; sondern vielmehr bei allen Gelegenheiten, wo der edlere moralische Theil des Menſchen, seine Seele, Gefahr laufen könnte von ihre Würde zu verliehren, viel lieber das sie daht führende sinnliche zu verläugnen; und dadurch jedes schädliche Ueberhandnehmen der Sinnlich keit zu behindern. Und wodurch wil man end lich den Zoͤgling auf eine sicherere Weise geden verderblichen Luxus wafnen; ihm den Wert und Unwerth aller der dahin einſchlagen Sachen, und die Folgen des Mißbrauchs derſ ben auf eine einleuchtendere Art zeigen; und in endlich Kraft und Muth einflössen das Urthe der Welt, in so fern nemlich sein eignes A erfodert sich von derselben abzusondern, zu achten, ſondern lieber auch allenfals heimlichen Spott derselben über sich gehen lassen, als sich selbst mit ihr zu verderben Die Bewegungsgründe die uns hier die fenbarte christliche Religion an Hand gesind an überzeugender, überal dauerhafter ke, und leichter algemeiner Anwendung auf und jede mögliche Fälle im menschlichen Lebe ganz unstreitig allen denjenigen so bis erdacht worden, weit vorzuziehen: und Bewegungsgründe sind, ein ruhiges Gewi moͤglichste Beherrschung der Leidenschaften, Wegwerfen aller Sorgen, und völliges Vertrautauf Gott; und alles dieſes ruhet endlich den Hauptgrund aller Hofnung, nemlich eines zukünftigen glücklicheren Lebens, und ligſter Verſicherung der Unſterblichkeit der 165 an deren Fortdauer nach dem Tode des Körpers, auch nicht einmal der, manchen Theologen ſo fürchterliche Verfaſſer der Fragmente gezweifelt hat. — Diese in der Erziehung nunmero anzuwendende Bewegungsgründe, zum möglichsten Bestreben, jede so wol physische, als moralische Anlage nach allen Kräften zu entwickeln, ſind nun wol freilich nicht mehr sinnlich und anschaulich; folglich für den blos sinnlichen Menschen gehörig zu fassen, beörlicher; dagegen aber, so bald er selbige eingesehen und von derselben Richsich überzeuget hat, als höhere moraund geiſtige Bewegungsgründe dauerhafstärker würckend, und in allen möglichen hen Vorfällen des Lebens leichter jedem anzupaſſen. Wahrhaftig, Mein Freund! auch die Erzählung vom zukünftigen Leeine blosse Erdichtung, so möchte ich doch alles in der Welt nicht, daß man in diefal die Illusion verlöhre, daß sie eine unprechliche Warheit ſeye; indem ich nichts wodurch der Menſch an der einen Seidenn er auf einen Irrweg gerathen, wiegeschwinder zurecht, und zu einer ruhigen gen Gemüthsverfassung gebracht werden als durch obgedachte Ueberzeugung, und daraus fliessende Triebfedern, für seine lungen und an der anderen Seite kan gnügen des geselligen Zusammenlebens durch nichts so sehr als durch algemeineusbreitung der Rechtschaffenheit, und des Trie⸗ 166 Triebes zum Algemeinnützigseyn, erhöhet werden; ja, ohne dieses kan kein dauerhaftes glückliches Zusammenleben gedacht werden. Ungemein traurig ist es aber, daß in unsern Tagen, diese uns gleichsam einzige übrig gebliebene Hauptbewegungsgründe zur gehörigen Entwicklung der menschlichen Kräfte, den jungen Zöglingen entweder gar nicht, oder doch auf eine verkehrte Weise eingeflösset welden. Man fängt hiebei mehrentheils da an, wo man aufhören solte. Man zwingt nemlich das Kind seinen Kopf mit Sätzen anzufüllen, die es gar nicht versteht; ja man erzaͤhlt ihm allerlei Geschichten aus der Biebel, als Glaubensartikel vor, worüber doch die bewährtesten heutigen Schriftausleger selbst noch streiten; und die mehreſten fangen ſelbſt ihren Religionsunterricht mit den für allen Menschen undurchdringlichen Religionsgeheimnissen, z. E. Dreieinigkeit u. s. w. an; ja, einige zwingen gar ihre Kinder die Distinktionen und Diviſt nen, welche die Theologen nach ihren mangt haften Privateinsichten gemacht haben, ihren Gedächtniß einzuprägen. Bei dem den dern ſo ſehr anklebenden Hang zum wunderba ren kan es nun nicht allein nicht fehlen, ihre Einbildungskraft mit allerlei möglichen, auch den bizarresten Bildern angefüllet; ferner wegen des ihnen angethanenen Zwang jeder eignen Befleißigung in Erlernung nothwendigen Religionswarheiten abgeſagte F 167 de werden: und was dann am Ende das schlimmste ist, ist dieses, daß das Herz bei alle dem völlig kalt geblieben, folglich der Endzweck der Religion, der Trieb zur Vervolkomnung ganz verlohren gegangen. Warlich! dergleichen Eltern und Lehrer müſſen glauben, daß Bestimmung des Menschen auf dieser Welt seye den Kopf mit Ideen anzufüllen, und übrigene als ein müßiger Zuſchauer, das eigentliche Talent, womit er Nutzen stiften sol zu vergraben. Die Kinder welche dergleichen unglückliche Erziehung gehabt haben, werden, wenn sie nicht durch andere Zufälle auf den rechten Weg zuruͤckgebracht werden, ſondern selbst überlassen bleiben, Kopfhänger; GrübSecktirer; für Staat und für Haushalgröſtentheils unnütze, ja nicht ſelten ſehr schä äche, lieblose Menschen, welche aufs beste mmen, zuweilen die Geistlichkeit noch wol ſchaͤtzen, aber alle andere Menſchen verachten, gar haſſen. Würde man dahingegen Natur folgen und es so machen, wie Alten thaten, die, obschon sie durch keine enbahrung deutliche Begriffe von dergleichen gungsgründen zur Vervolkomnung hatten, innoch die Religion, gleich bei ihren Kindern fiengen zur Angelegenheit des Herzens zu en, dann würde der Zögling nachher, so die daraus fliessende angenehme Ruhe Seele bemerkt; von selbst Lust bekommen auf alle moͤgliche Weiſe in den Quellen zu unterrichten, und alles zweckwiedrige dabei 162 dabei vorbeizugehen. Ich schäme mich hier über unser Zeitalter wenn ich mich an dasjenige erinnere, was ich Ihnen im 12ten Briefe auch unter andern aus dem Plato anführte. Wie weit steht der Unterricht für die Jugend, so in manchen christlichen Katechisationen zu unsrer Zeit gegeben wird, im Werth unter dieser Anweiſung eines Heiden! Jedoch ich bin ganz unvermerkt zu weit in diese kitzliche Sache s rathen; ich mus also abbrechen, wenn ich mit nicht ein Heer von allerlei gefährlichen Menschen, deren Politik durch solche Vorstellung bis ins innerste erschüttert wird, über den Hat laden wil. Ich bin ꝛc. Siebenzehnter Brief. Mit den Begriffen von den physischen Kräten des Menschen geht's, Mein Freund! bei nem groſſen Theil des Publikums nicht besser, als mit denen von der Natur, von chen ich in meinem lezten Briefe mich mit: nen zu unterhalten das Vergnügen hatte. eine sucht sie hierin, der andere darin. glaubt selbige auf dieſem Wege zu erhöh und der andere denkt dieſen Endzweck auf entgegen 169 entgegengesetzten Wege zu erlangen. Die Ursachen dieses Misverständnisses liegen wol gröstentheils darin, daß man an der einen Seite ſich unrichtige Begriffe von dieſen Kräften gemacht, selbige so zu sagen zertheilt hat; und jeder dann denjenigen Theil der Kräfte in sich ſelbſt, oder in ſeinem Zögling zu erhöhen ſuchte, welchen man vorzüglich schätzte, ohne dabei die eigentliche Rücksicht auf das Ganze zu nehmen. Dieſes leztere iſt aber platterdings unintbehrlich nothwendig, so lange das Ganze, Ganzes bleiben sol. Und an der anderen liegt die Urſache des Irrthums darin, man aus einzelnen Versuchen und Erfahgen, übereilte und unrichtige Schlüsse gezohat. Ueber beide Ursachen wil ich mich Ihnen in diesem Briefe unterhalten. „20. Wenn Sie sich einen lebendigen und gesunhierischen Körper vorstellen, dann werden eicht einsehen daß die verschiedenen Verängen, so an demselben 1 so wol innerlich usserlich, wahrgenommen werden, unmögvon einerlei Art Kraft ihren Ursprung nehkönnen; sondern daß dazu nothwendig schiedene, und in ihren Richtungen selbst entjengesetzte Kräfte zusammen kommen müssen, aus dem. Menſchen dasjenige werden, und bleiben sol, was er zufolge seiner Naseyn mus. Es gehört nemlich dazu nicht eine gewisse bestimte mechanische Einrichverschiedener Fasern und Gefässe, sondern auch 170 auch, daß diese Gefässe die Eigenschaft haben, mittels gewisser ihnen angebrachten Reitze, eine gewiſſe beſtimte Veraͤnderung und Bewegung zu untergehen. — Ferner wird zur Herfürbringung dieser verſchiedenen Reitze, nicht allein eine gewisse Menge verschiedener Säfte erfodert, sondern jeder Saft mus seine besondere Kraft haben, in den besondern ihm gleichsam aus wiesenen festen Theil würcken zu können, und zwar nicht mehr und nicht weniger, als Herfürbringung der besondern Veränderung fodert wird: nicht weniger mus eben diese den festen Theilen hervorgebrachte Veränderung und Bewegung auch dazu dienen, die dem Körper unnütz gewordenen Theilchen in gehöriger Menge, und zur ordentlich Zeit wieder wegzuschaffen, damit selbige weder durch ihre Menge noch angenommene Schärfe, Unordnung in obgedachten Veränderungen und Bewegungen hervorbringen können. Hiebei begreifen Sie nun freilich sehr leicht, daß Ordnung des Ganzen, platterdings nothwendis sey, daß diese verschiedenen Fähigkeiten zu reitzen, die und Reitze anzunehmen; daß ſage ich verschiedenen Kräfte, auf eine dem Ganzen gemessene harmonische Weise, überal im Kö per ausgebreitet seyn müssen, wenn nicht all Augenblicke Unordnung in einem beſondern Theil, und eben dadurch nach und nach Ganzen entstehen sol. Die eigenthümlicher physischen Kräfte des Menschen bestehen 171 ausser der mechanischen Kraft so aus der Zusammensetzung entspringt, Erstlich: in einer gewissen bestimten Festigund Reitzbarkeit der Faſern. Zweitens: in der gehörigen Menge und genſchaft der flüßigen Theile, und endlich Drittens: in dem gehörigen Gleichgewicht dieser Kräfte, in ihrem verschiedenen Veriß unter und gegen einander. Wir sehen schon hieraus leicht, was dazu gehöre, bei der Erziehung, von dieser Seite, bei der zweckmäßigen Entwicklung des pers des Kindes, der Natur gehörig zu Ich bitte Sie nemlich sich an den Innmeines vorigen Briefes hierüber zu erin; und glaube Ihnen daher einen Gefallen un, wenn ich obige drei Kräfte, eine nach anderen, der Deutlichkeit wegen einzeln Ihnen durchgehe, und den eigentlichen zeige, welchen man zu derselben Erhöeinschlagen mus. Dies werde ich aber meinen nächsten Brief verspahren, und jetzt noch zeigen, wie man aus einzelUersuchen und Erfahrungen mehrmal verworden, hierüber unrichtige Schlösse zu Obzwar freilich die Menschen von em Werth und den Eigenschaften der Dinge dieser nicht anders urtheilen können, als nach den 172 den Begriffen, welche sie vermittels ihrer Siunen davon erhielten; so wissen Sie doch, wie leicht die Sinnen trügen, und Fallazien aller Art den Menſchen hinter das Licht führen Geſelt ſich nun hiezu Uebereilung; oder eine gewisse Trägheit, mehrere Data zu sammlen, ehe man die Schlußfolge ziehet, dann sehen Sie leicht, warum man im gemeinen Leben s manche Trugschlüsse, folglich auch bei der Erziehung macht. Mehrentheils wird jede Erſcheinung, der unmittelbar vorhergehenden Sache zugeschrieben. Möchte doch bei diesen und al len anderen ähnlichen Fällen das, in der Kunst richtige Schlüsse zu ziehen, mehrentheils so un erfahrne Publikum wenigstens sich mehr ange wöhnen, nichts gewisses in solchen Fällen zu bestimmen, sondern zu denken: Entweder komt dieſe Erſcheinung von der eben vorhergegangt nen Sache her; oder, sie entstehet von einer mehr entfernten; oder vieleicht von allen beidenJede Einwurtzlung des Irrthums würde durch verhütet werden, und die Wahrheit mer freien Zutritt zur Seele behalten. Bei der Erziehung der Kinder, wo ſo viele Verändrungen vorfallen; so m achfaltig wuͤrckende Umstände sind, ist dieser Betrug so leicht; und diese Warnung desto nothwendiger. Sie werden sich gleich noch mehr davon überzeugen. Es giebt nemlich Menſchen die ſo glüc viel lich gebauet, und deren Lebenskräfte vermö 173 vermögend sind, daß sie so fort alle, durch welche Urſache es auch wolle, in ihnen erzeugte überflüßige und schädliche Theilchen, aus dem Körper wegſchaffen, ohne daß je dadurch derselbe in eine eigentliche Unordnung gebracht würde Dergleichen Leute bleiben bei allen Ausschweifungen gesund; und wenn ihnen einmal eine Krankheit überkomt, und ſie ſchon Unglück haben, in die Hände eines mördeArztes zu fallen; so sind sie doch durch ganz verkehrte Arzneien nicht umzugen, sondern werden trotz allem diesem wiesehr bald völlig gesund. Es giebt auch die eine solche glückliche Leibsbeschafhaben, und die natürlicher Weiſe alsauch bei der allerschlechtesten Erziehung mäßig groß und stark werden. — Diese ſtmenſchen ſind aber wol freilich nicht ſo ein. Eine zweite Gattung findet man häudie nemlich einen solchen glücklich bemen Körper zwar haben, daß sie meheils jede Lebensart ungeſtört führen; eine nliche Menge Exceße ohne krank zu wermachen können, aber doch bei Begehung gewißen Exceßes immer, einer Art Zerrütihres Körpers unterworfen sind. Andere lange Zeit hintereinander alle mögliche chweifungen machen; von allen Seiten auf beſundheit losſtürmen; mithin jede Lebensren, und bleiben lange dabei gesund; ühren aber nicht immer alle nachtheilige Theilsondern sammlen, obwol täglich, jedoch 174 doch immer in weniger Meuge dergleichen Theilchen, welche nach geschehener hinreichenden bestimten Anhäufung im Körper, und vorhergegangener ganz geringen Gelegenheitsursache wodurch nemlich nun das Maaß gleichsam voll wird, auf einmal den noch so stark scheinenden Menschen, er sey Kind oder Erwachsener, auf einmal niederreißen, und ihn nur mit genauer Noth dem Tode entrinnen laßen. — Bei auf dern hingegen ist die Einrichtung des Körper so schwach, ja mangelhaft, daß auch bei sorgfältigsten Lebensart, die Anhäufung Kra heit erregender Theile im Körper, nicht verhi tet werden kan, indem die natürlichen Aus rungen; entweder die merklichen, oder unmerk lichen, oder alle beide, nicht anders als unvolkommen von statten gehen können. Von gleichen verschiedenen Modificationen des menscht lichen Körpers könnte ich Ihnen viele Bog vol anführen; ich glaube aber daß die hier gezehlten, hinreichen werden, Ihnen ganz deutlich zu zeigen, wie wenig die Eltern in ꝺen meh resten Fällen im Stand sind zu urtheilen zu bestimmen, welchem Umstand sie eigentlich, entweder die anhaltende Gesundheit des Kindes oder, die demselben zugestoßene Unpäslichkeit schreiben müßen: und wenn sie schon durch reichend vorhergegangene Erfahrungen selbmit völligster Gewißheit entdeckt haben, doch deswegen gar nicht davon auf andere! der schließen, und glauben dürfen, daß das gültig nige was einem Kinde, nützlich, gleich 175 oder schädlich gewesen, solches beim andern Kinde die nemliche Würkungen hervorbringen werde. Sie ſehen daher daß es gar kein Wunder st, daß so verschiedene entgegengesetzte Mittel zur Erlangung phyſiſcher Stärke; ja ganze Erziehungsmethoden erdacht, angerathen, und zuweilen mit Enthusiasmus ausgeführet worden, auf solche unverdaute Schlüße sich gründeren; und an ſtatt den Kindern Leibesſtaͤrke zu schaffen, vielen derselben das Leben abkürzten. ist hiebei sobann schädlicher und der mehr zuwieder, als das erzwingen wolund wie gemein ist solches in unsern TaWie oft habe ich mit dem grösten Mitwahrgenommen, daß Eltern, die bei gewißen Lebensart, andere Kinder hatten gesund und stark werden, nun ebenfals rem Kinde alles das thaten, was die anEltern gethan hatten. — Das Kind ſolte nuſte nach ihrem Gedanken auf dieſem gleich als ob es im Brüthkasten getriewürde, geschwind und glücklich seine phyKräfte entwickeln; und eben dieser der angethane Zwang erzeugte den Wurmwelcher die Frucht noch ehe sie reif werkonnte, abfallen machte. Dieser Weg, diese Art bei der Erziehung zu raisonniren, also demjenigen, auf welchem man der Nafolgt, mehrentheils schnurstracks entgegen. hten doch alle Eltern und Erzieher den Inne 176 Innhalt dieses Briefes beherzigen; sich vor je dem übereilten Schluß in der Zukunft hüten; und in zweifelhaften Fällen, jederzeit sich dem Urtheil des von der Lage gehörig unterrichten ten Kunstverständigen allein überlaßen. Wenig stens haben sie sodann ihrem Gewißen Genügt geleistet, und sich weiter nichts vorzuwerfen. — Achtzehnter Brief. Sie müßen hier, M. Fr. gar kein metaph sches Raisonnement über das, was Kraft wol gar was eine Urkraft ist erwarten. gleichen blos abstrackten Speculationen bin ſo bald von Beſtimmung irgend eines Satz der beim Menschen praktisch angewendet den ſol, die Rede iſt, von Herzen Feind. habe Ihnen aber versprochen, uͤberal die Gride von demjenigen was ich bei der Erziehung für das beste halte, so viel Zweck und Raum laßen, beizuschalten. Ich werde daher von was Erfahrung und Theorie über Festigbarkeit und Empfindlichkeit der lebenden schen Muskelfaser als wahr entdeckt und alé stimt haben, so viel hiehin setzen, glar zu meinem Endzweck nöthig zu seyn? ein werde. Ich muß Ihnen daher von Haup 177 Haupteigenschaften der lebenden thierischen Muskelfaſer reden, deren Betrachtung zur Beſtimmung derjenigen Mittel, welche ihre Kraft erhöhen können, durchaus nothwendig seyn wird. Die erste welche ich betrachte, ist ihre FestigWenn wir im gemeinen Leben von einem fester Körper reden, so stellen wir uns dadurch solchen Körper vor, deßen Theile so fest ſich zuſammenhängen, daß, ſo bald man mehrere solcher Körper nimt, selbige sich zuhäufen laßen: denn letzteres kan man einem flüßigen, oder auch schon zähen Körhun. Außer dieſer zuſammenhangenden entdecken wir aber noch eine andere bei Faser: daß nemlich die Theile derselben einen gewißen Grad von einander gedeherden; folglich die Faser selbst länger werönne; und dagegen so bald die ausdehKraft aufhöret, die Faser sich wieder igner Kraft in ihren vorigen Raum zuanzieht: wir nennen diese Kraft, die Elaoder Schwingkraft der Faser. ritte Eigenſchaft der lebenden Muskelfadieſe, daß ſie, wenn gewiße Körper gesie würken, sich sodann gleich mehr und würklich zusammenziehet; welche haft dann die Reitzbarkeit der Faſer wird. Diese drei Eigenschaften beMuskelfaſer, ſelbſt noch eine Zeitlang dem Tode des Körpers; ja, wenn sie dem Körper ausgeschnitten worden. Erin 178 Erinnern Sie sich nur daran, daß das aus dem lebendigen Frosch geschnittene Herz, noch viele Stunden lang diese Reitzbarkeit und Vermögen sich zusammenzuziehen behält. — vierte Eigenschaft dieser Faser ist ihre Entpfindlichkeit, vermoͤge welcher nemlich dieſe nige Veränderung, welche durch das Würk reitzender Körper in der Faser hervorgebrach wird, mittels der Nerven dem Gehirne mitge theilt, und die Empfindung davon in der Sa erreget wird. Diese letzte Eigenschaft kan dabei bei ihr nicht mehr existiren, so bald der Körpnicht mehr lebt; oder auch die Verbindung Faser mit dem Gehirn gehoben ist. Die drei ersten Eigenschaften werden also der Muskelfaser platterdings erfodert, wenn sich zusammenziehen sol; sie muß nemlich clastisch und reizbar seyn. Da es nun nicht geläugnet werden kan, daß alle in die Sinne fallende Bewegungen des menschlichen Körps von dem Zusammenziehen seiner Fasern abh gen; auch ferner alle gespannte Fasern ein stärkeres Bemühen anwenden sich zu bewegt je stärker sie gespannt sind, so folget unleus bar, daß die Bewegungen des menſchlicht Körpers desto ordentlicher und stärker gesch können, je volkommener und harmonischen Eige einander wirkend obige benannte drei schaften der Faser sich verhalten. — Um mehr hingegen eine oder andere dieser Eig schaften mangelt, oder auch, im Verhäzu einer, oder den beiden andern zu stark de 179 desto unordentlicher, und mehrentheils desto ſchwächer muß auch das Reſultat, d. i. die Bewegung ſeyn. Zur Erläuterung werde ich einige Mängel einer jeden obgedachten Eigenſchaften kürzlich berühren. Die Festigkeit der Faſer hat ihre Stuffen, natürlicher Weise von dem mehrern, oder mindern Zusammenhange ihrer Theile abhauHier komt aber nun die Frage: Wo ist dunkt des so starken Zusammenhangens der der Faser, daß selbige nunmero fest gen. ut werden dürfe? Die oben bemerkte Beder festen Körper ist hier nicht hinDenn wir haben ganz unstreitig Faunserm Körper, die beweget werden, Festigkeit aber nach obgedachtem allgeBegrif äußerst geringe ist. Nehmen die Fasern des Gehirns, des Marks Nerven, und andere. Hier ist die Substanz sehung der Festigkeit, fürnemlich bei neuornen einem Brei ähnlicher, als einem Körper. Wolte man nun dieſen Faſern begung abſprechen, ſo hätte man keinen Grund dazu, als dieſen, daß man keiegung darin bemerken kan. Allein, dann man auch läugnen, daß der Stundenzeider Taschenuhr sich nicht alle Minute das wachsende Graß nicht alle Minuiger, und ein Kind nicht alle Tage größer ſ. w. Obzwar alſo dergleichen Verzen in gar kleinen Zeiträumen, durch M 2 einen 180 einen zu kleinen Raum gehen, als daß die Bewegungen sinnlich seyn könnten, so sind sie doch Bewegungen — und sind, sie Bewegung stark so müßen die Theile der Faser schon so zusammenhangen, daß sie bei Einnehmung einer andern Raums, an einander bangen bleiben in sich nicht trennen. Der erste Grad der Festig keit und sinnlichen Bewegung beim Mensch ist aber wol der, wo nach der Empfängniß, die Frucht, als ein sich bewegendes Pünkich erscheint, und daher schon von den Alten dann Punctum saliens genannt ward. mögen nun einwenden, daß diese Art von wegung blos in den Nerven sitzet, und bei Muskelfaser nicht nöthig seye, so braucht Ihnen darauf nichts anders zu antworten, daß jede Muskelfaſer bei ihrer Exiſtenz anders als eine Nervenfaser angesehen werkan, und als ſolche von den Aerzten angwird; mithin nachdem selbige älter und geworden, die Eigenſchaft, mithin auch sinnliche Bewegung der Muskelfaser ann Genug, im ersten Anfange ist ihre Bewes unmerklich: nach Maasgabe nun die Festig zunimt, in dem nemlichen Maaß wird auch Bewegung ſinnlicher. So bald die Feſti so sehr steigt, daß nun die Faser gespannt w dann wird sie elastisch. Und da, wenn Schwingkraft der Faser am stärksten geword iſt eigentlich der Punkt, wo der, dem geſunde menschlichen Körper nützlichste Grad der Fest keit der Fasern eintritt. Denn wenn nun festig 181 Festigkeit nachher noch mehr, wie beim Alter immer geschiebet, zunimt, dann wird die Faser steifer, und fängt mehr an den unbewegliheren Körpern näher zu kommen: die Elastitità muß also in gleichem Grade abnehmen; der letzte Punkt der Feſtigkeit iſte endlich ge, wo der Zusammenhang der Theile geworden, daß der Wiederstand, welnun die nicht mehr nachgeben könnenden des Körpers erregen, größer geworden, reitzende Kraft ist, wodurch selbige zur Bewegung gereitzet wurden. Es odann der natürliche Tod, nach welnan nicht selten große Gefäße antrift, völlige knöcherne Härte angenommen Sie sehen also, daß wenn eine den angemeßene Bewegung im menschKörper erfolgen sol, deßen Fasern weder noch zu feste seyn dürfen. gleiches gilt von der Spannkraft. nemlich eine Faser sich verlängert, ihre Spannung deswegen zugenommen, wächer ist sie, und wendet ein desto geBemühen an sich zu bewegen. Sie ieſes ganz klar an den Saiten auf der welche wenn sie z. E. bei feuchtem Wetger werden, ohne daß sie doch mehr gewurden, faſt gar keine Vibration mehr Bei denen Menſchen, welche entweder übermäßiges warmes Getränke, oder durch Ursachen, die Magenfasern nach und nach 181 nach bis auf einen hohen Grad schwächen, het man nicht selten, daß der Magen öfters mit von bloßen Blaͤhungen dergeſtalt ausgeꝺehnet wird, daß er äußerlich wie ein ausgetretenen Sack anzufühlen ist. Obzwar nun hier die Magenfasern ganz erstaunlich verlängert worden, ſo iſt doch nicht die mindeſte Anzeige da, selbige ein Bemühen anwenden solten sich ſammenzuziehen, indem gar keine Neigung Erbrechen sich dabei einstellet; wo es Ihdoch bekannt iſt, daß bei gehoͤrig ſtarkem gen, nach geschehener weit minderer Ausdehnung durch irgend eine Ursache, das Bemühsich zusammenzuziehen so stark wird, daß durch der Wiederstand gehoben, und der Magt völlig ausgeleeret wird. Bei denen Kind doch welche die englische Gliederkrankheit, oder die Neigung dazu haben, findet daßelbig statt, daß nemlich bei denselben im allgemeinen, die Fasern zu weich und zu schlaf sind. Sie können aber auch in Rücksicht ihrer Wirkung und ihres Einflußes auf andere Theile zu elastisch seyn. Die Erfahrung lehret dieses widersprechlich, da wir Beispiele aufzuweihaben, wo das Zusammenziehen der Muskelse sern eines Muskels mit solcher Heftigkeit ſchehen, daß der Muskel voͤllig abgerißen wurSo zerrißen die Tänzer unter heftigem Tanz die große Sehnader, welche hinten am Fuß die Fersen sich endiget; und tendo achilles nannt wird, weil sie die stärkste Sehnaden mense 185 menſchlichen Koͤrpers iſt. Nimt man ferner an, vermehrte Reitzbarkeit hinzukomt, so fält's leicht in die Augen, daß die Spannung der Faser in vielerlei Fällen zu groß, und dadurch Unordnung erreget werden könne. Von dieser sehr vermehrten Reitzbarkeit wil ich Ihnen nur sagen, daß selbige von verschiedeUrſachen entſpringen kan. Alles was Muskelfaser wiedernatürlich spannt, macht zu reitzbar; das heißt, daß durch eigeringern hinzugekommenen Reitz, in ben ein größeres Bemühen sich zu beweervorgebracht wird. Wenn dieſer Reitz anoder vermehrt, mithin die Faser immer gespannt wird, dann fängt sie an zu zitund zuletzt sich gar zückend zu bewegen. zu starke Spannung, nun theils durch Empfindlichkeit der in den Muskel ender. Nervenfasern; theils aber auch durch Muskel zugeführte Schärfe; und wie der noch zeigen werde, durch zu ſehr anBewegung hervorgebracht werden koͤnrau kan man nicht mehr zweifeln. Wenn hierüber sich ausführlicher unterrichten wolann rathe ich Ihnen die vortrefliche Abunſers großen Pathologen, des Hn. Geh. Hoffmann, von der Empfindlichkeit. zbarkeit der Theile; welcher Abeigentlicher Werth bis hiehin noch grösten Theil des denkenden Publisehr verkannt wird, recht durchzustuDiese Reitzbarkeit kan aber auch 184 dergestalt abnehmen, daß sie viel zu schwach wird. Allein Sie merken leicht, daß da die Reitzbarkeit der Faſern, eine der erſten Lebens kräfte des Körpers ist, dieser Umstand nicht anders Platz finden könne, als wo das Lebeselbst angegriffen, das heißt solche Ursachen im Koͤrper erzeuget worden, welche das Leben, entweder des besondern Theiles, oder im Ganzen angreifen. Dies geschiehet nemlich so bald die Gemeinschaft der Muskelfaser mit ihrem Neu ven vermindert wird: nicht minder aber auch, ſo bald ſolche Theile die der Fäulung zu nahe gekommen sind, mittels der zuführenden Gefaͤßen, die Muskelfasern beruͤhren. Sie können ersteres bei den Lähmungen nach den Schlosflüßen, und letzteres bei den schleunig einge sehentretenen heftigen, Faulfiebern, deutlich Der baumstarke Sackträger, der des Morgen Korn ohne sich sehr zu bemühen, ein Malter bis auf den obersten Fruchtspeicher trug dadurch im ersteren Fal, in einem Augenblick; und im zweiteren, in ein paar Stunden, einigen faulichten Krankheiten, in noch kürzen daß Zeit die Reitzbarkeit dermaßen verlieren, fast keine einzige seinem Willen vorher unter worfene Muskelfaſer mehr von ihm in Ver gung gesetzet werden kan. Hievon werde aber Gelegenheit haben in einem meiner nächſten Briefe noch naͤher zu reden. Solte aber wol die Empfindlichkeit Faser in dem Grade zu und abnehmen können 185 daß dadurch die bewegenden Kräfte des Körpers vermindert würden? Allerdings, Mein Freund! ich muß auch hievon etwas weniges, wegen deßen was ich Ihnen in der Folge zu sagen habe, zum Grunde legen! Der weiseste Schdpfer hat unsern Körper so modificieret, der Menſch im geſunden Zuſtand ſeinen gnen Körper nicht empfindet, noch fühlet, wenn nicht wil; oder wenn nicht ein fremder Körmit einer gewißen Kraft auf ihn würket. Ursachen davon fallen gleich in die AnDenn, da nicht der Körper, sondern die der edelste Theil des Menschen ist, folgEmpfindungen der Seele für den Meninen ungleich größeren Werth, und wichFolgen haben, als die seines Körpers; ja nothwendig der Mensch dergestalt htet seyn, daß im gesunden, im würZustande, die edelsten Triebe nicht Gesen, durch die minder edelen, und minichtigen in Unordnung zu gerathen, oder sticket zu werden. Das Vermögen aber Körper empfinden zu können, war ihm theils zur Fortpflanzung; theils auch wendung der auf ihn schädlich würkenden den Körper nothwendig. Und daß der würklich das Vermögen habe, Theile Körpers auch im gesunden Zustand finden wenn er wil, ist unleugbar; gewißen Theilen in die Sinnen falwie z. E. bei denen welche zur Zeubestimt sind: Auch kan er sich mehr oder minder 186 minder dunkele Empfindungen von den mehresten seiner Theile, nur nicht von denen die unmittelbar zum Leben gehören, machen: Denn könnte er letzteres, so würde gewiß mancher dadurch seine Lebenskräfte in Unordnung bringen. Sie belieben sich hier nur an den be kannten Fal zu erinnern, wo nemlich einer das Vermögen hatte, nach Wilkühr die Bewegung seines Herzens aufzuhalten. Er that solches öfters, um theils die Neugierde von Fremden, theils ſeine eigne Geldſucht zu befriedigen: lein das Ende war, daß unter diesen Versuchen das Herz einmal nicht wieder zu ſchlag ansieng, sondern der Tod erfolgte. So bald nun ein Theil durch Krankheit angegriffen, Schmerzen in demselben erzeuget worden, weis ein jeder Menſch aus der Erfahrun daß es vom Menschen selbst in unzähligen F Ein len abhange, durch Anstrengung ſeiner bildungskraft, die Empfindlichkeit des leidende Theiles, mithin auch die Empfindung Schmerzens zu erhöhen. Jedoch nicht dieses; sondern der Wille des Schöpfers war, daß der vernünftige edlere Theil des Menſ überal ꝺurch Uebung ſolte die Herrſchaft erwerben, und das unedlere dem edleren unterjochen können. Ich meine nemlich, daß Menſch das Vermoͤgen hat, durch Uebung Würkungen ſeiner Seele auf den Grad zu hoͤhen, daß letztere faſt gar nicht, auch nicht einmal durch den heftigsten körperlichen Schmerz in Unordnung geſetzet werden kan. Ich aber 187 aber hier vom bloßen Schmerz, der nemlich mit keiner eigentlichen Angst verbunden ist; denn etztere ſcheint zugleich würkliches Leiden der Seezu seyn; wenigstens ist nicht zu läugnen, daß bei jeder Angst, die Seele unmittelbar in ihrer Würksamkeit gestöret und gleichsam benewird. Unterdeßen ist doch auch wahr, daß Angst aus physischen und moralischen Ursaentſpringen könne. In beiden Fällen muß der Menſch ſuchen deutliche Begriffe von was seine Angst verursacht zu erlangen. beiden Fällen kan er aber auch es sehr weit eberwindung der Angst bringen: und zwar rſteren Fal durch Uebung: im zweiteren ten aber Aufklärung, und die übrigen mochen Mittel, welche die von Menſchenſatzungereinigte christliche Religion an Hand mehr hiehin. Die Erfahrung lehret aber lichkeit der Erlangung einer solchen Oberhaft der Seele ganz unleugbar. Ein jeim kleinen solches bei sich, und anderen rnehmen. Die allerfrappantesten Beweise liefert uns aber in Menge, die GeschichAthleten und Gladiatoren. Diese suchnemlich, wie ich Ihnen schon vorhin erhabe, in allen Leibesübungen eine ganz zeichnete Fertigkeit und Stärke zu erlanund stritten nicht selten untereinander auf und Tod; wobei es dann wie Sie sich neren, mehrentheils die allergrausamsten merzen absetzte. Da sie nun sich hiezu öfvor dem Volk brauchen ließen, um entweder 183 weder das Volk zu belustigen und deßelben Beifal und Wolgefallen, davon zu tragen; oder auch um ihren Lebens Unterhalt; oder auch wol selbst die Freiheit zu verdienen, wenn sie Sclaben waren; so machten sie sich gleich im ersten Anfang der Erlernung ihrer Kunst, zur Hauptpflicht, alle Schmerzen nicht allein ertragen lernen, und keiner Art von Furcht den Eingang zu gestatten, sondern bei jedem ihnen aus gebrachtem Schmerz; bei jeder ihnen andres henden Lebensgefahr, immer ihre heitere Mient zu behalten, eben als ob ihnen nichts wäre und daß würklich viele es bis auf diesen Punkt in dieser Fertigkeit gebracht haben, lehret uns die Geschichte. Ja, sie trieben es noch weitere indem sie so gar bei jedem empfangenen Streich und tödtlicher Verwundung, nicht allein Steben; sondern auch wenn sie nun sich Erde ſinken fühlten, denjenigen äuſſerlichen mustand, welchen sie nach der Regel haben ſten, behielten. Erinnern Sie ſich hier nur den sterbenden Gladiator, welchen auch Cicet beschreibt. Dieser erkannte überhaupt schon, der Mensch über die Empfindungen seines Körpers und deßen Bedürfniße, sich durch Uebunseine Gewohnheit und Herrschaft erwerben köne ne. (a) Auch die Wilden bestätigen diesen Satz unleug (a) Er sagt Tusc. quæst. I. II. nachdem er eben her erzält, wie ein alter verwundeter Soldat, bei seinen Wunden verhalten: Ergo hæc 139 unleugbar. Sie wissen nemlich daß einige unter denselben ihren Gefangenen alle nur ersinnliche Martern anthun, in der Hofnung den Gefangnen dahin zu bringen, daß er Zeichen Schmerzens von sich geben möge. Aber mehrentheils iſt der gemarterte Wilde in Ertragung g der Schmerzen dergestalt abgehärtet, und seiner selbst Herr; daß, anstatt zu suchen das Mitleiden seines Feindes zu erregen, er ihm mehr hohnspricht und zurüft, daß er ein echter Kerl wäre, und nichts verstünde; er be ihn anders martern, und wol zum schreien nus miles facere poterit? doctus vir, sapiensque non poterit? ille vero melius: ac non paulo quidem, sed de consuetudine adhuc exercitationis loquor, nondum de ratione, & sapientia. Aniculae saepe inediam biduum, aut triduum ferunt. Subduc cibum unum diem atbletae: Jovem Olympium eum ipsum, cui se exercebit, implorabit: ferre non posse clamabit. Consuetudinis magna vis est. Peruoctant Venatores in nive: in montibus uri se patinntur. Inde pugiles cestibus contusi, ne ingemiscunt quidem. Sed quid hos, quibus Olympiorum victoria consulatus ille antiquus videtur? Gladiatores, aut perditi homines, aut barbari, quas plagas perferunt? quomodo illi, qui bene instituti sunt, accipere plagam malunt, quam turpiter vitare? quam saepe apparet nihil eos malle, quam vel domino satisfacere, vel populo? mittunt etiam vulneribus confecti ad dominos: qui quaerant quid velint? si satisfactum iis sit, se velle decumbere. Quis mediocris Cladiator ingemuit? Quis vultum mutavit unquam? quis non modo stetit, verum etiam decubuit turpiter? quis cum decubuisset, ferrum recipere jussus, collum contraxit? tantum Exercitatio, meditatio, consuetudo valet. 190 zu bringen wißen, wenn er ihn so in seiner Gewalt hätte. Daß dieses ganz wahr und in nichts übertrieben ist, bezeugen alle Reisebeschreibet von Amerika. Und um Ihnen ja allen Serm pel zu benehmen, wil ich ꝺes berühmten Ge schichtschreibers und Philosophen Robertsons eigene Worte hier abschreiben. Er sagt nemlich. (a) “So lange ihr Schicksal (nemlich der “ Gefangenen) noch unentschieden ist, scheint die Gefangenen sich um das, was ihnen begegnen wird, im geringsten nicht zu bekämmern“. (Denn die ältesten des Volks berathschlagen sich vorher darüber, welche von den Gefangenen, anstatt derer die sie im Kriege verlohren haben, aufbehalten und naturalisiret weden ſollen) " Sie ſchwatzen, eſten, ſchla als ob sie volkommen ruhig wären, und „ nen keine Gefahr bevorstünde. Wenn ihnen das Todesurtheil angekündiget wird, pfangen sie es mit unveränderter Miene, stimmen ihren Todtengesang an, und chen sich gefaßt, als Männer zu leiden Ihre Ueberwinder versammlen sich, wie einem feyerlichen hohen Feste, und sind e schloßen, ihren Muth auf die strengste Prob& zu stellen. Die Gefangnen werden nackt einen Pfahl gebunden, doch so, daß sie ringt um denselben herumlaufen können. Alle wesende, Männer, Weiber und Kinder len wie Furien über sie her. Sie quälen (2) Geschichte von Amerika 1. Band S. 415. 191 auf jede Art, welche nur die bitterste Rachsucht ersinnen kan. Einige brennen ihre Glieder mit glühenden Eiſen; einige zerfleiſchen ihre Leiber mit Meßern; andere reißen ihnen das Fleisch von den Gebeinen ab; pflücken ihnen die Nägel von der Wurzel aus; und zerreißen und zerdreben ihre Sehnen. Sie wetteifern miteinander, wer sie am schmerzlichsten martern könne. Nichts ſetzt ihrer Wuth Schranken, als die Furcht, die Dauer ihrer Rache durch die Beſchleunigung des Todes der Leidenden abzukürzen, und so grausam sinnreich wißen sie sie zu peinigen, daß sie durch geflißentliches Vermeiden einer tödtlichen Verwundung, diese jämmerliche Scene oft viele Tage lang nach einander fortsetzen. Aber allem ihrem Leiden trotz, singen die Schlachtopfer ihren Todgeſang mit ſtandhafter Stimme immer sie rühmen sich ihrer eignen Thaten, spotten über ihre Peiniger und deren Ungeſchicklichkeit, ihre Freunde und Anverwandtüchtig zu rächen; drohen ihnen die, ihTodes wegen bevorstehende Rache; und en ihre unmenſchliche Wuth durch die findlichsten Vorwürfe und Drohungen mehr. Unter solchen entsetzlichen Quaeine unerschütterliche Standhaftigkeit zu isen, ist der edelste, höchste Triumph eiKriegers. Die Prüfung durch einen lbstmord vermeiden, oder vor ihr zurückwird für Feigheit und ewige Schande 192 de gehalten. Verräth einer die gerins Furcht, so tödten sie ihn auf einmal mit “ Verachtung, als unwürdig wie ein Mann behandelt zu werden. Von solchen Gedanken befeuert, ertragen sie ohne einen Seufzer, was der menschlichen Natur dem ehen nach unmöglich fallen solte. Sie so nen gegen den Schmerz nicht nur unentpfindlich zu seyn, sondern sich selbst um ihn zu bewerben. Unterlaßt, sagte ein alter Anführer der Prokesen, da seine höhnischen Beleidigungen einen von seinen Peinigern reitzt hatten, ihn mit einem Meſſer zu wunden, unterlaßt diese Meßerstiche; und laßt mich lieber durch Feuer sterben, damit diese Hunde, eure Bundesgenok von jenseits dem Meere, an mein Beispiele lernen mögen, wie Männer leiden. Diese großmüthige Standhafti wovon man unter den amerikanischen gern häusige Beispiele findet, erregt Bewunderung noch Mitleiden, sondern die wilden stolzen Seelen ihrer Peinige zu neuen Grausamkeiten an. Endlich wer sie es überdrüßig, mit Männern länger kämpfen, deren standhafte, unerschütte Seelen sie nicht überwinden können; irgend ein erboßtes Oberhaupt macht s. Leiden mit seinem Dolche, oder seiner ein Ende.“ Auch führt dieser Schrifalle die harten und grausamen Versuche an. wele (a) l. c. S. 422. 193 welche die Voͤlker am Oroonoko Strome mit denjenigen anfangen, welche nach der Hauptmannsstelle streben, und die in dem strengsten and langen Fasten, nachdrücklichsten Hieben mit Peiſchen, wobei der Leib faſt geſchunden wird nich. allein bestehen; sondern man hängt ihn nachher in einem Hangebette auf und schüttet einen unzähligen Schwarm giftiger Ameisen auf ihn, derer Stich eine höchstempfindliche Pein verurſa ht, und eine heftige Entzündung nach sich Und zuletzt wird er noch einmal in seiHangebette aufgehangen, und mit PalBlättern bedeckt. Darauf wird ein Feuer stinkenden Kräutern unter ihm angezündet, er deßen Hitze fühlt und im Rauche wird. So geröstet und beinahe erstickt, noch immer mit der geduldigen Unemchkeit leiden: Denn nur ein Seufzer, ein eine unvorsetzliche Bewegung, die sein ausdrückte, würde ihn von der verlangBürde ausschließen. Viele kommen aber diesen rauhen Prüfungen ihres standMuths um. — Auch die Märterer Gechten geben Beweise davon, indem sie Beiausliefern, wo Leute noch bei schon brenin Scheiterhaufen frölich gesungen haben. viel vermag der Mensch, wenn er nur und er wil immer wenn nur hinreichenbewegungsgründe da sind, welche stark genug auf ihn würken. Bei den Athleten ladieſe Bewegungsgründe in der Ehrſucht, Furcht ihrem Herrn, oder dem Volk zu mißfallen: 194 fallen: dies war es aber nicht allein, sondern ſehr oft hieng fuͤrnemlich bei den Gladiatoren. ihre Selbsterhaltung davon ab. Sie wißenemlich daß das römische Volk bei diesen Sp len das Recht hatte durch Biegung, oder Ge radrichtung des Daumens ein Zeichen zu geben, ob der sinkende Gladiator von seinem Geg solle getödtet werden, oder nicht. Bei damali ger Nationaldenkart hierüber kam es nun da seinen rauf an, wie er sich beim Gefecht in ganzen äusserlichen Anstand gehalten; ritterlich gefochten, oder auch Zeichen der Furcht dem oder Empfindlichkeit habe blicken laßen; hatte er von dieſer Seite dem Volk nicht liges Genüge geleistet, so konnte er gewiß daß, ſo bald er das Unglück haben wuͤrde Verwundung zu bekommen die ihn in bund wehrloseren Stand versetzte, das Volk Biegung des Daumens anzeigen würde daß des Lebens unwerth ſeye, und nur voͤllig tödtet werden solle. — Und bei den Wilden die Bewegungsgründe nicht weniger klar; bekannt ist es, daß sie nicht allein darin gröste Ehre setzen, bei jeder Art des Schm zens keine Zeichen einer Empfindlichkeit zu ben; sondern daß sie im Gegenfal Gefahr fen in die größeste Verachtung zu fallen, selbst als der Geselschaft unwürdig, und Vaterland entehrend verstoßen, oder umgebracht zu werden. Robertson sagt daher (a) iedel (⁰) l. e. S. 424. 193 jeder Beweggrund der auf die Seele eines Wilden nachdrücklich würket, sie anreitzt muhig und mit Würde zu leiden, so ertragen ſie Qualen, die man von einer menſchlichen Geduld kaum erwarten kan. Wo aber die Standhaftigkeit der Amerikaner nicht durch ihre Ehrbegierde angeſtrengt wird, da emfinden sie denselben eben so heftig, als anMenſchen.“ Sie gewöhnen ſich daher ihrer ersten Jugend an um den Schmerz gen zu können; und alle ihre Kinderſpiele ſchon darauf gerichtet. Z. E. Ein Knabe ein Mädchen binden oft ihre nackten Arme inander, und legen eine glühende Kohle den, um zu sehen, wer von ihnen zuerst ungeduldig zeigen werde sie abzuschütObzwar ich endlich sehr weit entbin den unvernünftigen, und der Menschunanständigen fanatisch gesuchten Märterer von verschiedenen unter jenen Christen zu ist es doch an der andern Seite , daß keine Religion, noch Staatsmaxime dringende Bewegungsgründe an Hand und ſolche weiſe zweckmäßige Vorſchriſrtheilt zur unausgesetzten Beſtrebung, die eskräfte dergestalt zu erhöhen, daß durch ge die Sinnlichkeit stets unterjocht gehalwerden könne. Hierin werden nemlich die griffe von der Fortdauer und zukünftigen tristenz, so weit es beim Menschen in seiner N 2 gegenRobertson I. c. S. 421. 196 gegenwärtigen Organisation möglich ist, aufge kläret: der unmittelbare Zusammenhang zwisch guten Handlungen, und gewißen glücklichen verdas edlernden Folgen aufs lebhafteste, ja ich sagen, auf eine unwiedersprechliche Weise get; und hingegen der eigentliche Werth sinnlichen Begierden und Handlungen mit chen lebhaften Farben geſchildert, daß es unmoͤglich ist, daß wenn der, der Sinnlich ergebene Mensch mit kaltem Blut selbige denkt, nicht solte wenigstens Wünsche nach cher Veränderung ausſchicken. Und endlich die Versprechungen und Beschreibungen der den des zukünftigen Lebens so reitzend, daß reine von der Sinnlichkeit nicht beherrst werdende Seele, an selbige nicht anders mit einem alles verläugnenden Wunsch um biger theilhaftig zu werden, denken kan. weil dieser gewünschte äußerste Gegenstand, welchem sich alle unsre Wünsche zuletzt endt müßen, nicht sinnlich ist, so ist's klar daß die Bewegungsgründe dazu nicht eigen sinnlich, wenigstens nicht vom sinnlichen hangend seyn können. Dagegen ist ihm dazu der Glaube nothwendig. Nichts ſtaͤrlt lich den Menschen im völligen Ausdauren den Bestrebens kräftiger, als der mit keinen Zw feln mehr befleckte Glaube. Ohne diesen alle Bewegungsgründe, sie mögen so wie seyn wie sie wollen, und noch so einleuchte scheinen, unwürksam, und können höchstens nur gleichsam augenblicklich vorbeigehende, eled 197 decktrischen ähnliche Erschütterung machen. Wo aber der Mensch einmal eigentlichen festen Glauben an etwas hat, da findet er den Mangelanschaulichen reichlich ersetzet, und selbst den sinnlichen anschaulichen Bewegungsgründen den unzweifelbaren Vorzug, daß gar auf Trug der Sinnen ruhender falscher luß ihn dabei irre führen kan. Bei vielen sten der allerersten Kirche finden wir diealles deutlich beſtaͤtiget. Die Geſchichte selbigen liefert uns eine Menge Menschen welche die Bezwingung aller und jeden ben Begierden bis auf einen ganz unlich hohen Grad getrieben hatten; und egen auch in denen Zeiten gewiß nicht Nutzen als solche angesehen wurden, beludenken selbst den Nachkömmlingen als. und musterhaft aufbehalten werden müße. damaligen Heiligen übertrafen nun, in ungenen Oberherrschaft der Seels über innlichkeit, alle Heiden. Denn bei ihnen ine treue und gänzliche Verläugnung alles jeden Ruhms der Welt; aller Auseiner glücklicheren irrdischen Lage, eine ohne welche viele in damaligen Zeiten Nöglichkeit vor sich sahen ihrem Hauptzwei näher zu kommen. Ohne Betrachtung teses Hauptzwecks hätten sie sich wie der voste ſagt, (a) als ꝺie elendeſten unter allen schen ansehen müßen. Sie sahen in der Welt Fr. a. d. Ker. Kap. 15. v. 19. 293 Welt nur Angst und Gefahr vor sich. (S. den 14ten Brief.) Eben dieser Apostel zeigt aber (a), wie sehr er das irrdische von dieser Seite überwunden habe; er sagt nemlich: Denn ich habe gelernet, bei welchen ich bin mit genügen zu laßen. Ich kan niedrig seyn, und kan hoch ſeyn; ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt, beide satt seyn und hungern, beide uͤbrig haben und Mangel leiden. Ich vermag alles durch den, der mich mächtig machet, Christus. Die ersten Christen konnten es aber auch von einer gewißen Seite, hierin weiter bringen, die nachherigen. Denn sie hatten, ober Erstlich. Das Vorbild des sie selbst, ihre Lehrer gelehrt, durch so viele Wunder seine Lehre bekräftiget habenden Heilandes, in so viel frischerer Gedächtniß. Zweitens. Die ersten Christen glaubt das Ende der Welt, mithin ihren völlig Triumph bei der Wiederkunft Chriſti zum richt ganz nahe; ſo nahe, daß ſie ſolches zu ihren Zeiten eintreffend ansahen. In einigen Briefen der Apostel findet man Spuren, daß sie selbst dieses für wahrscheinlich hielten. Alle Bewegungsgründe muſten daher weit meh Eindruck auf sie machen, da sie das Ende rer Laufbahn, das ewige Leben gleichsam sa anzuschauen glaubten. Und endlich Drit(2) Br. a. d. Philipp. Kap. 4. v. 11. u. f. 199 Drittens verlohr das sinnliche bei ihnen gewaltig durch die traurige Lage in welche die Verfolgungen sie setzte, und ihnen fast gar keiGenuß mehr davon ließe, ſeiner Werth. Die Verläugnung deßelben fiel ihnen also so leichter. Jetzt muß ich Ihnen noch Ihre Frage worten: Wie es dann zugehe, daß der über seine Empfindlichkeit Herr werkönne? Die mehresten Menschen stellen iebei etwas positives vor; als wenn der h ein unmittelbares Vermögen beſäße eiſicheren Theil ſeines Ichs umzuſchaffen, ndere Kräfte zu geben; oder ihm etwas men, was er vorhin hatte. Ich habe ſchon im 16ten Br geſagt, daß dieſes unmöglich seye. Er kan im körperlidurch einen den Nerven anzubringen Druck, die Empfindlichkeit des Theils lichen der gedruckte Nerve sich endigt, heaber von einer Eigenschaft der Seele, auf Körper auf ähnliche Weiſe ſo in einem würken zu können, haben wir nicht ermindesten Spuren. Wir bedürfen einer igenſchaft aber auch gar nicht. Denn Seele die Kraft erlangt, die Sinnbeherrschen zu können, so geschiehet solnach dem nemlichen Gesetz, wonach beEmpfindungen im Körper gehoben wernnen; daß nemlich jederzeit jede stärEmpfindung die schwächere verminoder gänzlich hebt. Daß nun Schmerten 200 zen und Freuden der Seelen, die körperliche Empfindungen dämpfen, so bald nemlich erstere mit einer hinreichenden Kraft würken kan, sie nicht zu läugnen. Dem grösten, in Ausführung einer schlechten Handlung begriff nen Barbaren, darf nur irgend ein am Eindruck machender edeler Gedanke aufsloßen, so wird er zurückprellen und vor sich selber zu tern. Wäre mein Brief nicht schon so lans und wie ich fürchte für manchen langweilig worden, dann könnte ich hievon verſchiedet Beweise aus der Geschichte anführen. Es aber auch außerdem ſattſam aus der Erfahrung bekannt, daß gute, edle, der Sittlichkeit gebene Menſchen, ſchon jederzeit in Grade Beherrſcher ihrer Sinnlichkeit ſind. hingegen alle diejenigen welche ihren Leiden schaften den Zügel laßen, von jedem auch geringsten Reitz, zur thörichtsten Befriedigung derselben hingerißen werden. Kurz Freund! es ist unleugbar wie Sie sehen, Sinndie Menſchen ihre Empfindlichkeit, ja ihre lichkeit bemeistern können: Nur freilich durch eine positive ihnen eigenthümliche, schaffende Kraft, sondern allein durch die genug ſame Erhoͤhung und Entwicklung der alles wiegenden und unterdrückenden Seelenkrä welche nur allein mittels ꝺer noͤthigen ꝺeut chen Begriffen zur Aufklärung und Erkenntniß der gehörigen Bewegungsgründe, wie auch oft genug wiederholten Uebung zu solchem Zu gehörig entwickelt werden kan. Ersteres 201 allein dem Schöpfer zu — und von dieser Seite der Mensch ohnmaͤchtig, und kann er daher solcher Seite betrachtet, allerdings, als ohne Kraft angesehen werden. Unterdeßen kann aber auch in der Entwicklung obiger Seelenkraft nicht weiter bringen, als seine naärliche Anlage es mit sich bringet, und die wärtige auf ihn würkende Körper, oder Subzen in ihm Veränderungen hervorbringen. bleibt immer von dieser Seite ein abhänsiges Wesen, welches sich nicht höher schwinkan, als in Maasgabe, daß es Hinderdie es im steigen zurückhalten, überDiese kennt es aber nicht alle, und weniger kan es selbige vorhersehen. Könnte ber dieses, dann würde ihm der Muth entund der Endzweck unerreicht bleiben: Denn Laufbahn und ſein Wettſtreit auf dieſer Erde keine andere seyn, als in stetem treuen eiten neuer Hinderniße, die ſeiner Vernimmung in den Weg kommen, würksam dadurch seine und anderer Vervolmung zu befördern, und so zur Erreichung letzten Endzwecks, der Befreiung der Seeallem sie verunedlenden Sinnlichen, auf ganz gewiße Art zu gelangen. So glückan der Mensch werden, wenn er nur wil. verehrungswürdig ist derjenige, welcher im anvertraute Jugend dieſen Weg frühe zu udeln lehret! Einige schwartzgallichte und die menschliatur nur von einer Seite betrachtende Men⸗ 202 Menſchen, haben nun irrig geglaubt, Gott, und der Menschheit einen Dienst zu thun, wenn sie darauf arbeiteten bei sich und anderen Menschen, jeden Keim der Empfindlichkeit zu ersticken, und den Menschen mittels verschiedener ihm beigebrachten Vorurtheile, für körperliche Empfindung gleichsam fühllos machen. Ich brauche Ihnen aber wol nicht zu sagen daß dergleichen Unempfindlichkeit, menschlichen Natur warhaft zuwieder ist. lange wir auf einer sinnlichen Welt leben, welcher wir unsre Bedürfnisse selbst empfinden, und derselben Befriedigung bestimmen sollen; und wir uͤberdem unsre sinnliche Begriffe nicht anders, als mittels der Sinnen zu erlangen fähig sind; und wo wir unsre Sinnen, uns Begriffe sammlen zu können, nothwendig immer mehr üben müssen; so lange wir so ich auf einer solchen Welt leben, müssen eine platterdings zweckwiedrige, ja offenbar verachtungswürdige und lächerliche Rolle spi len, wenn wir dieser Fähigkeit und diesem Vermö gen uns zu vervolkommnen muthwillig entsag wollen. Nur müssen die Empfindungen welch wir mittels unsrer Sinnen erlangen, uns nicht beherrschen, noch weniger der Entwicklung höheren Kräfte hinderlich werden, sondern müssen denselben vielmehr zur Grundlage dienen. Denn handelt der Mensch hierunter aus ꝺers, ſo kan er unmöͤglich ꝺen eigentlichen Werth der Sachen einsehen lernen; Er wird nicht durch den nöthigen und erlaubten Genuß 203 erselben seine Seele in Bewegung setzen, sie Dank zum Schöpfer empor schwingen: und so wenig wird er Wohlthaten von anderen Dank annehmen; noch anderen Gutes zu sich so bestreben, wie er sol. Mit einem er wird ein abscheulicher Egoiste wermit dem kein Mensch wird umgeben; urch weniger Nutzen von ihm wird ziehen So viel hängt also von dieser Seite, Erziehung ab. — Denn das dieſes den zu jeder guten moralischen Erziehung müsse, wird niemand in Abrede stellen. ferner der natürlichen Entwicklung chlichen Körpers mit Fleiß nachdenkt, der merkwürdige Umstand nicht entgeß die algemeinen Eigenschaften der beweFasern deßelben, nach dem verschiedenen abwechslen. Ein Umstand der bei der Führung des physischen und moraMenschen sehr wichtig ist. Das Kind lich, jetjünger es ist, desto weichere, flüßigen Zustande so viel nähere Fausserdem sind sie sehr reitz= und emindem sie wegen ihrer Schwäche, durch jede Würckung eines fremden sie, eine merkliche Veränderung hierin liegt auch die Ursache daß inder durch geringe Zufälle zuweilen in lugenblick getödtet werden. Allein daauch wieder zu betrachten, daß, da ſo wenig geſpannt ſind, auch die Wür 204 Würckung des fremden Körpers, so bald selbiger nemlich nicht zu würcken fortfähret, zur lange nachher mehr Spuren von sich lassen kan. Diese mit Schwäche verpaarte grössere Reitzbarkeit und Empfindlichkeit Fasern bringt nun beim Kinde die ihm so ne Furcht hervor. Wenn man glaubt daß bige ein schlechtes Geſchenck der Natur für Kinder seye, so irret man sich sehr. wie würde es denselben öfters bei ihrem ganz unthätigen und völlig wehrloſen Zuſt ergehen, wenn sie nicht durch diese Furcht Empfindlichkeit getrieben würden, durch Weinen; jede drohende Gefahr bei Zeiten anzu zeigen? Ja, wie würden sie sonst die nöthigt Bedürfnisse ihres Körpers gehörig anzei können — oder Zeichen geben, wenn etwas ren Körper zu verletzen drohet, und wäre auch nur eine verkehrte Falte des Hemdgdenn auch dieſe koͤnnte wegen der Zaͤrtlichkeit rer Haut, bei einigen reellen Schaden ten. — Diese Furcht vergehet nun nach nach, und zwar mehrentheils nach Maaß daß dem Kinde deutliche Begriffe von Sachen beigebracht werden, und die Spannkder Fasern sich mit ihrer Festigkeit vermeiJe mehr nun dieſe Feſtigkeit und Elaſticità rem volkommeneren Zeitpunkt sich nähert, mehr entfernt sich die Furcht; und an Stelle mus, da die Faſer nun beſtändis, gespannt ist, folglich immer starkes Beim sich zu bewegen anwendet, beim Jünglins 205 igkeit, Lust alles zu versuchen sich einstellen; und weil er bei seiner Hitze und noch weicheten Faſer, die Eindrücke nicht lange behält, mithin die Sache nicht von verschiedenen Seigehörig betrachtet; so unternimt er zwar greift mit Hitze eine Sache an, ohzu vollenden. Mit einem Wort, Leichtmus sodann sein Hauptkarackter seyn. ald aber nun die Festigkeit und Spannden der menschlichen Natur angemessenen der Volkommenheit erreicht haben, dann Thätigkeit in ihrem grösten Glantz: der Mann ſich nicht allein ſchon vorgriffe gesammlet, sondern jezt Lust und hat, die Sächen von allen Seiten zu unen, so ist er zwar unternehmend, aber anders als mit Klugheit; er unternimt nicht, wo er nicht die Wahrscheinlichsich hat, seinen Zweck zu erreichen. die glänzendste Periode des Menſchen, dieser kan und sol er den grösten Nuſten: kluge, ununterbrochene Thätigkeit mus Gepräge seyn. Wenn aber nach dem chen Alter die Fasern anfangen fester zu dann vermindert sich auch die Reitzund Empfindlichkeit derselben. DiejeSachen, welche vorhin die Fasern reitzen pannen konnten, vermögen solches jezt gehr. Da aber die Faser fester gewormus die Veränderung welche einmal hervorgebracht worden desto länger in anhalten. Der Alte durchgründet dahoc 206 her mehr; allein da er nicht viel empfindet, so kan er auch keine Lust haben viel zu unter nehmen — seine gesammleten mislungenen Erst rungen halten ihn auch davon ab; und so wird seines langsam Bedenklichkeit der Hauptzug Karakters. Wie weiſe iſt dieſes einge tet, denn wo würde das Wohl der Familie bleiben, wenn der Alte im Unternehmen leicht zufahren würde, als der Junge: mehreſten Plane würꝺen kaum halb volfüh liegen bleiben. Wie paßt hier und schickt alles so in einander? Wie vieles ist aber in der menschlichen Natur zu studieren? leicht ist es gesagt der Natur folgen, aber schwehr ist es ihr getreu zu seyn, sie zu kennen? Ja, eben so wie diese jedem alter angemessene Veraͤnderung der Eigenſt ten der Fasern sich zeigt; bemerken wir eine für jedes Zeitalter bestimte Verände mith der flüßigen Theile beim Menschen; mus ebenfals mit dieser Veränderung, Vermögen der flößigen Theile in die feste würcken anders modificieret werden. Daß eine Veränderung bei den flüßigen Theiles jedem Zeitalter vor sich gehet, kan man abnehmen, wenn man den Geruch der unter dünstungen bei einem jeden Zeitalter chet. Es gehört nicht viel Erfahrung, noch ne feine Nase dazu, um immer sagen min nen, ob in einem eingeschlossenen vorhin sich Kinder, oder Erwachsene auf ten haben. Und ich bin überzeugt, da 207 unſre Naſe fein genug röche, würden wir bald Fertigkeit erlangen, die Ausdünſtungen eijeden Zeitalters durch den Geruch bestimmen zu können. Da aber die ausgedünſteten Theilchen, vorhin Theile der natürliSäfte waren, so braucht's wol keinen iß, daß wenn die Ausdünstungsmaterie gesunden Zustand einen ganz anderen begen Geruch annimt, auch die Säste selbst müssen gemiſchet ſeyn. Die AusdünMaterie bei Kindern ſcheint zwar häuund mehr waͤssericht, aber auch mehr aufzu seyn. Sie ist daher durchdringender, der Alten. Hieraus können Sie nun zum Theil sehen, das physische mit dem moralischen im Menſchen zuſammenhängt, und wie ist die Mängel des einen zu wissen, aan denen des anderen abhelfen wil. Ich Ihnen daher nächstens von den Mitteln sagen, welche die Kräfte der Fasern verBis dahin verbleibe ich ꝛc. Neun G-5— Neunzehnter Brief. Die wollen also daß ich Ihnen jezt meiGedanken, wie die Entwicklung der Kräfte Fasern befodert werden könne, mittheilen Damit ich hier alle Vermischung der irris Begriffe mit den wahren vermeide, wird nöthig seyn, daß ich Ihnen vorher noch ein über einen bekannten Streit unter verschiednen Aerzten, ob nemlich alle feste Theile lebenden menschlichen Körpers reitzbar und pfindbar seyen, oder nicht, voraus schicke. machte nemlich unzählige Erfahrungen, mariThiere, und vieleicht auch wol hier und im verborgenen Menschen, um zu wissen, dieser oder jener Theil empfindlich seye, nicht. Es würde viel zu weitläuftig, ja wiedrig seyn, wenn ich Ihnen von den schiedenen Resultaten, hier reden wolte. wil Ihnen daher nur einige der vornehm Sätze nach welchen man hier schliessen und die auf Vernunft und Erfahrung sich den, hiehin setzen, Sie werden alsdenn übrige leicht beurtheilen können. Erſtlich: Der Schluß daß ein Theil reitz= oder empfindbar ist, wenn man nach gebrachtem Reitz keine Veränderung selben wahrnimt, ist aus verschiedenen Ursac 209 sehr übereilt: denn, durch Reitzbarkeit könwir ja nichts anders verstehen, als das ermögen, nach einem gewissen angebrachten d. i. gewissen Würkung eines andern Köreine gewisse bestimte Veränderung zu unDieses ist also sehr relativ: und kan ſehr leicht geſchehen, daß der angebrachnicht von der Natur war, daß er die Veränderung in dem Theil hervorzuvermochte. Nicht weniger konnten edene damalen sich eingefundene fremde wde diesen Einfluß behindern, oder doch ich machen. Und übereilt war der Schluß weil es ſeyn konnte daß der reizende nur so schwach würkte, oder das Verdes zu untersuchenden Körpers gereitzet zu können sich so schwach befand, daß demſelben bewuͤrkte Veraͤnderung ſo gevar, daß ſie den äuſſeren Sinnen unblieb. Diese also deswegen läugnen en, würde eben so viel heissen, als man das Wachsen eines Kindes deswrgnen wolte, weil man es nicht sieht Ich gehe aber noch weiter und sage, gewissen veränderten Umständen, die Empfindbarkeit sich bei der Würnemlichen Körpers ganz umgekehrt könne; denn bei einer heftigen Kälte, doch so empfindliche Haut empfindnan kan ſodann ſchon ſtarke Verletzungen selben erhalten, ohne selbige auch nur eſten zu empfinden. Ist aber selbige hinge= 210 hingegen erhitzet, und das Pluk mehr dahin ge leitet, ſind folglich auch die Faſern mehr geſpannt worden, dann wird manchem die nemliche Verletzung einen unerträglichen Schmerz erregen; wohingegen er dieselbe, so lange die Haut kalt war, nicht einmal wahrgenommen hatte. Zweitens: Man wüs gar nicht die nat tärliche Reitz⸗ und Empfindbarkeit der Faſer nach denen Erscheinungen, welche man in ei nem solchen gewaltsamen wiedernaͤtürlichen Umstand bemerkt, beurtheilen. An diese Klipp hat schon mancher physiologische Schluß scheitert. Jeder besondere Theil des mensch chen Körpers hat auch gleichsam seine eigene ſonders modificirte Reitz⸗ und Empfindbarke — jeder Saft desselben hat hingegen seine ſondere Kraft in gewiſſe Theile ſo und anders zu würken. Hieraus fliessen im ge den Zustand, die verschiedenen Bewegungen Empfindungen welche im menschlichen Körp beobachtet werden. Hier braucht aber nur Saft in der Mischung und Eigenschaft Bestandtheile verändert; oder nur ein andere Saft des Körpers in einen Theil getrieben werden, wohin er nicht gehöret; oder auch Faser anders gespannet zu werden, so ein hen gleichsam unendlich verschiedene, aber diese derzeit wiedernatürliche Modificationen eben Bewegungen und Empfindungen. Aber durch diese obenbemeldte natürliche Modifica tionen der Reitzbarkeit der festen Theile so w 211 als des Vermögens der flüßigen die feſten Theile gehörig zu reitzen, wird die Maschine in Ordnung gehalten; die Nahrung derſelben befördert; und sobald sich eine wiedernatüriche Schärfe im Körper erzeugt, oder von auffen hereinkomt, wird der Menſch nicht allein gleich durch das Unbehagliche, so die wiedernatürliche Empfindung verursacht, gewarnet; soneben die dadurch erregte mehrere Spander Fasern, oder wenigstens erzeugter ihrter Reitz iſt wieder das Mittel, unt wiedernatürliche aus dem Körper wegzuffen. Hierin, Mein Freund! liegt ganz uneine der vornehmsten Ursachen, wodurch Natur sich selbst, in vielen ja den mehresten ohne Beihülfe der Kunst genesen kan: müssen Sie diese Kraft nie von derjenirennen, die in den Säften des menschKörpers selbst lieget, vermöge welcher die in denselben erzeugten, oder auf eindere Art eingeſchlichenen heterogenen Theilentweder nur blos, wie z. E. der scharfe vom Oel, eingewickelt, mithin dadurch ihrer rösten Schärfe und ihres Vermögens zu reitzen raubet; oder auch selbst in der Mischung ihestandtheile, entweder durch blosse Auflöund Aufheben des Zuſammenhanges der grirenden Theile, oder gar Auflösung der standtheile selbst dergestalt umgeschaffen werdaß selbige zuweilen würklich zu homogeSäften aßimiliret; oder wo dieses nicht dennoch dergestalt verändert werden, D 2 daß 212 daß sie den natürlichen Säften so nahe kommen, daß ſie in den Gefaͤſſen keinen ſo wiedernatürlichen Krampf wodurch sie vorhin rückgehalten wurden, mehr erregen, wenigsten denselben nicht unterhalten können, sondern dann mittels der Bewegungen der Gefässe durch die reinigenden Organe des Körpers weggeſchafft werden. Wenn nun aber diese fremden wiedenatürlichen Theile eine solche reitzende Kraft auf gewisse Gefässe besitzen, daß dadurch die türliche Reitz⸗ und Empfindbarkeit bis auf nen für die Kräfte des Ganzen unüberwind lichen Grad gestöret wird; oder obgeꝺacht fremde Theilchen in ihrer Beziehung auf natürlichen Säfte des Körpers dermassen rogen sind, daß selbige nicht aßimiliret, dergestalt umgeschaffen werden können, daß mittels der vermehrten Bewegungen der fässe, durch die reinigenden Organe wegs ben werden können, dann begreifen Sie leicht, mus die Unordnung immer mehr zunehmen und zulezt der Tod erfolgen, wenn nicht vernünftiger Arzt durch kluge Anbringung der Kräfte, dasjenige zuweilen allein bewerkstelliget, was die Natur gar nicht konnte Diese Fälle wo die Natur so fast gar nicht than kan, sondern wo zwar nicht alles, das mehreſte zur Weg⸗ oder Umſchaffung heterogenen Theile, durch die Kunst geschemus, sind zum Glück der Menschheit nur ten: dahingegen sind diejenigen Fälle, wo EntArzt der Natur in Unterhaltung, oder wicklung art wicklung ihrer Kräfte beförderlich, ja sehr beförderlich seyn kan sehr häufig; und in dieser Rücksicht kan keine Unordnung im Körper, wenn man die absolut tödtliche ausnimmt, gedacht werden, wobei nicht der Arzt auf obbeschriebeWeiſe der Natur zu Hülfe kommen kan, und 8 kommen solte. Sed hoc opus, hic labor. So bald aber nun auf obbesagte Weise Reitz⸗ und Empfindbarkeit überal der Nagemäß sich verhält; und die Säfte sich fals in ihrer Menge so wol als Qualität, Reitz= und Empfindbarkeit der festen Theiharmoniſch verhalten; folglich die reitzenden auf die reitzbare nicht stärker würken, nach der Natur des geſunden Menſchen sollen; so bald, und so lange sage ich im Körper geſchiehet, kan auch keine entliche Bewegung in demselben vor sich gehen wehe aber demjenigen der hier seine meistern wil! und elend ist der Arzt der unerfahrnen gefunden, oder kranken schen dahin abzielende Rathschläge ertheilt. Aus dieſer harmoniſchen Stimmung der genſeitigen Würkung welche alle Theile ꝺes pers im natürlichen Zuſtand auf einander a, begreifen Sie nun leicht die Ursache, und warum der Menſch im natürlichen Zustand ſeinen Körper gar nicht empfindet, veni nicht wil. Da alle Empfindungen in ihren verschiedenen Relationen sich gleich 214 gleich sind, so fliessen sie alle in einander; und es kan eine beſondere Empfindung in dem 5 eben so wenig existiren, als eine besondere Farhe exiſtiren kan, wie ſie aus der Naturlehre wissen, wenn man von allen Hauptfarben eine gleiche Menge derselben unter einander mischet. So bald aber nun der Mensch mittels mehrerer Anstrengung seiner Einbildungskraft die Empfindlichkeit eines besonderen Theils erhöht so wird diese Harmonie gestöret, und er entpfindet dieſen Theil ſo lange als dieſe Std rung des Gleichgewichts seiner Empfindung anhält. Sie sehen auch hieraus leicht ein, unnütz es dem gefunden Menschen schon würgewesen seyn, wenn Gott ihn so geschaf hätte, daß er seinen Körper im gesunden stande gefühlet hätte. Denn hier ist auch monie: im gesunden Zustand solte nemlich Körper, die Seele nicht stoͤren; aber im kranken Zustand desselben, solte die Seele so viele Empfindungen davon erlangen, als dem Menſnöthig ist, ihn anzusetzen diejenigen Mittel suchen, welche zu seiner Selbsterhaltung diene können. Sie begreifen leicht, Mein Frei warum ich mich hierin so weit eingelassen, solches vorausgeschicket habe. Denn, wo man die Natur mehr meiſtern, als bei der ziehung? Zittern ſolten alle diejenigen die ses thun, und dem weisesten Schöpfer dadurch selbst, wenn ich mich so ausdrücken darf Handwerk fallen wollen. Aber zittern müsse Euch die, welche mit ungewaschenen Hände eine 215 eine entstandene Unordnung, durch einen der ſtatur angethanenen Zwang wieder in Ordnung bringen wollen. Selten, sehr selten sind die Fälle, wo dieses geschehen mus; und wie wenige kennen die Natur in dem Maaß, daß sie diese Fälle unterscheiden können; und wie wenige ſind würdig ihre Diener und Aßiſtenten genannt zu werden. Ich werde Ihnen also nach meinen geKräften nunmero dasjenige, was Verund Erfahrung hierüber zur Beförderung Entwicklung der menſchlichen Kräfte enthat, mit aller ängstlichen Treue anzeigen. nächstens. Zwanzigſter Briej Denn wir, M. Fr.! untersuchen und bemer wollen, auf welche Weise man die begenden Kräfte der Muskelfaſern erhoͤhen kan, mus man vorher ihre Eigenschaften in ersten schwachen Zustande; die Mittel, die Natur braucht ſie zu ſtärken; und gewöhnlichen Hindernisse, welche die Erhödieser Kraft bis auf ihren äussersten Pu 216 Punkt erschwehren, genau zu wissen sich bestreben. Wenn man die Muskelfaſer eines neugt bohrnen Kindes, oder anderen Thiers untersuchet, dann findet man, daß selbige kaum dem flüßigen Zustand in den festen überges gen. Sie iſt weich, ſchlaff, und faſt kan man durch reiben ihre Bestandtheile trennen. Farbe ist dabei kaum röthlich, und vielen weislich. Sie sehen also daß diese Faser einmal im Stande ist, auch nur ein, Bemühl anzuwenden sich mit einiger Stärke zusammen zu ziehen. Alle Bewegungen des Kindes daher äusserst schwach. Bald nachher man aber, daß es in denjenigen Theilen, che es am mehreſten beweget, die gröſte 5 tigkeit und Stärke erhält. Untersucht alsdann die Muskelfasern dieser Theile, ꝺet man ſelbige viel feſter, und an Farbe röt Dieſe zwei Eigenſchaften der mehr Muskelfaſer ſind auch allen Leckermäulern der Erfahrung bekannt. Dieſe wiſſen nemlich daß die Fluͤgel des Feldhuhns zärter sind, dessen Schenkel: es hingegen bei den Schnepf umgekehrt ſeye; ꝺenn ꝺie Muskel ꝺer kel der Schnepfen sind weit zärter, als rer Flügel. Nicht weniger bemerkt man daß diejenigen Theile so zärker sind, auch ne viel weiſſere Farbe behalten haben. am zahmen Huhn ſieht man dieſes deutlich indem bei demselben die Muskeln der Flü 217 weit zärter und weisser sind als die der SchenDa aber nun das Feldhuhn seine Füsse zum geschwinden laufen stark täglich anstrenget, und seine Flügel zum fliegen lange nicht so viel brauchet; auch das nemliche beim zahHuhn beobachtet wird: hingegen die Holzpfe ihre Füsse wenig, und die Flügel viel braucht, so ist es wohl unstreitig, daß die ennzeichen der noch nicht viel sich bewegt haenden Muskelfaser darin bestehen, daß sie und an Farbe weiß sind; und man sicher ssen könne, daß je mehr selbige von obigen zweien Eigenschaften abgehen; mithin je fester öther sie angetroffen werden, sie auch desto mehr und öfterer sich müssen behaben; und im lebenden Zustande ein grösseres, so wie im entgegengesetzten Fal, beſto geringeres Vermögen ſich zu bewegehabt haben. Man kan dieses noch deutsehen, wenn man ein altes wildes Thier, gt und lange genug einsperret. Unterman nemlich nachher desselben Muskeln, findet man, daß die ſeit ſeiner Einſperrung ungewachsenen Muskelfaſern weich und weiß Da ich nun gleich vorher gesagt hasaß eine weiche und weisse Muskelfaser Vermögen anwenden könne ſich ſtark zu gen; so werden Sie mir vieleicht einwendaß man doch an den kleinsten Kindern, mit Zuckungen befallen werden, zuweilen eftigsten Bewegungen wahrnimt. Letzteres war nicht geläugnet werden, aber auf Ihren 218 blod ren Einwurf antworte ich, daß ich nur von denen Bewegungen und Bemühen der ser sich zu bewegen rede, welche durch die Körper natürliche Reitze hervorgebracht den. In Ihrem Fal iſt aber immer ein dernatürlicher Reitz vorhanden, der die Fa über ihre Kraft sich zusammen zu ziehen get. Man glaubte auch in vorigen Zeiten, die rothe Farbe zur Essentz einer Muskelsgehöre; und wolte deshalb keine Muskelfase in denjenigen Theilen annehmen, in welcher man keine rothe Faſer fand, So ging es mit der Gebärmutter, und doch waren hier Zusammenziehungen bei der Geburt nicht läugnen. So geht's, wenn der Mensch blosser Theorie einseitig urtheilt. Da die M. kelfasern ꝺer Gebärmutter nemlich ſelten zusammenziehen, so bleiben sie weich und weiß Daß ſie ſich aber heftig zuſammenziehen nen, lehret die Erfahrung: mehrmalen ich's ſelbſt bei Wendungen erfahren, daß ne in die Gebärmutter gebrachte Hand ſtalt durch die zuſammengezogene Gebärmung gepresset wurde, daß kein Blut noch mehr drin blieb, und ich gezwungen war! wieder auf einige Zeit herauszuziehen, die Wendung des Kindes volführen Die Eigenschaft aber die dieser Faser aus! gel ꝺer vorhergegangenen Uebung abgehet, ſo bald es nöthig iſt, daß ſie ſich einmal einer äusserordentlichen Stärke und Heftiguenziehen und würken sol, sodann 219 a erregten vermehrten Reitz erſetzet. Daß aber ezterer hier in einem sehr hohen Grad würken lehrt die Empfindung, indem jedes Beüber der Fasern der Gebärmutter sich zusammenzuziehen, mit dem empfindlichsten Schmerz verbunden ist, und daher diese Zusammengen selbst sich den Nahmen von Wehen ben haben. Sie zweifeln also jezt wol mehr daran, daß im natürlichen Zustand ebenden thierischen Körpers, eine Faser schwächer seye, je weicher und blässer; angegen zu starken Bewegungen desto geseye, je fester und röther selbige anwerde. Nur mus freilich die Festigcht auf den Grad steigen, wo sie der anfängt anzugränzen, wie im späteren geschiebet. Diese mechanische Hinderniß reilich jede Zusammenziehung der Fasern lich; aber dieses ausgenommen, können leicht sonst von keiner lebenden, wenn ner offenbaren Muskelfaſer des Koͤrpers daß selbige nicht solte das Vermöich haben, nach gewissen ihr angebrachen sich zusammenzuziehen. Daß dieses anziehen aber so heftig wird, daß solches hiedenen Fasern in unsre Sinnen fallen azu gehört freilich ein ausserordentlidem gesunden Körper oft höchst wieher Reitz. In der Haut kan man ine eigentliche Muskelfasern entdecken, kan man in derselben bei der Kriebela ganz deutlich eine Bewegung bemerlen: 120 ken, die derjenigen völlig gleich ist, wenn sich Muskelfasern zusammenziehen; oder als die Sehnen hüpfen: weswegen dieſe Bewein der Haut von unerfahrnen, und in der gliederungskunst unkündigen Aerzten nicht ten mit dem Sehnenhüpfen sodann verwes ſelt wird; wo doch die Bewegung blos allein in der Haut ihren Sitz hat. Ich mus Ihnen dahero nimmer von Wege reden, welchen die Natur einſchlägt den Faſern die Eigenſchaften, und das Verw gen sich stark zu bewegen, zu verschaffen. In der thierischen Oeconomie ist beim ne bohrnen Kinde alles dahin eingerichtet, es, wenn es nicht schläft, fast alle Muskeln anhaltend bewegt. So wie es 6 ren iſt, zwingt die Noth zum Athem dasselbe seine Brust zu erweiteren. Hiebei nun fast kein Muskel seines Körpers, welch es nicht anstrenget. Schon Aristoteles das Weinen der Kinder unter die nüzlichen besübungen. Obzwar ich freilich niemal rathen moͤchte sein Kind zu petzen, um daſt durch erregtes Weinen zu ſtärken; ſo Ding doch so lächerlich nicht, wie es ſch Bei der empfindlichen Faſer des Kindes, dasselbe nemlich bei jedem geringsten gen. Da es aber bei dem Weinen nicht adurch geſchwindere und ſtärkere Zuſammenz hung und Ausdehnung der Lungen den 1 des Bluts, wie auch die Ausdünſtung 221 lungen befördert; sondern auch sehr viele Skeln mit einer gewissen Heftigkeit beweget, Bewegung aber unstreitig auch eine Ueſt, durch welche die Muskelfaſer mehr erlangt; und wohl dabei zu beobachten je schwächer und weicher die Muskelst, auch eine desto geringere Bewegung, zur nüzlichen stärkenden Uebung wird, nicht zu läugnen, daß das Weinen dem von dieſer Seite allerdings ſeine Kräfte müsse: es verstehet sich aber von daß die Urſache welche das Weinen keine schlimmere Folgen müsse veruronnen, als die Folgen so aus der durchs erregten Bewegung entſpringen, gut Die Undeutlichkeit ſeiner Begriffe; die eit seiner Sinnen, und die Ungeseiner Glieder setzen das Kind ferner Fal, daß es bei jeder in ihm aufsteiBegierde nach etwas, nicht allein die ſeiner Hände, ſondern auch die der Füſſe, ses, ja des ganzen Rumpfs anstrenget, diesem Gegenstande zu nähern, und zu erhaschen. Halten Sie dem Kinde glänzendes vor, so werden Sie sees nicht allein mit den Händen dar, sondern daß es mit dem ganzen hüpfet, und mit dem Köpfe nicket. überflüßige Bewegungen und Anstrenseiner Muskel macht es nicht nachher, anfängt gehen zu lernen; und selbst gehen kan, bei ſeinen Spielen? von alle: 226 allen Seiten hält die Natur das Kind an sich zu üben, sich zu seinen künftigen wichtigen Beſchäftigungen vorzubereiten. So ſehen EilMein Freund! ist auch überal, bei den Bewill gungen, die ganz Unordnung zu ſeyn ſcheinen alles zweckmäßig und weise eingerichtet. den jungen Thieren sehen wir ja das nemliche lustl. Welche anhaltende Bewegungen und Sprünge machen nicht die jungen Katzen, Fohlen u. s. w.? Jeder Mensch, auch der sundeste, der sich in einiger Zeit nicht bewis hat, fängt an eine gewisse drückende Sch in seinem ganzen Körper zu empfinden, ihm anzeigt, daß die feſten Faſern des pers nicht mehr gehoͤrig ſich zuſammenzie und die flüßigen Theile herumtreiben. Und rin liegt anders der Grund des Reitzes, Sđ chen der Mensch nach einem ruhigen empfindet, um nemlich alle seine Glieder zudehnen und zu strecken? Diese Bewegung ihm nöthig und nüzlich; indem dabei faſt Muskel des Körpers zurückbleibt, der wieder in Würkung gebracht; und zugh algemeine Umlauf der Säfte dadurch fördert wird, der währenden Schlafs in manchen Theilen weit träger gehen muſte. Die Natur ist also ein ganz sicherer! weiser, auf welche Weise der Mensch seine keln mit der gehoͤrigen Kraft und in der hörigen Richtung bewegen zu können, ſol. Uebung iſt nemlich hier das 223 des lernt auch der Mensch von seiner zarten Jugend an aus der Erfahrung. Wie oft und ange mus nicht das Kind die Muskeln üben, elche die Organen der Sprache bewegen, ehe entliche abgesetzte Töne, nachher Wörter zervorbringen, und zulezt ordentlich anhaltend kan? So wie es aber hier mit dem unlollen anfieng, durch Uebung die Musstärkte, und nachher unendlich verschieden icirte Laute, theils sprechend, theils sintheils rufend und schreiend hervorzubrinrnte; so geht es eben so bei allen andeganen, die durch Muskeln beweget werVoher anders beweget der Menſch ſeine Hand leichter und geschickter, als weil bei allen Gelegenheiten übet, wenn ruhet? Die Zergliederungskunst zeigt Menge Muskeln am Körper, deren wir gewöhnlich nicht einmal wissen. Ihnen nur z. E. die Muskeln nennen, das äussere Ohr bewegen sollen. Lerndiese von Jugend auf brauchen, dann wir auch das äussere Ohr, um den esser aufzufangen, eben so wol beween, als die Thiere. Sie bleiben aber und wenn man sie bei den Todten so siehet man daß sie ganz weis sind. Wie weit der Mensch aber Uebung es in der Stärke und Gekeit bringen könne, lehret uns die GymAlten; wie auch noch unsre heutige und Seiltänzer. Der berühmte Ath 224 let Milo brachte es so weit, daß er zuerst ein Kalb, hernach aber gar einen Ochsen tragen konnte. Diese durch Uebung erlang mehrere Festigkeit und Spannkraft des Muskels zeichnet sich auch schon äusserlich durch seine bestimte Figur, und beim Anfühlen durch den Wiederstand, welchen der Muskel hinreichend aus. Jeder Muskel zeichnet nemlich bei dergleichen die sich herkulische Kräfte erworben haben, an Grösse und Stärke ſeiner völligen Figur aus: wohingegen alle jenigen welche ihren Körper nicht sonderlich übt haben, dem Bildhauer, oder Mahler nich einmal zum Model dienen können. Ausser der nöthigen Uebung wird auch noch ꝺie gehoͤrige Nahrung ꝺes KoͤrꝬ wol, zur Ersetzung der abgenuzten Theile als zur nöthigen Eigenschaft der Säfte dert. Dies auszuführen ist aber hier zu läuftig und mus ich solches bis nächstens ſpahren. Jezt wil ich Ihnen nur noch einige der Haupthindernisse aufzehlen, die Erhöhung der Muskularkraft bis auf äussersten Punkt erschwehren. Diese Hnisse sind aber schon wiedernatürlich und nen theils im Körper selbst liegen, theils als auch von aussen auf ihn würken. Eine hinderniß ist wol diese, wenn die Muskelf zu wenig Festigkeit erlangt; wenn sie zu erschlaft, das ist, länger ist, ohne doch des gen mehr geſpannt zu ſeyn. Dieſen Fal ma 225 gröstentheils bei solchen Personen an, bei welchen die wässerichten Theile das Uebergewicht haben. Diese erschlafte Faser findet man allen denjenigen Kindern, welche an der so enannten engliſchen Gliederkrankheit krank ſind. ich, weniger ist dieses der Fal bei denjeniwelche in ihrer Fetthaut eine Menge nichten Fetts sammlen. Von diesen gilt Frhr. van Swieten sagt (a) „Wenn starken Bewegungen gewöhnte Pferd einige Zeit im Stall ſtille ſtehet; ſo wird zwar in kurzer Zeit von einem schleimichten aufgedunſen, dagegen aber viel ſchwächer seiner gewöhnlichen Arbeit ungeschickt Eine solche Erschlaffung kan ebenfals äusserliche Ursachen hervorgebracht und werden: z. E. wenn der Mensch überaus feuchten Lust sich mehrentheils bei dieser können nemlich die wässeheile nicht so gut ausdünsten; ja es selbst noch eher welche aus dieser mit heilen überladenen Luft mit eingesogen. dere äussere und weit algemeinere Urder Entwicklung der Muskelfaser stehet, ist jeder von aussen dem Körper ichte anhaltende Druck. Der gröste Theil Publikums stelt sich den Schaden nicht or, welcher daraus, folglich aus jeder zu engen (1) Comment. in Aphor. B. T. 1, p. 24. 226 engen, zu schwehren, oder auch zu steifen Kldung erfolget. Man kan ſchon aus der Erfa rung denselben leicht abnehmen; denn, der Druck lange genug anhält, so verliehrt gedruckt gewesene Theil so gar das Vermög ſich je wieder gehoͤrig bewegen zu koͤnnen. Muskeln des äussern Ohrs können zum weiſe dienen. Da es nemlich zu einem meinen Vorurtheil geworden, daß es auffehe, wenn die Ohren weit vom Kopfe stünden, so werden selbige gleich von der burt an fest an den Kopf angebunden, damit nicht allein in der Jugend fortgefahren sondern man thut solches auch noch im freilich wol nicht so sehr alsdann deswegen, um die Haube zur Nachtszeit um den Kop binden. Dagegen bleibt auch bei den mehr Menschen nicht die allermindeste Spur einer Muskularkraft derer für die Bewe des Ohrs beſtimmten Muskelfaſern Wenn wir die Natur betrachten, so ches auch gar kein Wunder; denn da man, daß jedes lebende Gefaͤß ein immer rendes Beſtreben hat, ſeinen Raum mindern, und daß, so bald es den Wiederst überwindet und die Seitentheile zusammen Dies len, das Gefäß ganz verwächset. schiehet in gar kurzer Zeit selbst bei den Blutgefässen, wie man bei den neugKindern sehen kan, bei welchen die St. Paul Kanäle, durch welche vordem, ehe das ker dem Athemholen durch die Lungen getroffen 227 wurde, in gar kurzer Zeit in Bänder wachsen, nachdem nun das Blut einen anLauf genommen hat. Kan und mus als licht ein dem Körper anhaltender äusserDruck den allergroͤffesten Schaden erreAn der einen Seite wird dadurch wenn gar zu stark ist, die Entwicklung der Faser behindert und verzögert. Ist der Druck stark und anhaltend, dann diese Entwicklung völlig auch für die unmoͤglich, indem nun dasjenige gewas im höchsten Alter sonst erst gedarf, daß nemlich die Gefässe verwachſo ſteif werden daß ſie der Härte zu amen. Und ist dieses einmal an einem schehen, und die Lage desselben ist so daß es gleich an einem anderen welches es drucken kan, so macht es benfals verwachsen; eben so macht's ferzweite mit dem dritten, und so immer eine grosse und nicht anders als sser genesbare Geschwulst zuweilen Wenn aber dieſes bloſſe Kleider können, was müssen dann wol die mürbrüste ausrichten? Hievon mag dort mehr sprechen, da solches in ern von der Erziehung gesagt wordennoch leider so wenig befolgt sieht eben so aus, als wenn die Kräfte in sich hätte gerade Meuzu können, wo wir doch täglich ſo gar im Walde die ſich ſelbſt P 2 und 228 und dem stürmenden Winde überlassene Eicht. zuweilen beinahe senckrecht in die Höhe wächst. Wie gefährlich sind einmal angenommene Vorurtheile! Ich bin 2c. — Ein und zwanzigster Brief. es würde sehr überflüßig seyn, wenn Ihnen hier viel davon sagen wolte, durchaus noͤthig ſeye, daß die Gefäſſe, sie sich gehoͤrig sollen bewegen und zusamziehen können, nicht durch eine zu grosse ge von Säften ausgedehnt und beschwehrt müssen; sie hingegen aber auch gewiß noaus vielen Ursachen bedürfen, daß sie eine hinlängliche Menge von Säften, theils ihren nöthigen Bewegungen gereitzet, aber auch hinlänglich genähret werden. ist ein Umstand der jedem hinlänglich ist: und dessen Anwendung, nicht so leicht den jüngeren der Erziehung gewidmet Jahren, erfodert wird. Ganz anders hält es sich aber mit den gemeinen Bezt 22 der erfoderlichen Eigenschaft der flüßigen Theile des Körpers. Im gemeinen Leben bilman sich nemlich ganz verkehrte Begriffe ihrer Natur und Nuzen. Man ſtelt ſich iniglich vor, daß alles was man unter nahrhaften Sachen zu zählen pflegt, auch Körper gut nähren; und denselben mehr weniger, leichter oder beſchwehrlicher naͤhmüsse, nachdem man solche Sachen im nen Leben mehr oder minder nahrhaft, oder beschwehrlicher zu verdauen hält. esser sind die Begriffe von Schärfe. ildet sich nemlich dieselbigen mehrenvon dem grösseren oder schwächern Einwelchen selbige auf unsre Zunge, oder vol auf die Nerven der Nase machen; ann iſt das Urtheil fertig, ob dieſe, oder peise das Kind leicht und gut nähre; einen Säften eine Schärfe nehmen, ben werde. Unzähligen Kindern ist Anwendung solcher leichtsinnigen und n Urtheile in dieſen Punkten das Leärzet worden. Da ich nun wünsche, meine nachher folgende Rathschläge nicht Wort eine kurze Zeit annehmen, und wieder ausser Acht lassen; sondern daß ch Gründe überführet und in den Stand werden, ſelbſt das Wahre und Beſté Ihre Kinder zu wählen, so wird es nöthig Ihnen auch noch hievon bestimmtere Bevorzulegen. Wenn 230 Wenn von einem nahrhaften Körper Rede ist, so stelt man sich einen solchen per vor, dessen Theile so beschaffen sind, im lebenden thierischen Körper derselben sammenhang nicht allein leicht getrennet, dern sie auch selbst in ihren Bestandtheilen gestalt aufgelöset und verschieden gemischet werden können, daß ſie nun den natürlichen sunden Säften aßimiliret, und in einen homogenen Saft mit ihnen umgeschaffen den können. Sie werden aber selten Körper antreffen, der blos aus solchen len, die in homogene Säfte verwandelt werkönnen, beſtehe: es wird daher in dem wo dieses nicht völlig eintrift, nothwendig gleich erfodert werden, daß diejenigen chen, welche diese Umschaffung nicht unters können, dennoch so geartet sind, daß tels der reinigenden Organen leicht aus Körper weggeschaffet werden; mithin durch längeres Verweilen sonst vieleicht Unordnung und Schaden anrichten, vorhin mit ihnen verbundenen leicht dauenden Theilchen Nuzen beibringen Daß aber der lebende thierische Körpe von Kraft habe, selbst die Bestandtheile schiedenen Körpern völlig aufzulösen, mit einem physikalischen Sinn, dergleichen, zu vernichten, kan kein Menſch läugnen. die Erfahrung lehret selbst, daß er durch Kraft einige Körper auf solche Weise zerstören könne, welche auch das heftigste Fener 231 der Scheidekünſtler nicht leicht zerſtören kan. Der Kornbrandwein; der Weingeist; das feuerſteſte langenhafte Saltz, sind Körper wovon die Chenie lehret, daß sie durch die heftigste Würdes Feuers (ich nehme bei den beiden ersten den Fal aus, wo sie angezündet werden verbrennen) nicht in ihren Bestandtheilen gelöset und zerstöret werden können. Sie wen hundert und mehrmal einen Brandinsgeist destilliren, ohne eine in die Sinnen Veränderung an ihm zu bemerken. ersuchen Sie aber mit aller Sorgfalt nach pünktlichsten Regeln der Scheidekunst, frisch aus der Ader gelassene Blut, eines grandwein, oder Weingeist sich aufs stärkste ſcht habenden Menſchen; oder dem ſie groſſe Menge ſixes Langenſaltz gegeben als sein Magen nur behalten wolte ſuchen Sie ſage ich hier das Blut in alieſen Fällen, ſo werden Sie gewiß nicht allermindeste Spur auch nur in demselben einem dieser Körper mehr antreffen. Daß derselben Theile ins Blut übergegangen iſt nicht zu läugnen, da der Weingeiſt chte, und das genommene Langenſaltz den stark trieb; aber eben wenig kan geläugerden, daß sie in ihren Bestandtheilen deraufgelöset worden, daß sie nun in Rückauf das was sie vorhin waren, für ganz Körper zu halten seyen, indem man noch Theilchen von ihnen im Blut wieder ffer müste. Sie sehen also wie irrig und über 232 übereilt im gemeinen Leben, auch selbst wol von Aerzten geschlossen wird, wenn man Sachen für den menschlichen Körper als unnütz und unauflösbar deswegen erkläret, weil selbige den Töpfen des Koches, oder selbst des S dekünstlers sich als solche beweisen. O, Freund! wie viel gehoͤrt dazu, der Natur uͤberal getreu zu folgen? Wie weit ist hievon jenige Mensch entfernt, der es recht klug machen glaubt, wenn er das der Natur nennt, daß er nichts anders thut, als er glaubt ihr nachmachen zu können? M doch jeder Mensch sich bei dem Gedanken scheiden, daß selbst alle unsre Urtheile Sachen auf Vergleichungen beruhen; Vergleichungen aber nicht eher richtig können, als nach gehörig eingesehenen vers denen Relationen der Dinge? Was aber hiezu, und wie wenig sind der S deren verschiedene Relationen wir hiezu reichend kennen. Glücklich ist also derjenig welcher die Winke der Natur erräth, er schon in derselben Befolgung, seine auf den Mund legen, und seine Unwiß anerkennen muß. In unzähligen anderen len fehlet man hier im Urtheil von den haften Körpern. Ich wil Ihnen nur einige solche Fälle aufzählen. Da bei den verschiedenen nahrhaften auch pern, die aufgeldset werden müssen, we schiedene auflösende Kräfte erfodert 233 and Sie wissen, daß die auflösenden Mittel in ihrer Würkung nur blos relativ sind, indem dasjenige auflösende Mittel, welches einen Körper auflöset, den anderen gänzlich unangetaſter laͤſſer; ſo wie Sie ſolches in unzähligen 841 gemeinen Beispielen wahrnehmen können, L. das Saltz, das Gummi vom Wasser, nicht vom Oel; hingegen das Fett, das ꝛc. nicht vom Wasser, sondern vom Oel set werden, so können Sie leicht abnehdaß nachdem in einem lebenden Körper, oder jene auflösenden Kräfte die Oberhand auch verschiedene Sachen mittels der egangenen leichteren oder beschwehrlichen ung, zur Nahrung dienlicher, oder unseyn müssen. Geben Sie z. E. demjedessen Galle faulicht worden, und die äfte verunreiniget hat, Fleischspeisen oder brühen, sie mögen Nahmen haben wie ollen; nie werden selbige die Auflösung ser Beschaffenheit der Magensäfte unwelche dazu nöthig ist, wenn die gömittel den natürlichen Säften des aßimiliret werden sollen. Ein anhalDrücken, ja schmerzhafter Krampf im ein Aufstossen dieser genommenen Brüdie offenbarsten Zeichen davon. Ja, nicht werden dergleichen, dem Magen zu der anderen Ursachen unauflöslich geworSachen viele Stunden, Tage, ja Wochen nachher wieder unverändert ausgebrochen, diese nemliche Sache vorhin in ein paar 234 paar Stunden im Magen nicht allein völlig aufgelöset, sondern verdauet waren. Glauben Sie auch ja nicht, daß dies allein im kranken Zustande eintreffe. Es giebt Menschen genusdie übrigens so gesund sind, wie man ſchen mag, die aber jederzeit nach dem nuß einer gewissen Speise, die unzähligen deren ganz herrlich bekomt, ein merkliches behagen empfinden, welches so lange anhält, bis diese Speise entweder durch Erbrechen, Durchfal ganz unverdaut, und unaufgelöſt der weggeſchaffet worden. Andere Speiſen den von den mehresten zwar in dem Maleicht aufgelößt, verhalten sich aber in der neren Zubereitung zu heterogen, als sie völlig solten aßimiliret werden köMan bemerket solches sehr oft nach dem nuß des Schweinenfleisches, welches nicht dem Magen Beſchwehrlichkeiten, aber vielen Menschen nachher allerlei Art behagen, ja offenbare Schmerzen und einer erzeugten Schärfe verursacht. also wol der Natur folgen heissen, gleichen Speisen aufdringen zu wollen, aufzulösen sie keine Kräfte hat, und zu Forttreibung sie nachher eine Menge Kräfte und Säfte verschwenden, sich schwächen mus? Es kan aber auch seyn, daß eine für sich allein unter gewissen Umständen wohl aufgeldset werden kan; so bald man selbig 235 selbige mit einer anderen verbindet, treflich verdauet wird. Wenn z. E. einer aus obbemeldten Urſachen, die Fleiſchſpeiſen nicht gut verdauet, dann wird er, wenn die Hinderniß der auflösung nicht sehr stark ist, die Verdauung derselben um ein vieles erleichtern, wenn er zugleich solche Sachen isset, die entweder würksauer sind, oder doch sich selbst überlassen, sauer werden: hier ist der Fal, weit mehr Brod, Proportion der Fleichspeise oder auch der ſchſuppe zu eſſen. — Sind aber hingegen Magensäfte zu sauer, dann wird das Brod, fürnemlich das Schwarzbrod; und allerlei sauer erdende Speisen nicht so gut aufgelöset, sonbeſchwehren den Magen. In dem Fal ein Stück kalter Paſtete viel leichter verals eine kleine Portion Spinat. Und ehen Sie, Mein Freund! ist alles in Betref Wahl der Nahrungsmittel relativ. Wer ſeinen Zoͤgling deshalb gewiſſe Speiſen zu anhält, weil er selbige in seiner Jugend gessen und dabei groß und stark geworden, läuft Gefahr seinem Vornehmen, der Natur folgen zu wollen, untreu zu werden. Ja, an ein Kind schwächere Dauungsorganen hat, kan dadurch der Zunder zu allerlei Krankheiten geleget werden. Eben so verhält es sich der Menge der Speiſen: jedoch hievon ich Gelegenheit haben auf ein andermal ein Wörtchen mit Ihnen zu reden. Ich Ihnen jezt noch etwas von den Begriffen Schärfe sagen. Ein 236 Ein grosser Theil Menschen bebet vor len Nahrungsmitteln, die er scharf nennet rück: und sehr viele unter ihnen, wenn sie nicht wohl sind, könnten sich leicht durch nach Genuß eines ſolchen, ihrer Einbildung scharfen Nahrungsmittels genesen. Es komt daher auch hier sehr darauf an, wohl zu unte scheiden zu wissen, was eigentlich Schärfe Die gemeinen gröberen Begriffe und Vorstellung gen von Schärfe laufen mehrentheils darauf hinaus, daß man sich dadurch einen Körvorstellet, der das Vermögen hat, wenn ei sern lebenden Körper berührt, denselben reitzen, ja wenn ſeine Schärfe ſtark genug seine festen Theile zu trennen. Obzwar Begrif allerdings wol in der Wahrheit gedet ist, so ist er doch so mangelhaft in sicht auf die Natur des menschlichen Kördaß er zu manchen schädlichen Vorurthei Anlaß gegeben hat. — Ich mus Sie daher foderst an dasjenige erinnern, was ich oben von den relativen Kräften der verschnen Auflösungsmittel geſagt habe: ich hierüber mich noch etwas weiter ausde Scharf und Auflösend ist nemlich jeder in Beziehung auf einen gewissen Körper, er das Vermoͤgen hat, durch blosses Berühin die Theile desselben so stark zu würken, selbige getrennet werden. Auf diese Art ist sanfte gemeine Wasser in Beziehung auf salzigen Körper, eben so scharf, als das S dewasser in Beziehung auf die mehresten 237 talle ſcharf iſt. Der dem Menſchen ſo angenehme, und seinem Magen gemeiniglich so gut thunde Saft der Borstdörffer Aepfel ist in Beziehung auf den Magen gar nicht scharf: aber Beziehung auf das harte Eiſen und Stahl er sehr scharf, denn er löset einen merkliTheil desselben völlig auf. Sie erinnern ferner, daß man die goldnen Borden in tzenden Lauge, so aus einem festen lauſten Salz, und dem ungelöſchten Kalck et, auskochet; man bemerkt sodann dabei, die Seide der Borde gänzlich verſchwunund aufgelöset worden, hingegen die meschen goldenen und silbernen Theile unversehrt ben. Diese Lauge löset nemlich jede thieSubstanz gänzlich auf, und läst die meen Theile unangefochten. Nicht allein ist dies, sondern wir bemerken beim lebenmenſchlichen Körper, daß einige Sachen Rücksicht auf gewisse Theile desselben genannt werden können. Der Merrettig ist auf der Zunge scharf, wenn er aber gen ist, empfinden wir nichts mehr daHingegen iſt das Glaß vom Spießglaß Zunge unſchmackhaft, und im Magen cha und reitzend, daß es nicht allein nachher das heftigste Erbrechen erreget, selbst in demselben tödtliche Entzünund Zerfressungen mehrmal verurſachet Der Holtzrauch in der Küche erreget nen und reitzet das Auge bis zur Röverursachet aber keinen Husten, reitzet mithin 233 hin die Lunge nicht — ganz umgekehrt verhält sich aber der Schwefeldampf der Steine kohlen. Wenn Sie Spanischfliegenpflaster einer gewissen Menge auf die Haut legen, reitzen die davon in den Körper eingefogenen Theile, nicht den Magen oder die Gedärme, dern sie reitzen die Urinblase, und dies öst bis auf den Grad, daß sie entzündet wir Es ist also auch hier alles relativ, und für einen Theil scharf ist, kan für den auf ren als ganz sanft und unwürcksam angeseht werden. Wenn Sie sich also einen deutliche Begrif von dem was in Rücksicht auf der benden menschlichen Körper und dessen Theile scharf seyn kan, bilden, und der Natur wollen, dann müssen Sie sich dadurch ein solchen aufgelösten Körper vorstellen, der Vermoͤgen hat, lediglich durch das Berüt stärker in die festen Theile des menschlic Körpers zu würken, als von dessen gesun Säften geschiehet. Es verstehet sich von seldaß hier, um ja auf keinerlei Weise irre bis gehen, wohl bedacht werden muß, daſ sunden Säfte des Menschen in Rücksicht dessen besondere Theile, ebenfals um hungsweise scharf, oder unwürksam genawerden können. Die Galle so in der Gal blase enthalten ist, reitzet leztere nicht: anders beträgt sie sich aber, wenn sie in Magen gepreſſet wird. Das Gift der seuche welches aus den Lungen mit ausbünstet llopi reitzet weder die Lungen, noch den Ke 289 Husten, zerfrist aber alle Theile des Halja so gar die Knochen des Gaumens und tase, u. s. w. Ich glaube Ihnen nunmero nichts weidarüber ſagen zu dürfen, daß, wenn man uenschlichen Körper etwas bestimmen wil, weit nemlich selbiges seine Kräfte veroder vermindern könne, man vorher die besonderen Beziehungen, welche dessen unter sich so wol, als mit denen auf ürken sollenden Sachen haben, wohl wiserwegen müsse. Hat man nach dieser gehandelte dann hat man das seinige und der vernünftige ängstet sich nicht im das Reſultat. — Nachdem ich nun vorausgeschicket habe, mus ich Ihnen ner der allerwichtigsten Eigenschaften der Theile des menschlichen Körpers, welzernachläßigung auf alle Kräfte des ben den grösten Einfluß hat, reden. Es h algemein bekant, daß alle thierische der Wärme des gesunden Körpers, gewissen Zeit, eine solche Verändeergehen, wodurch sie das Vermögen in die festen Theile ganz anders rken, als sie doch, wenn die Harmonie äfte bestehen sol, thun müsten. Durch natürliche Veränderung, welche jeder sich überlassene thierische Saft untergehet, gewöhnlich sein Hang, oder Tendenz gewird, verſtehet man, daß die thieriſchen Säfte 240 Säfte, dem Verderben unterworfen sind: Erfahrung lehret, daß nichts das Verderbedieser Theile mehr befördert als die Wärme Je mehr sie nun in diesem Verderben voraus schritten sind, desto stärker wird ihr Vermö gen in die festen Theile zu würken, das ist desto schärfer werden sie. Da es nun bei den natürlschen Grad der Wärme des lebend menschlichen Körpers, nicht verhütet werkonnte, daß nicht beständig verschiedene ge Theile in dieſem Haug zum Verderb merklich vorauschreiten solten, so musten selbst immer, wenn keine Unordnung dadurch Menschen erreget werden solte, zeitig weggeschaffet werden. Dieserwegen ordnete weiseste Schöpfer überal im Körper die gen Organen, mittels welcher ꝺieſe dem derben schon zu nahe gekommenen Theilg also fort überal könnten von den ge Säften abgesondert, und nachher aus Körper ausgeführet werden. Diese Hauptgungswege sind nun, die unmerkliche dünstung welche überal am Körper durch Haut geschiehet; die Ausdünstung durch die gen; die Ausführung durch die Urinwege; und lich die, welche mittels der Drüsen der Gedärme verrichtet wird. Dieses sind die Alt führungen, Mein Fr.! wovon zwar die die Theorie bei weitem noch nicht so kaum wie wir; für welche sie aber weit uns mehr sorgten: hauptsächlich sahen Sie Nothwendigkeit derselben, so bald der M. 241 ſark werden ſolte, nicht allein ganz lebhaft sondern sorgten auf das ängstlichste, um eine derselben bei ihren Zöglingen durch unordentliches Verhalten zu unterbrechen, worüber ich Sie ſich an dasjenige zu ern bitte, was ich Ihnen im 9ten und Briefe dieserhalb sagte. Daß aber würkSorge hiefür in jeder Absicht, zur rücklung der Kräfte so sehr nothwendig fält gleich in die Augen. Ich wil Ihfür ein Beispiel davon anführen, denn nüste ich den ganzen Körper durchgehen. ssen nemlich daß die Bluttheilchen zurer Tendenz, der Fäulung immer nämen und zulezt würklich faulen. Was Sie aber wird wol geschehen, wenn Verderben weiter vorangeschrittenen lchen nicht gehörig aus dem Körper ffet werden? Sie werben nicht allein, im Verderben zugenommener Saft, esten Theile mehr würken, und selbige itzen; sondern die Erfahrung lehret, daß den festen Theilen ihre Festigkeit und aft ſehr vermindern. Ich habe Ihnen on durch Erfahrungen, die das Kranfert, im 18ten Brief gezeiget. Ich aber auch hievon noch ein Paar aneise anführen, weil die Sache von äussersten Wichtigkeit ist. Wenn der Stück, altes Wildprett, oder eine lkeule von einem alten Hammel hat, daß die Festigkeit der Fasern in dieſem 242 diesem Fleisch so stark ist, daß er vergeblivom Feuer erwarten werde, diese auf den zu mindern, daß es ein zarter Braten wert dieſ würde. Was thut er also? Er hängt ben so lange in der Luft hin, bis sie Fäulniß näher gekommen sind, und alsde liefern diese Stücke die zartesten Braten, che ohne das noch so lange, aber vergeblich Feuer wären gebraten worden. Die Gallier kannten dieſes, und machten zer, wie Plinius solches erzählt: (a tunckten nemlich ihre Pfeile in den Saft Niesewurtz, tödteten mit diesen Pfeilen Wildpreit, schnitten nur das Fleisch rund die angebrachte Wunde aus; und nachher, daß das mit solchen Pfeilen Wildprett ungleich zarter von Geſchmack Die Leichendfnungen lassen uns endlich keinen Zweifel mehr an dieser Wahrheit. le fand nemlich schon, daß die Herzen nigen, welche an Faulfiebern gestorben weit grösser und erschlafter angetroffen den, als die bei anderen Todten. Gleichwie aber in der grossen und Welt alles zusammenhängt, auf einander und eines dem andern hilft, so geht hier. Eben die Bewegung, welche sie vorigen Briefen zur Stärkung der festen (4) Lib. 25. c. 5. 242 als so nothwendig erkannt haben, leistet den nemlichen Dienst zur Reinigung der Säfte. Solten nemlich die unnütz gewordenen Theilder Säfte, jederzeit gehörig und zeitig 8enn mittels der reinigenden Organen wegzewerden, dann war es ja durchaus ndig, daß die ganze Masse des Bluts solchen angemessenen Geschwindigkeit ganzen Körper getrieben wurde, daß gemeldten unnützen Theilchen öfters gnug reinigenden Organen vorbeigetrieben, ſelben anhangen, und von ihnen aufgeverden konnten. Die Erfahrung leherzte daber, daß wo diese Bewegung langsam geschiehet, dasselbe auch vielen verdorbenen unnützen Theilen ist, die nicht anders als durch beren Umlauf der Säfte weggeſchaffet onnen. Kuriren Sie an einem aus er Bewegung, ſcorbutiſch gewordenen zwanzig Jahr, und wenn Sie ihn bringen können, mehr Bewegung so werden Sie selbigen gewiß nicht Nichts befördert nun, den durch des Körpers mit gleicher angemeſhwindigkeit vermehrten Umlauf der als die gehörige Bewegung. Hiedas Blut bis in die geringsten Hautund wird bei gleicher algemeinen Benicht nach einen Theil mehr, als nach dern getrieben, welches doch beim Gederer erhitzenden Mittel mehrentheils Q 2 ge 244 geschiehet. Und da der Mensch bei der Bewegung öfterer Athem holet, also mehrma frische Luft einathmet, und nachdem solche der Ausdünſtungs⸗Materie beſchwängert den, wieder ausbläset, so wird dadurch Ausdünstung durch die Lungen von mehr einer Seite merklich vermehret: indem nemli das Blut dadurch viel geſchwinder, auch viel öfterer durch die Lungengefässe trieben wird; folglich die absondernden beständig aufs neue angefüllet werden: um so leichter in diesem Fal geſchehen da die bis an die äussersten Enden der dünstenden Gefässe vorangerückte auszufüden Theilchen, sich der immer bei jedem zug erneuerten Luft um so leichter auf und beim ausathmen mit der Luft wegs ausf fet werden, folglich den andern ins rende Gefaͤß eindringenden Theilchen Platz Erleichterung verschaffen, gleichfals den chen Weg abzumachen. Wie es aber daß die Bewegung der Muskeln, den lauf des Bluts in allen Blutgefässen mehret, ist schon sehr leicht von der Seite zu begreifen, daß nemlich jeder wenn er sich zusammenziehet dicker wird, schwillet, folglich die neben ihm liegenden fässe abwechselnd zusammenbrückt, und denselben enthaltenen Säfte fort treibt. dem zwingt der Muskel bei ſeiner gen Zusammenziehung das in seine Gesäff tels der Pulsadern eingetretene Blut, ſo burd 245 durch die Blutadern wieder den Rückweg zu nehmen. Also auch dieses in die Blutadern Heftigkeit geſprüzte Blut, mus das in lezgrösseren Adern wallende Blut in seinem beſchleunigen. Sehen Sie nun, Mein Freund! ſo nöthig daß die Ausführungen der verdorbenen hen gehörig vor sich gehen, wenn die Theile des Körpers ihre Verrichtungen äßig thun sollen. Wie wenig wird in unagen bei der Erziehung hieran gedacht? manches Kind ſahe ich aber auch durch en Vernachläßigung plötzlich durch hitziinkheiten wegrücken; und andere einen Körper mit einem starken vertauschen wird nicht hier bei zweien geſund ſcheiKindern ein ganz entgegengeſetztes Veröfters erfodert, nachdem nemlich bei inen diese; bei dem andern aber jene rung nur unterbrochen vor sich gieng? komt es gemeiniglich nicht allein auf das en an, diejenige Ausführung, welche gehörig von statten gieng, wieder in zu bringen; sondern wenn die Underselben sehr stark ist, oder vieleicht den Organen derſelben ein nicht wohl überwindender Fehler sitzet, ist es zur Verhütung, daß nicht durch die gehaltenen scharfen Theile zu grosse Unordrzeuget werde, nothwendig, diejenige Auszu befördern, durch welche die Natur die 246 die mangelnde zu ersetzen sich bemühet. komt es aber mehrentheils auf Einsicht Arztes an. Endlich wissen Sie, Mein Fr. hievon nicht allein die Würkungen des Kölz sondern sehr oft selbst die Verrichtungen Seele abhangen, folglich auch zur moralisch Bildung nicht vernachläßigt werden dürfen. dem Jezt sehen Sie, glaube ich ganz ein, daß keine andere Wege sind, dem zu den Zögling Stärke des Leibes und Festig der Seele, in so weit nemlich letztere von physischen Beschaffenheit des Menschen hängt, zu verschaffen, als durch Uebung Fasern zu stärken; und die Säfte durch Nahrungsmittel, und nöthige Unterhaltung Ausführungen, in den Stand zu erhalten, sie weder unordentliche Reitze im Körp vorbringen, oder wol gar die Fasern, sie schon durch Uebung noch so sehr vorhi stärket waren, wieder schwächen können. war der Weg der Alten, welchen Cicero, nem kränklich gewordenen geliebten Tir nau zu bewandeln, so sehr anempfaler ihm sagt: (a) Du weißt was die für die Gesundheit erfodert — eine gute leichte Verdauung — Verhütung jed (a) Epist. ad fam. I. XVI Epist. XVIII. postulet non ignoras: πέψιν, ακου περιπατον συμμετρον, τερψιν, σιαν κοιλιας 247 tigeren Ermüdung — eine deinen Kräften angemessene Leibesübung — Ermunterung des Geistes und einen offenen Leib. ſehen aber auch daß dies der Weg der Katur ist; der Weg also den wir nicht wenisorgfältig bewandeln müssen, wenn wir gedachte Kräfte uns erwerben wollen. Es giebt aber Fälle, wobei noch ein dritbeobachten ist. Es komt nemlich daan, daß alle diese vorhin bemeldten verenen Kräfte dergestalt eingerichtet sind, eine stärker, noch schwächer seye, als sie olte, d. i. daß ein völliges Gleichgewicht armonie unter denselben herrsche. Und Mein Freund! ist das allerbeschwehrlichste. um dieses zu erkennen und die Abweibestimmen zu können, dazu gehöret allein die deutlichste Kenntniß aller dieser sondern die genaueste Beobachtung, für sich, und wie sie alle auf einander Sie sehen leicht ein, daß hiezu in den Fällen die Einsicht und der Rath eines geſchickten Arztes nothwendig ſeye. Die zfältigen Alten suchten sich aber in der aſtiſchen Erziehung auch von dieſer Seiviel möglich zu helfen. Sie hatten desihre verschiedene Leibesübungen, wie Sie meinen vorigen Briefen erinnern werermaßen vervielfältigt und mannichfaltig ein 248 eingetheilet, daß sie ohngefehr zur Uebung und Stärkung eines jeden besondern Theils Körpers, auch die schicklichste Uebung anzug ben wusten. So bald daher die Aerzte, dazu beſtelte Aufſeber bei ꝺen Gymnaſien merk ten, daß bei ihren Zöglingen ein Theil Körpers vor dem andern, vorzüglich schwäc und ungeschickter wäre, verordneten sie dem ben diejenigen Uebungen zu machen, welche Stärkung dieses schwächern Theils das mehr beitrugen. So musten z. E. diejenigen, welchen sich eine Schwäche der Brust äusserte ihre Lungen, durch laut lesen, singen und üben und stärken, u. s. w. Wie sehr bemen uns nicht hierin die Alten, denn wo wir wol mit eigentlichem Ernst, bei den Erziehungsanstalten an dergleichen Regeln mehr gedacht stell / Und doch ſind ſie unſtreitig mit die wichtig indem die kluge Aüsübung derselben für den ling nicht selten Glück oder Unglück, ja Leben und Tod entſcheidet. Ich bin 2c. Zw. 25 . Zwei und zwanzigſter Brief. sagen mir, M. Vester! daß Sie sich allgemeinen Rathschlägen, welche meigen Briefe enthalten, unmöglich beruhikönnen, und begehren bestimmtere VorschrifBetref der Hauptregeln. Ich werde zwar hierunter so viel es mir möglich Ufahren: ich muß Ihnen aber zum voraus daß meine beschrenkte Zeit es mir glich macht, das ganze Werk der Erziemit Ihnen durchzugehen. Dies würde bei den vielen vortreflichen Abhandlunines Locke, Ballexserds, Brechters und rerer andern sehr überflüßig seyn. Ich daher, ohne mich an eine systematische ig eigentlich zu binden, von denjenigen kten der Erziehung, worin man wie die brun mich gelehret hat, am öftesten gelt, die Hauptregeln anzugeben suchen: nuß Sie aber dabei bitten, dasjenige was vorhin bei den allgemeinen Rathschlägen habe, in frischer Gedächtniß zu behalindem sich alle folgende Vorschriften dargründen werden. Jetzt wil ich daher anfangen bestimmtere briften, wie die Leibesübungen zur StärKörpers anzustellen seyen, zu geben. Alle 250 Alle Vorschriften der Alten liefen hiebei, wie Sie sich aus meinen ersten Briefen nern werden, darauf hinaus; daß ehe und vor die Leibesübungen angefangen wurden, Körper vorher von allen überflüßigen und dorbenen Theilen befreiet; das Kopfhaakämmet; Gesicht und Hände gewaschen; den Umständen angemeßene Kleidung angegen; darauf mit langsamen und zuweilen der eingehaltenen Bewegungen angefangen; nach bis zu den heftigen und geſchwinden bungen gestiegen; darauf aber wieder die wegungen vermindert und einige Zeit nur sam und mit Aussetzen Uebungen gemacht, die Erhitzung vorübergegangen, dann von newand gewechselt, und nochmalen ganz Bewegungen gemacht; hierauf gebadet und nach zu Nacht gegeßen wurde. Daß bei Beobachtung dieser Vorschriften und Leben die Menſchen ihre Kräfte bis zu einem unglaublichen Grad entwickelten, lehret ſchichte der Alten ganz unleugbar. Ich nur kurz die Gründe für jede Hauptregel aus Die Gründe, daß der Mensch nie und bevor die Hauptausleerungen vor gangen ſind, Leibesübungen anſtellen sind ganz einleuchtend. Denn, da die welche aus dem Körper mittels der Auslei dem gen weggeſchaffet werden müßen, nicht allein zur Last sind, sondern schon solche Eigenschaft nunmero angenommen das 251 daß sie in die festen Theile stärker würken, als Säfte natürlicher Weise würken dürfen, wenn nicht unordentliche Bewegungen daurd, hervorgebracht werden sollen, so würde derſelben Zurückhaltung bei der Bewegung noch gleich mehr Schaden anrichten, als wenn Bewegung nicht wäre angestellet worden; indem es in der Vernunft und Erfahrung gegründet ist, und jeder Anfänger in der Physik ß, daß mit je mehrerer Heftigkeit und Geindigkeit, eine Schärfe gegen einen Körper welchen sie würken kan, beweger wird, auch nemlichen Verhältniß ihre Würkung zunehDa nun ferner nicht geläugnet werden daß die absondernden Gefäße gar nicht, doch nicht so gut absondern können, wenn ausführenden Gefäße angefült bleiben, so klar, daß eine beträchtliche Menge verebener Theile bei nicht geschehenen Ausleezen im Blute mit herumgeführet werden ; welche dann bei dem, durch die Leibung sehr beschleunigten Umlauf der Säfein desto stärkeres Vermögen erhalten, die Theile zu reitzen. Dieses muß wegen eianderen Umstands noch mehr geschehen, überal in den Absonderungs Behälteren, einſaugende Gefäſte gefunden werden. Wenn durch die Bewegung, die Säfte von innehr in die äußeren kleinsten Hautgefäße geauch diese Säfte sodann durch den erten Schweiß mehr ausgeführet werden, dann ißer die inwendigen kleinen Gefäße weniger 252 ger angefült bleiben: in die einſaugenden fäße werden daher nicht allein um so mehrere sondern auch solche Theile dagegen wieder dringen, und dem Blute beigemischet werden, die doch eigentlich ausgeleert zu werden bestimt met waren. Die Warheit hievon werden viele Menschen an ihrem eignen Körper bestätig finden; denn sehr viele klagen nach jeder het gen vorhergegangenen Bewegung, über sehr ten und trocknen Stuhlgang; die flüßigen Theil le, welche vorher mit dem Koth vermischet, und natürlicher Weise faulichter Art waren sind also wieder eingesogen und dem Blute gemischet worden. Hiezu kan nun noch kommen, daß dieſe in die Hautgefäße benen und hiehin nicht gehörigen faulen 2 wenn die Hautgefäße sehr reitzbar sind, leicht ein krampfhaftes Zusammenziehen Schließer dieser Gefäße, wodurch die Ausdünstungsmaterie sodann zurückgel wird, verursachen, mithin das Uebel verdi peln können. Welche Hinderniſſe aber derst chen faulen Theile jeder Stärke der setzen, ist Ihnen aus meinem vorgehenden Brinoch völlig bekannt. Außerdem können aber auch noch einig Ausleerungen durch vorhergegangene Leibesübung für die Folge erschwehret werden. Jederm weis schon aus der Erfahrung, wie viel schwehrlicher die Ausführung eines verhärts Unraths seye. Allein außerdem ist noch 253 andere Ursache der nachherigen Zurückhaltung, venn man noch vor den geſchehenen Ausfühungen starke Leibesübungen verrichtet hat. Urinblaſe, der Maſtdarm werden offenbar der Ausleerung reitzbarer und empfindlicher. erin liegt gröstentheils der Grund, warum sodann zusammenziehen, wenn das in Hölung enthaltene ausgepreßet werden Wenn man nun dieſen Augenblick der mehrten Empfindlichkeit dieſer Theile vorbei gehen läßet; oder daß man selbige durch Erreeines andern stärkern Reitzes unterdrücket, geschiehet es sehr oft, daß nun in langer dieser Reitz sich nicht wieder einfindet, die Ausleerung sehr viel länger zugehalten wird. Eine Ursache davon liegt unſtreitig mit darin, daß durch die ſodann erte Empfindlichkeit des Masidarms, auch ondernden Gefäße der Schleimdrüfen dastärker gereitzet, selbige also auch mehr im absondern werden. Je mehr aber ein mit frischem sanften Schleim überzogen sto weniger vermögen sodann scharfe Kördenselben zu würken. Da es nun ganz eingerichtet ist, daß die eigne Schärfe dem Körper auszuführenden Materie, ausführende Gefäß zum Zusammenziehen preßen dieser in ihm enthaltenen Mareitzet, so begreifen Sie leicht, daß nachSchleim thäufiger abgesondert worden, Rein zu Stuhl zu gehen, ein Zeitlang auförer müße, weil der vermehrte Schleim die Wür⸗ 254 Würkung des für den Mastdarm scharf gewon denen Koths so viel zu vermindern vermäßDaß aber würklich diese größere Empfindlichkeit durch Erregung eines andern Reitzes wie der auf eine gewiße Zeit unterdrücket werden kan, daran darf niemand zweifeln, denn gar wenn jemand einen Durchfal hat, kan durch Zerstreuung und gefestigtes Nachsinnen auf eine andere Sache, den selbst in dringe de Nothwendigkeit ausgearteten Trieb, wie auf eine Zeitlang zum Stillstand bringen, zuletzt die reitzende Ursache im Darm zu wird, und selbige, wenn man es bis äußerste treibt, die Schließer des Mastdarn zuweilen überwindet. — Daß aber bei einer tigen Bewegung diese Empfindlichkeit noth wendig unterdrücket, ja auf lange getilgen den müße, siehet man sehr leicht ein, man bedenkt, daß durch jede heftige Bewealle Theile, welche stark beweget werden, in der Empfindlichkeit zunehmen, und wenn die Bewegung anhaltend genug wird, bis auf den Grad einer aufan schmerzhaften Empfindung, ja anhaltenden S nung verschiedener Muskeln. Wenn nicht zur Ausführung beſtimten Theile ohnehin ren Würkungen, wegen zu schwacher natür Empfindlichkeit, träger sind, dann kan es nicht anders seyn, als daß eine heftige Leibesübung dergleichen Ausleerung auf lange verspäten die chen müße: und in dem Fal ist der von denn Leibesübungen gehofte Nutzen eitel; Stärkte 255 Stärke, welche die Muskelfasern durch die lebung erhalten kann, oder hat, geht nicht aldurch die im Körper gebliebenen und die Muskelfasern erschlaffenden faulen Theilchen verren, sondern es können dadurch noch hunandere Unordnungen im Körper erzeuget den. Jede entstandene Unordnung in demist aber auch unmittelbare Verminderung Kraft. — Sie sehen also wie wichtig es ist, f bei der Erziehung zu sehen. Bei den ist hiebei die Sorgfalt noch um so nöweil selbige wenn sie einmal in ihren begriffen sind, sehr leicht Gefahr lauLust, ihr Spiel ununterbrochen fortund aus Leichtsinn, da sie sich die Folicht so böse vorstellen, die Triebe zu dergröberen Ausleerungen, fürnemlich die Rastdarms zu unterdrücken. Sie fragen aber; wie ist es möglich zu machen, daß nder alle Morgens diese Ausleerungen ten? Schon Montaigne und nach ihm gaben hier den Rath, die Kinder anzualle Morgens auf den Abtritt zu geindem sie dadurch sich an diese Ausleenit der Zeit gewöhnen würden. Der davon ist in der Erfahrung gegründet. gesehen haben, daß die Seele mittels inbildungskraft das Vermögen hat, die sindlichkeit eines Theiles zu erhöhen; und lusleerungen für einen großen Theil auf vermehrte Empfindlichkeit der ausleerenden beruhen, so begreifen Sie auch leicht die 256 die Ursache, warum dieser Vorschlag der beste ist: denn er ist eben so wahr und in der tur gegründet, als es wahr ist, daß man die sen Trieb auf ein Zeitlang durch Hülfe Einbildungskraft unterdrücken kan. Man het die Wahrheit hievon ganz klar an ängstlichen Frauenzimmern, die eben wie alten Perſer, obwol nicht aus nemlichen Bewe gungsgründen, der gröberen Ausleerungen gen auf die Seite zu gehen sich schäme Die Furcht macht bei denselben die Blase in lich so reitzbar, daß sie ehe sie in die schaft gehen, ost in einer Viertelstunde schiedenemal ihr Wasser lassen müssen. aber die natürliche Trägheit und Empfindkeit dieser Theile zu groß, als daß es mög wäre durch obige Mittel diese Theile in wegung zu setzen. In dem Fal müssen mehrentheils den Arzt um Rath fragen, die Ursache davon in verschiedenen Umst. stecken kan; denn zuweilen komt es auf kung der Galle an, in welchem Fal die bitMittel, die Seiffen und langenhaften helfen; ist die Trägheit und Erschlassung von dem zu grossen Grad der Fäulung Materie des Koths entstanden, dann verläßig, kein Mittel so gewiß, und ist unschuldiger, wie ich aus unzähligen rungen weis, als der durch die Sublimat gereinigte Schwefel, jndein nemlich derselbe ein specisisches Fäulnisswiederstehendes in diesem Fal sich beträgt; und von Werl 357 fast in allen Krankheiten des Unterleibes gebraucht Unterdessen mus ich doch hier dagegen rarnen, daß man die Kinder, wenn man gewöhnen wil, zu einer gewissen Zeit Ausleerung zu verrichten, im Fal selbige nit vieler Beschwerlichkeit vor sich gehet, anhalten mus, durch starken Zwang und es Dringen, selbige erzwingen zu wollen. hiedurch können Urſachen zu verſchiedenachherigen Krankheiten des Maſidarius zet werden. In solchem Fal ist es durchnothwendig, der Natur nach erforschter auf eine oder andere Weise zu Hülfe men. weniger liessen die Alten vorhin, ehe Zöglinge ihre Leibesübungen machen das Haar kämmen, und gewiß nicht ſache. Denn daß der Kopf ſeine eigne Ausdünſtung habe, beweiſet der beGeruch der Materie, welche an demasdünstet. Da nun so wohl durch fremals Staub, Fett, ꝛc. wie auch ervorgebrochenen Schweiſt, die Haare der fest backen; welches durch das den natürliche in einander schlingen noch ordert wird, so kan es ja nicht anders daß diese Materie hier zurückgehaldie in den äusseren Enden der ausen Gefässe sich befindenden auszuwerTheilchen nicht ebenfals in Dünste ververden können, weil der die Haut umgeben 458 gebende Luftkreiß schon völlig mit dergleichausgedünsteten Theilchen gesättiget worden Nothwendig ist 's ferner, daß diese hier schen der Haut und den gepäpten Haaren eine sperrten Theilchen immer fauler und schärf werden müssen; kan es also wol fehlen, daḤurch die äusseren Bedeckungen des Kopfes, von innen durch die zurückgehaltene bünstungsmaterie, und von aussen durch faulen, scharfen ausgedünsteten und aufs nen Theilchen gereitzet werden? Gewiß Die Erfahrung lehrt beides auch unwiel sprechlich durch das Jucken auf dem Kopf welches bei einigen mit heftigstem Kop zuweilen abwechselt. Und endlich, wenn gleichen Haare einmal auseinander gekät werden, und der daselbst eingesperrten Luf Ausgang gestattet wird, dann empfindet durch den faulen und scharfen Geruch, im ganzen Zimmer alsbald verbreitet, heit von dem obengesagten ganz unzwei Auch kan niemand läugnen, daß der Kopf dem auseinander kämmen der Haare wür heiterer werde, welches natürlicher Weiher komt, daß die in den Gefässen haltenen faulen Theilchen frei ausdünstet nen, mithin der Blutumsauf in den klein Gefaͤssen unmittelbar freier wird. Die selbst zeigt also die Nothwendigkeit davon Wie weit ist man aber in unsern Tagen diesem Wege entfernt? Man kräuselt die re dergestalt in einander, daß sie Wochen 259 so in einander sitzen bleiben sollen. Die Haare verden mit einer erstaunlichen Menge Puder Fett eingehüllet, damit es scheinen möge, ob ihrer noch einmal so viel auf dem Kopvären; und alles dieses geschiehet schon bei kleinen Kindern, fürnemlich bei dem schögeschlecht. Ist's daher wol zu wundern, man hier so vieles unüberwindliches Kopfantrift? Diejenigen Eltern also welche Kinder zur Eitelkeit und Hoffarth, aber zum siechseyn erziehen wollen, mögen hren es so zu machen: kluge und verge werden aber hören, und abändern. Alles dieses wird nun noch ungleich vermert, wenn durch heftige LeibesbewegunBlut mit weit mehrerer Heftigkeit nach getrieben wird. Denn die in den zurückgehaltenen und immer schärfer denen Theilchen werden nun mit dem Blutstrohm wieder fort in die ganze des Bluts, mithin in andere Theile und werden natürlicher Weise sodann unordentliche Bewegungen darin verurWenn nun der Schweiß am Kopfe rich dann wird durch selbigen die nur immer mehr verdicket, und der ſtung am Kopf deſto mehrere Hindergeleget. Sie sehen also, Mein Freund! nichts weniger als gleichgültig sey, Kindern alle Morgens das Kopfhaar gezu kämmen. Wenn Sie nun noch weisen, und das Kind für Schnupfen, ZahnR 2 weh 260 weh und allerlei Flüsse abhärten und sicher ſtellen wollen, dann laſſen Sie dem Kinde alle Morgen den Kopf mit recht kaltem Waß waschen. Den Nuzen hievon für die innerlichen und äusserlichen Theile des Kopfes, kan aus physiologischen Gründen sehr leicht erweſen: aber ꝺies wuͤrde zu weitläuftig und leicht langweilig für Sie seyn. Ich wil nen daher nur diesen Grund sagen, daß Kopf jeder Witterung blos gestellet ist; lich bald kalt, bald warm, auch nicht naß wird, es auch daher immer sehr gut daß er daran gewoͤhnet werde, indem ausserdem die Erfahrung lehret, daß diejenig Theile, welche fleißig mit kaltem Was waschen werden, weit weniger empfindlich dergleichen Abwechslung, und dabei viel werden. Ehe ich diesen Punkt verlasse, ich Ihnen noch aus der alten Geschichte frappanten Vorfal zur Bestätigung dessen, nützlich es seye den Kopf rein zu halten, führen. Herodot erzählt nemlich, (a) das nach der Schlacht der Perser, unter dem byses gegen die Aegyptier, die beiderse Todten abgesondert habe: und da hätte nachher die Hirnschedel der Perser so angetroffen, daß man sie auch mit einem nen Steinchen hätte durchlöchern können gegen wären aber zu der Zeit die Hirpf (4) 11.3 261 Aegyptier noch so hart gewesen, daß man kaum mit einem grossen Steine hätte entzwei werfen können. Herodot sucht die Urſache davon darin, daß die Aegyptier ſich gleich Kindheit an fleißig bescheren liessen, und Kopf ganz frei und unbedeckt bei jeder terung trügen; wohingegen die Perſer dietheil immer sorgfältig durch Hüte und hen verwahrten. Aus dem was ich Ihnen vorhin ſagte iſt klar, daß die Gefässe welche das Blut der Hirnschedel und der sie umgebenden chenhaut zurückführen, die verdorbenen chen sehr leicht in der Haut absetzen könwenn die äussere Luft so beschaffen ist, daß selbige leicht aufnehmen kan; und dahingeausdünstenden Gefässe selbst an die rung von Kälte, Wärme und Nässe gewöhnet worden, daß derselben sich nicht mehr so leicht bei einer rung der Atmosphäre krampfhaft zuziehen, noch die Ausdünstung behinanen. Und daß die unter der Hirnschenden Theile von der Kälte nicht leiden sehen Sie leicht, da der feste Knochen hier überal den Kopf umgiebt, keine urchdringen läßt. Ganz umgekehrt hinverhält sich die Hitze. Diese ist dem immer schädlich, und bei einem gewissen inden Grade gefährlich, ja tödtlich; hieaber eine Hauptursache gleich offenbar: dem 262 denn hier ist nicht wie bei den übrigen Hölen des Körpers die unmittelbare Gemeinſchaft der Blutgefässen mit denen der äusseren Bedeckungen. Es kan daher hier keine Ausdünſtung bei einer geschehenen Anhäufung des Bluts nach den Gefässen des Gehirns, und de Häute, Platz finden. Das Blut, welches durch Hin die Pulsadern in die innere Höhle der ſchedel gebracht wird, kan daher gar Theilchen nach aussen abgeben, sondern mit wieder durch die Blutadern dem Herzen führet werden; Wenn aber nun durch die das Blut auf den Grad nach den Kopf hin leitet worden, daß die kleineren Gefäs demselben dergestalt angefüllet werden, daß nun in denselben nicht gehörig mehr umg ben werden kan, dann entstehet nach und nach Entzündung, Stockung des Bluts und Tod. Ich habe einmal den Kopf, eines dem Lande am Sonnenstich gestorbenen nes öfnen lassen, und Sie können mir mein Wort glauben, daß das Blut in alle kleinsten Gefässe dergestalt eingedrungen wa Aus daß keine Injektion von Ruysch, oder derselben gleich kommen konnte. — Sie also, Mein Freund! daß man, wenn man Natur folgen wil, den Kopf immer rein, kalt als warm, und nie sehr warm halten müsse Es verstehet sich unterdessen von selbst, Fälle geben könne, wo die ausdünstenden fässe der äusseren Haut für jeden Eindruck täuheren Luft, entweder aus übler Gewohnheit; 263 eitz oder würklicher krankhaften Beſchaffenheit ermassen reitzbar geworden, daß ihre Schliesso bald sie der freien Luft blos gelet werden, zusammenziehen und sodann die ünstung unterdrücken. Es würde geNatur handeln heissen, wenn man in eichen Fal ſogleich durchfahren, und den benmäßig wolte kalt halten lassen. Unsen die Bestimmung in dergleichen wieürlichen Fällen gehöret für den Arzt. Ihnen nur blos von der Erziehung im gesunden Zustand gegeben werden rede, so schweige ich von den wiedernaFällen, indem ich sonst von den Kinankheiten eine volständige Abhandlung zumüste einfliessen lassen. bei den Alten üblich gewesene WaHände und des Gesichts, brauche ich nicht zu empfehlen. Sie, und jeder wisder Erfahrung, welch ein Wohlbehaselbe dem Menschen jederzeit, und fürdes Morgens gleich nach dem Schlaast. mus hier abbrechen, da ich schon zu tig gewesen bin. Nächstens wil ich mich von der Zeit, wo man sich am zubewegen kan, unterhalten. Leben Drei — G. — 55 Drei und zwanzigster BriefMeinem lezteren Versprechen gemäß, ich Ihnen jezt, Mein Wertheſter! von der in welcher die Bewegung dem Körper zur höhung seiner Kräfte am zuträglichsten ist, den. Wenn wir bedenken daß während Schlaf, alle dem Willen allein unterworfe Muskeln völlig ruhen; der Bewegung Bluts in den äusseren Gefässen also eine liche Hülse abgehei; selbiges daher meh den inneren grösseren Gefässen herumläufeli dagegen bei dem schwächeren Umlauf des in den äusseren Gefässen die wässerichtet le sich mehr trennen; und diese da sie die Ausdehnung des Muskels nicht behindert den, in die Seitengefässe eindringen, sich anhäufen, und das nach langem Schlaf zu bemerkende Anschwellen der äusseren verursachen, mithin immer schwächer werden, dann braucht's wol nicht viel brechens, wenn man das, was ich in vorigen Briefen gesagt habe erweget, schliessen, daß die Bewegung nach ausge nem Schlafe, folglich des Morgens thigsten, und am zuträglichsten sey. wir nun der Natur gehorchen, so merken gleich Winke derselben, welche die deutli Weg 265 Legweiser sind. Denn, eben diese in die Zeitengefässe angehäuften und zulezt zu langbewegten wässerichten Theile müssen am Ende, theils durch ihre in den Gefässen veraſachte Ausdehnung, theils aber durch eine gee angenommene mehrere Schärfe, und Veren in die festen Theile zu würken, bei der zten gebliebenen natürlichen und gesunden und Empfindbarkeit, einen gewissen Einund Reitz in ſelbigen machen. Dieſen empfindet der Mensch nicht allein sodann deutlich, sondern derselbe zwingt ihm dem zweierlei Bewegungen ab, nemlich Gähnen und Ausrecken. Bei dem ersten, er die Lungen so zu sagen bis auf den sten Grad aus, und zieht sie nachher mit gkeit wieder zusammen; und beim andebleibt fast kein Muskel ohne Würsondern alle Muskeln des Körpers ziehen Wechselsweise zusammen. Durch diese zungen wird also der Umlauf der Säfden äusseren Theilen wieder überal geangefangen, und so fort ein Theil der Seitengefässen angehäuften wässerichten der umlaufenden Masse der Säfte beigemischet, wobei dann das nach obten Bewegungen vom Menschen empfunWohlbehagen eine deutliche Anzeige iſt, ausgedehnten Gefässe nunmero wieder geworden. Wenn aber die Triebe zu Bewegungen zu einer anderen Zeit, als Schlafe, ſich bei geſunden Menſchen einfin 266 einfinden, dann sind sie beständig offenbar Beweise der Trägheit und Langenweile, wovon entweder im Körper, oder in der Seele Urſache ſitzen kan. In beiden Fällen ſehen Sb aber leicht ein, fehlt es irgendwo an Will gehörigen Lebhaftigkeit der Bewegung man nun der Natur hier folgen, so fahre man gleich nachdem man das Bett verlassen hat, Man mit allerlei gelinden Bewegungen fort. wasche und kleide sich gleich, und beweg sich nachher nach den Umständen: eben es nöthig den Kopf so fort etwas anzuſtr gen, um die Bewegung im Gehirne ſelbſt der in mehrere Lebhaftigkeit zu setzen: es verstehet sich aber von selbst, daß dies nicht rubt; geschehen müsse daß der Körper dabei oder wie viele Eltern es gar machen, die Kinder, um nur nicht durch sie gestöret werden, bis zur Schulzeit schlafen lassen, nur so viel vorher aufwecken, als nöthig sie geſchwind zu kleiden, ihnen ein Frühſtück in den Magen zu jagen; und sie nachher gen drei Stunden hintereinander ruhig auf nem Fleck in der Schule sitzen zu bleiben wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, schwehre Hand des strengen Lehrers zu len. Unterläßt man nun diese Bewegung land man bleibt so gar, nachdem man nach gung angehaltenem Schlafe erwachet ist Bette faullenzen, dann gehet ganz zuverlä 267 grosser Theil der Lebhaftigkeit für den ganTag verlohren. Alle Geſchäfte werden ger und unvolkommener vollendet. Und man dieses bei der Jugend nicht beobachsondern selbiger erlaubt des Morgens im oder nachdem sie aufgestanden ist, zu zen, ſo iſt gewiß drei gegen eins zu daß diese Zöglinge im höchsten Grad ge, verdroßene und unwillige, mithin selbst und andere unglückseelige Geseyn werden: und da eben hiedurch ein hrer Säfte einen grossen Hang zur e; und ihre festen Theile zur Schwäche nen, so werden sie den Zunder zu allerankheiten, hauptsächlich zu Schwindssersuchten in sich sammlen; und diesie noch vor dem Ausbruche dieser durch unzälige unbehagliche Augengnälen. ie meinen, um die Sache hier kurz und nachen, solte man die Jugend gleich sie aufgestanden und angezogen, geeinige heftige Bewegungen machen Mit nichten, Mein Freund! Sie würhiedurch vom Wege der Natur entDiese erregt nach dem Schlafe keine sionen, sondern langsame Bewegungen, geartet ſind, daß der Muskel einige intereinander geſpannt bleibt. Der Nuavon fält auch gleich in die Augen. Denn wird wol erfolgen, wenn nun auf einma 268 mal die ausgedehnten Gefässe mit Heftig zusammengepresset; und die in denselben auf häuft gewesenen, in etwa schärfer geworTheile, auf einmal in die anliegenden Gefässt mit Heftigkeit gesprützet werden? Die ausgewi dehnten Gefässe werden sich nemlich sonder nicht so regelmäßig zusammenziehen, ein einige werden zusammenfallen und auf Zeit einen Theil ihrer Spannkraft, oder die Aerzte es nennen, ihren Ton verliehre und durch die zu häufig auf einmal grösseren Gefässe eingesprüzten anderen gen Theile, werden erstere auf einmal ausgedehnet, mithin denselben und dem zen selbst ein zu starker Wiederstand gestellet, und überdem hier und da mancher ungeliche Reitz erreget werden. Das ewig turgeſetz, daß jede ſchleunige Veränderung mer schädlich sey, findet auch hier PlatzSie werden aber ihren Kindern einen vru grossen und reellen Nuzen verschaffen, sie selbige des Morgens, nachdem sie klein wenig beweget haben, und die Haut Körper von der Ausdünstung, welche die me des Bettes verursachet hatte, nicht m3e fencht iſt, mit kaltem Waſſer über den 8 di Leib waschen lassen. Sie erhalten hiedurch neu dreifachen Nuzen. Erſtlich: daß klebrichten Schweißtheile, welche sich wäder Nacht oben auf der Haut angesetzet weh ben, abgewaschen, mithin dadurch die tens dünstung nicht behindert werden kan. 269 ens: die durch vorhergegangene gelinde Begehörig ausgeleerten Gefässe, werden die Kälte wieder gestärket, und in den gesetzet werden, mit der nöthigen eigKraft auf die flüßigen Theile würken zu u: überdem wird dadurch, wenn wo durch vorhergegangene mehrere Ausdehnung, nung und Reitz, die Empfindlichkeit zu ermehret worden, selbige in ihre gehörichrancken wieder zurückgeführet werden. solte vieleicht, Drittens: die Schärfe eider anderen flüßigen Theils auf den gestiegen seyn, daß es nun vermögend en wäre ein krampfhaftes zusammenirgend eines Gefäßgens zu erregen, auch hier die Kälte das Mittel ſeyn: ird nemlich die Schärfe des flüßigen ens mindern, oder gar heben; indem fahrung lehret, daß nichts dem Verderthierischen Säfte kräftiger wiederstedie Kälte: und an der anderen Seinun das Gefäsichen durch seine mehr Spannkraft ein so viel stärkeres Verinwenden sich zusammenzuziehen, und Weise das aufgehaltene scharfe flüßihen glücklich fortschaffen; und da die chte Kälte den Gefäßen einen Theil ihfindlichkeit raubt, so werden die anliefäßgen, so allenfals sonst durch die ordenen scharfen Theilchen hätten geverden können, für derenselben Reitz pfindlich bleiben. — Unterdessen mus ich Sie 270 Sie hier abermal warnen und erinnern, daß wir nirgendwo ein allgemeines Gesetz anneh men dürfen, es mag auch noch so schön klin gen. Es giebt Fälle, obschon sie selten sind, wo die Kinder dieses kalte Waschen des gens nicht vertragen können. Wenn Sie da oder her wissen daß ihr Kind nicht wohl ist; Sie merken, daß es nach dem Bade ge nachher noch Steifigkeit, starkes behält, unlustig bleibt, dann fahren Sie nicht fort, sondern ersuchen erst einen verständig Arzt, den Fal gehörig zu untersuchen; Fal beim Kinde so beschaffen ist, da würk fernere Waschen mit kaltem Wasser Schaden zubringen werde; oder ob vieleicht gedachte Zufälle nur blos von einer zu Empfindlichkeit und Zärtlichkeit des herrühren, welche nicht allein beim anden Baden sich von selbst verlieren wird, dern die nothwendig durch dergleichen überwunden werden mus. Untersuchen nun, Mein Freund! ob dies würklich der tur folgen heißt — und dann vergleichen damit das heutige Verfahren vieler Eltern gewiſt werden Sie in demſelben finden sehr viele! mehr zum Verderben ihrer Kindtals zu ihrer Erhaltung beitragen. Jetzt muß ich Ihnen auch, da es das stalt zur allgemeinen Gewohnheit gewon Arb Mittags eine starke Mahlzeit zu sich men, daß man tauben Ohren predigen 271 vinn man dieses abzuschaffen anriethe, von Zeit der Bewegung in Rücksicht aufs Mitgemahl etwas ſagen. Da anjetzt von den reſten Eltern ſo gar wenig auf die Enthaltihrer Kinder im Eßen geachtet wird, sie ihre Kinder, wenn sie auch zu der geMittagsstunde keine Lust zum Essen hadennoch dazu ansetzen, ja zwingen, so ch's höchst nöthig, recht ernstlich anzudie Kinder nie anders als mit Appetit, aus bloßer Gewohnheit, oder gar Zwang zu laßen. Ich muß Ihnen dieſen Fal her erklären. Wenn wir uns bei völlig Zustand, nachdem wir in einer uns nlichen Zeit nichts gegeßen haben, und nun zern wieder anfangen, genau untersuchen; bemerken wir an uns eine ganz dunkle bung einer Leere und Schwäche in der des Magens; bei zunehmendem Hundiese Empfindung immer deutlicher, ändert sich in ein ordentliches Prickeln; einen Leben sagt man sodann gemeinigMagen fängt an zu jucken. Wenn Empfindung einige Zeit angehalten wir nicht ungewöhnlich länger geatten, noch auch der Magen in sich zu findlich ist, oder die Magensäfte schärals sie natürlicher Weise seyn müßen, erken wir, daß zuletzt diese Empfindung Zeitlang völlig verschwindet, und der ſich verliert. Letzteres geſchiehet um winder und vollkommener, wenn zu der Zeit 272 Zeit im Körper eine andere, mehr oder minde stärkere Empfindung erreget wird; oder auch wenn wir durch Hülfe unsrer Seele uns streuen und auf solche Weise uns gegen Bedürfniß unfählbar machen; ſo wie man ner gewißen Nazion nachgiebt, daß sie, verschiedenen aus ihr hungerte und sie nie zu eſten haͤtten, durch Pfeiſſen ſelbigen verben. Diese Empfindung läßt sich nun im gesunden Zustande wol auf einige Zeit treiben; aber sie stelt sich nachher wieder und wo der Magen etwas empfindlich weil wird sie sodann unangenehmer; ja, Magensäfte immer schärfer werden, so arte zuweilen in würklichen mit krampsichten sammenziehungen des Magens verbund Schmerz aus, dem selbst wol einmal Ohnmachten auf den Fuß folgen. Aus in der Erfahrung voͤllig gegründeten bung des Hungers bei einem gesunden, nicht bis auf den höchsten Grad ausgehüllt ten Menschen, können Sie sehen, daß in einer eignen vermehrten Empfindlichkeit Magens, und Empfindung einer allg. Schwäche bestehe. — Untersucht man unner, dann bemerkt man deutlich, daß dieser Empfindlichkeit eben so, wie bei jeder *aa⁶⁸ deren gehe, daß sie nemlich sich mindert, gänzlich auf ein Zeitlang vergehet, nach gabe, daß in einem andern Theil eine Empfindung erreget wird. — Kurz, man daß der Hunger nichts anders als ein 275 ſchieden modificirte Empfindlichkeit ſeye, welche dem Magen, so bald es in dem Körper an nährenden Striffe mangelt, erreget wird; welches ich Ihnen nachher deutlich vor Anzu legen mich bemühen werde. Wie glauSie! wird es also wol mit dieser Emung im Magen geben müßen, wenn bald Zeit, wo die Natur gewohnt war ſelerregen, das ganze Muskelsystem durch Bewegung; oder auch der Kopf durch arkes Anstrengen viel empfindlicher gemacht Gewiß wird hier das nemliche einwas ich Ihnen im vorhergehenden Br., legenheit von der vermehrten Empfindgewißer Theile, welche den gröberen ungen vorhergehet, sagte — Sie wird sich nicht einsinden, oder doch wenigsticket werden. Sie denken vieleicht, bei der Mensch nicht viel, und zwar mehr, als daß er zu der Zeit keinen hätte verlöhre, mithin nichts zu eßen Ich würde Ihnen hierin in so fern ben, wenn der Fal sich nur nicht oft und dabei sodann der Mensch seinem folgte, und nichts äße, sondern absich der Hunger wieder einfünde. sagt man, würde im ZusammenMenschen, unzählige Unschicklichkeiten Es wird nun einmal um diese angerichtet, und wer da nicht mit bekomt sodann bis zu nächster MalEin jeder nimt also seine gewöhnliche 274 liche Portion zu sich, wenn er auch schon keinen. Hunger hat; er ißt ſie entweder aus E wohnheit, oder weil er befürchtet, daß er nacht her bei sich einfindendem Hunger nichts essen werde bekommen können. Es wird dadurch nicht allein eine wahre Unmäßibegangen, sondern bei der Jugend wird nicht selten, auf solche Weise der Grund zu selbst geleget, der sodann nachher in Schwelg völlig ausartet. Wie wird es aber nun hier mit der Verdauung aussehen? Hiebei zwei Sachen zu betrachten. Erstlich: da mero die natürliche Anzeige des Hungers, eigentlichen Bedürfnißes fehlet, so kan der L der ſich in ſolchem Falle befindet unmög wissen, wie viel seine Natur begehrt. nur aus Gewohnheit seine ihm dargereic oder doch die ihm gewöhnliche Portion läuft daher Gefahr mehr zu essen, als Natur eigentlich abgieng, als selbige um gut verdauen kan. Dieſe Gefahr iſt grösser, da er nun bei Tische, sich den tit durch Reitzung seines Gaumens erregt ser kan aber nie der Anzeiger des geMaasses seyn; denn, hiedurch kan man noch Lust zu essen erregen, wenn man gleich vorher die stärkste Mahlzeit bis ligen Ersättigung gehalten hatte. ZweiEs ist in der Physiologie erwiesen, Mas verschiedenen Bewegungen, welche der mittels seiner Fasern macht, zur Verdamm der Speisen, so weit nemlich selbige im 275 geſchiehet, ſehr befoͤrderlich ſind. Nun iſt unzweifelbar, daß diese Bewegungen unlebhafter seyn müssen, wenn der Magen hin vorhin für die Zeit natürliche mehrere findlichkeit noch hat, als nachdem er dieupfindung schon verloren hat. Nicht anerhält sich die Sache mit den zur Verg nothwendigen auflösenden Säften. Hiege ich Ihnen jezt nur, daß Theorie und runj. unwiedersprechlich bezeugen, daß Absonderungen weit häufiger vor sich gewenn der Theil in welchem die Absondegeſchiehet, bis auf einen ſicheren Grad und empfindlicher wird. Sie sehen von am Speichel, der bei der EmpfinHungers oft von selbst in den ergießt. Das nemliche geschieht elbar bei den absondernden Gefässen des so lange dessen vermehrte Empfindanhält; diese Absonderung mus daher Weiſe wieder abnehmen, ſo bald sindlichkeit gehoben oder gemindert Sie sehen also ganz unwiedersprechlich, gegen die Regel der Natur gehandelt vor der Mahlzeit eigentliche heftige zu machen, d. i. bis auf den Grad ben, daß davon der Körper ermüeinige Theile desselben empfindlicher erden. Die Erfahrung mus es Sie gelehret haben, daß wenn Sie nicht gefastet hatten, und sonst kein Maatten, nach vorhergegangener starken ErmüS 2 276 Ermüdung die Lust zu essen sich nicht stelte, oder wenn sie sich merken lies, bald nachher wieder verschwand. Aus eben diesen oben angeführten Umst den ſehen Sie nun, daß jede, auch minder tige Bewegung, bis zur volbrachten ersten Bedauung höchst nachtheilig seyn müße. nemlich der wahre Zeitpunkt wo der würken; wo seine absondernden Gefäße ohne Ausnahme, häufig absondern müßen. also was ꝺeßen Reitzbarkeit hemmen kan, derstehet auch der Verdauung. Ja, die derungen geschehen hier so stark, daß Zeit die Säfte ganz offenbar bei dem 8 Menschen die Oberfläche des Körpers verlaßen, und sich nach den Magen zu Sanctorius bemerkte, daß zu dieser die unmerkliche Ausdünſtung faſt gänzlich stehe: dieses fühlt man auch an sich selbst dem man zu ſelber Zeit ein gelindes an sich bemerket, welches dann auch im nen Leben, und nicht ohne Grund als weiß der gesunden Verdauung angesehen da es eine häufige Absonderung der Mag bedeutet. Es iſt daher auch gar nicht lich, durch ein zu ſtarkes heftiges Feuer Fröstlen entgehen, und das Blut nach hin zwingen zu wollen. — Die Natur z ferner auf das deutlichste die Nothwendig Ruhe und einer gänzlichen Enthaltung Arbeit an. Der Mensch empfindet 277 nach eingenommener Mahlzeit sein ganzer träge, und seine Seele zu allem unickt ist. Genug, er sol jetzt in dieser Stungleichsam nur bloß für die thierische Oekoſeines eignen Körpers leben. Das nemhun auch die Thiere, welche nur blos Instinkt und zwar getreu folgen. — Es nicht einmal zuträglich gleich nachher, die Verbauung in den erſten Wegen ist, sich heftig zu bewegen. Der welcher nun ins Blut übergehet, ist roh, und noch nicht genug den übriten aßimiliret worden, daß derselbe in die kleinsten Gefäße, zu derselben mit Nutzen, mittels der vermehrten getrieben werden könnte. In dieser kan man also den Ausspruch des rates ebenfals hiehin rechnen, wenn Cruda non sunt movenda, sed coctafragten mich, ob es dann rathsam dem Eßen, den Kindern das Schlalauben? Im gesunden Zustande glaube Die Thiere auf den Wiesen thun nicht, sondern legen sich im schattichhin, blos weg zum Ausruhen. Und Schlaf das Blut häufiger ins Gehirn und zu dieser Zeit also, wenn ein Milchsaftes ins Blut übergehet, leicht nicht genug bearbeitete Theilchen ebenGehirn geführet werden und dasselbe können, ſo ſehen Sie ein, daß es leicht werer 278 leicht seyn könne, daß die nachherigen Verrichtungen ꝺes Gehirns noch auf längere Zeit durch gestöret würden. Da ferner die Auf stung gleich nach dem Eßen im gesunden stand fast gänzlich aufhöret, selbige aber rentheils währendem Schlafe sehr bef wird, so ist es auch dieserhalb nicht anzurat ja, man fühlt sich auch mehrentheils, man bei solchem Schlaf nach dem Eßen Schweiß geräth, nachher sehr matt und unbeUnterdeßen können kränkliche Umstände per ſich vorfinden, welche eine andere dung erfordern, und es platterdings abrathen, oder unter gewißen Umständen ben. Jedoch davon ist hier nicht der Ort reden. den Wenn nun nachher später auf mittag gegen Abend die Verdauung Bewe worden, alsdann iſt eine gemäßigte uid wieder nützlich: jedoch muß selbige der ſo ſtark ſeyn, als die des Morgens Natur lehrt uns solches ebenfals, uns dazu des Nachmittags lange nicht auch gelegt fühlen, als des Morgens; Bewegung sodann weit eher ermüden, Morgens. Sie muß daher darauf nur tet seyn, wenn wir der Natur folgen daß der Körper nicht dadurch ermüdet dern der Umlauf der Säfte nunmer wieder in die äußeren Theile frei fortgetrieben 279 Nahrung der feſten Theile begünſtiget und zugleich die Ausdünstung langsam wieder hergestellet werde. Hiezu werden also angenehme Spatziergänge, oder nicht gar zu sehr ermüende Spiele in freier Luft, wol die zuträgichſten Bewegungen abgeben. Das Reſultat diesem allen ist also dieses: Die Bewegundes Morgens müßen eigentlich mehr lebungen, so auf die Erhöhung der Stärke, Fertigkeit der Muskelfaſern — und die des Nachmittags gegen Abend, müßen nur Bewegungen, ſo auf die Nahrung der feſten Theile; auf die Reinigung der Säfte, und Beig der Eingeweide gerichtet sind, abgeben. Ich rathe Ihnen daher, daß Sie ihre des Morgens die eigentliche Leibesaugen verrichten laßen, und des Abends ihFreiheit geben, in ihren Erholungsſtunden ergötzliche Spiele zu treiben. — Vier 7 — Vier und zwanzigster Brief. Da ich mir vorgenommen habe, mich mit Ihnen von der Beſtimmung des Mader Bewegung zu unterhalten, so mus ich gleich Anfangs erinnern, daß dieſes auch bei dem gesunden Menschen, als ich hier allein rede, verschieden seyn muß dem verschiedenen Alter und der Jahreszeit. die Bewegung, grosse Veraͤnderungen im meilichen Körper verursacht, und so wol die lichsten, als schlimmsten Folgen, nach den schiedenen Relationen, unter welchen Werk gestellet wird, nach sich ziehen kan begreifen Sie leicht, daß man hier aller möglichster Sorgfalt untersuchen müsse, man den geboften Endzweck erreichen; und nicht in Gefahr setzen wil, denselben an mer zu verlieren. Der sicherste Weg, ist auch hier, ſo viel moͤglich die Natur lauschen, und es derselben abzulernen. man hierin glücklich genug gewesen, und entdeckt nun einen Theil der Gesetze, welchen die Natur es thut, so kan man nach fangen sich eine Theorie zu abstrahiren welcher man nachher einen Theil der Relationen unter welchen ein Ding gut oder böse seyn 281 an einsehen lernt. — Ich wil daher bei der undheit anfangen. Sie werden sich aus mei20ten Brief erinneren, welchergestalt die tatur, das neugebohrne Kind vom ersten AuPublici seines Eintritts in diese Welt zur wegung seiner Muskeln reitzet. Im ersten sind selbige kaum merklich, nach und verden sie stärker, sie steigen immer mehr den Punkt wo der Knabe, die Zeit Schlaf abgerechnet, den immer währenzur Bewegung fühlet, und wenn ihm gelassen wird, ein perpetuum moigentlichen Verstande darstellet. Diezur anhaltenden aber nicht äusserst Bewegung, dauret bis der Körper seiigen Wuchs erlanget hat. Alsdann ſich die Neigung darin, daß nemlich nachdem der Jüngling sich an Größe ten gleich siehet, auch mit denselben in ärke wetteifern zu können, sich bestrebet. zelt ihm aber an Fertigkeit, und nun fast zu jeder Bewegung zehnmal so te an, als er dazu brauchte: Da ferJüngling täglich neue Arbeiten aufer neue Mängel in sich entdeckt; daüber durch das Feuer seines brausenden erstehlichen Ehrgeitzes immer angetrieben alle seine Kräfte anzusetzen, so sehen ſo wie die Natur den Knaben zur aber nicht sehr heftigen Bewegung o feuert sie den Jüngling zur steten in den heftigsten Anstrengungen seiner 232 ner Kräfte an. Wir wollen 's, Mein Freuversuchen ob wir etwas von Ihrem Endzwei errathen können. Wenn wir den Körper bedas Licht der Welt so eben erblickt haben derſ Kindes untersuchen, so finden wir daß be so beschaffen ist, daß in seinem inneren noch manche Theile vieler Entwicklung, volkommnung, ja Abänderung bedürfen. nern Sie sich nur blos an die ganze Un rung des Kreißlaufs der Säfte, so bald Kind auf die Welt komt, wo nachher beth liche Blutgefässe als solche völlig unnütz in Bänder umgeschaffen werden. Nicht ger an verschiedene merkliche drüsichte Ködie bei neugebohrnen Kindern einen Raum einnehmen, und nachher bei zunetz Gen. dem Alter immer mehr verschwinden 2c. die Erfahrung zeigt hier unwiedersprec daß die Natur im inneren des Körpers Neugebohrnen, die wichtigsten Geschäf Das Kind schläft daher gröstentheils, Bewegungen ſeiner Muskeln ſind kaum lich — nur wird durch das öftere Weit der Umlauf des Bluts befördert, und zugleich die zum Leben so nothwendigt richtung der Lungen, die wie Sie wissen, Kinde im Mutterleib ganz ohne Beweg blieb, vervolkommnet. Da nun beim wo die Bewegung der wilkührlichen L gänzlich aufhört, das Blut gröstentheils in auf inneren grösseren Blutgefässen sich auch dasselbe beim Kinde von der ersten zu 283 türmilch keine gröbere Theilchen in sich nehund dadurch in seinem Laufe beschwehret verden kan, so sehen Sie, daß hier die mehreBewegungen der Muskeln, ſo bald ſie etstärker gewesen wären, dem Endzweck der dann widerstanden haben würden, indem selbige die völlige Ausbildung der inedleren Theile, durch die denselben daverursachte Entziehung des hinreichenden wäre behindert worden, und das Kind her Gefahr geloffen haben würde, beg einen siechen Körper zu behalten. Und das Kind in diesem Zustand sich selbst doch keinerlei Weise würde haben helfen könso wäre ihm jede Fertigkeit seine Muszu bewegen, auch unnütz gewesen. Nach Maaſte aber nun die inneren edlen mehr ausgebildet werden, die Fähigkeides Geistes sich entwickeln, und das Kind Periode, wo es anfangen sol, selbst Verzu machen, näher rücket, ändert sich auch Scene. Die Einbildungskraft wird nun fter, die Neubegierde stelt sich ein, das hascht nach allem; macht ihm etwas so ist fast kein Muskel, den es nicht ber in Bewegung setzet; mit einem Wort, ewegt von Tag zu Tage nicht allein die kein der äussern Gliedmasse, sondern selbst ganzen Rumpfs immer zwar lebhafter anhaltender, aber nie heftig anhaltend; mit der Vermehrung dieser Bewegungen nimt 284 nimt der Hang zum Schlaf immer mehr abDer Endzweck dieser Periode, und der dabei bemerkt werdenden Veränderungen ist also die ser, daß nunmero die äusseren Theile des Kipers, in Ansehung ihrer angemessenen Magehörig mögen entwickelt werden: diese Periendigt sich also da, wo der Wachsthum des pers aufzuhören anfängt. Durch diese zwar haltendere, aber doch sanfte und stets abweg ſelnde Bewegungen der Muskeln, wird nemlich das bei den Kindern, fast aus blos nahrha Theilen bestehende Blut, durch alle äu Theile des Körpers bis in die allerzärte Gefässe hineingetrieben, und auf solche die Entwicklung derselben glücklich vollende Jezt ist also der Mensch ausgewachsen, im Grunde ist er zu dieser Zeit doch mit zarter, zwar muthwilliger, aber sehr ohne tiger Jüngling. Seinen Fasern fehlet nemlich Festigkeit, und seinen Muskeln diejenig bildung, welche nur allein viel vermög Körper auszeichnet. Und dieses kan, wie sich aus meinen vorigen Briefen erinnern den, nicht anders als durch Mühe und bung errungen werden. Man ersiehet diese ganz unzweifelbar, wenn man z. Z. den eines Grobschmiedes untersuchet. Dessen M. keln sind alle durch ihre hervorragende Gröund Festigkeit ausgezeichnet, zum offenbarte Beweiß, daß dieselbigen mehr genähret worden, als bei anderen Menschen, welche diese keln nicht so viel brauchen, und die daher bünne 285 dünne bleiben, daß sie von aussen gar nicht unterscheiden sind. Da nun ferner das häufiger, und mit mehrerer Heftigkeit, n die äussersten Enden der Fasern, bei starken Muskeln, öfters eingedrungen geso ist's auch leicht zu begreifen, wadie Fasern dieser so häufig gebrauchten kein, um so röther geworden sind. — habe Ihnen gleich oben zwar gezeiget, der weiseste Schöpfer hier alles so eingehat, daß der sich selbst überlassene ling schon in sich selbst die Reitze fühlt ierin zu üben: glücklich wird er aber ei, wenn diese mehrentheils wilde und unbeständige Reitze dergestalt gelenket, es seine eigne und anderer Wohlfarth denselben solche Schrancken gesetzet damit er frühe den rechten Weg erauf welchem er die ihm nützlichsten Kräfgentlich entwickeln, und er sich hüten kön() mit unnützen, oder gar schädlichen Verſeine Zeit und Kräfte, oder wol gar lück zu verschwenden. Wenn Sie dieses alles wohl erwegen, ßt sich im allgemeinen die Art und das der Leibesbewegungen für jeden obgeLebens Perioden mit leichter Mühe beBei den ganz jungen Kindern muß die Bewegung ſo beſchaffen ſeyn, daß nur blos der Umlauf der Säfte in angeweiden, und zwar dergestalt befördert 286 dert werde, daß das Blut in keine solche Bewegung komme, wodurch es mit mehrerer Heftigkeit und Geschwindigkeit in die äußeren Gliedmaße getrieben werde. Die Erschüttedem rung welche die Bewegung der Wiege Körperchen mittheilt, kan hiezu nicht anꝺers als diensam seyn, und zwar um so mehr, durch zu gleicher Zeit, wie bekannt, der Schlaf diese Bewegung befördert und unterhalten wiNur muß man dabei verhüten, daß das Kind sich diese Bewegung nicht auf den Grad mehl gewöhne, daß es ohne selbige nicht schlafen könne. Eine etwas stärkere Bewegung ist schon diejenige, wenn man das Kind auf den Armen trägt, und die Arme sodann in die Höhe, bald herunter beweget. Die ist den Kindern zu dieser Zeit sehr vortheilhaft, und kan schon zur Verhütung der Verstop gen des Gekrößes, dieser so gemeinen Kind dieſt krankheit viel beitragen. Plato rühmte Manier die Kinder zu bewegen ſchon ung mein. (a) So bald das Kind etwas größer wird, macht es auch aus seiner Natur getrieben liche Bewegungen, fürnemlich aber wenn sich über etwas erfreuet; hier sieht man lich wie es gemeiniglich in die Höhe hüpals wenn es aus den Tüchern heraushüf wolte. Eine ähnliche, aber stärkere BewegKmt ist ferner, wenn man das Kind auf etzet, (4) l. 7. de Republ. 287 et, und sodann mittels Aufhebung und Herrbiegung der Knie, das Kind in die Höhe telt und wieder herunter fallen läßet. Man jedurch beim Kinde schon sehr beträchtliErschütterungen im Körper erregen, und den Umlauf der Säfte, wenn man eiZeit damit anhält, sehr befördern. Mehliebt das Kind diese Bewegung; jenuß sie nicht gleich von Anfang mit Heftigkeit geschehen, sondern nach und rstärket, und beſchleuniget werden: und i auch noch nach den Umständen des ein gewißes Maaß dabei zu beobachdem sie für ein solches Kind schon unheftigen gehören kan. Nachher setzt Kind in kleine Kutschen; oder mehr ernde Wägelgen, und fährt sie im Zimwohl, als ſo oft die Witterung es nur aßen erlaubt, auch in der freien Luft Denn es ist immer beßer das Kind in wenn schon etwas unfreundliche Luft gen, als es in dem Hause zu halten; gar im Kindszimmer, in welchem fast verdorbene Luft herrschet, einzusperren. Ehe ich hier weiter gehe, Mein Freund! einen üblen Gebrauch berühren, der hem Kinde ſchon ſeine Geſundheit geschleunig das Leben genommen hat. eine das enge und feste Wickeln des Neurnen, Glauben Sie nicht, daß ich die davon übertrieben, angegeben habe. Denn, 298 Denn, wenn Sie bedenken, daß wie ich gezeiget habe, das Blut nur mit einer gen Kraft in den äußeren Theilen herumtrieben, noch deßen Umlauf durch merkliche Bewegung der Muskeln befördert wird, dann hiemit die Würkung des Wickelns gleichen, daß nemlich dadurch das Blut sehr aus den äußeren Theilen einwärts gehen genöthiget, oder gar wenn das; menpreßen sehr heftig geschehen ist, in oder anderen Theil fast zu stocken gezwuns wird: daß ferner hiedurch jede, auch ringste Bewegung der Muskeln gleichsam lig unmöglich gemacht, mithin jede Hüll Umlaufes der Säste vernichtet wird, wundern Sie sich doch wol nicht mehr, hier und da ein Kind Gichter bekomt, einmal ganz unerwartet, und ohne das eine Ursache finden kan, plötzlich stirbt. bei diesem Neugebohrnen, wo ohnehin jez Blut kurz vorher noch ganz einen andern machte, braucht's warlich nicht dem chen Herzen einen grossen Wiederstand ben, um es zum Stillestehen zu zwingen dasselbe in dem zu sehr nach innen getriBlut gleichsam erſticken zu machen. bei dem Wickeln, der Hals und Kopf gar oder doch sehr wenig gepresset werden auch das innwärts getriebene Blut hier den Wie ringsten Wiederstand findet, so wird er hiehin am mehresten getrieben werden. 0 viel braucht's aber wol hier in diese 280 öllig weichen und ganz breiartigen Gehirne, dasselbe zusammenzudrücken? und wie leicht hier dadurch ein kleines Blutgefäschen ersten und dann durch Ergieſſung weniger unstropsen ein schleunig tödtender Schlagfluß zeuget werden? Dies alles ist warlich so einachtend daß es unbegreiflich ist, wie eine ſchädliche und ſo oft geruͤgte Manier, ſo ige Verfechter noch immer haben kan. Im und ist aber die Ursache davon Faulheit, daher rührende für Gott und Menschen untwortliche Furcht, indem ein recht steif altes Kind von der Mutter, oder Wärmit weit weniger Aufmerksamkeit aus ge genommen, und herumgetragen werVon dem übrigen Nachtheil des und fürnemlich der dadurch behinReinlichkeit, rede ich gar nicht, da viele diese Sache bis zum Eckel anhaben. Wer keine Gründe annehmen mag sehen, wie er seine muthwillig benicht selten mörderische Vorurtheile verten kan. Die Fälle wo Kinder aber hieppelicht gemacht werden, sind häusiman denkt. Denn da die Knochen durch ihre Bänder, theils durch die veran denselben gehefteten oft gegenseierkenden Muskeln in ihrer natürlichen Lahalten werden, so sehen Sie leicht ein, nun ein ungleiches Zusammenpressen einem Theil öfters hintereinander wird, dadurch der gedruckte Theil 290 in seiner Entwicklung, weil die nährenden Säfte in seine Gefässe nicht gehörig eindring konnten, zurückgesetzet, folglich schwächer den müsse. Geschiehet dieses aber, so ist nicht zu verhüten, daß der gegenseitige kel, der mit mehrerer Stärke würket, schlaffe Band nach einer Seite mehr vergern, oder gar den weichen Knochen aus ner natürlichen Lage, oder Figur bringen de. Sehr oft bemerkt man dieses sodan den Knochen der Brust; aber dieser Fehler mehrmal nicht so gleich in die Sinne. Da gentliche Ausbiegung ist öfters noch unter häufigen Fett versteckt, oder zeigt sich erst merklich, nachdem der Körper selbst entwickelt worden. Daß aber solcher dergleichen nachtheilige Folgen für die habe, siehet man ja ganz unwiedersprechlich denjenigen Kindern, die von ihren Mätter oder Wärterinnen nur immer auf einer getragen werden. Wenn nemlich einig Kinder glücklicher Weise solche feste Körf ben, daß sie davon nicht krumm werden ist 's doch nicht zu verhüten, daß die den Koͤrper der Waͤrterin immer angedruckt des Kindes, fürnemlich derselben Schenke Fuß lange viel schwächer bleiben als ren; und überhaupt wird ein solches Kind her viel später aus dieser Ursache gebur nen. — Wie vielerlei Brüche müss lich nicht daraus entstehen, wenn nun das Wickeln der Unterleib manchmal derg 291 zusammengepresset wird, daß die Gedärme sich nach unten, wenn fürnemlich die Bauchringe schwach sind, und keinen hinreichenden Widerſtand bieten können, einen Ausweg ſuchen? ich kan nicht anders als dem Roußeau dig beiſtimmen, welcher behauptet, daß ſelbſt durch 's Wickeln erregte grausame Zwang, die Gemüthsart des Kindes Einfluß haben Denn, kaum hat das Kind einige jemzüge auf dieser Welt gethan, so macht ihm Schmerz, Pein, und Hinderniß allen Bewegungen zu seiner ersten EmpfinSie zürnen und schreyen darüber, aber stens befreiet man sie auf eine halbe Stunso werden sie in ihren lastigen Kerker wieaufs neue zu ihrem gröſten Aerger eingessen, und geben sich nicht eher zufrieden, Müdigkeit ihnen die Augen auf wenige nden zudrückt. Die Lacedämonier, denen so gar viel geradegliedrichten Menschen lag, daß arg befal, alle ungestaltete Kinder ausverhüteten sorgfältig jedes Einder Kinder, wie Plutarch erzählt (a). Loubere bemerkte, daß im Königreiche gar keine ungeſtaltete Menſchen gefunden en, welches er dem Umstande zuschreibt, die Siamenser ihre Kinder nie wickelten. (b) T 2 Ich vita Lycurgi. Relation du Royaume de Siam T. L. 292 Ich habe mich bei dieser Hinderniß glücklichen Entwicklung der kleinen Kinder was lange aufgehalten, aber Sie sehen daß sie alle Aufmerksamkeit verdient. komme jezt auf die Bewegungen derj Kinder, welche etwas älter geworden. hat die Natur die Bewegung von allen Seite zum Bedürfniß gemacht — das vornehm von ist daß sie nun sollen gehen lernen. hier hat die so öfters thoͤrichte mensa Klugheit, manche abderitische Streiche gemaund allerlei Mittel ersonnen, um das recht geschwinde, und zwar noch früher, die Bänder aller seiner Gelenke die s Festigkeit zum aufrecht stehen hatten, zu lehren. Alle diese Mittel nützen meitheils nichts, sondern schaden vielmehr. lege das Kind, ſo bald man merkt daß nige Festigkeit in den Gelenken, und in den Muskeln erhalten hat, auf einen pich hin, und gebe nur Acht daß es sich keinen Schaden zufügen könne; übrigens man es aber machen und kriechen war wie es wil. Es wird hier zuerst lerner Händen und Füssen zu gehen, und dabei Muskeln des Rumpfes vortreflich üben, lich dadurch die Anlage zum schlanken Köt be um ein vieles entwickeln. Während die werden auch nach und nach die Bände Gelenke nebst den Knochen, die gehörige keit erhalten, damit die Füsse das Gewicht &c ganzen Körpers mögen ertragen können. 293 bald man dies merkt, setze man ihm allenfals eine. Stuhl hin, der von unten bis oben stufenweis mit Sprossen versehen ist, die nicht aber einen viertel Fuß übereinander entfernt stehen müssen. An diesen lasse man nun das Kind von einer Sprosse zur anderen sich immehr üben, bis es zulezt lernt sich bis derjenigen herauf zu strecken, bei welcher es stehen mus. Wenn es dieses kan, wird es bald lernen das Gleichgewicht einem Körper zu halten — und ist es so gekommen, dann wird es bald über die An seiner Füsse so viel Herr werden, daß ge zum gehen nach Wunsch wird bewennen. Wenn das Kind auf diese Weise gehen lernet, so ist der Nutzen vielfach. entwickelt hier immer einen Theil nach deren; eine Kraft nach der anderen, aß eine überſprungen würde. Auch ier nie das Kind auf einmal an, alle velche zum Stehen und Gehen gebraucht müssen, in Bewegung zu setzen. Denn aus man immer verhüten, wenn die lung der Kräfte bis auf ihren höchsten getrieben werden sol, indem sodann imKraft der anderen zur Stütze dienen iglich die eine erst einmal bis zu einem Grad erhöhet ſeyn mus, ehe man eine entwickeln anfangen wil. Das. auf eise das gehen erlernt habende Kind, nicht allein viel sicherer gehen koͤnjeden Gelegenheiten das Gleichgewicht mehr 294 mehr zu halten wissen; sondern es wird eine größere Fertigkeit erlangen, allerlei Leibesübungen volkommener zu erlernen. Es komt beim Kinde nicht drauf an, recht geſchwin gehen; sondern dergestalt gehen zu lernen, es keine Gefahr laufe zu fallen, und daß ohne nachher laufen, springen und dergleichen Mühe in kurzer Zeit ebenfals nachmachen ne. Hierin besteht alsdann seine körperlle Volkommenheit. Diese Art gehen zu lerne endlich der ganzen Entwicklung seines Köpf angemessen; denn es mus hiebei ohne Unschied alle Muskeln des Körpers brauch das Blut wird daher mit Gleichheit Theile des Körpers bis in die kleinsten getrieben, und die Nahrung auf eine mäßig allgemein gleiche Weise im ganzen per befoͤrdert; welches bei jeder künstlichen thode gehen zu lernen nicht geschehen weil dabei nicht zu verhüten ist, daß hier oder da Theile des Körpers mehr mengedrücket; ja nicht selten gezerret wer solten. Wenn nun das Kind einmal selbst kan, dann komt 's nur darauf an, daß demselben solche Spiele vormacht und ihn zu selbigen beibringt, wobei es alle seine keln abwechselnd, ohne sich zu ermüden brauchen mus. Nach Maaßgabe daß Fertigkeit in den Bewegungen, und Fe seiner Fasern zugenommen, mus man 295 Bewegungen anstrengender machen, jedoch müsdergleichen Anstrengungen in diesem Alter ue anhaltend; noch so heftig seyn, daß starke ermüdungen darauf folgen. Ausserdem komt nun hauptsächlich auf eine kluge Wahl des Führers an; fürnemlich wenn wo bei der Begung eines oder anderen Theils, mehrere Beverlichkeit oder Unfähigkeit bemerkt werden Ich mus bei dieser Gelegenheit auch noch Fehler Meldung thun, welche in dieſer riode der Erziehung von vielen begangen Hiehin rechne ich, daß man den sehr oft durch zu enge Kleider oder Schnürbrüste unterstützen zu müssen Nichts iſt thoͤrichter als dieſes. Man Körper eine falsche Stütze, und bedie Entwicklung der eigentlichen wahUnd selbst, ich stelle den Fal, man daß eine Seite oder ein Theil schwächer der andere, so bleibts doch immerhin daß jeder auch an dieser Seite anhalangebrachte Druck, das Wachſen der und derſelben Zunehmen an Feſtigkeit, anders als behindern könne. Erinnern dieserhalb nur an das, was ich Ihgleich vorher über den Schaden, welchen Vickeln bei kleinen Kindern verursacht, habe. Auch geschiehet es sehr oft, fürbei einigen krankhaften z. E. rachitischen 296 schen Kindern, daß bald dieser, bald jene Theil vor dem anderen mehr angegriffen erschlaffet wird. Wenn man dann nun auch heute die Stütze am eigentlichen erschlaften seyn, Orte anbringt; so kan es doch leicht daß in kurzer Zeit darauf die gegenſeitig Bänder, Muskeln, oder Knochen in den lichen Fehler verfallen. Es wird also diejen Stütze, welche zwar im Anfang den geschwä ten Theil in etwa unterſtützte, und zur deren Richtung des Körpers für die was beitrug, eine entgegengesetzte Würkung mithin das Uebel viel ärger machen, nemlich die gegenseitigen Bänder, Muskel Knochen mehr nachgeben, als diejenigen die Stütze angebracht worden. Dies mit eine Hauptursache, warum man nie eigentliche Maschine für solche Kinder, aus angeführten innerlichen Ursachen, des Körpers verunſtaltet werden, zur tung dieser Mängel aussinden wird; diejenige Maschine, welche noch heute lich wäre, in wenigen Tagen beim neKinde höchst schädlich werden kan. In Fal ist daher nichts anders zu thun, zu bemühen durch Hülfe der Arzneyen gehoͤrigen Verhaltens, die innerliche zu tilgen, nur nicht durch Nachläßigkeit, z. E. schiefe Stellungen 2c. das Uebel men zu lassen, und das übrige, wie der Locke so ganz weislich sagt, der Nat 297 berlassen. (a) Welch ein grosser Nachtheil wird ächt auch durch zu enge und zu kleine Schuverursacht? kein Theil des Körpers sieht bei wehresten Menschen ärger verzerrt aus als Füsse. Dies kan nicht anders seyn da der Wahn, den Kindern einen hübſchen Fuß enge Schuhe zu bilden, noch so häufig chet. Und man denkt nicht, daß die und Breite der Füsse, von der Natur mlicher Proportion mit dem übrigen Körgebildet werden müssen. Wie viele schmerz Zufälle entstehen nicht bei unzäligen en dadurch? und was nachher noch das limmste ist, ist daß solche verwachsene Düneraugen besetzte Fässe, fast gar keine liche Bewegung, wegen der daher entsteSchmerzen zugeben: man kan daher behaupten, daß enge Schuhe in der Juder Entwicklung der physischen Kräfte Kindes offenbar im Wege stehen. Ein Umstand, der ebenfals obgedachter geEntwicklung des Körpers ſehr im Wejehet, ist jede anhaltende mit Sitzen verBeschäftigung, welche dem noch nicht ausgewachsenen Kinde auferlegt wird. nan untersucht von welcher Eltern Kindie mehresten Krüppel werden, dann wird (a) De Education des Enfans T. I. S. XII. sagt er: Laissons à la Nature le soin de façonner le corpi comme elle le trouve à propos. 298 wird man jederzeit die gröste Anzal derselben bei den ganz Armen, oder den Vornehm finden. Obzwar freilich von beiden doch verschiedene Ursachen blos liegen, so ist wol die des Mangels der gehörigen Beweg mit eine der wichtigsten: Die ganz armen tern finden sich nemlich im Nothfal, den zen Tag zu arbeiten, um aufs kümmerlich ihr Brod verdienen zu können. Oefters sie beide die mehreste Zeit des Tages ausser dem Hause; oder wenn auch dies ist, haben sie doch nicht die Zeit das zu hüten. Sie dürfen selbiges aber nicht umkriechen lassen, aus Furcht es möcht Schaden thun; oder andere gefährliche Vermachen. Sie ſperren daher jezt das Kin einem Stuhl ein und setzen es an den und auf welchem sie demselben zu essen trinken, auch wol Spielsachen und chen zum Zeitvertreib hinstellen. In Kerker mus das Kind den Tag zubring die übrige Zeit im Bette schlafen. bald es etwas grösser geworden, mus ganzen Tag in der Schule ausharren: wo Fabriquen, fürnemlich Spinnereyen wo am Spinnrade sitzen, oder stehen; dann nichts anders thut, als das Rad drehen, mithin einen und den nemlichen des Körpers anhaltend beweget, und alle wird. dere ruhen lässet. Es ist ein Wunder hiebei das Kind nicht krüppel und siech dies lehret die Erfahrung zur Genüs“ ge 299 den Vornehmen entstehet das nemliche nur sind die Quellen desselben auch mer. Das Kind wird nemlich mit aller lichkeit erzogen. Man giebt ihm ausser Amme eine oder mehrere Wärterinnen, den strengſten Auftrag haben wohl zu daß das Kind nicht aus dem Zimmer Die Mütter müssen nemlich mehrenmögen wollen oder nicht, wenn sie ssen Ton nachleben, und nicht als auserthe Sonderlinge angesehen werden alle dergleichen Sorgen an Fremde überindem sie sonst unmöglich, so wie es emet, die Geselschaften besuchen und in sich zeigen können. — Der Natur gar nichts zugetrauet, sondern zubertriebene Zärtlichkeit und Sorge; zuaber auch niedrigere Triebe, rufen alk der Kunst, welche kurzsichtige Menachten, herbei. Die Amme und nachWärterinnen, welche desto grössere zu erhaschen gedenken je fetter das glauben nach ihren Begriffen, solhäufiges und beständiges füttern zu erlangen. Der stets angefülte am nie leer werdende Magen des bei lezterem keine natürliche Trieewegung aufkommen, sondern das einen unwiederstehlichen Haug zur es wird vielmehr immer unlustiger, und man glaubt das Weinen nicht stillen zu können, als dadurch, daß man 300 man dem Kinde aufs neue zu essen, oder trinken giebt; und so nimt das Uebel immer mehr zu, bis zulezt völlige Schwachheit, lei Arten Verstopfungen und Krankheit brechen, und nun der Arzt, wenn er nur zeitig genug gerufen wird, und er hinreich Eindruck machen kan, mit genauer Noth Kind vom drohenden Tode rettet. Ueberlebt nun diese Periode, dann wird es nach nem finstern Hofmeister; oder einer mütter Gouvernantinn anvertrauet. So bald das aufgestanden, angezogen ist und recht gefruhstücket hat, wird es bei demselben gesperret. Hier mus es den ganzen Mots aushalten, bis es wieder an die Mittag gehet. Nach Tisch fängt der vorige wieder an, das Kind darf nicht vom Zimm kommen: und viele zwingen es immer nem Stuhl ruhig zu sitzen; ja, ich weispiele, wo die Kinder auf den Stuhl sind gebunden worden, damit die Gouverna nicht nöthig haben moͤchte, gar zu auf Obsicht über die ihr anvertrauten Kinder haben. Ueberhaupt ist das schöne Geallem diesem weit mehr ausgesetzet, und te wol einmal von dieser Seite einen Ly zum Reformator ihrer Erziehungsmethod sehen leicht ein, Mein Freund! daß bei sen Erziehungen kein anderes Resultat Vorschein kommen kan, als miszogen miswachsene Kinder. Das Herz mus warlich dabei=bluten. Dem Himmel so . 301 gedankt, daß die Bemühungen vieler redMänner, bei den Vornehmen schon sehr Eindruck gemacht haben, und man sehr mehr dergleichen so weit vom rechten entfernte Erziehungs=Methoden, anIst aber nun das Kind auf dem glückliBege der Natur bis zu den Jünglingsangewachsen, dann müssen die Bewein eigentliche Leibesübungen verwanrden. Hier kan ich nicht besser rathen, jeder Vater oder Hofmeister den Alznahmen suche; hievon habe ich in den Briefen gesprochen. Es komt hier uptsächlich auf die genaueste Untersu, welcher Theil wol der schwächste und der mehresten Uebung bedürfe, dadarnach die besondere Art der Bewetimmet werden möge. Hiezu gehöret heit von Seiten der Eltern und HofIch kan mich unmöglich hiebei ins nlassen, indem ich sodann nicht allein jungen des Körpers im geſunden Zusondern auch derselben Abartungen befolglich eine vollständige Physiologie bologie liefern müste. — Nur diese Warung mus ich Ihnen noch mitß es eine Hauptsache bei jeder Pewohl zu untersuchen, ob vileicht des Bluts hauptsächlich in einem anderen inneren edlen Theil unregelmäßig geſchie⸗ 302 het, und deswegen die Entwicklung des lings zurückgehalten wird. In dem Fal nemlich eine Hauptsache sich hiernach ordnung der Bewegungen zu richten, sodann eine heftige Bewegung der M. und der dadurch sehr vermehrte Kreißlauf, leicht einzusehen ist, grossen Nachtheil sachen kan, welches Hippokrates schon he, wenn er sagte: Motus musculis, visceribus prodest. In diesen Fällen mehrentheils diejenigen Arten von Bewes vorzuziehen, wodurch man die inneren gelinde erschüttert, ohne daß dabei die äuß chen sonderlich brauchen beweget und noch niger ermüdet zu werden. Ich habe Ihnen oben gesagt, daß Maaß der Bewegungen selbst, nach den deren Jahreszeiten verschieden seyn Hauptsächlich gehet dieses aber die Leibesübungen an: Denn, diese sind we beißen Sommer, noch im kalten Winter gentlich zuträglich, sondern schwächen den Körper. Im ersteren Fal gehen zu viele flüßige Theile verlohren; die die bleibenden werden daher verdicket; zu sehr aufgelöset, und dem Blute beigem. zugleich aber bekommen die mehresten durch die vermehrte Hitze und Bewegung mith grösseren Hang zum Verderben, Schärfe. Die Erkältungen sind daher ser und anderen Ursachen bei den 303 ewegungen zur heißen Sommerzeit nicht aleichter moͤglich, sondern auch ungleich gerücher. Bei den Uebungen, welche man Sommerzeit verrichtet, ist überdem noch zu bemerken, daß diejenigen Uebungen, der Mensch mehr auf dem nemlichen ehen bleibt, den Körper weit mehr schwäals wenn er öfters von Standplatz änAristoteles erinnert dieses schon. (a) ersache ist ganz einleuchtend: Denn da Meuschen umgebende Luftkreiß, wenn nicht abgeändert wird, durch den lefürnemlich erhitzten menschlichen Körnoc. ungleich wärmer wird, so müssen verschiedene schädliche Folgen entsprinadem Erstlich: je mehr dieser Luftkreiß wird, er desto unfähiger wird, die im entwickelten Feuertheile anzunehmen und Zweitens: Die den Luftkreiß ausLuft wird desto mehr ausgedehnet, fazirt, folglich selbst geschwinder mit terie der Ausdünstung gesätiget; mithin ickt, dergleichen neue Materie aufzunehDrittens: Aus dieser Ursache, und chon der blossen Würkung jeder vermehrwerden die flüßigen Theile in ihan zum Verderben so viel geschwinder fort38. partic. Probl. 6. wo er sagt: se exercentes sole magis uruntur dum sedent, quam dum moveatur. 304 fortschreiten, und die festen Theile so viel mehr erschlaffet werden. — Ausser diesem ist gut, den blossen Körper den Sonnenstra auszusetzen: fürnemlich ist aber dieses Kopfe am schädlichsten, als wovon ich die sache hier nicht weiter anzugeben nöthig werde. Daß aber auch die heftigen Beweg in einer strengen Kälte nicht allein ermüden; sondern daß man sich von derg Ermüdungen lange so geschwinde nicht sondern solche viel länger nachher empfindet, die Erfahrung: und daß diejenigen, welsolcher Kälte heftig laufen, viel länger figkeit in den Gliedern fühlen, als solche der Kälte sich nicht so heftig bewegen, mehr ruhen, wuſte ebenfals obbemeldte toteles schon (a). Die Ursache davon zum Theil mit dieſe: In der Kälte iſt sehr dicht, trocken und von Feuertheil raubt. Sie ist daher zur häufigen der aus dem Körper ausdünſtenden höchst geschickt. Was wird aber wol hen, wenn nun ein solcher Luftkreiß Körper herum häufig abgewechselt, gleich die Maße des Bluts im Körper der herum, und noch mehr in die (4) 6. partic. Probl. 12. heißt es: Correntes magis rigent tientibus. 305 Theile getrieben wird? Nicht wahr, die Luft eird mit der grösten Gierigkeit, alle im Körentwickelnde Feuertheile an sich ziehen: zugleich alle in die äusseren Ende der ausführenden, und mittels der vermehrten Bewegeöfneten Gefässe, getriebenen Theilchen aufnehmen, und dadurch nun die Ausg bis auf einen unglaublich hohen Grad Sie wundern sich, Mein Freund! sagen; das wäre ja sodann eine herrliche 3? Wenn dies in einem gehörigen Maaß et, dann haben Sie recht; so bald aber ewegung etwas heftig und anhaltend kau es nicht fehlen, daß da nun die gleichwie die Feuertheile, bei solcher fenheit der Luft an der ganzen Oberdes Körpers gleichsam ausströhmen, ach und nach solcher Mensch eine sehr kliche Menge Säfte verlieren müsse. Naasgabe daß dieſes nun geſchiehet, werden fte von den inneren Theilen weg, und äusseren desto mehr getrieben; erstere folglich leerer; und leztere, mithin auch uskeln vom Blute strotzender. Da es ner unleugbar ist, daß durch die KälFaſern des menſchlichen Körpers mehr et werden, so kan es nicht fehlen, daß derſelben Acktion auf die flüßigen Theile eftiger, mithin leztere desto mehr aufgezur Ausführung desto geſchickter wernüssen, Weil also in diesem Fal die faser durch die Würkung der Kälte; der ver 506 ein vermehrten Bewegung, und des häufigen tretenden Blutes weit mehr gespannt wird, begreifen Sie, warum der Mensch nach heftigen Bewegung in der Kälte länger bleibt, als wenn er mehr in derselben ruhUnd da ferner bei dieser Bewegung eine beträchtliche Menge von seinen flüßigen ehelals auch ſeinen Feuertheilen verlohren und seine Säfte sehr aufgelöset werden, welches leztere Sie schon mehrentheils Fal Urin merken können, der in dieſem den mehresten Menschen einen sehr dicken, ters blutrothen Satz lässet, so liegt auch Urſache am Tage, warum die auf dieſem ge zugezogene Ermüdung von so viel anhalte deren Folgen ist. Ja, Boerhaave bemdaß die Bewegung mit Schlittschuhen an wob Eise, da sie wol diejenige ist, Mensch am geschwindesten die Luft durch chet, folglich den Luftkreiß am öftersten wechselt, auf den Grad getrieben wene, daß der Menſch dabei eine ſolche Säfte ausdünste, daß er darüber sterb ne. Es verstehet sich aber von selbst, diese Resultate sich sehr verschieden müssen, wenn z. E. die Kälte, fürnemlt damit verbundenem heftigen drückenden bis auf einen solchen hohen Grad stiegt die äusseren Gefässe dadurch dergestalt zusam mengezogen würden, daß die Säfte gleichsam stocken und zulezt gar durch den te gerinnen müsten. Ein Umstand der 307 enjenigen, welche erfrieren, ereignet. Auch greifen Sie leicht, wie gefärlich es seye, nachdem man die Säfte bei der Bewegung in Kälte in die kleineren ausdünstenden Gegetrieben hat, mit der Bewegung einzuoder dem heftig wehenden kalten Winschleunig blos zu stellen. Nicht minder klar, warum man bei der heftigen Bein der Kälte, fürnemlich wenn man den Wind gebet, ſo leicht Lungenentzünsich zuziehen könne. Alles dieses sind alwichtige Umstände, welche man bei der theils so ohne Vorſicht, ſich zu jeder Zeit Fnden Jugend, wohl zu beobachten hat, man ihre Gesundheit erhalten, und ihre räfte erhöhen wil. Sie sehen hiebei ein, wie nöthig es ist die Natur studieren, ehe man glauben darf ihr nur folgen zu können: denn ein ber Theil des unwissenden Publikums, seinen Körper am besten zu berathen, in der Sonnenhitze sich ausruhen; der Kälte sich jederzeit heftig beweIch wolte Ihnen nun noch von den gemeinen Folgen der zu heftigen Bereden, aber ich fürchte Sie möchten der Bewegung auf dem Papier, Laubekommen, und deswegen bitte ich noch Geduld und neue Aufmerksamkeit für sten Brief. U 2 Fung R — Fünf und zwanzigster Brief. In meinem vorigen Briefe unterhielte ich mich mit Ihnen, Mein Beſter! über das beſe Maaß der Bewegungen, in algemeiner sicht auf verschiedenes Zeitalter und JahresIch mus Ihnen daher jezt von demj was bei jedweder eigentlichen heftigeren wegung zu beobachten ist reden; Sie zu mit den algemeinen schlimmen Folgen der triebenen Bewegung noch bekannter ma und diejenigen Hülfsmittel angeben, man derselben Nuzen erhöhen, und den den um ein vieles verhüten kan. Boerhaave, dieser bewunderuswerth obachter unserer Natur, sahe die Nothwekeit, den Menſchen ein algemeines geben, bis auf welchen Grad es der heit zuträglich seye sich zu bewegen, beſtimte, daß der Menſch ſich ſo laut gen müsse, bis man auf der Haut ersten Anfänge des feuchtwerdens verspüre die den Körper umgebende Luft merkliche wil Dünsten angefüllet worden. Ich einen Theil der Gründe davon hier Wenn der Menſch ſich nach dem Verh U 309 ſeiner Kräfte mäßig beweget, dann dringt das Blut in die kleineren Gefässe volkommener, geschwinder und mit mehrerer Kraft ein; die kleineren Gefässe der Muskeln werden daher mehr ausgedehnet und gespanner, mithin auch teitzbarer. Sie erinnern sich ferner, daß in zterem Fal, nothwendig der Muskel selbst desto mehr genähret, folglich auch in sich selbst stärker werden müsse. Sol dieser Endzweck erhalten werden, dann mus also der Umlauf Säfte nicht so heftig werden, daß die neu ezten Theilchen auch wieder durch den gen Trieb desselben zerstöret, und gleichabgerieben werden. Hiezu ist obiges der Bewegung dienlich. Ausserdem mus mittels der vermehrten Spannung erhöhete licität, und Reitzbarkeit auf ihren höchsten lichen Grad steigen, d. i. dahin kommen, Mensch sich am leichtesten, und zu alBewegungen am aufgelegtesten fühlet. So Spannung und Reitzbarkeit hoͤher gewird, stelt sich auch eine schmerzhafte findlichkeit, und zwar zuerst eine Empfinvon Müdigkeit ein, welche krampfhaftes mmenziehen der Gefässe, verminderten auf und verflogene Kräfte anzeigt. Ein und eben so wichtiger Nutzen desselben über dieſer, daß die unmerkliche Ausdündabei am glücklichsten von statten gehet. wird nemlich auf zweierlei Weise durch eftige Bewegung behindert: Erstlich: nun die gröberen und mit zäheren aufgelösten 310 in die gelösten Theilen beladenen Säfte, bis äussersten Enden der ausdünstenden Gefäß durch zu heftige Bewegung getrieben werden, dann ist es ja natürlich, daß diese Säß dann nicht mehr so leicht in Dünste bedelt werden können: kan aber dieses nicht derst so leicht gescheben, dann können Theilchen auch den Luftkügelchen nicht meh leicht anhangen, und in den Luftkreiß weggenommen werden. Es mus also jez les, was vorhin in Dünste verwandelt und weggieng, zurückbleiben. Die Enden der Gefässe hervorgetriebenen hangen nun dermassen stark zusammen, ihre Tropfen bilden, und entweder durch Schwere herabrollen, oder durch einen Körper eingesogen werden müssen. dieses nicht, so bleiben sie auf der Haut erschwehren natürlicher Weise das her gen von anderen Theilchen; und werde einen grossen Theil von den einsangenden gefässen wieder eingenommen, und den ten, denen sie doch nicht anders als lig seyn können, abermalen beigemischet. tens. Die Absonderung selbst geschiehet, gewisse Theile an den Oefnungen genden Gefässe hangen bleiben, und Mündungen derselben hineindringen un Ein nommen werden. Nun begreifen leicht, daß dieses lange nicht mehr so geSiguel ſchehen könne, wenn das Blut mit zu Heftig= und Geschwindigkeit beweget; den 311 den abzusondernden Theilchen keine Zeit gelaswird, den Oefnungen der Gefässe sich anzuhangen, sondern selbige in den Kreißlauf rieder mit fortgeschleppet werden. Und im Fal irgend einem Saft eine Schärfe geammlet hat, so ist es doppelt nöthig, die zu Bewegung und darauf folgende Ersorgfältig zu verhüten; weil durch selSchärfe nur so viel würksamer, und um so viel mehr zurückgehalten wird. Sol daher die unmerkliche Ausdünstung der Bewegung vermehret werden, so selbige auf den Grad getrieben werden, Kreißlauf der Säfte auf den Punkt wobei die in die äusseren Ende der führenden Hautorgane getriebenen Säfte, der wegen ihrer Menge, oder ihrer Zähigder zu heftigen Bewegung behindert werDünste verwandelt, und von der Luft kommen werden zu können. Je mehr lezüber im gesunden Zustande geschiehet, vortheilhafter dünstet der Mensch aus; mehr solches behindert wird, desto wekönnen sich seine Kräfte entwickeln. Unen Sie alſo, Mein Freund! ob obiger aavischer Maaßstab nicht völlig den der Natur angemessen seye. Der welcher also aus der übertriebenen ewegung entspringt, ist gros und wichEr verdient aber noch von mehreren Seibetrachtet zu werden. Die schädlichen Foldavon kommen nemlich geschwinde und heftig 312 heftig — oder langsam und algemach. ersteren kan man mit leichter Mühe, bei Wem zu Tode gehetzten Wildprette beobachten. nemlich z. E. ein Haſe von Hunden lange hintereinander getrieben, und im anhaltent Laufen seine Rettung zu suchen gezwung wird, dann bemerkt man zulezt, daß laufen anfängt nachzulassen, und bald nach todt hinfällt. Untersucht man uns solchen todt gehetzten Hasen, dann findet man daß derselbe gleich darauf so steif ist, als wir er in der ärgsten Kälte ganz befroren wäre und zwar dergestalt, daß wenn man ihn den Hinterläufern in die Höhe hebt, den ze Körper nebſt den Vorderläufern eine gerade Richtung behält. So ergeht es festen Theilen. Nicht minder merkwärdiaber die Veränderung, welche man in flüßigen wahrnimt. Selbige sind nemlich Fäulniß ſo nahe gekommen, daß ein Hase gar nicht genossen werden kan, den Hunden gleich zu freſſen gegeben So gar das Mark in den Knochen ist s verdorben, weswegen das den Knochen sitzende Fleisch, wenn man es schon sehr durch Eßig, oder andere Mittel, völligen Fäulniß zu schützen trachtet, glei wird, ja in eine faule aufgelöste Jauch gehet. Auch wiſſen die Metzger, daß ein Stück Vieh, nachdem es stark getrieb den, gleich schlachten, kein gutes, weich 313 weiches, mit blutichten Fasern durchstreiftes Knochenmark ausliefert. Bemerkt man nun, was beim gesunden nſchen nach zu heftiger Bewegung vorgehet, entwickelt sich dieses alles noch mehr. lange nemlich die Bewegung in ihrem geMaaß geſchiehet, ſchlägt der Puls geschwinder, aber vol und leicht; die und nach und nach die Hände werröther; der Mensch bemerkt überhaupt keiangenehme Empfindung im Körper, ſoner verrichtet alle Bewegungen mit Leichhält er aber mit der Bewegung länger ann wird der Puls zwar immer geſchwinaber kleiner und härter — die rosenfarGestalt der Wangen verwandelt sich in ezogene Bläße. Nach und nach stelt sich indung von Müdigkeit ein, welche gede in eine algemeine schmerzhafte Emausartet. Der Mensch wird an alliedmassen steif, die Oberfläche seines Körwird wegen der angeschwollenen und gebleibenden Muskeln ungleich: Er kan nur beschwehrlich, und nicht anders als ner unangenehmen Empfindung bewegen: steigen alle diese Zufälle immer mehr: ihm, wenn er gezwungen würde seine zungen immer fortzusetzen, eben so ergewürde, wie dem todt gehetzten Wildprette. dieses alles nun zugehet, wil ich Ihnen zeigen. 314 zeigen. Sie wissen, daß je mehr und öfter jeder reitzbare Theil gereitzet, d. i. in gewürket wird, er in seiner Reitzbarkeit zunimt und zulezt selbst dadurch so reißbar empfindlich wird, daß seine Fasern ihr serstes Vermögen anwenden sich zusammenzu ziehen, und der Menſch die dadurch Empfindung am Ende nicht mehr aus kan. Wenn nun öfters hintereinander Muskel beweget wird, so werden seine öfters gespannet und unleugbar gereitzet: abstrahire hier gänzlich, wie dieser Reise tels des Einflusses der Nerven hervorz werde) das Blut wird mit mehrerer keit in die Nebengefässe getrieben; entstehet die Röthe der Wangen, welche den zuerst erregten gelinderen Krampf nen reitzbareren kleinsten Blutadern unterund vermehret wird. Wenn man nun wegung anhaltend fortsetzet, dann nothwendiger Weise die Muskelfasern reitzbarer, folglich auch mehr geſpannet den. Diese Spannung so wol, als das Blutgefässe stets mit Heftigkeit, und ter Geschwindigkeit eingespritzte Blut, Blutgefässe selbst durch diese Wärkung mäßig reitzbarer machen. Nach und nach hen sich also aus dieser Ursache auch sten Pulsadern zusammen, verengen sich; und (*) S. Hoffmann von der Empfindlichd. Reitzbarkeit der Theile im 59ten Abs. 315 gestatten dem Blut den freien Durchzug mehr; die rothe Farbe der Wangen und ganzen äusseren Körpers mus also verinden, und an deren Stelle eine völlige sich einsinden, weil nun das Blut nicht bis in die äusseren Theile hereindringen Das Herz empfindet daher immer desto eren Wiederstand, je mehr und häufiger kleinsten Pulsadern verengen; und wenn bis auf einen gewissen Grad getrieben mus ja wol nothwendiger Weiſe das zulezt stille stehen, und der Tod erfolgen. dieses aber geschiehet, sind die Muskelfaſtark gereitzet worden, daß ſie nun gröste Vermögen anhaltend anwenden sich uenzuziehen: sie werden also nicht allein sten Grade gespannet seyn und bleiben, eben hiedurch werden auch zulezt fast jede flüßige Theile aus ihnen herauswerden, mithin darf man sich über einfindende Steifigkeit der Muskelfanicht mehr wundern; und eben weman solches über die faulichte Beit der Säfte thun, wenn man besehr hier durch die Bewegung alles und durch mehr erregte Hitze, beAbsondrungen und Ausführungen, ja Stockungen der Säfte, selbige in eigentufangende Fäulniß übergehen müssen. rauche Ihnen nun wol nicht zu sagen, alle diese Zufälle geschwinder und heftiger ndiger Weiſe nach ſolcher übertriebenen Bewe⸗ 316 Bewegung entstehen müssen, je grösseren die Säfte bei einem Menschen vor dem ren zum Verderben haben, oder würklich scharf geworden sind. Wenn aber nun die Excesse in der wegung nicht bis auf diesen äussersten; aber öfterer in einem minderen Grad! werden, dann kan es nicht fehlen, Folgen davon in ihrer Größe und Wie nach Proportion des geschehenen Excess verf der natürlichen Anlage des Körpers ne seyn müssen. Daher komt es dann, Leute, die sehr schwere Arbeiten zu vergewohnt sind, vor der Zeit stumpf, alt werden. Daß der, welcher früh größten Lasten fortgetragen, hebt, kaum ein Mann ist; daß er nicht metig bleibt seinen Gliedern zu gebieten ruhen, nachdem er sie durch die Arbeit trieben hat — daß der Bauer welch der gelerte und sinnreiche Unzer sagt kaun seinem Viehe um die Wette büffelt, sechzigste Jahr erreichen kan, und schon vorher steif und gebrechlich wird. Nummero ſehen Sie alſo leicht gegründet und wichtig der Rath der Alter nie eine Leibesübung bis zur merkliche (⁴) Der Arzt. 2ter Theil. S. 68. dans 317 ung zu treiben — zu gleicher Zeit aber auch immer vor jeder heftigen Bewegung eine geandere vorbereitende vorhergehen; und nach gegier eigentlichen Leibesübung, noch einige zeünde Bewegungen nachfolgen zu lassen. Bei lede. heftigen Bewegung wird das Blut mit walt in die kleineren Gefässe gesprützet; werden also nothwendig dadurch ausgeNun iſt es natürlich, daß der Umdabei viel ordentlicher bleiben, auch die sse selbst so wol als die Muskelfasern lannicht so geschwind den schädlichen Grad Reitz= und Empfindbarkeit erhalten werden, dieses alles nach und nach, und nicht umal geschiehet. Und eben so wird nach gter Leibesübung alles desto eher und mener in seine natürliche Bewegung und barkeit kommen, wenn nun ebenfals nach ach die Bewegung gemindert wird. Sehr können sonst Säfte irgendwo krampfhaft gehalten werden; wie dann überhaupt derUmlauf des Bluts in den Gefässen des selbst, durch solche sanfte nachher fortBewegung am glücklichsten wieder herwird. Wo aber würklich die Beweeine sehr übertriebene Art geschehen, freilich nachher Bäder, und andere die faſern erſchlaſſende Mittel, häufiges Trinsserichter und befänftigender Getränke 2c. hauptsächlich ein ruhiger Schlaf in eiſanften und weichen Bette, die beſten Mittel 318 Mittel um den dadurch sich zugezogenen Schaden so viel möglich auszuwehen. Sie erinnern sich aus meinem 8ten B daß die Alten verschiedene Vorschriften derer vor und nach den Leibesübungen stellenden sanfteren Bewegungen gegeben Unter diesen fand das Reiben wol mit der ersten Plätze, und gewiß mit dem Recht. Denn die Erfahrung lehret, Umlauf des Bluts in den kleineren der Haut, und der äusseren Theile ganz mein befördert, ja die Bewegung des selbst dadurch vermehret werden könne. geneset mittels desselben blos allein Kr. ten, welche aus mangelhafter Ausdün aus Schwäche der Fasern der äusseren unordentlichem Kreißlauf der Säfte, oder gen dergleichen Ursachen entspringen. den in manchen Fällen kan man dadurch gel der Bewegung ersetzen; ja, da diese tel den gerieben werdenden nicht ermüd bald es nemlich nicht bis auf einen hohen Grad getrieben wird, so kan es len selbst seine gegründete Vorzüge haben wundere mich sehr oft, wie man doch sern Tagen ein so vortrefliches Mittel, von den Alten mit so vielem Nuzen g worden, und von anderen Nazionen noch lich mit wahrem Enthusiasmus gebraucht so ganz hat aus der Mode kommen 319 vileicht die Ursache davon darin liegen, man jezt alles ohne Mühe glaubt erlankönnen? bei den Indianern war es und ist noch in großem Schwange. erzählt, daß die Indianer so viel Reibungen des Körpers mit gewissen elfenbeinenen Striegeln hielten, daß Könige, indem sie sich die Klagen des ffentlich vortragen liessen, sich von drei währender Audienz striegeln liessen. (a) otaheitische Königin Oberea, ließ den Wallis, und sämmtliche aus seinem e sich nicht wohl befanden und schwach bald sie sich niedergelassen hatten, junge Mädchen mit ihren Händen geKörper auf der blossen Haut reiben; deswegen so gar selbst dem Kapitain seine Schuhe, Strümpfe und Kleid Kein anderer wurde aber gerieben, cher krank gewesen ware, und noch zu seyn schien. (b) Welch' einen merknzen stiftet endlich das klüglich eingeleiben nicht bei den rachitischen KinHier haben Sie also, Mein Freund! rſuch eines kurzen Schattenrißes von taaß der Bewegungen, welches zu beobachten Franck System einer vollst. mediz. Polizey 2. Band S. 61 Hawkesworth Voyages autour du Monde T. g. 320 achten nöthig ist, wenn der Mensch badt seine physischen Kräfte glücklich entwickeln Ich sage glücklich entwickeln, denn diejenig Eltern und Hofmeister handeln höchst sichtig und unklug, welche es sich zum machen, alles dasjenige ohne Unterschied zuwenden wovon sie merken, daß es die der Muskeln ihrer Kinder oder Zöglin schwinde erhöhet; und die sich über die freuen, wenn nun leztere, in einem uns lichen Alter, auch ganz ungewöhnliche zeigen. Was wil noch aus dem Kinde werden, träumt man sodann, und nicht, daß nun ein solches Kind nicht vor der Zeit alt, steif und abgenuzt theils wird; sondern daß viele solcher kinder, in ihren Kindheitsjahren an Krankheiten sterben, und die Eltern s dadurch eine doppelte, und so viel weni überwinden mögliche Traurigkeit verm Nochmalen mus ich Sie bitten es überlegen, daß jeder Sprung hier ist; denn jede Kraft ruhet auf einer und die Entwicklung derselben, wenn bäude dauerhaft und zweckmäßig bleiben sol, kan nicht anders als nach nach geschehen. Auch hier heißt es also cito, si sat bene. Alle Brüthkasten der lichen Natur sind bis hiehin überal, auch ſind angeleget worden, fehl Und kein Wunder, denn dieses Verfahr gegen die Gesetze der Natur — und wer 321 gen handelt, dem bleibt die Strafe nie aus. Viele Eltern die sich in den Schriften der und Neuern umgesehen haben, suchen jezt Kindern eine spartaniſche Erziehung zu geben: Solte dieses Muster sich aber wol auf Zeiten paſſen? Man frage ſich deswegen rhei Ist hier das nemliche Klima? die emlie Staatsverfassung? der nemliche Endund Bewegungsgrund? die nemliche HarBildung der Moralität? ꝛc. — Die chste Auseinandersetzung dieser und veranderer Punkte ist zur Beantworund nachherigen Entſchlieſſung durchaus end. ich diese Materie von der Bewegung mus ich Ihnen aber doch auch noch wendigkeit anführen, selbige so einzudaß sie auch mit Vergnügen und Zerverbunden seye. Dieses erhält man luge Vermischung angenehmer Endund Auswal geſunder und reitzender an welchen die Bewegungen geschehen. tres erlanget man durch Einrichtung Spiele, wobei es aber nothwendig die Eltern oder Führer des Kindes iele einigemal selbst mitmachen, damit es lernen recht zu machen. Im Fal hiezu vieleicht nicht geſchickt gnug solten, müssen sie allenfals geschickte oder Gespielinnen aufzutreiben suchen, Kinder sich darin hilhen können: hen 922 denn alles wozu Kunst erfodert wird, das Kind nicht nach Willkühr, sondern entw. der nach Gründen; oder wenn es selbige nicht fassen kan, nach guten Vorbildern lernen machen. Das Kind siehet seine als ein ihm wichtiges Geschäfte an. kan ihm daher nie frühe genug beibringen, jedes Bemühen, welches der Mensch mäßig macht, desto mehrere Freude ver ſet; und hingegen jede Nachlaͤßigkeit Gefahr setzet, einen Theil seines Vergnüs zu verlieren; oder wol gar in offenbaren Wen den und Verdruß dadurch zu gerathen. man auf diese Weise dem Kinde Lust beibringt seine Spiele, wie es sich gehöret, zu mac so wird es ihm nicht allein zur Gewöl werden, sich immer an eine gewisse Ordnung zu binden, sondern es wird nachher weit niger Mühe kosten, in demselben die Ca alle nachher folgende beschwerlichere ebenfals zweckmäßig zu machen, immer unterhalten, und wenn es nöthig ist aufs zu beleben. Hiezu wird aber nothwendig fodert, daß die Eltern, oder Lehrer sich nen Sachen, welche das Kind erlernen, tjachmachen sol, dergestalt verhalten, da Kind den Abstand zwischen ihm und Führer nicht für zu groß ansiehet, und der alle Lust verlieret sich zu bestreben nem Führer gleich zu machen. Man mus halb gemeinsam mit den Kindern umgehen (egen sich zu ihnen herablassen und sie auf 1 323 zusetzen, alles immer besser zu machen. Cicetadelte deswegen so sehr, und mit Recht jenigen Lehrer, welche ihrer Autorität etzu vergeben glauben, wenn sie gemeinsam den Kindern umgehen. (a) Man mus ferner, wenn man dem Kinde eine Leibesübung ordentlich zu machen lassen wil, vorher demselben Lust dazu gen suchen; und sobald dieses gelungen, Scheine nach seiner freien Wahl überob es sich darin üben wolle; ihm aber auch einen Theil der Mühe vorschildern, es sich wird geben müssen, um diese bung ordentlich zu erlernen: und so bald nachläßig wird, einigermassen drohen, Gelegenheit selbige zu erlernen wieder ten zu wollen, indem es sonst nur ein Zeitvertreib abgeben würde. Wenn diesem sanften Wege glücklich genug Kind führen zu können, dann wird den erlernt werdenden Leibesübungen, aus wichtigen Nutzen haben, daß das nit doppelter Aufmerksamkeit und Anseiner Kräfte lernet, mithin desto geSchritte vorwärts machet; und an anderen Seite, die Uebung selbst, ein W 2 Mitnemlich: de Nat. Deor. l. I. Obest plequi discere volunt, auctoritas eorum ###i docen 324 tel zur Beförderung seiner Gesundheit von mehr als einer Seite wird, indem nun nicht allein ſeine Muskelfaſern dadurch ſtärker und schickter werden; sondern auch alle Absonderungen, und fürnemlich die unmerkliche wird. dünſtung am beſten dadurch befördert Denn es iſt völlig ausgemacht, daſt selbige mehr vermehret, als die mit Heiter der Seele und Lust verpaarte Bewegung Körpers. — Und um dieses leztere zu er ten, ist 's ebenfals nöthig für einen auf men und gesunden Platz, nebst einer schicklic Zerstreuung stets zu sorgen. Denn jederm weis aus der Erfahrung, daß er bei jeden bung desto geschwinder ermüdet wird, rer er daran sich erinnert, daß er sich get: und hingegen ohne zu ermüden, ung lich viel Bewegung mehr machen kan, ihm dieser Gedanke gar nicht beifället. Sie gesehen haben, daß der Mensch das Vermögen hat, mittels stärkerer Anstreng ma ſeiner Einbildungskraft, jeden Theil Körpers reitzbarer und empfindlicher chen; und Sie ebenfals wiſſen, daß Ermüdung hen jederzeit eine grössere Reitzbarkeit und Emnic barkeit der Fasern nach sich ziehet, Sie jezt leicht ein, warum der Mensch so geschwinde müde wird, wenn er währenden wird Bewegung hinreichend genug zerstreuet um nicht an die Bewegung, welche nken. chet, und die Veränderung welche dadur Wie seinem Körper verursachet wird, zu 323 Wie wahr dieses seye, kan man leicht an sich fahren, wenn man die Bewegung bis zum anfänglich ausgebrochenen Schweiß getrieben und nun bei fortgesetzter Bewegung den eren Ausbruch des Schweißes befürchtet. z deutlich sage ich, kan man in dem Fal, man an den Schweiß und die Oberfläche Körpers sodann mit einiger Lebhaftigkeit merken, daß in dem Augenblick die wärmer wird, und der Schweiß häufiger bricht. Der gehofte Endzweck jeder Leiang mus daher desto mehr erreichet werje mehr man sich dabei zerstreuen kan. sehen aber leicht ein, daß dieses nicht wol render eigentlichen Erlernung der Leibeserhalten werden kan, da hier die Zerag vermieden, und vielmehr Aufmerksamrreget werden mus. Es erhellet daher eben hieraus, daß man sich in diesem ebenfals im Maaß einer solchen Bewehiernach richten, und es nicht so weit dürfe, wie bei anderen Bewegungen. ist ohnehin noch deswegen nothwendig, der Lehrling, im Anfang der Erlernung jeden Leibesübung, weit mehrere Kräfte et, als er anzuwenden braucht, ehe und die eigentlichen Vortheile dabei abgegen der Auswahl eines schicklichen Bewegung, bitte ich Sie ſich aus 3ten Briefe zu erinnern, wie sorgfältig die 326 die Alten hiebei verfuhren. Ueberhaupt steht es sich hier von selbst, daß man jeder einen solchen Ort wählen müsse, bei welchem man den vornehmsten schädlichen Einflüssen besonderen Jahreszeit am wenigsten ausgesetzt. wird. Eine Hauptsache dabei ist, daß Ort so gelegen seye, daß jederzeit die Luft selbst gehörig abgewechselt werde, und eingeschlossen noch mit Dünsten angefüllt be. Es ist dieses doppelt nothwendig nicht allein in einer solchen mit Dünsten denen Luft, die unmerkliche Ausdünstung kan: tärlicher Weise nicht so gut vor sich geheisondern auch überdem der Mensch Gefahr noch oben drein viele verdorbene fremde aus dieser Luft in seinen Körper mittelDu einsaugenden Gefässe aufzunehmen. fahrung der Alten, daß im algemeinen folglich wegungen draussen vor der Stadt, als freien Felde, viel gesünder seyen, der Stadt, ruhet daher auf einer ununchen Theorie. Selbst ist es nicht gleich weit ob man sich auf einem kurzen, oder Jederma gedehnten, langen Wege beweget. weiß, daß man auf einem kurzen Weg man sich öfters wieder umdrehen und den lichen Weg betreten mus, viel eher Miempfindet, als wenn man die nemliche gung im freien macht. Die Ursachen den liegen warscheinlich wol mit in der imm derholten Erinnerung an diese Bewegung und Mangel der Zerstreuung, von welchen beiden 327 ben etwas gesprochen habe: auch ist uns jede egung, welche zirckelförmig gehet, mehr weniger zuwider; wenn nun der Weg klein ist, und man auf demselben immer umkehret, so erfähret man leichtlich etvon dem was man empfindet, wenn man in Kreiß herumläuft, nemlich daß man delicht wird. Nicht weniger kan zum die Ursache mit darin liegen, daß der, Weg umgebende Luftkreiß von denen demselben bewegenden Personen immer erunreiniget, folglich immer ungeschickter die aus dem Körper ausdünften sollenden en gehörig aufzunehmen. Je mehr diezurückgehalten werden, desto eher und mus die Ermüdung folgen. — Nicht aber komt es hier darauf an, daß die ächt mit groben Dünsten angefüllet seye; die Erfahrungen, und Beobachtungen in den neueren Zeiten, Priestlei, In, Lavoisier, Fontana und andere, den verschiedenen Luftarten gemacht haund worüber Sie in einem vortreflichen die mehresten Versuche, in den Zuvelche der Prof. Leonhardi zu Macchym. Wörterbuch gemacht hat, und ei dem Artikel vom dephlogistizirten angeführt finden können, zeigen, daß ändeste Luft diejenige seye, welche durch Sonnenwärme erwärmet und getrocknet und aus welcher die Vegetabilien dieTheilchen, die den Menſchen und Thieren 628 ren schädlich waren, eingesogen haben: deutdaß die Vegetabilien beim Sonnenschein der gleichen Theile in Menge einſaugen, mithin Luft reinigen scheint mir mehr als warschein lich; und kan ich mir noch nicht vorstellen, daß die Vegetabilien auf eine andere Art höchl. Phlogistizirte, oder deutlicher geſprochen, reine und gesunde Luft von sich geben, dadurch daß selbige die mit den verdorbenen Theilen beladene Luft, welche unrecht gistische Luft genannt wird, einsaugen, darin enthaltenen den Thieren schädlich Nab dene verdorbene Theile zu ihrer eignen solche rung anwenden, und nachher die auf Weise höchstgereinigte Luft wieder von sich ben. Zu dieser Absonderung und Reinig der Luft scheinen die Pflanzen des Ein der Sonne zu bedürfen. Dieses wird mit flanz wegen noch warscheinlicher, weil die in obiger dephlogiſtizirten Luft, in welcher thieriſche Leben und die Würkung des 2c. so sehr erhöhet wird, nicht so gut zunehwer men, folglich nicht so gut genähret und dieses warscheinlich wegen des Mang der sie nährenden Theilchen, die sie aus eboch anderen Luft an sich ziehen können. Zeit. vieleicht hievon mehr zu einer anderen Groß erscheint hier die Weisheit des Sofers, der ꝺen Zirckel ꝺer Dinge ſo weislich einrichtete, daß die Theile, welche aus Thieren und anderen aufgeldseten Körpern dünsten, die Luft zwar nothwendig verunreinigen / 329 ja selbige zur Unterhaltung des ferneren ebens der Menschen und Thiere unfähig achen würden, den Pflanzen zur Nahrung ieder dienen müssen; indem leztere nun diese eilchen mit der mit selbigen verbundenen einsaugen, und mittels ihrer loͤsenden Kräfon der Luft los trennen und scheiden, und selbige aßimiliren; dagegen nachher, die diesen Theilen befreite Luft, in dem reinZustand wieder von sich geben; mithin dadie Luft wieder aufs neue fähig gewordie aus den thierischen und anderen Körausdünsten müssenden Theilchen mit Leichaufzunehmen. Daß endlich dergleichen Luft, so man unSchatten einer stoltzen Eiche, oder eigenehmen Linde einathmet, dem Körper vortheilhaft seye, lehret die Erfahrung. verhält sich aber zufolge den Beobachzur Abends und Nachtszeit umgeSie sehen also, daß wo die Luft den urch zur Bewegung vortheilhaft war, an dem nemlichen Orte des späten Abends mehr so seyn könne. Hierin liegt auch wie auch in denen oben angeführten Urder grösseren Reinheit der Landluft, ein mit, warum die Sterblichkeit auf dem geringer befunden wird, als in den und selbige in den Städten desto sich verhält, je volkreicher und grösser ind. Ja, der sonst sehr verdiente Berg 330 Bergmann wil so gar vermuthen (o) daß leicht die Einwohner der neugeschaffenen Erde aus dem Grunde, weil sie eine reinere Lueinathmeten, die noch nicht durch die je häufigen Ausdünstungen so vieler Athemholen den Thiere, so vieler verbrennten und farle den Körper u. s. w. verdorben worden war, zu einem so ausserordentlich hohen Alter gelangt sind. Wenn dieses aber wäre, dann müste das Leben der Menschen bei jeder steigen algemeinen Verunreinigung der Luft immer mehr abnehmen. Die Erfahrung lehret daß das nicht ist; und die Kenntniß von de Welt und ihren Kräften zeiget, daß über Kraft und Gegenkraft sich findet, durch ren wechselsweise und gegenseitige Würkung Zirckel der Dinge stets unterhalten wird, von keinen Geschöpfen, so wenig lebendigen, Den als leblosen umgestossen werden kan. grossen Einfluß welchen öfters die unreine Stadtluft vor der Landluft auf Gesundheit Körpers und Heiterkeit des Gemüths hat, be ich mehrmalen an mir selbst und zwar Paris einmal auf eine sehr frappante erfahren. Ich bekam nemlich bald nach meiner Ankunft daſelbſt, die zu Ende September oder Anfangs Octobers war, eine Art welc mir völlig unbekannten Schwehrmuth, in manchen Stücken im kleinen, dem nannten Heimwehe glich. Obzwar meine (4) Anleit. zu chem. Vorles. §. 292. 331 insart in täglichem Besuchen verschiedener erlesungen, wie auch der Spitäler bestand, folglich in der weitläuftigen Stadt mit sieher ewegung verbunden war, die ich bei jeder itterung zu Fuß abmachte, so verfolgte denmeine Schwehrmuth mich überal in der tadt, so bald meine Hauptgeschäfte mich nicht erstreueten. Keiner von denen welchen ich mein. Leid klagte, wolte nur die Möglichkeit glauben, daß ein junger Menſch von zwanzig en dem doch sonst nichts abgieng, in Paeinem Sammelplatze aller Freuden, einer en Art Schwehrmuth ausgesetzet seyn könnAllein es war einmal so, und noch erinich mich, wie ich täglich den Kalender Hand nahm, und erſt Monate, nachher en und zulezt Tage zählete, die ich noch Erreichung meines Endzweckes in Paris zubringen müssen. Allein, alle diese ihrmuth verließ mich jederzeit, so bald ige hundert Schritte weit ausserhalb den tädten, auf irgend einer Anhöhe bei heiHimmel mich befand. Ich genoß davöllig das angenehmere, welches das dorElima vor dem meines Vaterlandes und vergaß für einen Augenblick die ungenehmen Empfindungen, welche ich vorher Stadt gehabt hatte. Eben diese Emungen kamen aber bald nachher wieder nachdem ich öfters kaum eine Stunde wieder in der Stadt gewesen war. Eine Empfindung nahe kommende überfiel mich 332 mich ebenfals mehrmal in Holland, wenn in eine Stadt oder auch nur grösseres Dorf kam, und der Geruch und Dunst des verbrennten Torfs mich ergrif. Auch kenne ich Menschen, welche, so oft sie sich in gewissen Städten aufhalten, engbrüstig werden, und nicht eher wieder völlig frei Athem holen können, bis ſolche Stadt verlaſſen haben. Eine überaus wichtige Erforderniß bei dem Orte der Bewegung ist endlich diese, daß weh selbe so beschaffen seye, daß diejenigen, sol sich daselbst bewegen, den Zugwinden, Lock den Erkältungen nicht ausgesetzet seyen. räth daher mit dem grösten Ernst an, wohl für zu sorgen, daß die Kinder wenn sie sich Spielen erhitzet haben, nicht auf feuchter de, oder in kalten Oertern sich ausruhen abkühlen können, und glaubt, daß nichts mehre Menschen in Krankheiten stürtze, ja tödte, Erkältungen nach vorhergegangener Erhitzung. (a. So wichtig ist es, Mein Freund! auf man Umstände gehörig Acht zu haben, wenn daß nicht der Gefahr sich aussetzen wil, kleiner Umstand, durch eigne Schuld, reichung des Endzwecks auf lange oder immer entferne. Leben Sie wohl. Secht (2) de l'Educat. d. c. T. I. S. XI. — S 8 Sechs und zwanzigster Brief. achdem ich Ihnen gezeigt habe, wie die ſiſchen Kräfte durch Uebung und Bewegung lich entwickelt werden können; werde ich mero Ihnen auch etwas von demjenigen was in Rücksicht auf die gehörige Nahdes Koͤrpers und gleichmaͤßige Beschafseiner Säfte, dazu zu beobachten nöwenn man der Natur folgen wil. hier von dem neugebohrnen Kinde anIch habe mich lange bedacht, ob ich auch noch etwas von dem Vorzuge der milch für neugebohrne Kinder sagen solderselbe obzwar mit noch so wichtigen von verschiedenen der grösten Schriftaber leider bis hiehin noch für so vergeblich ist erwiesen worden. Jedoch diese Sache nicht von zu vielen Seiühren kan, so wil ich auch nur ganz twas darüber schreiben. Viele Mütter toßen, und auch bei gestiegenem Luxus itleren Welt, scheinen es sich zur Schanrechnen; oder es als eine gar zu große zung so mancher herrlichen Freuden, Tänze, Geselschaften, Kartenspiele 2c. anzu 334 Brust anzusehen, wenn sie selbst dem Kinde die geben solten. Die Brüste scheinen Ihnen mit seyn, zur Zierde und Lust gegeben worden zu Bay und sie sehen also den inneren verwickelten derselben Drüsen und mancherlei Gefässe, etwas sehr überflüßiges und unnützes au. viele werden mir zwar einwerfen, daß sehr Mütter in der großen Welt nicht im Stand seyen dieses Geschäfte gehörig auszuhalten. ist wahr, ich habe selbst wol einmal das Selbst aber stillen einigen Mättern abrathen müssen: auch die Ursache dieser algemeineren Schwäder Mütter unter diesem Stande, worin sie anders als in dem Luxus, und der darnachs formten Erziehung, und den daraus entstandene Vorurtheilen? Die Mütter bürgerlichen Stand führen doch auch kein so raubes und harten ben wie die ländlichen Weiber, und doch ihre Kinder ganz vortreflich mit ihrer nen Milch. Jedoch alles Predigen und so la monstriren wird hierin nichts helfen, der Staat keine algemeinere und stärker kende Bewegungsgründe ausliefert. Bei Griedurch Stärke sich so sehr auszeichnenden chen muſten die Kinder von ihren eignen tern gesäuget werden. Dies thaten auch also Vornehmsten unter ihnen; (a) und nur äu selten nahm man eine Sängamme zu häufig alleu Anjezt thut man dieses zwar noch (a) Lamb. Bos Antiquit. de la Græce. p. 289 333 allein da der gestiegene Luxus, und die Verminerung der Moralität, selten unter den für gedungenen Ammen eine übrig lässet, man die gehörige Wartung und Naheines ihr übrigens fremden, wenn schon ſo vornehmen Kindes, allein überlaſſen auch die Erfahrung zeiget, daß man denen, den Ammen zur Wache gesetzten agenen Wärterinnen und allen Mütterchen, ge mögen auch selbst noch so viele Kinder und blinde Erfahrungen gemachet haben, sicher seyn könne, so hat man in diesen telen Zeiten sich äusserst nach einem Ding a, wobei man sich der eignen so wol fremden Brüste, völlig entübrigen könneinem Worte es scheint nunmero Mode bon Ton werden zu wollen, daß eine Ammen nimt, sondern das Kind was anderem erziehet. Die Königl. Akader freien Künste und W. zu Bourdeaux auch schon im Jahr 1778. eine Preisfraüber das beste Nahrungsmittel für bohrne Fündelkinder auf: und setzte beſte Ausarbeitung einen Preiß von fand. Bis hiehin ist aber noch keine ande Ausarbeitung eingelaufen; und man noch bei dieser Akademie bis 1785. hierum verteifern. Wolte man nun hier die Natur um Rath und derselben folgen, dann würde man anders dabei verfahren. Wir wollen, Mein 336 Mein Freund! ebenfals hierin einen kleinen Verſuch wagen. Es ist Ihnen, Erstlich: bekannt, daß je her der Speichel als ein zur Verdauung der Speisen höchst wichtiger Saft, ist betrag tet worden. Der berühmte Abt Spallanzani hat auch dieses noch neuerdings völlig viele Versache ausser Zweifel gesetzet. (a) nun der Speichel hiezu das seinige beitra können, so mus er im Munde mit den sen auf das genaueste vermischet werden. serwegen ist die Organisation und übrig richtung, nachdem der Mensch die Speis den Mund genommen hat, so beschaffen, er selbige erst käuen mus. So oft er neu den unteren Kinnbacken gegen den öberen bewegt, werden auch die Speicheldrüsen gestalt zusammengedrückt, daß nun aus zu beiden Seiten so wol, als unter der befindlichen Gängen, wie aus Fontainen, Speichel in den Mund, zwischen die sen, während daß selbige mittels der Dies zermalmet werden, gesprützet wird. wel die Ursache warum diejenigen Speisen, man nicht zu käuen braucht, nachdem man bige, ohne sie mit dem Speichel zu vermist herabschluckt, weit eher und mehr Besalichkeit verursachen, als andere. So gehet bei (a) Dissertazioni di filica animale e Vegetab. T. 1, 237 denen welche mit Zähnen versehen sind. hat aber das Kind gar keine. Die Hülfsutel sind daher auch anders. Das Kind nemlich saugen, und dieses kan es unglich auf eine andere Art und Weise, als ich Beihülfe der Bewegung der Muskeln des nbackens so wohl, als selbst der Wangen so daß man behaupten kan, daß beim en mehrere Muskeln beweget werden, als lossen Kauen. In welcher Menge nun der Speichel in den Mund geſprützet kan jeder erfahren, welcher dieſe Benur für eine kurze Zeit nachmachen usserdem bemerkt man aber noch dieses, den Kindern die Organe, welche zur ung des Speichels bestimt sind, viel sich zeigen, als bei erwachsenen. weis nemlich, daß schon ein blosser Munde, ja jede Vorstellung einer men Speise, den Speichel häufiger in kund fließen macht. Daß dieſes aber finde noch weit stärker geschehe, erfähleicht, wenn man ihm nur ein Brodan den Mund hält, indem ſodann eils der Speichel schon zum Munde ſt: und in welcher Menge wird endpeichel nicht beim Zahnen der Kinsondert? Ueberdem hat auch die Nadas sorgfältigste dafür gesorget, daß ermilch mit des Kindes Speichel recht ermiſchet werde, jehe es ſeldige verDenn nicht allein hilft hiezu die oben 338 oben bemerkte anhaltende Bewegung vieler Muskeln beim fangen; sondern dieſes geſchiehet noch durch eine andere Mechanik. Wenn man nemlich eine mit Milch angefülte weiblicht bant Brust sanft nach der Wartze hindrückt, findet man wie die Milch an allen Ecken ganz feinen Strahlen hervorsprützet. wem selbige geschiehet im Munde des Kindes, nemlich die äussere Luft die Brust brücket, und die Milch zur Wartze heraus treibt. StrahMilch sprützet sodann in den feinsten ganin nach allen Ecken des Mundes hin, unten ſich erſt alsdann in Tropfen, und läuft im Munde oder auf der Zunge zusammen. nun, wie ich oben gesagt habe, auch von Ibn Ecken im Munde der Speichel hervorsprüund beim Kinde noch mehr Speichel ab dert wird, als bei erwachsenen Personen, sehen Sie, daß beim saugen, der Speichel hän der Muttermilch viel inniger und vermischet wird, als es selbst bei den erwarsenen, die gehörig kauen, mit den geſchieht. Daß dieſer Umſtand auf die danung, ja ganze thierische Oekonomie Kindes den groſten Einfluß haben müſſt nicht zu läugnen. Dieser Vortheil völlig bei derjenigen, und zwar gewöhnli künstlichen Nahrung des Kindes, wo man selben aus einem Löffelchen, oder Sch verlohren. das Trinken in den Mund giebt, Man kan zwar von dieſer Seite der Natur Trin etwa nachahmen, wenn man das Kin 439 inken aus einem Zutſchkännchen ſaugen läßt: ausser anderen Unvolkommenheiten hat es dieſe, daß hier das Trinken in einem Strahl mit Gewalt sich in die Mitte Rundes ergiesset, und nun das Kind gegen wird, das sich in dem Munde befingeschwind, und ohne vorhergegangene Miſchung mit dem Speichel zu veren: und ist das Zutschkännchen gröstenleer, so sauget doch das Kind noch imort und dehnet die Luft darin aus; selbige folglich mit in den Mund und sie mit dem trinken. Hiezu komt das Zutschkännchen mit der äussersten und Mühe gehörig rein gemachet; alten werden mus: und wenn selbiges das noch sehr viele Bleitheile in sich rfertiget ist, dann bleibt immer die ob nicht einige Bleitheilchen durch das nthaltene Gemiſche werden aufgeloͤſet; den Körper des Kindes sich einschleirden. Diesen Mängeln sucht man nun entgehen, wenn man das Getränk in liches; mit einem engen Halse verseGlas schüttet, sodann ein längliches machen in den Hals des Glases stopfet, ges mittels eines übergebundenen grozeltüchsgen befestiget. Allein, man auch hier nur einmal an zu fangen, gleich zu überzeugen, daß bei jedem lange das Fläschgen gehörig vol ist; auf einmal in den Mund sich erX 2 gießt, 340 gießt, um mit dem Speichel gehörig vermische werden zu können. Ausserdem fallen hier nemlichen Beschwerlichkeiten, wegen des Lufteinfangens; wegen der beschwerlichen und müͤhsamen, mithin leicht versäumt werdenden Reinlichke und des daher entstehenden leichten Verderbens des Getränkes selbst, ebenmäßig gleich in die Augen. Brust Zweitens. Wenn das Kind die anziehet, so sehen Sie ein, daß es mit kleiPortionen, die in den Mund gezogene und zwar vieleicht beinahe eben so viel chel als Milch mit verſchlucket. künstlichen Methoden ist aber nicht verhüten, daß hier das Kind nicht allein mer viel auf einmal, sondern auch geauf einander sein Trinken verschlucket. che Eltern freuen sich so gar darüber hen es als einen gewissen Vorboten ausgezeichneten Stärke an, wenn das Kisehr kurzer Zeit sein Fläschgen auszuleeren Dieses hat nun ausser dem im vorigen bemerkten Nachtheil, noch den wichtigen auf die ganze Lebenszeit öfters Einfluß benden Schaden, daß es dem Kinde daꝺurch in dieſem erſten Alter zur ſtehlichen Gewohnheit wird, alle in den genommenen Speisen geschwinde und mit Haftig peiſt keit zu verschlucken; woraus die nachth Folgen zwiefach ſind, daß nemlich die ſodann nicht durch den beizumiſchenden " 34D gehörig zur Auflösung vorbereitet, noch zermahnet werden; und an der anderen das Kind nun durch ſein haſtiges Eßen, so viel mehrere Speisen immer zu sich Und da hiebei die völlige Verdauung lich gut von statten gehen kan, und das bei den Kindern, oder die Speisen bei lteren, wenn der Magen ſchon ſtark genug ennoch sehr unverdaut weggeschaffet werſo wird der Magen zwar geſchwinder aber indem nun die Säfte des Magens die verdorbenen überflüßigen Nahrungsschärfer geworden, so reitzen selbige imMagen desto mehr; das Kind fühlt noch heftigere Triebe zum essen; isset von Tage zu Tage mit mehrerer Hasund bekomt immer neue UnverdaulichkeiEs nimt also täglich mehr Nahrung zu wird doch alle Tage weniger genähIch brauche Ihnen das Ende hievon nicht gen. rittens: Wenn wir die Natur aller in Säfte erforschen wollen, so brauchen keine sonderliche feine Untersuchungleich einzusehen, daß wenn man nemlichen Saft, aber aus verschiedeschen Körpern nimt, man nie zwei der völlig übereinstimmende antreffen Das Blut des Schweins unterscheidet dem eines jeden anderen Thiers, wie daraus verfertigten Würſten weiß: und 143 und die Milch der verschiedenen Thiere ist eben falls ganz erstaunlich unter einander verf den. Eben so verhält sich die Mense milch zu der der Thiere. Nicht allein abe dies, ſondern man findet, daß man me zweien verschiedenen Weibspersonen ein sonder die nemliche Milch erhalten könne, so wohl, leztere in der beſonderen Miſchung als dem Verhältniß ihrer Bestandtheile sich im eine von der andern merklich auszeichne. Milch kan ſchon dadurch unter zweien personen höchst verschieden seyn, daß ſchiedene Nahrungsmittel genieſſen; rin eine der Hauptursachen mit liegt, die Milch der Thiere so sehr von der Meymilch verschieden ist, indem der Mensch allein vegetabiliſche Koſt zu ſich nimmt, groͤſte Theil ſolcher milchgehenden Thiere sondern ausserdem allerlei Arten Fleisch geniesset, folglich jederzeit eine vermischt hält. Wenn man aber nun bedenkt, Milch der Mütter ein Theil ihrer Nahr säfte ist, und daß derselbe vorher in terleibe dem Kinde zur Nahrung diente, es ganz unſtreitig wahr, daß nun auch Nahrungsſaft des Kindes mit demjenig Mutter die gröste Analogie haben, homogen seyn müsse; folglich beide am leichtesten völlig einander assimiliret können. Nun ist es aber ganz unwiderspreche lich wahr, daß die aßimilirende Kra Kinde, bei dessen noch nicht einmal völlig 343 gebildeten inneren edleren Organen; wie auch noch so geringen Zusammenhängen aller festen so wol als flüßigen Theile unter und bei der ihm faſt gaͤnzlich abgehenden e durch Muskularbewegung, daß sage ich aßimilirende Kraft sich gleichsam wie Null Unterbringung jeder fremden und stärker ſich zuſammenhangenden Materie verbalnüsse. Ist dieses aber wahr, und ich sehe wie man das eine oder das andere läugnen dann bleibt wol nicht leicht mehr eine lucht übrig, wenn man nicht ganz offenbar den Gesetzen der Natur auf Gefahr der. lichen Entwickelung der Kräfte des Kindes wil. Viertens. Die besonderen frischen und nicht verdorbenen thierischen Säfte haben beſonderen Geruch, wodurch ſie ſich ſchon einander unterscheiden. Bei dem Blute, alle, dem Saamen, der Milch ſind ſie zu verkennen. Es ſind alſo gewiſſe Theile in denselben, eben so wie bei flanzen, welche sodann ihr Spiritu nach dem Kunstwort genannt werden. geistigen Theile müssen allerdings ihren Nutzen, nicht allein in Bewahrung des selbst vor dem Verderben; sondern auch im Vermögen auf gewisse feste Theile zu können, haben. Diesem läßt sich widersprechen. Da nun aber der Sängkeine andere Weise, als wenn er unmit⸗ 344 mittelbar die Milch aus der Brust selbst zieheldiese geistigen Theilchen erhalten kan, so gehen auch sie, so bald ihm die Brust entzogen wird, für ihn völlig verlohren. Fünftens. Die Erfahrung lehret ferner daß wenn man einem Kinde, welches an ne gesunde Muttermilch gewöhnt ist, anderen Trank, oder gar festere Nahrung giebt das Kind sodann weit eher Zeichen von Beschwerlichkeit und Blähungen von sich und daß selbst, wenn sodann dessen Ausf rungen untersucht werden, man darin offenbare Beweise von der nicht gehörig ſchehenen Verdauung entdecke; zum oß resten Beweise, daß die Kräfte des Kindes Unterbringung hieſer ihm fremderen Nahrung viel noch nicht voͤllig hinreichten. Jedoch so Mühe braucht man sich nicht einmal zu men; denn wenn man nur beobachtet, manche Kinder öfters ganze Stunden, Tage lang an der zärtlichen Mütter Brüsten liegen, und davon doch keine Unverdaulichkeit, wenigstens nur sehr selten bekommen; gegen die allergeringste Uebernahme einer den Nahrung dem Kinde jederzeit eine UnverWarheit. daulichkeit zuziehet; dann fällt die daß hier eine, oder mehrere Ursachen zur letztwürklich teren und volkommeneren Verdauung da seyen, ganz klar in die Augen. Sechsten 345 Sechstens. Ein sehr wichtiger Nutzen Selbststillens ist auch dieser, daß die erste lattermilch sich als das beste Anflösungsmitdes beim Kinde oft auf einen unglaublichen angehäuften Kinderpechs, in der Erfahbeweiset. Da sie aus gröstentheils wästen und salzigten Theilen bestehet, welche iner sehr geringen Anzal fetter Theile inzusammen verbunden sind, so begreift man leicht den Grund davon, da dieses Geals ein sehr seifenhaftes Wesen betracherden mus. Bekannt ist ferner, daß im chlichen Körper, nichts zur Auflösung der mſelben verdickten Flüſtigkeiten mehr beikönne, als eine geſunde Lymphe. Denn e einer diese hat, läuft er nicht so befahr schlimme Verstopfungen zu sammJe mehr aber nun die Lymphe Analogie aufzulösenden Wesen hat, desto stärauch ihre auflösende Kraft seyn. Da erste Muttermilch für den grösten Theil en lymphatischen Theilen bestehet; die er Mutter aber, folglich auch ihre mit den Säften und Theilen des die gröste Analogie haben, und diese auflösende Lymphe das aufzulösende in den Gedärmen unmittelbar besich mit ihm mittels der wurmförmibegung der Gedärme und des Weinens inder auf eine langsame, aber desto inArt vermischet; auch selbst der sehr auflösende 346 lösende Speichel des Kindes bei dieser Methode häufiger vom Kinde herabgeschlucket wird; so hat man wol keinen Widerspruch fahren, wenn man behauptet, daß die Kunst numbͤglich ein so sicheres, nicht mehr und nicht weniger auflösen und reitzen sollendes Mitte gegen das Kinderpech erdenken könne, als die erste Muttermilch: und hiebei fällt zugleich sonst unbestimbare Sache, welche und wie le Nahrung dem Kinde am besten gereichtwerde, zur grösten Beruhigung der umstehende völlig weg Siebentens. Bei den mehresten Kind krankheiten trägt das Selbststillen zur chen Kur der Kinder ganz ungemein viel Denn man kan nicht allein nach der ver denen Krankheit des Kindes, die Milch Mutter durch veränderte Nahrung und kes Verhalten verschieden modificieren; das Kind bekomt nie Eckel an der Mutterm wohingegen ihn bei Krankheiten sehr oft allein ſein gewöhnlicher Trank, ſondern werk ersinnliche Getränke dergestalt verleidet daß es nun die ihm durchaus nöthige fläßiger Theile zu sich zu nehmen, sich plattert weigert. Ein Umstand der in manchen gen Kinderkrankheiten Leben oder Tod zuwe entscheidet. Ferner in allen denen Fällen, dem Kinde die Leszen oder inneren Theile desweg Mundes wehe thun, wil es öfters chnicht trinken, weil alle die Gefässe, 347 chen man es trinken lassen wil, ihm dabei Leſzen, oder das Zahnfleiſch berühren, siglich den Schmerz vermehren. Nicht minder diese Vermehrung des Schmerzes dadurch kreget werden, wenn das Trinken nicht den atürlichen Grad der Wärme hat, sondern inweder zu kalt aber zu warm ist, mithin eiübermäßige oder ungleiche Spannung verſachet. Ist dieser Schmerz nun dadurch auf empfindliche Weise verstärket worden, dann ſen Sie das Kind nicht wieder auf ſolche aus Trinken, ſondern es leidet lieber als sich dem vorigen Schmerze noch auszusetzen; eben so als wenn ein Erger, aus Furcht vor den Schmerzen eiperation, lieber alles waget, und selbst stirbt. Alle diese unangenehmen Emgen und schädlichen Folgen fallen beim tillen mehrentheils gänzlich weg, da die artze den Kindern fast nicht den minDruck verursachen kan. Dieser Fall erſich ſehr oft bei dem Zahnen der Kinund eben hiebei hat das Selbststillen noch dieinleuchtenden Vorzug, daß indem die aus der Wartze nach allen Seiten ſanft in einer mäßigen Wärme hervornothwendig überal das Zahnfleisch angefeuchtet wird. Gewiß kan man chts vorstellen, welches fähiger wäre, ſehr geſpannten Faſern des Zahnfleiſches Nachgeben zu zwingen, dem Zahn also durchbruch zu erleichteren, die Schmerzen und 348 und das Fieber zu mindern, als eben diese nat türlich warme Muttermilch, die nun ohne ungleichen Druck und Gewalt, nach allen Seiten gleich stark hervorquillet und befeuchtelEndlich lehret die Erfahrung, daß das Kind sich durch nichts sicherer und anhaltender besänftigen lässet, als dadurch, wenn ihm die Brust gereichet wird. Nun ist aber nicht zu läugnen, daß die bei dem Kinde so hoch manchmal gestiegene und durch nichts anders zu zähmende die Ungeduld nicht allein den Schmerz, gemeine Spannung und das Fieber ſeht vermehren müsse, sondern daß selbst dadurch wol einmal der Schmerz bis auf den sten Grad steigen und dem Leben des des durch zulezt erregte Gichter ein Ende chen könne. — Sie sehen also, daß niemand sich mit dem Gedanken beruhigen dürfe, doch so viele Kinder ohne die Brust glücklich erzogen würden. Denn, wer kan hier sichern, daß die Kräfte des individu Kindes so stark seyn, daß es die mit ner Natur nicht übereinstimmende Nahrung werde dergestalt umschaffen und aßimiliren daß keine gröbere Theilchen in den GekrDrüsen, oder anderen Theilen hangen bleiben und den Anfang zu einer Verstopfung nachherigen Dürrsucht oder anderen Krankheit gends abgeben? oder daß nicht solten nicht bearbeitete Theile in den Säften mit herumgeführet werden, und diese sodann allerlei und dentlichen Reitz und Krämpfe, ja Zuckung hervoll 349 hervorbringen? Ja, es mus doch hier gehen überal, daß nemlich, wenn einmal die Kräfte des lebendigen Körpers mit irgend mer die Zerſtörung drohenden Kraft in Gleichgewicht zu stehen kommen, alsdenn einer der Vergeringsten Umstände und Einrichtungen, Ache nicht nach den Regeln der Natur das Uebergewicht geben und dem ände den Tod zuziehen müsse, welchem es agangen seyn, und die Krankheit überunden haben würde, wenn man die Natur Entziehung oder Verhütung der Hindergeholfen, und nun den Anschlag dadurch glücklichen Lebensseite gegeben hätte. daher, ſo wol in dieſem als jedem andeFal, den vom weisesten Schöpfer angezeigund in der Vernunft auf ganz einleuchen Gründen ruhenden Weg der Natur ſorgkennen zu lernen und zu bewandeln der entgehet nicht allein manchem en, in welchen er sonst unvermeidlich mus; sondern er kan und sol immer Vorfällen eines ruhigen Geistes seyn, er den vom Schöpfer ihm angewiesenen gefolgt iſt, und nach beruhigenden Grünzehandelt hat, folglich das Resultat, der mit völligster Verläugnung allein Wie unausstehlich ſind hingegen die sensbisse, wenn man dadurch, daß man is, oder aus strafbarer Unwissenheit der Natur vorbeigegangen ist, sich andere in Schaden, in unwiederbringlichen 350 chen Schaden gestürzet hat? Möchten doch alle Mütter sich hiebei wohl prüfen, und nicht so leichtsinnig dabei verfaren! Unterdessen mus man doch manchen anrathen mit Behutsamkeit sich zu entschließen. Denn wenn Sie dem Kin de, und ihrer Gemächlichkeit und manchmal übertriebenen Sinnlichkeit zu gleicher Zeit nen wollen, das gehet nicht an. Bei dadurch öfters unvermeidlichen grossen Unordnung würde das Kind vieleicht mehr leiden, als wenn ihm auf jede andere Weiſe Nahrung gereichet wird. Es komt also darauf an, sie sich stark genug fühlen, alle ihre Vers gungen, so oft die Warkung des Kindes es fodert, zu verläugnen. Vieleicht wird ma Mutter, wenn Sie dieses lesen solte, den Brief nicht weiter fortlesen, sondern wünschen, selben nie gelesen zu haben. Möchte ich bei bei vielen dergleichen Unruhe erwecken könne Manche würden ohnerachtet ihres gesch ten Unwillens dennoch nachher in sich geh und Es können aber Fälle geben, und wür lich giebt es solche, wo es für Mutter und Kingar nicht dienſam ſeyn würde, wenn er ihr Kind selbst stillen wolte. In diesem wäre nun ganz unstreitig eine gute Amme sicherste Entschädigungsmittel für's Kind. wollen aber wissen, welches Nahrungsmitte dann in dem Falle wenn auch diese nicht zu hhuen, was ben wäre, das beste seye? Ich wil 351 Erfahrung mich hierüber gelehret hat, gen Man hat zwar verschiedene Gattungen erischer Milch versuchet, und selbige durch chung mit anderen Sachen, der Menschennahe zu bringen sich bemühet. Aber dawird es niemand bringen. Die Milch entverschiedene aufgelösete Theile in sich, die unter gewissen Veränderungen leicht trenDiese besonderen Bestandtheile der Milch gehen nun auch ihre besonderen Verändegen. Der Haupthang zu dieser oder jener änderung einer jeden Milch ist aber so gedaß er mit demjenigen Körper für destahrung selbige bestimt war, am meisten niret, und zu dessen Entwicklung sich Die besondere Milch der Menschen so als einer jeden Thierart mus daher auch Kinder, oder jungen der selbigen Art rhin, nicht allein die beſte Nahrung abgeſondern das Kind, oder junge Thier mus wenn derselben aßimilirende Kraft so gest, daß sie keine fremde Nahrung geumſchaffen kan, aus Mangel der Nahrank werden, oder gar umkommen, wenn nicht die ihrer Natur allein angemeſſevon Rechtswegen zukommende Nahrung wird. Gnug, es iſt unmöglich, daß che Klugheit und Fleiß etwas hier edenken und erkünstlen können, welches wachen Kindern, eine solche zuverläßige abgäbe, als die Milch einer gesunMutter. Und da nun unter den Milchen der 352 der Thiere, einige sehr leicht verderben und sauer werden, andere zu viele ferte oder käsich te Theile enthalten, die nicht durch beigemisch tes Wasser, oder sonst etwas, gehörig zubereitet werden, sondern nur, aufs beste genommen mehr versteckt werden können, so hat man den neuesten Zeiten ein anderes, dem Verderben nicht so sehr unterworfenes, leicht zu verbauen. imme des und sich unter vielen Umständen gleichbleibendes, mithin zuverläßigeres rungsmittel zu entdecken sich bemühet. allerbeste unter diesen ist wol dasjenige, ches Jak. van der Haar (a) dazu vorgegen hat. Seine Vorschrift ist nemlich gende: Man nimt einen trocknen friesläschen (oder gemeinen) Zwieback, oder eben viel von der hartgebackenen Kruste eines F brodtes; reibt solches und läßt es eine stunde lang in vier und zwanzig Unzen genwasser kochen; sodann seihet man die kochung durch ein härnes Sieb, oder ein Nesseltuch durch und gießt es in einen stein nen Krug, und verwahret es an einem Orte. Vermischt man nun mit zween oder Eßlöffeln voll von dem angegebenen ZwieMl oder Brodwasser, einen Löffel voll süßer IIIIII (a) Anmerkungen über das beste Nahrungsmittel neugebohrne Kinder S. 304. u. s. auserles. Abhandl. zum Gebr. für praktisAerzte. 8ter Band. S. 37. 333 ein wenig Zucker, so erhält man ein wohlmeckendes, gut nährendes und leicht verdauNahrungsmittel für neugebohrne Kinder, man denſelben alle zwei bis drei Stundie oben angezeigte Menge, oder etnehr, jedoch nicht zu viel auf einmal ein Zutschkännchen, oder einen kleinen in einer dem Körper eben natürlichen einflößen kan. — So wie die Kinder nen und älter werden, so vermehrt man Neuge des Brodwaßers und der Milch. umen aber einige Kinder gleichwol bei dem Gebrauche dieſes Nahrungsmittels einige und gehen grüne Unreinigkeiten von den ab, so muß man alle vier und zwankunden einen Dotter von einem rohen rischen Hühnerey, den man mit ein weucker abreibt, in kleinen Portionen, und vorzüglich alsdann geben, wenn die Kinschreien. gestehe Ihnen, M. Fr.! daß mir obirungsmittel unter den künstlichen noch besten gefällt, und ich habe Kinder welche dabei vortreflich zunahmen, und urden. Nur dieses glaube ich doch danern zu müßen, daß da die Milch der einige Zeit nach der Geburt faſt blos ist, und kaum einige der anderen dtheile der Milch in ſich aufgelößt entmithin die Natur dem neugebohrnen Kingar keine andere als wäßerichte Theile 954 in den ersten Tagen bestimt hat; es auch eiforderlich seye, dieses bei den künstlichen Nahrungsmitteln zu beobachten. Da nun die Würkung des Feuers, wie bekannt ist, die Auflösung der mehresten Körper sehr befördert, so muß man in dem Fal, wo man nicht haben wildaß gröbere gallertige, sondern die subtile nährenden Theilchen des Zwiebacks, oder Webrods allein aufgelößt werden sollen, nur einen Aufguß von heißem Wasser mit Zwie zu allererst machen. Nachher kan man Würkung des Feuers immer erhöhen, immer mehr gallertige und uährende Theile dadurch dem Wasser beimischen, und so euerde weise, so wol mit der Würkung des als der Menge des Zwiebacks steigen. Jetzt muß ich noch ein Vorurtheil, ches ſehr vielen Kindern Geſundheit, berü gekostet hat, und noch täglich kostet, nemlich die Meinung, daß das Kind man groß und stark werden könne, wenn oder nur bloß dergleichen flüßige Sachen, Muttermilch zur Nahrung reiche. nig kennt man aber hierin die Natur. und doch jeder vegetabilische Körper, Eid unter diesen, die stolze und harte eine faſt felſenartige Haͤrte an, und zwar ꝺieſes auf keine andere Weiſe, als wässerichten Theile aus der Erde durch die und zeln des Baums in die Höhe steigen, selben nähren; oder auch der Baum 355 nderer bekannten Organen, Luft, und mit selandere ihn nährende Theilchen einſauget. ann nun die Eiche die wäßerichten Theile in gleichen harte und feste Theile umschaffen, rum ſol dieſes der menſchliche Koͤrper nicht an können, von welchem doch die Erfahrung gar vielen Kindern das nemliche bestätiUnd was thut die Natur endlich mit den Körpern, welche den Menschen und Thiezur Nahrung dienen ſollen? Wenn letzteres hehen ſol, ſo werden die nutzbaren Beſtandhen der festen Körper dergestalt getrennet, ſie nun in den waͤßerichten Theilen aufgeerhalten werden, folglich nunmehr ſelbſt in ſicht auf Feſtigkeit, nicht anders als flüßige angesehen werden können. Die eigentfesten und unauflösbaren Theilchen werrch den natürlichen Gang wieder ausgeund die flüßig gewordenen aufgelösten, ins Blut übergehen, werden zum Theil in ſeſte Koͤrper umgeſchaffen. Da aber den ersten Monaten, die Natur zur Ausbildung der zarten inneren edleren keiner solchen gröberen, und zäheren bedarf, sondern vielmehr selbige auf alle hr hinderlich sind; und das um so weil der Umlauf der Säfte, bei der den Bewegung der Muskeln schwach und dieſe gröberen Theilchen wie die g lehret, gar zu oft deswegen in den inneren Gefäschen ſtecken bleiben; ſo jeder einsehen, wie sehr man der Naa D2 ### 335 tur zuwider handelt, wenn man dem noch kle nen Kinde, andere als flüßige Sachen zur N. rung giebt. Nur alsdann folgt man der tur, wenn man nach Maasgabe, wie das stärker wird, seine inneren Theile völligen gebildet worden, seine Muskeln mehr beweg den, und letztere folglich mehrerer Nahrung fen; wenn man, sage ich, als dann immer weim Wasser aufgelöste nährende Theile darreich bis man endlich nach und nach zu den ren übergehen kan. Diesen Weg beobg die Natur ja auch bei der Muttermilch, wirk. nemlich zuletzt immer dicker und zäher Sie sehen also, wie ich meine, ganz daß es hier nur auf die nöthige Menge dem flüßigen Körper gehörig aufgelösten renden Theilchen ankomme; und daß Maasgabe, wie die Bewegung, und biger die Abnutzung verschiedener Theile Körpers zunimmt, auch die Menge renden Theilchen vermehret werden müßt mehr der nähren sollende Saft nun dem Waßer sich nähert, desto weniger Theilchen enthält er für thierische Köpf und da die Auflösung durch die vermehrte wegung beschleuniget wird, so kan mal einsehen, daß in einem thierischen Körper, stark beweget wird, bloße schon würklich gelöste Theilchen zu geschwinde aus Körper wieder fortgetrieben würden; lich alsdann festere, und zwar eine solche rung erfodert werde, deren Theilchen sich 357 geschwinde trennen lassen. Hierin liegt die ſache, warum der Dreſcher ſehr übel mit ###er, wenn schon noch so nahrhafter Milch, mit Brodwaßer bei seiner Arbeit fortkomwürde. Auch hier zeigt uns die Natur den guten Weg, auf welchem wir nicht strauchkönnen, wenn wir nur nicht wollen. Wenn Menſch feſter Speiſen früher zur Nahbedurft hätte, ſo würde die Natur ganz demſelben auch früher die nöthigen Orzu derſelben gehoͤrigen Zubereitung gehaben. Diese Organe sind nemlich Zähne, die nicht allein zur nöthigen Zerng der Speiſe dienen, ſondern bei deren vorgehender Bewegung nicht vermieden kan, daß auch während derselben der ganz innig mit den Speisen, ehe sie cket werden, vermischet werde. Solte sich also wol irren, wenn man behaudaß man dem Kinde feſtere Speiſen geſie, nach Maasgabe wie die Zähne herrochen sind, und es mithin das Vermöalten, selbigen diejenige Zubereitung welcher sie bedürfen um glücklich zu werden? Der Einwurf, daß man ern keine feste, sondern nur breischte gäbe, kan auch nicht hinreichen; festen Theile dieser breüchten Speisen ebenfals, wenn sie zur Nahrung geerden sollen, dergestalt aufgelöset werden, 933 den, daß ihre Theile nicht stärker zusammenhauWengen als die eines flüßigen Körpers. diese völlige Auflösung aber im Magen glülich geschehen sol, dann muß nothwendig her die Speise mit dem Speichel im Mund innig vermischet worden seyn. Die Erfahrung lehret dieses ja ganz klar bei den Erwachsen Denn welche Art Speisen sind bei denselben im allgemeinen unverdaulicher, als die breiic ten; die von klein zerhacktem Fleisch zubereite ten, und selbst dergleichen zähere, wenn flüßige Fleischbrühen? Vermischet man aber im Munde gehörig mit dem Speicher oder kauet man ein Stück Brod mit densel dann merkt man nicht so leicht die Träund andere Zeichen der Unverdaulichkeit, ſo leicht auf den Genuß von dergleichen sen folgen. Betrachtet man nun, wie das leicht seinen Brey ißet, dann merkt man sehr daß solches denselben so geschwinde, ihn im Munde herum zu bewegen cket, daß das Kind ſchon ungeduldig wird, die Wärterin mit einem friſchen Loͤff und an den Mund gelangen kan: und suchet man nachher die Ausleerung, dann breiia det man mehrentheils dergleichen Speiſen, oder noch ſo weiche Gemüße ganz roh, oder ſehr wenig angegriffen und ſelben; und ſind welche Theile davon Milch kommen aufgeloͤset worden und mit dem saft ins Blut übergegangen, dann bleibt immerhin die Furcht, daß diese Theilch 355 Rücksicht auf Empfindlichkeit und den Durchder kleineren Gefäße, in welche sie leicht eindringen, so roh geblieben, daß sie chtlich in denſelben ſodann zurückgehalten den, und zu allerlei Verstopfungen Grund können. Es ist also wol kein Zweifel, alle dergleichen Speiſen dem Kinde widie Natur sind, so lange es noch nicht das mögen besitzet selbige selbst zu zermalmen mit seinem Speichel zu vermischen, d. i. ge es noch keine Zähne hat. Wenn man Zeit wo die Zähne anfangen hervorzubreund das Kind nun beginnt auf ſeinem Finger zu kauen, dann kan man demſelben zueinmal ein Krüſtchen härteren Brods um darauf zu beißen. Das Kauen auf Brod befördert das Ausbrechen der und setzt das Kind nach und nach in wohnheit, härtere Speiſen gehörig zu Hieraus ſehen Sie nun aber auch, wie weſentlich nöthig ſeye, die Kinder nachbald ihnen festere Speisen zur Nahgereichet werden, auf alle erſinnliche dazu anzuhalten, und es ihnen recht wohnheit werden zu laßen, langsam zu lange zu kauen. Kinder die dieſes mäßige Bewegung mit machen, keine Verstopfungen noch Unverdaulichicht bekommen. Tißot ſagt daher mit pöllig 160 völligstem Rechte (a) “ Die Aufmerksamkeit, welche die Bauren haben, gemach zu essen und sorgfältig zu käuen, vermindert die Gefahr ner schlimmen Lebensordnung unendlich; ich bin überzeugt, daß dieses eine der wie Vier tigsten Ursachen ihrer Gesundheit ist. leicht sehen Sie es aber als eine unmöglichSache an, dem Kinde dieſes anzugewöhnen Ich gestehe Ihnen, daß es, fürnemlich wenn ein Temperamentsfehler ist, hoͤchst beschwerlt seye; aber moͤglich ist es, wenn man nur anhaltender Geduld, Aufmerksamkeit und Klagheit erinnern wil. Von der übrigen Diät, welche man nach her den Kindern vorschreiben mus, ich Ihnen nicht; indem, so bald eine dere Diät erfordert wird, man solches Arzt zu überlassen hat. Denn im meinen komt es bei gesunden Kindern, sich wie es sich gehört bewegen, nicht derlich auf die Qualität, sondern mehr Quantität des Essens, wie auch auf die an. Art wann und wie es genossen wird, abge müssen hier die Eltern Beobachtet ob sie vieleicht merken, daß ihrem Kinde mehr gend etwas beſonderes nach dem ligen Genuß einer gewissen Speise immer sind, wiederfähret. Wenn Sie hievon gewiß dem dann erfordert die Klugheit, dergleichen (a) Anweisung für das Landvolk S. 44. 361 im Kinde zu entziehen. Es versteht sich aber selbst, daß man den Kindern, nach Maasgabe wie sie sich stärker bewegen, und trösser werden, auch festere Speisen geben mus. iele Eltern scheinen mir ein wenig zu furchtum ihren Kindern etwas Fleisch zu geManche Kinder würden viel besser vernen, und nicht so viel mit der Menge des chleims, Würmern und anderen ähnlichen Frankheiten befallen seyn, wenn man denselben angemessene Menge schicklich zubereiteten, nemlich gut gebratenen Fleiſches zuweilen zu essen gäbe. Die Auflösungskräfte der te des Magens verhalten sich nemlich völrelativ, nachdem diese oder jene Theile in häufiger sich befinden, und diese oder peise genommen wird. Der fleißige Abt lanzani hat dieses in dem vorher angef. durch vielfältige Verſuche bewieſen. Die rung lehret auch jedermann, daß er zueine sehr unverdauliche Speise viel leicherdanet, als diejenige welche zu einer anZeit am allerleichtesten verdauet wird. ann bei den Kindern die Magenſäfte einen ren Hang zur Säure haben; die Kinder auch gern allerlei Sachen naſchen die Hang vermehren, so sehen Sie ein, zur rechten Zeit ein wenig Fleisch denselnicht anders als vortheilhaft seyn könne. gar den kleinsten Kindern kan man in dem wo die Säure der Säfte des Magens der Gedärme so sehr die Oberhand hat, mit 362 grossem Nutzen das Wasser geben, welches einigemal über mageres Ochsenfleisch aufgewallet, und einige wenige thierische Theilchen aufgt löset hat. Ueber das eigentliche Maaß der Speisen werde ich aber im folgenden Briefe mit Ihnen reden. Jezt wil ich Sie nur noch ehe ich schliesse, warnen, Ihren Kindern keine geistige Getränke zu geben. Der Körper der Kinder ist so beschaffen, daß er, wenn er übrige gesund ist, genähret, aber nicht gereitzet wil. Die starken Getränke, wohin man Brarechwein, Wein, jedes sehr geistige Bier ꝛc. nen mus, reitzen aber ungemein, und betäut nachher. Sie treiben das Blut ſtark nach Kopfe, welches in diesem Alter ohnehin zu stark dahin getrieben wird; wie das in sem Alter gewöhnlichere Nasenbluten schon wolzeigt. Wenn Sie nun ferner bedenken baut len was ich Ihnen vorhin gesagt habe, werden Sie leicht den Grund von dieſem bot einsehen. Die Alten welche aus ihren dern so starke Menschen bildeten, die auf körperlichen Stärke, den Leidenschaften aben fals so sehr zu wiederstehen vermochten, denselben keine solche geistigen Getränke; sondern aber Wasser war bei ihrer übrigens simplen, orat und übungsvollen Lebensart, ihr Trank. spricht von der Enthaltung von Wein LeiWolluſt, als den nöthigſten Dingen für beserſte Jugend, wenn ſie ihre volkommene 363 desgröße und Stärke erlangen sol: und Plato den Wein vor dem fünf und zwanzigsten Jahre nicht erlauben. Kaltes Wasser ist immer r Kinder beſter Trank; aber es verſtehet ſich selbst, daß man sie auf das sorgfältigste üten müsse, nie kalt zu trinken, wenn sie sich ätzet haben. Locke wil, daß man in solchem Falle dem Kinde, ehe man ihm zu trinken giebt, in Stückgen Brod zu essen gebe: und Roußeau hret sodann ſeinen Emil weit und langſam num, um ſein Waſſer zu bolen. Die Haupthe komt aber immer hier darauf an, nicht zu nken, bis man abgekühlt seye. Viele glauben zu handeln und genug zu thun, wenn sie vor dem trinken mit kaltem Waſſer die de und zuweilen auch das Gesicht waschen, gleich noch sehr warm sind; aber Sie leicht ein, daß hier derjenige, welcher sich solche Weise kalt waschet, eben wol sich der fahr der Erkältung, nur auf eine andere aussetzet, wenn schon selbige nicht völlig gefährlich ſeyn mag, als die erſte. Ich bin 2c. Sie 5 * S # ③ Sieben und zwanzigster BriefNoußeau hat ganz Recht, wenn er Mäßigkeit und Arbeit für die zwei wahren Aerzte der Menschheit erkläret. (a) Sie erin daß nern sich nemlich aus dem vorhergehenden, esten im menschlichen Körper, alle Kräfte der ſo wol als flüßigen Theile in einer gewiſ Harmonie stehen und erhalten werden müsse wenn das gewünschte Resultat, nemlich die auf den möglichsten Grad und Dauer erhöhete tigkeit zu handeln, und zweckmäßig würzu seyn, erreichet werden sol. Wenn daher irgend ein fester Theil nicht dergestalt gen ret wird, daß seine Kraft gegen den andren wen das Gleichgewicht behaupten kan; oder ein gewisser Saft im Körper sich über Maaß anhäufet, oder schärfer wird, Vermögen erhält stärker in die festen Theile solte, würken, als er natürlicher Weise thun dann mus diese Harmonie gestöret und Unordnung / (2) Emile T. I. p. 57. la Temperance & vail sont les deux vrais Medecins de l'Hom x.e. 3⁰⁵ g, mit selbiger aber auch Verminderung Fertigkeit zu handeln, folglich Abnehmen der menschlichen Kräfte erzeuget werden. Die nehreſten Menſchen ſehen aber die Möglichkeit nerin der Natur getreu zu folgen, und zu beändern daß obgedachte Harmonie nicht alle Augenblicke gestöret werde, als eine pure Schigäre an. Wer kan, sagen Sie, alle die Re8eln welche dazu würden erfordert werden, stets vergegenwärtigt halten? Ja, wer kan von der Gewißheit, welche Regeln eigentwahr oder unrecht sind, versichern, da die te selbst hierüber dergestalt uneins sind, der eine eben das für gesund hält, was der als dem Körper sehr nachtheilig ausund das Sprüchwort: Medice vivere, ne vivere, sich tu der Erfahrung bewarfindet? Lezteres ist zwar ganz wahr, mehrmalen mit Recht den Aerzten vorgeworden. Aber geht es nicht so mit anderen Wissenschaften, wenn man aus en algemeine Regeln für alle und jede abstrahiren, und dann nach solchen geklingenden Demonstrationen würken wil, sich zu bekümmern, ob man dabei eigentder Natur folge; oder ob man sich nicht ihr eine ganz andere Natur dabei bilden als sie in der That ist, und seyn kan? suchen wir die Staatskunst, welche doch mit am mehresten auf allerlei bis ins ste Detail gehende Veränderungen Acht haund würken mus! Wenn hier der Gesetzgeber 366 geber einmal anfängt für besondere Fälle alge meine Gesetze zu geben; das Wohl des Staats auf dem Papier noch so schön demonstrirt, ohne auf die natürliche Richtung der eigentlichen Triebfedern und Bewegung des besonderen Ganzen die genaueste Rücksicht zu nehmen; dann ist der Staat verlohren, und der Gesetzgebe wird zwar seine Gesetze immer mehr vervielfälimmer tigen, aber von seinem Endzwecke sich weiter entfernen. Je mehr Galgen und Räder er sodann überal an den Heerstraßen aufrig ten und unter den grausamsten Strafen beund kern läßt, desto mehr wird Grausamkeit Unordnung anwachsen, so lange er nicht natürlichen Hang des Volks, durch Aufklärung und einleuchtende Bewegungsgründe, auf nen Zweck zu leiten weis. Wenn man der Arzneikunſt ausſchlieslich dergleichen würfe machen wil, so handelt man ungerecht. Man verfällt in diesen Fehler, ich ſchon oben geſagt habe, in jeder Wiſ schaft, so bald man darin den blendenden und wilkitzelnden Demonstrationen mehr folgen als der, den kleindenkenden Gelerten einfältig scheinenden Natur. So wenig der Regent nod nes Landes den Handel, aus welchem er in so viele Vortheile ziehen zu können sich ſtellet, in ſeinem Lande begünſtigen und dasselbe ziehen wird, wenn er keine gute Landt straßen anleget; oder wenn er starke Auflag wenn auf die Handelsartikel macht; oder auch del er die Handelsleute zwingen wil, ihren 367 del nach ſeinem Sinn und Plan, und nicht ihrem natürlichen Vortheil einzurichten; ben ſo wenig wird der Arzt die Kräfte der Natur, in Erhaltung der Harmonie derſelben höhen, wenn er die Natur zwingen wil, seiPlan, und nicht ihrer eignen Richtung zu gen. Wer wird hier aber wol behaupten, weil viele Regenten hierin kurzsichtig, auch nach schlechteren Leidenschaften wol handeln, die Menschheit gar keine Redulden müsse; obgleich es unstreitig daß dergleichen Regenten durch den Zwang chen Sie ausüben, grösseren Schaden anals der sich selbst überlassene Handel älen in unzäligen Jahren wieder einholen Eben so geht 's mit der Arzneikunst; auch mit dem hier oben bestimmten Fal. Die Warheit davon wil ich Ihnen jetzt Die Kräfte der menschlichen Seele gar nicht hingereichet haben, wenn sie verschiedenen Gesetze und unendlich vernen Relationen, nach welchen die eigentBedürfniße eines jeden individuellen lemenschlichen Körpers, nach den verschieUmständen und Lagen, in welche derselbe werden kauf, nach theoretischen Gründen emonstrationen hätte bestimmen sollen: würde bei der Manchfaltigkeit vieler, innlichen Menſchen unvermeidlichen Trugdas Elend nur noch viel größer, und lensch ohnehin nicht im Stande gewesen seyn, 368 seyn, den eigentlichen Zweck seines Daseyns, die Ausbildung und Vervolkommnung seines Geistes zu erreichen. Mit einem Wort, Scele solte im gesunden Zustande des Körpers, gar nicht durch Sorge für denselben in ihre Beschäftigung gestöret werden, sondern Körpec solte die Kraft in sich selbst besitzen, Der ne Bedürfniße der Seele anzuzeigen. Mensch empfindet nemlich seine Bedürfniße durch, daß die Empfindlichkeit gewisser Theile erhöhet, und entweder ein Hang zu einer wissen ausser seinem Körper befindlichen Saoder ein Trieb etwas aus dem Körper schaffen erreget wird. Dieses hat er völlig den Thieren gemein, und es wird gemeinig der Instinkt genannt; auf welchem dann die thierische Enthaltsamkeit ruhet. Mensch ist aber, wie ich Ihnen vorhin get habe, bis auf einen gewissen Grad und Meister, diese Empfindungen zu besoder zu vermindern, und zurückzuhalten. zwar man diese Kraft den Thieren eben nicht völlig absprechen kan, so ist es doch unstreitig wahr, daß der Mensch hierin Stärke und Vermögen in Anwendung von gleichen Mitteln, alle Thiere weit übertrift. er zu wichtigeren Geschäften bestimmet ist, durch muste er auch weniger ausgesetzet seyn, die eigentlich thierischen Geschäfte des Kölk Gefahr zu laufen, zu jeder Zeit in den gestöret werden zu können. Der Mensch Abnemlich die natürlichen Empfindungen 369 törpers so lenken, daß er dadurch in seinem ägen wichtigeren Vorhaben nicht gestöret Da er nun in lezterem völlig gestöret behindert wird, so bald der Körper krank so verstehet es sich von selbst, daß er obige Empfindungen auf solche Weise bern oder behindern müsse, daß dadurch würkdie Kräfte des Körpers zerrüttende Unung erzeuget werden könne. Zu derselben ütung dienet dem Menschen die Verund Erfahrung, durch welche er abwäſol, ob und was ihm etwa zu dieſem jenem Endzweck dienlich seyn kan. Sie also, es komt hier ebenfals auf den beBewegungsgrund und Endzweck an, der Mensch geleitet wird. So bald Genuß seine Hauptbegierde abgiebt, t er mit mehrerer oder minderer Veraller anderen Glückseeligkeit, nemlich Maaße seiner gestiegenen Sinnlichkeit, Weiſe ſeine Triebe dazu zu erhöhen; und Vermögen liegt der Grund, daß der in der Schwelgerei und anderen Lüsten, zen jedes Thier weit übertreffen kan. dahingegen ſeine Bewegungsgründe auf gentlichen Endzweck seines Daseyns, wird er nach und nach dahin kommen, eine thierischen Triebe im gesunden Zuseines Körpers nicht anders; nicht mehr icht weniger empfinden wird, als der harmoniſchen Richtung der Kräfte ſeikörpers entſtehende Reitz ihm anzeiget. Dies 370 Dies ist also der höchste und volkommenste Grad der thierischen Enthaltsamkeit, und übe haupt der Empfindung der thierischen Bedürf niße. Diesem Instinkt bleibt der Mensch lange getreu, bis er entweder von aussen ker gereitzet wird; oder er darüber einmal fängt zu raisonniren, und mehrentheils in andere lusionen verfält, fürnemlich so bald er etwas sieht thun, was er nicht that, und nun glaubt daß er das nemliche auch müsse thut können. Der Ochs auf der Wiese ist ohnerachtet aller Weisheit eines solchen nirenden Menschen, weit klüger. Wenn selbe genug geweidet hat, dann legt er denim Schatten, siehet dem anderen noch den zu, ohne im geringsten verführet zu noch etwas mehr zu fressen, als vorher ourd vermehrte Empfindlichkeit seines Magens den Hunger ihm anzeigte nöthig z Eben deswegen kennet man auch bei allen jenigen Thieren, welche auf solche Weiüber rem Instinkt folgen, und die sich selbst lassen sind, keine Krankheiten, welche aus Unmäßigkeit entspringen. Jezt hoffe ich, Mein Schätzbarster Sie die Warheit davon ein, was ich vorhin gesagt habe, daß nemlich der Menin seinem gesunden und durch falsches Rainement noch nicht verdorbenen Zustande allein die Empfindungen seiner Bedürf zum Maaßstabe und zur Bestimmung 371 gen was sein Körper bedarf, annehmen; und obgedachten Empfindungen keine andere tung geben müsse, als wodurch er desto schickter werde in seinem Hauptwerk desto und anhaltender fortwürcken zu können. bald er also merkt, daß ein oder anderer ag ihm die Fertigkeit zu handeln und Mundes Geistes kränket, mus er selbigen, hin selbst sehr nachtheilig vermeiden. Sie aber auch wie thoͤricht es ſeye, ſich von Arzt, der ſeiner Kunſt Schande anzuthun wenn er nicht irgend etwas nach geAnfrage verordnet, eine bestimte diäVorschrift, oder wol gar irgend eine vorschrift geben zu lassen, so lange man Im Evangelio lesen Sie 's ja daß die Gesunden des Arztes nicht beund doch wil jeder vom Arzt wissen, gt: ist dieses gesund oder schädlich? alle dergleichen Fragen, bei gesunden en, und bei denen für den gesunden nicht offenbar heterogenen Speisen mehvöllig unnütze sind. Ich bin zwar Arzt, aber ich geſtehe, daß keine mich leichter verdrieslich machen kan, an ein Gesunder mich um Rath fraget, einen Versuch wagen solle, ob er nicht geſunder werden könne; jedoch dabei laufen kan, seine Gesundheit zu dieses leztere trift nur gar zu im Fal der Arzt mit hippekraRiene den Nutzen oder Schaden einer 3 2 Speise 372 Speise algemein bestimt, indem man sodann manchmal von einer gesund erklärten Speise ſo viel iſſet, daß der Magen ſelbige nie rig verdauen kan, und hingegen eine schädlic erklärte Speise, sie mag auch in manchen völlt len noch ſo nöthig und nützlich ſeyn, vermeidet. So räth z. E. öfters ein Arzt Eflig als was sehr nützliches, der Fäulniß derstehendes an, und ein anderer räth ben als etwas sehr scharfes ab, und bei weis für seine Meinung Erfahrungen bringen, wo er genutzet, oder geschadet hat; doch überal darauf ankomt, unter welchen Unden und in welchem Maaß eine Sache s chet wird. Dieses suchen Sie unterscheilernen, und lassen Sie übrigens, wenn überal wo Gesundheit ist, einen solchen Arzt völlig weg. Sie fragen aber: Wie kan man machdaß die Kinder diese thierische Enthalt und Empfindung ihrer Bedürfniße kennen, ihr folgen lernen? Der beſte Weg daz gelangen, glaube ich, ist dieser. Man die Kinder zuvörderst mit der Empfindung jeden gesättigten und geſtilten Bedürfnißes Hungers, des Durstes, des Schlafes ꝛc. bekannt — man zeige ihnen hier, wie wem Natur mit wenigem zufrieden ſeye man sich so wohl und leicht befinde, man nicht mehr zu sich nimt, als man bedürfen empfindet — daß man nach und 373 angewöhnen könne mehr zu sich zu nehmen, als man bedarf; daß man aber dieſes auch nie ungestraft thun könne, wenn schon die Folgen nicht unmittelbar darauf sich einfänMan schildre ihnen die Gesundheit t allen ihren angenehmen, und hingegen die rüttung des Körpers mit dem unzähligen der Unordnungen und unangenehmen Emndungen öfters vor; und lehre sie Vergleigen zwischen der Ungleichheit des Vergens, welches der Augenblick des unzeitigen ßes verschaffet, und den unangenehmen findungen so darauf folgen, anzustellen. thue dieses bei jeder Gelegenheit auf eigebreiche theilnehmende Weise; und was ehresten hilft, man gehe ihnen mit einem Exempel vor, und zeige ihnen an lebenunleugbaren Beiſpielen, die Warheit von gen der Unmäßigkeit. Alles dieses kan o bald die Kräfte des Kindes es erlaunach unendlich mehr durch Hinweisung Bestimmung des Menschen und durch verſtärken. Wer ſo mit dem Kinde der wird, wenn er schon bei manfinde nicht wird verhüten können, daß aus Kitzel und Vernünftlen eine Probe mache, doch von der Seite können, daß es viel geschwinder ädlichen Folgen davon, mithin seine zene Thorheit einsehen; und zur ErlauKlugheit nicht so vieler traurigen rungen an sich selbst bedürfen wird. Dies 374 Dies ist es was die Franzosen so herrlich durch econter la nature ausdrücken, und welches ich Ihnen ohne Umschreibung nicht übersetzen könnte. In dieser thierischen Enthaltsamkeit, d. i. dem sorgfältigsten Bestreben und der Uebung / alle Winke der Natur gehörig zu errathen, denselben im eigentlichen Verstande getreu seyn, lieget das wahre Geheimniß, und einzige Weg, um die Fähigkeit zur Entwic lung der menschlichen Kräfte durch Uebung, bis auf den höchsten Grad zu erlangen. hier auch nur von einer Seite untreu ist lieret doch immer ein Partickelgen seiner Kraft. Dieses wird Ihnen noch auffallender werden wenn ich Ihnen jezt von den Bedürfniß wol, als der Unmäßigkeit des Menschen noch etwas näher reden und mich darüber erkläre werde. Die mehresten ausgearteten Gewohnheiten in Unmäßigkeiten ruhen beim Menſchen in ihrem Anfang nicht ſo ſehr auf Luſt Trieb zur Unmäßigkeit und Schwelgerei; wol auf unrichtigen Begriffen von dem eigentlich Bedürfniß für den Menschen Denn schon in der zartesten Jugend wird nehKind oft gezwungen, nicht so viel zu sich men als es wol wil, d. i. als ſein thierig habe; Instinkt ihm anzeigt, daß es nöthig ſondern es mus alles dasjenige herunter Len, was dessen Mutter, oder Wärterin nöthig ihrer Empfindung und Urtheil glauben 375 thig habe: sehr oft wird nicht einmal so Rücksicht genommen, sondern das Kind und so viel mehr zu sich nehmen, weil soldes ſeiner Waͤrterin Vergnügen macht, oder weil doch einmal der leckere Brey, oder was st, für's Kind zubereitet worden. Ist es dabei wol anders moͤglich, als daß der brief zur Unmäßigkeit dadurch in das Kind Gewalt eingepfropft wird? Wird nachher Kind etwas grösser, so fragt man dasselob es nicht noch etwas mehr essen wolle; nicht selten redet man ihm zu, es solle nur brav essen; und wenn es rechtschaffen als Dreſcher, für ſeine Natur ſchon unmäßig dann freuet man sich darüber, lobt es len wol gar deswegen; und so ißet das immer mehr, entweder weil sein Appetit sein Bedürfniß durch Anerbietung oder redung gereitzet wurde; oder doch aus samkeit; oder Leckerey; oder wol gar aus solcher Gestalt wird das mehr essen Zeit zur Gewohnheit, und die Reitze sodann niemalen mehr mit dem Beharmoniren, indem sie widernatürlich gen sind. Auf diesem Wege geht der ſch nachher immer weiter fort. Mit der Zeit auch jeder Gedanke und jede Erinnerung, hierin nach der Empfindung der Bedürfzu richten, völlig erſticket. Man ißet und wenn die gewoͤhnliche Zeit da ist, und so viel wie man sonst gewohnt ist zu esnn man schon weder Hunger noch Dursthat. 376 hat. Oder man isset und trinket so gar, oft einem was vorgeſetzet wird; oder ſo lang man sich durch allerlei erdachte Reitze, Hung Weiſt und Durst erregen kan. Auf solche bauet der Wollüstige und Schwelger nach Elter nach sein Elend und Grab, und die ihren sind es nur gar zu oft, welche in Kindern den Grund legen, daß sie, nach von dieser verderblichen Gewohnheit nicht ders zuruͤkkommen als wenn nun der gen fast gar keine Speisen mehr verdauer kan, mithin die Unmäßigkeit völlig unmögte geworden, aber auch die Gesundheit, nigſteus der gehoͤrige Grad der Kräfte immer zweckmäßigen Würksamkeit dabei auf verlohren gegangen ist. Es komt daher auf richtige Begriffe was Hunger und Durſt eigentlich für nungen sind, und wie selbige im Körper get werden. Ich wil vom Hunger anfall und ihn zuerst nach der algemeinen dung beſchreiben. Selbiger iſt nemlich und besondere Empfindung von Schwäche, einer ner Leerheit im Magen, welche mit im Gaumen und auf der Zunge sich einfint den Reitz und Lust nach gewissen Nahrung mitteln verbunden ist. Hunger ist also eine keine wiſſe beſtunte Empfindung: es kan aber Empfindung im Körper anders erreget werden als wenn etwas in denselben mit einer ausbann / messenen Heftigkeit würket, und der Seele 377 dann die durch solche Würkung in dem emfindlichen Theil des Körpers verursachte Veränderung mitgetheilet wird. In dieser verschieenen Art zu würken, und der Fähigkeit verschiedene Veränderungen davon untergehen zu bunen, lieget also der Grund so wol dieser mpfindung, als auch der ganzen verschiedeSinnlichkeit des Menſchen. Wenn der chte und starke Lichtstrahl ins Auge fällt, wird der Seele beim gesunden Zustande andere Empfindung mitgetheilet, als diemige ist, welche wir haben, wenn wir einen chen Körper erblicken. Wenn hingegen irein salziger Körper, dessen Theile entweaufgelöset sind, oder vom Speichel aufgeworden, die Zunge berühret, dann beamen wir keine andere Empfindung als diege ist, welche wir einen salzigem Geschmack nen. Sie mögen aber den dichten Lichtihl, oder den salzigen Körper auf jeden anTheil des lebenden menschlichen Körpers rker lassen, so werden Sie doch nie eine pfindung hervorbringen können, welche der Farbe, oder einem salzigen Geschmack une Eben so geht's mit dem Hunger. dieser kan nemlich in keinem anderen Theil, Magen und im Gaumen, und vieleicht einigermassen auf der Zunge hervorgewerden. Es komt also darauf an, auf Weise und durch welchen Körper dadie Empfindung des Hungers erreget Denn es ist auch hier wie überal im Körper 378 Körper nicht genug, daß diese Theile gereit werden, damit solche bestimte Veränderung demselben erfolge; sondern es mus nothwendig auch ein gewisser bestimter Körper da seyn, reitzet und durch diese seine Würkung die stimmte Veränderung, und keine andere erre nach get. Schlucken Sie von einer faulichten, allen möglichen Graden der Schärfe verschiede nen Substanz viel, oder wenig herunter, werden Sie wol Schmerzen, ja Krampf Magens, aber nie Hunger erzeugen. Um chen zu erregen, war der in den Dräsen Magens, und vieleicht auch der in den cheldrüfen abgesonderte, zum sauer werden neigte Saft, von der Natur bestimt. dieser auf den Magen hinreichend würket, die dadurch im Magen hervorgebrachte natüliche Veränderung dem Gehirne mittels Nerven mitgetheilet wird, dann empfindet Mensch Hunger. Die Magensäfte sind in Rücksicht auf die Nerven des Magens scharf, und vermögen selbige zu reitzen; ja die fahrung lehret, daß je größer der Grad Schärfe wird, auch in gleichem Grade bis einen gewissen Punkt der Hunger steige. ben fragen mich aber: Warum der Mensch nicht immer Hunger empfinde, da doch sind / Magensäfte stets im Magen enthalten mithin unaufhörlich in denselben würken: maIhnen davon die Ursache einleuchtend zu chen, mus ich Sie bitten sich zu erinneren, dig daß zur Erregung einer Empfindung noth 379 dig ein hinlängliches Vermögen zu würken, folglich ein hinlänglicher Grad der Schärfe erfordert werde. Da nun der Mensch bei steigender Schärfe der Magensäfte immer stärketen Hunger bekomt; hingegen nachdem er gehörig gegessen hat, diese Empfindung auf eiZeitlang nicht wieder gewahr wird, so ſehen Sie, daß zu der Zeit die Magenſäfte nicht so scharf sind, auf den Magen und brigen Theile so stark würken zu können, daß durch Hunger erreget würde. Nun wollen also versuchen, ob wir wol errathen könwie die Natur es mache, daß dieſe, durch Magenſäfte und vieleicht auch einigermassen ach den Speichel, erregte Empfindung, nur zu issen Zeiten und zwar dergestalt sich einfindaß selbige mit dem Bedürfniß harmonitönne. Alle thierische Säfte halten gegallertige, zum zusammenrinnen geneigte eilchen in sich. Je mehrere davon sich in Saft befinden, desto geringer, lehret die ahrung ganz unleugbar, verhält sich das ende Vermögen des Saftes: ja, wo diese ertigen oder schleimichten Theile sich konzentrirt den, da geben sie die sicherste Ringmauer die Würkung jeder Schärfe ab, wie wir Nagen und den Gedärmen, ohne daran zweizu können, sehen, indem man eine Menge schärfsten Sachen, und zwar solcher Sadie Metalle, Leinewand, Holtz 2c. auflöwie z. E. die Vitriolsäure, in erstaunliMenge verſchlucken kan, ohne daß dadurch 350 durch eine unangenehme Empfindung im Magen hervorgebracht wird. Diese gallertigen Theile welche nun im natürlichen Zustand den Säften aufgelöset und zur Nahrung schickt sind, sind nun eigentlich diejenigen, wel che in der Animalisation so weit gediehen, daß sie sich den festen Theilen am ehesten an hängen, und bald nachher dergestalt mit nen vereinigen, daß ſie nun eine homoſ An Substanz mit denselben ausmachen. dem Warheit dessen ist nicht zu zweifeln, weniger gallertige bindende Theilchen die te eines Menschen enthalten, desto weni wird er auch genähret; und mein versterbene verehrungswürdiger Lehrer Gaubius bemerkte, daß man den bei den bleichsüchtigen Jung angehäuften Schleim in wahre Nahrung mittels der gehörigen stärkenden Mittel schaffen könne. — Je mehr aber nun Saft seiner gallertigen Theile beraubet wird, desto höher mus seine Kraft zu reitzen steibar Da nun in der Phyſiologie unumſtößlich gethan wird, daß beim lebenden Men stets die festen Theile abgenützet und gerieben, folglich auch wieder ersetzet werde. müssen; und aus oben gesagtem erhellet, die gallertigen Theilchen ꝺer Säfte dieſe satztheilchen ausliefern, so folget nothwendig daß nach gehörig geschehener Nahrung, Säfte davon beraubet werden. Geschiehet teres aber, dann mus also auch ihre Kraft die festen Theile zu würken, d. i. selbige 5 381 eitzen, in gleichem Verhältniß, so lange die sten Theile ihre natürliche Reitzbarkeit behalzunehmen. Dieses hat sich auch von jein der Erfahrung bei denen, welchen die inreichende Nahrung entzogen wurde, bestätigefunden. Da aber nun ferner die Lymderjenige Saft ist, welcher wol nur allein feinsten und am mehresten animalisirten galügen Theilchen in sich hält, und wegen Feinheit auch bis in die kleinsten Gedringet, so begreifen Sie leicht, daß die e ihre gallertigen Theilchen am geschwinverliehren, mithin auch am geschwindesten werden und reitzen müsse. Ueberhaupt aus mehr als einem Grunde warſcheindaß mittels der Lymphe der gröste der Ernährung geschiehet. Bis hiehin haauch die sorgfältigsten Zergliederer keine führungs= oder Communicationsgefässe aus symphatischen in die ausführenden Hautgeentdecken können. Vieleicht giebt es alſo keine solche ausführende Gefässe aus ymphatischen, weil die in denselben entnen aufgelösten nährenden Theilchen gar dazu beſtimt ſind, ausgeführt zu werden. gehoͤren aber der Speichel, und die Mafte zur Lymphe; und an keinem Orte des pers findet man selbige so häufig, wie eben 1 mithin ist es gar kein Wunder, daß der gang an den nährenden gallertigen Theilchen zu allererst dadurch verspüret werden müsfolglich dieſe Lymphe durch die ihr geſchejene 382 hene Beraubung der gallertigen Theile, gleichmäßiges Vermögen erhält, den Mage und die anderen hiezu bestimten Theile zu reitzen. Ja diese Schärfe der Lymphe nimt sodann, wenn der Mensch nicht zeitig genug den Verben lust der gallertigen Theile ersetzen kan, stalt zu, daß sie den Zusammenhang der Thele des die innere Haut des Magens beschützen den Schleims aufhebet, selbigen auflöset, die nervichte Magenhaut selbst, bis auf sehr empfindlichen Grad angreift. Alsdann mus freilich zwar, wie ich Ihnen gleich nach zeigen werde, die Empfindung des gers für eine Zeitlang wieder aufhören, ge nemlich die Magensäste eine hinreichende Menge gallertiger Theile wieder aus dem Schleim aufgelöst behalten. Allein nachher mus Hunger sich wieder einfinden. Sie begren aber leicht, daß derselbe nun nicht wohl ner völlig natürlichen Empfindung wieder kom men könne, weil nothwendig die natürliche Empfindlichkeit des Magens dadurch in Unordnung und aus ihrer Harmonie gebracht seyn mus wil Entweder wird selbige nachher in einen natürlichen Heishunger ausarten; oder es hier erfolgen, was geschiehet, wenn ein Theil bis über einen gewissen Grad gereitzet und den, wo nemlich derselbe sodann betäubt schwach, mithin dessen natürliche Empfindliche keit vermindert wird. Alsdann bleibt der Huger nachher lange Zeit aus, und der Menz bemerkt ein algemeines Unbehagen und Schü 383 he im ganzen Koͤrper. Ja, da es mehr als vahrscheinlich ist, daß die eigentliche Nahung der festen Theile, mittels der in der symphe aufgelösten gallertigen Theile grösteneils geschiehet, so mus auch hier überal im ürper, so bald die Lymphe dieser nährenden eile beraubt worden, Unordnung und Schwäwegen verminderter Nahrung und Erſetzung abgeriebenen Theile entstehen. Hieraus springt sodann die merkliche Empfindung von gemeiner Schwäche beim stärkeren Hunger, cher, wenn der Mensch keine neue Nahrung mit, immer nicht allein zunimt; sondern die Schärfe der Säfte bis auf den Grad get, daß selbige zulezt am ganzen Körper kungen erreget. Wenn aber nun durch diese gemein gewordene Schärfe der Lymphe, die findlichkeit anderer Theile stärker geworden, die des Magens iſt, dann ſehen Sie, kan eigentlicher Hunger so lange entstehen als rſtere übermaͤßige Empfindlichkeit entweder ganzen Körper, oder in einem Theile deſſelanhält, indem hier so wie überal jede stärmpfindung die schwächere vermindert, ja anterdrückt, nach Maasgabe wie erstere oder schwächer ist. Sehen Sie, Mein hier haben Sie die Entstehung des blos nach der Natur, so wie selbige zeigt, ohne Schminke beschrieben. eicht läßt sich jezt bestimmen, wie viel Mensch täglich von Speisen zu sich nehmüsse, wenn die Nahrung ſeines Körpers bis 384 bis auf den woͤglichsten Grad der Volkommenheit getrieben werden sol? Nemlich nicht mehr und nicht weniger, als zur Ersetzung der ver— und lohrnen gallertigen Theile nöthig ist die Beſtimmung davon liefert ihm die Empfindung, welche durch ꝺas aus ꝺem geſchehenet Verlust der gallertigen Theilchen entspringende Vermögen der Magensäfte den Magen zu rezen, erreget, und zwar in einem harmonisch indem Maaß dem Menschen angezeiget wird, hier Reitzbarkeit und Schärfe auf das völlt im gefunden und unverdorbenen Zustande so harmoniren müssen, und würklich hart ren, wie in allen übrigen Theilen des KöDies bestätigt sich auch durch die Erfahrung des Sanctorius, welcher um zu wiss viel der Mensch durch die unmerkliche dünstung verlöhre, nicht allein sein Eßen und 2 ken, und seine nachher erfolgten gröberen Auslerungen sorgfältig dem Gewichte nach bemerkte, sondern zu gleicher Zeit, da er immer Wage sitzen blieb, genau acht gab, wie viel die unmerkliche Ausdünſtung weggieng daß algemeine Resultat davon war nemlich, er in vier und zwanzig Stunden acht Nahrung zu sich nahm, er auch eben wieder durch die sichtbaren so wol, als unbaren Ausführungen von sich gab; mithin, Fal der Mensch von den genossenen Nahrung Substanz mitteln mehrere Theilchen in seine umschaffet, als er durch die Ausführungen weg giebt, die Anzal der ersteren so geringe in besag 335 ſagter Zeit ſey, daß ſelbige auf der Wage Anzeige geben können. Auch erhellet nimmer, wie der Mensch könne, ob er seinem völligen Appetit geßen; oder vor deßen gänzlicher Verschwinzu eſten aufhören müße. Im Fal nemweder durch seine Seele, noch eine andere rlich Urſache, ſeine Neigung zu eßen, ach, d. i. mehr als seine Natur erfordert, et worden, dann kan und sol er so viel als er Hunger verspüret. Da aber der ch alle empfindbaren Theile, mittels. Anzung seiner Einbildungskraft empfindlicher w kan, so muß solches auch bei denjeniheilen geschehen, in welchen der Hunger wird. Dieses muß aber um so eher einda die anfängliche Empfindung eines en Hungers von dem grösten Theil der als die gröste Glückseeligkeit angealglich der Mensch um so eher verfühhiebei seiner Einbildung den Zügel laßen. Wird aber nun die Emkeit dieser Theile dadurch vermehret, ganz nothwendig die Veränderung, ie reitzenden Magenſäfte, wenn ſchon ihrer völligen natürlichen Beſchaffenbesinden, in den festen Theilen des erregen, viel heftiger seyn, als selbige Sie iſt und kan daher kein Fingerzeiund wie die nährenden Theilchen maner seyn; sondern der Mensch begehret A 4 un 236 unmittelbar mehr als er zu seiner Nahrung darf, mithin auch mehr als er gehörig dauen kan. In allen denjenigen Fällen also, Wei wo auf eine oder andere wiedernatürliche entweder sein Magen empfindlicher geworden; oder, seine Magensäfte einen größeren Mey von Schärfe erlanget haben, muß der immer eher zu eſten aufhoͤren, als der Reit zu ihn verlässet, d. i. er muß immer, er vom Tisch aufstehet sich in der Verffühlen, noch wol etwas mit Lust eßen nen. Denn, da dieſe Empfindung eine ge von einer wiedernatürlichen Würkung ſo wird ſelbige nachher von ſelbſt ſich ren, nachdem nun die Magensäfte von den Speisen aufgelösten schleimichten dergestalt gesättigt worden, daß sie nicht keine neue aufzulösen vermögen; sondern eben wenig im Stand sind, die Theile Magens zu reitzen, mithin Hunger zu Ueberhaupt müßen Sie aber auch noch eine ken, daß der Hunger zuweilen auf lang vergehen könne, ohne daß Nahrung nommen worden. Dies geschiehet öfters, man zu lange Zwischenräume zwischen Mahlzeiten läßet. Es wird nemlich Fal bei vermehrtem Magenreitz, zufolgt im lebenden Körper herrschenden Naturge in diesem gereitzten Theil die Absonderung Schleims vermehret; das nemliche muß auch im Magen in dem Fal geſchehen durch muß aber sodann um so eher der Hun 387 wieder auf eine Zeitlang gestillet werden, man nicht ohne Grund annehmen kan und daß die Ausführungsgänge der Schleimen bei weitem nicht so reitzbar sind, folglich nicht so leicht krampfhaft verschließen werden, die Ausführungsgänge der überal mit Nerven hsam durchflochtenen Drüsen in der drüsichten genhaut: hieraus folget alſo, daß bei der, auf gewißen Grad geſtiegenen Empfindlichkeit Nagens, die Schließer der Drüsen, welMagenhaft absondern, sich verschließen, die fernere Ergießung von neuem Mabehindern werden; wo hingegen die ſter der Ausſührungsgänge der Schleimnoch gar keinen Eindruck davon erhalben, mithin immer fortfahren, häufiger abzusondern, als sie sonsten thaten. häufigere Schleim muß folglich den mehr für den Eindruck der scharfen icht allein beschützen, sondern die im enthaltenen Magensäfte selbst, werden, so lange obiger Krampf dauret, nicht werden, die im Schleim in größerer enthaltenen gallertigen Theile wieder auffolglich sie selbst das Vermögen zu reitzen verlieren. Auf solche Art kan der Hunger eine Zeitlang ohne genommene Naherschwinden; aber deswegen nimt doch mtliche damit verpaarte Empfindung von nicht ab. Diese nimt sodann mit mehreren und schädlichen Auflösung der immer zu. Weil nun die Theile des Aa2 Bin⸗ 383 Kindes viel schwächer zusammenhangen; bei entzogener Nahrung, die Säfte immer mehr aufgelöset werden, so sehen Sie, daß es das gen auch dem Kinde viel schädlicher sey ger zu leiden, als ꝺem erwachſenen; und uͤber haupt die Folgen der zu großen Enthaltſamkeit nicht anders als die schlimsten seyn nen. Glücklich ist daher von dieser Seite derjenige, welcher seine thierische Enthal ſo keuſch bewahret hat, daß ſie ihm alle natürlichen Bedürfniße anzeiget, und er der glücklichen Lage, ſelbige zeitig genus digen zu koͤnnen, mehrentheils befindet. komt er einmal vom rechten Wege ab, ſehen Sie aus dem vorhergeſagten, daß der Hunger das eigentliche Bedürfniß gen; noch der Abgang des Hungers, ſicherung des Nichtbedürfens jederzeit könne. Ich schweige hier von denjenig sachen der Stöhrung dieser Harmonie, in dem Verderben des Magensaftes lieg nen, und nach dem besonderen Verderbe selben Theile auch so gar entgegengese kung machen müßen; indem die gallertig bei ihrem Verderben, ihren Hang niß entwickeln, folglich den Hunger verwohingegen die waͤßerichten Theile der wenn sie verderben, sauer werden, und die Eßlust sehr stark vermehren. Die Ausführung davon gehöret nicht hiehin, ich hier mit der eigentlichen Krankheitsleh Kinder nichts zu schaffen haben wil. hten Mit 38 Mit dem Durſt verhält es ſich in gewißer sicht nicht viel anders, als bei dem HunSelbiger ist nemlich eine besondere Eming von Trockenheit und Reitz auf der Zunauptsächlich aber im Gaumen, welche mit Begierde und Lust, nach dem Genuß irines flüßigen Körpers verbunden ist. Der st also ebenfals eine Empfindung, deſache nicht zu jeder Zeit im Körper exiondern nur in einer bestimten Zeit erwird. Da diese Empfindung jederzeit nde, hauptsächlich aber im Gaumen und röws gefühlet wird, so müßen auch jenigen empfindlichen Theile liegen, in gewißer, in Rücksicht auf sie, zu scharfer Saft stärker würken, und dietränderung hervorbringen muß, welche, der Seele mitgetheilet wird, in uns indung erreget; welche wir Durst nenkomt also nunmero auf die Entdeckung Eigenſchaft an, welche die Säfte im haben müßen, wenn sie im Gaumen hervorzubringen. vermögend seyn umöglich kan es die nemliche Schärfe e den Hunger erreget. Denn, wenn hungrig ist; dann sind seine Säfte höchst flüßig, und verrathen nicht Zähigkeit; wohingegen selbige heim gentheil ſo zähe werden, daß der Speichel nicht wol ausspeyen kan, ihm am Gaumen beinahe kleben in man dieses überlegt, und nachher 390 einer her bedenkt, daß der Mensch deswegen gewißen bestimten Menge flüßiger Theile davf, um den Zusammenhang verschiedene Theile in ſeinem Körper zu mindern, wird die Sache klärer. Die Nahrung Auimalisation ist nemlich nichts anders, die genommenen Nahrungsmittel im thier Körper dergestalt aufgelöset und derselben le wieder anders verbunden werden, ein mit der Subſtanz des Körpers homWeſen daraus erzeuget wird. Hieran nicht zweiflen; und auch daran nicht, jeder Auflösung, eine gewiße bestimte wäßerichter Theile-platterdings unentbe ist; indem sonsten ja, wenn die Theile Auflösungsmittels zu stark zusammenhang ſelbige nicht in die Zwiſchenräumgen zulösenden Körpers hereinbringen, dessen von einander trenuen, noch ferner auflö nen. Wenn Sie ſich nun weiter an der Physiologie allgemein angenommenen erinnern wollen, daß nemlich kein Saf thierischen Körpers, eine stärker auflösende beſitze, als deßen Lymphe, ſo muß au de zu dieser Kraft eine bestimte Menge Theile durchaus nöthig iſt, der Mans letzteren, bei ꝺer Lymphe ſich zu allere gen, da nirgenwo im Körper von beeine Auflösung, ohne Beihülfe einer lym schen Feuchtigkeit vorgenommen wird. also die Lymphe nicht mehr die gehörigt ge wäßerichter Theile in sich enthält, nicht des 891 nicht allein nicht mehr hinreichend auflösen, ondern sie muß unmittelbar zäher werden. letzteres muß ſodann im Munde um ſo eher rfolgen, da hier die allerfeinsten flüßigen Theiaus derſelben, der ein⸗ und ausgeathmeten ſich aſchangen und ausdünſten, mithin die imphe unmittelbar durch derselben erlittene eraubung, hier gleich noch viel zäher werden §, als in den übrigen Theilen des Körpers. Ferden lehret die Erfahrung, daß öfters dasäge was von der Lunge ausgedünstet wird, Vermögen hat, die in dem Mund abgeerte und ergoßene Lymphe gleich gerinnen machen: als woher auch unzweifelbar grötheils die Speckhaut, welche sich auf der ge derjenigen ansetzet die Entzündungssiehaben, entſtehet; und bei welchen der Durſt gegen fast unauslöschlich wird, weil die gkeit der Lymphe in dieser Krankheit so s und von der Art iſt, daß mehrentheils genommene Trank sich mit selbiger nicht vermiſchen, mithin derſelben Zähigkeit kan: weswegen dann auch in letzterem genommene Trinken oft so ganz klar, onderbare Veränderung untergangen zu durch die Urinwege wieder abgehet; auch daher von den Aerzten, und mit als ein trauriger Beweiß von der Hefr Krankheit angesehen wird. Ein ähnereignet sich, wenn man das Trinken und zu geschwinde, ohne dasselbe im mit dem Speichel zu vermischen, verschluckt 392 schluckt; indem sodann die zu häufig genommenen fläßigen Theilchen nicht gehörig verdanck, d. i. aßimiliret werden können, da hiezu der selben Vermischung mit dem Speichel ebenfals nothwendig ist. Jedoch dies letztere gehöret sche mehr zum wiedernatürlichen Zustand, mithin nihieher. Genug, Sie sehen, daß die Lymphe Anflösung der genommenen Nahrungsmittel udthis ſey; daß dieſe Auflöſung aber nicht ohne eine wiße Menge flüßiger Theile geschehen könne; letztere daher warhaftes Bedürfniß sind; daß endlich so bald sie dieses geworden die in dem Mund abgeſonderte Lymphe genſchaft erhalten müße, mittels ꝺer Ꜻur in den Nerven daselbst bewuͤrkten Veraͤnderung dieſes Bedürfniß, das iſt, den Durſi gen. Dieses muß, bei sich eingesteltem zel der noͤthigen flüßigen Theile, um und ſtaͤrker erfolgen, da nun die in der phe enthaltenen salzigen, oder andere lösten Theilchen um so weniger verdünnet mithin, wie bei jeder stärkeren Lange. ge ihrer beſondern Schaͤrfe auch deſto erbar res Vermögen zu reitzen nothwendig müßen. Die Erfahrung lehret letzteres fals ganz offenbar in verſchiedenen Krankheiten so wol hitzigen, wie z. B., dem hitzgen lenfieber; als auch langwierigen, wi in dem so genannten salzigen Scharbock. mögen Sie dem Kranken so viel zu trinken ben wie sie wollen, so werden Sie nie unausstehlichen Durst anders, als nach jener 393 dener materieller Krankheits Ursache löschen, viswegen man von diesem mit diesen Krankheiten stets verpaarten Durst sagen kan, daß er ein Mittel weis denselben zu stillen, auch Mittel erfunden hat, die Ursache der ganKrankheit zu heben. Es ist aber auch noch ein anderer Umstand der eine gehörige Menge flüßiger Theile lebenden thierischen Körper durchaus erforich meine nemlich um die Absonderungen Ausführungen der in den Säften verdorTheilen zu beförderen. Diese Theile ergen nemlich, so bald sie in ihrem Haug Verderben fortschreiten, ein stärkeres Verin die festen Theile zu würken. Diese schaft war ihnen zwar nothwendig, um Absonderungs und Ausführungs Organe gehörigen anhaltenden Bewegung zu ren, und selbige zu ihrer Verrichtung anen; allein, Sie begreifen leicht, daß so diese in Beziehung auf solche Organe mithin reitzende Theilchen ein stärkermögen zu reitzen erlangen, als sie naWeiſe haben ſollen; daß ſage ich, in Fal, so bald sie die Mündungen der für itzbaren Gefäße berühren, selbige in dem reitzen werden, daß das Gefäschen an diese Theile aufzunehmen, vielmehr sich fhaft zusammenzieben und den Durchgang hemmen, mithin die Absonderung, oder führung dieses verdorbenen schärferen Theilanterbleiben wird. Dieser Fal muß sich nus 374 nun ereignen, wenn entweder die auszuführenden Theilchen vermöge eines wiedernatürlichen Umstandes in ihrem Verderben zu geschwinde, oder zu stark, noch ehe sie von der Natur weg. geschaffet werden konnten, fortschreiten, als welches ſodann jederzeit ein krankhafter Zuſtand ist — oder wenn diese schärferen Theilchen, nicht hinreichend durch waͤßerichte Theilchen von eine ander getrennet sind, mithin so viel stärker, als solche, würken und reitzen können. bald also aus dieser Ursache dergleichen Theile nicht gehörig ausgeführet werden können, not dern in der Lymphe zurückbleiben, muß sten wendig obgedachte Urſache, ſo lange die Theile im Munde ihre gehörige Empfindbarkeit besitzen, auch die Empfindung des Durstes, so weit selbiger Bedürfniß ist, anzeigen. Nich minder wird's klar, daß unter gewißen Un ständen, der Durst, alles Trinkens ohngeachtet, der nemliche bleiben müße. Denn so oft eine solche Zähigkeit in der Lymphe, wovon ich: nen oben sprach, erzeuget ist, welche die Vermischung mit den genommenen flüßigen Theilen nicht leidet: oder so oft dergleichen scharfe Theilvon chen in der Lymphe enthalten sind, welche den genommenen flüßigen Theilchen in ihrer muß Würkung nicht gestöret werden können, ja nothwendiger Weiſe die Empfindung Durſtes fortdauren, man mag auch trinken welviel man wil, weil die reitzende Ursache, che diese Empfindung hervorbrachte, anhaltend zu würken fortfähret. Eben hieraus erhellet feruel / . 395 ferner, wie es zugebe, daß zuweilen der Durst auf einmal durch eine kleine Portion eines gewißen Tranks gehoben wird, da man noch eben vorher noch so viel von einem anderen Trank, aber vergeblich verschlucket hatte. Es ist also auch hier alles relativ. Das Krankenbett läst vollends hierüber keinen Zweifel. Das Getränk, welches bei Entzündungsfiebern den Durſt am meiſten lindert, iſt dasjenige, welches die Zähigkeit der Säfte am leichtesten hebt. Ein nicht völlig kalter, sondern mehr lauwarmer, mit Salpeter und anderen gelinden säuerlichen seifenhaften Theilchen, aus dem vegetabilischen Reiche beschwängerter Trank ist hier unſtreitig der beſte. In den faulichten Fiebern hingegen muß man den Trank ſo kalt geben wie möglich, und denselben mit solchen sauren, ja herbe sauren Theilen erfüllen, welche auch in den Säften noch als solche würken, und nicht völlig im Körper aſſimiliret werden können, wie z. E. die Vitriolläure iſt. Welch eine Labung ertheilt nicht ein Trunk recht kalten, mit Vitriolsäure und einem Syrup häufig beſchwaͤngerten Waſſers, demjenigen, welcher faulichten. Gallenfieber danieder liegt? u. s. f. Hieraus können Sie, Mein Fr.! wie ich meine, zur Genüge ersehen, wie einfach und ſicher der Weg der Natur in Anzeigung dieſes Bedürfniſtes iſt. Wie ſehr wird aber die liebe Natur hier durch Lust, Vorurtheil, ja verkehrte Kunſt verdränget? Dieſes muß ich Ih 396 Ihnen noch zeigen. Durch Lust wird dieses von der Natur eingedrückte Gepräge der thierischen Enthaltsamkeit, in Empfindung deßen was der Mensch bedarf und ihm nützlich ist, auf sehr Art vielerlei, ja ich darf wol sagen unzaͤligt ausgewischet. Sie sehen schon zuvörderst, daß da der Durst dadurch erfolget, daß ein der wiſſer empfindlicher Theil gereitzet wird. Meusch auch durch seine Einbildungskraft diese Empfindung müsse erhöhen können. Ich brauche Ihnen gewiß keine Beiſpiele davon anzu führen, wo die Menschen aus Lust, allerlei ten von Getränk, ohne Durst zu haben triuken. Einige sind so gar so thoͤricht, und trinken bei manchen Gelegenheiten etwas mehr für die Zukunft, um einem nachher erfolgenden Durſte vorzukommen; eben, als ob die Natur Speise und Trank an einem gewißen Ort in menschlichen Körper aufbewahren könnte. weil Andere sündigen hierin aus Vorurtheil, sie glauben, es wäre nöthig so viel zu trinken, wenn man schön keinen Durst hat, und zwinJa / gen ihre Kinder das nemliche zu thun. nicht selten muß hier die Kunst mit häufigen blendenden Sophismen auftreten, um die Natur zu verbannen, und sie zu beschämen, daß sie beim Menschen nicht mehreren Durst erreget. Wie oft hat mir das Herz nicht geblutet, wenn ich sahe, wie Eltern, auf das Vorurtheil des Auͤſehens ihres einpyriſchen Arztes ſich ſtützend, es sich zur Gewißenssache machten, über dem Efen, ihre Kinder, entweder durch Erregung von 397 von Lust, oder durch Ueberredung, ja wol gar durch Zwang, anhielten, selbst völlig wider ihren Willen so viel mehr zu trinken; und nun muſten dieſe unſchuldigen Kinder mit aller Gewalt ihre Verdanung verderben. Denn wie anphilosophisch ist hier die Erkenntniß und Anbendung der Lehre von der Auflösung so wol, ### der Animaliſation? Kein Menſch kan ja daran zweiſlen, daß jedes Auflöſungsmittel die Theile des aufzuldsenden Körpers, so bald nemch deßen Beſtandtheile würklich zerleget werin müßen, ganz anders trennen, mithin den körper ganz anders auflösen wird, nach der verschiedenen Mischung seiner eigenen Bestandheile. Es iſt hier ja nicht genug, daß die fahrungsmittel blos weg in ihre eigne gröberen heile zerleget werden, wie z. E. das Waßer Salz auflöset; sondern die Bestandtheile ſelbſt müßen getrennet werden, wenn ein ganz nderer Körper daraus entstehen sol, wie hier wihwendig geſchehen muß, da aus einer vegebilischen Materie, ein zum Thierreich schon ergegangener Saft zubereitet werden sol. Ines nun ferner in der Physik ein völlig ausgemachter Satz ist, daß das Resultat, mitin diesem Fal, die Auflösung, sich jederzeit uch der am stärksten gewuͤrkt habenden Kraft, folglich nach denjenigen Theilen, welche die gröste auflösende Kräfte ausübten, richten muß an der anderen Seite, die Erfahrung unidersprechlich darthut, daß jeder auflösende per, so hald deßen Theile durch zugemisch. tes 399 tes Waſter, oder andere flüßige Körper, bis auf einen gewißen Grad von einander getreunet worden, seine eigenthümliche auflösende Kräfte verlieret, und solche Auflösung sodann der Natur der so häufigen zugemischten fremden flüßigen Theile folget, so sehen Sie ganz unleugbar, daß so bald sie über dem Eßen viel mehr trinken, daß nun die waͤßerichten Theile, die eigenthümliche Theile des Magensaftes zu sehr trennen, auch die Auflösung nicht mehr so geschehen könne, als die Natur es er Ma forderte. Denn der Magensaft muß als und genſaft, und nicht als Waßer würken anflösen, wenn die Verdanung der Speisen hörig von statten gehen sol. Außerdem diesen nicht einmal gleichgültig, ob man bei Men oder jenen Speiſen ſo wol eine größere Denn ge; als auch dieses oder jenes trinkt. alle flüßige Körper würken als Auflösungmittel betrachtet, verschieden, nach der besondern Mischung ihrer eignen Theile so wol, als der des aufzulösenden Körpers. Hier werden Si nun sagen, muß dann doch wol die Kunst Hülfe kommen, da man ꝺurch Verſuche bewe ſen kan, daß dieſe Speiſer viel beßer in dieśem flüßigen Körper aufgelöset wird, als in jenem Ich läugne nicht, daß die Kunst allerding hier einige Fingerzeige geben, und hauptsächlich den Menſchen zum ſorgfältigeren Beobachter bilden könne. Aber beileibe keine anderKunst, als welche blos auf erwiesenen Thats chen aus der Natur beruhet. Hat man solche nicht, 399 icht, dann folge man der bloßen Natur, die ch nicht widerspricht, wie es die empyrischen erzte in solchen Sachen sehr öfters zu thun legen. Daß aber die Natur dem Menschen würklich das Vermögen gegeben, auch dieser Seite sein Bedürfniß zu empfinist unleugbar. Das Thier wird nichts nken, was ihm auf seine genommene Speinicht schmeckt — und der Menſch empfinnach genommener ſicherer Speiſe, einen erwillen für gewiße Getränke; wenigstens necken sie ihm sodann nicht gut, welches eiAnzeige iſt, daß aus der auf der Zunge geſchehenen Vermiſchung der Theile der in verschiedenen Körper, ein drittes Wesen teht, welches für den Körper heterogen ist, bei seinem gegenwärtigen Zustand, in seine ſtanz nicht gut umgeſchaffen werden kan: un Sie z. E. nach genommener fetter Speitwas trinken, und nachher merken, daß Sie Runde, die unangenehme Empfindung bemen, als wenn das innere des Mundes Fett überzogen wäre, dann können Sie sich wol leicht vorstellen, daß der genommene ge Körper kein Vermögen haben werde die hluckte fette Speise aufzuldsen. Warum also der Mensch diese Warnungen der Nawozu er die nemliche Organen besitzt, als Thier; und dabei noch das voraus hat, er den Werth davon schätzen kan, nicht fals benutzen lernen? Aber so gehts; bei gen wird die sich übergelaßene Lust; oder das wär wärkende Vorurtheil; oder auch der verkehrte und ausgeübte Rath zur Gewohnheit, und alsdann zur eingebildeten, und, wie traurig und erniedrigend für die Menschheit! nicht selten Noch sodann zur wahrhaften Nothwendigkeit. anderen ist es zu klein, ihrer thierischen Natur zu folgen. Sie müßen nach ihrem System leben — und die Folgen davon sind doch an Ende, Elend, und Belehrung wann dät ist. Wie heilsam ist es also hier, Natur einfältiglich als Kinder zu folgen? glücklich sind aber diejenigen Kinder, bei welchen und dieser Naturtrieb unverdorben erhalten, ihnen, auf eine den Regeln der Klugheit meßene Weise, der wahre Werth desselben. eingepräget, und durch Vorbild zu befolgen lehret wird. O mochten doch viele Eltern ses beherzigen! Gewiß wurde viel Elend untAlten und Jungen weniger seyn. Unterde versteht es sich von selbst, daß man die Warnung dahin nicht auslegen müsse, daß man nichts eßen noch trinken solle, was einem nicht herrlich schmeckt. Dies würde fürnemlich Kindern, den Hang zum leichtsinnigen Genuß und zu übertriebener Sinnlichkeit nicht auf alle Weise befördern, sondern es auch nach und nach dadurch, daß es mit der Zeit nicht mehr gut genug finden würde, werkast glücklich machen. Es muß hier nur allein Rede seyn von demjenigen Widerwillen, und der ersten Anfängen des Eckels, die nicht auf Leckerey, noch Verurtheil; sondern auf bloßen Winlen 401 en der Natur beruhen. Dieses mus man soann dem Kinde immer mehr, nach Maasgaseiner vermehrten Aufklärung, sinnlich und auffallend zu machen sich bemühen; es aber auch rzeit ernstlich warnen, daß es nicht durch unzeitige, und jedem Menschen unanstänze Beſorglichkeit, in ſich den Grund zur Weichhkeit legen möge. Laßen Sie sich auch, Mein Freund! nicht thören, zu glauben, daß der Mensch im geunden Zustande, zur Beförderung verschiebeAusführungen, mehr trinken müsse, als er urſt hat. Geben Sie nur auf ſich ſelbſt acht: gewiß haben Sie oft bemerket, daß Sie, inn Sie wol einmal unmäßig viel tranken, wenigsten Urin liessen. Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß die auszuführenden heilchen einen gewissen Grad von Schärfe hamüssen, um die ausführenden Organe in örige Bewegung setzen zu können. Wenn nun obigen auszuführenden Theilen auch Schärfe, durch Beimiſchung eines zu ssen Uebermaßes wässerichter Theile nehmen, behindern Sie ja nothwendig die Ausfühselbst. Ich kenne Menschen, die, wenn nur etwas mehr über Tisch trinken, ihre danung nicht allein verderben; sondern bei lichen sodann die gröberen Ausleerungen des und Stuhlgangs unfehlbar zurükgehalten rden. Seyn Sie also dieserhalb unbesorgt, nicht vielleicht die auszuführenden Theilchen B 462 so scharf seyn möchten, daß sie einen Krampf in den ausführenden Gefäschen erregen, und selbige im Körper zurükgehalten werden möchten. Ihre Natur wird Ihnen gewiß, so lange selbige noch unverdorben ist, noch früher, ehe dieses ge ſchehen kan, eine Warnung durch erregten Durſt geben. Denn die Theile im Munde, in wel chen die zu ſcharfe Lymphe in dem Fal würket, sind gewiß viel empfindlicher, und bekommen viel eher den Eindruck davon als alle che ausführenden Gefässe. Mit einem Wort, Mein Freund! verlassen Sie sich auf die tur, und lehren Sie Ihren Zögling, daß allein auf diesem Wege, der gröste Gipfel menſchlichen Glücks von dieſer Seite erreichet werden könne. Ich hoffe nur nicht, daß nen die Weitlänftigkeit mit welcher ich Materie von der thierischen Enthaltsamkeit, Einpfindung der Bedürfniße abgehandelt habe unangenehm seyn wird. Diese Sache wichtig, daß jeder Mensch damit wol bekannnoch seyn möchte. Und bei Ihnen hatte ich diesen Endzweck, daß ich Sie, meinem sprechen gemäß, gern in den Stand stellen wolte, in jeden vorkommenden Fällen sich helfen zu koͤnnen: denn, Sie werden jezt mit leichter Mühe eine unzählige Menge Coroll. da rien, auch im widernatürlichen Zustande, raus zum Nuzen ihrer Zöglinge ziehen können Ach — □ Acht und zwanzigster Brief. Jg habe mir vorgenommen, mich jezt mit hnen, vom Schlaf zu unterhalten. Hieglauben viele Menschen, daß man sicherern Anspruch auf Gesundheit und Kunterkeit machen könne, je mehr man sich inselben ergiebt. Fürnemlich glauben sie hes von kleinen Kindern. Wie ſehr dieſes gegen die Natur des Menschen, und so enbar gegen ſeine zweckmäßige Beſtimmung infe, brauche ich Ihnen wol nicht weitſtig zu ſagen. Da die nächste Ursache des Schlafs nach Wahrſcheinlichkeit in dem Gehirn und den zu ihren Sitz hat, wir aber die Art und e wie leztere würken; und wie auf leztere im gewuͤrket wird, bis hiehin nicht kennen, so sich hierüber nichts theoretisches zuversagen. So viel kan man aber aus der lichung der Ursachen, Erscheinungen und ltate beim Wachen, und der Bewegung; auch beim Schlaf, und der Ruhe der Musern schliessen, daß wenigstens sehr vieles nach gleichförmigen Gesetzen geschehen Man kan nemlich fast nicht zweiflen, Würkung des Gehirns ebenfals in eierschiedenen Bewegung seiner so sehr manchOb ſal⸗ 404 faltigen Theile gröſtentheils beſtehe. Geht man weiter, so bemerkt man, daß nicht jeder Mensch gleiche Anlage habe, es in der denkenden Kraft gleich weit zu bringen; so wenig als jeder Mensch seine Muskularkraft gleich hoch treiben kan. Die Kraft der Sinne und des Denkens, kau ferner auf keinem anderen Wege, als auch unt die Muskularkraft, nemlich durch Uebung eine, der Grundlage und dem Endzweck angem sene Anwendung entwickelt werden. Beide Kräfte erfordern ferner sehr ähnliche Mittel, und Fal selbige zu stark angestrenget worden; die Folgen nach einer, bis auf einen gewissen ders Grad anhaltend übertriebenen Anstrengung selben, sind sich endlich nicht weniger gleich. Jedoch, da die Bewegungen des hirns und der Nerven nicht in die äusseren Sinne fallen; mithin kein auf sinnlicher Dardavon ſtellung beruhender Beweiß bis hiehin an bitgeliefert werden kan, so darf ich mich ſem Ort hiebei nicht weiter aufhalten, ſondern Vorgehe gleich zum praktischen über. Der theil welchen der Mensch aus dem Schlaf het, scheint mir darin hauptsächlich, so viel wir daß bis hiehin urtheilen können, zu liegen, Erstlich: die Absonderungen in den inneren ehen Theilen besser zu dieser Zeit von statten müssen, indem das Blut alsdann sich auf figer in den inneren grösseren Gefässen hält, und der Umlauf hier sodann ordentlicher geschiehet. Zweitens: Aus eben dieser Ursache der ſcheinet mir auch zu dieſer Zeit die Nahrung 405 der inneren Theile mehr geſchehen zu können, weswegen ich den Schlaf auch von dieſer Seite als Bedürfniß, fürnemlich des Gehirns ansche. Ich bitte deshalb sich zu erinnern, daß das neugebohrne Kind, ſo lange ſeine inneren Theile mehrerer Ausbildung bedürfen, den gröſten Theil der Zeit schläft. Alles dieses mus, Drittens: im Schlaf um so volkommener gescheden können, da während den am Tage gehabten vielerlei Beschäftigungen und Bewegungen, mancherlei Theile, reitzbarer und empfindlicher, folglich dadurch die Harmonie der Empfindlich, keit der Theile, währendem Wachen gestöret vorden. Da es nun eine ausgemachte Sache daß jede überspannte und unordentliche Reitzbarkeit so wol, als Empfindlichkeit durch nichts so sicher und volkommen gehoben werkan, als durch einen ruhigen, regelmäßigen chlaf: so brauche ich Ihnen hierüber keinen neren Beweiß zu liefern. Endlich wird, iertens: im Schlaf die unmerkliche Auszustung noch mehr als verdoppelt. Sonderiſt es aber, daß dieſes nicht gleich im ſten Schlafe, ſondern im zweiten, nemlich in Morgenstunde geschiehet. Die Ursache dascheint mir in folgendem Umstande zu lieSie erinnern sich nemlich aus dem 23ten fe, daß währendem Schlafe die wässerichten heile des Bluts, sich mehr von lezterem trenin den äusseren Wassergefässen sich anhäuund selbige selbst ausdehnen. Dies geſchieht nun in dem erſten Schlafe, wobei die Aus 400 Ausdünstung gar nicht merklich vor sich gebet, und zwar deswegen, weil der nöthige Reitz mangelt. Sie wiſſen nemlich, daß wenn eine Ausführung volbracht werden sol, es nöthig sey, daß die Empfindlichkeit des ausführenden Gefäschens gehörig vermehret werde. Diese Empfindlichkeit kan hier durch stärkere Bewegung erhöhet werden, wenn nemlich nicht allein das Herz dadurch mit mehrerer Gewalt zusammenzuziehen gezwungen; sondern auch mittels der Bewegung der Muskeln, das Blut tiger beweget und bis in die kleineren Nebeng fässe immer mit mehrerer Gewalt eingesprizt mithin in diese Gefässe mehr gewürket Diese reitzende Ursache fält nun beim Se nicht allein weg, sondern das Gegentheimus vielmehr erfolgen, wenn die waͤsserich Theile in die Nebengefässe eindringen, selbst ausdehnen, mithin ihre Würkung vermindern. Weil nun in der, bei der Nacht den Menschen umgebenden Luft, die Ursache der vermehrten Ausdünſtung nicht ſtecken kan, ſondern und vielmehr, da sie nicht abgewechselt wird, bleibt, gar unter der Decke immer die nemliche die vermehrte Ausdünstung behindern zu müsinner sen scheinet, so mus nothwendig eine Ursache dieses hervorbringen. Ich suche selbnemlich darin, daß, da nun diese in den wä serichten Gefässen angehäuften Theilchen selbst nicht mit der gehörigen Geschwindigkeit umgetrieben werden, so müssen sich in selbigen da am so eher scharfe Theilchen sammlen, 40 im Bett unter den Decken vermehrte Wärme, das ſcharf werden ſehr befoͤrdern mus. So bald nun diese wässerichten Säfte den gehörigen Grad der Schärfe, um in die Gefässe hinreichend würken zu können, auf diese Art gesammler haben, mus das Gefäschen reitzbarer werden, und sich mit mehrerer Lebhaftigkeit zusammenzuziehen anfangen. Jezt müssen aber natürlicher Weiſe die ſubtilſten und am meiſten aufgelösten Theilchen, am leichtesten und weieſten fort, ja ſelbſt bis in die feinſten Hautgefässe getrieben werden. Da sie hier immerhin, der zu dieser Zeit unter den Decken wärmer gewordenen Haut näher kommen, so müssen sie nicht minder, immer mehr aufgelöset und schärfer verden, folglich an der einen Seite mehrere leichtigkeit erhalten bis in die kleinsten ausführenden Gefässe zu dringen; und an der anderen Seite mus ihr Vermögen, dieſe Geſäschen zur Aktion zu zwingen, zunehmen. Auf solche Weise stelle ich mir also vor, kommen dieſe Theilchen bis an die Mündungen der ausührenden Gefäschen; und hier wird ihr ausgang durch eben diese Wärme, welche auf rer Reise sie hiehin beförderte, noch ferner günstigt, also daß dadurch, und den um den örper sich langsam gesammlet habenden warmen unſt, die äuſſeren Mündungen der ausführenn Gefäschen, erschlaffet werden, mithin selbige einen Wiederstand bieten. Hiebei sehen Sie also, ehen eigentlich diejenigen Theilchen weg, welzur Nahrung des Körpers untüchtig geworben, 408 den, und die im Hang zum Verberben schon so weit vorgerükt waren, daß sie durch diese Nebenumstände, nemlich die minder beschleunigte Bewegung, und mehrere äussere Wärme, auf einmal so weit in dem Grad der Schärfſtiegen, daß wenn ich mich ſo ausdrücken darf. ſie ſo zeitig wurden, daß ſie ſich ſelbſt aus dem Körper herausfliessen. Der gesunde Mensch erwacht daher aus seinem nicht gestörten Schlaf The nicht eher, bis die Wegschaffung dieser le gehörig vor sich gegangen ist. Es wacht sodann zwar mit dem Gefühl einer mehrten, aber doch nicht unangenehmen welche pfindlichkeit seines äusseren Körpers, seiner ihn, wie ich vorhin sagte, zum ausrecken Glieder, und zur Bewegung aller seiner keln, um nemlich die wässerichten Säfte n der dem Blute gehoͤrig beizumiſchen, anſetzet Ist aber diese Empfindung unangenehm und ſchwehrend, oder wol gar einigermaſſen ſchmet haft, dann kan er gewiß seyn, daß die allein führung dieser verdorbenen Theile nicht nicht gehörig vor ſich gegangen; ſondern diese Theile schärfer geworden seyen, als sie natürlicher Weise hätten werden sollen. Ein Fal, welcher geſchiehet, wenn der Menſch zu langt, oder in einer zu warmen Luft, oder unter dicken Decken schläft. Ersterer Fal trift leich lich bei denjenigen ein, bei welchen überhau die Säfte zu langsam beweget werden: und die beiden lezteren da, wo die Säfte schon vorh eine zu grosse Neigung zum Verderben angenom 409 nommen hatten. — Da nun mittels dieser, währender Nacht ſo zu ſagen vorbereiteten, und erst in der Morgenstunde zur Würklichkeit kommenden Ausdünſtung, beim geſunden Menſchen nur allein unnütze und verdorbene Theilchen weggeſchaffet werden, ſo iſt 's klar, daß dieſe Ausdünſtung für den Körper die heilſamſte ſeyn müsse, indem bei der, bei Tage durch heftigeund beschleunigteren Umlauf der Säfte, ermehrten Ausdünſtung, ganz unſtreitig auch ergleichen Theile weggetrieben werden, die dem Körper noch zur Nahrung hätten dienen können. In diesem Umstand liegt die Ursache zum theil, warum der Mensch, welcher viel schläft und ſich wenig beweget, auch in der Maße des Körpers gewöhnlich mehr zunimt, als derjenige, welcher wenig schläft; obschon dies freilich nicht die einzige Ursache ist, sondern unter anren hiebei noch diese gleich in die Augen fält; daß bei der Anhäufung verschiedener Säfte nach der Haut, und der schwächeren Bewegung erselben, sich desto leichter die dlichten Theile absondern, und in die Röhrchen der Fetthauf ringen können. Wenn nun beim Schwindchtigen, bei dem die Säfte schon häuaufgelöset worden, zu dieser Zeit die Ausfünftung in den häufigen ermattenden Schweiß ausartet, so darf man sich darüber gar nicht undern, indem bei demselben die sehr reitzenben und zu gleicher Zeit erschlaffenden eiterhaften Theilchen, diesen Säften häufig beigemischet sind, woran der geſchwinde und kleine Puls der Schwind 410 Schwindsüchtigen keinen Zweifel übrig läßet. Wo aber durch irgend eine fremde Ursache, Schärfe dieser Säfte bis auf den Grad steigt, daß dadurch die Schliesser der äusseren Mündungen der ausführenden Gefäschen so sehr dann rei tzet werden daß selbige sich verschliessen, ſiecht es bös aus, indem ſodann die Säfte immer mehr verderben und die Ausdünstung eher wieder hergestellet werden kan, bis diese krempfhafte Zuschnuͤrung der Muͤndungen uͤber wunden worden. Jedoch dies gehöret ei lich nicht hieher. Ich habe es Ihnen aber alle geführet, theils um zu zeigen, daß sich Phönomenen leicht dadurch erklären lassen: und hauptsächlich deswegen, damit Sie nunme dersjenige, was ich Ihnen ferner von dem war zum Maaß des natürlichen Schlaass zu beo. achten ist, als Korollarien aus der obigen Auflösung leicht herleiten und erweitern könnten Die Erfahrung lehret nemlich ganz widersprechlich, daß zwar der Mensch Schlafs, eben so wol als der Ruhe bis einen gewissen Grad bedürfe: daß aber auch übermäßige Schlaf, die Geistes= und Sinne Kräfte eben so wol schwäche und stumpf mache, als die zu viele Ruhe, die Muskularbeweg sten. Erinnern Sie sich hiebei nur an Ideen, welche man schon von alten Zeiten mit dem Epithet verband, das man Perso nen, die ihr gröstes Glück im Schlafe such ten, beilegte, wenn man sie Schlafmützen nach Unfähigkeit und Trägbeit des Geistes, so als des Körpers, waren dabei die auszeichnenden Meckmale. Ausgemacht ist es ferer, daß nicht allein ein Mensch vor dem anern, nach der besondern Verschiedenheit seines lters, seines Körpers und seiner Geschäfte sondern daß selbst ein und derselbe Mensch einer Zeit vor der anderen des Schlafes mehr bedürfe. Da nun der Mensch zufolge eiunleugbaren Naturgeſetz, die Fähigkeit jedes Bedürfniß empfinden zu können, so er auch in Ansehung des Schlafs, nicht vol durch Schlüsse, als durch Empfindung stimmen können; ob er genug geschlafen habe mehr schlafen müsse. Hiebei ist aber wol in erwegen, daß die Einbildungskraft den Reitz lum Schlaf vermehren, mithin auch dessen cheinende, aber ungegründete Nothwendighervorbringen könne. Müßiggang und Träg sind hier zwei Sachen, welche dieses aneinende falsche Bedürfniß sodann erregen. sehen also, daß der dem Müßiggang und Trägheit ergebene, oder auch nur nachgeEnde Mensch seinen Hang zum Schlaf, eben benig, als Bedürfniß ansehen dürfe; als der dwelger seine übertriebene Lust zum Essen Trinken. Nur allein der Mensch also, bücher seiner Bestimmung getreu zu leben, seine Zeit zweckmäßig anzuwenden sich betrebet, darf von dieser Seite, seine Empsiningen, wenn sie nur nicht vorher schon sind derben worben, als Bedürfniß annehmen; und 412 und alsdann mus er die völlige Befriedigung derselben, als zu seiner Selbsterhaltung und ferneren Ausbildung nöthig, wie Pflicht ansehen. Daß dieſes in ꝺer That mit ꝺer Natur des Menſchen übereinſtimme, lehret die Erfabrung, indem der Mensch, wenn er eine gehörige Zeit geschlafen hat, und darauf erwachet, sich nicht allein munter, und zu allen schäften aufgelegt fühlet; sondern, wenn er dann den Schlaf wieder herbei zu rufen seine bemühet und im Bette liegen bleibt, Munterkeit und Fähigkeit zu den Geſchäften, mithin seine Kräfte wieder verlieret. Sie sehen also, daß die Unmäßigkeit hierin die nemliche Folgen habe, wie bei ꝺen andern Bedürfniſt Natur daß aber auch der Mensch von seiner den nemlichen Fingerzeig dabei habe; und zwar diesen, daß er, wenn er sich wohl befindet, und ohne daß er durch eine äufferliche Ursacht aufgewecket worden, munter wird und sich und quickt fühlt, so gleich aufstehen müsse; wem immer gegen seinen Endzweck handele, er alsdann länger liegen bleibt, indem durch jederzeit einen Theil seiner gesammleten Kraft gewiß wieder verlieren wird. Dies kan jeder an sich selbst erfahren. Es scheinet aber eine sehr beschwerliche Sache zu seyn, Kinder zu lehren, diesem Winke der Natur hier folgen. Ich wil Ihnen meine Meinung mus ber mittheilen. Das Verfahren hierin verschieden ſeyn nach dem Zuſtande des Kindes, ob es nemlich noch blos als ein We 413 ja betrachten, welches nur allein thierischen Inſtinkt hat; oder ob es ſchon ſo weit entwikeit iſt, daß es ſolche Fähigkeit erhalten, nach inigen, dieser Fähigkeit angemessenen Gründen handeln zu können. Im ersten Fal mus man alle Zeichen, womit das Kind hierin ſeinen Inſtinkt zu erkennen giebt, ſorgfältig beobachten, demſelben nie zugegen handeln. Wenn das unruhig ist, dann wil seine Wärterin, es entweder essen, oder schlafen sol, wo das Kind öfters zu keinem von beiden, geringste Bedürfniß fühlet. Ich habe Ihschon vorhin gesagt, daß wenn in solchem das Kind angehalten wird zu essen, wenn doch keinen Hunger hat, dadurch bei demschon der Grund zur Unmäßigkeit im geleget wird. Ein gleiches mus aber ähnlichen Gründen geschehen, wenn es Schlaf gezwungen wird, wo es doch gar Neigung dazu in sich fühlet. Um nun vorzukommen und doch wissen zu könob auch eines von dieſen Bedürfnißen das quäle, so darf man nur genau auf desMund und Augen Acht geben. Wenn es unger hat, dann wird es seine Leszen viel gegen, der Speichel wird ihm häufiger flieund ſo bald es die Bruſt, oder ſeine ahrung erblickt, wird es ein offenbares Vergen darnach an den Tag legen. Empfines aber Schlaf, so werden die vorhin gegeldeten Zeichen am Munde nicht da seyn; hl aber werden beim Kinde die Augen nicht die 414 die gewöhnliche Klarheit haben, und die Augenlieder selbst werden sich immer einander nähern, und zuweilen sich ganz schliessen: nichweniger wird das Kind sich am ehesten durch diejenige Bewegung beruhigen lassen, unter welcher es am geschwindesten einschläft, oder we solche nigstens einzuschlafen gewohnt ist. Auf Weise solte man mit den ganz kleinen Kindern verfahren, deren Lebenskräfte nemlich noch ſehr gering ſind, daß man es nicht wol gen darf, die Verrichtungen ihres Koͤrperchen an irgend eine äussere Ordnung zu binden. muĕ So bald aber ihre Lebenskraft gestiegen, einer man sie nach und nach an Beobachtung Died gewissen Ordnung hierin gewöhnen. auch der Natur nicht allein gar im gering nicht zuwider; sondern es ist in der zur Erfüllung der Pflichten, beim zweckmä gen Zusammenleben der Menschen durchgenothwendig. Denn es mus zwar der Meſein gehöriges Maas von Nahrung und Schlaf haben, allein es komt ja für die Gesundheit gar nicht darauf an, zu welcher Zeit er und schläfet; wenn er sich nur vor und nach dem Essen so verhält, daß sein Hunger, noch der künstlich vermehret, noch vermindert; nachher die Verdauung in Unordnung gebrach worden. Eben so mus er sich mit dem Schl. fen verhalten. Thut er dieses, und beobachtet ferner, daß er nur, ob es gleich die g wöhnliche Zeit ist, entweder weniger, oder auch wol gar nicht isset noch schläfet, so bald er das 415 azu nur schwaches, oder gar kein Bedürfniss sich verspühret, dann kan er ohne im gegsten der Entwicklung seiner Kräfte zu schasich an eine solche Ordnung binden. denn, im Grunde komt es in Rücksicht auf efriedigung des Bedürfnißes auf eins sodann kraus, ob er sich an eine bestimte Zeit hierin gewöhnet, oder nicht; denn im ersteren Fal wird er sich entweder zu Tische setzen, und nur enig essen, oder solches gar nicht einmal und in Ansehung des schlafens, wird er ohann so viel später zu Bette gehen. Hat er aber an keine bestimte Zeit gewöhnet, dann rtet er ja eben wol ab, bis sich Empfindes Bedürfnißes einstellet. Ich habe men dieses etwas weitläuftiger auseinander itzet, weil ich aus der Erfahrung weis, es Menschen giebt, welche behaupten, man inte der Natur nicht anders angemessen en, als daß man ässe, tränke und schliefe, ft man Hunger, Durſt oder Schlaf habe. sehen, daß der Streit hierüber auf einen Wortstreit hinauslaufen würde, und daß diejenigen welche dergleichen behaupten, in den Verdacht setzen, solches deswegen un, um dem sie beseelenden Geist der Unnung eine erträgliche Schminke zu geben. Ich komme nunmehr auf eine beschwerliMaterie, wie man nemlich die schon nach inden zu handeln anfangenden Kinder dahin gen könne, dieſem Naturtrieb in Anſehung des 416 des ungeſäumten Aufſtehens, nach genugſamen Schlafe, zu gehorchen. Hiezu ist, so wie bei allen nach Gründen handelnden Wesen nur ein Weg zur Uebecredung übrig, und zwar derj nige, daß man ihnen den Vortheil, oder die Annehmlichkeit, welche sie aus dem ungefäumten Aufstehen ziehen werden, wichtiger und größer, anschaulich macht, als das Vergnügen, nen das längere zu Bette liegen, verscha würde. Jeder andere auch strengste Weg Befe vergebens, indem das Kind, wenn der suchen auch noch so scharf wäre, doch immer würde, ſo oft es nur koͤnnte, ꝺem Schlafe l ger nachzuhangen, und zu faullenzen. das Kind aber auch nur dieses thut, Empfindung seines Bedürfnißes schon 8 chet, indem es dadurch mittels Anstrengung seiner Einbildungskraft, gewiße Theile ganz ders würken macht, als sie würken solten. Um daher das Kind dahin zu bringen aus eig Triebe und Ueberzeugung, den Winken seiner tur hierin zu gehorchen, so muß man stets rauf mit Ernst bedacht seyn, demselben vorigen Abends, irgend eine solche Besch gung für den folgenden Morgen, gleich nachdem es aufstehen wird, zu versprechen, von welcher man vermuthen kan, daß ſie ihm mehr Freude, als das längere zu Bett liegen, machen muß Hiezu mus man unter andern allerlei Spiels ersinnen, auf welche man sie lüstern machen kan, und die, ſobald ſie mit Bewegung verknüpf nac sind, dem Kinde ohnehin des Morgens ben 117 dem Schlafe sehr zuträglich seyn werden. Geängt einem dieses, dann wird schon das Aufstehen gleich nach dem Erwachen zur Gewohnheit; und iſt man einmal dahin gekommen, dann ird's nachher nicht so viele Mühe mehr kobei dem größer gewordenen Kinde durch ge und schickliche Beibringung der Gründe, des Nutzens, welcher unmittelbar aus der folgung fließet, obgedachte Gewohnheit zu erhalten, und sie nach und nach beim Kinzur anderen Natur umzuſchaffen. Sie sehen also, mein Freund! daß das nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig en müße. In letzterem Fal würde man ſſelben immerhin eine Quelle ſeiner Kraft ichen. Da aber der Mensch in sich selbst Hang hat, alles was er genenßt, ganz bis aufs äusserste zu genießen, so ist es zu verhüten, daß er nicht dann und zu weit im Genuß gehen solte; er würselbst diesem Hang noch mehr den Zügel ßen lassen, und durch Leichtsinn geleitet, seiGesundheit noch geringer schätzen, wenn er durch eine andere Gegenkraft davon zugehalten würde; ich meine nemlich den unneidlichen Zwang, welcher aus dem geselliZusammenleben fließt, wo es nicht anders kau, als daß einer dem andern sehr oft Theil seiner Gemächlichkeit aufopfern muß. obigem Hang ist es daher kaum zu dendaß der sich selbst überlaßene Mensch nicht C von 418 von dieser Seite böse Gewohnheiten, und dadurch falſche Empfindungen von Bedürfniß zuziehen solte. Jeder Mensch muß sich daher über den Genuß einer jeden Sache ein wißes Gesetz machen, um nur ja nicht zu vie zu genießen. Den Schaden des zu wenig nießen merkt der Mensch gröstentheils geschwinde, und ist derohalben denen schädlichen gen davon minder ausgeſetzet. Um aber zeitig Schaden des überflüßigen Genußes genug zu merken, dazu gehoͤret ein Grad Rechtschaffenheit gegen sich selbst, welchen wenigsten Menschen kennen, noch wissen len. Und nichts ist doch wahrer, als daß Natur mit wenigem zufrieden sey. Die fahrung aller Zeiten lehret daher unwiders lich, daß Mäßigkeit, wie auch Bewegung, zwar in der freien Luft, die sicherste Ringmaue gegen Schwäche und sieches Leben abgebett. VerEinen Beweiß davon können Sie aus der gleichung zwischen den à la Trappe, und der Kartheuser Mönchen ziehen. Erstere sind nemlich von dem strengsten Cisterzienser Orden, Bene ren Institut zwar nach der Regel des dikts gestiftet, aber doch eigentlich nachher en Bernhardus in Ordnung gebracht worden. bürfen nie, so lange sie gesund sind, Fleießen: nur einmal in der Woche bekommen etwas Fisch, welcher mehrentheils kein anderer, als Stocksisch ist; ihre übrige Nahrung Brod stehet in Gemüse, Mehlspeisen, Käse, ganz und Butter — Zum Trank haben sie ab 419 ganz vortrefliches Bier. Während den Fasten ssen sie des Tages nur einmal, und bekommen sodann des Abends nur Brod und Bier. die schlafen mehrentheils nur vier bis fünf Stunden; arbeiten den Tag über und sind immer beſchäftiget. Sie befinden ſich dabei lecht wohl und sehen stark aus, werden auch nehrentheils alte Leute. Die Kartheuſer hinzogen führen einen herrlichen Tisch, so mit allerlei Fiſchgattungen von den verſehiedenſten und ausgeſuchteſten Zubereitungen beſetzt iſt, und trinken mehrentheils Wein dabei; leben müßig, und bringen den Rest der Zeit, welchen sie ausser dem Chor haben, in ihren Zellen einsam und ohne sonderliche Bewegung da sie nicht ausser den Mauren des Klokommen dürfen. Diese Kartheuser sehen aus; sind kränklicher, und zählen bei weinicht so viele Alten unter sich, als die Trappe Mönchen. Ich muß Sie ferner sehr warnen, Ihre Kinnie mit Heftigkeit aus dem Schlafe aufzuwecken, und denselben dadurch Schrecken einMagen. Die Erfahrung lehret, daß der chrecken in dem Fal bei den Kindern ſehr ist, und selbst durch die heftige Erschütterung in den zarten Nerven, allerlei Unheil mrichten kan. Ja es muß selbst dadurch, wenn gleichen öfters wiederholet wird, eine Disposition zum Jähzorn erwecket werden. Sie ßen nemlich, in welchen Grad der Wuth öfCc2 ters 420 ters der Mensch komt, der aus seinem Schlaf, mit der Empfindung irgend einer ihm angethanen Beleidigung aufgewecket wird; weswegen selbst die Gesetze denselben in manchen solchen Fällen weniger strafwürdig erklären. Montaigne sagt, (a) daß sein Vater ihn in seiner Jugend deswegen nie anders, als durch eine a seinem Bett gemachte Musik, aus dem Schle hätte aufwecken laßen. Und da es nicht geläugnet werden kan, daß währendem letzt ren Schlafe in der Morgenstunde, die eige liche nützlichste Ausdünstung vor sich gehet, sehen Sie ein, warum einige Menschen, oft sie zu frühe aus ihrem Schlaf aufgewecket, oder gar aufzustehen genöthiget werden, zeit ein merkliches Unbehagen, ja öfters kan liche krankhafte Zufälle bekommen. seyn, daher bei vielen Kindern äusserst schädlich, sie zwingen zu wollen jederzeit frühe aufſtehen. — Als eine ganz weſentliche Sache muß ich Ihnen ferner noch anrathen, Ihren Kidern nie sehr weiche und gemächliche Betten geben zu laßen. Denn, wenn die Kinder Bett pfinden, daß sie gar zu gemächlich im liegen, dann geſchiehet das nemliche was welc den ausgesuchtesten, leckeren Speisen, den Gaunen sehr reitzen, sich zuträgt; man nemlich, aus Wollust und nicht mehr aus verBedürfniß, die Sache begehrt: Das Kind langt sodann bei der geringsten Empfindung (⁸) Essaix &c. liv. 1. Ch.XXV. 421 ner Ungemächlichkeit, nach seinem Bett; und ergleicht das unangenehme, was es in dem agenblick empfindet, mit der angenehmen Empfindung, welche es haben würde, wenn es in seinem Bette, gleich dem, auf seinem weich gepoljerten Sopha faullenzenden Reichen, seine Zeit vertändeln könnte; und so entsteht dann nach und nach die Luſt zum Miſbrauch. Nicht veniger sieht man leicht den Grund ein, warum in nicht gar zu weiches Lager mehr zur Stärlung der Fasern beitrage, folglich die Enticklung der Kräfte selbst begünstige. Und serner das Kind einmal gewöhnet, in einen ſanz weichen und ſauften Bette zu ſchlafen, aun kan es nachher gar nicht mehr schlafen, bald es in ein fremdes, nicht so sanftes Bett legen muß: es bringt die Nacht mit Herawelzen in gröstem Mißvergnügen zu, und ſteht, ohne neue Kräfte geſammlet zu haben, eder auf. Unterdeßen wollen einige Eltern genwärtig hierin auch zu weit gehen, und fordern von ihren Kindern, daß sie Somme Winter auf einem Strohsack schlafen, und kaum mit einer Decke zudecken dürfen. komt, mir eben so vor, als wenn das und nun nichts anders, als schlechtes Brod eßen haben solte. Dergleichen Verfahren ist rdem bei solchen Kindern, wo die Ausdun ug nicht gut gehet, aus leicht einleuchtenGründen ganz offenbar schädlich. Das muß daher dergestalt beschaffen seyn, daß Kinder leicht in demſelben warm, doch nicht 422 so warm werden, daß sie in Schweifl gerathenferner muß es weder so hart seyn, daß äußeren Theile des Körpers zusammengedrücket und der Umlauf der Säfte in denselben schwehret werde: noch so weich, daß der Kör per dergestalt in dasselbe hereinsinkt, daß seiner Peripherie nirgend den mindesten derstand so zu sagen findet, mithin die Anhäfung der wasserichten Säfte in den äuß Theilen, während dem Schlafe zu sehr reißen, und durch Ausdehnung, und Druck der Gefäße, wie auch andere Folgen den Körp ſchwächen möge. Ehe ich diesen Brief endige, solte Ihnen nun noch von den Klugheitsregeln, che bei der Jugend in Ansehung der zu zeitigen und unordentlichen Geschlechtsliebe beobachten sind, reden, jedoch ich dar enu, hierüber gar nicht weitläuftig unterhalten. daß jeder unordentliche Trieb und Reitz wol schlimmsten Folgen für die physische als moralische Kräfte habe, wißen Sie. Hauptmittel dagegen wil ich nur blos benenen: sie bestehen nemlich in Zerstreuung; aller haltender Beschäftigung und Entfernung derjenigen Bilder und Bücher, wodurch gleichen Reitz einigermaßen erwecket wer kan. Ohne diese drei Mittel ist alles andere Ent umsonst. Nachher helfen auch, Mäßigkeit; haltung von allen sehr nahrhaften Speisen und der 3. E. von Eyern, Brod, Milch, Bier 423 dergleichen; ermüdende Bewegung, Anstrengung des Kopfes bei beſchwehrlichen Arbeiten ꝛc. GeMein Fr.! es gilt hier dasselbige Gesetz, daß nemlich die zu hoch geſtiegene Reitzbarkeit eines gewißen Theils nicht anders vermindert werden könne, als durch Wegräumung der stärker reitzenden Ursache: oder durch verhältnißmäßige Vermehrung der Reitzbarkeit eines anderen Theils. Letzteres vertreibt jeden Kitzel auf eine Zeitlang ganz unfehlbar. Hiebei erinnere ich mich einer sonderbaren Erfahrung, welche ich in einem solchen Fal zu machen Gelegenheit hatte, und vieleicht bei einem oder anderen einmal nützlich seyn könnte. Ein Jüngling von zwei und zwanzig Jahren kam zu mir, und klagte daß er alle Nacht im Schlaf mit den nächtlichen Befleckungen häubefallen würde. Er sahe aus wie ein durch laut und Bänder blos zusammenhangendes Krippe, seine äußeren und inneren Sinne waren einem sehr hohen Grad geschwächet, so daß im kaum ein anderes Vermögen übrig blieb, Us das Traurige seines Zuſtandes zu empfinden. Er weinte bitterlich und versicherte hei3, daß er sich sein Uebel im geringsten nicht durch ſeine Einbildungskraft zugezogen hätte, noch weniger dadurch unterhielte. Er hatte verschiedenen bewährten Aerzten eine große lenge allerlei für solche Fälle am mehresten gedrieſene Mittel, aber alle vergeblich gebrauchet. Ich sahe also, daß auf dem gewöhnlihen Wege nichts bei ihm auszurichten ſeyn würde. 424 würde. Ich untersuchte derohalben noch genauer, und erfuhr von ihm, daß er von seiner nächtlichen Befleckung nur allein überfallen würde, wenn er im Schlaf auf dem Rücken läge; wenigstens so oft er darüber erwachte, fände er sich auf dem Rücken liegen. Obzwar er sich nun wol jederzeit des Abends fest vornähme nicht auf dem Rücken sich legen zu wollen, thät er solches im Schlafe doch. Nummel rieth ich ihm also, daß er des Abends Stück Holz, so ohngefehr fünf bis sechs lang, und an einer Seite geründet wäre, der anderen aber spitz zulaufen müste, mittelangehefteter Binde dergestalt zwischen seine terblätter binden solte; daß die scharfe innwärts nach dem Rückgrad; die gerünaber nach aussen zwiſchen ꝺen Schulterblätter zu liegen käme. Da nun, die scharfe Seite sich so oft er sich im Schlaf auf den Rücken lei in die Haut eindrückte, und ihm Schmerz erregte, so erwachte er also fort jedesmal, und und blieb mithin nicht auf dem Rücken liegen; was das beste war, er blieb auch von seinem nad Uebel mehrentheils befreiet, so daß andere gewöhnliche Mittel, welche ich ihm verschrieb, in wenigen Monaten ihn völlig wieder . herstelleten. Ich bin rc. Neun E # Neun und zwanzigster Brief. Ich habe Ihnen weitläuftig in meinen vorhergehenden Briefen, die Bedürfniße des Menſchen Absicht auf Nahrung beschrieben. Nicht weäger habe ich Ihnen Vorſchläge gemacht, wie gan es am besten machen könne, um die gröberen Ausleerungen in Ordnung zu halten. Es bleibt mir also noch übrig dasjenige zu berühren, was Unterhaltung der unmerklichen Ausdünſtung woh. zu beobachten ist. Ich fange bei dem angebohrnen Kinde an. Auf welche unbeſonme und unbestimte Weise gehen nicht viele Eltern in jetzigen Zeiten damit um. Der Vawil, daß das Kind recht: stark, und so fest Eisen und Stahl werden sol. Er schließt aher, daß nun auch des Kindes Körperchen ſolche Verhaͤltnißmaͤßige Feſtigkeit erhalten würde, wenn man es eben so mit demselben ängt, als mit dem Eisen, das man in ahl verwandeln wil. Wie kurzsichtig und ir8 ist diese Art zu schliessen? liegen doch nicht Kräfte des Kindes allein in dem stärkeren sammenhang seiner Theile unter sich. Allein, Befehl ist gegeben, das Kind muß so fort es auf die Welt gekommen, mit ganz kalWasser gewaschen werden. Wie leicht kan durch diese, dem Körper so völlig fremde und 426 und heftige Empfindung der Kälte, und daraus herrührende Zusammenziehung aller Gefässe der ganzen Perpherie des Körpers, wenn nun dadurch die Säfte mit Gewalt auf einmal einwärts getrieben werden, eine über kurz oder lang, zu Krankheit und Tod Anlaß geben könnende Erweiterung eines oder mehrerer der inneren Gefäße, Gelegenheit gegeben werden Auch habe ich Ihnen im 24ten Briefe gezeigt, daß es eben nicht der Weg der Natur ist, gleich im Anfang nach der Geburt, auf eine geschwinde und heftige Weise die äusseren Th le des Körpers zu stärken. Ihre Hauptsorge geht in dieser Zeit dahin, die Gedärme dem darin enthaltenen so genannten Kinderpf zu reinigen, und die inneren Theile zu allerer auszubilden. Und wie sehr werden endlich durch jede heftige Erkältung, nach vorhergegangen Erhitzung, fast alle Ausleerungen, und fürnen zurück lich die der unmerklichen Ausdünstung unwi gehalten? Die Erfahrung lehret dieses dersprechlich, und die Theorie zeigt wie ches zugeht. Denn daß das Kind währenden Geburt, wenn es sich schon ganz leidend habe blos verhält, allerlei Ursachen der Erhitzungen wem gesetzet sey; darf man nicht läugnen, man bedenkt, welchen Grad von Hitze öſtere die Theile der Mutter, durch welche das Kind seinen Weg langsam machen muß, ehe es 8 bohren wird, währender Geburt annehmen, und selbige dem darin eingepresten Kinde mit theilen müßen. Nicht weniger werden ja währender 427 render Geburt, fürnemlich in der letzten Pekiede derselben, immerhin die, Säfte der Mutter in eine gewaltige Bewegung und Hitze verſetzet: da nun der Umlauf des Bluts zwiſchen Rutter und Kind noch gemeinsam geschiehet, kan's ja nicht fehlen, daß solcher, gleichmäßiVeränderung im Körper des Kindes hervorbringe. Und weil endlich die Theile des Kinwährender Geburt von so manchen Seiten gepreßet, und dadurch dem Umlauf des Blutes inderniße gelegt werden, so muß ja sodann Herz des Kindes so viel mehrere Gewalt inwenden; mithin wird das Blut, in die übrigen Theile mit so viel grösserer Heftigkeit heringetrieben. Der Einwurf, daß viele andere auf dieſe Weiſse mit gutem Erfolge gemacht oben, ist völlig unbedeutend, so lange man cht beweisen kan, daß dieſes dem Wege der atur gemäß gehandelt sey; und wenn schon und da ein Kind die Probe ausgehalten recht stark dabei geworden, so darf soles doch gar nicht zur Gründung einer Regel enen, bis man die Harmonie dieses Verfahmit dem der Natur erwiesen hat. Hieist man aber hierin noch weit entfernt; man nicht einmal, wie aus dem vorhin gegten erhellet, vorher wissen kan, ob man cht dadurch den Zunder zum früheren Tode des Kindes legen werde. Und in dem Fal bleibt och wol bei jedem rechtschaffenen Christen keiWahl mehr. Die Griechen, welche noch sorgfältig alles erforschten, was die Kinder 428 der stark machen konnte, wuschen die neugebohrnen Kinder mit gewärmtem Wasser, gleich nach der Geburt; (a) und Roußean selbst, doch sonst nicht leicht in solchen Sachen nachgiebt, erlaubt, (b) ꝺaß man ꝺas neugebohrne Kind zuerst mit lauwarmen Wasser waschen solle. Nachher könne man den Grad der kalme immer vermindern, und zuletzt völlig tes Waſſer dazu brauchey. Dieſen Vorſchlos glaube ich Ihnen; Mein Freund! ebenfals, der Natur des Menſchen, völlig gemäß, then zu müssen. Lassen Sie aber das Kin und so nur recht oft den Tag durch waschen; tärker bald es anfängt seine äusseren Glieder innezu bewegen, mithin die Ausbildung der ren Theile völliger geschehen ist, dann waschen Sie es nicht allein mit kaltem Wasser, dern baden es wenigstens alle Morgens rin, es ſeye dann daß Sie faͤnden, daß Kind einige Zeit nach dem Bade anhalten ungewöhnliches Unbehagen, Schwermüthigkeit, oder Kälte von sich blicken ließe, als in chem Fal man vielmehr wuͤrde glauben müſſen, daß ihm dergleichen Bad nicht zuträglich sei . dem Aus der nemlichen Ursache, warum ganz jungen Kinde das kalte Bad auf schriebene Weise schaden muß, sehen Sie leicht ültig ein, kan es auch für dasselbe nicht gleich (epar (a) L. Bos Antiq. de la Crece, p. 286. (b) Emile. T. I. p. 20. Edit. de Geneve. 429 seyn: ob es in einem ganz kalten Zimmer hingeleget; und noch weniger, ob es in solchem Zimmer entkleidet und gereiniget werde. Sanktorius bemerkte schon, daß sehr öfters die Mateie der Ausdünstung, wenn selbige durch die Haut nicht fortkommen konnte, in den Gedärmen abgesondert, und mittels eines Durchfals weggeset würde. So bald aber solche scharfe heilchen in den Gedärmen abgeſondert werdie der Natur der Sache nach, nicht dast, sondern in den Hautgefästen hätten abgeſondert werden ſollen, müſten die Gedärme idernatürlich gereitzet und empfindlicher wernicht weniger müssen die in denselben absonderten Säfte eine Art Schärfe erhalten. ſem Fal muß nun ein Kind, deſſen Haut im Eindruck der plötzlich abwechselnden Kälnoch nicht hinreichend widerstehen kan, aussetzet werden, so oft es in einer kalten Luft ablößet und gewaschen wird. Sehr oft jegt hierin gewiß eine Ursache des vielfältigen auchgrimmens, und grünen Stuhlgangs der gen Kinder. Die Kinder Wärterinnen glaudiesem Uebel dadurch abhelfen zu können, sie einen Wärmkorb, in welchem gewöhnein groſſer Topf mit glühenden Holzkohlen ſieht vor sich stellen, und das Kind sodann nahe bei diesem Feuer entkleiden. Aber ses Verfahren ist von vielen Seiten schädlich. enn erstlich: wenn das ganz nackende Kind, Feuer aus den Holzkohlen beschienen wird, nuß solches einen sehr ungleichen Eindruck auf 43⁰ auf verschiedene Theile seines Körperchens machen, nachdem nemlich ein Theil vor ꝺem andern mehr erwärmet, ja zuweilen, wie gebra die, ten wird. Zweitens: Es kan in dem Fal, jedem Menschen so sehr schädliche Zugluft nicht wol vom Kinde abgewehret werden. Drittens Die Wärme, welcher das nackende Kind bei öfters ausgesetzet wird, kan nicht anderals demselben sehr schaden. Nicht minder schädlich ist's, wenn dem Kinde nun das heiße Hemd angethan, und es in so warm VierTücher, oder Matratzen eingewickelt wird. daß tens: Es ist Ihnen ferner bekannt, Holzkohlen einen sehr giftigen, die Würkuns der Nerven zerstörenden Dunst in Meng Kleisich geben. Da nun der Warmkorb mit dern und andern Sachen dergestalt öfters hangen iſt, daß dabei nur der Platz and Kind offen bleibt, so kan es ja nicht seyn, als daß dieser Kohlendunst, am Kör chen des Kindes unaufhörlich vorbeistreichen, und in dasselbe würken müße. Wenn nun das Kind anwächst, und bey selben eine freiere Kleidung angeleget muß, dann findet man die Meinungen bei tern und Pädagogen, ja der Aerzte selbst, manchen Stücken sich völlig entgegengesetzt vertheilt. Einige wollen nemlich, man solle Kinder, um sie abzuhärten, und an jede änderte Witterung zu gewöhnen, nicht andere perś als sehr leicht; und verschiedene Theile des Kö 431 pers gar nicht bekleiden. Andere hingegen ſuhen den Einfluß eines jeden unangenehmeren äftchens durch die sorgfältigste warme Bedeckung des Körpers zu verhüten. Frägt man die mehtesten, warum sie sich darin an diese, oder jene Nethode halten, dann merkt man gleich, daß ße keine eigentliche, auf physischer Kenntniß der Natur, beruhende Gründe haben, sondern daß vielen Eigendünkel — bei andern blinder Nachfolgungsgeist — noch bei andern aber teuerungssucht — oder auch wol bemerkter Nachtheil von der entgegengesetzten Methode, Bewegungsgründe dazu ausliefern. Wie manches Kind muß aber darüber sterben; oder ebenslang einen siechen und schwächlichen Körder behalten! Wenn man unpartheilich die Erfahrung so wol als die Natur um Rath fragdann würde man finden, daß sehr selten einem von diesen beiden äussersten Wegen, erhafte Gesundheit und Stärke für das Kind zu erhalten sey; aber sehr oft Schwäche, krankheit, ja Tod darauf folgen. Ich weis war ſehr wohl, daß mir die Vertheidiger der rſten Methode gleich vorwerfen werden, daß hierdurch solche starke Buben gezogen hätdaß denselben gar kein Wetter mehr etanhaben könnte, und derselben ungewöhnstarke Kräfte den sichersten Beweis für Vorzug ihrer Methode auslieferten. Es wahr und nicht zu läugnen, daß zuweilen Zögling, von welchem Geschlecht er auch durch dergleichen harte und rauhe Erziehung, 432 ziehung, sich nicht allein ungewöhnliche Kräfte für sein Alter erwerben; sondern auch deßen Transpirations Organe eine glückliche Festigkeit, um jedem Eindruck der rauhen Witterung widerstehen, erhalten können. Wenn dieses aber bei einem oder anderen auf die glücklichste Wese eintrift, so darf man doch deswegen sen Weg, als der ganzen Natur angemess diese nicht ausgeben. Denn es ist und bleibt nige wichtige Frage bei jedem individuellen Zög ling immer unentschieden; ob nemlich beOrgane und Säfte gleich anfangs so beschafsind, daß derselbe bei dieser Methode es aushalten können, ohne daß seinem Körper kurz oder lang, dergleichen Folgen darüber stoßen, welche für denselben schlimmen würden, als der Nutzen einer ungewöhnlich geschwinden, oder mehreren Entwicklung Kräfte von einer Seite ihm vortheilhaf den könnte. Ich ersuche Sie derohalben n gende Punkte wohl zu erwegen: Es kan lich, Erstlich: seyn, daß der Zögling bei beschaffen ist, daß die bei den ersten Verf in rauherer Witterung, durch Behinderung Ausdünstung zurückgehaltenen Theilchen gend einem edlen Theil krampfhaft zur halten werden, und eine hitzige, vieleicht liche Krankheit erregen. Es könnte aber, zu tens: auch wol geschehen, daß zwar die ersten und selbst verschiedenen nachherigen Versuch ganz vortreflich von ſtatten giengen, daß durch eine andere Ursache, irgend ein inner Theil 433 theil empfindlicher geworden. Wenn aber in solchem Fal der Zögling seine rauhe Lebensart rtfähret, z. E. in einem kühlen Regen herum äuft, seine Kleider ganz durchnaß werden und dem Leibe wieder trocknen lässet; oder sich einer ungewöhnlich kälteren Witterung bafolglich auf einem oder anderen Wege Ausdünſtung behindert, ſo gelingt es mehr so gut; denn die zurükgehaltenen heile werden nun nicht so glücklich wieder geſchaffet, ſondern vielmehr krampfhaft in a, durch eine andere Ursache empfindlicher gewordenen Theil zurükgehalten; sie erregen Entzündung, und einen desto geſchwindeTod, je herkuliſcher der Bau des Zöglings Natur aus, oder durch Kunst frühzeitig vickelt worden war. Wie viele solche Kinsterben nicht auf diese Art an Halskranken, Bruſifiebern ꝛc. wovon doch der erſte fang nichts als ein blosser Katarrh war. erinnere ich mich eins der stärksten Kinder, dem fürchterlichen Halsübel, so Angina nbranacca oder trachealis von den Aerzten nnt wird; und in diesem Fal aus blosser altung plötzlich entstanden war, in weniger vier und zwanzig Stunden, ohnerachtet bei diesem Kinde anzuwenden möglichen teln auf eine fürchterliche Weise, zur unaushlichen Bestürtzung der Eltern, sterben gezu haben. Es ist aber auch, Drittens: zu bemerken, daß die Folgen von derVerfahren nicht jederzeit sich unmitD 5 tel= 434 telbar gleich nachher einsinden; und eben dieses bethöͤret viele Eltern durch Sicherheit. Wenn nemlich bei einer gewissen naturwidrigen Lebensart, zwar nicht immerhin alle unnütze und schädliche Theilchen aus dem Körper wegt geschaffet werden können, dann ist es ja ga natürlich, daß durch diese zurükgebliebene Theilchen nicht eher Unordnung in der Masch ne erreget werden könne, bis durch den eine diesen Theilchen erregten Reitz, irgend widernatürliche Empfindung, oder Bewegung in einem gewissen festen Theil entstanden Lezteres kan aber geschehen, entweder wann Empfindlichkeit eines festen Theils durch chen andere Ursache vermehret worden, wie scharfen gleich vorher sagte: oder, wenn die Theilchen sich nach und nach bis auf den 6 in den Säften anhäufen, daß sie nun vereinigte Kraft, das Vermögen erlangen, Hervorbringung vorgemeldten Resultats, sesten Theile hinreichend würken zu können. stärker nun die festen Theile eines Kindes Số desto weniger werden die in den sich anhäufenden scharfen Theilchen, obg Würkung hervorbringen können. Wenn nun mit solcher Lebensart, bei welcher gleichen Theile nothwendig im Körper angehän ſet werden müſſen, lange genug fortge wird, dann mus auch hier das Maaß vol den. Das Kind wird also zwar mehrere Exe Theilvorhin machen können, in hrere scharfe chen sammlen müssen; hat es aber einmal 435 viele gesammlet, daß selbige nun vermögend sind in die festen Theile, wie oben gesagt ist, hinreichend würken zu können, dann ist, auch die Krankheit aus mehr als einer Ursache, und chon deswegen viel gefährlicher, weil nun die Säfte mit solchen verdorbenen Theilchen ganz angefüllet sind, mithin die gesunden Säfte, ſo bald ſelbige in ihrem ferneren Kreislauf gestöret werden, sehr leicht von ersteren ebenfals verdorben, und aſtimiliret werden müſſen. Sehr eicht erfolgt sodann der Tod des Kindes, fürnemlich wenn wegen seines Eigensinns, oder wegen verkehrter Zärtlichkeit der Eltern, alle gejörigen Mittel, nicht wie es seyn solte, angevendet worden. Ich sehe es daher als einen vahren unglücklichen Zufal für jeden rechtschafsenen Arzt an, wenn er zu solchem krank gevordenen, mehrentheils auch eigenſinnigen Kraftinde gerufen wird, und oft nicht viel anders abei thun kan, als ein Zuschauer und Beobachter, es in Geschwindigkeit sich entwickelnden Toes abgeben: wohingegen mancher Halbgelerte, der niedrig denkende Arzt, sich mit Kuren schwächlichen Kindern groß macht, bei welwegen ihrer Schwäche und mehreren Reitzbarkeit der Fasern, geringere und leicht zu erwindende Ursachen, nur gros scheinende krankheiten hervorgebracht hatten, die durch athaltung, vieles trinken und allenfals absorrende Mittel, in der Geſchwindigkeit gehoben verden konnten. Bei solchen schwächeren und upfindlicheren Kindern entstehen überhaupt durch Dd 2 der= 436 bergleichen Verhalten, öftere Anfälle von kräukeln, die zwar mehrentheils wol bald wieder vorbei gehen, aber doch immer das Kind in Entwicklung seiner algemeinen Kräfte sehr rüksetzen: oder es entspringt ein anhaltenderes, langſames, aus der Schärfe der Säfte, und dem Mangel hinreichender Nahrung herrührendes kränkeln; wovon Sie aber leicht einsehen koͤnnen, daß ſolchem allen ꝺurch angemeſſe nere Wartung und Kleidung des Zöglinge, leicht vorgebeugt werden könne. Nicht selten Kör be ich Krankheiten besonderer Theile des daß pers blos und allein dadurch abgeholfen, ich den Rath gab, den Theil mehr gegen zen, abwechselnden Eindruck der Luft zu beschü und die Ausdünstung daselbst zu begünstigen. — Die schädlichen Folgen eines solchen natur Pier wiedrigen Verfahrens können sich aber, teno: bei einigen im Alter erst zeigen. bitte Sie nemlich sich zu erinnern, daß nigen Krieger, welche bei verschiedenen Fell gen, fürnemlich bei Winterzeit viele Kälte gestanden haben — daß ferner diejenigen. ger, welche viel in sumpfichten Gegenden Wie die Jagd giengen, oder zur Herbst und terzeit auf ꝺem Anſtand viele Kälte ausſtehen welmusten — und endlich diejenigen Pferde, che der Kälte am mehresten ausgesetzet sind, Alter auch am frühesten bei herannahendem steif werden. Man kan sich also nicht wol Verten, wenn man behauptet, daß durch wahrloſung der Ausdünſtung, diejenigen Theilchen 437 chen und Ursachen so viel geschwinder im Körper erzeuget werden, welche das steifwerden, und verwachsen der Fasern, mithin das altwerden verursachen. Sie können sich hievon asch mehr überzeugen, wenn Sie diejenigen alten Leute, welche noch bis ins spätere Alter, jugendliche Kräfte und Geschwindigkeit bewahhaben, untersuchen; indem Sie sodann bei meisten ganz gewiß wahrnehmen werden, sie ihre Ausdünstung sehr in Ehren gehalhaben. Sie ſehen alſo, Mein Fr.! daß man solchen Eltern nicht genug zurufen könne, aufs Ende zu merken. Es glauben zwar einige, aß Sie eine schädliche Strenge bei den Kindern noch zeitig genug abändern könnten, so bald sie denselben eine Art Unbehagen, Unlust, besinderte Nahrung ꝛc. beobachteten: dieſes trift ganz gewiß nicht immer ein; und desto eniger, je stärker das Kind ist. Wir sehen solches auch klar bei Entstehung von andeKrankheiten. Ein übrigens gesunder und starker Mensch, bei dem aber podagrische Mateerzeugt wird, befindet sich ganz vortreflich vohl, er isset noch nach seiner Gewohnheit lari zu Nacht, und empfindet beim schlafengenicht das mindeste Unbehagen, Auf einerwacht er aber gegen den Morgen mit allerheftigsten Schmerzen im grossen Zehe, o lange anhält als hinreichende Materie diesem Reitz da ist, die in diesen Theil würkau. Von ähnlicher Entstehungsart verſchiedener Krankheiten, könnte ich Ihnen eini⸗ 438 ge Bogen vol schreiben. Alles dieses mus aber, Fünftens: bei dergleichem kalten Verhalten um so eher eintreffen, da es unlengbar ist, daß dadurch die Empfindlichkeit der festen Theile um ein grosses vermindert wird. Die so sehr empfindliche Haut kan man ja bei der Kälte sehr merklich verletzen, ohne daß man die deste Empfindung davon verspühret. Bei chem kalten Verhalten können Sie also sicher seyn, ob nicht die Empfindlichkeit festen Theile widernatürlich sey vermindert worden. Also eine wichtige Anzeige mehr daß sich dabei Schärfe in den Säften häufen könne, ohne daß selbige durch ihre kung sich so fort zu erkennen geben solte Sie sehen leicht ein, daß in dieser verminde Grun ten Empfindlichkeit selbst, ebenfals ein liegen könne, daß die verdorbenen Theile nicht gehörig ausgeführet werden. Da würklich die verminderte Empfindlichkeit Haut, der Ausdünstung Hinderniße in ment Weg legen müsse, erhellet schon daraus, Sie bedenken, wie die Ausdünstung im S fe, und zwar im späteren Schlafe gegen Mormittels vermehrter Empfindlichkeit befördert wird sur wie ich S. 406. u. f. zeigte. Ausserdem ist leugbar, daß wir die Empfindlichkeit der Haut nie allein, sondern auch die Ausführung durch Einb selbe, mittels der Anstrengung unsrer dungskraft vermehren können, als wovon Ihnen im 25ten Br. S. 325. einen deutlich und Beweiß gegeben habe. Ueberhaupt können 439 ins im gesunden Zustande unsre Haut dergestalt vergegenwärtigen, daß wir eine dunkle Empfindung von derselben bekommen. Diese Empfindung kan aber so beschaffen seyn, daß sie mit erjenigen einer sonderbaren Leichtigkeit verbunden ist, und zwar einer ähnlichen, welche auch eim Menschen, dessen unmerkliche Ausdünstung nach Wunsch von statten gehet, sich merken ist. Es ist also nicht wol möglich die Wahrscheinlichkeit zu läugnen, daß in manchen Fällen, die widernatürliche Verminderung der Empfindlichkeit der Haut einen merklichen Einſuß auf eine unvolkommene Ausdünſtung hamüsse. Und betrachten Sie endlich, Sechstens: die der Kälte so sehr blos gestelte Hänund Arme eines solchen Kindes, dann werSie sehen, daß selbige auch im warmen Zimmer, fürnemlich bei Winterzeit mit blauen und rothen Flecken getiegert sind, zum offenersten Beweise eines den Gefässen widernalich angebrachten und lange angehalten hainden Zwanges. Die Menſchen welche lange haltende kalte Fieber gehabt haben, bekomam ebenfals nachher, bei der geringsten sie derfallenden Kälte ähnliche Erscheinungen an sen Theilen. Wenn Sie ferner die sehr gehaltenen, und unter angestrengten LeibesWungen erzogenen Kinder betrachten, dann ist wahr, daß diejenigen welche es aushalten, acht allein das äussere Ansehen einer starken übesbeschaffenheit, sondern alle übrige Proeiner ihrem Alter völlig ungewöhnlichen Aus 440 Ausbildung und Stärke ausliefern. Man solte ein ſolches Kind von zwoͤlf Jahren, für ei hals nes von fünfzehn bis sechszehn Jahr alt Austen. Solte aber dieser Sprung in der bildung, fürnemlich der der Muskularkraft, auch des ganzen äusseren Menschen, wol mit allen und jeden inneren Verrichtungen, wenig stens auf die Dauer übereinstimmen? Solte hier nicht zu fürchten seyn, daß wenigstens Widerstand, welchen, wie Sie wissen die klei neren Gefässe, fürnemlich die der äusseren Theile des Körpers, dem Herzen entgegenlen, nicht frühzeitiger stärker werden könne? Ich kan Ihnen überhaupt ferner nicht genus wiederholen, daß ja die eigentliche zweckwie ge, und dauerhafte Entwicklung der Kräfte des Menschen nicht anders, als durch die monische Entwicklung der gesammten Kräfte geſchehen koͤnne; denn obzwar kein Menſch Kräfte wozu er Anlage hat, gleich stark einen wickeln kan, sondern allerdings in der mehrentheils rückwärts gehen mus, wenn es in einer anderen sehr weit treiben wil; daß ist und bleibt es doch unzweifelbar wahr, kein Mensch, um sich in einer gewissen Kraf zu vervolkommnen, sich der Gefahr aussetzen dürfe, dadurch die Anlage, d. i. die Moͤglichkeit, eine andere Kraft zu entwickeln, verliehren in der können. Ersteres ist Vervolkommnung — lez⁹ wilkührlichen Bestimmung seiner selbst und teres aber ist Zerstümmlung des Ganzen: wer kan dabei Bürge bleiben, daß nicht die Junda= 441 Fundamente selbst dadurch werden untergraben werden? Unterdessen ist es doch eben so gewiß, daß diese mit Klugheit, nach der besonderen Beſchaffenheit der Kinder angewandte verſchiedene Methoden, alle beide von grossem Nuzen seyn können. — Der vornehmste Endzweck der Kleidung ist nemlich, gewisse Theile des Körpers für den schädlichen Eindrücken der Witterung zu bewahren, damit nemlich dadurch dasjenige, was aus dem Körper ausdünsten mus, nicht zurükgehalten werden könne. Dies mus das erste Fundamentalgesetz seyn; und das zweitere besteht darin, daß der Mensch sich dergestalt kleide, und an den Einfluß der Luft gewöhne, daß nicht jede plötzliche Abwechslung der Luft, welche ihn unerwartet überfällt, seiAusdünstung in merkliche, und ihm nachtheige Unordnung zu bringen vermöge. Wil man ber hierunter gründlich zu Werk gehen, dann mus man vorher genau wissen, auf welche Beise die Kleidung, die Unterhaltung der Ausbünstung befördern, oder behindern könne. licht weniger, auf welche Hauptumstände man ei der beſonderen Beſtimmung der Kleidungsart fürnemlich Acht geben müsse. Hierüber ich mich also noch in diesem Briefe mit Ihnen unterhalten. Ersteres geschiehet, wenn entweder durch Kleidung, der äussere Umfang des Körpers, für 442 für den Druck und die Kälte der Luft, und das daraus entspringende krampfhafte zusammenziehen der ausdünstenden Hautgefässe; nicht weniger für die mit der Atmosphäre herbeigeführte Feuchtigkeit beschützet wird. In diesem lezteren kal sehen Sie leicht ein, daß so bald diese Feuchtigkeit die Haut berühret, selbst durch ihre grössere Kälte und Dichtigkeit nicht allein die Mündungen der Gefässe zusamme ziehen, sondern auch behindern müsse, daß ausdünsten sollenden Theilchen gehörig in Dünste verwandelt, und von der Luft weggeführet wereine den können. —— Es ist aber auch noch andere Weise, wie mittels der Kleidung bitte Ausdünſtung begünſtigt werden kan. Ich Sie nemlich sich hier zu erinnern, daß Theile unserm Körper nicht allein wässerichte ausdünsten; sondern daß wir ja durch unleugbare Erfahrungen wissen, daß ausserdem noch Luft, elektrische Materie, Feuertheile und allerlei andere animalische, sette sowol, salzige Theilchen aus dem Körper durch die fortgetrieben werden. Nun ist es aber auch in der Phyſik ein unzweifelbarer Satz, daß jeder Absige Körper, seine besonderen vorzügliche ter hat, d. i. daß gewisse flüßige Theilchen, den Theilen eines gewissen festen Körpers mit mehrerer Kraft anhangen; oder, wenn Sie nach dem gewöhnlichen Ausdruck lieber haben; daß erstere von lezteren stärker angezogen werdaß den. Ausserdem wissen wir aber auch, nich 143 nicht alle flüßige Theilchen, den Theilen eines jeden festen Körpers anhangen, mithin gar nicht durch lezteren in diesem Fal abgeleitet verden können: und daß jeder Körper nur eine gewisse Menge flüßiger Theile an= und aufnehmen könne, so wie wir wissen daß das Wasser, man mag es über noch so einem starFeuer Tage lang kochen, nicht mehrere Feuertheilchen annehmen kan, als es in sich hat, wenn der in dasselbe getauchte Fahreneitsche Wärmemesser, hundert und zwölf Grad anzeigt. Die Physiker haben derohalben, fürnemlich in neueren Zeiten sich bemühet, diese besondere relative Eigenschaften, mittels welher nemlich ein Körper dem anderen zum Abeiter dienen kan, durch Versuche und Erfahkungen näher zu bestimmen. Von der elektrischen Materie hat man verschiedene Ableiter chon lange entdeckt gehabt. Der von mehreten Seiten grosse Francslin bemühete sich daer, auch diejenigen Körper genauer zu entdecken, welche das Feuer am meisten und geschwindesten ableiten. Er fand verschiedene derselben, und erfuhr unter andern, daß so gar ein Mezal vor dem anderen sich geschickter erwies, die feuertheilchen anzunehmen und abzuleiten. Nach ihm bestätigte Ingenhouß das nemliche mit vielen Erfahrungen, wie auch der Abt Lanriani, und andere; Aber bis hiehin hat, so iel ich weis, noch niemand sich bemühet, dieſes auf die thieriſche Oekonomie anzuwenden und 444 und Versuche daruͤber zu machen. (a) Dieses wäre aber sehr zu wünschen; denn, daß die Entdeckung und genauere Bestimmung davon, auf die Gesundheit des Menschen grossen Einfluß haben würde, läst sich wol nicht bezweiß len, da es gewiß ist, daß wir dergleichen verschiedene Theile ausdünsten; ist aber dieser wahr, dann mus, ſo bald dergleichen Theile nicht (a) Da meine Lage und Zeit mir nicht erlau hierüber Versuche anzustellen, so mus ich diejenigen, welche hiezu Lust und Fähigkeit thun berben, auf das dringendste bitten, solches zu Ich mus denselben aber auch sagen, da gleichen Versuche sehr vielen Beschwehrlichkeiten unterworfen sind. Denn da z. E. das mehrere oder mindere Ableiten der Feuertheilchen. durch Veränderung der Grenzlinien, so wol der Länge, als in der Breite des ableiten Körpers bis hiezu bestimmet werden kan, so er let, daß zu dergleichen Bestimmung es durchaus nothwendig sey, daß der Körper, welcher Annehmen und Ableiten der Feuertheilchen, solhabe. eigentliche Maaß zum vergleichen angeben auch überal den nemlichen Durchmesser Da aber die Kleidungsstücke aus vegetabilischen oder animalischen Fäden dergestalt bestehen jeder Faden wieder aus verschiedenen andere zusammengesponnenen Fäden beflehet, folglich n überal den nemlichen Durchmesser, noch die nemliche Maße haben kan, so würde jeder auf Art hierüber geformte Schluß sehr unsicher seyn. Denn selbst bleibt er ꝺieſes, wenn man keine geſponnene, ſondern einzelne Flachs, Hanflene ꝛc. Fäden nehmen wil, ſo lange man nich durch einen gehörigen Diametrometer, dem gleichen Durchmesser dieser Fäden, in ihrer ganzen Länge hinreichend überzeuget hat. 445 nicht gehörig, oder zu viel entwickelt werden und ausdünſten, im Körper Unordnung erreget werden. Ich kenne Menschen, die um ihren Hals einen Bündel floretseidener Fäden, zur Verhütung des Halswebs tragen, denen zuweilen dieſe Fäden im finſtern, nach vorhergegangener Erhitzung leuchten, zum offenbaren Beweiß, daß ſie elektriſche Theile ableiten. Ich elbst habe mehrmals erfahren, daß meine Ausnünstung, wenn ich ein gewisses tüchenes Kleid, welches mit ſeidenen Seladonfarbigen lasser gefüttert war, an hatte, nicht so gehöig von statten gieng: ausser anderen, späteren, anangenehmen Folgen, konnte ich mich auch Bavon dadurch überzeugen, daß so oft meine rhizte Hand, wenn schon bei warmer Luft, eses Futter berührte, ich nicht allein eine ungenehme Empfindung von Kälte an dieser Hand, sondern eine Art Fröstlen am ganzen örper für einen Augenblick bemerkte. Aehnche, aber minder heftige Eindrücke habe ich, chdem meine Ausdünstungsorganen, aus verhiedenen krankhaften Urſachen eine ungewöhnche Empfindlichkeit angenommen hatten, fast jederzeit bemerkt, wenn ich eine Weste angehatte die mit Leinen gefüttert war; wesegen ich seitdem keine andere, als die mit Kattun gefüttert ist, anziehe; wie ich dann auch dieserhalb seit einigen Jahren her, immer wollenes Unterkamiſohl auf der bloßen Haut tage, und kein Leinen, ohne unangenehme pfindung von Fröſtlen, auch ſelbſt mitten im 446 im Sommer, auf einer grossen Peripherie der bloßen Haut vertragen kan, wenn ich mich auch sonst gleich warm kleide. Ich kenne mehrere mit Gicht öfters befallene kranke, bei welchen die Ursache ihres Uebels gröstentheils in der Ausdünstung sitzet, die ebenfals von verschiedenen Kleidungen, besondere; theils schädliche, theils vortheilhafte Würkungen empfinden. England wird ein gewichster grüner Tasse sehr häufig angerathen, und bei Gichtübeln braucht. Wenn man mit Staͤcken von diesen gewichsten Taffet, oben und unten die Scheibe der Elektrisirmaschinen dergestalt bekleidet, selbige zwischen diesem Taffet, wie in einer S de laufen, dann bleibt das elektrische Ent viel mehr zusammen, und man kan eine terie mit einer solchen Maschine ungleich schwinder laden. Wenn man sich in dann Mantel von dergleichen Tasset einhüllet, komt man nicht allein gleich aus schwitzen sondern es ist fast keine Kleidung, wobei Säste im Körper so sehr erhitzet werden, bei dieser; und wobei die äussere Haut Körpers schon im Anfühlen einen größt Grad der Hitze annimmt. Ueberhaupt werden aber mehrentheils alle, welche sehr empfindlich Transpirationsorganen haben, wenn sie sich nau beobachten, finden, daß in einer gewissen, wenn schon in sich nicht minder dichten Kleidung, die Ausdünſtung lange nicht von statten gehe, als in jeder anderen. denkt man nun dieses alles, und daß sich unserm 447 unserm Körper sehr viele Feuertheilchen stets entwickeln; wie auch daß wir wahrnehmen, vie das Clima, nachdem es heiß oder kalt ist, ganz beſondere Veränderungen beim Menſchen hervorbringt; und daß warscheinlich alle Körper eben so wol wie das Wasser, mit Feuertheilchen müssen gesättigt werden können, dann wird die Wichtigkeit der näheren Untersuchung in dieser Sache um so mehr ganz Sonnenklar, da unzweifelbare Versuche darthun, daß mittels der ableitenden Körper, elektrisches so wol wie anderes Feuer, so gar durch Körper, die selbst am mehresten Feuer fangen, mitten durch geführet werden könne, ohne daß letztere einige Veränderung davon erleiden, noch angezündet werden. Denn es ist Ihnen bekannt, daß man mittels eines metallenen Draths, den so heflig brennenden elektrischen Funken, durch das so leicht entzündbare Schiespulver ohne alle Gefahr durch laufen lassen kan; und man darf nicht zweiflen, daß das nemliche vom Blitzstrahl selbst geschehen werde, so bald die nöihige ableitende metallene Stange gehörig angebracht worden. So können Sie auch auf ein recht kaltes Metal Schiespulver dünn hinſtrenen, und oben auf das Schiespulver eine brennende Kohle legen, ohne daß ſich lezteres alſo fort entzündet. Das Feuer dringt nemlich mit ſolcher Heftig⸗ und Geſchwindigkeit in das kal⸸ Metal hinein, daß es das Pulver gleich Unfangs nicht zünden kan. Das nemliche ſieht aan, wenn man um ein kaltes Metal einen Faden 448 Faden windet, und sodann ein brennend Licht an den um das Metal gewundenen Faden hält; denn dieser wird vom Feuer nicht eher angegriffen werden, bis das Metal vom Feuer ziemlich angefüllet und warm geworden. Bis dahin eilet das Feuer durch den Faden so ſchwind hindurch, daß lezterer ꝺavon gar nicht leidet. — Diese ableitende Kraft siehet man ferner daran, wenn man ein langes Stück Holtz, und ein eben so langes Stück Eisen das Feuer haͤlt, denn da wird das Eisen weiter hinauf heiß, als das Holtz. Jedoch Sache iſt zu klar, als daß ich das mindeſte davon weiter anführen darf. Diese und dere Versuche, können Sie schon angeführet ſen im hannoͤveriſch. Magazin. (a) Um aber uͤber wie die besondere Anwendung dieses Satzes, nemlich die Kleidung, als Ableiter verschiedener aus dem Körper dünſtenden Theile gebrauch werden könne, theoretische Vorschriften Verben, dazu fehlt es noch an hinreichenden suchen und Beobachtungen. Genug, daß Erfahrung lehrt, daß einige Menschen, wollt ne; andere, leineue Kle dung; noch andere, Peltze, ihrer Gesundheit zuträglich; andere aber nachtheilig finden: und der sorgfältig beobachtende Arzt ſich von dieſer Warheit überzeugen kan. Ich mus mich daher färjezt begnügen nur Winke hierüber gegeben zu haben. Wie (a) Vom Jahr 1769. St. 75. S. 1186. 445 Wie man aber mittels der Kleidung den Umsang des Körpers gegen den nachtheiligen Druck, und die Kälte der Luft, oder die Hitze der Sonnenstrahlen beschützen könne und müße, daon muß ich Ihnen noch etwas ſagen. Es omt hiebei nemlich auf das besondere KlimaJahreszeit — die besondere Beschaffenheit individuellen Menſchen — und endlich deßen beſondere Theile an. Ich werde dieſe Punkte tinzeln mit Ihnen durchgehen, und ſodann einen Brief mit einigen algemeinen Regeln eſchlieſſen — Es zweifelt wol niemand daran, aß das beſondere Klima auch ſeine eigne Kleiungsart erfordere: Die Natur zeigt dieſes chon selbst durch das häufige und mannigfalge Pelzwerk, welches dergleichen kalte Himgelſtriche ausliefern, an. Es ſcheinen zwar mige in solchen kalten Gegenden, z. B. den Feuerinseln wohnende Wilden einige Ausnahme machen, indem selbige in einer sehr durchingenden Kälte dennoch gröstentheils nackend, der doch höchst elend bekleidet sind. Aber wir innen die Geschichte ihres Lebenslaufs nicht anders als sehr unvolkommen, und wissen nicht, elchen Einfluß die Kälte auf ihre Lebenskräfhabe: ſo viel wiſſen wir aber, daß ſie dem sseren Anschein nach, sehr unempfindliche schöpfe sind, die äusserst wenige Bedürfniße ahlen und zu deren Befriedigung sie sich, das Stehlen abgerechnet, keine ſonderliche Mühe geben. — Ueberhaupt wird aber da, wo das Klima mit Hitze und Kälte schnell abwechselt, E wol 456 wol die gröste Sorgfalt in der Kleidung erfor dert. Bei der Jugend ist dieses um so mehr wohl zu beobachten, da sich selbige so leicht er hitzet, und nachher aus Leichtsinn; so bald als moͤglich wieder abkühlet: Es sterben meh Kinder an den Folgen davon als man wol glauben solte. — In Ansehung der Jahreszeit Dié ist gleichfals die Kleidung abzuändern. grösten Aerzte haben behauptet; man müsse Herbst die Winterkleider frühe an, aber Frühling spät ablegen. Dies hat allerdings seinen Grund, und der Nutzen davon bestätig ſich in ꝺer Erſahrung bei ꝺenjenigen Menſchen welche empfindliche Transpirations Organe, aber doch ſcharfe Säfte haben. Glauben (Sie Nicht, daß man nur allein bei der kalten. möll reszeit auf die Kleidung Acht geben Nein, Mein Fr.! im Sommer kan einwärme Kleidung nicht minder grossen Schaden anrichten, und selbst die eigentliche unmerkliAusdünstung behindern. Denn, wie S aus dem vorigen erinnern werden, kar bis auf einen gewissen Grad getriebene hitzung solches thun: Daß aber eine zu war Kleidung den Körper sehr erhitze, braucht keines Beweises. Ferner ist zu bemerken, man den bloßen Körper, und sonderlich Haupt, den freyen Sonnenstrahlen nicht setzen müsse. Die schlimmen Folgen davon Ihnen schon aus dem vorigen bekannt. ferner die schwarze Farbe, die Sonnenstrahlet verschlückt, und hingegen die weisse selbige rückpreilt, 431 rückprellt, so sehen Sie auch, daß schwarze Kleidung im Sommer nicht so angemessen ist, als weiſſe. — Eine beſtimte Anzeige wie überhaupt jeder individuelle Mensch sich seiner Natur am angemessensten immer kleiden müsse, läst sich eben so wenig geben, als die, wie viel einer essen oder schlafen müße. Da dieſe Kleidung, Bedürfniß iſt, und letzteres auf der beſonderen Einpfindlichkeit der Haut, wie auch der beſonderen Beſchaffenheit der Säfte beruhet, ſo ſehen Sie, daß es hier gröſtens theils auf eigne Empfindung ankomme. Hiehin gehöret aber beileibe diejenige Empfinung nicht, welche von einer Verzärtlung herführt. Jede eigentliche Kälte ist dem Menschen eine widrige Empfindung, welche eben so wol die alle andere Empfindungen, durch die Einildungskraft vermehret werden kan. In dem dal kan solche Empfindung aber keine Anzeige lon Bedürfniß mehr seyn; sondern so bald man erselben nachgiebt, wächset die Empfindlichkeit, und mit selbiger die Schwäche, mithin auch das Unbehagen immer mehr. Um nun dieſe Empfindung richtig haben zu können, so ist es Vatterdings nothwendig, der freyen Luft geohnt zu seyn und selbige gar nicht zu scheuen. Ist dieses, dann kan und darf man sich auf Agnes Gefühl darin verlassen. Man braucht nemlich sodann nur zu beobachten, ob man gleich beim ersten Eintritt in die Luft, eine unangeuehme drückende Empfindung der Kälte, bis auf den bekleideten Körper verspühre; Ee2 und 454 und ob selbige, nachdem man sich etwas in der Luft aufgehalten hat, fortfahre; ob man sich durch mäßige Bewegung nicht erwärmen könne; oder, ob man nach angefangener Ruhe, gleich wieder kalt werde. Am allerſicherſten merkt man es, wenn sich Zeichen einer behine derten Ausdünſtung, als Geneigtheit zu Katarrhen, Trägheit, Behindrung der Nahrung 21. s. w. einstellen. Bei Kindern müssen freie lich letztere Zeichen eigentlich die Anweisung geben, bis man nach und nach merkt, man sich auf die Aeusserung einer deutlicherer Empfindung bei ihnen verlassen kan. Wenn Kinder alle Morgens am ganzen Körper gewaschen werden, dann kan man dann beſſer auf ihre Empfindung, aus mehr aber einer Ursache verlassen. Ist das Kind gar nicht an die Luft, und noch weniger nothkaltes Baden gewöhnet, dann muß man auf wendig damit anfangen; es jedoch nicht und einmal, sondern langsam daran gewöhnen, in dem Fal die Kleidung lieber so lange etwas wärmer seyn lassen, bis es an die Eindrücke der kalten Luft gewöhnet worden. Einige Mette aber schen können zwar wol Kälte vertragen, keinem kalten Wind ohne Schaden ſich aussetzen; Diesen thut eine aus dünnem Leder verfertigte Weste, vortrefliche Dienste. Ich erintiere mich, verschiedenen Kindern durch diesen Rath zu ihrer Geſundheit verholfen zu haben. Um aber zu wissen, ob eine Kleidung zu warm man seye, ist nicht so schwer; denn so bald nach 453 nach Anlegung einer gewissen Kleidung, eine ungewoͤhnliche und anhaltende Hitze; oder nach leichter Bewegung einen Schweiß verspühret, dann kan man gewiß ſchließen, daß ſolche Kleidung zu warm sey. Hiebei muß man aber sehr vohl unterscheiden, ob vieleicht an dem Orte des Aufenthalts, die Hitze und Kälte öfters plötzlich miteinander abwechslen. Denn da die Erkältungen bei warmer Witterung, wegen mehreren Hangs der Säfte zum Verderben und wegen grösserer Schwäche und Reitzbarkeit der Hautgefäße, ungleich schlimmere Folgen nach sich ziehen, sehen Sie, daß es in einem solchen zweifelhaften Fal für einen geſunden Menſchen imerhin klüger gehandelt sey, sich etwas wärner, und zwar so warm zu kleiden, daß man i der daselbst gewöhnlichen Abkühlung der Luft, keine ſonderbar widrige Empfindung von selbiger erhalten möge. In diesem Fal ist es ich gefärlich stille sitzen zu bleiben; und noch ſchlimmer, ſich auf die Erde hin zu legen: eie Sache worauf man in solchem Fal, bei Kinern alle mögliche Sorgfalt wenden muß. — In Ansehung der besonderen Theile des Leibes, velche von dieser Seite eine vorzügliche Sorge rdienen, muß ich Sie vor allen anderen auf Bauch aufmerksam machen. Da derselso viele empfindliche und wesentliche Theian sich enthält, welche durch nichts, als das rmfel, die Bauchmuskeln, das Fett und äussere Haut gegen den Eindruck der Kälte ſchützet ſind; und es auſſerdem nothwendig war, 454 war, um diese Theile, (worunter verschiedene in sich einer mehrentheils anhaltenden Bewegung daß besinden) gehörig schlüpfrig zu erhalten, selbige durch einen stets daselbst ausschwitzenden Dunst angefeuchtet würden, so begreifen Sie leicht, daß da eben dieser Dunst von den einfangenden Adern nachher wieder zurückgeführet, und ein Theil davon als unnütz geworden, durch die Haut hinaus weggeschaffet werden Kälte, muß, daß sage ich hier eine merkliche und dadurch die gewaltsame Behinderung Ausdünſtung mehr, als ꝺeu anꝺeren Theilen schaden müsse. Was aber die übrigen Theile betrift, so glaube ich, daß man untersuchen müsse, ob an einem oder anderen Theil oderAusdünstungsgefäße zu empfindlich seyen; ob vieleicht mittels der Ausdünstung, irgendwie mehrere Theilchen als gewoͤhnlich weggeschaffet werden, und die Kälte diese Ausdünstung hindere, und dadurch widrige Zufälle erzeug Denn, wenn ein oder anderer Fal Platz man det, so verstehet es sich von selbst, daß wenigstens vor der Hand sich darnach richten, und allenfals von der algemeinen Regel abgehen mich müsse. So erinnere ich mich, daß ich wol einmal bei Kindern in die Nothwendigkeit versetzet gefunden habe, z. E. bei Augenentzündungen, die aus Behinderung der Ausdünstung am Kopf entsprungen waren, den Kopfder doch sonst nicht allein Kälte ausstehen kan, sondern dem, wie Sie sich aus dem vorig erinnern werden, das Warmhalten offenbar 455 ist, mittels einer wärmeren Haube mehr gegen den Eindruck der Luft zu schützen. Ehe ich nun diese Materie von der Ausdünſtung verlaſſe, muß ich Ihnen meinem Versprechen zufolge, noch einige allgemeine Regeln so darüber bei den Kindern zu beobachten sind, mittheilen. Es kan Ihnen nemlich nicht unbekannt ſeyn, daß die Kinder ſehr viel ausünsten. Der häufige und durchdringende Getuch, welchen man überal auf den Kinderzimmern wahrnimt, giebt davon die unwidersprechlichsten Beweise. Was wird also wol geschehen nüssen, wenn viele Kinder sich zusammen in inem Zimmer aufhalten; oder für ein, ja wol mehrere Kinder das Schlafgemach ſehr enge iſt? Nicht wahr, die Luft wird bald mit der Ausfünftungsmaterie gleichsam gesättiget, und die fernere Ausdünstung sehr erschwehret werden? Wenn nun unter diesen Kindern eines oder anderes sich befindet, welches ohnehin leicht in Anordnung zu bringende Transpirations Orga. so wol am ganzen Körper, als vornemin der Lunge hat, dann muß selbiges nothvendig um so mehr leiden, und dadurch Kranktilsmaterien allerlei Art in seinem Körper samje mehr die Luft in seinem Zimmer verorben wird. Wie sehr dieses endlich die Kräfte Körpers zurückhalte, erhellet daraus, daß nichts die so genannte englische Gliederkrankder Kinder: (Rachitis) mehr erzeuge und dere, als das Schlafen in einer ſolchen feuch 456 feuchten und verdorbenen Luft. Das nemliche gilt vom Scharbock. Was iſt aber nun wol gewöhnlicher, als daß man die Kinder in großer Menge, aus verschiedenen häuslichen Ursachen beysammen; ja wol noch oben drein eine, oder mehrere Mägde bey denselben auf dem nemlichen Zimmer schlafen läßt? Gesellet sich nun hiezu auch nur die allergeringste Nachläßigkeit in Betref der Reinlichkeit, dann ist es gar nicht zu begreiffen, wie es möglich sey in solcher Luft leben zu können. Es war mir mehrma len dabei, als wenn ich hätte ersticken sollen. Je mehr ferner der Luftkreiß um das Bett sich ausdehnen, und je geschwinder sich derselbe über ländas ganze Zimmer ausbreiten kan, deſte ben ger muß der Dunſtkreiß um das Bett Dieb möglichsten Grad der Reinheit behalten. aber kan gar nicht geläugnet werden. Wenn dieſes wahr iſt, dann ſehen Sie ein, daß Arten von Vorhängen und Bedeckungen um unüber das Bett völlig verbannet seyn müs Lassen Sie daher nur ein weites Gegitter, daß hoch um das Bett des Kindes machen, das Kind nicht herausfallen, oder selbst übersteigen, und dadurch Schaden nehmen könne. Sie haben auch gesehen, daß man im späteren Schlafe, mithin mehr gegen die Morgenſtunde am meiſten ausdünſte; dieſes muß man zuweilen wohl beobachten; denn ich habe oft bei einigen Kindern bemerkt, daß ihre Kön per immer von gewißen Seiten in Unordnung 457 gebracht wurden, wenn man sie in diesem Schlafe störte. Wenn ferner ein Kind sehr empfindliche Transpirations Organen hat, dann muß man es vor der Abenddämmerung, so bald die Dünsie näher bei der Erde sich zu verdicken anfangen, und die Luft offenbar feuchter wird, wohl bewahren, und hauptsächlich sorgfältig darauf ſehen, daß es ſich ſodann nicht mehr als gewöhnlich entblöße, noch in solcher Luft ich stille hinsetze und ausruhe. Letzteres ist bei jedem Menschen nach vorhergegangener etwaizer Erhitzung jedesmal mit einiger Gefahr verbunden. Endlich muß ich Ihnen noch in Rücksicht der Kleidung, die allgemeine Beobachtung als nothwendig anzeigen, daß erstere nemlich bei solchen, welche empfindliche und leicht in Unordnung zu bringende Ausdünſtungsgefäße haben, verschieden seyn müße, nach Maasgabe, wie die größere Empfindlichkeit der ausdünstenden Gefäße entweder daher entspringt, daß die Hautgefäße in sich schwächer, und für jede Abwechslung der Luft daher empfindlicher ſind: oder daß die Theilchen ſelbſt, ſo wegbünsten müssen, schon in der Haut einen zu grossen Grad der Schaͤrfe angenommen haben, folglich ein desto größeres Vermögen zu reitzen, mithin die Schließer der Ausdünſtungsgefäsgen zum Zuſammenziehen zu zwingen, beſitzen. In erſterent Fal 458 Fal muß nemlich die Kleidung dicht seyn ins zweiteren hingegen schadet offenbar jede Kleidung, welche die Haut erhitzet, indem dadurch die Schärfe, mithin das Vermögen zu reitzen, von obbemeldten Theilchen nur vermehrat wird — Auch darf die Kleidung sodann nicht zu dicht seyn, weil in dem Fal die ausge dünsteten Theilchen, in dem Dunstkreise so den Klüper unmittelbar umgiebt, sich anhäufen; zurückgehalten werden, und mehr faulen, folgt lich die Mündungen der Gefäße mehr reitzen und verengen. Jedoch ich muß hievon abbrechen, da dieser Artickel schon in etwa, zum widernatürlichen Zustand des Körpers, folglich nicht so sehr hieher gehöret. Leben Sie wohl. Dreißigster Brief. Ich habe Ihnen zwar in meinen vorigen Briefen zu zeigen gesucht, daß der Mensch überal sein Bedürfniß empfinden, und jederzeit getreu befolgen solle. Sie begreifen aber leicht, Mein Freund! daß dieses Gesetz im menschlichen Zusammenleben ganz erstaunlicher Beschränkungen und Erläuterungen bedarf. Was solte wol aus der Geselschaft der Menschen werden, wenn g habend der zum Egoismus ſo ſtarken Han Mensch: 459 Mensch, in allen und jeden Gelegenheiten, nur allein, oder auch nur hauptsächlich auf Befriedigung ſeines eignen Bedürfnißes Rückſicht nehmen wolte? Diesem übertriebenen und so äusserst schädlichen Hang zum Egoismus musten daher von allen Seiten gehörige Schranken geſetzet werden. Solche findet man in denjenigen Pflichten, welche jeder Mensch, so bald er von der menschlichen Geselschaft Hülfe, Nutzen, oder Vergnügen ziehen wil, sorgfältig zu beobachten ſich gezwungen fühlt; und kraft welcher er bereit seyn sol, dem wichtigeren Bedürfniße seines Nebenmenschen, ein eignes minder wichtiges, willig und mit Freuden aufzuopfern. Diesem Zwang muß jeder Mensch, der in der menschlichen Geselschaft, nicht allein gesellige Freuden genießen; sondern der manche eigne Bedürfniße befriedigen wil, ohne einigem Widerwillen sich unterwerfen. Da nun der Mensch so beschaffen ist, daß er aus freiem Willen keiner möglichen Befriedigung eines empfundenen würklichen, oder eingebildeten Bedürfnißes entsaget, so lange er seinen Vortheil nicht dabei, entweder in dem Augenblick, oder für die Zukunft abſiehet; ſo muß es auch hiet ihre erſte Sorge seyn, ihrem Zöglinge so bald wie möge lich diejenigen Vortheile anſchauend zu machen, welche aus dem geselligen Zusammenleben, und den darin erforderlichen Aufopferungen entspringen: nicht minder müssen hier diejenigen Vortheile, der Jugend recht frühe eingepräget werden, welche die Religion, auch so gar für jeden 460 den Trunk Wassers, so einem Bedürftigen gereichet wird, so feierlich und wiederholtermaßen verspricht. Ein Umstand, der von sehr vielen Eltern versäumt wird: und die dennoch, auf eine, dem Kinde ausserdem nothwendig barbarisch scheinen müßende Art, von demselben fordern, überal gefällig zu seyn; und ohne Zwang eige nes Vergnügen, oder Nutzen aufzuopfern. Daß der Mensch aber auch dergestalt g bauet sey, daß er auf solche Weise, ohne Scha die den seiner Gesundheit, zuweilen gegen Empfindung seines Bedürfnißes handeln könne, darf nicht bezweiflet werden. Denn bei Schoͤpfer hat nach seiner Alweisheit, jedem Geſchoͤpfe, folglich auch gewiß dem edelſten ꝺerſelben, dem Menſchen, diejenige Anlage geg ben, vermöge welcher alles das aus ihm werden kan, was aus ihm werden muß, wenn er seiner Bestimmung, d. i. seinen Pflichten Genüge leisten sol. Dies kan niemand läugnen. Da nun auf keinerlei Weise sicher verhütet werden kan, daß nicht der Körper des Menſchen stets allerlei Veränderungen ausgesetzet werde; und er bald Frost, bald Hitze, bald Hunger, bald Durst leiden; bald Zorn, bald Wehmuth u. s. w. empfinden müsse, so muß auch allerdings in demselben die Anlage liegen, diese Veränderungen ohne Schaden seiner Gesundheit untergehen zu können. Von dieſer Anlage iſt aber nun zu merken, daß ſelbige bei allen Meuschen sich nicht gleiche, sondern bei einem vii 461 vor dem anderen algemein oder besonder, nemſich nur von gewißen Seiten ſtark, oder ſchwach seyn könne; und man sich nach dieser natürächen Disposition nothwendig richten müße, wenn man nicht Gefar laufen wil, der Natur eine solche Gewalt anzuthun, die auf ihre Zerstörung abzielen würde. Ausserdem lehrt die Erfahrung, daß sich diese Anlage, durch Uebung weit mehr entwickeln und vervolkommnen laße. Mit einem Wort, Mein Fr.! Der Menſch iſt dergestalt erschaffen, daß er Veränderung und Achwechslung sol ertragen können, und ertragen lernen. Sie können sich daher keinen Genuß irgend einer Sache; noch Würkung irgend einer ausser dem Körper seyender, in ihm Veränderung hervorbringender Kraft, die anhaltend zu würken fortfahren solte, erdenken, welche der Mensch auf die Dauer würde ertrazen können. Unter den Polen, den Wende###rkeln und der Linie, so weit Menschen gekommen sind, ist daher überal Abwechslung von Jahreszeit und Einwürkung des Wetters auf en Menſchen. Theorie und Erfahrung lehren uns ferner, daß die dem Menschen so höchstnöthige Harmonie und das Gleichgewicht seiner Kräfte, diese stete Abwechslung erfordern; indem jede lange unbenutzt gebliebene Kraft einſchläft und gleichsam verschwindet, oder durch eine andere zu hoch gestiegene unterdrücket wird, eben ſo wie jede anhaltende Empfindung die andere verdränget und ersticket. Ausserdem hat der öpfer, solche Kräfte in die Natur des Menschen 462 schen gelegt, daß aus der in ihr erregten Unordnung, wieder solche Veränderungen an der anderen Seite entstehen, welche den aus ihr erfolgten Nachtheil, wenigstens zum Theil auf eine Zeitlang herstellen. Erinnern Sie sich um an das, was ich Ihnen bei Gelegenheit der Entſtehung des Hungers, über die bei anhaltender, aber nicht befriedigt werdender Empfindung des Hungers, vermehrte Absondruns Schleims in dem Magen, sagte. So wisset wir ferner, daß wenn ein Bedürfniß nicht befriedigt wird, öfters ein anderes sodann Menschen, sünemlich wenn er eine starke und gesunde Natur hat, desto stärker zusetzet, durch erzwungene Befriedigung des letzteren, die durch Unterlaſſung der Befriedigung des sten verlorne Kraft wieder ersetzet. Maß mand seinem Schlafe entsagen, dann empfinde Un er öfters einen desto stärkeren Hunger. wenn endlich der gesunde Mensch wol einma in die Nothwendigkeit versetzet wird, irgend ei ner Ausführung durch sein eignes Verhalten, Schwierigkeit in den Weg zu legen, so werdet die auf solche Art zurückgehaltenen Theilchen oft durch andere Wege glücklich weggeschafft Dieses alles wird aber im gemeinen ben so wol, als bei der Erziehung oft sehr übel und unrichtig angewendet. Man glaubt, daß jeder Mensch, jeden Exceß zuweilen ohne Schaden machen könne, ja aus Klugheit dann und wann machen müße. Oder, daß alle Meuschen 363 Menschen sich an jedwede Lebensart gewöhnen können. Aus diesen Sätzen ist schon sehr viel Unheil entsprungen. Denn sehr oft findet man Kinder so wol, als Erwachsne, deren Natur so beschaffen ist, daß die durch einen gewissen Exceß in ihnen erregte Unordnung, jederzeit Zerrüttung, mithin auch wahre Verminderung von Kraft nach sich ziehet. Andere begehen eige ſichere Ausſchweifung öfters, oder lange hintereinander, ohne daß sie etwas böses davon erfahren; zuletzt wird aber der misbrauchte Theil so schwach und reitzbar, daß oft auf einmal durch solchen Exceß nun heftige Krankheit erreget wird, wo man doch vorhin in einem viel stärkeren Grade sich demselben ohne Schaden blos stellen konnte. — Eben wenig kan man sich an jede Lebensweise immer gewöhnen. Bei jedweder besondern Lebensart werden ja gewiße Theile vorzüglich gebraucht; und einige Ausführungen vor anderen begünstiget. Wenn aber nun bei solchem Menschen diejenigen Theile und Organe bei seiner Lebensart gröstentheils ungeübt gelassen werden, welche doch der mehreſten Uebung bedurften, dann ſehen Sie, daß dabei der Mensch sodann nicht stark werden noch bleiben könne. Wenn Sie ein Kind, bei welchem die Ausdünſtung nicht gehoͤrig von ſtatten geht, mehrentheils kalt halten, und mit Gewalt an die Kälte gewöhnen wollen, dann aufen Sie Gefahr es umzubringen. Es ist und bleibt daher bei der Erziehung Jugend ein Hauptgeſetz; ſelbige nie eine Ver 4⁵⁴ Veränderung untergehen zu lassen, aus welcher wenigstens für eine Zeitlang Unordnung, und daraus entspringende Schwäche herrühren muß. Der Erwachsene, in Pflichten stehende Menſch, muß freilich in ſeiner Beſtimmung öfters, seine Gesundheit, ja sein Leben wagen und aufopfern; aber das fält bei der Jugend noch weg; mithin gehoͤret die nähere Bestimmung davon nicht hieher. Die Gesetze der Klugheit, und der gerechten Schonung erfordern daher bei den Kindern, daß man bei denselben, so viel es nur einigermaßen moͤglich iſt wel diejenigen Veränderungen forfältig meide, che sich ihrem Körper jederzeit schädlich erwisen. Es ist dieses bei den Kindern um wichtiger zu beobachten, da ihre Lebenskrafweit geringer ist; sie also weit schlimmeren gen von dergleichen Verſuchen ausgeſetzet können. Und da sie in diesem Alter nicht leicht in den Fal kommen, dergleichen Aufopferung machen zu müßen, so würde es um oder thörichter seyn, auf Gefahr ihres Lebens, erfolgenden siechen Körpers, dergleichen Versuchmit ihnen anzustellen; wo doch aller Grund der Hofnung da iſt, daß ſelbige mit anwachſendem Alter, und dabei vermehrter Lebenskraft, gleichen, von ihnen auch erst zu dieser Zeit ohne fordert werden könnende Aufopferungen, Nachtheil ihrer Gesundheit, oder ihres Lebens werden machen können. Möchten doch die Eltern immerhin dieses bedenken, und sich erinnern, daß beim Menschen eine Kraft nach der an 465 anderen sich entwickelt; eine auf der andern ruht; und es immer thoͤricht gehandelt ist, wenn man den Knaben in einen Jüngling, oder den Jüngling in einen Mann, durch Gewalt und gezwungene Kunst umſchaffen wil. Ich bin aber sehr weit entfernt hiedurch behaupten zu wollen, daß man dem Zögling, in allen und jeden Sachen, oder wol gar bis zu Kleinigkeiten, nie etwas zu thun oder zu lassen, abforderen solle, wenn ſeine Natur einige Zeichen eines entgegengesetzten Bedürfnißes angiebt. Dies hieße verzärteln, und das Unglück des Zöglings, wie auch derjenigen, welche mit ihm in der Folge leben sollen, bauen. Er sol allerdings schon in der ersten Jugend lernen aufopfern; nicht gleich jede Anzeige von Bedürfniß befriedigen: aber dieses alles muß so viel es nur einigermaßen möglich ist, dergestalt eingerichtet werden, daß er diese Aufopferung, die er machen muß, nicht als Zwang, welcher ihm von seinen Vorgesetzten angethan wird, ansiehet; sondern als eine auf dieſer Welt unvermeidliche Sache, welcher jederman unterworfen ist, und die an der aneren Seite, den Menschen durch das entzückende Gefühl, anderen dadurch einen viel wesentächeren Dienst geleistet; oder seinen eignen Nutzen an einer anderen Seite merklich befördert zu haben, immer reichlich belohnt. Ausserdem nuß aber eine vom Kinde, zur Uebung deſſelden geforderte Verläugnung nie so beſchaffen seyn, daß sie an deßen Gesundheit würklichen übbruch thun könne. NachF 466 Nachdem ich Ihnen diese algemeine Wan nung gegeben, wil ich Ihnen noch einige be— E ſondere Rathſchläge hierüber ertheilen. iſt nemlich in Anſehung dieſes Punkts eine Hauptregel der Klugheit, den Zögling in der Aufopfung derjenigen Bedürfniße, und in der moͤglichen vorkommenden Abwechslung, welchen er bei seiner künftigen Bestimmung am meisten warſcheinlich ausgeſetzet ſeyn wird, vor alle anderen nicht allein zu üben; sondern selbst den Körper, so weit es nemlich die Kräfte des individuellen Zöglings zulassen, moͤglichen Ausdaurung bis auf einen hohen Grad darin vorzubereiten. Sie sehen, daß ſodann von nicht ſelten das Steigen und glückliche mehr Vorankommen, ja, was noch unendlich ist, die zweckmäßige Erfüllung der Pflichten beinahe ganz allein abhangen muß. Wenn man nun vorsehen kan, daß der Zögling schleuLage kommen werde, worin er allerlei wit nigen Abwechslungen ausgesetzet seyn dann iſt es Klugheit, denſelben ſo viel möglich dazu vorzubereiten, d. t. so viel es ohne seine Gesundheit und Leben zu zerrütken, geschehen kan. Denn, störet man letztere, so entfernt man man sich nur desto mehr vom Endzweck, den doch in der Folge der Zeit, nachdem der Körper stärker geworden, viel sicherer sodann wirk daß erhalten können. — Wir finden ja auch, Cllfast jede Nation, nach ihrem besonderen ma, ihre Kinder zum Aushalten von derglei bei chen Eindrücken gewöhnet. Die Nußen, weh 467 welchen Sommer und Winter so schleunig mit einander abwechseln, lassen sich daher so wol selbst, als ihren Kindern, gleich nach genommenem wärmeren Bade, einen Eimer kalten Waßers über den Leib schütten; oder springen selbst in ein kaltes Bad. Jedoch dies thaten die Alten auch wol einmal, als wovon ich Ihnen schon oben (S. 75.) einige Meldung that. Unter allen Abwechslungen, welchen der Mensch ausgesetzet ist, ist ganz gewiß keine, an welche er sich mehr gewöhnen muß, als an die Abwechslung der Luft. Dieſer kan kein geſunder und gemeinnütziger Menſch entgehen. Sie ist ihm aber dagegen auch dergestalt wahres Bedürfniß, daß er ohne den Genuß der freien und abwechselnden Luft durchaus nicht gesund bleiben kan. Denn so bald ein Mensch diese nicht ertragen kann, ist er schon krank. Dagegen lehret die Erfahrung, daß alle Menschen, junge und alte, wenn sie sich von der freien Luft, und wol hauptſächlich von der Bewegung in derselben entwehnen, nicht allein im höchsten Grad reitzbare und ſehr leicht in Unordnung zu bringende Transpirations Organe; sondern selbst mehrentheils einen schwächlichen und siehen Körper bekommen: wohingegen die Kräfte derjenigen, welche übrigens gesund sind, und in jedweder Luft ſich brav ohne Verzärtlung bewegen, immer zunehmen; und selbige am ängſten, wenn ſie nachher älter werden, be3f2 wahren 468 wahren. Sie sehen auch den Grund davon leicht ein, indem nemlich die freie Luft sich am geschicktesten verhält, die Theile, so aus dem Körper dem ausdünsten müssen, aufzunehmen; mithin den Ausgang dieser Theile aus dem Körper, Weg zu erleichtern: und ist der Mensch und mal an die Eindrücke der Veränderungen bann Abwechslungen der freien Luft gewohnt, wird ihm der Zugwind, oder andere schleunig Abwechslung der Luft, im Hause oder sonst, nicht leicht schaden, indem die Hautfasern sodann dadurch nicht widrig gereitzet werden können. — Hiebei ist aber doch auch zu achten, daß man fürnemlich bei kleineren KinVerän dern, die eigentliche Exceße bei den derungen der Luft, besonders im Anfange verLuft hüte — und daß man ferner, wenn die ausserordentlich heiß, oder kalt ist, den ling nicht lange der Würkung derselben setze. Sie erinnern sich aus meinen vorige Briefen, daß dieses selbst für erwachsene und starke Menschen, in beiden Fällen höchst schlich ſeyn könne. Weil nun ferner der Mensch auf unser Welt alle Augenblicke, neuen, und besonders Veränderungen in ihm hervorbringenden Eindrücken blos gestellet ist, so sehen Sie sehr leicht ein, wie unklug der Mensch handelt, wenn er sich etwas dergestalt zur Gewohnheit werden läst, daß jede Privation davon ihm ein wahres Unbehagen verursacht. Eigentlich 469 her ein gesunder Menſch, in allem was ſeinen Körper betrift, durchaus an nichts eigentlich gewohnt seyn, das heißt, er sol nach und nach durch Uebung diese Fertigkeit erlangen, von keiner geringen Stöhrung seiner Ordnung, in seiner Würksamkeit auf einigerlei Weise aufgehalten zu werden. Man muß daher bei dem Kinde, zuweilen die Zeit zum Essen einmal abändern, und dieses mit dem Frühstück eben so wol, als bei den anderen Mahlzeiten besorgen. Wie mancher Mensch ist dergestalt gewöhnet, gleich nachdem er aufgestanden zu frühslücken, daß er fast für den ganzen Morgen zu Geschäften unaufgelegt bleibt, wenn er eine gewisse Zeit damit warten muß: andere, wenn sie nicht gerad um den Glockenschlag an Tafel gehen, empfinden Unbehagen, Ueblichkeit ꝛc; und essen sodann, nachdem sie länger wie gewöhnlich hatten warten müssen, mit einer solchen Gierigkeit, daß sie das mehreste ungekäut herunter schlucken, mithin die Unverdaulichkeit unvermeidlich bleibt. Allem diesen komt man vor, wenn man sich hierin nicht an eine gewiße beſtimte Zeit ganz feſt gewoͤhnet. Jedoch wil ich hiedurch nicht behaupten, daß man in solchen Sachen gar keine Gewohnheit haben dürfe — das Gegentheil davon würde im häuslichen Zusammenleben unüberwindliche Schwierigkeiten antreffen. Aber, ich möchte nur, daß man dann und wann einmal diese Ordnung unterbräche, um sich nur nicht selavisch daran finden zu müssen. Eben so solte man die Kinder, 470 der, wie Locke schon anräth, im Bette bald hoch, bald einmal niedrig, baldeinmal auf einem warmen, bald aber auch auf einem kalten Zimmer schlafen lassen. Denn, wie leicht kan es kommen, daß man gezwungen wird, auf einem ungewohnten, ja ungemächlichen Bett zu schlafen? Ist man nun dermaßen an ſein eignes Bett gewohnt, dann wird tian, so oft es die Noth erfordert, sich in ein anderes zu legen, sich nicht ausschlafen können, und den folgenden Tag sich und andern, durch bösen Humor manchmal zur Last seyn. Eben ſo muß man es mit ꝺer Zeit ſchlafen; gehen, und wieder aufzustehen halten, ohne je doch dabei einen solchen Versuch zu machen, welcher der Gesundheit des individuellen Zöglings unmittelbar Nachtheil verursachen könnte. Ueberhaupt muß man sich aber hauptsächlich von denjenigen Seiten üben, von welchen malt merkt, am schwächsten zu seyn, damit man langsam von dieser Seite wieder ein Gleichgewicht einführen könne. — Vor allen Dingen muß aber bei dem Zögling, jeder Versuch in solcher Abwechslung, wozu er ohnehin schon, vermöge des Hangs ſeines eignen Temperat ments, oder sonstiger körperlichen Beschaffenheit, Geneigtheit und Disposition hat, verhüdieſe tet werden; indem alle solche Versuche, schwache Seite nur noch empfindlicher machen würden. Dies gilt nicht allein in Ansehung der Leidenschaften; sondern aller Begierden, und leicht= 471 leichtsinnig angewöhnten falschen Bedürfniße. Nichts ist deswegen schädlicher, als wenn sich der Zögling irgend an eine böſe Gewohnheit, auch nur unvermerkt fesseln läßt. Ist dieses bis auf einen gewiſten Grad geſchehen, und hat solches lange genug gedauret, dann ist es in allen denjenigen Fällen gefährlich, selbige auf einmal abzuſchaffen, weil man befuͤrchten muß, daß gewiße Theile des Körpers, sich dergestalt an den Einfluß, oder Reitz, der angewohnt gewesenen Sache, gewöhnet haben, daß, sobald dieser widernatürliche Reitz nicht geschiehet, solher Theil ſodann, ſo zu ſagen, völlig zu würlen aufhören werde. Es läuft überhaupt am Ende alles darauf hinaus, daß bei jedem Zögling nichts zur Gewohnheit werden dürfe, was ihn nicht zur zweckmäßigen Würksamkeit ansetzet. Jede Gewohnheit so ihn hievon zurückhalten kan, ist böse Gewohnheit, und muß getilget werden.— Bei manchen Kindern ist es nun äusserst bechwehrlich, eine solche gute Gewohnheit einzuführen; und eine einmal angenommene böse wieder abzulegen. Bloße Befehle helfen hier nichts. Locke sagt daher, (a) daß man nicht anders dabei zu ſeinem Endzweck gelangen koͤnne, als daß man suche, durch unermüdet anhaltendes Erinnern es dahin zu bringen, daß die gute Sache zur Gewohnheit werde, Wie viel Treue, und (4) De l’Eduz, des Ensans T. 1.5.XI. 472 und anhaltende Aufmerksamkeit wird aber hiezu von Seiten der Eltern, oder Hofmeister erfordert? und wie viel Klugheit, um nicht durch die so oft wiederholte Erinnerungen, entweder das Kind unempfindlich von dieser Seite zu machen, oder den Geist des Widerspruchs und Widerspänstigkeit in ihm zu erregen? Der einzige Weg ist und bleibt also bei allen solchen Sachen, die durch Raisonniren gezwungen, und beim Kinde zur Gewohnheit werden müssen, bei jeder möglichen Gelegenheit, man nur dem Kinde, den Schaden, so aus seiner bösen Gewohnheit fliesset, begreiflich chen kan, denselben mit moͤglichster Klugheit ein dringlich vorzustellen. Denn blosse Zwangsmit tel bringen gröstentheils nur auf eine gewiss Zeit Verstellung hervor, und tragen selten was dazu bei, um eine gute vom Kinde ver nachläßigt werdende Sache, bei demselben bis zur Gewohnheit einzuprägen. Jedoch hievon ein andermal weitläuftiger. Leben Sie wohl, und behalten mich lieb. C=M Ein — — Ein und dreißigſter Brief. Ich habe Ihnen in meinen vorigen Briefen zu zeigen mich bemühet, durch welche physische Mittel die Kräfte des Körpers beim Zögling am glücklichsten entwickelt werden könnten. Ein mit solchen ausgezeichneten Kräften versehener Jüngling kan aber, so bald er nicht durch moralische Kräfte zweckmäßig geleitet wird, nicht wol anders, als ein übrigens völlig ausgerüstetes, mit allen aufgespannten Segeln versehenes neugebantes Schif, welches nun ohne Ruder in die ofne See gelassen wird, angesehen werden. Aus Mangel der gehörigen Ausbildung dieser moralischen Kräfte, leiden die mehresten Menschen, noch ehe sie ihre gesammleten Kräfte nützlich anwenden können, Schifbruch, und behalten öfters nichts mehr, als das Vermögen, mit trauriger, aber vergeblicher Stimme, die vergangenen Tage zu beklagen, und zurük zu rufen. Dann heißt es: O! mihi praeteritos referat si Jupiter annos! Aus dieser Ursache liessen die Alten es sich gar ſehr angelegen ſeyn, dieſe Ausbildung moralischen Kräfte, mit der zweckmäßigen Beſtim⸗ 474 Bestimmung ihrer Jugend überal in eine harmoniſche Richtung zu bringen. Ich wil Ihnen daher, M. Fr.! meinem Versprechen gemäß, noch etwas weniges über moralische Erziehung sagen. Ich mus Sie aber vorher warnen, hier keine philosophische Ausführung über die Kräfte der Seele, noch weniger metaphysische Spitzfindigkeiten von mir zu erwarten. Ich möchte Sie dabei in Ingänge leiten, aus welchen ich vieleicht selbst den Rückweg nicht gut wieder finden könnte. Ich rede hier als Arzt, und zwar als solcher, der Ihnen gern, so viel es immer möglich ist, sinnlich zeigen möchte, wie man die moralischen Kräfte, zur möglichsten Erhöhung, Erhaltung und zweckmäßigen Anwendung der physischen und Kräfte bei der Jugend ausbilden, richten, auch dabei der Natur folgen könne. Alles andere theoretische und blos wissenschaftliche fäll daher ganz weg. welDiejenigen moralischen Kräfte aber, che zu dieſem Endzwecke nöthig ſind, beſtehen, Erſtlich; in der gehoͤrigen Menge und Deutlichkeit der Begriffe, und einer gefunden Vernunftlehre des Kindes: und dann, Zweitens in der nöthigen Festigkeit, den erlangten richtigen und deutlichen Begriffen, und daraus geformten Schlüßen jederzeit gemäß zu handeln, und überal würksam zu seyn. Ich kan mich hier aber unmöglich in die verschiedenen ten 475 ten, wie man sich dabei verhalten müsse, um den Kindern richtige und deutliche Begriffe beizubringen, einlassen, da dieses alles so sehr relativ ist, und mich zu einer entsetzlichen, Ihnen und mir unangenehmen Weitläuftigkeit zwingen würde. Hierüber sind ohnehin schon ſehr viele Methoden angegeben worden. Es komt dabei hauptsächlich auf richtige und deutliche Begriffe, und moͤglichſte Herablaſſung des Erziehers zu den Kräften des Kindes an, um dasselbe den eigentlichen inneren Werth, aller in ſeinen Zirkel gehoͤrigen Sachen hinreichend kennen zu lehren; und es dabei in Beurtheilung des relativen Werths obgemeldter Sachen fleißig zu üben: mit einem Wort, der Erzieher mus den Verstand, so wol als die Beurtheilungskraft auf alle mögliche Weise und zwar nicht durch leere Einprägung theoretischer Grundsätze, sondern durch anschaulichen Vortheil darstellende Gründe, wie auch durch Uebung zu entwickeln suchen. Die besten Mittel dazu sind, den Kindern ein gewisses Interesse an allen diesen Sachen einzuflössen; und sich übrigens von ihren Urtheilen und Handlungen, ihre Gräude so viel nur immer möglich ist, angeben zu lassen — sie freundschaftlich darin zurecht zuweisen — ihnen dabei aber auch jederzeit den für sie selbst daraus fliessenden unausbleiblichen Nutzen einleuchtend vorzuschildern — sie vor dem Schaden, der aus falſchen Schlüßen folget, hinreichend zu warnen — und überhaupt so viel es sich nur einigermassen thun läst, von allem 476 allem was man selbst thut, die Gründe anzugeben: wobei man es ſich zum Geſetz machen mus, daß man überal, wo man selbst gefehlet hat, und der Fehler von der Art iſt, daß das Kind denselben zu erkennen vermag, die begangenen Fehler dem Zögling nicht verhehle; ſoudern man ihm dieselben in allen ihren schädlichen Folgen zeige; und dabei bedeute, wie es sich nicht immerhin auf seine Führer verlassen könne; sondern nöthig habe, so bald es dazu Fähigkeit erlangen würde, alles selbst zu prüfen, auch allenfals seine Zweifel bis dahin zu sagen; und dem klugen zwar immer nachzufolgen, jedoch zugleich vorher zu untersuchen, ob man nicht in einem oder andern Stück würde besser machen können. Auf diese Art werden Sie sich das ganze Vertrauen Ihres Zöglings erwerben; sein Herz wird sich vor Ihnen immer mehr entfalten — er wird seinen Ge Verstand und seine Urtheilskraft bei jeder legenheit üben — und sich gegen die so äusserst schädlichen Vorurtheile des Ansehens wafnen. Da ferner bei dieser Methode, das Kind seine eignen Fehler in einem weit grösseren Umfange wird einsehen lernen; und zugleich merken, daß sein Lehrer nicht allein ebenfals fehlen kan, sondern seine erkannten Fehler zu verbessern sucht, Eiso wird dadurch beim Kinde nicht nur der gendänkel am sichersten verhütet; sondern auch in ihm der Grund zur Demuth und Aufrichtigkeit geleget werden, indem es auf dieſem Wege, den eigentlichen algemeinen wahren Werth 477 der menschlichen Kräfte am sichersten und überzeugendsten wird kennen lernen. Mit einem Worte, Sie werden auf ſolchem Wege voͤllig der Natur von dieser Seite gemäß handeln Denn diese wil, daß der Mensch im moralischen eben so wol, als im physischen seine Bedürfnisse fühle, und die Mittel und Wege erkenne, wie selbige zweckmäßig befriedigt werden können. Auf diese zwei Punkte läst sich die ganze moraliſche Erziehung; ja, der ganze Endzweck der chriſtlichen Religion eben ſo gut reduciren, als wie sie solches von der physischen Entwicklung und Erhaltung des Körpers gesehen haben. Ich sehe die gehörige Erlangung der deutlichen Begriffe zur zweckmäßigen Anwendung der übrigen moralischen Kräfte, ungefehr eben so an, wie im physischen die Entwicklung der Organisation. — Eine Hauptkunst ist nun hiebei, den Kindern eine gute, ihren Kräften angemessene Logik beizubringen. Der würdige Abt Resewitz, hat deswegen noch neuerdings, für denjenigen, welcher eine solche schickliche Logik entwerfen würde, öffentlich einen Preis ausgesetzt. Eine Sache, welche jeder Menschenfreund nach allen Kräften zu bezünstigen, und zu unterstützen sich verpflichtet fühlen mus. Wie schädlich und naturwidrig es endlich sey, den Kindern allerlei schreckhafte, der romanhafte Ideen beizubringen, brauche ich Ibnen nicht zu sagen, da Sie sehen, daß solches jeder vernünftigen Erziehung auf die allerunverantwortlichste Art, gerade entgegen gehandelt ist. Sie 478 Sie wenden mir aber ein, daß man auf obigem Wege Gefar laufen würde, aus den Kindern unausstehliche Raisonneurs im eigentlichen Verstande zu ziehen. Allein dieser Einwurf zerfällt von selbst, wenn ich Ihnen sagt, daß, wie Sie nachher sehen werden, das aller ben erste Bemühen des Erziehers seyn mus, jungen Zögling in den ersten Zeiten zu einem ganz blinden Gehorsam anzuhalten; und auf der anderen Seite nie mit demselben, über Unauf die tersuchung theoretischer Grundsätze sich Art zu besprechen, sondern jederzeit über schehene, oder noch zu verrichtende Thatsachen, und deren in die Sinne fallende Folgen ſich zu unterhalten: mit einem Wort, ihn nicht zum schwätzen, sondern zum würken anzuhalten. Wenn lezteres geschieht, so ist Ihre Furcht wiß eitel; denn nie ist ein Raisonneur, ein thätiger Mann gewesen. Ich komme nunmehr auf die Festigkeit, welche dem Menschen nöthig ist, um den auf Trie seren und inneren bestimmungswidrigen Durch ben genugsam widerstehen zu können. Festigkeit verstehe ich nemlich, diejenige Ergenschaft der Seele, vermöge welcher Mensch mittels harmonischer Richtung ner gesammten Seelenkräfte, den ihm ein leuchtenden besten Endzweck, aus allen Kräfmit ten, und selbst wenn es nöthig ist, 170 Aufopferung aller minder wichtigen benendzwecke, und möglichster Wegräumung 477 mung aller ihm vorkommenden Hindernisse, zu erreichen sich bemühet. Urtheilen Sie nun, Mein Freund! ob dies nicht eigentlich die moralische Bestimmung des Menschen auf dieser Welt ist. Es komt also auf Einsicht und Treue an: mehr kan vom Menschen nicht gefordert werden. Ich wil daher nun einen, obwohl schwachen, doch redlich gemeinten Verſuch wagen, Ihnen zu zeigen, wie man die Kinder bei der Erziehung, auch von dieſer Seite, ihrer Natur gemäß leiten könne. Mit der Festigkeit der Seele hat es platterdings die nemliche Bewandniß, wie mit der Stärke des Körpers. Beide können nicht anders, als durch Uebung entwickelt werden; obwol es freilich in beiden Fällen, von der mehr oder minder glücklichen natürlichen Anlage abhängt, daß einer vor dem anderen es etwas weiter darin bringe. Die Hauptstützen worauf diese Festigkeit der Seele ruhen mus, sind nun Gehorſam; Warheit reden; und genaue Kenntniß der gesamten Pflichten, und des daraus folgenden Nutzens. Sie wundern sich vieleicht daß ich den Gehorsam, der doch nicht wol anders als eine Würksamkeit der Seele, vermöge welcher der Menſch, ſeinen Willen, dem Willen einer anderen Substanz in gewissen, oder in allen Stücken unterwirft, angesehen werden kan, unter den Hauptstützen der Festigkeit der Seele anführe? Den 480 Dennoch ist nichts wahrer als dies, so bald Sie nicht den, jeden Menschen entehrenden, und von seiner zweckmäßigen Bestimmung ihn jederzeit entfernenden Eigensinn, mit Seelenfestigkeit vermischen wollen. Denn, wenn Sie von den Gehorsam mit obiger Beschreibung Festigkeit vergleichen, so werden Sie leicht einsehen, daß man durch Gehorsam, bei jedem, seiner Bestimmung treu seyn wollenden Menschen, nicht anders verstehen könne; als die möglichste Bezwingung seiner selbst, in so weit solche zur Erreichung des besten Endzwecks, dem Menschen nöthig scheint. Wie wil aber Mensch den, seine schwachen Seiten so leicht beherrschenden Leidenschaften nur einigermasse Widerstand thun können, wenn er nicht frem den Vorschriften sowohl, als auch denen nes eignen Gewissens hat gehorchen lernen? Wie weit mus ein solcher Mensch davon entfernt bleiben, sein Selbstherr zu werden, nicht einmal seiner eignen Ueberzeugung zu g Am horchen weis! Ganz wahr ist der alte spruch, daß derjenige, welcher über sich selbst weld Herr geworden, stärker sey als der, Schlösser eingenommen. Wie können Sie sich aber ferner Festigkeit der Seele bei jemanden nur denken, der seine blinden Leidenschaften nicht einmal zu bezwingen weis; sondern denselben alles zuweilen anfepfert? Gehorsam ist daher Der die erste Grundflütze der Seelenfestigkeit. Mensch sol also so viel gehorchen, d. i. seinen für eignen Willen verläugnen lernen, als es 38r ihn nothwendig ist, um den für ihn möglichst besten Endzweck erreichen zu können. So bald er so handelt, kan er nicht anders, als seiner Natur, mithin seiner Bestimmung gemäß handein. Sie ſehen hier gleich die Gränzen des Gehorsams, für jeden freien und aufgeklärten Menſchen. Die mögliche Erreichung des beſten Endzwecks, sol immer Beweggrund und Beſtimmung, wann und wie viel der Menſch gehorchen ſol, abgeben. Da nun jeder Gehorsam, mit einem Zwang verbunden ist, welchen der Mensch durch Uebung zu überwinden lernen mus, so sehen Sie ein, daß entweder der Mensch gleich von Anfang, die deutlichste, überzeugungvollste Einsicht in die Nothwendigkeit dieſes Zwangs, zur Erreichung der beſten Abſicht, in sich haben; oder im gegenseitigen Fal, durch eine ausser ihm befindliche Kraft dazu angehalten werden müsse. Sie müssen jezt ferner einsehen, daß je später der Mensch, entweder durch fremde Kraft, oder durch eigne Ueberzeugung dahin gebracht wird, in dieser Verläugnung ſich zu üben, es deſto beſchwerlicher, ja faſt unmöglich für ihn werden müsse, es hierin einigermassen weit zu bringen. Denn obzwar ich Ihnen im. 18ten Briefe zeigte, daß der Menſch eine Empfindungen beherrschen, d. i. nach Willühr bis auf einen gewissen Grad vermehren oder vermindern könne; so ist es doch auch eben so wahr, in der Erfahrung unwidersprechlich und algemein gegründet, daß so bald der Mensch seinen Empfindungen den freien Zügel schiessen läst, 48* läst, leztere nicht allein desto heftiger werden; ſondern der Menſch in gleicher Maasgabe das Vermögen, selbige beherrschen zu können, verliere. Hierin liegt also ganz klar der Grund, warum aus denjenigen Kindern, bei welchen in der allererſten Erziehung dieſes vernachläßiget worden, so schwerlich ein wahrhaft zweckmäßig fester Mensch zu ziehen sey. Die Harmonie ist hin, und verkehrte Kräfte haben die Oberhand genommen, welche nachher so viel schwerer zu bekämpfen sind, da die Privation von Genuß für den Menſchen deſto ſchwerer wird, je öster er sich demselben überlassen hat, und die dazu nöthigen Theile den gehörig Grad der Lebenskraft noch behalten haben. Da nun die ganz kleinen Kinder noch keine Fähigkeit haben, diese Gründe einzusehen, entstehet zuvörderst die Frage; ob die in chem Fal sich noch befindenden Kinder Diese mit Gewalt gezwungen werden müssen? Frage kan nicht anders, als bejahet werden. Denn, wenn ſchon hier ꝺie ꝺeutlichen Begriffmangeln, so iſt doch an der anderen Seite unund leugbar, daß der Wille schon würksam, ſehr oft naturwidrig wuͤrkſam, z. E. bei Ungeduld ꝛc. sich äussert. Diesem naturwidrigen Willen mus alſo entgegen gegangen; und auch dadurch das Kind von ſeiner zarteſten Jugend an geübt werden, seinen Willen zu verläugnen, VorDas Kind hat ſodann dieſen wichtigen theil, daß es, wenn schon nachher seine Begriffe sich immer mehr entwickeln, den von ihm gefor= 483 geforderten Zwang, nicht so sehr für etwas gewaltsames, als für etwas nothwendiges und natürliches hält. Die Geschichte der Thiere, die man allerlei künſtliche Bewegungen lehren kan, bestätigt dieses ferner, und das um so mehr, da solches fast nur allein bei den jungen Thieren möglich ist, und man bei den alten hierin nichts ausrichtet. Nicht minder giebt hievon das mögliche Zähmen der jungen wilden Thiere einen Beweis ab. — Es entſtehet alſo nun die zweite Frage: Wenn man nemlich anfangen müsse, den Kindern dieſen Zwang anzuthun? Die Antwort ist sehr leicht; nemlich so bald das Kind, Zeichen seines eignen Willens mit einiger Heftigkeit von sich giebt. Je früher man dieses bemerkt, und zu mäßigen weis, desto weniger Mühe haben die Erzieher; und desto wenigeren Verdruß die Zöglinge. Eine Warheit, die nicht einmal bestritten werden kan. — Es komt also nun, drittens; darauf an: Auf welche Weise, und durch welche Mittel man hiezu am glücklichsten gelangen könne. In Ansehung der Bestimmung dieser Mittel komt es hauptsächlich auf das beſondere Alter und die Natur des Zöglings ſo wol, als auf die verschiedene Würkungsart jedes Mittels an. In demjenigen Alter des Kindes, wo man demselben noch gar keine Gründe von dem, was man von ihm fordert, beizubringen ver4, verſteht es ſich von ſelbſt, daß man das G 9 4 Kind 484 Kind zu allem demjenigen, was man glaubt daß es thun müsse, mit angemessener Gewalt anhalte. Schon das noch in den Windeln eingeſperrte Kind merkt bald, ob und worin es die Erfüllung seines Willens, durch irgend ein Bemühen von seiner Seite erlangen könne. Bei verschiedenen Thieren, z. E. den Hunden, kan man täglich das nemliche beobachten. Läst man nun dem Kinde zu dieser Zeit in einem Stücke den Willen, dann iſt es ſo viel muthiger, den nemlichen Versuch von einer anderen Seite zu machen; und um so viel verdrieslicher über jeden Widerstand, welchen es in dessen Erfüllung antrift. So bald man daher seine Bedürfniße, so viel wie möglich, (Siehe S. 413.) bestimmen zu können sich bemühet hat, mus man einem solchen Kinde in den anderen Sachen die ihm schädlich sind, oder in gleichgültigen Sachen, die es mit einiger Heftigkeit begehret, nie den Willen thun; sondern demselben mit einer, zwar freundlichen, aber festen Miene die Erfüllung ſeiner Begierde verſagen; oder, wo man etwas von bemſelben begehrt zu thun, was es nicht thun wil, durchaus nie ablaßen, bis es dasjenige was man von ihm begehrte, erfüllet hat. Ich rede hier aus eigner so wol als anderer Erfahrung, und verſichere Sie, daß es blos auf Feſtigkeit von Seiten des Erziehers ankommt, um das Kind ohne dazu zu gewöhnen; in beiden Fällen, Widerspruch und ohne ihm Gewalt anzuthun, zu gehorchen. Aber eine Hauptsache ist, nur 111* 485 nie in einem Stücke, worüber man seinen Willen hat blicken lassen, nachzugeben. Thut man lezteres, so' macht man sich und dem Kinde viele und neue Mühe und Verdruß. Sie sehen, daß es von Seiten des Erziehers hier äusserst nothwendig sey, immer mit Bedacht zu handeln, und nie in seinen Forderungen vom Kinde sich zu übereilen; sondern alles vorher wohl zu überlegen, damit man nicht Gefahr laufe, in den Fal zu kommen, entweder nachgeben zu müssen; oder vom Kinde etwas zu begehren, was doch seiner Natur und Bestimmung zuwider ist. Sie fragen mich aber, welche Gattung von Zwangmitteln man bei solchen ganz jungen Kindern anwenden könne und dürfe? Wenn das Kind eine Sache begehrt, die man ihm versagen zu müssen glaubt, dann ist es öfters schon hinreichend, wenn man ihm selbige versagt; und im Fal es darüber weinet, es so lange weinen läßt, bis es des Weinens selbst müde geworden. Hat man ein Paarmahl diesen Versuch ausgehalten, so wird das Kind schon nicht leicht mehr durch anhaltendes Weinen etwas erzwingen wollen, weil es weis, daß es damit nichts ausrichtet, und doch das Weinen selbst im Grunde ihm ebenfals unangenehm ist. Hiedurch erhält man noch ausserdem den äusserst wichtigen Nutzen, daß man nachher aus dem Weinen des Kindes mit Sicherheit schliessen kan, ob ihm würklich etwas fehlet, oder nicht; als welches man bei denen Kindern, die blos aus Ungeduld jederzeit wei 486 weinen, nicht wissen kan. Wenn aber das Kind es nicht allein beim Weinen läßt, sonders noch andere Zeichen von Ungebild, oder wol gar heftigerer Leidenschaft darüber von sich giebt; dann mus man, so bald obiger Versuch nicht helfen wil, das Kind an der einen Seite seinen Unwillen darüber, und an der anderen, dessen eigne Ohnmacht und dessen Unverstand suchen empfinden zu lassen. Ich habe in solchem Fal, und nie ohne den volkommenſten Erfolg, das sich so heftig zeigende Kind auf der Wiege, oder ſeinem Bettchen genommen, ihm so viel möglich die Ursache meines Unwillens zu erkennen gegeben, und es bei fortfahrenden Zeichen des heftigen Widerstrebens, auf die Erde dergestalt hingelegt, daß es sich keinen Schaden zufügen konnte, und ihm bei bedeutet, daß ich es nicht eher wieder auf nehmen würde, bis es ſtille geworden, durch Darreichung seines Händchens mir von das Zeichen gegeben hätte. Gemeiniglich heftiſchreit das Kind im Anfang ſodann viel kehger; hieran mus man sich aber gar nicht ren; ſondern thun, als ob man gar nicht darauf merke; oder man kan auch wol einmal aus dem Zimmer gehen; und überhaupt darf man sodann das Kind nicht eher wieder auf ben, bis es stille geworden, und Zeichen nes Gehorsams gegeben hat. Wenn man diese Probe nur zwei oder dreimal gehörig macht, und im übrigen mit Feſtigkeit das Kind gier., dann wird daſſelbe keine offenbare Wieper. 487 derspenstigkeit mehr zeigen, sondern gleich nachgeben, ſo bald es den Willen ſeines Erziehers merkt. — Sol hingegen das Kind angehalten werden etwas zu thun, was es nicht thun wil, dann mus man freilich schon anders verfahren, indem man sodann nicht eher vom Kinde ablassen mus, bis es solches gethan hat. Hier mus der Erzieher sich nur mit Geduld wafnen und den Versuch so oft wiederholen, bis das Kind gehorchet hat, und solte er auch Stunden lang damit anhalten müſſen. So bald das Kind einmal nach einem oder mehreren Versuchen sich überzeuget hat, daß es doch am Ende dem Willen seines Erziehers gehorchen mus, wird es das unangenehme des lange anhaltenden Widersetzens für viel schlimmer halten, als das unangenehme, so ihm in der Erfüllung der von ihm geforderten Sache anſcheinet. Auf diese Art kan man die Kinder mit leichter Mühe gewöhnen, allerlei auch übel schmeckende Arzneien zu nehmen; öfters ist es mir auf diesem Wege gelungen, ganz verzärtelte Kinder, die zu der Zeit nicht bei ihren Eltern waren, dahin zu bringen, Arzneien nach meinem Wunsch zu nehmen, die doch ohners achtet aller Bitten ihrer Eltern vorhin dazu nicht zu bewegen waren. Wie wichtig aber schon lezterer Punkt sey; ist nicht zu läugnen, wenn man nur bedenkt, wie manches Kind aus Eigenſinn, weil es keine Arzneien, oder auch nur die gehörige Menge von Trank zu ch nehmen wil, stirbt, welches doch ſonſt leicht geret⸗ 4³³ gerettet werden könnte. — Es verstehet sich nun wol hiebei von selbst, daß man nach Verschiedenheit der Natur des Kindes und dessen minderen, oder mehreren Biegsamkeit auch die mehr oder minder strengere Mittel, selbst in besonderen Graden nach den Regeln der Klug heit verschieden anwenden müsse. Geht man auf dieſem Wege mit Geduld, Feſtigkeit und ununterbrochener Aufmerksamkeit bei solchen kleinen Kindern fort, dann wird man nicht allein ſo lange man um ſie herum iſt, alles, ohne sonderbare Stöhrung ihres Vergnügens von ihnen erlangen können; sondern man wird selbst dadurch im Kinde die erste Grundkraft entwikeln, um nachher den ihm bekannt gewordenen einleuchtenden Gründen Gehör geben, und sich selbst immer mehr beherrſchen zu können: ja, ich bir völlig überzeugt, daß jeder Mensch, welcher voll ſeiner zarteſten Jugend an, zum pünktlichen Gehorchen nicht gewöhnet worden, auch unmöglich nachher es so weit in Bekämpfung und Ueberwindung seiner Leidenschaften werde bringen können, als wenn er von Jugend an darin geübet worden. — Wenn nun nach Maasgabe daß das Kind anwächst, dasselbe nicht mehr unter dem pünktlichen und anhaltenden Zwang und Aufsicht stehen, sondern nicht behindert werden kan, daß es immer mehr sich selbst überlassen bleibt; so kan auch so bald das Kind sich einmal einigermassen in Freiheit fühlt, der nemliche Bewegungsgrund, zur Begehung oder Unterlassung gewisser Handlungen, nemlich die Furcht 489 Furcht dazu doch am Ende gezwungen zu werden, nicht mehr hinreichend auf dasselbe würken. Es trift sodann ein, was Cicero so schön ausdrückt, wenn er sagt: Metus, haud diuturni officii magister. Es komt daher in dieser zweiten Periode der Erziehung darauf an, dem Kinde ſolche Gründe, um so und nicht anders zu handeln, bei jeder Gelegenheit einzuflöſſen, die es nicht allein fassen, sondern deren Nutzen ihm auf eine sinnliche Weise dargestellet werden kan. Wil man daher hier der Natur getreu seyn, dann muß der Erzieher ſeine Handlungsweiſe dergestalt einrichten und abändern, daß nach Maasgabe der Zögling von obgemeldter ersten Periode sich entfernt, der Erzieher immer weniger Furcht, aber desto mehr Zutrauen und daraus entspringende Folgsamkeit, und das ohne Zwang bei seinem Zögling zu erwecken trachte; denn letzterer sol nun als ein vernünftiges Wesen nach Gründen handeln lernen. Dieser Satz wird aber fürnemlich in heutigen Tagen von vielen Erziehern hier und da wieder zu weit ausgedehnet; wenn sie nemlich die ganze Erziehungsmerhode dergestalt spielend einrichten, daß das Kind ſeinen Erzieher zuletzt kaum anders als seinen Spielgesellen ansiehet. Allerdings wil ich zwar auch, wie ich Ihnen verbin schon gesagt habe, daß der Menter sich ganz zum Kinde herablassen, alle seine Spiele nicht allein mit, sondern vormachen sol. In je sein 490 mus er also bei den Spielen ihr Spielgeselle seyn. Dies sol er aber nicht immer; sondern er sol bei allen Gelegenheiten, und auch selbst bei ihren Spielen, ihr Lehrer seyn. Wenn er daher bei seinen Zoͤglingen sich den gehörigen Grad des Zutrauens, der um seinen anzugebenden Gründen hinreichendes Gewicht geben zu können, erfordert wird, erwerben wil, dann ist es durchaus noͤthig, daß er bis auf einen gewißen Grad Gravität habe, und selbst solche durch ſein Beiſpiel in den Kindern pflanze: Denn ausserdem ist nichts wichtiges von der Erziehung zu erwarten. Je mehr er aber diese den Kindern einprägen kan, desto grösseres Gewicht werden sie in seine Lehren und das ihnen zu gebende Vorbild legen, mithin werden sie auch ganz ohne Zweifel desto grösseres Bemühes anwenden ihm gleich zu werden, und seinen Lehren zu gehorchen, Die Hülfsmittel, die man nun bei den Kindern, um in ihnen den Gehorsam zu pflanzen, brauchen kan, sind wol hauptsächlich; anhaltendes unermüdetes Erinnern, und dabei stets bezeigte unwankelbare Feſtigkeit von Seiten des Mentors — Einflößung solcher Gründe, wovon ihnen der Nutzen gleichsam fühlbar wird. moͤglichste Ueberzeugung von der Nothwendigkeit des Gehorsams durch Beispiele — klugt Lenkung des Ehrgeitzes — und zuletzt Strafen. — Ich werde diese Hülfsmittel noch weitläuftiger mit Ihnen durchgehen. Da 491 Da der Grund jeder Tugend und alles wahren Verdienstes, in dem Vermögen, seine nicht gehörig auf Vernunft gegründete Begierden beherrschen zu können, lieget, so begreifen Sie leicht, daß man den Kindern von der Wiege an, nie eine eigentliche unvernünftige Phantasie erlauben dürfe. — So bald man ferner den Kindern irgend etwas aus solcher Ursache abschlägt, darf man sich nie, sie mögen noch so sehr darum bitten, oder mit Ungestüm anhalten, bewegen lassen, solches zu bewilligen. Dergleichen Verfahren entwickelt Festigkeit bei den Kindern, und Vermögen ihre Begierden zu unterdrücken. Jedoch muß man hier nie durch Drohungen, oder gar würkliche Schläge, wenn kein sonderbares, ähnliche Strafen erforderndes Betragen von Seiten des Kindes damit verbunden ist, das Kind zwingen wollen; sondern ihnen einmal den Grund sagen, warum man es nicht zugeben kan, und sie nachher drum bitten lassen, bis sie es müde werden. Hat man dieses ein oder zweimal gethan, dann wird die aufgestiegene verkehrte Begierde gleich nach der erſten abſchlaͤgigen Antwort vom Kinde unterdrücket werden; und nie so stark bei ihm nachher aufkommen können, ſich zu überwinden, noch einmal darum zu bitten. Die Betteljungen, welche auf den Gaßen in übel polizirten Städten so unverschämt die Vorbeigehenden anbetteln und ihnen nachlaufen, so lange sie nicht wissen, ob sie nicht etwas erhaschen werden; dahingegen die 492 diejenige ruhig vorbei gehen lassen, von welchen sie wissen, daß sie nach erhaltener ersten abschlägigen Antwort nichts bekommen werden, können hier zum Beweis dienen. Ausserdem muß ich Sie aber bitten, hiebei zu bedenken, daß es bei dieser Art Begierden eben so gehet, wie bei den übrigen Empfindungen, daß nemlich je mehr und länger der Mensch etwas begehrt, der Wunsch darnach auch sodann desto heftiger werden müsse. — Sie sehen daher nunmehr unleugbar, daß man die Kinder in allen denen Stücken, worüber sie noch nicht hinreichend urtheilen können, in Zwang halten müsse; und daß diese Furcht und Unterwuͤrfs“ keit von Seiten der Kinder gleich bei ihren erſten Empfindungen mit aller Feſtigkeit derg stalt eingepräget werden müsse, daß ihnen selbige nicht fremd, sondern gleichsam zur anderen Natur werden. — Woher Locke dann sagt (³) Si les Enfans sont accoutumés à la soumission & à l'obéissance par la conduite ferme de leurs Parens, avant qu'ils puissent se ressouvenir du temps auquel on leur a imposé cette neceſſité, cet état leur paroîtra paturel — la seule chose à quoi il faut prendre garde, c'est de commencer de bonne heure à inspirer cette soumission aux Enfans, & de ne se relacher jamais en la moindre chose. jusqu'à ce que la crainte & le re$pect leur soient comme familieres.“ Jedoch versteht (4) De l'Education. T. I. S. XLV. 493 es sich von selbst, daß nach Maasgaabe, wie ihr Vermögen zu urtheilen zunimt, man sie, ohne daß sie es merken, nach und nach in den Fal setzen müsse, selbst hierüber zu urtheilen. Nicht weniger muß man bei jeder bemerkten mehreren Entwicklung der Seelenkraft des Kindes, hauptsächlich darauf bedacht seyn, es fühlen zu machen, daß der ihm gegebene Befehl, eigentlich nur ein für sein Wohl höchstnöthiger Rath sey. Wenn man sich zum Gesetz macht den Kindern, bei jeder moͤglichen Gelegenheit dieses zu zeigen, dann werden die Eltern an der einen Seite nicht so leicht in dem Fal sich finden, ihrem Kinde einen übereilten und zweckwidrigen Rath gegeben zu haben — und an der anderen Seite wird das Kind immer aufmerksamer, und auf die Ausübung selbst eifriger werden. Zu gleicher Zeit wird es dadurch viel geschwinder nützlich raisonniren lernen, indem nichts dasselbe mehr dazu anspornen kan, als der Trieb über sein eignes Intereße zu raisonniren. Einige Eltern und Erzieher gehen aber an der anderen Seite darin zu weit, daß sie glauben, sie müſten jedem vom Kinde bezeigten gleichgültigen oder ſchädlichen Begehren ſich widersetzen, und solches gleich abschlagen. So bald das Kind in einem heftigen, Herrschucht anzeigenden Ton etwas begehrt, dann darf man freilich dem Kinde solches durchaus nicht geſtatten; ſchlägt man ihm aber alle ſeine Bitten 494 ten deswegen ab, weil es etwas begehret hatte; ſo lauft man Gefahr, den Geiſt des Widerspruchs in ihm zu erregen, wenn es schon der stärkeren Gewalt nachgeben, und schweigen muß; oder man ertödtet in ihm allen Muth und die Lust, selber etwas zu wählen, um würksam zu seyn. Dies heist, das Kind unter seine Beſtimmung herabwürdigen. Mir dünkt, daß man den Kindern allerdings erlauben solle, nun nicht mit Ungestüm, oder zu jeder Zeit wo es ihnen gefällig ist, ihre Begierden zu eröfnen; daß man aber bei jeder Gelegenheit sich bestreben müsse, ihnen begreiflich zu machen, wie sie ihre Bedürfniße noch nicht erkennen können; und zu dem Ende, ihnen durch Beiſpiele das eitele und schädliche in den Wünschen aller derjenigen Menschen auffallend zu zeigen, welche ihre Bedürfniße selbst nicht zu erkennen im Stande sind. Da wo es ohne Gefahr geſchehen kan, muß man ſie kleine Verſuche machen lassen, durch welche sie zu ihrem eignen Schaden sich von dieser Wahrheit überzeugen können. Sie sehen aber auch hieraus, wie nöthig es sey, daß die Erzieher stets um ihr Kind selbst herum seyen, und es nicht den Wärterinnen oder Dienstboten überlassen. Gelingt es dem Kinde hier, ein oder mehrmal seinen Willen auf eine verkehrte Weiſe zu erlaugen, so ist seine moralische Kraft schon etwas geschwächet; und beim Kinde vieleicht eine heimliche Abneigung gegen ſeinen Erzieher gepflanget worden. Wie sehr es endlich hier auf Festig 495 Festigkeit von Seiten des Erziehers ankomme, brauche ich Ihnen gar nicht zu sagen. Gewiß muß der Erzieher in der Verläugnung ſeiner selbst fest seyn, und das Kind durch sein Beispiel dazu aufmuntern. Endlich ist nichts wahrer, als daß derjenige, welcher anderen befehlen wil, vorher lernen müsse, gehorchen. Da der eigentliche moralische Werth einer jeden Handlung, des zu raisonniren auch nur anfangenden Menschen allein in seiner Absicht bestehet, so sehen Sie, wie wichtig es ist, alles mögliche anzuwenden, um den Kindern gehoͤrige Bewegungsgründe einzuflößen. Hier komt es aber ganz erstaunlich auf Klugheit von Seiten des Führers an. Denn im gewißen Verstande muß man bei jeder Erziehungsart sich gewißer besonderen Bewegungsgründe, wenigstens einer ganz verschiedenen Modification derselben bedienen, wenn die Erziehung Planmäßig volzogen werden sol, d. i. wenn die zwei aussersten Punkte der Erziehung in gerader Linie auf einander gerichtet seyn sollen; denn, sonst läuft man mit dem Zögling lauter krumme Linien ins Kreutz und in die Queere, und mehrentheils ist Verwirrung das Ende. — Die erſte Hauptregel hiebei, auf welher jede andere als auf der wahren und unbeweglichen Stütze ruhen muß, ist nun unstreitig dieſe: dem Kinde keine andre, als der jetzigen und zukünftigen Bestimmung angemessene Absichten und Bewegungsgründe zu Triebfedern 496 dern seiner Handlungen einzuflößen. Alle und jede niedrige Bewegungsgrunde müssen daher bei allen Gelegenheiten den Kindern als verabscheuungswürdig vorgestellet, und ihnen gezeigt werden, daß jeder Mensch, welcher niedrigen Bewegungsgründen Platz in ſeinem Herzen einräumt, auch ganz sicher bei ihm verkommendem Reitze, niedrige Handlungen begehen werde. Denn wenn schon in einem g wissen Augenblicke der Mensch dadurch angesetzet wird, eine gute Handlung zu begehen, so ist es doch unleugbar, daß ein solcher in seinem Herzen eingewurzelter Bewegungsgrund, bei andern Gelegenheiten denselben zu schlechten und unanständigen Handlungen verleiten werde. Sol daher der Mensch seiner Würde anständig, groß denken und handeln, so muß er auch ähnliche Bewegungsgründe haben. Wie weit entfernen sich aber alle Erzieher in diesem Stücke von der Natur, und zweckmäßigen Bestimmung des Menschen, wenn sie entweder völlig, oder zum Theil, die Größe und den Adel der Bewegungsgründe auf eine Erhebung über andere Menschen gründen? Denn es iſt unleugbar, daß kein Bewegungsgrund groß seyn, oder auch auf etwas Grosses abzielen kan, so bald der Mensch dadurch zu Stolz und Eitelkeit verleitet wird. Je weiter der Menſch in Erkenntnis der Warheit, in welcher Sache es auch sey, und in Verläugnung seiner selbst komt, desto mehr empfindet er, wie viel ihm mangelt, und wie schwer es der 497 verhüten, daß er durch falſche, blendende Bewegungsgründe irre geführet und aus ſeiner Feſtung herausgeworfen werde. Bei der Luſt, das erkannte mangelnde ſo viel moͤglich zu erlangen; und bei dem Beſtreben, das würklich erlangte Gute zu bewahren und gehörig anzuwenden, vergeht ihm der eitle Trieb stolz zu seyn um so eher, weil er sodann ganz offenbar einfiehet, daß dieser Trieb ihn nur von seinem eigentlichen Endzweck entfernen würde. Man mus daher alle diejenigen Triebe bei den Kindern sehr zu vermeiden suchen, vermöge welcher ſie die ihnen aufgegebenen, oder von ihnen erkannten Pflichten deswegen zu erfüllen sich bemühen, um durch diese Erfüllung irgend einer unangenehmen Empfindung zu entgehen. Man mus z. E. nie das Kind zum lernen ansetzen, damit es keine Verweise, oder wol gar Schläge erhalten möge. Locke sagt daher: (a) diriger ses Actions & sa Conduite par de tels motifs, qu'est ce autre cho$e, qu'entretenir en lui ce principe de corruption, que nous devons tacher avec toute application imaginable de deraciner & de défuite entiérement Nicht minder mus man sich sehr hüten, dem Kinde allerlei Versprechungen zu machen, da(a) de l’Educat. S. XLIX. 498 damit es dies oder jenes thue. Ein solcher Bewegungsgrund ist sehr schädlich, indem er dem Kinde fremd, mit seiner Natur nicht übereinstimmend, und nicht anhaltend würkend ist. Das Kind wird dadurch vielmehr von dem ihm natürlichen Triebe, welchen der Urheber der Natur in dasselbe gepflanzet, jedes gute, aus Erkenntniß seines eignen, mit seinen Bemühungen unmittelbar verbundnen Interesse zu thun, entfernet; da ꝺoch alles, ja ꝺer ganz Zweck des Plans Gottes mit dem Menschen, von der gehoͤrigen Festigkeit und Naturalisation durch dieses Principiums abhängt; hingegen und solche, blendende Nebentriebe, gefährliche und schädliche Lüste in dem Kinde genähret, mehr es gereitzet wird, seine Einbildungskraft zu spannen, die versprochene Sache nicht mehr in ihrer Beziehung, als Bedürfniß gehörig anzusehen und zu begehren; sondern selbige weit über ihren Werth zu schätzen, und dem Genuße derselben nachher viel wesentlichere Sachen bei anderen Gelegenheiten aufzuopfern. Aus diesem Grunde mus man selbst mit denen, dem Kinde nothwendig zu vergönnenden Ergötzlichkeiten, obigem Grundsatze gemäß verfahren. Denn man sol selbige dem Kinde nicht allein gönnen, und zur rechten Zeit verschaffen, sondern ihm so gar zeigen, daß es ihrer bedürfe, um seine Kräfte zu erholen, weil es durch allzu lange und zu heftige Anstrengung, von seinem, wahren Nutzen bringenden Zweck, sich nur weiter entfernen würde. Auf solche Weise lehre 199 lehre man die Kinder, den wahren Werth der Sachen, fürnemlich den der Zeit kennen, und das gegenwärtige mit dem kommenden vergleichen, wie nicht weniger, die Begierben der Vernunft unterjochen. Es kan überhaupt nicht geläugnet werden, daß der erste und algemeine Grundsatz, worauf die Absichten des denkenden und würkenden Menschen ruhen, kein andrer ſey, als die Erkenntniß ſeines eignen Interesse. Da nun seine moralischen Kräfte dergestalt ferner eingerichtet sind, daß sie hiemit harmoniren, seine Erkenntniß von seinem Intereſſe mag wahr oder falſch ſeyn, ſo kan ebenfals nicht geläugnet werden, daß es eben so wenig möglich ist, bei dem Menschen Festigkeit und Treue in seinen Handlungen zu entwickeln, bei welchem man die Würkung obgedachter moralischer Kräfte einschrenken wolte, als es möglich ist einen schweren Körper; ohne fremde Kraft, gegen die Gesetze der Bewegung sich bewegen zu machen. — Wie gefährlich es endlich sey, bei einem Kinde eine schädliche Begierde, durch den Genuß einer anderen stillen zu wollen, sehen Sie daher leicht ein. Ich weis, ich thue Ihnen einen Gefallen hierhin zu schreiben, was der vortrefliche Locke hierüber sagt: (a) Si un Enfant vient a pleurer pour avoir un fruit mal fain, vous l'appaisez en lui donnant quelque Confiture un peu Hh 2 moins (9 l. c. s. IVI. 500 moins mal faisante: peutetre conservez vous par la sa santé, mais certainement vous lui gatez l'esprit & le jettez dans un plus grand défor dre : car content de changer l'objet de ses desirs, vous flattez sa passion, & approuvez qu'elle soit satisfaite ; or c'est la, là racine du mal. — In solchem Fal ist es bei sehr ungestümen, und in ihrer ersten Erziehung versäumten Kindern besser, so viel es einigermassen ihre Gesundheit zuläßt, ihnen, das schädliche thun zu dürfen, mit der Bedeutung freizustellen, daß man ihnen die Folgen davon vorhersagt, und man es ihnen deswegen erlaube, damit Sie ſich von der Warheit und dem Werth dieses Raths nicht allein versichert halten, sondern auch einsehen mögen, daß man, wegen ihrer eignen Erhaltung und Verhütung grösst ihre ren Schadens in wichtigeren Vorfällen, Begierden mit aller Kraft bezwingen müsse. den Da aber der Zögling nicht jederzeit Nutzen, welcher aus dem von ihm gefordert wereindendem Zwang und Verläugnung entspringt, sehen, noch weniger sich denselben lebhaft gnug, um davon hinreichend gerühret zu werden, vergegenwärtigen kan, so ist es durchaus nothwendig, daß er durch Beispiele anschauend ſehe, wie noͤthig und nützlich es ihm und jedem Menschen sey, im Gehorsam und in der Verläugnung seiner selbst sich zu üben, und sich eine Festigkeit darin zu erwerben. Zeigen Sie daher bei jeder Gelegenheit den Zusammenhang auf 501 auf dieser Welt, kraft wesen jeder dem anderen etwas aufopfern mus; daß aber auch jede vernünftige Aufopferung an der anderen Seite, wieder unmittelbares Vergnügen nach sich ziehe. Daß ferner unſer ganzes Leben nichts wie eine aneinanderhangende Uebung in der Abwechslung von Genuß und Verläugnung sey, und nur allein derjenige Menſch auf dieſer Welt glücklich genannt, und moͤglichst zufrieden werden könne, welcher sich hierin bis auf den Grad geübet hat, daß er in jeder Lage sich begnügen lassen könne. Hier giebt aber die geoffenbarte christliche Religion die eigentlichen wahren Aufschlüsse, wie auch Vorschriften, und in allen Gelegenheiten würksame Bewegungsgründe, wenn nur der Mensch selbige mit Aufrichtigkeit, ohne Vorurtheil und mit Vorbeigehung aller Menschensatzungen untersucht. Eine sehr starke Triebfeder um den Menschen zum Gehorsam und zu der daraus fließender Beständigkeit und Uebung, in leichter und fertiger Verläugnung und daraus entspringender Festigkeit anzuhalten, liegt in einer klugen Lenkung der Begriffe von Ehre und Schande. Hiebei sind aber einige sehr wichtige Punkte wohl zu beobachten. Zuvörderst ist es eine Hauptsache dafür zu ſorgen, daß das Kind richtige Begriffe von Ehre und Schande habe. Wie sehr diese relativ und verschieden seyen, wissen Sie. Der Beifal der Menſchen kan daher dem Kinde eben so schädlich, als nützlich werden, Denn 502 Denn wil man es gewöhnen hierauf zu merken, dann ist es auch nöthig, daß es wenigstens im Anfange seiner Erziehung, unter lauter guten Leuten wohne, indem die von ihm bemerkten Beispiele, auch seine Begriffe von Ehre bilden. Wenn Sie nur ein wenig die Städte und Gegenden, welche Sie genau kennen, mit einem philosophischen Auge durchschauen wollen, dann werden Sie bald entdecken, wie hier die Begriffe von Ehre; manchmal an zweien Orten sich ganz entgegengesetzt angetroffen werden. Was in einem Ort als unanständige, leichtfertige Zote angesehen wird, ist an einem anderen Ort, ein Beweis eines angenehmen Tons in Geselschaften. So gehts mit den Begriffen von Verläumdung allerlei Arten Korruptionen u. d. g. Stellen Sie sich eine Stadt vor, in welcher man kaum mehr weis, was es heißt, aus edler Uneigennützigkeit etwas unternehmen wollen; und rathen Sie Ihrem Kinde, unter solchen Leuten, aus Trieb zur Ehre würksam zu seyn. Was meinen Sie, wird nicht das Kind mit der Zeit in den nemlichen Schlamm versinken müssen? Sie sehen also, wie nöthig dem Kinde richtige Begriffe von Ehre, wie auch von Feſtigkeit, und von beiden sich allein lenken zu lassen, seyen. Hier erfordert zuweilen das eigentliche Glück und Zufriedenheit, sich vielmehr ausspotten zu lassen, als sich nach den angenommenen Begriffen von Ehre zu formen. Zu dieſer höchſten Verläugnung gehören daher höhere Begriffe und Triebe, 503 be, welche auf Außichten in ein anderes Leben, und Verlangen nach Vereinigung mit Gott, hauptsächlich sich beziehen müssen. Selbst Sokrates, der Stifter der platonischen Philosophie, fühlte, ähnliche Triebe in sich, und ließ sich lieber ausspotten, als der Hofnung, Gotte einmal näher zu kommen, ihm ähnlicher zu werden, zu entſagen, — Die ganze Sache beruhet alſo darauf, auf alle Weiſe zu sorgen, daß die Kinder, so lange selbige selbst, noch nicht im Stand sind, die Richtigoder Unrichtigkeit der Begriffe von Ehre einzusehen und zu beurtheilen, sich um keiner anderer Menſchen Beifal zu bewerben trachten, als um den ihrer Erzieher. Je stärker dieser Trieb in den Zöglingen erwecket werden kan, desto länger bleibt ihnen nachher der Haß und Abscheu für schlechte Handlungen. Hievon liefert uns der Sohn des Cicero ein auffallendes Beispiel; (a) indem er seinem lieben Tiro, auf welchen sein Vater ebenfals so viel hielte, schriftlich und von freien Stücken bezeugte, daß er seinen begangenen Fehlern dermassen Feind wäre, und sich wegen derselben so schämte, daß er weder den Gedanken, noch sonst eine andere Erinnerung daran ertragen könne. Eben deswegen (a) Cic. Epist. ad fam. I. XVI. Epist. XXI. Tantum enim mihi dolorem cruciatumque attulerunt errata ætatis meæ, ut non solum animus a factis, sed aures quoque a commemoratione abhorreant. 504 wegen ist es durchaus nothwendig, daß die Erzieher nie ihre Kinder aus der Acht lassen, und noch am allerwenigsten sie der Aufsicht des Gefindes überlassen, indem daraus nichts wie Disharmonie entspringen kan. — Unterdessen handeln diejenigen Eltern; oder Erzieher sehr zweckwiedrig, welche von ihren Zöglingen, aus dem Grunde Verläugnungen forderen, damit sie, die Erzieher selbst, von ihrer Erziehung Ehre haben möchten. Welchen schädlichen Eindruck mus ein solcher von den Eltern angegebener niedriger Bewegungsgrund nicht auf das Gemüth des Kindes machen, und den Grund zu einem niedrigen Egoismus legen? Dergleichen Eltern erziehen auch mehrentheils ihre Kinder zu fen, um sich eine kurze Zeit an ihnen, und an dem niedrigen Beifal des kurzsichtigen Publikums darüber beluſtigen zu können. Solcher Eltern Liebe zu ihren Kindern, ist aber nichts wie Fratzenliebe, die am Ende den Kindern Leiden und Unglück bringt. Denn wo der Ehrgeitz nicht auf andere Gründe, als dergleichen niedrigen Egoismus beruhet, da bringt nicht allein nicht die gewünschte, sondern oft entgegengesetzte Würkungen hervor. Die Geschichte alter und neuer Zeiten liefert hier Beispiele in Ueberfluß, so wol: von sonst guten Menschen, wie z. E. dem Themistokles; und von bösen, die zulezt aus niederträchtiger Raub= oder Regierſucht, alles ihrem Triebe und Begriffen von Ehre aufopferten, wie ein Katilina und andere. — Es ist daher von der 7 505 der äussersten Nothwendigkeit, wenn das Kind überal, und selbst im verborgenen sol lernen tugendhaft seyn, dasselbe nach Maasgabe der Entwicklung seiner Fähigkeiten, nicht allein mit dein relativen der verschiedenen Begriffen von Ehre; sondern auch mit den höheren Trieben dazu wohl bekannt zu machen. Das Kind mus daher gewöhnet werden nie etwas wegen blossen Lobes, oder Tadels zu thun, oder zu lassenz sondern jederzeit wohl zu überlegen, welchen Einfluß das eine oder das andre auf ſein Glück und Vergnügen haben könne. Erstere Bewegungsgründe sind leer, und so bald das Kind sich darnach auch nur von einer Seite zu handeln gewöhnet, legt es in sich den Grund zum Leichtsinn. Daß die christliche Religion diese höheren Triebe eigentlich ausliefert, wissen Sie. Ja, diese fordert als eine der Hauptpflichten, daß man suchen solle in anderen Menschen diesen Trieb zur wahren Ehre aufkeimen zu machen, und andere Menschen durch sein eignes Beispiel zum Guten anzuspornen. Diese Gotteslehre ist das non plus ultra der hiesigen sublunarischen Moral, und enthält die stärksten Triedfedern, um überal=Gutes zu thun. Ein ſolcher Ehrgeitz, und der Haupttrieb des Menschen sich zu vervolkommnen, Gotte ähnlicher zu werden, sind es nur allein, welche dem Menſchen die gehoͤrige Feſtigkeit geben, um in allen und jeden Fällen denjenigen Widerstand zu leisten, und diejenige Verläugnung auszuüben, welcher er auf dieſer Welt fähig iſt. Ehe 506 Ehe ich diese Materie aber verlasse, mus ich Sie noch erinnern, wohl auf die natürliche Dispoſition Ihres Kindes Acht zu haben, um dasjenige Kind, welches zur Sicherheit und Leichtsinn einen Hang hat, nicht durch ein unzeitiges, oder häufiges Lob, sicher, und dadurch dem Fal näher zu bringen; noch das furchtsame, leicht gestörte Kind durch heftigen, dasselbe störenden Tadel und gegebene Merkmale von Verachtung, mehr niederzudrücken und unfäbiger zu machen. Hier geht 's wie im physischen, was bei einem Kinde Kräfte entwickeln hilft, erstickt selbige bei einem anderen. Kein Mittel wird in der Erziehung unphilosophischer und mit grösserem Nachtheil für den Zoͤgling angewendet, als die eigentliche Strafen. Es ist zwar nicht zu läugnen, daß der muthwillige Knabe, Zwang; oder wie Sirach sagt, die Ruthe erfordert; indem die in ihm wild aufkeimende Kraft und unwiderstehliche Lust sich zu versuchen, einer derselben widerstehenden Gegenkraft bedarf. Leztere liegt nun wol zum Theil in den Erfahrungen, welche der Knabe durch seine Versuche selbst macht; aber es würde sehr unvorsichtig und ungerecht seyn, denselben auf seinem eignen gewählten Wege, durch eigne Erfahrung in allen und jeden Fällen wollen klug werden lassen; denn gewiß wird niemand seinen Buben mit einer brennenden Fackel auf den Heuboden laufen lassen, um dadurch die schreckliche Wirkungen beö 507 des Feuers kennen zu lernen. Es gibt daher unleugbar solche Fälle, wo der Knabe einer unmittelbar und augenblicklich auf ihn würkenden Gegenkraft, die ihn auf seinem Wege aushält, bedarf. Aber diese Anwendung der Gegenkraft mus dergestalt geschehen, daß selbige beim Zögling keinen eigentlichen Begrif einer blinden Oberherrschaft, welcher er unterworfen ſey, und worunter er für die Zeit ſich beugen müsse, erwecke; ſondern die Art und Weiſe der Strafe, mus jederzeit dergestalt eingerichtet, und den Empfindungen des Zöglings angemeſsen seyn, daß zwar der Endzweck in seiner Bändigung erhalten; er aber auch zu gleicher Zeit überführet werde, daß sein Erzieher ihm dieſe Strafe nicht als Beherrſcher, ſondern als Führer und Freund habe fühlen lassen. Sie wissen ja, daß selbst der Monarch, wenn er sein Volk glücklich regieren, und nach vernünftigen Grundsätzen umschaffen wil, nicht so sehr den Beherrscher, als den Führer seines Volks abgeben müsse; erst dann, wenn das Volk durch Aufklärung und Erfahrung empfindet, daß der Wille des Monarchen nur blos auf ſein Wohl ausgehet, dann läßt es sich mit leichter Mühe dahin bringen, wohin vorhin noch ſo viele Galgen und Räder es zu bringen nicht vermochten. Wie viel mehr müssen also dieses die Erzieher beobachten, da ihre Zöglinge doch wissen, daß sie nachher gar nicht mehr unter ihrer Herrſchaft ſtehen werden? Ganz vortreflich 503 lich sagt deswegen der große Locke, (a) Car vous ne pouvez pas dire proprement, que vous ayez sur lui la puissance que vous devez avoir, jusqu'à ce qu'il en soit venu à ce point d'être plus touché de la crainte d' ossenser en vous un bon ami, que de perdre quelque partie de l'herilage que vous lui devez laisser. Mit einem Wort, es darf bei den Strafen, sie mögen Nahmen haben wie sie wollen, von Seiten der Erzieher kein andrer Zweck seyn, als das Kind, welches durch Lehre nicht klug werden wil, oder kan, durch Erfahrung dahin zu bringen. Wo daher ein Kin aus Leichtsinn öfters den nemlichen Fehler begehet, und alle vorhin angewandten saufteren Mittel und Ueberredungen, zur Verhütung nes solchen Fehlers, sich fruchtlos bewiesen ben, da mits der Erzieber dem Kinde nich allein den aus solchem Fehler entspringendet Nachtheil begreiflich machen; sondern auch ihn zeigen, daß es bei seinem Leichtflun und seinem Hang zu solchem Fehler, ihn den Erziein die Nothwendigkeit setze, bei jedesmalig Wiederholung des Fehlers, durch irgend eine erregte unangeuehme Empfindung es daran erinnern, und zugleich ihm auf solche Weis die Sorge einzuprägen, in der Folge ſich vor Begehung des nemlichen Fehlers zu hüten So wird das Kind nicht allein, aus Furcht vor (4) de l' Education J. C. 509 vor der Strafe, seinen Leichtsinn und die daraus entspringenden Fehler zu verhüten trachten; sondern man wird bei jedem neuen Fehltritte, der es übereilte, Schaam und Reue darüber in seiner Seele erwecken, mithin nach und nach eine gründliche Besserung in ihm ervorbringen. Denn es wird dem Kinde sein begangener Fehler selbst, weit stärkere unangenehme Empfindungen erregen, als die von ihm dieserhalb empfundene, oder noch zu befürchtende Strafe. Dies iſt der Weg, um aus dem Kinde, einen gründlich gebesserten Menschen zu ziehen, und wir können um so gewisser seyn, aß diese Methode seiner Natur angemessen sey, da die in der geoffenbarten Religion entdeckten Wege Gottes mit dem auf solche Art fehlenden Menschen, völlig damit harmoniren. Ueberal ſol der Menſch einſehen lernen, daß alles, dem nach dem guten Zweck aufrichtig strebenden Menschen zum besten diene, und er der Züchtizungen dazu bedürfe. Sehr viele Erzieher irren sich aber, wenn sie glauben, das beste und einzige Mittel in solchem Falle wäte, dem Kinde Schläge zu geben. Dies ist ganz gegen alle Menſchenkenntniß gehandelt. Denn die Klugheit erfordert hier, den Karakter und die Empfindung eines jeden Kindes auszuforschen, um zu wissen, welches wol seine empfindlichste Seite sey; und worin es den mehresten Werth setze. Aeusserst selten wird man in diesem Fal zu dem erniedrigenden Mittel, den Schlägen überzugehen brauchen — die Entziehung 510 hung gewisser Freuden; oder, eine dem Kinde empfindliche Zurückhaltung, und anscheinender Kaltsinn seines Mentors; oder auch irgend eine öffentliche Beschämung, richten hier mehrentheils, wenn nur die Erziehung planmäßig besorget wird, das nöthige aus. Locke sahe, daß die Kinder bei einer Persoa von Stande, hinreichend von dieser Seite dadurch in Zügel gehalten werden konnten, wenn man sie nach dergleichem begangenen Fehler ohne Schuhe zu gehen, zwang. Die allerglücklichste Methode ist aber wol diese, wo man dem Kinde unvermerkt einen unwiderstehlichen Eifer beizubringgen sucht, gewisse nützliche Sachen zu lernen; und nachher bei bemerkten ähnlichen Fehlern den Vorwand nimt, daß man sie bis zur bewiesenen mehreren Ueberwindung solcher Fehler, zu ungeschickt noch glauben müsse, dergleichen Sachen zu erlernen, und man folglich gezwungen wäre, ihnen bis dahin den Unterricht darin zu versagen. — Unterdessen ist es an der andern Seite auch gewiß, daß, eben so wie es Krankheiten giebt die jedem Alter eigen sind, und die mit zunehmenden Jahren von selbst vergl hen; auch leichtere moralische Fehler bei den Kindern angetroffen werden, die aus ihrem Alter entspringen, und die der Erzieher nicht mit Gewalt behindern, sondern bei welchen er nur verhüten mus, daß sie sich nicht mit anderen Fehlern verwickeln und dadurch nach und nach der Natur des Kindes eigen werden, oder sonst dem Kinde auf eine andere Weise, den moralischen 511 schen Werth nehmen. Dergleichen sind z. E. eine gewisse Art Unruhe; ein geringerer Grad von Leichtsinn, Spielsucht u. s. w. Hier komt es blos darauf an, solchen Fehlern die nöthigen Schranken zu setzen, und das Kind nur darinn zu üben, daß, so bald es von ihm gefordert wird, es wenigstens auf eine gewisse, seiner Lebhaftigkeit angemessene Zeit, sich bezwingen könne. Bei dergleichen Fehlern thut man am beſten, ſich ſo zu ſtellen, als ob man ſelbige nicht merke; wenn man aber dieses nicht kan, so mus man den Kindern nur freundschaftlichen Rath, oder hoͤchstens gelinde Zurechtweiſungen darüber geben. Ganz entgegengesetzt verhält sich der Fal, wo das Kind aus einer offenbaten Unbiegsamkeit, oder wol gar Widerspenstige keit, nicht gehorchen wil. Dies ist der moralische Brand und erfordert auf der Stelle heroische Mittel, damit er nicht um sich greife. In solchem Fal giebt Locke den einzigen guten Rath, (a) wenn er sagt: Mais à l'égard de l'opiniatreté, de la désobeissance volontaire & determineé, il la faut vaincre par la force & par les coups, car il n'y a point d'autre remede a ce mal. Pour cet effet, quoique vous commandiez ou que vous désendiez à votre Enfant, faites vous obéir promptement, sans quartier, & sans resistance. Hiebei kan aber nichts grösseren Schaden anrichten, als wenn das Kind zwar über solchen (a) de P. Educat. J. LXXX. 312 solchen Fehler gezuͤchtiget, aber nicht bis auf den Grad bezwungen wird, daß es sich nun ergiebt und seinen Willen unterwirft. Wenn nemlich lezteres nicht geschieht, so kan die Straſe nicht anders, als das Herz des Kindes nur härter und unbiegsamer machen. Unterdessen mus man doch vorher durch hinreichende Untersuchung sich vergewissern, daß der begangene Fehler würklich aus Ungehorsam oder gar Widerspenſtigkeit, zum Theil, oder gänzlich entspringe — denn wolte man in jedem anderen Fal das Kind auf solche empfindliche Weiſt strafen, so würde das Resultat der Strafe, beim Kinde, nichts anders als Zern, Haß, und Erflickung jeder guten Meinung vom Verfahren seines Mentors seyn. Hieher können also nicht die Fehler, welche von noch nicht gehörig entwikelten unrichtigen Begriffen erzeugt worden; oder die aus einer eigenthümlichen Schwäche entstehen, und deshalb nicht so bald auszurotten Jezt kommen sind, gerechnet werden. noch die moralischen Erbfehler in Betrachtung. Die Erfahrung lehret nemlich nicht allein, daß gewisse physische Krankheiten von den Eltern auf die Kinder fortgepflanzt werden; sondern man findet auch Familien, in welchen gewiss moralische Seiten, so wol gute als böse, algemein sich auszeichnen. Wie weit dergleichen angeerbte Dispoſition gehen koͤnne, ſiehet man daran, daß zuweilen der Sohn erst später, nachdem der Vater lange gestorben ist, verschiedne Karakterzüge seines Vaters annimt und einen war 513 warhaften Abdruck desselben, so gar in Kleinigkeiten, liefert. Ich kenne welche, die im Alter ihrem schon lange verstorbnen Vater so ähnlich geworden, daß sie nicht allein im reden, sondern auch im schreiben es ihm gleich machen, und gewiß, ohne dieserhalb die geringſte Bemühung angewendet zu haben. Im Fal nun eine angeerbte böſe Seite beim Kinde entdecket würde, müste man natürlicher Weiſe ſich ganz anders verhalten, und zwar mit der äussersten Sorgfalt jeden Ausbruch eines solchen Fehlers zu verhüten trachten; aber nicht anders als mit doppelter Klugheit die strengeren Mittel, wann sie nöthig seyn solten, anwenden. Zuweilen kan aus dieser angeerbten Disposition ein anderes drittes und verlarvtes Uebel entstehen, wovon aber der eigentliche Grund dennoch in obgemeldter angeerbten Disposition lieget. Dieser Fal ist schon beschwerlicher. Wenn z. E. dem Sohne, von gewissen Seiten, der Fehler des Vaters sehr drükend wurde, so wird nicht leicht dieser Fehler beim Sohn, wenn er ihm gleich angeerbt ist, von den nemlichen Seiten sich zeigen, sondern an ganz anderen Seiten ausbrechen. Nicht leicht 3. E. ist der Sohn von den nemlichen Seiten geitzig, oder verſchwendriſch, von welchen der Vater es wär. Hieraus entsteht 's oft, daß der Sohn, durch das von dieſen beſtimten Seiten sich zeigende abstechende in seinen Handungen völlig verkannt wird; da doch im Grunde bei ihm die moralische Krankheit eben so 5 1 wol 314 wol die nemliche ist, als bei einem andern die angeerbte physische; obgleich leztere, wegen verschiedener auf den Sohn anders gewürkt habenden äusserlichen Umstände, unter ganz anderen Zufällen, wenigstens im Anfange, beim Sohn sich zeigt, als sie beim Vater angefangen hatte. Jedoch das gehoͤrt schon zur moralischen Pathologie, mithin darf ich kein Wort weiter davon ſagen. Ich bin ꝛc. Zwei und dreißigster Brief. W Wenn, wie nicht geläugnet werden kan, der Gehorsam eine der Hauptquellen der Festigkeit des moralischen Menschen ausliefert, dann mus das Warheitreden, und die sorgfältige Vermeidung reid aller und jeder Lügen, gewiß keine minder Warhaltige Quelle dazu ausliefern. Wer die Geheit nicht liebt, ist auch nothwendig vom horsam und Verläugnung seiner übertriebenen Lügen sinnlichen Begierden sehr weit entfernt. sind daher offenbare Ausflüchte und Bemühung und gen, um das schändliche des Ungehorsams, des 515 des schwankenden, folglich schwachen Betragens zu bedecken. Nie kan bedwegen ein Lägner andre, als niedrige Absichten haben; nicht weniger darf man demselben je einen guten Endzweck zumuthen; einen Endzweck, der das gemeine Beſte zum Ziel haben könnte. So leicht, Mein Freund! kan jeder Erzieher, hinreichend schwarze Farben finden, um das Unwarheitreden dem Kinde, gleich von dem ersten Augenblicke seiner Fähigkeit zu raisonniren, in einem verhaften Lichte zu schildren. Dies alles mus aber demselben anschauend gemacht werden, indem man ihm zeigt, wie aus den Lügen, Schande und Schaden — aus dem Warheitreden hingegen Nuzen, Achtung und innere Zufriedenheit entstehen. — Da die Größe der Achtung, welche ſich einer erwerben kan, blos allein davon abhängt, ob, und wie viel man zur Beförderung des algemeinen, so wol als beſonderen Beſtens einzelner Personen würklich beigetragen habe, oder man nach Möglichkeit beizutragen redlich bemühet gewesen; und der Mensch mehrentheils immer zulezt erfahren kan, ob das Bemühen des Nächsten, zur Verbesserung seines Zustandes etwas beizutragen, rechter Art oder nur Täuschung gewesen; so kan es gar nicht fehlen, daß im ersten Fal Achtung und warmer Dank, mithin Begierde bei jeder Gelegenheit das nemliche zu thun; im anderen Fal hingegen hoͤchſter Mißfallen und Verachtung in der Seele aufsteigen müssen. Es ist ferner ganz natürlich, daß ſo bald jemand einmal merkt, daß er Ii 2 auf 316 auf diese Art von dem andern hintergangen worben, er kein Zutrauen mehr in der Folge zu solchem Menschen haben könne, sondern jederzeit wenigstens daran zweifeln müsse, ob es ihm dann wol würklich so bedacht sey. Nichts ist hiebei dem Erzieher leichter, als aus der Geſchichte eine Menge frappanter Beiſpiele anzuführen, wo Menschen, wenn sie es selbst gut meinten, ihren Credit und dadurch ihrer ganzen Zweck verlohren, daß ſie der Warheit nicht treu geblieben waren, zum unumstöslichen Beweiß also, daß Lügen, wenn sie schon keine böse Absicht zum Grunde hatten, sich selbst strafen, und Verachtung wie auch Entfernung vom Ziel, auf die Dauer ganz gewiß nach sich ziehen. Hieraus und aus anderen Ihnen hinlänglich bekannten Seiten, läst sich nun leichtlich dem Kinde, der Vortheil des Warheitre wie dens und der daraus fliessenden Festigkeit; auch der Nachtheil der Lügen und damit verbundenen Falschbeit, anschaulich darstellen. Beim Hange der Menschen (und fürnemlich der noch mehr leichtsinnigen und furchtsamen Kinder) jedes augenblickliche anscheinende Gute zu ge niessen, kan es aber nicht fehlen, daß viele Kinder sehr leicht verführet werden die Unwarheit zu sagen, um sich aus einer Verlegenheit heraus zu helfen. Da dieses also von einer falschen Empfindung entspringt, jede ſalſche Empfindung aber immer mit ꝺer Zeit stärker wird, wenn man sie nicht hinreichend bestreitet, so sehen Sie den Grund, warum das Lügen 517 Lügen so leicht zur Gewohnheit wird, und warum die Erzieher so sehr, mit der allergrösten Sorgfalt und Strenge dasselbe bei ihren Zöglingen zu verhüten, sich müssen angelegen seyn lassen. Es ist daher eines der ersten Mittel hierin, immerhin beim Kinde das offenherzige Zutrauen gegen den Mentor zu erhalten. Jede selavische Furcht erniedrigt den Menschen, und zwingt ihm niedrige Handlungen, folglich auch Lügen ab. — Diejenigen Erzieher also, welche von ihren Zöglingen mehr fordern als sie leisten können, setzen ihre Zöglinge in die Nothwendigkeit der Warheit untreu zu werden, und auf allerlei Nebenmittel zu sinnen. Da der Zögling mehr leisten sol, als er kan, mus er sich auch berechtigt glauben, durch Nothlügen sich heraushelfen zu dürfen: hiebei mus ausserdem Liebe und Zutrauen zum Erzieher, immer mehr abnehmen. Dies ist also ein Umstand der in allen und jeden Lagen des Kindes auf das sorgfältigste beobachtet werden mus. Nachher ist es von der äussersten Nothwendigkeit nie eine bemerkte Lüge beim Kinde ungeahndet vorbeigehen zu lassen, und ohne ſeinen ganzen Unwillen darüber aufs ernsthafteste zu zeigen. Es komt hier darauf an, sich so zu verhalten, daß man an der einen Seite sich bemühet, immer hinter die Schliche des Kindes zeitig genug zu kommen; und nachher bei entdeckter Lüge, die darauf jederzeit folgende Empfindung, so es sich dadurch zugezogen, dermassen unangenehm und drückend für dasselbe, und zwar jedesmal, 513 zu machen, daß das Vergnügen der ersten befriedigten falſchen Sinnlichkeit auf keine Weiſe, mit dem aus dem Lägen ſtets entſpringenden Verdruß in Gleichgewicht kommen, sondern der Verdruß, die Freude immer weit überwiegen müsse. Ist man auf diesem Wege glücklich genug, dann ist es nachher leichter durch Einflössung der höheren Bewegungsgründe, welche die Religion und das Zusammenleben auf dieser Welt ausliefern, dem Kinde die Lügen in einem verhaſten; und hingegen die Warheit in einem vortheilhaften Lichte zu erhalten. So bald das Kind nun gehorchen, den verkehrte Sinnlichkeit beherrschen, und Werth der Warheit einſehen gelernet, mithin die ersten Grundlagen der moralischen Festigkeit geleget hat, mus man diejenige in ihm zu gründen sich bemühen, auf welche nachher der ganze Zweck seiner Existenz, seine ganze Würksamkeit sich gründen mus: ich meine nemlich die deutlichste Erkenntniß seiner Pflichten; wie auch der, zur getreuen Befolgung derselben nöthigen Hülfsmittel, und des aus möglichst treuer Volführung entspringenden Nuzens. Wenn der Zögling auf dieſe Weiſe, nebſt einem finden und geübten Körper ausgerüstet in die Welt tritt, dann wird er, so bald es ihm nur nicht an der gehörigen Klugheit mangelt, sich Riesenschritte machen, und überal um sich herum Heil ausbreiten. Es ist dieser Artikel daher einer der wichtigsten der ganzen Erziehung / 519 hung, durch weſſen Verſäumung nicht ſelten nachher, bei der besten Anlage dennoch der Zweck des Daseyns, das moͤglichste Glück des Zöglings verfehlet wird. Ich werde Ihnen die hieher gehörigen fürnehmsten Punkte nur stückweise aufzählen, und mus Sie bitten eine weitere Ausführung davon bei den Moralisten zu suchen, da meine Zeit mir nicht erlaubt hierüber weitläuftig zu seyn. Die Pflichten welche der Zögling kennen mus, sind die algemeinen und besonderen. Erstere bestehen in dem, was der Mensch Gotte, seinem Schöpfer und Erhalter; ferner was er dem Nebenmenschen, ja der ganzen Schöpfung; und endlich zulezt, was er sich selbst schuldig ist. Bei dem dem Kinde hierüber ertheilt werdenden Unterrichte, wird, wie ich sehr oft bemerket habe, folgender sehr wichtiger Fehler leichtlich begangen, daß man nemlich dem Kinde nicht genug die genaueste Verbindung, und den unzertrennlichen Zusammenhang dieser gesamten Pflichten unter sich bekannt macht, und anschauend in Beispielen darstellet. Nicht selten werden so gar diese Pflichten dem Kinde dergestalt vorgetragen, daß es selbige von einander trennen, und als verschiedene Sachen, wevon man eine thun, und die andere lassen könnte, ansehen mus. Ist das Kind unglücklich genug hierüber ähnliche Begriffe zu erlangen, dann ist für so lange alle Hofnung zur moralischen Festigkeit bei ihm verlohren. Man mus 520 mus ihm daher zeigen, wie jede gute Handlung, Gottesdienst sey, und Religion nicht in Raisonnement, sondern in Thätigkeit bestehe: das ferner jede, Menschenliebe ausübende Handlung, immerhin mit Selbstliebe verbunden sey. Es mus die Warheit des Ausspruchs des Kaisers Titus fühlen, welcher jeden Tag an welchem er nicht irgend eine gute Handlung gethan hatte, für verlohren erklärte, und sodann immer des Abends gegen ſeine Freunde bekanntermaſsen sagte; Amici, hodie diem perdidi. Und wie kan man endlich einem Menschen in allen und jeden Fällen den gehörigen Grad der Menschenliebe, ja, der Empfindung des Danks, welchen er Gotte schuldig ist, zutrauen, dem eine, welchem Thier es auch sey, wilkührlich und unnöthig angethane Marter, Freude machen kan? Salomo sagt daher: der gerechte erbarmet sich seines Viehes. (a) Diese algemeine Pflichten müssen also dem Kinde jederzeit, und nie anders wie im Zusammenhange gezeiget und zu erfüllen gelehret werden. Hat es sich hierin geübet und sich daran gewöhnet, dann wird es ihm nachher leicht werden, seine besonderen Pflichten, nicht allein als Kind, sondern auch später, als Jüngling und Mann, in den verschiedenen Lagen worin es versetzet werden kan, zu erfüllen. Der durch ſeine eigne Sinnlichkeit und und böse Beispiele so leicht verführte Mensch, alſo (*) Sprüche Salom. Kap. 12. v. 10. 521 also um so viel mehr das schwächere, um so viel leichter verführte Kind, bedarf daher durchaus verschiedener Hülfsmittel, wenn es in Erfüllung seiner gesammten Pflichten fest werden, fest bleiben sol. Diese Mittel liegen entweder ausser ihm, oder in ihm selbst, und bedürfen gewißer Uebung zur gehörigen Entwicklung. Von beiden wil ich mich noch kurz mit Ihnen unterhalten. Von den ersteren sind die vornehmſten: die Kenntniß Gottes und der von ihm geoffenbarten Religion. Wie auch die Ehre und der Nutzen, ſo auf dieſer Welt aus der treuen Erfüllung der Pflichten fliesset. Jeder gutdenkende Mensch, Mein Freund! muß mit uns traurig werden, wenn er bedenkt, wie wenig, ja, ich darf kühn sagen, auf welche verkehrte Weise von den mehresten Eltern, die Religion dazu gebraucht wird, den Kindern moralische Festigkeit in ihren Gesinnungen und Handlungen, d. i. männliche, bei allen Gelegenheiten sich äussernde Tugend zu verſchaffen. Die meiſten Kinder lönnen ſich dabei von Gott keine andere Begriffe bilden, als daß er ein mächtiges Wesen ist, welches zur einzigen Beschäftigung hat, verbotene Handlungen, oder Unterlassungen zu bestrafen: und das, durch gewiße, mit bestimmten Geberden, ausgeſprochene Worte; oder durch dieſe und jene Handlungen davon abgehalten werden kan. Mit solchen Begriffen wächst das Kind auf, lernt mechanisch seinen Katechismus auswendig; folgt, aufs beſte genommen, den äuſſeren 522 ren Vorschriften der Kirche; beobachtet seine Pflichten taliter qualiter, und stirbt zuletzt mit einem betäubten, oder unruhigen Gewißen; mit gar keiner, oder einer schrecklichen Erwartung der Zukunft. Sagen Sie mir doch, wie wird es moͤglich ſeyn, daß ein ſolcher Menſch in der Aufopferung und Beobachtung seiner Pflichten, unter allen Umständen, die möglichste Festigkeit erlange? Wie sehr wird er nicht hierin zurück, und ein wankend Rohr, das ist, bei unzähligen Begegnißen ein verzagter, geängsteter und unglücklicher Mensch seyn und bleiben? Es iſt daher durchaus nothwendig, daß dem Kinde, ſo bald es nur einigermaßen ohBegriffe fassen kan, nicht Gebete, die es, ne sie zu begreifen, mechanisch auswendig lernt, sondern so viel es seine Fähigkeit gestattet, che Begriffe von Gott, und der von demſelben erschaffenen Welt beigebracht werden, aus weldaß chen es sich immer vergegenwärtigen kan, Gott nicht allein alles erschaffen, sondern auch dergestalt eingerichtet hat, daß aus allem, der erſte Endzweck, nemlich die moͤglichſte Glückſeeligkeit hervorleuchte; daß Religion zur Erreichung derselben die besten, ja einzigen Mittel angebe; und Gott vom Menſchen überhaupt nichts anders als möglichste Treue in derselben Anwendung fordere. So bald das Kind dieſen Begrif zu fassen anfängt, wird sein Herz g gen Gott, Liebe und Verehrung empfinden; und hieraus werden Vertrauen und edle Furcht, um ja nicht gegen ſeine deshalb gegebene Vorschriften 523 schriften zu handeln, entspringen; nicht weniger wird das Kind zur näheren Erkenntniß aller dieser Mittel immer mehr Lust in sich verspühren, und selbst anfachen. Suchen Sie ihm aber vor allen Dingen gleich von Anfang, so viel es solches nur fassen kan, zu zeigen, was Glück eigentlich für den Menschen ist; und daß selbiges in der Leichtigkeit zweckmäßig immer forthandeln und würken zu können, bestehe daß ferner der Menſch nach jeder boͤſen Handlung aufgehalten und von seinem wahren Zweck entfernet werde: daß dieſe Einrichtung aber auch hoͤchst weise und noͤthig gewesen, weil sonst das Boͤſe ꝺergeſtalt auf der Welt zugenommen haben würde, daß kein glückliches Zusammenleben auf derselben mehr würde möglich gewesen seyn. Gehen Sie darauf immer weiter, und zeigen ihm die eigentliche höhere christliche Moral, und die Reinheit ihrer Bewegungsgründe, nemlich nichts zu thun, um vor den Menschen gesehen zu werden. Erklären Sie ihm dieses von seinen verschiedenen Seiten und Gründen, und zwar hauptsächlich, daß an der einen Seite, nur die gute, redliche und treue Absicht, und nie das Resultat der Handlung, die glücklichen Folgen in der Nachwelt, dem Menſchen ausliefern werde: und daß ferner der Grund obiger Lehre ſchon in der Harmonie dieſer Welt ſelbſt liege; indem der Menſch, welcher anderen Menńchen in Erfüllung derſelben ſinnlichen Wünſche zu gefallen zu leben, als einen Hauptzweck anſiehet, den 524 den Zweck, sich algemein beliebt zu machen, nothwendig verfehlen muß, und nie Feſtigkeit erlangen kan; weil nicht zu läugnen ist, daß dasjenige was dem einem Menschen gefället, dem andern verhaßt ist. Die höhere christliche Moral wil hingegen, daß der Mensch sich selbst, und seinen Nächsten überal, mit Aufopferung seiner sinnlichen eitelen Vergnügungen, zu vervolkommnen stets bemüht seyn sol. Der Apostel sagt deswegen: (a) Lasset es alles geschehen zur Besserung. Und wie dieses so überal in allen und jeden Vorfällen dieses Lebens geschehen und beobachtet werden solle, darüber giebt er in seinem 2ten Br. an die Kor. dem 6ten Hauptst. einen weitläuftigen Kommentar. Zeigen Sie ihm aber auch ferner diese zwei Punkte, daß es nemlich, erstlich: nie genug seyn könne eine gute Absicht zwar gehabt, aber nicht alle Kräfte zu derselben Ausführung angewendet zu haben. Ein Fehler, in welchen sehr viele, sonst gutgesinnte empfindsame Seelen leicht fallen; und der im Grunde den Menschen noch mehr heruntersetzet, indem sodann der Mensch eine Pflicht zwar einsiehet, es aber bei dieser Erkenntniß bewenden läßt, mithin seine Schuld verdoppelt. Zeigen Sie ihm ferner, daß zweitens: die eigentliche höhere Moral die Nothwendigkeit angiebt, wie es für den Menschen nicht genug sey, seinem guten natürlichen Triebe, d. i. derjenigen, einem Menschen vor dem andern (1) 1. Br. g. d. Kor. K. 14. v. 26. 523 dern eigen seyenden Disposition, um irgend eine gewiße gute Handlung gerne zu thun, zu folgen; sondern daß es darauf ankomme, jede Lieblingsneigung aufopfern und dämpfen zu können. Gerne wird z. E. der empfindsame reiche wollüstige von seinem Ueberfluße Gutes thun; oder auch wol der stolze Geitzige nach seinem Tode, den Armen Summen auszahlen lassen, die ihm doch nichts mehr nutzen konnten, und wobei er sich das Lob vorstelt, welches man ihm dieſerhalb nach dem Tode beilegen wird. Alle dergleichen Handlungen haben im Grunde kein Härchen moralischen Werths mehr, als jedes Befolgen erlaubter Triebe; indem selbige, Folgen des Temperaments sind: es komt hier darauf an, wie der Apostel sagt: (a) das Fleisch durch des Geistes Geſchäfte zu tödten. Machen Sie überhaupt bei den Kindern die Religion zuerst, zur Angelegenheit des Herzens, und erst später zu der des Verstandes; d. i. lehren sie die Kinder mehr schön handeln, als schön sprechen. Denn, jede Lehre, die nur auf den Verstand und nicht auf's Herz würket, bringt den Menschen seiner Hauptbestimmung, der Gemeinnützigkeit höchst selten näher; entfernt ihn aber dagegen sehr oft durch Abstracktion, davon. Abstrackte Köpfe sind daher selten gefällig; sie existiren mehrentheils nur in sich; (a) Br. a. d. Röm. Kap. 8. v. 12. 526 sich; empfinden weder ihre eigne, noch anderer Menschen physische Bedürfniße dergestalt, wie der Mensch selbige fühlen muß, um mit der gehörigen Aufopferung so gemeinnützig und gefällig zu seyn, wie er solte. Diese Art von Egoismus, welche so leicht sich dabei einfindet, ist daher öfters Schuld, daß, wenn solche Menschen auch von Natur aus ein freundschaftliches, gefälliges Herz haben, sie doch nachher sehr oft, in der Ausübung von aufopfernder Freundschaft, (dieser eigentlichen wahren Freundschaft) beim leeren Wunsche stehen bleiben. Denn eben so wenig wie diejenige Barmherzigkeit sonderbaren Werth haben kan, wenn jemand eine Sache, die in seinen Augen keinen sonderlichen Werth für ihn hat, weg schenkt; so wenig kan eine solche Freundschaft wahren Werth haben, die nicht mit Aufopferung eigner Gemächlichkeiten und Liebling neigungen, dem Freunde dasjenige zu erleichtern — Sie köntrachtet, was denselben drückt. nen daher Ihren Zögling nie genug an die grosse Wahrheit erinnern, daß unser hiesiges ist: Leben im Grunde nichts wie Aufopferung wir sollen aber nie unsre würkliche Glückseeligkeit; sondern immer das geringere, das eitele ben dem wesentlichen aufopfern, und dadurch wahren Werth des letzteren immer mehr zu erkennen, und dasselbe uns eigen zu machen trachten. und Dies ist Zweck der christlichen Religion, dabei zerfält wie mir dünkt, jeder Zank, welchen Theologen und Philosophen darüber geführet 527 führet haben, ob und in wie weit die Eigenliebe, der erste Grundtrieb der Handlungen der Menschen abgebe, völlig. Gott fordert vom Menschen nichts anders, als das Beste, nach geschehener Vergleichung und Gegeneinanderhaltung gegen das Böse, zu erkennen, und zu wählen. Wie der Mensch sich hiebei verhalten ſolle, lehret die chriſtliche Religion, und zeigt den Weg, wie der Menſch auch auf dieſer Welt, in allen und jeden Fällen und Verwickelungen, immer das langdaurendste beste wählen kan und sol. Und hier zeigt sich die Religion in einer so vortreflichen, auch von Kindern leicht faslichen Harmonie nicht allein, sondern giebt auch die deutlichsten Erklärungen und Vorschriften, um die Seele von der Seite am mehreßen zu vervolkommnen, von welcher allein sie die erlangten Volkommenheiten und Vorzüge in die künftige Welt mit übernehmen wird. Wir wissen nemlich, daß wir jede Kenntniß dieser Welt nicht anders, als mittels der Würkung unsres Körpers und dessen Sinne erlangen, und bewahren können. Der vortrefliche Apostel Paulus sagt ebenfals, (a) daß nach diesem Leben beim Menschen die Weissagungen, die Sprachen und das Erkenntniß aufhören werde. Nur die Liebe, d. i. der Trieb sich und andre zu vervolkommnen, werde fortdauren. Dieſe liefert alſo von dieſer Seite das eigentliche innere selbstständige Wesen der Seele aus. Da aber (*) 1. Br. an die Kor. 13. v. 8. 528 aber nun die Einsichten und Urtheile von allen Dingen, welche die Seele zu erkennen fähig iſt, mithin auch die von derſelben Werth und Volkommenheit, sich nach den Begriffen, welche sie mittels ihrer Hülfewerkzeuge erlangen kan, richten müssen, so erhellet, daß die Liebe, d. i. der Vervolkommnungstrieb zwar in sich immer der nemliche bleibe, wenn schon der Seele andre Empfindungsorgane gegeben werden, mittels welcher sie so wol ihre eignen Vorzüge und Mängel, als die der Dinge ausser sich, wie auch die Mittel zu derselben Erlangung und Verbesserung ganz anders erkennen und wählen wird. Nur gehts hier wie überal, daß nemlich der Mensch, dieses Grundwesen seiner Seele, die Liebe, durch Uebung verstärken, mithin den eigentlichen ewigbaurenden Adel seines Ichs immer mehr veredlen kan. Wir ſehen also, daß der Mensch durch den Tod des Körpers an seiner Seele nichts weiter verliere, als das Vermoͤgen, ſich ſolche irrdiſche Begriffe von den Dingen so um ihn herum sind zu erwerben, als er jetzt mittels seiner Sinne, vom ersten Philosophen an, bis auf den letzten Bewohner der Feuerinseln, sich zu erwerben fähig ist. Ich glaube aber nicht, daß wir in jener Welt über den Verlust solcher eingeschränkten Begriffe, wenn wir uns an unsre hiesige sublunarische Gelehrsamkeit wieder werden erinnern können, Leid tragen werden, und wären es so gar alle unsre würklich demonstrirten Gesetze der Bewegungen der Körper. Denn es braucht nicht viel phi⸗ 529 Philosophie dazu um einzusehen, daß wir die Materie, und die Gesetze nach welchen sie beweget wird, ganz anders beurtheilen würden, wenn unsre Sinne noch einmal so scharf wären, oder wenn wir noch einige Sinne mehr hätten. Es ist aber genug daß der Mensch bei seiner Anlage, so viel davon erkennen kan, als er zu ſeinem Genuß des kurzen irrdiſchen Lebens bedarf. — Wie kurzſichtig handeln also die Eltern, welche bei der Erziehung ihrer Kinder auf das augenblicklich glänzende ihr Hauptziel richten, um durch ihre zu Assen gezogene Kinder eine kurze Zeit belustiget zu werden; oder sich in dem Lobe anderer, eben so kurzsichtiger Menschen, kitzeln zu können. Ehe ich dieſe Materie verlaſſe, mus ich Ihnen noch ein paar Worte über eine Aengstlichkeit verschiedener Eltern sagen, die nemlich nicht wissen wie sie ihren Kindern die ersten Begriffe vom Schöpfer beibringen sollen. Ich glaube, daß man den Kindern, wie ich auch schon vorhin gesagt habe, gleich von Anfang ganz einfältiglich weg sagen müsse, es wäre ein Wesen welches alles erschaffen hätte, und deſſen Wille wäre daß alles glücklich ſey hier erkläre man den Kindern, was Glück ſey; wie ſolches vom Menſchen und den von ihm darüber ſich gemachten Begriffen, und gehörig regierter Einbildungskraft abhange — wie aber auf jede ſchlechte Handlung böſe Folgen kommen müssen — daß dieses alles so hätte eine K gerich 630 gerichtet werden müssen, wenn der Mensch in Beobachtung seiner gesammten Pflichten seine Anlage zum Guten überal hätte nach Möglichkeit ſollen entwickeln koͤnnen. Nachher nenne man dem Kinde dieses Wesen, wie man wilNur hüte man sich, so viel moͤglich hier ein Wort zu gebrauchen, welches durch Aſſociation mit irrdischen Dingen, leicht verkleinernde, der Majestät dieses höchsten Wesens unanständig Begriffe erwecken könnte. Ich sehe keine Urſache warum man hier nicht das angenommene Wort, Gott, gleich von Anfang gebrauchen wolte Einige scheinen zuweilen dieses Wort zu scheuen; es kan aber in obiger Rücksicht, der Sache selbst ganz angemessen seyn, ohne widrige Begriffe zu erregen, und dieses mus doch die einzige Wagschaale seyn, nach welcher der Werth, oder Unwerth eines Wortes beurtheilt werden mus. Einige schämen sich vieleicht gar dieses Worts, weil es so algemein 8 brauchet wird: diese möchte ich aber dann fragen: ob es auch Schande ſey, algemeinen Menschenverstand zu haben, da man doch denselben heim ganz gemeinen Mann ebenfals bemerkt? Zur Erkenntniß und gehörigen Befolgung der algemeinen Pflichten, iſt es durchaus noͤthig, daß dem Zögling gleich von ſeiner Jugend an, die Nothwendigkeit gezeigt werde, der Obrigkeit des Landes in welchem er wohnet, zu gehorchen. Dieser Umstand ist in der That, in Rücksicht auf Festigkeit, und das baraus 531 daraus folgende Glück des Zöglings, wichtiger als man wol glaubt. — Keine Staatsverfassung auf dieser Welt kan volkommen seyn, sondern mus nothwendig mit Mängeln behaftet bleiben. Ausserdem aber kan es nicht fehlen, daß in jeder Staatsverfassung, Einrichtungen getroffen werden müssen, die zwar dem Ganzen völlig angemessen und gut, aber für manches besondre Glied des Staats mehr oder minder drükend ſind. Nun liegt 's zwar in der Natur des Menschen, daß er jeden Druck, den er empfindet, von sich abzuschütteln sucht; und dem Zögling befehlen zu wollen, daß er solches nicht thun, sondern sich überal drüken, ja unterdrüken lassen solle, würde höchst thöricht und der menſchlichen Natur und Beſtimmung völlig entgegen gehandelt seyn. Es komt also darauf an, ihn in solchen Fällen nach allen Regeln der Vernunft und Klugheit handeln zu lehren. Diese bestehen nun fürnemlich darin, daß er an der einen Seite die Beschwerlichkeit wohl einsehe, um gehörig urtheilen zu können, ob würklich das ihm begegnende unangenehme von der Art ſey, daß er ſolches, als einen für ihn ungerechten Druck ansehen könne — und Zweitens: ob er würklich hinreichende Kräfte besitze, diesen Druck abschütteln zu können; oder, ob er nicht vieleicht durch solche Bemühung, Gefahr laufen werde, den Druck von andern Seiten; oder wenigstens seine Empfindlichkeit, mithin auch sein Ungemach selbst dadurch zu vermehren. — Sie begreifen nemlich Kk 2 ohne 332 ohne Mühe, daß um in ersterem Fal richtig urtheilen zu können, man nothwendig einen gewissen Grad der Einsicht in die Staatsverfaſſung ſelbſt beſitzen müſte. Wie wenige ſind aber in dem Fal sich diese Einsicht zuzutrauen, und unterscheiden zu können, ob sie, das in der That, oder auch in ihrer Einbildung ſie drükende, als warhaften, ungerechten Druck ansehen müssen; oder, ob der Staat diese Verläugnung und Gehorsam von ihnen zu fordern nicht berechtigt sey. Viele Menschen glauben, durch verkehrte Eigenliebe geleitet, im Staat die Stütze ihrer Bemühungen zur Befriedigung ihrer Privatabſichten finden zu müſſen, und vergessen darüber dem Kaiser zu geben, was des Kaiſers iſt; ja, ſehen, şo bald lezteres von ihnen gefordert wird, solches als einen Eingrif in die algemeinen Rechte der Menſchheit an. Es bemächtigt sich sodann Misvergnügen allerlei Art ihrer Seele, und nach und nah finden sie sich in dem Fal, fast mit der ganzen Welt unzufrieden zu seyn. Es fält daher leicht in die Augen, wie ſehr ꝺergleichen Lage der Festigkeit schaden, und eine Leidenschaft nach der andern rege machen müsse. Dieses mus aber um so mehr eintreffen, wenn die zweite Ertregung verabsäumet wird; ob nemlich bei würklich erkanntem ungerechten Druck, derſelbe von der Art ſey, daß man ſich ꝺavon los machen könne; oder, ob man nicht vieleicht Gefar laufe, unter vergeblicher Bemähung sich davon zu befreien, seine Empfindlichkeit, mithin die Empfin 533 Pfindung des Uebels selbst, nur noch um ein vieles zu vermehren. Nirgend findet wol die bekannte und sehr alte Klugheitsregel, daß man nemlich den Stein, welchen man nicht heben kau, müsse liegen lassen, mehr statt als hier: denn, wo ist bei den mehresten der heutigen Staatsverfassungen, wol weniger Gleichgewicht, als zwiſchen dem Oberhaupte des Staats, und einem einzelnen untergeordneten Gliede desselben? Mit Gewalt läst sich also hier gar keine Hülse gedenken; sondern Unterwerfung und Verläugnung im gehörigen Grade zu erlangen, mus ſodann das Hauptbeſtreben jedes klugen Menschen, der solchem Druck nicht entgehen kan, abgeben. Denn, da durch die Einbildungskraft jede neue Vergegenwärtigung des Uebels, folglich auch jeder vergebliche Wunsch von demselben befreiet zu werden, die Empfindung desselben nur lebhafter macht; so steiget mit lezterer, in gleichem Grade die Verblendung, und mit selbiger die Gefar verführt zu werden, bei zugenommener Leidenschaft dergleichen Mittel zu wählen, welche nicht allein der Moralität, sondern der glücklichen physischen Existenz den grösten Druck geben können. Höchst weise sind deshalben die Vorschriften, welche die Religion von dieſer Seite den Menschen giebt, kraft deren sie gehalten seyn sollen, ihren Herren, deren Herrschaft sie sich rechtmäßig nicht entziehen können; und zwar nach dem ausdrüklichen und auf verschiedene angeführte Gründe ruhenden Gebot des Apostels 534 stels Petrus, (a) nicht allein denjenigen, die nach Wunsch regieren, den gütigen und gelinden; sondern auch den wunderlichen zu gehorchen. Dergleichen an Präcision und Deutlichkeit sich auszeichnende Vorschriften, hat der Apostel Paulus, in verschiedenen Briefen, den zu seiner Zeit unter der heidniſchen Obrigkeit wohnenden Christen gegeben: (b). weshalben ich nicht anders kan, als Ihnen rathen, derſelben Innhalt auch von dieser Seite Ihren Zöglingen, ehe ſie ſich ſelbſt uͤberlaſſen in die Welt treten, wohl bekannt zu machen, und zu erläutern. Sie werden dadurch bei Ihrem Zögling den doppelten Vortheil erhalten, daß die Vorschriften selbst für desto ehrwürdiger halten, mithin derselben Befolgung ihm leichter werden wird; ausserdem aber wird die Religion nach gehörig vorhergegangener Erläuterung, unmittelbar an Ansehen bei ihm gewinnen. — Ueberhaupt glaube ich dieses zu unsrer Zeit um so nothwendiger, da nemlich unverdauten und dem, der zusammenleben sollenden Menschen, Glück so wenig angemessenen Begriffe von Freiheit, hier und da den Kindern mit der ersten Muttermilch eingefloͤsset werden. In der groſſen Welt iſt dieſes um ſo mehr (2) 1. Br. Petr. Kap. 2 v. 18. (b) Z. E. Br. a. d. Röm. Kap. 13. v. 1.7. Br. a. d. Ephes. Kap. 6. v. 5—9. a. d. Kol. Kap. 3 v. (22 — 25. an Titum Kap. 3. v. 1. 2. Und in Betref der Pflichten für das Zusammenleben, im 2. Br. a. d. Korinth. Kap. 6. v. 1.—10. 535 mehr zu beobachten, indem die allerwichtigsten Folgen für die geſamte Feſtigkeit und das Glück des Zöglings daraus entſpringen können. Denn, flösset man hier dem Zögling von seiner Jugend auf, allen möglichen Haß gegen jeden Despotismus ein, so müssen verschiedene schiese Seiten daraus entspringen. Obschon ich freilich hier dem Zögling, das schädliche und verhaßte, welches aus den wilkuͤhrlichen, auf verkehrte Lüste eines ungerechten Despoten ruhenden Handlungen nothwendig entspringen mus, mit lebhaften Farben zu schildern mich bemühen würde; so würde ich mich doch auch an der anderen Seite noch mehr hüten, bei demselben gegen diejenige Regierungsform, unter welcher zu leben es seine Bestimmung scheint, Unzufriedenheit, oder wol gar Tadelſucht zu erwecken. Es mus ja sodann nachher demselben einmal so hart fallen sich zu biegen: und komt er gar in den Fal, daß er des Beistandes des, oder der Regenten, zu seinem Glück, oder standesmäßigen Auskommen bedarf, dann mus der heftigste Widerspruch in demselben stets rege gemacht, und es alle Augenblicke angesetzet werden, gegen seine Grundsätze zu handeln. Geschieht dieses aber nur einmal mit Bewußtseyn in einem Stück, dann ist die Festigkeit nicht allein von dieser Seite verlohren; sondern sie ist für die andre Seiten in grosser Gefahr. Wie viele schiefen Tritte wird also nun der, unter solcher Erziehung groß gewordene Mann nicht machen? Hat gar derſel⸗ 536 be einen heftigen Karakter, und findet einen ihm sodann unerträglichen Widerstand, so kan es seyn, daß man einen unglücklichen Katilina daraus gebildet hat. Schrecklich können die Folgen davon seyn. Und in der That wäre diese Erziehungsart für solche, die mit einem ungerechten und grausamen Despoten leben solten, ganz zweckwidrig; da lezterer gewiß dadurch nicht in der Ausführung seines Willens sich würde stören lassen. Denn, wenn je ein Weg iſt, Große der Welt von Ausführung ſchädlicher Plane zurükzubringen, dann iſt es der, auf welchem der Große Sülly fast immer so glücklich war, seinen zwar Großen, aber heftigen König Heinrich den vierten, nach seinem Wunsche zu lenken. Er zeigte sich nemlich seinem Könige bei jeder Gelegenheit, als ben rechtschaffensten, für seinen König jeder Aufopferung fähigen; aber auch als einen ganz freimüthigen, ehrlichen und festen Mann. Er verkaufte bekanntermaßen, da es dem Könige an Geld zu gebrechen anfieng, seine beträchtlichen Waldungen, und brachte demſelben das daraus gezogene Geld, um den Krieg fortsetzen zu können. Aber eben dieser Sülly hatte, da der König in die Marquiſin von Verneuil verliebt worden war, ihr die Ehe versprochen hatte, und im Begrif stand den Ehekontrackt derselben zu überreichen; jedoch solchen vorher ihm zur Durchsicht gab, Herz und Muth genug, nicht allein den Ehekontrackt in Gegenwart des Königs zu zerreissen; sondern selbst, da der König ihn darauf 537 darauf im grösten Zorn und mit Ungestüm fragte, ob er närrisch geworden wäre; doch noch alle Festigkeit, um dem Könige zu antworten: Wolte Gott! ich wäre der einzige in Frankreich, dem dieses wiederfahren! (Plut à Dieu, que je le fusse tout seul en france!) So viel darf ein ehrlicher und uneigennütziger Mann wagen, und iſt der Erreichung ſeines Zwecks, bei übrigens Gut denkenden Herren ſicher, ſo bald er nur die Einkleidung, zuſelge den Regeln der Klugheit, dem Karakter des Herren anzumessen weis, als welches Sülly so meisterhaft zu thun verstand. Wie leicht wird es bei solchen und anderen Betrachtungen, dem Kinde den Nutzen so aus der Erfüllung seiner Pflichten für ihn fließen wird, einleuchtend darzustellen? obzwar nun freilich von dieser Seite die Religion überal den Vorzug behält, indem man sicher behaupten kan, daß die von der rechten Seite eingesehene und angenommene christliche Religion, auch selbst da, wo der algemeine Zweck zur Ausbildung völlig mangelt, nicht allein manchen Menschen vor dem völligen Ausarten bewahret; sondern ihm auch überal zur möglichst besten Ausbildung unentbehrlich ist; so sind doch an der anderen Seite auch schon in dieſem Leben Bewegungsgründe genug dazu zu finden. Nehmen Sie, um nur ganz weniges hierüber anzuführen, z. E. die Beruhigung, welche jeder gute Menſch, nach volbrachten 533 ten Pflichten empfindet; und dagegen die Unruhe, welche jeden saumseeligen, wegen Furcht der Strafe verfolgt. Ersterer darf allen schlechtdenkenden Menschen unter die Augen treten; ſie bei jeder Verläumdung ohne Furcht zum Widerruf zwingen: wohingegen der andere durch allerlei Ränke, verdächtige Mittel und niedrig erbettelte, ihn bei der vernünftigen Welt nur desto mehr brandmarkende Zeugnisse, mit aller Aengstlichkeit der Strafe zu entgehen, sich bemühen, und deswegen im Herzen immer unstät und flüchtig seyn mus. Wer ferner in seinen öffentlichen und Privatpflichten treu iſt, kan ſicher auf den Beiſtand hoher und niedriger, so bald sich Bedürfniße für ihn aufthun, Rechnung machen. Ein ſolcher findet gewiß bald Leute, die sich seiner annehmen, wenn er nur nicht durch irrige Begriffe geleitet, sich selbst den Weg zur Befriedigung versperret. Ausserdem fließt aus dem treuen Bestreben, seine Pflichten zu erfüllen, noch der überaus wichtige Nuzen, daß dadurch der Mensch sich am gewissesten vor den zwei Hauptfeinden des menschlichen Glückes, ich meine Stoltz und Sicherheit bewahret. Es braucht hier gewiß keiner Ausführung, um Ihnen zu gen, daß jeder stoltze Mensch am allerwenigsten zu seinem Zweck und zur Zufriedenheit gelanget — hingegen jeder sichere Mensch nothwendig bald fallen, und ſein Glück vernichten müsse. Denn, wenn der Mensch gelehret wird, seine Pflichten, so wie es sich gehöret zu volbrin= 539 bringen, dann wird er stets in frischer Erinnerung behalten, daß er sich nicht dabei beruhigen könne, noch dürfe, wenn er sein Bestreben und seine Thätigkeit zur Erfüllung seiner gesamten Pflichten, nur nach dem Bestreben und der Thätigkeit seines Nebenmenschen abmiset. Denn so wenig als der Mensch, in der Befriedigung seiner physischen Bedürfniße, sich nach anderen Menschen, sondern nach seinem eignen unverdorbenem Gefühl richten sol; eben so wenig ſol er die Anwendung ſeiner Kräfte, nach der Erkenntniß, wie ein anderer die seinigen anwendet, beurtheilen und lenken. Hier ist alles eben so relativ. Jeder hat nemlich seine besonderen Kräfte, sein eigen Talent empfangen ausserdem hat jeder seine besondere Modification der algemeinen, oder besonderen Bewegungsgründe so wol, als auch der besonderen Richtung seines Bestrebens, kraft welcher ein Mensch von dieser, und der andere von jener Seite, Vorzüge haben kan und haben sol. Und da ausserdem der Mensch zwar auf das möglichste Erreichen des vorgesetzten Zwecks, alle seine Kräfte richten mus, so kan doch die Erreichung desselben, durch unzählige unentdeckte Umstände vereitelt werden; mithin kan kein Mensch vom anderen wissen, ob seine Absicht gut, und mit moͤglichſter Treue, in Anwendung ſeiner Kräfte, verpaart geweſen: kan er aber dieses nicht, so fält jedes Urtheil, mithin auch jede Vergleichung damit weg. So bald der Menſch dieſes einmal begreift, ſieht er ganz über 540 überzeugend ein, daß kein Heil für ihn aus der Beurtheilung anderer Menschen entspringen kan, in so fern er solches, um seinen eignen, oder anderer Menschen inneren Werth zu bestimmen, versuchen wil. Und an der anderen Seite fühlt er dabei lebhaft, wie sehr er immer auf seiner Huth seyn und bleiben mus, um nicht in Erfüllung ein oder anderer Pflicht läßig zu werden; und daß er bei seinen Mängeln hauptsächlich die Folgen nicht gehörig aufgeklärter Begriffe und fürnemlich seiner Temperamentsfehler nicht verhüten könne, öfters zu stranchlen; ja, daß der Mensch in die Nothwendigkeit gesetzet werden könne, zwischen zweien anscheinenden, und nicht zu verbinden möglichen Pflichten zuweilen eine nur erfüllen zu können; und die andere unbefolgt zu lassen; es mithin sodann nicht zu verhüten sey, daß eine solche Unterlassung, bei nicht gehoͤrig unterrichteten Menschen, anstößig scheinen müsse. Bei diesen Empfindungen, Mein Freund! kan wol kein Schatten von Stoltz, noch Sicherheit mehr übrig bleiben; sondern die entdeckten Mängel und Fehler des Nächsten, werden den Menschen vielmehr zur Demuth und Mitleiden ansetzen. Er wird seine eigne moralische Schwäche so wol, als die der anderen Menschen, eben so ansehen, als er die physischen Krankheiten anſiehet, nemlich als Mängel, die kein Mensch dem anderen vorwerfen sol, noch mit einiger Schicklichkeit vorwerfen kan; sondern bei deren Entdeckung, er sich zwar aufs möglichste 541 lichste für Ansteckung hüten: dagegen aber auch Kraft der algemeinen Menschenliebe gehalten ist, bei jedem seiner Nebenmenschen, durch getreue Anstrengung gesamter Kräfte, das Uebel so wol, als die daraus würklich schon entsprungenen bösen Folgen zu heben, und denen daraus noch entstehen könnenden, vorzukommen; übrigens aber nichts sodann auf dieser Welt zu fürchten: sodann heißt es mit allem Recht, impavidum, ferient ruinae. Wenn 's Ihnen gelinget dieses Ihren Zöglingen gehoͤrig einzuprägen, dann ſind Sie der glücklichste Menſch; Denn Sie ſchenken in dem Fal der Welt eben so viele Engel, von deren Betragen auch Sie, die seeligsten Folgen für sich selbst einerndten werden. Ich bin rc. Drei ⸸ ⛪ Drei und dreißigſter Brief. Ich werde Sie, Mein Beſter! in dieſem Briefe von denen im Menschen selbst liegenden Mitteln unterhalten, deren er sich, um in der Ausübung seiner Pflichten treu und fest zu seyn, bedienen kan. Da derselben möglichst glückliche Anwendung, für einen großen Theil, in ihrer, schon in der Jugend durch Uebung erlangten Entwicklung liegt, so brauche ich nichts von der Wichtigkeit dieser Materie bei der Erziehung vorauszuſchicken. Hiebei ist nun zuvörderst eine Hauptsache, dem Zoͤgling nicht allein einen Abscheu vor allen Vorurtheilen, und dagegen ein unwiderstehliches Bestreben nach deutlichen Begriffen einzuflößen; sondern auch solche Begriffe jederzeit, so viel es nur immer möglich ist, in der gehoͤrigen Lebhaftigkeit zu erhalten. Denn jede unrichtige Kenntniß einer Pflicht, mus nothwendig der daraus fließenden Würksamkeit eine schiefe Richtung geben. Aus dieser Ursache, mus man den Zögling frühe dazu gewöhnen, nie in seinen erkannten Pflichten so wol, als auch in denen, deren Umkreiß ihm noch nicht gehö= 543 gehörig bekannt ist, sich bei fremdem Lobe zu beruhigen; sondern solches vielmehr für das, was es mehrentheils ist, für Schmeichelei zu halten, wovon das Herz nichts weis, und welche diejenigen, so derselben ihre Ohren öfnen, sehr leicht in Sicherheit und eigne Herabwürdigung stürtzen kan. Es ist um so leichter, den Zögling hiervon zu überführen, da man ihm anschaulich zeigen kan, daß es mehrentheils keine sonderliche Mühe koste, die niedrigen Absichten desjenigen, der einen auf solche Art ins Geſicht lobt, zu entdecken. Von dieſer Seite sol daher der Mensch nicht anders sich beruhigen, als wenn ſein eignes Gewißen ihm das Zeugniß giebt, daß er seine Pflichten nach Möglichkeit erfült habe. Erst alsdann gelangt er zu einiger Festigkeit, welche um so schätzbarer ist, weil derjenige Mensch, welcher sich hauptsächlich nach fremdem Lobe richtet, mehrentheils in den eigentlichen edelsten guten Handlungen, nemlich in denen, so im verborgenen geschehen, ganz müßig zurükbleibt, weil ihm hier der Reitz zur Handlung, nemlich der Bewegungsgrund mangelt; denn nach und nach gewöhnt sich sodann ein solcher Mensch nichts anders zu thun, als wovon er sich das Lob der anderen Menschen glaubt versprechen zu können. Und ist er einmal bis an diesen Punkt gekommen, dann hat er sich schon einem zweiten weit fürchterlicheren sehr genähert; nemlich demjenigen, daß er viel eher dem Reitze zu jeder bösen Handlung, wovon er sich glaubt ver 544 versprechen zu können, daß sie verborgen bleibe, nachgeben wird. Hier komt es aber ferner auf treue Untersuchung seiner selbst an; ob man nicht allein den völligen Umfang seiner Pflichten deutlich eingesehen; sondern auch mit der nöthigen Aufopferung, aus allen Kräften dieselben zu erfällen, redlich bemühet gewesen. Es kan also hierbei gar keine Reservatio mentalis mehr gelten; sondern jeder redliche Mensch mus selbige verabſchenen; indem er leicht einſieht, daß ſo bald ein Menſch dahin komt, bei der Ausübung seiner Pflichten, welche es auch sey, mit einer solchen Reservation sich beruhigen zu können, derselbe schon würklich den nöthigen Grad der moralischen Empfindlichkeit um ein merkliches müsse verlohren haben. Er wird Gotte, sich selbst, und seinem Nebenmenschen untren, so oft seine Sinnlichkeit in ihm falsche Reitze erreget; und im Grunde sind doch dergleichen Reservationen nichts als Bemühungen, durch falſche Vorſpiegelungen, das Gewißen ge gen alle Vorwürfe fühllos zu machen. Hier ertheilt uns die Religion abermals die beſten Vorschriften und das untadelhafeste Muster, indem sie den Menschen gebeut, Nachfolger Jesu zu seyn; d. i., die nemliche Bahn zu betreten, auf welcher er vorgegangen ist. Und die Bahn, die Jesus gieng, war ein beständiges Bestreben, die menschliche Glückseeligkeit, im eigentlichen Verstand und ohne Ausnahme der 545 der Person, mit völligster Aufopfung seiner selbst zu befördern. Einer seiner Freunde beſchreibt uns dieſes Beſtreben in wenigen Worten: Er ist umhergezogen, und hat wohl gethan. Ein überaus kräftiges Mittel, zur Festigkeit in der Ausübung der gesammten Pflichten zu gelangen, ist die gehörige Stimmung der moraliſchen Empfindlichkeit; oder, wie ſie mehrentheils genannt wird, der Empfindsamkeit. Da ich an diesem Orte die Empfindsamkeit eigentlich nur in pädagogischer Hinsicht betrachte, so verstehe ich durch derselben gehörige Stimmung, diejenige Eigenschaft des Menschen, vermöge welcher, die von ihm bemerkten eignen wahren Bedürfniße, oder die, worinn sich andre befinden, eine Veränderung in seiner Seele hervorbringen, kraft welcher der Mensch angesetzet wird, mit völligstem Gebrauche seiner Vernunft, alle möglichen Mittel, zur regelmäßigen Befriedigung obgedachter Bedürfniße, aus eignem Drang, mit aller Treue, in der That und ohne Verzug anzuwenden. Hierin liegt also, wie Sie sehen, der Grund von jeder moralischen Würksamkeit. Auch gelten hiebei die mehreſten Geſetze, wornach die Reitzbarkeit des lebenden menschlichen Körpers bestimt werden mus. Es komt nemlich darauf hauptsächlich an, daß zwar der Mensch von gewissen auf seine Seele würkenden Objekten jederzeit gerühret werde; daß aber jedes besondere Objekt, auch eine, von ſeiner Würkung L 1 ab 546 abhangende eigne besondere Veränderung her vorbringe, und diese Veränderung nicht schwächer und nicht stärker sey, als erfordert wird, um den Willen des Menſchen in die gehoͤrige lebhafte Bewegung; mithin den Menſchen ſelbſt in die gehörige, und zweckmäßige Würksamkeit zu setzen. Hiezu gehöret also die nemliche Harmonie zwischen den reitzenden Objekten so wol, als den der Empfindung fähigen Theilen; als auch der harmonischen Empfindlichkeit dieser Theile unter sich, wie ich Ihnen im 19ten Br. zeigte, daß zur gehörigen Reitzbarkeit des menschlichen Körpers und dessen Fasern erfordert werde. Wie irrig handeln also diejenigen Erzieher, welche glauben, alsdann ihre Zöglinge zu den würdigsten Menschen zu bilden, wenn sie, ohne Rücksicht auf Harmonie der Kräfte, diese Empfindsamkeit nur auf alle ersinnliche Weise zu erhöhen suchen. Eben so wenig als derjenige Mensch physische Kräfte gehörig entwickeln und anwenden wird, dessen Muskelfaſern, entweder von einzelnen Muskeln; oder im algemeinen von den mehresten des Körpers, in dem Grade reitzbar geworden sind, daß selbige nach einem geringen angebrachten Reitze sich in Zuckungen zusammenziehen; eben so wenig wird einer im moralischen, zweckmäßig würksam und nützlich seyn können, wenn seine Empfindsamkeit durch Erziehung disharmonisch hoch gestimmet worden, oder vieleicht unglücklicher Weise, vermöge eigner Disposition, von Natur schon Diegeſtimmt iſt. 547 Diese gehörig gestimte Empfindsamkeit stützet sich also auf deutlich erkannte Grundsätze der Vernunft, und harmonirt in ihrer Würksamkeit, mit der Natur des Menschen so wol, als mit der Natur und Bestimmung andrer Dinge. Der empfindsame würkt daher aus innerem, auf der Erkenntniß seiner Pflichten zugleich ruhendem Drang, und zwar nicht mehr und nicht weniger, als er glaubt würken zu müssen, um sich selbst, durch Befriedigung eigner oder fremder Bedürfniße, genug zu thun. Man entdeckt daher in ihm den von allen Seiten thätigen Mann, der weniger öffentlich; als im verborgnen würksam ist; indem er stets auf der einen Seite, innere Bewegungsgründe dazu in sich fühlt; und auf der andern, seine Thätigkeit vor den Menschen zu verbergen trachtet; weil er theils derselben keinen besondern Werth beilegt, sondern sie als eignes Bedürfniß ansieht; und theils auch sich selbst von dieser Seite nicht leicht befriedigt, sondern immer wünschet, mehr thun zu können; folglich auf diesem Wege den Beifall andrer Menschen zu verdienen und zu erlangen, wenige Hofnung hat. — Und da dem, also glücklich gestimten empfindsamen Menschen, überal neue Zufälle aufstoßen, bei denen er sieht, daß seine Einsichten und Kräfte nicht hinreichen, die ihm nöthig scheinende Hülfe und Befriedigung zu verschaffen; so ist in allen solchen Fällen gleichsam ein neuer Sporn für ihn, seine physischen und moralischen Kräfte insgesammt immer mehr L 1•2 auch 541 auszubilden, um überal bis auf den möglichsten Grad helfen zu können. Aus diesem Grunde wächset ferner bei dem gehörig empfindsamen, mit jedem neuen Drucke, mit jeder Noth und Gefahr, das Bestreben, aus allen Kräften das Uebel auf die bestmöglichste Weise, folglich mit Ueberlegung und kaltem Blute zu bestreiten. Lezteres, Mein Freund! ist wol das untrüglichste Zeichen der gehörig gestimten Empfindsamkeit und Seelenkraft; denn, wie kan der Mensch sich, oder andern helfen, wenn er das Vermoͤgen, seinen Verstand in Ueberlegung und Bestimmung auf die besten Mittel zu benutzen, verlohren hat? Ein auf solche Art empfindsamer Menſch giebt ſich auch dadurch gleich zu erkennen, daß er, ohne sich einige Gewalt anzuthun, seine sinnlichen Lieblingsneigungen, zum Theil oder ganz, aufopfert, so bald er glaubt, dadurch einem ſeiner Nebengeſchöpfe Freude zu machen. Denn, da der Trieb Glückseeligkeit und Zufriedenheit um sich her zu verbreiten, moralisches, mithin wahres Seelenbedürfnis bei ihm iſt; jedes Seelenbedürfniß aber, als eine viel heftigere Empfindung, das Gefühl der sinnlichen Begierden und selbst der sinnlichen Bedürfniße verhältnißmäßig unterdrückt; ſo kan es ja unmöglich anders ſeyn, als daß ein solcher glücklich gestimter Mensch seinem stärksten Hange folget, und dasjenige thut, was ihm ſelbſt die angenehmſte Empfindung verschaft. Wie Wonnevol ist ein solches Leben, Mein Freund! In ihm ist immer neues Bedürf 549 dürfniß, aber auch immer neue Befriedigung; und es hat noch dieses zum Voraus, daß nicht, wie bei sinnlichem Genuße, nach der Sättigung das Organ für eine Zeitlang stumpf wird; sondern bei jeder Befriedigung werden die Freuden lebhafter, und mit ihnen lebhafter und unwiderstehlicher die Reitze zur Wiederholung. Wie seelig ist also die Bemühung, dieſes den Kindern, nach Maasgabe der Entwicklung ihrer Verstandeskräfte, begreiflich und anschaulich zu machen! Daß der Erzieher hiezu ganz erstaunlich viel beitragen könne, ist schlechterdings nicht zu läugnen: Denn es komt hier, wie überal zufolge der Natur des Menschen, auf deutliche Begriffe und die darauf ruhenden Bewegungsgründe, auf Uebung an. Ich mus Sie daher bitten, diejenige Empfindsamkeit, welche blos Folge des Temperaments ist, und mehrentheils, wenigstens sehr leicht, in, die Menschheit entehrende, Empfindelei ausartet, mit dieser eigentlichen, wahrhaftig wohlthätigen nicht zu verwechseln. Diese ist Folge und Beweiß von wahrer Seelenkraft; jene liegt gröstentheils im Bau des Körpers; hat also keinen moralischen Werth, und pflegt die Erlangung oder Erhöhung der Seelenfeſtigkeit, dieses eigentlichen daurenden Seelenadels, eher zu hindern, als zu fördern. So herrlich nun eine dermaßen gestimmte Empfindsamkeit ist, und so viel sie zu dem glücklichen Zuſammenleben der Menſchen beiträgt, 550 trägt, so nachtbeilig und entehrend sind hingegen ihre dicharmonischen, unordentlichen Stimmungen. Da leztere zum widernatürlichen Zustande des Menschen, folglich zu dessen moralischer Pathologie gehören, so erlaubt, der Ihnen mehrmals erklärte Zweck dieser Briefe mir keine weitläuftige Zergliederung hiervon, als von widernatürlichen Umständen, in deren Detail ich mich gar nicht einlassen darf. Ich begnüge mich, Ihnen die Hauptausartungen derselben, in so fern diese bei der Erziehung zu wissen und zu erkennen nöthig sind, kürzlich anzuzeigen. Die Empfindsamkeit der Seele kan nemlich im ganzen zu schwach, oder zu stark seyn; oder eines von beiden nur von einer, oder mehreren Seiten; folglich disharmonisch. Im ersten Fal haben wir das, was man Fühllosigkeit nennet, aus welcher die für jedes Zusammenleben schädlichste Lieblosigkeit und Pflichtvergessenheit nothwendiger Weise unmittelbar folget. Diese kan entweder im Temperament ihren Sitz haben; oder durch verkehrtes moralisches Verhalten entstanden seyn, in welchem lezteren Fal dieser Fehler, Verstockung heißt, und bei der Jugend selten anders, als nach vorhergegangener naturwidriger und unvernünftiger Erziehung beobachtet wird. Hier komt es blos darauf an, mit Geduld das Kind aufzuklären, und ihm solche Bewegungsgründe beizubringen, welche nach und nach die gelähm 551 ten und gleichsam erstorbenen moralischen Seiten reitzen und wieder in Würksamkeit setzen. Liegt aber die Ursache dieser moralischen Lähmung in der Zusammensetzung des Menschen selbst, alsdann ist leider nicht so viele Hofnung, und die Auswahl der Mittel viel beschwerlicher. Was die Kunst dennoch zuweilen auch hier vermöge, das erstreckt sich weiter als meine Schranken gehen. Bei unsrer jetzigen Modeerziehung, und der durch Weichlichkeit und gestiegenen Luxus algemeineren Schwäche, kan es aber nicht fehlen, daß die Empfindsamkeit bei sehr vielen übertrieben, und in die schädliche Empfindelei ausgeartet angetroffen wird. Diese Empfindelei ist nun entweder natürlich, und entsteht sodann aus einer eigenthümlichen Schwäche des individuellen Menschen, oder ist erkünstelt, und entspringt aus unrichtigen Begriffen; oder niedrigen, auch wol gar abscheulichen Beweggründen. Da dieser moralische Fehler nicht allein in der vor einigen Jahren so algemein epidemisch eingerissenen, und seit kurzem so viel bestrittenen affecktirten übertriebenen Empfindsamkeit liegt, sondern von einem weit grösseren Umfange ist, zu dessen Verhütung bei der Erziehung manche Sorgfalt angewendet werden mus, ſo mus ich mich hierüber etwas weitläuftiger erklären, um so viel es mir möglich seyn wird Sie in den Fal zu setzen, jeden besonderen Fal bei Ihren Zöglingen nachher desto deut 352 deutlicher bestimmen zu können. Ich verstehe nemlich durch Empfindelei, jede übertriebene disharmonische Empfindsamkeit, folglich auch ebenmäßige Stimmung derselben. Die Ursache dieſer Disharmonie kan nun beim natürlichen und ungekünstelten Menschen keine andere, als Schwäche, und zwar entweder eine algemeine, oder besondere zum Grunde haben, nachdem nemlich der Mensch entweder im Ganzen, oder nur von gewissen Setten von besonderen Gegenständen auf eine Art gerühret wird, die ihn zu unnützen oder unordentlichen Empfindungen, Wünschen oder gar Handlungen verleitet. Denn eben so wie im physischen, jede widernatürliche und unordentliche Reitzbarkeit ganz unwidersprechlich eine Verminderung der Lebenskraft zum Grunde hat; eben so gewiß ist jede wibernatürliche und unordentliche Empfindsamkeit, wahrhafte Seelenschwäche. Es ist daher äusserst kurzsichtig gedacht, wenn man irgend eine solche erhöhete disharmonische Empfindsamkeit bei einem Menschen als einen Vorzug betrachtet, oder wol gar in demselben zu erwecken ſuchet. Der alweise Schöpfer gab zwar dem Menschen die Empfindsamkeit, um seine moralischen Bedürfniße selbst empfinden zu können; eben so wie er im physischen ihm die Reitzbarkeit und Empfindlichkeit ſchenkte, um ſeine phyſiſchen Bebürfniße zu fühlen. Es ist aber doch ein himmelweiter Unterschied zwischen der Art und Weise 553 Weise, wie auch dem Vermögen, um die physischen Bedürfniße selbst empfinden zu können, und der Art und Weise so wol, als auch dem Vermögen die moraliſchen Bedürfniße zu empfinden. Erstere lehrt allein die Natur uns ſelbſt auf eine untrügliche Weiſe, wie Sie aus meinen vorigen Briefen wissen, in dem noch unverdorbenen Instinkt, und können wir darin von keinem andern Menschen uns vorempfinden noch belehren lassen. Hiezu brauchen wir also keine Mühe noch Uebung, sondern wir bekommen Hunger und Durſt, ohne unſer Bemühen; nur müssen wir allein dabei sorgen, daß wir diese Empfindung nicht durch sinnliche Triebe unordentlich machen. — Bei den moralischen Bedürfnißen geht's aber ganz anders. Um diese gehörig empfinden zu können, dazu gehöret Aufklärung und Uebung. Wenn nemlich hier der Mensch nicht durch eignes Bestreben, Aufklärung und deutliche Begriffe zu erlangen ſucht, kan er auch nicht zur richtigen Empfindung seiner moralischen Bedürfniße gelangen. Ausserdem braucht er hier ganz nothwendig fremder Hülfe und Leitung, indem er aus sich allein nicht den dazu gehörigen Grad der Aufklärung erlangen kan, sondern der Erfahrungen, welche er im menſchlichen Zuſammenleben macht, der aus selbigen zu ziehenden Schluße, und selbst höherer Lehren bedarf. Wenigstens kan er ohne diesen, keine deutliche Begriffe von seinen moralischen Bedürfnißen erlangen, sondern mus bei dem dunkeln und traurigen Gefühl 554 fühl eines verspührten nicht gehörig erkannten, und daher auch nicht gründlich zu hebenden Mangels, stehen bleiben. Dies ist nicht allein der Fal bei gewissen einzelnen moralischen Bedürfnißen, sondern es trift solches bei allen und jeden ein. Jeder irrende Mensch bedarf Zurechtweisung, und jeder geängstete, oder auch der, in Ungewisheit und Gefühl der ihm mangelnden Kenntniß sich fühlende, sehnt sich nach fremden Rath und Unterricht. Dies ist so wahr, daß dieses Sehnen nach Hülfe und Aufklärung, den ersten Grad des moralischen Empfindens ausmacht. Da also der Mensch schon zur gehörigen Kenntniß seiner moralischen Bedürfniße, fremder Hülfe bedarf; es auch ferner nicht zu läugnen ist, daß wenn er schon seine physischen Bedürfniße aus eigner Kraft und Instinkt allein fühlen kan und sol, er doch ohne fremdes Zuthun, lezterer hinreichende Befriedigung nicht wohl erlangen könne, so sehen Sie jezt die Nothwendigkeit ein, warum der Mensch so beschaffen seyn muste, daß ihm die Bedürfniße seiner Mitmenschen nicht allein aufsloßen; sondern jede Bemerkung derselben, in ihm den Trieb erregen solte, alles was von ihm zur möglichsten Erkenntniß und Befriedigung derselben beizutragen möglich wäre, als eignes Bedürfniß anzusehen, und auf diese Art aus moralischem Instinkt, wenn ich mich f ausdrücken darf, das Gesetz der Liebe zu erfüllen, und in gegenseitiger Wärme gemeinschaftlich untereinander zu erhalten, und immer 555 mer aufs neue anzufeuren. Glauben Sie aber ja nicht, daß ich hiermit behaupte, der Mensch solle sich im Gefühl seiner moralischen Bedürfniße und der daraus entstehenden Triebe, fremder Leitung übergeben und sich darauf verlassen. Dies wäre die gröste und schädlichste Ketzerei, die mit der Natur und Bestimmung des Menschen in dem auffallendsten Widerspruche stünde. Der Mensch sol als ein moralisch würksames Wesen betrachtet, alles prüfen, und das Güte behalten. Ersteres kan er aber ohne vorhergegangene Aufklärung nicht thun; und hinreichende Aufklärung kan er ohne fremde Hülfe nicht erlangen. Es komt also darauf hinaus: empfinden kan und sol zwar der Mensch allein, ohne Hülfe eines anderen Menschen; aber gehörig bestimt empfinden, alle empfundene Bedürfniße in ihr gehöriges Licht stellen, ihren Werth und Unwerth, und die beste Art ihrer Befriedigung kennen lernen: dies alles sol der Mensch durch Aufklärung und Uebung. Hierin unterscheidet sich also merklich Gefühl und Befriedigung der thierischen Bedürfniße, vom Gefühl und Befriedigung der moralischen. Zu den lezten braucht der Mensch Aufklärung des Verstandes, und Uebung ſeiner Vernunft. Dieses alles war deswegen bei dem Menschen von der äussersten Nothwendigkeit, weil er an der einen Seite, seine geistigen Bedürfnisse nicht so wohl durch sinnliche, mithin eigne Empfindungen erkennen und bestimmen konnte; und doch an der anderen Seite durchaus 556 aus die Fähigkeit haben muste, seiner Bedürfniße Werth oder Unwerth einzuſehen, d. i. die echten, geistigen, von den falschen und unechten gehörig zu unterscheiden. Denn wer sich einbildet, daß die moralischen Bedürfniße für alle und jede Menschen die nemlichen sind, der ist vom Wege der Natur weit entfernt. Diese sind, eben so wol, als die physischen Bedürfniße, völlig relativ; dergeſtalt, daß was für einen Menschen Bedürfniß ist, für den anderen schädlicher Ueberfluß seyn kan. Ist aber dieses wahr; und ich sehe nicht, wie man es läugnen wil; so fält die Wichtigkeit, es bei der Erziehung gehörig zu beherzigen und anzuwenden, jedem in die Augen. Denn eben diese gänzlich vernachläßigte, oder unzureichende Untersuchung des beständigen, oder blos relativen Werths anscheinender und würklicher Bedärfniße, unsrer selbst oder andrer, ist eine Hauptquelle der so genannten Empfindelei. Nie soll der Menſch einer moraliſchen Empfindung von wahrem oder anscheinenden, eignen oder fremden Bedürfniß auf eine andere Weiſe Gehör geben, als nachdem er sich überzeuget hat, daß ſelbige in ihren verſchiedenen Beziehungen, als wahres Bedürfniß angesehen werden müsse. Wo eine solche Untersuchung verabsäumt wird, da läuft der Menſch jederzeit Gefahr, ſein eig nes, oder seines Nächsten moralisches Gefühl von Bedürfnißen, in Unordnung zu bringen, folglich in und ausser sich Zerrüttungen zu verursachen. Eben so wie im physischen auf jede unor 557 unordentlich gestiegene und unzeitig befriedigte Empfindung eines nicht richtig gnug empfundenen Bedürfnißes, eine widernatürlich vermehrte Reitzbarkeit des beſonderen Theils erfolgt; eben so geht 's im moralischen, so bald der Mensch seiner Einbildungskraft den Zügel schießen, und sich von selbiger fortreißen läßt. Hievon könnte ich Ihnen einige Bogen vol Beweiſe hinſchreiben. Ich wil nur einige wenige zur Erläuterung anführen. Der Hoffärtige, der Geitzige, der Verliebte 2c. sieht gewisse Gegenstände als Bedürfniße an, die es doch gar nicht sind. Ueberläßt er sich nun seiner Einbildungskraft, so wächset in ihm mit jedem Wunsche, auch der Trieb zur Anwendung aller ihm bekannten Mittel, das ihm anscheinende Bedürfniß zu befriedigen. Mit Vermehrung dieses Triebes wächset nothwendiger Weise der Reitz, und nach Maasgabe wie lezterer zunimt, müssen die gereitzten Theile schwächer, mithin der Einfluß der begehrten Sache um so heftiger würkend werden. In gleichem Verhältniße nimt also die Gegenkraft, womit der Mensch ſich dieſem Reitze widerſetzen konnte, ab. Mit jedem neuen Reitze wird der Verstand mehr verdunkelt, das eigentliche wahre Bedürfniß mehr verkannt, und der Wille unaufhaltsamer auf das anſcheinende, falſche Bedürfniß gelenket. Die Erfahrung lehret nun ferner, daß bei dem Menſchen dieſer Reitz ſo hoch ſteigen könne, daß er alle Empfindung der übrigen Bedürfniße verdränge, den Geist umneble, und die 558 die Seele von allen andern Seiten unthätig mache; als in welchem Fal der Mensch zum gänzlichen Wahnsinn übergeht. — Glauben Sie nicht, Mein Werthester! daß diese Illusionen allein bei den gröberen Leidenschaften Platz finden; Leider entdekt man selbige so gar bei denen Empfindungen der Seele, welche die edelsten seyn solten. Ich wil hier die Triebe zur Gottesverehrung zum Beispiel nehmen. Gedenken Sie sich einen Menschen, der sich unrichtige. Begriffe über die Religionsbedürfniße bildet, und dabei seiner Einbildungskraft, den Zügel schießen läßt; und fragen Sie die Erfahrung, wohin ein solcher verfalle? In die schädlichste, liebloseste Pietiflerey; zuweilen in Verzückungen; ja wohl gar zulezt in offenbaren Wahnsinn! Indem er hier Befriedigung der Bedürfniße in gewissen sinnlichen Sachen und Bemühungen suchet, so wächset in ihm der Trieb zu solchen von Tage zu Tage, und in gleicher Maasgabe nimt die Erkenntniß des Bedürfnißes, welches der eigentliche Geist und Er Zweck der Religion angiebt, immer ab. geht zwar immer fleißiger in die Kirche, giebt auch wohl mehrere Almosen, schließt sich Stunden lang ein zu beten u. d. g.; und im Grunde bleibt er, in Rücksicht auf seine Leidenschaften, der nemliche Mensch, der in Beherrschung derselben um keinen Schritt weiter gekommen ist; sondern seine Lieblosigkeit in Beurtheilung andrer Menſchen, welche nicht das Bedürfniß der Religion in denſelbigen Sachen ſuchen, klar 559 an den Tag legt. Er opfert seine öffentlichen und Privatpflichten seinen vermeinten Gottesdienstlichen Bedürfnißen auf; läst lieber jemand so viel länger in Angst und Noth liegen, als daß er die zum Beten bestimmte Zeit in der Kirche, oder zu Hause vorbeigehen ließe. Er giebt zwar fleißig Almosen, versäumt aber, für sich und die seinigen zu sorgen, ist also im Grunde dabei, wie der Apostel sagt, ärger als ein Heide. So tief würdigt sich der Mensch herab, wenn er falsche Bedürfniße empfindet, und dieser Empfindung nachgiebt. Damit nun der Mensch dieses verhüten könnte, so richtete der alweise Schöpfer es bei den moralischen Bedürfnißen eben so, wie bei den physischen, ein; daß nemlich die Seele auch hier die Oberherrschaft behalten solte. Der Mensch hat ganz unstreitig bei den moralischen Bedürfnißen ebenfals das Vermögen, die Empfindung derselben bis auf einen sicheren Grad zu erhöhen, oder zurükzuhalten und zu ersticken. Hier sind also zwei Klippen, zwischen welchen der gehörig gestimte Empfindsame suchen muß durchzugehen, ohne an eine von beiden zu stossen. Er sol nemlich jedes eigne und fremde Bedürfniß gleich empfinden, aber immerhin sol eine Seele in so weit die Oberherrschaft über dieſe Empfindung behalten, daß ſie vor der Befriedigung dieses bemerkten Bedürfnißes untersuchet, ob dasselbe wahr, oder falsch; und die zu deſſen Befriedigung ſich angebenden Mittel von der Art seyen, daß dadurch würklich 560 lich der Endzweck der Befriedigung jedes wahren Bedürfnißes, also ein Zunehmen an Kraft und Vermögen erhalten werde. So oft man diesen Endzweck verfehlt, geht für uns, oder andre ein Theil von Kraft verlohren, welcher durch nichts ersetzet wird. Dies ist also eine Klippe, die wir vermeiden müssen. Die unrichtige Auslegung eben dieser Warnung ist aber Schuld, daß sehr viele an die andere Klippe stoßen, und bei den bemerkten moralischen eige nen und fremden Bedürfnißen zu viel, und, wenn ich mich so ausdrücken darf, sich kalt und unempfindlich raisonniren. Dieser Irrthum, oder vielmehr diese Seelenpest hat nemlich ihren Grund in dem Vorurtheil, man müsse nicht anders thätig seyn, als wo und wann man der Erreichung des sich vorgestelten Reſultats gewiß ſeyn könne. O Mein Freund! suchen Sie doch mit aller Sorgfalt, diesen zur Unthätigkeit und Lieblosigkeit gerades Weges führenden Irrthum, bei Ihren Zöglingen auf alle Weise durch Aufklärung zu verhüten. Der Mensch sol, wie gesagt, nur dieses untersuchen: ob das vorkommende Bedürfniß echt oder unecht, d. i. mit der Natur des Menschen und seiner ganzen Lage harmonirend, imgleichen die Mittel, die er zu dessen Befriedigung anwenden kan, von der rechten Art seyen, so daß sie würklich befriedigen, und nicht etwa die EmPfindung des Bedürfnißes nur stärker reitzen, oder gar ein neues, dringenderes erwecken? Kan er sich also versichern, daß er nicht an statt 561 statt Bedürfniße zu vermindern, Gefahr laufe, selbige zu vermehren; so folge er immer, ohne weiter zu raisonniren, aufs getreueste seinem Triebe, und wende alle mögliche Mittel an, die ihm sich zeigenden eignen oder fremden Bedürfniße aus allen Kräften zu befriedigen. Ich wil Ihnen die Sache durch ein paar Beispiele erläutern. Nehmen Sie einen Menschen, für welchen, Aufklärung in einer gewissen Sache Bedürfniß ist; der aber durch die Zeit und Mühe, die er zur Erlangung solcher Aufklärung anwenden mus, und durch die dazu erforderliche Abstraction gehindert wird, die Pflichten seines eigentlichen Berufs mit dem nöthigen Fleiße zu erfüllen: Was meinen Sie? solte das wohl das Glück eines solchen Menschen befördern heißen, wenn man demselben zu der, für ihn und andere offenbar schädlichen Befriedigung seines Bedürfnißes verhölfe? Gewiß nicht! Wer kann der fleißigen, treuen, einem weitläuftigen Hauswesen vorgesetzten Frau die Lecktüre von zerſtreuenden, vieleicht zur Empfindelei hinreißenden Büchern, mit gutem Gewißen empfehlen; oder ihren daran erlangten Geschmack zu befriedigen suchen? Das hieße, die Ruhe und das Glück einer ganzen Familie stören. Denn im Anfang zwar opfert dieſe Frau nur geringere Geſchäfte einem ſolchen Hange auf; nach und nach aber steigt bei ihr unvermerkt der Hang, und mit dessen Zunahme nimt das Gefühl ihrer häuslichen Pflichten ab, dergestalt, daß sie den Umfang derselben M m 562 selben gar nicht mehr einzusehen und zu empfinden fähig ist; sondern bei mancherlei Versäumnißen doch noch im Wahn bleibt, mehr gethan zu haben, als sie zu thun brauchte. Salomo sagt derohalben; (a) daß eine solche Frau, wie ein Eiter im Gebeine des Mannes angesehen werden müsse. — Wenn Sie ferner einen Menschen darben sehen, der wegen Faulheit in solche dürftige Umstände gekommen ist, und eben deswegen, obwohl er durch Arbeit sich ernähren könnte, darinn verbleibt; so begreifen Sie leicht, daß es eine schädliche Empfindelei wäre, diesen Menschen durch Almosen zu unterstützen. Faulheit und unordentliches Leben, werden durch solche verkehrte Empfindsamkeit nur unterhalten. Sie sehen die Bestätigung hiervon in denenjenigen Oertern, wo auf eine unbestimte Weise, jedem, der sich als ein Armer meldet, Almosen ertheilt werden. An solchen Oertern ist und bleibt der Pöbel nicht allein arm, sondern es ist auch daselbst gar keine Induſtrie hervorzubringen. Das iſt hier die wahre Barmherzigkeit, mit möglichster Sorgfalt dergleichen Anstalten zu treffen, wodurch ein solcher Mensch wieder auf den rechten Weg gebracht und in den Stand geſetzet wird, ſein eigen Brod verdienen, und anderen nüzlich seyn zu können. Wenn Sie nun alles dieses gehöris erwägen, und dabei den relativen Werth jeder moralischen Empfindsamkeit zu entdecken sich bemü(a) Sprüche Salom. Kap. 12. v. 4. 563 bemühen, so werden Sie leicht die nöthigen Unterscheidungszeichen so wol, als die Verhütungsregeln gegen Empfindelei, als Korollarien aus oben gesagtem ziehen können. Ich wil Ihnen zur Probe einige hiehersetzen; ich sage, zur Probe, weil Zeit und Raum keine völlige Ausführung davon mehr gestatten, und Sie auch hierüber bei anderen Schriftstellern z. B. in der schönen Abhandl. des H. Rath Campe, über Empfindsamkeit und Empfindelei, mehreres finden können. Also nur einige wenige Punkte, welche mir eben beifallen! Ein gehörig geſtimter Empfindſamer kan freilich nicht zur nemlichen Zeit, von allen Seiten gleichmäßig empfindsam seyn, weil es ein Naturgesetz beim Menschen ist, daß wenn er von einer gewissen Seite empfindlicher geworden, er von einer anderen fühlloser wird; allein er zeichnet sich doch jederzeit dadurch vom Empfindelnden aus, daß, so bald ihn etwas von der anderen Seite wieder hinlänglich reitzet, er auch von dieser Seite den nöthigen Grad der Empfindsamkeit wieder bekömmt. Der empfindelnde hingegen bleibt immer von gewissen Seiten übertrieben und disharmonisch empfindend, und von anderen sühllos. Und was die von niedriger Verstellung herrührende Empfindelei betrift, so zeichnet selbige sich gleich dadurch aus, daß obzwar der Empfindler sich nicht gedrungen fühlt, er doch gern den gedrungenen spielen mögte. Er kennt daher weder M m 2 164 der Maaß noch Ziel, und übertreibt alles, aus Furcht weniger zu thun, als zur Behauptung seines angenommenen Scheins nöthig ist. Dergleichen Empfindelei ist daher nichts anders, als eine affecktirte, völlig mit der Beſtimmung ꝺes Menschen, und aller andern ihr vorkommenden Gegenstände, disharmonische Empfindsamkeit, und sie beruhet blos auf dunkeln Gefälen dessen, was andere Menschen für sittlich schön, oder für sittlich häßlich halten. Zur Herrschaft über die Empfindsamkeit gelangen wir zwar durch Aufrichtigkeit und Uebung; aber unumschränkte Herrschaft wird es nimmer; weil mehrentheils der Menſch an der einen Seite verliert, was er an der andern gewinnt; auch nicht zu gleicher Zeit in mehreren Dingen in gleichem Grade sich üben kann. Dieses trift so gar bei der nemlichen Leidenschaft in derselbigen Person ein. Noch erinnere ich mich, daß ein in den Augen jedes Menschenkenners großer Mann, der lezt verstorbene regierende Graf von Lippe Bükeburg, nachdem er so unzählige Beweise seines unerschütterlichen Muths in Kriegs⸗ und anderen Gefahren gegeben hatte, mir selbst offenherzig eingeſtanden, daß er nicht ohne große Ueberwindung und heftige Furcht in ein von ansteckenden Kranken vol gepfropftes Spital gehen würde, Dagegen weiß ich von einem Arzte, welcher diese Furcht gar nicht kannte; aber als er Geſahr lief, in eine Veſtung, die beſchoßen wurde, 365 wurde, eingesperrt zu werden, vor Angst in ein hitziges Fieber fiel, und starb. Ich selbst kan mich zum Beispiel anführen. Ich habe zwar dem gütigsten Schöpfer ein Herz zu verdanken, das mit andern sich freut, und mit andern leidet; da ich aber gleich von Anfang meiner medizinischen Praxis gefunden, daß ein Arzt sehr schlecht im Stande ist, in allen und jeden Fällen den gehörigen Rath zu geben, wenn er die Leiden der Kranken mit empfindet, so habe ich 's mir zum Gesetze gemacht, alle Mühe und Anstrengung von dieser Seite anzuwenden um eine gewisse Unempfindlichkeit zu erlangen, damit ich bei allen Vorfällen mit der pöthigen Kaltblütigkeit urtheilen könnte. Ich kan ſagen, daß ich 's von dieſer Seite ſo weit gebracht habe, daß ich wenigstens mehrentheils, bei unerwartetem Unglücke, das einem Menschen zustößt, meine Fassung nicht verliere; sondern nur an die zu leisten mögliche Hülfe gedenke. Wenn ich aber einem Thier, z. E einem Pferde dergleichen plötzliches Unglück begegnen sehe, dann bin ich lange nicht so gefast, sondern offenbar weichherzig, und zuweilen dergestalt, daß ich starkes Herzklopfen bekomme. Es bleibt also auch von dieser Seite eine ewige Wahrheit, daß das Herz des Menschen ein trotzig und verzagtes Ding ist. Bei den Empfindelnden ist dieses alles noch weit auffallender, wovon Ihnen die Urſachen aus dem vorhergeſagten gleich einleuchten müſſen. Unter 366 Unter den Empfindeleien sind diejenigen immer die gefährlichsten, welche auf höhere Gegenstände gehen. Weil nemlich der Mensch in die höheren Empfindungen den größten Werth setzet; so folgt, daß, wenn er einmal anfängt, nicht mehr für die richtige Stimmung dieser die nöthige Sorgfalt zu haben, er sodann in den übrigen um so viel leichter den nemlichen Fehler begehe. Was meinen Sie z. E. darf man wol von der Festigkeit und Rechtschaffenheit eines Menschen halten, welcher Gotte, den er doch in seinem Herzen für das höchste und verehrungswürdigste Wesen hält, gerade zu, wenn ich mich so ausdrücken darf, ins Angesicht empfindelt und heuchelt? Wie oft geschieht aber dieses z. E. schon beim Gebet, wo die Menschen unter gewissen Stellungen gewisse Worte herplappern, und ihre Augen nach allen Ecken hinfahren lassen, und mehr an die äusseren Dinge, als an das Wesen denken, mit welchem sie reben! Es mus nun einmal zu der Zeit so mitgemacht werden; der Geist mag dazu geschickt seyn, oder nicht. Wie kan dies mit der gehörigen Stimmung der moralischen Empfindsamkeit bestehen; und wie traurig müssen nicht die Folgen davon auf Empfindung der anderen minder wichtigen Bedürfniße seyn? Nichts bringt aber leichter eine falſche Stimmung der Empfindsamkeit hervor, als alle die Erzählungen, und Bücher, welche irgend einem Menſchen einen hoͤheren Grad von Empfind 567 Empfindsamkeit andichten, als er, zufolge der menschlichen Natur, unter den angegebenen Umständen, haben kan. Der geringste Schaden so daraus entstehet, ist, daß derjenige, welcher solches hört, oder lieset, zwar zur Bewunderung und zum Anstaunen, aber auch eben dadurch zur Unthätigkeit gebracht, und von seinem Hauptzwecke weggeführet wird. Ein Fehler, welchen man bei Kindern so unzähligemal begeht, und wodurch man bei denselben noch überdem die Luſt erregt, ihre Zeit zu vertändeln. Da es zum moralischen Theilnehmen nothwendig ist, daß der Mensch das Elend des anderen sich vergegenwärtiget und in so fern solches mit empfindet, es folglich dabei auf richtige und geübte Organen seiner Sinne, ankomt; so mus es auch von dieser Seite eine Hauptsorge bei der Erziehung seyn, die Sinnen der Kinder zu üben, und ihr Empfindungsvermögen von dieser Seite zu stärken. Je größer dieses ist, desto fähiger wird die Seele in allen ihren Verrichtungen. Von dieser Seite iſt und bleibt der Ariſtoteliſche Satz; was nicht in den Sinnen ist, ist auch nicht im Kopfe, ganz unwidersprechlich wahr. Nur mus freilich immer, wie ich oben gesagt habe, die Seele gleich darauf mit Kaltblütigkeit den Fal überschauen und die besten Mittel erwegen. Die von dieſer Seite gehörig geſtimten Eltern schütten z. E. ihrem kranken Kinde, wenn 568 wenn es die Noth erfordert, ohngeachtet alles Weinens, die Arznei mit Gewalt in den Hals: wohingegen den empfindelnden Eltern der Anblick ihres kranken Kindes, das Herz bricht, und daher selbige aus lauter Zärtlichkeit manches Kind auf solche Weise sterben lassen, welches noch hätte gerettet werden können. Der Karakter des guten und edlen Menschen, mus deswegen Theilnehmung und Festigkeit seyn; erstere bestimmt, was zu thun ist; und leztere führt es aus. Noch etwas, das der Empfindsamkeit leicht eine unrichtige Stimmung giebt, ist unvorsichtiges Lob, und übermäßiges Beklagen. Vom Schaden welchen das erstere verursacht, habe ich schon geredet. Lezteres vergegenwärtigt nicht allein dem andern sein Leiden aufs neue, und vermehrt dadurch seine Empfindung; sondern er geräth auch leicht in Versuchung, sein Leiden für ungerecht anzusehen, und als gieng es über seine Kräfte. Er wird sodann nur desto leichter unwillig über alles, was ihn umgiebt, und vervielfältigt sein und anderer Leiden. Anerbietung und würkliche Darleiſtung jeder moͤglichen Hülfe sind hier, nebst der Zurechtweisung des in Ungeduld sich vergessenden Geistes, diejenigen Pflichten, deren ſtille Ausübung den gehörig gestimten empfindsamen und eigentlich nüzlichen Menſchen auszeichnet. Eben so schädlich ist es den Menschen, an 569 das raisonniren über den Gegenstand seines Schmerzes zu bringen. Jedes Raisonniren über eine gegenwärtige Empfindung, kan, wie Sie aus dem vorhergesagten wissen, keine andere Würkung machen, als was im physischen, das Kratzen eines Theils, welcher stark jucket verursachet, nemlich das Uebel nur ungleich ärger machen, in so fern dadurch dasselbe nemlich so viel öfterer und lebhafter vergegenwärtigt wird. Nur allein kan in solchem Fal Zerstreuung helfen, um jede Erinnerung und Empfindung, so alsdann ins übertriebene ausartet, wieder zu ersticken. Jedoch ich mus abbrechen, und Sie auf die oben angeführte Abhandl. von Campe; und andere zurükweisen. Mir ist 's jezt genug Ihnen die Art und Weise so wol, als die Hauptgesetze gezeigt zu haben, nach welchen sich Empfindsamkeit zur Erlangung der gehörigen Seeleufeſtigkeit entwickelt. Sie ſind alſo jezt um so mehr, im Stande, jede Ausartung so viel leichter zu erkennen und die gehörigen Mittel dagegen zu finden. Nur dieses erinnere ich noch als eine Haupterziehungsregel hiebei, daß es jederzeit die ersten Sorgen des Erziehers seyn müssen, bei seinen Zöglingen hauptsächlich diejenigen Seiten ihrer Empfindsamkeit auszubilden, von welchen Sie in ihrer gewissen, oder wahrscheinlichen künftigen Bestimmung am meisten werden gerühret werden: und denselben nicht minder die große und wichtige N u 570 tige Wahrheit bei jeder Gelegenheit fühlbar zu machen, daß jeder Mensch, der, in welcher Lage es auch sey, glücklich und nüzlich leben wil; die Welt und alle darauf sich befindenden Geschoͤpfe, ohne Unterschied, so benuzen und brauchen müsse, wie sie sind; und nicht wie seine getäuschte Einbildungskraft, oder sein verkehrt gestimter Wille sie sich wünscht. Dies heist sodann den Menschen überal in seiner Hauptbestimmung, seinem Endzwecke, nemlich sich und andere möglichst glücklich zu machen, nahe bringen. Glücklich sind die Erzieher und Zöglinge welche dieses wissen; und seelig sind sie, so sie es thun. Auch Ihnen, Mein Beſter! wuͤnſche ich beides mit dem aufrichtigsten Herzen, und bin ewig der Ihrige. — S — S Druckfehler. lese man Seite Linie an statt 18 - 23 Vervolkommung - Vervollkommnung. dann 23 - 11 denn 24 - 20 Schmertzens - Schmerzes. 24 Note a. epist. fam. epist, ad fam, 25 Note a. S. 2. atheles-athletes. 33 - 20 von Hände und - der Händer und Füße. Füßen 38 Note b. lib. 1. de re militari &c. lib. 8. dieses citat ist ganz 39 Note c. wegzulassen. auf. 42 - 20 ouf 58 - 4 Antonius - Antoninus. 68 - 19 kan man sehen - kan man daraus sehen 72 - 20 - - - ist nach Uebung das Comma wegzustreichen. 79 „ 22 — — — ist nach bedürfen das Comma wegzustreichen. - seinem. 86 - 14 seinen 106 - vorl. mit bey. 119 - 13 nummer - nunmehr. 159 - 30 zurennen zu lassen- zuremnen lasssen. 195 - 10 an um den - an, den. 252 - 24 vorgehenden „vorhergehenden. 256 „ 4 ein Zeitlang - eine Zeitlang 307 - 29 vileicht - pielleicht. d. c. * 332 Note. d. c.