t., EIL y X&rf/M l \*Vv M' '^i r^fc ■Rfrvil JLflKjT Int/ 1 * ar yhm Mit 30 iUJL^HJU^ u 4 &#. k*At a^ ULfi ■VMBL ■■PVI $euttfdjc$ fßtttn Adelheid von Stolterfoth , hTIKTxDAMIi MIT SO «tlilll^TH IUI und) Ciiiiiniiljrirliiiiinuni I PCD EINER «II A Uli *' ' - - ■ = (J. Kli N Z K. HöU-ti* t Z**~t dn^/L+fZ BESCHREIBUNG, GESCHICHTE UND SAGE Ül) MIT DER UMGEGEND. Von ADELHEID von * I Ol/r OKI Ol II . Stiftsbitme. MIT 30 STAHLSTICHEN von den besten englischen und deutschen Künstlern NACH ORIGINALZEIC 11 NUNGEN u n b einer (Charte. MAINZ, c. e. u i; i /, E . & VA. ty. «* fc 36Z8 7 % UND STADT-i ! StBl.lOTHEK toUSSfXDOKFi Gfdruckt M Chr. Fr. Will in IHrmaLdl. Ihrer Königlichen lluhcit il er Frau Herzogin Pauline Friederike Marie von Nassau itiMicfstcr Ehrfurcht gewidmet von dem Verleger. üünijjÜrijc Ijoljc \t J Ewer lUicingaii mit seinen Umgebungen, jene reizende Gegend des gesegneten Landes, welches Eure Königliche Hoheit als seine huldreiche Fürstin vei-chrt, gleichsam eine durch Gärten unterbrocliene Uferstadt des majestätischen Rheins, reich an IVatur- schönheiten und geschichtlichen Denkwürdigkeiten der Vorzeit; eine Landschaft, die europäischen Ruf erlangt hat, und an deren sonnigen Dergabhängen die Reben reifen, welche den so ruhmvoll bekannntcn Wein liefern, schon vielfach verherrlichet durch Dichtung und Malerei, was in cwijyer Ver- jiinjjuny immer wieder {yeschichl, isl nun auch von einer gefeierten Schriltstellerin des deutschen Vaterlandes besehrieben worden. Unter die AcgJdc Eurer I *< • i■ i<; I i«-11• ■ ■ Hoheit wajye ich, vorliegendes Werk zu stellen, welches sich zur belohnenden Aufgabe gemacht hat, ein Gemälde des mit Recht so hochg-cpricscncn Gaues zu liefern, welches der Deutsche sein Paradies nennt, und das von Jahr zu Jahr durch die Fürsorge seines väterlich besorgten Fürsten immer mehr emporhlüht. Finden Allerhöchstdieselben das Original in Beschreibung: und Bilderschmuck treu wieder gegeben, so sind meine Bemühungen solche Talente für die Ausarbeitung- gewählt zu haben, wodurch die vaterländische Literatur wahrhaft bereichert wird, durch das Urtheil und den Beilall Eurer Königlichen Hoheit vollkommen belohnt. Eurer Königlichen Hoheit unterthänigster C. G. Kunze. Der Rlicingaii. HUr Hl)nn9 an. QJtprirfcn ft» öcr Itljrin! Kommt alle her ihr fernen Pilgcrschaarrn, Die niemals noch den stolzen 1 Mi ein befahren ( Scuht euren Blich in seine grüne Fiat, Wenn sie bestritt die goldnc Abciii'glut. Ituht aus in halbversuiihncn Ritterhallen Und lauscht dein holden Lied der Nachtigallen, Da träumt sich'« süss von langst vergangner Zeit Und was das Her/, begeistert und erfreut. Doch wenn der Mond ringsum in stillen Thalen Und auf den Wogen glänzt mit hciKgcn Slralen, Wenn leiser sieh die Flut am Ufer hricht, Und drüber zittert sein gobrochnes Licht: — Dann steigt zu Berge, singet eure Lieder Aus freier Brust vom Fdienthron hernieder, lind wissen Stirn der Lorbeer auch unilauht. Per Kränze doch mit Beben sich das Haupt. Wer nucu ,, m Götterlisch ein edler Zecher, Der fülle dann mit rhciu'schcin Gold den Becher, Er heb' ihn hoch, er Schlurf ihn fröhlich ein Und rufe laut: Gepriesen scy der Rhein! 3iltlljrt2i Don Slolttrfüll). 1* 4 Wn ttljciitnmt. Tuusende von Reisenden pilgern jährlich an den Rhein *). Die Schweiz und Italien ausgenommen giht es vielleicht keine Gegend, die häufiger besucht wird, als das prächtige Thal, welches der schönste europäische Strom von Mainz bis an das Siebengebirg durchzieht. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, einem kleinen Theil desselben, dem Rheingau diese Blätter zu widmen, und wir glauben den Dank gebildeter Reisender zu erwerben, wenn wir der Beschreibung seiner Naturschönheiten eine kurze Skizze seiner frühem Geschichte nach den bewährtesten, im grössern Publikum nicht all gekannten Schriftstellern vorausgehen lassen **). Dt'T Rheingau, dieser reizendste Garten, so weit die Wellen des Rheines rauschen, war zwar niemals innerhalb seiner engen Grenzen der Schauplatz welthistorischer Begebenheiten, aber die Geschichte seiner Vorzeit, abgerundet und abgeschlossen, wie einst das J.ämlchen selbst, gibt ein so *) Im Jalir 1051! betrug die Zahl iIit Bellenden auf dem lihcin Wieb den Listen der iliciii]iroussisclit'ii DampfscatfflWtftt-GesellMhnA M8.447. Eine ungeheure Zahl, welche fortwährend noch im Steiften ist. **) Bndm.inn, Bär und Schunl; sind nur einem Meinen Tlicil des I'nMil.iiins bekannt. Voj;t, Schreiber, Geruhig, Dahl u. a. in. sind hingegen weit verbreitet und bebandeln die Rheingegeuden überhaupt, während die drei zuerst genannten, besonders Bodmann und llär nur den Rhcingau betreuen. ©er tlhctngau. 5 schönes acht deutsches Bild entschwundener Zeiten und Sitten, dass es wohl interessant genug erscheint, einen Blick darauf zu werfen. Nach Vertreibung der Römer aus den Rhein- gegenden wurde der Rheinyaa, gleich wie die andern deutschen Ländcrtheilc unter der Herrschaft der Merovingcr und Karolinger, durch eigene Grafen regiert, auf deren Geschichte wir später zurückkommen werden. Vom zehnten Jahrhundert an gehörte er zu dem Erzstifte Mainz und seine Erwerbung wird auf folgende Weise *) erzählt: „K. Otto I. beschloss 961 auf Pabst Johannes XII. Verlangen einen Zug wider König Berengar in Italien. Ehe er über die Alpen ging, hielt er in der Mitte des Monats Mai einen Reichstag zu Worms, und brachte es durch Verhandlung seines Nebensolines, Erzbiscliof Wilhelms zu Mainz, und seines Bruders, Erzbiscliof Brunos zu Cöln, dahin, dass sein Prinz Otto II. durch einstimmige Wahl zu seinem Thronfolger erklärt und gleich darauf den 26. Mai zu Aachen gekrönt wurde. Otto I. soll diese ihm vom Erzbischof Wilhelm geleisteten Dienste dadurch belohnt haben, dass er ihm den Comitat des vordem Hheinyau's mit den Städten Mainz und Bingen geschenkt habe." — Der Rheingau aber wurde in jener Zeit in den obern und niedern (oder vordem) eingeteilt. Jener, dessen Beschreibung nicht hierher gehört, lag zwischen dem Rhein, *) Jtodiiiiuiii I. 6 Her tlljrtngtiu. Main und der Bergstrasse *), dieser aber ilng bei Niaderwallauf am Rhein an, und nachdem er seine Grenzen weit über die dunklen Hüben der Rhcin- gauer Gebirge, Rabcnküpfc genannt, gezogen, mehrere Ortschaften jenseits derselben nebst dem wildromantischen Wisperthal eingeschlossen hatte, endigte ,pr wieder bei Lorchhauscn am Rhein. Die Sage erzält, dass Kaiser Karl der Grosse die ersten Reben in's Khcingau habe kommen lassen; indessen wird der Ueginn des Weinbaus daselbst schon mit Gewissheit in die Zeiten der Merovingcr gesetzt. Das Ländchen hatte sich durch so frühzeitige Cultur reiche Besitztümer und mit diesen viele Rechte und Freiheiten erworben. Um es vor den Einbrüchen äusserer Feinde zu sichern, so ward nach dem Vorbilde des durch Kaiser Trajan errichteten Pfahlgrabens im eilften Jahrhundert ein Verhag, das Gebäck genannt, welches man später an vielen Stellen mit Thürmcn und befestigten Pforten versaht längs seinen Grenzen angelegt. Dieses Geb'ück, das den Rheingau in eine Festung verwandelte, bestand aus tiefen Gräben und einem fünfzig Fugs breiten District des Waldes, den der Rheingau umzog. „Man warf die in diesem Bezirk stehenden Bäume in verschiedener Höhe ab, liess solche neuerdings ausschlagen und bog die hervorgeschissenen Zweige zur Erde nieder. Diese wuchsen in der ihnen gegebenen Richtung fort, floch- *) hremor I. §. 5. Der Ill)ctimou. 7 ten sich dicht ineinander und brachten in der Folge eine dicke verwickelte Wildniss hervor, die Menschen und Pferden undurchdringlich war"*). Hei Niederwal laut' fingen die ersten Befestigungen dieser Grenze an. Es waren fünfzehn starke Thürme und Bollwerke, von ihrer Form Backofen genannt. Die letzten Reste derselben, aus einem Thurin **) bestehend, wurden vor mehreren Jahren mühsam zerstört und zu dem Bau der Schlangenbader Chaussee verwendet. Einen heimlichen Ausgang oder Weg durch die Wildniss des Gebäckes zu bahnen, war hochverpönt, ja das Abschneiden des kleinsten Zweiges wurde mit zehn Goldgulden gebiisst, und die Haingerichte, welche im dreizehnten Jahrhundert ihren Anfang im Hheingau nahmen, so wie auch die dazu bestellten Aufseher wachten streng über der sorgfältigen Erhaltung und Ausbesserung desselben. Dieses also verwahrte und abgeschlossene Ländchen bildete auch durch seine eigenthümliche und höchst freie Verfassung ein für sich abgeschlossenes Ganze, einen kleinen Staat im Staate. Seine Bewohner, denen der fleissige Anbau und die Kultur schon berühmt gewordener Weine Wohlhabenheit, ja selbst so viel llcichthum verschaffte, um an frommen inlandischen Klostcr- stiftungeu den thiitigsten Antheil zu nehmen, hat- *) l»ür. **) Die SOgenasate Klinge unweit iler ersten Mühle vor Soli]aii|;i'iiliaer- und JXiederingelhrini. Etwas tiefer liiual) schimmern die rotheu Dächer von \\ einlieini aus dichten Weiden und Erlenbäiinieii. Da in Oeslricli eine Station der Damplschille ist und überdies gtrte (jiy-ithäuser daselhs! sind, so wird es in den Sommermonaten häulig besucht. In alter Zeit bat Oeslricli einen Tlieil von Winkel ausgemacht, und sogar noch bis yis drei zehnte Jahrhundert den Namen Winkel geführt. Es hatte im Mittelalter eine eigne Barg des ausgestorbenen Frankfurter l'atrizicr-Oeschlechles der zum Junifcn. Kein Ort im lUieingau liil im dreissigjährigen Krieg so viel als Oeslricli es vurdr bis auf wenige Häuser ganz niederge bräunt. MittcIlM'iiii und WlnUvI. Eine halbe Viertels!.....le von Ocstrich entfernt fangen schon die ersten Häuser von Jtöttetkeim an. Es hat mit Winln-I 8131 Einwohner uml ist mit demselben bis auf einen kleinen II, mm ganz zusammen gebaut. Wir wüssten von Mil- lelheiin wenig mehr zu melden, als dass es einige freundliche Landhäuser ..... I die älteste, obgleich am wenigsten schone hirt-hc des llheiiigaus he- sitzt. Dieselbe ist klein, niedrig und in Kreuzform iUiltcll)fim unit Winkel. 37 gehaut. Sie Stammt ans dem zehnten Jahrhundert. Winkel ist wohl gleich Lorch unläugbar römischen Ursprungs- Es hiess ursprünglich Y'mi~ cella, und soll ein römisches Weinlager gewesen sein. V «in Steindcnknialcu aus jener Zeit ist noch nichts entdeckt, wohl aber hat man schon römische Münzen mit dem Hildniss Trajans gefunden. Auch winde 1823 in der Nähe von Winkel, hei dem Schlosse Volraths an der sogenannten Steinkaute, von Arbeitern die mit Anlegung eines neuen Weinbergs beschäftigt waren, ein Grabhügel etwa 14 Schuh im Umkreis und 8 bis 10 Schuh tief entdeckt. Darin wurden zerbrochene Ziegelstücke und (> Urnen von einer schwärzlichen Masse gefunden, worin sich Sund, Asche und einige Knochen befanden. An dieses Feld stösst ein Weinbergsdistrikt welcher ßötzen- berg heisst, und sich bis gegen die Clause erstreckt; auf der anderen Seite ziehen sich Weinberge gegen Oestrich zu, welche den Namen Opperberg (ßpferb&rg) führen. Im Munde des Volkes Lebt die Sage, daSS einst in grauer Vorzeit auf dieser Stelle den (jiöttern geopfert worden sei. Winkel hat noch eine historische Merkwürdigkeit — es ist das am Rhein liegende so»e- n «™te mm,: Hau.,, einst die Wohnung des weisen und gelehrten liabanus Mauru*. \] v w « ein Schüler Alkuins und verfassle eine grosse Menge 38 Wtt Itljcmgau. theologischer Werke.*) Der heilige Mann, welcher bei einer grossen Hungersnoth in den Rhcingcgcn- den täglich über 300 Arme speiste, und als Erzbischof von Mainz in diesem Haus 856 starb, steht bei den Einwohnern von Winkel noch in so dankbarer Erinnerung, dass von Geschlecht zu Geschlecht den Knaben gerne und häufig der JMamo Babanus beigelegt wird. Die Volkssage erzählt, dass der Heilige-die Ratten auf ewig aus Winkel verbannt und „verschworen" habe **). — Bis auf neuere Zeiten wurde daher von abergläubischen Wanderern der niederen Volksklassen Erde und Mörtel aus der ehemaligen "kaum mehr zu erkennenden Hauskapelle des heiligen Rabanus gelullt, um diese unwillkommenen Gäste zu vertreiben. Wir machen den Wandrer nun zuletzt auf das interessanteste Gebäude in Winkel aufmerksam. Es ist das, an der Landstrasse am westlichen Ende des Fleckens liegende, Landhaus des Herrn Brentano von Birkenstock in Frankfurt. In seinen freundlichen Gemächern schrieb Bettina von Arnim mehrere ihrer Briefe an Goethe, und von hier aus unternahm sie ihre Streifereien in die Umgegend, die sie so genial beschreibt. *) Schmk gieht im ersten liand seiner Beitrüge sinr Mainzer Geschichte jiuj;. 439 ein Verzeichnis* der- lelBen. **) In Aujjsbiirfr herrscht dieselbe Saj;c, nur hat sie dort der heilige Ulrich verbannt. ittiuelljtim uiiö Winkel. 39 Alles daselbst ist noch so, wie es ihre lebendige und dichterische Phantasie auf das anmuthigstc darzustellen wusste, selbst die naheliegende Gerberei giebt noch Zeugniss fortwährender Thä- tigkeit durch die Düfte welche sie verbreitet! — Dicht hinter Winkel liegen die wenigen Häuser von St. liartholoinä und wir wissen nichts davon zu melden, als dass auf dieser Stelle einst das längst eingegangene Dörfchen Klinyelmünde, an der in den Rhein sich ausmündenden Klingcl- bach, gestanden. Eine Viertelstunde von Winkel entfernt und seitwärts nach dem Gebirge zu, liegt das dem Freiherrn von Greifenclau gehörige Schloss Vol- ratliK. Es ist die einzige von allen Hhcingauischcn Privatburgen, welche sich erhalten hat. Auch hier ist noch alles so, wie es Goethe in seineu Reisen am Main und Rhein mit historischer Treue schilderte. Noch immer ragt der grosse aus dem dreizehnten Jahrhundert stammende Thurm aus dem grünen Gewässer des Weihers, noch immer liegt in seinen verödeten Gemächern jener uralte Turnicrsattcl, und in dem Garten- salon sind die Reihen Gmloiiclauischer Ahncn- biWer ihren Plätzen getreu geblieben. Auch In dem neuern Schlosse ist jenes Zimmer voll uralte* Stammbäume und Familicnbilder eben so unverändert, wie es Goethe 1814 gesehen hatte! — Wir geleiten den Wandrer nun auf der guten Kunststrasse, welche von Winkelaus bergan, und 40 Bcr U!)ciiiöVoliaiiii Im l»<-■•*(,, der prächtigen Besitzung des Fürsten Metternich führt. Auf einem etwa 150 Fuss hohen, mit den edelsten liehen bepflanzten Yorhügel der nördlich mit ihm zusammenhängenden Rabenkopfe erbebt sich das stolze Scbloss wie die Krone au! dem Haupte des Herrschers, und der Rbeingau liegt so schön und freundlich zu seinen Küssen hiiigelirciirt , dass der VVandrer gestehen miiss, er habe vielleicht ein grossartigeres, nie aller ein reizenderes Bild gesehen! — Es giebt Gebirgsgegenden welche die Seele ergreifen, fast erschüttern; man empfindet beim Anschauen des Meeres ein unbeschreibliches Gefühl tiefer Sehnsucht: aber bei dein Anblick dieser durchaus heitern und anmuthigen Gefilde drängt sich dem Heizen der immer wiederkehrende Wunsch auf, hier nur eine Jlütte zu linden, wo man ruhen und heimisch werden könnte. Die Gründung des einmaligen Klosters Jo- haunisberg geschah auf folgende Weise: Die Kreuzfahrer übten einst furchtbaren Raub und Mord an den wehrlosen Juden zu Mainz, wobei der ErzbUcbof Ruthard und sein Schwager, Rheingraf Ricbolf grossen Antheil genommen hatten. Ruthard, ohnehin ein Freund und Anhänger des verstorbenen l'abstes Gregor, musstc nun vor Scl]losB 3ül)nnutfllitn.i. 41 dem Zorne Kaiser Heinrichs IV. mit seinem Schwüler ontllieJitti. Sic gingen nach Thüringen, wo sie 7 — 8 Jahre blieben *). Endlich wieder in das Erzstilt zurückgekehrt gründete IVut- hard 1106, — vielleicht zur Sühne seiner Thu- teoj — ein Uenedictiner Mönchskloster auf dem sogenannten Rischofttberg im IVheingau und nannte es, weil jener Cräuel gerade am Johannistag geschehen war, Sankt Johannhtßcry. Auch Rheingraf JUcholf, von Gewissensbissen gequält, stiftete am Fuss des Johaimisberges eine Klause für Frauen, dann wurde er iMönch im Kloster Johanuisbcrg; seine tJcmalin und Tochter mussten Nonnen in der Klause werden, sein Sohn aber, der letzte Zweig einer der rbeingrMicheu Linien, wurde Mönch gleich dem Vater,— und so seilen wir sich Mutter, Sohn und Tochter für die Seelenruhe eines greisen Verbrechers opfern! — Aber ein Geist des Unglücks schien über diesen heiligen Stätten zu schweben: — das Kloster Johanuisbcrg, schon 1132 zur üenedictiner Abtey erhoben, war trotz der reichsten Schenkungen schon im Jahr 1358 durch die grosse Sittcnver- ) VViiiivcnd Minen Aufenthaltes in Thüringen gelan? H «lein Kry.l.iselini' Itulliunl , den llaiser iihernll Ungunst iiiui Aufruhr ,,„ erwerben. Zuletzt unler- ■*«■*« er die Empörung Heinrich» V. ge-n .seinen "nglücKÜcheri Vater am eifrigsten. Auch war er es wrifiher lm v,,,i„ „öl ...... andern geistMcnen Fttr- sied.™ e„Uh„,„ rcil Kaiser die hrnnr ,u l„,dnein, vom Haujilc riss. u 42 Utr Eljetiigau. derbniss dor Mönche und schlechte Verwaltung der Aebte in tiefen Verfall gerathen. 1525 bei dem Aufruhr der Bauern im Rheingau litt es so viel, dass ein Theil der Klosterguter verkauft werden musste um Schulden zu bezahlen. 1552 von den Schaaren Albrechts von Brandenburg ausgeplündert sank es bald noch tiefer, und stand cilf Jahre später von Mönchen leer einem Schutthaufen gleich. Sein letzter schlechtester Abt Valentin Hörn von Rüdesheim wurde seiner Würde entsetzt und die Klostergiitcr von Mainz aus verwaltet. Von 1031 — 1(535 war es in schwedischen Händen. Sic tranken die Keller leer und verwandelten seine Oden Gemächer vollends in Räuberhöhlen. Nach ihrem Abzug hatte sich die Schuldenlast so vermehrt, dass der Kurfürst von Mainz Ansclm Kasimir das Kloster mit allen seinen Gütern an den Reichspfennigmeister Hubert von Blcimann für 20000 Reichsthalcr verpfändete. Im Jahr 1716 übernahm die Abtcy Fulda das Recht der Pfandschaft von den Blci- inannischen Erben für 30000 Reichsthaler mit der Bewilligung des Erzstiftes Mainz. Es wurde nun wieder zur Benediktiner Probstey eingerichtet und der Fiirslabt von Fütöa Adelbert von Walderdorf erbaute das stattliche in neuster Zeit ganz zu einem schönen Schloss umgewandelte Gebäude nebst der anstossenden Kirche. 1797 stand demselben die grosse Gefahr bevor, von den Franzosen durch in den Keller geschafftes Pulver in die Luft gesprengt zu werden, weil die Scljloee 3ot]anntobtrg. 43 hohe Brandschatzung nicht sogleich bezahlt worden war—! 1802 fiel der Johannisberg als Entschädigung an den Fürsten von Nassau -Uranien. 1807 sehen wir das Schloss als ein GeschcmVNapoleons in den Händen des Marschalls Kellerniann (Duc de Valmy). 1813 nahmen es die alliirten Mächte in Besitz und übertrugen es an Ocstrcich. Der Kaiser aber belehnte 1816 gegen den Wcinzehn- ten den Fürsten von Mettcrnich mit dieser Besitzung , für sich und seine Nachkommen. Seit einigen Jahren hat das Schloss durch Abwerfen des hohen klösterlichen Daches, und andere Veränderungen sehr bedeutend gewonnen. Auf seiner Altane und der Gartentcrasse ist eben jene prächtige Aussicht, von welcher wir oben gesprochen. Die Gemächer sind einfach aber geschmackvoll eingerichtet und man zeigt einige gute Bilder daselbst, worunter das des Kaisers Franz I. das ausgezeichnetste ist. Merkwürdig ist der grosse meistens in Felsen gehauene Keller, wo der edle Johannisber- ger aufbewahrt wird. Der Distrikt, wo er in verschiedener Güte wächst, ist ungefähr 60 Morgen gross; doch ist die ausgezeichnetste Loge unmittelbar unter dem Schloss, und heisst „Obcr- tertj.« I m j anr 1822 wun ] en xwe i s tuc k j 0 ] ian _ »•berger Wein für den enormen Preis von 2800011. und 1831 ein Stück zu 10000 11. verkauft! Es bleibt uns nun noch übrig, einige Worte über das Dorf Johannisberg mit 840 Einwohnern zu sagen. Sein Hauptinteresse besteht dar- 44 Der tliictnuim. in, der Geburtsort dos 18.'W> in Wiesbaden verstorbenen ausgezeichneten Publieisten fVelfael zu sein. Vom Dorf .lohannisberg ist man durch eine Schlucht von dem vor 12 Jahre» zu VVcin- bergen angelegten sogenannten DauhrteiVf getrennt. Einige, Gutsbesitzer zu Winkel haben den sonst öden und steinigen etwa 12 Morgen grossen Berg mit Reben bepflanzt. Dieser Di- strict, (SO — 70 Fnss höher als der Johannis- herg, soll an seinen südwestlichen Lagen auch vorzüglichen Wein erzeugen. Die ganze Anlage ist mit einer Matter umgehen, und auf der lliilie des Kergos Steht ein weilgoschenes Wein-- bergshäuschen. Die Aussicht von dort ist kost lieh! Das unvollendete steinerne Haus welches uns links vom Berge so traurig anschaut, wurde (S25 vom verstorbenen Pädagogen Delaspe erbaut, um seÜM nach pestalozzisehon Grundsätzen errichtete Seliiilanslall von Wiesbaden dahin zu verlegen. Sein Tod unterbrach die Vollendung des schon unter Dach stehenden Hauses, und so wurde dieses, das eine bedeutende Sui ..... e gekostet, für (JOO Thaler verkauft, steht aber leider noch öde und leer, obgleich sich daselbst ein kleines Eden schallen liesse. In den ältesten Zeiten wurde; das Dorf Johannithcry, so wie das unten im Thale liegende ländlich reizende Johaunhdcrij im (irmiil, von den Dienstleuten des Klosters, welche seine Aecker und Weinberge bauten, angelegt. Eine Kuuststrasse führt nach üHnvinuM. 45 letzterem hinab, und von da in '/.. Stunde nach Geiscuheim. Wir Menden uns zuerst aber nach dem Wege, welcher von der ersten Mühle rechts ab zu den schönen Ruinen der ehninligen Klosterkirche von KI n r I e ii t li n 1 führt. Das von der klaren Klingclbach durch- rauschte Wiesenthal, durch welches sieh der nur für Mftllerwagen fährhare Weg schlängelt, athiriet die tiefste Ruhe. J Her und da wird sie durch das Geklapper einer Mühle unterbrochen, und im Frühling begleiten die Gesänge von Hunderten von Nachtigallen die Schritte des Wandrers bis ans Ziel seiner Wallfahrt, jene kleine ;iber höchst malerische Huine. Wo sieb das Thiilchen am ineisten verengt, da erbebt sieb diese von dein schmalen frischgrünen Wiesengrund, ein ernstes Hihi Gmgst vorübergegangener Zeiten. JNoch steht das mit einigen seltsamen Figuren und golbischen Zierrathcn geschmückte Portal und die vier Seilenwände der Kirche, aber ihr Dach ist der Himmel, und ihre Wände sind bis au! einen Heiligenscbrein mit dem einst wiindertbätigen Marienbild jedem Schmuckes beraubt. Aus dem Chor erhöht sich ein schöner l.iiidenbaum, die wenigen I>i|„ or beschattend, welche sich noch zu- M, 'tr lltjtingnu. Wie aber an des Rheines Itorden Sein alt Gcdüchtniss schwach geworden Und endlieh seines Oehien lloru Von ihm gewendet Gottci Zorn. Es fand (in liild dos fromme Vieh, Was dreimal laut „Sotkgattet" sehrie. So dWM alshald im Wiesoojjroinl Herrn Ilromsers liluslcr hier entstund.--------" *; Der Historiker hingegen berichtet ganz trocken, dass um das angeblich von einem Ochsen aufgewühlte Wundcrbild von den Jlrömsern von Rii- desheim eine kleine Kapelle, später aber von denselben (1390) eine grossere Kirche, und erst 1621 von Johann Richard Hrüniser von Riides- heim dieses kleine Kapuziner Kloster erbaut worden scy. Der Stifter hatte seinen Erben das Eigentumsrecht vorbehalten, wenn je durch geistliche oder weltliche Gewalt dieser Orden wieder aus dem Rheingau vertrieben werden sollte. 1813 wurde das Kloster wirklich aufgehoben, und gehört nun durch Kauf nebst dem Klostcrhof IJlix- holz, wie schon oben gesagt wurde, zu den Besitzungen des Freiherrn von Zwicrlein. Nahe bei Nothgottes, im Walde befinden sich altdeutsche Grabhügel. Man hat vor mehreren Jahren einige davon geöffnet, aber nichts von Bedeutung darinnen aufgefunden. — Ucbrigens haben die nächsten Umgebungen von Nothgottes noch ein romantisches Interesse mehr. Hier hat nchmlich einst *) Aus dem Gedicht der Verfasserin, Nothgottes, Mor gcublatt 105G. Woll)ijoilro. 55 das sogenannte Waltlkathrinchen in einer selbst gemachten Hütte von Baumzweigen gewohnt. Wenn der Wandrer auf seinen Wegen in diesem Thcile des Bheingaus vielJeicIit eine Gestalt erblickt, welche in ein altes weisses Gewand gehüllt ist, einen Strohhut auf dem gebeugten Haupte und ein Körbchen am Arme trägt, wenn sein Blick einem bleichen Antlitz mit eingesunkenen Zügen und trüben verglühten Augen begegnet, wenn dieses geisterhafte Wesen mit schnellen fast uuhörbaren Schritten an ihm vorüber gleitet: so mag er gewiss sein, das arme „W'aldkathrinchcn" gesehen /u haben! Einst ein schönes und braves Mädchen, ward sie von dem Heissgeliebtcn um eine andre reichere Braut verlassen. Der Gram getäuschter Liebe brach ihr Herz und ihr Geist unidunkelte sich. Sie (loh die Menschen, wohnte Anfangs in jener Waldhütte, und lebt nun von der Milde guter Menschen. Trotz ihres seltsamen Ansehens geht sie selbst an der Roh- heit unangefochten, ja bedauert vorüber. Von Geisenheim aus führt in einer kleinen halben Stunde die Chaussee an den stattlichen, einst das Osteinsche l'alais bildenden Häusern des Herrn Obristen von Gontard und Herrn W'ein- händlcr Dresse! und Sohn u. a. m., wie auch an dem in italienischem Geschmack neuerbauten schönen Hause des Herrn W'einhändlcr Lade und Söhnen vorbei, nach Rüdesheim. Kin fruchtbares trefllich benutztet Gelände zieht sich links bis an «Ich Bhein hinab, weither zwischen Geiscniioim 56 Dtr tlljcingau. und Rüdesheim hinter schützender An einen bequemen Hufen zur Ucberwinlerung von Schiffen jeder Grösse bildet. Rechts zeigen sich Felder und Gürten mit sanft ansteigenden Weinbergen wechselnd. Inmitten derselben, und am Fuss der Höhen, welche endlich in den Hüdesheimcr Her» übergehen, liegt das freundliche Dörfchen FAbin- yen, ein beliebter Vergnügungsort der Itheingaucr. Weitgesehen ist der noch übrige Thcil des ehma- ligen Nonnenklosters daselbst. Es wurde 1148 von IVlarka von Rüdesheim gestiftet, und kam später als ein l'riorat an das Kloster Sankt Rupertsberg bei Bingen, dessen berühmteste Aeh- tissin die heilige Hildegardis war. Nachdem das Kloster Rupertsberg 1632 von den Schweden verbrannt und zerstört worden war, begaben sich die Nonnen hierher. Sie waren nur aus altade- lichcn Geschlechtern und bekannten sich zu der Regel des heiligen Benedikt. 1802 ward das Kloster aufgehoben, über die Hälfte abgerissen und in ein nassauisches Zeughaus verwandelt. Seit einigen Jahren wieder von allen kriegerischen Zierathen befreit, ist nun einer der Säle zum Gottesdienst für die protestantische Gemeinde, die ebmalige Klosterkirche aber für die Katholiken eingerichtet. R tt c Tünt aus dem J 'luiuincii|;i;iiis." — — Zur Strafe für seine Gräuclthat ward nun Bischof Hatto durch grosse Scliaaren von Mäusen verfolgt, so dass er sich ihrer nicht erwehren konnte. Nicht in Haus und Hof, noch auf seinem Lager, selbst nicht am Hochaltar konnte er Kühe vor ihnen finden. Dazu quälten noch sein geängstigtes Gewissen die schrecklichsten Träume und er sah allnächtlich die Geister jener dem Feuertode geopferten Unglücklichen vor sich erscheinen. Da liess er sich diesen festen von gewaltigen Quadern gefugten Thurm mitten im Rhein aufbauen und floh hierher, hoffend, endlich Muhe «u finden. Doch sie ward ihm nicht. »Als Mitternacht gekommen "Weckt ihn der ulle Jiluuj;, — Es nu|;el au der Thiire, Es pfeifet auf dem Gang. „Und mit Entsetzen sieht er Heim hlciehen Lamjieiischein, Die Mäuse sind gekommen Auch durch den wilden ltkcin." „Und wieder in die Seele Hamml. ihm der Traum so schwer. Ihm ist's, als schwellten viele Gestalten um ihn her." 5* 68 UJcr tlhrtngnu. „Sic kommen immer naher, Kr kann sich retten nicht, Und schleudern schwarze Mäuse Ihm in das Angesicht." „Da fasst ihn finstres Grauen Und banger Todesschmerz, Gehrochen ist sein Auge, Gebrochen ist sein Herz —--------)" Diese Sage ward längst berichtigt und es ist urkundlich bekannt, dass dieser Thurm gleich der Burg Ehrenfcls im dreizehnten Jahrhundert seine Entstehung fand. Jener Hatto II., Erzbischof von Mainz (t 970), welchem dieser tragische Tod zugeschrieben wird, kann also nicht, wie noch Vogt geglaubt, sein Erbauer gewesen sein. Ursprünglich war dieser Thurm ein mit Geschütz, altdeutsch Mmerie, versebencr Wachtposten, um den auf der Burg Ehrenfcls bestehenden RhcinzoU zu schützen. Im dreissigjährigen Kriege wurde er abwechselnd der Aufenthalt von Schweden und Kaiserlichen und eine mündliche Uebcrlicfcrung erzählt von sieben treuen deutschen Wächtern dieses Thurmcs, welche sich in Verteidigung ihres Postens rühmliches Ende erwarben. Der letzte von ihnen stürzte sich, den gebotenen Pardon stolz verachtend, in die Flu- then**). *) Aus dein Gedicht der Verfasserin „der Mäuscthurm." **) Zum erstenmal von der Vcrfass. poetisch hearheitet und in ihrem Rheinischen SagenkreU, Frankfurt bei Jügel IUÖ4 erschienen. In Vrosa nachcr- Kübraljetm. 69 Nachdem man am Mäusethurm vorbeigekommen ist, beginnen die Wirbel und Strudel des sogenannten Bingcrlochs, von dem bei hohem Wasserstand wenig sichtbaren Felsenriff herrührend, welches quer durch den Rhein zieht. Es gehörten Jahrhunderte dazu, um diese Passage so gefahrlos zu machen als sie nun ist, wo sich nur noch höchst selten einmal ein Unglück mit grossen Schiffen oder Holländer Flössen ereignet. Die Sage erzählt, dass-Kaiser Karl der Grosse der Erste gewesen, welcher über diese Strudel geschifft. Wenn dies auch gleich nicht der Fall ist, denn schon die Römer befuhren mit leichten Schiffen diese Stromstrecke, so scheint doch in dieser Ucbcrlieferung angedeutet zu sein, wie gefahrvoll einst ein solches Unternehmen gewesen sein mag. Die Phantasie des rheinischen Volkes konnte sich den Ersten, welcher es gewagt, nur als einen so kühnen und gewaltigen Helden denken, als Karl der Grosse war! Mehrere Erzbischöfe von Main/, Hessen im neunten und zehnten Jahrhundert den engen Felsenkanal, durch welchen die Schiffe passiren mussten, am linken Ufer erweitern. Im cilften Jahrhundert, als sich Handel und Schifffahrt auf dem Rhein bedeutend vermehrt 7,ählt von Karl Gcib in seinem ansprechenden "Werke Sagen und Gcsehiehtcn des Kheinlandcs, Mannheim, Hof. 11156, und uheuso in den interessanten lthcinlandssagcn von Alfred Reumont, Köln und Aachen, Kohneu. 1037. 70 Der Rljttngau. hatten, waren besonders die alten Rheingrafen darauf bedacht, diese Wasscrstrasso auch für grössere Schiffe fahrbar zu machen. Sie trugen nämlich, wie schon früher bemerkt wurde, das Gcleitsrecht und Steuerrecht auf dieser Stromstrecke zu Lehen und mussten daher vorzüglich besorgt sein, durch erleichterte Schifffahrt ihre Gefälle zu vermehren. Im dreizehnten Jahrhundert jedoch, als die Burg Ehrenfcls erbaut wurde, und sich die Erzbischöfe von Mainz die Rheinzölle zugeeignet hatten, auch die Rheingrafen ihrer Rechte verlustig gegangen waren, fuhren die Schiffe nicht mehr auf der linken Seite des Rheines, sondern durch den erweiterten Felsenkanal an der rechten Seite, wo sie anlegen und Zoll geben mussten. Immer noch war aber diese Passage eng und gefährlich, so dass sie nur von kleineren Schiffen gemacht werden konnte, bis im siebenzchnten Jahrhundert reiche HoJzhändlcr von Frankfurt, die Herren von Stockheim, mit Bewilligung des Kurfürsten von Mainz, den Rhcin- pass im Bingerloch mit bedeutenden Kosten so sehr erweitern Hessen, dass ihre Flüsse passiren konnten. Da jedoch bei weitem noch nicht alle Hindernisse zu einer ungestörten Schifffahrt beseitigt waren, so Hess 1830 — 1832 das preus- sische Gouvernement durch den Wasserbaumeister F. van den Bcrgh die schwierige Sprengung der verborgenen Felsen im Bingerloch vollenden. Ein kleiner Obelisk am linken Ufer, von den Steinen erbaut, welche aus der Tiefe des Rheines losge- Kiforel)ctm. 71 sprengt wurden, bew.ahrt in einer Inschrift das Andenken an diese um die rheinische Schifffahrt hochverdiente Arbeit *). Und somit wäre denn auf der Fahrt durch das Bingerloch jede Romantik der Gefahr für immer beseitigt und der Reisende kann sich ruhig dem Eindruck überlassen, welchen die grossartigen Umgebungen auf sein Gemiith hervorbringen werden. Die Burgen, welche nun in einiger Entfernung am rechten Ufer des Rheines auf grün be- buschten Höhen sichtbar werden, sind liheirytlein, die schöne Burg des Prinzen Friedrich vonPreus- sen, und weiter unten die graue Ruine von llei- ekänstein, vom Volke auch oft Falkenburg genannt. Beinahe zu den Füssen der letzteren, am Kingange in das schöne Morgcnthiilchen mit herrlichen Felscnpartiecn, liegt die Sanct Clemcns- kirchc. Sic wurde in den Jahren 1834 — 1835 von I. Königl. Höh. der Prinzessin Friedrich von Preusscn zum Gottesdienst dor katholischen und evangelischen Confessionen wiederhergestellt und dieselbe fromme Hand gründete zugleich einen Armenfond daselbst. Auf der rechten Seite des Rheines erscheinen nun dicht an das Ufer gedrängt die vorderen Häuser des in eine Schlucht gebauten Dörfchens *) .Das Nähere darüber in «lern interessantes Werke „die Felsensprengungen im llliein bei Hingen tut Erweiterung des Thalweges im lliugerloch von F. van den Itergli, K. l'reuss. Wasserliaumcister, uiil 10 Nleinfaielii. liolilcnz, Itiideckcr. 73 Btr JMjmtflau. AHlllllIIMhltllHeU. In den Tagen der Vorzeit hatte Asmanshauscn warme Quellen, welche aber, wahrscheinlich durch veränderten Rhcinlauf, wieder gänzlich verloren gingen. 1489 wurden durch Hans Siegler von Aschaffcnburg, wie auch später noch mehrere vergebliche Versuche zu deren Wicdcrauffmdung gemacht. Doch scheint die Najadc auf ewig entflohen zu sein. Unterhalb des Ortes findet sich noch einiges Mauerwerk der ehemaligen Fassung, doch wird es bald verschwunden sein, da die schönen Quadersteine alle nach und nach herausgebrochen werden. Einst waren auch Silbergruben in der Nähe von Asmanshauscn, aber auch sie sind längst zerfallen und verlassen, und die einzige Merkwürdigkeit des schon im Jahre 1108 unter dem Namen Ha- semanshusen bekannten Dörfchens ist sein trefflicher rother Wein, der einzige, welcher im Rheingau gewonnen wird. Kenner ziehen ihn dem rothen Ingelheimer weit vor, und in guten Jahren wird oft die Ohm mit 11. 200 und darüber bezahlt. — Asmanshauscn wird jetzt allgemein, jedoch mit Unrecht, der letzte Ort des lllieinyaus genannt. Zu keiner Zeit war hier eine Gränzc des Landstrichs, welcher nach mehr als tausend Jahren noch unverändert denselben Namen führt. Seine Grunzen endigten, wie früher bemerkt wurde, unterhalb Lorcb bei Lorchhauscn am Rhein, und wir folgen jener alten Eintheilung, nach wel- 3Umaneh.aufcn. 73 eher auch noch das Wispcrthal zum Rheingau gehörte *). Eine gewöhnliche Excursion von hier aus ist die Fahrt über den Rhein nach der gegenüberliegenden Burg Rheinstein. Hoch und kühn, ein wahres Adlcrnest, liegt diese malerische Burg auf einem steil emporragenden Quarzfelscn. Reiche Ephcugewindc umschlingen seine Zacken und Vorsprünge, und an der rechten Seite rieselt ein klarer Quell, der Ablluss des Burgbrunnens in die Tiefe hernieder. Auf bequemen mit Ruhesitzen versehenen Wegen gelangt man zum Burgthor, und über eine Zugbrücke in den innern Hofraum, wo ein Doggenpaar hinter seinem vergitterten Zwinger dein Wandrer entgegen bellt, jind links auf dein Felsen ein mächtiger Steinadler den Schnabel au den eisernen Stäben seines Käfigs wetzt. Ehe man zur Burg hinan steigt, betritt man erst den kleinen Brunnengarten, ein frischgrüncs heimliches Plätzchen, in dessen Mitte der schöne gothischc Brunnen seine kühlenden Wasserstrahlen in einem Bassin sammelt. Breite steinerne Treppen führen nun zu dem gothisch verzierten Hauptportal der Burg hinan. Ucber demselben ist ein Wappenschild mit dem Adler und darumher der schöne und fromme Wahlspruch des Prcus- *) Es gehörten noch viele andre Ortschaften üher iler Hölle iln/.u, welche alier natürlich ausser «lein Kreise untrer Wanderung«« liegen. 74 Btr llhcingau. Bischen Königshauses „Gott mit uns" ausgemci- sclt. Rechts an der Mauer in einiger Höhe zeigt sich eine steinerne Tafel mit der Inschrift „Friedrich Ludwig, Prinz von Vreussen, Markgraf von Brandenburg etc. etc. Hess die Burg Rheinstein in den Jahren 1825 — 1829 wieder aufbauen durch den Baumeister Wilhelm Kuhn." Die ursprüngliche Erbauung dieser Burg fällt ins zwölfte oder den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts. Ihre näheren wenig interessanten Schicksale sind in der lleissigcn historischen Abhandlung von J. K. Dahl „Die Burgen Rheinstein und Reichenstein mit der Clemenskirche am Rhein, Wirth, 1832" und in dem zugleich als Wegweiser durch, die Burg dienenden Heitchcn „Rheinstein etc." Koblenz, Bädecker, 1837, von einem Ungenannten zusammengestellt. Der Romantiker wird in diesen trockenen aber mit vielem Fleissc zusammengetragenen Begebenheiten umsonst darnach forschen, ob nicht in alter Zeit Kampf und-Tod, Raub und Entführung eines schönen Burgl'räuleins oder Belagerung und kühne Verteidigung hier vorgegangen sein möchten. Es ist aber nichts von allem dem hier vorgefallen, und die beiden Verfasser jener Schriften haben sich Mühe gegeben, zu beweisen, dass in den traurigen Zeiten des Faustrechts, wo links und rechts ein raub- und fehdolustiger Adel die rheinischen Burgen bewohnte, diese Burg die einzige war, welche ganz ehr- und tugendsamc Bewohner hatte, so dass „kein Fluch auf diesen Mauern ruht." Was 3leman9t)aufcn. 75 nun das von uns 1834*) zuerst mitgcthcilto Gedicht „Die Braut von Rheinstein" betrifft, so beruht dasselbe allerdings nicht auf historischem Grund. Der Verfasser des Heftchens R/ieinstein hat daher ganz recht, dass jene Ballade nur eine der Verfasserin angehörende Dichtung, keine V olks- sagc sei. Zwei für die Literatur des Rheinlan- des interessante Werke **) haben sie indessen als solche schon, mit einigen Acnderungcn, der Verfasserin in Prosa nacherzählt. Wenn nun gleich diese Burg nach den Bo- weisen ihrer Beschrciber kein grösseres historisches Interesse darbietet, als etwa einen (problematischen) Besuch Rudolfs von Habsburg, als er 1282 in Kraft und Herrlicbkeit ausgezogen war, auch die rheinischen Raubritter zu züchtigen und ihre Burgen zu brechen, so ist dafür innerhalb ihrer schönen gastlichen Hallen so viel Interessantes zu schauen, dass der Wandrer gerne jener Tage vergisst, deren Geschichte nur allzuoft mit Blut geschrieben ward. Hier nun beginnt daa schon öfter angeführte Wcrkchon „Rlmnstein" als Wegweiser die besten Dienste zu leisten; denn es enthält die genaue Beschreibung aller Kunstschätzc an Glasmalereien, alten Waffen und *) Im rheinischen Sagenkreis. IflS-i. **) Gcib's Sntfoii und Geschieht ..... let Hheinlande«, 105G, un11<' 1 1s dir llcisciidc im ltei/.0|;lluiiu [Nassau, iinil es wurden ihr durch gütige Vermiltcl- unjf der Herzoglichen Landesregierung von beinahe allen 20 Aeintem Beiträge eingesandt. Ein kleiner Theil jener Aufgabe soll durch diese Itliitlcr gelöst werden. 6* 84 Bue tUtopcrtljfll. halten. Der Kurfürst, von dem Unglaublichen unterrichtet, ernennt eine Commission, die Sache an Ort und Stelle zu untersuchen. Ein Detasche- ment Mainzer Husaren, begleitet von dem geistreichen Carl Theodor von Dalberg, (nachherigem Coadjutor des Erzstiftes, dann Grossher/.og von Frankfurt) zieht in tiefer Stille in das Saucrthal ein; aber die Stunde der Befreiung sollte dem unglücklichen Vater noch nicht schlagen! Ein Späher oder Verräther war dem Zug vorangeeilt, und so fand man an Ort und Stelle angelangt den Gefangenen verschwunden, und musste un- verrichteter Sache wieder abziehen.—■ Das gebeininissvollc Dunkel, welches auf dieser Geschichte ruht, wird einst auf die Phantasie einer späteren Generation ihre romantischen Zauber üben, und ein künftiger rheinischer Sagen- dichter erzählt dann vielleicht, dass das Volk an den Gewölben der Sauerburg oftmals den bleichen Schatten des gefangenen Grafen erscheinen sehe! Der Wandrer, welcher von hier aus nicht den näheren, aber weit uninteressanteren Weg über das Dorf Hansel nach der Kamnierberger lVlüble nehmen will, muss nun wieder zurück bis an die heilige Kreuz-Kapelle, und noch einmal begegnet er den aus drei Maucrzacken bestehenden Besten der Burg Waldecli. Sie hatte schon im Jahr 1315 eigene Burgmänner und war bis zum vierzehnten Jahrhundert der Sitz eines ausgebreiteten Adelsgeschlechts von gleichem Namen. 1502 belehnte das Erzstii't auch die noch blühenden uralten Aammtrbti-ger ATiil]lr. 85 Brcilbach von Büreshcim damit. Später wurde die Burg freiwillig verlassen und zerfiel ohne zerstört zu werden. Längs den Ufern der fo- rellenrcichen Wisper, welche oft sanft durch grüne Wiesen flicsst, öfter aber über grosse Schieferbänke stürzt, gelangt der Wandrer durch das vielfach gewundene Thal bald zu dem Punkt, wo ihn die Aussicht auf den hoch und trotzig über die Berge ragenden Burgthurm von Rheinbert/ überrascht. Bloch eine Viertelstunde weiter und man kommt an die, zu den Besitzungen des Freiherrn von Zwierlcin gehörige Hainmerberger ITIültle, mit den Rainen von Kamtnerburg oder Kammerberg und likeinberg, von welchen eine Ansicht beigefügt ist. Wer diese Thäler und Schluchten so genuu kennt, wie die Verfasserin dieser Blätter, der wird zuweilen versucht zu glauben, dass einst Ruisdael und Everdingen hier herumgewandert sc) en, um Studien zu ihren schönen aber melancholischen Landschaften zu sammeln! Die Wisper, der grösste Bach des Rheingau's, entspringt auf der Kemler Halde bei dem Dörfchen Wisper und macht bis zum Rhein einen etwa achtstündigen Lauf. Sie nimmt eine Menge kleinerer Bäche auf und schwillt gleich andern Ge- birgswassern nach heftigen Regengüssen oder im Frühjahr, wenn der Schnee auf den Bergen 86 In» £üt*pertl)al. schmilzt, zu so bedeutender Höhe an, dass sie die Kammerbcrger Mühle, wo sich die Werkerbach mit ihr vereinigt, wie ein kleiner See um- brausst. Gegenüber von der Mühle nur von der Wisper geschieden, liegen auf einem etwa 50 Fuss hohen gerade aufsteigenden Schicferfelsen die wenigen Reste der Burg Kammarburg. Sie soll einst den Erzbischofen von Mainz als Jagd- schloss gedient haben, und Gerhard II. datirtc vom Jahr 1298 und 1303 2 Urkunden von hier aus. Im vierzehnten Jahrhundert hatte sie eigene Burgmänner, ward später an die von Rüdes- heim, von Blankenheim, dann an Kurpfalz verpfändet, und ging endlich in Privalhände über. Zeit und Veranlassung ihres Untergangs sind unbekannt. Wer übrigens diese Burg besteigen will, wo man eine zwar beschränkte, doch aber sehr romantische Aussicht in das Thal nach Lorch, auf die Mühle, und das in eine Fclscnschlucht ausmündende Wcrkcrthal hat, muss auf einem schmalen Baumstamm über die Wisper turnen. Von da an zieht sich dann ein ziemlich guter Pfad bis in die Mauern und den tiefen Wallgraben der Burg. Die Ruine von Rlieinliery, die so rauh und zerklüftet von dem nahe liegenden waldbcwachsencn Berge ragt, ist nicht so leicht zu besteigen. Der Fusspfad nach Ransel führt dahin, doch ist er schlecht und der Eingang zu der Burg schwierig. Alle früheren Pfade sind verwachsen und im lÜammrrbti-gtr 4ttül)U 87 Ganzen wenig dort zu sehen, denn die Aussicht ist noch beschränkter wie von der Kammerburg. Man erzählt, dass sie früherhin von Schatzgräbern häufig besucht worden sei, weil der Sage nach ein grosser Schatz von einein schwarzen dreibeinigen Hund bewacht, dort vergraben sein soll. Also schon wegen dieses Ungethiinis ist es rath- sam, sich mit der Ansicht von Ferne zu begnügen!— Durch die viellach in einander gewundenen Thaler geniesst man diese auch auf die verschiedenste Weise. Besonders schön zeigt sie sich auf dem Weg durch das Wcrkerthal nach dem Werkerbrunncn, wo ein sehr beliebtes dem Scl- terserwasscr ähnliches und häufig versandtes Mineralwasser quillt. Rheinbergs älteste Geschichte ist so interessant, dass sie näher betrachtet zu werden verdient. Diese einst sehr feste, berühmte und berüchtigte Burg wurde im dreizehnten Jahrhundert von den Erzbischöfcn von Mainz zum Schutz der rhein- guuer Gränzcn erbaut und war, wie wir schon oben bemerkten, eine der vier erzbischöflichen Landesburgcn. Sie wurde den schon im Jahr 937 im Rheingau vorkommenden Rheingrafen, Besitzern der aus 15 Dörfern bestehenden Herrschaft llheinl)irl:bel'csligimg des Oebüats', welches von hier aus hinab an die Wisper und von da an den Itlieiu zog. Das vereinigt« VVu|i|i«n von tici- seuheim und lliidcshcim war über seinem Eingaiij. in Stein gehauen, und dieser Stein ist das einzige was nun noch davon übrig ist. Er trägt die Jahr- 7,ahl 1 ^ÜJ! und ist an einem kleinen Häuschen am sogenannten Htihthor in (■ciseuheini eingemauert. 92 Uns tötspcrtbal. übrig ist. Von wem sio aber erbaut, bewohnt und zerstört wurde, ist gänzlich unbekannt. Doch sagt ßodmann II. p. 551 , dass Erzbischof Konrad III. das Schloss Luckenmilhl dem Vicedom des Rheingau's Cuno von Scharfenstein und seinem Stiefsohne Adam von Atlcndorf „beiden auf Lebzeit" übergeben hätte. Von liier aus gelangt man in einer Viertelstunde, nachdem man an einem schlecht gefassten Mineralbrunnen vorbei gekommen, an die dem Freiherrn von Zwierlein gehörige Neumllhle } und von da in einer halben Stunde nach & e i* o 1 «1 s t o 1 n. Dieser Punkt, vielleicht der schönste im Wisperthal, verdient allein die beinahe vierstündige Wandrung von Lorch bis hierher. Schroffe Berge hier und da mit Wald bedeckt, oft auch kahl und nur mächtige dunkelblaue Schieferhaldcn vor den Eingängen in die Schiuferbrüche zeigend, umgeben hier einen engen Thalkessel, durch welchen die Wisper brausst. Die Burg Geroldslein erhebt sich im Hintergrund desselben auf einem von dieser Seite beinahe unerstuiglichen Felsen. Zwischen ihr und einer viel tiefer liegenden Burg, welche jedoch zu Gerolstein gehörte und vom Volk die Junkerburg genannt wird, windet sich eine enge Schlucht herum, in welcher zum Theil die wenigen Hütten des ursprünglich durch arme Köhler und Bergleute angelegten Dörfchens ru- t&erolbattin. 93 hen. Auch hier, gleich wie bei den Burgen Sternberg und Liebenstein am Rhein, herrscht die traurige Sage, dass ein Bruder den anderen erschlagen habe! Uebrigcns ward diese Burg, die einst von bedeutendem Umfang und Festigkeit gewesen sein muss, in Urkunden abwechselnd Girstein, Gcrit- stein, Geroltstcin, Gernstein und Gerhardtstein genannt. Sic war die Stammburg des alten im Jahr 1573 erloschenen Geschlechtes von Gerhardtstein oder Geroltstcin. Der erste Ritter von Geroltstcin tritt schon im Jahr 1261 auf. Im 14. Jahrhundert waren jedoch die Bewohner von Gerolstein Raubritter und der Schrecken der Umgegend. Erzbischof Balduin von Trier zog daher 1353 vor die Burg und belagerte dieselbe. Da es aber seinen Kriegern an Wasser gebrach, so wurde die Belagerung wieder aufgehoben. Wir lesen, dass sich einer aus dem Geschlechte dieser wilden Bitter 1478 als Domherr von Mainz zu Tod studirt habe! Friede sei mit seiner Asche — es war in jener Zeit gewiss ein seltener Tod für einen Edelmann. Wer die Burg besteigen will, was übrigens ein mühseliges Unternehmen ist, da sie sehr steil und unzugänglich auf dem Felsen daliegt, der nehme einen Führer von Gcroldstein mit. Die Aussicht von oben herab ist zwar nicht weit, doch aber belohnend und in hohem Grade wild und schauerlich. Während der Saison kommen häufig Kur- fremde von Schwalbach auf Eseln hierhergeritten, denn die Schönheiten dieser Thäler werden 94 Bae ÜHftpcrtljal. immer bekannter und besuchter. Gasthäuser sind aber noch ein gänzlicher Mangel daselbst. Im Dörfchen Geroldstein ist eine kleine Kneipe, welche alle Eigenschaften eines Wirthshauses in den schottischen Hochlanden hat. Doch kann der Wandrer einmal im Jahr Wein daselbst haben und zwar, wenn es Kirchweih im Dörfchen ist. Sonst aber mag man sich mit einem Glas Milch und Brod begnügen. Von Geroldstcin sind es noch 2 Vi Stunden bis nach Schwalbach und man findet auf dem Wege dahin noch manchen lieblichen Ruhepunkt, obgleich der schönste Theil des Wisperthaies hier ein Ende hat. Und somit scy es uns denn auch erlaubt dem freundlichen Wandrer Lebewohl zu sagen, und diese Blätter mit nachfolgenden Worten zu schlicssen: Wunsch.*) O, llhein mit deinen Erhabnen Höhen, Wo (jrauc Burgen llemiedersehen Und holde Sagen Verschwundener Zeilen Wie Geisterstimmen V oriiberiflciten I Wo Eichenlsränze Und Kchenranhen Im Spiel der Lüfte Um's Ufer wanken, *) Gedieht der Verf. v. 1820. 95 Und schnelle Schule Vorüber fliegen Wie weisse Schwäne In stolzen Zügen. Wo Sprosscr singen Auf Rosenzweißen, Wo Mündeln reifen Ifnd edle Feigen, Wo süsse Trauben Den Wandrer laben Und ihn erfreuen Des Nektars Gaben. O Rhein I ich Itönntc Von dir nicht scheiden, Müsst' in der Ferne Voll Sehnsucht leiden - Jn — lieber ruhen An deinen Wogen Als fort auf ewig Von dir gezogen 1 Wiesbaden. iUUsbafcfn. Unter allen Reisenden, welche die fröhlich« Som- mcrwallfahrt an die Ufer des Rheines machen, findet sich nicht leicht Einer, der die Hauptstadt des Herzogtums Nassau mit ihren reizenden Umgebungen und dem geräuschvollen Treiben einer beinahe immer glänzenden Badesaison unbegrüsst liesse. Wiegbaden, dieser grösste und besuchteste Badeort des Continents, mit 1ÜOOO Einwohnern (ohne Garnison) ist der Sitz der Landesregierung und künftig auch während der Wintermonate die Residenz der Herzoglichen Familie. Seine seit den frühesten Zeiten bekannten und besonders in den letzten drei Jahrzchenten berühmt gewordenen heissen Quellen haben ihm einen europäischen Namen erworben, so dass die Badelisten jährlich über 20000 Fremde (die Durchreisenden mit eingeschlossen) aufzählen, welche während der Saison daselbst verweilen sollen. Von den schönsten Gegenden Deutschlands "nigeben, nur eine Stunde vom Rheinufer entfernt, lie gt die freundliche, grösstenteils neue Stadt in * Iner s «nften Thalscnkung an den reichbebauten v "rhüge] n des Taunus, llOFuss über dem Rhein, 7 4 tUitsba&tn. 346 Fuss über dem Meer, und unter dem 50° 6" nördliclver Hreite und 26° östlicher Länge. Weinreben und Kastanien reifen an der üränze prächtiger Buchen- und Eichenwälder, womit seine von dem herzoglichen Jagdschlosse Platte gekrönten Höhen bedeckt sind *). Die Mhe von Schwalbach, Schlangenbad, Mainz, dem Rheingau, und die Leichtigkeit, in einem Tag Ausflüge nach jenen Orten machen zu können, ohne deshalb die Kur zu unterbrechen, sind Vorzüge, welche wenig andre Uadeörter in gleichem Grade besitzen. Sie werden noch erhöht, wenn die Taunuscisenbahn einst auch Frankfurt mit Wiesbaden vereinigt. Wiesbaden und das grossartige Panorama seiner Umgebungen zeigen sich am schönsten dem von der Frankfurter Chaussee herabkomincnden und in die Wilhelmsxlraxxe einziehenden Reisenden. Es ist die grösstc Strasse der neuen Stadt. Rechts am Ende eines grossen Hasenplatzes schimmern ihm da dio Säulenhallen des Kursaales entgegen, und über schattigen Haumgriippen erheben sich einige zierliche Villen von dem Hügel, zu *) Die bedeutendsten Hdhenpunkte bei Wiesbaden sind: die lli.cliwur/i'l , — eine wtil umfassende Aussieht bietend — 1000', der Trompeter llitiO' und die Pia I In IßOO' hoch. Seihviirts werden aie vom l^liiiiertj und AHhnniij überragt. Kr- stnrcr ist 9600', letzterer SI100' b.ieb. 8. das Habere darüber in dem aus'ijezeiehiieten Werke von Schacht: l.elirbueb der Geo|;ra|iliie, Main/. bei Kunze. 8t* Aull. 1856. tUieabubcn. 5 dessen Füssen sich die grandiose Kolonnade hinzieht. Das Theater, der Nassauer Hof, das Gast- und ßadchaiis zu den vier Jahreszeiten, reihen sich dann freundlich an jene Bauwerke, welche einen so überraschenden Eindruck hervorbringen. Die ältesten Nachrichten von den fontes inat- tiaci reichen bis in die früheste Vorzeit hinauf, und auch hier erbaute Drusus *) eines seiner fünfzig rheinischen Kastelle, den wichtigen Tau- nuspass zu beschützen. Wiesbaden wurde darum auch nach und nach eine bedeutende Niederlassung der Römer. Die ganze Umgegend ist reich an Denkmalen aus jener Zeit, wie denn auch die letzten Ausgrabungen, durch den Bau einer Kaserne veranlasst, viele interessante Altenhümer zu Tage brachten, welche nun in dem Museum für Nassauische Alterthumskunde und Geschichtsforschung aufgestellt sind. — Von dem Kastell, welches auf dem Römerberg lag, besitzt Wiesbaden noch einen ehrwürdigen Rest. Es ist ein grosses Stück der Mauer, die es gegen Osten und Südwesten umgeben und wohl mit der damaligen Stadt verbunden hat. Au vielen Stellen ist sie noch sehr wohl erhalten, etwa 050 Fuss lang, 20 Fuss dick, und wie alle römischen Gussmauern von beinahe unzerstörbarer Festigkeit. Die heutige Kcstinimung dieser „Heidenmauer", wie sie im Munde des Volkes heisst, ist zum Theil die friedliche Wohnung der Todten zu umschliesson. *) Nach Kinißen erst Uailrian. 6 lüicfllnibni. Auch römische Bäder hat man in Wiesbaden entdeckt. Denn 1783, als das Badehaus zum Schützenhof erbaut wurde, fand sich beim Ausgraben der Fundamente ein merkwürdiges 90 Fuss langes römisches Schwitzbad. Sein Boden war mit gebrannten Ziegeln bedeckt, welche den Stempel der 22sten Legion trugen, derselben, die bei der Erobsrung von Jerusalem thätig war. Den dabei aufgefundenen Denkstein hatte einer ihrer Centurionen in dankbarer Verehrung für wiedererlangte Gesundheit dein Apollo geweiht. Auch in dem Garten des Gast- und Badc- hauses zum Adler, und im Schwanen- und Römerbad hat man ähnliche römische Bäder entdeckt. In dem des letztgenannten fand man drei menschliche Gerippe, in deren Schädel sich längliche Stücke Blei befanden*). Bei dem Bau der Schwalbacher Strasse, dein ehemaligen Markt der Römer, fand man einen schönen Votivstein, dem Merkur und der Nun- dina, Göttin der Märkte, gewidmet, und unweit duvon wurde ein Opferaltar ausgegraben. Römische und altdeutsche Grabhügel finden sich in den Umgebungen von Wiesbaden sehr häufig, besonders aber in der sogenannten Geishecke an der Schwalbacher Strasse und der Kohl- heckc bei dem ehemaligen Kloster Klarcnthal. *) 8. Dorow, Opfcrstiitte und Grabhügel der Germanen und Römer am Rhein. Wiesbuden löiO—1821. tötesliobtn. ' Unweit der Fasanerie wurde von Dorow auch eine Opferstütte alter Germanen entdeckt. — Usi- peter und Mattiaken wohnten in jener Zeit umher, und waren Jahrhunderte lang bald Besiegte, bald Bundesgenossen der Römer. Ihnen folgten andre deutsche Völker und die Alemannen machten der Römerherrschaft am Rhein für immer em Ende. Die Nachrichten von Wiesbaden verschwinden während dieser Zeit beinahe gänzlich. Als aber endlich in der letzten Hälfte des fünften Jahrhunderts die glänzende Monarchie Karls des Grossen erstanden, und Deutschland bei seinem Enkel Ludwig als selbstständigcs Reich erschienen war, wird Wiesbaden dadurch wieder wichtiger, dass daselbst eine königliche Pfalz (Saal) erbaut, und auf der Erbcnhcimer Höhe ein steinerner Königsstuhl errichtet wurde. Der ganze I Bezirk umher hiess Cunigeshundrcte oder König- sundragau, das heisst des Königs besondrer Gau oder Domainialgut. Es war Eigenthum der deutschen Könige bis zum 11. Jahrhundert und kam dann als'Reichslehen an die Grafen von Nassau. Karl der Grosse, dessen Residenz Ingelheim nur wenige Stunden von da entfernt war, könnte nächst dem Alemannen König Makrian in der Badechro- *) S über seine ehemaligen Gränzbesti m mun C cn die trefllicne 10tf«iwlie.Top«grapM« des Hcr7.o,;lhums Nassau ?on C. D. Vogel. Derboin, Kempf. 1850, und die Werbe von Arnoldi, Riller, Ebhardt, Lehne u. a. m. 8 tüttfibirbm. nik von Wiesbaden als einer der bedeutendsten Kurgäste angeführt werden! Man weiss, dass er die wuhlthätigen Quellen von Wiesbaden oft besucht und auch gebraucht hat. Nach ihm haben Otto der Grosse *), Heinrich II., Lothar II., Friedrich I., Philipp von Schwaben u. a. hier verweilt, besonders aber hat der tapfere Kaiser Adolph von Nassau von seinem hiesigen Aufenthalte mancherlei Denkmale hinterlassen. Wiesbaden gehörte, wie wir bemerkten, schon seit grauer Vorzeit zu den Besitzungen der aus dein Salischcn Kaiserhause entsprossenen Grafen von Nassau, und so erfreuen sich nun diese schönen Ländcr- theilc seit einer langen Reihe von Jahrhunderten ihrer weisen und milden Herrschaft. Kaiser Adolph erhob Wiesbaden wieder aus Schutt und Graus, nachdem es 1882 sein böser Nachbar Gottfried von Eppstoin zerstört und den königlichen * Saal verbrannt hatte. Als er aber in der Schlacht bei Gelheim 1298 Leben und Reich verloren hatte, wurde die Stadt von seinom Gegnci A(brecht von *) Er stillte eine Urkunde von hier aus, welche darum besonders merkwürdig ist, weil darin zum erstenmal der Name „ Jf'isihailum" vorkommt. Mehrere Historiker erklären den Ursprang diese« Namens von den Wiesen, welche um die heissen Quellen lagen. Einige andre leiten den Namen Wiesbaden von den Ureinwohnern der Taiinus- |;aucii, den l si|>ctcrn her, welches die Körner in Visinclri und spätere Zeiten in Wisibädcr verwandelt haben. Auch Lehne erklärt es also. lUuebuöen. 9 Oesterreich erobert. Späterhin verteidigte es Gcrkch, ein Sohn des gefallenen Helden, mit so gutem Glück gegen Ludwig den Baiern, dass dieser die Belagerung nach einem Monat aufheben musstc. Graf Adolph befestigte die Stadt 1507 aufs Neue, aber dennoch musste sie während des Bauernkriegs und im dreissigjährigen Kriege, so wie auch in den französisch-deutschen Kriegen vieles leiden. 1744 wurde die Regierung von Usingen aus hierher verlegt, und seit 1815 ist es die Hauptstadt des Herzogthums. Von den bemerkenswerthesten öffentlichen Gebäuden in Wiesbaden nennen wir folgende: 1) Das in schönem Geschmack vor kurzem erbaute herzogliche Palais, am Marktplatz gelogen. 2) Das Bathhaus. 3) Die Münze. 4) Die Stadtkirche, auf der Stelle einer altern, 1488 erbaut, mit zwei interessanten Grabsteinen aus dem ehemaligen Kloster Klarenthai. Der älteste dieser Grabsteine ohne Jahreszahl noch Umschrift stellt eine weibliche Figur mit einer Krone auf dem Haupte vor. Die Sage erzählt, dass es das Bild der Ima'gina, Gemahlin Kaiser Adolphs von Nassau. Auf dem zueilen Grabstein steht die geharnischte Geslalt Philipp I., trafen von Nassau- Weilburg, der 1429 in Wiesbaden starb. 5) Das ursprünglich von Kaiser Adolph gegründete Hospital, welches 240 — 250 Kranke aulnehmen kann. 6) Das noch zu Magazinen benutzte alte Schloss. 7) Das 1826 nach dem Plane des Aachner erbaute schöne Theater. 8) Das neue 10 Döicolirtbtn. Palais in der Wilhelmsstrassc. In seinen unteren Räumen ist die öffentliche Bibliothek aufgestellt, welche über 40000 Bände zählt. Nebst mehreren Inkunablen und seltenen Drucken befinden sich auch daselbst die Visionen der heiligen Hildegard, ein Codex mit schönen Miniaturmalereien aus dem 12. Jahrhundert. Mit grosser Liberalität wird jedem gebildeten Fremden der freie Zutritt und die Benutzung der Bibliothek, welche Montag, Mittwoch und Freitag geöffnet ist, gestattet. In dem mittleren Stock des Palais ist die Sammlung der 1821 gegründeten Gesellschaft für Nassauische Alterthumskunde und Geschichtsforschung aufgestellt und mit ihr seit 1824 die von Gerning'sche Antiken -Sammlung vereinigt worden. Eine Anzahl von Gold- und Silbermünzen, meistens in Nassauischem Grund und Boden gefunden, enthält ebenfalls viele seltene Stücke. — Todtenurnen, Thränengläser, hetrurische Vasen, Bronzen, geschnittene Steine, Büsten und Basreliefs, einige Statuen, so wie die beim Bau der Artillerickaserne ausgegrabenen und hierher geschenkten römischen Alterthümer bilden ein Museum, welches den Kenner gewiss befriedigen wird. Auch von Lapidarschriften und Sarkophagen ist manches interessante hier zu schauen. Das vorzüglichste der ganzen Sammlung sind jedoch die in den römischen Ruinen bei Hedcrnhcim 1826 aufgefundenen Bildwerke, Altäre und Basreliefs zweier Mithrastempcl. Der geschätzte Altertumsforscher Habel hat das Verdienst, tüteabaöcn. H sie entdeckt und erhalten zn haben. Das grosse Mithrasrelicf übertrifft, wie derselbe in seiner interessanten Scbrift: „Die Mithrastempel in den römischen Ruinen bei Hedernheim" dar- thut, alle bis jetzt bekannten, selbst das Borghe- sische hinsichtlich seines Heichthums an Symbolen und trefflicher Erhaltung. In demselben Lokale ist auch noch die Sammlung des naturhistorischen Vereins mit der vorzüglichen Gerning'schcn Schmettcrlingssammlung, und eine kleine Gemäldesammlung aufgestellt. Letztere besitzt schöne Sachen von Domenichino, Pietro di Cortona, Erancesco Albani, Holbein, Albrecht Dürer, Pousin u. a. m. Auch ein besonders schöner Raphacl befindet sich daselbst. Paris soll ganz dasselbe Bild besitzen, welches aber das Original ist, mögen Kenner entscheiden*). Unter den öffentlichen Gebäuden in Wiesbaden nennen wir noch 8) die in acht klassischem StvJ von Baurath Zengerle erbaute und durch 38 kolossale steinerne Säulen getragene Kolonnade, welche während der Kurzeit in einen glänzenden Bazar verwandelt ist, und endlich 9) den von 1809 — 1810 vom Bauinspector Zais erbauten Kursaal. Wenig andere Bäder können sich eines solchen Bauwerkes rühmen, wie dieser Kursaal ist! Seine Facade von 330 Fuss Länge wird durch dreissig *) S. das nähere darüber in Zimmermanns „Wiesbaden und seine Umgebungen. Vi UHteba&tn. Säulen gestützt. Den Porticus tragen sechs höhere Säulen, über welchen die güldene Inschrift: Foutibvs iViattiacis MDCCCX prangt. Die zu jeder Seite 110 Schuh langen Säulenhallen sind gleichfalls während der liurzcit mit Kaufläden besetzt, und um Ende der rechten Seite hat der ltaliäner R, Sanzio ein Lcsekabinet mit den interessantesten deutschen, englischen und französischen Journalen errichtet. Uns Innere des 1835 mit allen Nebensälen neudecorirten Kursaales, von welchem ebenfalls eino Ansicht beigegeben ist, beträgt 130 Fuss in der Länge und 60 Fuss in der Breite. 28 korinthische Säulen aus inländischem Marmor stützen die Galleriecn und die herzogliche Loge. Die Husten und ^Statuen in den JMieschen sind Eigen- thum der Actiengcsellschaft, die den Kursaal erbaute und nun auch eine zweite Colonnade aufführen lässt. — Alle sind von der Hand Franzonis, ausgenommen der Apollino, welcher von Ghinard ist. Wird dieser imposante Saal bei der glänzenden Helcuchtung eines Ballabends gesehen, dann gleicht er einem Feentempel und es mag wenig Säle geben, die sich ihm an Grösse und geschmackvoller Decoration vergleichen lassen. Während der Kurmonate sind an bestimmten T*gen im Kursaal Bälle und Heunions dansantes, nebst Concorten von durchreisenden Künstlern im sogenannten blauen Saal. Chabert, der Pächter sämmtlicher Spielbanken in den Taunusbädern, zahlt allein für den Pacht des Kursaaies jährlich tütcalictlKn. I 3 12000 0., and besitzt alle Mittel, um ein grosses Publikum zu unterhalten und anzuziehen. In dieser Absicht ist täglich vortreffliche Musik hinter dem Kurgebäude, wo sich die zahlreiche Bade- gesellschaft versammelt. In den Sälen aber drängt sich beständig eine spiellustige Menge um die verlockenden grünen Tische, welche nun einmal an Badeort« leider ein notwendiges Uebel zu mw scheinen. Was die Badeanstalten in Wiesbaden betrifft, so sind dieselben fast alle, besonders die in den grösseren Badehäusern vortrefflich. Siebenzehn zu den muriatisch-salinischcn Wassern gehörende heisse Quellen geben übermässigen Vorrath, und ausserdem existiren noch vier kalte Mineralquellen, welche jedoch nicht zum Baden benutzt werden. Im Ganzen sind in Wiesbaden etwa 700 zum Theil sehr schön und elegant, immer aber reinlich und bequem eingerichtete *) Gcschichtschrciber der alleren Geschichte vonMainaC Von anerkanntem Wcrlhc sind die "Werke von Schwarz, Vogt, Itodman, ächunk, Lehne etc. Auch der allzufrüh hiiiül>cr(jeßann;ene vaterländische Dichter Itraun, so wie Dr. liiilli, Wetter, Bahl, Brühl, Schauli, Werner,. Wie. Müller ». a. in. 6 üllniu-j. zog sicli dasselbe in seiner Länge mit der jetzigen Stadt gleichlaufend auf der Höhe des Albansberges bis zum Linsenberg. Seine Breite aber war vom Abbang des Gauthorberges bis unterhalb des Gauthors an den ehemaligen Druscnsce, in welchen der durch die römische Wasserleitung strömende Gonzbach seinen Abiluss hatte. Auch das Mainz gegenüberliegende und mit ihm durch die Schiffbrücke verbundene Kastei verdankt Druaus seinen Ursprung. Es war das, was noch jetzt scinName ausdrückt und diente zum Schutz der Rheinübergänge. — Sccliüuriilfiinfzig halb zertrümmerte Pfeiler jener Wasserleitung stehen noch bei Zahlbach unweit Mainz*, ihre höchste Höhe betrug 128 Fuss, ihre Länge, von der Königs- quclle bei Einthen an bis zu dem Drusenloch oder Drusilacus, einem grossen Wasserbehälter, 5731 geometrische Schritte oder 28655Fuss; ihre Pfeiler bestanden wie der Eichelstcin aus Gussmaucrn, von aussen mit Quadersteinen bekleidet-, mit Würde konnte sie sich dem berühmten Aquäducte Tra- jans in Scgovia an die Seite stellen und gibt Zeug- niss, wie der grosse Römer seine Legionen zu beschäftigen wusstc, wenn die Schwerter ruhten. Sein Andenken ward von ihnen so geehrt, dass sie nach seinem frühen und tragischen Tode einen Altar in der Nähe derselben errichteten, wo jährlich feierliche Kriegsübungen gehalten und Opfer haben schätzbare Beitrage zur Geschichte von Mainz geliefert Ütatn$. 7 gebracht wurden. Noch ein anderes bis auf unsere Zeiten gekommenes Denkmal, welches sie zu seiner Ehre erbauten, ist der sogenannte Eichcl- Stcin *), dessen interessante Reste innerhalb der Citadcllc als eine runde thurmartige Steinmassc noch 42 Fuss über die Erde ragen. Nach mancherlei Wechsel der Besatzung und ihrer Befehlshaber kam endlich 80 n. Chr. dio 22ste Legion, welche bei der Eroberung von Jerusalem unter Kaiser Titus mitgekämpft, nach Magontiacum. Mit ihr zugleich, wie die Sage erzählt, der heilige Crescenz, welcher als erster Lehrer des christlichen Glaubens in dieser Gegend, wie auch viele seiner spätem Nachfolger, den Märtyrertod gelitten. Unter ihm soll das erste christliche Kirchlein zwischen der alten Stadt und Festung im sogenannten Heiligcnthal erbaut worden sein. Roms vierhundertjähriger Herrschaft am Rhein wurde endlich durch die Kämpfe der Germanen ein Ende gemacht, und Mainzi welches erst durch Alemannen, dann durch Vandalen und Alanen, endlich durch Attila's furchtbare Hunnen in einen Schutthaufen verwandelt worden war, verdankte seine Wiederherstellung den fränkischen Königen Thcodebert I. und Dagobert I. Letzterer ver- *) Nach Lehne'* und mancher alteren Autoren Erklärung deshalb KicheJstcin genannt, weil eine Einfassung von Adlern, (lat. Aouila, gallisch Aiglc) als das Sinnbild der Unsterblichkeit, seine Spitze geziert haben soll. 8 Jttntii}. grösscrte die Stadt bedeutend und Bischof Siegbert umgab sie 712 mit Maliern, wodurch sie später einer Belagerung der Burgundionen widerstehen konnte, bis sie der tapfere Karl Martell entsetzte. Die Geschichte von Mainz beginnt sich nun mehr und mehr zu lichten. 745 wurde Bora- f'aeius (.Winfried), der weise und glaubensstarke Apostel Germanicns, auf den erzbischöflichen Stuhl daselbst und die Mainzer Kirche zur Metropolis von ganz Deutschland erhoben. Sein Verdienst war es, 752 dem kräftigen und tapfern Pipin auf den fränkischen Thron und dem letzten Sprossen der unwürdigen Merovinger ins Kloster geholfen zu haben. Wer aber betrachtet nicht mit Erstaunen und Rührung die ehrwürdige Gestalt dieses 85jährigen Greises, wie er mit einigen gleichgc- sinnten Männern das Schiff besteigt, welches ihn den Bhcin hinab zu den heidnischen Friesen trägt, wo er, die Religion des Friedens verkündend, den Tod eines Märtyrers stirbt! — Karl der Grosse, Pipins Sohn und Nachfolger, liebte Mainz und hielt sich oft daselbst auf. Drei Stunden davon entfernt, zu Inyelhaim, auf dem linken Rheinuler, hatte er einen Pallast mit hundert Säulen von Granit und Marmor aus Ravenna, erbaut, und einen Kreis von Helden und Weisen um sich versammelt. Kirchen und Klöster entstanden zu jener Zeit in und um Mainz. Karl stiftete auf dem Albansberg daselbst ein Kloster mit einer gelehrten Schule, die unter seiner per- Jtainj. 9 sönlichen Leitung stand. Männer, wie Eginhard, RicuJf, Alcuin, Habanus Mourus u. a. unterstützten dabei seine Bemühungen um Wissenschaft, Kultur und Sitte aufs eifrigste. Auchliess der grosse Kaiser auf achtzehn steinerne Pfeiler einer Rheinbrücke, welche (wie man vermuthet) Kaiser Trajan durch die 22ste Legion hatte erbauen lassen, und die aus unbekannten Ursachen nach 260 Jahren wieder zur Ruine geworden war, eine hölzerne Brücke setzen. Nach zehnjähriger Arbeit brannte sie jedoch kurz nach ihrer Vollendung wieder ab, und erst nach beinahe tausend Jahren fasste Napoleon den Plan, eine steinerne Brücke über den Rhein zu bauen. Die Ausführung unterblieb durch die Zeitereignisse, aber das Modell *) dieser projektiven Brücke, von St. Far entworfen, ist noch auf der Stadtbibliothek zu sehen. — Unter den Nachfolgern Karls des Grossen, den entarteten Karolingern, nahm Mainz, das bedeutend an Umfang und Bevölkerung gewonnen hatte, eine andere Gestalt an. Adel und Geistlichkeit, von ihm in gehorsamer Abhängigkeit erhalten, warfen nach und nach die Zügel ab, so, dass Erzbischof Hatto I. (v. 891 — 912) der erste war, welcher zu seiner geistlichen Oberherrschaft landesherrlich« Gewalt und Würde fügte, worauf endlich seine Nachfolger Bang und Macht der ersten geistlichen Fürsten Deutschlands erwarben. Nach Hatto I., den die Geschichte einen *) Ein anderes, von Arnold verfertigt, ist in Paris. 10 Üömn?. arglistigen, gewissenlosen und herrschsüchtigen Priester nennt, waren der treffliche Willigis (f 1011) und Aribo (f 1031) die ersten Erzbischöfe von Mainz, welche durch ihre Stimme bei Kaiserwahlcn den Ausschlag gaben. Erstem- wählte nach K. Otto's III. Tod Heinrich IL, letzterer den Frankenherzog Konrad I. zum deutschen Kaiser, und fortan entschied beinahe immer die wichtige, doch nicht immer gerechte Stimmo eines Krxbischof* und Kurfürsten von Mainz bei der Wahl eines Reichsoberhauptes. Die Bevölkerung, und mit ihr Handel und Gewerbe, hatten unter den Erzbischöfen Aribo und Bardo so zugenommen, dass Mainz nach und nach zu einer bedeutenden Handelsstadt emporbluhte. Zahlreiche Handwerker fingen an Genossenschaften, endlich Zünfte zu bilden, und ihren städtischen und bürgerlichen Einrichtungen standen (seit Bardo, 1032) Räthe und Bürgermeister vor. Durch Einigkeit, kaiserliche Privilegien und wohlerworbenen Bei cht hu m erstarkt, setzten sie bald der allzu- grossen Anmassung geistlicher Oberherrschaft Widerstand, endlich, als es zu ernsten Streitigkeiten zwischen Bürgern und Erzbischöfen gekommen war, Gewalt entgegen. Erkenbold (1020) und Siegfried I. (1077) bestanden die ersten Kämpfe mit ihnen. Letzterer wurde sogar auf immer aus den Mauern der Stadt vertrieben. Unter Er/.bischof Rudhard *) (f 1109), der *) Kr war der Stifter des ehemaligen Klosters 8t- •loliiiiiiiislx-rj; im Klieiiißau. iltnin^ 1t wegen Thciinahmc an einem grossen Judeumord zu Mainz, wo dieser Griiuel sich leider öfters wiederholte, in K. Heinrichs IV. Ungnade gefallen war, und 7 — 8 Jahre lang in der Verbannung ausser seinem Erzstift lebte, befestigte sich der Geist der Unabhängigkeit immer mehr und mehr. Sein Nachfolger Adalbert I., den die Bürger aus der Gewalt und schmachvollen Gefangenschaft K. Heinrichs V. befreit hatten, gab ihnen den ersten Beweis eines dankbaren Herzens, indem-er ihnen 1153 einen grossen Freiheitsbrief erthcilte, welcher sie auf ewige Zeiten von erzbischüflichcr Gerichtsbarkeit und allen Abgaben befreite. Dieser Freiheitsbrief ward in die ehernen Thiircn der unter Willigis 988 erbauten und 1804 abgerissenen Licbfraucnkirehc eingegraben *) und legte den Grund zu der künftigen Grösse und Macht, aber auch zum ungezügelten Streben der Stadt nach völliger Unabhängigkeit, wie sich solches später durch die Ermordung des den Bürgern verhassten Erzbischofs Arnold von Seclenhofen 1160 zeigte. Es kann unsere Absicht nicht sein, den mehrhundertjäh- rigen Kämpfen zwischen Erzbischöfen und Bürgern und zwischen letztem und den Patriciern zu fol- *) Sie wurden von der Licbfrauenliirclic abgenommen und an den Eingang des Domes von lar Marktseite eingehängt, wohin sie genau passten. Die Uebersetzung der Inschrift gibt Wetter in seiner interessanten Geschichte und Beschreibung des Domes zu Mainz. (Mainz, bei C. G. Kunze. i»r,it. 12.) s. w. 1« Ütatn}. gen. Da wir in diesen Blättern nur das Wichtigste und allgemein Interessante aus der Mainzer Geschichte berichten, so genüge es, die getreue Schilderung jener Zeit mit den Worten des verdienten Lehne zu geben*). „Sitten und Wissenschaften geriethen mehr und mehr in Verfall, je unruhiger und eifersüchtiger die nebenbuhlcrischen Parteien wurden. Uebcrall entschied das Schwert oder der Aberglaube, überall flössen Blut und Thriincn. Die gesellschaftlichen Bande waren aufgelöst und nur die schwere Kette der Uebcrmacht drückte den Schwächeren zu Boden. Wenige verstanden zu herrschen, wenige zu gehorchen. Jeder bot seine Kräfte auf, um sich zu sichern, mit List oder Gewalt, und keiner licss den andern sicher. Wie ganz Deutschland und Frankreich wurde unsere Gegend mit Burgen bedeckt. Wo ein unersteiglicher Felsen sich erhob, da nistete sich wie ein räuberischer Adler ein raubgieriger Ritter an. Keine Wildniss war ihm wild, kein Berg war ihm hoch genug. Zollstätten bedeckten den Rhein und brandschatzten den Handel, aber trotz aller dieser Hindernisse hob die Stadt Mainz unter den rheinischen Städten sichtbar ihr Haupt empor. Der Muth und dcrRcichthum ihrer Bürger verschafften ihr Ansehen bei den Kaisern, die lieber die rechtmässige Macht dieser Handelsstädte, als den weit gefährlicheren Geist ihrer räuberischen Vasallen duldeten." — ) S. l.chnc's (resaninx'llr Schriften, hernnspcgchcii voii Dr. Iii.ll.. Bd. IV. Ahlhl. 1. 8. IG». Üluinj. 13 Mainz, dessen Wohlstand und Ucichthum inzwischen durch Begünstigung des Handels und des Fabrikwesens und durch Erwerbung ansehnlicher Lehen während der Kreuzzüge immer mehr anwuchs, das auch von K. Friedrich II. grosse Privilegien, die yoldne Freiheit genannt, erhielt, welche Erzbischof Siegfried III. bestätigen, ja noch erweitern musste *_), hatte nun bald den Gipfel seiner Grösse erreicht, und zwar (1225) durch die Errichtung des Slädtebundes, jener rheinischen Hanse, welche der Fehdesucht des Adels und den Bedrückungen des freien Handels ein Ende machte. Arnold Walpoden, ein edler und reicher Bürger von Main/,, war der Erste, *) In einem Hanntfreiheitsbrief, der später all das Palladium (Irr Unabhängigkeit der Hinter an gesehen wurde, musste der lirzbischof angeriehen, ilass ihm die llürgcr nie ausserhalb ihres de bietet in (einen Fehden dienen und keine andere Unterstützung an Geld und Mannschaft zu entrichten haben sollten, uls wozu sie sieh freiwillig verstehen wurden; dass ihre Waaren und Frachtgüter zollfrei seien, und ihre im Krzliislhiim liegenden Güter nur dU von Alters herkömmlichen Abgaben zahlen sollten; dass die Befestigungen von Castcl niedergerissen und innerhalb einer Meile um die Stadt herum keine Borg oder Veste erbaut werden tollte{ dass er nach Mainz niemals mit mehr Bewaffneten zu leiner Bedachung kommen dürfte, als ihm die Bürger erlauben würden, und endlich, dass die llürger das Hecht haben sollten, einen Bath von 24 Mitgliedern zu erwählen und nach eignem Willen zu ergänzen. 10 14 Ütlutn}. welche* seine Mitbürger zu einem Hund der ge- sammten rheinischen Städte gegen räuberische Willkiihr und zur Aufrccbterhaltung des Landfriedens aufforderte. Mit Begeisterung ward Wal- podens Vorschlag angenommen und in kurzem traten dem heercsniächtigen Hunde über hundert Städte nebst vielen Karsten und Herren bei. Die Erzhiscliöfe von Mainz, Trier und Colli hoben viele ihrer lästigen Zölle auf und beschworen gern einen Hund, welcher vom Kaiser mit Freuden bestättigl wurde. Mainz war nun das Haupt des Städtebundes, der Sitz von Concilicn, Staatsversammlungen und Reichstagen, hatte Fürsten zu Bundesgenossen und sein weitverbreiteter Handel wurde eine unversiegbare Quelle wachsenden Rcich- thums. Die Stadt hielt glänzende Turniere und Kampfspielc auf dem heutigen Thiermarkt, Künste und Wissenschaften blühten in ihren Mauern, wo die ersten Harfenkämpfe deutscher Meistersänger ertönten, und ihrer Einer, Heinrich Prtiucnlob, der 1318 von acht der schönsten und edelsten Frauen zu Grabe *) getragen wurde, weil er in süssen Weisen unser Geschlecht verherrlicht hatte. Es war die Zeit, wo sich Mainz den schönen Namen da* goldne gewann! — Aber der Ciilminationspunkt seines Ruhmes war erreicht; in seinem lauern brachen nun öfter die gefährlichsten Kämpfe zwischen Bürgern und *) Die Ansicht des Kreuzgaiißs im Dom, wo sich sein Gral» befindet, ist beigegeben. Ütatnj. 15 Geistlichen, oder zwischen Bürgern und Patriciern aus. 1332 hatten, letztere einen Streit zusammen, der damit endigte, dass viele der überstolzen Pa- tricicrfainilicn aus der Stadt vertrieben wurden. Eine spätere und in ihren Folgen wichtigere Fehde mit den tapfern Baiernherzogen nahm einen so schlimmen Ausgang, dass Mainz in ungeheure Schuldenlast gestürzt und so durch erschütterten, später noch mehr verringerten Wohlstand, sein Untergang vorbereitet wurde. Dazu kamen, während auch die Kämpfe mit der Geistlichkeit stets fortgedauert hatten, im Jahre 1420 neue bürgerliche Unruhen und neue Auswanderungen des Adels, worunter die zum Fürstenberg, zum Jungen, Humbracht, Gelthuss, flrnx/lcisch u. a. — Durch die Vermittlung des Kurfürsten Conrad und der Städte Worms, Speier und Frankfurt kam endlich im Jahre 1430 eine Aussöhnung zwischen den Allen und Gemeinen unter den Bedingungen zu Stande, dass der Ralh künftighin aus 36 Gliedern, nämlich 12 Patriziern und 24 Gemeinen bestehen; dass unter den 3 Bürgermeistern einer ans den Patriziern und zwei aus den Gemeinen gewählt, es auch so mit den Rechenmeistern gehalten werden sollte; dass zu den Kammern, worin der Stadt Siegel und Freiheiten verwahrt lägen, der Bürgermeister der Alten einen Schlüssel, einen zweiten der Bürgermeister der Gemeinen und den dritten die zünftige Gemeinde in Verwahr haben, Gleiches auch bei den Rechhern in Ansehung der Archive, Register und Stadtkasse t() + 16 JUlainj. staUfinden5 dass nur dein Bürgermeister der Gemeinen und den zünftigen Bürgern die Bewachung der Thürme und Thore anvertraut; dass ohne Bei— Stimmung der ganzen Gemeinde weder eine grosse öffentliche Schuld eingegangen, noch ein Bündniss geschlossen werden und dass endlich zur Vermeidung künftiger Bangstreitigkeiten im Bathhaus und Saale auf der Hank der Alten abwechselnd ein Patrizier und dann ein Gemeiner, auf der Bank der Gemeinen aber zuerst einer der Gemeinen und dann ein Patrizier und so weiter im Wechsel sitzen sollte. Den Patriziern dagegen wurden ihre früheren Freiheiten und Münzrechte gewahrt, ihnen gestattet, in keine Zunft sich müssen einschreiben zu lassen, und Vergessenheit des Vergangenen und Schadenersatz zugesichert. Nur der einzige Geory Oengfleitch, der bei der letzten Auswanderung sich an die Spitze der Unzufriedenen gestellt hatte, der unbändigste unter den Gegnern der Gemeinen, wurde von dieser Versöhnung ausgeschlossen. Und gerade dieser, von ihren Mitbürgern so sehr gefürchteten und gehassten Familie sollte der Mann entsprossen, den die Vorsehung dazu ausersehen hatte, durch sein geistiges Streben das Licht des Verstandes zur hellaufiodernden Flamme anzufachen, der höheren Geister Vereinigung zu vermitteln, durch die Fackel der Aulklärung alle Barbarei der früheren Jahrhunderte zu verscheuchen und den Sieg der Civilisation einzuleiten! Johann Qensfleinch, genannt zum Gutenbery, iMirinj. 17 war Erfinder der Huehdruckerkunst und erwarb sich um die gesummte Menschheit ein Verdienst, das nur allzuspät erst seine volle Würdigung und Anerkennung gefunden hat. Das Geschick, und, man möchte sagen, den Fluch der Genien theilend, sind seine Lebensjahre dieselben Jahre der Duldung und der Kämpfe, welche alle grossen Geister auszuharren hatten, denen wir unsere Fortschritte verdanken; sie alle scheinen verdammt, ihr Kreuz uns zeigen zu müssen, um dann, in einer spätem Periode des Ruhmes und des Glanzes um so überzeugender uns darzuthun, dass ihre irdische Sendung eben nur durch den Gegensatz der Hindernisse, welche Menschen und Ver- hällnisse ihrem Streben stets erhoben, bis zur Grosse der Göttlichkeit erfüllt werden konnte. Johann Gutcnbcr&f wurde in den letzten Jahren des 14ten Jahrhunderts (vielleicht 1397 oder 98) zu Mainz geboren und verlebte seine Kindheit im väterlichen Hause, musstc aber, gleich seinen Verwandten, nach jenem Aufstände seine Vaterstadt verlassen, und in der Fremde sich Heerd und Heimath suchen. Zwar wurde ihm durch den Vergleich im Jahre 1430 gestattet, wieder nach Mainz zurückzukehren, er machte jedoch von dieser Erlaubnis« anfangs keinen förmlichen Gebrauch, sondern kehrte erst später, wahrscheinlich um das Jahr 1444, von Strassburg, wo er die ersten Gründe seiner Erfindung gelegt zu haben scheint, nach seiner Vaterstadt Mainz zurück. Hier verband er sich, nachdem er bisher stets mit Dumm- 18 Üliiinj. heit und Habsucht, mit Armutli und Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen gehabt, mit Johann Fuxt, einem angesehenen Hürger, um doch endlich, von dessen Kath und Geld unterstützt, zu dem ersehnten Ziele gelangen zu können. Zwar täuschte er auch hier wieder sich in seinen Hoffnungen, gewiss aber ist's, dass von jetzt an die Erfindung der Buchdruckerkunst, die Geburt de» Gedanken» } die Buchslaben beweglich zu machen, in's Leben trat, und dass man dieselbe auf das Jahr 1450 festsetzen kann. Doch auch jetzt sollte ihm seine Erfindung noch keine Früchte trugen: Fust verband sich mit Peter Schöffer von Gcrns- heim, welcher die neuerfundene Kunst verbesserte und gleichsam vollendete, nachdem er sich von Gutenberg getrennt und diesem durch einen l'ro- cess sein sämmtliches mühsam gefertigtes Werkzeug abgewonnen hatte; — der Erfinder war für immer zu Grunde gerichtet, und starb arm und kinderlos zu Eltvill im Khcinguii, wo ihm glücklicherweise, wenigstens noch für seine paar letzten Lebensjahre, der Kurfürst Adolph von Nus- suu, der nach seiner Eroberung von Mainz die rheingauischen l'atrizicr, die ihn wacker unterstützt hatten, ohne Unterschied belohnen wollte, durch Aufnahme unter sein Hofgesinde ein sorgenfreieres Leben bereitet hatte. So starb Gutenberg, nachdem er sein ganzes Leben hindurch Sorgen und Mühen, Verbannung und Elend geduldet; unbeachtet von seinen Zeitgenossen, schien sogar das Andenken an ihn der Utiitiij. 19 Nachwelt entschwinden zu wollen-, Eust und Schöffer thcilten sich lange in die Ehre seiner Erfindung. Main/ selbst, seine Vaterstadt, zögerte Jahrhunderte, dem grössten ihrer Mitbürger den schuldigen Dank abzutragen, und erst unserer Zeit ist es gelungen, den langgenährten Wunsch zur Ausführung zu bringen; doch werden wieder Jahrhunderle entschwinden, bis den grossen Geist ein Weltdcnkmal, das ihm wahrlich gebührt, verherrlichen wird. Schon im Jahre 1804 hatte sich in Mainz eine Gesellschaft gebildet, dem Andenken Gutenbergs ein Monument zu errichten: die Zeitereignisse wollten jedoch damals die Ausführung dieses i'lanes nicht gestatten, bis 1827 durch Beiträge des Kunstvereines und der Oasino - Gesellschaft von der geschickten Hand des Itildhaucrs Joseph Scholl in Mainz ein Standbild Gutenbergs errichtet ward. Möglichste Auffassung der Aehnliehkeit nach einem alten anerkannten Gemälde der liibliotheh zu Strasshurg und nach mehreren ihm zu Ehren geprägten Münzen, Ausdruck ernsten Nachdenkens und freundlichen Wohlwollens in der Darstellung sollen dies Werk vorteilhaft auszeichnen. Endlich im Jahre 1832 erging von dem thätig wirkenden Ivunstvcrein ein Aufruf um Beiträge zu einem würdigen Gutenberg-Monument und in Folge desselben erbot sich der edle und hohe Meister Thorwaldsen, die Statue Gutcubergs sowohl, als auch zwei entsprechende Basreliefs, welche das Piedestal zieren sollten, unentgeltlich zu model- lircn. 183« ward sofort von den eingegangenen 20 illrttnj. IJeiträgcn der Guss der herrlichen Statue und der Basreliefe von Vroz-atier in Paris vollendet und den 14. August 1837 auf dem schon seit 1804 nach dem Namen des Erfinders der Buchdruckerkunst genannten Gutenbergsplatze unter dem Jubel einer zahllosen Menschenmenge inaugurirt. Würde und Einfachheit sind über die aufrecht- stehende Figur mit Meisterhand ausgegossen; der Kopf ist edel gehalten und das Antlitz richtet sich tielsinnend vorwärts. In der rechten Hand hält Gutenberg ein Rund beweglicher Lettern, in der linken dus erste grössere von ihm gedruckte Werk, die Bibel. Das Costume ist das gewöhnliche seiner Zeit. Das eine Basrelief des Fussgcstellcs zeigt uns Gutenberg an einem Tische sitzend und dem erstaunten Fust einen beweglichen Buchstaben hinhaltend; das zweite zeigt uns die Presse, an welcher ein Gehülfe an dem Abdrucke eines Bogens arbeitet und weiter Gutenberg sich anlehnt, mit der Durchsicht eines fertigen Bogens beschäftigt. Auch zwei Denkmünzen auf das Jahr der Errichtung des Gutenberg-Monumentes wurden geschlagen, die eine von dem Hofgraveur Neuss in Augsburg gearbeitet, die andere unter Thorwald- sens eigener Leitung und Aufsicht in Born von dem Berliner Medailleur Lorenz gefertigt*). Die Erfindung der Biichdruckcrkunst in Mainz sollte aber „die letzte Fnuht Keiner Freiheit" sein. — Erzbischof Johann II. hatte schon 1400 *) Vgl. Dr. IV II liiilh's «;<:sehicht<; ilcr Buchdrucker hunst. Main/,, llir»7. lt. Hlcün?. 21 die Ansprüche des Erzstiftes auf die Herrschaft der durch eine grosse Pest entvölkerten Stadt, und nach ihm Theodorich, obgleich beide erfolglos, erneuert. Da begannen später die länderverwüstenden Fehden zwischen den Erzbischöfen Die- ther von Isenburg" und Adolph von Nassau. Jenem hingen Rath und Bürgerschaft, auch anfangs die Geistlichkeit an, uud diesen hatte Papst Pitts II. 1461 zum Erzbischof ernannt. Mainz wurde endlich durch den Vcrrath einiger seiner entarteten Bürger den 28. October 1462 in der Nacht den Schaarcn des Erzbischofs Adolph von Nassau geöffnet. Umsonst hielt eine grosse Eule durch das Auf- und Zuschlagen ihrer Flügel die Feinde, welche Wächter zu vernehmen glaubten, eine ganze Stunde lang von dem Ersteigen der Mauern ab; das Geschick der unglücklichen Stadt war in den Sternen geschrieben, Und sie sollte verlieren, was sie Jahrhunderte lang gross, reich und mächtig gemacht hatte — ihre Freiheit. Diether von Isenburg, durch Adolphs falsche Friedensvorschläge nach Mainz gelockt, entkam ■mit genauer Noth, aber 500 ihrer mit dem Math der Verzweiflung kämpfenden Bärger fanden den Tod und Erzbischof Adolph, welcher den andern Tag von Eltvill aus als Sieger einzog, behandelte die der Plünderung und allen Verbrechen preisgegebene Stadt nicht milder, als 169 Jahre später Magdeburg von Till) behandelt wurde. Diether von Isenburg, nach Adolphs Tod 1475 zum zweitenmal auf den erzbischöfliehen Stuhl er- 22 iMuinv hoben; gab der Stadt niemals das, was sie für ihn aufgeopfert hatte, wieder zurück; ihre Privilegien waren für ininier verloren, und sie blieb fortan unter beständiger Abhängigkeit von crz- bischöflichor Gewalt. Er stiftete 1477 die Universität, und erbaute zur künftigen er/bischöflichen Hesidenz die Veste Marlins/mri/, deren bedeutende Reste, an das kurfürstliche Schloss stossend, 1807 von den Franzosen abgetragen wurden. Unter einem der Nachfolger Diethers, dein gemässigten und prachtlicbendcn Erzbischof Albert 11.» Markgrafen von Brandenburg, brachen 1525 die Unruhen des Bauernkrieges aus. Das Er/.stift litt viel, aber Mainz selbst blieb verschont und war 31 Jahre lang der Sitz eines der glänzendsten deutschen Höfe, wo Rcuchlin, Ulrich von Hütten u. a. Schutz und Unterstützung, und Künstler aller Art, wie z. B. Albrecht Dürer und Grunewald, Bewunderung und Verehrung fanden *). Die Rcformationskricgc begannen unter Sebastian von Heusenstamm, dem Nachfolger Alberts, 1548, und das Jahr 1552 sah die Schaaren des kühnen und fehdelustigen Markgrafen Albrecht von Brandenburg in den Mauern von Mainz, welches sich l(>31 abermals den Kriegern eines protestantischen HqI- den, des sieggekrönten Königs Gustav Adolph von Schweden, öffnen musste. Er behandelte übrigens die Stadt, als Residenz des Erzbischofs und Kurfürsten Ansclin Kasimir ♦) V"i:i. ülain?. 23 v. Wambuld, eines seiner heftigsten Gegner, ziem- lich hart, legte der Bürgerschaft and Geistlichkeit eine Kriegssteuer von mehr als 160000 Thalern, eine damals unerschwingliche Summe, auf und steigerte durch den Abbruch vieler Häuser die Noth der Bürger, die durch Hunger und eine darauf folgende Epidemie ohnehin so sehr gelitten und 0000 IVIiteinwohncr verloren hatten, fast zur Verzweiflung, die Festungswerke aber licss er ausbessern und erweitern, und machte Mainz eine Zeitlang *) zum Mittelpunkt seiner Kricgsopera- lionen. Ehe wir aber weiter gehen in unserer Skizze der Mainzer Geschichte, müssen wir noch eines Kurfürsten aus den Zeiten der Koformationstinru- hen gedenken, der, obgleich geistlicher Kürst und erster Dclcgirter der Hierarchie in Deutschland, selbst für unsere Zeit als das glänzendste Muster der Aufklärung und Duldsamkeit aufgestellt werden kann. Daniel Brendel von Homburg (-J- 1582) berief zwar die Jesuiten nach Mainz und übertrug ihnen sämmtliche Lehrstellen an der dortigen Universität, war aber auf der andern Seite von einem solchen Geiste der Versöhnlichkeit beseelt und von solcher Gerechtigkeit gegen alle Glaubensparteien, dass er es in seinen Erblandcn dahin brachte, dass die Anhänger der verschiedenen Glaubensformen in der friedlichsten Eintracht neben einander wohnten, ja selbst an seinem Hofe *) liodmiiiin. 24 iHtitnj. Evangelische, Lutherische und Reformirte gefunden wurden. — Nach dem Tode Gustav Adolphs kam Mainz abwechselnd bald in die Hände der Kaiserlichen, bald in die der Franzosen, und war dazwischen, wie auch später noch, Sitz der glänzendsten aber auch stolzesten geistlichen Fiirstenhöfe. In jenem Zeitraum glänzt vorzüglich der edle und weise Kurfürst Johann Philipp Freiherr von Schönborn ("j" 1673), der Hauptbefiirdercr des westphälischen Friedens, in dessen Diensten der grosse Leibnitz stand. Durch erhöhte Thätigkeit in allen Zweigen der Verwaltung, durch bessern Haashalt, durch Aufmunterung aller Geschäfte und Gewerbe machte er bald die nach langen Kriegen gewöhnlich eintretenden Stockungen der Betriebsamkeit weniger fühlbar, bereicherte so sein Land mit arbeitsamen Bürgern und setzte sich dadurch in Stand, seine Residenz verschönern und mit neuen Bauten anfüllen zu können; er begann die Trockenlegung des westlich von dem Schlosse liegenden und zu Bleichgärten benutzten Wicscngruiircs, wodurch Mainz einen seiner schönsten Stadttheile, die jetzigen drei Bleichen, erhielt, und Hess an den Festungswerken, besonders aber an der nach dem alten holländischen System angelegten Citadelle lleissig arbeiten, um die Stadt zu künftiger besserer Verteidigung geschickt zu machen. Nach ihm waren die Kurfürsten Lothar Franz v. Schönborn (f 1732), ein guter Vater seiner Unter- thanen und eifriger Verthcidiger der Gerechtsame Main}. 25 seines Erzstiftes gegen jeden Angriff; Emmerich Joseph v. Jlreitbach-Hüresheim (-J- 1774), ausgezeichnet durch seine Verdienste um Veredlung der Volksbildung, Verbesserung der Klostcrver- fasaung und des Schulwesens, dem er aus dem Vermögen des während seiner Regierung aufgehobenen Jesuitcnordens einen herrliehen Capital- fond begründete; und Friedrich Carl von Erthal (-J- 1808), letzter Kurfürst von Mainz, ausgezeichnete Männer, welche in den Anualcn ihres Vaterlandes mit hoher Achtung genannt werden. Friedrich Carl erneuerte die von Dicthcr von Isenburg gestiftete Universität und berief die ausgezeichnetsten Köpfe als Lehrer dahin. Noch bei seinem Leben 1787 wurde der geistreiche Carl Theodor von Dalberg vom Domcapitel zum Coad- jutor, und nach Aufhebung der deutschen Erzstif- tcr, 1802, von Napoleon zum Grossherzog von Frankfurt ernannt. — Die Stürme der Revolution in Frankreich verhängten schwere Leiden über Main/. Die Heere der neufränkischen Republik ergossen sich über die Oränzen von Deutschland, und Mainz, dessen ganze Besatzung mit Inbegriff von 900 östreichi- schen Rcconvalcsccntcn, aus kaum 2600 Mann nebst 03 Artilleristen zur Bedienung von 184 Stück schweren Geschützes bestand, musste am 21. Üctober 171)2 durch Capitulation an General Custine, welcher an der Spitze von etwa 18000 Mann französischer Freiheitskämpfer stand, übergeben werden. Mainz wurde nun von einem und 86 Main). zwar dem allerklcinstcn Theile seiner Bewohner, die sich am flimmernden Phantome der Freiheit und Gleichheit enthusiasmirt hatten, zur Republik erklärt, Clubbsitzungcn und Festzüge angeordnet und eine Deputation nach Paris gesandt. Doch dieser Freudentaumel dauerte nicht lange: denn schon im April des folgenden Jahres 1793 begann für Mainz durch die deutschen Hundestruppen eine Einschlicssung und Belagerung, welche ihm eine unglückliche durch den Verlust seines früheren Wohlstandes und so vieler herrlichen Gebäude erkaufte Berühmtheit verschaffte. Diese. Belagerung, während welcher die Bürger das grösste Ungemach zu erdulden hatten, war eine der griiss- ten Waffcnthaten des Revolutionskrieges, gleich ehrenvoll für beide im Kampf begriffene Theile. Von Anhöhe zu Anhöhe, von Graben zu Graben, von Schanze zu Schanze mussten unter ungeheuren Anstrengungen und herben Verlusten der Belagerer die eingeschlossenen Franzosen mühsam und langsam vertrieben werden; endlich, am 19. Juni, war es den Deutschen gelungen, die erste Parallele zu Stande zu bringen, und sogleich begann eine regelmässige Bcschicssung, die fast bis an's Ende der Belagerung fortgesetzt wurde und der Stadt oinen unersetzlichen Verlust verursachte. 11 Kirchen, worunter der Dom und die herrliche Liebl'raiicnkirche, ein Meisterwerk der Kunst, mit dem ll.iiiscrviertel nach der Gräbcrgassc hin, die im edelsten Style erbaute Domprobstci, das Dominikanerkloster nebst dem grössten Theile der Main). 27 schönsten Häuser und 1'aJlaste wurden bei diesem Bombardement ein Raub der Flammen — Jahrzchndc lang waren ihre Ruinen ein lebendiger Zeuge des Vandalismus unserer Zeit. Die Beharrlichkeit und Ausdauer der Belagerer siegte zuletzt, durch eine für Franzosen ehrenvolle Capsulatum kam Mainz wieder in deutsche Hände, worin es bis zum Jahr 1797 verblieb, wo es durch den Frieden von Campoformio nebst einem Theilo des linken Bhcinufers an die französische Bepublik abgetreten wurde. Von 1804 bis 1813 öfters der Aufenthalt Napoleons, ward es beständiger Sitz der Dcpartcmental - Regierung vom Donners- berge, welcher Jcanbon St. Andre, früher protestantischer Geistlicher, dann Volksrepräsentaut, Mitglied des Heilsausschusses und Consul Frankreichs in Algier, bis zu seinem 1813 erfolgten Tode, ruhmvoll vorstand. Ackerbau und Viehzucht kamen während seiner Verwaltung mehr und mehr in Flor, Alleen von Fruchtbäumcn bekränzten die neuhergestclltcn Vicinalwcgc, kein öder Hügel, kein unfruchtbares Sandfeld beleidigte mehr das Auge, das Land gewann bald das Ansehen eines blühenden Gartens. Für Mainz selbst eröffneten sich reichliche Erwerbsquellen durch den Festungs- bau des gegenüberliegenden Castel, durch die Anlage neuer Landstrassen, durch Erbauung eines Freihafens, durch Begründung eines Bischofssitzes, der medicinischen Specialschule und des Ljceums, und endlich durch die fortdauernden Truppendurchzüge-, bestimmt, nebst Strasburg und Ant- 28 Üttatn?. wcrpen einer der ersten Wall'enplätze Frankreichs zu werden, ging Mainz einer glänzenden Zukunft entgegen, da vernichtete die Schlacht bei Leipzig alle diese schönen Erwartungen. Nach einer vier- monatlichen Blokadc, während welcher ungefähr 4000 Personen des bürgerlichen Standes und mehr als 15000 zum Militär gehörige durch Hunger, Elend und ein ansteckendes Nervenfieber die Beute des Todes geworden waren, wurde Mainz dem deutschen Vaterlands wieder einverleibt; 17 Jahre hatte es die Fremdherrschaft getragen: jetzt sollte os abermals eine Vormauer zum Schutze Deutschlands werden. Durch Verbesserung der alten und durch Anlage neuer Festungswerke gilt es jetzt für eine der grössten und wichtigsten Bundesfestungen, deren bürgerliclie Stadt nebst ihrem Grundgcbiete von 1816 an dein Grossherzogthum Hessen angehört und seitdem eines blühenden Wohlstandes und einer immer steigenden Handelsfrequenz sich erfreut. Mainz hat, die Festungswerke mit einbegriffen, 4 Stunden im Umfang und zählt etwa 32000 Einwohner nebst 8000 Mann österreichischer und preussischcr Truppen als Besatzung. Es hat 10 Thore, 129 Strassen, worunter die drei Bleichen und die Ludwigsstrassc die schönsten, auch 27 iillentlichc Plätze, unter letztern sind der Ou- Unfirrf/splutz, von welchem die Ansicht beigegeben wurde, mit dem Theater und der 1837 dem Erfinder der Buchdruckerkunst errichteten Statue, der Paradfplutz am nördlichen Ende der Stadt, 28 Utatnj. werpen einer der ersten WafTenplätze Frankreichs zu werden, ffinff Mainz einer p-länzenden Zukunft er 17.' ■"■Hl XHatnj. 29 der Thiermarkt, das Forum gentile der Römer, wo im Mittelalter glänzende Turniere gehalten wurden, der Kaufhausplatz oder Brand, der Ball- plalz, der Speisemarkt, der Heumarkt und der Leichhof, alle drei um den Dom gelegen, und der Flachsmarkt die vorzüglichsten. Von öffentlichen Gebäuden sind am bemerkenswerthesten: 1} Das ehemalige kurfürstliche Schloss, an welches einst die berühmte von Diether von Isen- burg erbaute Martinsburg stiess. Es liegt am nördlichen Stadtende, dem Rhein ganz nahe, und besteht aus zwei rechtwinklig zusammen stossenden Flügeln, von welchem der erste längs des Rheins hinziehende zum Theil von dem Kurfürsten Georg Friedrich 1677 erbaut, das Ganze aber erst zwischen 1675 und 1678 vom Kurfürsten Damian Hartard vollendet, der andere nach den Bleichen stehende von dem Kurfürsten Joh. Friedrich Karl 1752 angefangen und späterhin vollendet worden ist. In diesem sogenannten neuen Bau befand sich der grosse von dem berühmten Coblenzer Maler Januarius Zick mit mehreren seines hohen Künstlerrufs würdigen Frescogemälden geschmückte Akademiesaal, der später während der republikanischen Zeit zu den Clubbsitzungen benutzt, 1795 in ein Militair-Hospital umgewandelt, dann als Sitzungssaal des Assiscngerichts eine Zeit lang hergerichtet war; das Schloss selbst dient seit Errichtung des Freihafens als Waarenlager und Kaufhaus. Schade, dass die städtische Behörde in seinen grossen und zum Theil noch schönen 11 30 jrtütti}. Räumen, statt der Waarenballcn, zur Ehre der Stadt nicht lieber die reiche Stadtbibliothek, das Museum, die Sammlung rheinischer Alterthiimrr, das physikalische und Münzkabinet, so wie die Bilder des Kimstvereins aufstellen lässt. Eben so wünschenswerth ist es, dass die interessante Sammlung der naturforschenden Gesellschaft, im Otto'schen Katfeehaus aufgestellt, hierher gebracht würde. Bis jetzt fragt der Reisende umsonst, ob denn die alte stolze Aurea iMoguntia, gleich ihren Nachbarstädten Frankfurt und Wiesbaden nicht einmal mehr ein Gebäude besitzt, worin diese zerstreuten Sammlungen, zu einem schönen Ganzen vereinigt, würdig aufbewahrt werden könnten 'i 2) Der jetzige GroasitmogHahe Palast, ehemals Deutschordenshaus, vom Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn begonnen und von seinem Nachfolger Franz Ludwig von Neuburg 1739 vollendet mit einem durch zwei Stockwerke gehenden und durch ein gutes Deckengemälde verzierten Saale. Von 1804 bis 1813 war es mehrere Male von Napoleon bewohnt und dient nun dem jedesmaligen Gouverneur der Bundesl'estung zur Residenz. In der letzten Zeit wurde es öfters in dieser Eigenschaft von Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Wilhelm von Preusscn und seiner höchst geistvollen und liebenswürdigen Gemahlin bewohnt. 3) Das Zeuy/taus mit seinen schönen Waffensälen, vom Kurfürsten Philipp Karl in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erbaut und durch itTatn?. 31 eine GalJerie mit dem Grossherzogliclien Palais verbunden. 4) Die Stadt-Bibliothek oder Hinsehe, auf der grossen Bleiche, vormals Eigenfhum der Universität, vorzüglich durch die beiden letzten Kurfürsten Einnierich Joseph und Friedrich Karl bereichert, enthält etwa 10,000 Bände in den verschiedenartigsten Zweigen des Wissens und einen grossen Reichthum von Incunabcln, worunter das Psalterium von 1459, das Ratholikon von 1460, die Bibel von 1462 u. a. m., ausserdem eine grosse Menge von Handschriften. Das Local ist leider sehr finster und beschränkt, so dass die Bücher doppelt und dreifach stehen; auch leidet das Institut an dein sehr grossen Gebrechen, nur einen Bibliothekar zu besitzen, der bei der bedeutenden Ausdehnung desselben unmöglich allen Anforderungen zu entsprechen vermag. An die Stelle des früheren Bibliothekars, des geist- und gemüth- vollen Dichters und Alterthumslorschers Lehne ist nun der auch als historischer Schriftsteller rühmlich bekannte Dr. külb getreten. — In demselben Gebäude befindet sich dan Muxfum oder GcmiiUie-Cabinct mit mehreren Stücken von vorzüglichem Werflie und andern für die Geschichte der Kunst merkwürdigen Bildern. Dieselben wurden theils aus den aufgehobenen Klöstern hierhergebracht, theils rühren sie von Privaten, theils von einem Geschenke her, welches der Kaiser Napoleon damit der Stadt gell* 32 üllniii). macht hat und sind in folgender Ordnung aufgestellt : Christus und die vier reuigen Sünder (König David, Magdalena, der verlorne Sohn und der Schacher) nebst Engeln mit Oelzweigen, von Otto Venia.*; ein Karmclitermöneh empfängt knieend das Ordcnskleid von der Madonna, von Hannibal Varacci; der heil. Franciscus empfangt die Wundmale, von Oucrrhio da Genta; Kreuzabnahme, die beiden Marien, andere Heilige und der heil. Bruno knieend, von einem alten französischen Meister (Jean Cousin?); der heil. Antonius, der Eremit, von J. Vanloo; das ehemalige Mainzer Kaufhaus, von Schulz; die Geisselung Christi, von O. Honthorst; zwei Secstürmc, von A. Tern- pesta; Simson und Delila, von J. D. Piestrini; Tullia fahrt über den Leichnam ihres Vaters, von B. Tutti; Portrait der Prinzessin de la Tremouille, von L. Natoire; Bacchus und Faune, von PA. Lauri; Adam und Eva, von AlbrecM Dürer; die Steinigung des heil. Stephanus, von Burymaier; die Madonna mit dem Kinde, von Lorenzo di Credi; die heil. Apollonia, von Domenichino; der heil. Andreas und die heil. Ursula, von Lukas von Leiden; die Weisen aus dem Morgenlande, von einem alten unbekannten italienischen Meister; das Leben der Madonna in neun Bildern, von Grünewald; Thorwaldsen in seiner Werk- stiitte, von K. Heustf Portraits des 171 Jahre alten Ilobins und seiner 164 Jahre alten Frau, von einem unbekannten Maler; Portrait Alberts üHiiinj. 33 von Brandenburg, Kurfürsten von Mainz, toii Lukax Cranach; Friedciisschluss zwisclien Frankreich und England, allegorisches Gemälde von P'. H. Trcmollier; Blumenstück von Crespi; Heinrich IV., König von Frankreich, aus einem Gemälde eines unbekannten Meisters herausgeschnitten; der schlafende Amor, von Peter Mola; die Himmelfahrt der Madonna, angeblich von Albrecht Dürer; der babylonische Thurni, von Paul Brill; Porträt des Weihbischofs Weber von Mainz, von einem unbekannten Meister; Thiere und Figuren im Geschmack der Schule Rubens, von Sneyders; Jesus am Kreuze zwisclien den zwei Schachern mit vielen kleinen Figuren und Engeln, von H. Botenhammer ; Ankunft von Fremden in einer Herberge, von Wooy; Venus ertheilt dem Adonis die Unsterblichkeit, von Ch. Dujardin; Landschaft, der heil. Bruno knieend, von Philipp eon Champagne:} Isaak segnet seinen Sohn Jakob, von J. C. Loth; der heil. Joseph von dem kleinen Jesus gekrönt, von Bertholet Flämel; Jesus unter den Schriftgelehrten, von J. Jordans; die Malerei, die Dichtkunst, allegorische Gemälde von N. Mii/nard; Ansicht von Tivoli, von Philipp Hackerl; Christus heilt die Kranken, von I J . Breuyhel; die Anbetung der Hirten, von J.Jordans; die Himmelfahrt der Madonna, von Autj. Caracci; Kain tödtet seinen Bruder Abel, von Lukas Vambiasi; der heil. Johannes in der Wüste, von dem jüngeren Palma; die Taufe des heil. Augustinus, von G. Lairesse; Loth und seine Töchter, von Angeli; Christus 34 iüuiii}. der Kinderfreuiid, von dein dlteren Fiunk; der Tod der heil. Magdalena, von üii/nani; Sabina Heinefetter in der Rolle der Semiramis, von Hosa Aehenbach. Ausserdem enthält dieser Saal noch zwei Gipsfiguren, den Antonius und einen Gladiator von Winterstein, ferner du* Modell, der von St. Far, dein Zerstörer der Liebfrauenkirehe, entworfenen, auf 16 Bogen zu erbauenden liheinbrUeke, zu deren Ausführung der Kaiser A'apoleon 10 Millionen Francs bestimmt hatte und unter deren höchsten Bogen die grös.sten l'.lieinscIiiHe mit vollen Segeln hätten durchfahren können, und endlich die astronomische Uhr des Pater Johann, ein Werk, welches den gelungensten Meisterstücken dieser Art an die Seite gestellt werden kann Sie besteht aus fünf Haupttheilen, nämlich der Uhr, durch welche die ganze Maschine bewegt wird, aus dem beweglichen Kalender, dem kopernikanischen Planetensystem, dem ko- pernikanischen Erdlauf mit dem Mondlaufe und der scheinbaren Bewegung des ganzen Himmels, und ist mit einer solchen Genauigkeit ausgeführt, dass Angaben in astronomischen Büchern, die später für Druckfehler erklärt worden waren, durch Hülfe dieser Lhr auf der Stelle entdeckt und berichtigt wurden; mitielst eines einlachen Mechanismus lässt sich durch Vor- und Jtück- wärls-Experimentiren der Stand der Planeten und des Mondes, wie auch Sonnen- und Mondfinsternisse für jede gegebene Zeit bestimmen. Aber üNninj. 35 auch sieben volle Jahre brauchte der Künstler, dieses Werk zu vollenden, da er, nach Aufhebung jenes Klosters als Privatgeistlicher lebend, seine ganze Müsse dieser Lieblings-Beschäftigung zuwenden konnte; und gewiss würde er einer noch längeren Reihe von Jahren dazu bedurft haben, hätte er nicht zuvor schon ein ähnliches Werk innerhalb zwanzig langer Jahre, die er indessen nur theilweise darauf zu verwenden vermochte, zu Stande gebracht. Für dieses Kunstwerk, das or im Jahre 1802 beendigte und dessen Zeichnung von Seiten der Mainzer Präfectur an Napoleon geschickt wurde, erhielt er, obgleich nicht auf dem linken Rheinul'er geboren, die Pension der inländischen Geistlichkeit. Hätte dieser Mann übrigens iu unserer Zeit gelebt, sein Lohn wäre wahrlich ein anderer gewesen, denn in der That scheint ein hohes Talent in ihm verloren gegangen. Zu Steinach an der Saale im ehemaligen ßisthum Würzburg, den 11. November 1753 geboren, trat Nikolaus Alexiu« Johann im Jahre 1773 in den Augustiner-Orden, vollendete auf der Universität Freiburg im Kreisgau seine höheren Studien, ward 1777 zum Priester geweiht und erhielt vier Jahre darauf einen Ruf nach Mainz, wo er zum Gymnasial-Professor bei dem kurfürstlichen Gymnasium ernannt, unausgesetzt lloissig und eu vollkomnmer Zufriedenheit seiner Oberbchürde wirkte, während dieser Zeit zugleich aber sein erstes Kunstwerk vollendete, dessen Berechnung er, da er bei Tage mit seinem Loh- 36 Mai\v v rerberufe allzusehr belastet war, in der Nacht vornehmen musste. Welcher thätige Geist in ihm lebte, mögen wir daraus ersehen, dass er noch im Jahre 1809 eine Pfarrei zu versehen wünschte und wirklich auch zur allgemeinen Zufriedenheit seiner Pfarrkinder bis zum Jahre 1821 als Pfarrer in dem benachbarten Heidcsheim thä- tig war, von wo er sich jetzt erst wegen merklicher Abnahme seiner Kräfte und fürchtend, in Zukunft seine lierufsgeschäftc nicht mehr gehörig vollführen zu können, nach Mainz zurückzog und hier im Juli 1820 als Domvicarius starb. Segensreich und glücklich im engen Kreise und zufrieden auf sein verflossenes Leben zurückblickend, aber auch nur in diesem kleinen Kreise gekannt, schied er von hinnen, während er, wäre er der Stimme gefolgt, die in seiner Jugend ihn rief, jetzt vielleicht unter den berühmten Meistern der Tonsetzkunst genannt würde; denn bereits ein ausgezeichneter Organist, widmete er sich, in der ersten Zeit nach Vollendung seiner Universitäts- studien, der Musik, coniponirte Messen, Vespern, Completoricn, auch einige Opern, vor Allem aber ein Requiem, das, bei den Evequien für die Kaiserin Maria Theresia im Münster zu Freiburg unter seiner Dircction aufgeführt wurde. Doch kehren wir von dieser Abschweifung, die wir indessen dem Verdienste schuldig zu sein glaubten, wieder zu unserem eigentlichen Zwecke zurück und sehen wir, was wir noch Erwähnenswcrthes in dem Mainzer Uibliothekgebäude linden mögen iHuiitj. 37 Voranschreitend aus dem Saale der Gemälde gelangen wir an den Bcwahrungsort der Antiquitäten, besonders einer Sammlung interessanter und um Mainz aufgefundener rdmischet AUerthflmer, welche gegen 30 Altäre und Votivstcine, mehr als 60 Legionssteine, Urnen, Lanzen, Thränenfläschchen, einen Mosaik-Obelisken, ein Säulcncapital von dem ehemaligen Pallast Karls des Grossen zu Ingelheim u. s. w. enthält, wozu ferner noch ein in dein Hofe aufgestellter Adlerträger und 8 alte Steinbilder, aus dem 13ten Jahrhundert stammend, den Kaiser Friedrich Barbarossa und die 7 Kurfürsten vorstellend, gehören. Endlich befindet sich hier noch, leider aber wegen Mangel an Raum in Kör-^ ben und Kasten verschlossen, eine vorzüglich an römischen und mainzer Stücken reiche Münzsammlung, worunter besonders die Rc- staurationsmünzen der ehemaligen Universität und die Krönungsmünzen Napaleons ihrer vortrefflichen Arbeit wegen Bewunderung verdienen. 5) Das neue Theater, ein schönes Gebäude, welches auf Kosten der Stadt in dem Zeiträume 1825 — 1831 von Moller in Darmstadt erbaut wurde, im Innern aber eine glänzende Ausstattnng erhalten hat. 6) Der Juslizpallast, am Ende der Klara- strasse, von drei Brüdern von Dalberg erbaut und einst den nicht sehr wohlklingenden Namen „Zu den drei Sauköpfen" führend. 38 Ulainj. 7) Die Fruchtlialle, ein 1838 begonnenes und Schönheit mit Zweckmässigkeit verbindendes Gebäude. 8) Mehrere mit Inschriften versehene Privatgebäude in Mainz bewahren das Andenken an den Erfinder der Buchdruckerkunst, seine Gehülfen und spätem Verbreiter. Die interessantesten sind: Das dem Herrn Kaufmann Lauteren gehörige Stamm- und Geburlshau* Gutentierys in der l'fandhausgusse, das eigentliche Stammhaus der Gcuslleisch, wie dies eine von dem jetzigen Eigentümer gewidmete Inschrift bezeugt; der Hof zum Junyen am Franciscanerplatzc, erstes Druckhaus der drei Verbündeten Gutenberg, Fusl und Schöffer; der Hof zum Humbrecht in der Schustergasse, Druckhaus der beiden Vereinigten Fust und Schöffer, und endlich das Vaxino-Gebäude in der Nähe des Flachsmarktes, wo früher das Wohnhaus des Druckerfinders, der Hof zum Guten- bery genannt, stand und worin das bereits früher erwähnte von Scholl gefertigte Standbild Guten- bergs errichtet ist. 9) Unter den Kirchen, welche Mainz besitzt, bemerken wir vorzüglich folgende: Der Dom. Die Schicksale dieses ehrwürdigen Gebäudes, art welchen vier Jahrhunderle gebaut wurde, sind zu merkwürdig, als dass wir seiner nur in Kürze erwähnen dürften; es sei uns vergönnt, der Skizze seiner Geschichte einige interessante gleichsam episodenartige Notizen einzullech- ten, die zugleich geeignet sein mögen, den Reich- JUniiij. 39 thuin des Klerus und der Kirchen im Mittelalter und die Stellung zwischen Bürgerschaft und Geistlichkeit von Main/, etwas näher zu beleuchten. Von Willigis, dem Erzbischof und ersten Kurfürsten von Mainz im Jahre 978 begonnen, wurde 30 Jahre lang ohne Unterbrechung daran gebaut, so dass er im Jahre 1009 unter grossen Feierlichkeiten zu Ehren des heil. Martinus eingeweiht werden konnte. Aber schon am Tage der Einweihung brach, gleichsam ein Vorzeichen seiner ganzen Zukunft, über dieses Gebäude das Geschick herein, das bis auf die neuere Zeit wie ein feindseliger Dämon seitdem es zu verfolgen scheint. Man weiss nicht wie es kam, das Dachwerk fing Feuer und alles Brennbare wurde noch in derselben Nacht von den Flammen verzehrt; nur das Mauerwerk, der ganze südöstliche Chor mit den Ouerarmen des Kreuzes, wurde gerettet. Zwar licss Willigis sogleich wieder Hand an das Werk legen und die Wiederherstellung des Tempels mit Eiler betreiben-, allein ihm sollte nicht vergönnt sein, seinen Lieblingsplan zu vollenden: schon im /weiten Jahre; nach dem Brande entriss ihn der Tod einem höchst thatenreichen Leben, und erst seinem dritten Nachfolger, dein Erzbischof Bardo von Oppeishol'en, gelang es, den Bau zu beendigen. So ward der Dom im Jahre 1037 zum zweiteuinaie, und zwar in Gegenwart des Kaisers Conrad des Salicis, eingeweiht und dem heil. Martinus zu Ehren die Martinskirche genannt. Auch war Bardo der erste Erzbischof, 40 Ütutn}. dessen sterbliche Reste in dieser Kirche beigesetzt wurden. 44 Jahre seit dieser Einweihung stand nun der Gottestempel ungefährdet und sah im Jahre 1077 Heinrichs IV. Gegenkaiser, den Herzog Rudolph von Schwaben in seinen Mauern krönen, 3 Jahre später aber denselben Kaiser Heinrich eine Svnode von 19 deutschen Bischöfen darin halten, den Papst Gregor VII. unter vielen Verwünschungen der päpstlichen Würde für unwürdig erklären und in Wigbert einen Gegenpapst erwählen: da brach im Jahre 1081 ein neuer Brand aus, welcher diese und drei andere Kirchen nebst einem grossen Theile der Stadt schrecklich verwüstete. Kaum wiederhergestellt brannte sie zum drittenmale, zur Zeit des Erzbischofs We/.ilo, im Jahre 1137 nebst einem Theile der Stadt ab. Auf's neue erhob sie sich aus ihrer Asche, aber es sollten ihr bald Gefahren anderer Art drohen. Erzbischof Arnold, aus dem Mainzer Patriciergeschlcchte von Seelenhofcn, 1155 auf den er/bischöflichen Stuhl gelangt, hatte sich durch Stolz, herrisches und aufbrausendes Wesen, so wie durch Einführung einer strengeren Kirchenzucht bei dem Klerus und dem grössten Thcil seiner Bürger, bei letzteren besonders noch durch den Verdacht, zur Absetzung seines vom Volke geliebten Vorgängers Heinrich von Harburg das meiste beigetragen zu haben, sehr verhasst gemacht. Es entstanden Parteien, deren Feindschaft mit jedem Tage zu solcher Erbitterung stieg, dass sie fast jede Woche sich mehrmals in den Stras- iltnin}. 41 .seil und auf öffentlichen Plätzen mit Lanzen, Schwertern und Keulen bekämpften. Seine Anhänger bemächtigten sich des Domes, schufen ihn zu einem festen Standlager um und machten, gleich den Juden im Tempel zu Jerusalem, Ausfälle daraus auf ihre Gegner. Der Zwist der Parteien entbrannte immer heftiger, die Gährung wuchs von Tag zu Tag, endlich drangen die Feinde Arnolds mit bewaffneter Hand in den Dom, entweihten den Tempel Gottes durch das Geräusch der Waffen, wurden wieder zurückgetrieben, drangen, nachdem sie den bischöflichen Pallast zerstört hatten, von Wuth hingerissen, abermals in denselben, vertrieben Arnolds Anhänger, setzten die Kirche in Verthcidigungsstand, erbrachen die Gewölbe, raubten den Schatz und Kirchenschmuck und vollbrachten Frevel aller Art. Und bei solcher Stimmung der Gemüther wagte es der Erzbischof noch, heimlich mit geringer Bedeckung in die Stadt zu kommen! Als die Hiirgcr seinen Aufenthalt in dem Jakobsberger Kloster vor dem Gauthore erfuhren, eilten sie in Masse dahin, belagerten und erstürmten das Kloster, das sie in Brand steckten und ermordeten ihren Kurfürsten mit kannibalischer Wuth. Drei Tage lag seine Leiche dem Spott und Hohn preisgegeben, nach diesen brachten sie die Chorherren des Liebfrauenstiftes in der Stille der Nacht heimlich weg und begruben sie unter heissen Thräncn in der Mitte des Chors ihrer Kirche im Jahre 1160. Zwar wurden die Bürger von Mainz für diesen 42 Main}. Frevel durch Kaiser Friedrich Barbarossa hart gezüchtigt, aber die Kirche war entweiht, ihre Schatze geplündert und für immer verloren. Wir werden später auf diese und andere dem Dom- schatze angehörige Herrlichkeiten noch einmal zurückkommen. — 30 Jahre der Buhe gingen nun vorüber, da traf im Jahre 1190 unter dem kriegerischen Erzbischof Conrad von VVittelsbach die Domkirche zum viertenmale das Schicksal der Einäscherung, verderblicher als alle vorhergehenden, denn ihre neuerdings gesammelten kostbaren Gerätschaften, ihre Bücher und Urkunden alter Privilegien wurden alle ein Baub der Flammen, worauf sie noch, wenige Jahre nachher, 11%, von einem heftigen Sturme, der ihre starken Balken selbst bis Hochheim geschleudert haben soll, schrecklich verwüstet wurde. Lange blieb die Kirche in ihrem Schutte liegen, bis endlich Erz- bischof Siegfried von Eppstein im Jahre 1233 einen Ahlass für die Geber von Beiträgen ausschrieb, worauf die Gaben in so reichlicher Fülle herbeiströmten, dass die Kirche nicht allein wieder errichtet, sondern auch ansehnlich erweitert werden konnte, 1239. Vier stürmische Jahrhunderte, voll Erschütterungen und wilden Kriegs- getlimmels für ganz Europa, flössen nun vorüber ohne Gefahr für diesen Tempel und während dieser Zeit ward er vielfältig verschönert, durch den Anbau von Capellen vergrössert und durch einen schönen Kreuzgang, den Erzbischof Conrad von Weinsberg zwischen 1397 und 1412 mit vielem ittatti}. 43 Aufwand erbaute, um die Hälfte seines Raumes erweitert. Sogar der unheilvolle dreissigjährige Krieg mit seinen Schrecken und Verwüstungen ging ohne besondere Unfälle an dem Gebäude vorüber. Zwar erzählt die Sage, dass Gustav Adolph, König von Schweden, welcher im Jahre 1632 die Stadt Mainz feindlich besetzte, im Widerspruche mit den wesentlichsten Punkten der abgeschlossenen Capitulation, den Hefohl gegeben, alle Kirchen, Capellen und Klöster der Stadt nie- derzurcissen, und so auch dem Dome die Vernichtung nahe bevor gestanden habe, besonders da die schwedischen Ingenieure den Vorschlag gemacht hätten, ihn mit Pulver in die Luft zu sprengen und an seiner Stelle eine Sternschanze erbauen, dass es jedoch der dringenden Fürbitte des französischen Gesandten, Marquis de lieize, gelungen sei, die Ausführung dieses Planet zu verhindern, der Schwedenkönig aber dann, zum Zeichen, dass die Zerstörung der Kirche in seiner Gewalt gestanden, die Ecken der Pfeilerbasen abschlagen liess, auch mit eigner Hand an den Pi- lastern zu beiden Seiten des Eingangs vom I, eich- hofe her einige Stücke weggehauen habe; noch heute nennt man die in der That vorhandenen Lücken an diesen Pilastcrn den SchwettenhieJ,. Auch in dem Kriege mit Frankreich, der von 16 88 _ 1697 die Kheinlandc und besonders die Pfalz verwüstete, entging der Dom glücklich allen Gefahren, welche ihm während der verheerenden Belagerung von 1689 drohten, obgleich durch 44 ittaürj. das Belageningsheer, welches Unter Prinz: Carl von Lothringen stand, eine Menge von Kugeln nach ihm abgeschossen worden waren. Acht/.ig Jahre flössen nun ruhig dahin, da brach nach einem heitren Tage, am 22. Mai 1764, ein schweres Gewitter über die Stadt herein, entlud sich und zündete mit dorn ersten und einzigen Blitze das hohe spitze Dach des Hauptthurines, das aus einem Waide von Holz erbaut Mar; der Brand dauerte bis zum andern Morgen, verzehrte die anstossenden Dächer über dem westlichen Kreuze, die beiden kleinen Thürme, das üaehwerk aller Capellcn an der Marktseite und alle benachbarten Häuser; die Glocken im grossen Thurme wurden durch die Glut geschmolzen und so ausgebrannt, dass von dem Metalle nichts als die Schlacken übrig blieben. Der Schaden war ungeheuer, aber das Doincapitel traf sogleich Anstalt, die zerstörte Stiftskirche foster und dauerhafter als vorher wieder herzustellen; der Haupt- thurm, die beiden kleinen Thürme, das westliche Chor und die beiden Querarmc des Kreuzes wurden durchaus feuerfest mit steinernen Dächern erbaut, zugleich in dem Thurme eine grosse Uhr aufgestellt und Alles in verhältnissmässig kurzer Zeit weit schöner als zuvor hergerichtet. Doch nicht lange sollte das Glück dauern: zum sechs- tenmale wurde der Dom während der Belagerung von 1793 durch das Feuer verheert. Die Dächer des östlichen Chores, jene des Langhauses und die des Kreuzganges wurden gänzlich in Asche illninj. 45 gelegt und die reiche Bibliothek fast ganz von den Flammen vernichtet, die neuen Glocken im Pfarrthurme gingen gänzlich zu Grunde, die andern im Hauptthiirme schmolzen oder zersprangen, nur die Mauern, Pfeiler und Gewölbe der Kirche blieben unverletzt. Zehn Jahre blieb nun nach dieser grauenvollen Verwüstung der verödete Tempel verlassen stehen, während welcher Zeit Vieles im Innern der Kirche verderbt, Statuen und Ilasreliefs verstümmelt, an vielen Denkmälern die Wappenschilde zerschlagen, Alles, was von Metall war, entwendet wurde. Erst dem frommen und verdienstvollen Bischof Joseph Ludwig Colmar gelang es, den Anfang mit der Wiederherstellung des Tempels zu machen, dessen gänzlicher Ausbau jedoch erst in der allerjüngstcn Zeit durch die Bemühungen des kunstverständigen Herrn Domdechant Dr. Werner zu Stande gebracht worden ist. Jetzt aber steht dies ehrwürdige Gebäude in voller Herrlichkeit da; der Pfarrthurm hat eine gothische Kuppel von geschmiedetem Eisen, mit Zinktafeln gedeckt, die Aussenseiten haben einen gehörigen Anstrich, eben so das ganze innere, die gothische Kanzel, die Grabmäler mit ihren architektonischen Arbeiten sind restaurirt, die Capellen anständig hergerichtet, die Altäre ihrem Dienste wiedergegeben. Die ganze Länge dieses schönen Tempels beträgt 356, die Breite 140 und die Höhe seines höchsten Thurmes 390 Euss; 56 gewaltige steinerne Pfeiler tragen im Innern das hohe Gewölbe, dessen Anblick die Seele des Beschauers mit Stau- 12 46 iflninj. nen und Bewunderung erfüllt und unwillkührlich zur Andacht stimmt. In den Nebencapellen und dem Chore befinden sich, einschliesslich der Altäre, 78 steinerne Grab- und Denkmäler, worunter mehrere von sehr hohem Alter und bedeutendem Kunstwerth; auch in der Mcmoric, einer Capellc am Eingang in den grossen Kreuzgang, einige merkwürdige Denkmale, im Kreuzgange selbst aber, von welchem ein Stahlstich beigegeben wurde, der Grabstein Heinrich Frauenlobs (-J- 1318)-, zwar von neuerer Arbeit, jedoch auf Nicolaus Vogts Veranlassung genau nach jenem alten verfertigt, welcher 1783 durch die Schuld von Bauleuten verloren gegangen ist. Ehe wir nun in der Aufzählung der Mainzer Kirchen weiter gehen, müssen wir schliesslich noch einmal des Domschatzes erwähnen, der zwar bis auf die letzte Spur verschwunden, uns aber ein deutliches Bild von dem frommen Sinn des Christen und dem Keichthum der Kirche im Mittelalter zu geben vermag. Schon im elften und zwölften Jahrhundert war dieser Schatz unermess- lich reich, wie das Chronikon des Erzbischofs Christian (1249 erwählt) ausführlich darthut. Eine der grössten Merkwürdigkeiten dieses Schatzes waren nach ihm die kostbaren, mit mannichfalti- gen Gemälden von bewunderungswürdiger Kunst durchwirkten Tapeten, welche in solcher Menge sich vorfanden, dass die ganze Kirche im Innern damit behängt werden konnte; ferner fand sich eine ungeheure Masse von goldenen und silbernen Alnim;. 47 Gefässen, zahlreiche prachtvolle Gewänder, von welchen einig« so schwer mit Gold besetzt waren, dass nur ein starker Mann sie auf eine Viertelstunde tragen konnte; viele Evangelienbücher, deren Decken mit Juwelen und Schnitzwerkcn aus Elfenbein, Gold und Silber geschmückt waren j viele aus gediegenem Silber gearbeitete Candela- ber, Kronleuchter und Crucilixe, besonders aber ein Kreuz, Benna genannt, aus Cedernholz und ganz mit Goldplattcn überzogen, dessen daran befestigtes Pild des Erlösers von mehr als menschlicher Grösse aus dem reinsten Golde und zwar so gearbeitet war, dass die einzelnen Glieder in den Gelenken aus einander genommen werden konnten, der Leib war hohl und mit Juwelen und Reliquien gelullt, das ganze Crucilix wog nicht weniger als 600 Pfund an reinem Golde und war nach der Sage ein Geschenk des Erzbischofs Wil- ligis; derselbe hatte der Kirche auch zwei Kelche von gediegenem Golde verehrt, von welchen der kleinere mit der dazugehörigen Patcna 9 l'lund wog, der grössere eine Elle hohe und mit Juwelen geschmückte aber so schwer war, dass kein Mann ohne Anstrengung ihn zu heben vermochte; ferner sah man zwei silberne Kraniche von natürlicher Grösse, vier silberne Hecken und mancherlei VV as- sergefässe, zehn Kauchpl'unnen von vergoldetem Silber, eine von Gold, und eben so viele Aufbe- wahrungsgefüsse des Weihrauchs, von denen eins in Gestalt eines Drachen aus einem ganzen Onvx gebildet war, und viele andere Gerätschaften, 12* 48 fH.unj. deren Aufzählung zu weit führen würde. Den reichsten Schatz aber besass der Dom in einem ausserordentlich grossen Vermögen an liegenden Gütern, an Zehnten, Renten und Gefällen, welche, als der französische Revolutionskrieg sich an den Rhein gewälzt hatte, in dem allverschlingenden Abgrunde der Säkularisation und der Verschleuderung der Nationaldomänen sein Grab fand *). Doch kehren wir jetzt zu unserm eigentlichen Zwecke zurück und betrachten wir in Kürze die noch übrigen Sehenswürdigkeiten unseres vicler- fahrenen Mainz. Fast ebenso als wie der Dom und von demselben Erzbischof Willigis im Jahre 990 erbaut, ist Die St. Stephans-Kirche, in der Nähe des Gauthores, mit einem 210 Fuss hohen Thurme, wo, da er alle anderen Thürme der Stadt überragt, in den letzten Zeiten der französischen Regierung ein Telegraph angebracht war. Anfänglich von Holz, wurde sie im 11. Jahrhundert von Stein erbaut und endlich wegen Huufälligkeit in der Mitte des 13. Jahrhunderts durch den Krz- bischof Peter von Aichspalt oder Aspelt mit aller Pracht der damaligen Zeit so fest und dauerhaft aufgeführt, dass sie noch jetzt nach 600 Jahren unversehrt dasteht. Willigis liegt in dieser ehr- *) 8. Job. Wetten Geschichte un'l Heschreilmnß des Domes zu Mainz. Mainz, hei C. ('• Kunze. litr.J> Ein unentbehrliches Werlschen für die Beschauer lies Domes. üHuinj. 49 würdigen Kirche begraben; sein Messgewand, ein schwerer gclbseidner Stofl', welches mehrere hundert Jahre seine Gebeine umhüllt hatte, wird noch daselbst gezeigt. Im Schiffe der Kirche und hinter dem Hochaltar sind einige schöne Gemälde unbekannter Meister aus der altdeutschen Schule. Die St. Chrhtophs-Kirche bestand schon 893 als Capclle und wird schon in Urkunden von 1252 als Pfarrkirche genannt. Hier befindet sich ein wunderthätigcs Crucifix. Die 1754 neu erbaute und in ihrem Innern mit reichen aber geschmacklosen Verzierungen überladene St. Peters-Kirche, Hofpfarrkirche unter der churfürstlichen Regierung. In ihr sind schöne Deckengemälde von Appiani und Leiters- dorfer, auch ein vortreffliches Gemälde von Hoi- del»»ff über dem Seitenaltar zur Linken des Chors, eine Scene aus dem Leben des heil. Nikolaus vorstellend. An dem einfachen Portale befindet sich über dem Fronton ein bemerkenswerthes kolossales Standbild der Jungfrau Maria. Die lynatius-Kirche auf der Capuzincrgassc, zwar thurmlos aber in schönem Styl erbaut und erst 1770 vollendet. Das Portal ist mit Säulen dorischer Ordnung, ihr Inneres mit trefflichen Gemälden, besonders mit einem Altarbilde von J. Zick, die Dreifaltigkeit in einer Glorie darstellend , geschmückt. Die Emmcrans - Kirche, eine der fünf Stadtpfarrkirchen, stand schon, nach alten Documcnten, 50 üttiunj. im Jahre 1220. Den Hochaltar zieren schöne Marmorsäulen von korinthischer Ordnung und zwei wcrthvolle Gemälde, das eine, die Kreuzigung, von dem noch lebenden Mainzer Maler Kaspar Schneider, das andere von Maulpersch, die Himmelfahrt der heiligen Maria vorstellend, eins der schönsten Kirchenbilder in Mainz. Die St. Quintins-Kirche an der Schustergasse, in Urkunden schon im Jahre 1222 genannt, erlitt durch eine bei einer Judenverfolgung im Jahre 1349 ausgebrochene Feuersbrunst einen herben Verlust, indem dabei ihre grosse Stadtglockc und ihre vortrefflich gemalten Fenster /.u Grunde gingen. Die Kirche zu St. Rochus mit dem im Jahre 1721 von dem Kurfürsten Franz Lothar von Schönborn in grossartigem Style gebauten Rochus- Hospitale, dem heutigen Armenhaus. „ Die Augustiner-Kirche, erst 1776 vollendet, mit einer von dem berühmten Stumme gefertigten vortrefflichen Orgel und einem schönen Altar zur Linken des Chors, welchen der österreichische General Clairfait nach Erstürmung der französischen Linien vor Mainz im Jahre 1795 als Weihegeschenk errichten liess; der Kopf des über demselben angebrachten Marienbildes hat Kunst- werth und ausserdem zieren Sccnen aus dem Leben des heiligen Augustinus in 2 grossen und 20 kleinen Gemälden die schön gewölbte Decke dieser heitern und sehr besuchten Kirche. Ülativj. 51 Die St. Johannes - Kirche am Lcichhofc, eine der ältesten Kirchen von Mainz und der evangelischen Gemeinde zum Gottesdienst überlassen. Nach Schunk soll es die ursprünglich im 6ten Jahrhundert von Bischof Sidonius auf Kosten der Prinzessin Berthoara erbaute Taufkirche sein. Würdwein hält sie sogar für die alte Domkirche, weil die Eingeweide des heiligen Bonilaciiis daselbst beigesetzt worden und da» Domcapitcl in der zweiten Martinsvesper dem Complctorium in dieser Kirche beiwohnen, sowie auch an dem folgenden Tage, als dem Kirchweihfestc, das ganze Officium halten musste. Kommen wir von den Streitern für das himmlische Beich zu denen der weltlichen Macht, so werden wir unter den dem Militär zu Wohnungen angewiesenen Gebäuden einige Pallästc finden, die früher tfaeila dem Clerus, theils dem Adel des kurfürstlichen Hofes gehörten, seit der Revolution aber nicht mehr von diesen bewohnt und an das Bun- desfestungs-Göuvernetnent abgetreten wurden. So gehorte das auf dem Thiermarkt gelegene, von dem jetzigen Vice-Gouverneur bewohnte Palais den Grafen von Ostein, das gegenüber gelegene dem preussischen Militär eingeräumte den Grafen von Basscnheim, in dessen Nähe der Schönborner Hof eben auch preussische Caserne ist; das gemeinschaftliche Militär-Lazarcth war Eigenihum der Altmünster-Nonnen, die österreichische Caserne am Thiermarkt war früher das im Jahre 1320 gestiftete Weissfrauenkloster, in der öster- 52 Älninj. reichischen in der Nähe der Schustergasse gelegenen Caserne befand sich das Universitätsgebäude, das sogenannte Jesuiten-Collegiuni; das hinter dem Hof /um Gutenberg gelegene Lyceum, zum Seminar für Geistliche bestimmt, hat jetzt preus- sisches Militär in seinen Mauern, die österreichische Caserne auf dem Flachsmarkt gehörte den Grafen Stadion, die beiden der Artillerie und Ca- vallerio jetzt angewiesenen Gebäude auf der grossen Bleiche, der Löwenhof und das goldene Ross genannt, waren der alte und neue churfilvstliche Marstall. „ Das merkwürdigste von den Festungswerken in und um Mainz ist die VitaUelle. Sie ward zu Anfang des dreissigjährigen Krieges von dem Kurfürsten Schweikard von Kronberg nach alter niederländischer Art angelegt und dcsshalb Schwei- kardsburg genannt, unter der Regierung des Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn in den Jahren 1659->--1601 aber so geändert, wie wir sie noch sehen. Innerhalb ihrer Umfangsmaucrn liegt der Eichelstein, von welchem wir bereits oben gesprochen haben; er soll KM) Fuss hoch gewesen sein und an seiner Basis einen Umfang von 132 Fuss gehabt haben. Kurfürst Franz Lothar liess im Jahre 1698 eine innere Höhlung für eine Wendeltreppe brechen, bei welcher Arbeit man sich Überzeugte, dass das Ganze aus einer dichten Gussmauer bestehe; gegenwärtig beträgt die Höhe des über die Erde hervorragenden Theils dieses Monuments noch 42 Schuhe, wäli- Älatnj. 53 rend in» Wallgange noch etwa 28 — 30 Scliuli liegen und also ungefähr 30 Fuss des oberen Tliciles abgeworfen sein mögen. Das Plateau ist mit einem Geländer und Sitzen versehen und dem Fremden ist es gestattet, mittelst eines Erlaubnisscheines der Festungsbehörden, dieses merkwürdige Denkmal der Römerzeit zu besuchen; die Aussicht ist sehr belohnend. Interessant und eines Hesuches werth ist ferner noch der am nördlichen Stadtende am Paradcplatz gelegene GeschM-zyartcn, der jetzt in eine englifebe Anlage umgewandelt ist. Zu den schönsten näheren Umgebungen von Mainz, welche von jedem auch nur kurze Zeit daselbst verweilenden Fremden besucht werden sollten, gehört die neue Gartenanlaye vor dem Neuthore, ein kleines Paradies mit den reizendsten Baumgruppen und liosquets, aus welchen man malerische Fernansichten in die herrliche Umgegend gentesst. In der Mitte derselben steht das von Scholl's geschickter Hand sehr brav gearbeitete Brustbild des Gründers dieser Anlagen, Peter Wo//) in carrarischem Marmor; die zahlreichen Freunde des Verewigten Hessen es errichten. Auf der Stelle dieses Gartens stand einst das berühmte von Franz Lothar erbaute kurfürstliche Lustschloss, die Favorite, und unfern davon die Carthausc, die beide im Jahre 1793 ihren Untergang fanden. In dieser Anlage werden während des ganzen Sommers bei irgend günstigem Wetter wöchentlich einmal von den Österreich!- 54 Alain}. sehen und preussischen Rcgimentsinusiken abwechselnd Coneerte gegeben, welche dann der Vcrei- nigungspunkt der gebildeten Welt aus der ganzen Umgegend, besonders der nahgclegenen Badeorte abgeben. Der Umfang dieser Blätter erlaubt uns nur noch einige flüchtige'Andeutungen über die weiteren Umgebungen von Mainz, und hierzu gehören das freundliche Weisenau am Rhein mit seinen heiteren («artenanlagen5 das eine Viertelstunde von der Statt entfernte vor dem Giiuthorc gelegene Zahlbaeh mit den merkwürdigen Besten der Wasserleitung des Drusus, von welcher wir oben sprachen, und einem römischen liegräbnissplatzc, den uns noch 13, einem nach Zahlbach führenden Fuss- pfade entlang aufgestellte Legionsgrabsteinc andeuten. Von diesem Begräbnissplatze, der eine recht hübsche Aussicht bietet, erblickt man weiter vorwärts unten im Thale gegen Norden den Kirchhof oder Begräbnissplatz der modernen Mainzer, einen hübschen mit einer Masse von Denkmälern, deren wenigste aber der Kunst angehören, wie übersäeten und mit Alleen, Blumenparthicn und Baumgruppen gezierten («arten, der einen Baum von etwa 30 Morgen bedeckt und ein von dein Präfectcn Jeanbon St. Andre im Jahre 1802 gegründetes mit allem nöthigen Apparate versehenes Leichenhaus, wohl das erste in ganz Deutschland, in sich schliesst. Fünf Viertelstunden von Mainz stromabwärts in der JMühc des Bheines liegt der Lernen- oder Lenin- Hvnj mit seiner herrlichen Ülutn?. 55 und weltumfassenden Aussicht über den ganzen Rheingau; 3 Stunden aufwärts des Rheines zwischen Nierstein und Oppenheim das schon den Römern bekannte Sirona-Bad, mit schwefelhaltiger Quelle und ziemlich häufig von Gästen der Umgegend besucht; in der Nähe das sogenannte gelbe Haus, wo man trefflich bedient wird. Hochheim, das weltberühmte Hochheim, von dessen weinreichen Höhen man eine der schönsten Aussichten auf Mainz und den Rheingau genicsst u. s. w. Ueberall aber, wohin das Auge blickt,'ist eine solche Fülle von Schönheit und Lieblichkeit ausgegossen, dass gewiss jeder Wanderer mit den freundlichen Worten scheidet: Auf Wiedersehn'. Zusätze. IVicol. Vogt, der hochverdiente rheinische Geschieht- fchrciber, -welcher den 19. Decbr. 1856 in Frankfurt am AI »in stnrli, ruht dicht nn der Schlosslsapelle auf dem Johaiinislierg. Nein Her/, und Gehirn aber sind wohlverwahrt hui dem Mühlstein (gegenüber von Itiiijjun am rechten [Her liegend!) im Hhcin versenkt. Ein eisernes Kren/, auf den Felsen bezeichnet die Stelle. Fürst Melternicli, der grosse und chen darum dankbare Schüler Vogts, liess seinem Lehrer in der Schlosskapelle auf dein Johaniitsburg ein Denkmal von schwarzem Marmor setzen, dessen Inschrift er seihst verl'asste. Im Winter 1.1158 — 59 wurden die bedeutenden Fundamente etc. des römischen Kartells, welches einst auf dein lliimrrhrrg in Wiesbaden (•«standen , aiisgrgra- ben. Die dabei aufgefundenen Altcrthünier sind im Museum aufbewahrt, und die. weiteren Resultate der Ausgrabungen, so wie der von Herrn von Itouborst gezeichnete Grundriss des Kastells, werden in dem dritten Bande der Annaleii des Vereins für Nussauisch« Aller- thumskunde und Geschichtforschung, bekannt |;eiuaelil werden. Druckfehler. 1. Ahthcilung Rheinguu. Seile 3 Vers 7 im Kingangsgcdicht statt süss lies gut. 10 Zeile 0 statt «lern Girrtnt, ist einzuschalten i ,,den geschin* ehvollen Garten- unlafcu," - IC - 'i'.'t statt Griiua lies Grunuc. - 3i> - IG statt Breltclar lies Krabe luv. - 48 - 8 statt Brettel lies Dretel. - «8 - 26 statt Dressel lies Dretel. - 87 - 10 stall goldenen lies goldnen. - 60 in der Anmerkung statt 183ü lies lit.*>ß. - 76 Zeile 12 statt llcimhurg, Soncli oder Sauelt I. 8on elt od er San elt und Heim- bürg. 77 - 11 statt die Ruinen eines runden Tliurmcs sichtbar, welcher einst ein Wurlthurm gewesen sein mag, lies: die Ruinen einer bleineu Barg sichtbar, welche Pi o 1 i c h t b e i s s t. 79-4 statt am Markt lies am Rhein - 79 26 statt ist ljcs sind. 83 in der Anmerkung statt Hr. lies Hrn. 2. Abtheiluii g Wiesbaden. Seit« 7 Zeile 10 lies achten statt fünften. 3. Ahtheiluug Mainz. Seite 43 Zeile 17 statt Beize lies Urize. u 111 i ii 11111 ■ i"i i ■'■ i ii ni LiurfiTTi ■ i r rrTi inOjjJxiilLi"iT-iTiriT ■ i r» i i-imh-hi in ■ in 11 n 11 r uiJüJjjiljILjLiiJJJiiLij 1111 n ■ i LJTQ3 =1 l in 11 /'//(/ont/tr>fCH 6 . Dttlhctm ■Ab "Mi< hl< «»/ \}J/(t/z{i((tt.vh>urthli c ' ■•/. '/tiiicbctirrnf^ v . ObHatlm OrvbHiTt (d> Jltfcn/ttrl / t anißciiMh - m \ ■ - Ob CHcMnnhcr,, j) iel l lltl dt' „,,'";' . \ . * olfer«di Mnrtjarctfu Ucheji .<*tll"U _> S' (ro;ir OKWetel Ü -rV o rhtzhatucn ^ r>rci(l,urd( \ ' ' " S t ibbutjt i \ II ran buch Wf>* f„tcn lJjj^cch% ' Uttppcrsltabtt^ >J.a,dtchei "';"^w, o /^v,,^f U<£^^- ' ., *,&<£* 'r M """ x (rem Idstein J [.Oasrnlh ^ J|r|lnH> 5 Iclsiciiv • : ..■;..-' O.Ytcd./ttrty -Ob Juroj . b/.cn latha hsclnnhahn S- /- oOb>cttbacli\ oi.Wi (;,ir ^'ivi\tT>Viij' \.. 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