. Bibliothek Königlichen Kunst=Akademie zu Düsseldorf. Nr. des Catalogs. Mit 101 Kurztern 1. J. C. Schott . . . Nichtausleihbar 178 OANNES DE BORIA Moralische S Aus Din. Von Ihme vor diesem in Spanisch geschrieben / nachmahls in Lateinisch / nunmehro aber wegen seiner Vortrefflichkeit in die Hoch=Teutsche Sprache. übersetzet / von Georg Friedrich Scharffen. NEC UNI GRATIA DEFIT. . exlibris P: Kake 177. N Berlin / Verlegts Johann Michael Rüdiger / Buchhändler. Druckts Ulrich Liebpert / Churfl. Brandenb. Hoff=Buchhr. 1698. X LANDES. IND STADT. 3/BLO FRIEK DasselbOR . Rara . . Dem Wohl-Edlen, Vesten und Wohlweisen Herrn / ern Seremia O Schreyen, E Zohl=verordneten Bürgermeistern der Haupt= und Handel=Stadt Franckfurt an der Oder Auch weitberühmten Buchhändlern daselbsten / Könner 2c. einen Hochgeneigten N . GELAT S S HochgeEhrtester Herr. S seynd insgemein die Wohlthaten gleich denen Wolcken / so mit fruchtbaren Regen das Land befeuchten / aber dadurch auch den wiederaufsteigenden Thau verursachen; Denn natürlicher Weise ziehen sie denjenigen / der sie empfangen / an sich / und sind das Band des Menschlichen Lebens: Beneficium commerciorum vita continetur. Wenn sie aber Nothleidenden und Unglücklichen zu statten kommen / so verdoppelt sich diese Schnure / und die Liebe sowol als Barmhertzigkeit / (der Wohlthaten rechte Qvellen) verdienen iedwede absonderliche Erwiederung. Der verheerte Necker und Rhein tragen genugsame Merckmahle ihres Verlusts / und es fühlet nicht allein TeutschLand / als der Leib / die Wunden dieser seiner schönen Glieder: sondern gantz Europa erstarret vor den Unbillichkeiten und Nase Rasereyen / die hier begangen worden: Was ich meines Theils dabey erlitten und verlohren / lässet sich ohne nasse Augen nicht wiederholen: Es ist genug bekant; Wie ungerechtes Wüten / Raub und Verwüstung hat in unsre Mauren bracht; Des Neckers Paradieß zu schlechten Schäfer-Hütten, Das schöne Heidelberg zur Heiden fast gemacht. Die Brände / welche noch an diesen Ufern liegen / Die Asche / welche noch auf Berg und Feldern stäubt / Sind Zeichen des Verlusts / sind Zeugen von den Kriegen / Der uns die Thränen offt / noch in die Augen treibt. Hauß / Kirchen / Heiligthum / Hoff / Gräber und Paläste / Hat Feind und Raserey in Staub und Grauß verkehrt. Was bleibet endlich frey? Was stehet endlich feste? Wenn man der Könige Gebeine selbst versehrt. Wie ich mein Vaterland nun damahl müssen lassen; Und mit dem Rücken Freund und Güter sehen an; Den schwachen Wanderstab vor eine Stütze fassen / Ist keiner / der / als Er / es besser wissen kan. Wann dann / HochgeEhrter Herr und Goͤnner / ich vorlängst die Ehre seiner Bekant= und Freundschafft genosen / also hat Er durch sonderbahre Wohlthaten / die Er in diesem meinem Unglücklichen Zustande mir erzeiget / mich doppelt verbunden und durch beständige Gewogenheit noch mehr zum Schuldner gemacht. Ich werde dieses Lebenslang erkennen und rühmen / und habe dannenhero zu einiger Bezeugung dieser meiner Erkäntlichkeit / gegenwärtige Ubersetzung der Moralischen Sinnbilder des J. Boria Demselben schuldigster Maßen überreichen und zueignen wollen. Er a 3 Er nehme solche so geneigt an / als Er sich gegen Unglückliche zu erweisen pfleget / und lebe versichert / daß / was ich nicht erwiedern kan, GOTT der kein Liebes-Werck unvergolten läßt / mit reichem Seegen wird ersetzen. Ich muß hier / wie Ausonius zu dem Gratian sagen. Tibi caepit Deus debere pro nobis. GOtt ist selbst vor mich zum Schuldner worden. Derselbe stärcke meines Hochgeehrten Herrn Jahre mit guter Gesundheit, segne Dessen Amt und Verwaltung / und gebe zu allen Verrichtungen Glück und Vergnügen / ich aber verbleibe Cölln an der Spree / den 25. April, 1698. Meines HochgeEhrten Herrn und geneigten Goͤnners Dienst=schuldigster Diener Johann Michaël Rüdiger. Forrede An den geehrten Leser. Bwohl die Gesetze / so etliche unter denen neuen Authoren / von der Art Sinnbilder zu schreiben / herausgegeben / so scharff seyn / als solche zu machen ihnen beliebet / indem sie zu denen vorigen Gesetzen etwas hinzu gethan / und von denenselben nach Gutdüncken auch etwas weggenommen; So deucht mich doch nicht / daß sie jemanden zu ihrer Haltung, als, so fern sie der Vernunfft gemäß seyn, verbinden / weil weder das Ansehen noch das Alter der Authoren so groß seyn kan; daß man sich nicht scheuen müsse / auf ihre Worte zu schweren, auch diese Gesetz-Geber selbsten / in denen Sinnbildern die sie herausgegeben / ihre Gesetze mit solcher Schärffe und Vollkommenheit / als sie dieselbe gemacht / keines Weges in Acht genommen. Ich habe vor gut angesehen / den Leser hieran zu erinnern / damit er wisse / so etwas ihme in diesem Wercke vorkommen möchte / das wider diese Gesetze wäre / daß solche Gesetze nicht deswegen übergangen worden / weil man sie nicht gewust / sondern daß wir darinnen den Alten zu folgen uns vorgenommen. In der Erklärung haben wir uns mehr bemühet / kurtz zu seyn / als grosse Commentarios zusammen zubrin0 3 gen. Vorrede. gen. Weil das Werck zu nichts anders bestimmet / als daß es an statt einer kurtzen Außlegung / was in iedweden SinnBilde enthalten / dienen solte / einen andern eine weitläuftigere Außlegung überlassende / oder auch uns selber auf eine andere Zeit vorbehaltende. Noch dieses wird erlaubt seyn hinzu zufügen / daß nehmlich diejenigen / die in dergleichen Sachen schreiben / zubekennen pflegen / daß es so schwer sey / ein gutes Sinnbild zu machen und den Zweck darinnen zu treffen / daß es mehr dem Glücke als etwas anders zuzuschreiben / so nun dieses bey einen Sinnbilde war ist / so wird der ja ausser Schuld und wohl entschuldigt seyn / der / indeme er viel vorbringet / in einem oder dem andern fehlet. Unser Endzweck und Absehen ist gewesen / dem Leser in etwas zu nutzen / weil die Materie / die hier gehandelt wird / gute Sitten betrifft / daran uns so viel gelegen / daß sie recht eingerichtet / und unverletzt erhalten werden möchten. ( S D Moralische P A Sini Des HANNES de BOI C ☚ 1 IA. Benung daß mans verdient. Je einem klugen Manne in seinem Elende dieses der vornehmste Trost seyn soll / daß er ausser Schuld ist / ob er wohl etwas leiden muß / weil keine grössere Straffe seyn kan / als dieselbige verdienen; Also müssen wir wohl erwegen und uns vornehmlich dahin bemühen / daß wir die Belohnung der Tugend (welches in diesem Sinnbilde durch den Lorber-Krantz angezeiget wird) verdienen / ob wir sie gleich in diesem Leben nicht allezeit erhalten können / weil auch dieselbe allein verdienen / schon ein Lohn und Preiß ist / dessenthalben wir unser Leben Tugendhafft führen sollen. Und also gehet / was hier durch den Lorbeer=Crantz und die Uberschrifft: Genung daß mans verdient! bedeutet ist / dahin / daß ob wohl an einem die geleisteten Dienste nach Verdienst und Würden, mit genungsamen Dancke / nicht möchten erkannt werden / er dennoch die Bemühung diesen Preiß und Crantz zuverdienen nicht solle fahren lassen / sondern vergnügt seyn / daß ers verdiene weil dieses allerdings seine Schuldigkeit und eben darinnen die größte Wollust bestehet / nicht aber in der Genießung der Belohnung und des Danckes, dessen er vielleicht unwerth seyn könte. Denn je mehr Ehre und Danck eine That verdienet / je grösser würde seine Schande seyn / wann ein umb so viel scheinbarer Mangel / den Ort zu verdienen und zu behaupten / darein er gesetzet / an ihme bemercket würde. (3) Wie überall nicht Palm und Lorbeer grünt, So weist nicht stets die Tugend ihre Stärcke / So werden auch nicht ihre besten Wercke Allzeit belohnt. Genung / daß sie's verdient. A 2 Viel (4) II. Viel oder nichts It Trägheit und Lauligkeit thun / was zu chur ist / ist ein Brunn / daraus Zufälle / die Verlust und Untergang nach sich ziehen / hervor fliessen / und man kan nicht bequemer die Grösse des Schadens / so daraus kennt / erfahren und schätzen / als wann man vor gewiß hält / daß dasjenige in einem schlimmern Zustande ist / was man laulicht / als was man kaltsinnig thut / weil es ausser zweiffel viel ärger und unanständiger / in seinem Vornehmen schläffrig und nachläßig verfahren / als dasselbe gar bleiben lassen. Dieses wird in diesem Sinnbilde bedeutet / in welchem eine SchildKröte vorgestellet wird / mit der Uberschrifft: Viel oder nichts. Denn davon wird gemeldet / daß / so man wenig von ihrem Fleische zur Speise oder Artzney brauchet / solches schädlich / so man aber viel isset / gesund sey. Eben das verstehet sich von unsern Handlungen / welche so sie in der Hitze angefangen und angestellet / und tapffer ausgeführet werden / grossen Nutzen bringen und niemals eines glücklichen Ausgangs fehlen / so sie aber nachläßig und laulicht geführet werden / sehr schädlich fallen. Da es ohnstreitbar besser / daß man sie gar nicht angefangen hätte. Sintemahl ausser dem /daß ein glücklicher Außgang davon nicht zu hoffen / nichts mehr der Fürsten und grossen Leute Rufbeschmitzet / und gleichsam mit einen tödlichen Pest-Giffte hinrichtet / als wenn sie einige Nachlässigkeit und Lauligkeit in denen Geschäfften sehen lassen / denn ohne Strengigkeit können dergleichen Thaten nicht gethan werden / so den Nachklang eines grossen Nahmens verdienen und ihren Urhebern zuwege bringen / weil die Nachlässigkeit und Trägheit / der Tapffer- und Großmüthigkeit schnurstracks entgegen und nebst der Stärcke des Gemüthes nicht bestehen kan. (5) Man greiffe / was man thut mit rechtem Eifer an / Was Wasser nicht erweicht / zerschmeltzet in den Flammen / Durch kalte Langsamkeit rinnt Blut und Geist zusammen / Und etwas laulicht thun ist besser nicht gethan. Leicht A 3 (6) III. Leicht und einen Augenblick. B gleich die Lasten und Beschwerligkeiten / die in dieser Welt ein jeder in seinem Stande tragen muß / bißweilen einen also niederdrucken und beschweren / daß es scheinet als fielen sie mit Gewalt auf seine Schultern / so darff er doch nicht erschrecken noch verlohren geben und die Last sich zugleich niederwerffen und zu Boden legen lassen; sondern vielmehr die Schultern darstrecken / und neue Kräffte und Vermögen zu ertragung der Last vorsuchen / welches durch dieses Sinnbild des Atlas (von deme die Alten gedichtet, daß er die Welt auf seinen Achseln trage, ob wol von einem hohen Berge ihme der Nahme gegeben worden / oder / weil er ein grosser Sternseher gewesen) und dessen Uberschrifft / Leicht und einen Augenblick / angewiesen wird. Weil ohne Zweiffel in diesem Leben keine Last so schwer seyn kan / die nicht leichte scheinen solte / wann sie mit der Belohnung / welche wir vor unsre Trübsal in jenem Leben hoffen / verglichen wird / solche Trübsal auch an sich selbst nicht schwerer ist als daß wir sie ertragen können / und nicht länger als uns dienlich ist / wäret. Sintemahl in diesem Leben niemahls einiges Ding stetswährend/ auch nicht viel vorkommt / daß viel und lange Zeit aushalte. (7) Zieht dem Verhängnisse die Schultern nicht zurück, Und wann es alle Last der Erden auf euch schmisse. Bedenckt / wie leichtlich sie zu nichte werden müsse; So wird die Last zur Lust / die Zeit ein Augenblick. Inwen (8)55 IV. Inwendig verborgen. Fe viele / die vor klug und tapffer angesehn und gehalten worden / der von ihnen gemachten Hoffnung / wenn sie zu wichtigern Geschäfften gezogen worden / kein Gnügen geN than; Es sey / daß entweder an ihnen wahr worden was man im Sprichwort sagt: Ehre verändert das Gemüthe / und die Verwaltung prüfet den Mann. Oder daß die an ihnen vorblickende Kräffte, nicht zugereichet: Also lassen im Gegentheil andere die mit vieler Tugend und vortrefflichen Gaben versehen / aus Mangel der Gelegenheit / die Tugend damit sie begabet nicht zum Vorschein kommen. Welches mit diesem Sinnbilde / vom Stahl und Feursteine / mit der Beyschrifft: Jnwendig verborgen/ kan gelehret werden. In dem es dahin gehet / wie der Feuerstein das Feur in sich beschlossen behält / biß es durch den Stahl daraus geschlagen wird / also nehme das edle Feur / so einer in seiner Brust beschlossen trägt / aus Ermangelung der Gelegenheit / damit er seine Tugend und Tapfferkeit könte sehen lassen / ab / und sey ohne Glantz. (9) Der Tugend edles Gold schwimt nicht / wie Schaum empor / Sie hat im Innersten des Hertzens sich verstecket / Die Funcken ihrer Glut sind meistentheils verdecket / Biß sie der Zeiten=Stahl bringt / wie aus Steinen / vor. Der B ( 10) Der Frommen Schiffbruch. In sonderbahrer Unterscheid der Gerechten und Ungerechten / läßt sich am besten sehen / in dem unterschiedenen Ausgange ihrer angestellten Schiffarth / welche Schiffarth wir mit dem Leben anfangen und mit dem Tode endigen. Und ob wir wol darinnen alle einander gleich zu seyn scheinen / daß unser LebensSchiff wunderlich durchhin fähret / auch endlich gar zu Grunde gehet / so ist die Sache doch an sich selbst gantz unterschieden / weil der Gerechte sein Schiff ans Land bringet / der Ungerechte aber in die Tieffe fähret. Wie dieses an der Schiffart Noa, und der mit ihm in den Kasten gegangenen Gerechten, sowohl auch derjenigen, die die Kinder der Menschen gehalten / zu ersehen. Noa erreichte mit seinem krummen Lauffe endlich die Berge Armeniens / die Kinder der Menschen aber wurden in die Tieffe des Meeres und der Höllen gestürtzet und verschlucket. Dennoch können wir / weder in unsern Leben die Nothwendigkeit zu schiffen ablehnen / noch im Tode der Gefahr zu ersauffen / entgehen. Also will dieses Sinnbild des Kasten Noä so auf den Armenischen Bergen ruhet / mit beygefügter Uberschrifft: Der Frommen Schiffbruch / so viel: Man solle mit den Gerechten schiffen / weil wir doch endlich mit ihnen, es lauffe das Schiff so schlimm / als es immer wolle / uns auf den Bergen retten koͤnten. n) 350 GELANDE A/G/G/B/S Der Frommen Schiffarht bleibt doch alleweg im Seegen / Wenn der Gottlosen Kahn in tieffen Grund muß gehn; Und solte wider sie auch eine Sündfluht stehn: So können sie zuletzt auf Bergen Ancker legen. Das B 2 ( 12) VI. Das Alte abgeleget. Er Trieb der Natur hat allen Thieren die Begierde seiner Erhaltung eingepflantzet / und wir sehen keines / wie gering G es auch ist / welches nicht sich zu erhalten und zuvermehren trachte. Der Mensch ist hierinnen am aller nachläßigsten / weil er mehr seinen Begierden folget/ als der rechten Vernunfft gehorsamet. Welcher zwar / so er den andern Weg erwehlen / und seiner Erhaltung wahrnehmen wolte / kein besser Mittel seiner Daurhafftigkeit finden könte / als so er sich selbst / mit ablegung des alten / zu erneuen / bemühet wäre / wie von dem Adler gesagt wird / daß er so hoch und nahe an die Sonne fliege / daß sie ihn mit ihren Strahlen verbrenne und die Federn versengte / mit welchen er hernach sich ins Wasser tauchte und also neue Federn und Kräffte bekäme. Solches wird uns auch wiederfahren so wir uns bemühen werden, unsrer Sonnen der Gerechtigkeit zu nähern / damit sie uns anzünde und erneure. Welches mit diesem Sinnbilde des Adlers, der nach der Sonnen fleucht / und der Uberschrifft: Das Alte abgelegt / angedeutet wird. ( ) Der kühne Adler fliegt biß an der Sternen=Hauß / Durch ihre reine Glut die Federn zu verneirn: Wer einsten wil bey GOtt des Lebens=Sonne seyn; Der zieh den alten Balg der schweren Sünden aus. B 3 Im ( 14 ) VII. Im Kleinen niemand groß. Je kleine alle dasjenige sey / daß in der Welt so hoch geschätzet wird / wird aus Betrachtung seines Standes leicht erkennet / weil es gegen den Creiß der letzten Sphære geS halten / nach denen Sternkündigern / nur wie ein Punct befunden wird. Und weil dann die Welt so kleine ist / was solte sie wohl grosses in ihr beschliessen können /ob solches gleich über den gantzen Erdboden die Herrschafft hätte? dieses wird mit diesem Sinnbilde / und der Beyschrifft: Im Kleinen niemand groß! bezeichnet und gelehret; Ein großmüthiger Mann müsse nicht nach so geringen Sachen / als die Welt / und was darinnen ist / stehen. ( 15 ) Besieget Ost und West / werfft um die Welt das Lohß / Laßt eurer Thaten Lob biß an den Monden gehen / Was ist doch dieser Punct vor den gestirnten Höhen? Im Staub ist gar kein Ruhm / im Kleinen niemand groß. Nicht ( 61) VIII. Nicht allzugroſſe Fruchtbarkeit. S halten viel weise Leute davor / daß es mehr Tugend und Staͤrcke des Gemüthes brauche / das Glücke als das Unglücke auszuhalten / weil dieses den Menschen ihme selbst wieder giebt / daß er in sich gehet / sich gleichsam zusammen raffet / und mit diesen Mitteln umgeben / desto stärcker die Wiederwertigkeit ausstehen kan / das Glücke aber den Menschen verwirret / zerstreuet und endlich ihme selbst nimmt. Welches der größte Schaden ist / so dem Menschen wiederfahren kan. Dieses wird durch das Sinnbild eines Baumes, der so mit Früchten beladen, daß er davon bricht und spaltet und seiner Uberschrifft: Nicht allzugrosse Fruchtbarkeit / angedeutet / und wie schädlich diese Fruchtbarkeit dem Baume sey, gewiesen. Denn ob wol aller Uberfluß böse ist, so ist doch keiner gefährlicher / als eine allzugrosse Glückseeligkeit / sintemahl / ie geneigter sie einen ist / jemehr beraubt sie ihn des Verstandes. Wer klug und mit seinen Glücke / das GOtt ihme gegeben / vergnüget ist, der kan durch dieses Sinnbild andre lehren, daß man sich vor allzugrossen Glücke fürchten möge. 75 ## S S Kein Mangel schadet uns so sehr / als Uberfluß: Das Auge blendt der Strahl / Gold Hertzen und Geſichte; Die Tugend stetes Glück. Was nützen uns die Früchte / Von deren grossen Last der Stäm zerbrechen muß? (18)55 IX. ch sterbe zweymahl. Ichts verletzet das Gemüthe hefftiger / als wenn man sich von seinen eignen Waffen getroffen und verwundet siehet / es sey / daß einer entweder seinen Willen des andern Tyranney unterworffen / oder sich demselben also entdeckt / daß dieser / weil er seine Heimligkeit weiß / ihn gleichsam vor seinen Sclaven hält; oder so jemand einen, bey einen Fürsten wohl anbracht, der ihme nicht davor mit solchen Dancke als er solte / begegnet. Wer von diesen Dingen etwas erfahren hat / der wird gewißlich am besten darthun können / was dieses Sinnbild mit einen Adler / der von einen mit seinen Federn gefiederten Pfeil getroffen / und der Beyschrifft: Ich sterbe zweymahl / bedeute. Man fühle nemlich die Streiche doppelt / so man von seinen eignen Waffen empfänget / weil derselbige / so also verletzet / sowol über seinen Feind / als über sich selbst / als der die Waffen / womit er verwundet / ihme selbst in die Hand gegeben / zu klagen hat. 155• ⁸⁹ Der grösten Schmertzen Qvaal / so unsern Leib zergliedern / Die drücken selten sich so tieff der Seelen ein; Als wenn wir unsers Falls und Unglücks Schmiede ſeyn / Zu unsern Wunden uns die Pfeile selber fiedern. Gewalt C 2 ( 20) X. Dem Widrigen entgegen. Je grossen Schwerigkeiten und Bemühungen / dieser Welt Bequemligkeiten zu erlangen / und alles Aufnehmen und glücklicher Fortgang / so zu dem Ende / begehret und verlanget wird / qvälen nicht nur geringere Leute / welche so viel mehr Weges vor sich haben / ie weiter sie zurücke stehen; sondern wenn man es recht erweget / so haben grosse Fürsten / unvergleichlich grössere Schwerigkeiten und Arbeit / nicht allein ihren Staat zuvermehren / sondern auch das Ihrige zuerhalten. Ja es ist kein Stand von dieser Last dergestalt befreyet / daß er nicht dieses Sinnbild mit der Sonne / und Uberschrifft: Dem Widrigen entgegen: auf sich ziehen könne. Denn / wie die Sonne obwohl der Gröste von den Planeten / und der den meisten Einfluß den untersten Creaturen ertheilet / ihren gewissen Creiß und Ort hält / dennoch aber so grosse Gegenstände und Schwerigkeiten vor sich findet / daß sie gleichsam mit Gewalt von der ersten Bewegung abgerissen / ihren eigenen Lauf nicht eher als nach Verlauff eines Jahres endigen kan. Ebnermassen ob gleich grosse Leute mit grossen Schwerigkeiten zu streiten haben / müssen Sie dennoch / sie zu überwinden / von der Mühe nicht abstehen / weil sie dergestalt / den vorgesetzten End-Zweck gewiß erhalten werden. 20 ( 2) 58 1 Es läst ein kluger Mann sich keinen Fall bewegen / Er geht mit freyem Muht dem grösten Sturm entgegen / Dem Unglück ins Gesicht: so wie der Sonnen Licht Durch allen Gegenstand und dicke Wolcken bricht. Gewalt C 3 ( 22 )56 XI. Gewalt zerbricht / Gelindigkeit beugt. B in der Krieges=oder Bürgerlichen Verwaltung mehr die Schärffe als Gelindigkeit zu brauchen sey / ist eine allerdings wichtige Frage. Uber welcher so viel unterschiedene Meynungen geführet werden, so viel derjenigen, so davon handeln, Stand und Begierde unterschieden ist; die von Natur und Art harte sind / und eines erhabenen und Ehrgeitzigen Geistes / denen scheint ohnmöglich einige Sache ohne grosse Ernsthafftigkeit und die höchste Schärffe zu handeln; Hergegen halten aufrichtige und kluge Leute und die eines stilleren Temperaments und Beschaffenheit seyn / am sichersten die Mittel-Strasse gehen. Welches in diesem Sinnbilde gewiesen wird / wo man einen Baum vorstellet / an welchem zwey Hände den einen Ast mit Gewalt ergreiffen und abreissen / mit der Beyschrifft: Gewalt zerbricht, auf der andern Seite aber den andern Ast zwey andere Hände mit Geschicklichkeit krümmen und beugen / mit der Uberschrifft: Gelindigkeit beugt. Ebener masen wird derjenige / der mit Gewalt / ohn alles andre Absehen herrschen / oder seine Sachen verwalten wolte / zwar gefürchtet / aber keines weges geliebet werden / auch seine Herrschafft / weil sie zu hefftig / nicht lange wären. Hergegen aber wird der / so klug und gelinde regieret, und die Seinigen mit Bescheidenheit und guten Worten (doch also daß er die Schärffe mit der Ausübung der Gerechtigkeit vereinbart) im Zaum hält / die Gemüther / die er zu regieren hat / ohne Gefahr zu zerbrechen / beugen / indem er sie verbinden wird aus Liebe und Ehrerbietigkeit das zu thun / was sie bey gebrauchter Härtigkeit nicht würden gethan haben. (3) ⛪ N Es reißt die Sehne leicht die man zu hoch anspannt, Das allerschärfste Recht wird zu dem grösten Laster / Die Tugend aber braucht nebst Stahl auch weiche Pflaster / Und was Gewalt zerbricht, das beugt Gelindigkeit. Der ( 24 ) XII. Der findt das Leben. Je gröste Vorsicht in diesem Leben ist / beyde euserste Ende / so Laster sind / zu fliehen / und das Mittel / worinn die Tugend besteht / zufinden. Wer dieses ins Werck setzet / der verdient alleine vor weise und vernünfftig gehalten zu werden. Weil / wie allein ein Meß-Künstler verstehet wie man den MittelPunct im Cirkel finden soll / also der allein Weise ist / der sich von dem Eusersten enthält / und das Mittel / in welchen die Tugend ist / erlanget. Die äusersten Ende der Tugend sind zwey entgegen gesetzte Laster / die man beyde fleißig meiden sol / weil derjenige / der freygebig seyn wil / sich nicht alleine vor dem Geitze / welcher das eine Ende ist / sondern auch vor dem andern Ende / der Verschwendung vorzusehen hat, wann er das Mittel zwischen beyden, die Freygebigkeit / zuerhalten verlanget. Welches mit diesem Sinnbilde / in welchem eine Hand, so einen Circul hat, den Mittel-Punct suchet, und der Uberschrifft: Der findt das Leben, gewiesen wird. Weil der die Ruhe des zeitlichen und ewigen Lebens / mit der Stille und Vergnügung ohne Ende findet / der die Tugend findet. ( 25) Die Tugend ists / die nur vergnügen kan / Sie ist der Mittel-Punct der größten Süßigkeiten; Sie weicht zur lincken nicht / nicht zu der rechten Seiten / Wer diese findt / der trifft das Leben an. D Klopffe (26) XIII. Klopffe behutsam. B wir gleich bißweilen der Freunde Treu zu versuchen genöthiget werden / so müssen wir doch / wie sehr wir auch mercken / daß sie nicht recht aufrichtig und treu sind / so viel immer möglich von dergleichen Versuchung uns enthalten / da wir ihrer Hülffe vonnöthen haben. Solten wir aber nicht vermeiden können, solche Versuchung anzustellen, muß es mit grosser Vorsicht und Behutsamkeit geschehen. Welches durch dieses SinnBild / da eine Hand an Krug klopffet / mit der Beyschrifft / Klopffe behutsam: gelehret wird. Denn wie derjenige / der einen irdenen Krug probiren wil / wenn er daran klopffet / zu erforschen / ob er gantz und wolgebrant / oder ob er geborsten sey / solches behutsam thun muß / ob er gleich gantz ist / damit er ihn nicht zubreche. Also wird derjenige der sich allzuviel darauf einbildet, daß er gute Freunde zu haben vermeynet / erfahren / daß sie unsre Hoffnung betriegen und dem Versprechen selten nachkommen. Wie schädlich das sey / gezeugen / die es erfahren haben. ( 27) Der Freundschafft grosses Wort stimmt selten mit den Wercken / Und was der Mund gelobt / weiß oft das Hertze nicht / Sie sind auf Vortheil mehr / den Wolthun abgericht; Betreugt uns dann ein Freund / so laß man sichs nicht mercken. Hüte D 2 (28) XIV. Hüte dich vor dem Unglücklichen. Jeviel in einer iedwedern Sache daran gelegen / daß sie auf gehörige Art und Weise geführet werde / lässet sich aus dem unterschiedlichen Ausgange der verrichteten Geschäfte / abnehmen; deren etliche weil sie keinen waren Grund gehabt, auch nicht geziemende verwaltet worden / Anstoß gelitten / und den verlangten Zweck nicht erreichet haben / dahero das Sprich-Wort entstanden, eine jede Sache habe gleich einem Gefäße zwey Handhaben / eine gute und glückliche / als die in dem Gefäße befestiget / und eine unglückliche / die nicht aushalte / also daß der glückliche Ausgang einer Sache daran gelegen sey, daß man den rechten Henckel ergreiffe / welches durch das Sinnbild und die Worte: Hüte dich vor dem Ungluͤcklichen: angewiesen. Damit gelehret wird / du mögest angreiffen was du wollest / so sey wohl zu erwegen / wie und was Gestalt solches anzufangen. Denn so du den rechten Angriff in einer Sache triffst/ wird sie dir als ein Gefäße folgen/ und sich gleichsam feste machen. Widrigenfalls wirst du den unglücklichen Henckel in der Hand behalten / und die Sache selbst wird gleichsam Stückweise zerfallen und zerstreuet werden. ( 29) Daß an dem Angriff oft des Außgangs Glücke liegt / Hat uns der Zeiten Lauff vielfältig sehen lassen / Wer demnach etwas wil fest und beständig fassen / Der sehe zu / daß er den rechten Henckel kriegt. Die D 3 ( 30) XV. Die eitle Hoffnung. Loß dem Menschen hat GOtt aus sonderbahrer Wohlthat die Hoffnung / zu einem Mittel und Troste der Arbeit und Mühseeligkeiten / damit er die gantze Lebens=Zeit gedrücket O wird / gegeben. Denn die Engel haben keine Hoffnung / sondern den Genuß / die Teufel können auch nicht weniger Straffe hoffen / als sie leiden. Die Menschen allein / so lange sie leben / hoffen und nahen sich damit der Genießung ihres letzten Zwecks und höchsten Gutes welches GOtt ist. So lange biß sie dieses erlangen / unterhält sie die Hoffnung durch welche sie leben. Welche machet / daß ihnen die Beschwerligkeiten / mit denen sie hier sich überwerffen müssen / süße vorkommen / die Last / die sie tragen leichte; und daß sie die mühseeligkeiten und Elende dieses Lebens leichtlich überstehen / weil Sie die feste Hoffnung haben / daß sie an Statt und zur Belohnung dieser kurtzen Trübsal der ewigen Ruhe genießen werden. Wer derowegen aus einen so vortreflichen Geschencke sich keinen Nutzen machet / sondern seine Hoffnung auf Menschen und flüchtige und vergängliche Dinge setzet / der wird sich so sehr betrogen befinden / als derjenige / der auf einen zerbrochenen Stab sich lehnet / welches durch dieses Sinnbild mit der Beyschrifft / die eitle Hoffnung / gewiesen wird. Denn wer seine Sachen auf solche Weise anstellet / wird an Statt sich zu halten / stechen und verletzen. Welches warhafftig denen wiederfähret / die aus eitlen Absehen ihre Hoffnung auf Ægypten Hülffe setzen / und nicht auf den GOtt Jsraelis der sie alleine erretten kan. ( . Was hofft der Aberwitz verblender Menschen nicht? Es ist gemeines Thun / in Lüffte Schlößer bauen / Den Abgrund messen aus / Egyptens Rohr=Stab trauen / Auf welchen wer sich lehnt / doch in die Hände sticht. Jemehr ( 32) XVI. Jemehr entgegen / ie grösser Licht. As leicht und ohne Beschwerligkeit erlanget wird / wird nicht sonderlich hoch und werth gehalten. Je grösser der Streit / S ie grösser ist die Ehre des Sieges. Derowegen greiffet ein tapfferer und großmütiger Mann / den verlangten Glantz zu erhalten / nichts an / als was hoch und voller Schwerigkeit ist. Welcher Glantz zwar nicht zu wege gebracht wird / so er den Eifer / zu überwinden und die weltlichen Widerwärtigkeiten / Elende und Mühseeligkeiten zu überwältigen / sincken lässet / und nicht vielmehr sich ihnen Mannlich entgegen stellet / und Großmüthig wider sie streitet. Wer dieses vorstellen wolte / könte hierin dieses Sinnbild der Sonne und vollen Mondes mit der Uberschrifft / Jemehr entgegen / je groͤsser Licht / brauchen. Weil der Monden / ie mehr er der Sonne entgegen stehet, desto grössere Klarheit von der Sonnen empfängt. Also auch iemehr einer sich seinen Feinden / nemlich den bösen Begierden und ungezähmten Bewegungen des Gemuthes wie auch denen Bemühungen und Wiederwärtigkeiten dieses Lebens / entgegen stellet / ie grösseren Ruhm und Glantz bringt er sich zuwege. ( 33) Jemehr der Monden sich der Sonn' entgegenstellet / Je stärcker wird sein Glantz von ihrem Licht erhellet / Je grösser' Ungeheur' ein Hercules bezwingt / Je höher ist der Orth / wohin sein Ruhm Ihn bringt. Durch ( 34 ) XVII. Durch Aushalten überwinde ich. Enige Dinge werden in diesem Leben ohne grosse Arbeit zu wege bracht / und wann einer so glücklich ist / daß er S ohne dieselbige sein Vorhaben erlanget / so ist er dennoch nicht der Mühe, das Erlangte zu erhalten, oder der Furcht, daß Besessene zu verliehren, überhoben, weil von diesen auch die allerglücklichsten der Sterblichen sich nicht frey machen können. Und weil es dann so wohlden Grossen und Glückseeligen / als denen Kleinen und Unglücklichen an Bemühung und Plage nicht fehlet / so ist von nöthen / daß man vor dieses so gewisse und wichtige Übel auch ein HülffsMittel suche. Die beste und vornehmste Hülffe in diesen Schwerigkeiten mag seyn die Festigkeit und Beständigkeit des Gemüthes auf daß man solche mit Gedult überwinde / welches durch dieses Sinnbild des Felsens, an welchem das Meer seinen Anstoß gleichsam zerbrechen muß / und der Uberschrifft / durch Aushalten überwinde ich / erkläret wird. Weil / wie ein Felsen / die Schläge und Stösse der Wellen aushält / und sie durch seine Standhafftigkeit gleichsam zu nichte machet und überwindet gleicher Weise auch einer / der mit Tapfferkeit und Härte des Gemüthes / alle Beschwehrligkeiten auszustehen versehen ist / zuletzte mit Hülffe der Gedult / den Sieg und Triumph / wofern er sich nicht gutwillig giebet / darvon tragen muß. (35) Die Welt ist wie ein Meer / da einer Schiff bruch leidt, Der andre dessen Gut am stillen Ufer findet / Wer hier wil uberstehn / Sturm und Gefährligkeit / Muß unbeweglich seyn und wie ein Felß gegrundet. Die E 2 (36) XVIII. Die fruchtbare Stille. In unruhiges und verdrießliches Gemüthe trägt grosse Plage / grosse Beschwerligkeiten (ohne an die jenigen zu gedencken / die es andern / so der Ruhe und Frieden Freund / erreget und auf den Halß ziehet) gleichsam bey sich in seinem Busen. Ein unruhiger Mensch kan niemahls ruhen / nirgends Fuß setzen / indem er allezeit heimlich Ursach und Gelegenheit suchet, womit er seinen Feinde allen Verdruß anthun und ihn verwirren möge. Dieweil er sich nun mit diesen stets überwirfft / verkürtzet er sein Leben / und verlieret Zeit und Vermögen. Wer aber an der Stille ein Gefallen hat, der erlängert dadurch sein Leben, vermehret sein Vermögen / und bringt in Süßigkeit und Lust seine Zeit zu. Dieses erhärtet gegenwärtiges Sinnbild: das Nest der Eiß=Vögel im stillen Meere / mit den Worten / die fruchtbare Stille: anzeigende / wie diese Vögel alsdann nur nisten und Eyer legen / daraus in kurtzer Zeit die Jungen hervor kriechen / wenn sie empfinden / daß das Meer gantz stille ist / also vermehreten auch die jenigen / die nach Ruhe und Frieden trachteten, ihre Güter und Vergnügen in diesem und jenem Leben. ( 37 956 n . Ein Geist / den Sorg' und Neid stets ziehen und bewegen / Verliehrt vor seine Müh Krafft / Leben / Gut und Ruh; Ein Stiller aber bringt vergnügt das Leben zu / Wie Vögel / welche nur bey stillem Meere legen. Das 35( 38 955 XIX. Das kurtze Leben. S braucht nicht viel Beweißthümer / darzuthun / daß dis Leben kurtz sey / weil es allen bekannt; und so ja welche seyn möchten / die den Muth nicht sincken lassen / und des Elendes wegen / ihr Ende wüntschen; oder so andre vollkommenere / die auf die gewisse Hoffnung des ewigen Lebens bauen / dieses Zeitliche und vergängliche Leben / so wie es geht / zu überstehen entschloßen; So scheinet doch den andern allen dieses Leben so kurtz/ das viele gesagt / es sey nicht länger als eine Spanne / mit einer so kleinen Maaß / es seiner Kürtze wegen vergleichende / welches auch mit diesen Sinnbilde / darinnen eine ausgestreckte Hand eine Spanne abmißt / und der Uberschrifft / das kurtze Leben / abgebildet wird. Und wann wir dergestalt solches noch ferner erwegen / so sehen wir / daß das meiste Theil der Menschen stirbt, eh es anfängt zu leben, oder das Leben, wie sie hoffen und verlangen zu gewünschten Ende bringen können / von denen man billig sagen kann, das Leben verlasse sie, eh sie es anfangen / welche Ursache uns billig aufmuntern soll / behutsamer zu leben. 39( 39) Des Lebens Aufgang ist auch dessen Untergang / Die Wiege selbst ein Grab / viel sterben / eh sie leben / Viel müssen vor der Zeit der Erden Abschied geben / Das längste Leben ist nicht einer Spanne lang. Ein (40) XX. Ein sicherer Lohn. As Ubel / so aus allzuvielen Geschwätze im gemeinen Leben entstehet / ist so groß und so wohl bekannt / daß in der Kürtze der Zeit / die wir genießen / auch nicht das geringste Theil davon erzehlet oder im Gegentheil / die Tugend der Verschwiegenheit, wie es sich gehöret, gelobet werden kan. Genung, wenn wir darthun / das Stilleschweigen habe solche Krafft / daß man einen Narren vor einen klugen Mann hält / wenn er nur schweigen kan. Wer sich vor einen Freund dieser Tugend ausgiebet / der gebrauche sich dieses Sinnbildes / da ein Cranich einen Stein im Munde trägt mit der Beyschrifft / ein sichrer Lohn. Denn von den Cranichen melden die Naturkündiger / daß, wenn sie den Berg Taurus vorbey fliegen / Steine in Mund nehmen / damit sie nicht von den Adlern daselbst aus dem Geschrey entdecket werden möchten / und also ihren Weg gantz sicher hinter sich legen. Und damit wird gelehret / das die Verschwiegenheit ihren gewissen Lohn habe weil wenig zufinden / die das Schweigen gereuet / viel / die fort vor fort bedauren / daß sie zu viel geredet. ( 41) . Die weiche Zunge kan so schädlich seyn als nützen / Durch sie kan einer Gut und Ehr und Kopf verliehrn / Wenn aber Craniche im Munde Steine führn, So überfliegen sie gelücklich Taurus Spitzen. Die (42) XXI. Die Elenden haben keine Ruhe. Er vielen Gefahren unterworffen / mit stetem Elende gedränget wird / und sehen muß / wenn er von den Kleinen sich kaum loßgemacht / daß er in noch grössere verwickelt wird / der kan dieses Sinnbild / der fliegenden Fische / auf sich ziehen / welche wenn sie mercken / daß sie von andern grösseren (so diese zu freßen pflegen) verlanget und verfolget werden / und kein ander Mittel vor sich sehen / so erheben sie ihre Flügel und fliegen davon / aber auf diese Art können sie doch ihrem Unglücke nicht entfliegen / dann dadurch kommen sie etlichen Raub=Vögeln in die Klauen / die sie gleicher Gestalt verfolgen / und so gegen sie wüten / daß sie weder im Wasser noch in der Lufft ein Mittel und Ende ihres Unglücks finden / wie dieses der beygesetzte Spruch / Die Elenden haben keine Ruhe / ausdrucket. ( 43 ) xxx1 Man nehme seine Fahrt nach Grönlands Ufern zu, Man geh / wo Magellan die Gräntzen hat gemacht / Und wo vor heißer Glut der schwartze Mohr verschmacht / Wer unglückselig ist / find nirgend keine Ruh. F 3 Gebro ( 44 ) XXII. Gebrochen. Er muß gantz keine Vernunfft haben / der sich einbildet / daß man etwas in diesem Leben ohne Arbeit und Beschwerligkeit erlangen könne / und zeiget an / daß er geringe Erkäntnis derer in diesem Leben vorkommenden Dinge haben müsse / so er davor hält / daß auch die geringste Sache ohne grosse Arbeit zu erhalten. Dafern aber einer dieses noch nicht erfahren / so frage er die jenigen, die grosse Reisen gethan, und viel Orthe gesehen haben, die werden nicht läugnen, daß sie solche, so lange sie darinn begriffen gewesen / mit viel und grosser Mühe / Elend und Arbeit hingeleget. Wenn es dann so grosse Arbeit bedarff / irrdische Güter zuerwerben / wie vielmehr wird solche erfordert werden zu den Ewigen; Welches durch die Nuß in der Schale mit den Worten / Gebrochen / bemerckt wird / zu zeigen / wer die Nuß essen wil / müsse die Schalen aufbrechen. ( 45) Wer viel gereiset hat / kan von viel Mühe sprechen / Umsonsten kriegt man nichts / ohn Kälte wird kein Eiß / Ohn Arbeit kommt kein Lohn / der Fleiß erfodert Schweiß / Und wer den Kern verlangt / der muß die Schale brechen. Alzeit F 3 ( 46) XXIII. Alzeit Dieselbe. Je größte Hülffe in Uberwindung des Elends und Widerwärtigkeit, ist die Tapfferkeit und Großmütigkeit; als gegen welche alle andere Dinge gehalten / vor sehr schlecht zu S schätzen / und ihr Verlust wenig gemercket wird / weil einen tapffern und Großmütigen Mann / weder das Glücke erhebet / noch das Unglücke bricht. Welches mit diesem Sinnbilde angedeutet wird / da zwey Hände / eine offen / die andre geschloßen / die Uberschrifft haben / Alzeit dieselbe: Die offne Hand bedeutet das Glücke / die geschloßne / die Widerwärtigkeit / und wie sowohl die geschloßne als offne Hand eine Hand ist / also muß auch ein behertzter Mann beständig und tapffer seyn / des Glückes sich zugebrauchen / das Widrige zu überstehen / und allezeit in einer Gleichheit des Gemüthes bleiben. ( 47)5 Die Hand / des Glückes=Bild /sey offen oder zu / So ist es eine Hand / es stürme Wind und Wetter / Es thaue Perlen ab /es regne Rosen=Blätter / Der Weise lebt allzeit beständig und in Ruh. Biß ( 48) XXIV. Bis der Winter überhin. Je derjenige Steurmann gelobet wird / der / wenn er das vorstehende Ungewitter und die Unbequemligkeit zu schiffen siehet / das Schiff in Hafen bringet / darinnen es die Ungewitter und Stürme kan sicher überhingehen laßen / biß der Frühling wieder kommet / das Meer stille wird / und die gelinden und der Schiffahrt bequemen Winde zu blasen anfangen. Also muß der nur vor einen klugen und rechten Mann gehalten werden / der das Elend und die Verwirrungen / die die Zeit gleichsam mit sich schleppet / bey sich selbst erweget / bey zeiten einpacket / und sich an einen Ort begiebet / da er mit gewisser Ruh und weniger Gefahr / das Leben hinbringen kan / biß die Sachen in einen bessern Stand gerathen / und die Winde die er begierig erwartet / Ihme zuwehen. Wer dieses ins Werck richten wil / kan es durch dis Sinnbild eines Schiffes so im Hafen auswintert / mit der Uberschrifft aus dem Virgilio, Bis der Winter uͤberhin / andeuten und lehren: daß / derjenige / so sich der Gefahr entzeucht: den Winter der Widerwärtigkeiten geruhig hinstreichen lasse / den Frühling des Glückes erwarte / und unterdessen die Hoffnung dennoch nicht verliehre. ( 49) Wie glückseelig ist der Mann / wie glückseelig ist die Hand / Die wenn Sturm und Himmel dreut / ihren sichren Platz erlangen; Biß der Winter überhin / biß der Winde Macht vergangen / Zieht der kluge Steuer=Mann sein zerlechstes Schiff ans Land. G Wenn (50) XXV. Wenn man Danckbaren Herren dient. Elohnung und Straffe sind zwey Dinge / dadurch alle Republiquen und Reiche von kleinen Anfange empor gewachsen / zu ihrer Grösse erhoben / und in ihrem Stande erhalO ten werden / und wo hergegen eine von diesen Beyden ermangelt / haben / obwohl große und mächtige Estaten, sich selbst verzehret und zerstöhret. Weil derowegen so viel an der Belohnung gelegen / so sol man sich befleißigen / daß man seine Dienste einem Danckbaren Fürsten ergebe / weil der größte Vorschub die Ungemächligkeiten zu überstehen / und die Bedürffnisse anzuschaffen / in der Gewißheit der gehofften Belohnung bestehet. Dieses wird durch dieses Sinnbild bedeutet / darinnen der Bucephalus, das Pferd / des so berühmten Grossen Alexanders / mit der Uberschrifft: Wenn man Danckbaren Herren dient. Denn dieses Pferd hat einen unglaublichen Ruhm durch seine diesen Fürsten geleistete Dienste erworben / als welcher es so hochgehalten / daß / weil es keinen andern aufsitzen lassen / und seinen Herrn / (ob wohl tödlich verwundet) aus der Schlacht gebracht / und also frisch und unverletzt erhalten; Er zu Bezeugung seines Danckbaren Gemüthes / der damahls eroberten Stadt den Nahmen Bucephalus gegeben / und das Pferd in einen kostbaren Begräbnisse beysetzen lassen / damit er ihme alle mögliche Ehre erweisen / und es im Gedächtnisse der Nachkommen / unsterblich machen möchte. Im übrigen müssen wir uns schämen da wir GOtt und dem Könige zu dienen verbunden / und Ihre Belohnungen / unvergleichlich grösser sind / als unsere Dienste seyn können / so wir solche zuthun unterlassen. ( 51) . . . 1 . Bucephalo ließ Pellens Held Ein Grabmahl baun / das noch itzunder grünet / Wohl dem / der hier in dieser Welt / Großmüthigen und Danckbarn Herren dienet. G 2 Ein ( 52 ) XXVI. Ein Punct im Puncte. S ist ein Ausspruch der Mathematiquorum, daß die Erde gegen den Obersten Himmel nur vor einen Punct zu rechnen. Nun erinnern die Weltweisen / daß die gantze LebensZeit mit der Ewigkeit verglichen / noch weniger als ein Punct ist / weil zwischen dem Endlichen und Unendlichen keine Vergleichung zu finden. Also wird in diesem Sinnbilde und mit der Uberschrifft, ein Punct im Puncte, angedeutet, daß die Welt, darinn wir leben / nicht grösser als ein Punct / das Leben aber / das wir leben / nicht einmahl so groß sey. Welches so es also beschaffen / so wird, der es nicht treffen, sondern sich betriegen, der sein Vertrauen auf ein so geringes / als die Menschlichen Sachen / oder auf eine andre so kurtze und betrügliche Sache / dergleichen das Leben ist / setzet. 35( 53 198 Ein Punct ist nur der Erden weites Hauß / Noch nicht ein Punct des gantzen Lebens Länge / Was häuffen wir denn unser Sorgen Menge? Ein eintzig Punct macht keine Linie aus. G 3 Im ( 54 ) XXVII. Im Hafen verlohren. B es wohl eine grosse Lust ist / die aus Erhaltung desjenigen / daß wir begierig verlangen und mit grosser Arbeit zu wege bringen / entstehet / so ist die Beschwerligkeit und der Schmertz dennoch viel grösser / den uns der Verlust desjenigen / so wir schon in unser Hand hatten verursachet. Denn den Zweck und die Genießung des so sehre verlangeten Guten erhalten / verdoppelt nur die Empfindligkeit des Ubels, weil man eigentlicher den Fall erkennet / und vor grössere Unglückseligkeit hält / wenn man Glücklich gewesen ist. Welches durch das Schiff / so im Hafen verbrennet / und der Beyschrifft: Im Hafen verlohren / bemercket wird / zu lehren. Es wiederfahre eben dieses / was das Schiff betrifft / auch demjenigen / der nachdem er den Hafen aller Wüntsche / der Er gewähret worden, erreichet, darinnen vergehet und verdirbet, und der Frucht / dessen / so er mit grosser Mühe gesucht / nicht genießen kan. (55) 1 1 1 . 1. . . Wenn uns des Meeres Sturm die Fremden=Güter nimmt, Wenn unser Hauß und Hof in Asch und Kohlen glimmt / So läßt es leichtlicher (als dieses) sich vergessen / Wo Well und Glut verschont / was Freund und Hafen freßen. Man ( 56 ) 58 XXVIII. Man stehe. An hält davor daß diese auf festen Fuße stehen / die nach der Tugend leben / und dahin alle ihr Thun richten / die aber einen andern Weg gehen / die fallen / wie man sagt / aus eigner Schuld. Und dieses wird durch das Sinnbild eines Baumes / dem die Aexte an Aest und Wurtzeln geleget / gewiesen / wie nehmlich sichs gezieme / tapffer und beständig zu seyn / und von den innern Bewegungen des Gemüthes / oder äusserlichen Beschwerligkeiten und Widerwärtigkeiten / sich weder überwinden noch abwenden zu lassen. Denn wie viel schwerer es ist / von dem stehenden Baume Holtz zu lesen / so viel leichter wird vollends verderbet und zu nichte gemacht / was schon lieget. Diesem zubegegnen / muß man allzeit festen Fußes stehen / wie mit der Beyschrifft / man stehe / angedeutet wird / und in allen Verrichtungen / so wohl bey den Fürsten am Hofe / als in andern Kriegs= und gemeinen Händeln / seinen Muth und Beständigkeit sehen lassen. Mit Tapfferkeit und Daurhafftigkeit entwerffen wir bey GOtt und Menschen was wir haben wollen. ( 57) ⛪ # I the 3 ⸸ S ⛪ Steht unbewegt / in Ungelück und Leiden, Steht / wenn sich nun des Glückes-Meer aufschwellt / Steht unbewegt / wenn auch der Himmel fällt, Ein tapffrer Mann muß stehende verscheiden. Sie ( 58 ) XXIX. Sie verzehret alles. Er bedachtsam die Verwüstungen und Umkehrung so vieler vortrefflichen Länder / und so berühmter Städte / daß Ende aller Reiche / deren Untergang und Fall ihrer Grösse wegen vor unmöglich kunte geachtet werden / überleget / der wird befinden / daß die einzige Ursache / diese grosse Dinge zu vernichten die Zeit gewesen / die langsam / aber unauffhörlich fortgehet / und alles in sich / als dem letzten Grabe aller Creaturen / einschliesset. Welches mit diesem Sinnbilde / so eine Schlange / die den Schwantz im Munde hält / (damit die Alten den Lauff der Zeit und des Jahres vorgestellet) und der Uberschrifft / sie verzehret alles / bedeutet wird. Zu lehren / weil doch auch die glücklichsten Sachen / ja endlich aller Glantz dieser Welt durch die Länge der Zeit zu nichte werden und vergehen müsten / so sey alles andere vor geringe zu halten / und bloß allein dieses / was Ewig / als an welchem die Zeit / ihre Kräffte und Gewalt einbüsset / hochzuhalten. ( 59 ) Wo sind der Erden Last / die grossen Reiche blieben? Man sieht in Babel Grauß / auf Troja Asche stieben; Was jemahls in der Welt war groß / starck und geehrt / Das hat der Zeiten Zahn zerknirscht / zermalmt / verzehrt. NieH ( 60 ) XXX. Niemahls verdeckt / niemahls ruhig. S ist gewiß und gewöhnlich / daß deme grosse Schwerigkeiten und Verdrießligkeiten begegnen / der sich grosser Dinge unterniṁet / und in grossen Thaten braucht es nicht weniger Muth und Stärcke, die vorkommenden Hindernisse aus dem Wege zu räumen / als die Sache selbst glücklich auszuführen. Wer derowegen weisen wil / er könne das Feur / etwas Vortreffliches anzufangen / in seiner Brunst nicht verbergen / noch ruhen / biß er seines Verlangens habhafft werde, der kan dieses Sinnbildes mit den Flammen und Beyschrifft / Niemahls verdeckt / niemahls ruhig: sich bedienen / denn es ist ebenfalls nicht möglich / daß ein tapfferer Mann / die Funcken der Begierde zu Ehre und Ruhme / die er bey sich befindet / und die nicht anders als nach vollbrachter That / ruhen und erlöschen mögen / völlig verbergen könne. ( 9 Die Flamme / so in Æthnens Adern fleußt / Hat nimmer keine Ruh / läßt nimmer sich verdecken / Das edle Feur / das grosse Seelen speißt, Kan der gedrange Raum des Hertzens nicht verstecken. DiH 3 ( 62 ) XXXI. Die nicht freye Freyheit. Jchts wird in der Menschlichen Gesellschafft höher gehalten / als die insgemein so genannte Freyheit. Welches man aus der Grösse des Lösegeldes / so diejenigen / die solche verlohren / A zahlen müssen / und der Mühe / so die Gefangnen / die alte Freyheit wieder zu erlangen / gerne ausstehen / abnehmen kan. Sintemahl nun diese / obwohl scheinbare Freyheit so hoch und zwar billig geachtet wird / wie viel höher ist die wahre Freyheit zu schätzen / die allein darinnen bestehet / daß man den Lastern nicht dienet / und die uns von der Dienstbarkeit und Elende auch alleine befreyen kan. Alles Lasterhaffte hat so viel Böses in sich / als groß die Laster sind / die es heget. Derowegen mögen die jenigen zusehen / die sich vor frey halten / ob sie es in der Warheit seyn / und wofern sie die Sache recht ansehen wollen / werden sie befinden / man müsse nicht allein Acht haben / daß man nicht von den Lastern gefangen gehalten werde / sondern auch die Gelegenheiten / wiederum in ihre Dienste zu fallen / vermeiden / und sich bemühen / daß man sich gantz und gar von Ihnen ausfäßle. Denn wie der Hundder die Kette / damit er angemacht war / noch nachschleppet / sich nicht vor frey halten kan / weil er / auch wenn er fleucht / die Gelegenheit Jhn aufzufangen / bey sich träget / also ist der nicht frey / so der Gelegenheit in die Laster wiederum zurücke zu fallen / noch nicht loßgeworden. Wer weisen wil / wie gefährlich die Gelegenheit seine Freyheit zu verliehren sey/ kan es durch dieses Sinnbild des Hundes / der die Kette nach sich schleppet / und die Uberschrifft / die nicht freye Freyheit / vorstellen / weil dergleichen Freyheit so beschaffen ist / daß Ihme die Gelegenheit / in die Gefangenschafft leichtlich wieder zugerathen / auf dem Fuße folget. 9 # Die Tugend kan allein der Freyheit Hut aufsetzen / Wenn man Begierd' und Zorn zu seinen Füssen legt. Der aber ist vor frey bey weiten nicht zu schätzen / Der an dem Halse noch der Knechtschafft Ketten trägt. GOt⸗ (64) XXXII. GOttes Wercke. W GOtt gleich ohnmügliche Sachen uns zugebiethen scheinet / wenn er uns Jhme nachfolgen heisset / weil seine Wercke mit unendlicher Weißheit gemachet sind / dennoch / wenn wir die Sache recht erwegen / geschicht eben dieses nicht ohne grosse Barmhertzigkeit / indeme er zugleich damit / wenn er uns seine Nachfolge anbefiehlet / auch seine Gunst und Gnade verheisset / durch deren Hülffe von uns alles kan geleistet und vollbracht werden/ wenn es auch noch so schwehr schiene. Die Kennzeichen und Gründe / so wir GOttes Wercke zu erkennen haben / bestehen darinn / daß sie gemacht sind in Zahl/Gewicht und Maaß. Welches mit dem Sinnbilde vorgestellet wird, dessen Uberschrifft, GOttes Wercke. Wer sich dieses vor Augen stellen will / der ziehe es auf sich / und befleisse sich in allen Dingen / die er vornimmet / daß alles geschehe in Gewicht / Zahl und Maaß. Und dieses wird GOtt und vernünftigen Leuten angenehm und wohlgefällig seyn. ( ) Was Gottes Finger hat beliebet vorzubringen / Besteht in Zahl / Gewicht' und Maaßen überal. Beglückte Sterblichen / wo ihr in euren Dingen / Auch allzeit nehmt in Acht Gewichte / Maaß und Zahl. Was ( 66 ) XXXIII. Was zu fliehen / wil ich haben. DEr Schaden des Kriegs ist so viel grösser und härter /ie näher er einem ist; Es wird gewiß dasjenige vor ein groß S Elend gehalten / davon einer in dem Lande und Reiche / darinnen er sich aufhält/ Theil nimmt/ noch grösser / wenn solches in einer Stadt in der er wohnet / geschicht. Aber wenn es sich in seinen Hause begiebet / so ist die Gefahr und Elend so bitter / daß nichts mit ihr zuvergleichen. Welches / so es sich also verhält / so muß der Krieg grausam und entsetzlich seyn / den einer in sich selbst hat / auch der Schaden so darauß entstehet / viel grösser / wenn nehmlich der Wille / an Statt der Vernunfft zu gehorchen / den Begierden folget/jener aber sich widersetzet. Dahero entstehen so viel Streite und Treffen / welche in deme ohne diß schon abgemergelten und an sich selbst elenden Menschen / ein solches Wancken und Unbeständigkeit verursachen / daß er dasjenige fleucht / was er thun solte / und dasjenige verfolget / so ihme im minsten anstehet und gebühret. Wer diesen Zanck und Streit vorstellen wolte / (doch selber frey von der gleichen verderbten Verlangen) könte es thun unter dem Sinnbilde der Motte so sich selbst verbrennet / und der Uberschrifft / was zu fliehen / wil ich haben / weil solches denen wiederfähret / so die Vorschläge der rechten Vernunfft nicht annehmen / sondern den bösen und Halßstarrigen Lüsten gehorsamen / und sich an die Sachen hencken / die ihnen am wenigsten anstehen / ja die sie vielmehr am weitesten von sich weg thun solten. S ) Verbothne Frucht schmeckt wol / verstohlne Wasser ſüße Es sind die Regungen der Tugend Hinternisse Der Laster Vorgespann; so gehts (wie jener spricht Der Mensch schwermt um den Fall / wie Motten um das Licht. * Von Lohenstein. Nicht ( 68) XXXIV. Nicht zu erhalten. S ist so eine schwere Sache / eine jedwede hefftige GemüthsBewegung und eingewurtzelte Begierde dergestalt zu verbergen und zuverstellen / daß sie nicht einige Sinnligkeit / entdecken und gleichsam offentlich darstellen solte / so bekannt es denjenigen ist / die es an sich selbst erfahren und an andern bemercket haben. Und zwar so es ein edles Gemüthe betrifft / gibt es um so viel grössere Mühe die Regung zu verstellen und zu verdecken. Wer solches vorstellen wolte, könte es mit diesem Sinnbilde des Feurspeienden Æthnæ und der Uberschrifft: Nicht zu erhalten / anzeigen / damit darzuthun / wie schwer es sey / daß Feuer / daß einer in sich heget / es sey entweder eine Bewegung des Gemüthes und der Begierden / oder ein großmüthiges Verlangen / grosse Thaten / damit man seine Tapfferkeit und Großmüthigkeit beweisen möge / anzufangen / zuverbergen. 36 ( 6 95 Nimm Protheus Larven an du wirst dich nicht verkleiden, Weil stets in deiner Brust ein Oberherrscher wirckt, Diß Schooß-Kind der Natur kan kein Verstellen leiden, Wie Berg und Wolcke nicht den Brand und Blitz verbirgt. Der I 3 ( 70) XXXV. Der Freundschafft Gut. Je viel Gutes aus Vereinigung der Gemüther und aus der Freundschafft herkomme / erscheinet / wenn man bedencket / was vor Schaden aus denen Mißhelligkeiten und Uneinigkeiten / sowohl in Natürlichen als Politischen und Gemeinen Sachen entstehet. Durch Freundschafft und Einigkeit sind kleine Sachen empor kommen / durch Uneinigkeit die Größten gefallen und zu Grunde gegangen. Die Vereinigung und Freundschafft hat solche Krafft / daß sie auch / was sonst unmöglich scheinet / leichte macht / wie in diesem Sinnbilde zu sehen / in deme ein steinerner Bogen vorgestellet ist / der / wider die Natur der Schwerigkeit / einen Stein nach dem Mittel=Puncte sich zu wenden / verhindert / indeme dieser in der Lufft hencken bleibt / und bloß von der Freundschafft und Vereinigung der andern miteingefugten Steine erhalten wird. Wer ein Zeugnis geben wil / daß er die Freundschafft hochhalte / und dieselbe fest und unverbrüchlich mit seinen Freunden pflege / kan sich dieses Sinnbildes gebrauchen / nemlich eines steinern Bogens mit der Uberschrifft: Der Freundschafft Gut / damit zu weisen / daß so viel Frucht und Nutzen von ihr zu erwarten / daß mit ihrer Hülffe / was sonsten nicht möglich schiene / zusammen gehalten werden könne. ( 71) Der Steine Fug und Band macht daß der Bogen hält, Man sehe hier ein Bild gleichsinniger Gemüther / Denn Einigkeit erhält und mehret Ruh und Güt er, Und wahre Freundschafft ist die Stütze dieser Welt. Zu (72) XXXVI. Zu Beyden geschickt. S kan ein Hertzhaffter Mann in keinen Dinge seine Klugheit mehr sehen lassen / als in wahrnehmung der Zeit / weil auch die beste Sache / so zu ungelegener Zeit vorgenommen wird / mehr schadet als nützet. Und gewiß / wer vorsichtig und geschickt ist / alles zu erdulten und auszurichten / zu unterfangen und zu erwarten; und / wie es Zeit und Gelegenheit giebt / einen Rath zu ergreiffen und in die Händel sich zu schicken / der wird Wunder thun in seinen Verrichtungen. Wer sich dazu geneigt befindet / kan es mit dem Sinnbilde eines Amboses und zweyer Hämmer / samt der Uberschrifft: zu Beyden geschickt / darstellen. Denn wie nicht löblich ist etwas zu gantz ungelegener Zeit auszustehen eben so viel ist es / etwas anfangen wollen ehe man sich dazu geschickt befindet. Derowegen so jemand etwas zu gelegner Zeit vornimt / der muß billig für vorsichtig und klug gehalten werden. ( 73 )50 . Nachdem der Zeiten Lauff uns treibet oder drücket / So gehen insgemein die Händel aller Welt. Wer hier verständig ist / wer hier sich wünscht beglücket, Muß wie ein Amboß seyn / der alle Schläg aushält. Ausser ( 74 ) XXXVII. Ausser dem Finsternisse / keine Anschauer. S ist allen Menschen gemein und fast zur Natur worden / Fremde Laster und Gebrechen zumercken / zu straffen und sich daran vielmehr zu ärgern / als / daß man solte vortreffliche Wercke loben und hochhalten / und was man daran gutes erkennet / nachthun / und also daher einigen Nutzen ziehen. Wer sich zubeklagen hat / daß man ihme vielmehr einige kleine Schuld oder Nachläßigkeit zurechnet / als daß man seine vortreffliche geleistete Dienste ansehen solte / kan sich dieses Sinnbild der Sonne / so Finsternis leidet / mit der Beyschrifft: Ausser dem Finsterniß keine Anschauer / zueignen. Denn ob gleich die Sonne eine so schöne und fast göttliche Sache ist / und uns so viel Gutes mit ihren Licht und Einfluße mittheilet / so ist doch niemand der sie viel anzuschauen und zu betrachten bemühet ist / so lange sie mit ihren Stralen alles erleuchtet / so sie aber ohngefähr verdunckelt wird und Finsternis leidet / so ist hinwiederum niemand / der nicht seine Augen aufhebe und nach ihr richte, oder der nicht die Art und Ursache diesen ihren Fehler und Verfinsterung aufs genaueste zu beurtheilen und anzumercken / mit Fleiß erforſche. . (75) Ein wolverdienter Mann läßt williglich geschehen / Daß an ihm einen Fehl die scharffe Welt entdeckt / Wird doch die Sonne selbst von niemand angesehen / Biß ihre reine Glut die Finsternis befleckt. Nach K 2 ( 76) XXXVIII. Nach den Wunden. O heilsam die in der Zeit und Noth geleistete Hülffe ist / so herbe wird sie uns / wenn sie zu ungelegener Zeit und nach verstrichener Gelegenheit uns allererst zukomnt / da wir befinden / daß der Schaden / wegen der nicht zu rechter Zeit und / da es Noth war / gethanen Hülffe / nur ärger geworden. Wer anzeigen wil / es sey auch Jhme das gehoffte Hülffs-Mittel zu späte / (es mag geschehen seyn auf was Weise es immer wolle) wiederfahren, kan des Sinnbildes mit dem Schilde / dabey die Worte geschrieben / nach den Wunden / sich bedienen. Damit gelehret wird: daß ein Schild / mit welchen man sich gegen den Anfall und die Streiche des Feindes hätte beschützen können / so er nach empfangenen Wunden und also zu späte gereichet wird / nicht allein wenig nütze / sondern uns vielmehr belästige / in dem wir mit der unnützen Last noch dazu unsre Schuldern beladen müssen. 75 77 156 So lieb die Hülffe ist zurechter Zeit und Stunden / So sehr beschwert sie uns zu ungelegner Zeit / Was helffen Pfeil und Schwerd uns nach verlohrnem Streit / Was nützet uns der Schild nach schon empfangnen Wunden? Lebe K 3 ( 73) XXXIX. Lebe heute. As Aufschieben unserer Verrichtungen / hat allezeit unzehliche Ungelegenheiten / und ist mit grosser Gefahr verknüpffet. Und ob wol dieses die größte Warheit zuseyn / so wol in Kriegs=als Friedens=Zeiten / befunden wird; so ist doch in keinem Dinge der Aufschub schädlicher / als in der Verbesserung des Lebens / weil unter denen Pflichten / so uns obliegen / solche die wichtigste / und in welcher unsre Feinde die größte Hindernisse und Schwerigkeiten uns in Weg legen; Denn ob wol viel verstehen / daß der Weg / den sie gehen / verkehrt / und ein Verlangen blicken lassen / als wolten sie sich von demselben weg machen / so sind doch wenige / so solches ins Werck richten / und in der That davon abtreten / und den meisten wiederfähret / daß / ehe sie das Leben / so sie auszuführen wüntschen / anfangen / ihr Leben / darinnen sie stehen / beschließen / welches mit dem Sinnbilde dieses Wagens / auf dessen einer Achse / morgen: auf der andern heute geschrieben / angedeutet wird. Denn wie es unmüglich ist / das der / so auf der letztern stehet / den auf der Ersteren / so stets vorhin laufft / einhohlen solte; Also muß man heute wohl leben / und niemahls diese Befleißigung mit Auffschiebung auf den morgenden Tag / unterlassen / weil der heutige Tag niemahls den morgenden erreichen mag. ( 79) Hodie Era Glückseelig welcher auch nicht einen Tag verzeucht, Nach des Gewissens Trieb des Lebens-Uhr zu stellen / Wer stets auf Morgen wart / fährt heut vielleicht zur Höllen / Weil heute nimmermehr das morgende erreicht. Der (80)§§. XL. Der hat mich betrogen. Er mit seiner Hoffnung an der Wohlgewogenheit eines Fürsten gleichsam hängt / oder auf einen seiner Bedienten oder Lieblinge / der alles in Händen hat / sich stützet / vermeinende desto eher dadurch zu den verlangten Gütern und Würden zu gelangen / der wird / ie grösser sein Ehrgeitz ist / auch desto mehr erfahren / wie diese Stütze ihme entfalle / wenn er sehen wird / das seine Hoffnung / die er auf etwas so festes und sicheres gesetzt zu haben vermeinte / zur Erden gestürtzet und niedergeschlagen lieget. Wem dieses wiederfahren kan / dafern er es andern auch zuverstehen geben wolte / dazu das Sinnbild, da ein Weinstock samt dem Pfahle, daran er gebunden / zur Erden lieget / mit der Beyschrifft / der hat mich betrogen / anwenden; Denn wie der Weinstock sich beklagen / und daß er keine Frucht hat / damit entschuldigen kan / daß sein Pfahl und Stütze dahin gefallen; also kan auch derjenige thun / der an Gunst und Hülffe / die er vergebens gehoffet / sich betrogen siehet / und diß um so vielmehr / so derjenige / der ihn betrogen / ihme helffen können / und dazu verbunden gewesen / welches Ubel man doppelt empfindet. ( 8) Wer auf des Hofes Glantz / der Welt Versprechen traut / Und auf der Großen Gunst nicht schlechte Gründe baut / Der kan den Ausgang hier an diesem Bilde sehen; Denn / so der Pfahl hinfällt / wie kan die Rebe stehen? Das ( 82) XLI. Das beste Hauß. As vor Beschwehrligkeiten die ausstehen / die das widrige Glücke ihr Vaterland zu verlassen und sich anderswohin zu begeben / zwinget / können erzehlen / die es versucht. Und ob gleich im Sprichworte gesagt wird / jedwedes Land sey eines tapffern Mannes Vaterland; so ist doch nicht weniger wahr / was ebenfalls gesagt wird: der sey in seinem Vaterlande unglücklich / der es verändern müsse. Dieses wird durch dieses Sinnbild der Schildkröte und die Beyschrifft: Das beste Hauß, gelehret. Die Fabel / daraus dieses genommen / ist bekannt und gemein / welche erzehlet / daß die Schildkröte / so allzuspäte auf des Jupiters Hochzeit erschienen / da die andern Thiere schon zur Taffel gesessen / wegen der Langsamkeit einen Verweiß bekommen / sich aber damit entschuldiget / sie hätte kein besseres Hauß / als das Ihrige / darauff der Jupiter ihr zur Straffe aufferlegt / daß sie nimmer aus ihrem Hause gehen, sondern solches stets auf dem Rücken mit sich tragen solte. Dieses ist eine Straffe / so ein jeder ehrlicher Mann / mit gantz gleichem Gemüthe ausstehen kan / und vornehmlich so er erfahren / wie beschwerlich es ist / die meiste Lebens-Zeit in der Frembde zu bringen. ( 83) So weit der Erden-Kreiß streckt seine Gräntzen aus, Findt zwar ein weiser Mann sein Dach und LagerStatt; Glückseelig aber / der ein eigen Plätzgen hat / Es ist ein eigen Hauß doch wol das beste Hauß. Nach 2 ( 84 ) XLII. Nicht der erndtet / sondern der saͤet. Je groß die Beschwer= und Verdrießligkeiten auch seyn mögen / so sich der Erlangung unseres Verlangens entgegen setzen / so überwindet man sie doch leichtlich in der Hoffnung / . den vorgesetzten Zweck zu erhalten. Aus dieser Hoffnung arbeitet und stehnet der Ackers-Mann nicht allein das gantze Jahr durch / sondern sireuet auch den Saamen aus / wie wol mit ungewisser Hoffnung / ob er mit Wucher die Frucht desselben einerndten werde. Je lieber und angenehmer nun der glückliche Erfolg ist / je schmertzlicher fält deme / der viel gearbeitet und gestehnet / wenn er zu der Zeit / da er den Lohn seiner Mühe und Dienste erwartet / einen andern sammeln und seiner Arbeit Frucht genießen siehet. Wer dieses vorstellen wil, kan das Sinnbild mit den Wäitzen-Garben und der Beyschrifft / Nicht der erndtet / sondern der saͤet / gebrauchen. Weil nach der Natur und rechten Vernunfft, die Frucht nicht deme bleiben sol der sie ohne Mühe sammlet, sondern deme, der gesäet, gearbeitet / und darüber Frost und Hitze ausgestanden hat. 85 Auf Hoffnung wird so Saat / als Acker zubereit / So ist dann dieses auch die größte Billigkeit / Daß der vor seine Müh' der Erndte Frucht empfindet / Der eingesäet hat / nicht der die Garben bindet. L3 Ich ( 86) XLIII. Ich lasse mich nicht leiten. Ath / über denen jenigen Sachen / so uns obliegen einziehen und annehmen / ist allen überaus nöthig / die in ihrem Thun den Zweck / oder wie man sagt / das Schwartze treffen wollen. Und ie höher einer ist / ie mehr hat er dieses vonnöthen; Denn wie derjenige so keinen Rath annehmen / noch brauchen will / billig vor einen Verwegenen gehalten wird: also muß derjenige / der in allen Sachen nach eines andern Willen und Wincken sich richtet / wol vor einen furchtsamen und nichtswürdigen Menschen angesehen werden. Wenn ein Fürst oder ander grosser Mann / so diese zwey Abfälle zu vermeiden gewohnet, darthun wolte, daß er ein Freund guter Rathschläge / und Hertz und Kräffte habe zu regieren / nicht aber sich regieren zu lassen / könte er dieses Sinnbilds / darinn ein Krug ohne Henckel / mit der Uberschrifft: Ich lasse mich nicht leiten! sich gebrauchen / weil dadurch gewiesen wird / daß dergleichen Gefaͤße / als ein Gefäße zwar geschickt sey / alles / was man hinein gießt / aufzunehmen / in deme es aber keine Henckel hat / nicht so leichte gebandelt, und von jedweden nichtswürdigen Dinge ergriffen und empor gehoben werden koͤnne. ( 87 )5 Nimm allen guten Rath / als ein Gefäße / ein / Laß aber niemand dich / als wie an Henckeln / ziehen / Das Gute kanst du thun; das Ungeschickte fliehen; Man muß der Ohren Knecht, der Hande Meister seyn. Weil ( 88)5 XLIV. Weit davon. Er seinen Lebens=Lauff still und sanffte hinbringen / und hernach / wann es zur Rechenschafft kommt / sich zurücke ziehen und ein Theil der Zeit, daß er verlohren, und auf andre Sachen ohne Frucht angewendet / vor sich nehmen wil; muß sich von Fürsten und deren Höfen / und von der Gemeinschafft mit Mächtigern enthalten / welches angedeutet wird durch dieses Sinnbild mit dem bekandten Donnerkeile Jupiters / und die Worte: Weit davon. Zu lehren / man müsse Fürsten und alle Mächtige meiden / wegen der Gefahr / womit ihre Freundschafft und Gemeinschafft verknüpffet ist; Denn weil sie einer leichte erzürnen kan / fält er in ihre Ungnade / und in die Gefahr des Unterganges / so ihn wie der Blitz treffen kan. Dieses Unglücke zu vermeiden / haben die alten Weisen gerathen / man solte / den Zorn abzulehnen / die eitle Hoffnung fahren zu lassen/ der Sorgen und Grams sich zu überheben / die falschen Belohnungen zu verachten / und denen geschminckten Freundschafften der Fürsten zu entgehen / sie selbst fliehen / und ihre Höfe meiden / gleich wie der Schiffmann denen Blitzen und Ungewittern aus dem Wege weichet. (89)56 Oans M. 1 C Weit von der Sonnen seyn beraubt zwar ihrer Blicke / Doch auch des Donnerstrahls den ihre Brände geben: Weit von dem Hofe seyn / ist / weit von Ungelücke; Weit von der eitlen Welt / weit von den Sündenleben. M So (90) XLV. So geht man zu den Sternen. Ller Anfang / so wohl der Wissenschafften als Verrichtungen ist schwer / und ob dieses schon ins gemein wahr / so ist doch kein schärfferer Streit / keine grössere Schwerigkeit / als O wenn wir in den Tugenden anfangen / zu finden; biß wir durch öf tere Handlungen uns eine Gewohnheit zu wege bringen / als darinnen die Tugend bestehet. Diese Schwere kommt Theils von unser verderbten Natur / Theils von unsern Feinden / welche starck und uns gewachsen sind / und die uns den größten Schaden inner den Thoren unsers Willens thun. Welches / weil es also ist / gewißlich / so müssen wir nicht zurücke weichen / sondern desto kühner fortgehen. Welches mit dem Sinnbilde der Pyramide und der Uberschrifft / So geht man zu den Sternen / bemercket wird. Denn / wie die Pyramide oben spitzig und schmal ist / hernachmahls aber allmählich breiter wird / also ist der Weg der Tugend im Anfange verdrießlich und beschwehrlich / aber ie weiter man darauf fortgehet / ie angenehmer und leichter macht ihn die Gewohnheit. Und endlich geht die Sache da hinaus / daß / obgleich die Tugend wegen der höchsten Liebliechkeit und Wollust / nicht zuverlangen stünde / man dennoch nach ihr das Leben anstellen solte. . 1 . . ( 9r.)55 das ist ein O das ungünstige in den Der neue Rück ### 1 . 1 S. S. 95 4 . Die Flammen steigen hin / wo sie entsprungen sind Der Flüße Wasser läuft zu seinen ersten Ovellen; Wer einen rechten Trieb der Tugend bey sich findt / Geht ungehindert fort biß an des Himmels Schwellen. So M 2 ( 92 )5 XLVI. So sind die Regungen des Gemüthes. B zwar die Gemühts-Bewegungen / mit denen wir zu streiten haben / anfänglich uns nicht so gar schwer und starck vorkommen / so müssen wir doch nicht nachläßig seyn / ihnen zu widerstehen und sie zu bändigen. Denn so wir uns von ihnen überwinden und überwältigen lassen / werden sie damit nicht zufrieden seyn / daß wir ihnen unsern Willen untergeben; sondern sie werden sich auch bemühen / in den Verstand einzuschleichen / ihn zu verblenden und dadurch zu wege zu bringen / daß er Schwartz vor Weiß, Klares vor Dunckel / Falsch vor Wahr / ergreiffet / uns Fuß vor Fuß stürtzende / biß sie mit uns in den Abgrund der Irrthümer / darinnen der Menschliche Verstand zu seinen grossen Übel / herum getrieben wird / plötzlich verfallen. Dieses wird mit dem Sinnbilde der Brillen / und der Beyschrifft: So sind die Regungen des Gemüthes / bezeichnet. Denn wie derjenige / so durch Brillen siehet / alles was er siehet / in der Farbe erblicket / davon die Brillen seyn; und dem Gesichte sich die Sachen groß oder klein vorstellen / nachdeme die Brillen geschliffen. Also machen unsre GemühtsBewegungen / daß alles / der jenigen Begierde / der wir vornehmlich dienen / gleich scheinet / indeme sie sich vor das Auge der Vernunfft setzen und es also verwirren / daß / so der Krancke mit Liebe etwas ansiehet / alles ihme schöne / leichte und süße / so er aber mit Haß eingenommen / dasselbe ihme böse / garstig / rauh und schwer vorkommet. ( 93) Es irrt der Sinnen=Licht / es irret das Gemüthe: Durch Lust und Regung wird der klügste Mann ein Thor; Wie diese Brillen uns die Sachen stellen vor / So unterscheiden wir auch deren Schad' und Güte. FreundM 3 (94) XLVII. Freundschafft ohne Tugend. Eil wir der Freunde zu hinbringung dieses Lebens mehr brauchen / als des Wassers und Feuers und man billich N vor den größten Schatz zu halten hat / so uns von GOtt verliehen wird / daß wir mit ehrlichen Leuten und treuen Freunden vertraulich leben mögen / weil solche uns die größte Hülffe / entweder in Genießung der Annehmligkeiten oder Uberwindung der Bitterkeiten dieses Lebens / leisten können / so ist die Wahl von grosser Wichtigkeit / daß wir solche überkommen / dergleichen die scharffen und ernsthafften Gesetze der Freundschafft erfodern. Hierunter ist das Erste / daß die Freundschafft sich auf die Tugend gründe / damit sie allzeit währen möge. Wie dieses in dem Sinnbilde / mit zweyen aneinander rührenden Kugeln und der Uberschrifft / Freundschafft ohne Tugend / angedeutet wird. Denn wie / nach dem Beweiß der Geometrarum, zwey Kugeln oder Circul sich nicht berühren / als in einen eintzigen Puncte; also kan die Freundschafft / die auf Tugend nicht gegründet / weder feste noch sicher seyn / sondern ist falsch und verstellt. Daher sehen wir / daß viel Freundschafften / die noch so feste geschienen zergehen, und sich zerreißen, weil ihnen das Band, damit sie zusammen gebunden und unterhalten seyn solten / die Tugend fehlet. III 95 So Lust als Nutzen zeugt die Freundschafft dieser Welt / Die ihre Mutter auch nicht überleben kan: Zwey Kugeln rühr'n sich nur in einem Punckte an: Und Tugend macht allein / das Freundschafft feste hält. Zur (96) XLVIII. Zur Göttlichen Rache. DE grösser der Fürsten Gewalt ist / je mehr sind sie zu erkennen verbunden / daß sie dieselbe von der Hand Gottes / daher alle Hoheiten / Reiche und Herrschafften herkommen / empfangen. Sie sollen allerdings erweisen / daß sie solche mit Danckbarem Gemüthe erkennen, und die von GOtt verliehene Gewalt und Hoheit dazu anwenden / daß sie den Ruhm und die Ehre Gottes aufs schärffste verfechten und rächen / weil dieses der angenehmste Dienst, den sie GOtt leisten können. Dieses wird füglich vorgestellet durch den Adler / so den Donnerkeil träget / mit der Uberschrifft / Zur Göttlichen Rache. Denn wie der Adler des Jupiters Vogel ist, und der Donnerkeil die Waffen bedeutet, mit welchen Er die Schuldigen zu straffen pfleget / nach Aussage der Alten: Also wird ein Fürst, so dieses Sinnbildes sich gebrauchen wil, erweisen, daß er das von GOtt empfangene Gute schuldigst erkenne / auch offentlich bezeugen und darthun daß er ein Diener der Göttlichen Rache / wider die Feinde des Göttlichen Nahmens sey. . (97) ③ . . 14 . 0 — . 1 . . . Ihr / die die Frommen ehrn / die Bösen fürchten müssen / Legt willig Stab und Schwerd zu eures Gottes Füssen. Gedenckt / daß diese Macht von ihm euch auferlegt: So / wie den Donner=Keil des Jovis Vogel trägt. Fliegen (98) XLIX. Fliegen oder ruhen. S stehet einem grossen und tapfferen Gemüthe besser an / das Leben in der Stille / ohne Vollbringung einer vortreflichen Tugend / oder Ruhmwürdigen That zubringen / als kleine und seiner Großmüthigkeit nicht geziemende Dinge verrichten. Und man hat oͤffters gesehen / daß einige tapfere Leute gleichsam durch einen Sprung zu dem Gipffel der Regierung, und denen Friedensund Krieges=Verrichtungen gekommen / da man erstlich fast an ihrer Geschickligkeit gezweiffelt / weil es ihnen an Gelegenheit / die Erfahrung zu Wege zu bringen, gefehlet, so sie doch hernach, nach wohl abgelegten Geschäfften erwiesen, daß wichtige Sachen dem Maße ihrer Großmütigkeit allerdings gemäß gewesen. Wer derowegen anzeigen wil / daß er nicht gesinnet / geringe Dinge anzufangen / sondern vielmehr das stille Leben in Ruhe zuzubringen/kan es bequeme mit dem Sinnbilde des Paradieß-Vogels / den sie aus Ost-Indien zu uns bringen und der Uberschrifft: Fliegen oder ruhen / erklären. Dann wie dieser Vogel, weil er keine Füsse hat, fliegen oder ruhen muß / also erweiset derjenige / der etwas Grosses zu thun / nicht Gelegenheit hat / worinnen er seine Tapfferkeit erweisen könte; Er wolle lieber sein Leben in der Stille und Einsamkeit ehrlich beschliessen und hinlegen. 99 Es fleucht ein grosser Geist / so hoch er kommen kan / Wil aber Zeit und Sturm die Federn ihm verschneiden: So kan er dieses auch mit stillen Muthe leiden. Viel besser / in der Ruh; als auf des Pöfels Bahn. Narren N 2 ( 100 ) L. Narren beißt er. ZB gleich unsre Feinde starck und mächtig / sollen wir uns deswegen doch nicht fürchten / noch ihnen gewonnen geben / weil S gewiß / daß sie einem Ketten=Hunde gleichen / der keinen beissen kan / als der ihme zu nahe kommt; Wie sehr sie derowegen mit uns zancken und gegen uns stehen / so können sie dennoch keines Weges ohne unsern Willen / so wir ihnen nicht zu nahe kommen / uns erreichen noch verletzen. Weil ausgemacht / daß keiner verletzt wird / denn von sich selber / nehmlich / wenn er mit seinen Willen / den bösen Rathschlägen seiner Feinde beyfält. Wer mit Ihnen behutsam umgehen wil / kan sich dieses Sinnbildes / eines Kettenhundes mit der Beyschrifft: Narren beißt er, bedienen. Denn der ist gewiß ein Narr / der einen Kettenhunde so nahe kommet / daß er ihn fassen und beissen kan / und hat über niemand / als sich selbst Ursache zu klagen. W . . the Es mag der Feinde Zorn uns nicht ein Haar zerreissen / Sofern uns Thorheit nicht zu ihren Füßen legt; Ihr grosser Eifer kan nicht weiter um sich beissen / Als Hunde / deren Halß selbst Band und Ketten trägt. N 3 Ver ( 102 ) LI. Verstand geht über Kräffte. Er allein seiner Gewalt und seinen Kräfften vertrauende / grosser Dinge sich unterfangen wil / und davor hält / daß er sie dergestalt vollführen könne, wird, ob er gleich mit grosser Macht versehen / sich dennoch betrogen befinden. Weil leichte geschehen kan / daß ein ander gefunden werde / der zwar mit wenigern Vermögen / aber grössern Verstande begabt / ihn übertreffe / zumahl / da die Sache so viel grösser ist / die der Verstand mit mässigen Kräfften leistet / vor der / welche alleine auf die Kräffte ankommt: so viel die Vermögenheiten der Seelen / denen Sinnen des Leibes vorzuziehen. Wer Belieben trägt / anzuzeigen / daß er mehr den Verstand / so mit mäßigen Kräfften begabt / als grosse Kräffte ohne Verstand ansehe / kan es durch dieses Sinnbild thun / darinnen eine machine abgebildet / durch deren Hülffe einer eine viel grössere Last aufheben kan / als er mit allen Kräfften alleine zu thun / nicht vermöchte / welchem Sinnbilde die Uberschrifft beygefüget ist / Verstand geht uͤber Kraͤffte. Denn auf eben diese Art wird durch Verstand und Wißenschafft zu Wege bracht / was / durch Stärcke allein nicht kan erhalten werden. 96( 1 3) Erweget mit Bedacht der Erden Wunderwercke; Colossens schweres Ertzt der Piramiden Macht: Und wer den Riesen-Bau zu Stande hat gebracht: So werdt ihr zugestehn; Verstand geh'über Stärcke. Verge ( 104 ) LII. Vergebene Arbeit. O groß ist die Würde unserer Seelen / daß / ob sie gleich endlich / nichts dennoch in der Welt zu finden / daß ihr Genungthun, oder (wie groß es auch sey) ihr Verlangen erfüllen . könne / ohne das unendliche / nehmlich GOtt. Und gewiß / wie viel man auch Arbeit anwendet / vor das Gemüthe einigen Trost auszuforschen / oder einige Ruhe auszufinden / so trifft doch die Seele nichts dergleichen in denen flüchtigen und hinfälligen Dingen an / sondern allein in dem ewigen GOtt / von dem sie geschaffen ist. Ubrigens begegnet denenjenigen / so Trost und Ruhe in irrdischen Dingen suchen / was den Danaiden wiederfuhre / die vergebens mit einen durchlöcherten Faß / Wasser geschöpfft. Welches dieses Sinnbild von ihnen andeutet / dessen Uberschrifft: Vergebene Arbeit / denen gleichet sich / der das leere / mit eben so leeren Dingen / dergleichen alle Irrdische sind / erfüllen will / weil nichts die Seele / als GOtt / der sie gemachet / sättigen und erfüllen kan. 1 D und werde . ## ) Der Seele grossen Geist füllt nichts / denn Gottes Liebe, Vor ihr Verlangen ist die Welt noch viel zu klein / Wer hier Vergnügung sucht /schöpfft Wasser mit den Siebe / Und streut ins wüste Meer unfruchtbarn Saamen ein. Der ( 106) LIII. Der Wechsel der Dinge. ZOferne man das jenige / was in der Welt vorkommt / mit Bedacht ansiehet, ist es leichte, die Wechsel und Veränderungen aller Dinge warzunehmen. Und obgleich wenn wir alle Zeiten überlegen / sich dieses also befindet / so scheinet doch / es werde in diesem Seculo, darinn wir leben / davon etwas mehr als in vielen vorhergehenden / von den Augen der Zuschauer bemercket. Denn wir sehen / daß Leute von geringen Stande / zu der Höhe empor gestiegen, daß sie Cron und Scepter getragen: andre, die Reiche besassen / sind davon vertrieben und derselben beraubt worden / andre wiederum / als Erden-Kinder / weil sie von schlechter Geburth in die Höhe gekommen / haben eine so hohe Stelle der Ehren erlanget / daß sie gleichsam den Augen entrissen worden / davon sie doch wiederum mit desto schwererern Falle zur Erden abgestürtzet. Wer diese Veränderungen und Wechsel vor Augen stellen wolte / könte dieses Sinnbild mit den Rechenpfennigen und Uberschrifft / Der Dinge Wechsel: gebrauchen. Weil / wie im Rechnen der Pfennig / so eine grosse Summa bedeutet / bald in einer andren oder wol noch in derselben Rechnung / die allerkleinste Zahl machet; also können diejenigen / die das höchste Glücke und vortreffliche Ehren nur wenige Zeit oder mit Unbestande gehabt / sich dergleichen nicht minder unbeständigen / und nach Veränderung der Zeit geltenden Dingen (als Rechenpfennige sind) vergleichen lassen. ( 107) Was ists / ob einer sich in schlechtes Tuch einhüllt; Ob oder in Scharlack? die Bettler und die Reichen Sind hier den Pfennigen im Rechnen zuvergleichen; Wo einer / wie er liegt / bald viel / bald wenig gilt. O 2 Der ( 108 ) LIV. Der Stein das Gold das Gold den Mann. Bwohl nach dem Sprichwort / ein Amt oder sonsten andre פפ Würde der Probierstein ist / wodurch sich erweiset / wie weit eines Schultern einen Dinge gewachsen seyn: so hat doch hierunter den Vorzug / was zu den Bürgerlichen Geschäfften und dem gemeinen Besten gehöret. Und wie der Probierstein die Grad des Goldes anzeiget / also ist das Gold selbst der Probierstein / durch welchen der Menschen Vermögen und Kräfften erforschet werden / welches in diesem Sinnbilde / so einen Probierstein mahlet und dabey schreibet: Der Stein das Gold / das Gold den Mann angezeiget wird. Denn wer das Gold nicht groß achtet / gibt damit zuverstehen / daß er die Ehre desto höher halte / und Gewinstes wegen / seine schuldige Pflicht nicht unterlassen werde. (1 ) Es zeigt nicht nur das Amt des Mannes sein Vermögen; Das Hertze wil der Mund offt vor die Augen legen; Wer Ehr und Tugend liebt / ist keinen Schatzen hold: Das Geld probiert der Stein; den Menschen prüft das Gold. Das Θ ξ ( 110) 58 LV. Das Gewisse vors Ungewisse. S ist kein Zweiffel, daß die Menschen, so sie ihre Handlungen wohl untersuchten / ihre Gemühts=Bewegungen besänftigen und in vielen die Meynung ändern würden. Weil wie freventlich und vermessen sie auch seyn in denen Dingen / die ihren Verlangen und Geschmacke anstehen; so schwach und eingezogen sind sie in demjenigen / daran ihnen am meisten gelegen. Dieser übergibt sein Vermögen dem Glücke und der Schiffart nach Indien / mit solcher Gefahr die er vom Meer und Seeräubern zu fürchten hat; bloß des gehofften Gewinstes wegen. Ein ander wendet was er hat zum Dienste eines Fürsten auf aus blosser Hoffnung der Gnade / die ihme der Fürst thun kan / dazu beweget. Ein ander wiederumb geht zu Schiffe, verläst die Erde, in der er gebohren / und sucht ein Vaterland / daß er niemahls gesehen / aus blossen Vertrauen mehr in diesem / als dem verlassenen zu erwerben. Welches mit diesem Sinnbilde / darinnen ein Schiff mit vollen Seegeln und der Beyschrifft; Das Gewisse vors Ungewisse! bedeutet wird. Weil wir aber uns so viel zutrauen und so verwegen in diesen Dingen sind / so ist Wunder / daß wir so kurtze und schwache Gedancken haben, daß wir die ungewissen Güter dieses Lebens (die gewissen des seeligen Lebens unter den Himmlischen zu erhalten) zu verachten / Bedencken tragen. 1 9/4/19 35 ɪɪ )⁸⁸ . 1 Nach ungewissem Gold in jene Welt zu schiffen / Läst (was uns ist gewiß) man Hauß und Vaterland: Ach! daß wir vor die Welt, den Himmel so ergriffen, Und ein gewisses Gut / vor ungewissen Tand. So ( 112) LVI. So findst du zu leben. Er beklagt sich ohne Ursache über den schlechten Zustand / oder beschuldigt wie man sagt das Glücke / der da meynet / daß es ihme Unrecht thue / daß es ihme nicht alles / was er verlangen oder nur mit seinen Gedancken und Lüsten begreiffen kan / zuwirfft / da er vor sich nichts von Fleiß noch Schweiß anzuwenden / sich vorgenommen. Wer dieses lehren wil / nehme das Sinnbild / mit den Händen / so ähren zerreiben und denen Worten: So findest du zu leben. Denn wie derjenige / so die Körner aus den ähren sammlen will/die Hände darstrecken und arbeiten muß; Also hat auch derjenige / der die Belohnung der Tugend / oder die Ehre und Ruhm so in dieser Welt erworben wird/oder einiges Vermögen erlangen will / zu arbeiten und der Hände zu gebrauchen. So er es aber nicht thut / darff er über niemanden / als sich selbst klagen / daß er die Gelegenheit sich selbst zu helffen / vorbey gelassen / weil er gewust / daß kein Ding / wenn man alles wohl erweget, so schlecht sey welches nicht mit grosser Arbeit / gleichsam eingetauschet werden müsse. ( 113) . . Wer nur die Hände wil im Schooß zusammen schlagen: Der darff nicht über Glück und böse Zeiten klagen: Es wird / was in der Welt uns nehrt und glücklich macht / Mit Arbeit eingetauscht / mit Mühe fortgebracht. Auch ( 14) LVII. Auch nach dem Tode Freund. S ist in dieser Welt nichts höher zu achten / als ein gewisser Freund. Wer den findet / hat Ursache sich glücklich zu schätzen / daß er einen so grossen Schatz gefunden. Nichts ☚ destoweniger weil die Gesetze der Freundschafft ewig / so müssen wir nicht allein / so lange wir leben mit ihme eines Willens seyn / sondern auch nach dem Tode seine Sachen fodern / und solches in allen Gelegenheiten bezeugen. Wer dieses anzeigen wil / kan sich des Sinnbildes gebrauchen / darinn ein verrodeter oder erstorbener Baum mit einer Wein-Rebe voller Trauben / und die Uberschrifft: auch nach dem Tode Freund; Weil, wie der Baum da er schon verrodet eben den Dienst thut den er da er noch grüne, in Unterstützung und Forthelffung der Weintrauben geleistet: also ist auch hinwiederumb recht / daß der überbliebene Freund / auch nach dem Tode die Freundschafft fortsetze. 3 5) 55 1 1 Die wahre Freundschafft ist nicht nur für dieses Leben Sie folget / wann wir todt / betrübt der Leiche nach; Fühlt / wann wir schon verscharrt / noch unser Ungemach, Auch den verdorrten Baum umb=armen noch die Reben. 2 Kein ( 116 ) LIIX. Kein Glücke währet lang. Eil alles unbeständig und veränderlich ist / was in diesem Leben vorkommt / so wird sich der sehr betriegen / der daS vor hält / es werden dessen Lieblichkeiten ewig / oder gleichfalls das Elende stetswährend seyn. Wer dieses verstehet / muß sein Leben also anstellen / daß je glücklicher er ist / desto mehr sich vorbereite / die Beschwerligkeiten / so folgen können / aufzunehmen / und vor gewiß halten/daß sowohl die Süß- als Bitterkeiten also mit einander abwechseln / daß eines dem andern auf dem Fusse nachfolget. Welches die Alten zuverstehen geben wollen / wenn sie gesagt / es hätte der Jupiter zwey Krüge einen voller Unglücke den andern voller Glück / daraus er immerfort / Gutes und Böses / WechselsWeise auf die Menschen ausgiesse und austheile. Welches auch durch dieses Sinnbild / darinnen ein Tempel / an dessen Thüre zwey Krüge stehen mit der Uberschrifft: Kein Glücke waͤhret lange / entworffen wird. Und kan also die Betrachtung dieses Dinges / denen glücklichen Menschen Anlaß / daß sie behutsam leben / denen unglücklichen aber einen Trost geben. 2 0 . Gelück und Ungelück geußt gleichsam aus zwey Krügen Der Himmel uͤber uns. Bald hagelts auf uns loß Bald kan in heitrer Lufft das Haupt auf Rosen liegen, Kein Glücke währet lang' / und wär' es noch so groß. Deſto P 3 ( 118) LIX. Desto besser anzuspannen. Er in einem Dinge (es sey auch / was es wolle) die Arbeit so hoch strecken / und die angefangne Sache sich also angelegen seyn lassen wolte / daß er sich vornähme / ohne einige Nachlassung oder Athemholung dieselbe zuerlangen; der würde sich gewiß sehr betrogen befinden. Weil alsdenn / wenn er der Kräfften am meisten benöthigt / solche so wohl als der Muth ihn das Werck / so er sich so saur werden lassen / auszuführen / verlassen würden. Wer nun dieses Übel zu meiden, von der angefangenen Arbeit etwas nachläßt und sich erholet / damit er desto eifriger wieder daran gehen könne / mag seine Meynung mit diesem Sinnbilde eines / so zu sagen / entwaffneten Bogens / oder daran die Sehne loßgelassen und der Beyschrifft: Desto besser anzuspannen / vorstellen. Denn wie ein Bogen der stets angezogen / zu letzte gleichsam als ermüdet nachgiebt und schlaff wird; also werden auch die Kräffte des Leibes und der Seelen welck / wo sie nicht in etwas erleichtert und gepfleget werden, damit gleichsam, als mit einer Würtze den Geschmack zu erwecken / und die Arbeit desto leichter zu überstehen. §§( ⁵⁸ Sowohl der Leib als Geist wil sein' Erlassung haben; Man schwächt durch stetes Thun die allerbesten Gaben: Den Bogen mit der Zeit noch besser anzuziehn / Läßt man ihn manchmal loß / und legt die Sehne hin. Suche (no) 36 LX. Suͤche dich nicht ausser dir. As dem Menschen seine Selbst=Erkäntnis nutze / davon sind nicht allein alle geistliche sondern auch weltliche Bücher voll. Kurtz es wird dieses also ausgedruckt / daß man saget / je weiter einer fortgehe in der Selbst=Erkäntnis / je weiter komme er auch in der Erkäntnis GOttes / welches / wann wir es recht überschlagen / der allergrößte Gewinst ist / weil uns so viel daran gelegen / daß wir sie / so viel nur sterblichen Menschen müglich / erlangen. So müssen wir auch nicht faul und träge seyn / uns selber zu erforschen; sondern damit wir dieses recht verrichten / ist von nöthen / daß wir verstehen und uns selbst erkundigen / woher wir kommen und entstanden / weil dasjenige schwerlich gefunden wird / daß man an einen Orthe suchet, daher es seinen Ursprung nicht hat. Also muß ein jeder sich in sich selbst suchen / damit er sich finde / weil es nicht möglich / daß einer sich finde und erkenne / wo er sich überall zerstreuet / und ausser sich selbst herumschweiffet / welches durch das Sinnbild der Schnecke bedeutet wird / dabey die Uberschrifft: Suche dich nicht ausser dir; Denn wie eine Schnecke nie aus ihren Hause gehet / sondern in demselben enge und eingezogen wohnet: also wird derjenige / der in sich selbst einkehret / und sich die Sinnen nicht alle Augenblicke dort=und dahin treiben lässet/ bald die Schwäche der Schlösser / damit seine inwendige Thüren verwahret / anmercken. Und je grössere Wissenschafft einer hievon erlanget / je höher wird er sich empor heben / den unergründlichen Schatz der Allwissenheit und Weißheit Gottes zu erkennen in welcher Erkäntnis allererst die wahre Seeligkeit des Menschen bestehet. ( 121) Das allerhöchste Gut / GOtt selber zu erkennen / Ist diß der rechte Weg: Erkenne selber dich: Du darffst nicht nach Athen nach dieser Weißheit rennen / Vergebens sucht ein Mensch sich selber ausser sich. □ So ( 122 ) LXI. So ist die Heilige Schrifft. Je H. Schrifft ist das Leben und Auffenthalt der Jenigen / die in der Verehrung und tieffen Anbetung des unsterblichen Gottes / das Hauptwerck ihrer Glückseeligkeit suchen. Sie ist über dieses ein Brunn / aus welchem alle Göttliche Güter fließen / und denen zu Nutze gedeyen / die sie daraus zu schöpffen und sich zuzueignen wissen. Sie ist der reichste Schatz und die vermögendste Schatz=Kammer / daraus alle Mittel genommen / und zu Heilung aller Gebrechen angewendet werden können / derer jenigen: die sie mit schuldiger Ehrerbietigkeit und Unterwerffung des Gemüthes lesen; Denn man muß nicht in derselbigen Erklärung eines jeden besondre Außlegung blinder Weise folgen / sondern die Meynung der allgemeinen Kirche / und derer bewährten Lehrer / die ihre Warheit unverfälscht auf behalten. Die aus einem so grossen Gute nicht mit Ernste sich erbauen wollen / sondern von Hoffarth auffgeblasen / nach ihrer eignen Meynung und daher entstandenen Jrthümern die heilige Schrifft auszulegen und zu erklären sich unterwinden / indem sie dieselbige zum Theil verdrehen / zum Theil verstümlen und also verfälschen / und der wahren und aufrichtigen Deutung keinen Glauben zustellen sondern vielmehr denen Neuigkeiten und Thorheiten der Ketzer folgen / die ziehen sich das Übel selber zu / und kehren die gesundeste Artzney in Gifft / welches mit diesem Sinnbilde / in welchem das Kraut / Oleander (davon Matthiolus) gemahlet und dabey geschrieben / So ist die H. Schrifft / erkläret wird; Denn von dem Kraute wird gemeldet / daß es den Menschen gesund / den Thieren gifftig und tödlich sey. ⸗₉ 158. Es ist die H. Schrifft der Menschen Trost und Leben / Ein Brunn der so viel Heil / als Tropffen / uns kan geben; Ein Schatz / der ewig bleibt / des Reichthums Uberfluß; Wie daß sie vielen denn zu Giffte werden muß? Die Q 2 ( 124) 58 LXII. Die Warheit. As Licht / daß die edle Warheit sowol in sich hat als auch andern mitzutheilen / anbeut / ist von solcher Klarheit / daß so bald es erscheinet, die Finsterniß, Falschheit und Lügen ergriffen werden können. Und ob wohl diese mit allen Kräfften sich dahin bearbeiten / daß sie der Warheit wiedersprechen und durch verkleinerung sie unterdrucken möchten / so wird sie doch nie unterdruckt / sondern legt mit ihrem Lichte den Lügen gleichsam ein Stillschweigen auf und hemmet ihre Zungen. Welches mit dem Sinnbilde der Frösche und der Uberschrifft / Die Warheit / bemercket ist. Wer andern bezeugen will, daß er ein Freund der Warheit, und ihre Krafft erkennet / so in Zäumung derer Mäuler / so sie nicht recht ehren / bestehet; kan dieses Sinnbildes sich gebrauchen. 0 25 58 Die Falschheit träget sich wohl mit geschmünckten Grunden / Und hüllt die Lügen offt in Warheits Larven ein / Allein ihr Nebel muß vor dieser Sonne schwinden, Und / wie das Frosch-Geschrey beym Lichte / stille seyn. Stricke Q 3 ( 126 ) LXIII. Stricke der Eitelkeit. Je eitlen Menschen / die ihre Handlungen also anstellen / daß Eitelkeit und böse Lust / welche in menschlichen Sachen herrschen / dasjenige ist / dem sie folgen / weben (solche Fädem) 2 wie man sagt und Stricke der Eitelkeit / die so subtil und so unbrauchbar als die Spinneweben sind. Und gewiß / wenn man die Sache wol erweget / so sind alle Handlungen unnütze / verdrießlich und schwach / welche wider das Göttliche Gesetze angefangen werden / und darinnen noch ärger als die Spinneweben, weil, ob sie zwar von solcher Dinne und Schwäche / dennoch ihren Urheber so hefftiverwicklen und bestricken, daß er ohngeacht aller angewandten Kräffte / sich auf keine Weise aus diesen Verwirrungen ohne Göttlichen Rath loß machen / und aus seinen eignen gemachten Stricken und Netzen heraus wickeln kan. Welches mit dem Sinnbilde und Beyschrifft / Stricke der Eitelkeit / bedeutet wird. (127) Wer sein verwegnes Thun beginnt ohn GOtt und Rath, Begierd' und Eitelkeit zu Haupt und Führern hat, Spinnt ofter zwar ein Garn subtiler als die Spinnen / Darauß er aber selbst (wie Sie) nicht kan entrinnen Beſſer (128) LXIV. Besser fortzukommen. Jeses Leben hat viel Mühseeligkeiten und Ungelücke / welches trol erfähret / wer die beschwehrliche Reise dadurch thun muß. Und zwar je weniger Gedult einer hierzu mitbringet / je schwerer wird sie ihm / wo er nicht durch übernatürlichen Trost und Hülffe aufgerichtet wird. Wer derowegen darthun wildaß er mit grossen und tapfferen Gemüthe dieses Elend und Verdrießligkeit ertrage / und erkenne / daß es gleichsam das Mittel sey / dadurch der Tugend Früchte grösser und häuffiger vorkommen / kan es durch dieses Sinnbild des Weinstocks / daran ein Wintz=Messer stecket und die Worte geschrieben: Besser fortzukommen / anzeigen. Denn wie der Wein / damit er wachse und Frucht bringe / muß beschnitten und zum Theil auch die Reben / abgebrochen werden also sind auch das Elend und die Wiederwärtigkeiten (als der Tod derjenigen die wir sehr lieben) der Verlust derer von uns Hochgeschätzten Dinge / der Unterlassene Verfolg dessen / darnach uns so sehr verlanget / gleichsam das Wintzmesser / mit welchen das faule Holtz / und die überflüssigen Reben / die uns gehörige Frucht zu tragen / verhinderten / abgeschnitten werden. Und also ist derselbigen Verlust ganz nicht zu achten / sondern vielmehr alles Vnglück großmüthig zu tragen und zu überstehen / weil es in der That zu Wege bringet / daß wir mehr uns anständige Früchte so wol tragen als erlangen. ) ⸗ⵉ A the C N . 2 Laßt Güter / Ehr und Lust des Glückes Bürden seyn; Zieht mit Gelassenheit Wunsch und Vergnügen ein: Es ist des Himmels Hand ein Gärtner bey den Frommen / Der diese Blätter nimmt / umb besser fortzukommen. Bis ( 130 ) LXV. iß der Tag anbricht. S kan ein Wachender bald einschlaffen / wenn er in einem duncklen Orthe ist / weil die Finsterniß die zerstreuten Sinnen samlet / und leichtlicher zur Ruhe veranlasset / das Licht hergegen mit seiner Klarheit den Schlaffenden erwecket / die Kräffte des Gemüthes ermundert und belebet / und das Wachen befodert. So lange wir in dieser Welt leben / müssen wir davor halten / daß wir in lauter Finsterniß uns befinden / wenn wir nicht durch das Licht des lebendigen und wahren Glaubens (so lebendig durch die Liebe / wahr nach der Apostolischen Lehre) den wir bekennen / erleuchtet werden. Wer also wachende / die Nacht dieses Lebens hinbringet, den muß der Tag der ewigen Seeligkeit aufgehen. Welches durch die angezündete Lampe in diesem Sinnbilde und die Beyschrifft / Biß der Tag anbricht / vorgestellet und gelehret wird. Es werde von uns erfordert / daß wir unser Licht / durch heiligen Eifer entzündet / in Glauben und guten Wercken leuchten lassen / biß nach geendigter Nacht dieses Lebens / derjenige Tag uns erscheine / der keine Nacht hat in dem andern Leben. Denn wie bey aufgehender Sonne / man keine Lampe mehr braucht/ also ist der Glaube nicht ferner nöthig / als daß wir durch ihn aus den Finsternissen dieser Welt uns heraus reissen; weil in dem ewigen Leben nichts mehr zu glauben / sondern was wir geglaubet / zu erkennen und zu geniessen seyn wird. ✋ 95 Unser Wissen und Verstand / steckt in lauter Finsterniſſen, Wenn des Glaubens helles Licht uns nicht gäbe seinen Schein / Dieses läßt so lange nicht uns die müden Augen ſchlieſſen / Biß der ewig=grosse Tag endlich selbst wird brechen ein. Des R 2 ( 132) LXVI. Des Zornes Ubel. Orn und Rache sind so ungeheure Übel / daß derjenige viel grösseren Schaden hat / der einen andern Unrecht thut / als der es leidet / gleich wie der Verlust / dendie Seele empfindet / grösser ist / als die Beschwerung des Leibes. Dieses wird in diesem Sinnbilde / darinnen / so zu sagen / die Leichen oder Steinhauffen einer Stadt / und ihrer niedergerissenen Gebäude / abgebildet / mit der Uberschrifft: Des Zornes Übel / gewiesen. Denn wie ein grosses Gebäude / wenn es fällt / alles was unter ihme ist / zugleich niederwirfft und zerschmettert, da es doch selber nicht ganz und feste bleibet, sondern ebenfalls zu Stücken gehen muß. Also bleibt, der andern Schaden thut / auch nicht davon frey, ob er wol das Übel, so er sich selbst anrichtet / nicht erkennet. Dessen wahre Ursache ist / daß wir so blind seyn, daß wir keinen andern Schaden als der den Leib trifft, groß achten, da doch derjenige, so die Seele angehet, unvergleichlich grösser ist. §§( ⁵ Seht den Stein=und Ziegel=Grauß / diese Leichen fester Mauren / So der ungezähmte Zorn nicht hat länger lassen dauren / Denckt / wenn er in diesen Dingen solche Kräffte zeigen kan / Was wird er nicht im Gewissen von Verwüstung Wo richten an. ( 134) LXVII. Vo er hinfällt / wird er liegen. S soll uns in diesem Leben nichts mehr angelegen seyn (zumahl uns daran am meisten gelegen) denn daß wir das Ende gut machen / und / wie im Kauffen zugeschehen pfleget / den letzten Preiß unserer grossen Reise setzen / welche wir anfangen wenn wir gebohren werden / und wenn wir sterben / endigen. Zu welcher Sache kein vortrefflicher Mittel ist / als wenn wir recht zu leben / uns befleißigen / weil gewiß / daß wie das Leben / also auch der Tod beschaffen seyn muß. Wer dessen Wichtigkeit bißweilen erwegen wil, kan an Stat eines Weckers dieses Sinnbild gebrauchen / darinnen ein Baum / dem die Axt an die Wurtzel geleget / auf einer Seite aber ein brennend Feuer / und auf der andern ein Fluß gemahlt zu sehen / mit der Beyschrifft, Wo er hinfällt / wird er liegen. Welches zeigen soll / wie der Baum / wenn er umgehauen wird / an dem Orthe / wo er hinfällt / liegen bleibet / also müssen auch wir ewig in dem Zustande / darinnen uns der Tod antrifft / bleiben. Sintemal so es geschehen solte / daß er uns antreffe / da wir bey GOtt in Zorn und Ungenade stünden, würden wir gewiß in der Hölle und ewigen Schmertzen; hingegen so wir in dessen Gnade und Liebe / in der Herrligkeit und ewigen Ruhe / stetswährende verharren. (35) Laßt die Stunden unsers Lebens / die wie leichter Sand hinfliegen / Dergestalt uns legen an / daß der Tod uns nicht berückt / Daß das Aug / auch wenn es stirbt / was wir hier gehofft / erblickt. Wohl gelebt / ist wohl gestorben; wie der Baum fällt / wird erliegen. ( 136) 35 LXVIII. Das beste Dreschen. ze Nutzbarkeit / so wir aus denen von GOtt in diesem Leben uns zugeschickten Widerwärtigkeiten ziehen / ist groß bey denenselbigen / so sie mit Gedultigen Gemüthe aufnehmen und daher sich zubessern verlangen / weil die Plagen dieses Lebens gleichsam ein Dreschflegel sind / dadurch die Spreu von dem Korn auf der Denne dieser Welt / darauf wir leben / abgesondert wird Wer derowegen alle Unfälle gedultig zuertragen / und das Leben zu ändern sich vorgenommen / wird die verlangte Körner und Frucht darauß nehmen und sammlen. Wer aber aus Ungedult klaget/das Glücke beschuldiget / und das Leben vielmehr zuverschlimmern als zu verbessern trachtet / wird / als der selbst nichts als geringe Spreu ist / so ins Feur gehöret / alle Frucht verlieren. Welches durch das Sinnbild eines Dreschflegels / mit der Überschrifft / das beste Dreschen / angezeiget wird. Denn, weil das bewärtheste Mittel, die Spreu unsrer Sünden von dem Korne abzusondern / die Gedult / uns angetragen wird / so betriegen wir uns zum höchsten / so wir dennoch zu trachten unterlassen / weil wir gewiß seyn / daß / so wir gebührends darumb ansuchen / solche von GOtt erhalten werden. ( 137 ) Der Laster=Spreu / der Eitelkeiten Grauß / Fegt nur Gedult von der befleckten Erden / Ein reines Korn / in Gottes Scheur zu werden, Muß Creutz und Leid uns erstlich dreschen aus. Die ( 138 ) LXIX. Die schädliche Freyheit. On Anfange der Welt biß auf heutigen Tag ist das größte Ubel daher entstanden / daß etliche der Menschen / so in einer durchgehenden und ungezähmten Freyheit zu leben getrachtet / auf keinerley Weise sich einigen Regiment noch Göttlichen oder Weltlichen Gesetzen unterwerffen wollen. Aus diesem Brunn ist die Verdammung der Engel und Menschen entsprungen. Ob man aber zwar in vergangner Zeit sich nur fast allein dahin bemühet / daß man frey und ungebunden den Begierden nachhängen möchte / so ist es doch zu unsern Zeiten / wegen unserer Sünden / dahin gekommen / daß einige / nicht vergnügt mit der Freyheit nach belieben zu leben / auch über diß der Freyheit zu glauben was ihnen nur in Kopff kommt / sich anmassen. Welches Ubels Grösse / aus dem elenden Zustande / darinnen heut zu Tage etliche Reiche und Provinzien stehen abzunehmen. Wer dieser frechen Freyheit Unfug vorstellen will / kan sich des Sinnbildes mit den Falcken / der durch die Lufft fliegt / und das auffgelösete Band nach sich schleppet / mit der Uberschrifft / die schädliche Freyheit / bedienen. Denn wie der Falcke / so auf diese Weise das Band noch an sich hat / in grosser Gefahr ist / sich an einem Aste / worauf er sich setzt / zu verwickeln / davon er hernach runter gestossen / wie es offt geschicht / hencken muß / also verfolgt / ein in Lastern verstrickter Mensch / indem er nach mehrer Freyheit strebet / dasjenige / was ihme gantz nicht nützet / sondern zu noch grössern Schaden gereichet. ( 139) Wittwe in . 2 Die Freyheit hat vielmehr als Dienstbarkeit gefangen, Wenn sie das sanffte Joch der Tugend abgelegt. Was hilfft dem Habichte / daß er der Hafft entgangen / Wenn er die Bande noch / des Todes Stricke / trägt? Aus S 2 ( 140) LXX. Aus diesem Augenblicke / die Ewigkeit. 8 Ein Ding ist höher zu schätzen / oder die Warheit zu sagen / mehr unser / als die Zeit / da wir doch keines mehr verschwenden / als dieses. Welches zwar weder von der Vergangenen noch Zukünfftigen zuverstehen / sondern allein von der Gegenwärtigen / der wir geniessen und die wir vornehmlich zu unsern Gebrauche anzuwenden / schuldig seyn. Weil dieses / was vergangen / nicht mehr unser / von dem künfftigen aber/ob es geschehen werde / wir nicht wissen. Dahero uns oblieget / nur das Gegenwärtige zu ergreiffen und in Sinn zu fassen / ob es wol so kurtz das es nicht zu messen / als mit dem Augenblicke / welches die kürzte Maaß / so wir mit den Sinnen begreiffen können. Denn wie ein Punct untheilbar ist / weil er keine theilbare Theile hat / jedoch aus dem Punckt eine Linie entstehet; also ist ein Augenblick / ob er wohl nicht zu theilen / dennoch hochzuachten / weil aus unendlichen Augenblicken die Ewigkeit bestehet. Welches mit diesem Sinnbilde angezeiget wird / in welchen Puncte und eine Linie vorgestellet worden / dabey der Spruch geschrieben: Aus diesem Augenblicke / die Ewigkeit. Wer sich zuerinnern bemühet / wie eine wichtige Sache es sey / nichts von der gegenwärtigen Zeit zuverderben / kan dieses Sinnbild gebrauchen. 9 98• . Die Zeit / das Edelste / rechtschaffen anzulegen / Muß man so ihren Werth / als Kürtze / wol erwegen: Minuten / Stund und Tag / sind Maaße dieser Zeit / Doch dieser Augenblick ein Theil der Ewigkeit. Das S 3 (142) LXXI. Das Göttliche Gerichte. Je groß auch die Süßigkeiten und Ergötzungen der Dinge dieses Lebens / die dem menschlichen Verlangen ein S Vergnügen geben können / und ob gleich einer von denselben so viel erlanget hätte / so viel er iemahls begehren können / es betreffe entweder den Vorzug der Grösse vor anderen, oder Macht und Gewalt / oder Wollust und Ergötzligkeit; oder ob jemand den Gipffel aller Güter, die die Welt hat und geben kan, erstiegen: So wird derjenige doch dieses alles geringe achten / der unter den Wein seiner Wollüste Wasser mischet / und erweget / daß das Ende und der Außgang aller seiner Vergnügungen und seines Wohl=lebens sey die Nothwendigkeit / vor dem Göttlichen Gerichte zu erscheinen / wo seine Wercke untersuchet und verurtheilet werden müssen. Und ein solcher / wenn er sich dieses alles vor Augen setzet / wird ohne Zweiffel vorsichtig leben und die Lust dieser Welt nicht mißbrauchen. Welches demselbigen begegnet / der bey der Gasterey des Tyrannen / von allen vorgesetzten herrlichen und niedlichen Gerichten nichts anrühren wollen / weil er gemercket / daß ein blosses Schwerdt / an einem dünnen Faden/ über seinem Kopffe gehangen. Und dieses wird auch durch dis Sinnbild und die Uberschrifft / Das Göttliche Gerichte / vorgestellet. Wer dieses wol in Acht nimmt / wird diesem Menschen klüglich nachfolgen. ( 43.965. A . Gebrauchet euch der Zeit / thut / was euch nur gelüst / Wisst aber / daß ihr auch vor Gottes Richt=Stuhl müßt Und daß in aller Lust / auch wo ihrs nicht gedencket / Das Rach=Schwerdt über euch an einen Faden häncket. Zorn ( 144) LXXII. Zorn=Sucht muß man dämpffen. B gleich iedweden Menschen übel anstehet / sich leichte bewegen und erzürnen lassen, auch flugs in der ersten Hitze, was versehen oder unrecht gemacht / straffen und richten. So wird doch wenn man eine Vergleichung anstellet / befunden werden / daß dieses zu noch viel grösserer Unehre denenjenigen gereiche denen eine grosse Gewalt oder Herrschafft anvertrauet. Derowegen stehet denenselbigen an bald umzukehren und sich gereuen lassen / was sie allzugeschwinde gesprochen und befohlen. Welches mit den Ruthen und Beilen / so ein Kennzeichen der Römischen Richter waren / und der Lehre, Zorn-Sucht muß man dämpffen, angewiesen wird. Denn wie jene sich Zeit ausbathen / so lange biß die Ruthen und Beule aufgebunden / und unter der Weile dem Richter freystund zu erwegen, ob es dienlich, daß die Gerichts-Diener die Befehle vollzögen. Also ist auch billich / daß / ehe wir die vorgesetzte Straffe der Vollstreckung zu übergehen / uns erkühnen / wir uns einige Weile zu überlegen, vorbehalten, als durch welches Mittel wir die Gefahr der Reue über daß was wir wolten / daß es nicht geschehen / vermeiden werden. ( 145) Viel haben grosse Heer' ja gantze Reich' erleget / Sich aber selber nicht und ihren Zorn besiegt: Glückseelig wer den Zaum davon zu Händen kriegt / Und eh' er Feur anblaͤßt zuvor die Kohlen weget. Sol ( 146) 36 LXXIII. Solche hab ich gemacht / solche mach ich noch. Er ist ohne allen Zweifel grosser Ehren und Hochhaltung werth / der durch Tugend und Tapfferkeit den Anfang des S Adels auf sein Geschlechte bringet / als der von dem ältesten und ersten Adel abstammet / und ihn doch verdunckelt / weil seine Thaten mit den schönen und tapfferen Thaten seiner Vorfahren nicht überein kommen. Sintemahl jener den Anfang seinem Geschlechte / dieser aber insgemein das Ende zu geben pfleget / weil er dem tapfern Beginnen der Alten nicht nachgehet und den von Ihnen erworbenen und hinterlassenen Glantz und Adel nicht fortpflanzet. Wer auf eigne Tugend gestützet / beweisen wil / daß er durch seine Geschickligkeit zu einen höhern Orthe / als darinnen er gebohren / gelanget / kan dieses Sinnbildes sich gebrauchen / indeme zwey irrdene Geschirr auf einen Tische, mit den Worten: Diese habe ich gemacht / wiederum zwey güldene / und die Beyschrifft: Diese mach ich noch / zu sehen. Und dieses zwar dem Agatocles zu Folge der ob er wol eines Töpffers Sohn durch seine Tugend und Glücke König in Sicilien worden / und doch diesen seinen Ursprung darum nicht geringer haltende / auf den Schencktischen thönerne und göldene Gefäße setzen lassen / und seinen Gästen angezeiget / wie hoch er schätze / daß er durch seine Verdienste zu Wege bracht / daß da er vor aus Thon solche gemacht / nunmehro göldene könte machen lassen. Durch welche That er meines Erachtens / eine grössere Probe der Tugend erwiesen / als mit Behauptung des Königreichs Sicilien. (147) . . Der / so durch eignen Schweiß / in grossen Würden sitzt / Kan gold- und irrdene Gefäße vor sich stellen / Und diesen Ausspruch denn / wie Agathocles / fällen / Die hab ich vor gemacht; und diese mach ich jetzt. Ohne T 2 ( 148) LXXIV. Ohne Gunst und Furcht. Bwohl so geschickte Rahtgeber / dergleichen die Fürsten von nöthen haben / damit sie durch ihre Rathschläge / sowol in Friedens-als Krieges-Sachen können unterstützet werden / schwehrlich zu finden; So fehlt es doch endlich nicht gantz und gar an Leuten / die mit Klugheit und Erfahrung versehen / so zu dergleichen Geschäfften können gezogen werden / weil es auch eben eine so gar schwere Sache nicht ist / seine Meynung in einem Dinge / daß einem wol bekannt / und darinnen man sich vor diesem schon geübt / zu sagen / und darüber seines Hertzens Befindung zu offenbahren. Aber das ist allezeit vor eine rare und solche Sache / die fast nicht zu finden / gehalten worden. Daß ein Fürst zu seinem Dienste einen Mann antreffen solte / der also wie es die Nothwendigkeit erfordert / in sonderbahren und den Fürsten in Geheim angehenden Sachen / rathe / seine Meynung glatt ohne Furcht / des Anstossens oder Ansehung der zu verliehrenden Gnade oder zuerhaltenen Belohnung eröfne / doch die Wohlständigkeit gegen den Fürsten dabey gehöriger Maßen in Acht nehme / und also den Zweck erreiche. Die Fürsten könten sich mit leichter Mühe von den Beschwehrligkeiten / die sie sowol andern machen / als selbst leiden müssen / loßmachen / wenn sie fleißig und viel mit den stummen Lehrmeistern und Rahtgebern / nemlich den Büchern / umbgiengen / und daß läsen / was Fürsten anstehet. Weil diese ohne Zweiffel nicht unterlassen werden / ihnen getreulich zu eröffnen / was ihnen zukommt / als die weder vor einiger Beleidigung sich fürchten / noch von dem Vortrage absteben dörffen. Welches mit diesem Sinnbilde der Bücher und der Beyschrifft: Ohne Gunst und Furcht / entworffen wird. Denn solche müssen der Fürsten Rathgeber seyn. ( 149 ) Wenn Eigen-Nutz und Gunst der Räthe Zungen bindt / Wenn offt des Fürsten Zorn was hindert vorzutra gen / So können solches ihm gelehrte Bücher sagen / Die ohne Gunst und Zorn die stummen Lehrer sind. Des S 3 ( 150 ) LXXV. Des Weisen Gemüthe. ES kan in keinem Dinge einer sich mehr klug und weise erweisen / als wenn er alles / wie es aufeinander kommet / sowol Glücke als Unglücke / mit gantz gleichem Gemüthe erträget / indem er sich von ihnen nicht überwinden lässet / sondern sie vielmehr mit Stille und Gleichmüthigkeit überwindet. Welches mit dem Sinnbilde eines Quadrat=Steines und Beyschrifft: Des Weisen Gemüthe / erwiesen wird / denn wie dieser Stein / man mag ihn hinkehren und werffen / wohin man will / allzeit auf seinen Fuß / so zu sagen / kommt und in einem Lager bleibet; Also muß auch ein weiser und tapferer Mann / es begegne ihme / was ihm wolle / in einem Stande fest und beständig seyn / daß ihn weder die Widerwärtigkeit noch Elende / von dem Stege der Tugend abwenden / noch der glückliche Fortgang allzuhoch erheben möge. . . . . 9( ) 1 Wie dieser Stein / so ist des Weisen Hertze / In Leid' und Freud' im Weinen und im Schertze / Er falle wie's der Himmel haben will, So liegt er stets in seinem Lager still. We ( 152 ) LXXVI. Weder das Oberste noch das Unterste. S ist eine so grosse Veränderung und Abwechselung der weltlichen Dinge / dazu der Trieb und die Geschwindigkeit der Zeit Ursache giebet / daß / ehe man abnehmen kan / ob eine Größe / Gewalt oder Herrschafft zu ihrem Gipffel kommen, solches alles plötzlich über einen Hauffen / und der Erde gleiche lieget. Derowegen pflegen alle Güter dieses Lebens billich einem Rade verglichen zu werden / welches stets umlaufft / also daß weder dessen Anfang noch Ende mag gemercket werden / auch weder was das Höchste noch daß Niedrigste / zuersehen / weil es durch die Hefftigkeit seines Lauffes / das Oberste mit dem Untersten vermenget / daß es mit keinem Sinn noch Verstande zubegreiffen. Wer Belieben träget, diese Veränderung vorzustellen / kan dieses Sinnbildes mit dem Rade und der Überschrifft: Weder das Oberste noch das Unterste, gebrauchen / denn die Warheit der Sache / und wie alle in dem Leben vorkommende Dinge von so gar geringer Wärung seyn / wird einen / der darauf Achtung giebt / gar leichte sich entdecken. ( 153 ) Es ist dis gantze Nichts / was Erd und Himmel tragen / So flüchtig als ein Rad umgeht: Wer kan mir nun gewiß / bey solchen Wechsel sagen; Was oben oder unten steht. Wer ( 154) LXXVII. Frembde Schande sol man schweigen. Er wohl bey sich bedencket / wie verdrießlich es ihme fället / wenn er sehen muß / daß seine Fehler und Irrthümer entdecket und allen bekannt gemacht werden / der wird gewiß niemahls Frembde bereden oder offenbahren / weil er erkennen wird / daß die Ungleichheit / mit welcher er frembde Sachen handelt / höchst ungerecht und dem Gesetze der Natur / welches wil / daß wir mit eben der Rechnung und Wageschaale anderer Handlungen abwägen sollen / mit welcher wir unsere wollen gewogen haben / zu wider. Welches mit dem Sinnbilde eines Hundes / der von einen Pfeile getroffen / und der Beyschrisst: Frembde Schande muß man schweigen / bemercket ist. Denn wie der Hund / so den Pfeil im Beine stecken hat / nicht ruhet / biß er ihn mit den Zähnen heraus ziehet / also kan ein Lästerer sich nicht enthalten / den frembden Fehler oder Irrthumb / den er nur gerochen / gleich zu entdecken und anzuzeigen. Denn so spricht Syrach / wie ein Pfeil in des Hundes Bein oder Fleische / also ist die Rede in der Brust des Narren. So bald ein Narr was hört / so treibt es ihn nicht anders / als die Frucht ein Weib / die in Gebuhrt arbeitet. ( 155 )55 Kein Unrecht kan so sehr der Menschen Hertzen beugen / Als / wenn ein falscher Freund / was sie versehn / entdeckt, Wer frembde Schande nun / ja eigne / nicht kan schweigen / Ist wie ein Hund / dem noch der Pfeil im Fleische steckt. Die U2 ( 156) LXXVIII. Die Uberwundnen / nicht die Uberwinder. Leichwie die Hoffart und Einbildung der Menschen groß ist / also wird schwerlich einer gefunden / der mit guter Art und Q S Anständigkeit dem andern weichen und den Vorzug lassen wolte. Unterdessen giebt es doch viele und offenbahre Vortheile / sowol in den Gütern des Glückes / als der Natur / da einer nothwendig den andern über sich erkennen und das Vorrecht ihme einräumen muß. Daß derowegen jemand sich selbst überwunden halte, und sein Urthel so weit unterwerffe, daß er glaube, was den Begriff aller natürlichen Vernunfft übersteiget / so ist von nöthen / daß ihn das übernatürliche Licht des Glaubens erleuchte / ohne welches solches nimmermehr geschehen kan. Welches uns das Sinnbild mit der Crone und Beyschrifft, Die Uberwundnen, nicht die Uberwinder / lehrt. Denn wie in dem menschlichen Kämpffen und Streiten die Sieger gekrönet werden / also wird hergegen in Göttlichen Dingen niemand gekrönet / als der / der als überwunden sich ergiebet / mit Gefangennehmung des Verstandes gehorsamet / und thut was ihn der lebendige wahre Glaube lehret. ( 157) 58 . Wer Völcker überwindt / besieget Meer und Erden: Der macht daß er allhier auch Palm und Cronen trägt, Des Himmels Crone kan hingegen dem nur werden, Der alles GOtt zu Fuß als Uberwundner legt. U 3 Ich ( 158) LXXIX. h verderbe durch Undanck. Asjenige Laster / so wir an andern am meisten hassen / ist die Undanckbarkeit / weil es doch einen jeden billich verdreust / N wenn er mercket / daß die Wohlthaten / die er einem erwiesen / mit Danckbahren Gemüthe nicht erkennet werden. Nichts destoweniger / wie sehr man auch die Undanckbaren schilt/ und wieder dieses allerhäßlichste Laster schreyet / so unterlassen doch die Meisten nicht / sich mit demselben zu beflecken. Daran nicht allein diejenigen schuld seyn / die / wenn sie Belohnungen und Wohlthaten empfangen / den schuldigen Danck nicht abstatten / sondern auch diejenigen / so Wohlthat erweisen / so ferne sie nicht eine besondere Art und Weise wissen / den Empfangenden zu verbinden / damit ihme die Wohlthat ersprießlich und angenehme seyn möge. Denn wer da giebt / was er geben muß / und es auch so sehr aufschiebet als er kan / gibt es auch nicht zu gelegener Zeit und läßt sich über dieses so viel bitten / daß es scheinet / er habe es mehr durch das ungestümme Anhalten überwunden / als aus freyen Willen gethan / der darff sich nicht verwundern / daß wenig mit danckbahren Gemüthe die erwiesene Wohlthat annehmen / sintemahl das vornehmste Stücke der Verbündlichkeit / die in des Wohlthäters geneigten Willen bestehet / ermangelt. Dem sey doch wie ihme wolle / so ist die Undanckbarkeit / das schändlichste und meist zufliehende Laster. Welches das Sinnbild mit einen verdorrten Baume und des grünen Epheu / auch den Worten / Jch sterbe durch Undanck / anzeiget. Denn wie der Baum mit recht über den Epheu / den er unterstützet / dem er Wachsthumb gegeben / der aber Schuld an seiner Verrottung ist / sich beklagen kan / also scheint auch derjenige / deme vor die erwiesene Wohlthat böser Danck erstattet wird / recht zu haben / wieder die Undanckbahren zu zu klagen. 5 ( 159 . Der ohne mich nicht füglich konte leben / Und dem ich Ruh in meiner Schooß gegeben / Der reißt mich umb und nimmt mir Safft und Krafft. So ist der Danck / den diese Welt verschafft. Was ( 160) 58 LXXX. Was bald wird muß auch bald sterben. Enn man erweget / von was kurtzer Währung seyn / und wie geschwinde sich endigen alle dieses Lebens so sehr verlangte Güter, nehmlich Schönheit, Stärcke, Macht, Grösse / Herrschafft, Regierung, geheime Zulassung und Vertrau ligkeit bey Fürsten / so wol auch alles was ein jeder am meisten wündschet / und dann diesen anbey füget / was alle übertrifft / die Betrachtung des Lebens selbsten: So erscheinet / daß dieses alles mit nichts besser könne verglichen werden, als mit einer Kürbis-Hütten, daran ein Kürbis in einer Nacht gewachsen / und in der andern verwelckt / und dahero dem Propheten Jonas Anlaß zu klagen gegeben / mit der Uberschrifft: Was bald wird / muß auch bald sterben. Welches / wenn wir es wohl erwegen / so haben wir keine rechte Ursache uns zu beklagen / wenn von obberührten Dingen uns etwas entgehet oder wegfaͤlt / weil unter keiner andern Bedingung / alle sterbliche Güter dieses Lebens uns verliehen sind. !) §§( 10 ) S [afbeelding] Schönheit / Ansehn / Uberfluß und der Wollust gantzes Reich / Lassen selten einen Erben: Sie sind ein geborgtes Gut und des Jonas Kürbse gleich; Was bald wird / muß auch bald sterben. Biß (162) LXXXI. Biß es vergont. Jn kluger und behertzter Mann / wann er mercket / daß ihme die Gelegenheit sein Vorhaben und Verlangen ins O Werck zu setzen / ermangelt / hält er etwas an / bleibt gleichsam in sich selbsten geruhig / und verbirget sein Absehen / biß die Zeit kommt / da er meynt er könne erhalten / was er vor hat / und indeme er der Zeit vorsichtig und klüglich gebrauchet / wird er endlich seines Wunsches gewähret / und erhält was er verlangt. Wer anzeigen will / er hoffe bessere Zeit / das / was er ihme vorgesetzt / ins Werck zu richten / kan sich dieses Sinnbild zu Nutze machen / darinnen vorgebildet wird / ein Vogel aus Neu=Spanien / den sie den Schläffer nennen / welcher vom Monat October an unter freyen Himmel auf einen Baume sitzt / und stets schläfft / auch in diesem Zustande bleibet / biß er bey eintretendem April und hervor blühenden Blumen / aufwachet; darzu die Worte geschrieben / Biß es vergönnt. Womit gelehret wird / wie dieser Vogel so lange zu schlaffen pflegt / biß die Bluhmen / davon er sich erhält und nehret / hervor kommen / also müsse man die Gelegenheit / das Bestimmte auszurichten / erwarten. ( ) 7 S N Nichts ist / was meine Ruh verstöhret / noch bewegt / Biß mich die Anmuth selbst des Jahres heisset sprechen / Bemühet euch doch nicht die Bluhmen abzubrechen / Biß sie die milde Zeit in eure Hände legt. Die X 2 ( 164 ) LXXXII. Die Natur hat vor Undanckbahren Abscheu. In Undanckbahrer Mensch / der / da er die empfangene Wohlthat zu vergelten verbunden / hergegen seinen Wohlthäter verfolget und übelhält / ist nicht allein GOTT und Menschen ein Abscheu / sondern auch die Natur selbst / siehet als beleidiget / einem solchen Übel nicht nach / sondern pfleget vielmehr Mittel zu geben / damit man sich daran rächen könne. Wie dieses in diesem Sinnbilde gewiesen wird / darinnen ein liegender Crocodil abgemahlet / dergleichen in West=Indien zu finden / und davon gesagt wird / daß sie an den Ufern der Flüsse mit aufgesperrten Rachen gleichsam schlaffende zu liegen pflegten / da dann ein Vögelchen / weiß von Farbe und etwas kleiner als eine Drossel / Trochlius genennet / ihm in den Rachen flöge / die zwischen den Zähnen und Zahnfleische des Crocodils hangenden Blattern abfrässe / und also seinen Rachen sauberte / welches den Crocodil sehr ergetzte. Doch an statt des Danckes / machte der Crocodil den Rachen zu, ihn zuverschlingen / der Trochlius hingegen sich zu erretten / hackte so lange mit dem Beinlein / so er auf dem Kopffe / statt des Kammes hätte / des Crocodils Schlund / biß derselbe den Rachen auffsperrte / und also diesen Vogel fliegen liesse / welches / sobald es ein Thierlein Ichneymon ersehen / lieffe es dem Crocodil in den Rachen / kröche in den Bauch / und zernagte sein Eingeweide / dabey geschrieben ist / Die Natur hat Abscheu vor Undanckbahren / denn diese fleissige und vorsichtige Mutter / giebt auch den kleinsten Thierlein / wider die größten Thiere / Waffen an die Hand. ⎪ 5)50 Weil der falsche Crocodil seinen Freund zu tödten tracht / Steht so bald ein kleines Thier wiederum nach seinen Leben / Solchen wohlverdienten Lohn pflegt Betrug und Haß zu geben / Undanck scheut selbst die Natur / Treue wird von ihr bewacht. * 3 Nicht ( 166 ) LXXXIII. Nicht ohne Feuer. Bgleich der Fürsten und grossen Herren Thaten an sich selbst N Nutzbar und nöthig / dennoch / so sie nicht mit der gebührenden Hitze und Hochhaltung der Tugend angefangen werden / dienen sie so wenig / als die Wercke ohne Liebe / welche diese alleine regieret / und ihnen Krafft und Nachdruck giebet. Dieses wird bekannt gemacht mit dem Sinnbilde / darinnen ein Altar / und Feuer zum Opffer angezündet, gesehen wird, weil nach der Meynung der Alten, kein Opffer ohne Feur, GOtt gefallen mag, welches auch die Beyschrifft / Nicht ohne Feuer / andeutet. Denn wie das Alterthum geglaubet / daß kein Opffer / so ohne Feur vollbracht würde / dem Göttlichen Wesen angenehme seyn könte / also sind auch die guten Wercke ohne Liebe / in Betrachtung der Ewigkeit nichts wertb / auch können der Fürsten Handlungen / wie es billich / nicht hochgehalten werden / so der Eifer der erforderten Tugend und Tapfferkeit daran fehlet. Denn dieser giebt denen Thaten sein Wesen und Macht / daß nicht allein die hohen Wercke und Verrichtungen der Helden gehörig geschätzet werden / und zu grossen Nutzen gereichen / sondern auch den Gemeinen ihr Werth gegeben wird / so ferne sie von einem herkommen / der durch seine Strengigkeit den Wahn der Tugend erhalten. ( 167) Kein gutes Werck ist etwas ohne Liebe / Die Thaten / die aus keiner Tugend Triebe Entsprießen / sind vor keinen großen Held: Wie ohne Feur kein Opffer GOTT gefällt. Grosse ( 168) 58 LXXXIV. Brosse schrecket auch ein Blat. Er kluge Fleiß der Natur hat seine Sachen in so gewisse Ordnung gesetzet / daß / ob sie wol einer Creatur mehr Gaben als der andern geben müßen / sie doch alles dergestalt gegeneinander verwechselt / daß wenn wir es wol ansehen / kein Ding so klein und geringe / welches nicht in etwas / auch das Größte übertreffe / auch nichts so schwach / daß nicht Grosse darauf sehen müssen / und Gefahr und Straffe auch von dem Geringsten zubefürchten hätten. Wie dieses in dem Sinnbilde mit dem Leuen / welcher das Feuer sehr fürchten und fliehen sol / und der Beyschrifft / Auch Grosse schreckt ein Blat / ausgedrucket wird. Daher die Lehre zu nehmen, gleich wie den Leuen, ein so starck und wildes Thier, vor dem die andern Thiere alle sich fürchten und fliehen / das Feuer / ob es ihme gleich nicht schaden kan / erschrecket und bestürtzt in die Flucht jaget; Also sey niemahls ein Mensch in diesem Leben von so grosser Gewalt und Hoheit gewesen, der nicht mit eignem Argwohn und Furcht getrieben worden / und der nicht nur dasjenige / was ihme in der That schaden könen / gefürchtet / sondern dem auch eine blosse Einbildung oder Geräusche / viel Angst eingejagt / und grosse Beschwerligkeit erreget. ( 169) . Es ist kein Ding so schlecht das oft nicht Wunder thut / So schwach / darinnen nicht was ohngewöhnlichs stecket / Der Lew / das stärckste Thier / fleucht vor der leichten Glut, Auch Grosse werden oft von einen Blat erschrecket. Die ( 170) 58 LXXXV. Die Erfinderin der Wahrheit. Bwol Etliche grosse Beschwehrligkeit und Elend wegen Bekennung und Vertheidigung der Wahrheit in diesem Leben ausgestanden / also daß sie dieses Unglück fast an Bettelstab und die letzte Stuffe des Untergangs gebracht. Dennoch sollen wir dieserwegen nicht einen Nagelbreit von der Wahrheit weichen / oder ihre Fahne verlassen / sondern vor gewiß halten / daß weder sie noch ihre Anhänger iemahls verderben, Ob auch gleich nicht weniger bekannt / daß ihr Feind / die Lügen / so mächtig seyn / daß sie solche bißweilen in die Flucht und gleichsam zu Winckel treiben / doch ist es um die Warheit nicht geschehn / weil sie einen besondern Freund hat an der Zeit, der ihr zu Hülffe kommt, die Falschheit entdecket / und die Wahrheit triumphirende ans Licht bringet. Welches durch dieses Sinnbild einer Schlangen / so den Schwantz im Munde hat / und ein Zeichen der Zeit ist / und der Beyschrifft / Die Erfinderin der Wahrheit / vorgestellet wird. 89 171 Must du Verdruß und Spott der Wahrheit halben haben / Begieb deswegen dich des edlen Kleinods nicht / Die Zeit bleibt stets ihr Freund / die auch / was längst begraben / Stellt wieder an den Tag und vor die Wahrheit ſpricht. Nicht D 2 ( 172 ) LXXXVI. Nicht zu erneuren. [B einer gleich mit dem größten Ruhme und Ehre / die mit seinem Widersacher gehabte Feindschafft und Streit ausgemachet / so soll er doch aus keiner einzigen Ursache solche wieder zu erneuren / sich begeben / zumahlen sie nach einmahl geschlossenen Frieden gehörig beygeleget. Er soll aber nicht allein keine Gelegenheit / zu neuen Beleidigungen und Verdrusse geben / sondern auch des alten Grolls nicht gedencken / ja auch das vergessen / was ihme / als Uberwinder / nach Wuntsche gelungen. Und dieses ists / was mit dem Sinnbilde gemeynet wird / darinnen ein SiegesZeichen vorgestellet / wodurch die Alten den Sieg bedeuteten / und der Beyschrifft / Nicht zu erneuren; Denn wie bey den Griechen nicht vor löblich gehalten ward / die Sieges-Zeichen zu erneuren / oder von Steine zu machen, oder von Ertzte aufzurichten, sondern vielmehr mit dem Raube der Waffen / so von dem Feinde mit Lobe aus der Schlacht gebracht / aufzuputzen / weil solches mit der Zeit verwesete / wie davon Plutarchus meldet / also muß man sich dahin bemühen / daß die Feindschafften endlich in Vergessenheit gestellet werden / ob sie gleich mit sonderbahrer Ehre und Nutzen gestillet worden. Denn das Gegentheil erwehlen / stehet weder einen Christlichen Gemüthe, noch einen mit Tugend und Tapfferkeit begabten Menschen an. ( 173) N Die Wohlthat grab in Stein und Eichen / In Sand und Spreu Beleidigung und Groll. Die Feindschafft und die Sieges=Zeichen / Sind Dinge / die man nicht verneuen soll. Y 3 Je kür ( 174 ) LXXXVII. Je kürtzer / je lichter. S ist gewiß und wird in dem ordentlichen Lauffe der Natur gewahr genommen / je größer der Streit und Kampff unter den natürlichen Dingen / je grössere Kräffte weiset ein jedes an seiner Seite zum Widerstande / je hefftiger ringet es die widrige Beschaffenheit zu überwältigen. Also je heisser die Lufft / je mehr entzündet sich das Feur / je hefftiger die Kälte über der Erde, je grösser wird die in den Höhlen und Brunnen unter der Erden gesammlete Hitze. Also sehen wir / daß ein Licht / je näher es zu seinen Ende kommt / je grösser Licht und Klarheit giebet / und so viel möglich trachtet / seinen Feind zuverzehren und zu überwinden / welches die Materie ist, so da verbrennet. Wer sich ermuntern wil, daß, je näher er am Ende seines Lebens / destomehr auch mit Tugendhafften Thaten sich hervor thun und leuchten wolle/kan dieses Sinnbild eines ausgehenden Lichtes und der Uberschrifft / Je kürtzer / je lichter / sich zu Nutze machen. Dessen Innhalt / daß je naher etwas seinen Ende / je mehr pflege es zu gläntzen. 2 175) Du bist / elender Mensch / nun näher bey den Grabe / Ach! schaffe / daß du auch dem Himmel näher seyst / Bedencke / daß ein Schwan sein Leben singend schleußt / Daß ein verleschend Licht die größte Flamme habe. Der ( 176) LXXXVIII. Der Wahrheit ist nichts zu schwer. O angenehm und lieb ist GOTT der Wahrheit (wessentwegen deren Nachfolger sich rühmen können) daß sie desto grösserer Ehre zu würdigen / er ihren Nahmen annehmen und sich die Wahrheit selbst nennen wollen. Dahero beschützt und vertheidiget er sie nicht allein in seiner H. Schrifft, sondern, so es von nöthen / läßt er gantz wunderbahre und über den gemeinen Lauff der Natur gehende Dinge ihr zu steuer geschehen. Welches zu Tarquinii, des Römischen Königs Zeiten / sol geschehen seyn. Da der Zeichen=Deuter Actius Nævius, mit einem Scheermesser einen Mühlstein entzwey geschnitten / die ausgeredte Wahrheit zubestätigen. Welches mit dem Sinnbilde des Mühlsteins und ScheerMessers / so ihn durchschneidet / und der Uberschrifft / Der Wahrheit ist nichts zu schwehr / entworffen wird. Welches ein der Wahrheit beflißener und geneigter Freund / so es ihn gut deucht / zu Nutze machen kan. . ) 2 Die Warheit so von GOtt der rechten Wahrheit kömmt / Und bey den Sterblichen nicht feste Wohnung nimt / Die sehe man nicht gar so unvermögend an / Als welche mehrenmahls schon Wunder hat gethan Se ( 178) LXXXIX. So nehren sich die Starcken. Apffere und strenge Leuthe wissen nicht allein im Glücke ihrer Tugend zu gebrauchen / sondern auch aus den größten ### Widerwärtigkeiten und Unglücke / sonderbahren Nutzen ☚ zu ziehen / indem sie dieselbe mit solchem Gemüthe und Verstande überstehen / daß sie sich durch die viele Handlungen eine Fertigkeit zu wege bringen / darinnen die Tugend bestehet. Welches / wenn es geschehen / so scheinen ihnen diese Beschwehrligkeiten so leichte und angenehm / daß / indeme sie sich in ihre Tugend gleichsam einwickeln / mit ihnen zugleich sich unterstützen und erhalten. Welches mit dem Sinnbilde des Strauses / so Eisen frißt / und der Beyschrifft: So nehren sich die Starcken / bemercket wird / zu lehren: Wie dieser Vogel mit einer solchen Wärme des Magens und Hefftigkeit der Geister begabet / daß er Stein und Eisen verzehren und sich damit nehren kan. Also müssen auch Tapffere und Großmüthige Leuthe vom Unglücke sich erhalten und daraus Vortheil ziehen / es sey so hart und herbe als es immer wolle. ( 179) Was sonsten andere / viel größre Thiere fliehn / Verdaut der hitz'ge Strauß den härtsten Stahl und Eiſen: Ein klug und tapffrer Mann pflegt gleichfalls zu erweisen: Daß er aus Ungeluͤck auch Lust und Nutz kan ziehn. 8˙2 Ich ( 180) XC. Ich warte biß es kommt. S pflegt die Hoffnung / daß das Unglücke nicht lange währen / und hergegen das so sehr verlangte Glücke und Ruhe bald kommen wird / denen Elenden ein grosser Trost zu seyn. Mit diesem guten Vertrauen werden die kleinen Gewölcke der Widerwertigkeiten desto leichter vertrieben und überstanden. Es kan dieses mit dem Sinnbilde der Heuschrecke / dabey die Worte geschrieben: Ich warte biß es kommt; Denn wie dieselbe nicht vorkommt noch sich rühret / ehe der Frühling herbey kommen. Also erwartet derjenige / dem es widrig gehet / biß der Winter mit den Stürmen und Ungewitter (welche Unglücke bedeuten) vorbey / der guten Hoffnung lebende / es werde bald die Frühlings=Zeit mit ihren Bluhmen und Früchten / (wodurch die Ruhe des Gemüthes und Erfüllung des Verlangens angezeiget wird) wiederkommen. ( 181)5 Was wilt du selber dich mit Sorg' und Gram verzehren / Vielleicht ist / was dich kränckt / des Unglücks Ziel / nicht weit. Des Winters Strenge kan nicht unaufhörlich waren / Erwarte mit Gedult der schönen Fruhlings Zeit. Die 3 3 ( 182) XCI. Die Inwendige die Lieblichste. Je Music ist denen Liebhabern eine sehr liebliche und vergnügte Sache / sie bestehet in übereinstimmung und gewisser Maaß der Stimmen und Thone. Und ob sie wohl aus widerwertigen und unterschiedenen Dingen / als da sind hohe und niedrige / weiche und harte / Thone bestehet / so unterlassen dieselben doch nicht / mit grosser Lust die Ohren zu erfüllen / so fern sie mit genauer Haltung der Maaß und Gleichheit eine liebliche Übereinstimmung verursachen. Im übrigen / wie angenehm und lieblich immermehr die äusserliche Music seyn kan / so ist doch die innerliche ohne Zweiffel weit vortrefflicher. Und diese bestehet darinnen / wenn man zu Wege bringt / daß unsre Regungen und Begierden / ob sie wol unter sich sehr widerwärtig / die von der Vernunfft vorgeschriebene Maaß und Gleichheit halten / weil dieses die wahre und eigentliche innerliche Zusammenstimmung und der Wohl=laut / der GOtt so angenehm / ja so lieblich und nützlich denen die ihn in sich befinden: Welches mit dem Sinnbilde der Laute / des Instruments / so mit dem Nahmen der Königin pranget / und der Uberschrifft / Die innerliche / die Lieblichste / bemercket wird. ( 183 ) 58 Der Lauten sanffter Klang / der Stimmen HimmelsWeisen / Vermögen nicht das Ohr mit solcher Lust zu speisen / Als ein vergnugter Mensch in seiner Brust empfindt / Wenn Will und Regungen wohl eingestimmet sind. Durch ( 184 ) 55 XCII. Durch Anfälle befestigt. S ist kein Zweiffel daß die Geübten zur Arbeit gleichsam gemachten / und der Leibes Übung gewohnten Menschen viel gesünder und stärcker seyn / als diejenigen / die in Wollust erzogen / im Müssiggange leben. So ist es auch mit unserm Gemüthe beschaffen / wenn es Arbeit und Elend auszustehen angewehnet ist. Welches mit dem Sinnbilde eines von den Winden bestürmten Baumes und der Uberschrifft / Durch Anfälle befestiger / gewiesen wird. Denn wie ein Baum / so an einem hohen Orthe stehet und von den Winden bestürmet wird / festere Wurtzeln fasset / und stärcker wird als diejenigen / die in Thälern und niedrigen Orthen aufwachsen / und wenig von den Sturm=Winden empfinden. Also wird ein Gemüthe / so durch Trübsal und Verdrießligkeiten geübet worden / viel stärcker und beständiger / allen Widerwärtigkeiten / sie seyn so groß als sie wollen / zu widerstehen und sie zu überwinden / als dasjenige / so solche zu ertragen und auszuhalten nicht gewohnet. ( 185) Ein ausgehärter Muth ist nicht gewohnt zu weichen / Dieweil der Wetterschlag ihn nur behertzter macht, Der starcken Winde Sturm befestigt hohe Eichen / Daß ihr gesetzter Stamm Gewalt und Fall verlacht. Aa Hof ( 186) XCIII. ffarth wird durch Demuth überwunden. Jn hochmüthiger und vermessener Mann / läßt sich einen andern nicht vorkommen / der eben so hochmüthig und stoltz / wie er. Diese Beyde streiten und fechten stets mit einander / in S dem jedweder einen Schwarm seiner Anhänger und seiner Rotte nach sich ziehet / und keiner dem andern in etwas zuvor geben wil. Das Einige / das sie überwinden und vonsammen bringen kan / ist was Niedriges und Demüthiges / welches ihnen nicht Platz läßt / daß sie sich mit ihren Rotten und Eifer höher schwingen / sondern indem es sich selbst erniedriget und zu ihren Füssen wirfft / und hinwiederumb ihre Füsse / gleichsam mit den Seinigen (ihre Härte zu erweichen) vermenget / wie die inständig bittenden zu thun pflegen; ihren Hochmuth verwickelt und zu nichte macht. Welches mit dem Sinnbilde des Elephanten und Lammes / und den beygeschriebenen Worte: Hochmuth wird durch Demuth überwunden / entworffen wird. Denn von den Elephanten schreiben die Naturkündiger / daß sie nichts mehr zähme und demüthige / als ein Lamb / davor sie auch fliehen. Wie von den Elephanten des Epirotischen Königs Pyrrhus erzehlet wird /denen die Römer / in dem mit ihme geführten Kriege / aus sonderbahrer Krieges=List Lämmer entgegen gesetzet / und auff diese Weise / sie in die Flucht bracht / das Treffen erhalten und den Sieg davon getragen. ( 187) . 1. S 1 . . Der harte Donnerkeil fällt nur auf harte Eichen, Kein aufgeblasner Mann wil einem Stoltzen weichen; Nur schlechte Demuth tritt den Hochmuth unterm Fuß / Gleich wie der Elephant vor Lämmern weichen muß. Aa 2 Lauf . ( 188) XCIV. Lauf mit Gewalt dem Hafen zu. Jn guter und erfahrner Schiffer / wenn er eine grosse Reise verrichtet / und über Verhoffen aufgehalten worden / im übrigen aber der gute Wind ihme noch Zeit und Platz lässet / daß er einen Hafen erreichen und sich dahin flüchten kan; läßt die Gelegenheit gantz nicht aus den Händen / sondern bemühet sich den Hafen zu erlangen. So aber der Wind / als halsstarrig / ihme je länger je weniger geneigt und vielmehr zuwider als behülfflich; ziehet er die Seile auf und suchet mit halben Seegel auf alle Weise den Wind zu gewinnen / und den Hafen dennoch zu erreichen. Dieses muß ein tapfferer und kluger Mann auch thun, daß wenn er mercket, daß er schon lange schiffet und noch nicht sehen kan, was vor einen Außgang seine Schiffarth haben werde / (unser Leben aber ist eine Schiffarth) die Gefahr und Ungewitter die in dem Meere dieser Welt und seinen Verrichtungen entstehen / zu meiden / er einen Hafen suche und darein lauffe / in welchen er mit Ruhe und Stille seine Reise beschließen könne / weil an diesem Ausgange am meisten gelegen. Wer aus dieser Erinnerung Nutzen ziehen will, eigne sich dieses Sinnbild eines Schiffes / das glücklich in den Hafen laufft / mit dem Spruch des Horatii: Laufft mit Gewalt den Hafen zu: Denn dieses Verrichten ist ein Zeichen und Probe der höchsten Klugheit und Tapfferkeit. ( 189 )5 Bestürmt dein Schifflein stets des Meeres Well und Wind, So / daß es nirgend sein verlangtes Ufer findt; So gib nach langer Fahrt dich endlich zu der Ruh / Und eile mit Gewalt dem nähsten Hafen zu. Aa 3 Was ( 190) XCV. Was hoch ist / fällt desto höher. S ist allen Sterblichen gemein und gebräuchlich / dahin sich bemühen und sorgen / wie sie zu den höchsten Stande gelanG E gen mögen. Zu welchem ihr Verlangen sie führet und verleitet / daß sie nirgend als hierinnen ruhen können / und daselbst das höchste Gut zu finden vermeynen. Weil aber die menschlichen Verlangen und Wünsche meistentheils so eitel und leichte sind / so geschiehet selten / daß sie desselben habhafft werden. Und gesetzt / daß einer diesen Gipfel erreicht / wie leichte kan er davon herunter gestürzt werden / denn je grösser der Stand / ie grössere Gefahr pflegt daher zu entstehen. Welches mit dem Sinnbilde eines Thurmes / den das Wetter trifft / und des Horatii Verschen / Was hoch ist / fällt desto höher / dabey bemercket wird. Ist derowegen sicherer und Nutzbarer / daß ein jeder mit seinem Stande vergnügt / darinnen / wo er gebohren / verbleibet / weil einen solchen jedermann loben wird als einen der seine Pflicht wol verstehet er aber wird sein Leben in gewisserer Ruhe und mit mehrer Wollust zubringen. dann in Wett, wenn man sich nach . . . . . 1 8 1 M Der Thürme hohes Haupt ist Nachbar von den Blitzen / Und wer nach Cronen ringt bleibt offt im Staube sitzen / Man wünsche nicht zu sehr der Hoheit Uberfluß / Weil diß / was allzuhoch steigt / auch hoch fallen muß. Hüte ( 192) 58 XCVI. Hüte dich auch vor den Geringsten. Icht allein grosse Dinge pflegen den angetretenen und vorgesetzten Weg zu verhindern und zu verwirren / sondern bißD weilen auch die allergeringsten Hindernüsse halten die angefangne Reise mercklich auf. Denn weil man sie nicht so bald mercket / so verwickeln und verhindern sie den destomehr / der doch meynet / daß er nach allem Wunsche seine Reise hinlege. Ein gleiches wiederfährt auch denen / die den Weg der Tugend gehen / daß / ob sie sich wol fleißig hüten / in grosse Sünden zu fallen / doch einige Fehler / die ihnen geringe scheinen / und vor denen sie sich am wenigsten vorsehen / sie im Lauffe aufhalten / und nicht zulassen / daß sie fortkommen und zu der begehrten Staffel der Vollkommenheit gelangen können. Dieses wird mit dem Sinnbilde eines Schiffes vorgestellt / an dessen Fordertheil sich ein Fisch / Remora oder Echeneis genannt / angesetzet / dabey die Worte: Hüte dich auch vor den Geringsten. Denn es sind geringe Sachen / die uns in der vorhabenden Reise aufhalten und verhindern / wie von diesem kleinen Fische gemeldet wird / daß er durch seine verborgene Krafft auch das größte Schiff / ob es gleich mit vollem Seegel und guten Winde lieffe / einhalten und beklemmen könne. 0 )58 Nicht Wind und Klippe hält nur grosse Schiffe auf, Auch ein geringer Fisch beklemmet ihren Lauff, Wer in der Tugend nicht Verhinderung wil leiden, Muß auch mit allem Fleiß die kleinsten Fehler meiden. Bb Nichts ( 194) XCVII. Nichts anders bleibt übrig. Je Welt verachten / und alles darinne geringe schätzen / lehren uns nicht allein die heilige / sondern auch weltliche Schrifften. Und so wir die Sache ohne Partheyligkeit ansehen / so ist dasjenige / was der weltlichen Dinge Verachtung uns am meisten einredet und lehret / die Welt selbsten. Man betrachte genau / den Preiß und Lohn / so sie denjenigen giebet / die sich ihr am meisten ergeben / die auf sie ihr Vertrauen setzen / die sie am meisten erhebet und großmachet. Denn ob sie gleich etlichen in diesem Leben die größten Reiche und Herrschafften verleihet / indeme sie dieselben zu Monarchen / über den größten Theil der Erden / und daß man ihren Nahmen verehret / ja von Aufgange biß zum Niedergange ihnen Gehorsam leistet / machet; so läßt sie doch zu letzte / von aller dieser Grösse ihnen nicht mehr Erde / als da sie gedrange im traurigen Grabe liegen können. Und was sie allein von allen Schätzen und Reichthümern mit sich nehmen / ist der so geringe Vorrath / und das schlechte Leichen-Tuch. Weil dieses wolverstanden / der glücklich und tapffere König der Egyptier / Saladinus, dem in seinem Leben alles nach Wunsch ergangen / hat er auf dem Todbette befohlen / daß bey seinem Begräbnisse ein Sterbeküttel auf einen langen Spieß gestecket / und von deme so ihn trüge / ausgeruffen werden solte / dieses eintzige wäre von einem so grossen Reiche und denen Reichthümern / die er besessen / übrig geblieben. Welches mit diesem Sinnbilde und der Beyschrifft, Nichts sonsten bleibet übrig / vorgestellet wird. ( 195 ) Carthagens Uberrest ist nichts als Sand und Staub / Die Pracht Versaillens wird künfftger Zeiten Raub / Was hilfft der Erden=Schatz? was helffen ihre Tittel? Von aller Herrligkeit bleibt nur der Sterbeküttel. VerBb 2 ( 196) XCVIII. Verachtung der Menschlichen Dinge. B wir wol billich denjenigen / so die Verachtung der Weltlichen Dinge uns einreden und rathen / darum glauben / weil sie dieses selbst ins Werck gerichtet / die Welt verachtet / alle ihre grosse Thaten geringe geschätzet / und freywillig und aus eignem Willen / deren Wollüsten / so die Welt giebet / sich beraubet; dennoch bin ich der Meynung / daß uns nicht weniger dererjenigen Beyspiele bewegen können / die / nachdeme sie sich in allen Lüsten und Ergötzlichkeiten der Welt vertieffet / uns hernach den Betrug entdekken und versichern / das alles Eitel ist. Welches das Sinnbild mit dem Grab=Mahle des Sardanapals / darauf sein Bild / so die Hand aufhebet / und mit einem Knipgen (nach dem Athenaeo) anzeiget / daß er alles nicht so viel achte / und der Beyschrifft / Die Verachtung Menschlicher Dinge, vorstellet, nehmlich ein solches Grab-Mahl verdiente das so Lasterhaffte Leben des Sardanapals / bezeugende / daß alles / was in dieser Welt so hochgehalten wird / nicht eines Knipgens werth sey / weil man daraus sehen kan / was auch Sardanapal / nachdem er mit aller Wollust der Welt sich genungsam gesätigt / davon gehalten. ( 197) Hic Facet Sarilana Wer Hoheit / Geld und Lust als seine Götzen ehrt / Der Erden Eitelkeit wil über alles achten: Der kan Sardanapals Begräbnis wol betrachten / Hier steht: Die gantze Welt ist selbst nicht so viel werth. Bb 3 Es ( 198) XCIX Es ist ein grosses / Schweigen. Chweigen ist eine grosse Tugend / sonsten da die Rede so nützlich und nothwendig den Menschen ist / als mit welcher sie sich von den Thieren unterscheiden und denselben vorgehen / könte es scheinen / ie mehr einer redte / ie vernünfftiger wäre er. Aber es ist nicht also und vielmehr das Widerspiel / weil die Menschen in keinen Dinge weniger das Regiment der Vernunfft blicken lassen / als in vielen und überflüßigen Reden. Und ob gleich die Wohlredenheit viel Mühe kostet / so ist doch ohne Zweiffel noch viel schwerer / die Kunst zu schweigen. Welches das Sinnbild des Tantalus vorbildet / dem zum Lohne der Schwätzerey die Straffe aufgeleget worden, daß er biß an den Mund in Wasser stehen / und solches doch nicht kosten / auch die nechst über ihm hangende Früchte nicht erreichen solte / dabey aus dem Martial geschrieben: Es ist ein grosses / schweigen. Sintemahl offt geschicht / daß / der am meisten plaudert / dasjenige Gute verliehret, daß aller Meynung nach, ihme so nahe war, als dem Tantalus die Früchte und das Wasser, welche Fabel, als bekannt / wir nicht weiter anführen wollen. ) ( 19 S Wie hoch Beredsamkeit mit ihrer Kunst mag steigen / So geht ihr doch noch weit zuvor die Kunst zu schweigen; Das Reden offt mehr Noth als Nutzen hat gebracht / Wird durch des Tantalus Bestraffung kund gemacht. Geden ( 200 ) C. Gedencke / daß du ein Mensch bist. S ist kein Ding einem Christen=Menschen nöthig= und nützlicher / als die Selbst-Erkäntnis. Denn wenn er sich kenO net / wird er nicht stoltz seyn / weil er siehet / daß er Staub und Asche. Er wird nicht hochachten / was in der Welt ist / weil er mercket / daß er solches aufs schleunigste verlassen muß. Dieses sich allezeit vor Augen stellen, ist das beste Mittel wider die Unachtsamkeit und Nachlässigkeit in seiner Pflicht / und wer es in Acht nimmt / wird sein Leben geruhig durchbringen / erkennende / daß er das zustossende Elend verdienet / und derowegen mit Gedult tragen müsse / auch wird ihn das Glücke nicht zu sehr erheben / weil er bekennen muß / daß es ihme ohne sein Verdienst zukomme. Diese Erkäntniß haben die Alten / ob sie gleich des wahren Glaubens gemangelt / zu Erhaltung der Tugend so nöthig gehalten / daß von dem grossen Philippo / Könige in Macedonien / erzehlet wird / nachdeme er in der Schlacht bey Cheromea die Athenienser überwunden / habe er seinen Dienern / damit er sich dieses Ruhmes nicht zu sehr überhübe / befohlen / daß sie alle Morgen/ wann sie ihn aufweckten / vor allen Dingen ihme diese Worte vorhalten sollten: Stehe auf König / und gedencke daß du ein Mensch bist. Gewißlich eine merckwürdige Sache. Und das ists / was mit diesem letzten Sinnbilde und der beygeschriebenen Erinnerung: Gedencke / daß du ein Mensch biſt / entworffen wird. ( 95 . J.C. Schott Sieh diese Wahlstatt erst und denn dich selber an / Ob man hier Cron und Thon auch unterscheiden kan? Wie hoch und reich dein Stand / wie schön dein Antlitz ist / So dencke / daß du doch ein Mensch und sterblich bist. G. A. D. E. No 124 V Ihr *