ULB Düsseldorf „Die Kommissionen wird nicht ausge44080 530 01 □ III Hasenclever' nen trati zur iade. 1 8637 Von A. Fahne. Zweite Auflage. Zonn und Cöln 1852, bei J. M. Heberle. (Heinrich Lempertz.) 1 . W. 96, a ma Gülle ⛪ OT ⚨ 20 Düsseldorf, Buchdruckerei von H Voß. 30 rw ort. Nachstehende Erläuterungen zu den Hasenclever'schen Illuſtrationen zur Jobſiade ſchrieb ich im Jahre 1844 auf Veranlassung der Verlagshandlung von J. Buddeus, als diese die ersten 3 Blätter der Illustrationen herausgab. Es sollte Gegenwärtiges ihnen, wie bei der Subscription versprochen war, zur Erläuterung dienen, aber erst mit dem Schluß der sämmtlichen Illustrationen herausgegeben werden. Dieser Schluß erfolgte nicht, die Zeiten traten hindernd entgegen. Gegenwärtig, wo das Hauptbild Hasenclever's, welches sich jetzt in Newyork im Besitz des Consul Boekers befindet, durch Janssen in einer Größe gestochen ist, wie es wenige Verlagshandlung gegenPlatten gibt, und durch die wärtiger Schrift in wenigen Wochen dem Publikum übergeben werden soll, hat es mir nicht unpassend — zu vergeschienen, nachstehendes — als Fragment öffentlichen. Schloß Oberhausen, den 23. August 1850. Fahne. the . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ... ... . . . . Einleitun Es ist eine seltsame Sache um den Humor, ich möchte sagen, es geht mit ihm, wie mit jener merkwürdigen und kostbaren Blume, welche alle hundert Jahre nicht länger als einige Stunden blüht, und zwar nur Nachts, also zu einer Zeit, wo für die Würdigung und Pracht das volle Licht fehlt. Wie sie, hat auch der Humor eine äußerst flüchtige Natur, und ist deßhalb schwierig aufzufassen und darzustellen. Was aber noch schlimmer ist, er hat äußere Wiedersacher, welche ebenso zahlreich, mächtig und schwer besieglich sind, wie die Mißverhältnisse des Lebens. Sie sind die Nacht, in welcher er zur Welt kommt, die deshalb für ihn oft eine ewige ist. Wo aber die Blume zum Lichte erblüht, da entfalten sich Blumenkelche von unendlicher Pracht und Schönheit, da athmen die Lüfte Wohlgerüche, und Balsam fließt von seltener Würze und unbeschreiblicher Kraft. Es gibt in der Literatur der sogenannten humoristischen Schriften ziemlich viele. Indessen vielen davon, wenn auch nicht ohne Witz und gewisse Poesie, fehlt die Besonnenheit. Sie sind nur in sofern humoristisch, als den Verfassern darin, ohne daß sie es wollen und merken, die Phantasie ins Blaue durchgeht. Sie zu lesen ist unerquicklich, nur Kraft tödtend statt Kraft erregend. Es ist darin von jener Wunderblume der Nacht kein Duft zu finden. Auch manchen besseren komischen Schriften, in denen die Verfasser nicht so leichtfertig ihren Pegasus tummeln, pflegt es an diesem oder jenem zu fehlen; oft ist es die Tiefe, oft die rechte Gemüthlichkeit, Wohlwollenheit, Ruhe, am häufigsten die richtige Lebensanschauung. Sie sind meistens von den Ansichten Schwächen und Vorurtheilen der Zeit getragen, vergreifen sich selbst am Ehrwürdigen, kurz glänzen bei faulem Kern nur äußerlich. Solche Schriften, weil sie besonders kitzeln, werden in der Regel so wie sie auftauchen, verschlungen, — im Grunde aber gleitet man bei ihnen nur ganz leicht und ohne es zu wissen die Seiten hinunter und fühlt sich am Ende in dem Maaße unbehaglich und unerquickt, je weniger man nach den glänzenden Ueberraschungen in dem Fortgange der Darstellung darauf gefaßt sein konnte. Auch diesen hat sich die Blume der Nacht noch nicht im vollen Lichte gezeigt. Der ächte Humorist, und deren gibt es sehr wenige, gesellt zum Witz die Fülle der Anschauung mit Geschmack und Feinheit. Seine Laune, selbst wenn sie von den Flügeln der überschwänglichsten Phantasie getragen scheint, steht fest als das besonnene Product des Verstandes. Ihm liegen die Seiten des Lebens bis zur tiefsten Tiefe klar vor Augen, und in dieser Stellung weiß er dem unscheinbarsten Dinge sein Wesen abzugewinnen. Er zeichnet die zartesten Nüancen und feinsten Beziehungen, er paart die Zustände auf die überraschendste Weise und bringt das Leben in ganz neue Beziehungen und zu einer neuen Anschauung. Er ist schnelldenkend, überall spielend und doch mit dem Innersten der Zeiten und Zuständen vertraut. Naiv wie das Kind, kühn und trotzig wie der Jüngling, überlegend wie der Mann und gutmüthig wie das Alter, so steht er den Thorheiten seiner Mitwelt nahe, aber parteilos über ihnen durch diejenige Divinations=Gabe, welche, ein Problem der Philosophie, ihn wie ein ahnendes Gefühl durchweht, und untrüglich das Rechte und das Schöne lehrt, Er ist kein Spielball der Leidenschaften, er ist bei dem Gewöhnlichen groß, bei dem Erhabenen nie verletzend. Seine Schöpfungen sind nie ermattend, sie sind erregend und daher stets interessant. Zu diesen Humoristen gehört auch unser Kortum, für dessen Buch „die Jobstade“ die Illustrationen vor uns liegen; und als solcher ist er eine merkwürdige und beachtenswerthe Erscheinung. Sein Buch ist eine Schule, die uns zwar, wie Kant sagt, nicht witzig machen, aber wohl witzigen kann. Es ist eine harmlos lächelnde Größe, eine parteilos kämpfende Geißel, ein Buch, welches selbst den Narren nicht abstößt, wenn auch der größte Narr darin abgebildet steht. Kortum stammt aus einer sehr alten, adlichen Familie, welche früher in Friesland, in Mellum und Kortum am Dollart, ihre Sitze hatte, von dort, durch die Ueberschwemmungen und Unterspülungen der See, um ihre Besitzungen gebracht, verarmt anderweitige Wohnsitze suchen mußte, und zu einem Theil nach Mecklenburg und zu einem andern nach Westphalen auswanderte. Unser Kortum, aus der zuletzt genannten Linie entsprossen, wurde am 5. Juli 1745, also zu einer Zeit, wo der östreichische Erbfolgekrieg begann, der für das bergische Land im. Allgemeinen und für Kortums Vaterstadt besonders verheerend und verderblich war, zu Mülheim an der Ruhr, im Herzogthum Berg, geboren. Er studirte zu Duisburg die Arzneikunde, und genoß dort die besondere Freundschaft des bekannten Dichters Johann Phillipp Lorenz Witthof, der zu Duisburg die Professur für Beredsamkeit und griechische Sprache bekleidete und sich durch seine inhaltreichen Lehrgedichte einen ehrenvollen Namen in der deutschen Literatur erworben hat. Dieser Umgang war vielleicht die einzige unmittelbare Aufmunterung, welche Kortum zu Theil wurde. Im Jahre 1767 erhielt Kortum den Doctor=Grad und verließ noch im selbigen Jahre die Universität, um die practische Laufbahn zu beginnen. Er ließ sich zuerst in seiner Vaterstadt als Arzt nieder, zog aber 1771 nach Bochum, wo er bis zu seinem Tode (15 Aug. 1824) der Ausübung der Arzneikunst und den Wissenschaften lebte. Er verfaßte mehrere Werke, welche ebenso sehr den denkenden Arzt als den gemeinnützigen Mann verrathen. So erschienen von ihm: Geschichte der Arzneikunde von ihrem Ursprunge bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts; (Unna 1809. zweite Auflage 1819.) Der Bienen=Kalender (Wesel 1776) Grundsätze der Bienenzucht (Wesel 1776) und verschiedenes über antiquarische Gegenstände. Diese und mehrere andere wissenschaftliche Werke gaben ihm Ruf, aber mehr noch als sie, haben ihn seine humoristischen Schriften hochgestellt. Dahin gehören: die Magische Laterne (4 Hefte Wesel 1784—1786) Adams Hochzeitfeier (Wesel 1788) und vor Allem die „Jobsiade oder Leben, Meinungen und Thaten von Hieronimus Jobs dem Kandidaten 2c., ein grotesk komisches Heldengedicht in Knittelversen (Münster 1784 jetzt fünfte Auflage 1839), welche er sämmtlich ohne sich zu nennen, herausgab. Kortum war ein sehr fein fühlender, äußerst gemüthlicher und mit geselligen Tugenden reich begabter Mann. Sein Herz war Allen geöffnet, sein Wort jedem ein Trost, dabei hatte er ein sehr lebendiges Gefühl für Recht und Gerechtigkeit und eine stets thätige Moral. Während diese letztere ihm den seltenen und überall ausdauernden Muth gaben, das mittelbar und unmittelbar Schädliche zu bekämpfen und zu züchtigen, traf sein Herz immer den richtigen Ton, sein Gefühl den richtigen Zeitpunkt. Alle Lebensverhälnisse standen ihm gleich nahe. Er zeichnete ebenso treffend und mühelos den Gelehrten wie den Stümper, den feinen Mann wie den Bauer, den Hof wie den Pöbel und nahm sie alle mit derselben gemüthlichen Laune unter das Objectivglas. Und wo seine Worte straften, da waren sie doch Worte der Ermunterung, sie kamen aus Wohlwollen und schafften Wohlwollen; ja es gewann sich Kortum, und dies ist gewiß interessant zu wissen, selbst in dem Gestraften häufig einen Freund. Wahrlich schöner aber auch seltner kann man sich die Stellung des Satyrikers nicht denken. Durfte man bei ihm auch sagen: facit indignatio versum, so mußte man doch dabei seiner Thätigkeit die Wirkung beilegen, welche Horaz bescheiden das dulce lenimen nennt. Und solch eine lindernde Arznei ist Kortum's Jobsiade einem großen Theile seiner deutschen Mitwelt geworden, und dies auf eine so bescheidene Weise, daß manche Patienten sich der Wirkungen erfreuen, ohne daß sie sich des Einnehmens der Arznei selbst bewußt geworden sind. Die Größe eines Mannes ist oft durch allerlei kleine und locale Umstände bedingt. Ich möchte dieses auch auf Kortum mit dem besondern Zusatze anwenden, daß ihm grade dasjenige nützlich wurde, was andere zu beeinträchtigen pflegt. Kortum lebte nämlich nie in großen Städten und auch stets so fern von ihnen, daß ihre Einflüsse ihn nicht trafen. Bochum, wo er den größten Theil seines Lebens zubrachte, war eine kleine Stadt von ungefähr 2000 Einwohner in der Grafschaft Mark, dem Königreich Preußen angehörig. Es ist dieser Ort zwar in der ältern Litterairgeschichte nicht unbekannt, aber in jener Zeit hatte er auch nicht einen litterairisch bewährten Mann in seinen Mauern. Kortums Umgebung war nicht anders als ein thätiges, besonnenes Ackervolk, welches, den ihm überlieferten Grundsätzen und Sitten treu damals unter dem Scepter Friedrichs II. stand, und von diesem höchst freisinnig in hergebrachter Weise regiert wurde. Aber diese Umgebung war durchaus nicht ungebildet, dabei offen, gemüthlich und bieder; es war eine Umgebung ganz dem Charakter unseres Dichters angemessen. Dieser stand in ihr fern von den falschen Reizen und Beziehungen des Lebens, er durfte die Misverhältnisse, wo er sie traf offen belachen, jedem Stande, jeder Würde ihre Unziemlichkeiten vorhalten, die eiteln Beziehungen des Lebens überall aufweisen, überhaupt sich ganz gehen lassen. Er stand in seiner Umgebung vollkommen, wie innerlich auch äußerlich frei, und besaß also, wie Jean Paul in der Vorschule der Aesthetik, Band II. Seite 329 richtig bemerkt, dasjenige, was den meisten Deutschen fehlt, was aber ein jeder haben muß, um witzig zu sein; und brauchte nicht, wie Liskow beklagen, daß er unter Männern lebe, die jeden Kritiker einen Pasquillanten nennen, und jeden Scherz bei der Obrigkeit verklagen. So unser Dichter; und das Jahrhundert, welches zu ihm hintrat, und welches seine Feder gezeichnet hat? Es war ein Uebergangs = Jahrhundert. In dasselbe fällt der Kampf des Breiten und Abgemessenen mit dem auf die Spitze Getriebenen und Maaslosen, des zur guten Sitte gewordenen Schlendrians mit den unbewährten, schrankenlosen Theorieen, in dasselbe fällt die hohle Vornehmthuerei und das plumpe Pöbelwalten, das trockene steife Spießbürgerthum und der ungestüme Freiheitshalloh, die zum System erhobene Freigeisterei und der krankhaft schwärmende Tiefsinn mit sodomitischen Auswüchsen, die jesuitischen Kämpfe mit dem Jesuitismus, die Befestigung der Vorurtheile durch abstracte Meinung, unbeschränkte Herrschaft des Secten= und Partei=Geistes, religiöse Wortgleisnerei und philosophische GeistesKnechtschaft, Nachäffung des Fremden und dünkelhaftes Großthun mit dem Nationalen, der leere Enthusiasmus ohne Begriff von Schönheit und Größe, endlich die Erfindung des weltlichen Anathemas, der Flugschriften, der Flug=Dressur und der Mode=Industrie; in ihm wirkte aber auch gediegene Gelehrsamkeit, gründliches Forschen und eiserner Fleiß gepaart mit überwiegender Genialität, welche für Deutschland eine großartige Zukunft zu erzielen suchten. Das ist die Welt, durch die sich Kortums Feder hindurch bewegt und die er in wesentlichen Punkten so geschildert hat. Hasenclever hat diese Schilderungen durch seine Darstellungen commentirt. Sie haben in der Künstlerwelt ein nicht geringes Aufsehen erreicht und müssen den Schöpfer derselben, jetzt, wo sie durch die Hand des wackern Kupferstechers Janssen in gelungenen Stichen eine verdiente größere Oeffentlichkeit gewinnen. überall als einen der ersten Humoristen einführen, worauf er sich indessen auch durch andere Compositionen und schriftstellerische Leistungen ein Recht erworben hat. Zur nähern Begründung glaube ich hier die Lebensgeschichte unseres Künstlers schuldig zu sein, und lasse deshalb dasjenige folgen, was Lewald in seiner Europa über ihn mitgetheilt hat, nicht weil es das Beste ist, sondern weil soweit mir bekannt, noch nichts vollständigeres über ihn veröffentlicht wurde. „J. P. Hasenclever wurde geboren im Jahre 1810 den 18. Mai in der kleinen Stadt Remscheid, im Regierungs=Bezirke Düsseldorf, von nicht armen, doch auch nicht besonders bemittelten Eltern. Sein Vater ist Fabrikant. Seine Eltern verwandten auf seine Erziehung so viel als es ihnen nur immer möglich war. Er wurde zwar frühzeitig in die Schule geschickt, allein er konnte doch nur so viel lernen, als seine Lehrer selbst wußten. Bei vieler Quälerei und bei so schlechten Mitteln wurde ihm dieses Lernen lästig. Aber seine Eltern hatten sich in den Kopf gesetzt, er solle studiren, und er war es zufrieden, da das Leben in den dortigen Fabriken ihm unausstehlich erschien. Er erledigte sich seiner Aufgaben, ohne viel dabei zu denken und so rasch wie möglich, um in der Muße Kupferstiche nachzuzeichnen und zu koloriren zu seiner und aller Remscheider Verwunderung. Im achtzehnten Jahre wurde er nach Düsseldorf geschickt, um das Gymnasium zu besuchen, aber der Director desselben, der in den ihm vorgelegten Zeichnungen des jungen Menschen Talent zu erblicken glaubte, wies ihn an die Düsseldorfer Akademie und es 10 wurde beschlossen, er solle sich dem Baufache widmen. Er kam nun in die Bau= und Elementarklasse der Akademie, dann nach einem halben Jahr in den Antikensaal und bei ziemlichen Fleiße zeichnete er bald den jungen Apoll lebensgroß zur Zufriedenheit des Direktors Schadow, welcher ihn aufmunterte und ihm Hoffnung machte: er solle in kurzer Zeit ein Bild unter seiner Leitung malen. Von da ab, da ihm das freie Handzeichnen mehr Vergnügen machte als das Zeichnen mit Zirkel und Lineal, sah ihn der Professor der Architektur nicht wieder in seiner Klasse, und bald fing der junge Hasenclever an in Oel zu kopiren und nach der Natur zu malen. Jetzt kam nach seinem eigenen Geständnisse die unglücklichste Periode seines Lebens. Es ging mit dem Malen nicht vorwärts, er verlor die Lust an den Köpfen, die er malte, und sein Eifer fing an zu erlöschen. Da fing er an zu komponiren, biblische, mythologische und Genregegenstände. Diese seltsamen Kompositionen waren zwar als solche ohne besonderen Belang, doch zeigten einige schon unverkennbares Talent, wie z. B. Christus vom Satan versucht, Faust auf dem Blocksberge oder der Räuber Moor u. s. w. — Das erste Bildchen, welches er malte, war ein blinder Violinspieler mit einem Buben, und so mißlungen, daß Schadow, den er fragte, ob das Bild zur Ausstellung nach Berlin wandern dürfe, fast im Zorn sagte, er solle sich die Mühe sparen, und überhaupt ablassen vom Malen. Dieser Ausspruch stürzte ihn in eine verzweiflungsvolle Stimmung, allein er war dennoch sein Glück und der Anfang seines spätern eifrigern Studiums. — Die Eltern jammerten, als sie erfuhren, ihr Sohn sei der Baukunst davon gelaufen; sie ertheilten ihren gut gemeinten Rath, vom Malen abzulassen, allein fruchtlos. Zurück mochte und konnte er nicht mehr, und er fühlte die Nothwendigkeit, sich auf's Aeußerste anzustrengen. Er malte in Remscheid mehrere Bildnisse, bei denen jedoch die, welche ihm saßen, nicht weniger schwitzten, als er selbst. Hierauf ging er wieder nach Düsseldorf, noch einmal die Probe mit einem zweiten Genrebildchen (eine Betschwester vorstellend) zu versuchen. Hier erlebte er die Freude, daß es zu den bessern Bildern gezählt wurde, der Kunstverein kaufte es für vierzig Thaler. Sein drittes, die Politiker im Jahre 1834 hielt man sogar für recht schön; er malte nunmehr noch andere Politiker, Kinder am Feuer, das Atelier 1836 und Anderes mehr und Schadow fing an, ihn bei vielen Gelegenheiten als ein Talent zu erwähnen. Er verkaufte von da ab alle seine Bilder, und seinem Vater machte es nun Freude, den Leuten zu erzählen, wie er auf die vernünftige Idee gekommen war, ihn Malerei studiren zu lassen. — Schadow gab in so fern ihm die Richtung, 11 als er ihm rieth, sein wahres Talent erkennend, sich fortan bloß im Humoristischen zu bewegen. Er kam auf den Hieronymus Jobs, und malte dessen Rückkunft von der Universität. Das Bild gefiel sehr, und er malte nun Mehreres aus der Jobsiade. Um diese Zeit, 1838, verließ er Düsseldorf und verlebte ein Paar Jahre in München. Seine Bilder gefielen von jetzt fortwährend und zwei in der königlichen Gallerie zu Schleisheim bei München, (zwei Schmollende und das Examen Jobsens, beides kleinere Bilder), ziehen noch immer die Aufmerksamkeit an. — Im Jahre 1839 starb der Bruder des bekannten Blumenmalers I. W. Preyer, seitdem wohnte er beständig bei Letzterem. Dieses Zusammenleben mag einen nicht geringen Einfluß auf beide Maler gehabt haben. Neben der äußersten Durchführung und Vollendung der Preyerischen Blumen und Frühstücke, und bei deren großer Naturwahrheit sahen die Bilder Hasenclever's wie unvollendet, roh und vernachläßigt aus, er gewöhnte sich nun, durch's Preyers Beispiel angeregt, an Akuratesse, an umständlichere Ausführung und wurde gewissenhafter. 1840 im Herbst machte er und Preyer eine Reise nach Oberitalien und an den Rhein zurück mit dem Vorsatze, sobald wie möglich eine Reise durch ganz Italien zu unternehmen. In Düsseldorf zeichnete er außer Anderm das Examen des Jobs von Neuem und malte es größer. Das Bild gefiel allgemein, und nach deſſen Ausſtellung in Berlin im Jahre 1842 wurde Haſenclever zum Mitgliede der dortigen Akademie ernannt, der schönste Lohn für jahrelanges Streben und unausgesetzten Fleiß. 1842 im December gingen Preyer und er wieder von Düsseldorf, um die vorgehabte Reise nach Italien endlich anzutreten. Allein in München wurden seine Pläne für die Zukunft gänzlich umgestürzt, die italienische Reise wurde wenigstens für spätere Zeiten aufgeschoben und zwar — durch eine liebenswürdige Münchnerin. Der Mensch denkt und Gott lenkt! Diese Reise endigte mit einer Hochzeit. Hasenclever kehrte an den Rhein zurück, und hat sich in Düsseldorf angesiedelt. Im Kreise seiner Familie denkt er einstweilen nicht mehr an große Reisen. Ich habe ergänzend hinzuzufügen, daß Hasenclever seit dem großen Examen noch folgende Bilder malte: 1. Jobs' Abschied von Hause, 2. Jobs' Rückkehr von der Universität unter dem Titel „Der Renomist,“ 3. der Zeitungsleser, 4. der Münchener Bierkeller, 5. die Sentimentale, dann vier Nachtstücke, nämlich: 6. der Christbaum, 7. die beiden grollenden Zeitungsleser, ein Bild von classischem Werthe, 8. die Dambrettspieler, voll tiefer Auffassung der Charactere, 9. die Lesegesellschaft. Ferner 10. die Weinprobe im Keller und 11. Politisirende. 12 Jetzt ist er mit der Spielbank beschäftigt, ein umfassendes Bild, gegen 70 Figuren, klar gedacht, fein nüancirt und von vortrefflicher Wirkung. Hiermit hätte ich meine Einleitung schließen mögen, da mir jedoch einfällt, daß Mancher, der die gegenwärtige Darstellung betrachtet, mit dem Inhalte der Jobsiade nicht bekannt ist, so habe ich noch eine kurze Mittheilung derselben, bis zu dem Moment, wo Jobs in dem ersten Bilde vorkommt für nöthig erachtet. Von da ab werden uns die Darstellungen selbst hinreichend leiten, welche sämmtlich von dem Künstler so aufgefaßt sind, daß sie uns die wichtigsten Lebensmomente in fortlaufender Geschichte vollständig mitheilen. Dieser Inhalt lautet also: Ein Autor und seine Collegen machen eine Welt ganz besonderer Art aus, die einzige, worin jeder gleiche Rechte hat, und in diesem Bewußtsein ist das erste Kapitel geschrieben. Es enthält die Vorrede mit höchst sittsamen Selbstpreisungen und einigen Bestechungsversuchen, denen jedoch der bravste Bürger nichts Uebeles wird nachreden können. Hiernächst beginnt im zweiten Kapitel die Geschichte unseres Helden Hieronimus, aus dem edlen Geschlechte der Jöbste, sonst auch genannt Schöl Mit welchem ſich in ſeinem Leben Viel gar Wunderbares hat begeben, Und welcher sowohl in Glück als Gefahr Ein recht kurioser Hieronimus war. Als Lebensgeschichte muß das Buch natürlich gründlich sein, drum fängt es zunächst mit dem Dasein der Eltern unseres Helden und seiner höchst eigenen Geburt an. Und zwar war es ein Städtlein in Schwaben, Wo seine Eltern gewohnet haben Allda sein Vater, Hans Jobs, ohne Gefahr Erster ehrwürdiger Rathsherr war. Seine Mutter ist eine Frau von vollendeter häuslicher Constitution und also selbstredend von ländlich sittlichem Wandel. Ein Traum, den sie vor ihrem Wochenbette hat, macht ihr daher auch keine weitere Beschwerde, als daß sie sorgt, recht bald eine legale Auslegung zu bekommen, an deren Richtigkeit sie fest glaubt, weil auch nach der Meinung kundiger Basen und Tanten die Physiognomie des Kindes dafür spricht und weil sie ihr schmeichelt; denn nach ihrer Meinung sagt die Auslegung ganz offenbar, daß Recensionen und Lebensnotizen über Hasenclever findet man noch in Fahne, die Düsseldorfer Malerschule 1837. Düsseldorf bei Schreiner, Seite 65. 108 130. Derselbe, Meine Schrift die Düsseldorfer Malerschule und ihre Gegner ebend. S. 45. Uechtritz, Blicke in das Düsseldorfer Kunst= und Künstler=Leben, ebend. 1839 Bd. II. S. 194. 13 ihr Sohn einst würde Pfarrer werden, und Mütter werden wissen, was dieser Ausspruch zu bedeuten hat. Hieronimus, in seiner Jugend schon der Stolz seiner Eltern und, er mag schreien oder schlafen, in allen Zügen ein wahres Wunderkind, als Knabe ein guter, dummer Junge, dessen närriſche Erziehung und Jugendgeschichte unser Autor höchst erbaulich beschrieben hat, lernt aus mehr als einem Grunde nichts, und tritt endlich in das 18. Jahr, also in eine Zeit, wo man den Kindern einen Beruf zu geben pflegt. Auch die Eltern unseres Helden nehmen sich diese gute Sitte zu Herzen, erwägen die Talente des Knaben und die Meinung seiner Erzieher, und kommen endlich, da ihnen die erstern noch unentwickelt, die letztern befangen, beide also unwichtig schienen, zu dem Entschluß, daß es ihr Wunsch sei aus ihm einen Pfarrer zu machen, und so reist Hieronimus als Candidat der Theologie auf die Universität. Der Abschied ist rührend und der Gegenstand der ersten Illustration. e Jetzt müßte nach dem Plane des Künstlers als Erstes Bild der Abschied vom Hause, und als Zweites Bild der Fürst von Thoren, die Höhe des Studentenlebens, folgen. Beide Bilder sind aber durch den Stich noch nicht vervielfältigt. Bis dahin gehe ich zu dem über, was vorliegt. Drittes Bild. Die Handlung fällt hier wieder in das angeerbte Familienzimmer, welches uns vom ersten Blatte her noch bekannt ist. Hieronimus kommt als Renomist zu den Seinigen zurück. Er ist nicht mehr der lang aufgeschossene Junge, er hat schon angefangen an den Genuß des erblichen Vorzuges seiner Ahnen Theil zu nehmen, und steht im ersten Stadium der Dickleibigkeit. Sein Auftreten ist burschikos dreist, was damals mit ungezogen frech gleichbedeutend war. Er weiß, daß er ein vollendetes altes Haus ist, durch Pauken und Kneipen**) ein unbedingtes Ansehen bekommen hat, und daher sich überall mehr als Andere herausnehmen darf. Er will heute auch seiner Vaterstadt das nie *) Ein Student der die zwei ersten Universitätsjahre beendigt. ) Duelliren und im Wirthshaus leben. 14 erlebte Vergnügen gönnen, einen solchen ganz vollendeten Burschen von Angesicht zu Angesicht zu sehen, und da gilt es einen ordentlichen Randal zu schlagen.*) Einen großen Hut mit wallender Feder auf dem Kopf, ein Kollet von grauem Tuch, Weste und Hose von gelbem Bocksleder, eben solche Stulphandschuhe im größten Format, an der Seite einen Schläger, Kanonen bis zum halben Schenkel, so ist er im vollen Trabe in Schildburg geritten, hat sich vor der Thüre der Eltern mit einem kräftigen Carbatschenschlag angekündigt, und ist dann mit beiden Thürflügeln zugleich in das Zimmer gestürzt. Die Martialische Miene, welche er sich seit seinen Raufereien auf der Universität aneignete, ist heute ganz besonders kräftig. Sie war in der Musenstadt der Schrecken Aller, und was ihm dort solch wichtiges Ansehen gab, das soll jetzt das kleine Schildburg ganz erdrücken, den Seinigen aber einen vollen Begriff seiner Bedeutendheit geben. Er hat es hier mit keinem besonders zu thun, sein Blick streift über alle weg Seine Gedanken sind im Allgemeinen folgende: Seht hierher, ihr armseliges Philistervolk, **) hier habt ihr einen vollkommenen Burschen,***) und wer mich als solchen nicht erkennen will, dem brumme ich einen dummen Jungen auf,***) wenn er anders commentmäßig***) dessen werth ist. So steht er, Stroh unter den Füßen und Stroh im Kopf, vor seinem Vater, der ihn als gemachten Kerl bewundern, aber nicht sogleich erkennen soll. Er nennt das einen freudigen Empfan bereiten. Sein Vater, welcher halb schlafend mit seiner gewöhnlichen, täglichen Lecture beschäftigt war, während seine beiden Jüngst Gebornen um ihn spielten, hat bei dem gewaltigen Karbatschenknall die Zeitung fallen lassen, und ist seit dem Eintreten des unheimlichen Gastes mit seinen Gedanken vollends auf's Ende gekommen. Die Maschine ist ganz aus den Fugen gerathen; Widerpruch in allen Bewegungen. Das Auge bemüht sich Muth und Entschlossenheit an den Tag zu legen, aber die Gesichts=Muskeln verrathen bange Neugierde. Der Mund droht, den Unverschämten zurecht zu weisen, aber der Athem stockt, die Brust ist ganz eingefunken; auch die Hände, welche in rascher Bewegung sich auf die Lehnen des Armstuhles gestemmt haben, versagen den Dienst, der Körper scheint auf die Knie zu sinken, während er sich aufrichten will. *) Großen Lärm zu machen. Bürger im Gegensatz von Student. 44 Studenten. ***) Schelte ich einen Einfaltspinsel. ### Nach Studentengesetzen. 15 An der Seite des Alten sehen wir seine jüngste Tochter, von der wir später noch Manches zu erzählen haben werden. Sie verräth jetzt schon ihr zärtliches Herz, klammert sich fest an den Vater und denkt, der Mann da ist der liebe „Onkel von Gengebach.“ Dem Alten rechts liegt der Representant des trägen Seelenlebens der jobsschen Familie, ein feister Mops, der es trotz des Nieerlebten kaum der Mühe werth hält, den Kopf zu erheben. Dem Alten gegenüber steht sein jüngster, ihm ganz aus dem Gesicht geschnittener, Sohn und hat ein für ihn passendes Spielzeug, ein Schaaf, an der Schnur. Sein würdiger Lehrmeister, das Ballhornsche Abebuch, liegt an der Erde, dessen er sich wenn die Physiognomie nicht ganz lügt, vor dem vierzehnten Jahre nicht entledigen wird. Hinter dem Hironimus drängen sich mit kleinstädtischer Neugierde die weiblichen Familienglieder in das Zimmer. Die Mutter scheint etwas zu ahnen, ein Vorzug, welcher den Müttern ganz eigen ist. Nach ihrer Bewegung wird sie im nächsten Augenblick den geliebten Aelstgebornen mit Leidenschaft an das Herz drücken. Nicht so die drei Schwestern, welche verblüft mit offenen Munde dastehen oder kindlich ängstlich sich verstecken. Die Einrahmung dieser ganzen Gruppe ist bezeichnend. Oberhalb der Thür und auf jedem ihrer Flügel bemerken wir die Familienwappen, rechts im Schilde einen Bock mit einem Balken, links ein leeres Wappenfeld. Auch Hieronimus steht innerhalb dieser Einfassung aber als der vorderste Stammhalter des leeren Schöpslebens. Auch noch andere Umstände verrathen uns das innere Haus. Dahin gehört namentlich die breitgespreitzte Haube der Frau Jobs, welcher die darunter hangende haushingerrliche Staatsperücke als Folie dient. Bei den Familienahnen scheint das Hausregiment nicht anders gewesen zu sein. Der Jobsche Stammvater, den wir rechts neben der Thür in effigie sehen, ist ganz offenbar ein schädellofer Herr, ein halber Kopf, und so gern es auch seine entschlossenen Mundwinkel anders deuten wollen, die Stammmutter links mit ihrer zarten Hand auf der Brust sagt cathegorisch: mein war das Reich. Viertes Bild. Der alte Senator hat sich von seiner Ueberraschung erholt. Er hat seinen Sohn wieder; aber welchen Sohn! Einen Sohn der flucht und einen grauen Rock trägt. Das kann nicht bleiben, da geht das ganze Ansehen unter. Denn ein junger Theologus Müße auch leben auf geistlichem Fuß, 16 ermahnt der Alte, und läßt Schneider und Perückenmacher kommen, welche die ächte geistliche Würde hinzaubern. Hieronimus ist jetzt ein gemachter Candidat und entledigt sich der ersten Pflicht dieses Standes, er hält seine Probepredigt. Sie ist freilich nicht von ihm; indeß das hört man nicht, aber wohl die salbungsvollen Worte und die gelehrten biblischen und kirchengeschichtlichen Citate und die langen Tiraden, die er alle gut memorirt hat. Diese und seine kräftige Figur, seine mächtige Stimme und die gewaltige Arbeit seiner Arme und Hände, welche ihm von der Mensur her besonders geläufig war, entscheiden. Er erregt Aufsehen Viele stießen die Köpfe an Und sagten: „Das giebt ein ganzer Mann!“ Es fehlte nun zum Glücke und Amte nichts als das Examen: dieses bald zu machen lagen triftige Gründe vor. Der Pastor loci war von kränklicher Constitution und nichts schien gewißer als daß er recht bald den Weg des Fleisches gehen werde, und was dann! konnte man dem Sohne des ältesten Ratsherrn ohne Gefahr je die Stimme versagen? Kurz Hieronimus vermogte so vielen Gründen und Flehen Nunmehro nicht länger zu widerstehen. er meldet sich zum Examen, und bittet um Termin. Dieser kommt und mit ihm versammelten sich die Herren, welche bei der wichtigen Verhandlung thätig ſein ſollen. Neun an der Zahl und mit ihrer Begleitung sogar 17. Es gilt einen Mann von großer Bedeutung in die öffentliche Welt setzen, einen Mann, dem die ganze sittliche und gesellige Bildung vieler hundert Menschen, deren sämmtlicher Generationen und Aller, mit der dieſe noch in Berührung kommen mögen, anvertraut werden und der überdies nicht für diese Welt sondern auch noch über diese hinaus für alle Ewigkeiten den Grundund Schlußstein zugleich legen soll. Wer wird sich da wundern, daß so viele Frager und Forscher gekommen sind? Der Mensch ist ein schwaches Wesen; nicht einer, nicht zwei können alles wissen, vier sehen mehr als drei und acht mehr als viere, was einer übersieht kann der andere ergänzen; zu wenig zu sehen wäre hier zu viel Unrecht, es wäre Sünde an der ganzen Gemeinde, an dem ganzen künftigen Menschengeschlecht, es wäre ein wahres Kapital=Verbrechen. Wir finden die Frageherren in einem Saale versammelt, der mehr als bürgerlich geschmückt ist. Seine Bauart erinnert an den Kirchenstyl. Seine Säulen haben freilich etwas curiose Kapitäle, man darf jedoch nicht vergeſſen, daß dieſes bei Kirchenpfeilern häufig der Fall iſt und daß unſere Geſchichte in Schwaben spielt. Sechs der Säulen sind sichtbar, nach baulichen Regeln ſind aber 14 vorhanden. Es gründet ihn alſo ein feſtes Syſtem: denn die heilige Zahl 7 kommt darin zweimal vor. An der einen Wand zwischen den Säulen sind Bücher aufgestellt, diese scheiner 17 anzudeuten, daß der Saal eigentlich ein Bibliothek= und Lesezimmer sei. Wenn man aber die nach der Schnur gestellten Bücher, welche durch kostbare Damast = Vorbänge geschützt und so fest gepreßt sind, daß der Bibliothek⸗Diener nur mit Mühe ein Werk herausziehen kann, wenn man den getäfelten und glatt polirten Fußboden, den darüber ausgebreiteten reichen Teppich und die sauber gehaltene Tischdecke ins Auge faßt, so sollte man beinahe in Versuchung kommen, alles für Zierrath zu halten und zu glauben daß der Mann im Bilde über der Thür und die drei Engelchen auf der Bekrönung der Wandfüllungen, als die allein lesenden Personen, die Benennung Lesezimmer rechtfertigen müßten und daß der Ausdruck Bibliothek nur in sofern passend bliebe, als es für den Saal gleichgültig ist, ob er der Bücher oder diese des Saales wegen vorhanden sind. Ich muß hierbei noch einmal auf das Bild oben der Thür zurückkommen. Es ist das Bildniß Dr. M. Luthers. Nicht ohne Grund ist es an dieser Stelle. Er steht da als der Oberste und Meister, durch den, und unter dem alle in den Saal eingegangen sind, (wenn auch manche davon sich weit über ihn dünken mögen.) Daß er die Bibel liest und die Engelchen mit ihm, ist ein schöner Zug. Von ihm aus um den Saal herum sind andere Engelchen beschäftigt Muscheln, wie jene aus der einst Venus zum ersten Mal an das Land stieg, mit Kränzen zu verbinden. Eins dieser Wundergeschöpfe ist mit seiner Arbeit schon fertig und wiegt sich in den Schlaf. Hier bleibt kein Zweifel mehr, was in den Saal gehört ist lutherisch und die Herren unten haben eine Frau oder müssen vernünftiger Weise wünschen, eine zu bekommen. Die Examinatoren sitzen recht breit in ihren Stühlen. Nach den verschiedenen Mustern an diesen scheinen sie auf erborgtem Glanze zu ruhen. Nur einer von ihnen steht — es ist der Inspector. der Vorstand der ganzen Versammlung. Es stehen auch noch andere, aber das sind die amanuenses, welche in bequemer Ordnung hinten zu Handlanger=Diensten aufgestellt sind und zwischen ihrem und seinem Stehen, ist der Unterschied, daß er das Recht hat zu stehen und daß sie stehen müssen. Hieronimus ist mit Zittern und Zagen eingetreten. Alle Examina haben das miteinander gemein, daß man in dem Augenblicke vor demselben und oft noch über die zweite Frage hinaue in einem Zustand versetzt ist, den man Brustbeklemmung nennt. Selbst das Liebes⸗Examen iſt davon nicht ausgenommen. Dem Hieronimus ist die Beengung am wenigsten zu verdenken. Er soll jetzt neun Männern vom Fach Rede und Antwort stehen. Hat er auch nicht viel gelernt, so weis er doch, daß viele Hunde des Hasen Tod sind. Unter beständigen Kratzfüßen und mit möglichst gebogenem Rücken ist er bis zu seiner Stelle gelangt 18 doch nicht ohne Anstoß, denn er ist unterwegs einigemal über den Teppich gestolpert, den er aus reinem Respect oder aus Unbeholfenheit, die Ursache ist nicht genau zu ermitteln, übersehen hat, und der ihn beinahe zu einer Heterodorie, ich meine zu dem aller demüthigsten Trappisten=Gruß*) verleitet hätte. Auch die Stellung welche er vor dem Tiſch eingenommen hat, iſt noch keinesweges sicher, sie neigt eben so sehr zum knieen als zum stehen. Selbst die Hände nehmen an der Zweifelhaftigkeit des Zustandes Theil; während die Eine eine Entschuldigung bittende Bewegung macht, dreht die andere aus Verlegenheit die Knöpfe von der Weste. Seine Lage ist höchst mißlich. Man hat ihm so eben das Universitäts=Zeugniß, welches noch auf dem Tische liegt, vorgelesen. Das war ein harter Augenblick. Die Universität war ihm so gut bekommen, und das Zeugniß — es lautete: Lectori Benevolo Salutem! Sintemal und inmaßen drei Jahre Und einige Wochen hieſelbſt ware Herr Hieronimus Jobſius Als Theologiä Studioſus; Derselbe aber abzureisen nunmehro Ernstlich ist gesonnen, und derohalben um ein schriftlich Attestat Mich geziemendermaßen bat; So habe ich nicht unterlassen können Ihme ſolches ſchriftliches Zeugniß zu gönnen: Daß derſelbe alle viertel Jahr Bei mir einmal im Collegio war. Ob er sich sonst des Studirens privatim beflissen Wird ihm wohl ſagen ſein eigen Gewiſſen, Denn in diesem schriftlichen Bericht Behaupte und zenge ich ſolches nicht. Und von seinem sonstigen Betragen Wäre zwar nicht viel Gutes zu sagen, Allein die chriſtliche Liebe will, Daß ich davon ſchweige ſtill. Uebrigens wünsche ich ihm auf alle Weise Hiedurch ein glückliche Abreiſe, Und der gütige Himmel leite ihn Künftig zu allem Guten hin! Diese Worte hätten ihm beinahe das Examen erspart, indeß „Aus christlicher Erbarmung und Liebe ging es noch einmal gut, „Denn die Herrn dachten weislich zurück und schritten zur Sache. Wir müssen jetzt zunächst unsere Blicke auf den Inspector richten: Er war, sagt unser Dichter, Den Trappisten war alles Reden untersagt, wenn sie sich begegneten, fielen sie zu Boden, küßten die Erde, und sprachen das allein erlaubte Wort „memento mori Ein stattlicher, dickgebauchter Mann; Man sah ihm gleich den Inspector an Seine Verdienste schafften ihm diese Würde; Er trug übrigens ſeines Amtes Bürde Geduldig und mit gar frohem Muth Und aß und trank täglich gut, Wir sehen ihn, wie er im Bewußtsein seiner Würde mit aller Umständlichkeit und Wichtigkeit aufgestanden ist, und die ganze Gelehrsamkeit im Rücken dasteht. Er hat die Hände auf die Tafel gestemmt, eine Stellung, welche eben sowohl das Niederhalten menschlicher Unwürdigkeit als das Heben und Tragen eigener Größe andeutet, und thut die erste Frage: Ich als zeitlicher pro tempore Inſpecior, Und der hiesigen Geistlichkeit Director, Frage Sie: Quid sit Episcopus Mit dieser Frage hat sich die Verlegenheit des Jobs etwas gelegt; die Totalungewißheit ist gebrochen, er weiß doch nun schon etwas von dem, woran er seinen Scharfsinn erproben soll; und das, was ihm jetzt vorgelegt wird, erscheint ihm so leicht, daß sogar ein Anflug von Verwunderung sich bei ihm kund gibt. Seine Haltung wird etwas gestreckter; vielleicht hat dabei auch ein Blick auf den Bibliothek=Diener das Seinige gethan, dessen Thätigkeit ganz unzweideutig bekundet, daß selbst die Herren Examinatoren noch lange nicht Alles ohne Buch wissen. Und so antwortet Hieronimus sogleich auf die Frage Bischof ist, wie ich denke, Ein sehr angenehmes Getränke Aus rothem Wein, Zucker und Pomeranzenſaft Und wärmt und stärket mit großer Kraft. Die Antwort war für einen Theologen sehr kühn, aber noch lange nicht so kühn, als manche Antwort des Duisburger Katechismus. Von dieser Antwort aus hat unser Künstler sein Bild aufgefaßt; wir wollen daher jetzt die einzelnen Personen näher ins Auge fassen. Bei dem Inspector ist kein Zeichen des Misfallens. Ein Mann an der Spitze des Urtheils muß neutral bleiben; es würde der Autorität gefährlich werden, wenn man an ihm irgend eine Spur menschlicher Schwäche endeckte. Zu seiner Rechten sitzt der geistliche Assessor, größer als unser Präses Doch an Körper und Waden dünn Und von etwas mürrischem Sinn. Er trieb nebst der geistlichen Sache Verschiedene Stücke aus dem ökonomischen Fache Und trank nur Bier und schlechten Wein, Denn seine Einkünfte waren klein. Er ist durch seine Entscheidung in dem Prozeß über das Kirchhofsgras zu einer historischen Person geworden, und das 20 kam also: Ein Pfarrer hatte seinem Küster das fernere Beweiden des Kirchhofs deshalb untersagt, weil an einem Sonntag während der Predigt ein Ziegenbock in die Kirche gekommen war, und einen Schneider gestoßen hatte. Der Küster bemerkt hiergegen, da der Schneider geschlafen, so habe der Bock ein gutes Werk verrichtet, wolle man ihm solche Befugniß ferner nicht zugestehen, so möge man die Kirchthüre verschließen. Der Kirchhof sei von jeher als pars salari betrachtet und vom Küster beweidet, was auch die uralte Benennung Küsterskamp, welches mit Kirchhof gleichbedeutend, beweise. Die Sache machte Aufsehen, sie kam endlich an das Consistorium und wurde unserm Assessor, wegen seiner ökonomischen Kenntniß zum Referat übertragen; er entschied sehr weise dahin: der Küster solle die Benutzung nach wie vor vom ganzen Grase haben, aber er müsse es abschneiden und zu Hause das Vieh damit füttern. In gegenwärtiger Sache hat er das Amt des Protokollführers und als solcher volle Beschäftigung. Während dieser geht unseres Canditaten Antwort spurlos an ihm vorüber, er hat sie gar nicht gehört, denn die Fragen und Antworten gehören durchaus nicht in das Protokoll, sie sind nichts als Schüler=Tändeleien. Ein Examinationsprotokoll hat sich mit wichtigern Sachen zu beschäftigen, absonderlich mit einer genauen Bezeichnung der anwesenden Examinatoren nach Titel und Würden unter strenger Beobachtung der Rangordnung, nur nebenbei gehört auch ein kurzes Gutachten über die Befähigung des Examinanden hinein. So hat denn unser Assessor ungefähr so geschrieben: Gestalten es wichtig und unerläßlich, daß jeder, der als Prediger zu seiner Gemeinde sprechen will, vorher gehörig geprüft worden sei, ob er auch eine Gemeinschaft unserer Kirche glaube und sich zu den symbolischen Büchern bekenne, so haben Ihre Hochwürden der Herr Hr. Inspector N. N. der Gottesgelahrtheit rechtmäßiger Dr. etc. im Beisein der Würden Ehrwürden, Wohlehrwürden und Hochwohlehrwürden der Herrn N. N. und N. N. und meiner Wenigkeit. Bis zu seiner Wenigkeit ist er gekommen, wir wollen ihn dabei lassen, und uns zu dem neben ihm sitzenden Collegen wenden. Dieser ist ein Satyriker und dabei im Wissen sattelfest. Sein ausdrucksvolles edles Gesicht, sein fein geschnittener Mund und sein scharfes Kinn, verrathen ihn hinreichend. Er ist noch zu jung um in der ersten Reihe der Veteranen Platz zu finden, aber sein Genie ist dort schon längst heimisch und wohl gar gebietend. Die Jobssche Antwort erinnert ihn an die Klage der letzten Conferenz, daß man so spät im Alter erst zu einer genügenden Pfründe gelange und bis dahin so manchen Genuß, der sonst im engern Zirkel erlaubt sei, entbehren müsse. Er hat sich zu seinem Nachbarn rechts hingewendet, und flüſtert ihm zu. „Nun Herr College, bei 21 dem gehts rasch, der ist schon jetzt beim Wein und den Pomeranzen.“ Der Nachbar kneift ihm ein Auge zu. Dieser Nachbar iſt Herr Kriſch Ein Mann von guten Sitten. Ungemein stark in Postillen beritten; Wobei er sich so gut und noch besser befand Als der beste Pfarrer in Schwabenland. Krisch hat außerordentliche Belesenheit, und weiß das Gelesene gehörig durcheinander zu rütteln. Er ist immer zu einer Rede fertig und spricht daher auch gern oder besser gesagt zuviel und immer in demselben Tone. So kommt es denn, daß man ihn selbst dann schon hört, wenn er noch gar nicht zu sprechen angefangen hat. Neben Herrn Krisch sitzt Herr Schrei. Se. Ehrwürden sind stets guter Laune, aber heute ganz besonders. Ob der BratenGeruch des Examinationsessens schon gewirkt hat? Wir vermögen es nicht zu entscheiden, soviel aber ist gewiß, daß Herr Schrei den Bischof gut kennt, von dem Jobs spricht, und daß er dabei denkt, der Examinand ist ein Sapermenter. Er würde dieses auch aussprechen, wenn das Fluchen nicht unanständig und für einen Pfarrer sogar ganz abscheulich wäre: denn Herr Schrei war stark in der Rede, Weder in Gesellschaften, noch auf der Kanzel blöde, Lebte übrigens munter und frisch Mit ſeiner Köchin exemplariſch. Schreis übriges Glaubensbekenntniß brauchen wir wohl nicht näher zu untersuchen. Es steht ihm auf jeder Muskelfaser und in jeder Rockfalte: II vaux mieux un buffet bien garni pendant cent ans de vie que mille autels apres ma mort. Ich habe daher bei ihm nur darauf hinzuweisen, daß ein Lebemann wenig Gefährliches in ſich trägt. Hinter Herrn Schrei steht sein Pendant, d. h. ein Mann, der auch einen schwarzen Rock trägt, und auch gern lachen möchte besonders dann, wenn es keinen andern Bischof gäbe, als von dem Jobs spricht. Da er aber all zu gut den andern Bischof kennt, von dem Jobs nicht spricht, und weiß, daß derselbe Conduitenlisten führt, so gibt er sich trotz der Lachlust alle Mühe ernst zu sein. Wir können ihn wegen dieser Zweideutigkeit nur für einen Lückenbüßer, d. h. nicht im Bilde, sondern in der Welt ansehen, für eine charakterlose Unwürdigkeit, oder philosophisch modern, für fein. Herr Keffer ist ein guter Pastor, „nie müde in Lehr und Strafe,“ ein geschickter Jurist: Denn er verstand die Jura in der That, So gut als der beste Advokat. 22 und eine literärische Celebrität: denn folgende Abhandlungen haben ihn, jedem der davon Kenntniß nehmen will, namhaft gemacht. 1. Ob ein Geistlicher mit gutem Gewissen Tabak rauchen dürfe. 2. Ob man, wenn zwei Frauenzimmer neben einander ständen, von der einen allein sagen dürfe, sie sei tugendhaft. 3. Ob es eine Injurie sei, wenn jemand in einer öffentlichen Gesellschaft eines andern Gesundheit nicht trinken wolle. 4. Ob der Eigenthümer eine Baumes gestatten müsse, daß ein Missethäter daran aufgehangen werde. 5. Ob derjenige, der einem Wolf eine geraubte Gans abjage, diese behalten dürfe, oder dem Eigenthümer geben müsse. 6. Ob der Mann seine Herrschaft der Frau übertragen könne. 7. Ob derjenige, der für Geld einem Maler als Modell sitzt, diesen injuriarum verklagen könne, wenn er sich später als Schuft unter die Verdammten abgebildet finde. 8. Ob eine Frau, welche auf einem Schiffe niederkomme, auch für das Kind Fährgeld zahlen müsse. Sämmtliche Abhandlungen schrieb er ohne Honorar, denn er, fühlte daß Boileau Recht habe, wenn er sagt: Traivaillez pour la gloire, et qu'un sordide gain Ne soit jamais l'object d'un illustre écrivain. Daß Keffer Jobs' Antwort lächerlich findet, läßt sich nunmehr wohl begreifen. Um aber sein volles Urtheil in dieser Sache zu haben, muß ich noch Folgendes hinzufügen. Keffer sitzt nicht an seiner rechten Stelle, er hat einen höhern Rang in der Hierachie, und heute nur, versteht sich unter Vorbehalt der Praecedenz im Protokolle, darauf verzichtet. Hierzu bewog ihn Folgendes. Er hat sich durch scharfe Beobachtungen überzeugt, daß die Seele in den Mienen und Gebährden der Menschen sich treulich abdrücke. Keffer ist nun aber unglücklicher Weise kurzsichtig und hat daher schon manchen Fehlgriff gethan. Heute in einer so wichtigen Sache, will er nicht in einen ähnlichen Fall kommen; darum ist er dem Examinanden nahe gerückt aber immer noch nicht nahe genug um die Brille entbehren zu können. Diese zu putzen ist er beschäftigt, wenn er sie aufgesetzt hat, wird er es wohl zu einem festen Urtheil bringen. Keffer gegenüber am andern Ende des Tisches sitzt Herr Beff, eine unabsehbar lange Gestalt, durch und durch knöchern, selbst das Gesicht. Sein Rücken ist steif und unbiegsam. Er ist der größte Pedant, rücksichtslos gegen sich und andere, ungerecht gegen alles Individuelle und daher höchst brauchbar als Präses eines Richtercollegiums, jetzt indessen erst Pfarrer und daher 23 nur sich und seinem Küster gefährlich, was bekanntlich außer ihnen beiden, sonst Niemanden etwas angeht. Beff ist in den Sprachen ganz besonders bewandert, hat viel darüber geschrieben, seine Werke sind indessen durch den Brand von Frankfurt selten geworden, und werden nur noch in den bedeutendsten Bibliotheken in Bruchstücken gezeigt. Dazu gehören, seine 36 Bogen große Abhandlung, „warum A der erste Buchstabe im Alphabet sei, eine nicht viel kleinere Abhandlung „über den Einfluß der Sprache auf die Bildung der Thiere“ und ganz besonders seine Dissertationen, „ob die Wörter auf im zum Wohllaut der lateinischen Sprache beitrügen, und ob sie zu ihrer vollendeten Schönheit nothwendig seien.“ Sonst ist von ihm auch noch bekannt, daß er die Bibel nicht allein auswendig wußte, sondern auch ganz genau ermittelt hatte, wie oft jedes Wort darin vorkomme, und welche Buchstaben darin am seltensten seien. So ist es denn nicht schwer zu begreifen, warum er unsern Jobs so starr ansieht. Der Mann des eisernen Fleißes hat an der leichtfertigen Jugend feinen Verdruß. Jobs hat von ihm nichts zu hoffen. Hinter Beff sitzt Herr Plotz, Ein Mann wie ein Engel, Er hatte zwar in der Jugend viele Mängel, Nachdem er aber sein Amt trat an, Ward er ein gar frommer Mann. O gewiß ist er ein durchaus frommer Mann; er kann gar nicht böse sein, denn es würde ihm zu viel Mühe machen. Er hat den ganz vernünftigen Grundsatz, daß man nur Gutes thun kann, so lange man lebt und gesund ist, d. h. so lange einem das Essen und Trinken schmeckt. Dieses ist es daher, was er besonders berücksichtigt, so wie das, was gut bekommt; und da nach einer Reise, wie er sie heute zum Examen hat vornehmen müssen, eine Erholung am Natürlichſten iſt, ſo hat er ſich zur Ruhe begeben. Er schwankt zwischen Wachen und Träumen. Warum soll er es nicht. Examiniren hat er schon manche sehen, und wenn er ans Fragen kommt, so wird man es ihm schon bemerklich machen; er wird dann eine von den 10 Examinationsfragen, die einst ihm gemacht sind, vorbringen, bis dahin kann seine Thätigkeit nicht vermißt werden. Und so sind denn die Augäpfel halb unter die Augendeckel geglitten. Der Mund, weil es Mühe macht, ihn geschlossen zu halten, steht offen, und läßt aus seinem Winkel einer Flüssigkeit freien Ausfluß, welche die Franzosen crachat nennen. Alle Gliedmaßen sind in höchster Passivität, nur die Daumen scheinen noch wach, sie kreisen willenlos einer um den andern. Hinter ihm sitzt Pastor Krager, Ein Mann von Jahren, In den Kirchenvätern sehr wohl erfahren. 24 Auch er ist eine literärische Größe und hat sich für die Lösung folgender von ihm selbst aufgeworfenen Fragen, besonders verdient gemacht. 1. Ob die Rippe, daraus Eva gemacht, dem Adam nützlich oder überflüssig gewesen sei. 2. Ob es besser sei eine Jungfrau oder eine Wittwe zu heirathen. 3. Ob eine Jungfrau, unbeschadet ihrer Jungfrauschaft, sich um einen Bräutigam bemühen, oder wohl gar einen solchen erwählen dürfe. 4. Warum die Jungfrau, so lange sie unverheirathet, friedlich und in der Ehe böse sei. Krager sieht übrigens gar nicht so aus, als ob er an unsern Hieronimus gerade Verdruß hätte. Neben ihm sitzt der Tod, so möchte ich sagen, denn dieses durch und durch schwindsüchtige abgelebte Wesen ist nicht mehr activ zu nennen, und zweifelsohne nur der Examinations=Gebühren wegen anwesend. Nicht anders möchte ich von dem Tauben urtheilen, der rechts vom Inspector sichtbar ist, und an dem unser Künstler seine Auffassungsgabe bewunderungswürdig bekundet hat. Da ist kein Zug, der nicht den Gehörfehler verräth. Nicht minder treffend ist der Nachbar in seinem Rücken, der in seinem Urtheil von seiner Prise und der Miene des Inspectors abhängt. Zuletzt kommen wir nun noch an ein höchst interessantes Kleeblatt im diesseitigen Winkel des Saales. Der eine davon im Schatten Sr. Hochwürden, lacht, aber wie verschieden von Herrn Schrei. Dieser lacht aus voller Kehle, daß der Bauch wackelt und der Saal dröhnt, jener aber lacht nur im Innern und sucht jede äußere Spur davon zu unterdrücken. Es scheint wohl, daß auch die unwillkührlichen Bewegungen sich andere äußern, je nachdem man in der ersten oder zweiten Reihe sitzt. Hinter dem Lacher steht der leibhaftige Schrecken. Mit beklommener Brust ruft er dem Nachbar zu: „Mein Gott, mein Gott, was soll das geben,“ und hofft auf beruhigende Worte. Doch darauf wartet er vergebens, denn der Nachbar kennt nur einen Bischof, denjenigen von welchem Johs spricht kennt er nicht, sein uncivilisirter Wohnort und seine liebe Ehehälfte haben ihn gegen solche Bekanntschaft verwahrt. Und so denkt er denn mit aller Anstrengung über die Antwort des Jobs nach, ohne sie bis dahin verstanden zu haben, was er sich jedoch nicht merker läßt. Wenn wir nun noch die Versammlung im Ganzen betrachten, so scheint, sie darauf hinzuweisen, daß die hier repräsentirte Kirche vielköpfig sei und aus recht heterogenen Elementen bestehe, woran sich noch andere Vermuthungen knüpfen ließen, die wir jedoch aus billigen Rücksichten ihrer eigenen Einsicht anheim geben. Wir wollen hier nur noch der Geſchichte wegen das Resultat des Examens berücksichtigen. Jobs hat nicht nur dieses Mal, sondern demnächst sogar noch neunmal hintereinander in seinen Antworten ernster Weise Spaß gemacht; daß Letzteren, wenn es einmal zur Sache kommt, keiner der Examinatoren versteht, läßt sich einsehen, ergo — Jobs ist durchgefallen. Fünftes Bild. Dem durch das Examen gefallenen Kandidaten blieben noch manche Chancen des Lebens. Die Nächste war eine Aussicht auf eine Informator=Stelle. Die Sache hatte aber auch hier ihre natürlichen Schwierigkeiten und da diese selbst bei einem Baron nicht überwunden werden konnten, der in seinem Etat ganze acht Reichsthaler Monatslohn für derartige Dienſtleiſtungen ausgeworfen hatte, so mußte ein anderer Ausweg gefunden werden. Jobs wurde Hausschreiber. Was sich als solcher mit ihm zutrug ist äußerst kurzweilig, und kann als ein besonderes Mittel gegen trübe Stunden am Besten in dem Buche selbst gelesen werden. Ich will hier nur der künftigen Geschichte wegen bemerken, daß Hieronimus seine liebe Amalia fand, durch die er hier um seine Stelle, später aber zu großem Vermögen kam. [Vom Hausschreiber wurde er Gesellschafter einer Betschwester, der er jedoch aus Gründen davon lief, die man Kindern vorzuenthalten pflegt. Von jetzt an vagabondirend und immer tiefer sinkend, würde er ganz untergegangen sein, wenn ihn nicht ein Zufall gerettet hätte: Piron sagt sehr naiv: Le hasard seul, sans l'aide du génie Est quelquefois père d’inventions. Tel est vanté pour ses production Qui n'y pensa peut-être de sa vie. und dieses findet hier beziehungsweise Anwendung. Durch den Zufall kam Jobs zu nützlicher Thätigkeit und zuletzt sogar zu hohen Ehren. Das glückliche Ungefähr führte ihn gerade an eine Stelle wo er den Herrn von Ohnewitz von Räubern befreien konnte, dieses brachte ihm die Dankbarkeit des Geretteten, welcher ihm zuerst die Schullehrerstelle zu Ohnewitz mit dreißig Reichsthaler fix und alle übrigen Accidenzien eintrug. Wir sehen also unsern Hieronimus in seinem ersten Amte. Er verwaltet es im Schlafrocke und Pantoffeln; er ist darin wie zu Hause. Sein Gesicht ist freier und belebt. Seine ganze Haltung verkündet, daß er seiner mehr bewußt geworden ist und von männlicher Bedeutsamkeit in seiner Art Begriffe hat. Es liegt 26 ein gewisser Gelehrten=Schein auf seinem Gesichte, der sich auch wirklich in dem neuen abe=Buch kund gegeben hat, wovon wir ein Exemplar an der Erde liegen sehen, und welches sich vor allen übrigen abe=Büchern dadurch auszeichnet, daß der Hahn darin ohne Sporn und mit einem Neste abgebildet ist und daß es ein um fft, sp und sch vermehrtes Alphabet hat. Auf den zuletzt genannten Laut weiſt er mit dem Schulmeiſter⸗Scepter hin, und dabei donnert seine Stimme in die Schule: scha! heißt es, ihr dummen Bälge, mit denen ich die edle Zeit nutzlos verschwende; und die ganze Schuljugend blöckt schal Man sieht den Ton in jedem Munde. Jobs hat übrigens nicht ganz Unrecht, wenn er seine Heerde etwas strenge behandelt. Wir wollen einige davon Beispielsweise näher in das Auge fassen. Der dumme Junge mit dem von Jobs wieder ergänzten Esel um den Hals (früher wurde man nur zum halben Esel verurtheilt), soll hierbei nicht maaßgebend sein, aber der Rothhaarige, der uns zu allernächst an der Ecke des Schulmeisterthrones steht, gehört gewiß unter strenge Zucht. Es ist der frechste Bengel, den es gibt. Die Beweise seiner Achtung für fremdes Eigenthum trägt er in seiner Hand. Er ist bei alledem doch noch zehnmal besser als der geheime Sünder, der in seinem Rücken steht, und dem alle schleichenden Laster aus dem Gesichte sehen. Jener trägt seine Rübe ganz offen auf dem Rücken, er hat sie genommen, das will er nicht läugnen; aber dieser hat sie gestohlen, deshalb hat er sie vorsichtig im Rockärmel verborgen, beide sind übrigens Galgenstricke, dieser aus guter Familie jener vom sogenannten Lumpenpack herstammend. Zwischen ihnen steht das Gegentheil von Beiden, ein Knabe und ein Mädchen, beide zwar etwas mühsam lernend aber auch ganz bei der Sache, in jedem Zuge der Beweis der Aufmerksamkeit und des vollen Eifers, daher auch die Lieblinge des Schulmeisters und dereinst gewiß gute Bürger. Wie ganz anders tritt der große Lümmel auf, der dem Duckmäuser eine Feder, als Zopf, in den Kragen steckt, er und sein Kamerad rechts sind offenbare Hallunken. Sie haben sich über die Uebrigen ein Ansehen erprügelt, wissen ihre Lection auswendig und treiben daher nichtswürdige Streiche. Links von ihnen stehen zwei Mädchen, von denen die Kleine mit besonderem Wohlgefallen zusieht, wie der vor ihr stehende Junge gefoppt wird. Sie scheint anzunehmen, daß es ihrentwegen geschehe und verräth sich jetzt schon als künftige Kokette. Ihre Freundin links ist von guten Eltern aber sentimental geboren und erzogen. Sie kommt jeden Morgen wohl gewaschen und schön gekämmt in die Schule und wird ihr Lebenlang sich auch so halten. Der dreiste Kamerad hinter ihr, der seine Weste oben nur mit einem Knopf zugeknöpft hat, weil ihm das am bequemſten iſt, meint es vor⸗ 27 trefflich. Es soll keiner über ihn kommen, und so schreit er denn eben so laut, wo nicht noch lauter, als der Schulmeister selbst, und seine Nachbarin rechts schreit mit was sie kann, aber kopflos nur weil sie den lauten Nachbar hat. Ueber ihr stehen ein Paar Streitende. Sie sind noch nicht so weit gekommen, wie die Beiden, welche sich jenseits des Tisches in den Haaren liegen, aber sie stehen dennoch viel nichtswürdiger da. Der Kleine flescht die Zähne und kocht voll innerer Wuth. Er wird nicht ruhiger, mag schon der Große die geballte Faust erhoben haben und ihn mit dem ersten Schlage kampfunfähig machen können. Beide erinnern an einen Hundekampf, bei welchem die Kleinen bissiger sind als die Großen. Ein merkwürdiges Original ist der Kartoffelwanst vorn. Man sieht es dem Jungen an, daß er geistig und körperlich gut verdaut, und daß er in einer gewissen Atmosphäre lebt, die man nicht überall mitbringen darf. Er vertritt das stinkende Philisterthum, welches, wie der Junge sein Buch und seine Tafel, seinen Egoismus und seine niedern Rücksichten überall mittschleppt. Rechts von ihm, unter dem Tische, ist die nachahmende Jugend, der Junge blärrt verstandlos mit, bloß weil er die Uebrigen schreien hört. Anders verhält es sich mit dem am Fenster, er lautirt ganz mechanisch mit und ist über alle Maaßen gelangweilt. Was den Jungen da oben bestimmt an dem Kasten herumzuarbeiten ist so ganz klar nicht, aber darauf könnte man wohl wetten, daß er weniger die Gelahrtheit sucht als daß er dagegen angeht. Das Schullocal selbst legt Zeugniß von dem wissentschaftlichen Sinn der Ohnewitzer; schmutzige zerfallene Wände mit Spinneweben und eine luftige Bretterdecke construiren den Schulsaal, in welchem zwei Kerzenstümpfchen die Finsterniß erhellen müssen. Das Gemeinde⸗Büdget iſt auf Ausgabe für die Schule nicht berechnet, der Bordkorb ist ihr hoch gehängt, so hoch es ging, an die Decke. Man mag es daher unserm Hieronimus nicht verargen, wenn er die Aepfel, welche er vor sich liegen und den Schulkindern des Naschens wegen genommen hat, nicht gerade umkommen läßt, sondern lieber selbst verspeist. Uebrigens brauche ich wohl nicht darauf hinzuweisen, daß vorliegendes Bild unter die ausgezeichnetsten Genrebilder fällt. — 28 Nach manigfaltigen Abentheuren und mißlungenen Versuchen eine bequemere Stellung in der Welt zu gewinnen kommt Hieronimus endlich zu der Einsicht, daß sich in der Vaterstadt hinter Muttere Topf am ungenirtesten leben lasse. Drum eilt er nach Schildburg streckt gemächlich seine Füße unter dem älterlichen Tisch und läßt fünfe grade sein. Nach seiner Meinung hat er nach so vielem Elend endlich das Recht zu rasten. So dachte aber seine Familie nicht, sie wollte ihn thätig wissen, und da sich hierzu unter Berücksichtigung seiner Fähigkeiten keine schicklichere Gelegenheit fand, wurde für ihn um die erledigte Nachtwächterstelle geworben. Auch diese wäre ihn fast entgangen: Weil man ihm die Nachrede machte, Daß er lieber ſchliefe als wachte Indessen die besser gesinnten Schildbürger machten es sich klar, daß es dem Nationalstolze zuwider sei, ein Stadt= und Raths=Kind ganz und gar von allen Würden auszuschließen, sie nahmen auch seine unübertreffliche Bierbaßstimme in Ueberlegung und überredeten sich, daß Jobs den Nachtwächtergesang ganz gewiß zum Neide aller umliegenden Orte singen und dadurch nicht wenig zum Ruhme Schildburgs beitragen werde. Mit solcher Fürsprache gewann Jobs leicht die Stimmenmehrheit. Er wurde in sein Amt eingesetzt und hiermit erfüllte sich der Traum seiner Mutter seinem ganzen Inhalte nach höchst wunderbar, wenn auch anders als man ihn vorher ausgelegt hatte, Wie's dann mit den Phrophezeihungen überhaupt geht Daß man selbige hernach erst versteht. Das sechste Bild, Hieronimus als Nachtwächter gibt dem Künstler nunmehr Gelegenheit unsern Helden zum Aerger und zur Schande aller ihm übelwollender Schildbürger, wachend und in voller Amtsthätigkeit darzustellen. Jobs bläßt das Horn so kräftig, daß alle Hunde den Schwanz zwischen die Beine, halb bellend halb heulend, davon laufen, Liebespaare erschreckt aus dem ihnen so theuern Mondenschein in die düstersten Schatten entfliehen, die Wirthe an die Strafen für übertretene Polizeistunde erinnert, ihre theuren Gäste mit Höflichkeit an die Thüre begleiten, alle noch wachende Schildbürger eingedenk der letzten Posaune, ihr Abendgebet sprechen und ihre Sünden bereuen. Selbst der Erzengel Michael, welcher den Stadtbrunnen ziert, in dessen unmittelbare Nähe Jobs sich hören läßt, scheint ergriffen und mit mehr Feuer als gewöhnlich auf seinen Drachen zu hauen. In dieser Weise sieht man mit einem Blick eine Reihe von Erlebnissen aus den seither zum Nachtheil der Culturgeschichte noch nicht gedruckten Memoirien eines Nachtwächters. Es mag Leute geben, welche meinen, es verlohne sich der Mühe nicht den Schritten eines Menschen zu folgen, der so ordnungswiedrig ist, daß er schläft, wenn andere wachen, wacht, wenn andere schlafen, der Mitternacht zu Mittag speist, des Morgens zu Abend, der auf nächtlichen ruhestörenden Lärm angewiesen ist, für den andere ehrliche Leute mit 15 Frank Strafe würden belastet werden, der Sachen erfährt, welche nicht jeder erzählen kann und nicht jedem erzählt werden dürfen: ich aber meine und das vorliegende Bild belehrt uns dessen, daß solche Geschichten weit mehr zum Frommen der Menschheit dienen, als alle hundert Romanen, welche ein Clauren, ein Sue oder wie sonst die neuen Weltverpester heißen, geschrieben haben, trotz dem daß sie Hofräthe — und sogar Deputirte einer großen Nation sind. Mit diesem sechsten Bilde schließt der erste Theil der Jobsiade, und sollen für den zweiten folgen: Siebentes Bild. Der Leichenzug oder die Auferstehung. Achtes Bild. Die beiden Nachtwächter vor Gericht. Neuntes Bild. Der Abschied von Ohnewitz. Zehntes Bild. Jobstals Informator zum zweiten Mal auf der Universität. ) Auf diese Weise hat der Künstler das Bild in einer Skizzen meiner Sammlung aufgefaßt, ein ausgeführtes Bild über diesen Gegenstand ist noch nicht vorhanden. 30 Eilftes Bild. Das zweite Examen. Zwölftes Bild. Die erste Predigt. Hiermit würde die Epoche der Drangsale schließen und im dritten Theile die Früchten der Mühewaltungen geerndet werden. Demächſt Dreizehntes Bild. Jobs wird als Pfarrer eingeführt; Zusammentreffen der Ester mit dem Junker von Ohnewitz. Vierzehntes Bild. Ester und der Junker in der Laube, nach dem Vers: Sie tranken des Mondes Silberschein Und das Flimmern der lieben Sternelein. Fünfzehntes Bild. Ester liebeskrank. Sechzehntes Bild. Der Junker liebeskrank. Concilium der Aerzte. Siebenzehntes Bild. Trauung des Junkers und der Ester. 31 zehntes Bild. Acht Jobsens Leichenbegängniß. Diese Bilder sind indessen theilweise nur erst in der Idee fertig, alle aber noch nicht gestochen. Ihre Besprechung muß ich daher bis zu einer andern Zeit versparen. # . . . . . . . . . . „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ "Titel" (1) „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ „ . ⵙⴱ V the S ④ mgr. gerard