Fortschrittliche 1 . ätt 1 . Flt der iösen Gemeinde freien reli Köln. — Ueber den Gebrauch des Christenblutes bei den Juden. — Verantwortliche Redaktion von C. Aler. Phil. Draun. ③ Köln, im December 1864. In Commission von Chr. Limbarth in Wiesbaden. LANDES UND STADT BIBLIOTHEK DOSSELDOR N . . . . . d 1 . 1 . . . Reber den Gebrauch des Christenblutes bei den Juden. Von C. Alex. Phil. Braun. „Es ist nicht alles gut, was Priester sagen“ Am 19. Oktober d. J. begannen in Wesel die Schwurgerichtsverhandlungen gegen den Tagelöhner Passing, genannt Mui, von Mülheim a. d. Ruhr, ein bereits fünf Mal von verschiedenen Gerichten bestraftes Subjekt christlicher Confession. Passing stand unter der Anklage: am 17. Dez. 1863 den 12jährigen Knaben Jakob Eickeln in einem Walde bei Styrum auf gräßliche Weise ermordet zu haben. Vom Präsidenten des Gerichtshofes befragt, ob er sich des Mordes schuldig bekenne, entgegnete Passing: „Ja, aber ich war's nicht allein!“ Er nehme die Verhandlungen nicht an, wenn der Jude nicht mit auf die Bank käme; und zu weitern Aeußerungen veranlaßt, bemerkte er unter Anderm Folgendes: „Ich bin mit dem Handelsjuden Jakob Markus von Mülheim „unter der Drohung, mich mit einem Dolchmesser zu erstechen, zu „der That gezwungen worden, weil der Jude nämlich Menschenblut „haben zu müssen vorgab. Vor Schrecken ergriff ich den Knaben, „hielt ihm den Mund zu, warf ihn zu Boden und durchschnitt ihm „mit dem mir vom Juden gereichten Messer den Hals, worauf der „Tod sogleich erfolgte. Sodann brachte Markus dem Knaben einen „Stich in die Brust bei und sog das aus der Wunde fließende Blut „mit einem 9—10 Zoll langen Messingröhrchen auf; schließlich hat „der Jude die Leiche an den Beinen in den Wald geſchleppt“. Diese Angabe des christlichen Angeklagten, Passing, hat sich indeß als vollkommen ersonnen herausgestellt; ja die weitere Untersuchung erwies sogar, daß Mui schon früher häufig Kinder im Alter von 9—12 Jahren dem Tode nahe gebracht hatte, indem er z. B. kleinen Mädchen so lange den Hals zuhielt, bis sie braunroth geworden und beinahe erstickt wären. Es war indeß zu bewundern und kann gewiß nur der würdigen Haltung der Justizbeamten zugeschrieben werden, daß die christliche Bevölkerung ob solcher Mähr von einer durch den Sohn Israels veranlaßt sein sollenden Mordthat nicht in die entsetzlichste Raserei ausbrach; herrscht doch heute noch immer die seit undenklichen Zeiten vorgefaßte Meinung, daß die Juden zu gewissen Zeiten und Gelegenheiten Christenblut gebrauchten. Dieser Glaube hat ja unzählige blutige Verfolgungen gegen das Volk der Verheißung in Scene gesetzt, wovon viele selbst diesem Jahrhundert angehören: So fand man z. B. in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli 1834 zu Neuhofen bei Grevenbroich im Regierungsbezirk Düsseldorf einen sechsjährigen Knaben grausam ermordet. Da es nicht gelang den Thäter zu ermitteln, so weckten fanatische Schulmeister und übelgesinnte Pfaffen den Verdacht gegen die Juden, indem jene abscheulichen Menschen aus ihren verlogenen mittelalterlichen Chroniken nachzuweisen suchten, wie die Bekenner der mosaischen Religion häufig Kinder getödtet, weil ſie zu gewiſſen Culthandlungen gemäß der Vorschrift ihres Talmud des Christenblutes bedürften. Ja, ein Pastor (von Bilk) hatte sogar die Frechheit, in einer darauf bezüglichen Brochüre zu sagen, daß der im Volke aufgestiegene Gedanke: die Juden möchten die Urheber der Mordthat sein, — „dem christlichen Zartgefühle noch zu verzeihen sein möchte“. Wie kann man unter sothanen Verhältnissen sich erstaunen, wenn der bigotte, aller Ueberlegung baare, von jeder Verbrechensschen entfesselte Bauernhaufe nicht nur die Wohnung des benachbarten Juden, sondern auch die Häuser und Gärten seiner in mittelbarer Nähe wohnenden Glaubensgenossen, ja selbst das Haus Jehovahs, die Synagoge, mit Ungestüm zerstörte. Noch leben Zeugen nicht nur dieser sondern auch tausend ähnlicher Barbareien. Wie selbst in unserer Stadt, die ihre Thore dem Fortschritte weit geöffnet hält, noch neulich ein Stück Mittelalter spielte, indem ein etwas orientalisch aussehender Ackersmann von einer Frau halb todtgeschlagen wurde, weil das Herz ihr sagte, daß jener in seinem Quersacke geraubte Christenkinder trage, deren Aermchen und Beinchen sie ganz deutlich herauszufühlen glaubte, obgleich sich später herausstellte, daß es nur Runkelrüben waren, — dies haben wir, wie uns erinnerlich ist, schon zu wiederholten Malen unsern Lesern in's Gedächtniß zurückgerufen. 6 gläubig gegen die christlichen Ueberlieferungen das Land Palästina bewohnen. Peter von Amiens war ein Mönch, ein Pfaffe. Diese Thatſache erklärt auch die Urſache der mit ſo viel Raffinerie betriebenen Judenhetzen! Unter den Legenden der Heiligen befindet sich eine, die dem Volke auf den 24. März zur Erbauung (?) vorgelesen wird. Laut derselben sollen sich im Jahre 1475 in Trient einige Juden vereinigt haben, um ein Christenkind am Vorabende des Hamansfestes (d. 25. März) zu tödten. Ein Arzt aus ihnen übernahm es, das Opfer zu liefern, nachdem die andern Juden sich geweigert hatten, es zu thun oder mitzuwirken. An der Thüre eines Hauses erblickte er einen 19monatlichen Knaben mit Namen Simon, den er durch Schmeicheleien anlockte und mit sich fortführte. Donnerstag Abends versammelten sich die betheiligten Juden in einem an die Synagoge stoßenden Zimmer und begannen um Mitternacht den schauerlichen Mord. Mit einem Schnupftuche verstopften sie den Mund des Kindes, machten mehrere Schnitte in seinen Leib und fingen das hervordringende Blut in einem Becken auf. Sodann stellte man das Kind auf die Füße, obgleich es beinahe kein Lebenszeichen mehr von sich gab; zwei Ungeheuer hielten es aufrecht, während die Andern mit Ahlen und Pfriemen die verschiedenen Körpertheile durchstachen. Als das Kind seinen Geist aufgegeben, sollen sie sämmtlich um dasselbe herumgetanzt und gesungen haben: „Tolle, Jesse minnoelle parichieſtelle paſſuſen pegenale“. (So haben wir es mit Jeſus, dem Christengott gemacht; möchten alle unsere Feinde ewig zu Schanden werden.) Derartige absichtliche, auf die Erregung von Haß und Verachtung berechnete Erfindungen nennt man: Legenden der Heiligen! Was Wunder, wenn auf Grund solcher Priesterlügen der ungeschlachte Pöbel Europa's jahrhundertelang unter den unglücklichen Juden wüthete, wenn die späten Enkel derjenigen, deren Priester einst den Volksfreund Jesus an's Kreuz brachten, ebenfalls durch Fanatisirung des rohen Haufens an's Kreuz brachten, wenn jene Unschuldigen, deren ganzes Verbrechen ihr Name war und das Blut, daß in ihren Adern rollte, wenn sie zu Tausenden verbrannt wurden oder unter noch schrecklichern Martern, denen sie sich nur durch schleunige Flucht oder — Annahme des Christenthums entziehn konnten, endeten! Solche bedauernswerthen Vorfälle sind für uns unwidersprechliche Beweise, daß es nicht die sogenannte christliche Liebe ist, von der wir uns Friede und Eintracht unter den Völkern und insoferne das wahre Heil der Welt versprechen dürfen; denn Christlichkeit, das war ja das Hauptmerkmal jener tumultirenden Rotten. Das „christliche Zartgefühl wovon der Pastor Binterim geredet, das war ja der Unterschied zwischen Bauernschaft und Judenschaft, welch' Letztere, man im Grunde nur darum so tief und glühend haßte, weil sie nicht christlich war. Aufklärung, Bildung und jene Nächsteuliebe, die uns nicht als Christen sondern als Menschen innewohnen soll, sind die alleinigen Heilmittel gegen Aberglauben, Irrwahn und Brutalität; sie sind die drei göttlichen Tugenden, deren Pflege Niemand vernachlässigen soll, der auf den Ehrentitel: Mensch Anspruch macht. Das Bewußtsein, einer großen Familie geistig ebenbürtiger Wesen anzuhören, wovon die Einen von weißer, die Andern von schwarzer, rother oder gelber Hautfarbe sind, — der Gedanke der Gleichberechtigung aller denkender Creaturen wird und muß uns bestimmen, den Juden, den Perser, den Katholiken, den Kalmücken, den Protestant, den Baschkiren, den Türken und den Neger gleichmäßig zu achten und rücksichtsvoll zu behandlen. Die Naturreligion und das Gesetz der Humanität machen keinen Unterschied zwischen dem Sonnenanbeter und dem Hostienanbeter; der Vernunftglaube hat nie ein Blutbad noch solche Bürgerkriege erregt, wie der ketzerausrottende Glaube, von dem wir nur erwähnen wollen, daß die infamen Kreuzzüge einige der vielen Früchte waren, die er gezeitigt. Blicken wir in die Jahrhunderte dieser Religionsmördereien zurück, so sehn wir den betrügerischen Einsiedler Peter von Amiens auftreten, einen vom Himmel gefallenen Brief zeigend, mit dem Vorgeben, Christus sei ihm im Traum erschienen und habe ihm befohlen, die ganze Welt zur Befreiung des heiligen Grabes aufzubieten. Obgleich in 6 großen Kriegszügen, an denen mehrere Millionen, hauptsächlich aus der abergläubischen Hefe des Volkes sich betheiligten, die Christen singend und brennend nach Asien zogen, so war ihnen der Himmel doch so wenig günstig, daß nachdem alle Anstrengungen des vom Papste und seinen Organen fanatisirten Europas fehlgeschlagen, aber auf beiden Seiten unsägliches Elend angerichtet worden war, Alles beim Alten blieb. Peter von Amiens zeigte einen im Himmel geschriebenen Brief vor, um eine Verfolgung gegen diejenigen Völker anzuzetteln, die un Man muß indeß nicht meinen, die gewaltthätige Mißhandlung der wehr= und rechtslosen Juden habe erst mit dem Jahre 1475 begonnen, nein, sie ist so alt als das orthodoxe Christenthum überhaupt; seitdem die römischen Kaiser nicht mehr ihre strenge Hand auf die Erlösten hielten, um das Aufflackern ihres bösartigen und verderblichen Wahnsinns zu verhindern, — seit der gewaltthätige, blutdürstende Constantin sich zum Patron derjenigen aufwarf, die er innerlich verachtete und nur als Werkzeug seiner Politik gebrauchte, — von da ab datirt sich jene Kette maaßloser Greuel, davon die tragische Zerstörung von Jerusalem nur ein mattes Vorspiel war, von da ab datirt sich der Ausbruch jenes infernalischen Judenhaßes, dessen — dürften wir sagen: letzte Nachwehn bis in die vorigjährige Stadtverordnetenwahl Kölns hineinreichten. Den Culminationspunkt der Wuth und Grausamkeit erreichten die christlichen Judenfresser vielleicht im Jahre 1348 und 1349, wo man den harmlosen Kindern Israels vorwarf, die Brunnen vergiftet und dadurch die große Pest verursacht zu haben; desgleichen beschuldigte man sie des Durchstechens geweihter Hostien und des Verspeisens alter Kapuziner: alles höchst liebevolle Insinuationen, welche nur dazu dienen sollten, die unmenschlichen Abschlachtungen der ausrottungswürdigen Ketzer (!) mit einem Scheine des Rechts zu umgeben. Was nun die obenerwähnte Behauptung betrifft, daß die Juden consekrirte Hostien angebohrt hätten, um an Christenblut zu kommen, so ist dieselbe so auffällig plump, daß sie einer Widerlegung kaum bedarf; denn auch dem Erzdummsten muß einleuchten, wie zur Vornahme einer solchen Handlung der lebhafte Glaube an die Brodsverwandlung durch Priesterwort gehört. Und dabei selbst würde der Erfolg den Erwartungen nicht entsprechen! Das ganze Gefasel vom Gebrauche des Blutes bei den Juden ist nicht nur jeder thatsächlichen Basis entbehrend, sondern es wird auch besonders glänzend entkräftigt durch die strengen Vorschriften des Talmud und der religiösen Bücher Israels überhaupt, indem seit Moises Zeiten ausdrücklich der Genuß des Blutes, in welcher Weise er auch statthaben möge, verboten ist. 3. Mos. 17, 10—16. Die Beobachtung dieses formellen Gesetzes verwuchs so sehr mit dem ganzen Wesen der Hebräer, daß sogar die ersten Christen jüdischer Abkunft jene Bestimmungen hinsichtlich der Enthaltung von Blut als einen integrirenden Theil der neuen Religion in die kirchlichen Anfänge des Christenthums mit hinüber nahmen und die Heidenchristen zwingen wollten, sich ebenfalls vom Genusse des Blutes und Alles dessen, was Moises für unrein erklärt hatte, zu enthalten. (Apost.=Gesch. 15, —) So kann man also mit demſelben Rechte, womit man ſagt, daß die gottesdienſtlichen Verrichtungen der Juden Blut erforderten, auch behaupten: sie erforderten Schweinefleisch! Endlich ist der Jude in seinem Gesetze (2 Mos. 21,) wegen jeder Leibesverletzung, die er einem Andern zufügt, bedroht; und auf der Tödtung eines Menschen steht der Verlust des eignen Lebens. In den Synagogen wurden Verbrechen streng geahndet; so hat man z. B. ein ordentliches Verzeichniß der Pönitenzen, die sich fast auf jedes denkbare Vergehn erstrecken. In dem Buche Rheschith Choema heißt es zum Beispiel: „Wer einen Menschen getödtet hat, muß 3 Jahre auswandern und in jeder Stadt wird er gepeitse wobei er sagen muß: „„Ich bin ein Mörder!““ Er darf kein Fleisch essen, noch Wein trinken, die Haare nicht schneiden, den Leib und die Kleider nicht waschen. Er muß den Arm, womit er den Todtschlag begangen bis an den Hals mit einer eisernen Kette fesseln und baarfüßig einhergehn, weinend über seinen Todtschlag. Schimpft ihn Jemand, so schweige er. In den drei Jahren darf er sich keine Belustigung erlauben; vor der Thüre der Synagoge liege er hingestreckt, daß Alle über ihn hergehn, nur sollen sie ihn nicht zertreten.“ So verpönen es die religiösen Gesetze der Hebräer: Menschenblut zu vergießen! Wie gierig aber auch der Judenhaß die Sage vom Gebrauche des Christenblutes ausgebeutet haben mag, so verdankt sie ihre ureigentliche Entstehung doch keineswegs der Bosheit, sondern es beruhten die ersten derartigen Gerüchte auf dem Mißverständnisse jüdischer und christlicher Culthandlungen, wie wir in Nachstehendem zeigen werden. Die Juden feiern nämlich am 14. des Monats Adar oder nach unserm Kalender am 25. März das Fest Purim, das sogenannte Hamansfest, zum freudigen Gedächtniße der glücklichen Rettung der Nation vom Untergange, den ihr Haman geschworen. Während der Vorlesung des Buches Esther in den Synagagen und Häusern machen die Männer, Weiber und Kinder mit Händen und Füßen einen entsetzlichen Lärm und schlagen mit Steinen und Hämmern auf die Wände und Bänke so oft Hamans Name ausgesprochen wird. Auch der Gebrauch herrschte mancherorts, eine Puppe, die den Haman bedeutete, an einen Galgen oder Kreuz aufzuhängen, worauf dann später angesichts dieses Deliquenten ein Festmahl abgehalten ward. Der Kaiser Theodosius II. erließ aber im Jahre 405 ein Gesetz, das den Juden verbot auf diese Art ihr Fest zu feiern. Da der 14. Adar (oder 25. März) mitunter in die Leidenswoche oder gar auf den Charfreitag fiel, so mag dieser Umstand an der Waschbütte zu dem Geschwätz Anlaß gegeben, die Juden begingen die Kreuzigung Jesu durch Aufhängen eines Christen. Eine andere Erklärung der Entstehung des Aberglaubens ist diese. Bekanntlich mußten die ersten Christen ihre gottesdienstlichen Versammlungen in den unterirdischen Räumen, Katakomben, abhalten, — nicht nur um in jeder Beziehung ungestört den Untergang des weströmischen Reiches vorbereiten zu können, sondern auch weil sie die Heiden für unwürdig hielten, der Feier ihrer Mysterien beizuwohnen. Unter den Letzteren war wohl das bedeutendste, die Feier des sogenannten Opfertodes Jesu, wobei Brod und Wein auf Grund einer verirrten Auslegung für den wahren Leib und das wahre Blut des Menschensohnes, Jesus, genossen ward. So war bald in der Heidenwelt, die sich um den genaueren Sachverhalt, wie er etwa zu Gunsten der neuen Religionsgenossen sprach, nicht kümmerte, gar bald ruchbar, daß die jüdische Sekte, oder die Juden, wie man die ersten Jünger des Christenthums des Ursprunges ihrer Religion resp. der Herkunft ihres Stifters wegen nannte, bei ihren Zusammenkünften Christusblut, oder schlechtweg: Christenblut tränken. Derartiges erschien aber den gebildeten Römern, nicht wissend wie unblutig es bei diesem Bluttrinken herging, ein kanibalischer Gräuel, und die neue jüdische Sekte mußte daher begreif licherweise manche empfindliche Maßregelung seitens der Regierung bestehn, Maßregelungen, die unter dem Namen Christenverfolgungen bekannt sind. Hätten die ersten Christen nicht einen ebenso phantastischen als staatsgefährlichen Communismus gefordert, (Apost.=Gesch. 5,) hätten sie nicht oft sehr politische Tendenzen zur Schau getragen, und hätten sie nicht ihre übrigen Grundsätze, die doch Alle schon längst vor Jesu Auftreten eine gangbare Waare bildeten, mit sonderbaren Ceremonien und anstößigen Gebräuchen verkleistert, — so würde es der Regierung und dem römischen Volk ebensowenig eingefallen sein, die Sektirer (von denen Viele ein ganz wahnsinniges Verlangen nach der Martyrerkrone mit sich herumtrugen) zu bestrafen, eben sowenig wie sie den Naturforscher: Plinius den Aeltern seiner aufgeklärten Schriften wegen verfolgten. Nein, die alten Römer waren keine Dunkel männer, und in Dingen der Religion, der Philosophie und Literatur nachweislich viel toleranter als diejenigen, welche heute in Rom das Scepter führen, die nicht wissen, auf welche Weise sie den Nichtkatholiken durch Inquisition und Index das Leben versauern sollen. 10 Kaum hatten die Christen unter letzterem Namen staatliche Anerkennung gefunden, als sie sich beeilten, den orthodox=mosaisch gebliebenen Juden das Verbrechen, dessen man sie (die Christen nämlich) bezüchtigt hatte, das vermeintliche Verbrechen vom Gebrauche des Menschenblutes in die Schuhe zu schieben. Das rohe Volk wurde, wie man es überhaupt gegen Andersdenkende (darunter Arius) fanatisirte, ganz besonders zur christlichen Ausrottung der Kinder Israels angeleitet. Anderthalb Jahrtausend sind seitdem mit beispiellosen Prüfungen über das Volk Gottes hergezogen, — Prüfungen deren eiserne Ketten in der Hölle geschmiedet zu sein scheinen. Anderthalb Jahrtausend wurde den Auserwählten Jehovahs ein Kelch voll Wermuth gereicht, wie ihn keine Nation jemals ausgetrunken, die das Schicksal im ehrenen Mörser unter eiserner Keule zerstampfte. Anderthalb Jahrhundert mußte das reine Gold im heftig glühenden Schmelztiegel sich bewähren und so als unverwüstliches, köstliches Metall erweisen. Die Probe der Aechtheit ist glänzend bestanden; aber wieviele Jammerthränen des undankbarsten Martyrthums sind auf den Adelsbrief geflossen, den die vereinigten Jahrhunderte den 12 Stämmen ausgefertigt haben?! Noch immer nicht verhallt iſt das Schmerzensgeſchrei, das der neue Bund, die im Mantel der Feindesliebe heuchlerisch einherschreitende Tücke, den armen Juden auspreßte. Aus ihren Gräbern hervor tönen die Stimmen der feig hingemordeten Greise, Weiber und Kinder, das Wuthgeheul der gefesselten Väter, vor deren Augen verthierte Creaturen die Töchter entweihten, die herzzereißenden Klagelieder der edelsten Jungfrauen Israels, die um der Schande zu entgehen, sich den erlösenden Dolch in's schuldlose Herz drückten. Aus den offnen Grüften heult die Verzweiflung der Bekenner Jehovahs, die, dem alten Gesetze getreu, unter den grausam erfundenen Qualen des Scheiterhaufens starben oder unter den rauchenden Trümmern ihrer durch Pöbelsgewalt und Flammen zertrümmerten Häuser erstickten. Sie alle, diese Millionen Stimmen jener unglücklichen Opfer des Judenhasses, vereinigen sich heute zu einem einzigen, Alles übertönenden Rufe — nicht nach Rache, sondern — nach Gerechtigkeit! Uns, die wir christlich=germanischen Ursprunges sind, uns ziemt es, den frommen Mordthaten unserer Verfahren zu fluchen, — und zu erröthen, wenn der Name unserer ererbten Religion genannt wird. Seien diese Zeilen, das demüthige Geständniß der unverzeih 11 lichen Frevelthaten unserer Ahnen, ein Anfang zu jener schuldigen Sühnung, die leider noch immer auf sich warten läßt. Die völkerbeherrschende Kirche des Mittelalters aber, — die furchtbare Mitschuldige an der Rohheit ihrer geistigen Kinder, mitschuldig durch wirkliche und Unterlassungs=Sünden, von dem sich allenthalben bahnbrechenden Fortschritte über die Hinfälligkeit alles dessen belehrt, was in der Finsterniß wurzelt, — sie hat an den Juden Vieles, Vieles gut zu machen. Möge sie sich sputen, dies zu thun, ehe ihre Uhr abgelaufen ist, und die Weltgeschichte eine Schaufel Erde auf ihren Sarg wirft. # P. S. Wir wüßten weder Anfang noch Ende zu finden, wollten wir Gegenwärtigem die sich täglich ereignenden bedauerlichen Vorfälle nachtragen, die beweisen, wie tief das schmähliche Vorurtheil, welches wir hier bekämpfen, noch im Volke wurzelt. In unserer Absicht liegt es nur, darauf hinzuweisen, wie unter unsern Augen noch neulich auf einer öffentlichen Straße Kölns ein Vater, der mit seinen Kindern durch die Stadt spazierte, den Verdacht derjenigen Leute erregte, die mit ihren Gebeten die Ausrottung der Ketzereien befördern sollten, was die Geistlichkeit bei dem letzten 3-Königen=Jubiläum verlangt hatte. Gar bald hatte sich eine Schaar gebildet, die den Mann mit Steinwürfen verfolgte und fortwährend rief: „Schlagt dä Jüdd dut, dä de Kinder stillt.“ Es kostete den vernünftigen Bürgern Mühe, den Bedrohten vor weiterer Maltraitirung zu schützen. Möchte jeder wohlmeinende Mensch uns in unserm auf die Ansrottung dieses sowie auch jedes andern verderblichen Aberglaubens zielenden Streben, wie mühsam solches auch ist, nach Kräften unterstützen. Auf der zweiten Seite des vorliegenden Aufsatzes haben wir eines Mannes wiederholt Erwähnung gethan, dessen Leben beinahe dem Judenhasse einiger Kappesweiber von der Friesenstraße zum Opfer gefallen wäre; 12 es ist dies der Schreinermeister Friedrich Korsten, jetzt wohnhaft: Ehrenstraße 63 dahier. Durch die erlittenen Mißhandlungen auf Lebenszeit fast ganz arbeitsunfähig, verdient der Unglückliche sicherlich, der öffentlichen Mildthätigkeit auf's Angelegentlichste empfohlen zu werden, was hiermit geschehn sein soll, weil wir soeben von achtungswerther befreundeter Seite, wo man die Persönlichkeit des Korsten und seine Lage kennt, darauf aufmerksam gemacht werden. Löln, den 1. Dezember 1864. ⸗ⵣⴱⵜ n 1 . . d . . (tam) . . Das ist ein geschuldigtes Recht, das wird ein . . . . . . . . . . . . . Buchdruckerei von F. Mermet in Köln.