ULB Düsse I dor f +0024 237 01 PALAESTRA CI. UNTERSUCHUNGEN UND TEXTE AUS DER DEUTSCHEN UND ENGLISCHEN PHIL0L0GD3, herausgegeben von Alois Brandl, Gustav Roethe und Erich Schmidt. Daniel, eine Deutschordensdichtung. Von Arthur Hübner. BERLIN. 3VEA."5TEE, statt 6 fast nur nach der Vorsilbe en-, ent-: enpiete 1630, entputet 5459, ewjpoi 3973. 4206, enpeiz 2327. 3884. 6573, enpor 3764. 4594, entplosten 4006, enpunden 7287, entprant 7545 ; achperkeit 887. 4867. 5533. Die Assimilation von m& zu nun ist stets vollzogen. Die Verschiebung von p zu p/ - im Anlaut fehlt nur selten, nämlich in prunde 267 (unverstanden aus der Vorlage übernommen?), propfte 3941, gepropfet 7425. Die Verschiebung von pp im Inlaut ist öfter unterblieben : appü 950, ivibpel 3579, wippel 3612. 4417, dopende 3221, vuzstappen 8000, verstopten : dopten 3237; aber schepftl (= sc7ta- £>eZ) 1965, ougepfeln 3858, irpp/ie 4972, sdieppfer 273. 4797, dopften 2950, gepfropfet u. ä. 2011. 3941. 4013. 7425. Die Media ö steht statt der Spirans in «Je?- 4002, daben 5874, 7ier&e (: sterbe) 4157. Die Spirans steht statt der Media in fterwe 3101 für e»'öe (offenbar ein Mißverständnis), sonst nur im Reim: gewen: leiven 5669, irhewen: leiven 3831, gehahcü : vervalwit 2605, haven: claven 523, even : leiven 5111 u. ö., loven : oven 1324. v (m) und w sind nicht ganz scharf getrennt, w steht für v in gepruwet 1579, «;m 2409, wunden 3373, gewar 5730; der Schreiber fand offenbar in seiner Vorlage w in größerer Ausdehnung und hat nicht überall v eingesetzt, v steht für iv in nidervart 776, nuve (-.prwve) 1554. — pf statt « steht nach dem Praefix ent- in enpfan stets, in entpflihen 7661. — #Ä steht in Fremdwörtern: prophete 467 — 11 — u. ü., JEpiphanü 3812, phares 4723; gelegentlich auch sonst: phin 808. 4702, glymphet: bescliymphet 1607. Gutturale. Die Verschiebung von fc ist unterblieben mfyölke 1711, ungemeclick 3234. Die Tenuis steht für die Media in verlouken 6479, stets in hegen, kein, gewöhnlich in ieclich (ieglich 86. 1786. 3322). — Die Explosiva c ist im Auslaut in der Eegel erhalten, g steht in berg 1005. 1778, jung 2988, ding 5558, sig: hurtig 5445. 6901. 7129. 7893, -.widerbig 6975. g ist ins "Wortinnere gedrungen in kunglichen 112, smaghaft 558. — Auf palatale Aussprache des g weist das Nebeneinander von lylgen 1683 u. ö. und lylien 2013 u. ö., gekreigieret 4746 und gekreirt 8320, menge 6401 und menie 7167 u. ö., manige 5275 und maniche 2231 u. ü. cä statt fc steht in schichte 5319; A erscheint als hiatdeckender Konsonant in buhen 6462, muhen 6999, WiAe 7309, des se7iis 3997. Über gehen, stehen s. p. 50. Dentale. Die Verschiebung von d zu t ist unterblieben im Praet. und Part, praet. von liden: sie liden 2070. 4575 u. ü., geliden 2196 u. ö. Die Erweichung von t zu d ist durchgeführt nach l: halden 1846, walden 1134, alder 4499 u. s. f.; nach r und w herrscht dagegen t. Auslautender Dental wird meist durch die Tenuis wiedergegeben, d steht in vind ich 1161, gered (= geredet) 5672, begund ich 5993, »nawd 6530, er pi'd (-.David) 6748, drizend 7407, vierzend 7863. Gemination von i ist nach i fast völlig durchgeführt: mittewist IC u. ü., bitten 55 u. ö., säte 142 u. ö., bitterlich 4348, sie itritten 5724, vittachen 5755, de?» «re 6481, mere : Z«re 7027, /terew : creiceren 1197. e : e. Tiefe» : sefere 5031. 6787. 1) wohl Kürzung nach dem sing, verlasch. 2) Beachtung verdient der Keim claffe (Hs. clafe): strafe 5385. Der Keim ist wohl als claffe: straffe zu interpretieren. Denn auch Jeroschin reimt släfe : äffe 4703, släfen : vorschaffen 12942, freilich daneben auch släfen im Reim auf ä (Ziesemer p. 139). 3) quele hatte für den Dichter offenbar geschlossenes e, das als sekundäre Anlehnung an queln, gedehnt quelen leicht erklärbar wäre. Denn er reimt auch quele : sele 353; und daß es sich hier um einen qualitativ reinen Reim handelt, möchte ich daraus schließen, daß sonst Reime von e zu m aufs strengste gemieden werden. — 33 — o. vone : nöne 5183, tvonet : ungelönet 737; vore : tröre 1745. 4073, bevore : Tcöre 5545, ören : bevoren 5335, : verloren 1351; goten : nceten 1291. i. u. Keime zwischen kurzem und langem Vokal in offener Silbe fehlen. Umlaut. a a. Der Umlaut von ä und a ist durchgeführt und wird durch viele Reime auf die, verschiedenen e-Laute erwiesen. Nur vereinzelt erscheinen Formen ohne um- gelauteten Vokal: sälden : geivalden 4749; härmen (= harm- jan): armen 1851, harwe (subst.): varwe 7623 neben herwe : sterbe 4157, ebenso erscheint das Subst. nar mit und ohne Umlaut: nar: bar 8105, :gevar 2973, ner : mer 4119. Auch die Reime entsahen (inf.): haben 7689 und entsaben (part. praes.): gaöew 593 (neben entseben : leben 6921) sind wohl durch Unterbleiben des Umlauts zu erklären. Fest war das Fehlen des Umlauts offenbar in dem Adj.-Suffix -bar (offenbar : clär 5431, : schar 8005, : ivar 5333. 5813, : war 75. 609, : zicar 751, offenbaren: wären 305), doch einmal auch hier wunnenbair : mer 2333. Über die verschiedenen Formen von hant s. p. 56. 6. Der Umlaut ist nicht beachtet in nöten (dat. pl.): goten 1291, losen (inf.): gekosen 1613, in note : bröte 2323, : rote 2263, töte (praes.): note (nom. mit epithet. e) 8039, Babylone : schöne (adj.) 7410. ü u. Dem Umlaut von.« widerspricht viuht(e): zuht 1767, siulen : guten 4225. — Er ist ferner vernachlässigt in vrühte : genullte (nom. mit epithet. e) 955, : tuhte (== £o/ife) 4019, stunde : erkünde 3511. 4365, : abgründe 2899, vunden : erkünden 3373, : sünden 7495, ivünne: brunne 3, : szmwe 1005, ivünnen : unversunnen 7449, urkünd{e): gesunt 4459. uo. Hier sind Reime zwischen umgelautetem und umlautlosem Vokal verhältnismäßig am häufigsten: schliefe: geruofe 7487, genüege : gevuoge 1785. 3825, vüegen : truogen 4891, grüene: suone 1881, güete:huote (subst.) 231. 1937. Palaestra CI. 3 — 34 — 7595, : er huote 5609, : armuote (accus.) 3443, gemüete : vluote (nom. mit epithet. e) 7629, glüete : bluote 5623, : vaote 3445, blüeten : guoten 1493. 2) einzelne Vokale. a Keime zwischen kurzem und langem Vokal in geschlossener Silbe sind sehr häufig. Vor n ist die Quantität fraglich : an : gän 4583. 4763, : hän 5223, :plän 6 x, : vertan 517, : slän 665, : getan 3077, : stän 3181. 6545. 7479. 7627, : wän 1293. 2525; ban: vertan 2825, -.getan 6343, : entstän 4451; began : getan 7713; kan : wän 2097; man : hän 2523. 6949. 7429, : län 6179. 6701, : #Zr Reim gerte : lerte 725. Eigennamen mit dem Reimvokal a sind häufig. Steht das a im Auslaut, so reimen sie natürlich mit ä (5 x zu nä und da). Sonst begegnen Unterschiede: auf u reimen die mit der Endung -arh (Mysach: sprach 191. 1253. : ge- schach 903), die mit der Endung -as (las: Abdyas 4211, : Azarias 183, : Jeremyas 2621. 4811, ivas : Ananyas 181, : Kayphas 4161, : Jeremyas 4189) und Dur am : gezam 1179. Mit ä reimen die Namen auf -ar (vürivär: JBaltasar 723. 6563, : Sennaar 407). Mit offener Silbe Baltasaren : wären 4847, : vären 4755; Abrahamen : schämen 4963, : sämen 1377. Die Eigennamen passen sich also, was Bindung von Länge und Kürze betrifft, der Praxis der übrigen Worte an. c Die Behandlung der e-Reime zeigt deutlich die Tendenz des Dichters zur qualitativen Scheidung der einzelnen e-Laute. Die größere Zahl der Reime bindet gleiche Laute miteinander. So zähle ich 229 Reime von e : e *), 108 von e : e 2 ), 29 von ce : ce, 141 von e : e und einen mit sekundärem Umlaut (gebrühte : geslähte 4125). Der Dichter gehört unter die Zahl der Mitteldeutschen, die e und ce im Reim scheiden 3 ); denn in stet: slet 823 wird man slet mit geschlossenem (' aus slehet ansetzen müssen (vgl. Zwierzina Zs. 44,259) i ). Zwierzinas Beobachtungen über die e-Laute bei mhd. Dichtern (Zs. 44,280 ff.) können also die Richtlinien für 1) Mit Einrechnung der 23 Reime von eben, das für den Dichter wie auch sonst meist e hatte (vgl. Zwierzina, Zs. 44, 253 Anm. 2). 2) Mit Einrechnung der 4 Reime von sie icesten, das der Dichter nur mit e reimt, : resten 4029, : vesten 6943, : lesten 6985, : gesten 7223. 3) Über quele : sele 353 s. p. 32 Anm. 3. 4) Derselbe Ansatz hat zu gelten für den Reim Makk. 11183, wo Helm fälschlich stet: slcst annimmt. Damit werden auch für die Makkabäer die Bindungen zwischen e und a auf 3 Reime beschränkt, in denen ein r dem e-Laut folgt. - 37 — unsere Betrachtung hergeben. Es wird sich zeigen, wie auch der Daniel Zwierzinas e-Regel bestätigt (a. a. o. p. 285: 'md. Dichter reimen, soweit sie überhaupt lange und kurze e-Laute binden, e mit e, e mit cc'), wenn sie auch zur Erklärung seines .Reimgebrauchs nicht völlig ausreicht. Unter den Reimen, die nicht zu den oben angeführten mit identischem e-Laut gehören, überwiegen die, deren Laute der Qualität nach übereinstimmen. Für die md. Sprache des Dichters sind also folgende Bindungen unanstößig : e : ee. 18 Reime mit offener Silbe (aufgezählt p. 32) dazu vor r: er : gewar 6875, : leer 6159, der: steter 3661, g'er : sundeer 5675, her : sundeer 2649, : leer 3487, : mar 7605, gewer: lercer 6789. — Vor ht: knüllten : brachten 7959, -.verteilten 6263, r'ehten : gedeehten 7461, v'ehten: verteilten 1735. — Vor r -\- Dental: werde : gebärde 1555. 8079, erden: gebeerden 845. 939. 1771. 2033. 4585. 5741, werden : gebärden 2885. 6153. 7135. — Vor st: nest: gecez(e)t 3589. — Offenes e hat auch das nd. vet : er leet 2747. e : e. 5 Reime mit offener Silbe (aufgezählt p. 32), dazu hersten (ahd. liarstjan) : irsten 2765, herste : erste 6145. ä : e (vgl. Zwierzina a. a. o. p. 299). geslähte : rehte 153. 4659. 6151. 6237. 6399. 7735, gebrühte : slelüe 7757, härwe : sterbe 4157, mänge : venie 1233. 6779. ä : se. geslähte : breehte 1637, pfärden : gebärden 2925. Auch im Reimgebrauch des offenen e-Lautes, der aus den häufig erscheinenden Kontraktionen von -ehe entstanden ist, stimmt der Daniel zu Zwierzinas Beobachtungen (a. a. o. p. 288). Der Kontraktionsvokal reimt nie auf das e des überaus häufigen gen und sten, sondern immer nur mit sich selbst oder zweifellos offenem e-Laut. Es reimen ehe : ehe. gesehen : spen 1545. 4921. 5399. 6457, : verjen 5235, : sen 2827; spen : bejen 1689. 3321, : gesen 6525. 6993. 7993; sen : bren 7621. 8269, : bejen 4111, 4297. 6421. ehe : e. sen : den 5639, bejen : den 4845. ehe : ae. spet: gescet 3063. Unter diesen Umständen ist der Reim zene (decem): ene (solus) 3197 gewiß nicht als zchene : ene anzusetzen, sondern als qualitativ rein. Dabei kann fraglich sein, — 38 — ob in zene ein geschlossener Laut vorliegt (sehen aus ^e- hini weist Zwierzina a. a. o. p. 311 nach), oder ob ene offen ist. Das geschlossene vlen (aus vlehen) reimt natürlich ordnungsgemäß auf versten 7349. Soweit deckt sich die Technik des Daniel mit dem, was nach Zwierzinas Beobachtungen für gewisse md. Dichter das Normale ist. Aber darüber hinaus erscheint eine Anzahl von Heimen, deren e-Laute etymologisch und für gewöhnlich auch lautlich verschiedener Art sind; es reimt e : £e. here : swcere 6951, : vcere 6481, mere : leere 7027, heren : creiceren 1197. — her : leer 473, : sündeer 1111, mer : wunnenbeer 2333. e : e. her : mer 3895, gerte : lerte 725. — Helen : seien 5031. 6787. Ein Blick lehrt, daß das e fast in allen diesen Fällen einem r benachbart ist. Soweit hier nicht schon durch die Vokaldehnung lautliche Modifikationen hervorgerufen sind, hat sicher der Einfluß des folgenden r die Vokale einander angenähert, ein Einfluß, der sich in weiten Gebieten des Md. geltend macht (Zwierzina, a. a. o. p. 281). Mit Ausnahme vielleicht von helen : seien hat man keinen Grund, diese Reime als unrein zu betrachten. Nicht so glatt gehen die Dinge auf in einer letzten Gruppe von Reimen, den Bindungen von e: e. In einer Reihe zeigt sich wieder der Einfluß des folgenden r wirksame : berge : erge 1071. 3035. 6753, werken : Sterken 1989, gersten: hersten 2363. Aber es bleibt ein Rest von e- Reimen verschiedener Qualität, für die sich eine befriedigende Erklärung nicht geben läßt, nämlich leben : ent- seben 6921, legen : erwegen 4605 (Vermischung mit erwegen ?), : pflegen 4649, vreget: treget 4823 (vreit : treu verbietet die Silbenzahl), gerelden : scheiden (= scheften) 7759, brechen : rechen (= rechenen) 6251, melden: seiden 7673. In den letzten beiden Fällen steht freilich die Interpretation nicht eindeutig fest. Von Wörtern, deren e-Laut in seiner Qualität nicht fest ist, reimt leiven: geben 5669, : 'eben 5111. 8087. 8153. 8233, : erheben 3831. — er hete: steete 4665 (also ausge- — 39 — sprochen md. Form, s. Zwierzina a. a. o. p. 294). — er tet: gebet 5617. 7833. 7879, : spet (aus spähet) 7079, : Elyzabet 2169. Es ist also tet anzusetzen. Die Zahl der e-Laute ist vermehrt worden 1. durch sporadisch auftretendes e für altes ei. Es erscheint in ene (solus): zehene 3197 (s. o.) und hei (salus) : Banyel 6637. 2. durch das im Md. nicht seltene e für i, das geschlossen zu sein pflegt. Dem widerspricht der Reim seten : entreten 2685. Qualitativ indifferent sind ane sei : Israhel 1505, vel (= vil) : Mysaliel 1513. — Zuweilen schreibt die Hs. e für i im neutralen Reim: en:hen 5449, en : sen 6913, uzsetzigcn : en 3175. Zwar beweist der Reim für in und sin deutlich den i-Laut: in : gesin 1387. 3219; sin : eriri 5145. Trotzdem ist ganz wohl möglich, daß auch die Reime mit e die Form, des Originals wiedergeben. Gerade für das Pron. ist in einem md. Denkmal mit der Nebenform en zu rechnen. Hervorzuheben ist die ziemlich häufige Verwendung eines tonlosen epithetischen e, das meist nur dem Reim zu dienen hat und durch die Silbenzahl als sieber zu erweisen ist. Es erscheint im Nom. Acc. sing, des st. Masc. Neutr.: Schilde : milde 854, orte: horte 1294, firmamente: rente 1533, tedne : vane 2637, vür nihte : gerillte 6274. — im Nom. Acc. sing, des st. Fem. 2: genullte : vrühte 956, arte : parte 2405, vluote : giiete 6377, : gemüete 7629, nöte : teete 8040. — darnäre: dem häre 8118; endlich höchst auffällig er ivirde : girde 855. — Dagegen kann man in die g'ere: geweere 7781 noch den Überrest des alten i (ahd. geri) erblicken. Von fremden e-Lauten erscheint 1. e im Auslaut: Perside:me 6871, Moyse-.e 5227, benedicite: me 1479. 8345, ave : vle 89, : ice 65, also nie auf -e reimend (wie tercie : andere 5127). 2. e in geschlossener Silbe: Jerusalem :bequa?m 1955. 6363. 7133; Danyel-.snel 3653. 5311, : hei (= heil) 6637, : hwl 5439. 7355. 7977, Gabriel : snel 6419, Mysaliel : vel — 40 — (= vil) 1513, Israhel : gel (== zil) 1505, außerdem identisch 233. 6415. 7883. — Johannes : des 5267, Arysto- tiles : des 6833. — Deutlich scheint demnach, daß überall ein offener Laut vorliegt, über die Quantität ergibt sich nichts Sicheres. 3, e in offener Silbe: Banyelen : vzerwelen 7855, : zehn 873. 3893, : schelen 8171, : seien 5523. vgl. 5663, : vcelen 8027, Israhelen : seien 5299, : holen 7715. Die Qualität des e war offenbar nicht fest, denn es reimt auf e wie auf ce, Laute, die sonst nur vor r gebunden werden (s. o.). i Reime zwischen Kürze und Länge sind sichtlich gemieden. Der Dichter stimmt in dieser Beziehung mehr zu Jer. als zu den Makk. Es erscheint nur in (pron.): sin 1387, sin : erin 5145. Außerdem vor Doppelkonsonanz: iint:.sint 7087, -.leint 4883. 8001, vinden : winden 2869. 6953, lihte : getihte 6423. Hier ist wohl Verkürzung eingetreten. — Zweifelhaft ist die Quantität in dem Reim is(t) : sis (= sie ez) 4877, ebenso in dem noch unbelegten st. m. nie : zwic 3939. Keine feste Quantität haben für den Dichter offenbar die Adject. und Adv. auf -lieh, -liehe. Man wird mit Zwierzina (Zs. 45, 81 ff.) Doppelformen annehmen müssen. Immerhin lassen die Bindungen des Daniel doch soviel erkennen, daß in der Endung -lieh die Kürze geläufiger war als in den zweisilbigen Eormen. Indifferent sind 6 Reime -liehen:-liehen, 12 -lieh: -lieh. Sonst reimt -liehen: strichen 4587. 7299. 7451, : entwichen 4 X ; -liehe: ertriche 1073. 1471; dagegen -liehen : gestrichen 6 x, : verblichen 2209. 4423. 5575, : entwichen 4937. Die einsilbige Form -lieh reimt: rieh 167, : himelrich 4 x, -.glich 1203. 4497; dagegen : ich 19, : mich 699. 3539. 8297, -.strich 3651. 4489, -.sprich 3387, -.sich (imperat.) 10 x, : dich 10 x. Es wird also -liehen 9 mal mit i, 10 mal mit * gebunden, aber -lieh nur 7 mal mit i, dagegen 27 mal mit t. — 41 — Der Unterschied ist sonach deutlich. Der Sprachgebrauch der Makk. weicht hier merklich ab: während für -lieh die Dinge ähnlich liegen, wird -liehen fast ausnahmslos mit Länge gebunden (Makk. p. XXII, Anm. 1). Der Bestand des i ist vermehrt worden 1. durch Kontraktion. Der Dichter kontrahiert -ige in lit, pflit, -ide in quit und -ibe in yit. Die kontrahierten Formen reimen auf i und untereinander: lit: g'it 3249, : vit 355, : strit 6839, : zit 17 x, pflit: sit 3975, quit: sit 8195, git-.sU 8 x, -.David 6747. 2. durch Monophthongierung von ie, s. p. 45. Höchst auffällig sind einige Reime zwischen I und ei: in (adv.): erschein (praet.) 620, sternenschinen: reinen 1489, rieh : iveich 6404, erstigen : neigen 6899, risen : vreisen 1288. Bei sternenschinen und erstigen wäre eine Verwechslung zwischen den starken und den faktitiven schwachen Verben denkbar; doch glaube ich eher, man wird die Fälle einheitlich erklären und als Spuren der Diphthongierung von i ansehen müssen. Die Ordensdichtung jedoch bindet sonst nicht i mit ei v ). Das Urkundenmaterial gestattet leider keine absolut sichern Schlüsse, da deutsche Originalurkunden erst mit der 2. Hälfte des 14. Jh. häufiger werden; aber so weit sich der Verlauf der Diphthongierung übersehen läßt 2 ), ist es sehr wenig 1) Nur aus den Makk. läßt sich der Reim tiberwit: heilikeü 7361 anführen, den freilich der Herausgeher durch Konjektur heseitigen will. Wenn sogar die Livländ. Reimcbr., die noch ins Ende des 13. Jh. gehurt, v. 11557 schon eit-.geleit reimt, so ist nach dem Befunde der Urkunden dieser Reim unbedingt nicht aus der Sprache des Ordenslandes zu erklären. 2) Ein Exkurs mag an der Hand der Urkunden kurz über den Gang der Diphthongierung im Ordenslande unterrichten. Das Material gibt Dahlmann-Waitz, Quellenkunde zur Deutsch. Gesch. p. 54 und die Regesten in Voigts Cod. diplom. Pruss. Das beste Beobachtungsobjekt bilden die Urkunden des Bistums Culm (Woelky, Neues preuß. Urk.-Buch, westpreuß. Teil) wegen der Fülle erhaltener Originale und ihrer guten zeitlichen Kontinuität. Außerdem sind im folgenden herangezogen: Voigt, Cod. diplom. Pruss.; Behnisch, Gesch. der Stadt Bartenstein; Kiewning und Lukat, Urk. zur Gesch. des ehe- — 42 — wahrscheinlich, daß der Dichter die ei-Formen aus der Sprache des Ordenslandes geschöpft hat: das erste sichere maligen Hauptamtes Insterburg. Das Bild, das diese reichen Quellen liefern, ist nicht ganz einheitlich; ich will versuchen, durch eine Auswahl von Originalen den normalen Verlauf des Eindringens der neuen Vokale in die Schrift zu illustrieren: Woelky 307 (Thorn 1360): ge- seug, iu 9x. — Behnisch p. 504 (1361): pfarrei, vikereygen 2 x, i 5 x. — Behnisch p. 510 (1375): seines, i 11 x. — Behnisch p. 506 (1377): Metzhous, ü 5 x. — Woelky 357 (Marienburg 1381): zeit, i 6 x. — Voigt IV, 27 (Thorn 1384): Newinstat , iu 4 x. — Voigt IV, 36 (1386): in guten trouiven, getreuwen, iu 2 x. — Voigt IV, 82 (Marienburg 1390): bei/ 2 x, i 52 x. — Voigt IV, 112 (Liebenhof 1392): deutschin, Prewsen, iu 4 x; sein- 3 x, i 4 x. — Woelky 396 (Thorn 1392): vorleyen, sey, dreyhundirt, sein (pron. und vb.) 12 x, weyle 2 x, czeit 3 X, bleiben, gleiche, speyse; sy, vorlyen 3 x, by 2 x, vryes, firmerie 2 x, syn- 5 x, blyben 3 x, schryber ; getrauwe, kein ü. — Behnisch p. 513 (1397): drey, i6x; obirbaivet, ü 3 x. — Voigt V, 121 (Marienburg 1401): bey 10 x, drey, sey, seyn (pron. und vb.) 4 x, Königreich 2 x, czeit, i 15 x. — Voigt VI, 127 (Marienburg 1402): ustveist, quweiet briff, freyen, bey, Hx; preusschem, iu 5 x. — Woelky 463 (1409): bey, freiheit, fleysse, czeyt, i3x; orleu, leute, iu 4 x; gebomver, ü 7 x. — Woelky 472 (Thorn 1411): freiheyt, seythe 2 x, fleissigen, weisen, czeit 2 x, i 6 x; feuwers, gebewdes, Creuicczs, iu 1 x; bauiuen, nachgebauicern, mauwren, ratvm 4x, ü 4 x. —■ Woelky 551 (Thorn 1430): bey 3 x, beweisunge, czeit, schreiben, Schreibern, »3x; ewwir 3 x, deutschen, geczeivge, iu 5 x; awsschrift, haivse, ü 4 X. — Kiewning No. 9 (Königsberg 1451): Diphth. völlig durchgeführt. Dieser Entwicklungsreihe gliedern sich die Urkunden im ganzen ein. Nur ganz vereinzelte Spuren reichen etwas weiter zurück: das erste sichere ei erscheint, auch wenn man auf das zweifelhafte seynt (Woelky 283, a. 1346) verzichtet, schon 1347 (Voigt 111,52) in zeit, das erste au 1352, (Voigt 111,72) in bauwen, wenig später ein ebenso vereinzeltes bowen (Behnisch p. 502, a. 1356). Einige Urkunden, deren Vokalstand der normalen Entwicklung erheblich vorgreift (Voigt IV, 5, Mewe 1353: leute 5 x, rotleute 4 x, treu, geczüge, geczügnisse. — Voigt III, 118, Elbing 1374: 13 ei, 9 i; 4 eu, 8 iu; 1 au, 2 u. — Woelky 362, Thorn 1382: 9 ei, kein i), verlangen vorsichtige Beurteilung; in ihnen ist fremder Einfluß z. T. ganz greifbar. — Im ganzen betrachtet setzt also die Diphth. in der Schrift um die Mitte des 14. Jh. leise ein, tritt aber erst am Ende des Jh. stärker hervor. Ers nach 1400 gewinnen die neuen Vokale die Oberhand, sie herrschen erst um die Mitte des 15. — 43 — und ganz vereinzelte neue ei erscheint erst in einer El- binger Urkunde von 1347 (s. Anm.). Hier liegen vielmehr Notreime vor, die uns veranlassen müssen, die Heimat des Dichters südlicher als im Ordenslande zu suchen. Notreime, denn es ist kaum ein Zufall, daß drei von den fünf Reimen im ersten Drittel des Gedichtes stehen. In der Flexionssilbe ist i belegt durch die Reime geivis : gotis 5093, : anticristis 5965; in einer Suffixsilbe erscheint es in herkir : dir 8215, pardir : tier 5753. o Außer in offener Silbe (vgl. p. 33) reimt Ö: 6 vor ch: iedoch: hoch 319. 5003, : zöcli 3935; vor n: von: lön 2211; vor r: vor: kör 1473; und häufig vor t: got :böt 8031, : not 7 x, : tot 2195. 2481, gebot: not 7169, spot : not 1559. 1923, : entbot 4205. Sicher scheint mir die Dehnung hier nur vor r. — Sie gilt auch vor rt: erhört: ort 6647, imort 8179, :vort453. 3261. 8015, : icort 12 x; wort: hört (imperat.) 6473, orte: hörte 1295. — Das in seiner Quantität unsichere sloz reimt auf ö: sloz: löz 3457, geslos : vlöz 775 (vgl. Zwierzina, PBB 28, 427). Bisweilen ist nach md. Weise u zu o geöffnet, namentlich vor r: bevor: willekür 2759, horte : antwürte 3297, norden : ivurden 6005; doch auch sonst: golde-.liulde 1191. 4643. 6819, oben : cluben 4233. Es erscheinen Eigennamen auf -on, -ot, -or; sie reimen unterschiedslos auf o und ö, wie es nach den oben angeführten Bindungen zu erwarten ist: Arioth: gebot 661, : not 707, Lot: got 5699, Astarot: spot 2589; Babylon : dön 115, -.von 437. 657. 4571, :gewon 1619. 8023; Nabucho- donosor : empor 3763. 4593, : vor 8 X. Jh. Die Stellung des Vokals im Hiat begünstigt sichtlich die Diphth.; ei gewinnt am schnellsten an Boden, au taucht spurweise zwar recht früh auf, setzt sich aber erst auffallend spät durch. Natürlich muß man damit rechnen, daß der konservative Schreibgebrauch, zumal bei Urkunden, der Sprachentwickluug nachhinkt. Aber schwerlich ist die Diphth. vor der 2. Hälfte des 14. Jh. im Ordenslande lebendig geworden. — 44 — u Reim zwischen ursprünglicher Länge und Kürze erscheint nur in vinht{e) : zuht 1767, wo möglicherweise Verkürzung vor ht eingetreten ist; in uf: huf 6823 ist uf nach md. Weise kurz (s. Zwierzina, Zs. 45, 67 ff.). Senkung von o zu u hat namentlich vor Nasal stattgefunden : leomen : unvrumen 1247. 4873. 7057, : crumen 4943, genomen : vrumen 3101, vollenhomen : drumen 1067. 6333 ; außerdem in toiite : vruhte 4019. Über die Monophthongierung von no zu u s. p. 46. Erhaltung von u in einer Nebensilbe beweist der Reim tusunt: stunt 5809. ei Für den alten Diphthong erscheint zweimal nach nd. Art e: ene : zene (decem) 3197, Danyel: hei (salus) 6637. In weiter Ausdehnung erscheint ei als Kontraktionsvokal aus -egi, -ege, -age; es reimt ohne Unterschiede mit sich selbst oder altem ei. Was den Umfang der Kontraktion betrifft, schließt sich also der Daniel (wie auch Jer.) der Praxis an, die die bair.-österr. Dichter in dieser Beziehung üben (s. Zwierzina, Zs. 44, 378). Nur ist von der Beschränkung, daß sie vorwiegend ei < age mit altem ei binden, nichts zu merken; es liegt gerade umgekehrt. -egi: ei. geleit : arbeit 2703, : breit 3613. 4657, : -heit 34 x, : cleit 6255, : gereit 3955. 4765. 8101, : breit 3613. 4657; reit: gemeit 1503; treu : müdekeit 1775; seit : leit 4939; geseit : -heit 9x; betceit: vinsterkeit 4325; erweit: gesuntheit 3991, : neu 999. -ege : ei. lein : ein 4639, : kein 4569, eiden : leiden 2695. -egi : -egi (wegen der Silbenzahl beweisend). geseit : geleit 7695. 7819. -age : ei. neuen : verteilen 4287, meit : -heit 63. 2055. 2295. 4779, ebenso im plur. meiden : reiden 7517. -age : -egi. meit : geseit 1029, jeit : geseit 7769, unverzeit : geseit 7213. -age : -age (wieder beweisende Reime), behein : sein 4775, trein : hein 5025, : prein (= prangen) 4773. 7047, meit : unverzeit 87. — 45 — Wie in der letzten Gruppe beweist auch im Innern des Verses die Silbenzahl oft die kontrahierte Form. Auf diese Weise läßt sich feststellen, daß der Dichter statt hegen die kontrahierte Form kein gesprochen hat, obgleich sie nicht im Reim erscheint. Denn er gebraucht kein gegen 60 mal, nur sechsmal Icegen 481. 583. 3663. 4183. 6140. 7658. ie Die überwiegende Zahl von Reimen (94) binden ie mit ie. Doch setzt unter gewissen Bedingungen die Monophthongierung schon ein. 1. Im Auslaut ist sie am verbreitetsten: hi : hie 3435. 1921, -.nie 8113; hie:Moysi 6331. 7419, : Apocalipsi 2145, : Cyri 5491. Also 7 x ie:i gegen 29 X ie : ie. 2. Im Inlaut in offener Silbe nur hiefen: rifen 2189. 3. In geschlossener Silbe vor ht: Held : geschult (subst.) 4329. 6719, igeschiht (verb.) 2653. 6771, : siht 7305. Hier ist offenbar Kürzung eingetreten. Ferner vor r: zier : saphir 2279, tier : pardir 5753 x ), also 2 X gegen 3x ie : ie und 34 x %:i. Außerdem weist nur noch vor t ein Reim auf Monophthongierung: Davit: diet 2845 (dagegen 15 X -iet : -iet). Nach Zwierzina Zs. 44, 402 reimen manche Md. monophthongiertes ie in einsilbigen Worten vor einfachem Konsonanten nur auf i. Es ist deshalb wohl nicht zufällig, wenn in jenem Reim nicht ein Wort mit zweifelloser Länge steht, sondern der Eigenname Davit 2 ). Im ganzen steht jedenfalls der diphthongische Charakter von ie noch durchaus fest, wie ja auch sonst in der Ordens- litteratur. Der Dichter stellt sich in dieser Beziehung mehr zu den Makk. (Einl. p. XXXI f.) und zu Hesler 1) Das Mhd. kennt nur pari und pardel. Nach D. W. VII 1460 erscheint die r-Form zuerst bei Luther. 2) Bei Hesler reimt zwar Davit durchaus auf Länge (Helm, PBB 24,152), bei Jeroschin dagegen, der hei i nicht weniger streng die Quantitäten scheidet, auf Kürze (Ziesemer p. 143). — 46 — (Ev. Nie. p. XLIV), als zu Jeroschin (Ziesemer p. 146 f.), bei dem die Monophthongierung schon weiter vorgeschritten ist. Hervorzuheben sind eine Anzahl von Reimen, die ie mit ie (aus -ihe-) im Praes. einiger starken Verba binden: diet-.siet 3673. 6749. 6851. 7081, :giet 5123, -.geschiet 1363. 6665; indifferent ist geschiet: siet 6909. Man darf annehmen, daß der Dichter diese diphthongische Form gesprochen hat, nicht die daneben auch im Reim belegte Form auf -ht: geschult-.lieht 4329. 6719, giht:niht 851. 1161 *), siht: lieht 7305. Andernfalls müßte sie bei der außerordentlichen Reimbequemlichkeit des Typus -iht viel zahlreicher auftreten 2 ). uo Monophthongierung von uo zu u ist in einigen Fällen durch den Reim nachzuweisen. 1. Im Auslaut ist sie offenbar durchgeführt; es reimt vruo : du 2687, : nu 169, tuo : nu 85, zuo : du 597. 1333, : nu 18 x. Im ganzen 23 Reime von uo : u, nur 4 von uo: uo und 2 von u : u. 2. Im Inlaut in offener Silbe: gebrüchen : suochen 5151, : buochen 159. 6731, creatüren : volvuoren 4021. uo steht also deutlich im Reim auf ü. 3. In geschlossener Silbe: gebruhte : beruohte 211,. sun:tuon 217. 2959, uf-.guof 1327. 3783. 7633, grüs-.muos 8049 (?). Im Inlaut ist jedenfalls der Diphthong uo im ganzen erhalten; den 11 genannten Reimen von u : uo stehen 117 von uo (resp. üe): uo gegenüber. Der Dichter hält auch hier etwa die Mitte zwischen Hesler, der am konservativsten ist (Ev. Nie. p. XLVf.), und Jeroschin, der in 1) Der Keim ist nicht etwa giet: niet zu interpretieren. Die Form des Dichters war niht (: pfliht 7 x, : geschiht (subst.) 12 x, : gesiht 1971, : xoiht 4 >c). 2) Das Subst. geschiht reimt auf niht nicht weniger als 12 x, das Verb, nicht einmal! — 47 — der Bindung von uo und u schon beträchtlich weiter geht (Ziesemer p. 147f.). iu Der alte Diphthong hat nach Ausweis der Reime monophthongischen Charakter angenommen. Er reimt in offener Silbe auf ü, fast ausschließlich vor w: getriuwen : oüwen 8197, : grilwen 1409. 7813, verniuwen : grüwen 6471, riuwe : gmive 6803, tiufe : hiife 1475. — In geschlossener Silbe reimt iu nur vor Nasalverbindung auf kurzen u- Laut: vriunt: urlcünd(e) 5683, vriunde : sünde 5273. 7839. iu : uo (üe) reimt in nimce : prüeve 1553 ; dagegen ist lut : glut 1431 wohl als luot: gluot zu verstehen. Ob schon Diphthongierung von iu zu eu eingetreten ist wie Makk. 1309. 4973 vröuden : sehenden (vgl. Makk. p. XXXIII Anm. 3), ist aus den Reimen nicht nachzuweisen. Das handschriftliche schouchit : vertouchit 5693 ist nach dem Sprachgebrauch des Dichters kein beweisender Reim. Denn für ihn war auch schlichet: verhieltet reimbar. ou Hervorzuheben ist das vereinzelte Praet. zouch: ouch 1655 neben gewöhnlichem zöcli (: doch 3935, : hoch 5 x). Ob in diesem Reim der Lautwert ou : ou oder 6 : o ist, läßt sich nicht sicher entscheiden. Die Praet. zouch, vlouch reimen auch in den Makk. und bei Jer. auf ouch, rouch (Makk. p. XXXIII, Ziesemer p. 154), stets in der Schreibung ou; und zwar ist zu beachten, daß diese Schreibung häufig auch in dem nicht beweisenden Reim vlouch : zouch erscheint (vgl. auch Weinh. § 113). Andrerseits spricht der vereinzelte Reim Makk. 4323 ouch : hoch entschieden für och, und diese Form läßt sich auch, freilich nicht zu häufig, in den Urkunden nachweisen 1 ). 1) Ich habe sie nur bemerkt bei Woelky, Neues preuß. Urk.- Buch, -westpreuß. Teil, Nr. 295 (Thorn 1350): 3 och, 1 ouch; bei Kiewning und Lukat, Urk. zur Geschichte des ehemal. Hauptamtes Insterburg Nr. 9 (Königsberg 1451): 7 och, kein ouch; bei Voigt, Cod. diplom. Pruss. III Nr. 72 (1352): 7 och, kein ouch. — 48 — Doppeldeutig ist auch gelobet : houbet 1139 (die ou-Form kennt Kückert, Entwurf . . schles. Mundart, p. 115). Konsonantismus. 1. Labiale. Intervokalisches b wird wiederholt mit v und iv gebunden, ist also spirantisch: Oven : loben 1323, cläiven : haben 523, lernen : eben 5111. 8153. 8233, : geben 5669, : erheben 3831. v und w waren für den Dichter offenbar sehr ähnlich, was auch der Reim prüeve : niuwe 1553 bestätigt. — Unzweideutig spirantisch ist b auch vor t in louft : houft (caput) 7803; ebenso wohl nach r und l: h er tue : sterbe 4157, vervahvit: gehalbit 2605. Im Auslaut reimt b auf Spirans in gab : schäf 8089 und lieb: kie(iv) (praet. zu houicen) 8301. Die Hs. schreibt schab und hieb, doch liegt wohl in beiden Fällen spirantisches b vor. Jeroschin (s. Weinh. § 163) und Hiob (s. Müller, p. 21) zeigen dieselbe Bindung im Auslaut. Der Übergang von mb zu mm wird gesichert durch den Reim Stammes : lammes 2103. Verschiebung von p zu f nach r und / läßt sich nicht erweisen, da keine entsprechenden Reime vorkommen; das Unterbleiben der Verschiebung nach m wird gesichert durch lampen : dampen 6769. Die unver- schobene Torrn ist demnach auch in den nichtbeweisenden Reimen Itempen : verdempen 6959 und gelimpet : srhimpet 1607. 3423. 4201 anzunehmen, wo die Hs. verschoben hat. Unverschoben ist auch in der Hs. verstopfen: dopten 3237; auch hier ist die mundartliche Form des Dichters erhalten geblieben. 2. Gutturale. Verschiebung von germ. Je wird durch zahlreiche Reime erwiesen, z. B. sprach : sach 7 x, -.jach 965. 1033, ■.nach 3931. 6319. 6671; sich (imper.): -lieh 10 X u.a. Für den Inlaut erweist die Verschiebung aechen: brechen 6081. — 49 — Der Reim macht auch keinen Unterschied zwischen auslautendem k und g, beide sind tonlose Explosiven, z.B. smac-.bejac 1831, :lac 2721, :mac 2193, : tac 1935; deine : lanc 5037, : ranc 4777 u. s. w. Reim zwischen g und cA ist vereinzelt in luoge : ruoche 5411, wenn der Reim so zu verstehen ist. Übergang von Jet zu ht erscheint in den Praeterital- formen von schicken: schütte: gesihte 727, : getihte 2487, geschiht: niht 1427. Sehr merkwürdig sind die Reime diche (= dicke): aiche 5553, : riche (?) 3327. Daß wir es hier mit der Sonderentwicklung eines einzelnen Wortes zu tun haben, nicht mit einer lautlichen Besonderheit des Gutturals ck überhaupt, geht daraus hervor,. daß von den andern Worten dieses Typus {blicke, ricke, nicke, stricke (subst.), schicken, zwicken, stricken, erquicket) nie eins die so ungemein bequeme Reimverbindung mit dem Typus -iche eingeht. Hinzu treten die Reime gediehe: gliche 6053, : riche 6877. 7247, gedieh : glich 5733. Handelte es sich nur um den Unterschied der Quantität, so könnte man an Verkürzung denken, die namentlich bei dem einsilbigen glich nahe läge. Aber der Kousonantenstand in diche, gediehe läßt sich kaum anders erklären, als daß man die Formen als Kontamination von dicke und dihte (Jer. 26000, Inges. 1503, nhd. deicht D. W. II 909. 1056, Frischbier, Preuß. Wb. 1 136) faßt. Übergang von ft zu ht erscheint in gerehten: scheiden {= scheften) 7759. h verstummt wie überall im Md. häufig, und zwar 1. im Wortauslaut nach Vocal: na -.da 15 x, : swä 6373, : sä 5321, :vrö 5423, : piscina 3981, : Kaypha 4203 (daneben aber nach: gebrach 2533, -.sprach 3931. 6319. 6671, : gevach 7249, :joch 55211; hü : also 11 x, : du 4545, : vrö 5097, : latein. o 4 x (daneben höch-.zöch 5x, : doch 319. 3935. 5003). 2. nach 1: bevel(h)e: hele 81, bevol(h)en malen 5525; ch ist abgefallen in spil: dril(ch) 5697 (aber drilch : milch 2275). 3. im Inlaut zwischen Vokalen in weitester Aus- Palaestra CI. 4 — 50 — dehnung : slan : an 665, : man 2815. : getan 8041; enpfän : Idn 2603. 2955, :ioän 611, :gän 3615, : bestän 1397. 5863, : man 809. 5167; sie sän:hän 7649; zdr : gar 3515; er gäte: (träte 5867, er enpftst: sait 8281. — er vle : ge 5103, vlin: versten 7349, Un : gen 7955, er slet : stet 823, zene-.ene 3197; ferner immer einsilbig die Subst. «, «Ze, s?r). Ähnlichkeit des Inhalts zeigt sich auch zwischen Inges. 4745 ff. esu Gotes barmherczeJceit, di iclichem ist gereit der czu - 144 — dem brunne loufet und Dan. 5290f. die . . . hin zu dem ivazzer lonfen siner barmeJiereiJceit, die nu nieman ist verseit. Von einer so engen sprachlichen Berührung wie mit den Makk. kann keine Rede sein. Immerhin zeigt sich doch Abhängigkeit in folgenden Stellen: Inges. 77 zu vorderst dock dem vursten von Brunswic, der sich dursten Jet nach ern und Dan. 1127 ich mein, icerltlichen vursten, die sich hie lagen dursten nach eren. — Inges. 943 dorumme der Geloube scharf dor zu sin antworte warf, Dan. 6624 zu mir warf er sin gruezen. — Inges. 2659 offenbar in dem tempil oppherte czu eim exempil, Dan. 4697 geroubit uz dem tempil, vor dich zu eim exempil . .. Weniger beweiskräftig sind Berührungen wie Inges. 3711 mit ruwe und mit buze und Valien Crist czu vuse, Dan. 429 icider leeren mit buzen, Valien zu Cristes vuzen. — Inges. 5497 mit vle und mit gebete, dor an si bliben stete, Dan. 6639 . . . hattes in dem gebete blibende daran stete. — Inges. 4249 si gingen alle drate des morgens vru czu rate, Dan. 8059 samenten sie sich drate uf den kunic, zu rate giengen sie. — Inges. 1388 muter alles icandels vry, Dan. 2057 siner muter Marien, gar allez wandeis vrien. Vor allem aber zeigen sich in dem Reim- und Stilmittel der substantivischen Umschreibungen, das von Tilo auf die Spitze getrieben wird, gewisse Übereinstimmungen, die auf Zusammenhang deuten: der eren stul Dan. 5792, Inges. 3365; der sunden rost D. 6807, I. 3189; des himels rinc D. 7460, I. 162 u. ö.; der werlde rinc D. 8158, I. 2784; der sunden mot D. 8332, I. 378; der sunden clöben D. 5595, der helle cl. I. 4436; in der ougen bren D. 8270, I. 1985; der siege orden D. 4244, der marter o. I. 1665; disses icortes vlutc D. 6258, der barmunge vi. 1.656; der bichte bat D. 3514. vgl. 1516, des blutes b. I. 3214; des crucis bitterlceit D. 5240, des todes b. i. 4706; der sunden vlage D. 7750, des todes vi. I. 4424; des herzen suzekeit D. 3391, des namen s. I. 2809; der horner schoz D. 5780, des huses seh. I. 5552; des riches sal D. 7854, des paradysis s. I. 316; der genaden vunt D. 2593, wisheit v. I. 1939; dazu eine Anzahl weniger charakteristischer. Jedenfalls ist der Daniel im Gebrauch dieser Umschreibungen zurückhaltender als Tilo; das gesucht Groteske, das sie oft bei Tilo haben, tritt bei ihm doch seltener auf (vgl. p. 170). Auch in der häufigen Verwendung negativer Ausdrücke zur Versfüllung ist der Dichter — 145 — offenbar abhängig von Tilo. Aber es ist ganz bezeichnend für ihn, daß Übereinstimmungen mit Tilo doch nur in den normalen Füllungen begegnen wie sunder haz, ane var, ane ivanken, ane spot, ane schräm, ane misseivende, sunder ivan u. a. Tilos Originalitätswut, die die Worte nicht wild genug wählen kann (an alle cluternis 2884, an allen valschez luder 4072, sunder allen ividerschach 192 u. a.) macht er nicht mit. 3) Apokalypse. Der Daniel citiert an zwei Stellen eine gereimte deutsche Apokalypse'): 7263 sioer äisse glose welle han, der suche sie ane wan von des Endecristes tat. Apocalipsis sich hat bewerrit mit dirre schrift in eines capitils trift, das drizende ist ez zwar ; dutschen stetis offenbar zu rime wol gemachet. — 2142 von uch hie stete wichet, edlen boume, gar der zorn den Johannes sach bevorn, als er bezuget alhi wol in Apocalipsi, dem buche dutschen bekant. Die Annahme ist von vornherein gegeben, daß damit Heslers Apok. gemeint ist; und das läßt sich durch sprachliche Berührungen als sicher erweisen. Die Verse 12322 ff. der Apok., auf die das zweite Citat anspielt, zeigen deutlich den Einfluß ihres Wortlauts in den Versen 2150 ff. des Daniel, als deren Parallele sie herangezogen werden: 1) Über die drei Stellen, die nur auf die Apok. ohne weitere bezeichnende Angaben verweisen (5959 ff. 6538 ff. 7385 ff.), ist p. 129 f. gesprochen. Palaestra CI. 10 — 146 — Apok. 12322 Dan. 2150 und ich sach aber einen nach deme sach der werde engel osten körnende, einen engel her wurmen der cristenheit zu vromende, uz ufgange der sunnen. die sich nicht let iriveiehen, er hatte Gotis zeichen, habende Gotes zeichen. 124G1 2157 schadet nicht, ir unwerden, nicht schadet den boumen nu, wer, boumen noch der erden, erden, mere ouch darzu, wen biz toir harte rechte biz wir in witzen vimen bezeichenen Gotes hneclite gezeichen an den Stirnen da vor an iren Stirnen. unserez Gotis knechte. Namentlich in den letzten Versen scheint mir die Abhängigkeit ganz klar. Auch sonst finden sich einige charakteristische Wendungen im Daniel wieder, die in der Apok. öfter begegnen, so der helle sargen Dan. 934, Ap. 2822. 9331. 11581. 13430; der sunden schimel Dan. 3448. 5536. vgl. 6798, Ap. 16517. 20913; der sunden erse Dan. 378. 3244, Ap. 23054. Ebenso läßt sich vergleichen Dan. 1839 ff. begeben volc, swi es si .. . gecleidet ivis odir sivarts, gra und Apok. 2651 so entonc swars gra noch wis (Hesler liebt diese Umschreibung, sie kehrt ähnlich wieder Apok. 5830 f. und 12654). Recht ähnlich klingt Dan. 2668 ff. die . .. sich neigen suis uch mit demut busen. binnen vindet man lusen einen ivolf und Apok. 6504 ff. der sich guten ivil mit list an den geberden busen unde let inbinnen lusen den swebelsünclcenden schimel. Granz greifbar ist die Abhängigkeit in folgenden Versen, die in beiden Werken dem Teufel in den Mund gelegt werden: Apok. 17574. Dan. 4799. durch den selben itewiz uf var ich und wil setzen als ich inz trones vletzen hin in der himle vletzen minen stul dachte setzen. minen stuel. Zu beachten ist ferner, daß beide Dichtungen eine Vorliebe für die Ausdrucksform ivirt (wart) ... vunden haben, z. B. Apok. 19271 ff. wen leider su den stunden wirt lutsel iemant vunden der sich . . . (vgl. 569. 3198. 7600. 14225), Dan. 6040 ff. ja wart da niemant vunden so starc der im hülfe schin tetc ... (vgl. 787. 978. 3372. 3656. 4402. 5740. — 147 — 7086. 7283). Auch einige Gedanken der Apok. finden sich im Daniel wieder, freilich keiner so originell, daß er das Vorbild unbedingt nötig macht. Dan. 3459 ff. heißt es, Gott versucht niemanden über das Maß seiner Kräfte, derselbe Gedanke steht Apok. 2228ff.; Dan. 2673ff. rät der Dichter den geistlichen Lehrern, erst sich selbst zu bessern, ehe sie andere bekehrten, ebenso heißt es Apok. 320ff.; Dan. 3393ff. preist beide in gleicherweise glücklich, den Bekehrenden wie den Bekehrer; in etwas prägnanterer Form erscheint derselbe Gedanke Apok. 733 ff. Liegt also auch eine so nachhaltige Beeinflussung, wie sie bei den Makkab. zu beobachten war, hier nicht vor, so besteht doch vielleicht ein tieferer innerer Zusammenhang. Die Apok. konzentriert sich um den Antichrist, das religiöse Problem, das wie kaum ein anderes das Mittelalter beschäftigt hat. Die ausführliche Erzählung vom Kommen und Stürzen des Antichrists bildet durchaus den Gipfel von Heslers Buch; die Angaben, die er selbst in der Einleitung macht, lassen keinen Zweifel darüber (1273—1302). Er hält zwar das Erscheinen des Antichrists nicht für unmittelbar bevorstehend, wie etwa Heinr. v. Neustadt, der den Antichrist schon geboren glaubt (Got. zuk. 5022ff.). Gleichwohl bestimmt er sein Buch durchaus für den praktischen Zweck, zur gegebenen Zeit den Menschen vor dem betrügerischen Antichrist zu warnen, indem es seine Lügen und Listen aufdeckt (1295 ff.). In so ausgesprochener Weise war nun freilich für den Danieldichter der Antichrist nicht Ausgang und Ziel seines Werkes. Aber man vergegenwärtige sich den Inhalt des Daniel und seine Betrachtungsweise. Den Kern des Textes bilden ebenfalls die mystischen Visionen, deren Zusammenhänge mit deneu der biblischen Apok. dem Geistlichen natürlich bekannt waren. Und diese Visionen deutet er zwar nicht alle, aber doch soweit es ging, auf den Antichrist, d. h. er ergänzt gewissermaßen Heslers Buch, indem er weitere Prophezeiungen verdeutscht, die das Erscheinen des Antichrists vorherverkünden. Damit 10* — 148 — ist die Brücke zur Apok. geschlagen; sie wird noch gestützt dadurch, daß der Dichter die Antichristvisionen nicht selbst glossiert, sondern statt dessen an allen Stellen auf Hesler verweist, als empfände er selbst den engen Zusammenhang zwischen beiden Dichtungen. Ich will nicht soweit gehen zu behaupten, daß der Dichter durch die Apok. zu seinem "Werk angeregt worden sei, — die Anregung ging offenbar von Luder v. Braunschweig aus, der wohl um des starken historischen Gehaltes willen eine Yerdeutschung des Daniel wünschte (vgl. p. 86). Sicher scheint mir jedenfalls, daß die Gestaltung, die der Stoff wirklich in den Händen des Dichters gefunden hat, in die nächste Verbindung mit Heslers Apokalypse zu bringen ist. 4) Passional. Beziehungen zum Pass. sind für einen geistlichen Poeten des 14. Jh.s fast selbstverständlich; sie lassen sich auch beim Danieldichter deutlich nachweisen. Der Daniel teilt zwei größere Partien dem Inhalt nach mit dem Pass., nämlich die Kreuzholzlegende (Dan. 3919ff., Pass. K. p. 265 ff.) und die Erzählung von Christi Leiden und Sterben (Dan. 4132 ff. 5236 ff., Pass. H. 56,20 ff.). Während sich für das erste Stück keine sprachlichen Berührungen feststellen lassen, stimmen beim zweiten fünf Verse des Daniel mit dem Pass. überein, alle nicht übermäßig charakteristisch, aber dadurch beweisend, daß sie sich auf verhältnismäßig engem Baum zusammendrängen: P.H. 56,85 D. 5220 manicli mensche sin genoz des manche sele sint genos 57,56 4137 die toden den er leben gab tote, den er leben gab 65,15 5243 des sine viende nicht verdroz des die Juden nicht verdroz 65,44 5248 manige blutvare bach manche blutvare bach 78,74 5262 eine glevenie bitter ein glavenie bitter — 149 Nicht zu unterschätzen ist der Einfluß des Pass. in formaler Hinsicht. Gewisse Reimpaare des Pass., die sich meist als feste Formeln öfter wiederholen, finden sich im Daniel wieder; ich nenne P. K. 107, 26 ich teil zicene ovene wol eiten lazen und ergluen und uch zu tode in im muen. 281, 62 du bist ein alder heiden, wilt du dich des entsloufen und mit gelouben toufen. 493, 68 des heiligen kruzes segen was ir da wol zu schirme vor allem ungehirme. 678,73 o ir edelen kempfen, lat uch durch Got verdempfen. F. H. 13, 85 die vor manigen jaren so hin virvallen waren. 45,84 so saltu in den noten alle die ertoten. 68,74 die da sitzent vaste uf des cruces aste. 110,66 unde erxcarb vil schone mit im der vreuden crone, die Got im gab zu lone •vor sines riches trone. 160, 45 Quirinus ein vurste hiez der si wol besmiden liez. D. 1300 balde gebot er springen so hin den Oven gluen, siben stunt en me muen. 3040 doch vor uns gelobet ist werlichen in der toufen, wir weiden uns entsloufen allez irretumes gar. 5970 uns entpfa der engel diet eiviclich zu beschirme vor allem ungehirme. 6959 beruß er sine kempfen mechtlichen uf verdempfen bestritende die geste. 5275 die vor manigen jaren zur helle warn gevaren. 8067 . . . dar nach in nozten hiez er die priestre taten. 5217 der an dez crucis aste geslagen wart so vaste. 2390 wand er im ewic lihet sin leben in dem trone; ein himelische crone wirt im gegeben schone von Gate dort zu lone. 4495 Balthasar ein leunic hiez der durch hochvart machen eine ich tschaft. liez — 150 — 182,69 367 secht do wart er getoufet, hie uf erden toufende, im wart an gesloufet den gelouben sloufende daz eleu der reinen cristinheit. an dich mit clarme cleide. 281,91 4321 mit michelm gehuce in sulcheme gehuce machten si ein cruce. stunt Cristus an dem cruce. Deutliche Zusammenhänge treten auch in gewissen bildlichen "Wendungen auf: Dan. 2294 sluz uf der bar- mwnge schrill ist gleich P. H. 3, 61 daz du der mildicheide schrin gegen mir uf intsliezest ; Dan. 2174 vil sere wart sie hungern hin zu Gote steter vrist ist gleich P. H. 368,18 die sich lie hungeren nach Cristo al ir selich leben. Dan. 5026 rumen mines herzen hayn erinnert an P. K. 5, 64 zu jungest tvart in doch der hac gerumet. Dan. 1532 dich lobet vil behende des himels firmamente mit aller siner rente wird aus P. K. 670,73 stammen: den himel, daz firmamente, die planeten an ir rente (doch vgl. auch Mart. 227,11 f.). Der Passional- dichter vergleicht gern Lehren und Säen: da warf er sinen samen hin, ich meine Gotes lere P. H. 164,24 (vgl. 120,45 f. 204,93), ebenso sagt der Daniel 6664: daz du viengis minen sam lerende ... Dasselbe Bild erscheint Dan. 2167 sehet sie an, die uns vor creftedichen trat daz spor und P. K. 80, 24 sus hat der milde mit truwen uns getreten vor wol ein sigenumftec spor 1 ). Dan. 6224 e im sines lebens cleit versniten wart mit vergiß erinnert an P. K. 566, 2 so snidet im zu bösem drume der tuvel siner toufe Jcleit. Beide Dichter lieben Wendungen mit vuoge: Dan. 1564 schöner vuge, vgl 640. 732; P. H. 138,44 mit schonen vugen, vgl. 172,48. 385, 56 u. ö. Die Umschreibung mit vientlicher guft Dan. 5628 hat viele Parallelen im Pass., z. B. zornliche guft P. K. 353, 7. Beachtenswert ist endlich die Umschreibung mit dienestlicher ivat Dan. 6139 für mit dienste. Ich kann sie sonst in der Ordenslitteratur nicht nachweisen, wohl aber erscheint sie häufiger im 1) Es erscheint auch Sih. inges. 5253: wen er hat ein nuez spor czu den himelphorten vor getreten. — 151 — Pass., z. B. K. 217, 17 husche wat, K. 516, 92 der hirchen kranke tvat. Dazu kommt endlich eine Reihe von Übereinstimmungen in formelhaften, zumeist der geistlichen Sphäre angehörenden Wendungen. Freilich sind sie mehr oder minder Gemeingut der ganzen späten geistlichen Epik, die ja aufs stärkste vom Pass. beeinflußt ist. Es braucht also durchaus nicht in jedem Fall eine direkte Entlehnung aus dem Pass. vorzuliegen. Immerhin seien die wesentlichsten dieser Berührungen angeführt, soweit sie nicht schon als Übereinstimmungen des Dan. mit den Makk. und Tilo notiert sind: der wisheit... brtmne Dan. 4, P. K. 3,57 ; die reinen Gotis holden Dan. 266, P. H. 158,58. 179,47 u. ö.; des herzen andacht Dan. 1525. 1949, P. H. 79,85; uz disses textis kerne Dan. 1647, vgl. P. K. 646,74; der sunden pfutze Dan. 1650, P. K. 193,16 u. ü.; an mancherhande stricke Dan. 1946, P. K. 10,70; ein irwelit vaz Dan. 2256, P. H. 180, 42; des himels straze Dan. 2617, P. H. 160,29. 226,9; der genaden couf Dan. 3852, P. H. 371,45; des herzen innekeit Dan. 4899, P. K. 546,11; mit clegelichem done Dan. 5252, P. H. 101, 15; nach cristerilichen eren Dan. 5285, P. H. 282,52; Danyelem den guten man Dan. 5310, Petrus der vil gute man P. H. 164,20. 166,23. 177,18 u. ö.; siner crefte hant Dan. 6010, P. K. 310, 35; vrides hant Dan. 6337, P. K. 280,71. P. H. 20,67; an einen abgot touben Dan. 7196, vgl. P. H. 238,41; von des todes banden Dan. 7295, P. H. 92, 31. 5) Martina. Hugo v. Langenstein erzählt unter seinen vielen Exkursen auch die Greschichte von den drei Männern im feurigen Ofen (69, 31—70,104), die dem Kap. 3 des biblischen Daniel entspricht. 4 Verse davon zeigen merkwürdige Verwandtschaft mit unserm Daniel. Es heißt vom König Nabuchodonosor: Mart. 70,7 Dan. 1305 und hies sie (die Knechte) den kin- darzu hiez er den landen hende und fuze binden [den vuze und hende binden mit starken banden grosin mit starken stricken grozen in den Oven stozin. und in den oven stozen. Aus einer Übereinstimmung der Quellen läßt sich — 152 — dies Zusammentreffen schwerlich erklären. Denn in der Hist. schol., mit der die Quelle Hugos offenbar verwandt war und der auch der Daniel manchmal folgt, heißt der Passus abweichend: et missi sunt vincti cum vestibus in medium fornacis. — Andrerseits treten sonst überzeugende Berührungen nicht auf. Die Ähnlichkeit zwischen Mart. 174,52 den diu maget, niht ein wip gebar an alle sivere und Dan. 13 der da ist . .. ane swere geborn besagt nicht viel und ebenso wenig die der Stellen Mart. 143, 53 sus was ir cleit ivizer ine danne ein niuwe Valien sne und Dan. 6751 so sint sie nie wizer dan der nuwe sne uf Selmon deme berge. Die Verse Mart. 292,64 dar ubir sprechin alle amen und Dan. 103 alle sprühet amen entstammen der Predigtsprache (vgl. die Predigtschlüsse bei Berthold von Begensburg, ed. Pfeiffer, Bd. I, p. 64.356.423.461. 504 u. ö.). Die Wendungen och crachent in (den alten Leuten) diu lider Mart. 124,111 und irc (der Bauern) gelit ircrachen Dan. 1792 erscheinen auch sonst nicht selten. Beachtenswerter ist vielleicht die Ähnlichkeit zwischen Mart. 170,52 do antivurte umbetraget Justinus mide sprach und Dan. 613 umbetraget den minen troum mir saget wegen der Seltenheit des Beimwortes umbetraget. Doch kann auch hier wohl der Zufall spielen, ebenso wie in der engen sprachlichen Berührung zwischen Mart. 127, 57 ir nachgeburen druclcen, sich selben vur zucken und Dan. 1853 niemanne Widerdrucken und sich selben vorsuclcen. Angemerkt sei ferner die Übereinstimmung in einigen nicht ganz gewöhnlichen Vergleichen : Mart. 143, 21 diu vroude die er hatte, diu ist als ein schatte von im hin geivichin ; Dan. 636 da von saget mir drate minen troum, der ein schate wurden ist. — Mart. 126,25 der vogel ist geborn zefluge; suz mit warheit an luge ist zestetim leumber geborn der mensche tumber; Dan. 1818 dar zu (zur Arbeit) ist er (der Bauer) hie geborn uf disses ertriches pfat .. . sam der adlar zu vliegen. Endlich sei erwähnt, daß sich auch inhaltlich hie und da Berührungen zwischen der Martina und dem Daniel finden. Die Martina, die übrigens den biblischen - 153 — Daniel nicht selten nennt 1 ), erzählt an zwei Stellen von der Kraft des Diamanten, der nur durch Bocksblut erweicht werden kann (8,100ff. 125,45ff.); dieselbe Geschichte lesen wir Dan. 3246 ff., doch ohne daß sprachliche Anklänge vorlägen. Wie Mart. 16, 5 erscheint auch Dan. 2036 Beda in dem besonderen Lichte als Lehrer keuscher Jungfrauen. Vergleichbar mit der großen Pflanzenallegorie Dan. 1671 ff. ist die Allegorie vom Tugendbaum, dessen Zweige 15 Tugenden bedeuten, Mart. 252,19 ff. Dasselbe allegorische Motiv begegnet auch schon Mart. 24. 67 ff., wo von dem Schapel der Heiligen erzählt wird, das mit den Blumen der Demut, Treue, Mäßigkeit, Barmherzigkeit und des Gehorsams geschmückt ist. Für schlagend halte ich die genannten Berührungen zwischen der Martina und dem Daniel nicht, und die Frage muß offen bleiben, ob der Daniel die Martina gekannt hat und das auffällige Übereinstimmen jener 4 Verse auf diesem Wege zu erklären ist. Beziehungen des Daniel zu andern Werken, die den Danielstoff behandeln, habe ich nicht finden können. In Betracht kommt zunächst die Weltchronik des Jansen Enikel (Mon. Germ. Deutsche Chron. Bd. III), der 16933 ff. denselben Stoff sehr breit mit teils legendarischen, teils historischen Erweiterungen darstellt und sich weit von der biblischen Erzählung entfernt. Die Rudolfische Weltchronik und die Christherre-Chronik kommen nicht in Frage, weil sie zu früh abbrechen. Von den Fortsetzungen ist in erster Linie das Werk Heinrichs v. München zu nennen 2 ). Er erzählt am Eingang des fünften Weltalters die Geschichten von Daniel und zwar ganz frisch und mit größerer Lebhaftigkeit als unser Dichter. Seine Erzählung hält sich enger an den Bericht der Bibel, aber auch er verzichtet wie Enikel größtenteils auf die apo- 1) Mart. 105,68. 158,14. 196,65. 197,106. 2) Ich habe die Vergleichung vorgenommen nach der Berliner Hs. fol. 1107, p. 338 ff. 154 — kalyptischen Visionen. Sein Werk zeigt gelegentliche Berührungen mit unserem Daniel. Nachdem König Na- buehodonosor befohlen hat, daß jedermann die von ihm errichtete Säule anbeten solle (Anfang von Kap. 3), fährt die Erzählung fort: H. v. München (p. 344 f.) daz volk do nicht eriliez, ez tet als in der chunig gepot. wan si vorchtcn all den tot, daz si der chunig verprant. da von cliamen si zehant für die säul mit grozzem schal und paten si an über al dann alain, als ich las, Ananias und Azarias, Daniel und Misahel: die wolten wider ir sei die sdul an peten nicht, diez gepot daucht si enwicht, da von si ez nicht taten, nu wurden sie veraten dem chunig an der stund. Dan. 1214 ff. secht, do gienc ez an den val niderwert zu der erden, ieclich man was oegerden irvullen des kunges wort, e er wurde da irmort odir lide keine not. also vluhen sie den tot. doch hatten sich invegen dri gar erliche degen des todes, ivand sie wolden nicht betten, als sie solden, die sule an ; sundir Got erten sie, und des gebot von en wort gehalden da. besait wurden sie darna kein dem kunge umme daz . .. In der Vulgata entspricht diesem Stück Dan. 3,7f.: ca- äentes omnes populi, tribus et linguae adoraverunt statuam auream, quam constituerat Nabuchodonosor rex. Statimque in ipso tempore accedentes viri Chaldaei aecusaverunt Judaeos dixeruntque Nabuchodonosor regi ... Es ist deutlich, daß beide Berichte gegen die Vulgata zusammengehen. Auch die Stelle Dan. 655 ff. zeigt ähnliche Abweichungen von der Vulgata wie H. v. München. Aber diese Berührungen erklären sich zweifellos nicht dadurch, daß der Danieldichter H. v. München gekannt und benutzt hat, sondern dadurch, daß ihre Quellen sich stellenweise berührten. Es ist ja schon nachgewiesen worden (p. 92 ff.), daß die biblische Quelle des Danieldichters namentlich im dritten Kapitel nicht durchweg den reinen Vulgatatext repräsentierte. Auch mit einer zweiten Fortsetzung der Weltchronik, die sich nur in einem — 155 — kleinen Teil unsrer Handschriften findet ! ), verbinden den Daniel keine direkten Beziehungen. Der Verfasser dieser Fortsetzung, der offenbar ein Fahrender war, entfernt sich völlig vom Bibeltext und gibt den Stoff in derselben Gestalt, die er bei Jansen Enikel hat 2 ). Zu fragen ist schließlich, ob der Minorit Claus Cranc, der wenige Jahrzehnte nach dem Daniel die Propheten, darunter also auch den Daniel, in Prosa übersetzte, unser Gedicht gekannt hat 8 ). Es fehlt nicht an wörtlichen Übereinstimmungen, wie das von vornherein zu erwarten ist, da Claus Crancs Prosa sich in sklavisch engem Anschluß an Hieronymus hält und auch die Verse unseres Dichters oft nur einfache wortgetreue Übersetzung sind. Die auffälligsten Stellen sind folgende: Kap. 13,13: eamus domum, quia hora prandii est; Dan. 7481: geivir heiml ez ist nu zit ezzens; Claus Cranc: gee ivir heym ! iz ist ezzens zit. ■ — Kap. 13, 22: si enim hoc egero, mors mihi est; Dan. 7561: tu ich diz, claz ist min tot; Claus Cranc: wen tu ich daz, das ist mir der tot. — Kap. 14, 5: non videtur tibi esse Bei vivens Dens? An non vides, quanta comedat et bibat quotidie? Dan. 7895: dunket dich nicht claz Sei si lebende ein got vri? oder siestu nicht ivi vil sin munt aller tage zil izzet, trinket hie gevach? Claus Cranc: dunket dich nicht daz bei ein lebender got si ? adir siestu nicht wi vil er vrizzet und trinket alle tage ? — Kap. 14, 31: et dabantur eis (sc. leonibus) duo corpora quotidie et duue oves; Dan. 8089: tegelichen man en gab zwene corpir und zwei schab; Claus Cranc: unde den gab man alle tage zwene corpir und zwey schof. Eine Abhängigkeit ist unter diesen Umständen 1) Es ist dieselbe Fortsetzung, die in eine breite Darstellung von Alexanders wunderbaren Erlebnissen ausläuft. Zacher skizziert ZfdPh. 10,105 ihren Inhalt und führt p. 107 f. die betreffenden Hss. an. Vgl. Vilmar, Die zwei Redaktionen . . . der Weltchronik des ßud. v. Ems, p. 36. 2) Ich habe die Heidelberger Hs. cod. pal. 146 benutzt. 3) Crancs Prophetenübersetzung steht in der Hs. fol. A 191 des Königlichen Staatsarchivs zu Königsberg; vgl. Steffenhagen, Zs. 13,535. — 156 — natürlich schwer festzustellen, eigentlich nur so, daß man gemeinsame Abweichungen der beiden Übersetzungen von ihrer biblischen Quelle konstatiert. Dabei ist indessen Vorsicht vonnöten: man muß sich hüten, die biblischen Vorlagen beider Werke mit unserer Vulgata völlig gleichzusetzen. Eine Reihe von Stellen, an denen der Daniel und Claus Cranc gegen die Vulgata zusammengehen, erklärt sich zweifellos dadurch, daß ihre Quellen Lesarten boten, die von unserem Vulgatatest abwichen. Ich führe die wesentlichen Fälle an: Kap. 3, 67 : benedicite, frigus et aestus• Dan. 1494: winter, sumer in bluten ...; Claus Cranc: benediit, ivintir und somer; Lesart der Itala: benedicite, liiems et aestus (vgl. p. 92). — Kap. 8,4: vidi arietem cor- nibus ventilantem contra occidentem et contra aquilonem et contra meridiem ; Dan. 6001: irschüttende die hörne . .. hin zu der sunnen ufganc; um und umme er sich swanc Icein suden, westen, norden ; Claus Cranc: darnach sach ich den ster schütten mit sinen hornirn liegen osten und hegen westen, hegen norden und hegen suden ■ Lucas v. Brügge, Romanae correctionis in latinis bibliis loca insigniora, Antverpiae 1603, p.238: 'comibus ventilantem contra occidentem': non interjicias 'contra orientem et' post ventilantem. — Kap. 10,19: noli untere, vir desideriorum; Dan. 6701: vride si dir, gernder mait; Claus Cranc: vurchte dich, gerende man, nichl vride si dir ; Nie. von Lyra zu Dan. 9,23 (einer Parallelstelle zu Kap. 10,19): 'quia vir desideriorum es' id est: desiderans scire ... — Nur an zwei Stellen bin ich nicht imstande, ältere Lesarten des Bibeltextes als Erklärung für gemeinsame Abweichungen des Daniel und des Claus Cranc von der Vulgata beizubringen: Kap. 14, 25: tu autem, rex, da mihi potestatem et interficiam draconem ; Dan. 8038: gib du mir, leunic, geivalt, das ich den trachen to e te; Claus Cranc: und du, leimig, gib mir die gewalt, daz ich den trachen tote ; die Vermutung liegt sehr nah, daß die Quellen beider Werke ut statt et lasen. — Kap. 13, 48: [sie fatui, filii Israel, non judicantes neque quod verum est cognoscentes] condemnastis filiam Israel? Dan. 7722: sust habit ir ver- — 157 — turnet urteilende die tocider israhelisclier lochter anhengende; Claus Cranc: sus habet ir vertumet di tochter von israhel. Die letzte Stelle ist derart, daß man zweifeln kann, ob die Erklärung, die in den vorigen Fällen angewendet wurde, auch hier stichhält. Andrerseits wage ich nicht, auf Grund dieser einen Stelle eine Abhängigkeit des Claus Cranc vom Daniel als sicher zu behaupten. Hätte Claus Cranc bei seiner Übersetzertätigkeit den Daniel durchgehends verglichen, so müßte der Einfloß der poetischen Paraphrase bei ihm weit deutlicher hevortreten. Kapitel VIII. Charakteristik des Dichters. Daß der Daniel und sein Dichter in den Kreis des Deutschen Ordens gehören, wird hinlänglich bewiesen durch die Angaben am Eingang und Schluß des Gedichtes. In der Vorrede wird das Werk den Rittern des Deutschen Ordens gewidmet (32—47); die Nachrede berichtet, daß es auf Veranlassung des Hochmeisters Luder v. Braunschweig verfaßt worden ist (8304 ff.), dem bekanntlich die Litteratur des Ordens die stärksten Anregungen zu danken hat. Während seiner Hochmeisterjahre (1331— 1335) ist die Vollendung des Daniel erfolgt. Die Vermutung Helms, daß der Dichter sein Werk bald nach Luders Wahl zum Hochmeister beendet habe (Makk. p. XC), die auf Grund der Verse 8321 ff. (bruder Luder, dem orden homeister hie geworden genant der dutschen heren) freilich nahe liegt, läßt sich nicht halten. Die Abhängigkeit des Daniel von Tilo v. Culm schließt eine so frühe Datierung aus (vgl. p. 143 f.). — Über die Person- — 158 — lichkeit des Dichters gibt das Werk keinen Aufschluß. Seinen Namen verschweigt er, er gibt nur zu erkennen, daß er geistlichen Standes war. Diesem gelten nämlich drei von seinen Strafpredigten; er schilt die Prediger (2639 ff.), die Mönche (2721 ff.) und die Priester (3061 ff), und in dieser Gruppe kommt seine Selbstanklage: 3073 ir wüstet den wingarten Cristi, des ir hie warten soldet in gantzem vlize. mir einen ich daz wize, wand ich ez habe getan. Einige Verse gestatten, wie schon Helm bemerkt hat (Makk. p. XC), den Schluß, daß der Dichter bereits in höherem Alter stand, als er den Daniel verfaßte. Er entschuldigt folgendermaßen beim Leser Eehler des Versbaues und Fehler in der deutschen Sprache: 55 nu wil ich vurbaz eben uch allen bitten daz ir sullet gar vertragen mir ob ich,.die ryme breche, daz dutsch nicht rechte spreche. doch wil ich es bewaren. wand ich bi minen jaren nie dutsche buch gemachet habe, da von nicht Sachet zu mir die vergezzenheitl Goedeke hat vermutet (Gr. I, 262), daß der Dichter in Ungarn gedichtet habe, eine seltsame Annahme, die durch nichts zu stützen ist und offenbar auf folgender Stelle beruht: 8308 von sines (Luders) stammis guete entsproz der tilgende vas, Elyzabet, die hie was zu Ungern des Tcunges kint; heilic ist sie worden sint bi Gote in eiuikeit. Hieraus folgt natürlich nichts für einen Aufenthalt des Dichters in Ungarn; denn hie heißt: hier auf Erden. Ein Priester also ist der Dichter, und sein Werk trägt aufs deutlichste diesen Stempel. Zu Gottes — 159 — Preis will er sein Buch schreiben, daz ez tuge der iverlde wol zu lere (26 ff.). Ein stab uf den Gotis ivec soll seine Glosse sein (5503), gut ist sie unde nutze, wand sie der sunden pfutze wol Jean leren umme gen und an Gotis dienste sten (1649 ff.). Predigen, lehren, bessern will er, nichts weiter. Die Pflicht des Seelsorgers, die er auf sich ruhen fühlt, duldet nichts neben sich. Er hat keine Spur von historischem Interesse, sonst hätte es gerade an diesem Stoff in Erscheinung treten müssen. Viel bezeichnender als die wenigen sachlichen Erläuterungen, die er Kommentaren entnommen hat, ist in dieser Beziehung die Fülle dessen, was er ihnen nicht entnommen hat. Die geschichtliche Verbindung der einzelnen Kapitel des Daniel, die historische Persönlichkeit des Propheten und sein Verhältnis zu seinen heidnischen Herrschern, die Aufeinanderfolge der einzelnen Weltmonarchieen, die Kämpfe zwischen Alexander und Darius, zwischen Syrien und Ägypten, wie sie den Visionen zu Grunde liegen und von den Kommentaren in vollster Breite entwickelt werden, — all das kümmert ihn im Grunde nicht. Sein Interesse erwacht erst, wenn ein Kommentar den Namen Antichrist fallen läßt; ihn zu nennen und ein Kapitel des Textes auf ihn zu orientieren, läßt er sich keine Gelegenheit entgehen. Dabei weiß er ganz wohl, daß die verschiedenen Gesichte auf historischen Verhältnissen beruhen, an zwei Stellen geht seine Glosse wirklich auf das Historische ein. Aber in beiden Fällen sieht man eine Nebenabsicht durchschimmern. Die Vision von Kap. 2, Nabuchodonosors Traum von dem Standbild auf tönernen Füßen, deutet er, wohlgemerkt nach einer langen geistlichen uzlegunge, ganz richtig auf die einzelnen Weltmonarchieen, aber nur weil er darin eine heilsame Lehre sieht für iverltliehe vursten, die sich hie lazen dursten nach crem unde landen (1127 ff.). Ebenso ist ihm wohl bewußt, daß in Kap. 8 unter dem Kampf' des Widders mit dem Ziegenbock der Streit zwischen Alexander und Darius — 160 — zu verstehen ist. Aber er geht nicht darauf ein, sondern verweist statt dessen auf der kunge buch und auf die Makkabäer. Gerade dem letzten Werk verdankt der Dichter viel, und da der Makkabäerdichter höchstwahrscheinlich kein anderer ist als Luder v. Braunschweig selbst 1 ), der Auftraggeber des Dichters, liegt der Gedanke nahe, daß die Anführung der Makk. an dieser Stelle vielleicht nur ein Akt der Höflichkeit gegen den Gönner ist. Überhaupt drängt sich ein Vergleich mit dem Makkabäerdichter auf. So stark der Danieldichter formal von ihm abhängig ist, so fern steht er ihm innerlich. Der Dichter der Makk. ist bei aller äußeren Schwerfälligkeit doch eine geistig bewegliche Natur. Er hat ein starkes Interesse an den Dingen und Personen, von denen er erzählt, eine naive, recht weltliche Tatsachenfreude, die sich in einer ganzen Zahl von bald geographischen, bald ethnographischen, bald historischen Zusätzen und Bemerkungen kund gibt. Nichts davon im Daniel. Das Historische an seinen Personen ist ihm gleichgültig. Reale Erklärungen fehlen mit einer Ausnahme ganz. Und auch diese, der Exkurs über die kanonischen Hören (5123 ff.), wächst sich unter seinen Händen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zu einer langen Predigt aus, die mit einer didaktischen Wendung schließt. Man hat stellenweise das Empfinden, als seien nicht die Glossen um des Textes willen da, sondern umgekehrt der Text wegen der Glossen, denen er nur als Unterlage, als Ausgangspunkt zu dienen hat. Das geistliche Interesse überwuchert eben alles andere. Auch der Begriff 'geistliches Interesse' bedarf noch engerer Begrenzung. Sie ergibt sich leicht, wenn man den Daniel neben Heslers Apokalypse stellt, auf die er sich selbst wiederholt bezieht und die bei der großen Ähnlichkeit des Themas, den apokalyptischen Visionen, am ehesten eine Ähnlichkeit auch in der Stoff behandlung 1) nach Helms einleuchtender Vermutung, Makk. p. XCII ff. - 161 — erwarten ließe. Aber der Unterschied ist kaum geringer als bei den Makkabäern. Der Danieldichter teilt ebensowenig Heslers scholastische Schwergelehrsamkeit wie seine Neigung, sich in religiöse Probleme und Reflexionen zu versenken. Mag Hesler auch aus allerlei Kommentaren zusammengeholt haben, was er zu sagen hat, das Interesse an diesen religiösen Fragen ist jedenfalls sein Eigentum, man spürt auch deutlich die starke innere Anteilnahme seiner Seele. Anders der Danieldichter. Auch er bezeichnet zwar 2262 ff. Gelehrsamkeit (groze leunst) neben Autorität (ivirdekeit) und Keuschheit als ein Haupterfordernis des Priesters, aber von eigener Gelehrsamkeit ist außer einer leidlichen Bibelfestigkeit wenig bei ihm zu merken. Weltliche Wissenschaft und Gelehrsamkeit nun gar war ihm gewiß nur eine teuflische Falle mehr auf Erden; wenn er die Prophezeiung et multiplex erit scientia zu übersetzen vermag : ungelouben gnuc entsten 7321, weiß man, wie er sie einschätzt. Er wirft nicht wie Hesler Probleme auf. Die Frage nach dem Kommen des Anti- christs und dem Weltende entscheidet er resolut: tvenne der si, daz iveiz Got, niemant anders, ican der spot tribet in herzen geilheit 6521 ff. Ein scholastisches Problem wird nur einmal etwas eingehender berührt, nämlich die Frage, wie der rechtmäßige Besitz, den der Teufel durch den Sündenfall über den Menschen erlangt hat, und die trotzdem erfolgende Erlösung mit Gottes Gerechtigkeit in Einklang zu bringen sei (943 ff.). Aber der Danieldichter faßt das Problem garnicht als solches, es klingt mehr anekdotenhaft an und verläuft im Sande. Man braucht nur die entsprechende Stelle der Apok. dagegen zu halten (17564ff.), wo Hesler denselben Gedanken scharf und reinlich zu Ende denkt, um sich an einem konkreten Beispiel den Unterschied beider Dichter zu vergegenwärtigen. Die reflektierende, man möchte sagen wissenschaftliche Betrachtungsweise, wie sie Hesler zuweilen religiösen Fragen gegenüber hat, ist durchaus Palaestra Ol. 11 — 162 — nicht die Sache des Danieldichters. Sein Feld ist die praktische Theologie. Der Mensch, der sündhafte und zu bekehrende Mensch steht im Mittelpunkt aller seiner Gedanken. Er fühlt sich vor Gott verantwortlich für die Menschenseele, und er sieht keinen andern Weg, dem Menschen zum Heil zu verhelfen, als ihm immer wieder seine Sündhaftigkeit vorzuhalten und ihn immer von neuem zu Umkehr und Buße aufzufordern. Das ist der vornehmste Zweck seines Buches und dem entspricht seine Anlage: fast durchweg ist der Mensch in den Mittelpunkt der tropologischen Ausdeutung gerückt. König Joachim, der von Nabuchodonosor gefangen wird (Kap. 1), die Scharen der Babylonier, die vor Nabuchodonosors Säule niederfallen (Kap. 2), Belsazar, der den Höchsten lästert (Kap. 5), Daniel, der ob seiner Frömmigkeit in die Löwengrube geworfen wird (Kap. 6 und 14), der Bote Gottes, der Daniel Weissagungen bringt (Kap. 10), — alle sind sie für ihn nur Variationen des einen Themas, das er nicht müde wird zu behandeln, alle bedeuten sie den Menschen, dessen Seele in Sünden oder wenigstens in Sündengefahr schwebt. Es liegt für unser Gefühl etwas Drückendes, Beängstigendes in dem tiefen Sündengefühl des Dichters, das ihn immer nur das Böse erkennen läßt, in dieser steten Sündenfurcht, die immer und überall den Teufel am Werke sieht. Sie läßt kaum eine Freude in ihm aufkommen und kreuzt die erhebendsten Gedanken. So preist er Gottes Größe: 2332 Got vatre, der die erden gemachet hat und das mer, lümel, sunne lounnenber, man, Sterne mit ir glinster, die hie der nachte vinster irlueliten, — Man freut sich schon, daß der Dichter einmal eines frohen Gefühls fähig ist, aber es schließt: — 163 — das iclit volle der sunder in die volle des tuvels etc. — 3322 Ein ieylich mensche icol spen inae an im simtliche tat, ob er sinne bi im hat ; ubervluzzic er vindet bosheit . . . Das ist sein trübes Evangelium. Und so seltsam es uns berührt, von seinem Standpunkt ans ist es nur folgerecht, wenn er in der Nachrede die ehrende Namensnennung seines Gönners Luder nicht besser zu beschließen "weiß, als daß er die hl. Elisabeth und alle Leser und Hörer seines Buches dazu aufbietet, Befreiung vom Sündenschlamm für ihn zu erflehen, — gleich als sei er ganz darin versunken. Aus einer solchen Natur heraus versteht man es, wie der Dichter seiner Priesterpflicht besser zu genügen glaubte durch immer wiederholtes Schelten der Sünden und Warnen vor dem Bösen als durch Anleiten zum Guten und Hinweisen auf treffliche Vorbilder. Gewiß fehlt es nicht an Bemühungen dieser Art. Die ganze Pflanzenallegorie muß diesem Zwecke dienen. Aber schon daß er ihr die breite Antithese entgegensetzt, charakterisiert den Mann: Straf- und Bußpredigten fühlt er mehr als seinen Beruf. Wir hören die landläufigen Klagen des Mittelalters über das Sinken des Bauernstandes (2686 ff.), die Verrottung der Klosterleute (2726 ff.), die Ungerechtigkeit der Richter (2774ff.). Sein Strafen hat gelegentlich etwas Stumpfes, Gewohnheitsmäßiges, wenn er im allgemeinen bleibt, etwa in Bausch und Bogen Unglauben und Hauptsünden verurteilt (2583 ff.) oder klagt, daß niemand mehr den Märtyrern gleich Not und Tod des Fleisches ertragen wolle (2610ff. 3014 ff.). Aber diese Farblosigkeit ist keineswegs die Regel. Und an der größeren Lebendigkeit und Gegenständlichkeit, die sein Schelten zuweilen annimmt, merken wir, daß uns nicht ein Nörgler gegenübersteht, der nur aus Ver- 11* — 164 — drossenheit alles tadelt, sondern ein Eiferer, dem es gewissensernst ist mit seiner Mission. Seine Anschuldigungen nehmen dann greifbare Gestalt an, ganz realistische Bilder tauchen auf, namentlich wo es gegen den Verfall der weiblichen und der geistlichen Zucht geht: die Frau hat die Treue vergessen, sie ist auf Ehebruch aus und bestellt mit einem Augenzwinken den Buhlen (2892 ff.), das Mädchen vergißt Sitte und Scham in der Ausgelassenheit des abendlichen Tanzes und Ballspiels auf der Gasse (2924ff.). Drastisch schilt er: 2926 glich schertzit ir den pferden, ringen, springen hozzet vort. uwer munt gibt hose icort vil nie dein ein roslcnecht tut. Nicht anders ist es mit der geistlichen Zucht: die Priester verwüsten den Weingarten des Herrn, statt ihn zu bauen (3066 ff.), die Prediger reden der Welt zu Gefallen, um Gaben zu erlangen, nehmen wohl gar gestohlenes Gut, von dem sie in der Beichte erfahren (2658 ff.). Kein Wunder, wenn der Laie säumig wird und ihre Bußgebote auf Jahre hinausschiebt: ' 'gebuzet han wir schiere', sprechent sie, 'wen ivir nu alt werden' (3168 ff.). Hauptlaster ist für ihn wie für das ganze Mittelalter der Hochmut, in welcherlei Gestalt er sich auch äußern möge, ob als Pharisäertum gegenüber den Unglücklichen, die in Todsünden verfallen sind, oder als Hartherzigkeit gegenüber den Armen und Schwachen. Hohen mut treit niemant mer ivand die von nickte Jcumen, sagt er 4872 f. mit guter Beobachtung. Hoffart und Geiz sieht er gern nebeneinander, beide sind gleich ver- dammenswert, weil die Armen gleich unter ihnen zu leiden haben. Denn für die Armen hat er wirklich ein Herz, — einer der wenigen freundlichen Züge, die in seiner Physiognomie zu finden sind. Das hindert ihn zwar nicht, auch über sie gelegentlich den Strom seines Scheltens zu ergießen, davon bleibt eben keiner verschont; aber es — 165 — treibt ihn doch andererseits, oft und eindringlich den Besitzenden dazu aufzufordern, wohlzutun und mitzuteilen. Voller Zorn greift er den geizigen Reichen an, der abwechselnd weiß und rot wird, wenn ihn ein Armer angeht, der nichts gibt, weil er selbst an den Bettelstab zu kommen meint, und schließlich den Hungernden mit dem wohlgemeinten Rate abspeist, sich an Gott den Herrn zu wenden. Und wenn er den ungerechten Richter anklagt, ist nicht der geringste Grund der, daß eben die Besitzlosen dem bestechlichen Richter erbarmungslos ausgeliefert sind. Bis in die geistlichen Exempel hinein läßt sich verfolgen, wie ihn das Verhältnis von Arm und Reich beschäftigt. Der selbsüchtige Reiche, der seine Scheuern gefüllt hat und sorglos dahinlebt, ohne an das Gericht zu denken, der reiche Mann und arme Lazarus, die beide ihren Lohn im Jenseits empfangen, Christus, der am Tage des Gerichts die Anklage erhebt: ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich nicht gespeist, — das sind Geschichten, die er gern erzählt. Der Dichter hat überhaupt etwas, was man heute soziales Empfinden nennen würde. Die Wohltätigkeit ist ihm nicht, wie die milte zur höfischen Zeit, eine Tugend, die ihren Besitzer auszeichnet, sie ist ihm schlechthin eine sittliche Pflicht, die Gott als etwas Selbstverständliches an den Besitz des Gutes geknüpft hat, die so von selbst gegeben ist wie das Früchtetragen bei einem guten Baum. Bezeichnender noch ist ein anderes: die eminente Hochschätzung, die er dem Bauernstande zu teil werden läßt. Er weiß, daß seine Tätigkeit allen andern Ständen die Grundlagen ihrer Existenz schafft, und zieht mit einer für einen mittelalterlichen Dichter immerhin bemerkenswerten Entschiedenheit die Konsequenzen daraus: wie des Bauern Pflicht die Arbeit, so ist des Herren Pflicht, ihm Frieden und Schutz für seine Arbeit zu geben. Er kann seine Achtung vor dem Bauernstande nicht drastischer illustrieren als wenn er 1811 ff. in dem Bibelspruche: herre, du teilt dir hüten die — 166 — tiere zu den luten glich in dines riches hört unter den tuten die Bauern verstellt und alle übrige Welt unter den Tieren. Auch hier setzt natürlich sein Tadel ein, aber diesmal, wie wir ihm glauben werden, mit gutem Grund. Die alte Meier Helmbrecht-Klage ertönt auch bei ihm: 2693 der pfluc mite nider ligen, du hast dich ouch vereigen des haken und der eyden. die arbeit wirt dir leiden: nach ritter'Schaft du werben teilt, des mitstu verterben an libe und an sele. —■ Trüb wie er selbst ist auch sein Christentum. Von der schwärmerischen Verehrung der Mutter Gottes, wie sie sich sonst wohl in geistlichen Werken in einer Fülle wenn auch herkömmlicher Bilder und Gleichnisse ausdrückt, ist bei ihm nichts zu spüren. Meist heißt sie kurz sitze Maria oder formelhaft milde sitze matt, selten daß ihm ein herzlicher Ton für sie entquillt, wie Maria sin muterlin 4409. Das Martyrium Christi stellt er in den Mittelpunkt seines Christentums, er zeigt eine fast herrnhutische Neigung, bei den Leiden und Wunden des Herrn zu verweilen und sich alle Einzelheiten seines Opfertodes zu vergegenwärtigen. Daher die Einfügung der langen Passion in die Glosse zu Kap. 4, die rein äußerlich durch nichts gefordert wurde, ebendaher in Kap. 6 das Ausspinnen von ein paar Worten des Kommentars zu einer langen Predigt über Christi Leiden und Sterben (5183 ff.). Die da jamer dem herzen schenlcen (2434), scheinen ihm den Sinn des Lebens zu erfassen; das Martyrium scheint ihm der sicherste Weg, die Krone zu erringen; immer an das Leiden des Herrn zu denken und sich auch im Gebet darein zu versenken, empfiehlt seine Lehre (5226. 5618) und sein Beispiel. Ein asketischer Zug haftet ihm an. Heine Jungfrauen, die weitabgewandt nur um den Bräutigam Jesus sich bemühen, die in Keuschheit sterben, sind sein Ideal. — 167 — Tanz und Spiel sind ihm nur Quellen der Sünde. Man wird ja gern glauben, daß dabei auch einmal meitliche zucltt linc gepruvet wurde (2936), aber seine Strafe zeigt den Zeloten: 2938 nach disme selben schallen entstet iteh ein ewic tot. Auch der Ehe gegenüber hat er gewiß den Standpunkt des Apostels Paulus geteilt. Wenn er die Teufel darüber beratschlagen läßt, wie der Mensch Gottes Freundschaft zu entziehen sei, und sie zum Schluß auf das sicherste Mittel verfallen: Gebt ihm ein schönes Weib zur Frau; sofort verläßt ihn die Andacht, und die Sünde zieht bei ihm ein, — so läßt er erraten, wie er denkt. Eines so herzerfrischenden Bekenntnisses zum Segen der Ehe, wie es uns an dem Arzt Heinr. v. Neustadt erfreut (Got. zuk. 7882ff.), wäre er jedenfalls mit andern geistlichen Dichtern des Mittelalters nicht fähig gewesen. Aber wo die Menschen versagen, hat ihm vielleicht Grottes Herrlichkeit, wie sie sich in der Natur offenbart, das Herz erfreut ? An Gelegenheit, das zu zeigen, fehlte es nicht. Die große Tugendallegorie, wo er fünfzehnmal hintereinander allerlei Blumen und Pflanzen zu beschreiben hat, bot Raum die Fülle. Aber die einzelnen Beschreibungen sind im ganzen trocken und schematisch, auf den allegorischen Zweck hin zugestutzt, dem sie dienen sollen. Innere Anteilnahme fühlt man nicht durchbrechen. Das Nützliche an den Pflanzen interessiert ihn mehr als das Schöne. Ihre medizinische Verwendbarkeit wird angegeben; ihre botanische Existenz, wie sie wachsen und wo sie wachsen und wozu sie dienen und was aus ihnen wird, wird eintönig und kühl hergezählt. Die Beobachtungsgabe, die sich schon früher gelegentlich in realistischen Einzelzügen seiner Scheltreden wahrnehmen ließ, bewährt er auch hier, man vergleiche etwa die eingehende Beschreibung der Gerste 2307 ff. Er ist auch garnicht außer Stande, ein Naturbild wiederzugeben. Es liest sich ganz schön, wie er 2406 ff. vom Hafer erzählt, — 168 — der seine Halme zweigt und kreuzweis Rispen treibt und die Dolden niederhängen läßt, zu dem die Vöglein kommen tfnd mit Gesang und Schallen sich auf seinen Halmen wiegen und von seinen Körnern speisen, — aber es ist, als wenn es ihm nicht lohnt davon zu sprechen; es ist nicht Freude an der Natur, die ein solches hübsches Bild hervorruft; nur deshalb ist es einmal so breit geworden, weil es eine so brauchbare Allegorie hergibt für den Gottseligen, den die Engel des Himmels zu ihrem Wohnsitz auserwählen. Irdische Freude und Fröhlichkeit läßt er nicht gelten. Fast mit Gefiissenheit weicht er der Gelegenheit aus darauf einzugehen, obgleich es ihm leicht genug gemacht wird. Der Name Misach, den er allegorisch auszulegen hat, bedeutet ihm risus, ein lachen unverbrochen uz des herzen smekeit (3390 f.). Könnte die Glosse nun nicht, auch wenn sie im geistlichen Rahmen blieb, von denen sprechen, die freudig sind in guten Werken oder fröhlich im Leiden? Nein. Er versteht darunter den, der den Sünder bekehrt, zusammen mit dem Bekehrten, und ihr Lachen hebt erst an, wenn sie ins Himmelreich gekommen sind. Erst die Ewigkeit kennt wahre Freude. Es gibt auf der weiten Welt nur etwas Großes und Heiliges für ihn, das ist der Priesterstand. Darin liegt kein Ausfluß von Priesterstolz, es gilt auch nicht der einzelnen Person. Im Gegenteil. Die einzelnen Priester sind genau so sündenbeladen und ebenso anklagenswert wie alle andern Menschen, eher noch mehr, weil der Dichter selbst in ihre Reihen gehört. Es hat etwas rührend Naives, wie er aus diesem Grunde ein dreifaches Strafen über sie und über sich selbst anheben zu müssen glaubt, wo bei andern ein einfaches genügt. Wie hier tritt auch sonst zu Tage, daß er den Stolz in sich bekämpft und nach Demut ringt. „Könnte ich doch alle Hoffärtigen bekehren. Wie wollte ich vor Gott prangen und ihm Wohlgefallen," entfährt ihm einmal der Wunsch (4772 ff.). Aber kaum gesprochen, ist das zu stolze Wort ihm wieder — 169 — leid: „ich will mich nicht überheben, ich habe mich immer um Demut bemüht mit Hülfe der heiligen Jungfrau, die aller Demut Meisterin ist." Also nicht der Priester ist vollkommen, vollkommen ist nur die Institution, sie ist unabhängig von ihrem Träger, unantastbar in ihrer Heiligkeit und unantastbar in ihren Gnaden Wirkungen. Das ist gewiß nichts Originelles an dem Dichter, ist weiter nichts als festes katholisches Dogma. Aber die Entschiedenheit, mit der er für die Kraft und Weihe des Priester Standes eintritt, die zweifelsfreie Sicherheit, mit der er in ihm und in ihm allein die Rettung von allem Übel der Welt sieht, — das hat doch etwas Großes bei einem Mann, der sonst garnichts Festes und Erhebendes auf Erden finden kann, der überall nur Teufel und Schuld und Sünde sieht und ihre Last an sich selbst empfindet. Er ist so durchdrungen von der Idee der Stellvertretung Gottes durch den Priester, daß er, so kühn wie konsequent, beide in Parallele zueinander rückt, wenn er von dem Menschen das Bekenntnis verlangt: 5032 'sin (des Priesters) ivirde ich nicht heim kern vor dl der iverlde trost. mich hat sin lere irlost (jutlich von rninen sunden.' mensche, sust saltu leunden Gote lob, dem priestre danc. Er kann die Earben nicht stark genug zu seinem Preise wählen: 2288 reiner priester, nie wis vro ! niemant dich vol loben mac bis an den jungesten tac. Der Priester speist den Menschen, wie Habakuk den Daniel in der Löwengrube (8212 ff.), der Priester ist der Klee, von dem der Mensch wie eine Biene den Honig der Lehre saugt (1754 ff.), der Dichter wird nicht müde, den Menschen immer wieder an diesen Gnadenvermittler zu verweisen: von en wirt din leben lanc 5038, von im wirstu entladen aller diner missetat 6812, selikeit durch sie — 170 — entstat 8290, pfeflich gebet wol ichet Gotis barmehereijceit 6800. Zur Vervollständigung des Bildes bleibt noch zu betrachten, wie der Dichter seine Aufgabe künstlerisch angefaßt hat. Daß er Teil hat am geblümten Stil, der in den Ordensdichtungen eine ganz eigene Note hat, ist schon zur Sprache gekommen. In der Verwendung metaphorischer Umschreibungen im Reim, dem Hauptmittel dieses Stils, lehnt er sich sichtlich an die Makk. (s. p. 140) und an Tilo v. Culm (s. p. 144) an; und zwar ist zu bemerken, daß er bizarre, manchmal ins Groteske fallende Umschreibungen häufiger verwendet als die Makk., ohne doch Tilos Übermaß zu erreichen. Die auffälligsten sind folgende: sines herzen ritze 872, der sule antlitze 1200, des firmamentis hufe 1476, des gluenden ovens bat 1516, mundis suse 2327, mines pa- lasis soum 3558, der erden sarc 3984, des antlitzis lihe (od. rihe?) 5784, der hende vitze 6114, jener buche garten 6204, siner arme este 6594, mines mundis spint 6678, der lande spint 7230, uz diner ougen riehen 6686, mines libes bodem 6691, eines capitils trift 7268, ir beider hende schirbel 7637, unsers gestelltes ivandir 7652. Ein zweites wichtiges Stilelement sind die negativen Ausdrücke im Reim. Auch hier steht der Dichter zwischen den Makk. (s. p. 142) und Tilo (s. p. 144). Auch hier übertrumpft er das herkömmliche ane var, ane wan etc. zuweilen schon durch befremdende, manchmal geradezu komisch wirkende Wendungen, und zwar gebraucht er dazu vornehmlich Infinitive, z. B. ez (das apokalyptische Tier) warf gar snnder heften Sterne nider 6004, darnach gar sunder slichen kumet . . . der kunic von westen lant 6926, der kunic dort von Criechen kumende sundir siechen so hinwert 6717, . . . Balthasar mit namen, den ich an allez schämen im gab nach mime gote 3551, sus satzte er sundir swib mich icider 6126, wand din name ist mit gebetis rame gewirdiget ane tolc (od. kolc ?) 6407. Weitere negative Infinitive sind sunder (ane) lazzen 550. 2934, ane wanken 4014, sundir allez verfeilen 4288, ane schämen 4964, an allez stören 6600, sundir leiden 6651, sundir letzen 7005, sundir irwenden 7338, sunder vristen 7822. Dies Stilmittel hat Tilo v. Culm mit grotesker Ori- — 171 — ginalität ausgebeutet; der Danieldichter bleibt auch in der Zahl solcher Wendungen weit hinter ihm zurück, wenngleich er seinen Einfluß nicht verleugnen kann. Hand in Hand mit diesen mehr äußerlichen Stilelementen geht nicht selten eine stelzige Umständlichkeit der Sprache, die den natürlichen, naheliegenden Ausdruck durch einen gesuchten, entlegenen ersetzt. Gewiß kommt viel davon auf Kosten des Reims und der mangelnden Sprachbeherrschung; aber diese geschraubte, manchmal fast verschrobene Ausdrucksweise entspricht so dem ganzen Stilcharakter, daß man auch hier etwas wie poetische Tendenz suchen muß. Als Beispiele führe ich eine Anzahl von Wendungen für 'sprechen' an: Danyeln er rede mag 722, vgl. 6128, Danyel do schichte kein dem hunge sine <ßr sprechende 728, vgl. 298 f., saldier icorte über al gaben sie dem volke gal 1627, secht, sin gütlicher gume sprach 4442, kein im iet der kunic schal sprechende in solche wart 4624, daz des mundis lefzen vort giezen kein dem hasten wort 5919, zu mir warf er sin gruezen siilchcr icorle 6624, ich wart mit tvorten kippen deme zu der vor mir saz 6680, zu dem einen mine wort wurden megende vol ant 7330, kein mir wart er do bringen ein sulch kosen ane hei 7354, im wart Danyel reichen sine wort 7982, im do bot Danyel die rede sin 8032. Man darf indessen nicht glauben, daß der ganze Text einen stark ausgeprägten stilistischen Charakter zeige. Nur die preziöse Sprechweise nimmt einen etwas breiteren Raum ein, die bizarren Reimhülfen sind doch ziemlich verstreut und häufen sich nur ein paar Mal in kürzeren Strecken, 5774-5785, 6192—6206, 6661—92. Auf mancherlei feinere Stilmittel, die er von Tilo hätte lernen können, verzichtet der Dichter; doch versucht er gelegentlich Klangspielereien anzubringen, wie sie die Schule Rudolfs v. Ems und auch Tilo liebte: ewiclich in disme zil mac er den holten niderti, genidert ivider widern 3632, vil gar bistu betoubet, des gelouben beroubet, ungeioube ist mit dir, houbetsunde din begir 2583, . .. sed entspriezen ein ru e te, sprach er in wisem viuHe, uz der rute ein bhtete, uf der die Ootis gaete ivirt ivonen 4061, allenfalls noch der hohen gote böte 3554. Wenn sich also auch die künst- — 172 — lerische Absicht des Danieldichters z. T. mit Tilos deckt, sieht sein Werk doch sehr viel anders aus als die Siben ingesigel; er war eben nicht wie Tilo ein formales Talent. Immerhin geht eine gewisse natürliche Bildkraft und Anschaulichkeit, die uns als poetisches Element nicht minder lieb ist als Tilos Klangschmuck und rhetorische Figuren, dem Text nicht völlig ab. Vergleiche sind gar- nicht selten und z. T. ganz originell und kräftig: Die hellen Augen des Menschen werden durch die Sünde sam der lampen Hecht vil gar, daz da in ole brinnet 6754, der Bibeltext ist smaghaft als ein erat 558, Michael kommt Dir, o Mensch, zu Hülfe als ein swengel unde wirf et von dir dem sam ein blide jenen man 6845, von den spiel- und tanzlustigen Mädchen heißt es: glich schertzit ir den pferden ..., uioer munt gibt böse icort vil me dan ein roslcnecht tut 2926, der Bauer ist zur Arbeit bestimmt sam der adlar zu vliegen 1821. Aber oft sind sie blässer und herkömmlicher: Nebukadnezar brüllt sam ein zornic lev 656, Christi Blut dringt hervor sam ein vlut 2184, der Sündenreine ist sam ein luter Spiegelglas 505, Lucifer ist finster sam ein hole 4809, die Sünde flieht den Bußfertigen sam spru tun von der gersten 2363, die Buße ist ihm sazer dan honic, creftiger vil denne win 2365, das Weizenkorn ist clcrir vil me danne ris 2236, die Obrigkeit gilt dem Hoffärtigen sam ein hör 4865, vgl. außerdem 3146. 3497. 4069. 4441. 0044. 7386. 8261. Gelegentlich verrät sich auch in den Vergleichen die Neigung zum Seltsamen, Überraschenden, die den ganzen Stil charakterisiert; die Sünder werden bezeichnet als loufende sam ein schibe beide so hin Wide her suntlichen 3486, vom Sturz eines Reiches heißt es und daz andre vellet zwar nider sam des cleides soum 836. Stets herrscht größte Knappheit; etwas länger verweilt der Dichter nur bei dem Vergleich des harten Herzens mit dem Diamanten, der nur durch Bocksblut erweicht werden kann 3245 ff. Auch außer den direkten Vergleichen ist die Sprache des Dichters ziemlich reich an bildlichen Elementen. Das Stil- und Reimmittel der metaphorischen Umschreibungen drängte zu einer sinnlich gefärbten Sprache, und die Keimmetaphern verdichten sich nicht selten zu einem rund und klar gesehenen Bild, z. B. — 173 — louf hin zu der bichte bat, twach dich mit der ruwe zar 3514, ■wand sie der sunden pfutze wol kern leren umme gen 1650, dar umme uns die bitten howen hie dines vluches 6310, en mac der sunden swengel nicht niderwert gedrucken 2442, twach en von der sunden mot 8332, euch im an des lebens cleit 8333, sluz uf der barmunge schritt 2294 u. a. — Aber auch ohne den Zwang dieser Stilfigur bringt er häufig Bilder zustande. So spricht er gleich eingangs von der Schule Christi, in die er sich begeben wolle (6. 21), die Glosse wil uns allen wesen ein stab uf den Gotis wec 5502, den vridesamen setzt er (der Teufel) vor sinen harnen 357, ob du wellest vol reisen uf dem ivege der sunden 5654, da von saget mir drate mitten troum, der ein schate wurden ist 635 u. a. — Manche von den bildlichen AVendungen sind keck, aber ganz glücklich gewagt, z. B. hin wec so sal sie (die Not) schiffen 520, hebe uns uz irme Schacht 1370, des bumannis leint (die Feldfriichte) 1804, vreude in vreude vitzen 3366, ich möchte uz deme buche bitten einen Danyelem 70 u. a., aber nur sehr wenige haben einen Hauch von Poesie: tu, uf alle vensterlin dines herzen, daz dar in schine die ■wäre sunne, Cristus, der iverlde wunne 5605, im der tac luchtet des ge- luckis wol 6166, weinen icas des geistes spil 6570, wir waren ein Spiegel dar, nu ein glas nach aschen var werden wir 991, der liebe swert sere sneit alhie die alden beide, en brachte liebe leide 7464. Neben den wirklich gesehenen Bildern steht eine ganze Anzahl recht verfehlter, und zwar mißglücken sie meist dadurch, daß der Dichter gewisse mehr oder minder traditionelle bildliche Elemente mechanisch und ohne Anschauung verwendet oder auch verschiedenartige Bilder ineinander mengt, z. B. Der Mensch gluet in dem stammen totlicher sunde 2576, sie lazen sich berouben vil gar des himels strazen 2616, wand sie sint ein bluen- des ris Cristes . . . der waren himelsunne 3450, ja wirt im gen um und umme in der hant des geluckes rat (durch die Quelle veranlaßt: et dirigetur dolus in manu eius) 6172, wie ez doch hat der ordenunge joch beschriben uch zu holden 2733, wand er hat uz dem mote gerucket der vil vreisen lewen . . . den guten Dangelen 8168, vgl. noch 3402 f. 3694f. 4834f. 5760f. 6162f. 6224f. 6798f. Freilich verlangt die Beurteilung solcher Wendungen Vorsicht; manches, was wie ein mißglücktes Bild aussieht, verzichtet offenbar mit Absicht auf eine vernünftige Anschauung und kommt auf die Rechnung der seltsamen Originalitätssucht, die dem Stile eigen ist, z. B. um äinen hals ouch iveiden sal ein rinc rot von golde 4642, la, herre, — 174 — hüte iveiden mines gebetis vlute vor dich 6376, sich wil ouch abeschelen nu des capitels ende 8172. Ganz vereinzelt nutzt der Dichter bildliche Wendungen der Volkssprache: ir mich zihet uf den tantz 626, den vuchszagel ivirt er riten mit deme vridesamen vursten 7066; umso geläufiger ist ihm der ganze bildliche Apparat der geistlichen Sprache. Ich weise hier nur auf einige Bilder und Vorstellungen hin, die schon in die Welt der Mystik gehören. Die Seele erscheint wiederholt als die Braut Jesu 545 ff. 3224, oder auch als seine Schwester 3223. Der Lohn der Frommen ist die Auffahrt zum zehnten Chore 5544 f., Jesus heißt wiederholt al der werlde trost 2299. 5033. Wenn auch manches von den bildlichen Wendungen und Vergleichen mehr in unserm Sinn poetisches Ingrediens ist und vom Dichter nicht bewußt als Mittel künstlerischer Gestaltung herangezogen wurde, so ist doch im ganzen eine poetische Tendenz, die auf einen bestimmten Stil aus ist, nicht zu verkennen. Aber sie beherrscht nicht, Seite für Seite klar hervortretend, gleichmäßig den ganzen Text, sondern bricht mehr stoßweise hervor. Man gewinnt den Eindruck, als hätte der poetische Stil des Werkes für den Dichter nur sekundäre Bedeutung; er stellt ihn durchaus nicht so in den Vordergrund wie Tilo von Culm oder Claus Cranc in dem Reimprolog seiner Prophetenübersetzung. Anhaltender dagegen ist sein Interesse und seine Bemühungen nach einer andern Richtung hin, die seiner doch im ganzen nüchternen Art mehr entspricht. Er legt Wert auf eine technisch befriedigende Gestaltung seines Werkes. Um eine vernünftige Verbindung und Gliederung des Inhalts ist es ihm in erster Linie zu tun. Die Disposition des Werkes ist straff und nur zu loben: eine mäßig lange Vor- und Nachrede und dazwischen vierzehn Kapitel, deren jedes eine in sich abgeschlossene Glosse hat oder nach anfänglichem Überschlag gewiß haben sollte. Aber der Überblick über das Ganze, ein von vornherein — 175 — für die einzelnen Glossen zurechtgelegter Plan fehlt freilich. So kommt das schlimme Mißverhältnis zustande, daß nach vier Kapiteln die Hälfte des Gedichts schon überschritten ist. Die Folge ist natürlich ein sich steigerndes Drängen zum Schluß, das die Glossen verkürzt und teilweise ganz wegfallen läßt. Versagt also auch die Stoffgliederung im ganzen, so ist doch im einzelnen ein Bestreben des Dichters, rein der Länge nach eine gewisse Harmonie der einzelnen Teile herbeizuführen, nicht zu verkennen. Ich erinnere namentlich an die Abschnitte der großen Pfianzenglosse und ihrer Antithese, wo eine solche Tendenz direkt nachzuweisen war. Die Neigung zur Symmetrie oder besser zum Schematischen ist überhaupt charakteristisch für des Dichters mehr mathematische Natur; sie wird für ihn geradezu zum künstlerischen Prinzip. Ich verweise wieder auf die Blumenglosse, deren einzelne Teile, wie früher gezeigt, streng nach festen Schematen gebaut sind; ich erinnere ferner an den parallelen Bau paralleler Abschnitte, der einmal sogar bis in die gleiche Verszahl für eine Anzahl entsprechender Abschnitte ging (p. 123), an die stets wiederholten kurzen Inhaltsangaben am Eingang der einzelnen Glossen, an die mit pedantischer Genauigkeit eintretende Schlußformel am Ende des Kapitels, oft auch am Ende der Glossen, endlich an den eigentümlichen 'Zwang der Nachbarschaft', der auf eben dieses Blatt gehört. Stets ist es die Gliederung und zwar die in ihrem Sinn kunstvolle Gliederung, die das Interesse des Dichters hat. Dieser überlegten äußeren Gestaltung entspricht das Bemühen, auch den inneren Bau des Textes vernünftig zu konstruieren. Die manchmal ziemlich disparaten Bestandteile der Glossen klaffen nie, sondern greifen im ganzen geschickt ineinander. Man erwäge etwa, wie der Glosse zu Kap. 4 die Passion Christi ganz harmonisch eingeflochten ist (vgl. p. 125). Selbst so heterogene Stoffe, wie die Pflanzenglosse und die Ausdeutung von Nebu- - 176 — kadnezars Säule, die ganz Babylon anbeten muß, weiß er, wenn auch nicht ohne einige Gewaltsamkeit, zu vereinigen. Überall erstrebt er Einleitungen und Überleitungen; einen harten unvermittelten Einsatz zeigt eigentlich nur die Kreuzholzgeschichte (3918 ff.). So bestätigen die Glossen, was sich schon aus dem Verhältnis des Dichters zur Vulgata ergab. Ein großer Teil der Abweichungen vom Bibeltext zielte auch dort auf technische oder redaktionelle Besserungen. Sein Eingreifen ist konsequent und macht dem eigentümlichen Stil der Vorlage keine Konzessionen. Er läßt aus und kürzt, um "Wiederholungen oder was ihm Wiederholung schien, zu vermeiden; er setzt zu und erweitert, um harte Übergänge des Textes zu mildern; er nimmt leichte Umstellungen vor, um eine bessere Inhaltsfolge zu erzielen. Und auch für das etwas Starre, Schematische, das sich in der Anlage der Glossen zeigt, erscheinen in der Übersetzung verwandte Züge. Die Neigung zu zusammenfassenden abschließenden Zusätzen, die gelegentlich erscheinende etwas schwerfällige Genauigkeit, die um der lieben Vollständigkeit willen auch Entbehrliches gewichtig anführt, gehört in dasselbe Gebiet. Glosse und Text zeigen denselben Mann, einen ganz besonnenen Arbeiter mit einem Einschlag von Pedanterie, dem an einem ordentlichen Gefüge und glatten inhaltlichen Zusammenschluß seines Werkes im Grunde mehr lag als an der poetischen Gestaltung. 177 — Berichtigungen und Nachträge. p. 31. Die Untersuchungen über die Sprache des Ordenslandes sind in jüngster Zeit vermehrt worden. Gerhard Reiss- mann handelt in seinem Buche 'Tilos v. Culm Gedicht von' Siben ingesigeln' (Palaestra IC) auf p. 155 ff. über die Sprache des Dichters. Außerdem hat August Weller mit seiner dankenswerten Dissertation 'Die Sprache in den ältesten deutschen Urkunden des Deutschen Ordens' (Königsberg 1911) einem längst empfundenen Mangel abgeholfen. Die Dissertation stellt nur einen Teildruck der ganzen Arbeit dar, die in den 'Germanistischen Abhandlungen' (Verlag von M. und H. Marcus in Breslau) erscheinen soll. p. 33 Z. 8 v. u. ist der Beleg vrühte: tuhte 4019 wohl zu streichen, vruhte wird Nom. sg. mit epithet. e sein und zu den zahlreichen Belegen gleicher Art auf p. 39 zu stellen sein. p. 34 Z. 14 v. o. ist die Zahl 4457 zu streichen, bar(:ivär) wird nicht kollektiv gebrauchtes bar 'Mann' sein, sondern eher bar = gebär stm. 'Benehmen, Wesen'. p. 36 Z. 12 v. o. lies varen. p. 38. Nachzutragen ist der durch Roethe hergestellte Beim ■mceren : veren 4399 und der entsprechende heren: veren 4521. veren kann nur verren 'entfernen' sein und hat deutlich langen Vokal, dessen Qualität, nach von verren: den nceren (Compar.) Apok. 8307 und ncere (Compar.): verre ib. 8323 zu schließen, als offen anzusetzen ist. Damit entsteht aber für heren: veren eine Schwierigkeit, weil der Dichter Reime zwischen e und cß streng meidet. Die Erklärung liegt wohl in dem folgenden r: der Danieldichter reimt auch e : m nur vor r, e : e fast nur vor r. Auch der Makkabäerdichter, der im ganzen e nicht mit m reimt, gestattet die Bindung doch ein paar Mal vor r (vgl. p. 36 Anm.). Denkbar wäre freilich auch, daß die Qualität des e in veren als einem nd. Lehnwort für den Dichter nicht ganz fest stand. — Für mmäen : reden 8221 versagt allerdings die Erklärung durch folgendes r; aber mmden — mcejen 'sie mähen' ist nicht nur formal auffällig, sondern auch inhaltlich etwas befremdend, so daß der Ansatz mceäen auf Sicherheit keinen Anspruch machen kann. p. 39 Z. 10 v. o. seien (: entreten) 2685 wird eher 'Sättigung' als 'Sitte' meinen. Dem unbequemen Reime e zu e kann man durch Annahme von ä in sete entgehen. p. 45. Wenn ich den Reim dienste : hienste 157 richtig deute als hinste 'das Hinterste', was aus Nie. v. Lyra wahrscheinlich wird, so ist der Reim als weiterer Beleg für die Bindung von Palaestra CI. 12 — 178 — ie:i dem 3. Abschnitt des Diphthongen ie anzureihen. Es liegt dann, wie in lieht: geschiht u. ä. Kürzung von ie zu % vor. p. 48 Z. 1 v. o. Der Reim geloubet-.houbet 1139 meint wohl einfach geloubet 'belaubt', nicht gelobet, und ist hier wie auf p. 64 Z. 1 v. o. zu streichen. p. 51 Z. 11 v. o. lies reden. p. 70 Z. 5 v. o. lies des. p. 74 Z. 5 v. u. cranke, arme wird an der Hand der Vul- gata als artikelloser, schwacher Sing., nicht als Plural zu erklären sein. p. 78 Z. 15 v. o. Einfacher ist die Ergänzung von xuurden sich nach ir ougen. Z. 7 v. u. lies wannen. p. 79 Z. 19 v. o. ist Scölastica die begicht 1162 zu streichen. p. 80 Z. 3 v. o. Der Schreiber trennt recht genau en (pron.) und in (praep.). Deshalb ist die Auffassung xoe in der letzten stunden alle den . .. vorzuziehen.