Mec 7 2 UB Düsseldorf 44106 499 01 Nicht ausleihbar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pädagogische rie an einzelne zieher Lehrer, 6 und Schulaufseher. V.J.W. Rec Hat jemand ein Amt; so wart' es des Amts! Paulus. THE — S Zweites Heft Düsseldorf, 26 bei Johann Christian Dänzer, 1791. 1 Währe geschl W.T. 125 . 5 ### 7.14.15 d ### . 7 nie durchst 10 fl. . . . 2601 30/5 ### 1 . 3 2 — — — renzei thun der nachfolgung (verhaltung nonofial 0 I ### bädagogische ### würden Briefe an einzelne Lehrer, Erzieher und Schulaufseher. word, and be in a contingliale and in the zudoregna Richtung die ein zu billig hinig 50 15 Sechszehnter Brief. . 1750 An Herrn Schuhllehrer S*** 1 Cittungsraus Herrn und erfüllung: von Salb. ### Das Gerücht von einigen anonymischen Briefen, die bei verschiedenen von Ihren benachbarten Herren Kollegen eingelaufen sind, hat sich also auch bis zu Ihnen hin verbreitet? Ja, Sie haben sogar, weil Neugierde Sie trieb, sich Mühe gegeben; mehrere von diesen Briefen zum Durchlesen zu erhalten? Und Ihre Neugierde ist nicht nur befriedigt worden, sondern Sie haben auch angefangen, sich man?— ches in denſelben zu Nutze zu machen 35 . . 5 1775 Ich muß es gestehen, lieber Mann! das erfreut mich. Meine Briefe waren freilich ihrem Q 2 244 ihrem nächsten Zwecke gemäß, nur an einzelne Personen gerichtet, und werden es auch ferner noch seyn. Allein warum sollte ichs hindern, daß auch andere gemeinnütziger zu werden suchen? Mögen immerhin die Rechte des Privatbriefes dabei ins Gedränge gerathen — mir ist das gleichgültig, wenn es den Herren gleichgültig ist, die ich zunächst angeredet hatte. Es ist mir gleichgültig, nicht bloß deswegen, weil meine Absichten gut sind, oder weil ich mich meiner Briefe nicht schäme, sondern vorzüglich deswegen, weil sie — meinen Namen nicht verrathen können. Und was besonders Ihre Person betrifft; so flößt mir schon der einzige Umstand, daß Herr Ihr vertrautester Freund ist, ein günstiges Vorurtheil für Sie ein. Denn dieser wird gewiß niemanden unter seine Freunde zählen, wenn er nicht in seinem Fache jedesmal den bessern Grundsätzen zu folgen sucht, sobald ihm diese Grundſätze bekannt werden. ### 100 9/S 6 Und doch ist in Ihrer Schule noch immer das Certiren oder Wetteifern der Kinder untereinander eingeführt? Sie lassen noch immer bei jeder Lection die Rangordnung unter ihren Lehrlingen wech⸗ 245 wechseln, je nachdem sie fertig oder weniger fertig antworten? Das hätte ich nicht gedacht, da ich weiß, daß Sie auch den letzten Brief, den ich an Herrn A. schrieb, gelesen haben*). Denn ich bleibe dabei, diese Methode iſt entweder bloßes Spielwerk, oder ſie giebt zu vielen Ungerechtigkeiten Anlaß. Im ersten Falle hat sie gar keinen Nutzen, und im andern Falle ist sie äusserst schädlich. Und wenn ich auch annehme, daß in Ihrer Schule keines von beiden der Fall iſt, daß Sie vielmehr die ganze Sache Ihren Zöglingen wichtig zu erhalten, und alle Ungerechtigkeit dabei zu vermeiden wissen; so sind doch schon wieder andere nachtheilige Folgen davon faſt ganz unzer0 trennbar. Es entsteht dadurch auf der einen Seite oft Haß, Neid, Niedergeschlagenheit, und auf der andern Seite Stolz, Uebermuth, Schadenfreude, Tadelſucht, Verachtung anderer u. s. f. Die fleißigen Kinder sowohl, als die nachläßigern betrachten sich dabei niemals für ſich, niemals als einzelne Perſonen, ſondern ### *) M. s. den dreizehnten Brief. H. I. S. 200. 2c. 24 immer im Verhältniß gegen andere Kinder. Und dies ist in den allermeisten Fällen moralis schädlich. ### ### 4###1. paa Wenden Sie nicht ein, daß Sie dabei doch wenigstens die Verſchiedenheit ihrer Faͤhigkeiten genauer beobachten können. Denn was nutzt dieser Vortheil, wenn er von solchen Nachtheilen begleitet wird? Und wie traurig würde es um den Beobachtungsgeist eines Lehrers aussehen, wenn er diesen Vortheil nicht auch auf andern, beſſern Wegen zu erreichen wüste? Wie traurig um die Bildung der Jugend überhaupt, wenn ihr Herz immer in eben dem Maaße verschlechtert würde, in welchem ihr Geist an Fortschritten in der Erkenntniß gewinnt? . Eher läßt sich die Einwendung hören, daß das Wetteifern eine verjährte Gewohnheit in der dasigen Schule sey, und daß deshalb die Aufseher derselben mit hoher Weisheit über die Beibehaltung dieser Gewohnheit wachen. Solche Herren übersehen freilich sehr selten das Ganze. Nur die nächsten und sichtbarsten Folgen einer Methode werden von ihnen 1 247 beobachtet. Wachsthum an Erkenntniß zu befördern, dies ist ihnen der einzige Zweck des Schulunterrichts, und Drang nach hoͤhern Stellen in der Schule scheint ihnen daher allerdings diesen Zweck zu begünstigen. Allein sollten Sie denn diese Grille ihnen durchaus nicht aus dem Kopfe reden können? Sollt' es Ihnen nicht möglich seyn, es dahin zu bringen, daß mit der Rangordnung der Kinder nur vierteljährlich etwa eine Veränderung vorgenommen, und diese Veränderung dann so veranstaltet würde, daß die Kinder selbst den einen oder den andern von ihren Mitschülern für würdig erklären müſten, eine höhere Stelle einzunehmen? 1 1 1. . Doch — vielleicht frage ich vergeblich. Vielleicht ist das Vorurtheil für's Alte auch dort zu mächtig, als daß Sie es sogleich auszurotten vermöchten. Sollten Sie mir's also nicht erlauben, Ihnen auf alle Fälle wenigstens einige Klugheitsregeln anzuzeigen, durch deren Beobachtung jene moralisch nachtheilige Folgen des Certirens gemindert, oder gar aufgehoben werden können? — Hier sind sie. . . 1) Vor Q 4 248 1) Vor allen Dingen müssen Sie darauf bedacht seyn, diejenigen, welche bei dem Wetteifern über die andern den Sieg davon tragen, nicht mit gar zu lautem Lobe zu beehren. Sonst ist es nicht anders möglich, sie müssen ſtolz und aufgeblaſen werden, und nach und nach nicht etwan um des Nutzens und Vergnügens, ſondern um des Lobes willen fleißig ſeyn lernen. Ein freundlicher, liebevoller Blick, auf den Fleißigen hingeworfen, ist schon belohnend genug für ihn. 2) Suchen Sie ferner jenem Stolze und dieser Ausartung auch dadurch zuvorzukommen, daß Sie solchen Kindern, bei denen Sie vorzügliche Anlage dazu bemerken, zuweilen den Sieg über andere auf eine geheime Art erschweren, damit ihre gar zu hohe Meinung von sich selbst wieder zur Bescheidenheit herabgespannt, und doch zugleich auch ihr Lerneifer von neuem aufgeregt werde. 1 3) Wenn Sie im Gegentheil wahrnehmen, daß dieses oder jenes Kind entweder aus natürlicher Trägheit, oder aus Mißtrauen zu seinen Kräften keine sonderliche Fortschritte in seiner 249 ner Erkenntniß thut; so bemühen Sie sich, ihm den Sieg über andere Kinder zuweilen zu erleichtern, damit mehr Eifer und Thätigkeit, und mehr Selbstvertrauen in ihm erweckt werde: Denn wollten Sie daſſelbe auf eine kraͤnkende Art zum Fleiße ſpörnen; ſo würde das Gefühl seiner Schwachheit diesen Kränkungen den Anstrich der Ungerechtigkeit geben. 4) Ueberhaupt müssen Sie jede Art von empfindlicher, Verachtung erzeugender, Beschämung sorgfältig vermeiden. Sonst wird das Kind, welches bisher weniger fleißig lernte, nur muthlos. Es bemerkt die Vorzüge der andern mit Widerwillen und Mißvergnügen, und übt sich, um jenen Widerwillen und dieses Mißvergnügen sich zu erleichtern, in der Schamlosigkeit. Schon die Erfahrung lehrt es leider! nur zu oft, daß dies der gewöhnlichste Erfolg davon sey. 5) Nicht einmal vorsätzlich träge Kinder dürfen durch strenge, demüthigende Verweise oder Züchtigungen zum Fleiße angetrieben werden. Denn Aufmerksamkeit läßt sich nicht nur nicht auf diese Art erzwingen, sondern auch der 0•5 250 der Gegenstand derselben wird ihnen dadurch sogar verhaßt. Ausserdem werden die meisten dadurch nur noch mehr verstockt, und beharren um ſo viel feſter auf dem Endſchluſſe, nicht Acht zu geben. Man erreicht daher auch allemal seine Absicht besser, wenn man sie nur bedauert und bemitleidet, und ihnen seine Bekümmerniß über die Verblendung zu erkennen giebt, womit sie ihr eignes, künftiges Glück untergraben. Auch das ist empfindliche Strafe. 6) Stellen Sie aber auch nicht das fleißigere Kind seinen Mitschülern und Mitschülerinnen, als ein Muster zur Nachahmung dar! Dies ist ein Fehler, worin so viele Lehrer verfallen, ungeachtet es sehr natürlich ist, und sehr leicht von ihnen bemerkt werden könnte, daß ſolche Vergleichungen jedesmal auf die menſchliche Seele, und gewiß auch auf die Seele der Kinder, ungemeinen Eindruck machen. Zwei Dinge von verſchiedenem Werthe, von verschiedener Größe, von verschiedener Farbe, wirken, nebeneinander gestellt, immer am heftigsten. Die sanfte Tochter einer stölzen, auffahrischen Mutter erscheint in einem vorzüglich 251 lich milden Lichte. Ein Zwerg neben einem Riesen macht in unsern Augen sich selbst kleiner, und den Riesen größer, als er eigentlich ist. Schwarz neben weiß sticht am allermerklichsten ab. Und so verhält sichs in jedem andern Falle. Die Kinder sind daher ohnehin sehr geneigt zu solchen Vergleichungen. Schon zeitig stellt der Knabe sich neben seinen Vater auf den Stuhl, und glaubt alsdann so groß zu seyn, als er. Und wenn nun alſo zwei Kinder miteinander zum Nachtheil des einen, und zum Vortheil des andern verglichen werden kann wohl diese Vergleichung anders, als für beide Theile schädlich seyn? Wird nicht das eine Menschlein sich stolz über das andere erheben, und sich dadurch den Neid, den Haß, die Verfolgungen desselben zuziehen? Wird es nicht nachher seines Stolzes wegen sich um so viel tiefer gekränkt fühlen, wenn es einmal wieder mit noch beſſern Kindern verglichen wird? Und kann nicht eine solche tiefe Kränküng mit der Zeit eine völlige Betäubung seines Gefühls für Lob sowohl, als Tadel nach sich ziehen Uebri*) So wahr dies alles ist, so wenig kann es doch ### Von Einzug der Schuldner auch 252 Uebrigens versteht es sich freilich von selbst, daß es nicht nachtheilig, daß es vielmehr vortheilhaft ſey, wenn die Schüler ſelbſt den wirklich auch geleugnet werden, daß der Lehrer und Erzieher alles benutzen müsse, was vorzüglichen Eindruck auf seine Zöglinge machen kann. Jeder Umstand muß ihm willkommen seyn, wenn er fähig ist, irgend etwas zur Beförderung der wichtigen Zwecke seines Amts beizutragen. Und eben deswegen darf er auch jene Macht der Vergleichungen keinesweges ganz vernachläßigen. Wie also! wenn er Kinder, welche besonders fleißig gelernt hätten, in die Vorzeit zu versetzen, und ihre jetzigen Kenntnisse mit den vorhergehenden, ihr jetziges Vergnügen dabei mit ihrem ehemaligen ungleich geringern Vergnügen zu vergleichen suchte? — Ich glaube sicher, diese Verfahrungsart würde allen möglichen Schaden geflissentlicher Lobeserhebungen entfernt halten. Nur müste er nicht vergessen, die Erinnerung hinzuzusetzen, daß es nun auch nöthig sey, auf diesem Wege fortzuwandeln, weil sie noch lange nicht den erreichbaren Grad von Vollkommenheit erlangt hätten. Ohne diese Erinnerung könnte auch eine Vergleichung von der Art wieder nachtheilig werden. Wie viel Behutsamkeit gehört nicht dazu, wenn ein Lehrer den grösten möglichen Nutzen stiften, und die geheimen Grundzüge zu nachherigen Leidenschaften nicht noch weiter ausmalen will? — A. d. H. 353 lich fleißigern und geschicktern Mitschüler zum Muster ihrer Nachahmung wählen. Denn diese Nachahmung wird nur still und geräuschlos ſeyn. Niemals werden ſie ihn ausdrücklich für ihr Muster erklären, und wenn sie ihn auch dafür erklärten; ſo würde das doch ſein Herz nicht verderben, weil es kein sonderliches Gewicht hätte, und allenfalls auch als Satyre von ihm angesehen werden könnte. Und zu dieser stillen, geräuschlosen Nachahmung kann ein kluger Lehrer gewiß auch schon wieder vieles unvermerkt beitragen. Sonst aber muß er seine Zöglinge in Rücksicht auf Fleiß immer nur für sich betrachten, ohne sie zum Maaßstabe anderer Kinder zu machen. Er muß es ihnen bei jeder Gelegenheit zeigen, daß sie selbst die mehresten Vortheile daraus ziehen, wenn sie ihre Jugendjahre zweckmäßig benutzen, und daß ſogar schon der bloße Gedanke, auch andern Menschen immer brauchbarer zu werden, einem edlen Herzen wahren Freudegenuß verschaffe. Und hiemit nehme ich denn für diesmal Abschied von Ihnen. Ich zweifle nicht, Sie werden meinen Brief so aufnehmen, wie ich wünsche, 254 wünsche, hoffe, erwarte. Wenigstens werden Sie ihn, weil er Ihnen denn doch nicht ganz unvorbereitet kommt, mit der Ueberzeugung lesen, daß das Wohl der Schulen in unserer Gegend mir ganz am Herzen liege. Und wo einmal diese Ueberzeugung ist, da ist genaue Prüfung und Anwendung meiner Gedanken und Vorschläge nicht weit mehr ent. fernt. 2c. . . . . . . das jus de la ville ningental bramacian Ich habe ich nicht einmal zu einem gewissen dann wirklich auf die einzelnen und . e . I don't have to be made to make the e das ganze Stadtbuch abgezogen werden ### . 5.1.79.44 . ### . 51 1 . Sieben 255 Siebenzehnter Brief. ### An Herrn Kand. O. . 1 Das war ein sehr guter Einfall, lieber, unbekannter Freund! daß Sie angefangen haben, eine Privatschule für die Mädchen zu errichten. In andern Gegenden hat man solche besondere Mädchenschulen schon längst angelegt: aber es scheint, als wenn die Gewohnheit oder das Vorurtheil uns hier immer Blei an die Füße bände, so, daß wir in allen Fächern nur mit langsamen, schwerfälligem Tritt zu Verbesserungen schreiten können. Förster Ich habe in mancher öffentlichen Schule nicht einmal die Mädchen von den Knaben gehörig abgeſondert gefunden, und noch weniger habe ich wahrgenommen, daß die Mädchen, wie es doch billig seyn sollte, ein eignes Ganzes ausmachten, welches wieder in eigne Klaſsen abgetheilt war. Und muß nicht eine solche Unordnung in vielen Fällen äusserst nachtheilig werden? Mir wenigstens scheint es sehr natürlich, daß dadurch nicht nur die Aufmerkſamkeit der Kinder auf beiden Seiten in hohem Grade 256 Grade geschwächt, sondern auch — welches noch schlimmer ist — schon unvermerkt für künftige Lüste und Begierden gesorgt werden müsse. Mögen diese Lüste und Begierden auch anfangs noch so dunkel und unbestimmt seynsie werden doch durch regelloses Untereinandersitzen der Kinder beiderlei Geschlechts in vermischten Schulen um so viel schneller entwickelt. Die Erfahrung stellt nur gar zu viele Beispiele ### davon auf. a die (täglich) Ohne Zweifel sind Sie ebenfalls durch diese oder ähnliche Gedanken zu jenem Endschluß geleitet worden. Und ich kann es nicht leugnen, Sie haben darin meinen vollkommnen Beifall. Nur kommt es jetzt darauf an, was fuͤr Grundsätze Sie in Rücksicht auf weibliche Erz hung haben. Denn nur daraus ließe sich der eigentliche Werth Ihres Instituts beurtheiler und es sich ### Meiner Meinung nach müssen allemal, ehe man mit der Erziehung und dem Unterricht einzelner Kinder, sie mögen seyn, von welchem Geschlecht sie wollen, den Anfang macht, zwo Fragen beantwortet werden. Die erste: Welches ist die Natur des Kindes? Die Natur feines 257 seines Geistes und Körpers? Welches sind seine Anlagen, ſeine Kräfte und Fähigkeiten, ſeine Neigungen und Abneigungen? Auf welcher Seite also wird es, wenn es nicht gehörig gelenkt und gebildet wird, wohl am ersten ausschweifen? — Die andere: Wozu ist das Kind wahrscheinlich bestimmt? Und worauf hat man deshalb vorzüglich zu sehen, um es zu seiner künftigen Bestimmung vorzubereiten, und es derselben gemäß zu dem höchsten möglichen Grade von Nutzbarkeit zu erheben? Die genaue Beantwortung beider Fragen beſtimmt nicht nur das Betragen des Lehrers und Erziehers, sondern auch die Art und den Umfang der Lehrgegenstände. Denn ein Kind, welches z. B. eine große Anlage zum Beobachten und stillen Nachdenken hat, erfordert natürlicher Weise eine ganz andere Behandlung, als ein flüchtiges, mit geringern Seelenkräften ausgerüstetes Kind, und eben so erfordert auch der künftige Landmann in vielen Stücken eine andere und ausgebreitetere Erkenntniß, als der künftige Künstler oder Gelehrte. Jeder muß nicht bloß im Allgemeinen zu einem guten und geschickten Menschen, sondern auch insbenem R 258 sondere zu einem nützlichen Bürger, der in seinem bestimmten Fache der Welt brauchbar ist, erzogen werden. Wenn nun also namentlich vom weiblichen Geschlecht die Rede ist; so muß man auch hier sowohl auf die Natur, als auf die Bestimmung deſſelben Rückſicht nehmen. Was den erſten Punct betrifft: ſo finden sich hier freilich, eben so, wie bei dem männlichen Geschlechte, gewisse Verschiedenheiten. Allein dessen ungeachtet scheint es im Ganzen genommen ein characteriſtiſcher Zug in der Natur des Frauenzimmers zu seyn: Mehr empfinden, als denken. Der Ausnahmen giebts hier wenige, und es ist auch wohl kaum möglich, daß man ihrer viele finden sollte. Die ganze Oekonomie ihres Körpers läßt es nicht zu. Zellgewebe, Knochen, Muskeln, Flechsen — alles ist hier zarter und geschmeidiger, als im männlichen Körper. Ihre Blutmasse ist größer und aufrührerischer, ihre Säfte sind flüßiger, und die Nerven, welche aufs Geschlecht Bezug haben, weit zahlreicher und ausgebreiteter. Erst in hoͤherm Alter mindert sich die Unruhe, die von ihrem körperlichen Zustande 259 stande fast ganz unzertrennlich ist. Und was ist daher natürlicher, als daß sie in ihrem Nachdenken durch die geheime, unwillkührliche Wirksamkeit ihrer innern Theile oft gestört werden müssen? Was ist natürlicher, als daß das Gebiet der tiefern Abstraction ihnen nur ein unbekanntes Land seyn könne, da der Körper ihnen jeden Augenblick von allen Seiten Geschlechtsempfindungen zuführt? Ihr Gefühl aber ist dagegen auch um so viel schneller, ihre Phantasie um so viel glänzender. Jedes Bild wird von ihrer Seele mit doppelter Geschäftigkeit ausgemalt. An allem, was ihnen die Sinne darbieten, nehmen sie den wärmsten, lebhaftsten Antheil. Leicht und anmuthig fliegt ihr Witz daher, da sie hingegen alles, was ihren Verstand zu einer höhern und dauerhaftern Anstrengung auffordert, aus ihrer Sphäre mit süßem Leichtsinn verscheuchen. Ich kann mich nicht dabei aufhalten, diese Gedanken weiter auszuführen. Genug, sie sind wahr, und werden durch die Erfahrung beſtätigt, und der Ausnahmen giebts, wie gesagt, nur wenige. Auch ist dieses eine sehr weiſe und herrliche Einrichtung der weiblichen R Natur, 260 Natur, weil selbst ihre Bestimmung weniger strenges Nachdenken, als feines und edles Gefühl erfordert. Ich darf daher wohl kaum noch sagen, daß Sie, als Lehrer, auf den Character der weiblichen Seele, nicht achten würden, wenn Sie dieselbe mit Mathematik, mit Logik und Metaphysik, und andern Wissenschaften, wozu eine größere Spannung der Seelenkräfte und eine größere Beharrlichkeit im schärfern Nachdenken gehört, nähren und unterhalten wollten. Aber erlauben werden Sie mir, daß ich einige andere Folgerungen daraus herleite. 1) Der Erzieher junger Mädchen hat vorzüglich darauf zu sehen, daß er sie zur Sanftmuth gewöhne. Denn da sie ihrer Natur nach mehr empfinden als denken; so ist es auf der einen Seite leicht zu begreifen, daß sie bald zum Zorn und zur Rachbegierde gereizt werden, und auf der andern Seite, daß sie nicht allemal fähig seyn können, sich in den rechten Gesichtspunct zu stellen, woraus sie ein Wort oder eine Handlung zu betrachten hätten. Es fehlt ihnen im Ganzen genommen der kalte Untersuchungsgeist, welcher uns manche Beleidigung in 261 in bloße Einbildung auflösen lehrt. Hier muß also der Erzieher hervortreten, um diesen Mangel dadurch zu ersetzen, daß er ihnen überhaupt Empfindungen der Menschenliebe einflößt. Er muß ihre natürliche Reizbarkeit durch herzliche Gutmüthigkeit zu mildern, und alles Rauhe, alles Wilde und Aufbrausende, welches ohnehin mit der übrigen Schwächlichkeit ihres Geschlechts so sehr contrastirt, nach und nach abzuschleifen suchen. 2) Eben deswegen muß er sich aber auch hüten, ihnen viel Schmeicheleien zu sagen. Denn diese machen immer einen tiefern Eindruck auf sie, als auf Jünglinge, welche mehr zum Nachdenken aufgelegt sind, und mithin eine Schmeichelei auch eher als Schmeichelei erkennen können. Daher kommts denn auch, daß hernach schon die bloße Entfernung von Schmeicheleien, und noch mehr eine trockne Wahrheit, die ihnen gesagt wird, sie mürrisch und unzufrieden macht, oder wohl gar ihr Blut in heftige Wallung setzt. Man vergleiche hier nur Frauenzimmer aus der ſogenannten großen Welt, gegen welche von ihrer Kindheit an alle Kunstworte der Galanterie verschwendet würR 3 262 würden, mit andern Frauenzimmern, welche eine simplere Erziehung genossen, und nie von lauten Bewunderern ihrer körperlichen Reize umgeben waren, nie Lob erndteten, wo sie es nicht ganz verdient hatten, und man wird jene Bemerkung in ihrem vollen Umfange bestätigt finden. 3) Weib ferner die Geschlechtsempfindungen bei ihnen vorzüglich lebhaft sind, und ihrer Körperconstitution gemäß auch nicht anders seyn können; so muß es auch ein Gegenstand der besondern Sorgfalt des Erziehers seyn, sie zur Schamhaftigkeit und äusserlichen Sittlichkeit zu gewöhnen. Der Natur kann man vieles überlassen; nur dies nicht. Sie würde hier eine schlechte Erzicherin seyn, weil sie auf eingeführte Gewohnheiten und conventionelle Sitten nicht Rücksicht nimmt. Sie würde nichts dagegen einwenden, wenn gleich die Geschlechtsempfindungen, allen Regeln des Anstands zuwider, auf jede Veranlaſſung geäuſsert würden, ungeachtet im gesellschaftlichen Leben diese Regeln des Anstands wichtig und unentbehrlich sind. Man darf es daher in dieser Absicht gewiß nicht als etwas gleichgültiges anſe⸗ 263 ansehen, wenn Kinder weiblichen Geschlechts sich der Sorglosigkeit in der Art, sich zu kleiden, ergeben, wenn sie durch freche Minen, ungeſittete Ausdrücke, wohllüſtige Stellungen des Körpers u. s. w. sich auszeichnen, oder, indem andere sich dadurch auszeichnen, ihr Wohlgefallen darüber zu erkennen geben. Man muß vielmehr hierin schon frühzeitig über sie wachen; und sollte man ihnen auch keinen andern Grund dagegen angeben können oder wollen, als dieſen: Es iſt nicht ſchicklich — wer unter Menschen leben will, muß sich nach ihren Sitten und Gewohnheiten richten — so würde doch dieser Grund allein in den mehresten Fällen schon ganz hinreichend seyn. 4) Auch muß jenem unmäßigen Hange zum sinnlichen Vergnügen, welcher durch das Uebergewicht ihrer Empfindung so sehr begünstigt wird, möglichst entgegengearbeitet werden. Man muß ihnen die Gränzen zeigen, ausser denen der Genuß des sinnlichen Vergnügens weder erlaubt noch unſchädlich iſt. Sie überlaſſen sich sonst nur gar zu leicht einer weichlichen Leckerhaftigkeit, zerstreuen sich in anhaltenden Lustbarkeiten, werden leichtsinnig in Hinsicht auf R 4 264 auf Unschuld und Tugend, und träge zu ernsthaftern und reizlosern Geschäften. Der Lehrer kann hierin freilich unmittelbar nicht viel thun; aber denn doch mittelbar durch gute Regeln und Ermahnungen, durch geheime Aufsicht über ihr Betragen, die sich etwas weiter als über die gewöhnlichen Unterweisungsstunden erstreckt, und endlich durch sorgfältige Rathpflege mit ihren Aeltern. 5) Eben so nöthig ist es, daß er sie vor der Empfindelei, die in unsern Zeiten einmal epidemisch zu werden anfieng, bewahre, und in dieser Rücksicht auch ihre Lektüre ordne. *). Denn ) Zu dieser Lektüre könnten den schon etwas reifers Mägdchen: (denn kleine Kinder dieſes Geſchlechts erfordern noch eben keine eigne, ihrem Geschlecht besonders angemessene Behandlung im Unterricht) 2. B. folgende Schriften empfohlen werden: Der Frau Maria le Prince Beaumont Unterweisung für junge Frauenzimmer. Halle 1764. 4 Th. 2. — Leſebuch für Frauenzimmer, Flensburg. 1777. 3 Stücke. 8. — Vermächtniß eines Vaters für seine Töchter, A. d. Engl. Danzig 1778. 8. Des 26 Denn die Neigung zur Empfindelei äussert sich überall, wo die Sinnlichkeit leicht gerührt, und die Phantasie leicht in Bewegung geſetzt werden kann. Und das ist, wie gesagt, vorzüglich bei Frauenzimmern der Fall. Daher muß man hier auch besonders darauf bedacht R 5 seyn, Des Grafen von Fallifax Neujahrsgeschenk an seine Tochter. A. d. Engl. Frankf. u. Leipz. 1780. 8. Der Gräfin von Genlis Erziehungstheater für Frauenzimmer. Leipz. 1780. 4 Bände. A. d. Franz. 8. — Magazin für Frauenzimmer. Eine periodiſche Schrift. Strasburg 1782 — 1789. 8. Mädchenwerth und Mädchenglück. Ein Neujahrsgeſchenk an meine Schülerinnen. Winterthur. 1783. 8. — Die Feierstunden der Grazien. Bern 1784 2c. 4 Theile. 8. — Pomona für Deutschlands Töchter. (von der Frau von la Roche) Altenburg 1783. 84. 2 Jahrgänge. 8. — Ebenderselben neuere moralische Erzählungen. Altenburg 1786 2c. 8. 2 Sammlungen nebst einer Nachlese. Ebenderf. Briefe an Lina. Leipz. 1788. 8. — Reden an deutsche Mädchen von reiferm Alter zur Veredlung des häuslichen u. bürgerlichen Glücks. Leipz. 1786. 8. — Lehren u. Erfahrungen für junge Frauenzimmer. Halle 1786. 3 Theile. 8. — Väterlicher Rath für meine Tochter von J. H. Campe. Braunschweig 1789. 8.— A. d. H. 266 seyn, sie wahre, natürliche, den Gegenständen angemessene Gefühle von falschen, unnatürlichen und überspannten Gefühlen unterscheiden zu lehren, ihrer Sinnlichkeit den Verstand entgegenzusetzen, und ihre Phantasie weniger mit erdichteten Bildern, als mit wirklich vorhandenen Dingen zu beschäftigen. Auf dem Lande werden diese Regeln auch meist beobachtet. Aber eben deswegen findet man auch dort ungleich seltner eine romantische oder andächtige Schwärmerin, als in der sogenannten verfeinerten Welt, wo die Kunst gröstentheils mehr gilt, als die Natur. 6) Endlich folgt auch aus dem angegebenen Character des weiblichen Geschlechts von selbst, daß man hier vornehmlich für die Bildung des Geschmacks zu sorgen habe. Dann da ist das eigentliche Fach für Frauenzimmer. Sie haben im Ganzen genommen weder jene Grobheit der Sinne, die uns so oft für alles Schöne unempfindlich macht, noch jene Vorliebe zu abstracten Begriffen, die uns so oft über alles Schöne hinaushebt, und uns zu Pedanten bildet. Sie nehmen vielmehr die Eindrücke des Schönen leicht und schnell auf, und es kommt alſo 267 also nur darauf an, sie mit den Grundsätzen bekannt zu machen, nach denen sie in der Beurtheilung desselben verfahren müssen. Am besten aber geschieht dieses dadurch, daß man ihre Aufmerksamkeit auf das Schöne in der Natur lenkt, die Werke einiger unserer besten Dichter und Redner mit ihnen liest, und ihnen das Schöne in denſelben entwickelt, ſie, wo möglich, auch in der Musik das Rührende, das Feierliche ꝛc. bemerken lehrt, und ſie überhaupt zu jener edlen liebenswürdigen Einfalt gewöhnt, welche alles Buntscheckige und Sonderbare, alles Lächerliche und Ungereimte, alken Prunk und Flitterſtaat verachtet, und nie durch Kunst die Natur zu verdrängen sucht. Auf die Art wird ein richtiges und lebhaftes Gefühl für Ordnung, Uebereinstimmung und Regelmäßigkeit in ihnen erzeugt. Sie hören auf, an nichtswürdigen Tändeleien Vergnügen zu finden. Ihre Vernunft wird vervollkommnet, ihr Herz veredelt und für höhere Tugenden empfänglich gemacht. Ihre äussern Sitten werden verfeinert, und es eröffnet sich ihnen eine Quelle von Freuden, die sich über ihr ganzes Leben ergießt. Und das alles fordert man mit Recht von Frauenzimmern, die wegen ihres 268 res Standes auch auf einige Cultur Anspruch machen. *). Es ist mir jetzt nicht möglich, lieber Freund! diese Gedanken noch weiter auszuführen, und dabei noch tiefer ins Detail zu dringen. Ich würde sonst ein Buch, und nicht einen Brief schreiben. Und ausserdem bin ich überzeugt, daß Sie fähig genug seyn werden, auch allgemeinere Winke zu verstehen, und speciellere Verhaltungsregeln daraus abzuleiten. Ich eile also nun, auch noch etwas von der Erziehung und Unterweiſung junger Frauenzimmer in Rücksicht auf ihre Bestimmung zu sagen. Dieſe *) Aus dieser Stelle sieht man, daß in dem ganzen Briefe besonders von Frauenzimmern aus den vornehmern Klassen die Rede sey, und daß hier überhaupt der Verfasser sich nicht mit einem öffentlichen Lehrer in einer niedern Schule unterhalte. Indessen wird man doch bei genauerm Nachdenken finden, daß das mehreste, was hier gesagt wird, von allen Frauenzimmern ohne Ausnahme gelte, und das vieles in diesem Briefe von jedem öffentlichen Schullehrer benutzt werden könne. A. d. H. 269 Diese Bestimmung ist doppelt. Sie sind erstlich zu Führerinnen des Hauswesens, und zweitens zu Gattinnen und Mättern bestimmt; und beides zeigt offenbar, daß nicht sowohl das öffentliche Leben als vielmehr das Privatleben der Kreis ihrer Wirksamkeit sey. Nur der Mann ist im Grunde für das öffentliche Leben da. Die natürliche Kraft seines Körpers und Geistes berechtigt ihn nicht nur, sondern verpflichtet ihn auch, seinen Wirkungskreis weiter auszudehnen, als über die engen Gränzen seines Hauses. Er ist Glied oder Vorsteher eines Staats, indeß die Frau nur Glied oder Vorsteherin einer Familie ist. Er sorgt für das Beste des Großen, indeß sie für das Beste des Kleinen, im Ganzen genommen eben so Wichtigen, sorgt. Er bemüht sich, das Glück und die Ruhe unter seinen Mitbürgern zu erhalten und zu befördern, indeß sie das Glück und die Ruhe ihrer Kinder und Hausgenossen sich angelegen seyn läßt. Er erleuchtet als Gelehrter die Menschheit, vertheidigt als Kriegsheld sein Vaterland, beschützt als Staatsbedienter die gerechte Sache im Volk, verbreitet als Kaufmann die Produkte der Natur und Kunst in der Welt, indeß die Frau ihren häuslichen Verrichtungen nachgeht, 270 geht, oder den weinenden Säugling wärmt und beruhigt. Kurz, die letztere ist für einen Zirkel von einzelnen Menschen bestimmt, da des Mannes Beruf hingegen groß und vielumfaſsend ist. Was folgt nun aber daraus natürlicher, als daß die Erziehung und Unterweiſung der Mädchen von der Erziehung und Unterweiſung der Knaben in eben dem Grade verschieden ſeyn müſſe, in welchem die Beſtimmung des weiblichen Geschlechts von der Bestimmung des männlichen verschieden ist? Was natürlicher, als daß besondere Mädchenschulen als sehr vernünftige und heilsame Anstalten verdienen angepriesen zu werden? Was natürlicher, als daß überall, wo dergleichen besondere Mädchenschulen noch nicht sind, sondern die Kinder beiderlei Geschlechts noch nebeneinander lernen, der Unterweisung der Mädchen wenigstens eine oder zwo Privatstunden gewidmet, und auch in der öffentliche Schule ihnen allein zuweilen ein kurzer Zeitraum aufgeopfert werden müste, worin der Lehrer sich bemühte, ihnen von solchen Dingen Begriffe beizubringen, welche in ihr künftiges Fach einschlügen, oder doch 271 doch mit demselben verwandt wären? Und geschähe dieses zugleich auf eine Art, die ihrer feinern Empfindlichkeit und der mindern Spannung ihrer Seelenkräfte angemessen wäre. — wer könnt' es dann leugnen, daß ihnen die künftige Erfüllung der Pflichten ihres Berufs in einem engern Wirkungskreise ungemein erleichtert werden müste? Sollte ich nun aber die Lehrgegenstände beim Unterricht junger Frauenzimmer noch etwas genauer bestimmen; so würde ich zuvörderst die Frage aufwerfen: Was bedürfen sie als Führerinnen des Hauswesens? Und hier fänden sich dann wenigstens folgende vier Puncte. 1) Lesen, Schreiben und Rechnen müsten sie, wie es sich im Grunde auch von selbst versteht, mit möglichstem Fleiße lernen. Beim Lesen müsten sie zugleich zu gehöriger Accentuation angehalten werden. Beim Schreiben dürften weder orthographische Belehrungen noch Stylübungen fehlen. Und in Ansehung des Rechnens wäre vorzüglich darauf zu sehen, si sie die weniger verwickelten Aufgaben auch ohne 272 ohne Papier oder Schiefertafel bloß im Kopfe auflösen lernten. Dazu käme dann noch das Zeichnen, welches in vornehmern Familien oft von großem Nutzen, und z. B. beim Sticken*) sogar unentbehrlich ist. ) Daß der Unterricht in der practischen Religion nicht versäumt werden dürfte, versteht sich ebenfalls von selbst. Besonders aber müste man sie mit einer möglichst vollständigen Moral des häuslichen Lebens bekannt machen. Man müste ihnen z. B. die Regeln der Klugheit und Billigkeit in der Regierung des Hausgesindes anzeigen, müste sie von dem Nutzen der Reinlichkeit, der Ordnungsliebe u. s. f. belehren, sie gegen übertriebenen Luxus und S. „die Kunst, geschwind und mit wenig Mühe eine Stickerinn zu werden. Berlin 1783. 3 Bdchen. mit gemalten Kapfern. 8.“ Ich führe dieses, so wie manches andere Buch nur deswegen an, damit es dem Lehrer bekannt werde, und er es in einzelnen Fällen empfehlen könne. Oft aber wird auch wohl ein Buch deswegen angeführt, damit er Stoff zu dem für nöthig gehaltenen Unterricht darin aufsuchen, und die gehörige Auswahl dabei treffen möge. Uebrigens erinnere ich hier noch einmal an A. d. H. meine vorige Anmerkung. 273 und eitle Modeſucht einnehmen, ſie von dem Werthe und den Gränzen der Sparsamkeit unterrichten, sie zur Thätigkeit fürs Nützliche, nicht bloß fürs Angenehme, ermuntern, ihnen thörichten Zeitvertreib und fade Frauenzimmerunterhaltungen verhaßt machen, ihnen die Schranken beſtimmen, worin der Hang zur Geselligkeit bleiben muß, wenn er gut und unschuldig seyn soll, und sie überhaupt dazu anführen, daß sie den Werth oder Unwerth des Putzes, des Spiels, des Tanzes, der Musik, der körperlichen Schönheit ꝛc. genau würdigen lernten. Dies alles würde ohne Zweifel eben ſo, wie das Vorhergehende, ungemein viel zur Beförderung und Erhöhung ihrer Nutzbarkeit im Hauswesen beitragen *). 3) Auch ökonomische Naturgeschichte müste deswegen in den Kreis der Lehrgegenstände Viele Materialien dazu finden sich auch in dem „Andachtsbuch für das weibliche Geschlecht, vorzüglich für den aufgeklärten Theil desselben von F. G. Marezoll. Leipzig 1788. 2 Theile. 8. A. d. H. ③⛨ 274 de für junge Frauenzimmer gezogen werden *). Vorzüglich aber müste man sie, so viel als möglich, theils eine diätetische Auswahl unter den Nahrungsmitteln treffen lehren**), theils auch vor giftigen Dünsten, Mineralien und einheimischen Thieren, und namentlich vor giftigen Pflanzen warnen***). Es ist unglaub*) M. s. H. Sanders ökonomische Naturgeschichte für den deutschen Landmann und die Jugend in mittlern Schulen. Leipz. 1782. 2c. 4 Theile. 8. **) Hier wären folgende Schriften von J. F. Jückert zu empfehlen, nämlich dessen „Allgemeine Abhandlung von den Nahrungsmitteln. Berlin 1775. gr. 8. Deſſen Abhandlungen „Von den Speiſen aus dem Thierreich“ (Berlin 1777. gr. 8.) und „Von den Speisen aus dem Pflanzenreich“ (Berlin 1778. gr. 8.) **) S. „die deutschen Giftpflanzen zur Verhütung der tragischen Vorfälle in den Haushaltungen nach ihren botanischen Kennzeichen nebst den Heilungsmitteln mit 16 illuminirten Kupfern, von J. S. Halle. Berlin 1784. gr. 8.“ — Der Herzog von Würtemberg hat vor kurzem noch allen Schullehrern in seinem Lande Befehl gegeben, die Kinder in der Schule besonders mit der sogenannten Belladonna bekannt zu machen, u. sie vor dieser verführerischen Giftpflanze zu warnen. Wie sorgsam! — 275 glaublich, wie oft der gänzliche Mangel einer ſolchen Erkenntniß in den Familien Unglück und Schaden anrichtet. Wollte man nun ausserdem noch zu einigen häuslichen Geschäften ihnen eine kurze theoretische Anweisung geben; so würde auch dieses sehr heilsam und ihrer Bestimmung ganz angemessen seyn. Wenigstens müste man dafür sorgen, daß gute Bücher aus diesem Fache in den Haushaltungen allgemeiner eingeführt würden *). 4) Endlich würde es gewiß auch nicht übel seyn, wenn man sie mit den wesentlichsten Verhaltungsregeln in Krankheiten bekannt machte. Denn man weiß es ja, daß FrauenS 2 zimmer *) Z. B. „Die Hausmutter in allen ihren Geschäften“ (von Herrn P. Germershausen) Leipz. 1780. 5 Theile. gr. 8. — „Die Hausmutter. Ein Auszug derselben von dem Verfasser selbst. Leipz. 1782. gr. 8.“ — Hausmutterkalender über die in jedem Monat vorfallende Geschäfte der Hausmutter, von dem Verfasser derselben.“ Leipz. 1781. gr. 8. — „Die junge Haushälterin. Ein Buch für Mütter und Töchter von P. Zimmermann. Dritte Auflage. Wien 1789. 3 Bände. 8. A. d. H. 276 zimmer die gewöhnlichen Verpflegerinnen der Kranken sind, und daß sie mithin auch in dieser Rücksicht oft ausserordentlich nützlich werden können. Freilich hat man in unsern Zeiten gegen die Popularität im Fache der Arzneiwissenschaft nicht selten mit vollkommnem Recht geeifert, weil in einzelnen Fällen wirklich Unheil daraus entstand. Allein es giebt denn doch auch in diesem, so wie fast in jedem andern Fache, Begriffe und Kenntnisse, welche sich nie zu weit unter dem Volke verbreiten, und daher allerdings auch würdig sind, durch die Lehrer fortgepflanzt zu werden *). Nur kann und ſoll auch *) Allgemein brauchbar wäre hier „J. A. Unzers medicinisches Handbuch — von neuem ausgearbeitet. —“ (Leipz. 1789. 3 Theile. gr. 8.) — Beſonders aber auch „Die Hausmutter am Krankenbette. Eine gemeinnützige Schrift für alle Stände von J. E. Reck. Berlin 1784. 8.“ — Eben so verdient auch empfohlen zu werden das „Handbuch zur Krankenpflege, oder Entwurf derjenigen Kenntnisse, welche zum Dienst bei Kranken ꝛc. und zu deren guten Besorgung nützlich und erforderlich sind. Aus dem Franz. des Herrn Carrere übersetzt. Straßburg 1787. gr. 8.“ — und das „Medicinische Tischbuch oder Kur und Präservation der Krank 277 auch hierin ihr Unterricht nicht ausführlich ſeyn. Haben ſie ihnen nur einen Vorſchmack davon gegeben, und sie überhaupt von der Wichtigkeit der Sache überzeugt; so läßt sich das übrige durch nachher empfohlene Privatlectüre schon hinzusetzen. Was nun den andern Theil der Beſtimmung des weiblichen Geschlechts, nämlich die Bestimmung zu Gattinnen und Müttern betrifft; ſo kann der Lehrer auch in dieſer Hinsicht schon wieder den Grund zu vielem Guten legen, und manches physische und moralische Elend schon im voraus verhüten. Ich will dabei nicht weitläuftig bei den mannichfaltigen Vorschriften der Sittenlehre verweilen, die er den künftigen Gattinnen und Müttern mit NachG 3 Krankheiten durch diätetische Mittel von J. F. Jückert. Berlin 1785. 8.“ — In besonderer Rücksicht auf die Kinderblattern aber sind noch folgende beide Schriften nützlich: „Ph. J. Piberits Unterricht, was Aeltern und Kinderwärter bei den Kinderblättern zu beobachten haben. Cassel 1783. 8.“ und „Ueber die Pocken und deren Einimpfung für Unerfahrne in der Arzneiwissenschaft von J. K. A. d. H. Stunzer. Wien 1784. 8. 278 Nachdruck und Herzensinnigkeit einzuschärfen hat. Auch will ich dabei nicht weitläuftig beweisen, daß ihnen die letzte Absicht dieser sittlichen Vorschriften, die Erhaltung und Befestigung der ehelichen Glückseligkeit, wenigstens nicht öffentlich verrathen werden dürfe. Ich will vielmehr nur an drei Puncte erinnern, durch deren Beobachtung er ihnen diesen Theil ihrer Bestimmung um so viel erreichbarer, und sie selbst um so viel nützlicher macht. Zuerst nämlich müste er jener Furchtsamkeit, die ihrem Geschlecht eigen zu seyn pflegt, möglichst entgegen zu arbeiten suchen. Er müste deshalb durch gesunde Begriffe aus der Physik allen Aberglauben verdrängen, und dadurch die Erzählungen von Gespenstergeschichtchen, von Visionen und Ahndungen ꝛc. ihres oft ungemein nachtheiligen Einflusses auf ihren Körper berauben*). Er müste ihnen die Neigung einflös*) Auch hier will ich einige Schriften nennen, die dem Lehrer darin sehr brauchbar werden können. „Wunder der Natur. Leipzig 1782 2c. 2 Bde. 8." „Wundererſcheinungen ins Licht geſetzt von Friedr. Knoll. Gotha 1785. 8.“ — „Dessen unterhaltende 279 einflössen, nichts wunderbar zu finden, was nicht vorher genau untersucht worden ist, und was gröſtentheils nach vorhergegangener genauen Untersuchung mit den Gesetzen der Natur ganz übereinstimmend gefunden wird. Denn S:4 tende Naturwunder, Aeolushölen, Donnerdämpfe ꝛc. Erfurt 1786. 8. nebſt dem 2ten Theile mit Anmerkungen von I. C. Wiegleb. Erfurt 1788. 8.“ — „Geschichte der menschlichen Narrheit, oder Lebensschreibungen berühmter Schwarzkünstler, Goldmacher, Teufelsbanner ꝛc. (v. Adelung) Leipzig 1785 — 89. 7 Theile, 8.“ — „J. F. Abels Sammlung und Erklärung merkwürdiger Erscheinungen aus dem menschlichen Leben. Stutgard 1787. 2 Theile. 8.“ — „Etwas zur richtigen Beurtheilung der Theosophie, Cabale, Magie und anderer geheimer und übernatürlicher Wissenschaften, von J. G. Stoll. Leipz. 1786. 8.“ — „Von Abndungen u. Visionen. (v. Hennings) Leipz. 2te Aufl. 1782. 8. — Von Geistern u. Geistersehern, (von ebendems.) Leipz. 1780. 8. — Visionen vorzüglich neuerer und neuester Zeit. (von ebendems.) Altenburg 1781, 8.“ — „Ueber den Zauberglauben und andere Schwärmereien, oder, Vertheidigung berühmter Männer, die von ihren Zeitgenossen für Zauberer gehalten wurden. Aus dem Franz. mit Beiträgen aus neuern Zeiten. Leipz. 1787. 8. A. d. H. 280 Denn es ist nicht zu leugnen, daß das Gegentheil in manchen Zeitpuncten ihrer weiblichen Lage die fürchterlichsten Revolutionen bewirke. Ferner müste er ihnen bei jeder Gelegenheit eine einfache, thätige Lebensart empfehlen. Er müste sie warnen vor allen Speisen und Getränken, welche gar zu gewürzhaft sind, und ihr, in den meisten Fällen, ohnehin sehr schwaches Nervensystem noch mehr schwächen. Er müste ihnen die traurigen Folgen solche Beschäftigungen, welche stetes Sitzen erfordern, (und von der Art sind ja gewöhnlich die kleinlichen Beschäftigungen mit den Producten der Mode und der Eitelkeit) aber eben so auch die traurigen Folgen einer plötzlichen, anhaltenden und ausschweifenden Leibesbewegung (z. beim Tanzen) lebhaft darstellen. Er müste ihnen zeigen, wie sie durch gemäßigte Arbeitsamkeit im Hauswesen ihren Körper abhärten und vor der leidigen Verzärtelung bewahren können. Und wer zweifelt daran, daß auch ein solcher Unterricht den künftigen Müttern sehr heilsam seyn würde? Ausserdem aber müsten reifere Mädchen schon 281 schon mit den wesentlichsten Erziehungsregeln der Kinder bekannt gemacht werden. Denn von ihrem Geschlecht erhalten die Kinder in den erſten Jahren ihres Lebens allein Bildung und Unterricht, und es kann gewiß auf keine Weise gleichgültig seyn, wie sie sich dabei benehmen. Sie können, wie schon hundertmal bemerkt worden ist, den Saamen zu vielem Guten, aber auch zu vielem Bösen in ihre empfängliche Seele streuen. Selbst der schwächste Eindruck läßt tiefe Spuren zurück, und weil gerade an sie die Säuglinge sich mit der innigsten Zärtlichkeit und mit dem lebhaftsten Gefühl des Bedürfnisses anschmiegen; so ist es natürlich; daß auch von ihnen die meiſten Eindrücke herrühren. Und sollte mans denn nicht das schädlichste Vorurtheil nennen dürfen, wenn man glaubt, daß der Unterricht über die wichtigsten Mutterpflichten der eignen künftigen Erfahrung der Frauenzimmer überlassen werden müsse? In allen Fällen sieht mans ein, daß man zu dem Stande, worin man der bürgerlichen Gesellschaft einst zu nutzen gedenkt, sich mit anhaltendem Eifer vorzubereiten habe, und daß es die höchste Pflicht sey, sich vorher, ehe man noch sich unter die Mitgenossen eines ſol5 5 chen 282 chen Standes mischt, die dazu erforderlichen Kenntnisse einzusammeln. Und nun sollte der Stand, wozu die Natur selbst die Frauenzimmer bestimmt, nicht einer ähnlichen Vorbereitung werth seyn? Man sollte ihnen die Schätze der schon vorhandenen pädagogischen Erkenntniß verschliessen, um sie nachher durch einige ungerathene Kinder auf den Werth einer solchen Erkenntniß erst aufmerksam machen zu lassen? Aber freilich dürfte die Ueberlieferung dieser Erkenntniß in einer Gesellschaft von jungen Frauenzimmern nicht ohne Vorsicht und Behutsamkeit unternommen werden. Man dürfte nicht zu ihnen sagen: „Wenn ihr einst Mütter seid; so müßt ihr diese und jene Regel in der Erziehung eurer Kinder befolgen.“ Es würde dann gewiß die eine oder die andere sich schon erwachsen dünken, würde den Zunder der Wohllust in sich selbst und ihren Gespielinnen entzünden, und sich zu früh nach dem Zeitpuncte sehnen, wo sie ihre theoretische Erkenntniß practisch anwenden könnte. Allein wozu auch dieser gerade Gang des Unterrichts? Wakum nicht die Erziehungskunst als einen wesentlichen 283 chen Theil der Moral behandelt? Müste nicht bei einzelnen moralischen Fehlern allemal auch die Entstehungsart derselben angezeigt werden? Und könnte man dabei nicht allemal zugleich auf eine fehlerhafte Erziehung zurückgehen.*)? Ich bin davon gewiß, auf eine ſolche Art würde ihnen unvermerkt eine ziemlich vollständige Erziehungskunst beigebracht werden. Wenigstens würden sie ohne allen Nachtheil manchen pädagogischen Grundsatz kennen lernen, deſſen Befolgung ſie in ihrem künftigen Stande weit nützlicher machen müste, als sie ohne die Bekanntschaft mit demselben würden geworden seyn. Hier *) Hierin würde dem Lehrer „C. G. Salzmanns Anweisung zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder. Erfurt 1788. 8." sehr nützliche Dienste leisten. Wenn von irgend einem Fehler z. B. von Neid, Lügen, Rachgier, Sectenhaß, Eigensinn u. s. w. die Rede wäre; so könnte er aus diesem kleinen Buche die erste Grundlegung zu einem solchen Fehler durch eine anschauliche Geschichte darstellen lernen. Dies schiene dann nur beiläufig und absichtslos zu geschehen. Allein es wäre denn doch ein angenehmer und nützlicher Unterricht in den wesentlichsten Regeln der Pädagogik. A. d. H. 284 Hier also, lieber Freund! hätten Sie nun einen kurzen Abriß von dem, was ich in Hinſicht auf die Bildung des weiblichen Geschlechts theils für unumgänglich nothwendig, theils für sehr gut und heilsam halte. Ich darf wohl nicht noch hinzusetzen, daß erwachsene Frauenzimmer selbst zu dieser Bildung ihrer jüngern Freundinnen fähiger und geſchickter werden könnten, als Mannspersonen, wenn jene nur die gehörige Anleitung dazu hätten*). Denn dies läßt sich aus allem, was ich gesagt habe, schon von selbst folgern. Aber hinzusetzen darf ich denn doch noch, daß ich auch von Ihnen in diesem Puncte ungemein viel Gutes erwarte, und daß ich mich freuen werde, wenn ich einst sehe, daß Sie meine Erwartungen ** noch übertreffen. 2c. ) Eben darum ist es zu verwundern, daß man noch keine Normalschulen für weibliche Erzieherinnen anA. d. H. gelegt hat. **) Mehr über den Gestand dieses Briefes findet man. in folgenden Schriften. — „ J. R. Zobels Briefe über die Erziehung des Frauenzimmers. Berlin 1772. 8.“ — „J. G. Sulzers Anweisung zur Ersie 285 ziehung seiner Töchter. Zürch 1781. 8.“ „Wie ſoll ein funges Frauenzimmer ſich würdig bilden? von Andr. Mayer. Fünfte Auflage. Erlangen 1786. 8.“ — „Andre über die Bildung der Töchter in Schnepfenthal. Göttingen 1789. — Manche Projecte in Beziehung auf Mädchenſchulen finden ſich auch im zweiten Theile von „J. D. Hensels ystem der weiblichen Erziehung. Halle 1788. 8.“ A. d. H. . . . . . . das Recht der Einzelnen, das erste durch die . 5½/2 ter . . . . . . d . . . . . Acht 286 Achtzehnter=Brief. 3*** An Herrn Director . Mit wahrem Erstaunen habe ich neulich in Ihrem Ankündigungsprogramm des letzten Examens in M* * gelesen, daß Sie von einem Ihrer zur Universität abgehenden Schüler sagen: „Er sey ein Genie erster Größe Deutschland werde einst stolz darauf seyn, diefen Sirius unter seinen Sternen glänzen zu sehen, und Sie selbst freuten sich, daß er seinen Glanz unter Ihren bildenden Händen bekommen habe. Ums Himmels willen! — rief ich aus, und ſchlug die Hände dabei zuſammen — das heiß ich Weihrauch streuen! Und wie künstlich prallt nicht der Weihrauchdampf zurück, und umduftet den selbstgefälligen Lehrer mit Wohlgeruch! Sie werden mir diesen Ausruf verzeihen, mein theurester Herr Director! Er war ganz unwillkührlich. Und was unwillkührlich ist sagt Ihnen ihr philosophisches Compendiumist 287 ist nicht moralisch. Was nicht moralisch ist, kann auch nicht imputabel seyn. Was nicht imputabel ist, kann auch nicht übel genommen werden. Und setze ich nun noch ein O. E. D. hinzu; so denk' ich, sind wir (der Logik zu gefallen) wieder gute Freunde. Als Ihr guter Freund aber muß ich Ihnen denn doch nun auch sagen, daß jene überspannte Lobeserhebung — alle Prahlerei davon abgezogen — wenigstens sehr unvorsichtig war. Denn ich habe immer gehört, daß ein guter Erzieher mit Lobeserhebungen überhaupt äusserst sparsam seyn müsse, und daß er durch die entgegengesetzte Freigebigkeit damit unglaublich Schaden verursache. Und ich muß es bekennen, meine eigne Erfahrung stimmt damit ganz überein. Wahre Freude war es mir daher, als ich neulich einen sehr einsichtsvollen Mann mit einem Schullehrer, welcher ebenfalls jene Sparsamkeit nicht gelernt hatte, in ein ernsthaftes Gespräch verwickelt fand. Erlauben Sie mir, werthester Herr Director, 788 tor, daß ich Ihnen einmal seinen ganzen Disrürs hieher setze. 1 Sehr oft — sagte er — wird ein Kind durch solche Lobeserhebungen zu dem Glauben gebracht, daß es schon weit genug gekommen ſey; wird zurückgehalten von fernern Fortschritten zu einem höhern Grade von Einsicht, oder wenigstens lernt es alles verabscheuen, was Mühe und Anstrengung erfordert, weil es dieser Mühe und Anstrengung schon überhoben zu seyn wähnt. Es spricht von denen, die weniger Lob einerndten, in herabwürdigendem Tone, wiegt sich selbst in dem täuschenden Gefühle der Weisheit ein, und seine meisten und schönsten Kräfte fallen nach und nach in den Schlummer der Unthätigkeit. Jeder seiner Fehler bekommt in ſeinen Augen beinahe die Geſtalt einer Tugend, und es denkt an nichts weniger, als an die Verbesserung desselben. Es verschließt allmählich seine Ohren vor der warnenden Stimme einzelner unpartheiischerer Beobachter, die es wagen, die gewöhnliche Stimme des Lobs und des Beifalls einmal zu übertönen. Kommt dann noch die Bemerkung hinzu, daß Lob und Beifall nicht allemal wahten 289 ren Realitäten, sondern oft, wo nicht gar gröstentheils, dem Schimmer ausgeputzter Kleinigkeiten zu Theil wird; so verwirren sich seine Ideen vom Werth und Unwerth der Dinge, und die unausbleiblichen Folgen davon sind nicht nur unrichtige Urtheile darüber, sondern auch eigne Bemühungen, in dergleichen geprieſenen Nichtswuͤrdigkeiten ſich hervorzuthun. Und wie viele Leiden wird es nicht in der Folge zu dulden haben, wenn es durch zahlloſe Lobeserhebungen gar zu empfindlich für zeitliche Ehre geworden ist! Die Welt frägt nicht darnach, wie der Mann als Knabe in der Schule beurtheilt worden ist. Sie frägt vielmehr dann nur nach den wirklichen Vollkommenheiten, die er als Mann hat. Und hascht nun also — fuhr er fort — ein solcher Mann, der in seiner Jugend so oft und so laut gepriesen wurde, einmal vergeblich nach Achtung und Beifall, oder erndtet er gar an deſſen Stelle kalte Geringschätzung und verläumderische Beschimpfungen ein — wie schmerzhaft! wie folternd! Er wird unzufrieden mit der Welt und der Menſchheit, ſieht allenthalben Unordnung und Regellosigkeit in dem moraliſchen Laufe der Dinge, und eingehüllt in den betrü 290 betrügerischen Dunst eines uneingeschränkten Zutrauens zu sich selbst, entzieht er seinen Brüdern Hochachtung, Liebe und Dienstbereitwilligkeit. — Und warum denn auch gelobt, was im Grunde nur erfüllte Pflicht ist? Warum durch das Lob den Gedanken der Pflicht aus den Augen gerückt? Warum gleich über Wunder erstaunt, wo etwas sehr natürlich zugieng? Warum — Hier aber fiel ihm der Schullehrer ins Wort. Genug! sagte er. Ich sehe den Werth dieser Behauptungen ein. Ich gestehe es, daß ſtetes Lob als eine Art von Verzärtelung betrachtet werden, und daß diese Verzärtelung alle die von Ihnen angegebenen Folgen nach sich ziehen könne. Allein ich kann es denn doch auch nicht verschweigen, daß Sie mir zu viel zu behaupten, und gar zu allgemein zu urtheilen ſcheinen. Wie oft findet man nicht, daß z. B. muthlose Kinder durch Lobeserhebungen wieder zum Fleiße aufgemuntert werden können, gesetzt auch, sie hätten diese Lobeserhebungen nicht so ganz verdient! Gut, gab ihm sein Gegner zur Antwort; Das 291 Das ist wahr, was Sie da erinnern. Es entſteht hier indeſſen die Frage: Wodurch ſolche Kinder denn eigentlich muthlos gemacht worden sind? Gröstentheils ist gar zu anhaltender Tadel die Urſache davon geweſen. Sie ſahen, daß sie dem Lehrer nichts recht und gut machen konnten, und fiengen daher an, den glücklichen Erfolg aller ihrer, auch noch so eifrigen Bemühungen zu bezweifeln. Allein dieſes Verfahren ist offenbar eben so fehlerhaft. Wäre der anhaltende Tadel nicht vorhergegangen; so würde man auch des Hülfsmittels haben entbehren können, ihnen durch unverdientes Lob von neuem Muth einzuflössen. Und ausserdem, wenn Lob ohne Verdienstlichkeit in Empfang genommen wird, so ist es gewiß von noch weit schädlicherm Einflusse auf die nachherige Urtheilskraft und Denkungsart der Kinder. Nur ein einziger Fall würde dabei, wie es scheint, eine Ausnahme machen: wenn nämlich solche Kinder klug genug wären, den Ungrund des Lobes einzuſehen. Aber wie kann man das wohl allemal erwarten? Und wenn man es auch erwarten könnte; so wären doch schon wieder andere Nachtheile zu befürchten. Denn gerade solche kluge Kinder halten 2/2 das 29 das Lob entweder für Satyre, und mithin schon wieder für Tadel, oder sie setzen Mißtrauen in die Einsichten des Lehrers. Kurz! Es läßt sich kaum ausdrücken, wie viel Behutsamkeit in diesem Puncte nöthig sey. Sehr oft — setzte er hinzu — werden auch die Lobeserhebungen höchstungerecht ausgetheilt, ohne daß der Lehrer selbst auf den geringsten Verdacht dieser Ungerechtigkeit gerathen sollte. Flatterhafte Kinder z. B. begreifen fast alles sehr leicht. Soll er sie nun deswegen loben? Soll er nun deswegen andere, welche nicht so leicht damit fertig sind, tief erniedrigen? Soll er zwischen beiden eine Parallele ziehen, welche für jene eben so rühmlich, als für diese schimpflich ist? Soll er es vergessen, daß Naturgaben so wenig eigentliches Lob verdienen, als der Mangel derselben mit Recht gerügt werden kann? Und doch geschieht dieses so häufig. Doch glauben Lehrer und Erzieher so oft, daß eine solche schnelle Fassungskraft das Werk einer angeſtrengten Aufmerksamkeit, und das ächte Kennzeichen der Lehrbegierde sey. Allein wie sehr irren sie darin! Wie wenig Kenntniß der menſchlichen Natur 293 Natur verrathen sie dadurch! Flatterhafte Kinder begreifen zwar sehr leicht; aber eben so leicht vergessen sie auch wieder. Ihre Seele ist einer Flüßigkeit ähnlich, welche sich unaufhörlich bewegt, und ohne Schwierigkeit jeden Druck aufnimmt, aber eben so schnell wieder zusammenfährt, und die Spur desselben verlöscht. — Andere Kinder hingegen haben von Natur eine träge Faſſungskraft. In allen Verrichtungen ihrer Seele herrſcht eine gewisse mühvolle Schwerfälligkeit. Bei allem, was ſie lernen ſollen, werden ſie ängſtlich und mißtrauisch in ihre Kräfte. Man muß sie mit einer ganz unermüdeten Geduld, und mit einer ganz ununterbrochenen Sanftmuth bearbeiten. Indessen wird doch alles, was sie einmal begriffen haben, nie wieder von ihnen bergessen. Man darf nur ihre Seele durch irgend eine Idee einmal in Gang bringen; so steht sie in Betreff dieser und der nämlichen Idee niemals wieder still. Sie wird gleich zur Würde eines Grundsatzes erhoben. Welche Kinder verdienen also den Vorzug? Jene erfordern weniger Mühe; aber doch auch nur im Anfange. Kommts weiter hin; so haben 2 3 294 ben die letztern den Vorrang. Der Lehrer kann das unmöglich gleich beurtheilen. Er sieht in die Zukunft nicht. Und eben deswegen theilt er sein Lob ungerecht aus, wenn es nur den erstern zu Theil wird. Oder er wird doch in die Nothwendigkeit gesetzt, hin und her zu schwanken. Sollt'er also nicht lieber sparsamer mit Lobeserhebungen ſeyn? Venn er aber gar ein Kind bloß deswegen lobt, weil es einen Fehler unterlassen hat; so ist dies noch ungleich zweckwidriger. Unterlassene Fehler sind ja noch lange keine Tugenden. Ich kann mir's ja nicht zum Verdienst anrechnen, daß ich kein Dieb und kein Mörder bin. Wollt' er also auch hier (wie es doch leider so häufig sich zuträgt) keine Lobeserhebungen schonen — wollt' er unaufhörlich die Formeln in Bewegung halten: „Sieh einmal deinen Nachbar an! Wie verhält sich der nicht so ruhig! Wie lernt der nicht so fleißig! ꝛc.” so würde er sicher Pharisäer bilden, welche sich hinstellen, und beten: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute Merken *) Vergl. den Aufsatz: Hoffnung und Furcht, Lob und 295 Merken Sie sich also besonders folgende Regeln, lieber Freund! — Und hier trat er zutraulich naͤher zum Schullehrer hin, und zählte die Regeln an den Fingern ab. Erstlich. Geben Sie keinem Kinde vor dem andern einen gar zu sichtbaren Vorzug! Dadurch wird sonst das eine gekränkt, und das andere aufgeblasen. Am wenigsten müssen Sie einem solchen Kinde, von welchem Sie wissen, daß es zu Hause verzärtelt wird, einen solchen Vorzug geben. Denn in diesem Falle treten jene traurige Folgen, die ich vorher nannte, ohnehin nur gar zu leicht ein. Zum andern. Loben Sie nichts, was auf bloßen Anlagen beruht! Nur das ſittliche Verhalten eines Kindes muß dabei in Anſchlag kommen. Denn zu einem guten sittlichen Verhalten sind alle Kinder gleich fähig, da hingegen bloße Anlagen von ihnen nicht abhängen, ſondern vielmehr nur das Werk der Natur sind. DritT 4 . und Tadel auf der Wage des Pädagogen, von Friedr. Gedike. In dessen geſammelten Schulschriften. N. 3. (Berlin 1789. 8.) 296 Drittens. Etwas Mittelmäßiges kann allenfalls dann gelobt werden, wenn Sie hinzuſetzen, daß Sie eheſtens noch etwas Beſſeres und Schöneres von ihnen erwarten. Eine solche Milderung des Lobes ist überhaupt in allen Fällen anzurathen, weil bei uneingeschränktem Lobe wenigstens allemal ihre Bescheidenheit wankend gemacht wird. 719 Viertens. Loben Sie äusserst selten öf fentlich, sondern gröstentheils nur unter vier Augen! Denn durch öffentliches Lob wird das geheimere Lob fast jedesmal entkräftet. Es verliert seine Reize. Nur der rohere Mensch, dessen Seele für das geheimere Lob keinen Sinn hat, und doch eines Stosses zum Fortschreiten bedarf, werde öffentlich gelobet! Der gute Mann hatte vielleicht noch mehr auf dem Herzen, wovon er sich bei dieser Gelegenheit entladen wollte. Dies schliesse ich daraus, weil er schon seinen fünften Finger in Ordnung gebracht hatte. Allein er wurde hier unterbrochen, und das Gespräch nahm nachher einen andern Gang. Aber 297 Aber wie gefällt Ihnen denn sein Raisonnement, mein liebster Herr Director! Er sprach freilich nur zu einem Lehrer an einer niedern Schule. Indeß war dieser doch übrigens kein ungeschickter Mann, und ich hoffe daher auch nicht, daß es üble Folgen haben werde, wenn ich Sie etwa, was die Hauptsache jenes Raiſonnements betrifft, in Gedanken ihm ſubſtituirt haben sollte. Nein! Ich bin gewiß, Sie würden Freude daran gefunden haben, wenn Sie an seiner Stelle gestanden, und den warmen, freundlichen Menschenkenner so reden gehört hätten. Aber thuts Ihnen denn nun nicht auch leid, daß Sie den Panegyrikus auf Ihren abgehenden Schüler schrieben? Wer weiß, ob nicht der junge Mann, weil er von Ihnen für ein Genie erster Größe erklärt wurde, auf Universitäten nun auch Geniestreiche erster Größe macht? Wer weiß, ob er nicht nun, da er unter Ihren bildenden Händen weg ist, schon ganz gebildet zu seyn glaubt, und also in hohem Geistesfluge sich über das Infectengeschmeiß der übrigen Wissenschaftskrämer hinausschwingt? Und worauf anders, wird die Schuld davon zuruͤckfallen, als auf Ihre unbeſonnene Lobrednerei? Geſetzt aber 2 5 auch, 298 auch, er werde so wenig ausschweifend, als nachläßig werden; so haben Sie doch wenigstens sein Herz in gewissem Grade verdorben. Sie haben ihm, wenn er edel ſeyn will, für die Folge das unangenehmste Geschäft von der Welt nothwendig gemacht — das Geschäft, die hohe Meinung von sich selbst herabzustimmen. O wie oft spielt ein Mann, der in seiner Jugend so übermäßig fetirt wurde, ganz unwillkührlich die Rolle des eingebildeten Narren! Wie oft vergißt er sich in seinen Ausdrücken, wenn von ihm selbst die Rede ist! Wie oft muß er sich deswegen in Gesellschaft von noch bessern und einsichtsvollern Menschen gedemüthigt sehen! Wie kränkend ist nicht oft seine Scham vor sich selbst, wenn er in der stillen Stunde der Einsamkeit seine Reden und Handlungen übersteht! Wie hartnäckig der Kampf, den dann ſeine edlere Ehrliebe mit läppischer Prahlsucht beginnt! Schicken Sie also nur immerhin Ihrem jungen Freunde eiligst Briefe nach, und machen Sie ihn mit aller Höflichkeit auch auf seine Mängel und Gebrechen aufmerksam! Nur lassen Sie ihm vor allen Dingen meinen Namen nicht nicht wissen! Denn beleidigter Geniestolz sprüht Feuerfunken. Doch — das beste Mittel dagegen ists, daß ich mich — auch Ihnen nicht nenne. 2c. . . " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " " . — — . . . . . . . Ich habe ich wohl einmal nicht zu einem das ganze Gebiete, das wird einmal einmal einmal . d d’un piedre de l’année de l’ordre de l’ordre . . . . . . . . . . 7 — Neun 3⁰⁰ Neunzehnter Brief. An Herrn Schullehrer A. Ich habe es Ihnen versprochen, lieber Freund, in meinem nächsten Briefe an Sie einmal von den Schulstrafen zu reden *). Und kaum können Sie es glauben, wie gern ich dieses Versprechen erfülle. Sie sind ja ohne Zweifel, so wie ich, davon überzeugt, daß diese Materie eine der wichtigsten in Ihrem Fache ſey, und daß die mehreſten Schullehrer gerade hier am öftersten fehlen. Sie sind überzeugt, daß ein Lehrer, der sich darin eine weiſe Verfahrungsart zur Gewohnheit gemacht hat, schon deswegen allein unter die würdig sten gerechnet, daß er von den Kindern geliebt, von ihren Aeltern hochgeſchätzt werde, und daß er eben dadurch nicht nur manchem Vorwurfe entgehe, sondern auch überall mehr Unterstützung und Aufmunterung finde. Und mit welcher Freude gesellt man sich zu einem Manne, der mit uns die nämlichen Ueberzeugungen hat! *) M. s. den dreizehnten Brief. H. I. S. 203. 301 hat! Machen Sie sich also nur immerhin auf einen langen Brief gefaßt! Ehe ich aber zur Sache selbst komme, habe ich noch eine allgemeine Anmerkung vorauszuschicken. Mir deucht nämlich, die neuern Pädagogen haben vollkommen Recht, wenn sie behaupten, daß man bei allen Fehlern der Kinder mehr betrübt, als zornig scheinen müsse. Denn Erstlich liegt es in der Natur jedes noch nicht ganz verdorbenen Menschen; (und zu diesen kann man denn doch auch wohl die Kinder zählen) niemals — ausser im höchsten Nothfalle — einem andern Schmerz und Mißvergnügen zu verursachen. Schon die äussern Zeichen des Schmerzes und des Mißvergnügens, jene trübe Melancholie im Gesicht, jener thränenvolle Blick, jenes ängstliche Wimmern u. s. f. — schon diese allein bringen unangenehme Empfindungen in einem solchen Menschen hervor, und bloß um dieser Empfindungen willen wünscht er den Schmerz, das Mißvergnügen seines Mitmenschen zu vertilgen, gesetzt auch, 302 er würde durch keine Grundsätze der Vernunft und Religion dazu angetrieben. Man darf hier nur die Kinder beobachten, um dieſe Bemerkung bestätigt zu finden. Weint die Mutter; so weint die Kleine mit — wird die Schwester gestraft; so nimmt ihre schuldlose Miene Theil daran. Wo sind aber hier jene Grundsätze der Vernunft und Religion? Und wenn nun also der Lehrer sich bemühte, bei den Fehlern seiner Zöglinge nicht etwan gleich in polternden Unwillen auszubrechen, sondern seinen Unwillen durch Bekümmerniß zu mildern, und diese Bekümmerniß durch eine bedaurende Miene zu erkennen zu geben — wenn er sich darin übte, es ihnen merklich zu machen, daß dieses Betragen ganz und gar der Ausdruck reiner, unverfälschter Natur, und mithin durchaus unwillkührlich sey — würde er nicht dann ihr moralisches Gefühl schärfen und berichtigen? Würde er sie dadurch nicht anleiten, mit der Idee des Fehlers allemal auch den Nebenbegriff zu verknüpfen, daß man sich dadurch bemitleidenswürdig mache, oder einen gewissen Grad von Verachtung verdienen? Und würde nicht beides unangenehm seyn, und zur Verbesserung des Fehlers anspornen? Dazu 3⁰³ Dazu kommt dann aber auch zum andern noch der Umstand, daß jene Traurigkeit, jene Bekümmerniß des Lehrers ihnen in der Gestalt eines demüthigenden Mitleids erscheinen würde. Und wer hält sich nicht auf eine gewisse Art und in einem gewissen Grade für elend, wenn man Mitleid mit ihnen haben muß? Wer fühlt nicht einen gewissen natürlichen Stolz in sich rege werden, wenn er auf irgend eine Weise beschämt und gedemüthigt wird? Und wie könnte das Kind sein Elend (es stellt ſich in ſeinen Augen wenigſtens als Elend dar) wohl anders mindern — wie könnte es wohl anders jener Beschämung, jener Demüthigung ausweichen, als wenn es durch ein besseres Verhalten die traurige Miene des Lehrers in eine heitere und zufriedene zu verwandeln sucht? Gewiß, theurer Freund! dies ist überall der beste Gesichtspunct, aus welchem man seine Fehler betrachten kann. „Man macht sich elend dadurch. Man verliert dadurch unzählige Freuden, deren Genuß uns doch im gefelligen Le ben unentbehrlich ist.“ Und nie können Lehrer und Erzieher das Kind zu früh in diesen Geſichtspunct ſtellen. Nie können ſie es zu früh davon 304 von überzeugen, daß die Begierde, glücklich und froh und zufrieden zu seyn, von dem Streben nach Weisheit und Tugend nie getrennt werden dürfe, und daß ohne dieses Streben jene Begierde nur der kraftlose Wunsch des Thoren sey. Die sichtbare Liebe ihrer Vorgesetzten muß ihnen daher auch frühzeitig zu einem wahren Bedürfnisse gemacht werden. Sie müssen frühzeitig den freundlichen Anblick derselben über alles hochschätzen lernen. Und dann ist ihnen sicher hernach ein trauriger Anblick schon Strafe. Aber nun wird es auch wohl Zeit seyn, zur Unterſuchung uͤber die Schulſtrafen ſelbſt überzugehen. Sie wiſſen, daß man bei allen Strafen überhaupt einen dreifachen Zweck haben könne. Entweder hat man die Absicht, andere von der Ausübung des bestraften Fehlers zurückzuschrecken, und sie mithin vor einer ähnlichen Strafe zu warnen; Oder man will den Verbrecher selbst von der Wieder 305 Wiederholung ſeiner Verbrechen durch die Strafe gewaltsamer Weise abhalten, und also die Geſellſchaft vor ihm in Sicherheit ſetzen; Oder man sucht ihn durch die Strafe zu bessern, das heißt, ihn nicht nur von seinen Vergehungen zurückzuhalten, sondern ihn auch zu den entgegengesetzten Tugenden zu gewöhnen. Der letztere Zweck faßt den zweiten im Grunde schon in sich — nur mit dem wichtigen Unterſchiede, daß der Gebeſſerte nicht mehr gewaltsamer Weise von der Wiederholung seines Vergehens zurückgehalten werden darf. Uebrigens aber ist es offenbar, daß sowohl der erste Zweck ohne die beiden andern, als auch der zweite Zweck ohne die beiden andern, daß sie aber auch alle drei zu gleicher Zeit erreicht werden können. Es frägt sich nun: auf welchen von diesen Zwecken man in der Erziehung vorzüglich hinarbeiten müsse? Und die Antwort auf diese Frage ist nicht im geringsten streitig. Das Kind soll zum Guten erzogen werden. u. Sind 306 Sind also die Strafen gleich von der Art, daß dadurch andere Kinder zurückgeschreckt werden; so folgt daraus doch noch nicht, daß das gestrafte Kind selbst nun auch wirklich gut geworden sey. Selten wird und darf daher in der Schule der Fall eintreten, daß der Lehrer bloß aus dem Grunde ein Kind straft, um an ihm einmal ein Beispiel zu statuiren. Eben so wenig ist es hinreichend, die Strafen auf gewisse Vergehungen nur so einzurichten, daß das Kind diese Vergehungen nachher nicht wiederholen kann. Denn eine fehlerhafte Handlung unterlassen, und noch wohl gar unterlassen müssen, ist noch lange nicht Tugend. Auch die Neigung dazu muß ausgerottet werden. Es müssen Bewegungsgründe zum Gegentheil da ſeyn, und zwar innere, auf lebhafBewegungsgründe. ter Ueberzeugung ruhende Die weltliche Obrigkeit ist in den meisten Fällen zufrieden, wenn sie durch die Strafen, welche sie über den Verbrecher verhängt, auch nur die beiden ersten Zwecke erreicht. Denn die Beförderung der innern Sittlichkeit des Verbrechers liegt ausser ihrem Gebiete. Nur äusser 3⁰ äusserlichen Wohlstand, nur äusserliche Ordnung und Ruhe iſt ſie in der bürgerlichen Geſellschaft zu erhalten und zu vergrößern bestimmt. Der Lehrer und Erzieher aber muß weiter gehen. Bei ihm muß allemal die wahre Besserung des Kindes Hauptzweck der Strafe seyn. Und hier dringen sich uns nun gleich einige Wahrheiten auf, die uns den verſchiedenen Werth der Schulſtrafen genau beſtimmen lehren. Jede dieſer Wahrheiten iſt wieder reich an belehrenden Folgerungen. Die erste Wahrheit. — Weil der Lehrer weder die Liebe und das Zutrauen der Kinder, noch ein gehöriges Ansehen unter ihnen auf irgend eine Weise entbehren kann; so ist es nicht zu leugnen, daß die Strafen, die er für nöthig hält, niemals diese Liebe, dieses Zutrauen, dieses Ansehen schwächen und einschränken dürfen. Und daraus schliessen wir mit Recht: 1) Der Lehrer muß dann, wenn er straft, dem zu bestrafenden Zöglinge es zu erkennen geben, daß es aus Liebe zu ihm geschehe; indem ihn die wahre Absicht ſeiner Beſſerung leite. U 2 308 2) Er muß zeigen, daß er ungern diesen Weg der Strafe dazu einschlage, daß er sich aber doch dazu genöthigt sehe, um weitern Fehlern vorzubeugen. 3) Er muß versichern, daß die Strafe nicht sowohl auf seiner Willkühr beruhe, als vielmehr nothwendige Folge des Fehlers sey. 4) Es darf daher auch nie scheinen, als wenn die Person des Lehrers beleidigt worden wäre. Die Gesetze der Schule, und der Moral überhaupt, sind beleidigt worden *). 5) *) Aus diesem Grunde müssen allemal gewisse Schulgesetze entworfen werden, welche der Lehrer seinen Zöglingen gleich bei ihrem ersten Schulbesuch vorlieset, und von Seiten ihrer Nutzbarkeit und unumgänglichen Nothwendigkeit erläutert. Als Muster könnten dazu dienen „Die neuen Schulgesetze für das Pädagogium zu Kloster Bergen von F. G. Resewitz. Magdeburg 1775. 4.“ Villaume schlägt in seinem practischen Handbuche für Lehrer in Bürger= und Landschulen (Dessau 1781. 8.) §. 19. vor, daß der Lehrer die Kinder durch vorläufige Unterredung mit ihnen anleiten solle, diese Gesetze sich selbst vorzuschreiben. Und dies ist ohne Zweifel 309 5) Es muß mithin jedes andere Kind in der Schule von der Gerechtigkeit der Strafe überzeugt seyn. Wo diese Ueberzeugung fehlt, entsteht oft allgemeine Erbitterung. 6) Es darf deswegen auch ferner nicht die geringste Partheilichkeit obwalten, und unter ärmern und reichern Kindern kein Unterschied gemacht werden. Unter den nämlichen Geſetzen ſtehen, bringt in ſo fern durchgängige Gleichheit hervor. 7) Es muß auch nicht zu oft gestraft werden. Denn sonst verlieren nicht nur die Strau fen Zweifel sehr nützlich, und sollte von jedem Lehrer wenigstes dann geschehen, wenn er sein Amt antritt. Die nachherigen Strafen bekommen dadurch den Anstrich offenbarer Gerechtigkeit. Kindern, die nach der Zeit in der Schule aufgenommen würden, könnte dann zugleich gesagt werden, daß dieſe Geſetze von der ganzen Schule wären entworfen und gebilligt worden. Nur dürften der Gesetze nicht zu viele ſeyn. Denn daꝺurch würden die Kinder nur verwirrt. Die wesentlichsten wären hinreichend. Speciellere würden daraus nur gefolgert. A. d. H. 310 fen selbst ihr Gewicht, sondern der Lehrer scheint auch Vergnügen am Strafen zu finden. 8) Endlich versteht es sich auch von selbst, daß er nie schärfer strafen dürfe, als nöthig ist, die Absicht der Besserung zu erreichen. Schärfere Strafen sind unmenschlich, und fruchten nichts. Alle aufbrausende Leidenschaft muß er deshalb durchaus vermeiden. Sonst giebt er Verlassung, daß man Leidenschaft durch Leidenschaft, Hitze durch Trotz zu vertreiben sucht. Er äussere dem Fehlerhaften nur eine mit sichtbarer Bekümmerniß vermischte Unzufriedenheit, und verschiebe lieber die Strafe, bis der Sturm der Leidenschaft vorüber ist! Im Zorn geschieht ohnehin leicht zu viel, und durch eine solche Verzögerung würde nachher die Strafe selbst auch noch größere Wirkung thun. Ja, schon die ängstliche Erwartung, worin das Kind dieſe Zeit hindurch erhalten würde, wäre Zusatz zur Strafe. Sie werden den Werth dieser Regeln leicht Die Straeinsehen können, liebster Freund se mag seyn, von welcher Art sie will — diese Regeln müssen befolgt werden, wenn der Lehrer 311 rer nicht seinen Einfluß sowohl auf den Geist als das Herz ſeiner Lehrlinge aufopfern will. Die andere Wahrheit. — Je sicherer die Kinder durch die Strafen auf die Art ihrer Vergehung und auf die Nothwendigkeit, sich auch in dieser Hinsicht zu bessern, aufmerksam gemacht werden können, desto mehr werden solche Strafen auch den Vorzug verdienen*). DarU 4 ⁴) Der Verfasser scheint die Bekanntschaft mit der gewöhnlichen Unterscheidung der Strafen in natürliche und positive vorauszusetzen. Wenigstens giebt er die Unterschied nicht genau genug an. Natürliche Strafen sind die unangenehmen Folgen böser Handlungen, welche ohne Mitwirkung eines Vorgesetzten von selbst entstehen. So ist z. B. Verderbniß des Magens eine natürliche Strafe unmäßiger Naschhaftigkeit. Positive Strafen sind ſolche, die ſich bloß in der Willkühr des Vorgeſetzten gründen, und mit der Natur des Fehlers in gar keinem Zuſammenhange ſtehen. So iſt z. B. die application des Stocks eine positive Strafe für den Unmäßigen. Herr Campe setzt in seiner Abhandlung: „Ueber Belohnungen u. Strafen in pädagogischer Hinsicht — Braunschw. 1788. 8. "die sich auch im 10ten Theile der Allgemeinen Reviſion ꝛc. befindet, 312 Daraus folgt, daß Verschiedenheit der Strafen ein wahres Bedürfniß sey, und daß der Lehrer sich darin allemal nach der Verschiedenheit des Fehlers zu richten habe. Ich will Ihnen hier einige Beispiele nennen. 1) Zänker und Ruhestörer werden voneinander abgesondert, damit das Gefühl des Bedürfnisses fremder Liebe in ihnen rege werde, und sie den Werth der Gefelligkeit einsehen lernen. det, noch eine dritte Gattung von Strafen hinzu, welche zwar nicht unmittelbar auf den Fehler von selbst erfolgen, aber denn doch mit dem Fehler in einer natürlichen Verbindung stehen. Er nennt sie vermischte, oder — wie ich lieber sagen würde natürlichscheinende Strafen. Von dieser Gattung werden oben einige Beispiele angegeben. M. s. ferner die Aufsätze: „Ueber die Schulstrafen und ihre Anwendung von G. Große — in Reſewitz Gedanken, Vorschlägen und Wünschen rc. Bd. 1. St. 4. Bd. II. St. 2.“ und „Ueber die natürlichen Strafen in der Erziehung — in den Beobachtungen zur Aufklärung des Verstandes und Besserung des Herzens. Bd. III. St. 1." (Ulm. 1781. 8.) A. d. H. 3¹³ 2) Schwätzern und Plauderern wird gänzliches Stillſchweigen aufgelegt, wenn gleich die übrigen Kinder das Recht behalten, dem Lehrer Fragen vorzulegen, Zweifel zu entdecken u. dgl. 3) Flüchtigkeit und Nachläßigkeit eines Zöglings wird dadurch bestraft, daß man auf seine Reden nicht sonderlich achtet, und von seinen Arbeiten weder etwas hören noch sehen will. 4) Lügnern glaubt man eine Zeitlang gar nicht mehr, wenn sie auch Wahrheiten sagen sollten, und erinnert sie dabei allemal daran, daß ſie ſelbſt ihre Glaubwürdigkeit verſcherzt haben. 5) Mangel an Aufmerksamkeit und stetes Herumſchweifen der Gedanken wird durch öfteres Fragen, wovon die Rede ſey, aufgehoben. 6) Grobheit, Uureinlichkeit und alles, wodurch sich unerzogene Kinder auszuzeichnen pflegen, sucht man durch Trennung derselben von den übrigen gesittetern Kindern zu bestrafen, inu 5 3¹⁴ indem man sie etwan an einen abgesonderten Platz verweist, oder in ein anderes Zimmer entfernt. 7) Diejenigen, welche eine befohlene Arbeit unterlassen, und eine nicht befohlene übernehmen, welche z. B. ſchreiben, anſtatt daß ſie rechnen sollten, müssen ernsthaft zu der nicht befohlenen Arbeit angehalten werden, aber ohne ihnen irgend eine Abwechselung dabei zu geſtatten. 8) Versäumte Schulstunden „ohne hinlängliche Entschuldigung“ können Entfernung der Kinder zu einer Zeit, wo etwas Angenehmes vorgetragen wird, zur Folge haben. 9) Faulheit eines Lehrlings, dem es übrigens an Fähigkeiten nicht fehlt, wird durch Herabsetzung desselben in eine niedere Klasse beſtraft. Man ſagt ihm: Du kannſt; aber du willst nicht — deswegen bleibst du so weit hinter andern zurück. Man befiehlt ihm alſo nur sehr wenig zu lernen, aber hält dann auch darüber mit desto größerer Strenge, bis er sich gebeſſert hat. Hingegen der, welcher keine ſonder 315 derliche Fähigkeiten hat, welcher nicht bald etwas faſſen, nicht leicht etwas behalten kann, darf nicht beſtraft, ſondern nur aufgemuntert werden. Die Strafe würde ihn nur noch mehr niederschlagen, und ihn sogar mit der Vorsehung unzufrieden machen. Eben so muß man mit dem, welcher nur blöde und schüchtern ist, verfahren. Man begegne ihm mit aufmunternder Sanftmuth, aber bestrafe ihn nicht, und verlache ihn auch nicht! 10) Ueble Anwendung der Freiheit muß angenblickliche Einschränkung, so wie üble Anwendung jedes andern Guts augenblicklichen Verlust desselben zur Folge haben *). 11) Schläge, die ein Kind dem andern giebt, werden von Seiten des Lehrers wieder mit Schlägen vergolten, und dabei wird es nicht 1) Ueberhaupt müste der Lehrer sich üben, einzelnen Zöglingen manchen unbedeutenden und doch wichtig ſcheinenden Vorzug auszuſinnen und einzuräumen. Dahin gehörte auch z. E. die Freiheit, ohne vorher eingeholte Erlaubniß des Lehrers einmal aus der Schule gehen zu dürfen. Der Verlust solcher Vorzüge würde jedesmal Strafe für sie seyn. A. d. H. 316 nicht nur an die Lieblosigkeit erinnert, womit es jenem Schmerz verursachte, sondern auch an den Ausspruch: Was du nicht willst, daß andere dir thun sollen, das thue ihnen auch nicht! Zugleich setzt der Lehrer hinzu, daß diese Strafe doch nachher natürlicher Weise durch das geschlagene Kind oder dessen Aeltern und Freunde von selbst erfolgt seyn würde. 12) Angeberei wird entweder durch Geringschätzung, und scheinbare, mit Verächtlichkeit verbundene, Gleichgültigkeit aufgehoben, oder man macht den zuträgerischen Kindern wegen ihrer lieblosen Denkungsart gelinde VorstellunBegen, und sagt ihnen, daß man nicht jede leidigung hoch anrechnen, noch weniger im Zorne anklagen dürfe. Sie sollten deshalb erst einmal darüber nachdenken, was sie von andern vorgeben, und warum sie es vorgeben*). Dies *) Der Lehrer kann es überhaupt den Kindern nie oft genug ſagen, wie viel dazu gehöre, wenn man über andere ein wahres, billiges und gerechtes Urtheil fällen wolle — kann ihnen nie genug von dem mächtigen Einflusse der Vorurtheile, des Beispielsdes Klima, der Religion, der Staatsverfassung, der 3¹⁷ Dieß ist gewiß in jeder Rücksicht sehr heilsam. Denn geſetzt auch, ihre Angabe war gegründet; so werden doch die angegebenen Kinder in den meiſten Fällen ihren Fehler zum zweitenmale begehen, weil ſie die ſcheinbare Gleichgültigkeit des Lehrers dabei bemerkt haben. Und alsdann kann er selbst sie auf frischer That ertappen, wenn er sich nur durch die Zuträgerei hat aufmerksam auf sie machen lassen. Diese Aufmerkſamkeit alſo muß die nächſte Folge derselben seyn, nicht aber unmittelbare Bestrafung. Denn die Erfahrung lehrt, daß dieſe in vielen Fällen höchstungerecht wird. Das Kind, der Umstände 2c. auf die Bildung des Charakters und der Handlungsart der Menschen vorerzählen kann ihnen nie genug vorstellen, daß namentlich Kinder wegen ihrer noch ganz mangelhaften und Unvollkommnen Erkenntniß unmöglich fähig seyn können, das alles zu übersehen, und darnach ihre Urtheile einzurichten. Sobald diese Belehrung vernachläßigt wird, und überhaupt die Kinder in ihrem Urtheil über andere nicht etwa beschränkt, sondern vielmehr allemal angehört, und wohl gar unterstützt werden; so ist eine nachherige Vorschnelligkeit bald in Verläumdungen, bald in Lobeserhebungen die unausbleibliche Folge davon. A. d. H. 3¹⁸ Kind, welches schon durch die Klatscherei allein einen Beweis von Rachgier gab, kann ja auch ſehr oft ſeine Angabe auf Haß und Bosheit gründen. Sie werden diese Liste von Fehlern und Strafen noch leicht vermehren können, mein Freund! Beobachten Sie nur allemal die Regel, daß die Strafe sich so viel als möglich in der Natur des Fehlers gründen, oder zu gründen scheinen müsse! Dadurch wird das Kind in jedem Falle auf dieſen und keinen andern Fehler aufmerkſam gemacht, und kann alſo auch einen Fehler nach dem andern ausrotten lernen. Bestrafen Sie im Gegentheil alle Fehler auf eine und die nämliche Art; so wird es dadurch immer auch nur an die Nothwendigkeit der Besserung überhaupt, nicht an die bestimmte Seite erinnert, von welcher es sich noch zu bessern hat. Es wird also auch eben so wenig Hand anlegen, um sich wirklich zu bessern, als so viele Erwachsene. Diese gestehen alle, daß sie Sünder sind; aber wirft man ihnen einzelne Fehler vor, z. B. Geiz, Stolz, Grausamkeit 2c. so wollen sie nichts davon wissen, suchen sich auf alle Art zu entschuldigen, und 319 und bleiben mithin, was sie zu seyn vorgeben Sünder. Die dritte Wahrheit. — Um so viel weniger die Strafen Gelegenheit zu neuen Fehlern geben, um desto mehr Werth werden sie haben. Auch daraus lassen sich schon wieder einige wichtige Folgerungen herleiten. 1) Der Lehrer betrachte den Fehler des Kindes als Fehler überhaupt, ohne dabei das andere Kind, welches etwa durch einen solchen Fehler hat leiden müssen, sonderlich ins Spiel zu ziehen. Das letztere wird sonst immer von dem bestraften Kinde als die erste Ursache seiner Strafen angesehen, und die tägliche Erfahrung lehrt es, daß daraus oft Beweise der öchsten Rachgier, und Bemühungen zur Ausübung eines scheinbaren Wiedervergeltungsrechts entſpringen. 2) Nie darf ein Kind nach geendigten Schulstunden zur Strafe in der Schule zurückgehalten werden. Schon der geſunde Menschenverstand empört sich gegen diese unüberdachte 320 dachte Verfahrungsart. Denn die Schule wird dadurch ja offenbar zu einem Gefängnisse herabgewürdigt. Das Kind fängt an, sie zu hassen, und anstatt durch edle Wißbegierde zu ihr hingetrieben zu werden, besucht es sie in der Folge mit äusserstem Widerwillen. 3) Eben so wenig darf man ein Kind jemals durch Schläge, oder andere willkührliche Strafmittel zum Lernen anhalten. Denn das Lernen soll angenehm bleiben, und wird dadurch unangenehm. Auch liegt ja die Urſache, warum es nicht viel lernt, oft nur an dem Lehrer, und nicht an dem Kinde. Nur die Hoff nung, sagt Gedike sehr wahr*), ist ihrer Natur nach ein antreibendes, aber die Furcht ein zurückhaltendes Principium. Daher müssen auch nur frohe Aussichten das Kind zur Wissenschaft locken, und nur in dem einzigen Falle, wenn es schon sehr verwöhnt und verhärtet *) M. s. dessen „practischen Beitrag zur Methodik des öffentlichen Schulunterrichts. S. 15. (Berlin 1781. gr. 8.) Eine kleine Schulschrift, die überhaupt manche trefliche psychologische Bemerkung, angewandt auf Pädagogik, enthält. A. d. H. 321 härtek ist, läßt sich allenfalls ein weiser Gebrauch der Furcht, als eines Antriebes zum Lernen, rechtfertigen. 4) Wenn der Lehrer einmal davon überzeugt ist, daß eine Strafe gerecht und nöthig sey; so darf keine Entschuldigung sie hintertreiben. Denn merkt ein Kind, daß es sich durch Entschuldigungen vor der Strafe in Sicherheit setzen kann; so wird es bald zu Lügen seine Zuflucht nehmen. Die Strafe muß daher schlechterdings unabänderlich seyn. Es darf nie ſcheinen, als wenn ſie von der Willkühr des Lehrers abhienge. Das Gesetz dictirt sie, und der Lehrer vollzieht sie nur kraft seines Amts. Es dürfen deshalb nicht einmal Fürbitten angenommen werden. Aufrichtiges Bekenntniß des begangenen Fehlers aber darf allenfalls die Strafe mildern. Sie jedoch ganz deshalb zu erlassen, muß ein sehr seltner Fall seyn, weil sonst die Kinder sich darauf verlassen und nachher aus List den Fehler bekennen. 5) Nie muß ferner der Lehrer ein Kind dazu anhalten, nach empfangener Strafe ihm noch für zu danken. Es ist dies sonst das sicherste Mit⸗ 322 Mittel, den Sinn der Aufrichtigkeit zu verdrehen, und Verstellung und Heuchelei hervorzubringen. Der reinen, unverfälschten Natur ist es unmöglich, für verursachte schmerzhafte Empfindungen jemanden dankbar zu seyn. Wenigstens hat das gestrafte Kind im Augenblick der Strafe nie die Ueberzeugung, daß die Strafe ihm nützlich ſey, und mithin ſeinen Dank verdiene. Auch darf es aus dem nämlichen Grunde nie gezwungen werden, Abbitte zu thun. Wenn es von selbst kommt, und Abbitte thut; so ists etwas anders. Sie ist dann natürlicher Drang seines Herzens, und in dieſem Falle kann die Abbitte nicht feierlich genus seyn, damit auch andere Kinder aufmerksam darauf werden. Sonst aber ist die Abbitte eine erlogene Ceremonie. 6) Die Geldstrafen, die in mancher Schule eingeführt sind, können ebenfalls große Nachtheile bewirken. Sie können die Kinder zu heimlichem Entwenden des Geldes oder zur Gewinnsucht im Spiele verleiten, und einen Hang zu Betrügereien veranlassen, der sich bis auf ihr ganzes künftiges Leben erstreckt. Ausserdem wissen unverdorbene Kinder den Werth. des 3²³ des Geldes noch nicht einmal zu schätzen, und diese Strafe hat also in so fern auch keinen Einfluß auf sie, zu geschweigen, daß sie mit der Natur des Fehlers in keiner Verbindung steht, und in einer Schule, wo ärmere und reichere Kinder untereinander sind, nicht allgemein angewandt werden kann. Und wird das auf die Art geſammelte Geld noch gar dazu beſtimmt, den Kindern bei irgend einer Gelegenheit einen Freudentag zu verſchaffen; ſo fällt der Zweck der Strafe offenbar noch mehr weg. Ja, diejenigen, welche viel Taschengeld haben, und einige Groschen leicht entbehren können, begehen dann oft sogar absichtlicher Weise einige Fehler, um nur jenen Freudentag desto feierlicher zu machen. das ist wieder apritail esal. 7) Ferner darf man auch nie die Kinder wegen ihrer Fehler zur Strafe auslachen, oder sie allgemeinen Spöttereien bloß stellen. Man hält das zuweilen für das schicklichste Mittel, dieſe Fehler ſelbſt auszurotten: Man glaubt sie dadurch auf der empfindlichsten Seite anzugreifen, und ihren Eifer in der Verbeſſerung derselben aufzuregen. Allein wie können do wohl ums Himmels willen wahre Fehler X 2 (denn 324 (denn die unbedeutenden muß man sehr oft nicht zu achten scheinen ; ausser wenn sie zu oft wiederholt werden und Fertigkeit erzeugen) ein Gegenstand des Gelächters werden? Sind sie nicht vielmehr ein Gegenstand des Mitleids? Und nun das Mitleid in eine erzwungene Freude ausarten lassen — wie unweise! — Ist nicht ausserdem alles, was uns von einer lächerlichen Seite vorgestellt wird, uns angenehm? Sind nicht von jeher die Voltaire's beinahe vergöttert worden, weil sie die Gabe hatten, das ernsthafteste und heiligste von der Welt in ein komisches Licht zu setzen? Man fahre alſo nur fort, uͤber die Fehler des Kindes zu lachen, und — man zieht vielleicht dadurch die ersten Grundlinien in dem Character eines künftigen Religionsspötters! Niemand halte diese Behauptung für gar zu sonderbar! Man frage nur vorher die täglich Erfahrung! In der That lehrt uns diese, daß man durch dergleichen Lacherei das Kind zur Schamloſigkeit und Niederträchtigkeit zwinge. Es wird gleichgültig gegen den Fehler selbst, kernt ihn für unerheblicher halten, als e ist, und sucht wohl gar nachher eine gewisse Ehre darin, wenn es andern etwas zu lachen geben kann. 325 kann. Und wenn nun also der Ausspruch des Weiſen wahr iſt: „Wie man einen Knaben gewöhnt, davon läßt er nicht ab, wenn er alt wird — wer bürgt uns denn dafür, daß er in ſeinem Alter nicht die rührendſten und ehrwürdigsten Wahrheiten der Tugend und Religion zu einem Gegenstande des Gelächters machen. wird )? Also nur fort mit den Schandhütten! Fort mit den geschnitzten Eselsbildern, und andern lächerlichen Strafmitteln von der Art! Das Kind wird fühllos dagegen, und verliert seine Schamhaftigkeit und seine feinere Ehrliebe. 8) Alle Strafen endlich, die eine ängstliche Furchtsamkeit rege machen können, müssen durchX.3 ) Ueberhaupt ist es eine der wesentlichsten Erziehungsregeln, an welche man nie oft genug erinnern kann: „Nichts darf im Scherze geschehen, was nicht im Ernst wiederholt werden soll.“ Kinder lernen hald den Gedanken des Scherzes absondern, und begehen den Fehler im Ernst. Lügt man ihnen z. B. etwas vor, um sie zu necken, und Spaß mit ihnen zu treiben; so lernen sie bald aus Boshaftigkeit lügen, und halten dessen ungeachtet auch diese Boshaftigkeit noch für Scherz. A. d. H. 326 durchaus vermieden werden. Dahin gehörte vorzüglich das Einsperren der Kinder in finstere Gemächer. Jeder weiß es, wie ſehr die Furcht vor der Finsterniß noch im Alter wirksam bleibe, wenn sie in der Jugend hervor gezwungen worden ist. Selbst der denkendste, aufgeklärteste Mann kann den Schauder der Empfindung, welche daraus entsprang, in der Folge nicht mehr unterdrücken. Aber gesteht nicht auch jeder, daß diese panische Furcht sowohl auf die künftige Denkart und Handlungsart, als auf das Leben und die Gesundheit des Menſchen den nachtheiligſten Einfluß haben koͤnne Gesteht nicht jeder, daß es sehr leicht möglich sey, in der Jugend dieser künftigen Furchtsamkeit vorzubeugen, und den Grund zu einer entgegengesetzten edlen Dreistigkeit zu legen? Wenigstens sind Erfahrungen davon in Menge vorhanden. Und doch macht man den Aufenthalt in einem finſtern Gemache zu einer Strafe Sollte man nicht lieber mit der Unerschrockenheit dabei eine Belohnung verbinden? . Ausserdem lassen sich bei dieser Art zu strafen leicht noch folgende beide Beobachtungen machen. Erstlich 2 327 Erstlich wird man finden, daß Kinder welche in solche finstere Gemächer eingesperrt werden, Thüren, Wände und alles, was ihnen aufstößt, zu verderben pflegen, oder doch zu verderben ſuchen. Woher dies? Ganz natürlich daher, weil sie allemal gern geschäftig seyn wollen, und hier nicht anders geschäftig seyn können. Und ist es nun also ein allgemeingültiger Grundsatz, daß man die Kraft der Kinder immer in Thätigkeit erhalten müsse, weil diese Thätigkeit von tausend Lastern zurückhält, und, hat man sie weise gelenkt, zur Tugend hinübergetragen wird — warum sucht man denn auf dieſe Art die Kraft der Kinder zu unterdrücken? Hat man sich nachher nicht ſelbſt die Schuld beizumeſſen, wenn dieſe Unterdrückung eine fehlerhafte Wirksamkeit derselben zur Folge hat? Zum andern aber bemerkt man auch sehr oft, daß ſolche Kinder, wenn hernach die Strafe wieder aufgehoben worden ist, um desto boshafter und zügelloser sind. Und auch diese Bemerkung läßt sich leicht erklären. Denn es ist bekannt, daß jede Kraft desto freier aufstrebt, je gewaltsamer sie niedergedrückt X 4 328 drückt wurde. Wenn ich einen elastischen Körper biege; so tritt er mit Heftigkeit in seine vorige Lage zurück, sobald ich den Druck nachlasſe. Ja, er biegt ſich dann ſelbſt auch auf die entgegengesetzte Seite so lange hinüber, bis er wieder in den Mittelzustand der Ruhe geräth. Und ist nun also die ganze Thatkraft eines Kindes in dem finstern Gemache lange genug zusammengepreßt worden — was Wunder, wenn sie gleich drauf desto ausgelassener wirkt, und sogar auf der entgegengesetzten Seite ausschweift? Sie werden mirs verzeihen, werther Freund! daß ich bei dieser und der vorhergehenden Strafmethode einen Augenblick länger verweilte, wenn ich Sie daran erinnere, daß beide in unsern Gegenden noch immer nur gar zu gangbar sind. Aber nun weiter Die vierte Wahrheit. — Wenn die Strafen so eingerichtet werden können, daß sie nicht nur dazu dienen, den beſtimmten Fehler zu verbessern, sondern auch noch einen anderweitigen Nutzen für den Verstand oder das moraliſche Gefühl der Kinder haben; ſo ſind ſie ſchon wieder des Vorrangs würdig. Aus 329 Aus diesem Grunde sind folgende Regeln bemerkenswerth. 1) So oft das Kind einen Fehler begangen hat, und nun dafür gestraft werden soll; so müssen Lehrer und Erzieher sich bemühen, es auf eine kurze, faßliche und rührende Art zu der Ueberzeugung zu bringen, daß es ein Fehler sey, und zwar ein schädlicher, strafbarer Fehler. Denn auch Kinder wollen vernünftig, nicht thierisch behandelt seyn. Der Mangel jener Ueberzeugung aber giebt den Strafen den Schein ungerechter Strafen. Es erfolgt darauf Bosheit, Hartnäckigkeit, Lieblosigkeit u. s. f., da hingegen auf die angeführte Art nicht nur das alles wegfällt, sondern auch die Einſichten des Kindes vermehrt, und ſeine moraliſchen Empfindungen verfeinert werden. Und in einem solchen speziellen Falle müssen nothwendig sowohl jene Einsichten, als diese Empfindungen einen desto bleibendern Eindruck machen. 2) Auch ist es sehr rathsam, bei einzelnen kehlerhaften Kindern eine stuffenweise Bestrafun zu beobachten. Anfangs muß sie gelinde X 5 seyn; 330 seyn; allein diese Gelindigkeit muß sich in eben dem Maaße, in welchem der Fehler wiederholt wird, zu ernsthafterer Strenge umbilden. Denn wenn man gleich anfangs schon das Aeusserste wagt — was soll dann nachher angewandt werden, wenn jenes nicht fruchtet Ausserdem soll ja auch jede Strafe ihrer Bestimmung nach nichts anders seyn, als ein Grund, dasjenige Gute zu thun, welches dem bestraften Fehler entgegengesetzt ist. Je mehr also dieser Gründe vorhanden sind, desto empfindlichere Folgen muß die Vernachläßigung und Nichtachtung derselben nach sich ziehen. Dadurch wird dann das Kind nicht nur auf die unvermeidliche Nothwendigkeit der Besserung, sondern auch auf die Grade der Strafbarkeit, und die sich immer verschlimmernden Folgen einer anhaltenden Fehlerhaftigkeit aufmerksam gemacht. 3) Ferner ist es aber auch Regel, daß der Lehrer oft den nämlichen Fehler bei verschiedenen Kindern bald strenger, bald gelinder beſtrafen muß, je nachdem er aus Bosheit oder aus Leichtsinn und Lebhaftigkeit begangen worden ist. Diese Quelle des Fehlers hat er 331 er also jedesmal vorher aufzusuchen, ehe er seine Strafen vollzieht. Denn dadurch bekommt er Gelegenheit, den Kindern Antrieb zu geben, dieſe Quelle zu verſtopfen, und die Verſchiedenheit ſeines Urtheils über denſelbigen Fehler, die ſich nach der Verſchiedenheit der Entſtehungsart deſſelben richteten, kann oft bei den Kindern den schönen Erfolg haben, daß sie nachher behutſam in ihren Urtheilen über andere werden. Durch völlig gleiche Behandlung aber lernen sie den Fehler in jedem Falle von gleicher Wichtigkeit halten, ohne auf die Nebenumstände dabei Rücksicht zu nehmen. Auſſerdem macht auch offenbar ſchon der verſchiedene Grad der Ehrliebe unter den Kindern die Beobachtung dieſer Regel nothwendig. Einige können durch eine gelindere Strafe eben ſo leicht gelenkt werden, als andere durch eine ſtrengere. Daß aber übrigens die gute oder ſchlimme Laune des Lehrers niemals eine ſolche Verſchiedenheit in den Strafen beſtimmen därfe, versteht sich von selbst. 4) Wenn er ferner zwei Kinder, welche sich um irgend einer Sache willen veruneinigt haen, nicht nur bereden kann, sich wieder miteinan 332 einander auszusöhnen, sondern sich sogar etwas Gutes zu thun, z. B. einander ein kleines Geſchenk zu machen, oder ſonſt eine Gefaͤlligkeit zu erweisen; so kann er dadurch für ihr nachfolgendes Leben auſſerordentlich viel Nutzen stiften. Ein solcher Uebergang von einer Empfindung zur andern wird auch, der Erfahrung nach, den Kindern noch nicht sonderlich ſchwer. Nur muß hiebei aller Zwang, auch sogar der Schein davon, wegfallen. 5) Ist ein Kind gestraft worden; so muß es von den übrigen eine kleine Weile abgeſondert werden. Dies ist schon deswegen nöthig, weil sonst die übrigen das gestrafte Kind noch lange trösten könnten. Und das muß der Lehrer auf alle Fälle zu verhüten suchen. Sein Ansehen wird dadurch immer geschmäkert, und das Kind wird dadurch immer veranlaßt, ihn für grausam und tyrannisch zu erklären. Zudem befördert auch diese Abfonderung desſelben von den übrigen Kindern das Nachdenken über den begangenen Fehler. Es wird weniger zerstreut, zieht sich einige Augenblicke in ſtille Betrachtung zuruͤck, und nimmt nachher in den meisten Fällen mit guten Vorsätzen seine Stello wieder ein. 6) 333 6) Reifere Kinder, die schon in der Ausarbeitung kleiner Aufsätze geübt worden sind, könnten auch eine Zeitlang nach der Strafe, wenn sie dieselbe fast schon vergessen haben, bei irgend einer Gelegenheit noch einmal daran erinnert, es könnte ihnen der bestrafte Fehler noch einmal in seiner wahren Gestalt rührend dargestellt, und dann der Auftrag gegeben werden, über diesen Fehler, weil sie denn doch nun darüber zu beſſerm Nachdenken gekommen wären, einen Aufsatz zu machen, und nächstens abzuliefern. Ihre edlen Entſchlüſſe würden dadurch gewiß erneuert, ihr Geist würde geübt und geschärft, und ihr Herz bei der nochmaligen Ueberlegung der Wichtigkeit und Strafbarkeit des Fehlers mit heilſamer Scham und Reue erfüllt werden. Nur müste der Lehrer es zu vermeiden ſuchen, daß ſie dieſes nicht als wiederholte Strafe anfähen. Ich zweifle nicht daran, lieber Freund! es wird Ihnen der Werth aller dieser Regeln einleuchtend ſeyn, und Sie werden ſich deshalb auch wohl über die Menge derſelben nicht beklagen. Die Materie ist viel zu reichhaltig, als daß man ſie mit wenigen Worten abhandeln könnte. Und — wundern Sie sich nicht! Ich bin 334 bin noch jetzt nicht einmal damit fertig, ungeachtet mein Brief schon so lang ist. Indessen haben Sie mich doch bis hiehin begleitet, und Sie werden mich daher nun auch wohl vollends ausreden lassen. — Zuerst also noch einige andere allgemeine Regeln, die mir wichtig zu reui irmata chon seyn scheinen! 4. Ein Kind, welches durch die Strafe zum Weinen gebracht worden ist, darf nie ausgelacht werden. Dies geschieht nur gar zu oft. Man macht aufmerkſam auf die Verzerung ſeines Geſichts, auf ſein wunderliches Geſchrei u. ſ. w., und erregt dadurch oft eine allgemeine Verspottung des ohnehin schon niedergeschlagenen Kindes. Ist das nicht lieblos? Wird dadurch nicht das Gefühl des Mitleids in den übrigen Kindern erstickt? Und verliert nicht dadurch das gestrafte Kind alle Hochachtung vor seinem Lehrer, und alle Liebe zu seinen Mitſchülern? Thränen ſind ja auſſerdem der natürlichste Erfolg jeder Strafe, und der natürlichste Ausbruch der Reue. Wer also will, daß das Kind seinen Fehler bereuen soll, der darf seiner Thränen nicht spotten; und wer keine Thränen sehen will, der darf nicht strafen. 335 fen. Wehe dem, der die Natur hofmeistert Wenn das weinende Kind die übrigen ſtört; ſo darf es ja nur so lange bei Seite gewiesen werden, bis es sich ausgeweint hat. Aber lachen, wenn es weint, ist menſchenfeindlich. Nie darf ferner der Lehrer mit einem Kinde unmittelbar nach der Beſtrafung deſſelben wieder ganz freundlich ſprechen. Es würde sonst scheinen, als wenn er selbst glaube, er habe sich übereilt, und sey deswegen schuldig, seine Uebereilung durch vergrößerte Freundlichkeit wieder gut zu machen. Es würde ſcheinen, als wenn er nunmehr die Strafe selbst für ungerecht halte, und sie in seiner gegenwärtigen Gemüthslage gewiß auf den Fehler nicht würde erfolgen lassen. Nur nach und nach also nehme ſeine Miene wieder heitere Falten an! Und je vorsichtiger das Kind wird, jenen Fehler nicht wieder zu begehen, desto mehr veropple er seine Freundlichkeit! Hauptfehler, welche vorzügliche Strafen verdienen, muß der Schullehrer dem Prediger anzeigen. Dieſer kann alsdann in der Schule erscheinen, die Sache feierlich untersuchen, und 336 und mit eingestreuten Ermahnungen an die übrigen Kinder die Strafe dictiren. Auf die Art kann die Strafe weniger strenge seyn, und dennoch einen tiefern Eindruck machen. Der Lehrer selbst aber vergißt sich in solchen Fällen sehr leicht in dem Maaß der Strafe, und hat dann oft sehr viel zu verantworten. Wenigstens bleibt die Rechtmäßigkeit einer solchen Strenge trotz aller Wichtigkeit des Fehlers immer zweifelhaft, welches doch bei Beobachtung der angezeigten Vorſicht nicht der Fall iſt. Eben so müssen anhaltende Fehler, die der Lehrer ungeachtet aller seiner Bemühungen nicht ausrotten kann, den Aeltern solcher Kinder bekannt gemacht werden, damit auch diese mit ihm aufmerksamer darauf sind. Er bekommt dann Mitarbeiter, die, wenn sie auch eben so wenig ausrichten, als er, doch die Schwierigkeiten kennen lernen, welche die völlige Ausrottung jener Fehler verhindern; und in so fern bleibt er also immer von ihren Vorwürfen frei, da er sie doch sonst, wenn er sie nicht zu Mitarbeitern gemacht hat, nie so ganz von sich ablehnen kann. Um 337 Um endlich die Strafen seltner und mithin wichtiger zu erhalten, ist es nicht übel, wenn det Lehrer nach neuerer Methode zwei Bücher einführt, wovon das eine mit Goldpapier, das andere mit schwarzem Papier eingebunden iſt. In beiden werden die Namen aller Schüler verzeichnet. Das goldne Buch ist dazu bestimmt, neben dem Namen jedes einzelnen Schülers, wenn er ſeine Pflicht erfüllt hat, eine willkührliche Note aufzubewahren; in dem schwarzen Buche aber wird neben seinem Namen ein anderes willkührliches Zeichen gemacht, wenn er ſeine Pflicht vernachläßigt oder übertreten hat. Für die verschiedenen Arten von Fehlern kann der Lehrer auch verschiedene Zeichen bestimmen. Er lernt dadurch die Seite des Zöglings kennen, die noch die gröste Sorgfalt und Aufmerkſamkeit erfordert. Sieht er ſich dann alſo genöhigt, bei dem Namen deſſelben im ſchwarzen Buche ein Zeichen zu machen; so hat er Gelegenheit, ihn anfangs liebreich, und beim zweiten bis zum fünften Zeichen immer ernsthafter zu warnen. Wird aber der Fehler zum ſechſtenmal begangen; ſo muß auch die angekündigte Strafe unerlaßbar seyn. Dadurch wird die Strafe nicht nur wichtiger, sondern sie 338 sie erscheint auch im Lichte der vollkommensten Gerechtigkeit, da sie im Gegentheil, wenn sie jeden Augenblick angewandt wird, dem Lehrlinge oft ungerecht vorkommen, und — welches fast noch schlimmer ist — ihm gleichgültig werden muß *). — Beide Bücher müssen nachher bei der vierteljährigen feierlichen Schulpisitation von dem Prediger und den Scholarchen miteinander conferirt werden. Derjenige, welcher alsdann in dem goldnen Buche häufig verzeichnet worden ist, wird öffentlich aufgemuntert, auf diesem guten Wege fortzufahren; und der, welcher nach Anzeige des schwarzen Buchs oft gefehlt hat, wird öffentlich an seine Pflicht erinnert, und nach Gelegenheit auch wohl auf irgend eine vernünftige Art, z. B. durch 4) Es versteht sich aber doch von selbst, daß ein Fehl ler, der ein augenblickliches Heilmittel erfordert nicht lange nachgesehen werden darf. Indessen ist auch wohl von solchen Fehlern hier eben so wenis die Rede, als von Fehlern, die wegen ihrer Geringfügigkeit nicht bemerkt zu werden verdienen. Der Lehrer muß nie zu freigebig mit den Zeichen von der einen und der andern Art seyn, weil sonst den Kindern auch dies wieder zur Gewohnheit wird. A. d. H. 339 durch Herabſetzen in eine niedere Claſſe, beſtraft, Man ſieht leicht ein, daß ein ſolches Verfahren die beſten Folgen haben müſſe, und daß auch der Lehrer selbst dadurch vor manchen eigenſinnigen Forderungen der Aeltern geſichert werde. Auſſerdem hat der Prediger dabei Gelegenheit, den letztern manche heilsame Erinerung in Rücksicht auf die Erziehung ihrer Kinder zu geben.*). 0 tion Und nun habe ich denn noch einiges von sogenannten poſitiven Strafen hinzuzuſetzen. Sie entfernen sich gar zu weit von der Art, wie die Natur gewisse Fehler zu bestrafen pflegt, und sind im Ganzen genommen jener zweiten Wahrheit, die ich vorhin angab und erläuterte, zu ſehr zuwider, als daß ſie uͤberall einen guten und zweckmäßigen Erfolg haben könnten. y 1) ### — *) Jene beiden Bücher könnten auch wohl in ein einzelnes Tagebuch, worin der Lehrer seine Bemerkungen einträgt, zusammengeschmolzen werden, wenn nicht die oben angegebene Methode mehr Eindruck zu machen schiene. M. s. übrigens von einem solchen Tagebuche die Schrift: „Zur Erholung für Lehrer und Freunde der Schulen, von M. J. Rapp. A. d. H. 2tes Stück, Bayreuth 1786, 8. 340 1) Die Schule bekommt dadurch eine gar zu große Aehnlichkeit mit einem Reiche, wo die Regierungsform durchaus despotisch ist. Der Monarch theilt=Schläge, Ohrfeigen rc. nach eigner Willkühr aus. Und wer ist denn wohl gern in einem solchen Reiche, zumal, wenn der Souverain, wie der Lehrer in der Schule, alle seine Untergebenen übersehen kann? Werden aber im Gegentheil die Strafen mehr der Strafmethode der Natur genähert, das heißt, sucht der Lehrer auf jeden Fehler ſolche Folgen zu veranſtalten, welche dem Fehler selbst angemessen sind, und auf denselben vorzüglich aufmerksam machen; so glauben die Kinder wenigstens keine Sklaven zu seyn. Sie dünken sich freier und ungebundener, und thun daher alles mit Lust und Vergnügen. Die Schulverfassung wird dem Scheine nach eine Republik, worin alle Unterthanen Prinzischgeſinnte ſind. 2) Nur das sinnliche Gefühl wird durch positive Strafen beschäftigt — aber auch das moralische Gefühl? Gewiß sehr selten. Die Kinder sollen durch die Strafe gebessert werden, und Besserung ist theils ohne Reue über den 34 den begangenen Fehler, theils ohne Wiederaufhebung der daraus entstandenen nachtheiligen Folgen nicht denkbar. Wo bleibt aber die Reue, wenn das gestrafte Kind die Nachenpfindung ſeiner körperlichen Schmerzen verloren hat? Und wie kann es die nachtheiligen Folgen ſeines Fehlers wieder aufheben, da es die empfundenen Schmerzen nun nicht mehr ändern kann? Mehrere nachtheilige Folgen. ſind ja nicht da geweſen. Der Lehrer hat ja wieder angefangen, sich eben so, wie zuvor, gegen das Kind zu betragen. Wird es aber auf die vorhin angeführte natürlichere Art geſtraft; ſo iſt allerdings wieder Antrieb zur Beſſerung vorhanden: denn die Strafe hält ſo lange an, bis es dem Lehrer Hoffnung dazu giebt. Und deshalb ist es eine wesentliche Regel: „Die unangenehme Empfindung, welche dem Kinde durch die Strafe verursacht wird, muß nie bloß sinnlich, sondern allemal auch geistig seyn, weil der Ursprung des bestraften Fehlers im Verstande oder im Herzen zu suchen war *).“ Y 3 1) Vergl. die Schrift: „Ueber die Verbesserung böser Neigungen und Gewohnheiten, von J. C. R. A. d. H. Eckermann.“ Lübeck 1780, 8. 342 3) Auch sollen die Strafen verschiedene Grade haben, je nachdem die Quelle des Fehlers Leichtsinn und Uebereilung oder Bosheit und Lieblosigkeit war. Wie ist das aber wohl von einem Lehrer zu beobachten, der keine andere, als positive Strafen kennt? Sanfter und derher ist ja hier alle Gradation, die er anbringen kann. Und frägt sichs nicht dabei allemal, ob auch wohl jenes von einzelnen Kindern für Strafe gehalten werde? Die meisten achten in diesem Falle nicht darauf. u. 4) Ferner haben die positiven Strafen fast immer den schädlichen Erfolg, daß die Kinder aus Furcht vor ihnen fleißig, verträglich, ordnungsliebend ꝛc. ſind. Und was für einen Werth hat wohl ein solcher Fleiß, eine solche Verträglichkeit und Ordnungsliebe? Sobald der Lehrer auch nur einen Augenblick entfernt ist; so sind alle ihre Scheintugenden über den Haufen geworfen: und sobald sie nur hoffen dürfen, durch List, durch Verstellung u. s. f. den Strafen zu entgehen; so machen sie sich sehr oft eine Freude und eine Ehre daraus, ihn zu betrügen. 3) 343 5) Und wie leicht werden nicht die Kinder durch ſtete Strafen von der Art nur verſtockt! Ihr Blick wird von dem einzelnen, beſtimmten Fehler, welcher bestraft wurde, oft ganz hinweggewandt, und allein auf die Strafe gerichtet. Sie denken nicht daran, jenen zu bereuen und zu verbessern, sondern werden vielmehr nur unwillig über sich selbst, daß sie sich über der Begehung deſſelben von dem Lehrer ertappen ließen. Oder die Ausduldung einer kurzen Strafe scheint ihnen aller Nachtheil zu seyn, der auf den Fehler erfolgt. Und wie oft wird dann nicht das Vergnügen bei der Begehung desselben diesen vorausgesehenen Nachtheil überwiegen! Ja, wenn auch den Lehrer seinen Zweck erreicht, und sie durch solche Strafen furchtsam und ängstlich macht; so hat er doch noch keinen wahren, dauerhaften Nutzen geſtiftet. Furchtſame und ängſtliche Menschen werden nachher die fühllosesten und grausamsten. Das lehrt die tägliche Erfahrung und die Geſchichte aller Völker, die unter dem Drucke des Despotismus leben. 6) Offenbar alſo können dieſe Strafen auch der nachherigen Moralität hinderlich werden. Sie 9 4 344 Sie können das sittliche Gefühl allmählich abſtumpfen, und den Menſchen ſelbſtſüchtig machen. Denn im bürgerlichen Leben werden nur solche Fehler positiv bestraft, welche den Gesetzen und Verordnungen des Landes zuwider sind. Hier hat man nur die Pflichten der Gerechtigkeit auszuüben; aber zur Ausübung der Pflichten der Billigkeit und Menschenliebe wird man durch die Landesgesetze nicht gezwungen. Ist man nun also daran gewöhnt worden, auf jeden Fehler eine positive Strafe zu erwarten — was ist dann natürlicher, als daß man nachher alle Fehler, woauf keine solche Strafe erfolgt, entweder gar nicht für Fehler hält, oder doch sehr gering schätzt? Auf die nothwendigen Folgen derselben wurde man ja gar nicht aufmerksam gemacht. Ich könnte diese Betrachtungen noch sehr erweitern — könnte z. B. noch zeigen, wie oft durch solche Strafen die Rachsucht der Kinder genährt werde, wie oft sie bei Kindern von zärterm Nervenbau einen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit haben u. s. w. Allein ich würde dann zu vergessen scheinen, daß ich mit Ihnen rede, lieber Freund! Denn Sie haben doch 349 doch wohl ohnehin schon längst sich ausgesondert von der großen Zahl jener Schullehrer in unserer Gegend, welche unaufhörlich ihren hölzernen Zepter mit ernster Miene in der Schule umhertragen, und bald hier, bald da die Kraft ihrer Armen auf dem Rücken der kleinen Sünder üben, ohne auch nur jemals auf den Gedanken zu gerathen, daß es auch noch andere Strafmittel geben könne *). Aber es kann denn doch nicht schaden, daß ich Ihnen wenigstens einige Gründe angezeigt habe; welche fähig sind, Sie in Ihrem weisern Betragen zu stärken. ### Nur werden Sie jetzt vielleicht fragen: ob es denn wohl möglich sey, die positiven Strafen ganz von der Schule zu verbannen? Vielleicht erwarten Sie auch wohl gar nach meinen bisherigen Aeuſſerungen, daß ich dieſe Frage geradezu bejahen werde. Allein darin würden Sie doch irren. Haben Sie alſo hier schon Y 5 *) Eine erbauliche Claßification und Berechnung der Schulſtrafen eines Orbils findet ſich unter der Rubrik: „Haüberle und Neumann“ in dem philantropischen Journal für die Erzieher und das Publikum. Jahrg. III. Quart. 4. A. d. H. 46 schon in Gedanken mit Ihren Erfahrungen gegen mich zu Felde ziehen wollen; so bitte ich, daß Sie die Waffen vorläufig wieder niederlegen, und einmal untersuchen, ob Sie sich nicht mit mir in einen gütlichen Vergleich einlassen S ### können. So lange die Anzahl von Lehrlingen so groß bleibt, wie sie bisher in unsern meisten Schulen, ungeachtet sie gröstentheils nur von einem einzelnen Lehrer bedient werden, gewesen ist, und so lange in der häuslichen Erziehung keine durchgängige Verbesserung getroffen wird, so lange werde ichs nicht leugnen, daß die positiven Strafmittel in den Schulen oft ganz unentbehrlich sind. Aber so viel werden Sie mir doch auch zugeben, daß sie überhaupt sehr selten und nur mit äusserster Behutsamkeit gebraucht werden müssen. Die allgemeine Regel dabei scheint mir dieſe: „Wenn Kinder auf dem Wege der vernünftigen Zurechtweiſung nicht gelenkt werden können, sondern sich gleichsam wie die unvernünftigen Thiere betragen; so müssen sie auch wie diese behandelt, und durch positive Strafen zurechtgewiesen werden. 5 Dar⸗ 347 Daraus folgt also erstlich, daß diese Strafen sich vorzüglich nur für ganz kleine Kinder schicken. Denn diese haben noch kein sonderliches Gefühl für Ehre und Schande, und ihre Begriffe vom Guten und Bösen, von Recht und Unrecht sind noch sehr roh und unausgebildet. Daher läßt sich auch bei der Bestrafung derſelben weniger zu jenem Gefühl, zu diesen Begriffen reden. Man muß sie mehr mechanisch behandeln. . Eben so kann man zum andern auch die größern Kinder positiv bestrafen, wenn sie wie die ganz kleinen Kinder sich aufführen, und trotz aller Warnungen und Zuredungen ſich nicht vernünftiger betragen. Dadurch erhält jene Strafe etwas Erniedrigendes. Man kann ihnen dabei immer sagen, daß, wenn sie gleich den unvernünftigen Thieren in den Tag hinein bten, sie sich auch die Strafe derselben gefalten lassen müsten. Nur muß man dabei drittens beſonders darauf sehen, daß man keine wirklich hartnäckig Ungehorsame so bestraft. Denn diese werden dadurch nur noch mehr verderbt, da sie im 348 im Gegentheil auf andere Weiſe noch wohl gebessert werden können. Allein es giebt auch eine temporelle Hartnäckigkeit, einen kurzdaurenden Ungehorsam, der bloß auf flüchtige Laune sich gründet. Und da ist jene Strafe wieder ein anwendbares Mittel, der Fortdauer 1 ſolcher Fehler vorzubeugen. Ueberhaupt aber müssen sie viertens nur da gebraucht werden, wo kein anderes Mittel mehr fruchtet. Sie müssen immer die letzte Zuflucht des Lehrers ſeyn. So lange als moͤg lich muß er den Weg gelinderer Behandlung wählen, und nur dann, wenn er sieht, daß er auf diesem Wege seinen Zweck nicht erreicht, sondern sich durch längere Nachsicht wohl gar in Gefahr setzt, sein Ansehen zu verlieren, darf und soll er diesen Weg der Strenge betreten. Auch iſt fünftens die Anwendung der poſitiven Strafen nicht verwerflich, wenn es anfangs bloß darauf ankommt, den wirklichen Ausbruch eines Fehlers für den gegenwärtigen Zeitpunct zu hemmen. Die fehlerhafte Neigung wird dadurch freilich nicht zugleich ausge 349 gelöscht, ob dieses gleich allerdings die Hauptsache dabei wäre. Allein es ist das auch in einem solchen Falle die nächste Absicht nicht. Man muß oft einem grimmigen Thiere erst einen Maulkorb anlegen, ehe man es zahm machen kann. Daraus folgt also auch sechstens, was ich oben ſchon einmal geſagt habe, daß, wenn ein Kind in Thätlichkeiten an seinen Mitschülern ausbricht, es ebenfalls wieder positiv bestraft werden dürfe. Schläger werden wieder geschlagen. In diesem Falle scheint die positive Sprafe sogar zu einer natürlichen zu werden, Hier ſehen Sie nun, mein Freund, daß ich Ihren Erfahrungen nicht gram bin. Denn die meinigen stimmen hier gewiß mit den Ihrigen überein. Aber Sie ſehen doch auch, daß die körperlichen Besserungsinstrumente nicht in der Schule, sondern ausser der Schule aufbehalten, und nur im Fall der Noth hervorgehohlt werden müſſen. Ja, dies muß auch schon deswegen geschehen, weil alsdenn im Fall der Noth die Strafe einer Execution gleicht, und mithin um so viel feierlicher wird. Und 3507 Und dann muß sie zugleich fühlbar seyn. Was ich übrigens von den ganz kleinen Kindern erinnert habe, scheint freilich die beständige Gegenwart jener Inſtrumente nöthig zu machen. Allein die Strafe mit der Hand ist doch auch wohl positiv. Und diese ist, wenn sie erfordert wird, bei solchen Kindern auch schon hinreichend. 5 Aber nun auch kein Wort mehr! — Wäre die Materie nicht so wichtig und interessant; so würde ich mich wundern, wie ich einen so langen Brief ohne Ermüdung habe schreiben können, und von Ihrer Seite würde ich fürchten, Sie schon durch das bloße Lesen desselben zu ermüden. Indessen fällt doch nun sowohl jene Verwunderung, als diese Furcht weg, und ich zweifle deshalb nicht, daß ich sei wenig vor Ihnen als vor meinem eignen Herzen wegen dieses Briefes einer Entschuldigung bedarf. 2c. 2c. *) . geb. 1. Zwan) Der Brief mag so lang seyn, als er will; wage ichs doch, als Nachschrift noch einige Worte über das Tadeln hinzuzusetzen. Der Verfasser hat davon nichts ausdrücklich erwöhnt, ungeachtet 351 3 Zwanzigſter Brief. ### 170 An Herrn Schullehrer R. . T Das hätte ich nicht gedacht, mein Freund! daß Sie auch noch die Unbeſonnenheit begehen, und eidistet. er sowohl in diesem, als in dem vorhergehenden Briefe Gelegenheit dazu hatte, und auch aus mehrern darin enthaltenen Aeusserungen wichtige Regeln in Betreff des Tadelns abſtrahirt werden konnten. Ich will also hier kürzlich nachholen, was von ihm übersehen worden ist. 1) Kinder müssen nicht immer öffentlich getadelt werden. Denn oft wird ihre Ehrliebe dadurch zu sehr gekränkt, und geheimer Tadel macht auch oft noch tiefern Eindruck. 2) Noch weniger darf der öffentliche Tadel viel Bitterkeit verräthen. Das ist lieblos, und erzeugt Leidenschaften. 3) Auch dürfen vor allen Dingen keine Schimpfworte dabei gebraucht werden. Sonst ists kein Wunder, wenn die Kinder das Schimpfen als erlaubt ansehen lernen. 4) Ferner darf man auch kein Kind gegen andere Kinder insgeheim tadeln. Das ist dem Ansehen des Lehrers zuwider, und bewirkt bei den letztern schnöde Verachtung des getadelten Kin 352 und Jhre Lehrlinge ſelbſt beim Religionsunterricht für jede unrichtige Antwort, für jeden in VerKindes. 5) Eben so wenig darf man den bloßen Mangel an Fähigkeiten tadeln, und z. B. immer von dummen Knaben u. dgl. reden. Wer von Natur träge ist, werde vielmehr gelobt, wenn er irgend etwas auch nur halb gut gemacht hat! Sonst wird er mismüthig, und oft sogar murrsinnig gegen den Urheber seiner wenigen Fähigkeiten. Nur Trägheit aus Nachläßigkeit verdient Tadel. 6) Auch darf der Tadel nicht allemal ausdrücklicher Tadel seyn. Schon von einem Kinde, welches seine Pflicht nicht sonderlich erfüllt hat, schweigen, seiner nicht einmal gedenken, schon dies allein ist oft empfindlich, und verräth ihm die Meinung des Lehrers. 7) Es ist auch gut, wenn man zuweilen nur im Allgemeinen einen Fehler tadelt, ohne das Kind, welches ihn begangen hat, namentlich zu bestimmen. Denn personeller Tadel beleidigt oft mehr, als er beſſert. 8) Man kann daher auch wohl über einen solchen Fehler den Kindern überhaupt ein Urtheil abfordern, und weil dieses Urtheil, wenn der Lehrer es gehörig einlenkt, nicht anders als nachtheilig ſeyn kann; so wird das strafbare Kind insgeheim dadurch immer mehr in dem Glauben befestigt, daß der Lehrer nicht willkührlich verfahre, sondern sich selbst von den 353. Vergeſſenheit gerathenen Spruch u. ſ. w. auf der Stelle mit gewaltiger Hand beſtrafen würden. Neulich haben sie sogar ein kleines Kind, welches noch kaum lesen kann, Ihren höchsten Unwillen fühlen lassen, bloß aus dem Grunde, weil es ſich das Evangelium vom verfloſſenen Sonntage nicht bemerkt hatte. Ums Himmels willen! denken Sie denn gar nicht nach über die Pflichten Ihres Amts? Muß noch ein Unbekannter sich Ihnen in einem Briefe nähern um Sie aufmerksam darauf zu machen? Ich will hier gar nicht einmal von Ihrer Strafmethode überhaupt, und eben so wenig von dieſer ſpeciellen Veranlaſſung zur Strafe reden. Das würde vielleicht nur verlorne Mübe ſeyn. Ich moͤchte nur wiſſen, wie Sie es verantworten können, daß Sie die Religion als den Gesetzen des Wahren und Guten leiten lasse. 9) Ist übrigens ein Kind von dem Lehrer einmal ungerechter Weise getadelt worden; so darf er sich nicht schämen, den Tadel wieder zurückzunehmen. Das erfordert nicht nur die Billigkeit, sondern sibßt auch den Kindern Billigkeit ein. — Winke genug! — A. d. H. 354 als eine Anweisung zur Erlangung höherer Glückseligkeit erklären, und dennoch dieser Erklärung durch Ihr unvorsichtiges Betragen beim Religionsunterricht — wenigstens in den Augen der Kinder — so geradezu widersprechen. Muß sie nicht auf die Art den Kindern vielmehr als eine Anweisung zur Erlangung vieler Schläge erscheinen? „Willst du, daß den Kindern etwas angenehm werde; so mache es ihnen angenehm! Diese Regel sollten Sie billig mit goldnen Buchstaben auf Ihr Schulpult schreiben, damit sie Ihnen immer vor Augen wäre. Denn an sich selbst ist den Kindern noch gar nichts angenehm, was ernsthaftes und angestrengtes Nachdenken erfordert. Sie werden meistens noch allein von körperlichen Bedürfnissen umhergetrieben, und nur diese scheinen ihnen der Befriedigung werth zu ſeyn. Geiſtige Be dürfnisse aber sind ihnen entweder noch unbekannt, oder sie sind doch bei weitem so dringend nicht, als jene. Erst mit der Zeit werden dieselben rege, und zwar in eben dem Grade, in welchem ihre Seele gebildet, und mit Begriffen genährt wird. Wie viel Uebung gehört also 355 also nicht dazu, ehe sie das, was bloß Gegenstand der Seele ist, um seiner selbst willen lieben lernen! Sie können gewiß anfangs nur durch die Art, wie es ihnen vorgetragen wird dafür eingenommen werden. Und nun wollten Sie, mein Freund! ihnen die Religion, die doch ihre Führerin durchs Leben, ihre Trösterin im Leiden werden soll, mit dem Stocke in der Hand vortragen? Sie wolltens vergeſſen, daß Sie dadurch Ihre Lehrlinge in Gefahr ſetzen, die unangenehme Empfindung, die sie Ihnen zu verdanken haben, der Religion selbst beizumessen? Sie wollten den Unterricht in der Religion wie den Unterricht in jeder andern Wiſſenſchaft behandeln, und dadurch jene ebenfalls zu einer bloſsen Wissenschaft herabwürdigen? Nein! Die Erfahrung lehrt es, daß Menſchen, die in ihrer Jugend durch Strafen zur Religiosität angehalten wurden, hernach ent weder offenbare Heuchler, oder wohl gar spöttische Verächter der Religion werden. Und wenn auch beides nicht immer der Fall ſeyn ſollte; so wird doch wenigstens der Grund zu nachheriger Gleichgültigkeit gegen die Religion in ihre Seele gelegt. Und ist nicht diese Gleichgül3•2 356 gültigkeit gegen dieselbe so gut, als hätten sie gar keine Religion? Die Sache bedarf wahrlich keines langwierigen Nachdenkens. Sie dürfen nur einigermaßen von Vorurtheilen frei seyn, um sie über alle mögliche Zweifel erhoben zu finden. Machen Sie doch also Ihren Zöglingen nicht verhaßt oder gleichgültig, was sie einst für das höchste Glück ihres Lebens halten sollen! Geben Sie ihnen doch keine Veranlassung, das als trügerische Maske zu gebrauchen, was dazu bestimmt ist, seinen Sitz in ihrem Herzen zu nehmen! Liebreich und sanft, wie die Religion selbst, ſey die Miene, der Ton, und Ihr ganzes Betragen, wenn Sie ihnen dieselbe als ihre beständige Begleiterin empfehlen! Sie müssen hier mit möglichster Wärme der Empfindung reden, und dadurch die Empfindung der Kinder ebenfalls zu erwärmen suchen. In Ihrem Geſichte muß feurige Andacht, und eine gewisse Begeisterung sichtbar seyn, die der Erfahrung nach gleich einem electrischen Funken die Seele entzündet. Und finden Sie dann auch wohl hie und da ein Kind, welches nich aufmerksam genug dabei ist; so bestehe die ganze 357 ganze Strafe, womit Sie es belegen, in kalter=Geringschätzung und in sichtbarer Bekümmerniß wegen seiner künftigen wahren Glückseligkeit. „Da wollt' ich dir nun, können Sie sagen, den ſchönen, ebnen Weg zeigen, den du nur wandeln darfst, um dir große, wichtige Freuden zu bereiten. Und du willſt von dieſem Wege nichts wissen? willst es nicht achten, das Glück deines künftigen Lebens? O wie bedaur' ich dich! Ich hatte dich, so wie jedes andere Kind, das ich hier vor mir sehe, so recht herzlich lieb. Ihr seyd mir gleichsam an die Seele gewachsen. Und eben deswegen ſuch' ich euch auch glücklich zu machen. Willſt du nicht glücklich ſeyn? O wie bedaur' ich dich!Und wenn Sie nun dabei die übrigen Kinder feierlich fragten: ob sie nicht wünschten, glücklich zu werden, und ob sie nicht deswegen auch dem Unterricht in der Religion, die ihnen Anweisung giebt, wie sie es wirklich werden können, gern und aufmerksam zuhören wollten wenn Sie diese und ähnliche Fragen sich mit einem allgemeinen Ja beantworten ließen, und dann 3 3 358 dann das fehlerhafte Kind von der Zahl derer, die Gott schon wegen ihrer guten Vorsätze lieb habe, in der Stunde des Religionsunterrichts so lange absonderten, bis es offenbare Beweiſe von Reue und Beſſerung giebt — müſſen Sie es nicht gestehen, daß diese Strafe, wenn das Kind nur noch nicht ganz verwildert ist, die allerempfindlichste seyn würde? Müssen Sie es nicht gestehen, daß Sie auf die Art auch den wahren Zweck der Religion am wirksamsten befördern könnten? Ich bitte Sie alſo im Namen aller Freunde der Religion: Vermeiden Sie in Zukunft jene willkührliche Strafen beim Unterricht in derſelben! Das Joch der Lehre Jesu ist sanft, und ihre Last ist leicht — und wehe dem, der jenes unsanft, und diese schwer und drückend zu machen sucht! Haben Sie noch einiges Gefühl für das Wahre und Gute, und ist es Ihnen noch nicht ganz einerlei, wie Ihre Lehrlinge die Religion einst betrachten werden; so zweifele ich nicht, diese wohlgemeinte Erinnerung wird nicht umsonst aus meiner Feder geflossen seyn. 2c. Ein 359 Ein und zwanzigſter Brief. An Herrn Schulaufseher T*** Geschwind Ihren Locke zur Hand, mein Herr! — So! — Nun lesen Sie einmal den 158sten und den folgenden Paragraph! Was finden Sie da? — Man müſſe die Bibel in den Schulen nicht von Anfang bis zu Ende durchlesen lassen. Sind Ihnen diese Paragraphen gar nicht aufgefallen? Oder haben Sie das Buch bei Seite gelegt, als Sie sich mit dem Inhalte der ersten sechs Kapitel bekannt gemacht, und zuletzt noch daraus gelernt hatten, allen öffentlichen Schulanstalten Hohn zu sprechen *) Eins von beiden! Denn sonst würden Sie es ja doch wohl verhütet haben, daß in der dasigen Schule nicht immer noch Jahr aus Jahr ein die Bibel einigemal durchgelesen würde. Doch — es ist noch ein dritter Fall möglich. Viel8/4 *) M. s. den dritten Brief. H. I. S. 31 2c. 360 Vielleicht sind Sie gerade in diesem Puncte mit Locke nicht einig. Vielleicht glauben Sie, daß er dem Ansehen der Bibel zu nahe trete, und hier im Geist eines freidenkenden Engländers rede. Vielleicht also haben Sie aus diesem und keinem andern Grunde sich jener herrschenden Gewohnheit nicht widersetzen wollen. Aber dann irren Sie. Zwar war sein Urtheil von den öffentlichen Schulanstalten nicht genau genug überdacht. Allein in Rücksicht aufs Bibellesen hat er denn doch ganz richtig geurtheilt. Darin stimmen alle neuere Erzieher ohne Ausnahme überein. Wenn das Kind die Geschichte der Blutschande Loths, Juda's und Absaloms, der Sünde Onans, der Entehrung der Dina, des Ehebruchs Davids und der Bathseba, das hohe Lied Salomons u. s. w. liest — soll es etwas dabei denken, oder nicht? — Im ersten Falle ist es kaum anders möglich, es müssen dadurch fein zeitig wohllüstige Begierden in ihm erweckt, ungesittete Ausdrücke von ihm erzwungen werden. Der Vernünftige und Erwachsene, der die gerade öffne Denkart und Schreibart der Urwelt kennt, stößt sich freilich nicht an die einfache, aufrichtige 361 tige Sprache derſelben. Aber das Kind ſoll erst wachsen und vernünftig werden. — „Und was für ein widersinniges Gemisch von Religionsbegriffen, sagt Locke mit Recht, muß ein Kind im Kopfe haben, das im zartesten Alter alle Theile der Bibel ohne Unterschied und ohne weitere Rücksichten als unmittelbares Wort Gottes lieset! Ich bin geneigt, zu glauben, daß viele Menſchen gerade aus dieser Ursache in ihrem ganzen Leben zu keinen klaren und bestimmten Religionsbegriffen gelangt sind.“ Und nicht nur nicht zu klaren und bestimmten, sondern oft sogar zu ganz falschen und unrichtigen Religionsbegriffen. Denn die Beschreibungen von den grausamsten Kriegen, die auffallenden und geheimnißvollen Bildern und Visionen in den Propheten und der Offenbarung Johannis u. dgl. können gewiß bei Kindern keine andere, als falsche und unrichtige Religionsbegriffe veranlaſſen. Und was sie sonst noch mit unter lesen, z. B. die weitläuftige Auseinandersetzung des levitiſchen Gottesdienstes, die langen Geschlechtsregister, die ermüdende Darstellung von Salomons Tempelbau ꝛc. das alles ſetzt wenigſtens das Ansehen der Schrift in ihren Augen herab, weil 3 5 362 weil es ihnen ganz unnütz zu seyn scheint. — Im andern Falle, wenn nämlich das Kind nichts beim Lesen denkt, ist die Sache ebenfalls zu verwerfen. Ein Buch, welches so große, so wichtige, so geisterhebende und herzstärkende Wahrheiten enthält, sollte nie mit Leichtsinn, nie mit Gedankenloſigkeit in die Hände genommen werden. Und überhaupt sollten die Kinder ja nichts lesen, was sie nicht verstehen. Dies ist ja ein Hauptgrund, war um erst spät mit dem Lesen der Anfang gemacht werden muß. Denn das Gegentheil hat nicht nur den Erfolg, daß ihnen das Lesen verhaßt wird, weil sie kein Vergnügen daran finden, sondern sie werden auch dadurch ausser Stand gesetzt, mit Accent lesen zu lernen, weil eine gehörige Accentuation immer auch die Verständlichkeit des Gelesenen erfordert. Schimpfen Sie mich also nur nicht einen Bibelberächter! Es mag wohl keiner für jene heiligen Urkunden der Religion ſo viel Ehrenbietung haben, als ich: aber eben um dieser Eheerbietung willen kann ich nicht anders, als loseifern gegen die hirnlose Gewohnheit, die Bibel zu einem Lesebuche zu machen. Ein schönes 36 nes Gesicht, das ich alle Tage sehe, verliert für mich seine Reize, und wird mir nach und nach, wie ein anderes Gesicht, ganz gleichgültig. Und auf die nämliche Art läßt sich auch die Geringschätzung der Schrift, die man bei den mehreſten Chriſten anzutreffen pflegt, recht gut erklären. Warum also zu dieser Geringſchätzung ſchon bei den Kindern den Grund gelegt? Warum nicht vielmehr alles mögliche gethan, um ihr vorzubeugen? Man hat dem Uebel, welches durch aushmloses Lesen der Schrift entsteht, durch Auszüge daraus abhelfen zu können geglaubt *) Und 1) Es sind auch schon mehrere Auszüge aus der heil. Schrift erschienen, z. B. „Die kleine Bibel. 2 Bände. Berlin 1780. 8.“ — „Die heilige Schrift alten Testaments im Auszuge von G. F. Seiler. Vierte Auflage. Erlangen 1783. 8. „Die Bibel A. und N. Testaments im Auszuge nach ihrem moraliſchen Inhalte von C. F. Schneider, 2 Theile. Leipz. 1789. 8.“ — Für die Jugend besonders sind folgende: „Bibel für Kinder, herausgegeben von J. S. Stoy. Nürnberg 1781. 8. „G. F. Treumanns Auszug aus der Bibel. in Lesebuch für Schulkinder. Berlin 1789. 8. und 3⁶⁴ Und ich leugne nicht, daß solche Auszüge überhaupt für den gemeinen Mann sehr heilsam seyn würden, weil denn doch auch dieser die Bibel nur mit Auswahl lesen sollte. Allein es finden sich doch nur gar zu viele Schwierigkeiten, wenn man sie in den Schulen eine führen will, so lange sie in Familien noch nicht eingeführt sind. Auch sind sie meist noch theurer, als die gewöhnlichen Exemplare von der ganzen heil. Schrift, daher sie vorerst noch wohl keinen allgemeinen Beifall finden werden. Gesetzt aber auch, die Einführung derselben wäre überall möglich; so scheint mir's doch nicht, daß sie als Lesebücher in den Schulen gebraucht werden dürften. Denn was durchaus für Verstand und Herz zugleich seyn soll, muß, meiner Meinung nach, nicht zur mechanischen Uebung im Lesen ange wandt, und dadurch der Zunge geläufig gemacht werden *). Und zu welchem Zwecke sollund „J. J. Altorfers Sammlung des Gemeinnützigsten aus den Schriften des A. T. zum Gebrauch der Jugend. Winterthur 1789. gr. 8.“ A. d. H. *) Wie thöricht ist nicht deswegen die Stussenfolge unter 365 sollten also dergleichen Auszüge in den Schulen dienen? Einzelne Schriftstellen, die zum Beweise der Religionswahrheiten angeführt werden, findet man auch in andere Anweisungen zur Erkenntniß der Religion verwebt, und für die nutzbaren biblischen Geſchichten hat man wieder eigene, der Jugend angemessenere Bücher. Auch müste es ohne Zweifel den Kindern sehr auffallend seyn, wenn in den Schulen immer nur der Auszug eitirt werden sollte, da doch beim öffentlichen Gottesdienste, so, wie bei allen andern Gelegenheiten die ganze Bibel citirt würde. Kurz! Ein solcher Auszug müßte, deucht mir, erst allgemeingültiges Anſehen haben, ehe die EinUnter den Lesebüchern in unserer Gegend! Vom A B C=Buche rücken die leſenden Kinder zum Katechism, von diesem zum N. Testament, und von da zur ganzen Bibel hinauf. So werden sie also schon von Anfang an daran gewöhnt, unverdaute Religionsfätze zu plaudern. Und wenn man auch darauf nicht einmal Rücksicht nimmt — ist nicht schon jene Stuffenfolge im Lesen an sich selbst höchst ungereimt? Wenn das Kind überhaupt leſen kann; ſo kann es ja in dem einen sowohl, als in dem andern Buche lesen. Wozu also der Zeitverlust! A. d. H. 366 Einführung desselben in den Schulen ganz zweckmäßig wäre. Und auch dann noch dürfte er, wie gesagt, kein Lesebuch seyn, sondern müßte vielmehr nur als eine Sammlung von Beweisen für die Wahrheit und Wichtigkeit religiöser Begriffe betrachtet werden. Allein in welchem Jahrhunderte wird man bis dahin gelangen? Ich setze also voraus, daß man schlechterdings ein anderes Lesebuch einführen müsse Da ) M. s. hier den „Versuch über die beste Veranstaltung neuer Schulbücher zum Lesen und Religionsunterricht in kleinen Schulen“ im Journal für Prediger. Bd. XVIII. St. 2. S. 129 2c. nebst den Erinnerungen zu diesem Versuche. Bd. XIX. St. 1. S. 21. 2c. Es wird darin für die ersten Anfänger von 4 — 7 Jahren Rochows Kinderfreund (den man jetzt auch neu bearbeitet hat von J. F. Schlez. Nürnberg 1790. 8.) als das beste Lesebuch angepriesen, welches wir bisher noch haben. Für die größern Kinder könnte auch als Lesbuch gebraucht werden: „Villaume's Geschichtt des Menschen. Leipz. 1788. 8.“ Ferner das „Allgemeine Lesebuch für den Bürger und Landmann / vornehmlich zum Gebrauch in Stadt= und Landschudokfurt am Maje in Commission der Andreäis Buchsändig zwei Thl. 1491 kastet einzeln 16 Notze 100 Explare. 10. 1. die auf der Seite besitzt 367 Da aber denn doch die Bibel von den Schulen nicht verdrängt werden darf und muß; so entſteht alsdann die Frage: wie ſie zu gebrauchen sey, wenn sie den Schulkindern wichtig und verehrungswürdig werden soll? Die Antwort auf diese Frage ist manchen Schwierigkeiten unterworfen, und diese Schwierigkeiten gründen sich meist nur auf die herrschende Diskarmonie zwischen der häuslichen und öffentlichen Erziehung. Wie kann ein Lehrer viel ausrichten, wenn ihm die Aeltern der Kinder entgegenarbeiten? Indeſſen ſcheinen doch folgende Umſtaͤnde wenigſtens etwas zur Vermehrung des Ansehens der heil. Schrift beitragen zu können. 5 Es müste nämlich der Lehrer zu seinem eigenen Gebrauch eine Bibel in der Schule aufbewahren, und dieselbe jedesmal zu Anfange der Schulſtunden auf ein eigenes, kleines, etwas erhöhtes Pult aufgeschlagen hinlegen, so, daß sie allen Kindern vor Augen wäre. Er müste Meh. len von G. F. Seiler. Erlangen 1790. 8. rerer andern Lesebücher nicht zu gedenken. A. d. H. 368 müste ihnen dabei gleich anfangs große Begriffe von diesem Buche beizubringen, und diese Begriffe nachher immer zu erhalten, und bei jeder Gelegenheit zu verstärken suchen. Er müste ihnen sagen, daß es eine Sammlung von ungemein wichtigen Wahrheiten und Vorchriften in sich fasse, welche durch besondere Veranstaltung Gottes wären aufgezeichnet worden, und daß um eben dieser wichtigen Wahrheiten und Vorschriften willen das Buch die gröste Verehrung verdiene, wenn es auch übrigens manches enthalten sollte, was uns entweder unverständlich ist, oder für unsere Person unnütz, und nach unsern Sitten und Gebräuchen sonderbar zu seyn scheint. Er müste ihnen dann, so oft der Gegenstand des Unterrichts Veranlaſſung dazu gäbe, einzelne ausgewählte und passende Stellen daraus vorlesen, und ihnen das Wahre, Schöne, Tröstliche und Nützliche darin genau und mit EmPfindung entwickeln. Er müste auf die Art die Religion, so viel als möglich, mit den Wissenschaften in Verbindung zu setzen suchen, und sich zu diesem Behuf eine Menge von solchen ſchicklichen Ausſprüchen der Bibel ſammeln, die er bei Gelegenheit in erneuer tes 369 tes Andenken brächte*). Er könnte sie auch wohl von denjenigen Kindern, welche sich vorzüglich gut betragen haben, zur Belohnung den übrigen an, seiner Stelle vorlesen lassen, und zugleich den Grund hinzufügen, daß die Bibel nur mit einem reinen, folgsamen Herzen gelesen werden dürfe. Er müste ferner die Schulgesetze durch solche Aussprüche bestätigen, müſte bei einzelnen Fehlern der Kinder mehrmals die Frage aufwerfen: was mag wohl die Bibel dazu sagen? und so dieses Buch gleichsam zum Richter über die Handlung sohl, als über die darauf erfolgende Strafe, zum ) Was die Beweisstellen für einzelne Religionswahrheiten anbetrifft; so muß der Lehrer sich möglich hüten, daß er keine falsche Beweisstellen wähle. Denn oft werden sonst die Kinder, wenn sie hernach finden, daß dieſe oder jene Stelle gar nichts beweise, an der Wahrheit selbst, die dadurch bewiesen werden sollte, zweifelhaft. Er muß daher immer solche Lehrbücher vorziehen, von denen er weiß, daß sie verſtändige Schriftausleger zu Verfassern haben. A. d. H. Aa zum Richter zwischen sich selbst und den Kindern machen. Wenn nachher die größern Lehrlinge schon nach und nach zur Confirmation vorbereitet werden sollten; so müste er ihnen den Tag, wo er ihnen zum erstenmale erlaubt, die Bibel mitzubringen, um ihnen dieselbe, als die Quelle der geoffenbarten Religion, näher ken nen zu lehren, recht wichtig und feierlich zu machen suchen. Er müste sie dabei vorerst, wie es auch in den Rochowschen Schulanstalten geschieht, in dem Aufschlagen derselben üben, weil dieses für den nachherigen Religionsunterricht eine ungemeine Erleichterung ist, müste sie dann von dem verschiedenen Werthe einzelner darin enthaltnen Bücher belehren, ihnen als Christen namentlich das Neue Testament, mit Ausschluß der Offenbarung Johannis, empfehlen, und ihnen so die nöthigste Kenntnisse beibringen, wie sie die Bibel mit Auswahl und mit Nutzen zu lesen hätten. Und endlich würde es auch sehr heilsam seyn, wenn er ihnen eine kurze Anleitung gäbe, die dunklern und ungewöhnlichern Ausdrücke und Redensarten der Schrift, welche auch Luther in seiner Uebersetzung beibehalten hat, genauet zu bestimmen, und sie in deutliche Begriff aufzu 371 aufzulösen *). Denn eine solche Anleitung dürften sie in der Folge wohl kaum zu erwarten haben, ungeachtet es nicht zu leugnen iſt, daß der Mangel derſelben manchen Religionsirrthum, manche fromme Schwärmerei erzeuge. Und hier, mein Herr, will ich denn nun meine Feder eimal wieder hinlegen, um Sie dem Nachdenken über diese nur flüchtig hingeworfenen Zeilen zu überlassen. Sie werden mir's indessen erlauben, daß ich mir mit der Hoffnung schmeichle, Sie nicht nur zur Abschaffung jener hergebrachten Gewohnheit in Rückſicht aufs Bibelleſen geneigt gemacht, ſondern Sie auch für die dagegen vorgeschlagene (wie glaube) vernünftigere und zweckmäßigere BeAa2 ) C. C. Sturms Handlexicon des neuen Testaments für Unstudirte zum richtigen Verstande der Neutestamentischen Schriften, besonders der Uebersetzung Lutheri — (Halle 1780. gr. 8.) würde hiebei von dem Lehrer mit großem Nutzen gebraucht werden können. Auch „J. E. Werners biblische Katechetik für Schullehrer, Informatoren und andere denkende Christen,“ wovon der erste Theil in Erfurt 1789. 8. herausgekommen ist, wird in dieser Rückſicht nicht ganz ohne Werth ſeyn. A. d. H. 372 Behandlung der Schrift in der Schule einge nommen zu haben. Sollten Sie aber auch nicht gleich eine gänzliche Revolution in dieſem Puncte unternehmen können; so werden Sie doch wenigstens vorläufige Anstalten zu treffen suchen, um sie allmählig zu Stande zu bringen. rc. . d . . — — — . . d . . . . . . . 4 3 . 1 . . . . . Zwei 373 Zwei und zwanzigster Brief. An Herrn Schullehrer E*** Das wundert mich nicht, mein Freund! daß Ihnen bei Ihrem nunmehrigen Bestreben, den Kindern ihren Aufenthalt in der Schule so angenehm, als möglich, zu machen *), die Unterweisung in der Religion gerade am schwersten wird. Lehrgegenstände, die schon an sich angenehm ſind, weil ſie meiſt zu den Sinnen und zu der Einbildungskraft reden, feſſeln oft die Aufmerksamkeit der Kinder von selbst. Aber die Religion will anfangs nur durch die Lehrart empfohlen seyn, und hier wird also auch von Seiten des Lehrers vorzügliche Kunst und Geschicklichkeit erfordert, wenn er seine Zöglinge nicht mehr gegen als für die Religion einnehmen will. Doch — nicht nur vorzüglihe Kunst und Geſchicklichkeit wird dazu erfordert; er muß nicht nur die Gabe haben, die Religionsbegriffe genau zu entwickeln, und sie, dem kindlichen Verstande anschaulich darzustellen Aa3 ) M. s. den zehnten Brief. H. I. S. 157 2c. 374 len — er muß auch den eigentlichen Zweck der Religion kennen, muß das Wesentliche derselben von dem Ausserwesentlichen zu unterscheiden, und alle Lehren, die er vorträgt, auch von Seiten ihrer Anwendbarkeit zu zeigen wissen. Durch das letztere wird eben die gute Lehrart unterstützt, und ohne dasselbe würde sie allein unmöglich im Stande seyn, einem trocknen, unfruchtbaren Lehrsatze in den Augen der Kinder dauerhaftes Interesse zu verſchaf fen. Nimmt man darauf Rücksicht; so sieht man es schon gleich ein, wie unvernünftig es sey, wenn man den Kindern in den ersten Jahren ihres Lebens, ehe sie noch einige nützliche Sachkenntnisse gesammelt, ehe sie noch etwas mehr, als höchstens die Buchstaben kennen gelernt, oder sich einigermaßen im Lesen geübt haben, schon Unterricht in der Religion ertheilen willDie Religion soll sich auf tiefe Ueberzeugung gründen. Aber wie ist diese Ueberzeugung möglich, wenn man sich noch unfähig fühlt, weise zu fassen, zu prüfen, ihnen nachzudenken? Da sagt man den Kindern, ob sie gleich kaum 375 kaum noch die Namen: Vater und Mutter, aussprechen können, schon so vieles von Gott, vom Erlöser, vom Gebet, vom Himmel u. s. w. vor, und freut sich ausnehmend, wenn sie das alles bald nachſprechen lernen. Noch neulich war ich bei einem Auftritte zugegen, wo eine Mutter zu ihrem kleinen, kranken Kinde ſagte: „Sey nur ſtille, Kind! dein Herr Jeſus hilft dir auch.“ — Ja, antwortete das Kind gleichsam im Schlafe: er hilft mir auch. Man bewunderte die Einſicht und Frömmigkeit des Kindes, und die Aeltern weinten bittere Freudenthränen. Der Auftritt war rührend. Ich konnte mich nicht überwinden, die guten Leute durch die Verkündigung einer in dieſem Falle unangenehmen Wahrheit aus ihrem ſüßen Wahne aufzuſchrecken. Aber nach den erſten Bewegungen des Mitgefühls konnte ich mich denn doch auch nicht enthalten, in der Stille auszurufen: Als wenn das Kind schon Begriffe von Jesu und seinen Verdiensten hätte! Als wenn es schon darüber urtheilen könnte, in wie fern er Leidenden helfe! Entſcheiden Sie ſelbſt, mein Freund! ob nicht dies das erste und sicherste BeförderungsmitAa 4 376 mittel des Aberglaubens sey! Woher käme sonst die zahllose Menge von Christen, welche in Sachen der Religion auch nicht im geringsten nachzudenken gewohnt sind? In ihrer Kindheit wurde der Grund dazu gelegt. Sie wurden mit Religionsbegriffen, wie mit körperl chen Speisen, genährt, und nachher glauben sie, daß jene eben so wenig, als diese, einer genauern Untersuchung bedürfen, wenn sie nur nicht ganz unangenehm sind. Auch Salzmann macht in seiner Schrift „über die wirksamsten Mittel, Kindern Religion beizubringen,“ auf diesen Punct auf merksam. „Wir entrüsten uns oft, sagt er, wenn wir das verkehrte Betragen unserer Gemeinden beim öffentlichen Unterrichte bemerken. Predigten voll Unsinn, bei denen sie sich gewiß gar nichts denken, nennen sie oft erbaulich, und andere; die ihnen auf die faßlichste Art die nützlichsten Wahrheiten zeigen, verachten sie als trocken; sitzen Jahre lang vor unsern Lehrstühlen, und — die mehresten bleiben, wie sie sind. Wozu wollen wir uns aber entrüsten? Sie können ja nicht anders, als sich so betragen. 377 gen. Man hat ja von ihrer Kindheit an daran gearbeitet, ihnen Geschmack am Unverständlichen beizubringen, die Begierde zum Nachdenken zu ersticken, und stillschweigend ihnen den Wahn gelehrt, daß es schon hinreichend sei wenn man die christliche Lehre nur wisse? Müssen nicht also nothwendig den Religionsbegriffen viele andere Kenntnisse vorangehen, wenn jene in dem Verstande festen Sitz nehmen, und durch den Verstand auch auf die Bildung des Herzens wirken sollen? Müssen nicht solche vorhergegangene Kenntnisse den Jahrheiten der Religion zur Stütze dienen? Müssen sie nicht dieselben erläutern und bestätigen? Und kann es daher wohl jemals gebilligt werden, wenn Schullehrer ſich unterfangen, ſelbſt mit den kleinſten Kindern in der niedrigsten Klasse den Religionsuntericht vorzunehmen, und ihr Gedächtniß schon so frühzeitig mit unverstandenen Wörtern anzufüllen? mit Wörtern, welche ihrer Wichtigkeit wegen niemals unverstanden bleiben, sondern vielmehr ſogleich ſchon als entwickelte und überdachte Begriffe ihrer Seele überliefert werden sollten? Rein! Aa 5 378 Nein! Der Tempel jeder Wissenschaft hat einen Vorhof, worin man sich zum Eintritt in den Tempel vorbereiten, und die ersten Grundsätze der Wissenschaft bei sich selbst ausmachen muß. Der Vorhof zum Tempel der Religion ist — die Natur. Denn ehe man von Religion ſprechen kann, muß ja erſt die Frage: „Giebts auch Religion?" das heißt hier: Giebts auch ein höchstes Wesen, welches mit der Welt in Verbindung steht, und deshalb von allen seinen vernünftigen Geschöpfen verehrt werden muß? über allen Zweifel erhoben worden seyn. Und wodurch kann diese Frage besser, faßlicher, und für den gemeinen Menschenverstand befriedigender beantwortet werden; als durch die aufmerksame Betrachtung der Natur, in so fern sie als ein Magazin von Schönheit und Nutzbarkeit, Ordnung und Regelmäßigkeit, als ein Inbegriff von unzähligen großen, mannichfaltigen, thätigen, und zu Einem wichtigen Zwecke hinarbeitenden Gegenständen erscheint, und uns den Genuß von tausend so oft verkannten Freuden darbietet Natur) Vergl. „F. A. Büschings Versuch, die Kenntniß der 379 Naturlehre und Naturgeschichte also müsten überall als Einleitung in die Religion vorgetragen werden*). Der Lehrer müste seine. der Natur den Kindern leicht und fäßlich zu machen. Berlin 1772. 8.“ — „Den Hauslehrer oder Anweisung für Aeltern und Lehrmeister, kleine Kinder in der Naturlehre und Religion zu unterrichten, von L. C. Schmahling. Leipz. 1775. 8.“ — und die „Abhandlung über die Art und Nothwendigkeit, die Naturgeſchichte auf Schulen zu behandeln, von A. W. Roth. Nürnberg 1779. 8. In folgenden Schriften über die Natur wird besondere Rücksicht auf die Religion genommen: „J. G. Sulzers Unterredungen über die Schönheit der Natur, nebst desselben moralischen Betrachtungen über einige Gegenſtände der Naturlehre. Berl. 1770, 8. „Handbuch der Naturgeschichte, oder Vorstellung der Allmacht und Güte Gottes in der Natur. Nürnberg 1773. 4 Bände. gr. 8.“ — „Betrachtungen zur Erkenntniß Gottes durch die Kenntniß seiner Naturwerke. Quedlinburg 1780. 2 Theile. gr. 8. „Ueber die Güte und Weisheit Gottes in der Natur, von Heinrich Sander, Carlsruhe 1780. 8. Ueber Natur und Religion von ebendemselben. Leipz. 1780. 2 Stücke. 8. Ueber das Große u. Schöne in der Natur von ebendems. Leipz. 1781. 380 ne Zöglinge, je nachdem es ihrer Fassungskraft angemessen wäre, und zu ihrem Vergnügen gereichen könnte, mit den sie umgebenden Werken der Natur, und mit den gewöhnlichen Veränderungen, welche sich in ihr ereignen, noch vor dem Unterricht in der Religion bekannt machen. Er müste ihnen zeigen, wie alles in der Welt so wunderbar eingerichtet, so absichtlich miteinander verbunden sey, und wie überall das Einzelne, so unwichtig oder schädlich es auch immer scheinen möge, im Ganzen genommen eine unverkennbare Brauchbarkeit habe. Er müste sie dabei allemal zugleich auf sich selbst und ihr eignes Betragen zurückzuweisen. Er — „C. C. Sturms Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur. Halle 1785. 2 Theile. 8.“ — „ Schöpfung und Schöpfer, oder Anleitung zur gemeinnützigen Kenntniß der Natur 2c. von C. F. Dieterich. Erfurt 1788. 8. „Ueberzeugungen von Gott aus der Natur, für den gesunden Menschenverstand. Frankf. 1789. 8. Noch fehlt uns aber ein Buch, worin das Nützlicht ſte und Faßlichſte aus dieſen u. ähnlichen Schriften in Beziehung auf Religion gesammelt, und besonders zum Unterricht für Kinder geordnet und eingeA. d. H. richtet wäre. 381 Er müste sie von der Ameise die Pflicht und den Nutzen des Fleißes, von der Biene die Pflicht und den Nutzen der Eintracht und der allgemeinen Wirkſamkeit zum gemeinſchaftlichen Beſten lernen lassen. Er müste ihnen, so oft ihm ein natürlicher Gegenstand dazu Veranlassung gäbe, den Werth der Ordnungsliebe, der Mäsſigkeit, der Reinlichkeit, der Vertragſamkeit, der Sorge für Gesundheit und Leben, der Erforſchung des Nützlichen und Schädlichen, der Aufmerkſamkeit auf die Folgen des Guten und Bösen, und den Werth vieler andern Tugenden recht anschaulich machen. Denn auf die Art würde er auch die Winke benutzen, die das Studium der Natur zu einem moralisch guten Verhalten giebt. Ein System der Moral wäre gewiß den Kindern unverdaulich. Sie würden noch weniger dadurch gebildet werden, als Erwachsene gewöhnlich dadurch gebildet zu werden pflegen. Weil aber nun dennoch die Regeln des Rechtverhaltens auch selbst den Kindern in ihren Verhältnissen und ihrem engern Wirkungskreise schon frühzeitig bekannt ſey müſſen, um ſich an die Ausübung derſelben überhaupt gewöhnen zu können; so würde ohne Zweifel die angezeigte Methode, sie mit diesen 382 sen Regeln anfangs nur beiläufig bekannt zu machen, die leichtste und sicherste seyn. Der erste Mensch, welcher doch auch als Erwachsener gewissermassen nur ein Kind seyn konnte, hat ja ebenfalls höchstwahrscheinlicher Weiſe ſehr vieles von den Thieren ler nen müssen. Nun aber würde es auch nöthig seyn, die Kinder auf den Begriff eines Gottes zu führen, und sie auf eine möglichst feierliche Art von dem Daseyn dieses Gottes, und von dessen genauen Verbindung mit der Welt zu überzeugen. Alle die frohen, süßen Augenblicke, worin sie sich mit der Betrachtung des Schönen, Großen und Nützlichen in der Natur beschäftigt hätten, würden ihnen dann schon gleich als Geschenke des Schöpfers der Natur erscheinen, und alle jene Empfindungen, wel che den Gedanken an dieses höchste Wesen immer begleiten sollten, würden dabei ihre jugendliche Seele durchströmen *). Ausserdem ) M. s. hier einen schönen Aufsatz unter der Rubrik: „Die erste Entdeckung des göttlichen Namens 383 dem ließe sich nun auch die theoretische Religion (wie es denn durchaus nothwendig ist) unzertrennbar an die Moral knüpfen. Wo ich nicht irre, so war es Baumgarten der das Verhältniß der Moral und Religion gegeneinander unter dem Bilde einer Uhr vorſtellte. Jene (die Moral) ſagt er, iſt die Uhr ſelbſt, dieſe (die Religion) iſt das Gewicht an der Uhr. Das Bild ist sehr passend. Es folgt aber auch mens an ein dazu vorbereitetes Kind,“ im philantropischen Journal für Erzieher und das Publikum. Jahrg. III. O. II. N. 5. — Ganz feierlich läßt sich die erste Entdeckung des göttlichen Namens nun wohl blos beim Privatunterricht machen. Indessen ist es doch auch nicht zu leugnen, daß selbst beim öffentlichen Unterricht unter denen, die schon mehrmals von Gott reden gehört, und wohl gar schon einzelne Gebete mechanisch auswen dig gelernt haben, jene unerwartete Folgerung aus den Gegenständen ihrer angenehmsten Beschäftigungen einen tiefen Eindruck machen müsse. Der öffentliche Unterricht muß überhaupt, wenn er vollkommner werden soll, sich die Vortheile des Privatunterrichts möglichst zu eigen machen. A. d. H. 384 auch daraus, daß eben so, wie der Künstler vorher die Uhr selbst zu verarbeiten, und erst nachher das Gewicht anzuhängen pflegt, auch das Kind sich vorher eine gewisse Summe von moralischen Grundsätzen gesammelt haben müsse, ehe es zu der Erkenntniß eigentlicher Religionswahrheiten geleitet wird. Denn die Religion ist nur dazu bestimmt, die schon vorhandenen natürlichen Bewegungsgründe zum Guten zu verstärken, und sie noch durch neue Bewegungsgründe zu vermehren. Sie ſoll uns ſagen, daß man auch darum ſo und nicht anders handeln dürfe, weil ein gütiger, heiliger, gerechter Gott existirt, weil er die ganze Welt hervorgebracht hat, und sie noch immer erhält und regieret, weil er sogar verheissen hat, die Folgen des Guten noch über das gegenwärtige Leben hinaus fortdauren zu lassen u. s. w. Die Materialien zu solchen Religionsbegriffen hätte das Kind sich schon ohne ſein Wiſſen durch aufmerkſame Betrachtung der Natur zuſammengetragen. Der Lehrer hätte es bisher nur noch nicht ausdrücklich auf diese Folgen hingeleitet, und nun also würden sie ihm um desto mehr werth, je mehr es dadurch überrascht worden wäre. Es 385 Es ist nicht zu leugnen, liebster Freund! daß auf dieſe Weiſe die Religion erſt ihr gehöriges Interesse erhalten würde. Das Kind würde es einsehen lernen, daß man um des Guten willen glauben, d. h. Religion haben müsse, und es würde also auch nie das unselize Vorurtheil, daß die Religion so eine ganz eigne Sache sey, die mit dem menschlichen Leben in keiner Verbindung stehe, sondern nur als Wissenschaft betrachtet werden dürfe — daß man z. B. die wichtigsten Pflichten derselben nicht anders, als in der Kirche oder zur Zeit des Gebets u. s. f. und zwar mit einer ganz zum Ernste gezwungenen Miene erfüllen könne — daß man nur zuweilen einmal als Christ erscheinen dürfe, und übrigens das Recht behalte, die Rolle des Menſchen mit allen ſeinen Schwachheiten und Leidenschaften zu spielen. dieses unselige Vorurtheil, sage ich, würde auf Art nie in ſeiner Seele aufkommen können. Und wirklich giebt es auch kein einziges Vorurtheil, welchem ein Lehrer, der chriſtliche Menſchen und Bürger bilden will, mit ſo vielem Eifer entgegen arbeiten muß, als die sen. Hier muß er alles anwenden, um es B 5 gleich 386 gleichsam fühlbar zu machen, daß die wahre Religion auch aufs Leben anwendbar sey, daß ſie Gedanken und Neigungen, Handlungen und Leidenschaften lenken und regieren müsse, und daß kein einziger Menſch das Recht habe, sie als bloße Kenntniß in seiner Seele unthaͤtis ruhen zu lassen. Ich bin daher nicht nur davon überzeugt, daß jeder Religionssatz, der nicht unmittel bar mit der Moral zuſammenhängt, und jede Subtilität, die auf etwas wunderbares, unbegreifliches und übernatürliches hinausläuft, aus dem ersten Religionsunterrichte der Kindt verdrängt werden müsse, sondern ich habe auch sogar schon längst den Gedanken gehabt, daß es vielleicht das erste und wesentlichste Verhinderungsmittel jenes Vorurtheils seyn würde, wenn die Lehrer in den Schulen sich immer nur gelegentlich mit ihren Zöglingen von einzelnen Wahrheiten der Religion unterhielten, und alſo der eigentliche, systematische Religionsunterricht den Predigern überlassen bliebe *). Denn eben *) Dieser Gedanke ist schon vor einigen Jahren nit dergeschrieben worden, und zur Freude des Briefe stelleck 387 eben dadurch würden offenbar die Kinder schon frühzeitig daran gewöhnt, ihre Religionsbegriffe an wirkliche, bestimmte Facta und Begebenheiten im menschlichen Leben zu knüpfen. Jeder weiß es ja ausserdem, daß Begriffe um desto tiefern Eindruck machen, und um deſto weniger vergeßbar ſind, je häufiger und wirksamer die Nebenbegriffe oder die Empfindungen waren, womit sie verbunden wurden. Ich erinnere mich allemal weit eher an einen Ort, wo ich viele und merkwürdige Ereignisse erlebt habe, als an einen andern, wo nichts von der Art mir begegnete, und wo ich gleichsam nur im Vorbeigeben mich umsah. Ein Gedanke erweckt den andern, wenn ich sie beide miteinander verkettete. Und wenn man aun also anfangs immer nur gelegentlich von ligion redete — wenn man z. B. auf VerBb 2 anstellers hat nachher ein Ungenannter in dem Braunschweigischen Journal ꝛc. herausgegeben von Trapp, Stuve, Feüsinger und Campe (St. IV. S. 461 2c. 1790.) unter der Rubrik: „Ueber den ersten Religionsunterricht nach dem Muster unsers Erlösers ungefähr den nämlichen Gedanken gehabt. A. d. H. 388 anlassung eines Gewitters, odes eines seltenen Todesfalls, oder einer Abwechselung zwiſchen den Jahreszeiten, oder eines beſonders fruchtbaren oder unfruchtbaren Herbstes, oder einer Begebenheit in der allgemeinen Weltgeschichte, oder eines Fehlers einzelner Kinder u. s. w., von den Vollkommenheiten Gottes, von ſeiner weiſen und gütigen Regierung, von dem zweckmäßigen Gebrauche der kurzen Lebenszeit, von der Nothwendigkeit der Tugend, von den Bewegungsgründen zur Besserung / die das Christenthum darbietet ꝛc., die Kindekurz, bündig und rührend belehrte; so ist es wohl offenbar, daß solche Belehrungen einen unauslöschlichen Eindruck machen, und nach her bei ähnlichen Gelegenheiten von selbst wie der in Erinnerung kommen würden. Ich habe einen Mann gekannt, welcher bei Gelegenheit der Weihnachtsgeschenke, die er, wie es gröstentheils geschieht, seinen Kindern gab, zuerst seine Mitfreude auf die lebhaftste Weise äusserte, und dadurch die Freude der Kinder noch vollkommner zu ma chen wuste, aber bald nachher, als wenn auf einmal auf diesen Gedanken gerathet wäre / 389 wäre, wieder ernsthaft wurde, und ihnen die Frage vorlegte: „Wie viel mag nun wohl dieſe Freude eigentlich werth ſeyn, ihr guten Kinder? Wißt ihr auch wohl, wessen Geburtsfest wir heute feiren? Jesus ist geboren! Der hat uns eine weit größere und dauerhaftere Freude zu machen gewußt. Er bringt uns allen die Seligkeit, die Gott der Vater hat bereit ꝛc.“ Und nun erzählte ihnen der würdige Mann ſo recht vieles von den Verdienſien Jeſu um die Ruhe und Glückſeligkeit des Menschengeschlechts. Wird man aber hiebei wohl noch fragen können, was der Erfolg davon gewesen sey? Es konnte wohl niemand die Weihnachtstage würdiger feiren, als dieſe Kinder auch nachher bei reifern Jahren sie feierten. Durch jedes freudige Gesicht, durch jedes Weihnachtsgeſchenk wurden ſie an die rührenden Vorstellungen ihres Vaters erinnert, und sie wiederholten dieselben in diesen Tagen mehrmals mit äusserster Wärme des Herzens. Eben diese Gedanken von dem vorzüglichen Werthe des gelegentlichen Religionsunterrichts veranlassen mich, auch etwas vom Gedete in dieser Rücksicht hinzuzusetzen. Es Bb3 390 Es wird damit oft wahrer Misbrauch in den Schulen getrieben. Ich weiß nun zwar nicht, mein Freund; wie Sie es damit zu halten pflegen. Aber von andern Lehrern weiß ich doch — gerade zu der Zeit, wo die Seele der Kinder noch in der Zerstreuung umhereilt, wo ihr Gesicht noch alle Falten der lachenden Frellde trägt, wo sie vielleicht kaum noch ihre List oder ihre Bosheit in Thätigkeit gesetzt haben gerade zu der Zeit ertönt oft der Zuruf: Bete! Und dieser Zuruf erscheint den Kindern in einem solchen Zustande bald als ein Donnerwort, und bald ist er ihnen wenigstens gleichgültig Denn oft haben sie entweder zu wenig Sammlung des Gemüths, als daß sie bei der Ableie rung eines auswendig gelernten Gebets nicht einmal stottern sollten, oder sie fürchten sichwährend dieser Handlung neuen Reiz zum Lachen zu bekommen, und dadurch sich Strafe zuziehen. Und ist ihnen dieser Zuruf gleichs tig; so wird schon wieder der eigentliche Zwei des Gebets verfehlt. Soll also das Gebet seine Würde nicht verlieren; so ist es durchaus nothwendig, wenis stens beim Eintritt der Kinder in die Schul 391 es zu unterlassen. Der Lehrer kann ja nicht wissen, wie sie um diese Zeit gestimmt sind, und womit sie sich kurz vorher beschäftigt haben. Er verwandle also lieber in diesem Falle das gewöhnliche Vorbereitungsgebet in eine kurze Anrede, welche eine Aufmunterung zum Fleiße, eine Betrachtung über den Werth der Zeit, eine vorläufige Aeuſſerung ſeiner Zufriedenheit mit ihnen, wenn sie den Tag gut benutzen, eine Aufforderung zur Dankbarkeit gegen Gott, weil er ihnen Kraft und Gelegenheit giebt, sich unterrichten zu lassen, eine Schilderung von einem Menſchen, der im Alter die Früchte seiner edel angewandten Jugendjahre genießt, und dergleichen enthalten kann. Diese Anrede wird gewiß weit mehr Eindruck auf sie machen, als das Hersagen irgend eines Gebets. Ich bin indessen weit davon entfernt, den Vorſchlag zu thun, daß das Gebet in der Ich Schule ganz unterlassen werde. Nein! wünschte nur — und jeder Redlichgesinnte wird es mit mir wünschen — daß man schon hier den Anfang machen möchte, diese wichtige Handlung recht rührend und feierlich zu machen. Bb4 392 chen. Nur gar zu oft fällt das Rührende und Feierliche von ihr hinweg, und an deſſen Stelle tritt Kälte und Gedankenlosigkeit. Aber welches wäre denn wohl das Mittel, dieſen Vortheil hervorzubringen? Was ich vorhin von dem gelegentlichen Religionsunterrichte geſagt habe, das gilt in gewiſſer Rücksicht auch hier. Wenn nämlich der Lehrer bei irgend einer Gelegenheit das Herz der Kinder recht erwärmt hätte — wenn alles an ihnen gewissermaßen Empfindung und edle Begeisterung wäre wenn sie alle da säßen, durchdrungen von den Gefühlen der Liebe, der Ehrfurcht, des Vertrauens, der Bewunderung für das höchste Wesen und seine Vollkommenheiten — wenn gleichsam der Hauch seiner Allgegenwart um sie her wehte, und sie die Wirkungen seines unbegränzten Wohlwollens in allem, was sie um giebt, zu sehen glaubten — und der ehrwürdige Mann träte dann mit dem höchsten Ausdrucke der Andacht in ſeinen Mienen, und mit der frommen Freudigkeit des Christen in ihre Mitte, und sagte: „Kinder! jedes unter euch 393 euch hat seinen eigenen irrdischen Vater! aber der himmlische Vater — der Gott, von dem ir jetzt sprachen, über dessen Werke und Veranstaltungen wir jetzt erstaunten — ist Vater für uns alle — auch für mich ein guter Vater. Sollen wir nicht einmal gleichsam näher zu ihm hintreten? ihm nicht einmal in einem herzlihen Gebet unsere kindliche Liebe zu erkennen geben?“ — Dann, ja, dann erst würden die Kinder es fühlen, welch eine heilige Handlung das Gebet sey — dann erst würd' es ein loderndes Feuer auf dem Altare der Gottheit werden. Versteht der Lehrer die Kunst, bei jeder Geegenheit das Herz der Kinder zu erweichen, und für Religionsgefühle empfänglich zu machen; so wird er ohne Zweifel oft genug Veransung zu einem solchen Gebete finden. Alleaber muß er es selbst verrichten, wie es z. auch zu Rekahn und Schnepfenthal wirkgeschieht. Denn auf die Art wird es noch ſo viel feierlicher, da hingegen das Gebet mes einzelnen Kindes oft nicht den geringsten ruck auf die übrigen Kinder macht. B 55 Sie 394 Sie sehen daraus, mein Freund, wie leicht es möglich sey, sogar dem Religionsunterrichte selbst die Form der Gottesverehrung zu geben. In dem Erziehungsinstitute zu Dessau hat er auch schon ganz diese Form. Es werden dort zugleich auch schicklich gewählte Strophen aus geistlichen Liedern damit verbunden, und es ist nicht zu bezweifeln, daß auch dies in dem Falle vorzuͤglichen Nutzen haben müsse. Nur zu oft werden ja die Lieder beim öffentlichen Gottesdienste maschinenmäßig abgeſungen. Aber eben jene Methode wäre ge wiß das sicherste Verwahrungsmittel dagegen*). Und überhaupt bin ich der Meinung, daß *) Weil hier gerade von Liedern die Rede ist; möcht' ich die Frage aufwerfen: ob es nicht auch gut ſeyn würde, wenn die Kinder einige ſogenannte weltliche Lieder, die sowohl durch populären Ausdruck als durch Sittlichkeit des Inhalts sich aus zeichneten, in den Schulen nach schicklichen Mein dien absingen lernten? Man kennt ja doch wohl den Geist unserer gewöhnlichen Volkslieder. weiß es, wie oft sie nicht nur gegen die Regeln Sprache und des Geschmacks (denn dies wäre noch das geringste Uebel), sondern auch sogar gegen d Regeln 395 daß es auch namentlich von der fehlerhaften Methode beim Religionsunterricht herrühre, wenn die Kinder beim öffentlichen Gottesdienſie ſo oft die Geſetze der Andacht und Stille übertreten. So lange man jene nicht verbesſert, wird auch dieſer Fehler wohl kaum aus dem Grunde gehoben werden können. Aber nun zurück von dieser kurzen Ausschweifung Ich komme wieder auf die Mehode beim Religionsunterrichte selbst. Und da fließt nun aus dem, was ich bisher davon gesagt habe, schon gleich die natürliche Schlußfolge, daß der erste Unterricht in der Religion, der den Kindern in der Schule ertheilt Regeln der Moralität verstoßen, und durch schmubige Bilder und dergleichen wohllüſtige Begierden erwecken. Ich glaube wenigstens, solche schlechte Lieder könnten nirgends füglicher durch bessere Lieder verdrängt werden, als in den Schulen. Die Alten würden sie von den Kindern lernen. Wenn also unsere guten Volksdichter, durch die neueste Bekkersche Preisaufgabe aufgemuntert, einmal werden gesungen haben; so wird vielleicht ihr Geſang am leichſten durch die Schulen ins gemeine Leden hinübertönen können. A. d. H. 396 theilt werden soll, überhaupt höchsteinfach seyn müsse. Der Lehrer darf sich hier nicht zu unnützer Weitläuftigkeit verirren. Er muß sich vielmehr nur auf die faßlichsten und wesentlichsten Sätze einschränken. Denn der Verstand der Kinder soll durch den Unterricht nicht überschwemmt, sondern nur gleichsam getränkt werden. Geschieht das erstere; strömen oft die edelsten und schönsten Begriffe dahin, und Schlacken bleiben zurück — oder ohne Bild — wenn der erste Religionsunter richt zu weiltläuftig ist, und sich auch über solche Sätze erstreckt, die meist nur für die Speculation gehören, und auf das moralische Verhalten und den Genuß des Lebens keine unmittelbare Beziehung haben; so ist es leicht möglich, daß die Kinder nur solche speculative Sätze in ihrem Gedächtnisse aufbewahrenund dagegen die practischen Religionswahrheiten, weil sie ihnen entweder zu leicht scheinen, oder ihren Begierden und Leidenschaften Das widerstreben, aus den Augen verlieren. Wesentliche von dem Ausserwesentlichen abzusondern — dazu wird schon eine gebildetere Vernunft erfordert, als man sie bei Schulkindern erwarten darf. Und ausserdem ist es ja 397 in allen Wissenschaften Regel, mit dem Leichtsten den Anfang zu machen, und zum Glück der Menſchheit iſt in der Religion das Leichtſte auch gerade das Weſentliche. Also der Schullehrer darf und soll nichts von Dreieinigkeit, von zwo Naturen in Christo, von seinem thuenden und leidenden Gehorſam, von der Gegenwart ſeines Leibes und Blutes im Abendmahl u. dgl. sagen. Dies kann dem Prediger, wenn er die reifern Kinder zur Confirmation vorbereitet, übrig bleiben. Hingegen müssen die Wahrheiten, die ein unmittelbares practisches Interesse haben, z. B. die Wahrheiten: es ist ein Gott — er regiert die Welt — er kennt alle seine Geschöpfe — er will, daß wir gut seyn sollen — er hat uns zur Unſterblichkeit beſtimmt — in der Religion Jesu finden wir die beste Anweisung diese Bestimmung glücklich zu erreichen u. s. w., dieſe Wahrheiten müſſen ſchon frühzeitig in der Seele der Kinder feſt gegründet — ſie müssen mit ihrem ganzen Gedankensystem innig verwebt, und daher immer durch simple, verständliche Fragen und Gegenfragen gleichſam aus ihnen herausgelockt werden, ſo, daß sie 398 sie selbst sie erfunden zu haben scheinen *). Der Lehrer muß sie beständig durch Exempel und ) Daß dabei der Lehrer viel Gegenwart des Geistes haben müsse, um sich nicht durch unerwartete Antworten irre machen zu lassen, und viel Sanftmuth und Geduld, um nicht über falsche oder unzulängt liche Antworten unwillig zu werden, ist von selbst einleuchtend. Uebrigens ist hierin als Muster anzu sehen „Camp's Versuch einer leichten Entwicklung der ersten Religionsbegriffe in sechs Gesprächen zwischen einer Mutter und ihrer Tochter.“ S. dessen Sammlung einiger Erziehungsschriften. Th. I. S. 177 — 251. Auch verdienen empfohlen zu werden die „Katechisationen (über den Luth. Katechiömus) von G. F. Treümann. Leipz. 1786 ꝛc. 1 Theile. 8.“ Sie enthalten aber bloß Fragen, obne die Antworten, so wie die schon S. 117. entpfohlenen Fragen an Kinder, welche von der ascetischen Gesellschaft in Zürch sind abgefaßt worden. M. s. ferner „Etwas von der katechetischen Methode und ihrer Aehnlichkeit mit der sokratischen, Breslau 1783. 8.“ und „J. P. Millers Anweiſung zur Katechiſirkunſt oder zu Religionsgeſpf chen. 3te Auflage. Leipzig 1787. 8." woraus deß selben „Unentbehrliche Exempel“ zum leichten, faßt lichen, angenehmen und erbaulichen Katechtsiren. Leipz. 1782. 8.“ besonders abgedruckt worden sind. Auch 399 und Gleichnisse zu erläutern und zu bestätigen suchen *). Denn eben dies ist den Kindern nicht nur angenehm, sondern es befördert auch die Deutlichkeit ihrer Begriffe, deutliche Begriffe aber wirken Ueberzeugung, und Ueberzeugung macht nachher jene Begriffe zu practischen Grundsätzen **). Auch die biblische Auch der „Versuch einer vollständigen Anweisung zum katechetischen Unterricht in der christlichen Religion, von C. G. Klein (Breslau 1789. 8.) enthält, ob er gleich zunächst für Prediger bestimmt ist, auch für Schullehrer viel Brauchbares. A. d. H. ) In dieser Rücksicht können folgende Schriften mit Nutzen gebraucht werden: „Beispiele der Weisheit und Tugend aus der Geschichte mit Erinnerungen für Kinder. (von J. F. Feddersen.) Halle 1777. 2 Theile. 8.“ — „Moral in Beispielen, von H. B. Wagnitz. Halle 1787 2c. 6 Theile. gr. 8.“ „S. J. Ramanns Moralischer Unterricht in Sprüchwörtern durch Beispiele und Erzählungen erläutert für die Jugend. Mit einer Vorrede von J. R. G. Beyer. 2 Theile. Erfurt 1789 2c. 8.“ A. d. H. Das wissen auch die Graubünder in Helvetien. Sie pflegen noch jetzt Erzählungen von Familienange 400 sche Geschichte kann dabei benutzt werden, weil denn doch faſt die ganze Religion aus eben dieser Ursache in Geschichte eingekleidet ist*). Und angelegenheiten und Volksgeschichten zum wesentlichsten Theile ihres Jugendunterrichts zu machen. Im Winter setzen die Väter sich mit ihren Kindern auf große, platte Steine, worunter man Feuer angelegt hat, und erzählen ihnen, anstatt der Feen märchen und Herengeschichten, die wahren Vorfällewelche ihr Haus und ihr Vaterland betroffen haben, mit einer solchen natürlichen und anziehenden Beredsamkeit, daß die Kinder dadurch von ihren Rechten und Pflichten, ihren Gesetzen und Verfassungen die richtigsten Begriffe bekommen, und hernach bei den öffentlichen Versammlungen als gemeine Balle ren so gut, wie der beste Edelmann, über politische Gegenstände mitsprechen können. A. d. H. Ueber die biblische Geschichte hat man mehrerneue Bücher für die Jugend, z. B. Biblische Erzählungen für die Jugend. Zürich 1772. 2 Theile. 8. J. G. Purmanns biblische Erzählungen aus dem A. und N. Testament zum Gebrauch der Jugend mit belehrenden und practischen Anmerkungen. Frankfurt 1786. 8. — Auswahl biblischer Erzählungen für die erste Jugend, von H. P. C. Henke. Leipzig 1788. 8. — Das kleine biblische Erbauungs 401 Und wie viele Beiſpiele werden nicht darin von den unerforschlichen Rathschlüssen in dem Regierungsplanc Gottes, von der Glückſeligkeit der Tugendhaften, von den Gefahren des Irrthums und der Gewissenlosigkeit, von der Nothwendigkeit, stets über sich selbst zu wahen, von der Weisheit, womit Gott das, was die Menſchen zu ihrem eigenen Schaden öse zu machen suchen, zu guten Zwecken lenkt, urz, von den meiſten Religionswahrheiten angegeben, welche man gerade für die wichtigsten erklären muß! Solche Beispiele, rühtend erzählt, reissen gleichsam die Seele der Kinder mit ſich fort. Ihr Gefühl wird verwickelt ins Schicksal der Hauptpersonen, und jede Anmerkung, jede Reflexion, jede Schlußfolge drückt sich gleichsam versinnlicht in ihr Gedächtniß ein. Und daß überdies eine solche Bebauungsbuch, von G. F. Seiler. 5te Auflage. Erlangen 1788. 8. — Lehrreiche Erzählungen aus der bibliſchen Geſchichte für Kinder, von J. F. Fedderſen, 4te Aufl. Halle 1789. 8. — Auch gehört hiehin dessen „Leben Jesu für Kinder. Halle 1786. A. d. H. C 402 Benutzung der Geschichte überhaupt, und der biblischen insbesondere, sehr viel zur Menſchenkenntniß beitragen könne, bedarf keines Beweises. Es ist schon von selbst einleucht tend. Darf ich aber nun nicht auch voraussetzet, mein Freund, daß Sie bis hiehin mit mir einis sind? Müssen Sie nicht bekennen, daß nach dieser Methode auch der Religionsunterricht den Kindern angenehm werde, und daß mithin jene Klage, die mich zu diesem Briefe veranlaßte, gröstentheils wegfalle Indessen ist doch nun noch ein wichtige Punct übrig, der Ihre Klage zu rechtfertigen scheint. Er betrifft nämlich das Auswendis lernen beim Religionsunterricht. Und kann ich freilich nicht leugnen, daß dieses nach der bisherigen gewöhnlichen Lehrart sehr unangenehm seyn mußte. Ja, nicht nur unangt nehm, sondern auch unnütz, und so schädlich. Was hilft es den Kindern, wenn man ih Gedächtniß mit einem ungeheuren Schwall Ant 403 Antworten auf vorhergegangene, immer auf die nämliche Weiſe ausgedrückte Fragen angefüllet hat? Wenn man die Fragen einmal mit andern Worten ausdrückt; ſo findet man gröſtentheils, daß sie nichts darauf zu antworten wissen. Die Antwort ist in ihrem Gedächtnisse nur mit einer einzigen Frage genau verbunden. Und was hat eine solche Gedächtnißwissenschaft Fache der Religion für Nutzen? Wie kann sie Ueberzeugung wirken? Die Religion ſoll zu einer Vollkommenheit der Seele werden. Wird diese Vollkommenheit aber wohl durch dergleichen auswendiggelernte Begriffe und Erklärungen befördert? Wird nicht vielmehr in diesem Falle, sobald das Gedächtniß schwach oder betrügerisch wird, auch die ganze Religion dahin seyn? Ich haes erlebt, daß eine Kranke mir klagte, sie inne nun nicht mehr beten. Warum nicht? ar meine Frage. Weil ich, antwortete sie, ngbrüstig bin. Mein Odem ist zu kurz, auch mein Gedächtniß hat mich verlassen. glaubte also nicht nur schlechterdings laut zu müssen, sondern auch ohne ihre eheauswendig gelernten Formeln nicht beCe2 ten 404 ten zu können *). Sollte nicht jeder Gelegenheit haben, ſolche Erfahrungen öfter zu machen? Und darf man sich wohl darüber wundern, wenn die ganze Religionserkenntniß zu einem bloßen Mechanismus des Gedächtniſſ wird? Rein! Die Religion sollte, wie gesagt, billig nur Sache des Verstandes und Herzens seyn. Das Gedächtniß aber sollte durch anderwei*) Ueberhaupt müßte, wenn Kinder schlechterdingt eine Gebetsformel auswendig lernen sollen, Sinn derselben vorher genau entwickelt, von Selten seiner Wichtigkeit vorgestellt, und auch hernach noch immer neu und interessant erhalten werd Sobald dieses Neue, dieses Interessante darf wegfällt; so denken sie wenig oder gar nichts mehr dabei. Die Gebetsformel wird zu einer bloßen wohnheit, zu einer bloßen Fertigkeit der Zunge woran Verstand und Empfindung nicht den gerichtsten Antheil hat. Zur Vorsicht also müste man mit den Gebetsformeln abwechseln, und den Kindern auf dem Wege des Verstandes und Herzei neue überliefern. Man hat diese Regel schon sendmal empfohlen. Kann sie aber wohl, so lange sie noch übertreten wird, zu oft wiederholt werA. d. H. den. 405 derweitiges Memoriren geſtärkt werden. Der Erfolg davon würde sich dann nachher schon von ſelbſt auch in der Religion äuſſern. Aus eben dem Grunde bin ich auch mit ſo vielen andern der Meinung, daß jedes Lehrouch der Religion, welches man beim Unterricht in derſelben zum Grunde legt, lieber in kurzen Sätzen, als in Fragen und Antworten müsse abgefaßt ſeyn. Freilich kann man durch Fragen und Antworten in kürzerer Zeit weiter kommen, weil die Kinder mehr Gedächiniß als Vernunft haben. Allein es kommt hier nur auf die nachherigen Vortheile dieser oder jener Methode an. Und da halt' allerdings die kurzen Religionssätze für zweckmäßiger. Sie verhindern das papageyartige Nachbeten, und sind doch zugleich auch Leitfaden für die Antworten auf vorgelegte Fragen, diese Fragen mögen nun so oder aneingerichtet seyn *). Aber Cc.3 ) Es versteht sich also auch wohl von selbst, daß die ältern Lehrbücher der Religion, welche bisher in den protestantischen Schulen eingeführt waren, ö. B. 406 Aber — werden Sie fragen — wenn man annimmt, daß in den Schulen der Religionsunterricht nur gelegentlich, und erst nachhe von den Predigern zusammenhängend und — wozu systematisch gegeben werden dürfe. denn in den Schulen ein Lehrbuch? Und dieſe Frage iſt allerdings nicht überflüßig. scheint auf die Art wirklich beim ersten Anblick in den Schulen kein Lehrbuch der Religion forderlich zu seyn. Allein läßt sich eine solche GeB. die Katechismen von Luthern, Lampe u. s. mit andern vertauscht werden müssen. Denn sie sind nicht nur in Fragen u. Antworten abgefa (das wäre gerade das wenigste) sondern sind auch viel zu trocken und uninteressant, enthalten zu dunkle Ausdrücke, pressen widernatürlicher Weise die ganze christliche Moral in den Dekalogus einschweifen zu oft über die Gränzen der Religion das Gebiet der Theologie aus, geben viel falscht Schriftbeweise an, lassen manche unentbehrliche Lebe re, z. E. von der Wahrheit und Vortreflichkeit christlichen Religion, ununtersucht, sind daher sonders für Kinder; die einmal in die große Wilkommen, ganz unzulänglich, und — mit einWorte — würden gewiß von ihren Verfasse selbst als unbrauchbar für unsre Zeiten angesehen A. d. H. werden. 407 Geschicklichkeit, als auch nur zu einem geleLintlichen Religionsunterricht gehört, von allen Schullehrern, ohn daß sie einen Leitfaden dabei haben, erwarten? Und ist es nicht durchaus nothwendig, daß der Schullehrer dem Prediger ſo viel als moͤglich in die Hände arbeite, und dem letztern dadurch den Untercht erleichtere und vorbereite? Wenn aber der Schullehrer z. B. von einzelnen Begriffen andere Erklärungen giebt, als der Prediger; so läßt sich das ja nicht denken. Die Kinder verden dadurch oft sogar irre geleitet. Und wodurch alſo kann dieſer Nachtheil wohl beſſer verhütet, und jener entgegengesetzte Vortheil leichter bewirkt werden, als dadurch, daß in der Schule entweder ganz das nämliche Lehr, welches hernach der Prediger gebraucht, doch wenigstens dasselbe Lehrbuch abgezum Grunde gelegt würde *)? Um weniCe 4 *) So könnte 1. B. in der Katechisation des Predigers die „Unterweisung zur Glückseligkeit nach der Lehre Jesu (von J. F. Dieterich) Berlin 1782. 8.“ und in den Schulen der „Auszug aus dieser Unterweisung 2c. Berlin 1774. 8.“ eingeführt werden. 408 niger nöthige Kosten möglichst zu ersparen, würde ich dabei lieber geradezu das erſtere an rathen. Und daraus folgte dann noch nicht, daß der Schullehrer das ganze Buch erläutern, und jede Religionswahrheit, die darin enthalten ist, hervorziehen und entwickeln müste. In werden. Die Sprache dieses schönen Lehrbuchs ist freilich mehr wissenschaftliche Büchersprache, alt simpler, populärer Ausdruck. Allein ich rechtfertige das immer damit, daß wohl selten ein Prediger in seinen öffentlichen Reden den simplen, populären Ausdruck in seiner Gewalt hat, und daß es also auch in so fern sehr gut ist, wenn schon die Kinder auch eine mehr wissenschaftliche Sprache verstehen lernen, damit sie hernach als Erwachsene die Belche rungen des Kanzelredners zur Erweiterung ihrer Erkenntniß besser benutzen können. So wie die Aufklärung zunimmt, wird auch die Sprache mehr ausgebildet, und im künftigen Jahrhundert wird also hoffentlich auch jene Popularität im Ausdruck welche zeither so hoch gepriesen wurde, ungeachtet sie oft in kindische oder wässerichte Rede ausartete / nicht mehr so unumgänglich nöthig seyn. Der größere Haufe wird dann auch wohl schon ein kraftvollere, gedrungenere Sprache ertragen können. Und dazu lassen sich ja auch jetzt schon manche Voranstalten treffen. A. d. H. 409 In diesem Falle würde freilich sein Unterricht nicht mehr gelegentlich heißen können, oder er würde sich doch zur Erläuterung mancher Wahrheit die Veranlassung auf eine unnatürliche Weiſe erzwingen müſſen. Ich denke mir vielmehr die ganze Sache so: Die practische Religion müste gleichsam der Mittelpunct seyn, worauf alle übrige Belehrungen eine nähere oder entferntere Beziehung hätten. Es müste den Kindern überall auffallend werden, wie wenig man die Lehren von Gott, von Tugend und Unsterblichkeit, so, wie sie Jesus verkündigt hat, entbehren könne, wie gering der Werth der Erkenntniß ohne religiösen Sinn sey, und welche Thorheit, welche Bosheit derjenige verrathe, der gewaltsamer Weiſe die Religion in eine traurige Abgeschiedenheit von seinen brigen Begriffen und seinem ganzen Leben gt. In jedem Lehrbuche z. B. der Profangeſchichte, der Naturlehre, der Geographie ꝛc. nüste deshalb, wo es nur schicklich wäre, auf das eingeführte Lehrbuch der Religion, oder af das Lehrbuch der biblischen Geschichte zuückgewiesen werden. Und diese Winke, welnatürlicher Weise nur wirklich practische Rein gionswahrheiten betreffen könnten, müste C15 dann 410 dann der Lehrer benutzen, um ſeinen Zöglingen über solche Wahrheiten richtige Begriffe beizu bringen. Er müste sie auf die, durch einen Geſchichtsvorfall, eine natürliche Einrichtung u. s. f. erläuterten Sätze in dem Religionsbuche aufmerksam machen, und diese Sätze alsdann von Seiten ihrer Wichtigkeit und Nutzbarkeit in das gehörige Licht stellen. So würden die Kinder gewissermaßen nur beiläufig sich die unentbehrlichsten, aber eben deswegen auch gleichsam in Kraft und Saft verwandelten / Religionskenntnisse sammeln, und der Predger könnte nachher die einzelnen Bruchstückt zusammenfügen, übrig gebliebene Lücken ausfüllen, und nach Anleitung des nämlichen Lehrbuchs feste Ordnung in ihre Begriffe bringen. Sie würden vorher aus diesem Bucht nur zerstreute heilsame Wahrheiten gezogt haben, aber nun würden diese zu einem schönen Ganzen verbunden, und bei den mehre sten würden sie sich noch mit Vergnügen an die Gelegenheit erinnern, wobei der Schullehrei ihnen dieselben deutlich machte. Doch noch einmal — soll ihnen denn aus diesem Lehrbuche der Religion gar nichts aus wendig zu lernen anbefohlen werden? Anbefob 411 fehlen? Nein! Aber wohl angerathen! Im Fache der Religion muß man niemals mit äusserer, sondern allemal nur mit innerer Gewalt treiben, das heißt, es darf hier gar kein Zwang durch positive Strafen, sondern nur eine Art von Zwang durch Bewegungsgründe Statt finden. „Es wäre mir lieb, wenn ihr diese oder jene schöne Schriftstelle auswendig lerntet, euch diese oder jene Erklärung merktet. Ihr wißt ja, wie wichtig die Wahrheit ist, die dadurch angedeutet oder beſtätigt wird. Ihr fühlt es ja, daß ihr ohne den Glauben an diese Wahrheit nicht halb so gute Menschen werden könnt, als ihr doch werden sollt. Und wer unter euch wollte nicht gern recht gut werden?“ Dies muß die Sprache des Schullehrers seyn. Dadurch muß er sie bewegen, dies oder jenes auswendig zu lernen. Und wenn er, wie ich schon erinnert habe, ihr Gedächtniß durch anverweitiges Memoriren zu stärken suchte; so verden sie manche Stelle, manche Erklärung auch schon während der Zeit behalten, wo er sie rläutert und einigemal nacheinander wiederho Auf die Art, mein Freund! wäre denn nun ſo wohl die Frage beantwortet, wie man den Kin 412 Kindern auch selbst den Religionsunterricht, unbeschadet seiner ernsten Wichtigkeit, angenehm machen könne, und ich bin vollkommen überzeugt, daß er nach dieser Methode auch nützlicher werden müsse, als er bisher gewesen ist. Der Glaube muß lebendig seyn. muß Einfluß auf Gesinnung und Leben haben. Und den kann er nicht haben, wenn man ihm gleichsam ein stilles abgesondertes Plätzchen in der Seele anwies, und ihn nicht mit andern oft rege werdenden Begriffen in Verbindung brachte. Ueberlegen Sie das einmal mit dem Herrn Prediger **! Ich weiß, er ist edel ge nug, mit Ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen. 2c. ) Ueber den Gegenstand dieses Briefes können auch folgende Schriften nachgesehen werden: „Ueber die Erziehung zur Religion, von I. A. Nösselt. 1775. 8.“ „Ueber die wirksamsten Mittel, K dern Religion beizubringen, von C. G. Salzmann Leipzig 1780. 8.“ Auch in der „Anweisung Schulmeister niederer Schulen zur pflichtmäßiFührung ihres Amts, von J. C. F. Rist (Hamburs 1787. 8.) ist der Abschnitt „von dem Unterricht der Religion“ S. 97 — 333 besonders gut und A. d. H. ausführlich bearbeitet. Dret 413 Drei und zwanzigſter Brief. An Herrn Schulaufseher R. Noch neulich habe ich Sie gebeten, mein Freund! beim Unterricht in der Religion Ihre Zöglinge sanfter und gelinder zu behandeln*). Und jetzt hab' ich schon wieder eine andere Bitte an Sie. Ich höre, Sie tragen die Lehren, wodurch sich die reformirte Kirche von den übrigen chriſtlichen Religionspartheien unterscheidet, mit einer Art von Heftigkeit vor, die kaum ihres gleichen hat. Sie breiten sich mit innigem Wohlgefallen über ſolche Lehren weitläuftig aus, reden gern von verfluchter und vermaledeiter Abgötterei * und dergleichen, und sondern auf die Art Ihre Glaubensverwandten als das einzige Häufein der Rechtgläubigen von den übrigen Chriſten ab. Ich habe nicht nöthig, Ihnen zu sen, ob ich ebenfalls zu Ihren Glaubensver1) Man s. den zwanzigsten Brief S. 354. Dies sind Worte des Heidelbergischen Katechisins, wo die verschiedenen Meinungen vom h. Abendmal recensirt werden. A. d. H. 414 verwandten gehöre, oder nicht, und das, was ich gleich nachher sagen werde, wird Sie auch ganz darüber im Zweifel lassen. Denn ich abstrahire hier selbst von meinem eignen Glaubensbekenntnisse, und werfe nur überhaupt die Frage auf: ob das, was sekten mäßig in der Religion ist, wodurch sich eine Parthei von der andern unterscheidet, auch etwas für den Religionsunterricht in der Schule sey? Lassen Sie also einmal auf einige Augenblicke Ihre Anhänglichkeit an Ihr Syſtem fahren, und hören Sie die Gründe, welche mich bewegen, diese Frage geradezu zu verneinen! 1. Die Unterscheidungslehren der christlichen Religionspartheien sind wohl nicht zu den wesentlichen Wahrheiten der Religion zu rechnen, sondern gehören vielmehr nur eigentlichen Theologie. Und Religion und Theologie sind Begriffe, die man in d neuern Zeiten mit Recht voneinander abgesondert hat. Jene ist ganz praktisch, erfordert kein subtiles Nachdenken, keine große Ge 415 Gelehrsamkeit, und bestimmt sich eben dadurch selbst für den großen Haufen der Menſchen. Die Theologie aber iſt eine gelehrte Erkenntniß der Religion, welche Scharfsinn und Bekanntschaft mit andern Wissenschaften voraussetzt, und daher unmöglich, wenn sie auch nicht so oft sich bis zur Spitzfindigkeit in den Begriffen verirrte, für den großen Haufen der Menschen bestimmt seyn kann. Und nun sollte man sogar in der Schule mit Kindern sich darüber unterhalten? 2. Sind ferner die Kinder wohl=fähig, Wahrheiten zu prüfen? fähig, zwiſchen ganz verschiedenen Meinungen eine gesunde Wahl zu treffen? Kömmts nicht immer wieder darauf hinaus, daß ſie die Meinung des Lehrers auf Treue und Glauben annehmen? Und wozu denn sie schon so frühzeitig auch mit andern Reinungen bekannt gemacht? Es ist ja sogar st der Fall, daß dadurch ihr ungeübter Geist so schwankend gemacht, so in die Irre getrieben wird, daß er gar nichts mehr behält. Sie können unmöglich alles, was man ihnen von der Art vorträgt, in den Schätzen ihres dächtnisses niederlegen. 416 3. Wenn es ausserdem wahr ist, daß die ersten Eindrücke allemal auch die lebhaftesten und daurendsten sind; so muß nothwendig durch den frühzeitigen Unterricht in solchen Unterscheidungslehren Intoleranz hervorgebracht werden. Und doch sollte Liebe überhaupt der Mittelpunct aller Belehrungen über die Religion seyn. Alles, was näher ode entfernter darauf hinzielt, sollte von jedem Lehrer mit fühlbarer Wärme vorgetragen werden. Nichts sollte er so ernstlich einzuschärfen, und im Fall der Uebertretung mit so vieler Verachtung zu bestrafen suchen, als eben die Grundgesetz des Christenthums. Die Schule selbst liefert ihm ja schon ein vortrefliches Bild, die wichtigsten Bewegungsgründe dazu recht anschaulich zu machen. Die Kinder arbeiten hier alle zu Einem Zwecke, stehen alle unter derse bigen Aufsicht, haben alle ihren Theil am Unterrichte, alle ihre Ansprüche auf die Vortheile desselben u. s. w. Fast eben so in der menschlichen Gesellschaft *). 1) M. s. hier den „Versuch über die Mittel, in den Herzen junger Leute Menschenliebe zu erwecken und 417 4. Auch ist es nicht zu leugnen, daß es schon deswegen weit besser seyn würde, die Schulkinder nur über das, was gewiß ist, und worin alle Religionspartheien sich untereinander einig sind, (ich meyne die practischen Religionswahrheiten) zu unterrichten, weil sie darin cht zeitig genug zu festen, unbeweglichen Grundsätzen gelangen können. Giebt man ihnen Wahrheiten an, welche vielen Zweifeln unterworfen sind; so werden sie dadurch nur verwirrt gemacht. Die Wahrheiten werden hnen verdächtig, oder sie verlieren doch wenigstens in ihren Augen einen großen Theil ih res Gewichts. Auch behalten sie oft die Zweifel, und vergessen deren Auflösung, und was araus entstehen müsse, ist offenbar. Ja, ſogar die bloße Verſchiedenheit in Erklärungen und Beweisgründen ist ihnen im Ganzen genommen nicht einmal nützlich. Es gehört schon zu unterhalten. Eine Preisschrift von P. J. Lieberkühn. Züllichau 1784. 8.“ und die ähnliche Preisschrift „Ueber die Erziehung zur Menschenliebe von Villaume. A. d. Franz. Dessau 1784, 8. A. d. H. Db 418 schon mehr dazu, als man von den meisten unter ihnen erwarten darf, eine solche Verschiedenheit durch Hinsicht auf die Sache selbst in Einklang aufzulösen. Daher räth man es ja auch immer an, weder zu oft mit den Lehrern zu wechseln, noch zu oft von einer festgeſetzten Methode beim Unterricht abzugehen. Die Kinder müssen nach einem gewissen Plane denken und arbeiten lernen, wenn ihre Seele vor dem Herumschweifen bewahrt werden soll. Sie können sich unmöglich allemal in jede Methode hineinschmiegen. Wenigstens kostet es ihnen oft vergebliche Mühe, wenn sie an ihre voris Behandlungsart zu sehr gewöhnt worden sind 5. Manche Schulen können ferner nicht bestehen, wenn nicht Kinder von verschieden Religionspartheien sie besuchen. Wollte der Lehrer sichs einfallen lassen, sein eis Glaubensbekenntniß mit Eifer zu vertheidigen und die unterscheidenden Lehrsätze desselben seinen Zöglingen vorzutragen — wie würde die Aeltern dabei verfahren? Würden sie nicht für einen Proselytenmacher erklären, sen ihre Kinder der Gefahr der Ketzerei entreiſt Ohne das aber würden solche Schulen nicht nur 419 in Flor gerathen, sondern auch die schicklichsten Oerter werden können, alles Geschrei der Controversprediger unnütz zu machen, und dagegen bürgerliche Vertragsamkeit auf den Thron zu heben 6. Selbst die Volksaufklärung würde Gewinnst daraus ziehen können, wenn das Sectenmäßige aus dem Religionsunterrichte in en Schulen überall und durchgängig verbannt Nicht alle Schulen sind gleich gut. Nun könnten also die Aeltern ihre Kinder ohne Bedenken in die beste schicken, da sie sonst hingegen oft nur aus der Urſache ſich nicht dazu atschliessen, weil der Lehrer von einer andern Religionsparthei ist. Und unter den beiden proeſtantiſchen Schulen ſollte ohnehin nicht länger ein Unterschied gemacht werden. Der geschickLehrer, er sey hier von der einen oder andern Confeßion, werde hervorgeſucht! macht sich doch in diesem Puncte durch Dd 2 AengstMan vergleiche hiemit die kleine Schrift: „Ueber den Unterricht verschiedener Religionsgenossen in gemeinschaftlichen Schulen, von J. G. H. Feder. Göttingen 1786. 8. A. d. H. 420 Aengſtlichkeit heut zu Tage nur höchſt lächerlich. 1 Aber hier, mein Freund! werden Sie vielleicht fragen: „Sollen denn die Kinder gar nicht mit dem Unterſcheidenden in ihrem Religionsbekenntnisse bekannt gemacht werWer hat das behauptet? — S den?" — lange die verschiedenen Partheien getrennt blei ben, wird dies wohl allerdings noch geſchehen müssen. Aber läßt sich dieser Unterricht nicht füglicher in die Katechisationen der Prediger von jeder Confeßion verweisen? Und wenn diese die Sache gröstentheils nur geschichtsweise behandelten, und dabei allemal die Nothwendigkeit der Achtung für jeden guten Menschen anpriesen und einschärften — würde alsdann dieſer Unterricht Intoleranz und Verfolgungsfucht wirken können? Die Kinder hätten ja dann schon in der Schule den eigentlich praktischen Theil der Religion kennen gelernt. Die Begriffe, welche dahin einschlagen, hätten schon deswegen, weil sie ihnen zuerst wären überliefert worden, in ihrer Seele tiefere Wurzeln gefaßt. Sie wären also nun auch schon reif genug, die Pflicht, ihrer 421 ihrer Confeßion treu zu bleiben, neben der Pflicht der Duldung und der Verträglichkeit mit fremden Religionspartheien zu denken und auszuüben. Und nun meine Bitte? — Sie ist diese: Anſtatt Ihre Zöglinge von der Wahrheit ihres kirchlichen Glaubensbekenntnisses zu unterrichten, beweisen Sie ihnen lieber die Wahrheit der chriſtlichen Religion überhaupt! Der herrſchende Unglaube unſers Zeitalters macht ſes nothwendig. Bisher haben die Schullehrer nur selten daran gedacht, und ohne Zweifel hat dies, besonders für die Kinder vornehmerer Eltern, welche nachher in weitläuftige Verbindungen zu gerathen pflegen, ſchon mehrmals üble Folgen nach ſich gezogen. Der Zweifler dürfte nur ihre Seele von den Fesseln der Gewohnheit und Anhänglichkeit an ein bestimmtes Lehrsystem erlösen, so fiengen sie auch schon an, mit dem Strome zu schwimmen, und sich über alles, was Relizion und Christenthum hieß, hinauszusetzen. hätte man ihnen aber die nöthigen Beweise für die Wahrheit der christlichen Religion angegeben, und ihnen dieſelben recht deutlich zu Dd3 422 zu machen gesucht — hätte man namentlich auch ihr Gefühl für die Vortreflichkeit dieser Religion erweckt, ihr Herz dafür intereßirt *) so würden sie gewiß behutsamer gewesen seyn, und sich nicht so bald von dem Zweifler haben überraschen lassen. Ich hoffe also, Sie werden meine Bitte er füllen. Ich hoffe es um so viel mehr, da ich in meinem gegenwärtigen Briefe so sehr an mich gehalten, und mich in dem Eifer gegen alles, ) Dieser Unterricht von der Vortreflichkeit der christlichen Religion ist bei Kindern, die in keine weitläuftige Verbindungen gerathen / wie z. B. bei den mehreſten Kindern auf dem Lande, die Hauptſache, und erſetzt den Mangel eines Beweiſes für die Wahrheit dieser Religion. Allein bei allen Kindern wird denn doch dieser Mangel dadurch nicht ersetzt, und daher ist es allerdings zu wüllschen, daß man auf jene Erinnerung des Verfassers Rücksicht nehmen möge. A. d. H. **) Der schon im 1sten Heft S. 159 empfohlene „Unterricht eines Vaters für seine Kinder=über die Natur und Religion von Trembley“ ist besonders auch gegen den Unglauben zu empfehlen, und daher bei der Unterweisung der Kinder aus vornehmern A. d. H. Ständen vorzüglich zu benutzen. 423 alles, was den verhaßten Namen der Intoleranz an der Stirne trägt, so sehr gebändigt habe. In meinem vorigen Briefe wurde ich vielleicht etwas warm. Allein wer sollte beim Enthusiasmus für das Wahre und Gute nicht zuweilen auch warm werden? Ich beleidige nicht gern jemanden. Allein wenn jemand die liebenswürdige Religion Jesu auf irgend eine Art, es ſey wiſſentlich oder unwiſſentlich, zu verdrehen, herabzuwürdigen oder verächtlich zu machen sucht — dann möcht' ichs von allen Dächern predigen: Das ist nicht recht! ꝛc. 103 Vier . dp4 42 Vier und zwanzigſter Brief. 945 An Herrn Schulaufseher D***. Dacht' ichs nicht? — Es war ja kaum an ders möglich, Sie muſten wegen Ihres freilich unüberdachten — Eifers, womit Sie ſich vor einiger Zeit der Schulordnung annah men *), bei der ersten, besten Gelegenheit zum Schulaufseher gewählt werden. Der große Haufe würde sonst ganz seinen Character verleugnet haben. Nun — ich muß es bekennen, mein Herr! — Sie verdienten es nachher auch wirklich. Wer sich nicht nur durch edles Betragen rühren läßt, wie Sie durch das Betragen des Herrn M**, **) sondern auch nach her seine Fehler zu erkennen weiß, und sie zu verbessern sucht, der ist gewiß ein achtungswürdiger Mann. Ich wünsche Ihnen daher jetzt auch von Herzen Glück zu Ihrem neuen Amte, und ich zweifle nicht, Sie werden demselben würdig vorstehen. Es *) M. s. den neunten Brief. H. I. S. 144. **) S. den vierzehnten Brief. H. I. S. 204. 42 Es war ja schon gleich ein guter Einfall, daß Sie anfangen wollten, den Fond der daſigen Schule nach und nach auch mit zur Errichtung einer Schulbibliothek zu verwenden, und zugleich auch einige neuere Lehrbücher in der Schule einzuführen. Denn was erstere anbetrifft; so kann man es unmöglich von allen Schullehrern, deren Einkünfte denn doch meist nur geringe sind, erwarten, daß sie sich auch nur die unentbehrlichsten Schriften in jedem Fahe der auf Schulen zu lehrenden Wissenschaften selbst kaufen sollen. Die Schulbibliothek muß ihnen also darin zu Hülfe kommen. Und was die Einführung neuer Lehrbücher betrifft; ist diese gewiß, da man in allen Wissenschaften so weit vorgerückt ist, in unsern Zeiten sehr nöthig. Nur muß man freilich langsam arin verfahren, weil man durch eine plötzliche gewaltsame Reforme sich selbst doch nur erniſſe in den Weg legen würde. Werden Sie es aber nun nicht auch gerne wenn ich Ihnen in jedem Fache so unfähr die Hauptbücher nenne? Ich weiß, jeder hat Gelegenheit, sich eine etwas gebreitete Bücherkenntniß zu erwerben. Und Dd5 426 Und deswegen glaube ich auch dadurch nichts vergebliches zu unternehmen. Einige Schriften werde ich mit einem † bezeichnen. Und diese können als kürzere in den Schulen einzuführende Handbücher betrachtet werden. Die durchgängige Einführung derselben ist zwar nicht wohl möglich. Allein man kann sie denst doch wohlhabenden Aeltern für ihre Kinder empfehlen. Die übrigen sind für die Schulbibliothek zum Gebrauche des Lehrers bestimmt. Oft aber habe ich derselben auch in der Absicht mehrere genannt, damit Sie darunter die Wahl hätten, ob es gleich auch seinen Nutzen hat, wenn in einer solchen Bibliothek mehrere Bücher von einerlei Art zu finden sind, und der Lehrer sie in einzelnen Fällen miteinander vergleichen kann *). Anfangs *) Diejenigen Schriften, welche schon in den Anmerkungen zu diesen Briefen hin und wieder empfohlen worden sind, oder noch in der Folge empfohlen werden sollen, hat man hier zur Ersparung des Raums weggelaſſen, und aus eben dieſem Grunde sind auch viele Schriften nicht angeführt worden ungeachtet sie vielleicht oft eben so brauchbar seyn A. d. H. mögen, als die angeführten. 427 Anfangsgründe. — † Kleines Schulbuch für Anfänger im Lesen und Denken. (von Junker) Magdeburg 1788. 8. — Darauf bezieht ſich die „Anweiſung für Lehrer über den erſten Unterricht der Kinder. Halle 1788. 8. Erſte Kenntniß für Kinder von der Buchſtabenkenntniß an bis zur Weltkunde von C. H. Wolke. Leipzig 1783. gr. 8. — Schule des Vergnügens für kleine Kinder von J. P. Voit. Nürnberg. Mit Kupfern. 1788. 8. — Natur und Gott oder hundert und zwanzig Uebungen des Lesens, Denkens, Verstehens, Behaltens und Rechnens, zur Grundlage des gemeinnützigen Unterrichts in der Naturkunde und Gotteserkenntniß — nebst einer Anweisung zum Gebrauch dieses Buchs für den Leher. Züllichau 1790. gr. 8. Naturgeschichte. — A. F. Büschings Unerricht in der Naturgeschichte für diejenigen, welche wenig oder gar nichts von derſelben wiſsen. 2te Auflage. Nürnberg 1788. gr. 8. M. k. — J. Bergmanns Anfangsgründe der Naturgeschichte. Mainz 1783. 3 Theile. 8. — F. Blumenbachs Handbuch der Naturgeschichte. Göttingen 1788. 8. (+ G. C. Kaffe 428 Raffs Naturgeschichte für Schulen. Göttingen 1781. 8.) Physik. — († Unterweisung in den Anfangsgründen der Naturlehre zum Gebrauch der Schulen von J. J. Ebert. M. K. 3te Aufl. Leipzig 1789. 8.) — D. C. Erxlebens Anfangsgründe der Naturlehre mit Zusätzen von G. C. Lichtenberg. Göttingen 1784. 8. Betrachtungen über allgemeine Einrichtungen in der Natur von Fabricius. Hamburg 1781. 8. — Die Physik muß besonders auch dem Aberglauben entgegenarbeiten. Dazu dienen: J. H. Hellmuths Volksnaturlehre zur Dämpfung des Aberglaubens, 2te Aufl. Braunschweig. 1788. 8. — J. P. Eberhards Abhandlung vom physikaliſchen Aberglauben und der *) Wie man die Naturgeschichte lehren müsse — davon sind schon oben (S. 379) drei kleine Schriften angeführt worden. Die Hauptsache ist diese / daß der Lehrer theils nur einheimische, fürs häusliche und bürgerliche Leben schädliche oder nützliche Steine, Pflanzen und Thiere benennt, theils ausländische Gattungen nur dann nambast macht, wenn sie auch in unsern Gegenden auf Gekonomie oder Handlung Einfluß haben. A. d. H. 429 der Magie. Halle 1781. 8.— J. C. Wieglebs Unterricht in der natürlichen Magie oder zu allerhand belustigenden und nützlichen Kunststücken. M. K. Berlin 1786 2c. 3 Bände. gr. Naturlehre und Naturgeschichte zusammen genommen. — † Entwurf der Naturlehre und Naturgeschichte zum Gebrauch der Schulen von L. A. Baumann. Brandenburg. 1785. 8. Naturlehre für die Jugend von J. J. Ebert. 3 Bände. M. K. Leipzig 1786. gr. 8. Als ein Zweig der Naturwissenschaft ist auch die Anthropologie anzusehen, und damit können füglich die wesentlichsten Gesundheitsregeln verbunden werden. — † Lehrbuch des menſchlichen Körpers und der Diätetik von J. Stuve, Braunschweig 1790. 8. 7144 114 Nach Umstände kann auch die Pflanzenunde beſonders gelehrt werden. — Grundriß der theoretischen und practischen Botanik für Schulen. Zur Bildung junger Landwirthe und Kameralisten von J. F. Lorenz. Leipzig 1781. 8. Hieher 430 Hieher gehören auch zur Benutzung in Landschulen noch folgende Schriften: Landwirthſchaftlicher Unterricht eines Vaters an ſeinen Sohn von J. Riem. Breslau 1777. 8. — Regeln, die ein junger Mensch, der sich der Landhaushaltung widmet, zu beobachten hat. Entworfen von J. A. P. Hannover 1781. 8. Grundsätze der deutschen Landwirthschaft von I. Beckmann. 3te Auflage. Göttingen 1783. 8. — Gesetzbuch der Natur für den wirthschaftlichen Landmann von Benekendorf. Halle 1786. 2 Bände. gr. 8. — † Noth= und Hülfsbüchlein für Bauersleute 2c. (von R. Z. Becker.) Gotha 1788. 8. Mit der Naturwissenschaft kann zugleich die physische Geographie, welche Begriffe von der Verschiedenheit des Klima, der Naturproducte ꝛc. in verschiedenen Ländern giebt, verbunden werden. — J. C. Pfennigs Anleitung zur Kenntniß der physicalischen Erdbeſchreibung. 2te Aufl. Berlin 1782. 8. — Neuverbesserte Productencharte von Europa. Ein Imperialbogen von A. F. W. Crome, Hamburg 1785. Nebst „Europens Producten zum Gebrauch der Karte von ebendemselben. Hamb. 1785. 8. Darauf 431 Darauf folgt natürlicher Weise die Politische Geographie *). — J. C. Frödings Geographie für Bürger und Landschulen. Hanno*) Methodenbücher, die Geographie zu lehren, sind folgende: „Gedanken über die Methode beim geographischen Unterricht von Fr. Gedike. Berlin 1779. 8.“ — Ueber den Unterricht in der Geographie auf Schulen und die Hülfsmittel dazu. (von Gastpari.) Hamburg 1789, 8.“ — C. C. Andre über den Unterricht in der Geographie 2c. Göttingen 1790. 8.“ — Auf die rechte Methode kommt auch hier viel an. Ein trocknes Register von Städten, Landschaften, Flüssen rc. die man vielleicht nie zu sehen bekommt, kann nicht viel nutzen. Gedike. sagt daher mit Recht, daß alle Geographie von der Vaterstadt aus anfangen müsse. Uebrigens ist es auch nicht übel, wenn man jedesmal diejenigen Länder beschreibt, welche gerade zu der Zeit durch merkwürdige Vorfälle wichtig werden, wie z. B. im letzten Türkenkriege die Türkei. Dadurch wird die Geographie ſchon gleich anwendbar. Und vielleicht könnte daher auch das Merkwürdigste aus einer guten politischen Zeitung zur Beförderung geographischer Kenntnisse in den Schulen mit Nutzen gebraucht werden. Denn selbst der gemeine Mann, wenn er auch weiter gar nichts liest, pflegt doch 432 C. Gatterers Hannover 1789. gr. 8. — J. kurzer Begriff der Geographie. Göttingen Besonders für künftige 1789. 2 Bände. 8.— Kaufleute ist eingerichtet: P. J. Bruns geographisches Handbuch in Hinsicht auf Industrie und Handlung. Leipzig 1788. 8. — Zusammenkünfte am Atlas zur Kenntniß der Länder, Völker und ihrer Sitten. 1ſter Theil. Gotha 1785. 8. — Ganz kurz zusammengedrängt ist der „Entwurf der neuesten Geographie nach ihren 5 Theilen zum Unterricht für Anfänger von J. C. Pfennig. Stettin 1790. 8. Unter den Landeharten sind die neuern Sozmannischen die besten. In deren Ermangelung kann man sich auch allenfalls begnügen mit „F. F. Klemms neuem Atlas fuͤr die Jugend von 22 Kärtchen, nebst einer kurzen Anleitung, wie man ihn gebrauchen solle rc. 2te Aufl. Tübingen 1790. 8. Man doch noch wohl die Zeitungen zu lesen. Diese würden ihm also dadurch für die Folge verständlicher gemacht, zumal, wenn der Lehrer dabei zugleich fremde Ausdrücke aus dem Seewesen, KriegswesenMünzwesen u. s. w. zu erläutern wüste. A. d. H. 433 Man hat auch mehrere geographische Kartenspiele, z. B. — Geographisches Kartenspiel (über Deutschland) von J. H. Campe. Hamburg 1784. 8. — Anleitung zu einem geophischen Kartenspiel über die Schweitz. Nebst 115 geogr. Spielkärtchen. Zürch 1785. — Geographischer Zeitvertreib für diejenigen Kinder, welche gern mit dem Angenehmen das Nützliche verbinden. Nebst 80 geogr. Spielkarten. Stuttgard 1787. 8. — Wenn aber auch solche Spiele nicht mit mehrern vollgültigen Pädagogen für verwerflich erkärt weren sollen; so dienen sie doch nur zum Vergnügen und zur Uebung in Privatstunden. Mathematische Geographie ist freilich in hrem ganzen Umfange kein Lehrgegenstand für kleinere Kinder. Allein ohne einige Kenntniß derselben kann denn doch weder die physische noch politische Geographie gehörig verstanden und benutzt werden. — Ausführliche mathematiſche Geographie. Ein Leſebuch für die Jugend. (von Walch.) Göttingen 1783. 8. Hier kettet sich nun aber auch das Wesentchſte aus der Aſtronomie an. — Betrachtung Er der 434 der Himmelskörper oder des großen Weltalls für Kinder von J. C. Tutenberg. M. K. Göttingen 1782. 8. — Kosmologische Unterhaltungen für die Jugend. (von C. E. Wünsch.) M. K. Leipzig 1780. 3 Theile, 8. — Es versteht sich dabei wohl von selbst, daß die Astronomie in den niedern Schulen nicht besonders gelehrt werden dürfe. Allein es ist doch sehr gut, wenn der Lehrer wenigstens einige Begriffe davon hat, damit seine Zöglinge in den Himmelskörpern etwas mehr, als leuchtende Puncte, sehen. Nur dadurch allein können sie einigermaßen von der Größe Gottes sich eine würdige und erhabene Vorstellung machen. Mathematik. Auch davon kann selbst kleinern Kindern vieles beigebracht werden Ihre Aufmerksamkeit wird dadurch gestärktund ihr Verstand wird zur Ordnung und Deutlichkeit in seinen Begriffen gewöhnt. Sie lernen hier schon frühzeitig abstrahiren, und alle gemeine Wahrheiten werden ihnen durch Beispiele sinnlich gemacht*). — † Leitfaden zum ersten S. hier die kleine Schrift: „Von der besten Methode, die Mathematik in Schulen zu lehren von 435 ersten mathematischen Unterricht. Magdeburg 78818.— Die Sätze der reinen Mathematik ſind hier aber ohne Beweis und ohne Exempel vorgetragen. Recht gut für geſchicktere Lehrer!— Jac. Struve's Leitfaden für den Unterricht in der Mathematik. Hannover 1789 2c. 8. ist mehr für Lehrlinge in den höhern Classen einer Schulen. — Elemente der Mathematik von J. F. Lorenz. Leipzig 1785. 2 Theile. 8. ### Besonders schärfen die ersten Lehrsätze der Geometrie den Verstand ungemein, daher auch schon Locke, Abbt und die meisten neuern Erzieher sie für einen wichtigen Gegenstand des Jugendunterrichts halten. — Euklids Elemente. Fünfzehn Bücher. Aus dem Griechihen von J. F. Lorenz. Halle 1781. gr. 8. — Erste Geometrie für Kinder, Jünglinge und Ee 2 das F. W. D. Snell. Giessen 1786. 8.“ Sie steht auch in dessen „vermischten Aufsätzen. Giessen 1789. 8.“ — Die schädlichen Folgen, die Herr Rehberg (Berlinische Monatschrift. 1789. Jan. S. 53 2c.) von dem Studium der Mathematik in den niedern Schulen befürchtet, treffen im Grunde jede solidere Wissenschaft. Soll man denn aber ewig mit Kindern ſpielen? A. d. H. 136 das gemeine Leben. (von F. G. Busse.) 2te Auflage. Deſſau 1789. 8. — Verſuch in ſokratischen Gesprächen über die wichtigsten Gegenstände der Geometrie von I. A. C. Michelsen. Berlin 1781 ꝛc. 2 Theile. 8. — Ueber die leichtste Art, Felder auszumessen und einzutheilen, wovon auch vorzüglich dem Landmanne einige Kenntniß oft sehr brauchbar ist, findet man in folgenden drei Schriften eine mehr practische Anweisung. — A. F. Jacobi Meßkunst für Kinder und fürs gemeine Leben. M. K. Göttingen 1783.8.— Elias Schulzens geometriſches Handbüchlein ꝛc. Umgearbeitet und erweitert von J. L. Späth. Nürnberg u. Altdorf 1789. 8. — J. L. Späths Geodäsie Nürnberg 1790. 8. Am unentbehrlichsten aber ist die Arithmetik *). Sie macht die practische Rechenkunst erst recht nützlich für den Verstand, weil sie die Gründe angiebt, warum der Erfolg des Rechnens *) S. die „Abhandlung von der Erleichterung des Unterrichts in der Arithmetik von Willenbücher. Im Archiv für die ausübende Erziehungskunst. Th. VIII. N. 1. A. d. H. 437 nens so und nicht anders seyn müsse. — Versuch in sokratischen Gesprächen über die wichtigsten Gegenstände der Arithmetik von J. A. C. Michelsen. Berlin 1784 2c. 3 Bände. 8. Desselben Anleitung zur practischen Rechenkunſt. Berlin 1785. 8. — Kurzer Unterricht in der Rechenkunſt zum Gebrauch. fuͤr die Jugend vom Prof. Degen. Nürnberg 1789. 8.— † Gemeinnütziges Rechenbuch zur Selbstübung, vornehmlich zum Schulgebrauch, von J. P. Roſcher. Lippſtadt 1788. 1ſter Theil. 4. — Darauf bezieht sich desselben „Anleitung für Lehrer zum Gebrauch des gemeinnützigen Rechenbuchs in Schulen. Ebendaſ.“ In der letztern Anleitung ist allemal das Facit der in dem Rechen buche angegebenen Exempel enthalten. — Kürzer ist die eben so eingerichtete „Anleitung zum Rechnen von C. F. Splittegarb,“ von deren erſten Theile nebſt dem dazu gehoͤrigen „Handbuche für Lehrer“ in Berlin 1790. 8. die zwote Auflage erschienen ist. Logik. Diese kann ebenfalls in den Schugemeinnützig vorgetragen werden. Denn ſie läßt ſich leicht von gelehrten Subtilitäten bsondern, und für Kinder, die schon rechnen lerEe 3 438 lernen, ist sie gewiß nicht zu schwer. — Versuch einer kleinen practischen Kinderlogik, welche auch zum Theil für Lehrer und Denker geschrieben ist, von C. P. Moritz. M. K. Berlin 1786. 8. — Practiſche Logik für junge Leute; die nicht ſtudiren wollen; von Villaume. Berlin 1787. 8.—. J. J. Eberts kurze Unterweisung in den Anfangsgründen der Vernunftlehre. Zum Gebrauch der Schulen: 5te Aufl. D Leipzig 1790. 8.— ⸸ Geschichte. Aus dieser müssen anfange nur einzelne Erzaͤhlungen ausgehoben werden. Nur nach und nach, ſo wie Verſtand und Gedächtniß der Kinder reifen, kann man den Unterricht in derselben zu mehrerer Vollständigkeit bringen. — Dazu dient auch z. B. die „Jugendgeschichte berühmter Männer. (von Sturm) Halle 1777. 8. — Uebrigens darf die Weltgeſchichte kein mageres Verzeichniß von Königen und Fürsten 2c. aufstellen. Sie würde sonst nicht Weisheit werden, sondern nur höchstens Gedächtnißwissenschaft bleiben. Reflexionen über Sitten und Gebräuche, über Temperamente und Modevorurtheise, über den Character einzelner Fürsten oder Gelehrten oder oder anderer wichtiger Privatpersonen, über die Güte gewisser Handlungen, gewisser Gesetze und Verordnungen, über die Folgen der Induſtrie, der Eintracht ꝛc. und des Gegentheils, über die allmählige Entstehungsart und die Ursachen des langſamen Verfalls großer Reiche — dieſe und ähnliche Reflexionen geben der Geschichte erst practischen Werth, und hergeleitet aus der Geschichte sind sie auch den Kindern leicht verständlich. Sie lernen auf die Art Regeln zur Einrichtung ihres eigenen Verhaltens daraus hervorziehen, lernen Fehltritte verhüten, gute Beiſpiele benutzen, und Vorurtheilen entsagen: Ihre Menschenkenntniß wird vergrößert; ihre Urtheile über Charactere und Handlungsarten werden immer mehr berichigt; die Vollkommenheiten des Weltregierers in ihren Augen immer mehr verherrlicht. Beſonders aber iſt es nöthig, ſie mit der Geſchichie ihres Vaterlandes bekannt zu machen, weil dieſe für jeden redlichen Bürger vorzügliches Interesse haben muß *). — † Lehrbuch der allEe 4 ge*) S. F. G. A. Lobethans Gedanken über die verschiedenen möglichen Arten, die vaterländische Geschichte 446 gemeinen Weltgeſchichte zum Gebrauch bei dem ersten Unterricht der Jugend von J. M. Schröckh. Leipz. 1784. 8. — Desselben allgemeine Weltgeſchichte für Kinder. Leipz. 1779. 4 Theile. 8. — A. L. Schlözers Vorbereitung zur Weltgeſchichte für Kinder. Göttingen 1779 kl. 8. — J. A. Remers Handbuch der allgemeinen Geschichte. Braunschweig 1783. 3 Th. 8. 11.9 ### ### ### schichte mit Nutzen zu bearbeiten, und zu lobenswürdigen Zwecken anzuwenden. Halle 1780. 8. Besonders hat man in unsern Zeiten von neuem darauf gedrungen, die Jugend mit den wesentlichen ſten Landesgeſetzen bekannt zu machen. M. f. das von die kleine Schrift: Ueber die Erlernung der Landesgesetze in den Volksschulen. Leipzig 1789. 8. Und wirklich ist dieses auch ein Gegenstand, der mit der Pflicht und dem Glück eines guten Bürgers ſo genau zuſammenhängt, daß man ſich wundern muß, wie man ihn so lange aus dem Kreise des Jugendunterrichts habe entfernt halten können. In dem „Religionsunterricht für Catechumenen Mit Beziehung auf Luthers Catechismus und einigder wichtigsten Landesgesetze von H. B. Wagnis. Halle 1789. 12.“ ist daher auch diese Idee schon aufgefaßt und benutzt worden. A. d. H. 441 8. — Geschichte der Deutschen für die Ju—* gend. Nürnberg 1783 2c. 7 Bändchen. 8. Technologie. Diese gehört mit zur Geschichte des menschlichen Geistes. Sie erweckt große Begriffe von der Vollkommenheit, zu welcher der Mensch bei gehörigem Gebrauch seines Verstandes gelangen kann, und hat auf alle mechanische Geschäfte des gesellschaftlichen Lebens einen unmittelbaren Einfluß. Besonders in Bürgerschulen ist sie daher ein wesentliches Stück des Unterichts, und auch in LandEe 5 schu⁴) Vielleicht ließe sich die Geschichte, verbunden mit der Geographie und vielen andern nützlichen Kenntnissen, in die unterhaltende Form einer Reisebeschreibung bringen, so, wie z. B. der Abt Barthelemy in seinem Anacharsis die Geschichte Griechenlands für Gelehrte behandelt hat. Reisebeschreibungen — besonders die von Herrn Campe für die Jugend veranstalteten — haben an sich schon in Rücksicht auf Menschenkenntniß, natürliche Erdbeſchreibung u. ſ. w. großen Werth. Sie reizen und nähren den Geist zu gleicher Zeit. Warum sollte man denn nicht auch die äussere Gestalt derselben zu einem Vehikel nützlicher Schulwiſſenſchaften machen können? A. d. H. 42 schulen müste sie in so fern gelehrt werden; in wie fern sie dem Landmanne, was seine Geräthe, Gebäude u. s. f. betrifft, nützlich werden kann. — Anleitung zur Technologie von J. Beckmann. Göttingen 1787. 8. — Faßliche Beschreibung der gemeinnützigsten Künste und Handwerke für junge Leute von J. P. Voit. M. K. Nürnberg 1788 ꝛc. 2 Theile. 8. — Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse (von Adelung.) Leipzig 1780. 4 Theile. 8. ### Sittenlehre. Es ist nicht rathsam, diese in einzelnen bestimmten Stunden vorzutragen. Sie muß vielmehr in den ganzen Unterricht verwebt werden. Denn eine aneinanderhängende Reihe von Lebensregeln ist zu trocken und zu abschreckend. Auch verlieren die Kinder die Anwendbarkeit derselben zu oft aus den Augen. Daher ist es immer am besten, wenn er sie mit denselben nur auf gewisse Veranlaß sungen, die entweder in andern Wissenschaft ten, z. B. der Geſchichte, oder in dem eignen Verhalten der Kinder liegen, bekannt macht. Sowohl die Materialien dazu, als auch die Methode, wie sie vorgetragen und benutzt werden 443 den können, finden sich in folgenden Schriften: — Sittenbüchlein für Kinder aus geſitteten Ständen von J. H. Campe. Wolfenbüttel 1788. 8. Darin wird in vier Abendgesprächen eine faßliche Kindermoral gelehrt. — Gedenkund Sittensprüche für die Jugend, als eine Zugabe zu Campens Sittenbuͤchlein. Berlin 782. 8. — Katechiſmus der Sittenlehre für das Landvolk (von J. G. Schloſſer.) Frankfurt 1771. 8. — Chriſtliches Sittenbuch für den Bürger und Landmann von J. F. Feddersen. Hamburg 1784. 8. — Die Erziehung des Bürgers zum Gebrauch des gesunden Verstandes und zur gemeinnützigen Geschäftigkeit von F. G. Reſewitz, 2te Aufl. Koppenhagen 1776. 8. — Dieses Buch enthält zwar keine vollständige Moral, aber doch ſehr viele, auf Weltund Menſchenkenntniß gegründete Bemerkunzen, die dahin gehören, und zeichnet sich vorzüglich durch practische Vorschläge zur Verbeſſerung des Unterrichts aus. Religion *). — Kurzes System der natürlichen Mehrere gute Schriften, die zu diesem Fache gebören, sind schon anderswo genannt worden. Nur rein 444 lichen Religion. Leipzig 1771. 8. — Dieſes kleine Buch zeigt in einem zusammenhangenden Vortrage, was die Vernunft von Gott, von dessen Vollkommenheiten, von der Schöpfung, Fürsehung u. s. w. sagt, und schließt endlich mit dem Beweise für den göttlichen Ursprung der chriſtlichen Religion. Es kann daher von dem Lehrer als eine kurze Einleitung in den christlichen Religionsunterricht betrachtet werden. — Religionssystem für junge Leute von guter Erziehung. Berlin 1770. 8. — Anleitung zum Geſpräch über die Religion in kurzen Sätzen, besonders zur Unterweisung der Jugend von J. G. Alberti. Hamburg 1772. 8. Doch — es giebt der Anweisungen zum Religionsunterricht so viele, daß ich mich begnügen muß, nur diese wenigen genannt zu haben. — C. C. Sturms Gebete und Lieder für Kinder, (Halle 1776. 8.) und A. H. Niemeyers Geſangbuch für Erziehungsanſtalten (Halle 1784. 8.) setze ich aber denn doch anfangsweise noch hinzu. Zur erinnere ich noch, daß bei der schon oben S. 407 in der Anmerkung empfohlenen „Unterweisung zur Glückseligkeit nach der Lehre Jesu“ sich hier im Text A. d. H. ein † befand. 445 Zur Dämpfung des Aberglaubens und practischer Irrthümer in der Religion liefern folgende Schriften gute Materialien: — Gespräche, worin verschiedene gemeine Vorurtheile gegen das thätige Christenthum beleuchtet und widerlegt werden. Schafhausen 1777. 2 Theile. 8. — Prüfung einiger theils falſchen, theils mißverſtandenen Grundſätze und Lebensregeln in Religionsſachen. Winterthur 1785. 8. — C. L. Zahnzogs Predigten wider den Aberglauben der Landleute. Magdeburg 784. gr. 8. Deutsche Sprachkunde breitet sich offenbar über alle vorhin angeführte Lehrgegenstände in den Schulen aus — oder vielmehr — wird dabei vorausgesetzt. Freilich wäre es nicht ganz überdacht, wenn man den Kindern eine deutſche Grammatik in die Hände geben, und ſie aach Anleitung derselben in besondern Stunden nit den Gesetzen ihrer Muttersprache bekannt machen wollte. Aller grammatikalische Unerricht von der Art ist trocken und langweilig. Die Gesetze der Sprache müssen daher lieber aus der Rede selbst abstrahirt, und bei Gelegenheit derselben erläutert werden. Die Ausübung, 446 übung, sie sey nun beschaffen, wie sie wolle, muß hier der Regel, nicht aber die Regel der Ausübung vorangehen. Allein der Lehrer muß denn doch die Regel kennen, und deshalb auch in der Grammatik kein Fremdling seyn. — J. F. Heynatz Anweiſung zur deutſchen Sprache für die ersten Anfänger. Berlin 1785. 8. J. C. Adelungs deutsche Sprachlehre zum Gebrauch der Schulen der königl. Preuß. Lande. Berlin 1781. 8. — L. H. S. Jehne Anweisung in der hochdeutschen Sprache für die Jugend in Niederdeutschland. Altona 1790. 8. Hieher gehört nun auch das — Lehrbuch der deutschen Schreibart von C. W. SnellFrankf. 1788. gr. 8. — worin der Verfasser das Adelungische größere Werk über den deutschen Styl und andern Schriften recht gut benutzt, die Regeln der guten Schreibart kurz zuſammengefaßt, und mit vielen Beiſpielen erläutert hat. Zur Orthographie haben wir mehrere Anweisungen von Lenz, Bob, Moritz, AdeIch nenne hier aber nur als vorzüslung 2c. lich brauchbar die „ Practische Anweisung zur Ortho 447 Orthographie, zunächst für Frauenzimmer, Unſtudirte und Kinder von C. Kruſe. Ausgabe mit versteckten Fehlern in den Beispielen zur Uebung. Bremen 1787. 8.“ Was das Mechanische des Schreibens anbetrifft; so bin ich der Meinung, daß die mühsamen, zeitverderbenden, unnützen Zierereyen der Fracturschrift in jeder Schule schlechterdings wegfallen müsse*). Wenn nicht jemand dazu bestimmt ist, nachher in der Kalligraphie oder Schönſchreibekunſt überhaupt wieder andere zu unterrichten; so ist schon Deutlichkeit und Lesbarkeit in der Handschrift hin*) Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit an den Vorschlag des Herrn Gedike, daß man die Kinder eher Zeichnen als Schreiben lehren möchte. (M. s. die Anmerkung zu Lockers Handbuch der Erziehung, übers. v. Rudolphi. S. 472.) Es ist nun zwar offenbar, daß das Zeichnen anfangs für sie angenehmer seyn würde. Allein sollte nicht auch auf der andern Seite durch die vorhergegangene Uebung im Zeichnen hernach sehr leicht entweder Widerwillen gegen unsere gothischen Schriftzüge, oder eben jene Sucht zu unnützen Zierrathen in der Handschrift entstehen, und auf die Art manche kostbare Stunde verloren gehen können? A. d. H. 448 hinreichend. Eigentliche Schönheit derſelben erfordert besonderes Talent, und dieses entwickelt sich in den meisten Fällen von selbst, ohne daß der Lehrer sich mit Aengstlichkeit oder mit einem ungewöhnlichen Aufwande von Zeit dafür verwenden dürfte. Ueberdies ist es schon im Ganzen genommen nicht rathsam, dasjenige, was auf bloßem Mechanismus beruht, beim Schulunterricht mit vorzüglichem Eifer zu befördern. Schärfung des Verstandes und Bildung des Herzens zur Tugend soll das Ziel seyn, welchem der Lehrer am eifrig sten zustrebt *). Um der Festigkeit in der Handschrift willen halte ichs indessen für dienlicher, wenn die Kinder nach einer gewissen bestimmten Vorschrift schreiben lernen, als wenn sie so oft verschiedenen Lehrern darin folgen müssen. Und hiezu sind vorzüglich empfehlungswürdig die „Neuesten Musterschrift ten in deutscher, lateinischer und französischer Sprache. Wien 1790. 4. Als Ein Wink für Lehrer, wie sie sich in Vertheilung der Schulstunden zu verhalten haben! Es gilt auch hier der Grundsatz, den ich schon — ich weiß nicht, wo? — angeführt fand: Mehr denken, als lesen — mehr lesen, als schreiben. A. d. H. 449 Als Encyclopädien nenne ich nun noch zum Schluß. das — Handbuch der gemeinnützigsten Kenntnisse für Volksschulen, beim Unterricht als Materialien, und bei Schreibeübungen als Vorschriften zu gebrauchen. (von Junker.) Halle 1787 2c. 2 Theile. 8. — Vollſtändiger aber iſt: S. G. Klügels Encyclopädie der zusammenhängender Vortrag der gemeinnützigsten Kenntnisse. M. K. Berlin 1782 2c. 3 Theile. gr. 8. Der erste Theil dieses Werks enthält die Pflanzenkunde, Thierkunde, Anthroplogie und Mathematik — der zweite Theil die Mineralogie, Naturlehre, Chemie, Astronomie, mathematische Geographie, Schiffkunst, Chronologie, Gnomonik, physische Geographie, natürliche Theologie und Sittenehre — der dritte Theil das Naturrecht, die practische Mechanik, bürgerliche Baukunst, Kriegsbaukunst, Schiffbaukunst, deutsche Sprachlehre und Geschichte. Das Werk ist ou entſchiedenem Werthe, und ungeachtet es eschicktere Leser erfordert; so kann doch auch ſelbſt der weniger geſchickte ſehr vieles daraus ernen. Er wird hier z. B. mit der Bedeutung aanches fremden Ausdrucks im Seewesen, Kriegswesen ꝛc. und mit vielen Regeln bekannt Ef ge 450 gemacht, die den Bürger in seinem Geschäftskreise besonders genau intereßiren. — „Die gemeinnützigsten Vernunfterkenntnisse, oder Anleitung zu einer verständigen und fruchtbaren Betrachtung der Welt von eben demſelben Verfaſſer“ (Leipzig 1789. 8.) ſind meiſt nur ein Auszug aus jenem größern Werke, und umfassen die Naturgeschichte, Naturlehre, Seelenlehre, Moral und natürliche Religion. I. C. Fröbings Bürgerschule, ein Lesebuch für die Bürger= und Landjugend, (Hannover 1788 2c. 2 Bände. 8.) enthält die Naturgeschichte, Naturlehre, Astronomie, Chronologie, einen Anhang vom Seidenbau, die Geographie und die Naturgeschichte des Menschen. Ein dritter Band ist noch für die Weltgeſchichte, die vorzüglichsten Landesgesetze und die Technologie bestimmt. Das Werk ist in den Hannöverischen Schulen schon eingeführt. — Ende lich verdient hier noch genannt zu werden der — Versuch eines kurzgefaßten Lehrbuchs der nöthigsten Kenntnisse für deutsche Schulen von H. M. A. Cramer. Quedlinburg 1790. 8. Und hier haben Sie denn nun eine kurze Uebersicht der besten litterarischen Producte Schu 451 Schulen und deren Lehrer! Sie werden also vorläufig die Schulbibliothek hinlänglich versorgen können. In Rücksicht auf die einzufühtenden Lehrbücher aber wiederhole ich noch einmal, was ich schon gesagt habe, daß Sie darin nichts übereilen dürfen. Dauerhafte Verbeſserungen jeder Art können nur nach und nach bewirkt werden. Man hat freilich hie und da die Regel gegeben, daß in jeder Kunst oder Wissenschaft wenigstens dreierlei Arten von Lehrbüchern eingeführt werden müsten, wovon das eine immer wieder kürzer und ſimpler ſeyn könnte, als das andere, und daß der Gebrauch entweder des einen oder des andern Lehrbuchs alsdenn von dem Alter und den Fähigkeiten der Kinder abdängig zu machen wäre. Diese Regel ist auch m Grunde nicht zu verwerfen, und ich habe deswegen auch in dieser Hinsicht, wo es mögich war, mehrere Schriften genannt. Allein enn diese nicht meist nur in den Händen des ihrers bleiben sollten — welch eine Menge on Lehrbüchern würde nicht dann in den Schuin eingeführt werden müssen! Und sollte denn das wegen der dazu erforderlichen Kosten über3f2 452 überall realisirt werden können? Ja! Sollt es wohl so unumgänglich nöthig seyn? Erwartet nicht jedes Lehrbuch ohnehin von dem Lehrer Entwickelung und Erläuterung? Und wenn er dabei nun immer sich zu den Fähigkeiten der ungeübtern Kinder herabließwenn er diese am öftersten fragte — würde nicht dadurch die mangelnde Verschiedenheit in den Lehrbüchern wenigstens zum Theil ersetzt werden? Den geübtern Kindern würde dies auch nichts weniger als nachtheilig seyn. Sie würden schon durchs bloße Hören an Vollkommenheit zunehmen, und ihre Begriffe würden um so viel deutlicher werden. Zwar kehrte Pythagoras diese Methode um. Bei ihm durf ten nur die Anfänger schweigend zuhören. Allein diese Anfänger waren nicht Kinder, sondern Erwachsene. Herr Gedike fordert daher auch nicht so viel*). Er macht vielmehr unter Lehrbüchern und Lesebüchern einen Unterschied, und wünscht dann, daß für die niedern Schulen ein In den „Gedanken über Schulbücher und Kinderſchriften. Berlin 1787. gr. 8. 453 ein Lehrbuch nebst einem sich darauf beziehenden Lesebuche, und für die Bürgerschulen zwei Lehrbücher, nebst eben so vielen Lesebüchern eingerichtet werden möchten. Der Vorschlag ist sehr gut. Wenn nur alle Gegenstände der Erkenntniß, die man in unsern Zeiten für gemeinnützig, und wohl gar für unentbehrlich hält, und worüber also der besser gesinnte Theil des Publicums den Kindern in der Schule wenigstens vorläufige, und oft auch wohl schon hinlängliche Belehrung wünscht, in einen so engen Raum zusammengedrängt werden könnten! Daß aber die Schulbücher sich auf einander beziehen sollen — dies ist ein vorzüglich beifallswürdiger Gedanke. Ueberall, wo die Veranlaſſung dazu da wäre, müſten Nachweisungen auf andere Wissenschaften angebracht seyn — in der Naturgeschichte auf die Technologie*), die physische Geographie, die MoEf3 *) Diese beiden Wissenschaften sind schon in Verbindung vorgetragen worden in der „Naturgeschichte und Technologie für Lehrer in Schulen u. für Liebhaber dieser Wissenschaften von L. Ph. Funke, 1ster Band. Braunschweig 1790 8.“ Dieser Band enthält 454 Moral, die Religion ꝛc. in der Geſchichte auf die Seelenlehre, die politiſche Geographie, die Technologie, und ebenfalls wieder auf Moral und Religion u. s. w. Auf die Art würde unvermerkt das Systematische der Erkenntniß befördert. Die Wissenschaften würden in Ein Ganzes gebracht. Durch öftere Wiederholung würde vieles der Seele um so viel tiefer eingeprägt, und einzelne Begriffe würden mit andern in eine ſo genaue Verbindung geſetzt, daß ſie sich hernach bei Gelegenheit wechselseitig wieder erwecken würden. Und diese Vortheile sind ohne Zweifel von so unverkennbarer Wichtigkeit, daß, ſo lange wir noch keine Folge von Lehrbüchern haben, worin jene Regel ist beobachtet worden, der Schullehrer gewiß etwas sehr nützliches unternimmt, wenn er jedes Lehrbuch, es gehöre nun zu welchem Fach es wolle, sich mit Schreibpapier durchschiessen läßt, und alsdenn hält nur noch die Naturgeschichte des Thierreichs / nebst der technologischen Benutzungsart desselben. Es ist jedoch aus dem Ganzen ein Auszug versprochen worden, der ohne Zweifel den Schülern sehr brauchbar seyn wird. A. d. H. 455 denn selbst bei schicklichen Veranlassungen auf Lehrbüchern in andern Fächern zurückweist. Sie werden sich darüber mit Herrn M** schon einmal unterreden. Leben Sie wohl! ꝛc. . . . . . . Fünf 854 45 Fünf und zwanzigſter Brief. An Herrn Schullehrer E***. Immer besser, mein Freund! Das gefällt mir. Es ist gewiß recht wohl überdacht, daß Sie, um Ihren Lehrlingen Vergnügen zu machen, die größern unter denselben aus einem angenehmen und zugleich lehrreichen Buche, z. B. aus „Campens Robison,“ der „Entdeckung von Amerika“ u. s. w. zuweilen etwas vorlesen lassen. Das erwirbt Ihnen die Zuneigung der Kinder. Das gewährt diesen eine nützliche Erholung, und spornt sie zu neuem Fleiße. Eben sowohl überdacht ist es, daß Sie solche Vorlesungen allemal nur in den Nachmittagsstunden halten lassen. Denn in diesen Stunden sind die Kinder ohnehin träger, und weniger zu strengem Nachdenken aufgelegt, als in den Vormittagsstunden *). Sie werden also ) Dies ist ein wichtiger Punct, worauf der Lehrer überhaupt in der Entwerfung des Schulplans Rücksicht zu nehmen hat. In die Vormittagsstunden gehören die schwerern, in die Nachmittagsstunden die leichtern Lehrgegenstände. A. d. H. 457 also auf die Art gereizt, und munter erhalten. Und ausserdem können Sie nun auch diese Vorlesungen als Belohnung für den in den Vormittagsstunden schon angewandten Fleiß darstellen. Ja, Sie gehen sogar mit dem Projecte um, eine deutsche Lesebibliothek für Ihre Schule zu errichten, um den größern Kindern auch wohl ein Buch mit nach Hause geben zu können *). Und auch das hat meinen Beifall. Die Kinder lernen auf die Art auch ihre Privatstunden nützlich anwenden, und Sie, liebster Freund, haben dabei nachher auch einen festen Punct, von welchem Sie ausgehen können, wenn Sie ſich nach Ff 5 ) Auch Herr Gedike hat beim Friedrichswerderschen Gymnasio in Berlin eine solche Lesebibliothek errichtet. Jeder erwachsene Schüler muß dort monatlich 4 Groschen zur Anschaffung neuer Bücher hergegeben. Und auf die Art läßt sich bald bei jeder Schule eine solche Anstalt machen. Denn Aeltern, welche gern ihre Kinder nützlich beschäftigt wissen, werden auch gern nach und nach einen kleinen Geldaufwand übernehmen. Vorläufig aber müsten auch eben deswegen, um die Bibliothek zu Stande zu bringen, nur solchen Kindern, deren Aeltern wirklich den Geldbeitrag liefern, Bücher zum Lesen gegeben werden. A. d. H. 458 nach dieser Anwendung ihrer Privatstunden, und nach dem Guten erkundigen, was sie aus der Lectüre eines solchen Buchs gelernt haben. Auch kann bei dieſer Gelegenheit ihr Geschmack am besten gelenkt und gebildet werden *). Und dies iſt gewiß eine Sache von großer Wichtigkeit. Nur ist es eben deswegen auch vorzüglich nöthig, daß Sie in der Auswahl der Bücher, welche ihnen zum Durchlesen übergeben werden, behutsam sind. Der Geſchmack bekommt ſonſt nur gar zu leicht eine verkehrte Richtung. Wenigstens wird die Nutzbarkeit der Lectüre, wenn darin nicht gewisse Regeln befolgt werden, ungemein verringert. Sind Sie nicht deshalb damit zufrieden, wenn ich Sie mit den hauptsächlichsten Regeln von dieser Art bekannt mache? 1. *) M. s. hier die kleine Schrift: „Ueber frühe Bildung des Geschmacks für Aeltern, Schullehrer und Hofmeister, von C. W. Snell. Giessen 1782. 8. Auch kommt eine Abhandlung über die Bildung des Geſchmacks von Purmann im 4ten u. 5ten Theile des „Archivs für die ausübende Erziebungskunst vor. — M. s. ferner „M. J. G. P. Thiele an die Jünglinge von der Bildung durch Lectüre. MannA. d. H. heim 1781. 8. 459 1. Kinder dürfen nicht zu viel und nicht zu lange nacheinander lesen. Sie versäumen sonst dadurch oft die Erlernung solcher Dinge, welche wesentlich zu ihrer künftigen Bestimmung gehören, verletzen ihre Geſundheit, weil diese besonders im jugendlichen Alter viel Bewegung erfordert, und werden auch wohl gar zu stummen Sünden dabei veranlaßt. Ausserdem ist ja schon ohnehin die Lesesucht beinahe in eine ansteckende Seuche ausgeartet, woran man um desto lieber darnieder liegt, je mehr man dabei der Wohllust pflegen kann. Und wer kann denn wohl mit dem bloßen Lesen in der Welt fortkommen? Wer kann dabei immer auch selbst denken, und dadurch das Gelesene benutzen? Es muß daher vorzüglich darauf gedrungen werden, daß die Kinder jedesmal nur wenig lesen, und man muß es ihnen immer zum Vorwurf machen, wenn sie zwar viel gelesen, aber nicht genug daraus gelernt und behalten haben. 2. Kinder dürfen auch nicht zu vielerlei lesen. Sie sind noch unfähig, jedem Begriffe, der ihnen dadurch überliefert wird, seine gehörige Stelle anzuweiſen. Sie verwechſeln also 460 also sehr oft Begriffe miteinander, und gerathen auf Thorheit und Irrthum. Sie werden zerstreut, schweifen von einem Gegenstande zum andern über, und verlieren auf die Art anhaltende Stetigkeit in ihren Geschäften. Und überdies ist es ja auch nicht anders möglich, sie müssen das meiste davon bald wieder vergessen. Daher sollte man sie auch allemal lieber Bücher aus Einem Fache nacheinander lesen lassen, als ihnen bald aus diesem, bald aus jenem Fache Bücher zu lesen geben. 3. Kinder dürfen nichts lesen, was nicht dem Grade ihrer Erkenntniß, und der Stärke oder Schwäche ihrer Seelenkraft angemessen ist. Diese Regel scheint freilich beinahe über flüßig zu seyn. Denn sie versteht sich im Grunde von selbst. Allein wie oft wird sie nicht dessen ungeachtet übertreten! Man vergißt es, daß Rücksicht auf die Fähigkeiten jedes Kindes ein allgemeines und unerlaßliches Erforderniß der guten Erziehung ſey, und daß Achtloſig keit in diesem Puncte alle schriftliche und mündliche Belehrungen fruchtlos mache. Und giebts nicht auch Kinder, welche schon zeitig zu grübeln anfangen? Wenn man ihnen also Schrif 461 Schriften in die Hände giebt, welche genau genommen noch über ihrer Fassungskraft sind; können daraus andere, als nachtheilige Folgen, entstehen *)? Und sollte man sie nicht, also lieber die Schriften von jeder Art in gehöriger Ordnung lesen lassen? erst die leichtern, und nachher die schwerern? 4. Kinder dürfen nichts lesen, was der Phantasie zu viel Nahrung giebt. Keine empfindsame Romänchen! keine Schriften, wodurch sie verleitet werden, sich ausserordentliche Glücksfälle zu erträumen! Die Leidenschaften erwachen ohnehin frühzeitig genug. Und Zwingt man sie durch eine solche Lectüre hervor; so bekommen sie immer eine schiefe Richtung. Auch ist die Phantasie der Kinder an sich selbst schon blühend und bilderreich. Sie würden also Schwärmer oder Empfindler werden, wenn man dieselbe noch absichtlich nähren und stärken, und ihr nicht durch Ausbildung des Verstandes ein Gegengewicht verschaffen wollte. Elende Menschen, die von ihrer zarten Kind*) M. s. hier Heft I. S. 159. 2c. 462 Kindheit an bis in ihr männliches Alter faseln, und mit sichtbaren oder unsichtbaren Bilderchen spielen! 5. Kinder dürfen nichts lesen, was ihnen abergläubiſche Begriffe einflößt. Alle Ritter= und Feengeschichten, alle Gespensterhistorien und Hexenmärchen müssen aus ihrer Lesebibliothek verbannt seyn. Sie erhitzen nicht nur, gleich den Moderomanen, die Phantasie, sondern legen auch den Grund zu einer kindischen Furchtsamkeit. Und wie oft bleiben nicht die Spuren einer solchen Furchtsamkeit selbst bei dem kräftigsten Entgegenstreben der nachher erworbenen Weisheit zurück! Wie oft also macht man sich dadurch bei der erleuchteten Welt zum bloßen Gelächter! Ja, es geschieht sogar nicht selten, daß auf die Weise die abendtheuerlichsten Grillen entstehen, wodurch Gesundheit und Leben in Gefahr gerathen. 6. Kinder dürfen nichts lesen, was ihnen verderbliche Grundsätze beibringen könnte. Keine Schriften, worin Tugend und Laster mit gleich schönen Farben geschildert werden 463 den *) Keine Schriften, welche feine Spöttereien über einzelne Religionssätze, wären sie auch wirklich an sich falsch, enthalten! Sie wissen das Schöne vom Guten, das Wahre vom Falschen noch nicht genau genug abzusondern, und ausserdem verdient alles, was auf ReliLion Beziehung hat, gewiß, daß es mit Würde behandelt, und im Fall der Ungültigkeit ernsthaft widerlegt werde. Wie kann man es sonst erwarten, daß ihnen die Religion verehrungswerth bleiben soll? Die Satyre ist heilsam, wenn sie zu rechter Zeit angewandt, und an ) Auch keine Schriften — setze ich hier hinzu welche sie gar zu aufmerksam auf die wenigen Fälle machen, wo der Lasterhafte glücklich, der Fromme unglücklich ist. So lange sie sich noch kein System von wahrer Glückseligkeit gebildet, und den äussern Flitterstaat der Welt von dieser wahren Glückseligkeit noch nicht gehörig absondern gelernt haben, (und dies geschieht fast allemal in den Jahren der Reife) so lange machen dergleichen Fälle einen gar zu lebhaften Eindruck auf sie. An Recht und Unrecht werden sie dadurch nur ungläubig, und verlieren ihre eigentliche Bestimmung aus den Augen. Man sieht leicht, daß dieses von sehr vielen Schauspielen A. d. H. und Romanen gilt. 464 an dem rechten Gegenstande geübt wird; aber zu unrechter Zeit angewandt, und an dem unrechten Gegenstande geübt, ist sie die Geiſſel in der Hand eines Rasenden. 7. Kinder dürfen nichts lesen, was ihnen die menschliche Natur entweder zu verderbt oder zu heilig vorstellt. Im ersten Falle werden sonst die Keime der Menschenliebe schon frühzeitig in ihrem Herzen erstickt. Sie beklagen ihr Schickſal, weil es ſie mit Furien in Verbindung setzte, oder halten es doch wenigstens für vergebliche Mühe, unter einem solchen Geschlechte nach Tugend zu ringen. Im andern Fall aber lernen sie mit blinder Gutherzigkeit dahinleben, opfern sich jedem süßen Betrüger auf, spannen überall ihre Ansprüche und Erwartungen zu hoch, und werden zuletzt misantheopisch, wenn sie ihre Ansprüche verworfen, ihre Erwartungen vereitelt sehen. Ich möchte daher weder die Carl Grandifons, noch die Carl von Carlsbergs bei all' ihrem übrigen Werthe zu einer Lectüre für Kinder machen. 8. Kinder dürfen auch nichts lesen, was ihnen das physische Elend in der Welt mit gar 465 gar zu lebhaften Farben malt. Sie haben noch keine gereinigte Begriffe von ächter Glückseligkeit, und werden also dadurch nur mißvergnügt gemacht mit ihrer Lage auf Erden. Mag immerhin die Welt ihrer jugendlichen Einbildungskraft in stetem Frühlingsglanz erscheinen — man vergönne ihnen die Freude des Anblicks! Die Natur ſorgt ohnehin dafür, daß sie nach und nach aus dem lieblichen Taumel erwachen. Und so lange sie daraus noch nicht erwacht sind, glauben sie ja doch nur in einer solchen malerischen Vorstellung des phyſiſchen Elends einen bloßen Roman zu finden, und dieser Glaube stimmt alsdennn atürlicher Weiſe ihre mitleidigen Gefühle nachher zur Kälte herab. Oder wenn dieses nicht der Erfolg seyn sollte; so wird doch wenigstens ihr rz, weil es bisher nur durch fürchterliche, übergroße Vorstellungen des Elends erschüttert wurde, gegen geheimere, stillere Leiden gleichgültig werden. 9. Kinder dürfen nichts lesen, was sie auf den Unterschied der Geschlechter zu aufmerksam machen würde. Diese Aufmerksamkeit wird doch gewöhnlich durch tausendG 8 466 sendfache Umstände nur gar zu bald rege gemacht. Daher so oft die gesetzwidrigsten Ausschweifungen! Daher so oft der frühe Schritt zu den mißlichsten Verbindungen! Und wozu denn die Erscheinung dieser traurigen Folgen noch dadurch beschleunigt, daß man die Kinder mit Schriften bekannt macht, worin Liebe lei der herrschende Ton ist, und dieser Ton durch dichterische Schilderungen der männlichen oder weiblichen Schönheit verstärkt wird? Geſetzt aber auch, die Begierde würde dadurch nicht zur Unzeit hervorgezwungen — wird nicht doch immer dadurch wenigstens ihr morali ſcher Sinn dergeſtalt verzerrt, daß er das Schöne dem Edeln und Guten vorzieht? — 10. Kinder dürfen nichts lesen, was nicht in Ansehung der Schreibart richtig und in Ansehung der Sitten untadelhaft ist. Denn es ist gar zu leicht möglich, daß ihr Geſchmack verderbt wird, und daß ſie ſich Fehler angewöhnen, welche nachher so bald nicht wieder verbessert werden können. Nach Mustern bilden sie sich mehr, als durch Lehren. Jene haben eine weniger merkliche, aber eben deswegen vielleicht um so viel größere Gewalt. Und 467 Und wenn es alſo gleich ſchwer iſt, durchaus fehlerlose Muster in ihren Gesichtskreis zu rücken; so muß ihnen doch jeder matte, pöbelhafte Ausdruck, jeder übel angebrachte Einfall, jede falſche Wortfügung, jede ſchiefe oder zweideutige Wendung angegeben, und das Gegentheil muß ihnen von Seiten ſeiner Schönheit und Richtigkeit kenntlich gemacht werden. Daher ist es auch auf alle Fälle nöthig, daß der Lehrer die Schriften, die er ihden zum Lesen hinreicht, vorher selbst durchlieſt, und fehlerhafte Stellen von dieſer Art bezeichnet, um die Kinder aufmerksam darauf zu machen, und sie hernach zu fragen, was ihre Meinung von der Abſicht ſey, die ihn bewogen habe, ein solches Zeichen bei dieser oder jener Stelle anzubringen. Kinder dürfen also im Gegentheil alles lesen, was ihnen wahre und deutliche Begriffe darbietet; was einen Einfluß auf ihre künftige Glückseligkeit hat; was mit ihrer wahrscheinlichen Bestimmung im bürgerlichen Leben zusammenhängt, und ihnen den Weg dazu ebnet und helle macht; was ihre Sprache bilden und verſchönern kann; was ihre Kenntniſſe von Gott Gg 2 468 Gott und seinen Vollkommenheiten, von seinen Werken und Wegen, von ihren Nebenmenschen und ihren Anlagen zum Guten ꝛc. bereichert; was ihnen den Werth der Tugend und Frömmigkeit, und die Folgen lasterhafter Begierden und Leidenschaften für Geist und Körper recht sichtbar darstellt; was sie über die natürlichen und bürgerlichen Verschiedenheiten der Menschen, über Künste und Gewerbe, über die Gesetze des Landes, die nöthigen Geſundheitsregeln, die erforderliche Behutſamkeit in der Wahl der Gesellschafter, der Vergnügungen u. s. f. belehren kann. Das übrige, (denn wozu soll ich das alles so bestimmt angeben, da es ſich leicht aus dem Vorigen abstrahiren läßt?) was sie von der Art nicht lesen können, muß der Unterricht des Lehrers oder eigne Erfahrung ersetzen *). Ich zweifle nicht, mein Freund! Sie wer den in dem allen, wenn Sie darüber nachdenken, mit mir einig seyn. Ich habe also nun zur ) Mehrere Schriften von der Art sind z. B. Heft I. S. 73 &c. S. 112, S. 114. S. 117. S. 142. S. 155. S. 159. Heft II. S. 64. S. 278. S. 379. S. 428 2c. u. s. w. angegeben worden. A. d. H. 469 zur Beförderung des Nutzens, den die Kinder aus der Privatlectüre ziehen können, nur noch einiges zu dem, was ich schon nebenbei erinnert habe, hinzuzusetzen. Was erſtlich die weniger geübten Kinder anbetrifft; so können Sie diesen bei der Lectüre eines Buches bald die eine, bald die andere von folgenden vier Regeln vorschreiben: 1) Sie (die Kinder) sollen sich die historischen und geographischen Namen von gewissen Personen, Ländern, Städten, Flüssen u. s. w., die in dem Buche vorkommen, schriftlich notiren. Denn dadurch prägen sich diese ihrem Gedächtnisse um so viel tiefer ein, und es kann dabei auch nachher manche Bemerkung gemacht, manches hinzugeſetzt und erläutert werden. ) Sie sollen sich die Kunstwörter, und die wichtigsten Wörter, welche allgemeine Begriffe andeuten, z. B. die Wörter: Horizont, Klima, Vegetabilien, Planeten, Fixſterne, Vorurtheile, Reformation, Gedächtniß, Religion, Weisheit, Gerechtigkeit, und ſehr viele andere aus dem Buche abſchreiben, und G 93 470 und wo die Erklärung derselben zugleich mit angebracht worden ist, oder wo sie selbst eine Erklärung davon geben zu können glauben, auch diese sich bemerken. Wie vieles läßt sich dadurch nicht nachher zur Entwicklung ihrer Begriffe beitragen! 3) Sie sollen sich die schönsten und merkwürdigsten Stellen, oder doch diejenigen, welche sie dafür halten, in ein besonderes Collektancenbuch schreiben. Dadurch wird ihre vorzüglichste Neigung unvermerkt sichtbar, und ein solches Buch ist nachher gewissermaßen die Geſchichte des Geſchmacks einzelner Perſonen. 4) Sie sollen sich die Stellen, welche ihnen in dem Buche noch dunkel sind, oder ihnen irrig zu seyn, oder schärferer Beweise zu bedürfen scheinen, auszeichnen. Denn auf die Weise bekommt der Lehrer Gelegenheit, ihnen vieles deutlich zu machen, und es wird auch dadurch das so schädliche Lesen ohne Selbstdenken verhütet. Kinder, welche den letzten Theil dieser Regel 471 gel befolgen, und über den Inhalt eines Buchs in Rücksicht auf das Irrige und Mangelhafte desselben schon einigermaßen urtheilen können, rücken nun auch schon unter die geübtern Lehrlinge hinauf. Und bei diesen kann nun wieder auf andere Art die Nutzbarkeit der Lectüre befördert werden. Auch darüber will ich hier einige Fingerzeige geben. a) Man läßt sie ein genaues Register über den Inhalt des Buchs entwerfen, selbst wenn dieſer Inhalt im Großen ſchon ſollte angezeigt seyn. Dabei werden sie hernach sich oft aus dem bloßen Register an das Geleſene wieder erinnern, und der Ideengang des Verfassers eines solchen Buchs wird auch dadurch beſtimmt dargeſtellt. Sie bemerken die Ordnung oder Unordnung in der Ausführung seines Plans. b) Man läßt sie ein Buch, welches in einer fortlaufenden Betrachtung oder Erzählung besteht, in mehrere Abschnitte, und diese Abschnitte unter schickliche Rubriken bringen. Dies iſt eine Uebung natürlicher Logik. Es schärft die Beurtheilungskraft, und lehrt methodisch denken und schreiben. G 94 472 c) Man läßt sie mehrere in dem ganzen Buche zerstreute Gedanken, welche zu einer gewissen Materie gehören, sammeln, und nicht nur unter Einen Gesichtspunct, sondern auch in eine der Sache angemessene Ordnung bringen. Auch dies ist sehr nützlich. Sie müssen dabei vieles in dem Buche zur Seite liegen laſsen, und mithin zur Aufsuchung desjenigen, was unter jenen bestimmten Gesichtspunct gebracht werden kann, um so viel aufmerksamer seyn. Auch haben sie dabei oft etwas, was in dem Buche zuletzt gesagt worden ist, voran zu rücken, und dadurch wird schon wieder insgeheim aller Verworrenheit in ihren Begriffen entgegen gearbeitet. d) Man läßt sie einen kurzen zusammenhängenden Auszug aus einer einzelnen Abhandlung oder Geschichte, oder auch nach Gelegenheit aus einem ganzen Buche machen. Dadurch lernen sie das Wesentliche von dem Aufserwesentlichen, das Wichtigere von dem weniger Wichtigen unterscheiden, und ihre Gedanken in einer geschlossenen Reihe vortragen. Ausserdem kann auch ein solcher Auszug ihnen oft die Stelle des Ganzen vertreten. Sie 473 Sie sehen nun daraus, liebster Freund, daß auf dieſe Art daſſelbige Buch, wenn es wichtige, vorzüglich bemerkenswürdige Sachen enthält, den Kindern mehrmals zum Durchlesen gegeben werden könne. Denn sie können es bald in der einen, bald in der andern Absicht lesen, und wenn der Inhalt des Buchs ihrer jedesmaligen Fassungskraft gemäß ist, kann es ihnen auch nicht sehr schwer werden, sowohl die eine, als die andere Absicht zu erreichen. Aber wie nützlich muß es nicht seyn, sie zu einem solchen Verfahren in Hinsicht auf ihre Lectüre schon frühzeitig anzugewöhnen! Wie oft liest man nur, um zu lesen, nicht um zu lernen — um sich die Langeweile, nicht um Unwissenheit, Irrthümer und Vorurtheile zu vertreiben! Und wenn man auch durch die Lectüre das erlangt, was man Belesenheit nennt; so ist doch Belesenheit allein eine bloß historische Erkenntniß. Sie setzt nur ein gutes Gedaͤchtniß voraus. Aber die Beurtheilungskraft und der Verstand können dabei immer noch leer ausgehen; die eigentliche Erkenntniß der Wahrheit kann dabei immer noch ohne Zuwachs bleiben. Es ist also noch lange nicht genug, das flüchtige Lesen zu vermeiden, und B95 474 und sich mit den Ideen des Schriftstellers bekannt zu machen. Man muß auch über diese Ideen selbst weiter nachdenken, und sie eben dadurch in seine eigne Ideen umschaffen. Und je zeitiger man dazu die Jugend gewöhnt, desto mehr Gewinnst wird die Volksaufklärung aus der ohnehin schon herrschenden Neigung zur Lectüre ziehen. Uebrigens versteht es sich von selbst, daß mehrere von den angegebenen Regeln auch dann, wenn ein Kind in der Schule aus irgend einem Buche etwas vorlieset, beobachtet werden können. Auch dann kann der Lehrer bei den historischen und geographischen Namen einzelne Erinnerungen machen, die vorkommenden Kunstwörter erläutern, die Aufmerksamkeit auf das Wahre und Falsche, das Dunkle und Deutliche, das Schöne und Alltägliche, das Erhabene und Niedrige, das Starke und Matte, das Sonderbare und Bekannte in Inhalt und Ausdruck lenken u. s. w. Er kann auch nachher, wenn ein lehrreiches Buch schon auf die Art in der Schule durchgelesen worden ist, die Kinder das Urtheil fällen lassen, ob es nicht der Mühe werth sey, dasſelbe zu einer andern Zeit von neuem ꝺurchzulesen, 475 lesen, und ich bin gewiß, daß dadurch auch solche Vorlesungen um so viel nutzbarer werden müssen. Und nun denn noch eins! Das Vorlesen in der Schule kann auch in Rücksicht auf das vorleſende Kind füglich zu einer Belohnung ſeines Fleißes und ſeines guten Betragens gemacht werden, und es wird daher natürlicher Weise auch unter mehrern (jedoch freilich nur im Lesen geübten) Kindern abwechseln müssen. Hier aber ist es alsdann auch nöthig, sie zu üben, daß sie mit Accent und Nachdruck lesen lernen. Es ist diese Kunst zwar sehr schwer. Man trifft selten jemanden an, welcher darin ganz vollkommen wäre. Allein der Nutzen derselben ist offenbar, wenn man auf den verschiedenen Eindruck Acht giebt, den eine gut und eine schlecht gelesene Stelle sowohl auf den Leser selbst, als auf den Zuhörer macht. Wenn alſo gleich alle Kinder nicht zu oͤffentlichen Rednern bestimmt sind; (denn bei diesen iſt der Erfolg davon vorzüglich ſichtbar) ſo werden doch die meisten unter ihnen einst Hausväter oder Haußmütter seyn, welche ihrer Familie zu gewissen Zeiten ein Gebet, eine Pre 476 Predigt u. s. f. vorzulesen pflegen. Und geschieht dieses alsdenn mit Verstand und Empfindung; so kann auch dies sogar ein Mittel werden, ächtes moralisches Gefühl zu wecken, und practisches Christenthum zu befördern. Ich weiß wohl, was man in unsern Zeiten gegen die Uebung der Kinder in einer schönen und richtigen Deckamation erinnert hat. Man glaubte, es würden dadurch Leidenschaf ten aufgeregt. Und freilich ist das auch in so fern wahr, als zur Declamation schon einige Kenntniß von der Verschiedenheit der Leidenſchaften, und die Kunſt, ſich in die Lage des Schriftstellers zu versetzen, erfordert wird. Kleine Kinder kann man daher auch unmöglich im Daclamiren üben. Allein es scheint mir denn doch, man sey darin etwas zu ängstlich gewesen. Die Kinder bringen gewiß ihre Leidenschaften meist schon zum Lesen mit, und dadurch also, daß man sie zuweilen schöne und rührende Stellen declamiren läßt, wird ja die sen Leidenschaften eine edle Richtung gegeben. Der Phlegmatiker mag declamiren, und declamiren hören, so viel er will — er bleibt Phlegmatiker. Nicht Töne, sondern nur Bedürf nisse 477 nisse können seine Leidenschaften in Aufruhr bringen. Und wenn auch in einzelnen Fällen Nachtheile daraus entstehen könnten; so bin ich doch durch eigne Erfahrung überzeugt, daß die wirklichen Vortheile jene möglichen Nachtheile sehr weit überwiegen. Hier haben Sie also meine Gedanken von der Art, wie die Lectüre der Kinder gelenkt, und zur Vervollkommung ihres Geistes und Herzens benutzt werden müsse. Sie werden nun auch dieſe Gedanken prüfen, und — ich zweifle nicht — hernach auch möglichst befolgen. 2c. . . . . . . . . . . . . Sechs . . 478 Sechs und zwanzigster Brief An Herrn Schullehrer S*** 9 Wie? lieber Freund! Sie lassen Ihre Lehr linge noch immer in der Schule ihr plattes Provinzialdeutsch sprechen? Sie sorgen nicht dafür, daß sie sich eine richtige, hoch deutsche Mundart angewöhnen? Das hätte ich von Ihnen nicht erwartet. Neulich rieth ich Ihnen einmal an, das Wetteifern der Kinder untereinander in Ihrer Schule abzuschaffen *). Aber hier ist gewiß ein eben so wichtiger Gegenstand, der noch einer Verbesserung bedarf. Ich weiß es wohl, der gemeine Mann in unserer Gegend sagt, man müsse seine Muttersprache nicht vergessen wollen, und unter dieser Muttersprache versteht er alsdann seinen Provinzialdialect. Aber kann diese sogenann te Muttersprache neben der hochdeutschen Mundart nicht allenfalls eben so gut bestehen, wie *) M. s. den sechszehnten Brief. Heft II. S. 243. 479 wie neben der lateinischen oder französischen Sprache? Und warum ſollen denn gemeiner Leute Kinder gar nicht hochdeutsch sprechen? Etwa darum, weil es zu stolz, zu vornehm klingen würde? — Sonderbar! So ist ja der gröste Theil von Sachsen stolz oder vornehm, weil man dort durchgängig diese Sprache redet. Ich will freilich nicht leugnen, daß es in Rückſicht auf ganz kleine Kinder, welche keine andere als die niederdeutsche Sprache verstehen können, nothwendig sey, anfangs auch allein in dieser Sprache zu ihnen zu reden. Denn es ist die Pflicht des Lehrers, sich überall verständlich zu machen. Aber sollte man sie nicht auch allmählig an die hochdeutsche Mundart gewöhnen? In welcher Sprache lehren die Prediger? In welcher Sprache werden unsere vaterländischen Schriften meiſtentheils abgefaßt? Doch wohl in hochdeutſcher Sprache. Wie iſt es denn nun wohl möglich, daß der gemeine Mann seinen Prediger, oder ein gutes Buch, die heil. Schrift, ein Gebetbuch u. s. w. ganz verstehen könne, wenn er nicht selbst in seiner Jugend mit dieser Mundart, so viel als möglich, vertraut geworden iſt? Schon deswegen allein ſollte es im 489 im Ganzen genommen ein unverbrüchliches Besetz in jeder Schule seyn, hochdeutsch zu sprechen *). Denn wo anders, als hier, haben gemeine Leute Antrieb und Gelegenheit dazu? Die Geschäfte in der Schule sind ja von anderer Art, als die Geschäfte im alltäglichen Leben. Und wer kann es daher sonderbar finden, wenn die Kinder dort anders sprechen, als hier, zumal, da so vieles, was sie lernen müssen, sich nicht einmal in niederdeutschem Dialect ausdrücken läßt? Nein, mein Freund! Sie müssen nicht einem Vorurtheile nachgeben, dem man so dreist die Stirne bieten kann. Sie müssen nicht eine Unterlassungsfünde begehen, wodurch die Unwissenheit des Volks begünstigt, und den öffentlichen Lehranstalten, die dazu bestimmt sind, diese Unwissenheit zu hemmen, ihre Nutzbarkeit geraubt, oder doch wenigstens geschmälert wird. Sie *) Etwas ausführlicheres darüber findet man in folgender kleinen Schrift: „Sprachunwissenheit, ein ne große Verhinderung des Religionsunterrichts bei Landleuten, von M. G. Gruel. Berlin 1776, 8. A. d. H. 481 Sie legen ja dadurch sich selbst sogar Hindernisse in den Weg, und erschweren zugleich den Kindern die Erreichung Ihrer gemeinnützigen Absichten. Denn wie ist es wohl möglich, die Kunst, ſeine Gedanken ſchriftlich auszudrücken, mit einem sichtbar guten und schnellen Erfolge zu lernen, wenn man nicht auch mündlich sich schon einige Fertigkeit in hochdeutschem Ausdruck erworben hat? Und doch unterrichten Sie Ihre größern Zöglinge auch im Briefſchreiben! Widersprechen Sie sich also nicht ſelbſt, indem Sie durchgängig in Ihrer Schule die platte Volkssprache dulden, und dessen ungeachtet in Hinsicht aufs Briefschreiben einen guten und schnellen Erfolg Ihrer Bemühungen fordern und erwarten 2 Es gehört ja doch gewiß eben sowohl Zeit und Uebung dazu, ſeine Gedanken gehörig ausdrücken zu lernen, als zur Ausbildung des Verstandes selbst Zeit und Uebung gehört. Man darf auch nicht denken, daß beides ganz unzertrennlich zuſammenhange. Die Erfahrung lehrt das Gegentheil. Man trifft oft unter den Menschen von der sogenannten Mittelklas5 482 klasse wahre Denker an. Sie raisonniren über Dinge, woran selbst der Gelehrte selten zu denken pflegt, und das mit so vieler gesunden Vernunft, daß der unpartheiische Beobachter da steht, und staunt. Sobald aber eben diese Leute ihre Gedanken in Ordnung bringen, und schriftlich aufsetzen sollen; so findet man sie ganz unfähig dazu. Und doch läßt sich nicht bestimmt und deutlich denken, ohne Hülfe bestimmter und deutlicher Worte. Würd' es alſo nicht ſehr vortheilhaft ſeyn, den Ausdruck immer mit dem Verstande gleichen Schritt gehen zu lassen? Das eine würde ja immer wieder dem andern weiter helfen. Der wachsende Verstand würde den Ausdruck berichtigen, und kraftvoll machen, und der richtige, kraftvolle Ausdruck würde dem Verstande dann wieder neue Ideen liefern, neue Aufschlüsse geben. Wenn Sie dies überdenken, lieber Freund; so werden Sie es ohne Zweifel mit mir gestehen, daß die Kinder nie frühzeitig genug an hochdeutschen Ausdruck in Sprache und Schrift gewöhnt werden können. Aber nun will ich Ihnen auch sagen, was 483 was für eine Methode darin zu befolgen wäre Ich glaube nämlich, daß man hier, so wie überhaupt beim Elementarunterricht, von ErZählungen ausgehen müsse. Der Lehrer muß also, nachdem er seine Zöglinge schon vorher dazu angehalten hat, in ihren Unterredungen mit ihm und untereinander sich des hochdeutſchen Ausdrucks zu bedienen, ſolche Erzählungen ihnen aus guten Schriften für Kinder vorlesen, und je kürzer diese denn anfangs sind, desto besser. Er muß darauf die Hauptworte, die in der Erzählung vorkommen, der Ordnung nach, an eine aufgehängte Tafel ſchreiben, und dann ihnen den Auftrag geben, die Geschichte nachzuerzählen. Die angeschriebenen Worte dienen auf die Art nicht nur dazu, sie an manchen einzelnen Umstand, den sie sonst vielleicht aus Gedächtnißschwäche überseden haben würden, wieder zu erinnern, sondern sie sind ihnen auch zugleich Leitfaden beim Nacherzaͤhlen, und verhuͤten mithin die ſo gewöhnliche Confüſion in der Stellung einzelner Umstände. So wie aber ihr Gedächtniß an Stärke, ihre Gedankenordnung an innerm ZusamHh2 484 sammenhange gewinnt, so gewinnt auch ihre Fertigkeit im Nacherzählen, und endlich kann der Lehrer diese angeschriebenen Worte ganz weglaſſen *). Wenn sie nun also die Geschichte nacherzählen; so muß er besonders auch aufmerksam auf ihren Ausdruck ſeyn. Es muß den richtigen Ausdruck billigen, und Sprachfehler entweder selbst auf der Stelle verbessern, oder durch andere Kinder verbessern lassen. Dies *) Dieser Vorschlag soll also keinesweges die Hähnische Litteralmethode begünstigen, wornach man die ersten Buchstaben der Wörter eines biblischen Spruchs ꝛc. den die Kinder auswendig lernen sollen, an die Tafel schreibt. Denn diese Methode ist nicht nur bloßes Spielwerk, sondern sie befördert auch Trägheit und Vergeßlichkeit. Ausserdem läßt sich ja immer den einzelnen Buchstaben ein anderes Wort, und allen Buchstaben zusammengenommen ein anderer, oft sehr lächerlicher Sinn unterschieben. Und auch in so fern also ist diese Methode wenig stens unnütz. Mag sie immerhin einen Generalsuc perintendenten zum Erfinder, einen Silberschlag zum Vertheidiger haben, und faſt in ganz Geſterreich eingeführt seyn — dadurch allein wird eine fehlerhafte Sache nicht fehlerlos. A. d. H. 485 Dies wird gewiß den Mangel eines ausführlichen, absichtlichen, grammatikalischen Unterrichts ersetzen, und sie mit der Zeit so weit bringen, daß sie wenigstens rein, wenn gleich eben nicht schön, hochdeutsch reden können. Nachdem nun die Kinder darin eine Zeitlang geübt worden sind; so muß der Lehrer auch anfangen, sie die nämliche Erzählung auch schriftlich aufsetzen zu lassen. Ein solcher Aufsatz wird alsdenn freilich zuerst noch kindisch und einfältig genug seyn, aber denn doch bei weitem nicht so kindisch und einfältig, als wenn jene Uebung im mündlichen Nacherzählen gar nicht vorhergegangen wäre. Ausserdem war die Erzählung ihnen angenehm. Sie konnten dieselbe sehr leicht behalten. Sie schreiben daher gewiß auch anfangs ungleich lieber solche Erzählungen nach, als sie Briefe und dergleichen schreiben. Denn es scheint jenes schon gleich beim ersten Anblick weit weniger Schwierigkeiten zu haben, als dieses. Nach und nach aber kann der Lehrer sie auch dazu anführen, über einzelne Umstände in der Erzählung ihre Anmerkungen mit einfliessen zu lassen, so, daß auch in dieser Rücksicht ihr VerHh3 486 Verstand geübt, und in der aufgesetzten Erzählung manches ihr Eigenthum wird. Haben nun die Kinder mit dieſer Art von schriftlichen Erzählungen schon mehrmals sich beschäftigt; so kann es ihnen auch zur Pflicht gemacht werden, nebenbei dasjenige, was ſte gelernt und uͤberdacht haben, in gehoͤrigem Zuſammenhange zu Papier zu bringen. Dies ist die zwote Stuffe von schriftlichen Ausarbeitungen. Sie erfordern freilich schon etwas mehr, als zu dem bloßen Nachſchreiben kleiner erzählter Geschichten erforderlich war. Allein es wird doch hier noch nicht verlangt, daß sie etwas neues liefern sollen. Sie geben nur, was sie schon haben. Sie sollen es nur in einer schicklichen Ordnung und in passendem Ausdruck geben. Es ist also im Grunde weiter nichts, als bloße Wiederholung, bloße Ueber sicht des neuen Zuwachses ihrer Erkenntniß. Aber wie viel muß nicht dadurch ihr Gedaͤchtniß gewinnen! Sie haben hier beſondere Veranlaſfung, die Ideen, welche durch den Unterricht in ihnen erweckt wurden, von neuem zurück zu rufen, und dadurch, daß sie nun dieselben niederschreiben, prägen sie sich auch um so viel tiefer in ihre 487 ihre Seele ein. Und welcher Vortheil für ihren Verstand! Sie müssen bei dieser Gelegenheit jene Ideen noch einmal überdenken, und sich beſtreben, dieſelben ordnungsmäßig aneinander zu reihen *). Ja, H54 ) Ueberhaupt ist es auch selbst in Hinsicht auf diejenigen Kinder, welche erst mechanisch schreiben lernen, eine allgemeingültige Regel, daß man sie nie etwas anders schreiben lasse, als was ihnen wirklich nützlich ist, was sie entweder gelernt haben, oder noch lernen sollen. Denn wenn man zwo Absichten zu gleicher Zeit erreichen, wenn man für ihren Verstand und ihr Gedächtniß sorgen, und zu gleicher Zeit ihrer Hand zu einer immer größern Fertigkeit, Schriftzüge zu malen, verhelfen kann sollte man das nicht thun? — In unsern Gegenden ist es gebräuchlich, die Kinder zur Uebung wöchentlich das jedesmalige Sonntagsevangelium abschreiben zu lassen. Wozu das? Ich will nicht einmal daran erinnern, daß ihnen das unmöglich angenehm seyn könne, und daß man überhaupt keinen Gegenstand der Religion zu einem Mittel mechaniſcher Schreibübungen herabwürdigen duͤrfe. Ich will hier nur fragen: was für einen Zweck die Kinder darin finden können, daß sie nun gerade das Sonntagsevangelium abschreiben müssen? Sie werden n 488 Ja, solche schriftliche Aufsätze könnten sogar in wirkliche Tagebücher verwandelt werden, wenn ſie nicht nur dasjenige, was ſie gelernt hätten, sondern auch ihre anderweitigen Geſchäfte, die ſie verrichtet, Vergnügungen, die sie genossen, Geschichtsvorfälle, die sie erlebt, Erfahrungen, die sie gemacht, gute Handlungen, die sie ausgeübt, und sogar Fehltritte, die sie begangen hätten, kurz aufzeichneten. Und welche herrliche Folgen würden nicht solche werden dasselbe doch wohl nicht auswendig lernen sollen? Und wenn das nicht ist, wenn man nur die Absicht hat, sie mit der Geschichte oder der Wahrheit, die darin enthalten ist, bekannt zu machen; so muß dieses doch auch wohl auf eine ganz andere Art geschehen. Und dazu findet sich ja auch ohnehin Gelegenheit genug. Sollt es daher nicht auf alle Fälle besser seyn, sie kleine Abschnitte aus der Naturgeſchichte, der Geographie u. f. w., die sie ihrem Gedächtnisses einzuprägen bestimme sind, abschreiben zu lassen? Wäre das nicht angenehmer? Wäre es nicht Erleichterung des Lernens? Sähen sie dabei nicht einen gewissen Zweck ein? „L. C. A. Wigands Materialien zu Vorschriften / zum Dietiren und Vorlesen in deutschen Schulen (Halberstadt 1786 ꝛc. 5 Bändchen. 8.) könnten A. d. h. dabei ebenfalls benutzt werden. 489 che Tagebücher haben! Wie sehr würden die Kinder sich hüten, Fehltritte zu begehen! Wie sehr sich beeifern, durch Fleiß, durch Ordnung, durch gute Handlungen sich auszuzeichnen, um am Schlusse des Tages beim Riederschreiben sich mit Recht der Selbstzufriedenheit erfreuen zu können! Aber freilich wären diese herrliche Folgen bei der Privaterziehung eher erreichbar, weil der Lehrer da mehr Gelegenheit hätte, über die unpartheische Abfassung solcher Tagebücher zu wachen, und sowohl den Lügner, als den Heuchler und Ruhmsüchtigen in seiner wahren Gestalt darzustellen. Indessen könnte doch auch ein Schullehrer (vorausgesetzt, daß die Zahl seiner Lehrlinge nicht zu groß wäre) sich in dieser Rücksicht mit den Aeltern der Kinder vergleichen, so wie er denn überhaupt mit ihnen übereinstimmen muß, wenn sie sich nicht wechselseitig einander entgegenarbeiten wollen, und gemeinſchaftlich mit ihnen würde er alsdenn gewiß die nämlichen Vortheile bewirken. Nun aber würde er auch das Recht haben, schon etwas mehr von den Kindern zu fordern. Bisher war nur dasjenige, was sie gelernt, geHh5 490 gesehen, gehört ꝛc. hatten, von ihnen aufgezeichnet worden. Er könnte aber nun auch wohl ſchon eigne Gedanken von ihnen erwarten. Er könnte ihnen also anfangs ganz simple, und nach und nach immer schwerere Fragen vorlegen, und die Antwort darauf, so ausführlich als möglich, von ihnen darunter schreiben lassen. Dies würde ihren Verstand allmählig ans Selbstdenken gewöhnen, und eine sehr nützliche Vorübung zu andern schriftlichen Aufsätzen seyn, welche ebenfalls Selbstdenken erfordern. Unter diesen schriftlichen Aufsätzen würde ich nun zuerst diejenigen vorziehen, wobei sie ein wirkliches Interesse haben, das heißt, Briefe an Personen, die mit ihnen in Verbindung stehen, an ihre Aeltern, Geschwister und Freunde. Und der Gegenstand solcher Briefe müsten wirkliche spezielle Begebenheiten, z. B. eine Geburtstagsfeier, eine Hochzeit, ein Todesfall ꝛc. ſeyn. In dieſem Falle würde das Briefſchreiben ihnen nicht nur angenehmer; sondern auch wegen vieler ihnen bekannter Umſtaͤnde, die ſie dabei mit anführen und benutzen könnten, leichter ſeyn, als das Briefschrei 491 schreiben an erdichtete Personen über erdichtete Gegenſtände. Das letztere aber dürfte nachher doch auch nicht vernachläßigt werden. Denn mit Recht gab ehemals der lacedämonische König Agesilaus auf die Frage: was nach seiner Meinung die Kinder lernen ſollten? zur Antwort: Was sie, wenn sie erwachsen sind, thun müssen. Daher muß der Lehrer sie schon frühzeitig in allerlei Verhältnisse zu versetzen suchen, in welche sie bei reifern Jahren oft wirklich gerathen können *). Aus *) Hier sind nun folgende Schriften empfehlungswürdig: — „Berlinischer Briefsteller für das gemeine Leben. Zum Gebrauch für deutsche Schulen, und für jeden, der in der Briefstellerei Unterricht bedarf und verlangt. Zwote Auflage. Berlin 1784. 8.“ Die „Anweisung zum Briefschreiben und andern schriftlichen Aufsätzen 2c. 2te Aufl. Stuttgard 1789. 8.“ würde ebenfalls brauchbar seyn, wenn nur weniger Provincialiſmen darin enthalten wären. — Der „Briefwechsel einiger Kinder (von Rode) Dessau 1776. 8.“ ist zwischen Kindern von 8 bis 16 Jahren geführt, und nützlich und unterhaltend. — Eben so enthalten die „Vorübungen 492 Aus eben diesem Grunde ist es auch von auffallendem Nutzen, wenn er ihnen Anleitung giebt, Suppliken, Vollmachten, Quittungen, Schuldverſchreibungen, Aßignationen, Frachtbriefe und dergleichen abzufassen. Denn eine solche practische Kenntniß ist für jeden Lehrling in der Folge brauchbar. Ja, in Erfurt hielt mans sogar für gut, bei dem dasigen Rathsgymnasium einen Juristen als Lehrer mit anzustellen, der die Schüler in Abfassung der Kontracte, Testamente, Obligationen, und den dabei zu beobachtenden Cautelen, Clauseln 2c. unterweisen soll. Allein so nützlich es wäre, in vorkommenden Fällen auch wohl selbst die Stelle eines Notarius vertreten, oder doch wenigstens über Arbeiten von der in der Muttersprache, von J. H. M. Ernesti. Koburg 1768. 8.“ Eine Sammlung passender Aufsätze zur Bildung des guten Geſchmacks, nebſt Anweiſungen für den Lehrer; und die „Vorübungen zum Briefschreiben für die Jugend, zum Gebrauch in mittlern Schulen. Berlin u. Stettin 1789. 8.“ eine Sammlung musterhafter Briefe ohne Regeln und Anweisungen. Auch gehören dahin die „Deutschen Briefe zur Uebung junger Leute im A. d. H. Briefstil. Düsseld. 1790. 8.“ — 493 der Art ein genaues Urtheil fällen zu können, so wenig ließe sich doch diese Veranstaltung überall nachahmen. Auch ist die Kunst, Suppliken, Vollmachten, Quittungen u. s. w. zu verfertigen, in so fern nützlicher, als sie im gemeinen Leben öfter angewandt werden muß. Bei dem allen kann nun der Lehrer noch mehrere wichtige Regeln beobachten. Er kann 3. B. verschiedene Kinder über den nämlichen Gegenstand einen Brief, oder eine Supplik ꝛc. ſchreiben laſſen. Wie belehrend muß nun hernach die Vergleichung solcher Briefe ꝛc. seyn! Wie anſpornend für das Kind, welches den schlechtern, wie belohnend für dasjenige, welches den bessern lieferte! — Oder er kann ihnen die schnelle Abfassung eines Briefes 2c. zum Gesetze machen. In einer Viertelstunde muß er fertig seyn! Auch das ist, wie jeder einsieht, eine sehr nützliche Uebung. Wie oft ist Geschwindigkeit im gemeinen Leben unumgänglich nöthig! Hernach aber kann er ihnen auch zu demselbigen Briefe mehr Zeit lassen, damit sie nicht überall nur flüchtig zu schreiben geneigt werden. Es wird ihnen alsdenn leicht ſeyn, durch Vergleichung den verſchiedenen Werth 494 Werth jenes flüchtig, und dieſes bedachtſamer gefaßten Briefes einzusehen. Uebrigens versteht es sich von selbst, daß mit dem allen zugleich Unterricht in der Orthographie verbunden werden müsse. Der Lehrer muß die schriftlichen Arbeiten der Kinder immer auch in dieser Rücksicht untersuchen. Freilich darf er dabei die wahrgenommenen Fehler nicht allemal selbst verbessern. Dies würde oft nur die Trägheit und Unachtsamkeit stärken. Nur dann, wenn die Kinder sich selbst nicht helfen können, muß er ihnen zu Hülfe eilen. Sonst aber muß er z. B. die fehlerhaft geschriebenen Stellen nur unterstreichen, und ihnen anzeigen, daß sie hier Fehler aufzusuchen und zu verbessern hätten — oder er muß die Arbeit des einen Schülers dem andern zur Beurtheilung übergeben, und dadurch beide gleichsam eifrig machen, den andern über or thographiſchen Fehlern zu ergreifen. Auf die Art wird er natürlicher Weiſe ganz unvermerkt eine Fertigkeit in der Rechtschreibung erzwingen. In den Rochowischen Schulen wird die Orthogra⸗ 495 thographie gelehrt, indem falsch geschriebene Wörter und Redensarten an der Tafel den Kindern zur Berichtigung vorgezeigt werden. Und auch dies ist ein sehr sicheres Hülfsmittel dieſes Unterrichts. Das Fehlerhafte iſt immer auffallender, als das Gegentheil, und überdies werden auch dadurch die Kinder in eine Art von heilsamer Verlegenheit gesetzt, weil es nicht hinreichend ist, die Fehler bloß zu bemerken. Sie müssen auch den Grund derselben angeben, und sie alsdann wirklich verbessern. Eben dies gilt von solchen Vorschriften, die dem Genius und den Conſtructionsgeſetzen der Sprache zuwider sind. Sie sind gleichsam den Kindern fühlbar unrichtig, wenn sie gleich die Ursachen, warum sie unrichtig sind, nicht immer genau bestimmen können. Daher lassen auch diese sich sehr wohl zur Ausbildung und Bereicherung ihrer Sprachkenntniß gebrauchen. Nur wählt man in solchen Fällen lieber ganz trockne, als amäsante Beispiele, weil sonst die Kinder mehr auf die Sache als auf die Wörter reflektiren würden, da doch das letztere hier eben Zweck ist. Beispiele aber, die aus dem Gebiete der Moral und Religion herge⸗ 496 hergenommen sind, darf man durchaus nicht dazu wählen. Es ist überflüßig, die Gründe davon hinzuzusetzen *). Aber ) Unter der nämlichen Bedingung kann man sogar absichtlich falsche Urtheile, falsche Erklärungen und dergleichen beim Jugendunterricht nicht ohne Nutzen anwenden. Denn es ist psychologisch richtig, daß das Falsche und Sonderbare viel leichtet und sicherer wirke, als das Richtige und Gewöhnliche. Alle Menschen von gesunden Organen haben Gefühl für Disharmonie, obgleich nicht alle die Schönheit der Harmonie empfinden. Herrn Salzmanns Anweisung zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder (Erfurt 1788. 8.) ist ganz auf diesen Grundsatz gebaut. Giebt man also den Kindern zuweilen auch ein falsches Urtheil ꝛc. an, und läßt sie dann den Grund aufsuchen, warum es falsch sey; so wird dadurch offenbar ihr Verstand mehr angestrengt, ihre Erfindungskraft mehr in Thätigkeit gesetzt, als wenn man ihnen alles gera de so angiebt, wie es wirklich ist. Nur muß mans ihnen freilich auf die eine oder die andere Art merken lassen, daß es falsch sey, damit sie theils zur Aufmerksamkeit darauf geleitet, und theils auch abgehalten werden, die Sache als eine Neckerei zu betrachten. — Uebrigens haben auch verwickelte oder 497 Aber siehe da! Ich bin, ohne daß ichs bemerkt habe, weitläuftiger geworden, als ich seyn oder sonderbar scheinende Fragen in dieser Hinsicht großen Werth. Z. B. die Fragen: Warum scheint ein gerader Stab, wenn man ihn ins Wasser steckt, krumm zu seyn? Warum scheint eine Allee, wo alle Bäume gleich weit auseinander stehen, in der Ferne spitzig zuzulaufen? Warum sieht man einen viereckigten Pfeiler in der Entfernung für eine runde Säule an? Warum kommt einem Zuschauer das Meer oder irgend ein anderes Wasser, wenn es von Wellen empört ist, größer vor, als bei ruhiger Oberfläche? Warum sieht ein großes niedriges Zimmer größer, und ein kleines niedriges Zimmer kleiner aus, als es wirklich ist? Warum kommt uns jede Zeit, die wir mit Schlafen zugebracht haben, sie mag nun länger oder kürzer seyn, gleich lang vor? Warum ist einem Missethäter die Zeit zwiſchen ſeinem Urtheile und der Hinrichtung immer nur kurz? Warum scheint uns das Bild der Sonne größer, wenn sie am Horizonte steht, als wenn sie die Mittagshöhe hat? (S. Schütz Lehrbuch zur Bildung des Verſtandes und des Geschmacks Bd. I. S. 1 = 29.) Solche Fragener forvern freilich schon einiges Nachdenken, und mehre11. 498 seyn wollte. Es war eigentlich bloß meine Abſicht, Sie zur Verbannung des herrſchenden Propinzialdialects aus Ihrer Schule zu bewegen, und jetzt erst sehe ich, daß ich meist nur von der Art, wie die Schreibeübungen der Kinder anzustellen sind, geredet habe. Werden Sie mir diese Unordnung auch verzeihen, lieber Freund? Doch — eine Unordnung ist es wohl nicht. Wenigstens ist sie nur scheinbar. Denn — ich wiederhole es noch einmal — Sprache und Schrift stehen in unzertrennlichem Zuſammenhange, und wer im Briefschreiben ꝛc. unterrichten will, darf eine fehlervolle Sprache nicht für gleichgültig halten. re Vorkenntnisse. Allein sie sind denn doch auffallend, und gewissermaßen den Räthseln ähnlich. Daher beschäftigen sich auch die Kinder gern mit der Beantwortung derselben, und durch die Antwort wird alsdenn der Grundsatz aus der Physik, der Pſochologie u. ſ. w., worauf die Frage ſich bezoſt in ihrer Seele um so viel unauslöschbarer. — S. auch Heyne des jüngern Beantwortung der Frage: Welches sind die besten Mittel, den kranken Verstand eines Kindes zu heilen? — Eine gekrönte Preisschrift mit einer Zugabe von R. Z. BeckerA. d. H. Leipzig 1785. 8. 499 ten. Ein neuer Beweis für die Wahrheit, daß eine kleine Nachläßigkeit des Erziehers, oft ohne daß er es ahndet, sehr wichtige, ihm selbst sehr unangenehme, geheime Folgen haben könne. 2c. 2c. Sieben 312 500 Sieben und zwanzigster Brief. ** An Herrn Schullehrer Schon vorlängst, lieber Freund, habe ich in einem Briefe an Sie den Zweck des Schulamts zu bestimmen gesucht *). Ich erinnere mich auch, Ihnen in Hinsicht auf den ersten Theil dieſes Zwecks, welcher auf die Bildung des Verſtandes der Kinder gieng, ſchon mehrere Regeln angegeben zu haben **). Aber eben jetzt ist mirs eingefallen, daß ich auch von dem andern Theil dieſes Zwecks, nämlich von der Bildung ihres Herzens, wozu ich denn auch die Bildung ihres äussern Betragens ziehe, Ihnen noch einiges sagen könnte. Nur vermuthe ich, Sie werden selbst darüber schon nachgedacht, und den Reſultaten Ihres Nachdenkens gemäß auch wohl schon heilsame Einrichtungen getroffen haben. Denn ein Mann, wie Sie, läßt sich freilich nicht immer vordenken, und eben so wenig bedarf es bei ihm immer eines Stoßes zu *) S. den zweeten Brief. H. I. S. 13 2c. 27 sc. **) S. den siebenten Brief. H. I. S. 105 2c. 501 zu nützlichen Veranstaltungen. Er folgt nicht immer andern, sondern geht auch wohl seinen eigenen Gang. Dem ſey indeſſen, wie ihm wolle — es ſoll mich nicht abhalten, Ihnen ein halbes Stündchen aufzuopfern. Vielleicht mache ich Ihnen dadurch doch wenigstens die FreuWege zu finden, de, mich auf demselbigen den Sie schon betreten haben. Das Herz der Kinder bilden, heißt wohl nichts anders, als: ihnen gute practische Grunsätze einflössen, und diesen Grundsätzen eine solche Festigkeit geben, daß die Kinder ihnen gemäß handeln, auch ohne daß sie sich derselben jedesmal bewußt werden dürfen. Schon aus dieser bloßen Erklärung des Ausdrucks wird es offenbar, von welcher Wichtigkeit die Bildung des Herzens sey *). Bildung des Verstandes geht freilich geDi. wisJi3 1) S. Mart. Ehlers Antrittsrede von der Nothwendigkeit, bei dem Erziehungsgeschäft vorzüglich auf die Bildung des Herzens zu ſehen. In deſſen Sammlung kleiner das Schul⸗ und Erziehungswesen betreffender Schriften. N. 11. (Flensburg A. d. H. 1776. s.) 502 wiſſermaßen vor, weil der Menſch erſt Begriffe vom Guten haben muß, ehe er gut handeln lernen soll *). Allein die Erfahrung, nach welcher es so viele lasterhafte Gelehrte giebt, beweiset denn doch auch auf der andern Seite, daß nicht alles auf die bloßen Begriffe vom Guten ankomme. Die wirkliche Anwendung derselben aufs tägliche Leben ist die Haupsache, und nur die Voraussetzung, daß Neigung zu dieser Anwendung vorhanden sey, berechtigt uns, von einem gebildeten Herzen zu reden. Soll nun alſo eine Neigung von der Art in den Kindern bewirkt werden; so versteht es sich auch von selbst, daß der Lehrer es nie bei moralischen Vorschriften oder Schilderungen bewenden lassen dürfe. Er muß vielmehr immer auch auf die Ausübung dringen. Und dazu kann er selbst in der Schule manche Veranstaltung machen. So stehen z. B. die Kinder auch schon in der Schule in einer solchen Verbindung untereinander, daß das eine oft der Dienstfertigkeit *) S. die „kurzgefaßten Gedanken über die Bildung des Herzens, ob sie ohne Bildung des Verstandes möglich sey 2c. von J. G. Scheller. Breslau 1785. A. d. H. 503 tigkeit des andern bedarf. Wenn er also die Pflicht der Dienstfertigkeit einschärft; so wird es ihm auch nicht schwer fallen, hie oder da ein Kind in eine solche Lage zu versetzen, wo es einen thätigen Beweis davon geben kann, ob es diese Pflicht auch wirklich auszuüben gesonnen sey, oder nicht, und im letztern Falle wird er dann auch immer zeigen können, wie wenig Werth das bloße Wissen habe, wenn es nicht mit dem Thun verbunden ist. Auf diese Weise gewöhnt er die Kinder schon im Kleinen allmählich an die Anwendung practischer Grundsätze aufs tägliche Leben, und eine solche Gewöhnung bringt, wie bekannt, auch immer Neigung hervor. Um ihnen nun aber solche practische Grundsätze auch stets gegenwärtig zu erhalten, ist es sehr dienlich, dieselben in kurze Denksprüche, welche leicht im Gedächtniß aufbewahrt werden können, einzukleiden *). Denn man weiß es ja, wie gern besonders der gemeine Mann dergleichen sprüchwörtliche Redensarten im Munde 314 1) S. hier J. B. Basedows neues Werkzeug zur Aufklärung der Schulen durch Lehrer des Mittelstandes. A. d. H. Lapz. 1786. 8. 504 de führt, und wie oft jemand, der vielleicht auf einem andern Wege von der Unrechtmäßigkeit einer Handlung nicht einmal zu überzeugen ist, durch ein einziges Sprüchwort überzeugt, und zum Schweigen gebracht werden kann. Es würde also gewiß sehr viel zur Bildung des Herzens beitragen, wenn der Lehrer sich bemühte, solche Denksprüche als über allen Zweifel erhobene Folgeſätze aus ꝺeutlichen moralischen Begriffen in den Seelen seiner Zöglinge zu befestigen, und sie bei jeder Gelegenheit daran erinnerte, ihr Betragen einmal nach solchen Denksprüchen abzumessen und zu beurtheilen. Indessen ist doch auch dies noch nicht genug. Er muß ihnen nicht bloß ſagen, daß man gut handeln müsse. Er muß vielmehr so, wie er überhaupt von jedem Dinge den Nutzen und Gebrauch anzugeben hat, auch jedesmal zeigen, warum und wie man gut handeln müsse. Es ist es sehr leicht gesagt: Man muß die Tugend lieben um ihrer eigenen Liebenswürdig keit willen. Es läßt sich auch eine Weile schön dar 505 darüber declamiren. Ein Schwärmer kann auch wohl glauben, er sey wirklich schon auf dieſem Wege. Allein mir deucht denn doch, diese Heldengröße werde man, wenn man die kühle Vernunft darüber nachdenken läßt, bei jedem gewöhnlichen Menschen unerreichbar finden. Wie viel mehr bei Kindern? Wenn sie nicht wissen, warum sie gut handeln sollen, was das für einen Einfluß auf ihre Ruhe und Glückſeligkeit, und auf die Ruhe und Glückſeligkeit anderer Menschen habe; so werden sie die Handlung entweder gar nicht, oder doch ohne alle Grundsätze, ohne alle Absichten ausüben, und nie wird sie ihnen zu einer Fertigkeit werden. Und Tugend ist doch nichts anders, als eine Fertigkeit, gut zu handeln, und zwar mit Absicht, nach Grundsätzen gut zu handeln *). Daß man sie dabei vor Lohnsucht Ji5 1) Wozu ist das nutzbar? muß überhaupt bei jedem Gegenstande die erste Frage seyn. Denn diese Frage ist an den Verstand gerichtet. Die Schönheit eines Gegenstandes bezieht sich nur auf die Empfindung. Und der Verstand muß schon frühzeitig über die Empfindung möglichst erhoben werden. A. d. H. 506 sucht bewahren, daß man ihnen zeigen müsse, unrechtmäßige Absichten machen eine gute Handlung höchstens nur zu einer nützlichen Handlung, aber rauben ihr in Hinsicht auf uns selbst allen moralischen Werth — dies wird nicht geleugnet. Aber dadurch wird man denn doch nicht verhindert, ihren Blick auch auf die nothwendigen guten Folgen einer guten Handlung zu lenken, und sie dadurch um desto mehr zur Ausübung derselben zu reizen. Eben so kommt auch viel darauf an, wie wir eine gute Handlung ausüben; und dieses Wie bezieht sich theils auf die Mittel, die wir zur Ausübung derselben anwenden, theils auf die Art, mit der wir von diesen Mitteln Gebrauch machen. Durch sorgfältige Unterweisung über diesen Punct kann der Lehrer wirklich manches Uebel verhüten, und den Werth mancher edlen That erhöhen. Oft genug erlebt mans, daß Menſchen in blindem Vertrauen auf ihre gute Absicht höchstthöricht handeln, und durch eine unbesonnene Wahl der Mittel entweder ihrem eignen oder fremdem Glück nachtheilig werden, und noch öfter, daß sie durch ihr ganzes Benehmen, z. B. durch die mürri 507 mürrische Miene, womit sie einen Dürftigen unterstützen, den wohlthätigen Eindruck guter Handlungen auf andere Menschen schwächen, oder wohl gar ihr Herz entadeln. Bemerkungen dieser Art müssen also immer die moralischen Vorschriften des Lehrers begleiten. Daß dabei Erzählungen von einzelnen guten Handlungen mit detaillirter Anzeige der Absichten, die der Handelnde dabei gehabt, der Folgen, die sie nach sich gezogen, der Mittel, deren er sich bedient habe ꝛc. vorzüglich benutzt werden können und müssen — dies ist von selbst einleuchtend. Der Lehrer kann auf die Art den eigentlichen Werth solcher Handlungen genau entwickeln — oder auch die Zöglinge selbst ein Urtheil darüber fällen lassen. — Auch kann er ihnen zuweilen — nur geschehe es nicht gar zu oft, damit nicht der Grund zu menschenfeindlichen Gesinnungen in ihre Herzen gelegt werde — auffallend böse Handlungen erzählen. Auffallend, sage ich. Denn Handlungen, die sich mit einem glänzenden Firniß überstreichen lassen, dürfen ihnen nicht erzählt werden, besonders dann nicht, wenn sie noch keine feſte moraliſche Grundſätze haben. Er mache ihnen also 5⁰⁸ also allemal die Schande, welche mit solchen, Handlungen verbunden ist, und die traurigen Folgen, welche daraus herfliessen, gleichsam. sichtbar, und lasse dann endlich aus jedem Factum, aus jeder Erzählung von einigen seiner Lehrlinge eine Moral hervorziehen. Diese Moral sey aber bei Verschiedenen, das heißt, diejenige Lebensregeln, welche ein Kind schon aus dem einen oder dem andern Puncte der Erzählung hergeleitet hat, werde nun nach porhergegangener Erläuterung bei Seite geschoben, so, daß ein anderes Kind auch schon wieder eine andere Lebensregel (welche nach meinen vorigen Aeusserungen immer am besten die Form eines Denkspruchs hat) aus der Erzählung herleiten muß! Dadurch wird nicht nur ihr Verstand geschärft, sondern sie erhalten dadurch auch Anleitung, alles, was sie hören oder lesen, gehörig zu benutzen, und auf sich selbst anzuwenden. Will er ſie auf eine vorzüglich gute Handlung, welche sich rührend erzählen läßt, oder in irgend einem Buche rührend dargestellt wird, recht aufmerksam machen; so kann er dabei verschiedene Kunstgriffe gebrauchen. Er kündigt 509 digt etwa diese Erzählung als eine Belohnung ihres Fleißes und ihres guten Betragens an, oder indem er das Buch zur Hand nimmt, legt ers auch gleich wieder bei Seite, mit der Erinnerung, daß sie es jetzt noch nicht sonderlich verdienten, eine so schöne Erzählung mit anzuhören, und was dergleichen Kunstgriffe mehr sind. Wie werden sie nicht aber dabei sich anstrengen! Und wie werden sie nicht nachher horchen auf diese Erzählung! Ausserdem aber würde es auch sehr nützlich seyn, wenn der Lehrer es sich zur Pflicht machte, bei jeder Gelegenheit sich nach dem Betragen seiner Zöglinge ausser der Schule zu erkundigen, und die einzelnen guten Handlungen, die er alsdann von ihnen in Erfahrung brächte, hernach in der Schule unter fingirten Namen zu erzählen. Er könnte dabei die innere Zufriedenheit, welche nothwendig auf eine solche gute Handlung erfolgen muste, recht lebhaft vorstellen. Er könnte den Menschen, der eine solche Handlungsart sich zur Gewohnheit gemacht hätte, als einen der edelsten und glücklichsten schildern. Und ich bin überzeugt, daß eine solche Erzählung auf das Kind, welches sich getrof⸗ 510 getroffen fühlte, einen ungemein starken Eindruck machen würde. Es würde sie gewiß in der Stille für den schönsten Lohn seiner Handlung erklären, und dadurch aufgemuntert werden, sich in der Folge noch immer mehr um diesen Lohn zu bewerben. Nur müste erstlich die Erzählung ganz wahr, und auf keine Weise übertrieben oder vergrößert seyn. Es müsten auch diejenigen Umstände nicht verschwiegen werden, wodurch die Handlung mehr oder weniger an innerm Werthe verlor. Und zum andern müste sie auch ganz allgemein seyn. Es müste die Person des Kindes auf keine Art dabei bezeichnet werden, damit die Bescheidenheit desselben nicht in Stolz ausarten könnte, ſondern es immer noch die Frage bliebe, ob der Lehrer durch ſeine Erzaͤhlung auf die gute Handlung desselben absichtlich hingezielt habe, oder nicht. Wollt' es aber deſſen ungeachtet auf diese Veranlassung unter seinen Mitschülern und Mitschülerinnen nachher seinen Ruhm verkündigen; so würde der Lehrer bald darauf durch eine eben so allgemeine Erzählung dieser Pharisäerei das Kind schon hinlänglich bestrafen und zurechtweiſen können. Daraus 511 Daraus also sehen Sie, lieber Freund daß ich die Beobachtung derſelbigen Regel auch in Rücksicht auf böse, von irgend einem Kinde verübte Handlungen empfehle. Denn überhaupt gilt es ſowohl bei der Anleitung zu einem rechtschaffnen Leben, als bei dem Unterricht in den Wissenschaften: Wenn das eine Kind etwas lernen soll, muß mans zuweilen nur andere Kinder zu lehren scheinen. Es ist hier nicht immer gut, den geraden Weg zu gehen. Man muß oft auch indirect verfahren, und zwar aus dem ganz natürlichen Grunde, weil man bei einem Kinde, welches man unaufhörlich geradezu hofmeistert, einen übermäßigen Grad entweder von Dummheit oder von Bosheit vorauszusetzen scheint, und weil man im Gegentheildadurch, daß man ſich zuweilen auch das Anſehen giebt, andern Kindern zu ſagen, was es doch zunächst sich selbst zu Nutze machen soll, ihm nicht nur eben so wohl seine Schwäche zeigt, sondern ihm sogar noch unvermerkt schmeichelt, und es mithin um desto mehr reizt, insgeheim den im Allgemeinen getadelten Fehler zu verbessern. Nur bei solchen Kindern, deren Geist einen herrschenden Mangel an Aufmerksamkeit hat, und deren Herz schon zu 512 zu einer merklich tiefen Stuffe von Verwilderung hinabgesunken ist, findet man es unumgänglich nöthig, immer geradezu zu sagen: Mit dir rede ich! Auf dich ziele ich! Ich wünſchte daher auch, daß monatliche Zeugnisse von den Kindern, (sowohl von Seiten ihrer Aeltern als von Seiten des Lehrers) durchgängig eingeführt seyn möchten. Die Aeltern müsten dem Lehrer zu Anfange jedes Monats entweder schriftlich, oder (wenn dieses überall nicht wohl möglich wäre) mündlich eine unpartheiische, sich auch auf einzelne wichtige Umstände einlassende Nachricht von dem häuslichen Fleiße und der Aufführung ihrer Kinder in dem verflossenen Monate geben, und dagegen müste der Lehrer ihnen ebenfalls entweder schriftlich oder mündlich die Bemerkungen, die er selbst über ihre Kinder gemacht hätte, bald kurz, bald etwas ausführlicher mittheilen. Auf die Art entstände eine gemeinschaftliche Wirksamkeit zum Besten der Kinder sowohl in als ausser der Schule. Die Aeltern würden den Lehrer, und der Lehrer die Aeltern in den Bemühungen, gewisse Fehler der Kinder auszurotten, unterstützen können, und die Kinder 513 Kinder selbst würden nirgends vor den Beobachtern dieser Fehler sicher seyn, ### . Dabei aber müste nun der Lehrer seine Aufsicht über die Zöglinge, so viel als möglich, auch auf ihre Sitten, auf ihre Höflichkeit oder Unhöflichkeit im äusserlichen Betragen erstrecken. An dieser Aufsicht fehlt es noch immer in den mehresten Schulen. Daher trifft man auch überall, besonders unter der Landjugend, noch so viel rohes ungeschliffenes Wesen an. Wo anders aber können die meisten Kinder auch in dieser Rücksicht aus dem Groben herausgearbeitet werden; als in den Schulen? Ich leugne nicht, daß der Modegeist unsers Zeitalters im Ganzen genommen eine tadelswürdige Schwachheit sey. Allein gute Sitten, von denen ich hier rede, sind von der übermäsſigen Feinheit der Sitten, die der Modegeiſt verlangt, noch ziemlich weit entfernt. Durch die letztere wird oft das natürliche Gefühl des Herzens eingeengt, aber Güte der Sitten iſt ein Ausfluß des natürlichen Herzensgefühls. Ein Menſch, der ſich ſtets ein ehrerbietiges. oder freundliches Betragen zur Pflicht macht; K.k. 514 der ohne Ansehen der Person durch zuvorkommende Gefälligkeit, oder durch liebreiche Nachsicht mit einzelnen Schwachheiten seiner Mitmenschen ein aufrichtiges Wohlwollen gegen sie verräth; der sich in die Denkungsart und Handlungsart derſelben aus dem Grunde einzuschmiegen, und, wie Paulus, deswegen allen alles zu werden sucht, um ihnen um desto nutzbarer zu seyn — ein solcher Mensch hat, meiner Meinung nach, gute Sitten. Und daher werden Sie es auch leicht einsehen, beſter Freund! wie ich zu Anfange meines Briefes die Bildung des äussern Betragens zur Bildung des Herzens ziehen konnte. Der Lehrer also muß vor allen Dingen seine Zöglinge von dem Werthe jedes Menschen und von der Verbindlichkeit zu einem allgemeinen Wohlwollen unterrichten. Er muß es ihnen ferner sagen, daß es auch schon die Klugheit erfordere, sich einigermaßen nach denen zu bequemen, unter denen man wirken will, und daß man, wie Moliere sich ausdrückte, oft dadurch, daß man seine Vernunft nicht braucht, zeigen müsse, daß man Vernunft habe. Er muß es ihnen sagen, daß ein grober, 515 ber, unhöflicher Mensch von andern gemieden werde, weil er ihnen widerlich ist, oder weil er dadurch, daß er sich nicht nach ihnen richtet, zu verstehen giebt, daß er sie insgeheim verlache oder verabscheue — daß er daher selten oder niemals den Weg zu ihrem Herzen finden, daß er ſeinen eignen Abſichten, wären ſie auch noch so gut, Hindernisse in den Weg legen, und ſich ſelbſt und andere nicht halb ſo gluͤcklich machen werde, als wenn er sich eine gewisse natürliche Artigkeit und Allgefälligkeit zu eigen gemacht hätte. Diese Gründe muß der Lehrer seinen Zöglingen oft wiederholen. Denn auf die Art lehrt er ſie den Werth eines geſitteten Betragens genau würdigen, und die wahre Ehre nicht etwan in der äussern Höflichkeit an sich selbst, sondern vielmehr in der Größe der Seele und in der Güte des Herzens suchen, welche sich oft auch durch diese äussere Höflichkeit ankündigen. Er giebt es ihnen zu erkennen, daß nicht die auswendiggelernten Formeln der Sittlichkeit im geselligen Leben, sondern die geselligen Neigungen selbst es sind, die uns liebenswürdig machen. Er bewahrt sie Kko 516 sie also zugleich vor dem tückischen Sinne so vieler Menschen, die bloß fein und höflich, aber nicht wirklich gefällig und freundlich sind, und vor der Thorheit anderer, bei denen jeder Bösewicht sich einschmeicheln kann, wenn er nur eine schöne Larve trägt, und welche ohne diese Larve weder Weisheit noch Tugend=hoch1 schätzen *). 2.25 Es wird Ihnen aber daraus auch einleuchtend, lieber Freund! daß ich den Schullehrer nicht zum Tanzmeister erniedrigen will. Er soll nicht in bestimmten Stunden seinen Zöglingen Anweisung geben, wie sie eine modische Haltung des Körpers und erkünstelte Verbeugungen sich angewöhnen können. Er soll nur so nebenbei den rohen, bäurischen Anstrich, den sie meist mit in die Schule bringen, weg zuwischen, und sie zu einem freimüthigen und natürlichen Anstande zu bilden suchen. Kann er selbst ihnen darin kein Beispiel geben; so ist das M. s. hier die Abhandlung: „Ueber die äusserliche Sittlichkeit der Kinder von Villaume“ im 10ten Theile der allgem. Revision des Schul= und ErzieA. d. H. hungswesens.=S. 571 2c. 517 das freilich schlimm. Allein hat er andere wesentliche Vorzüge; so wird ihn das Geständniß, daß er hierin in seiner Jugend vernachläßigt worden sey, nach meinen vorigen Aeusserungen gewiß nicht verkleinern. Es wird ihn vielmehr, weil man denn doch auch ohne eignen vorzüglichen Anstand fremden Anstand beurtheilen, und in den hauptsächlichsten Stücken verbessern kann, seinen Zöglingen um so viel theurer machen, und sie um so viel mehr zum Dank für die freundliche Sorgsamkeit reizen, womit er doch noch über sie, so viel als möglich, wacht *). Also Kk 3 *) Weil ein gesittetes Betragen meist nur durch Umgang erlernt werden kann; so lassen sich allerdings schon in der Schule, wo die Kinder ebenfalls Umgang untereinander haben, kleine Voranstalten dazu treffen, und ausserdem kann auch der Lehrer in dieser Rücksicht manche wichtige Regel aus dem Werke des Freiherrn von Knigge über den Umgang mit Menschen (2te Aufl. Hannover 1790. 3 Bände. 8.) in seinen Unterricht verweben. Allein die Hauptsache wird doch immer ausser der Schule von Erwachsenen gelernt. Daher müssen die täglichen Gesellschafter der Kinder von den Aeltern auch in dieser Absicht beobachtet werden. A. d. H. 518 Alſo noch einmal! Die Bildung des Herzens muß der Bildung zur äussern Sittlichkeit schlechterdings vorangehen. Die letztere muß sich auf die erstere gründen. Denn ist das Herz gebildet; so wird der Verstand von selbst geneigt, die Mittel aufzusuchen, wodurch das gute Herz sich äussern kann *). Nicht *) S. Ueber die Sorge für den Wohlstand in den lateinischen Schulen von A. H. Strothmann. Flensburg u. Leipzig 1779. 8. — K. T. Thieine über den sittlichen Ton in öffentlichen Schulen. Leipz. 1789. gr. 8. — Regeln der feinen Lebensart und Weitkenntniß zum Unterricht für die Jugend. A. d. Engl. von C. P. Moritz. Berlin 1784.8. — Lehren der Höflichkeit, des Wohlſtandes und der Geſundheit von J. H. M. Ernesti. Koburg 1788. 8. Complimentirbüchlein zum Gebrauch geſitteter Buͤrger und Landleute von einem Freunde beider Stände. (J. P. Doit.) Nürnberg 1789. 8. — Regeln für junge Leute von gesittetem Stande bei ihrem Eintritt in die Welt von F. G. Reſewitz. Berlin 1785. 8. — Theophron, oder der erfahrne Rathgeber für die unerfahrne Jugend von J. H. Campe. Braunschweig 1788. 8. — Klugheitslehren für junge Leute, welche im Begriff stehen, in die Welt zu treten. Aus des Grafen von Chesterfields Briesen 5¹⁹ Nicht wahr, mein Freund? Sie sind darin mit mir einstimmig? Nun! So werden Sie gewiß darnach auch Ihre Maaßregeln nehmen, oder — schon genommen haben. Leben Sie denn ferner froh und nützlich! ꝛc. sen an seinen Sohn in einen zweckmäßigen Auszu gebracht von Campe. Braunschw. 1790. 8. A. d. H. . K### . . . . Kr4 Acht 520 Acht und zwanzigſter Brief. *** An Herrn Schullehrer M. Ich habe mich schon zweimal über Ihre gar zu große Gefälligkeit gegen Ihre Lehrlinge beklagt *). Wundern Sie sich nicht, lieber Freund, wenn ich auch in meinem dritten Briefe an Sie diese Klage wiederhole! Gewohnheit, sagt ein altes Sprüchwort, ist die andere Natur, und die Natur, ſagt ein alter Dichter, wenn man sie auch mit den fürchterlichsten Instrumenten zu vertreiben suchte, wird doch bald wieder zurückkehren, um uns von neuem zu beherrschen. Meine Briefe aber waren nicht einmal solche fürchterliche Instrumente. Ich kann daher auch in dieser Rücksicht eben nicht unwillig über Sie ſeyn, wenn Ihnen gleich noch manches ankleben mag, was ich für fehlerhaft halte. Allein ich bin nun einmal so. Nicht leicht lasse ich mich zurückschrecken, sollte auch der Erfolg meiner Unterneh) M. s. den sechsten Brief. H. 1. S. 95 2c. und den vierzehnten Brief. H. I. S. 204 rc. 521 nehmungen nicht sogleich meinen Wünschen entsprechen. Und zumal in Hinsicht auf Sie habe noch immer keinen hinreichenden Grund, an dem guten Erfolge derselben ganz und gar zu zweifeln. Daher also mein dritter Brief! Sie haben schon einigemal mit Ihren Lehrlingen ein öffentliches Examen angeſtellt. Sie haben auch wirklich dabei ſchon vielen Beifall eingeerndtet. Die Kinder antworteten Ihnen mit bewunderungswürdiger Fertigkeit. Allein es war, als wenn ichs geahndet hätte. Ich erkundigte mich nach der Art, wie Sie dieselben zum Examen vorbereiteten, und erfuhr nun gerade das, was ich schon vorher gedacht hatte — daß Sie nemlich allemal fünf bis sechs Wochen vor dieser Feierlichkeit sich einzig und allein mit den speziellen Materien, worüber alsdenn gefragt werden soll, beschäftigen, und die Fragen darüber so lange wiederholen, bis die Antworten den Kindern geläufig worden sind. Freilich muß das Ihren Zöglingen lieb seyn. Aber nehmen Sie mirs nicht übel, mein Freund! Ein solches Examen ist doch auch nur Kk 5 522 nur — Blendwerk. Denn erstlich ists auf die Art ja nichts anders, als eine Prüfung der Stärke oder Schwäche ihres Gedächtnisses und nicht Prüfung ihres Verstandes, ihrer Einsichten und Geschicklichkeiten. Und hier gilt alſo auch oft eben das, was Herr Gedike in ſeiner Schulſchrift über die Gedächtnißübungen sagt, daß gerade der am wenigsten zum Denken geschaffene Kopf am besten dabei bestehe. Zum andern aber ist es offenbar, daß dabei die Kinder in der ganzen übrigen Zeit, welche zwischen dem einen und dem andern Examen dahinfließt, sich der höchsten Trägheit und Nachläßigkeit ergeben haben, und dennoch, wenn sie nur jene fünf bis sechs Wochen hindurch sich etwas mehr anstrengten, Lob erwarten können. Sie sind vielleicht in wahrer, deutlicher Erkenntniß eben so wenig, als in der Neigung zum Fleiß und zur Ordnung auch nur einen Schritt weiter gekommen, fangen vielleicht auch gleich nach jener Feierlichkeit wieder an, sich durch ihren vorigen Leichtsinn auszuzeichnen, und bei dem allen ist ihnen doch immer noch der Weg nicht abgeschnitten, öffentlich sowohl als einsichtsvolle, denn als fleißige und ordnungsliebende Schüler zu erscheinen. Und stimmt 52 stimmt dieses wohl mit der wahren Absicht eines Examens überein? ### Einrichtung 172 Eben so wenig will es mir einleuchten, daß die öffentlichen Redeübungen, welche mit dem Examen verbunden zu werden pflegen, von allgemeinem Nutzen ſeyn ſollen. Von allgemeinem Nutzen, ſage ich. Denn das will ich nicht leugnen, daß für diejenigen, welche in Zukunft öffentlich zu reden bestimmt sind, eine solche vorläufige Uebung nicht ganz zwecklos sey; und in einem Staate, wie z. B. der Englische ist, wo jemand leicht in solche Verhältnisse gerathen kann, daß er vor dem Parlamente sprechen muß, läßt sich vielleicht auch die durchgängige Einführung solcher Redeübungen vertheidigen. Aber wozu dient es hier in unsern Gegenden, wenn man selbst künftige Fabrikanten, Künstler und Kaufleute vor der versammelten Menge hervortreten, und ſie eine auswendiggelernte Rede von fremder Arbeit halten läßt? Wird dadurch nicht mancher kleine eingebildete Thor veranlaßt? Wenn er ein gutes Gedaͤchtniß, und eine freie Stirne hat; so erndtet er Beifall ein, und kommt wohl gar dadurch auf den Gedanken, daß er zu 524 zu einem geistlichen Redner geboren sey, so hirnlos auch übrigens sein Kopf immer seyn mag. Und der stille Denker unter den Jünglingen, der seine Nebenstunden zu Hause edel benutzte, aber vielleicht auch durch Mangel des Umgangs eine gewisse Schüchternheit bekam, wird oft gerade bei dieser Gelegenheit durch einen verunglückten Versuch niedergeschlagen, und zu einem größern oder geringern Mißtrauen in seine Kräfte verleitet. Jener triumphirt, und dieser wird ausgelacht. Ausserdem läßt sich ja die Freimüthigkeit, die man durch solche öffentliche Redeübungen hervorzubringen glaubt, und die jedem Lehrlinge auch ohne Rücksicht auf seinen künftigen Stand nicht unnütz ist, viel besser auf andern Wegen bewirken. Denn die Erfahrung zeigt, daß oft eben diejenigen, welche öffentlich am freimüthigsten waren, in kleinern Gesellschaften am furchtsamsten sind, und aus Furchtsamkeit eine Wohlstandsregel nach der andern übertreten. Denken Sie nicht, lieber Freund! daß ich nun dadurch jedes öffentliche Examen geradezu verworfen hätte. Nein! Ich wünschte nur eine 525 eine bessere Einrichtung desselben, als sie bisher in unsern Gegenden gewesen ist. Und da scheints mir zuerst, als wenn eine halbjährige Prüfung nicht ganz hinreichend wäre. Auch ein Vierteljahr ist schon ein merklicher Abschnitt der Jugendzeit, und der Verlust desselben ein wichtiger Verlust. Daher wäre es gewiß auch sehr vortheilhaft, wenn die Kinder wenigstens alle Vierteljahr neuen Antrieb zum Fleiß und zu guter Aufführung erhielten. Aber wie nun? So oft könnte wohl schwerlich ein öffentliches Examen gehalten werden. Dies wäre auch nicht einmal rathsam, weil dadurch die Feierlichkeit desselben vieles verlieren würde. Es müste also allemal ein Vierteljahr vor dem halbjährigen öffentlichen Examen ein Privatexamen angestellt werden, wobei nur die Prediger des Orts, die Schulaufseher, einige Magistratspersonen und die Aeltern der Schulkinder zugegen seyn dürften. Der Lehrer müste dabei, so wie bei dem öffentlichen Examen, von seinen bisherigen Bemühungen Rechenschaft geben, und an zeigen, was er mit seinen Zöglingen behandelt habe, und wie weit er darin mit ihnen gekommen 526 men sey. Und dann müste jeder unter den Anweſenden das Recht haben, | ſie in den angezeigten Sprachen, Künſten, Wiſſenſchaften, in der Religion u. s. w. entweder selbst zu examiniren, oder zu bestimmen, worüber der Lehrer sie examiniren sollte, oder auch wohl zur Prüfung ihres Verstandes ihnen einige andere Fragen vorzulegen. Fände sich nun hie oder da ein Kind, welches wenig oder gar nichts zu antworten wüste; so würde der Grund davon untersucht. Wäre der Grund davon nur Schuͤchternheit; so bemuͤhte man sich, es aufzumuntern, oder man ließe ihm Zeit, sich zu erholen *). Wäre der Grund davon Trägheit und Mangel an Aufmerksamkeit; so würden ihm liebreiche Ermahnungen gegeben, sich in der Folge mehr zu befleißigen, weil davon seine eigene Glückseligkeit abhänge, und jeder in der Gesellschaft diese Glückseligkeit gern befördern möch*) Ueberhaupt müssen selbst unrichtige Antworten eines Kindes nicht immer geradezu verworfen werden. Man muß es vielmehr alsdenn meist durch Nebenfragen auf die richtigere Antwort zu leiten ſuchen, weil es ſonſt ſchüchtern wird, und ſich hernach vielleicht gar nicht mehr getraut, zu antA. d. H. worten. 527 möchte. Wäre der Grund davon Nachläßigkeit im Schulbeſuch; ſo würden die Aeltern darum befragt, und, im Fall die Schuld auf sie zurückfiele, von den Vorgesetzten zurechtgewiesen, an ihre Pflicht und an das Wohl ihres Kindes erinnert. Das letztere — die Nachläßigkeit im Schulbesuch — könnte der Lehrer aus seinem Tagebuche ersehen. Denn in diesem Tagebuche wären die Namen sämmtlicher Schüler aufgezeichnet, und zwar in der Ordnung, in welcher sie am Tische sitzen. Jeder Tisch in der Schule wäre daher auch numerirt, und jeder Schüler hätte diejenige Nummer vor sich, die in dem Tagebuche vor seinem Namen bemerkt wäre. Zu Anfange der Schulstunde könnte nun also der Lehrer sogleich finden, welcher abwesend sey oder nicht. Er dürfte nur die Nummer des unbesetzten Platzes in seinem Tagebuche nachsuchen, und dabei würde nun ein Zeichen gemacht*). Auf die Art könnte er nachher beim Privat⁸) So ist es auch nicht nöthig, alle Schüler, wie es in Wien und an andern Orten geschieht, zu Anfange der Schulstunde nach Soldatenmaister aufzurufen. 528 Privatexamen genau bestimmen, wie oft der eine oder der andere in der Schule gefehlt habe. Ueberdies aber würde es ihm leicht möglich seyn, durch andere bei dem Namen jedes einzelnen Schulkindes im Tagebuche angebrachte Zeichen, welche auf den Fleiß, das Betragen, die Fortschritte und Fähigkeiten desselben hindeuteten, sich in den Stand zu ſetzen, bei Gelegenheit des Privatexamens alle seine Zöglinge in Gegenwart der Aeltern und Vorgesetzten bestimmt characterisiren zu können. Und dies würde schon wieder Veranlassung zu vielen nützlichen Lehren und Erinnerungen geben. Herr Büsching führte auf die Art am Gymnasio zum grauen Kloster in Berlin eine öffentliche Censur ein, und zählte in seinen Programmen allemal die bösen sowohl als guten Eigenschaften jedes seiner Lehrlinge auf. Allein dieses dürfte manchem Lehrer, wenn er auch sen. Dies ist nur Zeitverlust, und ungeachtet dieser Zeitverlust auch auf andere Weise, wenn z. B. der Lehrer seine Zöglinge am Ende der Stunden in einer beſtimmten Ordnung, nach Angabe ſeines Tagebuchs, herauszugehen gewöhnt, verhütet werden kann; so ist doch jene Methode offenbar die bequemste. A. d. H. 529 auch wirklich vorher das Examen durch gedruckte Blätter ankündigt, zu bedenklich scheinen. Denn er würde sich dadurch vielleicht mancher Verfolgung von Seiten der Aeltern aussetzen, und partheilich dürfte er doch auch nicht seyn, weil dieses gewiß mehr schaden würde, als gänzliches Schweigen von den Eigenschaften ſeiner Lehrlinge. Jene angegebene mündliche Characteristik aber bei Gelegenheit des Privatexamens wäre nicht nur überall möglich, sondern würde auch wohl selten solche, dem Lehrer unangenehme Folgen nach sich ziehen, weil die Schulaufseher sowohl, als die übrigen Anwesenden es sich gern zur Pflicht machen würden, ihn dabei in Schutz zu nehmen. Was nun ferner das öffentliche Examen betrifft; so wäre hier im Ganzen genommen die nämliche Einrichtung beizubehalten. Nur würde erstlich jene Characteristik einzelner Lehrlinge nicht in der öffentlichen Versammlung, sondern so, wie dort, in einer engern, vor oder nach der Feierlichkeit selbst veranstalteten Gesellschaft bekannt gemacht. In ganz ausserordentlichen Fällen aber, wenn irgend ein Schüler entweder im Guten oder im Bösen sich L. I. 530 sich vorzüglich ausgezeichnet hätte, und man mit Rücksicht auf seine Gemüthsart vorausfähe, daß aus der öffentlichen Bekanntmachung dieses Guten oder Bösen nicht nur kein Nachtheil / sondern sogar überwiegender Vortheil entstehen würde, könnte man allenfalls von jener Regel auch eine Ausnahme machen. Zum andern würden zu einem solchen Examen auch einige benachbarte Gelehrte, und besonders Schulmänner von bekannter Geschicklichkeit und Erfahrung, eingeladen werden müssen, damit sie an der Prüfung der Kinder Theil nehmen möchten. Auf diese Weise würde es den Kindern beim Examen sichtbar, daß es weder ihren Mitbürgern an dem Orte ihres Aufenthalts, noch überhaupt dem Publico gleichgültig sey, ob sie fleißig und gut wären, oder nicht. Und nun diesen wichtigen Gedanken in ihren Seelen nicht zu übertäuben, dürfte also auch jener Tag kein allgemeines Jubelfest seyn, und keine theatralische Belustigungen herbeiführen — er müste vielmehr durch stille, der Sache angemessene Feierlichkeit sich auszeichnen. Wollten dabei nun ein Paar studirende Jünglinge selbstausgearbeitete Vorreden und Schlußreden halten; so könnte ihnen dieſes 531 dieses frei stehen. Den übrigen aber würde es nicht gestattet, weil es theils überall nicht nützlich iſt, und theils in vielen Fällen ſogar lächerlich wird, zumal, wenn die Redner noch kleine Kinder sind. — Endlich müste der Prediger bei jedem öffentlichen Examen aus dem Kirchenbuche ein Verzeichniß von denjenigen Kindern ausheben, die alsdann über ſechs Jahr alt wären, und deren Aeltern an dem Orte selbst, oder zunächst um den Ort herum wohnten. Er müste die Namen derselben an diesem Feste öffentlich ablesen, und sie dadurch für schulfähig erklären, wobei denn die Aeltern ermahnt würden, sie von nun an zum fleißigen Schulbeſuch anzuhalten. Dies würde eine Art von Zwangsmittel seyn, wodurch die Nachläßigkeit so vieler Aeltern, welche ihre Kinder noch nicht zur Schule geschickt hätten, gehemmt werden könnte, und keiner unter ihnen dürfte sich auch darüber beklagen, weil sowohl die Kinder vornehmerer, als geringerer Aeltern bei dieser Gelegenheit namhaft gemacht würden. — Uebrigens aber müste es auch eingeführt werden, bei solchen Feierlichkeiten sowohl, als an zween andern Sonntaggen unmittelbar vor oder nach dem Privatexamen, L 12 532 men, eine Kirchenkollecte für die Schulen zu halten. Das Geld würde dazu angewandt, theils den ärmern Kindern die nöthigen Bächer zu verschaffen, theils dem Lehrer, wenn er nicht hinreichend besoldet wäre, den Unterricht dieser Kinder zu vergüten, theils die Schulbibliothek durch solche Schriften zu bereichern, die dem Lehrer in seinem Amte brauchbar und nützlich wären. Und so hätten Sie denn also hier einige Gedanken und Vorschläge, die zweckmäßigere Einrichtung des Examens betreffend! Meine beschränkte Zeit hindert mich, mehreres hinzuzusetzen. Allein ich zweifle nicht, mein Freund, schon dasjenige, was ich gesagt habe, wird vorläufig hinreichend seyn, Sie zu überzeugen, daß Ihr bisheriges Verfahren in diesem Puncte unmöglich von Kennern gebilligt werden konnte. Es war ein Verfahren, wodurch Sie Ihren Lehrlingen zwar gefällig, aber doch auch zugleich schädlich wurden. Sie begünstigten dadurch die Trägheit derselben, anstatt sie dadurch auf die unumgängliche Nothwendigkeit eines anhaltenden Lerneifers aufmerksam zu machen. Sie erleichterten ihnen 533 nen den Weg zur Erlangung des öffentlichen Beifalls, anstatt ihnen die Erlangung desselben zu erschweren, und dadurch ihre Kraft zum Fleiße zu spornen. Und Sie selbst, lieber Freund, schienen dabei ein ganzes halbes Jahr hindurch mit möglichster Thätigkeit und mit dem glücklichsten Erfolge ausgesäet zu haben, und erndteten auch nach Maasgabe dieser vermeintlichen Aussaat das Lob des Publicums, da Sie doch nur hätten erndten sollen, was Sie vielleicht nur fünf bis sechs Wochen hindurch ausgesäet hatten. Ich hoffe indessen, dieser Vorwurf wird nun bald unkräftig werden. 2c. * S. Einige Gedanken über die Methode zu examiniren von Friedr. Gedike, Berlin 1789. 8. (Hier wird zugleich vom Examen der Schullehrer und der Kandidaten geredet.) — A. J. Heckers Gedanken über die zweckmäßige Methode, junge Leute auf Schulen öffentlich zu prüfen. Berlin 1789. gr. 8.— A. d. H. Neun 213 534 Neun und zwanzigſter Brief. An Herrn Schulaufseher T*** Ich kann mirs leicht vorstellen, mein Herr! in welcher Verlegenheit Sie sich befinden werden, da Sie den bisherigen Schullehrer dort durch den Tod verloren haben. Jenes Vorurtheil gegen alle öffentliche Schulanstalten * wird nun freilich wohl aus Ihrer Seele in so fern ausgerottet seyn, daß Sie nicht mehr wünschen werden, die vakante Stelle unbesetzt lassen zu dürfen. Sie werden vielmehr hoffentlich zu der Ueberzeugung gekommen seyn, theils, daß nicht jeder seinen Kindern einen Privatlehrer halten könne, theils, daß dieſes, wenn es auch moͤglich wäre, doch nicht einmal gut seyn würde, weil man durch den Privatunterricht die Vortheile eines guten öffentlichen Schulunterrichts nicht erreichen, wohl aber mit dem letztern die Vortheile des erstern so ziemlich vereinigen kann. Aber woher 1) M. s. den dritten Brief. H. I. S. 31 2c. 535 her nun der Mann, der diesem wichtigen Geſchäfte ganz gewachſen iſt? Sie haben rings um sich her sorgfältig Nachrichten von Schullehrern eingezogen, und doch noch keinen finden können, der Ihrer Erwartung in allen Stücken entsprochen hätte; und der einzige, der Ihrer Erwartung am nächsten zu kommen scheint, will sich dem gewöhnlichen vorläufigen Examen nicht unterwerfen, weil er, wie er sagt, schon lange genug im Amte gestanden hat. Das ist übel. Denn der erste Umstand hat Sie vielleicht von neuem in jener Ueberzeugung von dem Werthe öffentlicher Schulanstalten irre gemacht; und der andere Umstand ist von der Art, daß Sie nicht wissen werden, was dabei zu thun sey. Ueber beides will ich Ihnen daher kürzlich meine Meinung ſagen. Was den ersten Umstand betrifft; so sey es Ihnen einmal zugegeben, daß unter so vielen Schullehrern wirklich nur ein einziger guter zu finden gewesen sey, ob ich gleich versichern kann, daß Sie sich in Ihren Beobachtungen getäuscht haben. Folgt nun aber daraus das geringL14 536 ringste gegen den Werth öffentlicher Schulanstalten überhaupt? Der Mann muß freilich das Amr ehren, das er bekleidet, und das Amt ehret den Mann nicht, wenn er übrigens nicht ehrenwerth ist. Läßt sich nun aber daraus schliessen, daß das Amt selbst bloß deswegen, weil es in einzelnen Fällen von einem Manne verwaltet wird, der weder geistigen noch moralischen Werth hat, gering geschätzt und verachtet zu werden verdiene? Auf die Art müste man ja alle öffentliche Aemter ohne Ausnahme abschaffen, und in den Stand einer zügellosen Freiheit, das heißt, einer vollkommenen Verwilderung zurückkehren. Ausserdem läßt sich auch immer noch fragen: ob der Mangel an guten Schullehrern in der Trägheit und Geistlosigkeit der Schullehrer selbst, oder ob er nicht auch oft vielmehr in andern Umständen seinen Grund habe? Wir haben in unserer Gegend noch gar keine Schullehrerseminarien *). Sollen denn die Schullehrer schon von Natur mit der bessern Metho) Das einzige in Wesel ausgenommen, welches aber A. d. H. erst im Aufkeimen ist. 537 Methode beim Unterricht bekannt seyn? Sollen sie die rohen Materialien, z. B. die Kenntnisse im Lesen, Rechnen u. s. w., welche sie ebenfalls in solchen Schulanstalten gesammelt haben, deren innere Einrichtung durchaus fehlerhaft war, nachher sogleich ohne alle weitere Anweisung auf eine faßlichere, angenehmere und gründlichere Art wieder andern Kindern mittheilen können? Oder ist ihr Amt zu unwichtig, als daß sie auf dessen zweckmäßigste Verwaltung sich vorbereiten dürften? unwichtiger, als irgend ein Handwerk, wobei die Lehrjünger=doch allemal vorher gewisse Jahre hindurch lernen müssen, nicht nur, was sie in Zukunft thun, sondern auch, wie sie es thun wollen? Nein! Das Amt der Schullehrer steht mit dem Amte der Prediger in der genauesten Verbindung, und Schullehrerseminarien sind daher auch eben so nöthig, als Universitäten *). Man 215 1) S. G. F. Seilers Versuch eines Plans zu Schullehrerseminarien für die protestantischen Länder. Erlangen 1787. 8. — Hier wird besonders auch viel Gutes von den Eigenschaften und VerrichtunA. d. H. gen eines Schulaufsehers gesagt. 538 Man hat den Vorschlag gethan, Kandidaten des Predigtamts, ehe sie befördert werden, als Schullehrer anzuſtellen, zumal, da ſie ohnehin als Kandidaten oft lange genug unbeschäftigt bleiben *). Dieser Vorschlag ist auch an sich nicht übel: allein seiner Ausführbarkeit stehen denn doch auch viele Hindernisse und Schwierigkeiten entgegen. Ich will nicht einmal daran gedenken, daß ein Mann, der auf Universitäten sich an tieferes Nachdenken gewöhnt hat, zu einem Schullehrer meist ganz untauglich sey, daß ihm die simple Beschäftigung mit Kindern in vielen Fällen zu kleinlich ſcheinen, daß er in der Kunſt, ſich zu ihrer Fassungskraft herabzulassen, oft noch ein Neuling seyn, und dagegen zu fest an der Kunstsprache kleben, daß er, weil er zu vieles als bekannt oder verständlich voraussetzt, über manche Materie zu schnell fortgehen, und überhaupt schon eine Lieblingswissenschaft haben *) S. C. A. Völker von Verbesserung der Landschulen durch gute Lehrer. Magdeb. 1787. 8. — Auch in dem eben jetzt angeführten Seilerischen Versuch 2c. wird im ersten Abschnitte der nämliche Vorschlag U. d. H. gethan. 539 haben werde, der er sich vorzüglich widmet, und die ihm die Neigung zu andern Arbeiten raubt, oder doch wenigstens seinen Eifer darin schmälert. Daran will ich nicht einmal gedenken, weil diese Mängel vielleicht durch die Errichtung von Schullehrerseminarien auf Universitäten, und durch die den Studierenden zur Pflicht gemachte Benutzung derſelben zum Theil aus dem Wege geräumt werden könnten. Aber ich möchte nur wissen: woher man so viele Kandidaten des Predigtamts nehmen wolle, als Schulen und Predigerstellen vorhanden sind, und ob es wohl billig sey, so manchem braven Manne, der zum Schulamte, aber nicht zum Predigtamte, Neigungen und Fähigkeiten hat, auf die Art die Gelegenheit, sich zu ernähren, aus den Händen zu winIch hätte daher Lust, diesem Vorden? — schlage lieber eine andere Gestalt zu geben. Vorausgesetzt nämlich, daß auf jeder Universität ein Schullehrerseminarium errichtet, und jeder, der daselbst Theologie studirte, verbunden wäre, sich hier mit den besten Methoden des Unterrichts nicht nur bekannt zu machen, sondern sich auch in der Anwendung derselben eine Zeitlang zu üben, und als Kandidat des Predigt⸗ 40 Predigtamts ein Zeugniß davon in sein Vaterland zurückzubringen; so glaube ich, daß er nun, ehe er zum Predigtamte befördert würde, dazu angestellt werden könnte, eine gewisse Anzahl von künftigen Schullehrern in seiner Gegend entweder auf eigene Kosten derselben, oder, wo möglich, auf öffentliche Kosten *) zu ihrem Diejenigen unter den künftigen Schullehrern, welche selbst bezahlen könnten, würden sich auch gern dazu bequemen, zumal, da ſie ꝺabei ꝺoch viele Kosten ersparten, die auf einem entferntern Seminarium erforderlich gewesen wären. Für diejenigen aber, die kein eigenes Vermögen, und doch Neigung und Fähigkeit zum Schulamte hätten; müste, wenn kein anderer Fond da wäre, die Spnode sich verbinden, jährlich eine bestimmte Summe zusammen zu legen, weil es doch keinem einzigen rechtschaffnen Prediger gleichgültig seyn kann, ob er, im Fall die Schulstelle in seiner Gemeine eine Veränderung erleiden sollte, sie mit einem geschickten oder ungeschickten Lehrer wieder besetzt sehen werde. Oft ist ja sogar der Schullehrer in Landgemeinen der einzige Mann, welcher fähig ist, sich mit dem Prediger auf eine geistvollere Art zu unterhalten. Und auch dieses Vergnügen kann der letztere gewiß nicht zu theuer erkaufen. A. d. H. 541 ihrem Amte vorzubereiten, und ihnen seine practischen, und einen Theil seiner theoretischen Kenntnisse, das Schulwesen betreffend, ſo, wie die Kenntniß der brauchbarſten Bücher in jedem dazu gehörigen Fache mitzutheilen. Dieses Geschäft würde vielleicht weniger verdrüßlich für ihn seyn — denn er hätte es hier mit Männern zu thun — und ausserdem würde auch dadurch ein Schullehrerseminarium für jede Provinz weniger unentbehrlich. So lange nun aber weder eine solche Anordnung gemacht, noch ein solches Seminarium in unserer Gegend errichtet worden ist, so lange, mein Herr! dürfen Sie den Schullehrern selbst nicht alle Schuld beimessen, wenn sich Mangel an Geſchicklichkeit in ihrem Fache unter ihnen befindet. Ferner fehlt es unsern Schullehrern an der nöthigen Aufmunterung zum Streben nach immer größerer Nutzbarkeit in ihrem Amte. Man überläßt sie meistentheils sich selbst. Ihre gröbern Vergehungen werden so, wie die Vergehungen jedes andern Bürgers, von der Obrigkeit 542 keit bestraft, und diese nimmt nicht Rücksicht darauf, ob durch solche Vergehungen der gute Erfolg des Schulunterrichts gehemmt werd. Sind sie nachläßig in der Abwartung ihres Berufs, oder unfähig, ihre Zöglinge in der Erkenntniß merklich weiter zu bringen; so werden sie nicht etwan erinnert und zurechtgewiesen, sondern alles, was geschieht, ist dieses, daß mehrere Aeltern, wenn sie anderwärts Rath wissen, ihre Kinder von der Schule hinwegnehmen, und beklagt sich dann jemand unter ihnen, daß er nicht leben könne; so heißt es: Da siehe du zu! Wer nun also sich lieber einschränkt, als Mühe und Sorgfalt auf den Jugendunterricht, und die fortschreitende Verbesserung desselben verwendet, der wird offenbar dadurch nichts weniger, als in einen guten Schullehrer verwandelt; und wer wohl gar sich andere Hülfsquellen durch Actenschreiben, Rotenſchreiben und dergleichen eröffnen kann, der wird dadurch vielleicht ganz verhärtet, und sucht nun zu zeigen, daß er derer nicht bedürfe, die seine Schule verachten. Und heißt das denn die Lehrer zum Fleiß und zur Treue in ihrem Amte reizen? Heißt das Aufsicht führen über einen der wichtigsten Gegenstände 543 stände des bürgerlichen Lebens *)? In Sachsen z. B. ist doch noch den Superintendenten der Befehl gegeben worden, halbjährig nicht nur von den Predigern und Kandidaten, sondern auch von den Schullehrern Bericht zu erstatten. Sie müssen nach einer vorgeschriebenen Tabelle über das Alter, die Familenumstände, die moralischen und geistigen Eigenschaften, das öffentliche Leben jedes Schullehrers, und über die innere Beschaffenheit und die Einkünfte seiner Schule sorgfältige und unpartheiische Bemerkungen einschicken. Dadurch werden also doch die Lehrer angetrieben, sich immer vollkommener zu machen. Allein 4) S. „. Mart. Ehlers Gedanken von den zur Verbesserung der Schulen nothwendigen Erfordernissen.“ Altona. 1766. 8. und die „Patriotische Vorstellung an seine liebe Obrigkeit, die Nothwendigkeit einer Schulverdeſſerung betreffend, von J. M. Afsprung.“ Amsterdam. 1776. 8. — A. d. H. **) Wenn es möglich wäre, unter den Schullehrern jedes Landes, wie im Kriegswesen, eine Art von Avancement einzuführen, und den geschickten und fleißigen Mann von weniger einträglichen Schulstellen nach und nach zu immer einträglichern zu besör 544 Allein wo hat man wohl bisher in unsern Gegenden für solche Antriebe gesorgt? Freilich wird das Oberſchulcollegium in Berlin nicht unthätig seyn, auch in den Districten, die in unserm Westphalen unter preußischer Hoheit stehen, ähnliche Anstalten zu treffen. Aber in vielen andern Provinzen dieses Kreises wird, es, fürcht' ich, noch immer beim Alten bleiben. Und wer könnte denn ungerecht genug seyn, die Schullehrer allein deswegen anzuklagen? Sie werden ja oft nicht einmal von den Predigern des Orts, deren Pflicht es doch wäre, die Schulen oft zu besuchen, und für das Beste derselben mit möglichster Geschäftigkeit zu befördern; so würde dies gewiß ihm um so viel stärkern Antrieb zur Vervollkommnung geben. Allein die meisten Gemeinden haben hier das Recht, den Schullehrer zu wählen, und da wird nun freilich mehr auf eine helle Stimme, die im Gesange beim öffentlichen Gottesdienst alle übrige Stimmen übertönt, als auf wahre Lehrergabe Rücksicht genommen. Indessen könnte doch auch hier, wenn die Obrigkeit über das Schulwesen sorgfältig wachte, durch Empfehlungen von höhern Orten vielleicht manches Gute bewirkt werden. A. d. H. 545 zu wirken, belehrt oder aufgemuntert *). Den mehresten liegt nichts weniger, als dies, am Herzen. Dazu kommen nun ferner noch die geringen Einkünfte so vieler Schullehrer. Auch dadurch werden sie oft gehindert, ihren Beruf mit der erforderlichen Treue abzuwarten, oder sich die Schriften zu verschaffen, die ihnen brauchbar werden könnten. Denn wo Nahrungsſorgen ſich einfinden, da fliehen Muth und Betriebsamkeit, da denkt man mehr an die Zukunft, als an das Gegenwärtige, mehr an den Körper, als an die Seele, mehr an die Verbesserung seines persönlichen Wohlstands, als an die Pflicht, immer gemeinnütziS. hier die kleine Schrift: „Wie die vom Prediger anzustellenden öftern Besuche der deutschen Schulen beschaffen seyn müssen, wenn der er wünschte Nutzen hervorgebracht werden soll, von G. F. Seiler. Erlangen. 1777. 8.“ Die Hauptideen dieser Schrift finden sich auch am Ende des Seilerischen Buchs: „Zur Bildung künftiger Volks= und Jugendlehrer. 2te Aufl. Erlang. 1786. A. d. H. 8. M m 546 nütziger zu werden, mehr auf anderweitige Mittet des Erwerbs, als auf diejenigen, die unser Amt uns darbietet, und die man ohnehin in Sicherheit glaubt. Der Schullehrer, welcher keine Familie, aber auch kein Vermögen hat, sieht ängstlich die Tage seines Alters heranrücken, wo sein Gesicht vielleicht schwach, sein Gehör vielleicht stumpf seyn wird, wo also die muthwilligern Kinder ihn vielleicht ungestraft necken, und die Aeltern sie deshalb nach und nach von seiner Schule entfernen werden, so, daß nun auf einmal die Quelle verstopft wird, aus der er allein seinen Unterhalt schöpfen konnte. Wer nimmt sich alsdenn seiner an? Pensionsanstalten für bejahrte, unbrauchbar gewordene Schullehrer haben wir nicht, und der gröste Haufe ist fühllos und undankbar genug, auch in solchen Fällen einer Art von Eigennutz zu folgen, und sich für berechtigt zu halten, dem Belohnungen zu entziehen, der eben dadurch, daß er sie bisher zu verdienen suchte, nun endlich ausser Stand geſetzt worden iſt, ſie ferner durch Gegendienſte erzwingen zu können. Ists denn nun ein Wunder, wenn ein solcher Mann schon frühzeitig anfängt, mehr für sich, als für seine Schule 547 le zu sorgen? Und kann man wohl etwas anders erwarten, als daß diese Sorge für Nahrung, neben welcher die Sorge für immer zunehmende Nutzbarkeit unmöglich in gleicher Stärke bestehen kann, mit verdoppelter Gewalt über ihn herrschen werde, wenn er noch wohl gar eine zahlreiche, in Zukunft vielleicht hülflose Familie hat Endlich erinnere ich noch an den Mangel des Ansehens, worin die Schullehrer gewöhnlich beim Volke stehen. Muß nicht auch dieser Umstand sehr niederschlagend für sie seyn? Wer geehrt wird, und Gefühl für Ehre hat, der wird auch in den mehresten Fällen seine Ehre zu behaupten suchen; und er kann sie nicht anders behaupten, als wenn er sich bemüht, durch treue Erfüllung seiner Berufspflichten und durch ein anständiges Betragen im gesellschaftlichen Leben sich auszuzeichnen. Sobald aber nun Schullehrer bei dem allen noch immer nicht Mm2 *) Diesem Uebet könnte ohne Zweifel durch Errichtung von Wittwenkassen unter Schullehrern, die man unter Predigern hin und wieder schon hat, und woraus auch alte, ausgediente Schullehrer schöpfen könnte, wenigstens zum Theil abgeholfen A. d. H. werden. 548 nicht geehrt, sondern vielmehr nur als Knech te betrachtet werden, welche zur Aufwartung der Kinder bestimmt sind — sobald sie von einzelnen Gliedern einer Gemeine, entweder weil sie ihnen ihre Stimme bei ihrer Wahl gegeben haben, und sich nun für die Schöpfer der öf fentlichen Existenz derselben halten, oder weil sie dadurch, daß sie ihre Kinder ihnen zum Unterricht anvertrauen, zu ihrem bessern Fortkommen mitwirken, bei der geringsten, viel leicht nur scheinbaren Veranlassung sogar in Gegenwart dieser Kinder durch lauten Tadel und schimpfliche Verläumdungen ungerächt herabgewürdigt werden können — ist es ihnen dann wohl möglich, Muth und Freudigkeit in ihren so mühsamen Geschäften beizubehalten? Und können sie dabei wohl, wenn sie auch noch ſo ernſtlich wollen, in ihrer Schule das Gute stiften, was sie sonst würden gestiftet haben *) Doch — diese Betrachtungen sind zu unangenehm, als daß ich sie noch weiter fortsetzen soll) M. s. hier unter andern: „J. C. Pressel von den Urſachen des Verfalls der Schulen in kleinen Städten 2c. Frankfurt a. d. O. 1776. 8.“ A. d. H. 549 sollte. Aber sie zeigen denn doch offenbar, wie wenig man alle Umstände überdenken würde, wenn man es wagte, die Schuld der schlechten Verfassung so vieler Schulen einzig und allein auf die Lehrer zu wälzen, oder wohl gar bloß um dieſer ſchlechten Verfaſſung willen alle Schulen überhaupt zu verdammen. Suchen Sie also nur erst einmal die HindernisWirkse wegzuräumen, welche die wohlthätige ſamkeit der Schullehrer auch bei ihrem beſten Willen einschränken — bemühen Sie sich nur erſt einmal, die Schulanſtalten zu öffentlichen Anstalten zu erheben, an deren zweckmäßigen Einrichtung dem ganzen Staate gelegen seyn muß, und alsdenn solche Vorkehrungen zu treffen, wodurch die Schullehrer selbst an Erkenntniß, an Nacheiferungsgeist, an Nahrungsmitteln und persönlichem Ansehen gewinnen — und dann, mein Herr! wollen wir ruhig und getrost eine glücklichere Periode in der Geschichte des Schulwesens erwarten. Aber siehe da! Beinahe hätte ich über dieser Apologie der Schullehrer und ihres Standes den andern Punct, der Sie in Verlegenheit setzt, aus den Augen verloren. Der theuM m 3 550 theure Herr***, den Sie für so geschickt halten, und deshalb so gern zu der dortigen Schulstelle beförderten, will sich dem Examen nicht unterwerfen. Was mag der Mann wohl dabei denken? Ists etwa eine Art von Entehrung, noch einmal geprüft zu werden? Oder ist es nicht vielmehr in vielen Ländern gebräuchlich, daß auch selbst Prediger sich zu gewissen Zeiten von neüem vor den Examinatoren zeigen müssen? Und ist nicht das nämliche bei den katholiſchen Ordensgeiſtlichen durchgaͤngig ein Gesetz? Finden aber diese sich dadurch nicht beschimpft — warum sollte denn ein Schullehrer sich darin weigern? Scheints nicht, als wenn er dadurch stillschweigend gestehe, daß er seiner Amtsgeschicklichkeiten sich nicht sonderlich bewußt sey? Wäre er wirklich sich ihrer bewußt — fühlte er seine Kräfte — dürfte er seinen Examinatoren getrost unter die Augen treten — worum sollt' er sich dann nicht freuen, daß er dabei neue Gelegenheit hätte, andere von seinen Verdiensten durch die That zu überzeugen, und sie auf die Art schon wieder um so viel ruchbarer zu machen? Nein! Es ist gar zu wichtig, einem Manne den Unterricht und zum Theil auch die moralische 551 ralische Bildung der Kinder anzuvertrauen, als daß man es auf Treue und Glauben thun, oder sich dabei bloß auf seinen bisherigen guten Ruf verlassen sollte. Dieser gute Ruf ist oft sehr betrügerisch. Oft ist Familieninteresse dabei mitwirksam gewesen, und oft ist er auch nur daher entstanden, weil der Mann an diesem oder jenem Orte, wo vielleicht vor ihm ein sehr elender Schullehrer war, sich besonders auszeichnete. Daraus folgt aber noch nicht, daß er auch in jede andere Stelle passen, und sich auch da wieder vortheilhaft auszeichnen werde. Oft ist ausserdem ein solcher Mann als Schullehrer auf dem Lande sehr brauchbar, weil er z. B. neben den nothwendigsten Schulwissenschaften auch gute Kenntnisse von der Landwirthschaft hat, die er nicht nur daselbst in Ausübung bringen, sondern auch weiter ausbreiten kann. Allein auch daraus folgt noch nicht, daß er in einer Bürgerschule eben so brauchbar seyn werde, ob gleich da schon wieder mehrere andere Kenntnisse, z. B. Kenntnisse von verschiedenen Handwerken, erforderlich sind. Deswegen also deucht mir, ist hier in jedem Falle ein Examen durchaus nöthig. Ein anderes wär' es freilich, wenn wir uns verpflichten müM m 4 552 müsten, im Fall der Erledigung einer Schulstelle abgedankte Soldaten zu Lehrern zu nehmen. Denn dieser wunderliche Einfall, der dem vorigen Könige von Preussen durch einen ſeiner Offiziere, welcher doch nur mit den Waffen umgehen konnte, zugeflistert wurde, schließt allerdings jede sorgfältige Prüfung aus. Allein ein Mann, der sich nun einmal dem Schulamte ausschließlich gewidmet hat, berechtigt auch zu der Erwartung, daß er seine Schulkenntnisse einer Prüfung werde aussetzen dürfen. Ja, diese Prüfung sollte nicht nur dann Staat finden, wenn er sich bei vakanten Schulstellen unter die wählbaren Subjecte aufnehmen läßt, sondern auch ausser dem zu anderer Zeit bisweilen wiederholt werden, weil dieses manchen schläfrigen Lehrer wecken, und manchen Lehrer von Talenten sowohl empfehlen, als in seinem Fleiße stärken und er halten würde. Eine solche Prüfung aber müste sich nicht nur über alle die Fächer erstrecken, worin er Unterricht geben muß, (ob man gleich in dieser Rücksicht weder ein gar zu großes Gedächtniß, noch überhaupt eigentliche Gelehrsamkeit bei 553 bei ihm voraussetzen dürfte) sondern man müste vorzüglich ihn fragen, was er in diesem oder jenem Fache für eine Methode habe, was er von dieser oder jener gangbaren Gewohnheit halte, wie er die Kinder bei diesem oder jenem Fehler zu behandeln pflege. Man müste ihn fragen, ob er sich auf subtilere oder wichtigere Gegenstände des Unterrichts auch gehörig vorbereite *), was für Bücher er dabei zu seinem Privatgebrauch habe, wie er die gewöhnlichen Schulstunden vertheile u. s. w. Man müste einige Kinder herzurufen, und ihm alsdann den Auftrag geben, irgend einen vorgeschlagenen Begriff, z. B. den Begriff: Tugend, oder, Leidenschaft, Aufmerksamkeit ꝛc. aus ihrer Seele durch simple und verständliche Fragen analytisch hervorzuziehen. Und ich zweifle nicht, mein Herr! es wird Ihnen einleuchtend seyn, von welchem Nutzen eine Prüfung von der Art seyn würde. Eben M m 5 *) Dies ist sehr nothwendig, theils wegen mancher Schwierigkeit, die ihm hernach beim Unterricht aufstossen kann, theils wegen der Auswahl von Beispielen und Geschichten, die er zur Erläuterung oder Bestätigung allgemeiner Wahrheiten vorher A. d. H. zu überdenken hat. 554 Eben daraus aber werden Sie nun gewiß auch mit Recht den Schluß herleiten, daß es auf keine Weise gebilligt werden könnte, wenn Sie darauf dringen wollten, Ihren Günstling von der Verbindlichkeit, sich prüfen zu lassen, loszusprechen. Es ist vielmehr, im Fall er seine Gesinnung nicht ändert, Ihre Pflicht, keine weitere Rücksicht auf ihn zu nehmen, sondern sich nach einem andern Schullehrer umzusehen, welcher weniger geneigt ist, ein wohlthätiges Gesetz zu schmähen. Ueberhaupt aber will ichs Ihnen bei dieser Gelegenheit empfohlen haben, vorzüglich auch den Character und das Betragen des Mannes, den Sie zu erwählen gedenken, mit in Rechnung zu bringen. Er darf eben so wenig leichtsinnig, oder stürmisch und aufbrausend, als träge und phlegmatisch seyn. Er muß im Gegentheil gerade die Beſchaffenheit haben, daß er seinen Zöglingen auch in allen Stücken ein gutes Beispiel geben kann. Die Macht eines solchen guten Beispiels ist bewunderungswürdig. Es richtet, wie man schon — wer weiß, wie oft? — erinnert hat, in 555 in jedem Falle sogar ungleich mehr aus, als die schönsten Regeln und Ermahnungen. Und dies ist wirklich auch sehr natürlich. Wenn man mir eine Sache auch noch so gut beschreibt; so kann ich mir dieselbe doch bei weitem nicht so vollkommen vorstellen, als wenn ich sie selbst mit Augen sehe. Und eben so verhält sichs mit dem Beispiele. Man bedarf hier keiner weitläuftigen Erklärungen, keiner ausgesuchten Beweise. Es wirket auf Sinnlichkeit und Verstand zugleich, zeigt nicht bloß, was, sondern auch, wie man zu handeln habe, und durch den Trieb der Nachahmung, welcher uns eingepflanzt ist, werden wir aufgemuntert, ihm zu folgen. Sogar der bloße Schein einer lieblosen Gesinnung, einer abergläubischen Denkungsart, einer unmenschlichen Handlung muß daher schlechterdings in Gegenwart der Kinder vermieden werden. Denn theils wirkt alles, was auf ihre Sinne Eindruck macht, um desto sicherer und heftiger, und theils sind sie auch noch unfähig, den Schein vom Wesen der Sache jedesmal gehörig abzusondern: Kündigt man auch nur durch ſeine Miene an, daß man ſich z. B. vor dem Gewitter fürchte, ob man gleich im Grunde 556 de nicht nur ganz andere Grundsätze hat, sondern ihnen auch diese Grundsätze beizubringen sucht; so wird dessen ungeachtet Gewitterfurcht in ihnen rege gemacht werden. Hat man hingegen die Kunst gelernt, Furchtlosigkeit, Mitleid, Mitfreude, Andacht, Liebe, Reue u. s. f. auch in seinem Gesichte lesbar zu machen; so wird der Erfolg davon gewiß allemal den wahren Zweck der Erziehung und des Unterrichts auf die thätigste Weise befördern helfen. Der Verstand wird dadurch gleichsam an einen esten Gang gewöhnt, das Herz veredelt und zu guten Fertigkeiten geſtimmt werden. Und wie könnte nun also wohl ein Lehrer den Verstand seiner Zöglinge bilden, wenn er selbst seinen Verstand nicht immer braucht? Wie könnte er ihr Herz für irgend eine Sache interessiren, wenn sein eigenes Herz nicht dafür interessirt ist? Wie könnte er sie vor Leidenschaften bewahren, wenn er selbst sich von ihnen beherrſchen läßt? Wie könnte er ſie zum Fleiß und zur Ordnungsliebe ermuntern, wenn er selbst Proben von Nachläßigkeit giebt? Wie könnte er mit Wärme von Religion und Tugend sprechen, wenn Religion und Tugend ihm 557 ihm gleichgültige Dinge sind? Wie könnte er Achtung für die Regeln des Wohlstands einflössen, wenn er selbst zuweilen grob und ungeſchliffen wird? Wie könnte er den Geſchmack an der schönen Natur befördern, wenn er selbst keinen Geschmack daran findet? — Kurz! Vermehren Sie diese Fragen, so viel Sie wollen — überall wird Ihnen die Nothwendigkeit einleuchten, daß ein Lehrer selbst seyn müsse, was ſeine Zöglinge werden ſollen, und daß er gerade um so viel mehr Werth habe, und mit ſeinen Kenntniſſen um ſo viel mehr wuchern und Gutes stiften könne, je weniger er gegen diese wichtige Regel verstößt.*). Uebrigens versteht es sich von selbst, daß Sie dem Schullehrer, welchen Sie erwählen wer) Es geht hier eben so, wie in den schönen Künsten. Wer immer nur schlechte Muster sieht, bildet sich auch nach diesen schlechten Mustern. Die Porcellainmaler in Sina bleiben bei aller Güte des dortigen Porcellains doch ewige Stümper, und zwar aus dem ganz natürlichen Grunde, weil sie keine andere, als ihre vaterländische Arbeit, mit allen den grotesken Figuren zu sehen bekommen. A. d. H. 558 werden, in seinem Berufsscheine nicht etwan nur die Einkünfte, die er zu genießen hat, bestimmt namhaft machen, und hingegen von ſeinen Pflichten nur diejenigen berühren, die auf das Innere des Schulwesens keine Beziehung haben. Dies geschieht freilich in den mehresten Fällen. Man giebt nur die Stunden an, in denen er Unterricht ertheilen, die Regeln, die er beim öffentlichen Gottesdienst beobachten muß u. s. w. Allein mir deucht, daß auch in solchen Ländern, wo eine allgemeine Schulordnung als Norm festgesetzt worden ist, ein jeder Ort sein eignes Lokale habe, welches in der innern Einrichtung der Schule daselbst einige bestimmte Vorkehrungen nöthig macht, und worauf in einer allgemeinen Schulordnung doch wohl unmöglich genaue Rücksicht genommen werden kann. So giebts z. B. faſt an jedem Orte ein gewisses herrschendes Gewerbe, gewisse herrschende Fehler in der Erziehung, gewisse herrschende, und oft großem Misbrauch unterworfene, Gewohnheiten u. dgl., und es ist natürlich, daß dies alles, wenn durch die Schule des Orts der moͤglichst gröste Nutzen hervorgebracht werden soll, die Beobachtung spezieller Regeln erforderlich mache 559 mache *). Sie werden sich also darüber mit einigen verständigen Männern, welche sowohl mit *) Noch nöthiger ist es da, wo noch keine allgemelne Schulordnung eingeführt ist, (wie z. B. in den Herzogthümern Jülich und Berg) daß man sich in den Berufsscheinen der Schullehrer über ihre Pflichten ins Detail einlasse, und dadurch den Mangel einer solchen Schulordnung einigermassen ersetze. Ich will daher hier einige der besten Schulordnungen, so, wie einige der besten Nachrichten von öffentlichen Schul= und Erziehungsanstalten nennen. Durch eine aufmerksame und prüfende Vergleichung derselben wird man sich in den Stand gesetzt finden, sich eine ziemlich vollständige Kenntniß, von den wesentlichsten Erfordernissen zur Verbeſſerung des Schulweſens zu erwerben. — Entwurf, nach welchem die Trivial- und Realschulen in den Pfarreyen zu Mainz werden eingerichtet werden. Mainz. 1773. 8. — Allgemeine Instruktion für die öffentlichen Lehrer in den Trivial=Realund Mittelschulen in den Kurmainzischen Landen. Mainz. 1773. 8. — Erneuerte Schulordnung für die lateinischen Stadtschulen — und für die deutschen Stadt= und Dorfschulen in Kursachsen. Dresden. 1773. 2 Stück. 8. — Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal=Haupt= und Tripialschulen in sämmtlichen kaiserl. königl. Erblanden. 560 mit der dortigen Verfassung, als mit den besten Grundsätzen des Schulwesens bekannt sind, den. Wien. 1774. Fol. — (Freimüthige Beurtheilung der öſterreichiſchen Normalſchulen und aller zum Behuf derselben gedruckter Schulschriften. Berlin. 1783. 8.) — Entwurf der Würzburger Schuleinrichtung. Bamberg. 1774. 8. — Schulordnung für die niedern Stadt= und Landschulen des HochSchulstifts Würzburg. Bamberg. 1775. 8.— ordnung des Hochstifts Münster. Bonn. 1776. Fol. — Verordnung, die Lehrart in den untern Schulen des Hochſtifts Münſter betreffend. Münster. 1776. 4. — Allgemeinere Schriften sind hier: Joh. Christoph Friderici neue Schuleinrichtung, oder Plan zur gemeinnützigen Einrichtung großer und kleiner Schulen. Klausthal. 1775. 8. — Verbesserungsplan für lateinische Schulen in Provinzialstädten von V. M. Bandau. Wittenb. und Zerbst. 1781. 2c. 2 Theile. 8. — Ueber das Schulwesen von J. Stuve. Züllichau. 1783. gr. 8. Warnefried, oder über die Verbesserung alter Schulanstalten. Leipz. 1787. 8. — Ausſichten zur Festsetzung des Elementarunterrichts in den Bürger= und gelehrten Schulen. Mit einer Vorrede von E. C. Trapp. Züllichau. 1790. gr. 8. — Von der Verfaſſung einzelner Schulen wird in folgenden Schriften geredet: F. A. Büschings Nachrichten 561 sind, unterreden. Es ist wenigstens immer etwas gewagt, den Einſichten oder dem guten Willen ten von der Schulanstalt bei der evang. St. Peterskirche zu St. Petersburg. 1762. 8. — Joh. Ign. von Felbiger kleine Schulschriften mit ausführlicher Nachricht von den Umständen und dem Erfolg der Verbesserung der katholischen LandStadt= und Trivialschulen in Schlesien und Glatz. Bamberg. 1772. 8. — Nachrichten von den neuen Schulanstalten zu Zürich, als eine Anweisung und Aufforderung, sich dieselbe zu Nutze zu machen, von Leonh. Ustero. Zürich. 1773. 2c. 6 Stücke. gr. 8. — F. G. Aesewitz Nachrichten von der gegenwärtigen Einrichtung im Unterricht, der Lehrart und Erziehung auf dem Pädagogium zu Kloster Berge. 2 Stück. Leipzig. 1778. 84. 8. — C. G. Feyne Nachricht von der Einrichtung des Pädagogii zu Ilefeld. Götting. 1780. 8. — Grundsätze, Plan, Diſciplin und Lehrmethode für das herzogl. pädagogische Institut zu Helmstädt, von F. A. Wiedeburg. Braunschweig. 1781. 8. — J. Stuve über die körperliche Erziehung, nebst einer Nachricht von der Neuruppiniſchen Schule. Zuͤllichau. 1781. gr. 8. — Nachrichten von der Verfaſſung des Erziehungsinſtituts in Deſſau. (Von Neuendorf.) Leipz. 1785. 8. — K. Spazier einige Bemerkungen über deutsche Schulen, beſonders über N n 562 Willen des Lehrers alles zu überlassen. Nicht ſelten betrügt man ſich in beider Rückſicht, und wenn man ihm also gleich keine schwere und unauflösbare Feſſeln anlegen, oder ihn hindern darf, einer auf Gründen ruhenden besfern Ueberzeugung zu folgen; (denn die Zeiten ändern sich, und mit ihnen erhalten theoretische und praktische Kenntnisse, gröstentheils zu ihrem wahren Vortheil, eine veränderte Gestalt, daher man auch weder einer Schulordnung noch einem Berufsscheine in allen Stücken und auf eine lange Reihe von Jahren den Stempel der heiligen Unverletzbarkeit auf drücken sollte,) so ist doch eine gewisse Summe von Regeln und Vorschriften, welche die Lehrart, die einzuführenden Schulbücher u. s. w. betreffen, im Ganzen genommen nützlich, und in einzelnen Fällen sogar unentbehrlich. Und hiemit will ich denn von neuem Abschied über das Erziehungsinstitut in Dessau. Leipz. 1786. 8. — Nachrichten aus Schnepfenthal für Eltern und Erzieher. (V. Salzmann.) 2 Theile, Leipz. 1786. 8. — Neue Nachricht von der Einrichtung des Friedrichswerderschen Gymnasiums von Fr. Gedike. Berlin. 1788. 8. — u. a. m. A. d. H. 563 schied von Ihnen nehmen. Möchten Sie nur meinen Brief von einer solchen Beschaffenheit finden, daß Sie ihn würdig achteten, manches daraus zu abstrahiren, was Sie in dem Urtheil von den Schulen und den Lehrern derſelben leiten, und in der dermaligen Lage der dortigen Schule zu heilsamen Vorsätzen und Veranstaltungen bestimmen könnte! ꝛc. ꝛc. N. S. Daß Sie jüngst bei der Aufführung eines neuen Schulgebäudes auf hohe, luftige Schulzimmer Rücksicht genommen haben, verdient vollkommenen Beifall. DreisNn2 564 Dreißigster Brief. An Herrn Schullehrer S***. ### Es war mir eine sehr angenehme Nachricht, lieber Freund, als ich hörte, daß Sie in Verbindung mit mehrern benachbarten Schullehrern eine Lesegesellschaft errichten wollen. Sie haben hier wirklich das einzige und beſte Mittel erwählt, welches in Ihrer Lage zu wählen möglich ist, sich selbst immer mehr an richtigen hochdeutschen Ausdruck zu gewöhnen, und sich mithin auch immer mehr die Fähigkeit zu erwerben, Ihre Zöglinge darin vollkommner zu machen *). Ausserdem wird durch Lectüre zugleich der Verstand geschärft, die Erkenntniß berichtigt und erweitert, der Eigendünkel vertilgt, und der Entscheidungsgeist, welcher im Freistäate der Wahrheit sich durch deſpotiſche Machtſprüche ankündigt, zu weiſer Schüchternheit im Urtheil herabgestimmt. Und auch das hat auf die Unterweisung der Jugend einen sehr wohlthätigen Einfluß. Freilich darf *) M. f. den sechs und zwanzigsten Brief. S. 478. 565 darf man, wenn diese Vortheile erreicht werden sollen, eben so wenig flüchtig als ohne Auswahl leſen. Man darf dabei nicht bloß auf Zeitvertreib und Belustigung ausgehen. Allein wie sollte man dieses auch wohl bei Männern voraussetzen dürfen, die es wissen und fühlen, daß ihr Amt viele Kenntnisse erfordert, welche sie, da ihnen selbst der mündliche Unterricht fehlt, hernach nur aus Büchern zu schöpfen fähig sind? bei Männern, deren Muſeſtunden wegen ihrer Seltenheit einen zu großen Werth haben, als daß sie dieselben einzig und allein auf die Lectüre solcher Schriften verwenden sollten, die, sobald sie einmal gelesen worden sind, aufhören, interessant zu seyn, und von Seiten ihres Inhalts wenig oder gar nichts enthalten, was lehrreich genannt werden könnte? Es wäre indessen doch nicht übel, wenn die Gesellschaft irgend einem Prediger, welcher Kenntniß vom Schulwesen mit Kenntniß der neuern Litteratur verbände, den Auftrag gäbe, diejenigen Bücher vorzuschlagen, wovon er glaubt, daß sie der Gesellschaft nützlich seyn würden. Denn eben dadurch würde dieselbe Nn3 366 ſelbe nicht nur in den Augen des großen Haufens ein ehrenvolleres Ansehen erhalten, und vor nachtheiligen Verläumdungen gesichert seyn, sondern auch an Festigkeit und innerer Güte gewinnen, weil nun doch mancher Schullehrer, welcher ebenfalls gern Mitglied seyn, aber auch wohl gern nur Schauspiele, Romane u. dgl. lesen möchte, verbunden wäre, seinen einseitigen Geschmack zu vergessen, und ihm eine andere, seinem Amte angemessenere, Richtung geben zu lassen. Dieser Prediger müste aber ausserdem auch in den beiden Versammlungen der Gesellschaft, welche am besten im Frühlinge und Herbste angestellt würden, den Vorsitz fuͤhren. In der Frühlingsversammlung würden alsdenn die einzelnen Bücher oder Zeitschriften, welche das verflossene Jahr hindurch wären gelesen worden, demjenigen Mitgliede, welches am mehresten dafür in die Gesellschaftskasse zahlen wollte, überlassen. In der Herbstversammlung würden die Bücher oder Zeitschriften für das nächste Jahr vorgeschlagen, und die nöthigen Geldbeiträge eingefordert. In beiden Versammlungen aber würde die Gesellschaft sich über das Gelesene unterreden. Sie würde sich über die besten Mittel berath= 56 rathschlagen, wodurch die Mängel des Schulwesens gemindert und aufgehoben werden könnten. Einzelne Schullehrer würden die übrigen von guten Einrichtungen, die sie gemacht hätten, benachrichtigen, und den Erfolg derselben anzeigen; oder ihnen merkwürdige Fälle von Vergehungen ihrer Zöglinge erzählen, und die dabei verſuchte Beſſerungsmethode der allgemeinen Beurtheilung unterwerfen; oder ihnen die Wege ändeuten, auf denen sie andere Fehler, z. B. Trägheit, Flüchtigkeit u. s. w. geschwächt, und in die entgegengesetzten Tugenden verwandelt hätten; oder ihnen verwickelte Fragen, die Diſciplin und Lehrart betreffend; vorlegen, und darauf die Vortheile und Nachtheile dieses oder jenes Verfahrens gegeneinander halten. Man würde sich über heilsame Anordnungen in den Schulen vereinigen; Ungerechtigkeiten, die der eine oder der andere von den Eltern feiner Lehrlinge erduldet hätte, durch Vermittelung des den Vorsitz führenden Predigers für die Zukunft zu hintertreiben, und entstandene Streitigkeiten zu schlichten suchen; einige ausgewählte Lehrer verpflichten, die Schuleinrichtung anderer, weniger geübten Lehrer an Ort und Stelle bei GelegenNn4 568 genheit zu prüfen, ihnen die Mittel zur Verbeſſerung wahrgenommener Gebrechen bekannt zu machen, oder ihnen Vorschläge dazu zu thun; und über das alles nachher der Geſellschaft Bericht zu erstatten, u. s. f. Auf diese Weise würden offenbar solche Zusammenkünfte doppelten Nutzen haben, und der Zweck des ganzen Instituts überhaupt würde nicht sowohl auf die Lectüre selbst, als vielmehr auf die immer weiter fortschreitende Verpollkommnung des Schulwesens durch das Mittel der Lectüre und durch die damit verbundene engere Verbrüderung mehrerer Schullehrer gerichtet seyn. . fait Ich kann mich hier freilich nicht darauf einlassen, lieber Freund, diese Gedanken weitläuftiger auszuführen, und auf die Art einen vollſtändigen Plan zur Errichtung einer ſolchen leſenden Schullehrerſocietät daraus zu bilden. Dieser Plan würde zu viel Lokales enthalten müssen, und damit dürft' ich vielleicht nicht bekannt genug ſeyn. Indeſſen will ich doch bitten, auch jene wenigen Gedanken ſchon vorläufig Ihren Freunden zur Unterſuchung vorzulegen, und ich zweifle nicht, sie werden dieselben ausführbar finden. Das 569 Das erste aber, wovon ich wünschte, daß Sie sich mit andern Schullehrern darüber vereinigen möchten, wäre folgendes: Es giebt faſt in jeder Gemeinde mehrere Personen, welche einen sehr dürftigen, oder vielleicht wohl gar keinen Unterricht genossen haben, und doch auch theils schon zu alt sind, als daß sie die öffentlichen Schulstunden in Gesellschaft der Kinder besuchen, und das Ver ſäumte nachholen könnten, theils auch wohl ſchon als Knechte und Mägde bei Herrſchaften Dienste angenommen, oder irgend ein Handwerk erlernt haben, welche sie den Tag hindurch beschäftigt. Solche Personen verdienen gewiß alles Mitleid. Sie können oft weder lesen, noch schreiben und rechnen, weder einen Brief, noch eine Quittung u. dergleichen zu Papier bringen, und haben noch dazu in vielen Fällen die rohesten Begriffe von Moralität und Religion. Und wie ist es wohl anders möglich, als daß diese Unwissenheit ihnen manches Geschäft erschweren, manchen Vortheil rauben, manche Freude entziehen, und ihnen den Zugang zu nützlicher Beschäftigung in der Einsamkeit, zum Trost in Bekümmernissen, zur BelehNu 5 70 lehrung und Beruhigung in dem ängstlichen Zustande des Zweifels versperren muß? Unstreitig also würden die Schullehrer sich um solche Personen sehr verdient machen, wenn sie denselben wöchentlich eine oder zwo Stunden Privatunterricht ertheilten, ohne eben auf reichliche Belohnung dafür Rücksicht zu nehmen *). Sollten sie denn darüber sich nicht vereinigen können? Das Bewußtseyn, manchen Menschen durch sorgsame Unterweisung in der Erkenntniß des Wahren, Guten und Nützlichen brauchbarer gemacht zu haben, als er ohne diese Unterweisung geworden wäre, ist heilige Wonne für Männer von edlem Gefühl. Was würde denn dieses Bewußtseyn für Schullehrer seyn, die ihrem Amte nach zwar zunächst 7.1 nur ### *) S. davon das „Journal von und für Deutschland v. J. 1788. St. I. S. 1. 2c.“ Nach dem daselbst S. 25. angeführten Paragraph aus der Fuldaischen Schulverordnung vom Jahr 1781. ist der Vorschlag dort schon realisirt. Auch in England sind für solche Kinder, die an Werktagen arbeiten müssen, ſchon ſeit dem Jahr 1784. Sonntagsſchulen angelegt worden. (S. d. Berlinische Monatschrift. 1788. Jul. S. 4. 2c.) Wie nachahmungswürdig! A. d. H. 571 nur auf die Kinder wirken dürften, aber denn doch aus freier Bewegung und ohne Eigennutz ihren Wirkungskreis erweitert, und auch Unwissende, die schon über das kindliche Alter erhoben, aber eben darum auch ihrer Unwissenheit wegen um desto bedaurungswürdiger waren, in denselben aufgenommen hätten? Ueberlegen Sie das einmal mit einigen Mitgenossen Ihres Standes, und dann, lieber Freund! suchen Sie mit diesen gemeinschaftlich bei der ersten Zusammenkunft der Gesellschaft einen Schluß darüber zu fassen! Heil jedem Edlen, der seine Kraft, der Welt möglichst nutzbar zu werden, durch treue Anwendung aller dazu dienlichen Mittel immer mehr auszubilden strebt, und durch das Gefühl dieser ausgebildeten Kraft den regen Eifer entflammen läßt, auch da noch Gutes zu wirken, wo kleinere Seelen das Gebiet ihrer Pflichten begränzt finden! ꝛc. ꝛc. Schluß 572 Schlußerinnerung des Herausgebers. Was ich am Schlusse dieser ganzen Sammlung von Briefen noch hinzuzusetzen habe, wird sich in wenige Perioden zusammendrängen lassen. Aufmerksamere Leser werden es ohne Zweifel bald eingesehen haben, daß diese Briefe nur an solche Schullehrer gerichtet sind, welche einzeln einer Schule vorstehen, nicht an ſolche, die in Verbindung mit andern Lehrern in einer und derselbigen Schule arbeiten. Das letztere würde sonst freilich in vielen Fällen eigene Regeln und Vorſchlaͤge erfordert und veranlaßt haben. Auſſerdem iſt hier bald mit Lehrern in Stadtschulen, bald mit Lehrern in Landschulen geredet worden. Es schien indeſſen überflüßig zu ſeyn, dieſen Unterſchied bei jedem Briefe bestimmt anzugeben, theils, weil die darin entwickelten pädagogiſchen Wahrheiten meist eine allgemeine Nothwendigkeit und Anwendbarkeit haben, theils, weil in der Gegend, worin der Verfasser zunächst wirkt, auch auf dem Lande fast durchgängig Fabriken und 573 und Manufakturen anzutreffen sind, und die Landschulen also auch in so fern wie die Bürgerſchulen behandelt werden können. Jeder Lehrer, er befinde sich nun in einer Stadt, oder auf dem Lande, wird daher in diesen Briefen ein Aggregat der wichtigsten Grundſätze in Hinſicht auf öffentliche Erziehung und Unterricht finden, über deren Befolgungswürdigkeit man in den neuern Zeiten einig geworden ist; und das Ganze kann mithin als ein Handbuch für Schullehrer betrachtet werden, welches dadurch, daß darin von vielen Materien die Rede ist, die in andern Handbüchern, z. B. in der Ristischen Anweisung für Schullehrer niederer Schulen, nicht berührt worden sind, sich von den letztern unterscheidet. Nur dürfte manchem vielleicht die Art der Darstellung pädagogischer Grundsätze in diesen Briefen für solche Lehrer, die zum Theil noch so weit zurück sind, etwas zu wissenschaftlich scheinen. Allein der Verfasser hielt es für unbillig, Briefen an Männer die Form der Briefe an Kinder zu geben, und durch die Wahl der Schreibart, oder durch gar zu öftere Einmischung erläuternder Beispiele den Leh 574 Lehrern die Kraft zu denken stillschweigend abzusprechen. Es würde dadurch nur unnöthige Weitläuftigkeit verursacht worden seyn, und diejenigen, welche nun doch einmal jedes Beförderungsmittel der Nutzbarkeit in ihrem Amte hochſchätzen, werden ja wohl ohnehin ſelbſt bloſſen Winken nachſpüren, und Folge leisten, da hingegen andere, denen es um diese Nutzbarkeit weniger zu thun ist, auch schwerlich durch den äussersten, bis zum Tändeln erniedrigten Grad von Simplicität in Ton und Darstellung sich aus ihrem gewohnten Gleise werden hinwegrücken lassen. Was die angeführten Schriften betrifft; ſo ſind dieſe, wie es in den mehreſten Fällen schon die erste Vergleichung lehren wird, nicht immer von dem Verfasser selbst benutzt worden. Erst nachher habe ich, der Herausgeber, die Absicht, Kenntniß der pädagogischen Litteratur zu befördern, mit der nächsten, durchaus lokalen, Absicht seiner Briefe verbunden. Daher findet man oft auch um der Vorständigkeit willen mehrere Bücher genannt, als es ohne diesen Nebenzweck nöthig gewesen wäre. Ja, viele dieser Bücher haben sogar erst einige Jah 575 Jahre nachher die Maximen des Verfassers bestätigt. Denn die mehresten Briefe sind schon im Jahr 1786 von ihm geschrieben, und hernach nur hin und wieder verändert — worden. Uebrigens ist es hier nur noch meine Pflicht, anzuzeigen, daß es vergebliche Anstrengung seyn würde, die einzelnen Lehrer, Erzieher und Schulaufseher, an welche diese Briefe gerichtet sind, aus den Anfangsbuchstaben ihres Namens errathen zu wollen. Ich habe vielmehr den Verfasser sowohl, als mich selbst vor solchen unbefugten Enträthselern dadurch zu schützen gesucht, daß ich dem guten Rabner, launichten Andenkens, in seiner Methode, die Briefe zu addressiren, nachahmte. Man sehe nur! Sie sind geschrieben an die Herren: — J—E-M-A— H-A-T-+ 3-3-3-3-7-7 -E-R— G-0-+ W-A-R-T— 3-5-4-2-7-6D— Richtig 576 Richtig buchstabirt stellen also diese Anfangsbuchstaben zusammengenommen das Titelmotto dar, welches ich hiedurch noch einmal mit feierlichem Ernst wiederholt haben will: Hat jemand ein Amt; So wart' er des Amts! 1 . . . . . 1 . . . . . . . . . . . . . Anzeige 577 Anzeige des Inhalts. Erstes Heft. Erster Brief. S. 3 — 12. An Hrn. Schulaufſeher H*** Die Schriften zur Verbesserung des Schulund Erziehungsweſens ſind ein Symptom der Aufklärung unsers Zeitalters. S. 3. 2c. Veranlaſſung zur Herausgabe dieſer pädagogiſchen Briefe. S. 5. ꝛc. Nachschrift des Herausgebers über den Gesichtspunkt, aus welchem diese Briefe betrachtet werden müssen. S. 9. ꝛc. Zweiter Brief. S. 13—30. An Hrn. Schullehrer A“ Zweck des Schulamts. S. 14. 2c. Unterſchied zwiſchen Erziehung und Unterricht. S. 15. Nachtheilige Folgen der gar zu genauen Unterscheidung dieser beiden Begriffe in der Ausübung. S. 16. Wie die Eltern ihre Kinder auf den Unterricht vorbereiten sollten. S. 18. Die gewöhnlichsten Hindernisse dieser ElOo tern⸗ 578 ternpflicht. S. 21. Daraus entstehende Idee von Stiftung beſonderer Vorbereitungsſchulen. S. 23. Etwas von der ſogenannten Spielmethode. S. 25. Nähere Bestimmung des Zwecks der Schulen. S. 27. Wichtigkeit des Schulamts. S. 29. Dritter Brief. S. 31—46. An Hrn. Schulaufseher T**. Ueber Locke und namentlich über seine Unzufriedenheit mit öffentlichen Schulanstalten. S. 31. Vorzüge der häuslichen, Erziehung. S. 34. Vorzüge der öffentlichen Erziehung. S. 36. Daß die öffentliche Erziehung unter gehörigen Umſtaͤnden wenigſtens zum Theil auch die Vortheile der häuslichen erreichen könne. S. 41. Nöthige Mitwirkung der Eltern dabei. S. 43. Allgemeine Anmerkung über die Schwierigkeiten des Schulamts, und dasjenige, was von einem guten Schullehrer erwartet wird. S. 45. — 64. Vierter Brief. S. 47 An Hrn. Schullehrer J. Die drei ersten Erfordernisse eines guten Schul⸗ 579 Schullehrers — die Liebe ſeiner Zöglinge — S. 49. — Das Zutrauen derselben — S. 50.— Ansehen unter ihnen — S. 52. Ueber das Voruktheil, daß man die Kinder in Furcht halten müsse. S. 54. Nothwendigkeit des Gehorsams der Kinder, und Art, ihn zu bewirken. S. 58. Pflicht des Lehrers, sich in dem Betragen gegen seine Zöglinge möglichst gleich zu bleiben. S. 62. G Fünfter Brief. S. 65 — 94. An Hrn. Schullehrer E*** XIII Nachtheilicher Einfluß fremdartiger Geschäfte des Lehrers, beſonders im juriſtiſchen Fache, auf seinen Unterricht. S. 65. Pflicht, den Kindern alles, so viel als möglich, angenehm zu machen. S. 68. Anfängliche Nothwendig keit blos sinnlicher Belehrungen. S. 70. Was man statt der gewöhnlichen Buchstabenkenntniß zuerst mit den Kindern treiben sollte. S. 71. Wenn sollten die Kinder buchstabiren lernen? S. 77. Nutzen des Zusammenlesens. S. 78. Vom Unterricht durch Bilder. S. 78. Wie der Lehrer die Aufmerksamkeit der Kinder erhalten müsse. S. 82. Warum er die Lektüre Do 2 580 türe gutgeschriebener Bücher nicht vernachläßigen dürfe. S. 85. Abwechselung zwischen leichtern und schwerern Materien zum Unterricht, nebst einigen Klugheitsregeln dabei. S. 86. Vom Gebrauch der Fabeln. S. 89. Besonders auch in Hinsicht auf Mythologie. S. 90. Etwas über Industrieschulen. S. 92. ### the Sechster Brief. S. 95—104. An Hrn. Schullehrer M*** Von den schädlichen Folgen der Gewohnheit, Kindern in der Schule Naschwerk auszutheilen. S. 95. Regeln bei der Austheilung gewisser Prämien. S. 97. Würdigung einiger Arten von Prämien. S. 98. Gesichtspunkt aus welchem die Prämien von den Kindern betrachtet werden müssen. S. 100. Daß man sie nicht zu oft, und nicht bis in die reifern Jahre hin austheilen dürfe. S. 101. Daß überhaupt die Nutzbarkeit derselben von der Klugheit und Geſchicklichkeit des Lehrers abhange. S. 103. Siebenter Brief. S. 105—122. * An Hrn. Schullehrer Ueber die Bildung des kindlichen Verstandes. 581 des. S. 105. ꝛc. Man muß beim erſten Unterricht abstrakte Redensarten und Kunstworte möglichst vermeiden. S. 108. Regeln, die Kinder zum Nachdenken über Wörter und Begriffe zu leiten. S. 110. Ueber die Auswahl erläuternder Beispiele. S. 115. Nutzen des geſpraͤchweiſen Unterrichts. S. 116. Daß man durch den Verstand das Herz der Kinder bil### ben müsse. S. 120. Achter Brief. S. 123—143. 0 An Hrn. Schullehrer N*** the Vom Auswendiglernen. S. 123. 2c. Schädliche Folgen der alleinigen Sorge für das Gedächtniß der Kinder. S. 124. Ueber die Art, wie man für das Gedächtniß derselben sorgen sollte. S: 127. Regeln in Ansehung der Gedächtnißübungen. S. 130. Anmerkung über das Vokabellernen. S. 134. Ausübung der Schreibekunst beim Auswendiglernen und Vortheile derselben. S. 138. Warum man den Kindern zuweilen die Wahl lassen solle, auswendig zu lernen, was ihnen gefällt. S. 139. Das Kind an der Stelle des Lehrers. S. 140. Noch eine andere Veranstaltung zur Verstärkung Do 3 582 kung des Gedächtnisses. S. 140. Ueber den tabellarischen Unterricht. S. 141. ### n Neunter Brief. S. 144.—156. An Herrn D*** C Nachtheil eines gar zu anhaltenden Unterrichts. S. 145. Nothwendigkeit der Festſetzung mehrerer Ruhepunkte in den öffentlichen Unterweisungen. S. 146. Verringerung der Anzahl der Schulstunden, und beantwortete Einwürfe dagegen. S. 147. Nutzen häuslicher Beſchäftigungen der Jugend. S. 150. Warum man den Kindern nicht immer einhelfen dürfe, sondern sie sehr oft nur sich selbst überlassen müsse. S. 153. 1 Jänge . ### . . Zehnter Brief. S. 157—173. An Hrn. Schullehrer E*** Ob man die Kinder dürfe zu viel lernen lassen? S. 157. Trembley's und Franks Urtheil darüber, S. 159. Daß man in jeder Wissenſchaft gewiſſe Ziele feſtſetzen müſſe, welche der Lehrling in einer beſtimmten Zeit erreichen kann und soll. S 163. Warum man nicht jedes 583 des einzelne Kind alles dürfe mitlernen lassen. S. 165. Vom Spracherlernen. S. 166. Daß der Lehrer nichts übereilen dürfe. S. 169. Vom Gebrauch der Räthsel und Charaden in Schulen. S. 171. Eilfter Brief. S. 174—179. J„* An Hrn. Schullehrer Gegen die übertriebene Strenge eines Lehrers. S. 174. Entstehungsart vieler kindlichen Fehler aus der die Kraft der Seele überwiegenden Körperkraft. S. 175. Folgen des unverständigen Eifers gegen solche allgemeine Fehler der Kindheit. S. 176. Ob man bei den Kindern wirkliche Tugenden suchen dürfe. S. 177. Wie man jene Fehler am besten ausrotten oder allmählich einschränken könne. S. 178. Beispiel der Grausamkeit eines Lehrers. S. 179. Zwölfter Brief. S. 180—190. An Hrn. Schullehrer NWoher es komme, daß an einzelnen Orten so viele junge Leute studiren, und namentlich dem Predigtamte sich widmen. S. 180. Daß man für die Entwicklung aller Seelenkräfte der KinDo 4 ### 584 Kinder sorgen müsse. S. 182. Daß die Lehrer am ersten fähig wären, den Eltern bei der Wahl des Standes ihrer Kinder guten Rath zu ertheilen. S. 184. In wie fern man bei dieser Wahl auf die Neigung der Kinder Rücksicht zu nehmen habe. S. 187. Dreizehnter Brief. S. 191—203. An Hrn. Schullehrer A“ Von der Eintheilung der Schulen in mehrere Klassen. S. 191. 2c. Warum diese Eintheilung nothwendig sei. S. 192. Ueber den Nutzen gemeinschaftlicher Beschäftigungen der Kinder, und die Art, dieselben einzuführen. S. 194. Was in Ansehung kleinerer Kinder, die sich noch nicht selbst beschäftigen können, zu thun sei. S. 196. Wie jene Eintheilung der Schule in Klassen angeordnet werden müsse. S. 197. Von der Versetzung der Lehrlinge. S. 198. Worauf man bei dieser Verſetzung vorzüglich Rücksicht zu nehmen habe. S. 200. Eine Art von Conferenz. S. 201. Wie man dem Fortrücken in höhere Klassen einen besondern Werth ertheilen könne. S. 202. Pier⸗ 585 Vierzehnter Brief. S. 204—214. An Hrn. Schullehrer M. Von dem Nutzen einer weise beschränkten Freiheit der Kinder in der Schule. S. 205. Ueber die Wisbegierde der Kinder. S. 206. Verhalten des Lehrers bei den Fragen der Kinder. S. 207. ꝛc. Daß er diese Fragen ablehnen müsse, wenn die Kinder ohne seinen Beiſtand ſich zurecht finden können. Ebendaſ. Wenn Zögerung seiner Antwort nützlich werden kann. S. 208. Wenn die Antwort ihrer Fassungskraft nicht angemessen seyn würde. S. 209. Wenn er nicht mit Gewißheit antworten kann. Ebendas. Wenn die Antwort ihnen keinen Nutzen gewährt. S. 210. Wenn ihre Fragen die Geheimnisse der ehelichen Gesellschaft betrefsen. S. 211. Fünfzehnter Brief. S. 215 — 240. An Hrn. Schulaufseher T* Ob man die Kinder von der Art der Erzeugung des Menschen belehren solle. S. 217. Warum diese Belehrung nicht in öffentlichen Schulen ertheilt werden dürfe. S. 218. AnDos merkung 586 merkung über die Erfordernisse eines Lehrers, der diese Belehrung ertheilen will. S. 224. Was in dieser Hinsicht beim öffentlichen Schulunterricht zu thun sei. S. 226. Wie die Warnung gegen das Laster der Selbstbefleckung müsse eingerichtet werden. S. 227. Einige Paragraphen zur Erweckung ernsthafter Begriffe von diesem Gegenstande. S. 230. Daß der Lehrer besonders bei seinen Unterweisungen von dieser Art eine geheimnißvolle Miene vermeiden müsse. S. 239. . 1777 1 . 1 . . — . . . . . 9/4 1 . . . . . . . . . d dio, s. m. f. f. íd. ed. s. f. Zweites 1 wähnt 587 . Zweites Heft. Sechszehnter Brief. S. 243—254. An Hrn. Schullehrer S*** Ueber das Certiren oder Wetteisern der Schulkinder untereinander. S. 244. Nachtheile desselben. S. 245. Ein beantworteter Einwurf. S. 246. Klugheitsregeln, durch deren Beobachtung jene Nachtheile gemindert werden. S. 248. Ob man ein Kind mit dem andern zum Vortheil des einen oder des andern in Vergleichung stellen dürfe. S. 250. Was für eine Vergleichung allein als Antrieb zum Lernen zu billigen sei. S. 252. Daß der Lehrer dahin arbeiten müsse, die Kinder selbst auf eine feinere Art zur Aufmerksamkeit auf ihre fleißigern und geſchicktern Mitſchüler zu leiten. S. 253. Siebenzehnter Brief. S. 255—285. An Hrn. Kand. O**. Nothwendigkeit der Absonderung der Mädchen von den Knaben in öffentlichen Schulen. S. 255. Zwo Hauptfragen, deren Beantwortung 588 tung vor der Erziehung und dem Unterricht einzelner Kinder vorhergehen muß. S. 256. Natur der weiblichen Seele. S. 258. Daraus gefolgerte Erziehungsregeln. S. 260. Lektüre des jungen Frauenzimmers. S. 264. Bestimmung desselben. S. 268. Gegenstände des Unterrichts für Mädchen, in so fern sie künftige Führerinnen des Hauswesens sind. S. 271. In so fern sie zu Gattinnen und Müttern beſtimmt ſind. S. 277. Methode, ſie mit den weſentlichſten Regeln der guten Erziehung der Kinder bekannt zu machen. S. 282. . Achtzehnter Brief. S. 286—299. An Hrn. Director W***. Daß der Lehrer mit Lobeserhebungen seiner Zöglinge sehr sparsam seyn müsse. S. 287. Nachtheiliger Einfluß übertriebener Lobeserhebungen auf den Fleiß und Charakter eines Kindes. S. 288. Woher es komme, daß man zuweilen muthlose Kinder durch Lobeserhebungen wieder zum Fleisse aufmuntern könne. S. 290. Ob das Lob jemals ohne Verdienstlichkeit von Seiten der Kinder ausgetheilt werden dürfe. S. 291. Daß das Lob sehr oft höchst en 589 höchst ungerechter Weise ertheilt werde. S. 292. Daß man ein Kind nie blos deswegen loben dürfe, weil es Fehler unterlassen hat. S. 294. Noch einige hieher gehörige Regeln. S. 295. Trauriger Zuſtand eines edlen Mannes, der in seiner Jugend übermäßig fetirt wurde. O. S. 298. . Neunzehnter Brief. S. 300 — 350. 85 1 An Hrn. Schullehrer A Ueber die vorzügliche Wichtigkeit einer weisen Einrichtung der Schulstrafen. S. 300. Daß man bei allen Fehlern der Kinder mehr betrübt als zornig scheinen müsse. S. 301. Zweck der Strafen. S. 304. Anwendung auf die Schulstrafen. S. 305. Wie die Schulstrafen eingerichtet seyn müssen, um nicht dabei die Liebe und das Zutrauen der Kinder; und das nöthige Ansehen unter ihnen zu verlieren. S. 307. Daß man die Kinder durch die Strafen auf die besondere Art ihrer Vergehungen aufmerksam zu machen habe. S. 311. Daß die Strafen nicht Gelegenheit zu neuen Fehlern geben dürfen. S. 319. Daß die Strafen, wo möglich, ausser der Verbesserung des Fehlers auch 590 auch noch einen andern guten Erfolg für den Verstand oder das moralische Gefühl der Kinder haben müsten. S. 328. Noch einige andere Verhaltungsregeln bei Bestrafungen. S. 334. Wie man die Strafen seltner und wichtiger machen könne. S. 337. Nachtheile der blos positiven Strafen. S. 339. In welchen Fällen positive Strafen angewandt werden dürfen. S. 345. Daß die Strafinstrumente nicht in, sondern ausser der Schule aufbehalten werden müssen. S. 349. Anmerkung über das Tadeln der Kinder. S. 350. ### ### Zwanzigster Brief. S. 351—358. An Hrn. Schullehrer ROb man die Kinder bei den Unterweisungen in der Religion bestrafen dürfe. S. 353. Daß die Kinder für die Religion anfangs nur durch die Art, wie sie ihnen vorgetragen wird, können eingenommen werden. S. 354. Schädlicher Einfluß der Strafen beim Religionsunterricht auf die Religiosität selbst. S. 355. Wie der Lehrer sich bei diesem Unterricht eigentlich verhalten sollte. S. 356. Wie die Nachläßigkeit der Kinder dabei bestraft werden müste. 591 müste. S. 357. Eine Klugheitsregel, die bei solchen Bestrafungen ausserdem noch anzuwen. den wäre. S. 357. ### Ein u. zwanzigster Brief. S. 359—372. An Hrn. Schulaufseher T**. Daß der Lehrer die Bibel nicht von Anfang bis zu Ende in der Schule durchlesen lassen dürfe. S. 359. Unter welchen Bedingungen es rathsam sei, einen Auszug aus der Bibel in den Schulen einzuführen. S. 363. Daß aber auch ein solcher Auszug noch nicht Lesebuch seyn dürfe. S. 364. Einige Vorschläge, Bibel den Schulkindern Sichtig und verdie ehrungswürdig zu machen. S. 367. Anmerkung über die sorgfältige Wahl der Beweisstellen. S. 369. Wie der Lehrer die größern Zöglinge mit der Bibel, und mit der Spräche in der gewöhnlichen Uebersetzung derselben bekannt zu machen habe. S. 370. —412. Zwei u. zwanzigster Brief. S. An Hrn. Schullehrer E***. Erfordernisse eines guten Religionslehrers. S. 373. Daß man mit dem Religionsunterrichte 592 richte nicht zu früh den Anfang machen dürfe. S. 374. Welche Belehrungen vor demſelben vorhergehen sollten. S. 378. Ueber die Art des Unterrichts in der Naturlehre und Naturgeschichte in Hinsicht auf nachherigen Religionsunterricht. S. 379. Verhältniß der Moral zur Religion, und Folgerungen daraus für die Pädagogik. S. 383. Daß der erste Religionsunterricht den Kindern nur gelegentlich ertheilt werden müsse. S. 386. Anwendung dieses Satzes auf das Gebet, und die Zeit, wenn es in den Schulen verrichtet werden sollte. S. 389. Vom Singen geistlicher Lieder, nebst einer Anmerkung von weltlichen Liedern. S. 394. Daß der erste Religionsunterricht höchsteinfach seyn müsse. S. 396. Nothwendige Erläuterung dieses Unterrichts durch Exempel und Gleichnisse und biblische Geschichte. S. 398. Ueber das Auswendiglernen bei diesem Unterrichte. S. 402. Wie ein Lehrbuch der Religion eingerichtet seyn, und wie es in den Schulen gebraucht werden müsse. S. 405. Drei u. zwanzigster Brief. S. 413—423. An Hrn. Schullehrer R.Ob der Lehrer in der Schule die Grundsätze, sätze, wodurch eine christliche Religionsparthei sich von der andern unterscheidet, vortragen dürfe. S. 413. Daß solche Grundsätze nur zur Theologie, nicht zur Religion gehören. Intoleranz. S. 414. Verhütungsmittel de S. 416. Warum man den Kindern nur das vortragen müsse, was gewiß ist. S. 417. Wie viel manche Schule, und wie viel die Volksaufklärung gewinnen würde, wenn das Sektenmäßige aus dem Religionsunterrichte überall und durchgängig verbannt wäre. S. 418. Ueber die Nothwendigkeit, die Kinder von der Wahrheit und Vortreflichkeit der christlichen Religion zu belehren. S. 421. Vier u. zwanzigster Brief. S. 424—455. An Hrn. Schulaufseher D*** Von Errichtung einer Schulbibliothek. S. 425. Vorgeschlagene Schriften für dieselbe. S. 426. Elementarbücher. S. 427. Schriften aus der Naturgeschichte. S. 427. Aus der Physik. S. 428. Anthropologie. S. 429. Pflanzenkunde, und einige andere Schriften besonders für den Landmann. S. 430. Schriften aus dem Fache der physischen, politischen und mathematischen Geographie. S. 430. AstroPp 594 Astronomie. S. 433. Mathematik. S. 434. Namentlich Geometrie. S. 435. Und Rechenkunst. S. 436. Logik. S. 437. Geschichte. S. 438. Technologie. S. 441. Sittenlehre. S. 442. Religion. S. 443. Deutsche Sprachkunde. S. 445. Orthographie. S. 446. KalEncyclopädien. S. 449. ligraphie. S. 447 Bemerkungen über die Lehrbücher. S. 451. Warum die Lehrbücher sich durchgängig aufeinander beziehen sollten. S. 453. Fünf u. zwanzigster Brief. S. 456—477. An Hrn. Schullehrer E*** Ueber die Erholungslektüre der Kinder in den Schulen. S. 456. Von ihrer Lektüre auf ser der Schule. S. 457. Regeln in Ansehung der Auswahl der Lefebücher für Kinder, nebst einigen andern dahin gehörigen Vorschriften für Eltern, Lehrer und Erzieher. S. 459. Wie man die weniger geübten Kinder lehren könne, aus dem Gelesenen Nutzen zu ziehen. S. 469. Eine ähnliche Anweiſung in Rücksicht auf geübtere Kinder. S. 471. Nutzen eines solchen Verfahrens zur Veredlung bloſſer Beleſenheit. S. 473. Von der Uebung, mit Accent und Nachdruck zu lesen. S. 475. Ob eine solche Uebung 595 Uebung auch wohl so nachtheilig sei, als man oft behauptet hat. S. 476. Sechs u. zwanzigster Brief. S. 478—49 An Hrn. Schullehrer S*** Warum es in jeder Schule unverbrüchliches Gesetz seyn müsse, hochdeutsch zu sprechen, S. 478. Einfluß dieses Gesetzes auf die Erlernunder Kunst, seine Gedanken schriftlich auszudrücken. S. 481. Daß der Lehrer bei der Anleitung zum hochdeutschen Ausdruck in Sprache und Schrift von Erzählungen auszugehen habe. S. 483. Daß er nachher sie müsse schreiben kassen, was sie gelernt und überdacht haben. S. 486. Anmerkung über die Frage: Ob das jedesmalige Sonntagsepangelium wöchentlich zur Uebung von den Kinder dürfe abgeschrieben werden? S. 487. Von den Tagebüchern der Kinder. S. 488. Von andern schriftlichen Aufsätzen verschiedener Art. S. 490. Ueber den Unterricht in der Orthographie. S. 494. Anmerkung über ein Mittel zur Schärfung des kindlichen Verstandes. S. 496. Sieben u. zwanzigster Brief. S. 500-519. An Hrn. Schullehrer AUeber die Bildung des Herzens der Kinder. S. Pp 2 596 S. 500. Was der Lehrer dazu in der Schule beitragen könne. S. 502. Nutzen der Denksprüche in dieser Hinsicht. S. 503. Der Lehrer darf nicht blos anzeigen, daß man gut handeln müsse, sondern auch warum? und wie? S. 504. Gebrauch der Erzählungen von einzelnen guten und auffallend bösen Handlungen dabei. S. 507. Ein wichtiger Vortheil der Erkundigung nach dem Betragen der Kinder ausser der Schule. S. 509. Ueber die Einführung monatlicher Zeugnisse von den Kindern. S. 512. Aufsicht über ihre Sitten. S. 513. Unterricht, den ihnen der Lehrer in dieser Rücksicht zu ertheilen hat. S. 514. Acht u. zwanzigster Brief. S. 520—533. An Hrn. Schullehrer M Fehlerhafte Einrichtung des öffentlichen Examens der Kinder. S. 521. Zwecklosigkeit der damit verbundenen Redeübungen. S. 523. Anordnung eines vierteljährigen Privatexamens. S. 525. Eine Veranstaltung, wodurch es leicht möglich wird, die Kinder anzuzeigen, welche die Schule versäumt haben. S. 527. Charakteristik der Kinder bei Gelegenheit des Privatexamens. S. 528. Zweckmäßigere 597 gere Einrichtung des öffentlichen Examens. S. 529. Ein Mittel, die Eltern anzuhalten, ihre Kinder in die Schule zu schicken. S. 531. Einführung der Kirchenkollekten zum Besten der Schulen. S. 532. Neun u. zwanzigster Brief. S. 534—563. An Hrn. Schulaufseher T** Ob aus dem Mangel an guten Schullehrern etwas gegen den Werth der Schulanstalten überhaupt gefolgert werden könne. S. 535. Ueber die Nothwendigkeit der Schullehrerseminarien. S. 536. Auf welche Art die Schullehrerseminarien mehr entbehrlich gemacht werden könnten. S. 538. Daß man die Lehrer zum Streben nach immer größerer Nutzbarkeit aufmuntern müsse. S. 541. Nachtheiliger Einfluß gar zu geringer Einkünfte auf die Führung ihres Amts. S. 545. Warum die Lehrer in größerm Ansehen stehen sollten. S. 547. Ueber das Schullehrerexamen, dessen Nothwendigkeit und zweckmäßigste Einrichtung. S. 550. Ueber den Werth des guten Beispiels eines Lehrers für seine Zöglinge. S. 554, Ueber die Berufsscheine der Schullehrer, nebst einer Anmerkung über Schulordnungen. S. 558. DreisPp3 598 Dreißigster Brief. S. 564—571. An Hrn. Schullehrer S*** Nutzen einer wohlgeordneten Lektüre für die Schullehrer. S. 564. Einrichtung einer Lesegesellschaft unter ihnen. S. 565. Was in den Versammlungen einer solchen Lesegesellschaft verhandelt werden müste. S. 566. Vorschlag an Lehrer, auch unwissenden Erwachsenen, die in ihrer Jugend nicht gehörig unterrichtet worden sind, einigen Privatunterricht zu ertheilen. S. 569. Schlußerinnerung des Herausgebers. S. 572. k. Druck Druckfehler. S. 41. Z. 20. setze man nach einzuräumen ein? S. 42. Z. 4. lese man Sache statt Sachen. S. 50. Z. 2. Gelegenheit statt Gegenheit. S. 75. Z. 19. lese man die Kinder als Kinder. S. 98. Z. 10. isolirt statt insolirt. S. 121. Z. 24. einschläfere st. einschläfern. S. 125. Z. 7. praktische Folgen st. praktischen Folge. S. 132. Z. 11. Strophen st. Strosen. S. 136. Anm. Z. 13. Redensarten st. Redesarten. S. 150. Z. 4. setze man nach häufen ein? — S. 157. Z. 1. angenehm statt angnehm. S. 173. Z. 12. Räthsel st. Räthseln. S. 179. Z. 15. Wegen st. Wege. S. 224. Z. 9. schlechten st. schechten. S. 225. Anm. Z. 4. für Orakelsprüche statt die Orakelsprüche. S. 287. Z. 15. unglaublichen st. unglaublich. S. 302. Z. 24. verdiene st. verdienen. S. 303. Z. 7. mit ihm st. mit ihnen. S. 309. Anm. Z. 2. wenigstens st. wenigstes. S. 310. Z. 9. Veranlassung st. Verlassung. S. 311. Anm. Z. 4. den Unterschied statt die Unterschied. S. 331, Z. 7. richtete st. richteten. S. 350. Anm. Z. 4. erwähnt st. erwöhnt. S. 361. Z. 16. Bilder st. Bildern. S. 369. Anm. Z. 2. möglichst st. möglich. S. 381. Z. 24. seyn st. sey. S. 387. Z. 14. vorbeigehen st. vorbeigeben. S. 404. Z. 17. nach werden ein? — S. 407. Z. 3. ohne st. ohn. S. 413. oben Schullehrer st. Schulaufseher. S. 421. Z. 17. durfte st. dürfte. S. 429. Z. 18. Umständen st. Umstände. S. 435. Z. 8. Schule st. Schulen. S. 444. Z. 22. anhangsweise st. anfangsweise. S. 446. Z. 17. andere st. andern. S. 447. Z. 9. müssen st. müsse. S. 455. Z. 2. Lehrbücher st. Lehrbüchern. S. 456. 456. Z. 6. Robinson st. Robinson. S. 457. Anm. Z. 5. hergeben st. hergegeben. S. 463. Anm. Z. 8. setze man nach allemal erst. S. 476. Z. 16. Declamiren st. Daclamiren. S. 477. Z. 9. Vervollkommnung st. Vervollkommung. S. 501. Z. 11. Grundsätze st. Grunsätze. S. 504. Z. 22. wird das zweite es ausgestrichen. S. 508. Z. 7. verschieden bei Verschiedenen. S. 521. Z. 3. setze man nach habe ich. S. 530. Z. 18. Und um statt Und nun. S. 542. Z. 3. werde st. werd. S. 547. Anm. Z. 5. könnten st. könnte. S. 550. Z. 24. ruchtbarer st. ruchbarer. S. 561. Z. 10. Usteri st. Ustero. S. 569. Z. 13. welches st. welche. S. 574. Z. 22. Vollständigkeit st. Vorständigkeit. S. 575. Z. 4. wird der — weggestrichen. . . 1 . . . . . e . S