S . . . . . . . . . . . . . Geſchichte einer merkwürdigen Krankheit und Rechtfertigun der gebrauchten Mittel dabei ſamt einer Beylage über die von dem Herrn Medizinal=Direktor Odendahl darüber herausgegebene Schrift von Johannes Abel der Arzneywissenschaft Doctor, und Sr. Churfürstl. Durchl. zu Pfalzbayern Jülichschem und Bergischem Hofrathe. Nihil est ad defendendum puritate tutius; nihil ad dicendum veritate facilius. Hieron. Düsseldorf, bey Joh. Christian Dänzer. 1791. . . . . . . . — — — 89 — rrede. in jeder öffentliche, nur etwas laute Streit, pflegt das große Publicum zu intereßiren. Man sieht es aus dem Eifer, womit sich alles * 2 zu IV zu einem solchen Streite drängt, und aus dem gierigen Aug' und Ohr, womit bey solchen Gelegenheiten die Umstehenden jede Bewegung und jedes Wort der Streiter zu verschlingen suchen. Oeffentliche Gefechte wurden daher, und werden noch von vielen Völkern zu den öffentlichen Lustbarkeiten gezählet. Es kann seyn, daß es hier und da, auch unter den ernsthafteren, einen Mann giebt, welcher circum compita pugnax, ein Wohlgefallen daran findet, durch die Gewandheit, womit er Streiche zu versetzen und abzu abzuwenden weiß, dem großen Haufen eine Lust zu machen. Was mich betrift, ich gestehe die tiefe Abneigung, die ich in mir fühle, auf eine solche Weise öffentlich zu erscheinen. Aus dieser Ursache hatte ich mir anfänglich vorgesetzt, gegenwärtiger Vertheidigungsschrift eine ganz andere Gestalt, als diejenige ist, worin sie hier erscheint, zu geben. Ich wollte, um den ganz unbefugten Theil der Richter von den Schranken zu verscheuchen, in derselben eine streng wissenschaftliche Abhandlung über die Wirkungen der Quecksilbermittel auf den menschlichen Koͤrper liefern. Untersuchungen dieser Art führen VI führen aber immer weiter und weiter; und das bessere Publicum weiß es dem Verfasser Dank, wenn er diese Untersuchungen nicht zu voreilig abbricht, sondern seinen Gegenstand völlig zu ergründen suchet. Hiezu kommt, daß ich bey den vielen Geschäften meines Berufs, nur abgebrochene Stunden auf eine solche Arbeit verwenden kann, welches den Fortgang derselben verzögert und erschweret. Indessen scheint selbst der beſſere Theil des mich umgebenden Publicum mit einiger Ungeduld meine Verantwortung über die mir gemachten Beschuldigungen zu erwarten. Aus diesem Grunde übergebe ich ihm hier vorläufig diese wenigen Bogen, und mich wird es freuen, wenn man auch darin finden VII finden sollte, daß ich immer weit mehr die Sache, als die Perſonen im Auge gehabt habe. Druckfehler. Die Entfernung des Verfassers von dem Druckorte, ist Schuld, daß sich in diese wenige Bogen eine Menge Druckfehler eingeschlichen haben, wovon er die mit einem Sternchen bezeichneten, weil sie den Sinn entstellen, vor dem Lesen abzuändern bittet. * Seite 22 Zeile 12 besorgte l. besorgten. 26 7 meiste l. meisten. 30 11 denenselben l. denselben. 31 8 ihn l. den Gebrauch desselben. 32 — 2 u. 3 in diesem Augenblicke sagen l. noch in diesem Augenblicke seyn. 33 — 11 der Art und Weise I. die Art und Weise. 18 dem Arzte I. den Arzt. 46 10 weder l. und weder. 11 sonsten l. sonst. 48 1 zerstöre l. zerstöret. 51 — 2 die drey oben erwähnten l. drey von den oben erwähnten. 55 — 13 muß das Wort begleitet ausgestrichen werden. * Seite 56 Zeile 15 demselben l. derselben. 62 vorletzte und letzte Zeile, der Athem l. das * Athmen. 63 Zeile 3 und 5 Gran l. von vier Gran. * * 64 vorl. Z. sahe l. sehe. * 66 Zeile 11 ihm l. ihn. 67 — 11 ein schweißtreibendes I. einem * schweißtreibenden. 12 erregendes 1. erregendem. * 3 gastrisch l. gastrischen. * 17 enthalten I. gewesen seyn. * 18 und nicht l. und folglich nicht. * 4 v. unten, diese l. die gereichte. * 4 andre folgten I. andre ähnliche Wir102 kungen des Mittels folgten. 1 der Note, ja l. je. * - 103 15 noch erhalten I. nacherhalten. * - 107 4 muß das Wort sofort ausgestrichen * — 109 werden. 14 von dem Tag l. von dem am Tage. * — 110 11 müssen die Worte mit denen ich aus* — 112 gestrichen werden. Geschichte Beschichte der Krankheit. Am 12. September 1791. um ein Uhr Nachmittages, wurde ich zu einem in dem hiesigen Gasthofe, der Zweybrücker=Hof genannt, krank liegenden Fremden gerufen. Der Kranke, ein Irrländischer Edelmann, nannte ſich Maxwell, und war des Tages zuvor in Geſellschaft seiner Gemahlin, mit welcher er vor sieben Tagen zu Bonn in dem Hause des Englischen Gesandten war vermählt worden, und eines seiner Verwandten, des Lord Maxwell, und dessen Gemahlin, hier angekommen. Er war 24 Jahr alt; dem äussern Ansehen nach von von gutem und starken Körperbau; übrigens von etwas fetter Leibesbeschaffenheit. Ich fand den Kranken im Fieber, und eine schläfrige Betäubung war die Ursache, daß er auf meine Fragen sehr wenig und unbestimmt antwortete. Der mit ihm angekommene Lord Maxwell sagte mir: Schon seit sieben Tagen sey derselbe unpäßlich, welches ihn jedoch nicht abgehalten habe, seine Heyrath in Bonn zu vollziehen. Indessen habe die Krankheit zugenommen, und in Uebelkeit, Neigung zum Erbrechen, Durchfall, Schwere im Kopf und in den Gliedern, und in häufigem Kopfweh bestanden: er selbst habe ihm Castor=Oel, welches er immer bey sich führe, und des Tages zuvor etwas Rhabarbar gegeben; in der Meynung, den Magen des Kranken wieder herzustellen, den selbiger durch saure Weine in Unordnung gebracht zu haben glaube. Er sey aber übler geworden, und wäre besonders mit einem beschwerlichen Durchfalle behaftet. Ich untersuchte den Kranken genauer; er lag, wie gesagt, im Fieber; das Gesicht war roth, das Weiße im Auge etwas gelblicht, die Pupillen erweitert, und der Kranke hatte viel Neigung zum Schlafen, fen, und schien wie betäubt. Die Zunge war am vordern Theil etwas trocken, und hatte einen gelblichten Ueberzug, der Geschmack war bitter, und die Stüle waren dünn, gallicht und stinkend. Ich erklärte den 12. September die Krankheit für ein fäulichtes Gallenfieber, und verordnete das Decoct von Tamarinden nach der Formel Nro. 2. und zum Getränk ein Gersten=Decoct mit WeinsteinRahm. Sobald der Kranke einmal von dem Decoct Nro. 2. genommen hatte, erfolgte ein Erbrechen von etwas grünlichter Galle, mit vielem Schleime vermischt. Um also den Magen von dem noch darin befindlichen gallichten Stoffe zu befreyen, gab ich, da der Kranke noch mehr Reiz zum Erbrechen fühlte, das Brechmittel Nro. 1. und ließ davon alle viertel Stunde einen Eßlöffel voll nehmen. Als dies noch keine Wirkung that, ließ ich selbiges noch einmal wiederholen, und es erfolgte hierauf eine viermalige Wirkung von oben, nebst einigen stinkenden Stülen. Ich ließ das Tamarinden-Decoct, und das Getränk aus Gerste mit Weinstein=Rahm des folgenden Tages so lange fortsetzen, bis die Stüle aufhörten zu stinken, welches auch bald erfolgte. A 2 Am Am folgenden Tage, den 13. September, schien der Kranke etwas erleichtert. Das Athmen war frey; der Puls noch immer fieberhaft, doch gleichfoͤrmig, und die Zunge war am vordern Theil nicht mehr so trocken als den Tag zuvor; der bittere Geſchmack hatte nachgelassen, indeſſen blieb ein Reiz zum Erbrechen zurück, und ein verordnetes ChinaDecoct (Nro. 3.) ward, so oft er davon genommen hatte, ganz rein, und ohne die geringste Veränderung wieder ausgebrochen. Ich verordnete gegen diesen Reiz zum Erbrechen die fixe Luft, oder das sogenannte Rivierische Tränkchen im Aufbrausen von 20 Gran reines Laugensalz mit 40 Tropfen Vitriolgeist in jeder Dosi, und ließ dazwischen alle drey Stunden das Decoct von China nehmen, so, daß der Kranke von jedem alle drey Stunden bekam. Ich ließ ferner das Gersten=Decoct etwas schleimichter machen, um den Reiz zum Erbrechen ein wenig zu mindern; zugleich ließ ich diesem Decoct etwas Citronensaft beymischen; allein der Kranke ward dieses Getränks bald müde, er erklärte, die Citronen seyn ihm zuwider. Ich gab also statt dieser Säure die Vitriolsäure mit Himbeersyrup (Nro. 4.) in schleimichtem michtem Gerstenwasser, und weil ihm auch dieser Trank zuwider war, so machte ich mit der Vitriolsäure noch verschiedene andere Versuche, damit der Kranke sie nehmen möchte, aber vergebens. Eben so gieng es mit dem Weineßig, und ich sahe mich bald ausser Stand, ihm irgend eine Säure, sie mochte vegetabilischer oder mineralischer Art seyn, in irgend einer Form beyzubringen. Der fortgesetzte Gebrauch der fixen Luft Nro. 5. mit dem China=Decoct Nro. 3. abgewechselt, hob indeß den Reiz zum Erbrechen nicht, obwohl bey diesem nichts als die blosse Arzney wieder kam. Ich verordnete daher, um diesen Reiz zu heben, 2 bis 3 Tropfen Laudanum liquidum unter jede Gabe des China=Decorts: der Reiz ward dadurch gehemmt, und ich hörte, nachdem der Kranke zwey= oder dreymal davon genommen hatte, wieder damit auf. Soweit bis Dienstag, den zweyten Tag nach meiner Behandlung, und den neunten der Krankheit. Diesen Abend schienen die übrigen Symptome ganz leidlich; in der Nacht aber vermehrte sich das Fieber, die Zunge ward wie her trocken, es erfolgten die Nacht hindurch einige wässeriche Stüle ohne Geruch, der Kranke war unruhig. Am Am Mittwoch, den 14. September, früh, fand sich etwas Schweiß ein, der Urin aber fehlte, und ich entdeckte wieder eine große Neigung zum Schlummern. Der Puls war klein und geschwind, der Athem tief, die Zunge nicht so trocken als gestern; aber die Kräfte hatten sich vermindert. Ich ließ das China=Decoct mit dem Kampfer fortbrauchen, und da die Stüle nicht mehr folgten, gab ich auch die antiseptischen Clystiere aus Kampfer, nach der Formel Nro. 7. Diese bekam er in 24 Stunden dreymal; zum Getränke bekam der Kranke Gersten=Decoct mit etwas Rheinwein, welches er nicht verweigerte; auch nahm er wohl zuweilen einen halben Eßlöffel voll Rheinwein unvermischt, das Einzige was man ihm noch beyzubringen vermochte. Die Nacht vom 14. auf den 15. war erträglich. Gegen Morgen hatte der Kranke wieder Reiz zum Erbrechen, und weigerte die Arzney. Da ich indessen in der Rinde und dem Kampfer, als den vorzüglichsten Fäulungswidrigen Mitteln, meine Zuflucht suchte, so verordnete ich ein jedes dieser Mittel für sich, nach den beiden Formeln 8. und 9. und ließ damit alle Stunden abwechseln. Mit Mit dem Gebrauche dieser Mittel gieng es etwas besser= doch konnte ich dem Kranken davon nicht so viel als ich verordnete, beybringen, und er nahm nur Eßlöffel weise, was er mit Theeschaalen zu nehmen hatte. Das Rivierische Mittel im Aufbrausen, war durchaus nicht mehr anzubringen, und zum Getränk wollte der Kranke nichts als Gerstenschleim, und mitunter etwas Rheinwein, welches er denn auch bekam. Indessen bemerkte ich, daß der Leib aufgetrieben blieb, daß die Kräfte immer mehr abnahmen, und daß der Urin und Stuhlgang ohne Wissen des Kranken abgiengen. Da die antiseptischen Mittel durch den Mund nicht so häufig angebracht werden konnten, so blieben mir die Wege der Einsaugung allein übrig, und ich gab sehr fleißig die Clystiere Nro. 10. und die äusserlichen Umschläge Nro. 11. Auch versuchte ich noch einmal die Vitriolsäure unter Gerstenschleim, aber auch diesmal wieder vergebens, weil sie der Kranke durchaus nicht mehr nehmen wollte. Die Nacht vom 15. auf den 16. war sehr unruhig; der Puls war geschwinder, auf dem Leibe zeigten sich hin und wieder kleine rothe Petechien. Die A 4 Zun Zunge war schwarz und trocken, die Zähne überzogen sich mit schwarzen Krusten, der Patient phantasirte, war sehr unruhig und kaum im Bette zu halten; das Gesicht war dunkelroth, und an den Lippen und am Rande der Zunge fanden sich bräunlichte Aphten. Der Stuhlgang war die Nacht hindurch und den heutigen Tag ohngeachtet der Clystiere ausgeblieben, und die Aphten hatten das ganze velum palatinum und den Rachen überzogen; der Puls war indessen voll, und das Athmen nicht sehr geschwind, sondern tief. In diesen Umständen versuchte ich ein in den Aphten sonst äusserst wirksames Mittel, welches ich seit verschiedenen Jahren in dieser sehr bedenklichen und gefährlichen Erscheinung mit großem Nutzen angewandt habe: nemlich das Calomel. Der Nutzen des Calomels in den Pocken, im Scharlachfieber, in den Masern und andern exanthematischen Krankheiten ist bekannt; eben so bekannt ist, daß dieses Mittel mit nicht geringerem Nutzen von den Englischen Aerzten sowohl, als auch von den berühmtesten deutschen in den Aphten gebraucht wird. Mich hat es der berühmte Hoffmann zu Maynz in dieser Krankheit anwenden gelehrt; und eigenes Nachdenken denken und wiederholte Erfahrungen haben mich überzeugt, daß es in den gefährlichen aphtösen Faulfiebern oft das einzige Rettungsmittel ist, wie ich weiter unten darzuthun gedenke. Bey diesem Kranken hatte ich schon einige Tage zuvor diese Aphten befürchtet. Der immerwährende Reiz zum Erbrechen ohne Materie, erregte in mir. die Besorgniß, es möchte entweder an dem obern Magenmunde, oder in dem Schlunde, eine mechanisch reizende Ursache vorhanden seyn, die nach den gegebenen Mitteln nicht weichen wolle. Ein solcher fortdaurender Reiz zum Erbrechen, wenn schon die gegebenen Brechmittel den Magen hinlänglich von der verdorbenen Schärfe befreyet haben, verbunden mit einer größeren Beschwerlichkeit im Schlingen, muß den Arzt immer vor diesem gefährlichen Feind besorgt machen, der desto gefährlicher ist, je tiefer im Schlunde die Aphten entspringen. Ich gab also, vom 16. September morgens an, meinem Kranken das Calomel täglich zweymal nach der Formel Nro. 14. welche Formel zwar hernach zum zweytenmale in der Apotheke wiederholt, aber nicht gebraucht wurde. Am A 10 Am Tage versäumte ich nicht so viel antiseptische Mittel in den Körper zu bringen, als es mir möglich war. Ich ließ das Decoct (Nro. 13.) der Rinde mit der Serpentaria versetzt sehr concentrirt nehmen, weil der Kranke nur wenig schlucken konnte. Die schleimiche Kampfer=Emulsion nahm er nur mit Theelöffeln. Auf den Unterleib ließ ich Umschläge aus China mit Kampfer legen, und dasselbige Mittel alle 2 Stunden, jedesmal eine Chocoladetasse voll im Clystier beybringen. Zum Ausspritzen des Mundes, und auch als Getränk bekam er den Succ. recent. Danci, um zugleich die verdorbene aphtöse Haut loszuweichen. Das Calomel brachte erst am 17. des Nachmittages, nachdem der Kranke vom 16. des Morgens früh an, bis den 17. des Vormittages, drey nach der Formel Nro. 14. verfertigte Pulver genommen hatte (denn das vierte den Mittag gereichte Pulver war, wie alle andre Arzney nicht mehr herunter zu bringen, weil es der Kranke wieder ausspie), einige sehr stinkende Stüle zuwege, und der Anfang der Absonderung der Aphten erfolgte; aber bey dem Kranken, welcher immer des Morgens früh, bey seinem Erwachen aus dem Schlummer phantasirte, vermehrte sich heute die Schläfrigkeit, er war kaum zu ermuntern. Die gegebenen 11 gebenen Mittel verschluckte er schon seit 24 Stunden selten, sondern spie sie, oft eine halbe Stunde nach dem Einnehmen, wieder aus dem Munde. Der Puls nahm ab und setzte zuweilen aus, die Krankheit näherte sich dem Tode. In der Nacht vom 17. auf den 18. hatte sich das Uebel noch verschlimmert; ich fand des Morgens den Puls aussetzend, den Kranken im Schlummer, das Geſicht verfallen. Gegen 10 Uhr Vormittages ward durch die Veranstaltung eines hiesigen Officiers, hinter meinem Rücken, ein anderer Arzt herbeygerufen, von welchem stadtkundig ist, daß er mit vieler Anhaͤnglichkeit medicinischen Grundsätzen folgt, und eine Heilart hat, die meinen Grundsätzen und meiner Heilart in manchen Stücken geradezu entgegen laufen; und aus diesem Grunde hatte ich bisher, um vor dem Krankenbette den Umstehenden keine lächerliche, den Arzt erniedrigende Farcen zum Besten zu geben, alle Berathschlagungen mit diesem Manne sorgfältig vermieden. Er war gekommen, da ich nicht zugegen war, hatte sogleich ohne mein Vorwissen dem Kranken Spanische Fliegen auflegen lassen, und mich um drey Uhr Nachmittages zur Consulte mit ihm beschieden. Auf 12 Auf das Zureden meiner Freunde, und um nicht bey den Verwandten des Kranken, die unser beiderseitiges Verhältniß nicht wissen konnten, mich in den Verdacht des Eigenſinns zu bringen, gieng ich diesmal von der bis jetzt von mir befolgten Regel ab, und fand mich zur gesetzten Grunde ein, um mit Herrn Odendahl (dies ist der Name jenes Arztes welcher auch Director des hiesigen medicinischen Collegii ist) mich zu berathschlagen. Herrn Odendahl fand ich in einem der untern Zimmer des Gasthofes, und er sagte mir sogleich bey meinem Eintritt ins Zimmer: er habe meinen Patienten besucht, und fände alle Hülfe vergeblich, da derselbe sterbend, und ohne Hofnung wäre; bat mich aber dennoch mit ihm noch einmal gemeinschaftlich zu dem Kranken zu gehen. Wir besuchten also den Kranken zusammen, und er wiederholte mir in Gegenwart desselben und der Umstehenden, daß keine Hofnung zur Genesung übrig wäre. Wenn man die Frage aufwirft: Warum man zu einem gefährlichen Kranken ausser dem ersten noch einen, oder mehrere Aerzte ruft? so erfolgt natürlicher Weise die Antwort: weil man den Rath und die Hülfe noch eines andern Arztes verlangt. Glaubt dieser 13 dieser zweyte Arzt den Kranken wieder herstellen zu können, so consultirt er darüber mit dem ersten, und giebt die Mittel an, von welchen er Hülfe erwartet; giebt derselbe alle Hofnung auf, und erklärt den Kranken für unheilbar, dann fällt von selbst alles Consultiren weg, und ich sehe nicht ein, wozu es in einem solchen Falle dem Sterbenden dienen kann, daß der zweyte Arzt sich genau und sorgfältig um die gebrauchten Mittel erkundige. Offenbar wird ja der zweyte Arzt nicht als Richter über das Verfahren des ersteren, und um zu beurtheilen, ob dieser recht oder nicht recht verordnet habe, gerufen; weil in keinem Falle der erste Arzt verbunden ist, den zweyten für seinen befugten Richter anzuerkennen. Eben so wenig können die Verwandten des Kranken, ihm den zweyten Arzt als einen solchen Richter aufdringen; sie können bloß, im Fall sie glauben, der Kranke sey unrecht behandelt worden, sich bey der Obrigkeit beschweren, welche hernach dem Arzt die Beschwerde mittheilt, ihm ausgiebt sich zu rechtfertigen, und über seine Rechtfertigung unpartheyische Kunstverständige sprechen läßt. Wenn demnach der zweyte Arzt erklärt hat, daß 14 daß er nicht mehr helfen kann, so fällt auch auf der Seite des ersten die Verbindlichkeit weg, von seinem Verfahren und von den Mitteln, die er gebraucht oder nicht gebraucht hat, dem zweyten vollständige Rechenschaft zu geben, und wenn es Fälle giebt, wo er dies demohngeachtet aus Delicateſſe und zur Beruhigung der Verwandten des Kranken thut, so giebt es auch andere Fälle, wo ihm eben diese Delicateſſe, und die Beruhigung der Verwandten, das entgegengesetzte Verfahren zu einer Art von Pflicht machen. Obgleich ich also keine Ursache zu haben glaubte, meine verordneten Mittel geheim zu halten, und ich sie dem Herrn Odendahl, ohnerachtet er den Kranken für unheilbar erklärt hatte, zum Ueberfluß ohne alles Bedenken nacheinander hernannte; so verschwieg ich ihm dennoch, eben weil jetzt der Kranke von ihm würklich für unheilbar erklärt war, gleichfalls ohne alles Bedenken, den Gebrauch des Calomel, weil ich die Verschiedenheit unserer Meynung, in Absicht dieses Mittels bey gegenwärtiger Krankheit kannte, und keinen Beruf in mir fühlte, vor dem Bette eines Sterbenden, einen unnützen, vielleicht lächerlichen Streit zu führen, von dem voraus zu sehen war, 15 war, daß er keinen von uns beiden zu einer andern Ueberzeugung bringen würde. Allerdings wäre der Fall ganz anders gewesen, wenn Herr Odendahl die geringste Hofnung zur Genesung des Franken geäussert, und Mittel dazu in Vorschlag gebracht hätte. Er hätte alsdenn ein Recht gehabt, eine vollständige Kenntniß der zuvor gebrauchten Mittel, und von ihrer Wirkung und Nichtwirkung einzuholen, um sich in der Wahl der seinigen darnach zu richten. Zuverläßig würd' ich ihm aber auch alsdann den Gebrauch des Calomels nicht verschwiegen haben; ja, wäre er schon vor dem Gebrauche desselben berufen worden, und ich hätte es anzuwenden für nöthig gefunden, so würd' ich es ohne allen Anstand in ſeiner Gegenwart in Vorſchlag gebracht, und die Gründe dafür, ohngeachtet seiner Widersprüche, mit allem Eifer der Ueberzeugung, und der Begierde nützlich zu seyn, ins Licht zu setzen gesucht haben. Herr Odendahl sagte mir über die ihm angezeigten verordneten Mittel, daß er sie für gut hielte; auch billigte er das Decoct der Rinde und die KampferEmulsion, wovon ich ihm den noch vorhandenen Vorrath zeigte, schlug aber gleichwohl vor, das Extr. der 16 der Rinde mit Kampfer zu geben, nicht in der Abſicht um zu helfen, wie er mir auf meine Vorſtellung der Kranke habe schon ähnliche Mittel wiederholet, sagte, sondern: „ut aliquid fecisse videamur.” *) Aus der nemlichen Ursache bat er mich auch, den Abend noch einmal zu einer zweyten Consultation zu erscheinen. Bey der ersten war Herr Odendahl so vorsichtig gewesen, mich nicht anzugreifen; vermuthlich weil er die vermeintliche Schwäche seines Gegners noch nicht ausgespähet hatte: die Neigung zum Angrif schien indessen viel zu lebhaft, als daß nicht der Versuch, eine Schwäche auszuspähen, hätte gemacht werden sollen. — Wenigstens, dünkt mich, war es nicht das Interesse des bereits für unheilbar erklärten Kranken, was Herrn Odendahl unmittelbar nach unserer ersten Consultation vermögen konnte, einen von den Feldscherern, und zwar in meinem Namen, nach der Apotheke zu beordern, um sich sämtliche von mir in dieser Krankheit verschriebenen Recepte einhändigen zu lassen, und ihm dieselben zu überbringen. Doch ) Eigentlich hätte er sagen müssen: ut aliquid fecisse videar. 17 Doch ich fahre in meiner schlichten Erzählung fort, worin von selbst sich zeigen wird, was Herrn Odendahls Zweck, bey der Einziehung meiner Recepte, gewesen seyn könne. Die Stunde der zweyten Zusammenkunft war gekommen. Ich begab mich auf das Zimmer des Kranken, und fand ihn sterbend. Man brachte mich hierauf in das Zimmer des Lords Maxwell. Dort saßen des Sterbenden und des Lords weibliche Verwandten in tiefer stummer Schwermuth. Ich gerieth in Rührung über diesen Anblick. Sie entfernten sich. Lord Maxwell und der Obrist von Harold lasen mir hierauf einen Aufsatz vor, den ich unterzeichnen, und wodurch ich bezeugen sollte, gedachter Lord habe alles gethan, was in seinen Kräften gestanden hätte, um den Kranken zu retten. In diesem Augenblick trat Herr Odendahl in dasselbige Zimmer. Ich sagte ihm, der Kranke sey sterbend. „Freylich, rief er mir mit aufgebrachter Stimme entgegen, „freylich ist der Kranke sterbend. „Aber fälschlich haben Sie mich berichtet, da Sie „vorgaben, Sie hätten ihm Tamarinden, Brechmit„tel und dergleichen gegeben. Ich habe alle Ihre „Recepte durchgesehen, aber keines von Tamarinden „darunter 18 „darunter gefunden. Wohl aber haben Sie dem „Kranken Calomel, und zwar in einer solchen Dosi „gegeben, daß dadurch das Leben desselben ist verkürzt „worden. Ist es erlaubt, ein so heftiges und gifti„ges Mittel einem Faulfieber=Kranken zu reichen „Sie lehnen alle Conſulten mit den hieſigen Aerzten „von sich ab, und ziehen in wichtigen Fällen blos „auswärtige zu Rathe; aber diese Gelegenheit soll mich an Ihnen rächen.“ In eben diesem Tone fuhr er fort mich zu fragen: „Ist es erlaubt, in Zeit von „sieben Tagen fünfzehn Recepte in einer Krankheit zu „verschreiben?“ und sagte: dieses wäre ein Zeichen eines schlechten Arztes. Auch machte er mir den Vorwurf: „Ich suchte nur aufklärerischen Neuerungen „in der Medicin nachzugehen, die nichts heißen woll„ten; er läse dergleichen unnützes Zeug, was heuti„ges Tages zum Vorschein komme, auch; aber er „hüte sich wohl davon Gebrauch zu machen, son„dern halte sich an Hippocrates, Galenus, Boer„have, van Swieten und de Haen. Ich aber dünke „mich klüger, als alle diese. O ihr Manen jener ehrwürdigen Männer, deren Namen hier gemißbraucht wurden, um einer ſteiſen Anhänglichkeit an allem, was nur alt ist, das Wort zu reden: wie sehr vergaß man, daß auch Ihr zu Euren 19 ren Zeiten Neuerer gewesen seyd! Wie sehr vergaß man, daß der Geist, der Euch in Euren Lehren leitete, die Wissenschaft nie stille stehen läßt; sondern, immer wirksam, von neuen Beobachtungen, neuen Forschungen, neuen Anordnungen und Verknüpfungen der Begriffe, zu noch neueren unaufhörlich fortgerissen hat, und noch unaufhörlich fortreißt! Was übrigens den Vorwurf betrift, daß ich mich klüger als jene großen, von Herrn Odendahl citirten, Männer dünke, so würde ich tief über mich selbst erröthen, wenn ich ein Wort darauf zu antworten für nöthig halten müßte. Auch übergehe ich mit Stillschweigen die weitere Geschichte dieses ärgerlichen und ekelhaften Auftritts, der vor ein anderes Forum, als das medicinische, welche ich hier allein vor Augen habe, gehöret. Daß ich zu den mir gemachten harten Vorwürfen nicht stille schwieg, war natürlich; und wenn meine Antwort nicht immer gemäßigt blieb, so bitte ich jeden Leser von Ehre und Gefühl, sich an meine Stelle zu denken, und sich eine Vorstellung von den Empfindungen zu machen, die ein so heftiger, durch nichts verschuldeter noch veranlaßter, beynahe öffentlicher Angrif auf meine Ehre, in mir erregen mußte. Es giebt Dinge, bey welchen es b 2 abge 20 abgehärtete Gefühllosigkeit gegen alles, was einem rechtschaffenen Manne heilig ist, verräth, wenn man sie sich sagen lassen kann, ohne die gewöhnliche Fassung darüber zu verlieren. Ich breche demnach hier meine Geschichte ab, und resumire blos für das medicinische Forum die von meinem Herrn Gegner, wie ich ihn von nun an in diesem Aufsatze nennen darf, mir dabey gemachten medicinischen Vorwürfe. Erstens: soll ich ihn in meinem Berichte über die Krankheit hintergangen, und ihm fälschlich gesagt haben: ich hätte zu Anfang bey dem Kranken abführende Mittel gebraucht, da sich doch dergleichen keines in meinen Recepten fände. Dieser Vorwurf ist eine grobe Unwahrheit. Die Recepte Nro. 1. und 2. beweisen dies, und der hiesige Apotheker, Herr Assessor Schöller, ist jede Stunde bereit, eidlich zu erhärten, daß diese Recepte wirklich um die Zeit, wie sie hier datirt sind, von mir für den Kranken verschrieben, und auch gleich verfertigt worden. Was meinem Herrn Gegner den bösen Streich gespielt habe, diese Recepte zu übersehen, ist nicht meine Sache zu ergründen. Zwey 21 Zweytens: wirft man mir vor, daß ich in dem kurzen Zeitraum von sieben Tagen, während welchen ich den Kranken behandelte, fünfzehn Recepte verschrieben, so daß auf jeden Tag über zwey Recepte zu rechnen wären. Auch dieser Vorwurf fällt, als eine blosse Sophisterey, hinweg, wenn man sich die Mühe giebt, meine Recepte durchzulesen. In allen findet sich, daß ich meiner Indication beständig treu geblieben; und wenn ich, um dem Geschmack des Kranken näher zu kommen, verschiedenemal die Form der Mittel zu verändern, genöthigt gewesen bin; so lagen doch dieselbigen Bestandtheile immer zum Grunde. Welcher practische Arzt wird nicht oft in die Nothwendigkeit gesetzt, seinem Kranken in der Form der Mittel nachzugeben, um nicht Ueberdruß vor der Arzney zu erwecken, und auf diese Weise alles zu verlieren? Wer also einen Arzt des Hin= und Herschwankens beschuldigen will, muß seinen Beweiß nicht aus der Zahl der Recepte, sondern aus dem Inhalte derselben, aus dem Uebergehen zu verschiedenen, auf eine und dieselbe Krankheit nicht mehr passenden Mitteln führen. Der dritte Vorwurf ist ein doppelter, und bestehet darin: a) Daß B 3 22 a) Daß ich den Gebrauch des Calomels meinem Gegner bey der ersten Consultation verschwiegen. Und: b) Daß ich durch den Gebrauch desselben, und durch die gereichte starke Gabe von 4 Gran, den Tod meines Patienten beschleunigt habe. Was das erste, nemlich das Verschweigen von dem Gebrauche des Calomels betrift, so habe ich schon im Vorhergehenden genug darauf geantwortet, und ich kann hier weiter nichts als das offenherzige Geständniß wiederholen, daß ich nicht gefühllos genug für die ängstlich besorgte Verwandte des Kranken, noch für meine Ehre, und die Ehre der Arzneywisfenschaft war, um meinem Gegner ganz unnöthiger Weise eine Confidenz zu machen, von welcher ich (was auch die Folge lehrte) voraussah, daß sie sich nur mit einem unangenehmen Wortwechsel endigen, und wahrlich! eben dadurch nicht sehr geschickt seyn würde, den Umstehenden eine höhere Meynung entweder von unserer Kunst, oder auch von einem von uns beiden Aerzten; geschweige denn von allen beiden, beyzubringen. Die zweyte in dem letzten Vorwurfe enthaltene Beschul 23 Beschuldigung ist weit wichtigerer Art. Sie betrift nichts weniger als die Verkürzung des Lebens eines meiner Mitmenschen; und macht es mir als Menschen, und als öffentlichem Arzte, der das Zutrauen seiner Mitbürger sich nicht entziehen lassen darf, doppelt zur Pflicht, mich dagegen zu vertheidigen. Zwar könnte ich, anstatt eigener Vertheidigung, den Beweiß, daß eine in 24 Stunden dreymal gereichte Gabe von vier Gran Calomel den Tod eines Faulfieber=Kranken zu befördern im Stande sey, meinem Herrn Gegner, der dieses behauptet hat, überlassen; und es verstände sich von selbst, daß ich in diesem Falle mich nicht durch Machtsprüche, zweifelhafte Erfahrungen, unerwiesene Meynungen von Auflösung des Bluts, und dergleichen Vorurtheile und Hypothesen abfertigen zu lassen brauchte. Nein; mein Herr Gegner hätte mit statthaften Gründen mir die giftige Eigenſchaft des verſüßten Queckſilbers zu beweisen; er hätte mir darzuthun, wie und auf welche Theile des menschlichen Körpers es jene giftige Eigenschaft äußere. Ferner hätte er zu zeigen, von welcher Natur und Beſchaffenheit das durch das verſüßte Quecksilber hervorgebrachte Uebel sey. Und da eine solche Gabe von vier Gran Calomel (eine Gabe, die von den mehresten Aerzten einem Kinde von drey bis vier B 4 24 vier Jahren, um es gelinde abzuführen, in der Pockenzubereitung, in Würmern, und in so mancher andern Krankheit verordnet wird) weder heftiges Purgieren, noch heftiges Schwitzen, noch irgend eine andere heftige Ausleerung bewirkt; da nach derselben sich weder Spuren von Entzündung, noch von Brand, Lähmungen, Schlagflüssen 2c. zeigen; so hätte mein Herr Gegner mir allerdings die Frage zu beantworten: Auf welche andere Weise denn das versüßte Quecksilber, in der gereichten Gabe, den Tod eines Faulfieber=Kranken beschleunige? Und so lange er eine gründliche Beantwortung dieser Frage mir schuldig bliebe, hätte ich ein Recht, seine Behauptung als eine Verläumdung zu betrachten, welche, was auch ihre Quelle seyn möchte, den Begrif von den Kenntnissen und dem Charakter dessen, der eine solche Verläumdung sich erlaubt, in den Augen aller Unpartheyischen nicht anders als herabsetzen müßte. So ruhig ich auch wirklich, wenn es blos auf eigene Ueberzeugung ankäme, die hier geforderten Antworten und Beweise meines Gegners zur Rechtfertigung seiner Beschuldigung abwarten, und mittlerweile mich begnügen würde, dieser seiner Beschuldigung nach ihrem wissenschaftlichen und moralischen Werthe, die ihr gebührende Stelle in meiner Achtung anzuweisen; 25 sen; so wenig darf ich doch, in Rücksicht auf das Publicum, einer solchen negativen Selbstvertheidigung mich überlassen. Das Semper aliquid haeret (dieses geheime Ziel so mancher gewagten hämischen Beschuldigung) iſt bekannt genug; und mir iſt es als Arzt aus dem schon oben angeführten Grunde, weit weniger als einem andern gestattet, über dessen Folgen mich hinweg zu setzen. Ich schreite daher zu meiner umständlichen Rechtfertigung, und lege jedem unpartheyischen Leser die Gründe vor, wodurch ich mich berechtigt glaube, das Calomel in faulichten und aphthösen Krankheiten zu gebrauchen; Gründe, wodurch ich auch bewogen worden bin, es in der zu Anfang dieser Schrift beschriebenen Krankheit zu reichen. Seit einer ein und zwanzigjährigen, sehr weitläuftigen Praxis, habe ich vielleicht mehr als ein anderer Gelegenheit gehabt, alle Arten von Faulfiebern, zu beobachten. Mir ward im Fürstenthum Halberstadt, meinem Vaterlande, das Physicat des Osterwiekschen Kreises, zu einer Zeit (nemlich in den Jahren 1771 und 1772) anvertrauet, wo das in ganz Deutschland herrschende Faulfieber, vorzüglich diese Gegend, heimsuchte. DaB 26 Damals behandelten viele Aerzte der dortigen Gegend diese Krankheit noch durch Aderlässe, schweißtreibende und absorbirende Mittel. Dagegen verschrien sie die Brechmittel, säuerliche Abführungen, die Rinde und den Campher. Ich achtete nicht auf ihr Geschrey, gab die zuletzt genannten Mittel, und hatte das Glück, die meiste Kranken zu retten. In unsern Tagen ist die Heilungsart, deren ich mich damals bediente, allgemeiner geworden, und selbst der mittelmäßigste Arzt wird jetzt in der angeführten Krankheit die Mittel nicht mehr anwenden, die zu jener Zeit bey den meisten alten Aerzten, besonders in kleinen Städten, noch üblich waren. So siegen Erfahrung und Zeit nach und nach über herrschende Vorurtheile. Den Gebrauch des Calomels in faulichten Krankheiten kannte ich damals noch nicht; ich hiene vielmehr noch der Meynung an, die selbst noch heut zu Tage von vielen Aerzten gehegt wird, daß die Quecksilbermittel das Blut aufzuldsen vermöchten, und war also weit entfernt von diesen Mitteln eine wohlthätige Wirkung in Faulfiebern zu erwarten. Indessen hatte man in einem andern Welttheile, in Westindien, angefangen sich des versüßten Quecksilbers in der faulichten Bräune, und in andern Krankheiten, wo faulichter, besonders aber gallichter Stof zum 27 zum Grunde lag, mit glücklichem Erfolge zu bedienen. Im Jahr 1780 fand ich zuerst diese Erfahrung in Richters Chir. Bibl. B. 5. S. 737 u. folg. angeführt, und ich halte es in mehr als einer Absicht für gut, die ganze Stelle meinen Lesern hier woͤrtlich vorzulegen. Sie ist aus dem Auszuge eines Schreibens aus Neuyork von Herrn D. Michaelis genommen, und lautet also: „Sie wissen wie sehr Lettsom das Quecksilber in „faulen Krankheiten, vorzüglich auch in faulen Blat„tern empfielt. Da diese Idee meine bisherige Theo„rie so geradezu vor den Kopf stieß, achtete ich wenig „darauf. Wir hatten diesen Herbst, der vorzüglich „naß war, unter den Einwohnern von Neuyork hin „und wieder brandige Bräunen. In einem sehr ge„fährlichen Falle schlug D. Bailey Calomel vor. Ich „widersetzte mich diesem Vorschlage; da er mir aber „zuverläßig versicherte, daß der Kranke davon kom„men würde, wenn er eine Salivation erregen könn„te, so willigte ich endlich ein. Calomel ward ge„geben, es erfolgte eine Salivation, und der Kranke „ward gerettet. „Eben dieser D. B. erzählte mir, daß vor fünf „Jahren, als die faulen Krankheiten, und vorzüglich „die 28 „die bösartige Bräune eine Menge Menschen zu „Neuyork wegrafften, er zu einem Frauenzimmer „gerufen worden sey, die große Geschwüre an „den Mandeln hatte. Ihr Schlund war entzündet „und feuerroth, das Schlingen sehr beschwerlich; der „Othem aber frey. Dabey hatte sie sehr heftiges „Kopfweh, einen schweren Puls, eine schmutzige „Zunge mit bitterem Geschmacke; ihre sehr heisse und „trockne Haut war hin und wieder, mit einem kleinen „frieselartigen Ausschlage besetzt. Man gab Auslee „rungen, und die gewoͤhnlichen antiseptischen Mittel „ohne die mindeste Besserung. Die Kranke ward „taͤglich schlimmer, und bekam noch überdies einen „sehr starken Durchfall. In diesen Umständen schlug „Dr. Rugden, ein alter erfahrner Arzt von Long„Island das Calomel vor, und zwar nicht mit dem „Tone, mit dem man in zweifelhaften Fällen ein „zweifelhaftes Mittel vorschlägt; er empfahl es als „ein zuverläßiges Mittel, und versicherte, daß, „wenn eine Salivation erregt werden könnte, wozu „aber in diesen Fällen starke Dosen Calomel erfordert „würden, die Kranke gerettet werden würde. Man „gab ihr also starke Dosen Colonel, nebst etwas „Mohnsaft, um das Purgiren zu verhüten, und ließ „nebenher einen Aufguß von Serpentaria mit Wein„molken und etwas Citronenſaft trinken. Die Sali„vation 29 „vation entstand, und von Stund an besserte sich die „Kranke. Zeit hat D. Bailey viele hundert „Seit diese „Leute durch dieses Mittel von der faulen Bräune Je stärker die Fäulniß ist, desto häusi„geheilet. „ger giebt er Calomel: und bisher hat er die Regel „noch immer wahr befunden, daß keiner stirbt, bey „dem ein Speichelfluß entsteht. D. Douglas in einer Abhandlung über die bran„dige Bräune, die zu Boston herausgekommen ist, „sagt: Quecksilber sey ein Specisikum in solchen Ge„schwären des Halses, welches das Umfressen des „Geschwürs hindert, und die Absonderung des Bran„digen befördert. Es hat ihm unter den Quecksilber„mitteln keines so gute Dienste gethan, als Calomel. Die Art und Weise, wie diese aus Neuyork kommende Nachrichten vorgetragen werden, erlaubte mir zwar nicht, an der Wahrheit und Richtigkeit dieser Beobachtungen zu zweifeln; doch stand bey mir das oben angeführte theoretische Vorurtheil, das Quecksilber löse das Blut auf, einer völligen Ueberzeugung im Wege: und ich konnte mich zu dem Gebrauch des Calomels in ähnlichen faulichten Krankheiten, wie die angeführ 30 angeführten, noch nicht entschließen. Ich bediente mich nur desselben, und zwar mit auffallendem Nutzen, unter andern in bdsartigen Blattern. Ich kam hierauf in hiesige Gegend, und bemerkte sehr oft, sowohl das bösartige Faulfieber (febr. catar, maligma) als das sogenannte gallichte oder gastrisch fäulichte, und zwar beide, so wie auch zuweilen die fäulichte Ruhr, mit Aphthen. Die Krankheiten, mit dieser Erscheinung begleitet, hielt ich für die gefährlichsten; und ich gestehe, daß ehe ich die Wirkung des Calomels in denenselben aus eigener Erfahrung hatte kennen lernen, die Erscheinung der Aphthen in Faulfiebern und in der Ruhr 2c. sich mir immer als ein entscheidend ominöses und recht furchtbares Zeichen darstellte. Mir war eben an einem solchen fehri putrida Aphthosa ein Kranker gestorben, als ich Gelegenheit bekam, mit dem damals noch in Münster wohnhaften Geh. Rath Hoffmann über eine vornehme kranke Dame, die er hier mit mir gemeinschaftlich behandelte, zu consultiren. Ich erzählte ihm bey dieser Gelegenheit meine Furcht vor den Aphthen in Faulfiebern; er sagte mir: das Calomel sey dagegen ein bewährtes und heilsames Mittel; und führte mir verschiedene genau beobachtete Fälle 31 Fälle aus seiner eigenen Erfahrung an, um mich von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Diese Erfahrungen von Hoffmann, verbunden mit den oben angeführten aus Richters Bibliothek, benahmen mir meine bisherige Bedenklichkeit. Ich hatte bald Gelegenheit, dieses Mittel in einem solchen Faulfieber mit Aphthen anzuwenden. Der Erfolg war glücklich. Ich wiederholte ihn in ähnlichen Gelegenheiten, und jederzeit mit eben demselben glücklichen Erfolge. Zwanzig Fälle könnte ich anführen, wo das Calomel allein in den bösartigsten Aphthösen Faulfiebern meine Kranken gerettet hat, einige davon werde ich weiter unten umständlich beschreiben. Zuvor aber erlaube man mir, hier einige Bemerkungen über das Recht, das ein Arzt unstreitig hat und haben muß, in Krankheiten, wogegen die allgemein bekannten Mittel der Kunst nichts auszurichten vermögen, sich ei nes andern minder bekannten, oder auch wohl ihm nur allein bekannten wirksamen Mittels zu bedienen. Die Noth ist eine Mutter der Erfindung, und in welchem Falle kann die Noth wohl dringender ſeyn, als wenn das Leben eines Menschen in Gefahr steht, und 32 und die gewöhnlichen Rettungsmittel ihre Hülfe verWas würde die Arzneykunst in diesem Augensagen? blicke sagen, wenn die Aerzte von jeher sich in solchen Fällen einer muthlosen Unthätigkeit überlassen, und, anstatt zu einem neuen Mittel ihre Zuflucht zu nehmen, den Tod der Kranken, jeder Abweichung von den eingeführten Mitteln methodisch vorgezogen hätten? Hippokrates sagt: Melius est anceps experiri remedium quam nullum! Es kommt indessen bey diesem Grundsatze (so wie bey jedem andern allgemeinen) in der Anwendung hauptsächlich auf gewisse nähere Bestimmungen an, und diese scheinen mir in folgenden zu liegen. Man gelangt zu dem Gebrauch eines neuen Mittels, entweder 1) Durch bloßen Zufall. 2) Durch die Erfahrung anderer. 3) Durch eigenes Beobachten und Nachdenken. Den letzten Fall übergehe ich, da er seltener ist, und nicht nothwendig hieher gehört. Ueber die beyden ersten werde ich meine Meynung sagen. Unsicher 33 Unsicher und grob empirisch ist der Gebrauch eines jeden Mittels, von welchem blos der Zufall die Wirksamkeit hat kennen lernen, wenn nicht entweder durch eine genaue Beobachtung die eigentliche Wirkung des Mittels, und unter welchen Bedingungen sie sich einstellt, erkannt; oder durch Untersuchung der Bestandtheile des Mittels seine Heilkraft mit Sorgfalt theoretisch ergründet worden ist. Läßt aber eine genaue und richtige Beobachtung über die eigentliche Wirkungskraft des Mittels, und den dazu gehörigen Bedingungen keinen Zweifel übrig; oder ist durch Untersuchung der Bestandtheile und theoretische Prüfung der Art und Weise, wie diese in den menschlichen Körper zu wirken, und die Ursach einer Krankheit zu heben vermögend sind, mit Bestimmtheit herausgebracht, und hiedurch die zufällige Erfahrung bewährt und berichtigt; so hat der Arzt das Recht ein solches Mittel zu gebrauchen, wenn auch alle seine Mitärzte noch so sehr dagegen schrieen, und über die Ungewöhnlichkeit und Neuheit des Mittels herführen. Von vernünftigen Aerzten hat man ein solches Schreyen ohnehin nicht zu besorgen. Diese lassen sich die gemachte Erfahrung vortragen; untersuchen sie nach logischen und medizinischen Gründen, und verwerfen oder nehmen an, tadlen oder billigen, nachdem die Erfah 34 Erfahrung entweder mangelhaft, oder genau und richtig befunden wird. Ein größeres Recht hat der Arzt ein noch nicht allgemein übliches Mittel zu gebrauchen, wenn die Wirkungen dieses Mittels durch die Erfahrungen anderer Aerzte schon bestätiget sind; und sein Recht wächst mit der Anzahl der Erfahrungen, und mit dem Grade der Genauigkeit der dabey angestellten Beobachtungen und Prüfungen. Auch hat der Arzt nicht minder das Recht, ein solches in gewissen Krankheiten bewährt gefundenes Mittel, auch in andern Krankheiten anzuwenden, wo nemlich die Krankheitsursachen dieselbigen bleiben, obgleich in den Erscheinungen und Zufällen dieser Krankheiten einige Verschiedenheit herrscht, nur dürfen in einem solchen Falle keine offenbare Gegenanzeigen den Gebrauch des Mittels untersagen. So verhindert dem Arzte nichts, die Fieberrinde sowohl in dreytägigen als viertägigen Fieber eben so gut als in alltaͤglichen, ja sogar in solchen Fiebern anzuwenden, wo nur ein Nachlaß, ohne gänzliches Aufhören eines Fieberanfalls vorhanden ist. Genug er weiß, die Materie des Wechselfiebers hat einerley Ursache, obgleich die Menge dieſer Materie, oder ihr Sitz, oder der 35 der verschiedentliche Reiz, welchen sie auf die Nerven äußert, ganz verschiedene Erscheinungen hervor zu bringen pflegen. Der Arzt muß jedoch zugleich die Faͤlle kennen, wo dem Gebrauch der Rinde etwas im Vege stehet, und vor dem Gebrauch dies wegzuschaffen suchen. Eine gleiche Bewandniß hat es mit dem Calomel. denn das Calomel in gallichten, fäulichten, brandigen und häutigen Brännen, die einen faulen Stoff zum Grunde haben, gebraucht werden kann, wenn sein Nutzen in diesen Krankheiten in die Augen fällt, und sich vernünftiger Weise nicht bezweifeln läßt; und wenn nun bey aphthösen Faulfiebern eine ähnliche säulichte Anlage vorhanden ist: warum sollte da der Arzt nicht berechtigt seyn, dieses Mittel in der zuletzt genannten Krankheit, eben so gut als in den erstern, zu gebrauchen? Allerdings ist er dies; so bald, wie schon mehrmals erinnert ist, keine Gegenanzeigen den Gebrauch abrathen. Die Geschichte der Medizin liefert zur Bestätigung der hier von mir aufgestellten Bemerkungen unzaͤhlige Beweise. Wie aber, wird man mir einwenden, wenn die Schädlichkeit eines Mittels entweder a priori bewiesen, oder aus vorherigen Erfahrungen schon bekannt 2 . 36 ist, und also Gründe gegen Gründe, Erfahrungen gegen Erfahrungen streiten? Auch dieses ist zuweilen der Fall, und alsdenn ist es Pflicht eines nicht leichtsinnigen Arztes, die älteren Gründe gegen die neueren, und ob die Erfahrungen nicht durch Trugschlüsse verfälscht worden sind, ohne alles Vorurtheil mit strenger Genauigkeit zu prüfen. Wir wollen zuerst die Gründe a priori beleuchten, die man dem Gebrauch der Merkurialmittel entgegen zu setzen pflegt. Einer der Haupteinwürfe bestehet darin, daß man sagt: das Quecksilber löse das Blut auf. Ich selbst hing ehemals, wie ich offenherzig gestanden habe, dieser Meynung an; ihr Ungrund entdeckte sich mir aber bey angestellter genauerer Untersuchung; und ich zweifle nicht, Leser welche die Sache prüfen wollen, werden diesen Ungrund mit mir erkennen. A priori frage ich nemlich: wie sollte es das Calomel wohl machen, um das Blut oder irgend einen Saft aufzulösen? Nach den Gesetzen der Auflösung, welche auf die Gesetze der Cohäsion, und auf die 37 die Theorie von dem Eindringen eines Körpers in die Zwischenräume eines andern gegründet sind, läßt sich die Möglichkeit davon schlechterdings nicht gedenken: denn, wenn ein Körper den andern auflösen soll, so wird nothwendig dazu erfordert, daß dieser Körper eine geringere wesentliche Schwere habe, als der aufzulösende Körper. Man gehe die ganze Natur durch, Bestätigung dieses Satzes und überall wird man die finden. Diesemnach ist es eher möglich, daß durch die Säfte im menschlichen Körper, welche eine mindere wesentliche Schwere haben als die Quecksilber mittel, letztere aufgelöset werden, als daß das Gegentheil erfolge. Zudem ist ja das Calomel als ein trockener, nicht als ein flüßiger Körper zu betrachten, und die Erfahrung lehret, daß trockene Körper keine flüßige auflösen, sondern daß bey den Gesetzen der Auflösung, gerade das Gegentheil die Conditio sine qua non ist. Man wendet ferner ein, die Quecksilber=Präparate wären ausserordentlich theilbar, sie drängen daher in die Zwischenräume der Bluttheilchen, und löseten also diese Bluttheilchen auf. Das C 3 38 Das Irrige dieser Hypothese fällt aber auch sogleich in die Augen, wenn man überlegt, daß zur Auflösung eines Körpers nicht allein erforderlich ist, daß ein anderer in seine Zwischenräume eindringe, sonst könnte man mit eben dem Rechte sagen, das Wasser löse das Holz auf, weil es die Eigenschaft hat, in dessen Zwischenräume zu dringen. Zur Auflösung wird überdies noch erfordert, daß der aufzulösende Körper, mit allen Theilen des auflösenden in die genaueste, und in eine weit engere Verbindung trete, als die vorherige Verbindung unter seinen eigenen Theilen war. Wäre es möglich, daß die Quecksilbermittel das Blut auflößten, wieviel Quecksilber würde wohl dazu erfordert werden, um die ganze im menschlichen Körper befindliche Blutmasse aufzulösen? Wenigstens könnte alsdann kein Bluttheilchen im menschlichen Körper seyn, das nicht mit einem Quecksilbertheilchen genau verbunden wäre. Nimmt man nun die ganze Masse des Bluts im menschlichen Körper sehr gering, und nur zu einigen und 20 Pfunden an; so kann man leicht berechnen, wieviel Calomel zur Auflösung dieser Pfunde erfordert würde. Das Ungereimte dieser Hypothese leuchtet also gleich ein; man komme aber nicht und sage: das Queck 39 Quecksilber bewirke die Auflösung dadurch, daß es das Verbindungsmittel aufhebe, wodurch die Bluttheilchen unter sich zusammen gehalten werden. und was ist dies Verbindungsmittel? Dies fragt man auf eine solche Behauptung mit Recht, damit man nicht in den Fall gerathe, über leere Worte, denen nirgendwo ein Object entspricht; über wahre Hirngespinste zu streiten. Was aber dies Verbindungsmittel sey, und wie es durch das Quecksilber aufgehoben werden könne, darüber wird man vergebens einen Aufschluß erwarten. Daß übrigens die Quecksilbertheilchen weit theilbarer sind, als die rothen Bluttheilchen, gebe ich gerne zu. Dies beweißt aber nicht, wie schon aus obigem folgt, daß sie die Bluttheilchen auflösen. In den Bluttheilchen sind auch Speichel, Saamen, Thränen= und andere Theilchen enthalten, welche allerdings theilbarer sind als die rothen Blutkügelchen, da sie in Haarröhren eindringen, wo im naBlutkügelchen einzutürlichen Zustande kein rothes dringen vermögend ist. Niemand aber wird sagen, daß diese das Blut auflösen. Sie werden aus dem Blute abgesondert, und entweder zu ihrer eigenthümlichen Bestimmung wieder verwandt, oder ganz aus dem C 40 dem Körper ausgeschieden. Eben so scheiden sich durch die mancherley Aus= und Absonderungen, durch die Haut, durch die Urinwege, durch die Speicheldrüsen, die in den Körper gebrachten Quecksilbertheilchen wieder ab, wovon die tägliche Erfahrung den Beweiß liefert. Es ist demnach hinlänglich dargethan, da vermöge der physicalischen Gesetze, kein wesentlich schwere rer Körper einen wesentlich leichtern, und eben so we nig ein fester und trockener Körper einen flüßigen auflösen kann; daß diesen Gesetzen zufolge, es auch unmöglich sey, daß das Calomel das Blut auflöse. Die lang gehägte, und von vielen noch angenommene Meynung über diesen Punkt, thut bey dem denkenden Theil der Leser nichts zur Sache. Will aber jemand diese Meynung dennoch gegen mich behaupten, so muß er mir zuvor das Irrige in meinen Gründen und Schlüssen zeigen, und seine Meynung durch bündige, mit den Naturgesetzen übereinstimmende, sich nicht selbst auf hebende Beweise unterstützen. Dies erwarte ich, und will nur dies noch hinzufügen, daß ich durch die mit dem Calomel und dem aus der Ader gelassenen Blute eines Menschen, seit kurzem angestellten Versuche, das Gegentheil der alten 41 alten Meynung herausgebracht und gefunden zu haben glaube, daß dieses Mittel das Blut zum Gerinnen bringt. Diese Versuche, die ich jetzt mit der äußersten Genauigkeit wiederhole, sollen bey einer andern Gele genheit, wo ich weitläuftiger von dieser Materie zu handeln willens bin, erzählt werden. Es ist indessen der gewöhnliche Gang, wenn man mit Beweisen a priori ins Gedränge kommt, daß man sich hinter vorgebliche Beobachtungen und Erfahrungen zurücke zieht, um wenigstens den Schein der Niederlage zu vermeiden. Ich finde daher für nöthig, die Meynung von der Auflösung des Blutes durch Quecksilbermittel, auch noch von dieser Seite zu beleuchten. Wenn aber jemand einen allgemeinen Satz aus Beobachtungen und Erfahrungen abzuleiten gedenkt, so müssen hauptsächlich richtige Beobachtungen und Erfahrungen zum Grunde gelegt, und aus ihnen nicht mehr und nicht minder, als was wirklich in ihnen liegt, für den allgemeinen Satz, den man aufstellen will, daraus gefolgert werden. Es ist so leicht, hiebey in eine fallaciam causae zu verfallen! Wenn ich Jener Kranke hat Colonel gez. B. schließen wollte nommen, hat darauf zur Ader gelassen, und sein Blut ist 15. 42 ist aufgelößt befunden worden; also hat das Calomel sein Blut aufgelöset: so wäre dies sicherlich ein übereilter Schluß; denn konnten nicht andere Ursachen vorhanden seyn, die dieses Blut auflößten; ja, konnte es nicht selbst vor dem genommenen Calomel schon aufgelößt seyn? Unstreitig hatte auch der verstorbene Irrländer dessen Krankengeschichte ich in dieser Schrift erzählt habe, bey seinem heftigen Faulfieber, aufgelößtes Blut. Dieses würde man sowohl vor, als nach dem Gebrauch des ihm gereichten Calomels bey angestellter Untersuchung gefunden haben. Wäre aber die Untersuchung nach dem Gebrauch des Calomels geschehen, und man behauptete nun, das Calomel habe dieses Blut aufgelößt, welcher logische und gründliche Kopf würde wohl dieser Behauptung gleich beytreten? Eben so bündig schloß mein Gegner, ich habe dem Irrländer in einem Faulfieber Colonel gegeben, derselbige sey einige Tage darauf gestorben, folglich sey er am Calomel und nicht am Faulfieber gestorben. Venn man sich also auf die Erfahrung beruft, um den Satz zu behaupten, daß das Calomel die genſchaft habe, das Blut aufzuloͤſen; ſo fordere ich, daß 43 daß man Erfahrungen, woraus dies nothwendig folget, beybringe. Ich sage nothwendig folgt: weil alle andre Ursachen, die neben dem Calomel zur Auflösung des Blutes beytragen können, von der Erfahrung, damit sie rein sey, abgesondert werden müssen. Bis jetzt ist noch keine einzige solche Erfahrung vorhanden; wohl aber giebt es Erfahrungen für die entgegengesetzte Behauptung: denn welchem Arzt und Wundarzt, der viel Mercurialmittel, sowohl in der Lustseuche als in andern Krankheiten verordnet hat, iſt nicht oft die Beobachtung aufgeſtoßen, daß das Blut dieser Kranken, ohngeachtet der von ihnen lange und anhaltend genommenen Mercurialmittel, eine eben so gute Consistenz und Mischung hatte, als das Blut eines Gesunden? Wenn aber das Calomel in Faulfiebern die Aufloͤsung des Blutes und der Säfte nicht vermehrt, folglich auch die Fäulniß derselben nicht befördert: so ist es vielleicht durch seine Wirkung auf die feſten Theile schädlich? Auch dieses will ich untersuchen. Alle Wirkung eines Mittels auf die feſten Theile bestehet darin, daß selbiges entweder die Empfindlichkeit und Reitzbarkeit der Fasern vermehrt, oder diese Empfindlichkeit und Reitzbarkeit vermindert, oder aber die die Substanz der Fasern angreift und zerstöret. Die beyden ersten Wirkungen sind zu oft der eigentliche und bestimmte Zweck der Arzneymittel, als daß sie an und für sich schädlich genannt werden könnten. Es ist also von der letzten Wirkung hier ganz allein die Frage. Daß aber das Calomel die Substanz der festen Theile angreife und zerstöre, hat wohl noch nie ein Mensch bey gesundem Verstande im Ernste behauptet. Wir geben Kindern von eins, zwey, drey Jahren in den Blattern, bey Würmern und in so vielen andern Krankheiten, ohne den mindesten Schaden, diese Mittel. Gemeiniglich giebt man einem Kinde zum Abführen so viel Gran, als es Jahre alt ist. Ein Kind von vier Jahren bekömmt also vier Gran Calomel in einer Gabe. Wenn dieses Mittel die festen Theile anzugreifen und zu zerstören vermögend wäre, würde dieses nicht bey einem solchen Kinde weit eher als bey einem Erwachsenen geschehen? Wenn man aber mit diesem Mittel einen Erwachsenen purgiren will, so reicht man ihm eine Gabe von 12, 16 bis zu 24 Grau, und zuweilen darüber. Alles was darauf erfolgt, sind einige Stüle, wobey man seltener wie bey den meisten andern abführenden Mitteln, Schmer zen im Unterleibe bemerkt. Hätte aber das Calomel irgend eine, die Fasern des menschlichen Körpers angrei⸗ 45 greifende und zerstörende Eigenschaft, so müste es diese nothwendig in solchen Fällen, und bey so starken Gaben äussern. Will man mit dem Calomel andere Absichten erreichen, und soll es blos eingesogen werden, um auf andere Gefäße und Absonderungsorgane zu wirken, so giebt man es in einer weit geringeren Gabe, damit es keine Abführung bewirke, und nicht auf diese Weise zu schnell wieder fortgeschaft werde. Bey Kindern zum Beyspiel, welche das Pockenfieber haben, und wo ich, um eine dienliche Vereiterung der Blattern zu befördern, blos auf die Gefäße der Haut wirken will, bediene ich mich dieses Mittels nach dem Ausbruche und in dem Zeitraum der anfangenden Eiterung, zu wenigen Granen täglich 2mal, und ich sehe alsdenn daß es die Absonderung durch die Haut befördert, den Umlauf durch dieselbe erleichtert, und vorzüglich in bösartigen Blattern, welche nicht eitern wollen, die Eiterung glücklich zuwege bringt. Auch leistet das Calomel aus eben dieser Ursach in Scharlachfieber, selbst in dem bösartigsten, die treflichsten Dienste. Nach dem Gebrauche dieses Mittels habe ich nie die sonst so gefährliche zweyte Epoque des Scharlachfiebers bemerkt; und ich werde meine darüber gemachten Beobachtungen dem Publiko zu seiner Zeit 46 Zeit in einer andern besonderen Schrift über die Quecksilbermittel vorlegen. Da nun das Calomel, wie oben gezeigt worden ist, selbst in starken Gaben, die Fasern nicht zerstört; so wird es diese Wirkung in mindern Gaben noch weit weniger thun. Ueberhaupt frage ich: aus welchem Grunde wäre man berechtigt, ihm eine solche Wirkung zuzuschreiben, da man sie von selbigem, wenn es äußerlich aufgelegt wird, nie wahrnimmt, weder ein Brennen auf der Zunge, noch Schmerzen im Magen und in den Gedärmen, oder sonsten einen andern Zufall, bey seinem Gebrauche bemerkt, der auf eine solche Zirkung schließen ließe Es giebt indessen Leute, welche auch die entfernteste Aehnlichkeit dazu mißbrauchen, um gewisse Dinge mit einander zu verwechseln; und wenn es auf das äußerste kömmt, die Stirne haben, von einem Johanniswürmchen zu behaupten, daß es brennt, weil ) Es versteht sich, daß ich allezeit von dem reinsten, von aller überflüßigen Kochsalzsäure, und von allen Sublimattheilchen auf das sorgfältigste befreyeten Calomel rede. Bey dem minder gut bereiteten, folglich nicht reinen Calomel leidet diese Behauptung zuweilen eine Ausnahme. es zur Nachtzeit das Leuchten mit dem Feuer gemein hat. Um solcher Leute willen, muß ich mich hier noch gegen einen Trugschluß schützen. Von dem Sublimat ist nemlich einmal bekannt, daß er in hinlänglicher Menge gebraucht, die Eigenschaft hat, die Fasern zu zerstören. Thut dieses der Sublimat, warum nicht auch das Calomel? Allein der Sublimat ist ein metallisches Salz aus Kochsalzsäure und Quecksilber, und die Kochsalzsäure prädominiret darin im höchsten Grade. Diese Säuretheilchen haben sich hier so stark und in einer solchen Menge an die Quecksilbertheilchen angehangen, als sie an diesen Theilchen nur anhangen können. Da nun die Quecksilbertheilchen vermöge ihrer Schwere und Theilbarkeit unendlich viel Berührungspunkte haben; so ist es ganz natürlich, daß sie viel solcher Salztheilchen in einem kleinen Raume zu fassen vermögen. Die Kochsalzsäure=Theilchen finden sich also in dem Sublimat so sehr in die Enge gebracht, als sie möglicher Weise seyn können; und nun bedenke man, mit welcher Kraft diese höchst scharfen, durch das Quecksilber in die Enge gebrachten, und durch dessen Schwere in ihrer Wirksamkeit verstärkten Theilchen, die Fasern angreifen müssen! Kein Wunder, daß der Sublimat 48 Sublimat sie zerstdre, wenn er in hinlänglicher Menge auf sie wirkt. Da in dem Sublimat eine Menge Theilchen Kochsalzsäure, mit jedem Quecksilbertheilchen verbunden, folglich der Zusammenhang diese Theilchen nicht so genau und innig ist, daß die Kochsalzsäure von dem Quecksilber nicht leicht wieder getrennt werden könnte; so folgt hieraus, daß der Sublimat sehr auflößlich seyn müsse, und auch dies trägt dazu bey, die heftige Wirkung dieses Mittels zu verstärken. Ganz anders verhält es sich mit dem versüßten Quecksilber, oder mit dem Calomel. Hier sind mit der Kochsalzsäure so viel Quecksilbertheilchen verbunden, als sich nur mit ihr verbinden lassen, und sie sind so fest, so genau und so innig mit ihr verbunden, daß nur das Feuer sie wieder zu trennen vermag Man bringe mit diesem Körper Wasser, Säuren, Salz, kurz alles was man will, in Verbindung, ohne das Feuer, oder andere chemische Operationen wird sich das Wesen dieses metallischen Salzes nicht zersetzen lassen. Durch das Kochen löset man ohngefehr zwey Gran versüßten Quecksilbers in vier Unzen Wasser auf. Veder 49 Weder Kochsalz noch Salpeter, noch Vitriolsäure vermögen dies versüßte Quecksilber aufzulösen; der Es verbindet sich Eßig läßt es gleichfalls unberührt. auch nicht mit dem Sublimat; das gemeine kochende Wasser löset den mit dem verfüßten Quecksilber verbundenen Sublimat wieder auf, und das Calomel bleibt auf dem Boden zurück. Ganz rein und mild erhält man dieses metallische Salz, wenn man es nach der wiederholten Sublimation so fein als möglich reibt; alsdann es mit kochendem Wasser, worin Salmiak aufgeldßt worden ist, zu wiederholtenmalen, zuletzt aber mit blos kochendem Wasser abwäscht, und hierauf trocknet. Dieses Calomel kann man sodann zu 10, 12, 16, 24 bis 30 Gran und darüber, auf einmal geben. Seine Wirkung ist alsdann gelind abführend, und wenn es auf die vorbeschriebene Weise vollkommen gereiniget ist, wird es nie, oder wenigstens hoͤchst selten, Bauchgrimmen, Uebelkeit, Schmerz oder andere widrige Zufaͤlle erregen. Sein Geschmack ist vollkommen milde, und die Säfte des Magens und Unterleibes greifen es nicht an, und lösen es nicht auf. Dies 50 Dies sind Wahrheiten, die jeder in der Chemie etwas bewanderte und erfahrne Arzt als solche kennt und annimmt. Auch ist das, was ich oben über die Art, wie das Calomel wirkt, gesagt habe, bekannt genug. Worin bestehen also die giftigen Eigenschaften dieses Mittels? Daß es weder in seiner Wirkung auf unsere Säfte, noch in seiner Wirkung auf unsere Fasern dergleichen Eigenschaften äussere, habe ich theoretisch und praktisch dargethan; und wenn mein Gegner mich widerlegen will, so bitte ich ihn zuvor, wohl zu erwägen, daß dies ein wissenschaftlicher Streit ist, worin nie Autoritäten als so viele Richtersprüche aufgeführt, sondern Gründe den Gründen, und Erfahrungen den Erfahrungen entgegen gestellt werden müssen. Es bleiben mir jetzt noch einige Erfahrungen anzuführen übrig, die nicht blos die Unschädlichkeit des Calomels, sondern die entschiedene Nützlichkeit desselben in Aphthösen Faulfiebern beweisen. Die oben angeführte Stelle aus Richters Bibliothek zeigt schon die wohlthätige Wirkung dieses Mittels. Ueber dessen heilsame Wirkung werde ich auch noch, am Schlusse dieser Vertheidigungsschrift, die Zeugnisse verschiedener anderer Schriftsteller beybringen. Jetzt 51 Jetzt begnüge ich mich blos aus meiner eigenen Praxis, die drey oben erwehnten Fälle zu beschreiben, worin das Calomel so auffallend wichtige Dienste geleistet hat. Ich könnte dieser Fälle noch mehr anführen wähle aber diese drey, weil die Personen, die in diesen Fällen durch das Calomel vom Tode gerettet worden, hier allgemein bekannt, und noch im Leben; auch alle verordnete Formeln noch vorhanden sind, so daß diese Fälle, wenn es meinem Gegner gefallen sollte, sie als unächt zu bezweifeln, gerichtlich untersucht, und beeidiget werden können. Der erste dieser drey durch das Calomel geretteten Kranken, ist der hiesige Professor der Entbindungskunst, Herr Strein; ein Mann, der bey seinem beschwerlichen Amte, sehr oft nächtlichen Erkältungen ausgesetzt ist. Er war damals einige 40 Jahr alt ist etwas länglichter und magerer Statur. Den 8. oder 9. August des Jahres 1789 verfiel derselbe nach einigen hinter einander erlittenen nächtlichen Erkältungen, in ein sehr heftiges Brustfieber mit Seitenstechen, trockenem Husten, und heißem und kurzem Athem. Als ich zuerst zu ihm gerufen ward, hatte er schon zum drittenmale zur Ader gelassen. Der Husten war indeß noch heftig; der Athem kurz und geschwind; der Auswurf fehlte. Der Puls war weich, klein D 2 52 klein und schnell. Der Patient redete etwas irre, und sahe entstellt aus. Die Haut war brennend und trocken. Uebrigens fanden sich keine Zeichen von Ve dorbenheit in den ersten Wegen; der Leib war frey, auch hatte der Kranke keinen bittern und übeln Geſchmack auf der Zunge, noch Reiz zum Erbrechen. Ich erkannte ein bösartiges Fieber mit einer rhevmathischen Lungenentzündung verbunden, und verordnete am 13. August eine Mixtur aus Salmiak mit arabischem Gummi, dazwischen ließ ich alle 3 Stunden 4 Gran Campher nehmen. Die Brust wurde ihm mit der flüchtigen Salbe mit Campher versetzt, fleißig gerieben, und auf den Ort, wo er den Stich fühlte, wurde ein großes spanisches Fliegenpflaster gelegt. Zum Getränk bekam er Gerstenwasser mit Eszig und Honig. Drey Tage gingen ohne merkliche Veränderung vorüber; den 15. Aug. fing der Husten an sich mehr zu loͤsen, und die Stiche ließen nach. Ich verband mit dem Campher den Mineral=Kermes, um die Absonderung sowohl durch die Lunge als durch die äussere Haut, noch besser zu bewirken; dazwischen ließ ich einen Absud aus der Polygala Senega mit dem Salmiak versetzt, alle zwey Stunden nehmen. Der Leib ward mit Clystiren offen erhalten, und das Getränk fleißig gereicht. Ohnge⸗ 53 Ohngeachtet nun der Husten sich minderte, die Stiche nachließen, und das Athemholen nicht mehr so ängstlich war; so fand ich dennoch am 18. August die Zunge trocken, das Fieber sehr heftig, den Blick wild und starr. Der Patient fantasirte. Alle Symptomen zeigten mir an, daß ich jetzt allein mit einem bösartigen Faulfieber zu thun hatte. Ich verordnete antiseptische Mittel aus China und Campher, sehr haͤufig; und ließ den Campher auch in Clyſtieren beybringen. Den 19. hatte der Kranke einen betäubenden Schlummer, aus welchem er mit der aͤusserſten Muͤhe zu ermuntern war, und die Lippen, die Zunge und der ganze Gaumen, waren mit Aphthen überzogen. Das Schlingen war hoͤchst beschwerlich, er konnte nur wenig herunterbringen. Dabey fand sich ein Schluchzen ein. Ich ließ den Hals mit einem Saft aus gelben Rüben mit Honig fleißig ausspritzen, und verordnete am 19. Aug. des Morgens zwölf Gran Calomel mit etwas Zucker. Dieses Pulver hatte zwar keine Oefnung bewirkt; doch D 3 54 doch fand ich den Kranken des Abends etwas munterer, auch schienen die Theile des Mundes nicht mehr ſo trocken. Am 20. früh ward ihm ein Pulver aus 14 Gran Calomel gereicht, welches eine Oefnung bewirkte. Den Tag hindurch gab ich ein starkes FieberrindenDecoct mit Campher und etwas Huxhamschen Wein, um zugleich auf die Hautgefäße zu wirken. Das Spritzen wurde fortgesetzt, die Aphthen fingen an sich abzusondern, und das Niederschlucken ging leichter von statten. Den 21. gab ich China=Decoct mit Campher, mit dem Extract der gemeinen Camille und Enzianwurzel versetzt. Diese bittern Extracte, welche sich in Faulfiebern vorzüglich fäulungswidrig beweisen, gebrauche ich wenn die Kräfte fehlen, und der Puls nicht ausserordentlich geschwind schlägt. Die Aphthen sonderten sich noch mehr ab, und der Puls hob sich. Zom 21. auf den 22. Aug. hatte der Kranke wieder eine üble Nacht; er bekam daher am 22. noch ein Pulver aus 16 Gran Calomel. Darauf erfolgten einige 55 einige stinkende Stüle; den Abend fielen die Aphthen mit großen Stücken aus dem Munde, und sonderten sich gänzlich ab. Den 23. bekam er wieder die letztgedachten antiseptischen Mittel. Den 24. war von den Aphthen keine Spur mehr vorhanden, und das Niederschlingen ging ohne alle Beschwerde. Da er den Tag zuvor keine Oefnung gehabt hatte, so gab ich ihm diesmal das Elect. lenitiv, bis die Oefnung erfolgte. Das Fieber hielt indeß noch einige Tage, wiewohl ohne gefährliche Zufälle begleitet, an; und es ward mit einer bloßen Campher=Emulsion und mit der Vitriolsäure im Getränk behandelt. Am 27. fand sich ein Husten ein, der mit dem Extr. Cort. per. Myrrh. aquos. und dem mit Meerzwiebelhonig gesaͤttigten Salmiakgeist behandelt wurde, und bald wich. Das Fieber ließ auch gaͤnzlich nach, und der Kranke gebrauchte nichts weiter als stärkende Mittel. Diese D 56 Diese Krankheit bestand in einem mit einer rhebmatischen Brustentzündung verbundenen Faulfieber. Offenbar hatte diese rhevmatische Entzündung in den erlittenen öfteren nächtlichen Erkältungen ihren Grund. Bey einer solchen rheomatischen Brustentzündung sind häufige Aderlässe nicht immer zuträglich; auch hatten selbige bey diesem Kranken sehr wenig zur Abnahme der Entzündung und zur Erleichterung der Schmerzen beygetragen. Die Blasenpflaster, der Gebrauch des Salmiaks, des Camphers, und häufiger Getränke befreyeten zwar einigermassen die Brust: da aber die im Körper zurückgebliebene, und zu einem höhern Grad von Verderbniß gestiegene Ausdünstungsmaterie sich der Blutmasse mitgetheilt, und vielleicht einen gewissen Grad von Auflösung in demselben hervorgebracht hatte: so entstand ein Faulfieber, bey welchen, wie ich schon mehrmals erinnert habe, die Aphthen immer eine der gefährlichsten Erscheinungen sind. Im Unterleibe bemerkte man im Anfange der Krankheit noch keinen Absatz der Krankheitsmaterie; der Gebrauch der antiseptischen Mittel schien also allein angezeigt. Da indessen auch diese nicht hinreichten, und es also hauptsächlich darauf ankam, durch einen erregten allgemeinen Reiz in den kleinen Gefässen, die darin, wegen der jederzeit in Faulfiebern verminder 57 minderten Reizbarkeit dieser Gefäße, langsamer sich bewegenden Säfte wieder in Umlauf zu bringen, und die gestörten Absonderungen wieder herzustellen; daZege, wodurch die Scheidung der mit diejenigen Krankheitsmaterie geschiehet, wieder geöffnet würden: so ward das Calomel von mir zu diesem Endzwecke gewählt, und es bewieß sich vorzüglich wirksam. Denn dadurch erfolgte nicht allein die Absonderung der Aphthen, sondern der Kranke bekam auch täglich einige Ausleerungen durch den Stuhl, und die Ausdünftung wurde zugleich hergeſtellt. Hier war es also der Fall, daß 12, 14, ja 16 Gran Colonel täglich auf einmal gegeben, in einem heftigen Faulfieber, weit entfernt den geringsten Schaden zu thun, vielmehr die heilsamsten Wirkungen hervorbrachten, und das Leben eines nützlichen Mitgliedes der Gesellschaft erhielten. Der andere Fall, welchen ich mir zu erzählen vorgesetzt habe, ereignete sich in eben diesem Sommer, und zwar noch einen Monat früher als der vorerwähnte. Herr Fromm, ein unverheyratheter Mann von Jahren, und Bruder des hiesigen Herrn Jagdzeugmeisters D 5 58 meisters Fromm, hatte seit einigen Jahren an einem sehr beschwerlichen Spannen und Drücken in der Herzgrube, einem sauren Aufstossen und hämorrhoidalischen und hypochondrischen Zufällen sehr gelitten, und lange und anhaltend Mittel dagegen gebraucht. Dieser bekam am 23. Julius 1789 ein heftiges Fieber mit Reiz zum Erbrechen, Bitterkeit auf der Zunge, Durst und Trockenheit im Munde. Ich gab ihm, da ich ein gastrisch fäulichtes Fieber vermuthete, ein Brechmittel aus dem Brechweinstein, und nachdem dieses die gehörige Wirkung gethan hatte, ein Decoct von Tamarinden, Manna und Glauberschen Salze. Zum Getränk verordnete ich Gerstenwasser mit Weinsteinrahm abgekocht. Dieses ward einige Tage lang fortgesetzt. Nachdem die stinkenden Stüle aufgehört hatten, und diese ganz wässericht wurden, indessen ein Husten sich einfand, das Fieber aber fortdaurete; so verordnete ich eine Auflösung von Salmiak mit Campher und Huxhamschen Wein. Am 2. stellte sich wieder Neigung zum Erbrechen, und ein übler Geschmack ein; worauf ich den Brech 59 Brechweinstein in Wasser aufgelößt, wiederholen ließ; welches abermals häufige Ausleerung von oben und durch den Stuhlgang hervorbrachte. Das Fieber dauerte indessen fort, und der Kranke schien durch die Ausleerungen sehr entkräftet. Ich verschrieb daher am 27. Jul. ein Decoct der Rinde mit Campher, welches er zwey Tage gebrauchte. Da sich aber darauf ein trockener Husten einstellte, so gab ich ihm wieder den Salmiak mit dem arabischen Gummi, und dazwischen Campher mit dem Mineral=Kermes. Am 24. fehlte die Oefnung, welche mit Elect. lenitiv, wieder hergestellt ward: und dieses wurde so lange gebraucht, bis einige Stüle erfolgten. Am 30. fing der Kranke an zu phantasiren; der Puls sank; die Zunge war trocken, der Blick ermattet, der Kranke bekam Subsoltus tendinum. Ich gab ausser den spanischen Fliegen, die ich auflegen ließ, ein starkes Decoct der Rinde, mit Campher und Vitriolsäure. Dieses wurde bis den 4. August fortgebraucht. An 60 An diesem Tage äusserte sich bey dem Kranken Halsweh und eine Beschwerlichkeit im Schlingen; und als ich die Ursach davon untersuchte, fand ich den ganzen Hals mit Aphthen besetzt, hierzu gesellten sich Singultus, und alle ebenbenannte Zufälle verschlimmerten sich, denn der Kranke phantasierte entweder oder lag in einem betäubenden Schlummer. Ich gab hierauf dem Kranken das Calomel, und zwar jeden Tag des Morgens zu 12 Gran, welches den Leib bloß offen erhielt, oder höchstens zwey mäßige Stüle täglich bewirkte; übrigens brachte es eine große Erleichterung der Zufälle zuwege. Des Tages hindurch ließ ich als fäulungswidriges Mittel, das Extr. cort. per. solubil. und den Campher ziemlich häufig brauchen. Zugleich verordnete ich den Succ. expr. dauci mit Honig zum Ausspritzen des Halses, und eben diesen Saft ohne Honig, zum Getränke. Mit jedem Tage nahm hierauf die Besserung zu. Den 6. August erfolgte ein Schweiß; die Trockenheit der Zunge nahm ab, und die Aphthen fingen an sich abzusondern. Dieſe 61 Diese Absonderung gieng den 7. August noch stärker vor sich, und den folgenden Tag war beynahe keine Spur davon mehr sichtbar. Auch dieser Kranke hatte also das Calomel, und zwar vier Tage hindurch, jeden Tag 12 Gran auf einmal, nicht allein ohne alle üble Folgen, ohne die geringsten beschwerlichsten Zufälle; sondern mit angenscheinlicher täglicher Erleichterung genommen: so daß er seine Rettung diesem Mittel hauptsächlich verdankt. Mit anfangender Besserung hörte ich auf es bey ihm zu gebrauchen. Man siehet hieraus, daß, ohngeachtet dieses ein ogenanntes gastrisches faulichtes Fieber, das ist, ein aus verdorbenen und faulichten Säften der Verdauungswerkzeuge und der Galle entstandenes Faulfieber war, dennoch die häufigen gewöhnlichen Brechund abführenden Mittel nicht hinreichten, die Heftigkeit der Krankheit zu hemmen, daß ohngeachtet dieser Mittel, die das Faulfieber gemeiniglich begleitenden Zufälle, sogar die Aphthen, sich einstellten; und daß, da dieses natürlicherweise von dem aus dem Unterleibe in die Blutmasse eingesogenen faulichten Stoffe herrührte, sich das Calomel weit wirksamer bewies, als die zuvor angewandten abführenden Mittel, 62 Mittel, weil selbiges nicht allein die Absonderung der Säfte in den Gedärmen bewirkte, sondern auch, eingesogen, eben dieselbe Wirkung auf alle übrige Absonderungswerkzeuge hervorbrachte. Und hierin bestehet der eigentliche Vorzug dieses Mittels; sein Gebrauch wird besonders alsdann sich von dem größten Nutzen zeigen, wenn der Krankheitsstoff sich aus dem Körper scheiden soll: denn in keinem Falle vermögen die antiseptischen Mittel dieses allein zu bewirken. Jetzt der versprochene dritte Fall: Ich wähle hiezu die Geſchichte eines Kranken vom vorigen Sommer, das ist vom Sommer 1791, welche mir vor andern, wegen der dabey vorgekommenen besondern Umstände, im lebhaftesten Andenken geblieben ist. Peter Scherfen, ein Gastwirth zunächst der Stadt vor dem hiesigen Flingerthor wohnhaft, ein Mann von einigen und dreyßig Jahren, langer hagerer Leibesstatur, klagte mir am 17. Junio, daß er über 8 Tage lang eine ungewöhnliche Mattigkeit in allen seinen Gliedern fühle, daß er einen faulen Geschmack habe, und sein Appetit gänzlich erloschen sey; daß, ohngeachtet er keinen Druck auf der Brust empfinde, der Athem ihm dennoch beschwerlich falle, und daß er seine 63 seine vorige Lebhaftigkeit und Munterkeit verlohren habe. Ich verordnete ihm ein Brechmittel und 5 Gran Brechweinstein in zwey Unzen Wasser aufgelößt, wovon er alle viertel Stunden so lange Löffelweiß nehmen sollte, bis einige Wirkung darauf erfolgt wäre. Und weil ich glaubte, die Ausdünstung möchte unterdrückt seyn, so verschrieb ich ihm eine Auflösung von Salmiak mit Campher und arabischen Gummi in Lindenblüthwasser. Ob dieses letztere Mittel nicht nach seinem Geschmack war, oder aus welcher anderen Ursache, weiß ich nicht: aber er nahm gleich nachher zu einem hiesigen Wundarzte seine Zuflucht. Das Brechmittel hatte er indeß mit Wirkung genommen. Seit einigen Tagen hatte ich nichts von diesem Kranken gehört, als ich von ohngefehr den 20. an seinem Hause vorbey kam, und ein fürchterliches Geschrey darin mich aufmerksam machte. Der Kranke, den man wahrscheinlich allein gelassen hatte, war in einem Anfalle von Raserey auf den Gedanken gerathen, sich aus dem Fenster zu stürzen. Er 64 Er saß halb nackt im Fenster, und einige Menschen wandten ihre Kräfte an, ihn aus dem Fenster wieder zurück zu bringen. Ich wurde gebeten, mich seiner von neuem anzunehmen. Der Wundarzt hatte ihm eine Emulsion mit diaphoretischem Spießglas u. dgl. verordnet. Den Blick des Kranken fand ich jetzt wild, die Pupillen erweitert, den Puls äußerst matt und langsam. Die Zunge war schwarz und trocken. Das Fleisch erschlafft und welk, und er zitterte am ganzen Körper. Ich ließ ihm spanische Fliegen auflegen, und verordnete eine Auflösung von China=Extract und Campher in Lindenblüthwasser. Zugleich setzte ich noch etwas Huxhanischen Wein hinzu, um auf die Hautgesäße zu wirken. Zum Getränk gab ich die Vitriolsäure mit Himbeersyrup und Gerstenschleim. Dem Kranken war aber hievon sehr wenig einzubringen; und wie ich aus den vorliegenden Recepten sahe: so gebrauchten die Verwandten, die von dem Wundarzt verordnete Emulsion mitunter. Den 65 Den 22. 23. 24. bis 26. und die folgenden Tage, lag der Kranke in immerwährendem Schlummer, mit sehr mattem Pulse und mit Schluchzen. Wenn man ihn zu ermuntern versuchte, zitterte er am ganzen Leibe, und sah starr aus. Die Zunge und der Gaumen waren höchst trocken und wie geräuchert; über den Zähnen saßen dicke schwarze Crusten. Von der Arzney war dem Kranken wenig oder nichts beyzubringen, das Getränk versuchte man ihm langsam mit Theelöffeln einzugießen. Am 28. Jun, erschienen die Aphthen, und nun war das Schlingen noch beschwerlicher. Ich hatte sehr wenig Hoffnung den Kranken zu retten, besonders da ihm nichts beyzubringen war; auch jeder andre der ihn sah, gab alle Hoffnung auf. In diesem verzweifelten Zustande schritt ich zu dem oft erprobten Mittel, und brachte selbst ihm 12 Gran Calomel mit Zucker abgerieben, nicht ohne Mühe bey. Zugleich aber suchte man, aber ebenfalls mit Mühe, ihm langsam soviel Getränk mit Löffeln beyzubringen, als möglich war. Ich 66 Ich fand daß am Abend der Puls sich etwas gehoben hatte, und daß die Haut nicht mehr so ausser ordentlich trocken war. Auch bekam er gegen Abend einmal Oefnung. Den andern Tag ließ ich ihm eine Auflösung von bittern Extracten in Camillenwasser alle 2 Stunden zu einem Eßlöffelvoll, wiewohl auch mit äusserster Mühe, reichen. Diese Extracte beweisen sich in dieser Krankheit als stärkend und antiseptisch sehr wirksam; und da es bey dem Kranken jetzt hauptsächlich um Sammlung der Kräfte zu thun war, so ließ ich ihm diese Extracte allein nehmen, und den Mund fleißig ſpritzen. Den 30. Jun., als ich fand, daß mein Kranker wenigstens nicht übler geworden war, wiederholte ich das Pulver aus dem Calomel. Der Kranke bekam hierauf wieder Oefnung; am Abend fand ich den Puls gehoben, die Haut feucht, den Mund minder trocken, und die Aphthen schienen sich abzusondern. Den Mund ließ ich mit Rosenhonig und etwas Salzgeist, mit einem gelben Rüben=Decoct vermischt, ausspritzen. Arzneyen 67 Arzneyen waren übrigens dem Kranken gar nicht beyzubringen. Auch die Extracte weigerte er sich zu nehmen, und stieß alles von sich. Den 1. Jul. fand ich den Kranken sehr matt, und war in Verlegenheit, was ich ihm reichen sollte. Das Calomel in so starker Gabe, daß es als ein abführendes Mittel wirkte, durfte ich nicht weiter wagen, weil die Kräfte fehlten. Indessen wollte die Absonderung der Aphthen auch am heutigen Tage noch nicht erfolgen. Ich beschloß also, mit dem Calomel in kleinen Gaben, und als ein schweißtreibendes, oder vielleicht den Speichelfluß erregendes Mittel, den Versuch zu machen; und versetzte dem zufolge zwey Gran versüßten Quecksilbers mit sechs Gran Campher und etwas Zucker, wovon ich täglich 3 Pulver nehmen ließ. Den 2. Jul. erfolgte ein Schweiß, der Puls hob sich, die Zunge ward feuchter, und die Aphthen sonderten sich ab. Sechs Tage lang gebrauchte der Kranke nichts anders als dieses Mittel, wiewohl in der Folge nur 2 mal in einem Tage; mit jedem Tage nahm die Besserung zu: er fieng an mich wieder zu erkennen, und versprach Alles zu thun, was ich ihm rathen und verordnen würde. Den E 2 68 Den 3. Julii nahm er am Tage die verordneten bittern Extracte wieder, und setzte den Gebrauch des Calomels mit dem Campher, jeden Tag zu zwey Gaben fort. Den 6. Julii hatten sich alle Aphthen gänzlich abgesondert, und der Kranke war ziemlich munter, je doch nicht ohne Fieber. Den 9. Julii klagte er etwas über Colik, und da ich Unreinigkeiten in den ersten Wegen vermuthete, ließ ich ihn mit Tamarinden gelind abführen, und verschrieb ihm den folgenden Tag die Fieberrinde in Substanz. In der Folge fand ich den Kranken ziemlich munter; er hatte aber die Arzney zu früh ausgesetzt, und war daher in ein schleichendes Fieber, in einen Husten mit beschwerlichem Athemhohlen verfallen. Im Monat September erholte er sich wieder bey mir Raths. Ich fand ihn mager und abgefallen; den Puls fieberhaft: und er litt an einem sehr beschwerlichen Husten. Er beschuldigte sich selbst, daß er den Gebrauch der Arzney zu früh ausgesetzt habe. Ich 69 Ich verordnete ihm die Rinde mit Myrrhenextract, und ließ das Jsländische Moos in Decoct trinken. Nach einem dreywoͤchentlichen Gebrauch dieser Mittel erholte er sich wieder, und genießt jetzt eine dauerhafte Gesundheit. Man wird die Verschiedenheit dieser letzten Krankheit von den beyden ersten bemerkt haben: sie bestand mehr in einem Febre maligna, oder wie es Selle nennt atacta, oder in dem sogenannten Nervenfieber. Indessen da bey allen Krankheiten dieser Art, eine fäulichte Auflösung zum Grunde liegt, so ist, wenn sich die fäulichte Schärfe einmal der Blutmasse mitgetheilt, und in derselben einen gewissen Grad von Auflösung hervorgebracht hat, die Behandlungsart zuletzt nicht mehr ausserordentlich verschieden. Der ganze Unterschied im Behandeln bestehet darinn, daß man zu Anfang der Krankheit, ehe noch der Zunder derselben sich der Blutmasse mitgetheilt hat, suchen muß, diesen zuvor aus dem Körper zu schaffen. Liegt selbiger in den ersten Wegen (er bestehe nun in verdorbener Galle oder in den verdorbenen andern Säften des Magens und der Gedärme), und gehöret also die Krankheit zu den sogenannten gastrischen, so gebrauche E 3 70 gebrauche man Brech= und abführende Mittel; wobey es denn hauptsächlich auf die Bestimmung ankommt, wie lange in solchen gastrisch oder gallichten Faulfiebern diese abführende Mittel gegeben werden müssen: denn auch hierin kann das Maaß sehr leicht überschritten werden. Gemeiniglich lasse ich die Brechmittel so lange fortgebrauchen, als der bittere oder fäulichte Geschmack, verbunden mit einem Reize zum Erbrechen, und öfterem Aufstossen, entweder fortdauren, oder, wenn selbige aufgehört haben, sich aufs neue wieder einsinden; die abführenden Mittel aber werden so lange gebraucht, bis der Geruch, die Farbe und Consistenz der Stüle sich verändern. Wenn selbige aufhören, den unverkennbar fäulichten Geruch von sich zu geben; wenn die grünlicht und gallichte Farbe nicht mehr erscheint; wenn die Kranken eine blos wässerichte Feuchtigkeit purgieren, die sie entkräftet: alsdann ist es Zeit zu den antiseptischen Mitteln zu schreiten. Diese Regel beobachtete ich sorgfältig bey meinem verstorbenen Irrländer, der schon vor meiner Behandlung mit Rhabarber war purgirt worden. Id 71 Ich gab ihm dennoch ein Brechmittel, und das Decoct Nro. 1., welches das Recept ist, dessen Gebrauch mein Gegner bey unserm Wortwechsel mir abläugnete. Ich hörte erst alsdann auf, diese abführende Mittel zu geben, als die hier oben bemerkten Erscheinungen sich einfanden, und mein Kranker selbst sagte, daß er dadurch zu sehr entkräftet würde. Wenn aber die Krankheit nicht zu den Gastrischen gehört, und eine andere Ursache hat; wenn sie zum Beyspiel von einer im Körper zurückgehaltenen Ausdünstung entstehet, wie bey dem Febr. cathar. maligna der gewöhnliche Fall ist; so sucht man diese Ausdünstung wieder herzustellen; und der Salmiak, der Campher, der Mineral=Kermes u. dgl. sind alsdann die wirksameren Mittel. Doch ich übergehe diese in meinen gegenwärtigen Plan nicht gehörige Materie. In einer andern Schrift, mit deren Ausarbeitung ich mich beschäftige, und in welcher ich weitläuftiger von der Wirkung der Quecksilbermittel auf den menschlichen Körper handeln werde, soll auch hierüber das Nöthige auseinander gesetzt werden. Gegenwärtige kleine Schrift hat mit zu einer Hauptabsicht, meinen Mitbürgern, und besonders denjenigen unter ihnen, die sich meiner Sorgfalt anbertrauen, das ungegründete des Vorwurfs, der mir wegen E 4 72 gen des verordneten Calomels in fäulichten Krankheiten gemacht worden, zu zeigen. Ueber die von mir vorgebrachten theoretischen Beweise, sind freylich nur wenige unter ihnen im Stande zu entscheiden. Aber die erzählten Thatsachen sprechen von selbst; und von ihrer Wahrheit kann sich, da die genannten Personen leicht zu befragen, und die in ihrer Krankheit verschriebenen Recepte in hiesiger Hirschapotheke, und die, welche Herr Professor Strein gebraucht, in seiner Behausung leicht nachzusehen sind, jeder dem daran gelegen ist, sehr bald überzeugen. Ich hoffe auch bey dem Befangensten, wenn sein Irrthum blos im Kopfe sitzt, wird nach einiger Erwegung dieser unleugbaren Thatsachen, jeder Gedanke von einer Möglichkeit, der in der Krankheit des von mir behandelten irrländischen Edelmanns dem Calomel zugeschriebenen Vergiftung, von selbst verschwinden. Ich hänge indessen dieser Schrift, ausser den von mir in der erwehnten Krankheit verschriebenen Recepten, noch ein Responsum der medicinischen Facultät in Bonn über meine Behandlung dieser Krankheit an. Auch füge ich hier noch einen Auszug aus einem Briefe des Hofraths und Großbrittannischen Leibarztes Richter in Göttingen bey; eines Mannes, der um die Arzneywissenschaft als practischer Arzt, und 73 und als Schriftsteller allgemein anerkannte große Verdienste hat, und dessen Zeugniß selbst in den Augen meines Gegners nicht ohne Gewicht seyn kann. Er schrieb mir unterm 12. December 1791 über das Calomel folgendes: Nie ist mirs eingefallen, in der von Ihnen beschriebenen gastrisch fäulichten Krankheit, den Gebrauch des Quecksilbers für zweckwidrig oder schädlich zu halten. Im Gegentheil versichre ich Ihnen, daß ich den Gebrauch des Calomels in dieser Krankheit nicht allein ganz und gar nicht für zweckwidrig oder schädlich halte, sondern daß ich ihn selbst in ähnlichen Fällen in weit anhaltendern und stärkern Dosen, als Sie ihn geben haben, als Purgiermittel zu geben pflege, und nie Schaden, oft die beste Wirkung davon beobachtet habe; wie ihn denn auch die berühmtesten Aerzte, ſelbſt ein Pringle geben. Es stehet Ihnen frey, diese meine Declaration zu brauchen, wie Sie wollen. Ich bin u. s. w. A. G. Richter, Königl. Hofrath, Leibarzt und Professor, Wer E 5 Wer mehr Autoritäten über die Nützlichkeit des Calomels in fäulichten Krankheiten zu haben wünscht, den bitte ich nachfolgende Bücher und Schriften nachzuschlagen: J. Pringle's Beob. über die Krankheiten der Armee, pag. 310. ferner übers. von Brande, Altenb. 177. Practical Essays upon intermitting fevres, dropsies, diseases of the liver, the epilepsy, dysenteric fluxes and the operation of Calomel. By Daniel Lysons. London by Wilh. Fr. Bath. 1772. wovon bey Fritzsch in Leipzig 1774. eine Uebersetzung in 8vo herausgekommen ist. Daß dieses Mittel keine giftartige Eigenschaften besitze, beweiset der häufige Gebrauch desselben sogar bey Kindern. Man sehe die Abhandlung über die Wirkung des Calomels, welche Gislar in den schwedischen Act. Academic. im 29ten Bandes 4ten Stück p. 353 eingerückt hat. Im Blasenfieber (Pemphygus), einer der fäulichsten Krankheiten, hat Christin das Calomel als eines der bewährtesten Mittel gefunden. S. Sammlung auserlesener Abhandlungen. B. 13. p. 409. 410. Man 75 Man lese ferner folgende kleine Abhandlung: Essay for a nosological and a comparative View of the Cynanche maligna or putrid sore Throat, by W. L. Perkins. London 1787. und Abhandlung von der Verbindung der Luftseuche mit dem Scharbock, von Franz Schraud, welche zu Wien 1791 erschienen ist, und wo der Verfasser sogar im Scharbock den grauen Quecksilber mit dem Malzaufguß giebt. Clark läßt bey Leberabseessen das Colonel innerlich, und äusserlich Einreibungen mit Quecksilber brauchen. Medical Commentaries for the Year 1789. by Andrew Duncan, Edimb. Dec. II. Vol. IV. Ebenfalls bey chroniſchen Leberentzuͤndungen (S. 184 im 2ten Stück des II. Bandes) Einreibungen und Calomel; ferner bey langwierigen Durchfällen, Wassersuchten und Quartaufiebern. Auch Wilkinson hat bey Leberentzündungen das zegeben, und zugleich äusserlich QueckCalomel häufig silber einreiben lassen. S. Sammlung auserl. Abhandl. zum Gebr. 2c. im 13ten Bande S. 365. 366. u. s. f. Noch 76 Noch eine Menge Schriftſteller könnte ich anführen, welche das Quecksilber in faulichten, gallichten und entzündlichen Krankheiten, ferner in der Ruhr u. a. m. mit auffallendem Nutzen gebraucht haben. Für unbefangene Leser mögen diese hier angeführten genug seyn. Gerechtigkeit ist eine hehre, der ganzen Menschheit theure Sache. Wen diese Tugend schmückt, der ist im Besitze eines Kleinods, welches alle andere überstralet; weil die höchsten Tugenden zugleich mit ihr ihm schon verliehen sind, oder doch von selbst sich an sie anschließen. Von Männern dieser Art, und nur von ihnen, wünscht jeder angeklagt Biedermann beurtheilt zu werden. Sie wissen — was man andern oft vergebens zuruft: Non credenda esse nisi ea, quae manifesto examine convincuntur. Non enim qui accusatur, sed qui convincitur, reus est. Gutachten 77 Butachten der medizinischen Fakultät in Bonn. Uns Dekan und Professoren der medizinischen Fakultät auf der hohen Schule zu Bonn, wurde von Herrn Hofrath und Doktor Abel aus Düsseldorf eine gedruckte Krankheitsgeschichte eines sichern Herrn Maxwell mit der ferneren schriftlichen Bitte zugeschickt, ihm, über die ihm dabey zugemutheten Fehler ein Gutachten zukommen zu lassen. Da der Fakultät nun aus mehreren leicht einzusehenden Gründen nichts so unangenehm ist, als Zwistigkeiten unter Aerzten; so hat sie es sich zur heiligen Pflicht gemacht, so kurz, als nur möglich, über dieselbe wegzugehen. Sie wünscht, daß bey dergleichen Beschimpfungen immer nach der Vorschrift mehrerer guten Medizinalordnungen verfahren werden möchte. Die Fakultät schränkt sich also nur auf die zugemutheten Fehler, welche sich Seite 17 und 18 der Krankheitsgeschichte finden, ein. Das 78 Das Ganze zerfällt in fünf Vorwürfe: 1tens. Der erste betrift die Unterlassung der Brechmittel, der Tamarinden. 2tens. Der zweyte betrift den Gebrauch des Calomel, wodurch das Leben des Kranken verkürzt worden sey. 3tens. Der dritte Punkt, als ob Herr Doktor Abel alle Consulten mit dasigen Aerzten ablehnte. 4tens. Der vierte wird von der Menge der in sie ben Tagen gemachten Vorschriften genommen, und 5tens. Der fünfte heißt: Herr Doktor Abel suche nur aufklärerischen Neuerungen in der Medizin nachzugehen, u. s. w. Nach collegialiter hierüber gepflogener Berathschlagung war die Meynung der Fakultät folgende: Ad 1mum, Da die Vorschriften nach Nro, 2. und 1., welche letztere nach S. 3. noch einmal wiederholt 79 derholt wurde, ausführende, und Brechen erregende Mittel sind; so fällt der erste Vorwurf weg. Ad 2dum. Die Fakultät glaubt, daß Herr Doktor Abel eine Menge Beobachtungen, besonders bey englischen Aerzten finden werde, die diesen Vorwurf zu entkräften dienen können. Ad 3tium. Dieser gehört nicht vor die Behörde einer medizinischen Fakultät. Sie erlaubt sich nur anzumerken, daß ein solcher Haß unter den Aerzten einer Stadt, die Ursache sey welche sie wolle, nie zur Ehre der Kunst, und zum Vortheile der Kranken gedeyen koͤnne. Sie wünscht nur, daß ein Jeder sich nach deme, was Gregory in seiner zwoten Rede über die Pflichten der Aerzte gesagt, betrüge. Ad 4tum. Dieser ist ungegründet, da die Vorschriften meistens alle die nämliche Mittel verschiedentlich modificirt enthalten. Ad 5tum. Der fünfte Punkt gehört so wenig, wie der dritte, vor unsere Behörde. Das 80 Das Ganze läßt sich doch immer auf das Bekannte: Prüfet alles, und behaltet das Gute, zurückführen. Also beschlossen, Vonn den 16. December 1791. Dekan, Doktoren und Professoren der L.S. Medizinischen Fakultät bey der Universität zu Bonn. J. A. Rougemont, h. t. Decanus. R. J. Esser, Sind. Copia. 1.R. 2. R. 3. R. 81 Copia. Tartari emetici grana quatuor, Aquae fontanae uncias duas, M. S. Pour en prendre toutes les ¼ heures une cuillerée. Pulpae Tamarindorum uncias tres, Mannae electae unciam unam et semis, Salis Glauberi drachmas duas, Ebull. Aq. font. q. s. Cola uncias duodecim. D. S. Pour en prendre toutes les deux heures une demie tasse. Am 12. September. Corticis peruviani optimi uncias duas, Decoq. Aq. comm. per horam. Colaturae unciis duodecim adde Camphorae, mucilagine Gum. Tragac. solutae, scrupulos duos Syrupi Papay. Rhoeados uncias duas M. S. Pour en prendre toutes les deux heures une tasse. 4. R. F 82 4. R. Spiritus Vitrioli unciam semis, Syrupi Rubi idaci uncias sex, M. S. Syrop pour la boisson. Salis Tartari scrupulum unum, 5. R. D. Doses octo. S. Poudre pour l’air fixe. Am 13. September. 6. R. Spir. Vitrioli unciam unam, D. S. Gouttes entre la boisson. R. Laudani liquidi Syd. drachmam unam, D. S. Gouttes calmantes. Florum Chamom. manipulum unum, 7. R. Seminis Lini unciam semis, Decoque Aq. comm. ad colaturam unciarum viginti. Adde Camphorae mucil. Gumm. Tragac. solutae, drachmas tres, Olei Lini uncias tres. D. S. Lavement pour trois fois. Reit. Decoctum Cort. peruv. hesterni. Am 14. September. 8. R. 83 8. R. Cort. peruv. opt. uncias duas decoque Aq. comm. per horam ad colaturam unciarum decem. Adde Syrupi acetosit. Citri unciam unam cum semisse. M. S. Pour en prendre toutes les deux heures une demie tasse. Camphorae drachmam semis 9. R. emulg. c. s. q. mucilag. Gumm. Tragac. Adde Syr. Hord. paris. unciam unam, Aquae flor. Tiliae uncias tres, M. S. Pour en prendre toutes les deux heures une cuillerée. 10. R. Decocti sem. Lini Chamom. v. ana uncias decem, Camphorae s. q. Vitell. Ovor. sol. drachmam unam cum sem. M. S. Lavement pour trois fois. 11. R. Camphorae Vitell. ov. q. s. sol. unciam unam, Aceti Vini uncias viginti, Salis Ammoniaci drachmas duas, M. S. Pour en mettre sur le corps. 12. R. 8 2 8.4 12. R. Spiritus Vitrioli unciam semis. D. S. Gouttes entre la boisson. Am 15. September. 13. R. Cort. peruv. opt. uncias duas, decoq. Aq. comm. q. s. per horam. Adde Vini Rhen. q. f. adhuc alteram horam. Colaturae unciis octo adm. Pulveris radic. Serpent. Virg. drachmam unam, Syr. Cortic. Aur. unciam unam, M. S. Pour en prendre toutes les deux heures une demie tasse. 14. R. Calomel, grana quatuor, Sacchar, alb. grana decem, M. F. Pulv. D. Dos. quatuor. S. Pour en prendre le soir et le matin. Am 16. September. 15 R. ) Ich finde noch für nöthig hier anzumerken, daß das in der hiesigen Hirschapotheke bereitete Calomel, nach dessen Zubereitung, mit einer Salmiak=Auflösung im heissen Wasser überschüttet, hernach mit kochendem Wasser abgewaschen, und so nach der neuern Chymiker Vorschrift von allen Sublimattheilchen möglichst befreyet ist. 85 15. R. Cort. peruv. opt. uncias tres, decoq. Aq. comm. bihor. Colaturae mensur. un. et semis adde Camph. muc. Trag. bene solut. unciam unam D. S. Pour en fomenter. R. Calomel grana quatuor, Sacch. alb. gran. decem, M. F. Pulv. D. Doses quatuor. S. Pour en prendre le matin et le soir. R. Mellis Rosar. uncias quatuor, D. S. Pour le gargarisme. Am 17. September. 16. R. Extr. Cort. peruv. sol. unciam semis, Soly. Aq. flor. Chamom. unciis quatuor, Adde Camphorae muc. Gumm. Tragac. solut. drachmam semis, Naphtae Vitriol. drachmam semis, Syr. Altheae unciam unam, M. S. Pour en prendre toutes les heures une cuillerée. Am 18. September 1791. Im 8 3 86 Im Jahr 1791 auf Mittwoch den neunzehnten Tag des Weinmonats, Nachmittages zwischen zwey und drey Uhr, auf Requisition des dahierig Ihro Churfürstl. Durchl. zu Pfalz=Bayern Hofrath und Medicinae Doctoren, Herrn Abel, hab ich unter schriebener Notarius, in Beyseyn deren hierzu ersuchten Endsunterschriebenen Zeugen, deme Assessor und Apotheker zur hiesigen Hirschapothek, Herrn Schöller, die sämtlich vorstehende sechszehn Recepten vorgezeigt, und denselben gefragt: „Ob Er alle diese Recepten wohl kenne, fort ob „selbige positive an denen unter jedem benennten „Tag und Datum zu seiner Apothek gebracht und „darin verfertigt worden? Worauf dieser mir die Antwort ertheilet: „Er kennete diese Ihm vorgezeigte Recepten „sämtlich recht wohl; und alle diese Abschriften „hätte Er aus ihren wahren Originalien, (aus„ser deme unter Ziffer 1.) selbst abgeschrieben, und „die Urschriften davon hätte er noch alle, ausser „dem ersteren, in seinen Händen, alle wären „von Herrn Hofrath Abel für den nun verlebten „Lord Maxwell ordinirt, auch an denen unter „jedem 87 „jedem angemerkten Tägen in seine Apothek ge„bracht, ohnausgestellter daselbst verfertigt, und „die diesen Recepten gemäß eingerichtete Medicin „dem Kranken, Lord Maxwell, zugetragen wor„den; von dem Recept Nro. 1. hätte Er das „Original nicht, wohl aber eine selbsthändig da„von genommene Abschrift in seinen Händen. Ita actum & declaratum Düsseldorff in der HirschApotheke im Jahr, Monat, Tag und Stund wie Eingangs gemeldet. In quorum praemissorum omnium plenam fidem ac robur attestans refero requisitus, Ego Theodorus Vetter, CaesareoL.S. publicus, juratus, in Cancellaria JulioMontensi, Dusseldorpii immatriculatus Notarius, manu signetoq. propriis. Joannes Wilhelmus Josephus Conen, qua testis requisitus. Josephus Classen, qua testis. Mit dem Original-Recept Nro. 1. hat es folgende Bewandniß: Am 19. Sept. morgens gegen 8 Uhr, 8 4 88 Uhr, ließe ich sämtliche Originalien durch meinen Burschen in des Herrn Medicinal-Directors Odendahls Behausung abfordern, wovon ich solche ausser dem von Nro. 1. wieder erhalten hatte, und nach Wiedererhaltung der Recepte mir zur Antwort gegeben wurde, daß sich dieses noch an Zimmermanns Hause befinden müsse, wo selbiges aber auch nicht mehr befindlich war. Schöller. Daß der Apotheker Herr Schöller, vorstehende seine Anmerkung unter obiges Instrument ge= und in meiner Gegenwart unterschrieben habe, bezeuge Ich Theodor Vetter Notarius immatriculatus qui supra. mppr. Beylage. . a . e. 5 . . . . . . . . . 91 Nihil est Antipho. * Quin male narrando possit depravarier. Terent. Vorstehende Schrift war bereits unter der Presse, als mir die von dem hiesigen Arzte und Director des Jül. und Bergischen medicinischen Collegii Odendahl durch den Druck bekannt gemachte sogenannte Berichtigung, des unter uns vorgefallenen Zwistes *), mit einem Motto aus dem Tacitus und einer kurzen Vorrede, in die Hände fiel. Ueber das Motto und über die Vorrede hab ich nichts zu sagen. Auch ich eigne mir den Wunsch zu, von strengen und unpartheiischen Richtern beurtheilt zu werden. Herr *) Berichtigung eines Zwistes! Was soll sich der Sprachkundige Leser bey diesen so zusammengestellten Worten denken? — Berichtigungen der Geschichte eines Zwistes kennt aber ein jeder; und vermuthlich ist dieses der Sinn, in welchem die Worte des Herrn Odendahl genommen werden müssen: denn meine, (nach S. 17 seiner Berichtigung) im Finstern schleichende Bogen, haben ohne Zweifel den Weg zu ihm ins Helle gefunden. 92 Herr Odendahl scheint in dieser Schrift, es auf die Belustigung eines ganz eigenen Publikums angelegt zu haben, und wer wird wohl so menschenfeindlich seyn, ihm und seinem Publikum eine kleine Freude zu mißgönnen? Daneben hat die Schrift ein so gelehrtes, und bey diesem allen dennoch so populäres Ansehen! Denn damit der gelehrte Inhalt auch der geringsten Klasse von Lesern nicht entgehe, hat man weißlich die Vorsicht gebraucht, ihr durch Uebersetzung der Citate zu Hülfe zu kommen. Alle diese Künste der Composition, und noch weit mehr diejenigen, welche sich in einer näheren Beleuchtung der Schrift des Herrn Odendahl entdecken werden, sind mir unbekannt. Ich habe blos das Publikum, das auf Sache und Wahrheit sieht, im Auge. Die Berichtigung selbst ist S. 5. überschrieben: Geschichte: Bey diesem Worte gedenkt sich ein jeder die getreue Darstellung einer Begebenheit: denn, sobald diese Darstellung nicht auf Treue und Wahrheit beruht, ist es keine Geschichte; sondern Erdichtung, die zur Lüge wird, wenn man sie als Wahrheit geltend zu machen sucht; und Verläumdung heißt, wenn noch die Absicht hinzu kommt, der Ehre und und dem guten Namen eines Andern dadurch zu schaden. Diese Begriffe sind allgemein angenommen und festgestellt; und es wird sich bald zeigen, welcher Name der vorgeblichen Geschichte des Herrn Odendahl gebühre. Herr Odendahl sagt im Anfange seiner Geschichte: der verstorbene Maxwell sey am 8ten September mit seiner Familie hier angekommen, und habe sich drey Wochen vor dem 18ten September, seinem Sterbetage, mit einer jungen Engländerinn von 18 Jahren verheirathet. Ferner: Zufolge der Erzählung des Gastwirthes habe sich der Kranke am 8ten September nicht wohl befunden, und sein Vetter habe ihm zur Stärkung des Magens gewisse Tropfen gegeben: ob diese Tropfen aber Castoröl enthalten, oder nicht, kann Herr Odendahl nicht sagen. Mir hingegen sagte Lord Maxwell, der Vetter des Verstorbenen, dieser habe sich ohngefähr sechs oder sieben Tage vor meiner Berufung zu ihm, d. i. vor 94 vor dem 12. September verheirathet *), und habe schon am Tage seiner Heirath über Unpäßlichkeit geklagt; weswegen er, Lord Maxwell, ihm abgerathen habe, seine Verbindung im strengeren Sinn des Worts, zu vollziehen. Ob sein Vetter aber diesem Rathe Gehör gegeben habe, wisse man nicht. Also schon zwey Unrichtigkeiten gleich zu Anfange von Hrn. Odendahls Erzählung, wovon ich blos die letzte hier ruͤgen will, weil sie einen Hauptumstand betrift, nemlich diesen: daß der Verstorbene erst zu Düsseldorf soll angefangen haben, über Unpäßlichkeit zu klagen, da er doch nach Lord Maxwells Erzählung, schon in Bonn am Tage seiner Heyrath über Unpäßlichkeit geklagt hat. Herr Odendahl glaubt: daß der Verstorbene am 8. 9. 10. ja noch am 11. September nicht äußerst krank *) Auch über diesen Umstand habe ich Erkundigungen eingezogen; und weiß jetzt zuverläßig, daß der Verstorbene, nicht wie Herr Odendahl sagt, drey Wochen vor seinem Sterbetage, oder den 29. August, sondern den 6. September sich vermählt hat. Ein Berichtiger hätte, ehe er einen solchen Umstand niederschrieb, da die Erkundigung so leicht einzuziehen war, diese doch auch zuvor einziehen sollen; und der Umstand ist nicht ganz ohne Gewicht. 95 krank gewesen sey, werde der Leser schon daraus abnehmen können, weil er erst am 12. zu einem Arzt geschickt habe. Wie krank der Verstorbene an diesen Tagen gewesen sey, weiß ich nicht; wie krank ich ihn aber gefunden habe, zeigt meine Krankengeschichte. Wenn übrigens Herr Odendahl den Leser will schliesſen laſſen, daß der Verſtorbene die angegebenen Tage zuvor nicht sehr krank gewesen seyn könne, weil er zu keinem Arzt geschickt habe, so sucht er ihn zu einem falschen Schlusse zu verleiten. Denn ein großer Theil von Fremden, besonders von Engländern, lassen es aus Mißtrauen gegen deutsche Aerzte, und aus Vorurtheil für die in ihrem Vaterlande gebräuchlichen Heilarten und Mittel, sehr weit mit einer Krankheit kommen, bevor sie einen deutschen Arzt berufen. Ausserdem ist bekannt, daß die Zufälle bey bösartigen und faulichten Krankheiten im Anfange, einem der kein Arzt, und nicht Kenner ist, oft nicht so gefährlich als sie wirklich sind, in die Augen fallen. Lord Maxwell hat übrigens dem Verstorbenen wirklich ein Oel gegeben, welches er Castordͤl nannte, und wovon er mir eine noch über die Hälfte volle, und gewiß ein hiesiges Maaß enthaltende Flasche vorzeigte. Dieses Oel roch nach Biebergeil und etwas ranzicht; die eigentliche Zusammensetzung davon habe 96 habe ich aber nicht erfahren. Eben dieser Lord hatte seinem Vetter auch noch den Tag vorher, ehe ich berufen ward, wegen eines Durchlaufs, Rhabarber gegeben, welches er noch bey meiner Zuſammenkunft mit dem Herrn Odendahl uns beiden erzählte, und worauf Herr Odendahl erwiederte: dieses habe ihm nicht schaden können. Herr Odendahl fährt fort: es müsse aus der nach der Zeitordnung von mir gemachten Vorschriften erhellen, wie ich den Kranken gefunden und beurtheilt habe. Er setzt hinzu, daß diese Vorschriften nach den Urſchriften getreulich waͤren abgeſchrieben worden, wie er dieses jeden Augenblick eidlich bewahrheiten könne. Es versteht sich, daß dieses eidliche Bewahrheiten hier nicht allein von dem Inhalt der Recepte, sondern auch von der Zeitordnung gilt, nach welcher sie verschrieben worden sind. Wir wollen also sehen, in wiefern dieses eidliche Bewahrheiten in dieser Absicht die Probe halten würde. Herr Odendahl sagt: den zwölften September wurden folgende Vorschriften gemacht: 1) R. 97 1) R. Cort. peruv. opt. unc. duas. Decoq. Aq. comm. per hor. Col. unc. decem adde Syr. acet. citr. unc. unam c. sem. MDS. Pour en prendre toutes les deux heures une demie tasse. 2) R. Camph. drachm. sem. Emulg. c. s. q. mucil. gumm. tragac. adde aq. fl. tyl. (Thil.) unc. tres. Syr. Hord. paris. unc. unam. MS. Pour en prendre toutes (les) deux heures une cuillere (cuillerée), Man vergleiche nun diese beyden Recepte zuerst mit den Recepten vom 12. September in dem angehängten, und dem Herrn Assessor Schöller durch Notarium und Zeugen abgeforderten Receptbogen, welchen Herr Schöller eidlich bewahrheiten muß und wird. Nach diesem Receptbogen ist den 12. September dem kranken Herrn Maxwell, von mir nichts verordnet worden, als das Tamarindendecoct Nro. 2. und ein Brechmittel, welches, da diese Dosis nicht gewirkt hatte, auf der Stelle wiederholt wurde, wie sich solches auch auf dem Originalrecept bemerkt findet. Hier sind also zwey ganz verschiedene Angaben, G 98 ben, von welchen eine nothwendig falsch seyn muß; und dennoch treten drey Personen auf, H. Odendahl auf der einen Seite, Herr Schöller und ich, auf der andern, um die beiden verschiedenen Angaben eidlich zu bekräftigen! Ich schweige — aber wo ist der rechtſchaffene Mann, den nicht (das Recht mag ſeyn, an welcher Seite es wolle) für die Wahrheit ein Schander ergreift, wenn er sieht, daß sie sich von der Lüge so frech die Stirne muß bieten lassen? Uebrigens sind oben bemerkte, von dem Herrn Odendahl als am 12. September verordnet angegebene Recepte, allerdings von mir; aber sie sind erst am 15., also 3 Tage später verschrieben worden, wie das Datum meiner Originalrecepte, ohngeachtet der darinn, aber mit auffallend schwärzerer Dinte gemachten Veränderung *), sogar jetzt noch sehr deutlich zeiget. Aber ) Ich gebe hier ein Factum an, ohne mich in die mindeste Muthmaßung darüber einzulassen. Die Recepte (sie stehen beyde auf einem und eben demselben Stück Papier), sind seit der Zurücksendung von Herrn Odendahl in des Herrn Apothekers Schöller Händen, in welche sie gehören. Er wird (wie ich oben schon gesagt habe), durch einen Eid bekräftigen, daß sie erst den 15. September verordnet und bereitet worden; und Aber wenn nun bey aller dieser zurückgebliebenen Deutlichkeit der wahren Tageszahl, die gemachte Veränderung den Herrn Odendahl dennoch irre geführt, und er in seiner Berichtigung den 12. statt des 15., blos aus Versehen gesetzt hätte? In der That, wenn dies der Fall seyn sollte, so ist wohl nie ein glücklicheres, zu den Absichten, die man sich vorsetzt, besser passendes Versehen begangen worden. Man höre! Herr Odendahl hatte mir am Abend unserer zweyten Zusammenkunft geradezu abgeleugnet, daß dem Kranken von mir, gleich zu Anfange, als ich ihn zu behandeln übernommen, abführende und Brechmittel wären gereicht worden, und er hatte mir es abgeleugnet, weil er nicht allein mir einen medicinischen Fehler aufbürden, sondern auch obendrein mich zum Lügner machen wollte. Ganz ohne Vorschrift konnte ich indessen den Kranken am 12. September, als dem Tage, da ich zuerst war berufen worden, doch nicht wohl gelassen haben. Guter Rath schien also hier nöthig; und siehe! er bietet G 2 sich und den nachherigen, mit schwärzerer Dinte und mit einer andern Feder als womit das Recept geschrieben worden, gemachten Versuch, den 15. in den 12. zu verändern, wird jeder darauf beeidigte Schreibmeister bezeugen. Mehr kann ich über diese Sache dem Publikum nicht ſagen. 100 sich durch die oben gedachten beiden Recepte von selbst dar. Jetzt waren zwey Mixturen zugleich, und zwar aus China und Campher, den 12. September, folglich zu einer Zeit gereicht, wo der gallichte Stoff noch nicht abgeführet war; sie konnten also für einen auffallenden Fehler gelten. — Gieng nun aber die Noth von der anderen Seite an den Mann; und wurde es schlechterdings unmöglich, die vors erste noch abgeleugneten abführenden Mittel ferner abzuleugnen: so kamen die beiden vorgeblich den 12. September Odendahl wieder vortrefgereichten Mirturen dem H. lich zu statten. Alsdann waren Abführungen, und China und Campher und Brechmittel, also viererley sich widersprechende Sachen, dem Kranken an einem Nachmittage verordnet; und ich war der Welt, oder vielmehr — um ja nicht hyperbolisch zu reden — dem ganzen Kreise von Herrn Odendahls Lesern als der armseligste Pfuscher dargestellt. — Vortreflich —! Und man muß wirklich den Herrn Odendahl um das Glük beneiden, das ihn zu einem solchen Versehen führte, und um die Gabe die er hat, aus einem solchen Versehen Parthey zu ziehen. Ich sitze jetzt leider in der unauflößlichsten Schlinge gefangen da! Entweder habe ich versäumt, dem Kranken die nöthigen abführenden Mittel zu geben; oder sind sie wirklich gegeben worden, so habe ich den armen 101 men Kranken an einem Nachmittage auf die widersinnigste Art mit Arzneyen bestürmt: wie dieses auch S. 18 und 19. der Berichtigung vortreflich deducirt, und noch dazu durch eine Stelle aus Metzlers Preißschrift, worin dieser den Teufel citirt, auf das bündigste bewiesen ist. Freylich fallen einem kaltblütigen, der Sache etwas nachdenkenden Leser, gegen die Möglichkeit eines solchen Bestürmens mit Arzneyen, wie mir hier Schuld gegeben wird, verschiedene nicht leicht zu hebende Zweifel ein. Ich wurde den 12. September um ein Uhr Nachmittags zu dem Kranken berufen. Damit konnte ich doch wohl nicht den Anfang machen, drey oder wohl gar vier Mixturen zugleich zu verordnen? Ich verschrieb das Tamarinden=Decoct zuerst. Es war zwey Uhr als diese Arzney fertig war. Sie wurde halb drey Uhr eingenommen; um halb vier Uhr ließ man mir sagen, der Patient hätte nach der Arzney Galle gebrochen, und wäre noch übel. Darauf verordnete ich das Brechmittel, wovon er alle Viertelstunden einen Eßlöffel voll nahm, (gemeiniglich gehen 5 Viertelstunden dazu um Löffelweis das Ganze, nemlich zwey Unzen Wasser zu nehmen). Dieses Brechmittel ward um vier Uhr angefangen; es wollte nicht wirken, und muste also wiederholt werden. 3 102 den. Um sechs Uhr Abends, (denn der Kranke bekam von dem Wiederholten ohngefähr drey Löffel voll ehe es würkte) erfolgte das erste Erbrechen, worauf langsam einige andere folgten. Um 7 Uhr hörte das Erbrechen auf, nach ihm stellte sich ein Laxieren ein, welches bis den Abend 10 Uhr, ja in der Nacht noch fortdauerte; und den Gebrauch aller andern Arzney für diesen Tag schlechterdings unmöglich machte. Und wo ist ein Arzt in der Welt; oder wo nur ein etwas geübter Krankenwärter, der nicht weiß, daß man nach einem genommenen Brechmittel und dessen Wirkung nicht sogleich Arzneyen zu geben pflegt? Gewiß traut mir Herr Odendahl, so gern er sich die Miene geben möchte, geringschätzig von mir zu denken, ein solches mehr als grobes, von einem Arzte beynahe Verrücktheit involvirendes Versehen in seinem eigenen Herzen nicht zu! Aber es ist ja auch nur Hypothese; Hypothese, wodurch man mich nur ein wenig schrauben wollte. Die Wahrheit ist, ich habe dem Kranken keine abführende Mittel gegeben. Denn, fürs erste, das Brechmittel habe ich der jungen Gemahlinn des Verstorbenen; nicht dem Verstorbenen selbst verordnet. (S.14). Selt 103 Seltsam! das Brechmittel ist vom 12. September. Ich wurde an diesem Tage zu dem kranken Gemahl gerufen; für ihn paßte das Mittel; ich gab es ihm aber nicht, sondern seiner nicht kranken Gemahlin, aus deren Munde wenigstens nie gegen mich eine Klage über Unpäßlichkeit gekommen ist. Die Sache ist etwas unwahrscheinlich: aber der Vetter des Verstorbenen betheuert es *), und mein Recept ist ja unterzeichnet: Mfr. Maxwell. Mfr. statt Msr.! Wie doch alles sich so glücklich füget! Die hiesigen Mägde tituliren ihre vornehmen Hausfrauen Mafrau; warum nicht auch ein Arzt eine fremde Dame eben so auf dem Recepte? Daß so etwas einem Niedersachsen nun und in alle Ewigkeit nicht einfallen kann, thut nichts zur Sache. Was wissen eine Menge Leser, ja selbst gewisse Schreiber von Niedersachsen? Natürlich also, daß man dergleichen ohne alle Schen insinuiret. Aber G 4 ) Wenn er es ja betheuert hat, so hat er es doch nie in meinem Beyseyn betheuert, wie der Leser allenfalls aus der sehr kunstreich erzählten Geschichte des H. Odendahl (S. 14) schließen möchte. Ueberhaupt ist dieser ganzen Geschichte ein solcher Stempel von Unglaubwürdigkeit aufgedrückt, daß ich mir erlaube die Wirklichkeit dieser Betheurung noch sehr in Zweifel zu ziehen. 104 Aber warum hat denn Herr Odendahl nicht angemerkt, daß dieses Recept zweymal an einem Tage für Mfr. Maxwell ist bereitet worden. Er, der so richtig alles bemerkt haben will, daß er bereit ist es zu beschwören? Auf dem Originalrecept ist dieses ausdrücklich bemerkt, und sein Freund und treuer Gehülfe in dieser Sache, Herr Schmiegd, hat ja noch ganz neuerlich mit diesem Originalrecept, wovon Herr Odendahl am 19. Sept. als Herr Schöller es ihm abfordern ließ, nichts wissen wollte, in Bonn fast alle Professores bestürmt, und ist in sie gedrungen, daß sie in dieser Wiederholung einen Fehler finden möchten *). Aber zur Sache. — Ich wiederhole hier meine Erklärung, daß ich, so lange die Gemahlin des verstorbenen Maxwell hier in Düsseldorf war, nie die geringste Unpäßlichkeit an ihr wahrgenommen, noch sie darüber klagen gehört; und daß ich ihr folglich weder ein Brechmittel, noch sonst ein anderes Arzneymittel verInnerlich wird Herr Schmiegd das hier Erzählte nie in Zweifel ziehen; sollte er aber äusserlich darüber Zweifel äussern wollen, so wisse er, daß ich jeden Augenblick zu dem Beweise bereit stehe: Auch theile ich alsdenn die Antwort mit, die er von den Herrn Professoren in Bonn bey dieser Gelegenheit erhielt. 105 verordnet habe, sondern daß dieses Brechmittel für den Verstorbenen ist verschrieben worden. Denjenigen, die das Gegentheil behaupten wollen, liegt der Beweiß davon ob; und ich begnüge mich, ihre BeVerlaͤumdung zu erklären, hauptung ſo lange für eine bis der Beweiß darüber zu meiner Beschämung, die ich alsdann zu verdienen erkenne, von ihnen förmlich geführet seyn wird. So viel von dem Brechmittel. Jetzt zu dem Decoet von Tamarinden: dieses Decoct war eigentlich das erste Recept, welches ich diesem Kranken, und zwar darum früher als das Brechmittel verschrieb, weil er sagte, er habe keinen Reiz zum Erbrechen; und ich also glauben mußte, der Magen enthalte keinen gallichten Stoff mehr, indem dieser sich gewöhnlich durch Ekel und Reiz zum Erbrechen zeiget. Da aber, wie auch aus meiner Krankheitsgeschichte erhellet, dieses Tamarindendecoct beym ersten oder zweytenmale, nachdem es genommen worden, das Erbre chen einer grünen verdorbenen Galle bewirkte; so veranlaßte mich dieser Fingerzeig der Natur zuvor noch ein Brechmittel zu reichen, und das Tamarindendecoet noch auszusetzen. Es wurde also erst am andern Morgen nach dem Brechmittel, nemlich den 13. Sept. wieder angefangen, und bis den Nachmittag fortgesetzt. G 5 106 setzt. Dieses Tamarindendecoct nun, leugnete mir Hr. Odendahl bey unserer zweyten Zusammenkunft ab, um mir den Fehler anfzubürden, daß ich dem Kranken nicht gleich anfangs abführende Mittel gegeben habe. In seiner Berichtigung fährt er fort, mir es abzuleugnen. Doch heißt es (S. 14.): Spät des Abends nach unserem Zwiste, sey ihm dieses Recept von dem Tamarindendecoct unter meiner eigenen Hand noch vorgezeigt worden. Ich verstehe, Herr Direktor! Und da es Ihnen leid seyn würde, wenn irgend jemand Sie nicht auch verstünde: so lassen Sie mich, was Sie nur zaghaft insinuiren, in dürren Worten heraussagen. Die Meynung, welche Sie dem Publikum von der Sache gern beybringen möchten, ist diese: „Doktor Abel, „durch meine Vorwürfe in die Enge getrieben, lief „geschwinde nach unserem Zwiste nach Hause, oder „an einen andern Ort, schrieb das Recept von dem „Tamarindendecoct, antedatirte es, und suchte es „ mir noch denselbigen Abend in die Hände zu spielen. „— Aber er hat mit keinem Leichtgläubigen zu schaf„fen. Was ich von dem Recepte denke, liebe Leser, „sehet ihr daraus, daß ich es nicht mit unter die Zahl der 107 „der übrigen Recepte, welche ich für aͤcht halte, auf„genommen; daß ich es nirgendwo, wo ich seine Re„cepte zur Beurtheilung hinschickte, beygeschlossen, „sondern immer fortgefahren habe, und noch fort„fahre, es abzuleugnen.“ Dies ist die getreue Paraphrase Ihrer Worte, nach der Stellung, worin Sie selbige gesetzt haben, und gewiß würden Sie jeden andern, der ihren Sinn so genau zu fassen gewußt hätte, mit Beyfall anlächeln. Auf eine jetzt deutBeschuldigung, eine eben so deutliche lich gewordene Erklärung! Ich fordre Sie auf, Herr Direktor! den Mann zu stellen, welcher Ihnen noch spät des Abends jenes Recept von Tamarindendecoct gebracht; ferner verlange ich zu wissen: von wem und zu welcher Zeit dieser es noch erhalten hat; es kann und muß sich ausmitteln lassen, was diesem unglücklichen Recepte den Weg zu Ihnen so sehr erschweret, da es von dem Herrn Apotheker Schöller zugleich mit den übrigen, Ihren Abgeordneten ist übergeben worden. Und nun noch eine andere sehr deutliche Erklärung. Wer dieses Recept von dem Tamarindendecoet für antedatirt und untergeschoben ausgiebt, und mich also eines Falsi beschuldigt, den betrachte ich als einen Injurianten und Verlaͤumder; von Ihrer ohne allen Beweiß gewagten hämischen Insinuation aber denke ich — was jeder rechtschaffene Mann davon denken muß. 108 muß. Der Gifttropfen ist nicht minder Gift, wenn er gleich zuweilen wie Wasser aussieht. Jetzt habe ich noch über ein Paar Recepte zu reden, welche sich in dem Aufsatze meines Gegners finden; aber nicht in dem von mir hier angehängten Receptbogen stehen. Bey gewissen Leuten muß man bis zu den unbedeutendsten Dingen herab genau seyn, weil ein Ferment in ihren Fingern sitzt, das jeden Gegenstand, welchen sie berühren, sey er auch noch so klein, zu einer ungeheuren Größe gleich aufschwillt. Ich will daher, so wenig es übrigens der Mühe lohnt, die Gründe angeben, warum ich diese Recepte in meinen Receptbogen nicht aufgenommen habe. Eines dieser Recepte ist ein äusserlicher Umschlag, wovon das Originalrecept also lautet: R. Camphor. Unciam unam. Solv. f. q. Acet, vin. Diese Auflösung sollte eigentlich in einer größeren Menge Weineßig geſchehen, als in der Apotheke dazu genommen wurde und alsdann mit Salmiak und Wasser vermischt, als ein antiseptischer Umschlag auf den Unterleib gelegt werden. Da es aber wieder mei 109 meinen Sinn in zu wenig Weineßig war aufgeldßt worden, und die Auflösung daher nicht gut gerathen war, so bediente ich mich desselben nicht, sondern sandte es sofort auf der Stelle in die Apotheke zurück. Nachher verschrieb ich denſelbigen bloß in der Form, nicht im wesentlichen veränderten äusserlichen Umschlag (wie ans Nro. 11. meines Receptbogens erhellet), um ihn bey dem Kranken, statt des zurückgeschickten, zu gebrauchen. Das zweyte Recept, welches auch gar nicht ge braucht ist, war die Vitriolsäure in Salebschleim, eine Verbindung, wodurch man noch zuweilen dem Kranken diese Säure beybringen kann, und in welcher ich wünschte, daß sie auch dieser genommen hätte. Allein er verabscheuete diese Verbindung, und war nicht zu bewegen das geringste davon zu verschlucken; desfalls ward das Mittel bey Seite gestellt, und ich verschrieb sogleich hinterdrein den 14. Sept. noch in derselbigen Stunde, die ungemischte Vitriolsäure, um ihm selbige in Gerstenschleim beyzubringen; aber auch die Vitriolsäure in Gerstenschleim ward eben so wenig genommen, als die im Salebdecoct. An der Wahrheit dieser Angabe kann keiner, der nur etwas von der Arzneywissenschaft versteht, aufrichtig 110 richtig zweifeln. Denn wozu hätte ich sogleich darauf die ungemischte Vitriolsäure verschrieben, wenn der Kranke die erstere und bessere, mit Saleb verbunden, hätte nehmen wollen? — Und nun weiß der Leser warum beyde Recepte nicht auf meinem Receptbogen stehen, obgleich sie von mir verschrieben, und mit den übrigen dem Herrn Odendahl sind eingehändigt worden, dessen gänzliches Stillschweigen über diese ihm gewissermassen doppelt eingereichten Recepte, für ihre Unschädlichkeit (wenn ein Unkundiger sie bezweifeln sollte) allein schon eine wichtige Autorität ist. So viel über die von mir verschriebenen Recepte. Was Herr Odendahl S. 13 und 15 seiner Berichtigung, von dem Tag der zweyten Consultation unter uns vorgefallenen Streite erzählt, verdiente gleichfalls, wenn hier der Ort dazu wäre, eine nähere Untersuchung. S. 13 will er mich blos beschuldigt haben, daß mein dem Kranken gereichtes Calomel ganz und gar der Krankheit unangemessen, ja schädlich gewesen sey; welches immer in meinen und jedes rechtschaffenen Arztes Augen Beschuldigung genug ist: aber so glimpflich wenn man will; so gewählt flossen wahrlich nicht an jenem Abend die Worte von Hrn. Odendahls Zunge. Das Calomel war Gift; ich hatte dieſes 111 dieses Gift in einer zu starken Dosi gereicht, und dadurch, wie er mir ausdrücklich vorwarf, des Kranken Leben verkürzt. Doch diese ganze Sache gehört vor ein anderes Forum. Herr Odendahl beruft sich S. 15 auf das Zeugniß seines Freundes *), des Herrn Obersten von Haroldt. Ich werde Zeugen stellen, die weder meine Freunde noch Feinde sind, und der Gerichtshof mag über ihre Aussage entscheiden. — Der Vorwurf den er mir mündlich machte, daß ich nicht mit den hiesigen Aerzten consultire, wird S. 17 nicht allein im Druck wiederholt, sondern auch noch etwas verstärkt, und einem strafbaren Stolze und der Verachtung zugeschrieben. Strafbar? doch wohl nicht weltlich? und wenn Herr Odendahl es in einem andern Sinne versteht, so muß ich ihm erklären, daß ich ihn nicht zu meinem Gewissensrathe gewählt habe, noch gerne von ihm lernen möchte, was ich achten oder verachten müsse. Indessen, um auch von diesem Vorwurfe zu reden, weil die Sache dem Herrn Odendahl so sehr am Herzen liegt, so erkläre ich, daß ich, obgleich mit ihm nur einmal, dennoch mit allen andern Aerzten, die sich hier befinden, schon mehrmals, besonders aber mit Herrn Jansen, einem geschickten, ) So heißt er S. 16. Zeile 17. der Berichtigung. 112 geschickten, um das hiesige Publikum verdienten, und sowohl von Seiten seines Herzens als seiner Kenntnisse sehr schätzbaren Manne, consultirt habe. Nie ist bey solchen Gelegenheiten der geringste Streit zwischen uns beyden vorgefallen; ein jeder hat seine Meynung mit Bescheidenheit und Wahrheitsliebe vorgebracht, und er hat so wenig über mich, als ich über ihn Ursache zur Klage gefunden. Ausserdem sind sehr viele Aerzte sowohl in Cöln, als sonst in hiesiger Gegend, mit welchen ich in medicinischer Verbindung stehe, und mit denen ich im besten Vernehmen gemeinschaftlich Kranke behandle. Uebrigens läugne ich nicht, daß ich bey wichtigen Fällen den Herrn Professor Günther in Duisburg, dessen Geschicklichkeit und Verdienste, als Arzt, zum Theil auch schon dem deutschen Publicum durch seine Schriften bekannt sind, auf ausdrückliches Verlangen meiner Kranken zuweilen um Rath gefragt habe. Herr Odendahl, hoffe ich, wird doch so etwas nicht verhindern, und über seine Wissenschaft nicht einen förmlichen Zunftzwang verhängen wollen. Berichtigung, wird ein Brief von Seite 16 der Lord Maxwell, dem Vetter des Verstorbenen, als ein Beweiß eingerückt, „daß die verordneten Mittel diesem nicht mit aller Aufrichtigkeit von mir angegeben zu seyn scheinen. Also 113 Also ein Beweiß, daß die Aussage eines bisher noch nie anders, denn als rechtschaffen bekannten Mannes, (ich fordre das ganze Publicum hierüber zum Zeugen auf) einem gewissen andern, vielleicht durch Betrübniß, vielleicht durch Intrigue verstimmten, nicht ganz aufrichtig scheine! Was diesen Brief nun selbst betrifft, so bin ich zwar weit entfernt, seine Aechtheit an sich in Zweisel zu setzen. Dem Herrn Odendahl ist er von seinem Freunde, dem Herrn Obersten von Harold mitgetheilt worden; folglich von einem Manne von Ehre, seiner Geburt und seinem Stande nach von einem Manne, dem man zutrauen darf und muß, daß er den Unterschied zwischen einer poetischen Fiction, wodurch man einem alten Barden ein Bändchen Gedichte neuerer Composition auf Rechnung setzet *), und zwischen einer ähnlichen Fiction in bürgerlichen Verhältnissen, nicht allein einsieht, sondern auch fühlet. Ueber die Aechtheit dieses Briefes im Ganzen also keinen Zweifel! Aber ich gestehe, daß dieser Brief mir äusserst seltsam geschrieben scheint — nicht blos in Absicht der Sprache; die auffallenden Fehler hierin würde ich nicht achten; — — sondern haupt*) S. Göttinger Anzeigen 1787. S. 1248. 114 hauptsächlich in Absicht der Verbindung der Ideen. Lord Maxwell sagt: „ich habe an ihn geschrieben, und „ihn um seine Addresse belangt, um den Fall des „Herrn Maxwell beſchreiben zu können.“ — Dieſes hat seine Richtigkeit. Ich schrieb an Lord Maxwell den Tag seiner Abreise von hier, in der Meynung, daß er noch zugegen wäre; schickte ihm eine von Herrn Apotheker Schöller eigenhändig verfertigte Abschrift der für den Verstorbenen verschriebenen Recepte; bat ihn um seine Addresse, damit ich ihm die Kranheitsgeschichte, welche ich aufsetzen wollte, senden, und er dieselbe einer medizinischen Fakultät in England vorlegen könnte. Lord Maxwell fährt in seinem Briefe fort: „Ich „waͤre sehr begierig, diese Beschreibung zu erhal„ten, um mir selbst Genüge, und für das Wohl der „Menschheit einen Dienst zu leiden. Denn ich bin „Willens auf der hiesigen Fakultät bey den geschick„testen Aerzten von Londen mich darüber zu be„fragen. Oben stand: hiesige Fakultät; einige Worte nachher heißt es in eben demselben aus London datirten Briefe: Aerzte von Londen. Doch alles dieses bey Seite! — Lord Maxwell ist also begierig, diese Beschreibung zu erhalten, um sie den Aerzten 11 Ich frage: in London zur Beurtheilung vorzulegen. welche Beschreibung? Nach den unmittelbar vorhergehenden Worten doch wohl die meinige; also, die Beschreibung eines von ihm erkannten Lügners, der das Brechmittel, welches Mafrau Maxwell verschluckt gegeben haben? Und hatte, dem Verstorbenen wollt er ist begierig diese Beschreibung eines Lügners zu erhalten, damit er sie den Aerzten in London zur Beurtheilung des Falles vorlegen könne? Ein etwas befremdender Gedanke, wenn es mit der Betheurung des Lord Marwell (S. 14. in H. Odendahls Schrift) seine Richtigkeit hat. Nun kommt ein Strich, der sehr noͤthig ist, weil er zu einem Zeichen dient, dem seine Gedankenreihen verfolgenden Leser die große Kluft, welche zwischen der vorgehenden Periode und der jetzt folgenden befestigt ist, zur Warnung anzudeuten. Nach diesem Warnungszeichen heißt es: „Sie würden mich daher! recht sehr verbin„den, wenn Sie mir“ — (Was erwartet hier der Leſer? Etwa, daß Hr. von Harold die Beschreibung der Krank heit, worauf der Lord so eben noch begierig war, ihm senden möchte, wie die natürliche Gedankenfolge erforderte? Nein; so heißt es nicht: sondern): „wenn Sie „ mir eine ächte Abschrift von jenen Vorschriften besor„gen wollten, die der Arzt, ihr und mein Freund, wähH 2 „rend 116 „rend der Krankheit gemacht und noch in Händen hat; „denn so viel ich mich der Thatsachen erinnere, ist die „Beschreibung, die mir Herr Abel in Betref der Arz„neyen gemacht hat, nicht richtig, besonders was an„gehet, die Menge des Calomels so er gereicht hat. Ich frage jeden Leser, welcher lesen kann, was ihm von der Verbindung der Ideen in diesem Briefe dünke? Ist es ihm nicht, als ob er den Wind noch sausen höre, welcher in der Höle der Sybille die auf Blätter geschriebenen Worte zur Quaal der Forschenden untereinander wehte; und sieht er sich nicht voll Angst nach einer wohlthätigen Hand um, die diese Porte in Ordnung lege? Und so sollte Lord Maxwell, ohne alle Auslassung, geschrieben; so sollte ein deutscher Schriftsteller, der Uebersetzer Ossians, den Brief übersetzt haben? Zu beider Ehre erlaube mir Herr Odendahl und das Publikum, daß ich daran zweifele. Doch vielleicht ist Lord Maxwell wirklich im Schreiben ungeübt; und Herr von Harold nicht selbst der Uebersetzer des von ihm mitgetheilten Briefes. wollen also den Inhalt desselben ohne alle Rücksicht auf Stellung und Form blos nach dem groben Buchstaben untersuchen. Was ergiebt sich nun hieraus Lord Maxwell ist zwar begierig, meine Beschreibung der 117 der Krankheit zu haben; aber zugleich die von dem Herrn Odendahl genommene Abschrift meiner Recepte: weil er in meine Abschrift einen Zweifel setzt, und besonders fürchtet, daß ich die Menge des gereichten Calomels unrichtig angegeben haben möchte. Es ist mir leid, daß Lord Maxwell mich verkennt; finde es aber in seiner Gemüthsstimmung und nach allem, was man ihm von mir beyzubringen gesucht hat, obschon vielleicht etwas schwach, dennoch sehr verzeihlich. Allein was, frage ich, beweisen seine Zweifel? Einen davon drückt er bestimmt und deutlich aus; er glaubt, ich habe ihm die ganze Quantität des verschriebenen Calomels nicht richtig angegeben: und daß er sich hierin irre, wird er aus Herrn Oden dahls Abschrift meiner Recepte, wenn ihm selbige ist zugeschickt worden, schon gesehen haben; denn Herrn Odendahls Abschrift ist in diesem Puncte völlig mit der meinigen übereinstimmend. Die übrigen im allgemeinen hingeworfenen Zweifel aber — haͤlt Herr Odendahl etwa diese für hinreichend, mich und den Herrn Apotheker Schöller zu Falsarien, ja was noch mehr ist, da wir unsre Angaben beschwören wollen, zu Meineidigen zu machen? Aber noch eine Bemerkung über diesen Brief, die in den Augen eines jeden Nachdenkenden von Gewicht seyn H muß. 118 muß. Ich schickte dem Lord Maxwell eine Abschrift meiner Recepte; unter diesen stehen die geläugneten Recepte von dem Tamarinden=Decoct und dem Brechmittel oben an. Wenn nun aber (wie es S. 14 der Berichtigung im wahren Protokoll=Stile heißt, als ob Hr. Odendahl den Lord constituirt habe;) — wenn nun aber „ein solches Tamarinden=Decoct ihm, Lord May 3" „well, sehr wohl bekannt war; er aber keine (von mir dem Kranken gereichtes) „gesehen hatte, und „zuverläßig wußte, daß seinem kranken Vetter keines gereicht worden;“ — wenn ferner der Lord, nach S. 14 der Berichtigung, betheuern konute, „platterdings zu wissen, daß nicht sei„nem Vetter, sondern dessen Gemahlinn das be„schriebene Brechmittel gereicht, und von Herrn „Abel verordnet *) worden:“ — wenn, sage ich Lord Maxwell beydes so genau, so zuverläßig wußte; wie kommt es denn, daß er in seinem Briefe über die *) O der Federn, die so für das Publicum schreiben! Und die Schrift soll gleichwohl (S. die Vorrede zu H. Odendahls Berichtigung) in der weitesten Entfernung gelesen werden! Erst das beschriebene, d. i. das von Abel verordnete Brechmittel gereicht; nachher von ihm verordnet. Welche Verwirrung in der Sprache, und wer schließt aus dieser nicht mit Recht auf Verwirrung in den Gedanken? 119 die Richtigkeit meiner Angaben blos zweifelhaft spricht, und nicht auf der Stelle bestimmt und ausdrücklich erklärt: zwey unrichtige Recepte hat mir Doctor Abel schon eingeschickt; es ist also höchst wahrscheinlich, daß es sich mit den übrigen eingeschickten Recepten nicht besser verhalte? — Wer alles dieses zusammennehmen, und die Schlüsse, welche daraus folgen, ziehen will, in dem entstehen ganz gewiß über die von Herrn Odendahl dem Publicum vorgelegte Aussagen des Lords, einige nicht ganz unbedeutende Zweifel. Wust von UnrichIch habe jetzt noch einen ganzen tigkeiten, Widersprüchen und fein seyn sollenden, im Grunde aber Ehrenrührigen Anspielungen vor mir, die ich auseinander setzen, und dem Publicum, um ihm meinen Gegner in seiner ganzen Gestalt zu zeigen, vorlegen müßte. Aber die Geduld verläßt mich; und gewiß auch den bessern Theil der Leser, welcher leicht ex ungue nicht blos den Löwen, sondern auch wohl andere mit Klauen verse hene Geschöpfe zu erkennen, und an ihre Stelle zu setzen weiß. Ich breche also ab, und füge nur noch einige Anmerkungen über Herrn Odendahls Einwürfe gegen den Gebrauch des Calomels hinzu. Auch 120 Auch hier bleibt Herr Odendahl sich gleich. Es ist ihm nicht einmal möglich, getreu zu übersetzen: z. B. in seinem Schlußcitat S. 24. der Berichtigung muß das plerumque des Originals in das freylich weit nachdrücklichere, aber zum Unglück an durchdieser Stelle völlig widersinnig. gehends, sich umwandeln lassen. — Uebrigens lag Herrn Odendahl der Beweiß ob; nicht daß das Calomel überhaupt gefährlich seyn könne; sondern, daß es in der von mir gegebenen Quantität, und in der Krankheit, worin ich es gereicht habe, gefährlich; und nicht allein gefährlich, sondern tödtlich sey. Anstatt nun diesen Beweiß zu führen, was thut Herr Odendahl? Er citirt Herrn Baldinger, welcher sagt: „daß die Queck„filbermittel, zu unrechter Zeit gegeben, äußerst „schädlich sind;“ und welcher die von ihm angeführte Stelle mit der vollkommen richtigen Bemerkung schließt: „daß blos die Gabe und Anwendung, nach dem ein„stimmigen Urtheil aller Aerztes), den Unterschied „zwischen *) Im Original: omnium consensu, welches Hr. Odendahl durch allgemeinen Beyfall übersetzt; ein Ausdruck, den in diesem Sinne keiner, der seiner Sprache kundig ist, sich erlauben wird. — Ich würde dergleichen gar nicht rügen, wenn der Verfasser der Berichtigung 121 „zwischen einem Arzneymittel und einem Glfte be„stimmen.“ — Also auf die Gabe und Anwendung kommt es an! Warum nun nicht unmittelbar nach dieser Stelle bewiesen, daß in beidem, oder auch nur in einem von beiden, bey der Kranheit des verstorbenen Irrländischen Edelmannes von mir gefehlet worden ist? — Doch weiter! Es folgt ein neues Citat von Herrn Baldinger, wo dieser berühmte Arzt nicht von Kindern überhaupt (wie Herr Odendahl übersetzt), sondern von kleineren Kindern (infantibus tenerioris aetatis) und den Ammen spricht; und wo er, nachdem er das Calomel überhaupt für ein vortrefliches Mittel erkläret hat, als Warnung jedoch hinzusetzt: daß es nicht ganz ohne Gefahr sey, und man bisweilen nach dem Gebrauche desselben heftiges Bauchgrimmen, und andere sehr schlimme Zufälle beobachtet habe. Das das Grimmen im Leibe betrifft, so finde ich hierüber eine Bemerkung nöthig. Dieses Grimmen zeigt sich allerdings, wenn Aerzte und Apotheker nicht vorsichtig genug, die ersteren in der Verordnung dieses richtigung nicht aufmerksam gemacht werden müßte, auf was man nebenher bey einer Schrift in der weitesten Entfernung zu sehen pflegt. 122 dieses Mittels, die letzteren in der Bereitung desselben gewesen sind. An verschiedenen Orten, besonders in kleinen Städten, wissen die Apotheker dieses Mittel gar nicht zu bereiten; sondern erkaufen selbiges von den Materialisten: man findet alsdenn das Calomel oft von seinen Sublimat, oder von seinen Kochsalzsäuretheilchen nicht gehörig befreiet, und es tritt alsdenn allerdings der Fall ein, daß Grimmen im Leibe und noch andere gefährliche Zufälle nach dem Gebrauche desselben entstehen. Nach dieser Stelle sagt Herr Baldinger: er habe den traurigen Fall gelesen, daß nach dem versüßten Quecksilber der Tod erfolgt sey. Daran zweifle ich nicht! Aber, wenn ich nun Herrn Odendahl den Fall anführen wollte, daß vielfältig wiederholtes Aderlassen in der Brustwassersucht getödtet habe; würde Herr Odendahl hieraus wohl den Schluß ziehen: das Aderlassen sey also überhaupt gefährlich? Wie oft muß man an die von den Menschen so häufig aus den Augen gesetzte Regel erinnern: a particulari ad universale non valet consequentia! Herr Odendahl führt ferner J. H. Slevogt, einen 123 nen alten Schriftsteller vom J. 1706 an, welcher in den Aphthen die Quecksilbermittel wiederräth. Seine Bedenklichkeiten klingen aber etwas sonderbar; und noch sonderbarer Herrn Odendahls Zusatz zu denselben: „Wenn nun gar die Schwämmchen oder Spree „(Aphthen) als Symptom erscheinen; — wenn eine „andere Krankheit voraus gegangen — wenn die Ge„legenheits Ursach Galle — oder faulichter Stoff "— Ich habe in meiner vor dieser Beylage ge„ist. druckten Vertheidigungsschrift durch eigene Beobachtungen, und durch die Beobachtungen anderer dargethan, daß eben in gallichten und faulichten Krankheiten das Calomel sich als ein wirksames und wohlthätiges Mittel beweise. Herr Odendahl muß nun entweder diese Beobachtungen und Erfahrungen für falsch, oder sich für widerlegt, erklären. Nun tritt noch ein Schriftsteller auf: Herr Finke Ich schätze diesen de Morbis biliosis anomalis. Mann als einen verdienten Arzt, und erkenne, daß in der angeführten Abhandlung von ihm vortrefliche Sachen enthalten sind. Aber er selbst giebt ja das Quecksilber in dieser Krankheit; nur hat er seine eigenen Ideen über die Fälle, wo es gebraucht und nicht gebraucht werden müsse. Wenn ich nun glaube, von diesen Ideen abweichen zu dürfen, und die Gründe angebe, I 2 124 gebe, warum! — will Herr Odendahl alsdenn durch einen Machtspruch, wer von uns beyden Recht. habe, entſcheiden? Einen von den gewissen berühmten Männern, worauf Herr Odendahl 24 seiner Berichtigung dentet, wollte ich wohl mit Namen nennen; aber der Mann ist (obschon er sich in manchem irren mag und wirklich irret) dennoch viel zu groß, wegen seines festhaltenden scharfen Nachdenkens, das auch seine Feinde ihne nicht absprechen, viel zu ehrwürdig, als daß ich hier ein Wort für ihn gegen Herrn Odendahl verlieren möchte. Und nun! giebt es nicht unter den berühmten Männern, welche dem Calomel andere Kräfte zuschreiben, und eine andre Anwendung davon machen, als Herr Odendahl gerne haben möchte, einen von ihm selbst unsterblich genannten *), und von dem ganzen medizinischen Publicum mit Recht verehrten Richter: Herrn Odendahls Schrift endigt sich mit einer Stelle aus Stolls Ratione medendi, vermuthlich um des witzigen Einfalls willen, mit welchem sie schließt, und wodurch der Mangel an eigenen hier ersetzt werden soll. Ich *) S. 11. der Berichtigung. 125 Ich werde nicht mit einem witzigen Einfalle schliessen; sondern zuerst hier einige ernsthafte Worte über die angeführte Stelle von Stoll, und alsdenn einige noch ernsthaftere Worte über Herrn Odendahls Schrift selbst sagen. Daß gewisse Heilungsarten stehen und fallen, wie der Ruf dieses oder jenes berühmten Mannes der sie eingeführt hat, läßt sich aus der Geschichte der Arzneywissenschaft durch unzaͤhlige Beyspiele beweisen; und es ist leider! nur allzu wahr, daß an die Stelle der alten verdrängten Vorurtheile, nicht immer neue Wahrheiten; sondern oft nur neue Vorurtheile eintreten. Aber wozu treibt dieses den, die Wichtigkeit seiner Berufspflichten erkennenden, und sie zu erfüllen strebenden Arzt? Daß er an keiner Autorität, alt oder neu, zu ängstlich klebet; sondern immer untersuchet und prüfet, und auf solche Weise sich ein eigenes Urtheil zu erwerben sucht, welches allein dem Vorurtheil entgegen steht, und allein den wissenschaftlichen Arzt von dem empirischen Praktiker unterscheidet. Anhänglichkeit an blosse Autorität, ist es eigentlich, was Stoll und jeder große Arzt verdammt; und von dieser Anhänglichkeit wird man darum gewiß nicht freygesprochen, weil man auf das Wort eines andern, dieser oder jener, steigenden oder sinkenden Schule den Rücken kehret. Jetzt I 3 126 Jetzt die versprochenen Worte über Herrn Odendahls Schrift. Herr Odendahl hatte mich auf eine harte, äusserst empfindliche, sogar ehrenrührige Weise in einem öffentlichen Gasthofe angegriffen: ich schrieb dieses aber größtentheils einigen seiner Zorurtheile und der Uebereilung zu; und man wird den Ton der Schonung, welchen man in beyden Fällen gegen seinen Gegner aus Edelmuth noch annehmen kann, in meiner vor dieser Beylage eingerückten, und vor ihr schon völlig geen digten Vertheidigungsschrift gewiß nicht vermissen. In der Berichtigung aber zeigt sich Herr Odendahl nicht als einen Mann, den blos Vorurtheile und Affect be stimmen; sondern als einen Mann, der von den gehäßigsten Absichten und Leidenschaften getrieben wird. Er sucht nicht blos meine Wissenschaft anzugreifen, sondern auch meinen moralischen Charakter; — er sucht mich der schändlichsten und strafbarsten Unwahrheiten, krummer Methoden, niedriger geheimer Ränke, theils in dürren Vorten, theils durch ziemlich leicht zu fassende Insinnationen und Anspielungen verdächtig zu machen, und mich bey dem Publicum um alle Ehre zu bringen. In einem solchen Falle ist es Nothwehr, dem Gegner die Larve von der Stirne zu reissen; und da nicht alle aus dem Publicum gleich 12 gleich scharfsichtig und aufmerksam sind, dem blinzelnden oder doch nur obenhin betrachtenden Theile aus demselben, mit lauter Stimme anzuzeigen, wie häßlich die unter der Larve versteckten Gesichtszüge sind. Ich war schuldig dieses zu meiner Rechtfertigung denjenigen unter meinen Lesern zu sagen, für welche eine so laute Stimme in keinem Falle nöthig ist. Uebrigens ist Herr Odendahl, wie ich höre, wegen ein Paar Dutzend Exemplare seiner Schrift, die ich auf meinen Namen bey dem Buchbinder, der sie in Verlag hat, habe holen lassen, besorgt: es möchte in der Absicht geschehen seyn, um die weitere Verbreitung seiner Schrift zu verhindern. Ich bitte ihn aber desfalls ruhig zu seyn. Die Exemplare sind zu keinem andern Endzweck gekauft, als den Wunsch des Verfassers, in der weitesten Entfernung gelesen zu werden, so viel an mir liegt, zu befördern. Und damit ich mit Herrn Odendahl doch etwas gemein haben möge, so will ich mit einigen Worten aus eben demselben Capitel des Tacitus schließen, woraus er sich sein Motto gewählet hat. Es ist in diesem 128 diesem Capitel von einer Giftmischerey die Rede, von welcher Tacitus nichts glauben will. Er schließt die Untersuchung mit den Worten, welche Herr Odendahl anführt, und fängt sie mit den folgenden an, die mir zu meinem Epiloge dienen sollen. Haec vulgo jactata, super id, quod nullo auctore certo firmantur, prompte refutaveris. Annal. IV. Cap II. . . . . .