de Ex libris Georgii Friderici Krauss D. med. Consiliarii regiminisque regii quod est Dusseldorpii collegae quos Bibliothecae hac in urbe publ. dono dedit cunctos filius Gustavus Krauss D. med. A. MDCCCLVII. Dene e M II. 467 Heil. Wahr b. . . . . . Ueber den Nutzen der Inokulation Bocken in Vergleich des Schadens der natürlichen Pocken. Eltern und Menschenfreunden zur Beherzigung vorgeſtellt von Bernard Joseph Reyland, der Arzneywissenschaft Doktor, Sr. Churfürstlichen Durchlaucht zu Pfalzbayern Jülich und Bergischer wirklicher Medicinalrath, Düsseldorfer beygeordneter Staabs= und Garnisons=Medikus, Herzoglich Pfalzzweybrückischer Hofrath; und praktischer Arzt in der Residenzstadt Düsseldorf. Düsseldorf 1795. bey J. H. C. Schreiner. 6 ed. III 1 . 7 . . . . . 1 . . . . Tas . . . . . . * Düss . . . . . né à l'établir, . . — . . . 1. n . . . . nicht wieder einmal zu einem . . . . . . 9 — 9 — Vorerinnerung. Hufeland, (ein vortreflicher Arzt und Schriftsteller,) sagt in seinen neuern Bemerkungen: „Nach dem was Tissot und nach ihm so viele andere so schön und einleuchtend zur Empfehlung dieser wohlthätigen und göttlichen Erfindung (nemlich der Pockeninokulation) gesagt haben, nach einer nun mehr als funfzigjährigen Erfahrung und den unzähligen glücklichen Beyspielen, die um und neben uns ihr Lob auf die überzeugendste Art verkündigen, und die lächerlichen Einwürfe von A 2 von nachfolgender Kränklichkeit, kürzerm Leben u. s. w. aufs triftigste widerlegt haben, wäre es wohl sehr überflüßig noch etwas zu ihrem Lobe im Allgemeinen hinzuzufügen. Wer nur Augen zu sehen, und Ohren zu hören hat, kann sich nun auf die leichteste, sinnlichste Art von ihrem Werthe überzeugen, und wir sind nun dahin gekommen, daß nicht mehr der Tod eines Kindes an den inokulirten Blattern, sondern den Verlust desselben an den natürlichen jedem Menschen von Gefühl und Gewissen ein ewig peinigender Vorwurf bleiben muß; denn erstrer war der unwahrscheinlichste Fall, die Folge unseres vernünftigsten besten Bestrebens zur Rettung, dieser die Folge unserer Indolenz, der Verabsäumung des Rettungsmittels, das Vernunft und Er Erfahrung uns nun als das einzige und beste gezeigt hatten. Dort blickt uns noch immer der starke Trost: Ein Kind, das die inokulirten Blattern nicht übersteht, würde gewiß die natürlichen noch weit weniger überstanden haben; aber hier wie viel größer, und folglich quälender ist da nicht die Wahrscheinlichkeit, daß dies Kind, wäre es inokulirt worden, nicht gestorben wäre? Sie verhält sich wie die mortalität der geimpften zu der der natürlichen Blattern, wo von erstern im Durchschnitte der fünfhundertste, von letztern der zehnte stirbt — also wie fünf zig zu ein.“ Es wäre allerdings zu wünschen, daß diese Behauptung der Allgemeinheit der Inokulation so richtig wäre, als selbige von diesem Schriftsteller vorgegeben wird. Und A 3 4 Und daß die Vorherverkündigung des berühmten Tissot, nemlich, daß die Inokulation noch vor Verlauf dieses Jahrhunderts in Europa allgemein beliebt, und angenommen seyn würde, so ganz nach Wunsch eingetroffen wäre. Es giebt aber, leider! noch viele Länder und Distrikte, wo die Einimpfung wenig im Schwange geht, wo sie vielmehr mit allerhand Gegner noch zu streiten hat, wo Aerzte öffentlich und heimlich aus mancherley, wenig rühmlichen, Absichten sich dieser heilsamen Handlung entgegen stemmen, und sie zu verschreyen suchen, und wo sie annebst noch mit vielen ihr entgegengesetzt werdenden Vorurtheilen zu kämpfen hat. Man trift auch noch gar zu viele Leute an, für die ein alter Irrthum mehr gilt, als jede neue Wahr Wahrheit. Man biegt sich, selbst in unserm aufgeklärten Jahrhundert, noch häufig in Deutschland lieber unter dem Joche der alten Vorurtheile, als daß man sich bemühe, die Wahrheit zu sinden. Dieses gilt vorzüglich von hiesigen und benachbarten Landen in Absicht auf die Inokulation. Bei denen in hiesigen Gegenden geherrschten Pocken=Epidedemien habe ich die traurige Erfahrung gemacht, wie die durchgängig den stärksten Vorurtheilen noch fest anhängenden Eltern die heilsame Inokulation verwerfen, wie sie im Gegentheile ihre Kinder einer die äussere Gestalt, die Gesundheit und das Leben so schröcklich zerstörenden Krankheit getrost überlassen; wie sie ihre Kinder in den Pocken nach eigener Willkühr, und freylich nach einer den Kranken A 4 ken höchst nachtheiligen alten Gewohnheit behandeln, und wie sie hiedurch ihre Kinder dem Tode selbst in die Hände liefern. Ein jeder weiß, daß die Pocken die gefährlichsten Feinde der Kinder sind. Denn sie raffen nicht selten diese unschuldigen Geschöpfe zu hunderten weg, und eine beträchtfliche Anzahl wird zu elenden Misgestalten umgeschaffen. Diese schröckliche, höchst klägliche Begebenheiten erscheinen so oft aufs neue; täglich beweinen trostlose Mütter ihre durch die Pocken verunstaltete, und an selbigen verlorne Kinder; man kennt also die Gefahr der Krankheit, und doch will man, (welches fast unbegreiflich ist) um diesen traurigen Folgen vorzubeugen, noch nicht zur Einimpfung als dem einzigen durch häufige Erfahrung bestätigten Gegenmit genmittel seine Zuflucht nehmen! Und warum nicht? Gewiß hauptsaͤchlich wegen einer übel verstandenen, und übel angebrachten Mutterliebe, und wegen des hartnäckigen Vorurtheils, womit die Eltern alles, was ihre Voreltern ihnen nicht hinterlassen haben, und sie daher Neuerung nennen, ohne alle Prüfung verwerfen. Das Vorurtheil vermehrt auf diese Art die Sterblichkeit der Menschen, und die schröckliche Pockenkrankheit tödtet, verwüstet und verunstaltet vor wie nach die gesunden, blühenden und hofnungsvollen Bewohner des Landes sowohl, wie die der Städte. Da es nun eine nicht zu bezweiflende Wahrheit ist, daß eine Sache, deren Ausführung und Unterlassung für die menschliche Gesellschaft und deren Wohlfahrt A 5 10 fahrt von den wichtigsten Folgen ist, nicht leicht zu oft wiederholt, dabey besonders betrachtet, und einem jeden denkenden Menschen zur nähern Beherzigung vorgelegt zu werden verdienet; so glaubte ich eine nicht ganz überflüßige Sache zu unternehmen, wenn ich meinen Landsleuten eine kleine Rede über die Vortreflichkeit der Inokulation der Pocken hier mittheile. Freylich sind über diesen gewiß äußerst wichtigen Gegenstand sehr viele Bücher und Büchelcher geschrieben und zum Druck befördert worden; allein die meisten dieser Schriften betrachten denselben mehr scientifisch, oder von der wissenschaftlichen Seite, und sind demnach nicht so ganz für den gemeinen Mann brauchbar; Andere sind weitläuftig, und nicht in die Hän 11 Hände des unmedizinischen Publicums gekommen; wenige bemüheten sich die Einimpfung als eine wahre Wohlthat für die leidende Menschheit durch genaue und wahrhafte Widerlegung der Vorurtheile, und abergläubischen Meinungen dem gemeinen Manne faslich darzustellen, und selbige auf diese Art allgemeiner unter dem Volke bekannt zu machen. Ich wage es daher (ohne den vortreflichen Schriften über diesen Gegenstand mancher berühmten Männer im mindesten zu nahe zu treten) hier etwas über die Inokulation meinen Landsleuten zu sagen; Eltern und Menschenfreunden die Vortreflichkeit und die wichtigen Vortheile derselben, in Vergleich des großen Schadens, zu zeigen, der bei Vernachläßigung dieses Mittels durch die natürlichen lichen Pocken dem Menschengeschlecht zugefüget wird; dann die wider diese Handlung noch herrschenden Vorurtheile mit der Fackel der Wahrheit zu beleuchten, deren Ungrund mit aller Unpartheilichkeit darzustellen; und dem gemeinen Manne zugleich richtige Begriffe über die Moralität dieser Handlung beyzubringen, um durch Ausrottung der abergläubischen Meinungen dies Mittel wenigstens hier und da bekannter und allgemeiner zu machen. Erwartet daher nicht, wertheste Leser! ein vollständiges System, oder ausführliches Werk über die Inokulation; denn dies zu schreiben, würde wahrer Ueberfluß, und tadelnswerther Uebermuth seyn: sondern ich liefere hier nur ein kleines Fragment über diesen Gegenstand, welches 13 ches ich in dem Zirkel, darinn ich wirklich lebe, nicht völlig unnütz, und zu meiner Absicht hinlänglich zu seyn erachte; das also die Gefahren der natürlichen Pocken vor Augen stellt, und den Nutzen der Inokulation ausser allen Zweifel setzt, und in dieser ein Mittel an die Hand giebt, das allein und sicher im Stande ist jenen Gefahren vorzubeugen, und selbige abzuhalten. In welchem Betrachte ich auch diese wenigen Blätter zu beurtheilen bitte. Wird diese kleine Abhandlung alsdann vermögend seyn, das schädliche Vorurtheil in etwa zu verscheuchen, und die Eltern, wenigstens jene, die ihre Kinder zärtlich lieben, dahin zu bewegen, daß sie der Stimme der Vernunft und der Religion folgen, und ihre Kinder lieber durch die Inokulation, als das einzige und 14 und sicherste Mittel die Gefahr bey den Pocken zu entfernen, von dem Tode retten werden, als selbige einer die Gesundheit und das Leben schröcklich zerstörenden Pockenseuche auszusetzen, so wird dies der größte, trostvollste Lohn für meine geringe Arbeit seyn. . — . . . . . "Tità" . " . 1 "Tità" . . . . Erster . Erster Abschnitt. Ueber die Inokulation der Pocken überhaupt. Einem jeden iſt es bekannt, wie gefährlich die natürlichen Pocken den Kindern sind. Ein jeder, der diese Krankheit noch nicht gehabt hat, fürchtet sich für selbiger, und wendet alles an, um nicht in die Gefahr der Ansteckung zu kommen. Einem jeden muß es also höchst willkommen seyn, ein Mittel ergreifen zu können, wodurch jener 16 jener tödtenden Pockenkrankheit am sichersten und stärksten Einhalt gethan wird; wodurch Eltern die gute Bildung, die Gesundheit, und hauptsächlich das Leben ihrer Kinder in Sicherheit stellen; und wodurch dem Staate eine Menge nützlicher Bürger erhalten wird. / Denn wer, der nur einiges menschliches Gefühl besitzt, wird es gleichgültig hören können, daß in Zeit von einem Jahrhundert etliche hundert tauſend Menſchen in Deutſchland allein der Wuth der natürlichen Pocken haben zu Theil werden müssen, deren Erhaltung dem Staate, und der menschlichen Gesellschaft höchst nützlich gewesen wäre. Dieses, der Vorsehung nicht genug zu dankende Mittel, ist die Inokulation oder Einimpfung der Pocken. — Die 17 Die Inokulation besteht in einer künstlichen, unschmerzhaften Beybringung von äußerst wenig Materie aus einer reifen Pocke in einem äußern Theil des Körpers. Diese Operation hat, für sich betrachtet, keine Schwierigkeiten, und macht dem zu impfenden Subjecte nicht die mindeste Qual. Diese wohlthätige Erfindung ist nicht neu; denn sie ist schon seit undenk lichen Jahren in den entferntesten Welttheilen bekannt, und ausgeübet worden. Was den Ursprung der Inokulation betrifft, so kann selbiger aus der Beobachtung hergeleitet werden, daß bald die Pocken unter diesen Umständen gutartig, bald aber unter andern bösartig und tödtlich waren; man hat so dann auf die Umstände Acht gegeben, von welchen dieser Unterschied abzuhangen schien. Hieraus hat man geschlossen, B 18 sen, wenn man jemanden die Blattern verſchafte in den Umſtänden, da man ſie gutartig befunden, so würde man die Gefahr derselben vermeiden. Dieser Schluß war richtig und der Erfolg rechtfertigte den Schluß vollkommen. Auch kann die Bemerkung die Aufnahm der Inokulation befördert haben, daß nemlich die natürlichen Pocken desto gefährlicher und verderblicher seyen, je höher das Alter ist, das davon befallen wird; und daß sie weniger verunstalten, und seltener tödten, je jünger das Subject ist, das sie bekömmt. Man hat hieraus geschloßen, daß man der Wuth der natürlichen Pocken zuvorkommen, und dieser einen Damm entgegensetzen könnte, wenn man die Pockenkrankheit in einem schicklichen Alter geben könnte: man versuchte dies und der Ausgang entsprach völlig den 19 den guten Absichten. Man kann keineswegs behaupten, daß die natürlichen Pocken eine Krankheit sey, die an und für sich so sehr gefährlich und tödtlich ist. Diese ihre Tödtlichkeit hängt gewiß hauptsächlich von zufälligen Nebenursachen ab. Können diese vermieden und entfernt werden, so wird auch die Gefahr der Krankheit entfernt bleiben. Dies ist aber bey den natürlichen Blattern selten in der Macht des Arztes. Dies vermag er nur bey der Inokulation, und dieserwegen giebt das derselben einen der wesentlichsten Vorzug, daß man durch die Inokulation einem Menschen die Blattern unter solchen Umständen künstlich mittheilet, die keine andere, als eine erwuͤnschte Wirkung auf die Gesundheit desselben haben. Die merkwürdige Geschichte der Inokulation liefert uns eine Menge von Thatsachen, B 2 20 chen, welche den unwidersprechlichen Nutzen derselben für das menschliche Geschlecht beweisen. Wie unendlich viele Tausende haben ihr allein ihre gute Bildung und ihr Leben zu danken! Mit dem größten Ruhme breitete sie sich aus fremden Welttheilen in dem unsrigen, in diesem von einem Lande ins andere aus; und ihr unschätzbarer Werth wurde fast in jedem Lande durch die glänzendsten Beyspiele der vornehmsten Familien gekrönt. In England, Rußland, Schweden, Wien u. s. w. sind öffentliche Institute errichtet worden, in welchen sehr viele Menschen durch die Einimpfung vor dem natürlichen Blatterntod Schutz und Sicherheit gefunden haben und noch finden. Ganze Dörfer in mehreren Ländern sind theils auf landesherrliche Verfügungen, theils von wohlthätigen Gutsherrn durch die 21 die Inokulation den Gefahren der natürlichen Blattern entrissen werden, so daß man wirklich bey einer so großen Menge von Thatsachen wünschen muß, daß solche öffentliche Anstalten auch hier und in jedem Lande eingeführt, und von der Obrigkeit unterstützt würden. In jenen Ländern, wo das Vorurtheil durch die Wahrheit verdrungen ist, und daher die Inokulation häufig verrichtet wird, ist man, so wie z. B. in Londen (nach einem glaubwürdigen Zeugniße) durchgängig von dem Werthe derselben so fest überzeugt, daß man sich von dem Verstande desjenigen einen sehr nachtheiligen Begrif macht, der an ihrer Güte noch zweiflen wollte. Auch findet man in einer öffentlichen Schrift, daß in London kein Arzt, weder Wundarzt, noch Apotecker zu finden sey, der sich der B 3 22 der Inokulation widersetzte, im Gegentheil diese so sehr davon überzeugt seyen, daß sie ihre eigenen Kinder alle inokuliren, und daß sie diese Entdeckung als die vorzüglichste, seit Hypokrates Zeiten betrachten. Den wärmsten Dank daher den Engländern daß sie alles auf der Waage der Vernunft prüfen, und hernach jeder Sache Gerechtigkeit widerfahren lassen, wodurch sie uns mit einem Beyspiele vorgehen, das ihnen Ehre macht, und von jeder Nation nachgeahmt zu werden verdient! Wie weit sind aber noch gewiße Länder von dieser Art zu prüfen und zu denken entfernt? Wenige aber gibt es, wo das Vorurtheil stärker wider die Einimpfung tyrannisirt, und selbige mehrere Feinde antrift, als eben in diesen Gegenden. Ich muß es daher mit wahrem Leidwesen unterschreiben, (was ein berühm berühmter Arzt und glücklicher Einimpfer sagt) „daß derjenige, der sich nur einigermassen mit der Inokulation beschäftiget, es aus der traurigen Erfahrung wissen werde, daß es oft auch unter gesitteten Ständen noch nöthig wäre, den Eltern zuvor bessere Grundsätze und gesunde Vernunft einzuimpfen, ehe man die Einimpfung bey ihren Kindern bewerkstelligen kann. Denn im allgemeinen hat man zuvor noch gegen tief eingewurzelte Vorurtheile zu kämpfen, welche schon tausendmal widerlegt sind, aber doch dem Einimpfer der ewigen Widerholungen wegen bey einem Vater zu Zeiten mehr Mühe machen, als das ganze Einimpfungsgeschäft von zwanzig Kindern machen würde, wenn man dem Arzte freye Hände ließe.“ Die B 4 Die Geschichte der Inokulation hat so viel Merkwürdiges, daß es meinen Lesern nicht unangenehm seyn wird, wenn ich Ihnen diese hier in einer gedrängten Kürze mittheile. Ich halte dieses um so zweckmäßiger, indem daraus die großen Vorzüge derselben einem jeden unverkennbar in die Augen fallen. Diese werden sich um so vollkommner darstellen, wenn man diese der Geschichte den natürlichen Pocken entgegenhält. Und aus dieser Ursache so wohl, als auch aus jener, daß aus dieser Vergleichung die Gefahr der natürlichen Pocken desto anschaulicher gemacht wird, und desto weniger bezweifelt werden kann, will ich beide Geschichten hier in einer kurzen Uebersicht (so wie selbige uns von den berühmtesten Schriftstellern mitgetheilet worden sind) beyfügen. Zwei — — Zweyter Abschnitt. Geſchichte der natürlichen Pocken. Den Griechen sowohl als den Römern war die Blatternkrankheit unbekannt. Der älteste Schriftsteller über dieselbe ist Rhazes. Er schrieb ein unbedeutendes Werk über die Blattern in arabischer Sprache. Indessen ist er nicht der erste Schriftsteller, der über diese Krankheit geschrieben hat; er selbst zitirt einen sichern Aaron, der vor ihm über die Blattern geschrieben habe. Dieser übte zu Alexandria in Egypten gegen das Jahr 622 die Arzneywissenschaft aus. Freind vermuthet aus diesem Grunde / 26 de, daß die Blattern in Egypten zuerst entstanden seyen. Aber Reiske fand eine Stelle in einem alten arabischen Manuscripte zu Leiden, woraus zu erhellen scheint, daß die Blattern um das Jahr 572 zuerst in Arabien die Aufmerksamkeit der Aerzte rege gemacht haben. Was es aber auch mit dem ersten Ursprunge der Blatternkrankheit für eine Beschaffenheit haben mag; so viel scheint gewiß, daß dieselbe zu der Zeit der Kreuzzüge aus Asien nach Europa ist übergebracht worden. Avicenna, einer der vorzüglichsten arabischen Aerzte, lebte im zehnten Jahrhundert, und schrieb auch über die Blattern. Er bemerkte schon, daß die Blattern ansteckend seyen. Im zwölften Jahrhunderte waren die Blat 27 Blattern in dem südlichen Theile von Europa eine allgemein verbreitete und bekannte Krankheit, und im dreyzehnten Jahrhunderte zeigten sich dieselben auch in dem nördlichen Theile Europens. Engländer, Frankreicher, Italiäner und Deutsche brachten alle aus Palästina die Blattern mit sich nach Hause. Eine unglaublich große Anzahl von Menschen starb an dieser neuen, und bis zu jener Zeit in Europa noch unbekannten Seuche. Gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts entdeckte Columbus die westindischen Inseln, und brachte aus denselben die scheusliche venerische Krankheit nach Europa. Diese erweckte auf der Haut Knoten und Pusteln, welche sehr viel ähnliches mit den Blatterpusteln hatten, nur daß sie größer und härter waren. Aus diesem Grunde 28 Grunde nannten die Europäer anfänglich die neue aus Amerika gebrachte Krankheit große Pocken; zum Unterschiede von den Blattern, welche Kinderpocken genannt wurden. Die Blatternkrankheit wurde zuerst aus Europa nach Amerika übergebracht. Schröcklich waren die Verheerungen dieser Krankheit in Amerika unter den eingebohrnen Wilden. Nach der Insel Hispaniola kamen die Blattern im Jahre 1518, und der größte Theil der Einwohner starb daran. Einige Jahre später brachten die Spanier die Blattern auch nach dem festen Lande, nach Südamerika. Ein Augenzeuge erzählt, daß die Blatternkrankheit mit den Gefährten des spanischen Offiziers Nardaez nach Mexiko in Südamerika gekommen 29 men sey, und daselbst eine ungeheure Menge der Eingebohrnen getödtet habe. Im Anfange des siebenzehnten Jahrhunderts brachten die Engländer die Blattern nach Nordamerika. Zuerst nach Maryland, nachher nach Virginien, Südkarolina und Neuengland. Unter den eingebohrnen Wilden war die dadurch entstandene Verheerung nicht weniger groß, als in Südamerika. In Brasilien waren die Blattern noch im Jahre 1643 eine unbekannte Krankheit. Gegen die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts brachten die Holländer die Blattern nach Ostindien, wo dieselben vorher ganz unbekannt gewesen waren, und eine große Menge Menschen in kurzer Zeit wegrafften. Auch nach der Insel Ceylan und nach 30 nach den Molukkischen Inseln kamen die Blattern durch die Holländer. Auch in dem nördlichen Europa, vorzüglich in Schweden und Dänemark waren um diese Zeit die Blattern schon allgemein verbreitet. Nach den Farroe Inseln kam diese Krankheit im Jahre 1651. Ein junger Däne brachte die Blattern dahin. Die Einwohner wurden angesteckt, und starben beynahe alle an dieser Seuche. Im Jahre 1707 brachte ein dänisches Schiff die Blattern zum erstenmal nach der Insel Island. Zufolge einer angestellten Berechnung starben über 20 tausend Menschen an dieser schröcklichen Krankheit; und die Insel wurde beynahe ganz entvölkert. Im Im Jahre 1718 kam ein Schiff aus Ostindien nach dem Vorgebirge der guten Hofnung. Dieses Schiff hatte drey Kinder am Bord, welche während der Reise, die Blattern überstanden hatten. Das unreine Leinengeräthe dieser Kinder wurde, nach geendigter Krankheit in einem Koffer verschlossen. Am Kap nahm man dasselbe heraus, und gab es einer Einwohnerinn der Kolonie zu waschen. Diese bekam sogleich die Blattern, und in kurzer Zeit griff die Krankheit so ſehr um sich, daß die Kolonie beynahe ganz ausstarb. Seit dieser Zeit fürchten die Einwohner des genannten Vorgebirges die Blattern-Krankheit in einem so hohen Grade, daß ein jedes Schiff, welches daselbst ankommt, erst durch einen Offizier, in Gesellschaft eines Wundarztes, untersucht, 32 sucht, und befragt wird: ob es die Blattern am Bord habe? Man braucht alle die Vorsicht gegen die Blattern Krankheit, deren man sich, in andern Ländern, gegen die Pest bedient. Im Jahre 1723 kamen die Blattern zuerst unter die Chinesischen Tartaren, welche bisher von dieser Seuche befreyt geblieben waren. Die Krankheit raffte eine unglaublich große Menge derselben dahin. Der Kayser von China sandte daher im Jahre 1724, aus seinem Pallaste einige seiner Leibärzte nach der Tartarey, um daselbst die künstlichen Blattern einzuführen. Nach der Insel St. Kilda, der allerentferntesten und unbesuchtesten unter den Inseln, wurden die BlatHebridischen tern, durch die Kleider eines an dieser Krankheit Verstorbenen gebracht. Alle Erwachse 33 wachsenen auf der Insel starben, und von den Einwohnern blieben nicht mehr als sechs und zwanzig Kinder übrig, nachdem die Epidemie aufgehört hatte. Nach Grönland kamen die Blattern im Jahre 1733, durch einen Eingebohrnen des Landes, welcher mit der Blattern-Krankheit von Koppenhagen nach seinem Vaterlande zurückreiſte. Im Jahre 1745 brachte ein engländisches Schiff die Blattern nach der Insel Minorka. Was für ungeheure Verwüstungen die Blattern in Kamtschatka angerichtet haben, davon findet man einige Nachricht in der dritten Reise des Kapitain Cooks um die Welt. Fürchterlich ist auch die Verheerung, welche durch die Blattern in Neuholland unter den Wilden angerichtet wurde. Die Engländer brachten diese Krankheit dahin, mit ihrer neuen, zu Botany=bay angelegten, Diebskolonie. Seit 34 Seit kurzem hat die Blattern-Krankheit unter den Tungusen eine ungeheure Meuge Menſchen hinweggerafft. Man sieht aus dieser kurzen Geschichte deutlich, wie verheerend die natürlichen Pocken sind, und wie gefährlich selbige sich dem Menschengeschlechte und ganzen Staaten von jeher bewiesen haben. Daher auch ein jeder, der nur etwas menschliche Gefühl besitzt, von Herzen wünschen muß, ein Mittel ergreifen zu können, wodurch er dieser zerstörenden Seuche einen Damm entgegensetzen, und sich und die seinigen wider deren Wuth schützen kann. Ein solches Sicherheitsmittel findet ein jeder in der Einimpfung der Pocken, wie aus folgender Geschichte, und aus der weitern Fortsetzung dieser kleinen Schrift sattsam erhellet. Drit= Dritter Abschnitt. Geschichte der Einimpfung der Pocken. In welchem Lande die Inokulation zum ersten ausgeübet worden, und ob selbige von Aerzten, oder von andern zufälliger Weise verrichtet worden ist, läßt sich nicht mit Gewisheit bestimmen. So viel ist indessen gewiß, daß sie sehr alt ist. Ein französischer Schriftsteller Menuret de Chambaud behauptet, sie sey schon vor mehr als zwölf hundert Jahren in Georgien, Armenien, Cirkaßien, bekannt gewesen. Zuverläßig C2 36 ist es inzwischen, daß sie seit langer Zeit in denen an dem Kaspischen Meere gelegenen Ländern bekannt gewesen. In China ist die Einimpfung seit sehr vielen Jahren üblich. In Cirkaßien erhielt diese Entdeckung bald einen hohen Werth. Bekanntlich führen die Bewohner dieses Welttheils mit ihrem jungen Frauenzimmer einen Handel. Sie halten unendlich viel auf Schönheit, und es war ihnen also äußerst willkommen ein Mittel zu lernen, wodurch sie das Leben und zugleich die Schönheit ihrer Töchter erhalten konnten. Aus Cirkaßien verbreitete sich die Einimpfung nach Griechenland und nach Thessalien. Nachdem die Inokulation lange Zeit schon in Cirkaßien ausgeübet worden war, und ihr Ansehen allda gegründet hatte, so wurde sie von einer Thessalienerin, die selbige schon lange in Cirkaßien ausge= 37 ausgeübet hatte, im Jahre 1673 nach Constantinopel gebracht. Die Methode deren sie sich bediente, bestand darin, daß sie durch einen oder mehrere Stiche die Pockenmaterie noch flüßig in das Lymphatische System einbrachte. Zuweilen ließ sie auch die Blatternmaterie getrocknet und in Gestalt eines Pulvers durch die Nase einhnupfen. Ueberdies verbande sie mit dieser ihrer Methode viele Religiösität, und einen Anschein von Heiligkeit. Die vielen Griechen, die in dieser Hauptstadt sich aufhielten, fielen dieser neuen Bekanntmachung (als ein leicht abergläubiſches Volk) häufig zu. Bald darauf verbreitete sie sich unter den Armeniern, und Europäern; und endlich auch unter den Türken selbst, ungeachtet diese dem Glauben an die Prädestination so eifrig anhängen, und alles Verwersey, C 3 38 fen, was sich nicht mit diesem ihrem Systeme verträgt. *) Um diese Zeit wußte man in Europa nichts von dieser heilsamen Erfindung, zum ersten entdeckte diese Timon, (ein Arzt in Constantinopel) im Jahre 1713 dem engländischen Arzt Woodward: allein dieser machte von dieser Bekanntmachung keinen Gebrauch. Im Jahre 1715 ließ ein anderer griechischer Arzt Pilarini, der auch zu Constantinopel die Arzneywissenschaft ausübte, und die Thessalierinn seit dem Jah*) Dies beweist auch Tissot durch folgende Note. Les turcs qui sont gens senses, adopterent bientôt après cette coutume ; & aujourd'hui il n'y a point de Bacha dans Constantinople, qui ne donne la petite verole à son fils & à sa fille, en les faisant Sevrer. m. de Volt. 39 Jahre 1701 die Einimpfung hatte verrichten gesehen, eine kleine Schrift zu Venedig drucken, in welcher er das Verfahren dieser Frauensperson, nebst dem Erfolge beschrieb. Auch vertheidigte einer von denen, durch die Thessalierinn zu Constantinopel eingeimpften Christen, im Jahr 1722 eine Inaugural=Dissertation, in welcher er die Methode ausführlich bekannt machte. Unter den Ausländern, die sich zu Constantinopel um diese Zeit aufhielten, versuchte der damalige französische Gesandschafts-Secretair de Chateauneuf zum ersten die Inokulation mit dem besten Erfolge an seinen drey . . . Kindern. Inzwischen blieb es einem Frauenzimmer vorbehalten, Europa mit diesem neuen Mittel das schätzbarste Geschenk zu machen. Diesem zufolge brachte die, als SchriftC 4 40 Schriftstellerinn berühmte Lady Worthley Montague (nachdem sie sich in Constantinopel, wo ihr Mann engländischer Gesandte war, von der Güte der Inokulation überzeugt hatte; diese nach London, und ließ allda im Jahre 1720 ihrer Tochter die Pocken einimpfen, die sie zwey Jahre zuvor ihrem einzigen geliebten Sohne in Constantinopel mit dem besten Erfolge hatte einimpfen laßen. Diesem ihrem Beyspiele folgten einige Personen von Stande. Die Aerzte erklärten sich wider diese mediziniſche Neuerung. Man ſtritte für und wider dieselbe, bis man endlich, um dem Streite ein Ende zu machen, beschloß, daß an sechs Verbrechern, welche zum Tode verurtheilt waren, der Versuch gemacht werden sollte. Alle sechs überstanden diese Probe glücklich. Nunmehro faßte man Muth. 41 Muth, und der Hof nahm hierauf die Inokulation selbst in Schutz. Die Prinzeßin von Wallis, nachmalige Königinn von England, ließ unter der Aufsicht des berühmten Sloane ihren Kindern die Blattern einimpfen. Die Einimpfung erhielt mehr und mehr Vertheidiger unter den berühmtesten Aerzten zu London. Die meisten schrieben zum Vortheile derselben. Ein Theil der Gottesgelehrten war ihr nicht abgeneigt; ja selbst der Bischof von Salisbury ließ sogar seine Kinder einimpfen. Freylich fande sie um diese Zeit auch Gegner, und Widersprecher, welches aber nicht auffallend seyn kann, indem eine jede neue Erfindung dies Schicksal gewöhnlich dulden muß, ehe sie allgemein angenommen wird. . In5. 42 Indessen hatten in England einige tausend Personen die durch die Inokulation verursachten Blattern glücklich überstanden, und die Inokulation fande in diesem Lande ungeachtet alles dessen was dawider gesagt wurde, immer stärkern Anhang, und sehr viele Vertheidiger. — Man fieng hierauf an, auch in Nordamerika Versuche mit dieser Erfindung zu machen, und diese fielen nicht minder glücklich aus. Und wegen diesen glücklichen Erfolgen verbreitete sich die Inokulation mit einer besondern Geschwindigkeit in England aus. Diese Entdeckung kam nachher auch nach Frankreich, und man fragte, ob die Religion erlaube; daß man inokuliren dörfe, oder nicht? Die Sorbonne (das ist, das Hauptcollegium der theologischen Facultät in Paris) entſchied im Jahre 1723: „es wäre 43 wäre den Aerzten erlaubt sich der Einimpfung zu bedienen, wenn sie bey dem Gebrauche derselben die Absicht hätten das gemeine Beſte zu befördern.“ Der damalige Herzog Regent von Orleans war ein eifriger Beschützer dieser Erfindung. Nach dessen Tode ließ Hacquet ein seichtes Schriftchen gegen die Inokulation drucken, das in keinem Betrachte mehr Gewicht hat, noch Rücksicht verdient. *) Zwar hat in *) Und ich wundre mich, daß ein Inländischer Zeitungsschreiber, vor ein paar Jahren (ich weiß nicht auf was für Veranlassung) sich einfallen ließ, mit seinen politischen Gesprächen plötzlich in das Gebiet der Medicin überzugehn, und dabey eine unzeitige Lust zeigte, sich (gestützt auf die leeren Worten des alten Hacquet) an die Inokulation in einer Zeit zu streifen, wo man an dem Werth derselben 44 in Frankreich die Inokulation nicht so geschwinde Fortschritte gemacht, wie in England; allein dies hat wahrscheinlich seine ganz besondere Ursachen, die mehr dem National-Character zuzuschreiben sind, und welches keineswegs der Inokulation zum Nachtheile oder zum Vorwurfe gereichen kann. Aus England verbreitete sich allmählich die Inokulation in Deutschland aus. Die Engländer brachten selbige in ihre Colonien. Sie wurde durch einen menschenfreundlichen Arzt auf der Insel St. Christoph bekannt gemacht, und es wurden durch . selben nicht mehr zweiflen soll, und wo man die wichtigste Schriften besitzt, die schon lange die seichte Einwendung des Hacquet entkräftet und vergessen gemacht haben. 45 durch ihn allda in der heftigsten Epidemie 300 Sklaven eingeimpft, und alle dadurch gerettet. Zwar erlitte diese Entdeckung nicht lange nach ihrer ersten Bekanntwerdung, in Frankreich, und nachgehends auch in England (jedoch ohne ihr Verschulden) einigen Verfall: allein sie hob bald darnach ihr Haupt glänzend wider empor, und behauptete dadurch nur desto vollkommener ihren Werth. Denn im Jahre 1738 wüthete eine schröckliche Blatternseuche in der Provinz Carolina in Nordamerika. Alle die davon befallen wurden, starben. Bey dieser großen Noth, als man sich anders nicht mehr zu helfen wuste, nahm man seine Zuflucht zu der Einimpfung. Nunmehr starben von tausend Eingeimpften nicht mehr als acht Personen. Diese Nach⸗ 46 Nachricht kam nach England, und schenkte der Einimpfung wieder das völlige Vertrauen, das sie von jeher wohl verdiente. Die Einimpfungen, die um diese Zeit in England gemacht wurden, fielen alle glücklich aus, und man krönte ihren Werth mit allgemeinem Beyfall. Seit dieser Zeit ist die Einimpfung in Europa ununterbrochen fortgesetzt worden. Im Jahre 1746 wurde zu London der Grundstein zu einem Lazarethe gelegt, in welchem armen Kindern unentgeldlich die Blattern eingeimpft werden sollten, und der Bischof von Worcester hielt eine Predigt zu Gunsten dieses Instituts. — Schon im Jahre 1728 wurde in Südamerika, in der Portugieſiſchen Colonieſtadt Para ein Versuch mit der Einimpfung gemacht. Es war eine schröckliche Blatternseuche unter 47 ter die Wilden gekommen, und eine große Menge derselben starb daran. Ein Mißionär hatte in Europäischen Zeitungen von der Inokulation gelesen; er beschloß daher, sie zu versuchen. Er hatte zwar keinen Begriff von der Methode dieselbe anzuwenden; indessen gelang ihm sein Versuch, und die Einimpfung hatte unter den Wilden den allerglücklichsten Erfolg. Ein andrer Mißionär an den Ufern des Flußes Rionegro folgte diesem Beyspiele, und rettete einer großen Anzahl von Wilden das Leben. Im Jahre 1750 wurde die Einimpfung zu Genf eingeführt. Bald nachher inokulirte der Genfer Arzt Tronchin in Holland, und im Jahre 1755 inokulirte schon ein deutscher Arzt in Bremen. Um 48 Um diese Zeit impfte man auch in Frankreich häufiger, ungeachtet in diesem Lande besonders viele Gegner gegen selbige auftraten; und die Einimpfung hatte den besten Fortgang. Eben wegen dieses glücklichen Erfolges wurden auch alle wider sie hie und da eingelegte Verbote aufgehoben und zurückgenommen. Und seit dem Jahre 70 ist die Einimpfung in allen den Ländern üblich, welche (wie ein ber. Schriftsteller sagt) glücklich genug sind, Aerzte zu besitzen, die ihre Wissenschaft regelmäßig . ſtudiert haben. . In Frankreich machte sie immer größere Fortschritte, und der Verstorbene Herzog von Orleans ließ auch seine beiden Kinder einimpfen. Diesem Beyspiele folgten viele Große und Vornehme nach, und 49 und die Damen trugen sogar Bänder à l'Inoculation. *) Der König von Polen und Herzog von Lothringen Stanislaus, welcher damals zu Nancy sich aufhielt, war ein Beschützer der Einimpfung; und Thurgot, der nachmalige Finanzminister, war einer der eifrigsten Vertheidiger derselben. In der Schweiz nahm, ausser Herrn Tronchin, sich vorzüglich Tissot im Jahre 1756 der Einimpfung an. Er schrieb eine vortrefliche Schrift zu Gunsten der Einimpfung 0 *) On fit des rubans à l'inoculation. Dés ce moment les oreilles se familiariserent avec un terme, qui jusqu’alors avoit à peine retenti dans nos écoles de médecine. Introduit sous la protection de la mode, on l'entendit sans effroi prononcer dans les cercles. Con. damine histoire. p. 143. 50 impfung mit allgemeinen Beyfall. Er impfte zu Lausanne sehr viele Kinder ein, und alle mit dem glücklichsten Erfolge. Zu Bern wurde von dem Herrn von Haller im Jahre 1757 seine eigene Tochter eingeimpft. Zu Basel wurde die Einimpfundurch die beyden Herrn Bernoulli zuerst eingeführt; und einige Jahre nachher ward dieselbe in dem größten Theile der prote. stantiſchen Schweiz allgemein. In Italien geschahen die ersten Einimpfungen zu Livorno im Jahre 1754. Im Jahre 1755 wurde die Einimpfung auf Befehl der Regierung in dem Florentinischen eingeführt. Der Arzt Targioni war einer der vorzüglichsten Vertheidiger derselben. Auch im Kirchenstaate wurden von dem Arzte Lunadei Versuche gemacht, welche glücklich ausfielen. In 51 In Dänemark wurde im Jahre 1754 die Gräfinn Bernstorff zu Koppenhagen . eingeimpft. Einige der vornehmsten Familien folgten dem Beyspiele dieser Dame nach, und ließen ihre Kinder einimpfen. Der König bewilligte ein Kapital, dessen Zinse für die Einimpfung armer Kinder, in einem dazu bestimmten öffentlichen Gebäude, verwandt werden sollten. Nicht ein einziges von den geimpften Kindern ist gestorben. In Dänemark verdankt die Inokulation vorzüglich den berühmten Aerzten Berger und Hensler sehr viel. Von Dänemark aus verbreitete sich dieselbe nach Norwegen und Jütland. Einer der wichtigsten Beschützer der Einimpfung war in Schweden der Reichsrath Graf Scheffer. Auf seine Veran. D 2 staltung . 52 ſtaltung geſchah es, daß ein Arzt, Namens Schulz, auf Königlichen Kosten nach London gesandt wurde, um daselbst die beste Methode einzuimpfen, kennen zu lernen. Er kam im Jahre 1755 nach Stockholm zurück, gab bald nach seiner Zurückkunft in schwedischer Sprache eine Schrift zu Gunsten der Einimpfung heraus, und verrichtete dieselbe sehr glücklich an vielen Kindern. Ausser Schulz, waren Rosenstein, Acrel und Bergius die vorzüglichsten Vertheidiger der Einimpfung. In keinem Lande hat die Einimpfung so wenig Widerspruch gefunden, als in Schweden. In Deutschland impften sehr viele Aerzte mit dem glücklichsten Erfolge die Blattern ein. In vielen Städten Deutschlands wurde die Inokulation von mehreren Aerz ten mit dem besten Erfolge betrieben. In Wien . 53 Wien so wie in den österreichischen Staaten, suchte der berühmte van Swieten, der von der Kayserinn Maria Theresia aus Holland nach Wien berufen worden war, die Inokulation bekannt zu machen. Die Geschichte der Inokulation in Wien ist so merkwürdig, und beweist die Vortreflichkeit derselben so vollkommen, daß ich diese hier besonders mitzutheilen nicht anstehen kann. Bey Lebzeiten der Kaiserinn Maria Theresia wurde im Jahre 1768 die Inokulation in Wien öffentlich und zwar zahlreich vorgenommen, und jährlich fortgesetzt. Dieser erhabenen Fürstin hauptsächlich haben die Bewohner Wiens die Einführung derselben zu danken. Die große Gefahr, die selbst bey gutartigen Pocken immer gegenwärtig ist; die öftern schreckenvollen Verheerungen der Pockenſeuche; D 3 54 seuche; die traurige Erinnerung, daß so viele von der K. K. Familie an den Kinderpocken gestorben sind; die äusserste Gefahr, in welcher die Kayserinn selbst schwebte, in ihrem Alter noch das Opfer dieser zerstörenden Krankheit zu werden; und dann das ächte glaubwürdigste Verzeichniß aus England von der dortigen Facultät, worin Sie die Beweise fand, daß seit meh— reren Jahren schon so viele Tausende mit dem besten Erfolge eingeimpft worden, von welchen sehr wenige starben, waren für eine zärtliche Mutter und gütige Regentinn ohne Zweifel mächtige Beweggründe sowohl ihren Kindern, als auch ihren Unterthanen diese Wohlthat zu verschaffen. Zu diesem Ende wurde ein geschickter Arzt aus Londen berufen, um so wohl den K. K. Herrschaften die Pocken einzuimpfen, als auch die Inoku= 55 Inokulation in Wien einzuführen. Bevor aber dieser Arzt ankam, wurde im Voraus in Beysein der erstern und geschicktesten Aerzte die Inokulation in den Spitälern und Waisenhäusern an mehr als 200 Kindern, worunter etliche und vierzig Neugeborne *) waren, vorgenommen; welche aber alle, sowohl die Erwachsenen, wie die Neugebornen die Pockenkrankheit glücklich, und meistens leicht überstanden. Da dieser glückliche Erfolg die Kayserinn noch mehr von der Güte der Inokulation überzeugte, so ließ selbige im Monat May durch den engländischen Arzt Jngenhuß, nach vorher gemachten besondern Probe an einigen Kindern, zwey Königliche Prinzen und eine Prinzeſ) Wovon das älteste nur sieben Tage alt war. D 4 56 Prinzeßinn einimpfen, welche die Pocken glücklich überstanden. Die öffentlichen Inokulationen, wobey jedem der Zutritt gestattet wurde, nebst vielen Privaten wurden jährlich in den Spitälern und Waisenhäusern, im Jahre 1787 aber in einem eigenen, vom großen Kayser Joseph der Inokulation allein bestimmten Gebäude, mit geräumigen und angenehmen Gärten, bis zur jetzigen Zeit mit solchem glücklichen Erfolge fortgesetzt, daß in dieser langen Zeitfrist von vielen tausend Inokulirten Keiner gestorben ist. Was aber bey diesen jährlichen zahlreichen Inokulationen diesem Mittel noch größere Vorzüge giebt, iſt: daß, da im Anfange derſelben auſſer den vielen Neugebornen, auch selbst kranke Kinder (um wahrzunehmen, ob gewissen Krankheiten die Inokulation schädlich oder zuträg 57 zuträglich sey) häufig inokulirt worden sind, daß es sich allemal gezeigt hat, (welches ich auch durch eigene Erfahrung bestätigen kann) daß die Inokulation diesen kränklichen Kindern nicht allein nicht geschadet, sondern ihnen sogar heilsam gewesen ist, und selbige sich nach überstandener PockenKrankheit merklich besser befunden haben. — Eben so glücklich wie diese Einimpfungen waren auch jene in andern Ländern. Zu Berlin machte man die ersten Versuche in der Charité: und als diese glücklich ausfielen, da wurden die Kinder der vornehmsten Familien eingeimpft. Der berühmte Mekel impfte mit dem besten Erfolge, seine eigenen Kinder ein. In Holland fande die Einimpfung mehrere große Vertheidiger; unter diesen zeichnete sich der französische Prediger Chaisim D 5 im Haag, der Professor Schwenke und Camper, und die Gesellschaft der Aerzte zu Rotterdam vorzüglich aus. Diese letztere erklärte sich, im Jahre 1757 für die Inokulation. Doch fande diese Operation in Holland viele Gegner, und hatte daselbst mehr als in jedem andern Lande mit allerhand Vorurtheilen zu kämpfen. Hingegen war in keinem Lande die Einimpfung so allgemein angenommen, und in keinem Lande wurde sie so sehr vervollkommnet, als in England. Seit dem Jahre 1758 hatte sie daselbst (wie schon vorher gesagt) keinen einzigen Gegner. In vielen Regimentern wurden alle Soldaten inokulirt, welche die Blattern noch nicht überstanden hatten. Der Sohn eines Landmanns, Sutton, kam nach London, ließ sich daselbst in dem Einimpfungs=Hospitale die Blat 59 Blattern einimpfen, überstand dieselben glücklich, und impfte nach seiner Rückkunft seinen Vater ein. Dieser fieng nun an öffentlich einzuimpfen. Er miethete auf dem Lande zwey Häuser, in denen er alle diejenigen aufnahm, welche sich von ihm für vieles Geld die Blattern einimpfen lassen wollten. Die Zahl der Personen, die er einimpfte, war unglaublich groß: es soll dieselbe nach mehreren schriftlichen Berichten über siebenzehn tausend steigen, worunter nicht mehr als sechs bis sieben gestorben seyen. In Schottland wurde die Einimpfung nach einem zwanzigjährigen Kampfe mit allerhand Vorurtheilen endlich allgemein angenommen. In Ungarn soll ein gewisser Reimarus schon im Jahre 1721 einige Versuche mit der 60 der Einimpfung der Blattern angestellet 7.50 haben. In Rußland gab Katharina die Zweyte im Jahre 1768 selbst das Beyspiel der Einimpfung. Sie berief aus England den berühmten Einimpfer Dimsdale, und ließ sich durch denselben inokuliren. Ueber diese Einimpfung schrieb sie selbst am 17ten December 1768 folgendermaßen an Voltaire:*) „Ich ließ nach England schreiben, um einen Einimpfer zu erhalten. Darauf hat sich der berühmte Dimsdale entschlossen, nach Rußland zu kommen. Am 12ten Oktober hat er mir die Blattern eingeimpft. Ich bin nicht einen einzigen Augenblick deswegen im Bette geblieben; und alle Tage habe ich Gesellschaft angenommen. Nun will ich sogleich meinen einzigen *) S. Oeuvres completes de Voltaire. 61 zigen Sohn auch einimpfen lassen. Der Großmeister des schweren Geschützes, der Graf Orlof, jener Held, welcher den alten Römern in den schönen Zeiten der Republik gleicht, welcher eben so viel Muth und eben so viel Großmuth besitzt, als jene besaßen, war zweifelhaft, ob er die Krankheit schon überstanden hätte, oder nicht. Jetzt befindet er sich in den Händen des Engländers, und an dem Tage nach der Einimpfung gieng er schon auf die Jagd, ungeachtet es stark schneyete. Viele Höflinge haben seinem Beyspiele gefolgt; und noch mehrere bereiten sich dazu. Ausserdem impft man zu Petersburg gegenwärtig in drey Erziehungshäusern, und in einem unter der Aufsicht des Hrn. Dimsdale errichteten Hospitale ein. Jedermann will sich einimpfen lassen: und man hat hier in einem . 62 nem Monate mehr Personen eingeimpft als . zu Wien in acht Monaten.“ Von dieser Zeit an breitete sich die Erfindung der Einimpfung in Deutſchland mehr und mehr aus; in einigen Distrikten kam sie geschwinder, in andern langsamer in Aufnahme, in allen aber, wo sie vollzogen wurde, bewies der Erfolg ihre Vortreflichkeit. So hatte vor einigen Jahren im Herzogthum Lauenburg ein Wundarzt über 500 Kinder eingeimpft, ohne ein Einziges zu verlieren. Der bekannte Pastor Eisen in Liefland gab ebenfalls binnen zwey Jahren 500 Kindern durch die Inokulation die Blattern, und brachte alle ganz glücklich durch. Dieser Menschenfreund machte Bauern, Bedienten und Mütter mit dem Inokulationsgeschäft bekannt, und lehrte sie die Kunst zu Jnokuliren . 63 kuliren mit sehr gutem Erfolge. Dergleichen glückliche Inokulationen aus verschiedenen Oertern, könnte ich noch eine große Menge anführen, wenn ich nicht zu weitläufig zu werden befürchtete. Inzwischen ergiebt sich aus diesen hier aufgestellten kurzen Geschichten sattsam, daß die Inokulation eine wahre Wohlthat für das menschliche Geschlecht, und am kräftigsten vermögend seye, die Wuth und die zerstörenden Folgen der natürlichen Pocken einzuschränken und abzuwenden. Und ein jeder Menschenfreund wird bei Durchlesung dieser Geschichte der Pockenivokulation wehmüthig beklagen, daß diese wohlthätige Entdeckung unserm Deutschlande so lange unbekannt blieb, und für uns ohne Nutzen war, wo durch selbige unendlich viele Tausende zum Wohl des Staates und zum Glücke einzelner Familien hätten erhalten werden können. Vier — — — . . . . . Vierter Abschnitt. . Von den Ursachen, die sich der allgemeinern Aufnahme der Inokulation noch häufig entgegen setzen. Nachdem die Einimpfung ſich für das menschliche Wohl so sehr vortheilhaft von ihrer Bekanntwerdung an gezeigt hat, (wie vorgehende Geschichte derselben einleuchtend beweiset;) nachdem eine so ungemein große Menge von den einleuchtendsten Thatsachen aus allen Ländern und von allen Nationen den Werth der Einimpfung auf eine unwidersprechliche Art darthuet; und nach dem 65 dem die größten Aerzte von jeher eifrige Vertheidiger dieser Erfindung waren, so ist es allerdings auffallend und zu beklagen, daß in mehrern Ländern noch viele Ursachen obwalten, die die allgemeine Annahme dieser Entdeckung merklich erschweren, ja kräftig verhindern. Eine Ursache, warum selbige noch nicht überall eingeführet ist, ist, daß wenige Menschen sich die Mühe geben, die Sache unpartheyisch zu examiniren. Ohne selbige zu kennen, wagt man es über selbige zu entscheiden; und was das Schlimmste ist, so urtheilet man nach ganz unrichtigen Sätzen und Meinungen. Diejenigen, die man am ersten darüber befragen sollte, nemlich die erfahrnen Aerzte, pflegt man am wenigsten zu hören. Man zeigt mehr Hang die Meinungen eines alten Mütterchen, das kein ander Verdienst als seine 66 seine graue Haare hat, zu glauben, als den Rath der weisen Aerzte zu befolgen. Es trift bei dem allgemeinen Urtheil des Publikums eben das ein, was man bei den Neigungen der Menſchen wahrnimt. Man liebt diejenigen am meisten, die mit uns eben ſchief urtheilen, und man verachtet und hasset jene, die uns beweisen, daß wir irren und unrecht urtheilen. Diese und ähnliche Klagen führen mehrere unserer heutigen Schriftsteller. Hufeland rechnet unter die Ursachen, die verhindern, daß die Inokulation ungeachtet ihrer erprobten Vortreflichkeit keine größere Fortschritte macht, folgendes: Weil man sich noch nicht völlig von der Nothwendigkeit derselben überzeugen zu können glaubt, da mehrere Aerzte der Meinung sind, daß nicht in der Inokulation selbst, sondern in den 67 den Nebenumständen, der Auswahl des Subjekts, des Alters, der Jahrszeit und der Vorbereitungsmittel, der Grund ihrer vorzüglichen Gutartigkeit liege. Die natürliche Folge davon ist, daß der Werth der Inokulation sinkt, weil es nach dieser Meinung ganz einerley seyn müsse, die Blattern durch natürliche oder künstliche Ansteckung zu haben, vorausgesetzt, daß man bei der erstern eben die Kautelen der Auswahl, Behandlung u. s. w. beobachtete, als bey der Inokulation. Dieses Angeben ist aber in der Natur und in der Erfahrung völlig ungegründet, wie ich weiter besonders zeigen werde. Und wollte man diesem Angeben Folge leisten, so kämen wir wieder in die Zeiten zurück, wo man alles gethan zu haben glaubte, wenn man, die Blattern kaufen, das heißt, durch Umgang oder E 2 68 oder Schlafen bei Blatterpatienten mittheilen ließe, und der vernünftige Mensch würde ja die natürliche Ansteckung der künstlichen mit gutem Recht vorziehen. Die Bemerkung, die viele über die inokulirten Pocken machten, daß nemlich diese ungemein leichter als die natürlichen sich endigen, daß aber oftmals (bei der häufig angewandten kalten Methode) diese Krankheit sich in einer andern Gestalt zeigte, und allerhand Kränklichkeiten zur Folge hatte, bewoge auch viele Menschen, die Inokulation nicht für das zu halten, für was sie ausgegeben wurde. Allein man irret sich hierin, denn man schreibt das der Inokulation zur Last, was man der nicht passenden und durch Erfahrung nicht erprobten Behandlung zur Last legen sollte. Ich werde dieserwegen weiter unten zu zeigen mich . mich bemühen, daß der auf diese Bemerkung sich beziehende Glaube ungegründet sey, als wenn die Inokulation eine unvollkommene Blatternkrankheit hervorbringe, die theils den Körper nicht genug von Blatterstoff reinige, und also Kränklichkeit hinterlasse, theils wegen nicht völlig ausgelöschter Empfänglichkeit zu dieser Krankheit für desselben Wiederkehr nicht sichere. — Als eine weitere Hauptursache der bisheran erschwerten Aufnahme der Einimpfung in manchen Ländern muß jener Umstand gerechnet werden: daß es noch Aerzte selbst giebt, die öffentlich und insgeheim allerley Skrupel wider dieses Erfindungsmittel äussern, und welche durchaus nicht den unzähligen Erfahrungen Gehör geben zu wollen scheinen, die doch so laut und so überzeugend für die Sache das Wort reden. Dieſe E 3 . 70 Diese von den Aerzten selbst wider die Inokulation verbreitet werdende Aeusserungen dienen dem Publikum häufig zu einem starken Grund, selbige muthig zu bestreiten. Man sagt daher, was soll man von einer Sache denken, oder von einem Mittel halten, das von den Kunstgenossenen selbst nicht allgemein angenommen und von einigen verworfen, ja verschrien wird? Wäre dessen Vortreflichkeit und Unfehlbarkeit richtig, warum sollte nicht jeder Arzt selbiges willig und freudig ergreifen, um seinen leidenden Nebenmenschen damit beyzustehen, und ihnen Schutz und Sicherheit dadurch für die bekannte Wuth des natürlichen Pockenfeindes zu verschaffen? — Allein diese aus dem angeführten Grunde der Inokulation gemachten Vorwürfe sind bei etwas näherer Betrachtung nichts weniger als gegrün 71 Fründet, und können dem Werthe derselben wenigstens beim vernünftigen Theil des Publikums nichts entziehen. Wir treffen bei den Aerzten eben das an, was wir im gesellschaftlichen Leben häufig finden; es giebt fast keine noch so offenbar gute Sache, die nicht hie und da ihre Gegner findet, und laut befehdet wird. Gehen wir die Geschichte der Medizin durch, so finden wir mehrere Sekten, die mit leidenschaftlichem Partheygeiste gegen einander stritten, und eine jede ihre Meinung mit Heftigkeit zu behaupten sich bemühte. Traurig muß allerdings für den ruhigen biedern Beobachter der Menschen die Bemerkung seyn, daß bei aller Aufklärung unseres Jahrhundorts dennoch unter den Aerzten der Geist der Sanftmuth und Duldung, der Eintracht und Liebe auf der Stufenleiter der meraE 4 moralischen Kultur noch nicht so hoch gestiegen, und im Gegentheil jener der Partheylichkeit, der Zwietracht und des stolzen Eigendünkels so tief gesunken zu sehen ist, als dies zum Wohl der Menschheit zu wünschen wäre. Das betrübteste bei diesem Zwietracht ist, daß nur allein die gute Sache darunter leiden, und zwar auf Kosten des allgemeinen Menschenwohls leiden muß. Daher sagt ein berühmter Arzt mit allem Grund: „Die verschiedenen Meinungen der Aerzte, der gemeine Hang zu den alten Lehrsätzen, Vorurtheil, Neid, Verachtung der von jüngern Leuten entdeckten Wahrheit, und der verkehrte Eifer einiger Prediger haben unsre Landsleute nicht wenig von der heilsamen Erfindung der Blatterneinimpfung abgeneigt gemacht. Die Abneigung einiger Aerzte für 73 für die Inokulation verdient um so weniger Rücksicht, indem die Gründe für und wider dieselbe bereits von so vielen Schriftstellern erörtert, und das Uebergewicht der erstern üder die letztern so wahr und bündig erwiesen worden sind, daß fast nichts mehr hinzuzusetzen ist, um den großen Werth dieses wohlthätigen Rettungsmittels so vieler tausend Menschen über alle Zweifel zu erheben. — Auch ist der Grund, aus welchem einige Aerzte die Inokulation anklagen, und ihren Werth zu verkleinern sich bemühen, durchgängig so seicht, daß jeder, der mit einiger Scharfsicht zurücksieht, ihren grundloſen Anklagen kein Gehör geben wird. Ich erachte es um so unnöthiger hierüber weitläufige Beweise aufzustellen, da eine vieljährige richtige Erfahrung so augenscheinlich die Vortreflichkeit der JnoE 5 74 Inokulation bewiesen hat, und noch täglich beweiset; und also hierdurch allein die wider selbige von einigen Aerzten hervorgebracht werdende Einredungen aufs bündig. ste widerlegt und entkräftet werden. Auch der ber. Vogel beruft sich, um den Ungrund jener Widersprüche darzuthun, an die Erfahrung; er sagt nemlich: „Alles kömmt unstreitig darauf an, was eine richtige Erfahrung gegen alle jenen noch so scharfsinnigen und noch so philosophisch klingenden Einwürfe und Raisonnements bisher gelehrt habe, und noch täglich lehre. Sie hat, (die Erfahrung) wenn auch nicht alles, doch vieles und genug entschieden, um uns ganz für die Einimpfung zu stimmen und einzunehmen; und sie hat erwiesen, daß wenn diese wohlthätige Hülfe nach gewissen Regeln, und in aller Hinsicht ge gehörig angewendet wird, nie der geringste Nachtheil davon zu befürchten ist.“ Nicht weniger als die Aerzte haben auch die Geiſtliche die Aufnahme der Inokulation erschweret. Die Geschichte derselben zeigt, daß sie von dieser Seite häufig und heftig bestritten wurde, und die tägliche Praxis kann einen jeden, der sich mit der Einimpfung abgiebt, überzeugen, daß theologische Vorurtheile sich noch stark dieser in aller Hinsicht wohlthätigen Handlung entgegensetzen, und ihre weitere Ausbreitung verhinderen. Zu bewundern ist es allerdings, daß eine Jahren lange Erfahrung, und der tägliche Augenschein von dem Nutzen dieses Mittels die Theologen noch nicht bewegen konnten, ihre bisher geäußerte Skrupel abzulegen. — Und gewiß würde diese wohlthätige Handlung an Allgemein ⛪ 764 gemeinheit am meisten gewinnen, wenn diejenigen im gesellschaftlichen Zirkel, die den größten Einfluß auf die Gesinnungen und Handlungen des gemeinen Mannes haben, und denen derselbe willig seine ganze Folgsamkeit leistet, die Einimpfung durch gegründetes und wohlgemeintes Zureden unterstützten, und auch selbige durch ihr Beyspiel anempfehlten. Diese sind die Prediger, *) Schullehrer, Vorsteher, Beamte, Mehrere aufgeklärte Geistliche haben die Wohlthat der Inokulation zu ihrem Gegenstand der Predigen gemacht; und mehrere engländische Bischöffe haben diese ihren Pfarrkindern in den Predigten anempfohlen. Ein gewiß nachahmungswürdiges Beyspiel, das kräftig im Stande iſt, das Wohl der Menſchen zu befördern. — Selbst Pabst Benedict XIV. hat die Einimpfung angenommen und empfohlen. 177 te, Regierungen, u. dgl. Denn vorzüglich sind es diese Herren, die dieses Erfindungsmittel allgemein beliebt machen könnten, und von denen zu wünschen wäre, daß sie dasselbe mit unpartheyischem Gemüthe betrachteten, wo sie dann gewiß einstimmig alle vorurtheilige Meinungen von demselben ablegen würden, und sie nicht mehr, so wie vorhin, die Einimpfung als eine wider Moralität und Vorsehung streitende Handlung ansehen würden. Inzwischen unterhält das Vorurtheil wider die Einimpfung noch viele Einwendungen, und schreckt mit diesen das Volk in hiesigen Gegenden noch häufig von derselben Anwendung ab. In jenen Zeiten, in welchen die Inokulation in Deutschland eingeführt wurde, war es den Eltern, die noch keine überzeugende Erfahrung von der Güte 78 Güte derselben haben konnten, leicht zu verzeihen, wenn sie ohne hinlängliche Sicherheit ihre Kinder der Inokulation nicht gleich anvertrauten. Da aber seit jenen Zeiten die Inokulation fast allgemein gewordön ist; da tausendfältig gemachte Erfahrungen ihren hohen Werth bewiesen haben; da jährlich in den meisten Ländern und vornehmsten Städten so viele tausend Menschen durch selbige erhalten werden; da gekrönte Häupter, ganze Fürstliche Familien, und die Ersten von Europa selbige an sich selbst, und ihrer Familie verrichten liessen, um sie desto kräftiger ihren Unterthanen, und besonders den Eltern zu empfehlen; da in verschiedenen Ländern bereits öffentliche der Inokulation allein bestimmte Gebäude errichtet sind, die unzählige Beweise zur Beſtätigung ihres unſchätzbaren Werthes täglich 79 täglich aufweisen; ja da selbst Aerzte, die zuvor die Inokulation verwarfen, sie jetzt laut anrühmen und selbst verrichten; und da im Gegentheile täglich die traurigsten Beyspiele von den Verheerungen der natürlichen Pocken vorkommen; so ist es jetzt um so auffallender, und um so weniger nachzusehen, daß man sich noch häufig von dem Vorurtheile irre führen läßt, und dieses die gute Bildung, die Gesundheit und das Leben am sichersten erhaltende Mittel verwerfen, hingegen die Kinder der so großen Gefahr der natürlichen Ansteckung Preiß geben kann. Wie wenig aber die Einwendungen bedeuten, die man der Inokulation entgegenstellt; wie irrig die Begriffe sind, die man sich davon macht; und wie falsch, wie grundfalsch durchgängig die Anklagen sind, deren 80 deren man sie beschuldigt, werde ich durch Thatsachen zu zeigen mich bemühen. Und um den Ungrund jener Einwendungen deutlicher einzusehen, werde ich eine jede derselben hier in besondern Abtheilungen unpartheyisch aufstellen und untersuchen. . . . . . . . . . . "Tità" . . . Fünf Fünfter Abschnitt. Von den Vorurtheilen und Vorwürfen, mit denen die Inokulation hauptsächlich bestritten wird. Die erste Einwendung, die sehr begünstigt wird, und mit der Viele wider die Inokulation auftreten, besteht in dem Vorgeben: Daß die Inokulation vor den natürlichen Pocken nicht ganz sicher stelle, und Beyspiele vorhanden wären, wo eingeimpfte Kinder die Pocken zum zweitenmale wieder bekommen hätten. Es 82 Es ist aber nicht zu begreifen, wie diese Meinung so allgemein, ja fast bis zum Unsinn behauptet werden kann, da sie mit keinem sichern Beyspiele kann bewiesen werden. Auch ist es nicht einmal einzusehen, mit was für einem Scheingrunde sogar man sich dieser Behauptung anhängen kann, da Vernunft und Erfahrung so kräftig dawider streiten. Soll dies dann einen Unterschied in der Krankheit selbst machen, wenn einem Kinde die Pocken vermittelst sehr wenig Materie aus einer reifen Pocke beygebracht werden, und ein anderes durch den Umgang mit dem nemlichen Kinde, wovon die Materie zum Einimpfen genommen worden ist, natürlich angesteckt wird? Ein jeder muß das Thörichte hievon leicht einsehen, wenn er bedenkt, daß das Pockengift keine andre Krankheit als die Pocken 83 cken selbst hervorbringen kann. Nur die Umstände, unter welchen ein Kind angesteckt wird, können die zu erfolgende Krankheit entweder gelind oder gefährlich machen. Sollte es auch wirklich in der Erfahrung gegründet seyn, daß einer, der vorher inokulirt worden ist, die wahren Pocken zum zweitenmale wieder bekommen hätte, so kann dies der Inokulation doch keineswegs zum Vorwurf gereichen, indem dieser Fall eben so die Eingeimpften, als die natürlich geblatterten Personen treffen kann. Deswegen, weil einer eingeimpft worden ist, wird er gewiß nicht leichter die Pocken zum zweitenmale wieder bekommen, indem die inokulirten Pocken ihrer Natur nach die nemliche Krankheit mit den natürlichen Pocken ausmachen, und in diesem Betrachte hievon nicht verschieden sind, womit auch alle F 2 84 alle Aerzte übereinstimmen; und welches sich noch daher unumstößlich beweisen läßt, daß die inokulirten Pocken die wahre Blatternkrankheit durch Ansteckung verbreiten. Doch läßt es sich mit allem Grunde behaupten, daß überhaupt keiner diese Krankheit zum zweitenmale wieder bekomme; welches auch als eine ausgemachte Wahrheit unter dem Publikum angenommen ist: denn jedweder von uns, der einmal diese Krankheit überstanden hat, fürchtet sich nicht mehr für selbe, und besuchet ungescheut alle Pockenkranke. Es müssen also die Gegner der Einimpfung falsche Beyspiele anführen, um die Eltern auf eine niedrige Art von der Inokulation abzuschrecken und abzuhalten. Es kann sich zwar zutragen, daß ein eingeimpftes Kind die Pocken nach der Inokulation nicht nicht bekömmt, und nachgehends natürlich angesteckt wird. Dieser Fall kömmt aber auch bey natürlichen Ansteckungen vor; denn es ereignet sich bisweilen, daß ein Kind, welches mit andern, die wirklich blattern, umgeht, mit ihnen ißt, und bey ihnen schläft, doch nicht angesteckt wird. Ein Beweis, daß das Gift durch eine besondere Disposition des Körpers nicht aufgenommen wird. Das nemliche kann sich auch zutragen, wenn die Inokulation selbst nicht gehörig vorgenommen wird, so daß die Pockenmaterie nicht kann eingesogen, oder ins Geblüt aufgenommen werden. Allein erfahrne Aerzte kennen alsdann gleich die ersten Tage, daß die Krankheit aus dieser Ursache nicht erfolge, und wiederholen die leichte unschmerzhafte Einimpfung. In der Wahl der Materie aber, womit einF 3 86 eingeimpft wird, kann ein größerer Fehler zum Nachtheile der Inokulation, und auch des Kindes selbst begangen werden; wenn nemlich ein minder Erfahrner die Materie zum Einimpfen von falschen Pocken, die öfters den natürlichen, dem äussern Scheine nach, ganz ähnlich sind, hernimt. Hierdurch werden alsdann nur ähnliche falsche Pocken erzeugt, welche freylich vor den andern wahren gar nicht sicherstellen. Und es ist keinem Zweifel unterworfen, daß in der zu großen Gleichgültigkeit, womit einige Impfärzte die Materie zum Inokuliren sich zu wählen pflegen, ein Grund liege, warum die darauf erfolgte Krankheit den Wünschen der Inokulirten nicht entsprache, und daher zu allerhand Vorwürfen Anlaß gab. Denn es kann leicht geſchehen, daß bey ſolcher Unachtsamkeit in der 87 der Wahl des Impfgiftes die Materie theils von unächten Pocken genommen, theils von solchen Subjekten, die mit andern Krankheiten behaftet sind, gezogen, theils auch nicht in dem rechten Zeitpunkt der Schwärung gewählet werde, worauf dann allerhand ungünstige Ereignisse erfolgen können und müssen, und wobey der Geimpfte für die Wiederkehr dieses Uebels nicht sicher geſtellet wird. Solche Ereignisse, die nicht der Inokulation, sondern deren unachtsamen Ausübern allein zur Last fallen, machen sich die Gegner der Inokulation zu Nutze, führen diese Beyspiele an, und verschreyen auf die unbilligste Art die Einimpfung als ein unsicheres Mittel. Fälle solcher Art, wo Aerzte in der Erkenntniß und Unterscheidung der wahren Pocken von den falschen geirret, F 4 88 geirret, und die falschen für die wahren ausgegeben haben, sind mir mehrere bekannt; wo aber das Falsche und Irrige dieser Angebung (zu ihrer größten Beschämung) aufgekläret wurde. Hensler geht alle von den Aerzten als beobachtet vorgegebene Fälle von dem zweiten Blattern durch, und beweißt, daß die meisten so beschaffen sind, daß man ihnen die Erdichtungen anſieht. Die Leibärzte des Königs Ludwigs XV. sogar irrten sich in der Erkenntniß und Unterscheidung der währen Pocken von den falſchen; denn ſie hielten die unächten Pocken, mit denen dieser Fürst in seiner Jugend befallen wurde, für die ächten Blattern, da er doch erst in seinem Alter mit diesen heimgesucht wurde, und an selbigen sein Leben einbüßen mußte. In Wien gieng öfters zur Zeit, wo die Inokulation 89 kulation anfänglich eingeführt wurde, das Gerücht, daß bald hier, bald da ein Kind von den Pocken wieder wäre befallen worden, welches zuvor inokulirt worden war. Dies Gerücht drang sich bis nach Hofe; Die Kaiserinn Maria Theresia ließ hierauf diese Kinder durch ihre Leibärzte untersuchen, um sich zu überzeugen, ob man auch zum zweitenmale blattern könnte. Aber allemal haben die Aerzte falsche Pocken angetroffen, und es ist der sorgfältigsten Untersuchung ungeachtet, bey ihren Lebzeiten sowohl, als auch bis zur heutigen Stunde unter vielen tausend Eingeimpften nicht ein einziges Beyspiel von zweimaligen Pocken gefunden worden. Ja, um sich hier vollends zu überzeugen, ob die Pocken ein inokulirtes Kind zum zweitenmale befallen könnten, haben die Aerzte zu dieser Absicht in F 5 90 in den Spitälern häufige Versuche angestellt, (deren einige ähnliche ich als Augenzeuge beſtätigen kann.) Man inokulirte nemlich jene Kinder, die zuvor die Pocken vermittelst der Inokulation glücklich überstanden hatten, zum zweiten=dritten= und viertenmale zu verschiedenen Jahren von neuem; man ließ selbige mit andern Pockenkindern spielen, essen und bey ihnen schlafen; aber kein Kind von allen diesen, selbst von jenen nicht, bey denen sich am ganzen Körper, ausser dem Orte der Einimpfun nicht eine einzige Pocke, wohl aber die Zeichen der Ansteckung gezeigt hatten, bekam zum zweitenmale die Pocken. Auch bezeugen die geschicktesten Aerzte in ihren Schriften, daß ihnen in einer vierzig bis fünfz jährigen sehr weitläuftigen Praxis von vielen tausend Inokulirten und natürlich Gepockten 91 pockten kein einziges Beyspiel vorgekommen wäre, wo einer die Pocken zum zweitenmale bekommen hätte. In London, in dieser sehr volkreichen Stadt, wo seit mehr dann siebenzig Jahren etliche tausend Kinder jährlich inokulirt worden sind, ist nie ein Kind zum zweitenmale mit den Pocken befallen worden; es glaubt daher auch allda kein Mensch, (nach den Berichten eines glaubwürdigen Arztes) daß jemand die Pocken zum zweitenmale, es sey durch die natürliche Ansteckung oder durch die Inokulation, wieder bekommen könne. In einem Memoire vom berühmten Inokulateur Matty beweist es sich, daß man nach den genauesten Untersuchungen, die in England im Jahr 1763 gemacht worden sind, keinen Inokulirten ausfindig machen konnte, der zum zweitenmale die Blattern wieder bekom 92 bekommen hätte. Vom Jahre 1744 an bis 1763 hat man in den Hospitälern zu London 3434 Personen inokulirt, und man versichert, daß keiner von diesen zum zweitenmale mit den Pocken befallen worden ist. Die Erfahrung vom wiederholten Inokuliren der schon Inokulirten beweist dies nemliche. Matty, der die Blattern mit vierzehn Jahren überstanden hatte, inokulirte sich selbst, nachdem er sich aufs beste dazu vorbereitet hatte, ohne allen Erfolg. Gandoget führt in seiner Abhandlung über die Inokulation ein Beyspiel von einem jungen Menschen an, der, nachdem er vor etlichen Jahren die Pocken durch die Inokulation überstanden hatte, ein ganzes Jahr hindurch auf einem Landguth abgesondert gehalten, und von vierzehn 93 zehn zu vierzehn Tage wiederholt inokulirt wurde, ohne daß er die mindeste Folgen hiervon erlitten, noch seine Gesundheit dadurch den mindesten Stoß erhalten hätte, Auch Dimsdale behauptet, laut seiner vieljährigen Erfahrung, daß unter der großen Anzahl derjenigen, die er eingepropft hat, kein Einziger die Krankheit zum zweitenmale wieder bekommen habe, und es scheint ihm daher, daß diejenigen, welche die Blattern durch die Inokulation bekommen haben, weit sicherer gegen die Rückkunft derselben sind, als die, welche dieselben natürlich überstanden haben. Unter mehreren ähnlichen sehr überzeugenden Beyſpielen will ich nur noch dies zur Bestätigung dieser Wahrheit anführen: Eine schwangere Frau, die schon lange zuvor die Pocken gehabt hatte, wartete ihren Gemahl in 94 in dieser Krankheit, ohne angesteckt zu werden; sie gebahr hernach ein todtes Kind, welches am ganzen Körper voll von Pocken war: die Mutter konnte nicht mehr angesteckt werden, obschon sie die Frucht, welche blatterte, im Leibe trug. — Und wäre ein zweimaliges Blattern möglich, so wär es ein großes Uebel und trauriges Schicksal für das menschliche Geschlecht, besonders für die Einimpfer und alle diejenigen, die viele Blatternkranke zu besorgen haben, indem sie einer Ansteckung am stärksten aussetzt sind; und es würde gewiß jene traurige Wiederkehr unter so vielen tausend Aerzten, die in Europa an die Krankenbette kommen, und der Gelegenheit nicht entgehen können, die Pockenmaterie oder das Pockenmiasma recht tief und reichlich einzusaugen, wenigstens von einigen einmal bestätigt worden sein. Es 95 Es bleibt also ausgemacht richtig, daß die Pocken den Menschen nur einmal in seinem Leben befallen. Das, was demnach von der Wiederkehr der Pocken gesagt und angeführt wird, ist grundlos und verdient deswegen auch keine Rücksicht. Oftmals hält Mancher bloße örtliche Pockenausschläge für die wahre Pockenkrankheit, und giebt diese als ein zweimaliges Blattern aus. Oertliche Ansteckungen aber, das heißt: Pockenausschläge an einem gewissen Theil des Körpers, sind nichts seltenes, und können oftmals bey einer und derselben Person entstehen. Die Ammen, die Pockenkinder säugen, bekommen leicht wahre Pocken an den Brüsten; das Eiter solcher einzelnen Pocken hat alle Eigenschaften der wahren natürlichen Pocken; man kann davon angesteckt werden, und mit demselben auch auch die wahren Pocken einimpfen. Und hieraus ist wohl oftmals das irrige Vorgeben einiger kurzsichtigen Aerzte und leichtgläubigen Nichtärzte entstanden, daß eine Person zum zweitenmale geblattert hätte. Ich habe einen Fall gesehen, wovon man den Beweis als ein zweites Blattern hernehmen wollte; und man irrte sich: der fieberhafte Ausschlag, der für die Pocken ausgegeben wurde, war diesen zwar ganz ähnlich, war aber im Verlaufe und Natur der ganzen Krankheit von der wahren Pockenkrankheit sehr verschieden. Ich bin demnach gewiß, daß man sich tausendmal geirret hat, und durch Ausschläge getäuscht worden ist, die mit den ächten Pocken weiter nichts gemein haben. Der zweite Vorwurf, welcher der Inokulation 97 kulation gemacht wird, ist dieser: daß bey der Jnokulation auch Kinder sterben, und daß in diesen Fällen die Eltern allein sich die Schuld von dem Tode ihrer Kinder vorzuwerfen hätten, wo im Gegentheile bey natürlichen Pocken, wenn die Kinder gesund sind, und gut behandelt werden, auch wenige sterben, und daß die größere oder geringere Sterblichkeit bey den Pocken von der körperlichen Beschaffenheit der Kinder und deren Behandlung abhange. Viele haben sich durch diese schimmernde Einwendung verblenden, und von der wohlthätigen Einimpfung abhalten lassen. Lasset uns aber mit kaltem unpartheyischem Gemüthe prüfen und untersuchen, was eine richtige Erfahrung dieser ganzen Einwendung entgegensetzt. Ich zweifle alsdann keines= 98 keineswegs, daß jede Eltern, die das Leben ihrer Kinder zu erhalten wünschen, die Inokulation nicht länger verwerfen, sondern bey ihr allein Schutz und Schirm für die gute Bildung, für die Gesundheit und für das Leben ihrer Kinder suchen werden. Aus der Erfahrung können wir sicher behaupten, daß die Pocken die gefährlichsten Feinde der Menschen sind, und daß nicht leicht ein Krieg, der nicht mit Unmenschlichkeit geführt wird, einen solchen Schaden anrichte, als oft eine einzige Pockenseuche. Die Beweise dieser Wahrheit sind, leider! nur zu leicht, können nur zu oft angewiesen werden. Nach der genauen, sichern und von den Aerzten jetzt durchgänzig festgesetzten Berechnung stirbt bey natürlichen gutartigen Pocken von sieben Kindern eins; bei bösartigen (wie oft der Fall 99 Fall ist) von drey bis vier Kindern eins, ja nicht selten die Hälfte, und bisweilen weit darüber. Lesen wir die in den Schriften der Aerzte aufgezeichneten Beobachtungen, so finden wir diesen Satz nur zu wahr bestätigt. Ein geschickter Arzt (Dr. Jurin) beobachtete, daß von 17151 Kindern, die die natürlichen Pocken hatten, 2848 Kinder gestorben sind, also beinahe eins von sechs. So starben nach einem andern von diesem Arzte aufgezeichneten Berichte von 14559 natürlich Pockenden allein 2351 folglich von 31 Personen fünfe. Diese Berechnung wurde öfters richtig befunden. ... In Schweden sind in Zeit von sechszehn Jahren 144194 Kinder an den Pocken und Röttelen, und nach der Vergleichung mit der Zahl der Neugebornen, von 936, hundert Kinder gestorben, wovon die Pocken G 2 . 100 cken den größten Theil in der Summe der Todten ausmachen. Vor einigen Jahren starben in Stockholm bey der Königlichen Garde 270 von 300 Kindern an den Pocken. Ungefähr um die nemliche Zeit herrschten so tödtliche Pocken in dem Kirchspiele Longthora, daß kaum ein einziges Kind beim Leben blieb. . . Im Jahre 1754 regierte zu Rom eine Pockenseuche, die den dritten Theil Kinder tödtete.... Die Hottentotten sind durch Blatternseuchen fast ganz ausgerottet worden.... Nachdem die natürlichen Pocken sich aus Europa in Amerika verbreitet hatten, sind daselbst mehr als hundert tausend Indianer in der einzigen Provinz Quito daran gestorben. In Amerika wütheten die Pocken so fürchterlich, daß von Boston 1843 Personen die Flucht nahmen, um sich vor den Pocken und 101 und dem Tode in Sicherheit zu setzen. Von den Schwarzen starb immer der siebente.... Pallas sagt in seinen Reisen durch Rußland, daß die Kirgisen die Pocken so sehr fürchten, daß sie die Kranken, so bald sich die Blattern äussern, verlassen, und ihnen zur Noth nur die Lebensmittel und Getränke von ferne vorsehen; nähert sich aber ein Kranker ihrer Wohnung, so schiessen sie mit Pfeilen auf ihn. Ein Schriftsteller sagt, daß die Pocken in Sina und Japan solche Niederlagen verursachten, daß hier daran mehr, als anderswo an der Pest, stürben, und daß daher die Einwohner, auf Befragen um die Zahl ihrer Kinder, nur so viele nennten, als die Pocken bereits gehabt haben. Nach mehreren schriftlichen Berichten vergöttert man in Golconda die Pocken, so wie die Römer G 3 102 Römer das Fieber vergötterten; man hat ihnen einen Tempel gebaut, und stellt sie unter einem häßlichen Bilde vor. Diese Göttin heißen die Einwohner Mariammei. Sie hat ihre Pagode, worinn sie mit Opfern und Festen verehret wird. Sie begegnen ihr mit ungemeiner Vorsicht, nennen sie Frau Mutter, um sie zu besänftigen, weinen nicht, sagen nicht, das Kind sey krank, sondern es sey begossen, und ist es todt, es sey kalt geworden. Diese Furcht und sonderbare Sitte und Gewohnheit sind die gewissen Merkmale von der schröcklichen Wuth der Blattern unter diesem Volke. Im Jahre 1768 hat diese Krankheit sechszehn tausend Menschen zu Neapel in kurzer Zeit weggeraft... Wir können sicher annehmen, (sagt der Freyherr von Dimsdale) daß der Verlust, den das Rußische Reich in allen zu 103 zu ihm gehörigen Ländern durch diese Krankheit innerhalb einem Jahre erleidet, sich auf zwei Millionen Menschen beläuft. Eben dieser gelehrte Arzt erhielte die traurige Nachricht, daß in einem Dorfe, wo er Pockeneiter zur Einimpfung holen wollte, fast alle Pockenkinder schon begraben wären, und daß von 37 Blatternden nur zwei das Leben behalten hätten.... Aus dem Verzeichnisse im Spitale zu London ergiebt sich, daß in siebenzehn Jahren von so vielen tausend natürlich Blatternden der Vierte Theil ein Opfer dieser Seuche wurde. Durch hundert und neun Jahren ist das Verzeichniß der an den Pocken Verstorbenen in London gemacht, berechnet, und dabey bemerkt worden, daß unter vierzehn Todten immer einer an den Pocken gestorben ist. Im Jahre 1779 starben daselbst von 6459 KinG 104 Kindern, die die Pocken natürlich hatten, 1654.... Dr. Bernoulli hat nach den von London und verschiedenen andern vornehmen Städten Deutschlands gesammelten Todtenlisten gefunden, daß der dreyzehnte Mensch immer ein Opfer der Pocken sey... Beim Tissot findet man, (nach dem Zeugnisse des Kerkring) daß im Jahre 1669 von 130 wöchentlichen Leichen allein jedesmal hundert Pockenkinder waren; und im Jahre 1725 starb fast die Hälfte der Pockenkranken an einigen Orten... Im Jahre 1746 ist zu Montpellier eine Epidemie entstanden, die in drey Sommermonaten mehr als 2000 Personen getödtet hat.... In Wien nahm im Jahre 1 77 nach den heissesten Sommertagen eine Pockenseuche den Anfang, und bis Ende Decembers waren ihon in der Stadt Wien und deren Vorstädten 105 ſtädten 1153 Pockenkinder dem Verzeichnisse der Verstorbenen eingetragen, wobey jene viele, die unter einem Jahre, und jene, die nach dem Verlaufe der Krankheit (da die Pocken schon abgetrocknet waren) an deren schrecklichen Folgen häufig starben, nicht einmal mitgerechnet sind. Ich sah in Wien im Jahre 1787 eine Pockenseuche herrschen, die Tausenden das Leben nahm, und eine Menge Kinder zu elenden Krüppeln machte, die nur der, für sie erwünschte Tod, von ihren Leiden befreyen konnte. In andern Jahren starben in dieser Residenzstadt bey gutartigen Pocken jährlich immer vier, fünf bis sechs hundert Kinder, und noch eine weit größere Anzahl auf dem Lande. So starben im Jahre 1776 in vier kleinen Dörfern in der Nähe von Wien 151 Kinder an gutartigen Pocken... Im Jahre G 5 106 Jahre 1791 wurden in der Stadt Halle, die 20 bis 21 tausend Menschen enthält, 2151 von den Blattern angesteckt. Sie würgten 430 Menschen, und machten viele zu Krüppeln.... Würde man das Verzeichniß aller, sowohl in Städten als Dörfern an den Pocken Gestorbenen einsehen können; so würde die ungeheure Summe der an dieser Krankheit Verblichenen den Todtenlisten einer wirklichen Pest gleichen. Wir können daher der weisen Vorsehung nicht genug danken, daß sie uns ein Mittel bekannt gemacht hat, welches allein im Stande ist, der schrecklichen Wuth der natürlichen Pocken am sichersten Einhalt zu thun, und unsere junge Mitbürger sowohl vor den Gefahren dieser Krankheit, als vor dem Tode zu schützen. Denn lesen und durchsuchen wir geruhig die Beobachtungen 107 gen und Erfahrungen, die die gelehrtesten Aerzte von ganz Europa so unzähligemal über die Inokulation gemacht haben, so kann uns nicht einmal ein Scheingrund übrig bleiben, wodurch wir einiges Mißtrauen in die Einimpfung setzen könnten. Aus den Erfahrungen der ersten Impfärzte aus allen Ländern, und nach den zuverlässigsten Berechnungen derselben ergiebt sich, daß von 425 bis 500 inokulirten Kindern nur eins stirbt. Doch kann ich euch, meine wertheste Leser! zu eurem größern Tröste versichern, daß ich eine weit größere Anzahl Kinder in Wien habe inokuliren sehen, auch mehrere selbst inokulirt habe, wovon nicht nur kein einziges Kind gestorben, sogar nicht einmal ein einziges dabey sehr erkranket ist. Um euch aber von der Vortreflichkeit der Inokulation, und von 108 von der Gewißheit desto sicherer zu überzeugen, daß äusserst wenige, ja unter vielen tausenden oft nicht Ein Kind stirbt, so verweise ich euch auf die vorher in einem besondern Abschnitte angeführte Geschichte der Inokulation, und füge beynebst noch die Erfahrungen der berühmtesten Impfärzte hinzu. Zu Constantinopel brach im Jahre 1701 eine Pockenseuche aus, wobey alle diejenigen, welche natürlich angesteckt wurden, starben, von denen hingegen, die inokulirt wurden, keiner ein Opfer derselben wurde. In Amerika hat (nach dem Zeugnisse des Herrn de la Condamine) im Jahre 1728 ein portugiesischer Karmelit, nachdem die Pocken die Hälfte seiner Indianischen Begleiter getödtet hatten, die übrigen eingeimpft, und dadurch beim Leben erhalten. Dieser glückliche Erfolg trieb einen 109 einen andern Mißionär zum ähnlichen Verfahren an, wodurch er alle seine Mitgesellen dem Tode entriß... Im Jahre 1738 wurden bei einer fürchterlichen Pockenseuche in Carolina mehr als tausend Personen, und in der Grafschaft Midlesex, wo die Pocken ebenfalls ihre völlige Wuth ausgelassen hatten, (auf Anrathen des gelehrten Kirkpatrik) auch zwei tausend eingeimpft, welche alle, ausser zwei Schwangere, die sich wider das ausdrückliche Verbot der Aerzte einimpfen ließen, glücklich genasen. Ein berühmter Arzt in Paris sagt in seinen Schriften, daß von zehn tausend, die jährlich in dieser Stadt mit den natürlichen Pocken befallen werden, fünfzehn hundert sterben; und daß durch die Einimpfung in den Städten von Frankreich jährlich wenigstens fünf und zwanzig tausend Menschen könnten 110 ten erhalten werden. Im Jahre 1720 sind nach einem glaubwürdigen Berichte zu Paris 20 tausend Personen an dieser Krankheit gestorben. Und durch die vielen Todesfälle bey einer Pockenseuche, die in diesem Lande im Jahre 1777 und 1778 wüthete, wurden die Franzosen bewogen, die Inokulation wieder vorzunehmen, wodurch den Verheerungen jener Seuche auf einmal Einhalt gethan wurde..... Ramby (ein gelehrter Arzt) hatte im Jahre 1755 von 16 hundert Indianern, *) denen er die Pocken ) Die Indianer, die durch ihr ganzes Leben nackt herumgehen, und noch dazu ihre Haut mit grobem Fett beschmieren, sterben fast alle wenn sie mit den Pocken befallen werden, wenn aber bey diesen Menschen, wie auch bey den Afrikanern, die Pockenkrankheit durch die Inokulation hervorgebracht wird, so genesen sie alle. 111 Pocken inokulirt hatte, noch keinen einzigen verloren.... In Schweden ist seit dem Jahre 1756 eine sehr große Menge Kinder, worunter auch die Königliche Familie gehört, sowohl in den Städten als Dörfern mit dem glücklichsten Erfolge inokuliret worden.... Tissot sagt in seiner bekannten Anleitung für den gemeinen Mann, daß er in seinen mehr als zwölfjährigen Inokulationen nicht einen einzigen Kranken gehabt, dessen Krankheit die mindeste Gefahr gehabt hätte; nicht einen einzigen, der nachtheilige Folgen davon verspüret, und nicht einen einzigen, der ihm nicht höchst zufrieden vorgekommen wäre, daß ihm die Blattern eingepropft worden.... In Weimar sind nach dem edeln Beyspiele des Fürsten daselbst, der seinen beiden Kindern vor wenigen Jahren die Pocken durch die Inokulation 112 lation geben ließ, im Monat April und May des nemlichen Jahrs fast hundert Kinder inokulirt worden, ohne daß ein einziges gestorben ist.... Dr. Thilenius in Lauterdach hatte in Zeit von einem halben Jahre 121 Kinder, wobey auch kränkelnde waren, eingeimpft, welche alle (ausser einem, welches sonder allen Zweifel schon vorher natürlich angesteckt war, und am Schlagfluß starb) die Pocken glücklich überstanden; wo im Gegentheile bey den damals natürlich graßirenden Pocken das vierte Kind im Durchschnitte starb.... Etliche hundert Kinder sind in der Herrschaft Stollberg, unweit Aachen, vom sel. Dr. Peil mit dem glücklichsten Erfolge, ohne ein Einziges zu verlieren, inokulirt worden. Unzählige Beyspiele von glücklich Inokulirten, deren einige ich hier noch anführe, können 113 können uns die engländischen Aerzte aufweisen. Diese haben sich auch, wegen der Verbesserung der Methode zu Inokuliren, das größte Verdienst erworben. Unter diesen behauptet der Freyherr von Dimsdale den ersten Rang. Dieser hat unter vielen tausenden, die er inokulirt hat, nicht einen verloren. Herr Chandler zählte schon bis Anfang des Jahrs 1767 zwanzig tausend von ihm glücklich Inokulirte. Sutton hatte bis zu Anfang des nemlichen Jahrs auch schon 17 tausend Menschen inokulirt, und von dieser großen Zahl nur sechs bis sieben verloren. Aus dem Inokulationsspitale zu London kann ich die sichere Berechnung anführen, daß in sechszehn und einem halben Jahre blos in diesem Spitale vom Anfange desselbigen 3434 inokulirt worden, und davon nur zehn gestorben sind. Eben . 5 114 so viele sind im Jahre 1779 in London von 3444 Inokulirten gestorben; wo hingegen (wie schon oben gesagt) von 6459 Kindern, die die Pocken im nemlichen Jahre natürlich hatten, 1654 starben. Im Jahre 1755 starb in dieser Stadt nur einer von 593 inokulirten Personen. Allein ich glanbe mit andern berühmten Aerzten, daß diese bei der Indkulation Verstorbenen nicht durch die Inokulation, sondern an einer versteckten innerlichen Krankheit gestorben sind. Bey einer so großen Anzahl Kinder, besonders bey Spitalkindern, läßt sich wohl nichts anders vermuthen. Denn wer will oder wer kann für eine Anzahl Kinder durch drey bis vier Wochen gut stehen, daß keins davon in dieser Zeit natürlich erkranken oder sterben werde. Ich habe durch eine gerauine Zeit die Waisen= und Findelhäuser in Wien 115 Wien täglich besucht, und ich muß bekennen, daß ich sehr oft kranke, ja öfters gefährlich kranke Kinder antraf, die Tags vorher ganz gesund schienen. Ich sah die inz gesund scheinenden Findlinge ganz plötzlich erkranken, und ungeachtet aller mög lichen Mühe und Sorgfalt ohne Rettung häufig dahin sterben. Nach der Berechnung eines berühmten praktischen Arztes (Jurin) sterben beyläufig zwey Fünftel Kinder in der Wiege an Bauchgrimmen, Gichtern, Würmern, und wenn sie Zähne bekommen. Es scheint daher die Erfahrung diesen Satz zu bestätigen, daß, wenn doch ein Kind bey der Inokulation sterben sollte, selbiges an einer verborgenen Krankheit sterbe. Ein Beyspiel dieser Art will ich aus dem Munde meines seligen Lehrers in Wien (des großen Stolls) anführen: H2 Ein 6 116 Ein völlig gesund scheinendes Kind sollte von ihm des andern Tags inokulirt werden, in welcher Nacht zuvor es starb; anstatt also daß man das Kind um die bestimmte Zeit zur Inokulation bringen sollte, übergab man die schriftliche ganz unerwartete Nachricht von dessen Tode. Wäre nun dieses Kind einige Täge früher, wie es eigentlich hätte geschehen sollen, eingeimpft worden, gewiß würden die meisten ungerecht genug gewesen seyn, diesen Tod auf Rechnung der Jnokulation zu schreiben.*) Und *) Ein ähnliches Beyspiel hab ich in einer andern deutschen Schrift von eben diesem Gelehrten angeführt: da nemlich ein Säugling, dem die Pocken inokulirt waren, und sich dabey recht wohl befand, an der Brust der Amme lag, indem diese von einem großen Hunde, der sie plötzlich 117 Und glaubet daher sicher, ihr Mütter! daß, wenn euch ein Kind bey der Inokulation sterben sollte, daß dieses Kind unter den nemlichen Umständen bey den natürlichen Pocken viel gewisser gestorben wäre. Hier bleibt euch auch kein Gewissensvorwurf übrig; denn ihr habt alsdann für die Gesundheit und das Leben eurer Kinder gethan, was Vernunft, Erfahrung und Religion euch zu thun befahl. Womit wollt ihr lich von rückwärts und unversehends anfiel, heftig erschreckt wurde. Das Kind nahm darnach ruhig seine Nahrung aus der Brust der Amme; allein die Milch war durch diesen heftigen Schrecken so sehr von ihrer Milde abgewichen, und in einen solchen Grade von Schärfe übergegangen, daß bald darauf selbige dem Kinde eine heftige Entzündung im Bauch mit starkem Fieber verursachte. Diese KrankH 3 118 ihr euch aber trösten, womit euch rechtfertigen, wenn dieser Tod bey den natürlichen Pocken erfolgt ist? Sagt nicht, daß dieser Tod alsdann der Wille des Allerhöchsten gewesen seye. Nein! Denn der war das Mittel, welches uns die Vorſehung um das Leben eurer Kinder zu schützen, gütigst verliehen hat, ohne Aufschub zu gebrauchen. Nur eure sträfliche Unentschlossenheit wegen einer Krankheit entdeckte aber bald das scharfsichtige Auge jenes Arztes; das Kind genaß durch die angewandte Heilmethode bald von dieser höchst gefährlichen Bauchentzündung, und überstand hernach die ganze Pockenkrankheit völlig nach Wunſch. Jeder sieht hieraus, daß man die etwaigen Unglücksfälle bey der Inokulation nicht so leicht dieser beymessen dörfe. Denn wer kann für solche und ähnliche Fälle bey Kindern gut stehen? 119 einer übel angebrachten Mutterliebe, und euer hartnäckiger Eigensinn sind allein die Ursache des Todes. Es bleibt euch hier der warternde Gewissensvorwurf, ein Mittel versäumt zu haben, das euch die weise Vorsehung zur Anwendung bekannt gemacht, und das schon so vielen tausenden das Leben gerettet hat, auch sehr wahrscheinlich dieses würde erhalten haben, übrig. Es kann aber auch ein schlechtes Verfahren, und eine unvorsichtige Behandlung von Seite des Einimpfers an den etwaigen Unglücksfällen Schuld seien. Und gewiß ist dies eine erhebliche Mitursache, warum die Inokulation in einigen Gegenden in bösen Ruf gekommen ist. In der künstlichen Beybringung des Pockengifts an einem äussern Theile besteht bey weitem nicht das ganze GeH 4 120 Geschäft des Einimpfers. Man muß gehörig und zur rechten Zeit einimpfen, und nach jenen Grundsätzen, die die Erfahrung, als die sicherste Lehrmeisterinn, festgesetzt hat, die Kinder wählen, und hernach behandeln. Die Erfahrung hat uns zum Beyspiel gelehrt, daß nicht jede Zeit des Jahrs den Pocken eben zuträglich sey; sie hat uns gelehrt, daß die natürlichen Pocken im strengen Winter und in den heißen Sommertägen am gefährlichsten, im Frühjahre und Herbste hingegen am gelindesten seyen. Ein jeder sieht hieraus leicht ein, daß man nach dieser Beobachtung auch seine Richtschnur bey der Inokulation der Pocken nehmen müsse, und daß das, auch wider die Vernunft streitende, Verfahren etlicher Aerzte, die Kinder im strengen Winter zu inokuliren, und selbige alsdann der großen Kälte 121 Kälte frey und unausgesetzt auszusetzen, höchst schädlich sey. Mir sind bey solchem barbarischen und widersinnigen Verfahren mehrere Todesfälle bekannt, die hernach der Inokulation allein höchst unbillig zur Last gelegt worden sind. Andere Fälle könnte ich anführen, wo bey solchem Verfahren die Kinder zwar glücklich genug waren, das Leben zu erhalten, aber in und nach der Krankheit von gefährlichen hartnäckigen Uebeln, zum Beyspiel mit heftigen Halsund Brustentzündungen, mit gefährlichen Husten u. dgl. befallen, ja einige elend verunstaltet wurden, und die Zeichen dieser unschicklichen Behandlung lebenslänglich mit sich herumtragen mußten. Ich erachte es unnöthig hiervon viele Beweise anzuführen; denn welcher gesunde Mensch kann eine strenge Winterkälte durch zwey bis drey Wochen H 5 4 122 Wochen unausgesetzt, ohne seine Gesundheit zu untergraben, aushalten? Wie viel weniger also ein, sehr oft an der Kälte gar nicht gewohntes, krankes Kind! Auch behaupten die meisten vortreflichen Schriftsteller einhellig, daß die unbedingte Anwendung der kalten Luft bey Pockeneinimpfungen schädlich sey. Der berühmte Vogel sagt daher: „man kann es mit den übrigens guten Einsichten einzelner Aerzte nicht reimen, die so regellos ihre Pockenkranken ohne Unterschied zu jeder Zeit, und unter allen Umständen der kalten Luft, sie mag beschaffen seyn wie sie will, aussetzen. Die Verkältungen, welche bey dem übermäßigen kalten Verfahren vorgehen, bringen auch zuweilen allerley Uebelbefinden hervor, das man leicht für eine Wirkung der Inokulation halten kann, welche entweder 123 weder nun keine Blattern hervorbringt, und dann ist man getäuscht, oder das unzeitige Uebelbefinden gereicht der Inokulation zum Vorwurfe, und kann in Verbindung mit den Blatternzufällen gefährliche Wirkungen haben.“ Auch hat Hufeland gezeigt, daß viele der Inokulation gemachte Vorwürfe, nicht die Inokulation, sondern die zu weit getriebene kältende und unterdrückende Methode träfen, daß man durch gehörige Einschränkung derselben von der Inokulation eben so lange stehende, gut schwärende, ihre Perioden ordentlich haltende und von den natürlichen in nichts als ihrer geringern Menge, Gefahr und Folgen verschiedene Blattern erhalten könne; und ich habe mit Vergnügen gesehen, (sagt dieser gute Schriftsteller) daß nicht nur der größte Theil des medizinischen Publikums, 124 kums, und darunter sehr respektable Männer, mit mir einverstanden waren, sondern auch viele unmedizinische Gegner der Inokulation dadurch bekehrt wurden, und keinen Augenblick anstanden, solche, wenn gleich durch Inokulation erregte Blattern für ächt und vollkommen befriedigend zu halten. Durch zu kältende Methode kann der Ausbruch der Blatternkrankheit ganz gestört und aufgehalten werden; denn Beyspiele haben bewiesen, daß bey solchem Verhalten oft spät in dem ungewöhnlich länger fortdaurenden Verlauf der Krankheit noch Pockenausschlag nachgekommen ist, und also das Blatterngift auf diese Art unterdrückt, und im Körper zurückgehalten werden kann. Hufeland sah in einem solchen Falle noch am 21sten Tage durch ein Glas Wein eine Menge Pocken hervorbrechen. Einen 125 Einen weitern Beweis von der Schädlichkeit der zu kalten, wie auch jener schwächenden Methode (worunter kalte Luft, wäßrige Diät, zu häufige Merkurialmittel und Abführungen verstanden werden) geben uns die Engländer: diese waren anfänglich die größten Freunde dieser Methode, und wandten selbige bey einer sehr großen Anzahl Impflinge an; allein die Erfahrung (als die sicherste Wegweiserinn) hat ihnen das gegründetste Mistrauen in selbige beygebracht; und viele gestehen jetzt öffentlich, daß sie durch die traurigen Folgen derselben zurückgeſchreckt worden, und daß nur gar zu oft die unheilbarsten Kränklichkeiten, Verzehrungen, Lähmungen, u. dgl. nach einer solchen unvollkommen ausgebrochenen Pockenkrankheit zurückgeblieben wären. Baker führt einen Fall an, wo von neunzehn 126 zehn Personen, denen man in allen Zeiträumen der Krankheit starke Merkuriallaxanzen gegeben hatte, zehn bald nach der glücklich überstandenen Impfung an der Auszehrung starben, obgleich nur zwey von diesen vorher an den Lungen gelitten hatten. Also weder die starke Kälte noch die Abmattung des Körpers durch allzustrenge Diät sind bey der Inokulation anwendbar. Manche Eltern sind auch jenes grausamen Verfahrens wegen blos allein von der Inokulation abgeschreckt worden, und sie verlor dadurch in mehreren Gegenden, besonders in hiesigen, an ihrem Werthe beträchtlich. Nicht die Kälte ist es, die den Pockenkranken so heilsam ist, sondern eine frische, freye, angenehme Frühlingsluft; ja diese müssen wir als ein Hauptmittel wider die Heftigkeit der Pockenkrankheit ansehen. 127 sehen. Die stärksten und von andern Gelehrten bestätigten Beweise, daß ein unschickliches Verfahren bey der Inokulation die Schuld allein einiger Unglücksfälle seyn könne, giebt uns Gatti; dieser führt an, daß zu Blandfort nach einer schlechten Methode von 384 eingeimpften Kindern 12 gestorben seyen; zum Gegensatze aber führt er die in den Jahren 1766 und 1767 glücklich unternommenen Einimpfungen an, in welcher Zeit über 900 Personen gehörig eingeimpft wurden, ohne daß ein einziger davon gestorben sey, oder ein böser Zufall sich bey einem ereignet habe. Auch Tissot, der so viel Gutes, und dies mit der aufrichtigsten Wärme für das Wohl seiner Mitbürger geschrieben hat, sieht die Unvorsichtigkeit oder die Unwissenheit derjenigen, die einpropfen, als die Hauptquelle 128 quelle an, wovon der Inokulation der größte Schaden zufließe. Denn er sagt, ich wiederhole es mit noch mehrerer Gewisheit, es geht mit der Einpropfung wie mit allen menschlichen Verrichtungen; man darf ſich gewiß auf keinen gluͤcklichen Erfolg Rechnung machen, wofern man sie nicht mit Behutsamkeit und durch geschickte Hände betreibet. Es ist nicht genug, daß man einpropft, um die Gefahr der Blattern zu entfernen; man muß zu rechter Zeit einpropfen; widrigenfalls besteht der einzige Vortheil, den man vom Einpropfen zieht, darinn, daß man durch die Beybringung des Giftes am Arm oder am Bein, die nicht gefährlich ist, die Gefahr vermeidet, welche damit verbunden ist, wenn in den natürlichen Pocken das Gift mit der Luft, oder mit dem Speichel eindringt, und auf einen 129 einen innern Theil fällt; ein Vortheil, welcher noch immer wichtig ist, und der Einpropfung einen beträchtlichen Vorzug vor den natürlichen Pocken gegeben, selbst wenn sie ohne Sorgfalt und ohne die gehörige Zubereitung vorgenommen worden. Allein es sind noch so viel andre Ursachen der Gefahr übrig, daß es kein Wunder ist, wenn eine übel betriebene Einpropfung, das ist, eine solche, die man vorgenommen hat, ohne die andern Ursachen der Gefahr zu entfernen, unglücklich ausgeschlagen ist. Darinn besteht das größte Geheimniß der Einpropfung, daß man alle diese Ursachen kenne, und sie alle zu vermeiden suche, so viel wenigstens als die menschlichen Einsichten, die allezeit eingeschränkt sind, es zulassen. Petit bestärkt diese Behauptung, denn er sagt, wenn einige Personen nach der Inokulation 130 kulation kränkeln, oder gar sterben, welches höchst selten ist, so muß man dies lediglich der übeln Körperdisposition zuschreiben, welche man hätte sollen kennen und verbessern, bevor man zur Inokulation geschritten wäre. Der Inokulateur ist hier allein verantwortlich; der üble Erfolg ist nicht der Sache selbst, noch der Kunst zuzueignen, sondern dem Ausüber derselben. *) Täglich werden Aderlässe verrichtet, obschon es sich zugetragen hat, daß beym Aderlassen der Wundarzt, anstatt die Blutader, gehörig zu öfnen, die Arterie oder Schlagader durchschluge, und dadurch eine Krankheit verursachte, die den Tod nach sich ziehen konnte, und schon öfter nach sich gezogen hat. *) C'est l'abus du remede (sagt Petit) & non le remede lui-même, qui a fait tout le mal. 131 hat. Wenn wir die Fehler der Künstler selbst der Kunst aufbürden wollten, in welchem schrecklichen Labyrinth würden wir uns nicht vergehen? Endlich ist jener Vorwurf: daß nemlich die mindere oder größere Sterblichkeit bey den natürlichen Pocken von der guten und schlechten Behandlung derselben abhange, eben so unwichtig, und wir haben keine Urſache uns dadurch von der Inokulation abhalten zu lassen. Bedenken wir nur, daß die ersten, Häupter von Europa samt derer Familie und mehrere unter den Vornehmsten bey den natürlichen Pocken deren ſchröcklichen Folgen und dem Tode nicht entgehen konnten; wo wir doch nichts weniger als das Verfahren der Aerzte in Zweifel ziehen, noch denken dörfen, daß hier nicht alles angewandt worden sey, was nur J 2 132 nur eine gute Wirkung bey dieser Krankheit zuwege zu bringen im Stande ist; und dennoch nicht verhindert werden konnte, daß die Pockenkrankheit hier die schröcklichsten Verwüstungen anrichtete, und sich mit dem Tode endigte. *) Diesen Einwurf entkräftet auch der berühmte Vogel mit folgender Beantwortung: Es hat keinen Zweifel, (sagt er) daß sehr viele Kinder, welche glück*) So wurden im Jahre 1773 viele Herr1 schaften in Wien durch einen solchen traurigen Zufall bewegt, die Inokulation an ihren Kindern verrichten zu lassen, die . dann auch alle die künstliche Pockenkrankheit glücklich überstanden. Drey wohlgebildete junge Fürsten wurden von den natürlichen Pocken ergriffen; der zweite starb, und der dritte verlor ungeachtet aller angewandten möglichen Mühe und Sorgfalt ein großes Stück eines Gesichtsknochens durch die Fäulnis. 17 133 lich inokulirt worden sind, bey einer vernünftigen Methode auch die natürlichen Pocken gut überstanden haben würden; aber wie unzähligemal fehlt es an dieservernünftigen Methode! Wie oft fehlt es überhaupt an guter Hülfe! und wie wenig vermag oft die vernünftigste Methode unter tausend Umständen, welche bey den unvermuthet befallenden Pocken Statt finden können, und welche bey den eingeimpften Pocken, die man kommen sieht, und auf die man alles vorbereitet hat, nicht vorkommen! Gewiß ist es ein beträchtlicher Vortheil der Inokulation, daß es in der Regel dabey nicht an guter und beständiger Aufsicht fehlt, die aus so vielen Ursachen bey den natürlichen Pocken fehlen kann. Wie häufig ist dies zumal auf dem Lande der Fall! Noch vor kurzem wurde im MecklenJ 3 134 lenburgischen auf Landesherrliche Verfügung ein ganzes Dorf inokulirt, und es starb kein einziges Kind. Ein nachahmungswürdiges Beyspiel! Wie viel mögten wohl davon umgekommen seyn, wenn diese ihrem Schicksale und der gewöhnlichen verderblichen Behandlung bey einer einigermaßen schlimmen natürlichen Pockenepidemie überlassen worden wären? Um diesen Einwurf schlieslich vollends zu entkräften, so will ich noch jene Einwendung: daß bey der Inokulation blos gefunde, starke Kinder gewählt würden, die auch die natürlichen Pocken leicht würden überstanden haben, kurz untersuchen, und durch die Stimme der Erfahrung beantworten. Ich habe schon vorher aus der Erfahrung gezeigt, daß selbst offenbar kränkliche und schwächliche in großer AnJahl . 135 zahl eingeimpft worden sind, die die Inokulation glücklich überstanden haben, ja einige sich nach derselben besser, stärker und gefünder befunden haben. Die Schwäche und Unbedeutenheit dieses Einwurfs beweist sich auch noch daher, wenn man bedenkt, daß in Circaßien, wo das Inokuliren das Geschäft der Mütter und alten Weiber ist, also nothwendig ohne besondere Sorgfalt verrichtet wird, der Erfolg dennoch sehr glücklich ist. Die Inokulaiion würde sich gewiß nicht bey diesen unkultivirten Völkern o lange in Ansehen erhalten haben, wenn nicht der Erfolg so auffallend gut ausgefallen wäre; denn diese Völker pflegen anders nicht als nach äusserlichen, stark in die Augen fallenden Vorzüge zu urtheilen. *) Sobald . ... ) Und eben dieses muß auch als ein Beweis 3˙4 136 bald in Indostan die Nachricht von einer anfangenden Pockenepidemie erschallt, so zerstreuen sich die Braminen im ganzen Lande herum, und suchen durch die Inokulation die Verwüstung der natürlichen Pocken zu verhindern. In Indien haben die Braminen hauptsächlich das Inokulationsgeschäft. weis der Güte der Inokulation betrachtet werden, daß selbe sich seit undenklichen Zeiten in Circaßien, in Griechenland, in China und in mehrern fremden Laͤndern erhalten, und täglich feſtern Fuß gewonnen hat; wie auch, daß die Türken, die so viel auf Prädestination halten, und dieserwegen sowohl, wie auch aus einer angebornen Trägheit sich durch keine Anstalten für der wahren Pest zu schützen suchen, doch mit Eifer die Inokulation anwenden, um sich für der verderblichen natürlichen Pockenkrankheit in Sicherheit zu setzen. 137 schäft. Ihr Verfahren verdient allen Beyfall, und sie sind (nach mehreren Berichten) ihrer Sache auch so gewiß, daß sie fast immer richtig sogar die Anzahl der Blattern voraussagen. — Die Erfahrung hat auch gezeigt, daß in jenen Ländern, wo man ohne besondere Sorgfalt das Inokulationsgeschäft ausübt, z. B. in England, Liefland, die geimpften Blattern sich dem ungeachtet durch eine besondere Leichtigkeit der Zufälle und eine äusserst geringe Tödtlichkeit auszeichnen. Und es läßt sich doch nicht mit Grunde denken, daß in England, wo seit vielen Jahren unzählige tausende, ja mehrere tausend von einem Einzigen Arzte eingeimpft worden sind, immer eine genaue, ängstliche Wahl getroffen worden seye, noch getroffen werden konnte. Derowegen bleibt es ausgemacht richtig, do I 5 138 daß man ohne alle Präparation, ohne alle Auswahl des Subjekts dennoch glücklich geimpft hat; und daß im Gegentheil bey aller vorhergegangener Vorbereitung und bey der besten Behandlung der natürlichen Pocken diese dennoch bey weitem nicht den Grad von Gutartigkeit annahmen, der den inokulirten immer eigen iſt. Ja man hat sogar viele der überzeugendsten Beyspiele, daß man selbst in den bösartigsten Pockenepidemien häusig und ohne besondere Auswahl geimpft hat, und die Impflinge dadurch die gutartigsten Pocken bekamen. Viele Schriftsteller bezeugen diese Wahrheit durch richtige Thatsachen. So impfte Brinkmann in einer der bösartigsten Epidemie zu Cleve über sechszig Kinder mitten unter den bösartigsten Pocken, ohne ein Einziges zu verlieren, ja die durch die Jnokulation 139 kulation erregte Krankheit war den gutartigsten Pocken gleich. Bey einer sehr bösartigen Pockenseuche zu Münden, wo von vier Kranken Einer starb, inokulirte Rosenbach drey und vierzig Kinder, von denen nur zwey starben (weil diese schon vor der Inokulation natürlich angesteckt waren). Wichmann impfte bey der bösartigsten Pockenepidemie zu Hannover ganz glücklich. Eben so glücklich impfte Timoni fünfzi, Kinder bey sehr schlimmen graßirenden Pocken, mit dem glücklichsten Erfolge. Diese und mehrere andre Beyspiele beweisen, daß die inokulirten Pocken, selbst bey vernachläßigter Auswahl der schicklichen Impfsubjekte, und sogar bey der bösartigsten Epidemie immer unendlich gutartiger als die natürlichen sind. Darum misbilligt Hufeland die zu große Aengstlichkeit, mit der manche 14• manche Aerzte die Subjekte zur Inokulation aussuchen, und alle davon ausschliessen, wobey nur einigermaßen ein übler Ausgang zu besorgen wärc. Warum wollen wir (sagt er) eine so wohlthätige Erfindung so sehr einschränken, und sie gerade denen entziehen, denen sie am nöthigsten ist? Müßte uns dies nicht in den Verdacht bringen, als wenn wir mehr für unsere Reputation als für das Bedürfnis der Menschheit sorgten? Wer bedarf wohl der Erleichterung, die die Inokulation den Blatternden giebt, mehr, der Gesunde, oder der Kränkliche? Unstreitig der Letztere; denn der Erstere kömmt auch wohl durch die natürlichen durch. Und wie mancher von denen, die ein so ängstlich wählender Arzt ausschließt, hätte wohl noch durch die Inokulation gerettet werden können, da er nun den nanatür 141 türlichen Blattern zur Beute wird? Derowegen blieb sein Grundsatz: ist es wahrſcheinlich, daß ein Kind die inokulirten Blattern mühsam überstehen wird, so ist es gewiß, daß es die natürlichen gar nicht aushält: und darf nun noch der Arzt, für den Erhaltung des Lebens das höchste Inhaben muß, ungewiß seyn, ob er tere das noch mögliche Rettungsmittel ergreifen soll? gewiß nicht. Der berühmte Camper sagt auch mit diesem Satze einstimmig: „ich halte es für sehr unschicklich, die Einimpfung blos bey gesunden Personen vorzunehmen, die kranken hingegen ihrem traurigen Schicksale zu überlassen. Meine Beobachtungen können einen jeden überzeugen, daß die Einimpfung, von welcher Beschaffenheit ein Körper auch sey, sicher zu wagen sey, wenn eine allgemeine Epidemie 142 demie die Gefahr der Ansteckung besorgen läßt. Ich für mein Theil, (sagt er weiter) der ich die Einimpfung blos aus rühmlichen Absichten ausübe, ohne mich deswegen zu bekümmern, ob jemand meiner Methode folgen will oder nicht, und ohne mich an den Erfolg, wenn ich von meiner löblichen Absicht überzeugt bin, zu binden, würde keinen Augenblick anstehen, so bald sich die Zeichen der Ansteckung in einer Familie äussern, allen übrigen auch die Blattern einzuimpfen.“ Mit diesem ist auch Hensler einverstanden; denn er sagt: „wenn bey einer harten Epidemie die bekümmerten Väter und zagenden Mütter mir ihre Kinder zum Inokuliren darbrächten, ich würde grausam seyn, wenn ich mich einen Augenblick bedächte, und nicht durch Impfen der gewöhnlichen Ansteckung so viel möglich 143 moͤglich ihre Schlachtopfer entrisse.“ Wenn st auch wohl das Rettungsmittel am nöthigsten, als wann die Gefahr am größten ist? Und was würde man von dem sagen, der es dem nach Hülfe Schreyenden verweigern wollte, blos um die Renomme des Rettungsmittels nicht aufs Spiel zu setzen? Aus dem hier Gesagten erhellet daher zur Genüge, daß bey der Inokulation äusserst wenige, ja wenn die Kinder gesund sind, keine versteckte Krankheit mit sich herumtragen, weder ein gefährlicher Zufall von ungefähr sich zugesellet, und die Einimpfung gehörig geschieht, gar keine Kinder sterben; wo hingegen die natürlichen Pocken viele hundert, bey übeln Seuchen viele tausend tödten, und eine Menge verunstalteter, blinder, tauber, geruchloser, mit einem Worte: höchst elender Menschen zu ihrer 144 ihrer ewigen Qual und zum Schrecken der menschlichen Gesellschaft zurücklassen. Man sieht daher auch in England, Schweden und in jenen Ländern, wo die Inokulation ihr verdientes Ansehen erreicht hat, und häufig ausgeübt wird, diese als ein kräftiges Mittel der stärkeren Bevölkerung, und gewiß mit allem Grunde an. *) Jedes biedere Herz, und jeder wahre Menschenfreund *) Die verminderte Sterblichkeit der Menschen durch die Inokulation, im Ganzen genommen, läßt sich freylich nicht genau berechnen, und so viel bekannt ist, hat noch keiner diese Berechnung so genau verfolgt, daß man daher richtige und zuverläßige Schlüsse ziehen könnte. Sicher ist es jedoch, daß in England, Frankreich, Rußland, Oestreich, und in allen jenen Ländern, wo die Inokulation am meisten verrichtet worden, die Bevölkerung beträcht 145 freund muß auch bey der Durchlesung der hier aufgestellten Geschichte der Inokulation den Wunsch unaufhörlich nähren, daß in jedem Lande die Inokulation doch bald in eben das Ansehen kommen möge, in dem sie in England, Schweden, und in mehreren 1 — beträchtlich zugenommen haben. In einzelnen Oertern ist diese Folge deutlicher. Denn es hat sich durch die Todtskabellen erwiesen, daß daselbst in einer gewis. sen Frist von Jahren seit der Zeit, da die Inokulation verrichtet worden ist, weniger Kinder an den Pocken gestorben sind, als vordem. Dies ist dann doch meines Erachtens ein bündiger Beweis der Güte der Inokulation, und kann zugleich zur allgemeinen Empfehlung dieser Handlung und zur Hebung der von einigen wenigen Schriftstellern hingeworfenen Zweifel wider die allgemeine Annahme der Inokulation dienen. Einige wollen bemerkt haben, 146 reren Ländern steht. Im letztern Reiche würde selbige schon vor mehr als 35 Jahren von der Obrigkeit den Aerzten und Unterthanen anempfohlen, und nachdrücklichst unterstützt; auch schickte das Königliche Kolle. ben, daß in London, seit dem die Inokulation allda häufig verrichtet worden ist, die Pocken daselbst häufiger geherrscht hätten, und mehrere Kinder an denselben gestorben wären. Doch kann dies eigentlich die Inokulation selbst keineswegs heruntersetzen, noch ihr zum Vorwurf gereichen; wie auch Lettson den Ungrund dieses Angebens schon bewiesen hat. Es herrschen in der heutigen Lebensart der Menschen so viele Ursachen, welche die, durch die Inokulation bewirkte, geringe Todtenzahl auf der andern Seite vermehren, und den durch . jene gewonnenen Vortheil in der Bevölkerung weniger bemerkbar machen. 147 Kollegium der Aerzte verschiedene in die Königliche Staaten, um die Wohlthat der Einimpfung den Unterthanen geniessen zu lassen, durch welche vortrefliche und von jedem Fürsten gewiß nachahmungswürdige Anstalten viele tausend Menschen vermittelst der Inokulation zum Nutzen des Staats, und zur Glückseligkeit der menschlichen Gesellschaft erhalten worden sind, und noch jährlich erhalten werden. Man setzt der Einimpfung noch mehrere Einwürfe entgegen, und giebt vor: „daß die eingeimpften Kinder nach der Inokulation öfters kränklich, und nicht alt würden. Dieser Vorwurf ist jedoch um so auffallender, da man bey der schon häufig verrichteter Einimpfung keine richtige Fälle anfühK 2 148 anführen kann, die diese Anklage rechtfertigten. Die tägliche Erfahrung beweißt vielmehr das Gegentheil. Die Aerzte haben bey vieljährigen häufigen Inokulationen an den geimpften Personen nichts von Krankheiten, die eine Folge der Inokulation gewesen wären, entdecken können. Wir sehen, daß die gesundesten Kinder bisweilen krank werden, ohne daß sie inokulirt worden sind. Warum soll sich dies bey Eingeimpften nicht zutragen können, ohne daß die vorhergegangene Einimpfung Schuld hieran wäre? Und warum soll der inokulirte Mensch von dem Schicksale krank zu werden, ausgeschlossen seyn? Soll die Inokulation ihn für die zukünftigen Gebrechen des Leibes, denen er als Mensch ausgesetzt ist, auch sicher stellen? Doch es scheint, als ob die Feinde der Inokulation von uns fodern, 149 fodern, die Kinder durch die Inokulation auf ihre ganze Lebenszeit wider alle Krankheiten sicher zu stellen, oder sie von selbigen auf einmal zu heilen. Sehen wir die unzähligen Beobachtungen der glaubwürdigsten Männer über die Inokulation nach, so finden wir nicht allein keine Krankheiten, welche die Inokulirten nach den Pocken uͤberfallen hätten, angezeigt, sondern wir finden vielmehr durchgängig bestätigt, daß viele kranke Kinder, die inokuliret worden, sich nach der Inskulation besser, ja oft völlig gesund befunden haben. Solche Erscheinungen; wo die Leibsbeschaffenheit der Kinder nach überstandener Einimpfung besser als vorher beschaffen gewesen ist, habe ich selbst bey inokulirten Kindern erfahren. Und schwerlich kann mit irgend einem Beyspiele dargethan werden, daß das eingeimpfte K 3 150 impfte Pockengift einen Saamen zu andern, leicht tödtenden Krankheiten zurücklasse. Vogel hat nie etwas dergleichen bemerken können, so sehr er (nach seiner Aussage seit zehn und mehreren Jahren darauf geachtet hat. Dimsdale sagt, es unterstehe sich niemand zu bestimmen, wenn und durch was für Arten von Krankheiten sich jene Wirkungen einer durch die Inokulation geschwächten Leibsconstitution äussern werden. Ich sahe nie bey inokulirten Personen dieserwegen Kränklichkeit erfolgen, welches sich doch öfter hätte zeigen müssen, wenn die inokulirten Pocken leicht einen Saamen zu allerhand Uebeln zuruͤckließen; denn es läßt sich nicht wohl denken, daß ein solcher lange Zeit ohne alle Wirkung im Körper verborgen liegen bleiben sollte. In Wien hat man alle jene nengebornen, kränklichen und 151 und übrigen Kinder, die bey der Einführung der Inokulation allda sind eingeimpft worden, noch Jahre lang in den Spitälern aus der Absicht gehalten, um selbige durch diese Zeit in Betref dieses Vorwurfs zu beobachten; allein man hat erfahren, daß diese Kinder eben so gesund, wie alle übrigen geblieben sind. Es erhellet demnach hieraus, wie ungerecht, ja wie strafbar es ist, wenn man in öffentlichen Blättern (wie schon mehrmals geschehen) durch angeführte Beyspiele der Inokulation solche Andichtungen macht, wodurch manche zärtliche Mutter, die ihr Kind der Inokulation anvertrauet hätte, hievon wiederum abgeschreckt wird, und selbiges der natürlichen Ansteckung mit großer Gefahr aussetzt. Und hat man daher nicht die gerechteste Ursache wider diesen K 4 152 sen sowohl falschen als unvernünftigen Vorwurf zu eifern, da so viele unzählige Beyspiele unglücklicher und elend verunstalteter Menschen, die man der gefährlichen Ansteckung der natürlichen Pocken Preis gab; so viele schreckliche Begebenheiten, die als eine Folge von diesen so oft sich ereignen; die fürchterlichen allgemeinen Verheerungen derselben, welche das Menschengeschlecht wie die wüthende Pest dahin raffen, keine solche Bewegung, ja keinen solchen Aufruhr unter dem Publikum veranlassen, als wenn von ungefähr einmal bey, oder nach der Einimpfung ein Kind erkrankt! Es wäre hier der Platz alle jene schreckliche, zerstörende, höchst traurige Uebel, und oft unzertrennliche Folgen zu erzählen, welche die natürlichen Blattern nach sich ziehen; da man im Gegentheile keinen bösen oder gefähr 153 gefährlichen Zufall bey der Einimpfung aufweisen kann, sondern nur ungefähre, wenig bedeutende, höchst seltene Zufälle derselben so hoch ansetzt. Allein der Raum erlaubt mir nur zu sagen, daß kein Theil des menschlichen Körpers auszunehmen sey, der nicht oft von der scharfen Materie bey den natürlichen Pocken auf die schrecklichste Art zerstöret werde; daß nicht selten ein langes Heer von den schwersten Krankheiten, in deren Vergleich der Tod die größte Wohlthat ist, die natürlich Angesteckte überfalle; und daß häßliche Verunstaltungen durch Narben und Gruben, die Eckel und Abschen erregen, und die Kinder jedem unkennbar machen, an die Stelle der schönsten reizendsten Gesichtszüge treten. Laßt euch darum, ihr Mütter, durch diese trügenden, falschen Anklagen der Feinde der K 5 154 der Inokulation nicht im Vorurtheile bestärken, noch wider die Inokulation einnehmen; bedenkt vielmehr, daß jene durch die natürlichen Pocken elend gewordene Kinder, wenn sie zum Gebrauch ihrer Vernunft gekommen sind, den Nutzen der Einimpfung einsehen, und den Inokulirten ihre gute Gestalt und Gesundheit beneiden werden; euch aber als die Quelle ihres Unglücks ansehen, und euch die bittern Vorwürfe machen werden, daß ihr jene schöne Gesichtszüge in ihrer Blüte zerstört, und jene Reize ausgelöscht habt, welche einst Liebe, wenigstens Achtung eingeflößt hätten, an deren Stelle nun aber Züge getreten sind, die Abscheu und Ekel erwecken. So werden dann eure verunstalteten Töchter uͤber die Hartnäckigkeit klagen, mit der ihr ihnen die Inokulation entzogen habt. Bey 1 155 Bey andern Kindern hingegen werdet ihr euren schädlichen Irrthum und sträfliche Unentschlossenheit nicht so leicht vergessen können; ihr werdet alsdann vielmehr den Tod eurer eignen Kinder, das Ende ihres Elends mit wahrer Sehnsucht wünschen, als sie noch länger als Mißgestalten und elende Geschöpfe zum Schrecken der Menschen, und zu ihrer eigenen Quaal den Todtengerippen ähnlich herumwandeln zu ſehen. Der Inokulation werden noch mehrere, jedoch durch die Erfahrung und eine gesunde Vernunft leicht zu entkräftende, Vorwürfe gemacht. Man setzt ihr nemlich noch entgegen: Daß die Inokulation ohne Veranlassung der Natur geschehe, die Werke der Natur aber jenen der Kunst vor 156 vorzuziehen wären; und daß man durch die Inokulation eine Krankheit gebe, welche nicht unumgänglich nöthig sey, indem nicht alle Menschen die Pocken bekommen. — Daß durch die Einimpfung die Pocken willkührlich hervorgebracht werden, beweiset gegen selbige nichts; auch hat die Erfahrung noch nichts dawider eingewendet, diese Krankheit zu erzwingen. Nicht allemal sind die Werke der Natur den Werken der Kunst vorzuziehen. Der Arzt ist, und darf nicht in allen Fällen ein Diener der Natur seyn; er muß selbige vielmehr oft von Irrwegen abführen, um selbige wieder auf den rechten Weg zu bringen. Daß aber die Pocken ein gutes erspriesliches Werk der Natur seyen, wird wohl keiner behaupten; sondern ein jeder wird mit mir wünschen, daß das ganze mensch 157 menschliche Geschlecht nie die Pocken gekannt hätte, und diese Krankheit die Menschen auf ewig fliehen möge. Es ist daher die Inokulation als ein Mittel zu betrachten, wodurch die Natur einen Weg einzugehen gezwungen wird, der zum Wohl der Menschen nur allein führt. Ist es auch nicht besser, einen gefährlichen Feind unter vortheilhaften Umständen entgegen zu gehen, als ihn in einer höchst bedenklichen Lage zu erwarten? Gemäß jenem Vorwurse müßte man keine Krankheit durch eine Operation, oder durch Medizin zu heilen suchen, da jene ein Werk der Natur, und die Operation ein Werk der Kunst ist: so z. B. müßte man den Blasenstein, als etwas von der Natur erzeugtes, lieber bey sich herum tragen, und die davon herrührenden Leiden lieber dulden, als sich von dem 158 demselben durch die Kunst befreyen lassen, weil die Befreyung durch eine künstliche Operation geſchieht. Sind jene oben angeführte Thatsachen nicht Grund genug zur Inokulation? Und beweisen selbige nicht zur völligen Ueberzeugung, daß nur allein die Inokulation im Stande sey, uns vor einem der gefährlichsten Feinde, vor den Pocken, und deren fürchterlichen Folgen am sichersten zu schützen? Kein Mensch, der die Pocken noch nicht überstanden hat, kann sich unter keinerley Umständen, zu keiner Zeit, und in keiner Lage vor selbigen sicher halten. Wir bringen eine natürliche Anlage zu den Pocken mit zur Welt. Ein jeder hat den Grundstoff zu dieser Krankheit in seinem Körper liegen, der bey einer dazu kommenden Gelegenheits=Ursache thätig wird, 159 wird, und in die Pockenkrankheit ausbricht. Unter tausend entgeht oft nicht Einer dieser Krankheit. Die Beyspiele, die man von Personen anführt, welche die Pocken noch nicht gehabt haben sollen, verdienen wenig Glauben. Denn es trägt sich bisweilen zu, daß bey einem Kinde eine oder zwey erschein kommen, woPocken nur zum V daß bey das Fieber alsdann so gelind 7 es weder von den Anwesenden entdeckt, noch (7 vom Kranken selbst empfunden, und dagehalten her von keinem für die Pock wird. Es kann aber auch ein Kind die 4 fl. sich Pocken überstanden haben, ohne de eine einzige Pock auf der Haut gezeigt hat denn im Grunde ist es gar nicht nothwendig, daß, um die Pocken überstanden haben, wirklich Pocken auf der Haut hervorkommen, sondern die eigentliche Pockenkrank. 160 krankheit besteht nur in dem ersten Fieber, das dem Pockenausschlage vorausgeht. Wenn nun ein Körper so wenig Pockenschärfe in seinen Säften hat, daß selbige leicht durch andre Wege aus dem Körper wegkommen kann, ohne einen Ausschlag auf der Haut zu erregen, (wobey das Fieber immer gelind, und unbedeutend ist); so sieht keiner dies für die Pockenkrankheit an, und die Eltern bleiben in dem irrigen Wahn, daß das Kind die Pocken noch zu überstehen habe. Etliche solche Beyspiele habe ich bey inokulirten Kindern gesehen, welche, da sie das wahre Pockenfieber, ohne daß sich eine einzige Pöcke auf der Haut gezeigt, überstanden hatten, weder durch eine öfters wiederholte Inokulation, noch durch einen langen Umgang mit andern Pockenkindern angesteckt werden konnten, und . 161 und auf immer vor den Pocken gesichert sind. Es können auch Kinder die Pocken im Mutterleibe überstanden haben, bey welchen jederzeit dafür gehalten wird, daß sie die Blattern noch zu überstehen hätten. Durch diese Fälle geschieht es gewißlich öfters, daß Personen, welche wirklich geblattert haben, zum Beyspiel angeführet werden, daß sie, ohne die Pocken je gehabt zu haben, gestorben wären. Endlich verliert dieser Einwurf auch daher sein Gewicht, indem eine Menge Beyspiele beweisen, daß diejenigen niemals die Pocken durch die Einpropfung bekommen, die von den natürlichen frey sind. Die Einpropfung haftet nur bey einem der Ansteckung fähigen Körper. Von fünf Verurtheilten, die man 1721 zu London inokulirte, bekamen nur vier Mannspersonen, die 162 die die Pocken noch nicht gehabt hatten, diese Krankheit; ein Frauenzimmer aber, welche schon vorhero ganz gelinde daran krank gelegen hatte, bekam sie nicht wieder. Haller hat an seiner eigenen Tochter Erfahrungen angestellt, welche beweisen, daß diejenigen Personen durch die Inokulation die Blattern nicht bekommen, die von Natur dazu nicht geneigt sind. Schulz hat im Hospitale zu Stockholm binnen fünf Jahren 123 inokulirt, wovon sechszehn die Blattern nicht bekamen. In der Schweiz propfte man vergeblich ein Kind ein, in dessen Familie zwey erwachsene Personen sich befanden, die gleichfalls von den Pocken frey geblieben waren. In England blieben unter 879 Inokulirten neun und dreyßig, in Boston unter 282 Eingepropften sechs Personen, und zu Genf unter 51 Eingeimpften fünf Subjekte frey. In der Pro 163 Provence wurden, nach einem schriftlichen Zeugniß, 85 Personen inokulirt, von denen neun verschont blieben; und unter 27 Personen, die Reimarus geimpft hatte, waren wiederum zwey, die nicht angesteckt wurden. Also bekamen von 1342, die eingepropft wurden, 1281 die Pocken, und 61 blieben frey. Es war also der zwey und zwanzigste nach dem Blattern frey: da hingegen in Boston von 13841 Personen, die einer grausamen Epidemie durch die Flucht nicht entgangen waren, nur 174 übrig blieben, welche die Blattern nicht bekamen; und also war blos der achtzigste von der natürlichen Ansteckung frey. Hensler sagt, wir können ziemlich wahrscheinlich den Menschen und dem Staate die Furcht benehmen, daß jemand inokulirt blattern wird, der es nicht auch auf dem gewöhnlichen 1˙2 164 lichen Wege thun würde. Die inokulirte Pockenmaterie ändert die Disposition des Körpers keineswegs, und derjenige, der keine Disposition zur Pockenkrankheit hat, hat nicht allein nichts von der Inokulation zu fürchten, sondern zieht daraus noch den Vortheil, in seinem Gemüthe sicherer zu seyn, daß er von der Ansteckung frey sey. In den neuern Zeiten sind auch hierüber mehrere Erfahrungen gemacht worden, nach welchen es mehr als Wahrscheinlichkeit, ja fast Gewißheit geworden ist, daß die Einpropfung nur denen die Blattern gibt, die selbige auch natürlich bekommen würden, diejenigen aber, die keiner Ansteckung fähsind, eben so frey läßt als die natürlichen Blattern. — Die Besorgniß also, sich durch die Inokulation die Pocken zu geben, von denen man ausser dem vielleicht frey geblieben 165 blieben wäre, wird durch diese Beyspiele entfernt, und kann keinen Vernünftigen von der Anwendung dieses wahren Heilmittels abhalten. Viele besorgen auch noch: daß durch die Inokulation zugleich andre Krankheiten mit eingeimpft würden, und verwersen sie aus dieser Ursache. So wichtig dieser Vorwurf Manchem scheinen wird, so wenig kann er doch bey genauer Betracht tung dessen, was die Erfahrung ihm entgegenstellt, im Stande seyn, die Inokulation in ein häßliches Licht zu setzen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß, wenn auch diejenigen Personen, von welchen man das Pockeneiter zum Einpropfen genommen, andre Krankheiten gehabt haben, doch nur die Pocken, und keine andre Krankheit den Inokulirten sich mitgetheilet habe. Mead sagt — L 3 166 sagt deswegen: „Meines Erachtens ist mehr daran gelegen, daß man auf den Körper, dem man das Eiter beybringt, mehr aufmerksam sey, als auf den, von welchem man es nimt.“. Frowen (ein engländischer Arzt) beweißt dieses auch durch eigene Erfahrungen; er impfte ein und zwanzig Personen mit Eiter von einem Patient mit sehr hösartigen Pocken, an denen er auch starbe, ein, ohne daß ſich die mindeſten ſchlimmen Folgen bey den Inokulirten gezeigt hätten. Mehrere Beyspiele solcher Art beweisen das nemliche. Zu London hat man mit Eiter von einer Person eingepropft, die mit der venerischen Krankheit zugleich behaftet war, von der aber das Pockeneiter nichts mitgetheilet hat. Monro sagt, daß ihm kein Fall bekannt wäre, daß mit den Pocken sich sonst eine Krankheit fortgepflanzt hätte: im 2 16 im Gegentheil hat man den Eiter von einem mit einem Keichhusten behafteten Kinde genommen, ohne daß dieser letztere die Inokulation angegriffen habe. In den Briefen von dem Erfolge der Einpropfung in der Schweiz findet man Beyspiele aufzezeichnet, daß die Inokulation gut abgelaufen sey, wenn gleich der Impffaden aus dem Eiter zusammenfliessender Pocken genommen worden. Murray sagt, (in seiner Geschichte von der Einpropfung in Schweden) daß bey Niemanden nebst den Pocken eine andre Krankheit wäre fortgepflanzt worden. Kirkpatrik schreibt: „ich kann mit Wahrheit versichern, daß während einer fünfzehnjährigen Erfahrung in dieser Sache meine genaueste Betrachtung mich überführet hat, daß die Inokulation keine andre, als die besondere Krankheit, so 1 4 168 so sie hervorbringt, mittheilet. Er führt ein Exempel von einem Frauenzimmer an, die mit Materie von einer Person, welche einen venerischen Leistenbäulen heimlich hate, inokuliret worden ist, ohne daß eine andre als die Pockenkrankheit erfolgt wäre. Buͤrges sah zweimal den nemlichen Fall, und Petit sagt: „es würde ein Leichtes seyn mehrere solcher Fälle anzuführen; dederen ähnliche auch in dieser Schrift verstreut anzutreffen sind. Unterdessen, obgleich die Erfahrung dieſen Einwurf hinlänglich widerlegt, und beweißt, daß mit der Einimpfung selbst, das heißt, mit dem Eintragen des Pockengifts, ſo blos von Pocken genommen worden ist, keine andre Krankheiten mit eingeimpft würden, so macht es doch die Klugheit und Vorsichtigkeit zur Regel, jederzeit den Impfeiter von solchen Per 169 Personen zu nehmen, die von allem Verdachte venerischer, oder andrer Erbkrankheiten frey sind. Dieses läßt sich auch mit Grund erwarten, indem jeder vernünftige Einimpfer das Gift von solchen Subjekten wählen werde, die vorher gesund wa en, und von allen ansteckenden Nebenkrankheiten frey sind. 1. Mit diesem, eben angeführten, Einwurf haͤngt folgender zuſammen, nemlich: gen) unsinnig wäre, daß es (wie einige sich, da man gesund ist, eine Krankheit Alzu geben, daran man sterben kann. lein in diesem Einwurf selbst liegt wahrlich nichts als Ungereimtheit. Fürs Erste trif derselbe die Inokulation gar nicht, denn man stirbt, wie schon vorher gezeigt ist, nicht an dieser künstlich gegebenen Krankeinen heit. Zum Andern hat der Einwurf völlig t 5 170 völlig falſchen Satz zum Grunde; denn man kann eigentlich nicht sagen, daß man durch die Inokulation den Menschen krank mache, weil er die Anlage zur Pockenkrankheit, so wie auch die Materie, die diese Krankheit hervorbringt, von seiner Entstehung an in seinem Körper liegen hat. Durch die Inokulation sucht man nur die Zeit und Umstände so einzurichten, daß selbige keinen Schaden, wohl aber dem zu den Pocken von jeher prädisponirten Körper Nutzen bringen müssen. Betrachtet man den Einwurf in seinem wahren Gesichtspunkt, so dienet er mehr zur Empfehlung der Einimpfung; denn man muß fragen: wer ist der Mensch, der, wenn er gesund ist, sich nicht lieber aus Vorsorge willig zu einer, unter günstigen Umständen leicht vorübergehenden, Krankheit entſchließen will, um durch 171 durch selbe eine weit größere zu vermeiden, die ihn leicht dem Tode überliefern kann, wenn er diese Vorsorge nicht anwendet. Durch diese Vorstellung widerlegt sich die ser seichte Einwurf von selbst, und jeder vernünftige Mensch wird sicher lieber eine leichte, gar nicht gefährliche Krankheit, der weit heftigern, ja leichtlich tödtenden vorziehen; vorausgesetzt, daß er diese letztere anders nicht vermeiden oder mildern kann, wie dies der Fall bey der Inokulation ist. Zudem ist dieser Einwurf sehr unphilosophiſch: denn man muß den moraliſchen Werth einer Handlung jederzeit nach den Beweggründen zu derselben, niemals aber nach dem Erfolge beurtheilen. Will man der Inokulation vorwerfen daß sich zur selbigen noch eine andre Krankheit just gesellen könne; so gilt dies eben . 172 eben auch von den natürlichen Pocken, und kann der Jnokulation nicht zum Nachtheil vorgeworfen werden, — — . Auch greift man die Inokulation von der moralischen Seite an, und wirft ihr mit Heftigkeit vor: daß es nicht erlaubt sey, Gesunde krank zu machen; und daß man gleichsam durch die Inokulation Gott Gesetze vorschreiben, und in dessen höchste Gewalt eingreifen wolle. — Doch nur sehr schwache, und mit Vorurtheilen angehäufte Köpfe können es seyn, die die Inokulation aus dieser Ursache verwerfen. Denn sich den künstlichen Pocken unterziehen, heißt nicht, sich muthwillig krank machen; sondern sich vor einer unvermeidlichen, allzeit sehr gefährlichen Krankheit, und deren schrecklichen Folgen bewahren und 1. 173 und sicher stellen. Wir versuchen Gott nicht durch die Einimpfung; weder widersetzen wir uns seiner Allmacht; noch wagen wir es von ihm Wunderwerke zu erbitten, sondern im Vertrauen auf seinen gnädigsten Beystand bedienen wir uns der Einimpfunmit aller Sorgfalt, als eines andere Verwahrungsmittels, als einer Arzney, in der gewissen Hofnung, dadurch eine grausame, gefährliche, überhaupt unvermeidliche und sehr oft tödtliche Krankheit zu verhüten. Wir sündigen nicht wider die Vorsehung, sondern wenden mit Dankbarkeit ein Mittel an, welches der Höchste hat entdecken lassen, und schon so vieler tausenden Leben gerettet hat. Kein Vernünftiger behauptet mehr, daß es ein frevelhafter Eingriff in die weiſe Regierung Gottes ſey, wenn wir den Blitz, nach Fränklins Vorſchlag und An. 174 Anweisung, durch Gewitterableiter von unsern Häuptern und Wohnungen abzuhalten suchen. Die Einimpfung als eine sträfliche Handlung wider die Vorsehung Gottes angeben, ist eben so viel gesagt, als wenn man behaupten wollte, daß wir Pest und giftige Seuchen aller Art tausende von uns geduldig erwürgen lassen müssen, ohne wider selbige Schutz und Heil in den Arznegmitteln, und richtigen Anordnungen des Arztes suchen zu dörfen; daß wir bey entstandener Feuersbrunst unsere Häußer und all unser Hab und Guth von den Flammen gelaſſen muͤßten verzehren, oder von reiſsenden Wasserfluthen uns müßten entreissen lassen, ohne durch vernünftige Vorkehrungen dem Schaden Einhalt thuen zu dörfen. Eine solche Behauptung streitet mit der Würde eines vernünftigen Menschen. Wir 175 Wir müßten auch, wenn dieser Einwurf gegründet wäre, alle und jede Vorbauungsmittel aus der Arzneywissenschaft verbannen. Wir sündigten alsdann täglich, wo wir durch Arzneymittel, Vesikatorien, Aderlässe und andre chirurgische Operationen nur aus Vorsicht bey den Menschen eine unbedeutende Krankheit zuwege zu bringen suchen, um sie vor einer weit gefährlichern sicher zu stellen. Allein wer zweifelt wohl, daß dies zu thuen nicht erlaubt sey, sondern der Vorsicht Gottes überlassen werden sollte? Derowegen befolgen wir den weisen Rathschluß des Villaume, da er sagt: „der Mensch wende seine Kräfte an, er verhindere das Uebel, regiere die Kräfte in der Natur, und klage nicht über das Uebel, das er abwenden kann.“ Und in der That müssen 176 müssen wir uns, wenn uns ein Kind an den natürlichen Pocken stirbt, ein Gewissen daraus machen, daß wir die Hülfe versäumt, oder verachtet haben, wodurch selbiges hätte erhalten werden können. Endlich sagen auch noch einige kurzsichtige Skrupulanten der Inokulation zum Vorwurfe: Man dörfe niemals ein Uebel bewirken, um etwas Gutes daraus zu ziehen. — Dieser Einwurf ist eine wahre Sophisterey. Man wendet eine Regel, die nur in der Moral Statt finden kann, hier irrig auf physische Thatsachen an. Wenn man auch mit einigen strengen Moralisten und Theologen zugeben wollte, daß man niemals ein Uebel durch ein andres abwenden dörfe, so kann man dennoch hieraus nicht folgern, daß man in dem menschlichen Körper keine Veränderung hervorbringen börfe, 177 dörfe, damit darauf derselbe für seinen Umsturz gesichert sey. Was würde aus allen andern Wissenschaften, aus allen und jeden Künsten werden, wenn dieser Satz unumstößlich richtig wäre? Anstatt für das allgemeine Wohl in seinem Fache eifrig mitzuarbeiten, müßte man ein müßiger, unnützer Zuschauer abgeben. Am wenigsten aber kann dieser Einwurf die Einimpfung treffen, noch ihren Grund zweifelhaft und wankend machen; denn das Einimpfen ist eine vernünftige, wohl überlegte und moralisch gute Handlung. Das Inokuliren darf nicht als eine Handlung betrachtet werden; durch die man eine Unordnung in dem menſchlichen Körper gewaltsam hervorbringt, und demselben ein Uebel zufüget, sondern als eine Handlung, durch die man die Entstehung eines nicht ausM 178 auszuweichenden Uebels zu beschleunigen, und unter solchen Umständen mitzutheilen sucht, die zu dessen glücklichen Endigung das meiste beytragen können.... . . . . . . Sechs= Sechster Abschnitt. Von der eigentlichen Gutartigkeit der eingeimpften Pocken. Nachdem ich nun die Einwürfe, die der Inokulation entgegen gesetzt werden, beantwortet, und derer Schwäche gezeigt, wie auch die Vortreflichkeit der Einimpfung durch die unläugbarsten Thatsachen völlig ausser allen Zweifel gesetzt habe; so bleibt hier noch die Beantwortung einer Frage: worinn dann die eigentliche Gutartigkeit der künstlichen Blattern bestehe? zu geben übrig. Die Ursache der Gutartigkeit der inokulirten M 2 180 lirten Pocken liegt nicht so sehr in den äusserlichen Nebenumständen, sondern diese Gutartigkeit ist wesentlich, und liegt in der Inokulation selbst. Hufeland urtheilt darüber sehr gut; und sein Urtheil stützt er auf folgende Sätze und Bemerkungen. Er sagt: „bey der Inokulation geht immer erst die örtliche Blatterkrankheit vorher, (nemlich an der Stelle, wo inokulirt worden ist) ehe die allgemeine entsteht, das heißt: das Gift wird erst eine beſtimmte Zeitlang in der Impfwunde festgehalten, aßimilirt, verarbeitet, bis es von da aus der ganzen Masse der Säfte mitgetheilet wird. Diese Lokalkrankheit ist nichts anders, als ein durch den Reiz des fremden Stofs (des Pockengifts) erregtes Bestreben der Natur, denselben durch Entzündung und Eiterung auszustossen, zu umwickeln, 781 wickeln, nach dem Kunstausdruck der Krisen, zu kochen, unschädlich und unsrer Natur homogener oder gleichförmiger zu machen. Man kann also mit Gewißheit annehmen, daß wir bey der Inokulation das Gift nicht so, wie es uns in die Haut gelegt wurde, sondern uns verähnlicht, homogenisirt, und also gemildert in unsre innere Säfte aufnehmen, da hingegen bey der natürlichen Ansteckung, wo noch überdies Lunge und Magen die gewöhnlichen ersten Berührungspunkte sind, es in seiner ganzen Kraft und Heterogenität (oder in einer von unsrer Natur ganz verschiedenen und entgegengesetzten Beschaffenheit) den edelsten Organen unmittelbar zugeführet wird. — So will Hufeland auch erklären, daß die meisten fieberhaften Miasmen, oder Ansteckungsstoffe, wenn sie durch die Einimpfung M 3 182 impfung mitgetheilet werden, eine so ausgezeichnete Milderung erhalten. Von den Masern, der Hornviehseuche, wo vollends jene Nebenvortheile der Pockeninokulation wegfallen, hat man hierüber die glücklichsten Erfahrungen. Selbst die Pest hat man mitten in der Epidemie inokulirt, und ihre Bösartigkeit dadurch gemildert, wie Samoilowitz bezeugt. Bey den natürlichen Pocken aber fehlen jene Umstände, und es geht keine örtliche Ansteckung, keine Aßimilation, oder eine zu unsern innern Säften sich schickende Veränderung des Pockengifts vorher. — Nicht im Geruche, oder in andern äusserlichen Eigenschaften, sondern in der mehreren oder mindern Homogenität, die eine Sache mit dem Charakter unſrer Natur hat, liegt der Grund deſsen Schädlichkeit oder Unschädlichkeit. Folg. lich 183. lich muß auch das Pockengift, das bey der Inokulation durch einen sieben= ja neuntägigen Aufenthalt in der Impfwunde schon einen Grad von Aßimilation und Verähnlichung mit unsern Säften erhalten hat, uns homogener oder gleichförmiger, und also weniger angreifend seye, als wo diese örtliche Aßimilationsperiode fehlt (wie dies der Fall bey der natürlichen Pockenkrankheit iſt). Auch Dimsdale rechnet es unter die Hauptursachen der Gutartigkeit inokulirter Pocken, „daß das Gift in den Organen, oder Theilen, der Ansteckung einen Theil seiner schädlichen Eigenschaften verlieret. Auch beweißt, nach der richtig gemachten Bemerkung dieses vorher angeführten Schriftstellers, noch folgendes die Gutartigkeit der Pocken: daß nemlich durch den achtM 4 184 achttägigen vorhergehenden Reiz der Entzündung und Schwächung in der Impfwunde, und dadurch, daß die Haut die erste Quelle und der Entwickelungspunkt des ansteckenden Pockengiftes ist, der gesamten Pockenmaterie im Körper einen größern Hang nach der Oberfläche des Körpers mitgetheilet, und die ganze Krankheit so zu sagen superficieller oder oberflächlicher gemacht wird, wo hingegen selbige bey den natürlichen Pocken mehr die innerlichen Theile angreift. Die Ansteckung durch Inokulation wirkt schneller, unvorbereitet aber desto flüchtiger und oberflächlicher; die natürliche hingegen langsamer, durchdringender, und desto tiefer und zugleich desto verderblicher. Bey der Inokulation ist es der konzentrirte Angrif des Giftes auf einen Punkt, was die Krank= 185 Krankheit hervorbringt; dort ist sie aber die Folge der Uebersättigung des Ganzen mit dem feinsten, in Dunst gleichfals aufgelösten, unserem Lebensprinzip desto näher verwandten Gifte. Hiervon müssen natürlicherweiß verschiedene Wirkungen entstehen, und zwar können selbe für die Einimpfung nicht anders als sehr günstig seyn. I . Auilhac . . . . . . SiebenM 5 — — . Siebenter Abschnitt. Von den Vorzügen der inokulirten Pocken vor den natürlichen. Um meinen Lesern die Vortreflichkeit der Pockeneinimpfung desto anſchaulicher zu machen, und um mehrere zur Anwendung dieses wahren Heil- und Rettungsmittels der Kinder aufzumuntern, so will ich hier die allgemeinen, und jedem leicht in die Augen fallenden Vorzüge und Vortheile der inokulirten vor den natürlichen Pocken in Kürze berühren. Der erste und erheblichste Vorzug der Inoku= 187 Inokulation vor den natürlichen Pocken besteht darinn: daß wenig Pockengift bey der Einimpfung von aussen in den Körper gebracht werde, das seine erste und heftigste Wirkung auf der Haut verrichte; daß das Pockengift hier eine Zeitlang aufgehalten, verarbeitet, und für unsere Natur milder gemacht werde: da hingegen bey der natürlichen Ansteckung das Gift häufig durch das Athemholen, und durch den Speichel auf die innere Theile fällt; diese (da sie merklich reizbarer als die Haut sind, auch das Gift stärker und schärfer ist) weit heftiger angreift, und mächtiger zerstört. Einer der die Pocken noch zu überstehen hat, muß sich fürchten, daß er davon in den unschicklichsten und ungünstigsten Umständen überfallen werde, z. B. wenn er auf 5 188 auf Reisen, oder an einem Orte sich befindet, wo kein Arzt gegenwärtig ist; welche Furcht aber durch die Inokulation entfernt wird. Jene können auch ein Kind zu einer Zeit befallen, in welcher die Pocken am gefährlichsten sind; oder wo bösartige Pocken oder andere gefährliche Krankheiten allgemein herrschen; wo der Körper durch eine kurz vorhergegangene Krankheit ganz entkräftet ist; wenn ein Kind eine Krankheit hat, die in Verbindung mit den Pocken tödtlich wird; wenn der Körper unvorbereitet, und mit scharfen übeln Säften angefüllt ist. Die Inokulation hingegen wird zu einer Zeit verrichtet, in welcher die Pockenkrankheit am gelindesten sich zeigt, wo weder eine bösartige Seuche, noch andere gefährliche Krankheiten allgemein regieren; man wählet hier ein gesundes Kind, und zwar 189 zwar zu einer Zeit, da es von andern Krankheiten nichts zu befürchten hat; ein ungesundes aber wird zur Inokulation vorbereitet. Die Inokulation gewährt auch den merklichen Vortheil, daß man selbige in dem Alter *) verrichtet, in welchem die Pocken am Ueber das zur Inokulation sich schickende Alter herrschen unter dem Publikum noch viele irrige Meinungen. Man hält die ersten Monaten des Lebens für unschicklich zur Inokulation, und glaubt dieselbe vortheilhafter verrichten zu lassen, wenn das Kind ein bis zwey Jahre alt ist. Diesen Meinungen widerspricht aber Erfahrung und Theorie. Nicht das erste, noch zweite Lebensjahr, sondern die ersten vier Monaten sind eine sehr vortheilhafte Hufeland Zeit zur Einimpfung. ſtimme 190 am wenigsten schaden, und wo keine Gemüthsunruhe, als z. B. die beständige Furcht für dieser Krankheit, und für einen unglücklichen Ausgang, die das Uebel vergrößert, mit ins Spiel treten kann. Auch weichet man durch selbige gewissen Perioden im Alter aus, in welchem die Pocken immer gefährstimmt hiermit überein, und seine Bemerkungen hierüber sind mit den meinigen einstimmend; er sagt: „hier (beim zarten Kinde) ist das Blut noch rein und milde, der Körper hat seine erste Integnität noch, und ist wenig zur Fäulnis geneigt; in diesen ersten Zeiten nehmen die Kinder noch alles willig ein, weil sie noch nicht so fein schmecken, und keinen Eigensinn haben. So bald sie aber ein halbes Jahr alt sind, fallen schon viele dieser Vortheile weg; nun mischt sich das gefährliche Zahnen ein, die mortalität wird viel größer, so daß man von da an, bis zum 191 gefährlicher sind: Die natürlichen Pocken hingegen, wenn sie in den erstern Jahren ein Kind verschont haben, können eine Person dann befallen, wenn sie schwanger ist; wo alsdann gar leicht die Mutter und das Kind ihr Leben einbüßen müssen. Zudem sind die Pocken immer mit desto größerer Gefahr zum überstandenen Zahnen, das Inokuliren nicht für günstig halten kann. Hufeland belegt seine Meinung mit Beweisen, daß die mortalität der Kinder in den ersten drey Monaten am geringsten, in den folgenden neun aber beträchtlich größer sey; wessen zufolge er sicher dafür hält, daß, nach Verlauf der ersten drey oder vier Wochen, von da bis in den vierten Monat der günstigste Zeitpunkt zur Ueberstehung der Blattern sey. Doch muß ich hierbey bemerken, daß ich bey etwas dringenden Umständen kein Alter von der Inokulation ausschließe. 192 Gefahr verknüpft, je älter der Mensch ist, da er von ihnen befallen wird. 4. Auch werden Personen von reiferm Verstande im Ganzen genommen, viel ruhiger die durch die Inokulation tausendfach milder und gefahrloser gemachte Pockenkrankheit erwarten, als wenn sie bey herrschenden Pocken auf eine gefährliche Art, und oft unter den ungünstigsten Umständen natürlich angesteckt zu werden, in steter Angst und Sorge seyn müssen. 5. Ein andrer sehr beträchtlicher Vorzuder Inokulation vor der natürlichen Ansteckung besteht in dem: daß bey jener die Kinder zu den Pocken vorbereitet sind, und der Arzt daher gewiß weiß, was für eine Krankheit erfolgen wird, welches er bey der 193 der natürlichen Ansteckung nicht eher zuverläßig wissen kann, als bis die Pocken auszubrechen beginnen, und wo er auch nicht eher seine Behandlung und Kurmethode festsetzen kann; welche Zeit aber die gefährlichste in der ganzen Krankheit ist, und von welchem Zeitpunkt oft Leben oder Tod abhängt. Man hat bey den inokulirten Pocken nicht so, wie bey den natürlichen eine Verunstaltung der guten Bildung eines Kindes zu befürchten; weder hat das Frauenzimmer wegen einer Zerstörung der schönen Gesichtszügen sich so sehr zu ängstigen. Denn bey inokulirten Kindern pflegen die wenigsten Pocken im Gesichte zu erscheinen, wo im Gegentheile bey den natürlich angesteckten die meisten durchgängig im Gesichte ausbrechen. Aus jener Ursache wird auch selbige hauptsächlich von den Circassiern N 194 siern seit langer Zeit so eifrig ausgeübet, weilen sie die schöne Gesichtsbildung wider die bey den natürlichen Pocken so gewöhnliche Verunstaltung am sichersten verwahret. *) Die auf Erfahrung gegründete Bemerkung, daß die inokulirten Personen, auch bey vielen und sehr schwärenden Pocken, (wie ich den Fall bey meinem eigenen Kinde sahe) fast niemals Narben davon bekommen, giebt der Einimpfung einen weitern Vorzug. 8. *) De Lille sagt bey einer Gelegenheit über die Inokulation: „que cette pratique salutaire avoit deux grands soutiens, l'Angleterre, & la Circassie; c'est-à-dire le pays de la philosophie, & celui de la beauté. 195 Durch die Inokulation läßt sich die Ungewißheit und beständige Furcht heben, in welcher jener lebt, der die Pocken gehabt zu haben zweifelt: denn die Inokulation wird ohne die mindesten Folgen seyn, wenn dieser die Pocken schon überstanden hat. Der Staat zieht aus der Inokulation einen sehr beträchtlichen Nutzen; indem durch selbige eine sehr große Menge nützlicher Bürger erhalten werden kann (wie im folgenden Abschnitte näher bewiesen wird.) 10. Endlich ist die Inokulation der Pocken die unbedeutendste und unschmerzhafteste Operation, so wie die Behandlung der inokulirten Kinder die einfachste unter allen ist. Denn die Pocken weichen so sehr an Gelindigkeit von den natürlichen ab, daß die N 2 196 die inokulirten Kinder den ganzen Verlauf der Krankheit hindurch sich täglich vom Morgen bis Abend in einer freyen, angenehmen Luft befinden können, und ohne alle Arzney die Krankheit durchgängig fast unmerklich überstehen. . . . . Achter Achter Abschnitt. Darf eine allgemeine Einimpfung in einzelnen Städten oder Distrikten von der Regierung erlaubet werden? Bevor ich diese Schrift endige, so muß ich noch kürzlich die Einimpfung in medizinisch-polizeylicher Rücksicht betrachten, und dasjenige mit wenigem beantworten, was ihr von dieser Seite allenfalls noch mit einigem Scheingrunde entgegengesetzt werden kann. Die allerdings richtige Bemerkung, daß die Pocken sich nur durch positive Ansteckung verbreiten, führet auf den Gedanken, daß durch eine allgemeine Inokulation, R 3 198 tion, das ist durch eine solche, die zur gleichen Zeit an allen noch nicht geblatterten Personen vorgenommen würde, die Pockenkrankheit aus einem Lande verbannt, und daher völlig ausgerottet werden könnte. Obschon nun zwar viele Einwendungen der Behauptung entgegengesetzt werden können, daß die Pockenkrankheit durch allgemeine Vorkehrungen zur Abhaltung der Ansteckung sich beschränken, und die gänzliche Ausrottung derselben durch eine allgemein eingeführte Impfung hoffen ließe; so kann man nichts destoweniger von einer allgemein zu verrichtenden Blatterneinpropfung in einzelnen Distrikten und Oertern den besten Erfolg zur Abhaltung der natürlichen Anſteckung erwarten. Denn man hat auf diese Art in England sich schon bemühet, die Tödtlichkeit der natür. 199 türlichen Pocken zu vermindern, und der Erfolg entsprach ganz den edeln Absichten. In Chester*) verhielten sich die in sechs Jahren an den Blattern verstorbenen zu den übrigen Todten, wie eins zu sechs. Es vereinigte sich daselbst im März 1778 eine Gesellschaft zur Beförderung einer allgemeinen *) Haygarth in seiner Untersuchung, wie den Blattern zuvorzukommen sey: beschreibt das Unternehmen einer in Chester sich vereinigten Gesellschaft zur Beförderung einer allgemeinen Einimpfung; und beweißt, daß sich alles zum Wohl des allgemeinen Wesens von solchen ähnlichen in jedem Lande eingeführten Gesellschaften hoffen lasse. Ein jeder kann sich hiervon bey Durchlesung dieser allerdings wichtigen und empfehlungswürdigen Haygarthschen Schrift überzeugen. N 4 200 meinen Blattereinimpfung, und zur Verhütung der natürlichen Blattern. Und durch die weise Anstalten derselben ist die Tödtlichkeit der Pocken binnen vier Jahren bis beynahe zu einem Fünftheil vermindert worden. Ein gewiß für das Menschenwohl höchst beträchtlicher Gewinn, und ein zur Nachahmung höchst wichtiges Beyspiel! Zu bestimmten Zeiten wiederholte allgemeine Einpropfung, verbunden mit der möglichsten Sorgfalt in der Zwischenzeit zu verhindern, daß die natürlichen Blattern ihre Ansteckung unter den jungen Kindern nicht ausbreiten, war der Weg, den man zu Chester mit dem auffallendsten Erfolge gieng, jenen großen Zweck zu erreichen. Und eben dieser Erfolg würde desto vollkommener gewesen seyn, wenn nicht die allgemein herrschenden schädlichen Vorurtheile sich 201 sich den edeln Absichten und menschenfreundlichen Bemühungen dieser wohlthaͤtigen Gesellschaft entgegengesetzt hätten. — Auch hat der Staat Rhode-Island die unsterbliche Ehre, daß er durch die edlen Bemühungen seiner Einwohner es dahin gebracht hat, die Blattern aus seiner Insel zu verbannen: Er geht uns also mit einem Beyspiel vor, das uns aufmerksam machen und ebenfalls anreizen soll, unsere Kräfte zu gleichem Zwecke zu vereinigen. *) Solche Deutschlands Bewohner sollten hierzu um so williger und thätiger ihre Kräfte vereint anstrengen, da aus folgender richtigen Tabelle der bedaurungswürdige Verlust zu ersehen ist, den das Menschengeschlecht in Europa durch die Blattern erleidet. . LänN 5 202 Solche Institute (folgert daher Haygarth mit allem Grunde) würden da, wo sie eingeführt würden, unmittelbar das Leben einer großen Menge Kinder erhalten. Aber ihre Zahl der Zahl der BevölBlatternBlatternkerung todte in Zeit] todte in Zeit Länder: derselben: vonhundert von einem Jahre: Jahren: 7500 750,000 3/000,000 Portugal 27/500 11,000,000 2/750,000 Spanien 62/500 6/250,000 25,000,000 Frankreich 45,000 Italien — 18,000,000 4,500,000 Grosbrittanien 3/000/000 30,000 und Irrland, 12,000,000 Vereinigte Nie 6250 625,000 2/500,000 derlande 70,000 28,000,000 1.7,000,000 Deutschland 5000 2,000,000 500,000 Schweiz Böhmen und 8750 3/500,000 875,000 Mähren — Ungarn 22/500 9,000,000 2,250,000 Dänemark und Norwegen 5000 2,000,000 500,000 Schweden — 7000 2/800,000 700,000 Rußland 75/000 130,000,000 71500,000 . Europa 203 ihre nützlichen Folgen, sagt er weiter, würden noch viel wichtiger seyn. Durch gehörige Beharrlichkeit würden sie vermuthlich die medizinischen Irrthümer und aberglaubischen Meinungen völlig ausrotten, die Europa hat 160 Millionen Menschen. Die Blatternpest würgt also in Europa, ein Jahr ins andre gerechnet, jährlich 400 tausend: in 33 1/2 Jahren oder in einer Generation 13,333,333; in einem Jahrhundert vierzig Millionen Menschen. — Und nach richtigen Berechnungen der genauen Todtenlisten ergiebt sich ungezweifelt, daß Deutschland jährlich siebenzig tausend Menschen durch die natürlichen Blattern verliere. Einem jeden muß also hierbey der Bunsch aufsteigen, daß eine gänzliche Abwendung der Blattern möglich seye, und in Erfüllung gebracht werden mögte: Die Möglichkeit, und zugleich die Nothwendigkeit dieser Erfüllung, wie auch die Aus. 204 die lange und zum größten Nachtheil das menschliche Geschlecht hintergangen haben. Auf öffentliche, und zur völligen Ueberzeugung des einsichtsvollern Theils der Gesellschaft bestätigten Thatsachen könnte sicher und mit gutem Erfolg ein allgemeines Gesetz *) zur Beförderung der Einimpfung, oder Ausführbarkeit desselben hat neuerlich Faust durch eine allgemeinnützige und empfehlungswürdige Schrift deutlich gezeigt, die den Titel führt: Versuch über die Pflicht der Menschen, jeden Blatterkranken von der Gemeinschaft der Gesunden abzusondern, und dadurch zugleich in Städten und Ländern und in Europa die Ausrottung der Blatternpest zu bewirken. *) Gewiß darf auch meines Erachtens eine Regierung mit Fug und Gewissen die Einimpfung als eine Handlung, die auf das physische Wohl eines jeden Menschen abziehlt, 205 oder welches noch viel leichter seyn würde, und den Gefühlen der Menschheit noch angenehmer, Einrichtungen gegründet werden, wodurch die Blattern gänzlich ausgerottet werden könnten. Ein so wichtiges Glück zu erlangen, dazu werden freylich die allgemeinen, vereinten und anhaltenden Bemühungen unsrer Gesetzgeber und Obrigkeiten sowohl, als der Aerzte erfodert. Es würde viel Zeit und Arbeit erfodern, und müßte mit Eifer, Sorgfalt und Aufmerksamkeit ausgeführt werden. Allein auch kein Dienst verdiente mehr belohnt zu werden, wenn wir seinen Werth nach der Menge Menschen abmessen, die dadurch erhalten werden würden, und die unendliche Menge abziehlt, und dasselbe reel bewirkt, durch Geſetze in ihrem Lande einführen, und in diesem Betracht über das Leben der Unterthanen gebieten. 206 Meuge und Verschiedenheit des menschlichen Elends, dem dadurch vorgebeugt werden würde. Diesen für das ganze menschliche Geschlecht so nützlichen Plan zu vollenden, muß für unsere Wissenschaft nicht nur höchst ehrenvoll, sondern auch jedem, dessen Herz von edler Vaterlands- und Menschenliebe glüht, unaussprechlich anjenehm seyn.“ So redet der menschenfreundliche Arzt Haygarth. Die Erfüllung seiner Wünsche wäre allerdings eine für die allgemeine Wohlfahrt höchst erſpriesliche Sache. Inzwischen so lange man bey dem Hanze bleibt, alles das blindlings zu verwerfen, was das Gepräge der Neuheit an sich trägt, und lieber in dem alten Gleise schwindelnd umher trabt, als sich bemühet, das Neue von allen seinen Seiten zu betrachten und zu untersuchen, so lange ist von der Erfüllung solcher wohlthätigen Anstalten 20 stalten in den meisten Ländern wenig zu erwarten. Das Meiste und Beste, was man indessen thun kann, um diesem heilsamen Zwecke etwas näher zu kommen, ist das Bemühen die Inokulation so allgemein zu verbreiten, als möglich ist. Beyspiele in Menge beweisen bereits, daß das Inokulationsgeschäft von Geistlichen und auch von Bauern mit dem besten Erfolge verrichtet worden ist. Zu Eisenfeld haben die dasigen Bauern ohne Arzt und Chirurgus sechszehn ihrer Kinder selbst inokulirt, und zwar ohne Eins zu verlieren. „Und es hat keinen Zweifel, (sagt deswegen Vogel) daß gerade auf die kunstloseste Weise tauſendmal die glücklichſten Impfungen verrichtet worden sind, zumal auf dem Lande, wo die frische Luft, die ungehinderte Wirkung der Natur, eine einfache Nahrungsart, und ein unverzärtelter Körper die Stelle aller Hülfsmittel der Kunst vertreten und 208 und unnütz machen.“ Ob nun zwar diese und viele andre ähnliche Beyspiele die wenige Gefahr, die mit der Einimpfung verbunden ist, und die Leichtigkeit, mit der die inskulirten Personen die Pocken überstehen, sattsam beweisen, wie auch die vorher angeführten Ursachen ein Beweiß zu seyn scheinen, als wenn bey der Ausübung dieser Handlung nicht viele praktische Kenntniß nöthig seye, und daher dieselbe jedem Hausvater, und jedem Landmanne anzuvertrauen wäre: so kann ich dennoch aus mehrern Gründen dies unbedingt nicht zugeben, sondern Klugheit und Vorsicht, und die Wichtigkeit dieser Kunst erheischt es allerdings, dies Geschäft von denen darinn unterrichteten Personen leiten zu lassen. Zudem ist es keinen Schwierigkeiten unterworfen, selbst nicht auf dem platten Lande, einem in der Kunst zu Inokuliren instruirten Arzt oder Wundarzt diese Lei= 209 Leitung zu übergeben. Denn wenige, noch so kleine Distrikte giebt es dermalen, in denen nicht ein Wundarzt anzutreffen ist. Und sicherer wird es dann allemal seyn, diesem allein dies Geschäft von Obrigkeitswegen zu erlauben, (vorausgesetzt, daß diese von dessen hierzu nöthigen Kenntniß und Einsicht überzeugt ist.) Neun= — . . . Neunter Abschnitt. Ist es erlaubt, ausser einer wirklich vorhandenen Pockenepidemie, in einem Orte einzuimpfen? Einige streiten noch darüber, ob man ausser einer vorhandenen Pockenepidemie inokuliren dörfe, weil zu befürchten stehe, daß man dadurch diese Krankheit an einen Ort bringen, und die Ansteckung verbreiten und unterhalten könne, wo ausserdem vielleicht keine Pocken würden, gekommen seyn? Man hatte auch wirklich wegen dieser Furcht an einigen Oertern von Obrigkeitswegen die Inokulation untersagt. Es lohnt sich 211 sich daher der Mühe zu untersuchen, ob dergleichen Verordnungen gegründet und zweckmäßig seyen oder nicht. Denn wäre ersteres, so litte durch die einzelnen Impfungen in diesem Betrachte das Menschenwohl; ist aber letzteres, so werden dergleichen obrigkeitliche Untersagungen bey jeder weisen Regierung aufhören, und also das Wohl der Menschen allein dabey gewinnen. Um diese Untersuchung richtig anzustellen, so fragt es sich Erstens: Kann durch eine gehörig angestellte Inokulation die Pockenkrankheit in einem Orte verbreitet werden? Auf diese Frage kann man mit Nein antworten. Ich nehme den Grund zu dieser Behauptung aus mehreren der bekannten vortreflichsten medizinischen Schriftsteller: diese sind Hensler, Scherf, Panzenbieter, Rahn, Stoll, Wichmann, Hainsius, Tissot, Vogel und andere O 2 mehrere. 212 mehrere. Alle diese beweisen diese Behauptung durch sehr viele triftige Beyspiele. Stoll (der bekanntlich einer der größten Aerzte seiner Zeit, und ein vortreflicher Einimpfer war) sagt: „Niemand habe durch die Inokulation invito tempore eine Epidemie gemacht.“ Man hat auch noch nicht vernommen, daß durch die Inokulationsspitäler in London, Stockholm und in andern Oertern die Ansteckung sich verbreitet hätte. In Wien ist ein solches Beyspiel noch nicht vorgekommen, wo doch seit dem Jahre 1768 ausser den öffentlichen Einimpfungen noch sehr viele private jährlich vorgenommen worden sind. Dergleichen Beyspiele sind auch in Schweden vorgekommen, wo schon seit dreißig und mehrern Jahren im ganzen Reiche sehr zahlreich eingepropft worden ist. Weder hat man ähnliche Nachrichten aus Rußland, diesem unermeßlichen Reiche, erhalten; in welchem doch 213 doch die Kinder jährlich in sehr großer Anzahl inokulirt worden sind. Auch nicht einmal in England, wo seit sehr vielen Jahren eine unzählbare Menge Kinder eingeimpft worden, hat man allgemeine Pockenseuchen, die ihren Ursprung von der Inokulation gehabt hätten, jemals wahrgenommen. Diese Wahrnehmungen werden noch durch folgendes Beyspiel in ihrer Behauptung aufs kräftigste bestärkt. Zu Leeds (einer Stadt in England) wütheten in einem unlängst verflossenen Jahre die Pocken so heftig, daß von 462 natürlich Blatternden 130 starben; wo aber nach zweyen allgemeinen glücklich abgelaufenen Inokulationen von 385 Kinder, die Blatternepidemie, anstatt sich mehr zu verbreiten, innehielt, und seit der Zeit die natürlichen Blattern seltener und minder gefährlich geworden sind. Wir haben auch noch keine sichere Beobachtung, daß jemand in der O 3 214 der freyen Luft angesteckt worden sey. Daher können wir als gewiß annehmen, d von einer Ansteckung und Verbreitung de Pocken ausser denen Häußern, worinnen eingepropft ist, nichts, am allerwenigsten eine gefährliche Epidemie zu befürchten sey. Hiedurch wird auch zugleich jene Einwendung, nach welcher einige wenige chriftsteller der Inokulation zu Last legen wollen, daß in London seit der Einführung derselben mehrere Personen, wie vordem, an den natürlichen Blattern gestorben, und selbige daher der Bevölkerung nachtheilig wäre, widerlegt; welche auch schon Lettsom durch triftige und überzeugende Beweise bestritten und entkräftet hat. Dieser engländische Arzt beweiset erstlich, daß die Inokulation nicht die Ursache sey, warum die Blattern sich mehr in London ausgebreitet hätten, und zweitens giebt er die wahren Ursachen an, wegen welcher so viele an 215 an der gefährlichen Pockenkrankheit daselbst nunmehr sterben. Nordhouck widersetzt sich ebenfalls dieser Einwendung; er schreibt sogar den schnellen Wachsthum und die Vergröserung Londons in den letztern vierzig Jahren hauptsächlich der Inokulation zu. Auch zeigt die zunehmende Volksmenge in den Städten, wo die Inokulation exercirt wird augenscheinlich, daß sie der Bevölkerung der Länder nicht nachtheilig sey. Alle Berechnungen, die bisher in den Landstädten Englands gemacht worden, beweisen die Vermehrung der Einwohner. Liverpool hat in fünf und zwanzig Jahren mehr als doppelt, und gegenwärtig sechsmal so viel Einwohner als zu Anfange dieses Jahrhunderts. Eben so ist es in Manchester und andern Städten. Und überhaupt ist die dermalige Volksmenge in Grosbrittannien und Irrland bey vier Millionen Menschen größer als zur Zeit Carls II.: Eben Q 4 216 Eben so hat die Bevölkerung in allen andern Staaten zugenommen; woraus es also ſicher erhellet, daß die Einpropfung der Blattern der Bevölkerung nicht allein nicht nachtheilig, sondern vielmehr sehr günstig sey. Um auf die vorige Untersuchung wieder zurückzukommen, so fragt es sich Zweitens: Kann man bey Inokulationen der Ansteckung leicht ausweichen? Ein jeder sieht bey dieser Frage aus dem Vorhergehenden leicht ein, daß deren Beantwortung bejahend ausfallen muß. Denn da die Pocken nur durch unmittelbaren Umgang, oder Berührung anstecken, so wird, wenn die Inokulationshäußer an einem schicklichen, von den Wohnungen der Menschen entfernten Orte angelegt werden, und der Zugang der Fremden, so wie das Ausgehen der Inokulirten untersagt bleibt, und die dabey nöthigen Personen sich beym Zutritt 217 tritt zu andern durchlüften lassen, und annebst ihre Kleider wechselen, keine Ausbreitung des Pockengifts so leicht zu befürchten seyn. Das nemliche läßt sich auch von einzelnen Einimpfungen erwarten. Auf die dritte Frage endlich: ob die inokulirten Pocken leicht, oder leichter als die natürlichen anstecken? Antwortet die Erfahrung mit Nein. Die inokulirten Pocken sind durchgängig weniger zahlreich als die natürlichen, und geben folglich auch weniger ausdünſtende Theile von sich, wovon auch weniger Ansteckung zu befürchten ist. Mieg hat in Basel seit 26 Jahren eingeimpft, und nicht ein einziges Kind ist von denen durch ihn inokulirten angesteckt worden. Keine Ansteckungen sind durch die Inokulation in Wien verbreitet worden. Ich habe einige Inokulationen in Häußern verrichtet, wo nicht alle Kinder geblattert hatten, und unO 5 geach⸗ 218 geachtet die Gemeinschaft der Kinder untereinander nicht völlig konnte vermieden werden, so wurde doch von diesen künstlich Blatternden kein andres angesteckt. Zudem kann man mit allem Grunde annehmen, daß, wenn auch eine Epidemie durch die Inokulation entstehen sollte, diese eher nützlich als schädlich seyn würde. Denn durch die Inokulation würden nur gutartige Blattern verbreitet werden, die wenig furchtbar seyn können: wo man bey gewöhnlichen Epidemien das Gegentheil zu befürchten hat. Hierbey muß denn auch noch betrachtet werden, daß die Inokulation nicht schicklich in einer vorhandenen Epidemie könne unternommen werden, daß für selbige der schicklichste Zeitpunkt der ist, wo keine Krankheiten graßiren, und wo Zeit und Umstände passend sind, und den guten Erfolg desto . sicherer versprechen. Die 219 Die Inokulation darf also diesem Gesagten zufolge nicht allein von der Obrigkeit erlaubet werden, sondern zu wünschen wäre, daß sie, da durch selbige die allgemeine Wohlfahrt des Staates erhöhet, und privates Menschenglück gegründet wird, von Obrigkeitswegen unterstützet, und ihre Allgemeinheit befördert würde. 9. . Beschluß. . Dieses ist, was ich über die Inokulation Eltern und Menschenfreunden, welche davon bisher noch schwache, unrichtige, oder mit Vorurtheilen durchwebte Begriffe hegten, zu sagen mir vorgenommen hatte. Zum 1 *) Es wäre zwar noch nothwendig, hier jene schädliche Gewohnheiten, und allgemeine gefährliche Irrthümer, die die Mütter bey ihrer willkührlichen Behandlung der natürlich Pockenden (zu derer größ 220 Zum Schlusse also will ich noch zu mehrerer Aufmunterung und Beruhigung für euch, ihr Eltern! hier anführen, daß ich durch größtem Nachtheile) zu begehen pflegen, zu zeigen; allein dies gehörte nicht in meinen Plan, und verweise hierzu meine Leser auf den zweiten Theil meines gemeinnützigen Handbuchs zur Erhaltung und Wiedererlangung der Gesundheit. Nur muß ich hier allgemein erinnern, daß die Eltern, wenn eins ihrer Kinder von den natürlichen Pocken befallen wird, selbiges nicht nach ihrer eigenen Willkühr und alten Gewohnheit behandeln, sondern sodann alsbald einen geschickten Arzt zu Nathe ziehen mögen. Denn ein glücklicher oder schlimmer Ausgang, ja Leben oder Tod hängt faſt immer von der Behandlung in dem Zeitpunkt des Ausbruchs ab. Wird dieser vernachläßigt, oder die Kinder in diesem schlecht behandelt, (wie es bey der willkührlichen Behandlung der Mütter fast allzeit geschieht) so ist nachgehends alle Hülfe verloren, und man kann dann in schlimmen Pocken keine Hofnung geben. . 221 durch eine genaue Durchlesung der meisten besten Schriftsteller, die über die Inokulation geschrieben, gefunden habe, und mit Zuverläßigkeit versichern kann, daß diejenigen Aerzte, welche die Inokulation empfehlen, selbige aus häufiger Erfahrung und völliger Ueberzeugung von ihrem unschätzbaren Werthe empfehlen, jene aber, die sie verwerfen, wenig und meistens gar keine Erfahrung von selbiger haben; daher auch derer Gegensprüchen und Einwendungen kein Gehör zu geben, noch Glauben beyzumessen ist. Und ich bin überzeugt, daß ein jeder, der nur etwas mit der Inokulation bekannt ist, mit Tissot, so wie ich, sagen werde: „je mehr ich die Einpropfung verrichte, je mehr werde ich von allen Vortheilen derselben, und von der Nichtigkeit der Einwürfe, die die Widersacher derselben dagegen machen, überführt. Sie verbannen wollen, weil sie nicht gänzlich alle Gefahr 222 Gefahr einer sehr grausamen Krankheit hebt, heißt, keinen Verstand haben; und sie verbannen oder verschreyen wollen, weil unvorsichtige oder unwissende Leute sie übel verrichtet haben, heißt, nicht billig seyn, und sich dem Geiste der Partheylichkeit überlassen, der allezeit blind ist, und allezeit Schaden anrichtet.“ Verabsäumt also nicht, ihr Eltern! diese auf Beyspiele und Erfahrung, und tausendfach bestätigte Beweise sich gründende und fest stehende Wahrheit (daß nicht nur vermittelst der Einimpfung die gute Bildung eurer Kinder, sondern auch die Gesundheit und das Leben derselben gesichert ist) zu beherzigen und auszuüben. Ihr müßt euch weiterhin, wenn euch ein Kind nach dem andern von den natürlichen Pocken weggeraft, und die Gesellschaft immer mehr seiner hofnungsvollen Pflanzen beraubt wird, die Schuld hievon selbst beymessen! lasset 223 Lasset diesen harten, Gewissen nagenden Vorwurf nicht länger auf euch; entzieht nicht länger durch eine übel verstandene Mutterliebe euren Kindern die Wohlthat der Inokulation, deren Werth durch die unläugbarsten Thatsachen unzähligemal bewiesen ist; höret die Stimme der Vernunft und der Religion, die es euch zum unverbrüchlichen Gesetze machen, eure Kinder durch die Inokulation für der großen Gefahr der natürlichen Pocken zu schützen: diese werden euch einst zum Lohne für diese Wohlthat den wärmsten Dank abstatten, und euch für die Erhaltung ihres Lebens ewig verbindlich bleiben. Ver Verzeichniß des Inhalts. Seite 3 Vorerinnerung. Erster Abschnitt. Ueber die Inokulation der Pocken überhaupt. Zweyter Abschnitt. Geschichte der natürlichen Pocken. Dritter Abschnitt. Geschichte der Ein35 impfung der Pocken. Vierter Abschnitt. Von den Ursachen, die sich der allgemeinern Aufnahme der Inokulation noch häufig entgegen setzen. 64 Fünfter Abschnitt. Von den Vorurtheilen und Vorwürfen, mit denen die Inokulation hauptsächlich bestritten 81 wird. Sechster Abschnitt. Von der eigentlichen Gutartigkeit der eingeimpften 179 Pocken. Siebenter Abschnitt. Von den Vorzügen der inokulirten Pocken vor den na186 türlichen. Achter Abschnitt. Darf eine allgemeine Einimpfung in einzelnen Städten oder Distrikten von der Regierung er197 laubt werden? Neunter Abschnitt. Ist es erlaubt ausser einer wirklich vorhandenen Pockenepidemie in einem Orte einzuim210 pfen? 219 Beschluß. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .