Original-Lustspiel in vier Aufzügen von Wictor Wurm, 6 . 5 . 0 . « Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Düsseldorf, Druck von Gebr. Tönnc». 1882 . Akte Wechte vorbekcrtten. ÜNI) 51-X07- !)025^i,OO^t -> 45 ^ 3s?3rsLO-1 Wersonen Anastasius Schön lein, Landrath in Thurmhausen. Philippine, seine Frau. Nelly, seine Nichte. Präsident von Hellwing. Jose pH ine, seine Tochter, SchönleinS Pathe. George von Demmer, Nelly's Verlobter. Arthur Siege, Bühnenregisseur. Hugo Flott, Rentierssohn. Brüllkragen, Stadverordneter in Thurmhausen. Schwall, Vorsteher des Vereins „Parsimonia". Schrill, Buchdruckereifactotum. Jacob, Diener bei Schönlein. Ein Telegraphenbote. X.B. Schönlein 65 I. alt, Philippine 60 I., Nelly 18 I., Josephine 20 I., Demmer 24 I.. Arthur 28 I., Flott 20 I. Stadtverordnete. Landesbeamte. Vereinsdcputirte. Dienerschaft re. Thurmhausen: 1876. Erster Art. (Gut möblirtcs Wohnzimmer. Eingang von der Mitte. Vom Zusehcr rechts ein Fenster, links ein Schreibtisch mit Lehnstuhl. Großer Spiegel. Wanduhr. Im Hintergründe Bücherschränke. Kleiderhalter. — Erste Coulisse, rechts und links, Seitcnthüren.) 1. Scene. Philippine. (Air der Mittclthür.) Anastasius! (Sie tritt ein.) Er ist bereits ausgeflogen. — Was mag ihn nur so früh fort- getrieben haben? (Wirft einen Blick auf den Schreibtisch.) Er muß sehr eilig gewesen sein. — Hier eine Schrift, die er wohl aus Versehen liegen gelassen hat. (Liest.) „Die Gemeindevertretung in Thurmhausen, oder die Wölfe im Schafspelze. Eine erbauliche Studie." — Also schon wieder ein Zeitungsartikel! Und was für eine malitiöse Ueberschrift: „Wölfe im Schafspelze", als wenn die Ge- meinderäthe (sieht sich furchtsam um) Wölfe im Schafspelze wären. Da muß ich ihm wieder einmal den Standpunkt klar machen. — Ah, da kommt er schon. (Schiebt das Mannscript in die Tischlade.) 2. Scene. Vorige. Schönlein. Dchönlein. (ohne seine Frau zu bemerken.) Ich MUß Mein Manuskript vergessen haben. (Er sucht es bei den Bücherschränken.) 6 Philippine. - (Süß.) Was sucht denn mein Anastasius? Sthönlein (läßt vor Schreck ein Buch fallen.) (b. S.) Himmel, meine Frau. (Laut.) Beste Philippine, ich habe ein Manuskript vergessen, (b. S.) So nun bekomme ich wieder ein Kapitel über meine in der That harmlose Schriftstellerei zu hören. (Sucht ununterbrochen fort.) Philippine. So, ein Mannscript! Was für eines denn, liebes Männchen? SchSnlein. (b. S.) Sie spricht so süß, daß bedeutet nichts Gutes, (Laut.) Eine Abhandlung über den Coloradokäfer. Philippine. Hm, über den Coloradokäfer, — was Du sagst. Zufällig kenne ich sie aber die Coloradokäfer, die in Deinem Hirn rumoren. — Du willst das Manuskript doch nicht veröffentlichen! Schönlein (gefaßt.) Ei freilich und ich bin stolz darauf. Du bist mir wegen des bischen Scribelns nicht böse? Philippine. Das bin ich in der That. Ich habe Dich doch erst kürzlich gebeten, das Zeitungsschreiben zu unterlassen, weil nur Verdrüßlichkeiten daraus entstehen. Allein, das ist in den Wind gesprochen, denn Du bist und bleibst ein alter Leichtsinn. Deine Marotte als Schriftsteller zu glänzen, treibt Dein Haus in's Verderben. (Sie weint.) Du vergißt Deine Frau, deine Kinder und erst dann bist dn bei diesem Va bÄngim um Nichts: Alles geopfert haben wirst, wird die Reue bei Dir einkehren, aber es wird zu spät sein! 7 Schönlein. Sei so gut und rede Dir nicht auch noch Kinder an den Hals; bin froh, daß wir keine haben. Im klebrigen weiß ich nicht, was Du schon wieder hast. Philippine. Sage mir doch, mein Bester, was Dich die Gemeindeangelegenheiten angehend Schönlein. (Acrgerlich.) Papperlapapp, wer spricht denn von Gemeindeangelegenheiten? Du hast eben eine Aversion gegen jeden literarischen Zug. Philippine. Solche literarische Züge, wie es dein neuester ist, verbiete ich mir im Namen der Familie, deren Zukunft dabei auf dem Spiele steht. Schönlein. (laut.) Aber wir haben ja gar keine Familie. Philippine. Was nicht ist, kann noch werden. Schönlein. (sieht Philippine ungläubig au.) Du sprichst von Zeiten, die vergangen sind. Philippine. Nun, galant fein, ist Deine starke Seite nicht; doch das gehört nicht hierher. Ich spreche davon, daß Du um unser Wohl und Wehe nicht hasardiren sollst. Kein Mensch setzt seine Existenz muthwillig auf's Spiel. Schönlein. Ich, hasardiren? — Ja, in wiefern denit? Etwa gar durch meine Abhandlung über den Coloradokäfer? Ha, ha, ha. 8 Philippine. Quäle mich nicht durch eitle Verstellung und sprich nicht von Käfern, wo von Wölfen die Rede ist. Schönlein. (befühlt Philippinen den Pnls.) Weib, bist Du unwohl, daß Du irre sprichst. Ich verstehe Dich nicht. Philippine. Zurück, Heuchler! Weil Du nicht verstehen willst. Wisse denn, — ich weiß, was Du geschrieben hast. Schönlein. Ich begreife Dich nicht. Wie kannst Du Dich so aufregen, wegen eines gemeinnützigen Aufsatzes, wegen eines simpeln Coloradokäfers. Du hast eben kein Verständniß für die hohen Zwecke der Wissenschaft, Du unterschätzest ihren edlen Beruf, mit einem Worte: Dir fehlt der Glaube. Philippine. An Deinen Unsinn glaube, wer da will. Ich jedoch sage Dir zum letzten Male: Schreibe keine Zeitungsartikel mehr und lasse Andere ihre Interessen allein verfechten, sonst sind wir geschiedene Leute. Schönlein. Andere? — Welche Anderen? — Das verstehe ich wieder nicht. Diesen Kummer kannst Du Dir übrigens leicht ersparen, wenn Du Dich in meine Angelegenheiten nicht mengst. Lluli«!' taostat ln 6eel68in. Philippine. Behalte Deine lateinischen Brocken für Dich und höre meine deutsche Meinung. Zu den Spazierfahrten Deiner Feder kann und will ich nicht schweigen, weil wir sonst Gefahr laufen, daß Du Deine Stelle einbüßest, sobald Dein malitiöser Artikel veröffentlicht wird. 9 Schönlein. Ja von welchem Artikel sprichst Du denn? Philippine. Du scheinst heute schlecht zu hören. Ich sage es bereits zum zweiten Male: Von den Wölfen im Schafspelze. Schönlcin. Aus dem eigenen Pelze könnte man fahren! — Frau Du wirst immer unklarer. Philippine. Ich möchte nur wissen, wer Dich diese ausgesuchte Verstellungsknnst gelehrt hat, welche mich um den Verstand bringen kann. Schönlein. (nimmt seinen Hut.) So, da will ich lieber gehen, (will fort.) Philippine. (zieht ihn bciin Rockschößel zurück.) Halt, halt, feil, hier geblieben. Schönlein. Aber Philippine! — (Es gleitet ein Mannscript ans seiner Tasche.) Philippine. Was ist denn das Meder für ein Papier? Schönlein. (hebt das besagte Papier schnell auf.) Ah!! Meine Abhandlung über den Coloradokäfer! (Er stürzt damit fort.) 3. Scene. Philippine. (allein.) (ihm nachrnfcnd.) Anastasius! Anastasius! — Fort ist er. Seine Abhandlung über den Coloradokäfer und ich fand 10 doch das Concept über die Gemeindewölfe auf dem Schreibtische; er hat somit die R einschrift in der Tasche. Hier liegt die Schale und er hat den .Lern. Wenn der ominöse Aufsatz gedruckt wird, sind wir verloren. O diese Coloradokäfer im Schafspelze! (ab.) 4. Scene. Nelly. (mit einer Handarbeit.) Ich möchte nur wissen, was Tante Philippinc begegnet ist. Wir haben doch heute erst Donnerstag; sonst schilt und lärmt sie nur alle Sonnabend. (Sie setzt sich.) „Nelly" ries sie mir eben zu „Du hast einen Rabenonkel, wir sind verloren!" Das verstehe, wer kann! 5. Scene. Borigc. Schrill, (pocht an.) Nelly. Herein! Schrill. (durch die Mitte.) Womit ich die Ehre habe ganz ergebenst guten Tag zu wünschen, denn es ist meiiil^Pflicht. Der Herr Landrath sind wohl nicht zu Hause gnädiges Fräulein, wenn ich Sie so nennen darf, Mamselle. Nelly. (lacht.) O, Sie dürfen mich immerhin so nennen. Doch was wünschen Sie? Schrill. Mit Respect zu melden, ich bin das llaetotnm in der Stempfelschen Buchdruckerei und komme zu dein Herrn 11 Landrath um das bewußte Manuscript; denn es ist meine Pflicht, könnten Sie mir dasselbe nicht mitgeben, Fräulein. Sie wissen wohl warum? Nelly. Ich? -- Wie kommen Sie zu dieser Vermuthung? Schrill. I du liebe Welt! — Nnnim mrrnum lnvnt. Eine Hand wäscht die andere. Sie sehen eben so ganz anders aus, wie die sonstigen supernumerären Frauenzimmer, — so, so, — geistreich; Sie haben so etwas Extraordinäres an sich. Nelly. (lacht.) Schrill. Ja, das sieht man auf den ersten Blick. Nelly. Hat es denn solche Eile mitdem bewußten Manuscript? Schrill. Ei natürlich, (juisgus sibi xi-vxiinus. Jeder ist sich selbst der Nächste. Wir lauern bereits darauf und es ist ineine Pflicht — Nelly. Was für ein Manuscript wünschen Sie denn eigentlich? (Sie geht an Schönleins Schreibtisch.) Es liegen hier verschiedene Papiere und ich weiß nicht.... Schrill. (Hilst Nelly suchen.) Es wird jedenfalls bereit gelegt sein. Ich kenne den stlvnnm titnlnm des bewußten Manuskriptes zwar nicht, indessen, etwas Thierisches hat es an sich. Nelly. (findet das Manuscript im Tische.) (liest.) „Die Gemeindevertretung in Thurmhausen oder: die Wölfe im Schafspelze". — 12 Schrill. Ja, ja, das wird es wahrscheinlich sei». lmplm in kadula. Nelly. Wollen Sie demnach diesen Artikel mitnehmen? Schrill. Zu dienen, schöne Undine, denn es ist meine Pflicht. Nelly. Hier ist er. Schrill. Darf ich submissest fragen, ob ein Correcturabzug davon gewünscht wird? Nelly. Das weis; ich nicht. Schrill. Ohne Sorge, ohne Sorge, was gemacht werden kann, wird gemacht; auch ohne den Herrn Landrath. - Doch jetzt küsse ich die Hände, gnädiges Fräulein, denn es ist meine Pflicht. Ich eile sofort im Sturmschritte nach der Buchdruckerci, damit der Artikel sogleich populär gemacht werde, denn es ist meine Pflicht! (ab durch die Mitte.) 6. Scene. Nelly. (allein. Ich weiß im Grunde nicht, wie ich dazu kam, diesem pflichtbewußten Buchdruckercifactotum das bewußte, mir sehr unbewußte Manuscript mitzugeben? (Nimmt wieder ihre Arbeit auf.) Ob ich ihm auch das richtige gegeben? Ob ich damit nur keinen Unsinn begangen habe? Es will mir fast so scheinen. Das war etwas voreilig von mir und es 13 wird besser sein ich schweige darüber fein still, bis sich die Sache von selber aufklärt. (Legt den Finger auf den Mund.) Somit bst, bst! 7. Scene. Vorige. Schönlein. Guten Morgen, Naseweischen! (läßt sich erschöpft nieder.) Neu». (begrüßt ihn.) Guten Morgen Onkelchen. Du bist bereits fleißig gewesen, warst schon außer Hause? Schönlein. O ich war heute allerdings sehr früh auf den Beinen. Hatte viel zu thun. (herzählend.) Zwei Untersuchungen über die Verheerungen des Coloradokäfers, drei kurze Besprechungen darüber und eine lange; ein Besuch in der Baumschule, ein Weg zu kranken Arbeitern und endlich ein wichtiger Gang nach der Buchdruckerei. Dort werde ich zu meinem nicht geringen Aerger gewahr, daß ich ein Manuscript, eine gemeinnützige Abhandlung über den Coloradokäfer, zu Hause vergessen habe. Ich eile hierher, suche und suche; endlich gleitet das Manuscript aus meiner Tasche, ich ergreife es, stürze neuerdings zum Buchdrucker, überliefere es der schwarzen Macht, und — da bin ich wieder. (Er wischt sich den Schweiß von der Stirne.) Nell,,. Ich bewundere Dich Onkelchen, das machen Dir gewiß wenig junge Herren nach. Schönlein. (geschmeichelt.) Meinst Du? — Ja, unsere moderne Jugend steht auf schwachen Füßen. Uebrigens ich nicht 14 — minder; aber der Wille macht stark. Dabei war es mir sehr darum zu thun, daß diese Abhandlung über den Coloradokäfer schleunigst gedruckt wird. Nelly. Sage mir doch Onkelchen, was ist denn das für ein Wunderthier, der Coloradokäfer. Ich habe gestern George gefragt, doch er wußte es nicht; er kennt nur Sportkäfer. Schönlein. (rückt an Nelly's Seite.) (dozirend.) Der Coloradokäfer Dor^pdoru ckoeim Untzg-tu, ist eine Erscheinung, welche uns Landwirte im höchsten Grade beunruhigt. Er kommt aus Colorado, einem Staate Amerikas und schreibt sich bei uns schlechtweg: Kartoffelkäfer, jedoch ohne Aenderung des Charakters, denn sein Verhältniß zum Landwirt kommt überall auf Eins heraus: Der Landwirt baut die Kartoffel, und der Coloradokäfer — verspeist sie. Wenn wir nun sämmtliche Umstände erwähnen, welche im Allgemeinen und insbesondere — (Nimmt eine Priese.) Nelly. (b. S.) O weh, eine gelehrte Abhandlung, die recht langweilig zu werden droht! (Laut.) Entschuldige Onkelchen, ich wollte Dich nur aufmerksam machen, daß jeden Augenblick Tante hier eintreten kann, und Du weißt ja wie sie auf Deine literarischen Excursionen zu sprechen ist. Schönlein. (springt erschrocken auf.) Du hast Recht, Naseweischen. Daran habe ich gar nicht gedacht. Nelly. (neckend.) Du denkst Wohl nur ausnahmsweise an Tante, Onkelchen. 15 Schönlein. (mit dem Finger drohend.) Naseweischen, Naseweischen! — O was hat mich Philippine heute wieder gequält, weil ich den kleinen Aufsatz über den Coloradokäfer geschrieben habe (vertraulich) von dem ich mir, — im Bertrauen gesprochen — von Seite der hohen Regierung Dank und Auszeichnung verspreche. Philippine sprach mir übrigens diesen Morgen so wirres Zeug vor, daß ich annehmen muß, sie habe verflossene Nacht den Verstand verloren. Nelly. (die inzwischen an's Fenster getreten.) Sieh' nur Onkel, welche Menschenmenge unter nnserm Fenster. (Aergerlich.) Was mag das bedeuten? Schönlein. Habe keine Furcht Nelly. Die Aufklärung — und keine schlimme - wird wohl nicht lange auf sich warten lassen. 8. Scene. Vorige. De mm er. Guten Tag, meine Theueren! (Küßt Nelly die Hand.) Sagen Sie doch Herr Landrath, was geht denn da unten vor? Ich stieß auf eine mannsdichte Deputation und wurde im engsten Sinne des Wortes heraufgeschoben. Sie scheinen der Gefeierte und die Häupter der eisernen Phalanx dürften jede Minute vor den Augen Ihres Thrones erscheinen. Schönlein. Nur keinen Spott, launiger Adonis. 1V. Scene. Vorige. Philippine. Philippine. (stürzt in das Zimmer, mit einem Kochlöffel agirend.) Schönlein! (Sieht Demmer, den sie begrüßt.) Guten Tag, Herr George! (zn Schönlein.) Was ist denn das da unten 16 wieder für eine neue Geschichte? — Dieser Menschentroß vor unserm Hause. Arbeiter über Arbeiter. Mann, Du bist ein verkappter Sozialdemokrat! O ich unglückliche Frau. — Sprich, Verblendeter, sollst Du an ihrer Spitze das Gemeindehaus stürmen? Schönlei». (der nicht zu Worte kommen konnte.) (lacht.) Das Gemeindehaus stürmen? — Frau Du sprichst im Fieber. — Was sollte es bedeuten? Eine Deputation, die mich aufsucht, weiter nichts. Philippine. (händeringend.) So, eine Deputation, weiter nichts, und (sicht durch's Fenster.) von der Sorte. O du meine Güte, was werde ich noch erleben müssen! (ab.) 10. Scene. Vorige, ohne Philippine. Deminer. (Drückt Schönlein die Hand.) Mein stilles Veileid, liebster Schwiegerpapa in Ihre Philippine läßt an Philippika nichts zu wünschen übrig. Schönlein. Auch Ihre Zeit wird kommen, Sterblicher, denn Nase- weischen hat nicht minder ebensals ihr Zünglein am Platze. Wollen's abwarten. Demrner. (Nelly den Arm bietend.) Fräulein Naseweischen! Nelly. Herr Vorlaut! (Beide ab.) 11. Scene. Schönlein. (man pocht; geht an die Thüre.) Bitte! Schwall. (begleitet von vier Deputaten mit einer Rolle in der Hand.) Hochverehrter Herr Landrath! Ich bin der Thimoteus, Chrisostomns, Pericles Schwall. (Er drückt Schönlem jovial die Hand.) Doch wozu die Vorstellungen unter allen Bekannten. Ich war vor kaum dreißig Jahren wohl bestallter Amtsdiener in Wellmstadt, wo Sie damals als Gerichtsbesessener fungirten. Ja, wir Beide haben zusammen manchen Actenstaub hinuntergeschluckt. Sie kennen mich doch noch, wackerer Herr Amtsbruder? (Er klopft Schönlein vertraulich auf die Schulter.) Schönlein. (gutmüthig lächelnd.) Ei gewiß, doch was führt die Herren zu mir? Schwall. Gekommen sind wir, gnädigster Herr Landrath, weil wir gekommen sind, um Ihnen im Namen des Arbeitersparvereins „Larmmouis," kurz und einfach einen vierfachen Begriff von unserer vielfachen Ergebenheit und Dankbarkeit zu geben. Sie sind der humaniorste Mann zehn Meilen in der Runde, Sie sind eine Perle, die gefaßt sein will, Sie sind ein dlou Ms ultra der Gegenwart und Zukunft für alle Folge und Vergangenheit. Der Verein ernennt Sie hiermit in Anbetracht Ihres stantepeden unterstützenden Wirkens: zum Ehrenmitgliede! (überreicht das Diplom.) Schönlein. Wen« ich etwas für die Ihrigen gethan habe, so that ich es vom Herzen gern, weil ich bereitwillig helfe, wo 18 es Noth thut. Ihre Auszeichnung freut und ehrt mich zugleich, und ich nehme dieselbe dankend an. Sie sollen mich bald in Ihren Sitzungen sehen. Alles Gedeihen! Schwall und die Dcputirtcn. Herr Landrath Schönlein lebe hoch! (ab.) 12. Scene. Schönlein. (allein.) Das ist nun der dreiunddreißigste Humanitätsverein, dessen Ehrenmitglied ich geworden bin. Derlei Ehren und Würden werden mir dutzendweise in's Haus gebracht, aber auch nur eine geziemende Anerkennung für meine profunden landwirthschaftlichen Abhandlungen (er sieht auf sein Knopfloch) ist mir noch immer nicht zu Theil geworden. Diesmal hoffe ich jedoch den Nagel auf den.Kops getroffen zu haben. Der Coloradokäfer wird schon seine Schuldigkeit thllN. (Markirt die Ausfüllung des Knopfloches durch einen Orden.) 13. Scene. Voriger. Schrill, (pocht an.) Schönlein. Immer weiter. Schrill. Ganz ergebenster Diener, Herr Landrath, (überreicht drei meterlange Papierstreifen.) Ich bringe die Eürrectur, denn es ist meine Pflicht. Schönlein. Schon gut. Ich will sie gleich lesen. Schrill. Viel Vergnügen dazu, denn es ist meine Pflicht, (ab.) 19 Schüttlern. (setzt sich an den Schreibtisch.) Das ist ja ein wahres Druckfehlermagazin. — Sapperlot, den Mann hätte ich ja prächtig wegen der „Gemeinde im Schafspelze" befragen können, der müßte doch wissen, ob faktisch ein solches Manuscript ... (er eilt an die Thür, kehrt, jedoch wieder zurück.) Uebrigens geht mich jener Artikel gar nichts an. lieber Wölfe schreibe ich doch nicht. (Setzt sich wieder an die Arbeit.) Ob ich denn endlich an meine Arbeit komme! (corrigirt.) „Der Ovlorackskäfer". Ei, warum nicht lieber: Chocoladekäfer. — Ich schrieb auch nicht Kro- taffel, sondern: Kartoffel. (Verbessert.) O Jünger Gutten- bergs! 14. Scene. Voriger. Nelly. Josephine (oon der Reise.) Josephinc. Grüß' Gott, bester Herr Pathe! Schöttleitt. (bleibt sitzen.) (reicht ihr die Hand.) Willkommen Kartoffelchen. Du entschuldigst mich. Ich bin sehr beschäftigt, (liest.) „Um dies zu beweisen muß ich auf America zurückkommen". Josephine. Auf America? — (Verwundert zu Nelly.) Was ist denn dem Pathen? Schöttleitt. (zu Nelly, welche über seine Schulter sieht.) Störe mich nicht. Du sollst das Alles sehr bald in der Zeitung lesen. Nelly. (zu Joscphine.) Mache Dir's vorerst nur bequem. — So! — (halblaut.) Ich will Dir Onkels sonderbares Benehmen sogleich erklären. — 20 Die vollen acht Tage über, die Du verreist gewesen, beschäftigt sich Onkel nur mit dem Coloradokäfer, über welchen er eben, wie Du sahst, eine ellenlange Abhandlung geschrieben hat. Josephine. lieber den Coroladokäfer? Schönlein. Coloradokäfer, mein Kind, Co—-lo—ra—dokäfer. Nelly. Wir stören Dich wohl Onkelchen? Schönlein. Nicht im Geringsten. Verschwärze nur Deinen Oheim Naseweischen, die Neue bleibt nicht aus. — Ich bin übrigens mit der Correctur hier gleich fertig. Nellh. (zu Joscphiue.) Seit Onkel die Bekanntschaft des Coloradokäfers gemacht hat, interessirt er sich natürlich nicht minder für die Kartoffel, denn der Coloradokäfer ist ein Kartoffelfreund, wie es keinen Zweiten giebt. In unserer guten Stube wirst Du einen „bestürzten" Coloradokäfer und drei „bestürzte" Kartoffel finden. Josephine. Einen bestürzten Coloradokäfer, drei bestürzte Kartoffel?? Wie verstehe ich das? Nellh. Ich wollte sagen: Einen Coloradokäfer und drei Kartoffel unter einem Glassturz. Josephine. (lachend.) Nun verstehe ich. 21 Nell»». Tausende von Kartoffeln, welche Onkel mit bewaffnetem Auge untersucht hat, wurden sodann von ihm der Küche überantwortet und er forderte: Tante soll Tag für Tag Kartoffel bereiten, Kartoffelsuppe, Rindfleisch garnirt mit Kartoffeln, Braten mit Kartoffelsalat, Wild mit Bratkartoffeln, Kartoffelpudding, Kartoffelgefrorenes; kurz: eine Göttermahlzeit für Coloradokäfer! Schönlei»». (liest.) „Aus dem Rücken trägt der Coloradokäfer zehn Linnen". (Kaut au der Feder uachsinnend.) Zehn Linnen? — Das kann nicht sein. Ah, zehn Linien, so lasse ich's gelten. Nellh. Nun komme liebe Josephine und erzähle mir — aber aufrichtig — wie es Dir in der Hauptstadt gefallen hat und was Du dort erlebt hast. (Beide ab.) 15. Scene. Schönlei»». (allein.) Da»»,» Philippine. Diener Jacob. Fertig! Jetzt werde ich meiner Frau beweisen, daß ich keine Gemeindegeschichte geschrieben habe, jetzt werde ich sic gründlich all g-dsuräum führen, (ruft iu die Thüre, links vom Zuscher.) Philippine! Philippinchen! Philippine. (mit einer Schüssel roher Kartoffel.) Was willst Du denn, Du weißt doch, daß ich in der Küche beschäftigt bin. Schönlei». (ernst.) Hier, setze Dich! Philippine. Du siehst doch, daß ich . . . 22 Schönlein. (gebieterisch.) Setze Dich! Philippine. (Setzt sich nieder, die Schüssel i» der Hand. Schönlcin wirft ab und zu einen prüfenden Blick auf die Kartoffel, wobei Philippiue jedesmal erschrocken zurückfährt.) Schönlein. Wir sind jetzt zwanzig Jahre, sieben Monate nnd — so und so viel Tage verheirathet, aber seit unserm Beisammensein bist Du mir noch nie so sonderbar vorgekommen, Philippine, wie diesen Morgen. Philippine. Ich weiß nicht, was Du gegen mich hast. Schönlein. Ich weiß nicht, was Du gegen mich hast. Kurz und gut: Frau sage mir, was heute Deine wahnwitzigen Reden haben bedeuten sollen? Philippine. (setzt den Teller fort.) Mann! Ich rede nie irre. Wir Frauen sind unfehlbar. Wo kämet ihr Männer Hin, wenn wir euch nicht regierten! Schönlein. Du weißt, daß ich einen Artikel über den Coloradokäfer geschrieben, welcher jetzt in der Zeitung erscheint. Philippine. Eitel Lüge. — Ueber die Gemeinderöcke im Schafspelze hast Du Dir Auslassungen erlaubt und das wollte ich verhindern. Du hast dabei zwar Deinen Namen nicht unterzeichnet, aber der Buchdrucker setzt unter jeden Artikel, der von Deinem Schreibtische kommt, selbstverständlich groß und breit: „Landrath Schönlein". 23 Schönlein. Weib des Verhängnisses! Wenn ich Dir schon zum Aten Male sage, daß ich keinen Artikel über unsere Schafspelze im Gemeinderocke geschrieben habe und nie schreiben werde, warum quälst Du mich! (Zeigt ihr die Correctur.) Hier die Correctur, welche ich soeben für die Buchdruckerei vorbereitet habe. Buchstabiere doch: Co—lo—ra—do—kä—fer. Nun also. Willst Du mich fortan in Ruhe lassend Philippine. Nein Heuchler. Alles pure Spiegelfechterei. (Geht an den Schreibtisch; hastig eine Lade nach der andern öffnend.) Hier — nein hier — ja doch, hier, — ja wo ist denn das Mannscript nur hingekommend (Mit einem bösen Blick auf Schönlein.) O Du Schlaufuchs, Dtt hast es fortgenommen. Schönlein. Was denn? Philippine. Das Concept von ,dem Artikel. Schönlein. lieber den Coloradokäfer? Philippine. (bitterböse.) Nein! über die Gemeindekäser! — Ich weiß bald nicht mehr was ich rede. Mir schwindelt. Schönlein. (b. S.) Sie bekommt schon wieder ihren Paroxismus. (klingelt.) Philippine. (Erschrocken.) Was klingelst Du denn, Anastasius? Jacob. Der Herr Landrath befehlen? Schönlein. (gicbt ihm die Correctur.) Dies eilends in die Buchdruckern, und für meine Frau ein Glas Wasser. Philippine. Das Wasser schenke ich Dir Jacob. Hörst Du. Jacob. Schönsten Dank, Madame, (ab.) Schönlein. (b. S.) Ich muß mm wieder gute Saiten aufziehen. (laut.) Du siehst also, mein Philippinchen, wie Du Dich getäuscht hast. Philippine. (den Teller ausnehmend.) Ich habe mich durchaus nicht getäuscht. Was ich mit diesen meinen eigenen Augen sehe, lasse ich mir nicht abstreiten. Mache Du Andern ein X für ein U vor. Wir werden es ja sehen bis die Zeitung erscheint. (WM in die Küche.) Schönlein. Halt unglückseliges Weib, (führt sie vor.) Her mit den Kartoffeln. (Untersucht eine Kartoffel nach der andern und wirft sie dann Stück für Stück zum Fenster hinaus, bis er endlich mit der leeren Schüssel dasteht.) Angebohrt — angesressen — angcstochen — Made Larve — ganze Familie — Männchen — Weibchen — Weibchen — Männchen — Großvater — Urgroßvater — Philippine. Dir ist wohl ein Coloradokäfer in's Hirn gestiegen! (zieht sich, ohne daß es Schönlein bemerkt, eilends zurück.) 25 Schönlein. Besser im Vopfe als im Magen. — Willst Du uns denn Alle in's Verderben stürzen, unvorsichtige Hausfrau! Ist das der Lohn meiner entomologischeu Erörterungen über den Coloradokäfer und seine Verheerungen. Geh' pflichtvergessene Gattin, (will ihr die Schüssel geben. Wendet sich um.) Die Schuldbewußte hat das Hasenpannier ergriffen, aber ich lasse auf diese Schüssel einen colossalen Coloradokäfer malen, — zum Sprechen getroffen muß er sein — und stelle ihn hin in die Küche zum ewigen Gedächtniß an diesen coloradokäferstrotzenden Leichtsinn! (ab.) Der Vorhang fällt. Ende des ersten Actes. Znmtkr Act. 1. Scme. Demnrer. (eintretcnd.) Niemand hier? (sieht sich im Spiegel.) Ah, millo pai'äon, ich bin ja hier. Nein, bin ich pünktlich!). Der Erste am Platze; dafür wird mich Nelly loben, das neckische Mädchen. Welcher jungen Dame sollte es auch schwer fallen mich zu loben? (Er mustert sich im Spiegel.) Ich bin von bestechendem Aeußeren, stellenweise geistreich, von feiner Toruüre, liebenswürdig bis zum Exceß, und Herr eines respektablen Vermögens. Dabei bin ich General-Secretär beim „Sport", Preisrichter bei der Regatta, Hauptcicerone beim Schlittschuhlauf-Verein, und debütire als Strohmann bei allen 26 Wahlen. Ich besitze somit im modernen Sinn eine ganze Reihe von glänzenden Stellungen und Nelly weis; das gewiß zu schätzen! Wo sie nur bleibt?! —Hier im Hanse bin ich wohl gelitten. Schwiegermama und Schwiegerpapa in spa sind mir natürlich sehr gewogen, aber im Grunde ist es recht schade, daß ich schon heirathe. Ich bin noch so jung und mein ganzes Wesen wiederspricht eigentlich dem Ernst der Sache. Wenn ich mich so ansehe, dieses Air, diese Bewegung und vollends meine beispiellose Unwiderstehlichkeit auf dem Felde der Liebe. — Ob wohl Nelly schon einmal geliebt hat? — Anlagen hat sie dazu, Anlagen har sie. Ihr sprudelnder Humor entzückt Ihr schelmisch Auge es bestrickt. Sapperment, da komme ich gar an's Versemachen; — das kommt davon wenn man verliebt und geistreich ist! 2. Scene. Voriger. Nelly. Demmer. Prinzregentin meines Herzens, empfangen Sie meinen schönsten Gruß. (Küßt ihr die Hand.) Nelly. Sie sind schon hier! — Noch nicht dagewesen. Demmer. O, die Liebe beflügelt meine Schritte. Nelly. Sie sind beflügelt. Ei, lassen Sie doch sehen. Amor oder Mercur? Demmer. Verfügte ich über ein so zierliches Füßchen wie Sie, dann Mercur, doch so . . . — 27 Nelly. O ich habe deren zwei; doch Sie erwarteten wohl ein Complimcnt. Wird nichts daraus. Demmer. O bitte, bitte, ich bin kein Tyrann. Bringe» Sie es immerhin ein andermal an, aber vergessen Sie nicht daranf. Nell»,. Wie Sie befehlen. Deinrner. Wie befindet sich Ihre gnädige Frau Tante? Nell»,. Sie ist trostlos. Denrmer. Worüber denn? Nelly. Ach, ich verstehe so wenig davon. Sie kränkt sich darüber, daß Onkel schon wieder einen Artikel geschrieben hat. Jetzt bitte ich Sie, ist es denn gar so ungeheuerlich einen Artikel zu schreiben? — Wenn ich die Feder führte, ich würde täglich zehn Artikel schreiben. Demrncr. Was Sie sagen Fräulein. Nelly. Ohne Ausnahme Kriegsartikel zur Bändigung der Männer! Demrrier. Vielleicht auch eine niedliche Anleitung zum Augen- auskratzen? 28 Nelly. Das kommt darauf an. Demmer. O ich würde auch Artikel schreiben und diese sollten heißen: „Drei Artikel für das Leben in der Ehe". Nelly. Entschuldigen Sie, davon haben Sie noch keinen Begriff. Sie wußten jüngst nicht einmal was ein Coloradokäfer sei. Demmer. Mit einer Coloradokäferfamilie habe ich allerdings noch keine Bekanntschaft gemacht, aber über die Ehe — o über der Ehe — da könnte ich wohl ein Buch schreiben. Nelly. Fehlgeschossen. Dergleichen kann nur derjenige schreiben, welcher zwei bis drei Jahre das Joch Hymens getragen hat. Inzwischen legt man ein Kapitel zu dem andern und schließlich wird ein Ehestandsbrevier daraus. Demmer. Dann werde ich wohl nie fertig damit, denn Sie werden namentlich mit den gewissen Predigten keineswegs kargen. Nelly. Grund dazu wird zur Genüge vorhanden sein. Doch lassen Sie nun Ihre Artikel hören. Demmer. Wohlan. Artikel I.: Absolute Unterwürfigkeit der Frau und blinden Gehorsam. Nelly. Artikel I. (Mit Beziehung) Ewige Treue des Gatten, sonst. . . Demmer. Entschuldigen Sie, wer controllirt denn da? Nelly. Ei Kurzsichtiger: die Ewigkeit. — Weiter. Demmer. Artikel II. Endlose Liebe. Nelly. Entschuldigen Sie, wer controllirt denn da? Demmer. (klatscht in die Hände.) Abgeblitzt. O die Liebe, mein Fräulein, controllirt sich selbst. Nelly. Wissen Sie denn nicht, daß die Liebe blind ist. Demmer. (Mit Beziehung) Pure Täuschung. Im Gegentheil, sie sieht mit Argusaugen. Nelly. Ist das Erfahrung? Demmer. Sprechen wir von etwas Anderem. Nelly. Ah, Sie streichen die Segel. Gut, ich will gnädig sein, für heute genug von den Artikeln. Demmer. (feierlich, mit hohler Stimme.) Nun eine Gewissensfrage! Nelly. Fragen Sie zu, doch warum im Tone der spanischen Inquisition. Das soll wohl einen kleinen Vorgeschmack des Nachkommenden geben. - 30 - Demmer. (fuhrt Nelly vor) Sind Sie bereit mir am 27. dieses 5 Uhr Nachmittags, in Gegenwart von Vettern, Muhmen, Basen, Zeugen und Stadtwächtern zum Altar zu folgen? Nelly. Warum dieser Ernst? Demmer. Ja halten Sie das für einen bloßen Scherz? Nelly. Nicht doch, denn ich kenne Sie und fürchte in Ihnen nun gar einen Blaubart ineoAiiito. Demmer. O wie vortrefflich Sie mich kennen Nellchen. (umarmt sie., Ach, wenn wir doch schon ein Paar wären! Nelly. In den Sternen steht's geschrieben Demmer. „Selbst das Lieben muß man üben". Nelly. Haben Sie das auch noch nothwendig? Demmer. Sie sind und bleiben eine Spötterin. Nelly. Und Sie ein loser Schmetterling. O ich habe wieder Dinge gehört, Dinge!! . . . Demmer. (ängstlich und schnell.) Bleiben wir bei dem Schmetterling. Ja, Nellchen, Sie haben Recht. Ein Schmetterling bin ich, den Ihr Zaubernetz gefangen hält und der so 31 lange in diese beiden Sonnen, Ihre holdseligen Aeuglein geguckt, bis er sich die Flügel verbrannte. Nelly. Ah, darum lassen Sie so oft die Flügel hängen. Demmer. Sie sind etwas kürzer geworden, Silbenstecherin, aber das schadet nichts. Nelly. Hören Sie, damit den armen Flügelein nicht wieder einmal ein Malheur zustoße, wollen wir sie lieber unterbinden. Demmer. Mit dieser Vorsicht hat es Zeit. Nach der Hochzeit bitte, nach der Hochzeit. Nelly. (feierlich.) Es sei. Also am 27. dieses, in Gegenwart von Vettern, Muhmen, Basen, Zeugen und Stadtwächtern — Demmer. Neichen Sie mir diese kleine, niedliche Hand für's Leben und machen mich zum Glücklichsten unter der Sonne. Nelly. Wie neu! — ^ propos, was sagen Sie zu Josephine? Diese Veränderung. Früher war sie stets so unzugänglich, so einsilbig, jetzt ist sie gesellig und gesprächig, kurz, das liebenswürdigste Geschöpf. Demmer. Dies bewirkte jedenfalls der Besuch der Hauptstadt; sollte sie da nicht zarten Regungen begegnet sein? 32 Nelly. Wie es scheint denselben, welcher auch unsere Tage vergoldet. — Da kommt Josephine, wir wollen sie fragen. Deinrner. Ich will nicht stören, Neugier ist meine Sache nicht, auf Wiedersehen, Nelly. (Küßt Nelly die Hand.) Nelly. Aus Wiedersehen! und nichts für ungut, Sie kennen doch Ihre Nelly. Demmer. (mit Kußhand.) Ob ich Sie kenne, den kleinen Schalk! (ab.) 3. Scene. Nelly. (allein.) Gemüthvoll und drollig, das ist er immer. Leichtsinnig und doch nicht ohne Karakter. An Galanterie ist er ein Unicnm und das Handküssen — (bethenernd) sagt Tante — hat er so weg, daß es ihm auch keiner nachthut. 4. Scene. Vorige. Josephine. Josephine. Da bin ich Nelly, Du hast wohl bereits gewartet? Nelly. Nicht doch. Wo warst Du denn? Josephine. Ich habe die Briefe zur Post gebracht, dann besorgte ich einige Einkäufe, und hier hast Du mich wieder! Nelly. Du kommst eben recht. Eine Gewissensfrage! 33 Josephine. Ich erstarre. Du scheinst schon wieder schlimm werden zu wollen, Nelly! Nelly. Insofern als ich geradeaus auf mein Ziel losftcuere. Sieh mir in die Augen! Herr Arthur Siege hat Dir gefallen. Josephine. Da machst mich erröthen und doch kann ich nicht leugnen, daß Herr Siege mich entschieden interessirt. Im klebrigen kenne ich ihn nur in seinem Wirken als Künstler. Außerdem hatte ich selten Gelegenheit mit ihm zu sprechen und zwar nur im Beisein meines Vaters, welcher ihn sehr hoch schätzt. Relly. Und Siege gefällt Dir auch außerhalb der Bühne, nicht wahr? Josephine. Gewiß. Er ist der Mann, wie ich ihn mir geträumt. Wenn er spricht, erglänzt sein schönes Auge in ungewöhnlichem Feuer und seiner Rede fesselnde Gewalt nimmt Herz und Sinne gefangen, so daß — Relly. Man sich auf Gnade und Ungnade ergeben muß. — Ich dachte mir das. So ist's recht, so gefällst Du mir Josephinchen, ich gratulire. Josephine. Du träumest, Nelly; auch wäre es gewissenlos von mir, ihn der Kunst zu entfremden, zu deren eifrigsten Jüngern er zählt. Nelly. (lächelnd.) Eine gewissenhafte Liebe! — Das findet sich Josephinchen. — Saht Ihr Euch häufig? 34 Josephine. Herr Siege besuchte den Vater einige Male. Dieser Umstand zog mich heran, weil Papa sonst Niemand vom Theater empfängt. Herr Siege hatte eben gute Empfehlungen und damit hat es seine Bewandtniß. Nelly. Eine Bewandtnis;? — Setze Dich doch und las; hören, was das für eine Bewandtniß ist? Ich will Dir gerne Audienz geben und Dir meinen Rath nicht versagen. O, ich habe Erfahrung, denn ich werde schon in wenigen Tagen Frau. Josephine. (vertraulich). Höre denn! Siege ist nicht sein wirklicher, sondern nur ein angenommener, ein Theatername. Der Künstler ist der Sohn des verstorbenen Justizrathes von Wellenkamp, welcher zu den besten Freunden meines Vaters zählte, und hat Vermögen. Nellh. Und ich sage Dir, daß Herr Siege ein intimer Freund meines George ist. Sie stndirten eine Zeit über zusammen in Leipzig, wo Herr Siege Rechtscandidat war. Joscphine. Ei, das trifft sich ja prächtig. 5. Seene. Vorige. Philippine. Philippine. (ruft iu die Thür.) Mädchen zu Tische, (ab.) Nellh. Wir kommen schon. Schönlein, (tritt unbemerkt ein.) 35 Josephine. Nelly, Du vertrauest keiner Seele, was wir eben gesprochen. Huldige Du dem Ideal, welcher Du in Deinem Herzen einen Altar errichtet hast, ich will dem Meinigen huldigen und Beide wollen wir einer rosigen Zukunft vertrauen! (gehen ab.) 6. Scene. Lchönlein. (allein.) (Das Schwärmerische Josephincns imitirend.) Altar — Herzen — Kerzen — Schmerzen — rosige Zukunft. Ich kenne das. Mir scheint — mir scheint, mein Pathchen hat in der Hauptstadt einen Coloradokäfer gefunden, (ab.) VerwalMmg. Elegantes, behaglich eingerichtetes Junggesellenzimmer mit allem Comfort. In der Mitte ein kleiner Tisch mit Thcegeschirr. Unweit davon ein Tischchen mit Theebrett und Theemaschine. Die ersten Cou- lissen links vom Zuseher eine kleine Garnitur. Auf dem Tischchen davor ein Spiel>verk (Spiel-Chatulle) und Albums. An den ersten Coulissen rechts vom Zuseher ein Secretair nebst Stockuhr darauf. Rauchtischchen mit Cigarren. Im Hintergründe: Ein Ruhebett, ein Kleiderhalter rc. 7. Scene. Demmer. (eintretend mit einem Päckchen in der Hand, welches er auf den Salontisch hinlegt. Da bin ich. Rasch bequem gemacht. (Zieht seinen Schlafrock an.) Monsieur Flott wird sich zum üblichen Plauderstündchen bald einfinden. (Holt Thee, Zucker, Backwerk herbei, gießt auf, zündet den L-piritus an, arrangirt die Gegenstände.) 36 Das soll man einem Gallon nachmachen! Ich bin wahrhaftig begierig, ob ich die heillose Wirtschaft in der Ehe goutiren werde, denn das Gartzvnleben hat zu schöne Seiten. Zum Philister werden, brrr! Man fühlt sich als Gar^on so zufrieden, so ungenirt, hat keine zarten Rücksichten auf dem Gewissen — (seufzend) jedoch vom 27. dss gerechnet, Nachmittags 5 Uhr, wo ich in Gegenwart von Vettern, Muhmen, Tanten, Basen und Nachtwächtern — noch einmal brrr! (Sich selbst bedauernd.) Es ist doch wirklich recht schade um mich. — (Resigmrt.) Nützt nicht, zapple schon an der Angel. (Schlügt das Packet auseinander.) Da habe ich ein reizendes Album mit Poesien für Nelly gekauft und um den Werth zu erhöhen, ein von mir selbst verfaßtes Widmungs- gedicht vom Buchbinder nachträglich einstigen lassen. (Er beschäftigt sich ununterbrochen im Zimmer.) Ja wir Liebende thun es einmal nicht anders. Hugo Flott lobe ich mir, der ist noch ein freier Mann und lebt unbeirrt nur seinen Passionen. Uebrigens eine klassische Salonfignr das und immer in momentaner Geldverlegenheit; und wenn er in momentaner Geldverlegenheit ist, dann wehe, wer ihm in die Hände fällt. Im klebrigen ist er ein liebenswürdiger Mensch und vorzüglicher Gesellschafter. (Es wird gepocht.) Ah, das wird er sein! Herrrein! 8. Scene. Voriger. Flott. Guten Tag, mein Lieber. (Legt Hut und Stock ab.) Beneidenswerthester unter den hiesigen Sterblichen, angehender Ehemann, ich gratulire. (Drückt Dcmmer die Hand.) 37 Demnier. Danke, Danke. Bist für den 27. dss. Nachmittags fünf Uhr feierlich eingeladen. Die Karten sind bereits im Druck. (Stellt den Thee zurecht.) Flott. (gedehnt.) Am 27. also. (b. S.) Donnerwetter, das setzt mich in die größte Verlegenheit. (Er zieht heimlich sein elegantes Portenwnaie hervor.) Ich habe kein (Äeld, es sind die letzten Tage des Monates und ich habe gewöhnlich schon in den ersten keines; nicht einmal vierzig Pfennige für Prommenade-Bonbons. Papa hat erst gestern für mich Schulden bezahlt und mein Banquier der Kohn David ist zum Unglück verreist. — Wie kann man aber auch gerade am 27. heirathen, wie unlogisch, wie unbedacht. (Acrgerlich.) Wo soll ich am 27. ein noch so kleines Hochzeitsgeschenk hernehmend Ein Königreich für 100 Mark. — Wenn ich nur wüßte ... (er geht sinnend auf und ab.) Demmer. Was bist Du denn so nachdenklich Hugo, bist Du vielleicht zufällig in momentaner — Flott. Was Dir nicht einfällt. Demmer. Komm, der Thee dampft schon. Flott. (Platz nehmend.) Mit Vergnügen, Thenerster. (etwas kleinlaut.) Das soll ein gemüthlicher Nachmittag werden. — Ei, wo hast Du dieses prächtige Album her. Rückert — Heine — Lenau. Nicht übel znsammengestellt. Etwas Liebesfrtthling, etwas Weltschmerz. Das willst Du gewiß Deiner Allserwählten verehren. Demmcr. Sollst es errathen haben, (eitel.) Hast Tn auch meine Widmung gelesen, die der Buchbinder vor den Titel gesetzt hat? Flott. Jawohl, ich habe etwas Geleimtes bemerkt. Demmer. Wie?! Flott. (Der sich schnell verbessert.) Etwas Gereimtes sagte ich. Demmer. Dir ist die Lectüre gestattet. Flott. Ah — so - freut mich, (liest mit falschem Pathos.) An Nelly! Ein Hüttchen wünscht' ich auf des Berges Rücken, Der Bienchen Schaar umschwärmc leis mein Ohr, Ein Bächlein, welches Silberweiden schmücken Treibt rieselnd eine Mühl' davor. Hm — hm! Im alten Strohdach zwitsch're ihre Lieder Die Nachtigall aus ungreifbarem Nest. Du setzt Dich traulich zu mir nieder Und theilest meines Mahles Rest. Hm — hm! Rings um den Plan, den grüner Epheu schmücke, Sprieß' jeder Blume Pracht, die letzt der Than, Und Nelly singend sich zur Nähmaschine bücke Im braunen Kleid, die Schürz' marineblau! 39 Flott. Großartig. Noch nicht dagewesen. Demmer. (stolz.) Nicht wahr. (Thee offerirend.) Bitte, hier Dein Thee. (Reicht Backwerk.) Zugegriffen! Aber warum mhmtest Du denn so oft? Flott. Weil ich in der Schnelligkeit nichts Geistreicheres zu sagen wußte, aber Eines steht fest: Demmer, Du bist ein dion plus ultra. Das hätte ich gar nicht in Dir gesucht, daß Du auch Dichter bist. Demmer. (geschmeichelt.) Also das Gedichtcheu gefällt Dir? (trinkt.) Meine Muse steht Dir zur Verfügung. Flott. Besten Dank, aber ich liebe nur eu passant und mache dergleichen mündlich ab. Trotzdem wäre unreine Liebeserklärung in Versen — weißt Du — zum Auswendiglernen — sehr angenehm. Demmer. Sollst sie haben. — Aber trinke doch, Hugo. Flott. Dein Gedicht hat mich um den Appetit gebracht, (sich schnell verbessernd) d. h. es beraubte mich im Nu jedes Interesses für das Materielle und versetzte mich in höhere Regionen. (Trinkt.) Demmer. Ja siehst Du, ich habe sogar oft derlei poetische Momente. - 40 Flott. Bci einem Manne von so viel Geist nichts Auffälliges. Ich sinne nur nach, ob ich Dich ein Talent oder ein Genie nennen soll. Demmer. Dn bist ein Schmeichler. Mott. Durchaus nicht; aber ich verstehe etwas von der Poesie. O auf den Bonbons stehen mitunter auch ganz reizende Verse, (simit weiter.) Demmer. (mit einem strahlenden Blick auf die Widmung im Buche.) In der That nicht übel. Besonders diese Stelle. Flott. (ruft frohlockend.) Tratratratratra — Tusch. Demmer. (erschrocken aufspringend.) Was gibts denn? Flott. Vivat; ich hab's. Demmer. (neugierig.) Was denn? Flott. Ja, so wird es gehen. Demmer. Erkläre Dich doch. Flott. (fuhrt Demmer bis an die Rampen vor.) (mit gemachter Begeisterung.) Da, Wo bei dem Genüsse eines geistigen Produktes die Bewunderung in anbetenden 41 Schauer sich wandelt, da wo der Verstand einrostet und deren Gedanken Audienz giebt: da ist der Grenzstein zwischen Talent und Genie. Du — bist der Grenzstein — Dcriimer. (sicht Hugo groß au.) Mott. Sticht doch, Du bist der Grenzstein nicht, Du bist auch das Talent nicht, Freund (umarmt ihn heftig) Du bist das Genie. Laß uns anstoßcn. (Sie greifen zu den TasscnO Hoch Deine Muse! (Sic stoßen an.i Mit Deinem Poöm kannst Du den berufensten Dichtern den Lorbeer streitig machen. Demmer. (offerirt Cigarren.) Toln Noutk?. 200 Mark die Kiste. Flott. (erschrocken.) Du hast sie doch nicht gleich bezahlt? Demmer. Geschieht, sobald ich ausgehe. Flott. (aufathmeud.) (b. S.) Gerettet. Er hat flüssig Geld im Hause. Demmer. So, nun wollen wir Eins plaudern. Flott. Wohlan, es gilt. Erzähle mir doch ein wenig von Deiner himmlischen Nelly. Ist sie verheirathet? Demmer. (sieht Flott erstaunt an.) Meine Nelly? 42 Mott. Ah so. Verzeihe. Das kommt davon, das; ich noch nie im Leben von einer unvcrhcirathcten Dame geliebt worden bin. Welche Eigenschaften zieren denn Deine Nelly2 Demmer. Du kennst meinen Geschmack. Nelly gleicht Proser- pinen, sie ist unvergleichlich schön. Flott. Wie Dn? Demmer. Geistreich. Flott. Wie Du? Demmer. Schlagfertig in Witz und Rede. Flott. Ganz wie Dn! Du konntest nicht besser wählen. Besitzest Du kein Bildniß der Holden. Spanne mich nicht ans die Folter. Ihr Bild Verehrtcster, nur schnell Ihr Bild, oder ich vergehe vor Neugierde. Demmer. Mit Vergnügen (bringt seinen Cylinderhnt.) Nr. 4. Mott. (ungeduldig.) Die Photographie Deiner Nelly wünschte ich. Demmer. Da ist sie ja. Sieh doch nur: (dm Boden des HutfnNers lüftend) Ihr Bild. 43 Mott. (nimmt Dcmmcr den Hut aus der Haud.) Großartig, (läuft entzückt nnt dem Hut in der Hand hin und her.) NsKuitigua! Eine köstliche Idee! Dcmmcr. Oeffentlich stelle ich das Bild der Thcneren nicht zur Schau aus, will es nicht profaniren; dargm wurde ich so erfinderisch. Flott. Eine Concurrenz mit Deinem Genie ist undenkbar. Dcmmcr. (bringt seinen Sckilafrock.) Nr. 2. Sieh her; wer würde es dieser unschuldigen Quaste anerkennen, welch süßen Kern sie birgt'. (Die Fransen an einer der Quasten znrnckschlagend.) Ihr Bild, (singt) „Stets ist's bei mir auf allen Wegen" w. Flott. tSetzt sich mit dem Schlafrock hin, spielt den Besitzer und liebkost das Bild in der Quaste.) Wie unbeschreiblich niedlich! So ganz zum Hineinversenken ausgedacht und eingerichtet. Dcmmcr. (zieht seine Börse hervor) llnd hier Nr. 3. Flott. (Wirft den Schlafrock bei Seite.) Im Portemonnaie?! Höre Georgius, da ist die . . . Dcmmcr. Letzte Nummer. Flott. Und die beste! (greift rasch nach dem Portemonnaie.) Das ist wohl zum Verschieben eingerichtet, (untersucht den Verschluß.) — Hm — nu — 44 Denrmer. Warte ich will Dir's zeigen. Flott. (Das Portemonnaie festhaltend.) Nein, nein, danke Dir. Es 'geht schon — So! Ah, wie neckisch verborgen: Eminent. Freund, ich begreife nicht, wie Du es fertig bringst bei solchen Anlagen hinter dem Dsen zu bleiben. (Er hält das Portemonnaie fort in der Hand, während Dcmmer bemüht ist, dasselbe wieder zu erlangen.) Demmerchen jage mich aus Deiner Stube, denn Du hast allen Grund ans mich eifersüchtig zu werden. Derniner. Also Nr. 3 entzückt Dich. Ja Nelly ist ein Köttermädchen. Flott. Noch mehr, Nr. 3 elektrisirt mich. Denrmer. Und wie erst, wenn Du Nelly sähest. Diese Sprache, diese Blicke: ein Engelchen, wie es im Buche steht. Flott. (schmachtend, mit einem Blick in das Portemonnaie.) Du glaubst nicht, wie magnetisch mich Nr. 3 anzieht. — .-V proyo8 Freundchen, wolltest Du inir wohl eine kleine Gefälligkeit erweisen? Demmer. (Flott's Absicht erkennend.) Womit kann ich Dir dienen? (Bemüht sich eifrig um das Portemonnaie.) Du Weißt, daß ich gerne gefällig bin, wenn es die Umstände erlauben. Was wünschest Dn? 45 Flott. (leicht.'. Ach, eine Kleinigkeit. Ich bin momentan etwas genirt und da würden mir hundert Mark sehr willkommen sein. Demmer. Mit Vergnügen, (öffnet seinen Secretär.) Flott. (legt das Portemonnaie ans den Tisch, reibt sich vergnügt die Hände.) Donner und Doria, wenn ich das gewußt hätte, daß Demmer das Geld aufgespeichert hat. Ein zweiter Crösus! (läßt sich, Demmer im Rücken, auf einem Fantenil der Garnitur nieder, läßt die Spieluhr gehen und liest vom Deckel das Wort ab:) Novität! — Pumpen mit Musikbegleitung auch eine Novität! — Demmer. (das Geld zurechtlegeud.) Seinem Schicksale entgeht man nicht. Flott zahlt nie einen Pfennig zurück, das weiß ich aus Erfahrung, aber er ist ein unterhaltender Kumpan, und ich mag ihn leiden. Flott! -- (sieht sich um.) Donnerwetter, was machst Du denn? - Hier das Geld. Flott. (wendet sich um, steht auf.) Ach so. Entschuldige. Diese auserlesene Probe Deines fabelhaften Geschmackes ließ mich ganz vergessen — (steckt das Geld ein. Vergnügt:) Von Dir kann man etwas lernen. Demmer. (schließt seinen Secretär.) (Mit Beziehung.) Von Dir auch. Flott. Donnerwetter, es ist spät geworden. Du entschuldigst ich will noch nach der Stadt, muß im Klubb erscheinen, (will gehen.) Ade! 46 Demnrer. Dann grüße die Freunde, ich komme wahrscheinlich nach. Flott. (znrückkommend.) ^ xropos. Wann bekomme ich Deine Liebeserklärung? Demrner. Meine Liebeserklärung — ah, —so; Morgen Abend. Flott. Schön. Daß ich nichts vergesse: Deine Widmung erinnerte mich an eine ähnliche Idylle mit Clara. Demmer. Ich dachte Dein Augentrost hieße Jenny? Flott. Das ist es ja eben. Jenny ist verflossen. Sie hat mich aufgegeben, (b. S.) Schade, sie half mir oft aus der Verlegenheit. — (laut.) Das wollte ich Dir eben in Kürze erzählen: Eines Abends, wir saßen still vergnügt im Garten „zum Krähwinkel" — sie hatte den blauen Frack an mit den goldenen Knöpfen und ich den Lilaseidenschliffer mit Sammtaufputz. Sie war an dem Abend über die Maßen sentimental und war in der übermüthigsten Laune von der Welt. Ach, säuselte sie: (citireud.) „Sie sagen wohl, ein Kuß sei Scherz Sie sagen wohl, ein Kuß sei Spiel, O, wie ein Kuß nur fiel auf's Herz. O wie ein Kuß auf's Herz mir fiel". Ich aber antwortete flott weg: Ich sage Dir, ein Kuß ist Scherz. Ich sage Dir, ein Kuß ist Spiel, Sonst hält' ich Dich mein theures Herz Geküßt bis äato — nicht so viel! Und damit war's aus! 47 Demmer. (lachend.) Das glaube ich. Flott. Herzlichen Dank. — Ade! (ab. Singt hinter der Scene:) „Federleicht ist mein Gepäcke, und mein Muth ist leicht und frisch!" (verhallend.) 9. Scene. Demmer. Wieder um hundert Mark leichter. Das bringt so die Mode mit sich. Die Gesellschaft hat zwei Klassen von Menschenkindern. Solche, die auf's Pumpen ausgehen und solche, die angepumpt werden. Die thätige und die leidende Form; ich zähle zu der Letztern. 10. Scene. Voriger. Telegrafenbote. Telegrafenbote. Guten Abend. Sind Sie Herr George Demmer? Demmer. Ganz richtig. Der bin ich. Telegrafenbote. Dann ist dieses Telegramm für Sie. (überreicht es. Ab.) 11. Scene. Demmer. (allein.) Ein Telegramm?! (öffnet cs. liest.) „Ich komme mit der Abendpost zu Dir. Arthur", (freudig.) Arthur Siege besucht mich, ei, das ist herrlich. (Sieht nach der Uhr.) Hm, da erhielt ich das Telegramm sehr spät. Wahrscheinlich 48 weil die Wohnung nicht correct angegeben war. Arthur muß ja schon da sein. Ihm entgegen, (nimmt Nock und Hut.) Vorwärts! 12. Scene. Voriger. Arthur. Demmer. Ei, Du folgst Deiner Depesche auf dem Fuße. In meine Arme, Bruderherz. Nun da ist er ja in Lebensgroße. Höre Junge', Du wirst immer interessanter. — (Nimmt Arthur Rock und Neiserequisitcn ab, Plaid, Tasche etc.) Du hast mich auf's Angenehmste überrascht und erfreuest mich doppelt, wenn Du Deine freien Tage bei mir verbringen willst. Oder — gilt Dein Besuch nicht mir allein? Hat derselbe sonst noch einen - geheimen — Grund? Siege. Vielleicht — ich weiß es nicht -- das wird sich zeigen. Demmer. (b. S.) Aha, aha! — Ich darf Dir wohl eine Tasse Thee anbieten, ohne eine bestimmtere Antwort abzuwarten. (bedient Siege.) Siege» Was kann das mir nützen? — Keine wird einem „Schauspieler" die Hand reichen wollen. Du kennst die Vorurtheile der Gesellschaft. Demmer. Ich glaube doch Eine zu kennen. Siege» Du scherzest. Demmer. (düster.) Ich scherze nie; aber ich will weder den Ereignissen vorgreifen noch dich ermüden. — Womit 49 kann ich Dich auf andere Gedanken bringen? Darf ich Dir mein Damen-Album vorlegen? Siege. Bitte, lasse es mich sehen! Demrner. Hier ist es, mein Freund. Sieh' da! Es fehlt darin keine Celebrität und keine Dame von Rang oder Schönheit. (Sie schieben zwei Fauteuils vor und setzen sich nebeneinander.» Dies ist Pamela Letten, kennst Du sie? Siege. Ein wenig. Sie spricht nicht viel. Demmer. Und was sie spricht ist Unsinn. — Und das ist wohl Fräulein Nelly, Deine Braut? Ein reizendes Mädchen. Siege. «geschmeichelt.) Getroffen. — Niedlich, witzig, kurz: (selbstgefällig) Ganz nach meinem Geschmack, (blättert weiter.) Hier ein entzückendes Bildniß, und ich kenne das Original. Demmer. Das ist Josephine von Helwiug, die Tochter des Präsidenten. Siege. Nicht wahr, ein reizendes Mädchen? Demmer. U>. S.) Aha! Siege. Man spricht wenig von ihr und das ist rühmlich. Sie ist ein Seraph an Sanftmuth. Ich war so glücklich, wiederholt, wenn gleich nur flüchtig, mit ihr zu sprechen 50 und ich weiß nicht, wie mir dabei geschah: man wird nahezu fromm in ihrer holden Nähe: wie ein Heiligenbild erschien Sie mir, das man nur schauen, aber nicht berühren darf. Könnte ich mich je entschließen zu heirathen, dann wählte ich Fräulein Josephine und keine Andere zur Frau. Dcmmer. Wann hast Du sie das letzte Mal gesehen? Siege. Erst kürzlich. — Sie war — solltest Du das nicht wissen? — bei ihrem Vater dem Präsidenten in der Hauptstadt zu Besuch und ist nun wieder zu ihren Verwandten, die ich leider nicht kenne, nach hier zurückgekehrt. Demmer. (b. S.) Aha!! Siege. Willst Du dem Freunde eine Bitte gestatten? Demmer« Ich höre. Siege. Ueberlasse mir das Bildniß Josephinens. Demmer. (schelmisch drohend.) Du, Du! Stelle nur kein Unheil an, sonst fällst Du einem Heere von Gesetzesparagraphen zum Opfer. Siege. Steht denn geschrieben: „Du sollst nicht lieben?" Demmer. (b. S.) Aha!!! (laut; drückt Siege die Hand.) Unter Umständen ist sogar zu werben gestattet. — Sieg dem Siege! Hier das Bild, (giebt es Siege.) Siege. Herzlichsten Dank. Ja Freund, mein Temperament hat sich geändert. Nicht helllodernde Gluth fesselt mich jetzt, das ruhige Flämmchen zieht mich an, ihm allein will ich mich weihen. Ich neige mich der Sanftmuth. Demmer. ^ xroxos, für eine gute Cigarre schwärmst Du nicht mehr? Hier sind Cigarren, warum rauchst Du nicht? Bist Du dieser Gluth entfremdet? (offerirt ihm eine Cigarre.) Bitte! Siege. Tausend Dank! Eine gute Cigarre heiße ich stets willkommen. Demmer» (bringt eine Flasche Wein und zwei Gläser.) llnd hier mein Freund, ein Sorgenbrecher, (öffnet und schenkt ein.) Siege. Du bist ja ein zweiter Bosco. (erhebt das Glas.) Wohlan! Ein Hoch den Frauen von Geist und Empfindung. Ihre Nähe veredelt, ihr Dasein ist die kostbarste Blüthe im Garten der Menschheit. Nelly und Josephine, sie leben hoch! (Sie stoßen an.) Demmer. (verblüfft.) Siege, ich bin auch nicht auf den Kopf gefallen, aber derartige Vulkanausbrüche der Phantasie rennen mich geradezu über den Haufen! — Laß uns nun eine kleine Prommenade antreten, dann besuchen wir den Clubb, dort amüsiren wir uns, so lange es angeht, und morgen will ich Dich bei Schönlein, den Verwandten Josephinens einführen. 52 Siege. Bei Schönleins? — Das wird nicht angehen. Fräulein Josephine — sie ist die Pathe des Landrathes, und — ihre Anwesenheit könnte mich sehr verlegen machen - - Deinrner. Ein Schauspieler und verlegen! Du wirst Dir doch dies Armuthszeugniß nicht ausstellen wollen. Siege. „Es giebt im Menschenleben Augenblicke" Demnrer. Wo man der Theuern näher ist als sonst. — Sollte Dir das unangenehm sein? Siege. Nein, aber - Demrner. Keine Einwendung. In diesem Punkte mußt Dn meine Vormundschaft acccptiren, und thnst Dn es nicht willig „dann brauch' ich Gewalt". Dixi. Siege. Dann bin ich verloren. Glaubst Du wirklich, daß Fräulein Josephine einem Schauspieler die Hand reichen würde. Demmer. Ich zweifle nicht daran. Ich weiß, daß Fräulein Josephine alle Achtung für die Kunst hegt, - und ihr Vater, der Präsident, ist ein vorurtheilsfreier Mann. — Indessen mußt Du nur etwas versprechen. Siege« Meine Neugier wächst mit jeder Minute. Was soll ich thun? 53 Demmer. Sieh' Du bist ein stanz interessanter Mann — zwar etwas älter, wie ich —- aber das macht nichts Du wärest jedach noch interessanter, wenn Dn Dir einen Bart wachsen liehest. (Dermner hat ein winziges Schnnrrbärtchctt.) Etwa so wie ich; man sieht da gleich männlicher, martialischer aus. Also Du versprichst mir, wenn Du heirathest, Dir einen Bart stehen zu lassen. Weißt Du, wie die Türken, wenn sie zeigen wollen, daß sie vernünftig geworden sind. Willst Du das? Siege. (lacht.) Gut, das verspreche ich Dir, lustiger Geselle! Demmer. Der Pact ist geschlossen, nun laß' uns gehen, (wirft den Ucberrock um, nimmt seinen Hut; Siege desgleichen.) An Glück soll Dir's nicht fehlen. Du stehst unter meiner Protection. Siege. Ich kann den Augenblick kaum erwarten, wo ich Josephine Wiedersehen soll. Demmer. (neckend.) Ei freilich. Die lange Trennung, (sie wollen gehen.) Halt, ich will die Stühle noch bei Seite setzen — es könnte spät werden — Siege. (laut.) Aha!! — „Ich verstehe den Herrn". Demmer. Nun komm Abgott der Damenwelt! (lachend.) Jetzt will ich Dich zur Schau führen und ausrufen: Seht dies Opferlamm! 54 Siege. Dein Humor wirkt epidemisch. Du machst mich aufgeräumt und kühn. Demmer. Vor Allem mußt Du die Tante Josephinen's gewinnen, sie regiert das Haus! Siege. Ich folge Deinen Winken. Demmer. lind ich hoffe das Beste, (reicht Siege den Arm.) Siege. (den Hut schwingend.) Arm in Arm mit Dir Demmer, fordere ich morgen die Tante in die Schranken! (Beide ab.) Der Vorhang fällt. Ende des zweiten Actes. Dritter Act. Dekoration wie im ersten Acte. Schönlein und Philippine machen ihr Nachmittagsschläfchen. Ersterer links vom Zuseher, letztere rechts. Beide haben geleerte Tassen neben sich stehen. 1. Scene. Schönlein. (ans dem Schlafe.) Ei, gut kleiden wird er mich schon der Orden. — Habe ihn auch redlich verdient. Philippine. O Schicksal, Dein Name ist Coloradokäfer. 55 TchSnlein. Diesmal falle ich gewiß nicht durch. Philippine, (niesend.) An — na — na — na — stasius! Schönlein. Heute erscheint das Blatt, morgen ist es in der Residenz — übermorgen bin ich decorirt. Philippine (schnarcht laut.) Schönlein. (niesend.) Phi —Phi —lippine! (schnarcht laut.) 2. Scene. Vorige. Nelly. Nellh. (tritt sehr zaghaft ein, mit einem Zeitungsblatt in der Hand.) Nun muß ich wohl daran. Es ist aber auch die höchste Zeit. Der Horizont verfinstert sich, Gewitterwolken verkünden dräuend ihre Nähe und der Blitz ist schlagfertig. O weh! (seufzt.) Jetzt oder nie muß ich mein katsr xaeeavi anbringen. (Traurig auf die Zeitung blickend.) Schon steht der Artikel von den Wölfen im Blatt und — es scheint mir weniger richtig, denn je, daß ich ihn dem „Pf licht beflissenen" übergeben habe. (Mit weinerlichem Tone.) O wie wird das enden! Hätte ich doch lieber gefragt. Jetzt ist's freilich zu spät. — Indessen Muth, Nelly, nur Muth. Wie soll ich es nur anfangen, dem Onkel zu beichten, und was soll ich sagen? (Macht die Probe.) Onkelchen, bestes Onkelchen. Du sprachst jüngst von einem Manuscript, daß Du nicht geschrieben haben willst, obwohl Tante fest daran glaubt und versichert, es sogar gelesen zu haben, (zögernd.) Ich weiß auch etwas von diesem bösen Manuscript. 56 Es hat ans Deinem Schreibtische gelegen und während Deiner Abwesenheit gab ich es ans Verlangen einem pflicht- beflissenen Buchdrucker. Habe ich Unrecht gethan, dann bitte, bitte, vergib Onkelchen! Nicht wahr Tn vergibst mir? — (für sich.) So erhalte ich mindestens Aufklärung, ob ich Recht oder Unrecht gcthan habe, doch die Schafspelze sind abgedruckt, schwarz ans weiß, so unnatürlich das klingt. (Nähert sich Schönlcin auf den Fußspitzen.) smnthig. mit dem Versuche Schönlein zu weckcu.s Onkelchen, bestes Onkelchen! Ich bin es: Dein Nasewkischen. — Mein Kokt, er schläft wie Morpheus selbst. — Onkelchen hören Sie denn nicht? (Neigt sich zu seinem Ohre.) Philippine. (aus dem Schlafe.) Ei, es ist nicht möglich! (Sic läßt die Hand heftig nicdcr- sinkeu und zerbricht dabei die Tasse.) Netth. «erschrickt, schreit auf und entflicht.) 's. Äceue. Schönlein. (erwachend, reibt sich die l'tugeu.) Was ist's? Philipps »t. lebenso.) Was gibt's? (Sic scheu einander groß an.) Schönlein. Das mußt Du wissen, Du hast doch gerufen. Philippine. Ich gerufen, siel mir im Schlaf nicht ein. Schönlei». War mir's doch, als hätte ich einen Schall gehört. 57 Philippine. Und ich einen Schrei. Schönlein. leinen Schrei ebenfalls Wir müssen geträumt haben. PHMppine. Nicht so ganz. Wehe ich habe meine Tasse zerschmettert. Wie ging das zu? Schönlein. «lakonisch.) Durch Deine Unborsichtigkeit. Pknlippine. Spare derlei Bemerkungen Anastasius und denke lieber an den gewissen Artikel über die Gemeindepelze. Schönlei». In Dreiknknksnamen! Verschone mich doch einmal mit «erblickt die Zeitung am Boden.) Victoria, Victoria! die Zeitung. Nun werde ich endlich Frieden bekommen. Hier unterm Strich (reicht das Blatt Philippine.) nun überzeuge Dich doch selber, was ich geschrieben habe, (trinmphirend.) Der Co—lo—ra—do—käfer und schließlich meine übliche Zeichnung: „Landrath Schönlein". Tie Hand in die Weste lcgendZ finit znrnckgcbogcnem Haupte.) Wie stehe ich seht vor Dir da? Pyilippine. Wie ein Verrückter, oder wie Einer der cs werden will. Alles Unsinn. Und Du glaubst, Thörichter, ich werde Deinen Worten so ohne Weiteres Glauben schenken? O nein, wir Frauen sind gründlich. Her mit dem Blatt, (nimmt die Zeitung.) Schönlein. (b. S.) Na, ich danke, meine thenre Ehehälfte sucht ja die Seiten Zeile für Zeile durch, als ob sie Linsen aus- lesen wollte, (webt, eine Melodie summend, auf und ab.) flachends Nun hast Du sie schon die Schafspelze? 58 Philippine. Nur Geduld. Schönlein. Ob sie denn endlich einmal von ihrer unsinnigen Vermutung geheilt sein wird. — (spöttisch.) Hast Du sie noch immer nicht, die Schafspelze? — Ich sage es ja immer, an Dir ist ein Diplomat verloren gegangen Philippinchen. (freut sich seines Spottes.) Philippine. (süß.) Komm doch einmal her Anastasius. Schönlein. (spöttisch.) Nun, Du hast doch nicht etwa die „Gemeindekäfer" gefunden? Philippine. Es ist jetzt keine Zeit zu unpassenden Scherzen. Schönlein. (kopfschüttelnd.) sb. S.) Süßlich und brummig!? — Kein gutes Zeichen. Philippine. Setze Dich Anastasius. Schönlein. (zögert.) Ja was willst Du denn? Philippine. (kategorisch.) Setze Dich!! habe ich gesagt. Schönlein. (setzt sich.) Mir wird ganz gruslich. 59 Philippine. (ernst und feierlich.) Wir sind jetzt 20 Jahre 7 Monate und so und so viel Tage verheiratet, ich habe Dir eine anständige Mitgift mitgebracht, denn mein Vater war Schullehrer und hat sich während seiner 43jährigen Dienstzeit 182 Mark 32 und V? Pfennig erspart — ich war auch bis im vorigen Jahre mit Deiner Führung zufrieden; aber seit Du mit der Scriblerei angesangen hast, habe ich keine ruhige Stunde mehr. Noch nie bist Du mir so verabscheuungswürdig erschienen, wie in diesem Augenblicke. Schönlein. , Ich weiß nicht, was Du gegen mich hast? — Philippine. (aufspringend.) Das kannst Du noch fragen? Habe ich Dich nicht mit aufgehobenen Händen beschworen nichts für die Zeitung zu schreiben? — Schönlein. Du lieber Himmel. So ein unschuldiger Artikel — Philippine. (hält ihm die Zeitung vor.) Das nennst Du einen unschuldigen Artikel? Lies doch: „Die Gemeindevertretung in Thurmhausen oder die Wölfe im Schafspelze". Glaubtest Du vielleicht, der Artikel würde meinem Scharfblick entgehen, weil Du ihn auf die dritte Seite setzen ließest. Soll ich Dir ihn vorlesen. — O Anastasius, mußte ich so etwas an Dir erleben, (hüllt das Gesicht in ihr Taschentuch.) Schönlein. (mit der Zeitung.) (der glatzköpfig ist.) Alle Haare könnte ich mir ausraufen wenn ich sie noch hätte. (Starrt auf den Artikel.) Höllenspuck. 60 Hier ist er wahrhaftig der entsetzliche Artikel über die Wölfe im Schafspelze, — und — diese wuchtigen Kenlenschläge oh — oh. — Meine Unterschrift darunter! ,Jammernd.) Wehe, wehe, wer hat mir allen Manne das gethan? Philippine. Jammere Leichtsinniger, jammere. Gs ist an der Zeit dazu. Schönlein. (in Zorn ansbrechcnd.) Das ist eine unerhörte Mystifikation. (Sucht Rock und Hut.) Ich muß ans der Stelle in die Bnchdrnckerei. Ich muß Aufklärung haben. Man soll nur das Mauuscript vorlegen (athemlos) ob ich schafgepelzt habe. Philippine. Leeres Gerede! Du läßt Deine Manuskripte oft von Anderen abschreibcn. Schönlein. Dann soll man mir meine Unterschrift Nachweisen. Philippine. Lächerlich. Die Buchdruckerei hat Deinen Namen, wenn er auch zufällig nicht darunter stand, einfach hinzugefügt, wie schon öfter und mit desto größerer Berechtigung, '.veil das Mannscript ans Deinem Hause kam, somit von Dir herrührt. Wer schreibt wohl sonst im Hanse Ar t ikel. Nelly schreibt Liebesbriefe, Josephine wird Liebesbriefe schreiben und ich schreibe nicht einmal ein Traumbuch. Du hast also die Gemeinde verlästert, gestehe es nur ein, die Sonne bringt es dennoch an den Tag. Schöntet«. cmit dem Fnßc stamvfend.) Nein, nein nnd tausendmal nein; und wenn der Artikel xmal daslünde, ich habe keine Silbe davon 61 geschrieben. O dieser Affront! — Die ganze Stadt wird mit dem Finger aus mich zeigen, ich darf mich kaum auf die Straße wagen, (läßt den .stopf hängen, stützt sich auf den Tisch.) Was wird der Herr Bürgermeister sagen, mit dem ich so befreundet bin? Er wird mich für einen Wühler halten, für einen Heuchler. — Woher Licht und Aufklärung. — Das zieht sich hin. — Inzwischen ist meine Reputation verloren und selbst der Coloradokäfer kann seine Schuldigkeit nicht thnn, weil ihn die Wölfe gefressen haben! (birgt sein Haupt in die Hände.» Philippine. Dazu kommt noch, daß der hiesige Bürgermeister sich besonderer Gunst von Seite der hohen Regierung erfreuet. Die Folgen lassen sich absehen. O Jammer über Jammer! (ab.) 4. Scene. Schönlein (allein, dann Jacob.) Ich bin verloren. In erster Reihe muß ich zum Buchdrucker. Es muß Licht in die Sache kommen. (Er geht, außer sich, mit großen Schritten auf und ab. Jacob, der eintritt, wird von Schönlein nicht bemerkt.) Jacob. (hinter Schönlein her.) Herr Landrath! Schönlein. Er soll mir sagen, wer ihm den Artikel gebracht hat — Jacob. Bitte, Herr Landrath — Schönlein. Und sobald ich den Elenden zu fassen kriege, der mir diese Suppe eingebrockt hat — 62 Jacob. Herr Landrath. Schönlein. (wirft sich auf Jacob; in blinder Wuth.) Zwischen diesen meinen Fingern — (schüttelt ihn heftig) will ich ihn zermalmen. Jacob. Oh — oh — oh! Schönlein. Wie einen — wie einen — wie den kleinsten Coloradokäfer. Jacob. Aber Herr Landrath hören Sie doch! Schönlein. (zur Besinnung kommend.) Ah so, du bist's. Ich glaubte der Andere wär's. Wer? Jacob. Schönlein. Wer? — Er. — Der, den ich suche, dem ich fluche. Jacob. (betheuernd.) Entsetzlich. Herr Landrath Sie müssen wissen — Schönlein. Ich brauche nichts zu wissen, ich weiß genug. Jacob. (schüttelt den Kopf.) Ich soll Ihnen melden, daß einige Herren hier sind, die ernstlich mit Ihnen sprechen wollen. 63 Schönlein. (aufbrausend.) Eine Lammsgeduld muß reißen. Was ernstlich, wer ernstlich? Ich habe jetzt keine Zeit, ich muß eilends nach der Buchdruckerei. Wer sind die Herren? Jacob. Ich kenne sie nicht. Schönlein. Gleichviel. Ich empfange Niemand, ich habe Wichtigeres vor. (schreit.) Kreuzschocksiebentausenddonnerwetter mit oder ohne Hagel: ich will einmal Ruhe haben! Jacob- Was soll ich den Herren sagen? Schönlein. (schreit.) Sage Ihnen was Du willst. Ich sei nicht zu sprechen, ich sei ausgegangen; oder nein, hörst Du, sage ich schliefe und wenn sie fort sind, melde es mir. Jacob. (halblaut.) (böse.) Herr Landrath, die Herren sind ja hart an der Thüre und hören Sie doch schreien. Schönlein. Thue, was ich Dir sage. Jacob (ab.) Die Welt geht unter! 5. Scene. Schönlein. — Brüll kragen. Sechs Stadtverordnete mit den Stäben. Jacob. Schließlich Philipp ine. Schönlein (tritt in den Hintergrund, wo er sich zum Ausgehen rüstet.) Jacob. (wehrt den (fmtritt.) Sie werden doch nicht zudringlich sein meine Herren, wenn ich Ihnen sage, daß der Herr Landrath schlaft. Brüllkragen. (mit einer tiefen Baßstimme. ) Die Posaune des jüngsten Gerichtes soll ihn sogleich erwecken. (Pocht heftig an.) Tchönlein. O weh, Man pocht. Jetzt sehe ich aber, daß ich fortkomme. Wo ist denn nur mein Hut — Brüllkragen. (sieht Schönlein sich entfernen.) Auf ein Wort Herr Landrath! (va- winkt den Uebrigen. — Grnppe in Kreisform.) Schönlein. Was ist denn das für eine Markier, und was wünschen Sie eigentlich von nur meine Herren? Machen Sie es kurz. Brüllkragen. Wir kommen im Namen unserer beleidigten Gemeinde und im Namen unseres verehrten Herrn Bürgermeisters, um Genugthuung zu fordern. Alle sechs Gemeinderäthe. (stoßen mit den Stäben auf den Boden.) (sprechen zugleich.) Ja, Genugthuung! Schönlein. (verwundert.) Genugthuung?! Bon mir? — Weshalb?! Brüllkrage«. Mit welchem Rechte schmähen Sie unsere Gemeindeverwaltung? 65 SchSnlein. Ich habe keinen Artikel gegen Sie geschrieben. Das soll bald gebührende Aufklärung finden, doch jetzt verschonen Sie Mich. (Er will fort.) Brüllkragen. Bleiben Sie mein Herr! Herr Landrath, Sie haben die Gemeinde öffentlich, in der Zeitung, angegriffen, verdächtigt, verlästert, perhorreszirt, dem Gelächter preisgegeben und in den Koth gezerrt! Der kategorische Jnspector des Gemeindeansschusses steht vor Ihnen. Alle. (Mit den Stäben nach Schönleins Brust zielend.) Nun gilt es Rechtfertigung, Genugthuung! SchSnlein. Meine Herren! Lassen Sie mich doch zu Worte kommen. Sämmtliche Sechs. (die Stäbe senkend.) Wir hören. SchSnlein. Ich habe den Artikel geschrieben . . . Sturmvogel. (zu den Uebrigen.) Hört Jhr's? — Also doch, also doch, also doch! SchSnlein. (voll Aerger.) Nein, ja, doch nein, doch. Ich habe den Artikel geschrieben, welcher vom Coloradokäfer handelt. Brüllkragen. Aber den andern auch, Sie, Zeitungskräter, steht doch Ihre werte Unterschrift darunter. — Wie können Sie schreiben, wir spickten den eigenen Beutel!? Wir ließen — 66 dem Unterschleif Thür und Thor offen; steckten Pupillengelder ein; benützten die Geineindekntsche zu unseren Spazierfahrten. Alle. Und dickköpfige Philister sind wir? Wölfe im Schafspelze ? Schöntet». (ruft.) Pures Mißverständnis. — Eitle Mystifikation. — Ich bin unschuldig compromittirt. Brnllkragen. Wir sind discreditirt — wir sind kompromittiert. Alle Sechs. (drohend.) Mystifizierte! Schöntet». Aber ich kann doch nichts dafür, ich bin vollkommen unschuldig. Sännntliche Sechs. (die Stäbe nach Schönlcins Brust richtend.) Beweise, Herr, Beweise! Schöntet». (abwehrend.) Jetzt reißt mir einmal die Geduld, (schreit.) Sie irren sich. Nein sage ich Ihnen, ich habe kein Wort über Kommunal-Angelegenheiten geschrieben. Man hat meinen Namen gemißbraucht. (retirirt hinter einen Stuhl.) Alle Sechs. (ihn verfolgend.) Beweise, Herr, Beweise! (sie setzen wiederholt die Stäbe auf seine Brust.) Schöntet». (emporspringend und sich losmachend.) Ich heiße nicht Arnold Winkelried, sondern Anastasius Schönlein und sage Ihnen zum ersten und letzten Male 67 — Machen Sie, daß Sie fortkommen. Sie werden mir Genugthuung geben, Sie vergessen, wo Sie sind. Ich werde über diese Vergewaltigung Klage sichren. Suchen Sie Ihr Recht, wo Sie wollen. Ich habe Sie nicht beleidigt und fürchte Niemand, (geht und öffnet den Herren die Thüre. Indessen tritt Philippine unbemerkt ein.) Brüllkrage«. (im Gehen.) (drohend.) Wir werden auch unser Recht finden. Das müssen wir, und wenn wir selbst dem Herrn Präsidenten die Augen öffnen müßten, was für einen sauberen Landrath er uns beschert hat. Ade Herr Landrath! (Sämmtliche Sechs gleichzeitig im Gänsemarsch ab.) Schönlein. (sucht nach einem Gegenstände.) Sputen Sie sich — sonst — Brüllkragen. Nur keine Aufregung. Sie, Sie, Sie — alter Coloradokäfer Sie! (ab.) 6. Scene. Schönlein. Philippine. Schönlein. (sinkt erschöpft in einen Stuhl.) Uff, Uff! Ich kann nicht mehr! Philippine. (vorkommend.) Recht haben sie diese wackeren Männer. Ja, so mußte es kommen Anastasius, weil Du mir nicht folgst. Sie werden Dich denunzieren. Sage mir doch Anastasius, wie Du Dinge schreiben kannst, wofür Dir jeder Beweis fehlt. „Beweise" brüllten sie „Beweise!" daß ich drinnen 68 die Fenster schließen mußte, um einen Scandal zu vermeiden. — Diese Blamage! Das bringt mich um. — Warst Du bei dem Buchdrucker? Schönlein. Nein. Philippine. Ja warum denn nicht? Schönlein. (stöhnt.) Konnte ich denn fort? — O mein Kopf! Diese Aufregung, meine Nerven beginnen zu reißen. Ich bin todt, oder mindestens: krank. Ich kann nirgends hin: ich muß in's Bett. Philippine. Das hat mir noch gefehlt. O Jammer über Jammer! Schönlein. (wimmert.) Philippine. Was fange ich nur mit ihm an? — (mit Geringschätzung.) So geht es, wenn man keinen Mann im Hause hat. — Aber ich werde Rath schaffen. Ich will Demmer ersuchen; der soll die Sache in die Hand nehmen, er ist jung und energisch. Aufklärung muß ich um jeden Preis haben! (ans Schönlein.) Mit dieser Schlafmütze ist ja nichts anzufangen. Schönlein. Ich bin ohnmächtig. Philippine. Das bist Du immer gewesen. Schönlein. (mit Anstrengung.) Philippinchen Du mußt mir Deinen lieben Arm geben und mich auf mein Zimmer führen. 69 Philippine. Das kommt Alles davon, daß Du auch den Gemeinderat von Thnrmhansen für eine Kartoffel angesehen und Coloradokäfer darin gesucht hast. Schönlein. (heftig.) Ihr werdet mir das noch so lange Vorreden, bis ich selber an den Unsinn glaube, bis er zur fixen Idee in mir geworden. Philippine. Wäre nicht die erste. Schönlein. Oh — oh, oh! — O, mein Kaninchen, wenn Du wüßtest, was ich leide. Philippine. (gibt ihm den Arm) Jetzt mache, daß Du in's Bett kommst. Sollst Deinen Thee schon bekommen. Schönlein. Und eine Wärmeflasche, mich friert. Dann feuchte Compressen. Philippine. Wohin denn? Schönlein. (auf den Kopf deutend.) Daher — da — auf den Kopf, — das ist mein schwächster Theil; und der Schreck ist mir in die Glieder gefahren, ich kann weder gehen noch stehen. Philippine. Dann setze Dich doch ein wenig. 70 Schönlein. Ich bin zil Ende, (setzt sich und schläft ein.) 7. Scene. Vorige. Dc'mmcr (pocht au,) Philippine. Herein! Demnrer. (läßt Philippine die Hand.) Schönsten Gruß! Philippine. Ah, Sie sind es! — Willkommen! — Sie kommen wie getnfcn. Dernmer. Sie bedürfen meiner. Befehlen Sie Frcin Landrath. Ich brenne Ihnen zu dienen, (er küßt ihr die Hand.) Philippine. Sie sind doch immer galant. Demmer. (mit einem saueren Gesicht.) Meine süßeste Pflicht. — Aber was macht denn mein Schwiegerpapa in für ein klägliches Gesicht? Verzeihen Sie Gnädigste, Ihr Anastasius sieht ja heute darein, wie eine ausgepreßte Citrone. — Er schläft, oder ist er etwa unwohl? Ich werde besorgt. Philippine. Einen dummen Streich hat er gemacht trotz seinen alten Tagen. Stellen Sie sich vor. Er hat in der Zeitung einen Schmähartikel über den hiesigen Gemeindeaus- schuß veröffentlicht und nun kann er keine Silbe von den 71 niedergeschricbcncn Anschuldigungen beweisen. Solche Stil- übnngen macht er. Man wird ihn schonungslos verklagen, — ein Prozeß wird daraus, und mein Mann verliert die Stelle. — Doch zu Ihnen Demmerchen, was führt Sie zu mir? — Demmer. Der Augenblick ist für meine Sendung schlecht gewählt. Ich wollte Sie bitten Ihnen meinen Freund Arthur Siege vorstellen zu dürfen. Philippine. Ein junger Mann, von dem ich schon sehr viel Angenehmes gehört habe. Ich bin in der That neugierig ihn kennen zu lernen. Bringen Sie Herrn Siege nur baldigst zu uns und wenn er es an Liebenswürdigkeit und Aufmerksamkeit Ihnen gleich thnt, — dann werde ich auch seine Wünsche zu unterstützen wissen; denn wer so viel Achtung für uns Frauen hat, verdient Belohnung. Demmer. (küßt ihr die Hand.) O! Philippine. Auch unser Patchen kann diesen Besuch gewiß kaum erwarten; nicht wahr? — O ich weiß das und freue mich dessen; man vergißt dabei seine Sorgen und lebt die eigene Jugend nochmals wieder. Das stimmt mich gänzlich um. Demmer. Auf Ihren Appell von vorhin znrückzukommen, Frau Landrath, was soll ich thun? Philippine. Sie sollen einen großen Jrrthum aufklären — Personen, die meinen Anastasius beleidiget haben, angreifen 72 und brandmarken, kurz Alles veranlasse», was Not thnt, die Ehre unseres Hauses zu retten! Dernmer. Aber sagen sie mir nur vorerst — PHMppinr. Sogleich sollen Sie Alles erfahren. — Kommen Sie. Demmer. (küßt ihr die Hand und reicht ihr den Arm.) Bitte, verlassen Sie sich nur aus mich, ich bin ein Menschen-Nimrod! (Beide ab durch die Mitte.) 8. Scene. SchSnlein. (allein.) (erwacht.) Philippine! — Reiche mir Deinen Arm! Philippinchen, Kaninchen! (reibt sich die Augen.) Ja, wo bist Du denn? (springtauf.) Sie hat mich hier vergessen. Philippine! (nacheilend.) Philippine, in's Bett! in's Bett, ein Königreich für ein Bett! (ab.) Der Vorhang fällt. NermaiMmli. Offene Tcrasse vor Schönleins Hause mit Ausblick in den Garten. Oteanderbänme und Blumcngrnppen. Der Prospekt zeigt eine ländliche Gegend. Der Mond steigt allmälich empor. 9. Scene. Josephinc. Siege. Siege. Sie wissen nun Alles, teuerste Josephine. Ich habe in dem Hause, Ihrer schätzbaren Verwandten die herzlichste 73 Aufnahme gefunden und bin günstig von denselben beur- theilt worden. Die kurze Zeitspanne genügte, Ihnen das zu sagen, was noch zu sagen war. Ich habe Ihnen nichts verschwiegen, was über meinen Charakter Aufschluß geben kann. Sie haben ferner auch aus anderem Munde — wie Sie selbst sagen — Kunde über mein Wesen erhalten. Josephine. So ist es, und ich finde nur bestätigt, wovon ich im Voraus überzeugt war. Siege. Sie sind sehr nachsichtig! Josephine. Nicht doch. Ich habe Sie von dem Anbeginne unseres Begegnens nicht nach der Schablone des Vorurteiles, sondern richtig beurteilt und immer mehr schätzen gelernt- Nun wo cs durch Ihren besonder» Besuch zu einer Verständigung zwischen uns gekommen ist, worüber ich meinem Later ungesäumt berichten werde, und nachdem Tante Philippin:, meine Pathe, ihr Fürwort zugesagt hat, stehe ich nicht länger an, Ihnen alle Hoffnung auf meinen Besitz zu machen. Siege. Tausend Dank; — und bedingungslos? Josephine. Nicht so ganz, wenn Ihnen mein Wort gilt. Siege. Wie können Sie zweifeln? Josephine. Nun denn: Sie tauschen Ihren Künstlernamen gegen jenen der Geburt, und — und (sie hält zögernd üme.) 74 Siege. Sprechen Sie es immerhin mntig ans. Josephine. Ich ehre den Künstlerstand hoch, weil ich weiß, daß sein Lorbeer mit Dornen durchflochten ist. So tief jedoch mein Interesse für diesen schönen Beruf wurzelt uud seine Mission im Dienste der Cultur, so gerne ich Sie von der Menge gefeiert sehe, so gerne ich dabei jubelnd aller Welt verkünden möchte: „Seht, dieser hochgebildete Mann, an dessen Lippe ihr mit athemloser Spannung hängt, dieser Mann der Euch bald erheitert, bald rührt, entzückt, begeistert: er ist mein eigen!" so gäbe ich doch all' diesen prunkenden Stolz dafür hin, Sie, zurückgezogen von dem bunten Treiben, an meiner Seite wirken zu sehen, gekannt von Wenigeren, aber von diesen hochgeschätzt um Ihrer seltenen Vorzüge, um Ihres edle» Charakters willen. (Sic sinkt an seine Brust.) Siege. Ich verstehe Sie Josephine. Ihr Wille sei der meine. — Josephine, der heutige Tag war ein hochbedeutsamer für uns. An Stelle flüchtigen Begegncns ist wechselseitige inniges Verständnis getreten: wir stehen an den Paradiesespforten der Liebe. Bald wird auch das starre „Sie" schwinden, denn: „Du und Du" heißt es im Psalter der Liebe. Josephine. O welche Wonne durchzittert mich in dieser schönen Stunde. Siege. Noch Eins! Nehmen Sie gütigst diesen Ring hin znm ewigen Gedenke daran, wie unsere Herzen sich für's Leben gefunden. Der kleine Reif ohne Anfang und ohne Ende 75 schmücke fortan Ihren zarten Finger und zwar zum Zeichen, daß ich Sie treulich liebe und immer lieben werde, (er läßt sich aus ein Knie nieder.) 1Ü. Scene. Vorige. Demmcr. Demmer. (leise herantrctcnd, legt seine Hand auf Arthur's Schulter.) Frau Rath sendet mich nach Dir und dem Fräulein ans. — Es ist bereits spät geworden. — Ich störe wohl, (will sich zurückzichen.) Siege. (reicht ihm die Hand.) Niemals, Du bist mein Freund und Zeuge meines Glückes. Demmer. Meinen Glückwunsch antieixanäo. 11. Scene. Vorige. Nelly. Nelly. Verzeiht, wenn ich mich her verirrte, In Eurem süßen Bund — die Vierte! (Sie gehen ins Hans.) 12. Scene. Flott. Endlich bin ich hier. — Demmer war nirgends zu finden. Ich bin wie ans Nadeln. Binnen längstens zwei Stunden muß ich den Wechsel bezahlen oder man octroyiert mir einen Sperrsitz im Hotel Sicher. Der fatale Wechsel ist obendrein bereits protestirt. Demmer, wo bist Du? Er muß mir heraushelfen, sonst bin ich ein Opfer der Hebräer. Hier wohnen seine Schwiegeeltcrn in spa. (erblickt den Mond.) Du lieber Mond, der Du so hell mir strahlest, 76 daß man eine Stecknadel am Boden finden konnte, dessen Silberscheibe aber leider zu hoch hängt, erbarme Dich meiner und lasse mich Demmerchen finden. Er ist bestimmt bei Schönlein's, aber wie ihn herausbekommen. (Er geht eine Weile sinnend auf und ab der Thnre zu, wieder zurück re.) Wohlan, es geht die Thüre. (Er tritt hinter einen Busch.) 13. Scene. Voriger. Schönlein. Schönlein. (im Schlasrock und Pantoffeln, ein Tuch um den Kopf geschlagen, gestützt aus einen Stock. Ah, Wie die Nachtluft kühlt, wie stärkend, wie angenehm. Sie reden mir drinn zu viel und stecken fort die Köpfe zusammen; was sie haben weiß ich nicht. Ich bin so teilnahmslos geworden. Demmer tröstet mich zwar, aber was nützt das? Es bleibt einmal ans mir sitzen. O wenn ich nur gesund wäre! (schreitet langsam vorwärts.) Mott. Ich konnte nicht verstehen, was er vor sich hin murmelte; aber kein Zweifel: es ist ein Nachtwandler. Schönlein. Demmer versicherte, dem Attentäter bereits auf der Spur zu sein. Er baue dabei viel auf die Bekanntschaft des jungen Flott, dessen Vater, ein vernünftig denkender Mann, vielen Einfluß habe. Mott. Wie, der Nachtwandler spricht von meinem Papa? Schönlein. Kurz, es wird nichts versäumt, meine Unschuld in den Augen der Welt darzuthun. 77 Flott Ich muß mir diesen Nachtwandler näher besehen, (tritt hervor, grüßt.) Guten Abend Herr Nachtwandler, (sieht Schönlcin besser an.) Donner und Doria, das ist ja der Herr Landrath Schönlein. Schönlein. Sie kennen mich mein Herr? Flott. Ei freilich Herr Landrath, vom Sehen, vom Sehen! Schönlein. Das ist etwas Anderes; sonst müßten Sie wissen, daß ich kein Nachtwandler bin. — Wer sind denn übrigens Sie junger Mann? Flott. „Uebrigens" bin rch nicht, denn ich bin der einzige Sohn des alten Flott, sonst Tagwandler, heute ausnahmsweise: Nachtwandler. Schönlein. (zeigt auf die Gartenstühle.) Nehmen Sie Platz. (Flott setzt sich.) Also Sie sind der junge Flott. Sehr angenehm; nur schade, daß ich den Herrn Papa nicht kenne. Flott. (neugierig.) Non ober PNM? — Wie so, weshalb, warum, wenn ich fragen darf? Schönlein. Wissen Sie denn nichts von der Geschichte? Flott. Bon welcher Geschichte? 78 Schönlein. Bon den Wölfen in Schafspelzen, dem Zeitungsartikel. Flott. (b. S.) Ich weiß kein Wort, (lacht.) Haha, sehr gut! Ja, davon weiß ich, die Geschichte pfeifen ja schon die Spatzen auf den Dächern. Ausgezeichneter Artikel das! Schönlein. (erschrocken.) (sieht Flott mit Befremden an.) Ihr Vater ist doch auch Gemeinderath? Flott. Allerdings. Schönlein. Man hält mich für den Verfasser des Artikels, werden Sie noch mit mir reden wollen? Flott. (laut.) Sehr gern. Also unser Herr Landrath Schönlein ist der Verfasser! Genial! Schönlein. (in Angst.) Schreien Sie doch nicht so; glauben Sie denn wirklich, daß ich der Verfasser bin? Flott. (schmeichelnd.) Sieht Ihnen ähnlich. Schönlein. Wie? Flott. Bringt Sie zu Ehren, Herr Landrath! 79 Schöltlein. Herr, wollen Sie mich foppen? Flott. (b. S.) Ei, da muß ich etwas Dummes gesagt haben, (laut.) Pardon, wenn ich Sie mißverstanden habe, geehrter Herr Landrath. — Warum wünschten Sie die Bekanntschaft meines Vaters zu machen? Schönlein. Das ist's ja eben. George von Demmer, mein angehender Schwiegersohn — Flott. Er ist mein Busenfreund. Schönlein. Ah, Sie sind intim mit Demmer? Flott. (mit Beziehung.) Ja, ich helfe ihm bisweilen aus. Schönlein. So, das wundert mich. — (b. S.) Wahrscheinlich beim Spiel, wie dies vorkommt. — (zu Flott.) Ich habe den Artikel gegen die hiesige Gemeindevertretung nicht geschrieben. Flott. (kratzt sich hinter dem Ohr.) (b. S.) Das habe ich gut gemacht. Schönlein. Ein noch unentdeckter Böswilliger hat »leinen Namen mißbraucht. Flott. (energisch.) Der Elende! 80 Schönlein. Um mich bei der Bewohnerschaft in Mißcredit zu setzen. Flott. Der Niederträchtige!! Schönlein. Er muß ernirt werden. Flott. Nichts da. Gehangen muß er werden. Schönlein. Gestützt auf den Nath Ihres Herrn Vaters hoffen wir bald die Bekanntschaft des Galgenstrickes zu machen, und das peinliche Räthsel — Flott. Im Fluge zu lösen, (b. S.) Köstliche Idee! (zuSchöu- lein.) O mein Vater ist ein großer Mann, nur ist er für derlei Unternehmungen schwer zu gewinnen. Dieser Versuch dürfte Freund Demmer kaum gelingen; und dann wäre auch mein Großvater die geeignetere Persönlichkeit, um da zu interveniren. Dchönlein, Sie berauben mich einer Hoffnung, die in meinem Geniüte bereits Wurzel geschlagen hat. Flott. Sie ist eitel. Entwurzeln Sie dieselbe. Schönlei». Sie sind der Oeux ex inaeliina.. Sohn! Enkel! Bestimmen Sie Ihren Herrn Vater, überreden Sie Ihren Großvater. Flott. (b. S.) Jetzt habe ich ihn. (laut.) Von Herzen gern Herr Landrath, aber ich habe den Kopf im Augenblick so voll — 81 Schönlein. Sind Sie verliebt? — Treten Sie dort ein. Gleich und Gleich gesellt sich gern. Flott. (b. S.) Schweres Geschütz in die offene Gefechtslinie! (laut.) Es ist ein Anderes, Herr Landrat, eine Kleinigkeit. Ich habe eine kleine Spielsumme auf dem Gewissen und scheute mich Papa dies einzugestehen. Ich muß noch heute dafür aufkommen, und suchte eben Freund Demmer — Pumpen beruht auf Gegenseitigkeit — die Zeit drängt — und — in momentaner Verlegenheit — Schöntet«. (gefällig.) Wie groß ist denn diese Kleinigkeit? Flott. Eine Bagatelle von 400 Mark. Schönlcin. (erschrocken.) (b. S.) 400 Mark. Schöne Bagatelle! (zu Flott.) So viel habe ich „beim Nachtwandeln" nicht in der Tasche, (zieht das Portemonnaie.) wenn Ihnen indeß für den Moment mit 100 Mark gedient wäre, so — Flott. O bitte, geniren Sie sich durchaus nicht, (erhält das Geld.) Dafür können Sie darauf rechnen, daß ich meinen Vater und Großvater exemplarisch präparieren werde. Morgen hängt er an Ihrer Pumpe: der Attentäter nämlich. Doch nun, bester Herr Landrat, gehen Sie hinein, die Nachtluft könnte Ihnen schaden. Schlafen Sie sorglos, was gemacht werden kann, wird gemacht! (geleitet ihn bis an die Hanptpforte.) Gute Nacht, bester Herr Landrat, Ihr ganz ergebenster Diener! (Schönlein ist in's Hans getreten.) 14. Scene. Klott. (allein.) Der Zufall ist doch eine himmlische Erfindung. Wenn ich schnell noch 50 Mark auftreibe, bin ich den Blutigel David Cohn los, bekomme meinen Wechsel wieder und frisches Geld, den Landrath gleich zu bezahlen. Doch wehe, wenn Demmer dahinter käme, er würde mich wenig loben! — Jetzt munter an's Werk. Ich habe doch immer alle Hände voll zu thun. — Pumpen bei Mondschein, wieder eine Novität! O Mond mit Deinen Silberstrahlen Versilb're meiner Knöpfe Reih', Alach' meine Stiefel zn Pokalen Sei nobel im Gewicht dabei. Alach' meinen Hut zu einem Topfe, In diesen Silberthaler stopfe; Tann mach' der Mutter Sonne Platz: Daß sie vergolde meinen Schatz! (ab.) Der Borhang fällt. Ende des dritten Actes. Merier Ml. Gesellschaftszimmer bei Schönlcin. Josephine, Arthur, Nelly, Demmer sind um den Tisch gruppirt, der nebst dazu gehöriger Garnitur an den Coulisscn vom Zuschcr rechts steht. Auf dem Tische brennt eine Lampe. Demmer halt die Mitte. Demmer. Teuerste Freunde denkt Euch nur die Blamage! Alle. Was hat sich begeben? Erzählen, erzählen! 83 Demmer. Ihr kennt doch den jungen Flott, den man — lloiooui- — bisweilen bei mir sieht — er war gegen neun Uhr hier und suchte mich. Durch Zufall trat eben der Herr Landrath auf die Terasse um frische Luft zu schöpfen und traf ihn daselbst. Der Herr Landrath lernt ihn kennen, will durch den Sohn den Vater gewinnen, dessen Beistand für unsere Sache mir jüngst sehr empfehlenswert erschien, er unterhält sich mit Flott Sohn eine Weile, und was glaubt Ihr, daß die Folge war? Siege» Eine Blamage! Demmer. Flott, dem, wenn er sich in momentaner Geldverlegenheit befindet, Niemand heilig ist, verspricht Herrn Anastasius Schönlein, der ihm seine Leiden geklagt hat, die Protection seines Vaters, ja sogar den seines Großvaters, welcher nebenbei gesagt, seit fünfzehn Jahren gar nicht mehr lebt, zur Entdeckung und Bestrafung des Attentäters; behauptet ferner, mir oft mit Geld anszuhelfen und borgt schließlich, um „eine kleine Spielschuld zu decken" von Herrn Anastasius Schönlein hundert Mark. Pfui! Alle. (entrüstet.) Nelly. Wenn das die Tante wüßte! Demmer. Die Sache ist komisch und ernst zugleich. Wißt ihr für wen er unfern guten Herrn Landrath hielt? — Alle. Nun? — 84 Demmer» Für einen Nachtwandler. Alle. (lachen.) Demmer. Flott ist und bleibt ein unverbesserlicher Schelm. Aber ich werde diesem Tag- und Taschenwandler das Handwerk legen, jetzt kenne ich ihn den sauberen Patron. — Doch nun zu unseren Angelegenheiten. Ich soll den Attentäter des böswilligen Artikels eruieren und ihn entlarven. Ich soll raten und helfen, aber bis zur Stunde scheiterte leider jeder solcher Versuche. Wenn ich nur wüßte, wie denn die Schafspelze auf des Herrn Landrat Schreibtisch gekommen sind, und wer sie eigentlich geschrieben hat?! Alle. Ja, das ist die Frage! Demmer. Mein Leben gäbe ich darum — Nelly. Halt, halt, verwegener Ritter. Darüber habe ich zu disponieren. Demmer. (küßt Nelly die Hand.) Daß Frau Landrat das ominöse Manuscript von den Gemeindewölfen morgens auf dem Schreibtische gesehen, daß bewußte kleine Hände eben dieses bewußte Manuscript vormittags dem Buchdruckereifactotum übergaben, so viel wissen wir. Wir wissen auch, daß der Buchdrucker keine Correctur davon sandte, aber wo ist das Oorjum ckvlieli überhaupt nur hergekommen? Die Sache bringt mich um meinen ganzen Humor. 85 Josephine. Pate ist krank und mißiuuthig. Nelly. Tante ärgerlich und gereizt. Siege. Und George von Demmer? — Fräulein Nelly? Demmer und Nelly. Sie sind verschobene Verlobte. 2. Scene. Vorige. Philippine. (Es wird Thee und Wein aufgctragen.) Philippine. Guten Abend, Kinder. Nun Demmerchen, sind Sie dem Attentäter glücklich auf der Spur? Josephine. (zu Arthur.) Tante ist heute vortrefflich bei Laune. Demmer. Leider noch nicht zu meiner Zufriedenheit. — Wie geht es dem Herrn Landrat? Philippine. Etwas besser. Er war ein bischen draußen an der Luft. Der Arme, er sucht die Einsamkeit; es geht ihm wie ein Strudel Wölfe im Kopfe herum, und ich weiß noch immer nicht, was ich glauben soll, was nicht. Nelly. O ich kenne Onkelchen besser. Wenn man ihn nur ansieht, kann man es ihm auf's Gesicht glauben, daß er nur mit Coloradokäfern zu thun gehabt hat. 86 Philippine. Daß wird sich zeigen, (zu Demmcr.) Indes ist nichts drückender als bange Ungewißheit. Jedenfalls hat der Gemeinderat bereits seine Klage überreicht. Ja, ist es denn durchaus nicht heraus zu bekommen, wer den Artikel erschaffen hat? — (Man bedient sich.) Josephine. Der gute Pate hat so viele Hoffnungen auf den Coloradokäfer gesetzt. Siege. Die Bestrebungen des Herrn Landrathes finden in der Hauptstadt alle Beachtung. Philippine. So ist es. Mein armer Anastasius schmachtet nach Anerkennun g, dieser Vorfall aber machtseine schönstenHoff- nungen zu Nichte. 3. Scene. Vorige. Schön lein. (Kostüm wie vorhin.) Schönlein. Guten Abend Kinder. Wie geht es Euch? Ich fühle mich erleichtert. Demmer. (b. S.) Ja wohl, um 100 Mark. Josephine. (rückt Schönlcin im Vordergrund den Lehnstuhl zurecht.) Schönlein. Danke, danke. So, so mein Patchen. Philippine. Anastasius, wie gefällt Dir Herr Arthur? Er ist auch vom Präsidenten gern gesehen. Schönlein. Mir gefällt Herr Arthur ebenfalls sehr gut, aber, Du weißt, ich tauge jetzt so wenig für die Gesellschaft. 87 Philippine. Josephine wird gekränkt sein, daß Du ihr so wenig beachtest. Schönlein. Laß mich nur machen. — Josephine!! Josephine. Sie befehlen, lieber Herr Pate? Schönlein. Du mußt nicht ungehalten sein, wenn ich an Deiner Herzensfreude so wenig Anteil nehmen kann. Herr Arthur gefällt mir sehr wohl, ich wünsche Dir alles Glück, (er küßt sie auf die Stirne.) Aber seit zwei Tagen — Du weißt es — bin ich unzurechnungsfähig. Josephine. Darüber machen Sie sich steine Scrupel bester Pate, sind Sie einmal Ihren gerechten Unmut los, wird Alles wieder gut. Schönlein. (drückt ihr die Hand.) Du bist und bleibst mein liebes Patchen, (zu Philippine.) Höre, Philippine, meine Hoffnung auf einen guten Ausgang der Dinge belebt sich wieder. Philippine. Ei, dann komme doch in unsere Mitte Anastasius. Nelly. Spotte des Krankenstuhles, liebes Onkelchen. Siege. Ei freilich. Mut, nur Mut und fröhliche Gesichter! Demmer. (schenkt Wein ein.) 88 — 88 — Schönlein. (wird nach die Mitte gerückt.) Demmer. kin Hoch unserem lieben Schwiegerpapa in (Alle stoßen an.) Demmer mit Nelly. Auf die Wiedereinsetzung unserer verschobenen Verbindung. Siege mit Schönlein. Auf den glücklichsten Ausgang der gestimmten Interessen! Schönlein. (der Humor bekommt.) Mein Coloradokäfer mache Alles wieder gut! (Es wird angestoßen.^ sStimmt einen Jnbclchorns, .Juvivallcra rc., an, bei welchem sämmtliche Anwesende Mitwirken.) 4. Scene. Vorige. Jacob. Philippine. Was gibt es? Jacob. Der Postbote ist hier. Er hat ein dringendes Schreiben, soll ich es übernehmen? Schönlein. Thue das. Jacob, (ab.) Schönlein. Gewiß für Josephine. Philippine. Etwas Neues aus der Hauptstadt. (Es herrscht Neugier und Freude.) Jacob- (übergibt Schönlein einen Brief.) sab.) 89 5. Scene. Vorige. Schließlich Jacob. Schönlein. An mich? (tritt bei Seite, öffnet das Schreiben; erblaßt.) Philippin«. (tritt besorgt hinzu.) Von wem ist denn der Brief Anastasius? Schönlein. Bon meinem Vetter, dem Präsidenten; d. h. seine Hand ist das nicht. Das hat sein Secretär geschrieben, (liest.) „Herr Landrat Schönlein, Thurmhausen. Ich komme von Amtswegen nach dort, von Helwing, Präsident." Wie drakonisch kurz. — O jetzt ist Alles aus. Alle. (bestürzt.) Wie das?! Was ist geschehen? Schönlein. Man hat mich unbedingt in der Hauptstadt verklagt, denunziert. Man wird eine Untersuchung einleiten, — denn jener Wolfsartikel strotzt nicht nur vor Ausfällen gegen die Gcmeinderöcke, sondern er ist sogar gegen die Regierung gerichtet. Siege. Ihre Unschuld wird siegen. Schönlein. Bis dahin werde ich jedoch vom Amte snspendirt — so etwas zieht sich in die Länge und, ob schuldig oder unschuldig, man ist einmal kompromittiert und wird — schließlich „aus Mangel an Beweisen" freigesprochen — im Gnadenwege — pensionirt! (er zieht ein buntes Taschentuch hervor, womit er seine Augen bedeckt und sinkt in seinen Stuhl.) Das 90 überleb' ich nicht. O du verhängnisvolles Manuskript!! — Es ist eine besondere Schonung vom Präsidenten, das; er mich von seinem Kommen in Kenntnis; setzen ließ, daß ich mich auf mein Schicksal gefaßt mache. — Welcher heimtückische Neidhammel hat die Wölfe auf mein Pult gelegt, daß sie meinen Coloradokäfer fressen! Käser weg, Ehre weg! (Er reimt jammernd hin und her.) Der Präsident kann jeden Augenblick hier sein. Wie stehe ich da? Was wird er sagen!? Josephine. Nur Mut lieber Pate, Sie sehen zu schwarz. Schönlein. Schwarz auf Weiß sehe ich. Hier steht's geschrieben. Morgen ist Dein Vater, der Präsident, von „Amtswegen" da. Glaubst Du, der fährt „von Amtswegen nach dem winzigen Thurmhausen, wenn nicht ein besonderer Anlaß dazu vorläge. O ich kenne ihn diesen Anlaß, (beginnt wieder seine Prommcnade.) Der Kopf zerspringt mir. Habe ich den Artikel geschrieben, habe ich ihn nicht geschrieben? (mit dem Fuße stampfend.) Nein, nein, nein, ich habe ihn nicht geschrieben. Das halte ans, wer kann. Ich erschieße mich und hänge mich dann auf! Philippine. (fällt mit einem lauten Schrei in Ohnmacht.) Josephine und Nellh. (springen Philippinc bei und reißen in der Eile das Tischtuch herab.) Siege. (läutet nach Dienerschaft und ruft Jacob.) Dern«ner. «hält Schönlcin zurück, der sich aus dem Fenster stürzen will.) Aber Herr Anastasius!! 91 Jacob. (meldet sehr laut.) Eine Equipage. (Größte Verwirrung.) Der Vor dang fällt. Ende von Abteilung I des vierten Stetes. IV. Act. 2. Abteilung. Elegantes Empfangzinimer bei Schönlein. 6. Scene. Philipinc. Josephinc. Josephine. Meine strenge und doch so gute Pate! Philippine. Du weißt mein Kind, wie gut ich es mit Dir meine. Selbst Nclly wird Dir nicht im geringsten vorgezogen. Du hast soeben ein Telegramm erhalten, darf ich den Inhalt nicht erfahren? Josephine. Liebe Pate, ich darf nichts verraten, nur so viel will ich ans der Schule schwatzen: Onkelchen hat nichts zu fürchten. Philippine. Jst's möglich? Kind laß Dich küssen. Du nahmst mir einen Stein voll: Herzen. Ich will Anastasius gewiß nichts sagen, (klirrt mit dem Schlüsselbund.) Jetzt aber heißt es, flugs in Küche und Keller, denn der Kochlöffel ist die Seele der Hausfrau, (ab.) 92 7. Scene. Josephine. (allein.) O wie glücklich bin ich, daß die Befürchtungen meiner guten Paten bald wie Seifenblasen in ein Nichts zerstieben werden. Wie ein Alp lag die leidige Affaire auf unseren Gemütern und ich kann es kaum erwarten, daß mein Vater hier eintritt. 8. Scene. Vorige. Der Präsident (in Reisekleidern). Josephine. (ihm cntgegeneilend.) Mein Vater, mein geliebter Vater! Präsident. Sei gegrüßt mein Kind. Ich habe Dein letztes Schreiben erhalten und daraus ersehen, was hier vorgeht. Daneben las ich auch von Deiner Herzenswahl, und billige dieselbe, denn ich habe den jungen Mann geprüft. Vor Allem jedoch gilt es, die Angst und Unruhe Deiner teueren Paten zu bannen. Wo ist denn mein guter Anastasius? Josephine. Er ist auf seinem Zimmer. Soll ich ihn verständigen? Er zeigt sich wenig. Präsident. Laß das Kind. Ich werde das Private mit dem Offiziellen verbinden. — Wo kann ich denn ablcgen? Josephine. Hier Väterchen. (Beide ab.) 93 9. Scene. Jacob. (mit Reisegepäck.) Endlich blüht wieder einmal die Aussicht auf ein Douceur. Lange dauert's bei mir mit der Herrlichkeit hier ohnehin nicht mehr, denn wenn der Herr Landrat darauf kommt, daß ich den Kasten mit dem Coloradokäfer zerschlagen habe, bin ich am längsten in seinen Diensten gewesen! (ab in das Zimmer des Präsidenten.) 19. Scene. Philippine. Dem Himmel sei Dank, daß der Präsident hier angekommen ist, damit all' die Narrenspossen ein Ende nehmen. Jetzt werde ich endlich einmal erfahren, was an der Sache ist. O, Demmerchen ist auch kein ganzer Mann, und Anastasius spielt Verstecken, (ruft in die Seitenthür.) Anastasius! 11. Scene. Vorige. Anastasius (im Hausrocke, mit Hauskappe.) Philippine. Er ist sehr angegriffen. Schönlein. Was willst Du denn, mein Kaninchen? Philipp ine. Weißt Du schon das Neueste im Hause? Schönlein. (erschrocken.) Was gibt es denn schon wieder, Philippine? Philippine. Der Präsident ist im Hause. 94 Schönlein. (fährt zusammen.) Schon — hier — im — Hause? Philippine. Es wurde bereits nach ihm gefragt. Mehrere fremde Herren wollen ihn sprechen. Sie gehören zu seiner Begleitung. Schönlein. In Uniform? Philippine. So etwas Aehnliches. Schönlein. Entsetzlich. Mich faßt Heulen nnd Zähneklappern. Philippine. Du wirst doch vor Deinem leiblichen Vetter nicht erschrecken. Schönlein. Der Vetter jagt mir keinen Schrecken ein, aber der Präsident. Er kommt von „Amtswegen". Kann man dann wissen? — Philippine. Du bist Dir keiner Schuld bewußt, -nein Anastasius, also unverzagt, Kopf nach oben! (richtet ihn mühsam auf.) Schönlein. (kläglich, Mut affektierend.) O ich fürchte mich nicht. Weshalb sollte ich mich fürchten? (gezwungen lachend.) Ich nnd fürchten. (Es wird geklopft.) sSchönlein fährt neuerdings zusammen.^ Ich eile, mich in Galla zu stürzen und dein Präsidenten pflichtschuldigst entgegeiizugehcn. (ab in sein Zimmer.) 12. Scene. Philippine. Ich weiß bald nicht mehr, woran ich zuerst denken soll, bei diesem Darunter und Darüber. Im klebrigen, 1 95 Fest- und Verlobungstafel arrangire ich für mein Leben gern, obwol ich keine Ursachen hatte für die Freuden der Ehe zu schwärmen. O dieser Anastasius! — (ab.) 13. Scerre. Dcmmer. Nelly. Dcmmer. Unsere Verbindung-bleibt somit nicht ausgeschoben reizendes Nellchend Nelly. Josephine versichert so. — Warum sehen Sie mich denn heute so fremd an2 Dcmmer. Sie scheinen übler Laune Nelly. Was Ihnen da wieder einfällt. Nelly. Ich bin niemals in übler Laune, und was mir einfällt2 Ei, meine selige Großmutter füllt mir ein, die sagte immer: Vor der Hochzeit können die Männer die Angen nicht genug öffnen, die Frauen hingegen schlagen die ihrigen züchtiglich nieder, (b. S.) Ich muß ihn ein bißchen necken. Dcmmer. (imitirend.) Ja das Angenschließen verstehen die Frauen aus den, ff. Nelly. (bcipflichtc.'ld.) Und vollends in der Ehe. Dcmmer. (triumphirend.) Sehen Sie das ein 2 Nelly. D. h. die Frauen müssen ein Auge um's andere zudrücken lernen. 96 Demmer. O bei mir wird das nicht Not thun. Nelly. Den Prävenienzen nach kaum glaublich. Die Fama erzählt, daß mein Herr Bräutigam der Begründer einer blntrtzpi'istz kunäbro für Damenherzen gewesen sei. Demmer. (gekränkt.) Sie sind heute sehr boshaft Nelly. Nelly. Und Sie, mein Teurer zeichnen sich auch durch gewisse Eigenschaften aus, die ich an Ihnen lieber vermißte. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Herrn Siege. Was für ein liebenswürdiger, gesetzter Mann. Demmer. (eifersüchtig.) Ei, ei, so plötzlich, so aus der Luft gegriffen!? Lassen Sie denn mein Sündenregister vom Stapel, damit ich höre und mich bessern kann. Nelly. Dieses gipfelt in einigen Ardiualfehlern. — Sie müssen mehr Mann sein, nämlich: von gesetzterem Auftreten, müssen energischer dareinsehen und nicht — wie bisher — Alles auf die leichte Schulter nehmen. Demmer. (beleidigt und ernst.) Das sagen Sie mir heute, mein Fräulein, hart vor unserer Verbindung? Das hat wohl etwas zu bedeuten, Sie wollen gewaltsam mit mir brechen. Traurig genug, daß Sie mich in dem Zeitraum von nahezu zwei Jahren nicht besser kennen gelernt haben. Geben Sie mir Gelegenheit zu zeigen, daß ich ein Mann bin, wo es immer sei, und Sie werden mich bestimmt am Platze - 97 — bestimmt nicht leichtsinnig finden. (Sieht ihr fest in's Auge.) Ober glauben Sie vielleicht, weil ich mich bisweilen mit nichtigen Dingen beschäftigte, daß ich deshalb den Ernst so ganz außer Acht gelassen habe? Da täuschen Sie sich und verwunden mich tief. — Wenn Sie an mir zu tadeln hatten, konnten Sie dies früher und in schicklicherer Weise thun. Der Ton ihrer Worte sagte mir deutlich, daß Sie mich fortan nicht mehr schätzen. Ich laufe Gefahr, Ihnen durch diese Worte noch mehr zu mißfallen, aber ich kann nicht anders, die Grenze des Scherzes ist überschritten. Denken Sie hierüber nach mein Fräulein, — Und — (wendet sich zum Gehen.) Nelly. (hält ihn mit Thränen zurück.) Sie lieber, böser, herzensguter Mann. Wollten Sie wirklich meine kleine Neckerei für Ernst nehmen und mich so unbarmherzig strafen. George, Sie kennen doch Ihr kleines Naseweischen. (schmiegt sich an ihn.) Haben Sie denn Ihre Nelly: „in braunem Kleid, die Schürz' marineblau" auch gar nicht mehr lieb? — Ein reizendes Gedichtchen, (klagend) und ich hab's mit dem Dichter verscherzt. — Demmer. (überwältigt.) Ob ich Sie lieb' habe!! O, von ganzer Seele, nur müssen Sie anders von mir denken, Nelly. Nelly. (hebt beide Hände schwörend empor.) Ich schwöre es Ihnen George, — ja wobei denn nur? — ei, bei Ihren treuen Angelt. (Sie küßt ihn.) Demmer. (umfängt sie.) Vergeben und vergessen! Nelly. Nun wollen wir Josephine und Arthur aufsuchen — — W — Demmer. Und uns mit den Glücklichen freuen! Nelly. Das wollen wir. (Will Demmer hüpfend mit sich fortreißen.) Demmer. Gesetzt, mein Fräulein, nur gesetzt! (Beide ab.) 14. Scene. Schönlein. (Schwarz, altmodisch, Frack, weiße Weste, weiße Handschuhe, Hut.) So, jetzt bin ich auf das Aergste gefaßt. — Bevor jedoch der Soldat in's Feld geht, wird ihm noch eine kleine Rede versetzt: halb Aufmunterung, halb Schwanengesang. Das will ich auch versuchen. „Anastasius Hannibal Schönlein, Landrath in Thnrmhausen, bei vierzigjähriger ehrenvoller Dienstzeit, in Würde grau geworden, und der Du Dich keinerlei Schuld bewußt bist, vorwärts, Courage!" (Er schreitet militärisch, stramm bis an die Thnre und will eben die Klinke ergreifen.) So, jetzt kann's losgehen. 15. Scene. Voriger. Der Präsident, Beamte in Uniformen, Gemeiiideausschnssc. Brüll kragen mit Gefolge. Schönlein. (dem die Knie brechen, prallt zurück bis an die erste Coulisse, wo er sich auf den einen Tisch stützt, um nicht umzusinken. Er starrt die Eintretenden mit weit geöffneten Augen an. Präsident. (in großer Uniform.) (verwundert.) Was bedeutet das? — Scheu Sie doch, meine Herren, was ist Herr Landrat Schönlein begegnet? Schönlein. (sich erhebend, den Schweiß vorckder Stirne trocknend.) Cntschuldigeu Sie gütigst, Herr Präsident. 99 ,, Präsident. " Herr Landrat Schönlein, ich bin gekommen . . . Schönlein. (b. S.) (schaudernd.^ Dieser gemessene, feierliche Ton. , Präsident» , (fortfahrcnd) um Ihnen von Amtswegen-Ja so, (geht nach dem Hintergrund.) Gönnen sie mir noch einige Minuten, meine Herren. Sobald ich Ihrer werten Zengenschaft ! bedarf, werde ich Sic rufen, (spricht leise mit ihnen.) Schönlein. Zeugen hat er auch mit. — Früher war ich sein lieber Anastasius — heute? — heute freilich kann er nicht anders. Er kommt „von Amtswegen", in großer Uniform, da hört die Freundschaft aus; das macht die Zunge j ' , zu Erz. O wie wird das enden? i ' (Die Herren entfernen sich, der Präsident kommt vor.) ^ ' Mein letztes Stündlein! i f, Präsident. 7» Ich bat die Herren ein wenig in den Vorsaal zu - treten, weil ich dem Herrn Landrat Schönlein eine schnurrige Geschichte zu erzählen habe. Schönlcin. (b. S.) Wird ganz absonderlich schnurrig werden, (laut.) Ich höre Herr Präsident. Präsident. Wozu diese Förmlichkeiten. An mein Herz Anastasius! Schönlein. Wie?! Soll ich? Darf ich? — Aber Deine Geschichte, die mitgebrachten Zeugen? Präsident. 7' Sogleich lieber Anastasius! (geht an die Seiknthürc und L- gibt heimlich den Wink cinzutreten.) 100 16. Scene. Vorige. Präsident. Meine Geschichte ist bald erzählt. — Vor einiger Zeit kam mir von anonymer Seite ein Manuscript zu, worin der Verfasser die hiesigen Gemeindezustände in heftigster Weise angriff. Da diese Auslassungen, welche ein malitiöser Wink für die Regierung sein sollten, fast durchwegs den Stempel böswilliger Entstellung und Uebertrei- bung verriethen, interessierte cs mich um so mehr Spreu und Weizen zu sondern; d. h., ich beschloß, mir Dein Urteil darüber auszubitten, lieber Anastasius. — Schöntet». (b. S.) Lieber Anastasius hat er gesagt. Präsident. (fortfahrmd.) Und gerade das Deinige, weil ich wußte, daß Du über den Parteien stehest und für Gemeindeangelegenheiten gar keine Interesse hast, somit gänzlich unbefangen urteilen wirst. Schöntet». (zu den Uebrigeu.) Hört Jhr's? — Philippine, hast Du gehört? Philippine. Ei, gewiß. Präsident. „Nikodem Vergeßlich!" sagte ich zu unserem Amtsboten. „Hier haben Sie einen Brief und ein Manuscript. Beides überreichen Sie dem Herrn Landrat Schönlein in Thurmhausen". Damit glaubte ich die Sache bestens besorgt, bis plötzlich eine Deputation der hiesigen Gemeinde 101 in meinem Bureau erschien, um meinem lieben, guten Anastasius, wegen der besagten Anschuldigungen zu verklagen. — Ich war sprachlos. Schönlein. (reibt sich vergnügt die Hände.) So hört die gefürchtete Untersuchung auf, bevor sie angefangen hat. Präsident. Ich lasse in Gegenwart der Herren aus Thurmhausen sofort unfern Amtsboten kommen. „Nikodem Vergeßlich" sage ich, „gab ich Ihnen jüngst ein Manuscript zur Abgabe an den Herrn Landrath Schönlein in Thurinhausen?" „„Zn dienen, Herr Präsident,"" sagte er. „Haben Sie das pünktlich besorgt?" frage ich. „„Ja"" lautete die Antwort, „„ich war schon am frühen Morgen bei dem Herrn Landrat, aber ich traf dort Niemand an und legte daher das Manuscript ruhig auf seinen Schreibtisch hin. Dann ging ich meiner Wege."" „Und den Brief," fragte ich barsch. „„Den Brief, ja den Brief"" stotterte Vergeßlich verlegen, „„den habe ich nicht mit dazu gelegt, den — den muß ich aus der Tasche verloren haben. Das Manuscript jedoch ist pünktlich besorgt."" — Anastasius, ist Dir so ein IliMoxotamus niius schon vorgekommen? — Schönlein. «frohlockend.) Ich habe den Artikel von den Wölfen also nicht geschrieben? — Siehst Du Philippine, wie Du mich armen Wurm unschuldig getreten hast. Denrmer. (zn Schönlein.) Ja, das ist etwas Anderes. Auch Fräulein Nichte Nclly wird Ihnen später aufklären, wie die „Wölfe" in die Buchdruckcrei gekommen sind. Mir hat sie es schon gebeichtet. 102 Schönlein. (zu Nelly.) Auch Philippine hat mir diesen Morgen schon etwas dergleichen angedeutet. (Mit dem Finger drohend.) Du - Du Naseweischen! Dernmer. Vergeben Sie ihr, Herr Landrat. Nelly. (bittend.) Ich Will es gewiß nicht wieder thnn. Schönlein. Das wäre noch schöner. - Ich vergebe Dir Deine Voreiligkeit; merke Dir jedoch ein für allemal: „Coloradokäfer" lautet meine Parole. Präsident. Das weiß man und deshalb bin ich hier und habe Dir einen prächtigen Coloradokäfer mitgebracht, (nimmt von einem Scitcntische eine große Holzschachtel, in welcher sich mehrere kleinere befinden, und in der kleinsten ein Orden.) Hier lieber Anastasius. Schönlein. (staunend den großen Carton von allen Enden betrachtend.) In der That, das muß ein Monstre Exemplar von Coloradokäfer sein. So ein Thorax ist mir noch nicht vorgekommen, (öffnend.) Freut mich die werte Bekanntschaft zu machen. — Was? — Nichts? — (öffnet stets enttäuscht eine Schachtel nach der andern, wobei er jedeSmal den Präsidenten fragend ansieht.) fzum Präsidenten.^ Das ist Wohl Mir ein Scherz. Präsident. Nein, nein, vollster Ernst, lieber Anastasius, (ruft seine Begleitung herbei.) Schönlein. (Die kleinste Schachtel öffnend.) Ah — ah — Kinder, da seht einmal her! 103 Philippine, Demmer, Nelly, Josephine, Arthur. Ein Orden! (betrachten den Orden und spielen ihn dem Präsidenten zn.) Präsident. (zu Schönlein.) Nun: „von Amtswegen." — Meine Herren! Im Namen unseres allerdurchlauchtigsten Regenten, schmücke ich die Brust dieses um Staat und Wissenschaft hochverdienten Ehrenmannes mit dem Orden: „Für Wissenschaft und Kunst." Bleibe uns Herr Landrat Schönlein, besonders ausgezeichnet durch seine Studien über den Coloradokäfer, noch lange erhalten. Hoch! (drückt Schönlein die Hand.) sdie Beamten treten zurück-t 17. Scene. , Vorige. (Ohne Beamte.) Schönlei«. (schwimmt in Rührung.) Präsident. Hier sind noch einige wackere Männer. Sie kommen im Namen ihrer Gesinnungsgenossen, das Dir zugefügte Unrecht abzubitten — Brüllkragen. Und Sie zum Ehrenbürger von Thnrmhausen zu ernennen, Herr Landrat. Alle. Wir gratulieren. — Demmer. Glänzend rehabilitirt! (Musik unter dem Fenster.) Präsident. Was ist denn das? Brüllkragen, (das Fenster öffnend.) Erlauben Sie gütigst. — Der neue entomologische Verein: „Coloradokäfer" in voller Parade. - Sie gruppi- 104 teil sich. (Die Musik hält inne.) „Hoch Herr Landrat Schönlein, der wohltätigste und loyalste Bürger!" (donnernde Hochrufe.) Schönlein. (vor Freude außer sich, umarmt Manu für Manu.) Brüllkragen. (leiten ihn zum Fenster.) Sie müssen sich zeigen Herr Landrat! (Schönlein thnt dies.) sTusch unten.) Schönlein. (den Orden auffällig vorschiebend.) „Meine Herren! Ich bin freudigst überrascht. Der heutige Abend ist der glücklichste Tag meines Lebens." (Tusch. Hochrufe. Abmarsch.) Brüllkragen. Herr Landrat leben Sie wohl. Das Morgenblatt Ü6 üo. 27ten bringt unsere Ehrenerklärung und Abbitte. Allerseits gehorsamster Diener, (ab.) 18. Scene. Vorige, (ohne Brüllkragen.) Philippine. Endlich sind wir allein. An meinen Hals Anastasius. Vergib meine harten Worte; es war ja nur die Sorge für das Haus. Präsident. (der inzwischen mit Josephine und Arthur verkehrte.) Lieber Anastasius. Ich gratuliere zur Verlobung Deiner schelmischen Nichte Nelly. Nelly. Also doch morgen den 27ten dss.! Präsident. Damit ich nicht zurückbleibe, willige ich auch in die Wünsche dieses Paares, (führt Josephine und Arthur vor.) 105 Philipp, ne. Bravo! Siege. Sie machen mich unaussprechlich glücklich, Herr Präsident. Präsident. Und um den beiderseitigen Wünschen entgegenzukommen, brachte ich für Herrn Arthur von Wellenkamp dieses Viaticum mit. (reicht Arthur ein zujammengcfalteten Bogen.) Arthur, Josephine, Nellh, Phittppine, Demmer. Ein Dekret. Präsident. Ein Hofdekret. Siege. (freudig.) Als Vorleser Seiner Durchlaucht des Großherzogvater. Präsident. Der Sturm ist beschworen, seid fröhlich Kinder! Schönlein. (schlägt in die Hände.) Das verhängnißvolle Manufcript kann mir nichts mehr anhaben und der Coloradokäfer hat richtig Alles wieder gut gemacht! (Gruppe.) Der Vorhang fällt. Ende des Stückes. -