166 17 ( THOMÆ à KEMPIS Zücher Von der Nachfolge J Christi, Auffs neue, nach einer der allerältesten Handschrifften / treulich übersetzet; Und an statt des Vierten Buchs vermehret mit denen Göttlichen Hertzens⸗Geſprächen des Gottseligen Gerlachs, insgemein genandt der andere THOMAS à KEMPIS, Nun erstlich verteutschet; Auch so wol dieses als jenes versehen mit Neuen Vor-Reden, Und beyder Autoren kurtzen Lebens-Lauff. Düsseldorff, Bey Johann van der Smissen Buchhändler. Anno 1730. . b) ⛪ B. Thom. à Kempis Exerc. spiritit. Cap. 9. Mensch / kehre doch einmal / auch nur spät / wieder zu dir selbst / der du den äusserlichen irdischen Dingen gantz ergeben bist; der du nicht weist / wenn der HERR kommen wird / und wie schnell dir der Todt bevorstehet. Idem Alphab. parv. Von Verachtung und Verlaͤugnung seiner selbst, fängt das Leben eines Christen an, und nimmt zu, biß zu der Beschauung GOttes. Idem Libr. de discip. claust. Cap. 7. Gedencke, GOTT und du seyest allein in der Welt, so wirst du grosse Ruhe in deinem Hertzen haben. ⛪ 60 ### the 144444444 Vor=Rede des Übersetzers, über die Bücher von der Nachfolge JEsu Christi. Niemand ist uns von Natur weniger bekannt als GOTT und wir selbsten; wir bekümmern uns und halten uns auf mit andern / mit fremden und unnötigen Dingen / GOTT aber und unsere eigene Seele vergessen wir. So gar unvernünftig ist der Mensch durch den traurigen Sünden=Fall geworden / daß er / wie mit seiner Liebe / also auch mit seiner Andacht und Beschäfftigung / gantz von GOtt ab= zu den eiteln und geringen Dingen ausser ihm gewandt ist: ja diese Thorheit und Zerrüttung seiner Sinnen gehet so weit / daß er / wegen der hefftigen und stätigen Application und Beſchäf Vor=Rede des übersetzers. schäftigung mit den nichtigen Dingen aufser ihm / die doch zu seiner Besserung und wahren Glückseligkeit nichts beytragen, ja ihm zumalen daran hinderlich und schädlich sind / nicht allein GOTT / sondern auch sich selbst / das ist seine Seele und derselben Wolseyn / gantz vergisset und versäumet / zu seinem zeitlichen und ewigen Unglück. 2. Ist es nicht ein Wunder anzusehen / daß vernünftige Creaturen ihre edele Gemüts=Kräfften so jämmerlich vertiessen und verwickeln in die sichtbare Dinge dieser Welt? Und daß / ob sie wol überhaupt wissen und gestehen / daß es vergängliche Dinge sind / die man endlich gewiß werde verlassen müssen; dennoch durch die Begierde / Lust=Sorge / und überlegungen solcher Eitelkeiten sich also einnehmen lassen / daß sie als wie toll und truncken dahin taumeln / und sich düncken lassen / als hätten sie was grosses außgerichtet / wann es ihnen in der Welt nach ihrem Sinn wol von statten gehet. 3. Ein jeder Thor hat seine eigene Poppe und thörichte Phantasie: der eine haus Vor=Rede des übersetzers. hats mit Ehre und Ansehen zu thun / der andere mit Geld und Gütern / ein dritter mit Plaisir und fleischlichem Wolleben; man dencket und redet von kauffen und verkauffen / von Hauß und Hoff / von Hauß rath und Kleidern / von Essen und Trincken / und von allerhand / was hier und da passiret; und zwarn nicht nur bloß nach der Nothdurfft und als im vorbey gehen / (wie es billig geschehen solte) sondern mit gantzer application, eben als wann es recht grosse und wichtige Dinge wären. 4. Man hat vom Morgen biß in die Nacht Hertz / Haupt / Mund und Hände voll mit äussern Dingen / nur an GOtt und an seiner Seelen Zustand dencket man nicht / wenigstens nicht wie es seyn solte. man legt mit allem feinem Thun gnugsam an Tage / daß man dergleichen Betrachtungen nicht so wichtig und nothwendig achtet als andere Dinge / darzu ist weder Zeit noch Raum übrig; ja bißweilen machen die Menschen ihnen expressè was nichtsnütziges oder eiteles zu thun / oder sie suchen lustige Gespräche und Gesellschafften: und diese und dergleichen Dinge nen= Vor=Rede des übersetzers. nennet man eine Zeit-Kürtzung; dann weil die arme Creaturen das grosse und allein=wichtige Werck und Geschäffte nicht kennen / worzu uns dieses kurtze Leben gegeben ist / so ist ihnen auch verborgen / wie uns alle Augenblicke desselben darzu so höchst vonnöthen sind: Es heist / man wil sich was divertiren / da doch / leider! das Gemüt schon so jämmerlich divertiret und abgewandt stehet / daß viel eher hochnöthig wär / sich stille hinzusetzen / um einmal alle seine Andacht und Application von allem äussern zu sammlen / und auf die Betrachtung seiner selbst zu wenden. 5. Daher geschiehet es dann auch / daß ob gleich die Gnade GOttes sich inwendig mit ihren Züchtigungen auch anmelden mag / so lässt doch die beständige Confusion und Zerstreuung des Gemüts ins äussere es nie recht nüchtern werden und zu sich selbst kommen / um einmal mit Bedachtsamkeit und ernstlicher Aufrichtigkeit seiner Seelen Zustand vor GOttes Angesicht zu prüfen / und sich um dasjenige bekümmern / was allein in Noth und Tod helffen kan. Ach! wie mag solchen armen Gei Vor=Rede des übersetzers. Geistern wol zu Muth seyn / wann sie einsten vor alle ihre liebe Vorwürffe auf ewig die Augen werden zuschliessen müssen; wann sie durch die harte Todes=Stimme auffs weckt / sich einmal werden besinnen / und die Augen aufthun / und zu spät erfahren / daß die Welt mit aller ihrer Lust wie ein Schatte verschwunden ist / und sie von allen ihren groß=geachteten Dingen und füssen Träumen nichts mehr haben / als ängstliche und leere Schatten=BilderUnd in solcher betrübten Unsinnigkeit und Blindheit lebt fast die gantze Welt, grosse und kleine / reiche und arme / gelehrte und ungelehrte. 6. Auch / sage ich / die Gelehrten dieser Welt / * selbst diejenige unter ihnen / welche auf Hier wird geredet von Gelehrten dieser Welt, welche durch die dürre Speculationen und eitele Wircksamkeiten ihrer verderbten Vernunst / ohne Erleuchtung von oben / die Erkanntnuß GOttes und seiner Warheit zu erlangen hermeynen; die ihre Zeit verderben durchs lernen und erforschen so vieler nichtigen Subtilieæten. unnöthigen Meynungen / äussern Umständen / und mancherley Neben=Wissenschafften / welche doch zur Sache nichts dienen. Sonst hält man die Vor=Rede des übersetzers. auf die Betrachtung geistlicher und Göttlicher Dingen sich vor andern legen wollen / führen sich mehrentheils nicht klüger auf, und bleiben eben so fremd und blind an GOtt / und eben so unbekandt ihnen selbst als die übrigen / obwoln all ihr Thun auff GOtt und auff der Seelen Heyl seine Absicht haben sol. Wie eitel und unnütz / ja schädlich sind nicht ihre mehreste Beschäfftigungen? Man betrachte nur den unnöthigen Umschweiff und erstaunende Zurüstung / die sie machen / ehe sie zur Sache selbst kommen: Es kommt mir eben vor, (ia noch unvernünftiger) als wann einer der nach Rom reisen solte / sich einbildete / er müste vorher alle Reiß-Beschreibungen / nicht allein nach Rom / sondern durch alle vier Theile der Welt / durchlesen / und von dem allen ein ordentliches Concept ins Gedächtnüß fassen; dabey aber sich doch nimmer auf die Reise begäbe / und sich doch einbildete / er wäre sehr weit in seiner Reise gewahre Gelehrtheit / und gottselige Gelehrten / die sanfftmütig und von Hertzen demütig sind, in hohem Werth. Siehe Kempis I Buch, Cap. 2. und 3. Vor=Rede des überseners. gefördert / ob er wol noch stille in seinem Hauſe ſäſſe. 7. Man bringet oft noch wol viel Gutes im Kopff / aber nicht ins Hertz und in die Außübung; es ist eben / als wann es ihnen selbst nicht angienge / und sie es nun müsten wissen / und davon reden; und dergestalt kommt man bey allem dem arbeiten / forschen / disputiren und betrachten von geistlichen Dingen nicht zu sich selbst / und noch viel weniger zu GOTT sondern man läuft immer außwärts / um sich und um die Sache selbst von aussen. herum / wird also im Gegentheil durch die vielfaltige und hefftige Wircksamkeit der Vernunfft / und stätige Distractiones des Gemüts / der Sinn immer mehr auß gewandt / vermannigfaltiget und in E gendünckel gebracht / wodurch man dann auch immer ungeschickter wird acht zu geben auf sein eigen Hertz / und auf GOtt und dessen innere Gnaden=Wirckungen. Sie machen einen grossen Lärmen / und zancken um die Schaale / da indessen Einfältige mit dem Kern stille dahin gehen: nichts desto weniger meynen solche Leute / Vor=Rede des übersetzers. sie führen sich für andern recht klüglich auf / und hätten ihre Zeit und Kräfften dergestalt wohl angewandt. Aber ach! wenn man in der Stille und vor GOttes Angesicht diese ihre wichtigste und ernstliche Studien und Beschäfftigungen ansiehet / was ist es doch anders als Eitelkeit der Eitelkeiten und eine Verzehrung des Geistes? Indem es zur wahren Heiligung und Gemeinschafft mit GOtt nichts helffen kan. 8. Es lachet der Höchste mit allem dem künstlichen Bilder-Werck der Klugen dieser Welt; und sie selbst werden dermaleins / wann der Todt und das Gericht sie wird heissen zu sich selbst kommen / mit Reue und Schaam ihre grosse Thorheit beklagen / daß sie die kostbare Zeit ihres kurtzen Lebens mit so vielen unnötigen und offt kindischen Dingen zugebracht / und ihre edele Gemüts=Kräfften damit geplaget und verdorben / welche uns doch von GOtt vor höhere Vorwürffe gegeben sind. Wolte GOtt! daß sie nun noch weise würden / und mit Reue wieder suchten zu vergessen / was sie mit so viel Zeit=Verluſt Ver=Rede des übersetzers. lust gelernet haben / um nichts zu wissen als Christum den Gecreutzigten. 9. Doch damit wir ein wenig näher kommen: wie sind nicht auch mehrentheils geruffene Seelen selbst GOtt und ihrem eigenen Hertzen so fremd und ferne? Wie schlecht halten wir Wacht über unser Hertz? Wie wenig bleiben wir daheime / um mit GOtt und mit uns selbst zu conversiren / und mit Darlassung alles andern / davon unser einiges und stetiges Haupt=Werck zu machen? O Schade! daß wir uns durch des Feindes List so vielfaltig und leicht lassen von diesem unserm Haupt=Werck auf andere Umstände und Neben=Dinge / von GOtt und von un serm Inwendigen / ins äussere und auff andere locken und zerstreuen. 10. Wie lassen wir offt Sinnen und Gedancken herum schweiffen auf unnötige / ich wil nicht sagen / eitele und böse Dinge? Wie vertieffen und verwickeln wir offt unsern Sinn in die äussere Dinge dieses Lebens? Wie vorwitzig sind wir / zu höten und zu reden von dem / was hier und da geschicht / was dieser oder jener thut und Vor=Rede des übersetzers. und spricht? Welches uns doch mehrentheils nichts angehet oder Nutzen bringen kan: wie betrübt ist nicht die schädliche Gewohnheit / daß gut=meynende Gemüter / bey ihrem zusammenkommen / so leicht und viel von andern reden und richten? 11. Und was kan von diesem allem anders entspringen / als Unruh / Verdunckelung und Erkaltung des Hertzens / Zerstreuung / Unehrerbietung und Verfremdung von GOtt und seinem Jnwendigen? Ach! ich fürchte / daß mancher GOtt und ihm selber so unbekandt ist / daß er wegen solcher Leichtsinnigkeit besser weiß / was hundert andere machen / als was in seinem eigenen Hertzen vorachet / und von GOtt darin gewircket wird. 12. O wie so ungern wollen wir zu uns selber kommen! hat mancher ein Lichtgen von GOtt bekommen / daß er das allgemeine Verderben in sich und in andern ein wenig erblicket / oder daß er sonst eine Einsicht oder Eindruck von dieser oder jener Warheit hat; flugs ist die listige Schlange da / und führet den Sinn von sich selber ab auſtwärts auf andere / daß man als dan̄ das Vor=Rede des übersetzers. das Licht und die Gnade / so nur zur Erkanntnuͤß und Besserung seiner selbst gegeben war / anwendet auf andere zu sehen / und sich selbst zu vergessen / andere zu beurtheilen / wider andere zu eisern / andere zu wollen bessern und bekehren / da man indessen inwendig in seinem eigenen Elend und Verderben liegen bleibet / und meist unwissentlich; dann weil man so scharff und genau alles in andern sehen und richten kan / so scheinets / ob hätte man selber so grosse Gefahr nicht / dabey hat man auch manchen scheinbaren Vorwand / man müsse sein Licht leuchten lassen / und sein Pfund anlegen / man eifere vor die Ehre GOttes / und wäre verpflichtet die Sünde zu bestraffen; mercket aber nicht des Feindes Absicht dabey / wie er nur suche das Gemüt herauß zu locken / und in Unruh und Zerstreuung einzuflechten. 13. Wiederum andere / die es ja gut wollen machen / nehmen allerhand ausserliche Mittel und leibliche übungen bey der Hand: sie bäten / sie hören / sie lesen / sie betrachten / sie wohnen guten Gesellschaff ten bey / und dergleichen / welches alles gut und Vor-Rede des übersetzers. und nützlich wäre / wann nur solche übungen auf die gehörige Weise und zum rechten Endzwerk gebraucht würden: allein da fällt mancher so starck auf solche Mittel / daß er des Endes drüber vergisset und versäumet / und da GOTT solche gute Handleitungen deßwegen gegeben und angeordnet / daß wir dadurch von der Zerstreuung unseres Sinnes im äussern / zu uns selbst / zu unserm Inwendigen / und zu seinem wahren Dienst im Geist und in der Warheit solten gebracht werden / da werden sie manchem recht zu einem Aufenthalt / indem er auf solchen Handleitungen hangen bleibet / so daß seine Sinne dadurch in immerwährender Zerstreuung gehalten / und die Gnaden-Kräffte erschöpfft werden: Und wie wäre es doch möglich / daß Gemüter / deren Sinnen und Vernunfft in einem fast continuirlichen Treiben und Wircken sind / zur gründlichen Erkanntnuͤß ihrer selbst und Gemeinschafft mit GOtt solten gelangen können? Da sie im Gebät selbst nicht einmal zur rechten Stille und Sammlung des Hertzens zu gelangen trachten / sondern nur immerdar so viel zu wir Vor=Rede des übersetzers. wircken / und GOtt zu sagen und zu klagen haben / daß dem HErrn (so zu reden) weder Zeit noch Raum übrig bleibt / ihnen wiederum ein Wörtlein zuzusprechen / Psalm. 35. v. 9. 14. Noch ein anderer Griff des Tausend=Künstlers / um gute Gemüter in dem Einzig=nöthigen zu hindern und auffzuhalten / ist / wann er sie in eine übermässige Wircksamkeit / forschen und speculiren der vorwitzigen Vernunfft führet / da man dann offt geräth auf allerhand unnöthigt Streit=Fragen in der Theorie / auff äussere Umstände und Neben=Dinge / oder aber auf Subtilitäten der Vernunfft / auf diese oder jene Meynungen; man wil offt / ohn Göttlichen Ruff und Erleuchtung / die tieffste Geheimnüsse mit seiner Vernunfft ergründen und verstehen; und mag wol mancher wunder dencken von seinem Licht und Fortgang / wann er was neues erfunden oder angenommen / wodurch doch seine Seele nicht gebessert / und wornach ihm an jenem Tage nicht wird gefraget werden: Und auf dergleichen Dinge legt sich mancher mit aller attention, und verſchwen⸗ Vor=Rede des übersetzers. schwendet so unvermerckt seine Krafft und kostbare Gnaden=Zeit; dann indem es doch alles aufs Geistliche zielen sol / se mercket man den Schaden nicht; worzu noch kommt / daß auch die Vernunfft ihre Lust und Leben in dergleichen Beschäfftigungen findet / und es der Natur weit leichter fällt / als in Creutz und Verläugnung aller Dingen dem Heylande JEsu nachzufolgen. 15. Und dergestalt wird dieser auf eine gröbere / und jener auf eine mehr scheinbare Weise in der Zerstreuung / Mannigfaltig keit und Confusion gehalten / ob man es schon offt von sich selbst nich dencket / und auch bey andern wol vor gar fromm passi ren mag: der Allerhöchste weiß es / wie rar diejenige Seelen sind / die recht nüchtern werden / und zu sich selbst kommen / die ihr Hertz und Andacht von allem dem / was ausser ihnen ist und geschicht / trachten abzuwenden / um nur mit GOtt im Geist zu wandeln und gemein zu werden! daher es dann auch kommt / daß die mehreste erweckte Seelen / einige in einer kaltsinnigen Sicherheit / andere in einem scheinbaren Vor=Rede des übersetzers. baren Eiffer und äussern Frommigkeit / oder aber in immerwährendem Klagen und Jammern / ohne wahren Fortgang in der Heiligung dahin leben / und an statt der vergnügten Freyheit und des lieffen Friedens in der Gemeinschafft mit GOtt / inwendig mit vielen Banden beschweret bleiben;“ ja es ist kein Wunder / daß manche auff ihrem Kranckund Todt=Bette GOtt und die Ewigkeit so fremd / dunckel und schreckhafft vor sich sehen; da der Sinn so sehr außgewandt stehet / und sie sich so wenig angewöhnet haben / mit GOtt und mit der Ewigkeit recht bekandt zu werden. O der jämmerlichen Blindheit und Verwirkung der Kinder Adams! 16. Glückselig aber / und recht weise sind diejenige / die sich von gantzem Hertzen nur in dem Eintzig=nöthigen üben / und ohne viel Umschweif zu machen / oder sich mit andern aufzuhalten / allhier so trachten zu leben / als wann sie mit GOtt allein in der Welt wären! dieses ist der kürtzeste und leichteste Weg / zu einer gründlichen / ungefärbten und beständigen Heiligkeit und Vor=Rede des übersetzers. und Ruhe des Gemüts zu gelangen. Derhalben damit ich / eben indem ich dieses schreibe / und die beklägliche Versäumung dieser schönen übung in andern erkenne / mich nicht abermal selbst vergesse / und eben so thöricht zu Werck gehe, so wende ich mich zu meiner eigenen Scelen / und wil mir selbst noch einige Erinnerungen geben / wie ich mit dem HErrn künfftig hin / durch seinen Beystand / zu wandeln verlange; indessen würde mirs lieb seyn / wann auch ein jeder Leser sie also ansähe und gebrauchte / als wann sie ihm vor seine Person allein angiengen / wobey es uns allen gewißlich wol gehen würde. II. 17. Wolan dann / O meine Seele! (und du / der du dieses liefest) sage auff ewig gute Nacht allen Eitelkeiten dieser Welt / die über ein weniges wie ein Traum verschwinden. Alles was dir die Welt anbieten kan / ist nicht werth einen einigen Anblick deiner Augen. Was hat jener reiche Mann nun von aller seiner Pracht und Lust? Und was würde Vor=Rede des übersetzers. würde es seyn / wann du dreissig oder viertzig Jahr der Welt Freude oder Herrlich keit genossen hättest? Eitelkeit der Eitelkeiten! was dir gebricht / suchst du vergeblich ausser dir; Jnwendig in deinem Hertzen / da ist dein wahres Gut / deine Herrlichkeit und Seigkeit zu finden. 18. Verschleuß dein Hertz und Sinnen allem dem / das ausser dir ist und geschicht / es sind alles fremde Dinge / die dir nicht angehen. Nimm dich aller äussern Dinge nicht sonderlich an: was dir auf deiner Reise zur Ewigkeit nicht beförderlich seyn kan / laß dir auch ja nicht hinderlich seyn. Gehe durch alles unberührt hindurch / als ein rechtschaffener Pilger und Fremdling / dessen Hertz / Gedancken und gantzer Wandel im Himmel iſt. Trachte inwendig wie ein unschuldiges Kindlein zu werden / das alles läßt gut seyn / und alle Welt läßt machen und reden / auch von ihm und in seiner Gegenwart / was sie wil / ohne drauff zu mercken / oder sichs anfechten zu lassen. 19. Laß Vor=Rede des übersetzers. 19. Laß dich / durch die Zucht des Geistes zu dir selbst sammlen / und gewehne dich in dir zu leben und zu wohnen / wie du von Natur gentigt bist / ausser dir zu leben und zu schweben. Dein stetiges Werck sey / bey dir selbst zu bleiben / und mit dem HErrn im verborgenen deines Geistes so zu wandeln / als wann du nur mit ihm allein in der Welt wäreſt. Halte GOtt als deinen vertrauten / geheimen Seelen-Freund / dessen Lust ist in solchen Kindern der Menschen: der mit dir im Geiste gerne conversiten und Gemeinschafft haben wil. Dieser dein GOtt schauet dich an / und dencket an dich unauffhörlich / so laß dann deine innige Hertzens=Gedancken auch zu ihm gerichtet seyn / und nicht mit Willen in die Sinnen und Creatur außschweiffen. Gedencke / daß all dein Gut und dein bester Freund bey dir drinnen sey / und sich mit dir unterreden wil: warum woltest du dann außlauffen / und ihn alleine lassen? Ach! wer solte um eines solchen GOttes willen / nicht gern die Welt und alle Creaturen vergessen? Laß Vor=Rede des übersetzers. Laß es dir seyn / als wann du in der Gesellschafft eines guten und lieben Freundes durch ein fremdes Land und wüste Einöde reisetest. 20. Auß hertzlicher Liebe zu diesem deinem trauten Seelen=Freund thue alles / und leyde alles / und nimm alles an / was dir begegnet in dieser Welt / das kleine so wol als das grosse. Um seiner Liebe willen verläugne dich selbst / und stirb ab allen Lusten deines Fleisches und deiner Sinnen; deiner vorwitzigen / geschäfftigen und selbst=klugen Vernunfft / wie auch der verborgenen Anklebung und falschen Lust in allen Dingen ausser GOtt. Laß dir doch keine Lust noch Sünde so lieb seyn / und kein Ding so fest am Hertzen sitzen / das du um eines solchen GOttes willen nicht alsbald und willig soltest dran geben wollen. Andere mögen reich und herrlich / geehrt und gelehrt seyn / in Lust / Gemächlichkeit und Freude leben / der eine mag in diesem / der andere in jenem seine Ergetzung und Trost stellen: laß dir GOtt alleine gnug Was seyn. Vor=Rede des übersetzers. Was andern ein vergängliches Ding und dürfftige Creatur ist, alles das wil dir der unveränderlich=allgnugsame GOtt in deinem Hertzen werden. Um seiner Liebe willen verläugne in allem deinen eigenen Willen / deine Selbst=Liebe und Gefälligkeit; kurtz / verläugne dich selbst / wo du dich selbst findest. Und ach! wie viel wirst du nicht von diesem selbst finden / wann du also in Abgeschiedenheit / nahe bey dir selbst / und nahe bey GOtt zu bleiben dich angewöhnest! Mache nicht zu viel Wercks von deinem Leib: er ist nichtig / eine Speise der Würmen: er ist verdorben / voller bösen Regungen und Begierden / der den Geist offt sehr verdunckelt und beschweret. Du must deinen Cörper so ansehen / und dich gegen ihn so fremde halten / als ein Herr thut gegen seinen Knecht. Regiere deinen Leib mit Verstand / und gib ihm / unterm Vorwand der Nothwendigkeit / nicht mehr als sichs gebühret. Wer in der Verpflegung seines Leibs so zärtlich ist / und so mancherley zu seiner Be Vor-Rede des übersetzers. Bequemlichkeit suchet / wird nimmer gesammlet und recht Geistlich werden. Mache nicht gleich so viel Wesens dabon / wann dir einig Ungemach und Leyden / oder einige andere Widerwärtigkeit zustösset. Trachte / durch GOttes Gnade / alle auß= und inwendige Leyden / heimlich / gedultig / und sanffte zu tragen / auß Liebe zu deinem JESU. Ja / umfasse das Creutz und allerhand Widerwärtigkeiten / und liebe sie von Hertzen; dann nichts hilfft dir mehr deiner Eigenheit zu sterben / wie auch von allem abgespehnet / und GOtt recht nahe zu kommen. 21. So der Welt und dir selbst immer abzusterben / und so mit GOtt im Verborgenen zu leben / das heist JEsu nachfolgen; darin bestehet der Kern und das Wesen des Christenthums. Diß muß dein allein=wichtiges / dein eintziges und all=tägiges Geschäffte hier auff Erden seyn / diß muß dein einiger Haupt-Zweck seyn / den du bey allem stets im Auge haben / und worzu du alles andere richten muſt. Vor=Rede des übersetzers. In diesem Haupt=Werck übe dich ein fältiglich / und ohne grossen Umschweiff und Zurüstung zu machen. Nimm an / und gebrauche alles / (wie gering es auch seyn mögte) was dir darin kan behülfflich seyn / mit Demut und Danckbarkeit. Verwickle dich aber in nichts / binde dich an nichts / bleibe bey nichts stille stehen / als bey der Außübung dieses Haupt=Wercks. Laß Martha sich mit weitläufftigen und vielen Dingen beunruhigen; es ist doch nur dieses Eine nöthig / und dieses Eine beständig / welches allein in Noth und Todt helffen und vergnügen kan / wann dir alles andere (wie scheinbar es auch ist) wird genommen werden. 22. Richte alles gerade zu auff dieses Eine. Was du erkenest / hörest / oder liesest von der Gottseeligkeit / bringe alsbald sein auß dem Kopf ins Hertze / das ist / trachte es nur dir selbst alsbald zu nutze zu machen / daß du vor deine Person es suchest außzuüben / oder sonst dadurch erwecket und gestärcket werdest; nicht aber daß du es nur mögest wiſ Vor=Rede des übersetzers. wissen / oder bey andern davon schwätzen woltest. Ja was dir auch sonst innerlich oder äusserlich begegnen mag in der Welt / nimm es alles einfaltiglich von dem HErꝛn an; Und ohne auff Umstände oder Menschen zu sehen / trachte du nur in allem und durch alles vor deine Person gefördert zu werden in deinem Haupt=Werck / nemlich in der Erkänntnuͤß und Absterbung deiner selbst / und in der Gemeinschafft mit GOtt. 3. Mache nicht viel Wesens und Pralens mit deiner Frommigkeit / mit deinen Verläugnungen / mit deinen innern Empfindungen oder Erfahrungen: dein Geheimnuͤß laß zwischen GOtt und deiner Seelen bleiben. Laß es dir gnug seyn / daß GOtt wisse / was in dir ist; dann es ist mehrentheils schon zu viel / daß wir selber unser Gutes wissen / welches offt nicht länger gut bleibet / wann wir es selbst in uns sehen können. Wer in stiller Wahrnehmung seines Hertzens mit GOtt im verborgenen lebet / stirbet tausend Tödte / und geneufft offt maußsprechliche Vergnügungen und Se Vor=Rede des übersetzers. Seligkeit / ohne viel Geräusch zu machen. 24. Suche nicht gesehen und bekandt zu werden bey andern. Trachte (so viel dein Stand und Beruff es zulässt) als ein vergessener Bürger (oder viel mehr Frembdling) in dieser Welt zu leben / von dem man nicht viel weiß / höret / und redet; Und der auch nichts begehret zu wissen und zu hören / als seinen GOtt / und mit keinem lieber und mehr redet / als mit seinem GOtt. Fürchte dich / wann du bekandt und gelobet wirst; freue dich hingegen / wann du vergessen und verachtet wirst: dann dadurch wird dir der Weg zu vieler Gefahr und Verstreuungen verlegt / und bekommst so viel mehr Zeit und Gelegenheit in dir selbst zu bleiben / und allein mit GOtt zu wandeln. Trachte du nur inwendig wol mit Gott zu stehen / alsdann liegt wenig dran gelegen / wie es sonst gehet / und was andere von dir reden und dencken. 25. Ohne Noth habe nicht viel Umgang mit Vor=Rede des übersetzers. mit den Menschen dieser Welt; wann du aber bey ihnen bist und seyn must / so trachte dich inwendig also zu halten / eben als wann du nur mit GOtt allein wärest. Mache dich mit sehr wenigen gemein / und zwar nur mit solchen / die du bewährt erfunden hast / daß sie dir zur Stärckung. Erweckung und Beförderung in deinem Haupt=Werck dienlich sind: damit du nicht unter gutem Schein von GOTT und von deinem Inwendigen herauß gelocket werdest / und dir von deinen Freunden deine wenige kostbare Zeit nicht gestohlen werde. Habe nur deinen Umgang mit GOtt und mit dir selber. 26. Breche gern deinen Willen / um das Gutfinden eines andern zu folgen / wann es nicht wider GOtt ist: ach! es ist viel leichter / viel ruhiger und nützlicher zu gehorsamen / als zu befehlen. Wann es dein Stand und Beruff nicht erfordert / so halte dich nicht damit auf / anderer Menschen Thun und Wesen wahrzunehmen und zu beurtheilen. Wer alles Unrechte in der Welt wil 2 Recht Vor=Rede des übersetzers. Recht haben und bessern / der verwickelt sich nur in vieler Unruh und Zerstreuung / und bringt offt weder ihm selbst noch andern Nutzen: Hab acht auf dich selbst! O wie ruhig kan doch eine Seele leben / die nicht nöthig hat viel auff andere zu sehen / und an andere zu gedencken! Ubrigens liebe alle Menschen / sey gegen alle freundlich / und thue jederman Gutes / nach deinen äussern und innern Umständen und Vermögen; bleibe aber dabey in heiliger Furcht und inwendiger Abgeschiedenheit / damit du in keine Zerstreuungen geräthest / und in Weitläufftigkeiten eingeflochten wirſt. 27. Liebe ins besonder alle Frommen / und achte sie alle (auch den Allergeringsten) in aller Aufrichtigkeit besser als dich selber. Liebe die Warheit und das Gute / und dancke GOtt davor / wo du es auch finden magst; halte dich aber bey andern nicht auf / sondern trachte du auch selber gut zu werden. Liebe auch diejenige / die nicht in allem so wandeln / wie du thust / laß du einen jeden Vor-Rede des übersetzers. jeden seinen Weg gehen / was gehets dich an? Folge du JEsu nach. Dencke nichts Arges wider deinen Bruder / richte nicht / eiffere nicht / deute alles zum beſten. Kanst du seine offenbahre Fehler verbessern / so thue es mit heiliger Furcht und Sanfftmuth / und kehre alsbald wieder in Demut zu dir selber / in dein eigen Hertz. 28. Diß allein / O Seele! muß dir ein solcher Ernst und so wichtig seyn / daß du dich mit gantzem Hertzen darauf legest. Hierin übe dich vom Morgen biß zum Abend / und laß es dir inwendig eben so werden / als wann du sonst nichts in der Welt zu verrichten hättest. Halte dich mit nichts fremdes und unnöthiges auf: wer sein eigen Hertz recht wil bewahren und in beständiger Selbst=Verläugnung JEsu nachfolgen / der findet so viel zu thun und zu leyden / daß ihm keine Zeit übrig bleibt / sich in andere Dinge einzulassen. 29. Was du sonst äusserlich zu verrichten hast / thue / so viel dir möglich ohne Begierde / Sorge und Bekümmernüß. Thue Vor=Rede des übersetzers. Thue es alles / nur des HErrn Willen in Demut zu vollbringen / so thust du es dem HErrn / und wird dir an dem Eintzig nötigen nicht schaden können. Laß dein Sinn und Andacht nicht zu viel / und mehr als nöthig ist / auff dein äusseres Werck gerichtet seyn; damit du in einem stillen Wesen arbeitende / zugleich dein Hertz bewahren / und bey dem HErrn bleiben mögeſt. Ach! wie eitel und nichtig ist sonst alles / was in dieser Welt ausser GOtt gewircket wird? Und welchen Trost und Nutzen wirst du von aller deiner Arbeit haben in der Stunde deines Todes? Ja / was solte dich auch sonst trösten in allen Mühseligkeiten dieses Lebens / wo du nicht trachtest allezeit und in allem GOtt zum Freunde zu haben? 30. Bald gehest du von hinnen! Von allem dem / das du hast und siehest in dieser Welt / kanst du nichts mitnehmen; alle Menschen verlassen dich / und du verlässest alle Menschen / dann wirst du mit GOtt allein deine Sache außmachen müssen. Der⸗ Vor-Rede des übersetzers. Derhalben / übe dich von nun an in dem Einigen; nemlich alles zu verlassen / was du verlassen must. Handele und wandele mit GOtt / von nun an gleichsam als unter vier Augen. O wol dem / der so in stiller Abgeschiedenheit mit seinem GOtt lebet / und nur Ihm und der Ewigkeit bekandt und gemeinsam zu werden trachtet! dem wird der Todt nicht kommen wie ein Dieb in der Nacht / er darf auch nicht erschrecken vor GOttes Angesicht zu erscheinen. Dann wie er hier dem HErrn gelebet hat / so wird er auch dem HErrn sterben; und wie sein Leben hier mit Christo in GOtt verborgen gewesen ist / so wird er / wann Christus / der sein Leben st / wird offenbahr werden / auch mit ihm offenbahr werden in der Herzlichkeit. 111. 31. Ein jeder Leser mag es alsbald leicht erkennen / wie daß der gantze Inhalt und eintzige Zweck dieses gegenwärtigen köstlichen Buchleins / von der Nachfolge Christi / kein anderer ist / als nur un Vor=Rede des übersetzers. unsern Gemütern eben diese Warheiten einzuflössen / und uns zu einem solchen Wandel zu leiten / wovon so eben in dieser Vor=Rede ist gesprochen worden: Auff allen Blättern lehret es uns zu verschmähen die Eitelkeiten dieser Welt / mit unnötigen Dingen und mit andern uns nicht auffzuhalten; es weiset uns immer auff unser Hertz / wie wir uns selbst und unsere eigene Gebrechen und Unvollkommenheiten erkennen und verläugnen / und Christi Creutz lieben und umfassen sollen; und durchhin zeucht es den Sinn eines andächtigen Lesers unvermerckt von allem äussern zu sich selbst / und nimmt ihn gleichsam mit in einen gemeinsamen Umgang mit GOTT / wie dann das gantze dritte Buch auß einer aneinander hangenden einfältigen Unterredung mit GOtt bestehet. 32. Und dieses miteinander nennet der Autor die Nachfolge JEsu Christi / und zwar mit höchstem Recht; dann wer nur mit einem stillen und andächtigen Gemüt das Leben und Verhalten JEsu Chri Vor=Rede des übersetzers. Christi von seiner Krippen an biß in seinen Todt am Creutz einschauet / wird eben diese Fußstapffen gantz lebhafft und auf die vollkommenste Weise / zu unserer Nachfolge / darinnen ein= und außg drucket finden. Wir können solches mit einem Wort berühren: 33. ER / der Heyland JESUS der in dieser Welt wol hätte ohne Sünde mögen und können in Ehre; Reichthum, Wollust und Freude leben / hat solche alles dennoch / auch uns ein Vorbild zu geben / nicht wollen haben / sondern lieber Schmach / Armuth und Creutz (a) erwählet: Er ließ dem Herodes und den Pharijäern ihren Staat / Ansehen / Schatze und Gemachlichkeiten / und lebte die mehreste Zeit / mit seinen geringen / verachtlichen Eltern / in Nazaret / einem gantz verächtlichen und schlechten Ort / bey einer unansehnlichen Hand=Arbeit / so gantz verdeckt und stille / daß man wol kaum in der Welt mag gewust oder gehöret haben / daß zu Nazaret einer wäre / der JESUS hieſſ (a) Hebr 12. V. 2. Vor=Rede des übersetzers. hiesse: Er hätte in allen Stücken können éclatiren / es fehlete ihm nicht an VerstandWeißheit / Gaben und Göttlicher Krafft Er hätte von allen geistlichen und natürlichen Wissenschafften die vortrefflichsten Bücher können schreiben / die alle Welt bewundert hätte / und wodurch viel tausend Menschen / unserm Bedüncken nach / bekehret wären worden; Aber nein / Er solte und wolte nicht scheinen / selbst in seinem offenhahren Leben suchte Er / so viel möglich / seine Wunder-Wercke / (b) seine Göttliche Hoheit (c) und Herrlichkeit (d) verborgen zu halten / und flohe / wo und wann Er gelobet (e) und geehret wurde. (f) 34. Sein Leben hier auff Erden sahe Er an als einen Durchgang: Ich bin in die Welt kommen, hieß es, wiederum verlasse ich die Welt / und gehe zum Vatter: (g) Alle seine Beschäfftigung war nur zu seyn in dem / das seines Vatters ist / (h) ohne sich zu bekummern um fremde (b) Matth. 8. X. 4. 91 v. 30. 2c. (c) Matth. 16. ✋ 20. (d) Matth. 17: V. 9. (e) Luc. 11: v. 27.28 (f) Joh. 6: X. 15. (g) Joh. 16: V. 28. (h) Luc. 2: V. 49. Vor-Rede des übersetzers. fremde Dinge / worzu Er nicht in der Welt war; und gleich wie Er in seinem kurtzen offenbahren Leben sich so offt dem Volck entrisse um ins geheim zu bäten / und manchmal gantze Nächte in der Einsamkeit / in einem Gebät GOttes (i) und sonderbar=familiaren Umgang mit seinem himmlischen Vatter zubrachte / also ist auch leicht zu erachten / daß in seinem langen verborgenen Leben zu Nazaret dieses nicht weniger sein liebstes und stetes Haupt-Werck wird gewesen seyn: David und Petrus sagen uns / daß der Heyland sich beständig geübet in der Gegenwart GOttes zu wandeln / und sich in Ihm / seinem himmlischen Vatter / inniglich zu erfreuen / dergestalt führen sie Ihn selbst redende ein: Ich sehe (k) den HErrn allezeit vor meinen Augen / dann er ist zu meiner Rechten / darum werde ich nicht beweget werden: darum ist mein Hertz frölich / und meine Zunge hüpffet freudig auf / u. s. w. Und so ließ ihn auch sen Vatter nicht alleine / weil (i) Luc. 6: v. 12. (k) Ap. Gesch. 2: v. 25. 26. Vor=Rede des übersetzes. weil Er sein Werck davon machte / demselben also nach den Augen zu sehen / und allezeit das zu thun / was Ihm gefällig war / (l) in beständiger Ergebung seines Willens in den Willen seines Vatters / (w) ja willig und mit Freuden die allerbitterste Leyden auff sich zu nehmen aus Liebe zu demselben. (n) 35. Dabey ließ Er die Schrifftgelehrten und Pharisäer sich zancken über ihre besondere Meynungen / und sich schleppen mit ihren leiblichen übungen und Menschen=Satzungen; lehrete ihnen hingegen mit Wort und Wandel das Eine / welches noth war / und woran es ihnen allen noch fehlete: Und wie Er sich nicht mengete in die unnütze Streit=Fragen der Gelehrten selbiger Zeit / so ließ Er sich auch in keine andere Dinge ein / worzu Er nicht gesand war / wer hat mich darzu gesetzt? (o) War seine Antwort wann man Ihn in fremde Händel wolte ziehen / ob Er wol sonst herum gieng / und allen Gu36 tes that. (p) (1) Joh 8: v.29. (m) Joh 4: v. 34. 6: V. 18 (n) Joh. 14: v. 11. (0) Luc. 12: V. 14 (p) Apost. Gesch 10; v. 38. Vor=Rede des übersetzers. 36. Er liebte / und gieng gerne um mit einfältigen / armen und verachteten Leuten / wann sie Begierde zu GOtt hatten; war auch in seiner Liebe unparteyisch / das Samaritische Weib (q) war Ihm ja so lieb als der Schrifftgelehrte Nicodemus (t) wie nicht weniger diejenige / welche Ihm zur Zeit noch nicht nachfolgeten, (s) wolte auch so gar nicht über die Jürigen einen Eiffer gestatten / (c) noch die grösten offenbahren Sunder urtheilen. (n) Daß Eine Werck / worzu Er gekommen war betrachtete und übete Er Tag und Nacht mit unermudetem Fleiß / davon war sein Hertz und Sinn so voll / daß was Er auch von äusserlichen Dingen sahe oder hörete / Jhn nur aufs Geistliche führete / daß Er auch als bald davon zu reden Anlaß nahm. (v) 37. W. e nun sein Leben war / so war auch seine Lehre: das wir solten wachen und bäten allezeit (w) und ohne Unterlaß; (*) daß wir Ihm solten durch VerläugJoh. 4 (r) Joh. 1. (s) Luc. 9. V 40.50. ) ibid. v. 54. u. f. (u) Joh 8 v. 11. Joh 4: v. 10. (v) Luc. 21. V. 36. [*) Luc. 18. v. 1. Vor=Rede des übersetzers. läugnung und tägliches Creutz nachfolgen / (y) ohne uns viel um andere zu bekümmern / (z) Eines seye nur noth / (aa) ausser dem hülffe ja alles dem Menschen nicht / wann er gleich die gantze Welt gewünne / (bb) u. s. w. 38. Sehet / eben von diesem Eintzig Nöthigen handelt dieses Büchlein von der Nachfolge JEsu Christi, weßwegen es ja wol keiner weitern Recommen dation oder Verthätigung vonnöthen hat / massen auch darbeneben dieses einfältige Buchlein durch den allgemeinen und unglaublichen Seegen / zur Bekehrung / Erweckung / und Stärckung so vieler tausend Seelen / unter allen Parteyen der Christenheit / von GOtt selbst gnugsam approbiret und angepriesen worden: Und muß man sich warlich verwundern / daß eben dieses unansehnliche Büchlein / in allen Sprachen Europä / wie auch anderer Völcker übersetzt / und fast unzählig mahl gedruckt worden / wie dann eine gantze Menge solcher übersetzungen von andern nach (v) Matth. 16: v. 24. (2) Joh. 21; v. 22. (22) Luc. 10; v. 42. (bb) Matth. 16; v. 26. Vor=Rede des übersetzers. nach der Reihe hergezählet werden; und solte man schwerlich nächst der Bibel ein Buch finden / das dergestalt an allen Orten und Enden bekant worden wäre: worauß dann billig geschlossen wird / daß GOtt eine sonderbare Vorsorge und Gefallen an das darinnen enthaltene Zeugnüs ꝺer Warheit haben müsse / und man daher verpflichtet seye / demselben höchlich vor diese werthe Gabe zu dancken. 39. Mögte sonst aber noch jemand an der Authorität und Ansehen dieses Büchleins bey seinen Religions=Verwandten zweiffeln / der beliebe nur des Herrn Gottfried Arnolds Vor=Bericht über die teutsche Edition der Wercke Thomae à Kempis nachzusehen / da er pag. 16. u. f. eine Menge Lob=Reden und Zeugnüsse berühmter Lehrer auß allen Partheyen antreffen wird / welche mit neuern Scribenten auch leichtlich könten vermehret werden: Johan Arnd. Olearius und Spener sind unter den Lutheranern bekant und berühmt / alle drey haben dieses Büchlein öffters drucken las sen / und auffs beste recommendiret; der letztere sagt: Diß liebe Büchlein hat so viel Frucht Vor-Rede des übersetzers. Frucht in der Christenheit hin und wieder gestiffter / als vielleicht jemals einiges anders. Unter den Reformirten lobet das selber unter vielen andern. J. H. Hottinger, Theod. Undereick, * und sonderlich der bekante Gisbertus Voëtius, welcher es öffentlich verthädiget und bewiesen hat / daß die Reformirten dieses Büchlein allezeit hoch gehalten haben / er selbst recommendiret es den Studiosis zu lesen / und spricht: Ich finde, nechst der heiligen Schrifft / nichts einfältigers / kräfftigers und Göttlichers. Derer Catholischen / und anderer Scribenten jetzt nicht zu gedencken. 40. Das ist einmal gewiß / und auß der allgemeinen Erbauung dieses Büchleins mit Grund zu gedencken / daß der seelige AuDieser eri siliche Prediger, und erster Stiffter der privat Versammlungen allhier in Mülheim / dessen Gedächtnus hier und andere wo billig im Segen ist / hat / wie man auß sichern Nachrichten weiß / dieses Buchsein des Thom. à Kempis seiner Braut bey der Vermählung zur Braut=Gabe geschenckt / und pflegte zu sagen: Wann ſein Hauß in Brand ſiünde / wolte er am ersten die Bibel und dieses Büchlein ergreiffen. Vor=Rede des übersetzers. Autor, gleichwie er diesen Tractat von der Nachfolge im 61 Jahr seines Alters / und also nach langer übung in den Wegen der Gottseeligkeit geschrieben hat / er auch eben zu der Zeit in einer recht lautern / demutigen und GOtt=gefälligen Gemüts Gestalt muß gestanden haben / welches mir Effters mit Nachdruck bey dieser übersetzung in den Sinn kam; daher ich denn warlich mich drüber erfreue und GOtt davor dancke / daß mir unvermuthlich Anlaß gegeben worden / auch eine neue übersetzung dieses allgemeinen Hand=Buchs der Christen außzufertigen und gemein zu machen / welche unter so vielen andern Editionen verhoffentlich noch mit einen Platz finden wird. 41. Man war anfangs nur gesinnet eine von denen schon im Druck liegenden übersetzungen / dem folgenden Büchlein des Gerlachs vorsetzen zu lassen; wie man aber selbige mit dem Lateinischen des Autoriconferirte / wurde man endlich schlüssig zu versuchen / ob man nicht die übersetzung in etwa genauer nach den Worten des Autotis einrichten könte / als bey andern teutschen Vor=Rede des übersegers. schen übersetzungen bißher geschehen ist; wie weit man nun darin seinen Zweck erreichet / lässt man dem Urtheil eines Lesers über / der so wol diese als einige andere Version mögte mit dem Lateinischen vergleichen wollen. Nichts desto weniger bleibet auch andern übersetzungen ihr gebührendes Lob / und können nicht weniger zur Erbauung gebrauchet werden / ein jeder wird dabey sein besonderes Absehen zum allgemeinen Nutzen gehabt und erreichet haben bey dieser hat man / wie gesagt / sonderlich sich beflissen / so viel möglich / bey den Worten und kurtzen einfältigen Außdrückungen des Autoris zu verbleiben / wodurch doch auch der Deutlichkeit nichts sonderliches wird abgegangen seyn; damit auch der Leser wisse / daß er in diesem Büchlein den Kempis, und nicht einen übersetzer höre reden. 42. Diese übersetzung ist zwar nach der Edition des Rosweidi geschehen; weil aber in derselben verschiedene Druck= und andere Fehler sich befunden / so hat man selbige nach einer der ältesten Hand=Schrifften übersehen und bißweilen corrigiret. Die= Vor=Rede des übersetzers. Dieses Manuscript, welches im Jahr 1450 / und also noch 21 Jahr vor des Kempis Todt / und nur neun Jahr / nachdem er das Büchlein verfertiget / geschrieben ist / hält nur drey Bucher in sich / an deren Ende mit dem Innhalt derselben beschlossen wird / ungeachtet es auß einer Catholischen Bibliothec hergekommen: weßwegen man dann billig auch allhier das vierte Buch weg gelassen / da über das unterschiedliche mit gutem Grund bewiesen haben / daß dieses vierte Buch ein gantz besonderer Tractat sey / der zwar den übrigen dreyen bißweilen beygedruckt worden / aber gar nicht als ein Theil derselben / sondern mit dem besondern Titul und überschrifft / eines Büchleins vom Sacrament des Altars. Indessen hat der Herr Poiret, der den Kempis zum Gebrauch der Protestanten heraußgegeben / dieses vierte Buch paraphrasirt hinzugefügt / und meist auff die innere Communion oder Gemeinschafft des Geistes und Lebens Christi gantz erbaulich gedeutet: weil nun selbige Edition auch sauber verteutschet und vorhanden ist / so wil man diejenige / so sich dessen zu ihrer Er Vor=Rede des übersetzers. Erbauung gebrauchen wollen / dahin verwieſen haben. 43. Wie hoch nun sonst diese Bücher von der Nachfolge JEsu Christi / von frommen und angesehenen Lehrern unter allen Partheyen erhoben / und fast durch alle Welt mit allgemeiner Approbation gesuchet und angenommen worden / so hat es doch demselben (damit sie auch dieses Merck Zeichen der Warheit haben mögten) nicht an Feinde und Widersprüche gefehlet; weil aber selbige von andern schon offt und viel widerleget sind / so hat man allhier um o viel weniger den Raum damit einnehmen mögen; und zu dem so wird die arge Vernunfft / mit allen ihren gesuch ten Widersprüchen / bey Verständigen wenig Eingang finden; es wäre auch seine Zeit vergeblich zugebracht / einen hartnäckigen blind gebohrnen zu wollen über zeugen / daß die Sonne scheinet / oder eine Nacht=Eule / daß das Licht lieblich ist: die helle Strahlen der reinen Warheit / welche auch in diesen und dergleichen Büchern leuchten / werden dennoch mit Vergnügen und Danckbarkeit von manchem auffge nom⸗ Vor=Rede des übersetzers. nommen werden / und endlich den gantzen Erdboden erleuchten / wann der Fürst der Finsternüs mit seinen Dienern und allen denen / die die Finsternus mehr geliebet dan das Licht sich werden verkriechen müssen. 44. Sonderlich hat man dieses Büch lein Einfältigen wollen verdächtig machen / unter dem scheinbaren Vorwand / daß nichts von dem Verdienst JEsu Christi vor uns darin anzutreffen wäre. Ob nun wol diese Außflucht gantz ohne Grund ist / und ein Auffmercksamer hin und wieder gnugsam sehen kan / wie der liebe Kempis keines wegs auff eigene Verdiensten / sondern auff GOttes Gnade in Christo JE su den Grund seines Heyls gebauet; so hat man ꝺennech' etliche wenige Zeugnüſſe von dieser Warheit, auß seinen andern Schrifften / hinten angehänget / einem jeden zu zeigen / wie er auch in diesem Stück / nach dem Evangelio / lauterlich gesinnet gewesen sey / da ohne dem diese Zeugnüsse schön und erbaulich sind. 45. Es ist ein recht listiger Fund der alten Schlange / und ihres Werckzeugs der verderbten Vernunfft / daß wann ihr etwa Vor=Rede des übersetzers. etwa ein münd= oder schrifftliches Zeug nuͤß was harte antastet / sie dann flugs mit dieser greulichen Beschuldigung sich währet: Er hält nichts vom Verdienst Christi / er ist nicht lauter in der Lehre der Rechtfertigung / er ist nicht Evangelisch / u. s. w. womit sie einfältige / hungerige Gemüter abzuschrecken gedencket / damit ihr WahnGlaube nicht verrathen / und ihre falsche Ruhe gestöret werde. Nun wäre es gewiß ein wichtiger Jrrthum / wann derselbe sich würcklich in einem Buch oder Menschen befände, allein die alte und tägliche Erfahrung beweiset / daß es mehrentheils nur ein blinder Lärmen gewesen / wann die Sache genau und ohne Vor=Urtheil untersuchet worden. Und gesetzt / daß auch in diesem oder einem andern Buche nicht ein Wörtlein von Christi Leyden und Verdienst zu unserer Versöhnung anzutreffen wäre / so hätte man doch deßwegen noch nicht den geringsten Grund solche Schriften zu verwerffen / eben so wenig als den Brieff Jacobi oder ein anderes Buch der H. Schrifft / worinnen solche Warheit auch nicht außdrücklich berühret wird; da zu Vor=Rede des übersetzers. zudem dieses ein Büchlein ist / welches expressè von der Nachfolge Christi handeln sol / und es demnach einem Lesen gnug seyn müste / wann er auch nur diese, Materie darin abgehandelt fünde. 46. Allein / das wird der Eigen=Liebe so wenig an diesem Autore, als an Christo und seinen Aposteln gefallen / daß unsere Gleichförmigkeit mit Christi Leyden und Sterben / allewege so vorsichtig und unmittelbar / mit seinem Creutz und Tode für uns / zusammen gesetzt und verknüpffet wird: angesehen dieses eine verdienende und kräfftig=würckende Ursache von jenem / und jenes eine nothwendige Frucht und Folge von diesem / in allen Glaubigen ist und seyn muß. 47. Ubrigens aber so bleibt es gewißman mag dieses oder ein anderes Zeugnuß der Warheit noch so sehr æstimiren und rühmen / so sol doch darüber die H. Schrift keines Wegs hindan gesetzet werden / sondern es behalten die Schrifften der Propheten und Apostel in allem und über alle menschliche Bücher ihren hohen Vorzug / wie gut diese auch sonst seyn mögen. Viel we Vor-Rede des übersetzers. weniger sollen wir uns dergestalt in einige Creatur oder gute Vorschrifft verbilden / und dabey stehen bleiben / daß wir darüber versäumen solten zu Christo selber zu kommen / und in beständiger Absterbung unser selbst und aller Dingen / in dessen inwendige Gemeinschafft würcklich einzudringen / wohin uns doch alle gute Lehrer und Bücher weiſen. „48. JEsus Christus / der „treue Hirte unserer Seelen / der uns mit „seinem theuren Blut von der Erden „Ihm zum Eigenthum erkauffet hat; Der „aber auch / indem Er für uns gelitten / „uns ein Fürbild gegeben / daß wir nach „folgen sollen seinen Fußstapffen, (2) „der bewircke uns dergestalt durch seinen „Geist / daß eben der Sinn auch in uns „seyn möge / welcher in J. C. war / (b) „uns nemlich / in gründlicher Absterbung, „außzuleeren von aller Creatur= und „Selbst-Liebe / damit wir die wenige „Tage unserer Wallfahrt zubringen mö„gen in wahrer Enthaltung von aller vergäng(2) 1 Petr. 2; p. 21. (b) Phil. 2; V. 5. Vor=Rede des übersetzers. gänglichen Lust / todt zu werden der „Suͤnde / fremd der Welt und uns selbst / „Ihm aber und der stillen Ewigkeit im „Geist bekandt und gemeinsam; Und „wir Ihm dergestalt / als Gäste und „Fremdlinge / mit geschlossenen Augen „nachfolgen / und mit Ihm stille fort „wandeln mögen / durch die Wüste die„ser Welt / biß in unser wahres und ewiges Vatterland! Ja JESU! bringe „uns Verirrete und Verlohrne also wieder zu dir, (c) daß wir wieder „heim kommen / Amen. G.T.St. Mülheim / den 3. Martii / 1730. * * * Inhalt (c) Klagl. 5. v. 21. A Inhalt der Bücher von der Nachfolgung Christi. Das Erste Buch / bestehend in nützlichen Ermahnungen zum Geistlichen Leben Das I.Cap. Von der Nachfolgung Christi und Verschmähung aller Eitelkeiten dieser Welt. Pag. II. Wie der Menſch mäſſiglich von ſich halten sol. III. Von der Lehre der Warheit. Wie der Mensch bey seinem VorIV. haben klug und vorsichtig seyn sol. 12 Wie man die heilige Schrift lesen sol. 13 VI. Von den unordentlichen Begierden. 15 VII. Wie man vergebliche Hoffnung und übermuth meyden sol VIII. Wie man sich vor all zu vieler Freundschafft hüten sol. Vom Gehorsam und Unterthänigkeit. 20 IX. X. Von Vermeydung überflüssiger Reden. XI. Wie der Mensch den rechten Frieden erlangen und eifrigst zunehmen sol. 23 XII. Vom Nutz der Trübsal. XIII. Wie man den Anfechtungen widerstehen sol. XIV. Von Vermeydung leichtfertigen Urtheils. XV. Inhalt der Bücher von der Nachf. Chr. XI Von den Liebes=Wercken. 36 XVI. Wie man anderer Leute Schwachheiten und Gebrechlichkeiten vertragen sol. XVII. Von des Menſchen Pilgerſchaft, und worzu er auff Erden beruffen sey. XVIII. Von den Exempeln der heiligen Alt⸗Vätter. XIX Von den übungen eines rechtschaffenen Geiſtlichen. xx. Von der Liebe zur Einsamkeit und zum stillschweigen. XXI. Von der Zerknirschung des Hertzens.58 XXII Von Betrachtung des menſchlichen Elendes. XXIII. Von Betrachtung des Todtes. XXIV. Vom Gerichte / und Strasse der Sünder. xxv. Von ernster Besserung unseres gantzen Lebens. Das Andere Buch / handelt von dem innerlichen Wandel / und gedultigem Leyden aller Widerwärtigkeit. Das I. Cap. Von des Menſchen innerlichen Pag. 88 Wandel. 94 Von der Demuth. III Von einem frommen und friedsa men Menschen. IV. Von einem reinen Hertzen / und einfältiger Absicht. *** Inhalt der Bücher 100 Von Betrachtung seiner selbst. VI. Von der Freudigkeit eines guten 103 Gewissens. VII. Wie man JEsum über alle Dinge 106 lieben sol. VIII. Von der vertraulichen Freund108 ſchafft JEſu. IX. Von dem Mangel alles Trostes und wie sich dabey zu verhalten. 112 Wie der Menſch GOtt vor ſeine x. Gnade dancken sol. 118 Von der geringen Anzahl der LiebXI. 122 haber des Creutzes Christi. XII. Von dem Königlichen Wege des 125 heiligen Creutzes. Das Dritte Buch / von innerlicher Tröstung. Das I. Cap. Von der innerlichen Rede Christi zur glaubigen Seelen. Pag. 136 II. Daß die Warheit inwendig redet ohne Geräusch der Worte. 138 Wie man die Worte GOttes de111. mütiglich sol anhören / und daß viele dieselbe gering achten. 140 IV. Ein Gebät / die Gnade der Andacht zu erbitten. 144 V. [sonst 4. Cap.] Wie man in der Warheit und Demut vor GOtt wandeln sol. 145 VI. [5.] Von der wunderbaren Krafft und Wirckung der Liebe GOttes. 149 VII von der Nachfolgung Christi. VII. [6.] Wie man einen wahren Liebhaber 154 GOttes erkennen ſol. VIII. [7.] Wie man die Gnade GOttes verborgen halten ſol unter der Wache 159 der Demut. 1x. [8.] Wie man sich selbst in den Augen 163 GOttes gering achten sol. x. 19.1 Wie man zu GOtt / als dem höch sten und letzten Ende / alle Dinge 166 richten ſol. XI. [10.] Von der Süssigkeit GOtt zu die nen / mit Verachtung der Welt. 168 XII. [11.] Wie man die Begierden seines Herens untersuchen und mälsigen fol. 172 XIII. [12.] Von der Gedult / und vom Streit wider die Lüsten und Begierden. 174 XIV. [13.] Wie man denen / die über uns gesetzet / nach dem Exempel Christi 178 gehorsam seyn sol. xv.[14.] Wie man GOttes Reinigkeit mit heiliger Furcht betrachten sol, damit wir uns in nichts erheben. 180 XVI. [15.] Wie man stehen / und wie man sa. gen sol / in einer jeden Sache / die 183 man begehret. XVII. Ein Gebät / das Wolgefallen GOt185 tes zu erfüllen XVIII. [16.] Daß wahrer Trost allein in Gott 187 zu suchen sey. XIX. [17.] Daß man alle Sorge auff GOtt 189 legen fol. XX. [18.] Daß man die zeitliche Elenden nach Inhalt der Bücher nach dem Exempel Christi gleich191 mütig tragen müsse. XXI. [19.] Wie man das Unrecht erdulden sol / und wer ein wahrer Gedultiger sey. 194 XXII. [20.] Von der Bekäntnüs der eigenen Schwachheit / und von den Elenden dieses Lebens. 197 XXIII. [21.] Daß man in GOtt ruhen müss201 über alle Güter und Gaben. XXIV. [22.] Von Erinnerung der mannig206 faltigen Wolthaten GOttes. XXV. [23.] Von vier wichtigen Stücken / die 210 zum Frieden hinführen. XXVI. Ein Gebät wider die bösen Ge212 dancken. XXVII. Ein Gebät um Erleuchtung dei 213 Gemüts. XXVIII. [24.] Von Vermeydung fürwitziger Erforschung eines andern Lebens. 215 XXIX. [25.] Worinnen der beständige Friede des Hertzens und der wahre 216 Fortgang beſtehet. XXX. [26.] Von der Vortrefflichkeit eines freyen Gemüts / welches vielmehr durch demütiges Gebät / als durch 220 lesen erlanget wird. XXXI. [27.] Daß die Eigen=Liebe uns am meisten vom höchsten Gut abhält. 223 Ein Gebät um Reinigung des XXXII. Hertzens / und um die himmlische 225 Weißheit. XXXIII. von der Nachfolgung Christi. XXXIII. [28.] Wider die böse Zungen der 226 Affter=Reder. XXXIV. [29.] Wie GOtt zur Zeit der Trübsal müsse angeruffen und gelobet 228 werden. XXXV. [10.] Daß der Mensch allein bey GOtt Trost und Hülffe suchen / und in keinem Anliegen bezzagen 230 sol. XXXVI. [31] Wie man alle Geschöpfe verschmähen sol / damit man den 235 Schöpfer finden möge. XXXVII.[32.] Von der Verläugnung sein selbst / und Absagung aller Be19 gierde. XXXVIII. [13.] Von der Unbeständigkeit des menschlichen Hertzens / und wie man unter aller Unbeständigkeit die manigfaltige Meynung seines Hertzens auff GOtt richten müsse. 242 XXXIX. [34] Daß GOTT dem Liebenden ſchmäcket über alle Dinge und in 144 allen Dingen. XL. [35.] Daß man in diesem Leben niemals für der Versuchung sicher sep. XLI [36.] Wider die eitele Urtheile der 250 Menschen. XLII. [37.] Von der lautern und völligen überlassung seiner selbst / damit man die Freyheit des Hertzens 252 erlange. XLIII [38.] Wie man sich im äusserlichen woll per Inhalt der Bücher verhalten, und zu GOtt in allen Nöthen seine Zuflucht nehmen sol. 255 XLIV. [39.] Wie der Mensch in seinen Geschäfften nicht ungestüm seyn sol. 257 XLV. [40.] Daß der Mensch nichts Gutes auß ihm selber habe / und sich keines Dinges rühmen kan. 259 XIVI. [41.] Von Verschmähung aller welt263 lichen Ehre XLVII. [42.] Daß man den Frieden nicht au 264 Menſchen bauen ſol. XLVIII. [43.] Wider die eitele weltliche Wi256 fenschafft. XLIX. [44.] Wie man sich der äussern Dinge 269 nicht sehr annehmen sol. L. [45.] Daß nicht allen Menschen zu glauben sey / und wie man so leicht275 lich strauchelt mit der Zungen. LI. [46.] Wie man das Urtheil der Welt nicht achten / sondern nur auff 275 GOttes Urtheil sehen sol. LII. [47.] Wie man alle Beschwerlichkeiten um des ewigen Lebens willen ger280 ne leyden ſol. LIII.[48.] Von dem Tag der Ewigkeit. und von den Bedrängnussen die283 ſes Lebens. LIV. [49.] Von dem Verlangen nach dem ewigen Leben / und wie grosse Güter denen streitenden verheissen 288 seyen. LV. [50.] Wie sich ein trostloser Mensch in die von der Nachfolgung Christi. die Hände GOttes auffopffern müsse. 295 LVI. [51.] Wie man niedrigen Wercken obliegen sol / wann man zu höhern übungen nicht im Stande ist. 301 LVII. [52.] Daß sich der Mensch nicht sol des Trostes würdig / sondern der 303 Straffe schuldig achten. LVIII. (53.) Daß die Gnade GOttes sich nicht vermiſche mit ꝺenen / ꝺie 306 irrdiſch geſinnet find. LIX. [54.] Von den verschiedenen Bewegungen der Natur und der Gnade. 311 LX. 155.] Von der Verdorbenheit der Natur / und der kräfftigen Wirckung der Gnade. 317 LXI. (56.) Daß wir uns selbst verläugnen / und Christo durchs Creutz nach. 322 folgen müssen. LXII. 157.] Daß der Mensch nicht gar zu kleinmütig seyn solle / wann er in einige Gebrechen fället. 326 LXIII. [58] Daß man in hohen Dingen und verborgenen Gerichten GOttes nicht fürwitzig forschen sol. 330 LXI [59]. Daß man alle Hoffnung und Zuversicht auff GOtt setzen sol. 338 ### * Das 80 # Eodect # ⸸ E p Leben Das des Thomä von Kempis. 1. Thomas à Kempis ist gebohren zu Kempen einem Städtlein im Cöllnischen Gebiet / auf den Grentzen des Clevischen und Güligischen Landes / wovon ihm der Zunahme von Kempis beygeblieben ist/ da sonst sein eigentlicher StammName Thomas Hemmercken (d.i. Hänj merlein) gewesen. Seine beyde Eltern / Johannes und Gertrud Hemmerckens, waren nach dem äussern geringes Standes / und ernähreten sich mit ihrer Hände Arbeit / wobey sie mit wenigem wol vergnügt lebten / und wie auß allen Nachrichten erhellet / ehrbar / sittsam / und nach ihrer Erkanntnüß fromm und unsträfflich in der Furcht GOttes wandelten. 2. Unser Thomas ist gebohren im Jahr 1380. Nachdem er seine KindheitJahre Das Leben des Thomä von Kempis. Jahre unter der Aufsicht seiner Eltern zugebracht / und ohngefehr das dreyzehende Jahr erreichet / begab er sich nach De denter / der Haupt-Stadt in Ober-Yssel / woselbst damals gute Künste fleissiger als anderswo getrieben wurden / doch reisete er von Deventer bald weiter hin nach Windesem bey Schwoll / um seinen leiblichen und ältesten Bruder Johannes auf zusuchen / welcher schon vorhin zu Deventer studirte / und dem Gerhardo Magno sonderlich bekandt gewesen war / damals aber in dem Kloster Canon. Regul. August. zu Windesem sich auffhielte: Dieser nun gab ihm Rath und Anlaß wieder nach Deventer zum D. Florentio, dem Vicario der Kirchen selbiger Stadt / zu kehren / welcher Florentius wegen seiner Frömmigkeit und Gelehrtheit schon zuvor unserm Thomas bekandt und beliebt war / und grossen Zulauff von vielen Schülern hatte / die seine heilige Unterweiſungen einzunehmen begierig waren. 3. Thomas à Kempis nennet ihn selber einen wahren Diener GOttes / der ihn auch anfänglich hätte zum Dienst GOt ter Das Leben des Thomä von Kempis. tes gezogen / und auch sonst ihm und manchen andern viel Gutes erwiesen / und erzählet folgender Gestalt / wie er von demselben sey aufgenommen und fortgeholffen worden: „Wie ich dann / spricht er / zu „dem Ehrwürdigen Vatter kam / wurde „er bald in Mitleyden gegen mich bewogen / und nahm mich einige Zeit bey sich „ins Hauß / hielte mich auch zur Schule / „und gab mir darbeneben diejenige Bü„cher / die er glaubte / daß mir nöthig wä„ren; hernach machte er / daß ich umsonst „eine Herberg und Tisch bekam bey einer „gewissen ehrbaren und andächtigen „Frauen / welche mir und andern From„men offt viel Gutes erwiesen hat; da ich „nun dergestalt in der Gesellschafft eines „so andächtigen Manns und seiner Brü„der mich befand / merckte und sahe ich „täglich ihren Gottseligen Wandel / „freuete und ergetzte mich über die gute „Sitten / und in den Gnaden=vollen „Worten / welche hervor kamen auß dem „Munde der Demütigen. 4. Droben erwehnet Kempis der Brüder des Florentii, zu dessen Erläuterung nicht Das Leben des Thomä von Kempis. nicht unangenehm seyn wird hier anzuführen / wie daß dieser ernstlich gesinnete Mann in seinem Hause versammlet hatte eine ziemliche Anzahl frommer Jünglingen / welche miteinander unter seiner Auf sicht sich ernstlich in der Gottseligkeit übten / und von Bücher=Schreiben meist ihren Unterhalt hatten / weil die Druckerey damals noch nicht erfunden war / in eben dieses Hauß ist nun unser Thomas darnach mit gekommen / durch Hülffe und Anrathen des Florentii. Er hatte einen andern Jüngling Arnold von Schoonhoven (dessen Leben Kempis hernach beschrieben) zu seinem Stuben- und Schlaf-Gesellen / daselbst lernte er schreiben / die heilige Schrift lesen / und hörte manche erbauliche Reden / wie auch andächtige Bücher lesen / und wurde kräfftiglich daselbst auffgemuntert zur Verschmähung der Welt / sonderlich wurde er täglich sehr geholffen und unterwiesen in der Gottseligkeit durch den liebreichen süssen Wandel und Ermahnungen der Brüder / wie seine eigene Worte lauten; was er da mit Schreiben erwerben konte / gab er zu den gemeinen Kosten des Hau⸗ Das Leben des Thomä von Kempis. Hauses / und wann er etwa zu kurtz kam / so bezahlte der fromme Florentius solches für ihn / der auch sonst in allem recht vätterlich für ihn sorgte. 5. Es mag die Versammlung dieses Hauses / bey damaliger finstern Zeit / gewiß eine außerlesene gute Hauß=Kirche und Licht der Welt gewesen seyn: Sehet hier, wie sie unser Kempis irgend wo beschreibet; „Ich weiß mich nicht zu erinnern / spricht „er / daß ich je zuvorn dergleichen Menschen / so andächtig und so brünstig in „der Liebe GOttes und des Nechsten ge„sehen habe / welche unter den Menschen „der Welt lebende / nichts vom weltlichen „Leben an sich hatten / und sich nichts um „irrdische Händel bekümmerten; dann sie „blieben stille zu Hause / schrieben fleissig „Bücher / waren stets der Lesung heiligen „Schrifften und andächtigen Betrach „tungen ergeben / unter der Arbeit nah „men sie zu ihrem Trost und Stärckung „ihre Zuflucht zu kurtzen Stoß-Gebätlein / „des Morgens waren sie früh in der „Kirchen / und opfferten GOtt die Erst „lingen ihrer Lippen= und Hertzens=Seuf„tzer / Das Leben des Thomä von Kempis. „tzer / man sahe sie gebücket liegen / und „ihre reine Hände und Gemüts=Augen gen Himmel erheben / um durch Gebät „und Thränen GOttes Gunst und Gna„de zu suchen. 6. „Der erste Einsetzer und geistliche „Führer dieser vortrefflichen Versamm„lung (so fähret Kempis weiter fort) ist „gewesen der Herr Magister Florentius „der mit Tugenden gezieret / und mit „Göttlicher Weißheit in der Erkäntnüs „Christi erfüllet war / und samt seinen „untergebenen Aeltesten und Versamm„lungs=Brüdern der Form des heiligen „Apostolischen Lebens in Demut nachfol„gete. Diese nun wie sie in GOtt ein „Hertz und eine Seele waren / so brachten „sie auch alles was sie hatten / gemein„schafftlich zusammen / nahmen davon ein„fältige / schlechte Speise und Kleidung. und wolten nicht gedencken an den morgenden Tag. Dann weil sie sich frey willig GOtt gewidmet hatten / so be„flissen sie sich auch alle ihrem Führer / oder demjenigen / den er an seiner statt darzu „verordnet hatte / gehorsam zu seyn / und „wie Das Leben des Thoma von Kempis. „wie sie den heiligen Gehorsam für ihre „gantze Regul hielten / so trachteten sie „auß allen Kräfften sich selbst zu überwin„den / ihren Lüsten und Begierden zu wi„derstehen / und die Bewegungen des ei„genen Willens zu brechen; ja sie begehr„ten auch inständig / daß sie wegen ihrer „Fehler und Nachlässigkeiten ernstlich „mögten bestraffet werden. 7. „Daher wohnete in ihnen grosse „Gnade und wahre Andacht und Gott„seligkeit; sie erbaueten viele mit Worten „und Wandel / sie litten gedultig die „Verspottungen der Welt-Menschen / „und brachten darbeneben viele dahin / „daß sie auch die Welt verläugneten / dergestalt daß diejenige / welche sie zuvor verschmähet hatten / und ihr Leben / „welches ohne Ehre und Ansehn bey der „Welt war / als Thorheit achteten / her„nach zu GOtt bekehret wurden / und „nachdem sie die Gnade der Andacht er„fahren hatten / im Gewissen gedrungen wurden / öffentlich zu bekennen / daß sie „wahre Diener und Freunde GOttes „wären. 8. Der Das Leben des Thoma von Kempis. 8. „Dergestalt wurden nun viele Män„ner und Weiber / nachdem sie die Glückseligkeit der Welt verschmähet / zum „HErrn bekehret; und dem Rath des „geliebten Vatters Florentii folgende be„flissen sie sich die Gebotte des HErrn „zu bewahren / und die Wercke der Barmhertzigkeit mit Christlicher Andacht an „die Arme zu beweisen. Es halffen ihm „aber auch alle seine Brüder / welche ob dem Wort des Lebens hielten / und als „Lichter des Himmels mitten unter dem „unordentlichen Wesen der veralteten „Welt leuchteten; Auch waren einige „Priester / welche in der Erkänntnüs des „Gesetzes GOttes erleuchtet / ernstlich „predigten / wodurch das Volck zu einem „tugendsamen Wandel und zum Gehör „des Worts GOttes heylsamlich unter„wiesen wurden. 2. Nachdem sich nun unser Thomas ohngefähr sieben Jahr daselbst aufgehalten / starb mehr gerühmter Florentius, nemlich Anno 1400. da sich Kempis in eben demselben Jahr ins neu=angelegte Kloster / der Canonicorum Regularium Au Das Leben des Thoma von Kempis. Augustini, auff dem Berge St. Agnes bey Schwoll begeben hatte / worin sein Bruder Johannes damals der erste Vorsteher war; doch blieb er auß Vorſichtigkeit noch sechs Jahr in der Prob-Zeit / ehe er sich völlig zu dieser Kloster=Ordnung verbunde. 10. Er leuchtete sonderlich hervor in sonderbarer Gottseligkeit gegen GOTTin Ehrerbietung gegen seine Obern / und in Liebe und hertzlicher Gewogenheit gegen seine Mitbrüder; dem Müssiggang als dem Brunnen alles übels / hat er niemals obgelegen / sondern er übte sich entweder im Lesen heiliger Bücher / oder solche zum gemeinen Gebrauch zu schreiben / oder auch selber Bücher zu machen / worzu er vielmals die Nacht⸗Zeit außkauffte / nicht ohne Verletzung seines Leibes-Gesundheit; so hat man unter andern von seiner eigenen Hand übrig die gantze Bibel in 4. Tomos getheilet / welche noch in Cölln zu sehen ist / wie auch ein grosses Buch für die Priester / und einige Wercklein Bernhardi; welche und andere Bücher unser Thomas alle mit grossem Fleiß Das Leben des Thoma von Kempis. Fleiß und ganz Kunst=reich abgeschrieben hat. 11. Es ist schwer zu sagen / mit welch einem ehrerbietigen und gefastem Gemüt er so wol beym offentlichen Gebät als bey andern Gottes=dienstlichen Verrichtungen sein Amt verwaltete: wann er Psalmen sang / schien er als gantz in Himmel erhaben / und auf eine ausserordentliche Weise vom Geiste GOttes angethan zu seyn / so gar war er von der ungläublichen Süssigkeit der Psalmen eingekommen / und als ausser sich selbst entzücket; unter denen / welche ins Gebäts=Gemach kamen / war er allezeit / so wol des Nachts als des Tages / beym Eingehn der erste und beym Außgehn der letzte. Dergleichen GOttes=dienstliche Verrichtungen waren seines Hertzens Ergetzungen / daher einer schertzende einsmals sagte: Ihm dünckte / Thomas wäre recht glückselig / und dürffte man sich nicht groß wundern, daß er mit so lebhaffter Simme / munterm und andächtigem Gemüt die Psalmen abſünge / dann Davids Psalmen schmäckten ihm wie Salmen / (d. i. Lächst Das Leben des Thoma von Kempis. Lächse / eine Art der niedlichsten Fische) worauff Kempis alsbald antwortete: Es ist wahr / wie du sprichst / GOTT sey Danck! die Psalmen sind meine Salmen / doch werden sie mir offt bitter und eckel hafft / wann ich Träge und Faule dabey sehe / welche mit ihrer Andacht nicht gerichtet sind auff das / was gesungen wird. 12. All sein Reden war von GOTT und von der heiligen Schrifft / wann biß weilen vornehme Männer beysammen waren / und in Gegenwart unsers Thomæ von äusserlichen oder weltlichen Dingen gehandelt wurde / so saß er als ein Stummer und Sprachloser; antwortete auch nichts / wann er gleich gefraget wurde / eben als wenn er derer Sachen / wovon man handelte / zumalen unkündig wäre / ohne wenn er urtheilte / daß es sonderlich zu irgend etwas nützlich seyn könte. Hingegen wenn man von GOtt und himmlischen Dingen redete / und seine Meynung verlanget wurde / so war es / als wann gantze Bäche nachdrücklicher Worte auß dem lautern Brunnen ſeines Das Leben des Thomä von Kempis. seines Hertzens hervor quilleten. Versuchte und leydende Seelen konte er als ein geübter wunderbarlich trösten. Wenn er unvermuthet gebäten wurde / er mögte andern zum besten predigen / hat ers niemalen abgeschlagen / jedoch thät ers nicht / ohne einige Zeit zur vorhergehenden Meditation oder kurtzen Gemuts-Ruhe zu nehmen / da denn viele Menschen auß der Stadt und andern entlegenen Orten / auß Begierde ihn zu hören sich Hauffen=Weiß hieher verſammleten. Seine Mit=Brüder verwunderten ich nicht wenig / wann sie ansahen seine Freundlichkeit in Ertragung allerhand Widerwärtigkeiten / wie auch seine Gedult / wodurch er der Menschen Untugenden nicht nur stille erdulden / sondern auch gütiglich entschuldigte / und auch sonst in seinem gantzen Leben seine Mässigkeit / Schamhafftigkeit und Fleiß / der Brüder Bestes zu befördern / seine Inbrünstigkeit und Anhalten im Gebät und öfftere Vergiessung der Thränen / und die übrigen Kennzeichen einer gründlichen und rechtſchaf⸗ Das Leben des Thomaͤ von Kempis. schaffenen Gottseligkeit. So groß aber war in ihm die Verschmähung der Eitel keiten und Anlockungen der Welt / daß er alle vergängliche Dinge / und was nicht Göttlich war / dermassen unwerth hielte. daß er nicht einmal ihre Benennungen und Gebrauch zu lernen begehrte. 14. Er liebte sehr die Lesung heiliger Bücher / und die Einsamkeit seiner Zellen / so daß er offtmals diesen seinen Wahl=Spruch wiederholte / und in seine Bücher schrieb: In allen Dingen hab ich Ruhe gesucht / aber nirgend gefunden / als nur in einem Winckelein mit einem Büchelein / (in een hoeckien met een boeckien.) 15. Sein holdseliger und sanfftinütiger Wandel machte / daß er / ob er wo sich sehr widersetzte / durch eine allgemeine Wahl zum Supprior des Klosters gemacht wurde / da er noch ziemlich jung ware. hernach iſt er Schaffner oder Vorſteher der Haußhaltung worden / weil man sahe / daß er gern Allmosen gab / dieser Amt nahm er zwar fleissig wahr / weil es ihn aber zu sehr beschäfftigte / und ihm Das Leben des Thomä von Kempis. in seiner Beschauung und im Schreiben gottseliger Büchlein hinderlich seyn konte / o wurde er wieder in voriges Amt gesetzet. Offt geschah es / daß indem er bey den Brüdern und mit ihnen in Unterredung war / er eben zu der Zeit klärlich spürete / daß GOtk inwendig mit ihm redete / deßwegen er dann bescheidentlich Abschied nahm / und in sein Kämmerlein entwiche / eben als wann jemand seiner daselbst wartete; da er dann sein Hertz vor dem Herrn außschüttende / diejenige Weißheit schöpffte / welche in seinen heiligen Büchern alle Frommen bewundern. 16. Ubrigens sol er mittelmässiger Statur und wolanständiger Gestalt gewesen seyn / im Angesicht hatte er eine lebhaffte doch dunckel=braune Farbe / und ein dermassen scharffes Gesicht / daß er auch in seinem höchsten Alter keinen Brill gebrauchet. Er hat endlich die Wassersucht bekommen / so daß seine Schenckel auff geschwollen / da er dann / nachdem er 71. Jahr (seine Prob=Jahren mit eingeschlossen) auf dem Berge Sr. Agnes ein recht Das Leben des Thoma von Kempis. recht geistliches Leben / mit grossem Ruhm und Erbauung der Mit=Bruder gefüh ret hatte / von GOtt abgefordert zum Berge der Ewigkeit / wornach er so off gesehen und sich gesehnet hatte; und diese selige Seele die irrdische Herberg des Leibes verlassende / in die ewige Hütten hingereiset / um seinen GOtt ewiglich zu geniessen, im 92. Jahr seines Alters und im Jahr Christi 1471. den 24. Julii. R # (0) Das 03 jakstastastatzakatast Pepipypapapa Das Erste Buch von der Nachfolgung Christi / Bestehend In nützlichen Ermahnungen zum geistlichen Leben. Das 1 Capitel. Von der Nachfolgung Christi / und Verschmähung aller Eitelkeiten dieser Welt. er mir nachfolget / spricht der HERR / der wird nicht wandeln im Finsternüß / sondern wird das Licht des Lebens haben. Dieses sind Worte Christi, dadurch wir / seinem heiligen Leben und Wandel zu folgen / angemahnet werden / so wir anders war Des I Buchs 1 Capitel warhafftig wollen erleuchtet / und von aller Blindheit des Hertzens erlöset werden. Derowegen sol diß unsere höchste Sorge und Bemühung seyn / das Leben JEsu Chriſti zu betrachten. 2. Die Lehre Christi übertrifft aller Heiligen Lehre / und wer den Geist GOttes hat / der findet darinnen das verborgene Manna. Aber es geschiehet offt / daß ihrer viele wenig Verlangen nach demselben / auß dem öfftern Gehör des heiligen Evangeli empfinden / weil sie den Geist Christi nicht haben Wer aber auf eine völlige und schmack haffte Weise die Worte Christi verstehen wil / der muß sein gantzes Leben Christo gleichförmig zu machen sich befleissigen. Was nützet dirs / viel hohe Dinge von der heiligen Drey-Einigkeit disputiren, wann dir die Demut mangelt? Weßwegen du dann der H. Drey=Einigkeit mißfallest. Grosse Worte / hohe Reden machen fürwahr keinen gerechten und heiligen Mann sondern ein tugendhafftes Leben machet GOtt lieb und wolgefällig. Ich von der Nachfolge Christi. Ich wil lieber Busse und Reue in mir befinden / dann wissen / was Reue sey. Köntest du die gantze Schrifft außwendig / und wüstest aller Weisen Leuthe Sprüche / was hulffe dich dieses alles / ohne GOttes Liebe und Gnade? Eitelkeit der Eitelkeiten / und alles ist Eitelkeit / ohne GOtt lieb haben / und ihm allein dienen. Das ist die höchste Weißheit / durch Verschmähung der Welt nach dem Reich GOttes trachten. Derhalben ist es Eitelkeit / vergänglichen Reichthum suchen / und seine Hoff nung darauff setzen. Es ist auch Eitelkeit / nach Ehren und nach hohem Stande streben. 3. Es ist Eitelkeit / die Lüste des Fleisches vollbringen / und dasjenige begehren / um welches willen man hernach harte muß geſtraffet werden. Es ist Eitelkeit ein langes Leben wünschen / und dabey eines guten Lebens wenig achten. Es ist Eitelkeit / das gegenwärtige Leben allein betrachten / und nicht vorA 2 auf Des I Buchs 2 Capitel auß sehen die Dinge / die zukünfftig ſind. Es ist Eitelkeit dasjenige lieben / welches so gar geschwinde vorüber gehet / und da hin nicht eilen / wo ewige Freude bleibet. Gedencke offt an den Spruch: Das Auge siehet sich nimmer satt / und das Ohr höret sich nimmer satt. Darum befleissige dich / dein Hertz von der Liebe der sichtbaren Dinge abzuwenden / und zu den Unsichtbaren dich zu zukehren: dann die ihren Sinnen folgen die beflecken ihr Gewissen / und verlieren die Gnade GOttes. Das II Capitel. Wie der Mensch maͤt siglich von sich halten sol. Alle Menschen begehren von Natur viel zu wissen / aber was hilfft viel Wissen ohne Furcht GOttes? Warlich ein demütiger Bauer / der GOtt dienet / ist besser dann ein auffgeblasener Welt=Weiser / der den HimmelsLauf betrachtet / und sich dabey selbst vergisWer set. von der Nachfolge Christi. Wer sich selbst recht erkennet / der hält sich selbst vor geringe / und hat an Menschen=Lob keinen Gefallen. Wüste ich alle Dinge / die in der Welt sind / und wäre nicht in der Liebe / was wäre mirs nütze für GOtt / der mich nach meinem Thun richten wird. 2. Höre auff viele Dinge zu wollen wiſt sen / dann es wird darin viel Zerstreuung und Betrug gefunden. Die / so viel wissen / wollen gern von andern angesehen seyn / und für weise Leute gehalten werden. Es sind viel Dinge / die der Seelen wenig oder nichts nütze seyn / ob man sie schon weiß. Und der ist sehr thöricht / der sich mit andern Dingen auffhält / als nur mit denen / die zu seiner Seligkeit dienen. Viel Worte fättigen die Seele nicht; sondern ein gottselig Leben erquicket das Gemüt / und ein gut Gewissen giebet ein grosses Vertrauen und Zuversicht zu Gott. Je mehr und bessere Dinge du weist. desto schwerer wirst du geurtheilet werden / wo du nicht desto heiliger lebest. DeroA 3 Des I Buchs 2 Capitel Derowegen erhebe dich nicht wegen einiger Kunst / oder Wissenschafft; sondern fürchte dich viel mehr / darum / daß dir so viele Erkänntnuß gegeben ist. Bildest du dir ein / daß du viel wissest und wol gnug verstehest / so solt du wissen / daß noch viel mehr Dinge übrig seyn / die du nicht verſteheſt. Darum halte dich nicht selbst für klug sondern bekenne viel mehr deine Unwisſenheit. Warum woltest du dich einem andern vorziehen / da doch viel gelehrtere und im Gesetz GOttes erfahrnere Leute denn dugefunden werden? Wilt du auff eine nützliche Weise etwas wissen und lernen / so seye gern unbekandt / verborgen und für nichts geachtet. 4. Diese ist die höchste und nützlichste Lehre / sich selbst recht erkennen / und sich selbst verachten. Von ihm selbst nichts halten / von an dern Leuten aber allezeit gute und hohe Gedancken haben / ist eine grosse Weißheit und Vollkommenheit. Sie von der Nachfolge Christi. Siehest du einen öffentlich sündigen, oder einen schweren Fall thun / so soltest du dich dennoch nicht besser achten: dann du weist nicht / wie lang du im Guten bestehen magst Wir sind alle gebrechlich / aber niemand solt du gebrechlicher dann dich selbst achten. Das III Capitel. Von der Lehre der Warheit. elig ist der Mensch / welchen die Warheit durch sich selbst lehret / und nicht durch Bilder und vergängliche Stimmen / sondern wie sie in ihr selbst ist. Dann unser Sinn und Meynung betriegen uns gar offt / und sehen gar wenig. Was hilfft groß Gezäncke von subtilen und verborgenen Dingen / um welcher willen wir im Gericht nicht werden gestraffet werden / weil wir sie nicht gewust? Es ist eine grosse Thorheit / daß wir nützliche und nothwendige Dinge versäumen / und den vorwitzigen und schädlichen nachstreben: So haben wir Augen / und ſehen doch nicht. 2. Warum A 4 Des 1 Buchs 1 Capitel 2. Warum legen wir so grossen Fleiß auf die Disputir= und Rede=Kunst? Der allein / welchem das Ewige Wort spricht / wird von vielen Meynungen [und Irꝛthümern] befreyet. Dann auß einem Wort sind alle Dinge / und alle Dinge reden [und zeugen] nur von dem einen Wort. Das ist auch der (a) Anfang / der zu uns redet / ohne den niemand etwas verstehet / oder recht urtheilet. Dem alle Dinge eins find / und alle Dinge auff eins zeucht / [und richtet] und alle Dinge in einem siehet / der kan ein recht beständiges [und ruhiges] Hertz haben. O GOtt! du einige Warheit / mache nich mit dir eins in ewiger Liebe. Mich verdreust offt viel lesen und hören / in dir ist alles / was ich wünsche und begehre. Es müssen alle Doctores schweigen / und die gantze Creatur stille seyn vor dei(2) Joh. 8: 25. im Gr. von der Nachfolge Christi. deinem Angesichte / du aber alleine rede zu mir. 3. Je mehr ein Mensch ihm selbst vereiniget und innerlich vereinfaltiger ist / je grössere und höhere Dinge verstehet er ohne Arbeit und Mühe / dann er empfähet das Licht des Verstandes von oben herab. Ein reiner / einfaltiger und beständiger Geist / wird auch in vielen Geschäfften nicht hin und her zerstreuet / denn er wircket alles zu GOttes Ehre / und trachtet in sich selbst ledig zu seyn / aller eigenen Absicht. Was verhindert und belästiget dich wol mehr / als deines Hertzens ungestorbene Begierde und Zuneigung. Ein frommer und andächtiger Mensch ordnet seine Wercke zuvor inwendig / die er äusserlich sol verrichten: sie können ihn auch nicht zu sündlichen Begierden und Affecten reitzen / dann er richtet dieselbe nach dem Urtheil der gesunden Vernunfft. Wer hat heftigern Streit und Kampff / als der sich selbst zu überwinden trachtet? Und eben dieses solte billig unser gantzes GeA Des I Buchs 3 Capitel Geschäffte seyn / nemlich uns selbst überwinden / und täglich mehr Macht über uns selbst bekommen / und in allem Guten zuzunehmen. 4. Alle Vollkommenheit dieses Lebens ist mit einiger Unvollkommenheit verknüpffet / und alle unsere Beschauungen sind nicht ohne einiger Dunckelheit. Die demütige Erkanntnuͤß dein selbst ist ein gewisserer Weg zu GOtt / als eine tieffNachforschung vieler Wissenschafften. Es ist zwar die Wissenschafft nicht zu tadeln / oder eine jegliche einfaltige Erkanntnüß einer Sache / welche an ihr selbst gut ist / und von GOtt verordnet: Aber ein gut Gewissen und tugendhafftes Leben muß allezeit aller Fünst weit vorgezogen werden. Dieweil aber die meisten Leute lieber, viel wissen wollen / dann gottselig leben; so gerathen sie öffters in Jrrthum / und bringen wenig oder keine Früchte.5. O daß man solchen Fleiß anwendete / die Untugend außzurotten / und die Tugend zu pflantzen / als grossen Fleiß man auff unnötige Fragen anleget / so würden Dieses Briefgehors et dem Brüdiger artman Der Hart J es dem Joh: nach Gelehnt im Monat 12 November 18 von der Nachfolge Christi. so grosse ärgernisse und Boßheit unter dem Volcke nicht im Schwange gehen. Warlich man wird am Tage des Gerichts uns nicht fragen / was wir gelesen / sondern was wir gethan haben: auch nicht wie schön wir haben gesprochen / sondern wie fromm wir haben gelebet. Sage mir / wo sind jetzo alle die gelehrten und hoch=geachteten Männer / die du so wol gekennet / da sie noch lebten / und in Studien und Gelehrtheit blüheten? Nun besitzen andere ihre Einkünffte / und ich weiß nicht / ob sie ihrer wol einmal gedencken: in ihrem Leben schienen sie wol etwas zu seyn / nun aber höret man kaum mehr von ihnen. 6. O wie bald vergehet die Herrlichkeit dieser Welt! hätte ihr Leben mit ihrer Wissenschafft übereingestimmet / so hätten sie wol studiret und gelesen. Wie viel gehen verlohren durch die eitele Wissenschafft dieser Welt / die sich wenig um den Dienst GOttes bekümmern! Und weil sie! ider groß als demütig seyn wollen / werden sie in ihrem dichten eitel. Der ist recht groß / der grosse Liebe hat / der Des 1 Buchs 4 Capitel 12 der ist recht groß / der in ihm selbst klein ist und alle die gröste Ehre für nichts schätzet. Der ist recht klug / der alle irꝛdiſche Dinge für Dreck achtet / auff daß er Christum gewinne. Und der ist recht wol gelehrt / der GOttes Willen thut / und seinen eigenen Willen verläßt. Das IV. Capitel. Wie der Mensch bey seinem Vorhaben klug und vorsichtig seyn sol. Es ist nicht einem jeden Worte oder Eingeben zu trauen / sondern man solalle Dinge vorhin fürsichtig und bedacht sam nach GOttes Willen erwegen und ordnen. Aber leyder! wir glauben und reden leichter das Böse von einem andern / dann das Gute / so schwach sind wir. Aber mehr geförderte Menschen glauben nicht allen Erzählungen / dann sie wissen / daß die menschliche Schwachheit zum Bösen geneigt ist / und leichtlich in Worten ſtrauchelt. αά 2.6. von der Nachfolge Christi. 2. Es ist eine grosse Weißheit / in seinem Thun nicht gar zu schnell seyn / und auch nicht halsstarrig auff seinem eigenen Kopff stehen. Hieher gehöret auch / daß man nicht den Worten aller Menschen ohne Unterscheid glaube / noch was man höret / und uns in geheim vertrauet ist / bald wieder in anderer Menschen Ohren außschütte. Erhole dich Raths bey einem weisen und gewissenhafften Manne / und begehre allezeit mehr von einem der besser ist als du unterwiesen zu werden / dann daß du deinen eigenen Erfindungen folgest. Ein gottselig Leben machet einen Menschen weise nach GOtt / und in vielen Dingen erfahren. Je demütiger einer in ihm selbst / und je mehr er GOtt unterthan ist / je weiser / ruhiger und friedsamer wird er in allen Dingen. Das V Capitel. Wie man die H. Schrift lesen sol. In der H. Schrifft muß man die Warheit A: Des I Buchs 5 Capitel 14 heit / und nicht die Beredsamkeit suchen. Die gantze Heil. Schrifft muß in ebendemselben Geist gelesen werden / wodurchsie geschrieben ist. In der heiligen Schrifft müssen wir viel mehr den Nutzen [und die Erbauung] als die Zierlichkeit und Subtilität der Rede ſuchen. Wir müssen ja so gern andächtige und einfaltige / als hohe und tieffsinnige Bücher lesen. Du must nicht sehen auff den Uhrheben eines Buchs / ob er grosses oder kleines Ansehens / ob er gelehrt oder ungelehrt gewesen sey; sondern die Liebe der lautern Warheit sol dich dasselbe zu lesen bewegen. Du soit nicht fragen / wer es geredet hat / sondern darauff gib Achtung / was geredet wird. 2. Die Menschen vergehen / aber die Warheit GOttes bleibet ewiglich. GOtt redet auff mancherley Weise zu uns / ohne Ansehen der Person. Unser Fürwitz hindert uns offt in Lesung der H. Schrifft / wann wir das wollen verstehen von der Nachfolge Christi. stehen und ergrübeln / da wir einfaltig fürüber gehen solten. Wilt du Nutzen auß deinem Lesen schöpffen / so liese demütig / einfaltig / und im Glauben / und begehre nimmer den Namen grosser Wissenschaft zu haben. Frage gern / und höre gern die Reden der Heiligen in der Stille / und laß dir nicht mißfallen die Gleichnisse und verborgene Reden der Alten. Denn ohne Ursach haben sie dieselben nicht herfür gebracht. Das VI Capitel. Von den unordentlichen Begierden. So bald der Mensch etwas unordentlich begehret / so bald wird er in ihm selber unruhig; dann der Hoffärtige und Geitzige hat nimmer Ruhe. Der armes und demütiges Geistes ist / wandelt in vielfaltigem Frieden. Ein Mensch der in ihm selbst noch nicht vollkommentlich gestorben ist / wird in kleinen und geringen Dingen versucht und überwunden. Dann Des 1 Buchs 6 Capitel Dann ein schwacher im Geist / der noch einiger massen fleischlich / und zu sinnlichen Dingen geneigt ist / kan sich schwerlich von irrdischen Begierden gäntzlich abwenden. Darum wird er offt betrübt / wann er sich davon entziehen sol; und wird offt unwillig / wann jemand ihm widerstehet. 2. Wo er aber das erlanget / das er begehret / so wird er bald durch Beschuldigung seines Gewissens beschweret / dann er hat seinem eigenen Trieb gefolget / welcher ihm nicht hilfft zu dem Frieden / den er gesuchet hat. Darum wird der wahre Friede des Hertzens gefunden / nicht indem man seinem eigenen Willen und Begierden folget und dienet / sondern indem man ihnen widerstrebet. Derowegen ist kein Friede in eines fleischlichen Menschen Hertzen; noch in dem / der seinen Sinn gantz auff die äussern Dinge gewand hat / sondern in eines brünstigen und geistlichen Menſchen Hertzen. Das von der Nachfolge Christl. Das VII Capitel. Wie man vergebliche Hoffnung und übermut meyden sol. Der ist eitel / wer seine Hoffnung auff Menschen oder Creaturen setzet. Schäme dich nicht um der Liebe ZEsu Christi willen andern zu dienen / und arm in dieser Welt zu scheinen. Traue nicht auff dich selbst / sondern setze deine Hoffnung auf GOtt. Thue so viel an dir ist / so wird GOtt mit deinem guten Willen seyn. Verlaß dich nicht auff deine Wissenschafft / noch eines lebendigen Menschen Geschicklichkeit / sondern setze dein Vertrauen vielmehr auff GOttes Gnade / welcher denen Demütigen hilfft / und diejenigen / so viel von ihnen selbst halten / erniedriget. Rühme dich nicht deines Reichthums / wann du ihn hast / oder deiner Freunden / so sie mächtig seyn / sondern ruhme und freue dich in GOtt / der besser ist als alles. und uͤber alle andere Dinge sich selbst gerne geben wil. Uber Des 1 Buchs 7 Capitel Überhebe dich nicht der Stärcke und Schönheit deines Leibes; welcher durch eine kleine Kranckheit bald verderbet und ungestalt werden kan. Befalle dir selbst nicht wegen deiner Geschicklichkeit / oder deines Verstandes / auff daß du GOtt nicht mißfallest / dessen alles ist / was du von Natur Gutes hast. 2. Achte dich nicht besser dann andere damit du nicht bey GOtt für den ärgsten gehalten werdest / der wol weiß / was im Menſchen iſt. Überhebe dich nicht deiner guten Welt cke / dann GOttes Urtheil ist viel anders dann der Menschen / welchem offt mißfället / was den Menschen wolgefället. Hast du etwas Gutes an dir / so glaubedaß andere noch was bessers haben / auf daß du die Demut bewahren mögeſt. Es schadet dir nicht / daß du allen Menschen dich unterwirffest; es schadet dir aber sehr / wann du auch nur einem einigen Menschen dich vorzeuchst. Ein Demütiger hat beständigen Frieden / aber im Hertzen des Hoffärtigen ist immerwährender Eiffer und Unwille. Da⸗ von der Nachfolge Christi. Das VIII Capitel. Wie man sich vor allzu vieler Freundschafft hüten sol. Offenbahre nicht einem jeglichen dein Hertz / sondern mit einem weisen Gottesfürchtigen Menschen überlege deine Sachen / sey selten bey jungen und fremden Leuten. Schmeichle nicht den Reichen / und sey nicht gern um grosse Leute. Geselle dich zu den Demütigen und Einfaltigen / zu den Andächtigen / Sittsamen / und Tugendhafftigen / und rede / was andächtig und erbaulich ist. Mache dich nicht zu gemein mit den Weibern / sondern befiehle ins gemein alle fromme Weiber GOtt. Wünsche allein GOtt und seinen Engeln gemeinſam zu ſeyn / meyde aber allzu viele Kundschafft der Menschen. Man sol alle lieben / aber es ist nicht dienlich allen gemein zu seyn. Es geschiehet offt / daß eine unbekannte Person durch ein gutes Gerüchte leuchtet / die doch / wann sie gegenwärtig ist / in den Augen 26 Des 1 Buchs 9 Capitel Augen derer / die sie sehen / dunckel wird. Wir meynen offt / wir wollen andern durch unsere Gesellschafft gefallen / da wir uns doch bey ihnen viel mehr durch unsere ungereimte Sitten / die an uns gesehen werden / mißfällig machen. Das IX Capitel. Vom Gehorsam und Unterthänigkeit. Es ist ein sehr grosses / unter eines Obern Gehorsam leben / und nicht sein eigene Herr seyn. Es ist viel sicherer andern unterthänis zu seyn / dann eine Obrigkeit seyn. Viel aber sind unterm Gehorsam / mehr auß Noth / dann auß Liebe / diese haben Pein / und murren leicht. Sie können die Freyheit des Hertzens nicht erlangen / sie unterwerffen sich dann auß gantzem Hertzen / um GOttes willen. Lauffe hieher oder dorthin / so findest du keine Ruhe / dann in demütiger Unterwerf fung unter der Regierung eines Obern. Die von der Nachfolge Christi. Die Veränderung und Einbildung anderer örter hat ihrer viel betrogen. 2. Es ist wahr / ein jeglicher lebet gern nach seinem eigenen Sinne / und hält sich allermeist zu denen / die gleiches Sinnes mit ihm seyn. Wo aber GOtt unter uns ist / so ist noth / daß wir bißweilen unsern Sinn und Gutdüncken fahren lassen um Friedens willen; dann wer ist so klug / der alle Dinge vollkommen [verstehet und] wissen kan? Darum vertraue nicht zu viel deinem Zinn / sondern höre auch gerne anderer Leute Meynung. Ist deine Meynung gut / und du stehest davon ab / und folgest einem andern / um GOttes willen / so wirst du viel mehr dadurch gefördert werden. 3. Dann ich habe offt gehöret / es sey besser / Rath hören und annehmen / dann Rath geben. Es kan auch wol seyn / daß eines jedweden Meynung gut sey; Aber andern nicht nachgeben wollen / wo es die Billigkeit oder die Sache erfordert / ist ein Zeichen Hoffart oder der Halsstarrigkeit. Das 22 Des I Buchs 10 Capitel Das X Capitel. Von Vermeydung überflüͤſſiger Reden. So viel du kanst / hüte dich für dem Getümmel der Menschen; dann von weitlichen Sachen handeln hindert sehr die Andacht / ob sie gleich auß einfaltiger Meynung fürgebracht werden. Dann wir können bald durch Eitelkeit beflecket / und gefangen genommen werden. Ich wolte / daß ich öffter geschwiegen hätte / und nicht unter den Leuten gewesen wäre. Warum aber reden wir so gern und schwatzen untereinander / so wir doch selten ohne Verletzung des Gewissens zum stillschweigen wiederkehren? Darum reden wir so gern miteinander / dieweil wir durch Unterredung einer von dem andern suchen getröstet zu werden / und unser von vielen Gedancken ermüdetes Hertz suchen zu erquicken. Und dann dencken und reden wir gern von den Dingen / die wir sehr lieb haben und von der Nachfolge Christi. und verlangen / oder welche wir fühlen / daß uns zuwider seyn. 2. Aber / ach leyder! es geschicht doch oft vergeblich und umsonst / dann dieser äusserliche Trost ist nicht eine geringe (Verhinderung und] Schade des innerlichen und Göttlichen Trostes. „Darum sollen wir wachen und bäten / „daß uns die Zeit nicht müssig und un„nützlich vorbey gehe. Wo di s erlaubet und dienlich ist / so rede solche Dinge, die erbaulich sind. Die böse Gewohnheit und die Trägheit fortzugehen / machen es auch viel / daß wir unsern Mund nicht besser bewahren. jedoch befördert die Unterredung von geistlichen Dingen / nicht wenig den geistlichen Wachsthum. Absonderlich wann sich die in GOtt zusammen gesellen / die eines Sinnes und Geistes sind. Das XI Capitel. Wie der Mensch den Frieden erlangen / und eifrigst zunehmen sol. ir könten viel Friede haben / wann wir 2 uns 24 Des I Buchs 11 Capitel uns um anderer Leute Worte und Wercke / die uns nicht angehen / nicht bekuͤmmerten. Wie mag ꝺer lange im Frieden leben / der sich in fremde Händel mischet / und äusser liche Gelegenheit nicht vermeidet / der auch wenig oder selten sich inwendig verſammlet? Darum selig sind die Einfaltigen / dann sie werden viel Friede haben. 2. Warum sind etliche unter den Heiligen so vollkommen / und solche Beschauer gewesen / nemlich darum / daß sie sich beflissen haben in ihnen selbst allen irrdischen Begierden gäntzlich abzusterben. Und deßwegen haben sie GOtt mit allen den innerſten Kräfften ihres Hertzens koͤnnen anhangen / und frey und ungehindert sich mit sich selbst können beschäfftigen. Wir haben allzuviel mit unsern eigenen Gemüts-Verwirrungen und Begierden, zu schaffen / und bekümmern uns zu viel mit den vergänglichen Dingen. Wir überwinden auch selten ein Laster völlig / und werden nicht zum täglichen Fort⸗ von der Nachfolge Christi. Fortgang entzündet / darum bleiben wir ſo laulicht und kalt. 3. Wann wir uns selbst vollkömmlich abgestorben / und innerlich nicht eingewickelt [oder verstrickt] wären / so mögten wir auch Göttliche Dinge schmäcken / und von der himmlischen Beschauung etwas erfahren. Die allergröste und eintzige Hindernüß ist / daß wir von unordentlichen GemütsBewegungen und Lüsten nicht frey sind / und in den vollkommenen Weg der Heiligen nicht trachten einzugehen. 4. Wann uns auch nur eine geringe Widerwärtigkeit begegnet / werden wir gar zu bald darnieder geworffen / und kehren wiederum zu menschlichem Trost. Würden wir aber trachten fest zu stehen im Streit / wie tapffere Männer / so würden wir auch gewiß die Hülffe des HErrn vom Himmel über uns sehen. Dann GOtt ist denen / die da streiten / und auff seine Gnade hoffen / bereit zu helffen. Als der uns nur zu dem Ende Gelegenheit zum Streit gibt / auf daß wir überwinden. Wann Des I Buchs 11 Capitel Wann wir aber in äusserlichen Dingen und Ceremonien allein den Wachsthum unsers GOttes-Dienstes setzen / so wird unsere Andacht bald ein Ende haben, Darum lasset uns die Axt an die Wurtzel legen / damit wir von den unordentlichen Gemüts-Bewegungen und Lüsten gereiniget / ein friedsames stilles Gemüt besitzen mögen. 5. Wann wir alle Jahr nur eine Süne de außreuten / so würden wir bald voll kommene Menschen werden. Aber hingegen befinden wir nun offt daß wir im Anfang unserer Bekehrung besser und heiliger gewesen / dann nach vie len Jahren unserer Bekanntnüß. Unser Eifer und Fortgang solte billig täglich wachsen. Aber es wird jetzt für groß geachtet / wo einer nur einen Theil seines ersten Ernstes behalten kan. Thäten wir nur uns selbst im Anfang eine kleine Gewalt an / so könten wir darnach alles mit leichter Muͤhe und Freuden außrichten. 6. Es ist wol schwer zu verlassen / was man von der Nachfolge Christi. man gewohnt ist / aber es ist noch schwerer seinem eigenen Willen zuwider handeln. Wann du aber kleine und leichte Dinge nicht überwindest / wannehe wilt du schwerere Dinge überwältigen? Widerstehe im Anfang deiner Begierde und Neigung / und entwehne dich wieder der Bösen Gewohnheit / damit sie dich nicht allgemach in grössere Beschwerlich keit bringe. 7. Ol wann du in acht nehmest / was für grossen Frieden du dir selbst / und was für grosse Freude du andern durch dein Wolverhalten machest / mir dünckt / du würdest grössere Sorge haben / in der Gottſeligkeit zuzunehmen. Das XII Capitel. Vom Nutz der Trübsal. Es ist uns gut / daß wir bißweilen einige Beschwernüssen und Widerwärtigkeiten haben / dann dadurch wird ein Mensch offt wieder in sein Hertz zurückgeruffen / damit er erkenne / daß er [ausser seinem Vatterlande] im Elend verwiesen lebe / Des I Buchs 12 Capitel 28 lebe / und seine Hoffnung nicht setze auff etwas / das in der Welt ist. Es ist uns auch gut / daß wir bißweilen Widersprüche leyden / und daß man übel und gering von uns hält und dencket / ob wir gleich Gutes thun und es im Aug haben. Solche Dinge sind uns förderlich zu Demut / und behüten uns für dem eitelen Ehrgeitze. Alsdann suchen wir besser GOtt zum inwendigen Zeugen / wann wir äusserlich von Menschen geringe geachtet und verläumdet werden. 2. Darum solte sich ein Mensch gantz und gar in GOtt feste setzen / so dürffte er nicht viel menschliche Tröstungen suchen. Wann ein Mensch / der eines guten Willens ist / beängstiget / versucht / oder mit bösen Gedancken geplaget wird / se mercket er / daß ihm GOtt alsdann so viel mehr vonnöten sey / und verstehet alsdann / daß er ohne denselben nichts Gutes vermag. Dann so wird er auch traurig / seufftzet / bätet für sein Elend / das er leydet / so wird von der Nachfolge Christi. er seines Lebens müde / wünschet / daß der Todt komme / damit er möge auffgelöset werden / und bey Christo seyn: denn stehet er wol / daß keine vollkommene Sicherheit und völliger Friede in dieser Welt bestehen könne. Das XIII Capitel. Wie man den Anfechtungen widerstehen sol. So lange wir in der Welt leben / können wir ohne Anfechtung und Trübsal nicht seyn; daher lesen wir beym Hiob: Des Menschen Leben auff Erden ist Versuchung. Derowegen sol ein jeder Sorge tragen vor seine eigene Versuchung / und wachtsam seyn in den Gebätern: auff daß der Teuffel nicht Raum finde / ihn zu betriegen / dann er schläffet nimmer / sondern gehet umher / und suchet / welchen er verſchlinge. Es ist niemand so vollkommen und heilig / der nicht bißweilen Versuchungen habe / und wir können nicht gäntzlich ohne dieselbigen bleiben. 2.Es B 3 Des 1 Buchs 13 Capitel 2. Es sind aber die Versuchungen einem Menschen offt sehr nützlich / ob sie wol beschwerlich und verdrießlich seyn: dann in denselben wird er gedemütiget / bewähret und unterwiesen. Alle Heiligen sind durch viel Trühsaund Versuchungen durchgegangen und befördert worden / und alle so die Ansechtung nicht haben erdulden wollen / sind verworffen worden / und abgefallen. Es ist kein Stand so heilig / noch kein Ort so verborgen / da nicht Versuchungen und Widerwärtigkeiten wären. 3. Es ist ein Mensch vor Versuchung gen / so lange er lebet / nicht gäntzlich sichert dann wir habens in uns / dadurch wir versuchet werden / weil wir in der Lust gebohren werden. Wann gleich ein Creutz oder Versuchung fürüber ist / so kömmet doch bald ein anders / und wir werden allezeit was zu leyden haben / dann wir haben das Gute unserer Glückseligkeit verschertzet. Ihrer viele trachten den Versuchungen zu entfliehen / und fallen desto tieffer dreindann durch die Flucht allein können wir die von der Nachfolge Christi. dieselbe nicht überwinden / sondern durch Gedult und wahre Demut werden wir stärcker dann alle unsere Feinde. 4. Wer allein äusserlich die Anfechtung meydet / und nicht die Wurtzel außrottet / der fördert wenig / ja die Versuchungen werden desto eher wiederkommen / und ei wird sie desto ärger fühlen. Du wirst allgemach / durch Gedult und Langmuth / mit GOttes Hülffe / alles besser / dann mit Härtigkeit und eigener unruhiger Anstrengung überwinden. Erhole dich offt Raths in deinen Versuchungen / und sey nicht hart gegen einen Angefochtenen / sondern tröste ihn / wie du woltest / daß man dir thun solte. 5. Der Anfang aller bösen Versuchungen ist die Unbeständigkeit des Gemüts /und das kleine Vertrauen zu GOtt.Dañ gleich wie ein Schiff ohne Schiff mann von den Wellen hin und her getrieben wird / also wird ein nachlässiger Mensch / der von seinem guten Vorsatz ablässet / mannigfaltig versuchet. Das Feuer probiret das Eisen / die Versuchung aber einen gerechten Menschen. Wir B 4 Des 1 Buchs 13 Capitel Wir wissen offt nicht / was wir vermö gen / aber die Anfechtung machets offenbahr / was wir sind. Doch muß man sonderlich im Aufans der Anfechtung fleissig wachen / weil als dann der Feind leichter zu überwinden ist / wann man ihn nemlich durch die Thüre des Gemüts keines Wegs einlässet / son dern ihme / wann er noch vor der Thüre ist / und so bald er anklopffet / widerstehet. Daher jener wol gesagt: Widersteht den Anfängen / sonst kommt die Artzeney zu ſpäth. Dann zum ersten entstehet im Gemüte ein blosser Gedancke / alsdann eine starckt Einbildung / hernach eine Belustigung / endlich eine böse Bewegung und Einwilligung. Alſo gehet dieſer boßhafftige Feind all gemach gantz und gar hinein / wo ihm nicht im Anfang widerstanden wird: und länger sich ein Mensch säumet Widerstand zu thun / je schwächer wird er täglich in ihm selber / und desto stärcker hingegen der Feind wider ihn wird. 6. Etliche leyden die schweresten Versuchung von der Nachfolge Christi. suchungen im Anfang ihrer Bekehrung. etliche am Ende. Etliche habens übel fast ihr Lebenlang. Etliche werden nicht so scharff versucht / nach der Verordnung Göttlicher Weißheit und Gerechtigkeit dann GOtt erweget der Menschen Zustände / und ordnet alle Dinge zum Heyk ſeiner Außerwählten. 7. Darum sollen wir nicht verzagen / wann wir angefochten werden: sondern GOtt desto brunstiger anruffen / daß er uns würdige in aller Trübsal zu Hülffe zu kommen / und mache / wie S. Paulus sagt / daß die Versuchung ein solch Ende gewinne / daß wirs können ertragen. Lasset uns demnach in allem Creutz und Versuchungen unsere Hertzen demütigen unter die Hand GOttes; dann die demütiges Geistes sind / wird er heylen / befreyen und erhöhen. In Versuchungen und Leyden wird der Mensch probieret / wie viel er zugenommen / dann daran ist das gröste gelegen / und hierauß wird die Tugend am besten erkandt. ist auch nichts grosses / daß einer andäch Des 1 Buchs 14 Capitel dächtig und brünstig ist / wann er keine Beschwerlichkeit fühlet: wann er aber zur Zeit der Trubsal gedultig außhält / das ist eine Hoffnung eines grossen Fortgangs. Etliche bleiben in grossen Anfechtungen bewahret / und werden doch von den kleinen täglichen Versuchungen öffters überwunden / auf daß sie gedemütiget werden / und im grossen nicht zu viel sich selbst vertrauen / weil sie in kleinen Anfechtungen so schwach gewesen seyn. Das XIV Capitel. Von Vermeidung leichtfertigen Urtheils. Wende deine Augen auf dich selbst / und hüte dich / daß du anderer Leute Thun nicht urtheileſt. Dann andere urtheilen ist eine vergebliche Arbeit / dabey man offt irret und leicht sündiget: aber sich selbst urtheilen / richten und erforschen / ist eine nützliche Arbeit. Dann wie uns ein Ding ums Hertz ist also urtheilen wir gemeiniglich davon: dann von der Nachfolge Christi. die eigene Liebe machet / daß wir leichtlich kein wahres Urtheil von einem Dinge fällen können. Wann aber GOtt in allen Dingen die einfaltige Meynung und Absicht unsers Verlangens wäre / so würden wir nicht so leicht gestöret werden / wann etwas geschähe / das wider unsern Sinn wäre. 2. Es ist aber offt etwas in uns verborgen / oder findet sich auch äusserlich / welches uns zugleich ziehet und beweget. Ihrer viele suchen sich selbst heimlich in ihrem Thun / und wissens wol selbst nicht: Sie scheinen auch in gutem Frieden zu stehen / wann alles nach ihrem Wunsch und Willen gehet / wanns aber anders gehet / als sie wünschen / so werden sie bald beweget und traurig. Wegen der Verschiedenheit der Sinnen und Meynungen kommt offt Uneinigkeit zwischen Freunden und Nachbarn / und zwischen Geistlichen und frommen Menschen. 3. Eine alte Gewohnheit wird gar schwerlich verlassen / und niemand wil sich gern weiter bringen lassen / als seine EinB 6 Grünſiche reichet. Des I Buchs 15 Capitel Gründest du dann mehr auf deine Vernunft und Geschicklichkeit / dann auff die jenige Tugend / wodurch du dich JEst Christo unterwirffest / so wirst du seltes und langsam ein erleuchteter Mensch werden. Dann GOtt wil / daß wir uns ihn völlig unterwerffen / und alle unsere Vernunffe durch seine brünstige Liebe über steigen sollen. Das XV Capitel. Von den Liebes=Wercken. Wir sollen um keines Dinges willen in der Welt / und um keines Menschen Liebe willen einig Böses thun. Aber ein gut Werck um des Dürfftigen Bestes willen / bißweilen freywillig zu unterlassen / oder auch ein bessers davor zu verwechseln; wann das geschicht / so wird das gute Werck nicht zerstöret / sondern in ein beſſers verwandelt. Das äusserliche Werck ist ohne die Liebe nichts nütze / was aber auß Liebe geschiehet. wird gantz und gar fruchtbar / wie klein und gering das auch ist. Dann von der Nachfolge Christi. Dann GOtt erweget vielmehr / auß wie grosser Liebe ein Werck gethan werde, als wie groß das Werck selber sey. Der thut viel / der viel liebet / der thut auch viel / der eine Sache wohl thut. Der thut wol / welcher der Gemeine mehr dienet dann seinem eigenen Willen. Es scheinet offt etwas / als sey es Liebe, da es doch Fleischlichkeit ist / weil die natürliche Zuneigung / der eigene Wille / die Hoffnung der Wieder=Vergeltung / die Begierde zur eigenen Gemächlichkeit / selten davon weg bleiben wollen. 2. Wer wahre und vollkommene Liebe hat / der suchet in, keinem Dinge sich selbst, sondern begehret / daß alle Dinge bloß und allein zu GOttes Ehre geschehen. Er ist auch keinem mißgünstig / dann er verlauget keine eigene Freude / wil sich auch nicht erfreuen in sich selbst / sondern wünschet in GOtt [dem höchsten Gut] über alle andere Güter selig gemacht zu werden; Er schreibet auch niemand etwas Gutes zusondern er gibt es gäntzlich GOTT allein wieder / von welchem alles Gute ursprünglich herkommt / in welchem auch alle HesB 7 38 Des 1 Buchs 16 Capitel Heiligen endlich und genießlicher Weiſt ruhen. O wer doch ein Füncklein wahrer Liebe hätte! Warlich der würde empfinden / daß alle irrdische Dinge voller Nichtigkeit und Eitelkeit sind. Das XVI Capitel. Wie man anderer Leute Schwachheiten und Gebrechen vertragen ſol. Was der Mensch an sich selbst und an dern nicht bessern kan / das muß er gedultig tragen / biß es GOTT andere ordnet. Gedencke / daß es vielleicht also besse sey / auff daß du bewähret werdest / und Gedult lernest / ohne welche unsere Werck nicht groß zu achten seyn. Doch solt du für solche Hindernüsse bitten / daß dir GOtt gnädiglich helffe / damit du die selbe sanftmütig ertragen mögest. 2. Wann einer ein= oder zweymal ermahnet wird / und doch nicht nachgibt / mit dem zancke nicht; sondern befiehl die Sache GOtt von der Nachfolge Christi. GOtt / daß sein Wille geschehe, und seine Ehre in allen seinen Dienern befördert werde / welcher wol weiß / auß Bösem Gutes zu machen. Trachte gedultig zu seyn / anderer Leute Fehler und mancherley Schwachheiten zu vertragen / dann du hast auch viele / welche andere tragen müssen. So du nun dich selbst nicht machen kanst / so wie du wilst; wie wilst du dann andere Leute nach deinem Sinn und Gefallen haben? Wir wollen gern / daß andere Leute vollkommen seyn / und bessern doch unsere eigene Unvollkommenheiten nicht. 3. Wir verlangen / daß andere genau bestraffet werden / aber wir selbst wollen gern unbestraffet bleiben. Es verdreust uns / wann andern viel nachgegeben wird / uns aber thut es wel ewann uns unsere Bitte abgeschlagen wird. Wir wollen gern / daß andere durch scharffe Gesetze bezwungen werden / aber wir selbst wollen weiter nicht eingeschränckel ſyn. Daher Des I Buchs 17 Capitel Daher siehet man / wie wir so selten unsern Nächsten so achten / wie uns selbst Wären wir alle vollkommen / was hätte dann einer von dem andern um GOttes willen zu leyden: 4. Nun aber hats GOtt also geordnet / daß einer des andern Last sol lernen tragen. dieweil niemand ohne Mangel / niemand ohne Last / niemand ihme selbst gnug ist / auch niemand ihm selbst verständig gnug ist. Darum müssen wir einander tragen einander trösten / einander helffen / unter richten und ermahnen. Wie tugendhafftig aber ein jeder seydas siehet man am besten zur Zeit der B derwärtigkeit; dann die Gelegenheiten machen den Menschen nicht schwach / sondern beweisen / wie starck er sey. Das XVII Capitel. Von des Menschen Pilgerschafft, und worzu er auff Erden beruffen sey. Zu must in vielen Dingen lernen deinen Wi von der Nachfolge Christi. Willen brechen / wann du Friede und Einigkeit mit andern haben wilst. Es ist nicht ein geringes mit andern Leuten zusammen wohnen / und mit ihnen ohne Klage umgehen / und getreu darinnen bleiben biß in den Tod. Selig ist der in einer gemeinschafftlichen Zusammen=Wohnung wol lebet / und seinen Lauff glücklich vollendet. Wilt du recht stehen bleiben / und in Gottseligkeit zunehmen / so halte dich als einen Fremdling und Pilger auff Erden / du muſt ein Narr werden um Chriſti willen / wilt du ein [recht] geistliches Leben führen. 2. Die äusserliche Kleidung und Stellung helffen wenig zur Sache / sondern die Besserung des Lebens und die völlige Ertödtung seiner Lüsten und unordentlichen Gemüths=Bewegungen machen einen wahren geistlichen Menschen. Wer anders was suchet dann lauterlich GOtt / und das Heyl seiner Seelen / der findet nichts anders dann Trübsal und Schmertzen. Der kan auch nicht lange in Ruhe und Frie= 42 Des 1 Buchs 18 Capitel Friede stehen bleiben / der sich nicht befleissiget der minste und allen unterworff fen zu seyn. 3. Du bist [in die Welt] kommen / nicht zu herrschen / sondern zu dienen: wisse / daß du beruffen seyest / zum Leyden und zum Arbeiten / nicht aber zum Müssiggehet und zum Schwätzen. Also werden die Menschen hier recht bewähret wie Gold im Ofen; hier kan nit mand bestehen / der sich nicht von gantzen Hertzen um GOttes willen wil demütigen Das XVIII Capitel. Von den Exempeln der heiligen Alt-Vätter. Siehe an der heiligen Vätter lebendig Exempel / in welchen die wahre Heiligkeit und GOttes=Dienstlichkeit geleucht tet hat / so wirst du sehen / wie gering das sey / und fast nichts / das wir thun. Ach was ist unser Leben gegen derselben ihrer zu rechnen? Die Heiligen und Freunde Christi haben dem HErrn gedienet in Hunger und Durſt von der Nachfolge Christi. Durst / in Frost und Blösse / in Mühe und Arbeit / in Wachen und Fasten / in Gebätern und heiligen Betrachtungen / in vieler Verfolgung und Schmach. 2. O wie viele und schwere Leyden haben die Apostel / die Märterer / die Bekenner / die Jungfrauen / und alle die übrige / die Christi Fußstapffen wollen folgen / auß gestanden! dann sie haben ihre Seelen in dieser Welt gehasset / nur daß sie dieselbige im ewigen Leben besitzen mögten. O welch ein strenges und abgeschiedenes Leben haben die Alt=Vätter in der Wüsten geführet! wie langwierige und schwere Versuchungen haben sie erlitten! wie vielfaltig sind sie vom bösen Feinde geplaget worden! wie viele und brünstige Gebater haben sie GOtt geopffert! in was vor strenger Enthaltung haben sie (a) täglich gelebet! welchen grossen Ernst und Eiffer haben sie gehabt zum geistlichen Fortgang welchen harten Krieg haben sie geführet / ihr (a) Quotidie peregerunt, hat Rosweidus. Unser Manusc. hat: Deo egerunt, d.i. sie haben ihre strenge Enthaltungen GOtte gethan / nach Röm. 14:6. 44 Des 1 Buchs 18 Capitel ihr Fleisch und alle Laster zu bezähmen! wie lauter und einfältig haben sie GOTT meynet! des Tages haben sie gearbeitet und die Nacht mit unablässigem Gebätzugebracht / wiewol sie auch unter ihrer Art beit das inwendige Gebät des Hertzens zu üben nie auffgehöret. 3. Alle Zeit haben sie nützlich angelegt alle Stunden dauchten ihnen kurtz zu seyn / sich mit GOtt zu beschäfftigen / und Ihme stille zu halten. Sie vergassen auch oft des Leibes nöthige Erquickung / von wegen der grossen Süssigkeit der Beschauung Sie verläugneten allen Reichthum / alle Würde und Ehre / Freunden und Verwandten: sie begehreten nichts von diese Welt zu haben / und nahmen kaum die blosse Nothdurfft ihres Lebens / und war ihnen offt leyd / daß sie dem Leibe selbst in seiner Nothdürfftigkeit dienen musten. Sie waren arm in zeitlichen Dingen / aber sehr reich in der Gnade und in den Tugenden. Ausserlich litten sie Mangel; innerlich aber wurden sie mit Göttlichem Trost und Gnade erquicket. 4. De von der Nachfolge Christi. 4. Der Welt waren sie fremde / GOtt aber waren sie nahe und seine gemeinsame Freunde. Sie waren in ihren eigenen Augen wie nichts / und dieser Welt verachtet / aber in GOttes Augen waren sie köstlich / lieb und außerwählt. Sie stunden in wahrer Demuth / sie lebten in einfältigem Gehorsam / sie wandelten in der Liebe und Gedult; und darum nahmen sie täglich zu im Geiste / und er langten viel Gnade bey GOtt. Solche Leute sind allen / die geistlich werden wollen / zum Exempel fürgestellet / und sie sollen uns mehr bewegen zum Fortgang / dann die grosse Anzahl der Nachlässigen zur Trägheit. 5. O was vor Eifer haben diese geistliche Leute im Anfang gehabt! was vor eine Andacht zum Gebät! was vor Liebe und Eifer zur Tugend! was vor gute Zucht ist anfänglich bey den Christen] gesehen worden! Welch eine Ehrerbietung und Gehoram war nicht in ihnen gegen die Anweijungen ihrer geistlichen Vätter! solches bezeugen noch heutiges Tages ihre nachgelassene 46 Des I Buchs 19 Capitel lassene Fußstapffen / in ihren Schrifften und Lebens=Beschreibungen] daß sie war lich heilige und (a) vollkommene Männe gewesen sind / die so ritterlich gestritten und die Welt überwunden haben. Jetzt wird einer für groß gehalten / wann er kein öffentlicher Sünder ist / oder das mit gedult ertragen kan / das ihm wiederfähret 6. Ach der grossen Trägheit und Nachlaͤſſigkeiten unſerer Zeiten! daß wir ſo bald von dem alten Ernst abweichen / und uns auch für Faulheit und Trägheit zu leben verdreust! ach! daß der ernste Fortgang in der Tugend in dir nicht so gar schlieffe / ddu öffters so viel andächtiger Leute Exempel für dir gehabt hast. Hebr. 12: 1. Das XIX Capitel. Von den übungen eines rechtschaffenen Geistlichen. Fines rechtschaffenen geistlichen Menschen Leben sol mit allerley Tugend gezieret / und von innen also beschaffen seyn / wie er von aussen vor den Leuten scheinet. Und (a) Phil. 11.15. von der Nachfolge Christi. Und billig sol mehr inwendig seyn / dan̄ von aussen gesehen wird / dann der auff uns und in uns siehet / ist GOtt / welchen wir auff das höchste fürchten sollen / wo wir auch seyn / und für seinem Angesicht rein und heilig als die Engel wandeln. Wir sollen unsern Fürsatz zum Guten. täglich erneuren / und uns zum brünstigen Ernst ermuntern / als ob wir heute erst wären bekehret worden / und sollen sprechen: Hilff mir / HErz mein GOtt / in dem guten Fürsatz / und in deinem heiligen Dienst / und gib mir noch heute vollkoͤmmlich anzufahen / dann es ist nichts / das ich bißher gethan habe. 2. Wie unser Fürsatz ist / also ist der Lauff unserer Besserung und Zunehmens / dann wer fortkommen wil / der muß groß ſen Fleiß anwenden. Fehlt nun derjenige offt / dessen Fürsatz doch ernstlich ist / was wird dann der nicht thun / der so selten oder doch so laulich einen guten Fürsatz nimmt? Auff Des I Buchs 19 Capitel Auff mancherley Weise kommt es / daß wir von unserm Fürsatz wieder verrückel werden; und eine geringe Nachlässigkeit unserer guten übungen gehet nicht ohne Schaden ab. Die Gerechten hangen in ihrem Fürsatz mehr ab von der Gnade GOttes / dann von ihrer eigenen Weißheit / worauff auch allezeit ihr Vertrauen setzen / in allem was sie vornehmen. Dann ein Mensch nimt ihm wol etwas vor / aber GOtt regieret es / und des Menschen Weg stehet nicht in seiner Gewalt. 3. Wann eine gewöhnliche übung auf heiligen Ursachen / oder brüderlichen Nu tzens willen / bißweilen unterlassen wird das kan leichtlich wieder eingebracht wer den: was aber auß Verdruß und Nach lässigkeit des Hertzens so leicht unterlassen wird / das ist straffwürdig gnug / und man wird gewahr werden / daß es schädlich sey Wir mögen uns Gutes zu thun / noch sehr bearbeiten / so werden wir doch noch leicht und in vielen Dingen uns schwach befinden. Dennoch sollen wir uns allezeit etwas von der Nachfolge Christi. Gewisses vornehmen / sonderlich aber wider diejenige Stücke / so uns am meisten verhindern. Wir sollen auch unser ausseres und unser inneres zugleich prüfen und ordnen / dann durch beydes wird unsere Besserung befördert. 4. Kanst du dich nicht allezeit einsammlen / so übe dich doch nun und, dann darin / wenigstens im Tage einmal /etwa des Morgens oder des Abends. Des Morgens nimm dir einen gutenFürsatz / des Abends mache Rechnung. deines Verhaltens / wie du den Tagdich verhalten in Worten / Wercken und Gedancken / weilen ꝺu vielleicht hierin, GOtt und deinen Nächsten offt beleydiget hast. Rüste dich wie ein Kriegs=Mann wider des Teuffels Schalckheit / lege der Unmässigkeit im Essen und Trincken einen Zaum an / so wirst du alle fleischliche Begierden so viel leichter bezäumen können. Sey nimmer gantz müssig / sondern entweder liß / oder schreibe / oder bäte / oder 50 Des 1 Buchs. 19 Capitel betrachte / oder arbeite etwas zum gemeinen Nutzen. Jedoch sind leibliche übungen mit Unterscheid zu thun / und nicht alle können gleiche leibliche übungen vornehmen. 5. Dinge / die der Gemeine nicht angehen / die sol man eben nicht von aussen zeigen / dann unsere besondere übungen werden sicherer ins geheim verrichtet. Doch solt du dich hüten / daß du zu gemeinen Verrichtungen nicht faul / und eigenen Dingen fertiger seyst / sondern nach vollkommener und treulicher Verrichtundessen / was dir oblieget und befohlen ist wann du Zeit übrig hast / so kehre wieder zu dir selbst / [und zu deinen besondern übungen) wie es deine Andacht erfordert Wir können nicht alle einerley übung haben / sondern dem einen ist dieses / den andern das mehr dienlich. Nach Gelegenheit der Zeit / hat man auch unterschiedene übungen; dann etlicht Dingelschicken sich besser an den Fest=Tagen / etliche an den Werck=Tagen. Wir haben andere übungen nöthis zur Zeit der Anfechtung / und wiederum an von der Nachfolge Christi. andere / zur Zeit des Friedens und der Ruhe. Wann wir traurig seyn / haben wir andere Gedancken; und andere / wann wir in GOtt frölich seyn. 5. In den Haupt=Festen sollen wir unsere gute übungen erneuren / und der Frommen Fürbitte inständiger begehren. Wir sollen Fleiß anwenden von einem Fest zum andern / [von einem Tage zum andern] es uns inwendig eben so vorzustellen / gleich als solten wir morgen auß dieser Welt zu den ewigen Fest=Tagen wandern. Darum sollen wir in den andächtigen Zeiten uns sorgfältig zubereiten / immer andächtiger trachten zu wandeln / und unser Christlichen Pflicht auffs genaueste wahrnehmen / gleich als die wir in kurtzem von GOtt empfangen sollen den GnadenLohn unſerer Arbeit. 7. Und so sichs verzeucht / sollen wir dafür halten / daß wir noch nicht gnug zubereitet sind / und noch unwürdig seyn der grossen Herrlichkeit / die in uns sol offenbahret werden zu seiner Zeit / darum sollen wir Des I Buchs 20 Capitel wir uns befleissigen / zu unserm Außgang uns desto besser zu bereiten. Selig ist der Knecht / spricht der H. Evangelist Lucas / den der HErr wachendfindet / wann Er kömmt / warlich ichsage euch / er wird ihn über alle seine Güter ſetzen. Das XX Capitel. Von der Liebe zur Einsamkeit und zum Stillſchweigen. Suche eine bequäme Zeit dich mit diselbst allein zu beschäfftigen / und gedencke offt an die Wolthaten GOttes. Laß die fürwitzigen Dinge dar / liese solch Sachen / welche mehr das Hertz rühren als das Haupt beschäfftigen. Wirst du dich entziehen dem überflüsse gen Geschwätze / müssigem Herumlauffenund neue Zeitungen und unruhige Dinge zu hören / so wirst du Zeit und Gelegenheit gnug finden / den guten Betrachtun gen abzuwarten. Die grösten Heiligen haben allezeit der Umgang der Menschen geflohen / so viel von der Nachfolge Christi. kont / und haben erwählet GOtt im verborgenen zu dienen. 2. Es hat jener wol gesagt: So offt ich unter Menschen gewesen / bin ich ein minderer Mensch wieder zu Hause kommen. Das erfahren wir offt / wann wir lange miteinander schwätzen. Es ist leichter gäntzlich schweigen / als im Reden nicht zu weit gehen. Es ist leichter daheim verborgen bleiben / dann sich draussen gnugsam bewahren können. Wer derhalben zum Inwendigen und zum Geistlichen [Leben] kommen wil / der muß mit JEsu von dem Volck entweichen. Niemand lässt sich sicher sehen / dann der gern verborgen ist. Niemand redet sicher / dann der gern schweiget. Niemand ist sicher ein Vorsteher über andere / dann der gern unter andern ist. Niemand kan sicher befehlen / dann der wol gelernet hat gehorsam zu seyn. 3. Niemand freuet sich sicher / dann der das Des 1 Buchs 20 Capitel das Zeugnüs eines guten Gewissens in ſich hat. Doch ist allezeit der Heiligen Sicherheit voller Furcht GOttes gewesen. Und sind darum nicht weniger sorgfältig und demütig in ihnen selbst gewesen / ob sie wol in grossen Tugenden und Gnaden hervorgeleuchtet. Der bösen Leute Sicherheit aber kömmt her auß Hoffart und Vermessenheit / und am Ende werden sie durch sich selbst betrogen. Du ſolt dir in dieſem Leben keine Sicherheit versprechen / ob du gleich vor einen frommen und andächtigen Menschen gehalten wirst. 4. Die vor die Frömmsten von der Menschen gehalten werden / sind offt am schweresten gefallen / dieweil sie ihnen selbst zu viel getrauet. Derhalben ist es viel besser / daß sie nicht gar ohne Anfechtung seyn / sondern zum öfftern versucht werden / damit sie nicht alzu sicher seyn / und in Hoffart erhaben werden / sich auch nicht all zu frey zu äusserem Trost kehren. von der Nachfolge Christi. O wie ein gut Gewissen behielte der / der nimmermehr keine vergängliche Freude suchte / und sich nimmer mit der Welt beſchäfftigte! O wie grosse Ruhe und Friede würde der besitzen / der alle eitele Sorge abschnitte / und allein heylsame und Göttliche Dinge bedächte / und seine gantze Hoffnung auff GOtt setzte! 5. Es ist niemand des Göttlichen Trostes würdig / [oder besser darzu geschickt, dann der sich fleissig in heiliger HertzensZerknirschung geübet hat. Wilt du in deinem Hertzen zerknirschet werden / so gehe in dein Kammerlein / und schleuß draussen alles Getümmel der Welt / wie geschrieben stehet: Redet mit eurem Hertzen auf eurem Lager / und seyd stille. In deinem Kämmerlein wirst du dasjenige finden / das du draussen offt wirst verlieren. Wann einer sich gewöhnet in seinem Kämmerlein zu bleiben / dem wird es süsse. Wer es aber nicht wol bewahret / dem macht es Verdruß. Wann du im Anfang deiner Bekehrung Des 1 Buchs 20 Capitel rung es wol bewahrest / und frey darinnen bleibest / so wird dirs darnach eine liebe Freundinne und ein angenehmer Trost seyn. 6. Eine andächtige Seele nimmt zu im Schweigen / und in der Ruhe / daselbst lernet sie die Verborgenheiten der Schriftdaselbst findet sie Thränen=Quellen / mit denen sie sich alle Nächte wäschet und reiniget / auff daß sie ihrem Schöpffer so viel gemeinsamer werde / je weiter sie von allem Getümmel der Welt entfernet lebet. Darum wer sich von Freunden undBekannten [dieser Welt] abzeucht / zudem nahet sich GOTT mit seinen H., Engeln. Es ist besser verborgen seyn / und vorseine Seele sorgen / dann Wunder thunund sich selbst versäumen.Es ist einem gottseligen Menschen löblich / selten außgehen / meyden gesehen zu werden / und auch andere nicht [viel] sehen wollen. 7. Dann warum wilt du das sehen / das du doch nicht haben darffst? Die Welt vergehet mit ihrer Luſt. Die von der Nachfolge Christi. Die sinnliche Begierden bewegen den Menschen zum herumspatziren / und wann die Stunde vergangen ist / so bringest du nichts anders mit dir wieder heim. / dann Beschwerung des Gewissens / und Zerstreuung des Hertzens. Ein frölicher Außgang bringet offt einen traurigen Eingang / und ein frölicher später Abend / macht einen traurigen Morgen; also gehet alle fleischliche Freude sanfft einaber am Ende beisset und tödtet sie. Was magst du anders wo sehen / das du hier nicht siehest? Siehe für dir Himmel und Erde / und alle Elementen / dann auß denen sind alle Dinge gemacht. Was magst du sehen unter der Sonnen / das lange bestehen möge? Du denckest dich vielleicht zu ersättigen / aber dahin wirst du nicht gelangen. Ja wann du auch alle Dinge vor Augen hättest / was würde es doch seyn / als nur ein eiteles [und vergäng liches] Geſichte. 8. Hebe deine Augen auff zu GOtt in den Himmel / und bitte für deine Sünden und Versäumnüssen. Laß die eitele Dinge den eitelen Menschen / C 5 Des I Buchs 21 Capitel schen / du aber gib auff die Dinge acht / die dir GOtt gebotten hat. Schleuß die Thür hinter dir zu / und beruffe zu dir JEsum deinen Geliebten / und bleibe mit ihm in deinem Kämmerlein / dann du wirst sonst nirgend so grossen Frieden finden.Wärest du nicht außgegangen / und hättest nichts von neuen Zeitungen und andern Dingen gehöret / so wärest du besse in gutem Friede geblieben. Also wann dich offt gelüstet neue Dingl zu hören / so must du nur Beunruhigung des Hertzens davon tragen. Das XXI Capitel. Von der Zerknirschung des HertzensWilt du etwas fortkommen / so bewahrt dich in der Furcht GOttes / und sey nicht allzufrey. Sondern halte alle deine Sinnen unter Zucht / und ergib dich nicht der unziemlichen Freude. Wende dich zu der Zerknirschung des Hertzens / so wirst du Andacht finden. Die von der Nachfolge Christi. Die Zerknirschung bringet viel Gutes / welches durch Leichtfertigkeit bald wieder verlohren wird. Wunder ist es / daß ein Mensch / der sein Elend und Frembdlingschafft und so viel Gefahr seiner Seelen bedencket und erweget / in diesem Leben je recht frölich werden kan. 2. Unser leichtsinniges Hertze / und, Versäumnüß unserer Gebrechen / macht /daß wir die Schmertzen unserer Seelennicht empfinden. Wir lachen offt eiteler Weise / da wir billig weinen solten. Es ist keine wahre Freyheit / noch guteFreude dann in der Furcht GOttes und, in einem guten Gewissen.Selig ist / der alle Hinderung / die das Gemüt verstreuet / von ihm werffen / und sich in Einigkeit einer heiligen HertzensZerknirschung versammlen kan! Selig ist / wer dem absaget / das sein Gewissen beflecken und beschweren mag. Streite männlich / die böse Gewohnheit wird mit einer guten Gewohnheit überwunden. Die C 6 Des I Buchs 21 Capitel Die Leute lassen dich wol zufrieden / und das deine schaffen / wann du sie nur dar lassen kanst. 3. Nimm dich anderer Leute Sachen nicht an / und wickele dich nicht in die Händel böser Menschen. Habe allezeit deine Augen zuvor erst auf dich / und vor allen deinen liebsten Freund den vermahne dich erst selbst. Hast du nicht der Leute Gunst / so traur nicht darum / dieses aber mag dich wol drücken / daß du dich nicht so wol / und so behutsam halten kanst / als einem andäch tigen Diener Gottes zu wandeln gebühret. Es ist offt nützlicher und sicherer / daß der Mensch nicht viel Trostes / sonderlich nach dem Fleisch / in diesem Leben habe. Aber daß wir den Göttlichen Trost selten haben und empfinden / ist unsere eigene Schuld; weil wir des Hertzens Zerknis schung nicht suchen / und den eitelen und äusseren Trost nicht gäntzlich dran geben. 4. Erkenne dich unwürdig des Göttlichen Trostes / vielmehr aber würdig vieles Trübsal und Leyden. Dann wann ein Mensch völlig zerknirsche von der Nachfolge Christi. schet ist / so ist ihm die gantze Welt bitter und zur Last. Ein frommer Mensch findet Ursach gnug zu weinen und zu trauren / dann es seye / daß er sich selbst betrachtet / oder daß er an seinen Nächsten gedencket / so erkennet er / daß niemand allhie ohne Trübsal lebet / und je genauer er sich selbst betrachtet / desto mehr trauret er. Die Ursach unserer billigen Traurigkeit und inwendigen Schmertzens / sind unsere Sünden und Untugenden / in denen wir also verwickelt liegen / daß wir selten himmlische Dinge beschauen können. 5. Gedaͤchtest du öffter an dein Sterben / dann an dein langes Leben / du würdest dich ohne Zweiffel ernstlicher bessern.Bedächtest du auch hertzlicher die Hölle, und künfftige Pein / so würdest du gern, alle Mühe und Trübsal leyden / und dich, nicht fürchten vor einiger Strenge undWiderwärtigkeit.Dieweil uns aber dieses nicht zu Hertzen gehet / und wir die Schmeichelungen noch lieb haben / so bleiben wir so kaltsinnig und so gar träge. 6. Es C 62 Des 1 Buchs 22 Capitel 6. Es ist offt ein Mangel des Geistes / daß sich der elende Leib so leicht beklaget / [wegen seines Ungemachs.] Darum bitte GOtt demütig / daß er dir einen zerknirschten Geist gebe / damit du sagen mögest mit dem Propheten: Speise mich / HErr / mit Thränen=Brod / und träncke mich mit dem maaß vieler Thränen. Das XXII Capitel. Von Betrachtung des menschlichen Elendes. Du bist elend / du seyst / wo du wollestund wo du dich hinkehrest / so du dich nicht zu GOtt kehrest. Warum bist du unruhig / weil dirs nicht nach deinem Willen und Verlangen gehet? Wer ist wol der alles nach seinem Willen hat? Weder ich noch du / noch ein einiger Mensch auff Erden. Es ist niemand in der Welt ohne einige Angst und Trübsal / weder König noch Pabst. Wer ist wol / der es besser hat / als nurder / welcher um GOttes willen etwasleyden kan? von der Nachfolge Christi. Viel Schwache sagen offt: Siehe / wie ein so gut Leben hat der Mensch? Wie st er so reich / so groß / so mächtig und hoch? Aber gib Achtung auf die himmlischen Güter / so wirst du sehen / daß diese zeitliche nichts sind / sondern gar ungewiß / und sehr beschwerlich; dann sie ohne Furcht und Sorge nimmer mögen besessen werden. Des Menschen Glückseligkeit bestehet nicht darinnen / daß er zeitliche Güter überflüssig besitze / sondern daß er mit wenigem vergnügt sey. Auf Erden leben ist ein wahres Elend / und je geistlicher ein Mensch seyn wil / desto bitterer wird ihm das gegenwärtige Leben; dann er empfindet besser / und siehet klärer die grossen Mängel menschlicher Verdorbenheit. Dann Essen und Trincken / Wachen und Schlaffen / Ruhen und Arbeiten / und andern Nothdürfftigkeiten der Natur unterworffen seyn / ist warlich ein grosses Elend / und einem frommen Menschen ein Creutz / davon er gern wolte erlöset / und von aller Sünde frey seyn. 3. Dann der innerliche Mensch wird sehr 64 Des I Buchs 22 Capitel sehr mit den leiblichen Nothdürfftigkeiten in dieser Welt beschweret / darum hittet der Prophet andächtiglich / daß er davon möge frey werden / sagende: HErr / führe mich auß meinen Nothdürfftigkeiten. Wehe aber denen / die ihr Elend nichterkennen / und noch mehr wehe denen / die diß elende und vergängliche Leben lieb haben! dann einige sind so gar drin verliebt, daß wann sie ewig hier könten leben / sie GOttes Reich nichts würden achten / wann sie gleich mit Arbeiten / oder Betteln kaum ihre Nothdurfft haben mögen. 4. Oder unsinnigen und ungläubigen Hertzen / die so tieff in dem Irrdischen liegen / daß ihnen anders nichts dann fleischliche Dinge schmäcken! aber diese Elende werdens noch an ihrem Ende hart und schwer fühlen / wie gar gering und nichts das gewesen sey / das sie so sehr geliebet haben. Die Heiligen GOttes aber / und alle andächtige Freunde Christi achteten nicht auf die Dinge / welche dem Fleische gelüsten / oder das in dieser Zeit ansehnlich ist / sondern ihre gantze Hoffnung und Bi von der Nachfolge Christi. Begierde sehnete sich nach den himmlischen Bütern. Ihr gantzes Verlangen war auff das Ewige und Unsichtbare gerichtet / damit sie nicht durch die Liebe der sichtbaren Dinge zu den niedrigen und verganglichen hingezogen würden. Liebster Bruder / verlier doch das Vertrauen nicht im Geistlichen fort zu kommen / dann du hast noch Zeit und Stunde. Warum woltest du deinen Vorsatz auffschieben? Jetzt stehe auff und fange alsbald an und sprich: Jetzt ists Zeit zu wircken / jetzt ists Zeit zu streiten / und jetzt sts bequeme Zeit mich zu bessern. Wann dir nun nicht wol zu muth ist / und du Leyden bekommst / dann ists Zeit zu grösseren Gnaden zubereitet zu werden. Du must durch Feur und Wasser gehen / ehe du in die Erquickung gelangest. Du überwindest auch die Sünde nicht / es sey dann / daß du dir selbst Gewalt thust. So lange wir diesen gebrechlichen Cörper tragen / können wir nicht ohne Sünde seyn / noch ohne Leyden und Verdruß leben. Wir hätten gern Ruhe von allem Elend / 66 Des I Buchs 22 Capitel Elend / dieweil wir aber durch die Sündt unsere Unschuld verlohren haben / so haben wir uns auch der wahren Seeligkeit verlustig gemacht. Darum müssen wir gedultig seyn / und auff GOttes Barmhertzigkeit warten / bis dieses Unglück fürüber gehe / und die sterblichkeit von dem Leben verschlungen werdt. 6. Wie groß ist die menschliche Schwachheit / die allezeit zur Sünde geneigt ist! Heute bekennest du deine Sünden / und morgen vollbringest du die bekan̄te Sünden wieder. Jetzt nimmst du dir vor dich vor Sünden zu huten / und über eine Stunde so thust du sie / gleich als wann du dir nicht vorgenommen hättest. Weil wir nun so schwach und unbeständig seyn / sollen wir uns billig demütigen und nimmer was Grosses von uns selbst halten. Durch Unachtsamkeit kan auch gar bald verschertzet werden / welches man mit groß ser Mühe / durch Gnade / kaum endlich erlanget hatte. 7. Was wird noch zuletzt auß uns werden da wir so frühe schon träg und faul seyn? Weh von der Nachfolge Christi. Wehe uns! wann wir allbereit Ruht suchen / gleich als hätten wir schon Friede und Sicherheit; da doch noch nicht ein Fußstapfe wahrer Heiligkeit in unserm Wandel erſcheinet. Es wäre wol nöthig, daß wir als gute anfahende Schüler von neuem zu bessern Sitten angewiesen würden / ob etwa noch Hoffnung seyn mögte einiger künfftigen Besserung und grösseren geistlichen Wachsthums. Das XXIII Capitel. Von Betrachtung des Todes. Es wird hier gar bald um dich geschehen seyn / darum siehe / wie du lebest. Dann heute lebet der Mensch / und morgen wird er nicht mehr gesehen; und wann er uns auß den Augen weggenommen / so entfällt er uns auch bald auß dem Sinn. O wie groß ist doch der menschlichen Hertzen Blindheit und Härtigkeit! daß er alleine das Gegenwärtige betrachtet / und was künfftig ist / nicht mehr vorauß siehet. Du soltest dich in allen Gedancken und Wer⸗ 68 Des 1 Buchs 23 Capitel Wercken also verhalten / als ob du heute ja diesen Augenblick sterben müstest. Hattest du ein gut Gewissen / so würde du dich nicht sehr für dem Todt fürchten. Es wäre viel besser die Sünde meyden / als den Todt fliehen. Bist du heute nicht bereit / wie wirst du dann morgen bereit seyn? Morgen ist ein ungewisser Tag / ja wie weist du / ob du den morgenden Tag erleben wirst? 2. Was hilfft lange leben / da wir uns doch so wenig bessern? Ach! ein langes Leben bessert nicht allezeit / sondern offt vermehret es nur die Schuld der Sünde. Wolte GOtt / daß wir einen einigen Tag in dieser Welt wol gewandelt hätten Ihrer viele rechnen die Jahre ihrer Bekehrung / und ist doch die Frucht der Besſerung offt gar geringe. Ist der Todt furchtsam / so ist ein langes Leben vielleicht noch gefährlicher. Seelig ist / der die Stunde seinesTodtes allezeit vor Augen hat / und sichtäglich zum Sterben schicket.“ Hast du etwan einen Menschen sehen sterben / so gedencke / daß du denselben Wes auch wandeln muſt. von der Nachfolge Christi. 3. Wann es Morgen wird / so bilde dir daß du den Abend nicht erreichen werdest; wann es aber Abend wird / so darffs du dir den Morgen nicht versprechen. Darum sey allezeit bereit und lebe also / daß dich der Todt nimmer unbereit finde. Viele sterben plötzlich und unversehensdan̄ des Menschen Sohn wird kommen zu der Stunde / da mans nicht meynet. Wann nun die letzte Stunde da ist / so wirst du von deinem gantzen vergangenen Leben viel anders anfangen zu urtheilen / und wird dir sehr leyd seyn / daß du so jäumig und nachlässig gewesen bist. 4. Wie seelig und weise ist / der nun sich, selbst befleissiget in seinem Leben ein solcher seyn / als er wünschet im Todte erfunden zu werden!Dann es gibt eine grosse Zuversicht glückseelig zu sterben / die völlige Verschmähung der Welt / die brünstige Begierde in den Tugenden fortzugehen / die Liebe zur Betäubung des Leibes / die Arbeit der Busse / der willige Gehorsam / die Verläugnung sein selbst / und die gedultige Er tra 70 Des 1 Buchs 23 Capitel tragung allerhand Widerwärtigkeiten, um der Liebe Chriſti willen. Du kanst viel Gutes thun / weil du gesund bist; wann du aber kranck wirst / weiß ich nicht / was du vermagst. Wenig Menschen werden durch die Kranckheit gebessert; und so werden auchdie selten geheiliget / die viel herum reisen. 5. Setze nicht deine Zuversicht auff deine Freunde und Verwandten / und spare nicht dein Heyl auffs künfftige; dann die Leute vergessen dein / ehe du es denckest. Darum ists besser bey zeiten Vorsorsthun / und etwas Gutes vorauß schicken / dann auff anderer Leute Hülffe hoffen. Biſt du jetzt nicht ſorgfältig vor dich ſe ber / wer wil dann hernach für dich Fleiß anwenden? Jetzt ist die Zeit sehr köstlich jetzt ist der Tag des Heyls / jetzt ist die an genehme Zeit. Aber leyder! daß du diese nicht nützlicher anwendest / darinnen du erlangen kanst. wovon du ewig lebeſt. Es wird die Zeit kommen / daß du einer Tag oder Stunde zu deiner Besserung begehren wirst / ich weiß aber nicht / ob du sierlangen wirſt. von der Nachfolge Christi. 5. Darum mein Allerliebster / auß was grosser Gefahr kanst du dich befreyen / und auß was grosser Furcht kanst du dich außhelffen / wann du stets furchtsam und des Todes gewärtig bist. Darum befleissige dich jetzt also zu leben daß du in der Stunde des Todes dich vielmehr freuen / dann fürchten mögest. Lerne jetzt der Welt absterben / damit du dann anfangest mit Christo zu leben; lerne nun alles verachten / daß du dann ungehindert mögeſt zu Chriſto eilen. Casteye deinen Leib jetzt durch Reue und Busse / auff daß du alsdann eine gewisse Zuversicht haben mogest. 7. Ach du Thor! was gedenckest du lange zu leben / so du doch keinen Tag sicher bist? Wie viel sind ihrer betrogen / die unverhofft [und unbereitet] auß dem Leibe gerücket ſind. Wie offt hast du hören sagen: Der ist durchs Schwerdt gefallen / der ist ertruncken / der hat den Hals gestürtzet / der ist an einem Bissen ersticket? Da hat einer über dem Spiele / ein ander im Feuer / eine ander in Banden / ein ander an einer Kranck= 72 Des 1 Buchs 23 Capitel Kranckheit / ein ander durch Mord sein Ende beschlossen? Also macht der Tod allen ein End / und des Menschen Leber vergehet schnell wie ein Schatten. 8. Wer wird deiner gedencken nach dem Tode / und wer wird für dich bitten? Darum mein Allerliebster! thue jetzt / wat du thun kanst; dann du weist nicht / wann du sterben must / weist auch nicht / was nach deinem Tode folgen wird. Sammle dir / weil du noch Zeit hast / unvergängliche Reichthümer. Gedencke sonst an nichts als an dein Heyl / und besorge nur die Dinge / die ihr Abſicht auff GOtt haben. Mache dir nun Freunde / und ehre die Heiligen GOttes / durch die Nachfolg ihres Lebens / auff daß wann du darbest / sie dich auffnehmen in die ewige Hütten. 9. Halte dich auf dieser Erden als ein Pilgrim und Fremdling / den dieser Welt Händel nichts angehen. Behalte dein Hertz frey / und auffwaͤrts erhoben zu GOtt / dann du haf hie keine bleibende Stätte. Dahin sendt dein Gebät und tägliche Seufftzer mit Thrä⸗ von der Nachfolge Christi. Thränen / auff daß dein Geist nach deinem Tode seliglich zum HErrn hinzugehen möge gewürdiget werden / Amen! Das XXIV Capitel. Vom Gericht und Straffe der Sünder. In allen Dingen schaue an das Ende, und siehe / wie du bestehen werdest vor dem gestrengen Richter / dem nichts verborgen ist / und mit Geschencken nicht versöhnet wird / noch keine Entschüldigungen annimmt / sondern was recht ist / urtheilen wird. O du elender / thörichter Sünder! der du dich offt für eines zörnigen Menschen Angesicht fürchtest / was wilt du GOTT antworten / der alle deine Boßheit weiß? Warum bereitest du dich nicht auff den Tag des Gerichts / da keiner den andern entschuldigen und verthätigen kan / sondern ein jeder mit seiner eigen Last gnug wird zu thun haben? Jetzt kan deine Arbeit noch fruchtbar, dein Weinen angenehm / dein Seufftzen er 74 Des I Buchs 24 Capitel erhörlich seyn / und deine Schmertzen GOtt gefallen / und zu deiner Reinigung dienen. 2. Der Mensch hat ein groß und heyl sam Fegfeur / [oder Gelegenheit allhier seinem Nutzen und Reinigung etwas leyden] der gedultig ist / der mehr betrübt ist wegen eines andern Boßheit / der ihm übels thut / als wegen seines erlittenen Urechts / wer vor seine Widerwärtige gernbittet / und die Beleidigung von Hertz vergibt / der nicht verzeucht andere unVerzeihung zu bitten; wer sich leichter barmet / dann erzürnet; der ihm selber und viel Gewalt anthut / und sich befleiss get sein Fleisch dem Geiste gäntzlich zu unterwerffen. Es ist viel besser jetzund von seinen Sünden gereiniget zu werden / und die Boßhe abzuthun / dann die Busse biß auffs künf tige versparen. Warlich wir betriegen uns selbst durch unordentliche Liebe / die wir zu unse Fleiſch tragen. 3. Was anders als deine Sünden wird jenes Feur verzehren? Je mehr nun von der Nachfolge Christi. nun deiner schönest / und deinem Fleische folgest / desto härter wirst du hernach dran müssen / und häuffest dir selbst nur so viel mehr Holtz zum Feur. Womit ein Mensch gesündiget / ebendamit wird er desto härter gestraffet, werden. Dort werden die Faulen mitfeurigen Strahlen durchstochen werden; und die Freſſigen mit groſſem Hunger; und Durst gepeiniget werden. Da werden die Wollüstigen und Unkeuschen, mit brennendem Pech und stinckendem, Schwefel durchgossen werden / und die Neydische werden für Schmertzen wiedie tollen Hunde greulich heulen.“ 4. Es ist keine Sünde / die nicht ihre eigene Peinigung haben wird. Die Hof färtigen werden daselbst mit allen Schanden erfüllet werden; und die Geitzigen werden mit jämmerlicher Dürfftigkeit bedränget werden. Da wird eine Stunde schwerer seyn in der Pein / dann hier hundert Jahr in der bittersten Busse. Da haben die Verdammten keinen Trost und keine Ruhe / hier aber höret man von der Mühe und Arbeit bißD2 wei 76 Des 1 Buchs 24 Capitel weilen ein wenig auff / und man kan noch guter Freunde Trost geniessen. Darum seye nun sorgfältig und bereut deine Sünden / auff daß du am Tage des Gerichts mit den Seeligen moͤgest siche ſeyn. Alsdann werden die Gerechten mit groß ser Freudigkeit stehen wider die so sie beängstiget und unterdrücket haben. Alsdann wird der Gericht halten über andere / der sich nun demütig dem Urtheil und Gericht anderer Menschen unterwirfft. Dan wird grosse Freudigkeit haben ein Armer und Demutiger / aber ein Hoffär tiger wird sich allenthalben fürchten. 5. Dann wird man sehen / daß der in dieser Welt weise gewesen / der gelerne hat um Christi willen ein Thor und geverachtet zu seyn. Dann werden uns alle gedultig erlitten Trübsalen gar angenehm vorkommen / aber aller Ungerechtigkeit wird das Maul geſtopfet werden. Da werden sich alle Andächtige freuen. und alle Ungottesdienstliche trauren. Dasi wird das gecreutzigte Fleisch mehfro von der Nachfolge Christi. rolocken / als wann es allezeit in Ergetzlich keit und Wollust genähret wäre. Dann wird ein geringes Kleid prächtig gläntzen / und ein köstlicher Schmuck wird dunckel werden. Dañ wird ein armes Häußlein mehr gelobet werden / dann ein uͤbergüldeter Pallast. Dann wird beständige Gedult mehr helffen / dañ aller Welt Gewalt und Macht. Dann wird ein einfältiger Gehorsam mehr erhöhet werden / dann aller Welt List und Geſchwindigkeit. 6. Dann wird ein gut und reines Gewissen mehr erfreuen / dann alle Kunst und Weißheit der Gelehrten. Dann wird die Verschmähung des Reichthums höher geachtet werden / dann alle Schätze der Einwohner dieser Erden. Dann wirst du wegen eines andächtigen Gebäts mehr getröstet werden / dann von einer süssen und niedlichen Speise. Dann wirst du dich deiner Verschwiegenheit mehr erfreuen / dann eines langen Geſchwätzes. Dann werden heilige Wercke mehr gelten / dann viel schöne Worte. Dann D 78 Des I Buchs 24 Capitel Dann wird ein genaues Leben / und strenge Busse / besser dir gefallen / dann alle irꝛdiſche Ergötzlichkeit. Lerne hier ein wenig leyden / damit du dort der schweren Leyden entgehen mögest. Versuche hier / wie viel du dort leyden kanst / so du nun hier so ein geringes nicht ertragen kanst / wie wilst du dann die ewige Quaal erdulden? Wann dich das geringe Leyden nun zur Ungedult beweget / was wird dann nicht die Hölle thun? Warlich du kanst nicht zwiefache Freude haben / hier in dieser Welt dich ergetzen / und dort mit Christo herrschen. 7. Hättest du allezeit in Ehren und Wollüsten biß auff den heutigen Tag gelebet / und soltest zu dieser Stunde sterben. was hülffe es dir alles? Darum ist alles Eitelkeit / ohne GOtt lieb haben / und ihm allein dienen. Dann wer GOtt von gantzem Hertzen liebet / der fürchtet weder Tod noch Marter / weder Gericht noch Hölle; dann die vollkommene Liebe machet einen sichern Zutritt zu GOtt. Aber es ist kein Wunder / daß der den Tod von der Nachfolge Christi. Tod und das Gericht scheuet / welcher noch Luſt hat zu ſündigen. Ob dich aber die Liebe noch nicht von Sünden abhält / so ist es doch gut / daß dich wenigstens die höllische Furcht im Zaum halte. Wer aber die Furcht GOttes hindan setzt / der mag im Guten nicht lange bestehen / und fället desto eher in des Teuffels Stricke. Das XXV Capitel. Von ernster Besserung unsers gantzen Lebens. Im Dienst GOttes sey wachsam und fleissig / und gedencke offt / worzu du kommen seyst / und warum du die Welt verlassen habest. Ists nicht darum / auff daß du GOtt leben / und ein geistlicher Mensch werden mögest? Darum befleissige dich mit allem Ernst zuzunehmen; dann du wirst den Lohn deiner Arbeit bald empfangen / und dann wird hinfüro bey dir weder Furcht noch Leyden seyn. Jetzt arbeitest du eine kleine Zeit / und wirſt 80 Des I Buchs 25 Capitel wirst eine grosse Ruhe / ja eine ewige Freude finden. Wirſt du getreu und bruͤnſtig im guten Werck bleiben / so wird GOtt auch ohne Zweiffel getreu seyn / und reich in der Belohnung. Du must trachten eine gute Hoffnung zu behalten/ daß du zu dem Sieg und überwindung gelangen werdest; aber nicht sicher seyn / damit du nicht in Hochmut oder Faulheit gerathest. 2. Es war einesmals ein Mensch seh bekümmert / und schwebete offtmals zwi schen Furcht und Hoffnung / und kam einesmals gantz traurig in die Kirche / warst sich zum Gebät zur Erden nieder / und sprach bey ihm selber: Ach! daß ich wüste / ob ich noch würde beständig bleiben?“ Alsbald hörete er inwendig die Göttliche Antwort / die sprach: Wann dunun das wüstest / was woltest du dannthun? Thue jetzt / das du dann woltestthun / so wirst du können sicher und unbekümmert seyn. Alsbald ward er ge tröstet und gestärcket / und ergab sich dem Göttlichen Willen / da hörete die ängstliche Un⸗ von der Nachfolge Christi. Unbeständigkeit des Gemüts auff / wolte auch hinfort nicht mehr sorgfältig erforschen / was ihm künfftig begegnen würde sondern befleissigte sich vielmehr zu erforschen / was GOttes wolgefälliger und vollkommener Wille wäre / um ein jeg liches gutes Werck anzufangen und zu vollbringen. 3. Hoffe auff den HErrn / und thue Guts / saget der Prophet / bleibe im Lande / und nähre dich redlich. Eines ist / daß ihrer viele vom Fortgang und ernstlicher Besserung abwendet / nemlich die Furcht der Beschwerlichkeit / oder die Mühe und Arbeit im Kampff und Streit. Absonderlich aber nehmen die am allermeisten in Tugenden zu / welche dasjenige / was ihnen am schweresten und am meisten zuwider ist / männlich trachten zu überwinden. Dann eben daselbst fördert der Mensch am meisten / und findet grössere Gnade bey GOtt / wo er sich selbst am meisten überwindet / und im Geist tödtet. 4. Aber es haben nicht alle gleich viel zu überD 1 82 Des I Buchs 25 Capitel überwinden und zu tödten / doch gleichwol wird ein eifriger Liebhaber der Gottseligkeit besser können fortkommen / ob er gleich vielmehr unordentliche Gemüts=Trifften hat / dann ein Sittsamer / der nicht sei brünstig zu Christlichen Tugenden ist. Zwey Dinge sind fürnemlich / die zur grossen Besserung dienen; das erste ist, sich mit Gewalt enthalten derer Dinge. darzu die verkehrte Natur geneigt ist; das andere ist / dem Guten / das der Mensch am allermeisten bedarff / ernstlich nachstreben. Befleissige dich auch diese Dinge am allermeisten zu vermeiden und zu überwinden / die dir am meisten an andern miß fallen. 5. Suche überall gefördert zu werden / damit wo du gute Exempel siehest oder hörest / du dadurch zur Nachfolge entzündet werdest. Merckest du aber etwas sträffliches / so hüte dich / daß du dergleichen nicht thust; hast du es aber bißweilen gethan / so befleissige dich bald es wieder zu verbessern. Wie dein Auge andere Leute siehet / so sehen hinwieder andere Leute auff dich. von der Nachfolge Christi. O wie lieblich und süß ists / wann man andächtige / ernstliche / sittsame und wolerzogene Brüder antrifft! und wie betrübt und schwer ists / wann man solche siehet / die unordentlich wandeln / die dem / darzu sie beruffen seyn / nicht nachkommen! Wie schädlich ists / den Vorsatz deines Berufs versäumen / und den Dingen nachhängen / die dir nicht befohlen seyn. 6. Gedencke an deinen angenommenen Beruff / und stelle dir vor Augen das Bild und Exempel des Gecreutzig. ten. Du mögtest dich wol schämen / wann du das Leben des HErrn JEsu Christi ansiehest / daß du noch nicht mehr dich beflissen ihm gleichförmig zu werden / ob du gleich lange auff dem Wege GOttes gewesen bist. Ein GOttes=dienstlicher / der sich andächtig und inbrünstig übet in dem allerheiligsten Leben und Leyden des HErrn / der wird darinnen überflüssig finden / was ihm nützlich und nöthig ist / und ist nicht vonnöthen / daß er ausser JEsu etwas bessert ſuche. D 6 Des 1 Buchs 25 Capitel O wann der gecreutzigte JEsus in unser Hertz käme! wie so bald würden wir gelehrt gnug seyn? 7. Ein ernstlicher geistlicher Mensch träget alles leicht / und nimmt alles wol auf / was ihm auch befohlen wird. Ein Fauler und Nachlässiger hat Trübsal über Trübsal / und leydet Angst und Ungemach an allen Endenz dann ihm mangelt der inwendige Trost / und der außwendige wird ihm zu suchen verbotten. Ein Christlicher Mensch / der aussen Zucht und Ordnung lebet / der ist einem schweren Falle nahe. Der ist allezeit in ängsten / welcher Freyheit und Gemächlichkeit suchet / dann bald mißfälle ihm dieses / bald ein anders. 8. Wie thun aber so viel andere From men / die unter genauer Zucht und Gehör sam leben? Sie gehen selten auß / und leben abgeschieden / sie essen ärmlich / sie sind schlecht bekleidet / sie arbeiten viel / und reden wenig / sie wachen lange / und stehen früh auff / sie bäten ohn Unterlaß / sie lesen fleissig / und bewahren sich in aller Zucht. Solche Leute stehen offt auff zu Mitternach von der Nachfolge Christi. nacht den HErrn zu loben / wie David geſaget hat. Darum wäre es eine grosse Schande / daß du soltest träge und faul seyn in dem heiligen Wercke / da so eine grosse Menge andächtiger seelen Gott loben und preisen. 9. O daß wir sonst nichts anders zu thun hätten / dann den HErrn GOtt mit gantzem Hertzen und Munde loben! C daß du nimmer essen noch trincken / noch schlaffen dürfftest / sondern allewege GOtt loben / und allein geistlichen übungen und Betrachtungen abwarten mögtest! so würdest du viel glückseliger seyn / dann jetzund / da du deinem Fleisch in allerley Nothdurfft dienen must. Wolte GOtt! daß wir dieser leiblichen Nothdurfft überhoben wären / und allein der Seelen geistliche Speise suchen mögten / die wir leyden ſelten gnug ſchmäcken. 10. Wann ein Mensch dahin kommt /daß er in keiner Creatur seinen Trost, uchet / so fähet ihm erst an GOtt vollkommentlich zu schmäcken / so ist er auch, wol zufrieden mit allem / das ihm wiederfähret.SD 7 86 Des I Buchs 25 Capitel So mag ihn nichts Herrliches erfreuen / noch was schlechtes und geringes betrüben; sondern er setzet sich ruhig und mit grossen Zuversicht gäntzlich in GOtt / der ihm alles in allem ist / welchem nichts verdirbet noch stirbet / sondern ihm lebet alles / und ihm dienet alles ohn Unterlaß / nach dem Winck seines Wolgefallens. 11. Gedencke allezeit an das Ende / und daß die verlohrne Zeit nicht wiederkömmt. Ohne Sorge und Fleiß wirst du nimmermehr die Tugenden erlangen. Wann du anhebest nachlässig und träge zu werden / so wirst du auch anfangen beschweret und unruhig zu werden. Wirft du dirs aber lassen einen Ernst seyn / so wirst du grossen Frieden finden und eine leichtere Arbeit / wegen der Gnade GOttes / und der Liebe zur Tugend. Ein ernstlicher und fleissiger Mensch ist zu allen Dingen bereit. Es ist eine viel grössere Arbeit / den Sünden und fleischlichen Neigungen zu widerstehen / dann leibliche Arbeit mit Mühe zu verrichten. Wer die kleine Gebrechen nicht vermey von der Nachfolge Christi. det der fällt allgemach in grössere Dinge. Wann du den Tag nützlich hast zugebracht / so wirst du dich allezeit am Abend erfreuen. Wache über dich selbst / ermahne dich selbst / erwecke dich selbst; und es mag auch immer mit den andern stehen / wie es wil / so versäume du dich selbst nicht. So viel wirst du zunehmen / so viel du dir selbst wirst Gewalt anthun. Du aber / HErr / erbarme dich unser Amen. Ende des Ersten Buchs. 9 S Das 88 Des II Buchs 1 Capitel 0 S A ⛪ ############################ Das Andere Buch. Von dem innerlichen Wandel und gedültigem Leyden aller Widerwärtigkeit. Das 1 Capitel. Von des Menschen innerlichen Wandel. Wo spricht der HERR: Das Reich GOttes ist inwendig in euchKehre dich von ganzem Hertzen zum HErrn / und verlaß diese elende Welt / wird deine Seele Ruhe finden. Lerne die äusserlichen Dinge verschmähen / und dich zu den innerlichen zu wenden / so wirst du sehen das Reich GOttes in dich kommen. Dann das Reich GOttes ist Friede und Freude in dem heiligen Geistewelches den Gottlosen nicht gegeben wird. Christus wil zu dir kommen / und dir sei= von der Nachfolge Christi. seinen Trost zeigen / so du ihm inwendig eine würdige Wohnung zubereiten wirst. Alle ſeine Herrlichkeit und Zierde iſt von innen / und daselbst gefället es ihm wol. Den innern Menschen pfleget er emsig lich zu besuchen / mit süssem Gespräche / holdseligem Troste / vielem Frieden / und wunderbarlich entzückender Vertraulichkeit. 2. Ey getreue Seele / bereite dein Hertz diesem Bräutigam / auff daß er dich würdige zu dir zu kommen / und Wohnung bey dir zu machen. Dann also spricht er: Wer mich liebet / der wird mein Wort halten / und mein Vatter wird ihn lieben / und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bey ihm machen. So gib nun Christo Raum / und verſage allen andern den Eingang. Dann so du Christum hast / so bist du reich / und hast gnug. Er wird dein Versorger / und in allen Dingen dein getreuer Verpfleger seyn / daß du nicht nöthig hast auff Menschen zu hoffen. Dann die Menschen ändern sich bald / und Des 11 Buchs 1 Capitel und vergehen schnell; Christus aber bleibet biß in Ewigkeit / und stehet bey dir festislich biß ans Ende. 3. Es ist kein groß Vertrauen auf einen gebrechlichen und sterblichen Menschen zu setzen / ob er schon nützlich und lieb ist / auch nicht viel Traurens deßwegen zu haben / ob er zu Zeiten widerspricht / oder sonst zuwider ist; dann die heute mit dir sind / können morgen wider dich seyn; und wiederum werden sie offt anders Sinnes / und wenden sich wie der Wind. Setze alle deine Zuversicht auff den HErrn / Er seye deine Furcht und deine Liebe: Er wird für dich antworten / unt alles wol und auffs beste machen. Du hast hie keine bleibende statt / du bisein Fremder und Pilgrim / du seyst / wo du wollest / und wirst nimmer Ruhe finden / du seyst dann mit Christo inniglich vereiniget. 4. Was siehest du dich hier um / da es doch nicht der Ort deiner Ruhe ist? Im himmlischen Wesen sol deine Wohnung ſeyn. Und von der Nachfolge Christi. Und gleich als im vorbeygehen ist alles Jrrdische anzusehen; dann alle Dinge vergehen / und du zugleich mit ihnen. Siehe / daß du nicht drin hangen bleibest / auff daß du nicht gefangen werdest und umkommest. Bey dem Allerhöchsten sey dein Andencken / und zu Christo laß dem Gebett ohn Unterlaß gerichtet seyn. Kanst du nicht hohe und himmlische Dinge betrachten / so ruhe im Leyden Christi / und wohne gern in seinen heiligen Wunden. Dann wo du andächtiglich zu den Wunden und köstlichen Mahlzeichen JEsu deine Zuflucht nimmst / so wirst du grosse Stärckung in Widerwärtigkeit finden / und nicht viel ächten der Menschen Verschmähung / und die übele Nachreden leichtlich ertragen. 5. Christus war auch in der Welt von den Menschen verschmähet / und in der grösten Noth von seinen Bekandten und Freunden unter lästerlichen Schelt=Worten verlassen. Dergestalt hat Christus wollen leyden und — Des II Buchs 1 Capitel und verschmähet werden / wie darffst du dann noch über etwas dich beklagen? Christus hat Widersacher und Nachreder gehabt / und du wilt alle zu Freunde und Wolthäter haben? Woher wird deine Gedult gekrönet werden / so dir nichts Widerwärtiges begegnet? Wie wilt du ein Freund Christi seyn / so du nichts Widerwärtiges ausstehen wilst? Leyde mit Christo und um Christi willen / so du mit Christo herrschen wilst. Wärest du einmal in das innere JESU vollkommen eingegangen / und hättest nur ein wenig von seiner brünstigen Liebe geschmäcket / so würdest du nach deinem eigenen Nutzen oder Schaden nichts mehr fragen / ja du freuetest dich viel mehl der zugefügten Schmach. Dann die Liebe JEsu Christi machet / daß ein Mensch sich selbst verschmähet. Ein wahrer und inniger Liebhaber JE SU und der Warheit / der frey ist von allen unordentlichen Neigungen / kan sich gantz frey zu GOtt kehren / und sich im Geist von der Nachfolge Christi. Geist uͤber sich selbst erheben / und genießbarer Weise ruhen. 7. Der ist warlich weise / und mehr von GOtt dann von Menschen gelehret / dem alle Dinge schmäcken / wie sie seyn / und nicht wie sie geneüet oder geschätzet werden. Wer von innen weiß zu wandeln / und die Dinge wenig von aussen beurtheilet und schätzet / der suchet nicht lange örter / und erwartet keine Zeiten / andächtige übungen zu halten. Ein innerlicher Mensch kan sich bald wieder versammlen / weil er sich nimmer gantz in die äussern Dinge außschüttet. Ihn hindert auch nicht äusserlicht Arbeit / noch andere zur Zeit nothwendige Geschäffte / sondern wie es die Sache mit sich bringet / also schicket er sich darzu. Wer innerlich wol gestellt und geordnet ist / der achtet nicht die wunderlichen und verkehrten Sitten der Menschen. So viel wird der Mensch gehindert und zerstreuet / so viel er sich der Dinge annimmt. 8. Wann es wol um dich stünde / und du wol gereiniget wärest / so würden dir alle Dinge 24 Des II Buchs 2 Capitel Dinge zum Nutzen und zum Beſten die nen. Dieweil du aber noch nicht vollkömlich dir selbst gestorben / und von allen weltlichen Dingen abgeschieden bist / mißfällt dir so vieles / und beunruhiget die ſo öffters. Darum ist nichts / das des MenschelHertz so sehr verunreiniget und verwickelt als die uureine Liebe der Creaturen. Wo du dich wegerst von aussen getro stet zu werden / so magst du himmlisch Dinge schauen / und offt jubiliren von innen. Das II. Capitel. Von der Demut. Yschte nicht groß / wer mit dir oder wider dich sey / sondern das thue und besorge daß GOtt mit dir sey in allem / was du thust. Habe ein gut Gewissen / so wird dich GOtt wol verthätigen; dann wem GOtt helffen wil / dem wird keines Menschen Boßheit schaden können. Kanst du schweigen und leyden / so wirst von der Nachfolge Christi. du ohne Zweiffel des HErrn Hülffe sehen. Er weiß Zeit und Mittel dich zu befreyen / darum solt du dich Ihm gar ergeben. Es gehöret GOtt zu / daß er dir zu Hulffe kom me / und dich von aller Schmach erlöse. Es ist sehr gut / daß andere Menschen unsere Gebrechen wissen, und sie straffen, auf daß wir so viel mehr die Demut bewahren. 2. Wann sich der Mensch um seiner Mängel willen demütiget / so besänfftiget er leichtlich andere / und vergnüget leicht diejenige / die mit ihm zürnen. Den Demütigen beschirmet und errettet GOtt; den Demütigen liebet und tröstet Er; Er neiget sich freundlich zu einem demütigen Menſchen. Dem Demütigen gibt Er grosse Gnade / und nach seiner Unterdrückung erhebt Er ihn zur Herrlichkeit. Dem Demutigen offenbahret Er seine Heimlichkeiten / den zeucht und nöthiget Er süssiglich zu sich. Ein Demütiger ist wol gnug zufrieden / ob er schon Schmach und Schande empfähet / dann er stehet in GOTT / und nicht in der Welt. Ge 96 Des II Buchs 3 Capitel Gedencke nicht / daß du etwas zugenommen habest / du empfindest dann / daß du für jederman der niedrigste seyest. Das III Capitel. Von einem frommen und friedsamen Menschen. Setze dich selbst erstlich in Frieden / und dann magſt ꝺu auch andere friedſam machen. Ein friedfertiger Mensch ist mehr nütze. dann ein wolgelehrter Mensch. Ein streitiger (passionirter) Mensch leget auch das Gute übel auß, und glaubet das Böse leichtlich. Ein frommer friedsamer Mensch kehret alle Dinge zum Beſten. Wer wol im Frieden ist / der hat auff niemand Argwohn / wer aber übel zufrieden ist und unruhig / der wird durch mancherley Argwohn getrieben / er ruhet selbst nicht / und lässt auch andern keine Ruhe. Er saget offt / das er nicht sagen solte / er unterläst / das ihm offt nützlich wäre / daß ers vollbrächte; er mercket / was andere Men⸗ von der Nachfolge Christi. Menschen zu thun schuldig sind / was aber seine Schuldigkeit erfordert / das versäumet er. Derohalben eifere erstlich wider dich selbst / und dann magst du auff eine rechte Weise für deinen Nächsten eifern. 2. Dein Thun kanst du wol entschüldigen / und einen schönen Schein geben / aber anderer Entschüldigung wilt du nicht annehmen. Es ware billiger / daß du deinen Bruder entschüldigtest / dich selber aber beschüldigtest. Wilt du / daß man dich trage / so trage auch einen andern. Siehe / wie fern du noch seyest von wahrer Liebe und Demut / welche gegen niemand zürnen kan / dann nur wider sich selbst. Bey frommen und sanfftmütigen Menschen leben / das ist nichts grosses / dann das gefällt jedermann natürlicher Weise / so hat auch ein jeglicher gern Friede / und liebet am meisten die / so es mit ihm halten. Aber bey harten / verkehrten / ungezogenen und uns widerwärtigen Menschen friedlich leben können / das ist eine grosse Gnade / sehr löblich / und ein männlich Werck. 3. Es 98 Des II Buchs 3 Capitel 3. Es sind Menschen / die so wol selbi sich in Friede bewahren / und auch mit andern Friede halten; und auch Menschen / die selbst nicht Friede haben / lassen auch an dere nicht zufrieden / sie seynd andern Leutet schwer / aber ihnen selbst allewege an schweresten. Es sind auch Menschen / die sich selbst in Friede halten / und befleissigen auch andere Menschen wieder in Friede zu bringen. Jedoch ist aller unser Friede in diesem elenden Leben mehr auff demütiges Leydet und dulden zu setzen / dann darin daß man nichts widriges fühle. Wer am meisten leyden kan / der wirdden grösten Frieden halten. Der ist einüberwinder sein selbst / ein Herr derWelt / ein Freund Christi / und ein Erbedes Himmels. Das IV Capitel. Von einem reinen Hertzen / und einfältiger Absicht. Mit zweyen Flügeln wird der Mensch voll — von der Nachfolge Christi. von irrdischen Dingen erhaben / nemlich mit Einfalt und Lauterkeit. Einfältigkeit sol seyn in der Absicht / Lasterkeit in der Begierde. Einfältigkeit zielet auff GOtt / und meynet Ihn / Lauterkeit ergreiffet und schmäcket Ihn. Keine gute Verrichtung kan und mag dich hindern / so du inwendig von unordentlicher Begierde frey bist. So du nichts anders als GOttes Wolgefallen und des Nächsten Nutzen meynest und suchest / so wirst du inwendige Freyheit geniessen. Wäre dein Hertz rechtschaffen / so wären dir alle Creaturen ein Spiegel des Lebens, und ein Buch der heiligen Lehre. Dann keine Creatur ist so klein und so gering / die GOttes Güte nicht vor Augen stellet. 2. Wärest du inwendig fromm und rein / so mögtest du alle Dinge ohne Hindernüß sehen und wol verstehen. Ein reines Hertz durchdringet Himmel und Hölle. Wie ein jeglicher inwendig beschaffen st / also urtheilet er auch außwendig. Wann Freude in dieser Welt ist / so E 2 be 100 Des II Buchs 5 Capitel besitzet sie gewiß ein Mensch / der eines reinen Hertzens ist. Und so irgend Trübsal Angst und Noth ist / das weiß am besten ein böses Gewissen. Wie ein Eisen / das man in das Feuer leget / den Rost verleuret / und gäntzlich glüend wird / also wird ein Mensch / der sich gantz zu GOtt kehret / von dem Leib gleichsam außgezogen / und in einen neuen Menschen verwandelt. 3. Wann der Mensch anhebt lau und nachlässig zu werden / so fürchtet er gar ein kleine Arbeit / und nimmt gern außwendigen Troſt an. Wann er aber vollkömmt lich anfähet sich selbst zu überwinden / und männlich in dem Wege GOttes zu wadeln / so schätzet er die Dinge gering / die ihm zuvor schwer dauchten. Das V Capitel. Von Betrachtung seiner selbst. Wir sollen uns selbst nicht zu viel trauen 2 weil es uns offt an Gnade und E känntnüß mangelt. Es ist ein kleines Licht in uns / das wir noch 161 von der Nachfolge Christi. noch durch unsere Nachlässigkeit gar bald verlieren. Wir nehmen auch offt nicht wahr / daß wir inwendig so blind seynd. Offt thun wir Böses / und wann wir uns entschüldigen / thun wir noch böser. Zu Zeiten werden wir von Zorn und Unwillen beweget / das halten wir dann für einen Eiffer. Kleine Dinge straffen wir an andern / und unsere grössere Fehler übersehen wir. Was wir von andern leyden / das ein pfinden wir geschwind gnug / und achten es groß; was aber andere von uns leyden, darauff geben wir nicht Achtung. Wer das Seinige wol und recht erworgete / der würde nicht hart von andern urtheilen. Ein inniger Mensch setzet seine Selbst=Sorge allen andern Sorgen für; und der fleissig acht auff sich selbst hat / schweiget von andern leichtlich. Du wirst nimmermehr innig und andächtig werden / wo du nicht von fremden Dingen schweigest / und sonderlich auf dich selbst siehest. Wann du deiner selbst und GOttes ganz 102 Des II Buchs 5 Capitel gäntzlich wahrnimmst / so wird es dich wenig bewegen / was ꝺu ꝺraussen gewahwirst. Wo bist du doch / wann du dir selbst nicht gegenwärtig bist? Und wann du alles durchlauffen hast / was hast du dann vor Nutzen geschafft / so du dich selber versäumet hast? Wilt du Frieden und wahre Einigkeit haben / so must du alle Dinge hinter dich und zurück setzen / und dich selbst allein vor Augen haben. 3. Du wirst demnach sehr viel zunchmen / so du dich frey und ruhig von allen zeitlichen Sorge bewahrest; und wir auch sehr abnehmen / so du dich um etwas zeitliches bekümmerſt. „Nichts sey dir hoch / nichts groß / nicht„wolgefällig / nichts angenehm / als lauterlich GOtt / oder was von GOtt ist. Achte alles eitel / was dir vor Trost etwan von einiger Creatur begegnet. Eine GOtt-liebende Seele verschmähel alle Dinge / die unter GOtt sind. Der allein Ewige unermeßliche GOttder alle Dinge erfüllet / ist nur der Seelen Trost / und des Hertzens wahre Freude. Das 103 von der Nachfolge Christi. Das VI Capitel. Von der Freudigkeit eines guten Gewissens. Ehre eines frommen Menschen ist das Zeugnüß eines guten Gewissens. Darum habe ein gut Gewissen / so hast du allezeit Freude. Dann ein gut Gewissen mag gar viel tragen / und ist sehr frölich in Widerwärtigkeiten. Ein böses Gewissen ist allewege furchtsam und unruhig. Du kanst gar sanfft ruhen / so dich dein Hertz nicht beschuldiget. Freue dich nicht, als nur wann du wol gethan hast. Dann die Bösen haben nimmer wahre Freude / und empfinden auch keinen innerlichen Frieden / dann die Gottlosen haben keinen Frieden / spricht der Herr. Und wann sie sprechen: Wir sind im Frieden / es wird kein Unglück über uns kommen / wer wil uns nun schaden dürffen? So glaube ihnen nicht / dann der Zorn GOttes wird plötzlich aufstehen / so werden dann E 4 104 Des II Buchs 6 Capitel dann ihre Händel zunichte gemacht / und ihre Gedancken werden vergehen. 2. Einem Liebhaber ist nicht schwer frölich zu seyn in Trübsal; dann also sich freuen und gloriiren / ist sich im Creutz des HErm rühmen. Es ist eine kurtze Glorie und Ehre / die von den Menschen gegeben und genommen wird; die Ehre dieser Welt begleitet alle wege Traurigkeit. Die Herrlichkeit und Ehre der Fronmen bestehet in ihrem Gewissen / und nicht im Munde der Menschen. Der Gerechten Freude ist von GOTT und in GOtt / und ihr frohlocken ist von der Warheit. Wer wahre und ewige Ehre begehren der achtet keiner zeitlichen / und wer zeitliche Ehre suchet / oder dieselbe nicht von ganhem Hertzen verschmähet / der wird überwiesen / daß er die himmlische Ehre und Herrlichkeit wenig liebet. Der hat grosse Ruhe des Hertzens / der weder Loben noch Schelten achtet. 3. Der wird leichtlich zufrieden und stille / der ein rein Gewissen hat. Di 105 von der Nachfolge Christi. Du bist nicht desto heiliger / wann du gelobet wirst / und nicht geringer / wann du verachtet oder gescholten wirst; was du bist / das bist du / und magst nicht grösser gehalten werden / als du vor GOtt bist. Nimmst du wahr / was du inwendig bey dir selbst bist / so wirst du es nicht achten / was die Menschen von dir sagen. Der Mensch siehet ins Angesicht / GOtt aber siehet ins Hertz: der Mensch urtheilet das Werck / aber GOtt erweget die Absichten des Hertzens. Allezeit recht thun / und wenig von ihm selbst halten, ist einer demütigen Seele Anzeigung. „Von keiner Creatur wollen getröstet „werden / ist ein Zeichen grosser Reinig „keit und innerlicher Zuversicht. 4. Wer für sich selbst von aussen kein Zeugnüß begehret / darauß erscheinet / daß er sich GOtt gantz und gar ergeben hat. Dann nicht der / so sich selber lobet / spricht Paulus / ist bewäret / sondern den GOtt lobet. Mit GOtt von innen wandeln / 106 Des II Buchs 7 Capitel deln / und mit keiner Begierde oder Liebe gebunden seyn von aussen / ist der Stand eines innigen Menschen. Das VII Capitel. Wie man JEsum über alle Dinge lieben sol. Selig ist der Mensch / welcher verstehet / was es sey / JESUM lieben / und sich selbst um JESU willen verschmähen. Dann es muß der Liebhaber um des Geliebten willen alles verlassen / dieweil Is SUS allein über alle Dinge wil geliebet seyn. Die Liebe der Creatur ist betrieglich und unbeständig / aber die Liebe JESU ist treu und immer=während. Wer der Creatur anhänget / der fälle mit dem Fallenden / wer aber JESUM umfähet / der wird in Ihm befestiget werden. Liebe den / und halte dir den zum Freunde / der dich / wann sonst jedermann von diweichet / nicht verlassen wird / noch am Ende wird lassen verlohren gehen. Dann von allen 107 von der Nachfolge Christi. allen andern must du dich / du wollest / oder wollest nicht / dermaleins scheiden. "Derhalben halte dich bey JESU im Leben und im Sterben / empfehle dich seiner Treue / weil Er dir allein helffen kan / wann sonst alle dich verlassen. Dein Liebhaber ist einer solchen Art / daß er keinen Fremden bey dir leyden kan / sondern er wil dein Hertz allein haben / und wie ein König in seinem eigenen Thron darinnen sitzen. JESUS solte gerne bey dir wohnen / so du von allen Creaturen dich rechtschaffen außleeren köntest. Dann du wirft fast alles verlohren finden / was du ausser JESU auff Menschen vor Hoffnung ſetzeſt. Verlaß und lehne dich nicht auff ein zer brechliches Rohr / dann alles Fleisch ist Heu / und alle seine Ehre fällt dahin wie die Blume des Grases. 3. Wilt du allein auff den äusserlichen Schein der Menschen sehen / so wirst du bald betrogen werden; dann so du bey jemand anders Trost und Gewinn suchest / so wirst du oft deinen Schaden empfinden. SuE 6 108 Des II Buchs 8 Capitel Suchest du JESUM in allen Dingen / so wirst du auch gewiß JESUM finden / suchest du aber dich selbst / so findest du auch dich selbst/aber zu deinem Schaden. Ja wann ein Menſch nicht JESUM suchet / so ist er ihm selbst viel schädlicher als ihm die gantze Welt und alle seine Feinde seyn können. Das VIII Capitel. Von der vertraulichen Freundschafft mit JEsu. Wann JESUS bey dir ist / so ist alles — gut / und wird nichts schwer geachtet. wann aber JESUS nicht zugegen ist / so ist alles hart. Wann JESUS inwendig nicht spricht / so ist aller anderer Trost gerins und schlecht; spricht aber JESUS nun ein einiges Wort / so empfindet man groß sen Trost. Stunde nicht Maria Magdalena eilends auff von der Stätte / da sie wethete / so bald Martha gesagt hatte: Es ist der Meister da / und ruffet dich? 109 von der Nachfolge Christi. Es ist eine selige Stunde / wann dich JESUS von den Thränen zur Freudig keit des Geistes ruffet. Wie bist du so dürr und hart ohne JE SUr Wie bist du so unweise und eitel / so du etwas ausser JESU begehrest! ist es dir nicht ein grösserer Schade / als ob du die gantze Welt verlohren hättest? 2. Was mag dir doch die Welt geben ohne JESU? Ohne JESU seyn / ist eine schwere Hölle / aber bey JESU seyn / ist ein süsses Paradiß. Ist JESUS bey dir / so mag dir kein Feind schaden. Wer JESUM findet / der findet einen guten Schatz / ja ein Gut über alles Gut. Und wer JESUM verleuret / der hat mehr dann zu viel / ja mehr dann die gantze Welt verlohren. Wer ohne JESUM lebet / der ist der Allerärmste / wer aber wol mit JESU stehet / der ist der Allerreichste. 3. Mit JESU wissen umzugehen ist. eine grosse Kunst / und JESUM wissenzu behalten / ist eine grosse Weißheit.“ Derhalben sey demutig und friedsam / E 7 110 Des II Buchs 8 Capitel so wird JESUS bey dir seyn. Sey andächtig und ruhig / so wird JEsus bey dir bleiben. JESUM kanst du zwar bald verjagen / und seine Gnade verlieren / so du dich zu äussern Dingen neigen wilt; so du ihn aber verjagest und verleurest / zu wem wilt du dann fliehen / und wen wilt du alsdann zum Freunde suchen? Dann ohne einen Freund magst du nicht wol leben / und so JESUS nicht dein Freund vor allen Freunden ist / wirst du gar zu sehr betrübt und verlassen seyn. Derowegen handelst du närrisch / wo du in einem andern vertrauest oder dich erfreuest. Man solte eher wünschen die ganze Welt wider sich zu haben / dann JE „SUM beleydigen. Darum laß JESUS allein der som derlich geliebte Freund seyn / vor allen lieben Freunden. 4. Alle Menschen sollen um JESU willen / JESUS aber um sein selbst willen geliebet werden. JE 111 von der Nachfolge Christi. JEsus Christus ist allein mit einer sonderbaren Liebe zu lieben / welcher allein vor allen andern Freunden fromm und treu erfunden wird. Um seinent willen / und in Ihme sollen dir Freunde und Feinde lieb seyn. Vor alle diese ſol man JESUM bitten / damit sie ihn erkenen und lieb gewiſien. Begehre nimmer / daß du sonderlich geliebet und gelobet werdest / dann das gehöret allein GOtt zu / der niemand hat / der Ihm gleich ist. Du solt auch nicht wollen / daß jemand in seinem Hertzen mit dir beschäfftiget oder bekümmert sey / auch solt du mit keines andern Liebe beschäfftiget oder bekümmert seyn / sondern es sey JESUS in dir und in einem jeden frommen Menschen. 5. Sey lauter und frey von innen /ohne Verwickelung in einiger Creatur /dann du must ein nacktes und reines, Hertz zu GOtt haben / so du wilt still seyn. und sehen / wie lieblich der HErr sey.Und gewißlich / dahin gelangest du nicht / du werdest dann mit seiner Gnade zuvorgekommen und inwärts gezogen: auff daß du / 113. Des II Buchs 9 Capitel du / nachdem alles außgeleeret und beurlaubet / allein mit ihm dem Alleinigen vereiniget werdest. Dann so bald GOttes Gnade zum Menschen kömmt / so wird er mächtig zu allen Dingen. Wann diese aber von ihm weichet / so wird er armselig und schwachund als einer der nur zur Geissel verlaß sen ist. Aber in dem solt du nicht kleinmütig werden noch verzweiffeln / sondern dem Willen GOttes gleichmütig stille halten / und alles / das über dich kommt / Christo JEsu zu Lob und Ehren leyden. Dann nach dem Winter kömmt der Sommer / nach der Nacht wirds wieder Tag / und nach dem Ungewitter scheinet die Sonne wieder gantz heiter. Das IX Capitel. Von dem Mangel alles Trostes / und wie man sich dabey zu verhalten. Es ist nicht schwer / menschlichen Trost verschmähen / wann der Göttliche Trost vor 113 von der Nachfolge Christi. vorhanden ist. Aber es ist groß / ja was sehr grosses / so wol Göttlichen als menschlichen Trost entbähren können / und wegen der Ehre GOttes gern des Hertzens Elend [oder Landes=Verweisung] außstehen wollen / und in keinem Stück sich selbst suchen / noch auff sein eigen Verdienst sehen. Daß du frölich und andächtig bist / wann die Gnade kömmt / das ist kein Wunder / dann diese Stunde hat ein jeder gern. Der reitet gar sanfft / den die Gnade GOttes träget. Und was ists zu verwundern / daß der seine Last nicht fühlet / der getragen wird von dem Allmächtigen / und geführet wird von dem höchsten Führer. 2. Wir haben gern etwas zum Troste / und gar schwer wird der Mensch von ihm ſelber außgezogen. Der heilige Märtyrer Laurentius hat die Welt überwunden / und auch seinen Priester. Dann er alles was in der Welt ergötzlich schiene / verachtet / und gedultiglich durch die Liebe Christi gelitten / daß sein oberster und 114 Des II Buchs 9 Capitel und Hertz=geliebter Priester Sixtus von ihm genommen worden. So hat er durch die Liebe des Schöpffers die Liebe des Menschen überwunden / und für menschlichen Trost das Göttliche Wolgefallen liebet erwählet / um Christi willen. Also solt auch du einen etwa nützlichen Freund / um der Liebe GOttes willen / lernen verlassen. Laß dirs auch nicht schwer fallen / so du von deinem Freunde verlassen wirst; wissende / daß wir alle zuletzt voneinander müssen geschieden werden. 3. Der Mensch muß lange und viel in ihm selber streiten / ehe er lernet sich selbst willig überwältigen / und seine ganz Hertzens=Neigung in GOtt richten. Wann der Mensch auff sich selbst stehet. so fället er gar leicht auff menschlichen Trost; aber ein wahrer Liebhaber Christi / und fleissiger Nachfolger der Tugenden / fället nicht auff dergleichen Tröstungen und suchet nicht solche sinnliche Süssigkeiten / sondern wil vielmehr strenge übungen und harte Arbeit um Christus willen auß stehen. 116 von der Nachfolge Christi. 4. Darum wan dir von GOtt ein geistlicher Trost gegeben wird / so empfahe ihn mit Dancksagung; gedencke aber / daß es GOttes Gabe sey / und nicht dein Verdienſt. Als dan erhebe dich nicht / freue dich nich allzuſehr / gerathe auch nicht in eiteler ſelbſt Gefälligkeit / sondern sey desto demutiger um der Gabe willen / und desto behutsamer und furchtsamer in allen deinen Verrichtungen; dann diese Stunde vergehet / darnach folget die Anfechtung. Wann dir der Trost entzogen wird / so verzage nicht alsobald / sondern warte mit Demut und Gedult auff den himmlischen Besuch / dann GOtt vermag dir wol noch einen grössern Trost wieder zu schencken. Dann das ist nichts neues noch fremdes denen / die den Weg GOttes erfahren haben; dann solche Weise der Abwechselung ist gar offt in grossen Heiligen und in den alten Propheten gewesen. 5. Darum sprach jener / da ihm die Gnade gegenwärtig war / also: Ich sprach in meinem uͤberfluß / ich werde nicht beweget werden ewiglich. Da 116 Des II Buchs 9 Capitel Da aber die Gnade abwesend war / da setzet er hinzu / was er in ihm selber erfahren hatte / und sprach: Da Du dein Antlitz von mir gekehret / da erscharck ich. Darnach verzaget er bey dem allen keines wegs / sondern bittet den HErrn noch inständiger und spricht: HERR / zu Dir wil ich schreyen / und meinen GOTT wil ich anruffen. Darnach so erhält er die Frucht seines Gebäts / und bezeuget / daß er erhöret sey / und spricht: Der HErr hat mich erhöret / und hat sich über mich erbarmet / der HErist mein Helffer worden. Worinnen aber? Er spricht: Du hast mir mein weinen in Freuden verkehret / und mich mit Freude umgeben. Iſt alſo mit groſſen Heiligen gehandelt worden / so dürffen wir arme und schwacht nicht verzagen / ob wir bißweilen brünstig seyn/ und bißweilen erkalten/ dann der Geist köm̅t und gehet wieder hinweg / nach dem Wolgefallen seines Willens. Darum sprach der seelige Hiob: Du besuchest ihn in der Morgen=Stunde / und gar bald prüfest Du ihn. 117 von der Nachfolge Christi. 6. Worauff mag ich dann hoffen? Oder in wen sol ich vertrauen? Ohne allein auff die grosse Barmhertzigkeit GOttes / und auff die einige Hoffnung der himmlischen Gnade. Denn ob schon fromme Menschen / oder andächtige Brüder / oder getreue Freunde / oder heilige Bücher / oder schöne Reden / oder lieblicher Gesang und Lob=Lieder / bey mir und um mich ſind / ſo helffen doch alle diese Dinge wenig / und schmäcken wenig / so ach von der Gnade verlassen / und in meiner eigenen Armut gelassen bin. Alsdann aber ist kein besser ArtzneyMittel als Gedult und Verläugnung sein selbst / in den Willen GOttes. 7. Ich habe noch nie einen geistlichen und andächtigen Menschen angetroffen / dem nicht zu Zeiten die Gnade entzogen worden wäre / oder der nicht Verminderung seines Ernstes empfunden hätte. Kein Heiliger ist je so hoch entzuckt und erleuchtet gewesen / der nicht zuvor oder hernach wäre angefochten worden. Dann der ist nicht würdig der hohen Beschauung GOttes / der nicht in einiger Trub⸗ 118 Des II Buchs 10 Capitel Trübsal um GOttes willen geübet ist Dann die vorhergehende Anfechtung pfleget ein Zeichen zu seyn eines nachfolgenden Trostes / dieweil denen / die durch Versuchungen bewähret sind / himmlischer Troszugesaget wird. Dann so spricht der HErr Wer überwindet / dem wil ich zu essen geben vom Holtz des Lebens. 8. Darzu wird der Göttliche Trost gegeben / auff daß der Mensch desto stärckel werde / die Widerwärtigkeit zu ertragen. So folget auch darauff Anfechtung / auf daß er sich des Guten nicht uberhebe. Der Teuffel schläffet nicht / und das Fleiſch iſt auch noch nicht geſtorben; darum laß nicht ab dich zum Streit zu ruͤsten / dann es sind Feinde zur Rechten und zur Lincken / die nimmermehr ruhen. Das X Capitel. Wie der Mensch GOtt vor seine Gnade dancken sol. Marum sucheſt du Ruhe / ſo du doch zur — Arbeit gebohren bist. Schicke dich mehr zur Gedult / dann zum 119 von der Nachfolge Christi. zum Trost: und das Creutz zu tragen / dann Freude zu haben. Welcher weltlich=gesinnete Mensch empfingenicht gern Trost und geistliche Freude / wann er sie allezeit erhalten könte? Dieweil die geistliche Freudigkeiten alle Ergetz lichkeiten der Welt / und alle Wollust des Fleisches weit übertrifft. Dann alle weltliche Ergetzlichkeiten sind entweder eitel oder schädlich; aber die geistliche Ergetzlichkeiten sind allein erfreulich und ehrlich / und auß den Tugenden gebohren / und von GOtt den reinen Hertzen eingegossen. Jedoch kan niemand diesen Göttlichen Trost nach seinem Begehren jederzeit ge niessen / dann die Zeit der Anfechtung bleibet nicht lange aussen. 2. Aber falsche Freyheit des Gemüts und groß Vertrauen auff sich selbst / ist der Besuchung von oben sehr zuwider. GOtt thut wol / daß Er die Gnade des Trostes gibt; aber der Mensch thut übel / daß er nicht alles GOtt mit Danckſagung wiedergibt. Darum mögen die Gaben der Gnaden nicht 120 Des II Buchs 10 Capitel nicht in uns fliessen / weil wir dem Gebet undanckbar seyn / und nicht alles in die ursprüngliche Quelle wieder zurück fliessen lassen. Dann dem der geziemend danckbar ist wird allezeit mehr Gnade verliehen / und einem Hoffärtigen wird genommen / wat einem Demütigen gegeben wird. 1. „Ich verlange den Trost nicht / den „mir die Hertzens-Zerknirschung benimt. „Ich begehre die Beschauung nicht / die „mich in übermuth führet. „Dann es ist nicht alles heilig / was „hoch ist; noch alles gut / was süß ist; noch „alles begehren lauter: noch alles GOt „angenehm / was uns lieb ist. „Ich empfahe gern die Gnade / durch „welche ich immer behutsamer und demü„tiger werde / dadurch ich auch willigen „werde mich selbst zu verlassen. Der mit der Gabe der Gnade gelehret ist / und unterwiesen durch die Züchtigung der Gnaden=Entziehung / der wird ihm selbst nichts zuschreiben dürffen / sondern vielmehr bekenen / daß er arm und bloß sey Gib GOtt / was GOttes ist / und schrei von der Nachfolge Christi. 121 be dir zu / was dein ist: das ist / gib GOtt Danck vor die Gnade / glaube aber / daß dir allein die Schuld / und verschuldete Straffe zugehöre. 4. Lege dich allezeit auff das niedrigste so wird dir gegeben das höchste: dann das höchste bestehet nicht ohne das niedrigste. Die höchste Heiligen vor GOtt seynd die niedrigsten bey ihnen selbst: und je herrlicher / je demütiger sie in ihnen selbst seyn: sie sind voll Warheit und himmlischer Herrlichkeit / aber nicht begierig eiteler Ehre. Dann welche in GOtt gegründet und befestiget sind / die mögen keines wegs übermütig seyn. Und welche GOtt alles zuschreiben / was sie Gutes empfangen haben / die suchen nicht Ehre einer von dem andern: sondern sie wollen die Ehre / die von GOtt allein ist; und begehren GOTT in ihnen und in allen Heiligen über alles zu loben / und darnach streben sie allezeit. 5. Darum sey danckbar vor das wenigste / so wirst du auch gewürdiget grössere Dinge zu empfahen. Laß dir das geringste das gröste seyn / und das verächtlichste achte vor eine sonderbare Gabe. Dann 122 Des II Buchs 11 Capitel Dann wo man die Würdigkeit des Gebers ansiehet / da wird keine Gabe klein oder zu schlecht angesehen. Dann das ist ja nicht klein / was von dem allerhöchsten GOtt geschencket wird. Ja ob Er gleich straffe und Schläge gebe / so so es doch angenehm und wolgefällig seyn dan Er thut alles um unsers Heyls willen / was Er auch über uns zu kommen verhänget „Wer GOttes Gnade begehret zu behalten / der sey danckbar vor die gegebent „und gedultig über die entzogene Gnaden er bäte / daß sie wiederkomme / und sey be„hutsam und demütig / daß er sie nicht „wieder verliere. Das XI Capitel. Von der geringen Anzahl der Liebhaber des Creutzes Christi. Esus hat jetzt viel Liebhaber seines himlischen Reichs / aber wenig Träger sei nes Ereutzes. Er hat viel die seines Trostes / aber wenig die seiner trübsal begehren. Er hat viel Gesellen seines Tisches / aber wenig Gesellen seiner Enthaltung. Alle von der Nachfolge Christi. 123 Alle wollen mit Ihm frölich seyn / aber wenig wollen vor Ihn oder mit Ihm etwas außſtehen. Viel folgen JESU nach biß zum brechen des Brods / aber wenig biß zum trincken des Kelchs des Leydens. Viele ehren seine Wunder und Zeichen / aber wenig folgen der Schmach des Creutzes nach. Viel haben JESUM lieb / so lange ihnen keine Widerwärtigkeiten begegnen. Viel loben und preisen Ihn / so lange sie einigen Trost von Ihm empfangen. Verrget sich aber JESUS/ und verläßt sie nur ein wenig / so fallen sie entweder in Klage / oder all zu grosse Kleinmütigkeit. 2. Die aber JESUM um JESU, und nicht etwa um ihres eigenen Trostes willen lieb haben / die loben Ihn in aller rübsal und Angst des Hertzens eben so wol / als in dem höchsten Trost. Und ob Er ihnen gleich nimmer Trost geben wolte / so würden sie Ihn dennoch allezeit loben und Ihm allezeit dancken wollen. 3. O wie viel vermag die reine Liebe JESU/die mit keinem Eigen=Nutz oder eigenen Liebe vermiſchet iſt! F 2 Sind 124 Des II Buchs 11 Capitel Sind sie nicht alle Lohn=Knechte zu nennen / die allezeit Trost suchen? Werden sie nicht dadurch überzeuget / daß sie mehr Liebhaber ihrer selbstals Christi sind die allezeit an ihr Gemach und Gewinn dencken? Wo wird ein solcher Mensch gefunden / der GOtt umsonst dienen wil? 4. Du wirst einen so geistlichen Menschen selten antreffen / der von allen Dingen entblösset ist. Denn wer wird einen recht geistlich Armen / und von allen Creaturen entblößten finden? Er ist so rar / daß man ihn (wie kostbare Waaren) weit und von dem Ende der Erden holen mögte. Gäbe ein Mensch gleich all sein Haab und Gut weg / so ist es noch nichts. Thut er gleich grosse Pönitentz [oder äussere Buß=übung] noch ist es gering. Hätte er alle Wissenschafft erreichet / so ist er doch noch weit. Hätte er auch grosse Krafft / und eine sehr brünstige Andacht / dennoch bricht ihm noch sehr viel. Nemlich Eins / das ihm höchst nöthig ist. Was ist das? Daß / nachdem er alle Dinge verlassen hat / er auch sich selbst verlasse / und von sich gäntz 125 von der Nachfolge Christi. gäntzlich außgehe / und nichts von eigener Liebe behalte. Und daß wenn er alle Dinge gethan hat / die er erkennet daß er thun müsfe / dennoch glaube er habe nichts gethan. 5. Er schätze das nicht groß / was groß kan geachtet werden: sondern nenne sich in der Warheit einen unnützen Knecht / wie die Warheit selber spricht: Wann ihr alles gethan habt / was euch befohlen ist / so sprechet: Wir sind unnütze Knechte. Alsdann kan er warlich arm und nackt im Geiste seyn / und mit dem Propheten sprechen: Ich bin einsam und arm. „Jedoch ist niemand reicher / niemand „mächtiger / niemand freyer / dann dieser / „der sich selbst und alles verlassen / und sich „auffs niedrigste setzen kan. Das XII Capitel. Von dem Königlichen Wege des heiligen Creutzes. Vielen Menschen scheinet diese Rede hart seyn: Verläugne dich selbst / nimm dein Creutz auff dich / und folge Mir nach. Aber 8 126 Des II Buchs 12 Capitel Aber viel härter wird dieses letzte Wort zu hören seyn: Weichet von mir ihr Verfluchten in das ewige Feur. Welche aber nun das Wort des Creutzes gerne hören / und demselben folgen / die werden dann vor dem Urtheil der ewigen Verdam̅nus sich nicht fürchten. Dieses Zeichen des Creutzes wird im Himmel seyn / wann der HERR zu richten kommen wird. Dann werden alle Diener des Creutzes / die dem Gecreutzigten im Leben sich gleichförmig gemacht / mit grosser Zuversicht zu Christo dem Richter tretten. 2. Warum fürchtest du dich dann daz Creutz auff dich zu nehmen / durch welchman zum Reich GOttes gehet? Im Creutz [Christi] ist das Heyl / im Creutz ist das Leben / im Creutz ist Beschirmung vor den Feinden / im Creutz ist die Eingiessung der Süssigkeit von oben / in Creutz ist des Gemüts Stärcke / im Creutz ist Freude des Geistes / im Creutz ist die höchste Tugend / im Creutz ist die Vollkommenheit der Heiligkeit. Es ist nirgend der Seelen Heyl / noch des ewigen Lebens Hofnung / als im Creutz Deroe 127 Von der Nachfolge Christi. Derohalben nimm dein Crrutz auff/ und folge JESU nach / so gehest du in das ewige Leben. Er ist ja vor dir hingegangen / Er hat sein Creutz getragen / und ist für dich am Creutze gestorben; auff daß du auch dein Creutz tragest / und am Creutz zu sterben begehreſt. Dann wirst du mit Ihm sterben / so wirst du auch mit Ihm leben: Und du sein Geselle wirst in der Pein / so wirst du auch seyn ein Geselle seiner Herrlichkeit. 3. Siehe / es bestehet alles im Creutzl und es lieget alles im sterben; ja zum Leben und wahren innerlichen Frieden ist kein anderer Weg / daß der Weg des heiligen Creutzes / und des täglichen Absterbens. Gehe wohin du wilt / und suche alles was du wilt / du wirst keinen höhern Weg droben / noch keinen sicherern Weg unten finden / dann den Weg des heiligen Creutzes. Schicke und ordne alles nach deinem Willen und Gutdüncken / so findest du doch nichts / als daß du allezeit etwas leyden must es geschehe willig oder unwillig: und dergestalt wirst du allezeit Creutz finden. Denn du fühlest entweder Schmertzen an detB 4 128 Des II Buchs 12 Capitel deinem Leibe / oder du hast Leyden des Geiſtes in deiner Seelen. 4. Bißweilen wirst du von GOtt verlassen / bißweilen von deinem Nächsten geplaget werden / und was noch mehr ist / offwirst du dir selbst beschwerlich seyn / und dich doch durch keinerley Hülff=Mittel oder Trost helffen oder erleichtern können. Sondern so lange GOtt wil / must du es leyden / dann GOTT wil / daß du die Trübsal ohne Trost ertragen lernest / und daß du dich Ihme gantz und gar unterwerffest / und durch die Trübsal desto demütiger werdest. „Niemand kan das Leyden Christi f „hertzlich empfinden / als der / dem deß„gleichen zu leyden wiederfähret. Darum ist das Creutz allezeit da / und wartet ꝺeiner uͤberall. Du magſt ihme nicht entfliehen / du lauffest wohin du wilt; dann wo du hinkömmst / trägest du dich selber mit dir / und wirst dich selbst allezeit finden. Wende dich über dich / und wende dich unter dich / kehre dich außwärts / und kehrt dich inwärts / so wirst du dein Creutz in allen Dingen finden. Und 129 von der Nachfolge Christi. Und dir ist noth / daß du überall Gedult habest / so du innerlichen Frieden haben / und die ewige Cron zu erlangen wilst gewürdiget werden. 5. Trägest du das Creutz gern und willig / so wird es dich tragen / und führet dich zum erwünschten Ende; dahin nemlich / da alles Leyden ein Ende hat / ob gleich hier des Leydens kein Ende ist. Trägest du aber das Creutz mit Unwillen / so machest du dir selber eine Last / beschwerest dich selbst noch mehr / und must es dennoch tragen. Wirffest du ein Creutz von dir / so findest du ohne Zweiffel ein anders / und vielleicht ein schwerers Creutz. 6. Oder meynest du dem zu entgehen / dem kein sterblicher Mensch vorbey kommen können? Welcher Heiliger ist doch in der Welt ohne Creutz und Trübsal gewesen? Auch JESUS CRISTUS / unser HERR / selbst / hat keine Stunde ohne Schmertzen des Leydens zugebracht / so lange Er in dieser Welt gelebet hat. Es muste Christus leyden / und von den Todten aufferstehen / und also zu seiner War Herrlichkeit eingehen. F 5 130 Des II Buchs 12 Capitel Warum suchest du dann einen andern Weg / dann diesen Königlichen Weg / den Weg des heiligen Creutzes? 7. Das gantze Leben Christi war ein Creutz und Marterthum: und du suchest Ruhe und Freude? Du irrest! so du etwas anders suchest / als Trübsal zu leyden; dann dieses ganz sterbliche Leben ist voll Elenden / und um und um mit mancherley Creutz bezeichnet. Und je höher einer im Geiste zunimmt je schwerer Creutz er offt findet; dann die Schmertzen seines Elendes / in dieser Fremde / werden durch die Liebe grösser. 8. Jedoch der so mannigfaltig mit Ley den beleget wird / der ist nicht ohne erleichternden Trost; dann er wird gewahr / daß so er sein Creutz gedultig träget / ihme sehr groffe Frucht dadurch zuwächset. Dann indem er sich dem Creutze willig lich unterwirfft / so wird ihm alle Last der Trübsal in eine freudige Zuversicht des Göttlichen Trostes verkehret. Und je mehr das Fleisch durch Trübsal zermalmet wird / je mehr wird auch der Geist durch innerliche Gnade gestärcket. Ja / 131 von der Nachfolge Christi. Ja / zu Zeiten wird er auß heiliger Begierde zur Trübsal und Widerwärtigkeit / auß Liebe zur Gleichförmigkeit des Creutzes Christi / so gestärcket / daß er nicht begehret ohne Schmertzen und Leyden zu seyn; weil er glaubet / daß er GOtt um so viel angenehmer sey / je mehr und schwerere Leyden er seinentwegen tragen kan. Das ist aber nicht die Krafft des Menschen; sondern die Gnade Christi / welche so grosse Dinge kan und wircket in dem gebrechlichen Fleiſche; ſo daß der Menſch dasjenige mit brünstigem Geiste umfasset und liebet / welches er allezeit von Natur fürchtet und fliehet. 9. Es ist dem Menschen nicht natürlich eigen / das Creutze tragen / das Creutze lieb haben / den Leib casteyen und in Knechtschafft bringen; die Ehre fliehen / und die Schmach gerne leyden; sich selbst verschmähen / und begehren verschmähet zu werden; allerley Widerwärtigkeit und Schaden leyden / und keinerley Wolstand in dieser Welt begehren. Siehest du auff dich selbst / so vermagst eser Dinge keines auß dir selber. Vertrauest 132 Des II Buchs 12 Capitel trauest du aber in den HErrn / so wird dir die Stärcke vom Himmel herab gegeben / und die Welt und das Fleisch wird deiner Herrschafft unterworffen werden. Ja du darffst auch den Feind den Teuffel nich fürchten / so du mit dem Glauben gewaffnet und mit dem Creutz Christi bezeichnet bist. 10. Darüm ergib dich / als ein guter und getreuer Diener Christi männlich zu tragen das Creutz deines HErrn / der auß Liebe für dich gecreutziget ist. Vereite dich viel Widerwärtigkeit und mancherley Ungemach in diesem elenden Leben zu leyden / denn so wirds dir doch hen / du feyſt wo du wollſt; und ſo wirſt du es warlich finden / du magst verborgen liegen wo du wollest. Dann es muß also seyn / und darwider ist kein ander Mittel / den Trübsalen / übeln und Schmertzen zu entfliehen / als daß du dich leydest. Trincke nur mit hertzlicher Begierde den Kelch des HErrn / so du sein Freund sey und Theil mit Ihm haben wilſt. Den Trost befiehle GOtt / laß Er es damit machen / wie es Ihm am allerbesten gefället. Du aber schicke dich die Trübsalen von der Nachfolge Christi. 133 salen zu dulden / dieselben achte für den höchsten Trost. Dann das Leyden dieser Zeit ist nicht werth zu verdienen die zukünfftige Herrlichkeit / ob du es gleich alles allein tragen köntest. 11. „Wann du so weit kommest / daß „dir Leyden und Trübsal süß ist / und dir „um Christi willen wol schmäcket; dann „gedencke / daß es gut um dich stehe / dann „du hast dann das Paradieß auff Erden „gefunden. So lange dir das Leyden schwer ist / und du es zu fliehen suchest / so lange gehet es dir übel / und die geflohene Trubsal wird dich überall folgen. 12. Machest du dich aber darzu gefaßt, worzu du doch stets bloß gestellet seyn must / nemlich zu leyden und zu sterben / so wird es bald besser werden / und wirst Frieden finden. Ja ob du schon mit Paulo in den dritten Hummel entzücket wurdest / so wärest du dennoch nicht sicher keine Widerwärtigkeit zu leyden. Ich wil ihm zeigen / spricht JESUS / wie viel er um meines Nameus willen leyden muß. Ge 14 Des II Buchs 12 Capitel Gefällt dirs nun JESUM zu lieben / und Ihm ohn Unterlaß zu dienen / so bleibet dir nichts übrig / dann Leyden. 13. Ach daß du um des Namens JE SU willen etwas zu leyden würdig wärest! O wie so grosse Herrlichkeit würdest du davon haben / welch eine grosse Freude wäre es allen Heiligen GOttes / und welch eine grosse Erbauung dem Nächsten! Sintemahl jederman die Gedult anpreiset / ob gleich wenig seyn / die leyden wollen. Du soltest billig etwas weniges um Christus willen gern erdulden / da viele weil ein mehrers um der Welt willen leyden. 14. Du solt für gewiß wissen / daß du ein sterbend Leben führen must / und je mehr ein jeglicher ihm selbst abstirbt / so viel mehr hebt er an in GOtt zu leben. Niemand ist geschickt himmlische Dinge zu begreiffen / der sich nicht willig um Chrisius willen Widerwärtigkeit zu leyden. ergeben hat. Es ist GOtt nichts gefälligers / noch dir heylsamer in dieser Welt / dann um Christi willen gerne leyden. Und würde dir die Wahl gegeben / so müſteſt von der Nachfolge Christi. 135 müstest du mehr wünschen um Christus willen zu leyden / dann mit viel Trost ergötzet zu werden. Weilen du dergestalt Christo gleichförmiger / und auch allen Heiligen ähnlicher wäreſt. Dann unsere Tugend und das Zunehmen unseres Standes / stehet nicht in viel Süssigkeiten und Trost / sondern vielmehr in Ertragung grosser Beschwerung und Widerwärtigkeit. 5. Wäre aber etwas zum Heyl des Menschen besser und nützlicher gewesen / als leyden / ohne Zweiffel hätte es Christus mit Worten und Exempel auch angezeiget. Dann die Jünger / so Ihme nachfolgen / und alle / die Ihm zu folgen begehren / die vermahnet Er außdrücklich das Creutz zu tragen / und spricht: Wil jemand Mir nachfolgen / der verläugne sich selbst / und nehme sein Creutz auff sich / und folge Mir. Darum / wann alle Dinge durchlesen und durchforschet sind / so seye diß der endliche Beschluß: Wir müssen durch viel Trübsal eingehen in das Reich GOttes. Ende des Andern Buchs. Das 136 Des III Buchs 1 Capitel Tattharîkît: Aṭṭa: Aṭṭa: Aḍa: Aḍa: Aṭa: Ağa: Ağa ############################ Das Dritte Buch Von innerlicher Tröstung. Das 1 Capitel. Von der innerlichen Rede Christi zur gläubigen Seelen. Die Seele. 1. Ich wil hoͤren / was GOtt der HErrin mir redet. Psal. 85:9. Seelig ist die Seele / die den HErrn ihr redende höret / und die das Wort des Trostes auß seinem Munde empfähet. Hiob 22: 22. Seelig sind die Ohren / so die Worte des Göttlichen Einsprechens vernehmen, und das Einraumen dieser Welt nicht hören noch mercken! Ja warlich seelig sind die Ohren / so nicht auff die außwendig thönende Stimme / sondern auff die Warheit / die inwendig lehret / mercken und lauſtern. See= 117 von der Nachfolge Christi. Seelig sind die Augen / so dem äussern lichen verschlossen / dem innern aber offen und zugewandt seyn! Seelig sind die Menschen / so die inwendigen Dinge durchdringen / und sich je mehr und mehr durch tägliche übungen trachten zuzubereiten / himmlische Geheimnüsse zu begreiffen! Seelig sind die sich freuen / sich mit GOtt zu beschäfftigen und Ihm stille zu halten / und sich von aller Hindernüs der Welt entledigen! 2. Dieses nimm wol in acht / meine Seele / und verschleuß die Thüren deiner Sinnlichkeit / auff daß du hören mögest / was der HERR dein GOTT in dir redet: Siehe / dieses spricht dein Geliebter: JEsus. Ich bin dein Heyl / dein Friede / und dein Leben: bewahre dich bey mir / so wirst du Frieden finden. Hiob 22: 21. Verlaß alles Vergängliche / und suche das Ewige. Dann was ist alles Zeitliche anders als Verführung / und was helffen alle Creaturen / so du von dem Schöpffer verlaſſen biſt? Darum 138 Des 111 Buchs 2 Capitel Darum sage allen Dingen ab / und gib dich wieder treu und gefällig deinem Schöpffer dar / auff daß du die wahre Seeligkeit ergreiffen mögest. Das 11 Capitel. Daß die Warheit inwendig redet ohne Geräusch der Worte. Die Seele. 1. Rede / HERR / denn dein Knecht höD ret. Ich bin dein Knecht / gib mir Verstand / daß ich deine Zeugnüsse wiss Neige mein Hertz in die Worte deines Mundes. Deine Rede fliesse wie der ThauDort sprachen die Kinder Israel Mose: Rede du mit uns / wir wollen dich hören / und laß der HERR nicht zu uns reden / wir mögten sonst sterben. Nicht also / HErr / nicht also bete ich; sondern mit dem Propheten Samuel flehe ich vielmehr demütiglich und sehnlich: Rede HERR. dann dein Knecht hoͤret. Moses rede nicht mit mir / oder einer auß den Propheten / sondern rede Du vielmehr / HERR GOTT / Du Eingeber und 130 von der Nachfolge Christi. und Erleuchter aller Propheten; dann Du allein kanst mich ohne sie vollkommentlich unterweisen / sie aber können gar nichts ohne Dich nützen. 2. Worte können sie wol schallen lassen / aber den Geist mögen sie nicht geben. Sie reden wol schön / wann Du aber schweigest / so entzünden sie das Hertz nicht. Sie geben den Buchstaben / Du aber eröffnest den Sinn. Sie legen Geheimnüsse für / Du aber schleust den Verstand der versiegelten Dinge auff. Sie verkündigen deine Gebotte / Du aber hilffst sie vollbringen. Sie zeigen den Weg / Du aber gibst Krafft darauff zu wandeln. Sie handeln nur äusserlich / Du aber unterweisest und erleuchtest die Hertzen. Sie befeuchten äusserlich / Du aber gibst das Gedeyen darzu. Sie ruffen mit Worten / Du aber gibst dem Gehör das Verständnüs. 3. Darum nicht Moses rede zu mir / sondern Du mein GOTT die ewige Warheit: auff daß ich nicht vielleicht sterbe / 140 Des III Buchs 3 Capitel sterbe / und ohne Frucht bleibe / so ich allein außwendig vermahnet / und inwendig nicht entzündet würde: daß mich das Wort dermahleins nicht richte / das ich gehöret / und nicht gethan; das ich erkennet / und nicht geliebet; das ich geglaubet / und nicht gehalten habe. Derohalben / rede HErr / dan dein Knechhöret; dann Du hast Worte des ewigen Lebens. Rede Du zu mir / zu allerley Trost meiner Seelen / und zur Besserung meines gantzen Lebens / Dir aber zum Lob / und Glorie / und ewiger Ehre und Herrlichkeit! Das III Capitel. Wie man die Worte GOttes demuͤtiglich sol hören / und daß viele dieselbe gering achten. JEsus. 1. Höre / mein Sohn / meine Worte / meine fuͤsseste Worte / welche alle Wissenschafft der Weisen und Gelehrten dieser Welt weit übertreffen. Meine Worte sind Geist und Leben / und nicht nach menschlichem Sinn [und Vernunfft] zu betrachten. Man von der Nachfolge Christi. 141 Man sol sie nicht zu eiteler selbst=Gefälligkeit ziehen / sondern in der Stille anhören / und mit aller Demut und Begierde des Hertzens auffnehmen. Und ich sprach: Die Seele. Wol dem / den Du HERR unterweifest= und dein Gesetz lehrest! daß Du es ihm linderst am bösen Tage / und er nicht verdrossen werde auff Erden. JEsus. Ich / spricht der HERR / habe die Propheten gelehret von Anfang / und biß hierzu höre ich nicht auff allen zu zu reden: aber zu meiner Stimme sind viele taub und hart. 2. Viele hören lieber die Welt / denn GOtt; und folgen viel leichter dem Trieb ihres Fleisches / als dem Wolgefallen GOttes. Die Welt verheist zeitliche und geringe Dinge / und wird ihr doch mit grosser Begierde gedienet. Und Ich verspreche grosse und ewige Dinge / und darzu sind die Hertzen der Menschen träg und verdrossen. Wer dienet und gehorchet Mir in allem mit so grosser Sorge / als man der Welt und ihrem Herrn dienet? Schä 142 Des III Buchs 3 Capitel Schäme dich / Sydon / spricht der HERR / und so du fragest / so höre warum Man läuffet einen weiten Weg [nach einem schlechten Gewinn] oder kleinen Pfründ; aber um das ewige Leben wird kaum von vielen einmal der Fuß von der Erde auffgehoben. Man suchet ein so schlechtes Gut; um einen kahlen Pfenning wird offt ein schändliches Gezäncke gemacht / um ein eiteles Ding / und um eine kleine Verheissung fürchtet man nicht sich Nacht und Tag abzumatten. 3. Aber ach leyder! um das unwandelbare Gut / um den unschätzbaren ewigen Gnaden=Lohn / um die gröste Ehre und unendliche Herzlichkeit / darzu ist man bald träg / sich im geringsten zu ermüden. Derowegen schäme dich du fauler und immer=klagender Knecht / daß die Kinder dieser Welt hurtiger zum Verderben / als du zum ewigen Leben / erfunden werden. Sie freuen sich mehr der Eitelkeit / als du der Warheit. Ihre Hoffnung betreugt sie vielmahl / aber meine Zusage betreugt keinen / und wer Mir trauet / den wird sie nicht leer von sich lassen. Was von der Nachfolge Christi. 141 Was ich versprochen habe / das werd ich auch geben / und was ich geredet / das werd ich auch erfüllen an denen / die in meiner Liebe biß ans Ende getreu bleiben. Ich bin ein Vergelter aller Frommen / und ein starcker Probirer aller Andäch tigen. 4. Schreibe meine Worte in dein Hertz / und betrachte sie mit Fleiß: dann zur Zeit der Anfechtung werden sie dir höchst nöthig ſeyn. Was du nicht verstehest / so du es liesest / das wirst du am Tage der Heimsuchung wol erkennen. Ich bin gewohnt meine Außerwählten auff zweyerley Weise heimzusuchen / mit Anfechtung nemlich / und mit Trost; und lese ihnen täglich zwo Lectionen: erstlich straffe Ich ihre Sünden / darnach ermahne Ich sie zum Wachsthum in den Tugenden. Wer meine Worte hat / und verschmähet sie / der hat einen der ihn richten wird am jüngſten Tage. Das 144 Des III Buchs 4 Capitel Das IV Capitel. Ein Gebät / die Gnade der Andacht zu erbitten. Die Seele. 1. HERR / mein GOTT / all mein Gut bist Du! und wer bin ich / der ich mit Dir reden darff? Ich bin dein allerärmstes Knechtlein und ein verworffenes Würmlein; viel ärmer und verächtlicher / als ich weiß oder ſagen darff. Dennoch / ach HERR! gedencke / daß ich nichts bin / nichts habe / und nichts vermag. Du bist allein gut / gerecht und heilig Du vermagst alles / Du gibst alles / Du ein füllest alles, nur die Sunder läst Du leer bleiben. HErr gedencke an deine Barmhertzig keiten / und erfülle mein Hertz mit deiner Gnade / der Du nicht wilst / daß deine Wercke leer ſeyn. 2. Wie kan ich mich in diesem elenden Leben duͤlden / so mich deine Gnade und Barmhertzigkeit nicht stärcket? Wende dein Antlitz nicht von mir ab: und 145 von der Nachfolge Christi. und verzeuch nicht mit ꝺeiner Heimfuchung: entzeuch deinen Trost nicht / damit meine Seele dir nicht werde wie ein Land ohne Wasser. HErr lehre mich thun deinen Willen, lehre mich vor Dir demütig und würdiglich wandeln: dann Du bist meine Weiß heit / der Du mich erkennest in der Warheit / und mich gekant hast / ehe die Welt wurde / und ich in der Welt gebohren war. Das V [sonst 4.] Capitel. Wie man in der Warheit und Demut vor GOtt wandeln sol. JEsus. 1. Sohn / wandele für mir in der Warheit / und suche mich allezeit in Einfalt des Hertzens. Wer vor Mir in der Warheit wandelt, der wird von allen bösen Anläuffen beschirmet werden; und die Warheit wird ihn von aller Verführung und Nachrede der Gottlosen frey machen. So dich die Warheit frey machet / so wirst du warlich frey seyn / und der Menschen eitele Worte nicht achten. Die 146 Des III Buchs 5 Capitel Die Seele. HERR / es ist wahr / wie Du sagest: Also bitte ich / daß es mit mir geschehe / deine Warheit lehre mich / sie bewahre und er halte mich / biß an mein seeliges Ende. Sie mache mich frey von aller bösen Begierde und unordentlichen Liebe / werde ich vor Dir in grosser Freyheit der Hertzens wandeln. Esus. 2. Ich wil dich lehren / spricht die Warheit / was recht und vor M. wolgefällig ist: bedencke deine Sünde mit grossem Mißfallen und Traurigkeit / und meyne nimmer nicht / daß du etwas sey um deiner Wercke willen. Du bist fürwahr ein Sünder / und biß mit vielen Gebrechlichkeiten behafftet und verstricket. Auß dir selbsten kehrest du dich alleweg zur Nichtigkeit / und fällest bald / wirst balt überwunden / bald beunruhiget / und bald außgelassen. Du hast nichts / dessen du dich möge rühmen / aber viel / darum du dich magt von der Nachfolge Christi. 147 gering halten; dann ꝺu bist viel ſchwächer / als du begreiffen kanſt. 3. Derohalben sol dir auß alle dem / das du thust / nichts groß düncken; nichts sol dir groß / nichts köstlich / nichts wunderbar / nichts ansehnlich / nichts hoch / nichts warhafftig lobens= oder begehrens=würdig scheinen / als nur was ewig ist. Laß dir die ewige Warheit über alle Dinge gefallen / und deine grosse Geringheit allezeit mißfallen. Fürchte / schilt und fliehe nichts so sehr / als deine Sunden und Laster / die sollen dir mehr zuwider seyn / denn aller Schaden / so dir am Leibe oder am Gute mag zugefüget werden. Etliche wandeln nicht auffrichtig vor Mir / sondern auß Fürwitz und Hochmuth getrieben / wollen sie meine Geheimnüsse wissen / und die Tieffen der Gottheit verstehen / und versäumen indessen sich selbst und ihr eigen Heyl. Diese fallen offt in schwere Versuchungen und Sünden / üm ihrer Hoffart und Fürwitz willen / indem Ich ihnen zuwider bin. G 2 148 Des III Buchs 5 Capitel 4. Darum fürchte die Gerichte GOttes / erzittere vor dem Zorn des Allmächtigen. Erforſche nicht die Wercke des Allerhöchsten / sondern untersuche deine Boßheiten / wie groß und viel du gefündiget / und wie viel Gutes du versäumet hast. Etliche tragen ihre Andacht allein in Büchern / etliche in Bildern / etliche in äusserlichen Zeichen und Figuren. Etlicht haben mich im Munde / aber es ist wenig im Hertzen. Etliche aber seynd / die im Verstand erleuchtet und in ihrer Liebe gereiniget / sich stets nach dem ewigen sehnen: von zeitlichen Dingen hören sie ungern / und den natürlichen Nothdurfft dienen sie mit Leydwesen. Diese empfinden / was der Geist der Warheit in ihnen redet / dann derselbe lehret sie zeitliche Dinge verschmähen / himmlische lieben / die Welt gering achten / und den Himmel Tag und Nacht begehren. Dan 149 von der Nachfolge Christi. Das VI [sonst 5.] Capitel. Von der wunderbaren Krafft und Wirckung der Liebe GOttes. Die Seele. Ich lobe Dich himmlischer Vatter / Du Vatter meines HErrn JEſu Christi / der Du mich Armen gewürdiget hast / an mich zu wollen gedencken. Du Vatter der Barmhertzigkeit O Du GOtt alles Trostes / ich sage Dir Danck / daß Du mich / der ich alles Trostes unwürdig bin / bißweilen mit deinem Trost ergetzest. Ich lobe und verherrliche Dich allezeit / samt deinem Eingebohrnen Soh ne / und dem Tröster dem heiligen Geiste / in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Ey! mein HErr GOtt / Du mein heiger Liebhaber / wann Du in mein Hertz ommest / so wird sich all mein Innerstes freuen. Du bist meine Herrlichkeit / und die Freude meines Hertzens; Du bist meine Hoffnung und meine Zuflucht am Tage neiner Trübsal. 2. Die 150 Des III Buchs 6 Capitel 2. Dieweil ich aber in der Liebe noch schwach / und in den Tugenden unvollkommen bin / derhalben ist nöthig / daß ich von Dir gestärcket und getröstet werde. Derohalben besuche mich öffter / und unterweise mich mit deiner heiligen Zucht. Errette mich von bösen Neigungen und Regungen / und heile mein Hertz von allen unordentlichen Begierden / auff daß ich in wendig gesund und wohl gereiniget / Dich zu lieben geschickt / zu leyden starck / und beharren standhafftig werde. 3. Die Liebe ist eine grosse Sache / und gewiß ein grosses Gut: die allein alle Laß leichte machet / und gleichmütig alles ungleiche träget; dann sie träget alle Last ohne Last / und alles was bitter ist / das mach sie süß und schmackhafftig. Die edle Liebe JEsu treibet uns an groſse Dinge zu verrichten / und ermuntert uns immer was vollkommeneres zu begehren. Die Liebe wil immer in die Höhe / und durch keine niedrige Dinge sich auff halten lässen. Die Liebe wil frey / und von aller weltlichen Begierde fremd seyn / damit ihn Ju 151 von der Nachfolge Christi. Jnnerliches Anschauen nicht verhindert werde; damit sie weder durch zeitlichen Gemach verstricket / noch durch Ungemach unterdrücket werde. Nichts süssers / nichts stärckers / nichts höhers / nichts weiters / nichts lieblichers / nichts völligers / nichts bessers ist / im Himmel noch auff Erden / als die Liebe. Dann die Liebe ist auß GOtt gebohren und kan nirgend / ohne allein in GOTT / über alle erschaffene Dinge / ruhen. 4. Ein liebender fleucht / läuffet / freuet sich / ist frey / lässet sich nicht halten: er gibt alles für alles / und hat alles in allem; dann er ruhet in dem einigen höchsten Gut über alle Dinge / auß welchem alles Gut kömmt und herfliesset. Er sieher nicht auff die Gaben / sondern kehret sich zu dem Geber uͤber alle Gaben. Die Liebe weiß offt kein Maaß / sondern sie ist brünstig über alle Maasse. Die Liebe fühlet keine Last / sie achtet keiMühe noch Arbeit. Die Liebe wolte gern mehr / als sie kan. Die Liebe beklaget sich keiner Unmöglich keit / dann sie vermeinet / daß ihr alle Dinge geziemen und möglich seyn. G 4 Dar 152 Des III Buchs 6 Capitel Darum ist die Liebe zu allen Dingen tüchtig / und vollbringet vieles / und da / wo einer / der nicht liebet / ohnmächtig wird und erlieget / dasieget sie mächtiglich. 5. Die Liebe wachet / und schlaffende schläffet sie nicht / von Müdigkeit wird sinicht träge / und von Bedrängnus wird sie nicht bedränget; durch Schrecken wird sie nicht beunruhiget; sondern wie eine lebendige Flamme und brennende Fackel / bricht sie auß in die höhe / und dringet sicher durch Wer liebet / der weiß / was diese Stimme schreyet / in den Ohren GOttes ist die brennende Begierde der Seelen ein groß Geschrey / die also spricht: (a) Mein GOtt / meine Liebe / Du bist gantz mein / und ich bin ganz dein! 6. Erweitere mich in der Liebe / damit ich mit dem Innern Munde des Hertzen schmäcken lerne / wie lieblich es sey zu lieben / und in der Liebe zu zerschmeltzen und zu baden. Laß mich deine Liebe besitzen / daß ich voübergrosser Brünstigkeit und VerwunLaß derung über mich selbst steigt. (a) Unser Manusc. hat: GÖtt! mein GOtt, mein Liebhaber / Du bist ganz mein / u. s. w. 111 von der Nachfolge Christi. Laß mich den Geſang der Liebe ſingen / laß mich Dich / meinen Geliebten / in die Höhe folgen / laß meine Seele in deinem Lobe entwerden / und vor Liebe frølocken. Laß mich Dich mehr lleben dann mich; und auch mich nicht lieben / als nur um deinent willen / und alle lieben in Dir / die Dich warlich lieben / wie es das Gesetz der Liebe befiehlet / die auß Dir leuchtet. 7. Die Liebe ist schnell / lauter / Gottseelig / frölich / lustig / starck / gedultig / getreu / fürsichtig / langmüthig / männlich / und suchet sich selber nimmer nicht; dann wo sich einer selbst suchet / da fället er von der Liebe. Die Liebe ist behutsam / demütig / und auffrichtig; nicht weich / nicht leichtfertig / und mercket nicht auff eitele Dinge. Die Liebe ist nüchtern / keusch / beständig / ruhig / und wol bewahret in allen Sinnen. Die Liebe ist unterthänig und gehorsam den Vorstehern oder Obern / ihr selbst ist sie gering und verächtlich / aber GOtt ist sie andächtig und danckbar / sie vertrauet und hoffet allezeit in Ihm / auch alsdann / wann sie keinen Geschmack oder Trost in GOtt findet; dañ ohne Schmertzen kan man nicht leben in der Liebe. G 5 154 Des III Buchs 7 Capitel 8. Darum wer nicht bereit ist alles zu leyden / und dem Willen des Geliebten gelassen zu stehen / der ist nicht würdig ein Liebhaber genennet zu werden. Dann ein Liebender muß allerhand harte und bittere Dinge / um des Geliebten willen / gern umfassen / und um keinerley widerwärtigen Zufälle willen von ihm abweichen. Das VII (sonst 6.) Capitel. Wie man einen wahren Liebhaber GOttes erkennen sol. JEsus. 1. Mein Sohn / du bist noch kein starcker und weiser Liebhaber. Die Seele. HERR / warum? JEsus. Weil du um einer kleinen Widerwärkeit willen / von dem das du angefangen / ablässest / und gar zu begierig Trost suchest. Ein starcker Liebhaber stehet fest in den Versuchungen / und glaubet nicht den listigen uberredungen des Feindes. Und von der Nachfolge Christi. 155 Und wie ich demselben gefalle im Wolstand / so mißfalle ich Ihm auch nicht in Widerwärtigkeiten. 2. Ein weiser Liebhaber gibt nicht so sehr acht auff die Gabe des der ihn liebet als auff die Liebe des Gebers. Er siehet mehr auff die Liebe und Gewogenheit des Gemüts / als auff die Würdigkeit der Gabe: und setzet alle Gaben weit unter den Geliebten. Ein edeler Liebhaber ruhet nicht in der Babe / sondern in Mir über alle Gabe. Derhalben so ist es darum nicht alles verlohren / wann du bißweilen etwa nicht so viel Empfindlichkeit in der Liebe zu Mir oder zu meinen Heiligen fühlest / als du gerne woltest. Die gute und füsse Empfindung / die du bißwilen gewahr wirst / ist eine Wirckung der gegenwärtigen Gnade / und ein gewiß ser Vorschmack des himmlischen Vatterlandes: worauff man aber nicht zu sehr stützen muß / dann es kommt und gehet wieder hin. Aber wider die einfallende böse Bewegung des Gemüts streiten / und die EinblaG 6 156 Des III Bucho 7 Capitel blasung des Teuffels verachten / das ist ein Zeichen der Tugend und einer grossen Gnade. 3. Derhalben laß dich fremde eingeblasene Phantasien / von welcher Sache si auch seyn mögen / nicht beunruhigen. Bewahre nur unverrückt deinen Fürsatz und deine lautere Meynung zu GOtt Es ist auch kein Betrug / daß du biß weilen plötzlich in die Höhe als auffgenommen wirst / und dann bald wieder auff deine gewöhnliche eitele Gedancken geräthest / dann die leydest du vielmehr wider Wil len / als daß du sie thun soltest: und so langt sie dir mißfallen und du ihnen widerstehest ſo iſt es kein Verluſt ſondern ein Gewiſt. 4. Wisse / daß der alte Feind gäntzlich trachtet zu verhindern deine Begierde zum Guten / und dich von aller andächtigen übung zu berauben: nemlich von Gottseliger Gedächtnüs meines Leydens / von nützlicher Erinnerung der Sünden / von Bewahrung deines eigenen Hertzens / und von dem festen Fürsatz in den Tugenden zuzunehmen. Er bläset viel böser Gedancken ein / damit von der Nachfolge Christi. . 157 mit er Verdruß und Schrecken in dir erwecke / und dich vom Gebät und Lesung heiliger Bucher abziehe. Es mißfället ihm die demütige Bekäntnus der Sünden / und wann es in seinem Vermögen wäre / würde er dir auch hindern zur Communion zu gehen. Glaube ihm nicht / und achte sein nicht/ wie offt er dir auch seine betriegliche Sticke wieder vorlegen mag. Rechne es ihm zu / wann er dir böse und unreine Dinge einwirfft. Sprich zu ihm: Gehe hinweg du unreiner Geist / schäme dich du elender / du bist wol sehr unrein / daß du mir solche Dinge in die Ohren bläsest. Weiche von mir / du böser Betrieger /du wirst an mir kein Theil haben / sondern JESUS wird mit mir seyn / wie ein starcker Kriegs=Mann / und du wirst beschämet stehen. Lieber wil ich sterben und alle Pein außstehen / als dir folgen. Schweige und verstumme / ich wil dir nicht mehr zuhören / wie viel Verdruß und Leyden du mir auch anthun magst. Der G 7 158 Des 111 Buchs 7 Capitel Der HERR ist mein Licht und mein Heyl / für wem solt ich mich fürchten? Wann schon Heer=Lagere wider mich auffstünden / so fürchtet sich dennoch mein Hertz nicht: der HERR ist mein Helffen und mein Erlöſer. 5. Streite als ein guter Kriegs-Man̄ / und wann du bißweilen auß Schwachheit fällest / so nimm wieder grössere Kräffte als die vorigen / durch Zuversicht auff meine überflüssigere Gnade: Und nimm dich sonderlich in acht für der eitelen selbst=Gefälligkeit und Einbildung. Dadurch werden viele in Irrthum verführet / und fallen bißweilen in eine fast unwiederbringliche Blindheit. „Dieser Fall der Hoffaͤrtigen / und derer „die thörichter Weise viel von ihnen selbst „halten / seye dir zur Warnung / und daß „du alle wege demütig bleibest. Das 159 von der Nachfolge Christi. Das VIII (7.) Capitel. Wie man die Gnade GOttes verborgen halten sol / unter der Wache der Demut. JEsus. Mein Sohn / es ist dir nützlicher und 2 sicherer die Gnade der Andacht zu verbergen / und dich nicht hoch zu erheben / daß du auch nicht viel davon redest / oder selbige so groß macheſt. Sondern daß du vielmehr dich selbst verachtest / und dich fürchtest / indem solche Gnade einem Unwürdigen gegeben ist. An solche andächtige Gemüts=Bewegung muß man nicht so gar fest hangen / welche so bald in das Gegentheil kan verändert werden. Gedencke / wann du solche Gnade hast / wie elend und arm du ohne dieselbe zu seyn pflegest. Es ist auch darin nicht so viel Förderung im geistlichen Leben / wann du die Gnade des Trostes hast: sondern viel mehr darin, wann du dessen Entziehung mit Demut / Abgeschiedenheit und Gedult leydest. Der 160 Des III Buchs 8 Capitel Dergestalt daß du alsdann in der Befleissigung des Gebäts nicht träge werdestnoch deine übrige Wercke / die du sonst zu thun gewohnt bist / gäntzlich unterlässest sondern wie du es am besten kanst und verstehest / gerne was in dir ist / thust: noch wegen der Dürre und Beklemmung des Gemüts / die du fühlest / dich gäntzlich versäumest. 2. Dann es sind viele / welche wann es ihnen nicht wol von statten gehet / alsbald ungedultig werden / und alles dran geben. Es ist aber nicht allezeit des Menschen Weg in seiner Gewalt / sondern es lieget an GOtt / zu geben und zu trösten / wannehe er wil / wie viel er wil / und welcher er wil / so wie es ihm gefället / und nich weiter. Etliche Unvorsichtige haben sich selbst wegen der Gnade der Andacht verdorben weil sie mehr haben thun wollen / als in ihrem Vermögen war / nicht erwegende dat Maaß ihrer Geringheit / sondern mehr folgende dem hefftigen Trieb ihres Gemuts / als dem Urtheil der gesunden Vernunfft. Und weil sie ihnen grössere Dinge vermessen 161 von der Nachfolge Christi. messen hatten / als GOtt wolgefällig war / so haben sie die Gnade gar bald verlohren. Sie sind so arm / gering und verlassen worden / welche ihr Nest in den Himmel setzten: damit sie geniedriget und verarmet seyende / lernen nicht mit ihren eigenen Flügeln fliegen / sondern unter meinen Fittigen zu trauen. 3. Diejenige / welche noch Neulinge und und unerfahren sind in dem Wege des HErin / können leichtlich betrogen und geärgert werden / wo sie sich nicht richten nach dem Rath geübter Seelen. Wollen sie ihrem Sinn mehr folgen / als andern Erfahrnen glauben / so wird ihr Ende gefährlich seyn / wo sie sich anders von ihrem gefasten Sinn nicht wollen abziehen lassen. Diejenige / welche bey ihnen selbst klug sind / lassen sich selten von andern demütiglich regieren. Besser ist es / wenig Weißheit haben mit Demut und geringer Wissenschafft / als einen grossen Schatz der Wissenschaft ten mit Selbstgefälligkeit besitzen. Es ist dir besser wenig haben / als viel / darauf du mögtest hoffärtig werden. Der 162 Des III Buchs 8 Capitel Der handelt nicht bescheidentlich gnug der sich so gantz der Freude hingibt / und vergisset seiner vergangenen Armut und keuschen Furcht GOttes / welche fürchtet die verliehene Gnade zu verlieren. Der ist auch nicht tugendsam gnug gesinnet / der zur Zeit der Widerwärtigkeit und einer jeden Beschwerlichkeit / gar zu verzagt sich stellet / und nicht so zuversichtlich von mir hält und gedencket / als er solte. 4. Wer zur Zeit des Friedens all zu sicher seyn wil / der wird offt zur Zeit des Kriegs gar zu niedergeschlagen und furcht ſam erfunden. Wann du köntest allezeit demütig und klein in dir selber bleiben / wie auch deinen Geist wol mässigen und regieren / so wür dest du nicht so balde in Gefahr und Anstoß gerathen. Es ist ein guter Rath / daß wann du den Geist der Brünstigkeit und Eifers empfindest / du dann bedenckest / wie du dich befinden werdest / wann das Licht weichet. Und wann solches geschicht / so erinnert dich / daß das Licht auch wol möge wiederkehren / welches ich dir zur Warnung / Mir aber 161 von der Nachfolge Christi. aber zur Ehre und Herrlichkeit / auff eine zeitlang entzogen habe. 5. Solch eine Prüfung ist dir offt nützer / als wann du es allewege glücklich und nach deinem Willen hättest. Dann darnach sind jemands Tugenden nicht abzumessen / wann er etwa viel Gesichter und Tröstungen hat; oder wann er in der Schrifft wol geübt / oder auch wann er in einen hohen Ehren=Stand gesetzet: sondern wann er in wahrer Demut gegrundet und mit Göttlicher Liebe erfüllet ist. wañ er die Ehre GOttes allezeit einfältig und lauterlich suchet: wann er sich selbst für nichts achtet / und sich in Warheit verschmähet / und sich mehr freuet / wann er auch von andern verschmähet und gedemutiget / als wann er geehret wird. Das IX (8.) Capitel. Wie man sich selbst in den Augen GOttes gering achten sol. Die Seele. 1. Sol ich reden mit meinem HErrn / da ich Staub und Asche bin? Wann 164 Des III Buchs 9 Capitel Wann ich mich etwas mehr achte / sieht so stehest du wider mich: und meine Ungerechtigkeiten geben mir ein wahres Zeug nüs / so daß ich nicht kan widersprechen. Wann ich mich aber gering mache und vernichtige / und von aller selbst=Achtung ablasse / und mich als zu Staub mache / (wit ich dann würcklich bin) so wird mir deine Gnade gewogen / und dein Licht meinem Hertzen nahe seyn / und alle / auch die geringste selbst-Achtung / wird in das Thal meiner Nichtigkeit versencket werden / und ewiglich vergehen. Daselbst zeigest du mich mir / was ich bin / was ich gewesen / und wohin ichs kommen bin: Dann ich bin nichts / und wuſte es nicht. Wann ich mir selbst überlassen werde / siehe so bin ich nichts / und ganz Schwach heit; wann Du mich aber bald wieder ansiehest / so werde ich bald starck und mit neuer Freude erfüllet. Und ist wol recht wunder / daß ich so geschwind erhoben / und so gütlich von Dir umarmet werde / der ich durch meine 265 von der Nachfolge Christieigene Last immer unterwärts gedrücket werde. Solches macht deine Liebe / die mir unverdient zuvor komt / und mir in so vielen Nöthen hilffet; die mich auch vor schweren Gefahren behütet / und (die Warheit zu sagen) auß unzählichem übel herauß reisset. Dann ich habe mich verlohren / da ich mich selbst übel geliebet: da ich aber Dich allein gesuchet und lauterlich geliebet / hat ich mich und Dich zugleich gefunden: und nich auß Liebe noch tieffer vernichtiget; Weil Du / O Allersüssester! mit mir zu werck gehest über allen Verdienst / und über alles was ich hoffen oder bitten darff. Gelobet seyst Du / mein GOtt! weilen ob ich schon alles Guten unwürdig bin, dennoch deine edelmütige und unendliche Gütigkeit nimmermehr auffhöret Gutes zu thun / auch den undanckbaren und weit von Dir abgekehrten. Bekehre uns zu Dir / daß wir danckbar / demütig und andächtig seyn mögen: dann Du bist unser Heyl / unsere Tugend / und unſere Stärcke. Das 146 Des III Buchs 10 Capitel Das X (9.) Capitel. Wie man zu GOtt / als dem höchsten und letzten Ende / alle Dinge richten sol. JEsus. 1. Mein Sohn / ich muß dein höchsten — und letztes Ende seyn / wann du war lich glückselig zu seyn verlangest. Durch diese Absicht wird deine Begierꝺe / welche offtermalen zu dir ſelbſt und den Creaturen mit Unrecht gekehret ist gereiniget werden. Dan wo du dich selbst in einigem Dinge suchest / so nimmst du von Stund an dir selber ab / und wirst dürre. Derhalben so richte alle deine Dinge v. nemlich zu mir / weil ichs bin / der alle Dinge gegeben hat. Also betrachte alle Dinge / als hervor fliessende auß dem höchsten Gut: u müssen derhalben auch zu mir / als zu ihre Ursprung / alle wieder hingeleitet werden. 2. Dann groß und klein / arm und reich / auß mir / als auß einem lebendigen Brun nen / lebendiges Wasser schöpffen: und von der Nachfolge Christi. 161 die mir frey und williglich dienen / werden Gnade um Gnade nehmen. Wer sich aber ausser mir rühmen wiloder sich belustigen in einigem eigenen Gut / der wird in wahrer Freude nicht befestiget / noch in seinem Hertzen erweitert werden / sondern vielfaltig behindert und bedränget. Derhalben must du dir selbst nichts vom Guten zuschreiben / noch einigem Menschen eine Tugend zueignen: sondern gib alles GOtt / ohne welchem kein Mensch etwas hat. Ich hab alles gegeben / und wil es auch alles wieder haben / und fordere mit grosser Genauheit die Dancksagungen dafür. 5. Diß ist die Warheit / wodurch alle Eitelkeit der eigenen Ehre vertrieben wird. Und wann die himmlische Gnade und die wahre Liebe eingehet ins Hertze / so wird keine Mißgunst noch Beklemmerung / noch Eigen=Liebe Platz finden. Dann die Göttliche Liebe überwindet alles / und erweitert alle Kraͤfte der Seelen. Wann 168 Des III Buchs 11 Capitel Wann du recht klug bist / so wirst du dich in mir allein erfreuen / und in mich allein hoffen: Weilen niemand gut ist / als der alleinige GOtt / der über alles zu loben / und in allen Dingen zu preisen ist. Das XI [10.] Capitel. Von der Süssigkeit GOtt zu dienen / mit Verachtung der Welt. Die Seele. 1. So wil ich dann nun wieder reden / HErr / und nicht schweigen; ich wil sagen in die Ohren meines GOttes / meines HErrn und meines Königs / der in der Höhe ist: O wie groß ist die Menge deiner Süssigkeit / HErr / die du behalten hast denen / die dich fürchten! Aber was dann denen / die dich lieben? was dann denen / die dir von gantzem Hertzen dienen? Warlich eine unaußsprechliche Süssigkeit deiner Beschaulichkeit / die du denen mittheilest / die dich lieben. Hierin haft du allermeist die Süssigkeit deiner Liebe mir erzeiget / daß du mich gemacher von der Nachfolge Christi. 159 machet hast / da ich nicht ware; und da ich weit von dir in der Irre gieng / hast du mich zurück geführet / daß ich dir dienete; und hast mir befohlen / daß ich dich solte lieben. 2. O du Brunnquell der ewigen Liebe! was sol ich von dir sagen? Wie solte ich deiner vergessen können / der du mich gewürdiget hast an mich zu gedencken / auch da ich schon verdorben und verlohren war? Uber alle Hoffnung hast du deinem Knecht Barmhertzigkeit wiederfahren lassen / und über allen Verdienst Gnade und Freundschafft erwiesen. Was sol ich dir wieder vergelten vor ſolche Gnade? Dann es ist nicht allen gegeben / daß sie mit Absagung aller Dinge die Welt verläugnen / und ein einsames Leben führen. Solte es was grosses seyn / daß ich dir diene / dem alle Creaturen zu dienen schuldig sind? Nein / es sol mich nicht groß düncken / daß ich dir diene / sondern das kommt mir vielmehr groß und zu bewundern vor / daß du einen so Armen und Unwürdigen / zu dei= 170 Des III Buchs 11 Capitel deinem Dienst-Knecht anzunehmen würdigest / und zu deinen geliebten Dienern gesellest. 3. Siehe / es ist alles dein / was ich habe / und womit ich dir diene. Jedennoch herwiederum dienest du mit vielmehr als ich dir. Siehe / der Himmel und die Erde / die du zu des Menschen Dienst geschafft hast / stehen da gegenwärtig / und thun täglich / was du ihnen befohlen hast. Und das ist noch wenig / indem du auch die Engel zum Dienst des Menschen geordnet haft. Diß alles aber übersteiget / daß du s ber dem Menschen zu dienen gewürdig hast / und verheissen / daß du dich selb demselben schencken woltest. Was sol ich dir geben für die viel tausend Güter? Ach daß ich dir dienen könte alle die Tage meines Lebens! Ja / ach daß ich dir nur einen einigen Tag geziemend mögte dienen können! Warlich du bist würdig alles Dienstes / aller Ehren und ewiges Lobs. War 171 von der Nachfolge Christi. Warlich du bist mein HErꝛ/ und ich bin dein griner Knecht / der ich schuldig bin dir auß allen Kräfften zu dienen / und in deinem Lob nimer einigen Verdruß zu haben. Dieses wil ich auch also / dieses verlange h/ und was mir dran gebricht/ das wollest du gnädiglich erfüllen. f. „Es ist eine grosse Ehre / und eine „grosse Herrlichkeit dir dienen / und alles „um deinent willen verachten. Dann die werden grosse Gnade bekommen / die sich freywilliglich deinem heiligen Dienſt unterworffen. Die werden finden den füssesten Trost des heiligen Geistes / welche um deiner Liebe willen alle fleischliche ergetzung wegwerffen. Die werden grosse Freyheit des Gemüts erlangen / die um deines Namens willen einen engen Weg einschlagen / und alle weltliche Sorge dran geben. 6. O angenehmer und lieblicher Dienst GOttes / wodurch der Mensch warlich frey und heilig wird! O heiliger Stand des geistlichen Lebens / welcher den Menschen den Engeln gleich / GOtt wolgefällig / den Teuffeln H 2 172 Des III Buchs 12 Capitel erschröcklich / und allen Gläubigen angenehm machet! O Liebens-würdiger und erwünschter Dienst GOttes / wodurch das höchste Gut erlanget / und eine Freude erworben wird / die ohne Auffhören bleibet. Das XII [11.] Capitel. Wie man die Begierden seines Hertzens unterſuchen und maͤſſigen ſol. JEsus. 1. Mein Sohn / du must noch viele Dinge lernen / die du noch nicht wol gelernet hast. Die Seele. HErr / welche seynd diese Dinge? JEsus. Daß du all dem Verlangen gäntzlich meinem Wolgefallen stellest / und nicht ein Liebhaber ꝺeiner ſelbſt ſeyeſt / ſondern ein begieriger Nachfolger meines Willens. Dein Verlangen entzündet dich offund treibet dich hefftig an: bedencke aber ob du meiner Liebe wegen / oder vielmehr um deines eigenen Nutzens willen bewegBitt werdest. von der Nachfolge Christi. 173 Bin ich nun die Ursache / so wirst du wol damit zufrieden seyn / wie ich auch die Dinge ordne und schicke; liegt aber vom Selbst=Gesuch etwas drunter verborgen / siehe / das ist es dann / was dich hindert und beschweret. 2. Hüte dich derhalben / daß du nicht zu viel stützest auf dein vorgefastes Verlangen / worüber du mich nicht Rath gefraget: damit dir hernach nicht gereue oder mißfalle / was dir Anfangs gefallen / und wovor du als vor das beſte geeiffert haſt. Dan man muß nicht einer jeden Bewegung / die gut scheinet / alsbald folgen / noch auch eine jede / die nicht gut scheinet / fliehen. Bißweilen ist es nützlich / daß man was einhalte / auch in guten Verrichtungen und Begierden: damit du nicht durch unbescheidenes Treiben in Zerstreuung des Gemüts gerathest; daß du auch anderen durch deine ungeordnete Zucht nicht Aergernuͤß gebest; oder auch durch der andern Widerstand nicht plötzlich beunruhiget werdest / und gar zum Fall kommest. Bißweilen aber muß man Gewalt brauchen / und männlich den sinnlichen Begierden 174 Des III Buchs 13 Capitel den widerstehen; noch draufachten / was das Fleisch wolle / und was es nicht wolle; sondern vielmehr sich befleissigen / daß es auch wider Willen dem Geist unterthan seye. Und so lange muß es gezüchtiget und gezwungen werden unterthänig zu seyn / biß es zu allen Dingen bereit ist / und lerne mit wenigem vergnügt seyn / und an einfältigen Dingen Lust haben / auch wider nichts unangenehmes murren. Das XIII [12.] Capitel. Von der Gedult, und vom Streit wider die Lüsten und Begierden. Die Seele. 1. HErr / mein GOtt / die Gedult ist mit dann / wie ich höre / sehr noth: weilen viel widerwärtige Dinge in diesem Leben fürfallen. Dann wie ichs auch immer anstelle meinen Frieden zu behalten / so kan doch mein Leben nicht ohne Streit und Schmerz seyn. JEsus. So ist es / mein Sohn: Ich wil aber nicht 175 Von der Nachfolge Christi. nicht / daß du solchen Frieden suchen solt / der ohne Versuchungen sey / und nichts Widerwärtiges fühle. Sondern glaube auch alsdann den Frieden gefunden zu haben / wann du durch mancherley Trübsal geübet / und in vielen Widerwärtigkeiten geprüfet bist. 2. Sprichst du aber / du könnest nicht viel leyden / wie woltest du dann das hölliſche Feuer erdulden: Auß zweyen übeln muß man immer das kleinste erwählen. Derhalben damit du die künfftige ewige Straffe entgehen mögest / so befleissige dich die gegenwärtige Leyden um GOttes willen gleichmütiglich zu ertragen. Meynest du / daß die Menschen dieser Welt nichts oder wenig zu leyden haben? Nein / solches wirst du auch nicht finden / ob du schon die allerzärtlichsten außsuchest. Aber / sprichst du / sie haben doch viel Ergetzung / und folgen ihrem eigenen Willen; derhalben achten sie ihre Trübsalen so groß nicht. Gesetzt / dem sey also / daß sie haben / was sie wollen / wie lang aber meynest du / daß es Bestand haben werde? H 176 Des III Buchs 13 Capitel 3. Siehe / die überfluß in der Welt haben / werden vergehen wie der Rauch / und es wird kein Andencken ihrer vergangenen Freude übrig seyn. Ja auch weil sie noch leben / mögen sie nicht ohne Bitterkeit / Verdruß und Furcht in ihren Freuden ruhen. Dann offt bekommen sie Schmertzen zur Straffe / auß eben dem Dinge / wovon sie ihnen Ergetzung und Freude vorgestellet. Und hierinnen wiederfähret ihnen recht. daß weil sie unordentlicher Weise ihre Lusund Ergetzung suchen / und derselben folgen / sie dieselbe nicht ohne Schande und Bitterkeit vollbringen. 4. O wie so kurtz! wie so falsch! wie so unordentlich und schändlich sind alle solche Lüſte! Dennoch verstehen sie solches nicht vor Trunckenheit und Blindheit: sondern wie das dumme Vieh rennen sie in den Todt und ins Verderben ihrer Seelen ein / um einer geringen Ergetzlichkeit willen eines vergänglichen Lebens. Du derhalben mein Sohn / folge deinen Lüsten nicht / und kehre dich ab von deinem eig von der Nachfolge Christi. 177 eigenen Willen. Habe deine Belustigung im HErin / so wird Er dir geben / was dein Hertze wünschet. Dann wann du dich wilt warhafftig ergetzen / und überflüssiger von mir getröstet werden / siehe / so wird in der Verschmähung aller weltlichen Dingen / und in Abschneidung aller niedriger Ergötzlichkeiten dein Segen seyn / und wirst reichlichen Trost empfangen. Und je mehr du dich von allem Trost der Creaturen wirst entziehen / desto füssere und kräfftigere Tröstung wirst du in mir finden. Aber du wirst im Anfang nicht ohne einiger Traurigkeit und Arbeit des Streits darzu gelangen. Die alte und eingewurtzelte Gewohnheit wird dir entgegen stehen / welche aber durch eine bessere Gewohnheit überwunden wird. Das Fleiſch wird auch widerſpenſtig seyn / es wird aber durch die Brünstigkeit des Geistes bezäumet. Auch wird die alte Schlange dich hetzen und anreitzen / aber durch Gebät wird sie vertrieben / so wird ihr auch mit nützlicher Arbeit gar sehr den Eingang verleget. Das 5 178 Des III Buchs 14 Capitel Das XIV [13.] Capitel. Wie man denen / die über uns gesetzet / nach dem Exempel Christi gehorsam seyn sol. JEsus. 1. Sohn / wer sich dem Gehorsam wil entziehen / der entziehet sich selbst der Gnade. Und wer eigene Dinge haben wil / verlieret die gemeine Dinge. Wer nicht gerne und mit freyem Willen sich seinem Obern unterwirft / der bezeuget / daß sein Fleisch ihm noch nicht vollkommen gehorsam ist / sondern öffters widerstrebet und murret. Lerne derhalben dich hurtig deinem Obern unterwerffen / wann du begehrest dein eigenes Fleisch unters Joch zu bringen. Dann der äussere Feind wird geschwinder überwunden / wann der innere Mensch nicht verwüſtet iſt. Es ist kein beschwerlicher und böser Feind der Seelen / als du dir selber bist / wann du nicht wol mit dem Geist einstimmest. Darum must du nothwendig in eine wahre von der Nachfolge Christi. 179 wahre Verschmähung dein selbst eingehen / wann du anders wider Fleisch und Blut den Sieg erhalten wilt. 2. Weil du dich selbst noch gar zu unordentlich liebest / deßwegen fürchtest du dich so sehr / dich dem Willen eines andern zu überlassen. Was ist aber grosses dran / wann du / der du Staub und nichts bist / um GOttes willen dich einem Menschen unterwirffest da ich der Allmächtige und Allerhöchste / der ich alles auß nichts geschaffen habe / mich einem Menschen um deinent willen demütiglich unterworffen habe. Ich bin der Demütigste und Niedrigste von allen geworden / damit du deinen Hochmut durch meine Demut überwinden ſoltest. Lerne gehorsam seyn / du armer Staub und Asche / lerne dich demütigen / du Erde und Leimen / und dich beugen unter aller Menschen Füssen / lerne allen deinen Willen brechen / und dich aller Unterwerffung ergeben. 3. Zürne wider dich selbst / und laß nicht zu / daß einige Hoffart in dir lebe. Son 180 Des III Buchs 15 Capitel Sondern erweise dich so unterthänig und klein/ daß alle über dich gehen / und wie Koth auf den Gassen zertretten können. Was haſt du zu klagen / du eiteler MenſchWas kanſt du unflätiger Sünder widersprechen / die so dich schelten / der du se offt GOtt beleydiget / und so vielmals die Hölle verdienet hast? Aber mein Auge verschonet dich / weil deine Seele köstlich war vor meinem Angesicht: Auff daß du meine Liebe mögtest erkennen / und allezeit danckbar wärest gen meine Wolthaten / und daß du dich der wahren Unterthänigkeit und Demut ohne Unterlaß ergeben / und die Verschmähung deiner selbst gedültig erleiden mögtest. Das XV. [14.] Capitel. Wie man GOttes Reinigkeit mit heiliger Furcht betrachten sol / damit wir uns in nichts erheben. Die Seele. 1. HERR / du lässest mich immer hören den fürchterlichen Schall deine Gerichten / mit Furcht und Schrecken zerschlägest du alle meine Gebeine / und meine Seele erschröcket gar sehr. von der Nachfolge Christi. 181 Ich stehe bestürtzet und betrachte / wie daß auch die Himmele nicht rein sind vor deinem Angesicht. Hast du auch in den Engeln Boßheit gefunden / und ihrer nicht verschonet / was wird mir wiederfahren? Die Sternen sind vom Himmel gefallen / und ich Staub und Asche / was bilde ich mir ein? Diejenige / deren Wercke löblich schienen / sind tieff herunter gefallen / und die jenige / welche das Brod der Engel assen / habe ich gesehen mit Säu=Träbern sich belustigen. 2. Derhalben ist alle Heiligkeit nichts / wann du / HErr / deine Hand abzeuchst. Es hilfft keine Weißheit / wo du auffhörest zu ordnen und zu regieren. Es hilfft keine Stärcke / wann du ablässest zu bewahren. Keine Keuschheit ist sicher / wo du dieſelbe nicht beſchirmeſt. Keine eigene Wacht hilfft / wann deine heilige Wachsamkeit nicht dabey ist. Dann wann du uns verlässest / so versincken und vergehen wir / wann du uns aber 5 7 182 Des III Buchs 15 Capitel aber besuchest / so werden wir auffgerichtet und leben. Dann wir sind unbeständig / durch dich aber werden wir befestiget. Wir sind lau / aber von dir werden wir entzündet. 3. O wie so niedrig und verächtlich muß ich von mir selbst halten! Wie so gar nichts sol ichs schätzen / wann ich scheine was Gutes zu haben! O wie so tieff muß ich mich / HErr / unterwerffen unter deine grundlose Gerichte / da ich mich nichts zu seyn befinde als Nichts / und abermal Nichts! O unermeßliches Meer! O unüberschwimmlicher Ocean! da ich nichts von mir finde / als in allem Nichts. Wo ist dann nun der Schlupff=Winckel meines eigenen Ruhms? Wo ist das eingebildete Vertrauen auf meine Tugend? Aller eiteler Ruhm ist verschlungen / in die Tieffen deiner Gerichten über mich. 4. Was iſt alles Fleiſch für deinem Angesichte? Oder sol der Thon sich rühmen wider seinen Töpffer? Wie solte der durch eitele Lob=Reden kön 183 von der Nachfolge Christi. können erhoben werden / dessen Hertz in Warheit GOtt unterworffen ist? Denjenigen wird die gantze Welt nicht erheben können / den die Warheit ſich unterworffen hat. Derjenige wird auch nicht beweget werden / durch den Mund aller derer / die ihn loben / der alle seine Hoffnung in GOtt befestiget hat. Dann auch diejenige / die da loben / siehe / sie sind alle nichts; dann sie werden verschwinden mit samt dem Schall ihrer Worte; aber die Warheit des HErrn bleibet in Ewigkeit. Das XVI [15.]. Capitel. Wie man stehen / und wie man sagen sol / in einer jeden Sache / die man begehret. JEsus. Sohn / also soit du sprechen in allen Dingen: HErr / wann es dir gefällig ist / so geschehe dieses also! HErr / ist es zu deiner Ehre / so geschehe es in deinem Namen! HErr / 184 Des III Buchs 15 Capitel HErr / siehest du / daß mir dieses gut sey erkennest du / daß es mir nützlich sey: so gib mir dann Gnade / daß ichs zu deiner Ehre gebrauche. Erkennest du aber / daß es mir schädlich und dem Heyl meiner Seelen nicht förderlich sey / so nimm von mir solches Begehren. Dann nicht ein jedes Verlangen ist vom heiligen Geist / ob es gleich dem Menschen scheinet recht und gut zu seyn. Es ist schwer nach der Warheit zu unterscheiden / ob ein guter oder aber ein fremder Geist dich antreibe / dieses oder jenes zu begehren / oder ob du vielleicht auß deinem eigenen Geist beweget werdest. Viele sind am Ende betrogen / welche Anfangs schienen durch einen guten Geist geführet zu werden. 2. Derhalben muß man immer mit Furcht GOttes / und mit Hertzens Demut begehren und bitten / was dem Gemüte zu begehren vorkommt / und nur alles mit Verläugnung seiner selbst überlassen. Und also sprechen: HErr / du weist / wie es am besten ist / es geschehe dieses oder jenes / wie es dir gefället. Gib 185 von der Nachfolge Christi. Gib mir / was du wilt / wie viel du wilt / und wannehr du wilt. Handele mit mir / wie du es erkennest / und wie es dir am besten gefället / und wie es am meisten zu deiner Ehre ist. Setze mich / wohin du wilt / und handelt mit mir gantz frey in allen Dingen. Ich bin in deiner Hand / wende und kehre mich hin und wieder / um und um. Siehe ich bin dein Knecht, zu allen Dingen bereit / dann ich verlange nicht mir zu leben / sondern dir: und ach / daß ichs würdiglich und vollkommen thun mögte! Das XVII Capitel. Ein Gebät das Wolgefallen GOttes zu erfüllen. Die Seele. 1. Allergütigster JESU / verleyhe mir deine Gnade / daß sie mit mir sey / und mit mir arbeite / und bey mir biß ans Ende verbleibe. Gib / daß ich dasjenige allezeit möge begehren und wollen / das dir am angenehmsten ist / und am liebsten gefället. Dein Wille sey der meine / und mein Wille 186 Des III Buchs 17 Capitel Wille müſſe ꝺem Ꞻeinen allezeit folgen / und aufs beste mit demselben übereinstimmen. Laß mich mit dir ein einiges wollen und nicht=wollen haben / und laß mich nichtt können wollen oder nicht=wollen / als was du wilt / und nicht wilt. 2. Gib / daß ich allen Dingen sterbe / die in der Welt sind / und daß ich gerne wolle um deinent willen in dieser Welt verschmähet und unbekandt seyn / und nur mein Hertz in dir zu befriedigen suche. Du bist der wahre Friede des Hertzens / du biſt die alleinige Ruhe. Ausser Dir sind alle Dinge hart und unruhig. Laß mich in diesem Frieden / in eben dasselbe / (a) das ist / in dir dem einigen / höchsten / und ewigen Gut / entschlaffen und ruhen / Amen. Das (a) In pace, in idipsum obdormiam & requiescam. So lasen die Alten den letzten Vers des vierten Psalms. Und hatten darüber erquickliche Gedancken. Siehe August. Confess. Libr. IX. Cap. 4. und das fol gende Büchl. Gerlachs hin und wieder. 187 von der Nachfolge Christi. Das XVIII [16.] Capitel. Daß wahrer Trost allein in GOtt zu suchen sey. Die Seele1. Alles was ich zu meinem Trost begehren oder erdencken kan / erwarte ich nicht hier / sondern ins künfftige. Dann wann ich gleich aller Welt Trost alleine hätte / und alle Ergetzlichkeiten geniessen könte: so ist es doch gewiß / daß es alles nicht lange währen kan. Derhalben / meine Seele / kanst du nicht völlig ergetzet / noch vollkommen erfreuet werden / als in GOtt / dem Tröster der Armen / und dem Auffnehmer der Demütigen. Warte ein wenig meine Seele / harre der Göttlichen Verheissung / so wirst du den überfluß aller Guter im Himmel haben. Wann du gar zu unordentlich diese gegenwärtige Dinge begehrest / so wirst du die Ewige und himmlische verlieren. Die zeitliche Dinge habe nur im Gebrauch / die ewige Dinge aber im Verlangen. Du 188 Des III Buchs 18 Capitel Du kanst mit keinem zeitlichen Gut gesättiget werden / weil du dessen zu geniessen nicht geſchaffen biſt. 2. Und wann ꝺu auch alle geſchaffene Güter hättest / so köntest du dennoch nicht glücklich und selig seyn. Sondern in GOtt / der alle Dinge geschaffen / bestehet dein gantzer Wolstand und Seligkeit. Nicht eine solche / wie die von den thörichten Liebhabern der Welt dafür angefhen und gelobet wird / sondern so eine / als die frommen Christ-Glaubigen erwarten / und wovon auch die Geistlichen und ReinHertzigen / deren Wandel im Himmel ist / bißweilen einen Vorschmack haben. Eitel und kurtz ist aller menschliche Trost. Der Trost ist selig und warhafftig / der inwendig von der Warheit empfunden wird. Ein andächtiger Mensch träget überall seinen Tröster bey sich / nemlich JESUM. und spricht zu ihm: Sey bey mir / HErr JEsu / an allen Orten und zu aller Zeit. Diß von der Nachfolge Christi. 189 Diß sey mein Trost / nemlich allen menschlichen Trost gern entbähren wollen. Und wann mir dann dein Trost mögte mangeln / so sey mir dein Wille und die billige Prüfung an statt des höchsten Troſtes. Dann du zürnest nicht immerdar / und drohest nicht ewiglich. Das XIX [17] Capitel. Daß man alle Sorge auff GOtt legen ſol. JEsus. 1. Sohn / laß mich mit dir machen / was ich wil: Ich weiß / was dir nützet. Du gedenckest wie ein Mensch / du verstehest viele Dinge / wie es die menschliche Neigungen dir rathen. Die Seele. HErr / es ist wahr / was du sagest: deine Sorgfalt für mich ist grösser / als alle Sorge / die ich für mich selbst tragen kan. Dann der stehet gar zu gefährlich / der nicht alle seine Sorge in dich wirfft. HErr / wann nur mein Wille gegen dich 190 Des III Buchs 19 Capitel dich rechtschaffen und fest bleibet / so mache mit mir / was dir wolgefället. Dann es kan nicht anders als gut seyn / alles was du auch mit mir anfängest. 2. Wilt du / daß ich im finstern seyn sol / so sey gebenedeyet: und wilt du / daß ich im Licht seyn sol / so sey abermals gebenedeyet. JEsus. Sohn / also must du stehen / wann du mit Mir zu wandeln begehrest. Also must du eben so bereit seyn zu ley den / als dich zu freuen. Und eben so bereit dürfftig und arm / als erfüllet und reich zu seyn. Die Seele. 3. HErr / ich wil gern um deinent willen leyden / alles was du wilt / das über mich kommen sol. Ich wil gleichgültig von deiner Hand annehmen / das Gute und das Böse / das Süsse und das Bittere / das Freudige und das Traurige; und wil um alles / das mir wiederfahren mag / dancksagen. Bewahre mich für aller Sünde / so wil ich weder Tod noch Hölle fürchten. Nur 191 von der Nachfolge Christi, Nur daß du mich nicht in Ewigkeit verwerffest / noch mich außtilgest auß dem Buch des Lebens; so wird es mir nicht schaden / welche Trübsalen auch über mich kommen mögen. Das XX [18.] Capitel. Daß man die zeitliche Elenden / nach dem Exempel Christi / gleichmütig tragen müsse. JEsus. 1. Sohn / ich bin um deines Heyls willen vom Himmel gekommen: Ich hab deine Elenden auff mich genommen, nicht auß Noth / sondern die Liebe hat mich gezogen: damit du mögtest Gedult lernen / und die zeitliche Elenden nicht unwillig trügest. Dann von der Stunde meiner Geburt an / biß zu meinem Tod am Creutze / bin ich nicht ohne Schmertzen und Leyden gewesen. Ich habe grossen Mangel an zeitlichen Dingen gehabt: Ich habe offtermals viele Klagen über mich gehöret: Schande und Schmach hab ich gedultig erlitten: für Wol⸗ 192 Des III Buchs 20 Capitel Wolthaten habe ich Undanckbarkeit / für Wunderwercke habe ich Lästerungen / und für meine Lehre habe ich Schelt-Worte empfangen. Die Seele. 2. HErr / weil du gedültig gewesen. bist in deinem Leben / und eben darin deines Vatters Willen am meisten erfüllet, hast / so ists billig / daß ich elender Sünder nach deinem Willen mich auch gedultig leyde; und so lange du selber wilt / die Last dieses zerbrechlichen Lebens ummeines Heyls willen trage. Dann ob wol dieses gegenwärtige Le ben schwer und lastig empfunden wird / so ist es doch nun durch deine Gnade gar nütz lich und heylsam gemacht / und auch durch dein Exempel / und durch die Fußstapffen deiner Heiligen / den Schwachen erträglicher und klärer worden. Ja auch viel tröstlicher / als es vorzeiten unterm alten Gesetz war / da die Pforte des Himmels noch verschlossen war: unt auch der Weg zum Himmel dunckelet schiene / da so wenige das Reich der Himmel zu suchen sich beflissen. Ja von der Nachfolge Christi. 193 Ja auch diejenige / die damals gerecht waren / und selig werden solten / konten nicht ohne dein Leyden und das Verdienst deines heiligen Todes / ins Reich der Himmeln eingehen. 3. O welche Danckbarkeit bin ich dir schuldig abzustatten / daß du mir und allen Glaubigen / den geraden und guten Weg zum ewigen Königreich zu zeigen gewürdiget haſt! Dann dein Leben ist unser Weg: und durch die heilige Gedult wandeln wir zu dir / der du unsere Krone bist. Wann du uns nicht wärest vorgegangen / und nicht gelehret hättest / wer wurde ſich bekümmern dir nachzufolgen? Ach wie so fern und weit würden sie dahinden bleiben / wo sie nicht deine vortreffliche Exempel ansähen! Siehe / wir sind dennoch lau und träg. da wir doch so viel deiner Zeichen und deiner Lehre gehöret haben: wie würden wirs nicht machen / wann wir ein solches Licht dir nachzufolgen nicht hätten? Das 194 Des III Buchs 21 Capitel Das XXI [19.] Capitel. Wie man das Unrecht erdulden sol / und wer ein wahrer Gedultiger sey. JEsus. 1. Sohn / was ists / das du redest? Hört auf zu klagen / und mercke auf mein und anderer Heiligen Leyden. Du hast noch nicht biß aufs Blut widerſtanden. Es ist wenig / was du leydest / in Vergleichung mit denen / die so viel gelitten haben / die so schwer sind versuchet worden und so vielfaltig geprüfet und geübet. Derhalben must der andern ihre schwere Leyden dir zu Gemüte führen / damit du deine geringere Leyden desto leichter ertragen mögeſt. Und wann dir die Deine nicht gering scheinen / so siehe zu / daß auch solches deine Ungedult nicht verurſache. Dennoch es seye / daß sie klein oder daß sie groß sind / so befleissige dich nur alle gedultig zu tragen. 2. Je besser du dich zum Leyden schickest. unt desto weiser gehest du zu Werck / deſto von der Nachfolge Christi. 195 desto mehr wirst du GOttes Gunst erwerben. Du wirst auch leichter leyden / wann du dich von Hertzen / und mit williger übung darzu bereitest. Sage auch nicht / dieses kan ich von einem solchen Menschen nicht leyden / und solches muß ich auch nicht leyden: dann er hat mir einen grossen Schaden gethan / und gibt mir solcher Dinge Schuld / daran ich nie gedacht habe: von einem andern mögte ichs noch gerne leyden / und wann es noch solche Dinge waren / die ich sähe / daß ich leyden muste. Solche Gedancken sind unverständig / und eines solchen / der die Tugend der Gedult nicht betrachtet / noch denjenigen / von dem er sol gekrönet werden / sondern vielmehr die Menschen und ihre angethane Beleidigungen erweget. 3. Der ist kein wahrer Gedultiger / der nicht leyden wil / als nur so viel es ihm gut düncket / und von wem es ihm gefället. Sondern ein wahrer Gedultiger siehet nicht an / von welchem Menschen er geübet wird / es sey von seinem Vorsteher / oder von 196 Des III Buchs 21 Capitel von einem seines gleichen / oder von einem der unter ihm ist / wie auch ob es von einem Guten und Heiligen / oder von einem Bösen und Unwürdigen geschehe. Sondern wie viel und wie offt ihm et was Widerwärtiges von einer jeden Creatur begegnet / solches nimmt er gleich gültig von der Hand GOTTes mit Danck an. Und achtet es für einen grossen Gewinn, weilen nichts / wie klein es auch ist / daum GOttes willen gelitten wird / bey Gotunvergolten hingehen kan. 4. Darum ſey allezeit fertig zum Streit / wann du den Sieg zu erhalten begehre Ohne Streit kanst du nicht gelangt zur Krone der Gedult. Wilt du nicht leyden / so wilt du nicht gekrönet werden. Wilt du aber gekrönet werden / so streite männlich / und halte gedultig auß Ohne Arbeit kan man nicht zur Ruhe kehren / und ohne Streit gelanget mit nicht zum Sieg. Die Seele. HErr / es werde mir müglich durch Gnadt von der Nachfolge Christi. 197 Gnade / das mir unmüglich scheinet durch die Natur. Du weist / daß ich wenig leyden kan / und daß ich bald niedergeworffen werde / wann sich nur eine kleine Widerwärtigkeit erheber. Laß mir eine jede übung der Trübsal / um deines Namens willen / lieblich und erwünſcht werden. Dann um deinent willen leyden und geplaget werden / ist meiner Seelen gar heylsam. Das XXII [20.] Capitel. Von der Bekänntnüß der eigenen Schwachheit / und von den Elenden dieses Lebens. Die Seele. 1. Ich wil wider mich selbst meine Ungerechtigkeit bekennen: Dir / HERR, wil ich meine Schwachheit bekennen. Offt ist es ein kleines Ding / welches mich darnieder wirfft und betrübet. Ich nehme mir für / daß ich mich tapfer verhalten wolle: wann aber eine kleine Ver 198 Des III Buchs 22 Capitel Versuchung kommt / so gerathe ich in grosse Angst. Offt ist es ein gar geringes Ding / da von mir eine grösse Versuchung kommt. Und wann ich meyne / es sey ein wenig sicher / dieweil ich eben nichts fühle / so finde ich mich bißweilen fast gar überwundet. von einem kleinen Wind. 2. Siehe derhalben HErr / meine Geringheit / und meine Gebrechlichkeit / die Dir allenthalben wol bekandt ist. Erbarme dich mein / und richte mich auff auß dem Koth / daß ich nicht drin stecken bleibe / und gantz und gar verworffen werde. Dieses ist es / was mich offt [in meinen Gewissen] schlägt und vor dir beschämt macht / daß ich so leicht falle und so schwach bin den bösen Begierden Widerstand thun. Und ob ich schon nicht gäntzlich drein willige / so ist mir dennoch ihre Anfechtung beschwerlich / und verdreust mich sehr so täglich im Streit zu leben. Hierauß wird meine Schwachheit bekant: daß mir allezeit böse abscheuliche Gedancken viel leichter einfallen / als wieder 3. Ach weichen. von der Nachfolge Christi. 199 Ach aber! Du starcker GOTT Israels / Du Liebes=Eiferer aller gläubigen Seelen / siehe an die Arbeit und den Schmertzen deines Knechts / und stehe ihm bey in allem / was er vornimmt. Stärcke mich mit der himmlischen Stärcke / damit der alte Mensch / das elende Fleisch / welches dem Geist noch nicht völlig unterworffen ist / nicht obsiege und über ihn herrsche / wider welches er wol wird streiten müssen / so lange er in diesem elenden Leben Athem holet. Ach! was ist dieses doch für ein Leben / da nimmer keine Trübsalen und Elenden fehlen: da alles voller stricke und Feinde ist. Dann wann eine Trübsal oder Versuchung weichet / so kommt wieder eine andere: ja weil der vorige Streit noch währet / kommen andere mehrere / auch unverhoffet / über mich. 4. Und wie kan es dann seyn / daß man solch ein Leben liebet / das so grosse Bitterkeiten hat / und mit so vielen Elenden und Jammer beladen iſt? Ja warum wird es ein Leben geheissen / das so viel Tödte und gifftige Plagen gebieret? Und 200 Des III Buchs 22 Capitel Und dennoch wird es geliebet / und viele wollen sich darin ergetzen. Die Welt wird offt beſchuldiget / daß ſie betrüglich sey und eitel / dennoch wird sie nicht leicht verlassen / weilen die Begierden des Fleisches zu sehr herrschen. Es sind aber etliche Dinge / welche unt reitzen die Welt zu lieben / etliche aber zu verſchmähen. Es reitzen uns zur Liebe der Welt / die Begierden des Fleiſches / die Begierde de Augen / und die Hoffart des Lebens. Aber die Pein und die Elenden / welch rechtmässig darauff folgen / bringen Haß der Welt und Verdruß. 4. Aber / leyder! die kleine Ergetzlichke überwindet das Welt=ergebene Gemüt das sich einbildet es seyen lauter Ergötzung gen unter den Dornen; weil es nimmer GOttes Süssigkeit / und die innerlicht Lieblichkeit der Tugend / weder gesehnoch geschmäcket hat. Diejenige aber / welche die Welt vollkommentlich verschmähen / und untet heiliger Zucht GOtt zu lieben sich fleissigen / denen ist nicht unbekant die „Gött 201 von der Nachfolge Christi. Göttliche Süssigkeit / welche denen wahren Verläugnern verheissen ist / und sie sehen gantz klar / wie so schwerlich die Welt irret. Das XXIII [21.] Capitel. Daß man in GOtt ruhen müsse uͤber alle Güter und Gaben. Die Seele. 1.5 meine Seele! du must über alle Dinge und in allen Dingen / allezeit in GOtt ruhen / dann Er ist die ewige Ruhe der Heiligen. Gib mir / O allerfuͤssester und allerliebster JESU! daß ich in Dir ruhen möge über alle Creatur / über alles Heyl und Schönheit / über alle Herrlichkeit und Ehre / über alle Gewalt und Würdigkeit über alle Wissenschafft und Subtilität, über alle Reichthümmer und Künste / über alle Freude und Frolocken / über allen Ruhm und Lob / über alle Süssigkeit und Trost / über alle Hoffnung und Verheissung / über alles Verdienst und Begehren / über alle Gaben und Geschenck / die Du geben und eingiessen kanst / über alle Frölichkeit und 202 Des III Buchs 23 Capitel jubiliren / so ein Gemüt je fassen und empfinden kan; endlich über alle Engel und Ertz-Engel / und über alles Heer des Himmels; uber alle sichtbare und unsichtbart Dinge / und über alles / was Du / mein GOTT / nicht bist. 2. Dann Du HERR / mein GOtt. bist über alle Dinge der Beste / du bist allein der Höchste / du bist allein der Mächtigste / du bist allein der Allgnugsamste / und voller Seligkeit / du bist allein der Allerfüsseste / und Allertröstlichste / du bist allein der Allerschönste und Lieblichste / du bist allein der Alleredelste und Herrlichste uber alle Dinge / in welchem alles Gut miteinander und vollkommen ist / allezeit gewesen ist / und all zeit seyn wird: derhalben ist es zu wenig u nicht gnugsam / alles / was Du mir schenckest / ohne Dich / oder was Du mir offenbahrest oder verheiffest von Dir / wann ich Dich selbst nicht sehe und völlig erlange Dann gewißlich mein Hertz kan nicht warlich ruhen / noch vollkommentlich vergnügt werden / es seye dann daß es in Diruhe / und alle Gaben samt allen Creaturen übersteige. 3.0 von der Nachfolge Christi. 201 O du mein allerliebster Bräutigam JEsu Christe! du allerreinster Liebhaber / du Herrscher aller Creaturen! wer gibt mir die Flügel der Freyheit hinzufliegen und zu ruhen in Dir? O wannehr wird mir völlig gegeben werden / stille zu seyn und zu sehen / wie freundlich du seyst / HErr mein GOtt? Wannehr werde ich völliglich mich wieder versammlen in Dich, daß ich vor Liebe nicht mich / sondern Dich allein empfinde uͤber alle Empfindung und Weise / auff eine Weise / die nicht allen bekant ist? Nun aber seufftze ich vielfaltig / und trage meine Unglückseeligkeit mit Schmertzen. Weilen mir in diesem Thal der Elenden vieles übel begegnet / welches mich offt beunruhiget / betrubet und benebelt / offt verhindert und verstreuet / anlocket und einwickelt / daß ich keinen freyen Zugang zu dir haben / noch deiner Freuden=reichen Umfassungen geniessen mag / welche die seeligen Geiſter immerdar haben können. Ach! laß dich mein seufftzen und mannig faltiger Jammer auff Erden bewegen ⸸° 204 Des III Buchs 23 Capitel 4. OIEsu! Du Glantz der ewigen Herrlichkeit / Du Trost der wallenden Seele: bey Dir ist mein Mund ohne Stimme / und mein still-schweigen redet mit Dir. Biß wie lange verzeucht mein HERR zu kommen? Mein HERR komme zu mir seinem Armen / und erfreue mich: Reiche mir deine Hand / und reisse mich auß aller Bedrängnus. Komm / komm / dann ohne Dich habe ich keinen freudigen Tag oder Stunde / welDu meine Freude bist; und ohne Dich mein Tisch leer. Ich bin elend und einiger massen eingekarckert und mit Fuß-Eisen beschweret / biß du durch das Licht deiner Gegenwart mich erquickest / die Freyheit schenckest / und dein Lieb=würdiges Angeſicht mir zeigeſt. 5. Andere mögen an deiner statt was anders suchen / was ihnen beliebet dessen gefällt mir nichts anders und mit wird nichts anders gefallen / als nur Du mein GOtt / meine Hoffnung und mein einiges Heyl. 90 205 von der Nachfolge Christi. Ich werde nicht schweigen / noch zu bäten auffhören / biß deine Gnade zuruck kehret / und du mir inwendig zusprechest. JEsus. Siehe hie bin Ich / siehe Ich komme zu dir / weil du mich angeruffen hast. Deine Thränen und die Begierde deiner Seelen / deine Demütigung und die Zerknirschung deines Hertzens / haben mich geneiget und zu dir geführet. Die Seele. Und ich sprach: HErr / ich habe dich angeruffen / und habe begehret deiner zu geniessen / bereit alle Dinge um deinent willen zu verschmähen. Dann du hast mich zuvor erwecket / daß ich dich suchen solte. Sey derhalben gelobet / HErr / der du diese Gutthätigkeit deinem Knechte erwiesen hast / nach der Menge deiner Barmhertzigkeit. 6. Was sol dein Knecht weiter reden für Dir / als nur daß er sich sehr vor dir demütige / und allezeit eingedenck bleibe seiI 7 206 Des III Buchs 24 Capitel seiner eigenen Ungerechtigkeit und Geringheit. Dann deines gleichen ist nicht unter allen Wundern des Himmels und der Erden. Deine Wercke sind gar gut / deine Gerichte sind warhafftig / und durch deine Vorsehung werden alle Dinge regieret. Dir sey derhalben Lob und EhreO Weißheit des Vatters! Dich lobe und benedeye mein Mundmeine Seele / und alles was geschaffen ist miteinander! Das XXIV [22.] Capitel. Von Erinnerung der mannigfaltigen Wolthaten GOttes. Die Seele. 1. HERR / öffne mein Hertz in deinem Gesetz / und lehre mich wandeln in deinen Gebotten. Gib mir zu verstehen deinen Willen / und deiner Wolthaten / so wol ins gemein / als ins besondere / mit grosser Ehrerbie tung und fleissiger Betrachtung / mich erinnern; damit ich dir würdiglich davor möge Danck sagen. Zwarn von der Nachfolge Christi. 20 Zwarn weiß ich wol und bekenne es gern / daß ich auch für das geringste Pünctlein dir nicht geziemenden Danck und Lob abstatten könne. Ich bin zu gering aller deiner Gutthaten / die du mir erwiesen hast; und wann ich deinen Adel betrachte / so muß mein Geist für solcher Hoheit in Ohnmacht fincken. 2. Alles was wir haben nach Seele und Leib / und was wir besitzen außwendig oder inwendig / natürlich oder übernatürlich. solches alles sind deine Wolthaten / die dich als einen gutthätigen / frommen und guten GOtt uns anpreisen / von welchem wir alles Gute empfangen haben. Dann obschon der eine mehrere Güter / der andere mindere hat empfangen / so sind sie doch alle dein: und ohne dich kan man auch nicht das gerlugste haben. Derjenige / welcher grössere Güter empfangen hat / kan sich seines Verdienstes nicht beruhmen, noch uber andere sich erheben / noch dem / der geringer ist / sich widerſetzen. Dann derjenige ist der gröste und der beste / 208 Des III Buchs 24 Capitel beste / der ihm selbst das wenigste zuschreibet / und der am demütigsten und andächtigsten ist Dir Danck zu sagen. Und wer sich für den geringsten und niedrigsten von allen schätzet / der ist am sähigsten die grösten Güter zu empfangen. 3. Derjenige aber / welcher weniger empfangen hat / muß nicht traurig werden / noch unwillig / noch dem Reichern miß günſtig ſeyn. Sondern er muß dich vielmehr ansehen / und deine Gütigkeit aufs höchste loben, daß du überflüssig / so unverdient / und gerne / ohne einige Annehmung der Person / deine Geschencke außtheilest. Alle Dinge sind auß dir, derhalben bist du in allen Dingen zu loben. Du weist / was einem jeden zu geben dienstlich ist / und warum dieser weniger / jener aber mehr habe; solches müssen nicht wir / sondern du entscheiden / bey welchem auch eines jeden Tugend und Belohnung abgemessen ist. 4. „Derhalben / HErr mein GOtt / „achte ich es auch für eine grosse Wolthat, „nicht vieles zu haben / wovon äusserlich „unt 209 von der Nachfolge Christi. „und vor den Leuten Lob und Ehre zu „erwarten. So daß wann einer die Armut und Geringheit seiner Person betrachtet / nicht allein keine Beschwerlichkeit / oder Traurigkeit / oder Kleinmütigkeit / daher nehmen sol / sondern vielmehr grossen Trost und Freude: weilen du / mein GOtt / die arme und niedrige / und die in dieser Welt verachtet sind, dir zu deinen vertrauten Freunden und Hauß=Genossen erwählet hast. Zeugen davon sind deine Aposteln / die du zu Fürsten über die gantze Erde gesetzet hast. Dennoch haben sie ohne Klage gewandelt in der Welt / und waren so demütig und einfältig / ohne alle Boßheit und Falsch / daß sie sich auch freueten um deines Namens willen Schmach zu leyden / und mit grosser Begierde solche Dinge zu umarmen, welche die gantze Welt verabscheuet. 5. Derhalben sol deinem Liebhaber und einem Erkenner deiner Wolthaten / nichts so sehr erfreuen als dein Wille in denselben / und das Wolgefallen deiner ewigen Verordnung Darin 410 Des III Buchs 25 Capitel Darin muß er sich allein vergnügen / und sich trösten / daß er eben so gern wil der Geringste seyn / als etwa ein anderer wünschen mögte der Gröste zu seyn / und also ruhig und zufrieden im untersten als im öbersten Platz: und also gern verächtlich und verworffen / und keinen Namen noch Ruhm zu haben / als mehr geehrt und grösser als andere in der Welt zu seyn. Dann dein Wille / und die Liebe zu deiner Ehre / muß alles überwiegen / und ihn mehr trösten / und viel mehr gefallen / ale alle Wolthaten die ihm gegeben sind / oder noch mögten gegeben werden. Das XXV [23.] Capitel. Von vier wichtigen Stücken / die zum Frieden hinführen. JEsus. 1. Sohn / nun wil ich dir den Weg des Friedens und der wahren Freyheit lehren. Die Seele. HErr / so thue dann / was du sagest / dann solches ist mir angenehm zu hören. J2 211 von der Nachfolge Christi. JEsus. Sohn / befleissige dich lieber eines andern Willen zu thun / als deinen eigenen. Erwähle allezeit lieber wenig / denn viel zu haben. Suche allezeit den untersten Ort / und unter alle zu ſeyn. Wünsche und bäte allezeit / daß der Wille GOttes vollkommentlich in dir geschehe. Siehe ein solcher Mensch gehet ein in die Grentzen des Friedens und der Ruhe. Die Seele. HErr / diese deine kurtze Rede hält viel Vollkommenheit in sich. Sie ist klein in Worten / aber voll im Sinn / und überflüssig in der Frucht. Dann wann ich sie treulich bewahren könte / so würde nicht so leicht einige Verwirrung in mir auffstehen. Dann so offt ich mich unruhig und beschweret fühle / so finde ich / daß ich von dieser Lehre abgewichen bin. Du aber / der Du alles vermagst / und allezeit der Seelen Fortgang liebest / gib mir grössere Gnade / damit ich deine Rede mag 212 Des III Buchs 26 Capitel mag erfüllen können / und meine Seligkeit außwircken möge. Das XXVI Capitel. Ein Gebät wider die böse Gedancken. Die Seele. 1. HErr / mein GOtt / entferne dich nicht von mir: mein GOtt siehe drauffmir zu helffen: dann es sind in mir auffs standen mancherley Gedancken / und gross Furcht und schrecken quälen meine SeckWie sol ich unbeschädigt hindurch kommen? Wie sol ich sie zerbrechen? Ich / sprichst Du / wil vor dir hergehen / und wil die Grossen und Herrlichen der Erden demütigen. Ich wil auffschliessen die Thüren dee Gefängnisses / und dir die Heimlichkeiten der verborgenen Dinge offenbahren. So thue denn nun / HErr / wie du sägest / und laß für deinem Angesicht fliehen alle boßhafftige Gedancken. Diß ist meine Hoffnung / und mein ein niger Trost in aller Trübsal zu dir zu flihen / dir vertraͤulich zu seyn / dich auß mei 213 von der Nachfolge Christi. meinem inwendigsten anzuruffen / und gedultiglich deines Trostes zu erwarten. Das XXVII Capitel. Ein Gebät um Erleuchtung des Gemüts. Die Seele. gütiger JESU! verkläre mich mit der Klarheit des ewigen Lichts: vertreibe auß der Wohnung meines Hertzens alle Finſternuͤß. Halte beyeinander die mancherley außschweiffende Gedancken / und stoß auß die Versuchungen / die mir Gewalt anthun. Streite mit Macht für mich / und vertilge die böse Thiere / nemlich die anreitzende Begierden: damit durch deine Krafft Friede werde / und dein überflüssiges Lob erschalle / in dem heiligen Königlichen Saal / das ist / im reinen Gewissen. Gebiete den Winden und dem Ungewitter; sage zum Meer: Sey stille. Sprich zum Nord=Wind: Wehe nicht / so wird eine grosse Stille seyn. Sende auß dem Licht und deine Warheit / daß sie leuchten auff Erden: dann 214 Des III Buchs 27 Capitel ich bin eine eitele und leere Erde / biß Du mich erleuchtest. Geuß auß deine Gnade von oben herabt durchgeuß mein Hertz mit dem himmlischen Thau. Reiche mir zu die Wassere der Andacht / zu befeuchten das Angesicht der Erdendamit sie gute und die allerbeste Fruchbringe. Richte auff das Gemüt / das durch die Last der Sünden niedergedrücket ist / und erhebe meine gantze Begierde zu himmlischen Dingen / damit wann sie geschmäcket die Süssigkeit der obern Seeligkeit / ih verdriesse an irꝛdiſche Dinge zu gedencken. Zeuch und reiß mich auß von allem vergänglichen Trost der Creaturen; dann es vermag kein geschaffenes Ding meine Begierde völlig zu beruhigen und zu trösten. Verbinde mich mit Dir / mit dem unzertrennlichen Band der Liebe: dann Du allein biſt dem Liebenden gnug / und ohne Dich sind alle Dinge unwert und eitel. Das von der Nachfolge Christi. 215 Das XXVIII [24.] Capitel. Von Vermeydung fürwitziger Erforschung eines andern Lebens. JEsus. 1. Mein Sohn! seye nicht fürwitzig / und trage keine vergebliche Sorge [für andere. Was gehet dich dieses oder jenes an? Folge du Mir nach. Dann was gehets dich an / ob dieser ein solcher oder ein solcher sey? Oder ob jener so und so thut oder redet? Du darffst für andere nicht zu verantworten / sondern wirst für dich selbst Rechenſchafft geben müſſen. Was verwickelst du dich dann? Siehe Ich kenne jederman / und sehe alle Dinge / die unter der Sonnen geschehen: und weiß wie es um einen jeglichen stehet / was er gedencket / was er wil / und zu welchem Ende seine Absicht gerichtet sey: derhalben seynd Mir alle Dinge zu befehlen. Du aber bewahre dich in gutem Frieden / und laß jenen Treiber werben und treiben so viel er wil. Es 216 Des III Buchs 29 Capitel Es wird über ihn allein kommen / was er gethan oder gesprochen / weil er mich nicht betriegen kan. 2. Sorge nicht um den Schatten eines grossen Namens / suche nicht vielen. gemeinsamen Umgang / noch sondereLiebe der Menschen: dann solche Dingeverursachen Verstreuungen und grosseDunckelheiten des Hertzens.“ Ich wolte gern zu dir mein Wort reden / und verborgene Dinge offenbahren / so du auff meine Zukunfft fleissig acht hättest / und das Thürlein des Hertzens miauffthätest. Sey fürsichtig / wache im Gebät / und demütige dich in allen Dingen. Das XXIX [25.] Capitel. Worinnen der beständige Friede des Hertzens und der wahre Fortgang beſtehet. JEsus. 1. Mein Sohn! Ich habe gesprochen — Frieden laß Ich euch / meinen Frieden geb Ich euch; nicht wie die Welt g bet / geb Ich ihn euch. Alle von der Nachfolge Christi. 217 Alle Menschen begehren Friede / aber was zum wahren Frieden gehöret / darum bekümmern sie sich nicht alle: mein Friede ist bey den Demütigen und Sanfftmütigen von Hertzen. Dein Friede wird seyn in vieler Gedult. So du mich hören / und meiner Stimme folgen wirst / so kanst du viel Friedens geniessen. Die Seele. Was sol ich dann thun? JEsus. Gib acht auff dich / was du thust und was du redest / und richte deine gantze Absicht dahin / daß du Mir allein gefallest / und, ausser Mir nichts begehrest oder sucheſt; daß du auch von anderer Menſchen Worte oder Wercke nicht vermessentlich urtheilest / und dich nicht verwickelst in Dinge / die dir nicht befohlen sind / so mag es geschehen / daß du wenig oder selten beunruhiget wirst. 2. Aber nimmer einige Beunruhigung fühlen / noch einige Beschwerlichkeit des Hertzens oder des Leibes leyden / gehöret nicht 218 Des III Buchs 29 Capitel nicht zu dieser Zeit / sondern zum Stand der ewigen Ruhe. Derhalben meyne nicht / daß du alsdann den wahren Frieden gefunden habest / wann du eben keine Beschwerung fühlest. Gedencke auch nicht / daß es dann alles gut sey / wann du keinen hast / der dir wider ist. Glaube auch nicht / daß es eine Vollkommenheit sey / wann alle Dinge nach deinem Sinn und Willen geschehen. Halte dich auch nicht für was grosses, und daß dich GOtt für andern sonderlich liebe / wenn du etwa in einer grossen Andacht oder Süssigkeit bist: dann in solcher Dingen wird nicht ein wahrer Liebhalder Tugend erkannt / und darin besteh nicht der Fortgang und die Vollkommenheit eines Menſchen. Die Seele. 3. HErr / worin bestehet es dann? JEsus. Darin / daß du dich auß deinem gantzen Hertzen dem Göttlichen Willen aufo ferst / und weder in kleinem noch in grossem/ von der Nachfolge Christi. 219 sem / weder in der Zeit noch in der Ewigkeit / sucheſt was dem iſt; alſo daß du eines gleichen Angesichts [und Gemüts] in Danckbarkeit verbleibest / unter glückliche und widerwärtige Dinge / und alles mit gleicher Wage wiegest. Und so du in der Hoffnung so starck und langmutig wirst seyn / daß du wann dir gleich der innerliche Trost entzogen ist. dennoch dein Hertze bereitest / auch noch mehrere Dinge zu leyden / und dich auch nicht rechtfertigest / als wann du solche und so grosse Dinge nicht müstest leyden / sondern in allen meinen Forderungen mich rechtfertigest / und als heilig lobest. Alsdann wandelst du auf dem wahren und rechten Wege des Friedens / und deine Hofnung wird ungezweiffelt seyn / daß du wieder mit frölichem jubiliren mein Angesicht anschauen werdest. Und wirst du zur vollkommenen Verachtung deiner selbst gelangen / so wisse daß du dann überflüssigen Frieden genieſsen werdest / so viel du dessen in deiner Frembdlingschafft fähig bist. K 2 Das 220 Des III Buchs 30 Capitel Das XXX [26.] Capitel. Von der Vortrefflichkeit eines freyen Gemuͤts / welches vielmehr durch demuͤtiges Gebaͤtt / als durch Lesen erlanget wird. Die Seele. 1. HERR / das ist das Werck eines vollkommenen Mannes / das Gemüt von Wahrnehmung himmlischer Dinge nimmer abziehen / und unter vielen Segen als ohne Sorge durch alles hindurch gehen / nicht nach der Weise eines Faulen / sondern durch ein sonderbares Vor=Recheines freyen Gemüts / keiner Creatur mit unordentlicher Zuneigung kleben. 2. O du mein allergütigster GOtt! ich bitte dich / bewahre mich für den Sorgen dieses Lebens / daß ich nicht zu sehr eins wickelt werde von vielen leiblichen Noth wendigkeiten / daß ich nicht durch Wollust gefangen werde; und für allen Hindernüssen der Seelen / damit ich nicht durch die Beschwerlichkeiten weich gemacht / in Kleinmütigkeit niedergeworffen werde. Nicht 221 von der Nachfolge Christi. Nicht wil ich nur sagen von denen Dingen / wornach die weltliche Eitelkeit mit gantzer Begierde sich bestrebet; sondern auch von den Elenden / welche die Seele deines Knechtes durch den gemeinen Fluch der Sterblichkeit peinlich beschweren / und durch Trägheit verhindern / daß sie nicht in die Freyheit des Gemüts, so offt sie wil / eingehen kan. 3. O mein GOtt! ꝺu unaußsprechliche Süssigkeit / verkehre mir in Bitterkeit allen fleischlichen Trost / der mich abziehet von der Liebe der ewigen Dinge / und mich schädlicher Weise an sich locket durchs Ansehen eines gegenwärtigen ergetzlichen Guts. Mein GOTT! laß mein Fleisch und Blut mich nicht überwinden. Laß mich nicht die Welt und ihre kurtze Herrlichkeit betriegen. Laß mich nicht des Teuffels Arglistigkeit [verführen und] unterdrücken. Gib mir Krafft zu widerstehen / Gedult zu leyden / Beständigkeit um außzuharren. Gib mir an statt aller Tröstungen der Welt / die süsseste Salbung deines Geistes: K 3 222 Des III Buchs 30 Capitel stes: und an statt der fleischlichen Liebe geuß in mich ein die Liebe deines Namens 4. Siehe / die Speise / der Tranck die Kleidung / und was man sonst zu Unterhaltung des Leibes brauchet / sind einem brünstigen Geiste lastig. Verleyhe mir derhalben / daß ich solche Leibes=Verpflegungen mässiglich mös gebrauchen / und nicht durch zu grosse Begierde darin verstricket werde. Alle Dinge wegzuwerffen ist zwar nicht erlaubet / dann die Natur muß unter halten werden: aber überflüssige Dingssuchen / und die so uns am meisten getzen / solches verbeut das heilige Gesetz dann sonst würde das Fleisch stoltz geil wider den Geist. HERR / in diesen Dingen wolle deine Hand mich regieren und lehren / mit ich in keinem zu viel thue. D Da 223 von der Nachfolge Christi. Das XXXI [27.] Capitel. Daß die Eigen-Liebe uns am meisten vom hoͤchsten Gut abhaͤlt. JEsus. Mein Sohn! du must alles um alles 25 geben / und nichts muß dein eigen seyn. Wisse / daß die Liebe deiner selbst dich viel mehr schadet / als einiges Ding in der Welt. Ein jegliches Ding klebet dir mehr oder weniger an / nach dem Maaß der Liebe und Zuneigung / so du dem Dinge zutraͤgest. Ist aber deine Liebe lauter / einfältig und wol geordnet / so bleibest du von allen Dingen ungefangen. Begehre das nicht / was dir nicht geziemet zu haben. Verlange das nicht zu haben / was dich kan verhindern und dich deiner inwendigen Freyheit berauben. Es ist Wunder / daß du dich Mir nicht mit allem dem / das du begehren oder haben kanst / auß ganzem Grunde deines Hertzens anvertrauest. 2. WarK 4 224 Des III Buchs 31 Capitel 2. Warum verzehrest du dich mit eiteler Traurigkeit? Warum mattest du dich ab mit überflüssigen Sorgen? Stehe meinem Wolgefallen gelassen / so wirst du keinen Schaden leyden. Suchest du aber dieses oder jenes / und wilst du hier oder da seyn / um deine Bequemlichkeit und eigenes Wolgefallen viel mehr zu haben: so wirst du nimmer in Ruhe noch frey von Sorge und Kund mer seyn; dann in allen Dingen wird dir etwas fehlen / und an allen Orten finden sich / die uns zuwider sind. 3. Derhalben hilfft dir nicht / wann du ein jedes Ding erlangest / oder äusserlich vermehrest: sondern vielmehr wann du verachtest / und mit der Wurtzel auß den Hertzen außrottest. Und das solt du nicht allein verstehen von Geld=Schätzen und Reichthümern. sondern auch von dem Ehr-Geitz / und von der Begierde des eitelen Lobs / welche alles mit der Welt vergehet. Der Ort bewahret dich wenig / wann die Inbrünstigkeit des Geistes fehlet: Es wird auch der Friede / der außwendig von der Nachfolge Christi. 225 gesuchet wird / nicht lange bestehen / wann der Stand des Hertzens keinen wahren Grund hat / das ist / wann du nicht in Mir stehest. Du kanst dich wol verändern / aber nicht verbessern. Dann so bald sich eine Gelegenheit hervorthut / wirst du ebendasjenige / was du geflohen hast / und noch mehr darzu finden. Das XXXII Capitel. Ein Gebät um Reinigung des Hertzens / und um die himmlische Weißheit. Die Seele. GOTT! befestige mich durch die Gnade des Heiligen Geistes. Gib Krafft gestärcket zu werden an dem inwendigen Menschen / und mein Hertz außzuleeren von aller unnöthiger Sorge und Angst / daß ich auch nicht durch mancherley Begierden eines jeglichen Dinges / es sey nun schlecht oder köstlich / hingerucket werde / sondern alle Dinge als vergänglich ansehe / und mich / als der zugleich mit ihnen vorbey gehen wird. Denn K 1 226 Des III Buchs 32 Capitel Denn es ist nichts bestandiges unter ꝺelSonnen / da alles Eitelkeit und Quälung des Geistes ist. O wie weiß ist der, der alles also betrachtet! 2. O HERR! gib mir die himmlische Weißheit / damit ich Dich lerne über alle Dinge suchen und finden / und uͤber alle Dinge verstehen und lieben: und alle andere Dinge / nach der Ordnung deiner Weißheit / erkennen / so wie sie sind. Gib daß ich klüglich den Schmeichler ablehne / und gedultiglich den Wider wärtigen ertrage. Denn diß ist eine grosse Weißheit / nicht durch einen jeglichen Wind der Worte beweget zu werden / noch den schädlich schmeichlenden Syrenen Gehör geben. Dann also gehet man sicher fort auff dem angefangenen Wege. Das XXXIII [28] Capitel. Wider die böse Zungen der AfterReder. JEsus. 1. Mein Sohn! laß es dich nicht bekümmern 227 von der Nachfolge Christi. mern / wann einige übel von dir halten / und von dir reden / das du nicht gerne hörest. Du must von dir selbst das schlimste halten / und glauben / daß niemand schwächer ſey als du biſt. So du von innen wandelst / so wirst du fliegende Worte nicht viel achten. Es ist nicht eine geringe Klugheit / zur bösen Zeit schweigen / und sich inwendig zu Mir kehren / und durch menschlich Urtheil nicht gestöret werden. 2. Laß dein Friede nicht seyn in dem Munde der Menschen; dann ob sie dir deine Sache wol oder übel außlegen / so bist du doch deßwegen nicht ein anderer Mensch. Wo ist wahrer Friede und wahre Herrlichkeit? Ists nicht in mir? Und wer nicht begehret den Menschen zu gefallen / noch fürchtet ihnen zu mißfallen / der wird viel Frieden geniessen. Dann auß unordentlicher Liebe / und auß eiteler Furcht kommt alle Unruhe des Hertzens / und alle Zerstreuung der Sinnen. Das K 6 228 Des III Buchs 34 Capitel Das XXXIV [29.] Capitel. Wie GOtt zur Zeit der Trübsal müsse angeruffen und gelobet werden. Die Seele. 1. Dein Name / O HErr! sey gebentdeyet in Ewigkeit / der du gewolt hast / daß diese Versuchung und Trübsal über mich kommen solte. Ich kan derselben nicht entfliehen / mir ist aber vonnöthen / daß ich zu dir fliehe / daß du mir helffest / und sie mir zum Besten wendest. HErr / jetzt bin ich in Trübsal / und er ist meinem Hertzen nicht wol / sondern ich werde von den gegenwärtigen Leyden sehr gequälet. Und nun liebster Vatter / was sol ich sagen? Bedrängnüssen haben mich ergriffen: hilf/ und erlöse mich auß dieser Stunde Doch darum bin ich in diese Stunde g kommen / damit du verkläret werdest. wann ich sehr gedemütiget / und durch dich befreyet werde. Darum laß dirs / HErr / gefallen / daß du mich außhelffest: dann was kan ich Armer doch von der Nachfolge Christi. 229 doch thun / und wo sol ich hingehen ohne Dich? HErr / gib doch Gedult auch diesesmal. Hilff mir / mein GOtt / so werde ich mich nicht fürchten / wie sehr ich auch beschweret werde. 2. Und nun / was sol ich in dem allen sagen? HErr dein Wille geschehe / ich habs wol verdienet gequälet und beschweret zu werden. Ich muß es ja doch ertragen / und ach! daß ichs nur gedultig trüge / biß das Ungewitter fürüber gehet / und es wieder besser werde. Es ist aber auch deine allmächtige Hand mächtig gnug / auch diese Versuchung von mir zu nehmen / und ihre Hefftigkeit zu lindern / damit ich nicht gar drunter liegen bleibe; wie du dann vorzeiten offtmals dergestalt mit mir gehandelt / du mein GOtt und meine Barmhertzigkeit! Und je schwerer es mir ist / desto leichter ist es der Rechten Hand des Allerhöchsten dieses zu ändern. K 7 Das 230 Des III Buchs 35 Capitel Das XXXV [30.] Capitel. Daß der Menſch allein bey GOTT Trost und Hülffe suchen / und in keinem Anliegen verzagen ſol. JEsus. 1. Mein Sohn / Ich bin der HErr / der * am Tage der Trübsal stärcket: kom me zu Mir / wann es nicht wol mit ꝺistehet. Dieses ist es / was am meisten den himlischen Trost verhindert / daß du dich langsam zum Gebät kehrest. Dann ehe ꝺu mit Andacht zu mir bäteſt. suchest du indessen viel Trostes / und getzest dich in äusserlichen Dingen. Und daher kommt es / daß alles wenig hilfft / biß du erkennest / daß Ichs bin, der außhilfft die / so auf mich hoffen: es ist auch ausser mir keine zulängliche Hülffe. noch nützlicher Rath / noch einiges beständiges und bleibendes Artzney=Mittel. Nun aber / da sich dem Geist nach dem Ungewitter wieder erholet / so werde wieder gesund in dem Licht meiner Barmher Von der Nachfolge Christi. 231 hertzigkeiten: dann ich bin nahe / (spricht der HErr) daß ich alles wieder herstelle / nicht allein völlig / sondern auch überflüssig und aufgehäuffet. 2. Oder solte mir etwas zu schwer seyn? Oder solte ich gleich seyn demjenigen / der etwas saget / und nicht thut? Wo ist doch dein Glaube? Stehe fest und halte auß / ſey langmütig und ein tapfferer Mann / der Trost wird dir zu seiner Zeit ſchon kommen. Warte auf mich / warte: ich wil kommen und dich heilen. Es ist eine Versuchung die dich quälet / und eine eitele Furcht die dich erschrecket. Was nützet doch die Sorge wegen zukünfftiger Zufülle / als nur daß du eine Traurigkeit über die andere bekommst? Einem jeden Tag ist seine eigene Plage genug. Es iſt eitel und unnütz um künfftiger Dinge willen sich beunruhigen / oder sich erfreuen / welche doch vielleicht nimmermehr geschehen werden. 3. Es ist aber menschlich durch dergleichen Phantasien geplaget werden / und ist ein 232 Des III Buchs 35 Capitel ein Zeichen eines noch kleinen [und schwachen] Gemüts / so leichtlich durch des Feindes Eingeben hingerücket zu werden. Dann demselben gilt es gleiche viel / ob er einen mit Warheit oder mit Lügen verführe und betrüge / und ob er einen mit Liebe der gegenwärtigen oder mit Furcht der zukünfftigen Dinge zu Boden werffe. Derhalben laß dein Hertz nicht beunruhiget werden / und fürchte sich nicht. Glaube in mir / und setze dein Vertrauen in meine Barmhertzigkeit. ⸗0 Wann du meynest / daß du weit von mir entfernet seyst / dann bin ich offt am nächsten. Wann du gedenckest / es sey nun fast alles verlohren / dann ist offt die recht Zeit vorhanden eine grössere Gnade zu ge winnen. Es ist nicht alles verlohren / wann eine Sache schon widerwärtig außfällt. Du must nicht urtheilen nach deinem gegenwärtigen Düncken. Du must auch auf keine Beschwerzlichkeit / sie komme woher sie wolle / also han gen bleiben / und sie so annehmen / als wann nun von der Nachfolge Christi. 233 nun alle Hoffnung drauß zu kommen weggenommen sey. 4. Meyne nicht / du seyest gantz und gar verlassen / ob ich dir schon eine Zeitlang einige Trübsal zuschicke / oder auch den gewünschten Trost dir entziehe: dann also gehet man zum Himmelreich. Und das ist ohne Zweiffel dir und meinen übrigen Dienern nützlicher / daß ihr durch Widerwärtigkeiten geübet werdet / als wann ihr alle Dinge nach eurem Wunsch und Willen hättet. Ich kenne die verborgene Gedancken: und daß es zu deinem Heyl sehr nützlich sey / daß du bißweilen ohne Geschmack gelassen werdest / damit du dich nicht vielleicht erhebest in dem guten Fortgang / und die selbst wollest gefallen in dem / das du doch nicht bist. Was ich gegeben habe / kan ich wegnehmen und wiedergeben / wann es mir gefället. 5. Wann ichs gegeben habe / so ist es mein; und wann ichs wieder entziehe / so hab ich das deine nicht genommen. Dann mein ist alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe. Wann 234 Des III Buchs 35 Capitel Wann ich dir Beschwerlichkeit oder einige Widerwärtigkeit zuschicke / so werde nicht unwillig und dein Hertz verzage nicht: Ich kan bald erleichtern / und alle Last in Freude verkehren. Dennoch bin ich gerecht und hoch zu loben / wann ich dergestalt mit dir handele. 6. So du nun recht klug bist / und es in der Warheit auflehest / so must du um W derwärtigkeit willen nimmermehr so kleinmütig und betrübet werden / sondern vielmehr dich freuen und mir Danck sagen: diß für deine eintzige Freude achten / daß ich / indem ich dich mit Schmertzen schwere / deiner nicht verschone. Also sagte ich zu meinen lieben Jüngern Wie mich mein Vatter geliebet hat / als liebe ich euch auch: welche ich warlich nicht gesandt habe zu zeitlicher Freude / sondern zu grossem Streit und Kampff; nicht zu Ehren / sondern zu Schmach und Verachtung: nicht zum Müssiggang / sondern zur Arbeit; nicht zur Ruhe / sondern viel Frucht zu bringen in Gedult. Gedencke / mein Sohn / dieser Worte! Das 215 von der Nachfolge Christi. Das XXXVI [31.] Capitel. Wie man alle Geschöpffe verschmähen sol / damit man den Schöpffer finden möge. Die Seele. 1. O HErr! ich bedarf noch wol grössere Gnade / wann ich dahin gelangen sol / da mich niemand / ja keine einige Creatur verhindern kan. Dann so lange mich einig Ding fest hält / kan ich nicht frey [und ungehindert] zu dir fliegen. Jener begehrte frey zu dir auffzufliegen / welcher sprach: Wer gibt mir Flügel als einer Tauben / daß ich fliege und zur Ruhe komme? Psal. 5517. „Was ist ruhiger / dann ein einfaͤlti„ges Auge? Und was ist freyer / als einer der nichts begehret auf Erden? „Derhalben muß man alle Creatur „übersteigen / und sich selbst vollkommentlich verlassen / und in gäntzlicher Abge„schiedenheit des Gemüts stehen / und „sehen / wie daß du / der Schöpffer aller „Din 236 Des III Buchs 36 Capitel Dinge / mit den Geschöpffen nicht „gleiches habest. Und wann einer nicht loß gemacht ist von allen Creaturen / so kan er nicht frey und mit Andacht auf Göttliche Dinge g richtet seyn. Dann deßwegen werden so wenig Beschauende Seelen gefunden / weilen wenige sich von den vergänglichen Dingen und Creaturen vollkommen wissen zu scheiden. 2. Darzu ist Grosse Gnade vonnöthen / welche die Seele erhebet / und über sich ſelbſt verzücke. Und wann ein Mensch nicht im Geist erhoben, und von allen Creaturen freyet / und mit GOtt gantz vereiniget ist / so ist es nicht hoch zu achten. was er auch sonst wissen oder haben mag. Der wird lange klein bleiben / und unterliegen / der etwas anders groß achtet / ohne allein das Einige / Unermäßliche / Ewige Gut. Und was GOtt nicht ist / das ist nichts / und muß für nichts geschätzet werden. von der Nachfolge Christi. 237 Es ist ein grosser Unterscheid zwischen eines erleuchteten und andächtigen Menschen Weißheit / und der Wissenschafft eines buchstäblich-Gelehrten und studirenden Geistlichen. Die Lehre ist viel edler / welche von oben herab auß Göttlichem Einfluß entspringet / als die durch menschlichen Verstand mit vieler Mühe erlanget wird. Viele werden gefunden / welche ein beſchauliches Leben begehren / aber was darzu erfordert wird / das befleissigen sie sich nicht außzuüben. Es ist eine grosse Verhinderung / daß man bey Zeichen und sinnlichen Dingen stehen bleibet / und wenig von vollkommener Absterbung besitzet. Ich weiß nicht was es ist / und durch welchen Geist wir geführet werden / und was wir fürwenden / daß wir uns Geistliche [und Christen] nennen lassen / und dafür wollen angesehen seyn: da wir doch se grosse Mühe und Arbeit / und noch grössere Sorge auff vergängliche und nichtige Dinge wenden / hingegen an unser Inwen⸗ 18 Des III Buchs 36 Capitel wendiges kaum oder selten / mit völlig gesammleten Sinnen / gedencken. 4. Ach leyder! nach einer kleinen Einsammlung kehren wir bald wieder ins äussere / und erwegen unsere Wercke nicht mit genauer Untersuchung. Wir mercken nicht / wo unsere Begierden liegen: und wie unrein alle unsere Dinge sind / beweinen wir nicht. Alles Fleisch hatte seinen Weg verdorben / darum kam die grosse Sünd=Fluth Weil dann nun unsere innerliche B gierde sehr verdorben ist / so muß nothwendig das drauff folgende Werck / welches ein Beweiß des Mangels innerlicher Krafft und Lebens ist / auch verdorben werden dann die Frucht eines guten Lebens entspringet auß einem reinen Hertzen.4. Man fraget nur / wie grosse Dinge einer thue; aber auß wie grosser Krafft [oder inwendiger Tugend] er es thut / solch wird nicht so fleissig erwogen. Man fraget / ob einer starck / reich / schön / geschickt sey / ob er ein guter Schreiber / ein guter Sänger / ein guter Arbeiter sey; aber wie arm am Geist / wie gedultig und sanff mu von der Nachfolge Christi. 210 mütig / wie andächtig und. innig er sey / solches alles wird von vielen geschwiegen. Die Natur siehet auff das äusserliche des Menschen / die Gnade aber kehret sich zu dem Inwendigen. Sie / die Natur / wird offt betrogen; jene aber / die Gnade / hoffet in GOtt / damit sie nicht betrogen werde. Das XXXVII [32.] Capitel. Von der Verläugnung sein selbst / und Absagung aller Begierde. JEsus. Mein Sohn! du kanſt die vollkoṁene *** Freyheit nicht besitzen / wo du nicht gäntzlich dich selbst verläugnest. Dann alle die / welche in Eigenheit stehen / und alle Liebhaber ihrer selbst / die sind gefangen und gebunden / fürwitzig / umschweiffend / suchen allezeit das gemächliche / und nicht was Christi ist / sondern erdichten und stifften offt solche Dinge / die doch nicht bestehen mögen. Dann es muß alles vergehen / was nicht auß GOtt herkommt. Halte 240 Des III Buchs 37 Capitel Halte diß kurtze und vollkom̅ene Wort Verlaß alle Dinge / so wirst du alle Dinge finden. Verlaß die Begierlichkeit / so findeſt du Ruhe. Diß überlege offt mit deinem Gemütund wann du es wirst erfüllet haben / wirst du alle Dinge verstehen. Die Seele. HERR / das ist nicht das Werck einer Tages / oder Kinder-Spiel: ja in diesem kurtzen Wort wird alle Vollkommenheit der [wahren] Geistlichen beschlossen. JEsus. Sohn / du must dich nicht lassen schrecken / noch bald kleinmütig werden / du den Weg der Vollkommenen gehöret hast; sondern dadurch vielmehr zu höhern Dingen auffgemuntert werden / und wenigstens darnach von Hertzen dich sehnen. Zu wünſchen wäre es / daß es ſo mit ꝺuͤ stünde / und daß du dahin gelanget wärest / daß du kein Liebhaber ꝺeiner ſelbſt waͤreſt sondern lauterlich gelassen stündest meinem Winck / und dem Winck dessen / den ich zum geistlichen Vatter fürgesetzet habe von der Nachfolge Christi. 241 alsdann würdest du mir sehr gefallen / und dein gantzes Leben solte in Freude und Friede hingehen. Du hast noch vieles zu verlassen / wo du es mir aber nicht völlig überlässest / so wirst nicht erlangen / was du begehrest. Ich rathe dir / daß du Gold von mir kauffest / das mit Feuer durchläutert ist / damit du reich werdest / das ist die himm lische Weißheit / welche alles Irrdische mit Füssen tritt. Setze aber hindan die irrdische Weißheit / und alle Menschen= und selbst=Gefälligkeit. 2. Ich habe dir gesagt / daß du in menschlichen [und äussern] Dingen die schlechteste und geringste vor die köstliche und hohe erwählen solt. Dann die wahre himmlische Weißheit / welche nicht hoch von ihr selbst hält / noch sich groß zu machen suchet auf Erden / die scheinet gar schlecht und gering / und ist fast gar ins vergessen kommen. Viele loben sie mit dem Munde / aber ihr Leben kom̄t gar nicht damit überein; je doch ist sie die köstliche Perle / welche vor vielen verborgen ist. Das 242 Des III Buchs 38 Capitel Das XXXVIII [33.] Capitel. Von der Unbeständigkeit des menschlichen Hertzens / und wie man unter aller Unbeständigkeit die einfältige Meynung seines Hertzens auf GOtt richten müsse. Esus. 1. Mein Sohn! traue deiner Bewe — gung und Empfindung nicht / die jetzt so ist / und sich bald in was anders verkehret. Dann so lang du lebest / bist du der Veränderung unterworffen / so daß du dich auch wider deinen Willen jetzt frölich / bald traurig; jetzt ruhig / bald gestört; jetze andächtig / bald unandächtige jetzt fleissis bald träge; jetzt beschweret / bald wieder erleichtert finden wirst. Aber der Weise / und der im Geist wolgelehrt ist / stehet fest über alle diese Beänderlichkeiten / nicht darauff achtende / was er in sich empfindet / oder woher der Wind der Unbeständigkeit bläset: sondern nur daß die gantze Absicht seines Gemüts zum gebührlichen und erwünschten Ende fortDann gehe. von der Nachfolge Christi. 243 Dann dergestalt kan er unverrückt ein und derselbe bleiben / da er bey so mancherley Begebenheiten das einfältige Auge seiner Meynung unablässig auf mich gerichtet hält. 2. Je lauterer aber das Auge der Meynung ist / desto beständiger kan man auch unter so mancherley Sturm=Winden fortwandeln. Aber das Auge der lautern Meynung ist in vielen Dingen verfinſterr. Dann wie bald siehet man nicht zurück auff etwas Ergetzliches / das einem fürkommt? Und wird selten einer gefunden werden / der gantz frey ist von der Besleckung des eigenen Gesuchs. Also kamen die Juden vorzeiten nach Bethanien zu Martha und Maria / nicht um JEsu willen allein / sondern damit ſie auch Lazarum ſehen moͤgten. Derhalben muß man das Auge der Meynung reinigen / damit es einfältig / recht und schlecht sey / und über alle die mancherley Mittel auf mich gerichtet werde. L 2 Das 244 Des III Buchs 39 Capitel Das XXXIX [34.] Capitel. Daß GOtt dem Liebenden schmäcket über alle Dinge und in allen Dingen. Die Seele. 1. Siehe / mein GOtt und mein alles / was wil ich mehr / und was kan ich seeligers begehren? O ein wolschmäckendes und süst Wort! aber nur demjenigen / der daWort liebet / und nicht die Welt / noch was in der Welt iſt. Mein GOtt und mein alles! dem ders verstehet / ists gnug gesagt: und solche offt zu wiederholen / ist dem Lieben lieblich. Dann wann du gegenwärtig biß dann sind alle Dinge lieblich; bist aber abwesend / so ist alles verdrießlich. Du machest das Hertze ruhig / und bringest grossen Frieden und Wonne=reiche Freude. Du macheſt / daß man von allen Dingen recht hält und urtheilet / und dich allen Dingen lobet. von der Nachfolge Christi. 245 Es kan uns auch nichts ohne dich lange gefallen / sondern sol es angenehm seyn und wol schmäcken / so muß deine Gnade dabey seyn / und mit dem Gewürtz deiner Weißheit muß es gewuͤrtzet werden. 2. Wem Du schmackest / was mag dem übel schmäcken? Und wem du nicht schmäckest / was kan dem lieblich seyn? Aber für deiner Weißheit werden zu nichte die Weisen dieser Welt / und die fleischlich gesinnet sind; weilen bey jenen viel Eitelkeit / und bey diesen der Tod gefunden wird. Welche aber dir durch Verschmähung der weltlichen Dinge und Absterbung des Fleisches nachfolgen / die werden erkannt warhafftig weise zu seyn / weil sie von der Eitelkeit zur Warheit / von dem Fleisch zu dem Geist übergeführet werden. Solchen schmäcket GOtt / und was Gutes in den Creaturen gefunden wird, das alles bringen sie wieder über zum Lobe des Schöpffers. Aber es ist doch ein Unterscheid / und ein grosser Unterscheid zwischen dem Geschmack des Schöpffers und des Geschöpffes/ 246 Des III Buchs 39 Capitel fes / der Ewigkeit und der Zeit / des unerschaffenen Lichts und des Lichts / so durch Erleuchtung uns mitgetheilet wird. 3. O du ewiges Licht! das alle geschaffene Lichter übersteiget / blitze mit deinem Glantz von oben herab / der alles innerste meines Hertzens durchdringet. Reinige erfreue / verkläre / und mache lebendig meinen Geist samt seinen Kräfften / daß dir mit überschwenglich=jubilirender Freude anhange. O! wann wird diese selige und erwünſe te Stunde kommen / daß du mich sättigest mit deiner Gegenwart / und mir alle in allem ſeyeſt? So lange mir dieses nicht gegeben wie so werde ich keine völlige Freude haben. Es lebet / ach leyder! noch in mir de der alte Mensch / er ist noch nicht gantz creutziget / er ist noch nicht vollkommens storben / er gelüstet noch gewaltig wide den Geist / er erreget noch einheimisch Kriege / und lässet das Reich der Seelen nicht im Frieden seyn. 4. Du aber / der du herrschest übedie Gewalt des Meers / und das von der Nachfolge Christi. 24 ten seiner Wellen stillest / stehe auffund hilff mir. Zerstreue die Völcker / die Krieg begehren / zermalme sie durch deine Krafft. Ey HErr / offenbahre deine großmächtige Wunder / daß deine Rechte herrlich gemachet werde. Dann ich habe keine andere Hoffnung. noch Zuflucht / als in dich / HErr / mein GOtt. Das XL. [35.] Capitel. Daß man in diesem Leben niemals für der Versuchung sicher sey JEsus. ein Sohn / du bist nimmer sicher in — diesem Leben / sondern so lange dy lebest / sind dir die geistliche Waffen vonnöthen. Du schwebest mitten unter den Feinden / und wirst zur Lincken und zur Rechten angeſochten. Wann du derhalben nicht allenthalben den Schild der Gedult brauchest / so wirst du nicht lange ohne Wunde bleiben. Ubst L 4 248 Des III Buchs 40 Capitel Uber das / so du dein Hertz nicht festislich in mich stellest / mit einem lautern und völligen Willen / alles um meinent willen zu leyden / so kanst du diese Hitze nicht auß stehen / noch zu dem Sieges=Crantz der Seeligen gelangen. Derhalben muſt du männlich durch ab les hindurch gehen / und mit starcker Hand dich setzen wider alle Anläuffe. Dann dem überwindenden wird das verborgene Manna gegeben; dem Trägen aber wird viel Elends gekassen. 2. So du in diesem Leben Ruhe suchesl wie wirst du dann zu der ewigen Ruht gelangen? Mache dich gefast nicht zu vieler Ruhe / sondern zu vieler Gedult. 5 Suche den wahren Frieden nicht auf Erden / sondern im Himmel; nicht in den Menschen noch in andern Creaturen / sondern in GOtt allein. Um der Liebe GOttes willen must du gern alles auf ꝺich nehmen / nemlich alle Arbeit und Schmertzen / alle Versuchung gen / Plagen / Beängstigungen / Nöthen / Schwachheiten / Unrecht / Nachreden / Be von der Nachfolge Christi. 149 Beſtraffungen / Demütigungen/ Züchtigungen und Verschmähungen. Diese Dinge helffen zur Tugend; diese bewähren einen Schüler Christi: diese schmieden die himmlische Crone. Ich werde ewigen Lohn geben / vor die kurtze Arbeit; und unendliche Herrlichkeit / für eine bald fürüber gehende Schande. 3. Meynest du, daß du allezeit nach deinem Willen geistliche Tröstungen haben werdest? Nein / meine Heiligen haben dergleichen nicht allezeit gehabt / sondern vielmehr viel Beschwerlichkeiten / mancherley Versuchungen / und grosse Trostlosigkeiten auß gestanden; sie aber haben sich in allem gegültiglich gelitten / und mehr GOtt / dann ihnen selbst vertrauet. Dann sie wusten wol / daß die Leyden dieser Zeit nicht wehrt sind / die künfftige Herrlichkeit zu verdienen. Wilst du alsobald haben / das doch viele nach vielen Thränen und grosser Mühe und Arbeit kaum erlanget haben: Harre des HErrn / halte dich männlich / und stärcke dich; mißtraue nicht / weiche nicht / c 5 252 Des III Buchs 41 Capitel nicht / sondern wage deinen Leib und deine Seele beständig vor die Ehre GOttes. Ich wil dirs alles auffs allervollkommenste wiedergeben; Ich wil bey dir seyn in aller Trübsal. Das XLI [36.] Capitel. Wider die eitele Urtheile der Menschen. JEsus. 1. Mein Sohn / wirff dein Hertz sicherlich — auff den HErrn / und fürchte nicht der Menschen Urtheil / wo dich dein Gewiß sen unschüldig und frey spricht. Es ist gut und seelig dergestalt zu leyden / solches wird auch dem nicht schwer fallen der demütiges Hertzens ist / und GO mehr dann ihm selbst vertrauet. Viele reden vieles / und darum ist ihnen wenig zu glauben: aber auch allen gnug zu thun ist nicht möglich. Ob gleich Paulus sich beflissen hat aller zu gefallen in dem HErrn / und allen alle worden ist: so hat ers doch für ein geringes geachtet vom menschlichen Tage gerichtet zu werden. von der Nachfolge Christi. 251 Er hat / so viel an ihm war und so viel er konte / gnug gearbeitet zum Heyl und Erbauung anderer; dennoch hat ers nicht wehren können / daß er nicht bißweilen von andern geurtheilet oder verschmähet wurde. Derhalben hat ers alles GOtt heimgestellet / der alles erkante; und sich mit Gedult und Demut verthädiget wider die böse Mauler / oder auch wider die / welche eitele und lügenhaffte Dinge wider ihn gedachten / und sich nach ihrem Muthwillen allerhand berühmten. Dennoch hat er ihnen bißweilen geantwortet / damit nicht die Schwachen durch sein stillschweigen mögten geärgert werden. 2. Wer bist du / daß du dich für einem sterblichen Menschen fürchtest? Heute ist er / und morgen erscheinet er nicht mehr. Fürchte GOtt / so wirst du dich für dem Schrecken der Menschen nicht entsetzen. Was kan dir jemand mit Worten oder Schmähungen schaden: Er schadet ihm selber viel mehr als dir / und wird dem Gerichte GOttes nicht entfliehen mögen / er sey wer er auch wolle. L Habe 252 Des III Buchs 42 Capitel Habe du GOtt vor Augen / und zancke dich nicht mit streitigen Worten. Scheinet es gleich / daß du gegenwärtig unten liegest/ und Schmach und Schande leydest / die du nicht verdienet hast; so werde deßwegen nicht unwillig / und mindere deine Crone nicht durch Ungedult. Sondern siehe vielmehr auff mich im Himmel / der Ich mächtig bin dich auß aller Schmach und Unrecht außzureissen / und einem jeglichen nach seinen Wercken zu vergelten. Das XLII [37.] Capitel. Von der lautern und voͤlligen uͤberlassung seiner selbst / damit man die Freyheit des Hertzens erlange. JEsus. 1. Mein Sohn / verlasse dich / so findest — du mich. Stehe ohne Wahl / und ohne aller Ein genheit; so wirst du allezeit Gewinn haben dann es wird dir auch grössere Gnade geleget werden / so bald du dich Mir wirst überlassen haben / ohne dich wieder nehmen. Die 253 von der Nachfolge Christi. Die Seele. HERR / wie offt muß ich mich so gäntz lich übergeben? Und in welchen Dingen muß ich mich verlassen? JEsus. Allezeit und zu aller Stunde / im Grossen so wol als im Kleinen: Ich nehme nichts auß / sondern Ich wil / daß du in allen Dingen nackt und bloß solst erfunden werden. Dann wie kanst du sonst mein und ich dein seyn / wo du nicht inwendig und auß wendig von allem eigenen Willen berau bet bist? Je geschwinder du solches thust / desto besser wirst du es haben / und je völliger und auffrichtiger / desto mehr wirst du mir gefallen / und desto mehr wirst du auch gewinnen. Einige überlassen sich / aber mit einigem Vorbehalt / dann sie trauen GOtt nicht völlig / derhalben wollen sie sich selbst noch versorgen. Andere übergeben sich anfangs gantz / aber so bald sie hernach eine Versuchung anfället / so kehren sie wieder zu ihnen selbst / darum 254 Des III Buchs 42 Capitel darum nehinen ſie gar nicht zu in den Tugenden. Diese mögen zur wahren Freyheit eines reinen Hertzens / noch zur Gnade meiner lieblichen Gemeinsamkeit nicht gelangen: es sey dann / daß die völlige überlassung und tägliche Auffopfferung ihrer selbst vorher geschehe; ohne welche keine genußbare Vereinigung bestehe noch bestehen wird. Ich habe dirs offt gesagt / und nun sag ich es abermal: Verlasse dich selbst / und übergib dich gantz / so wirst du grossen in nerlichen Frieden geniessen. Gib alles um alles / nimm nichts außund fordere nichts wieder / stehe laut und ohne Wanckelmütigkeit in Mir / so wirst du Mich haben. So wirst du frey im Hertzen seyn / und keine Finsternüs wird dich unterdrücken. Darnach strebe / darum bitte / das begehre: daß du mögest von aller Eigenheit entbloͤsset werden / und so nackt dem nackten JESU nachfolgen / daß du dir sterben und Mir ewiglich leben mögest Als⸗ 255 von der Nachfolge Christi. Alsdann werden die eitelen Phantasien / die schädliche Beunruhigungen / und überflüssige Sorgen alle hinfallen. Alsdann wird auch die unmässige Furcht weichen / und die unordentliche Liebe sterben. Das XLIII [38.] Capitel. Wie man sich im äusserlichen wol verhalten und zu GOtt in allen Nöthen seine Zuflucht nehmen sol. JEsus. 1. Mein Sohn / dahin must du fleissig trachten, daß du an allen Orten und in allen Verrichtungen oder äussern Geschäfften inwendig frey und dein selbst maͤchtig seyest / und daß alle Dinge unter dir / und nicht du unter ihnen seyest / nicht ein Knecht oder Sclave / sondern vielmehr ein Freyer und wahrer Hebräer / der da fürüber gehet / zu dem Erbtheil und Freyheit der Kinder GOttes. Welche da erhoben stehen über das Gegenwärtige / und betrachten das Ewige. Welche 236 Des III Buchs 43 Capitel Welche die vergängliche Dinge nur mit dem lincken Auge / die himmlische aben mit dem rechten Auge ansehen. Welche von den zeitlichen Dingen sich nicht ziehen lassen / dieselbe anzukleben; sondern welche vielmehr dieselbe Dinge ziehen daß sie sich derselben wol bedienen / darzu sie von GOtt geordnet / und vom höchsten Werck=Meister eingesetzet sind / der nichts unordentlich in seinen Creaturen gelaſſen hat. 2. Wann du auch in allen Begebenheit ten nicht bey dem äusserlichen Schein stehen bleibest / noch alles was du gesehen oder gehöret / mit einem fleischlichen Auge siehest; sondern wann du in allen Zufällen alsbald mit Mose eingehest in das Hr ligthum / den HErrn Rath zu fragen: wirst du bißweilen Göttliche Antworhören / und wirst wol unterrichtet von genwärtigen und zukünfftigen Dinger/ rück kommen. Dann Moses hat allezeit seine Zuflucht genommen zum Heiligthum / wann ihm zweiffelhaffte Sachen und Fragen auff zulösen vorkamen; und er flohe zu der Hülff 257 von der Nachfolge Christi. Hülffe des Gebäts / um Abwendung der Gefahren und Boßheiten der Menschen. Alſo ſolt du auch in das heimliche Kämmerlein deines Hertzens fliehen / und die Göttliche Hülffe inbrünftig anflehen. Darum lieset man auch / wie Josua und die Kinder Israel von den Gibeonitern betrogen wurden / weil sie nicht zuvor den Mund des HErrn gefraget / sondern den schmeichlenden füssen Worten zu leicht geglaubet / und also durch falschen Schein der Redlichkeit sich betriegen liessen. Das XLIV [39.] Capitel. Wie der Mensch in seinen Geschäfft ten nicht ungeſtümm ſeyn ſol. JEsus. 1. Mein Sohn / befiehle mir immer deine — Sachen / Jch werde es zu seiner Zeit wol ordnen und schicken. Warte nur auf meine Verordnung / so wirst du Nutzen und Förderung dabey gewahr werden. Die Seele. HErr / ich wil Dir gern gnug alle meine Sachen 458 Des III Buchs 44 Capitel Sachen befehlen / weil mein uͤberlegen wenig nutzen kan. Ach! aber daß ich nur nicht so viel deuet Dingen / die noch zukünftig sind / mit meinen Gedancken nachhangen mögte / sondern deinem Wolgefallen mich unverzüg lich aufopfferte! JEsus. 2. Mein Sohn / der Mensch treibet oft eine Sache gar hefftig / welche er begehret hat er aber dieselbe erlanget / so fänget er an anders davon zu halten; dann die Meynungen der Menschen bleiben nicht lang auff einem Dinge / sondern werden viel mehr getrieben vom einen zum andern. Derhalben ist es nicht ein geringes / auch in den geringsten Dingen sich selbst zu verlassen. 3. In der Verläugnung seiner selbst bestehet des Menschen wahrer Fortgang Und ein verläugneter Mensch ist sehr frey und sicher. Aber der alte Feind / der sich allem Guten widersetzet / höret nicht auf zu versuchen: sondern er stellet ihm Tag und Nacht hinterlistig nach / ob er vielleicht den Unbehutsamen Von der Nachfolge Christi. 255 samen in seinen betrieglichen Fallstrick einſtuͤrtzen möge. Wachet und bätet / spricht der HErr / daß ihr nicht in Anfechtung fallet. Das XLV [40.] Capitel. Daß der Mensch nichts Gutes auß ihm selber habe / und sich keines Dinges rühmen kan. Die Seele. ERR / was ist der Mensch / daß du sein gedenckest: oder des MenschenKind / daß du ihn heimsuchest? Was hat der Mensch verdienet / daß du ihm deine Gnade giebest? HErr / was darf ich mich beklagen / so du mich verlässest? Oder doch mit Recht fürwenden / so du nicht thust / warum ich bitte? Gewißlich ich kan wol dieses in der Warheit gedencken und sprechen: HErrich bin nichts / ich kan nichts / ich habe nichts Gutes auß mir selber / sondern es fehlet mir in allen Stücken / und ich neige mich immer zu dem / was nichts ist: und wann 260 Des III Buchs 45 Capitel wann ꝺu mir nicht beyſteheft / unꝺ innerlich unterweisest / so werde ich gantz lau und leichtsinnig werden. Du aber / HErr / bist allezeit / und bleibest ewiglich Ein und derselbe; allezeit gut / gerecht und heilig; der du auch alle Dinge gut / gerecht und heilig außrichtest. und in deiner Weißheit ordnest. Ich aber / der ich mehr geneigt bin zum Rückgang als zum Fortgang [im Guten] ich bleibe nicht allezeit in einerley Zustand weilen sieben Zeiten sich über mich bei ändern. Jedoch wird es auch geschwind besser wann es dir gefället / und du deine Hülffreiche Hand darteicheſt. Weil du mir allein ohne allen menſe lichen Beystand helffen / und dergeste befestigen kansk / daß mein Angesicht nicht mehr so verschiedentlich verändert / sondern mein Hertz in dich / den Alleinigen / gekehret werde / und in die ruhe. 2. Daher wann ich allen menschlichen Trost wol wüste zu verwerffen / entweder um die Andacht zu erlangen / oder auß Noth⸗ 261 von der Nachfolge Christi. Nothwendigkeit / wodurch ich gezwungen werde dich zu suchen / weil kein Mensch ist / der mich trösten mag; so mögte ich billich auf deine Gnade hoffen / und über die Gabe eines neuen Trostes frohlocken. Ich dancke dir / von welchem alles herkommt / so offt es mir [im Guten] wol von statten gehet. Ich aber bin Eitelkeit und nichts für dir / ein unbeständiger und schwacher Mensch, Wessen mag ich mich dann rühmen / oder warum begehre ich doch geachtet und angesehen zu seyn? Ists vielleicht meiner Nichtigkeit wegen? Eben das wäre ja gantz eitel. Warlich die eitele Ehre ist eine böse Pestilentz und die gröste Eitelkeit: weil sie uns abziehet von der wahren Ehre / und uns beraubet der himmlischen Gnade. Dann wann der Mensch ihm selber wolgefället / so mißfället er Dir; und indem er menschlich Lob so sehr begehret / wird er beraubet der wahren Tugenden. 4. Das ist die wahre Ehre und das heilige Frohlocken / in dir sich rühmen / und nicht in sich selbst; sich freuen deines Namens 262 Des III Buchs 45 Capitel mens / und nicht in eigener Krafft / noch in einiger Creatur sich belustigen / als nur um deinent willen. Dein Name werde gelobet / und nicht der meine. Dein Werck werde groß gemacht / und nicht das meine. Dein heiliger Name werde gebenedeyet / mir aber werde nichts zugeschrieben von allem menschlichen Lobe. Du bist meine Glorie / du bist das fröliche Auffhüpffen meines Hertzens; in dir wil ich mich rühmen und frölich aufhüpffen den gantzen Tag / für mich aber sol keine Ehre seyn / als nur daß ich mich meiner Schwachheiten rühme. 5. Es mögen die Juden untereinand Ehre suchen / ich wil die Ehre suchen / allein von GOtt iſt. Dann gewiß alle menschliche Glorie / alle zeitliche Ehre / alle weltliche Hoheit. mit deiner ewigen Glorie vergliechen / ist Eitelkeit und Thorheit. O meine Warheit! meine Barmhertzigkeit! mein GOtt / du selige DreEinheit / Dir allein sey Lob / Ehre / Kraff und von der Nachfolge Christi. 163 und Herrlichkeit / durch die unendliche Ewigkeiten der Ewigkeite. Amen. Das LXVI [41.] Capitel. Von Verschmähung aller weltlichen Ehre. JEsus. 1. Mein Sohn / nimm dichs nicht an / ** wann du siehest / daß andere geehret und erhoben werden / du aber verachtet und geniedriget wirst. Erhebe dein Hertz zu mir in den Himmel / so wird dich nicht betrüben die Verachtung der Menschen auff Erden. Die Seele. HErr / wir sind in der Blindheit / und werden bald durch Eitelkeit verführet. Wann ich mich recht ansehe / so ist mir nie von einiger Creatur unrecht geschehen / darum habe ich keine Ursache mit Recht mich über dich zu beschweren. 2. Dieweil ich aber offt schwerlich wider dich gesündiget habe / so rüsten sich auch billig alle Creaturen wider mich. Mir kommt derhalben von Rechts wegen 264 Des III Buchs 47 Capitel gen nichts zu / als Schande und Verachtung; dir aber Lob / Ehre und Herrlichkeit. Und wo ich mich ꝺarzu nicht gefaſt mache / von allen Creaturen verschmahet und verlassen zu werden / ja gantz nichts zu schenen, so kan ich inwendig nicht befriediget noch befestiget / nicht geistlich erleuchtet. noch völlig mit dir vereiniget werden. Das XLVII. [42.] Capitel. Daß man den Frieden nicht auf Menschen bauen solJEsus. 1. Mein Sohn / wann du deinen Frieden * * * setzest auf einigen Menschen / we derselbe etwa einerley Meynung mit dir hat / und wol mit dir lebet / so wirst du unbeständig und verwirret seyn. So du aber deine Zuflucht nimmst zu der immer-lebenden und bleibenden Warheit / so wird dich kein weggehen der oder sterbender Freund betrüben. Die Liebe des Freundes muß in mir stehen: und um meinent willen must du lieben denjenigen / der dir düncket gut seyn von der Nachfolge Christi. 265 seyn / und der dir sonderlich lieb und werth st in diesem Leben. Ohne mich taug keine Freundschafft und währet nicht lang: es ist auch keine wahre noch reine Liebe / die Ich nicht zuſammen füge. Du muſt dermaſſen geſtorben ſeyn allen dergleichen Zuneigungen zu Menschen / die du liebest / daß du (was dich anlanget) wol gern ohne aller menschlicher Gesellschafft ſeyn wollſt. Desto näher kommt ein Mensch zu GOtt / je mehr er sich von allem irrdischen Trost entfernet. So viel höher steiget er auch auff zu GOtt / je tieffer er herunter steiget in sich selbst / und je mehr er ihm selbst gering wird. 2. Wer ihm selbst aber etwas Gutes zueignet / der verhindert / daß GOttes Gnade nicht in ihn komt: dann die Gnade des Heiligen Geistes suchet allezeit ein demütiges Hertz. Wann du dich wüstest vollkommentlich zu vernichtigen / und von aller Liebe des Geschaffenen dich zu entledigen / so müste ich mit grosser Gnade in dich einfliessen. M Wann 266 Des III Buchs 48 Capitel Wann du zurück siehest auff die Geschöpfe / so wird dir das Anschauen des Schöpfers entzogen. Lerne dich in allen Dingen überwindet um des Schöpfers willen / so magst du Göttlicher Erkäntnüs gelangen. Wie gering ein Ding auch seyn mag wann es unordentlich geliebet und angesehen wird / so hält es die Seele auff von Höchsten / und beflecket sie mit Sünden. Das XLVIII [43.] Capitel. Wider die eitele weltliche Wissen schafft. JEsus. 1. Mein Sohn! laß dich nicht bewes die schöne und subtile Reden Menschen: dan das Reich GOttes bestehnicht in Worten / sondern in der Kraff Mercke auff meine Worte / welche die Hertzen entzunden und die Gemüter leuchten / sie wircken Zerknirschung des Hertzens / und bringen mancherley Trost Liese mein Wort nimmer zu dem Ende daß du gelehrter oder weiser scheinen in gest. von der Nachfolge Christi. 867 Befleissige dich der Abtödtung deiner Untugenden / weil dir solches mehr nutzen wird / als die Erkäntnus vieler und schwerer Fragen. 2. Wann du gleich vieles liefest und erkennest / so must du doch allezeit wieder kommen zu dem einigen Anfang. Ich bin es / der Ich dem Menschen lehre die Wissenschafft; und theile den Kleinen einen weit klärern Verstand mit / als von einigem Menschen kan gelehret werden. Zu wem Ich rede / der wird bald weise seyn / und sehr im Geist zunehmen. Wehe denen / welche viele fürwitzige Dinge von den Menschen erforschen / und sich wenig bekümmern um den Weg / wie man Mir dienen sol! Es wird die Zeit kommen / da der Meister aller Meister / Christus / der HERR aller Engel / erscheinen wird / anzuhören aller Lectionen / das ist / zu untersuchen eines jeglichen Gwiſſen. Und alsdann wird Jerusalem durch. suchet werden mit Laternen / und was im Finstern verborgen ist / wird offenbahr werM 2 den / 268 Des III Buchs 48 Capitel den / und aller Zungen Schluß=Reden werden stille schweigen. Ich bins / der ich eine demütige Seele im Augenblick so hoch erhebe / daß sie mehErkäntnus der ewigen Warheit erlanget, als wann einer zehn Jahr in den Schulen studiret hätte. Ich lehre ohne Geräusch der Worteohne Verwirrung der Meynungen / ohne Auffgeblasenheit der Ehre / ohne Streitig keit mancherley Beweiß=Gründen. Ich bins / der ich lehre die irrdische Dinge verschmähen / der gegenwärtigen Dinüberdrüssig werden / die ewige Dinge und schmäcken / die Ehren fliehen / die ärnüsse leyden / alle Hoffnung in Mich. über ausser Mir nichts begehren/ und Mich alle Dinge brünstiglich lieben. 3. Dann es war einer / der Mich inniglich liebende / Göttliche Dinge gelernen und wunderbahre Dinge außgesprochat; und hat mehr Förderung gehabt / dem er alles verlassen / als wann er subtil Dinge studiret hatte. Zu einigen aber rede ich gemeine Ding zu andern sonderliche Dinge; einigen scheine von der Nachfolge Christi. 265 scheine Ich lieblich in Zeichen und Figuren / andern aber entdecke Ich Geheimnusse in grossem Licht. Es ist einerley Stimme in den Büchern / aber sie unterweiset nicht alle auff gleiche Weise; dann Ich bin innerlich der Lehrer / die Warheit, der Prüfer der Hertzen / der Ich die Gedancken erkenne / die Verrichtungen befördere / und einem jeglichen außtheile / nach dem Ichs urtheile nützlich und gut zu ſeyn. Das XLIX [44.] Capitel. Wie man sich der äussern Dinge nicht sehr annehmen sol. JEsus. Mein Sohn! du must in vielen Din— gen unwissend seyn / und dich als für einen Todten halten auff Erden / dem auch die gantze Welt gecreutziget sey. Du muſt auch viele Dinge mit einem tauben Ohr lassen fürüber gehen / und mehr daran gedencken / was zu deinem Frieden dienet. Es ist viel nützlicher / daß du deine AuM gen 270 Des III Buchs 49 Capitel gen abwendest von Dingen / die dir mißfallen / und einem jeden seinen Sinn und Meynung davon überlässest / als daß du dich in streitige Reden einlässest. Wann du mit GOtt wol stehest und sein Gericht ansiehest / so wirst du es leicht ter ertragen können / daß du überwunden werdest. Die Seele. 2. O HERR! wohin sind wir doch gekommen? Siehe / man beweinet einer zeitlichen Verlust / man arbeitet und läuff um einen geringen Gewinn / den Schaden im Geistlichen stellet man ins vergessen und kaum kehret man wieder um / wann ſpät iſt. Man gibt acht auff das / was wenig ode nichts nutzet; und was höchst nothwendig ist / da gehet man nachlässig fürüber. Weil sich der gantze Mensch auff die äusserliche Dinge außgiesset / und wo nicht bald wieder anders Sinnes wird / auch gern in den äufferlichen Ding liegen bleibet. Da von der Nachfolge Christi. Das L. [45.] Capitel. Daß nicht allen Menschen zu glauben sey; und wie man so leichtlich strauchle mit der Zungen. Die Seele. ERR hilff mir in meiner Trübsal / dann Menschen=Hülffe ist eitel. O! wie offt hab ich da keine Treue gefunden / da ich sie zu haben vermeynte? Und wie offt hab ich sie da angetroffen / da ichs am wenigsten vermuthete? Darum ist die Hoffnung auf Menschen eitel; aber der Gerechten Heyl stehet / O GOttl in Dir. Gebenedeyet seyst du / HERR mein GOtt / für alles / was uns wiederfähret! Wir aber sind schwach und unbeständig / werden bald betrogen, und verändern leicht. 2. Wer ist der Mensch / der sich so behutsam und vorsichtig in allem bewahren kan daß er nicht bißweilen in einigen Betrug oder Verwirrung [des Gemüts] gerathe: Aber HERR / wer in Dich vertrauet / und auß einfältigem Hertzen suchet / der fället so leicht nicht. Und M 4 272 Des III Buchs 50 Capitel Und wann er auch in einige Trübsal fallen mögte / und auff welche Weise er auch mögte drein gewickelt seyn / so wird er den noch bald von Dir herauß gerissen / oder getröstet werden: dann Du wirst den nicht verlassen / der in Dich hoffet biß ans Ende Ein solcher treuer Freund ist rar / der in allem Druck und Leyden seines Freundes getreu bleibet. Du HERR / Du allein bist der Getreueste in allem / und neben Dir wird keiner gefunden / der ein solcher wäre. 3. O wie wol war jene heilige Seele g. sinnet! welche sagte: Mein Gemüt ist befestiget und in Christo gegründet. fem Waͤre es alſo auch mit mir beſcha so wurde mich menschliche Furcht so leich nicht bekümmern / und ihre spitzige Wort nicht bewegen. Wer kan alle Dinge vorher sehen? Wer kan allem künfftigen übel vorbauen? Wann uns die vorher gesehene Ding offt schon verletzen / was werden dann di unversehene anders thun / als schwerlich darnieder schlagen? Aber warüm hab ich Elender mich nicht beſt 271 von der Nachfolge Christi. besser fürgesehen? Warum hab ich auch so leicht andern geglaubet? Allein wir sind Menschen / und sind nichts anders dann schwache Menschen / ob wir gleich von vielen für Engel geachtet und genennet werden. Wem sol ich glauben / HERR? Wem anders als Dir? Du bist die Warheit / die nicht betreugt noch betriegen kan. Hergegen sind alle Menschen Lügner / schwach / unbeständig und gebrechlich / sonderlich in Worten; also daß man so bald kaum glauben darff / was uns dem äussern Ansehen nach scheinet recht zu lauten. Wie fürsichtiglich hast du nicht vorher gewarnet / sich in acht zu nehmen für den Menschen; und daß des Menschen Feinde seine eigene Hauß=Genossen seyn; daß man auch nicht glauben solle / wann einer würde sagen: Siehe hier / oder siehe da. Durch meinen Schaden bin ich klug geworden / und wolte GOtt / daß es mir zu grösserer Vorsichtigkeit / und nicht zum Unverstand dienen möge! Sey behutsam / (spricht jener) sey behutM 1 174 Des III Buchs 50 Capitel hutsam / behalte es bey dir / was ich dir sage und indem ichs schweige / und meyne alles wäre verborgen / so kan er selbst nicht einmal verschweigen / was er von mir wolte verschwiegen haben / sondern er verräthet alsbald mich und sich selbst / und geh davon. Für solchen Schwätzern und unfürsich tigen Menschen bewahre mich HERR daß ich nicht in ihre Hände falle / noch der gleichen jemals begehe. Gib mir ein warhafftes und bestädiges Wort in meinen Mund / und laß eine listige Zunge ferne von mir seyn: dai was ich selbst nicht leyden wil / das muß ich allerdings selbst meyden. 5. O wie gut und ruhig iſt es vonæ dern schweigen / und nicht ohne Unterscheid alle Dinge glauben / noch leicht weiter fort sagen / sich selbst wenigen entdecken / Dich allezeit zum Einschauer unsers Hertzens suchen / und nicht durch einen jeglichen Wind der Worte herum getrieben werden / sondern alles Inwendige und Außwendige nach dem Wolgefallen deines Willens wünschen zu vollbringen! O wie von der Nachfolge Christi. 275 O wie sicher ist es zur Bewahrung der himmlischen Gnade / allen Schein vor Menschen fliehen / noch auch solche Dinge begehren / die von aussen eine Bewunderung scheinen zu verursachen! sondern mit allem Fleiß denen Dingen nachstreben / welche uns Besserung des Lebens und Ernst im Guten zuwege bringen. 6. Ach! wie so vielen hat es geschadet / daß ihre Tugend bekant und all zu früh ist gelobet worden? Wie sehr nützlich ist es hingegen andern gewesen / deren Gnade unterm stillschweigen bewahret worden / in diesem gebrechlichen Leben / welches gantz in Versuchung und Streit zugebracht wird! Das LI (46.] Capitel. Wie man das Urtheilder Welt nicht achten / sondern nur auff GOttes Urtheil sehen sol. JEsus. Mein Sohn! stehe festiglich / und hoffe — auff mich; dann was sind Worte anders als Worte? Sie fliegen durch die Lufft / aber sie verletzen keinen Stein. M 6 Biſt 176 Des III Buchs 51 Capitel Bist du schuldig / so gedencke / daß du dich ja gern bessern woltest; bist du dir aber keines Bösen bewust / so erwege / daß du solches gern um GOttes willen leyden wollest. Es ist wenig gnug / daß du bißweilen einige Worte verträgest / da du noch keine harte Schläge tragen kanſt. Und warum gehen dir so geringe Dingzu Hertzen / als weil ꝺu noch fleiſchlich biſt und mehr auff Menschen siehest / als di billig ſoltest? Dann weil du fürchtest verachtet zu werden / so wilst du nicht über deine Fehle bestraffet seyn / und suchest dich mit Entschuldigungen zu bemänteln. 2. Allein besiehe dich besser / so wirst d. kennen / wie daß noch die Welt in dir letund die eitele Liebe den menſchen zu gefalle Dann indem du fliehest verspottet unum deiner Fehler willen getadelt zu n den / so ists ja offenbahr / daß du weiwarlich demutig seyest / noch warlich Welt gestorben / noch die Welt dir treutziget ſey. Aber höre mein Wort / so wirst du zch tausend Worte der Menschen nicht achter Siehe 277 von der Nachfolge Christi. Siehe / wann auch alles wider dich geredet würde / was nur auffs boßhafftigste könte erdacht werden: was mögte es dir schaden / wann du es alles liessest fürüber gehen / und nicht mehr als für einen Stroh Halm hieltest? Solte es dir wol ein Härlein können außziehen? 3. Aber der sein Hertz nicht inwendig gekehret / noch GOtt für Augen hat / der wird leichtlich durch ein Schelt=Wort beweget. Wer aber in Mich vertrauet / und nicht begehret auff sein eigen Urtheil zu stehen / der wird vor keinen Menschen erschröcken. Dann Ich bin der Richter und Erkenner aller Heimlichkeiten / Jch weiß / wie eine Sache vorgegangen ist / Ich kenne beydes den / der Unrecht thut und den / der es leydet. Von Mir ist dieses Wort außgegangen / durch meine Zulassung ist dieses so geschehen / daß vieler Hertzen Gedancken offenbahr würden. Ich werde den Schuldigen und den Unschuldigen richten / aber zuvor hab Ich sie beyde durch mein verborgenes Gericht prüfen wollen. 4. Das M 7 278 Des III Buchs 51 Capitel 4. Das Zeugnus der Menschen betritget offt / mein Gericht ist warhafftig / ee wird bestehen / und nicht umgekehret werden; es ist meistentheils verborgen / und wenigen in allen Stücken bekant. Dennoch irret es nimmer und kan nicht irren / ob es gleich in den Augen ꝺer Unverständigen unrecht scheinet. Darum sol man in allem Gericht zu Mir lauffen / und sich nicht auff seinen genen Willen oder Gutdüncken verlaßt Dann der Gerechte wird nicht beunruhiget werden / was ihm auch von GO zugeschicket wird; ob auch schon etwas Unrechtes wider ihn vorgebracht wurde. wird ers nicht viel achten. Er wird sich auch nicht eiteler Weise freuen / wann er von andern vernünfft lich entschuldiget wird. Dann er erweget / daß ichs bin / der Hertzen und Nieren prüset / der Ich nicht richte nach dem äussern Schein und menschlichem Ansehen. Dann was nach menschlichem Urtheil löblich scheinet / das wird offt in meinen Augen sträfflich erfunden. Die 275 von der Nachfolge Christi. Die Seele. HErr GOtt! Du Gerechter / Starcker und Gedultiger Richter / der Du erkennest der Menschen Gebrechlichkeit und Verderbnüs /sey Du meine Stärcke und meine gantze Zuversicht; dann mein Gewissen vergnüget mich nicht: Du weist dasjenige / was ich selbst nicht weiß / darum muß ich mich in aller Bestraffung demütigen und ſanfftmütiglich außhalten. Verzeihe mir auch gnädiglich / so offt ich mich nicht also verhalten habe / und gib mir wiederüm die Gnade einer mehreren Leydsamkeit. Dann deine überflüssige Barmhertzigkeit ist mir besser Vergebung zu erlangen / als meine vermeynte Gerechtigkeit / das verborgene meines Gewissens zu verthätigen. Und wann ich mir auch nichts bewust bin, so kan ich mich darum nicht rechtfertigen; dieweil wann Du deine Barmhertzigkeit entzeuchst / kein Lebendiger wird gerechtfertiget vor deinem Angeſicht. Das 280 Des III Buchs 52 Capitel Das LII [47.] Capitel. Wie man alle Beſchwerlichkeiten um des ewigen Lebens willen gerne leyden sol. JEsus. 1. Mein Sohn! laß dich die Mühe und Arbeit / die du um meinent willen auff dich genommen / nicht weich machen / noch dich die Trübsalen gantz und gar darnieder werffen: sondern laß dich meine Verheissung in allen Zufällen stärcken und trösten. Dann Ich bin gnugsam es dir über alle Weise und Maaß zu vergelten. Du wirst hier nicht lange arbeiten. noch immerdar mit Schmertzen beschret werden. Warte nur ein wenig / so wirst du ein baldiges Ende aller Elenden sehen. Es wird eine Stunde kommen / da alle Arbeit und Unruh wird auffhören. Es ist gering und kurtz alles / was mit der Zeit vorüber gehet. 2. Fahre nur fort zu thun / was du thust / arbeite treulich in meinem Weinberg Ich wil deine Belohnung seyn. Schrei 281 von der Nachfolge Christi. Schreibe/ liese/ singe/ seufftze/schweige/ bäte / und erdulde männlich die Widerwärtigkeiten / dann das ewige Leben ist aller dieser / und noch grösserer Streite wol werth. Es wird der Friede kommen auff einen Tag / der dem HErrn bekant ist / und es wird weder Tag noch Nacht seyn / nemlich wie in dieser Zeit / sondern ein ewiges Licht / eine unendliche Klarheit / ein beständiger Friede / und sichere Ruhe. Alsdann wirst du nicht sagen: Wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes? Wirst auch nicht außruffen: Wehe mir! daß meine Einwohnung sich so lange verziehet / dieweil der Todt alsdann sol gestürtzet werden / und dein Heyl unvergänglich seyn wird; allda wird keine Bedräng nus / sondern eine seelige Freude und Wonne / und eine süsse und schöne Gesellſchafft ſeyn. 3. O wann du gesehen hättest die ewige Cronen der Heiligen im Himmel! und in wie grosser Herrlichkeit sie jetzt frolocken, die zuvor der Welt verächtlich / und fast des Lebens unwürdig geachtet wurden / warlich 284 Des 111 Buchs 52 Capitel lich du würdest dich alsbald biß zur Erden demütigen / und würdest viel lieber wollen allen unterthänig seyn / als einem eintzigen vorgeſetzet werden. Du würdest auch nicht die fröliche Tag dieser Welt begehren / sondern würdest dich vielmehr freuen um GOttes willen Trübsal zu leyden / und würdest unter den Menschen für nichts geachtet zu werden / für den grösten Gewinn achten. 4. O wann dir diese Dinge schmäcke ten / und tieff zu Hertzen giengen! wie wüdest du auch nur einmal klagen dürfen? Solte man nicht um des ewigen Lebenwillen alle Mühe und Arbeit erdulden Es ist nicht ein geringes das Reich GOttes verlieren oder gewinnen. Derhalben hebe dein Angesicht auff Himmel; stehe / Ich und alle meine ligen mit Mir / welche in dieser Welt groß sen Streit gehabt / werden nun erfreuet / werden nun getröstet / sind nun sicher / sich nun in Ruhe / und werden ohn Ende mit Mir bleiben in meines Vatters Reich. Da 283 von der Nachfolge Christi. Das LIII [48.] Capitel. Von dem Tag der Ewigkeit / und von den Bedrängnüssen dieses Lebens. Die Seele. du seeligste Wohnung der obern Stadt! O du allerhellester Tag der Ewigkeit welchen keine Nacht verdunckelt / sondern die höchste Warheit allezeit durchscheinet; du allezeit frölicher / allezeit sicherer Tag / dessen Stand sich nimmermehr in das Gegentheil verwandelt! O wolte GOtt / daß dieser Tag schon wäre erschienen / und alles dieses Zeitliche ein Ende nehmen mögte! Er leuchtet zwar den Heiligen mit ewigherrlicher Klarheit / aber den wallenden auff Erden leuchtet er nicht als nur von ferne und durch einen Spiegel. 2. Die Bürger des Himmels wissen / wie Freuden=reich jener Tag sey; aber die ins Elend vertriebene Kinder Eva seuff zen / daß dieser Tag so bitter und verdrietze lich ſey. Die Tage dieser Zeit sind wenig und böß / voller Schmertzen und Beängstigungem 284 Des III Buchs 53 Capitel gen: da der Mensch durch viele Sünden beflecket / durch viele unordentliche Lüster und Begierden verstricket / durch vie Furcht beklemmet / durch viele Sorgegepeiniget / durch vielen Fürwitz zerstreuet durch viele Eitelkeiten verwickelt / durch viele Irꝛthümer herum geschüttelt / durch viele Arbeit abgemattet / durch Versuchung gen beschweret / durch Wollüsten entkräfft tet / und durch Mangel und Dürfftigkeit ten gequälet wird. 3. O wann werden doch alle diese Elen den ein Ende haben? Wannehr werde ich von der jämmerlichen Sclaverey der Sünden befreyet werden? Wannehr werde ich / HERR / mit allein an Dich gedencken? Wann werde ich vollkommentlich ein freuet werden in Dir? Wann werde ich in der wahren Frei heit seyn / ohne alle Hindernüs und ohne alle beschwerung des Leibes und des Gemüts Wann wird einmal seyn gründlichen Friede / unzerstörlicher und sicherer Friede / Friede von innen und von aussen / Friede in allen Stücken fest und beständig; Gu 285 von der Nachfolge Christi. Guter JEsu! wannehr werde ich stehen und Dich sehen? Wannehr werde ich beschauen die Herrlichkeit deines Königreichs Wannehr wirst Du mir seyn alles in allen O wannehr werde ich mit Dir in deinem Reich seyn / das Du von Ewigkeit bereitet hast denen / die Dich lieben? Ich bin als ein Armer und ins Elend Verwiesener / auff dieser feindlichen Erde verlassen; da täglicher Streit und mancherley groſſes Unglück ſich findet. 4. Ach! tröste mich in meinem Elend / lindere meine Schmertzen / dann zu Dir sehnet sich all mein Verlangen. Dann alles ist mir eine Last / was mir die Welt hier zum Trost anbeut. Deiner begehre ich inniglich zu geniessen / kan Dich aber nicht erreichen. Ich wünsche den himmlischen Dingen innigst anzuhangen / aber die zeitliche Dinge und unreine ungetödtete Neigungen und Begierden drücken mich nieder. Mit meinem Gemüte wil ich wol über alle Dinge erhoben seyn / aber wider mei nen 286 Des III Buchs 53 Capitel nen Willen werd ich gezwungen ꝺem Fleisch unterthan zu seyn. Also streite ich unglückseeliger Mensch mit mir selbst / und bin mir selbst beschwerlich / indem der Geist hinauff / das Fleisch aber hinunter seyn wil. 5. O was stehe ich inwendig auß / wann ich mit meinem Gemüt mich auff himmliDinge lege / bald aber ein Hauffe fleisch licher Dinge mir / indem ich bäte / begegnen! Mein GOtt! sey nicht ferne von mir und wende dich nicht im Zorn von deinem Knecht. Schiesse deine Strahlen / und zerstrelle sie / wirff deine Pfeile auß / so werden allfeindliche Phantasien zerstöret. Verſammle meine Sinne zu Dir / gib daß ich aller weltlichen Dinge vergesse. Verleihe mir / daß ich eilend wegwerfft und verachte alle sündliche Bilder. Komme mir zu hülffe / Du Ewigt Warheit / damit mich keine Eitelkeit bewege. Komme her Du himmlische Süssigkeit / und laß alle Unreinigkeit fliehen vor denem Angesicht. „Ver von der Nachfolge Christi. 287 Vergib es mir auch / so offt ich im Gebät an etwas anders / als an Dich / gedencke. Dann ich bekenne warlich / daß ich mich sehr zerstreuet zu finden pflege: dann ich bin vielmals daselbst nicht / wo ich leiblich stehe oder sitze / sondern daselbst bin ich vielmehr / wo mich meine Gedancken hinführen. Daselbst bin ich / wo meine Gedancken sind. Und daselbst sind meine Gedancken viel / wo das, enige ist / was ich liebe. Das jenige komt mir bald in Gedancken vor / das mich nach der Natur ergetzet / oder mir sonst durch die Gewonheit wolgefällt. Daher Du / O Warheit! auß drücklich gesaget hast: Dann wo dem Schatz ist / daselbst ist auch dein Hertz. Hab ich den Himmel lieb / so gedencke ich gern an him̄lische Dinge: hab ich aber die Welt lieb / so freue ich mich mit über die weltliche Glückseeligkeiten / und betrübe mich über ihre Widerwärtigkeiten. Hab ich das Fleisch lieb / so bilde ich mir offt vor die Dinge / die das Fleisch angehen: liebe ich aber den Geist / so ergetze ich mich geistliche Dinge zu bedencken. Dann 288 Des III Buchs 54 Capitel Dann welche Dinge ich liebe / von denen rede ich gern / davon höre ich gern / und de ren Bilder trage ich mit mir nach HaußAber seelig ist der Mensch / der um deinent willen / HERR / allen Creaturen Abscheid giebet; welcher der Natur G walt thut / und die Lüste des Fleisches mit Inbrünstigkeit des Geistes creutziget: Auff daß er mit einem heitern [und ruh gen] Gewissen / Dir ein reines Gebätauffopffere / und gewürdiget werde / mit unter die Chöre der Engel zu seyn / nach dem er alle irꝛdiſche Dinge aͤuſſerlich un innerlich außgeschlossen hat. Das LIV [49.] Capitel. Vom Verlangen nach dem ewig Leben / und wie grosse Güter denen streitenden verheissen seyen. JEsus. 1. Mein Sohn! wann du empfindest — daß dir ein Verlangen nach ewigen Seeligkeit von oben herab eing gossen wird / und du von der Hütten de Leibes außzugehen begehrest / damit meint Von der Nachfolge Christi. 289 meine Klarheit ohne Schatten der Abwechselung beschauen mögest / so erweitere dein Hertz / und nimm diese heilige Eingebung mit allem Verlangen an. Sage der höchsten Gütigkeit grossen Danck / die mit dir so gnädiglich handelt / so gütiglich heimsuchet / so brünstiglich auffwecket / und so mächtiglich unterstützet / daß du nicht durch deine eigene Last auff das Irrdiſche herunter fällest. Dann du empfängest solches nicht durch deine eigene Gedancken / oder durch dein eigenes Trachten / sondern allein durch die Würdigung der Gnade von oben / und des Göttlichen Ansehens: damit du in den Tugenden / und in grösserer Demut zuneh mest / und dich zum künfftigen Streit zubereitest / und dich befleissigest mir mit aller Zuneigung deines Hertzens anzukleben, und mit brünstigem Willen zu dienen. 2. Mein Sohn / offtmals brennet das Feuer / aber die Flamme steiget nicht ohne Rauch in die Höhe. Also brennen auch einiger Menschen Flammen zu den himmlischen Dingen / und sind dennoch nicht frey von Versuchung fleisch 290 Des III Buchs 54 Capitel fleischlicher Begierden / derhalben sie dann auch nicht gäntzlich lauter vor die Ehre GOttes verrichten / was sie so begierlich von Ihm bitten. So ist auch offt dein Verlangen beschaffen / welches du gesagt daß es so hefftig und ungestümm sey. Dann das ist nicht lauter und vollkommen / was mit Eigennutzen vergifftet ist 3. Bitte von mir / nicht das / was dir ergetzlich und angenehm / sondern was M. gefällig ist und zu meiner ehre gereichet: dar so du recht urtheilest / wirst du meine derung ꝺeinem Begehren und allem ꝺem, das begehret werden mag / vorziehen unfolgen müssen. Ich kenne dein Verlangen / und habt gehöret deine vielfältige Seufftzer. Jetzt woltest du gerne seyn in der Freyheit der Herrlichkeit der Kinder GOttes; belustiget dich das ewige Hauß / das himlische Vatterland / das voller Freuden ist Aber die Stunde ist noch nicht gekommen / sondern es ist noch eine andere Zeit / nemlich die Zeit des Streits / die Zeit der Arbeit und der Prüfung. D 291 von der Nachfolge Christi. Du wünschest erfüllet zu werden mit dem Höchsten Gut / aber du kanst solches noch nicht erlangen. Ich pins: warte auff mich / (spricht der HErr) biß das Königreich GOttes komme. 4. Du must noch auff Erden geprüfet / und in vielem geübet werden. Indessen wird dir zuweilen Trost gegeben werden / aber die völlige Ersättigung wird dir nicht gegeben. Derhalben stärcke dich / und sey tapffer / so wol im Thun als im Leyden derer Dinge / die der Natur zuwider sind. Du muſt den neuen Menſchen anziehen, und in einen andern Menschen verändert werden. Du must offt thun / das / was du nicht wilt / und das lassen / was du gern wilst. Was andern gefället / wird von statten gehen; was aber dir gefället / wird nicht für sich gehen. Was andere sagen / das wird man hören; was du aber sagest / wird für nichts geachtet werden. Was andere bitten / werden sie erlangen; was du aber bittest / wirst du nicht erhalten. N 2 5. An 292 Des III Buchs 54 Capitel 5. Andere werden groß seyn in dem Munde der Menschen / von dir aber wird man schweigen. Andern wird man diß oder jenes an vertrauen / du wirst aber zu nichts nutz geachtet werden. Darum wird die Natur bißweilen traurig werden / und wird viel seyn / wann di es mit stillschweigen wirst übertragen können. In diesen und vielen dergleichen Dint gen pfleget ein treuer Dienst=Knecht beHErrn probiret zu werden / wie er selbst verläugnen und seinen Willen allem brechen könne. orit Es ist kaum etwas dergleichen / du so viel sterbens bedarffst / als sehen unleyden die Dinge / die deinem eigenen len zuwider sind; sonderlich aber wann und deinem Bedüncken nach ungereimte wenig nützliche Dinge zu thun befohlet werden. Und weil du unter einer Herꝛschaff stellet bist / und einer höhern Gewalt ni widerstehen darffst; so scheinets dir hart seyn / nach eines andern Willen zu wadeln / von der Nachfolge Christi, 293 deln / und allen eigenen Sinn fahren zu lassen. 6. Aber bedencke / mein Sohn / die Frucht dieser Mühe und Arbeit / das schnelle Ende/ und die sehr grosse Belohnung; so wirst du darüber kein Beschwernus / sondern einen gar starcken Trost deiner Gedult haben. Dann auch vor den geringen [ja sünd lichen] Willen / den du jetzt freywillig verlässest / wirst du allezeit deinen Willen haben im Himmel. Dann daselbst wirst du finden / alleswas du wirst wollen / alles das du wirst begehren können. Daselbst wird dir gegenwärtig seyn das [gantze] Vermögen alles Guts / ohne Furcht es zu verlieren. Da wird dein Wille [allezeit mit Mir eines nichts fremdes noch eigenes begehren. Da wird keiner dir widerstehen / niemand über dich klagen / niemand dich verhindern / nichts dir im Wege seyn. Sondern alle Dinge / die du je begehret / werden dir miteinander gegenwärtig seyn / und N 3 294 Des III Buchs 54 Capitel und ꝺeine gantze Begierde erquicken und auffs höchſte vergnügen. Da werde ich Herꝛlichkeit geben für ꝺierlittene Schmach; den Mantel des Lobfür deine Traurigkeit; für die niedrig Stelle / den Thron des Königreichs in Ewigkeit. Daselbst wird die Frucht des Gehors sams offenbahr werden / die Arbeit de Busse sich freuen / und die demütige Unterwerffung herrlich gekrönet werden. 7. Derhalben beuge dich jetzt demütig lich unter aller Menschen Hände / und bekümmere dich nicht darum / wer dieses oder jenes gesagt oder befohlen hat. Sondern dafür trage fleissig Sorg daß du alles für gut auffnehmest / und auffrichtigem Willen dich befleissig erfüllen / wann der Obere oder der gere / oder einer deines gleichen etwas von dir fordert oder begehret. Laß der eine diß / der andere was ander suchen / laß sich der in dem / der andere jenem rühmen / und laß er tausend=un tausendmal gelobet werden; du aber freudich weder in diesem noch in jenem / sonder von der Nachfolge Christi. 295 in der Verschmähung deiner selbst / und in meinem Wolgefallen und Ehre allein. Das solt du wünschen / daß GOtt / es sey durchs Leben oder durch den Todt / allezeit in dir verherrlichet werde. Das LV (50.] Capitel. Wie sich ein Trost=loser Mensch in die Hände GOttes auffopffern müsse. Die Seele. ERRGOTT / Heiliger Vatter / sey nun in Ewigkeit gebenedeyet; dann wie Du wilt / so ist es geschehen / und was Du macheſt / das iſt gut. Dein Knecht freue sich in Dir / nicht in sich / noch in einem andern; dann Du allein / HERR / bist die wahre Freude / Du meine Hoffnung und meine Crone / Du meine Freude und meine Ehre. Was hat dein Knecht / als nur was er von Dir empfangen hat / auch ohne sein Verdienst? Alle Dinge sind dein / die Du gegeben und die Du gemachet hast. Ich N.4 296 Des III Buchs 55 Capitel Ich aber bin arm / und in vieler Arbeit von meiner Jugend auff/ und meine Seelt wird zu Zeiten betrübet biß auff die Thränen / und auch bißweilen in sich selbst beunruhiget wegen der bevorstehenden Leyden. 2. Ich begehre die Freude deines Fritdens / ich bitte um den Frieden deiner Kinder / die in dem Licht deines Trostes von Dir geweidet werden. Gibst Du mir den Frieden / geuß Duin mich ein die heilige Freude / so wird die Seele deines Knechts voll Gesang und andächtig in deinem Lobe seyn. Entzeuchst du dich aber / wie du offtmälet pflegest / so kan er nicht lauffen den W. deiner Gebotte / sondern muß an / Brust schlagen und seine Knie beugen: wer es nicht um ihn stehet wie gestern und begestern / da dein Licht über seinem Haup schiene / und er unter dem Schatten dein Flügel beschirmet wurde für den einstürmenden Versuchungen. 3. Gerechter und allezeit Lobens=würdiger Vatter! die Stunde ist hie / daß dein Knecht geprüfet werde. Liebens=würdiger Vatter! es ist billig daß 297 von der Nachfolge Christi. daß dein Knecht in dieser Stunde etwas leyde um deinent willen. O allezeit Ehr=würdiger Vatter! die Stunde ist gekommen / die Du von Ewigkeit vorher wustest / daß kommen solte / daß dein Knecht eine kleine Zeit äusserlich unten liege, aber innerlich allezeit bey Dir lebe. Daß er ein wenig gering geachtet / gedemütiget und vor den Menschen abnehme / auch mit Leyden und Schwachheiten zerknirschet werde: daß er wiederum mit dir aufferstehe in der Morgen=Röthe des neuen Lichts / und in dem himmlischen [Wesen] verkläret werde. Heiliger Vatter! Du hast es also geordnet / und also gewolt; und es ist geschehen / was Du selbst gebotten hast. 4. Dann das ist Gnade / die Du deinem Freund beweisest: daß er nemlich in der Welt / um deinent willen / leyde und gevlaget werde / so offt und von wem du auch zulässest / daß solches geschehen sol. Ohne deinen Rath und Vorsehung und ohne Ursach geschiehet nichts auff Erden. Es ist mir gut / HErr / daß du mich gedemütiget hast; damit ich deine Rechte lerne / N 5 298 Des III Buchs 55 Capitel ne / und allen Hochmut und Vermessen heiten des Hertzens wegwerffe. Es ist mir nutzlich / daß Schande und Spott mein Angesicht bedecket hat: damit ich Dich mehr als die Menschen meinem Trost suche. Hierauß hab ich auch gelernet / zu fürchten dein unerforschliches Gerichte / der den Gerechten mit dem Gottlosen / doch nicht ohne Billigkeit und Gerechtigkeit heimſucheſt. Ich sage Dir Danck / daß Du mey Böses nicht verschonet / sondern mich rieben mit bittern Schlägen / und mich mit Schmertzen beleget / und Bedräng nüssen von aussen und von innen schicket hast. Niemand ist der mich trösten kan / auf sind. allen denen die unter dem Himmel ohne Du / HERR mein GOTT himmlischer Artzt der Seelen! der schlägest und wieder heylest / in die H. führest und wieder herauß. Deine Züchtigung sey uber mich / uns deine Rechte selbst sol mich unterweisen. 6. Siehe / geliebter Vatter! ich bin det von der Nachfolge Christi. 1 deinen Händen / ich beuge mich unter die Ruthe deiner Beſtraffung. Zerschlage meinen Rücken und meinen Halß / damit sich nach deinem Willen mein verkehrter Wille beuge. Mache auß mir einen frommen und demütigen Jünger / wie Du es dann so wol zu thun pflegest / daß ich nach allem deinem Winck und Willen wandele. Dir empfehle ich mich / und alles das meine in deine Züchtigung und Bestraf fung; es iſt beſſer nun / dann ins künff tige gestraffet werden. Du weist alle und jede Dinge / und nichts ist Dir verborgen in den Gewissen der Menſchen. Du erkennest die zukünfftige Dinge / ehe dann sie geschehen; und Du hast nicht vonnöthen / daß Dich einer lehre oder erinnere derer Dinge / so auff Erden geschehen. Du weist / was zu meiner Beförderung nützlich ist / und wie sehr mir die Trübsa dienet den Rost der Sünden abzufegen. Mache es mit mir nach deinem liebsten Wolgefallen / und verwirff mich nicht um meines sündlichen Lebens willen / welches keiN 6 300 Des III Buchs 55 Capitel keinem besser und klärlicher / als Dir allein / bekant ist. 7. HERR / gib mir zu wissen / was ich wissen muß; das zu lieben / was ich lieber muß; das zu loben / was dir am höchsten gefället; das groß zu achten / was vor die köstlich ist; und das zu verwerffen / wa in deinen Augen heßlich ist. Laß mich nicht urtheilen nach dem A sehen der aussern Augen / noch richten nach dem Gehör der Ohren unverständt Menschen: sondern mit einem war gen Urtheil die sichtbare und die geist Dinge unterscheiden / und über alles da Wolgefallen deines Willens allezeit forschen. 8. Dann der Menschen Sinne werd offt betrogen im urtheilen: und die haber dieser Welt werden auch betrogen / indem sie nur die sichtbaren Dinge lieben. Was ist der Mensch dadurch beweil er von einem andern Menschen gegeachtet wird? Es betreugt ein Betrieger den andern / ein Eiteler den andern Eitelen / ein Blind den andern Blinden / ein Schwacher der an von der Nachfolge Christi. 301 andern Schwachen / indem er ihn durch Lob erhebet; ja warlich er schändet ihn vielmehr / weil er ihn ohne Grund lobet. Dann so viel einer in deinen Augen ist / so viel ist er / und nicht mehr / sagt der demütige heilige Franciscus. Das LVI (51.] Capitel. Wie man niedrigen Wercken obliegen sol / wann man zu hoͤhern uͤbungen nicht im Stande iſt. JEsus. 1. Mein Sohn! du kanſt nicht allezeit — stehen in dem inbrunstigen Verlangen der Tugenden / noch in dem höhern Grad der Beschauung stehen bleiben; sondern wegen der angeerbten Verderbnüs must du bißweilen zu niedrigen Dingen absteigen / und die Last des vergänglichen Lebens / auch wider Willen und mit Verdruß tragen. So lang du einen sterblichen Cörper trägest / wirst du Verdruß und Beschwerung des Hertzens empfinden. Derhalben must du im Fleisch offt über die N 302 Des III Buchs 56 Capitel die Last des Fleisches seuffzen / dieweil du der geistlichen Andacht und der Göttlichen Beschauung nicht ohn Unterlaß an hangen kanſt. 2. Alsdann ists gut / daß du zu den niedrigen und äussern Wercken deine: flucht nimmest / und dich in guten Verrichtungen erquickest, meine Zukunfft und die Heimſuchung von oben mit feſtem Vertrauen erwartest / und deine LandeVerweiſung [exilium] und Dürre ꝺes Gemüts / gedultiglich leydest / biß du widerum von mir besuchet / und von allen Beängstigungen befreyet werdest. Dann ich wil machen / daß du deiner Arbeit und Mühe vergessen / und innerliche Ruhe geniessen wirst. Ich wil vor dir außbreiten die Wieser der heiligen Schrifft / auff daß du mit erweitertem Hertzen anfangest zu lauffen den Weg meiner Gebotten; und du wirst dann sagen: Die Leyden dieser Zeit sind nicht werth der zukünfftigen Herrlichkeit / die in uns sol offenbahret werden. Das von der Nachfolge Christi. 103 Das LVII [52.] Capitel. Daß sich der Mensch nicht sol des Trostes würdig / sondern der Straffe schuldig achten. Die Seele. HERR / ich bin deines Trostes nicht werth / noch einiger geistlichen Besuchung; und derhalben handelst du recht mit mir / wann du mich dürftig und trostloß liegen lässest. Ja wann ich so viel Thränen als das Meer vergiessen könte / so wäre ich doch deines Trostes noch unwürdig. Derhalben hab ich nichts verdienet / als geschlagen und gestraffet zu werden; weil ich dich schwerlich und öffters beleidiget habe. Darum wann ichs mit rechter Vernunfft überlege / so bin ich nicht würdig es geringsten Trostes. Aber du gütiger und barmhertziger GOtt / der du nicht wilt / daß deine Wercke verlohren gehen / auf daß du beweisest den Reichthum deiner Gütigkeit gegen die Gefässe deiner Barmhertzigkeit / und würdi 304 Des III Buchs 57 Capitel digest auch deinen Knecht / ohne alles eige ne Verdienst / zu trösten / über alle menschliche Weise. Dann deine Tröstungen sind nicht wie die gute Worte der Menschen. 2. Was hab ich gethan / HErr / daß du mir einigen himmlischen Trost mit theileſt? Ich erinnere mich nicht / daß ich etwas Gutes gethan hätte / sondern daß ich alzeit zur Sünde geneigt und zur Besserung träg gewesen bin. Es ist wahr / und ich kan es nicht läuftnen: würde ich anders sagen / so stünde du wider mich / und niemand würde mich verthädigen können. Was hab ich verdient mit meinen Sün den / als die Hölle und das ewige FeuerIch bekenne in der Warheit / daß ich alles Spotts und aller Verschmähung würdig bin / und es ist nicht billig / daß ich mit unter die Andächtigen gezah werde. Und ob ich gleich solches nicht gerne höre / so wil ich dennoch wider mich selbst und für der Warheit meine Sünder straf von der Nachfolge Christi. 305 straffen / damit ich so viel leichter gewürdiget werde deine Barmhertzigkeit zu erlangen. 3. Was sol ich sagen / ich verklagter Missethäter / voll aller Schande? Ich habe keinen Mund zu reden / als nur dieses Wort: Ich habe gesündiget / HErr / ich habe gesündiget / erbarme dich mein / verzeyhe mir! Laß ein wenig von mir ab / daß ich meinen Schmertzen beweine / ehe ich hinfahre in die finstere Erde / welche bedecket ist mit dem Schatten des Todes. Was forderst du dann mehr von einem verklagten und elenden Sünder / als daß er zerknirschet werde / und sich demüthige wegen ſeiner Miſſethaten? Auß der wahren Zerknirschung und Demütigung des Hertzens wächset die Hofnung zur Vergebung / das beunruhigte Gewissen wird befriediget / die verlohrne Gnade wieder ersetzet / der Mensch wird beschirmet für dem zukünfftigen Zorn / und es begegnen einander / mit dem heiligen Kuß / GOtt und die bußfertige Seele. 4. Die 306 Des III Buchs 58 Capitel 4. Die demütige Zerknirschung Sünde ist dir / HErr / ein angenehmet Opffer / welches weit lieblicher vor deinen Angesichte reucht / als angezündete Weyrauch. Diese ist auch die liebliche Salbe / welche ꝺu auf ꝺeine heilige Füſſe haſt wollen ſchütten lassen. Dann ein zerknirschtes und gedemütis tes Hertz hast du nie verschmähet. Daselbst ist die Stätte der Zuflucht von dem zornigen Angesicht des Feindes. Daselbst wird verbessert und abgewaschen / was anderswo ist angenommen und verunreiniget worden. Das LVIII [53.] Capitel. Daß die Gnade GOttes sich nicht vermische mit denen / die irrdisch geſinnet ſind. JEsus. 1. Mein Sohn! meine Gnade ist köstlich / sie lässt sich nicht vermischen mit fremden Dingen / noch mit irdiſchen Tröſtungen. Darum 107 von der Nachfolge Christi. Darum must du wegwerffen alle Hindernüssen der Gnade / wann du begehrest / daß sie dir eingegossen werde. Suche dir einen heimlichen Ort / wohne gern bey dir selbst allein / suche keines Menschen Unterredung: sondern schütte vielmehr ein andächtiges Gebät zu GOtt außdamit du ein zerknirschtes Gemüt und ein reines Gewissen behaltest. Die gantze Welt schätze für nichts: dich mit GOtt zu beschäfftigen zeuch allen auf serlichen Dingen vor. Dann du kanst dich nicht mit mir beschäfftigen / und zugleich in vergänglichen Dingen dich ergetzen. Von bekandten und lieben Freunden must du dich entfernen / und von allem zeitlichen Trost dein Gemüt abgeschieden halten. Also bittet der seelige Apostel Petrusdaß die Gläubigen sich als Frembdlinge und Pilgrimme verhalten sollen in dieser Welt. 2. O wie grosse Zuversicht wird ein Sterbender haben / den keines einigen Dinges Begierde fest hält in der Welt Aber 308 Des III Buchs 58 Capitel Aber solch ein abgeschiedenes Hertz von allen Dingen zu haben / solches kan das schwache Gemut noch nicht fassen. Und der natürliche Mensch kenne nicht die Freyheit eines inwendigen Menschen. Jedoch wann er ein warlich=geistlicher Mensch seyn wil / so muß er verläugnen alles / was ihm fern ist / und was ihm naht ist / und sich für niemand mehr hüten als für sich selbst. Wann du dich selbst vollkommen übe wunden hast / so magst du alle andere Dinge desto leichter überwältigen. Ein vollkommener Sieg ist / über sich selbst triumphiren. Dann wer sich selbst unterworffen hält / daß die Sinnlichkeit der Vernunfft / Vernunfft aber in allen Dingen nur gehorsam sey / der ist warlich ein über winder seiner selbst / und ein Herr Weit. 3. Begehrest du zu diesem Gipffel auf zusteigen / so must du männlich anfahen und die Axt an die Wurtzel legen / damit du die verborgene unordentliche Liebe 109 von der Nachfolge Christi. dir selbst / und zu allem eigenen und sichtbaren Gut / außreutest und zerstörest. Dann an diesem Laster / daß der Mensch sich selbst zu viel unordentlich liebet / hanget fast alles / was er grundlich zu uberwinden hat. Wann nun dieses übel überwunden ist / so wird bald grosser Friede und immerwährende Stille seyn. Weil aber wenige sich dahin bearbeiten / ihnen selbst vollkommentlich abzusterben / noch völlig von ihnen selbst trachten auß zugehen / derhalben bleiben sie in ihnen selbst verwickelt / und können sich nicht im Geist uͤber sich selbst erheben. Wer aber begehret frey mit mir zu wandeln / der muß nothwendig alle seine böse und unordentliche Zuneigungen tödten / und keiner Creatur mit eigener Liebe und Lust anhangen. Das LIX. [54.] Capitel. Von den verschiedenen Bewegungen der Natur und der Gnade. JEsus. ein Sohn! nimm fleissig wahr die 9 Be⸗ 810 Des III Buchs 59 Capitel Bewegungen der Natur und der Gnade / weil ihrer beyder Bewegungen einander zuwider/ und so fübtil sind/ daß sie kaum jemand unterscheiden kan / als nur ein geist licher und innerlich=erleuchteter MenschAlle zwar begehren was Gutes / und wenden etwas Gutes für in ihren Worten und Wercken; und daher werden unter dem Schein des Guten viele betrogen. Die Natur ist listig / und zeucht / verstrickt und betreugt viele / und hat sich selallezeit zum Endzweck. Aber die Gnade wandelt einfältiglich / sie meydet allen bösen Schein / sie gehet nicht mit Betrug um / und thut alle Dinge lauterlich vor GOtt / und beruhet auch endlich in Jhme. 2. Die Natur wil ungern sterben / wil nicht unterdrückt noch überwältig werden / sie wil nicht unterworffen seyn / noch sich willig unters Joch beugen lassen. Die Gnade aber befleissiget sich der eige genen Absterbung / sie widerstehet der Sinnlichkeit / sie wil gern unterworffen seyn / sie begehret überwunden zu werden / und wil sich ihrer eigenen Freyheit nicht 311 von der Nachfolge Christi. gebrauchen / es ist ihr lieb / daß sie unter der Zucht gehalten werde / sie verlanget nicht über jemand zu herrschen / sondern unter GOtt allezeit zu leben / zu stehen und zu seyn; und um GOttes willen ist sie bereit sich unter alle menschliche Creatur demütiglich zu beugen. Die Natur wircket zu ihrem eigenen Nutzen / und gibt Achtung / was für Gewinn ihr von andern kommen könne. Die Gnade aber betrachtet nicht / was ihr nützlich und begnämlich ist / sondern viel mehr was vielen ersprießlich seyn kan. Die Natur nimmt gern Ehre und EhrBezeugungen an; die Gnade aber schreibet GOtt treulich zu alle Ehre und Herrlichkeit. Die Natur fürchtet Schmach und Verachtung: die Gnade aber freuet sich um des Namens JEsu willen Schmach zu leyden. Die Natur liebet den Müssiggang und die leibliche Ruhe: die Gnade aber kan nicht müssig seyn / sondern umfasset gern die Arbeit. Die Natur wil gern was rares und schö 312 Des III Buchs 59 Capitel schönes haben / verabscheuet aber die geringe und grobe Dinge; die Gnade aber ergetzet sich an einfältigen und niedrig Dingen / harte und rauhe Dinge verwirft sie nicht / und scheuet sich nicht mit alter Kleidern bekleidet zu werden. Die Natur siehet auf das Zeitliche freuet sich des irrdischen Gewinns / traurte über Schaden / und wird entrüstet übe ein geringes Schelt-Wort: die Gnad aber betrachtet das Ewige / sie hänget nicht an zeitlichen Dingen / und wird auch nicht beunruhiget über den Verlust solcher Dinge / noch durch harte Worte verbittert weil sie ihren Schatz und ihre Freude stellet hat im Himmel / da nichts verloren gehet. 3. Die Natur ist begierlich / und nülieber als sie gibt / sie liebet das ihrige das eigene: die Gnade aber ist liebreiund gemein / sie fliehet das eigene / ist n wenigem vergnügt / und achtet / daß ben seliger sey dann Nehmen. Die Natur neiget sich zu den Geschöf fen / zu ihrem eigenem Fleisch / zu Eitell keiten und zum herumlauffen; aber Gna 111 von der Nachfolge Christi. Gnade ziehet zu GOtt und zu den Tugenden / sie saget ab den Geschöpffen / sie fliehet die Welt / sie hasset des Fleisches Begierden / sie schneidet ab die Außschweiffungen / und schämet sich / viel unter den Leuten zu erſcheinen. Die Natur hat gerne einigen äusserlichen Trost / worin sie sich mit ihren Sinnen ergetze: Aber die Gnade suchet in GOtt allein getröstet / und in dem Höchsten Gut über alle sichtbare Dinge ergetzet zu werden. 4. Die Natur thut alles um eigenen Nutzens und Bequemlichkeit willen / sie kan nichts umsonst thun; sondern sie hofet entweder etwas desgleichen / oder was bessers / oder Lob / oder Gunst vor ihre Wolthaten zu erlangen; und begehret / daß ihr Thun und ihre Gaben groß und wichtig geachtet werden: die Gnade aber suchet nichts Zeitliches /begehret auch sonst nichts zu ihrer Vergeltung / als GOtt allein zu ihrem Lohn zu haben; und begehret auch nichts mehr von den zeitlichen Nothwendigkeiten / als nur so viel dieselbe ihr zur Erlangung des Ewigen dienen können. 5. Die Natur freuet sich / wann sie viele Freun⸗ 314 Des III Buchs 59 Capitel Freunde und Anverwandten hat / sie rühmet sich ihres vornehmen Orts / und adelichen Herkommens / sie heuchelt den Gewaltigen / schmeichelt den Reichen / lobet und liebkoset diejenige / die ihr gleich sind die Gnade aber liebet auch die Feinde / sie erhebet sich nicht wegen der Menge ihrer Freunde / sie schätzet für nichts den Ort und den Stam ihrer Geburt / es sey dann / daß in demselben grössere Tugend gewesen; sie ist dem Armen günstiger als dem Reichen; sie hat mehr Mitleyden mit dem Unschuldigen / als mit dem Gewaltigen; sie freuet sich mit dem Warhafftigen / nicht mit dem betrieglichen; sie ermahnet allezeit die Frommen denen bessern Gaben nach zutrachten / und dem Sohne GOtter durch die Tugenden ähnlich zu werden. Die Natur beklaget sich bald über Magel und Beschwerlichkeit: die Gnade aber erträget allen Mangel beständig. 6. Die Natur ziehet alles auff sich selbst / sie streitet und straffet für sich: die Gnadt führet alle Dinge zurück auff GOtt / von dem sie ursprünglich herfliessen; sie schreibet ihr selbst nichts Gutes zu; sie masset sich kei 115 von der Nachfolge Christi. keines Dinges vermessentlich an; sie zancket nicht und ziehet ihre Meynung andern nicht vor; sondern in allem Sinn und Verstand unterwirfft sie sich der ewigen Weißheit und der Göttlichen Prüfung. Die Natur ist lüstern viel geheime Dinge zu wissen und was Neues zu hören / sie wil äusserlich gesehen werden / und vieles durch die Sinne erfahren; sie begehret bekant und berühmt zu werden / und solche Dinge zu thun / die Lob und Verwunderung bringen: aber die Gnade bekümmert sich nicht um neue oder fürwitzige Dinge zu wissen oder zu vernehmen / weil doch dieses alles von der alten Verderbnus herkommt / indem nichts Neues und Dauerhafftes auff Erden ist. Derhalben lehret sie die Sinnen einzäumen / die eitele Gefälligkeit und Schein vor den Menschen fliehen / die Dinge die Lobens= oder Bewunderns=würdig sind / demütig verbergen / und in einer jeden Sache und in aller Wissenschafft nur die Frucht des Nutzens und GOttes Lob und Ehre ſuchen. Sie wil nicht / daß man sie oder das 2 316 Des III Buchs 59 Capitel ihrige außschreyen oder loben sol / sondern wünschet / daß GOTT in seinen Gaben möge gebenedeyet werden / der alles auß purer Liebe mittheilet. 7. Diese Gnade ist ein übernatürlicher Licht / und eine sonderbare Gabe GOttes und ein eingedrucktes Zeichen der Außen wählten / und ein Pfand der ewigen Seeligkeit / welche den Menschen von den irrd schen Dingen auffhebet / um die ewige Dinge zu lieben / und ihn auß einem fleiſchlicheinen geistlichen Menschen machet. Je mehr nun die Natur unterdruͤcket und überwunden wird / desto gröGnade wird uns eingegossen / und mit inwendige Mensch wird täglich neuen Besuchungen / nach dem Ebenbilde GOttes / wieder erneuret. S B Dat 317 von der Nachfolge Christi. Das LX [55.] Capitel. Von der Verdorbenheit der Natur und der kräfftigen Wirckung der Gnade. Die Seele. 1. HERR mein GOTT! der Du mich nach deinem Ebenbild und Gleich nüs geschaffen hast / verleihe mir diese Gnade / welche Du gezeiget hast / daß sie so groß und zur Seeligkeit so nothwendig sey; damit ich meine böse Natur / die mich zu den Sünden und ins Verderben ziehet / möge überwinden. Dann ich fühle in meinem Fleiſche das Gesetz der Sunden / das da widerstrebet dem Gesetze meines Gemüts / und mich gefangen nimmt der Sinnlichkeit in vielen Dingen zu gehorchen. Ich kan auch ihren Neigungen und Begierden nicht widerstehen / wo mir nicht deine heiligste / und brünstiglich meinem Hertzen eingegossene Gnade beystehet. 2. Ich habe vonnöthen deiner Gnade / und deiner grossen Gnade; damit die Na⸗ 318 Des III Buchs 60 Capitel Natur überwunden werde / welche zum Bösen geneigt ist immerdar und von Jugend auff. Dann nachdem sie durch den ersten Adam gefallen / und durch die Sünde verderbet worden / ist die Straffe dieser Befleckung in alle Menschen fortgepflantzet. So daß die Natur selbst / welche gut und recht von Dir ist geschaffen worden / nun für die Sunde und für die Gebrech lichkeit der verderbten Natur genommen und gesetzet wird / dieweil ihre Bewegung / wann sie ihr selbst gelassen ist / nur zur Sünde und zum irꝛdiſchen ziehet; dann die wenige Krafft / welche ubergeblieben / ist gleich wie ein Füncklein / welches in der Aſche verborgen lieget. Dieses ist eben die natürliche Vernunfft / welche mit grosser Finsternus umgeben ist / die noch einigen Unterscheid des Guten und des Bösen / des wahren und Falschen hat / ob sie wol unvermögend ist das alles zu erfüllen / was sie für gut hält / und weder das volle Licht der Warheit / noch die Gesundheit ihrer Neigungen und Begierden besitzet. 3. Da 316 von der Nachfolge Christi. 3. Daher kommt es / mein GOTT daß ich Lust habe zu deinem Gesetz / nach dem inwendigen Menschen / wissende / daß dein Gebott gut / recht und heilig ist / bestraffende auch alles Böse / und forderende / daß ich die Sünde fliehen sol. Aber mit dem Fleiſch diene ich dem Gesetz der Sünden / indem ich mehr der Siñlichkeit als der gesunden Vernunfft gehorſam bin. Daher kommt es / daß das Gute wollen mir beylieget / aber daß ich das vollbringen nicht finde. Daher nehm ich mir offt viel Gutes für / weil aber die Gnade fehlet / um meiner Schwachheit zu hülff zu kommen / so weiche ich zurück und sincke hin / wann ich nur einen leichten Widerstand finde. Daher geschichts / daß ich den Weg der Vollkommenheit erkenne / und wie ich mich verhalten sol / sehe ich klar gnug: aber weil ich durch die Last meiner eigenen Verdorbenheit gedrücket werde / so steige ich nicht auff zu grösserer Vollkommenheit. 4. O wie so sehr ist mir / HERR / nö Des III Buchs 60 Capitel nöthig deine Gnade / das Gute anzufangen gen / fortzusetzen / und zu vollenden! Dann ohne dieselbe kan ich nichts thun ich vermag aber alles in Dir / wann mich die Gnade ſtärcket. O du warlich himmlische Gnade / ohne welche nichts sind alle eigene Verdiensten / und auch nichts zu achten alle Gab der Natur! Es gelten für Dir / HERR / nicht alle Künsten / nichts die Reichthüme nichts die Schönheit oder Stärcke / nicht Verstand oder Beredsamkeit / ohne deine Gnade. Dann die Gaben der Natur sind den Guten und Bösen gemein: die eiGabe aber der Außerwählten ist die Gnade oder die Liebe / womit sie eingezeichnet / des ewigen Lebens würdig gehalten werden. So sehr fürtrefflich ist diese Gnade daß weder die Gabe der Weissagung / noch die Gabe der Wunder=Zeichen / noch die allerhöchste Speculation [oder W. senschafft] etwas geachtet werden / ohne dieselbe. 321 von der Nachfolge Christi. Ja weder Glaube / noch Hoffnung / noch die andere Tugenden / sind Dir nicht angenehm ohne Liebe und Gnade. 5. O seeligste Gnade! die du den Armen am Geist / an Tugenden reich / und den der reich ist an vielen Gütern / demütig von Hertzen macheſt! Komm / laß dich herab zu mir / erfülle mich früh mit deinem Trost / damit meine Seele vor Müdigkeit und Dürre des Gemüts nicht in Ohnmacht falle. Ich bitte Dich / HErr / laß mich Gnade finden in deinen Augen; dann deine Gnade ist mir gnug / wann ich gleich alles übrige / welches die Natur verlanget / nicht erlange. Wann ich gleich versuchet und geplaget werde mit vielen Trübsalen / so wil ich doch kein übel fürchten / wann nur deine Gnade mit mir iſt. Sie ist meine Stärcke / sie gibt mir Rath und Hülffe; sie ist mächtiger als alle Feinde / und weiser als alle Weisen. 6. Sie ist eine Meisterin der Warheit / eine Lehrerin der Zucht / ein Licht des Hertzens / ein Trost in Bedrängnüs: sie verO 5 322 Des III Buchs 61 Capitel vertreibet die Traurigkeit / nimmt wes die Furcht; sie ernähret die Andacht; erwecket die Thränen. Was bin ich ohne dieſe Gnade anders / als ein dürres Holtz und ein fauler Stamm / den man außwirfft? Derhalben / HERR / laß deine Gnadt mir allezeit zuvorkommen und folgen / und mich zu guten Wercken ohn Unterlaß flissen machen / durch JEsum Christum deinen Sohn / Amen! Das LXI [56.] Capitel. Daß wir uns selbst verlaͤugnen / und Christo durchs Creutz nachfolgen müssen. JEsus. 1. Mein Sohn! so viel du von dir selbst kanst außgehen / so viel wirst du in mich können übergehen. Gleich wie äusserlich nichts begehren / den innerlichen Frieden bringt; also wer sich inwendig verlässet / der verbindet sich mit GOtt. Ich wil / daß du lernest die vollkomme von der Nachfolge Christi. 323 ne Verläugnung ꝺeiner ſelbſt in meinen Willen / ohne Widerspruch und Klage. Folge mir nach; Ich bin der Weg / die Warheit und das Leben: ohne Weg gehet man nicht / ohne Warheit erkennet man nicht / ohne Leben lebet man nicht. Ich bin der Weg / dem du nachfolgen must; Ich bin die Warheit / der du glauben must; Ich bin das Leben / darauf du hoffen muſt. Ich bin der unverderbliche Weg / die unbetrügliche Warheit / das unendliche Leben. Ich bin der richtigste Weg / die höchste Warheit / das wahre Leben / das selige Leben / das unerschaffene Leben. Wirst du in meinem Wege bleiben / so wirst du die Warheit erkennen / und die Warheit wird dich frey machen / und du wirft das ewige Leben ergreiffen. 2. Wilt du zum Leben eingehen / so halte die Gebotte. Wilt du die Warheit erkennen / so glaube mir. Wilt du vollkommen seyn / so verkauffe alles. O 6 Wilt Des III Buchs 61 Capitel Wilt du mein Jünger seyn / so verläugne dich selbst. Wilt du das selige Leben besitzen / so verschmähe das gegenwärtige Leben. Wilt du im Himmel erhöhet werden / so erniedrige dich in der Welt. Wilt ꝺu mit mir herꝛſchen / ſo trage mit mir das Creutz. Dann allein die Dienst=Knechte der Creutzes finden den Weg der Seligund des wahren Lichts. Die Seele. 3. HErr JEsu / weil dein Leben so g nau und enge / und der Welt verachtet war / so verleihe mir / daß ich dir mit Verachtung der Welt nachfolgen möge. Dann der Knecht ist nicht grösser dann sein Herr / noch der Lehr=Jünger über nen Meister. Laß dein Knecht in deinem Leben wogeübet werden / dann darin ist mein Heyl und die wahre Heiligkeit. Was ich ausser demselben lese oder hoͤre / das kan mich nicht völlig erquicken noch ergetzen. JE von der Nachfolge Christi. 125 JEsus. 4. Mein Sohn / weil du alle diese Dinge weist und gelesen hast / so wirst du selig seyn / wann du sie thust. Wer meine Gebotte hat / und bewahret sie / der ists / der mich liebet / und ich werde ihn lieben / und mich ihm offenbahren / und wil machen / daß er mit mir sitzen sol in dem Reiche meines Vatters. Die Seele. HErr JEsu / wie du gesagt und verheissen hast / so laß es dann doch geschehen / und also laß mich gewürdiget werden es zu erlangen. Ich habe aufgenommen / ja ich habe aufgenom̅en das Creutz von deiner Hand; ich wil es auch tragen / ja ich wil es tragen / wie du mirs aufgeleget hast / biß in den Todt. Warlich das Leben eines guten Christen ist ein Creutz / aber es führet auch zum Paradieß. Nun dann es ist angefangen / ich darf nicht mehr zurück weichen / und muß auch ja den Weg nicht verlassen. 126 Des III Buchs 62 Capitel 5. Wolan meine Brüder / lasset uns miteinander fortgehen / JESUS wird mit uns seyn. Um JESU willen haben wir diß Creutz auf uns genommen / um JESU willen lasset uns auch am Creutz verharren. Der wird unser Helffer seyn / welcher auch unser Führer und Vorgänger ist. Siehe unser König gehet vor uns herder wird für uns streiten. Lasset uns männlich folgen / niemand sei verzagt; lasset uns bereit seyn im Streit tapffer zu sterben / und lasset uns unsere Ehr und Glorie die Schande nicht anthun / daß wir vom Creutz fliehen solten. Das LXII [57.] Capitel. Daß der Mensch nicht gar zu kleinmůthig seyn solle / wann er in einige Gebrechen fället. JEsus. 1. Mein Sohn! es gefället mir mehr die Gedult und Demut in Widerwärtigkeiten / als viel Trost und Andacht im Wolstande. Warum von der Nachfolge Christi. 327 Warum betrübt dich so ein kleines Ding / das wider dich geredet wird? Ja / wenn es auch mehr gewesen wäre, hätte es dich nicht bewegen sollen. Nun aber laß es fuͤruͤber gehen; es ist nicht das erste / so ist es nicht neu / und wird auch das letzte nicht seyn / wann du lange lebest. Du bist tapffer gnug / so lang dir nichts widerwärtiges begegnet. Du gibst auch guten Rath / und weist andere mit Worten wol zu trösten / und zu stärcken: wann aber eine plötzliche Trübsal vor deine Thür kommt / hast du weder Rath noch Stärcke. Mercke doch deine grosse Gebrechlichkeit die du offt erfährest in geringen Zufällen. Dennoch geschicht alles zu deinem Heyl / wann dir diese und dergleichen Dinge begegnen. 2. Setze solches so gut du kanst auß deinem Hertzen / und wann es dich auch ruͤhret / so laß es dich doch nicht gar darnieder werffen / noch lange verwickeln. Zum wenigsten / leyde es gedultig / wann du es nicht frölich leyden kanst. Und 328 Des III Buchs 62 Capitel Und ob du es gleich nicht gerne hörest. und auch einige Entrüstung fühlest; halte dich doch ein / und laß nicht zu / daß etwas unordentliches auß deinem Munde gehe / wodurch die Schwachen könten s ärgert werden. Es wird die Bewegung / so sich in die erreget / bald sich legen / und der inwendige Schmertz durch die wiederkommende Gnade verfüsset werden. Ich lebe noch / (spricht der HErr) und bin bereit dir zu helffen / und dich mehr als gewöhnlich zu trösten / wann du mir nur vertrauest / und andächtig am üffest. 3. Seye gleichmütig / und schicke dich noch mehrere Dinge zu leyden. Es ist deßwegen nicht alles vergebenst wann du offt gewahr wirst / daß du quälet oder schwerlich versuchet wirst: di bist ein Mensch / und nicht GOtt; du bis Fleisch / und kein Engel. Wie würdest du können allezeit in glei chem Stande der Tugend verbleiben / da es doch den Engeln im Himmel und dem ersten Menschen im Paradies daran gefehlet hat? Ich von der Nachfolge Christi. 329 Ich bins / der ich die Betrübten in Gesundheit aufrichte / und die / welche ihre Schwachheit erkennen / zu meiner Gottheit hinführe. Die Seele. 4. HErr / gebenedeyet sey dein Wort / welches meinem Munde süsser ist als Honig und Honigſeim. Was solte ich doch anfangen in meinen grossen Trübsalen und Beängstigungen wo ꝺu mich nicht ſtaͤrcketeſt mit ꝺeinen heiligen Reden? Wann ich nur endlich in den Hafen der Seligkeit anlange / was lieget dann dran gelegen / was und wie viel ich gelitten habe? Gib mir ein gutes Ende / gib mir einen seligen übergang auß dieser Welt. Gedencke meiner / mein GOtt / und leite mich den geraden Weg in dein Königreich / Amen. 2 ∆ Das 350 Des 111 Buchs 63 Capitel Das LXIII (58.] Capitel. Daß man in hohen Dingen und verborgenen Gerichten GOttes nicht fürwitzig forschen sol. JEsus. 1. Mein Sohn! hüte dich / daß du von 29 hohen Sachen / und verborgenen Gerichten GOttes nicht disputirest: nemlich warum dieser so verlassen / und jenen zu so grosser Gnade auffgenommen wird; warum auch dieser so sehr geplaget / jener aber so vortrefflich hoch erhaben wird. Solche Dinge übersteigen des Menschen Verstand / und keine Vernunfft oder disputiren vermag das Göttliche Gericht zu ergründen. Derhalben wann dir der Feind solche Dinge eingibt / oder auch etliche fürwitzig Menschen dich darüm fragen / so antworte mit dem Propheten: HERR / Du bist gerecht / und deine Gerichte sind gerecht. Und dieses: Die Gerichte des HErrn sind warhafftig / gerechtfertiget in ihnen ſelbſt. Mei 31 von der Nachfolge Christi. Meine Gerichte sol man fürchten / nicht aber erforschen; weil sie dem menschlichen Verstand unbegreifflich sind. 2. Forsche und disputire auch nicht über den Vorzug der Heiligen / welcher vor dem andern der Heiligste ist / oder wer der Gröste sey im Himmelreich. Solche Dinge gebieren offt unnütze Zanckereyen und Wort-Streit / nähren die Hoffart und eitele Ehre / worauß Neid und Zwietracht entspringet / indem der eine diesen / der andere jenen Heiligen hoffärtiger Weise vorzuziehen sich bemühet. Dergleichen Dinge aber wissen und erforschen wollen / bringet keine Frucht / sondern mißfället vielmehr den Heiligen. Dann Ich bin kein GOtt der Uneinig keit / sondern des Friedens / welcher Friede mehr bestehet in wahrer Demut / als in eigener Erhöhung. 3. Etliche werden auß Eifer der Liebe zu diesem oder zu jenem gezogen mit mehrerer Zuneigung / aber mit einer Zuneigung / welche mehr menschlich als Gött. lich ist. Ich bins / der Ich alle Heiligen geſcha 332 Des III Buchs 63 Capitel schaffen habe / Ich habe ihnen die Gnad geschencket / Ich hab ihnen die Herrlichkeit gegeben. Ich weiß ihrer aller Tugenden und Wercke; Ich bin ihnen zuvorkommen mir den Seegnungen meiner Süssigkeit. Ich habe meine Außerwählten erkam von Ewigkeit her; Ich habe sie von der Welt erwählet / sie haben mich nicht erst erwählet. Ich habe sie durch Gnade beruffen / und durch Barmhertzigkeit zu Mir gezogen Ich habe sie durch mancherley Versuchungen durchgeführet; Ich habe von trefflich-reichen Trost in sie eingegossen. Ich habe ihnen gegeben die Außrung biß ans Ende / Ich habe ihre Gedult gekrönet. 4. Ich kenne den Ersten und den Letzten / ich umfasse sie alle mit unschätzbarer Liebe Ich bin zu loben in allen meinen Haligen; Ich bin über alles zu preisen und zu ehren in einem jeglichen von ihnen / die J so herrlich groß gemacht und verordnet habe / ohne einige vorhergehende eigene Verdienste. Darum 331 von der Nachfolge Christi. Darum wer einen von meinen Geringsten verachtet / der verachtet auch den Grösten; dann Ich habe beyde den Kleinen und den Grossen gemacht. Und wer einen der Heiligen verunehret / der verunehret Mich / und alle die übrigen im Königreich der Himmeln. Alle sind einer durch das Band der Liebe / sie sind eines gesinnet / sie wollen ein und dasselbe / und lieben sich alle in eines. 5. Aber / welches noch höher ist / sie lieben Mich mehr / als sich selbst und ihre Tugenden und Wercke. Dann da sie über sich selbst entzücket und ausser ihrer eigenen Liebe gezogen sind, so ergeben sie sich gäntzlich in meine Liebe / in welcher sie auch gemessender Weise ruhen. Nichts ist / welches sie kan abwendig machen oder herunter drucken; dann weil sie der Ewigen Warheit voll sind / so brennen sie von dem Feuer der unaußſprechlichen Liebe. Darum sollen fleischliche und seelische Menschen nur stilleschweigen und nicht von dem Stand der Heiligen schwätzen / da 114 Des III Buchs 63 Capitel da sie von nichts anders wissen als ihn eigene Freude zu lieben / dann sie legen im mer bald ab / bald zu / nach ihrem eigenen Gutdüncken / und nicht nach dem es der ewigen Warheit gefället. 6. Bey vielen geschicht solches auß Unwissenheit / sonderlich bey denen / die noch wenig erleuchtet sind / und gar selten einen mit vollkommener geistlicher Liebe zu lieben wissen. Solche werden noch viel auß natürlichem Trieb und menschlicher Freund schafft zu diesem oder zu jenem gezogen, und wie sie sich im Irrdischen verhalten / so bilden sie sich ein gehe es auch im Himmlischen und Geistlichen. Allein es ist ein unvergleichlicher terscheid / zwischen ꝺenr / was solche un vollkommene Menschen gedencken / und demjenigen / was erleuchtete Männer durch Offenbahrung von oben betrachten und beſchauen. 7. Darum hüte dich / mein Sohn / fürwitzig zu handeln von denen Dingen / welche deine Erkäntnüs übersteigen; sondern hierinnen befleissige dich vielmehr / und von der Nachfolge Christi. 115 und strebe darnach / daß du auch nur der Geringste im Reich GOttes mögest er funden werden. Und wenn gleich einer wüste / wer heiliger als der andere wäre / oder wer grösser gehalten würde im Reich der Himmeln; was würde ihm diese Erkäntnüs nützen / wann er nicht durch diese Erkäntnüs bewogen würde sich für Mir zu demütigen / und zu grösserm Lob meines Namens zu erheben? Derjenige ist GOtt viel angenehmer / der da bedencket die Grösse seiner Sünden / und die Kleinheit seiner Tugenden / und wie fern er noch ist von der Vollkommenheit der Heiligen; als der / welcher disputiret / wer unter ihnen grösser oder kleiner ſey. Besser ist es / mit andächtigem Gebät und Thränen GOTT bitten / daß Er uns die Gnade thun wolle / dem Leben der Heiligen in Demut nachzufolgen / als ihre Heimlichkeiten ꝺurch eitelen Fürwitz erforschen. 8. Sie / meine Heiligen / sind wol und auffs beste zufrieden / könten nur die Menschen 336 Des III Buchs 63 Capitel schen zufrieden seyn / und ihre eitele Geschwätze bezwingen. Sie rühmen sich nicht ihrer eigenen Verdiensten sintemal sie ihnen selbst nicht Gutes / sondern Mir alles zuschreiben / welIch ihnen alles auß meiner unendlichen Liebe geschencket habe, Sie sind mit so grosser Liebe der Gottheit / und überfliessender Freude erfüllet / daß es ihnen an keiner Ehre und Glorü gebricht / und an keiner Seeligkeit je mangeln kan. Alle Heiligen / je höher sie sind in der sie in Herrlichkeit / desto demütiger sind ihnen selbst / und desto näher und lieben ſind ſie Mir. Daher stehet geschrieben: Daß sie ihre Kronen niederwurffen vor GOtt / und auf ihr Angesicht fielen vor dem Lamme / anbäteten den / der da lebet in die Ewis keiten der Ewigkeiten. 9. Viele fragen / wer der Gröste sey Reich der Himmeln / welche nicht einmawissen / ob sie sollen gewürdiget seyn / unten die Geringsten gezählet zu werden. Es ist ja was Grosses / auch nun von der Nachfolge Christi. 117 Geringste seyn im Reich der Himmeln da alle groß sind / weil alle Kinder GOttes sollen genandt werden und seyn. Der Kleinste wird zu tausend werden / und ein Sünder von hundert Jahren ſol ſterben. Dann da die Jünger fragten / wer der Grösseste wär im Reich der Himmeln? Hörxen sie solche Antwort: Wo ihr euch nicht umkehret / und werdet wie die Kindelein / so werdet ihr nicht ins Reich der Himmeln eingehen. Wer sich nun selbst erniedriget / wie dieses Kindlein / der ist der Gröste im Reich der Himmeln. 10. Wehe denen / welche sich nicht willig mit den Kleinen erniedrigen wollen! dann die niedrige Pforte des Himmelreichs wird solche nicht lassen hineingehen. Wehe auch den Reichen / welche hier ihren Trost haben! dann wann die Armen werden eingehen ins Reich der Himmeln / werden sie draussen stehen und heulen. Freuet euch ihr Demütigen / und frolocket ihr Armen! dann euch ist das Reich GOt⸗ 338 Des III Buchs 64 Capitel GOttes / so ihr anders in der Warheit wandelt. Das LXIV. [59.] Capitel. Daß man alle Hoffnung und Zuversicht in GOtt setzen sol. Die Seele. 1. HERR / was ist meine Zuversicht / die ich habe in diesem Leben allem was ist mein grössester Trost / auf dem / was unter dem Himmel erscheinet. Bist du es nicht / HERR mein Gl. dessen Barmhertzigkeiten nicht zu zähle sind? Wo ist mir je wol gewesen / ohne Oder wannehr hat es mir können gehen / wann Du gegenwärtig weſen? Ich wil lieber arm seyn um deinentn len / als reich seyn ohne Dich. Ich erwehle lieber mit Dir auff Erdals ein Pilger zu wallen / als ohne Dich den Himmel zu beſitzen. Wo Du bist / da ist der Himmel von der Nachfolge Christi. 339 Du nicht bist / da ist der Todt und die Hölle. Du bist mir in meinem Verlangen / darum muß ich auch nothwendig nach Dir seufftzen / schreyen und bäten. Ich kan auff niemand völlig vertrauen / der in meinen Nöthen mich besser zur rechten Zeit zu hülff komme / als auff Dich den alleinigen GOTT. Du bist meine Hoffnung / Du bist meine Zuversicht; Du bist mein Tröster / und Betreuester in allem. 2. Alle suchen / was ihr ist / Du suchest allein mein Heyl und meinen Fortgang / und wendest mir alle Dinge zum besten. Ob Du mich gleich mancherley Versuchungen und Widerwärtigkeiten bloß stellest / so ordnest Du doch alles zu meinem Nutzen / der Du deine Geliebten auff tausenderley Art zu prüfen pflegest. In welcher Pruͤfung Du nicht weniger must geliebet und gelobet werden / als wenn Du mich mit himmlischen Tröstungen erfülletest. 3. Derhalben setze ich in Dich / HEralle meine Hoffnung und Zuflucht. In 340 Des III Buchs 64 Capitel In Dich stelle ich hie alle meine Trübsund Beängstigung / weil ich alles schwaund unbeständig finde / was ich ausser ansehe. Dan viele Freunde können nicht nutz noch starcke Helffer beschützen / noch klugt Rath=Geber eine nützliche Antwort geben / noch die Bücher der Gelehrten sten / noch einige kostbare Schätze befreinoch ein heimlicher und anmütiger Onin Sicherheit stellen / wo Du selber nicht beystehest / hilffest / stärckest / tröstest / unte weisest / und bewahrest. 4. Dann alle Dinge / welche scheinen zum Frieden und zur Glückseeligkeit zu nen / sind alle nichts / wann Du abwebist / und geben in Warheit gar keuGlückseeligkeit. Derhalben so bist du das Ende Güter / die Hoheit des Lebens / und Tieffe der Außsprüche: und in Did alles hoffen / ist der kräfftigste Trost ner Dienst=Knechte. Zu Dir sind meine Augen gerichtet. Dich traue ich / mein GOTT / Du Vat ter der Barmhertzigkeiten. Se von der Nachfolge Christi. 341 Segne und heilige meine Seele mit himmlischem Segen / daß sie werde deine heilige Wohnung / und ein Thron-Sitz deiner ewigen Herrlichkeit; daß auch nichts gefunden werde in dem Tempel deiner Hoheit / das die Augen deiner Majestät beleydige. Siehe mich an / und erhöre das Gebät deines armen Knechtes / der so fern in dem Lande des Schatten des Todes / im Elend wallet / nach der Grösse deiner Gütigkeit und nach der Vielheit deiner Erbarmungen. Beschütze und bewahre die Seele deines Knechtleins / unter so mancherley Gefah ren dieses vergänglichen Lebens; und in Begleitung deiner Gnade / führe mich durch den Weg des Friedens / zu dem Vatterland der ewigen Klarheit. Amen. Ende des dritten Buchs. Zu 342 ⸸ S i 5 ### W Zugabe einiger Zeugnüsse des Thomas à Kempis, Von seinem Glauben und Vertrauen in Christi Söhn Opffer und Verdienst. 1 PU * bist derselbe mein König S mein GOTT. Stehe auff ne Seele! gehe hinein in den Ort der wunderbahren Hütte / biß zum Hauß daß GOttes. Denn=es gezieniet sich Soliloq. Cap. 42. 143 Zugabe. du alles andere fahren lässest / und nun mit einer demütigen Ehrerbietigkeit kommest / unsern HErrn JEsum Christum deinen Heyland und Erlöser zu grüssen; welcher ist das Haupt alles Fürstenthums und Gewalt / die Freude und Krone aller Heiligen / die feste Hoffnung und gewisse Erwartung aller Glaubtgen. Er ist es / der dich gemachet und erlöset hat; Er hat vor dich gearbeitet, gekämpfet und überwunden. Er ist dein Fürsprecher / und die Verföhnung für deine Sünden. Er ist dein Tröster / dein Versorger und dein Regierer. Er st dein einiger und sonderbarer Geliebter. Der unter den Lilien weidet / und in deinem Hertzen zu bleiben wünschet. Wer hat dir jemahls so grosses Gutterwiesen? Wer hat dich mit einer so grossen Liebe geliebet? Zu diesem gehe / diesem ergib dich. = = = = O süssester und über alles lieblichster JESU! sey andächtigst gegrüsset / höchst gelobet / und jetzt und in Ewigkeit von aller Creatur gepriesen. O würdigster JESU! was 344 Zugabe. sol ich immermehr vor Ehre finden / oder welche Dancksagung sol ich Dir abstat ten / der Du mir unendliche Barmhertzig keit erzeiget? Und ob ich gleich etwas fünde / das ich Dir schencken könte / wär es nicht dein / ehe ichs gäbe? Was ich nun wiedergeben? Ich Unglückseliger / und der den guten Wercken der Heiligen sehr ungleich bin / verlasse mich auff deine überschwengliche Verdienste / und bitte / daß ich nur unter die schwachen und geringsten Glieder Außerwählten gerechnet werden mögIch weiß / daß mein Leben und Wandnicht so beschaffen ist / daß ich nur einiger massen auff mich selbst vertrauen l Tro ne; sondern meine Hoffnung und beſtehet und ruhet in ꝺeinem koſtbaret mich und theuren Blute; in welches ich gäntzlich lege und dafür halte / daß mich legen sol / mit allem / was ich than / ubertretten / verdienet und unter lassen. Darum gnädigster JESU siehe an meine Nichtigkeit und Durff tigkeit / gib acht auff die Begierde me neő 145 Zugabe. nes Hertzens / welche ich zu Dir trage und habe; nicht weil ich würdig bin / sondern weil Du gütig bist / als der Du nicht verschmähest die Unwürdigen / Dich von ihnen anrühren und lieben zu lassen. Mich schrecket meine Unreinigkeit; aber deine grosse Gütigkeit und Demut ziehet und locket mich wieder zu Dir; der Du nicht nur Mensch worden; sondern auch für einen sündigen Menschen leyden / sterben und begraben werden in wahrer Liebe eingewilliget. Und darum fliehe ich zu Dir / weil ich nichts Gutes in mir finde. Erfülle Du vor mir / was meine Krafft nicht vollenden kan. sage Dir Danck / gütiger / süsser und liebster JESU / weil Du hast wollen mein Bruder / mein Bein und Fleisch werden. II. Die * andere mir erzeigte Wolthat ist das Geheimnüß der Menschwerdung / das Werck der Erlösung / und das Loͤse=Geld unsers Heyls / welches allerdings eine Frucht Ibid. Cap. 23. 346 Zugabe. Frucht deines Leydens und Todes ist. ein grosses Werck der Gottseligkeit! ein Werck der allervortrefflichsten Liebe / der höchsten Demut und sonderbaren Gedult dieses hat der Mensch nicht verdienet. dieses hat keiner unter den Engeln thun können: hierüber haben sich die Propheten verwundert / die Apostel habens F sehen und gelehret / alle Gläubige ans nommen / und die Außerwählten lieben und betrachten es gar zu sehr. Wann diese Wolthat recht betrachtet wird. erwecket sie das Verlangen / entzündet Hertzen / nähret die Andacht / erleuchten das Gemüt / reiniget die Begierde / het nach dem Himmel / ziehet ab von Welt / führet zu Christo / und vereint die Seele mit Christo. Diese Gabe übt trifft die erstere / doch ist es einer / der beyde gegeben und gethan hat. Dam Christus / der HErr unser GOtt. in der Welt gebohren werden / hätte durch nichts genützet / wo die Erlösung das theure Blut Christi nicht gesche wäre. Darum ist mir die Gnade zu Hülf kom 347 Zugabe. kommen / und die Göttliche Barmhertzigkeit hat sich geoffenbahret / und die reiche Erlösung ist geschehen. Denn die verderbte Natur hat ohne die Hülffe des Schöpffers nicht können wiedergebracht werden. O du Vatter der Barmhertzigkeit und GOtt alles Trostes! hast den Sohn dahin gegeben / damit du den verdammten Knecht erlösetest. O eine wunderbare Würdigung deiner Gütigkeit gegen uns! welche kein menschlich Gemüt noch englische Vernunfft zu erklären vermag. O süssester JEsu! du Anfang und Ende unsers Heyls! du allein erkennest sie / als der du allein den Elenden und Verdammten hast können Hülffe leisten. Denn in der niedrigsten und verachtesten Knechts-Gestalt hast du wollen denen Menschen erscheinen / und vor denen sterblichen Würmchen hast du gantz gern (auß lauter erbarmender Liebe) das Urtheil des grausamen Todes auf dich genommen. O JEsu! du Brunn der Gütigkeit und Gottseligkeit / du Licht des ewi⸗ 348 Jugabe. ewigen Lichts / und Spiegel der Göttlichen Majestät ohne Flecken / entzündt mein Hertz durch die Betrachtung diese unaußsprechlichen Wolthat / welche du mir und der gantzen Welt hast wollen erzeigen. Es ist zwar diese Wolthat all gemein / gleich wie auch die erste / und allen gnugsam zum Heyl; aber doch würcket sie nicht in allen eine Frucht / weg Abel vieler Unglauben und Boßheit. allen Außerwählten ist sie heylsam und nützlich / als um welcher willen alles schaffen / und durch dich (JEsu Christi) wieder geschaffen (oder erquicket) worden iſt. O gütigſter JEſu! wie groſt Wolthaten hast du uns in deiner Menſa heit erwiesen / Du bist unser Brude worden / und unser Fleisch / damit wir und GOttes Kinder gerechnet würden / zum durch dich einen Zugang hätten Vatter / dessen Zorn niemand hat besöhnen wollen / als Du / von welchen er selbst saget: Diß ist mein geliebte Sohn / in welchem ich Wolgefallen habe. Eine selige Seele / welch Jugabe. 349 Geheimnüsse unserer Erlösung fleissig betrachtet / hertzlich liebet / würdiglich verehret / und vor allen dir Danck saget / und deinem Rath mehr als ihrem Gefühl trauet. Dann es ist niemand vor sich selbst geschickt / dieses Geheimnüß zu erforschen / es wird auch nicht durch menschliche Weißheit erreichet; sondern vielmehr durch einen festen Glauben / und durch das Anschauen eines reinen Hertzens / so von oben erleuchtet ist. Selig / wer durch die Gnade erlanget / was viele Weisen durch die Natur nicht haben können erkennen. O JEsu! du Weißheit des Vatters / gib mir dieses grosse und wunderbahre Geheimnuͤß deiner Menſchwerdung in dem Lichte des Glaubens zu verstehen / weil in demselben die Süssigkeit unsers gantzen Heyls verborgen lieget / die gröste Liebe drinnen überfliesset / und die Fülle deiner unerforschlichen Weißheit darauß hervor leuchtet. Dein Knecht müsse durch den Wachsthum der Tugenden und Fleiß der guten Wercke zunehmen; und mehr und mehr 350 Zugabe. in diesem denckwürdigen Geheimnuß der Menschwerdung / samt der Tieffe der heiligen Leydens unterwiesen werden / und gantz in dein innerstes gezogen werden. Der Gebrauch dieser so grossen Lieb und so grossen Würdigung ist ein setieffer Abgrund und ein Göttlich Meer / welches man nicht überschwimmen kan / in welchem die geistlichen Fische / grosse und kleine / hin und des schwimmen / welche du im Netz Glaubens gefangen haſt. Darum so müsse in meinem Gedächund nüß bleiben diese so grosse Liebe und Süssigkeit / diese so grosse Demut Sanftmut / und in allem Opffer de Gebäts und übung der Betrachtung beyfallen / und etwas von dem Geheim nuͤß der Menschwerdung und des Ledens eingemischet werden / als der ligste Weyrauch / und lieblichste Balsan zum füssen Geruch GOTT dem Vatte zu bringen. Es sagen nun mit mir / d vom HErrn erlöset sind / welche Er er löset hat auß der Hand ihrer Feinde / ein Gött 351 Zugabe. Göttlich Lob=Lied / und bezahlen samt der Dancksagung einen Gesang des hertzlichen Jubilierens. Und alle Engel / welche rings um seinen Thron stehen / fallen auff ihre Angesichter:/ und bäten das Lamm GOttes an / welches die Sünde der Welt hinweg genommen / sagendet HERR / dir gebühret Lob und Ehre / Preiß und Klarheit / Danckfagung und die Stimme des Lobes / Stärck und Herrschaft / Majestät und Weißheit / dir JEsu Christo unserm HErrn in die Ewigkeiten der Ewigkeiten / Amen. 1 L Wo * ist / gütiger JEsu / das Wort unsers Heyls / welches du in der Traurigkeit deiner Seelen geredet hast? Meine Seele ist betrübt biß in den Tod / und bald hernach sprachest du zu deinen Jüngern: Die Stunde ist kommen / daß des Menſchen Sohn in die Hände der Sunder übergeben / gecreutziget und getödtet werde. Und anderswo: Vatter hilf De tribus tabernac. Cap. 3. 352 Ingabe. hilff mir auß dieser Stunde; aber darum bin ich in diese Stunde kommen / nemlich daß du / gütiger JEsu / stürbest für das Volck / und nicht das gantze Volck verdürbe. Denn wo nicht das WeitzenKorn / welcher ist der HErr Christus / in die Erde fällt und stirbet / so bleibet allein / wenns aber stirbt / bringets viele Frucht. O eine selige Stunde! in welcher der Mensch vom ewigen Tode erlöset worden. O eine fröliche und gar angenehme Traurigkeit! welche die ew ge Traurigkeit über unser Verderben hinweg genommen hat / und denen stelichen die verlohrne Freude des Paradieses wiedergegeben hat. Dieses HErr JEsu!) war die Frucht deiner ligen Leydens und grosser Traurigkeit welche ꝺu für uns übernommen / auf daß du den verlohrnen Menschen zum ewigen Leben wiederbrächtest. Darum war dir diese Stunde nicht frölich / sondern traurig: nicht tröstlich / sondern voll Leydens: nicht friedsam / sondern voll Bedrängnuͤß / so daß du zum Volck ſag Zugabe. 353 sagtest: Ihr seyd als zu einem Mörder außgegangen mit Schwerdtern und Stangen mich zu fahen. Diese Stunde war gäntzlich eine Stunde der Verwirrung und des Nebels / weil die Juden hefftig schryen: Creutzige / creutzige Jhn / Er ist des Todes schüldig. Dennoch schwieg JEsus / und antwortete nichts / da Er von den Hohen=Priestern angeklaget wurde. Was beklagest du dich nun meine Seele? Sage / wo ist deine Gedult? Du bist schuldig / und JEsus wird vor dich gestraffet. Du hast gesündiget / und Er wird gegeisselt. Du hast diß grosse übel gethan / das nicht anders als durch seinen unschuldigen Todt hat können außgetilget werden. Was wirst du Ihm nun geben / vor allem / was Er dir gegeben hat? Und welche Vergeltung wirst du Ihm vor deine Seele geben? Er hat sein Leben vor dich gelassen / was wirst du Ihm dafür geben? Ich wil (sage ich) den Kelch des Heyls nehmen / und des HErrn Namen anruffen. Das iſt frey 554 Zugabe. freylich billig / und wann du nicht wilundanckbar seyn / so befleissige dich auch denselbigen zu trincken. Und der HERR sprach: Kanst du den Kelch trincken welchen Ich getruncken habe? Und ich antwortete: Ich vermag alles in dem der mich stärcket. V. Des * Menschen Sohn ist kommen, zu suchen und selig zu machen / das verbin lohren war. Und wiederum: Ich nicht kommen zu ruffen die Gerechten / sondern die Sünder. Darum meine Seele / richte dich auf zu einem guten Vertrauen / dem HErr hat geredet. Dem Leben war dem Höllen genahet / und du ware Tode übergeben worden: aber der HE hat sich dein erbarmet / und gedacht dir seine Barmhertzigkeit zu erweisen. Du hast dich sehr vor dem Angesicht des HErrn gefürchtet / und gedacht dich von Ihm zu verbergen / wie Adam dein VatDe vera compunctione. Zugabe. 16 ter that / da er gesündiget. Aber dein Dencken war umsonst. Du hattest auch vor / in dein Land zu fliehen / gleich wie Jonas vor dem Angesicht des HErrn in ein Schiff flohe, aber auch darinnen war deine Muͤhe vergebens. Dann du wirst weder durch Verbergen noch durch Fliehen den Händen GOttes entgehen. Darum kehre durch einen andern Wes in das himmlische Land / welchen dir der HERR gezeiget / daß du denselben wandein ſoltest. Diß iſt der Weg: Thut Busse. Dir ist der beste Rath / und eine starcke Hülffe vom Himmel gegeben worden. Der Rath ist der / daß du rechtschaffene Busse thust / und deine Sünden mit Weinen rächest / und also versöhnet mit GOTT / Frieden habest. Deine Hülffe kommt vom HErrn / der Himmel und Erden gemachet hat. Der / ob Er gleich so groß war / hat Er dennoch alle Schuld vor dir bezahlen wollen. Denn Er hat seine Seele in den Todt gegeben / und vor die übertreter gebäten / daß sie nicht verlohren würden: 35 Zugabe. den: Und also hat Er durch seinen Tot dich vom ewigen Tode errettet / und didurch ſein Creutz geholffen. Eben dasselbe recommendiret auch de Apostel Paulus seinen Gläubigen / sagen de: Er hat unsere Sunden getragen / dieselbe ans Creutz gehefftet / und uns alle uͤbertrettungen geschencket / daß w mit Ihm leben sollen. Daher ſaget eben derselbe an einem andern Ort Es ist ein treues Wort / und aller Annehmung würdig / daß Christus JEsue kommen ist in diese Welt / die Sünder selig zu machen. Siehe / welchen Trost und grosse Hoffnung hat der Hödenen Sündern gelassen; aber denen Bußfertigen / aber denen Bekehrten. Gedencke an sein heiliges Wort / welchem Er dir Hoffnung gegeben. * * V. Ein Zugabe. 157 Ein Gebät / unsern HErrn JEsum Christum zu grüssen. gegrüsset HERR JESU Sey Christe / Du König der heiligen Engel: dem alle Kraͤffte der Himmel gehorsam sind; welchen die Cherubim und Seraphim anbaͤten / loben und preisen in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Sey gegrüsset HERR JESU Christe, Du wahrer Messias und Heilige der Heiligen / welcher auß dem Schoß des Vatters in diese Welt gesandt worden; welchen alle Heiligen von Anfang erwartet; welchen die Ertz=Vätter mit grossem Verlangen zu sehen begehret: von welchem die Propheten / als von einem Zukünfftigen / durch mancherley Lob=Sprüche / gesungen. Sey gegrüsset HERR JESU ChriVide Opera Kemp. Tom. II. Orat. 7. 358 Zugabe. Christe / Du Schöpffer und Erlöse des menschlichen Geſchlechts: wel chen die Apostel und Evangelisten der Welt geprediget / und gelehret / daß der wahre GOttes Sohn f. uns Mensch worden: welche auch durch herrliche Zeichen und Wunder gegläntzet / und eine heilige Kirchauff der Welt gepflantzet haben. Sey gegrusset HERR JESU Christe / Du tapfferster Beschirme und getreuester Heyland der Heilz gen / um welches willen die heilig Maͤrtyrer die Ergetzungen diese Welt verachtet / wie auch die Straf fen ihres Leibes / und Ihm durch den Kampff des seeligen Leydens nach gefolget sind: auch um das Testment des Glaubens sich dem Tod beständig übergeben haben. ett y gegrüsset HERR Christe / Du höchster und wahrer Priester und ewiger Hirte / welchen die Priester und Leviten / die Lehrer und Bekenner durch ihr Leben / Er Zugabe. 359 Erkäntnüs und Tugenden verherrlichet: welchen die wahre Gläubigen / so den engen und schmalen Weg gegangen / von ganzem Hetzen geliebet haben. Sey gegrüsset HERR JESU Christe / Du Braͤutigam der Jungfrauen / ein Trost der Wittwen / eine Hoffnung der Wäysen / ein Zuflucht der Verlassenen / eine Erleichterung der Traurigen / das ewige Heyl der Gläubigen / und der weiteste Hafen aller derer / die zu Dir kommen / welchen eine unzaͤhlige Menge der Jungfrauen mit einer sonderbaren Zierde der Keuschheit nachfolget / so die unbefleckte Krone ihrer Auffrichtigkeit träget. Sey gegrüsset HERR JESU Christe / Du Licht der Welt / eine Quelle des Lebens / ein Paradies der Seelen / eine Lieblichkeit des Hertzens / ein Geber der Gnade / ein WiederHersteller der Unschuld / in welchem alle Schätze der Weißheit und Erkänt= 360 Zugabe. käntnüs GOttes verborgen sind. welchen erkennen ist Leben: welchem dienen ist herrschen: welchen einmal gesehen haben / ist alles gelernet haben: welchen die Engel anzuschauen begehren, und allezeit durch eine neue Begierde im Beschauen gesaͤttiget werden: Dir sey Lob / Herrlichkeit und Dancksagung / samt dem Vatter und dem heiligen Geiste / in die Ewigkeiten der Ewigkeiten / Amen! N T E . S Der Andere THOMAS à KEMPIS, Oder Göttliche Hertzens6 Lach 1 vor mehr als 300 Jahren beschrieben durch Gerlacus Petersen / von Deventer. Worinen der Weg zur wahren Weißheit / und das Exempel eines Menschen / so dieselbe erlanget / gantz lebendig und kräfftig vor Augen geleget werden. Nun erstlich auß dem Lateinischen übersetzet / nach der accuraten Edition des beruhmten Herrn Poirets. Psalm.34:6. Trettet herzu / und sehet auf den HErzn so werdet ihr erleuchtet / und euer Angesicht wird nicht zu schanden werden. Düsseldorff / bey Johan van der Smissen, Buchhändl. Anno 1730 — Auff die Vereinigung dieses Büchleins mit dem vorigen. es Ersten Kempis fromme Gaben Viel Seelen längst erbanet haben; Nun folget ihm / in teutscher SprachMit Recht / der And're Rempis nach: Sie lebten beyd' in einem Lande. Zu einer Zeit / in einem Stande / In einem Geist / mit GOTT gemein, Drum ſie auch hier gepaaret ſeyn ihr beyder GOTT auch gleichen Seegen Auf beyder Schriften wolle legen, Daß diese zwey / durch ihre Lehr / Gewinnen tausend andre mehr! Ein anderes / von einem Freunde. Ott lob! zum erstenmal der And're Kempis hier Mit jenem Zwilling tritt in Teutscher Sprach herfür. Mit Recht als Brüder sie nun wieder sind verbunden / Weil sie zu einer Zeit in einem Geiste stunden. Ist Gerlach dir zu schwer / so macht ihn Kempis leicht: Ein Bruder sa so Der erste Kempis gern die Hand dem anderen reicht. Sein Hertz auß GOttes Licht hat diß Gespräch beschrieben / Worin sein stiller Geist sich stetig wollen üben; Glaubs / du kanst solches Licht auch nur im Lichte sehn / Wann du auf diesem Weg ihm treulich wirst nachgehn. Er liebete das Creutz / beschaute GOtt auf Erden / Beschauende verklärt in GOttes Bild zu werden Diß brünſtige Geſpräch ꝺir auch im Hertzenbrenn‘ / Mein Leser / und hierauß diß Büchlein gründlich kenn; Dein Geist leb' so in GOtt / frey über all's erhoben. Die Gottheit hier und dort zu schauen und zu loben! v. H. Vor⸗ ):( ):( 0 O Vor=Rede des Übersetzers. O Mensch! (eben du / der du dieses liefest) stehe doch ein wenig stille / und bedencke mit Ernst deinen hohen Adelworzu du geschaffen / und von GOtt in diese Welt gesetzet bist: du bist nicht vor die Zeit und vor die Creatur / sondern GOtt und vor die Ewigkeit geschaffen und umb ꝺich mit GOtt und mit ꝺen Ewigkeit zu beschäfftigen; und bist eben darzu in ꝺieſer Welt / umb ꝺieſen ꝺeinen GOtt und dessen seligmachendes Angeſicht / wovon du ꝺich durch die Sünde abgewandt / und zur Creatur gekehre haft / wieder zu suchen / damit du dadurch und gründlich geheiliget und erleuchtet / GOtt in dir und du in GOtt Freude / Lust / Frieden und Vergnügen haben mögtest. 2. In dieſem Einigen liegt dein zeitliches und ewiges Heyl und Wolseyn / daz dir alles ausser GOtt nicht geben kan: die äus Vor=Rede des übersetzers. äussere Vorwürffe dieser Welt können deinen äussern Menschen kaum vergnügen / diese kurtze Zeit deines mühseligen Lebens; Inwendig aber hast du einen Hunger / der nicht gefüllet / ein Auge / das nicht gesättiget / ein Gemuͤt, (a) das nicht befriediget wird / als durch einen allgnugsamen und unendlich Liebens-würdigen Vorwurff / welcher GOtt allein ist. 3. Hast du nun / O Seele! ein aufrichtiges Verlangen in dir / diesen deinen GOtt und sein Angesicht wieder zu suchet und zu finden? So siehe zu / daß du es nicht auff eine unrechte Weise anfängest: GOtt ist ein Geist / und deinem Geiste nahe / derhalben darffst du nicht weit herum zu gaffen noch zu lauffen / oder durch viele und mancherley leibliche uͤbungen dich zu zerstreuen; viel weniger mit vielem überlegen / Forschen und Nachsinnen deiner Vernunft dir den Kopf zu brechen: diß wäre viel mehr ein Weg / umb dich immer weiter von GOtt zu entfernen / und dich (a) Die Facultät der Freude und Ruhe / sonst genannt das Gewissen / das erinnerende Wolgefallen, u. s. w. Vor=Rede des übersetzers. dich ungeschickter zur Erkanntnuͤß Seiner und seiner Warheit zu machen. 4. Trachte nur / deinem Gemüte nach GOtt gleichförmig zu werden / so magst du ihn unfehlbar und leichte finden und erkennen; Gleichwie / wer die Sonne schauen und geniessen wil / sich ins Licht der Son nen begeben muß / also must du GOT ähnlich werden / wann du auf eine wesentliche Weise (b) Gemeinschafft mit ihm ben wilt / dieses unzugängliche ewig Licht wird nicht gesehen als in seinem geiſ eigenen Licht: (c) GOtt ist ein liches / ewiges / uneingeschräncktes einfaltiges / sanfftes / stilles wonnesames Wesen / je mehr du nur eben diese Eigenschafften inwendig Otte kommst / desto näher kommst du und wirst fähig / daß Er sich dir mittheilen und offenbahren kan. 5. GOtt ist ein abgeschiedenes / Geiß liches Wesen / fremde dieser groben den Sinnen / und der Vernunfft: will du nun Ihn finden / und sein Angesicchauen (b) 1 Joh. 1: 5/6/7. (c) Psal. 36: 10 Vor=Rede des übersetzers. schauen / so halte auch du dich mit deinem Geist / Liebe / Lust und Hertzens=Gedancken / so viel möglich / abgeschieden und fremd der Welt und allem dem / das in der Welt iſt; laß keine Creatur mit Willen in dich hinein / und kehre auch mit deiner Lust und Liebe zu keiner Creatur hinauß; meyde alle unnötige Außschweiffung und Wirckſamkeit deiner Sinnen und Vernunfft; siehe deinen sinnlichen / vernünfftigen Theil an / als wann es ein fremder Mensch wäre / und bleibe du im Geist / mit deiner Andacht und LiebesNeigung / zu GOtt gewandt in deinem Jnwendigen; mache dich mit ihm im Verborgenen deines Geistes recht gemein / und nimm dichs nicht an / was draussen vorgehet. 6. GOtt wohnet in sich selbst in der Ewigkeit / Er ist allezeit derselbe / bey Ihm ist kein vor oder nach / sondern ein stets währendes Heute: wilt du ihm nun nahen, o Seele! und Gemeinschafft mit ihm haben / so meyde alles unnötige zuruͤck und vorauß=dencken / all dein vernünfftiges überlegen / forschen und sorgen / und blei⸗ Vor=Rede des übersetzers. bleibe wie ein unschuldiges Kindlein / mit deinem Sinn und Gemüt / im gegenwär tigen Augenblick bey dem HErrn / und laß ihn für dich sorgen und dich leiten. 7. GOtt ist ein allgemeines / unein geschräncktes Wesen / und aller Vernunft unbegreifflich / Er ist weder diß noch das / sondern Alles: derhalben wann du GOterkennen / und dich zu Ihm nahen wilst / ſo laß ſanffte fallen all dein diß und das / alle deine besondere / eingeschränckte / kindische Bilder und Gedancken von GOttnimm ꝺeine Vernunfft gefangen unter dem einfältigen Glauben / und gehe mit deinem Geiste ein / in eine unumschränckte Allgemeinheit und stille Weite des und müts / ohne besondere Vorwürff überlegungen / sonderlich zur Zeit Gebäts. 8. GOtt ist die Einfalt und Lauter keit selbst / deßwegen kan ihn niemand den noch schauen / (d) als ꝺer eines lautern und reinen Hertzens ist / derhalben trachte auch in allen Stücken lauter und ein(d) Matth. 5: 8. Vor=Rede des übersetzers. einfältig zu werden; seye schlecht und recht in allem und überall / in deinem Thun / Reden / Dencken und Begehren; laß das einfältige Auge deines Gemüts gerade zu GOtt ansehen / und Ihn in allem alleine meynen / ohne einige unlautere Neben-Absicht oder Selbst-Gesuch / fern von aller groben oder subtilen Heucheley, Verstellung oder gemachten Wesen; laß all dein dencken und dichten so seyn / daß du es vor der hellen Sonnen der Gegenwart GOttes darfst sehen lassen / und wo etwas falsches oder unlauteres sich wider Willen in dir regen mögte / so lege es auffrichtig und ruhig vor GOttes Angesicht bloß / so wird es verschwinden. 9. GOtt ist ein freundliches / sanfftes Wesen / Er ist Liebe / wer nun in der Liebe bleibet / der bleibet in GOtt / und GOtt in ihm; (e) so seye dann auch saufft / freundlich und holdselig in deinem gantzen Wesen und Wandel; laß durch den Geist der Liebe JEfu die grimmige widerspennige Kräfften deiner Natur besänfftigen / die Hartigkeit deiner Affecten stillen / (e) 1 Joh. 4, 16. Vor=Rede des übersetzers. stillen / und deinen störrigen Eigenwillen gebeugt und geschmeidig machen; und so offt sich was widriges in dir reget / so ersencke dich alsbald stillechen in das süsse Element der Sanfftmut und Liebe. 10. GOtt ist ein stilles Wesen / und wohnet in der stillen Ewigkeit: so muß auch dein Gemüte wie ein stilles und klares Wässerlein werden / worin sich die Klarheit GOttes spiegeln und abbilden kan; meyde deßwegen alle Beunruhigungen / Verwirrung und ungeſtümme Wesen / von innen und von aussen / nicht in der gantzen Welt ist werth / daß du dich drüber stören soltest; selbst deine begang ne Fehler müssen dich nur ꝺemütigen / at nicht beunruhigen; GOtt ist (t) in seinem heiligen Tempel / es seye ſi vor seinem Angesicht alles / was in dir ſtille mit ꝺeiner Zungen / ſtille mit ꝺeinem Willen / stille mit deinen Begierden und Gedancken / stille mit deinem eigenen wircken: O wie nützlich und köstlich ist ein sanfter und stiller Geist vor GOttes Angesicht! (g) 11.60 (f) Habac. 3:20. (g) 1 Petr. 314 Vor=Rede des übersetzers. 11. GOTT ist ein freudiges / zufriedenes und wonnesames Wesen: trachte derhalben auch einen fiers freudigen und friedsamen Geist zu bekommen; meyde alles ängstliche sorgen / Verdruß / murren und Traurigkeit / welches das Gemuͤt verdunckelt und dich untuͤchtig macht zum Umgang mit GOTT; kehre dich sanffte davon ab / wann du dergleichen etwas in dir gewahr wirst; dein Hertz sey fremd und verschlossen aller Welt und Creatur / aber gantz gemeinsam und offen gegen GOTT; habe ein recht gestrenges Auge auff dich selbst / (auff deine böse Lüste / selbst-Liebe und eigen-Willen) aber gegen GOtt seye recht frey / kindlich / liebreich / und vertraulich, sehe Ihn an als deinen Hertzens=Freund / und dencke nichts als lauter Gutes von Ihm; laß alles ausser dir drunter und drüber gehen; laß dein Leib in Creutz und Schmertzen / und deine Seele in Durre und Leyden seyn / nur dein Geist bleibe von dem allen unberührt / stille und heiter / erhaben über die zufälle aller dingen / und vergnügt in und mit seinem GOTT von innen / und mit seinem Wohlgefallen 12. von aussen. Vor=Rede des übersetzers. 12. Wirst du dich dergestalt mit mir zu üben trachten / so wird dein Gemüt allmählig GOTT gleichförmiger / und also auch immer fähiger werden / dieses allgnugsame und liebens=würdigste Gut wesentlich zu finden / und sein seeligmachen des Angesicht anzuschauen. 13. Wobey ich aber noch folgende wichdaß tige Erinnerungen gebe: Erstlich, weil die äussere Vorwürffe und Geschäffte / sonderlich so lang man nicht viel hierin viele geübet und befestiget ist / leichtlich Verstreuungen verursachen / und das G muͤt mehr oder weniger in dieser übung hindern und auß der gehörigen Disp. tion versetzen / es gantz nützlich und nöthig ist / nun und dann den Tag über eine kleine Zeit expressè außzusetzen / da man alle sichtbare Vorwürffe und überlegungen wiegantz beyseite setzen kan / umb sich der in GOttes Gegenwart zu ſam̅len, und in diese erforderte Gemüts=Gestalt / durch den Beystand seiner Gnade einzugehen: ein jeder nach dem es sein Zustand und äussere Umstände zulassen wollen. 14. Zum Vor=Rede des übersetzers. 14. Zum andern / so muß man vor allen Dingen glauben und fest überzeuget seyn / daß alles liege (h) an GOttes erbarmen und nicht an unser wollen und lauffen / deßwegen mussen wir nicht meynen durch unsern Fleiß / vielweniger durch unser eigenes anstrengen und kopff brechen / GOtt zu finden und zu schauen: unser wircken / in dem zunahen zu GOtt / muß ein gantz inniges / sanfftes / stilles und friedsames wircken oder neigen uneres Willens / unserer Liebe und Hertzens seyn / wobey es dann hauptsächlich ankommt auff das wircken GOttes / und auff den verborgenen Zug seiner Liebe. den wir nur einfältiglich müssen auff mercken und folgen / und wovor all unser wircken muß stille seyn und schweigen; wann wir gewahr werden / daß der HErr uns wil erheben oder sammlen / stillen und befänfftigen / oder daß ein tieffes wohl=seyn / eine kindliche Ehr=Furcht vor seiner Gegenwart / oder etwas dergleichen in unserm Grunde sich befindet / so müssen wir uns seiner Wirckung ohne Furcht (b) Röm. 9: 15. Vor=Rede des übersetzers. Furcht überlassen / und Ihm stille halten und feyren / in aller Einfalt und A geschiedenheit. 15. Da würdest du dann / mit der Zeit / erfahren / daß du nicht nur einen äussern Menschen / einen Leib / Sinnen und Vernunfft hast / welche in dieser Zeit und vor die Vorwürffe dieser Zeit gehren; sondern auch einen innern Menschen / einen edelen Geist / der seinen Grund und Wurtzel in der Ewigkeit hat / und solche Kräfften deines Geistes / welche (unabhänglich von allem dem / das der Welt ist und geschicht) fähig sind GOTT und die ewige Dinge / auff eine wesentliche Weise zu geniessen und zu schauen / zu ihrer völligen und wahren Vergnügung und Ruhe. 16. Deine Liebe / dein Hertz / deine feurige Seelen-Begierde würde so dann endlich (und diß ist eben das Ende / wo zu wir geschaffen und wieder erlöset sind) von allem andern außgeleeret / das Höch ste Gut / die unermeßliche Gottheit in seinem unermeßlichen Schooß einnehmen und besitzen; diese Ewige Liebe / dieses ver Ror=Rede des übersetzers. vergnügende Wesen / würdest du mit allen in eins gesammleten Kräfften deiner Liebe / auff die allerzarteste und innigste Weise / wie ein unschuldiges Kind seine holdseelige Mutter / umarmen / und mit der reinesten Vertraulichkeit auff dein Hertze drücken / und von ihr hinwie derumb seeliglich umfasset werden; mit diesem deinem trauten Seelen=Freund wurdest du dich gleichsam verschliessen können in dein innerstes Kämmerlein, in dem Mittel=Punct deines Hertzens / weit / weit von allen Creaturen! in die er süssen Einsamkeit würdest du / durch die seelige Nahbeyheit dieses Allgnugsamen Wesens / auch einiger massen allgnugsam werden, das ist / du würdest so vollkommen gesättiget / vergnüget und zufrieden seyn mit deinem GOTT / daß du umb alle Herrlichkeiten / Reichthümer und Wollüste des Himmels und der Erden nicht einen Blick würdest außkeh ren / und sie nicht einer Neigung deiner Liebe werth achten; aber im verborgenen würdest du / gleich einem Zeraphin / in der reinesten Liebe deines GOttes brennen / Vor=Rede des übersetzers. nen / und durch diese sanffte Liebes-Glutgantz freundlich / sanfft / lieblich und Liebe werden. 17. Dein reiner Verstand / das Auge deines Gemüts / wurde / von allen andern Vorwürffen ab= und eingewandt / und von dem Licht der Ewigen Weiß heit erleuchtet / gestärcket / und im Geist erhaben werden / umb wie ein Cherubin / mit gebücktem Angesicht zu stehen / und zu beschauen das Angesicht GOttes / die Weißheit selbst / den Spiegel ohne Mackel in diesem Licht soltest du das Licht / (i) nemlich die Warheit erkennen; und eben diese Klarheit des HErm würde sich hinwiederum in deinem tern und stillem Grunde spiegeln dein unverbildetes blosses Angesicht / und das entdeckte wonnesame Angesicht der nes GOttes würden sich mit den allerholdseligsten Blicken begegnen / begrüssen und umfassen; du würdest gleich er nem unschuldigen / kleinen Kindlein / mit bei(1) Psal. 36; 10. (1) 2 Cor. 3: 18. Vor=Rede drs übersetzers. deinem vereinfaltigten äuglein / das Angesicht deines GOttes unverwandt und vergnügt ansehen / und Er würde hinwiederumb als eine treuliebende Mutter / seine Auge auff dich gerichtet halten: wodurch du durch und durch würdest geheiliget / und in eben dasselbige Bild vergestaltet werden / von einer Klarheit zur andern. (1) 18. Dein Gemüt / oder erinneren des Wolgefallen würde / abgeschieden von aller Freude / Trost und Genügen der Creatur / mit der innigsten und reinesten Freude und dem tieffsten Frieden GOttes angefüllet werden; du würdest alle deine Lust / alle deine Freude und Seligkeit haben in GOTT / und GOTT wurde hinwiederumb seine Freude und Gefallen in dir haben; Er solte in dir ruhen und wohnen als in seinem stillen Friedens=Thron / und dein Geist / der so lange wie ein verjagtes Waiß=Kind in der Fremde herum geirret / würde auch wieder süssiglich außruhen (1) Ibid. Vor=Rede des übersetzers. ruhen in seinem rechten Ruhe=Punct und Heimat / und in den Schooß GOttes in unverrücktem Frieden sich nieder legen / und verbergen in die stille Ewis keit; in diesem unermeßlich-weiten Friedens=Reich würdest du leben können / unberührt und ungestöhrt von der Sturm-Winden der Affecten / abgeschieden von aller beunruhigenden Freude und Traurigkeit / Furcht und Hoff nung / die von aussen deinen Geist anfallen mögten. Und also würdest du ein heiterer Himmel der Hoch=Gelobten Drey=Ein heit seyn / worin Er wohnen / und den Er mit seinem Licht / Liebe und allen Göttlichen Tugenden erfüllen / und sich darin verklären solte / in Zeit und Ewigkeit. 19. So sey dann nun nicht mehr thöricht / O du herrliches Geschöpff und Ebenbild des Ewigen GOttes! daß du deinen Königlichen (ich wil nicht sagen Göttlichen) Geist / und dessen edele Kräfften / schändlicher Weise zu Sclaven macheſt der geringen / dürfftigen und nich Vor=Rede des übersetzers. nichtigen Creatur und Eitelkeit / durch Augen=Lust / Fleisches=Lust / und hoffärtiges Leben; eben darzu hat GOtt seinen Sohn gesandt / umb dich auß solcher Knechtschafft zu erlösen / und deinen Geist wieder zur herrlichen Freyheit der Kinder GOttes zu erheben. Gedencke / du bist / nach deinem edelsten Theil / ein Kind der Ewigkeit / GOtt selbst ist dein Vatter und dein Vatterland / da must du wohnen und wandeln / die Welt muß dir ein Elend / und dein Cörper ein Zucht=Hauß und Kercker seyn: ach! so hebe dann empor (m) die ewige Thoren deiner Gemüts=Kräfften / über die Natur / Sinnen und Vernunfft / daß der König der Ehren / GOTT Zebaoth zu dir einkehren möge. 20. Darzu wird dir nun auch ein gutes Hülff=Mittel seyn können dieses gegenwärtige / recht Geist=reiche und auß tieffer Erfahrung geschriebene Büchlein; worinnen der Autor sich selbst und ſeine (m) Psal. 24: 7/9. Vor=Rede des übersetzers. seine Leser / durch allerhand Göttliche Erinnerungen und Anspörungen / trachtet loß zu machen von den Sinnen / von der Creatur / und allem zeitlichen / und im Geist / zu GOtt und der stillen unveränderlichen Ewigkeit zu erheben / unverrückt zu stehen vor GOtt / und dessen Angesicht / die Ewige Weißheit und Warheit / mit unverwandtem Gemuͤts=Auge anzuschauen; umb durch die Strahlen des Göttlichen Lichts und Weißheit erleuchtet / und in eben dasselbe Bild vergestaltet zu werden; damit also der Leib zwar (n) todt umb der Sünde willen / die Seele am Creutz Christi gehefftet / der Geist aber in seine wahre Freyheit herstellet / unberührt und erhaben bleibe über die Zufälle aller Dingen; und durch die innigste Gegenwart und das Angesicht der Weißheit gelehret und (o) geleitet werde den Weg / den er wandeln sol. 21. Es leben leyder! die mehreste Menschen so gar zerstreuet und verwickelt (n) Röm. 8: 10. (⁰) Psal. 32; 8. Vor=Rede des übersetzers. in den sichtbahren Dingen / und die Guten selbst sind offt so wenig geistlich / daß ich deßwegen Anfangs Bedencken trug / dieses von so erhabenen / innigen und geistlichen Materien handlende Tractätlein / in Teutscher Sprache gemein zu machen; sonderlich da bey der Untüchtig keit und Blindheit der Menschen auch offt so grosse Vermessenheit und Eigensinn gefunden wird / daß man nur alles schlechter dings verwirfft und verlästert / (p) was man nicht so fort verstehet / da man doch wenigstens in Demut gedencken solte / daß nicht allein im natürlichen / sondern auch im übernatürlichen Leben / ein jedes Alter seine besondere Speise und seine besondere übungen haben müsse. 22. Man klaget mit Unrecht über die Dunckelheit dieser oder jener geistlichen Schrifften; lasset uns lieber beklagen die Dunckelheit unseres Hertzens / daß wir noch so ungeschickt sind geistliche Dinge zu begreiffen / und durch Göttlichen Bey (p) Jud. v. 10. Vor-Rede des übersetzers. Beystand trachten in die gehörige Gemüts-Gestalt einzugehen / umb recht erleuchtete Augen unseres Verstandes zu bekommen / wodurch uns gantz klar / schön und angenehm wird werden eben dasje nige / was uns vorhin dunckel / frembd und eckelhafft gewesen ist: hat jemand eine wahre Begierde solches zu erfahren? Der kan nur zurück sehen auff dasjenige / was von solcher Gemuts=Beschaffenheit im Anfang dieser Vor=Rede [§. 4. u. s. ist gesagt worden / und sich darin mit mir zu üben trachten. 23. Indessen hat man auch eben deß wegen so viel mehr / des Thomas à Kem bis Bücher von der Nachfolge Christvoran gesetzet / damit diejenige / welch in diesem Büchlein noch nicht alles albald mögten fassen können / doch durch jenes erbauet / und einiger massen vor bereitet werden mögten zur Lesung diese Göttlichen Hertzens=Gespräche. 24. Ich bin gewiß / (und diejenig welche die Gaben GOttes in seinen Heiligen zu schätzen wissen / werden es mit prüfen können) daß die Warheiten in die Vor=Rede des übersetzers. diesem kleinen Büchlein geschrieben / auß dem Angesichte GOttes gelesen sind: weßwegen ich dan̄ auch dieses schöne Lichtlein nicht länger unter dem Scheffel einer fremden Sprache habe wollen stecken lassen. 25. Dann so viel mir bewust / ist biß dato noch keine Teutsche Version dieses Tractätleins ans Licht gekommen: Es st Lateinisch beschrieben / vor mehr als 300. Jahren / von einem Canonico Regul. Augustiner=Ordens / genannt Gerlacus Petersen; die Editiones, so bekandt worden / sind vier Lateinische / zwey Holländische / oder Brabändische / und eine Frantzösische; dennoch war es sehr rar; biß der Herr P. Poiret es Anno 1711. zu Amsterdam auffs neue Lateinisch drucken ließ; (g) und dieser accuratesten Edition hat man bey dieser Teutschen übersetzung meistens gefolget / wiewol man auch andere / als die Cöllnische in Latein de Anno 1616. wie auch die Holländische Version, 1644. zu Antwerpen gedruckt / mit zur Hand gehabt. 26. Man (q). In seiner Sacra Orationis Theologia. Vor=Rede des übersetzers. 26. Man hat geglaubt / daß es nicht unbillig wäre / dieses Büchlein dem Thomas à Kempis beyzufügen / indem sie nicht nur zu einer Zeit / in einem Stande / und fast an einem Orte gelebet; sondern weil sie gewiß durch einen Geist regieret worden / und in einfältiger unaffectirter SchreibArt einander nicht sehr ungleich sind; und auch dieses Tractätlein schon mehrentheils unter dem Titul des Andern Thomas à Kempis, ans Licht gegeben ist. Gleich wie nun jenes Büchlein von der Nachfolge Christi zu vieler Erbauung reich lich ist gesegnet worden / also wird der HErrauch nun dieses in Gnaden an schen / und nicht weniger gesegne seyn lassen; daß wir von nun an lernen mögen / den HErrn (t) allezeit vorunsern Augen zu haben / damit auch Er sein (s) Angesicht über uns leuchten lasse / und wir genesen! Also sey Amen! G. T. St. Jn (r) Psal. 16; 8. (s) Psal. 80; 4. Innhalt dieses Büchleins. Kurtze Nachricht von dem Leben des Autoris. Einleitung: oder Gebär zur Versammlung von aller Mannigfaltigkeit des Hertzens / zu dem Einen Höchsten Gut. Pag. 1 Das 1. Cap. Daß derjenige / der von der Zerstreuung des Hertzens sich einsamlen wil / allezeit sehen müsse auff das Ende aller Dingen / und sich wegern müsse getröstet zu werden von etwas anders als von GOtr; und auff niemanden sein Ver. trauen setzen müsse als auff GOtt allein. Das 2. Cap. Daß ein Menſch ſeine Frembdling schafft fleissig vor Augen haben müsse / damit er in GOtt seine Zuflucht nehme; und daß / wann er mit demselben vereiniget ist / ihm nichts ermangeln werde. Die Stimme GOttes zu der Seelen. Das 3. Cap. Daß man in allen Verrichtungen allezeit sehen müsse auff den Endzweck / warum sie geschehen; auff den Ursprung / woher alle Dinge sind; und daß man auch dahin zielen und sich aufstrecken müsse Das 4. Cap. Von der grossen Liebe und Geneigt. heit des HERRN JESU zu uns / wodurch Er sich seinem Vatter vor uns auffgeopffert hat auf Erden / und noch auffopffert im Himmel; und wie wir solches als noch heute geschehende ansehen müssen. Das 5. Cap. Daß man die Tugend außüben müsse allein mit Absehen auff die Warheit / und auff GOtt: und daß man die Beschwerlichkeiten des Nächsten in Mittleyden tragen müsse Das 6. Cap. Das Anschauen der Warheit gebieret die Demuth / diese beyde vertreiben die Hoffart und die eitele Selbst=Gefälligkeit, welche das Gemüt verfinſtern. Das 7. Cap. Daß unſere oberſte Gemüths⸗Krafft. welche unendlicher Weise zu ewigen Dingen geneigt Inhalt dieses Büchleins. neigt ist / verhindert werde durch eitele Gestalten und Bilder / da doch der Heyland dieselbe wil leer haben / damit Er uns in der unermeß lichen Freyheit der ewigen Dinge / durch ein GOtt=förmiges Anschauen vor seinem Angeſicht ſtellen möge. Das 8. Cap. Von der Blösse und Lauterkeit der Seelen vor der ewigen Warheit / ja auch dann wann sie die Gestalten der geschaffenen Dinge an siehet / da sie GOtt in denselben siehet. Wie daß ein solcher selig sey. Wahre Gemüths=Freyheit. Das 9. Cap. Daß das beschauliche / wircksame und wahre freye Leben GOttes Gabe sey: und daß derselbe alsdann alles in dem Menschen wircke; welcher dahero in GOTT allein sich rühmet / und in demselben warlich reich ist. Das 10. Cap. Daß durch das Erfahrungs=Anschauen GOttes das Gemüth unveränderlich und eins mit GOtt werde; daß alle fremde Dinge von demselben vertrieben werden; daß es ihm die Einfalt und eine fast unwanckelbare GOtt. För migkeit zuwege bringe: zu welchem allen die ſenige / die ſich ſelbſt und das ihrige ſuchen / geschickt sind. Das 11. Cap. Von dem Fleiß / den man anwendet müsse in dem Wege GOttes / welcher das Creutz ist. Dessen Süssigkeit vor denjenigen / der davon nicht abweichet / sondern darin verharret lautet lich / und ohne Absicht auff seine eigene Gemächlichkeit. Dessen vortreffliche Wirckungen / nem. lich des Vertrauens in GOtt / obwoln mit mästiger Beſcheidenheit. Das 12. Cap. Daß / ob gleich die Untugenden das oberste Theil der Seelen bestreiten / und ihr Anschauen verdunckeln; dennoch die Hülffe GOttes / obwol verborgentlich / nahe keye; und daß die Seele dewselben müsse anhängen und auf ihn mercken. 48 Das 13. Cap. Innige Einladungen zum Anschauen GOtes; wie auch dessen Hindernüssen / Auffhalfun Innhalt dieses Büchleins. tungen und erforderte Beschaffenheiten von unserer Seite. (Es reden hier miteinander GOtt / die Engel / und die menschliche Seele. Das 14. Cap. Das Anschauen (C Ottes entdecket dem Gemüthe / in dem Göttlichen Licht / die ewige und unveränderliche Liebe GOttes: es entdecket auch in dem untern Theil der Seelen die Hindernüssen und Feinde / deren Untergang durchs Gebät von GOtt zu erbitten ist. Das 15. Cap. Jn dem Creutz des HErrn wird bloß allein die Gerechtigkeit, die Warheit und die Ehre GOttes / lauterlich / und ohne Eigenheit und Gemächlichkeit / gesuchet und geliebet. Das 16. Cay. Wer GOtt bloß und lauterlich an hängt / dem mangelt nichts= und ist so sicher / daß er durch keine aͤussere Zufälle kan beweget und niedergeworffen werden. Das 17. Cap. Allgemeine Regulen des Lebens / wel. ches vor dem Angesichte GOttes geführet werden muß Das 13. Cap. Daß das vereinigende und beschauliche Leben GOtt das allerangenehmste / in sich selbst das vortrefflichste / und der heiligen DreyEinheit gleichförmig sey; daß auch selbiges von dem wircksamen und aͤussern Leben / welches gleichfals muß geübet und zu seiner Vollkommen. heit gebracht werden / nicht umgestossen werde. 83 das 19. Cap. Daß das Leben / welches vor dem Angesichte GOttes geführet wird / allein gut sey; daß es mit Warheit und Weißheit begabet sey. und in allem gerecht und friedsam einhergehende. 90 Das 20.Cap. Gebätt zu Christo umb seine Erleuchtung und dessen immerwährendes Anschauen, und umb die wahre Freyheit: samt der Antwort des HERRN. Das 21. Cap. Wer ihm selbst nichts ist / in demſelben iſt GOtt alles. Das 22. Cap. Daß man durch die wahre überlas. sung seiner selbst erlange die wahre Gemüte Stil⸗ Jnnhalt dieses Bächleins. Stille und die wahre Weißheit / welche zu und in allen Dingen der Seelen gnug ist. Das 23. Cap. Ein Armer am Geist ist auch zugleich in Warheit im Geist der Allerreicheste / weil er überflüssig besitzet die Warheit der Dingen / die Erkäntnüs seines GOttes / die Beschaulichkeit / und die wahre Freyheit des Gemüths. Das 24. Cap. Die wunderbare Erhabenheit / Demuth / und Gleichmüthigkeit / in Ansehung aller Dingen / eines geistlichen Menschen in dem Gött. lichen Anschauen der Warheit / gezeiget in dem lebendigen Vorbild des Autoris. Das 25. Cap. Von zweyerley Landschafften in uns nemlich von der untern / welches ist das Land bei Sinnlichkeit / und von der obern / welches das Land des Gemüts und des Geiſtes iſt. Daß derſenige/ welcher von dem Lande der Sünlichkeit zur Land schafft des Geistes sich begiebet / und vor GOtt in Geiſte wandelt / ſo ſicher ley / daß er von nichts ſin liches kan berühret und beweget werden Und hier auß erhellet / was es sey / nach dem Geiste wandeln. 11 Das 26. Cap. Wie GOtt so genau und gestreng dere die Erneuerung so wol von unserm inwendgen / als auch von unserm äussern / nach seinen Ebenbilde und Willen. Das 27. Cap. Von dem Verlangen GOttes selbst zu geniessen in uns / und von unserm Verkaugen / Gott und dessen wirckung in uns zu geniessen. 127 Das 28. Cap. Welches das Erbtheil ist / eines der arm am Geist ist / in diesem Leben. Das 29. Cap. Von der Vortrefflichkeit der Armuth / des Creutzes / und des Jochs Christi; und von derselben Süssigkeit / und heylsamen / wunder baren und Göttlichen Früchten / in einem Gemüt / das ſich ꝺran ergeben hat. Das 30. Cap. Der Kuß des Worts und Bräutigams / oder der Zukehr unseres Angesichts oder Anschauens zu dem Angesicht der Göttlichen Weißheit; wie so grosse und wunderbare wirckun Innhalt dieses Büchleins. sen solches in uns hervorbringe / wann nur unser Auge einfältig und unsere Meynung lauter ist. Und wie alle eitele und beunruhigende Vorwürffe allhie so wunderbarlich überwunden und zerstreuet werden / nur allein durch das Angesicht und Anschauen der Weißheit GOttes / welches an statt aller Dingen gnug ist / auch alles erleuchtet / regieret und vollendet. Das 31. Cap. Daß die rechtschaffene Tugend den Menschen beständig / unveränderlich / gleichmütig und warlich frey mache: vornemlich deßwegen, weil sie mit der Weißheit GOttes vereiniget ist. daher sie alle Dinge siehet und urtheilet so wie sie sind / und siehet GOTT allein an / ohne einige an dere Abſicht. Das 32. Cap. Von den übernatürlichen Wirckungen von dem Kuß des Worts und der Ewigen Weißheit / in dem Menschen / der sein Gesicht demſelben zukehret. Was die Geburt des Worts in der Seelen erfordere / und was sie daselbst wircke. 155 Das 33. Cap. Daß das Gemüth / so da in sich selbst frey geworden ist / in allem triumphiret; und über alles hin zum Höchsten Gut sich kehrende / siehet es das Angeſicht des Bräutigams; und genieſſet in sich das Wort des Vatters / in welchem Einen es alle Fülle findet / es sey im geutessen / oder auch im ermangeln und in leyden. 163 Das 34. Cap. Daß durch die Außgekehrtheit und iestörtheit des Gemüts, der genuß des Worts und die Beſchauung verhindert werde; daß ſolches hingegen befördert werde durch die Entblössung und Freyheit des Geistes / und durch ein bestreben zum öfftern anschauen / wobey man als unempfindlich seyn müsse / in Ansehung aller äussern Vorwürfe. 167 Das 35. Cap. Daß wir alles / was uns beschweret / darlegen müssen vor dem Angesicht Christi / in desſen Geiſt und Siü wir wanꝺeln müſſen / weil uns da alles wird gelehret werden; und wir da gleich förmig werden seiner Liebe und seinem Verhal Kurtze Nachricht von dem Leben des Autoris. ten gegen alle Creaturen; alle in Liebe umfassende. Das 36. Cap. Daß alle Dinge zu der Vereinigung und Inwohnung Christi zielen müssen; und als wieder zu ihrem ersten Ursprung gebracht werden. Worin das Christliche Leben bestehe? Das 37. Cap. Daß man die Bestraffung / und alle andere Dinge so auffnehmen und dahin richten müsse / daß sie in uns vermehren die Liebe und die Saufftmuth Christi / dessen Werckzeuge wir seyt sollen. Das 3 J. Cap. Von der lautersten und ganz erhabenen Vereinigung mit Christo; wie wir dahin gelangen müssen; und wie wir alle Menschen / mit Erbarmung / mit Liebe / und mit Gebät zu GOtt ziehen sollen. Das 39. Cap. Daß man durch die Verläugnung der Eigenheit / und ꝺurch ꝺas ſuchen ꝺer Ehre GOttes / und des allgemeinen Bestes / die wahre und unverrückte Freyheit des Geistes erlange; womit das Gemüt biß zum Genuß der ewigen Warheit und Liebe ꝺurchdringet / ꝺa ſie mit ꝺem HErrn eins ist / und alles in allen. Kurtze Nachricht von dem Leben des AUTORIS. (Auß dem 54 und 55 Cap. des Ehren, zu Windesem kurtz zuvermen gezogen terlacus Petersen, ist gebürtig auß Deventer einer Stadt in den Niederlanden / und hat sich ir Jünglings=Jahren ins Kloster Mindesem außer der Stadt Schwoll begeben / da er ein Canonicus Reaularis-Augus der O dens worden / und vor allen andern Ordens-Brüdern für Erläutnus seiner selbst / zur Liebe GOtres / und himmlischer Beschaulichkeit ist erweckt und brunstig geworden. Er war mit vielen Tugenden gezieret / gantz zu GOct gekehrt / wo nende mit seinem Gemüte in dem himmlischen Wesen / eine Perke der Reinigkeit / ein Vorbild der Tugenden / ein Schlacht=Opffes der Mortification und Verläugnung / ein Spiegel aller Voll Krauenheit. Cen180 Kurtze Nachricht von dem Leben des Autoris. Sonderilch war er gern allein / und mit seinen innerlichen übunlen beschafftiget; wann er etwa zum spatzieren / mit den Brüdernden Baum=Garten gegangen war / und verspurete / daß ihm GOIT eine sonderbahre Gnade erweisen wolte / so pflegte er zu sagen: Brüder / ich muß wieder nach meiner Zellen gehen / da wartet einer auff mich /“ nemlich sein Bräutigam Christus. dessen süssen Unterredung und lieblicher Gesellschafft er offters geeine Ehrerbietung gegen denselben wurde durch sein holdseliges Ansehen / heiligen Wandel / und guten Sitten gilen / die mit ihm tiengen / gleichsam eingeflosset / und zeugere / daß der Heil. Geist warlich in ihm wohnete. Es war ein Mann von ziemlich langStatur / sullen / heiterem und Englischem Angesicht / freundlich in Worten / friedsam und ruhig in seinem Thun und Lassen; und was er über dem inwendig verborgen truge. In Widerwärtigkeiten pflegte er zu sagen: Der HERR unser GOtt lebet noch. Und in sich selbst; Eyle / daß du vollendet wirst / in kurtzem wirst du abgefordert werden. Keiner von allen Brüdern redete so frey und klar von himmlichen Dingen / als er zu thun pflegte / dessen Stimme / alsd einer euschen Turteldauden / Nacht und Tag gehöret ist in dem Lande der Lebendigen; dann mit seinem Geist in den Himmel steigend hat er / als ein recht himmlischer Mensch / die Choren der Engel / mit seiner Liebe und Gemüts=Auge offt besehen und besuchet / von welchen er auch hinwiederum öffrers ist besuchet worden ZOtI hat ihn mit sehr heftigen Schmertzen am Stein besuchet / und durch dergleichen Leyden ihn / wie das Geld im Ofen / probieret und geſäutert: in dem Leyden war er nicht / ur gedultig / sondern auch danckbar / danckende selbst GOTT in de resten Schmerzen wodurch alle innere Theile seines Leibes / auf die empfindlichste Weise / durchſchnitten wurden / mit nicht gerin terer Pein / (wie ihm dauchte) als wann alle seine Elieder durch die Seiter von ihrer Stelle gerissen wurden. Die grosse Krafte seiner innern Liebe überwunde die Hefftigkeit der Schmertzen in ihm; dann wie ein gewisser Novitius [oder Neuling im Kloster] deſten Anführer er pflegte zu ſeyn / wann er in solcher peinlichen Kranckheit lege / bißweilen bey ihm stund / und vor Mitlenden weinere / sagte er zu demselben: Lieber / traute nicht uber mich / dann ob gleich meine Leyꝺen die Kräfften der menschlichen Schwachheit scheinen zu übersteigen / dennoch wann ich wüste / daß es zur Ehre GOttes gereichen / und deiner Seelen förderlich seyn solte / würde ich alsbald bereit seyn dieselbe noch einmal auff mich zu nehmen; Siebe welcher Gedult und brüderlichen Liebe hat er seine Seele besessen: Eden dieses wird auch von dem Thomi à Kempis entrichtet. Kurtze Nachricht von dem Leben des Autoris. war aber die Pein ein wenig gelinder / so pflegte er zu sagen Also muß der böse Knecht frey hart gezüchtiget werden / damit er nach der Straffe / seines HErrn Willen erfällen lerne. Wie aber GOTT diesen seinen außerwählten Gerlach viele Jahren lang probieret und polieret hatte / und er in seinem aussersten los hat er den Prior gebaten / er mögte doch seine übungen / welche auff Stücke Pergament / Blätter / und Steine beschrieben / und vor sich allein in seiner Zellen behalten halte / wie sie hie und d zerürenet lagen / beyeinander suchen und verbrennen lassen; de Pater aber antwortete ihm: Liebster Bruder / solches über laſſe mir / ich wil / wie es am dienlichſten ſeyn wird. gerne damit verfahren. Diese seine übungen hat sein gewesener Führer / Johanne Schutken / hernach gesammlet und in Capittel abgetheilet / welche dann eben gegenwärtiges Büchlein der Hertzens=Gesprächt ist. Nebst welchem er auch noch ein anderes geschrieben: 1610) loquitum genannt / twelches also ansangt: In tunnistibus & accidentus, & exterioribus &c. Wie auch einen teutschen Brieff an seine leibliche Schwester / der mit dieser Werten anfangt: Einem recht innigen Menschen fällt keine Zeit kurtz / u. s. w. Doch diese beyde Stücke sind nicht mehr vorhanden. An seinen letzten Zügen liegende / verlangte er / daß die ⸸ mögten zusammen geruffen werden / indem er spüret Ende herbey kam; weil man aber nicht meynete / daß nahe war / wurde solches auflaeschoben: der Dienst-Knecht (Göter) dann sehende / daß er / in dieser seiner letzten Stunde wünschten Gegenwart seiner lieben Brüder solte beraubet seyn / er darüber keines wegs beunruhiger werden / sondern hat sich da örtlichen Verordnung / und dem Willen seiner Brüder lich unterworfen / und ist geherfald worden bis zum Todalso im Frieden ein / Anno 1411. im drey und dreijszesten Jahr nes Alters / und ist begraben zu Wind, sein / nachdem er uns acht Jahr in selbigem Kloster / mit einem löblichen und rechtlichen Leben / die übrige Brüder vorgeleuchter hatte. Er ist (a) in kurtzem vollendet worden / und hat viele Jahre erfüllet. Gerlacun (a) Weitzh. 4:13. ):( o):( S t Kie 00 00000 ############################ Herlacus Petersen Göttliche Hertzens=Geſpraͤche. Einleitung oder Gebät zur Versammlung von aller Mannigfaltigkeit des Hertzens / zu dem Einen höchsten Gut. Vaß uns / O du gütigster Vatter! die wir im Geist der Demuth / und in einem gebrochenen / gebeugten / und gleich wie Staub und Asche / unter Himmel und Erde / und alles was drinnen ist / von Hertzen sich niederlegenden Gemüthe / gantz an uns selbst verzweiffeln / in dich demutiglich hoffen / und zu dir / gleich als ein armes Schäfflein / und ein eintzeles herum irrendes Kuchlein / unter deine Flügel Zuflucht nehmen / von dir allezeit gnädiglich auffgenommen werden. Das Das 1 Capitel Das I Capitel. Daß derjenige / der von der Zerſtreuung des Hertzens ſich einſam̄let wil / allezeit sehen müsse auf das Ende aller Dingen / und sich wegern müsse getröstet zu werden von etwas anders / als von GOtt / und auf niemanden sein Vertrauen setzen müsse / als auf GOtt allein. In allen Dingen / die mir begegnen / die mich bewegen / oder bewegen können / wil ich allezeit mein Gesicht richten auf da Ende: nemlich / wie ich Ansehung Sache / die mich bewegt / wol würde sinnet seyn / oder wie ich darin stehen wüde / wann ich jetzt in diesem Augenblick von dem HErrn solte abgefordert werden. Und wo ich irgendwo mir selbst ein Hindernüß / Vermittelung und Decke zwischen mir und GOtt bin / da muß zu mir selbst / oder auch zu allem andern was es auch seyn mögte / sagen: Gehe hinter mich Satanas / du bist mir eine ärgernüß (a) vor dem HErrn. 2. Der (2) Matth 16:23. der Herzens=Gespräche. 2. Derhalben wil ich mich dergestalt üben von innen / und mich so aufführen von aussen / als wann alle meine Sitten / Bewegungen / Handel und Wandel laut rieffen und zeugeten / daß mein Reich nicht von dieser Welt seye / (b) und ich hier keinen Trost noch Freude in irgend etwas habe / [auffer GOTT.] Und so wil ich in allem / was mir begegnet / biß zu dem Ende meines Lebens bleiben / als ein verderbtes Gefäß / (c) als tod der Welt / als ein Außfegsel der Welt / (d) als ungetröstet und verlassen von allem / was in der Welt ist; als unwürdig der geringsten so wol leiblicher als geistlicher Gabe GOttes: ja auch nicht werth / den Außerwählten GOttes den Staub ihrer Füssen zu küssen. 3. Und gleichwie ich ungetröstet und verlassen seyn werde von allem dem / das in der Welt ist / so sol auch nicht weniger alles / was in der Welt ist / von mir verlassen seyn; dieweil ich / wann ich arm [im Geist] bin / in einer grossen inwendigen Weite / [des Gemüts] entbähren kan / ohne einigen Man A 2 (b) Joh. 18:36. (c) Psal. 31:13. (d) 1 Cor. 4:13. Das 1 Capitel Mangel oder Schaden alles desjenigwas ein menschlicher Geist / auffer oder neben GOtt / je verlangen kan. Wann mir auch alles nach Wunsch und nach der Bequämlichkeit gehen würde / so sol doch meine Seele sich wegern getröstet zu werden. (e) 4. Dann ich erwähle / dergestalt mich zu verbergen alle die Tage meiner Fremblingschafft / meinen Wandel führende gleials ein wahrer Frembdling / und gleich ein nackender Wandersmann / auf daß ich sicher und ruhig den Tag des HErrn. warten könne / als der Reicheste und der ärmste: als der Reicheste / indem ich nichts begehre: und als der armste / inden ich nichts habe. Ich wil auch keines Wegs mein V trauen setzen auf etwas / oder auf einen nigen Menschen / sondern ich wil trach durch alles [und in allen Dingen] inw. dig wol vereiniget zu seyn mit dem HErrn. weilen alle Dinge verschwinden und nehmen. Wann ich mich aber lehnen würde auf (e) Psal. 77:3. der Hertzens=Gespräche. einen / der da fället / so muß ich nothwendig mit dem Fallenden zugleich fallen. Dann die Menſchen=Kinder ſind eitel / (t) und ist kaum in einem einigen solche Treue zu finden / die nicht abnehme. Das II Capitel. Daß ein Mensch seine Frembdlingschaft fleiſſig vor Augen haben muͤſſe / damit er in GOtt ſeine Zuflucht nehme; und daß / wann er mit demselben vereiniget ist. ihm nichts ermangeln werde. Die Stimme GOttes zu der Seelen. Ich muß nimmer vergessen / daß ich in der Frembdlingschafft / im Elend / im Kampff und Streit beständig gesetzet bin / so lang ein Othem in mir seyn wird. Und darum wird es ja leicht sich finden an welchem Ort / von wannen/ und welcher Gestalt ich meinen Unterhalt haben werde / diese kurtze Zeit meiner Einwohnung. Und wann ich dahin gelangen könte / daͤß ich allezeit [im Geist] stehen könte vor dem Angesicht des HErm / (f) Psal. 62: 10. Das II Capitel HErrn, mit Ihm alles gemein habende / in einem reinen Hertzen / abgeschieden von allen frembden Dingen / keiner [unordentlichen] Gemüths.=Bewegung mit Willen unterworffen: was würde ich so dann wohl mehr verlangen können? Wann aber auch gleich alles [im über fluß] gegenwärtig wäre / und mein Name gelobet würde von vielen; und ich stünde inwendig mit dem HErrn nicht wohl / was würde es mir doch nutzen können? 2. Derhalben es mag der eine sich bekümmern und sein Vertrauen setzen in die sen / ein ander in jenen / und jener wiederumb in einen andern: ich aber / der ich dem HErrn gewidmet bin / wil auß meinem und gantzen Hertzen vertrauen in Ihn / (g wil / umb keiner frembden Ursachen und Zufälle willen / die mir begegnen mögten / mich bekümmern / als nur daß ich gantz der Seine ſeyn moͤge. Dann er [der HErr] ist mein Pfleg Vatter / und Er sorget für mich; (h) der (8) Wer GOtt gewidmet ist / besorget die Dinge des HErrn / 1 Cor. 7: 32. (h) 1 Petr. 5: 7. der Hertzens=Gespräche. der mir auch gebotten hat / daß ich mit allem was ich bin / ihm stille (i) halten solle / und daß ich mir sein Werck nicht anmasse / (k) noch solches in mir verwirre oder verhindere / durch Besorgung dessen / was sich etwa zutragen mögte: sondern daß ich hören sol / was Er selbst (der das höchste Gut ist) inwendig zu mir redet. (1) „Befleissige dich / spricht er / so viel du „kanst / daß du mit mir wohl „stehest / und daß du vor mei„nem Angesichte wandelst / zu „aller Zeit und Ort / und in al„len Begebenheiten. Ob du dañ „andern gefällest / oder mißfällest / darum „bekümmere dich nicht; dann daß andere „Gefallen in dir haben / kan dir nichts ge„ben; und ihr Mißfallen kan dir nichts „nehmen. „Dann wann du in mir wirst bleiben / A 47 „ſo (i) Seyd stille / und erkennet / daß ich GOtt binPfal. 46: 11. *) Nemlich; die Sorge und Bekümmernuͤß für mich selbst / welche GOtt auf sich genommen hat. (1) Jesq. 55: 2. Psal. 84:9. Das III Capitel „so kanst du alle [Craturen] ohne deßwe„gen einigen Mangel oder Schaden zu leyden / entbáhren / und hast niemanden „nöhtig. „Bedenckest du nicht / daß ein jedes „Ding nur geleget werde in demjenigen / „was ihm gleich und ähnlich ist? Weist du „nicht daß die wahre Ehre keiner eiteln „Ehre bedarf? Dann die Tugend bleibet „immer im Höchsten / [nemlich in GOtt] „und bedarf keines Lobes oder Zeugnüsses „derjenigen / die unter ihr sind / [nemlich „der Creaturen] sondern sie ist ihr selben „allezeit gnug: also sind auch alle diejenige „beschaffen / die durch eine brunstige Liebes„Neigung mit der Tugend selbst Eins „geworden sind. Das III Capitel. Daß man in allen Verrichtungen allezeit ſehen muͤſſe auf den Endzweck / warum sie geschehen; auf den Ursprung / woher alle Dinge sind; und daß man auch dahin zielen und ſich außstrecken müsse. Wann nicht der Mensch mit vielem in— wen⸗ der Hertzens=Gesprächen. wendigen Fleiß trachtet / in allem was geschicht / beständig einzusehen / zu welchem Ende solche Dinge sind und geschehen / sonderlich in äusserlichen GOttes=dienstlichen übungen: so wird er gar leichte dadurch zur Unempfindlichkeit in den innerlichen [übungen des Geistes] gebracht werden / bevor er weiß / und gnug sam einsiehet / daß er bey allem seinem vermeynten GOttes⸗Dienſt] nur die Blätter habe / und die Frucht versäme. (m) 2. Und indem er dergestalt niedergedrucket ist / so kan sich sein Gemüth nicht erheben / oder sich in seinen Ursprung richten / und so viel es möglich ist / anschauen das unbegreiffliche Licht / weilen seine Unähnlichkeit und dicke Finsternüssen demselben zuwider sind / da er doch dieses Licht zu geniessen alleine geschaffen ist. 3. Lasset uns derhalben uns angewehnen / in allem / was wir zu verrichten haben / allezeit die Warheit anzusehen / wie (m) Weil er dabey nicht im Auge hält den inwendigen Dienst GOttes im Geist / als den wahren und einigen Zweck alles äußerlichen Das IV Capitel wie sie alle Dinge ansiehet / und diesem Ansehen uns trachten ähnlich zu machen / so weit wir solches nach unserer Art thun können. „Und lasset uns / mit genauester „Aufmercksamkeit / den inwendigen Zug „zum höchsten Gut gar fleissig aufzufolgen „uns angewehnen. Das IV Capitel. Von der grossen Liebe und Geneigtheit des HErin JEsu zu uns / wodurch Er sich seinem Vatter vor uns aufgeopffert hat auf Erden / und noch aufopffert im Himmel; und wie wir solches als noch heute geschehende ansehen müssen. Mit welch einer Liebe und hertzlichen G neigtheit (zu uns) hat nicht unseHeyland JEsus Christus um unsernt willen wollen Mensch werden? Und allhier in dieser elenden Frembdlingschaft mit uns wollen umgehen / als der Allergeringste und ärmste von allen; in vielem Mangel / in Thränen / in Seuftzen / in Arbeit und Beschwerde alle die Tage seines Lebens: in Verfolgungen / in demütiger Erduldung der Hertzens=Gesprächen. dung seiner bösen / trotzigen Feinden / da Er sich selbst gantz / mit Leib und Seele / vor uns dahin gegeben. Mit welcher unbegreifflicher HertzensGeneigtheit zu uns / hat Er nicht sich selbst seinem ewigen Vatter vor uns am Creutze aufgeopffert / zu einem lebendigen / heiligen und unbefleckten Opffer / damit Er das verlohrne Schaaf mit groſſer Freudig keit, wieder auf seinen Schultern zurück tragen mögte? Und mit einer solchen / und nicht geringern Geneigtheit des Hertzens opffert der HErr JEsus sich noch täglich und ohne Unterlaß vor uns auf. 2. Und obschon vorbesagte Dinge einmal von aussen so geschehen sind / dennoch geschehen sie noch alle Augenblicke aufs neue also in dem Vatter / durch den Sohn / mit dem heiligen Geist / als da sie äusserlich gezeiget wurden / (hier auf Erden. Und mit eben einer solchen Geneigtheit des Hertzens / müste solches alles nicht weniger von uns noch täglich [im Glauben] angenommen werden / als wann es nun „erst in diesem Augenblick geschähe / alles „was unser HErr JEsus / in den Tagen „ſeſA Das V Capitel „seines Fleisches / zu unserm Heyl / uns zu „erweisen gewürdiget hat. Das V Capitel. Daß man die Tugend außůben můſſe allein mit Absehen auf die Warheit, und auf GOtt: und daß man die Beschwerlichkeiten des Naͤchsten in Mitleyden tragen müsse. Ich muß die Demuth / die Abgeschiedenheit / die Bewahrung meiner Sinnen / die Eingezogenheit und die Einfalt keine Wegs nur so äusserlich zeigen / nemlich etwa deßwegen / weil man vielleicht auf mich acht hat / oder auß Furcht vor andern; welches [Betragen] voller Bedrängnüß ist [vor den Geist.] Dann wann ich also zu Werck gehe / wird in künftiger Zeit dasjenige in mir abnehmen / warum ich so / oder so mich aufs führet habe / und werde wanckende und gar unbeständig seyn / und entweder zur Leicht fertigkeit oder zur Traurigkeit abweichen / nachdem die äussere Zufälle [und Umstände] seyn werden. Sondern ich muß aufrichtig auß dem An der Herzens=Gesprächen. Anschauen der Warheit diese und dergleichen Dinge thun / wissende / daß nicht allein jetzunder / sondern biß zum Ende meines Lebens / solches vor GOtt angenehm seye. 2. Und deßwegen muß ich in solchen und dergleichen Tugenden beständig zuzunehmen trachten. Dann es geziemet einem gutigen und sanftmütigen Menschen / daß er die Ungeschicklichkeiten / Verdrießlichkeiten und Unruhe anderer / mehr mit Bescheidenheit und stillem Wesen besänftige / wo es noth ist / als mit Worten. Dennoch müssen wir einander viel in Sanftmuth und Gedult ertragen / in allen denen Dingen / welche nicht eben so vollkommen und ordentlich von aussen oder von innen geschehen mögten. Dann es fällt einem jeden sein eigen Elend und Jammer beschwerlich gnug zu tragen / es sey nun an seinem Leibe / oder in seinem Wandel. O Das A 7 Das VI Capitel Das VI Capitel. Das Anschauen der Warheit gebieret die Demuth / diese beyde vertreiben die Hoffart und die eitele SelbstGefälligkeit / welche das Gemüt verfinstern. Wann ich mich ansehe in der Warheit und Gerechtigkeit / so bin ich mir gar keines Guten bewust: dann ich sehe / daß ich durch mich selbst nichts anders bin / als Abscheulichkeit / und ein Abkehriger von GOtt / und von der Warheit / und durch und durch Eitelkeit. Dan ich habe das Bild GOttes in mir beflecket / und wann selbiges mögte wieder verbessert oder herstellet seyn in seine [rechte ursprüngliche] Gestalt / so bin ich es dann nicht / sondern der HErr ist es gantz: damit durch alles und in allen Dingen / die Erhabenheit der Kraft und Tugend GO tes ſey und nicht auß mir. 2. Was nun von Gedancken oder Bewegungen in mir aufsteiget / das mit diesem Sinn der Warheit nicht überein kommt / solches ist eine verfluchte Eitelkeit / Und und ein Abſcheu vor GOtt. der Hertzens=Gespräche. Und ich wil keines Wegs dergleichen verborgene Regungen vorbey gehen oder verhehlen / als wann ich auß mir selbst im geringsten etwas wäre; sondern ich wil trachten mich so viel mehr unterzudrücken und zu demühtigen. Und nicht ansehende / wie mein [innerer Stand und] Wesen in GOtt ist / sondern einsehende die Warheit meiner Nichtigkeit in mir selbst / so wil ich solche Regungen kräftiglich herunter stürtzen / damit sie erkennen / daß sie nicht Warheit und Gerechtigkeit / sondern Eitelkeit und Lugen sind / ja der Teuffel selbst. 3. Dann so offt eine Seele / die dem HErrn getreu ist / etwa Bewegungen fühlet der eigenen Einbildung / oder der Menschen=Gefälligkeit / einer inwendigen nicht lautern Freude und Erhebung über GOttes Gaben / der Furcht andern zu mißfallen / oder einiger andern frembden Begierde: so wird alsbald ihr lauteres [inwendiges] Anschauen / wenigstens von einer Seiten / gehemmet und verdunckelt. Und wann sie genau wird zusehen / wird Das VI Capitel sie klärlich gewahr werden / daß hierdurch einiger massen ein Vorhang zwischen sie und der Warheit gehänget werde; und daß der Zweiffel / Verwirrung und die Furchtſamkeit anwachſe. Dann wo dergleichen Regungen nur hinkommen / da bringen sie solche Früchte mit sich / ja sie sind [im Grunde] nichts anders; und die Seele wird gewahr werden / daß ihr Vertrauen zu GOtt sich mindere: Und solches muß sie nothwendig so lang leyden / biß die Eitelkeit vor dem Ang sichte der Warheit verschwinde. 4. Die Demuth und die Warheit geben derhalben allein [dem Gemüt the] Sicherheit und weiten Raum / und was ausser denselben ist / ist ihm enge und förchterlich. Nun sind zwar alle frembde [Bewegungungen etwas zu wollen seyn] verworffen und hinunter gestossen von dem Angesichte der Warheit / haben auch nie davor bestehen können: aber die Warheit herrschet noch nicht dergestalt in [meinem] Gemuthe / daß es könne sehen und fühlen / daß der Herzens=Gesprächen. daß [dergleichen Bewegungen] schier vernichtiget ſeyen. Das VII Capitel. Daß unsere oberste Gemüths=Kraft / welche unendlicher Weise zu ewigen Dingen geneigt ist / verhindert werde durch eitele Gestalten und Bilder / da doch der Heyland dieselbe wil leer haben / damit Er uns in der unermeß lichen Freyheit der ewigen Dinge / durch ein GOtt=förmiges Anschauen / vor seinem Angesicht stellen möge. aß ich nicht folgen [und erreichen] kan die Höhe / (a) die Weite / die Tieffe / die Unbegreifflichkeit / und gelangen in den weiten Raum (b) des obersten Gemüths / (a) Er führete mich auß in den Raum / Psal. 18:20. (b) Im Lateinischen heist es: Suprema affectiva, und ſol diß der Siñ ſeyn: Es iſt in unſerm Gemüth eine oberste Krafft oder Facultät / welche unendlicher Weiſe und uͤber alle anꝺere Geschöpffe / zu ewigen Dingen sich neigen und außstrecken / und von denselben auch angethan werden kan: diese Kraft oder Neig Das VII Capitel muͤths, welches die gantze Schöpffung unendlicher Weise weit übersteiget: ist ein Zeichen / daß ich noch durch Eigen=Gesuch gehalten und gebunden werde; oder daß ich ruhe in der Gemächlichkeit / und fürchte die Ungemächlichkeit / oder daß ich fürchte untergedrucket / gedemühtiget oder nicht geachtet zu werden. 2. Ich wil aber fleissig untersuchen / wann ich in dem inwendigen Aufsteigen verhindert werde / ob eine solche Sache auch werth sey / daß ich dadurch aufgehaten werde / oder nicht: Wo nicht / so wil ich loß und frey dieselbe übersteigen; dann es muß unser Gemüths=Stand / oder das innerliche Aufsteigen unsers Geistes / nicht leichtlich! störet oder aufgehalten werden. Dann der HErr JEsus selbst ist derjenige / der inwendig erleuchtet; was solte uns verfinstern? Der HErr JEsus ist / der inwendig befriediget; was solte uns beunruhigen? Der HErr JEsus ist / der unser innerlichkeit aber kan ich nicht lassen wircksam seyn und folgen / weilen / rc. der Hertzens=Gesprächen. innerliches Aufsteigen loß und frey machet; welch Geschöpff / welche Widerwärtigkeit oder Gegenstand solte dasselbe niederdrucken oder verhindern „3. Ich bins / spricht Er / der ich mein (c) Heiligthum heilige / und lasse nicht zu / „daß es (mit frembden Dingen) verbildet „werde; sondern ich gebe ihm eine heilige „und herrliche Sabbaths=Ruhe mitten „unter der Unruh; ich lasse keine frembde „Formen und Bilder eingehen, oder we„nigstens nicht ruhen in meinem heiligen „Tempel. „Dann es ist nichts / das ich würdig „achte / daß es möge verhindern oder nie„derdrücken ein Gemüth / das mit mir vereiniget ist. „Und ich achte es sehr bestraffens, wuͤr„dig / daß das Gemüth selbst sich beschäf„tige mit allerhand geringen und unnützen „Dingen / oder mit eiteln Sorgen künfti„ger Dingen) die vielleicht nimmermehr „geschehen werden; da es doch in Freyheit „sei(c) d. i. Die Seele / welche GOttes Wohnung ist / 2 Cor. 6; 16. 3 Mos. 21. 20 Das VIII Capitel seines Göttlichen Adels geniessen kön„te / in seinem anfänglichen Ursprung. Derhalben muß das Gemüth sich befleissigen / so viel es kan / damit es nicht verhindert oder träge gemachet werde von denen untern Dingen: von denen obern Dingen aber hat es nichts zu fürchten, weil es von denselben nicht allein nicht niedergedrücket wird / sondern auch noch öfters auf mancherley Weise genöhtiget und ang locket wird / mit denselben zu stehen vor dem Angesicht des Herrn / zu wandeln in inniger und höchster Weite / [des Gemuths] allwo keine Enge gefunden wird / sondern ein freyes und GOttförmiges Anschauen / welches das Hertzens=Auge nicht verdunckeln noch trübe werden lässet. Das VIII Capitel. Von der Blösse und Lauterkeit der Seelen vor der ewigen Warheit / ja auch dann / wann sie die Gestalten der geschaffenen Dinge ansiehet / da sie der Herzens=Gesprächen. sie GOtt in denselben siehet. Wie daß ein solcher selig sey. Wahre Gemüths=Freyheit. Wisset ihr nicht / spricht die GOtt=förmige Braut selbst / [redende im Geist der Warheit] wie daß es / durch die Gnade / mir möglich gewesen sey / ohne Bilder / in einer entblösten GemütsGestalt / mich darzustellen vor das Angesicht der ewigen / unveränderlichen Warheit / und unwandelbaren Wesenheit / welche immerdar iſt das jenige / was ſie ist. (d) Und allein in Warheit fortgehet zu allen Dingen / und doch inwendig [in er selbst] gantz verbleibet. (e. 2. Dieses aber nicht allein / sondern es kan auch diese GOtt=förmige [Seele] sich aller Formen und Bilder entblösset [und lauter) halten / (f) wann sie die Warheit selbst 2 Mos. 3: 14. (e) Weißh. 71 27. d. i. Wann das Gemühl siehet in allem Geschaffenen das Göttliche / so in demselben ist über sein Wesen, oder das übernatürliche / so wird es durch die Gestalten und Bilder der geschaffenen Dinge nicht verhindert / daß es dem unerachtet nicht lauter und bloß seyn solte. 22 Das VIII Capitel selbst und das Uber=Wesen aller Dingen in allem Geschaffenen ansiehet: dann sie siehet kein Ding an als ein Nichts / sondern in allem (g) siehet sie GOtt / so wol in den geringsten als in den grösten Dingen. Deßwegen kan nicht leichtlich etwas ein solches Gemüth auf eine schädliche Weise verbilden. Und wann nun gute und reine Bilder solches nicht leichtlich thun können; wie viel weniger wird dann dasjenige / welches die Seele verfinstern oder beunruhigen kan / solches vermögen zu thun? 3. Und so ist dann ein solches Gemüthdessen Bande zerbrochen / und welches frey geworden / und in der Tugend befestiget ist / nicht weniger selig und tugendsam auf der Reise / als in seinem Hause / unter vielen [Menschen] als in der Einsamkeit / unter der Arbeit / als in der Ruhe / im Wolstand / als in Widerwärtigkeit und übelstand / und so auch in allen andern Begebenheiten. ### Und (8) Den Erleuchteten leuchtete GOTT in allen Dingen. der Hertzens=Gesprächen. Und solches darum / weil es der Warheit selbst nicht weniger hier als dorten gegenwärtig ist / vornehmlich / weil es durch eine brunstigste Liebes=Neigung / mit der Warheit und Seligkeit vereiniget / und also auch (so viel möglich) derselben theilhaftig geworden ist. 4. Dann hierin bestehet die wahre und heilige Freyheit des Geistes; Erstlich / daß er nichtes liebe in dieser Welt / weder geehret noch geachtet zu seyn / noch seine eigene Gemächlichkeit in Zeit oder in der Ewigkeit; daß er auch selbst in den nothwendigen übungen nicht beruhe / und seine begierliche Kraft mit keiner unlautern Begierde zu etwas Geschaffenes getrieben werde: dann er kan aller Dinge / die er scheinet zu haben / ohne einigen Schmertzen entbähren; weilen die Warheit keines Dinges bedarf / noch von einiger Verminderung ihres Lichtes weiß. Zum andern / daß er keine schwere noch mangenehme Dinge fürchtet oder scheuet / nemlich / keine Mühe oder Leyden. Und daß / obschon [dergleichen unangenehme Das IX Capitel nehme Dinge] nicht gegenwärtig sind/ auch selbst derselben Andencken das Gemüth nicht drucken oder quälen: daß er auch in allen Beſtraffungen / Schelten und Geringachtungen / durch keinen unnöhtigen Schmertz oder Schaam beweget oder gestöret werde: sondern daß er sich dessen nur in so weit annehme / als die Warheit selbst es erforderte oder zeigen mögte / und nicht mehr. Das IX Capitel. Daß das beſchauliche / wircksame und wahre freye Leben GOttes Gabe sey. und daß derſelbe alsdann alles in dem Menschen wircke; welcher dahero in GOtt allein sich rühmet / und in demſelben warlich reich iſt. * Sihe / spricht der HERR / ich habe dir gegeben / daß dein Angesicht mein „Angesicht anschauet / und daß „dasjenige / was in dir gleichförmig „gantz in sich empfange meine Schönheit und Gleichförmigkeit / so viel solches „möglich ist. „Und ich habe dir gegeben einen wolg ordne der Hertzens=Gesprächen. „ordneten Wandel deines äussern Men„schen / welcher stärcker ist als die Ange„sichter aller deren / die wider dich streiten / „vornemlich und insonderheit die dem „Geiste widerstehen: dergestalt daß sie „nicht bestehen / ja nicht erscheinen dürffen „vor deinem reiffen / gesetzten und blossen „anschauen; wodurch du / alle Hin„dernüssen übersteigende / vielfaltig er„neuert wirst / und von den Vermittelun„gen aller unnöthigen Dinge entlediget „bist / und frey vor mir stehest / „und nicht beschämet wirst. 2. Dann in diesem Anschauen ist keine Verwirrung / keine Bedrängnuͤß / kein Zweiffel / noch einige Furcht; da das Gemüt sich vollendet siehet in eben dasselbe Eines / (a) und siehet sich eins oder ein Geist (b) mit eben demselben / und eben dasselbe / welches GOtt ist / vergeſtaltet in ſich. Und so wircket die Seele alle ihre Wercke Joh. 17:23. Mit demjenigen / der da ist das / was er ist Mos. 3:14. 1 Cor. 6: 17. Das IX Capitel in GOtt / (c) ja GOtt wircket dergestalt alle ihre Wercke in ihr / daß sie selbst vielmehr GOttes Werck ist / als daß ſelbſt wircken ſolte. 3. Sie verlässet auch / ihrer eigenen Schwachheit wegen / nicht die innerliche GOtt=förmige Berührung und Bewegung / in einigem Ort / Zeit oder Begebenheiten / wie schwer sie auch seyn mögten sondern sie siehet / daß GOtt in allem sie in seiner Gewalt habe / damit sie sey ein k quämes Werckzeug / zu allem Werck GOttes geschickt und bereit. Und so erkennet sie in der Warheit / (wann es wol mit ihr stehet) daß GOtt durch die Augen ihres Leibes siehet / ihren Mund redet / durch ihre Ohren h ret / und so auch durch alle ihre übrige leil liche Verrichtungen in allem lauterlich einhergehet. 4. Und dergestalt wird erfüllet / was der Prophet Jesaias sagt: Alle unsere Wercke haſt du HErꝛ in uns gewircket/ also daß bey allem / dem Menschen auß sich selber / keinen Ruhm / auf seine eigene Kraf. 9 Joh. 3: 21. (d) Esai. 26, 12. der Herzens=Gesprächen. Kraft oder Werck / übrig gelassen wird: sondern all sein Ruhm sey in dem / daß GOTT es gantz / und er in sich selbst nichts seye: daß er gantz verlohren sey in ihm selbst / und sich gar nicht mehr finden könne; und gantz gefunden in GOtt / in welchem er ruhig und gantz sicher wohnet. 5. Und eben darin freuet er sich gar sehr / daß ihm alle Gelegenheit in sich selbst zu rühmen benommen ist / damit GOtt sey alles in allem. (e) Und in dem / daß er so stehet / bedarf er keines Lobs oder Ehre dann er ist voll / und die Vollheit selbst ist in ihm. Wo er aber noch Ehre begehret / eben das ist ein Beweiß, daß er noch gantz leer und ohne Ehre ist: dann nirgend sucht er etwas / als da / wo er noch eitel oder ledig ist. 6. Und so muß der Mensch allezeit in sich entwerden (f) und abnehmen / und in dem HErrn zunehmen / und vielfaltig alles B 2 1 Cor. 151 28. In sich entwerden ist / sich selbst absterben / oder sich vernichtigen in Ansehung seines Eigen⸗Geſuchs. Das X Capitel alles umb alles geben / wann er nicht wil bedränget werden. Dann vor dasjenige / das er vor sich behält und besitzet / wird er überzeuget / daß er GOtt verkauft habe: dann GOtt gibt alle Gaben / vor eine Gabe / welche die Seele (g) selber ist / damit Er gantz unseseyn könne / und wir hinführo nicht mehr [dürftige] Bettler / (h) sondern voll seyn mögen. Das X Capitel. Daß durch das Erfahrungs=Anschauen GOttes das Gemůth unveränderlich und eins mit GOtt werde; daß alle fremde Dinge von demselben vertrieben werden; daß es ihm die Einfalt und eine faſt unwanckelbare GOtt=Förmigkeit zuwege bringe. zu welchem allen diejenige / die sich selbst und das Ihrige suchen / ungeschickt sind. Es ist nicht gnug zu meynen und zu den cken; sondern man muß es durch fah g) Gib mir / mein Kind / dein Hertz / Spr. Sal. 23. (b) Wer in allem sich selbst suchet / der ist ein Bettler der Hertzens=Gespräche. fahrung wissen / daß das Gemüt denjenigen anschauet / der alle vergangene / gegenwärtige und künftige Dinge mit einem Anblick anschauet / und daß zu ihm gesagt werde: „Siehe / alle deine Wege sind vor mei„nem Angesicht / wie es mit dir seye / ob du „vor mir stehest und wandelst mit voll„kommenem Hertzen; oder ob du herum „schweiffest und flüchtig bist / und wanckest „nach einem jeden Wind der äussern Begebenheiten. Ich stehe / und bleibe un„veränderlich. „O! wann du mich köntest ansehen / wie „ich allezeit unveränderlich in einem We„sen bleibe; und daß bey mir kein vor „oder nach seye / sondern nur Ein und „dasselbe, welches ich alleine bin! „dann köntest du selbst auch befreyet wer„den von der Ungleichheit und schnöden „Veränderlichkeit / und einiger massen mit „mir Ein und dasselbe seyn.“ 2. Welche Eröffnung so kräftig und starck ist / daß alles das innerste des Menschen / nicht allein des Hertzens / sondern auch B 3 Das X Capitel auch des Leibes wunderbarlich berühret und beweget wird / und in Ohnmacht hinsincket / und dieses nicht ertragen kan. Und daher wird dann sein innerliches Anschauen helle und klar / ohne Vermittelung einiger Dunckelheit / und (nach seiner Weise) gleichförmig demjenigen / den es siehet: so daß alle Eitelkeit und Anderheit / und alles / was dasselbe nicht ist / vergehet und verschwindet / gleichwie Rauch von einem starcken Wind. Der äussere Mensch wird auch unschuldig und einfältig mit vieler Sittsamkeit / Sanftmuth / Demuth und Gebeugtsam keit / in allen Dingen einher gehende / nach Erforderung der Sachen [und Umständen; damit er / gleichwie David / treu sey in seinem Eingehen und Außgehen / nach dem Befehl des Königes. (a) 3. Und wird also der Mensch ganz GOtt-förmig / daß er alle Dinge mit gleichem Gemüthe ansehen kan / und keines und wegs weder durch widerwärtige schwere Dinge beunruhiget / noch durch glück (a) Eingehende zu GOtt und außgehende zum Nächsten. der Hertzens=Gesprächen. glückliche und angenehme Dinge ungebunden oder außgekehrt wird: sondern er wird vielfaltig erneuert durch sein reiffes und gesetztes Anschauen / womit er die Billigkeit und Gerechtigkeit ansiehet / welche allezeit stehet und feste bleibet / und sich nicht nach einer Seite überlencket. Und hierin muß er sich gewehnen gantz geübt zu werden / damit kein unvorsehene und plötzliche Zufäll ihn entrüsten oder verstreuen. Thut er solches / so wird GOtt / der feht mächtig ist / nicht zulassen / daß sein GOttörmiger [Grund] den leiblichen oder geistlichen Beunruhigungen / Gemüths=Bewegungen und Verstreuungen unterworf fen werde. 4. Und weilen eine solche Seele ganz GOttes ist / und nichts vor sich selbst zurück gehalten hat / deßwegen ist sie getrost in allem / was ihr je begegnen könte / es seye von GOtt / vom Teuffel / oder von der Ungeſchicklichkeit und Plage anderer Menschen / wie es auch immer seyn mögte. Sie kan auch allerhand schwere [und widerwärtige] Dinge sehen / hören / und ſich Das X Capitel sich derselben erinneren / ohne deßwegen erschrocken oder kleinmütig zu werden Und solches darumb / weil sie nichts mehr hat / das sie verlieren kan / und versichert ist / daß GOtt dasjenige / was sein ist / nicht verlieren kan. 5. Aber wie solte man demjenigen so grosse Dinge anvertrauen mögen / der in kleinen und täglichen [vorfallenden Dingen] schon beängstiget und kleinmütis wird? Der innerlich und äusserlich / auch im allergeringsten / seine eigene Gemäch lichkeit ſuchet? Wo iſt in einem ſolchen das freywillig Hingeben seines Leibes und seines Geistes / zu allen beschwerlichen [und widrig Dingen / (sie seyen gegenwärtig oder noch zukünftig) durch die Verläugnung seiner selbst? Wo ist endlich in ihm das lautere und blosse Anschauen der unveraͤnderlichen Warheit / womit er alle Dinge durchsiehet? Welcher mit allerhand andern Dingen / ob sie gleich sich nicht böse sind / dennoch durch das Arbeiten seiner Gedancken oder Phantasie / und mit einem gefesselten und verwickelten der Hertzens=Gespräche. Gemüthe / dergestalt beschäftiget ist / daß er (ich wil nicht sagen in der Unruh und mancherley Geschäften / sondern nicht einmal bey dem äussern GOttes=Dienst / da er doch gantz der Andacht ergeben seyn müste) dieses einige Eitts / worin alles st / nicht anschauen kan / weil er verdunckelt ist. 6. Wann er schon so viele Verbildungen und Gedancken der Dingen hat / da er ledig ist / und Zeit / Ort / Ruhe und dergleichen Hülff-Mittel zu seiner innerlichen Bewahrung hat: was wurde er dann wol thun / wann er mitten in vieler Unruh / und mit mancherley Geschäften beladen wäre? Wann sein Gemüt wancket / nachdem die äussere Zufälle sind; wann er da unten liegt / da er andere solte aufrichten; wann er seinen eigenen Nutzen der Nothdürftig keit seines Nächsten vorziehet: wann er in diesen und dergleichen Dingen abfällt / und sein selbst nicht mächtig ist / sondern mit frembder Macht (c) gebunden ist; so ist eint gar dicke Decke gehänget zwischen ihm und (e) Nemlich der Selbst=Liebe. 34 Das X Capitel und GOtt / und vermag keines Wegs ins Allerheiligste einzugehen noch einzusehen. 7. Und wann er schon äusserlich die heilige und Göttliche Geheimnusse geniesset / [oder communiciret] so gehet ihm dennoch unvermerckt vorbey (und ohne dessen theilhaftig zu werden) die Göttliche Gleicht / und das höchste Gut / das sich selbst und communiciret / oder gemein macht dem der Seelen geschencket wird / nach Maaß ihrer Vollkommenheit. Und welches noch mehr zu verwundern ist / er ist mitten unter solchen Dingen / und gehet mit den Göttlichen Geheimnüssen um / aber mit vieler Unempfindlichkeit / und einiger massen ohne Achtgebung auff da jenige / was sie in sich haben / und warumb sie geschehen; und gehet dergestalt leer und nüchtern von einem vollen Tisch weg / da er doch so offt von aussen dabey stehet. Das XI Capitel. Von dem Fleiß / den man anwenden muͤsse in dem Wege GOttes / welcher das Creutz ist. Dessen Süssigkeit vor denjenigen / der davon nicht abweichet / der Hertzens=Gespräche. weichet / sondern darin verharret lauterlich / und ohne Absicht auff seine eigene Gemaͤchlichkeit. Dessen vortreffliche Wirckungen / nemlich des Vertrauens in GOtt / obwoln mit maͤssiger Bescheidenheit. Fiffert brünstiglich nach den besten Gnaden=Gaben (d) des Geistes: es ist nicht gnug / daß der Mensch eben nicht sehr zu eiteln und unnützen Dingen geneigt sey / sondern er muß auch starck und brünstig seyn / daß er Tag und Nacht nicht ablasse in dem Thun; und daß er wie ein Riese munter und freudig sey / in dem Wege des HErrn tapfer zu lauffen / und mit vieler Begierde den ihm vorgesetzten kampf anzutretten / nemlich das Creutz des HERRN. 2. Dañ unser gantzes Leben ist und muß ein Creutz seyn / welches wie süß es sey / derjenige allein weiß / der es fühlet. Dann unser Creutz ist so süß / und se voller Lieblichkeit und Sicherheit / daß derjenige / der es in Warheit liebet / viele BirB 6 (d) 1 Cor. 12: 31. Das XI Capitel Bitterkeit und Bedrängnus wird finden / so bald er nur ein wenig davon abweichet. Dann was ist nicht als vor Gutes im Creutz? Massen darin ist eine Länge / eine Breite / eine Höhe / und eine Tieffe alles dessen / was man in Lauterkeit begehren kan. Ist dann nun solches alles darin / so wird eine Seele) weiten Raum finden / wo sie ich auch hin kehret / wann sie nur im Creutz bleibet; weicht sie aber davon ab / so wird sie [alsbald] von allen Seiten beängstiget werden. Und wer nicht sorgfältig sich befleissiget / beständig in dem Creutz des HErrn zu bleben / der weicht gar leicht davon ab; und welches noch ärger ist / er fühlet auch nie die Bitterkeit der Abweichung davon / weer die Süssigkeit des darin=bleibens nicht kennet. 3. Er weichet aber davon ab / so offt er die seine Augen richtet auff eitele Dinge / ihn von GOtt entfremden / welches ein VerAbſcheu vor GOtt iſt; ſo offt er auß drießlichkeit unterlasset zu thun / was ihm doch oblieget; so offt er durch einige fremde Furcht gedruckt wird; so offt er [unordentliche der Herzens=Gesprächen. liche] Gemüths=Bewegungen oder Beunruhigungen [in sich] leydet; oder einige Anderheit und selbst=Gesuch [in ihm] wircket. 4. Aber in dem Creutze verbleiben / ist / daß man zu aller Zeit / aller Orthen / in allen Dingen / im Wolstand / oder in Widerwärtigkeit / und in allem / was einem sonst begegnen mögte / die Gleichheit des Gemüths zu bewahren trachte. Wie auch / daß man in allen inwendigen und außwendigen / zeitlichen oder ewigen Dingen / überall sein Eigen=Gesuch verlasse / und so in dem HErrn sterbe; auch selbst in der lautern und nothwendigen Freudigkeit im heiligen Geist / mit keiner Eigenheit ruhe / und gäntzlich nichts / weder inwendig noch außwendig / annehme / was der Eigenheit angehet / oder auff selbstGesuch zielet; daß in allem / was uns / mit Recht oder Unrecht / begegnen mag / es seye öffentlich vor jederman / oder heimlich und allein / kein murren noch klagen gehört werde / oder einige Entrüstung / oder Störung des Gemuths / noch einige Verdunckelung des innerlichen Gesichts / der aufB.7 Das XI Capitel äussern Zufälle wegen; sondern daß das Gemüth (welches ihm selbst in keinem einiges Bösen bewust ist) mit stillschweigendem Hertzen / mit gleichem / demüthigen und friedsamen Angesicht / die Gedult bewahre / damit ihm nichts begegne / worzu er nicht solte bereit seyn. 5. Einem solchen gilt das Gemächliche und das Ungemächliche eines theils gleich. weil er in dem einen nicht loß und leicht fertig / und in dem andern nicht bedruckt oder bedränget wird. Sondern weil er weiß und fühlet / daß er von Natur zur Gemächlichkeit und eige nen Ruhe geneigt ist / deßwegen so gehen er der Neigung gerade entgegen / und verlanget vielmehr durch widerwärtige und ungemächliche Dinge geübt zu werden; und solches umb so viel mehr / weil er weiß. daß alle Eigenheit auß solchen Dingen außgeschlossen sey. Diß ist der rechte Weg des HErrn. voller Sicherheit und Herrlichkeit im HErrn / und ohne einigen Irrthum [und Betrug;] so daß eine jede Seele / die nicht darinnen wandelt / voller Angst / unnütz lichen der Herzens=Gesprächen. licher Furcht / mannigfaltigen Zweiffel fremder Zerstörung und Abgekehrtheit von dem HERRN ist. 6. Wann aber jemand das Creutz des HErrn nur deßwegen lieben wolte / weil so viele Sicherheit. (c) Freyheit und Weite vor das Gemuth] darinnen ist / so liebte ein solcher es nicht lauterlich; sondern in eben diesem (f) weicht er von dem Creutz ab. Wan aber der Mensch / da er im Creutze stehet / sich gäntzlich dem HErrn lässet / und gantz sein ist / so lässt sich auch GOtt einiger massen gäntzlich dem Menschen / und wird gantz sein; und so wird der Mensch [vergnügt und] voll / daß er keines Dinges bedarff / noch etwas verlanget; siehe / welche eine Umwechselung! Wann er sich aber nur allein deßwegen GOtt lässet / und Ihm zu gefallen trach tet; solches ist nicht rein (g) und recht / sondern unlauter und enge: und eben das ist / (e) Suchende mehr seine eigene Gemächlichkeit als die Ehre GOttes. (f) Weilen sein Zweck und End=Ursache nicht GOtt selbst ist. (g) Eige reine Seele sucht GOtt umb GOtt. Aug. Das XI Capitel in dieser Absicht / sehr von dem Creutze abgewichen ſeyn. 7. Ob aber nun schon der Mensch dert gestalt allen Dingen einiger massen todt zu seyn scheinet; so muß er doch in allen, wol kleinen / als grossen Dingen / (sich selbst gantz dahin gebende) mit lebhaffter Wachtsamkeit] einhergehen / nach aller Erforderung der Sachen / und nach Anweisung der Warheit: so daß er auch in Ansehung der nothwendigen Gemächlich keiten des Leibes / als nemlich des schlaflens / der Ruhe nach einiger Ermüdung / des essens und trinckens und dergleichen / sich so lauterlich und einfältig aufführe, daß er deßwegen vor dem HErrn sich nicht ſchämen dürffe. 8. Wann ihm einige Beschwerlichkeit begegnet / so dencke er / daß er in dem Creutz des HErrn seye / und daß ihm nichts anders zukomme / und er nichts anders begehren müsse als Creutz. Und so lange muß ihm nothwendig dae Creutz schwer und verdrießlich seyn / bij er es willig und von ganzem Hertzen begehret und träget. Wann ꝺer Hertzens=Geſpraͤchen. 9. Wann er nun auch einigen leiblichen Mangel hat / oder wann er dieses oder jenes vom HErrn nicht bekommen hat: so ist er, ob er solches hat oder nicht hat / darumb nicht mehr oder weniger seelig. Und es ist keines wegs des HERRN Wille / daß er dvrumb sich bekümmere / oder meyne / daß er deßwegen weniger seelig sey wann er auch schon sähe / daß andere solches nicht vertragen können / und kein gutes Auge auff ihn hätten: es muß ihn solches nicht wundern / dann die Warheit selbst hat ihre Beneyder / wie viel mehr unsere Schwachheit? Dan es ist auch nicht möglich / daß einer allen gefallen und vergnügen könne / gleich wie der allervollkommenste Wandel unsers HERRN JESU Christi im Fleische solches selbst nicht gethan hat. Doch mit dem Beding / daß der Mensch im vorbesagten sich allezeit demüthiglich bessere; und daß er nicht unterlasse zu thun alles das / was in seinem Vermögen ist. 10. Wer so in dem Creutz des HErrn seinen Wandel führet / der kan weder Tag noch Nacht durch keine widerwärtige Din Das XI Capitel ge furchtsam oder erschreckt werden; so nicht einmal durch ewige [Leyden] weil er sich bereit fühlet / alles auff sich zu nehmen was zur Ehre des HErrn / durch dessen Regierung oder Zulassung / ihme wiederfahren mögte. Dann wann er in Warheit die Gerechtigkeit liebet / so würde er / wann GOtt seine Missethaten und Abweichungen von Ihm / auff diese oder jene Weise straffen oder bessern wolte / auch nichts anders verlangen können; ja wann GOtt wolte / daß er in höllischer Qual / zu seiner Läuterung. seyn solte / so würde er auch eben solches begehren / damit nur alles / was in ihm wider die Gerechtigkeit und Warheit mögte geschehen seyn / geläutert würde. Sterben und leben gilt ihm auch einet theils gleich; er wird auch nicht betrübl. über das abscheiden einiger fremden [Creatur / weil er sich nicht erfreuet noch geruhet hat in ihrem ankommen. 11. Dann was kan dem jenigen zu seinem Trost begegnen / der das höchste Gutund die Seeligkeit selbst / welche GOTT ist / geneufft / welche durch keine Zufälle von der Herzens=Gespräche. [von aussen] vermehret noch vermindert wird? Dann die Seeligkeit selbst hat keine Gemeinschafft mit [äussern] Zufällen: so daß dem / (h) welcher seckig ist / wann alle Gemächlichkeiten [und Wolstand] ihm begegnen / seine Seeligkeit nicht vermehret / und wann ihm solches wieder entnommen wird / seine Seeligkeit nicht vermindert wird. Und obschon solches seltsam und wunderlich zu lauten scheinet / so ist doch keine Vermessenheit in einem solchen Sinn; weil er nicht nur so obenhin [und in Gedancken] bestehet / sondern auß tieffer [und gründlicher] Vereinigung und Gleich förmigkeit mit GOtt entspringet; und es kan auch ein fremder (das ist / fleischlicher Mensch) keines wegs dahin gelangen / weilen viele Ungerechtigkeit in ihm herrschet: „und deßwegen wann derselbe auch ein „grosses Vertrauen haben wolte / so ist „solches doch gantz eitel / so lang es nicht „auß der Vereinigung mit GOtt und der „Erneuerung des Hertzens entspringet. 12. Es (h) Mit GOtt inwendig vereiniget. Das XI Capitel 12. Es wird aber vielleicht jemand sagen: Man muß nicht hoͤher gesinnet seyn / als man gesinnet seyn sol / sondern mit Bescheidenheit gesinnet seyn. (1) Es ist wahr / aber wie müssen wir gesinnet seyn? Muß nicht diß unser Sinn seyn: daß [gleichwie] wir geschaffen sind nach dem Ebenbild und Gleichnuͤß GOttes / wir auch wieder vollkommen seyn müssen / wie unser Vatter im Himmel vollkommen ist? (k) Oder wil unser HErr JEsus / der für uns den Vatter gebäten hat / daß wir ⑤ eins seyn moͤgten / wie Er in dem Vatter und der Vatter in Ihm ist / daß wir moͤgten vollendet seyn in eines / und erkennen / daß der Vatter uns liebet / wie Er Ihn geliebet hat / und dergleichen vieles; wil / [sage ich / der Heyland hiermit lehren] daß wir abkehrig und schüchtern sollen seyn vor unsern Vatter / und daß wir Ihm so fremde seyn sollen? Von 1) Röm. 12: 1. (1) Matth. 5148. (1) 1 Joh. 17: 11/26. der Hertzens=Gesprächen. Von der inwendigen Gewißheit sagt auch der H. Petrus: Seyd desto mehr einsig / durch gute Wercke euren Beruf un̄ Erwehlung feſt zu machen. (m) Wann so und auff dergleichen Weise gesinnet seyn wider GOtt ist / so ist warlich GOtt wider sich selbst; dann es wil nichts anders sagen / als daß wir in allen Dingen / von innen und von aussen / in Zeit und Ewigkeit / dem Winck des Göttlichen Willens unterworffen seyn sollen / und daß in uns keine Ungleichheit bleiben müsse / welche den Augen der Göttlichen Güte mißfallen möge: daß er / der Mensch / (als er) nichts seye / GOtt aber alles in allen y: ja daß er in GOtt und mit GOtt (se viel solches geschehen kan) alles sey. 13. Aber [mögte jemand einwenden] es sind dennoch die Gerichte GOttes / wie grosse Abgründe? (o) Ja / wol grosse Abgründe / es weiß auch der Mensch nicht / ob er der Liebe oder des Hasses würdig ist. (p) Allein / es kan doch GOtt nicht verlieren das / was sein ist / dann E kan nichts wider sich selbst thun. Wann (m) 2 Petr. 1:10. (o) Psal. 16:7. (p) Pred. Sal. 9:1 Das XI Capitel Wann Er nun den Menschen mit sich vereiniget hat / und der Mensch einiger massen theilhafftig geworden ist dessenwas GOtt ist / nemlich die Gerechtigkeit. Tugend / Warheit und Gleichheit: wie / solte dann GOtt sich selbst nicht lieben [in dem Menſchen? Und wie würde der Prophet David mit Freuden sagen können: Deine Gerichte ollen mir helffen. Deine Gerichte sind lieblich / wann ich gedencke an deine Gerichte / O HErr! von der Welt herso werde ich getröstet; und ich hoffe (q) auff deine Gerichte / und dergleichen vieles: wann er nicht gantz in sich selbst entworden wäre / was nemlich das Böangehet / und einiger massen die Gerechtigkeit (c) in dem Lande der Gleichförmigkeit (s) geworden wäre / vor gewiß wissende / daß GOtt sich selbst nicht verdammen könne? 14. E ) Psal. 119. v. 175. 39. 52. 43. sc. (r) 2 Cor. 5:21. Daß wir würden die Gerechtigkeit GOttes in ihm. G) Sonst genannt / der obere Theil der Seelenoder der Geist. der Hertzens=Gesprächen. 14. Es ist aber auch noch ein anderes Land in der Seelen / nemlich das Land der Ungleichförmigkeit /(t) voller Stricken und Banden / Trübsalen / Seufftzen und Beäugstigungen / da Dornen sind und mancherley Druck / Zerstörung / Scham / und Widrigkeit gefunden wird: auß Betrachtung / nemlich / unserer eigenen Schwachheit / und vielfaltigen Gebrechen des innerlichen und äussern Menschen welche täglich mehr gefühlt und erfahren werden / als es billig seyn solte. In diesem Lande wachsen Dornen und Disteln überflüssig und in grosser Menge / doch in dem einen mehr / in dem andern weniger; dergestalt / daß beynahe keiner von diesem unnützen Unkraut frey seyn kan. In diesem Lande [und nach diesem Theil] haben wir nöthig mit dem Prophet David zu bitten: HErr / gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht. (u) HErꝛ / straff mich nicht in deinem Zorn. (v) Verlaß mich nicht / dann ich fürchte mich vor deinen Gerichten /(w) u.s.w. Das c) Bernard, super Cant. Serm. 16. (u) Psal. 143: 2. (v) Psal. 38: 2. (v) Psal. 119 Das XII Capitel Das XII Capitel. Daß / ob gleich die Untugenden das oberste Theil der Seelen bestreiten / und ihr Aufchauen verdunckeln; dennoch die Hülffe GOttes / obwol verborgentlich / nahe seye; und daß die Seele demselben müsse anhangen und auff ihn mercken. er gantze Schwarm der Untugenden und der mancherley Hindernüssen frembder Dingen und feindlichen Beunruhigungen trachten bißweilen in der obern Landschafft des Gemüths überhand nehmen / rühmen und sagen mit trotzigem Verweiß: Wo ist (x) nun dein GOttWo ist dein Königreich und dessen B wahrer: Sihe / wir herrschen und regieren / nicht allein auff deiner Erden / sondern auch deinem Himmel: und wir werden nicht mehr / wie sonst gewöhnlich / hinaußgetrieben von dem lautern / blossen / und reiffen Anschauen / wovor wir nicht bestehen konten / das jetzund von uns sehr verdunckelt (*) Psal. 42: 4 der Herzens=Gesprächen. dunckelt ist / und leichtlich abweicht durch einen geringen Vorwurff. Wir bemühen uns auch eben so sehr nicht / ihn durch grössere Vorwürffe zu versuchen / so lang er nur wenigstens durch die geringste / als nemlich / durch eine fremde und unruhige Gemüths=Beschäfftigung / auffgehalten wird / und zufrieden ist bey denen Verstreuungen und Bekümmernüssen / womit er von uns beängstiget wird. Und ob er eben keine grosse Liebe zu uns hat / so machen wir ihn doch untüchtig und lau / daß er auch dasjenige / was ihm zu thun stehet / nur so auß einer kalten Gewohnheit berrichtet. 2. Aber ach! daß dieses / dessen wir uns rühmen / nur mögte Bestand haben! dann wir furchten / daß nicht etwa ein stärckerer über uns komme / der uns hinauß werffe / und gäntzlich außschliesse daß uns hinführo kein Zugang mehr offen bleibe / ja daß wir nicht einmahl nähern durffen; da wir vormahls gantz sicher / und nun mit Furcht trohnen. Dann es scheinet uns zu / als wann der HErr vor diesen Menschen streiten wolte wi Das XII Capitel wider uns; und ob er gleich von uns bedränget ist / dennoch / sihe sein ächtzen und die tieffe Seufftzer seines Hertzens / wie auch die Thränen seiner innern und äussern Augen / scheinen hinauff zu steigen zum HErrn; der auch nun beschlossen hat ihn von seiner mannigfaltigen Dienstbarkeit zu erlösen / und ihm seine vorige Freyheit wieder zu schencken: und wann er selbis wieder wird erlangt haben / so wird uns hefftig unterdrucken und trotzen / daß wir auch nicht vor ihm werden erscheine dürffen. 3. Derhalben bitten wir dich / HErrdaß / wann du uns außwirffst / du uns doch wenigstens einen kleinen heimlichen gang wollest frey lassen; damit / wann du wir ihn etwa ein wenig verlassen mögtest / uns wieder ruͤhmen mögen unserer ersten Herrschafft. Wann du aber solches nicht thun wilt / so sol dieser Bettler / oder was er sonst für einer ist / doch dieses wissen: „daß so lang „ein Othem wird in ihm seyn / wir weder „Nacht noch Tag nicht auffhören wollen „ihn zu bestreiten. Wir wollen unsere „Stricke der Herzens=Gesprächen. „Stricke vermehren / auff daß / wo er sich auch hinkehre / er wenigstens bißweilen „einmal mag gefangen werden. 4. „Wir wollen ihm zuvor kommen / „ ehe er auffwachet / damit wann etwa früh „morgens seine Augen nicht zum HErrn gerichtet wären / wir ihn zuvor kommen „und sein Gemüth einnehmen mögen. „Wir wollen ihm viele Fabeln ein„schwätzen / und ihm allerhand eitele „Phantasien vorwerffen / sonderlich in seinem äussern Gottesdienst: so offt er nem„lich nicht wahrnimmt / wie daß er das „Gesetz des HErrn muß lieben / und wie er „mit entdecktem Angesicht (y) erschei„nen müsse vor dem Angesicht des „HErrn / dann darauff mercken wir gar genau. (2) Dann wir wissen wol / wie wir Stricke ihn zu betriegen bereiten sollen; und was wir durch uns selbst nicht können außführen / solches wollen wir trachten zu thun durch andere / und die einiger massen seine Freunde und Hauß=Genossen sind / von welchen er sich nichts Böses versiehet. C2 5. Dann (y) 2 Cor. 3: 18. (2) Joh. 2: 1. 1 Pet. 5: 8. Das XII Capitel 5. Dann wer ist der / der überall und in allen Dingen unsern Händen entfliehen möge? So viele und so grosse haben wir zu beden geworffen / wir geben auch noch keines wegs die Hoffnung verlohren mit diesem geringen Bettler / der da meynet als wann er etwas wäre / und doch weit unter den Füssen liegt derjenigen / die vorzeiten sel berühmt / erhaben und erleuchtet gen sen sind. 6. Der HERR aber / sehende den tigen Streit [der Seelen] unter vielen un Versuchungen und Hindernüssen / den Menschen an sich selbst übergelassen; gen dabey auch dessen Mühe und Seufft und das rühmen der Feinde ansehende: was sagt Er zu diesem allen? „Ich (spricht der HERR) bin in meinem heiligen Tempel / es schwer „ge vor meinem Angesicht die gantze „Erde / und alles fremde rühmen „scheine nicht vor mir. „Wisser ihr nicht / daß ich der Bewalgleich „rer meines Reichs seye? Und ob ich „1 (a) Habst. 2: 20. der Herzens=Gesprächen. „den Menschen einen Augenblick an „ihm selbst überlassen habe / damit ich pro„birte / ob er auch treu und beständig „würde erfunden werden / wie er dann auch erfunden ist: meynet ihr / daß ich „deßwegen ihm nicht nahe gewesen bin / „ob gleich verborgen? „Dann ob ihr ihn wol heftig bestritten „habt / dennoch weil er in mich vertrauet „hat / hat er euch nicht anhangen wollen / „Es.26:13. „7. Darumb so ist euer Rühmen ganz „eitel / und siehe / ihr bestehet nicht / sey auch nimmer bestanden in der War. „heit / (b) weilen die Warheit nicht in „euch ist / und die euch zufallen / werden „gleich wie ihr. „So wahr ich lebe / wo ihr nicht auf „ewig sollet auß meinem Reich außg „schlossen werden; und siehe / ihr fürchtet „euch / aber warumb? Als weil ihr eitel „seyd; dann nirgend ist Furcht / als wo „keine Warheit ist. „Endlich / habt ihr ihm auch gedrohet / „daß ihr ihn bestreiten / und eure Stricke ver(b) Joh. 8144. Das XII Capitel „vermehren wollet / so lang er lebet / ob er „vielleicht fiele und gefangen würde / weil ihr schon so viele gefangen hättet / welches „die Warheit ist; aber warumb seynd sie gefallen? Darum / weil sie nicht sind stehen blieben in der Warheit / dann „ sie sind in ihnen selbst / und nicht in mir „erfunden worden. „8. Diesem aber sage ich: Sey tapf „fer und getrost / (c) und laß nicht ab in „deiner Arbeit. Zwar stehen dir noch die „vor viele Kämpffe / viele Versuchungen / „viele Verlassungen und Leyden / Nac „und Tag / biß an den letzten Augenblick „deines Lebens: aber fürchte dich nicht „vor ihrem Angesichte. „Halte dich mannlich / und vollende dei„nen Lauf / dann er wird kurtz seyn / und „laß keines Wegs einigen Verdruß zu in dem / das dir zu thun stehet. 9. Wann auch deine Feinde über dich herrschen wolten / wo du nur vor mir stehest in der Warheit; und vor mir „in der Einfalt und Aufrichtigkeit deines „Hertzens wandelst; wann du in allem / wa (c) 5 B. Mos. 11:7. Josu. 1:6. der Hertzens=Gesprächen. „was du zu thun und zu lassen hast / mich „nur wirst ansehen / und dich mir in „den Tugenden (d) gleichförmig zu ma„chen dich befleissigest; wann du endlich „alle deine Sorge und Bekümmernuß / „deine Hoffnung / Stärcke und Glorie in „mir wirst setzen, und dich in nichts als „nur in meinem Creutze rühmen; wann „du dich selbst wirst verläugnen / und „gäntzlich verlieren / so wirst du gantz und „und völlig in mir erfunden werden / und „wirst nichts zu fürchten haben. „Dann deine Widersacher werden „dich in mir nicht suchen; wo sie dich aber finden in dir selbst / siehe / so sind „Anfechtungen / Streit / Zweiffel und „Furcht da / ob du auch vielleicht mögtest „überwunden werden. „10. Derhalben laß ihrer nur immer viel „werden / die dich quälen von aussen und „von innen; wirst du dich nur nahe zu „mir halten / und deine Zuflucht zu mir haben / so darfst du dich nicht fürchten „für die Hände aller deren / die wider dich ſtreu (d) d. i. Gleichförmig werden dem Ebenbildt des Sohns. Röm. 8. Das XIII Capitel streiten; dann ich wil dich verbergen „ins Verborgene meines Angesichts. „(c) daß du von keinen Fremden wirf„gefunden werden. „Du bist zwar mitten unter den Stri„cken / und unter vielen Feinden; du soll „aber in meinem Schatten (f) leben unter „ihnen / so lange biß ich dich ruffen werde. „Und wann ich verziehe / so warte auf „mich mit bereitetem Hertzen: und sey im„mer drauf bedacht / wie du dich mir zu „einem wolgefälligen Opffer ausopffern „mögeſt. Das XIII Capitel. Innige Einladungen zum Alschauen GOttes; wie auch dest Hindernüssen / Auf haltungen und erforderte Beſchaffenheiten von unſerer Seite. Es reden hier miteinander GOtt / die Engel / und die menschliche Seele.] Nahet (g) euch zu Ihm / so werdet ihr erleuchtet / und euer Angesicht wird nicht beschaͤmet werden. Wer (c) Psal. 31: 21. (f) Psal. 91: 1. (c) Psal. 34:6. der Herzens=Gesprächen. Wer kan aber / HErr JEsu= vor deinem entdeckten Angesicht stehen? Du ermahntest mich zwar so offt, und sprichst / daß ich vor Dir stehen und Dich ansehen sol: wie werde ich aber solches thun können / wo Du nicht wegnimst die gar zu dicke Decke / welche zwischen mir und Dir hänget? Dann ob ich wol nach einem Theil in Dir ruhe und freymüthig vor deinem Angesicht stehe / mit Dir alle Dinge gemein habende: dennoch nach dem andern Theil / da ich eingedenck und mir bewust bin meiner eigenen Schwachheit und Ungleichförmigkeit / werde ich gar sehr darnieder geſchlagen. Nach dem einen Theil sprichst DuSohn / alles was mein ist / das ist den / (b) sihe / wie daß der Himmel und die Erde voll sind meiner Herrlichkeit. Nach dem andern Theil aber sagst du: Was hab ich mit dir zu schaffen / der du der Eitelkeit unterworffen bist? Dann (i) welch eine übereinkunft hat das Licht mit der Finsternus? Und welch eine GemeinGlüc. 15.31. (1) 2 Cor. 6: 15. Das XIII Capitel meinschafft hat die Warheit mit der Eitelkeit? 2. Aber wolte GOtt! daß das erstert das letztere überwinden mögte / und der Todt (k) verschlungen wůrde von dem Leben / die Eitelkeit von der Warheit / die Finsternüs von dem Licht; dem sey aber wie ihm wolle / ich wil indessen alles über steigen durch dich / und fleissig nach dich außsehen. Wann ich dann bereits so sehr mich erfreue / und meine Augen geschwächet wer den von dem Glantz deiner Weißheit / ich doch nur so was weniges von Dir sehe. und nur noch durch eine Decke: was würde es wol werden / wann Du Dich selbst offen bahrlich mir zeigen woltest? 3. Aber ach! wann wird solchts g schehen? Meynest du / daß es noch dermaleins geſchehen werde? „Sey nur getreu / es wird geschehen. Aber / wannehr? „Wann Ich dich ruffen werdez indessen „warte meiner nur mit bereiterem Gemüth / damit nicht wann ich komme / du noch (k) 2 Cor. 514. der Hertzens=Gesprächen. „noch nicht gnug bereitet seyest / und nicht „gnugsam geschickt mich offenbarlich zu „sehen; dann mit krancken und blöden Au„gen kan ich von dir nicht gesehen werden. So geschehe dann / O Vatter! dein Wille: ich klage Dir aber / wie daß ich öffters mein grosses und tieffes Elend erfahre; nemlich dann / wann du dein Angesicht verbirgest / daß ich Dich nicht sehe. Und wann Du nicht / zu der Zeit. da du dein Angesicht verbirgest / mir einige überbleibselen übrig liessest / wodurch ich von Dir gestärcket würde / alsbald würde ich ablassen dasjenige zu thun / worzu Du mich gesand hast. „4. Wie / wann ich verzöge mich dir zu offenbahren / was woltest du dan machen? So wil ich deiner warten / und indessen Gespräch halten mit meinen Finsternüssen / sagende inwendig bey mir selbst: Wird (1) dann GOtt ewiglich verstossen / und keine Gnade mehr erzeigen? Hat denn GOtt vergessen gnädig zu seyn? Und seine Barmhertzigkeit vor Zorn verschlossen? JeC 6 (1) Psal. 77:8. Das XIII Capitel Jedoch werde ich dir getreu seyn / und mich erfreuen in meiner Armuth / und wil keineswegs einigen Trost in mich einlassen. biß du dich wieder wirst offenbahren: ja es ſollen auch die Thränen meiner innern und äussern Augen überflüssig fliessen / biß daß sie gelangen zu dir; und meine Thränen (w) werden mein Brod seyn Tag und Nacht / so lange / biß die / so mich quälen / sehen und fühlen / daß Du mein GOtt und meine Zuflucht seyest / (n) und daß du mich nicht gar verlassen habest / sondern dein Angesicht verbergende / mich probieret hast / ob ich auch treu erfunden würde. „Aber wie / wann ich dich gar verlassen „würde? Wann ich solches gleich vor gewiß wüste / so bekenne ich von Grund meines Hertzens, womit ich dich liebe / daß ich nichts wenige thun würde Tag und Nacht / und so laus ein Othem in mir seyn solte / als wann ich auch versichert wäre / daß ich nimmer von dir würde geschieden werden. Derhalben thue alles / was recht und gefällig ist in deinen Augen; ich bin in deinen (m) Psal. 42:4. (n) Psal. 11: 3/15. der Herzens-Gesprächen. nen Händen / beydes mein Leib und mein Geist: „wohin ich immer kommen wergde / da wil ich dich loben / und mich gar „sehr erfreuen: ist es nicht allenthalben in deiner Barmhertzigkeit / so ist es doch in deiner Gerechtigkeit: und was ich nur weiß. was vor deinem Angesicht angenehm st / darauff wil ich geflissen seyn. Lege derhalben nur allerhand Pflastern auff / schwere oder leichte / wo du weist daß Wunden sind / vornemlich auff meine Auten; ich wil es gern umb deinetwillen außstehen: wann ich nur endlich genese und tüchtig werde dich zu sehen. 6. Wer wird mich aber trösten / wann du von mir weichst? Zwar es bieten sich plötzlich / auch ohne daß ich solches sucht / allerhand kleine (o) Tröstungen / ja Untröstungen an; aber sie sind mir alle zur Last. Dann weil ich ein wenig erfahren habe / wie süß und lieblich dein Creutz ist: so ist mir alle / auch die geringste / Abweichung davon / Bitterkeit und Untrost. Und C (o) Der fleischliche Trost ist dem geistlichen Trost fremde / und mehr ein Untroß. 62 Das XIII Capitel Und ich wil auch viel lieber auffs allerbitterste gequälet werden und sterben / als wissentlich einigen fremden Trost einlas sen / woher er auch immer kommen mögte. Und wann es einmal geschähe / daß dergleichen etwas mein Gemüth heimlich wegrückte / vielleicht auß meiner Unachtsamkeit / oder auß Mangel der Liebe zu dir: so bringt es mir doch nicht die geringste Ruhe in dir. 7. Und siehe / es sagen zu mir die / welch dich lieben / und ohne Hindernuß dich anschauen / [nemlich die H. Engel.] Was stehest du / (p) und siehest so einsig gen Himmel? Was siehest und seuftzest du zu dem / der da (q) wohnet in einen unzugänglichen Licht? Dann E es / der (t) die Finsternüssen zu seinen Verbergung / und die Wolcken zu nem Aufsteigen gestellet hat. Und ob schon Wolcken und dicke Dunckelheit umb ihn sind / (s) so ist dennoch / damit man sein entdecktes Angesicht sehen möge / Gerechtigkeit (c) und Gericht und ein hei(p) Apost. Gesch. 1:11. (9) 1 Tim. 6:16. (r) Psal. 18: 12. (s) Psal. 97; 2. (t) Psal. 89:15. der Hertzens=Gespräche. heiliger Wandel in der Warheit / die Grund=Feste und die Zubereitung seines Stuhls / daß Er nemlich in der Seelen als auf seinem Thron geschauet werde. Dieser ist es / vor dessen Angesicht die Berge zerschmeltzen wie Wachs, (u) nicht allein aber die Berge / sondern auch der Himmel und die Erde / und alles was drinnen ist / (v) auch die Seele selber zerschmeltzet und sincket in Ohnmacht hin / vor seinem entdeckten Angesicht; wie du solches wirst erfahren und fühlen können / wann du vor seinem Angesicht stehen wirst / Ihn zu beschauen. 8. Bedencke derhalben erstlich / wie du stehen müssest vor seinem Angesicht; mit welcher keuschen Liebe Er müsse geliebet / und mit welchem gereinigten Anschauen Er müsse gesehen werden: demnach so schaue über alles / nicht mit blöden / sondern gesunden Augen / das herrliche Angesicht selber an; und siehe / ob nicht alles vor seinem Angesicht zerschmeltzet / und du zugleich mit (v) Psal. 97:5. (v) Offenb. 20: 11. 64 Das XIII. Capitel mit allem zerschmeltzest / und sage uns / wie es dir vorkommt / dann solches verlangen wir sehr. Wann du aber aufmerckest / so vernimm / was wir noch sagen wollen: 9. O daß du mit uns moͤgtest stehen und erkennen / wie herrlich sein Angesicht ist! warlich alle fremde Dinge würden dir wie nichts ſeyn. Ach daß es dir erlaubt wäre diesen tief fen Ungrund hinein zu sehen! nicht allein in der uberschwenglichen Freude / die ihr auf Erden geniessen könnet: sondern in den eigentlichen und rechten Urſprung ꝺci nes Wesens / und des Wesens aller Digen / auß (w) welchem / und durch welchem / und in welchem alle Ding sind / und da GOtt ist (x) alles in allem. Antwort der Seelen. 10. Siehe / ich kleines Kind / der ist niedrig und schlecht / ja geringer bin als alle / die auf Erden leben / und inwendig öffters so sehr verdunckelt bin: wie werd ich doch etwas zu thun vermögen / es sey dann / daß derjenige / von dem wir reden / mir sein Angesicht offenbahre: Dann (*) Röm. 11: 30. der Hergens=Gesprächen. Dann ihr ermahnet mich eben / als waß es in meiner Macht wäre / und als wann ichs in Händen hätte mich Form= und Bilder-loß (y) zu stellen vor seinem Angegesicht; und alles übersteigende / anzuschauen das Angesicht dessen / der da wohnet in einem unzugänglichen Licht; da ich ja mit der Last meines verderblichen Leibes noch beschweret bin / und öffters in dem Lande der Ungleichförmigkeit und meiner Finsternüssen / da ich nöthig habe / nicht gleich wie ein Reicher (2) das Amgesicht des HErrn zu erbitten / und als ein Gerechter und Reiner (a) zu wohnen bey seinem Angesicht / sondern als ein Armer mich demutiglich zu seinen Füssen nieder zu werffen. 11. Weiter so saget ihr / daß ich sein Angesicht anschauen sol / so wie ihr es anschauet / daß ich auch eben also thun fol; eben als ob ich jetzt schon fähe und gewiß wäre / daß ich von allen fremden Din*) Das ist / bloß im Geist. (2) Das ist / es wird mir noch nicht vergönnet mit dem HErrn zu reden von Angesicht / rc. als welches das Werck eines geistlich reichen ist. (⁸) Psalm. 15. 65 Das XIII Capitel Dingen befreyet / und durch diese Freyheit meinem ersten Ursprung wieder gegeben wäre: Da ich im Gegentheil mich vielmeansehe / als herunter geworffen in die Tieffe meiner Finsternüssen / von dem Ans sicht seiner Augen; so daß ich bißweilen kaum darf / ich wil nicht sagen / ihn geradt zu ansehen / sondern nicht einmal meine Augen in die Höhe aufheben. 12. Dann es ist kein Wunder / daß ist unaufhörlich und mit unverwandten Agen sein Angesicht anschauet / und gleich sam in dem Vorhoff der allerselig Drey-Einheit wandelt: da ihr weder durch leibliche Vorwürffe / noch eitele Phamasien verhindert werdet / gleichwie ich; und noch auch kein sinnliches Gedächtnüß Vernunft gebrauchet; noch auß den Geschöpffen aufgeführet werdet zur schauung und Liebe des höchsten Guts: sondern ihr stehet unveränderlich mit dem Unveränderlichen; und ihr seyd gut / mit und in dem / der das Gut selber ist / und theilhafftig des Wesens dessen / der selbst das Wesen aller [andern Wesen] ist. Den⸗ der Herzens=Gespräche. Dennoch könnet ihr die Eigenschaft eurer Wesenheit nicht verlieren / und selbst das Wesen werden / sondern ihr seyd dergestalt mit ihm vereiniget / daß ihr auch nicht auf einen einigen Augenblick von seinem Angesicht abgezogen werdet. Ihr seyd auch nicht auf eine solche Weise frey / als wann ihr je einiger Untugend / auf eine Zeitlang / Knechte gewesen wäret / gleichwie ich / der ich dieses nicht ohne Seufftzen bekenne. 13. Dann die Schwachheiten / denen ich unterworffen bin / und wodurch ich zerstreuet werde / sind so groß und überflüssig viel / daß sie nicht zu zählen sind; so daß wohin ich mich immer kehre / mit dem Leibe oder mit dem Gemüt / da begegnen sie mir von allen Seiten / (obgleich wider meinen Willen und mit vielem Widerstand) und verdunckeln das Auge meines Gemüts / womit ich schon in etwa gewohnt bin sein Angesicht anzuschauen / biß daß der fromme Vatter sein Angesicht offenbahre / und mich in sich verberge / daß ich von keinen Fremden könne gefunden werden. Aber Das XIII Capitel Aber ach! wie lange wird solches wäl ren? Wer gibt mir / daß ich / ob gleich nicht immerdar / dennoch öffters mich sehen mögvor seinem Angesicht stehen / und in dem Licht seines Angesichts wandeln? 14. Allein wie selten es geschehen mag. daß Er mir sich offenbahret / und ich I anschaue; so gestehe ich doch / daß alsdan nicht nur alle fremde Dinge verschwinden sondern auch alles innerste des inwendig Menschen vor Liebe schmelzen und fliessen. Dann es ist solches so starck und kräfftig / daß mir fast nichts von mir selbst übrig bleibet / gleich als gantz arm und dürfftig dann Er fordert so viele und groß von mir / daß wann ich alles / was ich hab und vermag / gegeben habe / so scheinets doch / als wan ich noch nichts bezahlt hätte 15. Aber in dieser grösten Armuth. in diesen höchsten Reichthümern / finde ich nichts heylsamer und GOtt gefälliger / als daß ich überall und in allen Dingen / ꝺiꞇ mir begegnen / mich gantz und gar GOte lasse / daß Er für mich bezahle / was Er von mir fordert; und daß ich in keinem in selbst der Herzens=Gesprächen. selbst liebe / als nur darinn / daß ich mit GOtt vereinigt seyende / in ihm / durch ihn / und umb seinent willen mich und alle Dinge liebe. Dann zu dem Zweck wil GOtt / daß ich mich liebe / worzu Er mich liebet / und sonst in keinem Dinge: nemlich / damit ich gantz und völlig sein eigen / und in Ihm vergeſtaltet ſeyn möge. Und wann ich mich und alle Dinge also liebe / so liebe ich in mir / und von mir / nichte anders / als meinen GOtt. Das XIV Capitel. Das Anschauen GOttes entdecket dem Gemüthe / in dem Göttlichen Licht / die ewige und unveränderliche Liebe GOttes: es entdecket auch in dem untern Theil der Seelen die Hindernüssen und Feinde / deren Untergang durchs Gebät von GOtt zu erbitten ist. anck sey Dir / O Du mein Licht! Du ewiges Licht / Du unvergängliches Licht / Du höchstes und unveränderliches Gut/ Das XIV Capitel Gut / vor dessen Angesicht ich dein an mes und niedriges Knechtlein stehe. Danck sey dir / siehe ich sehe / ich sehe das Licht / das da scheinet in der Finsternüs Joh. 1:5. „2. Was siehest du dann in dem„selben Licht: Ich sehe / wie Du mich so brünstig liebest / und daß wann ich in Dir bleibe / et eben so unmöglich sey / daß Du nicht für mich / zu aller Zeit / an allen Orthen / und allen Dingen soltest Sorge tragen / als unmöglich ist / daß Du nicht für Dich selbst Sorge tragen ſoltest. Und Du beutst dich selbst gantz mir an damit Du gantz und ungetheilt mein / wann ich nur auch gantz und ungetheilt Dein bin. Und wann ich dergestalt gantz dein seyn werde / so hast du mich also von Ewigkeit geliebet / gleichwie Du dich von Ewigkeit geliebet hast: dann diese [Liebe] ist nichts an ders / als daß du dich selbst geniessen wolte in mir / un daß ich auß deiner Gnaden Dich geniessen solte in mir / und mich in Dir. Unt (2) Jerem. 313. der Herzens=Gesprächen. Und wann ich daselbst mich liebe / so liebe ich nichts anders als Dich; weilen Du in mir (b) bist / und ich in Dir / als ein einiges, und in eins zusammen geklebet / (c) welches also und alsdann [so lang nemlich solche Vereinigung bleibet) in Ewigkeit nicht kan geschieden werden. Und wann wir einer in dem andern das Gute und die Tugenden lieben / solches ist anders nicht / als daß Du Dich selber liebest. 3. Wan ich aber gantz völlig und in Dir bleibe / (d) so ist es so unmöglich / daß ich solte verlohren gehen / als es unmöglich ist / daß Du verlohren gehen kanst. Und in dieser Vereinigung [stehende /] hab ich nicht nöthig mich abzukehren von den Creaturen / wie schlecht und unzierlich sie auch scheinen / dann es ist alles gantz gut geschaffen: sondern ich muß also in der Mitten stehen / daß ich zu allem geneigt bin / ohne sinnliche (Lust und Anklebung / und von allem abgeneigt bin / ohne Verdruß oder Peinlichkeit. 4. Wann Joh. 14: 20. (c) 1 Cor. 6: 17. (d) Joh. 4: 16. Wer in der Liebe bleibet, der bleibet in GOtt. Das XIV Capitel 4. Wann ich auch in demselben Licht mich selbst ansehe / nach meinem untern Theil / so sehe ich / daß ich in vielen und dicken Finsternüssen bin; und ich verab scheue mich selbst / so daß ich mich kaiertragen kan. Daſelbſt muß ich außſtehen die Anfaͤl der Feinde / und der mancherley Hinde nüssen / und unnöthiger Bekümmernüst wodurch ich manchmal gebunden und ter geworffen werde; welche immerde suchen / wie sie das gantze Reich [der S len] nach dem obern Theil einnehmen gen / welches sie nach dem untern Theil besitzen sich bißweilen erfreuen. 5. Aber siehe / wann ich vor du in Dir / und nicht in mir / alsdann höre úr mi eine sehr erschröckliche Stimme sprechende / und sagende zu denen die mich quälen und beängstigen: „Nahet nicht hieher / dann der Ort „worin er in mir auffgericht stehet / „lig und geheiligt; ihr habt aus „Theil in demselben / und es ist euch „keiner Seithe einiger Zugang offen. Sie aber antworten: Was geben drum der Herzens=Gespräche. drumb / daß wir ihn daselbst nicht erreichen können? Und wie lange wird er da wol stehen bleiben? Dann plötzlich wird er wiederumb zu uns hinunter fallen in seine ge wöhnliche Finsternüssen / und so werden wir unsern gewöhnlichen Ort wieder erlangen. 6. Aber / O HErr! wie lange sollen deine und meine Feinde dem Tempel und dem Thron deiner Herrlichkeit Hohn sprechen? Wie (e) lange sol ich Rathschläge in meiner Seelen vornehmen / Tag und Nacht wider diesen und jenen / biß sie endlich alle zugleich hinunter geworffen wer. den / und an kein auf stehen mehr gedencken? Siehe / der eine spricht: Ich wil herrschen; der andere rufft: ich; der dritte: ich wil das Land eilends einnehmen. Ein jedes böses und falsches Bild in der Imagination, wil Platz und Gewalt in deinem Reich haben. Derhalben bitt ich Dich / O HERR! daß dieser verfluchte Dagon / (f) der da neben der Bundes=Lade deines ewigen Testaments / ja (welches noch schlimmer ist) bißweilen über die Bundes=Lade slebet / (e) Psal. 13: 2. (f) 1 Kon. 5:4. Das XV Capitel stehet / gäntzlich auff sein Angesicht darnieder falle / und ihm dergestalt alle Kräfften abgehauen werden / daß er sich nicht wieder erholen könne / umb an seinen vorgen Orth gestellet zu werden. Ach! laß doch / bitte ich / alle GötzeBilder der Sünden und Untugenden unter geworffen werden von dem Thrdeiner Herrlichkeit; damit Du allein daß regieren mögest / und ich nicht mehr so den diglich unbeständig / und abirrende voDir seye. Das XV Capitel. wij Jn dem Creutz des HErrn die bloß allein die Gerechtigkeit Warheit und die Ehre GOttes / lauterlich / und ohne Eigenheit und Gemächlichkeit / gesuchet und geliebet. erjenige / welcher warlich in dem Creut des HErrn ist / und das Creuß fasset / der liebet die Gerechtigkeit und Warheit; er suchet nichts von eigener mächlichkeit / Ehre oder Glorie von selbst der Hertzens=Gesprächen. selbst / weder hier noch in der Ewigkeit; sondern zu aller Zeit und an allen Orthen die Ehre GOttes. Deßwegen folget hierauß / daß wann grössere Ehre und Herrlichkeit GOttes darinn wäre / daß er ewiglich in dem Abgrund der Höllen seyn solte / als wann er in der ewigen Herrlichkeit GOttes und der Engeln lebte / er (als ein solcher) nichts anders müste wollen können / noch inwendig einige Widrigkeit oder Widerstredung dagegen fühlen. 2. Wann dem nun alſo iſt / ja weil dem in der Warheit also ist / in Ansehung so grosser und tieffer Dingen; wie viel mehr ist es also in geringern und täglich= vorfallenden Dingen und Begebenheiten? Als nemlich: in Beschwerlichkeit / Mühe / Verdruß oder Leyden / des Leibes oder des Gemüths / welche Dinge ja gewißlich nach der Regierung GOttes geſchehen. Derhalben muß das Gemüth völlig und gäntzlich von dem selbst=Gesuch entblösset / und mit dem Göttlichen Willen und Verordnung in allen Dingen vereiniget werden; und nicht nach dem Wind der D2 Das XVI Capitel der äussern Zufällen hin und her wancken Dann wann er sich hält oder lehnet auff dieselben / von welcher Seite es auch wolle / nach seiner eigenen Wahl und Gemächlichkeit / so hat und fühlet er nicht in d Warheit das alleinige Eins und daß selbe / umb deß willen alle Dinge sind. Das XVI. Capitel. Wer GOtt bloß und lauterlich an haͤngt / dem mangelt nichts; und ist so sicher / daß er durch keine aͤussen Zufälle kan beweget und niedergeworffen werden. Ein nacketer Wanders=Mann wandelt überall sicher und ohne Sorge „Wann du mich hast / (spricht "Warheit selbst) was ist dann / „du mehr suchest? Was mangelt dir? Ode „was mißfällt dir in mir / daß du noch „kümmert bist wegen äusserer Dinge un„Zufälle / welche / wie sie sich auch imm „zutragen / dir nichts geben und nicht „nehmen können? „Suchest du hier auff dem Pilger„was der Hertzens=Gesprächen. „Weg seelig gemacht zu werden? warumb „denckest du ihm nicht tieffer nach / daß du „auff der Pilger=Reise bist / ja ins Elend „verwiesen / mit mancherley Banden verstrickt / und vieler fremden Knechtschafft „unterworffen? „Denck einmal woran du wilt / von al„lem dem das ausser dir ist: bist du mit mir „vereiniget / mir getreu und gemeinsam „von innen / so können dir alle solche Dinge „nichts helffen noch hindern / wie sie sich „auch zutragen mögen. 2. „Sey derhalben gleich als ein nacke„ter Wanders=Mann / mit keinen äussern „oder innern Lasten oder Stricken be„schweret oder gebunden / in dem obern „Theil deines Gemüths. „Und wann du also wirst [frey und loß] „seyn / so wirst du zu aller Zeit und in allen „Zufällen sicher wandeln: weil du als„dann nichts hast / das du verlieren kanst. 3. „Wann du aber etwas hast und be„sitzest als dein eigen / nicht allein von „äussern / sondern auch von innern und „geistlichen Gütern / so bist du billig in „Furchten solches zu verlieren / weil es dan̄ öffentD 1 Das XVI Capitel „öffentlich / bloß und im unsichern liegt „da die Feinde hinzu kommen / und es wes „nehmen können. „Wann du aber gantz arm und bloß bist / und Ich dein Reichthum / bei „Zierde / deine Glorie / und deine Stärck „bin: so darffst du nicht zweiffeln / [oder „fürchten) weil Ich mich selbst nicht ver„lieren kan. 4. „Derhalben so thue / in allen D gen / die ausserlich gethan werden müß sen / fleissig und hurtig / was in dir „Nacht und Tag; und im übrigen „gäntzlich zufrieden. „Dann es können die Dinge nie „heßlich / so böse / so verzweiffelt / so verde lich sich zutragen / und keine so schwere oder fälle in äussern Dingen kommen; „der oberste Rath (a) bleibet allezeit s. „beständig und unveränderlich: dem „ein geringes ist / wie die Dinge / die drau sen sind / geschehen / es seye so oder anders / „in allen Begebenheiten. r. „Dann was liegt doch dran / ob dij „oder jenes geschicht / von allem dem / „du (a) Der vom H. Geist erleuchtete reine Verstand der Herzens=Gesprächen. „du bedencken kanst? Lebe ich dann nicht / „der Ich dein Leben bin? „Meynest du / daß ich mit den Zufällen „der Dinge hinfliesse und wancke / gleich „wie du? Siehe / Ich bin ganz dein / „was begehrst du mehr? Und wann du mich hast / bin ich dir dann nicht Alles? 6. „Warum bleibst du dann nicht un„wanckelbar in mir / und geniessest mich. „das höchste / unveränderliche und vor„treffliche Gut / worzu du geschaffen bist? „Hab ich dir nicht versprochen / (b) daß ich „für dich Sorge tragen wolte in allem „das dir begegnen kan? Und daß ich mit „dir (c) seyn wolle / wo du auch magst hingehen / wo du nur getreu seyn wirst? „Und wann ich dem Leben bin / wie ich „dann auch bin / so kanst du alle andere „Dinge entbähren / ohne einigen Scha„den in dir selbst zu leyden. 7. „Werden dich nicht alle Dinge ver„lassen? Wann du dich nun auff dieselbe „stützest / so wirst du ja elend und Trostloß D 4 (b) Nein / Ich wil dich nicht lassen, nein / nein / Ich wil dich nicht verlassen. Hebr. 13: 5. im gr. c) Jesai. 43=2. 80 Das XVII Capitel „loß bleiben. Und wann dir auch alles nach „Wunsch gienge / und du in allen äussern „Dingen glücklich wärest: so kan dennoch „solches alles dir / in der Stunde des T „des / kein Vertrauen oder Sicherheit „geben / ausser mir / und wann ich nicht „gegenwärtig bin. Das XVII Capitel. Allgemeine Regulen des Lebens, welches vor dem Angesichte GOttes geführet werden muß. Qu aller Zeit / an allen Orthen / und in abe allen Begebenheiten / allermeist und sonderlich im äussern GOttes=Diet wil ich vor dem HErrn steh gantz und (d) vollkommen; mit medrig Hertzen und Leibe; der gantzen Welt / als ein Staub der Füssen / gern und willunterworffen; fliehende als ein kleiner Kna be / als ein armes Schäfflein / und als ein eintzeles herum irrendes Küchlein / in du Bewahrung und unter die Flügeln des HERRN JESU. Dar (d) Mit ungetheiltem und vollkommenem Hertz der Herzens=Gesprächen. Darnach so wil ich vor seinem Angesicht sehr ehrerbietiglich wandeln, mit (c) aufgedecktem Angesicht; mit einem unerschrockenen / unverwirreten und ruhigen Gemüth; ernsthafft und gesetzt von innen und von aussen. Von innen / wider die schädliche Unterthänigkeit unter etwas fremdes [ausser GOtt:] es mag nun solches entspringen, auß Liebe / oder auß Furcht der Menschen; auß Gemächlichkeit oder Ungemächlichkeit. Von aussen / wider die Zärtlichkeit / Veränderlichkeit / unnöthige Beschäfftigungen / und sinnliche Zerstreuungen. 2. Und so wil ich dann mit erneuertem Gemüth (k) und gantzer Seelen / den Sinn und den Verstand der H. Schrifften und der Sacramenten nachforschen. Durch das Gedächtnüs / nemlich / ablehnende alles verschiedene und unehene, das damit nicht übereinkommt; allezeit gleichmüthig einher gehende in allen Dingen / loß und bloß von aller fremden BeD 5 (c) 2 Cor. 3. (f) Nemlich / durch die drey Kräfften der Seelen / das Gedächtnüs / der Verstand / und der Wille Das XVII Capitel Beängstigung und böser Begierde; da mit / was auch immer ins Gedächtnüs kommen mag / von allem dem das geschichoder geschehen kan / von welcher Seite es auch seye / die Seele dennoch (als unbesorgt vor sich selbst (g) GOtt gäntzlich gelassen / und in allem übrigen getroft) von einer Seite gar nicht verletzet und in Begierl beweget werde / weder zum grossen noch zum kleinen; noch auch von der andeSeite nicht bedruckt werde / durch Furcht einiger schweren oder verdrieß lichen Sache. Weiter durch den Verstand / loß und frey [mit seinem erleuchteten Auge. gende der ewigen Weißheit selbst / der veränderlichen Warheit / Gerechengkeit / aller Billigkeit / und Frieden / wie sie in Dingen einher gehen alle Dinge / so da und geschehen mögen / einsehende und annehmende in der Warheit und Weißheit / nemlich / so wie sie sind und nicht anders. Endlich durch den erneuerten Willen selbst / munter und hurtig einher gehende / in allem was gethan muß werden. 1 (g) Nemlich / vor die eigene Liebe zu sich selbst der Hertzens=Gesprächen. 3. Es trachte die Seele täglich in GOtt zu zunehmen / und in sich selbst abzunehmen ) und zu entwerden / ja sich gäntzlich zu verlieren / so daß sie sich gar nicht mehr finden könne; und zu gelangen in die tieffste Vernichtigung oder Hinwegwerffung ihrer selbst / daß sie nemlich ihr selbst und allen Dingen sterbe in GOtt / und lebe auß GOtt / wirckende alle Dinge durch Ihn. Das XVIII Capitel. Daß das vereinigende und beschauliche Leben GOTT das allerangenehmste / in sich selbst das vortrefflichste / und der heiligen Drey-Einheit gleichförmig sey; daß auch selbiges von dem wircksamen und aͤussern Leben / welches gleichfals muß geübet und zu seiner Vollkommenheit gebracht werden / nicht umgestossen werde. Nachdem ich alle Dinge genau durch sehen und fleissig betrachtet habe / so finde D 6 (h) Eben dann nehmen wir völliglich in GOtt in / wann wir in uns selbst gründlich abnehmen. S. Gregorius. Das XVIII Capitel finde ich nichts süsseres / nichts herrlicheres nichts GOtt gefälligeres / nichts mehr er füllt mit Herrlichkeit und Freude / nichts worinnen dergestalt aller Reichthum und überfluß ist; als wann die Seele sich gäntzlich vereiniget mit dem höchsten und unveränderlichen Gut / welches allezeit und von Ewigkeit her unbeweglich stehet: weches keine Zufälle [der Dingen] können erreichen; das keiner Zeit noch eines Orbedarff. Und die Seele dergestalt wiedergebrach werde zu ihrer ersten Gleichförmigkeit / und eins werde mit dem Einen selbst / nemlich mit GOtt. 2. Dann gleichwie GOtt / der das höchste Gut / ist Tugend / Warheit / Gerechtigkeit / ewige Weißheit / imme dar bleibende derjenige / der Er ist / niessende und liebende sich selbst in allem Eben also ist auch die Seele / welche th hafftig geworden ist dessen / was GOtt in allem uͤberfluͤssig voller Freude und lichkeit. Sie stehet / und gehet durch alles durch / und wandelt mit GOtt und GOtt: und ist so viel mehr in GOtt / der Hertzens=Gespräche. weniger sie in ihr selbst ist; weil sie ganz und gar ihrer selbst vergessen und in GOtt über gegangen iſt. Und so ist sie bekleidet mit dem Licht der ewigen Weißheit / wie mit einem Kleide; und von allen Seiten umgeben mit der Warheit und Gerechtigkeit / als mit einem unüberwindlichen Schilde / und feurig durch die Brunst der Liebe. „Dann gleichwie ein glüend Eisen gantz „Feur wird / so wird auch die Seele / welche „mit der Liebe vereiniget ist/ gantz Liebe / nur „behält sie die Eigenschafft ihres Wesens / „als welche nothwendig in Ewigkeit et„was unterschiedliches bleiben muß. 3. Die Scele nun dergestalt mit GOtt vereinigt seyende / muß alles was zu thun ist / gäntzlich durch GOtt und in GOtt verrichten / und öffters ansehen die Warheit / die ewige Weißheit / die Gerechtigkeit / und das höchste Gut / wie dieselbige alles ansehen / die gleiche und die ungleiche / die ebene und die unebene / die gute und die böse / die innere und die aussere Dinge / und nichts desto weniger unveränderlich stehen bleiben. 4. Also D 7 Das XVIII Capitel 4. Also muß auch die Seele selbst mit vielem Fleiß trachten / nach ihrer Weise Eins zu werden mit dem Anschauen selbst / und sich selbst vergessen / ſo viel ſie immer kan. Und dieses Anschauen ist unermeßlich nicht von allen Seiten eingeschränckt und bedrängt / und ist so kräfftig / so mächtig scharff und starck / daß keine Macht noch etwas fremdes davor bestehen kan. Weilen alles dasjenige / was keine Warheit ist / oder in der Warheit / Ein keit ist; nun hat aber die Eitelkeit nimmt bestanden und wird nimmermehr bestehen können vor dem Angesichte der Warheit. ihre 5. Und so wird die Seele (nach Weise) gleichförmig der heiligen Dre Einheit, durch die drey Seelen Kräfften / welche sie hat. Erstlich / sie gleich dem ewigen Vatter, welcher ohne Anfang und von niemand ist / durch das Gedächtnüs / welches einiger mass alles in sich fasset und behält / und woral alles hervor kommt. Durch dasselbe nun ist sie alsdann [dem Vatter] gleichförmig. wann sie bloß ist und ohne Bilder aller frem⸗ der Hertzens=Gesprächen. fremden Dingen / die sie mögten verbilden können / und wann sie keines wegs eitele Gedancken heget; sondern mit Macht in allem zu werck gehet / und sich viel zu edel achtet / daß sie mit so gar geringen Dingen hre Gedancken solte beschäfftiget halten. Zum andern / ist sie dem Sohne gleich / der die Warheit und die ewige Weißheit selber ist, durch den Verstand; durch welchen sie alsdann demselben gleichförmig ist / wann sie in allen Dingen wandelt in dem Anschauen der Warheit / und wann alle / so wol zeitliche als ewige / äufsere als innere / ebene als unebene Dinge / und alles was gethan oder gelitten wird / ihr so vorkommt / wie es ist; geschicht solches / so kan sie nicht leichtlich in einiger Sache beängstiget werden. Zum dritten / ist sie dem Heiligen Geist gleich durch den Willen / wodurch sie alsdann demselben gleichförmig ist / so / wann das Gedächtnüs nichts fremdes oder unnützliches annimmt / und die Vernunfft oder der Verstand nichts als (a) was gut / warhafftig und recht (a) Ephes. 5. 9. Das XVIII Capitel 88 ist; sie auch durch den Willen mit ganz Neigung beweget wird / und kräfftiglich wil dasjenige / was das Gedächtnüß und der Verstand urtheilen / daß sie wollen und lieben sol. „6. Und hierin bestehet die wahre Se„ligkeit der Seelen / welche je näher / voll „kommener und gleichförmiger sie nun „dieser Zeit ist / desto gefälliger ist „GOtt / und wird demselben in der völ„lig=vollkommenen Seligkeit auch umb „ſo viel naͤher ſeyn. Wil man aber reden von dem milden und weiten Außfliessen in das uner meßliche, da obgemeldte Dinge sind / welche GOtt zugeschrieben werden nemlich die Warheit / der Friede / die L be / u. s. w. so können sie ja nicht anders / oder sie müssen sich selbst lieben und genieſſen. Nach diesem Theil fraget man nichts nach denen Dingen / die draussen sind / wie vor sich dieselbe zutragen / so oder anderst / oder zuwider / nach Wunsch oder wider die Hoffnung / weilen nichts von diesem allem die Seele / nach ihrer obersten Gleich der Hertzens=Gesprächen. förmigkelt und wieder=herstellten Gestalt / berühren kan. 7. Und ob es wol nothwendig ist / daß wir / so lang wir hie leben / in vielen und mancherley Begebenheiten eingewickelt werden; so müssen wir doch mit höchstem Fleiß verhüten / daß selbige nicht zum obersten Theil der Seelen gelangen; als nemlich die Dinge zu ordnen / sich zu bekümmern / wie sie gethan werden müssen / und alles zu verwalten / was das äusserliche angehet. Es seye dennoch und bleibe Martha drunten / [in dem untern Theil] sie seye immerhin sorgfältig / und bekümmere sich über viele Dinge / wann es nothwendig ist: dem Einen aber / das allein noth ist / hange Maria an; sie halte stille dem Ewigen Wort / der Gerechtigkeit / der Weiße heit und der Warheit / so daß in einem und demselben Menschen / beyderley Leben / das wircksame und das beschauliche) ein jedes nach seinem Stande / [und Theil] geubet und vollendet werden / Luc. 10:41. Das 50 Das XIX Capitel Das XIX Capitel. Daß das Leben / welches vor dem Angesichte GOttes geführet wird / allein gut sey; daß es mit Warheit und Weißheit begabet sey / und ich allem gerecht und friedſam einhergehende. Ich habe von allen Seiten Beäng gungen / Streit und Plage / wann nicht vielfältig mit höchstem Fleiß Sorgfalt inwendig meine Wahl del führe vor dem Angesicht GOttes / wobey mir zum höchsten wohl ist / und ohne welchem mir zum höchsten übel ist. 2. Und daselbst verharrende / könte ich wenigstens bißweilen sehen das Licht in dem Licht / nemlich die Weißheit / in welcher mir alle Dinge so vorkommen wie sie sind: und die nackete Warheit ist ihr selbst / worin ich die Warheit aller Dingen haben könte. Und zwaren erstlich die Warheit von mir selbst: Wie daß ich nemlich ein pur lauteret Nichts bin / und daß in mir / auß miſelbſt 91 der Herzens=Gesprächen. selbst nichts ist / als was nach der Warheit (und Billigkeit) von allen Creaturen solte verachtet und mit Füssen zertretten werden. 3. Und dergestalt würde ich (gleich als gantz ausser mich selbst gesetzt / mich von ferne ansehende und verachtende) einhergehen mit der blossen Warheit aller Dingen selbst / hoch / tieff / lang und breit / nach der Weise / wie sie in allen Dingen einhergehet; die ungleiche Dinge gleich und die unruhige ruhig ansehende. Das XX Capitel. Gebät zu Christo umb seine Erleuchtung und dessen immer=währendes Anschauen / und umb die wahre Freyheit: samt der Antwort des HErrn. du unveränderliche Warheit! du Licht meiner Augen / du ewige Weiß heit / Gerechtigkeit / Friede / und all mein But / du meine Stärcke und mein Lob, mit welchem ich gantz weit [von innen lauffen kan / und ohne welchem ich von allen Seiten bedränget werde. Ich 92 Das XX Capitel Ich kleines Kindlein / dein armet Knechtlein / unnütz innerlich und äufferlich der geringste in meines Vatters Haußich grüsse dich von ferne mit gebeugten Knien des Hertzens und des Leibes / und ich kan nicht mit gnugsamer Reinigkeit [mit meinem Anschauen] auff dich gefest get werden. Nimm die Decke hinweg / reinige meit Gesicht / damit ich dich klar und offenbar sehen möge; und nachdem die Finsternüssen meines Hertzens vertrieben / mein müt dann in deinem Göttlichen Licht erfreuende / frölich aufhüpffen / hurtig lauffen / und in süssem Jauchten dich loben und erheben moge. 2. Und wer kan dir / HErr JEsu / nach folgen / wo du hingehest? Wer unter den Menschen kan (mit seinem Gemüte) gen der Ewigen Weißheit / welche da reichet von einem Ende biß zum andern gewaltiglich / und alle Dinge sänfftiglich ordnet? (a) Und sihe / vor deinem Angesicht stehende / fliessen die Thränen meines Hertzen IHID (2) Weißh. 8, 1. der Hertzens=Gesprächen. und meiner Augen / dieser Ursache wegen / zu Dir / und kaum wird es mir endlich vergönnet / daß ich Dir zum minsten ein klein wenig folgen kan / als der ich von mir selbst gar zu sehr gebunden und verstricket bin. 3. Wirst du dich dann noch enthalten überdieses / und nicht vielmehr mich besuchen mit dem Arm deiner Stärcke; Dich erbarmende über meine Bande und Hindernüssen / womit ich fest gebunden und bedränget werde; daß du mich wieder herstellest in meinen ersten Stand bey Dir / und ich nicht mehr eines andern / noch auch nicht meiner selbst / sondern gantz dein seyn möge „So viel / sagt die Warheit / kanst „du mir folgen / wie viel du von dir selbst „abgeheſt. „Thue derhalben / was in deinem Ver„mögen ist / laß dem ausseres nicht auff „hören / und dein inneres nicht ruhen / biß „du gantz in mich wirst verwandelt seyn / „und gäntzlich in dir selbst entworden bist. „Was meynest du wol / daß die Ursache sey / daß die Stimme der Turteldaube nun nicht öffter gehoͤret wird in uno ſerm Das XXI Capitel „serm Lands der Lebenden? (b) Vielleicht weil du kein wahre und Trost=lose Turteldaube bist / und noch einen Gesellen und Liebhaber hast / in dem Lande de traurenden; dann die Stimme der wah„ren und keuschen Turreldaube / deren Stimme süß / und deren Angesicht sch „ist / wird vielmahls gehoͤret in unserm „Lande. Das XXI Capitel. Wer ihme selbst nichts ist / in dem selben ist GOtt alles. Ich wil mich gern ruͤhmen in mer nen Schwachheiten (c) und in maner Armuth / darin nemlich / daß ich nicht bin auß mir selbst / damit die Tugend selbst / die Krafft / und die wahre Reich thůmer Christi / in mir wohnen mögen. In allem verzweiffele ich an mir ſelbſt und es bleibet mir kein Vertrauen oder Krafft in mir übrig / und nichts kommt mir zu als alles übel / Plage und Beäng gungen. Und (b) Hohel. 2: 12. (c) 2 Cor. 12: 9. (d) Nemlich / an meinem eigenen Vermögen. der Herzens=Gesprächen. Und ich begehre auch nicht etwas zu seyn / damit du (O du höchstes Gut!) alles seyest / und in Dir mein völliger Ruhm / in mir aber nichts seye. 2. Dann ich bin ein armes / irrendes und verlohrnes Schäfflein / oder (e) eine verlockte Daube / die kein Hertz hat / ein Rohr / das vom Winde hin und her beweget wird, ein verdorbener Weingarten / der Dornen und Disteln hervorbringt / elend und jämmerlich / finster und verdustert / der Eitelkeit und mancherler Veränderlichkeit all zu sehr unterworffen / der leichtlich hin und her wancket. Und wann etwas Gutes / einige Tugend / Billigkeit / Gerechtigkeit / Warheit und Friede in mir seyn mögte: so bist Du das Wesen selbst von dem allen / Du bist selbst das Gut / die Tugend / die Gerechtigkeit / die Warheit u. s. w. derhalben bist Du es alles / ich aber gäntzlich nichts. 3. Und gleich wie ein Eisen / das ganz glüend ist / sagen kan: ich brenne zwar und bin feurig / aber von dem Feur / das in mir st / nicht von dem / das ich bin. Und gleichwie c) Hofes 7: 11. Das XXI Capitel wie eine Leuchte sagen kan: es ist wahr / ich leuchte wol / aber von dem Licht / das in mir ist / nicht von dem / das ich bin. Und ein jedes tüchtiges Werckzeug: ich wircke / aber durch die Hand des Künstlers. Eben also wird auch die Seele gesagt, daß sie feurig sey und brenne / nicht auß ihrsondern auß der Liebe / die in ihr ist. wird gesagt zu leuchten / nicht auß ihr / dern auß dem Licht der Weißheit und Warheit / welches in ihr ist. Sie wird sagt zu wircken / aber GOtt wircket alle durch sie. 4. Und wann dieselbe Dinge von weichen würden / nemlich die Liebe / die kalWeißheit und das Licht / so würd und finster bleiben. Und wie geschickt Werckzeug auch immer ſeyn mag/ſo würde und es doch zumahlen unnützlich fruchtbar da liegen / wo nicht die Hand des Künstlers dadurch wirckete. Eben also auch die Seele / wie edel / wie vernünfftig und verständig sie geschaffen seyn mag / so liegt sie da dennoch leer und unfruchtbar / wo nicht GOtt alle seine Wercke durch sie wircket. Dat der Herzens=Gesprächen. Das XXII Capitel. Daß man durch die wahre überlassung seiner selbst erlange die wahre Gemüts=Stille und die wahre Weiß heit / welche zu und in allen Dingen der Seelen gnug ist. Weilen die Dinge so wunderbar verschiedentlich sich zutragen in diesen Welt /] und so verschiedene Zufälle / welche man nicht vermuthete / einem offt so unversehens vorkommen; und hingegen diejenige Zufälle / worüber die Seele viele Sorge und Bekümmernüs hatte / öffters nicht geschehen: deßwegen so ist einem Menschen in diesem elenden Leben nichts besser und ruhiger / und auch GOtt gefälliger / als daß er in allem und überall seiner selbst wegen ohne Sorge sey; verschmähende alles / was an seiner eigenen Gemächlichkeit in demselben ermangeln mögte; und mit einem freyen Hertzen GOTT überlassende „seine Seeligkeit außzuwuͤrcken / es seye „daß solches geschehe durch Gemächlich„keit / oder durch Ungemächlichkeit/ durch „Trost / oder durch Untrost / durch Todt / „oder Das XXII Capitel „oder durch Leben / durch Finsternüssen / „oder durch Licht / und auff welche Weil „es Ihm auch nur gefallen mögte. Und dergestalt sich selbst offt und gäntz lich dem HErrn überlassende / muß er alles / was ihm dann begegnen mögte / von den Hand des HErmannehmen / als das aller beste / das ihm begegnen kan. 2. So dann wird er nicht bekümmt seyn wegen der täglichen Begebenheit ob sie so oder anders geschehen / welche in selbst weder gut noch böß sind: und er wir in seinem lebendigen Grund weder Erwählung des einen / noch einen Abkevon dem andern fühlen; sondern wie obt meldte Dinge sich zutragen / eben so gefallen sie ihm wol / was seinen innern Grund an langet / daß er nemlich mit der Göttlichen Schickung [in allem] zufrieden iſt. Der Zuneigung zu den begierlichen gen in sich selbst / und dem Abkehr von den verächtlichen Dingen / (was nemlich Dinge angehet / welche Gute und Bögemein haben können) wird er keines wegt folgen / als nur in so weit es zu seiner Beförderung mögte dienen können. 3. Um der Hertzens=Gesprächen. 3. Und dergestalt wird er sich angewehnen / sich zu gründen und fest zu setzen in dem einen / höchsten / ewigen und unveränderlichen Gut / welches keine Zufälle der Dinge erreichen; welches wann ihn gleich alles andere verliesse / ihn nicht verlassen wird / sondern wie verzweiffelt es auch immer zugienge / ihm als ein wahrer Freund treu bleiben wird: mit welchem er beständig seyn wird / wandelende immerdar tapfer und auffrichtig vor seinem Angesicht Tag und Nacht / in der Warheit und Weiß heit / in welcher er wird befestiget und [so dann) nicht mehr zum wancken gebracht werden. Welche [Weißheit] mit ihm wird in die Grube hinunter steigen / und in den Banden ihn nicht verlassen / (1) und ihm in zweiffelhafften Dingen die blosse Warheit zeigen wird; in welcher er alle Dinge (nach seiner Weise) wird einsehen / so wie es das eine / höchste und unveränderliche Gut / worin er gegründet ist / verstehet / und verstanden hat / da es durch seine ewige Weißheit alle Dinge gemacht hat. 4. Die 2) Weibh. C. 10:14. 100 Das XXII Capitel 4. Diese [ewige Weißheit] wird sein Gefährtin seyn auff der Reise / im Hause / an allen Orten und zu allen Zeiten: ein unvergängliches Licht in den Finsternüssen, eine vergnügende Zusammensprach / und eine höchst-angenehme Gesellschafft in der Stille und Ruhe / eine innere Salbung / erleichterende alles Creutz und Trübsal. Mit der Freundschafft dieser Gefährtitumgeben seyende / wird er nichts nöt haben; sondern inwendig an allem üwort fluß haben / weil er das hat / alles ist. (welch Und er wird in seiner Armuth nemlich darin bestehet / daß er von allem weltlichen Trost verlassen ist / und daß au alle Dinge von ihm verlassen sind, gebig und außfliessende seyn / von innen nüseinem Gefährten / als wann er ein Heder gantzen Welt wäre. 5. Man bekleide einen solchen mit einen Sack / man bestreue ihn mit Aschen / maberaube ihn dieses zeitlichen Lichts; er der letzte / verächtlich von allen andern; liege in einem Winckel des Hauses veborgen / er werde mit vielem Ungemach 101 der Hertzens=Gesprächen. beschweret. Oder im Gegentheil / er sey in Ehre und Ansehen gestellt / sein äusserer Zustand (wann es so seyn muß) seye den obgemeldten Zufällen zuwider: so wird dennoch nichts von dem allen ihn berühren; dann was er begehren kan / hat er in der Weißheit selbst; die widerwärtige und beschwerliche Dinge aber mindern seine Fulle nicht. 6. Diß ist der rechte Weg der Außerwählten GOttes; der Weg nemlich der Warheit und der Weißheit; welche den selben in allen Zufällen fest inne halten / gelangen seliglich zum erwünschten Ende: also daß der böse Geist wenig oder nichts von dem seinigen in ihnen finden kan / zur Zeit ihres Hingangs. Das XXIII Capitel. Ein Armer am Geist ist auch zugleich in Warheit im Geist der Allerreicheste / weil er überflüssig besitzer die Warheit der Dingen / die Erkäntnüs seines GOttes / die Beschaulichkeit / und die wahre Freyheit des Gemüths. Ein E 3 102 Das XXIII Capitel Fin gewisser warlich Armer am Geist / von dem HERRN gestärcket / redende von dem obern Theil seines Geistes, ſpricht alſo: Siehe / ich bin reich und habe überfluß / weil ich nun alles habe / was ich von diesen Welt begehre; und eben das / was ich habe / habe ich als nicht habende / (a) dann ich sitze es nicht mit [anklebender] Liebe, und kan ichs auch wieder missen ohne einis Schaden meiner ſelbſt. Die höchste / blosse / Form=lose und in veränderliche Warheit selbst / wohnet dem obern Theil meines Geistes / und get mir ihre unaußsprechliche Reicht mer / welche nirgend bey zu vergleich sind: das eine einfältige Wort / in welchen alles beschlossen ist / und über welches ich nichts anders suche. 2. Da wird mir gezeiget mein Nicht und das nicht-Wesen meiner selbst meiner selbst; und alle Untugenden welche von der einen oder anderen Seiten das Gemüth mögten ziehen oder beweg kon (a) Was ohne Lust wird befessen, wird ohne Schmertzen verlassen. 103 der Hertzens=Gesprächen. können; und es wird mir auch gezeiget das wahre Wesen aller Dingen. Auch sehe ich nicht von unten an die untere [und äusserliche] Begebenheiten und Zufälle / nach der sinnlichen Veränderliche keit; sondern ich sehe alle Dinge von oben an / und die Warheit rüffet für mich mit schröcklicher Stimme zu allen fremden / die mit ihr nicht eins sind: Nahet nicht hieher / denn der Orth / worauf er stehet / ist heilig 3. Und also zeigt Er mir öffters sein Angesicht in dem Chor / auff dem Bette / am Tisch / in der Zellen / in äusserem Tumult / bey der Arbeit und mancherley Geschäfften: und lehret mich alle Dinge / die draussen sind / innerlich zu vereinfältigen / und dieselbe zu verwandelen in ein innerliches und gestärcktes Anschauen / welches Angesicht so starck ist / (a) daß es das Hertz und den Leib mächtiglich über wältiget / so daß nicht allein die Grundfeste / sondern auch (b) die überschwellen des 1) Das innere Anschauen hat den gantzen Menschen in seiner Gewalt (b) d. i. Nicht allein das untere / sondern auch 104 Das XXIII Capitel des Hertzens / als des HErrn Tempels / deweget werden / demselben zu antworten und mit Ihm einstimmig zu werden / um fertig zu folgen / wo es mögte hingehen umb mit allen Kräfften ꝺem gezeigten Lic auff zu folgen / und umb ohne Unterlaß auf zuopffern / alles was er ist und seyn kan / samt allem Geschaffenen in der Zeit und der Ewigkeit. 4. Und alsdann würde es mir ein g ser Trost und Erleichterung des Hertzen seyn / wann ich mich auch mit dem Leibt könte beugen / niederdrücken / demüthigen und hinwerffen unter alles / was geschaffen ist. Und eben dieses Angesicht macht mit (was anlanget mich selbst nach der tugend) fast zu nichts / das ist / es zeigt mir / daß alles / was in demselben nicht vereinig iſt / nichts iſt. Und nachdem ich dergestalt entworden bin / nimmt sie [die Warheit] mein will ges Anschauen zu sich / und drückt es ein und vereinigt es unmittelbar mit ihrem das obere Theil wird durch die Krafft GOttes bewegt. Jes. 6: 4. der Hertzens=Gesprächen. Anschauen / daß also mein und ihr Anschauen ein einiges klares Anschauen seye / welches nicht allenthalben her gebeugt ist; damit ich in ihr und mit ihr / alles was ist oder geschehen kan / (nach meiner Weise) so wie das Angesicht selbst / einsehen möge Daher werde ich dann ohne Sorge meiner selbst wegen / und getrost in allem / was über mich kommen kan. Und alles / was über mich zu kommen Erlaubnus hat / von der unveränderlichen Warheit und ewigen Verordnung meines HErrn / (dem ich ergeben habe mein Leben und meinen Todt / und alles was ich bin und seyn kan in Zeit und Ewigkeit / nichts vermessentlich mich unterwindende / noch etwas nach der Gemächlichkeit außwählende) dem gebe ich auch Erlaubnüs über mich zu kommen. Das XXIV Capitel. Die wunderbare Erhabenheit / Demuth / und Gleichmüthigkeit / in Ansehung aller Dingen / eines geistlichen Menschen in dem Goͤttlichen Anschauen der Warheit / gezeiget in dem lebendigen Vorbild des Autoris. „Laß . 106 Das XXIV Capirel „Laß dir alle Dinge so viel seyn und gelten / (sagt die Warheit selbst) viel sie mir sind / nach der Weise als „ein (2) Geschöpff [mir darin gleich „werden kan. Alles was mir im Gedächtnus kommt / von allem dem das ein menschlicher Geist ausser und neben GOtt begehren kan; auch selbst in denen Dingen / die äusserlich heizu seyn scheinen / und welche dennoch / was sie ein Mensch hat / ihn nichts heiliger / seiger; und wann er sie nicht hat / ihn nicht unheiliger und unſeliger machen: die alles bewegt mich nichts mehr / umb er begehren / als ein dürres Holtz und eine mit Füssen zertrettene Blume / weile Dinge in meinem Hertzen dürr gen den sind. Und hingegen kan ich mit einem frey demüthigen Hertzen auff mich nehmen das / was die Sinnlichkeit fleucht und a lehnet / wo sie nur kan; So daß alle Dinge von beyden Seiten durchbrochen sind / in [und durch] ein einfältiges und blosses Anschauen. 2. Alle (a) d. i. Sie seyen die nur nichtige und eitele Dinge. 107 der Hertzens=Gesprächen. 2. Alle Menschen ehre ich von Hertzen / als Thronen der Herrlichkeit der heiligen Drey-Einheit / und ich schätze einen jeg lichen also / als der unendlich höher seyn wird als ich in künfftiger Seeligkeit: wiewol ich auch nicht einmal werth bin der geringste zu seyn / noch so etwas mir anzumassen. So ehre ich alle / aber ich fürchte keinen auff eine böse Weise / so daß ich nemlich inwendig solte beklemmet und bange werden vor jemand / weil er etwa starck und hart st / und ich dieses oder jenes von ihm solte leyden müssen. 3. Dann was liegt dran gelegen / wann ich unterdrücket / gequälet / verachtet und verschmähet werde ohne meine Schuld? Wann ich der geringste und ungeachteste im Hause bin / vor welchen niemand sorget / verworffen als ein verderbtes Gefäß und Scherbe / alle die Tage meiner Fremdling schafft / und was auch nur die Sinnlich keit verabſcheuen mag? Solten dan̄ solche und dergleichen Dinge mich wol berühren können / da ich in der Höhe E 108 Das XXIV Capitel Höhe erhaben stehe / oder (a) vielmehr g trieben [und bewircket] werde / leydend: die Göttliche Einwürckung; da ich nicht fremdes begehre / und auch nichts fürchte? 4. Ich bin ja in meinem Gemüte / vor dem Angesicht und in dem Angesicht der unveränderlichen Warheit / höher als alle äusserliche Erhebung; und was die Ngung des Hertzens anlanget / niedriger alalle Erniedrigungen / die mir Mensch mögten anthun können / obschon sehr vier Plagen / Trübsalen / und Ungemach kommen mögten. Derhalben so nenne ich euch selig euch nenne ich herrlich / und keine andern die ihr dergestalt über alle Begierde mit ben / und unter aller Niederdrückung willigem Hertzen untergebeuget seyd möget nun seyn / wo ihr wollet / und wel ihr wollet / es seye nun / daß ihr auß Noin Ehre und Ansehen gestellt seyd / oder daß ihr verschmähet und Trost-loß lebet. 5. Dann nach diesem Theil / sehe ich nicht an weder das Kleid / noch Leibes Statur / (a) Welche der Geist GOttes treibet / die sind GOttes Kinder. Röm. 8. 109 der Hertzens=Gesprächen. tur / noch Stand / noh Grad / nogh Gesundheit des Leibes / noch äusserlichen Pracht / oder äusseren Schein / wie groß er auch seyn mögte; massen der HErr auf solche Dinge nicht sonderlich siehet / wie sie dann auch nicht groß zu achten sind. Und nach diesem Theil habe ich auch nicht grosse Sorge / wie es mit meinen äussern Umständen sich zutrage; ob ich nemlich gekleidet bin mit einem Sack / oder mit einem guten Kleide; ob ich in einem Winckelein des Hauses wohne, oder anderswo; ob ich verachtet / oder in Ehren gehalten werde; ob andere mir vorgezogen werden / oder nicht: welches alles / wie es auch kommen mag / mich nicht erreichen oder berühren kan. 6. Dann derjenige hat noch erst einen geringen und schwachen innern Wandel des Geistes / und einen unfesten GemütsZustand / welcher der Zerstörung nahe ist / der noch durch solche äussere Dinge beweget wird / und hin und her wancket / begehrende nemlich was mir [seiner Natur] ist / und fliehende / was ihr zuwider ist. Und es eine gar zu grosse Schande / vor dem 110 Das XXV Capitel dem Angesicht des HErrn / daß ein so edelen Gemüt / das da fähig ist das höchste Gut in sich zu empfangen / sich bekümmere mit so geringen und nichts=würdigen Dingen. Das XXV Capitel. Von zweyerley Landschaften in une nemlich von der untern / welches das Land der Sinnlichkeit / und von der obern / welches das Land des Gemüts und des Geistes ist. Daß der jenige / welcher von dem Lande da Sinnlichkeit zur Landschafft Geistes sich begiebet / und vor GOtdaß im Geiste wandelt / so sicher sey er von nichts sinnliches kan berühre und beweget werden. Und hieraut hellet / was es sey / nach dem Geifwandeln. Die untere Landschaft, nemlich das Land der Sinnlichkeit / ist voller Unruh / Verwirrung und Streit; deßwegen muß man auß allen Kräfften eilen zum dee obern Lande und Stande Geistes. Wann wir daselbst unser selbst mächtig seyn 111 der Hertzens=Gesprächen. seyn werden in der Warheit / so werden unsere Tritte nicht bedränget werden / sondern wir werden frey und mildiglich vor dem HErin wandeln / alle Dinge mit ihm ansehende. Wir werden auch alsdann mit ihm ausgehen zu allen Dingen / welche sind und geschehen / und von dannen wieder zurück kehren in eben dasselbe / in allem friedsam und stille bleibende durch GOtt: obgleich die untere Landschafft mit ihren Kräfften bestürmet und beweget würde / mit mancherley Widerwärtigkeiten und Bewegungen / nach eines jeden NaturArt und Neiglichkeit. Dann wie weit wir auch mögen gefördert seyn / so bleibt die Natur doch Natur. 2. Aber dergleichen Bewegungen der Natur gehen dem obern Stande des Gemüts nichts an; wann nur anders derselbe die Oberhand behält / und nicht von der Natur überwunden und hingezogen wird. Wir können wol mancherley Tröstungen haben / die auch nicht böse sind / oder auch sinnliche Andachten / und ruhen darinnen; dennoch bleiben wir also unvollkommen 112 Das XXV Capitel men und unbeständig / und inwendig nich gegrundet in der Erkäntnuͤß und Liebe de Warheit und Gerechtigkeit. Und so gehen wir im Kreiß herum all die Tage unsers Lebens / und wollen oft wol fort kommen / und geschwinder zu ꝺetvollkommenen Gemuts=Stande gelangen wir sehen aber den inwendigen Wes nicht / worauff wir wandeln müssen / um der äusseren [oder sinnlichen Andachten willen / womit wir zufrieden sind / und nicht weiter fortgehen. 3. Der Weg aber / wodurch man unmittelbar [und gerade zu] gelanget höchsten Gut / zu unserm ersten Ursprunzum Göttlichen Frieden / ist dieser wir lieben das Creutz des HErrn / folgen de seinen Fußstapfen / so daß wir nicht zu 111, sehr unsere Ruhe und Frieden setzen. äussern Dingen / in sinnlichen Andach ten: daß wir leben / ohne eigene Gemachlichkeit zu wählen / und ohne Ungemach lichkeit abzulehnen.Dann so lange wir zufrieden sind mit unserer eigenen Ruhe und eigenen C mächlichkeit / so lange werden wir beunruhig 113 der Hertzens=Gesprächen. higet und verwirret werden / und hin und her wancken / nachdem die Dinge sind / die uns äusserlich begegnen. 4. Derhalben so muß man das Gemütvom äussern immerdar wieder zurück rufsen zum Jnwendigen; daselbst wird unsder Weg gezeiget werden / wie wir gelangen sollen zum höchsten Frieden.„ Sonst hilfft die äussere Anweisung wenig / wo wir nicht selbst inwendig / mit einem scharf en Ansehen / durch die Erfahrung gelernet haben / wie wir gehen sollen. Deßwegen so bleiben wir dürre und finster / ohne Erleuchtung der Warheit / weil wir nicht kommen zu etwas Wesentliches / (a) umb deß willen alles aufferliche ist / und geschicht / auch die Mystische und geiſtliche Dinge. 5. Wie viel wir auch äusserlich gefördert zu haben scheinen / in geistlichen und scheinbaren Gütern / oder im Ansehen und Ruhm der Heiligkeit; solches ist alles eitel und gering / wo nicht der innere Mensch erneuert / und GOtt gleichförmig ist. Ist derselbe GOtt gleichförmig? Was uns (2) Das inwendige Wesen selbst. 114 Das XXV Capitel uns dann GOtt von andern äussern [Gt tern] und Ansehen nicht geben wil / solche missen wir gerne / weil wirs nicht nöthig haben: Dann so viel als wir in unserm Grunde selig und heilig sind / so viel werdenalle unsere äusserliche (Sachen und Verrichtungen] aus dem Grunde geheiliget/und werden dem HErrn angenehm:len nichts äusserliches an und vor sich selb uns heiliget. Und ob man gleich [auch aussern] alles geziemend und ordentlich thun sol / so muß man dennoch in gleichen Dingen nicht beruhen bleiben. 6. Und dieses geschicht vielfaltig / daß. Forten wir durch solche Dinge im wahren gang verhindert werden; weil wir dabei stehen bleiben und ruhen / und nicht durchdieselbe zur wahren und höchsten Heiligkeit fortgehen.Es ist nicht möglich / daß wir inwendig recht geistlich werden / so lange wir zufrieden find mit aͤusserlichen guten und scheinbaren Dingen / daß wir dabey stehen bleiben und nicht weiter fortgehen. Warlich / wo wir uns selbst nicht gründlich der Hertzens=Gesprächen. 113 lich verläugnen / so wird der Geist der Warheit (a) nicht zu uns kommen / der uns sonst alle Warheit wird lehren / der uns (Gnade) geben wird von innen beständiglich zu wandeln vor dem HErrn / und der da machen wird / daß all unser inwendiges mit ihm einſtimme. 7. Und warumb geben wir unser Geld auß ⁊ für dasjenige / das kein Brod ist? Und unsere Arbeit / da wir nicht satt von werden? Warum kauf fen wir dann nicht lieber alle Fülle / alle Sattigkeit / und alles / was wir wünschen können, umb einen so geringen Preiß? Dann wo wir nicht werden hingeben / was wir lieben und besitzen / so werden wir nimmer bekommen das / was wir begehren. Daher kommt es / daß wir durch Traurigkeit nieder geworffen / in uns selbst beklemmet / und durch unnütze Begierden außgeschüttet werden; daher kommt auch aller Scheu (vor unangenehme Dingez) daher kommt es auch / daß diejenige Dinge / welche im äussern / durch GOttes Verordnung / (2) Joh. 16, 7/13. (b) Jesai. 55: 2. 116 Das XXV Capitel nung / geschehen / unserm Sinn offt nicht recht sind; daher komt so grosse Unbeständigkeit und inwendige Beunrühigung auch selbst daselbst / wo es am wenis anständig ist; (c) daher kommt es / daß allerley Sorge und Bekümmernuͤssen um eingenommen haben; weil wir inwendig unser selbst nicht mächtig sind: so daß wircken [und die Oberhand haben /] wir aber elendiglich leyden müssen. Dieses alles kommt uns daher / weil unIVIS ser Wandel äusserlich ist / und da von unten / und nicht (d) von oben her die Dinge einsehen / die drunten sind. 8. Wer ist nun / der im finstern wandelt / und das Licht scheinet nicht? Der komme zum HErrn / zu dem unverganglichen Licht / und lehne sich innerlich auff Jhn. Wo ist es? sprichst du: Das Wort (f) ist dir nahe / in deinem Munde und in deinem Hertzen / in deinen Sinnen / in dir / (g) ausser dir / über dir / unter dir / im Umc) Nemlich / in geistlichen übungen. d) Durch die Sinne und nicht durch den Geist. (e) Jesaj. 50:10. (f) Röm. 10:8. (g) Ap. Ges. 17: 28. 10 der Hertzens=Gesprächen. Umkreiß und allenthalben / wo du komst / nemlich das einfältige und einige Wort / (der Seelen Bräutigam) welches brünstigen Gemutern vielmahls nahe ist / und oftenbaret ihnen offtmalen alles Gut / alle Weißheit / Gerechtigkeit / Frieden und ewiges Licht / erleuchtende alles was zu Ihm kommt. 9. Was ist dann nun übrig? Als daß wir unsere Augen auffthun / daß wir sehen und verstehen die Zukunfft des HErrn zu uns / und daß wir (h) auff unserer Hut stehen / und Ihn erwarten. Darum so kommt dann GOtt zu uns durch Mittel / nemlich durch die Gnade / als da ist / die Weißheit / die Warheit / die Gerechtigkeit / und so weiter. Wann wir dann nun GOtt lieben / und in Gnaden sind / so müssen uns alle Dinge (i) zum besten miewircken / ohne dieses oder jenes ausizunehmen / auch selbst in denjenigen Zufällen / die zu unserm Verderben geschehen zu seyn scheinen. 10. Selbst auch die Gemüths=Bewegungen [Passionen] und Begierden der Na (b) Habac. 2:1. (i) Röm. 8:28. 118 Das XXV Capitel Natur / und alles was uns eine Hindernüs zu seyn scheinet / bringt uns / wann wir nur wachende (k) bleiben / keinen geringen Nutzen und Förderung zuwegen. Dann wann das Gemüt von solcher Dingen bestritten wird / so machen sie / daß es alsbald zum HErrn läufft / in sein wendiges/ und zu seiner obern Landschaft da es von ihnen nicht kan berühret werd und wo eigene Krafft und Vermögen! let / da sucht es die wahre Kraft [in GOttund wird gedemütiget durch die E rung seiner eigenen Ohnmacht. Wie solte doch der HErr/der von Ewikeit uns so hefftig geliebet hat / und so groZeichen der Liebe uns erwiesen: ja auch noch wie darzu sich selbst uns gantz giebet: [olte der / sage ich /] etwas über uns kommen lassen / das nicht umb unserer Beförderung und seiner Liebe willen [also geschei muß? Und ob Er auch etwa auß unserer Schult dieses oder jenes zuliesse / und daß Er unt verlassen mögte; gut: „so sollen wir alse „ge (k) Derjenige wachet / der in das Böse nicht einwilliget. 115 der Hertzens=Gesprächen. „gedencken / daß wir unendlich mehr verdienet haben / und gerne wollen außstehen „alles / was der HErr gut finden mögte. 11. Dergestalt müssen wir auff verschiedene Art und Weise zum HErrn gelangen / nachdem uns verschiedene Zufälle begegnen; und in allem dancksagen; und in allem Leyden und Trübsal / mit dem Propheten Jeremia / sagen: Fürwar es ist meine Kranckheit / und ich wil sie tragen. (2) Wer in der Gnade fleissig ist / und auff dieselbe acht giebt / der verstehet / wie der HErr alles zu unserm [Nutzen und] Fortgang ordnet; und findet eben so viel im kleinsten als im grösten / so viel in der Finsternus als in dem Licht, und wird die Finternus führen ins Licht / und den Mangel in den uberfluß. Dann die Gnade ist wie ein Ring oder Zirckel / der weder Anfang noch Ende hat; dann sie wircket und gehet auß GOTT zu allen Creaturen / und auß den Creaturen kehrt sie unauffhörlich wieder in ihren Ursprung. 12. Wann (a) Jerem. 10: 19. 120 Das XXV Capitel 12. Wann wir dan nun mit den obersten Kräfften mit dem HErrn vereinig sind / so gehen wir durch seine Gnade mit Ihm zu allen Dingen; dann was Er lasset / lassen wir dann auch zu; was Er giebt / geben wir auch: und wandelen so einigt massen ausser dem Sin des Fleisches. Auch lassen wir mit ihm zu uͤber und selbst alles / was uns begegnen mögwelcherley Dinge es auch seyn mögen / auf fere oder innere / Verachtungen / Kranckhten / Leyden / u. s. w. Eben als wann ein jede oben in seiner Noth spräche: „Dieses ist „Ewigkeit verordnet so muß es geschehen so wil ich / daß es sol geschehen / ander „wähle ichs nicht: der HErr hat mir „geben Kranckheiten / Dürre / Leyden und dan „Finsternüssen: darinnen wil ich mid guben / eben als in vielen hertzlichen empdungen von GOtt / und Früchte darauß „suchen: dan der HErr hat auß grosser Li„be diese Dinge über mich verordnet / „vermehrung und zum Anlaß meiner B „förderung und der ewigen Seeligkeit 13. Da wird dan das Licht (b) auffgehen (b) Jesai. 58; 10; 121 der Hertzens=Gesprächen. gehen in der Finsternus / und unsere Finsternüs wird seyn wie der Mitrag; da besitzen wir GOtt und GOtt besitzet uns / in der allerverborgensten Erkäntnus; wohin alles / was uns äusserlich begegnen mag / nicht hinreichen kan; da sind wir verborgen in dem verborgenen des Angesichts des HErrn; (c) Danck sey dem allmächtigen GOtt / daß uns da niemand siehet. Danck sey GOtt / daß fleischliche Augen anders nichts sehen als alle Schwachheit; damit nicht das starcke / ſo in uns verborgen lieget / uns entnommen werde / wann es gesehen würde. Nach dieser Vereinigung [mit GOtt] müssen wir alle Dinge ansehen / und nicht nach uns; sondern immer mehr und mehr trachten dergestalt ausser uns zu kommen. 14. Und es meyne niemand / daß wir bedränget / arm / elendig und schlecht sind / weil uns vielleicht von aussen aller Trost entzogen wird; nemlich also / daß niemand uns suchet / oder nach uns fraget; daß wir verworssen und unterdrücket werden / und daß wir nicht geachtet werden; daß wir uns (c) Psal. 31: 21. 122 Das XXV Capitel uns selbst dergestalt verachten / daß wir auch erwählen vor arm und (so zu reden) ein Außkehrigt aller Menschen gehalten zu werden: So wahr der HErr lebet, vor dessen Angesicht wir wandeln in Auffrichtigkeit und Warheit / (d) nach dieſem Stande haben wir nicht nöthig alles was uns von fremden Dingen mangeln mögte; Dann anders suchen wir nichts / als d hoͤchste Gut / in welchem wir alles haben. Alles andere ausser demselbigen iſt une viel zu klein und zu wenig; wil GOtt uf solches nicht geben / so können und wollen wir solches gerne / als etwas überfluͤssiges / missen. 15. Wird etwa die Natur entrüstet unzufrieden / und wil nicht gerne Unmach und Widrigkeiten erdulden; und unruhig drüber / daß sie ihren Willen nie haben kan: solches gehet uns nichts an; sie nur drunten bleiben / damit sie nicht auch das Gemüth mit drein wickele und einnehme. Aber darumb steiget das Salb=öl / daß von (d) 2 Kön. 5:16. 2 Cor. 1:11. 11 der Hertzens=Gesprächen. von oben kommt und herab steiget in den Bart / (nemlich in die obere SeelenKräffte) auch bißweilen herab (e) biß in den Saum des Kleides / nemlich in die Empfindung des Hertzens / und in alle ausfere Sinnen; dermassen daß auch dieselbe zu der Zeit nichts anders begehren / als daß der Wille des HErrn geschehe / wie in unserm Himmel / (f) also auch auff unserer Erden; (g) damit ihr murren und Ungedult auffhören / und sie die Trübsalen und Ungemach desto leichter ertragen mögen. 16. Wann wir dergestalt der Gnade GOttes folgen / und nicht auß (h) derselben weichen; so werden wir immerdar im Licht seyn: und wo nicht in einem empfindlichen oder ergetzendem Licht oder Geschmack / wenigstens in dem Licht / worin wir nichts anders suchen noch begehren / als was den HERR geben wil / es sey Finsternüssen oder Licht. Das Psal. 133: 2. (f) Im Geist. Jn der äussern Natur. (h) In der Gnade bleiben / ist im Geist GOtt anhangen. Das XXVI Capitel 124 Das XXVI Capitel. Wie GOtt so genau und gestrenk fordere die Erneuerung so wol von unserm inwendigen / als auch von unserm aͤussern / nach seinem Ebenbilde und Willen. Ich wil unauffhörlich trachten inwendig erneuert zu werden vor dem A gesicht des HErrn / der all inInwendiges/ und den tieffsten Grund inner Meynung / in seinem gerechtesten und unvermeidlichem Gericht / ansiehet / selbst in allem dem / was mich zeucht ode bewegt; nemlich / ob ich auch im Grunde ung. es mit etwas halte / oder eine Neihat. etwas habe / wovor er keine Neigung Massen er gantz genau erfordert Gleichförmigkeit meines gantzen inwengen (Menschen) nach seinem Ebenbill den und meines aussern [Menschen] nach Wandel / den Er im Fleisch [hier auff den) geführet hat: damit Er nicht nur nen Theil / sondern mich gantz und un getheilt Ihm zu eigen erwerben mögte. Dann Er hat mich gemacht / und gantz wit 125 der Hertzens=Gesprächen. wieder neu gemacht, und Er wil auch nicht / daß der (i) Thron seiner Herrlichkeit / einiger Ursache wegen / verwüstet oder beunruhiget werde: nichts in der gantzen Welt so viel werth und so mächtig achtende / daß der Tempel der Warheit dadurch solte unterdrücket und verdorben werden. 2. Und so wil Er auch / daß wir Ihm sollen stille halten / und mit Ihm Sabbath reyren sollen; und eine grosse Authorität [und Gewalt] gebrauchen über uns selbst und über alle fremde Dinge / die uns mögten beunruhigen können. Er wil / daß wir uns nahe zu Ihm halten / und seiner / (k) als gantz ausser uns selbst gesetzt / geniessen sollen; uns selbst gering achtende / verachtende / und gründlich vernichtigende; nichts achtende / was uns von aussen oder von innen mögte wiederfahren; damit so alle unsere Freyheit und „Sicherheit auß nichts anders entspringe / „als auß tieffer Demut / auß Verläug „nung unser selbst / und auß unserer Gleich„förmigkeit mit der ewigen und unverän„der) Die Seele des Menschen ist GOttes Thron. (k) Daß wir in Ihm dergestaltet seyn sollen. 126 Das XXVI Capitel „derlichen Warheit und Weißheit / welche „alle unsere äussere und innere Kräfften „gäntzlich besitzende / durch dieselbe als „durch willige und lebendige Werckzeug „wircken mag. 3. Er wil auch, daß wir über alle Dinge und durch alle Dinge hindurch / fleissig ansehen sollen das Angsicht der Weißheit / der Wahl und heit / der Gerechtigkeit / des Friedens GOttes / nemlich nach der Weise unserer Geringheit; daß wir uns sollen frey und abgeschieden halten von allen Dingen / wie unruhig und verwirrt sie auch sich zutragen móDann obschon viele Trübsalen und Gutder dernüssen da sind / so bleibt dennoch Weg sehr herrlich / (a) weit und gerade / und gehet durch alle trübsalen mitten hindurch 4. Da werden wir gelehret / alle Hindernüssen zu übersteigen / nicht durch weichen oder fliehen / sondern durch eingesetztes / geistliches / und festes ansehen (a) Durch die Einkehrung bleibt der Geist erhaben in GOtt / und übersteiget alle Hindernüssen 127 der Hertzens=Gesprächen. hen; mit der unveränderlichen Warheit selbst in allem ruhig verbleibende. Wir werden auch gelehret / eines jeg lichen Wunderlichkeit / Verdrießlichkeit / und eiteles Mißfallen / mit sanfftmütigem Geist anzusehen; und wann wir einen solchen mit stillem Gemüt nicht verbessern oder befriedigen] können / so müssen wir ihn dulden / als in Sicherheit stehende / und im verborgenen Schirm gesetzet; da uns keine dergleichen Dinge beruhren können. Das XXVII Capitel. Von dem Verlangen GOttes / sich ſelbſt zu genieſſen in uns / und von unserm Verlangen / GOtt und dessen Wirckung in uns zu geniessen. Wer kan es nach Würdigkeit erwegen / — wie daß der HErr ohne Unterlaß anschauet und betrachtet sein ewiges Bild in uns / welches nimmermehr außgelöschet werden kan? Wie Er sich selbst in uns siehet und erkennet / als der da gantz und unzertheilet (so viel solches geschehen kan) von uns kan empfangen werden; dann Er geneuſt 128 Das XXVII Capitel neußt sich selbst in uns / und wir geniesst Ihn / in Ihm und in uns. Er fordert auch gantz gestreng und genau die Gleichförmigkeit / wornach wir geschaffen sind; und ist sehr eiffersüchtig vor uns. Solte nicht der HErr der Herrlichkeit eiffern vor den Tempel und Thron seines Herrlichkeit? Dann deßwegen nimmt Etbißweilen alle unsere Kräfften / nicht abdie obern / sondern auch öffters die tern / und vereinigt sie mit sich / Er masie unvermögend zum wircken? damitten Widerstand sey / sondern Er uns ganz sitze; und wir Ihm stille haltende / wircken leyden mögen. Seelig ist derjenige / der also die gibt liche Einwürckung in sich leydet! wer mir, daß ich offt dieses seelige Leyden möleyden; dabey ich mich selbst und alle ge vergesse / wobey sonst nichts in mich gehe und mir schmäcke / als das Wort der Bräutigam / der mich alsdann wendig und außwendig gantz besitzet? Da= 129 der Hertzens=Gesprächen. Das XXVIII Capitel. Welches das Erbtheil ist / eines der arm am Geist ist / in diesem Leben. Mein Erbtheil in dieser Welt ist nichts — anders / und wird kein anderes seyn / und ich wil sonst nichts hoch achten / als verborgen / verachtet und der unterste zu seyn / so daß mich niemand suche / noch nach mich frage / oder vor mich Sorge trage; als an welchem nicht viel gelegen ist / der nicht hoch æstimiret wird / als ein armer und verächtlicher. Derhalben wil ich auß allen Kräfften Nacht und Tag / von innen und von aussen / nach solche und dergleichen erwünsche te Dinge / mit Wachsamkeit mich außstrecken; damit wann sie kommen / ich sie willig annehme / als Dinge / die ich vorhin hon längst begehrete. 2. Darum so laß ich die grosse Dinge den Grossen / den Gelehrten und Geehrten; ich vor mich wil nichts von solchen Dingen wissen / ich wil gern mit dem kleinsten und geringsten zufrieden seyn / als der da nichts werth 130 Das XXIX Capitel des werth ist; das Angesicht Bräutigams allein ist mir gnug Das XXIX Capitel. Von der Vortrefflichkeit der Armuth / des Creutzes / und des Jochs Christi; und von derselben Süssig keit und heilsamen, wunderbaren und Göttlichen Früchten / in einem Gemüt / das sich dran ergeben hat. wie herrlich ist die Armut des HErrn O JEsu und aller seiner Außerwählten Dich ich weiß nicht / mit welchem Lob ich erheben sol; aller Reichthum / Herrlichkeit Ehre / Lob / und überfluß sind in Dir. sinwann wir gleich geistlich / innig / scharf nig und verständig sind; wann wir erfalren sind / und tieffe Dinge von himmlischen und verborgenen Geheimnuͤssen hervor! bringen wüsten: und wären dabey nicht gierig nach der Armuth und Einfalt des HErrn JEsu / so werden wir andere wenig oder gar nicht erbauen können; dann war (2) Pſal. 27: 8. 111 der Hertzens=Gesprächen. inwendig ist / wird nicht gesehen / und erbauet auch deßwegen andere nicht [auf solche Weise. Darum so ist die Begierde zur Armuth. ein Zeichen der Demuth / der Einfalt und der Geringachtung seiner selbst: in allem und überall / da es die Gelegenheit erfordert / allezeit das schlechteste / geringste und niedrigste zu erwählen; die blosse Noth durfft nur zu nehmen von zeitlichen Dingen; das Creutz / Beschwerlichkeiten / Arbeit und das / was andere verabscheuen / zu umfassen: und [mit einem Wort] so zu wandeln / als wann alle unsere Bewegungen: Sitten und Wercke laut rieffen: Unser Reich iſt nicht von dieſer Welt. (b) 2. Diese und dergleichen übungen sind es / die uns heiligen / die so es ansehen / erbauen / und die Religion im Stande halten und allezeit erhalten haben. Dann der HErr JEsus hat uns sein Creutz zu tragen hinterlassen / nicht Weichlichkeiten / nicht Süssigkeiten / nicht Gemachlichkeiten / nicht das eitele Lob der Menschen; sondern allerley Trübsalen / Ley(b) Joh. 18, 36. 132 Das XXIX Capitel Leyden / Ungemach / Elenden und das was die Sinnlichkeit fleucht; auff daß wir in dieser Welt seyn solten / als die nicht die ringste Gemeinschafft haben mit der Weltso lange wir hie leben. „3. O wie süß (c) ist das Joch „Christi! du / der du dich mit willigen „Hertzen unter sein Joch begeben hast. „seynd alle Dinge leicht. Daher sind und kommen offt allerhaVerwirrungen / Beschwerlichkeiten und Dürre in uns / weil wir von dem Creutz und dem Joch Christi fliehen und den entweichen wollen / und uns nicht v mehr willig und gerne demselben unter werffen. Wann uns aber das Creutz und das Joch des HErrn angenel schmäcket / und wir Begierde darzu haben wann wir auch in Demutigungen / Kleiheit und Armuth uns ergetzen: dann weden wir in kurtzem uͤber alle Hindernüssen gelangen / und werden dann Schande und Schmach vor Freude / die Erniedrigung vor (c) Matth. 11: 30. 133 der Herzens=Gesprächen. vor Erböhung / die Armuth vor überfluß achten. Dann werden wir gleichsam taͤglich sterben / (d) und siche / wir leben; als verworffene und unehrliche / und sind doch voller Ehre und Glorie; als die verachteste und ein Sprüchwort der Menschen / als solche / woran nichts gelegen ist / und nichts zu æstimiren sind / geängstiger und gepeiniget / und sieht / wir sind solche / derer die Welt nicht werth ist / (e) als verzweiffelt und ohne Hoffnung und siehe / unsere Hoffnung und inwendige Sicherheit ist überschwencklich groß / da uns keiner von aussen siehet noch berühren kan: da wir bey dem HErrn wohnen / und von allen seiten bewahret sind mit dem Schild der Warheit und der Gerechtigkeit / nicht in diesem und jenem eiteler Weise verwickelt oder bedrückt / sonst würden wir gar sehr beschämt werden / wann wir vor dem HErrn stehen würden / und von deme an auch ins künfftige. 4. So kennen wir dann nun / als solche / und haben (f) gekannt niemanden (d) 2 Cor. 6. (c) Hebr. 1137.38. (1) 2 Cor. 516. 114 Das XXIX Capitel den und nichtes / nach der Neigung oder Trieb der Sinnlichkeit: dann wann wir Himmel und Erden / und alles was darinnen ist und geschicht / anschauen / so werden wir keines wegs durch die Liebe einiges Dinges verführet / noch durch die Furcht einiges Dinges beängstiget. 5. Und solches kommt daher / weilen das Wort GOttes selbst / die höchste / ewig und unveränderliche Warheit / Weiß und Gerechtigkeit (das in unserm Gemüth Herr und Meister ist) die Finsternüsse vertreibet / den Verstand erleuchtet / dermassen einiget / daß in dem einfaltig Anschauen kein zurückwenden oder reffes ren ist / und (alsdann) die Verbindung und Umfassung unseres und seines Ageſichts (auf gewiſſe Weiſe) ohne Mitel geſchiehet. In welcher Vereinigung wir durch ihalle Dinge / und auch Ihn selbst sehen worin Er auch sich selber (g) geniesset und siehet durch uns; da Er selbst ist das E sicht / selbst der da gesehen wird / und selbst der da siehet. Daher es dann geschicht / daß (g) GOtt erleuchtet sich selbst in uns. 135 der Hertzens=Gesprächen. unser erleuchteter verstand (der da alles siehet in der Weißheit und Warheit) keines wegs zulässet: daß alsdann unser Gedächtnüß / oder unser einfaltiges eingekehrtes Andencken / durch allerhand Vorwürffe / in etwa solte verdunckelt werden; und dem zufolge lässt er auch nicht zu / daß der Wille oder die Hertzens=Neigung durch fremde Dinge beunruhiget werde. 6. Wo wir dergestalt dem HErrn sein Bildnuͤß rein und unbemahlet (h) darstellen / so werden wir (i) entwircket / daß in uns nichts eigenes übrig bleibet. „Da macht Er uns Liebe auß der Liebe / „Warheit auß der Warheit / Weißheit „auß der Weißheit / und alles Gut auß „ihm selber. Da werden wir gebohren zu erwählten Söhnen / angenommen in dem eingebohrnen Sohn vom Vatter; dem wir von innen und von aussen / nach der Weise unserer Geringheit / gleichförmig worden sind. Das (h) d. i. Nicht besudelt mit fremden Gemählden oder Bildern. (i) d. i. Durch die Göttliche Wirckung werden wir loßgemacht, entblösset und abgeschieden von uns selbst / von aller Eigenheit. 136 Das XXX Capitel Das XXX Capitel. Der Kuß des Worts und Braͤutigams / oder der Zukehr unseres Angesichts oder Anschauens zu dem Allgesicht der Goͤttlichen Weißheit; wie so grosse und wunderbare Wirckungen solches in uns hervorbringe / wann nur unser Auge einfältig und unser Meynung lauter ist. Und wie ab eitele und beunruhigende Vorwürff allhie so wunderbarlich überwunden und zerstreuet werden / nur allein durch das Angesicht und Anschauen Weißheit GOttes / welches an stat aller Dingen gnug iſt / auch alles leuchtet / regieret und vollendet. Er küsse mich mit dem Kuß seines Mundes / (k) spricht die von Liebe verwundete Seele. Gewiß / diß ist ein groß Begehren / und solches zu erfahren ist über alle menſchliche Weiſe. Aber weil die Liebe von unvermoͤgenden / das ist / vergänglichen Dingen / kei(k) Höhel. 1. 137 der Hertzens=Gesprächen. keinen Trost annimmt / (1) deßwegen was man uns auch immer anbieten und auff häuffen kan / ausser dieses / so ist uns alles viel zu klein und zu gering / als welches: unsere Begierde nicht beruhigen noch er ſättigen kan. Wann derhalben die ewige Weißheit / oder die unveränderliche Warheit / uns ze get ihr Angesicht / ihre unvergleichliche Reichthümer / alle schönheit / und alles / was man begehren kan; und gleich wie nun derjenige / welcher ihr Angesicht siehet / nichts weiter begehret: so trachtet alsdann unser innerliches Angesicht gantz verliebt in ihr Angesicht gedrucket zu werden / durch ein innerliches / keusches und kräfftiges küssen und umfassen / eben als wann es gantz und gar in dasselbe übergehen und vergestaltet werden solte / und einiger massen selbst (w) eben das werden / was das Angesicht selbst in sich ist. 2. Daselbst gebieret der ewige Vatter ohne Unterlaß sein einiges einfältiges Wort / (1) Amor non accipit de impossibilitate solatium. Chrysolog. Serm. 147. (m) 2 Cor. 3; 18. d. 1. In eben dasselbige Bild vergestaltet werden. 138 Das XXX Capitel Wort / in welchem wir alles erkennen und sehen / wodurch wir lernen unsere Viel faltigkeiten / Geschäfften / und alles war äusserlich geschicht vereinfaltigen und ein machen / dasselbe anschauende über und durch alle unsere Wercke / (n) wie groß und Göttlich sie auch scheinen mögten; in dem selben [Wort] finden wir allein Ruhe und Festigkeit und werden durch beyderseitig Anschauen ein einiges ungetheiltes schauen. Da ist Auge gegen Auge / Angesichts gen Angesicht: Es ist das Angesicht Bräutigams da / und unser Angesichauch da; doch ist die Ungleichheit nicht ring / wovon wir aber gegenwärtig nicht ſagen. 3. Unser geschaffenes Leben beschauet und besuchet da ohne Unterlaß unser ( ungeschaffenes Leben / welches von Ewigkeit in GOtt ist / und eins mit ihm. Das (n) d. 1. Wie groß auch die Wercke sind / bleiben wir mit unserm Anschauen nicht daͤber stehen / sondern durch und über dieselbe schauen wir das Wort / GOTT / an. (⁰) Unser Leben ist Christus. In Ihm war das Leben. Joh. 1:4. der Hertzens=Gesprächen. 139 Daher werden wir so demütig und klein in uns selbst / vor dem Angesichte des HErrn / als ein jetzt=gebohrnes Kindlein / und können uns nicht gnug nach unserm Verlangen vernichtigen. Diese Verkleinerung und Vernichtigung unser selbst macht uns so mildreich und frey / so sicher und reich / als wann wir sonst nichts nöthig hätten. Daher haben wir dann / in allen unsern Gedancken / Bewegungen und Wercken / ein einfältiges Auge und Meynung / welches alle Vorwürffe so bedachtsam / ernsthafft und vorsichtig durchsiehet / als wann es zu einem jeden sagte: „Ich sehe / was „du bist / was in dir ist / was du meynest / von wannen du kommst / und wo du hin „wilst; und du kommst mir so vor / wie „du bist / und nicht anders.4. Deßwegen so ist unser Wandel milde reich / frey und munter in der Nachfolge des HErrn / der Weißheit und der War heit / nemlich des Bräutigams / wo Er auch hingehet / (p) (nach der Weise unserer Geringheit) weil wir nicht anders wo(P) Offenb. 14: 4. 140 Das XXX Capitel woher verächtlicher Weise (q) geschwäche werden / und nach diesem Theil erkennet wir nichts / [und lassen nichts ein] weder etwas das droben ist / noch das hier unten auff Erden ist. Dann wann etwas uns treibet / beunruhiget / und unser innerliches Auge verblen det / ob es gleich nach dem äussern Anseeine sehr heilige Neigung zu seyn schienen so ist es doch darin gantz schädlich und scheidt. würdig / weil es [das Gemüth] von der Vereinigung mit dem höchGut / und eine Vermittelung und D zwischen GOtt und unserm erleuchteten Verstand verursachet; und muß derhalben durch die Brunst und Läuterung [Göttlichen] Feurs in uns weggeschmotzen werden. 5. Darumb so ist uns in allem / was uns begegnet / von innen oder von aussen / von allen Dingen nöthig ein einfältiges Aug und eine lautere Meynung. Ein einfältiges Auge / welches stille und bedachtsam durchsiehet / was ein jede D/4 (g) d. i. Die äusserliche und fremde Dinge derühren und ziehen uns nicht mehr. 141 der Hertzens=Gesprächen. Ding seye nach der rechten Warheit / welche das köstliche von dem geringen unterscheidet. Eine lautere Meynung / die dem einfältigen Auge folget / welches die Warheit aller Dingen siehet und uns gantz ledig macht von aller Eigenheit / und getrost in allem / was uns begegnen kan. Diese lautere Meynung macht / daß wir mit freyem und ungebundenem Hertzen / ohne Verweilung oder Zweiffelmütigkeit alles verrichten / was in Warheit [gut und] tugendsam ist vor GOtt und vor den Menschen / wie auch / daß alles / was wir innerlich oder äusserlich verrichten / wir solches thun ohne einige andere Absicht oder warum. 6. Durch dieselbe werden wir befreyet von aller eitelen Scrupulosität und ängstlichkeit / von der Furcht der Höllen und des Teuffels, von dem Schrecken vor mancherley Zufälle und vor verkehrte Menschen / oder verschiedene Sinne (solcher Menschen] wie groß sie auch im aussern Ansehen seyn mögten / und endlich von allem / das uns beängſtigen kan. Durch 142 Das XXX Capitel Durch diese lautere Meynung werden wir geführet auff die weite und breite den (r) der Gerechtigkeit und Gleichheit und können sicher und getrost sagen: Wann (⁴) ich gleich wandeln ſolte mitten im Schatten des Todes / so fürchte ich kein übel / u. s. w. Durch sie haben wir einen vertraulich Zugang zum HERRN / und stehen ob Schaam vor seinem Angesicht; dann her kom̄t es / daß wir einen so grossen / mütigen Zuspruch und liebliche redung haben mit dem Könige und der Heerschaaren; auch feyerliche SchiOpfer und heilige Opfer=Gaben! bringen / welche wir (r) selbst sind. 7. Wegen dieses alles wird uns die gantze Welt gering / samt allem / was Welt gehöret. Derhalben haben wir ja keine Lust / auf über weltliche Dinge acht zu geben / und flüssiglich uns damit zu beschäftigen: dann weßwegen solten wir das Angesicht Weißheit verlassen / und uns zur Thorund Lügen wenden / wie dann alles als (r) Sprüch. 4:11. (s) Psal. 23:4. (c) Röm. 12: der Herzens=Gesprächen. 141 was nicht die Warheit und Weißheit ist, oder in ihnen nicht ist? 8. Da wird dann das Wort Salomons erfüllet: (c) Der König / der da sitzet auf dem Gerichts-Thron / zerstreuet alles Arge mit seinem Anschauen / weilen das Gemüth / das da vereiniget ist mit der einfältigen Warheit / Weißheit und Gerechtigkeit / welche ihren Sitz haben in seinem obern Theil / gleich als in einem Gerichts=Thron / über alle Verhinderung und über alles geschaffene; und ein einiges einfältiges Anschauen mit denselben geworden ist / dieses Gemüth zerstreuet und vernichtiget / mit seinem festen und gesetztem Anschauen / alles Boͤse / alle Ungleichheit / alle Decke und vermittelung zwischen sich und dem HErrn. Oder vielmehr: Alles dieses wird zerstreuet durch das Anschauen GOttes; durch Ihn selbst / als durch einen gestrengen und frommen Richter / über alles was uns quälen oder beunruhigen könte / und setzet demselben Ziel und Schrancken / worú(u) Sprüchw. 20: 8. 144 Das XXX Capitel worüber es nicht kommen sol / sagende: (w) Biß hieher solt du kommen / und nicht weiter gehen. 9. Nachdem dann nun dergestalt alles widerwärtige zerstreuet und zertretten isso wird die Stimme der keuschen Turteldaube (noch wohnende in dem Landder traurenden) vielfaltig gehoͤret in dem Lande (x) der Lebendigen; dann allt Bewegungen dessen / der also gewohn ist det wandeln vor dem Angesicht HErrn / alle seine Sitten und dancken / sein innerlicher und äusserlicher Wandel / sind kräfftige Stimmen vor dem seine HErrn: ja selbst seine (y) UnschuldReinigkeit / seine Auffrichtigkei / sein barkeit / und dergleichen Liebes=[Früchte] hören auch / wann er schläffet / nicht auff Stimmen von sich zu geben / in den Ohren des Bräutigams. Viele Töchter (z) bringen ihnen Reichthum zuwege / Ehre / Herrlich keit / Trost und dergleichen / worin eine jede ruhen wil: Diese aber übertrifft sie alle(*) Hiob 38: 11. (x) Hohel. 2: 11 (y) Augustin. uͤber Psal. 102. (2) Sprüchw. 31.29. 145 der Herzens=Gesprächen. alle fremde Dinge (a) achtet sie gering und verachtet sie; das Angesicht und der Kuß des Bräutigams ist ihr allein gnug / worin sie alles hat / und nichts weiter suchet. Wann sie nichts hat von äussern Dingen / welche von andern begehret und gesucht werden; so ist deßwegen ihre Herrlichkeit und Vollheit nicht minder. Und wann sie es alles hat / wird dieselbe nicht grösser; derhalben so kan sie alles ohne Schaden entbähren. 10. Es mögen derhalben andere suchen was sie wollen / der eine dieses / der andere was anders: laß sie begehren und laß sie erlangen / laß sie getrieben und gejaget werden / und sich innerlich bekümmern und beschäfftigen mit allerhand fremden Dingen: diese Seele achtet nichts groß / nichts köstlich / nichts herrlich / nichts lieblich / als nur das Angesicht des HErrn und den Kuß des Bräutigams / alles andere ist ihr geringe und dürre worden [in ihren Augen.] Dan̄ sie ist eine von den keuschen Jung frauen und reinen Bräuten / welche (un(a) Aller überfluß / der mein GOTT nicht ist. ist mir nur Dürfftigkeit. August. 146 Das XXX Capitel geschändet von einigem geschaffenen W. sen / und ohne davon geschwächet oder auffgehalten zu werden) dem Bräutigam nach ihrer Weise / nachfolget (b) wo er auch hingehet. 11. Dann sie hat eine warhaffte Erkäntnüs aller Wesen / so wie die Wesen sind und eine einfältige Wissenschaft der heit; niemandes Angesicht ansehende / so weit ihr nemlich solches anders beweals es die Warheit urtheilet / daß sie bewegen solle. Auch ist sie wol geordnet / in widerwär tigen und in glücklichen Zufällen / die igegnen; so daß der Bräutigam (c) ihr das Leben ist, und ihr inwendiger Menfgleichförmig ist demjenigen / von dem und zu dem er geschaffen ist. Dabey ist auch gantzer aͤusserer Wandel gleich als eine Form / die von den innerlichen Tugenden formiret ist / als wie ein Bildnüs eine vollkommenen Gemüths / und neugebildet. wie es einer keuschen Braut geziemet. Daß (b) Dem Bräutigam folgen / ist immer in grösserer Reinigkeit anwachsen. (c) Phil. 1:21. 147 der Hertzens=Gesprächen. Daß also in dem inwendigen Menschen nichts sey / das die wahre Jungfrauschafft und Reinigkeit beflecke oder schände; und äusserlich in den Worten / im Ansehen und in den Sitten / auch nichts unehrerbietiges oder unehrbares; und endlich in allen Bewegungen nichts ungeziemendes sey. Sonsten kan sie keines wegs (mit Recht) eine Keusche genandt werden / sondern eine Ehebrecherin; wo sie nemlich durch dieses oder jenes sich binden oder halten liesse / es seye dann daß sie alsbald wieder umkehrte; oder wo sie ihr auch innerlich fremde Bilder machte / wodurch sie von GOtt abgezogen würde und dergestalt Ehebruch begienge: solcher [subtilen Anklebungen und Verbildungen) sind so sehr viel in uns / daß es keiner erkennet / als der schon guten theils davon befreyet ist. 12. Weil aber [eine solche Seele] nach dem untern Theil noch von allen Seiten angefallen getrieben und beweget wird; so ist es sehr nöthig / daß sie sich nun und dann erhebe von dem Geräusch / von der Vielfaltigkeit / und von allem dem / das ihr Streit verursachen könte, und sich dahin verG 2 Das XXX Capitel 143 . versetze / da sie nicht nur nichts siehet / worzu ihre Begierde sich kehren solte / [auff GOtt] nichts das sie solte anklagen / ängstigen oder verdriessen; sondern da au alle Kräfften der Seelen lebhafftiglich den Einen Höchsten Gut zugewand sind / nen lich dem Brautigam: da sie weder noch Ort / noch Stand / noch Gestalt / noch einigen Streit findet; dann dieſe sind daselbst nicht nöthig / sondern worm da] eine gewisse reine Wesenheit. keine Zufälle der dinge hingelangen können. Zeite 13. Hier siehet sie alles Gut / die und Breite der Liebe und Warl, sera Schönheit der Gerechtigkeit / die Lime der Billigkeit; wovor sie nen ihr inwendiges und außwendige lich] die Wurtzel oder den Grund Meynung in allen ihren Bewegung fen leget und vergleichet / und so untersuc wie ähnlich oder unähnlich sie derselben Da höret sie den HErrn selbst gen / daß alles dieses / was sie da höret / let / und zum theil geniesset / ihr eigen / und daß sie solches ewiglich gemessen w way de / und in demselben vergestalt seye / 149 der Hertzens=Gesprächen. sie anders Ihm getreu und keusch verbleiben wird: daß sie nemlich durch seine Gnade gut sey in sich / und die Gutheit selbst in Ihme; warhafftig / friedsam / weiß / tugendam / gerecht und selig in sich; und die Warheit / Friede / Weißheit / Tugend / Gerechtigkeit und die Seeligkeit selbst in Ihme / nemlich durch die Göttliche Theilhafftigmachung / wodurch [solche Seelen] gleichsam Götter sind. (d) 14. Eine solche Seele / die so voller Lilien ist / nöthiget billig den Bräutigam / daß (e) Er kommen sol in den Nuß-Gartem daß Er sehe die Apfel=Bäume in den Thälern / und schaue / ob der Weinstock blühet: daß Er auch kommen sol ins blühende Feld und ins (f) grünende Bette / [nemlich] ins reine Hertz / in die geschmückte Braut=Kammer; zu (g) den Würtz=Gärtlein; daß Er daselbst weyde in den Gärten / und Lilien sammle; da der Bräutigam selbst ihre Lilie ist / ihre Blume / ihre Reinigkeit / ihre Zierde / und ihr köstliches Gewürtze. (d) Psal. 82: 6. (e) Hohel. 6: 10. (f) Cap. 1: 16. (g) Cap. 6: 1. 150 Das XXX Capitel Er ist es / der da weydet; Er ist es auch der geweydet wird; und es ist nichts verschiedenes / sondern ein und dasselbe, man spricht / daß die Braut vorbesag Dingen in ihr habe / oder daß sie ein reines Hertz habe / oder daß sie schon guten theil ihres Bräutigams genieſſe; Aber solches wird zu dem Ende öfften wiederholet / damit derjenige / der zum th. schon dahin gelanget ist / noch weiter mehr kommen möge / öffterer danck [und also auch GOtt] öffterer sein: gesicht zeige / welches Er bißweilen verget / damit es desto brünstiger gesuchet weund de; und dergestalt dasjenige / was jetzt nur mit Abwechselungen und zum theil. schicht / endlich / nach Wunsch / mit ent decktem Angesicht (a) vollbracht werde 15. Es ist noch nichts [O meine S le!) was du biß daher gearbeitet hast wiß es muß ein ander Hülff=Mittel an gewandt werden / umb zur inwendig Gleichförmigkeit / Rechtschaffenheit und Gleichheit [zu gelangen:] sonst wirst du in die Tieffe der Finsternüssen / der Ungleich (a) 1 Cor. 3: 18. 151 der Hertzens=Gesprächen. gleichförmigkeit und der Wanckelmütigkeit hinunter fallen. Das XXXI Capitel. Daß die rechtschaffene Tugend den Menschen beständig / unveränderlich / gleichmütig und warlich frey nache: vornemlich deßwegen / weil sie mit der Weißheit GOttes vereiniget ist / daher sie alle Dinge siehet und urtheilet so wie sie sind / und siehet GOtt allein an / ohne einige andere Absicht. Laß alle Zufälle und Begebenheiten dich stehende finden / gleich als einen viereckigten Stein. Die Tugend in ihr selbst / welche GOtt st / bleibet allezeit eben voll und unveränderlich / sie vermehret oder vermindert nicht. Aber die Tugend / die wir haben / kan allezeit zunehmen und abnehmen / so lange wir hier leben. Und dieselbe ist umb so viel desto köstlicher und herrlicher in uns vor dem HErrn / je mehr beständiger sie geblieben st / wann sie durch widerwärtige und verschieB 4 152 Das XXXI Capitel schiedene Stürme / Beschäfftigungen Getuͤmmel / Kampff und Streit ist angefallet. worden. Es ist auch die Tugend noch nimmel recht in uns gewurtzelt gewesen / zur Zeit der Ruhe und des Friedens / wann sie abnimmt zur Zeit der Trübsalen. 2. Die Tugend / welche man mit Tapkeit behält / in widerwärtigen und versedentlichen Zufällen / ist unvergleichlich ser / als die man hat in glücklichen Z gebenheiten und in der Ruhe. Die Tugend in ihr selbst wird nimmt noch mehr durch einigen Zufall gebeuget / zu boden geworffen. deé Wann nun dieselbe das Gemüt Menschen mit sich vereiniget / und gemachat / daß er einiger massen alles das ist / wo sie in ihr selbst ist / indem sie ihn nemlich ihre theilhafftig machet: alsdann verrichtet er nicht allein männlich alles Gute / sondern er erduldet auch tapffermütig / mit sanfftem Gemüte / allerhand (b) Widerwärtigkeit; als zum Exempel / daß er (ob er gleich allt wol (b) Qui non est patiens, non est sapiens, d. i. Wer nicht gedultig ist / der ist nicht weise 153 der Herzens=Gesprächen. wol verrichtet hat) nichts desto weniger von andern bestraffet / verachtet und als einen nichts=nutzigen verworffen wird. 3. Er weiß zu sehen / zu hören / zu überlegen / und wahrzunehmen / alle gleiche und ungleiche / verwirrte und ruhige / widrige und mannigfaltige Dinge / und mit einem Wort / alles / was unter GOtt ist und geschicht: und dabey gleichwol fest und beständig zu verbleiben / noch von etwas leichtlich gehindert zu werden; auch alles gering zu achten / indem er mit einem scharf fen und gleichen Gemüt alles durchsiehet; und ist ihm auch nicht nothwendig / von diesem oder jenem sich abzukehren / oder nicht drauff acht zu geben / wie verdrehet und verwirret die Dinge auch seyn mögen: sondern er lässt alles / was ihn anders beget als es solte seyn / eben da sterben und vergehen / wo es entspringet. Dann wer tapfer uberwindet / und nicht weichet / noch etwas zurück hält / dem wird gegeben werden das verborgene Manna / und einen neuen Namen / den niemand kennet / als der ihn emPfähet. (c) (c) Offenb. 2: 17. 154 Das XXXI Capitel Was so dann in einem solchen gewircket wird / solches wird fest und gründlich seyn; so daß durch welche Begebenheiten er auch angefallen wird / so wird er allezeit / gleich einem viereckigten Stein / auff seine ebene Seite sicher niederfallen. Und wann er als vollkommen ist in ihm selbst / so wird er auch von keinen fremden Dingen beschädig werden / sondern in allem Gewinn haben 4. Aber solte er dann auch / weil er auff GOtt keinen Trost annimmt / deßwege wol ohne Herrlichkeit und ohne Trost bleiben? Keines wegs /„solte das eine gerit „Herrlichkeit seyn / daß er die War „und die Liebe erkennet und nachfolget„Oder welches noch mehr ist / daß „niger massen selbst die Liebe geworden „durch Theilhafftigmachung? Daß er be„sitzet die Gleichförmigkeit des inwend „gen und aͤussern Menschen [mit GOtt?] „Daß er erhaben ist über alles / was in der „Welt und ausser GOtt ist / und weder „durch die Liebe / noch durch die Furcht ei„nes einigen Geschöpffs gehindert oder „auffgehalten wird? Daß er endlich den „HErrn seinen GOtt dermassen liebet / „daß 15 der Hertzens=Gesprächen, „daß er sich selbst vergessende / wann es „möglich (d) wäre / daß er GOtt wär / „lieber solte wollen / daß [der HERRI „GOtt wäre; also hefftig ist er entzündet „in der Liebe und Gewogenheit zu seinem HErrn; [solte das / sage ich / eine geringe „Herrlichkeit seyn? Noch ist etwas anders / wann er darin seine Herrlichkeit und seinen Ruhm setzet / so ist er am allermeisten frey / (e) nemlich in seiner Armuth / Geringheit / und Verächtlichkeit, darin daß er von niemand geachtet wird / in Trübsal / in Verschmähung / in Leyden / daß er vor den geringsten und untersten von allen begehrt gehalten zu seyn. Laß allerhand Winde auff einen solchen zustossen / er wird doch nicht beschäget werden / weil ihm nichts neues oder unvermuthet begegnen mag / sondern es ist alles vorher gesehen; und das jenige / was ihm von Ewigkeit zugeordnet ist / erwartet er mit stiller Gleichmütigkeit. Dann G 6 (d) d. i. Wann es möglich wäre, daß ein solcher Mensch GOtt würde / so solte er lieber solches nicht seyn wollen / damit GOtt GOtt bliebe. ) In der tieffsten Demuth bestehet die gröste Freyheit. 156 Das XXXI Capitel — Dann die ewige Weißheit selbst / welche mächtiger / reicher / lieblicher / und herrlicher als alles ist / (*) gehet für ihm herund zeiget ihm den schonsten und weitesten Weg; sie gehet mit ihm fort / führet und stärcket ihn trefflich auff dem Wegefolget ihm auch auff der Reise / und schützet ihn also von allen Seiten mit sich selbst / und führet ihn glücklich zum Ende Durch sie nimmt er in sich gefangen alle Gedancken / Verstand / und Begierden / die ihr ungleich sind: ꝺurch ſie ſetzet er ein / liches Ding / das ihm begegnet / an der Orth / wo er es haben wil / und wohin er gehöret. die Nach ihr schickt er alle Dinge / damit bestreiten oder verhindern wollen. (wann sie können) sie mit ihr fechten und ſtreiten mögen. Durch sie versammlet er offtmals alle seine Kräfften / und Begierden / innere und äussere Sinnen; und stellet dieselben gantz und völlig (von keinem Dinge gebunden seyende) vor dem Angesicht unveränderlichen GOttes dar / ausser Zeit (*) Weißh. 7:12. der Hertzens=Gesprächen. Zeit und Ort / und allen Zufällen der Dinge / und setzet sich selbst und alle Dinge an den Ort / wo die Ewige Warheit sie setzet. 6. Und es kan auch die gantze Welt miteinander ihn nicht so sehr erheben / groß machen / und verehren / als er allein sich verwerffen / verachten und vernichtigen kan. Hingegen von der andern Seite / was angehet die Hertzens Erschlagenheit / Kleinmutigkeit / und die ängstliche [scrupulöse] Zweiffelungen über sich selbst: so können ihn auch alle Dinge miteinander nicht so sehr herunter stossen / unterdrücken und verachten / als er allein (von einem guten Gewissen unterstützet) sich kan erheben / und von allen Seiten unverzagt und unbewegt verbleiben. Dañ die Gegenwart der unveränderlichen Warheit und Gerechtigkeit GOttes lässt ihm nicht zu / ein einig geschaffenes Ding anders anzusehen und zu achten / als GOtt selbst (der allezeit mächtiglich gegenwärtig ist) urtheilet / daß er es ansehen und achten muß. 7. Von allen andern Dingen / die andere ausser GOtt begehren können / es sey ent 158 Das XXXI Capitel entweder Ehre / Erhebung / hoher Stand in der Welt / oder was es auch sonst seyn mag: von dem allen verlangt er nicht viel / als man im Auge lassen oder auff einen Nadel=Spitze halten kan. Und solches darumb / weilen er vielmahlen brünstiglich sehnet und sich [im Geiste] setzet / über alle gemächliche und ungemachliche / süsse und bittere Dinge / ausser unüber alle Zufälle der Dingen: dann diese alles hängt in gleicher Waag=Schale in seinem Gemüth / und das eine überwies das andere nicht / wie es sich auch zutraget mögte; und er verlanget nichts weiter nach seiner eigenen Gemächlichkeit. Sondern alle diese Dinge müssen draufsen bleiben / und einiger massen als dürr und unnütz ausser der Thür stehen bleib als die / wegen ihres Unvermögens / hingelangen können zu dem Stand / da Seele über sich selbst und alle Dinge [erhaben/] die Vereinigung mit dem Wort geniesset. 8. Der inwendig mit GOtt vereiniget ist / ist so gar ohne Sorge vor sich selbst / [und achtet sich selbst so wenig /] daß wann grös 159 der Hertzens=Gesprächen. grössere Ehre GOttes drinnen wäre / daß er im Augenblick (f) in den Abgrund der Höllen fallen / als daß er im höchsten Chor der Engel seyn solte; so würde er darin nicht den geringsten Widerspruch inwendig fühlen. Und was solte dann ein solcher umb geringe und täglich vorkommende Zufälle sich bekümmern / der also loß gemacht von dem / das ihm in der Ewigkeit wiederfahten mag / frey im Geiste lebet? Das XXXII Capitel. Von den übernatürlichen Wirckungen von dem Kuß des Worts und der Ewigen Weißheit / in dem Menschen / der sein Gesicht demselben zukehret. Was die Geburt des Worts in der Seelen erfordere / und was sie daselbst wircke. Es küsse mich mit dem Kuß seines Mundes (g) das [Ewige] Wortz Bräutigam vereinige mich mit sich selbst / und die Weißheit gebähre ohne UnterVide Hieron de Script. Eccl. in Vit. S. Ignatà Episc. Antioch. (g) Hohel 1:1. 160 Das XXXII Capitel terlaß sich selbst in mir! so ist es mir dann ein geringes / wann mich Himmel und E de / und alles was drinnen ist / verachtet und verschmahet; ja ich werde alsdann von ihnen nicht einmal können beschweret werden. Wann Er mich aber von seinem Kuß verstösset / so kan alles / was unter G C ist / mich nicht trösten; dann was könne doch alle andere Dinge / die in der A geschehen / einem Menschen helffen? Wohin auch einer gelangen mag [in dieser Welt /] was hilfft es ihm / in nicht mehr und mehr mit dem HER vereiniget wird / durch die wahre inwendig Freyheit und Lauterkeit / welche unternen irrdischen Dingen bedränget [und ge fangen] liegt; so daß alle inwendige Ding den Augen seines Gemüts so klar und k kant sind / als die äusserliche Dinge den fleischlichen Sinnen? 2. Und wann er nicht immer begierlich wird zur Armuth / zur Verachtung / und zur Geringheit / so daß ihm die gantze Welt zur Last und gering wird: wann er nicht immer erbäulicher / gesetzter und ernstlicher sich 161 der Hertzens=Gesprächen. sich hält bey einem jeglichen; so hat er [bey allem vermeynten Gewinn] nur grossen Schaden / und ich achte alles andere / wohin er mögte gelangen können / nicht einen Stroh=Halm werth. Fühlet er seinen Schaden schon nicht / so (h) fressen doch Fremde seine Krafft / und er weiß es nicht. Siehe er stirbet / und im Augenblick wird er von dem HErrn abgefordert werden: was wird ihm dann alles helffen / als nur die wahre Vereinigung [mit GOtt] im Geist / und die Gleichförmigkeit mit [dem HErrn] JEsu? Derhalben so müssen wir unauffhörlich erneuert zu werden trachten / wir mögen seyn wo wir wollen / in welchem Stand / Ort / und Weise / und in welchen [Umständen und] Zufällen wir auch stehen mögen. 3. Wann das Angesicht des Worts unserm Gesichte offenbar wird, ist selbiges [gleichsam] so geitzig und sei starck / daß es in uns verzehret und vernichtiget alle Eigenheit / und was anders in uns ist / als das Wort selbst. Und (b) Hosea 7:9. 162 Das XXXII Capitel Und es macht uns so arm und so klein daß wir uns / nach unserm Verlangen nicht gnug neigen und beugen können unter alle Creaturen. Ja es macht auch ruhen und stille ſeyt alles fremde wircken / vor der Gegenwart seines Angesichts. Deßwegen fordert gar sehr / daß unser Angesicht gleichfaldem seinen sol antworten / damit einstimmen / und sich mit demselben vereinigen und also seiner theilhafftig werden. Em 4. Derhalben so offt als der Vatter / würcklich= und befindlicher sein Wort in uns spricht oder gebieret: muß die Seele und alles andere schweigen / (i) und von seinem wircken ruhenund müssen da bleiben / wo sie sind und seyn müssen. Wolte jemand fragen / wie sich ein solcher Vor Mensch verhalte / in den mancherley fällen und Begebenheiten / die entweder mit oder wider ihn sind / ob dann etwa sein Gemüth / nach dem ihm die Dinge gegnen / auch hin und her wancke? antworten wir / nein / weil er von dem Lich(1) Jnwendig muß Stille und Ruhe seyn. der Herzens=Gesprächen. 163 der Weißheit begleitet / alsbald und leicht ein jegliches Ding / es sey Gutes oder Böses / an eine Seite setzen kan / wohin er es haben wil. Das XXXIII Capitel. Daß das Gemuͤth / so da in sich selbst frey geworden ist / in allem triumphiret; und über alles hin zum hoͤchsten Gut sich kehrende / siehet es das Angesicht des Bräutigams; und gemesset in sich das Wort des Vatters / in welchem Einen es alle Fülle findet / es sey im geniessen / oder auch im ermangeln und in leyden. Nachdem die (k) fleischliche Weißheit / * samt dem Hochmut und der EigenLiebe überwunden sind / hüpfet die Seele frölich auff in dem Feur [der Liebe GOttes/ und springet mit einem jungfräulichen Leibe und Hertzen. Dann nachdem die Finsternüssen des Hertzens vertrieben / und die drückende und beschwerende Lasten auffgelöset sind; so hüpfet und springet das Ge(k) Jm Lateinischen heistes: Victo Senatu cum Caesare, exultat &c. 164 Das XXXIII Capitel Gemüth frölich auff / in dem Licht der un veränderlichen Warheie. Auch selbst mitten unter den Lästerungen / Beschämungen / Verschmähungen / Pein / Schmertzen und Trübsalen / überwindet und unterstützet sie die Schwac heit und Gebrechlichkeit der Natur / durch die Krafft des Geistes / und führet alle Zufälle der Dingen in ihrem stillen Gemüth Stande ein. Und endlich so müssen ihr auch selbst die veränderliche Abwechselungen der Dingen zu ihrem Nutzen beförderlich seyn. 2. Es ruhet eine solche Seele nimmer ob eő mehr in etwas / das ihr begegnet / schon in sich gut seyn mögte: dann eben da wo sie anfängt still zu stehen / da fäng auch an ihre Gemüths=Weite abzunehmen; Sondern sie gehet als immerfort weiter / und bricht durch alle Vielfaltigkeit durch / welche den Geist einiger massen mögte verhindern können: indem sie stete im Stande ist / einen freyen und völligen Einkehr zu üben / zu dem Einen / Höchsten und unveränderlichen Gut / welches allezeit und überall gegenwärtig ist. 3. Und der Hertzens=Gesprächen. 165 3. Und so offt sie solches thun wird / wird sie finden das Angesicht / ja sie wird finden den allerkeuschesten und allerlieblichsten Kuß des Bräutigams / und den Genuß des einfältigen Worts des Vatters / welches alsdann würcklich auffs neue in ihr gebohren wird. Da wird sie finden eine unermeßliche Weite / welche allezeit mit der Ewigkeit übereinstimmet / oder die schon selbst eben das ist / was die Ewigkeit ist. Da ist die Fülle von allem dem / das man wünschen kan / auch selbstals dann / wann sie äusserlich in vielen Bedrängnüssen seyn mögte. 4. Diese [Fülle] ist zweyerley / erstlich [bestehet sie darin /] daß sie alles mit dem HErrn gemein hat / und diese Stimme höret im Geist, und empfindet in dem Hertzen: Sohn / (l) alles was mein ist / das ist dein; und was dein ist / das st mein. Zum andern / daß wann sie dieses nicht empfindet / sie alsdann sehr rühmet in ihrer Kleinheit / in ihrem Nichts / in ihren Schwach(hkut. 15:31. 166 Das XXXIII Capitel Schwachheiten (m) des Leibes und der Seelen / in den mancherley widerwärtiget Begebenheiten und Trübsalen; darin daß sie nichts ist / und nicht das geringste Güter vermag auß sich selbst; und endlich in allem was die ewige Vorsehung [GOttes Juͤber ſie zulaſſen mögte. 5. Und so ist die Seele GOtt gnug [und gefället ihm /] nicht nur im Wolstand. sie in allem auff eine tugendsame Weise werck gehet; sondern auch indem sie alle hand Widerwärtigkeiten / Verachtungen und Verschmähungen / mit demut und tapferem Geiste / beständiglich duldet. dem Und deßwegen / da sie nun mit Wort / mit dem Bräutigam nemli vereiniget ist / und eins oder ein Geist mit Ihm geworden ist / so spricht sie: Sie haben mich offt bestritten von meinen Jugend auff / biß zu dieser Stunde / aber te haben mich nicht übermogt; sie ben auff meinen Rücken geklopfet / und drauff gezimmert (n) viele Trübsalen und Widerwärtigkeiten, und noch zimmern Aber von allen Seiten drauff. (m) 2 Cor. 12:9. (n) Psal. 129: 1. u. s. der Herzens=Gesprächen. 167 Aber mein Rücken [des Gemüths/ worin die Weißheit und die Demuth wohnet / ist so breit / so fest und so starck / daß was sie immer drauff zimmern mögen / so können sie ihn doch so nicht beladen / daß er drunter erliegen muß. 6. Dann die Liebe träget alle innere und äussere Last. Eines habe ich begehret vom HErrn / (o) welches nichts anders ist als Er selbst / dieses wil ich / (alles andere vorüber gehende) auß allen Kräfften / Nacht und Tag / unauffhörlich und unablässig suchen. Ade dann / alle andere Dinge / die mit diesem Einen nicht überein stimmen! Das XXXIV Capitel. Daß durch die Außgekehrtheit und Gestoͤrtheit des Gemuͤts / der Genuß des Worts und die Beschauung verhindert werde; daß solches hingegen befördert werde durch die Entblössung und Freyheit des Geistes / und durch ein beſtreben zum oͤfftern anschauen / (o) Psal. 27:4. 168 Das XXXIV Capitel ſchauen / wobey man als unempfind/ lich seyn müsse / in Ansehung aller äussern Vorwürffe. Wenn einer bestritten / beunruhiget und 2 bekümmert wird / mit äussern Dingen / die von andern geschehen / dann ist er draussen und nicht drinnen / unten und nicht droben; dann die Außgekehrtheit in den sinnlichen Wandel und in die sinnlig Wahrnehmung [äusserer Dingen] hindert den wahren innern Genuß. Deßwegen kan sich die Beschaulich the keit nimmer vereinigen mit ꝺer ruh / (p) nimmer mit der Verdrießlichkeit / Schwermütigkeit / Verwirrung / mit 2 urtheilung anderer / mit scrupuliren / muimmer Beunruhigung / woher sie auch entspringen mag. 2. „So lange dergleichen Ding „Gemüt eingenommen haben / kan nim dem „mermehr die Vereinigung mit „Wort / oder die allerkeuscheste und „verbildliche (g) Umfassung des Bräu„tigams / in der Seelen statt haben. Sol (P) Gregor. Libr. 5. Moral. ⁸) d. i. Welche keine fremde Bilder zulässet. 169 der Hertzens=Gesprächen. Sondern wann jemand warlich und würcklich Verlangen hat / das Wort / den Bräutigam nemlich / zu küssen; der muß so bloß / so frey / so starck / und so abgeschieden seyn von allen Zufällen der Dinge / daß er fast keine Wahl hat / es sey im geringsten / oder im grösten; sondern daß erwie es die Ewige Vorsehung auch mögte fügen / gäntzlich darinnen mit GOtt zufrieden ſey: Und der Friede seines Hertzens muß keineswegs abhangen von dem Sinn oder Meynung der Menschen / oder von den Zufällen (im äussern:] Sondern er muß / wie die Sachen auch immer stehen / über und durch alle Dinge / ohne Unterlaß trachten erneuert zu werden / durch das feste Anschauen und Vereinigung mit dem Wort; und hierin muß er in allem / inwendig und außwendig / gesetzt und beständig verharren. 3. Worzu ihm nöthig ist / daß er zu bekommen trachte / ein weites / freyes / und abgeschiedenes (r) Gemüt / welches keineswegs bedränget ist; und daß er alle fremde Din(r) Seyd stille und sehet / 2c. Psal. 46. 170 Das XXXV Capitel Dinge draussen schliesse / damit sie zum in wendigen des Hertzens nicht gelangt mögen. Dabey muß er / so zu reden / hart werden gleich einem Kiselstein / durch die verschdene Begebenheiten / so daß sie ihm nicht schaden mögen / sondern daß sie vielfaltig als kräfftiglich wiederum geschlagen / rück springen mögen. Dann was kan es ihm doch wol schaden daß er in allem gewinnet / was ihm begegnet? Derhalben muß er von allem / das ihn überkommt / allezeit gedencken: Der HErhat dieses [Ding] oder diesen [Menſchen ] geſand / damit ich dadurch voll kommener und ihm gefälliger weden sol. Das XXXV Capitel. Daß wir alles, was uns beschweret / darlegen müssen vor dem Angesicht Christi / in deß Geiſt und Sinn wir wandeln müſſen / weil uns da alles wird gelehret werden; und wir da gleichförmig werden seiner Liebe und seinem Verhalten gegen alle Creaturen, alle in Liebe umfaſſende Alles was auch nur ein wenig das Hertz beschweren wil / solches muß der inne Menſe der Hertzens=Gesprächen. 171 Mensch alsbald vor dem Angesicht des Worts darlegen / so wird es verschwinden. Und so muß er sich angewehnen / in einem kurtzen Augenblick / sich vieler Dinge abzuthun und zu entledigen / auch selbst viele verdrehete und verwirrte Dinge; und ein jegliches an seinen Orth zu setzen. Auch muß er mit keiner ungeordneten Neigung zu etwas unter GOtt gekehret seyn / sondern mit einem gesetzten / erhabenen / und beständig GOtt anhangendem Gemüte / wohnen und wandeln in dem Jnwendigen [des HErrn] JEsu / der unsere Liebe ist. 2. Daselbst ist eine unendliche Breite, Länge / Höhe und Tieffe von allem dem das man wünschen mag. Da lehret uns der Bräutigam JEsus / im Geist und in der Warheit ohne Unterlaß zu wandeln / und ermahnet uns auffwärts anzusehen sein Ewiges Wesen / Macht und Majestät / welche eins ist mit dem Vatter; und daß Er sey (s) der Abglantz der Herrlichkeit des Vatters / und das außgedruckte Bild seines We(s) Hebr. 1: 2. 172 Das XXXV Capitel Wesens / der da alle Dinge träget durch das Wort seiner Krafft; vom (t) Anfang GOtt bey GOtt / durch welchen alle Dinge gemacht sind/ und ausser welchem nichts begierliches noch angenehmes ist. Er ermahnet uns auch unterwärts anzusehen seine herrliche und glorwürdig Menschheit / welche da ist voller Gnade und Warheit, alles Segens und Helichkeit / das Haupt aller außerwählten und Glieder / unsere tägliche Erquickung Nahrung: daß wir trincken sollen lebendiges Blut im Geist und Warheit / in innerlicher Fettigkeit; welche Blut ohne Unterlaß so uberfluͤſſig auß ner geöffneten Seite fliesset / von wannen wir auch alle Güter uns herfliessen / daß einiger massen / gantz eben das werden können / was Er ist. 3. Da werden wir dann so übervoll und überfliessende werden / daß wir mit dem HErrn JESU unauffhörlich außfliessen müssen in alle Creatur / damit GOtt sey alles in allem. Und (c) Joh. 1: 1. 1 der Herzens-Gesprächen. Und werden wünschen / daß solches nicht weniger in einem jeden andern Menschen / als in uns selbst vollbracht werde: weil wir allen alles Gute eben so hertzlich wünschen / begehren und gönnen müssen / als es GOtt selbst thut. Und dergestalt machen wir alles besondere Gute / das ein jeder anderer hat, unser eigen; welches von liebenden Seelen gar fertig und leicht geschehen kan. 4. „Dann wo wahre Liebe ist / da kan sie „es nicht lassen / sie muß außfliessen und lieben: dann nichts ist so ähnlich / und so „eigen der Gottförmigkeit / als unauff „hörlich außfliessen / und allen sich mit„theilen. Es ist auch kein klärer Kennzeichen und Beweiß der Vereinigung mit dem Wort / als dergestalt ohne einige Bedrängnüs in inwendiger Weite zu wandeln / in allgemeiner Liebe / mit JEsu alles gebende / und alles erfüllende / (a) daß nichts übrig bleibe / welches das seine nicht mit bekommen solte. Und so können wir / so viel in uns ist / Himmel (a) Ephes. 1: 23. C. 4: 10. 174 Das XXXV Capitel mel und Erden / und alles was drinnen ist erfüllen mit unserer Liebe / welche GOtt ist 5. Darumb so haben wir alsdann in den Inwendigen des HErrn JESU / mit Ihm alle Außerwählten versammlet / und stellen dieselbe dar und opffern sie auff / mit außgebreitetem und völligem Hertzen / vor dem Angesichte des Vatters / als ein außerwähltes Hauß=Gesinde; von selben offen legende ihrer aller Elenden unLeyden insgemein / und etlicher ihr liegen] insbesonder / nach dem es die Zeit [und Umstände] erfordern. Hernach opfferen wir auch Ihn selbst im Geist mit völligem Hertzen aller Orten auff; mit so grosser Geneigtheit des? tzens / als Er selbst sich dem Vatter auff geopffert hat: und indem wir daselbst zw schen der Gottheit und der Menschheit / unsetn Geist neigen in das Inwendige des HErrn JEsu / so finden wir Frieden über Frieden / und eine keusche Liebe / mit welcher wir alle in uns und in JEsum hinein hen / und sie umfassen in der einfältig Warheit: Und da wir mit derſelben vercinigt sind / so erlangen wir gar leicht [Gna de/1 der Hertzens=Gesprächen. 175 de) umb unberührt und unbeschädigt zu bleiben in den mancherley Begebenheiten: weil wir dorthin [vor dem Angesichte der Warheit] bringen alle Hindernüssen / und alles was nicht eben das ist / was in dem Jnwendigen des HErrn JESU gethan wird / in erweiterter Außfliessung (des Gemüths.] 6. Und indem wir mit Gleichmütigkeit alle Hindernüssen und Widerwärtigkeiten erdulden / wird es alles, durch dieses kräfftige innerliche Anschauen / gleichwie Rauch und Dampff vernichtiget. Da werden wir mit Gunst [und Liebe] angethan gegen unsere Feinde / Lästerer und gegen diejenige / die uns quälen / eben als gegen Freunde / Vorsteher und HaußGenossen: allezeit sanfftmütiglich weichende den ungestümmen Bewegungen anderer Menschen / und dem Unrecht / das sie uns anthun. Das XXXVI Capitel. Daß alle Dinge zu der Vereinigung und Inwohnung Christi zielen müssen und aso wieder zu ihrem ersten Ursprung gebracht werden. Worin das Christliche Leben bestehe? 5 4 Alle 176 Das XXXVI Capitel Alle Dinge scharff durchzusehen / und (se viel möglich) in eine gewisse / lautere / wesentliche Geniessung der einfältig Warheit (a) sich zu ergiessen; einzugehen und einiger massen vereinigender Weise vergestaltet zu werden in die Liebe; und alse als gantz ausser sich selbst gesetzet / nicht w niger zu begehren das Gute und den F gang eines jeglichen / als auch unserne nen; gantz andächtig und mit hoEhrerbietung die H. Sacramenten zu empfangen äusserlich / und dabey deren Frau um und Krafft kräfftiglich zu geniessen lich / damit wir eins seyen mit Christodaß wir in Ihm bleiben und Er in uns / Jmwoh. umb dieser Vereinigung und was (im nung willen wird alles gethan / äussern] gethan wird. Dieses ist die Frucht / die Wirckung und das Ende / daß nemlich die Seele wieder geführet werde zu ihrem ersten Ursprung, welcher GOTT ist. 2. „Allerley Gutes thun / und allerley „Böses / was einem begegnet / leyde„eben (a) Vermittels der Gnade des H. Geistes / der uns in Chriſtum vergeſtaltet. der Hertzens=Gesprächen. „eben diß ist das Leben eines Christen„Menschen. Wohin man auch sonst äusserlich gelangen mögte / ob es Erhöhungen oder Erniedrigungen sind / so gehets alles mit der Zeit vorbey; und ist deßwegen nicht groß zu achten. Sondern lasset uns / in der Gnade / die uns gegeben ist / hurtig und ernstlich zu wircken uns befleissigen; und übrigens in Anſebung aller andern Schickungen [und Wege] des HErrn / über uns oder über andere / ruhig und zufrieden bleiben. Und was uns auch der HErr nicht mögte geben wollen / oder nicht gegeben hat / das lasset uns Ihm überlassen / und uns auch selbst nicht geben [wollen.] Das XXXVII Capitel. Daß man die Bestraffung, und alle andere Dinge, so auffnehmen und dahin richten müsse, daß sie in uns vermehren die Liebe und die Sanfftmuth Christi, dessen Werckzeuge wie seyn sollen. Wann wir mit Recht bestraffet werden / so thut man uns wol daran / weil dan eben das geschicht / was wir selbst wünscheten / 5 5 178 Das XXXVII Côpitel ten, und übereinstimmende mit demjenigen der uns bestraffet / so thun wir noch mehhinzu / und vergrössern [seine Beschuldt gung:] werden wir aber mit Unrecht bestraffet / als nemlich wegen Dinge / derer unser Hertz sich nicht bewust ist; so gehet / uns nicht an / weil es nur draussen ist. Dennoch sol / in allen widerwärtigen Dingen / die uns begegnen können / es mit Recht oder mit Unrecht / öffentlich jederman oder ins geheim / kein murren de Hertzens oder des Mundes gespüret den / keine Klage / keine überflüssige innerdes Einwickelung / keine Zerschlagenheit Gemüts / noch keine Verdunckelung innern Anschauens / umb der äussern fälle willen. Sondern es sol das Gemüt / das sich keines Bösen bewust ist / mit stillschweigen dem Hertzen / mit einem demütigen / geten und friedsamen Angesicht / die Gedult bewahren. Und es muß sich die Seele so viel weiter außbreiten / und so viel mehr ihre Liebe fliessen lassen / je weiter ihr der Weg darzu / durch dergleichen widerwärtige Dinge. der Hertzens=Gesprächen. 179 eröffnet wird; dergestalt nemlich / daß sie nichts anders fühle und nichts anders zeige / als was nach Liebe schmäcket. 2. Und so gehet sie auch ein / in den innersten sanfftmütigsten Sinn JESU/den Er gehabt hat / und hatte in seinem Leyden / und in seinem gantzen Wandel. Es bleibe derhalben der Mensch nur beständig in der Liebe / in der Warheit und in allen Tugenden: es mag ihm begegnen was da wil / wo diese Tugenden nur ungekränckt bleiben / so müssen ihm alle Dinge zu seiner Beförderung und Gewinn dienen. 3. Und wann auch von aussen alle Dinge verkehrt / verwirret und in Unruh seyn mögten / so sind ihm doch alle Dinge ruhig und stille; dann er genießt inwendig eine unendliche Weite der Liebe. Und nachdem es die Zeit / Ort und Umstände erfordern / begegnet / weichet oder hilfft er [den Nächstenz] nichts unterlaß sende ihm zu beweisen / von allem dem das die reine Liebe erfordert / daß er nemlich ein treues Werckzeug der Liebe sey / allezeit fertig einzugehen und außzugehen / nachdem dieselbe es erfordert. 4. Deß 180 Das XXXVIII Capitel 4. Deßwegen so richtet er sein lesen / singen / báten / betrachten / überlegen / wircken / ruhen / und alles andere dahin / daß die Liebinnerlich im Hertzen / und äusserlich in Beweiß der Wercke / ungekränckt bewahren bleibe. Darum so streckt er sich auch ins unendliche auß / und opffert GOtt mit mit reichem Gemüte / in einem einfältigen: blick auff / Auffopfferungen und Gelübden wie auch alles Gute / das gethan ist / das than wird / und das noch gethan werden sol. Das XXXVIII Capitel. Von der lautersten und gantz erhabenen Vereinigung mit Christo; wie wir dahin gelangen müssen; und wie wir alle Menschen mit Erbarmung, mit Liebe / und mit Gebät zu GOtt ziehen sollen. Er küsse mich mit dem Kuß seines Mundes. Fürwar der HErr JEsus ist ein edeler ungantz zarter Bräutigam / der sich nicht geniesse der Weise vereiniget / mit einer Seelen / die mir etwas anders eingenommen / beschweret / oder beladen ist / weilen Er gantz und gar keine meinschafft hat mit den Zufällen der Dinge Darum so trachte die Seele / auff eine so edelt und erhabene Weise / als es möglich ist / (nach ben (b) Hohel. 1:1. der Hertzens=Gesprächen. 181 dem sie alle Dinge vorüber gegangen) zu geniessen und sich zu vereinigen mit dem Bräutigam JEsu / in der Liebe / worin Er sich selbst geniesset / über und ausser allem dencken und begreiffen. 2. Zu dem Ende müssen wir mit völligem Hertzen / ehrerbietig / und mit grossem Glauben [und Vertrauen] stehen vor dem HERRN / und begierig dürsten und schöpfen sein lebendiges und warmes Blut / worin wir alle Menschen um fassen und in JEsum ziehen / der das Wort ist / damit wir in Ihm vereiniget werden: wodurch wir auch ſehr begierig gemachet werden / umb ſeines Namens willen allerhand Ungemach und Unrecht zu erdulden: woꝺurch wir auch erinnert werden / nicht hoch zu achten / was wir etwa jetzunder einer von dem andern leyden / es sey in den Sitten [und Wandel/] oder auch am Leibe. Dann wir werden in der Ewigkeit nicht eingedenck seyn der Schwachheiten / Hindernüssen / Unsüchtigkeiten und Unvollkommenheiten, worin wir nun miteinander feufftzen und streiten. Und weil wir doch gar nicht wissen / wie angenehm und wie herrlich ein jeder vor dem HErrn ist oder seyn wird / nach dem Maaß seiner besondern Vollkommenheit und Reinigkeit: darum so ist nichts bessers / als daß wir offt (alle Widrigkeit und Argwohn außschliessende) alle miteinander umfassen in der Warheit und in Liebe / und ihrer in GOtt zu geniessen; als die wir in der Ewigkeit beysammen seyn werden: und daß wir trachten sie zu bereinigen mit dem Hertzen JEsu / in dem höchsten [Grad/] sonderlich diejenige / welche nun 181 Das XXXVIII Capitel nun weniger vollkommen und Gottesdienstlich unter uns zu seyn scheinen. „Indessen aber so lang wir hie leben / unte „unzählichen Stürmen und Ungewitter / so sal „eines jeglichen Hertzens=Stimme / zu seiner „Zeit / auff seine Weise / und von seinem Ort unauffhörlich in die Hoͤhe erschallen / vor dem „Angesichte des Throns [GOttes.] Auch sol der süsse Geruch eines unbefleckte Wandels / und der reinen Begierden / alt ewiges Rauchwerck hinauff steigen / und wiin seinen Ursprung zurück fliessen: „damit „wie die Himmele Honig=fliessende gewor„sind / ꝺurch ꝺie wunderbahre Zukunft „Worts GOttes, nemlich des Braͤutigam „su / ins Fleisch 1 und durch die mannig „Eingiessung seines Geistes / und der geistlichen „Schonheit in die Seelen ꝺer Außerwaͤhlteneben also sollen auch die Begierden aller und sepelivon allen Orten her hinauffsteigen / und von allen Seiten die Gnaden [die von oben herab kommen] beantworten / und sollen sich selbst und ihre Liebe einer gegen den andern / in unendlicher Weite außbreiten. Das XXXIX Capitel. Daß man durch die Verläugnung der Eigen heit / und durch das suchen der Ehre GOttes. und des allgemeinen Bestes, die wahre und unverrückte Freyheit des Geistes erlange; wo mit das Gemüt biß zum Genuß der ewigen war der Hertzens-Gesprächen. 183 Warheit und Liebe durchdringet; da sie mit dem HERRN eins ist, und alles in allen. zichts erleichtert also das Gemüt / und macht es so frey / und so freymütiglich und ohne einiger Bedrängnüs wandeln vor dem HERRU/ und nichts versammlet / nach äusserlichen Verstreuungen und Vermannigfaltigungen / leichter wiederum den innern Menschen; als wann wir in allen Dingen / es seyen innerliche oder äusserliche / zeitliche oder ewige / durch keine Begierlichkeit oder selbst=Gesuch geführet werden / noch mit einigem eigenen Verlangen oder Absicht nach dieser oder jener Seite übergelencket werden: Sondern wann wir allem demjenigen / was wir wissen das zur Ehre und Verherilichung GOttes / zum gemeinen Besten / Heyland Frieden dienen kan / auß allen Kräfften nachjagen / es mag uns nun gemächlich oder aber beschwerlich seyn. a. Diese Festigkeit des Gemüts macht / daß die Seele nicht mehr bedarff zu entweichen / diesem oder jenem / weder grossem noch kleinem: sondern sie kan alle die Dinge sehen / hoͤren / betrachten und erwegen / die wider sie gesagt oder gethan werden / und welche in andern [Menschen] gut oder boͤß sind / als nemlich / was etwa geschicht zu ihrem Schaden / zu ihrer Erniedrigung / Verkleinerung und Ungemach / Gering. achtung oder Verwerffung: oder aber was zu ihrer Ehre oder Erhebung mögte dienen / und den= 184 Das XXXVIII Cap. der Hertz. Gespr. dennoch weder von ꝺem einen noch von dem alldern beweget werden. Ein solcher kehret mit seinem Inwendigen sich nicht auß auff sinnliche Güter / sondern er dringe durch biß zum innerlichen Genuß der einfältigen Warheit und der reinesten Liebe; dergestalt / da hinführo das eine ꝺurch ꝺas andere nicht ver hindert werde / sondern das Gemüt in beyden mit dem HErrn sey alles in allen. Matth. XI. V. 25.26. Ich preise Dich / Vatter und HErn Himmels und der Erden / daß Du diese Dinge den Weisen und Klugen verborgen hast / und hast sie den Unmündigen offenbahret: Ja Vatter / denn es ist also wolgefaͤllig wesen vor Dir! N D E. P D