THOMAS MANN Wals ungenblut Thomas Mann Wälsungenblut Mit Steindrucken von Th. Th. Heine Phantasus^Verlag • München A es sieben Minuten vor zwölf war, kam 1 Wendelin in den Vorsaal des ersten 1 Stockes und rührte dasTamtam. Breit* E beinig, in seinen veilchenfarbenen Kniehosen, stand er auf einem alters* blassen Gebetsteppich und bearbeitete das Metall mit dem Klöppel. Der erzene Lärm, wild, kanni* balisch und übertrieben für seinen Zweck, drang überall hin: in die Salons zur Rechten und Lin* ken, den Billardsaal, die Bibliothek, den Winter* garten, hinab und hinauf durch das ganze Haus, dessen gleichmäßigerwärmte Atmosphäre durch* aus mit einem süßen und exotischen Parfüm ge* schwängert war. Endlich schwieg er, und Wen* delin ging noch sieben Minuten lang anderen Geschäften nach, indes Florian imEßsaal die letzte Hand an den Frühstückstisch legte. Aber Schlag zwölf Uhr ertönte die kriegerische Mahnung zum zweitenmal. Und hierauf erschien man. Herr Aarenhold kam mit kurzen Schritten aus der Bibliothek, wo er sich mit seinen alten Drucken 5 beschäftigt hatte. Er erwarb beständig literarische Altertümer, Ausgaben erster Hand in allen Spra* chen, kostbare und moderige Scharteken. Indem er sich leise die Hände rieb, fragte er in seiner gedämpften und ein wenig leidenden Art: Jst Beckerath noch nicht da?“ ,Nun, er wird kommen. Wie wird er nicht kommen? Er spart ein Frühstück im Restaurant,“ antwortete Frau Aarenhold, indem sie auf dem dik* ken Läufer geräusch* * los über die Treppe kam, auf deren Absatz eine kleine, uralte Kir* chenorgel stand. Herr Aarenhold blinzelte. Seine Frau war unmög* lieh. Sie war klein, häßlich, früh gealtert und wie unter einer fremden, heißeren Sonne verdorrt. Eine Kette von Brillanten lag auf ihrer eingefab lenen Brust. Sie trug ihr graues Haar in vielen Schnörkeln und Ausladungen zu einer umstände liehen und hochgebauten Coiffure angeordnet, 6 a in welcher, irgendwo seitwärts, eine große, farbig funkelnde und ihrerseits mit einem weißen Federn büschel gezierte Brillante Agraffe befestigt war. Herr Aarenhold und die Kinder hatten ihr diese Haartracht mehr als einmal mit gut gesetzten Worten verwiesen. Aber Frau Aarenhold bestand mit Zähigkeit auf ihren Geschmack. Die Kinder kamen. Es waren Kunz und Märit, Siegmund und Sieglind. Kunz war in betreßter Uniform, ein schöner, brauner Mensch mit auf? geworfenen Lippen und einer gefährli? chen Hiebnarbe. Er übte sechs Wochen bei seinemHusaren? regiment. Märit er? schien in mieder? 1 losemGewande. Sie war aschblond, ein strenges Mädchen von acht? undzwanzig mit Hakennase, grauen Raubvogel? äugen und einem bittern Munde. Sie studierte die Rechte und ging mit einem Ausdruck von Verachtung durchaus ihre eigenen Wege. Siegmund und Sieglind kamen zuletzt, Hand in 9 Hand, aus dem zweiten Stock. Sie waren Zwil* linge und die Jüngsten: grazil wie Gerten und kindlich von Wuchs bei ihren neunzehn Jahren. Sie trug ein bordeauxrotes Samtkleid, zu schwer für ihre Gestalt und im Schnitt der florentinischen Mode von Fünfzehnhundert sich nähernd. Er trug einen grauen Jackett*Anzug mit einer Kra* watte aus himbeerfarbener Rohseide, Lackschuhe an seinen schlanken Füßen und Manschetten* knöpfe, die mit kleinen Brillanten besetzt waren. Sein starker, schwarzer Bartwuchs war rasiert, so daß auch seinem mageren und fahlen Gesicht mit den schwarz zusammengewachsenen Brauen das Ephebenhafte seiner Gestalt gewahrt blieb. Sein Kopf war mit dichten, schwarzen, gewalt* sam auf der Seite gescheitelten Locken bedeckt, die ihm weit in die Schläfen wuchsen. In ihrem dunkelbraunen Haar, das in tiefem, glatten Schei* tel über die Ohren frisiert war, lag ein goldener Reif, von dem in ihre Stirn hinab eine große Perle hing, — ein Geschenk von ihm. Um eines seiner knabenhaften Handgelenke lag eine gewichtige goldene Fessel,—ein Geschenk von ihr. Sie waren einander sehr ähnlich. Sie hatten dieselbe ein 10 wenig niedergedrückte Nase, dieselben voll und weich aufeinander ruhenden Lippen, hervortre* tendenWangenknochen, schwarzen und blanken Augen. Aber am meisten glichen sich ihre langen und schmalen Hände,— dergestalt, daß die seinen keine männlichere Form, nur eine rötlichere Fär* bung aufwiesen, als die ihren. Und sie hielten ein* ander beständig daran, worin sie nicht störte, daß ihrer beider Hände zum Feuchtwerden neigten... Man stand eine Weile auf den Teppichen in der Halle und sprach fast nichts. End* lieh kam von Bek* kerath, der Ver* lobte Sieglindens. Wendelin öffnete ihm die Flurtüre, und er kam her* ein in schwarzem Schoßrock und entschuldigte sein Zuspätkommen 11 nach allen Seiten. Er war Verwaltungsbeamter und von Familie, — klein, kanariengelb, spitz* bärtig und von eifriger Artigkeit. Bevor er einen Satz begann, zog er rasch die Luft durch den offenen Mund ein, indem er das Kinn auf die Brust drückte. Er küßte Sieglinden die Hand und sagte: „Ja, entschuldigen auch Sie, Sieglinde! Der Weg vom Ministerium zumTiergarten ist so weit...“ Er durfte sie noch nicht duzen; sie liebte das nicht. Sie antwortete ohne Zögern: „Sehr weit. Und wie nun übrigens, wenn Sie in Anbetracht dieses Weges Ihr Ministerium ein wenig früher verließen?“ Kunz fügte hinzu, und seine schwarzen Augen wurden zu blitzenden Ritzen: „Das würde von entschieden befeuernder Wir* kung auf den Gang unseres Hauswesens sein.“ „Ja, mein Gott... Geschäfte...“ sagte von Becke* rath matt. Er zählte fünfunddreißig Jahre. Die Geschwister hatten mundfertig und mit scharfer Zunge gesprochen, scheinbar im An* griff und doch vielleicht nur aus eingeborener Abwehr, verletzend und wahrscheinlich doch 12 nur aus Freude am guten Wort, so daß es pedan* tisch gewesen wäre, ihnen gram zu sein. Sie ließen seine arme Antwort gelten, als fänden sie, daß sie ihm angemessen sei und daß seine Art die Wehr des Witzes nicht nötig habe. Man ging zu Tische, voran Herr Aarenhold, der Herrn von Beckerath zeigen wollte, daß er Hunger habe. Sie setzten sich, sie entfalteten die steifen Ser* vietten. In dem ungeheuren, mit Teppichen be* legten und rings mit einer Boiserie aus dem acht* zehnten Jahrhundert bekleideten Speisesaal, von dessen Decke drei elektrische Lüstres hingen, verlor sich der Familientisch mit den sieben Per* sonen. Er war an das große, bis zum Boden rei* chende Fenster gerückt, zu dessen Füßen, hinter niedrigem Gitter, der zierliche Silberstrahl eines Springbrunnens tänzelte und das einen weiten Blick über den noch winterlichen Garten bot. Gobelins mit Schäfer*Idyllen, die wie die Täfe* lung vor Zeiten ein französisches Schloß ge* schmückt hatten, bedeckten den oberen Teil der Wände. Man saß tief am Tische, auf Stühlen, deren breite und nachgiebige Polster mit Gobe* lins bespannt waren. Auf dem starken, blitzend 15 weißen und scharf gebügelten Damast stand bei jedem Besteck ein Spitzglas mit zwei Orchideen. Herr Aarenhold befestigte mit seiner hageren und vor* sichtigen Hand das Pincenez auf halber Höhe seiner Nase und las mit argwöhni* scher Miene das Menü, das in drei Exemplaren auf demTische lag. Er litt an einer Schwäche des Sonnengeflechts, jenes Nervenkomplexes, der sich unterhalb des Magens befindet und die Quelle schwerer Mißhelligkeiten werden kann. Er war daher gehal* ten, zu prüfen, was er zu sich nahm. Es gab Fleisch* brühe mit Rin* dermark, Sole au vin blanc, Fasan und Ananas. Nichts weiter. Es war ein Familienfrühstück. Aber Herr Aarenhold war zufrieden: es waren 16 gute, bekömmliche Sachen. Die Suppe kam. Eine Winde, die ins Büfett mündete, trug sie geräusch* los aus der Küche herab, und die Diener reichten sie um den Tisch, gebückt, mit konzentrierter Miene, in einer Art Leidenschaft des Dienens. Es waren winzige Täßchen aus zartestem durch* schimmerndem Porzellan. Die weißlichen Mark* klümpchen schwammen in dem heißen, gold* gelben Saft. Herr Aarenhold fand sich durch die Erwärmung angeregt, ein wenig Luft aufzubringen. Mit be* hutsamen Fingern führte er die Serviette zum Munde und suchte nach einer Ausdrucksmög* lichkeit für das, was ihm den Geist bewegte. „Nehmen Sie noch einTäßchen, Beckerath,“ sagte er. „Das nährt. Wer arbeitet, hat das Recht, sich zu pflegen und zwar mit Genuß... Essen Sie eigentlich gern? Essen Sie mit Vergnügen? Wo nicht, desto schlimmer für Sie. Mir ist jede Mahl* zeit ein kleines Fest. Jemand hat gesagt, das Leben sei doch schön, da es so eingerichtet sei, daß man täglich viermal essen könne. Er ist mein Mann. Aber um diese Einrichtung würdigen zu können, dazu gehört eine gewisse Jugendlichkeit und 17 Dankbarkeit, die sich nicht jeder zu erhalten versteht... Man wird alt, gut, daran ändern wir nichts. Aber worauf es ankommt, ist, daß die Dinge einem neu bleiben, und daß man sich eigentlich an nichts gewöhnt... Da sind nun,“ fuhr er fort, indem er ein wenig Rindermark auf einen Semmelbrocken bettete und Salz darauf streute, „IhreVerhältnisse im Begriffe, sich zu ändern; das Niveau Ihres Daseins soll sich nicht unwesentlich erhöhen.“ (VonBeckerath lächelte.) „Wenn Sie Ihr Leben genießen wollen, wahrhaft genießen, bewußt, künstlerisch, so trachten Sie, sich niemals an die neuen Umstände zu gewöhn nen. Gewöhnung ist der Tod. Sie ist der Stumpf* sinn. Leben Sie sich nicht ein, lassen Sie sich nichts selbstverständlich werden, bewahren Sie sich einen Kindergeschmack für die Süßigkeiten des Wohlstandes. Sehen Sie... Ich bin nun seit manchem Jahr in der Lage, mir einige Annehm* lichkeiten des Lebens zu gönnen;“ (von Becke* rath lächelte) „und doch versichere ich Sie, daß ich noch heute jeden Morgen, den Gott werden läßt, beim Erwachen ein wenig Herzklopfen habe, weil meine Bettdecke aus Seide ist. Das ist 18 Jugendlichkeit... Ich weiß doch, wie ichs ge* macht habe; und doch, ich kann um mich blicken wie ein verwunschener Prinz...“ Die Kinder tauschten Blicke, jedes mit jedem und so rücksichtslos, daß Herr Aarenhold nicht um* hin konnte, es zu bemerken und sichtlich in Ver* legenheit geriet. Er wußte, daß sie einig gegen ihn waren und daß sie ihn verachteten: für seine Herkunft, für das Blut, das in ihm floß und das sie von ihm empfangen, für die Art, in der er seinen Reichtum erworben, für seine Liebhabe* reien, die ihm in ihren Augen nicht zukamen, für seine Selbstpflege, auf die er ebenfalls kein Recht haben sollte, für seine weiche und dichte* rische Geschwätzigkeit, der die Hemmungen des Geschmackes fehlten... Er wußte es und gab ihnen gewissermaßen recht; er war nicht ohne Schuldbewußtsein ihnen gegenüber. Aber zu* letzt mußte er seine Persönlichkeit behaupten, mußte sein Leben führen und auch davon spre* chen dürfen, namentlich dies. Er hatte ein Recht darauf, hatte nachgewiesen, daß er der Betrach* tung wert war. Er war ein Wurm gewesen, eine Laus, jawohl; aber eben die Fähigkeit, dies so 19 inbrünstig und selbstverachtungsvoll zu empfin* den, war zur Ursache jenes zähen und niemals genügsamen Strebens geworden, das ihn groß gemacht hatte... Herr Aarenhold war im Osten an entlegener Stätte geboren, hatte eines begütert ten Händlers Tochter geehelicht und vermittelst einer kühnen und klugen Unternehmung, groß* artiger Machenschaften, welche ein Bergwerk, den Aufschluß eines Kohlenlagers zum Gegenstand gehabt hatten, einen gewaltigen und unversieg* liehen Goldstrom in seine Kasse gelenkt... Das Fischgericht stieg hernieder. Die Diener eilten damit vom Büfett durch die Weite des Saales. Sie reichten die cremeartige Sauce dazu und schenkten Rheinwein, der leis auf der Zunge prickelte. Man sprach von Sieglindens und Becke* raths Hochzeit. Sie stand nahe bevor, in achtTagen sollte sie statt* finden. Man erwähnte der Aussteuer, man ent* warf die Route der Hochzeitsreise nach Spanien. Eigentlich erörterte Herr Aarenhold allein diese Gegenstände, von seiten von Beckeraths durch eine artige Fügsamkeit unterstützt. Frau Aaren* hold speiste gierig und antwortete, nach ihrer 20 Art, ausschließlich mit Gegenfragen, die wenig förderlich waren. Ihre Rede war mit sonderbaren und an Kehllauten reichen Worten durchsetzt, Ausdrücken aus dem Dialekt ihrer Kindheit. Märit war voll schweigenden Widerstandes gegen die kirchliche Trauung, die in Aussicht genom* men war und die sie in ihren vollständig aut geklärten Überzeugungen beleidigte. Übrigens stand auch Herr Aarenhold dieserTrauung kühl gegenüber, da von Beckerath Protestant war. Eine protestantischeTrauung sei ohne Schönheitswert. Ein anderes, wenn von Beckerath dem katholt sehen Bekenntnis angehört hätte. — Kunz blieb stumm, weil er sich in von Beckeraths Gegenwart an seiner Mutter ärgerte. Und weder Siegmund noch Sieglind leg* . . * j den Stühlen an ten Teilnahme an ihren schmalen und denTag. Sie hielten feuchten Händen, einander zwischen Zuweilen fanden sich ihre Blicke, verschmolzen, schlossen ein Ein* vernehmen, zu dem es von außen nicht Wege noch Zugang gab. Von Beckerath saß an Sieg* lindens anderer Seite. „Fünfzig Stunden,“ sagte Herr Aarenhold, „und 21 Sie sind inMadrid, wenn Sie wollen. Man schreitet fort, ich habe auf dem kürzesten Wege sechzig gebraucht... Ich nehme an, daß Sie den Landweg dem Seewege von Rotterdam aus vorziehen?“ Von Beckerath zog den Landweg eilfertig vor. „Aber sie werden Paris nicht links liegen lassen. Sie haben die Möglichkeit, direkt über Lyon zu fahren... Sieglinde kennt Paris. Aber Sie sollten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen... Ich stelle Ihnen anheim, ob Sie vorher Aufenthalt nehmen wollen. Die Wahl des Ortes, wo Ihnen der Honigmond anbrechen soll, bleibt billig Ihnen selbst überlassen...“ Sieglinde wandte den Kopf, wandte ihn zum erstenmal ihrem Verlobten zu: unverhohlen und frei, ganz unbesorgt, ob jemand acht darauf habe. Sie sah in die artige Miene an ihrer Seite, groß und schwarz, prüfend, erwartungsvoll, fragend, mit einem glänzend ernsten Blick, der diese drei Sekunden lang begriff los redete, wie der eines Tieres. Doch zwischen den Stühlen hielt sie die schmale Hand ihres Zwillings, dessen zusammen* gewachsene Brauen an der Nasenwurzel zwei schwarze Falten bildeten... 22 8> fe ilÜTTPi J,' 5x.' sk; i.fe I i ;£!£: $&' ti : Sö,v Das Gespräch glitt ab, plänkelte eine Weile un* stät hin und her, berührte eine Sendung frischer Zigarren, welche, in Zink verschlossen, eigens für Herrn Aarenhold aus Habana eingetroffen waren, und zog dann Kreise um einen Punkt, eine Frage rein logischer Natur, die beiläufig von Kunz aufgeworfen war: ob nämlich, wenn a die notwendige und ausreichende Bedingung für b sei, auch b die notwendige und ausreichende Be* dingung für a sein müsse. Dies umstritt man, zersetzte es in Scharfsinn, brachte Beispiele bei, kam vom Hundertsten ins Tausendste, befehdete einander mit einer stählernen und abstrakten Dialektik und erhitzte sich nicht wenig. Märit hatte # eine philosophische Unterscheidung, näm* lieh die zwischen dem realen und dem kausalen Grunde, in die Debatte eingeführt. Kunz erklärte, indem er mit erhobenem Kopfe auf sie hinab* redete, den „kausalen Grund“ für einen Pleonas* mus. Märit bestand mit gereizten Worten auf dem Rechte ihrer eigenen Terminologie. Herr Aaren* hold setzte sich zurecht, hob ein Brotstückchen zwischen Daumen und Zeigefinger empor und machte sich anheischig, das ganze zu erklären. 23 Er erlitt ein vollkommenes Fiasko. Die Kinder lachten ihn aus. Sogar Frau Aarenhold wies ihn zurück. „Was redest du?“ sagte sie. „Hast du s gelernt? Wenig hast du gelernt!“ Und als von Beckerath das Kinn auf die Brust drückte und die Luft durch den Mund einzog, um seine Mei* nung zu äußern, war man bereits bei etwas am derem. Siegmund sprach. Er erzählte in ironisch gerührt temTone von der gewinnenden Einfalt und Na* turnähe eines Bekannten, der sich in Unwissen* heit darüber erhalten habe, welches Kleidungs* stück man bezeichne, als Jackett Dieser Par* und weh sifal rede ches als JjWm von einem Smoking karrierten Smoking ... Kunz kannte einen noch beweg* licheren Fall von Unverdorbenheit. Er handelte von einem, der zum Five o’clock tea in Smoking erschienen sei. „Nachmittags im Smoking?“ sagte Sieglinde und verzog ihre Lippen... „Das tun doch sonst nur die Tiere.“ 24 Von Beckerath lachte eifrig, zumal sein Gewiss sen ihn mahnte, daß er selbst schon zu Tees im Smoking gegangen sei... Man kam so, beim Ge* flügel, von Fragen allgemein kultureller Natur auf Kunst zu sprechen: auf bildende Kunst, in der von Beckerath Kenner und Liebhaber war, auf Literatur undTheater, wofür im Hause Aaren* hold die Neigung vorherrschte, obgleich sich Siegmund mit Malerei beschäftigte. Die Unterhaltung ward lebhaft und allgemein, die Kinder nahmen entscheidenden Anteil daran, sie sprachen gut, ihr Gebärdenspiel war nervös und anmaßend. Sie marschierten an der Spitze des Geschmacks und verlangten das äußerste. Sie gingen hinweg über das, was Absicht, Gesinnung, Traum und ringender Wille geblieben war, sie bestanden erbarmungslos auf dem Können, der Leistung, dem Erfolg im grausamen Wettstreit der Kräfte, und das sieghafte Kunststück war es, was sie ohne Bewunderung, doch mit Anerken* nung begrüßten. Herr Aarenhold selbst sagte zu von Beckerath: „Sie sind sehr gutmütig, mein Lieber, Sie nehmen den guten Willen in Schutz. Resultate,—mein 25 Freund! Sie sagen: Es ist zwar nicht ganz gut, was er macht, aber er war nur ein Bauer, bevor er zur Kunst ging; so ist auch dies schon erstaun* lieh. Nichts da. Die Leistung ist absolut. Es gibt keine milderndenUmstände. Er mache,was ersten Ranges ist, oder er fahre Mist. Wie weit hätte ich es gebracht mit Ihrer dankbaren Gesinnung? Ich hätte mir sagen können: Du bist nur ein Lump, ursprünglich; ’s ist rührend, wenn du dich auf* schwingst zum eigenen Kontor. Ich säße nicht hier. Ich habe die Welt zwingen müssen, mich anzuerkennen, — nun also, auch ich will zur An* erkennung gezwungen sein. Hier ist Rhodus; belieben Sie gütigst, zu tanzen!“ Die Kinder lachten. Einen Augenblick verach* teten sie ihn nicht. Sie saßen tief und weich am Tische im Saal, in lässiger Haltung, mit launisch verwöhnten Mienen, sie saßen in üppiger Sicher* heit, aber ihre Rede ging scharf wie dort, wo es gilt, woHelligkeit,Härte und Notwehr und wach* samerWitz zum Leben geboten sind. Ihr Lob war eine gehaltene Zustimmung, ihr Tadel, behend, geweckt und respektlos, entwaffnete im Hand* umdrehen, setzte die Begeisterung matt, machte 26 sie dumm und stumm. Sie nannten „sehr gut“ das Werk, das durch eine unverträumte Intellekt tualität vor jedem Einwand gesichert schien, und sie verhöhnten den Fehlgriff der Leidenschaft. Von Beckerath, zu einem unbewaffneten Enthus siasmus geneigt, hatte schweren Stand,besonders, da er der ältere war. Er ward beständig kleiner auf seinem Stuhl, drückte das Kinn auf die Brust und atmete verstört durch den offenen Mund,bedrängt von ihrer lustigen Übermacht. Sie widersprachen auf jeden Fall, als schiene es ihnen unmöglich, kümmerlich, schimpflich, nicht zu widersprechen, sie widersprachen vorzüglich, und ihre Augen wurden zu blitzenden Ritzen dabei. Sie fielen über ein Wort her, ein einzelnes, das er gebraucht hatte, zerzausten es,verwarfen es,und trieben ein anderes auf, ein tötlich bezeichnendes, das schwirrte, traf und bebend im Schwarzen saß... Von Beckerath hatte rote Augen und bot einenderangierten An* blick, als das Frühstück zu Ende ging. Plötzlich — man streute sich Zucker auf die Ananasschnitten — sagte Siegmund und verzerrte nach seiner Art beim Sprechen das Gesicht wie jemand, den die Sonne blendet: 27 „Ach, hören Sie, Becke? rath, eh’ wir’s vergessen noch eins ... Sieglind und ich, wir nahen uns Ihnen in bittender Haltung.. Es ist die ,Walküre 4 heute im Opernhaus... Wir möchten sie, Sieglind und ich, noch einmal zusammen hören.... dürfen wir das? Es hängt natürlich von Ihrer Huld und Gnade ab ... “ „Wie sinnig!“ sagte Herr Aarenhold. Kunz trommelte auf dem Tischtuch den Rhyth? mus des Hunding?Motivs. Von Beckerath, bestürzt, daß man in irgendeiner 28 , Sache nach seiner Erlaubnis verlangte, antwortete I eifrig: „Aber, Siegmund, gewiß... und Sie, Sieglind... ^ ich finde das sehr vernünftig... gehen Sie unbe* }\ ' dingt... ich bin imstande und schließe mich an... Pi Es ist eine vorzügliche Besetzung heute...“ ; 1 ,» Aarenholds beugten sich lachend über ihreTeller. Von Beckerath, ausgeschlossen und blinzelnd & r nach Orientierung ringend, versuchte, so gut es ging, sich an ihrer Heiterkeit zu beteiligen. 1 ■ Siegmund sagte vor allen Dingen: ( ,, Ach, denken Sie, ich finde die Besetzung schlecht. Im übrigen, seien Sie unserer Dankbarkeit wohl versehen; aber Sie haben uns mißverstanden. , ; Sieglinde und ich, wir bitten, vor der Hochzeit noch einmal allein miteinander die ,Walküre 4 : hören zu dürfen. Ich weiß nicht, ob Sie jetzt...“ ^ „Aber natürlich . . . Ich verstehe vollkommen. Ur . f Das ist reizend. Sie müssen unbedingt gehen „Danke. Wir danken Ihnen sehr.—Dann lasse ich also Percy und Leiermann für uns anspannen.“ „Ich erlaube mir, Dir zu bemerken/ 4 sagte Herr ' Aarenhold, „daß Deine Mutter und ich zum Diner bei Erlangers fahren und zwar mit Percy 29 und Leiermann. Ihr werdet die Herablassung haben, Euch mit Baal und Zampa zu begnügen und das braune Coupe zu benützen.“ „Und Plätze?“ fragte Kunz... „Ich habe sie längst,“ sagte Siegmund und warf den Kopf zurück. Sie lachten, indem sie dem Bräutigam in die Augen sahen. Herr Aarenhold entfaltete mit spitzen Fingern die Hülse eines Belladonna*Pulvers und schüttete es sich behutsam in den Mund. Er zündete sich hierauf eine breite Zigarette an, die alsbald einen köstlichen Duft verbreitete. Die Diener sprangen herzu, die Stühle hinter ihm und Frau Aaren* hold fortzuziehen. Befehl erging, daß der Kaffee im Wintergarten gereicht werde. Kunz verlangte mit scharfer Stimme nach seinem Dogcart, um in die Kaserne zu fahren. Siegmund machte Toilette für die Oper und zwar seit einer Stunde. Ein außerordentliches und fort* währendes Bedürfnis nach Reinigung war ihm eigen, dergestalt, daß er einen beträchtlichen Teil des Tages vorm Lavoir verbrachte. Er stand jetzt 30 j£v. vor seinem großen, weißgerahmten Empire* y; Spiegel, tauchte den Puderquast in die getriebene .. N Büchse und puderte sich Kinn und Wangen, die ^ frisch rasiert waren; denn sein Bartwuchs war so * ^ stark, daß er, wenn er abends ausging, genötigt war, sich ein zweitesmal davon zu säubern. ^ Er stand dort ein wenig bunt: in rosaseidenen Unterbeinkleidern und Socken, roten Saffian* Pantoffeln und einer dunkel gemusterten wattier* ■ft: ten Hausjacke mit hellgrauen Pelzaufschlägen. :i:: Und um ihn war das große, ganz mit weißlak* kierten und vornehm praktischen Dingen aus* DxJ? gestattete Schlafzimmer, hinter dessen Fenstern die nackten und nebeligen Wipfelmassen des , r: - Tiergartens lagen. ^ Da es allzu sehr dunkelte, ließ er die Leucht* körper erglühen, die an dem weißen Plafond in großem Kreise angeordnet, das Zimmer mit einer milchigen Helligkeit erfüllten, und zog die , samtnen Vorhänge vor die dämmernden Schei* ^ ben. Das Licht ward aufgenommen von den was* serklaren Spiegeltiefen des Schrankes, desWasch* tisches, der Toilette; es blitzte in den geschlif* fenen Flakons auf den mit Kacheln ausgelegten & 31 Borden. Und Siegmund fuhr fort, an sich zu arbeiten. Zuweilen bei irgendeinem Gedanken, bildeten seine zusammengewachsenen Brauen über der Nasenwurzel zwei schwarze Falten. Sein Tag war vergangen, wie seine Tage zu ver* gehen pflegten: leer und geschwinde. Da das Theater um halb sieben begann und da er schon um halb fünf begonnen hatte, sich umzukleiden, so hatte es kaum einen Nachmittag für ihn ge* geben. Nachdem er von zwei bis drei Uhr auf seiner Chaiselongue geruht, hatte er den Tee genommen und dann die überzählige Stunde ge* »WS? issa nützt, indem er, ausgestreckt in einem tiefen Le* derfauteuil des Arbeitszimmers, das er mit seinem Bruder Kunz teilte, in mehre* ren neu erschienenen Romanen je ein paar Seiten gelesen hatte. Er hatte diese Leistungen sämtlich erbärmlich schwach gefunden, immerhin aber ein paar davon zum Buchbinder gesandt, um 32 sie für seine Bibliothek künstlerisch binden zu lassen. Übrigens hatte er vormittags gearbeitet. Er hatte die Morgenstunde von zehn bis elf Uhr in dem Atelier seines Professors verbracht. Dieser Pro* fessor, ein Künstler von europäischem Ruf, bildete Siegmunds Talent im Zeichnen und Malen aus und erhielt von Herrn Aarenhold zweitausend Mark für den Monat. Es war gleichwohl zum Lächeln, was Siegmund malte. Er wußte es selbst und war weit entfernt, feurige Erwartungen in sein Künstlertum zu setzen. Er war zu scharfsinnig, um nicht zu begreifen, daß die Bedingungen seines Daseins für die Entwickelung einer gestal* tenden Gabe nicht eben die günstigsten waren. Die Ausstattung des Lebens war so reich, so vielfach, so überladen, daß für das Leben selbst beinahe kein Platz blieb. Jegliches Stück dieser Ausstattung war so kostbar und schön, daß es sich anspruchsvoll über seinen dienenden Zweck erhob, verwirrte, Aufmerksamkeit verbrauchte. Siegmund war in den Überfluß hinein geboren, er war seiner ohne Zweifel gewohnt. Und den* noch bestand die Tatsache, daß dieser Überfluß 33 nie auf hörte, ihn zu beschäftigen und zu erregen, ihn mit beständiger Wollust zu reizen. Es erging ihm darin, ob er wollte oder nicht, wie Herrn Aarenhold, der die Kunst übte, sich eigentlich an nichts zu gewöhnen ... Er liebte zu lesen, trachtete nach dem Wort und dem Geist, als nach einem Rüstzeug, auf das ein tiefer Trieb ihn verwies. Aber niemals hatte er sich an ein Buch hingegeben und verloren, wie es geschieht, wenn einem dies eine Buch als das wichtigste, einzige gilt, als die kleine Welt, über die man nicht hinausblickt, in die man sich ver* schließt und versenkt, um Nahrung noch aus der letzten Silbe zu saugen. Die Bücher und Zeit* Schriften strömten herzu, er konnte sie alle kaufen, sie häuften sich um ihn, und während er lesen wollte, beunruhigte ihn die Menge des noch zu lesenden. Aber die Bücher wurden gebunden. In gepreßtem Leder, mit Siegmund Aarenholds schönem Zeichen versehen, prachtvoll und selbst* genügsam standen sie da und beschwerten sein Leben wie ein Besitz, den sich zu unterwerfen ihm nicht gelang. Der Tag war sein, war frei, war ihm geschenkt 34 mit allen seinen Stunden von Sonnenaufgang bis Untergang; und dennoch fand Siegmund in seinem Innern keine Zeit zu einem Wollen, geschweige zu einem Vollbringen. Er war kein Held, er gebot nicht über Riesenkräfte. Die Vor* kehrungen, die luxuriösen Zurüstungen zu dem, was das Eigentliche und Ernste sein mochte, ver* brauchten, was er einzusetzen hatte. Wieviel Um* sicht und Geisteskraft ging nicht auf bei einer gründlichen und vollkommenen Toilette, wie* viel Aufmerksamkeit in der Überwachung seiner Garderobe, seines Bestandes anZigaretten, Seifen, Parfüms, wieviel Entschlußfähigkeit in jenem zwei oder dreimal täglich wiederkehrenden Au* genblick, da es galt, die Krawatte zu wählen! Und es galt. Es lag daran. Mochten die blonden Bürger des Landes unbekümmert in Zugstiefe* letten und Klappkrägen gehen. Er gerade, er mußte unangreifbar und ohne Tadel an seinem Äußeren sein vom Kopf bis zu Füßen ... Am Ende, niemand erwartete mehr von ihm, als dies. Zuweilen, in Augenblicken, wenn eine Un* ruhe um das, was das „Eigentliche“ sein mochte, sich schwach in ihm regte, empfand er, wie dieser 35 Mangel an fremder Erwartung sie wieder lähmte und löste ... Die Zeiteinteilung im Hause war unter dem Gesichtspunkte getroffen, daß der Tag schnell und ohne fühlbare Stundenleere verstrei* chen möge. Stets rückte rasch die nächste Mahl* zeit heran. Man dinierte vor sieben; der Abend, die Zeit des Müßigganges mit gutem Gewissen, war lang. Die Tage entschwanden, und so hur* tig kamen und gingen die Jahreszeiten. Man verbrachte zwei Sommermonate in dem Schloß* chen am See, dem weiten und mmgwR prangenden Garten mit den Tennisplätzen, den kühlen Parkwegen und den Bronzestatuen auf dem geschorenen Rasen, — den dritten am Meere, im Hochgebirg, in Gasthöfen, die den Hausstand daheim an Aufwand zu überbieten suchten... An einigen Wintertagen hatte er sich vor kurzem noch zur Hochschule fahren lassen, um ein zu be* quemer Stunde stattfindendes Kolleg über Kunst* geschichte zu hören; er besuchte es nicht mehr, da die Herren, die außer ihm daran teilnahmen, 36 dem Urteil seiner Geruchsnerven nach bei weitem nicht genug badeten... Statt dessen ging er mit Sieglinde spazieren. Sie war an seiner Seite gewesen seit fernstem Anbe* ginn, sie hing ihm an, seit beide die ersten Laute gelallt, die ersten Schritte getan, und er hatte keinen Freund, nie einen gehabt, als sie, die mit ihm geboren, sein kostbar geschmücktes, dunkel liebliches Ebenbild, dessen schmale und feuchte Hand er hielt, während die reich behangenen Tage mit leeren Augen an ihnen vorüberglitten. Sie nahmen frische Blumen auf ihre Spaziergänge mit, ein Veilchens^, ein Maiglocken * Sträußchen, daran sie abwechselnd rochen, zuweilen auch beide zugleich. Sie atmeten im Gehen den hob den Duft mit wollüstiger und fahrlässiger Hin* gäbe, pflegten sich damit wie egoistische Kranke, berauschten sich wie Hoffnungslose, wiesen mit einer inneren Gebärde die übelriechende Welt von sich weg und liebten einander um ihrer erlesenen Nutzlosigkeit willen. Aber was sie sprachen, war scharf und funkelnd gefügt; es traf die Menschen, die ihnen begegneten, die Dinge, die sie gesehen, gehört, gelesen hatten und die 37 von anderen gemacht waren, von jenen, die dazu da waren, dem Wort, der Bezeichnung, dem witzigen Widerspruch ein Werk auszusetzen... Dann war von Beckerath gekommen, im Mini* sterium tätig und von Familie. Er hatte um Sieg* lind geworben und dabei die wohlwollende Neutralität Herrn Aarenholds, die Fürsprache Frau Aarenholds, die eifernde Unterstützung Kunzens, des Husaren, auf seiner Seite gehabt. Er war geduldig, beflissen und von unendlicher Artigkeit gewesen. Und endlich, nachdem sie ihm oft genug gesagt, daß sie ihn nicht liebe, hatte Sieglind begonnen, ihn prüfend, erwart tungsvoll, stumm zu betrachten, mit einem glän* zend ernsten Blick, der begrifflos redete, wie der einesTieres — und hatte Ja gesagt. Und Siegmund selbst, dem sie untertan war, hatte an diesem Aus* gang teil, er verachtete sich, aber er war dem nicht entgegen gewesen, weil von Beckerath im Ministerium tätig und von Familie war... Zu* weilen, während er an seiner Toilette arbeitete, bildeten seine zusammengewachsenen Brauen über der Nasenwurzel zwei schwarze Falten... Er stand auf dem Eisbärfell, das vor dem Bette 38 seine Tatzen ausstreckte und in dem seine Füße verschwanden, und nahm das gefaltete Frack* hemd, nachdem er sich gänzlich mit einem aro* matischen Wasser gewaschen. Sein gelblicher :v v Oberkörper, über den das gestärkte und schim* mernde Leinen glitt, war mager wie der eines Knaben und dabei zottig von schwarzem Haar. Er bekleidete sich weiter mit schwarzseidenen ^ Unterhosen, Sok* dern mit silbernen ken von schwarzer Schnallen, legte die Seide und schwär* gebügelten Bein* zen Strumpfbän* kleider an, deren ^ schwarzes Tuch seidig schimmerte, befestigte rr:: weißseidene Hosenträger über seinen schmalen Schultern und fing an, den Fuß auf einen Schemel gestellt, die Knöpfe seiner Lackstiefel zu schlies* iL -; sen. — Es klopfte. „Darf ich kommen, Gigi?“ fragte Sieglinde draußen ... 1 • „Ja, komm,“ antwortete er. Sie trat ein, schon fertig. Sie trug ein Kleid aus see* grüner, glänzender Seide, dessen eckiger Haisaus* " schnitt von einer breiten ecru*Stickerei umgeben war. Zwei gestickte Pfauen, einander zugewandt, 39 hielten oberhalb des Gürtels in ihren Schnäbeln eine Guirlande. Sieglindens tiefdunkles Haar war nun ohne Schmuck; aber an einer dünnen Perlenkette lag ein großer, eiförmiger Edelstein auf ihrem bloßen Halse, dessen Haut die Farbe angerauchten Meerschaums hatte. Über ihrem Arm hing ein schwer mit Silber durchwirktes Tuch. „Ich verhehle dir nicht,“ sagte sie, „daß der Wagen wartet.“ „Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß er sich noch zwei Minuten gedulden wird,“ sagte er, Schlag auf Schlag. Es wurden zehn Minuten. Sie saß auf der weißsamtnen Chaiselongue und sah ihm zu, der eifriger arbeitete. Er wählte aus einem Farbenwust von Krawatten ein weißes Piqueband und begann, es vorm Spiegel zur Schleife zu schlingen. „Beckerath,“ sagte sie, „trägt auch die farbigen Krawatten immer noch quer gebunden, wie es voriges Jahr Mode war.“ „Beckerath,“ sagte er, „ist die trivialste Existenz, in die ich Einblick gewonnen habe.“ Dann fügte er, sich nach ihr umwendend, hinzu und verzerrte 40 dabei sein Gesicht wie jemand, den die Sonne blendet: „Übrigens möchte ich dich bitten, dieses Ger* manen im Laufe des heutigen Abends nicht mehr Erwähnung zu tun.“ Sie lachte kurz auf und antwortete: „Du kannst dich versichert halten, daß mir das unschwer gelingen wird.“ Er legte die tief ausgeschnittene Pique^Weste an und zog darüber den Frack, den fünfmal pro* bierten Frack, dessen weichseidenes Futter den Händen schmeichelte, während sie durch die Ärmel glitten. „Laß sehen, welche Knopfgarnitur du genom* men hast,“ sagte Sieglind und trat zu ihm hin. Es war die Amethystgarnitur. Die Knöpfe des Hemdeinsatzes, der Manschetten, der weißen Weste waren von gleicher Art. Sie betrachtete ihn mit Bewunderung, mit Stolz, mit Andacht, — eine tiefe, dunkle Zärtlichkeit in ihren blanken Augen. Da ihre Lippen so weich aufeinander ruhten, küßte er sie darauf. Sie setz* ten sich auf die Chaiselongue, um noch einen Augenblick zu kosen, wie sie es liebten. 43 „Ganz, ganz weich bist du wieder,“ sagte sie und streichelte seine rasierten Wangen. „Wie Atlas fühlen sich deine Ärmchen an,“ sagte er und ließ seine Hand über ihren zarten Unter* arm gleiten, während er zugleich den Veilchen* hauch ihres Haares atmete. Sie küßte ihn auf seine geschlossenen Augen; er küßte sie auf den Hals, zur Seite des Edel* steins. Sie küßten einander die Hände. Mit einer süßen Sinnlichkeit liebte jedes das andere um seiner verwöhnten und köstlichen Gepflegtheit und seines guten Duftes willen. Schließlich spiel* ten sie wie kleine Hunde, die sich mit den Lippen beißen. Dann stand er auf. „Wir wollen heut nicht zu spät kommen,“ sagte er. Er drückte noch den Mund des Parfümfläsch* chens auf seinTaschentuch, verrieb einenTropfen in seinen schmalen und roten Händen, nahm die Handschuhe und erklärte, fertig zu sein. Er löschte das Licht und sie gingen: den rötlich erhellten Korridor entlang, wo dunkle, alte Ge* mälde hingen, und vorbei an der Orgel dieTrep* pen hinunter. In der Vorhalle des Erdgeschosses stand Wendelin, riesengroß in seinem langen, 44 gelben Paletot, und wartete mit den Mänteln. Sie ließen sie sich anlegen. Sieglindens dunkles Köpfchen ver* schwand zur Hälfte in dem Silber* fuchskragen des ihren. Sie gingen, gefolgt von dem Diener, durch den steinernen Flur und traten hinaus. Es war mild und schneite etwas, im weißlichen Licht, in großen, fetzenartigen Flocken. Das Coupe hielt dicht am Hause. Der Kutscher, die Hand am Rosettenhut, hielt sich ein wenig vom Bocke geneigt, indes Wendelin das Einsteigen der Geschwister überwachte. Dann klappte der Schlag, Wendelin schwang sich zum Kutscher, und der Wagen, sofort in schneller Gangart, knirschte über den Kies des Vorgartens, glitt durch die hohe und weit geöffnete Gatterpforte, bog in geschmeidiger Kurve rechtsum und rollte dahin... Der kleine, weiche Raum, darin sie saßen, war sanft durchwärmt. „Soll ich schließen?“ fragte Siegmund... Und da sie zustimmte, zog er die braunseidenen Vor* hänge vor die geschliffenen Scheiben. 47 Sie waren im Herzen der Stadt. Lichter stoben hinter den Gardinen vorbei. Rings um den taktfest hurtigen Hufschlag ihrer Pferde, um die lautlose Geschwindigkeit ihres Wagens, der sie // federnd über Unebenheiten des Bodens trug, brauste, gellte und dröhnte das Triebwerk des großen Lebens. Und abgeschlossen davon, weich* lieh bewahrt davor, saßen sie still in den gestepp* ten, braunseidenen Polstern, — Hand in Hand. 48 Der Wagen fuhr vor und stand. Wendelin war am Schlage, um ihnen beim Aussteigen dienlich zu sein. In der Helligkeit der Bogenlampen sahen graue, frierende Leute ihrer Ankunft zu. Sie gingen zwischen ihren forschenden und gehäs? sigen Blicken hindurch, gefolgt von dem Diener, durch das Vestibül. Es war schon spät, schon still. Sie stiegen die Freitreppe empor, warfen ihre Überkleider auf Wendelins Arm, verweilten eine Sekunde nebeneinander vor einem hohen Spiegel und traten durch die kleine Logentür in den Rang. Das Klappen der Sessel, das letzte Auf? brausen des Gesprächs vor der Stille empfing sie. In dem Augenblick, da der Theaterdiener die Samt?Lehnsessel unter sie schob, hüllte der Saal sich in Dunkelheit, und mit einem wilden Akzent setzte drunten das Vorspiel ein. Sturm, Sturm... Auf leichte und schwebend be? günstigte Art hieher gelangt, unzerstreut, unab? genutzt von Hindernissen, von kleinen verstim? menden Widrigkeiten, waren Siegmund und Sieglind sofort bei der Sache. Sturm und Ge? witterbrunst, Wetterwüten im Walde. Der rauhe Befehl des Gottes erschallte, wiederholte sich, 51 verzerrt vor Zorn, und gehorsam krachte der Donner darein. Der Vorhang flog auf, wie vom Sturm auseinandergeweht. Der heidnische Saal war da, mit der Glut des Herdes im Dunklen, dem ragendenUmriß des Eschenstammes in der Mitte. Siegmund, ein rosiger Mann mit brotfarbenem Bart, erschien in der hölzernenTür und lehnte sich verhetzt und erschöpft ge* gen den Pfosten. Dann trugen seine starken, mit Fell und Rie* men umwickelten Beine ihn in tragisch schleppenden Schritten nach vorn. Seine blauen Augen unter den blonden Brauen, dem blonden Stirngelock seiner Pe* rücke, waren gebrochenen Blicks, wie bittend, auf den Kapellmeister gerichtet; und endlich wich die Musik zurück, setzte aus, um seine Stimme hören zu lassen, die hell und ehern klang, ob* gleich er sie keuchend dämpfte. Er sang kurz, daß er rasten müsse, wem immer der Herd gehöre; und beim letzten Wort ließ er sich schwer auf das Bärenfell fallen und blieb liegen, das Haupt auf 52 den fleischigen Arm gebettet. Seine Brust arbei? tete im Schlummer. Eine Minute verging, ausgefüllt von dem singen? den, sagenden, kündenden Fluß der Musik, die zu den Füßen der Ereignisse ihre Flut dahin? wälzte.... Dann kam Sieglinde von links. Sie hatte einen alabasternen Busen, der wunderbar in dem Ausschnitt ihres mit Fell behangenen Müsse? linkleides wogte. Mit Staunen gewahrte sie den fremden Mann; und so drückte sie das Kinn auf die Brust, daß es sich faltete, stellte formend die Lippen ein und gab ihm Ausdruck, diesem Er? staunen, inTönen, die weich und warm aus ihrem weißen Kehlkopf emporstiegen und die sie mit der Zunge, dem beweglichen Munde gestaltete... Sie pflegte ihn. Zu ihm gebeugt, daß ihre Brust aus dem wilden Fell ihm entgegenblühte, reichte sie ihm mit beiden Händen das Horn. Er trank. Rührend sprach die Musik von Labsal und kühler Wohltat. Dann betrachteten sie einander mit einem ersten Entzücken, einem ersten, dunklen Erkennen, schweigend dem Augenblick hinge? geben, der unten als tiefer, ziehender Sang er? tönte.... 55 Sie brachte ihm Meth, berührte zuerst das Horn mit den Lippen und sah dann zu, wie er lange trank. Und wieder sanken ihre Blicke ineinander, wieder zog und sehnte sich drunten die tiefe Melo* die.... Dann brach er auf, verdüstert, in schmerz* licher Abwehr, ging, indem er seine nackten Arme hängen ließ, zurTür, um sein Leid, seine Einsam* keit, sein verfolgtes, verhaßtes Dasein von ihr fort, zurück in die Wildnis zu tragen. Sie rief ihn, und da er nicht hörte, ließ sie sich rücksichtslos, mit erhobenen Händen, das Geständnis ihres eignen Unheils entfahren. Er stand. Sie senkte die Augen. Zu ihren Füßen sprach es dunkel erzählend von Leid, das beide verband. Er blieb. Mit gekreuzten Armen stand er vor dem Herd, des Schicksals gewärtig. Hunding kam, bauchig und x*beinig wie eine Kuh. Sein Bart war schwarz, mit braunen Zotten durchsetzt. Sein geharnischtes Motiv kündigte ihn an, und er stand da, finster und plump auf seinen Speer gelehnt, und blickte mit Büffelaugen auf den Gast, dessen Gegenwart er dann, aus einer Art wilder Gesittung, gut und willkommen hieß. Sein Baß war rostig und kolossal. 56 Sieglinde rüstete den Abendtisch; und während sie schaffte, ging Hundings langsamer und miß* trauischer Blick hin und her zwischen ihr und dem Fremden. Dieser Tölpel sah sehr wohl, daß sie einander glichen, von ein und derselben Art waren, jener ungebundenen, widerspenstigen und außerordentlichen Art, die er haßte und der er sich nicht gewachsen fühlte.... Dann saßen sie nieder, und Hunding stellte sich vor, erklärte einfach und mit zwei Worten seine einfache, ordnungsgemäße und in der allgemein nen Achtung ruhende Existenz. Er zwang aber Siegmund so, sich ebenfalls bekannt zu geben, was ungleich schwieriger war. Doch Siegmund sang — sang hell und wunderschön von seinem Leben und Leiden und wie zu Zwei er zur Welt gekommen, eine Zwillingsschwester und er... legte sich, nach der Art von Leuten, die ein wenig vorsichtig sein müssen, einen falschen Namen bei und kündete ausgezeichnet von dem Haß, der Scheelsucht, womit man seinen fremdartigen Vater und ihn verfolgt, von dem Brand ihres Saales, dem Entschwinden der Schwester, von dem vogelfreien, gehetzten, verrufenen Dasein 57 des Alten und Jungen im Walde und wie er zu* letzt auch des Vaters geheimnisvollerweise ver* lustig geworden sei.... Und dann sang Siegmund das Schmerzlichste: seinen Drang zu den Men* sehen, seine Sehnsucht und seine unendliche Ein* samkeit. Um Männer und Frauen, sang er, um Freundschaft und Liebe habe er geworben und sei doch immer zurückgestoßen worden. Ein Fluch habe auf ihm gelegen, das Brandmal seiner seit* samen Herkunft ihn immer gezeichnet. Seine Sprache sei nicht die der anderen gewesen und ihre nicht seine. Was ihm gut geschienen, habe die Mehrzahl gereizt, was jenen in alten Ehren gestanden, habe ihm Galle gemacht. In Streit und Empörung habe er gelegen, immer und überall, Verachtung und Haß und Schmähung sei ihm im Nacken gewesen, weil er von fremder, von hoffnungslos anderer Art, als die andern... Es war so überaus kennzeichnend für Hunding, wie er sich zu all dem verhielt. Nichts von Teil* nähme und nichts vonVerstehen sprach aus dem, was er antwortete: nur Widerwillen und finsteres Mißtrauen gegen Siegmunds fragwürdige, aben* teuerliche und unregelmäßige Art von Dasein. 58 Und als er nun gar begriff, daß er den Geächtet ten, zu dessen Verfolgung er aufgerufen und aus? gezogen war, im eignen Hause habe, da benahm er sich ganz, wie man es von seiner vierschrötigen Pedanterie zu gewärtigen hatte. Mit jener Geste tung, die ihn fürchterlich kleidete, erklärte er wieder, daß sein Haus heilig sei und den Flüchte ling für heute schütze, daß er aber morgen die Ehre haben werde, Siegmund im Kampfe zu fällen. Hierauf bedeutete er Sieglinden rauh, ihm drinnen den Nachttrunk zu würzen und im Bette auf ihn zu warten, stieß noch zwei oder drei Drohungen aus und ging dann fort, indem er alle seine Waffen mit sich nahm und Siegmund in der verzweifeltsten Lage allein ließ. Siegmund aus seinem Fauteuil über die Sante brüstung gebeugt, stützte den dunklen Knaben* köpf in die schmale und rote Hand. Seine Brauen bildeten zwei schwarze Falten, und der eine sei* ner Füße, nur auf dem Absatz des Lackstiefels stehend, war in einer fortwährenden nervösen, rastlos drehenden und nickenden Bewegung. Er tat dem Einhalt, als er neben sich ein Flüstern hörte: „Gigi...“ 61 Und wie er den Kopf wandte, hatte sein Mund einen frechen Zug. Sieglind bot ihm eine perlmutterne Dose mit Kognak^Kirschen dar. „Die Marasquino^Bohnen liegen unten“ flüsterte sie. Aber er nahm nur eine Kirsche, und während er die Hülse aus Seidenpapier löste, beugte sie sich nochmals zu seinem Ohr und sagte: „Sie kommt gleich wieder zurück zu ihm.“ „Das ist mir nicht vollständig unbekannt,“ sagte er so laut, daß mehrere Köpfe sich gehässig gegen sie kehrten.... Der große Siegmund sang unten für sich allein im Dunkeln. Aus tiefster Brust rief er nach dem Schwert, der blanken Handhabe, die er schwingen könnte, wenn eines Tages in hellem Aufruhr hervorbräche, was jetzt sein Herz noch zornig verschlossen hielt; sein Haß und seine Sehnsucht... Er sah den Schwertgriff am Baume leuchten, sah Glanz und Herdfeuer ver* löschen, sank zurück zu verzweifeltem Schlum* mer — und stützte sich köstlich entsetzt auf die Hände, da Sieglind im Dunkeln zu ihm schlich. Hunding schlief wie ein Stein, betäubt, betrun* ken gemacht. Sie freuten sich miteinander, daß 62 der schwere Dummkopf überlistet war, — und ihre Augen hatten dieselbe Art, sich lächelnd zu verkleinern ... Aber dann sah Sieglind verstoh* len den Kapellmeister an und erhielt ihren Eins satz, stellte formend die Lippen ein und sang ausführlich, wie alles stand und lag, — sang herz* zerreißend, wie man die Einsame, fremd und wild Erwachsene ungefragt dem finstern und plumpen Manne geschenkt und noch verlangt habe, daß sie sich glücklich preise ob der acht* baren Ehe, geeignet, ihre dunkle Herkunft ver* gessen zu machen ... sang tief und tröstlich von dem Alten im Hut und wie er das Schwert in den Stamm der Esche gestoßen — für den Einen, der einzig berufen sei, es aus der Haft zu lösen; sang außer sich, daß er es sein möge, den sie meine und kenne und gramvoll ersehne, der Freund, der mehr, als ihr Freund, der Tröster ihrer Not, der Rächer ihrer Schmach, er, den sie einst verloren und den sie in Schanden beweint, der Bruder im Leid, der Retter, der Befreier... Da aber warf Siegmund seine beiden rosigen, fleischigen Arme um sie, drückte ihre Wange gegen das Fell auf seiner Brust und sang über 65 ihren Kopf hinaus mit entfesselter und silbern schmetternder Stimme seinen Jubel in alle Lüfte. Seine Brust war heiß von dem Schwur, der ihn mit ihr, der holden Genossin, verband. Alle Sehnsucht seines verrufenen Lebens war gestillt in ihr, und alles, was sich ihm kränkend versagt, wenn er sich zu Männern und Frauen gedrängt, wenn er mit jener Frechheit, welche Scheu und das Bewußtsein seines Brandmals war, um Freund* schaft und Liebe geworben hatte, — es war ge* funden in ihr. In Schmach lag sie wie er im Leide, entehrt war sie wie er in Acht, und Rache — Rache sollte nun ihre geschwisterliche Liebe sein! Ein Windstoß fauchte, die große, gezimmerte Tür sprang auf, eine Flut von weißem elektri* sehen Licht ergoß sich breit in den Saal, und plötzlich entblößt von der Dunkelheit standen sie da und sangen das Lied von dem Lenz und seiner Schwester, der Liebe. Sie kauerten auf dem Bärenfell, sie sahen sich an im Licht und sangen sich süße Dinge. Ihre nackten Arme berührten sich, sie hielten einan* der bei den Schläfen, blickten sich in die Augen und ihre Münder waren sich nahe beim Singen. 66 Ihre Augen und Schläfen, Stirnen und Stimmen, sie verglichen sie miteinander und fanden sie gleich. Das drängende, wachsende Wiedererken* nen entriß ihm den Namen des Vaters, sie rief ihn bei seinem: Siegmund! Siegmund! er schwang das befreite Schwert überm Haupt, beseligt sang sie ihm zu, wer sie sei: seine Zwillingsschwester, Sieglinde ... er streckte trunken die Arme nach ihr, seiner Braut, sie sank ihm ans Herz, der Vorhang rauschte zusammen, die Musik drehte sich in einem tosenden, brausenden, schäumen* den Wirbel reißender Leidenschaft, drehte sich, drehte sich und stand mit gewaltigem Schlage still! Lebhafter Beifall. Das Licht ging auf. Tausend Leute erhoben sich, reckten sich unvermerkt und applaudierten, den Körper schon zum Ausgange, den Kopf noch zur Bühne gewandt, den Sängern, die dort nebeneinander vorm Vorhang erschie* nen, wie Masken vor einer Jahrmarktsbude. Auch Hunding kam heraus und lächelte artig, trotz allem, was geschehen ... Siegmund schob seinen Sessel zurück und stand auf. Es war ihm heiß; auf seinen Wangenknochen, 67 unter den fahlen und mageren rasierten Wangen, glomm eine Röte. „Soweit ich in Frage komme/* sagte er, „so suche ich nun, bessere Luft zu gewinnen. Übrigens war der Siegmund nahezu schwach.“ „Auch fühlte/* sagte Sieglinde, „das Orchester sich bewogen, bei dem Frühlingslied schrecklich zu schleppen/* „Sentimental/* sagte Siegmund und zuckte im Frack seine schmalen Schultern. „Kommst Du?** Sie zögerte noch einen Augenblick, saß noch aufgestützt und blickte zur Bühne hinüber. Er sah sie an, als sie aufstand und das Silbertuch nahm, um mit ihm zu gehen. Ihre voll und weich aufeinander ruhenden Lippen zuckten ... Sie gingen ins Foyer, bewegten sich in der lang? samen Menge, grüßten Bekannte, taten einen Gang über die Treppen, zuweilen Hand in Hand. „Ich möchte Eis nehmen/* sagte sie, „wenn es nicht höchstwahrscheinlich so minderwertig wäre.** „Unmöglich!** sagte er. Und so aßen sie von den Süßigkeiten aus ihrer Dose, Kognak?Kirschen 68 und bohnenförmige Schokolade * Bonbons, die mit Marasquino gefüllt waren. Als es schellte, sahen sie abseits mit einer Art von Verachtung zu, wie die Menge von Eile er* griffen wurde und sich staute, warteten ab, bis es still auf den Wandelgängen geworden war und traten im letzten Augenblick in ihre Loge, als das Licht schon entwich, die Dunkelheit sich stillend und löschend auf die wirre Regsamkeit des Saales senkte.... Es läutete leise, der Dirigent reckte die Arme, und der erhabene Lärm, dem er befahl, erfüllte wieder die Ohren, die ein wenig geruht hatten. Siegmund sah ins Orchester. Der vertiefte Raum war hell gegen das lauschende Haus und von Arbeit erfüllt, von fingernden Händen, fiedeln* den Armen, blasend geblähten Backen, von schlichten und eifrigen Leuten, die dienend das Werk einer großen, leidenden Kraft vollzogen, — dies Werk, das dort oben in kindlich hohen Gesichten erschien ... Ein Werk! Wie tat man ein Werk? Ein Schmerz war in Siegmunds Brust, ein Brennen oder Zehren, irgendetwas wie eine süße Drangsal — wohin? wonach? Es war so 69 dunkel, so schimpflich unklar. Er fühlte zwei Worte: Schöpfertum ... Leidenschaft. Undwäh* rend die Hitze in seinen Schläfen pochte, war es wie ein sehnsüchtiger Einblick, daß das Schöpfer* tum aus der Leidenschaft kam und wieder die Gestalt der Leidenschaft nahm. Er sah das weiße, erschöpfte Weib auf dem Schoße des flüchtigen Mannes hängen, dem es sich hingegeben, sah ihre Liebe und Not und fühlte, daß so das Leben sein müsse, um schöpferisch zu sein. Er sah sein eigenes Leben an, dies Leben, das sich ausWeich* heit und Witz, aus Verwöhnung und Verneinung, Luxus und Widerspruch, Üppigkeit und Verstan* deshelle, reicher Sicherheit und tändelndem Haß zusammensetzte, dies Leben, in dem es kein Er* lebnis, nur logisches Spiel, keine Empfindung, nur tötendes Bezeichnen gab, — und ein Brennen oder Zehren war in seiner Brust, irgendetwas wie eine süße Drangsal—wohin? wonach? Nach dem Werk? Dem Erlebnis? Der Leidenschaft? Vorhangrauschen und großer Schluß! Licht, Bei* fall und Aufbruch nach allen Türen. Siegmund und Sieglind verbrachten die Pause wie die vorige. Sie sprachen fast nichts, gingen langsam über 70 Gänge und Treppen, zuweilen Hand in Hand. Sie bot ihm Kognak*Kirschen, aber er nahm nicht mehr. Sie sah ihn an, und als er den Blick auf sie richtete, zog sie den ihren zurück, ging still und in etwas gespannter Haltung an seiner Seite und ließ es geschehen, daß er sie betrachtete. Ihre kind* liehen Schultern, unter dem Silbergewirk, waren ein wenig zu hoch und wagerecht, wie man es an ägyptischen Statuen sieht. Auf ihren Wangen* knochen lag dieselbe Hitze, die er auf seinen spürte. Sie warteten wieder, bis die große Menge sich verlaufen hatte und nahmen im letzten Augen* blick ihre Armstühle ein. Sturmwind und Wol* kenritt und heidnisch verzerrtes Jauchzen. Acht Damen, ein wenig untergeordnet von Erschei* nung, stellten auf der felsigen Bühne eine jung* fräuliche und lachende Wildheit dar. Schreck* haft brach Brünhildens Angst in ihre Lustigkeit. Wotans Zorn, fürchterlich herannahend, fegte die Schwestern hinweg, stürzte sich allein auf Brünhilde, machte sie fast zunichte, tobte sich aus und besänftigte sich langsam, langsam zu Milde und Wehmut. Es ging zu Ende. Ein großer 73 Fernblick, eine erhabene Absicht tat sich auf. Epische Weihe war alles. Brünhilde schlief; der Gott stieg über die Felsen. Dickleibige Flammen, auffliegend und verwehend, lohten rings um die Bretterstätte. In Funken und rotem Rauch, um* tänzelt, umzüngelt, umzaubert von dem berau* sehenden Klingklang und Schlummerlied des Feuers, lag unter Brünne und Schild auf ihrem Mooslager die Walküre ausgestreckt. Jedoch im Schoße des Weibes, das zu erretten sie Zeit ges habt, keimte es zähe fort, das verhaßte, respekt* lose und gotterwählte Geschlecht, aus welchem ein Zwillingspaar seine Not und sein Leid zu so freier Wonne vereint... Als Siegmund und Sieglind aus ihrer Loge traten, stand Wendelin draußen, riesengroß in seinem gelben Paletot, und hielt ihre Überkleider bereit. Hinter den beiden zierlichen und warm ver* mummten, dunklen, seltsamen Geschöpfen stieg er, ein ragender Sklave, die Treppe hinab. DerWagen stand bereit. Die beiden Pferde, hoch, vornehm und einander vollkommen gleich, ver* harrten auf ihren schlanken Beinen still und blank im Nebel der Winternacht und warfen nur hie 74 und da auf stolze Art ihre Köpfe. Der kleine, ge* wärmte, seidengepolsterte Aufenthalt umfing die Zwillinge. Hinter ihnen schloß sich der Schlag. Einen Augenblick, eine kleine Sekunde noch stand das Coupe, leise erschüttert von dem ge* übten Schwung, mit dem Wendelin sich zum Kutscher emporbegab. Ein weiches und rasches Vorwärts * Entgleiten dann, und das Portal des Theaters blieb dahinten. Und wieder diese lautlos rollende Geschwindig* keit zum hurtig taktfesten Hufschlag der Pferde, dies sanfte, federnde Getragenwerden über Um ebenheiten des Bodens, dies zärtliche Bewahrt* sein vor dem schrillen Leben ringsum. Sie schwie* gen, abgeschlossen vom Alltag, noch ganz wie auf ihren Sammetstühlen gegenüber der Bühne und gleichsam noch in derselben Atmosphäre. 75 Nichts konnte an sie, was sie der wilden, brün* stigen und überschwänglichenWelt hätte abwen* dig machen können, die mit Zaubermitteln auf sie gewirkt, sie zu sich und in sich gezogen.... Sie begriffen nicht gleich, warum der Wagen stand; sie glaubten, ein Hindernis sei im Wege. Aber sie hielten schon vor dem elterlichen Hause, und Wendelin erschien am Schlage. Der Hausmeister war aus seiner Wohnung ge* kommen, um ihnen das Tor zu öffnen. „Sind Herr und Frau Aarenhold schon zurück?“ fragte Siegmund ihn, indem er über des Haus* meisters Kopf hinwegsah und das Gesicht ver* zerrte, wie jemand, den die Sonne blendet... Sie waren noch nicht zurück vom Diner bei Er* langers. Auch Kunz war nicht zu Hause. Was Märit betraf, so war sie ebenfalls abwesend; nie* mand wußte wo, da sie durchaus ihre eigenen Wege ging. Sie ließen sich in der Halle des Erdgeschosses die Überkleider abnehmen und gingen die Treppe hinauf, durch den Vorsaal des ersten Stockes und ins Speisezimmer. Es lag, ungeheuer, in halb* dunkler Pracht. Nur über dem gedeckten Tisch 76 am jenseitigen Ende brannte ein Lüster, und dort wartete Florian. Sie schritten rasch und lautlos über die teppichbelegte Weite. Florian schob die Stühle unter sie, als sie sich setzten. Dann be* deutete ihm ein Wink von Siegmunds Seite, er sei entbehrlich. Eine Platte mit Sandwiches, ein Aufsatz mit Früchten, eine Karaffe Rotwein standen auf dem Tische. Auf einem gewaltigen silbernenTeebrett summte, umgeben von Zubehör, der elektrisch geheizte Teekessel. Siegmund aß ein Kaviarbrötchen und trank in hastigem Zuge von dem Wein, der dunkel im zarten Glase glühte. Dann klagte er mit gereizter Stimme, daß Kaviar und Rotwein eine kultur* widrige Zusammenstellung sei. Mit kurzen Be* wegungen nahm er eine Zigarette aus seinem 77 silbernen Etui und begann, zurückgelehnt, die Hände in den Hosentaschen, zu rauchen, indem er die Zigarette mit verzerrter Miene von einem Mundwinkel in den anderen gleiten ließ. Seine Wangen, unter den hervortretenden Knochen, fingen schon wieder an, sich dunkler zu färben vom Bartwuchs. Seine Brauen bildeten an der Nasenwurzel zwei schwarze Falten. Sieglinde hatte sichTee bereitet und einen Schluck Burgunder hinzugetan. Ihre Lippen umfaßten voll und weich den dünnen Rand der Tasse, und während sie trank, blickten ihre großen, feucht* schwarzen Augen zu Siegmund hinüber. Sie setzte die Tasse nieder und stützte den dunk* len, süßen, exotischen Kopf in die schmale und rötliche Hand. Ihre Augen blieben auf ihn ge* richtet, so sprechend, mit einer so eindringlichen und fließenden Beredsamkeit, daß das, was sie wirklich sagte, wie weniger als nichts dagegen erschien. „Willst du denn nichts mehr essen, Gigi?“ „Da ich rauche / 4 antwortete er, „ist nicht wohl anzunehmen, daß ich beabsichtige, noch etwas zu essen / 4 78 „Aber du hast seit dem Tee nichts genommen, außer Bonbons. Wenigstens einen Pfirsich.. Er zuckte die Schultern, rollte sie wie ein eigen* sinniges Kind im Frack hin und her. „Nun, das ist langweilig. Ich gehe hinauf. Guten Abend.“ Er trank den Rest seines Rotweins aus, warf die Serviette fort, stand auf und verschwand, die Zigarette im Munde, die Hände in den Hosen* taschen, mit verdrießlich schlendernden Bewe* gungen in der Dämmerung des Saales. Er ging in sein Schlafzimmer und machte Licht, — nicht viel, nur zwei oder drei der Lampen, die an der Decke einen weiten Kreis bildeten, ließ er erglühen und stand dann still, im Zweifel, was zu beginnen sei. Der Abschied von Sieglind war nicht von endgültiger Art gewesen. So pflegten sie einander nicht Gute Nacht zu sagen. Sie würde noch kommen, das war sicher. Er warf den Frack ab, legte die mit Pelz besetzte Haus* jacke an und nahm eine neue Zigarette. Dann streckte er sich auf die Chaiselongue, setzte sich auf, versuchte die Seitenlage, die Wange im sei* denen Kissen, warf sich wieder auf den Rücken 79 und blieb, die Hände unter dem Kopf, eine Weile so liegen. Der feine und herbe Duft des Tabaks vermischte sich mit dem der Kosmetiken, der Seife, der aro* matischenWasser. Siegmund atmete dieseWohl* gerüche, die in der laulich erwärmten Luft des Zimmers schwammen; er war sich ihrer bewußt und fand sie süßer, als sonst. Die Augen schlier ßend, gab er sich ihnen hin wie jemand, der schmerzlich ein wenig Wonne und zartes Glück der Sinne genießt in der Strenge und Außer* gewöhnlichkeit seines Schicksals ... Plötzlich erhob er sich, warf die Zigarette fort und trat vor den weißen Schrank, in dessen drei Teile enorme Spiegel eingelassen waren. Er stand vor dem Mittelstück, ganz dicht, Aug in Aug mit sich selbst, und betrachtete sein Gesicht. Sorgfältig und neugierig prüfte er jeden Zug, öffnete die beiden Flügel des Schrankes und sah sich, zwi* sehen drei Spiegeln stehend, auch im Profil. Lange stand er und prüfte die Abzeicheti seines Blutes, die ein wenig niedergedrückte Nase, die voll und weich aufeinander ruhenden Lippen, die her* vorspringenden Wangenknochen, sein dichtes, 80 schwarz gelocktes, gewaltsam auf der Seite ge* scheiteltes Haar, das ihm weit in die Schläfen wuchs, und seine Augen selbst unter den starken, zusammengewachsenen Brauen,—diese großen, schwarzen und feuchtblanken Augen, die er klagevoll blicken ließ und in müdem Leide. Hinter sich gewahrte er im Spiegel das Eisbär* feil, das vor dem Bette seine Tatzen ausstreckte. Er wandte sich, ging mit tragisch schleppenden Schritten hinüber und nach einem Augenblick des Zögerns ließ er sich der Länge nach auf das Fell sinken, den Kopf auf den Arm gebettet. Eine Weile lag er ganz still; dann stemmte er den Ellbogen auf, stützte die Wange in seine schmale und rötliche Hand und blieb so, versunken in den Anblick seines Spiegelbildes dort drüben im Schranke. Es pochte. Er schrak zusammen, er* rötete, wollte sich aufmachen. Aber dann sank er zurück, ließ wieder den Kopf ganz hinab auf den ausgestreckten Arm fallen und schwieg. Sieglind trat ein. Ihre Augen suchten nach ihm im Zimmer, ohne ihn gleich zu finden. Schließ* lieh gewahrte sie ihn auf dem Bärenfell und ent* setzte sich. 81 „Gigi.. was tust du?.. Bist du krank?“ Sie lief zu ihm, beugte sich über ihn, und mit der Hand über seine Stirn und sein Haar streichend, wiederholte sie: „Du bist doch nicht krank?“ Er schüttelte den Kopf und sah sie an, von unten, auf seinem Arm liegend, von ihr gestreichelt. Sie war, halb fertig für die Nacht, auf Pantoffel* chen aus ihrem Schlafzimmer gekommen, das dem seinen am Korridor gegenüber lag. Ihr auf* gelöstes Haar fiel hinab auf ihren offenen, weißen Frisiermantel. Unter den Spitzen ihres Mieders sah Siegmund ihre kleinen Brüste, deren Haut* färbe wie angerauchter Meerschaum war. 82 „Du warst so bös,“ sagte sie; „du gingst so häßlich weg. Ich wollte gar nicht mehr kommen. Aber dann bin ich doch gekommen, weil das keine Gute Nacht war, vorhin...“ „Ich habe auf dich gewartet,“ sagte er. Noch immer im Stehen gebückt, verzog sie vor Schmerz das Gesicht, wodurch die physiogno* mischen Eigentümlichkeiten ihrer Art außer* ordentlich hervortraten. „Was nicht hindert,“ sagte sie in dem gewohnten Ton, „daß meine gegenwärtige Haltung mir ein ziemlich nennenswertes Unbehagen im Rücken verursacht.“ Er warf sich abwehrend hin und her. „Laß das, laß das... Nicht so, nicht so... So muß es nicht sein, Sieglind verstehst du...“ Er sprach seltsam, er hörte es selbst. Sein Kopf stand in trockener Glut und seine Glieder waren feucht und kalt. Sie kniete nun bei ihm auf dem Fell; ihre Hand in seinem Haar. Er hielt, halb aufgerichtet, einen Arm um ihren Nacken geschlungen und sah sie an, betrachtete sie, wie er vorhin sich selbst betrachtet, ihre Augen und Schläfen, Stirne und Wangen... 83 „Du bist ganz wie ich,“ sagte er mit lahmen Lippen und schluckte hinunter, weil seine Kehle verdorrt war... „Alles ist wie mit mir... und für das... mit dem Erlebnis ... bei mir, ist bei dir das mit Beckerath... das hält sich die Wage... Sieglind... und im ganzen ist es... dasselbe, besonders, was das betrifft... sich zu rächen, Sieglind.. Es trachtete, sich in Logik zu kleiden, was er sagte, und kam doch gewagt und wunderlich, wie aus wirrem Traum. Ihr klang es nicht fremd, nicht sonderbar. Sie schämte sich nicht, ihn so Ungefeiltes, so Trübes: Verworrenes reden zu hören. Seine Worte legten sich wie ein Nebel um ihren Sinn, zogen sie hinab, dorthin, woher sie kamen, in ein tiefes Reich, wohin sie noch nie gelangt, zu dessen Grenzen aber, seit sie verlobt war, zuweilen er* wartungsvolle Träume sie getragen. Sie küßte ihn auf seine geschlossenen Augen; er küßte sie auf den Hals unter den Spitzen des Mie* ders. Sie küßten einander die Hände. Mit einer süßen Sinnlichkeit liebte jedes das andere um sei* ner verwöhnten und köstlichen Gepflegtheit und seines guten Duftes willen. Sie atmeten diesen 84 Duft mit einer wollüstigen und fahrlässigen Hin* gäbe, pflegten sich damit wie egoistische Kranke, berauschten sich wie Hoffnungslose, verloren sich in Liebkosungen, die Übergriffen und ein hastiges Getümmel wurden und zuletzt nur ein Schluchzen waren- Sie saß noch auf dem Fell, mit offenen Lippen, auf eine Hand gestützt, und strich sich das Haar von den Augen. Er lehnte, die Hände auf dem Rücken, an der weißen Kommode, wiegte sich in den Hüften hin und her und sah in die Luft. „Aber Beckerath...“ sagte sie und suchte ihre Gedanken zu ordnen. „Beckerath, Gigi... was ist nun mit ihm? ...“ „Nun,“ sagte er, und einen Augenblick traten die 87 Merkzeichen seiner Art sehr scharf auf seinem Gesichte hervor, „dankbar soll er uns sein. Er wird ein minder triviales Dasein führen, von nun an.“ Als Privatdruck des Phantasus * Verlags wurde Thomas Manns „Wälsungenblut“ mit Steindrucken von Th. Th. Heine im Aut trag von Dr. G. M. Richter in der Offizin Dr. C. Wolf &. Sohn zu München 1921 gedruckt. Die einmalige Auflage beträgt 530 numerierte und signierte Exemplare. Die Nummern I—XXX wurden von Frieda Thiersch in München mit der Hand in Leder gebunden. Dieser Vorzugsausgabe ist eine Mappe mit Sonderdrucken der Lithographien auf echtem Chinapapier beigegeben. Die Nummern 1—500 wurden in der Werkstatt Carl HerkomersMünchen gebunden, und zwar 1—30 in Sat fian, 31—100 in Antikkalbspergament, 101—200 in Halb* leder, 201—300 in Halbpergament, 301—500 in Pappband mit Umschlagzeichnung von Th. Th. Heine. Dies Exemplar trägt die Nummer mm : W**v mk A w \-V6P, \ Vh>«S ;*& *&■ Nc :*$•- *•*«, öfV Sfr mMi S*iC ■Qm ü>73gg ü^i. tP*® p'i'S V > I >* &*■*■■* V,-U.jfÄ. * ' <•} ' a^^Sa .*>* »V •**.* ^Kr; mm.m ‘zbL: &JJU? ?ST\ u ♦ %- 4 vk : ’M. >ü? \ .; y* nt.i' ‘ r y*’h Univeraitlubibliothek Dttiaeldorf Thomu Mann ■ Sanmlnng Dr. Hin» - Otto Miyer /iftpüS'^Sl 1 ik $.<ÜF ."Ifgj m > Va#fa' &*W- > ?.j$;; ^V. ' •?• . ;*% ," ':X^M V /** &rO y f?**’ gwp>: iv* >&*.} >' isS" i .-y- > M*; f: **'/ &FJ& ff. urii o» np fimmw 5 ; v~. <• >W k ;>jAi'.$f iÄ»?! ■-> . 'iS» IT : BtS*Wl THOMAS MANN Wälsungenblut Thomas Mann Wälsungenblut Mit Steindrucken von Th. Th. Heine Phantasus^Verlag • München A es sieben Minuten vor zwölf war, kam Wendelin in den Vorsaal des ersten Stockes und rührte dasTamtam. Breit? beinig, in seinen veilchenfarbenen Kniehosen, stand er auf einem alters? blassen Gebetsteppich und bearbeitete das Metall mit dem Klöppel. Der erzene Lärm, wild, kanni? balisch und übertrieben für seinen Zweck, drang überall hin: in die Salons zur Rechten und Lin? ken, den Billardsaal, die Bibliothek, denWinter? garten, hinab und hinauf durch das ganze Haus, dessen gleichmäßig erwärmte Atmosphäre durch? aus mit einem süßen und exotischen Parfüm ge? schwängert war. Endlich schwieg er, und Wen? delin ging noch sieben Minuten lang anderen Geschäften nach, indes Florian imEßsaal die letzte Hand an den Frühstückstisch legte. Aber Schlag zwölf Uhr ertönte die kriegerische Mahnung zum zweitenmal. Und hierauf erschien man. Herr Aarenhold kam mit kurzen Schritten aus der Bibliothek, wo er sich mit seinen alten Drucken 5 beschäftigt hatte. Er erwarb beständig literarische Altertümer, Ausgaben erster Hand in allen Spra* chen, kostbare und moderige Scharteken. Indem er sich leise die Hände rieb, fragte er in seiner gedämpften und ein wenig leidenden Art: „Ist Beckerath noch nicht da?“ „Nun, er wird kommen. Wie wird er nicht kommen? Er spart ein Frühstück im Restaurant,“ antwortete Frau Aarenhold, indem sie auf dem dik* ken Läufer geräuschs los über die Treppe kam, auf deren Absatz eine kleine, uralte Kir* chenorgel stand. Herr Aarenhold blinzelte. Seine Frau war unmög# lieh. Sie war klein, häßlich, früh gealtert und wie unter einer fremden, heißeren Sonne verdorrt. Eine Kette von Brillanten lag auf ihrer eingefal* lenen Brust. Sie trug ihr graues Haar in vielen Schnörkeln und Ausladungen zu einer umstände liehen und hochgebauten Coiffure angeordnet, 6 in welcher, irgendwo seitwärts, eine große, farbig funkelnde und ihrerseits mit einem weißen Feder* büschel gezierte Brillant*Agraffe befestigt war. Herr Aarenhold und die Kinder hatten ihr diese Haartracht mehr als einmal mit gut gesetzten Worten verwiesen. Aber Frau Aarenhold bestand mit Zähigkeit auf ihren Geschmack. Die Kinder kamen. Es waren Kunz und Märit, Siegmund und Sieglind. Kunz war in betreßter Uniform, ein schöner, brauner Mensch mit auf* geworfenen Lippen und einer gefährli* chen Hiebnarbe. Er übte sechs Wochen bei seinemHusaren* regiment. Märit er* schien in mieder* losemGewande. Sie war aschblond, ein strenges Mädchen von acht* undzwanzig mit Hakennase, grauen Raubvogel* äugen und einem bittern Munde. Sie studierte die Rechte und ging mit einem Ausdruck von Verachtung durchaus ihre eigenen Wege. Siegmund und Sieglind kamen zuletzt, Hand in 9 o V'./: Hand, aus dem zweiten Stock. Sie waren Zwil* linge und die Jüngsten: grazil wie Gerten und kindlich von Wuchs bei ihren neunzehn Jahren. Sie trug ein bordeauxrotes Samtkleid, zu schwer für ihre Gestalt und im Schnitt der florentinischen Mode von Fünfzehnhundert sich nähernd. Er trug einen grauen Jackett*Anzug mit einer Kra* watte aus himbeerfarbener Rohseide, Lackschuhe an seinen schlanken Füßen und Manschetten* knöpfe, die mit kleinen Brillanten besetzt waren. Sein starker, schwarzer Bartwuchs war rasiert, so daß auch seinem mageren und fahlen Gesicht mit den schwarz zusammengewachsenen Brauen das Ephebenhafte seiner Gestalt gewahrt blieb. Sein Kopf war mit dichten, schwarzen, gewalt* sam auf der Seite gescheitelten Locken bedeckt, die ihm weit in die Schläfen wuchsen. In ihrem dunkelbraunen Haar, das in tiefem, glatten Schei* tel über die Ohren frisiert war, lag ein goldener Reif, von dem in ihre Stirn hinab eine große Perle hing, — ein Geschenk von ihm. Um eines seiner knabenhaften Handgelenke lag eine gewichtige goldene Fessel,—ein Geschenk von ihr. Sie waren einander sehr ähnlich. Sie hatten dieselbe ein 10 wenig niedergedrückte Nase, dieselben voll und weich aufeinander ruhenden Lippen, hervortre* tenden Wangenknochen, schwarzen und blanken Augen. Aber am meisten glichen sich ihre langen und schmalen Hände,— dergestalt, daß die seinen keine männlichere Form, nur eine rötlichere Fär* bung aufwiesen, als die ihren. Und sie hielten ein* ander beständig daran, worin sie nicht störte, daß ihrer beider Hände zum Feuchtwerden neigten... Man stand eine Weile auf den Teppichen in der Halle und sprach fast nichts. End* lieh kam von Bek* kerath, der Ver* lobte Sieglindens. Wendelin öffnete ihm die Flurtüre, und er kam her* ein in schwarzem Schoßrock und entschuldigte sein Zuspätkommen 11 nach allen Seiten. Er war Verwaltungsbeamter und von Familie, — klein, kanariengelb, spitz* bärtig und von eifriger Artigkeit. Bevor er einen Satz begann, zog er rasch die Luft durch den offenen Mund ein, indem er das Kinn auf die Brust drückte. Er küßte Sieglinden die Hand und sagte: „Ja, entschuldigen auch Sie, Sieglinde! Der Weg vom Ministerium zumTiergarten ist so weit...“ Er durfte sie noch nicht duzen; sie liebte das nicht. Sie antwortete ohne Zögern: „Sehr weit. Und wie nun übrigens, wenn Sie in Anbetracht dieses Weges Ihr Ministerium ein wenig früher verließen?“ Kunz fügte hinzu, und seine schwarzen Augen wurden zu blitzenden Ritzen: „Das würde von entschieden befeuernder Wir* kung auf den Gang unseres Hauswesens sein.“ „Ja, mein Gott... Geschäfte...“ sagte von Becke* rath matt. Er zählte fünfunddreißig Jahre. Die Geschwister hatten mundfertig und mit scharfer Zunge gesprochen, scheinbar im An* griff und doch vielleicht nur aus eingeborener Abwehr, verletzend und wahrscheinlich doch 12 nur aus Freude am guten Wort, so daß es pedan* tisch gewesen wäre, ihnen gram zu sein. Sie ließen seine arme Antwort gelten, als fänden sie, daß sie ihm angemessen sei und daß seine Art die Wehr des Witzes nicht nötig habe. Man ging zuTische, voran Herr Aarenhold, der Herrn von Beckerath zeigen wollte, daß er Hunger habe. Sie setzten sich, sie entfalteten die steifen Ser* vietten. In dem ungeheuren, mit Teppichen be* legten und rings mit einer Boiserie aus dem acht* zehnten Jahrhundert bekleideten Speisesaal, von dessen Decke drei elektrische Lüstres hingen, verlor sich der Familientisch mit den sieben Per* sonen. Er war an das große, bis zum Boden rei* chende Fenster gerückt, zu dessen Füßen, hinter niedrigem Gitter, der zierliche Silberstrahl eines Springbrunnens tänzelte und das einen weiten Blick über den noch winterlichen Garten bot. Gobelins mit Schäfer* Idyllen, die wie die Täfe* lung vor Zeiten ein französisches Schloß ge* schmückt hatten, bedeckten den oberen Teil der Wände. Man saß tief am Tische, auf Stühlen, deren breite und nachgiebige Polster mit Gobe* lins bespannt waren. Auf dem starken, blitzend 15 weißen und scharf gebügelten Damast stand bei jedem Besteck ein Spitzglas mit zwei Orchideen. Herr Aarenhold befestigte mit seiner hageren und vors sichtigen Hand das Pincenez auf halber Höhe seiner Nase und las mit argwöhni* scher Miene das Menü, das in drei Exemplaren auf demTische lag. Er litt an einer Schwäche des Sonnengeflechts, jenes Nervenkomplexes, der sich unterhalb des Magens befindet und die Quelle schwerer Mißhelligkeiten werden kann. Er " x war daher gehal* ten, zu prüfen, was er zu sich nahm. Es gab Fleisch* brühe mit Rin* dermark, Sole au vin blanc, Fasan und Ananas. Nichts weiter. Es war ein Familienfrühstück. Aber Herr Aarenhold war zufrieden: es waren 16 \s gute, bekömmliche Sachen. Die Suppe kam. Eine Winde, die ins Büfett mündete, trug sie geräusch* los aus der Küche herab, und die Diener reichten sie um den Tisch, gebückt, mit konzentrierter Miene, in einer Art Leidenschaft des Dienens. Es waren winzige Täßchen aus zartestem durch* schimmerndem Porzellan. Die weißlichen Mark* klümpchen schwammen in dem heißen, gold* gelben Saft. Herr Aarenhold fand sich durch die Erwärmung angeregt, ein wenig Luft aufzubringen. Mit be* hutsamen Fingern führte er die Serviette zum Munde und suchte nach einer Ausdrucksmög* lichkeit für das, was ihm den Geist bewegte. „Nehmen Sie noch einTäßchen, Beckerath,“ sagte er. „Das nährt. Wer arbeitet, hat das Recht, sich zu pflegen und zwar mit Genuß... Essen Sie eigentlich gern? Essen Sie mit Vergnügen? Wo nicht, desto schlimmer für Sie. Mir ist jede Mahl* zeit ein kleines Fest. Jemand hat gesagt, das Leben sei doch schön, da es so eingerichtet sei, daß man täglich viermal essen könne. Er ist mein Mann. Aber um diese Einrichtung würdigen zu können, dazu gehört eine gewisse Jugendlichkeit und 17 Dankbarkeit, die sich nicht jeder zu erhalten versteht... Man wird alt, gut, daran ändern wir nichts. Aber worauf es ankommt, ist, daß die Dinge einem neu bleiben, und daß man sich eigentlich an nichts gewöhnt... Da sind nun,“ fuhr er fort, indem er ein wenig Rindermark auf einen Semmelbrocken bettete und Salz darauf streute, „IhreVerhältnisse im Begriffe, sich zu ändern; das Niveau Ihres Daseins soll sich nicht unwesentlich erhöhen.“ (VonBeckerath lächelte.) „Wenn Sie Ihr Leben genießen wollen, wahrhaft genießen, bewußt, künstlerisch, so trachten Sie, sich niemals an die neuen Umstände zu gewöh* nen. Gewöhnung ist der Tod. Sie ist der Stumpf* sinn. Leben Sie sich nicht ein, lassen Sie sich nichts selbstverständlich werden, bewahren Sie sich einen Kindergeschmack für die Süßigkeiten des Wohlstandes. Sehen Sie... Ich bin nun seit manchem Jahr in der Lage, mir einige Annehm* lichkeiten des Lebens zu gönnen;“ (von Becke* rath lächelte) „und doch versichere ich Sie, daß ich noch heute jeden Morgen, den Gott werden läßt, beim Erwachen ein wenig Herzklopfen habe, weil meine Bettdecke aus Seide ist. Das ist 18 Jugendlichkeit... Ich weiß doch, wie ichs ge* macht habe; und doch, ich kann um mich blicken wie ein verwunschener Prinz.. Die Kinder tauschten Blicke, jedes mit jedem und so rücksichtslos, daß Herr Aarenhold nicht ums hin konnte, es zu bemerken und sichtlich inVer* legenheit geriet. Er wußte, daß sie einig gegen ihn waren und daß sie ihn verachteten: für seine Herkunft, für das Blut, das in ihm floß und das sie von ihm empfangen, für die Art, in der er seinen Reichtum erworben, für seine Liebhaber reien, die ihm in ihren Augen nicht zukamen, für seine Selbstpflege, auf die er ebenfalls kein Recht haben sollte, für seine weiche und dichte* rische Geschwätzigkeit, der die Hemmungen des Geschmackes fehlten... Er wußte es und gab ihnen gewissermaßen recht; er war nicht ohne Schuldbewußtsein ihnen gegenüber. Aber zu* letzt mußte er seine Persönlichkeit behaupten, mußte sein Leben führen und auch davon spre* chen dürfen, namentlich dies. Er hatte ein Recht darauf, hatte nachgewiesen, daß er der Betrach* tung wert war. Er war ein Wurm gewesen, eine Laus, jawohl; aber eben die Fähigkeit, dies so 19 * & y m inbrünstig und selbstverachtungsvoll zu empfing den, war zur Ursache jenes zähen und niemals genügsamen Strebens geworden, das ihn groß gemacht hatte... Herr Aarenhold war im Osten an entlegener Stätte geboren, hatte eines begüter? ten Händlers Tochter geehelicht und vermittelst einer kühnen und klugen Unternehmung, groß* artiger Machenschaften, welche ein Bergwerk, den Aufschluß eines Kohlenlagers zum Gegenstand gehabt hatten, einen gewaltigen und unversieg* liehen Goldstrom in seine Kasse gelenkt... Das Fischgericht stieg hernieder. Die Diener eilten damit vom Büfett durch die Weite des Saales. Sie reichten die cremeartige Sauce dazu und schenkten Rheinwein, der leis auf der Zunge prickelte. Man sprach von Sieglindens und Becke* raths Hochzeit. Sie stand nahe bevor, in achtTagen sollte sie statt* finden. Man erwähnte der Aussteuer, man ent* warf die Route der Hochzeitsreise nach Spanien. Eigentlich erörterte Herr Aarenhold allein diese Gegenstände, von seiten von Beckeraths durch eine artige Fügsamkeit unterstützt. Frau Aaren* hold speiste gierig und antwortete, nach ihrer 20 Art, ausschließlich mit Gegenfragen, die wenig förderlich waren. Ihre Rede war mit sonderbaren und an Kehllauten reichen Worten durchsetzt, Ausdrücken aus dem Dialekt ihrer Kindheit. Märit war voll schweigenden Widerstandes gegen die kirchliche Trauung, die in Aussicht genom# men war und die sie in ihren vollständig aufs geklärten Überzeugungen beleidigte. Übrigens stand auch Herr Aarenhold dieserTrauung kühl gegenüber, da von Beckerath Protestant war. Eine protestantischeTrauung sei ohne Schönheitswert. Ein anderes, wenn von Beckerath dem katholi# sehen Bekenntnis angehört hätte. — Kunz blieb stumm, weil er sich in von Beckeraths Gegenwart an seiner Mutter ärgerte. Und weder Siegmund noch Sieglind leg* . . i den Stühlen an ten Teilnahme an Tw/ ihren schmalen und denTag. Sie hielten j)i(y 2 ' feuchten Händen, einander zwischen «Jf* Zuweilen fanden sich ihre Blicke, verschmolzen, schlossen ein Eins vernehmen, zu dem es von außen nicht Wege noch Zugang gab. Von Beckerath saß an Sieg# lindens anderer Seite. „Fünfzig Stunden,“ sagte Herr Aarenhold, „und 21 Sie sind inMadrid, wenn Sie wollen. Man schreitet fort, ich habe auf dem kürzesten Wege sechzig gebraucht... Ich nehme an, daß Sie den Landweg dem Seewege von Rotterdam aus vorziehen?“ Von Beckerath zog den Landweg eilfertig vor. „Aber sie werden Paris nicht links liegen lassen. Sie haben die Möglichkeit, direkt über Lyon zu fahren... Sieglinde kennt Paris. Aber Sie sollten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen... Ich stelle Ihnen anheim, ob Sie vorher Aufenthalt nehmen wollen. Die Wahl des Ortes, wo Ihnen der Honigmond anbrechen soll, bleibt billig Ihnen selbst überlassen...“ Sieglinde wandte den Kopf, wandte ihn zum erstenmal ihrem Verlobten zu: unverhohlen und frei, ganz unbesorgt, ob jemand acht darauf habe. Sie sah in die artige Miene an ihrer Seite, groß und schwarz, prüfend, erwartungsvoll, fragend, mit einem glänzend ernsten Blick, der diese drei Sekunden lang begriff los redete, wie der eines Tieres. Doch zwischen den Stühlen hielt sie die schmale Hand ihres Zwillings, dessen zusammen? gewachsene Brauen an der Nasenwurzel zwei schwarze Falten bildeten... 22 Das Gespräch glitt ab, plänkelte eine Weile uns stät hin und her, berührte eine Sendung frischer Zigarren, welche, in Zink verschlossen, eigens für Herrn Aarenhold aus Habana eingetroffen waren, und zog dann Kreise um einen Punkt, eine Frage rein logischer Natur, die beiläufig von Kunz aufgeworfen war: ob nämlich, wenn a die notwendige und ausreichende Bedingung für b sei, auch b die notwendige und ausreichende Bes dingung für a sein müsse. Dies umstritt man, zersetzte es in Scharfsinn, brachte Beispiele bei, kam vom Hundertsten ins Tausendste, befehdete einander mit einer stählernen und abstrakten Dialektik und erhitzte sich nicht wenig. Märit hatte eine philosophische Unterscheidung, näm* lieh die zwischen dem realen und dem kausalen Grunde, in die Debatte eingeführt. Kunz erklärte, indem er mit erhobenem Kopfe auf sie hinab* redete, den „kausalen Grund“ für einen Pleonas* mus. Märit bestand mit gereizten Worten auf dem Rechte ihrer eigenen Terminologie. Herr Aaren* hold setzte sich zurecht, hob ein Brotstückchen zwischen Daumen und Zeigefinger empor und machte sich anheischig, das ganze zu erklären. 23 Er erlitt ein vollkommenes Fiasko. Die Kinder lachten ihn aus. Sogar Frau Aarenhold wies ihn zurück. „Was redest du?“ sagte sie. „Hast du’s gelernt? Wenig hast du gelernt!“ Und als von Beckerath das Kinn auf die Brust drückte und die Luft durch den Mund einzog, um seine Meis nung zu äußern, war man bereits bei etwas ans derem. Siegmund sprach. Er erzählte in ironisch gerührs temTone von der gewinnenden Einfalt und Nas turnähe eines Bekannten, der sich in Unwissens heit darüber erhalten habe, welches Kleidungss stück man fv$H bezeichne, als Jackett (. ^ Dieser Pars und weis ches als Smoking sifal rede von einem karrierten Smoking ... Kunz kannte einen noch bewegs licheren Fall von Unverdorbenheit. Er handelte von einem, der zum Five o’clock tea in Smoking erschienen sei. „Nachmittags im Smoking?“ sagte Sieglinde und verzog ihre Lippen... „Das tun doch sonst nur die Tiere.“ 24 Von Beckerath lachte eifrig, zumal sein Gewiss sen ihn mahnte, daß er selbst schon zu Tees im Smoking gegangen sei... Man kam so, beim Ges Hügel, von Fragen allgemein kultureller Natur auf Kunst zu sprechen: auf bildende Kunst, in der von Beckerath Kenner und Liebhaber war, auf Literatur und Theater, wofür im Hause Aarens hold die Neigung vorherrschte, obgleich sich Siegmund mit Malerei beschäftigte. Die Unterhaltung ward lebhaft und allgemein, die Kinder nahmen entscheidenden Anteil daran, sie sprachen gut, ihr Gebärdenspiel war nervös und anmaßend. Sie marschierten an der Spitze des Geschmacks und verlangten das äußerste. Sie gingen hinweg über das, was Absicht, Gesinnung, Traum und ringender Wille geblieben war, sie bestanden erbarmungslos auf dem Können, der Leistung, dem Erfolg im grausamen Wettstreit der Kräfte, und das sieghafte Kunststück war es, was sie ohne Bewunderung, doch mit Anerkenn nung begrüßten. Herr Aarenhold selbst sagte zu von Beckerath: „Sie sind sehr gutmütig, mein Lieber, Sie nehmen den guten Willen in Schutz. Resultate,—mein 25 I* pg U L# % |£ä V Freund! Sie sagen: Es ist zwar nicht ganz gut, was er macht, aber er war nur ein Bauer, bevor er zur Kunst ging; so ist auch dies schon erstaun;: lieh. Nichts da. Die Leistung ist absolut. Es gibt keine milderndenUmstände. Er mache, was ersten Ranges ist, oder er fahre Mist. Wie weit hätte ich es gebracht mit Ihrer dankbaren Gesinnung? Ich hätte mir sagen können: Du bist nur ein Lump, ursprünglich; ’s ist rührend, wenn du dich auf* schwingst zum eigenen Kontor. Ich säße nicht hier. Ich habe die Welt zwingen müssen, mich anzuerkennen, — nun also, auch ich will zur An* erkennung gezwungen sein. Hier ist Rhodus; belieben Sie gütigst, zu tanzen!“ Die Kinder lachten. Einen Augenblick verach* teten sie ihn nicht. Sie saßen tief und weich am Tische im Saal, in lässiger Haltung, mit launisch verwöhnten Mienen, sie saßen in üppiger Sicher* heit, aber ihre Rede ging scharf wie dort, wo es gilt, wo Helligkeit, Härte und N otwehr und wach* samer Witz zum Leben geboten sind. Ihr Lob war eine gehaltene Zustimmung, ihr Tadel, behend, geweckt und respektlos, entwaffnete im Hand* umdrehen, setzte die Begeisterung matt, machte 26 sie dumm und stumm. Sie nannten „sehr gut“ das Werk, das durch eine unverträumte Intellekt tualität vor jedem Einwand gesichert schien, und sie verhöhnten den Fehlgriff der Leidenschaft. Von Beckerath, zu einem unbewaffneten Enthu* siasmus geneigt, hatte schweren Stand,besonders, da er der ältere war. Er ward beständig kleiner auf seinem Stuhl, drückte das Kinn auf die Brust und atmete verstört durch den offenen Mund,bedrängt von ihrer lustigen Übermacht. Sie widersprachen auf jeden Fall, als schiene es ihnen unmöglich, kümmerlich, schimpflich, nicht zu widersprechen, sie widersprachen vorzüglich, und ihre Augen wurden zu blitzenden Ritzen dabei. Sie fielen über ein Wort her, ein einzelnes, das er gebraucht hatte, zerzausten es, verwarfen es,und trieben ein anderes auf, ein tötlich bezeichnendes, das schwirrte, traf und bebend im Schwarzen saß... Von Beckerath hatte rote Augen und bot einenderangierten An* blick, als das Frühstück zu Ende ging. Plötzlich — man streute sich Zucker auf die Ananasschnitten — sagte Siegmund und verzerrte nach seiner Art beim Sprechen das Gesicht wie jemand, den die Sonne blendet: 27 „Ach, hören Sie, Becke* rath, eh’ wir’s vergessen noch eins ... Sieglind und ich, wir nahen uns Ihnen in bittender Haltung.. Es ist die ,Walküre' heute im Opernhaus... Vir möchten sie, Sieglind und ich, noch einmal zusammen hören.... dürfen wir das? Es hängt natürlich von Ihrer Huld und Gnade ab ....“ „Wie sinnig!“ sagte Herr Aarenhold. Kunz trommelte auf dem Tischtuch den Rhyth* mus des Hunding*Motivs. Von Beckerath, bestürzt, daß man in irgendeiner 28 Sache nach seiner Erlaubnis verlangte, antwortete eifrig: „Aber, Siegmund, gewiß... und Sie, Sieglind... ich finde das sehr vernünftig... gehen Sie unbe* dingt... ich bin imstande und schließe mich an... Es ist eine vorzügliche Besetzung heute...“ Aarenholds beugten sich lachend über ihreTeller. Von Beckerath, ausgeschlossen und blinzelnd nach Orientierung ringend, versuchte, so gut es ging, sich an ihrer Heiterkeit zu beteiligen. Siegmund sagte vor allen Dingen: „Ach, denken Sie, ich finde die Besetzung schlecht. Im übrigen, seien Sie unserer Dankbarkeit wohl versehen; aber Sie haben uns mißverstanden. Sieglinde und ich, wir bitten, vor der Hochzeit noch einmal allein miteinander die ,Walküre' hören zu dürfen. Ich weiß nicht, ob Sie jetzt...“ „Aber natürlich ... Ich verstehe vollkommen. Das ist reizend. Sie müssen unbedingt gehen..." „Danke. Wir danken Ihnen sehr.—Dann lasse ich also Percy und Leiermann für uns anspannen.“ „Ich erlaube mir, Dir zu bemerken,“ sagte Herr Aarenhold, „daß Deine Mutter und ich zum Diner bei Erlangers fahren und zwar mit Percy 29 und Leiermann. Ihr werdet die Herablassung haben, Euch mit Baal und Zampa zu begnügen und das braune Coupe zu benützen.“ „Und Plätze?“ fragte Kunz... „Ich habe sie längst,“ sagte Siegmund und warf den Kopf zurück. Sie lachten, indem sie dem Bräutigam in die Augen sahen. Herr Aarenhold entfaltete mit spitzen Fingern die Hülse eines Belladonna*Pulvers und schüttete es sich behutsam in den Mund. Er zündete sich hierauf eine breite Zigarette an, die alsbald einen köstlichen Duft verbreitete. Die Diener sprangen herzu, die Stühle hinter ihm und Frau Aaren* hold fortzuziehen. Befehl erging, daß der Kaffee im Wintergarten gereicht werde. Kunz verlangte mit scharfer Stimme nach seinem Dogcart, um in die Kaserne zu fahren. Siegmund machte Toilette für die Oper und zwar seit einer Stunde. Ein außerordentliches und fort* währendes Bedürfnis nach Reinigung war ihm eigen, dergestalt, daß er einen beträchtlichen Teil des Tages vorm Lavoir verbrachte. Er stand jetzt 30 vor seinem großen, weißgerahmten Empire* Spiegel, tauchte den Puderquast in die getriebene Büchse und puderte sich Kinn und Wangen, die frisch rasiert waren; denn sein Bartwuchs war so stark, daß er, wenn er abends ausging, genötigt war, sich ein zweitesmal davon zu säubern. Er stand dort ein wenig bunt: in rosaseidenen Unterbeinkleidern und Socken, roten Saffian* Pantoffeln und einer dunkel gemusterten wattier* ten Hausjacke mit hellgrauen Pelzaufschlägen. Und um ihn war das große, ganz mit weißlak* kierten und vornehm praktischen Dingen aus* gestattete Schlafzimmer, hinter dessen Fenstern die nackten und nebeligen Wipfelmassen des Tiergartens lagen. Da es allzu sehr dunkelte, ließ er die Leucht* körper erglühen, die an dem weißen Plafond in großem Kreise angeordnet, das Zimmer mit einer milchigen Helligkeit erfüllten, und zog die samtnen Vorhänge vor die dämmernden Schei* ben. Das Licht ward aufgenommen von den was* serklaren Spiegeltiefen des Schrankes, desWasch* tisches, der Toilette; es blitzte in den geschlif* fenen Flakons auf den mit Kacheln ausgelegten 31 Borden. Und Siegmund fuhr fort, an sich zu arbeiten. Zuweilen bei irgendeinem Gedanken, bildeten seine zusammengewachsenen Brauen über der Nasenwurzel zwei schwarze Falten. Sein Tag war vergangen, wie seine Tage zu ver* gehen pflegten: leer und geschwinde. Da das Theater um halb sieben begann und da er schon um halb fünf begonnen hatte, sich umzukleiden, so hatte es kaum einen Nachmittag für ihn ge* geben. Nachdem er von zwei bis drei Uhr auf seiner Chaiselongue geruht, hatte er den Tee genommen und dann die überzählige Stunde ge* nützt, indem er, ausgestreckt in einem tiefen Le* derfauteuil des Arbeitszimmers, das er mit seinem Bruder Kunz teilte, in mehre* ren neu erschienenen Romanen je ein paar Seiten gelesen hatte. Er hatte diese Leistungen sämtlich erbärmlich schwach gefunden, immerhin aber ein paar davon zum Buchbinder gesandt, um 32 sie für seine Bibliothek künstlerisch binden zu lassen. Übrigens hatte er vormittags gearbeitet. Er hatte die Morgenstunde von zehn bis elf Uhr in dem Atelier seines Professors verbracht. Dieser Pro* fessor, ein Künstler von europäischem Ruf, bildete Siegmunds Talent im Zeichnen und Malen aus und erhielt von Herrn Aarenhold zweitausend Mark für den Monat. Es war gleichwohl zum Lächeln, was Siegmund malte. Er wußte es selbst und war weit entfernt, feurige Erwartungen in sein Künstlertum zu setzen. Er war zu scharfsinnig, um nicht zu begreifen, daß die Bedingungen seines Daseins für die Entwickelung einer gestalt tenden Gabe nicht eben die günstigsten waren. Die Ausstattung des Lebens war so reich, so vielfach, so überladen, daß für das Leben selbst beinahe kein Platz blieb. Jegliches Stück dieser Ausstattung war so kostbar und schön, daß es sich anspruchsvoll über seinen dienenden Zweck erhob, verwirrte, Aufmerksamkeit verbrauchte. Siegmund war in den Überfluß hinein geboren, er war seiner ohne Zweifel gewohnt. Und den* noch bestand die Tatsache, daß dieser Überfluß 33 nie aufhörte, ihn zu beschäftigen und zu erregen, ihn mit beständiger Wollust zu reizen. Es erging ihm darin, ob er wollte oder nicht, wie Herrn Aarenhold, der die Kunst übte, sich eigentlich an nichts zu gewöhnen ... Er liebte zu lesen, trachtete nach dem Wort und dem Geist, als nach einem Rüstzeug, auf das ein tiefer Trieb ihn verwies. Aber niemals hatte er sich an ein Buch hingegeben und verloren, wie es geschieht, wenn einem dies eine Buch als das wichtigste, einzige gilt, als die kleine Welt, über die man nicht hinausblickt, in die man sich ver* schließt und versenkt, um Nahrung noch aus der letzten Silbe zu saugen. Die Bücher und Zeit# Schriften strömten herzu, er konnte sie alle kaufen, sie häuften sich um ihn, und während er lesen wollte, beunruhigte ihn die Menge des noch zu lesenden. Aber die Bücher wurden gebunden. In gepreßtem Leder, mit Siegmund Aarenholds schönem Zeichen versehen, prachtvoll und selbst* genügsam standen sie da und beschwerten sein Leben wie ein Besitz, den sich zu unterwerfen ihm nicht gelang. Der Tag war sein, war frei, war ihm geschenkt 34 mit allen seinen Stunden von Sonnenaufgang bis Untergang; und dennoch fand Siegmund in seinem Innern keine Zeit zu einem Wollen, geschweige zu einem Vollbringen. Er war kein Held, er gebot nicht über Riesenkräfte. Die Vor? kehrungen, die luxuriösen Zurüstungen zu dem, was das Eigentliche und Ernste sein mochte, ver? brauchten, was er einzusetzen hatte. Wieviel Um? sicht und Geisteskraft ging nicht auf bei einer gründlichen und vollkommenen Toilette, wie? viel Aufmerksamkeit in der Überwachung seiner Garderobe, seines Bestandes anZigaretten, Seifen, Parfüms, wieviel Entschlußfähigkeit in jenem zwei oder dreimal täglich wiederkehrenden Au? genblick, da es galt, die Krawatte zu wählenl Und es galt. Es lag daran. Mochten die blonden Bürger des Landes unbekümmert in Zugstiefe? letten und Klappkrägen gehen. Er gerade, er mußte unangreifbar und ohne Tadel an seinem Äußeren sein vom Kopf bis zu Füßen ... Am Ende, niemand erwartete mehr von ihm, als dies. Zuweilen, in Augenblicken, wenn eine Un? ruhe um das, was das „Eigentliche“ sein mochte, sich schwach in ihm regte, empfand er, wie dieser 35 Mangel an fremder Erwartung sie wieder lähmte und löste ... Die Zeiteinteilung im Hause war unter dem Gesichtspunkte getroffen, daß der Tag schnell und ohne fühlbare Stundenleere verstreb chen möge. Stets rückte rasch die nächste Mahl* zeit heran. Man dinierte vor sieben; der Abend, die Zeit des Müßigganges mit gutem Gewissen, war lang. Die Tage entschwanden, und so hur* tig kamen und gingen die Jahreszeiten. Man Ä ^ o.' verbrachte zwei Sommermonate in dem Schloß* chen am See, dem weiten und prangenden Garten mit denTennis*Plätzen, den kühlen Parkwegen und den Bronzestatuen auf dem geschorenen Rasen, — den dritten am Meere, im Hochgebirg, in Gasthöfen, die den Hausstand daheim an Aufwand zu überbieten suchten ... An einigen Wintertagen hatte er sich vor kurzem noch zur Hochschule fahren lassen, um ein zu be* quemer Stunde stattfindendes Kolleg über Kunst* geschichte zu hören; er besuchte es nicht mehr, da die Herren, die außer ihm daran teilnahmen, 36 dem Urteil seiner Geruchsnerven nach bei weitem nicht genug badeten... Statt dessen ging er mit Sieglinde spazieren. Sie war an seiner Seite gewesen seit fernstem Anbe* ginn, sie hing ihm an, seit beide die ersten Laute gelallt, die ersten Schritte getan, und er hatte keinen Freund, nie einen gehabt, als sie, die mit ihm geboren, sein kostbar geschmücktes, dunkel liebliches Ebenbild, dessen schmale und feuchte Hand er hielt, während die reich behangenen Tage mit leeren Augen an ihnen vorüberglitten. Sie nahmen frische Blumen auf ihre Spaziergänge mit, ein Veilchen*, ein Maiglocken*Sträußchen, daran sie abwechselnd rochen, zuweilen auch beide zugleich. Sie atmeten im Gehen den hol* den Duft mit wollüstiger und fahrlässiger Hin* gäbe, pflegten sich damit wie egoistische Kranke, berauschten sich wie Hoffnungslose, wiesen mit einer inneren Gebärde die übelriechende Welt von sich weg und liebten einander um ihrer erlesenen Nutzlosigkeit willen. Aber was sie sprachen, war scharf und funkelnd gefügt; es traf die Menschen, die ihnen begegneten, die Dinge, die sie gesehen, gehört, gelesen hatten und die 37 von anderen gemacht waren, von jenen, die dazu da waren, dem Wort, der Bezeichnung, dem witzigen Widerspruch ein Werk auszusetzen... Dann war von Beckerath gekommen, im Minis sterium tätig und von Familie. Er hatte um Siegs lind geworben und dabei die wohlwollende Neutralität Herrn Aarenholds, die Fürsprache Frau Aarenholds, die eifernde Unterstützung Kunzens, des Husaren, auf seiner Seite gehabt. Er war geduldig, beflissen und von unendlicher Artigkeit gewesen. Und endlich, nachdem sie ihm oft genug gesagt, daß sie ihn nicht liebe, hatte Sieglind begonnen, ihn prüfend, erwars tungsvoll, stumm zu betrachten, mit einem gläns zend ernsten Blick, der begrifflos redete, wie der einesTieres — und hatte Ja gesagt. Und Siegmund selbst, dem sie untertan war, hatte an diesem Auss gang teil, er verachtete sich, aber er war dem nicht entgegen gewesen, weil von Beckerath im Ministerium tätig und von Familie war ... Zu* weilen, während er an seiner Toilette arbeitete, bildeten seine zusammengewachsenen Brauen über der Nasenwurzel zwei schwarze Falten... Er stand auf dem Eisbärfell, das vor dem Bette 38 seine Tatzen ausstreckte und in dem seine Füße verschwanden, und nahm das gefaltete Frack* hemd, nachdem er sich gänzlich mit einem aro* matischen Wasser gewaschen. Sein gelblicher Oberkörper, über den das gestärkte und schim* mernde Leinen glitt, war mager wie der eines Knaben und dabei zottig von schwarzem Haar. Er bekleidete sich weiter mit schwarzseidenen dern mit silbernen ken von schwarzer Seide und schwär* zen Strumpfbän* Schnallen, legte die gebügelten Bein* kleider an, deren schwarzes Tuch seidig schimmerte, befestigte weißseidene Hosenträger über seinen schmalen Schultern und fing an, den Fuß auf einen Schemel gestellt, die Knöpfe seiner Lackstiefel zu schlies* sen. — Es klopfte. „Darf ich kommen, Gigi?“ fragte Sieglinde draußen... „Ja, komm,“ antwortete er. Sie trat ein, schon fertig. Sie trug ein Kleid aus see* grüner, glänzender Seide, dessen eckiger Haisaus* schnitt von einer breiten ecru*Stickerei umgeben war. Zwei gestickte Pfauen, einander zugewandt, 39 hielten oberhalb des Gürtels in ihren Schnäbeln eine Guirlande. Sieglindens tiefdunkles Haar war nun ohne Schmuck; aber an einer dünnen Perlenkette lag ein großer, eiförmiger Edelstein auf ihrem bloßen Halse, dessen Haut die Farbe angerauchten Meerschaums hatte. Über ihrem Arm hing ein schwer mit Silber durchwirktes Tuch. „Ich verhehle dir nicht,“ sagte sie, „daß der Wagen wartet.“ „Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß er sich noch zwei Minuten gedulden wird,“ sagte er, Schlag auf Schlag. Es wurden zehn Minuten. Sie saß auf der weißsamtnen Chaiselongue und sah ihm zu, der eifriger arbeitete. Er wählte aus einem Farbenwust von Krawatten ein weißes Piqueband und begann, es vorm Spiegel zur Schleife zu schlingen. „Beckerath,“ sagte sie, „trägt auch die farbigen Krawatten immer noch quer gebunden, wie es voriges Jahr Mode war.“ „Beckerath,“ sagte er, „ist die trivialste Existenz, in die ich Einblick gewonnen habe.“ Dann fügte er, sich nach ihr um wendend, hinzu und verzerrte 40 dabei sein Gesicht wie jemand, den die Sonne blendet: „Übrigens möchte ich dich bitten, dieses Ger? manen im Laufe des heutigen Abends nicht mehr Erwähnung zu tun.“ Sie lachte kurz auf und antwortete: „Du kannst dich versichert halten, daß mir das unschwer gelingen wird.“ Er legte die tief ausgeschnittene Pique?Weste an und zog darüber den Frack, den fünfmal pro? bierten Frack, dessen weichseidenes Futter den Händen schmeichelte, während sie durch die Ärmel glitten. „Laß sehen, welche Knopfgarnitur du genom? men hast,“ sagte Sieglind und trat zu ihm hin. Es war die Amethystgarnitur. Die Knöpfe des Hemdeinsatzes, der Manschetten, der weißen Weste waren von gleicher Art. Sie betrachtete ihn mit Bewunderung, mit Stolz, mit Andacht, — eine tiefe, dunkle Zärtlichkeit in ihren blanken Augen. Da ihre Lippen so weich aufeinander ruhten, küßte er sie darauf. Sie setz? ten sich auf die Chaiselongue, um noch einen Augenblick zu kosen, wie sie es liebten. 43 „Ganz, ganz weich bist du wieder,“ sagte sie und streichelte seine rasierten Wangen. „Wie Atlas fühlen sich deine Ärmchen an,“ sagte er und ließ seine Hand über ihren zarten Unters arm gleiten, während er zugleich den Veilchens hauch ihres Haares atmete. Sie küßte ihn auf seine geschlossenen Augen; er küßte sie auf den Hals, zur Seite des Edels steins. Sie küßten einander die Hände. Mit einer süßen Sinnlichkeit liebte jedes das andere um seiner verwöhnten und köstlichen Gepflegtheit und seines guten Duftes willen. Schließlich spiels ten sie wie kleine Hunde, die sich mit den Lippen beißen. Dann stand er auf. „Wir wollen heut nicht zu spät kommen,“ sagte er. Er drückte noch den Mund des Parfümfläsch* chens auf seinTaschentuch, verrieb einenTropfen in seinen schmalen und roten Händen, nahm die Handschuhe und erklärte, fertig zu sein. Er löschte das Licht und sie gingen: den rötlich erhellten Korridor entlang, wo dunkle, alte Ge* mälde hingen, und vorbei an der Orgel dieTrep* pen hinunter. In der Vorhalle des Erdgeschosses stand Wendelin, riesengroß in seinem langen, 44 gelben Paletot, und wartete mit den Mänteln. Sie ließen sie sich anlegen. Sieglindens dunkles Köpfchen ver* schwand zur Hälfte in dem Silbers fuchskragen des ihren. Sie gingen, gefolgt von dem Diener, durch den steinernen Flur und traten hinaus. Es war mild und schneite etwas, im weißlichen Licht, in großen, fetzenartigen Flocken. Das Coupe hielt dicht am Hause. Der Kutscher, die Hand am Rosettenhut, hielt sich ein wenig vom Bocke geneigt, indes Wendelin das Einsteigen der Geschwister überwachte. Dann klappte der Schlag, Wendelin schwang sich zum Kutscher, und der Wagen, sofort in schneller Gangart, knirschte über den Kies des Vorgartens, glitt durch die hohe und weit geöffnete Gatterpforte, bog in geschmeidiger Kurve rechtsum und rollte dahin... Der kleine, weiche Raum, darin sie saßen, war sanft durchwärmt. „Soll ich schließen?“ fragte Siegmund ... Und da sie zustimmte, zog er die braunseidenen Vors hänge vor die geschliffenen Scheiben. 47 Sie waren im Herzen der Stadt. Lichter stoben hinter den Gardinen vorbei. Rings um den taktfest hurtigen Hufschlag ihrer Pferde, um die lautlose Geschwindigkeit ihres Wagens, der sie federnd über Unebenheiten des Bodens trug, brauste, gellte und dröhnte das Triebwerk des großen Lebens. Und abgeschlossen davon,weich* lieh bewahrt davor, saßen sie still in den gesteppt ten, braunseidenen Polstern, — Hand in Hand. 48 Der Wagen fuhr vor und stand. Wendelin war am Schlage, um ihnen beim Aussteigen dienlich zu sein. In der Helligkeit der Bogenlampen sahen graue, frierende Leute ihrer Ankunft zu. Sie gingen zwischen ihren forschenden und gehas* sigen Blicken hindurch, gefolgt von dem Diener, durch das Vestibül. Es war schon spät, schon still. Sie stiegen die Freitreppe empor, warfen ihre Überkleider auf Wendelins Arm, verweilten eine Sekunde nebeneinander vor einem hohen Spiegel und traten durch die kleine Logentür in den Rang. Das Klappen der Sessel, das letzte Auf* brausen des Gesprächs vor der Stille empfing sie. In dem Augenblick, da der Theaterdiener die Samt?Lehnsessel unter sie schob, hüllte der Saal sich in Dunkelheit, und mit einem wilden Akzent setzte drunten das Vorspiel ein. Sturm, Sturm... Auf leichte und schwebend be* günstigte Art hieher gelangt, unzerstreut, unab* genutzt von Hindernissen, von kleinen verstimm menden Widrigkeiten, waren Siegmund und Sieglind sofort bei der Sache. Sturm und Ges witterbrunst, Wetterwüten im Walde. Der rauhe Befehl des Gottes erschallte, wiederholte sich, 51 verzerrt vor Zorn, und gehorsam krachte der Donner darein. Der Vorhang flog auf, wie vom Sturm auseinandergeweht. Der heidnische Saal war da, mit der Glut des Herdes im Dunklen, dem ragenden Umriß des Eschenstammes in der Mitte. Siegmund, ein rosiger Mann mit brotfarbenem Bart, erschien in der hölzernenTür und lehnte sich verhetzt und erschöpft ge= gen den Pfosten. Dann trugen seine starken, mit Fell und Ries men umwickelten Beine ihn in tragisch schleppenden Schritten nach vorn. Seine blauen Augen unter den blonden Brauen, dem blonden Stirngelock seiner Pes rücke, waren gebrochenen Blicks, wie bittend, auf den Kapellmeister gerichtet; und endlich wich die Musik zurück, setzte aus, um seine Stimme hören zu lassen, die hell und ehern klang, ob* gleich er sie keuchend dämpfte. Er sang kurz, daß er rasten müsse, wem immer der Herd gehöre; und beim letzten Wort ließ er sich schwer auf das Bärenfell fallen und blieb liegen, das Haupt auf 52 den fleischigen Arm gebettet. Seine Brust arbei* tete im Schlummer. Eine Minute verging, ausgefüllt von dem singen* den, sagenden, kündenden Fluß der Musik, die zu den Füßen der Ereignisse ihre Flut dahin* wälzte.... Dann kam Sieglinde von links. Sie hatte einen alabasternen Busen, der wunderbar in dem Ausschnitt ihres mit Fell behangenen Müsse* linkleides wogte. Mit Staunen gewahrte sie den fremden Mann; und so drückte sie das Kinn auf die Brust, daß es sich faltete, stellte formend die Lippen ein und gab ihm Ausdruck, diesem Er* staunen, inTönen, die weich und warm aus ihrem weißen Kehlkopf emporstiegen und die sie mit der Zunge, dem beweglichen Munde gestaltete... Sie pflegte ihn. Zu ihm gebeugt, daß ihre Brust aus dem wilden Fell ihm entgegenblühte, reichte sie ihm mit beiden Händen das Horn. Er trank. Rührend sprach die Musik von Labsal und kühler Wohltat. Dann betrachteten sie einander mit einem ersten Entzücken, einem ersten, dunklen Erkennen, schweigend dem Augenblick hinge* geben, der unten als tiefer, ziehender Sang er* tönte.... 55 Sie brachte ihm Meth, berührte zuerst das Horn mit den Lippen und sah dann zu, wie er lange trank. Und wieder sanken ihre Blicke ineinander, wieder zog und sehnte sich drunten die tiefeMelo? die.... Dann brach er auf, verdüstert, in schmerz? licher Abwehr, ging, indem er seine nackten Arme hängen ließ, zurTür, um sein Leid, seine Einsam? keit, sein verfolgtes, verhaßtes Dasein von ihr fort, zurück in die Wildnis zu tragen. Sie rief ihn, und da er nicht hörte, ließ sie sich rücksichtslos, mit erhobenen Händen, das Geständnis ihres eignen Unheils entfahren. Er stand. Sie senkte die Augen. Zu ihren Füßen sprach es dunkel erzählend von Leid, das beide verband. Er blieb. Mit gekreuzten Armen stand er vor dem Herd, des Schicksals gewärtig. Hunding kam, bauchig und x?beinig wie eine Kuh. Sein Bart war schwarz, mit braunen Zotten durchsetzt. Sein geharnischtes Motiv kündigte ihn an, und er stand da, finster und plump auf seinen Speer gelehnt, und blickte mit Büffelaugen auf den Gast, dessen Gegenwart er dann, aus einer Art wilder Gesittung, gut und willkommen hieß. Sein Baß war rostig und kolossal. 56 Sieglinde rüstete den Abendtisch; und während sie schaffte, ging Hundings langsamer und miß? trauischer Blick hin und her zwischen ihr und dem Fremden. Dieser Tölpel sah sehr wohl, daß sie einander glichen, von ein und derselben Art waren, jener ungebundenen, widerspenstigen und außerordentlichen Art, die er haßte und der er sich nicht gewachsen fühlte.... Dann saßen sie nieder, und Hunding stellte sich vor, erklärte einfach und mit zwei Worten seine einfache, ordnungsgemäße und in der allgemei? nen Achtung ruhende Existenz. Er zwang aber Siegmund so, sich ebenfalls bekannt zu geben, was ungleich schwieriger war. Doch Siegmund sang — sang hell und wunderschön von seinem Leben und Leiden und wie zu Zwei er zur Welt gekommen, eine Zwillingsschwester und er ... legte sich, nach der Art von Leuten, die ein wenig vorsichtig sein müssen, einen falschen Namen bei und kündete ausgezeichnet von dem Haß, der Scheelsucht, womit man seinen fremdartigen Vater und ihn verfolgt, von dem Brand ihres Saales, dem Entschwinden der Schwester, von dem vogelfreien, gehetzten, verrufenen Dasein 57 des Alten und Jungen im Walde und wie er zu* letzt auch des Vaters geheimnisvollerweise ver# lustig geworden sei.... Und dann sang Siegmund das Schmerzlichste: seinen Drang zu den Mens sehen, seine Sehnsucht und seine unendliche Eins samkeit. Um Männer und Frauen, sang er, um Freundschaft und Liebe habe er geworben und sei doch immer zurückgestoßen worden. Ein Fluch habe auf ihm gelegen, das Brandmal seiner selts samen Herkunft ihn immer gezeichnet. Seine Sprache sei nicht die der anderen gewesen und ihre nicht seine. Was ihm gut geschienen, habe die Mehrzahl gereizt, was jenen in alten Ehren gestanden, habe ihm Galle gemacht. In Streit und Empörung habe er gelegen, immer und überall, Verachtung und Haß und Schmähung sei ihm im Nacken gewesen, weil er von fremder, von hoffnungslos anderer Art, als die andern ... Es war so überaus kennzeichnend für Hunding, wie er sich zu all dem verhielt. Nichts von Teil* nähme und nichts von Verstehen sprach aus dem, was er antwortete: nurWiderwillen und finsteres Mißtrauen gegen Siegmunds fragwürdige, aben* teuerliche und unregelmäßige Art von Dasein. 58 Und als er nun gar begriff, daß er den Geächtet ten, zu dessen Verfolgung er aufgerufen und aus* gezogen war, im eignen Hause habe, da benahm er sich ganz, wie man es von seiner vierschrötigen Pedanterie zu gewärtigen hatte. Mit jener Gesit# tung, die ihn fürchterlich kleidete, erklärte er wieder, daß sein Haus heilig sei und den Flüchte ling für heute schütze, daß er aber morgen die Ehre haben werde, Siegmund im Kampfe zu fällen. Hierauf bedeutete er Sieglinden rauh, ihm drinnen den Nachttrunk zu würzen und im Bette auf ihn zu warten, stieß noch zwei oder drei Drohungen aus und ging dann fort, indem er alle seine Waffen mit sich nahm und Siegmund in der verzweifeltsten Lage allein ließ. Siegmund aus seinem Fauteuil über die Samts brüstung gebeugt, stützte den dunklen Knaben# köpf in die schmale und rote Hand. Seine Brauen bildeten zwei schwarze Falten, und der eine sei# ner Füße, nur auf dem Absatz des Lackstiefels stehend, war in einer fortwährenden nervösen, rastlos drehenden und nickenden Bewegung. Er tat dem Einhalt, als er neben sich ein Flüstern hörte: „Gigi...“ 61 Und wie er den Kopf wandte, hatte sein Mund einen frechen Zug. Sieglind bot ihm eine perlmutterne Dose mit Kognak* Kirschen dar. „Die Marasquino*Bohnen liegen unten“ flüsterte sie. Aber er nahm nur eine Kirsche, und während er die Hülse aus Seidenpapier löste, beugte sie sich nochmals zu seinem Ohr und sagte: „Sie kommt gleich wieder zurück zu ihm.“ „Das ist mir nicht vollständig unbekannt,“ sagte er so laut, daß mehrere Köpfe sich gehässig gegen sie kehrten.... Der große Siegmund sang unten für sich allein im Dunkeln. Aus tiefster Brust rief er nach dem Schwert, der blanken Handhabe, die er schwingen könnte, wenn eines Tages in hellem Aufruhr hervorbräche, was jetzt sein Herz noch zornig verschlossen hielt; sein Haß und seine Sehnsucht... Er sah den Schwertgriff am Baume leuchten, sah Glanz und Herdfeuer ver* löschen, sank zurück zu verzweifeltem Schlum* mer — und stützte sich köstlich entsetzt auf die Hände, da Sieglind im Dunkeln zu ihm schlich. Hunding schlief wie ein Stein, betäubt, betrun* ken gemacht. Sie freuten sich miteinander, daß 62 der schwere Dummkopf überlistet war, — und ihre Augen hatten dieselbe Art, sich lächelnd zu verkleinern ... Aber dann sah Sieglind verstoh# len den Kapellmeister an und erhielt ihren Eins satz, stellte formend die Lippen ein und sang ausführlich, wie alles stand und lag, — sang herz# zerreißend, wie man die Einsame, fremd und wild Erwachsene ungefragt dem finstern und plumpen Manne geschenkt und noch verlangt habe, daß sie sich glücklich preise ob der acht# baren Ehe, geeignet, ihre dunkle Herkunft ver# gessen zu machen ... sang tief und tröstlich von dem Alten im Hut und wie er das Schwert in den Stamm der Esche gestoßen — für den Einen, der einzig berufen sei, es aus der Haft zu lösen; sang außer sich, daß er es sein möge, den sie meine und kenne und gramvoll ersehne, der Freund, der mehr, als ihr Freund, der Tröster ihrer Not, der Rächer ihrer Schmach, er, den sie einst verloren und den sie in Schanden beweint, der Bruder im Leid, der Retter, der Befreier... Da aber warf Siegmund seine beiden rosigen, fleischigen Arme um sie, drückte ihre Wange gegen das Fell auf seiner Brust und sang über 65 ihren Kopf hinaus mit entfesselter und silbern schmetternder Stimme seinen Jubel in alle Lüfte. Seine Brust war heiß von dem Schwur, der ihn mit ihr, der holden Genossin, verband. Alle Sehnsucht seines verrufenen Lebens war gestillt in ihr, und alles, was sich ihm kränkend versagt, wenn er sich zu Männern und Frauen gedrängt, wenn er mit jener Frechheit, welche Scheu und das Bewußtsein seines Brandmals war, um Freund* schaft und Liebe geworben hatte, — es war ge* funden in ihr. In Schmach lag sie wie er im Leide, entehrt war sie wie er in Acht, und Rache — Rache sollte nun ihre geschwisterliche Liebe sein! Ein Windstoß fauchte, die große, gezimmerte Tür sprang auf, eine Flut von weißem elektri* sehen Licht ergoß sich breit in den Saal, und plötzlich entblößt von der Dunkelheit standen sie da und sangen das Lied von dem Lenz und seiner Schwester, der Liebe. Sie kauerten auf dem Bärenfell, sie sahen sich an im Licht und sangen sich süße Dinge. Ihre nackten Arme berührten sich, sie hielten einan* der bei den Schläfen, blickten sich in die Augen und ihre Münder waren sich nahe beim Singen. 66 Ihre Augen und Schläfen, Stirnen und Stimmen, sie verglichen sie miteinander und fanden sie gleich. Das drängende, wachsende Wiedererken* nen entriß ihm den Namen des Vaters, sie rief ihn bei seinem: Siegmund! Siegmund! er schwang das befreite Schwert überm Haupt, beseligt sang sie ihm zu, wer sie sei: seine Zwillingsschwester, Sieglinde ... er streckte trunken die Arme nach ihr, seiner Braut, sie sank ihm ans Herz, der Vorhang rauschte zusammen, die Musik drehte sich in einem tosenden, brausenden, Schäumens den Wirbel reißender Leidenschaft, drehte sich, drehte sich und stand mit gewaltigem Schlage still! Lebhafter Beifall. Das Licht ging auf. Tausend Leute erhoben sich, reckten sich unvermerkt und applaudierten, den Körper schon zum Ausgange, den Kopf noch zur Bühne gewandt, den Sängern, die dort nebeneinander vorm Vorhang erschien nen, wie Masken vor einer Jahrmarktsbude. Auch Hunding kam heraus und lächelte artig, trotz allem, was geschehen ... Siegmund schob seinen Sessel zurück und stand auf. Es war ihm heiß; auf seinen Wangenknochen, 67 unter den fahlen und mageren rasierten Wangen, glomm eine Röte. „Soweit ich in Frage komme,“ sagte er, „so suche ich nun, bessere Luft zu gewinnen. Übrigens war der Siegmund nahezu schwach.“ „Auch fühlte,“ sagte Sieglinde, „das Orchester sich bewogen, bei dem Frühlingslied schrecklich zu schleppen.“ „Sentimental,“ sagte Siegmund und zuckte im Frack seine schmalen Schultern. „Kommst Du?“ Sie zögerte noch einen Augenblick, saß noch aufgestützt und blickte zur Bühne hinüber. Er sah sie an, als sie aufstand und das Silbertuch nahm, um mit ihm zu gehen. Ihre voll und weich aufeinander ruhenden Lippen zuckten ... Sie gingen ins Foyer, bewegten sich in der längs samen Menge, grüßten Bekannte, taten einen Gang über die Treppen, zuweilen Hand in Hand. „Ich möchte Eis nehmen,“ sagte sie, „wenn es nicht höchstwahrscheinlich so minderwertig wäre.“ „Unmöglich!“ sagte er. Und so aßen sie von den Süßigkeiten aus ihrer Dose, Kognaks Kirschen 68 und bohnenförmige Schokolade # Bonbons, die mit Marasquino gefüllt waren. Als es schellte, sahen sie abseits mit einer Art von Verachtung zu, wie die Menge von Eile er* griffen wurde und sich staute, warteten ab, bis es still auf denWandelgängen geworden war und traten im letzten Augenblick in ihre Loge, als das Licht schon entwich, die Dunkelheit sich stillend und löschend auf die wirre Regsamkeit des Saales senkte.... Es läutete leise, der Dirigent reckte die Arme, und der erhabene Lärm, dem er befahl, erfüllte wieder die Ohren, die ein wenig geruht hatten. Siegmund sah ins Orchester. Der vertiefte Raum war hell gegen das lauschende Haus und von Arbeit erfüllt, von fingernden Händen, fiedeln# den Armen, blasend geblähten Backen, von schlichten und eifrigen Leuten, die dienend das Werk einer großen, leidenden Kraft vollzogen, — dies Werk, das dort oben in kindlich hohen Gesichten erschien ... Ein Werk! Wie tat man ein Werk? Ein Schmerz war in Siegmunds Brust, ein Brennen oder Zehren, irgendetwas wie eine süße Drangsal — wohin? wonach? Es war so 69 dunkel, so schimpflich unklar. Er fühlte zwei Worte: Schöpfertum ... Leidenschaft. Undwäh* rend die Hitze in seinen Schläfen pochte, war es wie ein sehnsüchtiger Einblick, daß das Schöpfers tum aus der Leidenschaft kam und wieder die Gestalt der Leidenschaft nahm. Er sah das weiße, erschöpfte Weib auf dem Schoße des flüchtigen Mannes hängen, dem es sich hingegeben, sah ihre Liebe und Not und fühlte, daß so das Leben sein müsse, um schöpferisch zu sein. Er sah sein eigenes Leben an, dies Leben, das sich ausWeich* heit und Witz, aus Verwöhnung und Verneinung, Luxus und Widerspruch, Üppigkeit und Verstand deshelle, reicher Sicherheit und tändelndem Haß zusammensetzte, dies Leben, in dem es kein Er* lebnis, nur logisches Spiel, keine Empfindung, nur tötendes Bezeichnen gab, —und ein Brennen oder Zehren war in seiner Brust, irgendetwas wie eine süße Drangsal—wohin? wonach? Nach dem Werk? Dem Erlebnis? Der Leidenschaft? Vorhangrauschen und großer Schluß! Licht, Beis fall und Aufbruch nach allen Türen. Siegmund und Sieglind verbrachten die Pause wie die vorige. Sie sprachen fast nichts, gingen langsam über 70 Gänge und Treppen, zuweilen Hand in Hand. Sie bot ihm Kognak*Kirschen, aber er nahm nicht mehr. Sie sah ihn an, und als er den Blick auf sie richtete, zog sie den ihren zurück, ging still und in etwas gespannter Haltung an seiner Seite und ließ es geschehen, daß er sie betrachtete. Ihre kind* liehen Schultern, unter dem Silbergewirk, waren ein wenig zu hoch und wagerecht, wie man es an ägyptischen Statuen sieht. Auf ihren Wangen* knochen lag dieselbe Hitze, die er auf seinen spürte. Sie warteten wieder, bis die große Menge sich verlaufen hatte und nahmen im letzten Augen* blick ihre Armstühle ein. Sturmwind undWol* kenritt und heidnisch verzerrtes Jauchzen. Acht Damen, ein wenig untergeordnet von Erschei* nung, stellten auf der felsigen Bühne eine jung* fräuliche und lachende Wildheit dar. Schreck* haft brach Brünhildens Angst in ihre Lustigkeit. Wotans Zorn, fürchterlich herannahend, fegte die Schwestern hinweg, stürzte sich allein auf Brünhilde, machte sie fast zunichte, tobte sich aus und besänftigte sich langsam, langsam zu Milde und Wehmut. Es ging zu Ende. Ein großer 73 Fernblick, eine erhabene Absicht tat sich auf. Epische Weihe war alles. Brünhilde schlief; der Gott stieg über die Felsen. Dickleibige Flammen, auffliegend und verwehend, lohten rings um die Bretterstätte. In Funken und rotem Rauch, um* tänzelt, umzüngelt, umzaubert von dem heraus sehenden Klingklang und Schlummerlied des Feuers, lag unter Brünne und Schild auf ihrem Mooslager die Walküre ausgestreckt. Jedoch im Schoße des Weibes, das zu erretten sie Zeit ge# habt, keimte es zähe fort, das verhaßte, respekt# lose und gotterwählte Geschlecht, aus welchem ein Zwillingspaar seine Not und sein Leid zu so freier Wonne vereint... Als Siegmund und Sieglind aus ihrer Loge traten, stand Wendelin draußen, riesengroß in seinem gelben Paletot, und hielt ihre Überkleider bereit. Hinter den beiden zierlichen und warm ver# mummten, dunklen, seltsamen Geschöpfen stieg er, ein ragender Sklave, die Treppe hinab. DerWagen stand bereit. Die beiden Pferde, hoch, vornehm und einander vollkommen gleich, ver# harrten auf ihren schlanken Beinen still und blank im Nebel der Winternacht und warfen nur hie 74 und da auf stolze Art ihre Köpfe. Der kleine, ge? wärmte, seidengepolsterte Aufenthalt umfing die Zwillinge. Hinter ihnen schloß sich der Schlag. Einen Augenblick, eine kleine Sekunde noch stand das Coupe, leise erschüttert von dem ge* übten Schwung, mit dem Wendelin sich zum Kutscher emporbegab. Ein weiches und rasches Vorwärts* Entgleiten dann, und das Portal des Theaters blieb dahinten. Und wieder diese lautlos rollende Geschwindige keit zum hurtig taktfesten Hufschlag der Pferde, dies sanfte, federnde Getragenwerden über Uns ebenheiten des Bodens, dies zärtliche Bewahrt* sein vor dem schrillen Leben ringsum. Sie sch wie* gen, abgeschlossen vom Alltag, noch ganz wie auf ihren Sammetstühlen gegenüber der Bühne und gleichsam noch in derselben Atmosphäre. 75 Nichts konnte an sie, was sie der wilden, brün# stigen und überschwänglichenWelt hätte abwen# dig machen können, die mit Zaubermitteln auf sie gewirkt, sie zu sich und in sich gezogen.... Sie begriffen nicht gleich, warum der Wagen stand; sie glaubten, ein Hindernis sei im Wege. Aber sie hielten schon vor dem elterlichen Hause, und Wendelin erschien am Schlage. Der Hausmeister war aus seiner Wohnung ge# kommen, um ihnen das Tor zu öffnen. „Sind Herrund Frau Aarenhold schon zurück?“ fragte Siegmund ihn, indem er über des Haus# meisters Kopf hinwegsah und das Gesicht ver# zerrte, wie jemand, den die Sonne blendet... Sie waren noch nicht zurück vom Diner bei Er# langers. Auch Kunz war nicht zu Hause. Was Märit betraf, so war sie ebenfalls abwesend; nie# mand wußte wo, da sie durchaus ihre eigenen Wege ging. Sie ließen sich in der Halle des Erdgeschosses die Überkleider abnehmen und gingen die Treppe hinauf, durch den Vorsaal des ersten Stockes und ins Speisezimmer. Es lag, ungeheuer, in halb# dunkler Pracht. Nur über dem gedeckten Tisch 76 am jenseitigen Ende brannte ein Lüster, und dort wartete Florian. Sie schritten rasch und lautlos über die teppichbelegte Weite. Florian schob die Stühle unter sie, als sie sich setzten. Dann be* deutete ihm ein Wink von Siegmunds Seite, er sei entbehrlich. Eine Platte mit Sandwiches, ein Aufsatz mit Früchten, eine Karaffe Rotwein standen auf dem Tische. Auf einem gewaltigen silbernenTeebrett summte, umgeben von Zubehör, der elektrisch geheizte Teekessel. Siegmund aß ein Kaviarbrötchen und trank in hastigem Zuge von dem Wein, der dunkel im zarten Glase glühte. Dann klagte er mit gereizter Stimme, daß Kaviar und Rotwein eine kulturs widrige Zusammenstellung sei. Mit kurzen Be* wegungen nahm er eine Zigarette aus seinem 77 silbernen Etui und begann, zurückgelehnt, die Hände in den Hosentaschen, zu rauchen, indem er die Zigarette mit verzerrter Miene von einem Mundwinkel in den anderen gleiten ließ. Seine Wangen, unter den hervortretenden Knochen, fingen schon wieder an, sich dunkler zu färben vom Bartwuchs. Seine Brauen bildeten an der Nasenwurzel zwei schwarze Falten. Sieglinde hatte sichTee bereitet und einen Schluck Burgunder hinzugetan. Ihre Lippen umfaßten voll und weich den dünnen Rand der Tasse, und während sie trank, blickten ihre großen, feucht* schwarzen Augen zu Siegmund hinüber. Sie setzte die Tasse nieder und stützte den dunk* len, süßen, exotischen Kopf in die schmale und rötliche Hand. Ihre Augen blieben auf ihn ge* richtet, so sprechend, mit einer so eindringlichen und fließenden Beredsamkeit, daß das, was sie wirklich sagte, wie weniger als nichts dagegen erschien. „Willst du denn nichts mehr essen, Gigi?“ „Da ich rauche,“ antwortete er, „ist nicht wohl anzunehmen, daß ich beabsichtige, noch etwas zu essen.“ 78 „Aber du hast seit dem Tee nichts genommen, außer Bonbons. Wenigstens einen Pfirsich...“ Er zuckte die Schultern, rollte sie wie ein eigen« sinniges Kind im Frack hin und her. „Nun, das ist langweilig. Ich gehe hinauf. Guten Abend.“ Er trank den Rest seines Rotweins aus, warf die Serviette fort, stand auf und verschwand, die Zigarette im Munde, die Hände in den Hosen« taschen, mit verdrießlich schlendernden Bewe« gungen in der Dämmerung des Saales. Er ging in sein Schlafzimmer und machte Licht, — nicht viel, nur zwei oder drei der Lampen, die an der Decke einen weiten Kreis bildeten, ließ er erglühen und stand dann still, im Zweifel, was zu beginnen sei. Der Abschied von Sieglind war nicht von endgültiger Art gewesen. So pflegten sie einander nicht Gute Nacht zu sagen. Sie würde noch kommen, das war sicher. Er warf den Frack ab, legte die mit Pelz besetzte Haus« jacke an und nahm eine neue Zigarette. Dann streckte er sich auf die Chaiselongue, setzte sich auf, versuchte die Seitenlage, die Wange im sei« denen Kissen, warf sich wieder auf den Rücken 79 und blieb, die Hände unter dem Kopf, eine Weile so liegen. Der feine und herbe Duft desTabaks vermischte sich mit dem der Kosmetiken, der Seife, der aro* matischenWasser. Siegmund atmete dieseWohl* gerüche, die in der laulich erwärmten Luft des Zimmers schwammen; er war sich ihrer bewußt und fand sie süßer, als sonst. Die Augen schlie* ßend, gab er sich ihnen hin wie jemand, der schmerzlich ein wenig Wonne und zartes Glück der Sinne genießt in der Strenge und Außer* gewöhnlichkeit seines Schicksals ... Plötzlich erhob er sich, warf die Zigarette fort und trat vor den weißen Schrank, in dessen drei Teile enorme Spiegel eingelassen waren. Er stand vor dem Mittelstück, ganz dicht, Aug in Aug mit sich selbst, und betrachtete sein Gesicht. Sorgfältig und neugierig prüfte er jeden Zug, öffnete die beiden Flügel des Schrankes und sah sich, zwi* sehen drei Spiegeln stehend, auch im Profil. Lange stand er und prüfte die Abzeichen seines Blutes, die ein wenig niedergedrückte Nase, die voll und weich aufeinander ruhenden Lippen, die her* vorspringenden Wangenknochen, sein dichtes, 80 schwarz gelocktes, gewaltsam auf der Seite ge? scheiteltes Haar, das ihm weit in die Schläfen wuchs, und seine Augen selbst unter den starken, zusammengewachsenen Brauen, —diese großen, schwarzen und feuchtblanken Augen, die er klagevoll blicken ließ und in müdem Leide. Hinter sich gewahrte er im Spiegel das Eisbär? feil, das vor dem Bette seine Tatzen ausstreckte. Er wandte sich, ging mit tragisch schleppenden Schritten hinüber und nach einem Augenblick des Zögerns ließ er sich der Länge nach auf das Fell sinken, den Kopf auf den Arm gebettet. Eine Weile lag er ganz still; dann stemmte er den Ellbogen auf, stützte die Wange in seine schmale und rötliche Hand und blieb so, versunken in den Anblick seines Spiegelbildes dort drüben im Schranke. Es pochte. Er schrak zusammen, er? rötete, wollte sich aufmachen. Aber dann sank er zurück, ließ wieder den Kopf ganz hinab auf den ausgestreckten Arm fallen und schwieg. Sieglind trat ein. Ihre Augen suchten nach ihm im Zimmer, ohne ihn gleich zu finden. Schließ? lieh gewahrte sie ihn auf dem Bärenfell und ent? setzte sich. 81 „Gigi.. was tust du? .. Bist du krank?“ Sie lief zu ihm, beugte sich über ihn, und mit der Hand über seine Stirn und sein Haar streichend, wiederholte sie: „Du bist doch nicht krank?“ Er schüttelte den Kopf und sah sie an, von unten, auf seinem Arm liegend, von ihr gestreichelt. Sie war, halb fertig für die Nacht, auf Pantoffel* chen aus ihrem Schlafzimmer gekommen, das dem seinen am Korridor gegenüber lag. Ihr auf* gelöstes Haar fiel hinab auf ihren offenen, weißen Frisiermantel. Unter den Spitzen ihres Mieders sah Siegmund ihre kleinen Brüste, deren Haut* färbe wie angerauchter Meerschaum war. 82 „Du warst so bös,“ sagte sie; „du gingst so häßlich weg. Ich wollte gar nicht mehr kommen. Aber dannbin ich doch gekommen, weil das keine Gute Nacht war, vorhin ...“ „Ich habe auf dich gewartet,“ sagte er. Noch immer im Stehen gebückt, verzog sie vor Schmerz das Gesicht, wodurch die physiogno* mischen Eigentümlichkeiten ihrer Art außer* ordentlich hervortraten. „Was nicht hindert,“ sagte sie in dem gewohnten Ton, „daß meine gegenwärtige Haltung mir ein ziemlich nennenswertes Unbehagen im Rücken verursacht.“ Er warf sich abwehrend hin und her. „Laß das, laß das... Nicht so, nicht so... So muß es nicht sein, Sieglind verstehst du...“ Er sprach seltsam, er hörte es selbst. Sein Kopf stand in trockener Glut und seine Glieder waren feucht und kalt. Sie kniete nun bei ihm auf dem Fell; ihre Hand in seinem Haar. Er hielt, halb aufgerichtet, einen Arm um ihren Nacken geschlungen und sah sie an, betrachtete sie, wie er vorhin sich selbst betrachtet, ihre Augen und Schläfen, Stirne und Wangen... 83 „Du bist ganz wie ich,“ sagte er mit lahmen Lippen und schluckte hinunter, weil seine Kehle verdorrt war... „Alles ist... wie mit mir... und für das... mit dem Erlebnis ... bei mir, ist bei dir das mit Beckerath... das hält sich dieWage... Sieglind... und im ganzen ist es... dasselbe, besonders, was das betrifft... sich zu rächen, Sieglind .. Es trachtete, sich in Logik zu kleiden, was er sagte, und kam doch gewagt und wunderlich, wie aus wirrem Traum. Ihr klang es nicht fremd, nicht sonderbar. Sie schämte sich nicht, ihn so Ungefeiltes, so Trübe* Verworrenes reden zu hören. Seine Worte legten sich wie ein Nebel um ihren Sinn, zogen sie hinab, dorthin, woher sie kamen, in ein tiefes Reich, wohin sie noch nie gelangt, zu dessen Grenzen aber, seit sie verlobt war, zuweilen er* wartungsvolle Träume sie getragen. Sie küßte ihn auf seine geschlossenen Augen; er küßte sie auf den Hals unter den Spitzen des Mie* ders. Sie küßten einander die Hände. Mit einer süßen Sinnlichkeit liebte jedes das andere um sei* ner verwöhnten und köstlichen Gepflegtheit und seines guten Duftes willen. Sie atmeten diesen 84 . Duft mit einer wollüstigen und fahrlässigen Hin* gäbe, pflegten sich damit wie egoistische Kranke, berauschten sich wie Hoffnungslose, verloren sich in Liebkosungen, die Übergriffen und ein hastiges Getümmel wurden und zuletzt nur ein Schluchzen waren- Sie saß noch auf dem Fell, mit offenen Lippen, auf eine Hand gestützt, und strich sich das Haar von den Augen. Er lehnte, die Hände auf dem Rücken, an der weißen Kommode, wiegte sich in den Hüften hin und her und sah in die Luft. „Aber Beckerath ...“ sagte sie und suchte ihre Gedanken zu ordnen. „Beckerath, Gigi... was ist nun mit ihm? ...“ „Nun,“ sagte er, und einen Augenblick traten die 87 Merkzeichen seiner Art sehr scharf auf seinem Gesichte hervor, „dankbar soll er uns sein. Er wird ein minder triviales Dasein führen, von nun an.“ Als Privatdruck des Phantasus «Verlags wurde Thomas Manns „Wälsungenblut“ mit Steindrucken von Th. Th. Heine im Auf* trag von Dr. G. M. Richter in der Offizin Dr. C.Wolf &Sohn zu München 1921 gedruckt. Die einmalige Auflage beträgt 530 numerierte und signierte Exemplare. Die Nummern I—XXX wurden von Frieda Thiersch in München mit der Hand in Leder gebunden. Dieser Vorzugsausgabe ist eine Mappe mit Sonderdrucken der Lithographien auf echtem Chinapapier beigegeben. Die Nummern 1—500 wurden in der Werkstatt Carl Herkomer*München gebunden, und zwar 1—30 in Saf* fian, 31—100 in Antikkalbspergament, 101—200 in Halb* leder, 201—300 in Halbpergament, 301—500 in Pappband mit Umschlagzeichnung von Th. Th. Heine. Dies Exemplar trägt die Nummer 00 O jsus «Verlags wurde Thomas Manns Brucken von Th. Th. Heine im Auf« ln der Offizin Dr. C. Wolf & Sohn I Die einmalige Auflage beträgt 530 kemplare. Die Nummern I—XXX 1h in München mit der Hand in brzugsausgabe ist eine Mappe mit jraphien auf echtem Chinapapier 1—500 wurden in der Werkstatt lebunden, und zwar 1—30 in Saf« pspergament, 101—200 in Halb« [rgament, 301—500 in Pappband nung von Th. Th. Heine. IJJ 3 Ir trägt die Nummer f'ti los fl V l K h^; y* ■ .< j WM "«C. ? A’- N -. ^sr-lr- i_. 1 9 V. wsyöt "*.> ■»' ;V-m V' **•* i %?-..-ys:X*i' <. ■;■ * p: i'r- S V» )P ■/es ■' -vt. i SX:i \ ^ ** WV> ■/ ife shb& i-W > ”'fc^ 3s*p m& 3 . 3?-:-%ib ,'\Ä ; »*•>? «asi. .zm feg:] £?m mm p^Äl^.H tfSSyg, '**mt rM.i &jsM m¥w.j mk%. 0y&% msm ■>* bm Wmw slfc »3 r '% wmm ■:?M& '-jM vmmm Thomas Mann Wälsungenblut Mit Steindrucken von Th. Th. Heine Phantasus^Verlag • München A es sieben Minuten vor zwölf war, kam Wendelin in den Vorsaal des ersten Stockes und rührte dasTamtam. Breite beinig, in seinen veilchenfarbenen Kniehosen, stand er auf einem alters* blassen Gebetsteppich und bearbeitete das Metall mit dem Klöppel. Der erzene Lärm, wild, kanni* balisch und übertrieben für seinen Zweck, drang überall hin: in die Salons zur Rechten und Lin* ken, den Billardsaal, die Bibliothek, den Winter* garten, hinab und hinauf durch das ganze Haus, dessen gleichmäßigerwärmte Atmosphäre durch* aus mit einem süßen und exotischen Parfüm ge* schwängert war. Endlich schwieg er, und Wen* delin ging noch sieben Minuten lang anderen Geschäften nach, indes Florian imEßsaal die letzte Hand an den Frühstückstisch legte. Aber Schlag zwölf Uhr ertönte die kriegerische Mahnung zum zweitenmal. Und hierauf erschien man. Herr Aarenhold kam mit kurzen Schritten aus der Bibliothek, wo er sich mit seinen alten Drucken 5 beschäftigt hatte. Er erwarb beständig literarische Altertümer, Ausgaben erster Hand in allen Spra* chen, kostbare und moderige Scharteken. Indem er sich leise die Hände rieb, fragte er in seiner gedämpften und ein wenig leidenden Art: ,Ist Beckerath noch nicht da?“ „Nun, er wird kommen. Wie wird er nicht kommen? Er spart ein Frühstück im Restaurant,“ antwortete Frau Aarenhold, indem sie auf dem dik* ken Läufer geräusch* los über die Treppe kam, auf deren Absatz eine kleine, uralte Kir* chenorgel stand. Herr Aarenhold blinzelte. Seine Frau war unmög* lieh. Sie war klein, häßlich, früh gealtert und wie unter einer fremden, heißeren Sonne verdorrt. Eine Kette von Brillanten lag auf ihrer eingefab lenen Brust. Sie trug ihr graues Haar in vielen Schnörkeln und Ausladungen zu einer umstände liehen und hochgebauten Coiffure angeordnet, 6 in welcher, irgendwo seitwärts, eine große, farbig funkelnde und ihrerseits mit einem weißen Feder* büschel gezierte Brillante Agraffe befestigt war. Herr Aarenhold und die Kinder hatten ihr diese Haartracht mehr als einmal mit gut gesetzten Worten verwiesen. Aber Frau Aarenhold bestand mit Zähigkeit auf ihren Geschmack. Die Kinder kamen. Es waren Kunz und Märit, Siegmund und Sieglind. Kunz war in betreßter Uniform, ein schöner, brauner Mensch mit auf* p-ewnrfenen T innen chen Hiebnarbe. Er pjr übte sechs Wochen 1 L beiseinemHusaren* / / ,\ regiment. Märit er# j j \ schien in mieder# i-J-J-L-IlosemGewande. Sie war aschblond, ein strenges Mädchen von acht# undzwanzig mit Hakennase, grauen Raubvogel# äugen und einem bittern Munde. Sie studierte die Rechte und ging mit einem Ausdruck von Verachtung durchaus ihre eigenen Wege. Siegmund und Sieglind kamen zuletzt, Hand in 9 rjiUi Hand, aus dem zweiten Stock. Sie waren Zwil* linge und die Jüngsten: grazil wie Gerten und kindlich von Wuchs bei ihren neunzehn Jahren. Sie trug ein bordeauxrotes Samtkleid, zu schwer für ihre Gestalt und im Schnitt der florentinischen Mode von Fünfzehnhundert sich nähernd. Er trug einen grauen Jacketts Anzug mit einer Kra? watte aus himbeerfarbener Rohseide, Lackschuhe an seinen schlanken Füßen undl Manschetten* knöpfe, die mit kleinen Brillanten besetzt waren. Sein starker, schwarzer Bartwuchs war rasiert, so daß auch seinem mageren und fahlen Gesicht mit den schwarz zusammengewachsenen Brauen das Ephebenhafte seiner Gestalt gewahrt blieb. Sein Kopf war mit dichten, schwarzen, gewalt* sam auf der Seite gescheitelten Locken bedeckt, die ihm weit in die Schläfen wuchsen. In ihrem dunkelbraunen Haar, das in tiefem, glatten Schei* tel über die Ohren frisiert war, lag ein goldener Reif, von dem in ihre Stirn hinab eine große Perle hing, — ein Geschenk von ihm. Um eines seiner knabenhaften Handgelenke lag eine gewichtige goldene Fessel,—ein Geschenk von ihr. Sie waren einander sehr ähnlich. Sie hatten dieselbe ein 10 wenig niedergedrückte Nase, dieselben voll und weich aufeinander ruhenden Lippen, hervortres tenden Wangenknochen, schwarzen und blanken Augen. Aber am meisten glichen sich ihre langen und schmalen Hände,—dergestalt, daß die seinen keine männlichere Form, nur eine rötlichere Färs bung aufwiesen, als die ihren. Und sie hielten ein* ander beständig daran, worin sie nicht störte, daß ihrer beider Hände zum Feuchtwerden neigten... Man stand eine Weile auf den Teppichen in der Halle und sprach fast nichts. End* lieh kam von Beks kerath, der Vers lobte Sieglindens. Wendelin öffnete ihm die Flurtüre, und er kam her* ein in schwarzem Schoßrock und entschuldigte sein Zuspätkommen 11 nach allen Seiten. Er war Verwaltungsbeamter und von Familie, — klein, kanariengelb, spitz* bärtig und von eifriger Artigkeit. Bevor er einen Satz begann, zog er rasch die Luft durch den offenen Mund ein, indem er das Kinn auf die Brust drückte. Er küßte Sieglinden die Hand und sagte: „Ja, entschuldigen auch Sie, Sieglinde! Der Weg vom Ministerium zumTiergarten ist so weit...“ Er durfte sie noch nicht duzen; sie liebte das nicht. Sie antwortete ohne Zögern: „Sehr weit. Und wie nun übrigens, wenn Sie in Anbetracht dieses Weges Ihr Ministerium ein wenig früher verließen?“ Kunz fügte hinzu, und seine schwarzen Augen wurden zu blitzenden Ritzen: „Das würde von entschieden befeuernder Wir* kung auf den Gang unseres Hauswesens sein.“ „Ja, mein Gott... Geschäfte...“ sagte von Becke* rath matt. Er zählte fünfunddreißig Jahre. Die Geschwister hatten mundfertig und mit scharfer Zunge gesprochen, scheinbar im An* griff und doch vielleicht nur aus eingeborener Abwehr, verletzend und wahrscheinlich doch 12 nur aus Freude am guten Wort, so daß es pedan* tisch gewesen wäre, ihnen gram zu sein. Sie ließen seine arme Antwort gelten, als fänden sie, daß sie ihm angemessen sei und daß seine Art die Wehr des Witzes nicht nötig habe. Man ging zu Tische, voran Herr Aarenhold, der Herrn von Beckerath zeigen wollte, daß er Hunger habe. Sie setzten sich, sie entfalteten die steifen Ser* vierten. In dem ungeheuren, mit Teppichen be* legten und rings mit einer Boiserie aus dem acht* zehnten Jahrhundert bekleideten Speisesaal, von dessen Decke drei elektrische Lüstres hingen, verlor sich der Familientisch mit den sieben Per* sonen. Er war an das große, bis zum Boden rei* chende Fenster gerückt, zu dessen Füßen, hinter niedrigem Gitter, der zierliche Silberstrahl eines Springbrunnens tänzelte und das einen weiten Blick über den noch winterlichen Garten bot. Gobelins mit Schäfer*Idyllen, die wie die Täfe* lung vor Zeiten ein französisches Schloß ge* schmückt hatten, bedeckten den oberen Teil der Wände. Man saß tief am Tische, auf Stühlen, deren breite und nachgiebige Polster mit Gobe* lins bespannt waren. Auf dem starken, blitzend 15 jrjuwBjn * y weißen und scharf gebügelten Damast stand bei jedem Besteck ein Spitzglas 5 } mit zwei Orchideen. Herr Aarenhold befestigte mit seiner hageren und vor* sichtigen Hand das Pincenez auf halber Höhe seiner Nase und las mitargwöhni* scher Miene das Menü, das in drei Exemplaren auf demTische lag. Er litt an einer Schwäche des Sonnengeflechts, jenes Nervenkomplexes, der sich unterhalb des Magens befindet und die Quelle schwerer Mißhelligkeiten werden kann. Er war daher gehal* ten, zu prüfen, was er zu sich nahm. Es gab Fleisch* brühe mit Rin* dermark, Sole au vin blanc, Fasan und Ananas. Nichts weiter. Es war ein Familienfrühstück. Aber Herr Aarenhold war zufrieden: es waren 16 ^ 4 / < fl; gute, bekömmliche Sachen. Die Suppe kam. Eine Winde, die ins Büfett mündete, trug sie gerauscht los aus der Küche herab, und die Diener reichten sie um den Tisch, gebückt, mit konzentrierter Miene, in einer Art Leidenschaft des Dienens. Es waren winzige Täßchen aus zartestem durch* schimmerndem Porzellan. Die weißlichen Mark* klümpchen schwammen in dem heißen, gold* gelben Saft. Herr Aarenhold fand sich durch die Erwärmung angeregt, ein wenig Luft aufzubringen. Mit be* hutsamen Fingern führte er die Serviette zum Munde und suchte nach einer Ausdrucksmög* lichkeit für das, was ihm den Geist bewegte. „Nehmen Sie noch einTäßchen, Beckerath,“ sagte er. „Das nährt. Wer arbeitet, hat das Recht, sich zu pflegen und zwar mit Genuß... Essen Sie eigentlich gern? Essen Sie mit Vergnügen? Wo nicht, desto schlimmer für Sie. Mir ist jede Mahl* zeit ein kleines Fest. Jemand hat gesagt, das Leben sei doch schön, da es so eingerichtet sei, daß man täglich viermal essen könne. Er ist mein Mann. Aber um diese Einrichtung würdigen zu können, dazu gehört eine gewisse Jugendlichkeit und 17 Dankbarkeit, die sich nicht jeder zu erhalten versteht... Man wird alt, gut, daran ändern wir nichts. Aber worauf es ankommt, ist, daß die Dinge einem neu bleiben, und daß man sich eigentlich an nichts gewöhnt... Da sind nun,“ fuhr er fort, indem er ein wenig Rindermark auf einen Semmelbrocken bettete und Salz darauf streute, „IhreVerhältnisse im Begriffe, sich zu ändern; das Niveau Ihres Daseins soll sich nicht unwesentlich erhöhen.“ (VonBeckerath lächelte.) „Wenn Sie Ihr Leben genießen wollen, wahrhaft genießen, bewußt, künstlerisch, so trachten Sie, sich niemals an die neuen Umstände zu gewöh* nen. Gewöhnung ist der Tod. Sie ist der Stumpf* sinn. Leben Sie sich nicht ein, lassen Sie sich nichts selbstverständlich werden, bewahren Sie sich einen Kindergeschmack für die Süßigkeiten des Wohlstandes. Sehen Sie... Ich bin nun seit manchem Jahr in der Lage, mir einige Annehm* lichkeiten des Lebens zu gönnen;“ (von Becke* rath lächelte) „und doch versichere ich Sie, daß ich noch heute jeden Morgen, den Gott werden läßt, beim Erwachen ein wenig Herzklopfen habe, weil meine Bettdecke aus Seide ist. Das ist 18 Jugendlichkeit... Ich weiß doch, wie ichs ge* macht habe; und doch, ich kann um mich blicken wie ein verwunschener Prinz...“ Die Kinder tauschten Blicke, jedes mit jedem und so rücksichtslos, daß Herr Aarenhold nicht um* hin konnte, es zu bemerken und sichtlich in Ver* legenheit geriet. Er wußte, daß sie einig gegen ihn waren und daß sie ihn verachteten: für seine Herkunft, für das Blut, das in ihm floß und das sie von ihm empfangen, für die Art, in der er seinen Reichtum erworben, für seine Liebhabe* reien, die ihm in ihren Augen nicht zukamen, für seine Selbstpflege, auf die er ebenfalls kein Recht haben sollte, für seine weiche und dichte* rische Geschwätzigkeit, der die Hemmungen des Geschmackes fehlten... Er wußte es und gab ihnen gewissermaßen recht; er war nicht ohne Schuldbewußtsein ihnen gegenüber. Aber zu* letzt mußte er seine Persönlichkeit behaupten, mußte sein Leben führen und auch davon spre* chen dürfen, namentlich dies. Er hatte ein Recht darauf, hatte nachgewiesen, daß er der Betrach* tung wert war. Er war ein Wurm gewesen, eine Laus, jawohl; aber eben die Fähigkeit, dies so 19 inbrünstig und selbstverachtungsvoll zu empfin* den, war zur Ursache jenes zähen und niemals genügsamen Strebens geworden, das ihn groß gemacht hatte... Herr Aarenhold war im Osten an entlegener Stätte geboren, hatte eines begütert ten Händlers Tochter geehelicht und vermittelst einer kühnen und klugen Unternehmung, groß* artiger Machenschaften, welche ein Bergwerk, den Aufschluß eines Kohlenlagers zum Gegenstand gehabt hatten, einen gewaltigen und unversieg* liehen Goldstrom in seine Kasse gelenkt... Das Fischgericht stieg hernieder. Die Diener eilten damit vom Büfett durch die Weite des Saales. Sie reichten die cremeartige Sauce dazu und schenkten Rheinwein, der leis auf der Zunge prickelte. Man sprach von Sieglindens und Becke* raths Hochzeit. Sie stand nahe bevor, in achtTagen sollte sie statt* finden. Man erwähnte der Aussteuer, man ent* warf die Route der Hochzeitsreise nach Spanien. Eigentlich erörterte Herr Aarenhold allein diese Gegenstände, von seiten von Beckeraths durch eine artige Fügsamkeit unterstützt. Frau Aaren* hold speiste gierig und antwortete, nach ihrer 20 Art, ausschließlich mit Gegenfragen, die wenig förderlich waren. Ihre Rede war mit sonderbaren und an Kehllauten reichen Worten durchsetzt, Ausdrücken aus dem Dialekt ihrer Kindheit. Märit war voll schweigendenWiderstandes gegen die kirchliche Trauung, die in Aussicht genom* men war und die sie in ihren vollständig auf* geklärten Überzeugungen beleidigte. Übrigens stand auch Herr Aarenhold dieserTrauung kühl gegenüber, da von Beckerath Protestant war. Eine protestantischeTrauung sei ohne Schönheitswert. Ein anderes, wenn von Beckerath dem katholi? sehen Bekenntnis angehört hätte. — Kunz blieb stumm, weil er sich in von Beckeraths Gegenwart an seiner Mutter ärgerte. Und weder Siegmund noch Sieglind leg* . . ^ j den Stühlen an ten Teilnahme an H\ÜJ ihren schmalen und denTag. Sie hielten /)j|y^ feuchten Händen, einander zwischen Zuweilen fanden sich ihre Blicke, verschmolzen, schlossen ein Ein* vernehmen, zu dem es von außen nicht Wege noch Zugang gab. Von Beckerath saß an Sieg* lindens anderer Seite. „Fünfzig Stunden,“ sagte Herr Aarenhold, „und 21 »rar * Sie sind inMadrid, wenn Sie wollen. Man schreitet fort, ich habe auf dem kürzesten Wege sechzig gebraucht... Ich nehme an, daß Sie den Landweg dem Seewege von Rotterdam aus vorziehen?“ Von Beckerath zog den Landweg eilfertig vor. „Aber sie werden Paris nicht links liegen lassen. Sie haben die Möglichkeit, direkt über Lyon zu fahren... Sieglinde kennt Paris. Aber Sie sollten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen... Ich stelle Ihnen anheim, ob Sie vorher Aufenthalt nehmen wollen. Die Wahl des Ortes, wo Ihnen der Honigmond anbrechen soll, bleibt billig Ihnen selbst überlassen...“ Sieglinde wandte den Kopf, wandte ihn zum erstenmal ihrem Verlobten zu: unverhohlen und frei, ganz unbesorgt, ob jemand acht darauf habe. Sie sah in die artige Miene an ihrer Seite, groß und schwarz, prüfend, erwartungsvoll, fragend, mit einem glänzend ernsten Blick, der diese drei Sekunden lang begrifflos redete, wie der eines Tieres. Doch zwischen den Stühlen hielt sie die schmale Hand ihres Zwillings, dessen zusammen# gewachsene Brauen an der Nasenwurzel zwei schwarze Falten bildeten... 22 Das Gespräch glitt ab, plänkelte eine Weile un? stät hin und her, berührte eine Sendung frischer Zigarren, welche, in Zink verschlossen, eigens für Herrn Aarenhold aus Habana eingetroffen waren, und zog dann Kreise um einen Punkt, eine Frage rein logischer Natur, die beiläufig von Kunz aufgeworfen war: ob nämlich, wenn a die notwendige und ausreichende Bedingung für b sei, auch b die notwendige und ausreichende Be? dingung für a sein müsse. Dies umstritt man, zersetzte es in Scharfsinn, brachte Beispiele bei, kam vom Hundertsten ins Tausendste, befehdete einander mit einer stählernen und abstrakten Dialektik und erhitzte sich nicht wenig. Märit hatte eine philosophische Unterscheidung, näm? lieh die zwischen dem realen und dem kausalen Grunde, in die Debatte eingeführt. Kunz erklärte, indem er mit erhobenem Kopfe auf sie hinab? redete, den „kausalen Grund“ für einen Pleonas? mus. Märit bestand mit gereizten Worten auf dem Rechte ihrer eigenen Terminologie. Herr Aaren? hold setzte sich zurecht, hob ein Brotstückchen zwischen Daumen und Zeigefinger empor und machte sich anheischig, das ganze zu erklären. 23 Er erlitt ein vollkommenes Fiasko. Die Kinder lachten ihn aus. Sogar Frau Aarenhold wies ihn zurück. „Was redest du?“ sagte sie. „Hast du’s gelernt? Wenig hast du gelernt!“ Und als von Beckerath das Kinn auf die Brust drückte und die Luft durch den Mund einzog, um seine Mei* nung zu äußern, war man bereits bei etwas an? derem. Siegmund sprach. Er erzählte in ironisch gerührt temTone von der gewinnenden Einfalt und Na* turnähe eines Bekannten, der sich in Unwissen* heit darüber erhalten habe, welches Kleidungs* stück man bezeichne, als Jackett C _ Dieser Par* und wel* ^ sifal rede ches als jfäjrM von einem Smoking rr ffr u ^y ,.karrierten Smoking ... Kunz kannte einen noch beweg* licheren Fall von Unverdorbenheit. Er handelte von einem, der zum Five o’clock tea in Smoking erschienen sei. „Nachmittags im Smoking?“ sagte Sieglinde und verzog ihre Lippen... „Das tun doch sonst nur die Tiere.“ 24 Von Beckerath lachte eifrig, zumal sein Gewiss sen ihn mahnte, daß er selbst schon zu Tees im Smoking gegangen sei... Man kam so, beim Ges flügel, von Fragen allgemein kultureller Natur auf Kunst zu sprechen: auf bildende Kunst, in der von Beckerath Kenner und Liebhaber war, auf Literatur und Theater, wofür im Hause Aarens hold die Neigung vorherrschte, obgleich sich Siegmund mit Malerei beschäftigte. Die Unterhaltung ward lebhaft und allgemein, die Kinder nahmen entscheidenden Anteil daran, sie sprachen gut, ihr Gebärdenspiel war nervös und anmaßend. Sie marschierten an der Spitze des Geschmacks und verlangten das äußerste. Sie gingen hinweg über das, was Absicht, Gesinnung, Traum und ringender Wille geblieben war, sie bestanden erbarmungslos auf dem Können, der Leistung, dem Erfolg im grausamen Wettstreit der Kräfte, und das sieghafte Kunststück war es, was sie ohne Bewunderung, doch mit Anerkenn nung begrüßten. Herr Aarenhold selbst sagte zu von Beckerath: „Sie sind sehr gutmütig, mein Lieber, Sie nehmen den guten Willen in Schutz. Resultate,—mein 25 Freund! Sie sagen: Es ist zwar nicht ganz gut, was er macht, aber er war nur ein Bauer, bevor er zur Kunst ging; so ist auch dies schon erstaune lieh. Nichts da. Die Leistung ist absolut. Es gibt keine milderndenUmstände. Er mache,was ersten Ranges ist, oder er fahre Mist. Wie weit hätte ich es gebracht mit Ihrer dankbaren Gesinnung? Ich hätte mir sagen können: Du bist nur ein Lump, ursprünglich; ’s ist rührend, wenn du dich auf* schwingst zum eigenen Kontor. Ich säße nicht hier. Ich habe die Welt zwingen müssen, mich anzuerkennen, — nun also, auch ich will zur An* erkennung gezwungen sein. Hier ist Rhodus; belieben Sie gütigst, zu tanzen!“ Die Kinder lachten. Einen Augenblick verach* teten sie ihn nicht. Sie saßen tief und weich am Tische im Saal, in lässiger Haltung, mit launisch verwöhnten Mienen, sie saßen in üppiger Sicher* heit, aber ihre Rede ging scharf wie dort, wo es gilt, wo Helligkeit, Härte und Notwehr und wach* samer Witz zum Leben geboten sind. Ihr Lob war eine gehaltene Zustimmung, ihr Tadel, behend, geweckt und respektlos, entwaffnete im Hand* umdrehen, setzte die Begeisterung matt, machte 26 sie dumm und stumm. Sie nannten „sehr gut“ das Werk, das durch eine unverträumte Intellekt tualität vor jedem Einwand gesichert schien, und sie verhöhnten den Fehlgriff der Leidenschaft. Von Beckerath, zu einem unbewaffneten Enthu? siasmus geneigt, hatte schweren Stand, besonders, da er der ältere war. Er ward beständig kleiner auf seinem Stuhl, drückte das Kinn auf die Brust und atmete verstört durch den offenen Mund,bedrängt von ihrer lustigen Übermacht. Sie widersprachen auf jeden Fall, als schiene es ihnen unmöglich, kümmerlich, schimpflich, nicht zu widersprechen, sie widersprachen vorzüglich, und ihre Augen wurden zu blitzenden Ritzen dabei. Sie fielen über ein Wort her, ein einzelnes, das er gebraucht hatte, zerzausten es,verwarfen es,und trieben ein anderes auf, ein tötlich bezeichnendes, das schwirrte, traf und bebend im Schwarzen saß... Von Beckerath hatte rote Augen und bot einen derangierten An* blick, als das Frühstück zu Ende ging. Plötzlich — man streute sich Zucker auf die Ananasschnitten — sagte Siegmund und verzerrte nach seiner Art beim Sprechen das Gesicht wie jemand, den die Sonne blendet: 27 „Ach, hören Sie, Beckes rath, eh’ wir’s vergessen noch eins ... Sieglind und ich, wir nahen uns Ihnen in bittender Haltung.. Es ist die ,Walküre' heute im Opernhaus... Wir möchten sie, Sieglind und ich, noch einmal zusammen hören.... dürfen wir das? Es hängt natürlich von Ihrer Huld und Gnade ab ....“ „Wie sinnig!“ sagte Herr Aarenhold. Kunz trommelte auf dem Tischtuch den Rhyths mus des HundingsMotivs. Von Beckerath, bestürzt, daß man in irgendeiner 28 Sache nach seiner Erlaubnis verlangte, antwortete eifrig: „Aber, Siegmund, gewiß... und Sie, Sieglind... ich finde das sehr vernünftig... gehen Sie unbes dingt... ich bin imstande und schließe mich an... Es ist eine vorzügliche Besetzung heute...“ Aarenholds beugten sich lachend über ihreTeller. Von Beckerath, ausgeschlossen und blinzelnd nach Orientierung ringend, versuchte, so gut es ging, sich an ihrer Heiterkeit zu beteiligen. Siegmund sagte vor allen Dingen: „Ach, denken Sie, ich finde die Besetzung schlecht. Im übrigen, seien Sie unserer Dankbarkeit wohl versehen; aber Sie haben uns mißverstanden. Sieglinde und ich, wir bitten, vor der Hochzeit noch einmal allein miteinander die ,Walküre' hören zu dürfen. Ich weiß nicht, ob Sie jetzt...“ „Aber natürlich . . . Ich verstehe vollkommen. Das ist reizend. Sie müssen unbedingt gehen...“ „Danke. Wir danken Ihnen sehr.—Dann lasse ich also Percy und Leiermann für uns anspannen.“ „Ich erlaube mir, Dir zu bemerken,“ sagte Herr Aarenhold, „daß Deine Mutter und ich zum Diner bei Erlangers fahren und zwar mit Percy 29 und Leiermann. Ihr werdet die Herablassung haben, Euch mit Baal und Zampa zu begnügen und das braune Coupe zu benützen.“ „Und Plätze?“ fragte Kunz... „Ich habe sie längst,“ sagte Siegmund und warf den Kopf zurück. Sie lachten, indem sie dem Bräutigam in die Augen sahen. Herr Aarenhold entfaltete mit spitzen Fingern die Hülse eines Belladonna*Pulvers und schüttete es sich behutsam in den Mund. Er zündete sich hierauf eine breite Zigarette an, die alsbald einen köstlichen Duft verbreitete. Die Diener sprangen herzu, die Stühle hinter ihm und Frau Aaren* hold fortzuziehen. Befehl erging, daß der Kaffee im Wintergarten gereicht werde. Kunz verlangte mit scharfer Stimme nach seinem Dogcart, um in die Kaserne zu fahren. Siegmund machte Toilette für die Oper und zwar seit einer Stunde. Ein außerordentliches und fort* währendes Bedürfnis nach Reinigung war ihm eigen, dergestalt, daß er einen beträchtlichen Teil des Tages vorm Lavoir verbrachte. Er stand jetzt 30 vor seinem großen, weißgerahmten Empire* Spiegel, tauchte den Puderquast in die getriebene Büchse und puderte sich Kinn und Wangen, die frisch rasiert waren; denn sein Bartwuchs war so stark, daß er, wenn er abends ausging, genötigt war, sich ein zweitesmal davon zu säubern. Er stand dort ein wenig bunt: in rosaseidenen Unterbeinkleidern und Socken, roten Saffian* Pantoffeln und einer dunkel gemusterten wattier* ten Hausjacke mit hellgrauen Pelzaufschlägen. Und um ihn war das große, ganz mit weißlak* kierten und vornehm praktischen Dingen aus* gestattete Schlafzimmer, hinter dessen Fenstern die nackten und nebeligen Wipfelmassen des Tiergartens lagen. Da es allzu sehr dunkelte, ließ er die Leucht* körper erglühen, die an dem weißen Plafond in großem Kreise angeordnet, das Zimmer mit einer milchigen Helligkeit erfüllten, und zog die samtnen Vorhänge vor die dämmernden Schei* ben. Das Licht ward aufgenommen von den was* serklaren Spiegeltiefen des Schrankes, desWasch* tisches, der Toilette; es blitzte in den geschlif* fenen Flakons auf den mit Kacheln ausgelegten 31 Borden. Und Siegmund fuhr fort, an sich zu arbeiten. Zuweilen bei irgendeinem Gedanken, bildeten seine zusammengewachsenen Brauen über der Nasenwurzel zwei schwarze Falten. Sein Tag war vergangen, wie seine Tage zu ver? gehen pflegten: leer und geschwinde. Da das Theater um halb sieben begann und da er schon um halb fünf begonnen hatte, sich umzukleiden, so hatte es kaum einen Nachmittag für ihn ge? geben. Nachdem er von zwei bis drei Uhr auf seiner Chaiselongue geruht, hatte er den Tee genommen und dann die überzählige Stunde ge? nützt, indem er, ausgestreckt in einem tiefen Le? derfauteuil des Arbeitszimmers, das er mit seinem Bruder Kunz teilte, in mehre? ren neu erschienenen Romanen je ein paar Seiten gelesen hatte. Er hatte diese Leistungen sämtlich erbärmlich schwach gefunden, immerhin aber ein paar davon zum Buchbinder gesandt, um 32 sie für seine Bibliothek künstlerisch binden zu lassen. Übrigens hatte er vormittags gearbeitet. Er hatte die Morgenstunde von zehn bis elf Uhr in dem Atelier seines Professors verbracht. Dieser Pro* fessor,ein Künstler von europäischem Ruf, bildete Siegmunds Talent im Zeichnen und Malen aus und erhielt von Herrn Aarenhold zweitausend Mark für den Monat. Es war gleichwohl zum Lächeln, was Siegmund malte. Er wußte es selbst und war weit entfernt, feurige Erwartungen in sein Künstlertum zu setzen. Er war zu scharfsinnig, um nicht zu begreifen, daß die Bedingungen seines Daseins für die Entwickelung einer gestal* tenden Gabe nicht eben die günstigsten waren. Die Ausstattung des Lebens war so reich, so vielfach, so überladen, daß für das Leben selbst beinahe kein Platz blieb. Jegliches Stück dieser Ausstattung war so kostbar und schön, daß es sich anspruchsvoll über seinen dienenden Zweck erhob, verwirrte, Aufmerksamkeit verbrauchte. Siegmund war in den Überfluß hinein geboren, er war seiner ohne Zweifel gewohnt. Und den* noch bestand die Tatsache, daß dieser Überfluß 33 nie aufhörte, ihn zu beschäftigen und zu erregen, ihn mit beständiger Wollust zu reizen. Es erging ihm darin, ob er wollte oder nicht, wie Herrn Aarenhold, der die Kunst übte, sich eigentlich an nichts zu gewöhnen ... Er liebte zu lesen, trachtete nach dem Wort und dem Geist, als nach einem Rüstzeug, auf das ein tiefer Trieb ihn verwies. Aber niemals hatte er sich an ein Buch hingegeben und verloren, wie es geschieht, wenn einem dies eine Buch als das wichtigste, einzige gilt, als die kleine Welt, über die man nicht hinausblickt, in die man sich ver* schließt und versenkt, um Nahrung noch aus der letzten Silbe zu saugen. Die Bücher und Zeit* Schriften strömten herzu, er konnte sie alle kaufen, sie häuften sich um ihn, und während er lesen wollte, beunruhigte ihn die Menge des noch zu lesenden. Aber die Bücher wurden gebunden. In gepreßtem Leder, mit Siegmund Aarenholds schönem Zeichen versehen, prachtvoll und selbst* genügsam standen sie da und beschwerten sein Leben wie ein Besitz, den sich zu unterwerfen ihm nicht gelang. Der Tag war sein, war frei, war ihm geschenkt 34 mit allen seinen Stunden von Sonnen*Aufgang bis Untergang; und dennoch fand Siegmund in seinem Innern keine Zeit zu einem Wollen, geschweige zu einem Vollbringen. Er war kein Held, er gebot nicht über Riesenkräfte. Die Vor* kehrungen, die luxuriösen Zurüstungen zu dem, was das Eigentliche und Ernste sein mochte, ver* brauchten, was er einzusetzen hatte. Wieviel Um* sicht und Geisteskraft ging nicht auf bei einer gründlichen und vollkommenen Toilette, wie* viel Aufmerksamkeit in der Überwachung seiner Garderobe, seines Bestandes anZigaretten, Seifen, Parfüms, wieviel Entschlußfähigkeit in jenem zwei oder dreimal täglich wiederkehrenden Au* genblick, da es galt, die Krawatte zu wählen 1 Und es galt. Es lag daran. Mochten die blonden Bürger des Landes unbekümmert in Zugstiefe* letten und Klappkrägen gehen. Er gerade, er mußte unangreifbar und ohne Tadel an seinem Äußeren sein vom Kopf bis zu Füßen ... Am Ende, niemand erwartete mehr von ihm, als dies. Zuweilen, in Augenblicken, wenn eine Un* ruhe um das, was das „Eigentliche“ sein mochte, sich schwach in ihm regte, empfand er, wie dieser 35 iiaaBL^L Mangel an fremder Erwartung sie wieder lähmte und löste ... Die Zeiteinteilung im Hause war unter dem Gesichtspunkte getroffen, daß der Tag schnell und ohne fühlbare Stundenleere verstreb chen möge. Stets rückte rasch die nächste Mahls zeit heran. Man dinierte vor sieben; der Abend, die Zeit des Müßigganges mit gutem Gewissen, war lang. Die Tage entschwanden, und so hur* tig kamen und gingen die Jahreszeiten. Man FTiK tüüllJ! verbrachte zwei Sommermonate in dem Schloß* chen am See, dem weiten und prangenden Garten mit denTennis*Plätzen, den kühlen Parkwegen und den Bronzestatuen auf dem geschorenen Rasen, — den dritten am Meere, im Hochgebirg, in Gasthöfen, die den Hausstand daheim an Aufwand zu überbieten suchten ... An einigen Wintertagen hatte er sich vor kurzem noch zur Hochschule fahren lassen, um ein zu be* quemer Stunde stattfindendes Kolleg über Kunst* geschichte zu hören; er besuchte es nicht mehr, da die Herren, die außer ihm daran teilnahmen, 36 dem Urteil seiner Geruchsnerven nach bei weitem nicht genug badeten... Statt dessen ging er mit Sieglinde spazieren. Sie war an seiner Seite gewesen seit fernstem Anbe* ginn, sie hing ihm an, seit beide die ersten Laute gelallt, die ersten Schritte getan, und er hatte keinen Freund, nie einen gehabt, als sie, die mit ihm geboren, sein kostbar geschmücktes, dunkel liebliches Ebenbild, dessen schmale und feuchte Hand er hielt, während die reich behangenen Tage mit leeren Augen an ihnen vorüberglitten. Sie nahmen frische Blumen auf ihre Spaziergänge mit, ein Veilchen*, ein Maiglocken* Sträußchen, daran sie abwechselnd rochen, zuweilen auch beide zugleich. Sie atmeten im Gehen den hol* den Duft mit wollüstiger und fahrlässiger Hin* gäbe, pflegten sich damit wie egoistische Kranke, berauschten sich wie Hoffnungslose, wiesen mit einer inneren Gebärde die übelriechende Welt von sich weg und liebten einander um ihrer erlesenen Nutzlosigkeit willen. Aber was sie sprachen, war scharf und funkelnd gefügt; es traf die Menschen, die ihnen begegneten, die Dinge, die sie gesehen, gehört, gelesen hatten und die 37 von anderen gemacht waren, von jenen, die dazu da waren, dem Wort, der Bezeichnung, dem witzigen Widerspruch ein Werk auszusetzen... Dann war von Beckerath gekommen, im Mini? sterium tätig und von Familie. Er hatte um Sieg? lind geworben und dabei die wohlwollende Neutralität Herrn Aarenholds, die Fürsprache Frau Aarenholds, die eifernde Unterstützung Kunzens, des Husaren, auf seiner Seite gehabt. Er war geduldig, beflissen und von unendlicher Artigkeit gewesen. Und endlich, nachdem sie ihm oft genug gesagt, daß sie ihn nicht liebe, hatte Sieglind begonnen, ihn prüfend, erwar? tungsvoll, stumm zu betrachten, mit einem glän? zend ernsten Blick, der begrifflos redete, wie der einesTieres—und hatte Ja gesagt. Und Siegmund selbst, dem sie untertan war, hatte an diesem Aus? gang teil, er verachtete sich, aber er war dem nicht entgegen gewesen, weil von Beckerath im Ministerium tätig und von Familie war ... Zu? weilen, während er an seiner Toilette arbeitete, bildeten seine zusammengewachsenen Brauen über der Nasenwurzel zwei schwarze Falten... Er stand auf dem Eisbärfell, das vor dem Bette 38 seine Tatzen ausstreckte und in dem seine Füße verschwanden, und nahm das gefaltete Frack* hemd, nachdem er sich gänzlich mit einem aro* matischen Wasser gewaschen. Sein gelblicher Oberkörper, über den das gestärkte und schim* mernde Leinen glitt, war mager wie der eines Knaben und dabei zottig von schwarzem Haar. Er bekleidete sich weiter mit schwarzseidenen Unterhosen, Sok* dern mit silbernen ken von schwarzer VJ (i ])' Schnallen, legte die Seide und schwär* y) jL gebügelten Bein* zen Strumpfbän* J'—t kleider an, deren schwarzes Tuch seidig schimmerte, befestigte weißseidene Hosenträger über seinen schmalen Schultern und fing an, den Fuß auf einen Schemel gestellt, die Knöpfe seiner Lackstiefel zu schlies* sen. — Es klopfte. „Darf ich kommen, Gigi?“ fragte Sieglinde draußen... „Ja, komm,“ antwortete er. Sie trat ein, schon fertig. Sie trug ein Kleid aus see* grüner, glänzender Seide, dessen eckiger Haisaus* schnitt von einer breiten ecru*Stickerei umgeben war. Zwei gestickte Pfauen, einander zugewandt, 39 hielten oberhalb des Gürtels in ihren Schnäbeln eine Guirlande. Sieglindens tiefdunkles Haar war nun ohne Schmuck; aber an einer dünnen Perlenkette lag ein großer, eiförmiger Edelstein auf ihrem bloßen Halse, dessen Haut die Farbe angerauchten Meerschaums hatte. Über ihrem Arm hing ein schwer mit Silber durchwirktes Tuch. „Ich verhehle dir nicht,“ sagte sie, „daß der Wagen wartet.“ „Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß er sich noch zwei Minuten gedulden wird,“ sagte er, Schlag auf Schlag. Es wurden zehn Minuten. Sie saß auf der weißsamtnen Chaiselongue und sah ihm zu, der eifriger arbeitete. Er wählte aus einem Farbenwust von Krawatten ein weißes Piqueband und begann, es vorm Spiegel zur Schleife zu schlingen. „Beckerath,“ sagte sie, „trägt auch die farbigen Krawatten immer noch quer gebunden, wie es voriges Jahr Mode war.“ „Beckerath,“ sagte er, „ist die trivialste Existenz, in die ich Einblick gewonnen habe.“ Dann fügte er, sich nach ihr umwendend, hinzu und verzerrte 40 dabei sein Gesicht wie jemand, den die Sonne blendet: „Übrigens möchte ich dich bitten, dieses Ger* manen im Laufe des heutigen Abends nicht mehr Erwähnung zu tun.“ Sie lachte kurz auf und antwortete: „Du kannst dich versichert halten, daß mir das unschwer gelingen wird.“ Er legte die tief ausgeschnittene Pique*Weste an und zog darüber den Frack, den fünfmal pro* bierten Frack, dessen weichseidenes Futter den Händen schmeichelte, während sie durch die Ärmel glitten. „Laß sehen, welche Knopfgarnitur du genom* men hast,“ sagte Sieglind und trat zu ihm hin. Es war die Amethystgarnitur. Die Knöpfe des Hemdeinsatzes, der Manschetten, der weißen Weste waren von gleicher Art. Sie betrachtete ihn mit Bewunderung, mit Stolz, mit Andacht, — eine tiefe, dunkle Zärtlichkeit in ihren blanken Augen. Da ihre Lippen so weich aufeinander ruhten, küßte er sie darauf. Sie setz* ten sich auf die Chaiselongue, um noch einen Augenblick zu kosen, wie sie es liebten. 43 „Ganz, ganz weich bist du wieder,“ sagte sie und streichelte seine rasierten Wangen. „Wie Atlas fühlen sich deine Ärmchen an,“ sagte er und ließ seine Hand über ihren zarten Untere arm gleiten, während er zugleich den Veilchen:: hauch ihres Haares atmete. Sie küßte ihn auf seine geschlossenen Augen; er küßte sie auf den Hals, zur Seite des Edel* steins. Sie küßten einander die Hände. Mit einer süßen Sinnlichkeit liebte jedes das andere um seiner verwöhnten und köstlichen Gepflegtheit und seines guten Duftes willen. Schließlich spiel* ten sie wie kleine Hunde, die sich mit den Lippen beißen. Dann stand er auf. „Wir wollen heut nicht zu spät kommen,“ sagte er. Er drückte noch den Mund des Parfümfläsch* chens auf seinTaschentuch, verrieb einenTropfen in seinen schmalen und roten Händen, nahm die Handschuhe und erklärte, fertig zu sein. Er löschte das Licht und sie gingen: den rötlich erhellten Korridor entlang, wo dunkle, alte Ge* mälde hingen, und vorbei an der Orgel dieTrep* pen hinunter. In der Vorhalle des Erdgeschosses stand Wendelin, riesengroß in seinem langen, 44 % gelben Paletot, und wartete mit den Mänteln. Sie ließen sie sich anlegen. Sieglindens dunkles Köpfchen ver* schwand zur Hälfte in dem Silber* fuchskragen des ihren. Sie gingen, gefolgt von dem Diener, durch den steinernen Flur und traten hinaus. Es war mild und schneite etwas, im weißlichen Licht, in großen, fetzenartigen Flocken. Das Coupe hielt dicht am Hause. Der Kutscher, die Hand am Rosettenhut, hielt sich ein wenig vom Bocke geneigt, indes Wendelin das Einsteigen der Geschwister überwachte. Dann klappte der Schlag, Wendelin schwang sich zum Kutscher, und der Wagen, sofort in schneller Gangart, knirschte über den Kies des Vorgartens, glitt durch die hohe und weit geöffnete Gatterpforte, bog in geschmeidiger Kurve rechtsum und rollte dahin... Der kleine, weiche Raum, darin sie saßen, war sanft durchwärmt. „Soll ich schließen?“ fragte Siegmund... Und da sie zustimmte, zog er die braunseidenen Vor* hänge vor die geschliffenen Scheiben. 47 Sie waren im Herzen der Stadt. Lichter stoben hinter den Gardinen vorbei. Rings um den taktfest hurtigen Hufschlag ihrer Pferde, um die lautlose Geschwindigkeit ihres Wagens, der sie yf federnd über Unebenheiten des Bodens trug, brauste, gellte und dröhnte das Triebwerk des großen Lebens. Und abgeschlossen davon, weich* lieh bewahrt davor, saßen sie still in den gestepp* ten, braunseidenen Polstern, — Hand in Hand. 48 Der Wagen fuhr vor und stand. Wendelin war am Schlage, um ihnen beim Aussteigen dienlich zu sein. In der Helligkeit der Bogenlampen sahen graue, frierende Leute ihrer Ankunft zu. Sie gingen zwischen ihren forschenden und gehäs? sigen Blicken hindurch, gefolgt von dem Diener, durch das Vestibül. Es war schon spät, schon still. Sie stiegen die Freitreppe empor, warfen ihre Überkleider auf Wendelins Arm, verweilten eine Sekunde nebeneinander vor einem hohen Spiegel und traten durch die kleine Logentür in den Rang. Das Klappen der Sessel, das letzte Auf? brausen des Gesprächs vor der Stille empfing sie. In dem Augenblick, da der Theaterdiener die Samt?Lehnsessel unter sie schob, hüllte der Saal sich in Dunkelheit, und mit einem wilden Akzent setzte drunten das Vorspiel ein. Sturm, Sturm... Auf leichte und schwebend be? günstigte Art hieher gelangt, unzerstreut, unab? genutzt von Hindernissen, von kleinen verstim? menden Widrigkeiten, wären Siegmund und Sieglind sofort bei der Sache. Sturm und Ge? witterbrunst, Wetterwüten im Walde. Der rauhe Befehl des Gottes erschallte, wiederholte sich, 51 verzerrt vor Zorn, und gehorsam krachte der Donner darein. Der Vorhang flog auf, wie vom Sturm auseinandergeweht. Der heidnische Saal war da, mit der Glut des Herdes im Dunklen, dem ragenden Umriß des Eschenstammes in der Mitte. Siegmund, ein rosiger Mann mit brotfarbenem Bart, erschien in der hölzernenTür und lehnte sich verhetzt und erschöpft ge* gen den Pfosten. Dann trugen seine starken, mit Fell und Rie* men umwickelten Beine ihn in tragisch schleppenden Schritten nach vorn. Seine blauen Augen unter den blonden Brauen, dem blonden Stirngelock seiner Pe* rücke, waren gebrochenen Blicks, wie bittend, auf den Kapellmeister gerichtet; und endlich wich die Musik zurück, setzte aus, um seine Stimme hören zu lassen, die hell und ehern klang, ob* gleich er sie keuchend dämpfte. Er sang kurz, daß er rasten müsse, wem immer der Herd gehöre; und beim letzten Wort ließ er sich schwer auf das Bärenfell fallen und blieb liegen, das Haupt auf 52 ii den fleischigen Arm gebettet. Seine Brust arbei* tete im Schlummer. Eine Minute verging, ausgefüllt von dem singen* den, sagenden, kündenden Fluß der Musik, die zu den Füßen der Ereignisse ihre Flut dahin* wälzte.... Dann kam Sieglinde von links. Sie hatte einen alabasternen Busen, der wunderbar in dem Ausschnitt ihres mit Fell behangenen Müsse* linkleides wogte. Mit Staunen gewahrte sie den fremden Mann; und so drückte sie das Kinn auf die Brust, daß es sich faltete, stellte formend die Lippen ein und gab ihm Ausdruck, diesem Er* staunen, in Tönen, die weich und warm aus ihrem weißen Kehlkopf emporstiegen und die sie mit der Zunge, dem beweglichen Munde gestaltete... Sie pflegte ihn. Zu ihm gebeugt, daß ihre Brust aus dem wilden Fell ihm entgegenblühte, reichte sie ihm mit beiden Händen das Horn. Er trank. Rührend sprach die Musik von Labsal und kühler Wohltat. Dann betrachteten sie einander mit einem ersten Entzücken, einem ersten, dunklen Erkennen, schweigend dem Augenblick hinge* geben, der unten als tiefer, ziehender Sang er* tönte.... 55 Sie brachte ihm Meth, berührte zuerst das Horn mit den Lippen und sah dann zu, wie er lange trank. Und wieder sanken ihre Blicke ineinander, wieder zog und sehnte sich drunten die tiefe Melo* die.... Dann brach er auf, verdüstert, in schmerz* licher Ab wehr, ging, indem er seine nackten Arme hängen ließ, zurTür, um sein Leid, seine Einsam* keit, sein verfolgtes, verhaßtes Dasein von ihr fort, zurück in die Wildnis zu tragen. Sie rief ihn, und da er nicht hörte, ließ sie sich rücksichtslos, mit erhobenen Händen, das Geständnis ihres eignen Unheils entfahren. Er stand. Sie senkte die Augen. Zu ihren Füßen sprach es dunkel erzählend von Leid, das beide verband. Er blieb. Mit gekreuzten Armen stand er vor dem Herd, des Schicksals gewärtig. Hunding kam, bauchig und x*beinig wie eine Kuh. Sein Bart war schwarz, mit braunen Zotten durchsetzt. Sein geharnischtes Motiv kündigte ihn an, und er stand da, finster und plump auf seinen Speer gelehnt, und blickte mit Büffelaugen auf den Gast, dessen Gegenwart er dann, aus einer Art wilder Gesittung, gut und willkommen hieß. Sein Baß war rostig und kolossal. 56 Sieglinde rüstete den Abendtisch; und während sie schaffte, ging H Undings langsamer und miß* trauischer Blick hin und her zwischen ihr und dem Fremden. DieserTölpel sah sehr wohl, daß sie einander glichen, von ein und derselben Art waren, jener ungebundenen, widerspenstigen und außerordentlichen Art, die er haßte und der er sich nicht gewachsen fühlte.... Dann saßen sie nieder, und Hunding stellte sich vor, erklärte einfach und mit zwei Worten seine einfache, ordnungsgemäße und in der allgemein nen Achtung ruhende Existenz. Er zwang aber Siegmund so, sich ebenfalls bekannt zu geben, was ungleich schwieriger war. Doch Siegmund sang — sang hell und wunderschön von seinem Leben und Leiden und wie zu Zwei er zur Welt gekommen, eine Zwillingsschwester und er ... legte sich, nach der Art von Leuten, die ein wenig vorsichtig sein müssen, einen falschen Namen bei und kündete ausgezeichnet von dem Haß, der Scheelsucht, womit man seinen fremdartigen Vater und ihn verfolgt, von dem Brand ihres Saales, dem Entschwinden der Schwester, von dem vogelfreien, gehetzten, verrufenen Dasein 57 des Alten und Jungen im Walde und wie er zu? letzt auch des Vaters geheimnisvollerweise vers lustig geworden sei.... Und dann sang Siegmund das Schmerzlichste: seinen Drang zu den Men? sehen, seine Sehnsucht und seine unendliche Eins samkeit. Um Männer und Frauen, sang er, um Freundschaft und Liebe habe er geworben und sei doch immer zurückgestoßen worden. Ein Fluch habe auf ihm gelegen, das Brandmal seiner selts samen Herkunft ihn immer gezeichnet. Seine Sprache sei nicht die der anderen gewesen und ihre nicht seine. Was ihm gut geschienen, habe die Mehrzahl gereizt, was jenen in alten Ehren gestanden, habe ihm Galle gemacht. In Streit und Empörung habe er gelegen, immer und überall, Verachtung und Haß und Schmähung sei ihm im Nacken gewesen, weil er von fremder, von hoffnungslos anderer Art, als die andern ... Es war so überaus kennzeichnend für H unding, wie er sich zu all dem verhielt. Nichts von Teils nähme und nichts vonVerstehen sprach aus dem, was er antwortete: nurWiderwillen und finsteres Mißtrauen gegen Siegmunds fragwürdige, abens teuerliche und unregelmäßige Art von Dasein. 58 Und als er nun gar begriff, daß er den Geächtet ten, zu dessen Verfolgung er aufgerufen und aus* gezogen war, im eignen Hause habe, da benahm er sich ganz, wie man es von seiner vierschrötigen Pedanterie zu gewärtigen hatte. Mit jener Geste tung, die ihn fürchterlich kleidete, erklärte er wieder, daß sein Haus heilig sei und den Flüchte ling für heute schütze, daß er aber morgen die Ehre haben werde, Siegmund im Kampfe zu fällen. Hierauf bedeutete er Sieglinden rauh, ihm drinnen den Nachttrunk zu würzen und im Bette auf ihn zu warten, stieß noch zwei oder drei Drohungen aus und ging dann fort, indem er alle seine Waffen mit sich nahm und Siegmund in der verzweifeltsten Lage allein ließ. Siegmund aus seinem Fauteuil über die Samts brüstung gebeugt, stützte den dunklen Knaben* köpf in die schmale und rote Hand. Seine Brauen bildeten zwei schwarze Falten, und der eine sei* ner Füße, nur auf dem Absatz des Lackstiefels stehend, war in einer fortwährenden nervösen, rastlos drehenden und nickenden Bewegung. Er tat dem Einhalt, als er neben sich ein Flüstern hörte: „Gigi...“ 61 Und wie er den Kopf wandte, hatte sein Mund einen frechen Zug. Sieglind bot ihm eine perlmutterne Dose mit Kognak? Kirschen dar. „Die Marasquino?Bohnen liegen unten“ flüsterte sie. Aber er nahm nur eine Kirsche, und während er die Hülse aus Seidenpapier löste, beugte sie sich nochmals zu seinem Ohr und sagte: „Sie kommt gleich wieder zurück zu ihm.“ „Das ist mir nicht vollständig unbekannt,“ sagte er so laut, daß mehrere Köpfe sich gehässig gegen sie kehrten.... Der große Siegmund sang unten für sich allein im Dunkeln. Aus tiefster Brust rief er nach dem Schwert, der blanken Handhabe, die er schwingen könnte, wenn eines Tages in hellem Aufruhr hervorbräche, was jetzt sein Herz noch zornig verschlossen hielt; sein Haß und seine Sehnsucht... Er sah den Schwertgriff am Baume leuchten, sah Glanz und Herdfeuer ver? löschen, sank zurück zu verzweifeltem Schlum? mer — und stützte sich köstlich entsetzt auf die Hände, da Sieglind im Dunkeln zu ihm schlich. Hunding schlief wie ein Stein, betäubt, betrun? ken gemacht. Sie freuten sich miteinander, daß 62 der schwere Dummkopf überlistet war, — und ihre Augen hatten dieselbe Art, sich lächelnd zu verkleinern ... Aber dann sah Sieglind verstoß len den Kapellmeister an und erhielt ihren Eins satz, stellte formend die Lippen ein und sang ausführlich, wie alles stand und lag, — sang herz* zerreißend, wie man die Einsame, fremd und wild Erwachsene ungefragt dem finstern und plumpen Manne geschenkt und noch verlangt habe, daß sie sich glücklich preise ob der acht* baren Ehe, geeignet, ihre dunkle Herkunft vers gessen zu machen ... sang tief und tröstlich von dem Alten im Hut und wie er das Schwert in den Stamm der Esche gestoßen — für den Einen, der einzig berufen sei, es aus der Haft zu lösen; sang außer sich, daß er es sein möge, den sie meine und kenne und gramvoll ersehne, der Freund, der mehr, als ihr Freund, der Tröster ihrer Not, der Rächer ihrer Schmach, er, den sie einst verloren und den sie in Schanden beweint, der Bruder im Leid, der Retter, der Befreier... Da aber warf Siegmund seine beiden rosigen, fleischigen Arme um sie, drückte ihre Wange gegen das Fell auf seiner Brust und sang über 65 ihren Kopf hinaus mit entfesselter und silbern schmetternder Stimme seinen Jubel in alle Lüfte. Seine Brust war heiß von dem Schwur, der ihn mit ihr, der holden Genossin, verband. Alle Sehnsucht seines verrufenen Lebens war gestillt in ihr, und alles, was sich ihm kränkend versagt, wenn er sich zu Männern und Frauen gedrängt, wenn er mit jener Frechheit, welche Scheu und das Bewußtsein seines Brandmals war, um Freunds schaft und Liebe geworben hatte, — es war ges funden in ihr. In Schmach lag sie wie er im Leide, entehrt war sie wie er in Acht, und Rache — Rache sollte nun ihre geschwisterliche Liebe sein! Ein Windstoß fauchte, die große, gezimmerte Tür sprang auf, eine Flut von weißem elektrb sehen Licht ergoß sich breit in den Saal, und plötzlich entblößt von der Dunkelheit standen sie da und sangen das Lied von dem Lenz und seiner Schwester, der Liebe. Sie kauerten auf dem Bärenfell, sie sahen sich an im Licht und sangen sich süße Dinge. Ihre nackten Arme berührten sich, sie hielten einans der bei den Schläfen, blickten sich in die Augen und ihre Münder waren sich nahe beim Singen. 66 Ihre Augen und Schläfen, Stirnen und Stimmen, sie verglichen sie miteinander und fanden sie gleich. Das drängende, wachsende Wiedererken* nen entriß ihm den Namen des Vaters, sie rief ihn bei seinem: Siegmundl Siegmund! er schwang das befreite Schwert überm Haupt, beseligt sang sie ihm zu, wer sie sei: seine Zwillingsschwester, Sieglinde ... er streckte trunken die Arme nach ihr, seiner Braut, sie sank ihm ans Herz, der Vorhang rauschte zusammen, die Musik drehte sich in einem tosenden, brausenden, schäumen* den Wirbel reißender Leidenschaft, drehte sich, drehte sich und stand mit gewaltigem Schlage still! Lebhafter Beifall. Das Licht ging auf. Tausend Leute erhoben sich, reckten sich unvermerkt und applaudierten, den Körper schon zum Ausgange, den Kopf noch zur Bühne gewandt, den Sängern, die dort nebeneinander vorm Vorhang erschie* nen, wie Masken vor einer Jahrmarktsbude. Auch Hunding kam heraus und lächelte artig, trotz allem, was geschehen ... Siegmund schob seinen Sessel zurück und stand auf. Es war ihm heiß; auf seinen Wangenknochen, 67 unter den fahlen und mageren rasierten Wangen, glomm eine Röte. „Soweit ich in Frage komme,“ sagte er, „so suche ich nun, bessere Luft zu gewinnen. Übrigens war der Siegmund nahezu schwach.“ „Auch fühlte,“ sagte Sieglinde, „das Orchester sich bewogen, bei dem Frühlingslied schrecklich zu schleppen.“ „Sentimental,“ sagte Siegmund und zuckte im Frack seine schmalen Schultern. „Kommst Du?“ Sie zögerte noch einen Augenblick, saß noch aufgestützt und blickte zur Bühne hinüber. Er sah sie an, als sie aufstand und das Silbertuch nahm, um mit ihm zu gehen. Ihre voll und weich aufeinander ruhenden Lippen zuckten ... Sie gingen ins Foyer, bewegten sich in der längs samen Menge, grüßten Bekannte, taten einen Gang über die Treppen, zuweilen Hand in Hand. „Ich möchte Eis nehmen,“ sagte sie, „wenn es nicht höchstwahrscheinlich so minderwertig wäre.“ „Unmöglich!“ sagte er. Und so aßen sie von den Süßigkeiten aus ihrer Dose, Kognaks Kirschen 68 und bohnenförmige Schokolade * Bonbons, die mit Marasquino gefüllt waren. Als es schellte, sahen sie abseits mit einer Art von Verachtung zu, wie die Menge von Eile er* griffen wurde und sich staute, warteten ab, bis es still auf den Wandelgängen geworden war und traten im letzten Augenblick in ihre Loge, als das Licht schon entwich, die Dunkelheit sich stillend und löschend auf die wirre Regsamkeit des Saales senkte.... Es läutete leise, der Dirigent reckte die Arme, und der erhabene Lärm, dem er befahl, erfüllte wieder die Ohren, die ein wenig geruht hatten. Siegmund sah ins Orchester. Der vertiefte Raum war hell gegen das lauschende Haus und von Arbeit erfüllt, von fingernden Händen, fiedelm den Armen, blasend geblähten Backen, von schlichten und eifrigen Leuten, die dienend das Werk einer großen, leidenden Kraft vollzogen, — dies Werk, das dort oben in kindlich hohen Gesichten erschien ... Ein Werk! Wie tat man ein Werk? Ein Schmerz war in Siegmunds Brust, ein Brennen oder Zehren, irgendetwas wie eine süße Drangsal — wohin? wonach? Es war so 69 dunkel, so schimpflich unklar. Er fühlte zwei Worte: Schöpfertum ... Leidenschaft. Undwäh* rend die Hitze in seinen Schläfen pochte, war es wie ein sehnsüchtiger Einblick, daß das Schöpfer* tum aus der Leidenschaft kam und wieder die Gestalt der Leidenschaft nahm. Er sah das weiße, erschöpfte Weib auf dem Schoße des flüchtigen Mannes hängen, dem es sich hingegeben, sah ihre Liebe und Not und fühlte, daß so das Leben sein müsse, um schöpferisch zu sein. Er sah sein eigenes Leben an, dies Leben, das sich aus Weich* heit und Witz, ausVerwöhnung und Verneinung, Luxus und Widerspruch, Üppigkeit und Verstan* deshelle, reicher Sicherheit und tändelndem Haß zusammensetzte, dies Leben, in dem es kein Er* lebnis, nur logisches Spiel, keine Empfindung, nur tötendes Bezeichnen gab, — und ein Brennen oder Zehren war in seiner Brust, irgendetwas wie eine süße Drangsal—wohin? wonach? Nach dem Werk? Dem Erlebnis? Der Leidenschaft? Vorhangrauschen und großer Schluß! Licht, Bei* fall und Aufbruch nach allen Türen. Siegmund und Sieglind verbrachten die Pause wie die vorige. Sie sprachen fast nichts, gingen langsam über 70 Gänge und Treppen, zuweilen Hand in Hand. Sie bot ihm Kognak*Kirschen, aber er nahm nicht mehr. Sie sah ihn an, und als er den Blick auf sie richtete, zog sie den ihren zurück, ging still und in etwas gespannter Haltung an seiner Seite und ließ es geschehen, daß er sie betrachtete. Ihre kind* liehen Schultern, unter dem Silbergewirk, waren ein wenig zu hoch und wagerecht, wie man es an ägyptischen Statuen sieht. Auf ihren Wangen* knochen lag dieselbe Hitze, die er auf seinen spürte. Sie warteten wieder, bis die große Menge sich verlaufen hatte und nahmen im letzten Augen* blick ihre Armstühle ein. Sturmwind undWol* kenritt und heidnisch verzerrtes Jauchzen. Acht Damen, ein wenig untergeordnet von Erschei* nung, stellten auf der felsigen Bühne eine jung* fräuliche und lachende Wildheit dar. Schreck* haft brach Brünhildens Angst in ihre Lustigkeit. Wotans Zorn, fürchterlich herannahend, fegte die Schwestern hinweg, stürzte sich allein auf Brünhilde, machte sie fast zunichte, tobte sich aus und besänftigte sich langsam, langsam zu Milde und Wehmut. Es ging zu Ende. Ein großer 73 Fernblick, eine erhabene Absicht tat sich auf. Epische Weihe war alles. Brünhilde schlief; der Gott stieg über die Felsen. Dickleibige Flammen, auffliegend und verwehend, lohten rings um die Bretterstätte. In Funken und rotem Rauch, um? tänzelt, umzüngelt, umzaubert von dem berau? sehenden Klingklang und Schlummerlied des Feuers, lag unter Brünne und Schild auf ihrem Mooslager die Walküre ausgestreckt. Jedoch im Schoße des Weibes, das zu erretten sie Zeit ge? habt, keimte es zähe fort, das verhaßte, respekt? lose und gotterwählte Geschlecht, aus welchem ein Zwillingspaar seine Not und sein Leid zu so freier Wonne vereint... Als Siegmund und Sieglind aus ihrer Loge traten, stand Wendelin draußen, riesengroß in seinem gelben Paletot, und hielt ihre Überkleider bereit. Hinter den beiden zierlichen und warm ver? mummten, dunklen, seltsamen Geschöpfen stieg er, ein ragender Sklave, die Treppe hinab. DerWagen stand bereit. Die beiden Pferde, hoch, vornehm und einander vollkommen gleich, ver? harrten auf ihren schlanken Beinen still und blank im Nebel der Winternacht und warfen nur hie 74 : Ml.» und da auf stolze Art ihre Köpfe. Der kleine, ge? wärmte, seidengepolsterte Aufenthalt umfing die Zwillinge. Hinter ihnen schloß sich der Schlag. Einen Augenblick, eine kleine Sekunde noch stand das Coupe, leise erschüttert von dem ge* übten Schwung, mit dem Wendelin sich zum Kutscher emporbegab. Ein weiches und rasches Vorwärts*Entgleiten dann, und das Portal des Theaters blieb dahinten. Und wieder diese lautlos rollende Geschwindig* keit zum hurtig taktfesten Hufschlag der Pferde, dies sanfte, federnde Getragenwerden über Un* ebenheiten des Bodens, dies zärtliche Bewahrt* sein vor dem schrillen Leben ringsum. Sie schwie* gen, abgeschlossen vom Alltag, noch ganz wie auf ihren Sammetstühlen gegenüber der Bühne und gleichsam noch in derselben Atmosphäre. 75 Nichts konnte an sie, was sie der wilden, brün* stigen und überschwänglichenWelt hätte abwen* dig machen können, die mit Zaubermitteln auf sie gewirkt, sie zu sich und in sich gezogen.... Sie begriffen nicht gleich, warum der Wagen stand; sie glaubten, ein Hindernis sei im Wege. Aber sie hielten schon vor dem elterlichen Hause, und Wendelin erschien am Schlage. Der Hausmeister war aus seiner Wohnung ge* kommen, um ihnen das Tor zu öffnen. „Sind Herrund Frau Aarenhold schon zurück?“ fragte Siegmund ihn, indem er über des Haus? meisters Kopf hinwegsah und das Gesicht ver* zerrte, wie jemand, den die Sonne blendet... Sie waren noch nicht zurück vom Diner bei Er* langers. Auch Kunz war nicht zu Hause. Was Märit betraf, so war sie ebenfalls abwesend; nie* mand wußte wo, da sie durchaus ihre eigenen Wege ging. Sie ließen sich in der Halle des Erdgeschosses die Überkleider abnehmen und gingen die Treppe hinauf, durch den Vorsaal des ersten Stockes und ins Speisezimmer. Es lag, ungeheuer, in halb* dunkler Pracht. Nur über dem gedeckten Tisch 76 am jenseitigen Ende brannte ein Lüster, und dort wartete Florian. Sie schritten rasch und lautlos über die teppichbelegte Weite. Florian schob die Stühle unter sie, als sie sich setzten. Dann be* deutete ihm ein Wink von Siegmunds Seite, er sei entbehrlich. Eine Platte mit Sandwiches, ein Aufsatz mit Früchten, eine Karaffe Rotwein standen auf dem Tische. Auf einem gewaltigen silbernen Teebrett summte, umgeben von Zubehör, der elektrisch geheizte Teekessel Siegmund aß ein Kaviarbrötchen und trank in hastigem Zuge von dem Wein, der dunkel im zarten Glase glühte. Dann klagte er mit gereizter Stimme, daß Kaviar und Rotwein eine kultur? widrige Zusammenstellung sei. Mit kurzen Be* wegungen nahm er eine Zigarette aus seinem 77 silbernen Etui und begann, zurückgelehnt, die Hände in den Hosentaschen, zu rauchen, indem er die Zigarette mit verzerrter Miene von einem Mundwinkel in den anderen gleiten ließ. Seine Wangen, unter den hervortretenden Knochen, fingen schon wieder an, sich dunkler zu färben vom Bartwuchs. Seine Brauen bildeten an der Nasenwurzel zwei schwarze Falten. Sieglinde hatte sichTee bereitet und einen Schluck Burgunder hinzugetan. Ihre Lippen umfaßten voll und weich den dünnen Rand der Tasse, und während sie trank, blickten ihre großen, feucht* schwarzen Augen zu Siegmund hinüber. Sie setzte die Tasse nieder und stützte den dunk* len, süßen, exotischen Kopf in die schmale und rötliche Hand. Ihre Augen blieben auf ihn ge* richtet, so sprechend, mit einer so eindringlichen und fließenden Beredsamkeit, daß das, was sie wirklich sagte, wie weniger als nichts dagegen erschien. „Willst du denn nichts mehr essen, Gigi?“ „Da ich rauche,“ antwortete er, „ist nicht wohl anzunehmen, daß ich beabsichtige, noch etwas zu essen.“ 78 „Aber du hast seit dem Tee nichts genommen, außer Bonbons. Wenigstens einen Pfirsich.. Er zuckte die Schultern, rollte sie wie ein eigens sinniges Kind im Frack hin und her. „Nun, das ist langweilig. Ich gehe hinauf. Guten Abend.“ Er trank den Rest seines Rotweins aus, warf die Serviette fort, stand auf und verschwand, die Zigarette im Munde, die Hände in den Hosen* taschen, mit verdrießlich schlendernden Bewe* gungen in der Dämmerung des Saales. Er ging in sein Schlafzimmer und machte Licht, — nicht viel, nur zwei oder drei der Lampen, die an der Decke einen weiten Kreis bildeten, ließ er erglühen und stand dann still, im Zweifel, was zu beginnen sei. Der Abschied von Sieglind war nicht von endgültiger Art gewesen. So pflegten sie einander nicht Gute Nacht zu sagen. Sie würde noch kommen, das war sicher. Er warf den Frack ab, legte die mit Pelz besetzte Haus* jacke an und nahm eine neue Zigarette. Dann streckte er sich auf die Chaiselongue, setzte sich auf, versuchte die Seitenlage, die Wange im sei* denen Kissen, warf sich wieder auf den Rücken 79 und blieb, die Hände unter dem Kopf, eine Weile so liegen. Der feine und herbe Duft des Tabaks vermischte sich mit dem der Kosmetiken, der Seife, der aro* matischenWasser. Siegmund atmete dieseWohl* gerüche, die in der laulich erwärmten Luft des Zimmers schwammen; er war sich ihrer bewußt und fand sie süßer, als sonst. Die Augen schlier ßend, gab er sich ihnen hin wie jemand, der schmerzlich ein wenig Wonne und zartes Glück der Sinne genießt in der Strenge und Außer* gewöhnlichkeit seines Schicksals... Plötzlich erhob er sich, warf die Zigarette fort und trat vor den weißen Schrank, in dessen drei Teile enorme Spiegel eingelassen waren. Er stand vor dem Mittelstück, ganz dicht, Aug in Aug mit sich selbst, und betrachtete sein Gesicht. Sorgfältig und neugierig prüfte er jeden Zug, öffnete die beiden Flügel des Schrankes und sah sich, zwi* sehen drei Spiegeln stehend, auch im Profil. Lange stand er und prüfte die Abzeichen seines Blutes, die ein wenig niedergedrückte Nase, die voll und weich aufeinander ruhenden Lippen, die her* vorspringenden Wangenknochen, sein dichtes, 80 schwarz gelocktes, gewaltsam auf der Seite ge* scheiteltes Haar, das ihm weit in die Schläfen wuchs, und seine Augen selbst unter den starken, zusammengewachsenen Brauen, — diese großen, schwarzen und feuchtblanken Augen, die er klagevoll blicken ließ und in müdem Leide. Hinter sich gewahrte er im Spiegel das Eisbär* feil, das vor dem Bette seine Tatzen ausstreckte. Er wandte sich, ging mit tragisch schleppenden Schritten hinüber und nach einem Augenblick des Zögerns ließ er sich der Länge nach auf das Fell sinken, den Kopf auf den Arm gebettet. Eine Weile lag er ganz still; dann stemmte er den Ellbogen auf, stützte die Wange in seine schmale und rötliche Hand und blieb so, versunken in den Anblick seines Spiegelbildes dort drüben im Schranke. Es pochte. Er schrak zusammen, er* rötete, wollte sich aufmachen. Aber dann sank er zurück, ließ wieder den Kopf ganz hinab auf den ausgestreckten Arm fallen und schwieg. Sieglind trat ein. Ihre Augen suchten nach ihm im Zimmer, ohne ihn gleich zu finden. Schließ* lieh gewahrte sie ihn auf dem Bärenfell und ent* setzte sich. 81 „Gigi.. was tust du? .. Bist du krank?“ Sie lief zu ihm, beugte sich über ihn, und mit der Hand über seine Stirn und sein Haar streichend, wiederholte sie: „Du bist doch nicht krank?“ Er schüttelte den Kopf und sah sie an, von unten, auf seinem Arm liegend, von ihr gestreichelt. Sie war, halb fertig für die Nacht, auf Pantoffel* chen aus ihrem Schlafzimmer gekommen, das dem seinen am Korridor gegenüber lag. Ihr auf* gelöstes Haar fiel hinab auf ihren offenen, weißen Frisiermantel. Unter den Spitzen ihres Mieders sah Siegmund ihre kleinen Brüste, deren Haut* färbe wie angerauchter Meerschaum war. 82 „Du warst so bös,“ sagte sie; „du gingst so häßlich weg. Ich wollte gar nicht mehr kommen. Aber dann bin ich doch gekommen, weil das keine Gute Nacht war, vorhin ...“ „Ich habe auf dich gewartet,“ sagte er. Noch immer im Stehen gebückt, verzog sie vor Schmerz das Gesicht, wodurch die physiogno* mischen Eigentümlichkeiten ihrer Art außer* ordentlich hervortraten. „Was nicht hindert,“ sagte sie in dem gewohnten Ton, „daß meine gegenwärtige Haltung mir ein ziemlich nennenswertes Unbehagen im Rücken verursacht.“ Er warf sich abwehrend hin und her. „Laß das, laß das... Nicht so, nicht so... So muß es nicht sein, Sieglind verstehst du...“ Er sprach seltsam, er hörte es selbst. Sein Kopf stand in trockener Glut und seine Glieder waren feucht und kalt. Sie kniete nun bei ihm auf dem Fell; ihre Hand in seinem Haar. Er hielt, halb aufgerichtet, einen Arm um ihren Nacken geschlungen und sah sie an, betrachtete sie, wie er vorhin sich selbst betrachtet, ihre Augen und Schläfen, Stirne und Wangen... 83 „Du bist ganz wie ich,“ sagte er mit lahmen Lippen und schluckte hinunter, weil seine Kehle verdorrt war... „Alles ist... wie mit mir... und für das... mit dem Erlebnis ... bei mir, ist bei dir das mit Beckerath... das hält sich die Wage... Sieglind... und im ganzen ist es... dasselbe, besonders, was das betrifft... sich zu rächen, Sieglind .. Es trachtete, sich in Logik zu kleiden, was er sagte, und kam doch gewagt und wunderlich, wie aus wirrem Traum. Ihr klang es nicht fremd, nicht sonderbar. Sie schämte sich nicht, ihn so Ungefeiltes, so Trübe* Verworrenes reden zu hören. Seine Worte legten sich wie ein Nebel um ihren Sinn, zogen sie hinab, dorthin, woher sie kamen, in ein tiefes Reich, wohin sie noch nie gelangt, zu dessen Grenzen aber, seit sie verlobt war, zuweilen er* wartungsvolle Träume sie getragen. Sie küßte ihn auf seine geschlossenen Augen; er küßte sie auf den Hals unter den Spitzen des Mie* ders. Sie küßten einander die Hände. Mit einer süßen Sinnlichkeit liebte jedes das andere um sei* ner verwöhnten und köstlichen Gepflegtheit und seines guten Duftes willen. Sie atmeten diesen 84 . Duft mit einer wollüstigen und fahrlässigen Hin* gäbe, pflegten sich damit wie egoistische Kranke, berauschten sich wie Hoffnungslose, verloren sich in Liebkosungen, die Übergriffen und ein hastiges Getümmel wurden und zuletzt nur ein Schluchzen waren- Sie saß noch auf dem Fell, mit offenen Lippen, auf eine Hand gestützt, und strich sich das Haar von den Augen. Er lehnte, die Hände auf dem Rücken, an der weißen Kommode, wiegte sich in den Hüften hin und her und sah in die Luft. „Aber Beckerath ...“ sagte sie und suchte ihre Gedanken zu ordnen. „Beckerath, Gigi... was ist nun mit ihm? ...“ „Nun,“ sagte er, und einen Augenblick traten die 87 Merkzeichen seiner Art sehr scharf auf seinem Gesichte hervor, „dankbar soll er uns sein. Er wird ein minder triviales Dasein führen, von nun an.“ Als Privatdruck des Phantasus «Verlags wurde Thomas Manns „Wälsungenblut“ mit Steindrucken von Th. Th. Heine im Auf« trag von Dr. G. M. Richter in der Offizin Dr. C. Wolf &. Sohn zu München 1921 gedruckt. Die einmalige Auflage beträgt 530 numerierte und signierte Exemplare. Die Nummern I—XXX wurden von Frieda Thiersch in München mit der Hand in Leder gebunden. Dieser Vorzugsausgabe ist eine Mappe mit Sonderdrucken der Lithographien auf echtem Chinapapier beigegeben. Die Nummern 1—500 wurden in der Werkstatt Carl Herkomer«München gebunden, und zwar 1—30 in Saf« fian, 31—100 in Antikkalbspergament, 101—200 in Halb« leder, 201—300 in Halbpergament, 301—500 in Pappband mit Umschlagzeichnung von Th. Th. Heine. Dies Exemplar trägt die Nummer ’ C I ■rf