O ^ ^ «L Klassiker und Bibel in den niederen Gelehrten schulen. -'E V NeDen^ '' Lehrer und gebildete Väter, von vr. Eduard Eyth. Basel im Verlag von C. F. Spittler. L8S8. vesine, sclijitorum noritste exterritus ipsa, Kxspuere ex suiino rationem; seä maZis scri Inäieio perxenäe; et si tidi vera viäetur, veile msmis, snt, si ksiss est, »eeinZere eontr». l^eeretius. Grosse Aufmerksamkeit erregte unlängst eine (durch Lorinser angeregte) körperliche Lebensfrage der Gelehrtenschulen. Eine geistige sollte es nicht minder» Gegenwärtige Schrift sucht sie aufzuwerfen. Möchte der Zankapfel nicht an dem Wege verfaulen; denn es soll eine Frucht des Friedens aus ihm keimen. Uebrkgens beziehen sich alle 5 Reden, wie der Titel giebt, nur auf die Altersstufe bis zum 14ten -oder löten Zahre. — Die Rede über Poesie wurde vorangestellt hauptsächlich, weil ich von ihr zuerst den factischen Beweis durch die, auf dem Umschlag angezeigten, „Harsenklänge" geben wollte. — Später wurden die Belege meist aus den in Württemberg eingeführten Lehrbüchern genommen. Diese können wechseln, aber die Veränderung wird dem Inhalte nach unwesentlich bleiben, so lange man chen Stoff aus Classikern nimmt; auch wird das Urtheil sich leicht von einem Werke auf das andere übertragen lassen. — Daß ich bei etwaigen Angriffen immer nur die Sache, niemals Personen im Auge habe, wird man meiner einfachen Versicherung glauben. — Freilich sind nun die Resultate unserer Kritik den Classikern nicht sehr günstig, und es ist ihnen das Biblische gegenübergestellt, was manchem IV Juden ein Aergerniß, und manchem Griechen eine Thorheit seyn wird. Zedoch — wir können nichts wider die Wahrheit, sondern für die Wahrheit. Am wenigsten hielten mich von meinen geäusser- ten Ansichten die neuesten Mißhandlungen des Biblischen ab, über welche 3 Lichter aufgesteckt sind, Jes. 33, 15 — 19. Sirach 34, 1 — 15 und hauptsächlich 2 Sam. 20, 1. Man lese! Aber welcher Unterschied zwischen der Posaune Seba's und denen vom Sinai, oder von einem gewissen kommenden Tage! Lassen wir darum gehen, was vorhanden ist; es geht von selbst. Arbeiten wir aber dahin, daß wenigstens die Gelehrtenschulen sich künftig nicht mehr den schweren Vorwurf machen müssen, zu solchen Verirrungen, solchem Verderben den Grund gelegt zu haben. Denn es ist wahr, was unlängst von einem ausgezeichneten Jugendschriftsteller gesagt wurde: „so lange die Wissenschaften nicht im Dienste, oder wenigstens im Gehorsam und unter der Leitung des Wortes Gottes stehen, können sie zwar der Wahrheit selbst nicht schaden, aber den Menschen, die durch sie von der Quelle aller Weisheit und Wahrheit abgeführt, und dem einzig richtigen Maasstab der Probehaltigkeit entfremdet werden." Kirchheim, u. T. d. 12. Sept. 1837. Der öer-kasser. Allgemeine Amntk über das klassische u n d biblische Alterthum. '(Gehalten d. 6ten Februar) 183S. ^ie haben die Güte gehabt, vcrehrteste Herrn, sich an dem heutigen Tage hier cinzusinden,, um der Ver- theilung der für einige ausgezeichnete Schüler bestimmten Belohnungen beizuwohnen und dadurch ihre Thcil- nahme an den Fortschritten unserer lieben Jugend auf eine Weise auszudrückcn, welche diese Jugend selbst, wie ihren Lehrer, zu besonderem Danke verpflichtet, den ich auch allem Anderen voranzustcllen mich gedrungen fühle! Jene Belohnungen bestehen neben der Geschichte eines, gleichfalls zum Theil der deutschen Zunge an- gehörigcn, Nachbarvolkes, das in früheren Zeiten manche einfach hohen Gestalten in den Bildersaal der Weltgeschichte stellte, nun aber in seinen sittlichen u. bürgerlichen Verhältnissen, wie in seiner politischen Geltung weit unter den früheren Jahrhunderten seines Dascyns zu stehen scheint, — — sie bestehen ferner, neben einer Geschichte unseres eigenen deutschen Vaterlandes von den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage, hauptsächlich noch in einigen classischen Werken, ncmlich Len erhabenen Schöpfungen Homers u. den glücklichen Nachbildungen Virgils. Meine eigene Ueberzcugung von dem mannigfachen Wcrthc dieser Schriften, wie mein Amt, legen mir den innigen Wunsch ganz nahe, daß diese Werke und überhaupt alles Clas- sische, das behandelt wird, von meinen Schülern mit 4 unermüdlichem Eifer gelesen und wiedergelese» werden möchte- Um so näher liegt mir aber auch die Veranlassung, über ei» solches Studium ermahnend einige Worte, wenn aucb nur ganz schwach u, unvollständig, wie cS mir eben meine geringe Fähigfeit u. beschränkte Zeit erlauben, beizrtfügcn — eine Veranlassung, welche, wenn ich sie gleich nur zunächst mir einem sorgsamen Blicke auf die Mir snvertraute Jugend ergreife, doch auch für Sie, meine verehrteste Herrn, eine Seite bieten wird, die Ihnen unmöglich ohne Wichtigkeit fern kann, weil Sic den Sinn und Geist, ^ worin ich zu erziehen und zu lehren wenigstens mich bemühe, deutlich macht.- — Es wäre Uebcrfluß, über den Werth klassischer Bildung ein Wort zu sprechen in einem Kreise, der denselben auS Erfahrung kennt. Kein besseres Mittel, den Geist znm Denken hinzuführen! Keine belfere Weise, ihn mit den Wunderkräften, die in schön geordneter, einfacher, aber kernigter Sprache liegen, vertraut zu machen, und selbst mit ihnen zu begaben! Groß war der Einfluß, groß ist er noch in dieser Stunde, welchen das elassische, besonders römische Alterthum auf die meisten Sprachen der neuen Welt, vielleicht nicht zu ihrem Nachthcil, äußert, groß die Macht, die es sich auf unsere Gesetzgebung, auf unser ganzes Leben nock bis jetzt behauptet hat. ES ist wahr: ein Proconsul-ersteht noch jährlich auS dem Grabe dcS längst gefall'uen Reiches und zieht in die k«z, ^""lliimz ^ ^lh ciiim l ir> nn, hW, »l'M kki mi Ech ick« M >!!>>5kr W !(, in tk» rct ÜNtiis iiu i«m n ftc» z? liczai, M u bkgsk»! -b i« M » stmistl !liki> Wcll, , zttf ii- siif ,. K>» ^ zu! kl« ich i« il' eroberten Provinzen. Das ist der Geist deS NÜmer- thumS. Aber wozu sage ich alles dieses? Die Vorzüge der klassischen Welt, ihren Nutzen für unS, wo sie einen Hst, weiß Jedermann. Auch wir erkennen Alleö mit Freuden an, aber — wir-schweigen nun davon! — Nur EincS scheint mir zu bedenken, das freilich die Natur der Sache mit sich bringt. Während in dem Knabenalter der Geist für Eindrücke jeder Art am empfänglichsten ist, muß er sich mit dem Geringeren begnügen, was ihm das Alterkhum der Grieche» und der Römer binterlicß. Sucht er Geschichte, so verbietet ihm die schwierigere Form, den Lab-ctrank eines Tacrtus und Tbucpdides zu kosten. Betritt er den blühenden Dichterwald der Alken < dessen Größe er übrigens noch gar nicht ahnt) so stehen ihm die herrlichen Charaktere eines SophocleS, AcschyluS? Euripides noch ferne, ferne; verständlicher nach seinem Inhalt ist Homer; aber der Anfänger hat doch erst schwere Kampfe mit dem Ionier zu kämpfen, biS dieser ihm vergönnt, sei» inneres, ebenso einfaches, als unvergleichlich schönes Hciligthum zu betreten. —- Sucht der junge Geist daS Forum und die Redner auf, so blcibcu wohl -auch hier die Koryphäen ibm narürlick noch entzogen, die donnernde Stimme des Demosthenes dringe nicht zn ihm heran. — Suche er endlich weise Männer, wie konnte er siä> einem SocrattS und Plato uaheru, dessen schöne Ahnungen so nahe an die ungetrübte Wahrheit streifen und den Morgenwolkcn gleich sind, die der Sonne vorangehn? Was wollen wir also sagen? Es ist a n sp ornend, cs ist freudig, es ist unschäzbar, daß die classische Welt so Herrliches geliefert hat, oberes ist traurig, daßdasjungeGe- müth in der Zeit sein er grösten Empfänglichkeit am meisten von dem Herrlichen entbehren muß. Blicken wir in die Lehrbücher, welche die Brücken bilden zu jenen elysäischen Feldern des ächten großen Gricchenthums und Römerthums, — jene Lehrbücher, wie sie uns gegeben werden und nicht anders gegeben werden können, was finden wir darin? Allerdings, Geschichten von Pyrrhus, Alexander und Hannibal und vielen Andern! Wohl! — es waren dieß glänzende Erscheinungen, — Männer, welche kühner sich in ihren Thaten zeigten, als andere nur in Gedanken sind. Und nehmen wir noch die Hunderte hinzu, von Römern, oder Griechen, welche gewappnet in dem Vordergründe stehn in der Geschichte ihrer Staaten — — aber hier sind keine Krieger, keine Feldherr» zu erziehen und zu lehren! Was sollen jene Helden nun für uns? ? — Die Erzählungen der Alten sind fast nichts, als eine Gallerie von Schlachtgemäldcn! Das mag dem wilden ungcstümmen Sinne der Jugend wohl oft lieb und angenehm und unterhaltend sepn, aber zwenn wir die Wahrbeil sagen dürfen) wahrhaft Belehrendes, wahrhaft Erziehendes, wahrhaft Besserndes hat es wenig, oder nichts. „Aber ist denn dieß allein der Inhalt solcher Schriften?" fragt man etwa. Nicht allein; sedvch der größte Theil! DaS Andere — schöne Worte eines Cicero, auch gutgemeinte Worte, aber dennoch keine kräftige Speise! — oft ermüdend und leer, — oft mit Eitelkeit uud Selbstsucht durchwcbt, — aber doch noch besser, als die Spöttereien eines Lucian, der die letzten guten Keime in dem schlechten Glauben seiner Väter frech mit Füßen tritt und nicht damit zufrieden ist! Man könnte es für jene Zeit verzeihe», wenn ein gewandter, Heller Kopf die hochgcpriescnen „Götter Griechenlands"*) verachtete; aber unverzeihlich ist eS in der That, wenn dann der gleiche Mensch selbst auch das menschlich Große einer Welt zu rauben suchte, die versenkt in ihren Wahn, bereits durch eigene Schuld das Göttliche verloren hatte? Aber was rede ich von Einzelnen? Denn so, wie ich es schilderte, (ich will cs frei gestehen!) sind ja zum großen Thcile jene Schriften alle, welche doch durch ihre Form bis jetzt allein geeignet sind, den Schüler weiter fortzuführcn. Es ist beinahe eine Wüste, worin nur wenige Oasen grünen, durch welche der Weg zu dem schönen Lande führt, in dem die bc- *) Mau vergl. ; D. Schillers Gedicht von dieser Uedcr- schrist, ßeren und höheren Geister der alten Welt ihren Wohnsitz haben. Man muß hindurch u. kann wohl auch den Geist der Jugend nur durch diese Wüste führen. Der einzige Fehler, den man freilich gar zu oft begangen sieht, ist der: daß man für diese Zeit der Reise sich nicht gehörig mit besserer, gesünderer Kost versieht, besonders für die jüngeren Gcmüthcr; daß man sich (unvorsichtig genug!) auf dasjenige verläßt, waS etwa in der Wüste seihst zu finden ist, und daS find Dornen, oder Disteln, Ja, wenn man einen Blick auf das Gesagte wirft, so möchte man an manche Eltern, manche Lehrer und Erzieher ernst die Frage Achten: wollt ihr, die ihr so zärtlich für den Leib der Kinder sorgt, — wollt ihr denn ihren Geist mit Blut und Malle nähren? — WaS kann die Frucht von diesem seyn? Denn, an den Früchten sollen wir die Dinge prüfen! Wir wollen hier mit Offenheit zu Werke gehen! — Sicht man sich in den höhern Kreisen der Gesellschaft um, unter dein Stande derjenigen, die sich vorzugsweise die Gebildeten neunen, so begegnet unS, wie oft! eine Gleichgültigkeit, ja Unkemttniß in Dingen höherer Natur, die uns in Staunen setzt; so begegnet uns, wir oft! eine Kälte des Gefübls für Himmlisches und Heiliges, die uns in ibrer Nabe schaudern macht; so begegnet nnS, wie oft! eine Traccheit für jedes Wirken in einem geistigeren Sinne, welche den oft an sich schon gcistlödtcndcu Berns noch nzehr dazu erniedrigt s und für die angesehenere, hochgestellte Classe nur eine bürgerliche Gerechtigkeit (wie es die Alten nannten - übrig laßt, die im Leben keine rechte Freudigkeit gewährt und deren krückcnhaste Stützen dann im Tode vollends brechen. Aber nicht genug! Aus diesen Kreisen der Gebildeten nimmt sich das Volk seine Vorbilder; aus diesen Kreisen der Gebildeten gehen dann die Lehrer des Volkes selbst/ gehen insbesondere die Schaaren von Schriftstellern hervor, welcke heut zu Tage aus- und ziiedertauchen, größer oder kleiner wirken, aber immerhin, in ihrer Blasse zusammenge- nommen, einen unberechenbaren Einfluß namentlich in unserem lescsüchtiaen Jahrhundert üben. Uno wie und auch schon gemacht hat, *) Aufzählungen von drängt und möglichst angehästst wird, weil mau auf diese Weise gegenwärtig am gewissesten und schnellsten man doch,, daß die große Mehrzahl unserer Dichter und Dichterlinge, Novellen- und Romanenschrciber, unserer lachenden Dcmocrite und verzweifelnden He- raclite, oder (oft zahnlosen) Satyrn unendlich mehr für wahren Geschmack und Sittlichkeit schadet, als "8nß beschaffen sind die meisten dieser modernen Schriftsnst- / iünn dH ler? Wir wollen hier nicht die traurigen Verzeichnis- ^ len lv!> se wiederholen, welche man in der That mache» kann ch,>- Schändlichem und Schlechtem, welches zusammcngc- seinc Rechnung findet; — — aber behaupten darf ) Bgi. Kaps ükcr die Zukunft des Herrn PiL. SS. 10 nutzt, — daß sic niedorreißt, wo so Vieles aufzubauen wäre, und daß sic die Herzen der Mcn-- schcn vollends leer und öde macht, indem sie da und dort vielleicht sich ihren Beutet füllt! Welcher Egoismus, welche Genußsucht und Sinnlichkeit, welche unedlen Triebfedern, welche überspannten Ansichten und Erwartungen, welche Unzufriedenheit mit dem Bestehende» in Staat und Kirche, auch wo das Bestehende gut ist, — cbendcßhalb welche Unsicherheit und Unordnungen in beiden aus jener Einen Quelle schon geflossen sind, — dieses Alles wäre fast unglaublich, wenn wir nicht blos die Augen aufzumachcn hätten, inu es selbst mit Staunen und Bctrübniß anzusehen ? Nicht mit Unrecht schreiben nun Manche, welche wohl die Sache zu bcurthcilen wissen und vielleicht ^ sch selbst, durch Schaden klug gemacht, erkennen, diese traurigen Zustände keinem andern Grunde zu, als demjenigen, wovon wir oben sprachen, nehmlich der Beschaffenheit der Gegenstände, womit sich unsere, krustig in den Stand der Gebildeten cintrctende, Jugend entweder ganz, oder doch beinahe ausschließlich gbmgeben hat- Hier also sollte durchgreifend und überall geholfen werden! Jedoch mit welchem Mittel?? — Mc in verehrter Herr Vorgänger Hai, wenn ich reckt gehört habe, in einer seiner lcztcn Schulrcdcn von dein Emflußc der Religion beim Unterrichte gehandelt. Das ist die Sache, der man helfen muß, damit sie uns helfen kann. Jedoch haben wir zu bedenken, daß wir keine Religion aus unserm eigenen Geiste haben! Dieser hat das lebendige Wasser nicht; aber wir kennen die Quelle, wo sie fließt, und wissen sie unS nahe. Ich will cs kurz, einfach und entschieden fassen: es wäre für unsere höheren Stände und überhaupt für unsere und die kommende Zeit unendlich viel gewonnen, wenn auch schon in den untersten G ele h r t e n s ch u l cn daS Studium der Bibel eine recht lebendige Wiedergeburt erlebte. Aus hundert Gründen, wenn man so viele verlangt! Aber vicllcicbt genügt der einzige: daß auch schon in der Jugend der Mensch eine unsterbliche Seele hat! — — Indessen erlauben Sie vielleicht dennoch, m. Herr», diesem Einen Grunde noch einiges Weitere, (wenn auch, wie ich schon oben ausgesprochen habe, schwach und unvollständig beizufügen, Einiges meine ich, das noch näher auf den Zweck der Schulen und die Gegenstände ihres Unterrichtes sich bezieht. Diejenige Art des Unterrichts, welche in diesen Schulen als der Hauptzweck betrachtet werden muß und zur Aufgabe hat, den Verstand als Kraft hauptsächlich auszubilden, damit der Mensch vor allen Stucken das Lernen lerne — mit einem Worte, die sogenannte formale Bildung ist allerdings un gemein wichtig; denn sie ist die beste Vorbereitung für jede Art dcS künftigen Berufs. Nur vergesse man über dem Thcile nicht daü Ganze, über dem Berufe nicht den Menschen, welcher bei dieser vorzugsweise formalen Bildung leer bleiben kann an Jnnbalt. Diese Lücke würde durch nichts besser auSgefüllt, als durch das angegebene Mittel, weil eS den Mensche» nicht bloS zum Denken, und zwar über di« höchsten Gegenstände antreibt, nicht bloS unterhalt, nicht bloS belehrt, nicht bloS sein Eefübl anregt, nicht bloS seine Vorsätze bessert, sondern Alles dieß jusammmen khut und eine Richtung nach dem Höheren in allen Dingen wirkt. Aber bloße Worte un» Versicherungen grmigen hiebei nicht; einige wenige Beispiele — um meiner Schüler willen — mögen die gemachte Behauptung sicher stellen. Sucht man (damit auch ich mit dem beginne, wonach der Mensch am ersten fragt und was man ibm auch sonst am reichlichen bietet) sucht man Ge- schichte u, m. H. wo könnte man sie merkwürdiger finden, als in einem Buche, daS einem großen Theile nach bereits durch 4 Jahrtausende geheiligt ist, daö in dieser langen Zeltenreibe uuläugbar für hundert größere und kleinere Völkerschaften Ker» u. Anfang ihrer Schrift, Literatur und ganze» Geistesbildung wurde, daS zugleich immer nur vcu denen verworfen und verachtet wurde, die eS in der Thar nicht genau genug kannten, aber bewundert und als göttlich von Allen gepriesen, welche mit der ganzen Kraft ihres Geistes und ihres Lebens sich darin versenkten, dar, wenn auch häufig angefockten, doch nie einen Feind gefürchtet, nie einen Bertbcidiger gesucht hat, sondern immer still und ruhig, aber desto großer, überwand;—» wo könnte man sie merkwürdiger finden, als in den fortlaufenden Erzählungen von einem Volke, das, wenn auch unscheinbar zwischen den bcpanzcrten Völkern der alten -Welt hinemgclagcrk in seinem einfachen Hir- kcnkleide, dennoch das wichtigste von allen war durch seine geistige Bestimmung, und noch jetzt das merkwürdigste von allen ist in seiner Zertrümmerung und Zerstreuung, und ein lebendiger, aber trauriger Zeuge von einer waltenden Gerechtigkeit?*)Dic Zeit ist Mir zu kurz, um hier auf viele Einsielnheiten tümuwcisett: aber wer liest nicht jedesmal mit Theilnabme, Bewunderung und Rührung die Geschichte eines Joseph* Wen spricht, um nicht von Davids Sohne schon zu reden, nickt Davids Leben selber an, eines Masse-, in dessen Seele, wie in seinem Schicksale, sied „da- Starke und das Zarte, das Milde und das Strenge" so lieblich gepaart haben, daß der gute Klang davon noch seht in seinen Liedern dnrch die Erde tönt'? Und was soll ich von der Geschickte des neuen Bundes sagen, die an innerer Weihe Md Große ihres» *) Anm. Friekrick N. von Preußen verlangte einmal von «ör nem christlichgesimitcn Gelehrten herausfordernd einen augenfälligen Beweis für die Wahrheit des Christenthums. „De« will ich gehen!" sagte der Gelehrte. — „Und welchen?"-^ „Dir Juden!" — Der unukerwindliche König war geschiag^. 14 gleich«» nirgend finden kann und die selbst nach dev äußeren Ausdehnung durch das Gotigestürkte Pro- phctcnaugc eines Johannes bis an daS Ende der Zeit hinauszublicken vermag? Aber genug! denn wer da, sucht, der findet selbst! Darum gehen wir nun weiter, m. H. und treten von dem Gebiete des Wirklichen auf das Gebiet deS Schönen. Denn eö ist für die Bildung der Knaben, die einst den gebildeten Classcn angehören sollen, gewiß ein wesentliches Stück, schon frühe den Geschmack und Sinn für alles Schöne zu erwecken, und dazu ist ebenso gewiß die Poesie das beste Mittel. Von was gilt cs aber besser, als von der Poesie der Bibel, daß sie uns goldene Früchte in silbernen Schaaken bietet? Und wenn nun das Wesen der Dichtkunst überall darin besteht, daß sie dem Gedanken einen Körper giebt, so cristirt dieser Körper in unsrer Poesie doch immer selbst nur wieder im Gedanken; dagegen in der Bibel ist er auch in Handlungen, Begebenheiten, sichtbaren Gestalten prachtvoll ausgcdrückt. Wenn wir z. B. den alten Moses während der Schlacht der Amalckitcr auf dem Berge sehen, die flehenden Hände zu Gott erhoben um Sieg für seine Nation; — — so lange er sic erhebt, siegt dieses Volk; wenn er sie sinken läßt, die Feinde. Zuletzt ermüdet er; aber seine Begleiter treten zu ihm nahe herbei, halten ihm mit Macht die müden Arme in hie Höhe und so wird endlich der Kampf nach lan- Pr, k» kl>» 1 llr Alm, zr- iNi- '«tlU- rtimsl ci»k» Pc- U S-zk- riilkl. > krr , di sme iksis ulctzl rstt !i I« !-»- — jo — ger Arbeit durch die Hülfe des Herrn gewonnen. Welche hohe Gedanken liegen in dieser einfachen, aber für den Ticfcrforschcndcn prachtvollen Gesckickte verborgen! Das Wohl der Völker hängt von diesem ab, daß auch die Ersten, auch die Könige und Fürsten sich nach oben richten, zu dem Herrscher aller Herrschenden. Und diejenigen, die ihnen nahe stehen, haben keine größere Bestimmung, als sie in dieser Richtung fest zu halten. Dann fehlt es nicht. Das Glück der Völker ist gewiß; doch sinkt cs wieder, wenn die Hände sinken — vom Gebet! — Oder — lassen wir den Hohenpriester cinhcrtretm in seiner Pracht, — auf der Brust die 12 Edelsteine mit dm Namen der einzelnen Stämme, ebenso auf den Schultern je 6 uud 6 solcher kostbaren Steine mit den gleichen Namen, Beides verbunden mit goldenen Ketten — und auf der Stirne das goldene Blatt: „Die Heiligkeit des Herrn!" geschrieben. Welche hohe Bedeutungen und wie schön und erhaben ausgedrückt! Dieser Mann, das sichtbare Oberhaupt des Staates hatte große Last zu tragen; auf seinen Schultern ruhte das Gewicht der ganzen Nation, aber dieß Gewicht wurde ihm leicht, weil ihm das Gleiche auf dem Herzen ruhte — unzertrennlich Beides verbunden. Denn jede Last wird durch die Liebe leicht. Uud wer im Dienste Gottes lebt, auf dessen klarem Angesichte steht noch jetzt: „Die Heiligkeit des Herrn!" Welche wundervollen Vorbilder sind doch dieses auch für uns; 16 wir alle sind ja doch ein „pi'iesterlieheZ Volk!" Und solebc Herrlichkeiten finden sich nun allenthalben, wenn man su ckt!*) Begehrt inan aber eigentliche Gedichte, Gedichte in unserem Sinne, welches Volk gab sie unS bcrrlicher, als das israelitische? Wo findet sich eine gleiche Farbenpracht nach aussen, ein so reiner, edler Kern nach innen? Wo eine gleiche Auffassung der Natur in ihrem Lieblichen und ihren Furchtbarkeiten? Wo eine gleiche Kenntniß deS Menschen bis in seinen tiefsten Herzensgrund und Gottes bis hinauf in seine höchsten Himmclshöhen? Lese man doch nur eine einzige Probe! die Sache ist so klar! Erlauben Sie auch mir, m. H. nur rin einziges Beispiel beizufügcn, nur das Bruchstück eine- davidischcn Liedes im Herbste, welches ich so wieder- Zugeben wünschte, daß (ohne irgend eine Beifügung N«! Lrt« WS Si st« ü>ii«l> bi» liwln *) Anm. Die beiden berührten Stücke, nchinlich Moses aus ^"ll> dein Berge während der Amalekiter Schlacht, und die Be- deutung der einzelnen Thcile des xriesterliche» Schmucke- sind unten als Anhang in metrischer Bearbeitung z» finden. °«t!« Ich will cS hier ein- für allemal erklären, daß ich nur Andeutungen und Winke geben will, und e- demnach nicht E, meine Ausgabe sepn kann, eine 'Masse von Beispielen zu einem vollständigen Beweise aufzuhäufen, wiewohl dieß in dem vorliegenden Falle leicht wäre. Selbst ganze größere : Particcn der Sache haben wir nicht nur hier, sondern s0< ^ " gar auch in den folgenden Reden, wo die Behauptungen Ailss dieser ersten zum Thcil weiter auszeführt werden, absichtlich übergangen. So z. B. gleich in der nächsten Rede ist Bch der in dem N. Testamente auf die mannigfachste Weise cnthal- ^ tencn ächtesten Poesie nicht einmal Erwähnung gethan. In andern Abschnitten findet man das Aehnüche. Dem eige- z, ^ stcn Forschen und Suchen bleibe da- Meiste anheimgestellt! . k-- ^ und Veränderung) nur der Glanz der morgcnländi- schen Bilder mehr hindurchleuchtete, als es in den gewöhnlichen, wörtlichen Bearbeitungen geschieht; denn wir geben so oft für die goldenen Worte deS Originals nur Silber - oder schlechte Kupfermünzen. Das Lied ist folgendes: Groß ist der Herr! Er hat mit Regen Die Ackerfluren reich beschenkt, Er hat das arme Land getränkt; Aus Gottes Brünnlcin fließt der Segens Er schwemmte seine Furchen eben; Im alten Land, im neuen Bruch Ließ er durch seinen Segensspruch Die reichsten Keime sich erheben. Nun kommt Er, selbst die Wüsten träufen Non Ueberfluß, wie Er sich naht, Und wo er eine Flur betrat, Sieht inan die goid'nen Keime reisen. Er kommt mit Frucht und Blumenblüthe; Wie einer Jungfrau Lockcnhaar. Bekränzt er das crwachs'ne Jahr Mit seiner wundervollen Güte. Bald, bald wird er hcraugclangen; Drum eilet sich das ganze Land, Im hochgcschmllcklen Festgcwand Den große» König zu empfangen. 2 18 Der Berg erheb! sich in die Lüste; Er mach! sich fertig und bereit, Den Menschenscbwarm voll Fröhlichkeit j Schlingt er, als Gürtel, um die Hüfte! Mit Garben, weiche üppig spriessen, Bedeckt sich das Gefilde schnell, Und mit dct Heerde Wollenfclt ! Bekleiden sich die grünen Wiesen! I So stehn sie all' im Hochgcpränge, In überhcrrlicher Gestalt, Und rings von Thal und Hügel schallt DaS Rusen und die Fcstgesänge! So weit düö Lied! Und man wird gewiß nickt ^ umhin können zu gestehen, daß, wenn das biblische ^ Alterthum viele solcher köstlichen Stücke aufzuweisen hat, es wohl auch darin die Vergleichung mit dem klassischen ertragen kann. Und cs hat deren fast un- ; zählige! Wenn nun schon der Boden des Vorhofs i belegt ist mit solchen Edelsteinen, welcher Schatz mag ^ in dem Tempel selber scyn! Ich wollte gerne auck hierüber einige weitere Worte zur weiteren Bestar- ^ kung des oben Gesagten beifügen, aber cs ist besser nichts zu sagen über eine Sache, die durch Worte I nur verlieren kann. Zudem sind die gemachten An-' deutungen hinreichend, und die gegebenen Beispiele ver- ^ halten sich gewiß zu dc-m klebrigen nicht, wie Per- k len zum Meere, sondern nur wie Tropfe zum ? Tropfen! — j 19 H Ä! KUt! Mit» hl» KlKi Zii>r »1K» ! KkS -iklk^ !i- f'k ',>lt Aber von diesem Allem m. H. erfährt der Knabe der gebildeten Stände (erinnern wir uns doch an unsere eigene Jugendzeit!) gar wenig in der Schule, wenig oder nichts! Es ist also gewiß ein wesentlicher Mangel, (um zu Früherem zurückzukehrcn,) in dem niederen Gelehrtenschulwesen — diese Leere an dem wichtigsten Inhalte, die so leicht für ein junges Ge- müth bei der fast ausschließlichen Beschäftigung mit der Form von Sprachen entstehen und gefährlich werden kann. Daher scheint es auch nicht schwer durchzuführen, wie durch eine Rückkehr der Religion in die Gcsammtheit unserer Anstalten, in denen sie häufig, leider! wo nicht ganz verdrängt, doch fast nur als ein todtes Skelet aufgestellt ist, — dem ganzen Uebelstande auf die allerbeste Weise abgeholfen würde, um so mehr, da sie, oder, was mir dasselbe ist, das Studium der Bibel nicht nur den reichsten Stoff der Wahrheit bietet, wie die Geschichte von Jahrtausenden lehrt, nicht nur den Sinn für das Schöne durch die erhabensten Muster und Vorbilder anregt und belebt, sondern auch die sittliche Natur mit kräftiger Hand erfaßt und zu dem Himmel emporhebt. In dieser leztercn Hinsicht, die ich nur andeuten kann, da ich zu dem Schluffe meiner Worte eilen muß, drängt cs mich doch, noch Eines zu berühren, was für unsere Anstalten und überhaupt für unsere Zeit sich ganz besonders eignen dürfte? Daß nämlich das klassische Altcrthum > von seinen 2 * 20 geringeren bis zu seinen höhergestellteu Charakter» Und Schriftstellern hinauf (wie denn auch die m o - dernc Autorcnwclt in ihrer Ferm und ihrem Inhalt) änstcrst geeignet ist, einen gcwißen Ehrgeiz zu nähren, eine Sucht nach Ruhm und überhaupt nach solchen Dingen, die von Vielen doch nur Wenige besitzen können, cbendämit aber- auch Neid, Eifersucht und noch vieles andere zu pflanzen — das ist gewiß and anerkannt. Solche Gesinnungen setzen sich nut- gar zu leicht in jedem Herzen fest, auch wenn die Natürlichen Anlagen und Kräfte des Menschen die Erreichung ihrer Zwecke unbedingt unmöglich machen. In unseren Tagen, bei so gesteigerten Anforderungen in jedem Stande, bei der großen Anzahl, welche sich zu jeglichem Berufe drängt, bei der in dem gleichen Verhältnisse gesteigerten Schwierigkeit, sich auszuzeichnen emd in der Welt eine nach aussen glänzende Stellung einzunehmcn, und zu behaupten, — bei allem diesem würde cs doch um so nöthigcr scyn, schon den Knaben, anstatt nach aussen, vielmehr nach innen zu weisen, statt des Ehrgeizes vielmehr die Demuth in ihm zu erwecken, statt des Begehrens nach immer Größerem vielmehr Zufriedenheit mit dem Geringen ihn zu lehren. Wo aber findet sich dies; alles gezeigt und gelehrt, durch Wort und That gelehrt, als eben wieder in der alten Bibel? Und dabei mag inan wohl auch darauf deuten, wie in der Stille dennoch stets die größten Kräfte schlnm- mern. Wer hat Ritz der alten Welt eine neue gemacht? Kein Alexander und kein Socrates, keine Macht und keine Philosophie, sondern Christus. Was hat Rom und Athen gewirkt gegen Razarct? WaS hatten 4 Jahrtausende gethan gegen die 3 Jahre eines Verborgenen? Was haben alle Könige und Helden mit aller ihrer Macht, mit Millionen Sclaven und Soldaten sür cm Reich gegründet nach Umfang ünd nach Dauer — gegen de» König mit der Dornenkrone, der gekreuzigt ward? Darum mögen wir das Menschliche ehren in seiner menschlichen Größe, aber wir sollen cs nicht vergöttern. Darum möge» wir insbesondere die herrlichen Werke des elassischcn Alterthums mit Lust und Liebe lesen und betrachten; denn sie sind großartige Mittel zur Bildung unseres Geistes, um so bessere, je weiter wir in ihnen Vordringen und je mehr wir ihnen die rechte Stelle anzuwciscn lernen in der Welt und nnscrm Innern; darum ermuntere ich namentlich auch euch, liebe Schüler, den Schriften, die euch hier zur Belohnung eures Flcisscs und eures guten Betragens in die Hände gegeben werden, einen recht großen Thcil eurer Zeit und eurer Aufmerksam kcit zu widmen — aber vergcßt nicht über dem glan zcnd Großen das wahrhaft Erhabene, über dem Hohen das Heilige, über dem Vergnügen die Besserung, die jedem Menschen nothig ist, und über der Erde den Himmel! Vergesset nicht, daß, wenn cs schön 22 ist, im Geiste unter den Palästen zu wandeln, welche sich die Helden RoznS und Griechenlands (freilich oft über Leichen und Trümmern einer zerstörten Welt) errichteten, cs doch noch schöner ist, wenn uns der Zimmermann von Nazaret in seinem Lande eine Hütte baut! Beilagen zur Iten Rede. 1 Die Amalckitrrtch lac I) t (2 ?Nos. 17, 8 — 14.) ^ingestreckt von Gottes Händen In das wunderbare Meer Lag Aegyptens wilder König, Lag des Königs stolzes Heer; Muth'ger zieh» des Volkes Schaaren Ihre schwere Pilgerbahn Durch die grauenhafte Wüste Nach dem hcil'gen Canaan. Doch sic sind noch nicht geborgen In dem langvcrheißnen Land, Da erhebet schwertbcwaffnct Amakek die Feindeshand, Schickt aus seinen Dörfern allen, Schickt aus seiner Städte Thor, Wilde zornerfüllte Krieger Gegen Israel hervor. Drohend füllen sich die Fluren Und der Untergang ist nah, Aber Moses spricht vertrauend Zu dem kühnen Iosua: „Wähle dir die besten Männer, „Tapferer, zu diesem Strauß, 24 „Zieh' in Gottes hcil'gem Name» „Morgen in den Kampf hinaus!" —- Wie die Sonne wieder scheinet Und der andre Tag erwacht, Tobt im blutigen Gefilde Laut die ungeheure Schlacht, Und des Voltes greiser Führer Schaut mit zween Erwählte» nur Won des nahen Hügels Spitze Nieder auf hie weite Flur, Unten klirren laut die Schwerter, Unten geht es dran und draus, Oben hebt er seine Hände Betend zu Jehova auf; Und so lang' er seine Hände Betend zu dem Himmel hebt, Siegen seines Volkes Scbaaren, Und das Heer der Feinde bcbr. Aber, ach! die alten Glieder! Traur'gc Müdigkeit beschleicht «Leinen Arm, die Feinde siegen Und das Volk Jehovas weicht; Wieder reckt er ihn; cs woget Die Entscheidung hin und her; Weh, das Heer beginnt zu fliehen! Mosc's Hände werden schwer! Der Begleiter treuen Seelen Wird die Hoffnung schwach utid klein Doch sie setzen ihren Führer Nieder auf den nahen Stein, Halten ihm die müden Arme Zu dem Himmel auf mit Macht, Halten treulich vhn' Ermüden, Bis zum Abend, bis zur Nacht. Als des Tages Helle Leuchte Jetzt vom Himmelszelte wich, Sah man in den weiten Feldern, Wie der lczte Feind verblieb; Röthlich glänzt auch das Gefilde Bei der Äbcndröthe Gluth; Mit der kühlen Nacht — da wurde Starr und kühl der Helden Blut! Ach, wie da so mancher Kämpfer In dem cw'gcn Schlummer lag! Auch die Sieger schlummern feste, Ruhn von ihrem heissen Tag; Doch des Volkes altem Führer Kommt der Herr im Traume nah: „Morgen schreibe zum Gedächtniss, „Was durch meine Hand geschah!" Zum Gedächtniß allen Völkern, Deren wildes Herz, erregt Von der finstern Macht des Bösen, Nur Gewalt und Frevel hegt, Daß sic sehn, wie durch Gefahren Dock das Recht zum Siege dringt, Und den Trotz der tapfer» Helden Das Verderben sah verschlingt! 26 Zum Gedächtnis; allen Hohen, Die dem goldnen Throne nah, Deren Mancher wohl noch niemals Dort nach Mose's Hügel sah. Daß sie dann nur treulich dienen Ihrem Herrn und ihrem Land, Wenn sie treu zum Himmel heben Fürstenherz und Fürstenhand! Zum Gedachtniß allen Herrschern, Daß des Schwertes Schärfe nicht, Noch der Männer stahlbcwehrte Faust die Siegeskränze flicht, Daß des Volkes Kraft und Ehre, Daß des Thrones Macht verweht, Wenn der König nicht vertrauend Zu dem höchsten König fleht! 27 2 . Der Priettertchmuc k. (2 Mos. 38.) herrlich steht des Priesters Würde In dem alten Bund geschmückt; Aber keine leichte Bürde, Die auf seine Seele drückt? Wer ein Priester, war ein Dulder; Nimmer hatt' er Ruh' und Rast, Trug er doch auf schwacher Schulter Seines Volkes ganze Last! All' der vollen Stämme Namen, Die nach langem Leid und Harm Zu dem hcil'gcn Lande kamen. Trug er auf dem schwachen Arm ! Drückend waren solche Mühen, Schwer und ernst war diese Pflicht, Aber edle Früchte blühen Nur durch Schweiß im Angesicht! — Schwer, doch e d e l! Ja, so war es! Denn die Last gab Hellen Schein; Jene Namen zeigt' ein klares Feuer aus dem Edelstein! 2 ^ Edel — ja! doch s ch w e r? mit Schmc z c n? R ein! — Er trug sic auch umher Auf der Brust; was ist dem Herzen Je mit GottcS Hilfe schwer? N. Die profane nnd die heilige Poesie. (Gehalten d. 22tcN Jan. 1837.) ^um zwcitenmale, m. v. H. wird mir die Ehre, in Ihrer schäzbaren Anwesenheit denjenigen meiner Schüler, welche sich durch Fleiß, Betragen und Kenntnisse hervorgethan haben, die dafür ausgesehten Belohnungen zu überreichen. Eö wurden dießmal hauptsächlich einige Schulbücher zum Nutzen, aber auch einige Bücher zum Vergnügen ausgewählk, namentlich die Homerische Odyssee, und als eine kleine Beigabe für den Ersten dieser Abtheiluug die anmuthigen naiven Gedichte Hebels, die an den griechischen Thcocrit nicht unwürdig sich anschlicssen möchten und daher wohl auch in eine Schule passen, um Sinn für solche einfache, kindliche Art der Dichtung zu erwecken. Auch sonst wurde in dem verflossene» Jahre, neben einigen Versuchen im eigenen Produ- circn, namentlich das Studium der Virgil'sche» Acncidc begönnen, wie denn endlich das tägliche Bi- bellcscu uns mit den Psalmen und einigen andern poetischen Büchern der heiligen Schrift näher bekannt machte. Nehme ich dieß zusammen, so ergibt sich mir als Gegenstand eines kleinen Vertrages zur Feier der Veranlassung, die uns hiehergeführt hät, wohl nichts Näheres, noch Passenderes, als eine kurze Verglei- lung der sogcnannnten heiligen und der profanen, d. h. gcw oh nlichcn, sowohl clas- 32 fischen, als modernen Poesie, wobei mich jedoch der Ort, an dem ich spreche, die crstere vorzugsweise ;N berücksichtigen ermahnt. Cs ist gewiß auch für den Schüler von nicht geringem Nutzen, che er sich in das Einzelne verliert und vielleicht von Reizen dieser, oder jener Gattung trunken wird, sich vorher ernstlich umzuschn, und zu besinnen, damit er nicht etwa Miskcnne, waS seinem inneren Kerne nach dennoch das Beste ist, und dagegen bewundere und anbcte, was von aussen gleißt und glanzt, ohne wahren inneren Nutzen zu gewähren — Die Poesie (um einige allgemeine Worte voranzuschicken) — ist ein Kind der Erde, selbst wenn sie Himmlisches bietet; denn sie kleidet Alles in ein Gewand, das sic aus irdischem Stoffe zusammcnwcbt, und in irdischen Farben schimmern läßt. "Kleider machen Leute!,, man könnte dieses Sprichwort wohl auch von ihr Zu Misbrauchcn Ersucht scun; denn ohne jenes Kleid verliert sic ihre Natur, und wird Geschichte, Philosophie, oder irgend etwas Anderes. — Ihren Werth und ihre Bedeutung muß man empfinden und wohl dem Menschen, welchen sie alsdann zum Wahren und zum Guten weiter führt! — Lehrsätze allein helfen bei ihr nichts, weder zum Verstehen, noch zum Schaffen, so wenig, als bei der Musik, ihrer natürlichen Schwester. — Diese beiden, besonders im Vereine, haben das Her; des Menschen in der Hand; sie stimmen cs still, ernst, feierlich und 33 Mij ^ ili !ltl ^ Ail kk »^M! «Kl jl, A A kkr- ) m« I il> li« IlMltl, OÄ!k 1M kmch il Eick- .A!» ßk A idn!" !ir B kik» > M ljiüiW chs heilig» aber auch wild, leichtsinnig und frevelhaft; sie geben ihm Licht in seine Seele, erregen edle Gefühle und' feiern zum Guten mächtig an, aber sie sind auch Göttinnen der Nacht, und lassen das Edle im Gc- müthc, das Feste, Treffliche im Willen, zu einem tiefen Schlafe, ja selbst zum Tode nicdcrsinkcn. — Und zwar ist die Dichtung die mächtigere Schwester, weil sie allgemeiner ist, und mehr zu jedem Menschen reden kann. Sie ist die nützlichere Und die gefährlichere zugleich, eine fruchtbare, lachende Insel mit zackigen, verderblichen Klippen. Suchet, liebe Schüler, suchet mit Ernst, diese Insel zu gewinnen, aber hütet Euch mit Furcht und Beben vor den Klippen! Möchte es mir gelingen, Euch in den folgenden, wenigen Worten einige Zeichen aufzustcckcn, damit Ihr nicht den rechten Weg zu ihr verfehlet — und nicht allein zu ihr! — — Der so eben ausgesprochene Zweck, m. H. verlangt vor Allem, wie ich glaube, eine diesem Zwecke angemessene Eint Heilung der Poesie, deren man überhaupt verschiedene schon versucht hat. Lassen Sie auch uns einen eigenen Gang versuchen! — In jedem Gedichte, m. H., (ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit!) unterscheiden wir 3 Dinge, — gleichsam ein Ccntrum, eine Peripherie und etwas, welches z w ischc n beiden liegt, — ohne Bild : eine Idee, eine äusscrliche (sprachliche) Form, und endlich Etwas, in der Mitte Liegendes, das von dem Standpunkte 34 deS Centrumö auS als Form undAeussercs, von dem der Peripherie aus bereits als Inhalt sich uns dar- stellt, weßwegen denn jene eigentliche äußerliche Form auch „Form der Form," dieses Mittlere die „Form des Inhalts" und die Idee der „Inhalt des Inhaltes" genannt werden mag. Diese Betrachtung der Sache, so sehr sie ein gewisses bewegliches Spiel der Begriffe darzustellen scheint und wirklich darstellt, wird sich uns darum doch als brauchbar und vollständig erweisen und was bisher vielleicht noch unklar, oder dunkel darin war, wird durch das Folgende genügendes Licht erbalten! — Halten wir uns also nun, um die gesuchte Einthei- lung der Poesie zu finden, zuerst an die bloße Fo>m der Form, so können wir etwa Gedichte in Reimen, in Herametern, Distichen, Jamben, Trochäen, oder auch in einem bloßen Rhythmus unterscheiden. Aber diese Theilung ist doch gar zu äusscrlich, wie schon der erste Anblick giebt! Was ist für uns damit gewonnen? ? -^ ' Man mag sodann jenes Mittlere, die unmittelbare Form des innersten Inhalts sich vor'S Auge stellen — des Inhalts, welcher endlich doch eine bestimmte allgemeine Idee als letzten Kern enthält. Die Bearbeitung des Dichters giebt diesem Kerne seine Schale, dem Inhalte seine Form, die je nach den Umständen sich entweder an die Dimension der Vergangenheit anschlicßcn mag, wie in epischen und Mi" kch MÄ »zi» «i« «k e mü' ia,« hm« Ae ji 8 - Äldl! N« i «U sllUD k«l, « k'lrir 35 ^ Eit,. ^ Lliß Likt ß dz» cktt tk ^üzciiiö ^iM ft Zü, k in L riÄit» >«>i^ jilt rn- j, flll«' 11 in!^ .(M ff knr-^ Aff ^ geschichtlichen Gedichten jeder Art, — oder ein Vergangenes, Geschehenes, alsgegen wä rtig, daher lebendig an uns vorübcrgehen läßt, und somit die Vergangenheit und Gegenwart verbindet, was in der dramatischen Dichtung geschieht, — oder den bloßen augenblicklichen Gehalt der Seele ausspricht, wie in der reinen lyrischen Poesie der Fall ist, — oder endlich die Zukunft nach dem, was sie durch uns werden soll, in Lehrgedichten, oder nach dem, was sie durch höhere Mächte werden soll, durch prophetische Poesie ausdrückt, welches Letztere freilich weder denen, die zu Athen, noch denen, die zu Rom wohnten, möglich war, sondern allein wenigen Gottbcgabten, deren Wandel und Aufenthalt schon hier im Himmel war und die das Licht in Seinem Lichte sahen. So steht denn auch diese zweite Eintheilung (ich möchte sagen in Geschichte, Gedichte und Gesichte) vor uns; die oberflächliche Ausmessung des Dichterlandes ist vollbracht und erwartet nur noch eine genauere Zergliederung in Ländereien und Aecker von unserer kunstreichen Hand. Aber laß auch diese deutlich vor uns liegen, Alles aufs genaueste ausgetheilt seyn nach Ruthen, Schuhen und Zollen, — haben wir denn dadurch auch schon die guten Bäume und Pflanzen in jenem Lande, die unser Herz und unsre Seele nähren, stärken und erquicken können, — haben wir ebenso die giftigen Bäume und Pflanzen 3 * kennen, unterscheiden', meiden, oder sene suchen gelernt? Keineswegs! Was haben wir also auch von diesem zweiten Therlungsvcrsuchc, der den gewöhnlichen nahe steht, zu urtheilen? Nichts anderes, als dieses, wie ich meine: daß ervicllcichtdcmPhilolo gen nützlich,aber für den Menschen ziemlich werthlos ist! Es ist somit als Drittes übrig, m. H. daß wir die gesuchteTheikung nach dem bloßen In halte des Inhaltes finden, und hier misszen wir Hoffnung haben, Wahrheit zu erlangen, die uns weiter leitet, die unsre Füße sicher macht, und uns vor Fall, vor Jrrthmn, und vor Blendungen behütet. Sic erlauben, m. H. die Worte kurz zu fassen! ^ Drei Ideen sind es, die allein, oder in den verschiedenen möglichen Verbindungen alle Poesie begründen, mag diese eine mehr durch die Anschauung empfangende, -oder eigenmächtig ihre Bildcrgallerie erschaffende,*) ich möchte sagen: mehr eine weibliche, oder männliche scyn, mehr den Musen, oder dem Apollo huldigen! Die erste Idee, die wir meinen, hat ein deutscher Dichter- in einem seiner Lieder ungefähr so ausgesprochen: „O w unde r schön ist dicsc Erde Und wcrth darauf vergnügt zu scyn!" ! Die lebensfrohen Griechen nannten daher die Welt > Zu der ersten Classe, nur dnrcb ein Neissiel deullirl'ck zu werden, gehören auS der neueren Zeü UHIand und seine Schule, zu der ander» Schiller, Lenau u. A. eine „Schönheit," und auch die rauhen Römer fanden an ihr nichts Unsauberes zu tadeln; denn sic nannte» sie eine „Reinheit," (iVlundus.) Freilich tritt diese heitere und schöne Seite der Welt lange nicht überall hervor, aber der Dichter hat sic auch nicht von allen Seiten zu betrachten nöthig, wie der Philosoph; er kann verweilen und bleiben, wo die Sonne scheint, und hat sich nichts darum zu kümmern, wenn auf der andern Hemisphäre Nacht ist. Genügt ihm ja zur Noth ein kleiner Punkt und Thcil eine Hütte, cm Wäldchen, ein singender Vogel zu seinem Zwecke! — Ucbrigcns kan» jene Heiterkeit und Schönheit dcr Welt sich uicht blos in dem Sichtbaren, in dcr Natur, sondern ebensowohl auch in dem unsichtbaren Gebiete des Geistes und der Seele, etwa in großen Charakteren, (als dasjenige). erweisen, was die Griechen treffend mit einem einzigen Worte als „schön und gut zugleich" bczcichnetcn. Es gehören also in dieses erste große Fach nicht nur eine Au-, oder eigentlich Unzahl kleinerer lyrischer Gedichte, die theils geradezu eine heitere Stimmung des Gcmüthes athmcn, theils sich auf kindliche, oder erwachsene Weise an einen äußeren Gegenstand dcr Natur, oder dcr Geschichte mit fröhlichen Klangen anlehnen; — sondern cs dehnt sich diese Gattung wohl auch in die Breite aus und wird aus einem Bildchen eine Landschaft, etwa ein größeres Hirtengedicht u. dgl., oder auch, indem sich die Muse hö- — 38 — her erhebt, aus dem Reiche der Natur iu das des Geistes sich empyrschwingt, und das Schöne in einem edlen, starken, siegreichen Willen findet, ein Epos. Es würde zu weit führen, m. H. wenn ich die gegebenen Winke durch viele Beispiele zu erhärten suchte; ein einziges typisches aus Hora; genüge uns! ES ist ein Naturlied von der bandusischen Quelle und lautet in freierer Uebersehung so: Spiegelhelle Wasserquelle, Werth an reichbeladnen Tischen Froher Zecher 2>n bekränzten Freudenbecher Süssem Weine dich zu mischen ! Morgen sinket, Morgen sinket Dir») ein Bdcklein von der Heerde, Das vergebens Schon des rüst'gen Himpferlebens Sich zefreuet, todl zur Erde! Wird es bluten, Deine Fluthen Muss es, ach! so traurig malen. Die zu glühen Sich umsonst die Sommer mühen ! f I» tH Will tliiljl MN aiidt « K mzsi ch - 'k>M !«dH -) Eigentlich der Quellnhmxhc, — 39 - Mit len heissen Sonnenstrahlen. Kalte t^abe HK). Deine Gabe, Psiuglen sich auf langem Acker WM Matt die Stiere! Auch der Hcerden woll'ge Thier« 'l>ck, Machst du wieder frisch und wacker! Las sie rieseln Ueber Kieseln, Die zur Grolle sich erweichen, Durch die Lieder Hochgexriesen, pläischre nieder Deine Fluch an allen Eichen! Hörnt. Lsrin. k<. Hl. Oil. In diesem einfachen, artigen Liede und, wie gesagt, in tausend kleineren und größeren Poesien ist der Inhalt des Inhalts, ist dcrKerngedanke, der zuletzt zu Grunde liegt, und in einem Bilde, oder mehreren Bildchen, oder einer Gallerie von Gemälden sich kund giebt, doch kein anderer, als dieser: „die Welt ist im Gänzen, oder im Einzelnen schön, d. h. anmuthig, groß, bewunderungswürdig, edel, lieblich. — Es finden sich in diesem Felde bei Alten, wie bei Neuen gar viele anziehende, treffliche kleine und wohl auch großartige Dich- tcrgcwächsc, aber der menschliche Geist wird aus diesen kindlichen Träumen von Schönheit und Glück, worin er dicß auch suchen mag, gar unsanft durch 40 die Wirklichkeit aufgeweckt, und wie durch einen Sturm zu einer anderen Idee fortgerissen, welche nur die traurige Kehrseite der ersten bildet. „Die Schönheit der Welt in -llcnihren Thcilen, und in jedem allgemeinsten Sinne des Worts, in der Natur, Geschichte, wie in den Herzen, ist a n si ch sch o n n i ch- tig und vergänglich!" Alles ist eitel! sagt der Prediger. Das Schöne der Welt, wenn cs auch zur Eristcnz gelangt, verschwindet ebcnsoschncll wieder, oder vermag cs nicht einmal, auch nur feine Cristen; zu gewinnen! — Hier haben wir den Ort, m. H. wo alle die melancholischen Schwärme von sehnenden und klagenden Liedern nisten, und mit ticfgcscnktcn Flügeln geisterhaft umhcrflattern. Man sehe sich um! Gäbe es kein solches Sehnen, keine solche Klage, — tausend Bände würden nicht geschrieben scyn! — Aber nicht nur Kleines wohnt daselbst. Wir haben hier zugleich den Ort für die wichtigsten Thcilc des Dramas, für die Tragödie, die einen schönen und großen Charakter im Kampfe mit dem Schicksal untergchcn lassen must,— wie für das Gegcnthcik, die Komödie, die sich dafür, daß die Menschen und die Welt »ach ihrer Meinung nicht sind, wie sie sollen, durch Spott und Hohn zu rächen sucht, und zugleich an der Satyre eine jüngere Schwester von dem gleichen Geiste mit sich cinführt. Auch von dieser Gattung, (anstatt noch mehr ins Einzelne zu gehen) erlauben Sie mir, ni. H., ein lyrisches horgzischcv Beispiel anzuführcn, die Ode au PosthumuS, Ach Freund, och Freund, die Jahre fliehy! Kein Wünschen, keine Bitte Gebeut dem strengen Tritte Des herben Todes, zu verziehy! lind wenn so oft ein Opfer sticht, Ais Tage zichu im Fahre, — llmsvnst, wenn in die Bahre Der grause Fürst der Schatten winki! Auch Helden, kühn und stark und groß, llmfluthcn joiiw Wogen; Sie sind hinadgezoge» ! Das ist der Well gemeines LooL! Ob König oder Bauersmann! Ob festes Land und Frieden! Ob Lüftchen selbst gemieden! — Sprich, wer dem Tpde trohen kann? Du inusst den Fluss der Holte sch»un. Wen» deine Scheller flainmteu, Musst sehen die Verdammten Fn ihrer Strafe dunkel,» Eraun! Du »nisst hinweg von Flur und Haus, Hinweg vom treuen Weibel 42 Welch' Slücklci», meinst du. Neide? Nur die Erpresse hält dir aus! Den edle» Wein (das ist der Dank!) Berscbwclgl ei» froher Prasser, Lim Boden fließt, wie Wasser, Dein eingesxerrter Fiirstenlrauk! Ilurut. Oilrm. d,. ll. Ost. 14. Diese Idee der Vergänglichkeit und inncre» Nick- tigkcit der Welt, m. H. — so viele Gedichte, wie oben bemerkt, bei ihr gleichsam Anker werfen und nicht weiter gehn, so sehr sich selbst zum Thcil eine neuere Schule in ihr gefällt, und sich großartig dünkt, indem sie sich unglücklich stellt, — — diese Idee ist dennoch der unverdorbenen, der natürlichen Natur unseres Gcmütheö keineswegs als eine bleibende, befriedigende Stätte angewiesen Der innere Zwiespalt, den sie in uns erweckt, treibt uns (wie romantisch sie auch scyn mag) dock zuletzt aus ihr hinauS; wir müssen eine Losung dieses Räthscls für uns haben, aber hier steht Herkules am Scheidewege! Die Klassiker, d. h, die alten (wie denn auch die neuen) heidnischen Dichter wußte» sich keinen andern Ausweg zu finden, als den ihre ganze Zeit, den alle -Welt, den der natürliche Mensch überhaupt immer geht, d. h. sie nahmen sckon auf der Oberwelt in der Thar einen guten Schluck Lethe, schlugen sich ernsthafte Gedanken ans dem Sinne und stürzten srch, (was freilich 43 eine Thorheit und ein Widerspruch war) um der Erde zu entrinnen, nur desto tiefer in alles Irdische hinein. „Vergessen und genießen!" das war die Losung, welche man sich alle Tage gab. Und wahrlich, die dadurch begründete Sympathie mit den Leidenschaften, Neigungen und Ansichten des natürlichen U. Menschenherzens hat wohl auch manchen Stein zu jenem Tempel beigetragcn, in welchem wir noch jetzt die Classikcr der alten und der neuen Zeit vergöttern! Wie wäre es sonst möglich, daß wir von wohlgcfüg- ten, niedlichen Worten, von einer wohlklingenden Sprache, von geistiger Gewandtheit und Beweglichkeit bestochen, an jener Philysophie des Leichtsinns den Gefallen finden, könnten, den doch gewiß nur Besseres verdient? Hören, wir ein. Beispiel, zum drittenmale von Horaz — ein Lied im Frühling! Der herbe Winter löset sich In Lenz und Zcphprspiele; Zum Wasser gleiten (freue dich!) Der Schiffe trock'ne Kiele, Die Heerde drängt ins Feld hinaus. Der Landmann läßt sein enges Haus, Der graue Reis die Wiese»; O Frühling, sei gepriesen! Schon führt den frischen Reigentanz Im Hellen Mondenscheine Mit Nymphen, hold in Kleid und Kranz, Im innigen Vereine, ick — 44 — Der Liebe Götti» wunderhast, Indeß im glüh'nden Schweiße schlifft Vulkan mit den Cuclopen Im Feuerbcrge droben' Mit grünem MMHenzweige jetzt Das frische Haupt umwunden! Den Kranz der Blumen aufgesetzt, De» uns der Lenz gebunden! Hinaus, hinaus znm grünen Waid! Du Ncrgesgott, wir schlachten bald —- «- Was macht dir mehr Vergnügen? Ein Lämmlein »der Ziegen? Der Tod er ist ja nirgends fein Und wird auch niemals besser; Gleich streng und finster tritt er ei» In Hütten und i» Schlösser; Bald ist die Zeit dahingcdracht. Dann kommt die cwiglanze Nacht; O kürze, Freunds das Hoffen, Dann steht ein Grab uns offen! Und bist du dort hinal'gesenkt. Wird uimnier in dem Schreine Dem Becherkönig*) cingeschcnkr Wom süße» Göllerweine; ») Der, durch Würfeln erwählte, Präses de, en.em Gelage hieß König, Äer. Dünn gilt die!? Scepter nimmer viel, Wttklungm ist das Würfelspiel, Verglommen all' zusammen — Der Liebe Gluth und Flammen! Hörnt, ssarin. I,. k. 0»!. ^ Soweit Hora;! Die Billigkeit gegen den Dichter, wie denn ancki die Schicklichkeit, erlaubten mir nicht, noch bezeichnendere Lieder auszuwählen, oder auch Nur das vorliegende in allen Thcilcn genau wiedcrzu- gebkn. Also in die Flammen der Lust und des Weines Muß der Mensch sich stürzen, wenn er von dem Froste der Außenwelt genesen soll! Achnlick, wenn auch nicht völlig gleich, ist fast die Lösung überall, auch noch bei uns! Fragen wir B. mit einem Blicke auf das moderne Schauspiel, ja den größten Thcil moderner Dichtungen, — ist denn das Räthscl der Welt gewöhnlich hier auf eine andre Art gelost? Das „Ende von dem Liede" (wie man sagt) sind eben immer — Tanz, Spiel, Hochzeit, Trinkgelage u. dgl.! Und nicht genug! Hat matt doch oft mit Gewalt sich von dem Besseren abgckchrt und dieses noch mit Spott und Hohne besudelt selbst in der neuen Zeit!*) *) Ein Beispiel im Borübergcheii! Zwei ältere, ehrwürdige Kirchenlieder beginnen'mit den Worten: ,,icb Hab' mein Sach' ans G o t t gestellt'" und: „warum sollt' ich mich den» grämen?" — Einer und derselbe moderne, gepriesene und wirklich hochbegabte Lichter beginnt uuu 2 seiner wohibe- 46 Aber wir kehren zurück, m. H.! Wir wollen nicht ungerecht seyn; innerhalb der beiden ersten Ideen haben die Neuen vieles Schöne geschrieben» und die Alten vieles Treffliche der Nachwelt hinterlasscn, aber man muff, wenn zwei Schritte gemacht sind, auch den dritten machen, und dieser war und ist gewöhnlich noch — ein Fall, der häufig auch das Treffliche der ersten mit sich zieht und verunreinigt. Denn selbst, wo die Poesie nur in den beiden ersten Jdöen offen spielt, steht doch die dritte glcichsaNi hinter den Cou- tissen, und reicht dem Dichter Pinsel und Farben zu seinen Bildern, wie dicß an den obigen horazischen Oden deutlich wird.**) Und nun, müssen wir fragen: können wir an diesem Ziel zufrieden sein, woran wir uns erblicken, einem kannten Trinklieder mit den Worten : „ich Hab' mein' Sach' ans Nichts gestellt!" und „ei, was iollt' ich mich denn grämen?" Sollte dies blosse ReminisceNz nicht vielmehr höhnische Beziehung sevn? Ich furchte das Lehlcre! Wie lächerlich aber, wenn dann ein Philosophc nN'ercr Tage in jener ersten elende» Parodie ein großartiges Zusammentreffen mit dem Hegel- schcn welierschaffcnden „Nichts" findet, nach dem L-prirbwort: msKna inKenia eanspirsnt! Gewiß, solches Philosophieren und solche Poesie lagt mit Recht: „ich Hab' mein' Sach' auf N ichtS gestellt **) Bei manchen Dichtern heißt cs gar, wie Lu crcz sagt: /ltt «antra naln's enennm teterrims cnm «it 8pnreities, «allem sniidn« ^nennst» vistetur, lumstialiiliter tat! nt vnlvanlnr ibistem. (Läßt sich nicht übersehen!) Ziele, bei dem, auch nur äußerlich betraebtet, der Mensch doch gewiß keinen festen Halt hat, sondern im allcrgünstigstcn Falle die ganze Sache wiederum von vornen anfängt? Können wir zufrieden scyn? Die Alten waren cs selbst nicht immer! Sonst hätte Nicht z. B. ein Sophocles (wenigstens für das Ucbcl in der moralischen Welt) an Oedipus durch eine Abbüssung sich den Schlüssel zu dem Räth- scl ausgesucht — eine Büßung, die aber freilich, wenn sie gerecht sein soll, nur höchst schrcckcnvoll u. traurig für jeden Menschen ausfallen kann, oder, wenn dieses nicht geschieht, auf allzulcichte, darum falsche Vorstellungen von der Schuld sich gründet! Die Alten waren es selbst nickt immer! Sonst hätte man auch keine Stoa aufgebaut. Man that es. Aber den Weg zu dieser Stoa giengen meist nur Philosophen, Fußtapfen der Dickter finden wir nur wenige dahin. Und wenn auch! War denn dieser andere Versuch besser, der an die Stelle der beweglichen Lust den starren Hockmuth auf den Thron erhob? „Du brauchst nicht eben einen Gott zu ehren, oder auch zu fürchten; selbst dem Schicksale trotzest du; wcnn's stürmt, so hülle dich in deine Tugend ein!" Ja, deine Tugend! deine Tugend! Wir möchten auf gut christlich - deutsch fortfahren: „und gehe nur, du Lahmer, und sehe nur, du Blinder, und stelle dir Nür deine Narrenkappe für ein Diadem, und deinen Bcttelrock für einen Purpurmantel vor! 48 Dn bleibest dennoch, wer und was du bist!" — Im Ganze», m. H. schildert die Haupttcndcnz, das gewöhnliche traurige Ziel der profanen Poesie niemand richtiger, als König Salomo in folgenden Worten: (Wcish. 2, 1 — 9.) „ „e s si n d r o h e Leute, wclchesagcn: " " cs ist ein kurzes „„und mühseliges Ding um unser Leben, und wenn „„ein Mensch dahin ist, so ist es gar aus mit ihm; „„so weiß man Keinen, der aus der Hölle wieder „„gekommen scy. Ohngcfähr sind wir geboren, und „„fahren wieder dahin, als wären wir nie gewesen. „„Denn das Schnauben in meiner Nase ist ein Rauch „„und unsere Rede ist ein Fünklcin, das sich aus un- „ „scrcm Herzen reget. Wenn dassclbigc verloschen ist, „„so ist der Leib dahin, wie eine Lodcrascbe, und der „„Geist zcrflattcrt, wie eine dünne Luft. Und unseres „„Namens wird mit der Zeit vergessen, daß freilich „„Niemand unseres Thuns gedenken wird. Unser „„Leben fährt dahin, als wäre eine Wolke da gcwc- „,,scn und zergeht, wie ein Nebel von der Sonne „„Glan; zcrtrieben und von ihrer Hitze verzehrt. „„Unsere Zeit ist, wie ein Schatten dahinfährt und „„wenn wir weg sind, ist kein Wiederkehr«,; denn „„cs ist fest versiegelt, daß Niemand wicdcrkehrt. — „„Wohlan nun und lasst uns wohl leben, weil cscha „„ist und unseres Leibes brauchen, weil er jung „„ist! Wir wollen uns mit dem besten Wein und „„Salben füllen! Lasst uns die Maienblumen nicht 49 i» klIP >U, «>t idl,! M, »j Msk», > !Ü>l«ch ils W stk» !>( ImUlI MjMS DH lich lpv L» idrl »i II! i» kida - kil !-)i a j>« hi» I!« „„versäumen, laßt uns Kränze tragen von jungen Ro- ,,„sen, ehe sie welk werden; unser keiner lasse cs ihm „„fehlen mit Prangen, daß man allenthalben spüren „„möge, wo wir fröhlich gewesen sind. Wir haben „„doch nicht mehr davon, denn das! re."" Mit Recht macht Salomo noch weiter auf den aus solchen Poesien hcrvorbrcchcnden sittlichen Ruin aufmerksam, der, wie bekannt, in der Geschichte Roms und Griechenlands nur allzudeutlich sich erwiesen hat! Wir aber, m. H. kehren jetzt nicht ungcrne zurück zu jenem Schcidcpunkte, an welchen wir das Weitere anknüpfen, indem wir nun die Poesie der Schrift noch kurz inS Auge fassen. Auch die Schrift bewegt sich nach ihren dichterischen Theilcn in den beiden ersten Ideen. Die Schönheit der Welt ist ihr so wohl bekannt, als ihre Eitelkeit, aber sic eilt, wie im Sturme, weiter, um Ruhe für die Widersprüche des Lebens zu suchen, und findet diese Ruhe nicht, indem sie sich vergißt, sondern indem sie sich besinnt, nicht indem sie sich zerstreut, sondern indem sic sich sammelt, nicht in der Welt, sondern da, wo sie allein zu finden ist — in Gott! Und Gott ist ihr ein „lebendige r" Gott. Darum wird das Letzte in ihr alsbald auch das Erste, H e r r s ch cn d e, das O ein A, u. während sich die klassische Dichtung, selbst nach einem scheinbar kräftigen Aufschwünge innerhalb der zweiten Idee (besonders in der dramatischen Dichtkunst) doch zuletzt im 60 hohlen Stolze, oder in dem Sande der Lust verlieren Muß, schwingt sich die heilige Dichtung verklärt als Hymnus in die Wolken, — als Hymnus, der die Schönheit der Schöpfung immer in ein Lob des Schöpfers, ihre Eitelkeit dagegen stets in Hoffnung, Trost und Seligkeiten SUflöst. In welcher hohen Gestalt, dabei einfach, wie das Licht, steht nun diese heilige Poesie vor unserem Auge! Wollen wir ihre Würde wieder schmälern, weil sie in ihrer natürlichen Einfalt und Erhabenheit etwa keinen Reim, auch kein bestimmtes Metrum und dgl. hat? Wie lächerlich! Großartige Gebäude brauchen keine kleinlichttn Verzierungen! — L)der stoßen wir uns daran, (wie schon viele thatcn) daß die Schrift etwa „kein Drama hat, auch Mne ausgcbildete Sa- tyre" und dgl.? Freilich, lieber Freund, das Göttliche ist weder tragisch, noch komisch, sondern cs ist heilig. Machst du aber wohl dem Adler einen Vorwurf, daß aus ihm nicht zwanzig Sperlinge, sammt cbcnso- viclcn Eulen, Elstern, oder Papageien geworden sind? Du siehst: die Menge so wenig, als die Mannichfal- tigkcit, gicbt einen Werth, den nur die eine Wahrheit, die von oben ist, verleihen kann. Zudem sind jene „Mängel" (wie man sie ostmal nennen hört) bei näherer Besichtigung doch viel eher als das Siegel der Reinheit und einer inneren himmlischen Weihe zu betrachten, welche, wiewohl cs ihr an Fähigkeit gewiß nicht fehlte, jede Art der Dichtung auszubil- 51 7 ?" den, doch zu dem nicht fähig war, fluchtige, vergängliche Vcrgnügungsstundcn, augenblickliche Anwandlungen der Lust den Menschen um den Preis ihrer Grundsätze und ihrer Sitten anzubicten. Darum in der That! wer in dem Obigen einen wesentlichen Mangel, eine wirkliche Leerheit findet, zeigt zuletzt nur soviel, daß ihm das Göttliche in seiner Fülle noch nicht aufgcgangen ist. Und wie? Wird denn alles Jenes nicht gar überreich erseht auf andern Seiten? Jene gerade Richtung des israelitischen Volkes nach oben — um hier nur von dem alten Bunde zu reden — sic gab ihm einen höhcrn Standpunkt, wobei alles Irdische seinen Werth mehr und mehr für sich verlor und sich in ein Bild des Himmlischen und einer waltenden Vorsehung auflöste, wie denn überall die Frömmigkeit, ohne cs zu wollen, oft ohne es nur zu wissen, tief in die zauberischen Kreise der lichtesten Poesie cintritt. Darum hat, (was bei keinem andern Volke so sehr, oder überhaupt der Fall ist) die ganze heilige Geschichte bei aller historischen Glaubwürdigkeit ein wahrhaft dichterisches Gepräge, dem es nur an unserer Erkenntniß, oder Anerkennung fehlt, indem wir hierin gar zu oft über dem Wahren das Schöne, oder über dem Schönen die -Wahrheit der Geschichte aus den Augen lassen! Ja die ganze heilige Geschichte ist ein großes, göttliches Epos, And wahrhaftig, die Pharsalika, die Aencide, oder Jliade ist - 52 - noch zu machen, welche sich mit jenem Epos messen kann! Hat aber daß biblische Alterthnm eine solche Poesie der Vergangenheit, so ist die Poesie der Gegenwart, die lyrische, gewiß von gleichem Werthe. David, an den sich manche anfügcn ließen, war ein König nicht nur mit dcm Schwcrdtc, sondern ebenso mit der Harfe. Abgesehen von dem, was biß daher besprochen wurde und sich -auf den Kern des Inhaltes bezieht, so kann gewiß weder ein Horaz, noch ein Pindar sich an Wahrheit und Tiefe der Empfindung, oder an Fülle und Lebendigkeit der Phantasie, oder endlich an Zartheit, wie an großartiger Erhabenheit des Ausdrucks mit ihm messen. Endlich, was die Poesie der Zukunft anbelangt, so reicht uns freilich diese hier als Lehrgedichte weder „Jagd- noch Fisch- noch Ackerbaugedichtc," sondern bleibt auf dem Boden des sittlichen und religiösen Lebens fast, wie angewurzelt, stehen. Aber gewiß: an den erstercn verliert man wenig, an den anderen gewinnt man viel' Vergleiche man doch nur die Gnomiker der Griechen und der Römer mit einem Salomo und Sirach; die Entscheidung wird nach Inhalt, wie nach dem Werthe der Poesie, nicht schwer zu machen seynl — Und vollends noch die Prophetie, mit der das classifche ^Alterthnm auch nicht von Ferne etwas 'Achnlichcs lins aufzuwciscn hat; denn cs fehlte ihm mit einem Worte — die Offenbarung. Was sind ihre Blicke in die Zukunft*) (ihre angeblichen Blicke!) und ihre von patriotischer Eitelkeit, oder von Schmeichelei und Speicheln gegen einen Usurpator triefenden Worte gegen den Adlcrsflug eines königlichen Jesajas, gegen die goldenen Leuchter einer Apocalypse, die dem geweihten Auge das Dunkel der Jahrtausende so herrlich mit vielfarbigem Lichte erhellen? — — Doch — ich vergesse m. H. daß ich in einer Schule rede! Auch mahnt die Zeit, zu schließen. Und cr- gicbt sich denn jetzt nicht ohne viele weitere Worte die Vergleichung, die gesuchte Schätzung der profanen sowohl, als heiligen Poesie, von selbst? Gestatten Sie mir daher nur, neben dem geziemenden Drucke für die mir geschenkte Geduld, und neben der ernstlichen Bitte an die versammelten Schüler, meine redlich gemeinten Winke eben so redlich zu benützen — gestatten Sie mir, verehrte Herrn, zum Schlüsse nur noch einen höchst einfachen, kleinen hebräischen Hymnus bcizufügen, der, neben seinem Inhalte an sich, zugleich das Wesen der hebräischen und biblischen Poesie selbst aus eine sehr anschauliche Weise charakterisirt. Es ist der 148te Psalm. Lobet Len Herrn! Lobt ihn, ihr Geister im himmlischen Saale, Lobt ihn, ihr Menschen im irdischen Lhale, *) Vgl. Vii-K. äen. I. B. 282 ff. VI, 790 ff. uns viele Stellen dieses und anderer Dichter. 54 Engel vor Gottes Angesichte, Schaarcn Zehovah's im ewigen Lichte! Lobt ihn mit seliger Wonne. Mond und du goldene Sonne, Jeglicher Stern Lobe den Schöpfer und Herrn! Lobt ihn, ihr Himmel der Himmel, und Fluchen, Welche dort oben von Ewigkeit ruhten; Lobet den Heiligen, Unsichtbaren! Denn er befahl; — Alle zumal. Niemals gewesene, waren! Und an des Himmels bläuliche Wand Stellt' er sie fest mit allmächtiger Hand, Und was er gebot für ewige Zeiten, Wagt keines zu überschreiten! Lobet den Herrn! Tief in den Meeren, ihr Fisch' und Gewürme, Feuer und Hagel und blendender Schnee, Reis tn dem Thal und auf frostiger Hoh', Gottes gehorsame Wetter und Stürme! Berge, die hoch zu den Wolken reichen. Liebliche Hügel mit schattiger Schlucht, Baume mit labender Frucht, Riesige Cedern, stämmige Eichen, Wild in dem dunkeln Dickicht der Wälder, Thiere der grünenden Felder, — WaS sich kriechend am Boden schlingt, Fliegend hinaus in die Lüste schwingt, — Richter der Völker und Nationen, Fürsten mit Scexter auf goldenen Thronen, Jüngling und Mädchen in wonnigen Jahren, Kinder und Greise mit silbernen Haaren — Lobet den Herrn! Endlos Groß Stehet Jehova's Name, — prangend, — Hoch über Erd' und Gestirne langend; —- Lobet den Herrn! — 56 — Beilagen zur 2ten Rede- . Historische Stücke. 1. SaulS Neid (1. Sam. 18, 10. 11.) -xln Königs Händen funkelt Die Lanze Zorn und Wuth; Sein Auge starrt verdunkelt Und sehnet sich nach Blut; So sitzt er da im Grimme, Auf goldnem Stuhl zu Haus; Hohl spricht aus seiner Stimme Ein böser Geist heraus. „Za, ruft nur laut und brausend „Vor eurem Helden her: „„Saul hat erschlagen Tausend, „„Doch David zehnfach mehr!"" „Ihr gebt ihm noch die Krone, „Die meinem Stamm gebührt, „Daß er auf fremdem Throne „Das freche Scepter führt!" Der König schweigt; doch ranken Aus finst'rer Tiefe stumm Sich höllische Gedanken Um seinen Geist herum, Bis seine Kraft' ermatten Und bis sein stolzer Muth Zn ihrem schwarzen Schatten Mit düstern Träumen ruht. — 57 Es taget schön und Helle, Doch Einer hat verblüht; Die alte Höllenquelle Strömt noch in Sauls Gemüth. Sieh', ihre Wogen dringen Hervor mit Zorn und Pein, Des Jünglings Lieder klingen Mit Harfenton darein. Auf seiner Stirn', im Glanze Des Himmels, steht die Ruh': Der König mit der Lanze Hört starr dem Liede zu; Bald lauter tönt's, bald milder, Bald freudig, bald mit Schmerz; Da ruft die Hölle wilder: „Zehntausend!" ihm in's Herz. Schnell schleudert er vom Sitze Den Speer aus kräst'ger Hand, Und will mit scharfer Spitze Ihn spießen an die Wand! Der Jüngling dreht behende. Daß er die Lanze mied! Dann spielt er keck zu Ende Das l) a lb gesu n gn e Lied. - 58 — 2. Davids Großnruth. (1. Sam. 24> 1 — 8.) Die Feinde sind vertrieben; Doch zieht ans dem Palast, Weil Haß und Groll geblieben, Der König ohne Rast. Er hat dreitausend Männer Bon unbczähmtcr Kraft, Des Landes gute Kenner, Zum Jagen aufgerafft. Kein Berg so hoch, — sie schwingen Zum Gipfel sich empor! Kein Thal so lang, — sie dringen Bis an das Ende vor! Es treibet sie zurücke Kein Dickicht und kein Bach, Auch hält die Mördertücke! Sie jeder Stunde wach? Doch, wo sie ziehn, sie finden Den schnellen Flüchtling nie; Schon gehn sie in den Gründen Des wüsten Engedi; -Wie da die wilde Horde Nach ihrem Raube rennt? Sie glüht und lechzt nach Morde, So glüh'nd die Sonne brennt? Durch Eb'nc, Berge, Tiefen — Wie wird's den Männern heiß! Von ihrer Stirne triefen Gcwalt'ge Tropfen Schweiß, 59 Der Fürst zur müden Rotte Beginnt: „ein schwerer Tag? „Ist nirgend eine Grotte, „Darin ich ruhen mag?", Da redet zu dem Matten Ein sclbstcrschlaffter Knecht: „Ja, dort! — mit dunklem Schatten! „Zum kühlen Schlafe recht!" — . „Wohlan, hinauf!" — Sie steigen Durch schwüle Sommerlnft, Die Höhle nimmt mit Schweigen Sie lebend in die Gruft! Denn tief im Dunkel sitzet Des kühnen Davids Haus, Die Lanzen wohl gcspihet, Die Hand am Schwerdesknauf: „Gebeut, hervorzubrcchcn! „Wir dürsten alle Blut? , Wir schlagen und erstechen „Die feile Mördcrbrut!" — Saul, Saul, du bist von Sinne»? Du schnallst die Wehre los? Du gehst allein nach innen? Tief in der Höhte Schoos? Du legst dich ruhig nieder? Und deckst dich sorglich zu? Saul, Saul, erwachst dti wieder Aus dieser Stunde Ruh? — Er schlaft! — Er schlaft und träumet 60 Von seinem nahen Fang? Der kecke Jüngling säumet Nun wahrlich nimmer lang, Entreißt das Schwcrd der Scheide, Schleicht zu dem Feind heran, , Und legt an seinem Kleide Die scharfe Spitze an. Doch — „schlaft sanft und stille, „Und leb' im offnen Grab, „Ob dich auch Gottes Wille „In meine Hände gab! „Du, dem ich mich verstecke, „Du, all mein Gram und Leid, „Ich will nur diese Ecke „Von deinem Purpurkleid!- Er weicht mit leisen Schritten, Dieweil der König ruht, — Und wehrt mit flehn'dcn Bitten Der Freunde blut'ger Wuth. Der Fürst erwacht und weilet Nicht mehr im Todcshaus, Zur Feindcsjagd enteilet Er rasch ins Feld hinaus! II. Lyrische Beilagen. (Psalm SO,) (Während der Schlußpsalm der 2tcn Rede das Wesen der hebräischen, heiligen Poesie überhaupt bezeichnet, kann der in der vorangehenden Rede eingcflochtcne als Repräsentant von der Gattung der ersten Idee, der nun folgende als R. der 2 'en Idee, der letzte als cm solcher für die 3te Idee angesehen werden.) Die Vergänglichkeit. Herr, Gott, wir halten unsre Hand Zum innigen Gebet erhoben; Denn Du in deinem Himmel droben Bist unsrer Seele Vaterland! Noch eh' ein Berg geschaffen war, Und eh' die Erde stiller Thale Dem väterlichen Sonnenstrahle Die erste Blüth' und Frucht gebar: Da throntest du in deinen Höh'n Längst über weiten Ewigkeiten; Jedoch der Mensch im Strom der Zeiten — Der muß zerstäuben und vergehn. Du sendest mit dem Wanderstab Ihn auf die arme Erde nieder; Du sprichst: „ihr Menschen, kommet wieder!" Da öffnet sich datz dunkle Grab. Denn tausend lange Jahre sind Dir, wie ein Tag, der hingeschwundcn. Wie eines Schlummers flücht'ge Stunden, Und wie cm rascher Haidcwind. Jedoch des Menschen Ruhm nnd Pracht Ist, wie die Blum' auf dem Gefilde, Sic schwinden hin, >vic Truggcbilde In einem Traum der Mitternacht. Die Blume glänzt auf grünen Au'n Noch wonnig in des Morgens Frühe; Am Abend hat, wie schon sic blühe, Die Sichel längst sic abgchau'n. Das ist die cig'ne, schwere Schuld, Der Werke Lohn, die mir verrichtet, Der Sohn der Erde selbst vernichtet, Herr, deine Gnade und Geduld. Denn deinem Auge birgt sich nichts; Du setzest dich zu deinem Buche, Und liesest, ach, von unser»; Fluche Im Glanze deines Angesichts. Da sinket, was wir aufgcbaut Vor deinem wildcrrcgtcn Grimme; Ja, es verhallt vor deiner Stimme Das Leben selbst, wie Scufzerlaut. Wohl viele kunft'ge Tage zieh« Stets noch für uns heran; sic nahen; Doch, wie sic dich im Grimme sahen, Schnell wenden sie sich um und flieh». Drum ist der Mensch ein flucht'gcr Gast 63 Trotz sieben;,'g und ach;,'g Jahren: Und wenn wir noch so glücklich fahren, So ist es eitel Müh' und Last! Wir eilen, eilen schnell davon, Wir fliegen auf des Aars Gefieder, Und ewig niemals kehrt es wieder. Was einmal unsrer Hand entstehn. Drum heb' uns über Leid und Schmer;, Und laß uns, Herr, das Deine wählen; Denn wenn wir unsre Tage zihlcn, Dann kommt die Weisheit in das Herz. Ja komm und tröste über Tod Und Leben, Herr, die armen Knechte, Und mach' uns deine Huld zurechtc Zum Morgen- und zum Abendbrod! O zeig' uns deine Groß' und Macht! Und deine Freude, deine Wonne Steh' über uns, hell, wie die Sonne, Die aufs Gefilde nicdcrlacht; Und wo wir selbst mit schwacher Hand Ein Haus ob unscrm Haupte bauen Und gan; auf deine Kraft vertrauen, —- So gieb ihm Segen und Bestand! - 64 - Psi 13S. Gottes Allwissenheit. Der du auf lichtem Throne sitzest Und meines Lebens ganze Bahn Mit Hellem Flammcnaug' durchblitzest — Ich bete dich, Urcw'gcr, an! Du weißt, wenn ich mich niederlcge, Du weißt cs, Herr, wenn ich erwacht, Was ich im tiefsten Geist bewege, Was ich von Ferne nur gedacht! Wenn ich allein die Straße wandle, Und wenn ich nach dem Wandeln ruh', Und Alles, was ich denk' und handle, Das prüfst du, Herr, und wägest du! Won heil'gen und befleckten Zungen Tönt unbemerkt kein Laut hervor, Im Flug ist er hindurchgedrungcn Und schlägt an dein allwissend Ohr! Denn, ob kein Mcnschcnaug' dich sähe, Doch bist du neben, oben, vorn, Bist mir von allen Seiten nahe Mit deiner Liebe, deinem Zorn! Mag ich mich freuen, oder bangen, So hältst du mich mit festem Band, Ich bin bedeckt, ich bin gefangen Unrettbar unter Gottes Hand! Groß, wunderbar und hochcrhaben Bist, Unbegreiflicher, du mir; Ja, meines Geistes Blicke laben Mit Furcht und Wonne sich an dir! In welche Nacht ans deinem Lichte Kann doch der Sohn der Erde zieh»? Wo deinem Strahlenangcsichte, Allgegenwärtiger, entfliehn? Könnt' ich mich in den Himmel retten — Du thronest über'm HimmelSrund! Könnt' ich mir in die Hölle betten — Du bist im tiefsten Höllenschlund! --- Rahm' ich der Morgenröthe Flügel Und schwänge mich durch Meer und Land,^ Im letzten Thal, am letzten Hügel Ergreift mich deine rechte Hand? Dürft' ich den Finsternissen sage»: „Deckt Mich, ihr Nächte, tief und.schwer!"—< Sv wird die Nacht zu Hellen Tagen Und leuchtet flammend um mich her ; Kein Dunkel kann so schwarz bedecken, DaS nicht dein Auge, Gott, durchbricht; Die Schatten flichn mit bangen Schrecken Und Finsternisse werden Licht? Du bist'S, der in dem Himmel droben Lang', eh' ich lebte, mich gekannt, Im Muttcrschoosi den Leib gewoben Und jede Sehne anSgcspannt! Wer kann dcS Künstlers Namen nennen, Der mich gebildet wundervoll, Daß cs die Seele tief erkennen 5 Ott Und seine Güte preisen soll? Wie in der Erde dunkeln Tiefen Noch unerftftaffe»> mein Gebein lind meineö (leistet' Kräfte schliefen, Da sahst du mich und dacbrcst mein, Da schriebst du meincd Lebend (Stunde Jnd heil'ge Bueb, und Tag und Jahr, Als in der weiten Weltcnrunde Roch ihrer feind geschaffen war. Wie sind ded Ewigen Gedanken So wundervoll, so groß und hehr, Erhaben über alle Schranken Und endlod, wie der Sand am Meer' Ich zähle sie mit sel'gcn Wonnen Am stillen Abend fang' ich au, Die lange Nacht ist hingcronncn, Die große Arbeit nicht gethan! Drum fällt in Roth u. Tod und Schmerzen, Wer deinen Rainen frech verletzt, Und rasend mit verkehrtem Herzen Sich Wider deinen Willen seht! Hinweg, die ihr in frevlem Muthe Die kalte Hand ded Bösen saßt, Euch labt an Lüge, Mord und Blute Und Gotted hcil'gcd Sccptcr haßt! Mir ist der Eine groß und thener. Der euch und eurer Sünde flucht; Erprobe mich im glühn'den Feuer, Ob ich dad Wahre, Gott, gesucht! 67 Nit will ich gehn der Götzen Pfade, Die Pfade, lockend, voll und breit, — D n fahre mich den Weg der Gnade, Den Weg der scl'gen Ewigkeit! NI. Beilage aus der Gattung des Lehrgedichtö bei den Classikern und der heiligen Schrift. Vorbemerkung. Größere Stucke hier aufzunehmen, verbietet schon der Raum. Zudem ist hier bei den Classikern der L>toff (wogegen der hebräische Hiob oder der Pa- rabclncvclus deö neuen Testaments ein glänzendes Gegenstück bildet,) meistens sehr geringfügig, oder auch für dichterische Zwecke ungeeignet. — Aber auch im Kleinen spiegelt sich wenigstens der Geist des Großen. So mögen denn hier zuerst einige griechische Gnomen ihre Stelle finden! Ich habe sie nicht ausgesucht, sondern geradezu die 12 ersten aus der poetischen Blumcnlcse von Friedr. Jakobs genommen, überzeugt, (wie denn gewiß auch Andere meine Ucberzeugung thcilen werden,) daß dieser ausgezeichnete Nenner der klassischen Literatur gewiß das Beste, was sich fand, zum Lesen für die Jugend ausgc- wählt hat. Am Schluffe werde ich mir einige Bemerkungen über den Inhalt dieser Gnomen erlauben. 5 * - 68 - 1. Gottesfurcht. Flehe die »nächtigen Himmlischen an; denn ohne die Götter') Kommt ja den Menschen der Welt Gutes so wenig als Leid! 2. Daö Schönste und Veste. Was das Gerechteste, ist auch das Schönste; das Veste — Gesundseyn;2) Ader das Lieblichste, wenn Jeder sei», Wünschen erreicht.^) 3. Tugend ohne Eigennutz. Ringe dich ab um die Tugend und liebe Gerechtigkeit immer; — Niemals besiege Gewinn, k o m mt ermitScha n- de,'') dein Herz! " 4. Allwissenheit. Keiner hat je, Polypeidcs, den Flehenden, oder den Fremdling Unter den Menschen getäuscht, — das; cS die Göt tcr') nicht sahn! 69 5. Seltenheit der Tugend. Geld und Güter verleiht ein Gott^) auch Schurken, o Kyrnos, Aber die Tugend wird wenigen Menschen zu Theil! 6. Scheu vor Gott. Kyrnos, ehre die Götter') und fürchte sic;o) dieses verhindert, liebt es redlich der Mensch, Frevel in Worten und That. 7. Freundes Zutraun. Schwer ists immer, den Hasser und Fcindlichgesinnten . zu täuschen, Aber, e Kyrnos, leicht tauschen die Freunde den Freund. 8. Zweizüngigkeit. Zeus, der Olympier, möge den Mann zum Tode vertilgen,') Welcher durch süßes Geschwäz Freunde zu tauschen versucht! !>. Verstand und Unverstand. Größeres Gut hat der Mensch nicht in sich, als der Verstand ist; 70 Fehlt der Verstand, das ist, Freund, daö betrübteste Dingb) '10. Wandel der Treue. Leb' ich im Glücke, — wie viele der Freunde! dock, kommt mir ein Unglück, Ach, nur Wenige dann bleiben im Leiden getreu! 11. Kühnheit und Weisheit. Kühnheit^) neben der Weisheit zu haben, ist nützlich und edel, Ohne/die Weisheit jedoch bringt eö nur Schaden und Leid. 12. Zorn. Zorn hat ostmal der Menschen verborgene Herzensgesinnung Schnell enthüllet, eS ist schlimmer, als Wahnsinn, der Zorn!") Kurze Bemerkungen. 1. Ich glaube, daß daß vielfache Lesen und Horen von „Göttern" die Kraft der Idee dcS Einen Gottes in dem Kemüthe stört und schwächt. Wer diese Ansicht nicht theilt, dem söll diese Bemerkung als ungeschrieben gelten. 2. Also „das Beste" liegt im Gebiete beb stcrbli eben Leibeb, nickt der unsterblichen Seele! Wenig verlangt! Ucbrigcns ist leider dieser Spruch ein Sprüchwort! 3. Ist nicht sehr wünschcnswerth, da die Wünscke oft gar schlimm sind; zudem unmöglich, da sie sich durchkreuzen und einander aufhebcn. 4. Ein misdcutbarcr Zusatz! Auch ohne Bcimisckung der Schande, oder des Sckändlickcn soll blosser Gewinn nie der Beweggrund unserer Handluw gen scyn! 5). „Ein Gott" (gr. Dämon); in diesem Ausdruck vcrrath sick deutlich das Dunkel, worin die Alten über das Wesen der Gottheit fassen und worein auch die Jungen gezogen werden können. 6. „Auch die Teufel glaubend und zittern." 7. Liebet eure Feinde rc. Zur Liebe kann cs das Allcrthmn natürlich nicht bringen! 8. Dies würde in andern Worten lauten: selig sind die Gcistrcicken! — aber cs hcistt: die geistig Armen ! Denn ein demüthigcr, gläubiger Mcnsck mit beschränktem Verstände ist in den Augen Gottes (wenn auck nicht der Welt) viel weither, alb ein sehr „Verständiger" von stolzem Geiste. Der Verstand ist nur eine glänzende G a b c zum Verwal ren, nicht unser Cigenthum! 'i, „Kühnheit" im Sinne der Alten bezieht sich wohl nur auf kriegerische Thätigkeit. Es giebt aber einen edleren Math. t<».Die beiden Sentenzen dieses Distichons waren sckon, wenn sie nickt zusammengehörten! Wie sie aber stehen, sebcun über den Zorn cm so hartes Unheil hauptsäcklick eben denwegen gefallt weil 72 er Verborgenes vcrräth^ folglich in mancherlei äußerliches Unheil und Schaden stürzt. Der Zorn ist aber nicht darum schlimmer, als Wahnsinn, sondern weil er Schuld ist, dieser oft unverschuldet. Denn nach dem Innern muß man prüfen. Sind diese Ausstellungen gerecht, so ist nicht zu lang- neu, daß die andern Thcile obiger Gnomen, ja dieselben zum Theil ganz, wahr und zu billigen sind, wie z. B. Nro. 7. und 10. Aber dieses macht die Sache keineswegs gut, wie man häufig glaubt, sondern nur desto schlimmer; denn der Irrt hum, wo er grell hcrvortritt, schadet nicht; erscheinen aber falsche Ansichten und Grundsätze mit der Wahrheit untermengt, wie hier, so finden sic gar leicht Eingang; denn sie haben Schein und Schminke. 'I'imeo Vauao8, et «I»»» kerentes. Uebrigcnö ergicbt sich aus dem Bisherigen, »nie viel der Lehrer zu erläutern und zu ebnen hat, wenn cs ihm nicht gleichgültig ist, ob seine Schüler Lamm- oder Wolfsmilch cinsaugen? Als Gegenstücke zu den obigen Gnomen folgen mm 12 Gnomen aus Salomo und Sirach. 1 . Der Gute und Böse. Ein sanftes Lüftchen regt sich kaum. Schon zitiert, wie ein Blatt, der Schlechter Dann siebt gcwnrzelt, wie ein Baum, lind ohne Wanken der Gerechte. 73 Das Schwerste. Sand und Steine wist ich wagen, Auf die Schulter mir zu nehmen; Doch wer möchte sich bequemen, Eine» Narren zu ertragen? 3. Dcmuth. D» tristst den Herrn im Himmel droben Zum Freunde haben ewiglich? Je höher dich der Herr erhoben, Je mehr und tiefer beuge dich! 4- . . Tugend ohne Eigennutz. Wer recht gcthan hat immerdar, Und nichts nach bloßer Gunst und Lohne, Dem ist das graugcword'nc Haar, Wie einem Fürsten seine Krone. 5. Arbeitsamkeit. Auf! ring' und ichaffc mit der Hand, So wachst dir Segen auS dem Land; Doch nimmer hat, was ihm genügt, Wer nur mit seinem Maule pflügt. 74 6 . - Streitsucht. Des Thoren Lippen sind zu Streit Und Hader niemals träge; Doch weißt du auch, um was er schreit Er schreit um seine Schläge. 7 . Der Name Gottes. Der Name Gottes ist ein Schloß Mit festem Wall und Thürmen; -Vergeblich müh'n sich Mann und Roß, Die Mauer zu erstürmen! di. Die Hand. Kommt der Rcichthum hcrgefloßcn, Oeffnct Mancher schnell die Hand. Kommt ein Bettler aus dem Land, Ist sie wieder zngcschlosscn. 9 . Probe. Die Glurh wird angcbrannt, Metalle zu erproben; So wird ein Mensch erkannt. Wenn ihn die Leute loben 10 . Wo ist dein Her; u. Mund? Die Narren plaudern nur und scherzen, Und sind zu allem Guten faul; Sic haben stets das Herz im Maul, Der Weise hat den Mund im Herzen. 11 . Der Mund. Blas' ins Fünklein und das Haus Geht in Feuer auf zur Stunde'. Speie drein, so löscht es ans! Beides kommt aus deinem Munde. 12 . Der schönste Baum. Wenn, wie die Wurzeln, Herz und Mund Reckt tief nack unten streben. So wächst aus dieser Wurzel Grund, Als Baum, das cw'ge Leben. 76 IV. Beilage aus einem alteren Buche über schöne Wissenschaftern Batteur (und Rammler) schreibt in seiner Einleitung in die sch. WW. Thcil 3, p. 73. >sqq. Man wurde cs uns nicht vergeben, wenn wir diesen Theil beschließen wollten, ohne ei» Beispiel von der geistlichen lyrischen Poesie anzuführen, die so unendlich weit über alle weltliche erhaben ist. David, sagt der h. Hieronymus, kann uns statt aller Griechen und aller Römer seyn: Darill 81 ml>»illo 8 no- ster, kinilsr»», lAcvon«, b'laeens ynoguo. Hier findet man das identische Schöne der Ode rcalislrt. Das Große, das Sanfte, das Traurige, das Heftige, Alles ist hier in seiner höchsten Vollkommenheit. Und wie würde cs nicht scv», wenn wir cs vollkommen empfinden könnten und zwar in der Grundsprache, in der nachdrücklichsten unter allen Sprachen auf der Welt*) ? — — (Folgt eine passende Erklärung des Poetischen im 104ten Psalm, worauf Batteur fortfährt:) Man findet bei keinem Profanscribcntcn das Erhabene, welches in den heiligen Gesängen herrscht. Der Grund hievon kann kein anderer seyn, als weil die Materien der heidnischen Dichter nicht vom gleichen Stoffe waren, u. weil sic bei ihren Arbeiten nickt von dem gleichen Geiste beseelt wurden. Sic besangen eine falsche Religion, eine übclvcrstandcne Tapferkeit, Kämpfe, wovon die Ehre phantastisch war. Bei den Hvm- nen, die der Ehre des wahren Gottes gewidmet sind, *) Man vergleiche über diesen Puntt Herders „Geist der hebräischen Poesie." welcher das Schöne in ihr sehr wohl zu zeigen minder gul nachzuahmcn und wiederzugehen verstand. fühlt man schon in dem Stoffe selbst das Wahre, daö ursprünglich Große; man bewundert hier wahre Schönheiten, wahre Tugenden und drückt würdige Empfindungen aus. Dort schreibt, dort arbeitet kein Anderer, als der Mensch; man merkt die Mühe, die er sich gicbt, und folglich seine Schwache; man erkennt seine Laster, seine Vorurtheile, seine Unwissenheit, seine Verdcrbniß. Hier ist der Geist Gottes der Eingeber; Alles ist klar, ungezwungen und voll; Alles tragt das Siegel desjenigen an sich, der spielend einen Wcltkrcis erschafft. So groß auch der Profanscribent seyn mag, so hat er doch nur einen Funken von demjenigen Feuer, welches die Propheten entflammte, nur einen kleinen Thcil von der Tugend, wovon jene die ganze Fülle besaßen. Sein bloßes Talent erschafft. Mit einem Worte: wenn Hora; und Pindar von der Natur begeistert waren, der sie einige glückliche Züge entwandten, so waren cs David und MoseS von dein Urheber der Natur selbst, von dem, der allein die ersten Muster- des Schönen besitzt. Cr führte ihren Pinsel, er gab ihnen den Stoff, die Ideen, die Farben, die Auge- Ist cs zu verwundern, daß sie über die weltlichen Dichter einen so großen Vorzug haben? Indessen ist hier eine Anmerkung zu machen. Nämlich da die Natur, so wie sie cristirt, nichts anderes ist, als der ausgeführte Plan des Schöpfers, so müssen diejenigen, die nichts, als die bloße Natur copirt haben, und diejenigen, die von dem Urheber der Natur inspirirt worden sind, auf einem Wege zusammen- kommen; beider Gegenstand ist die Natur. Und da die Regeln der Nachahmung nothwcndigcrwcise aus dem nachgcahmtcn Gegenstände fließen, so müssen die heiligen und die weltlichen Scribcntcn gleiche Regel» 78 habcn. Die lyrische Poesie will groß, reich, kühn, erhaben sein. Sie verlangt cigcnthümlichc Wendungen, heftige Ausbrüche, Feuerstrahlcn, Taumel und Raserei*) (?) Sic will keine merkliche Ordnung haben. Sic vermeidet allzuausführliche Zergliederungen, systematische Sähe, Subtilitäten. Sic will Gegenstände habcn, die man sicht, die man fühlt, die sich bewegen. Diesi sind ihre Regeln Die Männer Gottes sowohl, als die Profanscribcntcu, mußten sich darnach richten, und haben cs auch wirklich gcthan. Der ganze Unterschied ist dieser: die Profanscribentcn blieben in der «Sphäre der Menschheit stehen, anstatt daß David einen übernatürlichen Flug nahm, und seinen Stoff und die Stärke, ihn würdig zu behandeln, selbst aus dem Schooße der Gottheit holte. Ist es also nicht ein wenig sonderbar, daß man die Muster des Schönen nirgends, als in den weltlichen Schriftstellern, zu finden glaubt? Cs könnte dieses seine Richtigkeit haben, wenn man wollte, daß das Schöne nur in der Kunst des Ausdrucks bestehen sollte. Wenn es aber vorncmlich in dem Wahren, in dem Großen, in dem Würdigen besteht, wo kann man es besser finden, als in der heiligen Schrift? Man mag sich allerdings mit Wörtern abgcbcn, aber dabei stehen bleiben, heißt: cs macken, wie diejenigen, die sich blos mit dem Putze beschäftigen, ohne an die Person zu denken!**) *) Hier ist „Furor" wohl allzutreu überseht! **) Ich konnte Mir nicht vcr>gg,-n. diele Stelle, die mir einige Zeit nach Abfassung obiger Rete i» tic Augen fiel, t r o l), oder vielmehr: wegen der Gleichheit der ausgesprochene» Ansichten beizufügen. -as Studium der Geschichte. Eine Schulrebc am Ncujahrvfcste. sind auch heute, theucrste Schüler, auf eine Stunde an dem gleichen Orte versammelt, welcher uns das ganze Jahr hindurch in den Bemühungen um Wissenschaft und Kenntnisse von mannichsacher Art vereinigt sicht, und Sie, verehrtcste Herrn, haben die Gewogenheit gehabt, in diesem neubegonnencn Jahre die hcranreifcnde Jugend bei ihrem ersten Gange in diese wichtige Anstalt zu begleiten! Was nun an einem solchen Tage zuerst dem Menschen gesagt werden muß: „daß er ein Gast und Pilger sei auf dieser Erde, daß er eine bleibende Hci- mathstätte für sich suchen soll im Himmel, daß er darum schon jetzt in dem Lichte der ewigen Got- tcssonne wandeln und in ihr alle Dinge der Welt betrachten müsse, Leiden so gut, als Freuden, Glänzendes und Glanzloses, Hohes und Niederes, Alles, was da ist u. was da war u. was da seyn wird, — das, verehrtest Anwesende, ist uns so eben an heiliger Stätte in der Mitte der Gemeine Gottes feierlich verkündigt worden, und möchte der Eindruck solcher Worte unauslöschlich in unser aller Herzen und Gcmüth gewesen seyn! Meine Aufgabe ist es nicht, auf gleiche Weise jetzt zu Ihnen und den Jünglingen, die Sie versammelt sehen, zu reden; aber es wird uns dennoch nicht an einem würdigen und diesem Tage, wie diesem Orte, gemäßen Gegenstände fehlen! — 6 82 Nehmen wir aus diesem engbcgrcnztcn Raume hier vorerst nur einen beschränkten Ausblick in die weite Welt (was uns ja heute gewiß erlaubt sein muß!) ich sage: in die Welt, wie sie in dem verflossenen Jahre sich gestaltet und gezeigt hat, — überschauen wir mit einem Blicke all das Ringen und Treiben, Thun und Jagen, all das Dichten und Trachten bei den Menschen: so sind wir freilich keineswegs gesonnen, m. H. dieses grosse Rundgcmälde, wovon wir noch nicht sicher wissen, ob wir es ein Tagstück oder Nachtstück zu nennen haben, jetzt in Worten zu beschreiben; übrigens freuen wir uns innig alles des vielen Guten, welches da und dort gepflanzt wird, vielleicht auch keimt, gedeiht und wächst, aber blind müßten wir wahrlich scyn, wenn wir nicht auch den Feind, der Unkraut sät, auch seine Dornen, uud Disteln finden würden, die das Gute zu ersticken suchen —und oft sogar auch zu ersticken drohen! Möchten doch die künftigen Jahre für die Menschheit in recht vielen Thcilcn glücklicher und besser werden, als cs die vergangenen dem ernst und gründlich prüfenden Auge gewesen sind! Es liegt dicß, bei dem unberechenbaren Einflüsse höherer Stände auf die niederen -- an den Gebildeten der Länder; eS liegt dieß, da das Besscrwerden immer an dem nachreifcn- den Geschlcchte erwachsen muß, — an der aus jenen Ständen hervorgchcndcn Jugend; es liegt dieß, thcure Jünglinge, somit besonders auch an den — 83 Ge l e hr ten s chu l e n und an E u ch! Ach, daß ihr ohne Eitelkeit die große Aufgabe, die ihr habt, und die Wichtigkeit, die eurem geistigen Gedeihen zu- zuschreibcn ist, erkennctct, und ernst und treu dicsclbi- ge zu lösen suchtet! Aber nicht auf Eure Schultern soll die ganze Schwere der Last gewälzt seyn! Den Erwachsenen steht es zu, die rechten Mittel für Euch auszuwählcn, die Euch so sicher, so leicht und froh, als möglich, zu dem gewünschten Ziele führen können — und, in dcr That! sthlt cs nicht selten an dem Eifer und dem guten LÜillcn unserer Jugend, so fehlt es auch nicht seltener bei den Erwachsenen an ihrer Leitung, an dem richtigen Gebrauche der Mittel, ja selbst, besonders bei dem Unterrichte, an deren guter Auswahl! Jedoch — so fragt man mich nun nach dieser Aeußcrung: — worin bestehen denn diese Mittel? Ich sage: Alles kann, und namentlich beim Unterrichte, Mittel w e r- den, — alle die verschiedenen Pensen insbesondere, die Sie für diese Anstalt vorgezeichnct finden, jedoch das Eine mehr und leichter, das Andere schwieriger und weniger. Daß darin eine Wissenschaft, die den Werlaus der Zeiten vor uns stellt, (ich meine die Geschichte,) einen ausgezeichnet hohen Rang behauptet, ist unstreitig; — denn die Vergangenheit ist ja der Gegenwart dazu gegeben, damit die Zukunft durch sic besser werde; — und wenn wir nun, mit Ausschluß alles Ander», gerade über dieses Fach soweit 6 * 84 es in die Grenzen einer Schule cinschlägt, reden wollen, so ist gewiß kein anderer Tag hiezu so sehr geeignet, alö der heutige, welcher uns de» Wechsel aller Zeit so deutlich vor die Augen rückt und, wie ein Janus, vor - und rückwärts blickend, in der Mitte seiner Brüder dasteht! — — Die Geschichte, m H. erzählt uns von den Reichen in der Welt, von ihren Stiftern und Zerstörern, von ihren Königen und Feinden, ihren Weisen, Künstlern, Helden, und dgl. Es ist eine schöne Wissenschaft um die Geschichte, deren Schönheit und Erhabenheit mit der des Reiches wächst, wovon sie handelt! Ein Reich gicbt es auf dieser Erde, das sich aus der unsichtbaren Welt hcrübcrbildcte, empfangen und geboren von dem heiligen Geiste. In dem Dunkel des grauen Altcrthumes war sein erster Keim von Gott gepflanzt, es wuchs auf stille, aus beinahe unsichtbare Weise, bis es als Helles Licht zuletzt hervorbrach aus dem Schooße der Jahrhunderte, die nun erfüllt waren. Aber dieses Reich — es war und ist nicht nach den täuschenden Erwartungen der Welt. Sein König war ein König blos der Wahrheit, das Sccp- ter. nur ein Hirtenstab, das Schwerdt nur jene sanfte Rede seines Mundes, die Krone war von Dornen, und der Thron ein Kreuz! Der König starb — aber er ist wieder aufcrstanden und heisset: „Gestern und heute und Dcrsclbige in Ewigkeit!" Denn seht euch mn: Babylon und Nom sind gefallen, die Bleichen Griechenlands sind ab gewelkt, Kaiserreiche haben unterdessen aufgetaucht und sind vergessen worden, aber das geistige Jerusalem steht nach Jahrtausenden, das Senfkorn überschattet alle Welt und wird sie wohl auch überdauern! Wir sind umschlungen von diesem Reiche; sein Herr und König hat auch hier in unserem Vaterlands Recht und Gesetz begründet, die eine Hälfte der Menschen mündig gemacht, die Ketten der Sclavcrci gebrochen, tausend Anstalten zur Veredlung des Herzens und zur Bildung des Geistes, auch die unsrige, begründet, er kleidet, wo die Menschen nicht Empörer werden gegen sein Gebot, noch überall die Nackenden, er speist die Hungrigen, er tränkt die Durstigen, er tröstet die Traurigen, und wird Allen Alles, um Allen Alles zu scyn! Gewiß, das Herz des Einzelnen sollte mit Familie, mit Staat und Kirche diesem Könige, von dem sic alle nur empfangen, ohne etwas, als allein ihr Herz, ihm geben zu dürfen, den Eid der Huldigung, den Jeglicher ihm schwört, auch treu und redlich halten! Aber ach! man glaubt es nicht, daß Er es ist! Man dünkt sich selbst als Schöpfer der empfangenen Gaben, und man giebt sich willig selbst dem schlechtesten Herrn zum Sclavcn hin, um nur nicht Freund des besten scyn zu müssen! Wurde man die Augen aufthun und die Ohren öff »cn! Würde man sich doch an einzelnen Charakteren, einzelnen Gemeinden, oder selbst an grösseren Gemein schäften*) ein lebendiges Bild und Gleichnis von der *) Denke man z. V- an die Brülerzemeinke. 86 Kraft und Herrlichkeit des Evangeliums entwerfen! Würde man sich einmal alles das aus unserem häuslichen und öffentlichen Leben weggcnvmmcn denken, was, wenn auch von Niemand anerkannt, doch nur Geschenk des Sohnes Gottes ist, — um dann zu sehen, was noch bliebe! Würde man sich spiegeln in hem großen Völkerspiegel der Welt, aus dem uns cwigstarre Chinesen, wilde Kannibalen der Südscc, thierähnliche Pescheräh's und tausend andere Verzerrungen der menschlichen Natur cntgegcnblickcn! Dann würde man erkennen, was auch wir ohne Christus und sein Reich geworden wären! Aber man ist zu stolz, um sich in Reih' und Glied mit jenen Völkern hinzustellcn. Nun wohlan, so spiegelt euch in dem gepriesenen Rom u. Griechenland! Ja, seht nur einmal tief hinein! WaS findet ihr? Ihr findet unter goldenem Flittcrglanze einer selbst in sich zerrissenen Stadt das Elend einer unterdrückten Welt! O wie viel anders ist das Joch in jenem Geistesreiche, das wir meinen! „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht!" O wie viel anders ist hier Krieg und Frieden! Frieden in sich selbst, Frieden mit der Welt und allen Menschen, Frieden mit Gott und seinem Nichterarmc! Krieg gegen die Mackt der Finsternis, die Böses thuss Krieg mit den Waffen des Lichts, das keine Städte, keine Dörfer je in Schutt und Asche versenkt zum Untergänge, sondern nur Herzen entzündet zum ewigen Leben! Helden, die wohl tausendmal von Mensche» uw 87 ""»tH ' i> sit^ W«, 'Wz Wie r«itL> smA iüi Ht i >»tUl!« AKkiil in! Ki- !iml ki- iii U ,M m ml > i» >A Ük»st» Sriczf ch Dj kik, k» e II» nzB ,'Ä»ä bemerkt den gröstcn, schwersten Kampf in ihrem eigene» Innern kämpfen; denn nur das Her,; des Menschen ist das wahrhaftige Feld der Ehre, auf dem man aber siegen und nicht fallen muß! Andere Helden, — nicht, wie manche, welche, vielleicht im Fürstenmantkl schon geboren, mit dem Blute ihrer Unterthancn sich den citcln Ruhm erkaufen, welche die Bequemlichkeit des Friedens mit sich in das Lager nehmen, und am Tage der Gefahr sich hinter dichten Reihen ihrer Kämpfer sicher wissen; Helden, sage ich, in jenem heiligen Kriege, welche selbst, allein, die Feldhcrrn u. Soldaten sind, — welche Allem entsagen, Alles verlassen, aber dennoch kecker, als ein Alcrandcr, ganzen Nationen dort am Indus und am Ganges, am Jan- sckiang und Drinocco sich cntgcgenstcllcn, und sie mit Gottes Hilfe auch besiegen! Ach welche Helden! welche Siege! welch' ein König! welch' ein Reich! und welcher Umfang, welche Dauer! Und nun — ist dankbares Gedenken an die Wohlthat unsere Pflicht, um so viel mehr, je herrlicher die Wohlthat ist, — und werden Dinge uns gewöhnlich um so wichtiger, je näher sie uns angchen, — und ist der Einfluß geistiger Gewalt um eben so vieles edler, als das Wirken blosser physischer Gewalt, wie viel der Geist ja selbst unstreitig über allem Körperlichen steht — und werden Siege, welche die Jugend doch am »reisten liebt, um so vieles glänzender, mit je geringeren Mitteln über bedeutende Mächte sic erfochten werden, — nun denn, 88 wo ist das Reich, welches sich in allen diesen, und noch tausend Stücken mit dem Reiche Christi messen könnte, auf der Erde? nun, wo ist denn die Geschichte, die dem jugendlichen Alter angemessener und näher wäre? und was sollte man auch überall, und hier zumeist in diesen Schulen, von denen das Vaterland seine Gebildeten und Gesitteten, seine Muster und Beispiele für das Volk, seine Vorgesetzten in Kirche und Staat, seine Haushalter über Recht, Religion und Wissenschaft erwartet, mehr und gründlicher und ernstlicher betrieben finden, als gerade jene herrliche Geschichte? Aber, ach! --- ward jemals eine freudige Erwartung nicht erfüllt, so ist es diese! Denn wie viele schöne Zeit dem Unterrichte gewidmet wird, — wie sehr man oft die Kraft der Lehrer und der Lernenden an Gegenständen anderer Art verschwendet*) — nur an dem wichtigsten, erhabensten, grösten Gegenstände wird gespart, und siehe da, — der Knabe hört von diesem wenig, oder — nichts! Doch wie? es fehlt vielleicht an Büchern dieser Art? Ach nein, eS fehlt an dem Bedürfnisse, welches man fühlen «) Die Lehrer gehen bei »nS 30, viele -to. manche sogar bis 50 öffentliche und Pnvcttüctioncn in ter Worbe. Darunter sind gewöhnlich 2 ReligionSstnnden, in denen aber natürlich mehr nur die Lehre der Religion, als die Geschichte des Reiches Gottes, berücksichtigt werden kann. Ebenso in andern Staate», z. B. auch Preußen. Und doch findet der Franzoic Cousin in seinem amtlichen Berichte über das deutsche Schulwesen einen großen Borzug desselben in dieser vorzüglichen Berücksichtigung der Religion. Ein demcrkenSwerihcr Zug für andere Länder! sollte; denn ein lebendiges Bedürfnis; schreibt die Bücher! Jedoch — waS wird min dem Jünglinge zum Ersah gegeben? Einen entsprechenden vermöchte man ihm schwerlich anzubicten; aber ein geringer wäre doch noch EtwaS! Ich könnte mir einen solchen, aber auch nur Einen denken. Hcrunterstcigcn müßte man freilich autz jenem Reiche des Geistes in die Reiche des Fleisches; man verzeihe diesen Ausdruck; denn er hat ja leider! oft genug die treffendste Bedeutung! Würden aber — in der Form der alten Sprachen — aus der Reihe der Jahrhunderte diejenige» herausgcwählt, worunter man die neue Zeit begreift, würden wiederum aus der Menge der Staaten vorzüglich das eigene Vaterland und was mit ihm zusammenhängt, herausgenommcn, sodann in diesem Kreise mit Umsicht das hcrvorgcho- bcn, was dem kommenden, wahrscheinlichen Berufe der Schüler noch am meisten angemessen ist, wobei als Salz und Würze, auch als Schcideiniktcl zwischen Gut und Böse, das Ergebnis desjenigen, was die Gott und seinem Worte geweihten Stunden geben, treulich aufzustreucn wäre — nun, (ich glaube doch) so sehr auch dieser Weg seine eigcnthümlichcn Beschwerden und Gefahren hat: man könnte dann die Schüler meistens für die Erde, ja selbst für den Himmel besser vorbereitet hier entlassen! Sic brächten eine Kcnntniß des Bestehenden mit, deren Mangel oft sehr schwer empfunden wird, noch schwerer wieder aufzuhebcn ist, — einen practischcn Sinn, gesichert vor der elenden Kleinigkeitskrämerei, worein so oft die Alterthumscrforschcr zu verfallen pflegen, und endlich wohl, aufmerksam gemacht im Lichte der Wahrheit, (das uns denn auch die wahren lumiua »rstb «ui« gäbe) eine deutliche Empfindung vieler Mängel und Gebrechen dieser Zeit, wodurch sie selbst dann zu dem wahren Borne des Heils für alle Krankheit hingclcitct, und nach und nach der Zustand und die Lage der Völker überhaupt von innen heraus gebessert werden könnte! Sollte diese Idee, die neuere Geschichte und Statistik in der Form der Classikcr, aber mit dem Geiste der heiligen Schrift zum Mittelpunkte des Unterrichtes hier zu machen, in Erfüllung übergehn, so wäre zwar, wie cs mir scheint, der Nutzen nicht »erkennbar, jedoch man müßte cincsthcils die Zeit dafür nicht sparen, und andcrnthcils die entsprechenden Werke, die den bezcichncten Stoff in solcherlei Gewand und Geist zu bringen wüßten, sieb verschaffen, wiewohl, was oben schon bemerkt, ein ernstliches Bcdürf- niß solche Werke schreibt! Aber nicht nur diese letztere Behauptung, sondern auch das muß ich wiederholen, daß von der großen Stundcnmenge in der Woche sogar für die Weltgeschichte überhaupt, nicht einmal für die neuere, gcwöhniglich nur zwei bestimmt find. Das sind ja Tropfen aus dem Nectarbecker unsrer Zeit! Das sind ja Brosamen, die von der m r Lr l'kiin ^ t »i k tnÄi >üt L !m ßti . p« ecrk» ,k lchi wÄa- tzl«d il«>« »l'i ltp ikiflck ja K Mit! ^ lDk . A!>i° Herren „Classikcr" Tische fallen! Sich daran seine Seele satt zn essen — wer sollte dieß vermögen? Jedoch — ich habe so eben berührt, m. H. worauf sich das für den Jugenduntcrricht so wichtige Ge- schichtsstudium in den Gelehrtcnschulen meist beschränkt, ncmlich ans die Geschichte des classischcn Altcr- thums, vorncmlich Roms upd Griechenlands, deren Thatcn und Schicksale dem Schüler schon durch den allgemeinen Geschichtsunterricht am ausführlichsten u. frühesten, sodann am meisten durch das Lesen ganzer Classikcr selbst, oder einzelner Thcile ans denselben eingcprägt zu werden pflegt. Je größer nun die Wichtigkeit dieses Pensums ist, besonders durch die viele Zeit, die man darauf verwendet, und welche, wie die dürren Achrcn Pharaos, oft ohne Zweifel fruchtbarere Achrcn roh verschlingt, um so mehr werden Sie mir einige Bemerkungen hier cinzustrcuen erlauben, worin ich freilich diesen außerordentlichen Vorzug, welchen man dem Classischcn gewährt, rm Ganzen nur beklagen kann! Wenn ein Erwachsener sich der Geschichte widmet, so muß er billig jedem Volke, jeder Zeit und jeglichem Eharactcr sein Interesse schenken. Das Wissen hievon hat ihm einen Werth an sich, er sucht di- Wissenschaft; xr lebt in ihrem Dienst, und mag darin als tadelfrei erscheinen, — vielleicht auch nicht! Doch anders ist es bei der Jugend. Für diese gilt noch keine Wissenschaft, als solche, von selbst; hier muß ein Zweck uns leiten, ein guter Zweck, d. h. ein Nutzen — und dieses, wie bei Allem, so bei Geschichte insbesondere. Und nun -- der Nutzen mag vielleicht bei dein Studium der Geschichte überhaupt in dem bestehen, daß man den gegenwärtigen Zustand des menschlichen Geschlechtes sich aus derselben deutlich machen, sich erklären kann! Aber zwischen dem töten Jahrhundert und der ctassiscbcn Zeit ist (wenigstens für den Knaben) eine tiefe Kluft befestigt i wer will herüber und hinüber kommen? Sie sind geschieden durch grosse Ströme, wie der Strom der Völkerwanderung, geschieden durch die Schutthaufen des römischen und vieler andern Reiche, durch die Lcichcnhügcl der alten Welt, über denen das Kreuz siegreich erhoben steht! Jedoch — cs liegt vielleicht der Nutzen in den mannigfachen für daS Leben wichtigen Kenntnissen, die uns die Geschichte der klassischen Welt als edle» Erbstück übcrbringt. Es ist auch wahr: die Alten haben Vieles weit geführt und mehr noch angefangcn, aber, stehen sie gleich in einer Kunst noch unerreicht, so gilt im Ganzen doch der Spruch: siche das Alte ist vergangen, cs ist Alles neu geworden; denn nur die Plastik ausgenommen, wo ist ein.Gewerbe, eine Kunst und Wissenschaft, die nicht seit jenen Zeiten tausend Wechsel, Vervollkommnungen, und dadurch eine ganz veränderte Gestalt gewonnen hätte? Wozu man rech- neu muss, wie viele Dinge späteren Jahrhunderten sogar ihr Daseyn zu verdanken haben! Ihr habt vielleicht schon, l. Schüler, jenen ernsten Scher; gelesen, den sich einmal ein deutscher Fürst in einer grossen Stadt Italiens erlaubte; der' Geist des alten Cicero erscheint und findet alles anders, er kennt sich selber nicht mehr vor allen den Neuigkeiten, die er trifft. Doch — glaubet cs weder diesem klassischen Geiste, noch der fürstlichen Bürgschaft, die ich geben kann, l. Schüler, aber glaubet cs der Wahrheit, daß die alte Welt in Dingen für das Leben, nützlichen und wichtigeren Dingen, wenig, oder nichts von wirklichem Gehalte mehr geben kann, das nicht schon von der neuen ansgckanft und ausgenommen wäre! — Noch ist uns Eines übrig, m. H. und zwar das Größte, das Gcpricsenstc! Man gicbt das bisher Angeführte zu, — aber man bleibt vor den Charakteren der classischcn Welt, wie vor aegyptischen Pyramiden, stehen, und staunt hinauf an diesen Zeugen und Vertretern einer grossen Vergangenheit! Das sollen denn die rechten Muster für die Jugend werden; das soll zumeist der Nutzen ckassischer Geschichte seyn! M. H. Ich stelle mich im Geiste hin vor 12 Jahrhunderte, darinnen Nom bestanden hat. Was drängt sich da meinen Blicken auf? — Ich denke dabei ganz einfach an eine ebenso einfache Erzählung, welche 8i- vius in Numas Leben uns gegeben hat. 94 „Numa (erzählt er) machte den Janustcmpcl zum Anzeichen für Krieg und Frieden. Geöffnet sollte er Krieg, geschlossen Frieden bedeuten. Zweimal war er nach Nnma geschlossen, das cincmal unter dem Consulate des T. Manlius nach dem ersten pünischcn Kriege, das 2tcmal, (was unsere Zeit die Götter erleben ließen) als Kaiser Augustus nach der Schlacht bei Äc- tinm einen allgemeinen Frieden errungen hatte!" Dies? sind die Worte des Livius, dies! sind die Schlüssel der ganzen römischen- — was sage ich? der ganzen elastischen Geschichte! Krieg und wieder Krieg! Zwei- oder dreimal Frieden in 12 Jahrhunderten! Wer kann sich wündcrn, wenn nun Alles, was in den Vordergrund hcrvorgetretcn ist, das Schwcrdt umgürtct hat, und selbst so herrliche Erscheinungen, wie bei den Griechen Socrates, nur ephemer gewesen sind? Wer kann sich wundern, wenn auch die Muster und Vorbilder, welche die classische Historiographie uns bietet, fast nichts, als Fcldhcrrn und Soldaten sind? Ich bitte Sic, m. H. doch nur als kleines, nächstes Beispiel hier das Lesebuch, das überall in unfern Schulen eingcführt ist, anzuschcn. Ich mache den Verfassern keinen Vorwurf; denn sie hatten die richtige Ansicht, daß die Jugend allermeist Geschichte will, — und sollte sic aus jener Zeit genommen scyn, so mußte ja werden, was da ward. Sie aber, m. H. — Sic kennen diese Schüler alle von Person; Sie wissen, daß auch nicht ein einziger von ihnen künftighin dem Kriegcrstande bestimmt ist; jedoch in dem genannten Buche finden Sie, (auch nur bei dem Anblicke des Registers) wohl gar 50, sage 50 Feldherr» als die Hauptpersonen angeführt, die denn, nur wenige Seiten ausgenommen, das ganze Buch, soweit es nur geschichtlich ist, d. h. zum allergrößten Thcilc, mit ihren Hcldcnthaten, mit vergossenem Blute und mit dem Lärme des Lagers füllen. Wie dieses wirken mag? ob es ein jugendliches Her; mit jenen edlen Tugenden des Friedens, Sanft- muth, Freundlichkeit, Verträglichkeit, Geduld uud De- muth zieren könne? ob cs dem künftigen Rcchtsgc- lchrtcn Liebe zur Gerechtigkeit verleiht? dem Arzte Vorschub leistet in der Kenntniß der Natur? den Theologen vorbereitet, einst mit eigenem Beispiele u. mit Kraft das Evangelium des Friedens zu verkündigen? ja, ob auch nur der Künstler bei so vielen Mnmmius - Gestalten sich erziehen karin? das sind wohl Fragen, deren Antwort Rom und Griechenland nicht eben stolz zu machen weiß! Das Letzte noch viel weniger, wenn man nicht nur die Außenseite, wie bisher, an den Erscheinungen dcS Alterthums beachtet, sondern durch diesen blutbefleckten Schild und Panzer auf das Innere, mrs Herz der Alten, dringt! Denn welches waren, mit geringen Ausnahmen, die Motive der Personen, und welches die der Staaten? Jene gepriesenen Republiken hatten einen viclköpf- L6 gen Tyrannen über sich, dies; war das Ich der Einzelnen! Ehrgeiz und Ruhmsucht war die allgemeine Triebfeder, war die Lebcnswärmc in den Gliedern, in dem Leichname der alten Welt; denn der Geist des Lebens und der -Wahrheit war ja tc>dt! Die Eifersucht um Marathon machte Thcmistoclcs zum Helden; Cäsar wollte lieber der Erste scyn in einer kleinen Stadt, als selbst zu Rom der Zweite. Sogar die Musen buhlten nur um Ruhm! pvtitiLi? «aer!«, i,I«j Lsin», (Was will der Dichter Anderes, als Ruhm?) Man lese auch, waS Lueian von Hcrodot und seiner Geschichtschreibung erzählt! Sollen wir aber die Beispiele häufen bei einer Sache, die Jeder kennt? bei einer Sache, die überall nicht anders scyn konnte zu einer Zeit, wo der natürliche Mensch des Herzens ungemildert in seiner ganzen unnatürlichen Eigensucht, ja Rohheit herrschen und sich zeigen durfte? Und wie die Einzelnen, so auch die Staaten! Ausserhalb der Gränzen gab cs zwar periodisch wohl auch Freunde, aber in der Wahrheit nichts, als Feinde; darum, wenn die Kraft nicht fehlte, war das stete Ziel doch nur Eroberung und Unterjochung aller Anderen! Wie dabei bald die Lüge, der Betrug, und jede Schändlichkeit dem Stärkeren mithalf, — steht auf den Trümmern von Cavthagv und Numantia zu lesen! Wer ist der Gröstc? diese Frage, welche einst die Jünger an den Herrn gerichtet haben, war auch ! 97 '8h !>Ri, Ai,, «k cur klili, "iU Wt ki« k G >nl» jim G «kil I»?>d zck z,««! ülii? ,, iB die einzige Frage für die alte, klassische Welt! Der Herr entschied, indem er ein Kind zum Muster in die Mitte stellte; die Andern entschieden^ mit dem Schwerdte! — — „Aber wie? (so sagt man;) sollten die unstreitig vielen glänzenden Beispiele von Liebe, von gänzlicher Aufopferung für das Vaterland nicht diese Schattenseiten auszuwägen im Stande seyn?" — Lassen wir uns nicht blenden von dem Scheine des Aeusscrlichcn? Die gepriesenen Befreier wurden gar so häufig die Tyrannen und die Frciheitsmörder für ihr Land, und könnten wir die kriegerische Wildheit eines Räubers, (wir denken an den Ursprung Roms!) und könnten wir das Ich, den Ruhm, die Ehre, alle diese (sogenannten „edlen") unedlen, aber freilich schimmernden Motive aus dem Inneren der Menschen streichen, gewiß, cs wären wohl die meisten kühnen Thaten und die schönsten Opfer für das Vaterland im Alter- thume mitgestrichen! Sehen sie hieran, m. H. den umgekehrten Stab deS Brutus, aussen von Gold, und innen hohl! Und wäre dem auch nicht so, — was ist'S am Ende für ein Ruhm im Lichte der Wahrheit, wenn ein Mann mit Hingebung, im Leben oder Tod, der Sünde seines Vaterlandes sich zum Dienste giebt? Wird das ein Muster, eine Tugend, wenn der Mensch dem Grösseren, Stärkeren zum Laster hilft? Denn für die Herrschsucht, für den Unterdrückungsgcist der 7 98 alten Staaten giebt eS keinen Vorwand, keinen Schein des Besseren mehr! Das Recht lag in der Faust! Und darin ist sich Rom nnd Griechenland so ziemlich gleich, das eine trieb cs groß, das andere klein! Aber Mochte, m. H. (um weiter fortzufahren) — möchte diese klassische Geschichte scyn, was sie nur immer ist und seyn mag, sie könnte, wenigstens als Warnungsbeispiel auch noch für unsere Jugend dienlich werden, wenn sie in solchem Sinne behandelt wäre — wenn nur die Schriftsteller, die sie uns in schöner, herrlicher Spra- che hinterliessen, auch das Weisse weiß, das Schwarze schwarz, das Laster Laster, den strafbaren Ehrgeiz — Ehrgeiz genannt, und nicht aus Sauer Süß, und aus Süß Sauer gemacht hätten, — wenn nur die patriotische Intoleranz der Alten nicht als Hcldengröße unserem Blicke vorgemalt und wenn nur über dem Verlauf der klassischen Geschichte, die in ihrem Schoofseso viel ««gehörte Seufzer, diese viele düstere, traurige und dunkle Stellen hat, das gerechte Walten einer göttlichen Vorsehung, die richtet und bestraft, als lichter Punkt, als Sonne, festgehalten wäre! Aber alles dieses fehlt! Die Sonne des Göttlichen leuchtet nirgends. „Finstcr- uiß deckte die Völker und Dunkel das Erdreich!" Oder — was soll es heissen, wenn ein Herodot (vereinzelt noch dazu) von einer „neidischen Gottheit" redet, die der menschlichen Grösse zürnt nnd darum sie zu Boden stürzt? Die Geschichte war dem Classiker durchweg ein Menschenwerk, nicht eine Gottesordnung, nicht ein göttliches Gericht! Bei diesem Mangel eines höheren Standpunktes, bei dieser niedern Ansicht von der Welt, — wie war eS möglich, daß der Geschichtschreiber, (was er doch soll) sich aus der Stellung aufarbeitete, worein ihn die Geburt, sein Glück, sein Schicksal überhaupt gesetzt hätte? Der Römer blieb in Allem Römer- und der Grieche, Grieche; ebenso der Patricier und Plebejer. Aus diesem dürftigen Interesse für Parthei und Volk erklärt es sich, wäruM die Wahrheit oft so trar»- rig Noch gelitten hat, die Wahrheit, gegen die man keine höheren Pflichten kannte. Verlangen Sie Belege, m. H. ? Sie sollen Ihnen werden! Hören Sie die Worte eines Classikers r -,Die Meisten derjenigen, (sagt er) welche sich mit dem Zusammentragen der Geschichte beschäftigten und das Gedächtniß an die Thaten des Alterthums zu erhalten suchten, warben um ewigen Ruhm ihres Talentes, ihrer Bildung, uM nicht, wenn sie schwiegen, unter den grossen Haufen gerechnet und vergessen zu werden. Darum schätzten sie die Wahrheit in ihren Er? zählungen gering, und kümmerten sich desto mehr um Styl und Wohlklang, — überzeugt, daß auch bei falschen Nachrichten die Schönheit der Sprache ihnen selbst zum Gewinne ausschlagen, nach der Genauigkeit der Angaben aber nicht gefragt werden würde. Mancha haben auch aus Feindschaft und Haß gegen Tyrannen, aus Schmeichelei und Ehrenbezeugung gegen Könige, Staaten und Privatpersonen, Unbedeutcn- - 100 des und Geringfügig durch ihre treffliche Schreibart zu einem Ruhme erhoben, der für die Wirtlichkeit der Sache zu groß ist." — Ließ sind, wie gesagt, nicht meine eigenen Worte, v. H. sondernWortcHe- rodians, eines Schriftstellers, der am Ende des 2ten Fahrhunderts nach Chr. noch trefflich griechisch schrieb, aber zu Rom lebte und römische Geschichte zu seinem Gegenstand machte, der demnach die römische, wie die griechische Literatur nicht nur, so weit sie classisch war, seiner Zeit »ach übersehen konnte, sondern gewiß auch zu bcurthcilcn verstand, und überdieß — was wohl zu merken ist! — auch sonst wegen seiner Wahrheitsliebe gerühmt wird. Aber hören Sie noch eine Stimme, die einen guten Klang und Geltung hat! Es gilt gewiß von aller klassischen Geschichte, was Tacitus von einem Theils derselben sagt! „Zum Preise der augnstischen Zeit fehlte es nicht an schönen Talenten, bis diese durch dieSchmei- chelei, die immer weiter um sich griff, verscheucht wurden. Des Tiberius, Caligula, Claudius und Nero Geschichte ward zu ihren Lebzeiten aus Furcht verfälscht, nach ihrem Tode mit der Leidenschaft eines frischen Hasses geschrieben!" Soweit Tacitus! Und überhaupt — die alten Historiker waren meistens glänzende, schöne Talente, aber ebenso gewiß haben Schmeichelei und Vorliebe für Parthei und Volk nicht minder, als in spä- wl — G k>>, stdt tkl- tii! >',k sctei ich »u- !!»tl »i- »ftl li«i Ist !»lkf A >I>^ tern Zeiten für den Casar, — habe» Furcht und Haß, und was mit diesen sich verbindet, jedes Blatt der klassische» Geschichte in den Thatsachcn, oder doch (was aber viel gefährlicher und häufiger ist) in ihrem 1krt heil über das Geschehene besudelt und entstellt? Aus diesem Verderben hat sich wohl nur Tacitus selbst, so gut ihm möglich war, cmporgchobcn, aber freilich blos zu einem unnatürliche», verhaltenen Gefühle, zu einer traurigen Resignation (t',»o Ir» «t «lutlio!) zu einer Todesfälle, die seine Leser stets zur Wchmuth stimmt, weil denn auch ihm das heitere, erfreuende Licht von oben für die Weltgeschichte fehlt und fehlen muß? So erscheint uns denn nun, leider! die ganze klassische Geschichtschreibung durchweg als eine Gottverlassene nach Form und Stoff, bei allem äussern Glanze hinabgeriffen in das traurige Verderben ihrer Zeit. Der Geist von oben war hinweg; hier herrscht das Fleisch? Ich wiederhole es: das Fleisch, und wenn man aus der Menge der alten Schriftsteller Einzelne nach ihrem Inhalte in das Auge faßt, z. B. nurSuc- ton von den Historikern, wozu die Dichter auch nvcb manche» ihrer Gattung liefern, — nun denn, so ist cs (man verzeihe diesen Ausdruck!) eine geistige o»r« 8»ii,s, welche billig jedem geistigen Israeliten untersagt seyn soll zu kosten. Aber auch, wo nicht der Stoff an sich schon in die Pfützen der Gemeinheit fuhrt, muß uns fürwahr der Lcichcngcruch zu stark 102 seyn in der ganzen classischen Geschichte, als daß wir, wenn wir die innere Stimme hören wollen, wahre Freude mehr an diesen schimmernden Verirrungen der menschlichen Kraft und Klugheit finden, — als daß wir hieher gerne unsere Jugend führen möchten, damit sie ihren Geist, statt an der Quelle des lebendigen Wassers, das ins ewige Lehen stießt, vielmehr an den Blutströmcn eines Altcrthums, das in das Meer verdienten Untergangs gefallen ist, sich stärken und sich nähren lassen! „Aber wie? — so hört man fragen sollten alle diese, wenn auch grossen Mängel nicht genügenden. Ersah erlangen durch die Sprache und die Form, worin die classische Geschichte von den Alten vorgc^ tragen ist?" — Die antiken Sprachen sind vortrefflich m. H.! Ich müßte lügen, wenn ich nicht gestehen wollte, daß ich selbst schon manche Stunde laut in einem Griechen oder Römer las, fast einzig um mich an dem Wohlklange ihrer Sprachen zu ergötzen; ich müßte lügen, wenn ich nicht gestehen wollte, daß noch jetzt die Lebendigkeit, die hüpfende Beweglichkeit uyd Urbanität der griechischen, sowie das kräftige, concife, kernigtc, bestimmte Naiurcl der römischen, fast einen zauberischen Eindruck auf mich macht, worüber ich die niedrigen Ansichten, die sich in dem Inhalte ans sprechen — worüber ich wässerichtc, seichte, oder meinethalben auch trockene Philosophcmc, poetische Albcrm Hellen und politische Laster auf eine mir beinahe um erklärliche Weise vergessen kann! Aber um bieß zu können, dazu wird eine lange Lectüre, eine beständige Uebung nothwcndig vorausgesetzt, die man wahrhaftig von der Jugend noch nicht fordern kann, und deren endlichen Genuß ich selbst (und ich bekenne dicß mit Reue und mit Schamgefühl) — ich selbst nebst vielen anderen durch m anchen für die Ewigkeit verlorenen Augenblick, durch manches angerMte sündige Gefühl, durch manchen Fehltritt meines Lebens mir erkaufen mußte. Ich that cs, ohne recht zu wissen, was ich that; die Andern ebenso, die es gcthan, und Tausende werden cs noch künftig thun, wenn nicht diejenigen, die jetzt durch Schaden klug geworden sind, das kommende Geschlecht verhindern, um solche Linsengerichte der Form, der schönen, klaren, gedrängten oder gewandten Diktion den Alten ihre Erstgeburt, das Erbrecht auf eine bessere Welt zu verkaufen, die aber nur durch Wahrheit der Erkenntnis, nur durch Reinheit der Empfindungen, durch Glauben ßfc sti gkeit und Demuth, nicht durch Stolz und Selbstgcrechtigkeit im Willen, auch nicht durch dichterische, oder rednerische Schönheit, nein, fürwahr durch keine Poesie und keine Prosa zu erlangen, aber dennoch unser höchstes Ziel, und einziges Wünschen ist und bleiben muß!- Doch wir verlassen nun die Classikcr, verehrtest«: H. und wenden uns zur heiligen Geschichte, wenn auch nur noch mit einem kurzen Ausblicke, der jedoch an 104 diesem Tage um so mehr ertaubt seyn muß, je mehr der heutige Tag von selbst zum Ernsten und zum Heiligen uns hinweist. — Hier finden Sie freilich eine einfache, fast kindliche Sprache, die aber im großartigsten Lapidarstyl schreibt; hier finden Sie freilich keinen Reichthum an Wörtern, Redensarten, Wendungen, vielmehr recht sichtbare Mängel in jedem dieser Theile, aber in solcher niedrigen Knechtsgcstalt geht ein hoher Geist einher! Der Stoff der Geschichte selbst ist freilich oft um nichts erfreulicher, als bei Profan- scribenten; denn welchem Vieles gegeben ist, von dem wird mit Recht auch Wiel gefordert; aber hier wird doch das Laster niemals verschleiert, sondern blosge- stellt; die Vorsehung und die Gerichte Gottes leuchten, wie eine erheiternde Sonne, aber auch wie zuckende Blitze, auf jedem Punkte der Geschichte! — Und denn doch — welche erhabene Charaktere, oft wie Silbcrfäden eingcwebt von der Hand des Schöpfers in die schwarzen Gewände der Jahrhunderte! Hören sie hierüber m. H. die schönen Worte eines selig Vollendeten, der ein gleich grosser Kenner des klassischen Alterthums, wie ein geprüfter, inniger Verehrer Gottes und des eingebornen Sohnes war, rknd dem ich hier, indem ich seine Worte mir ;u eigen mache, gerne damit ein Denkmal meiner Achtung setzen rnöcbtc, wenn ich ihn selbst auch nur im Geiste kennen lernte!*) ») Pros. G. Ehr. Kern. (gest. den 5!cn Aug. 183ä,) in der Chri- stelcrpe, Zahrg. 1836. „Ich kann sie nicht genug betrachten (sagt er) — jene heiligen Männer Gottes, welche, wie eine unsterbliche Schaar, von der biblischen Geschichte uns vor Augen gestellt, in nie erblassender Schönheit als Muster des Glaubens, der Wahrheit und Gerechtigkeit uns vorlcuchtcn. Zwar sind ihre Reden nndTha- ten in keiner Sprache menschlicher Weisheit und Beredsamkeit ausgezeichnet, sie haben keine Lobredncr gefunden, wie die Helden der Welt, deren Triumphwagen mit dem Blute der erschlagenen Völker*) befleckt sind, und die so viele Geister mit dem Schimmer ihrer falschen Grösse bezauberten. Die Gesinnung war es, durch welche jene Männer Gottes ein Li cht und Salz derErde wurden,dieW ahrheit war es,welcher sie all ihr Denken und Streben, ihr Wünschen und Hoffen geweiht hatten, und für welche sic sich aus freiem Triebe in Gott geheiligtem Eifer aufopfertcn. Ihr unerschütterliches Vertrauen aufGott, ihr Ringen nach Heiligung, ihr Eifer für die Ehre Gottes und seines Gesalbten, ihr Wohlverhaltcn in den heissestcn Trübsalen, ihr erleuchteter Blick in Zeiten und Lagen, in welchen die meisten Andern in Finsterniß saßen, oder im Jrrthuin umhergicngcn, — dicß machte Jene würdig, Bewahrer und Pfleger der höchsten Ideen und Priester der Menschheit zu werden, und bei dieser hohen Bestimmung zugleich vor dem * 1 Cäsar z. B. sagte von Gallien: das van ,'i Millionen Einwohnern nun die eine erschlagen, die zweite vernieten sch, und die drille gehorche! Durste (und Dunste) menschlicher Lobrednerci bewahrt zu bleiben. Wie sie Gott ehrten, so hat sie Gott wieder geehrt, er hat sie für würdig erachtet, seinen verborgenen Rathschluß zum Heil der Welt durch sie zu offenbaren und auszuführen, er hat ihnen unter Schmach und Verfolgung, durch welche die Welt an ihnen bewies, daß sie solcher nicht wcrth war, (Hehr. 11,48?) ein unvergängliches Denkmal in allen Herzen, die Ihn suchen und liehen, errichtet. Wie sie selbst in Einfalt deS Glaubens Ihn suchten, fanden und an Ihm hicn- gen, so trägt auch die Sprache, in welcher ihre Reden und Thaten ausgezeichnet sind, für jeden Freund der Wahrheit unverkennbar das Gepräge der Glau- benscinfalt und Glaubensdcmnth, Nicht die Darstellung ist eS, welche sie schmückte und zu schmücken brauchte, nicht das Gewand ist cs, in welchem diese Helden glänzen; der Charakter und die Persönlichkeit ist es, welche aus sich selbst diese Sprache schuf und das lebendige Bild oft in wenigen Zügen kräftig hervortreten läßt. Die Grundquelle der menschlichen Handlungen auf- zusuchcn, ist ein ebenso nothwendiges, als schwieriges, in vielen Fällen höchst unerfreuliches Unternehmen. Je weniger das Innere eines Menschen von Gott ge- heiliget, von seinem Geiste beherrscht und dem Lichte zugcwmdct ist, je mehr er in seinen Neigungen und Handlungen von dem leckenden oder erschreckenden Augenblicke hingerissen, oder von finsterer Selbstsucht und der gährcndcn Masse der Leidenschaften umhcrgetrie- 107 hcn wird, desto zerrissener, und sich selbst widersprechender ist sein Wesen, desto getrübter das Göttliche in ihm, wie im trüben Wasser auch die rein cinströmcnde Quelle bald vom Schlamme überwältigt ist, desto mehr fehlt ihm der Friede Gottes, welcher jedes, reingestimmte Gemüth leicht in die heiteren Tiefen der verwandten Seele blicken läßt, und es durch den Reiz der himmlischen Schönheit unwiderstehlich an sich zieht, Die Grundquelle, aus welcher die Handlungen jener heiligen Männer flössen, wird nnö in der Schrift selbst deutlich bezeichnet und wäre hieß auch picht, so könnten wir sie um so sicherer auffindcn, je mehr unser Inneres von ihrem Geiste angeregt und durchdrungen wäre, oder um es richtiger auszu- drüchen, je mehr Gottes Geist uns meine heilige Sympathie mit ihnen gesetzt hätte," „Der Glaube ist es unverkennbar, von welchem alle diese Zöglinge Gottes bewegt, über die Welt gehoben und getragen wurden; der Glaube ist das herrlichste Licht, welches aus dem Dunkel des AlterthumS durch eine Wolke von Zeugen ZU uns herübcrlcuchtct. Denn durch den Glauben haben sie das Zeugyiß bekommen, daß sie Gott gefallen- Ebr, 11, 39. Man preist die THMen der Griechen nnd Römer, man liest ynt Begierde und Bewunderung ihre Schriften und gewiß hat sich Gott auch an ihnen nicht unbezcugt gelassen, gewiß ist ihr Ruhm, welcher die Probe von Jahrhunderten bestanden hat, zu tief begründet, als 108 daß ihre Denkmale in irgend einer Zeit verwittern konnten. Aber was das Leben in dem Leben jener Zeugen und Helden war, welche sich Gott erwählte, um die abgcsallene Menschheit zu ihm zurückzurufen, und das Hciligthum nicht überall von unhciligcn Händen entweihen zu lassen, — was Jene a»,strebten, und worin sic Trost, Ruhe, Friede und Freiheit fanden, das dursten Wenige unter den Griechen und Römern, und selbst diese nur in gcwcihtcrcn Augenblicke», gleichsam i» lichte» Zwischenräumen erblicken, Keinem aber wurde cs so innig mit seiner Persönlichkeit verwandt, oder diese vielmehr jenem untergeordnet, bei Keinem wurde cs Element und O.uellc des Lebens. Und wie gcist- und kraftvolle Früchte der Baum trug, der mit wcitausgebrcitetc» Acstcn Athen und Rom beschattete, so trug er die süssen, wenn gleich von Tausenden verkannten Früchte des Glaubens nicht, die da sind Liebe Gottes, Friede Gottes, Geduld, Dcmuth, Sanft- muth, Keuschheit!" — Soweit die trefflichen Worte des Vollendeten? Bedenken Sic, m. H. daß er auch einen Plato unddgl. in den Umkreis seines Blickes nehmen durste, welches mir bei meinem Augenmerke versagt ist; ziehen Sie darum ab, was nun auf solche Rechnung kommt, und Sic werden finden, daß sein Urthcil wahr und gerecht ist, lind, wenn auch stiller auSgcdrückt, dennoch mit dem von uns gefällten übcrcinstimmt. Aber lassen wir dicß Alles nun, v. H. und wenden wir uns zu der Feier dieses Tags zurück, dessen hei- 109 w i >lr it- «- ch R, Ü, m « ^ « Lt vi F !« kigere Segnungen «ms durch nichts entrissen werden sollen! O, würde doch in dem jetzt airgefangencrr Jahre der Geist der Selbstsucht und des Jchv, der in den alten Staaten sich verkörperte und seine Häßlichkeit unter die Reize des himmlischen Italiens, des bewunderungswürdigen Griechenlands so glücklich und so lange versteckte, endlich einmal (wenn auch nicht verjagt: denn dieses ist unmKglich) doch aufgedeckt und mit den Namen, welche er verdient und ans der Stirne trägt, nicht mehr mit solchen, die er selbst mir schlauer Zunge sichbcigclegt hat, genannt! Undmöchte dagegen der Geist, der in der heiligen Geschichte weht, die ganze Welt ergreifen, möchte er auch unser Vaterland, auch unsere Stadt durchdringen, möchte er einkehren in Familien und Schulen, und Wohnung machen in den Herzen von Jung und Alt, insbesondere von Schülern «md von Lehrern! Ich meine eben jenen Geiß, dessen Früchte sind Liebe Gottes, Friede Gottes, Geduld, Demuth, Sanftmuth und Keuschheit. Ach wie würden unserm thcurcn Vatcrlande, und uns selbst für Hier und Jenseits diese Früchte so erquicklich zu gcnicsscn seyn! Ach, wie würde eine neue, schaffende Lebenskraft den erstorbenen Leib der Menschheit und der Individuen durchdringcn! Welche andere Empfindungen, als befriedigter, oder getäuschter Ehrgeiz, als erfüllte, oder nicht erfüllte Habsucht würden uns durchströmen! Welch'ein Licht über Alles, das da ist und war und fern wird, wäre für uns anfgc- gangen! Wie würbe man auch in dem allgemeinen Urtheile bei Geschichte der Vergangenheit, sowie der Gegenwart, eine bis daher zum grossen Theil verblendete, ich möchte sagen: „bezauberte Welt" erkennen! Aber dieser Zauber wäre gelöst, die unsichtbaren Bande wären aufgesprengt, und unser Geist würde wandeln in der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, die, wie sie selbst dem Hcrzensforschcr klar und offen vorliegt, so auch in allem Fremden schönes Aussenwerk und wahren, inneren Gehalt gar wohl zu unterscheiden weiß? 111 Beilagen zur 3ten Rede. 1. Register einer Chrestomathie*) — (für ch r i st« liche Knabcn, für künftige G ew c r b ö l e u 1 e, Kaufmänner, Künstler, Juristen, Medici ne r, Theologen u. dgl. Erster Eursu-Z. Aus Cornelius Nepos. 1) Die Kriege der Perser Mit den Griechen, in Auszügen aus den Lebensbeschreibungen des Miltiades und Themi- st o c l eS. 2) Cimons menschenfreundlicher Charakter. 3) Thrasybul befreit sein von 30 Tyrannen unterdrücktes Bat erland. 4) Agesilaus. 5) Epaminondäs. 6) Pelopidas, der Befreier seines Vaterlandes. 2) Timoleon, der edle Befreier von Sy- racu ß. >0 Es ist dieß die gegenwärtig in Wnitemberg eingeführte tat. Chrestomathie. Die Verfasser, welche ich achte und zul« Thcil meine näheren, thcuren Freunde nennen darf, werden mir bei ihrer bekannten Wahrheitsliebe nicht verübeln, wenn, was vom Alterthume überhaupt auf meinem Sländtpunktc gesagt wurde» nun auch auf ihr Werk angcwendet wird. Sic werden es um so weniger thun, da ich wenigstens von Einem derselben mit Bestimmtheit weiß, daß er über diese wichtige Sache sogar nun unsere Ansicht tbeilt. Was sich auf Gewalt und Krieg bezieht, ist im Register mit gesperrter Schrift gedruckt, damit die Verhältnisse deutlicher einlcuchten. — 112 - II. Aus Julius Cäsar. 1) Beschreibung von Gallien. 2) Von den Galliern. 4) ihre Neugierde. II) ihre höheren Stände. ») Die Druiden, b) Die Ritter. 6) Aberglaube der Gallier. I)) Gettcrlehre der Gallier, k) Gebräuche der Gallier. 3) Sitten der Deutschen. 4) Sitten der Sueven. 5) Beschreibung des hcrcynischcn Waldes. Ilk. Anekdoten aus Valerius Marimus. 1) Bescheidenheit der 7 Weisen. 2) Weise Reden. 3) Beispiele von Liebe zur Wissenschaft und von Fleiß. 4) Vaterlandsliebe und Schm erzen tzvcr- achtung des Mucius Scävola. 5) Dankbare Gesinnung des Thraspbul gegen sein Vaterland. 6) Kluge Verteidigung des Demosthenes. 7) Der gebesserte Liederliche. 8) Selbstaufopferung der beiden Decier. 9) Genügsamkeit und Unbestechlichkeit des M. Curius. 10) Armuth bei großen Verdiensten. 11) Edler und fester Charakter des Q. Fabius Marimus. 12) Unerschrockener Muth des KNaben Cato. 13) Sclavcntreuc. IV.Aus Aulus Gelliuk. 1) Geschichte der sibyllinischen Bücher, E 113 - 2) Sicc. Dentatus, ein ausgezeichneter Kriege r. 3) Wißbegicrde des Cuclides. 4) Schreiben des macedonischen Königs Philippus an Aristoteles, als ihm sein Sohn Alerander geboren wurde. 5) Auföpferung für das Vaterland. 6) Der Löwe des Androclus. V. Aus Cicero. 1) 2 Beispiele kindlicher Liebe. 2) Treue in der Freundschaft. 3) 2 Beispiele von Edelmnth. 4) Schändlicher Betrug, 5>) Ehrfurcht der Spartaner vor dem hohen Alter. f>) Anhaltender Fleiß überwindet alle Schwierigkeiten. , . 'r) Nur der Tugendhafte ist glücklich. 8) Hunger und Durst würzt Speise und Trank. 9) Der Genügsame setzt keinen Werth auf vieles Geld. "" 10) Der Weise in der Müsse und Einsamkeit. 1t) Bestrafte philosophische Eitelkeit. 12) Zwei merkwürdige Träume. VI. Aus Zustinus. A Abriß der üthenicnsischcN Geschichte. 1) Athens Ursprung und Könige. L 2) Codrus opfert sich für sein Vaterland auf. 3) Sölon und Pisistratüs. 4) Hippiüs auS Athen vertrieben flieht zu deu Persern. 5) Erster Einfall der Perser in Griechenland; Schlacht bei Marathon. 8 114 6) Rüstung der Perser zum 2tcn Einfall in Griechenland. Ferres. 7) Leonidas bei den Thermopylen. 8) Themistokles. Schlacht bei Salamis. 0) Mardonius bleibt mit 300000 Persern in Griechen!, zurück. Ferres Flucht. 10) Schlacht bei Platää und Mycalc. 11) Athen baut seine Mauern wieder auf. 12) Peloponnesischer Krieg. Pericle s v e r- wüstet den Peloponnes. 13) Anlaß des Sicilischen Kriegs. 14) Die Athener schicken den Alcibiades» Rieias und Lamachus nach Sicili en, die Spartaner den Gylippus. 15.) Unglücklicher Ausgang des Kriegs nach Entfernung des Alcibiades. 16) Alcibiades erregt in Sparta einen Krieg gegen sein Vaterland. 17) Zu Lacedämon beneidet, flicht er zu Tissaphernes und handelt zu Gunsten Athens. 18) Er wirb nach Athen zurückberufcn und erhält den Befehl über die Flotte. 19) Seine Kr iegsthaten; er kehrt im Triumph nach Athen zurück. 20) Eine unglückliche Schlacht gegen Ly- sander nöthigt ihn zur Flucht. 21) Untergang der athenischen Machtbei Acgospotamos. 22) Verzweifelte Lage Athens 23) Athen unterwirft sich Lysa » d ern. Die dreissig Tyrannen. 24) Tyrannei der Dreissig. > . K ! ! ! ri V A S > ZI) ! i ! S ! " N zy h 35 ) NI g ! L ZU 1« - 115 - " 25) Befreiung der Stabt durch Thrasy- b u l. 26) Der Athener Conon wirb persischer Feldherr gegen die Lacedämonier. 27) Agesilaus gegen Conon. t> 26) Conon siegt in der Seeschlacht bei Cnidus über die Lacedämonier. § 29) Lysander fällt bei Haliartus. Agesi- laus siegt beiCoronea über die verbündeten Athener und Th eban er. 30) Jp hicrateS Feldherr. Conon kehrt nach Athen zurück und stellt die Werke h desselben mit persischem Gelbe wieder her. zl 61) Antä leidisch er Friede. 32) Die Lacedämonier brechen den Frie- n den,werden a b e r v o n d en verb ün d eten Arcadicrn und Thebanern geschlagen, j» Epaminondäö sucht vergebens Sparta k» zu überfallen, liefert die Schlacht bei Mantinea, und siegt tödtlich verwundet. 33) Character des Epaminondas. u. 34)DieAthener sinken zu üppigerSchlaff- heit herab. 35) Philippus, König von Makedonien, ^ mischt sich in die griechischen Angelegenheiten. )» 36) Die Athener wollen dem Philippus den Paß bei Thermopylä sperren. Er mißhandelt Griechenland. Die Athens ncr erhalten Frieden. 37) Die Athener verbinden sich mit den andern gricchischcn Staa ten zum Arie- 8 * - 116 - gr gegen Philippus. Treffen bei Charon e a. 38) Philippus läßt sich zum Feldherr« der Griechen ernennen und verfährt nach Willkühr in Griechenland. 39) Philippus beruft eine Versammlung der Griechen nach Corinth, bestimmt die griechischen Angelegenheiten, und zugleich die HilfStruppcn der Staaten zum persischen Kriege. 40) Philippus wird ermordet. Alexander folgt ihm in der Regierung. Vergleichung Beider. 41) Alexander dämpft den Aufruhr der Griechen und zerstört Theben. 42) Nach dem Tode Alexanders suchen die Griechen sich noch einmal unabhängig zu machen. 43) Ganz Griechenland kommt nach der Zerstörung von Corinth unter römische Herrsch aft. Zweiter Cursus. I. AuS Curtins. 1) Die Heere deS PerserkönigS Dari ns CodomannuS und Alexanders von Makedonien. 2) TyruS Belagerung und Eroberung. 8) Alexanders Reise zum Orakel des Jupiter Ammon. 117 4) Beschreibung der Stabt Babylon. 5) Plünderung und Zerstörung derStadt Pcrsepolis. 6) Rede der scythischcn Gesandten an Aleran der. Ik) Aus Livilis. 1) Numas weise und friedliche Regierung und seine religiösen Anstalten befestigen de» jungen römische» Staat. 2) ^D ie Entweichung des römischen Volks auf den heiligen Berg gibt Veranlassung zur ersten Wahl der Volkstribu- nen, derHauptsch u hweh r derVolksrechte. 3) Diic Gallier in Rom. ») Niederlage der Römer am Allia. k) Die Gallier rücken nach Ro m. e) Die Römer ermannen sich. Helden- müthiger Entschluß dev consul arischen Greise. ck) Der verbannte Camitlus schlägt vor Ardca eine Hecresabtheilung plündernder Gallier. k) Kühnes Wagstück eines römischen Jünglings. s) Camillus wird zum Dictator erwählt, x) DasCapitol durch Manlius gerettet. I») Roms endliche Befreiung, j) Des Camillus Tod. 4) M. Curtius, ein cdl c r Jü n g l ing, opfert sich für sein Vaterland. 2) Der Consul Dccius weiht sich für daS Vaterland dem Tode. ^ U 8 -7- III Aus Sallustins. M Auszüge aus dem ju gu rth in ischen Kriege, 1) Rede des Volkstribun Memmius in den Comitien.Klagen über diejenigen, welche sich von Jugurtha hatten bestechen lassen, namentlich über dentzonsns Bestia, 2) Die Part Heien in Rom, 3) Eharacter des Marius. 4) Aufopferung der Philäncn. 5) Rehe des Marius in einer Volks ver^ fammkung. 6) Charakter des Sulla. L) Die catilinarisch e Verschwörung im A u s z u g e. 1) Charakter des Eatilina. 2) Mitv ers chworen e des Catilina. 3) Cat's Rede an die Verschworenen. 4) Umtriebe Catilinas während des Con- sulats des Cicero, 5) Gegenmaßregeln des Eonsuls und Senats. L) Oesfentlicher Ausbruch der Verschwörung. 7) Sittlicher Zustand Roms, 8) Mißlungener Versuch, die Allobroger in die Verschwörung zu ziehe», 9) Verhör der Verschworenen. 10) Berathschlag u»g im Senate über ihre Bestrafung. 11) Rede Casars. 12) Rede Catos. 13) Bestrafung der Verhafteten, 119 t4) Catilina im Felde. 15) Catilina's Rede vor der Schlacht. 16) Entscheidende Schlacht. lV. Aus Bellejus Paterculus. 1) Die Gracchen. 2) Marius und die Cimbern und Teutonen- 2) Marius und Sulla. 4) Pomp ejus und Cäsar. V. Aus Cicero. 1) Unglücklicher Zustand des Tyrannen. 2) Gewissenhaftigkeit des Regulus. 3) Herrschaft über den Schmer). 4) Vaterlands - und Gerechtigkeitsliebe des Aratus. 5) Die Kunst des Gedächtnisses. 6) Dankbarkeit ist die Mutter aller Tugenden. 7) Lügen führt zum Meineid. 8) Vernünftige Beschränkung der Vergnügungen» S) Weises Betragen im Glücke. 10) Wißbegierde ist dem Menschen angeboren. Dritter Cursus. I. Aus Livius. Hauptbegebenheiten des 2tenpu Nische» Kriegs. 1) Charakterschilderung Hannibals. 2) Belagerung von Sagunt. 3) Hannibals Zug über die Alpen. 4) Die Schlacht am Tieinns. 5) Die Schlacht am Trebia. 6 ) Hannibals Zug nach Etrurien. 7) Schlacht am Trasimener - S e e. 8) Fa bi ns der Zauderer. 120 S) Edelmuth des Fabius. 10) Schlacht bei Cannä. 11) Entschlossenheit des Scipio. 12) Wirkungen der Siegesbotschaft!« Carthago. 13) Hannibals Winterquartiere in Ca- p u a. 14) Hann ibal vor Rom. „ 15) Der junge Scipio. 16) Tod des Marcellus. 11) Hashrubals Niederlage bei Sena. 18) Lob Hannibals. 19) Hannibals Abzug aus Italien- 10) Unterredung Scipios und Hannibals, 21) Schlacht bei Zarna. 22) Friedensschluß. 23) Hannibals Staatsverwaltung und Flucht, 24) Letzte Schichsale Scipios- 25) Hannibals Ende. U. Aus Cicero- 1) Non Gott. 2) Die geistige Natur des Menschen. 3) Die Hand. 4) Auf was muß man bei der Wahl einer Lebensart Rücksicht nehmen? 5) Man muß beim Nachahmcn ans seine eigcnthüm- liche Natur Rücksicht nehme». 6) Beherrschung der Sinnlichkeit erhebt den Mtcnschen über die Thiere. 7) Wollust ist nicht das höchste Gut für die menschliche Natur. 8) Wer zwischen Vortheil und Tugend unterscheidet, ist auf dem Wege, ein Verbrecher zu werden. 9) , Wohlthatigkcit durch Dienstleistungen ist von edlerer Art, als durch Geschenke. 121 10) Wer seinen Kindern ein böses Beispiel gicbt, wird an ihnen und am Staate zum Verbrecher. 11) Würdige und unwürdige Scherze. 12) Muth und Seelengröße, 13) Socratcs im Anklagestände. 1-1) Der Patriot und der Egoist, 15) Alles ;n seiner Zeit und am rechten Orte! 16) Welche Kenntnisse und Eigenschaften soll derjenige haben, der in Staatsdienste treten will? 11 ) Hoher Werth der Beredsamkeit. 18) Die bürgerliche Freiheit gründet sich auf Gehorsam gegen die Gesetze, 19) Traurige Folgen der Anarchie. 20) Weisheit des Romnlus- 81) Die Wissenschaften vcredlcn das Leben Einzelner und ganzer Staaten. 22) Verdienste der Philosophie um den Menschen. 23) Hoher Werth und Genuß des Landlebens 24) Socratcs vor den Richtern, über den Zustand der Seele nach dem Tode. 25) Erhebender Gedanke an die Unsterblichkeit. 26) 3 Briefe, M. Aus Plinius. 1) Ausbruch des Vesuvs- 2) Peinliches Verfahren gegen die Christen. Diesem Register gemäß verhält sich die Zahl her auf Krieg und Gewalt sich beziehende» Stücke zu den friedlichen, wie 120 zu 80, also wie 3 zu 2, stbcrwiegt also die Hälfte bedeutend. Dicß Ucbcr- wiegcn stellt sich noch stärker heraus, wenn man bedenkt, daß die kriegerischen Abschnitte im Durch- 122 k .. schnitte grösser an Umfang sind, welche Berechnung D' wir hier jedoch nicht weiter ausführen. Das aber ^ muß bcigefügt werden, daß wir bei den friedlichen ^ Stücken, soweit diese etwa philosophische, oder Klug- heitslehrcn re. rc. enthalten, vielleicht noch unsere de- st sonderen Einwände zu machen haben werden, weßhalb ist diese bei einer billigen Schätzung der Sache ebenfalls w»! unberücksichtigt bleiben müssen, und eigentlich nur das friedlich- Historische mit dem kriegerisch- Historischen ^ zusammcngcstellt werden darf, wodurch das für unsre T»! Jugend gewiß sehr unpassende MiSvcrhaltniß im zu Stoffe sich noch mehr an den Tag stellt. M In manchen andern lateinischen Chrestomathien, st welche nicht, wie die gegenwärtige thnn zu solle» Di scheint, dem Knaben beiläufig die Geschichte RomS ^ -dir und Griechenlands beibringen wollen, herrscht das U Belehrende, Philosophische vor; dieß auch oft in den filz griechischen, weil die griechische Literatur hierin mehr Lm Reichhaltigkeit zur Auswahl bietet. Ob aber im i>i^ Wesentlichen damit viel gewonnen sey, wird sich spä- Ust ter zeigen. Vorläufig läugne ich es. Die Gründe sind in her dahin bezüglichen Rede erörtert. stell der Ute Vellage. Sm Eine Stelle aus Tacitus Agricola c. 30. Haben wir oben eine Stelle dieses Schriftstcl- ^ lers über dieBeHandl u n g der römischen (wohl auch überhaupt klassischen) Geschichte angeführt, so möge hier noch ein Urtheil desselben über den Stoff seinen Ort finde». Tacitus befindet sich dabei in einer seltsamen Verlegenheit, wie es scheint. Er hat die Frei- > ^ Müthigkeit nicht» bis Wahrheit geradezu heranSzu- sprcchen auf seine eigene Rechnung» (wie denn auch sonst Ulten von Alten wegen einer derartigen Frei- müthigkeit Vorwürfe gemacht wurden- Dionysius ep. sä On. komp. v. 3 wirft dem Thucydidcs vor» daß er hie Ursachen des pcloponncsischen Kriegs ganz wahr dargcstcstt und somit nicht als „Patriot" gehandelt habe. Etwas ähnliches thut Plutarch gegen Herodyt in der Schrift äo malixnitatv Hvroäatt, Tacitus also scheint wenigstens in etwas schüchtern zu seyn, und ist auf der andern Seite dennoch zu Wahrheitsliebend und zu offen, um nicht die Sache, wie sie ist, ans Licht zu stellen. So redet er denn durch den Mund des calehonischen Anführers Calgacus, deutet ^ die Grieche» nicht die Erfinder find, oder wo;» sie tik doch nicht den Keim gelegt haben, — habe ich ferner vir auf's triftigste dargctha», daß sic gar viele ausgc- A zeichnete wisfcnschaftlicbc Facher nicht nur aus dem Nichts r Milchstrassc soll statt Galilei (nach R»Huken) Demo- H critus (!) gemacht haben! Er fahrt fort: „überhaupt alle Kunst und Wissenschaft, die dem Menschen einen Nu- A tzen für's Leben bringt, verdankt den Griechen Ursprung h- sowohl, als Wachsthum. (!)„— Bei Mechanik heißt dt es: „cs gicbt heutzutage in dem ganzen gebildeten A Europa kein Volk, das nicht in dieser Kunst den id! Griechen die erste Stelle zuerkennt." (!) Bildhauerei: j» > welches Werk hierin besitzt die neuere Zeit, das nicht *) War dies im Allerlhum wohl nicht ebenso ? ? — verglichen mit den Pfändern aus dem alten Griechenland, eine Stümperarbcit wäre? (wörtlich: stinket) — Mcdicitt: Hippocrates hat in kurzer Zeit die Heilkunde auf de« höchsten Gipfel gebracht. (? ) 5. Ruhnken, über den Stubengelehrten: ,,es ist eine treffliche, alte Sitte und Einrichtung, daß man der Jugend bei Zeiten die römischen und griechischen Anctorcn wie einen heilsamen Saft eingicbt« Da nämlich Männer von ausgezeichnetem Geiste und Verstände sahen, daß nicht nur die höchste geistige Kraft bei Griechen und Lateinern glänzend sich dar- gestellt habe, und alle edleren Künste zugleich von ihnen sowohl erfunden, als auch zur höchsten, größten Vollkommenheit gebracht worden scycn, sondern ihre Schriften auch unbeschreibliche Vorzüge des Herzens darstcllcn und enthalten- so traffcn sie die Einrichtung, daß aus diesen Quellen alle geistige Bildung, alle solidere Wissenschaft, ferner die Weisheit s- und Klughcitslehrcn, und was noch viel wichtiger ist, auch die Muster für ein tugendhaftes Leben genommen werden sollen. Wer daher sich für einen Lehrer der Humaniora ausgicbt, dessen ganzes Amt besteht eigentlich in nichts, als in Erklärung dieser Schriftsteller. 6. Gronov: ich hatte von Zugend aus bei der Lectürc der Alten hauptsächlich den Nutzen, daß mein Charactcr immer besser wurde. (!) Soweit die AcUsscrnngcn alter (Stock-) Philologen? Mancher wird in diesem Spiegel unbesonnener Uc- berschätznng des Altcrthnms wohl auch bekannte Bilder aus der neuen Zeit erkennen. Und wenn er 127 sogar sich selbst gefunden hätte — so sag' ich ihm dennoch hiemit in's Ohr: daß ich bei diesen Äcussc- rungen an eine gewisse Kappe gedacht habe, die man lobt, nnd daß man diese Kappe so tief über das Gesicht und Auge ziehen kann, daß zuletzt ein Mann von grossem Kopfe anssieht wie im Sprichwort — ein Mann ohne Kopf! IV te Beilage. Die dritte Beilage verdient nach ihrem Inhalte, daß man sie in Gold cinfaßt. Ich stelle daher auch an ihr Ende, wie an ihren Anfang, eine classiscbe Stelle und zwar aus Seneca, welche zeigt, daß schon im Alterthume einzelne Männer, wcnigstens in lichteren Augenblicken, die Geschichte ihrer Borzeit richtiger zu bcnrtheilen wußten. Seneca spricht zwar hauptsächlich nur von Alcrander, Pompcjus, Cäsar «. dgl., aber man bedenke, daß er hiemit bloß Beispiele geben will und daß das Gleiche, was Cäsar für Rom war, dieses Rom selbst für die ganze alte Welt gewesen ist! — Er sagt in einem Briefe an LuciliuS: Gar Manche äschern Städterin ; sie werfen zu Boden, was in Jahrhunderten unbcsieglich war und viele Generationen sicher blieb; sie schütten thurmhohe Erdwällc auf und zcrstosscn hochragende Mauern mit Sturmbock und Maschinen; gar Manche treiben Heere, wie Hcerdcn, vor sich her, liegen dem Feinde stets schwer auf dem Nacken und kommen, mit dem Blute der' Völker bespritzt, bis an den Ocea». Aber auch sie wurden besiegt — von der Lust, den Feind zu besieg«!»! Niemand beit ihrem Angriff widerstanden, aber auch sic hatten ctz nicht gethau — gegen Ehrgeiz rmd Grausamkeit! Man glaubte: sic jagen Andere, und sie wurden gejagt. Ein Zerstörungs- Wahnsinn jagte den Unglücklichen Alerander und trieb ihn in die unbekannte Welt. Glaubst du den bei Sinnen, welcher mit Griechenlands, seiner Lehrerin«, Verheerung anfängt? welcher Jedem sein Bestes nimmt, Lacedämon zum Knechte macht, Athen schweigen heißt? und nicht zufrieden mit dem Untergange so vieler Staaken, die Philippus durch Waffen, oder Gold überwunden, immer neue nicderwlrfk und, daS Schwerdt in der Hand, die Welt durchzieht? Nirgends steht die Grausamkeit ermüdet stille, wie bei unbändigen Thicren, die mehr zerreißen, als sie der Hunger zwingt. Schon hat er viele Reiche in Eins zusammengcworsen; schon fürchtet Griechenland und Persien den gleichen Menschen; schon tragen selbst Nationen das Joch, welche Darius frei ließ; dennoch rückt er über den Occan, und soweit die Sonne scheint, zieht er seine Sicgcrbahtt dahin in den Fuß- tapfcn eines Hercules und Bacchus, und will selbst die Natur bezwingen. Das ist nicht eben die Lust, weiter zu gehen, .aber stehen bleiben kann er nicht, gerade wie ein schwerer Stein, den man den Berg hinnnterwirft, und der nur dann nicht weiter geht, wenn er liegt. — Auch von Pompcjus verlangte weder Pflicht, noch Vernunft einen äusseren oder inneren Krieg, sondern die wahnsinnige Liebe zu einer falschen Grösse. Bald zog er ans nach Spanien gegen Certorius, bald um die Seeräuber zu Paaren zu treiben und dem Meere den Frieden zu geben; alles dieses war nur Vorwand, um seine Macht zu behaupten ! Was zog ihn nach Afrika, was nach Norden, L29 ihr. ln. §- rirb ikj W, !!-§ G iW klir iiS U- m- ltt ii«z Uh ch itz » ß !« p ,jr Di was gegen Mithridates, nach Armenien und in alle Ecken Asiens? Nichts, als die unendliche Sucht, noch höher zu steigen, da er nur sich nicht groß genug erschien! — Was ließ einen Cäsar sich selbst und den Staat in den Abgrund stürzen? Ruhm und Ehrgeiz, und weil er kein Ziel kannte für sein Emporra- gcn über Andere! Einen Einzigen konnte er nicht vor sich leiden, da doch das Vaterland zwei über sich duldete! — Und wie? Wenn C. Marius, der einmal Consul war (denn ein Consulai hat man ihm gegeben, die andern hat er gestohlen) die Teutonen und Cimbcrn vernichtete, Jugurtha durch die afrikanischen Wüsten verfolgte, meinst du: er habe aus einem natürlichen edlen Triebe sich in diese Gefahren gestürzt? Marius führte die Armee, den Marius der Ehrgeiz. Jene Menschen raubten der Welt die Ruhe und- hatten sie selbst nicht; wie ein Sturmwind, der Alles im Wirbel mit sich fortrcißt, aber selbst zuvor im Wirbel gedreht wird, — so rennen sie daher, um so tobender, weil sic sich selbst nicht regieren können. Und darum — wie Viele sic in's Elend bringen — jene verderbliche Macht, womit sie der Menschheit schaden, müssen sie auch selbst empfinden. Glaube nur nicht, daß Jemand glücklich werde durch ein fremdes Unglück!" Schluß. Wenn ich nach dem Bisherigen daran denke, wie unsere Knabcnwclt so viele edle Zeit, darin sie innerlich noch gar unfest ist, und so gar manches Wichtigere noch nicht kennt, sich mit der Geschichte von Reichen beschäftigen muß, die zwar das unterhaltende Schauspiel des Wachsens von der Kleinheit 2 i 130 zur Grösse gewähren, auch aussen bunt und glänzend, aber innerlich doch hohl sind, und dcßwcgcn auch Zusammenstürzen mußten und in der „Weltgeschichte das Weltgericht," wirklich schon gefunden haben: so mahnt mich dicß Alles, wenn gleich die Jugend oft an jenen Gegenständen sich erfreut, doch an ein Gefchichtchcn des guten Boten aus Wandsbeck. Es lautet so: Ich sah' einst einen Knaben zart Bei einer Saifcnblase stehen; Er lächelte nach Knaben Art Und konnte sich nicht satt dran sehen, Und freute sich der lieblichen Gestalt, Und ihrer wunderschönen Farben, Die Grün in Roth und Roth m Gelb erstorben, Und hüpfte fröhlich auf — doch bald Zersprang vor ihm die Wunderblase, Und eine bittre Thrän' lief über seine Nase. * * * Es ist ein Ding in dieses Bcinthals Nackt, Das groß und herrlich ist und schöner als die Sterne, Das bittern Mangel reich, zu Uebcrfluß und Pracht, Und Dörflcin Ulubris zum Garten Gottes macht. Ich nennte dir das Ding zwar gerne, Doch Hilsts nicht, daß man davon spricht, So rathe denn: cs fehlte jenem Knaben; Ist unsichtbar, den Junkern ein Gedicht; Der Mann im Kittel kann cS haben, Und mancher Ritter hat es nicht. IV. Ueber - i e a L t e p h i l o t o p h i e. Eine Schulrcde am Pfingstfcste. >»^obald der Mensch, m. H. der in seiner ersten Lebenszeit viel hilfloser ist und auch viel langsamer in seinem Kreise sich entwickelt, als die übrigen Geschöpfe — sobald dieser Mensch zum völligeren Gebrauche seiner Geisteskräfte kommt, erschließt sich für ihn die Welt mit tausend Freuden, tausend Entzückungen, an welchen nur Er, das Meisterstück, der Gebieter in der Schöpfung, sich erfreut. Aber nicht so ungestört soll er in diesem Paradiese eines ruhigen, ungetrübten Genusses wandeln! Bald legen mächtige Hindernisse seinem Wirken sich entgegen; gar bald erblickt er Widerwärtigkeiten und Leiden der verschiedensten Art, die unser Geschlecht umringen, — kleine und grosse, kurze und lange, endlich doch vorübergehende, wie solche, die den Menschen selbst zu Boden schlagen und vernichten! Dann ist die Welt aus einem fröhlichen Geschöpfe» das zuvor nur Freude gesungen hat, eine räthselhafte Sphinr geworden, welche sich hin- stcllt vor des Menschen Seele, kalt und unabweisbar, und wohl schon Manchen, der sich ihre Räthscl nicht zu deuten wußte, aufgezehrt und jäh verschlungen hat! Ein vielfaches, ewiges Warum? ertönt in jeder Brust und sucht sich seine Antwort! Warum doch neben X 134 so vielen Reizen und so lieblichem Wesen schon in der sichtbaren Natur diese schrecklichen, zerstörenden Kräfte, die jeden Widerstand unmöglich machen und die das Werk von Jahrhunderten in wenigen Stunden, ja in einem Augenblicke vernichten können? Warum in meiner eigenen Brust neben innigem Wohlgefallen an dem Guten dieser unwiderstehliche Zug zum Bösen, diese unabweislichen Gedanken ans der Finstcrniß, die keine wahre Ruhe in mich kommen lassen, und, wie ein unüberwindlicher Feind, mit gezücktem Schwerdte zwischen mich und meine Seligkeit sich stellen? Warum, so lange es Mcnfchcn giebt, statt Glück und Friede, dieses beständige Kämpfen Aller wider Alle schon in den kleinsten Kreisen? Warum dieses ewige Waffcngcklirr' in der großen Weltgeschichte, aus welchem man doch beinahe nur die rohen Jubeltöne eines frechen Siegers, oder die Todesseufzer der Besiegten noch vernehmen kann? Und warum selbst für den Weisesten und Besten dieses Ende seines Lebens? Ja warum sogar auf ein mit Ehre und mit Tugend graugewordcnesHaar statt eines fröhlichen Blumenkranzes diese Dornenkrone eines martcrvollcn Todes? Und warum diese Nacht, die über unserem Grabe liegt und uns das eigene Loos der Zukunft, wie das der Unsrigen, die schon geschieden sind, so schaurig verdeckt? Jedoch — was häufe ich Fragen, die ein Jeder kennt? Sie suchen ihre Antwort, aber sic ist nicht 135 auf dieser Erde? Der Geist des Menschen — er muß hinauf, muß sich zum Himmel fluchten! Bon dorther klingt es ihm, wenn er anders vernehmen kann, mit heiligem, leisem Klang entgegen: „es ist ein Gott!" Aber, ach! der Mensch ist zu befangen iu dem Schmerze des irdischen DascynS, als daß ihm nicht der Zweifel selbst die göttliche Stimme, die er in sich hört, verdächtig machen,-und er ist zu stolz, als daß er sich so schnelle und so fügsam beugen sollte! „Warum (ertönt es nun von neuem) — warum soll ich in dieser Welt voll Herzeleid an Ihn und seine erbarmende Güte glauben? Warum, wein Er doch ist und lebt, hat Er, der ewig Gnädige, so viel Schlimmes, so viel Trauriges bis diesen Augenblick geduldet, welches er doch mit einem Winke zu »ichte machen könnte? Warum hat Er auch mir so Mancherlei auflrlegt, welches zu -verstehen mein Geist zu schwach, und welches zu thun mein Wille zu gefesselt ist? Jedoch — ich endige nun auch diese Fragen, Fragen, welche gewiß in ihrer ganzen Menge, in ihrer ganzen herzzcrdrückenden Schwere zu empfinden, nur einem äusseren, oder inneren Elende möglich ist, vor dem uns Alle, die wir hier versammelt sind, ider gnädige Vater im Himmel huldreich schützen wolle! Doch in geringerem Maasse haben sicher wir Erwachsenen sie insgesammt schon empfunden, und auch Ihr, 136 geliebte Jünglinge, seid ohne Zweifel diesem allgemeinen Loose des Menschen nicht entnommen! Jetzt zwar stehet ihr noch in Fröhlichkeit und Freude da; der Lenz Eures Lebens blühet Euch und gcnicssct ihn immerhin, soweit der Genuß nicht Sünde wird! Dcnr. seht, es naht auch der Ernst des Lebens schnell, wir ein eiliger Wanderer, und schreckenvoll, wie ein Gewappneter — und wohl Euch, wenn er Euch nicht überwindet! — Aber man muß der Stärkere seyn, wenn man d:n Starken binden will, und andauernde Uebung aller Kräfte — das giebt allein die genügende Kraft mm Siege! Darum wäre es, wie cs unmöglich ist an sich, so auch von uns, m. H. gewiß eine mißverstandene Schonung, eine Weichlichkeit, die sich gewaltig rächen würde, wenn sich der Knabe ganz so ruhig, wie er ist, den lieblichen, schonen Jugcndtränmcn überlassen dürste, ohne frühe schon mit dem, was kommen wird, bekannter gemacht, und mit den besten Waffen wider den gewaltigen Feind gerüstet und an die wackere Führung dieser Waffen angewöhnt zu werden. Allein — cs ist ja ein Streit des Geistes; so müssen die Waffen geistig seyn. Wo nehmen wir sie her? Wo finden wir den Trost, der über alles Leiden in der äusseren und inneren Welt erheben könnte? Wo finden wir die heilsamen Lehren, welche stets zur Tugend wachsam und geschickt erhalten? Wo jene Sicherheit, die uns ei» Geistesleben nach dem Leben die- 137 ses Todesleibcs verbürgt? Wo endlich jenen. Stein der Weisen, welcher uns von Gott und seinem Wesen, von seiner Vorsehung, seiner Liebe und besonders von seiner verzeihenden Gnade gegen uns und alle Menschen sichere Kunde brächte? Denn diese Dinge zu erlangen, ist gewiß für uns selbst, v. F. ein dringendes Bedürfnis;; sie Andern, sie unfern Freunden, Kindern, Schülern mitzuthcilen, ist unser inniger Wunsch nicht minder, als die heiligste der Pflichten. Denn wenn cs doch unzweifelhaft ist, daß ohne Sicherheit in jenen Stücken der Mensch nur allzulcicht in gräßliche Thorhcit und Verblendung, in Sünde und in Verderben fällt, — was hülfe doch die Freunde der angenehmste und vergnüglichste Genuß des Umgangs, die Kinder eine noch so grosse Zärtlichkeit, und ein mit allen Bequemlichkeiten ausgcstattctcs, durch Ncichthum noch so sicher-gestelltes Leben, — was endlich diese Schüler eine Fülle der Kenntnisse von mannichfacher Art, die ihnen hier gegeben würde, — was hülfe Alles dicß, ja selbst die ganze Welt, wenn sie darüber an ihrer Seele Schaden litten? Darum — wie so wichtig ist die ganze Zeit der Jugend und denn auch diese täglichen Stunden des Unterrichtes, thcure Schüler, für Euer geistiges Leben und Gedeihn! Nun kennet Ihr erst den wahren Zweck, der uns zusammenführt! Wahrhaftig, er besteht nicht darin, daß Ihr eine todte Form der Spra- 138 , chen lernt, die einst gesprochen wurden, aber seht ge- storben sind; nicht darin, daß Ihr dann an ihren A eiscnfcstcn Regeln die Vcrstandcskräftc schärst und schlei- ««! fet, nicht darin, daß Euch etwa eine alte Poesie mit N ihren freundlichen Klängen Freude macht; nicht da- ' rin, daß Euch die Geschichte an ihren meistens trau- Hk rigcn Gemälden einen Ernst deö Lebens zeigt, von A dem Ihr keine Ahnung hattet; aber darin, daß in m das Herz Euch etwas gegeben werde, das mit Euch z, lebt und mit Euch sterben darf! Ein Baum ewiger , h Wahrheiten soll gepflanzt werden, der, wenn auch sei- sn ne Zweige sammt den Früchten in den Himmel rei- chen, doch selbst schon auf die Erde da und dort ein k ^ liebliches Früchtlein nicderfallcn läßt, das Euch wahrhaftig stärken, trösten und erquicken kann! § Ist dieses, v. H. gewiß das höchste Ziel des ^ öffentlichen Unterrichtes, wie der häuslichen Erzieh- ^ ung, so mögen Sie mir gestatten, was unsere Schu- H len anbelangt, hierüber noch ein weiteres Wort zu j reden, das mir, je wichtiger, je verkannter diese Sache scheint, mit aller Frcimuth auszusprechen, nur ^ um so mehr als heilige Pflicht sich aufdrängt! ^ Zwei Quellen sind cs allein, woraus der Mensch ,, für alle jene ihn umringenden Fragen, Zweifel und § Bedürfnisse die Lösung und Befriedigung sich hoffen ^ kann. Das ist entweder sein eigener Geist, oder ein ^ ^ Geist von oben, welcher höher ist. Was er verlangt ^ und was er braucht, muß er entweder sich erringen ^ oder muß eh ihm gegeben werden. Der Baum der Erkenntniß und der Baum des Lebens, Philosophie und Offenbarung, — nur zwischen diesen hat er die Wahl! Meine Aufgabe nun kann cs unmöglich hier an diesem Orte seyn, zu untersuchen, ob wohl, wenn die Philosophie das Obige überhaupt zu leisten verspricht, ein solches Wort von ihr nicht allzueilfcrtig und all- zustolz gegeben scy. Hat man cs doch in einem hal- i ben Jahrhunderte nun erlebt, daß sie im Anfänge dieser Zeit sich demüthigte und ihre Unwissenheit gestand, an deren Ende aber sich so groß gcbcrdct, als ob sie täglich in dem Rathe des Höchsten fasse. Ebenso mag es uns erlaubt seyn, was nur irgend eine neuere Zeit auf diesem Felde wachsen ließ, ob goldene Aepfel der Hespcriden, oder emenf Dornstrauch, welcher König werden wollte, — stille zu übergehn! Denn in diese Räume meiner Schule dringt von solcherlei Dingen nichts und — Gott sey Dank dafür! Dagegen während, wie Sie wissen, m. H. der Offenbarung und den so dankenswcrthcn Lehren der Religion gar sparsam einige Zeit gewidmet wird, vernimmt der Schüler vielfach mehr und bei der Neigung des natürlichen Menschcnhcrzcns wohl auch vielfach lieber die Gedanken und die Sprüche einer alten Philosophie, die, wenn sie auch, der neuen gleich, ihr Haupt nicht beugen wollte unter eine höhere Auc- torität, doch selbst der unbewußten, stillen, aber im- 140 mer nur sehr wohlthätigen Einflüsse des Christcnthums ^ entbehrte, dagegen durch die Schönheit und die Man- l«t nigfalrigkeit der Form, wie durch die künstliche und k" schwer zu findende Vermengung des Verfälschten und ;»^ des Wahren nur um so mehr Gefahr für eine Jung- O lingsscele bringt! iaj Die Schönheit der Form, das ist ein Vorzug, l welcher den Alten auch in dem Gebiete der Philoso- U phie für immer unbestritten bleibt. Es ist der Vor- H zug, der den Classikcrn den Namen gab und ihr be- n> ständiges Ansehen in dem Kreise der Gebildeten vcr- si bürgt. Nicht so der Inhalt, wie wir denn auch io dicßmal sehen werden, m. H. wenn Sie mir anders « i« noch die nöthigc Geduld für Worte schenken, welche, i obgleich ans reiner Uebcrzcugung flicsscnd, denn doch >i die hergebrachten Anfichtcn manches Andern verletzen könnten!- K Der Inhalt der Philosophie tritt in mannigfacher i,j Gestalt vor unsere Augen, m. H. Schon bei der ^ Poesie, wenn Sie Sich noch erinnern, ist es uns , deutlich geworden, wie zuletzt 3 Ideen allein das Wesen, den ganzen Gehalt derselbigen begründen,. — 3 Ideen, die, so sehr sie in der profanen Dichtkunst fast nur dem Leichtsinne huldigen, nun doch einmal eine Ansicht von dem Leben und der Welt enthalten und somit die innige Verwandtschaft mit der Philoso- ^ phie bezeugen. Bei der Geschichte kann es ebenfalls nicht fehlen, daß eine Ansicht von der Welt, worin sie 141 — auch bestehen mag, den Stoff durchleuchtet. Es ist, wie wir gesehen, zuletzt doch nur der Glaube, daß der Mensch in diesem Meere der Vergänglichkeit sich zu entschädigen versuchen muß. Der Dichter that cs gewöhnlich durch die Lust und die Geschichte setzt dafür den Ruhm! Wir übergehen jetzt diese Formen, indem wir uns zu anderen, noch nicht von uns geprüften, wenden! Haben selbst die Alten eine Philosophie nicht blos unter der trockenen Gestalt des nackten Gedankens gesucht, — haben sie z. B. einen Homer sogar für den größten aller Philosophen unbedingt erklärt*), so dürfen auch wir die Kreise weiter ziehen, und für die erste Form, worin wir Philosophie erkennen, keck- lich die Mythen aus der alten Welt erklären. Und in der That, die Mythologie hat keine andere Bedeutung mehr für uns! Als Religion betrachtet, kann sie uns mit nichts, als einem Schaamge- fühle für die gesunkene menschliche Natur erfüllen, und steht in unser« Augen eben so gering, als Mähr- ») Für den allergrößten Philosophen erklärt z. B. Slrabo den Homer, besonders weil er über Alle» siehe „an Lebenserfahrung in den bürgerlichen Verhältnissen." — Wichtig ist ferner eine Stelle in Senecas Drie'en ,88) wo er sagt: „bald machen die Leme Homer zu einem Sloiker, — bald zu einemExicurccr, -bald zu einemPeripalciiker. — bald zu einem Akademiker. — UcbrigcnS wollen wir ihnen zugeben^ daß Homer wenigstens ein Philosoph sey. Deün (fügt er blos hinzu) — jenes Alles kann er nicht zusammc» sexn, weil cS sich widerspricht." 142 chcn tausend anderer Völker, wovon die Kcnntniß unfern Jünglingen zuzumuthcn, noch Niemand in den Sinn gekommen ist.—lind als Geschichte, so weit sie dieses scyn kann? Nun — der Knabe wenigstens hat wichtigere Thcile seinem Kopf und Herzen einzuprägen. Denn was sollen ihm doch die Leidenschaften und Thorheiten, oder auch die Heldcnthatcn, (wenn man will) einer so ungewissen Zeit, eines längst vergangenen Volkes, bevor er noch in seinem Vater- landc und in dem eigenen Herzen recht zu Hause ist? — Was bleibt noch übrig? Nur die Ansicht, daß die Mythen uns Gedanken und Philosoph c- m e liefern. Dazu haben schon die Alten in der Zeit, die uns die meisten classischen Werke gab, den Glauben ihrer Ahncnwelt misbraucht; dadurch haben auch manche Neuere, und Dichter besonders, vermocht, so vieles Mythische ihren Werken einzuvcrwebcn. Der letztere Geschmack hat wieder abgenommen und wirklich mit gutem Grunde! Aber das Lesen der Classikcr in früher Jugendzeit macht auch das Studium der Mythologie in dieser Jugend nöthig. Sie ist, wie schon bemerkt, für uns Philosophie, und was dieses heissen sollte, mag aus Früherem hcrvorgehn. Aber — löst sie denn auch jene Fragen, die wir machen, und gedrungen von der Welt und unserem Geiste machen müssen? Nein, mit Nichten? Ward sie doch schon in der alten dunkeln Zeit den eigenen Bckcnncrn zum Gcspötte; Augurn und Priester lachten sich im 143 Stillen ins Gesicht und sie vermochte nicht mehr, auch nur einer einzigen Leidenschaft den Zügel anzulegcn. — Was thut sie denn? Ich rede kurz: sie gicbt uns höchstens zerrissene und verfälschte Wahrheit, cingc- hüllt in ein Gewand der Phantasie, welches einige Jahrhunderte hindurch das Ansehen eines Heiligthumcs trug! Und gicbt sic mindestens diese trügerische Wahrheit deutlich und klar? Nimmermehr; denn sehen Sie, meine Herrn, in alle jene Werke, welche diesen Gegenstand behandeln! Selbst mit der äußersten Gelehrsamkeit vermag man nicht, ein sicheres Resultat sich zu gewinnen , und was darin der Eine gebaut, das reißt der Andere wieder ein! — Jedoch — gicbt vielleicht etwa das Gewand, das schöne Kleid der Sache ihren köstlichen Werth? Ist cs vielleicht von Gold- vder von Silberstoff? Nichts weniger! Zwar glänzt cs allerdings; aber auch der Schmutz kann glänzen, und mag denn da und dort eine physische, oder metaphysische Lehre sich darin verstecken, wie ein Marius im Sumpfe, — was hilft es mich, was hilft es diese Schüler hier, wenn dann das Ausscnwcrk nur Prahlerei und Mord, nur Lügen, Ehebruch und freches, thörichtes Wesen selbst an göttlichen Naturen zeigt? Wird nicht durch dieses der Knabe frühe schon mit Dingen bekannt, die ihm noch lange verborgen bleiben sollten? Und muß ihm nicht die Ehrfurcht vor der Gottheit überhaupt auf's traurigste geschmälert und verkümmert werden? Ich glaube: ja! Man täuscht 144 sich ganz gewiß, wenn man' beständige Lectüre von solcher Art dem Manne, oder gar dem Knaben für unschädlich hält; das etwaige Warnungsheispiel schwindet in seiner anfänglichen Kraft gar bald, während der Reiz des Bösen bleibt. In jedem Worte steckt ein Geist, und wclcherley Wort der Knabe liest, davon kommt ein Geist in ihn, und welche Geister! — eines zornigen, ehebrecherischen Jupiters, einer neidi- schenJuno, einer eitlen, wollüstigen Venus, eines stehlenden Mercurs, eines mordlustigen Mars, und eines betrunkenen Bacchus! Mag unter solchen Formen liegen, was da will, und wäre es auch die gröste Weisheit, wie es oft die gröste Thorheit und Verkehrtheit ist — der Knabe würde doch den Kern der Sache nicht verstehen und bringt dieweil der heillosen Schale seine Unschuld, seine Reinheit, oft sein ganzes Herz zum Opfer dar! Sehen Sie nun hierin, m. H. die älteste, so bekannte, und so hochgcpriesene Form, worin das klassische Altcrthum auch unserer Jugend seine philosophischen Ideen mitthcilt! Diese Form — sie war, ich möchte sagen: ein stereotyp gewordenes Werk der menschlichen Phantasie in ihrer Abkehr von dem wahren Gotte und dessen heiliger Erkenntnis;. Aber auch b ew cg licher c Werke sind uns noch geblieben, in welchen die Phantasie nach freier Willkühr, aber meistens doch mit mannigfacher Benützung der Mythologie, dem Stoffe des Gedankens eiue sclbstcrfun- dene Kleidung gab. 145 Auch bei dieser zweiten Art der Philosophie im Alterthume könnte ich getrost zuerst die Dichter nennen. Aber wir haben sie schon genugsam beschuldigt? Lassen wir sie ruhen? Siefallen überdieß noch wenig in die Kreise dieser Schulen.' Desto stärker haben sich in dieser Hinsicht die Prosaiker hereingedrängt und Einer am allermeisten, ein Grieche nach der Nation, ein Viertel von Odysseus dem Kopfe nach, aber ein Satyr nach dem Herzen! Ich meine Lucian? An seinem Beispiele lassen Sie uns sehen, was zu sehen ist; es liegt unS dieses Beispiel nahe; er macht sich ja breit genug in unfern Büchern! Der Mann hat Phantasie; er hat die Sprache trefflich in der Gewalt ; sein Dialog ist sehr geläufig und lebendig; sein geistiges Auge sieht die faulen Fle- ^ cken leicht und auch das Grosse wagt er mit der Lauge seines Witzes scharf zu ätzen. Sehen Sie — viele Vorzüge, die nicht Jeder hat! Und es sind nicht alle! Wenn ich sein hauptsächlichstes und auch in unfern Schulen (durch Auszüge) bekanntestes Werk, die Todtcngespräche, betrachte, — ich muß gestehen, schon der Gedanke ist originell, so gut, als heutzutage die „Briefe der Verstorbenen." Aber nicht nur dieß! In dem Piquanten liegt auch eine tiefe Wahrheit! Memento mori! (Denk' an den Tod!) das ist ein trefflicher Schlüssel zu der Schatzkammer der Philosophie! Der Schciterhaufe für die alte Zeit, und der Kirchhof für die neue, — das ist der rcchtgewählte 10 146 Plah, von welchem man in die Welt und ihr Ge- ^ treibe sehen muß! Von dort erscheint uns nichts in "v einem falschen Lichte, sondern Alles nur in dem ein- fachen Gewände der Wahrheit. Das Grosse oft so I" klein! das Kleine dagegen oft so groß! das Schim- " mcrnde kahl und lcichenfarb, das Schimmerlose leuch- tcnd, wie die Sonne in des Vaters Reich! - i« Aber leider! was Lucian in der Idee so trefflich ^ hatte, das litt in der Ausführung gewaltig Noth! " Ich will nicht nur behaupten, m. H. ich will die ^ Behauptungen auch beweisen! Nehmen Sie einen Dia- ^ log vor sich, der sich von allen übrigen unterscheidet, ^ aber nur durch seine gepriesene Trefflichkeit, — von dem ( ^ Solanus sagt: „daß er das Feinste, das Vollkom- § menste von Lucian in diesem Fache scy; auch nicht " ein einziger Fehler scy darin; so ausgcarbeitct Alles, § so schön der Ernst verbunden mit der größten Artig- ^ keit; auch nicht ein Fleckchen von allzugrosscr Frei- b heit; Alles so rein; man könne ihn dem unschuldig- l sten Jünglinge ganz sicher in die Hände geben und ' nicht nur sein Verstand, sondern auch sein Charakter I werde ohne mindeste Gefahr daraus gebildet und ver- s schönert werden." Ein grosses, ein schmeichelhaftes ! Zeugniß über diesen Dialog (den Wcltbeschaucr) und > über dessen hochglänzcnden Verfasser. Ist aber dieses Zeugniß auch wahr? Wenn Lucian cs über sich vermag, unser ganzes menschliches Leben iin Kleinen ^ und im Grossen, mit seinen Schatten- aber auch Lichtseiten, mit allen seinen traurigen, kleinlichten und schlechten, aber auch schönen, ernsten, grossen und heiligen Augenblicken einem blossen Getreibe von Wasserblasen *), ja einem — Marionettenspiele, das irgend eine dunkle Macht mit dem Menschen treibt, zu vergleichen, oder auch nur vergleichen zu lassen; — ist dieses die Art, wie man den Menschen weise macht, wie man für ein tugendhaftes Leben ein Fundament in seiner Seele zu legen hat? Wenn selbst die Götter so wenig Achtung vor einander haben, daß der Niedere dem Höheren ungehorsam wird und über dessen Zorn und Rachsucht sich bitter beklagt, — und wenn sie selbst sich unter einander verkleinern, aus einem Gott ein Göttlein, ein „Hermeslein" aus einem Hermes machen — und wenn sie dann für die Noch, für die Verblendung, für die Schuld der armen Menschen nicht ein Fünklein von Gnade und Barmherzigkeit, wohl aber kalten Spott und beißenden Hohn die Fülle haben: — ist dieses die Art, wie man die Achtung für das Heilige einem jungen Herzen einpflanzt? Und wenn nicht nur ein widerwärtiger fader Geck, ein eitler Wollüstling, ein übermüthiger Tyrann mit wohlverdientem Spotte gegeißelt wird, wenn diese Gcisselhiebe schonungslos, absichtsvoll auch dahin treffen, wo unbestritten die Weisheit, oder die *) Man vergleiche für dieses und das Folgende die in der 2lcn Beilage mitgctheiltcn, (nur beispielsweise mitgeiheilten) Cüate. 148 Kunst sich ihren Sitz in einem Menschen nahm: ist bieseö die Art, wie man für Wissenschaft, für Kunst und Tugend die Begeisterung in einem Jünglinge weckt? Kein Dichter steht an Form dem unübertrefflichen Homer voran, und bei den Alten, wenn man die tiefen stillen Wasser zu ergründen vermag, wohl auch an Inhalt. Denn welche Schönheit in der Composi- tion! Wie natürlich greift Alles in einander! Wie wahr sind die Charactere ! Wie lebendig alle Situationen! ^ Homer ist ein Adler und eine Philomele; ein Löwe H und ein Lamm; er ist lein thörichter Gedanke, aber wahr!) sogar auch ein — Polyp; denn sehet, das Ganze ^ lebt; zerschlaget ihn in Stücke, und auch die Stücke e ti werden leben! Und dieser Mann, auS welchem in > alter Zeit nicht nur der Dichter, sondern auch der i Philosoph, Historiker, Geographe, Feldherr, — ja Alle !> Alles lernen wollten, dem Solon und Lycurg ihre t> kostbare Zeit und Mühe widmeten, von welchem sich l> Alerander selbst im Schlafe nicht zu trennen wußte,— i wird parodirt und persiflirt von einem Lucian bei jedem Anlasse, wird dargestellt als ein geschwätziger und eitler Mensch, der auf der Erde gelogen hat, und noch in Charons Nachen seine herrlichen Gesänge,— wie ein Betrunkener, speien muß! Hier heißt es wahrhaftig: „der Thor verlacht, auch wo nichts zu verlachen ist*)!" *) Griechische» Monostichon. i Und was Homer in seinem Fache, das ist SocrateS in einem andern! Wer kennt, wer achtet, wer liebt ihn nicht? Sein Leben war so edel, so groß, als jene Zeit es irgend schaffen konnte, und als er kurz vor seinem unschuldigen Tode noch mit wenigen treugebliebenen Freunden über seine Hoffnung sprach: nun bald in einer besseren Welt, der Gottheit näher, diejenigen zu finden, welche, wiewohl durch die Zeit von ihm getrennt, doch seine ganze Achtung hatten, und sie zu fragen, ihre Worte höherer Weisheit zu vernehmen sich so innig freute, da waren dieses gewiß die erhabensten, ja heiligsten Augenblicke in den Jahrtausenden der ganzen Heidenwelt! Noch jetzt, wenn wir es lesen, weinen wir mit seinen weinenden Freunden; doch, wenn wir denken, daß er ja drüben ist, so freuen wir uns mit ihm, weil er unendlich Besseres dort gefunden hat, als er geahnt und ahnen konnte! Und Lucian? der viel gepriesene Lucian? Er parodirt die schönen Abschiedsworte, und wenn er seinen Blick mit uns in das ernste Reich der Tobten hinabkehrt, so hört er nichts, als lediglich „Dummheit" aus dem Munde des Weisesten, und sieht auch nichts an ihm, als— „einen kahlen Kopf und eine stumpfe Nase!" — Und nun, wenn die Riesen und Heroen Solches erdulden müssen, wie wird cs den Zwergen und Pygmäen gehn? Wenn Lucian so gar der Mann ist, selbst die Felsen zu zerschmeisscn, was wird er erst den Töpfen thun? Nichts bleibt ihm übrig, welches zu 150 schonen, ihm die Achtung, oder Liebe auferlegte, als -—sich selbst! Wer aber Alles so keck, wie Er, verhöhnen kann, die Götter, wie die Menschen, und Herrliches, wie das Niederträchtigste und Gemeinste, ohne Unterschied, — der ist entweder, (wie er selber glauben muß) das vollkommene Bild der Tugend, oder auch (wie Andere glauben werden) das vollkommene Bild der Blindheit und des Stolzes. Darum wenn auch die Niederdrückung selbst des Höchstgchaltencn, — wenn die Satyre, die gerade das Erhabene, das Glänzende niederzustürzcn und zu geisscln übernimmt, der Jugend oft dir meiste Freude gewährt, und deß- halb Lucian absonderlich bei ihr in Gnaden steht: so ist es dennoch gewiß die Sache der Erwachsenen, diesen eben nicht zu billigenden Trieb, der an der kahlen Spötterei, wenn nur der Witz damit Verbünde» ist, zuerst Gefallen findet und dann sie selbst sich an gewöhnt, in seine geschlichen Schranken zu verweisen und selbst die Mittel allzugrosser Nahrung ihm mit Ernst und Kraft zu benehmen. — Ich sage ferner, m. H. ich ehre gewiß, was am Altcr- thume zu ehren ist, und möchte nur so viel, daß man es nicht vergöttere! Wer dieses aber thnt, der schadet wahrhaft nur sich selbst und seiner Sache, wenn er der Jugend frühe schon ein Werk in die Hände giebt, welches alle Achtung vor der alten Welt benimmt, für sich selbst aber unmöglich eine wahre übrig läßt! — Zuletzt, (um auf den Anfang zurückzu- 151 lenken), was kann ich unter solcherlei Form, aus welcher die eitelste Ucberhcbung grell hcrausblickt, in welcher das Schöne und das Grosse, welches Erd' und Himmel haben, frech verlästert wird, — noch für einen Gewinn an wahrer Weisheit, an wahrem Tröste, und wahrer Hoffnung mir erwarten? Das aber suchten wir ja! das soll die cingeklcidete Philosophie, wie die nackte, geben! Wie anders, — wenn ich die Vergleichung wagen darf,— wie anders, als bei diesem Voltaire des Alterthums, ist cs bei einem Neueren, der aber auch sein voll gerüttelt Maaß von Sa- > tyre mit sich bringt, der auch den Fürsten, wie den Bauersmann, den Ungelehrten, wie den Gelehrten trifft und züchtigt, — und auch dem Tobe sogar sich selbst und seine Werke dedicirt! Ich meine — Claudius. Dieser will die Menschen bessern; Jener will nur beissen! Dieser hüllt sich in den ärmlichen Botenrock und kommt dann demüthiglich, mit einfältigem Gesicht, doch warmen Herzen daher, wenn er seine Briefe übcrbringt. Jener dagegen steckt in dem eitlen Philosophenmantel bis zur Stirne, aber kalt und herzlos, und hoch herab, wie ein Stein auf dem Gebirge. Aber: — „ist die Parallele wohl gerecht? denn Claudius war ein Christ!" — „„Und Lucian konnte cs scyn!"" ist meine Antwort. Er sah das Licht, aber er verschloß die Augen! Doch genug nun von ihm, genug von dieser ganzen 2tcn Form, worin die Philosophie des Alterthnms sich L52 unK darstellt und die an Lucian einen der mächtigsten^ bekanntesten Vertreter hat, der auch (in diesen Kreis der Schulen am gewaltigsten hereinragt! Wir wenden uns noch zu der dritten Form, v. H. die klar und offen als Philosophie sich zu erkennen giebt, deren Vertreter aber nicht alle wußten, wa^- Jsocrates so schön gesagt hat: „daß die Philosophie nicht in subtilem Streiten über Kleinigkeiten, sondern in der Wahrheit über die größten Gegenstände bestehe! Sei uns hiebei zum zwcitenmale begrüßt, oSocra-- tcs, du edler Freund und Märtyrer der Wahrheit, du herrlichste Gestalt des Alterthums, lebendiger Tempel eines „unbekannten Gottes," auf dessen Eingänge stand: „erkenne dich selbst!" — Es ist ein schönes, liebliches Verlangen, m. H., welches noch in jeder Zeit, die Socrates verstand, sich ausgesprochen hat, ihn nach dem Geiste dem Reiche Gottes nahe zu stellen. Man ist darin viel zu weit gegangen, man hat ihn ungeheuer überschätzt, wenn man mit Christus, selbst, dem unsündlichcn, ihn in Vergleichung brachte; aber, wenn ja der Geist Gottes sich keinem Volke unbezeugt gelassen hat, so möchte man wohl auch ihn nicht gerne in der auscrwählten Schaar vermissen. Erkannte er doch ein Grundverdcrbcn in dem Geschlechts der Menschen, jenen Stolz, jenen Uebermuth, der in dem Wissen, in der Meinung von sich die allerletzte Stätte suche; gicng er doch selbst auch umher, ohne Mcnschenfurcht und Mcnschcngcfälligkcit, 153 Ä »in I M< ' jlie j-I, D i«t ki«^ M isl, » ^ zu Hohen und Niederen, in Buden und Paläste, und sprach in dcmüthigcn Worten freundlich mit einem Jeden und zeigte ihm: „daß er glaube zu wissen, ohne Grund!" und mahnte ernstlich, diesen Stolz abzulegen und andere Gesinnungen anzuzichn; folgte er doch unbedingt auf eine uns räthsclhaste Weise seiner inneren Stimme, die er selbst für eine göttliche erkannte; und drang er doch mit seinem muthigcn Geiste stracks durch alle die Schaarcn alter Götter, die mit Blitzen und mit Schwerdtern, die mit Lanzen und Llegidcn ihm cntgegcnstandcn, hindurch zu dem Einen Gotte, zu dem er betete: „gieb mir, o Vater, alles Gute, um was ich dich bitte und um was ich dich nicht bitte, nnd nimm mir alles Böse, auch wenn ich dich darum bitte!" — hindurch zu dein Einen Gotte, den er nahe fühlte, als er die Nacht durch schweigend auf dem Felde stand, und zu den Sternen schaute, und als die Sonne aufgicng, niederfiel! Ehre diesem Manne, welcher anficng, Jedem, auch den Armen, wenigstens die Umkehr und die Busse, wen» auch nicht ein Evangelium zu predigen, das er nicht ckanntc! Ehre diesem Manne, wenn er auch das Reich des Bösen nicht so grell erblickte, als es ist, und wenn er auch zumeist nur Jrrthum und Betrug des Dünkels sah, wo wirkliche Schuld und Sünde wohnt! Ehre diesem Manne, wenn er auch noch mehr auf eigene Kraft den Tempel seiner Tugend ausznbaue» suchte; er fühlte doch dabei die Gottheit nahe, und ließ sie, 154 leidend und gehorsam, in seinem Innersten wirken? ' ^ Ehre diesem Manne, wenn ihm auch der Schmer; der Menschheit noch nicht aufgegangen war und noch ^ ein kleinerer Umkreis seinen Blick auf dieser Welt ^ begränztc; er lenkte doch diesen Blick nach oben, und hat gethan, was er konnte, und hat gelitten für d die Wahrheit, und ist gestorben treu, wie er >», gelebt! Hätte man in seinem Anfänge fortgemacht! Hatte man, wie er, sich auch der niederen Menschen- ich classcn ohne Stolz und Eigennutz treulich angenom- kl men! Hätte man, wie er, die Mensche» darauf hin- gewiesen, was sie nicht sind und doch glauben, k längst schon erreicht zu haben! Dieses Heranterstim- , men allzuhohcr Töne wäre wohl auch in Griechenland zu einer großen Harmonie der Sehnsucht geworden; kn auch Socratcs wurde billiger als Dorberciter des trü Verheißenen uns erscheinen; er würde halb als ein Jo- las Hannes, der Täufer, vor uns stehen, dessen ganze Prc- digt aber nicht nur Aendcrung, nicht nur Busse, son- >» dcrn auch daS Nahen des erflehten Himmclsrcichcs >r, enthielt! A Doch waS geschah? Was Socratcs im Herzen « trug, als ein „Dämonium", als ein Himmlisches, das sollte in die Hände, die Handlungen der Schüler übergehen; aber cs verflieg sich in den Kopf, und ward System, — System, glänzend in Plato und Aristoteles, verderblich in dem mißverstandenen Epicur ^ und Aristippus,— in Zeno, wie cs schien, erhaben, aber i — stolz und selbstgerecht! — ! >kch iklt ! !fik kk klil- !>>, ililt litl! kt! Z, stt-^ fl- M ti<» sti! rtt l »! >»k. .> ^ ssll!.' — 14-5 — Uebrigcns liegt cö offenbar dem Zwecke, welchen wir uns setzten, ferne, m. H. hierüber mehr zu sagen; denn meine Schule ist weder eine Academie, noch ein Lpccum, noch eine Stoa. Wohl aber sind cö noch 2 Auctorcn späterer Zeit, die in unseren Bereich zu fallen pflegen, selten zwar mit grösseren, ganzen Schriften, — sondern, wie ein Strichregen, mit einzelnen Ucbcrhängcn. Ich meine Cicero und Scneca, der erste mehr ein Wähler, der andere mehr bestimmt ein Stoiker, jedoch mit Liberalität auch gegen Zenos Feinde *). Cicero herrscht vor von diesen Beiden, durch die Form, worin er Meister ist. Der König in der Sprache der Lateiner, ein Vater des Vaterlandes in der Toga, ein unerschrockener Priester der Gerechtigkeit auf seinen Rostris, und ein redlicher Mann, der das Gute wahrhaft liebte, und fast nur Schwächen zeigte zu einer Zeit, wo seine Mitwelt und Umgebung in satanischen Verbrechen wüthetc! Und er ahnete Wohl die Gegenstände, die dem Menschen wicbtig sind! Er schrieb „von Freundschaft und dem höckstcn Gute, von den Pflichten und der Weissagung, von der Un- ») In unseren früheren Chrestomathien befanden sich manche Stücke aus Scneca, welche den Schüler sehr anzu- sprechcn pflegten; in der neuesten fehlen solche ganz. Dagegen hat z. B. A. Pauly eine Schulausgabe ausge- wäbltcr Briese an Lucilius besorgt - lec 1825). worin gar Vieles mit gereisicren Knaben der mittleren Elaffen gelesen werden könnte. 156 sterblichkeit und der Natur der Götter!" Aber waS uns diese Namen sagen, das geben uns die Bücher oft sehr mager und sehr gering. Zwar viele Stellen, trefflich und rührend, großgedacht und schöngesagt, entzücken uns, wie Eilande, wie grüne Inseln in dem Meer; aber in der That! man muß oft wacker schwimmen, vis man von der einen zu der andern kommt! Ganz anders Scneca. Gedrängt und kurz, wenn auch weniger schön, nach seiner Form; gedankenreich und überraschend nach dem Inhalt. Er steht so groß, so erhaben vor unserem Blicke, wenn wir seine Werke lesen, daß man cs kaum noch gewahr wird, auf welchen Goldhaufen er gestanden ist. Oft spricht der Heide so herrlich, wie ein Christ; man müßte erstaunen, wenn man cs nicht vcrmuthcn könnte, daß der Mann, welcher nur dem Wissen lebte, denn doch vielleicht bei den kaiserlichen überpichten Strasscnlampen Neros auch das Licht gesehen hat, das die Welt erleuchtet!— Die Jugend liebt ihn, wenn sic ihn kennen lernt; sic bewundert ihn; er hält ihr ja ein so vortreffliches Bild der Weisheit vor, die (wenigstens in seinen Worten) gar so großartig alles Irdische verachten und auf Alles resignircn kann; er schlägt sein goldenes Ich so schön zu einer allumfassenden Tugend aus, und glänzt so hell in diesem strahlenden, festlichen Gewände! Gar Mancher könnte hier auS- rufcn mit Horaz: „Regt sich der Geiz in deiner Brust Und manche and're schnöde Lust,— -e Hier hast du Lehre, Spruch und Wort, Das treibt dir alle Krankheit fort. Du leidest unter'm schweren Fluchs Der Sucht nach Ehre? Nimm dicß Buch? Dreimal mit rechtem Ernst gelesen — Dann ist dein ganzer Geist genesen! Der Neid, die Faulheit, Zorn und Wein, Und selbst der Liebe Schmerz und Pein Läßt sich durch diese Worte zwingen, Nur mußt du will'ge Ohren bringen! So spricht der alte Dichter, aber wir stellen dießmal dem Alten einen Neuen gegenüber. Er sagt in einer höhnischen Ironie: „Mit Worten läßt sich trefflich streiten, Mit Worten ein System bereiten, An Worte läßt sich trefflich glauben, Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben? Das spricht bei Göthe der Teufel; der Geist Gottes aber sagt durch Paulus: „das Reich Gottes bestehet nicht in Worten, sondern in der Kraft! Ich will eS nun bündig sagen, was ich meine? Es giebt über alle wichtigsten Dinge, welche auch die Philosophie, die alte, wie die neue, sich zum Gegenstände seht, nur Eine Wahrheit: die Wahrheit des Evangeliums. — Und es giebt nur zwei Bestimmungen des Handels, entweder für ein welt- lichcsJntercsse,oder für ein göttliches! Das erste, — enger, oder weiter, schwarzer, oder Heller! — bleibt doch in jeder Gestalt zuletzt ein Egoismus, d. h. eine Sünde, das Andere ist die wahrhaftige Liebe, Gnade und Gerechtigkeit! -- Endlich: es gicbt nur drei Grade, in welchen wir zu den höchsten Angelegenheiten stehen können: kalt! — und das ist traurig und verderblich! — lau! — o, das ist häßlich und zum Ausspucken! — warm! — und nur dieses ist wohlgefällig in den Augen Gottes, unseres einigen Herrn! Und nun? Es ist gewiß: weder jene rechte Wahrheit, noch die rechte Liebe, Gnade und Gerechtigkeit, kann ein Classikcr uns geben, mag er noch erhabener denken, als Plato und Scncca, mag er noch schöner schreiben, als selbst Lenophon und Cicero! Will ich diesen einen Vorwurf machen? Das scy ferne! Sie haben Alles, was man billig nur erwarten konnte, geleistet, nnd der Krebsschaden ihrer ganzen Zeit kann doch dem Einzelnen nicht zugcrcchnet werden! — Will ich gar keine Wahrheit, gar keine Liebe in den Schriften dieser Männer anerkennen? Das sey abermals ferne! Es ist schon gesagt: viele Funken glimmen in ihnen und beweisen, daß die Menschheit selbst in den Zeiten ihrer gräßlichsten Gesunkenhcit noch fähig war, angcfacht zu werden zu einem heiligen Feuer nnd zu einem himmlischen Lichte, wenn einmal ein höherer Hauch und Geist hernicdcrwchte und sie frisch — 159 — durchdrang. Aber dieser Hauch fehlte noch mit seiner Kraft, um das Erstorbene zu beleben und die mitLei- ckengcruch und dem Gcstanke der Eigcnsucbt erfüllte Luft des Altcrthums zu reinigen. So haben wir denn in dessen schriftlichen Denkmalen überhaupt, besonders aucb den philosophischen, das Wahre mit dem Falschen, und das Schlechte mit dem Guten so verwachsen und verschlungen, daß wahrhaftig nur der Blick eines Geistes, der mit Feuer getauft ist, diese Masse läutern, und die Schlacke von dem reineren . Golde scheiden kann! Wollen wir nun aber weder kalt, noch lau, sondern, wie cs recht ist, warm scyn für das Allcrhci- ligste, für wahre Wahrheit und für taugliche Tugend — wohlan, so müssen wir uns darum kümmern, was Kindern und Jünglingen, die wir erziehen sollen, in das Herz geträufelt wird, und werden für dieselbe lieber das einfache Wasser des ewigen Lebens aus der Quelle, oder einem reineren Abfluß, als einen giftvcrmischtcn Ncctar aus crystallcncm Pokale wünschen müssen! Denn die Jugendzeit ist die Zeit des Glaubens, aber noch nicht die Zeit des Prüfens und des Scheidens. Darum gebe man ihr Reines und Lauteres, welches sie nach allen Thcilcn glauben darf und glauben soll. Denn, wenn man ihr Vermischtes darreicht, was wird daraus? Vielleicht — sic prüft es nicht; — so nimmt sie denn Kupfermünzen unbekümmert, statt des Goldes, ein, und stirbt darüber 160 vielleicht Hungws an dem Geiste! Oder, — sie versucht eine Prüfung. Aber diese mißglückt ihr in hundert Fällen, weil ihr die Kräfte dazu fehlen, und cr- » zeugt somit entweder jene traurige Verzweiflung, die mit Pilatus ausruft: was ist Wahrheit? — oder einen unverjohrencn Dünkel, solcher Prüfung längst schon gewachsen und gereist zu scyn, was sich denn auch im späteren Leben nicht verläugnet. Oder sollte cs wohl Täuschung scyn, wenn man behauptet, daß aus jener oft genannten Quelle viele so verschrobene, so falsche Meinungen und Ansichten, dieser trostlose Unglaube an das Rechte, und Aberglaube an Phantome eitlen Wissens, oder hohler Tngcnd, diese schädliche» Grundsätze und eigennützigen Marimen zu erklären sind, die in den höheren Ständen, wenn auch zuweilen verblümt, doch beinahe herrschend ange- troffcn werden? — Aber nun, waS ist die Summe dessen, was wir gesagt? Nichts anderes, als daß auch die Philosophie der Classiker, mag sie — in welchen^ Kleide eS scy, oder nackt und unbekleidet vor uns treten, wenigstens dem jugendlichen Alter, wie sich dieses in unseren Schulen zusammenfind et, gar in wenigen Stücken tauglich scy! Verwerfen wir jedoch nicht zuviel! Es sind Keime vorhanden, die zu einem Lcbensbaumc sich gestalte» könnten. Die Stoiker z. B. die auch wir am meisten ehren müssen, haben richtig geahnt, daß, wer ernstlich nach Tugend strebt, sich einen, grossen Mann zum Vorbilde nehmen soll, wornach er sich erziehe! Hätte man nur dieses bedacht, aber auch —benützt! Hätte die Wortwissenschaft, die Philologie, welche sich um alle Worte kümmert, nur das Eine Wort nicht so gar ausser Acht gelassen, von welchem Johannes schreibt! (Ev. Joh. 1, 1. re.) Sie nennt sich gerne die Lehrerinn der Humaniora, der menschlicheren Wissenschaften. Das ist zuvörderst ein Ue- bermuth und mehr, noch menschlicher, als menschlich seyn zu wollen, noch königlicher, wie man sagen hörte, als selbst der König, und noch päbstlicher, als selbst der Pabst! Doch — lassen wir dieß! Hat aber wirklich jene Wissenschaft den trefflichen hohen Zweck, den Menschen zu der wahren Menschheit heran zu bilden, wo hat sie denn ihre Muster und ihr Vorbild? Dieses Urbild ist zerstückelt in tausend Anekdoten, in tausend Glieder, welche, in alle Welt zerstreut, wie die Glieder des Apsyrtus, doch gewiß ihr Leben und ihre Kraft verloren haben! Der wahre und lebendige Mensch ist nur der „zweite Adam", ^Christus, der nach Gottes Bilde geschaffen ist, und jene hochgehaltene Wissenschaft wird ebensolange für alle wichtigeren Fragen und Fälle des Lebens die rechte Kraft vcrläugncn, während sie in dürren Worten sich gefällt und aufbläht, — wird ebensolange nur Köpfe, aber keine Herzen, keine ganze Menschen bilden, 162 als bis sie vor dem Al l er men sch lieh sie n sich beugt und selbst auch ihn für ihren Herrn erkennt! Der ist eö, welcher allein der Menschheit jenen Geist gesendet hat, der, wenn die Weisheit dieser Welt, die alte, wie die neue, nur mit Worten speist, uns Leben und Genüge reicht, — den Geist, der einzig allen Fragen über Zeit und Ewigkeit die Antwort giebt in lauterer Kindeseinfalt, — den Geist, der einzig in den Leidensstunden jenen Trotz des Selbstgefühls, wie jene gräßliche Verzweiflung an der Güte Gottes, auflöst in ein Dankgcbet und in ein weiches, herzliches Ergeben, — den Geist, der auch die Schuld, das größte aller Uebcl, zur Verzeihung, und den verlorenen Sohn zum Vater führt! — Heute feiern wir den Tag, verehrte Anwesende, welchen die christliche Kirche zum Danke für die Sendung dieses Geistes eingesetzt hat. Lassen Sie auch uns von Herzen unserm Vater und dem Sohne danken! Lassen Sie uns bitten, daß dieser Geist vorncm- lich unserer Jugend sich bemächtige mit Lehre, Trost und Kraft! Und möchte diese Jugend seine Mahnungen und Warnungen, als aus Gottes Hand, empfangen und dieses Eine lernen, daß sie sich wohl zu hüten und zu scheuen hat: sey cs, einen vermeintlichen Adler eigener hochflicgcndcr Gedanken, Einbildungen undPhan- tasicn, — oder eine griechische Philomelc, — oder einen römischen Ländcrgeier, anstatt der sanften, einfältigen Taube aus Israel in ihre Herzen auszunchmcn! 163 kl!» >Ä K, !>tz K« Kt>, ti-l ei- »> int st«!' DI >' l te Beilage zur IVten Rede. Zur alten Mythologie. Auf welchen Unsink, und Frevel daS Studium dieser Wissenschaft führen könne, und selbst in der neuesten Zeit thcilwcise geführt habe, wie beschaffen also zum Theil die Schriften sind, die auch einem jungen Menschen in dieser Hinsicht aufstossen können und vielleicht gerade einen rechten Schein von Gelehrsamkeit sich geben: dicß möge eine einzige Stelle aus einem 1836 erschienenen mythologischen Buche dar- lcgcn, dessen Verfasser ich jedoch weder die Ehre, noch die Schmach anthun will, seinen Namen zu nennen. Er sagt: „daß der Heiland der Christen zur Familie des Mithra, Horus, Bacchus, Apollo, Adonis, Atys u. s. w. gehöre, haben die Kirchenväter selbst z »gestanden. (!'?) Osiris siegt über die Schlange Typhon, Apollo über den Drachen Python in den Frühlingsäquinoctien, und Christus übcrdie alte Höllenschlan- g e, welche die Kinder des Lichts zu verführen strebt. Bacchus wird geboren, stirbt, von den schlangcnfüs- sigcn Giganten zerstückelt, fährt ins Reich des Todes, pflanzt daselbst den Feigenbaum in Gestalt seines Lingams. Dies ist das Kreuz, dessen Figur, der lOte Buchstabe im römischen Alphabet, so wie der lOte Buchstabe im hebräischen Alphabet, die Gestalt des Lingam hat, und Jod heißt rc. Ein Kreuz sah man auch im Tempel des Scrapis, den Aegyptcrn Symbol des künftigen Lebens, wie man beim Sozo- mencs und Rufinus Nachlesen kann, und darum mag auch Kaiser Adrian den Sonnengott Serapis mit 11 * 134 Christus verwechselt haben. Wenn Atys, der Sonnengott der Phrygier, und Christus, nicht gleich Osiris, Adonis, Bacchus und Mithra unter dem Bilde eines Stiers, sondern des Widders verehrt wurden, die S tier - Immo lationen der Idee vom geopferten Lamme weichen mußten, und die Passion des Gottes dadurch eine andere Gestalt erhielt,so liegt diese Aenderung einzig und allein in d er Be o bach tu ng, d asi die Sonne jetzt nicht mehr in demStern- bilde des Stiers, sondern in jenem des Widders ihren Kreislauf durch die Zeichen des Thierkreises beginnt. —-Zu Creta zeigte man das Grab Jupiters. Das Grab des Hercules und seine Gebeine befanden sich zu Ca- dir. Mithra hatte ebenfalls Grab und Höhle, in welcher er geboren, so wie das Grab des Messias zu Jerusalem gezeigt wurde und der Stall zu Bethlehem, wohin die 3 Weisen mit denselben Geschenken, wie in die Höhle Mithras, sich begeben, gewinnt schon dadurch grosse Aehnlichkeit mit der Höhle Mithras, weil auch diesen bei seiner Geburt ein Ochs und ein Esel umstehen*). Auch Mithra vcr- hilft denjenigen zur Seligkeit, die an seine Auferstehung glauben. Auch in seinen Mysterien fand sich schon die Taufe, Eucharistie, Abendmahl u. s. w. auch Mithra heißt der Mittler zwischen Gott und Menschen re. — Wieder erkennt man Christum im Jupiter Ammon mit den Widderhörncrn. *) Zu dieser Stelle scheint eine andere aus Guzkvw's Wally ' das Original, wie denn überhaupt eine Geistesverwandtschaft unverkennbar ist. ... 166 — Endlich ist cs auch Adonis, welcher stirbt, in das Schattenreich hinabfährt und wieder von den Todten aufcrsteht. Christus erinnert ferner an den jungen Atys, welcher, während 3 Tagen als gestorbener Gott betrauert, bald wieder seinen Platz unter den Göttern cinnimmt. Auch das ihm gefeierte Fest symbolifirt den Sieg der Sonne über den Winter und wurde mit dem Widdcropscr verbunden." Hat man je verrückteres und verruchteres Zeug gelesen? Und so geht es weiter. Das Register deutet unter anderem folgende Capitcl an: 1) die christlichen Feste beziehen sich auf den Lauf der Sonne durch die Zeichen des Thierkreises. 2) Der Mvsaismus ein Mondcultus. Z) Jo (der Mond) als Name für den Gott der Hebräer. 4) Astronomische Bedeutung des Sündcnfalls. 5) Moses ist Joseph. 6) Der Stier Mose ist im Vogel Zipora, seiner Frau, er selbst. 7) Aaron-Moses ist Hermes biformis. 8) Moses als Calcb ist Hcrmanubis. 9) Moses ist auch Josua. 10) Moses ist sein Sohn Gcrson. Der Proben sind Wohl auch dem Leser genug. Es ist aber sichtlich, daß, wenn die Philologie in unfern Tagen solche Früchte bringen kann, die Jugend wohl mit rechtem Ernste durch Besseres zu waffncn und zu befestigen ist, damit sie nicht solchen dummen Teufeln, wie dieses gelehrte Buch einer ist, zum Raube werde. Anderer, eben so schöner Früchte des „mythischen" Studiums mag ich hier gar nicht gedenken. Il t e Beilage. Stellen auS dem bezeichnetcn Lucianischen Dialog, (welcher in der gegenwärtigen Württemberg. Chrestomathie daö „Ende gut, Alles gut!" bildet.) 1) Das Leben — ein Marione ttenspiel! Mercur: Wenn du genau siehst, wirst du die Parcen erblicken, welche für Jeden eine Spindel spinnen, von der Alles an einem dünnen Faden hcruntcr- hängt. Siehst Du? Es zieht sich, wie Spinnenfäden, von den Spindeln auf jeden Menschen herunter! — Charon: Ich sehe einen ganz dünnen Faden für einen Jeden, der aber meist wieder an einen anderen angeknüpft ist! — Merc.: Ganz recht, Fährmann; denn Jener muß von diesem umgcbracht werden, dieser von einem Dritten; und so muß der da Erbe von Jenem seyn, dessen Faden kürzer ist; der dort wieder von dem; denn dieß bedeutet das Angcknüpftseyn! Du siehst also Alle an einem dünnen Faden aufgchängt; und der Eine wird in die Höhe gezogen und schwebt nun hoch droben, und in Kurzem bricht der Faden, weil das Gewicht zu schwer ist, und er fällt herab, und thut einen großen Fall. Dieser aber, der nur wenig von der Erde in die Höhe kommt, wird, wenn er auch fällt, ohne viel Geräusch daliegcn; kaum vernehmen seine Nachbarn den Fall!— Char.: das ist ganz lächerlich, o Hermes! 2) Das Leben — Wasserblasen! Cbaron: Ich will dir sagen, Hermes, mit was ich die Menschen sammt ihrem ganzen Leben vergleiche. Hast du schon Blasen in dem Wasser gesehen, die unter einem hcrabstürzcndcn Bache sich bilden? Die Wasserblasen meine ick, von denen der Scbaum sich sammele? Von diesen also sind die einen klein, 167 springen schnell auf und vergehen ; andere dauern länger, und weil noch weitere sich an sic ansehcn, so schwellen sie hoch auf zu einem sehr großen Umfang; dann aber zerbersten allemal auch diese; denn cs kann nicht anders geschehen. Das ist der Menschen Leben! Alle werden von einem Winde aufgeblasen, die einen grösser, andere kleiner; und bei den einen dauert diese Aufgeblasenheit kleine, geringe Zeit, andere hören mit ihrem Entstehen schon wieder auf. Aber zerbersten müssen alle! 3) Verhältnis der Götter unter sich. Mcrcur: Ich gehe gerade hin, um dem oberen Jupiter einen Dienst in der Welt zu besorgen; der ist aber jähzornig, und ich fürchte, wenn ich mich aufhalte, möchte er mich ganz zu Euch (d. h. in die Unterwelt) schicken, und mich in die Nacht verflossen re. Charon: Willst du mich also so umsonst auf der Welt herumirren lassen, Du mein Freund, Reisegefährte und Amtsgcnossc? Ich beschwöre dich, mein liebstes Hermes lein, verlaß mich nicht! Zeige mir das Leben ganz, wie cs ist! Mcrcur: Das wird mich Schläge kosten! Ich sehe schon, das der Lohn für dieses Hcrumführcn nicht ohne Striemen für mich abgchcn wird. Aber — ich will cs dir dennoch thun! Was thut man nicht einem Freunde zu Gefallen! 4) Gesinnung der höher» Wesen gegen die Menschen. ») Charon: Ich wollte gerne sehen, was die Menschen thun und was sic sagen, — wie damals, als du mir zum erstenmal begegnetest, und mich lacken sähest, und du mich fragtest: was ick lache? Ick hatte nemlich etwas gehört; das freute mich üb- er alle Maassen! Mcrc: Was war es denn? Char: Ich glaube: es wurde Einer auf den andern Tag von einem Freunde zum Essen eingeladen; "ja, ja, ich komme!,, sagte er. Und während er noch spricht, fällt von dem Dach ein Ziegel herab (ich weiß nicht, wer ihn gerüttelt hat) und schlug ihn todt. Da lachte ich nun, Weiler sein Wort nicht hielt. 1>) Nachdem Merkur dem Charon den Athleten Milo gezeigt, sagt dieser: "laß ihn nun! er wird uns in kurzem zu lachen geben, wann er im Schiffe ist und keine Mücke mehr, geschweige denn einen Ochsen tragen kann! e) Als von dem unglücklichen Ende des übermü- thigen, thörichtcn Crösus, wie des kühnen Cyrus die Rede ist, lautet der Ausruf wieder: „o wie lächerlich!" Ebenso bei Polycratcs: „ich werde aber lachen !" ä) Und auch bei dem Hinstcrben des Volkes und der Menschheit sagt nach der unter Nro. 1.angeführten Stelle zuerst Charon: "Das ist höchst lächerlich, Merkur!,, und dann Merkur: ja man kann cs eigentlich gar nicht recht sagen, wie lächerlich es ist, o Charon! Besonders ihre übergros- scn Bestrebungen und daß sie dann mitten in ihren Hoffnungen fort müssen, weil sie der allerliebste Tod dahinrafft! 5) Urt heile über Homer (der übrigens fast in dem ganzen Weltbcschauer persisiirt wird.) ») Merk.: Myccnä und Kleonä schäme ich mich dir zu zeigen, am meisten aber Troja. Denn du wirst, wie ich gewiß weiß, den Homer erwürgen, wenn du hinuntcrkommst, weil er in seinen Gedichten den Mund so voll genommen hat. 169 I>) Charon: Als ich den Homer nach seinem Tode übcrschiffte, hörte ich ihn Vieles dcklamiren, davon ich noch Einiges weiß. Uebrigens hat uns damals kein schlechter Sturm überfallen! Denn als er anfieng, ein Lied zu singen, das auf dem Schiffe gar nicht am Platze war: wie Neptun die Wolken zusammenführte und das Meer unruhig machte, mit dem Dreizack, wie mit einem Rührlöffel, hincinsticß, und aÜe Stürme aufregte und so noch Vieles, — da ward es über den Gedichten plötzlich finster, und cs fiel ein Sturm über uns herein, der das Wasser auf- wühltc und um ein Kleines unser Schifflein umge- worfcn hätte. Darum bekam er auch die Seekrankheit und mußte fast alle seine Gesänge zusammt Scylla, Charybdis und dem Cyclopen spcien *). Merc. Da war es ein Leichtes, von einem so grossen Syrier einige Stücklein zu behalten! 6) Urthcile über Socrates. Hiebei ist die bezügliche Stelle aus Plato voranzuschicken, die zu schön und merkwürdig ist, als daß ich sie nicht ganz beisetzen sollte. In seiner Vcrthcidigung sagt Socrates beim Abschiede von den gerechten Richtern: — wenn also der Tod so etwas ist, so nenne ich ihn einen Gewinn, und alle kommende Zeit scheint auf diese Weise nur Eine lange Nacht zu scyn. Wenn aber der Tod eine Auswanderung ist aus diesem nach einem andern Orte, und es wahr ist, daß alle, die gestorben sind, sich dort befinden, welche Glückseligkeit könnte grösser seyn, als diese? Denn wenn ein * Die Homerischen Stellen, die Lucian im Sinne hat vgl. in meiner „Sage vonOdvffeuS" Carlsr. hei Braun. t834. 35. Band s p. 131). flz. Bd. kl P. 12. flz. und x. 98 flg. abgeschiedener für die sogenannten Richter, die er hier verlassen hat, die wahrhaftigen Richter wieder findet, die dort richten sollen, den Minos und Rha- damanthos, Acacus und Triptolemns und die andern Halbgötter, so viele ihrer in dem Leben gerecht gewesen sind: wäre diese Auswanderung so übel? Was Würde nicht Mancher von Euch darum geben, wenn er mit Orpheus und Musäus, mit HesioduS und Homer sprechen und umgehen könnte? Ich wahrhaftig will gerne mehr, als einmal sterben, wenn dieses wahr ist. Mir wäre das ein gar herrliches und erwünschtes Leben, wenn ich mit Palamcdes und mit Ajar, Telamons Sohn, und wer sonst etwa von den Alten durch ungerechtes Urthcil sein Leben verloren hat, an einem Orte zusammen käme. Mein Schicksal mit dem ihrigen zu vergleichen, müßte schon sehr angenehm scyn. Aber die Hauptsache wäre immer: die dort, wie die hier, zu erforschen und zu prüfen, wer von ihnen weise ist und wer cS sich dünkt, aber nicht ist? Was würde nicht Mancher darum geben, den grossen Belagerer von Troja näher auS- zukundschaftcn, oder Ulysses, oder Sisyphus, oder andre Tausende, die man nennen könnte, von Männern und von Weibern, mit denen zu sprechen und umzu- gcbcn und sich zu befragen das gröste Glück von der Welt wäre!" — Auf diese schönen und rührenden Worte des Socratcs bezieht es sich nun, wenn Lu- cian (in dem Gespräche: Menippus und Aeacns) Folgendes sagen läßt: Merk.: Wo ist denn Socratcs? Aeac. Mit Nestor, und Palamcdcs schwatzt er meistens Dummheiten! M. Ich möchte ihn doch gerne sehen, wenn er hier ist! Ae. Sichst du dort dcnKahlkopf? M. Es sind dort lauter Kahlköpfe, 171 daS ist ein Merkmal bei Allen! Ae. Ich meine den S t ü lp n a si g c n! M. Auch dicß haben sie gemein; denn Alle haben aufgestülpte Nasen." Socratcs (her- vortrctcnd:) „suchst du mich Menippus?" M.: „Ja wohl Socratcs. S. Wie steht es zu Athen? M. Viele junge Leute nennen sich Philosophen, und wenn man das Ansehn, das sie sich geben, und ihren Gang betrachtet, so haben sie es weit gebracht in der Philosophie. S. Was denken die Leute von mir? — M. Du bist ein glücklicher Mann, Socratcs; alle sind der Meinung, daß du Bewunderung verdienst und alles erkannt habest und zwar (denn ich muß die Wahrheit sagen) — indem du nichts wissest! III te Beilage. Stellen ans Scncca (und zwar bloß ans den Briefen von Lucilius, weil drcse als Schulbuch vorhanden sind.) 1) Das bitte ich dich ernstlich, daß du die Wahrheit in den Grund deines Herzens dringen lassest und deinen Fortschritt nicht prüfest an dem, was du redest, oder schreibst, sondern an der Festigkeit deines Geistes und der Verringerung deiner Begierden. Die Worte prüfe an der That. 2) Manche fangen an, zu leben, wenn sic aufhö- ren müssen. Hältst du dicß für wunderlich, so füge ich etwas bei, worüber du dich noch mehr wundern wirst; Manche haben aufgchört, zu leben, ehe sic an- gcfangcn haben. 3) Es ist gewiß nützlich sich einen Hüter zu sehen, und einen Menschen zu haben, auf den man immer blickt, den man auch den Gedanken gegenwärtig glaubt. Mag cs Cato, Scipio, oder Lälius seyn, oder irgend Einer, durch dessen Dazwischenkunft auch verdorbene Menschen ihre Laster Niederdrücken würden! 4) Mit Lehren ist es, wie mit dem Saamen; er ist klein und wirkt viel; nur muß ihn ein geeigneter Geist an und in sich ziehen. Der wird dann auch selbst wieder Vieles hcrvorbringen und mehr heimgeben, als er empfangen hat. 5) Ein heiliger Geist hat seinen Sitz in uns, beobachtet und bewacht unser Böses und Gutes, und wie dieser von uns behandelt ävird, behandelt er uns. Es giebt keinen rechtschaffenen Menschen ohne Gott. Kann denn Jemand sich über das Schicksal erheben ohne seine Hülfe? Er giebt die großartigen und erhabenen Entschlüsse. In jedem rechtschaffenen Manne „da wohnt ein Gott; doch welcher weiß man nicht!" 5) Wenn du einen Mann gesehen hast, uncrschreckt von Gefahren, unberührt von Leidenschaften, glücklich im Unglück, mitten im Sturme ruhig, welcher über den Menschen und neben den Göttern steht: wird dich nicht ein Gefühl der Verehrung ankommcn? Wirst du nicht sagen: „das ist zu groß und zu erhaben, als das man cs dem elenden Körper, darin er wohnt, Zutrauen könnte? Eine göttliche Kraft ist hier nicdcrgestiegen. Ein Geist voll Auszeichnung und Ruhe, der durch Alles hindurch geht, als scy cs zu gering, der Alles, was man fürchtet, oder wünscht, verlacht, — den treibt eine göttliche Gewalt. Etwas so Grosses kann nicht stehen, wenn nickt die Gottheit seine Stütze ist; daher ist cs zum größten Thcile dort, von wo cs herniederkam. Wie die Sonnenstrahlen zwar die Erde berühren, aber dort sind, von wo sic ausgchcn, so ist cs mit einem Geiste, der groß und heilig, und dazu herabgescndct ist, damit wir das Göttliche näher kennen lernen. Er wandelt zwar unter untz, aber er bleibt fest an seinem Ursprünge; von dort hängt er ab, dorthin sicht und strebt er; er lebt in unserer Welt als eine höhere Natur. 6) Hoffe darum immerhin Gutes von uns, wenn das Böse uns auch schon gebunden hält, und längst in dem Besitze unseres Wesens ist. Zu Jedermann kommt der böse Sinn früher, als der gute; wir alle sind zum voraus in Beschlag genommen. Die Tugenden lernen heißt die Laster verlernen. 7) Nie haben wir mit dem Laster stark genug gekämpft ; ich bitte dich, verfolge sie ohne Maß und Ziel; denn auch sie haben kein Maas und Ziel. Wirf heraus Alles, was dein Herz zerreißt; und kann es nicht anders herausgezogcn werden, so mußt du dasHerz selbst mit herausrcisscn. 8) Wir schwanken in unseren Gedanken hin und her; nichts wollen wir mit wahrer Freiheit, Bestimmtheit und auf immer. Du sagst: das ist eine Thorheit, wenn man sich in Nichts gleich bleibt, und uns Nichts für lange zusagt. Aber wie und wann werden wir uns von ihr losreifsen? Niemand ist für sich stark genug, um hcrauszukommen; es muß ihm einer die Hand reichen, muß ihn herausziehen. 9) Warum gesteht Niemand seine Fehler? Weil er noch darin steckt. Nur ein Wachender erzählt seinen Traum, und ein Bekenntnis seiner Fehler beweist die Gesundheit. Darum laßt uns aufwachen! ktt) Die Vernunft ist nichts Anderes, als ein - 174 - Theil des göttlichen Geistes, herabgesenkt in einen menschlichen Körper. 11) Das Beste ist in allen Stücken gleich. Tugendhafte Menschen sind sich alle gleich, weil sie tugendhaft sind; sie haben aber Verschiedenheiten des Alters; der Eine ist älter, der Andere jünger;—des Körpers; der Eine ist schön, der Andere häßlich;— des Vermögens; —reich, oder arm; beliebt, mächtig, in Stadt und Land bekannt, oder unbekannt und unbeachtet. -Alle Weisen sind sich gleich; Jeder wird seine eigenen Gaben haben; der eine umgänglicher, ein anderer gewandter, ein dritter besser in natürlicher, oder- künstlicher Beredsamkeit; die Hauptsache aber, die sie so glücklich macht, wird in allen die gleiche scyn. 12) Wer kann sich seiner Augen rühmen, wenn er den Tag nur ahnt und ihm die Sonne durch ein Dunkel scheint? Er mag indessen zufrieden seyn, daß er der Finstcrniß entronnen ist, aber das Glück des Lichtes genießt er noch nicht. Dann darf sich unser Geist erst Glück wünschen, wenn er aus dieser Finsterniß, darin er umgctricben wird, hinaus darf, und nicht mehr bloß mit einem matten Blick das Helle vor sich sicht, sondern den ganzen Tag in sich fassen kann und seinem Himmel wiedcrgegeben ist; wenn er den Ort wieder erlangt hat, zu dem ihn seine Geburt bestimmte. Aufwärts ruft ihn sein Werden. Er wird aber dort auch scyn schon, che er hier von seinem Posten entlassen wird, wenn er seine Fehler von sich wirst, und rein und leicht zu göttlichen Gedanken sich cmporschwingt. Das wollen wir erstreben, darauf mit unserer ganzen Kraft losgchen, wenn cs auch nur Wenige, wenn cs auch Niemand versteht!" Ai! xj »Hl M i kilii V l» Dl »ichnr h ch ln s» l»f m til killst isük, jW MH lwk», m ik Ml D», M, «»?! Mti lchiix Rch A, «kn, ^ilki 17 ", Bei allen diesen Stellen müssen jedem unbefangenen Leser von selbst andere, dem Geiste und der Form nach äusserst ähnliche des neuen Testamentes cinfallen. Freilich bann man, wenn man will, Alles allenthalben finden. Hat doch der boshafte Vetter des Wands- bccker Boten sogar ein deutsches Vaucrnlicd nach allen seinen Thcilcn in den alten griechischen Autoren nachgewicsen! Aber wenn man bedenkt, daß zu Neros Zeit das Christcnthum in Rom, wo Scneca lebte, so ausserordentliches Aufsehen machte, lwas z. B. aus der berüchtigten Fcucrsbrunst erhellt) so läßt sich zwar denken, daß ein stolzer Stoiker und ein kluger Mann an dcS Kaisers Hofe nicht einem „jüdischen Aberglauben" sich unterwerfen tonnte; aber das läßt sich nickt denken, wie ein Mann, der eben der Regierung so nahe stand und Lust, wie Zeit hatte, um Alles kennen zu lernen, — nicht entweder selbst die Schriften der römischen Christen, die in dem Mittelpunctc der Welt gewiß eine schöne Sammlung hatten, kennen gelernt, oder doch da und dort eine für ihn merkwürdige und brauchbare Acusscrung eines Solchen, den man kreuzigte, spießte, oder verbrannte, vernommen haben sollte. Da mag es ihm gegangen scyn, wie er selbst sagt: nnltg vox impuiie »« IB k h Kd mH in M Dz» sÄ! k Nisi, »Ist Üitt « sil» «i.,i ii»»l l ikM l «Ui, id«,; kinH 189 nug, um nicht nur das erhabenste und reinste, sondern auch das deutlichste und vollständigste Vorbild eines wahren Menschen überall zu scyu, wo man ein Vorbild nöthig hat. 2) Will man nicht, (in der Ueberzeugung: daß Gottesfurcht und die genaueste Bekanntschaft mit dem Religiösen „zu allen Dingen nütze" scy), geradezu „Altes und Neues aus dem Reiche Gottes" auch in einer fremden Sprache, wie es uns zum Beispiel der theure Schubert in der Muttersprache giebt, so bedinge den Stoff doch wenigstens der künftige Beruf der Schüler. Dieser ist zwar verschieden und meistens selbst noch unbestimmt, aber man hat doch in der Regel einen kleineren und sicheren Kreis; sie gehen über in die Werkstatt«: eines Künstlers, in die Magazine und Börsen der Handelswclt, in die Hör- sääle der Academie. Aber wie gering ist meistens die Übersicht und Umsicht, wenn sie die künftige Berufsart sich erwählen! Da ist vielleicht ein ausgezeichneter Arzt mit reichem Einkommen und mit großem Ansehen in der -Nähe; sein Bild schwebt einem Schüler vor; „ich werde ein Arzt!" Ein Prediger ist bekannt durch seine Wirksamkeit, die Menge seiner Zuhörer beweist die Achtung, die er genießt; ehrfurchtsvoll blickt das Volk ihn an, und das Bcsscrwerden und die Ordnung in seiner Gemeinde zeugen laut für ihn. Der Knabe sicht es und erklärt; „ich will ein Prediger werden!" Aber noch stärker können die Beispiele seyn, m. H. Hören Sic eines, dessen Wahrheit ich verbürgen kann, und das sich gewiß häufig, wenn auch in veränderter Gestalt— aber gewiß nur unwesentlich verändert! — wiederholt. Lin talentvoller, ausgezeichneter Knabe war bereits durch seine rühmlichst bestandene Prüfung in eine theologische Bildungsanstalt unseres Vaterlandes ausgenommen worden. Den Vater freute dicß, er versprach dem Sohne ein Geschenk, wenn er bei diesem Stande bleiben würde, aber er ließ ihm seinen Willen. Und siehe da! Was geschah? Uebcr den goldenen Ring des Vaters siegte eine messingene Uhr der Großmutter, und darum, nur darum, sage ich, wurde nun Magazin und Ladentisch anstatt Kanzel und Altar lange Zeit für den Jüngling das Feld seiner Thätigkeit, um dasselbe erst später als gereifter Mann mit der Amtsstube, und als Greis mit dem Saale der Volksvertreter zu vertauschen. Wie war, wie ist dieses möglich selbst bei ausgezeichneten Talenten und einem zum Leichtsinne nickt geneigten Gemüthe? Nur dadurch, weil unsere Schulbildung den Menschen beinahe ohne alle Kennt- niß dessen läßt, was zu einem Stande nöthig ist, soweit dieses nicht das alleräusscrlichste Ansehn giebt,— ohne alle wahre Kcnntniß des Nutzens und der Annehmlichkeiten, und noch viel mehr ohne alle der Beschwerlichkeiten und der Hindernisse. Zwar läßt sich sagen, daß ein Stand erst dann mit einiger Sicher- 191 heit zu bcurthcilcn ist, wenn man sich Jahrelang mit Ernst darin bewegt hat, und daß dem Knaben nie eine völlig reife Einsicht in die Sacke mitzuthcilcn sey, durch deren Hilfe er jene für sein irdisches Leben wichtigste Wahl des Berufes sicher treffen und sicher einen Würfel werfen könnte, der über seine zeitliche Zufriedenheit und oft noch über mehr entscheiden soll. Allein gewiß läßt sich hierin Einiges, wenn auch nicht Alles leisten, wenn man, statt seinen Kopf mit lauter Hannibaln und Alcrandern anzufüllcn, ihn mit der neueren Zeit vertrauter macht, ihm wichtige Gegenstände aus den Reichen der Natur, ihm ausserordentliche Resultate aus den Werkstätten der Kunst, der sichtbaren, wie der geistigen, vor seine staunenden Au^ gen stellt, ihn auf den Land- und Wasserstraßen des die ganze Welt durchkreuzenden Handels in die weite Ferne führt, ihm an lebendigen Beispielen die Bedeutung, welche etwa der Rcchtsgelehrte, der Geistliche, der Arzt, und andere Stände haben, — und nicht nur die Bedeutung, sondern auch die Kräfte, die dazu erfordert werden, die Opfer, die man bringen muß, die Früchte, welche diese Opfer geben, und wohl auch den Lohn, den man dadurch in dieser Welt, vielleicht auch erst in einer andern Welt erlangt, mit scharfen Zügen vor die Augen malt.*) Ich hoffe m. H. Sic darin - ») Es wäre dieses ein lad Buch. wie ungefähr die Iugend- blätter von Barlh ein deutsches. 192 einverstanden mit mir zu sehen und spreche nur noch kurz die Grundsätze aus, die bei der Form von solchen Büchern zu beachten wären. 3) Die Co mp ositi on und Anordnung müßte seyn, wie sie dem Manne, welcher sie gäbe, schicklich, und dem Knaben, der sie empfienge, angenehm und lieblich wäre. Der Mann aber muß die Ordnung haben, der Knabe dagegen will die Abwechslung. Sie müßten sich also in freieren Bewegungen einander nähern; denn die Ordnung, allzufest gehalten, erzeugt dem Knaben Ueberdruß, ein allzugroßcr Wechsel aber gibt Zerstreuung. Ferner müßte der Ton des Ganzen offenbar für die Fassungskraft des Anfängers angemessen seyn. Was man bis jetzt diesem Alter gab, die Classiker besonders, das ist für Männer und für diese nur geschrieben, und cs ist zuviel gefordert, wenn man dem unbärtigen Jungen zumuthet, einen Bart zu haben! Was ist natürlicher, als das Verlangen, daß, was die Knaben lesen sollen, auch für die Knaben geschrieben scy? Aber nun, der Schlußstein fehlt! Wenn nur das Ganze nicht daran zerschellt! „Vermag man noch die alten Sprachen gut und so, wie die Classircr, zu schreiben?" Ich weiß dicß nicht, m. H.; denn die Probe für den gegenwärtigen Zweck wäre erst zu machen! Regelrecht freilich noch immer! Aber — „der klassische Styl! der Styl!" so hört man rufen. Wie ge- 1S3 sagt, m. H. ich weiß dieß nicht, aber soviel weiß ich, einmal: baß auch unter den Classikern selbst, wovon der Knabe wenigstens Fragmente liest, sich da und dort ein Solcher befindet, der eher einem Saul, als einem Propheten ähnlich sicht; für's andere: daß Schüler dieses Alters ebensowenig einen Styl des Cicero verstehen, als schreiben können; endlich aber (hören Sie, m. H.!) ist nur die Wahl zwischen diesen beiden Annahmen: entweder hat man jetzt, da man von Jugend auf nur klassisch und nur klassisch trieb, gelernt, die alten Sprachen so leidlich nachzuahmen, oder nicht! Im ersten Falle kann man, waS ich will und meine; nn andern Falle erkennt man doch, daß nichts verloren wird. Denn wenn der Inhalt nicht zu vertheidigcn ist, und auch die Form keinen erklecklichen Nutzen schafft, ja nicht einmal gelernt werden kann, wofür soll man die Jugend pla- j gen mit einem Stoffe, der ihr (auf's gelindeste gesagt!) ! nicht nützt, und mit einem Style, den sie sich nicht aneignet? Kurz, ihre Zähne sollten uns alsdann zu kostbar seyn, als daß wir sie dieselben an vergoldeten, aber hohlen Nüssen ruinircn lassen! — Indessen, wenn man auf die alten und auch neueren Zeiten blickt, so wird man an der Möglichkeit des vorgeschlagenen Unternehmens nicht verzweifeln. Konn- j te es früher Murete und Muratori's, konnte es einen ! Erncsti und noch viele andere geben, nun denn, so giebt es auch noch jetzt wohl tüchtige Männer, dicbe- 13 194 sonders im Vereine sich diesem Werke gewachsen glauben dürften. Ich sehe hier mit besonderem Vertrauen auch auf unser Vaterland, in dessen Schulen doch so manche wackere Talente arbeiten, die nicht nur das gleiche Gegebene immer wieder zu geben, sondern auch Neues zu schaffen fähig wären. Hat in älterer Zeit z. B. ein Pontanus, *) hat in späterer Zeit Er- ncsti selbst, — Beide vielleicht von ähnlichen Gründen, wie auch wir, geleitet, — für manches Decennium die Classiker aus gar vielen niederen Gelehrtenschulen entfernt gehalten, der Letztere, um die Anfangsgründe meistens mathematischer und philosophischer Wissenschaften,**) — der Erstere, um mehr eine allgemeine Art von Encyclopädie an ihre Stelle treten zu lassen : — nun denn, so wird auch unsere Zeit im Stande seyn, ein Werk durch vereinigte Kräfte zu erzeugen, welchem die klassische Vergangenheit sein äusseres Gewand, die Gegenwart einen lebendigen, kräftigen Leib und das Christenthum, das über Gestern und Heute erhaben steht in seiner ewigen Kraft und Herrlichkeit, den Geist verleihen würde. Dieß wäre dann, Die „Progymnasmata" deS Pontanus waren auch in Württemberg längere Zeit eingcführt, bis die gleichfalls von Neueren verfasste „Cvllcctio ?c." aufkam. die nach jetzt manchen älteren Männern eine angenehme Iugcndcrinner- ung ist. **) Erncsti: initin clnotiinao solicliorls' Pl O ttiil> K mm W «w ckr Zeit »n f rch» iHtn Hatz Oliv wie ein rechter, lebendiger Mensch und würde Menschen bilden können! Aber hören wir doch einige Einwürfe, die man machen könnte und auch machen wird! Würden nicht solche Werke, zusainmcngefügt aus so verschiedenen Bcstandtheilcn, jedes Gefühl für Symmetrie und für Geschmack auf's höchlichste beleidigen? Würden sie nicht eine Figur geben, lächerlich, wie sie etwa Hora; beschreibt, (>ls art. piiet.) mit einem Menschenhaupt und einem Pferdcrückcn, mit Vogelfedern und dem Schwänze eines Fisches? Ich sage: „cs ist schon zu Vieles in alten Sprachen geschrieben worden über neuere Gegenstände und auch mit christlichem Sinne, als daß dieser Einwurf treffen könnte." Freilich „jedem das Seine!" Freilich sind auch dem Genius einer Sprache nur die Dinge, die nach Geist und Stoff dem Volke gehören, das die Sprache spricht, vollkommen angemessen, allein, — soll eine Unebenheit nun einmal werden, welches ist doch die geringere: christliche Bücher in einer heidnischen Sprache, oder heidnische Menschen in einer christlichen Zeit? - „Aber die Jugend verliert doch gar zu viel an ihren Classikern! Die alte Barbarei wird wicderkeh- ren!" i— Das Letztere gewiß nicht! Auch schon in früherer Zeit hat nicht der Verlust der Classikcr die Barbarei herbeigezogen, sondern, weil die Barbarei gekommen war, verlor man auch die Classikcr. Wir 13 * 196 fügen bei, daß glücklicher Weise auch die neue Zeit nun ihre Classiker besitzt, die mit den alten streiten können, wenn gleich an Lastern oft so gut, als Tugenden. Die Bildung des ästhetischen Geschmacks, wo einer auszubilden ist, liegt vor der Hand im Hafen, und wenn auch hcure noch ein Omar alle alten Classiker zu des Propheten Ehre aus dem Scheiterhaufen sterben liefst! — Im klebrigen aber — was verliert der Knabe? Nach allem, was wir gesehen haben, m. H. nichts anderes, als — einen merklichen Verlust! Wir wünschen Glück dazu; denn dieses ist Gewinn! Und ist er dann einmal ein Jüngling, reifer an Leib und Seele, und der Beruf verlangt es von ihm: dann lese er die Alten zwei- und dreimal, ja so oft und viel er will, und bilde seine Form immerhin an der ihrigen und freue sich daran; er ist dann vorbereitet; er wird sie nicht mehr vergöttern; er wird, wie wir hoffen, unversehrt durch die Flammen ihrer Leidenschaften wandeln können; denn die christliche -Wahrheit, und der christliche Sinn, den er über seinen Geist, wie ein Gewand, geworfen hätte, ist — von Asbest! — Jedoch — alle guten Dinge sind nur drei; und auch die schlimmen Dinge, diese Einwürfe, sollen wenigstens die Zahl nicht übersteigen. Aber merken Sie auf, m. H. ! Es wird die Bombe des 19ten Jahrhunderts losgcschosscn! Man riecht in einer solchen Methode — Schwärmerei, Mysticismus, Pictistcrci, — das Schlagwort unserer Zeit. Lassen wir cs schla- ick fUi! st! an' gci stö A S lau lmt sm IM kSir W KG ' ^illj 197 gen, eS hat keine tödtende Kraft und schlägt oft ganz in die Lust! Freilich ist cS traurig, daß man den Herrn, in dem wir doch überall und immer leben, weben und sind, nur alle vier und zwanzig Stunden einmal oder zweimal sehen will, oder gar nur an dem h. Charfreitag von ihm hört! Es ist insbesondere traurig, daß man gerade das bildsamste Alter, da man die gleichen Zwecke auf bessere Art erreichen könnte, an lauter solche Gegenstände fesselt, welche cs zu Wege bringen, daß in den Seelen der Schüler meistens (erlauben Sie, die Wahrheft zu sagen!) The rin o- pylä viel höher steht, als Golgatha! Wer es jedoch nicht anders will, dem kann man nur mit Schweigen und der That die Antwort geben! Aber — wenden wir den Blick, m. H. von einer vorgespiegelten Nachtseite zu den lichteren Seiten, zu den grossen Borthcilcn, welche, wie wir hoffen, eine durch die Lehrer lebendig werdende Aendcrung in diesen Stücken des Unterrichts zur Folge haben müßte. Nur auf Weniges will ich mit dem Finger deuten; würde man die Probe redlich machen, vielleicht, — cs würde der Herr uns Vieles geben! Wissen Sie, m. H. was meistens die Feder ist, welches dieses Uhrwerk einer Schule treibt? Es ist der Ehrgeiz, oder unverblümt: der Neid mit Stolz gepaart. Warum? Nicht bloß, weil dieser Bewcg- grund^rief im Mcnschen'steckt und nothwcndig zur Erscheinung kommt, sondern besonders auch, weil das 198 frühe Lesen der Klassiker und der daraus entspringen- ^ de Geist der ganzen Schule ihn zu mächtig nährt. ^ Kann denn der Zunder und das Pulver kalt und gleichgültig bleiben, wenn man eine Flamme darunter f"' seht? Anstatt in diesem Falle das glimmende Docht zu löschen, läßt man den klassischen Hauch und Geist liA« cs bis zur Fackel anwehn. Denn „wie der Menschen Ä Beschäftigung, so auch ihr Sinn!" Das wußte schon M Demosthenes.*) Und nicht allein der Sinn, sondern lik auch oft das äussere, gewiß aber das innere Geschick, säe das innere Glück, oder die innere Verzweiflung.**)— M Ließen sich denn aber nicht edlere Triebfedern in die- dkl scn Säälcn einheimisch machen? Gewiß! Es wäre B« Blasphemie gegen die menschliche Natur, dicß zu bc- H streiten und zu läugncn. Aber wie? auf welche Wci- M se? Eben indem man die Jugend mit anderem Stoffe beschäftigte; denn abermals sage ich es: „wie die Bc- « schäftigung, so auch der Sinn!" ziehe - zri *) Uemostb. 0))nt)!. 3. **) Ein merkwürdiges Beispiel für diese Beschreibungen giebt das Duck: „Carl non Hohenhausen, Untergang eines Jünglings von 18 Jahren," worinn die Ellern selbst zur allgemeinen Beherzigung und Warnung meist aus den geheim geführten Tagebüchern ihres Sohnes, dessen innere Geschichte miuhcilten, die mit einer den Ehrgeiz anregenden Leciürc begann, mir der gräflichsten Zerwonenheit und Verzweiflung sorisuhr. und mitSclbstmord endigte.— Man kann hierüber noch vergleiche» das Vorwort der evangelischen sdircheuzeilung von Hcngstcnberg für das,Jahr 1837. sich > ft tklis 199 Könnte so eine Schule nach dem Geiste besser werden, so könnte sie cs auch nach ihrem Körper. Denn warum sind viele unserer Schulen jetzt so mager und so leer, da sie ehemals von Fülle strotzten? Warum wachsen die Amphibien zwischen deutscher und lateinischer Anstalt, unsere Rcalanstaltcn, an Zahl der Klassen und der Knaben gar so mächtig? Mancher Vater sieht gewiß den Nutzen deutlich ein, welchen die alten Sprachen für die Bildung des Verstandes schon durch die Eigenthümlichkeitcn ihrer Grammatik haben, und den die lateinische Sprache besonders für die spätere Erlernung der modernen bietet; aber diese Vortheile, fast ohne alle materielle Zugabe für das Herz und für das Leben, wiegen doch mit Recht dem Kaufmann und dem Gewerbsmanne, der nun für seine Kinder wählen soll, um viel zu leicht! Würde man also Herz und Leben auch mehr in Berechnung ziehen, würde man den alten Sprachen selbst ein Herz geben, da sie entweder gar keines, oder doch nur ein steinernes haben, — würde man ihnen einen Geist des lebendigen Lebens und der Gegenwart einblasen, da sie aus Jahrhunderten des geistigen Todes und einer längst entschwundenen Vergangenheit zu uns reden: dicß wäre vielleicht, neben allem Anderen, auch ein taugliches Mittel, unsere niederen Gclehrtenschulcn gegen jene Mittclanstalten, die neben ihnen aufgeschossen sind und wider die"sie einen schweren Stand zu haben scheinen, in der öffentlichen Meinung und wohl — 260 — auch zum allgemeinen Besten wiederum zu heben? — Aber lassen Sie uns weiter hinaus blicken, m. H.! Würde, wie wir wünschen, der christlich geborene Knabe auch an christlichen Büchern und in der frischen ^ Lebenslust der Gegenwart erzogen, so wäre für den W Jüngling, wie schon oben gesagt, den römischen ^ und attischen Bienen der gefährliche Stachel gcnom- men, und nur der Honig geblieben. Auch könnte ge- Wz wiß das ganze gesellschaftliche Leben der Erwachse- « n e n, das unter den Leidenschaften der vorchristlichen grr Zeit noch so oft und viel zu . leiden hat, und >« vielleicht aus der so vielfach berührten Quelle manche ftil dieser Leiden schöpft, eine wesentliche Verbesserung er- dr fahren; cs könnte ein regerer Geist des Wahren, ein sc« lebendigeres Interesse für das Edle, für das Heilige, ei» eine innigere Verbrüderung derer, die von Natur doch U, Alle Brüder sind,-ja, wie so vieles Gute im glcic Kleinen und im Grossen könnte allmählich begründet «Ä und gestiftet werden! die höheren Stände würden auf " W eine ganz andere Weise wohlthätig auf die niederen ^ einzuwirken fähig scyn, und auch der Staat selbst dürf- te sich überzeugt halten, aus solchen christlichen Ge- § lehrtcnschulcn, welche nicht das Hirn des Knaben mit den unzähligen Bildern erträumter platonischer, oder ^ wirklicher Republiken, grosser, oder kleiner Frciheits- ^ Helden, deren bewunderter Glanz oft nur der Glanz ^ ^ eines Faulhvlzes ist, erfüllten, sondern ihn auf Dcmuth, auf Gehorsam und ein stilles, ruhiges Leben vcrwie- 201 sei,-von diesen Schulen, sage ich, nicht nur betriebsame, fleissige und friedliche, sondern wohl auch glücklichere Bürger zu erhalten! „Aber sind diese Hoffnungen nicht gar zu hoch ge-' steigert? Und läßt sich denn erwarten, daß der Wechsel einiger Schriften solche grosse Aenderungcn bringen könne?" Ich weiß es wohl, m. H. die Verwirklichung bleibt immer hinter der Idee! Jedoch bedenke man, daß es sich hier nicht um den Buchstaben einiger Schriften handelt, sondern um den Geist, dem man das Regiment und Scepter überläßt. Jene Buchstaben haben uns getödtet; dieser Geist soll uns lebendig machen! Und würden dann auch statt ganzer Massen nur geringere Thcile dieser Massen kräftig von einem solchen Geiste angeregt,-nun denn, so weiß man ja, daß alles Christliche dem Senfkorn gleicht, das ,klein in seinem Anfänge, aber groß zu werden fähig ist, — und daß cs, wie ein Salz, mit wenigen Körnlein vieles Unschmackhaste würzt, und wie ein kleines Licht doch einem ganzen Hause leuchten kann! Heute aber, vcrehrteste Anwesende, — heute ist das grosse Licht der Welt erschienen, welches jeden Menschen, der in diese Welt gekommen ist, erleuchten soll! Möchte es wieder mehr in alle Herzen, Häuser, Tempel und besonders alle Schulen dringen! Dann würde vieler Frost und vieles Dunkel schwinden! Und darauf, ja nur darauf sollte Alles gehen, was in 202 dem nun verflossenen Jahre -ei verschiedenem Anlaß, m. H. in Ihrem Beyscyn hier gesprochen wurde. Wie weit diese schwache Stimme dringen, oder wirken wird, und ob sie nicht gänzlich spurlos und uncrwiedcrt in die Luft verhallt, das weiß und lenkt ein Höherer. Mir aber war es genug, mit einer Wolke trefflicher Männer aus jeder Zeit nun denn auch selbst von dem wahrhaftigen Licht mit freiem Muth und edler Unbefangenheit zu zeugen! Verlagen. V orbem cr k u n g. Der Raum verbietet, hier schon mehrere sehr interessante Ur- theile des Alterlhums ausführlich bcizufügen. Für jetzt bilden daher den Schluß: Stimmen aus der Ferne. I. Aus Schweden. Stellen aus den Scol-Tal (Schulrcdcn) des als Dichter und Redner berühmten schwedischen Bischoffs Esajäs Tegner, die zu Wcriö und Jönköping gehalten wurden. 1) Die theologische Ansicht des Erziehungswcscns ist in unfern Tagen sehr getadelt worden; aber cs liegt ihr doch eine tiefe Wahrheit zu Grunde, die Wahrheit nämlich, daß das Religiöse der eigentliche Kern aller menschlichen Kenntnisse und der äusscrstc Vercinigungspunct alles Wissens ist. Wenn die L-pc- 203 culation nur durch lange Umwege, und schwankend und unsicher sich den wichtigsten Wahrheiten der Menschheit naht, so findet sie gewöhnlich die Religion daselbst schon vor. Denn diese ist heimisch auf den Höhen der Menschheit; sie ist der Wogelweg zum Ziel. Die Offenbarung ist die eigentliche Probe der Richtigkeit der Forschung, insofern nämlich beide gleichartige Gegenstände behandeln. Es war demzufolge keineswegs so ungereimt, als man sich jetzt verstellt, daß unsere Väter die Religion, und das, was damit in nächster Verbindung steht, zu der eigentlich leitenden Idee aller öffentlichen Unterweisung machten. 2) Auf der Aussaat beruht die Erndte, vielleicht für Jahrhunderte. Ein Wort, das in das junge Gcmüth fällt, bestimmt die Richtung desselben vielleicht auf die Lebenszeit, bestimmt vielleicht dadurch etwas viel Höheres, oder Schlechteres, dessen Folgen durch Jahrtausende gehen. Denn der Fortgang des Gedankens ist unendlich; er zählt seine Nachkommen bis ins tausend'ste Glied, bis ans Ende der Tage. 3) Wir wollen keineswegs behaupten, daß die Hu- manistik, welche auf einem Gymnasium erworben werden kann, nach der Beschaffenheit unserer Zeit, genügend ist dem Grade, oder dem Um fange nach. Wir müssen uns hier nicht bloß auf die alte Literatur beschränken, sondern auch auf einen geringen Theil von ihr; aber ausser dieser gicbt es jetzt noch manche andere Literatur, welche nicht bloß in wissenschaftlicher, sondern auch in humanistischer Beziehung ebenso wichtig ist, als die der Alten. Denn die Erinnerung wohnt in der Vorzeit, aber die Theilnahme in der Gegenwart. 4) Des Jünglings Versäumnis; ist des Mannes Schwäche. 204 5) Kenntniß ist viel, aber sie ist doch nicht Alles, ist nicht einmal das Wesentlichste. Das Wesentliche liegt links in der Brust; der Mcnschenwerth sitzt im Herzen. 6) Es ist Einseitigkeit und Unverstand, was die Pflanzschulcn für göttliche und menschliche Weisheit von einander trennt, und entgegensetzt, was die Natur vereinigt hat. Keine von beiden Anstalten gedeiht für sich selbst, oder gewinnt dadurch, daß sie einzeln ist. Eine Vondcrung dieser Art hat zuweilen die Bildung gottlos und den Religionslehrcr ungebildet gemacht, ganz wider die Bestimmung beider. 7) Die klassischen Studien werden gewöhnlich gerade auf dem Puncte abgebrochen, wo ihre eigentliche Bildungskraft zu wirken anfangcn sollte. ^ 8) Kein Alter im Menschenleben ist so reich an Rcligionsgcfühl, als das zarteste. Im Donner fürchtet das Kind den unbekannten und starken Rächer, und in der Sommcrwärme liebt es mehr, als wir, den guten Gott, der die Flur grün kleidet, und die lustige Spiclstube mit Blumen füllt. Es fühlt besser, als wir, daß Gott im sanften Wetter wohnt. In dem Verhältnisse, als der Begriff sich ausklärt, verbleicht gewöhnlich das Gefühl; die Engel wohnen sichtbarer in der Morgcnröthc, als in der Sonne. Mit Einem Wort: das Himmelreich gehört den Kindern an; aber dcßhalb gehört auch die religiöse Erziehung zuerst und am wesentlichsten den Eltern an. Das Kind faßt am besten Gottes Macht und Gerechtigkeit, wenn der Vater—, Gottes Liebe und Vorsehung, wenn die Mutter davon redet; denn diese sind die nächsten und natürlichsten Vorbilder von Beiden. Die Schule setzt daher mit Recht voraus, daß das Religionsgcfühl 205 geweckt, und in seinen Grundzügen entwickelt scy. Ist dieses versäumt, so kommt die öffentliche Erziehung meistenteils zu spät, es zu ersehen. 9) Der wahre Tempel der Erkenntnis; ist grösser, herrlicher, als Salomos Tempel, und ihr stehet noch meistenteils auf dem Vorhofe der Heiden. 10) Der beste, gebildetste Kopf auf einem verderbten Herzen ist, wie ein Tempel , erbaut auf einer Räuberhöhle. H. Aus Frankreich. Stellen aus dem Journal „le 8emenr" (einem sehr rmpfchlungßwerthcn Blatte). 1) Prüft man die Beziehungen, welche in der christlichen Kirche zwischen der mehr, oder weniger ausgedehnten und gewissenhaften Beschäftigung mit dem Worte Gottes und dem geistigen Zustande der Christen Statt gefunden haben, so sehen wir deutlich, daß diese immer in einem genauen Verhältnisse unter einander standen, und daß der Eifer, oder die Nachlässigkeit, die man mitbrachte, den richtigen Maasstab geben für die Fortschritte der Frömmigkeit, oder des Unglaubens, der Reinheit oder Verschlimmerung der Sitten, die sich für die verschiedenen Epochen in der Geschichte der christlichen Nationen bemerken lassen. Alle Jahrhunderte, alle Völker, und wieder in jedem Volke die verschiedenen Classen der Bevölkerung, die oft in Sachen der Religion sehr geschieden sind, liefern uns zahlreiche Beispiele für die Wahrheit dieser Beobachtung. (Folgen Belege aus der Geschichte der englischen und französischen Kirche.) 206 2) Den wahren Bedürfnissen der gegenwärtigen Zeit kann hauptsächtlich nur — was sage ich? kann allein die Schrift abhclfen. Denn wir dürfen uns nicht verhehlen, daß unter den Verirrungen des Geistes, unter den Krankheiten der Sittlichkeit, welche sich der Wiedergeburt des christlichen Glaubens widersehen und welche die Keime des Guten in vielen Herzen erstickt haben, sich auch solche befinden, deren Wichtigkeit und offene Darlegung, heutzutage drohender, als in irgend einer früheren Epoche, unserem Jahrhundert einen unterscheidenden Charakter gaben, der die ganz besondere Sorge der Freunde der Menschheit und Religion recht wohl verdient. 3) Wenn auch die Himmel die Ehre Gottes erzählen, so verkündigen sie dagegen sein Mitleid gegen ein undankbares und abgefallencs Geschlecht nicht. Sie rufen kein Evangelium aus, sie lassen uns tief in den unauflöslichen Zweifeln über die grossen Räth- sel des Lebens, über die Vergebung unserer Sünden, über die Bedingungen, unter denen wir hoffen dürfen, über die Art der Wiedergeburt unseres offenbar verkehrten Willens. Die Himmel schweigen von dem, was uns zu wissen am wichtigsten ist, und die Erde noch mehr mit allen ihren Wissenschaften, Künsten und Gelehrsamkeiten! — — Die Offenbarung solcher göttlichen Vollkommenheiten ist dunkel, ungenügend, unvollständig in der Natur und in dem menschlichen Herzen; aber sie ist vollständig und strahlt von Klarheit in der Bibel. Darum, wenn wir nicht von Jugend auf die heilige Schrift denen vor die Augen legen, die Unsersgleichen sind, — wenn wir's nicht thun, so viel cs nur in unfern Kräften steht, so tragen wir die Schuld, daß ihre Erziehung im Wesent- 207 liehen mangelhaft, baß sie verstümmelt ist, so verdecken wir ihnen das allcrhciligste Angesicht des Ewigen, und fangen ihnen das Licht der Sonne ab, die allein das Heil in ihren Strahlen mit sich bringt! HI. Aus Oestreich. Zu meiner grossen Freude kann ich die gegenwärtige Schrift mitWorten eines Freundes*) schlicssen, der, nachdem sich seine treffliche Muse nach Morgen gekehrt, in seinem neuesten, grösseren Gedichte sich ebenfalls über Christenthum und Classikerthum ausspricht. Lorenzo von Medici liegt auf dem Sterbebette; in der Ficberhize muß er den Mythus Platos von den beiden Rossen schmerzhaft durchwachen. Er wird um den Olymp in seiner Phantasie herumgcjagt, das schwarze Roß aber zieht ihn immer tiefer nieder, so sehr er mit dem Crucifir, das er in der Hand hält, dassclbige heraufzupcitschcn versucht. Savonarola kniet betend an seinem Bette, und benützt einen lichten Augenblick zum ernstlichen Gespräche. Lorenzo sucht die Schuld seines Lebens unter Anderem auch mit dem Verdienste: die schöne Welt des Altcrthums seiner Zeit wicdergegcbcn zu haben — auszuschmückcn und zu verdecken. Da spricht Savonarola: Die Künste der Hellenen kannten Nicht de» Erlöser und sein Lickt. Drum sckcrztcn sie so gern und nannten Des Schmerzes tiefsten Abgrund nickt. *) Baron von Niembsch in Wien, bekannt als NicolauS Lenau. X 208 Daß sie am Schmerz, den sie zu trösten Nicht wußte, mild vorüberführt. Erkenn' ick als der Zauber gröstcn, Womit uns die Antike rührt. Doch Abend ist's und Ernst geworden Der Abgrund klafft, der Heiland ruft, Der heit're Wahn, die Kötterhorden Zerstieben in der Wetterlust! Und schon vorher sagte Savonarola zu Lovenzo Dein Volk ist krank und ist verdorben. Das dir vor Allen herrlich blüht, Dein Volk ist innerlich erstorben. Die hcil'ge Sehnsucht schier verglüht. Die Grieckenweisheit überkleistert Nur schleckt der Herzen tiefen Bruch, Ein Bild, wozu nickt Gott begeistert, Ist nur ein kunstgeübtcr Fluch. Der Grieche hat nicht Gott gefunden In seiner Andacht höchstem Schwung, Die Blülhc seiner schönsten Stunden — Was war sie?— nur Vergötterung. Die Künstler meiffeln, malen, leiern Um einen längstvcrdorrlen Kranz» Denn mit dem Heidcnthume feiern Sie einen kalten Todtcntanz. Der Traum der Alten war verloren. Für sie so schön, für uns so scbaal' Habl ihr ihn nur heraufbeschworen. Daß er sich träume noch einmal? Dir bat, dem Hochbegabten, Reichen» Die Zeit ihr Schicksal aufcrlcgt. Sie hat ihr dunkles Traucrzcicken Auf deine Stirne scharf geprägt; Der Fiebcrtraum, der dich gepeinigt. Der Christenthum und Heibcnthum In deiner Seele wüst vereinigt, 3st jetzt das Weltdelirium. elt ist, so verdecken cht des Ewigen, und c ad, die allein das ringt! e i ch. ich die gcgcnwär- es*1 schlicssen, der, ch Morgen gekehrt, ichte sich ebenfalls m ausspricht, cm Sterbebette; in s Platos von den s en. Er wird um herumgcjagt, das er tiefer nieder, so in der Hand hält, Savonarola kniet t einen lichten Au- e. Lorcnzo sucht ndcrcm auch mit cs Alterthums sei- — auszuschmücken narola: unten nicht. ckannt als Nicolaus