Chamisso's Werke. Dritter Band. Udelöert von Khamisso's Fünfte vermehrte Auflage. Heiller Aand. Berlin, Weidmanns che Buchhandlung. 1864 . Werke. Reife um die Weit mit der Nomanzoffischen Gntdeckungs - Expedition in den Jahren 1815 —18 auf der Brigg Rurik, Kapital» Otto v. Kohebue, VON Ad e lb er t von C h a m i s s o. Erster Th eil. Tagebuch. bell« x«« cuL. Inhalt. Dorwortlich. 1 Einleitend. 4 Vorfreude Reise über Hainburz nach Kopenhagen. 8 Der Rurik. Abfahrt von Kopenhagen. Plymouth. 17 Reise von Plymouth nach Teneriffa.34 Reise von Teneriffa nach Brasilien. Santa Katharina.43 Fahrt von Brasilien nach Chile. Aufenthalt in Talcaguano.58 Von Chile nach Kamtschatka. SaiaS y Gomez. Die Osterinsel. Die zweifelhafte Insel. Romanzoff. Spiridoff. Die Rurikskette. Die Dcans- kettc. Die Kruscnstcrnsinscln. Die Penrhyninseln. Die nördlichsten Gruppen von Radack.76 Nordfahrt von Kamtschatka aus in die Beringsstrafie. St. Laurenzinscl. Kotzcbue's Sund. St. Laurcuzbucht im Lande der Tschllktschi. lina- laschka.»7 Von linalaschka nach Californicn. Aufenthalt z» San FranciSeo. ... 124 Von Kalifornien nach den Sandwichinseln. Erster Aufenthalt daselbst. . 142 Abfahrt aus Hana-rur». Radack.164 Von Radack nach linalaschka. Nordfahrt. Die Inseln St. Paul, St. George, St. Laurenzi der Zweck der Reise wird aufgcgeben. Aufenthalt zu linalaschka.2N6 Von linalaschka nach den Sandwich-Inseln. Zweiter Aufenthalt auf denselben.234 Von den Sandwich-Inseln nach Radack. Abschied von den Nadackern. Von Radack nach Guajan. Von Gnasan nach Manila. Aufenthalt daselbst. Von Manila nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung. Vom Vorgebirge der guten Hoffnung nach der Heiinath. London. St. Petersburg. Aes Lieutenant der Russisch-Kaiserlichen Marine, Otto von Kotzebue, „Entdeckungs-Reise in die Sud-See und nach der Berings-Straße zur Entdeckung einer nordöstlichen Durchfahrt, unternommen in den Jahren 1815 —18 auf Kosten Sr. Erlaucht des Herrn Reichs- Kanzler Grafen Rumanzoff auf dem Schiffe Rurik. Weimar, 1821. 4." enthält im dritten Bande meine auf diese Reise, an welcher ich als Naturforscher Theil nahm, bezüglichen Bemerkungen und Ansichten. Der einzige Vortheil, den ich mir von meinen Bemühungen während und nach der Reise als Naturforscher und Schriftsteller versprechen durfte, war, diese von mir geforderten Denkschriften vor dem Publikum, für welches sie bestimmt waren, in reinem Abdruck und würdiger Gestalt erscheinen zu sehen. Der Erfolg entsprach nicht meiner Erwartung. Was ich geschrieben, war von unzähligen sinnzerstörenden Druckfehlern an vielen Stellen verfälscht und unverständlich; und dieselben in einen: Errata anzuzeigen, wurde mir bestimmt abgeschlagen. In einer eignen Abhandlung, die mir zugeschrieben werden konnte und zugeschrieben worden ist, trug Esch- scholtz über die Korallen-Jnseln hergebrachte Meinungen wieder vor, die widerlegt zu haben ich mir zu einem Hauptverdienst anrechnete. Die Verlagshandlung hatte die Aussicht auf eine französische Uebersetzung, die ein mir befreundeter Gelehrter besorgen wollte, vereitelt, indem sie die zu diesem Behufe begehrten Aushängebogen verweigerte. Endlich warf noch über das erscheinende Buch Sand's unselige That ihren düstern Schatten, und ließ nur den Namen, den es an der Stirne trug, im Lichte der Parteien schimmern. 2 Ich habe von dieser Rcisebeschreibung und auch nur von dem nautischen Theil derselben eine einzige würdigende Beurtheilung gesehen (Hiiarterl)- Usvimv, 1822 ). Und dennoch halte ich einige Theile meiner Arbeit für nicht unwerth, der Vergessenheit entzogen zu werden. Was ein gradsinniger Mann, der selbst gesehen und geforscht, in der Kürze ausgezeichnet hat, verdient doch wohl in dem Archive der Wissenschaft niedergelegt zu werden; nur das Buch, das aus andern Büchern ausgeschrieben und zusammengetragen worden, mag von neueren vollständigeren oder geistreicheren verdrängt werden und verschallen'. Sollte ich jetzt die Gegenstände, die ich damals abgehandelt, einer neuen Untersuchung unterwerfen, so läge mir ob, die Zeugnisse und Aussagen meiner zahlreichen Nachfolger zu vergleichen und zu prüfen; das ist aber der Berus des jüngsten Forschers auf dem gleichen Felde, dem die vollständigen Akte» vorliegen; ich sage: der Beruf des jüngsten Reisenden; die Berichte älterer Weltumsegler sind in der Regel wahrhaft, aber nur Sclbstanschauung kan» das Verständniß derselben eröffnen. In meiner Kindheit hatte Cook den Vorhang weggehoben, der eine noch märchenhaft lockende Welt verbarg, und ich konnte mir den außerordentlichen Manu nicht anders denken, als in einem Lichtscheins, wie etwa dem Dante sein Urahnherr Cacciaguida im fünften Himmel erschien. Ich war wenigstens noch der Erste, der eine gleiche Reise von Berlin aus unternahm. Jetzt scheint, um die Welt gekommen zu sein, zu den Erfordernissen einer gelehrten Erziehung zu gehören, und in England soll schon ein Postschiff eingerichtet werden, Müsstggänger für ein geringes Geld auf Cook's Spuren herumzuführen. Ich habe schon oft Gelegenheit gehabt, jüngeren Freunden einen Rath zu ertheilen, den noch keiner befolgen mochte. Ich würde, sagte ich ihnen, wenn ich von einer wissenschaftlichen Reise zurückkehrte, über die ich berichten müßte, in der Erzählung derselben den Gelehrten ganz verleugnen und nur das fremde Land und die fremden Menschen, oder vielmehr nur mich selbst in der fremden Umgebung dem theilnehmenden Leser zu vergegenwärtigen trachten; und 3 entspräche der Erfolg dem Willen, so müßte sich Jeder mit mir hinträumen, wo eben uns die Reise hinführte. Dieser Theil wäre vielleicht am Besten während der Reise selbst geschrieben worden. Abgesondert würde ich sodann den Gelehrten vorlegen, was ich für jedes Fach der Wissenschaft Geringfügiges oder Bedeutendes zu erkunden oder zu leisten das Glück gehabt hätte. Die Erzählung meiner eignen Reise ist nicht von mir gefordert worden, und ich habe, wenig schreibselig, es gern Anderen, dem Herrn von Kotzebue, und dem Maler Choris*) überlassen, eine solche jeder für sich zu verfassen. Ich habe nur sächlich über die Lande, die wir berührt haben, meine Bemerkungen und Ansichten in den Blättern niedergelegt, von denen ich mehrere, unerachtet ihrer oft unvermeidlichen Dürre, gegenwärtiger Sammlung einverleiben will. Und, offenherzig gesprochen, das eben ist's, was mich veranlaßt, das Versäumte nachzuholen und an euch, ihr Freunde und Freunde meiner Muse, diese Zeilen zu richten. Ich bilde mir nicht ein, vor Fremden, sondern nur vor Freunden zu stehen, da ich von mir unumwunden zu reden und ein Hauptstück meiner Lebenö- geschichte vorzutragen mich anschicke. Aber wird nicht der Thau von den Blumen abgestreift, nicht ihr Duft verhaucht sein? Seither sind fast zwanzig Jahre verstrichen, und ich bin nicht der rüstige Jüngling mehr, ich bin ein fast alter, ein kranker, müder Mann; aber der Sinn ist mir noch frisch, das Herz noch warm geblieben: wir wollen das Beste hoffen. Eben die Krankheit, die meine Kraft bricht und mich zu ernsteren Arbeiten untüchtig macht, verschafft mir die nöthige Muße zu dem vertraulichen Gespräch. 1 * Einleitend. 3Aer mich theilnehmeud auf der weiten Reise begleiten will, muß zuvörderst erfahren, wer ich bin, wie das Schicksal mit mir spielte, und wie es geschah, daß ich als Titular - Gelehrter an Bord des Rurik's stieg. Aus einem alten Hause entsprossen, ward ich auf dem Schlosse zu Boncourt in der Champagne im Januar 1781 geboren. Die Auswanderung des französischen Adels entführte mich schon im Jahre 1790 dem Mutterboden. Die Erinnerungen meiner Kindheit sind für mich ein lehrreiches Buch, worin meinem geschärften Blicke jene leidenschaftlich erregte Zeit vorliegt. Die Meinungen des Knaben gehören der Welt an, die sich in ihm abspiegelt, und ich möchte zuletzt mich fragen: sind oft die des Mannes mehr sein Eigenthum? — Nach manchen Irrfahrten durch die Niederlande, Holland, Deutschland und nach manchem erduldeten Elend ward meine Familie zuletzt nach Preußen verschlagen. Ich wurde im Jahre 1796 Edelknabe der Königin Gemahlin Friedrich Wilhelm's II. und trat 1798 unter Friedrich Wilhelm III. in Kriegsdienst bei einem Jn- fanterie-Regimente der Besatzung Berlin's. Die mildere Herrschaft des Ersten Consuls gewährte zu Anfänge des Jahrhunderts meiner Familie die Heimkehr nach Frankreich, ich aber blieb zurück. So stand ich in den Jahren, wo der Knabe zum Manne heranreift, allein, durchaus ohne Erziehung; ich hatte nie eine Schule ernstlich besucht. Ich machte Verse, erst französische, später deutsche. Ich schrieb im Jahre 1803 den Faust, den ich aus dankbarer Erinnerung in meine Gedichte ausgenommen habe. Dieser fast knabenhafte 5 metaphysisch-poetische Versuch brachte mich zufällig einem andern Jünglings nah, der sich gleich mir im Dichten versuchte, K. A. Varnhagen von Ense. Wir verbrüderten unS, und so entstand unreiferweise der Musenalmanach auf das Jahr 1804, der, weil kein Buchhändler den Verlag übernehmen wollte, auf meine Kosten Herauskain. Diese Unbesonnenheit, die ich nicht bereuen kann, ward zu einem segensreichen Wendepunkte meines Lebens. Obgleich mein damaliges Dichten meist nur in der Ausfüllung der poetischen Formen, welche die sogenannte neue Schule anempfnhl, bestehen mochte, machte doch das Büchlein einiges Aufsehen. Es brachte mich einerseits in enge Verbrüderung mit trefflichen Jünglingen, die zu ausgezeichneten Männern heranwnchsen; anderseits zog cs auf mich die wohlwollende Aufmerksamkeit von Männern, unter denen ich nur Fichte nennen will, der seiner väterlichen Freundschaft mich würdigte. Dem ersten Musenalmanach von Ad. von Chamisso und K. A. Varnhagen folgten noch zwei Jahrgänge nach, zu denen sich ein Verleger gefunden hatte, und das Buch hörte erst auf zu erscheinen, als die politischen Ereignisse die Herausgeber und Mitarbeiter auseinander sprengten. Ich studirte indeß angestrengt, zuvörderst die griechische Sprache, ich kam erst später an die lateinische, und gelegentlich an die lebenden Sprachen Enropa's. Der Entschluß reifte in mir, den Kriegsdienst zu verlassen und mich ganz den Studien zu widme». Die verhängnißvollen Ereignisse vom Jahre 1806 traten hemmend und verzögernd zwischen mich und meine Vorsätze. Die hohe Schule zu Halle, wohin ich den Freunden folgen sollte, bestand nicht mehr; sie selbst waren in die weite Welt zerstreut. Der Tod hatte mir die Eltern geraubt. Irr an mir selber, ohne Stand und Geschäft, gebeugt, zerknickt verbrachte ich in Berlin die düstere Zeit. Am zerstörendsten wirkte ein Mann auf mich ein, einer der ersten Geister der Zeit, dein ich in frommer Verehrung anhing, der, mich empor zu richten, nur eines Wortes, nur eines Winkes bedurft hätte, und der, mir jetzt noch unbegreiflich, sich angelegen sein ließ, mich niederzutreten. Da wünschte mir ein Freund, ich möchte nur irgend einen tollen Streich begehen, damit ich etwas wieder gut zu machen hätte und Thatkraft wiederfände. 6 Der Zerknirschung, in der ich unterging, ward ich durch dm Ruf als Professor am Lyceo zu Napoleonville entrissen, den unerwartet im Spätjahr 1809 ein alter Freund meiner Familie an mich ergehen ließ. Ich reiste nach Frankreich; ich trat aber meine Professur nicht an. Der Zufall, daö Schicksal, das Waltende entschied abermals über mich; ich ward in den Kreis der Frau von Stack gezogen. Ich brachte nach ihrer Vertreibung aus Blois den Winter 1810—11 in Napoleon bei dem Präfekten Prosper von Barante zu, folgte im Frühjahr 1811 der hohen Herrin nach Genf und Eoppet, und war 1812 ein mitwirkender Zeuge ihrer Flucht. Ich habe bei dieser großartig wunderbaren Frau unvergeßliche Tage gelebt, viele der bedeutendsten Männer der Zeit kennen gelernt und einen Abschnitt der Geschichte Napoleon's erlebt, seine Befeindung einer ihm nicht unterwürfigen Macht; denn neben und unter ihm sollte nichts Selbstständiges bestehen. Im Spätjahr 1812 verließ ich Coppet und meinen Freund August von Stael, um mich auf der Universität zu Berlin dem Studium der Natur zu widmen. So trat ich jetzt erst handelnd und bestimmend in meine Geschichte ein und zeichnete ihr die Richtung vor, die sie fortan unverwandt verfolgt hat. Die Weltereignisse vom Jahre 13, an denen ich nicht thätigen Antheil nehmen durfte, — ich hatte ja kein Vaterland mehr, oder noch kein Vaterland, — zerrissen mich wiederholt vielfältig, ohne mich von meiner Bahn abzulenken. Ich schrieb in diesem Sommer, um mich zu zerstreuen und die Kinder eines Freundes zu ergötzen, das Märchen Peter Schlemihl, das in Deutschland günstig ausgenommen und in England volksthnmlich geworden ist. Kaum hatte der Boden sich wieder befestigt und wieder blau der Himmel sich darüber gewölbt, als im Jahre 1815 der Sturm sich wiederum erhob und auf's Neue zu den Waffen gerufen ward. Was meine nächsten Freunde mir beim ersten Ausmarsch zuschreien müssen, sagte ich mir nun selbst' die Zeit hatte kein Schwert für mich; aber aufreibend ist es, bei solcher waffenfreudigen Volksbewegung müßiger Zuschauer bleiben zu müssen. Der Prinz Max von Wied-Neuwied schickte sich damals an, 7 seine Reise nach Brasilien anzutreten. Ich faßte den Gedanken, mich ihm anzuschließen; ich ward ihm zu einem Gehülfen vorgeschlagen: — er konnte seine schon abgeschlossene Ausrüstung nicht erweitern, und die Reise aus eignen Mitteln zu bestreiten war ich unvermögend. Da kam mir zufällig einmal bei Julius Eduard Hitzig ein Zeitungsartikel zu Gesichte, worin von einer nächst bevorstehenden Entdeckungs-Expedition der Rüsten nach dem Nordpol verworrene Nachricht gegeben ward. „Ich wollte, ich wäre mit diesen Russen am Nordpol!" rief ich nnmuthig aus und stampfte wohl dabei mit dem Fuß. Hitzig nahm mir das Blatt aus der Hand, überlas den Artikel und fragte mich: „Ist es dein Ernst?" — „Ja!" — „So schaffe mir sogleich Zeugnisse deiner Studien und Befähigung zur Stelle. Wir wollen sehen, was sich thun läßt." Das Blatt nannte Otto von Kotzebue als Führer der Expedition. Mit dem Staatsrathe August von Kotzebue, der zur Zeit in Königsberg lebte, hatte Hitzig in Verbindung gestanden und war mit ihm in freundlichem Verhältnisse geblieben. Briefe und Zeugnisse meiner Lehrer, die zu meinen Freunden zu rechnen ich stolz sein konnte, sandte Hitzig mit der nächsten Post an den Staatsrath von Kotzebue ab, und in der möglichst kurzen Zeit folgte auf dessen Antwort ein Brief von seinem Schwager, dem Admiral, damaligem Kapitain der russisch-kaiserlichen Marine, von Krusenstern, dem Bevollmächtigten des Ausrichters der Expedition, Grafen Romanzoff, aus Reval vom 12. Juni 1815. Ich war, an die Stelle des Professors Ledebour, den seine schwache Gesundheit zurückzutreten vermocht hatte, zum Naturforscher auf die zu unternehmende Entdeckungsreise in die Südscc und um die Welt ernannt. Vorfreude. Reise über Hamburg nach Kopenhagen. 9!un war ich wirklich an der Schwelle der lichtreichsten Träume, die zu träumen ich kaum in ureineu Kiuderjahren mich erkühnt, die mir im Schlemihl vorgeschwebt, die als Hoffnungen ins Auge zu fassen ich, zum Manne herangereift, mich nicht vermessen. Ich war wie die Braut, die den Myrtenkranz im Haare dem Heißersehnten entgegensieht. Diese Zeit ist die des wahren Glückes; das Leben zahlt den ausgestellten Wechsel nur mit Abzug, und zu den hicnie- den Begünstigtcren möchte der zu rechnen sein, der da abgerufen wird, bevor die Welt die überschwengliche Poesie seiner Zukunft in die gemeine Prosa der Gegenwart übersetzt. Ich schaute, freudiger Thatkraft mir bewußt, in die Welt, die offen vor mir lag, hinein, begierig in den Kampf mit der geliebten Natur zu treten, ihr ihre Geheimnisse abzuringen. So wie mir selber in den wenigen Tagen bis zu meiner Einschiffung Länder, Städte, Menschen, die ich nun kennen lernte, in dein günstigsten Lichte erschienen, das die eigene Freudigkeit meines Busens hinaus strahlte: so muß ich auch den günstigsten Eindruck in denjenigen, die mich damals sahen, zurückgelaffen haben; denn erfreulich ist der Anblick des Glücklichen. Das Schreiben des Herrn von Krusenstern enthielt in sehr bestimmten Ausdrücken das Nächste, was zu wissen mir Noth that. Die Zeit drängte: der Rurik sollte St. Petersburg am 27. Juli und Kronstadt am 1. August verlassen; er konnte unter günstigen Umständen schon am 5. August zu Kopenhagen anlegen. Meinem Ermessen ward anheim gestellt, entweder in St. Petersburg oder 9 zu Kopenhagen zu der Expedition zu stoße». Im Falle, daß ich das Elftere vorzöge, würde ich den mir für den Eintritt in Rußland nöthigen Paß an der Grenze vorfinden. Der Ehr- und Habsucht ward keine Aussicht vorgespiegelt, sondern als Lohn auf das Gefühl verwiesen, zu einem rühmlichen Unternehmen mitgewirkt zu haben. Das Schiff war anscheinend vorzüglich gut gebaut und besonders bequem und gut eingerichtet. Meine Kajüte, so lauteten die Worte, war, ungeachtet der geringen Größe des Schiffes, viel besser als die von Herrn von Tilesius am Bord der Nadefhda. Nach reiflicher Berathung mit meinen Freunden ward beschlossen, daß ich zu Kopenhagen an Bord steigen und die drei Wochen bis zur Mitte Juli in Berlin benutzen und genießen solle. Ich erhielt in diesen Tagen von August von Stael einen, Paris am 15. Mai datirten, aber durch die nöthig gewordenen Umwege verspäteten Brief, den ich nur mit Wehmuth aus der Hand zu legen vermochte. Der Wurf war geschehen, und ich blickte nur vorwärts, nicht seitwärts. Meines Freundes Gedanken hatten sich vom alten Europa nach der neuen Welt gewandt, und er schickte sich zur Reise an, in den Urwäldern, die seine Mutter am St. Laurenz-Fluß besaß, Neckers- town zu begründen. Sein Begehren war, meine Zukunft an die seinige zu binden; er theilte mir seinen weitaussehenden, näher zu berathcnden Plan mit und bezcichnete mir den Antheil, den er mir in der Ausführung zugedacht. Ich sollte mit angeworbenen Arbeitern im nächsten Frühjahr in New-Iork zu ihm stoßen. Ich konnte ihm nur das eben von mir eingegangcne Verhältniß darlegen, betrübt, ihm meine Mitwirkung bei einem Plane zu versagen, der übrigens nie in Ausführung gebracht worden. Was ihn davon abgelenkt hat, habe ich nie erfahren. Mein Hauptgeschäft war nun, emsig die Zeit und die Willfährigkeit gelehrter Männer benutzend, zu erkunden, welche Lücken der Wissenschaft auszufüllen eine Reise, gleich der vorgehabten, die Hoffnung darböte; mir Fragen vorlegen, mir sagen zu lassen, worauf besonders zu sehen, was vorzüglich zu sammeln sei. Ich konnte mich und Andere nur Allgemeines fragen; über Zweck und Plan der 10 Reise hatte Herr von Krusenstern geschwiegen, und ich wußte nicht, an welchen Küsten angelegt werden sollte. Niebuhr bezcichnete mir einen Strich der Ostknste Afrikas, dessen Geographie noch mangelhaft sei, und den bei westlicher Rückfahrt aufzunehmen die Umstände leichtlich erlauben möchten. Ich entgegnete ihm kleinlaut und fast erschrocken, dieses sei doch allein Sache des Kapitains. Er maß aber auch in solcher Angelegenheit der berathenden Stimme des Gelehrten einiges Gewicht bei. — Was bei einer solchen Entdeckungsreise ein Gelehrter ist, wird aus diesen Blättern erhellen. Der Dichter Robert sagte zu mir: Chamissv, sammeln Sie immerhin und bringen Sie heim für Andere Steine und Sand, Seegras, Blattpilze, Entozoa und Epizoa, das heißt, wie ich höre, Eingeweidewürmer und Ungeziefer; aber verschmähen Sie meinen Rath nicht: Sammeln Sie auch, wenn Sie auf Ihrer Reise Gelegenheit dazu finden, Geld, und legen Sie es für sich bei Seite; mir aber bringen Sie eine wilde Pfeife mit. — Wohl habe ich Nir den Freund eine wilde Pfeife von den Eskimo's mitgebracht und er hat seine Freude daran gehabt; aber das Geld habe ich vergessen. Ich will hier gelegentlich anführen, daß ich am Bord des Rurik's eine Denkschrift des Doctors Spurzheim vorfand, der, weniger praktisch, zur Beförderung der Kranologie empfahl, Len Wilden das Haupthaar zu scheeren und ihre Schädel in Gips abzuformen. Ich fuhr von Berlin den 15. Juli 1815 mit der ordinairen Post nach Hamburg ab. Die Beschreibung von dem, was damals eine ordinaire Post hieß, möchte jetzt schon an der Zeit und hier au ihrem Orte sein, da der Fortschritt der Geschichte auch dieses Ungeheuer weggeräumt hat. Ich kann aber, ohne meine Glaubwürdigkeit zu gefährden, auf Lichtenberg verweisen, der die Martermaschine mit dem Fasse des Regulus verglichen hat. Der deutsche Postwagen, schrieb ich damals, scheint recht eigentlich für den Botaniker eingerichtet zu sein, indem man nur außerhalb desselben ausdauern kann und dessen Gang darauf berechnet ist, gute Muße zu lassen vor und 11 zurück zu gehen. I» der Nacht wird auch nichts versäumt, da man sich am Morgen ungefähr auf demselben Punkte wiederfindet, wo man am Abend vorher war. Der Schirrmeister, der die ersten Stationen den Zug leitete, ein langer, fröhlicher Gensdarm, hatte seit fünf und einem halben Jahre, daß er zur Ruhe gesetzt war, ungefähr 8524 deutsche Meilen auf seinem Postcours von etwa 10 Meilen in Hin- und Herschwingungen zur Post zurück gelegt. — Der Gurt der Erde mißt deren nur 5400. Die Passagiere waren unbedeutend. In Lenzen gesellte sich zu uns ein Mann vom Volke, ein schöner, rüstiger, fröhlicher Greis, früher Hamburger Matrose, zur Zeit Elbschiffer, der vielmals, und zuletzt als Harpunier, auf dem Robben- und Wallfischfange den nordischen Polar-Gletscher besucht hatte. Einmal war das Schiff, worauf er war, nebst mehreren andern im Eise untergegangen; er selbst hatte, nach siebenzehn auf dem Eise verbrachten Hungerstagen, Grönland erreicht. Er hatte siebenzehn Monate mit dem „Wildmann" gelebt und „Wildmanns- Sp rache" gelernt. Ein dänisches Schiff von fünf Mann Equipage nahm ihn nebst zwanzig seiner llnglücksgefährten an Bord und brachte ihn bei dürftiger Kost nach Europa zurück. — Bon beiläufig 600 Mann kehrten nur 120 heim. Er selbst hatte etliche Finger eingebüßt. Dieser Mann, mit dem ich bald Freund wurde, war mir erfreulicher als ein Buch; er erzählte einfach und lebendig, water gesehen, erlebt und erduldet; ich horchte ihm lernbegierig zu und sah vor mir die Eisfelder und Berge und die Küsten des Polarmeeres, in das ich von der Beringsstraße aus einzudringen die Hoffnung hatte, und worin Gleiches zu erleben und zu erdulden mein Loos sein konnte. Ich erreichte am 18. Juli die liebe Stadt Hamburg, wo ich meine Geschäfte besorgte, alte Freunde besuchte und neue werthe Bekanntschaften anknüpfte. Besonders lieb- und hülfreich war mir Friedrich Perthes, in dessen Buchhandlung sich folgendes Ergötzliche zutrug. Der Hausknecht, der seinen Herrn so freundlich vertraut mit mir umgehen sah und mich beim Globus von weiten Reisen erzählen hörte, fragte einen der Commis: wer denn der schwarze 12 ausländische Herr sei, für den er manche Gänge zn besorgen gehabt? — Weißt du das nicht? antwortete ihm jener; es ist Mungo Park. Und froh und stolz, wie ein Zeitungsblatt, das einmal eine große Nachricht auszuposannen hat, lief der literarische Zwischenträger seine Gänge durch die Stadt, jeden, den er kannte, anhaltend, um ihm mitzutheilen, Mungo Park sei nicht umgekommen; er sei da, er sei bei seinem Herrn, er sehe so und so aus und erzähle viel von seinen Reisen. — Nun kamen einzeln und schaarenweise die guten Hamburger zu Perthes in den Laden gelaufen und wollten Mungo Park sehen. — Im Schlcmihl, und zwar im vierten Abschnitt, steht geschrieben: „Muß ich's bekennen? cs schmeichelte mir doch, sei es auch nur so, für das verehrte Haupt angesehen worden zu sein." Am 21. Abends nahm ich Extrapost nach Kiel. Hamburg war zur Zeit noch die Grenze der mir bekannten Welt gegen Norden, und weiter hinaus mich Kopenhagen zu Land oder zur See vordringend (ich hatte noch in meinem Leben kein Schiff bestiegen) war ich auf einer Entdeckungsreise begriffen. Ich Habs wirklich mit Treue die nordische Natur bei Kopenhagen studirt, woselbst, mit dem Rurik anlangend, mein Freund und Gefährte Eschscholtz, der noch nie so weit nach Süden vorgeschritten war, gleichzeitig die südliche Natur zu studiren begann, entzückt, als ihm zuerst Vitis vimkora sub vio, die Weinrebe im Freien, zu Gesichte kam. Süden und Norden sind wie Jugend und Alter; zwischen beiden denkt sich jeder, so lang er kann; alt sein und dem Norden angehören will kein Mensch. — Ich habe aus einem Gedicht an einen Jubilar das Wort „alt" ausmerzen müssen, und ein lappländischer Prediger erzählte nur von seiner Versetzung nach dem Süden, nach Tornea unter dem Polar-Kreise. In Kiel am 22. Juli angelangt, war ich daselbst gleich heimisch, wie ich überhaupt die Gabe in mir fand, mich überall gleich zu Hause zu finden. Etliche der Männer, die ich zu sehen hoffte, waren bereits zur Krönung nach Kopenhagen abgereist. Ein Freund führte mich in befreundete Kreise ein, und ich wartete in freudigem Genüsse des Moments auf die Abfahrt des Packetboots, an dessen Bord ich erst am 24. Juli vor Tagesanbruch gerufen ward. Ich 13 hatte mich mit ängstlicher Bedächtigkeit erkundigt, ob der Fall überhaupt denkbar sei, daß durch widrige Winde aufgehalten oder verschlagen das Packetboot über acht Tage auf der Fahrt nach Kopenhagen zubringen könne, und mir war versichert worden, man könne im schlimmsten Falle immer noch bei Zeiten auf den dänischen Inseln landen. Ein Einlaß des Meeres schlängelt sich, gleich einem Landsee, landeinwärts nach Kiel, begrenzt von Hügeln, die im schönsten Grün der Schöpfung prangen. Ein Binnenmeer ohne Ebbe und Fluch, in dessen glatte Spiegelfläche das grüne Kleid der Erde hinabtaucht, hat das Großartige des Ocean's nicht. Nettelbeck schilt die Ostsee einen Entenpfuhl; man kommt auf der Fahrt von Kiel nach Kopenhagen nicht einmal in daS Innere desselben hinein, indem inan immer Sicht des Landes behält. Aber recht anschaulich wurde, wie die Meere recht eigentlich die Straßen deS Landes sind, bei der Menge Segel, die man um sich sieht, und von denen wir zwischen der grünen Ebene Zeeland's und den niedrigen Küsten Schwedens nie unter fünfzig zählten. Wir waren am Morgen des 24. Juli unter Segel gegangen. Am Abend frischte der Wind, und die Nacht ward stürmisch. Als das Schiff, eine Galeasse von 5 Mann Equipage, zu rollen begann, wurden auf demselben die anfangs lauten Passagiere still, und ich selbst zahlte dem Meere den ersten Tribut. Aber ich erholte mich am andern Tage wieder und glaubte mich schon wohlfeileren Kaufes abgefunden zu haben, als ich selber befürchtet hatte. Nebst dieser Erfahrung erwarb ich auch auf dieser Vorschule des Weltumseglers Anderes, wovon ich zu reden Anstand nehme: Das ergab sich später, als ich nicht gern fand, was ich doch emsig zu suchen vermocht wurde. In der Apotheke zu Kopenhagen, wo ich des Dänischen unkundig mein bestes Latein hülfebegehrend entfaltete, antwortete mir der Lehrbursche in noch viel besserem Deutsch, indem er mir die geforderte Salbe einhändigte. Wir wurden am 26. Juli Mittags bei gänzlicher Windes- und Meeresstille in den Hafen von Kopenhagen von unserm Boote Lugsirt. Ich habe in Kopenhagen, wo ich mich gleich heimisch einge- richtet hatte, mit lieben teilnehmenden Freunden und im lieb- und lehrreichen Umgänge von Männern, die in Wissenschaft und Kunst die Ehre ihres Vaterlandes sind, vielleicht die heitersten und fröhlichsten Tage meines Lebens verlebt. Hornemann war zur Zeit abwesend, dagegen Pfaff ans Kiel in Kopenhagen. Oehlenschläger beschäftigte sich eben mit der Uebersetzung der Undine von Fougue. Das Theater war, wie gewöhnlich in den Sommermonaten, geschlossen. Bibliotheken, Sammlungen, Gärten beschäftigten mich während der Stunden des Tages, die Abende gehörten der schönsten Geselligkeit. Ich habe der Salbung, nach unserm Sprachgebrauch der Krönung, des vielgeliebten Königs Friedrich VI. von Dänemark ini Schlosse zu Friedrichsburg beigcwohnt. Ich bemerke beiläufig, daß meine Freunde die für mich nöthige Einlaßkarte von einem Juden, der solche feil hatte, erhandelten. Ich habe in Kopenhagen kein Pferdefleisch zu essen bekomme», was ich als Naturforscher gewünscht hätte. — Meine Freunde bemühten sich umsonst; es wurde auf der Thierarzneischule, die allein dieses Vorrecht hat, kein Pferd während meiner Anwesenheit geschlachtet. Der Lieutenant Wormskiold, der sich bereits auf einer Reise nach Grönland um die Naturgeschichte verdient gemacht hatte, und sich jetzt darum bewarb, sich an die Romanzoff'sche Expedition als freiwilliger Naturforscher anschließen zu dürfen, suchte mich gleich nach meiner Ankunft auf. Ich kam ihm zutranensvoll mit offenen Armen entgegen, froh, der winkenden Ernte einen Arbeiter mehr zu- ühren zu können; und man wünschte mir Glück zu dein fleißigemsigen Gehiilfen, den ich an ihm haben würde. Ich erhielt den 9. August am frühen Morgen gefällige Mittheilung von der Admiralität, daß eine russische Brigg eben signa- lisirt werde. Mögen hier noch, bevor ich euch an Bord des Rurik's führe, etliche Zeilen Platz finden, die ich damals über Kopenhagen und Dänemark niederschrieb. Man erinnere sich dabei an den Ueberfall der Engländer und den Verlust der Flotte, Anno 1807, und an die 15 neuesten Ereignisse; die erzwungene Abtretung von Norwegen an Schweden, dessen selbstständige Dertheidignng unter dem Prinzen Christian von Dänemark und den endlichen Vertrag, wodurch es als ein eigenes Königreich unter eigenen Gesetzen sich dem Könige von Schweden unterwarf. Kopenhagen scheint mir nicht größer, nicht volkreicher als Hamburg zu sein; breite Straßen, neue, charakterlose Bauart. DaS neue Stadthaus ist in griechischem Styl aus Backsteinen mit Kalkbewurf gebaut*). Die Dänen hassen von jeher die Deutschen: nur Bruder können einander hassen. Jetzt aber hassen sie zuvörderst die Schweden, sodann die Engländer, und der Haß gegen die Deutschen tritt zurück. Sie ringen nach Volksthümlichkcit und sind gcdemnthigt. Viele lieben deswegen doch nicht Napoleon; nur erkennen Alle, und wer wollte es leugnen, daß sie daö Opfer der Sunden Anderer geworden sind. An Frankreichs Schicksal nehmen sie Theil, weil Frankreich's Macht der Macht ihrer Unterdrücker, der Engländer, die Wage hielt. Sie sind Seemänner, ein Volk der See. Man schaut es von Kopenhagen aus, daß Norwegen nicht, und minder noch als die deutschen Provinzen, eine Besitzung von Dänemark, sondern der Sprache, der Verwandtschaft, der Geschichte nach recht *) Unter den Künsten ist vorzüglich die Baukunst berufen, einer entschiedenen Volksthümlichkcit, einer charaktervollen Zeit eine Stimme zu verleihen, sich vernehmbar der Nachwelt zu verkünden. Die ägyptische, die griechische, die go- thischc Baukunst, von denen die letztere schon für unS nicht minder der Vergangenheit augehort, als die vorbenannten, legen uns daS Zeugnis! solcher Volks- thümlichkcitcn ab. Wie sollte eine Zeit, wie die unsrige, deren Charakter eben darin besteht, alle Schranken nieder zu reißen, alle Volksthümiichkctten zu »erschmelzen und aus den Angelegenheiten eines Volkes die Angelegenheiten aller Völker zn machen, so daß zum Beispiel an der Frage der Reform nicht das Schicksal England'S, sondern daS Schicksal der Welt hängt: wie sollte die Zeit der Vuchdruckerkunst und der Posten, der Dampffahrzeugc zu Wasser und zu Lande, der Schnellpresse, der Zeitungen und der Telegraphen eine andere Baukunst haben, als um Straßen und Brücken, Kanäle, Häfen und Leuchtthürmc zu bauen? Ich habe den Maler David vor den Modellen griechischer Tempel den Satz mit Autorität behaupten hören: die Griechen hätten in der Baukunst Alles geleistet, waS zu leisten möglich wäre, und es bliebe nur übrig, sie zu kopiren: Eigenes ersinnen z» wollen, sei widersinnig. 16 eigentlich die andere Hälfte des Reichs war. Die Flotte aber war das Palladium. Gewöhnlich wurde bei den Symposien, zu denen ich zugezogen ward, das norwegisch volksthümliche Lied 8>ndair 8on^ mit Ingrimm und Wehmuth gesungen, und der Toast: „Aus die erste glückliche Seeschlacht!" ausgebracht. Der König wird mit inniger Anhänglichkeit geliebt und das Unglück der Zeiten nicht ihm zugerechnet. Die Ceremonie der Salbung, bei der er mit Krone und Szepter, und seine Ritter in alterthümlicher Tracht um ihn her, erschienen, war kein Schau- und Faschingspiel, sondern das Herz der Dänen war dabei, und der Volksgeist belebte noch die alten ehrwürdigen Formen. Billigdenkende rechnen mit dankbarer Liebe dem Prinzen Christian das in Hinsicht Norwegens Unternommene und wirklich Erreichte zu, Unbillige das Unerrcichtgebliebene und miß- schätzen ihn. — — Zu Kiel sind die Professoren deutsch, die Studenten dänisch gesinnt. Der Rurik. Abfahrt von Kopenhagen. Plymouth. Ach meldete mich am Morgen des 9. August 1815 am Bord des Rurik's auf der Rhede zu Kopenhagen bei dem Kapitain. Ein Gleiches that mit mir der Lieutenant Wormskiold; und Herr von Kotzebue, anscheinlich durch die Eintracht, die er unter uns herrschen sah, bewogen, sagte ihm die Aufnahme zu. Seiner Reisebeschreibung nach scheint er hierin nicht eigenmächtig gehandelt zu haben. Er übergab mir einen schmeichelhaften Brief vorn Grafen Romanzoff und einen andern vom Herrn von Krusenstern, ließ mich übrigens vorläufig ohne Instruktion und VerhaltnngSbefehle. Ich fragte vergebens darnach; ich ward über meine Pflichten und Befugnisse nicht belehrt, und erhielt keine Kenntniß von der Schiffsordnung, in die ich mich zu fügen hatte. Es mußte mir in meinen Verhältnissen auf dem Rurik so wie überhaupt in der Welt ergehen, wo nur das Leben das Leben lehrt. Es ward uns befohlen, binnen drei Tagen mit unserer Habe am Bord zu sein. Die Abfahrt verzögerte sich aber bis znm 17. Am 13. besuchten die Gesandten mehrerer Höfe das Schiff und wurden, wie sie dessen Bord verließen, mit dreizehn Kanonenschüssen salntirt. Es ist hier der Ort, von der abgesonderten kleinen Welt, zu der ich nun gehörte, und von der Nußschale, in der eingepreßt und eingeschloffen sie drei Jahre lang durch die Räume des Oceans geschaukelt zu werden bestimmt mar, eine vorläufige Kenntniß zu geben. Das Schiff ist die Heimath des Seefahrers; bei solcher Entdeckungsreise schwebt es über zwei Drittel der Zeit in völliger Ab- iii. 2 geschiedenheit zwischen der Bläue des Meeres und der Bläue des Himmels; nicht ganz ein Drittel der Zeit liegt es vor Anker im Angesichte des Landes. DaS Ziel der weiten Reise möchte sein, in das fremde Land zu gelangen; das ist aber schwer, schwerer als sich cs Einer denkt. Ueberakl ist für Einen das Schiff, das ihn hält, das alte Europa, dem er zu entkommen vergeblich strebt, wo die alten Gesichter die alte Sprache sprechen, wo Thee und Kaffee nach hergebrachter Weise zu bestimmten Stunden getrunken werden, und wo das ganze Elend einer durch nichts verschönerten Häuslichkeit ihn fest hält. So lange er vom fremden Boden noch die Wimpel seines Schiffes wehen sieht, hält ihn der Gesichtsstrahl an die alte Scholle festgebannt.-Und er liebt dennoch sein Schiff! — wie der Alpenbcwohner die Hütte liebt, worin er einen Theil des Jahres unter dem Schnee freiwillig begraben liegt.*) Hier ist, was ich zu Anfang der Reise über unsere wandernde Welt aufschrieb. Den Namen sind die Bor- und Vatersnamen hinzugefügt, bei welchen wir auf dem Schiffe nach russischer Sitte genannt wurden. Der Kapitain Otto Astawitsch von Kotzebue. Erster Lieutenant Gleb Simonowitsch Schischmareff, ein Freund des Kapitains, älterer Offizier als er, nur russisch redend; ein heiter strahlendes Vollmondsgesicht, in das man gern schaut; eine kräftige gesunde Natur; einer, der das Lachen nicht verlernt hat. — Zweiter Lieutenant Iwan Jacowlewitsch Sacharin, kränklich, reizbar, jedoch gut- müthig; versteht etwas Französisch und Jtaliänisch. — Der Schiffsarzt, Naturforscher und Entomolog Iwan Jwanowitsch Eschscholtz, ein junger Doktor aus Dorpat, fast zurückhaltend, aber treu und edel wie Gold. — Der Naturforscher, ich selbst, Adelbert Logino- witsch. — Der Maler Login Andrewitsch Choris, der Herkunft nach ein Deutscher, der, jetzt noch sehr jung, bereits als Zeichner Marschall von Bieberstein auf einer Reise nach dem Kaukasus begleitet hatte. — Freiwilliger Naturforscher Martin Pctrowitsch Worm- skiold. — Drei Untersteuerleute:. Chramtschcnko, ein sehr gut- ') Dieses ist zu Trient in Savoyen der Full. 19 müthiger, fleißiger Jüngling; Petroff, ein kleiner, launig-lustiger Bursche; der dritte, Konieff, uns ferner stehend. — Zwei Unteroffiziere und zwanzig Matrosen. Die Seeleute, unter denen, die sich freiwillig zu dieser Expedition gemeldet haben, ausgesucht, sind ein hochachtbares Volk; handfeste Leute, der strengsten Mannszucht unbedingt unterwürfig, sonst von tüchtiger ehrgeiziger Gesinnung, stolz auf ihren Beruf als Welt- umsegler. Der Kapital», der in seiner frühesten Jugend mit Krusenstern auf der Nadeshda die Reise um die Welt gemacht, ist der einzige an seinem Bord, der die Linie überschritten hat; — der älteste an Jahren bin ich selbst. Der Rurik, dem der Kaiser auf dieser Entdeckungsreise die Kriegsflagge zu führen bewilligt hat, ist eine sehr kleine Brigg, ein Zweimaster von 180 Tonnen, und führt acht kleine Kanonen auf dem Verdeck. Unter Deck nimmt die Kajüte des Kapitains den Hintertheil des Schiffes ein. Von ihr wird durch die gemeinschaftliche Treppe die Kajüte äs Oampa^ns getrennt, die am Fuß des großen Mastes liegt. Beide bekommen das Licht von oben. Der übrige Schiffsraum bis zu der Küche am Fuße des Vordermastes dient den Matrosen zur Wohnung. Die Kajüte äs O-impagns ist beiläufig zwölf Fuß ins Gevierte. Der Mast, an dessen Fuß ein Kamin angebracht ist, bildet einen Vorsprung darin. Dem Kamine gegenüber ist ein Spiegel und unter dem, mit der einen Seite an der Wand befestigt, der viereckige Tisch. In jeglicher Seitenwand der Kajüte sind zwei Kopen befindlich, zu Schlafstellen eingerichtete Wandschränke, beiläufig sechs Fuß lang und dritthalb breit. Unter denselben dient ein Vorsprung der Länge der Wand nach zuin Sitz und giebt Raum für Schubladen, von denen je vier zu jeder Koye gehören. Etliche Schemel vollenden das Ameublement. Zwei der Kopen gehören den Offizieren, die zwei anderen dem Doktor und mir. Choris und Wormskiold schlafen im Schiffsraum in Hängematten. Meine Kope und drei der darunter befindlichen Schubkasten sind der einzige Raum, der mir auf dem Schiffe ange- 2 * 20 hört; von der vierten Schublade hat Choris Besitz genommen. In dein engen Raume der Kajüte schlafen vier, wohnen sechs und speisen sieben Menschen. Am Tische wird Morgens um sieben Nhr Kaffee getrunken, Mittags um zwölf gespeist und sodann das Geschirr gescheuert, um fünf Uhr Thee getrunken und Abends um acht der Abhub der Mittagstafel zum zweiten Mal aufgetragcn. Jede Mahlzeit wird um das Doppelte verlängert, wenn ein Offizier auf dem Verdecke die Wache hat. In den Zwischenzeiten nimint der Maler mit seinem Reißbrett zwei Seiten des Tisches ein, die dritte Seite gehört den Offizieren, und nur wenn diese sie unbesetzt lassen, mögen die Andern sich darum vertragen. Will man schreiben oder sonst sich am Tische beschäftigen, muß man dazu die flüchtigen, karggezählten Momente erwarten, ergreifen und geizig benutzen; aber so kann ich nicht arbeiten. Ein Matrose hat den Dienst um den Kapitain, Scheffecha, ein kleiner Tatar, ein Mohamedauer; ein anderer in der Kajüte ä« Ompngno, Sikoff, einer der tüchtigsten, ein Russe fast herkulischen Wuchses. — Es darf nur in der Kajüte ^ Tabak geraucht werden. — Es ist wider die Schiffsordnung, das Geringste außerhalb des Jedem gehörigen Rauines unter Deck oder auf dem Verdeck auSgesctzt zu lassen. — Der Kapitain protestirt , beiläufig gegen das Sammeln auf der Reise, indem der Raum des l Schiffes es nicht gestatte und ein Maler zur Disposition des Naturforschers stehe, zu zeichnen, was dieser begehre. Der Maler aber protestirt, er habe nur unmittelbar vom Kapitain Befehle zu ' empfangen. Zu Kopenhagen wurde über die oben angeführte Zahl der Schiffsmannschaft noch ein Koch nngcworben, ein verwahrlostes Kind der See: der Gesichtsbildung nach ein Ostindier oder ein Malaye; der Sprache nach, die aus allen Dialekte» der redenden Menschen undeutlich zusammengemischt war, kaum ein Mensch. Außerdem ward ein Lootse für die Fahrt im Kanal und nach Plymouth an Bord genommen, und dieser brachte die Zahl unserer Tischgesellschaft auf acht, die am kleinen Tische nicht mehr Raum hatten. Der Rurik war am 30. Juli 1815 (zwei Tage früher, als mir gemeldet worden) von Kronstadt ausgelaufen und am 9. August 21 auf der Rhede von Kopenhagen angelangt. Wir lichteten am 17. mn 4 llhr des Morgens die Anker, die wir vier Stunden später vor Helsingör wiederum auswerfen mußten. Der Wind, der abwechselnd nur zur Ein- oder Ansfahrt das Thor offen hält, ward uns erst am Morgen des 19. günstig, an welchem Tage wir um 10 Uhr des Morgens durch den Sund fuhren, und mit uns zugleich über sechzig andere Schiffe, die auf denselben Moment gewartet hatten. Wir salutirten die Festung, ohne ein Boot abzuwarten, das vom Blockschiff auf uns zuruderte; und rascher segelnd als die Kauffahrer um uns her, überholten wir schnell die vordersten und ließen bald ihr Geschwader weit hinter uns. Der Allgenblick war wirklich schön und erhebend. Wir hatten auf der Fahrt durch die Nordsee fast anhaltend widrige Winde bei naßkaltem Wetter und bedecktem Himmel. Nach langem Lavircn mußte uns ein Schiff, das wir anriefcn, das Leuchtschiff am Ausfluß der Themse zeigen, das wir noch nicht entdeckt hatten. Ich ward in der Nacht vom 31. August zum 1. September auf das Verdeck gerufen, um die Feuer der französischen Küste bei Calais brennen zu scheu; der Eindruck entsprach nicht ganz meiner Erwartung. Am Morgen brachte uns ein günstiger Windhauch durch die Dover-Straße. Albion mit seinen hohen weißen Küsten lag uns nahe zur Rechten, fern zur Linken dämmerte Frankreich im Nebel; wir verloren es allmnlig außer Sicht und es ward nicht wieder gesehen. Wir mußten noch am selben Tage die Anker auf einige Stunden fallen lassen. Am 7. September Mittags gingen wir vor der Stadt Plymouth im Cathwater vor Anker. Die Zeit dieser Fahrt war für mich eine harte Lehrzeit. Ich lernte erst die Seekrankheit kennen, mit der ich unausgesetzt rang, ohne sie noch zu überwinden. Es ist aber der Zustand, in den diese Krankheit uns versetzt, ein erbärmlicher. Theilnahmlos inag inan nur in der Koye liegen, oder oben auf dem Verdecke, am Fuße des großen Mastes, sich vom Winde anwehen lassen, wo näher dem Mittelpunkte der Bewegung dieselbe nnmerklicher wird. Die einge- schlossene Luft der Kajüte ist unerträglich, und der bloße Geruch der Speisen erregt einen unsäglichen Ekel. Obgleich mich der Mangel — 22 — an Nahrung, die ich nicht bei mir behalten konnte, merklich schwächte, verlor ich dennoch nicht den Muth. Ich ließ mir von Andern erzählen, die noch mehr gelitten als ich, und von Nelson, der nie zur Sec gewesen, ohne krank zu sein. Ich duldete um deS freudigen Zieles willen die Prüfung ohne Murren. Wormskiold hatte indeß die meteorologischen Instrumente zu beobachten übernommen. Seine Kenntniß des Seelcbens gab ihm einen großen Borsprung vor mir, der ich, in die neuen Verhältnisse uneingeweiht, durch manchen Verstoß unvortheilhafte Vorurtheile wider mich erweckte. Ich wußte z. B. noch nicht, daß man nicht ungerufen den Kapitain in seiner Kajüte aufsuchen darf; daß ihm, wenn er auf dem Verdeck ist, die Seite über den: Wind ausschließlich gehört, und daß man ihn auch da nicht anreden soll; daß diese selbe Seite, wenn sie der Kapitain nicht einnimmt, dem wachthabenden Offizier zukommt; ich wußte Vieles der Art nicht, was ich nur gelegentlich erfuhr. Ich hatte nicht bemerkt, daß in Hinsicht der Bedienung ein Unterschied zwischen den Offizieren und uns Anderen gemacht werde. Als wir in Plymouth einliefcn, gab ich unserm Sikoff meine Stiefeln zu putzen; er empfing sie aus meiner Hand und setzte sie vor meinen Augen sogleich da wieder hin, wo ich sie eben hergenommen hatte. So ward mir kund, daß er nur seinen Offizieren zu dienen habe. Ich mußte von dem Tage an auf die kleinen Dienste Verzicht leisten, die er mir bis dahin freiwillig geleistet hatte; der wackere Kerl war mir von Herzen gut, ich glaube, er würde für mich ^ durchs Feuer gegangen sein; aber meine Stiefeln hätte er nicht wieder angerührt. Solche Dienste wußte sich Choris von andern Matrosen zu verschaffen; Eschscholtz wußte sie sich selber zu leisten; ! ich aber wußte mich darüber hinweg zu setzen und ihrer zu entbehren. Ich ward, sobald das Schiff vor Anker lag, zu dem Kapitain gerufen. Ich trat zu ihm in seine Kajüte ein. Er redete mich ernst und scharf an, mich ermahnend, meinen Entschluß wohl zu prüfen; wir seien hier in dem letzten europäischen Hafen, wo zurück zu treten mir noch ein Leichtes sei. Er gebe mir zu überlegen, 23 daß ich als Passagier an Bord eines Kriegsschiffes, wo man nicht gewohnt sei, welche zu haben, keinerlei Ansprüche zu machen habe. Ich entgegnete ihm betroffen: es sei mein unabänderlicher Entschluß, die Reise unter jeder mir gestellten Bedingung mitzumachen, und ich würde, wenn ich nicht weggewiesen würde, von der Expedition nicht abtreten. Die Worte deö Kapitains, die ich hier wiederholt habe, wie ich sie damals niederschricb, wie sie ausgesprochen wurden und mir unvergeßlich noch im Ohre schallen, waren für mich sehr niederschlagend. Ich glaubte nicht Veranlassung dazu gegeben zu haben. Ich kann aber dem Kapitain bei dieser Gelegenheit nicht Unrecht geben. Es scheint so natürlich, daß ein Titular-Gelehrter, Theil- nehmcr einer gelehrten Unternehmung, begehren werde, dabei eine Autorität zu sein, daß dem Schiffskapitain nicht zu verargen ist, es zu erwarten und dem vorzubeugen. Denn zwei Autoritäten können auf einem Schiffe nicht zusammen bestehen, und das lehrt die Erfahrung auch auf Kauffahrteischiffen, wo cs meist unerfreulich zugeht, wann neben dein Kapitain ein Supercargo und Stellvertreter des Eigenthümers ist. Man nimmt auch, wo das Seewesen verstanden wird, Rücksicht darauf. In Frankreich und England werden auf Entdeckungsreisen keine Titular-Gelehrten mehr mitgenommen, sondern es wird dafür gesorgt, daß alle Theilnehmer der Expedition Gelehrte seien; bei den amerikanischen Kauffahrern ist der Führer des Schiffes zugleich der Handelsmann, und die Handelscompagnien haben Faktoreien, zwischen welchen und dem Mutterland das befrachtete Schiff zu fahren dem unumschränkt an seinem Bord gebietenden Offizier einzig obliegt. Ob es gleich in der Wesenheit der Dinge liegt, ist es doch zu bedauern, daß der Gelehrte, dem es in der Regel am Bord eines Kauffahrers so wohl ergeht, so beengt wird, da wo sich ihm ein weiterer Wirkungskreis zu eröffnen scheint. Voller Lust und Hoffnung, voller Thatendurst kommt er hin, und muß zunächst erfahren, daß die Hauptaufgabe, die er zu lösen hat, darin besteht, sich so unbemerkbar zu machen, so wenig Raum einzunehmen, so wenig da zu fein, als immer möglich. Er hat hochherzig von Kämpfen mit den Elementen, von Gefahren, von 24 Thaten geträumt, und findet dafür nur die gewohnte Langeweile und die nie ausgehende Scheidemünze des häuslichen Elendes, nnge- putzte Stiefeln und dergleichen. Meine nächste Erfahrung war eben auch nicht ernmthigend. Ich hatte mich vorsorglich über das Princip und den Bau der Filtrirfontaine belehrt, und erbot mich, eine solche zu verfertigen. Das zur ungünstigsten Zeit geschöpfte und jetzt schon sehr übelriechende Wasser der Newa, welches wir tranken, schien meinen Antrag zu unterstützen. Nichts desto weniger fand er keinen Anklang. Es fehlte an Raum, an Zeit, an andern Erfordernissen, und zuletzt war der Kapitain der Meinung: „das Filtriren werde dem Wasser die nahrhaften Theile entziehen und es weniger gesund machen." Ich sah ein, daß ich die Sache fallen lassen müsse. Plymouth liegt an einem Einlaß des Meeres, welcher sich hinter dem Küstenstriche höheren Landes in Arme thcilt und zwischen schönen Felsenufern weit in das Land eindringt. Alte und neue Städte, Dörfer, Stapelplätzc, Arsenäle, Festungen, prachtvolle Landhäuser drängen sich an diesen Ufern; die ganze Gegend ist nur eine Stadt, das eigentliche Plymouth nur ein Revier derselben. Das Land umher wird überall von Mauern und Hecken in Felder abgetheilt. Die weißen Mauern, der feine Staub, die Bauart, die riesenhaften Inschriften der Häuser und die Anschlagzettel erinnern unwillkürlich an die Umgegend von Paris. Ein solches Meer von Häusern ist auch Paris; aber ihm fehlt die große Straße, das Meer. Dieses trägt hier in eigenen Häfen und auf Ankerplätzen unzählige Schiffe, dort (Plymonth-Dock) Kriegsschiffe, hier (Plymouth, Cathwater) Kauffahrtei-Schiffe aller Nationen. Es wurde zur Zeit ein riesenhaftes Werk ausgeführt, das Breakwater, ein Damm, der den Eingang des Sundes zum Theil absperren und das Binnenwasser vor dem Andrange der äußeren Wellen schützen sollte. Ueber zwei und sechzig Fahrzeuge waren unaufhörlich beschäftigt, die Felsemnassen herbei- znbringen, die in den Steinbrüchen an den Ufern des Fiordes unablässig gesprengt wurden. Das Abdonnern dieser Minen, die Signalschüffe, das Salutiren der Schiffe erweckten oft im tiefsten Frieden das Bild einer belagerten Stadt. 25 Ich war und blieb fremd in Plymouth. Dis Natur zog mich mehr au als die Menschen. Sie trägt einen unerwartet südlichen Charakter und das Klima scheint besonders mild zu sein. Die südeuropäische Eiche (Huereus Ilex) bildet die Lustwälder von Mount Edgcvmb, und Ll-iguolm ZruiuMvrs blüht im Freien am Spalier. Das Meer hat bei hohen felsigen Ufern und Fluthen von einer . Höhe, die kaum auf einem andern Punkte der Welt (auf der Küste von Neuholland) beobachtet wird, seine ganze Herrlichkeit. Die Flutb steigt au den Uebergangs- Kalk- und Thouschiefer-Klippen bis auf zwei und zwanzig Fuß; und bei der Ebbe enthüllt sich dem Auge des Naturforschers die reichste, wunderbar räthselhafteste Welt. Ich habe seither nirgends einen an Taugen und Seegewürmen gleich reichen Strand angctroffen. Ich erkannte fast keine von diesen Thiereu; ich konnte sie in meinen Büchern nicht aufsinden, und ich entrüstete mich ob meiner Unwissenheit. Ich habe erst später erfahren, daß wirklich die mchrsten unbekannt und unbeschrieben sein mußten. Ich habe im Verlauf der Reise Manches auf diese Weise versäumt, und ich zeichne es hier geflissentlich auf zur Lehre für meine Nachfolger. Beobachtet, ihr Freunde, sammelt, speichert ein für die Wissenschaft, was in euren Bereich kommt, und lasset darin die Meinung euch nicht irren: dieses und jenes müsse ja bekannt sein, und nur ihr wüßtet nicht darum — War doch unter den wenigen Land-Pflanzen, die ich von Plymouth zum Andenken mit- nahm, eine Art, die für die englische Flora neu war. Uns begünstigte die heiterste Sonne. Ich begegnete auf einer meiner Wanderungen zweien Offizieren vom 43. Regiments, die neugierig unser Schiff zu sehen, mir auf dasselbe folgten. Sie luden den Kapitain und uns alle, Genossen ihres gemeinschaftlichen Tisches zu sei». Die Einrichtung ist getroffen, daß an einem oder zweien Tagen der Woche ein reichlicheres Mahl aufgetragen wird und jeder Gäste mitbringen kann. Der Kapitain und ich folgten der Einladung. Ich glaube nie eine reichlicher besetzte Tafel gesehen zu haben. Es ward viel gegessen, noch mehr getrunken, wobei jedoch den fremden Gästen kein Zwang auferlegt wurde; aber es herrschte keine Lustigkeit. Am Abend gaben uns, die uns eingeladcn 26 hatten, das Geleit, und einer der beiden entledigte sich vor uns des genossenen Weines, ohne daß dadurch der Anstand verletzt wurde. Ich habe der politischen Ereignisse, die mich auf diese Reise gebracht, und die, sobald der Rus an mich ergangen war, für mich in den Hintergrund zurück getreten waren, nicht wieder erwähnt. Mich mahnt Plymouth, mich mahnt die freundliche Berührung mit dem Offiziercorps des 43. Regimentes an den Mann des Schicksals, den von hier aus, kurz vor unserem Einlaufen, der Bellerophon nach St. Helena abgeführt hatte, damit er, der einst die Welt unterjocht und beherrscht hatte, dort in erbärmlichen Zwistigkeiten mit seinen Wächtern kleinlich untergche. Allgemein war für den überwundenen Feind die Begeisterung, die aus allen Klassen des Volkes, besonders aus dem Wehrstande, einmüthig uns entgegen schallte. Jeder erzählte, wann und wie oft er ihn gesehen und was er gethan, in die Huldigung der Menge einzustimmen; jeder trug seine Medaillen, jeder pries ihn und schalt zürnend die Willkür, die ihn dem Gesetze unterschlagen. In welchem Gegensätze mit der hier herrschenden Gesinnung war nicht der niedrige Schimpf der Spanier in Chile, dis sich beeiferten, das Thier der Fabel zu sein, das dem todteu Leuen den letzten Fußtritt geben will! Der Bellerophon hatte weit im Sunde vor Anker gelegen, und der Kaiser Pflegte sich zwischen fünf und sechs Uhr auf dem Verdecke zu zeigen. Zu dieser Stunde umringten unzählige Boote das Schiff, und die Menge harrte begierig auf den Augenblick, den Helden zu begrüßen und sich an seinem Anblick zu berauschen. Später war der Bellerophon unter Segel gegangen und hatte, kreuzend im Kanal, was noch zu seiner Ausrüstung mangelte, erwartet. Man erzählte von einer wegen Schulden gegen Napoleon erhobenen Klage und der darauf erfolgten Vorladung eines Friedensrichters, welche Vorladung, falls sie auf das Schiff, während es vor Anker lag, hätte gebracht werden können, zur Folge gehabt haben würde, daß der Verklagte den! Richter hätte gestellt werden müssen. Hätte aber sein Fuß den englischen Boden berührt, so konnte er nicht mehr dem Schutze der Gesetze entzogen werden. Auf dem Theater von Plymouth trat zur Zeit bei erhöhten Eintrittspreisen Miß O'Ncill in Gastrollen aus. Ich habe sie zwei Male gesehen, in Romeo und Julie und in Menschenhaß und Reue (rbs 8trungsr). Nach der Rückkehr im Jahre 18l8 habe ich in London auch Keau gesehen, und zwar i» der Rolle von Othello. Ich erkenne es dankbar als eine Gunst des Schicksals, daß ich, der ich das französische und das deutsche Theater, beide in ihrem höchsten Glanze, ich möchte sagen, vor ihrem Verfall gekannt habe, auch etliche Fürsten der englischen Bühne, sei es auch nur flüchtig, zu sehen bekam. Miß O'Neill befriedigte mich in der Julie nicht, in welcher Rolle sie mir zu massiv erschien; gegen die Eulalia hatte ich nichts einzuwenden; die Gabe der Thräncn, die man an ihr bewundern mußte, kam ihr da vortrefflich zu Statten. Mir schienen überhaupt die Darstellenden den Shakspeare zu geben, schier wie Hamlet seine „Mausefalle" nicht gegeben haben will. Kotzebue berechtigt zu minderen Anforderungen, die genügender erfüllt wurden. Uebrigcns haben die englischen Schauspieler alle einen guten Anstand, sprechen die Verse richtig, und bemühen sich mit sichtbarer Anstrengung, die Worte, gegen die Sitte des gemeinen Lebens, deutlich und vernehmbar auszusprcchen. Sie scheinen mir darin den französischen Schauspielern vergleichbar, denen eine Dressur unerläßlich ist, die Alles einbegreift, was auch der nicht von dem Gotte Begabte aus sich heraus und in sich hinein zu bilden vermag. Gott- begabte Künstler sind überall selten. Vielleicht hat unser Deutschland deren vcrhältnißmäßig viele, aber selten sieht mau auf unserer Bühne solche, die sich zu dem hiuaufgebildet haben, was von den französischen Schauspielern gefordert wird; und das gemeine Handwerkervolk, das die -Mehrzahl ausmacht — was soll man von ihnen sagen? Da ich eben berichten müssen, wie ich in Shakspeare's Vaterland unfern Kotzebue von den ersten Künstlern, und zwar befriedigender als ihren eigenen Heros, habe aufführen sehen: so werd' ich auch gleich, um nicht wieder darauf zurück zu kommen, ein vollgültiges Zeugniß ablcgen, daß für die, welche die Regierungen äs tuet» anerkennen, dieser selbe Kotzebue der Dichter der Welt ist. Wie oft ist mir Loch, an allen Enden der Welt, namentlich auf 28 O-Wahn, auf Guajan u. s. w., für meinen geringeii Antheil an dem Beginnen seines Sohnes mit dem Lobe des großen ManneS geschmeichelt worden, um auch auf mich einen Zipfel von dem Mantel seines Ruhmes zu werfen. lieberall hallte uns sein Name entgegen. Amerikanische Zeitungen berichteten, daß tlw Strunzer mit außerordentlichem Beifall aufgeführt worden. Sämmtliche Bibliotheken ans den aleutischen Inseln, so weit ich solche erkundet habe, bestanden in einein vereinzelten Bande von der russischen llebersetzung von Kotzebue. Der Statthalter von Manila, huldigend der Muse, beauftragte den Sohn mit einem Ehrengeschenke von dem köstlichsten Kaffee an seinen Bater, und auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung erfuhr der berliner Naturforscher Mundt die Ankunft des Rurik's, auf dem er mich wußte und erwartete, von einem Matrosen, der ihm nur zu sagen wußte, daß der Kapitain des eingelaufenen Schiffes einen Komödianten-Namen habe. Vom Alarcos, vom Jon und deren Verfassern habe ich in gleicher Entfernung vom Hause nichts gehört. Die amerikanischen Kauffahrer, denen keine meerbespülte Küste unzugänglich ist, denen aber die Sonne der romantischen Poesie noch nicht aufgegangen, sind die wandernden Apostel von Kotzebne's Rühm; er ist das für sie taugliche Surrogat der Poesie. Die That beweist übrigens, daß er ein Erforderniß besitzt, welches manchem Vornehmeren abgeht; denn was hilft es der Stute Roland's, so unvergleichlich und tadellos zu sein, wenn sie leider todt ist? Wir fanden in der Regel die Meinung herrschend, der große Dichter lebe nicht mehr. Das ist natürlich; wer suchte Homer, Voltaire, Don Quixote und alle die großen Namen, in deren Verehrung er ausgewachsen, unter den Lebendigen? Aber auch die Anzeige seines Todes wollte man auf O-Wahu und wohl auch an andern Orten in amerikanischen Zeitungen gelesen haben. Dieses Gerücht, welches mich beunruhigte, kam auch zu den Ohren des Kapi- tains, der cs auf den Tod eines seiner Brüder deutete, welcher im Feldzug 1813 rühmlich starb. Man wird im Verlauf dieser Blätter sehen, wie inan uns in Europa, die wir die Post in Kamtschatka versäumt, verloren und verschollen hat glauben müssen, und wie der 29 Vater den hoffnungsvollen Sohn zu beweinen vollgültigen Grund gehabt. Endlich langt unverhofft, unerwartet, allen möglichen Nachrichten von ihm zuvorkommend, der Rurik wieder an, und Otto Astawitsch eilt, dem Vater die junge Gattin, mit der er sich vermählt, zuzuführen. — Er findet die blutige Teiche auf der Todten- bahrc! Ich komme von einer Abschweifung, die mich etwas weit geführt hat, auf Plymouth wieder zurück und eile der Abfahrt entgegen. Die Zeit, nicht immer zweckmäßig angewandt, verging sehr schnell. Wir hatten jeder unsere Ausrüstung zu vervollständigen; uns hielt in der zerstreuenden Umgebung nichts zusammen; jeder sorgte für sich selbst, wie er konnte und mochte; Vieles hätte, gemeinschaftlich besprochen und planmäßig ausgefuhrt, zweckmäßiger und schneller geschehen können. Ein Paar Diner's, zu denen ich mit dem Kapitain cingeladeu wurde, bieten mir zu keinen neuen Bemerkungen Stoff. Die Sitten der mehr Ehrfurcht gebietenden, als durch Liebenswürdigkeit anziehenden Engländer finden sich in allen Büchern beschrieben. Ich habe da den Stachelbeerwein gekostet, dessen wegen das Haus des Viem- c>k zVulleüelck berühmt war, und habe ihn dein Champagner gleich, nur süßer gefunden. Ich habe nach abgehobenein Tischtuch am grünen Teppiche getrunken und trinken sehen; ernst, gelassen und wortkarg, einer abwechselnd sich gegen den andern verneigend, eine Ehren- oder Wohlwollens- bezeigung, die auf gleiche Weise zu erwidern man nicht verabsäumen darf. Ich habe überhaupt Engländer nur dann lachen sehen, wann ich englisch mit ihnen zu reden versucht, und habe mir auf die Weise oft zu meiner eigenen Freude freudige Gesichter erzeugt. Ich habe später auf dem Schiffe den Freund Choris Englisch gelehrt, der mir die Blühe dadurch vergalt, daß er mir hinfort unter Engländern zu einem Dolmetscher gedient. Wo er zu meinem Englischen die Aussprache herbekommen hat, ist mir unerklärt geblieben. Ich habe übrigens die Engländer im Allgemeinen höflich und dienstfertig gefunden. Das Seehospital, welches ich besuchte, veranlaßt mich nur zu bezeugen, daß Alles, was man von der Reichlichkeit, Reinlichkeit und Schönheit solcher englischen Institute, und von der 30 Ordnung und Fülle, die in ihnen herrscht, aus Büchern weiß, weit hinter dem Eindruck zurückbleibt, den die Ansicht macht. Am 22. September war der Rurik segelfertig. Das Observatorium, das unter einem Zelte auf Mount Batten, einer wüsten Halbinsel in unserer Nähe, gestanden hatte, war wieder eingcschifft und das Dampfbad abgebrochen, welches neben dem Observatorium unter einem anderen Zelte für Offiziere und Matrosen eingerichtet worden war. Ich habe in Plymouth zuerst die Sitte der russischen Bäder kennen gelernt und mir angeeignet. Wir sollten am nächsten Tage die Anker lichten, und noch lagen die Briefe meiner Lieben, und in Anweisungen ein kleines Kapital, das ich auf die Reise mitnehmen wollte, bei der russischen Gesandtschaft in London, an die ich sie adressiren lassen; und alle Schritte, die ich gethan, die Absendung derselben an mich zu erwirken, waren vergeblich gewesen. Ich habe seither auch in Amtsgeschäften erfahren, daß selten durch Gesandtschaften etwas pünktlicher besorgt werde, und selber nie diesen Weg zu Versendungen gewählt. Das Liegen-lasscn, welches ein treffliches Mittel sein mag, viele Geschäfte abzuthun, ist nicht dem Bedürfnis jeglichen Geschäftes angemessen. Ich bedauerte zur Zeit, daß der Kapitain den Plan, den er zuerst hatte, nicht befolgt, mich auf der Fahrt hierher zu Dover oder auf jedem andern Punkt der englischen Küste ans Land zu setzen, von wo ich über London nach Plymouth gereist wäre. Erst nachdem wir zwei Mal ausgelaufen und zwei Mal durch den Sturm in den Hafen zurück geschlagen worden, kamen meine Briefe an. Es mußten die Stürme der Nachtgleichen sich meiner in meinem Kummer und in meinen Sorgen erbarmen. Auf einer weiten Reise wird, wie fiir die Gesundheit der Leute, frische Nahrung u. s. w., auch möglichst für deren Unterhaltung gesorgt; denn das Ertödtendste ist die Langeweile. Ein Sängerchor der Matrosen war mit den Instrumenten einer Janitscharen-Musik versehen, und unser bengalesischer Koch besaß eine Geige. Nichts desto weniger hätte der Kapitain gern für noch mehr Musik gesorgt. Iwan Jwanowitsch spielte Klavier, und cs ward berathen, ein Hackebrett, oder ein Instrument, wie nur der Raum es zulassen 31 wollte, für ihn anzuschaffen. Dessen nahm sich Martin Petrowitsch mit außerordentlichem Eifer an. Er kam am letzten Tage ganz begeistert auf das Schiff und meldete, er habe eine ganz vortreffliche Orgel gefunden, die er ausgemessen, die im Schiffsräume am Fuße des großen Mastes aufgestellt werden könne, und wofür ein und zwanzig Pfund begehrt würden. Man schließt sich nicht ans, wo die Mehrheit entschieden hat; der Kauf ward beliebt, und ich ward für meine drei Pfund ein Gönner der edlen Tonkunst, so gut wie ein Anderer. Der Kapitain fuhr in Geschäften ans Land; seinerseits auch Martin Petrowitsch, uni das Instrument zu holen, welches er bald mit einem Arbeiter, um cs aufzustellcn, hcimbrachte; und unsere Offiziere sahen verwundert und entrüstet, aber stillschweigend, am vorbestimmten Orte eine große Maschine, eine Kirchen-Orgel aufbauen, welche die Luken, die Zugänge zu dem unteren Schiffsräume besetzt hielt. Otto Astawitsch, als er, wie kaum das Werk vollbracht war, an Bord wieder eintraf, entsetzte sich davor, und wollte dem wachthabenden Offizier zürnen, daß er solches gelitten. Er hatte aber ja selbst den Befehl gegeben. Es blieb ihm nur übrig, zu verfügen, daß binnen einer halben Stunde Zeit die Orgel entweder wieder ans Land geschafft, oder über Bord geworfen sein solle. Das Erste geschah. Wodurch man gesündigt hat, damit wird inan bestraft: es kommt mir selber, dein Gegenfüßler eines musikalischen Menschen, ergötzlich vor, an diesem unserm in England liegender! Besitzthnme nicht nur eine, sondern zwei Aktien zu haben, — denn ich habe dem Martin Petrowitsch, als er in Kamtschatka von uns schied, die seine discontirt. Wir lichteten am 23. September die Anker, die wir, da der Wind umsprang, sogleich wieder auswerfen mußten. Wir liefen erst am 25. Morgens mit schwachen: Landwinde aus, aber gleich an: Ausgang des Sundes empfing uns von der See her der Südwind, der frisch und frischer wehend uns im Angesichte der Küste zu la- viren zwang, und in der Nacht zu einem gewaltigen Sturme an- wuchs. Wir erlitten, etliche Haverien, wobei ein Mann beschädigt ward, und schätzten uns glücklich, am 26. bei Tagesanbruch unfern alten Ankerplatz wieder zu erreichen. Wir befährdeten dabei ein 32 neben uns liegendes englisches Kauffahrteischiff, dem wir einigen Schaden an seinem Tanwerke zufügten, und dessen Kapitain in Hemdärmeln mit vorgebundenem Tuche, halb eingeseift und halb barbiert, fluchend auf dem Verdeck erschien. Der Rnrik aber kämpfte gegen die Gewalt des Sturmes in einer finstern Herbstnacht, zwischen dem Leuchtthurme von Eddystone, der sein blendendes Licht auf die Scene warf, und der Küste von England, auf der zu scheitern er in Gefahr schwebte, gezwungen dnrcb die Umstände, viele Segel zu führen. Ibr kennt den Leuchtthurm von Eddystone schon von euren längst verbrauchten Kinderbilderbüchern her, dieses schöne Werk der modernen Baukunst, das sich von einem einzeln im Kanal verlorenen Steine bis zu einer Höhe erhebt, die ihr vielleicht wisst und die nachzuschlagen ich mir die Zeit nicht nehmen will; ihr wisst, daß bei hohem Sturme der schäumende Kamin der Wellen bis zu der Laterne hinan gespritzt wird; ihr merkt, daß alle Umstände sich hier vereinigen, einen Sturm recht schön zu machen, und ihr erwartet von nur eine recht dichterische Beschreibung. Meine Freunde, ich lag nach entleertem Magen stille, ganz stille in meiner Koye, mich um nichts in der Welt bekümmernd, und kaum auf den Lärm merkend, den Tisch, Stühle, Stiefeln, Schubkasten um mich her verführten, die nach der Musik und dem Takte, die oben auf den: Verdeck geblasen und geschlagen wurden, unruhig auf ihre eigene Hand durch die Kajüte hin und her tanzten. Was der seekranke Mensch für ein erbärmliches Thier ist, entnehmet daraus, daß unser guter Doktor, sonst eifrig und gewissenhaft in seiner Pflicht, wie nicht ein Anderer, zur Hülfe des verwundeten Matrosen gerufen, geholt, kommandirt, stille, ruhig und regungsloö in seiner Koye liegen blieb, bis Alles vorüber war. Ist euch einmal, wie mir, das Haus, das ihr bewohntet, in einer schönen Nacht über dein Kopfe abgebrannt? Habt ihr besonnen und thätig für Weib und Kind, für Habe und Gut Sorge getragen, und von allem, was zu thun war, nichts versäumt? Dasselbe mag für den See-Offizier ein Sturm sein. Mit gesteigerter Thätigkeit führt er den Kampf gegen das Element und hat, siegend 33 oder besiegt, Freude cm sich selber, ist reicher nach überstandener Gefahr um eine erfreuliche Erfahrung von der eigenen Thatkraft. Es ist dasselbe Gefühl, welches den Soldaten nach der Schlacht begierig macht. Für den Passagier aber ist der Sturm nur eine Zeit der unsäglichsten Langeweile. Wie es im Verlauf der Reise dabei zuzugehen Pflegte, werde ich hier in der Kürze berichten. Bei einem gewissen Commando, das oben auf dem Verdeck erscholl, hieß es in der Kajüte: der Krieg ist erklärt. Darauf vernagelte jeder seine Schubladen, und sorgte, seine bewegliche Habe fest zu stellen. Wir legten uns in unsere Koyen. Bei der nächsten Welle, die auf das Verdeck schlug und häufig in die Kajüte zu den Fenstern hinein drang, wurden diese mit »erpichten Tüchern geschützt, und wir waren geblendet. Dann wurde ich gewöhnlich aufgefordert, den Versuch zu machen, noch etliche unerzählte Anekdoten aus dem Vorrath hervor zu holen, bald aber verstummten wir alle und hörten nur einander der Reihe nach gähnen. Die Mahlzeiten hörten auf. Man aß Zwieback und trank Schnaps oder ein Glas Wein. Auf das Verdeck darf sich kaum der Naturforscher wagen, um sich aus Pflichtgefühl einmal den Wellengang flüchtig anzusehen; überspült ihn eine Welle, so hat er in vollkommener Unbeholfenheit kein Mittel, Kleider oder Wäsche zu wechseln oder sich zu trocknen. Uebrigcns hat die Sache nicht einmal den Reiz der Gefahr; diese ist für die unmittelbare Anschauung nie vorhanden und könnte höchstens nur auf dem Wege der Berechnung für den Verstand zu ermitteln sein. Die nicht geladene Pistole, deren Mündung ich mir selber vor das Auge halte, zeigt mir die Gefahr; ich habe ihr nie so auf dem kleinen wellengeschaukelten Bretterhause ins Angesicht gesehen. Wir gingen am 30. früh abermals unter Segel und mußten, vom Sturm empfangen und Heimgetrieben, am selben Abend Schutz hinter dem Breakwater suchen, wo wir die Anker fallen ließen. Unserem Lootsen, den wir, nach seiner treffenden Ähnlichkeit mit den Karikaturen, John Bull nannten, mußten wir wie der immer wiederkehrende Buckelige aus den Tausend und eine Nacht Vorkommen. Es gelang uns erst am 4. Oktober die See zu behaupten. m. 3 Reise von Plymouth nach Teneriffa. Wir segelten aus dem Sund von Plymouth den 4. Oktober 1815 gegen 10 Uhr des Morgens. Wir behielten günstigen Wind, aber die See ging von den vergangenen Stürmen noch hohl. Das Land blieb uns den Tag über im Angesicht. Wie ich am andern Morgen auf das Verdeck stieg und nach dem Cap Lizard rückblicken wollte, war es schon untergetaucht, und nichts war zu sehen, als Himmel und Wellen. Die Heimath lag hinter uns, vor uns die Hoffnung. Zu Anfang dieser Fahrt, und etwa bis zum 14. Oktober, litt ich an der Seekrankheit so anhaltend und schwer, wie noch nicht zuvor. Ich erhielt jedoch ineine Munterkeit und suchte mich zu beschäftigen. Ich las mit Martin Petrowitsch dänisch einen Aufzug von Hakon Jarl und ohne Hülfe weiter. Ich verdanke Oehlen- schlägern manche Freuden und manchen Trost. Correggio hat mich immer bewegt, und Hakon Jarl, der abtrünnige Christ, der einzige gläubige Heide, der mir aus unfern Büchern lebendig entgegen getreten ist, hat mir immer Ehrfurcht eingeflößt. Wir folgten mit meist günstigem Wind der großen Fahrstraße, die aus dem Kanal südwärts nach dem mittelländischen Meer, oder dem Eingänge desselben vorüber, nach beiden Indien führt. Selten verging ein Tag, ohne daß wir verschiedene Segel gesehen hätten, und vom Lande, dessen äußerste Vorsprünge uns beiläufig 300 Seemeilen*) im Osten blieben, kamen bei N. W. Wind und klarem Himmel häufige *) Unter Meilen werden fortan englische Seemeilen verstanden sein, deren KV auf einen Grad des Aequators gehen, Minuten des AegnatorS. 35 Boten zu uns herüber. Am 9. setzte sich eine kleine Lerche auf unser Schiff nieder, wo sie drei Tage lang der Gastfreundschaft genoß, die wir ihr gern angedeihen ließen; und drei Landvögel umflatterten uns an verschiedenen Tagen. Nirgends ist mir der atlantische Ocean breit vorgekommen; ich habe mich immer auf einer vielbefahrenen Straße gefühlt, deren Ufer ich nicht zu sehen brauchte, um sie gleichsam zu spüren. Fast zu enge vünkten mir hingegen die bisher befahrenen Meere zu sein, deren Küstenfeuer man bei Nacht, wie die Laternen in einer Stadt, selten aus den Augen verliert, und wo man andere Schiffe nmznsegeln, oder selbst umgesegelt zu werden befürchten muß. Das große, das ehrfurchtgebietende Schauspiel bot uns der Himmel in seinen Veränderungen dar. Hinter uns senkte sich der Polarstern ; und der große Bär, noch beim Homer iü--k«^o7o, untheil- haftig der Salzfluth, tauchte seine Sterne nach einander ins Meer; vor uns aber erhob sich der Vater des Lichtes und des Lebens. Am 13. Oktober und den folgenden Tagen hatten wir in 39" 27" N. B. fast fünf Tage lang vollkommene Windstille. Das Meer ebnete sich zu einem glatten Spiegel, schlaff hingen die Segel von den Raaen und keine Bewegung war zu spüren. Merkwürdig, daß auch dann Strömungen des Wassers unmerklich mit dem Schiffe spielten, das seine Richtung gegen die Sonne veränderte, so daß man auf dem Verdecke seinen eigenen Schlagschatten zu seinen Füßen kreisen und bald zu der einen, bald zu der andern Seite des Körpers fallen sah. So auch veränderte ein ausgesetztes Boot seine Lage gegen daS Schiff und ward bald ihm näher gebracht, bald weiter von ihm entführt. Soll meine Phantasie ein Bild erschaffen, gräßlicher als der Sturm, der Schiffbruch, der Brand eines Schiffes zur See: so bannt sie auf hoher See ein Schiff in eine Windstille, die keine Hoffnung, daß sie aufhören werde, zuläßt. — Die Windstille übrigens ruft zu einer neuen Thätigkeit den Naturforscher auf, der bei günstigem Winde müßig, den Blick nur vorwärts gerichtet, von der Küste träumt, auf welcher er zunächst landen soll. Die Sonne lockt die niedern Thiere des Meeres an die Oberfläche des Wassers, und er kann dieser reizendsten Räthsel der Natur leicht habhaft werden. Wir konnten sonst nur bei einem 3* 36 Laufe von höchstens zwei Knoten (d. i. zwei Meilen die Stunde) mit dem Koscher von Flaggentuch an einer Stange befestigt, vom Verdecke des Schiffes ähnliche Thiere zu fischen hoffen. Hier beschäftigten mich und Eschscholtz besonders die Salpen, und hier war es, wo wir an diesen durchsichtigen Weichthieren des hohen Meeres die uns wichtig diinkende Entdeckung machten, daß bei denselben eine und dieselbe Art sich in abwechselnden Generationen unter zwei sehr wesentlich verschiedenen Formen darstellt; daß nämlich eine einzeln freischwimmende Salpa anders gestaltete, fast polypenartig aneinander gekettete Jungen lebendig gebiert, deren jedes in der zusammen ausgewachsene» Republik wiederum einzeln freischwimmende Thiere zur Welt setzt, in denen die Form der vorvorigen Generation wiederkehrt. Es ist, als gebäre die Raupe den Schmetterling und der Schmetterling hinwiederum die Raupe.*) Ich habe mit meinem treuen Eschscholtz immer gemeinsam stu- dirt, beobachtet und gesammelt. Wir haben in vollkommener Eintracht nie das Mein und Dein gekannt; es mochte sich Einer nur an der eigenen Entdeckung freuen, wann er den Andern zum Zeugen, zum Theilnehmer gerufen hatte. — Warum muß ich's sagen? mit dem Lieutenant Wormskiold war es nicht so. Er hatte eine eifersüchtelnde Nebenbuhlerschaft, die leider unter den Gelehrten nicht unerhört ist, dem Verhältnis das ich ihm angebotcn hatte und das ich mit Eschscholtz eingegangen war, vorgezogen. Daß er mich für einen Naturphilosophen hielt, die bei ihm nicht gut angeschrieben waren, mochte ihn von mir entfernt haben; er mochte auch glauben, zu sehr im Vortheil zu sein, um sich nicht aus einer Gemeinschaft zurück zu ziehen, worin er mehr cingebracht als eingeerntet hätte. Ich lächle jetzt über den tiefen Kummer, über die Verzweiflung, in die ich darüber gerieth und wovon die Briefe zeugen, die ich aus Teneriffa, Brasilien und Chile schrieb. Ich bot Alles auf, mich nseanL. Vasv. I. cko 8alxa. Uvrol. ISIS. 4. Erläuterungen zu dieser Schrift in Oken's Isis 1819. I?as6. II., Iklignos vsrmes vontinsns. Gemeinschaftlich mit C. G. Eisenhardt in Nova aeta meä. Xcaäomjaö 6. I.. 0. Xatnrne onrio- sornna X. 1821. 37 selbst und Anders zu überzeugen,' daß ich bei dem, was ich für ein Mißverhältniß erkannte, außer aller Schuld sei. Jetzt kmn ich, ein alter Manu, nach abgekühlter Leidenschaft und wiederholt eingesehenen Akten, Richter sein über mich selbst und sprechen: ich war wirklich außer Schuld. Es tröstete mich in der Folge noch nicht, daß nicht sowohl mit mir, als mit dem Maler Choris Wormskiold in Miß- Helligkeiten lebte, wie sie leicht das Seeleben veranlassen kann und die sich nur nach dem Charakter und der Eigenthümlichkeit der Menschen gestalten. Ich erinnere mich, daß in Sicht des Staatenlandes ich hinüber zu den traurigen, nackten Felsen schaute und fast begehren mochte, das; mich vom Schiffe ans das kleine Boot nach jener winterlichen Oede hinüber trage und dort aussetze, mich von der marternden Gegenwart zu befreien. UebrigenS hatte der Lieutenant Wormskiold in Plymouth geäußert, er würde vielleicht schon in Teneriffa die Expedition verlassen. Auf der Ueberfahrt von Teneriffa nach S>a Catharina erklärte er, in Brasilien sein Schicksal von dem unsrigen trennen zu wollen. Daselbst angelangt, — das Land kühlt die zur See erhitzte Galle ab, — rieth ich ihm freundschaftlich, dieses reichste Feld der Forschung zu seiner Ernte zu erwählen, und stellte, um ihm die Ausführung zu erleichtern, meine Baarschaft zu seiner Verfügung. Er war nun anderen Sinnes. Er wollte in Chile bleiben; aber dem widersetzte sich die Lichtscheue der Spanier und stellte seinem Entschlüsse unüberwindliche Hindernisse entgegen. Er trennte sich erst in Kamtschatka von uns. Diese Zeilen sind mir zu schreiben so schwer wie eine Beichte aufs Herz gefallen und ich werde auf den Gegenstand nicht wieder zurückkommen, den ich einmal nicht unerwähnt lassen konnte. Es ist etwas gar Eigenthümliches um das Leben auf einem Schiffe. Habt ihr bei Jean Paul die Biographie der mit dem Rücken aneinander gewachsenen Zwillingsbrüder gelesen? Das ist etwas Aehn- liches, nicht Gleiches. — DaS äußere Leben ist einförmig und leer, wie die Spiegelfläche des Wassers und die Bläue des Himmels, die darüber ruht; keine Geschichte, kein Ereigniß, keine Zeitung; selbst die sich immer gleiche Mahlzeit, die zwei Mal wiederkehrend den 38 Tag eintheilt, kehrt mehr zum Verdruss- als zum Genüsse zurück. Es giebt kein Mittel sich abzusondern, kein Mittel einander zu vermeiden, kein Mittel einen Mißklang auszugleichen. Bietet uns einmal der Freund, anstatt des Gutcn-Morgens, den wir zu hören gewohnt sind, einen Guten-Tag, grübeln wir der Neuerung nach und bebrüten düster unser« Kummer; denn ihn darüber zur Rede zu setzen, ist auf dem Schiffe nicht Raum. Abwechselnd ergiebt sich Einer oder der Andere der Melancholie. Auch das Verhältniß zu dem Kapitain ist ein ganz besonderes, dem sich nichts aus dem festen Lande vergleichen läßt. Das russische Sprüchwort sagt: Gott ist hoch und der Kaiser ist fern. Unumschränkter als der Kaiser ist an seinem Bord der Mann, der immer gegenwärtige, an den man auch gleichsam mit dem Rücken angewachsen ist, dem man nicht aus- weichen, den man nicht vermeiden kann. Herr von Kotzebue war liebenswürdig und liebenswerth. Unter vielen Eigenschaften, die an ihm zu loben waren, stand oben an seine gewissenhafte Rechtlichkeit. Aber die zu seinem Hcrrschcramte erforderliche Kraft mußte er sich mit dem Kopfe machen; er hatte keine Charakterstärke; und auch er hatte seine Stimmungen. Er litt an Unterleibsbeschwerden, und wir spürten ungesagt auf dem Schiffe, wie es um seine Verdauung stand. Bei dem gerügten Mangel, besonders in der späteren Zeit der Reise, wo seine Kränklichkeit zunahm, mochte er leicht von dem, der ohne Arg grade vor sich schritt und fest auftrat, sich gefährdet glauben. Aus der Fahrt durch den atlantischen Ocean hatte er die Vorurtheile abgcstreift, die er gegen mich gefaßt haben mochte, und ich kam für seinen Günstling zu gelten. Ich hing ihm aber auch an mit fast schwärmerischer Liebe. — Später wandte er sich von mir ab und auf mir lastete seine Ungnade. Ich hatte mit Hülfe von Login Andrewitsch Russisch zu lernen angefangen; erst lässig unter dem schönen Himmel der Wendekreise, dann mit ernsterem Fleiße, als wir dem Norden zusteuerten. Ich hatte cs so weit gebracht, mehrere Kapitel im Sarytschcff zu lesen, aber ich ließ mit gutem Bedacht von dem Beginnen ab und lernte mich glücklich schätzen, daß die Sprache eine Art Schranke sei, die zwischen mir und der nächsten Umgebung sich zog. Ich habe auch 39 nicht leicht etwas so schnell und vollständig verlernt, als mein Russisch. Es hat ganze Zeiten gegeben, wo ich während des Essens (ich nahm zufälliger Weise bei Tafel den mittleren Sitz ein) stumm und starr, den Blick fest auf mein Spiegelbild geheftet, gehüllt in meine Sprachunwissenheit, die Brocken in mich hineinwürgte, allein wie im Mutterleib. Ich kehre zu dem Zeitpunkt zurück, von welchem ich abgeschweift. Wir steuerten bei schwachen wechselnden Winden langsam der Mittagssonne zu, und wiederkehrende Windstillen verzögerten noch unsere Fahrt. Mit den Gestirnen des nächtlichen Himmels hatte sich das Klima verändert, und Bewußtsein des Daseins gab uns nicht mehr, wie in unserm Norden, physischer Schmerz, sondern Athmen war zum Genüsse geworden. In tieferem Blau prangten Meer und Himmel, ein helleres Licht umfloß uns; wir genossen einer gleichmäßigen, wohlthätigen Wärme. Auf dem Verdeck, angeweht von der Seeluft, wird die Hitze nie lästig, die wohl in der verschlossenen Kajüte drückend werden kann. Wir hatten die Kleider abgelegt, die daheim, wenn einmal der Sommer schöne, warme Tage hat, uns unleidlicher werden, als selbst die feindliche Kälte der Winterluft. Eine leichte Jacke nebst Pantalons, ein Strohhut auf dem Kopfe, leichte Schuhe an den Füßen, keine Strümpfe, keine Halsbinde: das ist allgemein die angemessene Tracht, worin in der hxißcn Zone alle Europäer die Wohlthaten des Himmels entgegen nehmen; nur die Engländer nicht, denen überall die Londoner Sitte als erstes Naturgesetz gilt. Während der Mittagshitze ward ein Zelt ausgespannt, und wir schliefen die Nacht unter dem freien Himmel auf dem Verdeck. Nichts ist der Schönheit solcher Nächte zu vergleichen, wenn, leise geschaukelt und von dem Zuge des Windes gekühlt, man durch das schwankende Tauwerk zu dem lichtfunkelnden gestirnten Himmel hinauf schaut. Später ward uns Passagieren dieser Genuß entzogen, indem den Steuerleuten verboten ward, uns das zur Einrichtung unsers Lagers erforderliche alte Segeltuch verabfolgen zu lasten. Ich werde zu den Schönheiten dieses Himmels ein Schauspiel rechnen, welches man wenigstens in der wärmeren Zone, wo man 40 mehr im Freien lebt, unausgesetzter zu betrachten aufgefordert wird und welches sich auch da in reicherer Pracht zu entfalten pflegt. Ich meine das Leuchten des Meeres. Dieses Phänomen verliert nie seinen anziehenden Reiz, und nach dreijähriger Fahrt blickt man in die leuchtende Furche des Kieles mit gleicher Lust wie am ersten Tage. Das gewöhnliche Mecrleuchten, wie von Alexander v. Humboldt (Reise Bd. I.) und von mir beobachtet, rührt bekanntlich von Punkten her, die im Wasser erst Lurch Anstoß oder Erschütterung leuchtend werden und aus organischen unbelebten Stoffen zu bestehen scheinen. Das Schiff, das die Fluth durchfurcht, entzündet um sich her unter dem Wasser diesen Lichtstaub, der sonst die Wellen nur dann zu erhellen Pflegt, wenn sie sich schäumend überschlagen. Außer diesem Lichtschauspiele hatten wir hier noch ein anderes. Erschien im Wasser gleichsam von einem sich in einiger Tiefe entzündenden Lichte zu blitzen, und dieser Schein hatte manchmal einige Dauer. Es schien uns dieses Leuchten von Thieren (Quallen) herzurühren, bei denen eine organische Lichtentwickelung sich annehmen läßt. Wir hatten am 23. Oktober Windstille im 30° 36' N. B. 15° 20' W. 8. (über 300 Meilen fern von der afrikanischen Küste). Die Trümmer eines Heuschrecken-Zuges bedeckten das Meer um uns her.*) Drei Tage lang begleiteten uns diese Trümmer. Wir hatten am 25. Mittags Ansicht der Salvages, kreuzten den 26. in ihrer Nähe und sahen am 27. den Pic de Teyde in einer Entfernung von beiläufig 100 Meilen schon unter einem sehr hohen Winkel sich uns enthüllen. Der Wind erhob sich während der Nacht und führte uns unserm Ziele zu. Ich hatte mir während dieser Fahrt den Schnurrbart wachsen lassen, wie ich ihn früher in Berlin getragen. Wie wir uns dein Landungsplatz« näherten, ersuchte mich der Kapitain ihn abzuschneiden. Ich mußte das Opfer bringen und Haare lassen. Am 28. Mittags um 11 Uhr ließen wir auf der Rhede von Santa Cruz die Anker fallen. 41 Der Zweck, wofür in Teneriffa angelegt wurde, war, Erfrischungen und hauptsächlich Wein an Bord zu nehmen, da wir bis jetzt nur Wasser getrunken hatten. Zu dem Geschäfte sollten drei Tage hinreichen, und es ward uns freigestellt, diese auf eine Exkursion ins Innere der Insel zu verwenden. Bo» Gelehrten besucht und beschrieben worden ist Teneriffa, wie kein anderer Punkt der Welt. Alexander von Humboldt ist auf dieser Insel gewesen, und Leopold von Buch und Christian Smith, die nicht mehr hier anzutreffen uns schmerzlich war, hatten eben bei einem verlängerten Aufenthalte die ganze Kette der Canarischen Inseln zum Gegenstände ihrer Untersuchungen gemacht. Wir hatten nur an uns selber Erfahrungen zu machen und unser» durstenden Blick an den Lebensformen der tropischen Natur zu weiden. Man möchte erwarten, daß auf Reisende, die aus einer nordischen Natur unmittelbar in eine südliche versetzt werden, der unvermittelte Gegensatz mit gleichsam märchenhaftem Reiz einwirken müsse. Dem ist aber nicht also. Die Reihe der im Norden empfangenen Eindrücke liegt völlig abgeschlossen hinter uns; eine neue Reihe anderer Eindrücke beginnt, die von jener ganz abgesondert, durch nichts mit ihr in Verbindung gesetzt wird. Die Zwischenglieder, welche beide Endglieder zu einer Kette, beide Gruppen zu einen: Bilde vereinigen würden, fehlen eben zu einem Gesammteindruck. — Wenn wir nach unfern: Winter die Bäume langsam zögernd knospen gesehen, und sie auf einmal nach einem warmen Regen Blüthen entfalten und Blätter, und der Frühling erscheint in seiner Pracht, — dann schwelgen wir in dem Märchen, das die Natur uns erzählt. Wenn wir in unfern Alpen von der Region der Saaten durch die der Laub- und Nadelwälder und die der Triften zu den Schneegipfeln hinan, und von diesen wieder::»: in die fruchtbaren Thäler herabsteigen, haben die Verwandlungen, die wir schauen, für unS einen Reiz, dessen der Gegensatz der verschiedenen Naturen entbehrt, welchen uns das Schiff entgegenführt. Aber die Veränderung des gestirnten Himmels und der Temperatur während der Fahrt schließt sich jenen Beispielen an. Ich füge erläuternd eine andere Beobach- 42 tung hinzu: Wir können auf einem hohen Standpunkt schwindlich werden, wenn unser Blick an der Mauer deS Thurmes oder an Zwischengegenständen in die Tiefe nnter uns hinabgeleitet; der Luft schiffcr aber mag ans die Erde unterwärts blicken, er ist dem Schwindel nicht ausgesetzt. Aus den Gärten der kleinen Stadt Santa Cruz erheben nur ein paar Dattelpalmen ihre Häupter, und wenige Bananenstauden ihre breiten Blätter über die weißgetünchten Mauern. Die Gegend ist öde, die hohen zackigen Felsen der Küste nach Osten zu sind nackt und nur spärlich mit der gigantischen, blassen, cactusartigen kanarischen Wolfsmilch besetzt. Auf ihren Gipfeln ruhten die Wolken. Man sah auf dem Wege von Laguna her etliche Dromedare herab treiben. Ich hatte die erste Gelegenheit benutzt, ans Land zu fahren Der gelehrte Mineralog Escolar, dessen Bekanntschaft ich machte, übernahm es lieb- und hilfreich, mir einen Führer für den andern Morgen zu besorgen. Den 29. Oktober früh trat ich mit Eschscholtz die Wanderung an. Wir wollten den gebahnten Weg nach Laguna vermeiden; Sennor Nicolas, unser Bote, führte uns irr in den östlichen, felsigen, öden Thälern. Um wenige zerstreut liegende Ansiedelungen sah man den Drachenbaum und die amerikanische ^.Aavs und Oaetns Opuntia. — Die mehrsten bezeichnenden Formen der tropischen Natur waren dem Menschen hörige, ausländische Gewächse. Wir kamen nach 3 Uhr zu Laguna an. Es begann zu regnen. Wir speisten Weintrauben und besuchten den gelehrten Or. Savignon, der uns ein Empfehlungsschreiben an Herrn Cologan in Oratava gab: ijuiereucko privar a In LLLa äk OotvALu entblößt war, ausreichen sollte. Krusenstern, an dessen Bord Otto von Kotzebue sich befand, war vor zwölf Jahren zu derselben Jahreszeit mit der Nadeshda und der Newa in diesem selben Hafen gewesen, hatte ungefähr an derselben Stelle vor Anker gelegen und sein Observatorium auf der ^ kleinen Insel Atomery gehabt, auf welcher das Fort Santa Cruz liegt. Damals hatte ein geborener Preuße, Namens Adolph, wohnhaft zu San Miguel, vier bis fünf Meilen von unserm Zelt, Kru- fenstern und seine Offiziere auf das gastlichste empfangen und mit ihnen auf das freundschaftlichste gelebt. Otto Astawitsch erinnerte sich liebevoll des Gastfreundes; er erkundigte sich nach ihm; es wurde ihm berichtet, daß jener gestorben sei, daß aber die Witwe noch lebe; und er beschloß, die wohlbekannte, freundliche Frau zu besuchen; wir wallfahrteten nach San Miguel. — Diese Witwe war SS nicht die Frau, die Otto Astawitsch gekannt hatte, sondern eine junge Frau, die Adolph, bald nach dem Tode der ersten, in zweiter Ehe geheirathet hatte. Sie beherbergte einen Landsmann und Freund in dem neu ausgesuchten Hause. Damals hatten die russischen Offiziere ihre Namen an die gastliche Wand eingeschrieben: geglättet und übertüncht waren die Wände; der Fleck, wo jene Namen gestanden, war nicht mehr zu ermitteln, keiner wusste davon, und das Andenken des erst im vorigen Jahre gestorbenen Adolph's schien, sowohl als das der Russen, gänzlich ausgegangen. Wir wurden ans solchen Exkursionen von den Landbewohnern, bei welchen wir ansprachen, oder die uns selber zuvorkommend in ihre Häuser zogen, mit Fruchten bewirthet, und es ward unS, was der Vorrath erlaubte, angeboten; wenn wir aber für das Genossene Bezahlung anboten, verstand man uns nicht. Die Uebervölkernng hat der natürlichen Gastfreundschaft noch nicht Einhalt gethan. Wir fanden hier den Sklavenhandel noch im Flor. Das Gouvernement Santa Catharina bedurfte allein jährlich fünf bis sieben Schiffsladungen Neger, jede zu hundert gerechnet, um die zu ersetzen, die auf den Pflanzungen ausstarben. Die Portugiesen führten solche aus ihren Niederlassungen in Congo und Mosambigue selber ein. Der Preis eines Mannes in den besten Jahren betrug 2- bis 300 Piaster. Ein Weib war viel geringeren Werthes. Die ganze Kraft eines Menschen schnell zu verbrauchen und ihn durch neuen Ankauf zu ersetzen, schien vortheilhafter zu sein, als selbst Sklaven in seinem Hause zu erziehe». — Mögen euch ungewohnt diese schlichten Worte eines Pflanzers der neuen Welt ins Ohr schallen. — Der Anblick dieser Sklaven in den Mühlen, wo sie den Reis in hölzernen Mörsern mit schweren Stampfkolben von seiner Hülse befreien, indem sie den Takt zu der Arbeit auf eine eigenthümliche Weise ächzen, ist peinvoll und niedcrbeugend. Solche Dienste verrichten in Europa Wind, Wasser und Dampf. Und schon stand zu Krusenstern's Zeit eine Wassermühle im Dorfe San Miguel. Die im Hause der Herren und die in ärmeren Familien überhaupt gehalten werden, wachsen natürlich dem Menschen näher als die, deren Kraft bloS maschinenmäßig in Anspruch genommen wird. Wir waren übrigens 56 nie Zeugen grausamer Mißhandlungen derselben. Das Weihnachtsfest schien, wie überall das Fest der Kinder, auch hier das Fest der Schwarzen zu sein. Sie zogen truppenweise phantastisch ausstaffirt von Haus zu Haus durch die Gegend, und spielten und sangen und tanzten um geringe Gaben, ausgelassener Fröhlichkeit hingegeben. Um Weihnachten diese grüne Palmen- und Orangenwelt! Ueberall im Freien Paniere und Fackeln, Gesang und Tanz und das freudige Stampfen des Fandango. — In den letzten Tagen hatten die Genossen Bekanntschaften angeknüpft, bei denen sie das Fest feiern mochten; — ich war an diesen: Abend so für mich allein! Man findet überall bekannte Spuren. In der Stadt lebte ein Schneider, der aus meiner Provinz, gleichsam aus meiner Vaterstadt, aus Chalons sur Marne gebürtig war. Mein Name mußte ihm geläufig sein. — Er hat mich aufgesucht; ich weiß aber nicht, wie es sich traf, ich habe ihn nicht gesehen. Folgende Notiz möge hier noch Platz finden. Der Name Ar- ma^aö bezeichnet die königlichen Fischereien, die den Wallfischfang ausüben und deren cs vier in diesem Gouvernement giebt. Der Fang geschieht in den Wintcrmonatcn vor dem Eingänge des Kanals. Es gehen blos offene, gezimmerte Boote aus, die mit sechs Ruderern, einem Steuermann und einem Harpunier bemannt sind; der erlegte Fisch wird ans Land gezogen und da zerschnitten. Jede Armadas soll deren in jedem Winter nah an hundert einbringen, und man versicherte uns, die Zahl könne viel höher «»wachsen, wenn die Auszahlung der Gehalte, die um drei Jahre verspätet war, pünktlicher geschähe. Nördlicher gelegene Gouvernements haben an dem Wallfischfange auch Theil. Man soll den Fischen schon unter dem zwölften Grad südlicher Breite begegnen — Es ist vermuthlich der Pottfisch (?k)-setei'), dem unter so heißer Sonne an den Küsten Brasiliens nachgestellt wird. Ich finde in einem Briefe, den ich aus Brasilien nach Berlin schrieb, eine Entdeckung verzeichnet, die kaum in eine Reisebeschrci- bung gehören mag, die ich jedoch hier cinbuchen will, weil es mir neckisch vorkommt, daß gerade ein geborener Franzose um die Welt reisen mußte, um sie fernher den Deutschen zu verkünden. Ich habe nämlich auf der Fahrt nach Brasilien in der Braut von Korinth, einem der vollendetsten Gedichte Goethe's, einem der Juwelen der deutschen und europäischen Literatur, entdeckt, daß der vierte Vers der vierten Strophe einen Fuß zu viel hat! „Daß er angelleidet sich aufs Bette legt." Ich habe seither keinen Deutschen, weder Dichter noch Kritiker, angetroffen, der selbst die Entdeckung gemacht hätte; ich habe Kommentare über die Braut von Korinth, vergötternde und schimpfende, gelesen und darin keine Bemerkung über den angeführten überzähligen Fuß gefunden. — Die Deutschen geben sich oft so viel Mühe, von Dingen zu reden, die sie sich zu studiren so wenig Mühe geben! — Ich halte die Entdeckung noch für neu. Am 26. Dezember 1815 wurden die Instrumente an Bord gebracht, und wir selbst schifften uns ein. Stürmisches Wetter hielt uns am 27. noch im Hafen, den wir erst den dritten Tag verließen. Fahrt von Brasilien nach Chile. Aufenthalt in Talcaguano. Wir gingen am 28. Dezember 1815 früh um 5 Uhr mit schwachem Winde unter Segel- Beim Auslaufen aus dem Kanal zeigte sich, wie am 7. Dezember vor dem Einlaufen in denselben, jedoch minder auffallend, das Wasser von der mikroskopischen Alge getrübt, und der kleine rothe Krebs zeigte sich auch darin. Der Wind erhob sich während der Nacht, und wir hatten am Morgen das Land aus dem Gesichte verloren. Schiffe, die das Cap Horn umfahren, pflegen in diesen Breiten einen S. S. W. Cvurs zu halten und der amerikanischen Küste in einer Entfernung von 5 bis 6 Grad zu folgen. Sie steuern zwischen dem festen Land und den Falklandsinseln, ohne Land zu sehen; der Strom treibt den Inseln zu; das Meer ist dort ohne Tiefe, das Loth findet den Grund mit 60 bis 70 Faden aus grauem Sande. Südlicher halten sie mehr ostwärts, um das Cap San Juan, die Ostspitze vom Staatenland, den einzigen Punkt des Landes, den sie zu sehen begehren, zu umfahren. Sie hoffen auf der Fahrt längs der Küste auf günstige Nordwinde; in südlicheren Breiten stellen sich meist westliche Winde und Stürme ein. Wie zwischen den Wendekreisen die Ostwinde beständig sind, sind in der Region der wechselnden Winde gegen die Pole zu die Westwinde entschieden vorherrschend. Gegen diese ankämpfend suchen die Schiffe eine höhere Breite (bis zu dem 60. Grad) zu gewinnen, um von da, nachdem sie die Mittagslinie des Cap Horn durchkreuzt, wieder nordwärts zu steuern. Sticht beispiellos ist es, daß Schiffe, die lange 59 und erfolglos gegen die Weststürine gerungen, die Hoffnung, das Cap Horn zu umfahren, anfgebend, den westlichen Cours gegen den östlichen vertauschen und um das Vorgebirge der guten Hoffnung in den großen Ocean eingehen. Der beschriebene Cours war auch der unsrige, nur daß -der Kapitain beschloß, beim Umfahren des Cap Horn westlicher zu steuern, und nicht ungezwungen höhere Breiten zu suchen. Und dennoch — ich war zu der Zeit berechtigt vorauszusetzen, daß der Zweck unserer Reise uns eine lange Zeit im nördlichen Eismeer beschäftigen würde, und es wollte mich Ledünkeu, Laß das südliche Eis, der südliche Polargletscher, dem unser Cours uns zur Zeit so nahe brachte, uns einen lehrreichen VergleichungSpunkt bei den Untersuchungen, die uns bald beschäftigen sollten, darbieten und wohl geeignet sein könne, unsere Neugierde anzuziehen. Herr von Kotze- bue ging in diese Idee nicht ein, die ich seinem Urtheile zu unterwerfen mich vermaß. — Erst zwei Jahre später machte der William, Kapitain Smith, die Entdeckung des New South Shetland, welche, wenn der Kapitain meine Ansicht getheilt hätte, ihm vielleicht zu Theil geworden wäre. Wir sahen am Morgen deS 19. Januar 1816 das Cap San Juan und umschifften dasselbe in der folgenden Nacht. Wir durchkreuzten den 22. die Mittagslinie des Cap Horn in 57° 33' südlicher Breite, erreichten am 1. Februar die Breite des Cap Vittoria, hatten am 11. um 10 Uhr Abends bei Mondschein Ansicht vom Lande und liefen nach einer Fahrt von nur 46 Tagen am 12. in die Bucht von Concepcion ein. Ich hole mit kurzen Worten Einiges von den Begegnissen unserer Fahrt nach. Man habe Nachsicht mit mir. Wie in der Geschichte eines Gefangenen eine Fliege, eine Ameise, eine Spinne einen großen Raum einnehmen, so ist dem Seefahrer die Ansicht eines Blattes Tang, einer Schildkröte, eines Vogels eine gar wichtige Begebenheit. Wir hatten in Brasilien etliche Vögel (junge Uamxlmstos) und einen Affen (Simia caMe-ina) an Bord genommen. Die Vögel starben beim ersten Windstoß, der uns auf hoher See empfing; der 60 Affe blieb bis Kamtschatka der unterhaltendste Gesell unserer Genossenschaft. Wir sahen am 30. Dezember ein Schiff, das vermuthlich nach Buenos Ayrcs bestimmt war, das einzige Segel, dessen Anblick uns auf dieser einsamen Fahrt erfreute. — Einige Seeschildkröten wurden an verschiedenen Tagen in einer Entfernung vom Lande von 300 Meilen und mehr beobachtet. Ich selber sah sie nicht. Der Nordwind verließ uns in der Breite beiläufig von 41", und die Kälte ward bei -I- 12 Gr. Reaumur unangenehm. Wir suchten unsere Winterkleider hervor, und die Kajüte ward geheizt. Wir waren am Cap Horn, wo das Minimum der Temperatur -I- 4 Gr. war, die Kälte gewohnt worden und unempfindlicher gegen sie. Südwinde brachten uns klares Wetter, Nordwinde Regen. Wir sahen die ersten Albatrosse in einer Breite von beiläufig 40 Grad; etwas südlicher stellten sich die gigantischen Tange des Südens ein: ibucus p^ritbrus und bl antartious, eine neue Art, die ich in Choris' Vo/SFS ab- gebildct und beschrieben habe. — Ich hatte die verschiedenen Formen dieser interessanten Gewächse in vielen Exemplaren gesammelt, und es war mir erlaubt worden, sie zum Trocknen im Mastkorbe auszu- stellen; später aber, als einmal das Schiff gereinigt ward, wurde mein kleiner Schatz ohne vorher gegangene Anzeige über Bord geworfen, und ich rettete nur ein Blatt von Rucus p)-ritorus, das ich zu andern Zwecken in Weingeist verwahrt hatte. Walisische, andere Säugethiere des Meeres, Delphine mit weißem Bauche (velpbinus ?eronü) wurden an verschiedenen Tagen gesehen. Am 10. Januar soll der Steuermann Chramtschenko auf seiner Morgenwacht ein Boot mit Menschen gegen die See ankämpfend gewahrt haben. An diesem selben Tage erhob sich aus S. W. der Sturm, der uns zwischen dem 46" und 47° S. B. fast unausgesetzt sechs Tage lang gefährdete. Nachmittags um 4 Uhr schlug auf daö Hintertheil des Schiffes eine Welle ein, die eine große Zerstörung anrichtcte und den Kapitain über Bord spülte, der zum Glücke noch im Tauwerk verwickelt über dem Abgrund schweben blieb und sich wieder auf das Verdeck schwang. Das Geländer war zerschmettert, selbst die stärksten Glieder der Brüstung zer- 61 splittert, und eine Kanone auf die andere Seite des Schiffes geworfen. Das Steuerruder war beschädigt, ein Hühnerkasten mit 40 Hühnern war über Bord geschleudert, und fast der Rest unsers Geflügels ertränkt. Das Wasser war in die Kajüte des Kapitains zu dem zerstörten Gehäuse hinein gedrungen; Chronometer und Instrumente waren zwar unbeschädigt geblieben, aber ein Theil des Zwiebacks, der im Raume unter der Kajüte verwahrt wurde, war durchnäßt und verdorben. Der Verlust der Hühner war ein sehr empfindlicher. Das Essen gewinnt auf einem Schiffe eine Wichtigkeit, von der man sich auf dem Lande nichts träumen läßt; es ist ja das einzige Ereigniß im täglichen Leben. Wir waren in der Hinsicht übel daran. Der Rurik war zu klein, um andere Thiere aufnehmen zu können, als etliche kleine Schweine, Schafe oder Ziegen und Geflügel. Unser Bcngalescr war, wie die Frau von Stael mit minderem Rechte von ihrem Koch behauptete, ein Mann ohne Phantasie; die Mahlzeit, die er uns am ersten Tage nach dem Auslaufen auftischte, wiederholte sich ohne Abwechslung die ganze Zeit der Ueberfahrt, nur daß die mitgenommenen frischen Lebensmittel bald auf die Hälfte redu- cirt, am Ende gänzlich wegblieben. Verbot man dem verrückten Kerle, ein Gericht, dessen man überdrüssig geworden, wieder aufzu- tragcn, so bat er mit Weinen um die Vergünstigung, es doch noch einmal machen zu dürfen. Die letzten der lebendig mitgenommenen Thiere werden in der Regel für den Nothfall aufgespart; und tritt dieser nicht ein, so geschieht es wohl, daß sie dem Menschen naher heranwachsen und wie Hunde als Haus- und Gesellschaftsthiere das Gastrecht erwerben. Wir hatten zu der Zeit noch an Bord ein Paar der aus Kronstadt mitgenommenen Schweine, von denen weiter unten die Rede sein wird. Wir hatten an einem dieser stürmischen Tage Hagel und Donner. Wir sahen außer Delphinen und Albatrossen auch eine Robbe, die äußerst schnell unter dem Wasser schwamm, sich in hohen Sprüngen über dasselbe erhob und, wie Delphine Pflegen, nach dem Vor- dertheile des Schiffes kam. Sie wurde mit der Harpune. getroffen, aber wir wurden ihrer nicht habhaft. Wir hatten in der Höhe der 62 Falklands-Jnseln sehr unbeständiges Wetter, Stürme und Windstille. Die Robbe ward noch einmal gesehen. Ein kleiner Falke kam an unfern Bord und ließ sich mit Händen greifen. Das Feuerland, das uns am 19. Januar im Angesichte lag, ist ein hohes Land, mit sehr zackigen, nackten Gipfeln. Zm westlicheren, innerlichen Theile lag stellenweise Schnee auf den Abhängen. Durch die Straße Le Maire vom Feuerlande getrennt, ist das Staatenland die östliche Verlängerung desselben. Es erhebt sich in ruhigeren Linien mit zwei Nebengipfelu zu dem höheren Pic des Innern, und das östliche Vorgebirge senkt sich mit sanfterem Abhange zum Meere herab. In der Nähe des Cap San Juan waren die Tange am häufigsten, und unter ihnen schwamm im Meer ein zweifelhaftes Wesen, Thier oder Pflanze, das unsere Neugierde reizte, ohne daß wir seiner habhaft werden konnten. Zahlreiche Albatrosse schwammen um das Schiff; es ward auf mehrere geschossen, aber das Blei drang durch den dichten Federpanzer nicht durch. Wir hatten beim Umschiffen des Cap Horn und in der Mittagslinie desselben Stürme aus S. W., die mehrere Tage anhielten und uns die höchsten Wellen brachten, die wir bis jetzt gesehen. Das Meer war ohne Phosphorescenz. Keine oder nur wenige Wallfische. Es wurde kein Polarlicht beobachtet. Reisende Pflegen am südlichen Himmel das Gestirn des Kreuzes mit den Versen Dante's Uur^ntoria I. 22. u. folg, zu begrüßen, welche jedoch, mystischeren Sinnes, schwerlich auf dasselbe zu deuten sind. Sie pflegen überhaupt den gestirnten Himmel jener Halbkugel an Glanz und Herrlichkeit weit über den nördlichen zu erheben. Ihn gesehen zu haben ist ein Vorzug, der ihnen vor Nichtgcreisten gesichert bleibt. Osagen, Botokuden, Eskimos und Chinesen bekommt man bequemer daheim zu sehen, als in der Fremde; alle Thiere der Welt, das Nashorn und die Giraffe, die Boa- und die Klapperschlange sind in Menagerien und Museen zur Schau ausgestellt, und Wallfische werden stromaufwärts der Neugierde unserer großen Städte zugeführt. Das Sternenkreuz des Südens kann man nur an Ort und Stelle in Augenschein nehmen. — Das Kreuz ist wahr- 63 lich ein schönes Gestirn und ein glänzender Zeiger an der südlichen Sternenuhr; ich kann aber in das überschwengliche Lob des südlichen Himmels nicht einstimmen; ich gebe dem heimischen den Vorzug. Habe ich vielleicht zu dem großen Bären und der Kassiopeia die Anhänglichkeit, die der Alpcnbewohner zu den Schneegipfeln hegt, die seinen Gesichtskreis beschränken? Als wir nach Norden steuerten, verschwand der Tang. Am 31. Januar 1816 ward in der Nähe des Cap Viktoria mein 34. Geburts- oder vielmehr Tanftag gefeiert. (Wann und ob ich überhaupt geboren bin, ist im Dokumente nicht verzeichnet; Zeugen sind nicht mehr zu beschaffen, und es streitet nur die Wahrscheinlichkeit dafür.) Ich hatte von Brasilien aus etliche Goldfrüchte aufgespart, und wie ich die bei der Gelegenheit vorbrachte, gab der Kapitain eine Flasche Portwein aus seinem eigenen Vorrath zum Besten. Wir hatten nordwärts längs der Westküste von Amerika in einer Entfernung von beiläufig 2 Grad segelnd schönes heiteres Wetter und Südwinde, wie solche hier in dieser Jahreszeit zu erwarten sind. Ich verweise, was den Anblick anbetrifft, den die Küste von Chile bei Concepcion gewährt, auf den Aufsatz, welchen man unter den Bemerkungen und Ansichten finden wird und der außerdem noch einige flüchtige Blicke und Notizen enthält. An Ort und Stelle geschriebene Blätter, die der Kapitain über jeden Landungsplatz, den wir eben verlassen, von mir begehrte und erhielt, liegen jenen Denkschriften zum Grunde. Den 12. Februar 1816 Mittags fuhren wir in die Bucht von Concepcion ein und waren gegen ungünstigen Wind lavirend um 3 Uhr in Ansicht von Talcaguano. Wir zeigten unsere Flagge und begehrten nach Seemannsbrauch einen Lootsen. Aber wir wurden nur von fern scheu und furchtsam rekognoscirt. Was man uns zuries, verstanden wir nicht, und wir konnten uns nicht verständlich machen. Die Nacht fiel ein, und wir warfen Anker. Wir wurden mit Tagesanbruch ein Boot gewahr, das uns beobachtete; es gelang uns endlich, dasselbe herbei zu locken. Unsere Flagge war hier unbekannt, und übergroß die Furcht vor Korsaren aus Buenos Ayres, 64 gegen die man sich nicht zu vertheidigcn gewußt hätte. Wir wurden nun nach dem Ankerplatz vor Talcaguano gelootset, und der Kapitain sandte sogleich den Lieutenant Sacharin und mich an den Kommandanten des Platzes ab. Ferdinand der Siebente war zur Zeit Herr über Chile. In den Machthabern und dem Militair, mit denen wir natürlicher Weise zunächst in Berührung kamen, trat mir Koblenz von 1792 entgegen, und das Buch meiner Kindheit lag offen und verständlich vor mir. Ich habe einen alten Offizier sich in der Begeisterung ungeheuchelter Loyalität vor dem Portrait des Königs, das der Gouverneur uns zeigte, anbetend auf die Erde niederwerfen sehen und mit Thränen der Rührung die Füße des Bildes küssen. Was in diesem vor vielen andern hieroglyphisch herausgehobenen Zuge sich ausdrückt, die Selbstverleugnung und die Aufopferung seiner selbst an eine Idee, sei diese auch nur ein Hirngespinnst, ist das Hohe und Schöne, was Zeiten politischer Parteiungen an dem Menschen zeigen. Aber die Kehrseite ist im Triumphe der Uebermuth, die Grausamkeit, die sich thierisch sättigende Rachsucht. Vas vistis! Hievon auch einen Zug Ich sah bei dem Balle, den uns der Gouverneur gab, seinen natürlichen Sohn, einen ungezogenen Knaben von dreizehn bis vierzehn Jahren, Damen, die, in die Mantilla gehüllt, sich nach Landessitte als Zuschauerinnen eingefuuden, mit Füßen treten und anspcien, weil solche Patriotinnen seien; und was der Knabe that, war in der Ordnung. Den nicht ausgewanderten, deportirten oder eingekerkerten Patrioten oder Verdächtigen und deren Familien wurden, wie rechtlosen Unterdrückten, alle Lasten, Lieferungen, Transporte, Einquartierungen aufgebürdet. Da galt die Formel: es sind Patrioten. Die letzten weltgeschichtlichen Ereignisse waren hier bekannt, und gegen uns ward die Ehre derselben ausschließlich den russischen Waffen zugemessen. Natürlich war es, die befreundete Flagge und den Kapitain, der sie führte, zu ehren; aber in ihren Ehrenbezeigungen wußten die Spanier weder Maaß noch Takt zu halten, und ich konnte nur mit Verwunderung die absonderliche Stellung 65 betrachte», in der sich die höchsten Autoritäten der Provinz vor dem jungen russischen Marine-Lieutenant darstellten. Der Kommandant von Talcaguano, der Obrist - Lieutenant Don Miguel de Rivas, kam sogleich an Bord des Rurik's und lud uns zum Abend in sein Haus ein. Auf den Eilboten, den er nach Con- eepcion geschickt hatte, erschien sogleich ein Adjutant deS Gouverneur- Intendanten, Don Miguel Maria de Utero, und am andern Morgen dieser selbst, dem Lieutenant von Kotzebue den ersten Besuch an seinem Bord abzustatten. Da wir einerseits die spanische Flagge und anderseits den Gouverneur salutirt hatten, war in Hinsicht der Schüsse, welche der Flagge gegolten, ein Mißverständnis; eingetreten, worüber unterhandelt wurde, und worin Spanien nachzugeben sich beeilte. Eine Ehrenwache von fünf Mann wurde dem Kapitain an Bord geschickt, mit einem Briefe, dessen Worte spanisch stolz-hochtrabend und dessen Sinn fast kriechend war. Vor das Haus, das dem Kapitain eingeräumt wurde, worin er sein Observatorium auf- schlug und mit mir allein von der Schiffsgesellschaft am 16. cinzog, ward ihm eine Ehrenschildwncht gegeben. Aber ich muß euch auch das Militair zeigen, von dem hier die Rede ist. Dazu wird anstatt einer Musterung vorläufig eine Anekdote hinreichcn. Der Kapitain hatte mit Geschick den Kommandanten und seine Offiziere an unsere wohlbcsetzte Tafel gewöhnt. Wir waren die Wirthe, sie unsere täglichen Gäste, von denen selten einer vergeblich ans sich warten ließ. Der Kommandant, Don Miguel de Rivas, deu wir nach einem Liede, das er zu singen pflegte, »nello kroncioso ä'un veräs prrxlo,^ schlechtweg Hi'ouäoso nannten, war nicht der Mann einer politischen Partei, sondern ein gar guter, freudiger Mann und mit Leib und Seele unser zugethaner Freund. Als er einmal nach aufgehobener Tafel Hand in Hand mit dem Kapitain ausgchen wollte, traf es sich, daß der Schildergast die Schwelle der Thür, vor welcher er stehen sollte, zur Lagerstelle, den Mittagsschlaf zu halten, bequem gefunden hatte. Wir frugen uns nun gespannt: was wird Frondoso thun? Frondoso trat an den behaglich Schlafenden heran, betrachtete ihn eine Weile behaglich lächelnd, schritt sodann behutsam und leise über ihn weg und bot '-ii. 5 66 dem Kapitain die Hand, ihm auf dieselbe Weise aus dem Hofe in di- Straße zu helfen, ohne daß der Kriegsmann in seiner Ruhe gestört werde. Es war mit Don Miguel de Rivas verabredet, am 19. nach Concepcion zu reiten, um dem Gouverneur einen Gegenbesuch zu machen. Dieser ließ aber den Kapitain ersuchen, bis zum 25. zu warten, damit er Anstalten treffen könne, ihn würdig zu empfangen. Der Vergleich wurde getroffen, daß wir ihn als Freunde am 19. besuchen und am 25. der Ehrenbezeigungen, die er dem russischen Ka- pitain zugedacht, gewärtig sein würden. Wir wurden indeß wiederholt bei Don Miguel de Rivas zu an- muthiger Abendgesellschaft und Ball eingeladen. Wir lernten in Concepcion die ersten Männer der Provinz kennen: den Bischof, an feiner Bildung und Gelehrsamkeit jedem Andern überlegen; Don Francisco de Rines, Gouverneur von Valdivia; Don Martin la Plaza de los Reyes mit seinen sieben reizenden Töchtern, und Andere. Ich suchte den würdigen alten Missionar Pater Alday auf, der mir viel und gern von den wohlredenden Araucanern erzählte und mich auf den hohen Genuß vorbereitete, der mir bevor stand, Molina's Civilgeschichte von Chile zu lesen. Ich glaube nicht, daß das Werk ins Deutsche übersetzt worden, und ist doch ein Buch wie Homer. Den Menschen stellt eS uns auf einem fast gleichen Standpunkte der Geschichte dar, und Thaten, würdig einer heroischen Zeit. Wir wurden am 25. bei unserm Einzuge mit sieben Kanonenschüssen salutirt. Ein Festmahl war uns beim Gouverneur bereitet, und Abends ein glänzender Ball: auf die Nacht waren wir, wie das erste Mal, ausquartiert, weil sl xalnolo, das vom Gouverneur bewohnte Haus, nicht eingerichtet sei, Fremde zu beherbergen. Der Tisch war reichlich besetzt, Gefrornes in Ueberfluß vorhanden. Der Bischof saß beim Gouverneur und Herrn von Kotzebue an der Ehrenstelle, und ein Geistlicher wartete ihm auf. Es wurden Toaste bei Kanonendonner und Trompetenschall ausgebracht; es wurden von manchen Verse improvisirt, wozu man sich durch Schlagen auf den Tisch und den Ruf Lomba! Gehör erbat. Ich kann von diesen Stegreifdichtungen eben Nicht sagen, daß sie sehr vorzüglich waren; nur der Bischof zeichnete sich aus mit einer wohlgelungenen Stanze, worin Alexander und Ferdinand, der Biobio und der Nationaldichter Ercilla volltönigen Klanges genannt wurden. Choris gab mir ein kleines Intermezzo zum Besten. Es fiel ihm ein, zu einer Speise, die ihm vorgesetzt worden, Essig, der nicht vorhanden war, zu begehren. Er konnte sich nicht verständlich machen. Ich war in der Nähe und mußte dolmetschen; aber das Wort war mir entfallen. Daß ^.oo^ts nicht Acetum, sondern Oel bedeutet, war mir gegenwärtig; ich suchte, fast zu gelehrt, aus Oxxs ein spanisches Wort zu bilden und verlor meine Muhe. Ich konnte die unglückselige Unterhandlung nicht abbrechen, neue Hülfstruppen rückten heran, ja es ward oben ruchtbar, daß bei den Gästen an jenem Flügel des Tisches ein Mangel gefühlt werde, den sie mit keinem Worte auszudrücken vermochten. Der Gouverneur stand auf, der Bischof stand auf, der Aufstand ward allgemein! — nun fiel nur erst daS näher liegende Wort Viuazrö ein; es ward nach Essig geschickt und der Fluß trat in sein Bett zurück. Als aber der Essig kam, hatte der Urheber des Lärmes die Speise, wozu er ihn begehrt, bereits verzehrt und weigerte sich ihn zu trinken. Am Abend versammelte sich zum Tanz die glänzendste Gesellschaft; die Damen, worunter viele von ausnehmender Schönheit, in Ueberzahl, Bewahrerinnen feinerer Sitte, sichtlich zu gefallen bemüht, aber auch durch Liebreiz gefallend. Der Kapitain lud den Gouverneur zu einer Gegenbewirthung ein und übertrug ihm, alle, die zu seiner Gesellschaft gehörten, gleichfalls einzuladen. Später ward zu unserm Feste der 3. März bestimmt. Am 27. Februar feierten die Spanier die Einnahme von Car- thagena. Am 29. starb an der Schwindsucht der einzige Matrose, der im Verlauf der Reise mit Tod abgegangen. Der Kapitain hätte gewünscht, ihn auf dem gemeinsamen Kirchhofe und mit kirchlichen Ehren beisetzen zu sehen. Er sprach davon mit unserm Freunde, dem Kommandanten, der aber zurücktrat und sagte: das seien Sachen der Geistlichkeit, in die er sich nicht zu mischen habe; was in seiner S* 68 Macht stände, militärische Ehrenbezeigungen stünden zu Befehl. Zum Glück beruhigte sich dabei der Kapitain, und ein Kommando Soldaten stellte sich zur bestimmten Stunde ein, der Bahre zu folgen. Es seinen wirklich gefährlich, solchem Gesindel Pulver anvertraut zu haben. Mancher schoß schon auf unseren Hofe seine Flinte ab, ohne sich vorzusehen, wohin. Sie folgten endlich dem Zuge unserer Matrosen, und der gute Wille der Autoritäten war bewiesen. Als am andern Tage die Niesern hingingen, daS auf dem Schiffe gezimmerte griechische Kreuz auf das Grab zu pflanzen, ergab cs sich, daß solches aufgewühlt worden, die Hobelspäne, die im Sarge gelegen, lagen zerstreut umher. Der Kapitain ließ die Sache auf sich beruhen. Ich erzählte es später einmal gesprächsweise dein Don Miguel de Rivas. Er entsetzte sich ob des Frevels und trat, sich bekreuzend, zwei Schritte zurück. Der dritte März kaue Hera», unsere Gäste stellten sich ein. Sie wurden abtheilungsweise auf nnsern Booten von unfern festlich geschmückten Matrosen nach dem Rnrik übergefahre», neu unser Schiff zu besichtigen. Ein Schuppen, angrenzend unseren Hause, war in eine Myrtenlaube nmgeschaffen und zu einem Tanzsaal eingerichtet, dessen Blumenpracht wohl Bewunderung iu Europa erregt haben würde. Er war mit Wachskerzen und nicht karg erleuchtet, und diese Erleuchtung war es, deren in Chile nie gesehene Pracht eine Bewunderung erregte, die nichts übertreffen kann, tüeru cls Lspana! eera clo Lspaieu! Der Ausruf übertönte Alles, und der Gouverneur, als wir Chile verließen, erbat sich noch von unseren Kapitain, nebst einigem russischen Sohlenleder, zehn Pfund Wachslichter (eoru äe ttspuim, spanisches Wachs) zum Geschenke. Choris hatte noch zu der Verherrlichung des Festes mit zwei Transparentgemälden beigesteuert. Verschlungene Hände und Namcnszüge der Monarchen nebst Lorbeerkronen, und ein Genius des Sieges oder des Ruhmes, der mit blauen Fittigen über der Weltkugel schwebte. Der unglückliche Einfall, die Erde vom Südpol aus gesehen darznstellen, hatte uns ein aufrecht stehendes Cap Horn zu Wege gebracht, das ich anzusehen mich geschämt hätte. — Die von den Nnterrichtetsten von unsern Gästen oft an uns gerichtete Frage: aus welchem Hafen wir ausge- 69 laufen, ob aus Moskau oder aus St. Petersburg? finde ich ganz natürlich; die: ob jene fliegende Figur den Kaiser Alexander vorstelle? ist schon um Vieles besser; aber die Krone verdient die, zu der eine schwarzbronzirte Büste des Grafen Romanzoff auf dem Rurik Veranlassung gab. Sie ist schon des Umstandes wegen auf- zeichnenswerth, daß sie nicht nur in Chile, sondern auch noch in Californien und zwar mit denselben Worten von einem dortigen Missionair gethan wurde, die Frage nämlich: „wie sieht er denn so schwarz aus! ist denn der Graf Romanzoff ein Neger?" Hof und Gärten waren reichlich mit Lampions erleuchtet, wozu eine Muschel, die hier gegessen wird, Liouetwloxas peruviana, gedient hatte. Ein Feuerwerk ward im Garten abgebrannt; die Tische waren in den etwas engen Räumen deS HauseS eingerichtet; das Sängerchor unserer Matrosen und die Artillerie deS Rurik's thaten ihre Dienste. Alle waren bei unserm Feste außerordentlich froh und wohl damit zufrieden; nur die Neugierigen nicht, mit denen sich draußen an den Thüren ein unangenehmer kleiner Krieg entspannen hatte. Am andern Morgen war auch von dem Gesindel der Schuppen halb abgedeckt, um nur da hinein zu sehen, wo der Ball gewesen war. Ich habe Loiwliolspas peruviana genannt. Ich habe diese Muschel während meines Aufenthaltes in Chile fast täglich gegessen, und sie hat mir sehr gut geschmeckt; als, Behufes der Erleuchtung, eine ganze Fuhre von den Schalen bei uns äbgcladen ward, habe ich mir ein paar Hände voll von den schönsten Exemplaren ausgesucht und von diesen auf dem Rurik den andern Neugierigen, denn jeder wollte auch sammeln, wohl die Hälfte vertheilt. Erst später — werft mir nicht den Stein, ihr Freunde, sondern merkt es euch und erwäget bescheidentlich, es würde auch euch auf einer solchen Reise, wenn nicht grade dasselbe, so doch gewiß Aehnlichcs begegnet sein; — erst später habe ich erfahren, daß zur Zeit das Thier der Ooneliolspas völlig unbekannt und der Gegenstand einer für die Naturgeschichte wichtigen Streitstage war, und daß die Muschel, in den Sammlungen noch sehr selten, in sehr hohem Preise stand. Es liegt mir übrigens sehr fern, bei solchen Dingen nach dem GeldeSwerth zu fragen; und da ich alles Naturhistorische, was ich gesammelt, den 70 Berliner Museen geschenkt habe, hätten auch diese und nicht ich den Vortheil davon gehabt. Unsere Gäste aus Concepcion brachten meist den andern Tag bei den Freunden zu, die ihnen ein Obdach gegeben, und Talcaguano, von jener festlichen Menge überfüllt, gewann ein ungemein belebtes Ansehn. Gruppen von Damen und Herren zogen umher, Musik erscholl aus allen Häusern, und am Abend ward in verschiedenen Zirkeln getanzt. Ich war spät mit dem Kapitain heimgekehrt; wir hatten uns beide zur Ruhe gelegt und schliefen schon, als Musik unter unfern Fenstern sich hören ließ, eine Guitarre, Stimmen. — Der Kapitain stand verdrießlich auf und suchte nach seinen Piastern, um die Ruhestörer befriedigt zu entfernen. Um Gottes willen, rief ich aus, der Sitte kundiger als er, das ist ein Ständchen! Es find vielleicht die vornehmsten ihrer Gäste; und aus dem Fenster spähend erkannte ich unter vier jungen Damen, die ein junger Mann beschützte, die zwei Töchter unseres Freundes Frondoso. Wir warfen uns in unsere Kleider, bald brannte Licht; wir nöthigten die Nachtwandlerinnen herein, und es ward gespielt, gesungen und getanzt bis später in die Nacht hinein, denn es war schon nicht mehr frühe. — Aber was tanzten die Fräulein von Rivas für einen Tanz?! O meine Freunde! kennt ihr die Fricassee? Nein, ihr kennt die Fricassee gewiß nicht; dazu seid ihr zu jung. Ich habe die Fricassse in den Jahren 1788—90 zu Boncourt in der Champagne als einen alten volksthümlichen Charaktertanz von alten Leuten tanzen sehen, die sie in ihrer Jugend von Anderen erlernt hatten, die damals auch schon alt waren. Ich bin seither noch nur einmal zu Genf flüchtig an die Fricassee erinnert worden, aber ich weiß sie von Boncourt her noch auswendig: zwei Kavaliere begegnen einander, begrüßen einander, sprechen mit einander, erhitzen sich gegen einander, ziehen gegen einander, erstechen einander, und das alles nach einer Melodie, die ich euch noch Vorsingen wollte/ wenn ich überhaupt singen könnte. — Was tanzten die Fräulein von Rivas Anderes, als eben die Fri- cassäe! — Es fand sich am andern Tage zum großen Schrecken des Kapitains, daß die Chronometer, die wir über die Fricassee vergessen, von der erlittenen Erschütterung ihren Gang merklich verändert hatten. 71 Ich schloß mich den nächtlichen Schwärmerinnen an, als sie das Observatorium verließen, und es ward noch lange durch Talcaguano'S Straßen umhergeschweist, kleine Neckereien zu verüben. Es wurde, wo junge Herren und Offiziere wohnten, ans Fenster geklopft, und eine der Freundinnen brach, mit der Stimme einer entzahnten Alten, in launenhaft eifersüchtig - zärtliche Vorwürfe gegen den Un- getreuen aus, und führte mit ausnehmendem Talente die ergötzlichsten Scenen auf. Die Männer in der Regel ließen sich nur brummend vernehmen, und wir fanden nirgends Aufnahme wie auf dem Observatorium. Wir schickten uns bereits zur Abfahrt an, als am 6. Schaffecha, der Leibmatrose des Kapitains, vermißt wurde. Dieses Deserteurs wegen wurde wiederum mit dem Gouverneur unterhandelt. Es war vorauszusetzen, daß, jetzt in irgend einem Schlupfwinkel verborgen, er nicht vor der Abfahrt des Rurik's zum Vorschein kommen werde. Ich entsetzte mich ordentlich, als ich schwarz auf weiß vom Gouverneur von Concepcio», Don Miguel Maria de Utero, die Versicherung in Händen hielt, der Ausgetretene solle, wo man seiner habhaft werden könne, festgenommen und zur Strafe nach St. Petersburg als Arrestant geschafft und ausgeliefert werden. Wohl mehr versprochen, als zu halten möglich war; aber welch' ein Versprechen! Soll ein Südasiat, ein mohamedanischer Tatar, vor der Ruthe seines nordeuropäischen, griechisch-katholischen Zwinghcrrn am Ende der Welt, auf der anderen, der westlichen, der südlichen Halbkugel nicht Sicherheit finden, und das römisch-katholische Spanien noch in der neuen Welt an der Grenze der freien Araucancr Scherge sein für den Russen!? Bei solchen Verhandlungen war ich mit dem Französischen, das mir geläufig war, und dem Spanischen, das ich erlernt hatte, um den Don Quixote in der Ursprache zu lesen, dem Kapitain, dem ich die Korrespondenz zu Danke führte, nützlich und bequem, und das war gut. Aber ich will die letzten Nachrichten, die unS von unserm Deserteur zugekommen, nicht unterschlagen. Bei der Heimkehr im Jahre 1818 erfuhr der Kapitain in London, daß sich Schaffecha selbst als ein reuiger Sünder vor die dortige russische Gesandtschaft 72 gestellt und um einen Paß nach Petersburg angehalten habe. Bei dem konservativen Gang der Geschäfte hatte der Paß nicht sogleich ausgefertigt werden können, und der Bittsteller war nicht wieder erschienen, die Sache zu betreibe». Könnte vielleicht die Geschichte einer Sau, die hier zu erzählen ich mich nicht erwehren kann, einen Novellisten reizen, sie ausgeschmückt in die für ein Taschenbuch schickliche Länge auszuspinnen? Sie kann nicht besser erfunden werden. Zu Kronstadt waren junge Schweine von einer sehr kleinen Art für den Tisch der Offiziere eingeschifft worden. Die Matrosen hatten denselben scherzweise ihre eigenen Namen gegeben. Nun traf das blinde Schicksal bald den Einen, bald den Andern, und wie die Gefährten des Odysseus, so sahen sich die Mannen im Bilde ihrer thicrischen Namensverwandten nach einander schlachten und verzehren. Nur ein Paar kamen über die afrikanischen Inseln und Brasilien, um das Cap Horn nach Chile, darunter aber die kleine Sau, die den Namen Schaffecha führte und bestimmt war, ihren Pathen am Bord des Rurik's zu überleben. Schaffecha, die Sau, die zu Talcaguano ans Land gesetzt worden war, ward wieder eingcschifft, durchschiffte mit uns Polynesien, kam nach Kamtschatka und warf dort in Asien ihre Erstlinge, die sie in Südamerika empfangen hatte. Die Jungen wurden gegessen; sie selbst schiffte mit uns weiter nach Norden. Sie erfreute sich zur Zeit des Gastrechtes, und es war nicht mehr daran zu denken, daß sie geschlachtet werden könne, es sei denn bei eintreteuder Hungersnoth, wo am Ende die Menschen auch einander aufessen. Aber unsere ehrgeizigen Matrosen, auf die Ehre eiueö Weltumseg- lers eifersüchtig, murrten bereits, daß ein Thier, daß eine Sau desselben Ruhmes und Namens, wie sie, theilhaft werden sollte, und das Mißvergnügen wuchs bedrohlicher mit der Zeit. So standen die Sachen, als der Rurik in den Hafen von San Francisco, Neu Californien, einlief. Hier wurden Ränke gegen Schaffecha, die Sau, geschmiedet; sie wurde augeklagt, den Hund des Kapitaius angefallen zu haben, und demnach »»gehört verurtheilt und geschlachtet. Sie, die alle fünf Welttheile gesehen, würbe in Nordamerika, mitten im waltenden Gottesfrieden des Hafens, 73 geschlachtet, ein Opfer der mißgünstigen Nebenbuhlerschaft der Menschen. Nachdem ich von den Schweinen in Beziehung auf Schaffecha berichtet, darf ich wohl die geringfügigem Angelegenheiten des Gelehrten vortragen. In Brasilien war eine Moos-Matratze von mir vom Regen durchnäßt worden und in Folge dessen dergestalt verstockt, daß sie nicht mehr zu brauchen war. Ich konnte von unfern Matrosen, die sich nur ihren Offizieren unterordneten und selbst oiesen nur ungern aufwarteten, indem sie nur freudig auf Wache zogen und den Seedienst verrichteten, keinerlei Hülfe erwarten. In Chile, wo ich dem Kapitain näher stand, klagte ich ihm, dem Patuschka, dem Hausväterchen, gelegentlich einmal die Noch, die ich mit meiner Matratze hatte, und er befahl seinem Schaffecha, dafür zu sorgen. Verschwunden war nun mit Schaffecha zugleich auch meine Matratze, von der ich nicht wieder sprechen hörte und nicht wieder zu sprechen begann. Der durch diesen Ausfall bewirkte leere Raum in meiner Koye ist das Einzige, was ich auf der ganzen Reise den Matrosen des Rurik's zu verdanken gehabt. In diesen letzten Tagen bekam auch unser verrückter Koch den Einfall, in Talcaguano bleiben zu wollen. Davon ihn abzubringen, hielt ihm unser Freund Don Miguel de Rivas mit spanischer Würdigkeit einen langen Sermon, worin er ihn bisteil (das übliche „Euer Gnaden") anredete und ihm sehr schöne Sachen zu hören gab, von denen der alberne Mensch kein Wort verstehen mochte; nichts desto weniger ließ er von seinem Vorsatz ab. Ich wünschte der Reihe chile'scher Bilder, die ich euch vorzuführen versucht habe, mit leichter Radirnadel noch ein paar Figuren hinzuzufügen. Die erste: Don Antonio, ein langer, hagerer, lebhafter Italiener, der, unser Lieferant, uns mit allen Bedürfnissen versorgte, geschickt und thätig sich überall zwischenschob, Pferde, und was wir begehren mochten, anschaffte, aber uns in Allem übermäßig betrog, indem er, uns sicher zu machen, unablässig über die Spanier schimpfte. Don Antonio's größter Kummer war, daß er nicht lesen und schrei- 74 ben konnte, was ihm allerdings bei seiner doppelten Buchhaltung hätte zu Statten kommen müssen. Die zweite: ein dürftiger Kerl, ich glaube ein Schenkwirth, bei dem die Matrosen einen Wein tranken, der in einen der Verrücktheit ähnlichen Zustand versetzte. Der Mann drängte sich an mich mit allerlei Gefälligkeiten und kleinen Geschenken. Spät und zögernd kam er mit seinem Anliegen hervor. Er war ein geborner Pole und hatte seine Muttersprache gänzlich vergessen. Er erwartete von mir, der ich ein Russe war, mit dem er sich auf Spanisch verständigen konnte, daß ich ihm doch sein vergessenes Polnisch wieder zu lehren die Gefälligkeit haben würde. Die größte Strafe, die ich am Bord deS Rurik's über Matrosen habe verhängen sehen, war, von der Hand beider Unteroffiziere mit Ruthen gestrichen zu werden. — Der Kapitain verhört, richtet und läßt in seinem Beisein die Exekution vornehmen, selbstständig und ohne Zuziehung seiner Offiziere. — Solche Exekutionen waren selten, und gewöhnlich, nachdem sie vorüber, zog sich der Kapitain in seine Kajüte zurück und bedurfte der Hülfe des Arztes. — Ich komme darauf, weil hier zu dem Behufs Ruthen geschnitten wurden, und zwar-Myrtenruthen. Wir nahmen an Bord, ich weiß nicht mehr ob als Geschenk des Gouverneurs, einigen Wein von Concepcion, der mit den süßen spanischen Weinen Aehnlichkeit hat. Unserm Vorrath war hier Abbruch geschehen, und der Ersatz war willkommen. Etliche Schafe wurden eiugeschifft. Alles war zur Abfahrt bereit. Wir stiegen zu Schiff, und ein kleiner häßlicher Hund, der sich an unS gewöhnt hatte und den Namen Valet führte oder erhielt, folgte uns. Bevor ich dieses Land verlasse, werde ich aus dem Briefe, den ich aus Talcaguano an den Freund in der Heimath schrieb, etliche Zeilen mittheilen, worin die Stimmung der flüchtigen Stunde ihr dauerhafteres Gepräge zurückgelassen hat. — ^ i' //01 tr-Ol Tlttrho Xl» Tlörr'ta 'Kckt „Das weißt du, und Berlin ist mir durch dich die Vaterstadt und der Nabelort meiner Welt, von dem aus ich zu meinem Cirkelgange ausgegangen, um dahin zurück zu kehren und 75 meine müden Knochen zu seiner Zeit, so Gott will, neben den deinen zur leichten Ruhe auszustrccken. Mein guter Eduard, es lebt sich auf so einer Reise eben wie zu Hause. Viele Langeweile während des Sturmes, wann der Mensch es vor lauter Schaukeln und Wiegen zu weiter nichts bringen kann, als zu schlafen, Durack (Oer- mnnis: Schafskopf) zu spielen und Anekdoten zu erzählen, worin ich allerdings noch einmal unerschöpflicher bin, als ich selbst glaubte. Sehr unglücklich und zerknirscht, wann man wieder in Reibung mit der Gemeinheit gerathen ist; froh, wann die Sonne scheint; hoffnungsvoll, wann man das Land sieht; und wann man darauf ist, wiederum gespannt es zu verlassen. Man sieht immer stier in die Zukunft hinein, die unablässig als Gegenwart über unser Haupt wegfliegt, und ist an den Wechsel der Naturscenen eben so gewöhnt, wie daheim an den Wechsel der Jahreszeiten. Der Polarstern (rä rav 7rv-.ov ist untergegangen, und das werden wir auch zu unserer Zeit thun; die Kälte kommt vom Süden und der Mittag liegt im Norden; man tanzt am Weihnachtsabend im Orangenhain u. s. w. Was heißt denn das mehr, als daß eure Dichter die Welt aus dem Halse der Flasche betrachten, in welcher sie eben eingeschlossen sind. Auch das haben wir los. Wahrlich ihr Süden und Norden und ihr ganzer naturphilosophisch-poctischer Kram nimmt sich da vortrefflich aus, wo einem das südliche Kreuz im Zeuith steht. Es giebt Zeiten, wo ich zu meinem armen Herzen sage: Du bist ein Narr, so müssig umherzuschweifen! Warum bliebest du nicht zu Hause und studirtest etwas Rechtes, da du doch die Wissenschaft zu lieben vorgiebst? — Und das auch ist eine Täuschung, denn ich athme doch durch alle Poren zu allen Momenten neue Erfahrungen ein; und von der Wissenschaft abgesehen, wir werden an meiner Reise Stoff auf lange Zeit zu sprechen haben, wenn schon die alten Anekdoten zu welken beginnen. Lebe wohl." — — Am 8. März 1816 gingen wir unter Segel, nachdem unser Freund Don Miguel de Rivas sich weinend unfern Umarmungen entwunden hatte. Von Chile nach Kamtschatka. Salas y Gomez. Die Osterinsel. Die zweifelhafte Insel. Romanzoff. Spiridoff. Die Rurikskette. Die Deans- kette. Die Krusensternsinseln. Die Penrhyninseln. Die nördlichsten Gruppen von Radack. Hier beginnt die Entdeckungsreise des Rurik's. — Wir fuhren am 8. März 1816 auS der Bucht von Concepcion aus, am 19. Juni in die Bucht von Awatscha ein, und hatten während drei Monaten und elf Tagen nur ein Mal die Anker auf kurze Momente vor der Osterinsel fallen lassen, nur zwei Mal, auf dieser und auf der Ro- manzoffsinsel, den Fuß fluchtig auf die Erde gesetzt, nur mit den Bewohnern der Osterinsel, der Penrhyninseln und den Radackern flüchtig verkehrt und nur die oben verzeichneten Landpunkte gesehen. Unsere Blicke hatten auf keinem europäischen Segel geruht; wir sahen erst am 18. Juni Abends, in Ansicht der Küste von Kamtschatka und im Begriff in die Bucht von Awatscha einzufahren, das erste Schiff, dessen Anblick uns mit den Menschen unserer Gesittung vereinigte. Spärlicher als im atlantischen Ocean sind die Fahrstraßen befahren, welche dieses weite Meerbecken durchkreuzen, und es begrenzt sie kein Ufer, woran der Seefahrer mit dein Gedanken lehnen könnte; aber der Flug der Seevögel und andere Zeichen lassen ihn oft Land, Inseln, die er nicht sieht und nicht sucht, ahnen, und noch findet er sich nicht in unbegrenztem Raume verloren. Schiffe begegnen in der Regel einander nur in der Nähe der Häfen, die ihnen zum Sammelplatz dienen, der Sandwichinseln u. a. Wir aber vermieden auf 77 dieser langen Fahrt alle Wege des Handels und suchten auf der verlorenen Spur älterer Seefahrer zweifelhafte Punkte der Hydrographie aufzuklärcn. Dieser Abschnitt unserer Reise, der, in Hinsicht der Leistungen des Herrn von Kotzebue einer der wichtigsten, in seiner Beschreibung ziemlich viel Raum einnimmt, wird hier auf wenige Blätter zusammen schwinden. Was ich über die Inseln, die wir gesehen, und die Menschen, mit denen wir verkehrt, zu sagen hatte, habe ich in meinen Bemerkungen und Ansichten gesagt, und habe namentlich dort in den Hauptstnckcn „Ileberblick" und „Radack" von der geognostischen Beschaffenheit der niedern oder Koralleninseln, zu denen, die Osterinsel und Salas y Gomez ausgenommen, alle hier zu erwähnende Landpunkte zu rechnen sind, ausführlich abgehandelt. Was das Nautische und Geographische anbetrifft, muff ich auf Otto von Kotzebue und auf Krusenstcrn verweisen, der in der Reisebeschreibung selbst und sodann in anderen Werken die Entdeckungen des Rurik's in der Südsee kritisch beleuchtet hat. Es ist zu bedauern, daß die deutsche Originalausgabe der Reisebeschreibung des Herrn von Kotzebue sich dergestalt inkorrekt erweist, daß die im Texte angegebenen Zahlen aller Zuverlässigkeit ermangeln. Vergleicht man die Breiten- und Längenbestimmungen, wie sie in der Erzählung und wiederholt in den meteorologischen Tabellen verzeichnet sind, so findet man, daß in der Erzählung nicht blos die Sekunden zum öftesten ausgelassen sind, sondern die Zahlen abweichen. Die Tabelle „Aörometer-Beobachtungen", III. p. 221, die korrekter als der Text zu sein scheint, wird die Mittagsbestimmungen vom 18. Juli 1816 bis zum 13. April 1818, von Kamtschatka bis vor Santa Helena zu berichtigen dienen und namentlich für einen späteren Abschnitt der Reise, vom 5. bis zum 24. November 1817 auf der Fahrt zwischen Radack und den Marianen durch das Meer der Carolinen, Wichtigkeit erlangen. Hier steht zum Beispiel im Texte II. p. 125 die Breite vom 20. November 1817 10° 42s was offenbar fehlerhaft ist, und in der Tabelle x. 226 11° 42' 29", was das Richtige zu sein scheint. Man wird für den Abschnitt der Reise, der uns beschäftigt, der Beihülfe einer solchen Tabelle entbehren. Es ist zu bedauern, daß Herr von Kotzebue seiner Reisebeschreibung keinen Auszug seines Schiffsjournals beigegeben hat. Es ist zu bedauern, daß er in derselben, wo man sie sucht, viele Karten und Pläne nicht mitgetheilt, die ihm die Hydrographie verdankt und von denen Krusenstern, II. S. 160, den Plan der Häfen Hana-ruru auf O'Wahu und La Calderona de Apura auf Guajan namentlich an- führt. Es ist zu bedauern, daß er die ihm auf seine Reise ertheilten Instruktionen, worauf er selbst und Krusenstern an verschiedenen Stellen sich beziehend verweisen, nicht bekannt gemacht hat. Es ist endlich zu bedauern, daß er die zur See wäbrend einer längeren Zeit zu verschiedenen Stunden des Tages beobachteten Barometerstände aufzubewahren verschmäht hat. Die mir während der Reise vom Kapitain mitgetheilten Zahlen (Breiten und Längen, Bergeshöhen u. s. w.) stimmen nie mit denen, die ich in seinem Werke verzeichnet finde. Ich bin hier dem letzteren gefolgt, wo ich keinen Grund gefunden habe, einen Druck- oder Schreibfehler zu argwöhnen. Ich bitte diese Abschweifung zu entschuldigen. Ich werde mit flüchtigem Finger den vom Rurik gehaltenen Cours auf der Karte zeigen und sodann ein Weniges von den Ereignissen der Fahrt hinzufügen. Wir segelten nordwärts, die Insel Juan Fernande; unter dem Winde, d. i. im Westen lassend, bis wir den 27. Grad südlicher Breite erreicht, den wir sodann westwärts verfolgten. Wir sahen am 25. den nackten Felsen Salas y Gomez, 26° 36' 1b" S. B., 105° 34' 28" W. L., und berührten am 28. die Osterinsel. Wir steuerten von da etwas mehr nach Norden und erreichten am 13. April den 15" S. B. beiläufig im 134° W. L. Wir verfolgten westwärts diese Parallele, auf der Spur von Lemaire und Schonten, durch ein sehr gefährliches Meer, das mit nieder» Inseln und Bänken angefüllt ist, worauf man zu stranden Gefahr läuft, bevor man sie gesehen hat. Wir lavirten öfters die Nacht hindurch ohne fortzuschreiten, theils um Gefahr zu vermeiden, theils um kein Land in unserm Gesichtskreise ungesehen zu lassen. Wir ließen auf dieser Fahrt die Marquesas im Norden, und westlicher die Gesellschaftsinseln im Süden liegen. Es ist bemerkenswert!), daß'wir seit der 79 Osterinsel und diesen Theil der Reise hindurch bis zu dem Aequator meist Nord- und Nordostwind hatten, wo wir im Gebiete des S. O. Passats auf Südostwind zu rechnen hatten. Wir hatten öfters Windstöße, Regen und Wetterleuchten. Am 16. und 17. April. Die zweifelhafte Insel in 14" 50" 11" S. B. 138° 47" 7" W. L. Ilm 20. April die Romanzoffsinsel entdeckt und am 21. auf derselben gelandet. 14° 57" 20" S. B., 144° 28" 30" W. S. Sie ist die einzige der hier aufgezählten Inseln, auf welcher der Cocos- baum wächst; die anderen sind nur spärlich bewachsen. Alle haben mit breitem weißem Strande das Ansehen von Sandbänken, wofür sie ältere Seefahrer hielten, verwundert, in deren nächster Nähe keinen Grund mit dem Senkblei zu finden; einen Umstand, den sie anzuführen nie ermangeln. Am 22. April die Spiridoffinsel 14° 51" 00" S. B., 144° 59" 20"" W. 8. Am 23. in der Nähe der Pallisers von Cook die Rurikskette, von welcher wir südlich fuhren. Wir sahen sie zwischen 15" 10" 00" und 15° 30" 00" S. B., 146° 31" 00" und 146° 46" 00" W. 8. Ihre größere Ausdehnung nach Norden wurde nicht erforscht. — Im S. S. O. ward Land gesehen, aber nicht untersucht. Am 24. und 25. April die Deanskette, deren südlicher Rand in der Richtung N. W. 76° und S. O. 76", zwischen 15° 22" 30'" und 15° 00" 00" S. B. und 147° 19" 00"" und 148° 22" 00" W. L. ausgenommen wurde. Am 25. die Krusensternsinseln; Mitte der Gruppe 15° 00" 00" S. B., 148° 41" 00» W. L. Wir bogen von da den Cours mehr nach Norden, verschiedene zweifelhafte Inseln aufsuchend, die wir nicht fanden. Wir steuerten sodann nach den Penrhyninseln, die wir am 30. April sahen und mit deren Bewohnern wir am 1. Mai zur See verkehrten. Die Mitte der Gruppe liegt nach der Bestimmung des Kapitains 9° 1" 35" S. B., 157° 34" 32" W. 8. Ein starkes Gewitter entladete sich über diese Inseln, als wir sie verließen. Wir hatten nun häufige Windstillen und Windstöße, die oft 80 von Regenschauern begleitet waren. Wir durchkreuzten zum zweiten Mal den Aequator am 11. Mai in 175° 27" 55" W. L. Wir suchten am 19. und 20. Mai die nördlichen Gruppen der Mulgravsinseln auf, und hatten bereits diese Untersuchung aufgegeben, als uns nordwärts steuernd am 21. Mai die erste Ansicht der nördlichen Gruppen der Inselkette Radack, Udirick und Tegi erfreute. Diese Inseln, deren liebliche Bewohner wir hier zum ersten Mal gewahrte», werden uns später beschäftigen. Der Kanal zwischen beiden Gruppen liegt 11" 11" 20"' N. B., 190° 9" 23" W. L. Wir richteten von Radack aus unfern Cours fast nordwärts nach Kamtschatka. Wir traten unter dem 33 Grad N. B. in die Region der nordischen Nebel, und der Himmel und das Meer verloren ihre-Bläue. Wir hatten am 13. Juni unter dem 47" N. B. Sturm und Eis. Am 18. Nachmittags um 4 Uhr zertheilte sich der Nebel, und der Eingang der Bucht von Awatscha lag vor uns. Von Chile aus übertrug der Kapital» dem Doktor Eschscholtz die Beobachtung der physischen und meteorologischen Instrumente. Vor dem Einlaufen in die Bucht von Concepcion war uns bereits ein Mal das Meer stellen- und strichweise schwach reichlich gefärbt erschienen. Dieses Phänomen wiederholte sich deutlicher in den ersten Tagen unserer Fahrt nordwärts längs der Küste. DaS Färbende muß auf jeden Fall sehr fein und zertheilt sein, und nicht so zu erkennen, wie die Alge und das Jnfusorium des atlantischen Oceans. Ich konnte in dem auf das Verdeck heraufgebrachtcn Wasser nichts unterscheiden und zweifelte, ob es auch wirklich aus den gefärbten Meerstellen herrühre. Am 9. März, dein Tage obiger Beobachtung, trieb ein todter Wallfisch an uns vorüber, auf welchem unzählige Schaaren von Vögeln (eine kleine Art 1?roecIIaria?) ihre Nahrung hatten. War vielleicht von dieser verwesenden Fleischmasse die Färbung des Meeres herzuleiten? Die Wallfische, die in der Bucht von Concepcion häufig gesehen werden, wo ihnen damals nur die Amerikaner nachstellten, begleiteten uns noch eine Zeit. Erst nachdem die Wallfische des Nordens gehörig untersucht und beschrieben sein werden, wird es an 81 der Zeit sei», den Wunsch zu äußern, auch die des Südens mit ihnen zu vergleichen. Am 10. Nachmittags um 6 Uhr glaubte der Kapitain eine eigenthümliche Erschütterung in der Luft zu verspüren, wobei das Schiff ihm ein wenig zu erzittern schien. Das Geräusch, das er fernen: Donner vergleicht, erneuerte sich nach ungefähr drei Minuten; nach einer Stunde merkte er nichts mehr. — Andere glauben in der Nacht zum 11. und noch am II. selbst dieselbe Erschütterung wiederholt empfunden zu haben. Ein Zweifel stieg in uns auf, ob vielleicht jetzt das uns so gastliche Land, von einem Erdbeben durchwühlt, ein Schauplatz des Schreckens und der Zerstörung sei. Unsere Befürchtung hat sich übrigens nicht bestätigt. Wir hatten in Chile Flöhe in säst bedrohlicher Menge an Bord genommen; hätten sie sich vermehrt, so hätten wir viel zu leiden gehabt. Aber wie wir sonnenwärts fuhren, verloren sie sich mehr und mehr, und wir waren bald gänzlich davon befreit. Wir machten in der nördlichen Halbkugel (auf der Fahrt von Kalifornien nach den Sandwichinseln) unter ähnlichen Umständen dieselbe Erfahrung. Dagegen zeigte sich ein anderes Ungeziefer, das wir bis jetzt nicht gekannt, und vermehrte sich .auf dieser Fahrt zwischen den Wendekreisen schon merklich; ich meine die bei den Russen sich heiligen Gastrechts erfreuenden Tarakanen (Matts. Zsrmsmes, Licht- und Bäckerschaben). Später wurden sie uns zu einer entsetzlichen Plage; sie zehren nicht nur den Zwieback ganz auf, sondern nagen Alles und selbst die Menschen im Schlafe an. In das Ohr eines Schlafenden gedrungen, verursachen sie ihm unsägliche Schmerzen. Der Doktor, dem der Fall öfters vorgekommen, ließ mit gutem Erfolg Oel in das bcfährdete Ohr gießen. Am 16. März, in einer Entfernung von mehr als 17 Grad (beiläufig 1000 Meilen) von dem nächsten bekannten Lande, der amerikanischen Küste, ward ein Vogel im Fluge beobachtet, der für eine Schnepfe gehalten wurde. Wir sahen am 24. die ersten Tropenvögel, diese herrlichen Hochsegler der Lüfte, die ich mich fast nicht erwehren kann Paradiesvögel zu nennen, ni. 6 82 Am Morgen des 25. verkündigten uns über dein Winde von Salas y Gomez Seevögel in großer Anzahl, Pelikane und Fregatten, diesen ihren Brüteplatz, an welchem wir Mittags vorüberfuhren. Der 28. März 1816 war der Tag der Freude; die erste Bekanntschaft zu stifte» mit Menschen dieses reizvollen Stammes und die erste schöne Verheißung der Reise sich erfüllen zu sehen! — Als mit breiter, schönbegrüuter Kuppe die Osterinsel sich aus dem Meere erhob, die verschiedenfarbigen Feldcreintheilungen an den Abhängen von ihrem Kulturzustande zeugten, Rauch von den Hügeln stieg; als näher kommend wir am Strande der Cooksbai die Menschen sich versammeln sahen; als zwei Boote (mehr schienen sie nicht zu besitzen) vom Strande stießen und uns entgegen kamen — da freute ich mich wie ein Kind; alt nur darin, daß ich zugleich mich auch darüber freute, mich noch so freuen zu können. Die flüchtigen Augenblicke unserer versuchten Landung vergingen uns, umtaumelt von diesen lärmenden kindergleichen Menschen, wie im Rausch. Ich hatte alles Eisen, Messer, Scheeren, Alles was ich mitgenommen hatte, eher verschenkt als vertauscht, und nur, ich weiß nicht wie, ein schönes, feines Fischernetz erhandelt. Ich habe den verdächtigen Empfang, der uns ward, in den Bemerkungen und Ansichten zu beschreiben versucht, und mit dem, was ich davon gesagt, können die Berichte von Kotzebue und Choris verglichen werden. Ich habe die vermuthliche Veranlassung der halb bedrohlichen Stimmung der Insulaner nur angedeutet. Herr von Kotzebue selber hatte die Geschichte ausgezeichnet, und ihm gebührte es, sie bekannt zu machen. Ich setze sie ergänzend hierher in seinen urkundlichen Worten. Sie steht im ersten Bande, Seite 116, seiner Reisebeschreibung. ^ „Eine Nachricht, die das feindselige Betragen der Insulaner gegen mich erklärt und welche ich erst später auf den Sandwichinselu durch Alexander Adams erhielt, glaube ich dem Leser hier mittheilen zu müssen. Dieser Adams, von Geburt ein Engländer, kommandirte im Jahre 1816 die dem Könige der Sandwichinseln gehörige Brigg Kahumanu, und hatte vorher auf der nämlichen Brigg, als sie den Namen Forester of London führte und dein Könige noch nicht ver- 83 kauft war, unter Kapitain Piccort als zweiter Offizier gedient. Der Kapitain des Scuner Nancy aus Neu-London-Amerika, seinen Namen hat mir Adams nicht genannt, beschäftigte sich im Jahr 1805 auf der Insel Mas a fuero mit dein Fange einer Gattung von Seehunden, welche den Russen unter dem Namen Kotick (Seekatzen) bekannt ist. Die Felle dieser Thiere werden auf dein Markte von China theuer verkauft, und daher suchen die Amerikaner in allen Theilen der Welt ihren Aufenthalt ausfindig zu machen. Auf der bis jetzt noch unbewobnten Insel Mas a fuero, welche westlich von Juan Fernandez liegt, und wohin sie aus Chile die Verbrecher schicken, lvard dieses Thier zufällig entdeckt und gleich Jagd darauf gemacht. Da aber die Insel keinen sichern Ankerplatz gewährte, weshalb das Schiff unter Segel bleiben mußte, und er nicht Mannschaft genug besaß, um einen Theil derselben zur Jagd gebrauchen zu können, so beschloß er, nach der Osterinsel zu segeln, dort Männer und Weiber zu stehlen, seinen Raub nach Mas a fuero zu bringen und dort eine Kolonie zu errichten, welche den Kotickfang regelmäßig betreiben sollte. Diesen grausamen Vorsatz führte er im Jahr 1800 aus*) und landete in Cooksbai, wo er sich einer Anzahl Einwohner zu bemächtigen suchte. Die Schlacht soll blutig gewesen sein, da die tapfern Insulaner sich mit Unerschrockenheit vertheidigten; sie mußten dennoch den furchtbaren europäischen Waffen unterliegen, und zwölf Männer mit zehn Weibern fielen lebendig in die Hände der herzlosen Amerikaner. Nach vollbrachter That wurden die Unglücklichen an Bord gebracht, während der ersten drei Tage gefesselt und erst, als kein Land inehr sichtbar war, von ihren Banden erlöst. Der «sie Gebrauch, den sie von ihrer Freiheit machten, war, daß die Männer über Bord sprangen, und die Weiber, welche ihnen folgen wollten, nur mit Gewalt zurückgehalten wurden. Der Kapitain ließ sogleich das Schiff beilegen, in der Hoffnung, daß sie doch wieder an Bord Rettung suchen würden, wenn die Weilen sie zu verschlingen drohten; er bemerkte aber bald, wie sehr er sich geirrt, denn ') Ein hier oder weiter eben zu vcrmuthendcr Druckfehler in der Jahreszahl benimmt der Geschichte nichts von ihrer Glaubwürdigkeit. 6 * diesen mit dem Elements vertranten Wilden schien es nicht unmöglich, trotz der Entfernung von drei Tagereisen ihr Vaterland zu erreichen, und auf jeden Fall zogen sie den Tod in den Wellen einem qualvollen Leben in der Gefangenschaft vor. Nachdem sie einige Zeit über die Richtung, die sie zu nehmen hatten, gestritten, theilte sich die Gesellschaft, einige schlugen den graden Weg nach der Osterinsel ein, und die übrigen wandten sich nach Norden. Der Kapitain, äußerst entrüstet über diesen unerwarteten Heldenmuth, schickte ihnen ein Boot nach, das aber nach vielen fruchtlosen Versuchen wieder zurück kehrte; denn sie tauchten allemal bei seiner Annäherung unter, und die See nahm sie mitleidig in ihren Schutz. Endlich überließ der Kapitain die Männer ihrem Schicksale, brachte die Weiber nach Mas a fuero und soll noch öftere Versuche gemacht haben, Menschen von der Osterinsel zu rauben. AdamS, welcher diese Geschichte von ihm selbst hatte und ihn deshalb wahrscheinlich nicht nennen wollte, versicherte mir, 1806 an der Osterinsel gewesen zu sein, wo er aber wegen des feindseligen Empfangs der Einwohner nicht landen konnte; ein gleiches Schicksal hatte nach seiner Aussage das Schiff Albatros unter Kommando des Kapitain Windsbip im Jahr 1809." Ich ergreife diese Gelegenheit, auch hier gegen die Benennung „Wilde" in ihrer Anwendung auf die Südsee-Jnsulaner feierlichen -Protest einzulegen. Ich verbinde gern, so viel ich kann, bestimmte Begriffe mit den Wörtern, die ich gebrauche. Ein Wilder ist für mich der Mensch, der ohne festen Wohnsitz, Feldbau und gezähmte Tbiere, keinen andern Besitz kennt als seine Waffen, mit denen er sich von der Jagd ernährt. Wo den Südsee-Jnsulancrn Verderbtheit der Sitten Schuld gegeben werden kann, scheint mir solche nicht von der Wildheit, sondern vielmehr von der Uebergesittung zu zeugen. Die verschiedenen Erfindungen, die Münze, die Schrift u. f. w., welche die verschiedenen Stufen der Gesittung abzumessen geeignet sind, auf denen Völker unseres Continents sich befinden, hören unter so veränderten Bedingungen auf, einen Maßstab abzugeben für diese insularisch abgesonderten Menschenfamilien, die unter diesem wonnigen Himmel ohne Gestern und Morgen dem Momente leben und? dem Genüsse. 85 Die fliegenden Fische, von denen wenigstens zwei Arten in dem großen Ocean Vorkommen, scheinen in der Nähe des Landes häufiger zu sein. Wir sahen deren viele in der Nähe der Osterinsel. Wir durchschnitten in der Nacht zum 1. April den südlichen Wendekreis; sahen am 8. eine Fregatte, und hatten am 7. und wiederholt am 13. Windstille. Hier war es, wo, mit der Beobachtung des Meergewürmes beschäftigt, die Entdeckung des ersten wahren Meerinsektes den Doktor Eschscholtz erstellte. Es ist unserer gemeinen Wasserwanze (L/ckromstra rivul«rrun tt.) zu vergleichen, schreitet und springt auf dieselbe Weise auf der Oberfläche des Wassers und kommt zwischen den Wendekreisen in allen Meeren vor. Wir sahen am >5. viele Seevögel, Fregatten und Pelikane, erduldeten Etliche Windstöße und segelten während der Nacht nicht weiter. Der Himmel war dunkel umwölkt, es regnete heftig und es blitzte in allen Richtungen. Der Ruf „Land!" regte uns am 16. Mittags freudig an. Die Erwartung ist gespannt, wann freiwillig, möchte ich sagen, und nicht auf daö Gebot des Seemanns, ein Land der Spiegelfläche enttaucht und sich allmälig vor uns gestaltet. Der Blick sucht begierig nach Rauch, der wehenden Flagge, die den Menschen dem Menschen, der ihn sucht, verkündigt. Steigt Rauch auf, dann pocht einem seltsam das Herz. Aber diese traurigen Riffe haben bald, bis auf eine eitels Neugier, alles Interesse verloren. Es war doch ein großes Fest, als am 20. beschlossen ward, eine Landung auf der kleinen palmenreichen Insel Romanzoff zu versuchen. Der Kapitain beorderte den Lieutenant Sacharin, den Landungsplatz zu erkunden, und mich, ihn zu begleiten. Ich stieg freude- und hoffnungsvoll in das Boot; wir stießen ab. Wir ruderten ganz nahe der Insel, vom Ufer nur durch die schäumende Brandung getrennt. Ein muthiger Matrose schwamm mit einer Leine ans Land. Er schritt längs dem Ufer, entdeckte Menschenspuren, Cocosschalen, betretene Pfade, er lauschte durch das Gebüsch, pflückte grüne Zweige und kam zu der Leine zurück. — Sacharin deutete mit der Hand nach der Insel und sprach zu mir: Adelbert Loginowitsch, wollen Sie? — Ich glaube nicht, daß mich noch einmal in meinem Leben 86 solch peinliches Gefühl durchbohrt. Ich schreibe es zu meiner De- müthigung nieder. Was der Matrose gethan, war ich nicht im Stande zu thun. Jener schwamm zu uns wieder her, und wir ruderten zum Schiffe. Auf den erstatteten Bericht ward ein Pram aus allem beweglichen Holze am Bord verfertigt, und wir fuhren am andern Tage in zweien Booten der Insel zu. Die Boote ankerten in großer Wassertiefe zunächst der Brandung; der Matrose schwamm mit der Leine ans Land, und mit Hülfe des Pram's konnten wir einzeln das Ufer erreichen, wo uns die schäumende Welle übergoß. Wir durchwandelten nun fröhlich den Wald und durchforschten die Insel. Wir lasen alle Spuren der Menschen auf, folgten ihren gebahnten Wegen, sahen uns in den verlassenen Hütten um, die ihnen zum Obdach gedient. Ich möchte das Gefühl vergleichen mit dem, was wir in der Wohnung eines uns persönlich unbekannten, theuren Menschen haben würden; so hätte ich Goethe's Landhaus betreten, mich in seinem Arbeitszimmer umgesehen. — Daß diese Insel keine festen Wohnsitze hat und nur von andern uns unbekannten Inseln her besucht zu werden scheint, habe ich in den Bemerkungen gesagt. Der Tag, der ohnehin das Osterfest der Russen war, wurde festlich, und auf dem Rurik mit Kanonenfeuer begangen. Die Mannschaft erhielt doppelte Portion. Wir brachten den auf dem Schiffe Zurückgebliebenen etliche Cocosnüsse mit. Sie zu erhalten, war die Axt an den Baum gelegt worden, ein Verfahren, das mir in die Seele schnitt; zur Sühne hatte man die Axt daselbst gelassen. In der Nähe der niedern Inseln, deren Aufnahme uns in den folgenden Tagen bis zum 25. April beschäftigte, ließen sich die Seevögel nur sparsam sehen; dagegen waren die fliegenden Fische häufig. Hier sah ich auch ein Mal eine Wasserschlange im Meere schwimmen. Wir entbehrten schon lange aller frischen Nahrung; das Wasser ward uns am 28. April zum ersten Male zugemessen. Die Portion war aber vollkommen hinreichend, und ich verbrauchte von der meinen nur einen Theil. Ich hätte mich im Nothfall mit Seewasser auch begnügt. Ich habe oft auf Exkursionen Seewasser getrunken, ohne Widerwillen und ohne Nachtheil: ob es mir aber den Durst löschte, wie süßes Wasser, könnte noch gefragt werden. Die häufigen 87 Regengüsse, die besonders in der südlichen Halbkugel uns erfrischten, gaben uns eine erwünschte Gelegenheit, frisches Wasser einzusammeln, wozu unser Zelt eingerichtet war. Solches frisches, gesundes Wasser ist eine wahre Erquickung; denn leider fehlen dem des Vorraths „die nahrhaften Theile" niemals ganz und sind manchmal in unerwünschtem Ueberflusse vorhanden. — Am 4. Mai regnete es so stark, daß zwölf Fässer Wasser gesammelt wurden. Ich habe eigentlich zu dem nichts hinzuzufügen, was ich in den Bemerkungen und Ansichten über die Penrhpninseln gesagt habe, die wir am 30. April sahen und mit deren Einwohnern wir am andern Morgen verkehrten. Ein solcher Tag mit seinen Ereignissen ist im einförmigen Schiffsleben ein Lichtpunkt, der dessen eintöniges Einerlei belebend durchbricht. Wollte ich wiederholt die empfundene Freude beschreiben, so würde ich in dem Leser eben die Langeweile erzeugen, die sie für uns zu unterbrechen kam. — Wir verhielten uns übrigens dieses Mal leidend, und cs war nicht mehr der erste Eindruck. — Ich habe nirgends den Palmenwald schöner als auf den Pen^ rhyn gesehen. Zwischen dem hoch getragenen windbewegten Baldachin der Kronen und dein Boden sah man zwischen den Stammen hindurch den Himmel und die Ferne. Es schienen, wenigstens stellenweise, das niedere Gebüsch und der Damm zu fehlen, welche die Inseln dieser Bildung nach außen zu nmzäunen und zu beschützen pflegen. Verhältnißmäßig zahlreich, stark und wohlgenährt, friedlich und dennoch vertrauend seinen Waffen, unbekannt mit den unfern war das Volk, das uns umringte; jegliche Familie, so schien es, unter Führung deS Alten in: eigenen Boote. Sie erhandelten Eisen von uns, das köstliche Metall, und als wir unfern Lauf weiter nahmen, waren sie kaum zu bewegen, von uns zu lassen. Wir hatten in den nächsten Tagen häufige Windstillen mit Windstößen abwechselnd, und erreichten am 4. Mai, beiläufig unter 7" 30 S. B., den wirklichen N. O. Passat. Wir sahen in den folgenden Tagen viele Seevögel Morgens dem Wind entgegen, Lei Sonnenuntergang mit dem Winde stiegen. Die kleine Seeschwälbe (8tor,m stoliäa) ließ sich wiederholt auf dein Schiffe fangen, und wir entließen etliche, denen wir auf pergamentnem Halsbande den 88 Namen des Schiffes und daS Datum nütgaben. ES möchte für ein Schiff eine Freude sein, einen solchen Boten in diesem weiten Meerbecken wieder aufzufangen; ließ sich doch in der chinesischen See ein Pelikan am Bord des Rurik's greifen, der von unserer Conserve, der Eglaiitine, kam, wo er sich schon in die Gefangenschaft begeben hatte. Wir durchkreuzten am 11. den Aeguator. Am 12. zeigten sich viele Seevögel. Auch ein Landvogel soll gesehen worden sein. Ein Delphin wurde harpunirt, der erste, dessen wir habhaft wurden. — Er diente uns zu einer willkommenen Speise. Es ist ein schwarzes LlutvolleS Fleisch, erdig und unschmackhaft, aber nicht eben thranig. Ich möchte, wie die Haifische, so auch die Delphine für den Tisch loben; sie kommen zu Zeiten, wo sie nicht zu tadeln sind. Am 19. Mai, da wir die Mulgravesinseln aufsuchten, blies unversehens ein Windstoß dem herrschenden Winde entgegen, brachte die Segel in Verwirrung und zerriß manches Tanwerk. Der Kapital» ward von einem geschleuderten Tau am Borderhaupte getroffen und sank betäubt nieder. Dieser Vorfall, der Schrecken unter unü verbreitete, hatte glücklicher Weise keine Folgen. Wir entdeckten am 21. ein nur auf wenigen Punkten spärlich begrüntes Riff, auf dem nur wenige Cocosbäuine sich erhoben. Am 22. kamen uns zwei Boote zierlichen Baues, geschickt gegen den Wind zu laviren, aus diesem Riffe entgegen. Die Menschen, geschmückt und anmuthig, luden uns auf ihre Erde ein, aber im Gefühl ihrer Schwäche und unserer Kraft vermaßen sie sich nicht, uns näher zu kommen. Ein Boot ward in die See gelassen, worauf ich mit Gleb Simonowitsch und Login Andrewitsch Platz nahm, und wir ruderten ihnen entgegen. Aber auch so vermochten wir nicht, ihnen Zutrauen einzuflößen. Sie warfen uns Geschenke zu, eine zierliche Matte und eine Frucht des Pandanus, und entfernten sich schnell der Insel zu, uns einladend, ihnen zu folgen. Das waren die Radacker. Sie beschenkten uns zuerst und schieden bei dieser ersten Begegnung unbeschenkt von unS. Wir hatten nach Norden steuernd den 27. die Sonne im Zenith und durchschnitten am 28. den nördlichen Wendekreis, nachdem wir 89 42 Tage südlich vom Aequator und 12 Tage nördlich von demselben in der heißen Zone zugebracht. Wir wallten unfern heimischen Sternen zu; vor uns erhob sich der große Bär und hinter mW senkte sich daS Kreuz. Wir hatten am 2. und 3. Juni, etwas südlicher als gewöhnlich die Inseln Rica de Plata und Rica de Oro angegeben werden, ungefähr in derselben Breite wie Mearn, Landzeichen. Am Morgen deS dritten ließ sich ein kleiner Vogel vom Geschlechts der Schnepfen auf daö Schiff nieder und ward mit Schaben gefüttert. — Treibholz und Tange schwammen im Meer, das Wasser war außerordentlich trübe, doch fand daS Senkblei mit hundert Faden Leine keinen Grund. Die Kälte nahm zu. Wir waren in dem nordischen Nebel, der sich oft an unserin Tauwerke niederschlug und als pechbittere Quellen längs den Wänden herabfloß. Wir fingen in den ersten Tagen des Juni unter der Breite von Gibraltar zu Heizen an und hatten gegen die Mitte desselben Monats, bevor wir die Breite von Paris erreicht, EiS am Bord. DaS Meer, in diesem selben Meerbecken zwischen den Tropen dunkel ultra-marinblau, ist hier schwarz-grün gefärbt und undurchsichtig. Die Wassertiefe, worin ein weißer Gegenstand sichtbar bleibt, hat sich von 16 Faden auf 2 Faden vermindert. DaS Treibholz ward nordwärts immer häufiger. Am 4. ward ein zweiter Delphin von einer andern Art har- punirt. Die Arten dieser unS sehr mangelhaft bekannten Gattung möchten sehr zahlreich sein. Scheint doch fast jegliche Heerde, die daö Schiff umschwärmt, sich von allen andern durch Farbe, Zeichnung oder Größe zu unterscheiden. Am 6. erschienen rothe Flecken im Meer; sie rührten von einem kleinen Krebse her, womit daS Wasser angefüllt war. Seitdem wir nach Norden steuerten, seilten Wünsche und Gedanken dein Schiffe voran der Küste zu, wo wir die Hoffnung hatten, Briefe von der Heimath vorzustnden. Wir selber fingen an, unsere Journale durchzusehen, unsere Papiere zur Absendung zu ordnen und Briefe an unsere Lieben zu schreiben. Ich habe, durch einen Scherz des Kapitains dazu ermuntert, vom Norden des großen Oceans eine 90 nach Breiten- und Längcn-Grad datirte Ordre ausgestellt, einen Korb Champagner Wein an den Staatsrath von Kotzebue zu expediren, und der Wein ist eppedirt worden und angekommen. Ein kleiner Landvogel (eine Uringilla) sagte uns am 17. das Land an, daö sich uns am 18. entschleierte. Ein hohes Land mit zackigen Zinnen, über welche sich aus dem Innern hohe vulkanische Kegel erheben. Der Schnee bedeckt nicht gleichmäßig die Höhen, wie in unser» Alpen, sondern liegt fleck- und streifenweise an den Abhängen des zerrissenen Gebirges und steigt an denselben tief zu Thals. Am 18. Juni noch so viel Schnee! Wir fuhren am 19. in das schöne weite Becken, die Awatscha- Bucht, hinein. Wir wurden von der Berghöhe, die den Nordpfeiler deö äußern Thores bildet, telegraphisch nach St. Peter nnd Paul angemeldet; ein Hülfsboot kam uns entgegen. Wir waren durch den schmalen Kanal des Einganges mit günstigem Winde eingefahren, der uns, sobald wir im Innern angelangt, plötzlich gebrach. Es war Nacht, als wir in den Hafen hinein bugsirt wurden. Ein unleidlicher Fischgestank verkündigte uns die Nähe des Ortes. — Die Anstalt zum Trocknen der Fische, das tägliche Brod dieser nordischen Lande, liegt auf einer Landzunge, die den innern Hafen abschließt. Hier, zn St Peter und Paul, betrat ich zuerst den russischen Boden; hier sollte ich meine erste Bekanntschaft mit Rußland machen. Wir waren hier angemeldet und wurden erwartet; wir waren alle namentlich bekannt, die Zeitungen hatten unsere Namen ausposaunt, und was hat man in St. Peter nnd Paul Anderes zu thun, als die Zeitung zu studiren. Wir wurden empfangen, wie sich'S erwarten ließ. Wir brachten Bewegung in das stockende Leben, und es schien ein Tag über diesen Winkel der Erde, der nicht wie alle übrigen Tage war. Es waren Landsleute, die einander als Wirthe und Gäste an diesem abgelegenen Orte, so fern vom eigentlichen Vaterlands, begegneten. Der Gouverneur Lieutenant Rudokoff sorgte für alle Bedürfnisse des Schiffes, dessen Kupfer besonders schadhaft befunden ward. Er half uns mit den noch brauchbaren Kupferplatten der „Diana" aus, des Schiffes, das Golownin nach seiner Fahrt nach Japan, als untauglich die See zu halten, im hiesigen Hafen zurücklassen mußte. Der Kapital» zog ans Land, und es folgten auf einander Gast- und Festmähler, wie sie nur in Kamtschatka zu beschaffen waren. Wir erfreuten uns in Kamtschatka der russischen Bäder. Es ist das Erste und vielleicht das Erquicklichste, was die russische Gastfreundschaft anzubieten weiß. Unsere Matrosen wußten sich selbst, Uw es erwünscht war, ihr Badezelt einzurichten, und nur unter einem glücklicheren wärmeren Himmel unterblieb es als entbehrlich. Am 22. Juni ward auf dem Rurik ein Dankfest gefeiert und bei dem Gouverneur zu Abend gespeist. Sonntag den 23. ward nach der Kirche bei uns getäfelt. Am 30. war Festmahl beim Kommandanten, wo beim Kanonendonner pokulirt wurde. — Der Wein war nicht eben der vorzüglichste, aber die Gäste, aus allen nur zeigbaren Russen bestehend, waren zahlreich; und nach englischer Sitte, die mehr oder minder überall beobachtet wird, wo salziges Wasser das Land bespült, wollte jeder mit jedem von uns ein Glas Wein trinken, welche Höflichkeit erwidert werden mußte, so daß der Gläser Weines sehr viele wurden. Nach Tische sollten wir das landesübliche Fuhrwerk kennen lernen und zu Schlitten mit Hundegespann auf grünem Rasen, weil schon der Schnee im Thale geschmolzen war, den Abhang des Hügels hinabfahren. Es konnte keiner von uns den Sitz behaupten, was allerdings einige Uebung erfordert; abgeworfen verkrochen wir uns in das Gebüsch, und jeder suchte einen stillen Platz, das Fest für sich allein zu beschließen. Am 4. Juli speisten wir bei Hern: Clark, einem Amerikaner, der hier, wohin er verschlagen worden, neue Verhältnisse angeknnpft hat. Er hatte das Cap Horn nur einmal umfahren, war aber sechs Mal, und zum letzten Mal vor sechs Jahren, auf den Sand- wichinselu gewesen. Ich habe die Nachrichten, die er mir von diesen Inseln gab, und das Bild, das er mir von denselben entwarf, vollkommen wahr und treu befunden. Ich sah zuerst bei Herrn Clark ein Bild, das ich seither oftmals auf amerikanischen Schiffen und durch ihren Handel verbreitet, auf den Inseln und an den Küsten ''-p. / W 92 deS großen Oceans wieder gesehen habe: das von chinesischer Hand zierlich auf Glas gemalte Portrait von Madame Recamier, der liebenswürdigen Freundin der Frau von Stael, bei der ich lange Zeit ihres vertrauten Umgangs mich erfreute. Wie ich hier dieses Bild betrachtete, schien mir unsere ganze Reise eine lustige Anekdote zu sei», nur manchmal langweilig erzählt, und weiter nichts. Am 11. Juli war das Kirchenfest von St. Peter und Paul. Wir steuerten zu einer Kollekte bei, die für den Bau einer Kirche gesammelt wurde. Der erste Beamte der russisch-amerikanischen Compagnie bewirthete uns an diesem Tage. Am 12. ward das Fest von Gleb Simonowitsch bei uns gefeiert und besonders von den Matrosen mit ausgelassener Freudigkeit begangen, denn Gleb Simonowitsch war allgemein geliebt. Dieses Fest giebt mir Veranlassung, über eine russische Sitte zu berichten, die bei der strengen Mannszucht und der unbedingten Unterwürfigkeit des Untergebenen gegen seinen Vorgesetzten seltsam erscheinen dürfte. Aber mir scheint der gemeine Russe sich gegen seinen Herrn, gleichviel ob Kapital», Herr oder Kaiser, in ein mehr kindliches als blos knechtisches Verhältniß zu stellen; und unterwirft er sich der Ruthe, so behauptet er auch seine Kindesfreiheiten. Die Matrosen ergriffen zuerst Otto Astawitsch, und, in zwei Reihen gestellt, welche Front gegen einander machten und sich bei den Händen anfaßteu, ließen sie ihn schonungslos über ihre Arm^ schwimmen; eine Art des Prellenö, die unter uns für keine Ehren- oder Freundschaftsbezeigung gelten würde. Nach Otto Astawitsch kam Gleb Simonowitsch an die Reihe, und nach diesem wir alle, so wie sie unser habhaft werden konnten. Die am höchsten in ihrer Gunst standen, wurden am höchsten geschnellt und am unbarmherzigsten behandelt. Ich erfuhr nachher, daß solches Thun ein Gegengeschenk verdiene, welches der Geprellte an die prellende Mannschaft zu entrichten pflege. Am 13. waren wir segelfertig, aber die erwartete Post auS St. Petersburg war nicht angekommen, und wir mußten unserer getäuschten Hoffnung bis zu der Rückkehr nach Kamtschatka, die uns auf den Herbst 1817 verheißen war, Geduld gebieten. — Auch von 93 dieser Hoffnung wurden wir enttäuscht. Wir haben während dieser drei Jahre keine direkt an uns gerichtete Nachricht von der Heimath und keine Briefe von unfern Angehörigen erhalten. Ich hätte vielleicht, wenn mich die Sehnsucht nach der Post nicht hier gebannt gehalten, eine Exkursion in das Innere unternommen; dazu war es jedoch noch zu früh, da in diesem Jahre der Winter nicht weichen zu wollen schien. Schnee lag noch um St. Peter und Paul, als wir ankamen, und jetzt erst begann der Frühling zu blühen. Wie ich von hier aus in die Heimath schrieb, auf das Papier die todten Buchstaben fallen ließ, die kein Widerhall waren und keinen Widerhall gaben, schnürte ein peinliches Gefühl das Herz mir zu. Ich muh Einiges nachholcn. Bücher, so von Bering's Zeiten her Reisende hier oder in Hintersibirien zurückgelassen, haben sich in St. Peter und Paul zu einer Bibliothek angesammelt, in welcher wir verwundert und erfreut Werke fanden, deren Mangel wir schmerzlich empfunden hatten. Bose konnte uns für das so reizende Studium der Seegewürme zu einem Leitfaden dienen, dessen wir ganz entbehrten; und wie erwünscht uns im Norden PallaS' Reisen und Gmelin's k'IorL Sibirien sein mochten, brauche ich nicht erst zu sagen. Dem Herrn Gouverneur schien es die natürlichste Bestimmung dieser Bücher zu sein, bei einer wissenschaftlichen Expedition, wie die unsrige, gebraucht zu werden, und er ließ mich aus der Bibliothek die Werke, die ich begehrte, nehmen, unter der heilig von mir erfüllten Bedingung, sie nach der Heimkehr der Petersburger Akademie zurück zu stellen. In dieser Bibliothek waren auch unter anderen etliche von Julius Klaproth einst an der chinesischen Grenze zurück gelassene Bücher, die mit seinem chinesischen Siegel, dem Spruch von Confucius: „Die Gelehrten sind das Licht der Finsterniß", gestempelt waren. Dieses selbe Siegel, das besaß ich; ein Geschenk von Julius Klaproth im Jahre 1804 oder 1805, wo ich in Berlin vertraulich mit ihm lebte und von ihm chinesisch lernen wollte. Ich hatte dieses Siegel zufällig ans diese Reise mitgenommen; ich hatte cs bei mir und hätte, es vorweisend, die Bücher als mein Eigetlthum ansprechen können. Von einem Naturforscher und Sammler, von Redowsky, der in 94 diesem Winkel der Erde ein unglückliches Ende nahm, rührten ein paar kleine Kisten her, die getrocknete Pflanzen und Löschpapier enthielten und womit Herr Rudokoff mir ein Geschenk machte. Auch das Papier war mir sehr erwünscht. Wie karg benutzte ich damals jedes Schnitzel; unsere Transparent-Gemälde aus Chile verbrauchte ich zu Saamenkapseln, und ich finde in einem aus St. Peter und Paul geschriebenen Briefe von mir dankbarlichst eines Bundes Fidibus erwähnt, das mir die Kinder eines Freundes in Kopenhagen geschenkt, als ich im Begriff war, zu Schiffe zu steigen. Ich hatte mir in England eine gute Doppelflinte angcschafft. Der Kapitain selbst hatte uns damals die Weisung gegeben, uns mit Waffen zu versorgen. Ich hatte sie auf der Reise sehr wenig gebraucht, doch war ein Schloß nicht in gutem Stande, und sie war schmutzig, weil ich der Geräthschaften entblößt war, ein Gewehr in Stand und rein zu erhalten. Es borgte sie in St. Peter und Paul Jemand von mir, und ich war dessen unmaßen froh, erwartend, es würde ihr nun ihr Recht geschehen, und sie würde wie neu aussehen, wann sie in meine Hände ivieder käme. Darin hatte ich mich nun geirrt; ich bekam sie ungeputzt zurück und die Noth war größer als zuvor. Der Gouverneur hatte meine Flinte gesehen und wünschte sie zu besitzen; er beauftragte den Kapitain, mit mir über den Preis, den ich darauf setzen wollte, zu unterhandeln. Nachdem ich mich vergewissert, daß Herr von Kotzebue, der sich Herrn Rudokoff gefällig zu erweisen trachtete, selber wünschte den Handel zu Stande zu bringen, sagte ich zu ihm, daß, insofern die Flinte, wie er anzunehmen scheine, mir als Nothwehrwaffe entbehrlich sei, ich sie gern Herrn Rudokoff überlassen wollte; ich wisse aber nicht sie in Geld abzuschätzen und sei auch kein Handelsmann. Er möge nur die Thiere und Vögel, die er damit bis zur Zeit unserer Rückkunft schießen würde, von seinen Leuten ausbalgen lassen und mir die Häute verwahren; das solle der Preis sein. Diese Wendung des Handels schien allen Theilen gleich erfreulich und würde auch den Berliner Museen trefflich zu Statten gekommen sein, wenn wir nicht unterlaßen hätten, nach Kamtschatka zurück zu kehren. 95 Der Lieutenant Wormskiold blieb in St. Peter und Paul. Er wollte sein am Bord des Rurik's nach den Instrumenten der Expedition geführtes meteorologisches Journal nur unter Bedingungen mittheilen, auf die sich Herr von Kotzebue nicht einlassen mochte. Dieser, zu dessen Verfügung ich für den eingetroffenen Fall meine Baarschaft gestellt hatte, gab mir, ohne von jener Gebrauch gemacht zu haben, »rein Wort zurück. Auch der kranke Lieutenant Sacharin mußte, obgleich ungern, hier von der Expedition scheiden. Wir drückten uns herzlich die Hände. Er hätte wirklich nicht unternehmen sollen, was auszuführen er körperlich nicht im Stande war; denn der Dienst des Seeoffiziers hat Beschwerden, denen der Passagier fremd bleibt. Unfern lustigen Gesellen, den Affen, schenkte der Kapitain dem Gouverneur. Man möchte meinen, wenn Affen, wie aus Schiffen geschieht, auf vertraulichem Fuße mit den Menschen leben, daß sie, geschickt, neu- und wißbegierig wie sie sind, es weit in der Bildung bringen könnten, wenn sie nur hätten, was zu einem Gelehrten gehört und was ihnen die Natur vorenthalten hat: Sitzfleisch. Sie haben keine Geduld. Das Alles gilt vielleicht mehr noch von den ostindischen Affen, die wir später an Bord nahmen, als von diesem Brasilianer. Der Kapitain erhielt zur Verstärkung der Mannschaft des Rurik's sechs Matrosen von dem hiesigen Kommando und einen Aleuten von der russisch-amerikanischen Handelscompagnie. Dieser war ein viel erfahrener, sehr verständiger Mann. — Diese sieben Mann sollte Herr von Kotzebue bei seiner Rückkunft in Kamtschatka im andern Jahre wieder abgeben. Er nahm außerdem eine Baidare an Bord, die er hier verfertigen lassen: ein offenes, flaches Boot, das aus einem leicht gezimmerten, mit Robbenhäuten überzogenen, hölzernen Gerippe besteht und beim Uebernachten auf dem Lande als Zelt oder Schutzwehr gegen den Wind gebraucht wird. Wir alle hatten uns mit Parken versehen, und mehrere hatten sich Bärenhäute zum Lager angeschafft. Die Parke ist das gewöhnliche Pelzkleid dieser Nordvölker, ein langes, aus Rennthierfell 96 verfertigtes Hemd ohne Schlitzen, mit daran hängender Haube oder Kaputzc. Manche sind zwiefältig mit Rauchwerk nach innen und außen. Wir verließen am 14. Juli 1816 den Hafen von St. Peter und Paul und konnten erst am 17. aus der Bucht von Awatscha anslaufen. Nordfahrt von Kamtschatka aus in die Beringsstraße. St. Laurenzinsel. Kotzebue's Sund. St. Laurenzbucht im Lande der Tschuktschi. Unalaschka. „Zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt" sind Worte, die die „Entdeckungsreise von Otto von Kotzebue in die Südsee und nach der Beringsstraße" an der Stirn trägt. Nun aber segeln wir nach Norden, der Beringsstraße zu, und es dünkt mich an-der Zeit zu sein, euch, die ihr nur bis jetzt auf gut Gluck gefolgt seid, ohne zu wissen, wohin die Reise ging und was sie beabsichtigte, nachträglich über den Hauptzweck derselben und den Plan, nach welchem er verfolgt werden sollte, die Aufklärungen zu geben, die ich selber nur nach und nach erhalten hatte. Die Sommercampagne 1816 sollte einer bloßen Rekognoscirung gewidmet sein. Ein Hafen, ein sicherer Ankerplatz für das Schiff, sollte in Norton-Sound, oder noch besser im Norden der Straße anfgefunden werden, von wo aus mit Baidaren und Aleuten*), diesen Amphibien dieser Meere, den eigentlichen Zweck der Expedition anzugreifen, der zweiten Sommercampagne Vorbehalten bliebe. Früh sollten wir dann in Unalaschka eintreffen, wo unsere Ausrüstung für das nächste Jahr von dem Beamten der russisch-amerikanischen Compagnie beschafft werden sollte: Baidaren, Mannschaft, Mundvorrath für dieselbe, und Dolmetscher, welche die "> Dreisylbig: A-le-ut. So spreche ich daS Wort mit den Russen aus. Meine Jungen, die in Klein-Quarta sitzen, wissen eS freilich besser und »erweisen es mir. — Daß es zweisylbig A-le»t heißen muß, weiß jedes Kind. III. 7 93 Sprachen der nördlichen Eskimos verstünden. Diese Dolmetscher Würden von Kodiak bezogen werden müssen; wohin von Unalaschka aus einen Boten auf dreisitziger Baidare die Küsten der Inseln und des festen Landes entlang zu senden, je später im Jahre, desto fahrvoller und unzuverlässiger sei. Deshalb durften wir unS jetzt nicht verspäten. Die Zeit deS nordischen Winters sollten wir dann in Sommcrlanden verbringen, theilS der Mannschaft die erforderliche Erholung gönnen, theilS anderwärtigen geographischen Untersuchungen obliegen, dann im Frühjahr 1817 nach Unalaschka zurückkehrend daselbst, was für unsere Nordfahrt vorbereitet worden, uns aneignen, und sobald das nordische Meer sich der Schifffahrt eröffnet?, den Rurik in den vorbestimmten Hafen fahren, sichern und zurücklassen und mit.Baidaren und Meuten zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt so weit nach Norden und Osten zu Wasser oder zu Lande Vordringen, als eS uns ein gutes Glück gestattete. — Wenn die vorgerückte Jahreszeit oder die sonstigen Umstände unserer Unternehmung ein Ziel gesetzt, sollten wir die Rückfahrt über Kamtschatka antreten und auf der Heimkehr noch die sahrvolle Torresstraße untersuchen. Wahrlich, es war zweckmäßig, zu Entdeckungen im Eismeer die Söhne des Nordens und ihre Fahrzeuge zu gebrauchen. Nur mißlich war es, die ganze Hoffnung des Gedeihens auf den einzigen Wurf nur einer Campagne zu setzen, die ein ungünstiges Jahr vereiteln konnte. Aber mit Beharrlichkeit möchten am füglichsten von Unalaschka aus, durch Meuten und wenige rüstige, abgehärtete Seemänner, welche nur die erforderlichen Ortsbestimmungen vorzunehmen befähigt wären, die letzten Fragen zu lösen sein, welche die Geographie dieser Meer- und Küstenstriche noch darbietet. Die Sommercampagne 1816, deren Ergebniß in der Karte vorliegt, die Herr von Kotzebue von dem nach ihm benannten Sunde mittheilt, hat, was von ihr erwartet werden konnte, auf das befriedigendste geleistet. Der Kotzebue's Sund, ein tiefer Meerbusen, der im Norden der Straße unter dem Polarkreise in die amerikanische Küste eindringt, und dessen Hintergrund beiläufig einen Grad nördlicher und unter gleicher Länge liegt als der Hintergrund von Norton Somrd, bietet den Schiffen im Schutze der Chamissoinsel den sicher- SS sten Ankerplatz und den vortrefflichsten Hafen dar. Herr von Kotzebue hat im Jahr 1817 darauf verzichtet, Vortheil von seiner Entdeckung zu ziehen, um weiteren Entdeckungen in das Eismeer entgegen zu gehen. Was der Romanzoff'schen Expedition aufgegeben war, ist seither von den Engländern verfolgt worden, und Kapitain Beechey mit dem Blossom hat in den Jahren 1826 und 27 von diesem selben Hafen auS einen Theil der amerikanischen Küste im Eismeer ausgenommen. Ich kehre zu unserer Nordfahrt zurück. Ihr Zweck war die Geographie. Wir haben zwar mit den Eingeborenen, den Bewohnern der St. Laurenzinsel, den Eskimos der amerikanischen Küste, den Tschuktschi der asiatischen, häufig verkehrt; doch haben wir mit und unter ihnen nicht gelebt. Die Karte und der Bericht von Herrn von Kotzebue, das Zeichenbuch des Malers, das er in seinem Vozmgo xittoresgus offen hält, werden belehrender sein als mein dürftiges Tagebuch. Uebrigens was ich über diese Völker mongolischer Race zu sagen gewußt, habe ich am Schluffe des Aufsatzes, den ich den Nordlanden in meinen Bemerkungen und Ansichten gewidmet habe, in wenige Worte zusammengedrängt. Am 17. Juli 1816 liefen wir aus der Bucht von Awatscha aus und hatten am 20. Ansicht von der Beringsinsel, deren westliches Ende sich mit sanften Hügeln und ruhigen Linien zum Meere senkt. Sie erschien uns im schönen Grün der Alpentriften; nur stellenweise lag Schnee. Von der Beringsinsel richteten wir mit günstigem Winde unfern Cours nach der Westspitze der St. Laurenzinsel. Wir waren in den dichtesten Nebel gehüllt; er zertheilte sich am 26. auf einen Augenblick; ein Berggipfel ward sichtbar; der Vorhang zog sich wieder zu. Wir lavirten in der gefährlichen Nähe des nichtgcsehenen Landes. An diesem Tage war die Erscheinung einer Ratte auf dem Verdeck ein Besorgnis; erregendes Ereigniß. Ratten sind auf einem Schiffe gar verderbliche Gäste, und ihrer Vermehrung ist nicht zu steuern. Wir hatten bis jetzt keine Ratten auf dem Rurik gehabt; war diese in Kamtschatka an unfern Bord gekommen, konnten auch mehrere schon in den untern Schiffsraum eingedrungen sein. Eine 7* 100 Rattenjagd ward auf dem Verdeck als ein sehr ernstes Geschäft angestellt und drei Stück wurden erlegt. Es ist von da an keine mehr verspürt worden. Am 27 . steuerten wir auf das Land zu, das uns im heitersten Sonnenschein erschien, so wie wir in seiner Nähe aus der Nebeldecke des Meeres heraustraten. Zwei Boote wurden zu einer Landung ausgerüstet. Indem wir nach dem Ufer ruderten, begegneten wir einer Baidare mit zehn Eingeborncn. Wir verkehrten mit ihnen, nicht ohne wechselseitig auf unserer Hut zu sein. Tabak! Tabak! war ihr lautes Begehren. Sie erhielten von uns das köstliche Kraut, folgten unfern Booten freundlich, fröhlich, vorsichtig, und leisteten uns beim Landen in der Nähe ihrer Zelte hülfreiche Hand. Die hier am Strande aufgerichtetcn Zelte von Robben- und Wallroßhäuten schienen Sommerwohnungen zu sein und die festen Wohnsitze der Menschen hinter dem Vorgebirge im Westen zu liegen. Von daher kam auch eine zweite Baidare herbei. Unser verständiger Aleut, der eine längere Zeit auf der amerikanischen Halbinsel Alaska zugebracht, fand die hiesige Völkerschaft den Sitten und der Sprache nach mit der dortigen verwandt und diente zu einem halben Dolmetscher. Während der Kapitain, der in ein Zelt geladen worden, den Umarmungen und Bestreichungen so wie der Bewirthung der freundlichen thranigen Leute, die er mit Tabak und Messern beschenkte, ausgesetzt blieb, bestieg ich allein und unbefährdet das felsige Hochufer und botanisirte. Selten hat mich eine Herborisation freudiger und wunderlicher angeregt. Es war die heimische Flora, die Flora der Hochalpen unserer Schweiz zunächst der Schneegrenze, mit dem ganzen Reichthum, mit der ganzen Fülle und Pracht ihrer dem Boden angedrückten Zwergpflanzen, denen sich nur wenige eigcnthüm- liche harmonisch und verwandt zugesellten. Ich fand auf der Höhe der Insel, unter dem zertrümmerten Gesteine, das den Boden ausmacht, einen Menschenschädel, den ich unter meinen Pflanzen sorgfältig verborgen mitnahm. Ich habe das Glück gehabt, die reiche Schädclsammlung des Berliner anatomischen Museums mit dreien nicht leicht zu beschaffenden Exemplaren zu beschenken: diesem von der St. Laurenzinsel, einein Aleuten aus einem alten Grabmal auf 101 Unalaschkä, und einem Eskimo aus den Gräbern der Bucht der guten Hoffnung in Kotzebue's Sund. Von den dreien war nur der letztere schadhaft. Nur unter kriegerischen Völkern, die, wie die Nu- kahiwer, Meuschenschädel ihren Siegestrophäen beizählen, können solche ein Gegenstand des Handels sein. Die mehrsten Menschen, wie auch unsere Nordländer, bestatten ihre Todten und halten die Gräber heilig. Der Reisende und Sammler kann nur durch einen seltenen glücklichen Zufall zu dem Besitze von Schädeln gelangen, die für die Geschichte der Menschenracen von der höchsten Wichtigkeit sind. Wir erreichten gegen zwei Uhr Nachmittags das Schiff und verbrachten, in den tiefen Nebel wieder untergetaucht, noch den 28. und den Vormittag des 29. in der Nähe der Insel, um deren westliches Ende wir unfern Cours nahmen. Am Abend des 28. hob sich die Nebeldecke, das Land ward sichtbar, und wir erhielten auf drei Baidaren einen zahlreichen Besuch der Eingeborenen, in deren Führer der Kapitain seinen freundlichen Wirth vom vorigen Tage erkannte. Nach vorgegangener Umarmung und Reiben der Nasen an einander wurden Geschenke und Gegengeschenke gewechselt und ein lebhafter Tauschhandel begann. In kurzer Zeit waren wir alle und unsere Matrosen reichlich mit Kamlaiken versehen. Die Kamlaika ist das gegen Regen und Uebergießen der Wellen schützende Oberkleid dieser Nordländer, ein Hemde mit Haube oder Kaputzs aus der feinen Darmhaut verschiedener Robben und Seethiere verfertigt; die Streifen ring- oder spiralförmig wasserdicht mit einem Faden von Flechsen von Seethieren an einander genäht; die Nähte zuweilen mit Federn von Seevögeln oder Anderein verziert. Die gröbste Kamlaika muß für die geübteste Nähterin die Arbeit von mehreren, von vielen Tagen sein, — sie wurden ohne Unterschied für wenige Blätter Tabak, so viel wie etwa ein Raucher in einein Vormittag aufrauchen könnte, freudig hingegeben. Die sonderbare Sitte des Tabakrauchens, deren Ursprung zweifelhaft bleibt, ist aus Amerika zu uns herübergekommen, wo sie erst seit beiläufig anderthalb Jahrhunderten Anerkennung zu finden beginnt. Von uns verbreitet, ist sie unversehens zu der allgemeinsten 102 Sitte der Menschen geworden. Gegen zwei, die von Brod sich ernähren, konnte man fünf zählen, welche diesem magischen Rauche Trost und Lust des Lebens verdanken. Alle Völker der Welt haben sich gleich begierig erwiesen, diesen Brauch sich anzueignen; die zierlichen, reinlichen Lotophagen der Südsee und die schmutzigen Ichthyophagen des Eismeeres. Wer den ihm einwohnenden Zauber nicht ahnet, möge den Eskimo seinen kleinen steinernen Pfeifenkopf mit dem kostbaren Kraut anfüllen sehen, das er sparsam halb mit Holzspänen vermischt hat; möge sehen, wie er ihn behutsam anzündet, begierig dann mit zugemachten Augen und langem, tiefem Zuge den Rauch in die Lungen einathmet und wieder gegen den Himmel auS- bläst, während Aller Augen auf ihm haften und der Nächste schon die Hand ausstreckt, das Instrument zu empfangen, um auch einen Freudenzug auf gleiche Weise daraus zu schöpfen. Der Tabak ist bei uns hauptsächlich, und in manchen Ländern Europa's ausschließlich Genuß des gemeinen Volkes. — Ich habe immer nur mit Weh- muth sehen können, daß grade der kleine Antheil von Glückseligkeit, welchen die dürftigere Klasse vor den begünstigteren voraus nimmt, mit der drückendsten Steuer belastet werde, und empörend ist es mir vorgekommen, daß, wie zum Beispiel in Frankreich, für das schwer erpreßte Geld die schlechteste Waare geliefert werde, die nur gedacht werden kann. Wir hatten am 29. Ansicht vom Nordcap der Insel, einer steilen Felsklippe, an welche sich eine Niederung anschließt, worauf Jurten der Eingeborenen gleich Maulwurfshaufen erschienen, von den Hängeböden umstellt, auf denen, was aus dem Bereich der Hunde gehalten werden soll, verwahrt wird. Es stießen sogleich drei Baidaren vom Lande ab, jegliche mit beiläufig zehn Insulanern bemannt, die, bevor sie an das Schiff heranruderten, religiöse Bräuche vollbrachten. Sie sangen eine Zcitlang eine langsame Melodie; dann opferte einer aus ihrer Mitte einen schwarzen Hund, den er emporhielt, mit einem Messerstich schlachtete und in das Meer warf. Sie näherten sich erst nach dieser feierlichen Handlung, und etliche stiegen auf das Verdeck. Am 30. erhellte sich das Wetter; wir sahen am Morgen die 103 Kingsinsel; bald darauf das Cap Wales, die Gwozdeff'sinseln (welche vier vereinzelt stehende Felsensäuren in der Mitte der Straße sind) und selbst die asiatische Küste. Cook hatte nur drei der vorerwähnten Felsen gesehen; der vierte, die Ratmanoffinsel von Kotze- bue, ist eine neue Entdeckung von diesem. Wir sichren durch die Straße, auf der amerikanischen Seite in einer Entfernung von beiläufig drei Meilen vom Ufer, Nachmittag gegen die zweite Stunde. Ich habe hier eine Frage zu beantworten, die in den Gedanken der Wissenschaft den unaufhaltsamen Fortschritt der Zeit und der Geschichte bezeichnet. — Ihr Starren, die ihr die Bewegung leugnet und unterschlagen wollt, seht, ihr selber, ihr schreitet vor. Eröffnet ihr nicht das Herz Europa's nach allen Richtungen der Dampfschifffahrt, den Eisenbahnen, den telegraphischen Linien, und verleihet dem sonst kriechenden Gedanken Flügel? Das ist der Geist der Zeit, der, mächtiger als ihr selbst, euch ergreift. — Gauß aus Göttingen zuerst fragte mich im Herbst 1828 zu Berlin, und die Frage ist seither wiederholt an mich gerichtet worden: ob es möglich sein werde oder nicht, die geodätischen Arbeiten und die Trianguli- rung von der asiatischen nach der amerikanischen Küste über die Straße hinaus fortzusetzen? Diese Frage muß ich einfach bejahend beantworten. Beide Pfeiler des Wasserthores sind hohe Berge, die in Sicht von einander liegen, steil vom Meer ansteigend auf der asiatischen Seite, und auf der amerikanischen den Fuß von einer angeschlemmten Niederung umsäumt. Auf der asiatischen Seite hat das Meer die größere Tiefe, und der Strom, der von Süden in die Straße mit einer Schnelligkeit von zwei bis drei Knoten hineinsetzt, die größere Gewalt. Wir sahen nur auf der asiatischen Seite häufige Wallfische und unzählbare Heerden von Wallrossen. Die Berghäupter mögen wohl die Nebeldecke überragen, die im Sommer über dem Meere zu ruhen pflegt; aber es wird auch Tage geben, wie der 30. Juli 1816 einer war. Als die Niederung der amerikanischen Küste sich über unfern Gesichtskreis zu erheben begann, schien ein Zauberer sie mit seinem Stabe berührt zu haben. Stark bewohnt, ist sie von Jurten übersäet, die von Gerüsten und Hängeböden umringt sind, deren Pfeiler, 104 Wallfischknochen oder angeschleminte Baumstämme, die Böden, die sie tragen, überragen. Diese Gerüste nun erschienen zuerst am Horizonte im Spiele der Kimming (Mirage) durch ihr Spiegelbild verlängert und verändert. Wir hatten die Ansicht von einer unzählbaren Flotte, von einem Walde von Masten. Wir verfolgten jenseit der Straße die Küste nach O. N. O. in möglichster Nähe des Landes in 5 bis 7 Faden Tiefe. Das Land war, bis auf wenige Punkte auf den Höhen des Innern, frei von Schnee und begrünt. Wir ließen am Morgen des 31. die Anker vor einem Punkte fallen, wo das niedere Ufer sich außer Sicht verlor, als sei da die Mündung eines Flusses oder der Eingang eines Meerarmes. Wir landeten unscrm Ankerplatz gegenüber und befanden uns ans einer schmalen, flachen Insel, die, wie die Barre eines Flusses, einen breiten, durch die Niederung sich ergießenden Wasserstrom halb absperrte: die Sarytscheffsinsel und die Schischmareffbucht von Kotzebue's Karte. Die Tiefe in der Mitte der breiteren N. W. Einfahrt betrug 8 Faden, und der Strom setzte, bei steigender Fluth, landeinwärts. Auf der Insel Sarytscheff umringten uns alle Täuschungen der Kimming. Ich sah eine Wasserfläche vor mir, in der sich ein niedriger Hügel spiegelte, welcher sich längs des jenseitigen Ufers hinzog. Ich ging auf dieses Wasser zu; es verschwand vor mir und ich erreichte trocknen Fußes den Hügel. Wie ich ungefähr den halben Weg dahin zurückgelegt, war ich für Eschscholtz, der da zurückgeblieben war, von wo ich ausgegangen, bis auf den Kopf in die spiegelnde Luftschicht untcrgetaucht, und er hätte mich, so verkürzt, eher für einen Hund als für einen Menschen angesehen. Weiter vorschreitend dem Hügel zu, tauchte ich mehr und mehr aus derselben Schichte hervor, und ich erschien ihm, verlängert durch mein Spiegelbild, länger und länger, riesig, schmächtig. Das Phänomen des Mirage zeigt sich übrigens auch auf den weiten Ebenen unserer Torfmoore, zum Beispiel bei Linum, wo ich es selbst beobachtet habe. Man sieht cs in vertikaler Richtung und kann die Bedingungen, unter welchen es entsteht, an weiten, sonuen- beschieuenen Mauerstächen (zum Beispiel an den Ringmauern Ber- 105 lin's außerhalb der Stadt nach Süden und Westen) am bequemsten studiren, wenn man allmälig das Auge bis dicht an die Mauer nähert. — Wenn sich das Land über den Horizont erhebt, wie sich der Seemann auszudrücken Pflegt, ist die Linie, die für den Horizont gehalten wird, der näher dem Auge liegende Rand einer von der untern Schicht der Luft gebildeten Spiegelfläche; eine Linie, die wirklich tiefer als der sichtbare Horizont liegt. Ich glaube, daß diese Täuschung in manchen Fällen auf astronomische Beobachtungen Einfluß haben und in dieselben einen Jrrthum von fünf und vielleicht mehreren Minuten bringen kann. — So müßte man dann den Mirage nebst der Deviation der Deklination der am Bord beobachteten Magnetnadel zu den Ursachen rechnen, die in den Polargegenden der Genauigkeit der astronomischen Beobachtungen und Küstenaufnahmen entgegenstehen. Die Deviation (vergleiche Flinders, Roß, Scoresbp re. rc.) war schon zur Zeit unserer Reise zur Sprache gekommen. Ich glaube nicht, daß Herr von Kotzebue in dieser Hinsicht den Mirage oder die Deviation beachtet hat. Wir waren bei Jurten gelandet, welche die Menschen verlassen hatten. Nur etliche Hunde waren zurück geblieben. Wir benutzten die Gelegenheit, die festen Winterwohnsihe dieser Menschen kennen zu lernen. Herr von Kotzebne hat I. S. 152 eine dieser Jurten beschrieben. Plan und Aufriß würden belehrender gewesen sein. Eine Kammer von zehn Fuß ins Gevierte, die Wände sechs Fuß hoch, die Decke gewölbt, im Scheitelpunkt ein mit einer Blase verschlossenes viereckiges Fenster. Das Gebäude von Balken aufgeführt, die nach dem Innern äbgcflacht. Der Thür gegenüber eine anderthalb Fuß erhöhte Pritsche als Schlafstelle, daS Drittheil des Raumes einnehmend. Längs der Wände verschiedene leiterähnliche Hängeböden zur Aufstellung von Geräthschaften. Die Thür, eine runde Oeffnung von anderthalb Fuß Durchmesser in der Mitte der einen Wand. Maulwurfsgängen ähnliche, mit Holz belegte Stollen, die nur in einigen Theilen zum Aufrechtstehen erhöht sind, ziehen sich zwischen der inncrn Kammerthür und dem äußeren Eingänge, der, drei Fuß hoch und viereckig, sich zwischen zwei Erdwällen nach S. O. eröffnet. Aus dem Hauptgange führt ein Nebenzweig zu 106 — einer Grube, worin der Wintervorrath, futzgroße Speckstücke, verwahrt wird; dabei Siebe mit langem Stiele, um den Speck heraus zu holen. Hauptgebäude und Zugänge von außen mit Erde überdeckt. Während unsers Aufenthaltes auf der Insel fuhr eine Baidare der Eingeborenen unter Segel aus dem Meere zu dem S. W. Eingänge in die Bucht und kam uns landeinwärts im Osten aus dem Gesichte. Zwei Männer, jeder auf einsitziger Baidare, kamen vom festen Lande, uns zu beobachten, waren aber nicht heran zu locken. Die einsitzige Baidare ist diesen Völkern, was dem Kosacken sein Pferd ist. Dieses Werkzeug ist eine schmale, lange, nach vorn langzügespitzte Schwimmblase von Robbenhäuten, die auf ein leichtes hölzernes Geripp gespannt sind. In der Mitte ist eine runde Oeff- nung; der Mann sitzt mit ausgestreckten Füßen darin und ragt mit dem Körper daraus hervor. Er ist niit dem Schwimmwerkzeuge durch einen Schlauch von Kamlaikastoff verbunden, der, von gleicher Weite als die Ocffnung, dieselbe umsäumt, und den er um den eigenen Leib unter den Armen festschnürt. Sein leichtes Ruder in der Hand, seine Waffen vor sich, das Gleichgewicht wie ein Reiter haltend, fliegt er pfeilschnell über die bewegliche Fläche dahin. — Dieses bei verschiedenen Völkerschaften nur wenig verschieden gestaltete Werkzeug ist aus Reisebeschreibungen und Abbildungen genug bekannt, und es haben sich uns in den Hauptstädten Europa'ö Eskimos damit gezeigt. — Die große Baidare hingegen, das Frauenboot, ist dein schweren Fuhrwerk zu vergleichen, daö dem Zuge der Nomaden folgt. Als wir gegen Abend wieder an das Schiff fuhren, ruderten uns drei Baidaren der Eingeborenen nach, jede mit zehn Mann bemannt. Sie banden mit dein einen Boote an, welches zurückgeblieben war, und worauf der Kapitain, der Lieutenant Schischmareff und nur vier Matrosen sich befanden. Die Eskimos, welche das Feuergewehr nicht zu kennen schienen, nahmen eine drohende Stellung an, enthielten sich jedoch der Feindseligkeiten und folgten dem Boote bis an das Schiff, auf welches zu kommen sie sich nicht bereden ließen. Wir folgten der immer niedern Küste in unveränderter Rich- 107 tung, bis wir am 1. August gegen Mittag uns am Eingang eines weiten Meerbusens befanden. Das Land, dem wir folgten, verlor sich im Osten, und ein hohes Vorgebirge zeigte sich fern im Norden. Der Wind verließ uns; wir warfen die Anker; der Strom setzte stark in die Oeffnung hinein. Die Ansicht der Dinge war vielversprechend. Wir konnten am Eingang eines Kanales sein, der das Land im Norden als eine Insel von dem Kontinente trennte und die fragliche Durchfahrt darböte. Um wenigstens einen Hügel zu besteigen und das Land von einem höheren Standpunkte zu erkunden, ließ Herr von Kotzebue ans Land fahren. Hier, auf dem Cap Espenberg seiner Karte, besuchten uns die Eingeborenen in großer Anzahl. Sie zeigten sich, wie cs wackern Männern geziemt, zum Kriege gerüstet, aber zum Frieden bereit. Ich glaube, daß es hier war, wo, bevor wir ihrer ansichtig geworden, ich allein und ohne Waffen auf meine eigene Hand botanisirend, unversehens auf einen Trupp von beiläufig zwanzig Mann stieß. Da sie keinen Grund hatten, gegen mich den Einzelnen auf ihrer Hut zu sein, nahten wir uns gleich als Freunde. Ich hatte als hier gültige Münze dreikantige Nadeln mit, wie man sie in Kopenhagen, dein Bedürfnisse dieses selben Menschenstammes angemessen, für den Handel mit Grönland vorfindet. — Das Oehr ist eine unnütze Zugabe; zum Gebrauche wird es abgebrochen und der Faden von Thierflechse an den Stahl angeklebt. — Ich zog meine Nadelbüchse heraus und beschenkte die Fremden, die sich in einen Halbkreis stellten, vom rechten Flügel anfangend der Reihe nach jeden mit zwei Nadeln. Eine werthvolle Gabe. Ich bemerkte stillschweigend, daß einer der ersten, nachdem er das ihm Zugedachte empfangen, weiter unten in das Glied trat, wo ihm die Andern Platz machten. Wie ich an ihn zum zweiten Male kam und er mir zum zweiten Male die Hand entgegenstreckte, gab ich ihm darein anstatt der erwarteten Nadeln unerwartet und aus aller Kraft einen recht schallenden Klapps. Ich hatte mich nicht verrechnet; Alles lachte mit mir auf das lärmendste; und wann man zusammen gelacht hat, kann man getrost Hand in Hand gehen. Mehrere Baidaren folgten uns an das Schiff, und da ward gehandelt und gescherzt. Den Handel scheinen sie wohl zu verstehen. 108 Sie erhielten von uns Tabak und minder geschätzte Kleinigkeiten, Messer, Spiegel u. s. w.; aber lange Messer, welche sie für ihre kostbaren Pelzwerke haben wollten, hatten wir ihnen nicht anzubieten. Wir erhandelten von ihnen elfenbeinerne Arbeiten, Thier- und Menschengestalten, verschiedene Werkzeuge, Zierratheu u. f> w. Der Wind erhob sich gegen Abend aus Süden, und wir segelten nach Osten in die Straße hinein. Am Morgen des 2. hatten wir noch im Norden hohes Land, im Süden eine niedrige Küste, und vor uns im Osten ein offenes Meer. Erst am Abend stiegen einzelne Landpnnkte am Horizont herauf und vereinigten sich und zogen eine Kette zwischen beiden Küsten. Nur eine Stelle schien der Hoffnung noch Raum zu geben. Das Wetter ward uns ungünstig; wir fuhren erst am 3. August durch einen Kanal zwischen einem schmalen Vorgebirge deS Landes im Norden und einer Insel, und warfen an gesicherter Stelle die Anker.' Die Ufer um uns waren Urgebirge; die Aussicht nur im Norden noch frei. Diese Stelle zu untersuchen ward am 4. eine Exkursion mit Barkasse und Baidarc unternommen, 'und bald schloß sich um uns eine Bucht, die nach Norden und Osten in angeschlemmtes Land eindringt; die Ufer ab- stürzig von beiläufig 80 Fuß Höhe, die Rücken sanft wellenfaltig zu einer unabsehbaren, nackten, torfbenarbten Ebene sich dehnend. Wir bivouakirten die Nacht unter der Baidare und kehrten am 5. bei ungünstigem Wetter zu dem Schiffe zurück. Die Hoffnung blieb noch, die Mündung eines Flusses zu entdecken. Am 7. ward eine zweite Exkursion nach der Bucht im Norden unternommen; am 8. schlug uns ein Sturm nach unserm Bivouak wieder zurück. An diesem Tage entdeckte Eschscholtz, der, während wir Anderen weiter zu dringen versuchten, westwärts längs des Ufers dem Urgebirge und dem Ankerplätze zu zurück ging, die sogenannten Eisberge, denen die mit dem Norden und den Reisen im Norden nicht Vertrauten fast zu viel Aufmerksamkeit geschenkt zu haben scheinen. Ich habe Bee- chey über dieses Eisufer sorgfältig gelesen und geprüft, und kann doch nicht anders, als'einfach bei der Ansicht beharren, die ich in meinen BemerUmgen und Ansichten ausgesprochen habe. Entweder war in den Jahren von 1816 bis 1826 die Zerstörung des Eis- 109 s-- klintes schnell fortgeschritten und hatte die Grenze von der Eisfor- mation und dem Sande erreicht, oder ihre Wirkung hatte die Verhältnisse, die uns noch deutlich waren, bemäntelt. Die ruhige Lagerung in wagerechten Schichten, die an der Eiswand deutlich zu erkennen war, läßt meines ErachtenS die Vorstellung von Beechey nicht aufkommen. — Die Zeugnisse scheinen mir darüber übereinstimmend*), daß in Asien und Amerika unter hohen Breiten das angeschlemmte Land nirgends im Sommer aufthaut; daß, wo es untersucht worden, dasselbe bis zu einer großen Tiefe fest gefroren befunden worden ist, und daß stellenweise das Eis, oft Ueberreste urweltlicher Thiere führend, als Gebirgsart und als ein Glied der angeschlcmmten Formation vorkommt, mit vegetabilischer Erde überdeckt und gleich anderem Grunde begrünt. (Ausfluß der Lena und deS Mackenzie-River, Kotzebue-Sund.) Wo aber die Erde den alten Kern zu Tage zeigt, da mögen andere Temperaturverhältnisse Statt finden, und unter gleichen Breiten mit der Eisformation Quellen anzutreffen sein. Ich zweifle nicht, daß die Mammuthzähne, die wir hier sammelten, aus dem Eise herrühren; die Wahrheit ist aber, daß die, welche uns in die Hände fielen, bereits von den Eingeborenen, auf deren Landungs- und Bivouakplatze wir selber bivouakirten, aufgelesen, geprüft und verworfen worden waren. Ist es aber das Eis, welches die Ueberbleibsel urzeitlicher Thiere führt, so möchte eö älteren Ursprungs sein, als der Sand, in dem ich nur Rennthiergeweihe und häufiges Treibholz angetroffen habe, dem völlig gleich, das noch jetzt an den Strand ausgeworfen wird. Daß dieses Eisuser sich zwischen dem Urgcbirge und dem Sande erstreckt, ist auch nicht zu übersehen. Ich hatte mehrere Bruchstücke fossilen Elfenbeines gesammelt und sorgfältig bei Seite gelegt; — damit wurde in der Nacht das Bivouakfeuer unterhalten. Ich muhte froh sein, nachträglich noch den Hauer, den Molarzahn und das Bruchstück zu finden, die ich *) Ich bitte hier zu vergleichen, was ich in der Linnaea, 1829, 2?. IV. x. 58 und folg, gesagt habe, und die p. 61 angeführten Autoritäten. 11V dem Berliner mineralogischen Museum verehrt habe. Schildwacht habe ich dabei stehen und selber die Last bis in das Boot tragen müssen. Jede Hülse und selbst ein schützendes Wort wurde mir verweigert. Der Hauzahn, der mir einerseits zu dick und anderseits zu wenig gekrümmt schien, um dem Mammuth anzugehören, ist doch von Cuvier in seinem großen Werke auf meine Zeichnung und Beschreibung hin dieser Art zugeschrieben worden. Die Bucht, worin wir waren, erhielt den Namen Eschscholtz; die Insel, in deren Schutz der Rurik vor Anker lag, den meinen. (Sie ist in meinen Bemerkungen und Ansichten ungenannt.) Sowohl auf der sandigen Landzunge, ans welcher wir bivouakirte», als auf der urfelsigen Insel war die Variation der Magnetnadel durchaus unregelmäßig. — Auf Exkursionen, wie diese, hatte meine Sekundenuhr von Schu- nigk zu Berlin die Ehre, Chronometerdienst zu thun; selbst ihrer nicht bedürftig, hatte ich sie dem Kapitain zum Gebrauch ganz überlassen. Nach, zweitägigem Bivouak, wobei uns das englische Patent- fleisch (frisches Fleisch und Brühe in Blechkasten eingefüllt, die ohne leeren Raum zugelöthet sind) sehr güten Dienst geleistet hatte, kehrten wir am dritten Tage, am 9. August Morgens, zu dem Schiffe zurück. Während unserer Abwesenheit hatten uns die Eingeborenen auf zwei Baidaren einen Besuch zugedacht, der aber, nach dem Befehl des Kapitains, nicht angenommen worden war. Der Hintergrund von Kotzebue's Sund ist unbewohnt, und man findet an dessen Ufern nur Landungs- und Bivouakplätze der Eingeborenen. Ein solcher findet sich zum Beispiel auf der Chamisso's-Jnsel und ein anderer bei den Eisbergen der Eschscholtz-Bucht; diesen besuchen sie vielleicht hauptsächlich nur um Elfenbein zu sammeln. Es regnete am 10. August; Nachmittags klärte sich das Wetter auf, und wir gingen unter Segel. Es blieb uns ein Theil der südlichen Küste zu untersuchen. Wir warfen die Anker als es dunkelte, und wurden von Eingeborenen besucht. Wir nahten uns am 11. einem hohen Vorgebirge (das Cap Betrug der Karte), von welchem aus etliche Baidaren an uns ruderten. Zwischen diesem Vorgebirge und dem nördlich von ihm liegenden Cap Espenberg fand sich die — 111 — niedrige Küste von einer weiten Bucht ausgerandet. Die Tiefe des Wassers nahm ab; wir warfen die Anker und trafen sogleich Anstalten ans Land zu fahren. Dort ließ sich die Mündung eines Flusses erwarten. — Es war schon spät am Nachmittag; ein dichter Nebel überfiel uns und zwang uns an das Schiff zurückzukehren. Wir bewerkstelligten am 12. früh die beabsichtigte Landung, aber die stark abnehmende Tiefe des Wassers erlaubte uns nur auf einem sehr entfernten Punkte, beiläufig sechs Meilen vom Schiffe, anzufahren. Ein Kanal, der sich durch die Niederung schlängelt, ins Meer mündet, und in welchen der Strom landeinwärts hinein zu setzen scheint, beschäftigte den Kapitain. Ich fand ihn, wie ich von einer botanischen Exkursion zurückkehrte, mit einem Eingeborenen, von dem er einige Auskunft über die Richtung und Beschaffenheit jenes Stromes zu erhalten sich bemühte. Dieser Mann, der mit seiner Familie allein sein Zelt hier aufgeschlagen hatte, war mit seinem Knaben, kampffertig, den Pfeil auf dem Bogen, dem Kapitain entgegen getreten, als sich dieser mit vier Mann Begleitung gezeigt. Er hatte sich entschlossen, muthig und klug benommen, wie einem tapfer» Mann gegen Fremde geziemt, die ihm an Kraft überlegen sind, und deren Gesinnung er verdächtigen muß. Der Kapitain, indem er seine Begleiter entfernte und allein ohne Waffen auf ihn zuging, hatte den Mann beschwichtigt, und Geschenke hatten den Frieden besiegelt. Der Eskimo hatte ihn gastlich unter seinem Zelte ausgenommen, wo er sein Weib und zwei Kinder hatte; doch schien ihm nicht heimlich bei den zudringlichen Fremden zu werden. Ich maßte mir auch hier mein altes Dolmetscheramt an; ich stellte mich pantomimisch, als ruderte ich den Strom landeinwärts, und fragte den Freund mit Blick und Hand: wohin? und wann? Er faßte sogleich die Frage und beantwortete sie sehr verständig: — Während neun Sonnen rudern, während neun Nächte schlafen, Land zur Rechten, Land zur Linken; — dann freier Horizont, freies Meer, kein Land in Sicht. — Ein Blick auf die Karte berechtigt zu der Ver- muthung, daß dieser Kanal, mit dem sich der Strom der Schischma- reffbucht vereinigen mag, nach dem Norton Sound führen kann. Sobald es unserm Freunde gelang, von uns abzukommen, brach 112 — er sein Zelt ab und zog mit seiner Familie an das entgegengesetzte Ufer. Wir aber richteten uns für die Nacht ein, am Fuß eines Hügels zu bivouakiren, der mit Grabmälern der Eingeborenen gekrönt mar. Die Todten liegen über der Erde, mit Treibholz überdeckt und vor den Raubthieren geschützt; etliche Pfosten ragen umher, an denen Ruder und andere Zeichen hangen. Unsere habsüchtige Neugierde hat diese Grabmäler durchwühlt; die Schädel sind daraus entwendet worden. Was der Naturforscher sammelte, wollte der Maler, wollte jeder auch für sich sammeln. Alle Geräthschaften, welche die Hinterbliebenen ihren Todten mitgegeben, sind gesucht und aufgelesen worden; endlich sind unsere Matrosen, um das Feuer unseres Bivouak zu unterhalten, dahin nach Holz gegangen und haben die Monumente zerstört. — Es wurde zu spät bemerkt, was besser unterblieben wäre. Ich klage uns darob nicht an; wahrlich, wir waren alle des menschenfreundlichsten Sinnes, und ich glaube nicht, daß Europäer sich gegen fremde Völker, gegen „Wilde" (Herr von Kotzebue nennt auch die Eskimos „Wilde") musterhafter betragen können, als wir aller Orten gethan; namentlich unsere Matrosen verdienen in vollem Matze das Lob, das ihnen der Kapitain auch gicbt. — Aber hätte dieses Volk um die geschändeten Gräber seiner Todten zu den Waffen gegriffen: wer mochte da die Schuld des vergossenen Blutes tragen? Die Ankunft einer zahlreichen Schaar Amerikaner, die von der Gegend des Cap Betruges auf acht Baidaren anlangten und ihr Bivouak uns gegenüber aufschlugen, beunruhigte uns während der Nacht. Ihre liebermacht gebot Vorsicht; wir hatten Wachen ausgestellt und die Gewehre geladen. Wir nahmen gegen sie die Stellung an, in der sich kurz zuvor einer von ihnen gegen uns gezeigt hatte. Einem lästigen Besuch auszuweichen, ließ der Kapitain noch bei Nacht das Bivouak abbrechen und zu den Rudern greisen. Aber es war die Zeit der Ebbe, und das Meer brandete über Untiefen, die wir bei hoher Fluth nicht bemerkt hatten. Der Kapitain scheint unsere Lage für sehr mißlich gehalten zu haben; „ich sah keinen Ausweg dem Tode zu entrinnen", das sind seine Worte. Ich war freilich auf der Baidare, die nur geringerer Gefahr ausgesetzt gewesen 113 sein mag. Jndeß setzte der anbrechende Tag unserer Verlegenheit ein Zieh und wir erreichten, nicht ohne große Anstrengung von Seiten der Matrosen, wohlbehalten das Schiff. Wir lichteten am 13. August die Anker, nachdem nur noch den Besuch von zwei Baidaren der Eingeborenen empfangen. Wir näherten uns dem hohen Vorgebirge, das aus der Nordseite den Eingang des Sundes begrenzt. Eine wohlbewohnte Niederung liegt vor dem Hochlande und vereinigt die Bergmassen, die von der See her als Inseln erscheinen mögen. Der Hauptzweck unserer Sommer-Campagne war befriedigend erreicht und wir setzten hier unfern Entdeckungen ein Ziel. In die Nebel wieder eintauchend durchkreuzten wir das nördlich der Straße telegene Meerbecken zu der astatischen Küste hinüber, längs welcher wir Hinausfähren wollten, um dann in die St. Laurenzbucht im Laude der Tschuktschi einzulaufen. Wir hätten vielleicht die Zeit, die wir in der St. Laurenzbucht verbracht, auf eine Rekognoscirung nach Norden anwenden können und sollen, welche Rekognoscirung bei günstigen Umständen erfolgreicher ausfallen konnte, als bei ungünstiger» die beabsichtigte zweite Campagne. Der Südwind blies fortwährend und verzögerte unsere Fahrt; die Tiefe des Wassers nahm zu, die Temperatur nahm ab, und auch das Meer ward in der Nähe der winterlichen asiatischen Küste kälter gefunden. Wir lavirten in der Nacht vom 18. zum 19. gegen Wind und Strom, um zwischen dem Ostcap und der Insel Rattma- noff durch die Straße zu kommen; und am Morgen, als wir die Höhe der St. Laurenzbucht erreicht zu haben meinten, waren wir noch am Ostcap und nicht vorgeschritten. (30 Faden ist die größte Wassertiefe, die auf der Karte verzeichnet ist.) Da ein Lichtblick durch die Nebel uns das Vorgebirge erblicken ließ, steuerten wir dahin, warfen gegen Mittag die Anker in dessen Nähe und fuhren sogleich in zweien Booten an das Land. Die Tschuktschi empfingen uns am Strande, wie einen Staatsbesuch, freundschaftlich, aber mit einer Feierlichkeit, die uns alle Freiheit raubte. Sie ließen uns auf ausgebreitete Felle sitzen, aber luden uns in ihre Wohnungen nicht ein, die weiter zurück auf dem Hügel waren. Nach empfangenen Gern. 8 114 schenken folgten uns ihrer etliche, und darunter die zwei Vornehmem, an das Schiff. Diese, bevor sie an Bord stiegen, schenkten dem Ka- pitain jeder einen Fuchspelz und kamen dann furchtlos mit ihrem Gefolge herauf. Herr von Kotzebue, der sie in seine Kajüte zog, wo ein großer Spiegel sich befand, bemerkt bei dieser Gelegenheit: „daß die nordischen Völker den Spiegel furchten, die südlichen hingegen sich mit Wohlgefallen darin betrachten." Wir benutzten einen Hauch des N. O., der sich am Nachmittag spüren ließ, um sogleich unter Segel zu gehen. Wallrosfe, die wir am vorigen Tage einzeln gesehen, bedeckten, wie wir das Dstcap umfuhren, in unzählbaren Heerdcn das Meer und erfüllten die Luft mit ihrem Gebrüll; zahlreiche Wallfische spielten umher und spritzten hohe Wasserstrahlen in die Höhe. Wir steuerten bei Regen und Nebel nach der St. Laurenzbucht. Am 20. Mittags, als wir eben vor dem Eingänge derselben waren, klärte das Wetter sich auf, und wir ließen um 3 Uhr die Anker hinter der kleinen sandigen Insel fallen, die den Hafen bildet. Vom nächsten Ufer, auf welchem die Zelte der Tschuktschi den Rucken eines Hügels Annahmen, stießen zwei Baidaren ab, in deren jeder zehn Mann saßen. Sie näherten sich uns mit Gesang, hielten sich aber in einigem Abstande vom Schiffe, bis sie herbei gerufen wurden und dann ohne Furcht das Verdeck bestiegen. Wir trafen Anstalt, selber ans Land zu fahren, und unsere Gäste, mit unserer Freigebigkeit zufrieden, folgten uns. Sie ruderten auf ihren leichten Fahrzeugen viel schneller als unsere Boote, und belustigten sich, unsere Matrosen vergeblich mit ihnen wetteifern zu sehen. Moorgrund und Schneefelder in der Tiefe; wenige seltene Pflanzen, die den alpinischen Charakter im höchsten Maße tragen. Die Hügel und Abhänge zertrümmertes Gestein, worüber' Felsen-Wände und Zinnen sich nackt und kahl erheben, schneebedeckt, wo nur der Schnee liegen kann. — Starres Winterland. Es waren zwölf der Zelte von Thierhäuten, groß und geräumig, wie wir noch keine gesehen. Ein alter Mann hatte Autorität über die Völkerschaft. Er empfing aufs ehrenvollste den Gast, dessen Erscheinung ihm jedoch bedrohlich scheinen mochte. Die Tschuktschi 115 sind in ihren Bergen ein unabhängiges Volk und nicht geknechtet. Sie anerkennen die Oberherrschaft Rußland's nur in sofern, daß sie den Tribut auf den Marktplätzen bezahlen, wo sie zu wechselseitigem Vortheil mit den Russen handeln. Einer der aus Kamtschatka mitgenommenen Matrosen, der etwas Kariäkisch sprach, machte sich hier nothdnrftig verständlich. Der Kapitain theilte Geschenke aus, und weigerte sich, welche anzunehmen, was diesen Leuten seltsam bedünkte. Er wollte nur frisch Wasser und — etliche Rennthiere. Nennthiere wurden versprochen, aber sie aus dein Innern zu holen, würde ein paar Tage Zeit kosten. Man schied zufrieden auseinander. Ich kann einen Zug nicht unterschlagen, der mir zu dem Bilde dieser Nordländer bezeichnend zu gehören scheint, und aus dem namentlich der Gegensatz hervorgeht, in welchem sie zu den anmuths- vollen Polynesiern stehen. Einer der Wortführer bei der vorerwähnten wichtigen Konferenz, während er vor dein Kapitain stehend mit ihm sprach, spreizte, unbeschadet der Ehrfurcht, die Beine auseinander und schlug unter seiner Parka sein Wasser ab. Alle Anstalten waren getroffen, um am andern Tage eine Fahrt in Booten nach dem Hintergründe der Bucht zu unternehmen. Das Wetter war am 21. ungünstig, und die Partie ward ausgesetzt. Die Tschuktschi aus Nuniago in der Metschigmenskischen Bucht (wo einst Cook gelandet) kamen auf sechs Baidaren, uns zu besuchen. Sie ruderten singend um das Schiff, an dessen Bord sie dann zutraulich stiegen. Sie stifteten Freundschaft mit den Matrosen, und ein Glas Branntwein erhöhte ihre Fröhlichkeit. Sie bezogen ein Bivouak am Strande, wo wir sie am Nachmittag besuchten und ihren Tänzen zusahen, die für uns wenig Reiz hatten. Wir vollführteu am 22. und 23. August mit Barkasse und Baidare die beabsichtigte Exkursion, deren Ergebnis; in die Karte von Herrn von Kotzebue niedergelegt ist. Das Innere der Bucht ist unbewohnt. Am Ufer, wo wir am ersten Tage Mittagsrast hielten, erhielten wir etliche Wasservögel und zwei frisch getödtete Robben von tschuktschischeu Jägern, die anfangs die Flucht vor uns ergreifen „ wollten, aber durch unsere Geschenke uns zu Freunden wurden. Die Vögel versorgten unfern Tisch; die Robben ließen wir liegen, um 8 * 116 sie am andern Tage an Bord zu nehmen. Da sie aber während der Nacht, wahrscheinlich von Füchsen, angefressen worden, verschmähten wir sie ganz. Im Hintergründe der Bucht, wo wir unser Bivouak aufschlugen, hatte sich die Ansicht des Landes und der Vegetation nicht verändert. Die Weiden erhoben sich kaum etliche Zoll über den Boden. Die Felsen um uns waren von weißem kristallinischem Marmor. Es fror Eis während der Nacht. Gegen Mittag am Schiff angelangt, ward uns die Nachricht, daß unsere Rennthiere angekommen. Wir fuhren ans Land, sie in Empfang zu nehmen. Etliche waren geschlachtet, die andern ließen wir vor unfern Augen schlachten. Das Rennfleisch ist wirklich eine ganz vorzügliche Speise; aber wie köstlich schmeckt es nicht, wenn man lange Zeit hindurch zur Abwechslung vom alten Salzfleisch nur thranige Wasservögel oder Aehnliches gekostet hat. Ich vergaß unsere Robben, die des Bisses eines Fuchses halber verworfen zu haben unreine vorurtheilsvolle sträfliche Verschwendung geschienen hatte. Die Tschuktschi zerlegten in diesen Tagen einen Wallfisch auf der sandigen Insel; sie boten uns Speckstücke an, aber wir begnügten uns mit unserm Rennfleische. Am Abend besuchten uns noch neue Ankömmlinge. Auf einer der Baidaren befand sich ein Knabe, dessen possenhaftes Mienenspiel mit etlichen Tabaksblättern belohnt wurde. Ermuthigt durch den Erfolg, war er an Affenstreichen unerschöpflich, die er mit ursprünglicher Lustigkeit aufzuführen nicht ermüdete, immer neuen Lohn begehrend und einerntend. Das Lachen ist auch unter diesem Himmel, wie Rabelais treffend sagt, das Eigenthnmliche des Menschen, wenn nämlich der Mensch noch unabhängig seiner angebornen Freiheit sich erfreut. Wir werden bald auf llnalaschka die nächsten Verwandten dieser fröhlichen Nordländer antreffen, die das Lachen gänzlich verlernt haben. Ich habe sehr verschiedene Zustände der Gesellschaft kennen gelernt und unter verschiedenen Gestaltungen derselben gelebt; ich habe Nachbarvölker gleiches Stammes gesehen, von denen diese frei, und jene hörig genannt werden konnten; ich habe nimmer den Despotismus zu loben einen Grund gefunden. Freilich bedingt ein Freibrief, ein Blatt Papier noch nicht allein die Freiheit und ihren 117 Preis, und das Schwierigste, was ich weiß, ist der Uebergang von der anerzogenen Hörigkeit zn dem Genuß der Selbstständigkeit und Freiheit. Wir wollten am 25. August unter Segel gehen; ungünstige Winde, Windstillen und Stürme hielten uns bis zum 29. im Hafen. Es ereignete sich am 28., daß einer der hier bivouakirendcn Fremden Gewalt gegen einen unserer Matrosen brauchte und ihm mit gezücktem Messer eine Scheere entriß. Einer der ansässigen Tschukt- schi sprang schnell hinzu und ergriff den Thäter, den, als die Sache zur Sprache kam, sein Chef bereits bestraft hatte. Er wurde dem Kapitain gezeigt, wie er büßend in engem Kreise unablässig in gleicher Richtung gleich einem Manegepferd laufen mußte; und der Vorfall hatte keine anderen Folgen, als uns zu zeigen, daß unter diesem Volke eine gute Polizei gehandhabt werde. Wir liefen am 29. August 1816 früh Morgens aus der St. Laurenz-Bucht aus und erduldeten am selben Abend einen sehr heftigen Sturm. Wir richteten unfern Lauf nach der Ostseite der St. Laurenz-Insel, die der Kapitain aufnehmen wollte. Die Nebel vereitelten seine Absicht, und wir segelten am 31. vorüber, ohne Ansicht vom Lande zu haben. Untiefen machen die Fahrt auf der amerikanischen Seite dieses Meerbeckens gefährlich. — Wir steuerten nun nach Unalaschka. Am 2. September hatten wir den in diesen Meerstrichen seltenen Anblick der aufgehenden Sonne. Am 3. kam ein kleiner Landvogel (eine ItilnxiUa) auf das Schiff, und ein Wasservogel (ein Ool)-mbns) lieferte sich uns in die Hände und ließ sich greifen. Nachmittags ward vom Mastkorb die Insel St. Paul fern im Westen gesehen, und wir fuhren am Morgen des 4. an St. George vorüber, die uns ebenfalls im Westen blieb. Uns erfreute unerwartet an diesem Tags der Anblick eines Schiffes. Wir holten eS ein und sprachen mit ihm. Es war ein Scunner der russischamerikanischen Compagnie, der Pelzwerke von St. Paul und St. George geholt hatte und nach Sitcha bestimmt war. Wir machten den Weg zusammen nach Unalaschka. Die Nacht war stürmisch und dunkel, und dabei leuchtete das Meer, wie ich es kaum schöner zwischen den Wendezirkeln gesehen. An den vom Kamm der Wellen 118 bespritzten Segeln hafteten die Lichtfunken. Am Morgen des 5. waren wir in Nebel gehüllt, nnd das andere Schiff nicht mehr zu sehen. Wir wußten uns in der Nähe des Landes und konnten eS nicht sehen und konnten uns auf unsere Schiffrcchnung nicht verlassen. Nachmittags wallte der Schleier auf einen Augenblick auf; wir sahen ein hohes Land, und sogleich war es wieder verschwunden. Wir la- virten die Nacht hindurch. Am Morgen des 6. September hatten wir ein herrliches Schauspiel. Ein dunkler Himmel uberhing das Meer, die hohen zerrissenen schneebedeckten Zinnen von llnalaschka prangten, von der Sonne beschienen, in rother Gluth. Wir mußten den ganzen Tag im Angesichte des Landes gegen den widrigen Wind ankämpfcn. Unendliche Flüge von Wasservögeln, die niedrig über dem Wasserspiegel schwebten, glichen von fern niedrigen schwimmenden Inseln. Zahlreiche Wallfische spielten um unser Schiff und spritzten in allen Richtungen des Gesichtskreises hohe Wasserstrahlen in die Luft. Diese Wallfische rufen mir ins Gedächtnis;, was ich einst von einem genialen Naturforscher ins Gespräch werfen hörte. Der nächste Schritt, der gethan werden muß, der viel näher liegt und viel weiter führen wird als die Dampfmaschine mit dem Dampfschiffe, diesem ersten warmblütigen Thiere, das aus den Händen der Menschen hervorgegangen ist, — der nächste Schritt ist, den Wallfisch zu zähmen. Worin liegt denn die Aufgabe? Ihn das Untcrtanchen verlernen zu lassen? Habt ihr je einen Flug wilder Gänse ziehen sehen; und ein altes Weib gesehen, mit einer Gerte in der zitternde» Hand ein halb Tausend dieser Hochsegler der Lüfte auf einem Brachfeld treiben und regieren? Ihr habt es gesehen und euch über das Wunder nicht entsetzt; was stutzt ihr denn bei dem Vorschlag, den Wallfisch zu zähmen? Erziehet Junge in einem Fiord, ziehet ihnen einen von Schwimmblasen getragenen Stachelgurt unter die Brustflossen, stellt Versuche an. Wahrlich beide Meere zu vereinigen und die Entfernung zwischen Archangel und St. Peter nnd Paul auf acht bis vierzehn Tage Zeit zu verringern, ist wohl des Versuchens Werth. — Ob übrigens der Wallfisch ziehen oder tragen soll, ob und wie man ihn anspannt oder belastet, wie man ihn zäumt oder sonst 119 regiert, und wer der Kornak des Wasser-Elephanten sein soll, das Alles findet sich von selbst. Am 7. September 1816 brachte uns ein günstiger aber schwacher Wind in den Eingang der Bucht, woselbst er uns zwischen den hohen Bergen der Insel plötzlich gebrach, so daß »vir uns in einer ziemlich hülfloscn Lage befanden, da dort kein Anker den Grund findet. Aber der Agent der Compagnie, Herr Kriukosf, kam uns mit fünf zwanzigruderigen Baidaren entgegen und bugsirte uns in den Hafen. Wir ließen um ein Nhr die Anker vor Jlliuliuk, der Hauptanfiedelung, fallen. Das Dampfbad war vorsorglich für uns geheizt. Herr Kriukoff, verpflichtet durch den Befehl der Direktoren der Compagnie in St. Petersburg, die Forderungen des Herrn von Kotzebue zu erfüllen, war in Allem gegen ihn von einer unterwürfigen Zuvorkommenheit. Von den wenigen Rindern, die auf der Insel sind, wurde sogleich eines für uns geschlachtet, und unsere Mannschaft ward mit frischem Fleische, Kartoffeln und Rüben versorgt, dem einzigen Gemüse, daS hier gebaut wird. Die Forderungen des Herrn von Kotzebue bestanden in Folgendem: eine Baidare von 24 Rudern, zwei einsitzige und zwei dreisitzige Baidaren verfertigen zu lassen; fünfzehn gesunde starke Meuten mit ihrer ganzen Ammunition für das nächste Frühjahr bereit zu halten; Kamlaikas von Seelöwenhälseu für die sämmtliche Mannschaft bis zu derselben Zeit zu beschaffen und sogleich einen Boten nach Kodiak abzufertigen, um dort durch den Agenten der amerikanischen Compagnie einen Dolmetscher zu erhalten, der die an der nördlicheren Küste Amcrika's gesprochene Sprache verstünde und übersetzen könnte. Die gefahrvolle Sendung zu übernehmen, fanden sich drei entschlossene Meuten bereit. Die dreisitzige Baidare ist nach dein Muster der einsitzigen gebaut, nur verhältnißmäßig länger, und mit drei Sitzlöchern versehen. Darin läßt sich ein Europäer, der in Alcutentracht mit Kam- laika und Augenschirm (gegen das Bespritzen der Wellen) den mittleren Sitz einnimmt, von zwei Meuten fahren. Ich selber habe mich an einem schönen Sonntagsmorgen im Hafen von Portsmouth 120 zur unendlichen Lust der Engländer auf diese Weise in einer solchen Baidare fahren lassen. Am 8. September Morgens lief der Tschirik, der Scunner, den wir zur See gesehen, in den Hafen ein. Ein Preuße aus der Gegend von Danzig, Herr Binzemann, war Kapitain desselben. — Ein Preuße, der Kapitain eines zwischen Nnalaschka und Sitcha fahrenden Scunners der russisch-amerikanischen Compagnie geworden ist, hat in der weiten Welt wohl Manches erduldet und erlebt, wovon einer nichts träumt, der in seinem Leben nicht weiter gekommen, als etwa von den unteren Bänken der Schule bis auf das Katheder. Herr Binzemann hatte nur ein Bein; das andere war ihm auf einem Schiffe, das er kommandirte, durch das Platzen einer Kanone zerschmettert worden. Er, der als Kapitain auch Schiffsarzt an seinem Borde war, ließ sich das nur noch an einigem Fleische hängende Glied von einem Matrosen mit dem Messer abkappen und verband sich dann den Stummel mit einem Pflaster von — spanischen Fliegen!! Diese impro- visirte Kurmethode eines ohne Unterbindung der Arterien ampu- tirten Gliedes ward durch den besten Erfolg gekrönt, und die Heilung ließ nichts zu wünschen übrig. Ich habe diese Geschichte hier aufzuzeichnen mich nicht erwehren können, weil dieselbe, nebst den Berichten, die uns Mariner von den chirurgischen Operationen der Tonga-Insulaner mittheilt, die Ehrfurcht, die ich für die Chirurgie, als den sehenden Theil der Heilkunde, von jeher gehegt, zu erschüttern beigetragen hat. Es ist uns ein längerer Aufenthalt auf dieser traurigen Insel verhängt. Nach einem flüchtigen Blick auf das Elend der geknechteten, verarmten Aleuten und auf ihre selbst unterdrückten Unterdrücker, die hiesigen Russen, verbrachte ich die Tage auf den Höhen schweifend, welche die Ansiedelung bekränzen, und ließ die anziehenden Gaben der Flora mich von den Menschen ablenken. Esch- scholtz herborisirte seinerseits. Wir hatten erprobt, es sei besser, uns auf dem Lande zu trennen, da wir uns ohnehin auf dem Schiffe genugsam hatten. 121 Am 10. war das Fest des Kaisers, und ich borge zu dessen Beschreibung die Worte von Herrn von Kotzebuc, I, S. 168. „Den 11. September. Zur Feier des Namenstages des Kaisers gab Herr Kriukoff gestern der ganzen Equipage am Lande ein Mittagsmahl, und Nachmittags begaben wir uns in eine große unterirdische Wohnung, wo eine Menge Aleuten zum Tanz versammelt waren. Ich glaube gewiß, daß ihre Spiele und Tänze in früherer Zeit, als sie noch im Besitz ihrer Freiheit waren, anders gewesen sind als jetzt, wo die Sklaverei sie beinahe zu Thieren herabgewnrdigt hat und wo dieses Schauspiel weder erfreulich noch belustigend ist. Das Orchester bestand aus drei Aleuten mit Tamburins, womit sie eine einfache, traurige, nur drei Töne enthaltende Melodie begleiteten. Es erschien immer nur eine Tänzerin, welche ohne allen Ausdruck ein paar Sprünge machte und dann unter den Zuschauern verschwand. Der Anblick dieser Menschen, welche mit traurigen Geberden vor mir herum springen mußten, peinigte mich, und meine Matrosen, welche sich ebenfalls gedrückt fühlten, stimmten, um sich zu erheitern, ein fröhliches Lied an, wobei sich zwei von ihnen in die Mitte des Kreises stellten und einen Nationaltanz aufführten. Dieser rasche Uebergang erfreute uns alle, und selbst in den Augen der Aleuten, welche bis jetzt mit gebückten Häuptern da gestanden, blitzte ein Strahl der Freude. Ein Diener der amerikanischen Compagnie (Promischllenoi), welcher als rüstiger Jüngling sein russisches Vaterland verlassen und in dieser Gegend alt und grau geworden war, stürzte jetzt plötzlich zur Thür herein und rief mit gefalteten, zum Himmel erhobenen Händen: „Das sind Russen, das sind Russen! o theures, geliebtes Vaterland!" Auf seinem ehrwürdigen Gesichte lag in diesem Augenblick der Ausdruck eines seligen Gefühles; Freudenthränen benetzten seine bleichen, eingefallenen Wangen, und er verbarg sich, um seiner Wehmuth sich zu überlassen. Der Austritt erschütterte mich; ich versetzte mich lebhaft in die Lage des Alten, dem seine im Vaterlande glücklich verlebte Jugend jetzt in schmerzlicher Erinnerung vor die Seele trat. In der Hoffnung, im Schooße seiner Familie ein sorgenfreies Alter 122 genießen zn können, war er hergekommen und mußte nun, wie viele Andere, in dieser Wüste sein Leben enden." Die russisch-amerikanische Handclscompagnie weiß durch Geldvorschüsse, die sie denen leistet, welche unternehmenden Geistes sich unter solchem Verhältnisse ihrem Dienste widmen, sie unter ihrem Joche zu erhalten. Dafür ist gesorgt, daß sie die Schuld zu tilgen nimmer vermögend werden, und, wie Friedrich von seinem Militair gesagt haben soll: „Aus der Hölle giebt cs keine Erlösung." Wir hatten Wasser eingenommen, die Arbeiten waren vollendet, und Alles war am 13. September 1816 bereit, am andern Morgen mit Tagesanbruch die Anker zu lichten. Die Nacht brach ein, und Eschscholtz, der in die Berge botanisiren gegangen war, blieb aus und kam an das Schiff nicht zurück. Ich werde, sollte ich der Gefahr mich aussetzen albern zu erscheinen, von der einzigen Begebenheit Meldung thun, wobei ich auf der ganzen Reise in Gefahr geschwebt zu haben mir bewußt bin. Kein Mensch hat Notiz davon genommen, kein Mensch hat cs mir gedankt, und hier ist zum ersten Male die Rede davon. Der Kapitain beorderte mich mit etlichen Matrosen und Aleuten, den Doktor im Gebirge zu suchen, wo er sich beim Botanisiren verirrt haben mußte. Ich begehrte, daß uns ein Paar Pistolen mitgegeben würden, um Signalschüsse machen zu können; es ward aber nicht beliebt. Ich führte meine Leute zu dem Absturz hin, der in den Bergkesscl hinauf führte, den ich durchsuchen wollte. Die Matrosen meinten, man könne da nicht hinauf klettern. Als ich aber, der ich diesen Paß gut kannte, oben war, folgten mir Alle, und wir erreichten von der innern Seite auf sanfterem Abhange die Felscnziunen, deren Kamm ich verfolgen wollte. Da erscholl vom Rnrik ein Kanonenschuß, der uns zurück rief. Ich überließ es nun meinen Aleuten, uns den richtigsten Weg von der Höhe, die wir erreicht hatten, zum Strande zu führen. Ich ward zu einer Schlucht geführt, die, vom schmelzenden Schneewasser eingerissen, von dem höchsten Felsenkamme, worauf wir standen, steil, fast senkrecht zum Meere abfiel. Ich nahm, wie sich's gebührt, die Vorhut, und einzeln, wie auf einer Leiter, folgten mir die Andern nach; daß Steine rollten, war nicht zu vermeiden; wie in pechfin- — 123 — sterer Nacht ich und meine Leute, wir alle mit heiler Haut hinunter gekommen sind, habe ich später nicht begreifen können, wann ich zu dieser Schlucht hinauf geschaut habe. Als ich mit den Matrosen am Bord anlangte, war der Doktor schon lange da, ich konnte ruhig zu Bette gehen; ich schlief noch, als wir den 14. September 1816 schon unter Segel waren. Von Unalaschka nach Californicn. Aufenthalt zu San Francisco. Wir fuhren am 14. September 1816 früh am Morgen mit günstigem Winde aus dem Hafen von Unalaschka. Es wurde auf einen Wallfisch geschossen, der uns in der Bucht zu nahe kam; ich lag noch in meiner Koye. Der Paß zwischen den Inseln Akun und Unimak war dem Kapitain als der sicherste gerühmt worden, um die Kette der aleutischen Inseln von Norden nach Süden zu durchkreuzen. Er wählte demnach diese Straße, die auch er jedem Seefahrer empfiehlt. Das Wetter war klar, und der luftige Pie von Unimak, dessen Höhe Kotzebue auf 5525 englische Fuß an- giebt, wolkenlos. Die Umstände, die hier unsere Fahrt verzögerten, waren zu der Aufnahme einer Karte günstig, auf die Herr von Kotzebue verweist, ohne sie mitzutheilen. Das Meer war zwischen diesen Inseln besonders lichtreich. Wir befanden uns am 16. Morgens in offener See. Unsere Hauptaufgabe war jetzt, dem nordischen Winter auszuweichen. Ich halte es nicht für das Ungeschickteste, was ich in meinem Leben gethan, drei Winter auf dieser Reise unterschlagen zu haben. Drei Winter! Habe ich daheim wieder einmal den Winter ausgehalten, so glaube ich als ein muthiger Mann genug gethan zu haben, aber ihn loben, ihn rühmen kann und will ich nicht. Wir Winterländer aber Preisen noch die göttliche Weisheit, die bei solcher Einrichtung uns die Freude des Frühlings schenkt. Sollten wir nicht auch von unserer Obrigkeit verlangen, daß sie uns nach der Analogie den halben Tag hindurch Daumenschrauben anlegen 1S5 lasse, damit wir uns auf die Stunde freuten, worin sie uns abgenommen würden? Diese Einrichtung, sie ist ja auf unserm Erdball eine Winkeleinrichtung, von welcher die Mehrheit der redenden Menschen nichts weiß. Vor Vielen begünstigt von Gott mögen sich unsere Dichter rühmen, denen er zu ihren Frühlingsliedern den Stoff bereitet, aber unbegreiflich und lügengleich bleibt es für den, welcher ein Mal den Winterkreis überschritten hat, daß der Mensch, das gabelförmige, nackte Thier, sich in Winterlanden, unter dem 52., ja unter dem 72. Grad nördlicher Breite anzusiedcln vermessen hat, wo er nur durch die Macht des Geistes sein kümmerliches Dasein zu fristen vermag. Denkt euch doch, wie euch Gott geschaffen hat, und geht an einem Wintertag hinaus und betrachtet euch die auf den halben Iahreskreis ausgestorbene Gegend unter dem Leichentuche von Schnee. Das ausgesehte Leben schläft im Samen und im Ei, im Keime und in der Larve, tief unter der Erde, tief im Wasser unter dem Eise. Die Vögel sind fortgezogen; Amphibien und Säugethiere schlafen den Winterschlaf; nur wenige Arten der warmblütigen Thiere drängen sich parasitisch um eure Wohnungen; nur wenige der größeren unabhängigen Arten verbringen dürftig die harte Zeit*). Aber der Mensch ist ein geistiges Thier, und mit dem Feuer, das er sich geraubt, erkennt er auf der Erde keine Schranken. Die unter dem 60. Grad nördlicher Breite ansässigen ostjakischen Fischer, lehrt uns Adolph Erman (Reise I. S. 721), wissen auch von einem verlorenen Paradiese; aber sie verlegen es gegen Norden und über den Polarkreis hinaus! Die Sage ist gar lesenswerth. Ich habe schon gelegentlich von einem Prediger in Lappland gesprochen. Sieben Jahre hatte der Mann in dieser Pfarre zugebracht, welche über die Region der Bäume hinaus lag; während der warmen Sommermonate ganz allein (seine Pfarrkinder zogen zu der Zeit mit ihren Rennthierheerden in die kühleren Gegenden am Meer); ft Das AkeS und manches Andere habe ich schon in einer Schrift gesagt- Ansichten von der Pflanzenkunde und dem P fi an zcnr e iche, die, einer Kompilation l'eigedruckt, Berlin bei Dümmler 1827 erschienen ist. 126 während der Winternacht, als der Mond am Himmel war, zog er zu Schlitten umher, bivouakirte bei gefrorenem Quecksilber und suchte seine Lappen, die er lieb hatte, auf, um seines Amtes zu warten. Zwei Mal in diesen sieben Jahren hatte er in seiner Einsamkeit den Zuspruch von Stamm- und Sprachverwandten genossen; ein Bruder von ihm hatte ihn besucht, und ein Botaniker hatte sich zu ihm verirrt. Wohl wußte er anerkennend die Freude zu preisen, die der Mensch dem Menschen bringt; aber nicht die Freude und keine andere im Leben, so betheuerte er mir, ist der Wonne zu vergleichen, nach der langen Winternacht die Sonnenscheibe sich kreisend wieder über den Horizont erheben zu sehen. Der Frühling ist für uns das Erwachen-aus einer langen, verzögernden Krankheit, die, gemäßigter als der Winterschlaf anderer Thiere, demselben entspricht. Voller und schneller lebt der Mensch unter einer scheitelrechten Sonne, die, wie in Brasilien, Fülle des Lebens aus dem Schooße der Erde zeugt; unter einem Himmel ohne Gluth, auf einer Erde ohne Fruchtbarkeit zählt er mehr der Tage, mehr der Jahre. Wahrlich, ich möchte in der Region der Palmen wohnen und gewahren von da den alten Unhold auf die Zinnen des Gebirges gebannt. Gern auch wollte ich ihm in seinem Reiche mit Parrh oder Roß einen Staatsbesuch abstatten; aber hart finde ich es, ihn daheim die halbe Zeit des Jahres zu beherbergen. Wir haben während der drei Jahre in zwei nordischen Sommern nur etliche Nachtfröste erduldet, wie solche eben auch bei uns in dieser Jahreszeit nichts Unerhörtes sind. Wir hatten stets günstige N. und N. W. Winde; die Nachtgleichen und der Vollmond brachten uns nur einen starken Wind, der fast zum Sturme sich erhob und vor welchem wir mit vollen Segeln schnell vorwärts kamen. Wir steuerten nach San Francisco in Neu-Kalifornien. Herr von Kotzebue, der über die Sandwichinseln, wohin er seinen Instruktionen gemäß von Unalaschka aus segeln sollte, von den Schiffs- kapitainen der amerikanischen Compagnie sehr gut berichtet worden war, hatte diesen Inseln, wo die Frequenz der Schiffe den Preis 127 aller Bedürfnisse gesteigert hat, und wo nur mit spanischen Piastern oder mit Kupferplatten, Waffen und Uehnlichem bezahlt werden kann, jenen Port als Rast- und Erholungsort für seine Mannschaft und zur Verproviantirung des Rurik's vorgezogen. Ich werde, da ich von der Fahrt selbst nichts zu berichten habe, Einiges hier einschalten, das mir noch nicht in die Feder geflossen ist. Bei der Schiffsordnung, die ich früher beschrieben habe, zu welcher noch hinzukam, daß das Licht Abends um zehn Uhr ausgelöscht wurde, und bei der einförmig ruhigen, aller anstrengenden Bewegung entbehrenden Lebensart, konnte unser Einer nicht alle Stunden, worin er still zu liegen verdammt war, mit festem, bewußtlosem Schlafe ausfüllen, und eine Art Halbschlaf nahm einen großen Theil des Lebens mit Träumen ein, von denen ich euch unterhalten will. Ich träumte nie von der Gegenwart, nie von der Reise, nie von der Welt, der ich jetzt angehörte; die Wiege des Schiffes wiegte mich wieder zum Kinde, die Jahre wurden zurückgeschraubt, ich war wieder im Vaterhause, und meine Todten und verschollene Gestalten umringten mich, sich in alltäglicher Gewöhnlichkeit bewegend, als sei ich nie über die Jahre hinausgewachsen, als habe der Tod sie nicht gemäht. Ich träumte von dem Regimente, bei welchem ich gestanden, von dem Kamaschendienst; der Wirbel schlug, ich kam herbeigelaufen, und zwischen mich und meine Compagnie stellte sich mein alter Obrist und schrie: aber Herr Lieutenant, in drei Teufels Namen! — O dieser Obrist! Er hat mich, ein schreckender Popanz, durch die Meere aller fünf Welttheile, wann ich meine Compagnie nicht finden konnte, wann ich ohne Degen auf Parade kam, wann — was weiß ich, unablässig verfolgt; und immer der fürchterliche Ruf: aber Herr Lieutenant! aber Herr Lieutenant! — Dieser mein Obrist war im Grunde genommen ein ehrlicher Degenknopf und ein guter Mann; nur glaubte er, als ein ächter Zögling der ablaufenden Zeit, daß Grob-sein nothwendig zur Sache gehöre. Nachdem ich von der Reise zurückgekehrt, wollte ich den Mann wieder sehen, der so lange die Ruhe meiner Nächte gestört. Ich suchte ihn auf: ich fand einen achtzigjährigen, stockblinden Mann, fast riesigen Wuchses, viel größer als das Bild, das ich von ihm hatte, der in dem Hause eines ehemaligen Unteroffiziers seiner Compagnie ein Stübchen unten auf dem Hofe bewohnte und von einigen kleinen Gnadengehalten lebte, da er im unglücklichen Kriege, mehr aus Beschränktheit als aus Schuld, allen Anspruch auf eine Pension verwirkt hatte. — Fast verwundert, von einem Offizier des Regimentes, bei dem er nicht beliebt war, aufgesucht zu werden, und nicht Maß zu halten wissend, war er gegen mich von einer übertriebenen Höflichkeit, die mir in der Seele wehe that. Wie er mir ^ die Hand reichte, befühlte er mit zwei Fingern das Tuch meines ! Kleides, und was in diesem Griffe lag — ich weiß es nicht, aber ich werde ihn nie vergessen. — Ich schickte ihm etliche Flaschen Wein als ein freundliches Geschenk, und als er, ich glaube im folgenden , Jahre, verschied, fand es sich, daß er mich zu seinem Leichenbe- gängniß einzuladen verordnet hatte. Ich folgte ihm allein mit einem alten Major des Regimentes und seinem Unteroffizier; — und Friede sei seiner Asche! Ich will noch Einiges von den Thieren nachholen, die zur Zeit ! Haus- und Gastrecht aus dem Rurik genossen. Unser kleiner Hund aus Concepcion, unser Valet, war uns treu geblieben. Er gehörte in die Kajüte de Campagne und war zur See mit Luft und Kunst ' von einer wahrhaft musterhaften Trägheit. Er sah uns alle bittend an, und winkte ihm Einer Gewährung, so war er mit einem Satze in dessen Koye, wo er bis zu der nächsten Mahlzeit schlief. An i jedem Landungsplatz hingegen mußte er zuerst an das Land, und , wenn man ihn im Boote nicht mitnehmcn wollte, so schwamm er , hin. Er suchte, wie wir, seine Gattung, kam aber meist, wenn er sie gefunden, übel zugerichtet und zerfetzt wieder heim. Unser Va- : let hatte an einem jungen Hunde von der unter den Eskimos dienen- , den Race, welchen der Kapitain von seiner Nordfahrt mitgebracht, einen Nebenbuhler gefunden. Dieser neue Gast hieß auf dem Rurik: der große Valet. Wir hatten drittens noch Schaffecha, die Sau, die übermüthig ihrem schon verkündeten Schicksal entgegenging. Als wir von Kamtschatka nach Norden fuhren, hatten wir einen letzten Hahn am Bord, der, aus dem Hühnerkasten entlassen, als ein stolzer Gesell frei aus dein Verdeck spazieren ging. Ich 129 war neugierig zu beobachten, wie er sich hinsichtlich -des Schlafes »erhalten würde, wenn die Sonne für uns nicht mehr unterginge. Die Beobachtung unterblieb indeß aus zwei Gründen; denn wir kamen erstlich nicht so weit nach Norden, und zweitens flog über Bord, fiel ins Meer und ertrank der Hahn, bevor wir noch die St. Laurenz-Insel erreicht hatten. Aber ich kehre zu unserer Fahrt zurück. Wir segeln am 2. Oktober 1816 Nachmittags um 4 Uhr in den Hafen von San Francisco hinein. Große Bewegung zeigt sich auf dem Fort am südlichen Eingänge deS Kanals; sie ziehen ihre Flagge auf, wir zeigen die unsere, die hier nicht bekannt zu sein scheint, und salutiren die spanische mit sieben Schüssen, welche, nach dem spanischen Reglement, mit zwei weniger erwidert werden. Wir lassen die Anker vor dem Presidio fallen, und kein Boot stößt vom Ufer zu uns zu kommen, weil Spanien auf diesem herrlichen Wasserbecken kein einziges Boot besitzt. Ich ward sogleich beordert, den Lieutenant Schischmareff nach dem Presidio zu begleiten. Der Lieutenant Don Luis de Arguello, nach dem Tode des Rittmeisters Kommandant aä interim, empfing uns ausnehmend freundschaftlich, sorgte augenblicklich für die nächsten Bedürfnisse des Rurik's, indem er Obst und Gemüse an Bord schickte, »nd ließ noch am selben Abende einen Eilboten an den Gouverneur von Neu-Californien nach Meuterei) abgehen, um demselben unsere Ankunft zu melden. Am andern Morgen (den 3.) traf ich den Artillerieoffizier Don Miguel de la Luz Gomez und einen Pater der hiesigen Mission, die eben an das Schiff kamen, als ich selbst ini Aufträge des KapitainS »ach dem Presidio gehen wollte. Ich geleitete sie an Bord; sie waren die Ueberbringer der freundlichsten Hülfsverheißungen von Seiten des Kommandanten und der viel vermögenderen Mission. Der geistliche Herr lud uns außerdem auf den folgenden Tag, der das Fest des Heiligen war, auf die Mission von San Francisco ein, wohin zu reiten wir Pferde bereit finden würden. Auf den ausgesprochenen Wunsch des KapitainS wurden wir sofort mit Schlachtvieh und Vegetabilien auf das reichlichste versorgt. Nachmittags m. 9 130 wurden die Zelte am Lande aufgerichtet, daS Observatorium und das russische Bad. Am Abend statteten wir dem Kommandanten einen Besuch ab. Acht Kanonenschüsse wurden zum Empfang des Kapitals von dem Presidio abgefeuert. Nicht aber nach diesen überflüssigen Höflichkeitsschüssen, sondern nach den zweien der russischen Flagge schuldig gebliebenen begehrte der Kapital; und er bestand mit Beharrlichkeit auf deren Erstattung. Darüber ward lange unterhandelt, und nur unwillig und gezwungen (ich weiß nicht, ob nicht erst auf Befehl des Gouverneurs) bequemte sich endlich Don Luis de Arguello, die zwei vermißten Schüsse nachträglich zu liefern. Es mußte noch einer unserer Matrosen nach dem Fort kommandirt werden, um die Leine zum Aufziehen der Flagge wieder in Ordnung zu bringen; denn sie war bei dem letzten Gebrauch zerrissen, und es war unter den Einheimischen Niemand, der vermocht hätte, an dem Mast hinauf zu klettern. Das Fest des heiligen Franciscus gab uns Gelegenheit, die Missionare in ihrer Wirksamkeit, und die Völker, an die sie gesandt sind, in gezähmtem Zustande zu beobachten. Ich werde dem, was ich in den Bemerkungen und Ansichten gesagt habe, nichts hinzuzu- füge» haben. Man kann über die Stämme der Eingeborenen ChoriS Nachsehen, der in seinem Voxnge xittoreLgus eine schätzbare Reihe guter Portraits gegeben hat; nur sind die nachträglich in Paris gezeichneten Blätter X. und XII. auszuschließen; daß man so, wie dort dargestellt, den Bogen nicht braucht, weiß Jeder. Choris liefert sogar in seinem Texte kalifornische Musik. Ich weiß nicht, wer es übernommen haben mag, hier und noch einige Male im Verlaufe des Werkes Noten nach Choris Gesang zu Papier zu bringen. Ich Pflegte zwar dem Freunde cinzuräumen, daß er besser sänge als ich, doch durfte er nicht den großen Vorzug bestreiten, den mein Gesang vor dem seinen habe, sich nämlich fast nie hören zu lasten. Der Kapitain hatte hier, wie in Chile, den Kommandanten und seine Offiziere an unfern Tisch zu gewöhnen gewußt. Wir speisten aus dem Lande unter dem Zelte, und unsere Freunde vom Presidio pflegten nicht aus sich warten zu lassen. Das Verhältniß 131 ergab sich fast von selbst. Das Elend, worin sie seit sechs bis sieben Jahren von Mexiko, dem Mutterlande, vergessen und verlassen schmachteten, erlaubte ihnen nicht Wirthe zu sein, und das Bedürfnis redend ihr Herz auszuschütten, trieb sie sich uns zu nähern, mit denen es sich leicht und gemüthlich leben ließ. Sie sprachen nur »nt Erbitterung von den Missionaren, die bei mangelnder Zufuhr doch im Ueberflusse der Erzeugnisse der Erde lebten und ihnen, seitdem das Geld ausgegangen, nichts mehr verabfolgen ließen, wenn nicht gegen Verschreibung, und auch so nur, was zum nothdürftig- sten Lebensunterhalt unentbehrlich, worunter nicht Brod, nicht Mehl einbegriffen — seit Jahren hatten sie, ohne Brod zu sehen, von Mais gelebt. Selbst die Kommandos, die zum Schutze der Missionen in jeglicher derselben stehen, wurden von ihnen nur gegen Verschreibung nothdiirftig verpflegt. „Die Herren sind zu gut!" rief Don Miguel aus, den Kommandanten meinend, „sie sollten re- quiriren, liefern lasten!" Ein Soldat ging noch weiter und beschwerte sich gegen uns, daß der Kommandant ihnen nicht erlauben wollte, sich dort drüben Menschen einzufangen, um sie, wie in den Missionen, für sich arbeiten zu lasten. Mißvergnügen erregte auch, daß der neue Gouverneur von Monterey, Don Paolo Meente de Sola, seit er sein Amt angetreten, sich dem Schleichhandel widersehen wollte, der sie doch allein mit den unentbehrlichsten Bedürfnissen versorgt habe. Am 8. Oktober kam der Courier aus Monterey zurück. Er brachte dem Kapitain einen Brief von dem Gouverneur mit, der ihm seine baldige Ankunft in San Francisco meldete. — Don Luis de Arguello war nach dem Wunsche des Herrn von Kotzebue ermächtigt worden, einen Eilboten nach dem Port Bodega an Herrn Kus- koff abzufertigen; und an diesen schrieb der Kapitain, um von seiner Handel treibenden und blühenden Ansiedelung Mehreres, was auf dein Rurik zu fehlen begann, zu beziehen. „Herr Kuskoff", sagt Herr von Kotzebue, II. S. 9 in einer Note, „Herr Kuskoff, Agent der russisch-amerikanischen Compagnie, hat sich auf Befehl des Herrn Baranoff, welcher das Haupt aller dieser Besitzungen in Amerika ist, in Bodega niedergelassen, um von 132 dort aus die Besitzungen der Compagnie mit Lebensmitteln zu versorgen/ Aber Bodega, beiläufig 30 Meilen, eine halbe Tagereise nördlich von San Francisco gelegen, wurde von Spanien, nicht ohne einigen Anschein des Rechtes, zu seinem Grund und Boden gerechnet, und auf spanischem Grund und Boden also hatte Herr Kuskoff mit zwanzig Rußen und fünfzig Kadiakern mitten im Frieden ein hübsches Fort errichtet, das mit einem Dutzend Kanonen besetzt war, und trieb dort Landwirthschaft, besaß Pferde, Rinder, Schafe, eine Windmühle u. s. w. Da hatte er eine Waaren-Nieder- lage für den Schleichhandel mit den spanischen Häfen, und von da aus ließ er durch seine Kadiaker jährlich ein paar tausend Seeottern an der kalifornischen Küste fangen, deren Häute nach Choris, der gut unterrichtet sein konnte, auf dem Markt zu Canton, die schlechteren zu 35 Piastern, die besseren zu 75 Piastern, im Durchschnitt zu 60 Piastern verkauft wurden. — Es war blos zu bedauern, daß der Hafen Bodega nur Schiffe, die nicht über 9 Fuß Wasser ziehen, aufnehmen kann. Es scheint mir nicht unbegreiflich, daß der Gouverneur von Kalifornien, wenn er von dieser Ansiedelung späte Kunde erhalten, sich darüber entrüstet habe. Verschiedene Schritte waren geschehen, um den Herrn Kuskoff zu veranlassen, den Ort zu räumen; mit Allem, was sie an ihn gerichtet, hatte er stets die spanischen Behörden an den Herrn Baranoff verwiesen, der ihn hieher gesandt, und auf dessen Befehl, falls man den erwirken könne, er sehr gern wieder ab- ziehen würde. — So standen die Sachen, als wir in San Francisco einliefen. Der Gouverneur setzte jetzt seine Hoffnung auf uns. Ich auch werde von Konferenzen und Unterhandlungen zu reden haben und die Denkwürdigkeiten meiner diplomatischen Laufbahn der Welt darlegen. Aber wir sind noch nicht so weit. Am 9. Oktober wurden etliche Spanier nach dem nördlichen Ufer übergeschifft, um dort mit der Wurfschlinge Pferde einzufangen für den an Herrn Kuskoff abzusendenden Courier, und ich ergriff die Gelegenheit, mich auch jenseits umzusehen. Die rothbraunen Felsen dort find, wie in meinen Bemerkungen und Ansichten gesagt wird und im mineralogischen Museum zu Berlin nachgesehen werden kann, 133 Kieselschiefer; nicht aber Konglomerat, wie bei Moritz von Engelhardt (Kotzebue's Reise, III. S. 192) angenommen wird, um auf diese Annahme weiter zu bauen. Das Jahr war schon alt und die Gegend, die in den Frühjahrmonaten, wo sie Langsdorf gesehen hat, einem Blumengarten gleichen soll, bot jetzt dem Botaniker nur ein dürres ausgestorbeneö Feld. In einem Sumpfe in der Nähe unserer Zelte soll eine Wasserpflanze gegrünt haben, wegen welcher mich Eschscholtz nach der Abfahrt fragte. Ich hatte sie nicht bemerkt, er aber hatte darauf gerechnet, eine Wasserpflanze, meine bekannte Liebhaberei, würde mir nicht entgehen, und hatte sich die Füße nicht naß machen wollen. — So etwas hat man von seinen nächsten Freunden zu gewärtigen. Auf der nackten Ebene, die am Fuße des Presidio liegt, steht weiter ostwärts einzeln zwischen niedrigerem Gebüsche eine Eiche. Den Baum hat noch jüngst mein junger Freund Adolph Erman gesehen; — wenn er ihn näher betrachtet hätte, so hätte er in dessen Rinde meinen Namen eingeschnitten gefunden. Am 15. Oktober kam der an Knskoff abgefertigte Courier wieder zurück, und am 16. Abends verkündigten Artillerie-Salven vom Presidio und vom Fort die Ankunft des Gouverneurs aus Monieret). Gleich darauf kam ein Bote vom Presidio herab, um für zwei Mann, die beim Abfeuern einer Kanone gefährlich beschädigt worden, die Hülfe unseres Arztes in Anspruch zu nehmen. Eschscholtz folgte sogleich der Einladung. Am 17. Morgens wartete Herr von Kotzebue an seinem Bord auf den ersten Besuch des Gouverneurs der Provinz; und der Gouverneur hinwiederum, ein alter Mann und Offizier von höherem Range, wartete auf dem Presidio auf den ersten Besuch des Lieutenant von Kotzebue. Der Kapitain wurde zufällig benachrichtigt, daß er auf dem Presidio erwartet werde, worauf er mich nach dem Presidio mit dem mißlichen Auftrag schickte, dem Gouverneur glimpflich beizubringen: er, der Kapitain, sei benachrichtigt worden, daß er, der Gouverneur, ihn heute früh an seinem Bord habe besuchen wollen, und er erwarte ihn. Ich fand den kleinen Mann in großer Mon- tirung und vollem Ornat, bis auf eine Schlafmütze, die er, bereit 134 sie a tsmxo abzunehmen, -noch auf dem Kopfe trug. Ich entledigte mich, so gut ich konnte, meines Auftrages, und sah daS Gesicht des Mannes sich auf das Dreifache seiner natürlichen Länge verlängern. Er biß sich in die Lippen und sagte: er bedaure, vor Tisch die See nicht vertragen zu können; und es thäte ihm leid, für jetzt auf die Freude verzichten zu müssen, den Herrn Kapitain kennen zu lernen. — Ich sah es kommen, daß der alte Mann zu Pferde steigen und unverrichteter Sache seinen Courierritt durch die Wüste nach Moniere») zurück wieder antrcten würde; denn daß Herr von Kotzebue, wenn einmal die Spaltung ausgesprochen, nachgeben könne, ließ sich nicht annehme». Dem nachsinnend schlich ich zum Strande wieder hinab, als ein guter Genius sich ins Mittel legte und, bevor es zu Mißhelligkeiten gekommen, den waltenden Frieden durch den schönsten Freundschaftsbund besiegelte. Der Morgen war verstrichen und die Stunde gekommen, wo Herr von Kotzebue Mittagshöhe zu nehmen und die Chronometer aufzuziehen an das Land fahren mußte. — Es wurde von den ausgesetzten Spähern auf dem Presidio gemeldet, der Kapitain komme; und wie dieser ans Land trat, schritt ihm der Gouverneur den Abhang hinab entgegen. Er wiederum ging zum Empfang des Gouverneurs den Abhang hinauf, und Spanien und Rußland fielen auf dem halben Wege einander in die offenen Arme. Es wurde unter nnserm Zelte gespeist, und in der Sache von Port Bodega, die zur Sprache kam, hatte der Kapitain Gelegenheit zu bedauern, daß er ohne Instruktion sei, der Unbill, die Spanien widerführe, zu steuern. — Von jenem Hafen her langte heute eine große Baidare an und brachte von Herrn Kuskoff Alles, was der Kapitain verlangt hatte. Mit dieser selben Baidare, die am andern Tage, den 18., zurück ging, ersuchte Herr von Kotzebue im Namen des Gouverneurs den Herrn Kuskoff, sich zu einer Konferenz in San Francisco einzufinden. Wir sahen am 18. den Gouverneur nicht, der vielleicht einen Staatsbesuch auf dem Presidio erwartete. Am 19. ward auf dem Presidio getäfelt, und Artilleriesalvcn begleiteten den Toast auf die Alliance der Souveraine und die Freundschaft der Völker. Am 20. 135 waren wir hinwiederum zu Mittag die Wirthe und tanzten Abends auf dem Presidio. Bei der Acht-Uhr-Glocke schwieg auf eine Weile die Musik, und das Abendgebet ward in der Stille verrichtet. Herr von Kotzebue war im Umgang von einnehmender Liebenswürdigkeit, und Don Paolo Meente de Sola, der doch sehr an Förmlichkeiten hing, denen Genüge zu leisten ausgewichen worden war, hatte, darüber getröstet, sich uns ganz hingegeben. Das hier beliebte Schauspiel des Kampfes eines Bären mit einem Stiere war uns verheißen. Am 21. fuhren zehn bis zwölf Soldaten in der Barkasse der Mission nach dem nördlichen Ufer hinüber, dort Bären mit dem Lazo einzufangen. Man will am späten Abend von der See her Geschrei gehört haben, was auf die Bärenjäger auf jener Küste gedeutet wurde; kein Bivouakfeuer war jedoch zu sehen. Die Indianer sollen ein gar gellendes Geschrei erheben können. Erst am 22. Abends brachten die Jäger eine kleine Bärin ein. Sie hatten auch einen größeren Bären gefangen, aber zu weit von der See ab, um ihn ans Ufer transportiren zu können. Dem Thiere, das am andern Tage kämpfen sollte und über Nacht in der Barkasse blieb, wurden gegen den Brauch Kopf und Maul frei gelassen, damit es sich frischer erhalte/ Der Gouverneur brachte den ganzen Tag, Mittag und Abend in unfern Zelten zu. Zu Nacht brannten auf dem festen Lande im Hintergründe des Hafens große Feuer; die Eingeborenen pflegen das Gras anzuzünden, um dessen Wachsthum zu fördern. Am 23. fand der Bärenkampf am Strande statt. Unfreiwillig und gebunden, wie die Thiere waren, hat das Schauspiel nichts Großes und Erhebendes. Man bemitleidet nur die armen Geschöpfe, mit denen so schändlich umgegangen wird. Ich war mit Gleb Si- monowitsch auf den Abend auf dem Presidio. Der Gouverneur erhielt eben die Nachricht, daß das Schiff aus Acapulco, das seit vielen Jahren ausgebliebene, endlich wieder einmal zur Versorgung von Kalifornien in Monterey eingelaufen. Er bekam mit dieser Nachricht zugleich die neuesten Zeitungen aus Mexiko. Mir, dem er sich bei jeder Gelegenheit geneigt und gefällig erwies, theilte er die Blätter mit. Unter königlicher Autorität redigirt, enthielten sie blos 136 kurze Nachrichten äs In xaoiiieneioi» äs las xrovinoins, von der Unterwerfung der Provinzen, und einen langen laufenden Artikel: die Geschichte der Johanna Krüger, Unteroffizier im Regiment Kolberg-, — welche Geschichte mir nicht neu war, da ich Gelegenheit gehabt, den tapfern Soldaten selbst bei einem Offizier seines Regiments kennen zu lernen. Don Paolo Meente, wie er einst vom Presidio zu unfern Zelten herabftieg, brachte ein Geschenk a sn ami^o äon L-äelbsrt«, eine Blume, die er am Wege gepflückt hatte und die er mir, dem Botaniker, feierlich übergab. — Es war zufällig unser Gänserich oder Silberblatt (UotentUIa anssrina), wie er nicht schöner bei Berlin blichen kann. In Monterey »raren zur Zeit Gefangene verschiedener Nationen, die der Schleichhandel und der Seeotterfang, Abenteuer auf diesen Küsten zu suchen, herbeilockte, und von denen Einzelne für die Andern gebüßt hatten. Darunter ein Paar Meuten oder Kadiaker, mit denen vor sieben Jahren ein amerikanischer Schiffskapitain den Otterfang in den spanischen Häfen dieser Küste getrieben hatte. Die Russen verbrauchen nicht allein diese nordischen Völker, sie liefern sie auch um halben Gewinn Andern zum Verbrauch. Ich habe sogar auf den Sandwichinseln versprengte Kadiaker angetroffen. Unter den Gefangenen in Moniere») befand sich auch ein Herr John Elliot de Castro, von dem weiter noch die Rede sein wird. Er war nach vielen Abenteuern als Supercargo eines von Herrn Baranoff aus Sitcha auf den Schleichhandel dieser Küste ausgesandten Schiffes der russisch-amerikanischen Compagnie init einein Theil der Mannschaft in die Hände der Spanier gefallen. Außer den Gefangenen waren noch drei Russen da, alte Diener, der russisch-amerikanischen Compagnie, die von der Ansiedelung an Port Bodega ausgetreten »varen und jetzt Sprache und Sitten der Heimath vermissend den gethanen Schritt bereuen mochten. Don Paolo Meente de Sola erbot sich dem Kapitain die gefangenen Russen, wofür auch Aleuten und Kadiaker galten, auszuliefern, während er dieselben Herrn Kuskoff verweigerte. Es scheint nicht, daß die Spanier irgend einen Dienst begehrt, irgend einen 137 Bortheil gezogen haben von diesen Menschen, die fremde Habsucht ihrer Heimath geraubt, um mit ihren Kräften hier zu wuchern. Der König von Spanien vergütigte oder sollte vergütigen anderthalb Realen des Tages für jeden Kriegsgefangenen. Der Kapitain, beschränkt durch die Umstände, vermochte nur die drei ausgetretenen Russen an seinem Bord aufzunehmen und Herrn Elliot die Ueber- fahrt nach den Sandwichinseln anzubicten, von wo aus er leicht nach Sitcha, oder wo er sonst hin wollte, gelangen konnte. DerMouver- neur sandte nach diesen Russen, und wie sie angekommen, überantwortete er sie Herrn von Kotzebue, nachdem er von ihm ein feierliches Ehrenwort gefordert und erhalten, daß sie, die Schutz in Spanien gesucht und gefunden, deßhalb zu keinerlei Strafe gezogen werden sollten. Ich fand sein Benehmen bei dieser Gelegenheit sehr edel. Unter diesen Russen war einer, Iwan Strogonoff, ein alter Mann, der sich innig freute, zu seinen Landsleuten wieder gekommen zu sein. Da er kaum zum Matrosendienst taugen mochte, bestimmte ihn der Kapitain zu unserm, der Passagiere, Dienste in der Kajüte de Campagne und machte uns solches bekannt. Er wurde die letzten Tage, die wir im Hafen weilten, auf die Jagd geschickt. Der Unglückliche! Am Vorabend der Abfahrt sprang sein Pulverhorn, und er wurde tödtlich verletzt zurückgebracht. — Er wollte nur unter Russen sterben: der Kapitain behielt ihn aus Erbarmen an seinem Bord: er verschied am dritten Tage der Fahrt. Er wurde still in die See versenkt und mit ihm die letzte Hoffnung unserer Stiefeln, je noch einmal auf der Reise geputzt zu werden. Friede sei mit Iwan Strogonoff! Aber ich bin der Zeit vorangeeilt; ich kehre wieder zurück. Am 25. Oktober traf Herr Kuskoff mit sieben kleinen Baidaren aus Port Bodega ein. Ein gewandter und in jeder Hinsicht seinem Geschäfte gewachsener Mann. Am 26. fand in den Vormittagsstunden die diplomatische Konferenz auf dem Presidio statt. Don Paolo Vicente de Sola, Gouverneur von Neu-Californien, setzte das unbestreitbare Recht Spaniens an dem von der russischen Niederlassung unter Herrn Kuskoff eingenommenen Gebiete in volles Licht und forderte Herrn Kuskoff 138 auf, das widervölkerrechtlich besetzte Gebiet zu räumen. Herr Kus- koff, Agent der russisch-amerikanischen Handels-Compagnie und Vorsteher der Ansiedelung zu Port Bodega, ohne sich auf die Rechtsfrage, die ihn nichts angehe, einzulassen, bezeigte die größte Bereitwilligkeit, vom Port Bodega abzuziehen, sobald er nur dazu von seinem Vorgesetzten, Herrn Baranoff, der ihn hieher beordert habe, ermächtigt würde. Darauf forderte der Gouverneur den Herrn von Kotzebue auf, Namens des Kaisers einzugreifen und die Räumung von Bodega zu erwirken. Der Lieutenant der kaiserlich russischen Marine und Kapitain des Rurik's, Otto von Kotzebue, erklärte sich für unbefugt, in einer Sache zu handeln, wo ihm übrigens das Recht so klar schiene, daß es blos ausgesprochen zu werden brauche, um anerkannt zu werden. — Und so waren wir denn so weit, als wir zuvor gewesen. Hierauf wurde beliebt, über die heutige Verhandlung und den Stand der Dinge ein Protokoll zu verabfassen und dasselbe in cluxla, von allen Theilnehmern an besagter Verhandlung unterschrieben und untersiegelt, den beiden hohen Souverainen, als Seiner Majestät dem Kaiser von Rußland durch den Kapitain des Rurik's, und Seiner Majestät dem Könige von Spanien durch den Gouverneur von Neu- Californien, zu Händen kommen zu lassen. Die Redaktion dieses Aktenstückes, welches spanisch verfaßt wurde, batte ich als Dolmetscher zu beaufsichtigen. Ich verwarf den ersten Entwurf, in welchem ich etwas vermißte; denn, sagte ich zu Don Paolo Meente, indem Sie diese Sache vor den Thron der hohen Souveraine bringen und von dem Kaiser von Rußland selber die Abhülfe dieser Unbill und die Bestrafung seiner dafür verantwortlichen Diener erwarten, so begeben Sie sich des Ihnen sonst unbestreitbar zukommenden Rechtes der Selbsthülfe gegen den Eindringling und dürfen dann der hohen Entscheidung der Monarchen nicht vorgreifen. — Dagegen hatte denn Paolo Meente de Sola nichts einzuwen- dcn; er lobte meine Einsicht, ließ das Protokoll umschreiben und gab, als es am 28. Abends auf dem Presidio unterschrieben wurde, sein feierliches Ehrenwort, eigenmächtig nichts Gewaltsames gegen den 139 xx. Kuskoff und die russische Niederlassung am Port Bodega zu unternehmen und die Sachen bis zur Entscheidung der hohen Höfe in statu guo zu belassen. — Ich unterschrieb das Aktenstück SN elass äs intorxrsts als Dolmetscher mit*). Ich will mit dieser Wendung der Dinge nicht prahlen. Denn hätte auch der wackere Don Paolo Vicente de Sola kein Gelübde abgelegt, so hätte er doch schwerlich die Feindseligkeiten eröffnet und einen Kriegszug gegen das russische Fort am Port Bodega unternommen. Ich habe gehört, daß besagtes Protokoll in Petersburg sein« eigentliche Bestimmung nicht verfehlt hat und, ohne weiter zum Vortrag zu kommen, im betreffenden Ministerio nä acta gelegt worden ist. Aber dem Don kaolo Vieents äs Lola, Oobei'imäor äs la nova Lalllornia, soll ein russischer Orden zugesendet worden sein. Ich erhielt von Herrn Kuskoff ein schönes Otterfell als Ehrengeschenk, und solches könnt ihr euch zu Berlin im zoologischen Museum, dem ich es verehrt habe, zeigen lassen. Eine unmittelbare Folge der Konferenz vom 26. Oktober war für den Rurik eben keine ersprießliche. — Die Verhandlung hatte sich über die Mittagsstunde hinaus verlängert und ein Anderer hatte für den Kapital» die Chronometer ausgezogen. — Er vertraute mir, der große Chronometer habe seither seinen Gang dergestalt verändert, daß er ihn für verdorben halten müsse. Die Gebietsansprüche Spanien's auf dieser Küste wurden von den Amerikanern und Engländern nicht höher geachtet als von den Russen. Den Ausfluß der Colombia rechnete Spanien auch zu seinem Gebiete. Die Geschichte der dortigen Ansiedelung haben uns die Spanier und Herr Elliot ziemlich gleichlautend erzählt. Die Amerikaner hatten sich aus New-Iork theils zu Lande und theils zur See dahin begeben und dort eine Niederlassung begründet. Während des Krieges zwischen England und Amerika ward die Fregatte Ra- coon, Kapitain Black, ausgesandt, Besitz von diesem Posten zu neh- ') Vergleiche über die russische Ansiedelung am Port Bodega: Otto von Kotzcbue, Neue Reise um die Welt in den Jahren 1823—26. II. 65—70. 140 men. Die englischen Kaufleute auS Canada begaben sich zu Lande dahin, und wie das Kriegsschiff, daS die Kolonie bedrohte, im Angesicht des Hafens war, setzten sie sich um Geldes Preis, um 50,000 Pfund Sterling, in Besitz derselben und zogen die englische Flagge auf. Eine Handelsstraße zu Land soll die Colombia mit Canada verbinden. Uslata rstbro. Die Zeit unsers Aufenthalts in Californien war abgelaufen. Am 26. Oktober, einem Sonntage, war nach einem Ritte nach der Mission Fest- und Abschicdsmahl unter unfern Zelten. Die Artillerie des Rurik's begleitete den Toast auf den Bund der Monarchen und der Völker und auf die Gesundheit des Gouverneurs. — Ein guter Missionar hatte seinen Mantel zu tief in das Blut der Reben getaucht und schwankte sichtbarlich unter der Last. Am 28. wurde das Lager abgebrochen und wieder eingeschifft. Jndcß wir auf dein Presidio das Protokoll besiegelten, hatte Herr Kuskoff mit Vorwissen des Herrn von Kotzebue zwei Baidaren auf den Otterfang in den Hintergrund der Bucht ausgeschickt. Ain 29. reisten, einerseits Herr Kuskoff früh am Morgen mit seiner Baidaren-Flotille nach Bodega, und andererseits später am Tage der gute Don Paolo Meente de Sola nach Monterey. Dieser nahm unsere Briefe zur Beförderung nach Europa mit, die letzten, die unsere Freunde von der Reise aus von uns erhalten. Mit ihnen verschwand unsere Spur. Denn da wir im Spätjahr 1817 nach Kamtschatka nicht zurück gekehrt, hat man uns in Europa verloren geben müssen. Am 30. ward alles Gethier cingeschifft, und Vegetabilien in der größten Fülle. Zugleich kamen eine unendliche Menge Fliegen an Bord, welche die Luft verdichteten. Frisches Wasser hatten wir eingenommen, was im hiesigen Hafen, zumal im Sommer, ein schwie- riges Geschäft ist; ein Fäßlein Wein aus Monterey verdankten wir dem Gouverneur. Unsere Freunde vom Presidio speisten zu Mittage mit uns auf dem Rurik. Wir waren segelfertig. Am 31. waren zum letzten Abschied unsere Freunde noch bei uns; einige von uns ritten noch Nachmittags nach der Mission. Spät am Abend langte Herr John Elliot de Castro an, noch un- 141 schlüssig, ob er von dem Anerbieten des Kapitains Gebrauch machen werde oder nicht. Er entschied sich jedoch für das Erstere. Am 1. November 1816, am Allerheiligenfeste, Morgens um 9 Uhr lichteten wir die Anker, während unsere Freunde in der Kirche waren. Wir sahen sie auf dem Fort ankommen, als wir eben vor- beisegelten. Sie zogen mit einem Kanonenschuß die spanische Flagge auf, wir gleichfalls die unsere. Sie salutirten uns zuerst mit sieben Kanonenschüssen, die wir Schuß für Schuß erwiderten. Das Wasser des Hafens von San Francisco war in hohem Maß von sehr feinen Lichtpunkten phosphorescirend, und merklich schimmernd entrollte sich auch die brandende Welle auf dem Strande der Küste außerhalb der Bucht. Ich habe das Wasser des Hafens mit dem Mikroskop untersucht und darin nicht häufige, ausnehmend kleine Infusorien beobachtet, denen ich dennoch bei dem Leuchten keine Rolle zuschreiben mag. Wir schauten hier täglich dem Spiele der Nebel zu, die, vom waltenden Seewind ostwärts über das sonnerhellte Land gewehet, zerflossen und sich auflösten. Besonders schön war das Schauspiel, welches sie uns bei der Abfahrt bereiteten, indem sie verschiedene Gipfel und Gegenden der Küste bald verhüllten und bald entschleierten. Von Kalifornien nach den Sandwich- Z n s e l n. Erster Aufenthalt daselbst. Wir waren am 1. November 1816 kaum aus dem Hafen, so empfing uns auf dem hohen Meer ein mächtiger Wind, der das Schiff dergestalt schaukelte, daß alte Matrosen und selbst der Kapi- tain seekrank wurden. Ich habe dieses Uebel nie bezwungen, bin nie nach dem kürzesten Aufenthalt auf dem Lande wieder auf die See gekommen, ohne daran zu leiden; ich brauche nicht zu sagen, daß ich darnieder lag. Die Fliegen wurden vom Winde weggeblasen; am andern Tage war keine mehr aus dem Rurik zu sehen. Wir sahen am 2. große Tange, am 3. Delphine, am 4. unter dem 31° N. B. den ersten Tropikvogel. Das Meer war blau, der Himmel bedeckt, Alles lebensleer, wie in keinem anderen Meerstriche. Keine andern Vögel als Tropikvögel. Ihr Flug ist hoch, ihr Geschrei durchdringend. Man hört sie oft, ohne sie sehen zu können; oft vernimmt man ihre Stimme zu Nacht. Wir hatten noch zwischen den Wendezirkeln anhaltende S. und S. W. Winde. Abends oft Wetterleuchten im Süden. Einige Windstillen unterbrachen den Südwind, der immer aufs Neue zu wehen anhub. Am 9. spielten und lärmten Delphine um unfern Kiel. Am 12. begleiteten uns Morgens und Abends ein Paar Wallfische (klixsstsr?). Am 16. November (22° 34" N. B., 104° 25" W. L.) erreichten wir endlich den Passat. Am 21. zeigten sich uns einige Berglinien von O-Waihi durch die Wolken. Herr John Elliot de Castro, aus gemischtem englischen und portugiesischen Blute entsprossen, war so klein, daß ich ihn nur mit dem Zean Paul'schen kleinen Kerle vergleichen mag, der sich selber nicht bis an die Knie ging, geschweige denn längeren Personen. Er war ein frommer Katholik und setzte seine Hoffnung in ein Band von der Brüderschaft des heiligen Franciscus, welches er trug und kraft dessen ihm ganz absonderlicher Jndult zu Theil werden sollte. Er war in Rio-Janciro vcrheirathet und daselbst als Chirurgus bei einem Hospital angestellt. Aber er war auch verliebt und unglücklich verliebt, und diese Leidenschaft hatte ihn in die weite Welt und in vieles Unglück getrieben. Er war nämlich in zwanzig tausend Piaster verliebt, zu deren Besitz er nicht gelangen konnte, und von denen er sprach mit einer ergreifenden Sehnsucht, mit einer Wahrheit und Tiefe der Empfindung, mit einer Hingerissenheit, die den wenigsten Muscnalmanachsgedichten eigen sind. Seine Liebe war wirklich dichterisch; rührend war es ihn zu sehen, wie er über den Bord des Rurik's sich bog und dort in die blaue Ferne ein Segel sich log: ein Amerikaner! piasterbeladen vom Schleichhandel mit den Padres der spanischen Küste! Wir haben mehr Kanonen als er! wir könnten ihn kapern! — Es war aber nicht einmal das Schiff da. — Wie er einst Tabak in Buenos-Ayres einzuschmnggeln versucht, war er daselbst in Gefangenschaft gerathen. Bevor er das Glück bei Herrn Baranoff gesucht, der ihm nur zu einer zweiten Gefangenschaft unter den Spaniern verhelfen, hatte er cs zwei Jahre lang auf den Sandwich-Inseln erwartet, woselbst er mit den Perlen von Pearl-River einen Handel zu treiben versucht, der seiner Hoffnung nicht gelohnt. Er war indeß Leibarzt des Königs Tameiameia geworden, der ihn mit Land beliehen hatte, und jetzt in seine dortige Familie heimkehrend, erwartete er seine Besitzungen in guten: Stande zu finden und vertraute seinem alten Verhältnisse. Der Umgang mit unserm Gaste während der Tage der Ueber- fahrt war mir unschätzbar lehrreich. Wohl hatte ich, was über die Sandwich-Inseln geschrieben war, gelesen, und hatte über deren 144 jetzigen Zustand, besonders in Hinsicht des Handels, dessen Stapelplatz sie geworden sind, manche Notizen gesammelt. Hier aber hatte ich einen O-Waiher (dlaja baors, Delphin der weißen Männer) vor mir, der mit und im Volke gelebt, der einer bestimmten Kaste angehört hatte und dem ich die Sprache abhören und die Sitte abmerken konnte. Ich benutzte emsig die Gelegenbeit; und wirklich kam ich gut vorbereitet zu sehen, und selbst der kindergleichen Sprache nicht ganz fremd, auf den Wohnsitz dieses anziehenden und damals seiner Eigenthümlichkeit noch nicht abwendig gemachten Volkes. Gern und herzig stattet seinem wohlwollenden Lehrer, Herrn John Elliot de Castro, der gelehrige Schüler seinen besten Dank ab; aber ich habe ihm auch eine große Freude bereitet, denn ich habe ihm, als zufällig einmal das Gespräch auf die Gabe der Weissagung fiel, mit gehörigem Ernste und Nachdruck geweissagt: er werde als Ordensgeistlicher sein Leben in einem Kloster enden; und bei der Rührung, womit er das Wort auffaßte, sollte es mich keinesweges wundern, wenn die Prophezeihung selber den Grundstein zu deren Verwirklichung gelegt hätte. Zu mir ist auch auf dieser Neberfahrt ein Wort gesprochen worden, worüber ich mich herzig gefreut habe, und welches ich, vielleicht ruhmredig, hier verzeichnen will. Gegenstand des Tischgespräches war, wie gewöhnlich, das Land, welches zu sehen, das Volk, mit dem zu verkehren uns bevorstand. Wir hatten die Polynesier noch nur erblickt; hier sollten wir unter ihnen leben. Ich äußerte, wie gespannt dieses Mal meine Neugierde sei und wie erwartungsvoll ich den neuen Eindrücken entgegen gehe. Darauf versetzte Herr von Kotzebue, in der nicht verhehlten Absicht, mir etwas Demüthi- gendes zu sagen: „ich könne den Zusatz „dieses Mal" sparen; ich sei doch immer der, dessen Neugierde sich am gespanntesten zeige, und so erwartungsvoll sei keiner wie ich. — Ich wurde also, ich, der älteste an Jahren, gescholten, der jüngste zu sein an Sinn und Herz. Ich fahre in meinem Reisebericht fort. Keine Seevögel hatten uns über dem Winde der Sandwich-Inseln das Land angesagt, und zwischen demselben sahen wir auch keine. Nur hoch in den Lüf- 145 ten der Tropikvogel, und nah über dem Spiegel der Wellen der fliegende Fisch. Wir richteten unfern Lauf nach der Nordwest-Spitze von O-Waihi, um diese zu umfahren und, nach dem Rathe von Herrn Elliot, Haul-Hanna, Herrn Jung, in der Bai von Tokahai, Gebiet Kochala, zu sprechen, woselbst dieser in der Geschichte der Sandwich- Inseln rühmlichst bekannte Mann seinen Wohnsitz haben sollte. Herr Zung würde uns die nöthigen Nachrichten über den jetzigen Zustand der Dinge und den Aufenthalt des Königs mittheilen. Dem Könige aber mußten wir uns vorstellen, bevor wir in den Hafen Hana-ruru der weiter westwärts liegenden Insel O-Wahu einliefcn. In der Nacht zum 22. November und am Morgen dieses Tages enthüllten sich uns die Höhen der großartig in ruhigen Linien sich erhebenden Landmasse, über welche sich Mittags und Abends die Wolken senken. Noch sahen wir nur Mauna-kea, den kleinen Berg, welcher, wenn gleich der kleinere, sich höher über das Meer erhebt als der Montblanc über die Thäler, von welchen aus er gesehen werden kann. Die Nordküste am Fuße des Mauna-kea ist die unfruchtbarste der Insel. Wir umschifften gegen Mittag das nordwestliche Vorgebirge ton O-Waihi, fuhren durch den Kanal, der diese Insel von Mauwi trennt, und verloren den Passat unter dem Winde des hohen Landes. Wir hatten längs der Westküste von O-Waihi sehr schwache Land- und Seewinde und gänzliche Windstille. Zwei Insulaner ruderten in der Gegend des Vorgebirges an das Schiff. Der auf das Verdeck stieg, beantwortete so scheu und zögernd die Fragen des ihm wohlbekannten Naja's, daß dieser über das, was auf den Inseln geschehen sein möchte, Besorgniß schöpfte. Wir erfuhren indeß, daß Haul-Hanna mit den mehrsten Fürsten auf O-Wahu, und Tameiameia zu Karakakoa sich befinde. Das Kanot, welches an das Schiff angebunden war und worin der andere O-Waihier sich befand, schlug um, und wir hatten Gelegenheit, die Kraft und Gewandtheit dieser Fischmenschen zu bewundern. Wir sahen von der hohen See die europäisch gebauten Häuser von Herrn Jung sich über die Strohdächer der Eingeborenen erhe- m. 10 — 146 — ben. Der ganze Strand ist von den Ansiedelungen der Menschen bekränzt, aber schattenlos. Erst südlicher längs der Küste untermischen sich Cocospalmen den Häusern. Die Wälder, die an den Bergen eine hohe Zone einnehmen, steigen nicht zu Thale. Rauchsäulen stiegen in verschiedenen Gegenden des Landes empor. Andere Kanots kamen an das Schiff; wir verkehrten mit mehreren Eingeborenen und vermochten einen weitgewanderten Mann, einen Mann des Königs, der in Boston, an der amerikanischen N. W. Küste und in China gewesen war, an unserm Bord zu bleiben-und uns nach Karakakoa zu lootsen. Wir erfuhren, daß zwei amerikanische Schiffe in Hana-rurn lägen, und vor Karakakoa ein drittes, welches, vom Sturme geschlagen, entmastet nach diesen Inseln gekommen. Wir erfuhren endlich, daß Russen der amerikanischen Handels-Compagnie das Reich mit Krieg zu überziehen gedroht, und daß man die russischen Kriegsschiffe erwarte, welche die Drohung verwirklichen sollten. Das waren die Umstände, unter welchen wir vor O-Waihi erschienen, und uns glücklich preisen mußten, Herrn Elliot, den Leibarzt des Königs, an Bord zu haben, der Zeugniß von uns ablegen konnte. Wir lagen die Nacht in vollständiger Windstille. Wir erfuhren am Morgen des 23., daß der König von Karakakoa nordwärts, uns näher, nach Tiutatua am Fuße des Wororai gekommen sei, sich aber daselbst nicht lange aufhalten werde. Herr Elliot ließ ihm Botschaft von uns und sich selber ansagen und den Wunsch des Ka- pitains audeuten, Seine Majestät zu Tiutatua nicht zu verfehlen. Wir kamen sehr langsam vorwärts. Am Abend ward ein Delphin harpunirt. Während der Nacht frischte der Wind; am Morgen des 24. waren wir vor Tiutatua. Das amerikanische Schiff fuhr eben unter allen Segeln in die Bucht. Der Kapitain ließ das kleine Boot aussetzen, worin er Herrn Elliot mit mir, Eschscholtz und Choris an das Land schickte. Wir begegneten einem Europäer, der in seinem Kanot fuhr; er trat in unser Boot über und geleitete uns. Das Dorf liegt unter Palmbäumen anmuthig am Seegestade. 147 Hinter demselben steigt der Blick auf einem Lavastrom zu dem Riesenkegel des Wororai hinan. Zwei Morais standen mit ihren häßlichen Idolen auf einem Vorsprung des Lavastrandes. Am Ufer war ein zahlreiches Volk in Waffen. Der alte König, vor dessen Wohnung wir landeten, saß auf einer erhabenen Terrasse von seinen Weibern umringt in seiner volkSthümlichen Tracht, dem rothcn Maro (Schamgürtel) und der schwarzen Tapa (dem weiten schönfaltigen Mantel von Bastzeuge). Nur Schuhe und einen leichten Strohhut hatte er von den Europäern erborgt. Den schwarzen Mantel tragen nur die Vornehmen; das färbende Harz verleiht dem Zeuge die Eigenschaft, nicht naß zu werden. Vor dem Könige sitzt jeder Untergeordnete niedriger als er, mit entblößten Schultern. Der alte Herr nahm seinen Arzt gern wieder auf, jedoch ohne überströmende Freude, und ließ sich von ihm über den friedlichen Zweck unserer Expedition belehren; dann richtete er an uns den Friedensgruß, drückte uns die Hand und lud uns ein, ein gebackenes Schwein zu verzehren. (Drei der hervorragenden Männer der alten Zeit, ich rühme mich der Ehre, haben mir die Hand gedrückt: Tameiameia, Sir Joseph Banks und Lafapette.) Wir verschoben die Mahlzeit bis zur Ankunft des Kapitains; Eschscholtz und ich begehrten botanisiren zu gehen, während Choris blieb und den König zu zeichnen sich erbot. Tameiameia gab uns zu unserm Schutz einen Edeln seines Gefolges mit und warnte uns vor der großen Aufregung des Volkes. Dem Maler wollte er nur in europäischen Kleidern sitzen, nämlich in rother Weste und Hemdesärmeln, da er den Zwang des Rockes nicht ertragen mag. Er beauftragte Herrn Elliot, den Kapitain ans Land zu geleiten, und er sandte mit ihm zwei der vornehmsten Häuptlinge, von denen einer gleichsam als Geißel auf dem Schiffe bleiben sollte, bis er, der Kapitain, an seinen Bord zurnckgekehrt sei. Ich werde hier mit wenigen Worten über die Ereignisse berichten, die unserer Ankunft auf den Sandwich-Inseln zuvorgegangen waren. Ein gewisser Doktor Scheffer, im Jahre 1815 als Schiffsarzt am Bord des Suwaroff, Kapitain: Lieutenant Lasareff, zu Sitcha 10 * 148 angelangt und daselbst im Dienste der amerikanischen Compagnie zurückgeblieben, war, vermuthlich von Herrn Baranoff ausgesandt, anscheinlich zu wissenschaftlichen Zwecken auf die Sandwich-Inseln gekommen, wo er den Schutz des Königs genossen hatte. Der Doktor Scheffer hatte die verschiedenen Inseln bereist. Auf O-Wahu, wo zwei Schiffe der russisch-amerikanischen Compagnie (die Clemen- tia und die Entdeckung) angelegt, war verschiedentlich gegen den König und gegen die Volksreligion gefrevelt worden. Die Russen hatten einen Morai entweiht und die Förmlichkeit der Besitznahme der Insel, bei Aufziehung der russischen Flagge auf dem Lande, vollzogen. Vermittelnde Europäer hatten das Blutvergießen verhindert, und die übermüthigen Fremden hatten, gezwungen sich einzuschiffen, mit Krieg und Eroberung gedroht. Welch ein Anthcil der Schuld jenen Schiffen, welcher dein Doktor zuzuschreiben sei, bleibe unentschieden; die größere Erbitterung war gegen den Doktor. Gegenwärtig war derselbe auf den westlichen Inseln, deren König Tamari er vermocht hatte, sich unter russischer Flagge gegen seinen Lehnsherrn Tameiameia zu empören. Bekanntlich war zur Zeit der Eroberung Tameiameia, der ehedem selbstständige König von Atuai und den westlichen Inseln, dem Gewaltigen zuvorgekommen, indem er sich ihm freiwillig unterworfen. Das war der jetzige Stand der Dinge. Als wir im Spätjahre 1817 nach den Sandwich-Inseln zurückkamen, hatte auf diesem Schauplatze der Doktor Scheffer seine Rolle bereits ausgespielt; der König von Atuai, dem er lästig geworden, hatte ihn wcggewiesen und hatte aufs neue Tameiameia gehuldigt. Der Doktor Scheffer kam nach Petersburg, wo er mit abenteuerlichen Anschlägen und Rathschlägen kein Gehör gefunden zu haben scheint. Er tritt später als kaiserlich brasilianischer Werboffizier in Hamburg auf. Wie ich mit Eschscholtz botanisiren ging, umringte uns eine mehr lachende als drohende Menge. Ein Häuptling, an seiner Haltung und seinem fast riesigen Wuchs nicht zu verkennen, schwang, wie wir den Weg gingen, den er kam, lachend seinen Wurfspieß gegen mich und drückte mir dann mit dem Friedensgruße: „Arocha!" 149 die Hand. Was er dabei sagte, mochte bedeuten: Habt ihr uns wieder einmal den Spaß verdorben? wir dachten uns zu schlagen, und mm seid ihr gute Freunde! Das dürre, ausgebrannte Feld hinter dem Dorfe bot dem Botaniker nur eine karge Ausbeute; und doch war es eine große Freude, hier die ersten Sandwicher Pflanzen zu sammeln. Eine Cyperacee! rief ich dein Doktor zu und zeigte ihm die Pflanze von fern. „Kü- perake! Küperake!" fing unser Führer zu schreien an, indem er eine Handvoll Gras über den Kopf schwang und wie ein Hampelmann tanzte. So sind diese Menschen, fröhlich wie die Kinder, und man wird es wie sic, wenn inan unter ihnen lebt. Nach dem, was ich in meinen Bemerkungen und Ansichten über die O-Waihier gesagt, bleibt mir nur übrig, sie selbst in kleinen Anekdoten und Zügen auftreten zu lassen. Wir wurden, in Erwartung des Kapitains, zu den Königinnen eingeführt; große, starke, fast noch schöne Frauen. Kahumanu tritt schon unter Vaneouver in der Geschichte auf. Sie lagen in einem Strohhause zusammen auf dem weich mit feinen Matten gepolsterten Estrich; wir mußten Platz unter ihnen nehmen. Fast unheimlich wurden mir, dem Neulinge, die Blicke, die meine Nachbarkönigin auf mich warf. Ich folgte Eschscholtz, der sich schon früher aus dem Hause geschlichen hatte. Ich erfuhr von ihm, seine Königin habe sich noch handgreiflicher ausgedrückt. Unser Kapitain war angelangt. Der alte Held empfing ihn mit Herzlichkeit. Er verstand sehr wohl das Verhältnis; und wußte es großartig, ehrfurchtgebieteud und leicht zu behandeln. Herr Cook, ein Europäer, der sein Vertrauen besaß und der jetzt erst von dem amerikanischen Schiffe, wohin er ihn gesandt hatte, zurückkam, diente ihm zum Dolmetscher. Er verhielt seinen Ingrimm gegen die Russen nicht, die seiner königlichen Gastfreiheit mit so schnödem Undank gelohnt; in uns aber, die wir, auf Entdeckung ausgesaudt, mit jenen nichts zu theilen hatten, wolle er keine Russen sehen, sondern nur die Söhne und Nachkommen Cook's und seines Freundes Van- couver. Wir seien keine Kaufleute, er wolle es auch gegen uns nicht fein; er werde für alle unsere Bedürfnisse Sorge tragen, frei, 150 7 — 150 unentgeltlich. Wir brauchten dem Könige nichts zu geben, und wollten wir ihm ein Geschenk machen, so sei es nur nach Belieben. So Tameiameia, König der Sandwich-Inseln. Unsere Gegengeschenke zeugten von unserer friedlichen Gesinnung. Zwei kleine Mörser mit den dazu gehörigen gefüllten Granaten und Pulver. Eisenstangen, die wir als Ballast hatten und die ihm angenehm zu sein schienen, wurden für ihn zu Hana-ruru ausgeschifft. — Er selbst erkundigte sich im Gespräche, ob wir ihm wohl etwas Wein ablassen könnten? Er erhielt ein Fäßlein guten Teneriffa von unserm Vorrath. Der Kapitain hatte zufällig etliche schöne Aepfel aus San Francisco mitgebracht. Er fand sie wohlschmeckend, vertheilte sie zum Kosten den Häuptlingen um ihn und ließ die Kerne mit großer Sorgfalt sammeln. Auf den Wunsch, den Herr von Kotzebue aussprach, ließ Tameiameia sogleich einen Federmantel herbeiholen und überreichte ihm solchen für den Kaiser Alexander. Furchtlos und würdevoll schlug er ab, auf das Schiff zu kommen, da die jetzige Stimmung seines Volkes es ihm nicht erlaube. Wir statteten dem Reichserben Lio-lio einen Besuch ab. Ich kann dem, was ich in den Bemerkungen und Ansichten gesagt habe, nichts hinzufügen, obgleich die dort, hauptsächlich nach Herrn Marini, ausgesprochenen Weissagungen nicht in Erfüllung gegangen sind. Der Tisch war für uns in einem Hause, das im Umfang des königlichen Morai lag, auf europäische Weise gedeckt. Der König geleitete uns dahin mit seinen Häuptlingen, doch »ahm weder er noch einer von ihnen Antheil an dem Mahle, das wir allein verzehrten. Unsere Matrosen wurden nach uns auf gleiche Weise bewirthet. Wir erfuhren später, daß mit diesem uns gereichten Mahle ein religiöser Sinn verbunden gewesen. Die wir als Feinde angekündigt, als Freunde gekommen waren, aßen ein geweihtes Schwein an geweihter Stelle in dem Morai des Königs. Nach uns speiste Tameiameia in seinem Hause allein, wobei wir ihm zuschauten, wie er uns selber zugeschaut hatte. Er aß nach altertümlicher Sitte. Gesottene Fische und ein gebackener Vogel waren die Gerichte, Bananen-Blätter die Schüssel, und der beliebte Taro-brei vertrat die Stelle des Brodes. — Die Diener brachten 151 die Speisen kriechend herbei, die ein Vornehmerer ihm oorsctzte. Herr von Kotzebus spricht von der sonderbaren Tracht der Höflinge Tameiameia's, die alle schwarze Fracks ans dem bloßen Leib getragen. Ich kann mich nur erinnern, ein einziges Mal auf den Sandwich-Inseln dieses Costnm gesehen zu haben, welches keineswegs so allgemein war und auch dem Auge des Künstlers nicht aufgefallen ist. Vergleiche Choris Vozme-o pittorssgno. Tameiameia behielt Herrn Elliot um sich, von den: nach O-Wahn begleitet zu werden uns wohl erwünscht gewesen wäre. Er gab uns als Geleitsmann und Ueberbringer seiner Befehls in unserm Betreff einen Edeln geringeren Ranges mit, der seines völligen Vertrauens genoß. Er ließ diesen Mann, Namens Manuja, von zehn Meilen her kommen, weshalb er auch spät eintraf. Der Rurik war unter Segel geblieben. Wir hatten bereits Signalschüfse abgefeuert, Racketen abgebrannt und Laternen aufgezogen, als Herr Cook unfern Schutzmann Abends um 8 Uhr an Bord brachte. Wir nahmen mit eineni schwachen Landwind unfern Cours nach O-Wahu. Die aufgehende Sonne fand uns am 25. in Ansicht von O-Waihi und Mauwi. Der Wind hatte uns verlassen. Es war ein schöner Morgen. Größe, Ruhe und Klarheit. Luft und Meer klar und ruhig; rein und wolkenlos die groß und ruhig gezeichneten Höhen beider Inseln. Herr von Kotzebue benutzte den Moment, die Höhen der Berge beider Inseln zu messen. Zu Nacht erhob sich der Wind; wir.hatten den Passat wieder gewonnen. Wir sahen die Feuer der Insel Tauroa brennen. Wir segelten am 26. schnell längs, der Inselkette und südlich von derselben vorwärts. Ein paar Walisische (UK^setsr) spritzten nicht fern von uns ihre Wasserstrahlen. Manuja lag seekrank auf dem Verdecke, und sein Dienstmann war kaum im Stande, ihm Hülse zu leisten. Auch Manuja hatte die Kerne der Aepfel, die er bei uns gegessen, sorgfältig gesammelt und verwahrt. Mir lavirten die Nacht in Ansicht der Insel O-Wahu. Wir gelangten am 27. November in den Mittagsstunden Vörden Hafen von Hana-rurn. Manuja fuhr mit dem ersten Kanot, welches sich zeigte, ans Land, und bald kam ein königlicher Lootse, 152 ein Engländer, Herr Herbottcl, heraus, der uns die Anker außerhalb d'eö Riffes werfen hieß, da jedes cinlaufende Schiff während der Windstille, die hier regelmäßig vor Sonnenaufgang eintritt, in den Hafen bugsirt werden muß. Der Kapitain fuhr, sobald der Rurik vor Anker lag, an das Land. — Ein amerikanischer Scunner, der Traveller aus Philadelphia, Kapitain Wilcoks, ging eben unter Segel. Wir sahen über die Brandung hinüber zu der anmuthigen Stadt, die, von schlanken Cocospalmen beschattet, aus O-Waihischen Strohdächern und europäischen Häusern mit weißen Mauern und rothen Dächern besteht. Sie unterbricht die sonnige Ebene, die den Fuß des Gebirges umsäumt. Der Wald, der die Höhen bekleidet, senkt sich aut ihren Abhöhen tief herab. Zwei Schiffe lagen im Hafen; beide gehörten dem Herrn der Inseln. Ein Dreimaster, der bald den Namen der Frau von Kareimoku erhalten sollte und der am 29. Morgens, mit Taro beladen, nach O-Waihi unter Segel ging. Das zweite, nach Tameiameia's edelster Gattin die Kahu-manu genannt, eine kleine elegante, schnell segelnde Brigg, die, in Frankreich zum Kaperschiff gebaut, ursprünglich ln Animbaräe geheißen und, von den Engländern genommen, den Namen Forester erhalten hatte. — Die Kahu-manu feuerte als Wachtschiff bei Sonnenuntergang den üblichen Retraitenschuß ab. Der Kapitain kam an Bord zurück, nicht eben erfreut von dem Empfang, der ihm geworden. Noch war das Volk gegen die Russen in Aufregung, und bei dem Gouverneur hatte er dasselbe Vorurtheil zu bekämpfen gehabt. Herr Jung war ihm hnlsreich gewesen. Der Gouverneur, Kareimoku, den die Engländer Pitt nennen, auf den Sandwich-Inseln der nächste nach dem Könige, hatte ihm jedoch versprochen, die Befehle, die er im Betreff seiner von Tameiameia erhalten, pünktlich zu vollziehen. Am 28. um 4 Uhr des Morgens riefen wir verabredeter Maßen durch einen Kanonenschuß die Kanots herbei, die unS in den Hafen bugsiren sollten. Der Lootse und acht Doppelkanots, jeder unter der Führung des Eigners von sechzehn bis zwanzig Mann gerudert, kamen heran. Herr Jung fuhr an ihrer Seite in einem kleinen 153 Kanot. Der Anker ward gelichtet, und spielend, lachend, lärmend führten die Sandwicher in guter Ordnung und mit einer Gewalt, die unsere Seeleute bewunderten, den Rurik dahin. Wir fuhren nach dem Log drei Knoten. Wir ließen unter den Mauern der Festung die Anker fallen, und Herr Jung kam an Bord, Bezahlung für den Dienst einzufordern, den nicht Leute des Königs uns geleistet hatten. Ich kann das Erste, was uns, wie jedem Fremden, auf diesen Inseln entgegentrat, mit Stillschweigen nicht übergehen. Die allgemeine, zudringliche, gewinnsüchtige Zuvorkommenheit des andern Geschlechtes; die ringsher uns laut zugeschrieenen Anträge aller Weiber, aller Männer Namens aller Weiber. Die Scham scheint mir dem Menschen angeboren zu sein, aber die Keuschheit ist nur nach unfern Satzungen eine Tugend. In einem der Natur näheren Zustande wird erst das Weib in dieser Hinsicht durch den Willen des Mannes gebunden, dessen Besitzthum es geworden ist. Der Mensch lebt von der Jagd. Der Mann sorgt für seine Waffen und für dm Fang; er ernährt die Familie. Der Waffenfähige herrscht rücksichtslos im Gebrauche seiner Uebermacht; das Weib dient und duldet. Er hat gegen den Fremden keine Pflicht; wo er ihm begegnet, mag er ihn tödten und sein Besitzthum sich aneignen. Ob er des Gctödtetcn Fleisch zur Speise benutzt oder verwesen läßt, ist unerheblich. Schenkt er aber dem Fremdling das Leben, so schuldet er ihm fürder, waS zu dein Leben gehört; das Mahl ist für Alle bereitet, und der Mann bedarf eines Weibes. Auf einer höheren Stufe wird die Gastfreundschaft zu einer Tugend, und der Hausvater erwartet am Wege den Fremdling und zieht ihn unter sein Zelt oder unter sein Dach, daß er in seine Wohnung den Segen des Höchsten bringe. Da macht er sich auch leicht zur Pflicht, ihm sein Weib anzubieten, welches dann zu verschmähen eine Beleidigung sein würde. Das sind reine, uiwerderbte Sitten. Diesem Volke der Lust und der Freude — o könnt' ich doch mit einem Athemzuge dieser lauen, würzigen Luft, mit einem Blicke unter dieser» licht- und farbreichen Himmel euch lehren, was Wollust 154 des Daseins ist! — diesem Volke, sage ich, war die Keuschheit als eine Tugend fremd; wir haben Hab- und Gewinnsucht ihm eingeimpft und die Scham von ihm abgestreift. — Schon auf der nördlichen Küste der Insel, durch das Gebirge von der verderbten Hafenstadt abgesondert, wähnte ich mehr patriarchalische, unbescholtenere Sitten zu finden. Ich machte schon an diesem ersten Tage die Bekanntschaft von Herrn Marini (Don Francisco de Paulo Marini, der von den Eingeborenen Manini genannt wird). Er kam mir nicht übereilt entgegen, aber ich fand ihn stets hüls- und lehrreich, wo ich seiner bedurfte; und er hat, mit Geist und Blick den Punkt treffend, den ich suchte, mich das Beste gelehrt, was ich über diese Inseln weiß. Marini war noch sehr jung, als er in einem Hafen der amerikanischspanischen Küste, ich glaube zu San Francisco Californien's, mit Früchten und Gemüsen auf ein Schiff geschickt ward, das im Begriff stand auszulaufen. Die Matrosen ließen den Knaben trinken, er schlief ein; sie verbargen ihn. — Das Schiff war auf hoher See, als erwachend er hervorkam. Der Wurf, der sein Schicksal entschied, war geschehen. Auf den Sandwich-Inseln ans Land gesetzt, wurde er auf denselben zu einein Häuptling von Ansehen, der als betriebsamer Landwirth unablässig mit den Arten nutzbarer Thiere und Pflanzen, die er einführte, neue Quellen des Wohlstandes aus dem Boden stampft und als betriebsamer Handelsmann die zahlreichen Schiffe, die hier verkehren, mit allen ihren Bedürfnissen versorgt. Er versteht namentlich unter diesen, heißen Himmel das Fleisch auf das dauerhafteste einzusalzen, was die Spanier in der neuen Welt für unmöglich erklären. Manini schien sich als ein unabhängiger Mann von dem Könige fern zu halten und nicht in dessen Gunst zu stehen. Er lebte mehr der Handelswelt. Ich war glücklich zu preisen, daß ihn jetzt keine Schiffe beschäftigten. Im ersten Gespräche, das ich mit ihm hatte, fiel mir eine Aeußerung von ihn, auf. Es war von den neuesten Zeitereignissen die Rede und von Napoleon. Der, sagte er, hätte in unfern, spanischen Amerika getaugt. Solches Wort hatte ich noch aus keines Spaniers Munde gehört. 155 Ich machte die erste botanische Exkursion, bestieg den ausgebrannten Vulkan hinter der Stadt, drang berghinan in den Wald, und kam über das Thal zurück, das durch kunstreiche Bewässerung für die Kultur der Taro gewonnen ist. Ich lernte die Kühlung der Bergthäler kennen und die erhöhte Temperatur, die einen empfängt, sobald man ans denselben aus den sonnigen Sauni der Insel hervortritt. Der ich täglich die Gegend durchschweifte und das Gebirge, werde ineine einsamen Spatziergänge nicht weiter beschreiben, aber hier etliche der kleinen Abenteuer, die mir auf denselben zustießen, Zusammentragen. lieber Ströme und Flüsse führt keine Brücke; ist man doch froh, die Gelegenheit zu einein Süßwasserbad zu haben, welches von den Anwohnern des Meeres eben so geschätzt und begehrt wird, wie von uns Mittelländern das Seebad. Man wird auch aller Orten auf jede sich darbietende Gelegenheit aufmerksam geinacht, und: „willst du baden?" ist eine Frage, die man bald erlernt hat. Ich hatte mich ausgezogen, um den Strom, der hinter Hana- ruru sich in den Hafen ergießt, zu durchwaten, und das Wasser ging mir kaum über die Knie, als ich ein leichtes Kanot an mich heranrudern hörte und ein großes Gelächter vernahm. Es war eine Dame, anscheinlich von der ersten Kaste, die mich hier zu necken sich ergötzte. Ich war wie ein unschuldiges Mädchen, das ein Flegel sich den Spaß macht im Bade zu beunruhigen. Bei einer weiteren Excursion, auf welcher mich ein Führer geleitete, ging der Weg durch ein breites, ruhiges Wasser. Der O-Waihier stieg vor mir hinein und ging hinüber; das Wasser stieg ihm nicht bis an die Brust. Ich gericth auf den Einfall, ich, der ich eigentlich nicht schwimmen kann, hinüber schwimmen zu wollen. Ich versuchte es, und siehe! das Wasser trug mich und ich kam ordentlich vorwärts. Ich war außerordentlich mit mir zufrieden und dachte: es ist auch gut, den Leuten zu zeigen, daß, wenn grade kein Meister in ihrer Kunst, man doch derselben nicht ganz fremd ist. Da weckte mich ein unendliches Gelächter, das laut und lauter vom Ufer er- 156 scholl, aus meinem Traum. Wie ich mich umsehen konnte, um zu erkunden, was da vorging, gewahrte ich, daß sich das Ufer dicht mit Menschen bekränzt hatte, die herbei gelaufen waren, um über den kuriosen Larmlen Imoro (den weißen Mann) zu lachen, der, anstatt wie ein vernünftiger Mensch durchs Wasser zu gehen, sich eine ungeheure Mühe gab, seine Ungeschicktheit zur Schau zu geben. Aber das Lachen hat hier nichts Feindseliges. Lachen ist das Recht des Menschen; jeder lacht über den andern, König oder Mann, unbeschadet der sonstigen Verhältnisse. — Andere Anekdoten werden an ihrem Ort den Satz erläutern. Arocha! ist der Fricdensgruß, den jeder jedem bietet und der mit gleichem Gegengruße erwidert wird. Auf jedes „Arocha!", das einem zugerufen wird, antwortet man „Arocha!" und ziehet seines Weges, ohne sich umzuseheu. Als ich einst botanisiren ging und von Hana-ruru meinen Weg nach den Taro-Pflanzungen genommen hatte, fiel es mir auf, daß, wo schon die Häuser zu Ende waren, das Grüßen noch kein Ende nahm; und war doch auf dem freien Felde links und rechts Niemand zu sehen. „Arocha!" ward mir in allen Tönen unablässig nachgernfen, und ich erwiderte treuherzig jeden Gruß. Ich sah mich unvermerkt um und ward gewahr, daß ich einen Troß Kinder hinter mir her nachzöge, die es belustigte, den Lauakn Imoi'L sein Arocha! wiederholen zu lassen. Wartet nur! meinte ich; und ich zog mit großer Geduld begrüßt und gegcngrüßcnd den Schwarm mir nach bis in die Engpässe der Taro-Felder, über Gräben, Gehege, Wasserleitungen und Erdwälle. Da kehrte ich mich unversehens um und lief mit erhobenen Armen und entsetzlichein Geheul auf sie zu; sie, im ersten Schrecken, ergriffen die Flucht und stürzten über einander und in die Wasserbehälter. Ich lachte sie aus, sie lachten, und wir schieden als Freunde: Arocha! Auf einer Wanderung durch das fruchtreiche Thal hinter Hana- ruru fand ich einst am Rande eines der Wasserbehälter, worin der Taro gezogen wird, eilt schönes Gras, welches ich mich nicht erinnerte gesehen zu haben, und wovon ich mir gleich Exemplare ausriß. Bei dem Geschäfte traf mich ein O-Waihier an, der darob mich ausschalt und pfändete, und den ich nur mit Mühe beschwichtigen konnte. 157 Ich erzählte Herrn Marini das Ereigniß und zeigte ihm das Gras. Der Mann war sein Pächter, das Gras war der Reis, der, nachdem manche frühere Versuchs mißglückt, endlich in diesem Jahre zuerst ans diesen Inseln gegrünt hatte. — Mag mancher Botaniker mich auslachen, dem es vielleicht nicht besser ergangen wäre. Auch ich hätte S.-Itiva im Herbario nicht verkannt. Bezeichnend mag sein für die hiesige Pflanzenwelt, worin die baumartigen Ricscnlianen Brasiliens meist nur durch krautartige Winden- und Bohnen-Arten vertreten werden, die ihre Netze über das niedre Gebüsch ausspannen, daß ich einmal im Gebirg abseits vom Pfade sin so ein Netz gerieth, und wie ich weiter Vordringen wollte, endlich gewahr wurde, daß ich bereits über den Absturz des Felsen hinaus in einer Hängematte über dem Abgrund schwebte. Am 29. November wurden wir zuerst nach dem Befehle Ta- meiameia's versorgt. Wurzeln und Früchte, wie sie das Land nur Hervorbringen mag, wurden uns in Ueberfluß gereicht, und die Schweine, die man uns lieferte, waren so groß, daß wir kaum die Hälfte verzehren konnten; die übrigen wurden theils cingesalzen, theils lebendig mitgenommen. Der Kapital» unternahm an diesem Tage, den Plan des Hafens von Hana-ruru aufzunchmen, und ließ zu dem Behufe Chramtschenko Signalstangen mit Flaggen auf verschiedenen Punkten cinpflanzen. Diese Flagge» erinnerten daS Volk an jene Flagge, die bei der Besitznahme aufgezogen worden war, und nun griff Alles zu den Waffen, sich das Fest einer Schlacht versprechend; denn waffenlustig ist dieses fröhliche Volk, und es entbehrt schon lange dieser Lustbarkeit. Hanl- Hanna, der zuni Glücke früh genug berichtet ward, schlug sich ins Mittel, beschwichtigte Kareimoku, kam selbst an das Schiff, den Kapitain zu warnen, und ward unser guter Engel. Alles Flaggenartige verschwand sofort, und der Krieg ward abgesagt. Am 30. November stellten sich, auf die Einladung des Kapi- tains, Kareimoku und die vornehmsten Häuptlinge, Teimotu, Bruder der Königin Kahumanu, Hanl-Hanna und andere zum Mittagsessen aus dem Rurik ein. Kareimoku war herzlich und brachte dem Kapitain den Friedensgruß. Die Herren waren alle in europäischer Tracht, 158 wenn nicht alle nach der neuesten Mode, so doch alle sehr anständig. Man setzte ffich zu Tisch, und ihr Benehmen kann für ein Muster der Schicklichkeit und guten Sitte gelten. Wir hingegen, wir waren die Ungeschickten, die Tölpel; denn cs ist doch wohl gesellige Pflicht, sich nach den Sitten und Bräuchen derer, die man bewirthen will, zu erkundigen und sich in nothwcndigen Dingen darnach zu richten. Uber das Schwein, das wir den Herren vorsetzten, war nicht im Mvrai geweiht worden, und so war es nicht (um mich europäisch auszudrücken) kauscher, und nichts von Allem war kauscher, was am selben Feuer mit ihm gekocht und gebraten worden. Ein Stück Zwieback und ein Glas Wein war das Einzige, was sie genießen durften. Sie mußten nüchtern uns essen sehen, ohne sich einmal mit uns unterhalten zu können; daS war unsere Bcwirthung. Sie aber benahmen sich dabei besser, als wir uns vielleicht an ihrer Stelle benommen hätten, und ließen den guten Willen für die That gelten. Kareimoku trank ein Arocha! dem Kaiser von Rußland zu; ein Arocha! ward dem Tameiameia dargebracht, und wir waren gute Freunde. Die Frauen indeß, deren einige mitgekommen waren (das Tabu ist auf Schiffen minder streng als auf dem Lande, wo sie unter Todesstrafe das SpeisehauS der Männer nicht betreten dürfen), — die Frauen, sage ich, tranken indeß Wein und betranken sich, was ein O-Waihier von Stand nie thun wird. Das von Choris gemalte sehr ähnliche Bild von Tameiameia machte ein ausnehmendes Glück. Alle erkannten es, alle hatten Freude daran. — Ich werde einen Zug nicht vergessen, welchen man vielleicht für die Sitten dieses Volkes bezeichnend finden wird. Der Maler hatte in sein Zeichnenbuch neben den König ein Weib aus der Mittelklasse gezeichnet. Herr Jung, dem zuerst das Blatt gezeigt wurde, fand diese Nachbarschaft dergestalt bedenklich, daß er unserm Freunde rieth, die zwei Portraite entweder zu trennen, oder gar nicht sehen zu lassen. Dem gemäß ward das Blatt durchgeschnitten, bevor das Bild des Königs andern O-Waihicrn gezeigt wurde. Von diesem sehr gelungenen Portrait theilte Choris hier etliche Kopien auS. Wie wir im nächsten Jahre nach Manila kamen, hatten sich bereits 159 die amerikanischen Kaufleute dieses Bildes bemächtigt und hatten eS in den chinesischen Malerfabriken für den Handel vervielfältigen lassen. Choris hat ein Exemplar der chinesischen Ausgabe nach Europa mitgebracht. Am 30. November fing mit Sonnenuntergang die Feierlichkeit eines Tabu-pori an, um mit dem Sonnenaufgang des dritten Tages zu endigen. Begierig, den heiligsten Mysterien des O-Waihischen Kultus beizuwohnen, wandte ich mich an Kareimoku, der ohne alle Schwierigkeit mich einlud und dessen Gast ich auf die Dauer des Festes im Heiligthume des Morai wurde. Er verließ gegen vier Uhr das Schiff, und ich stellte mich vor Sonnenuntergang bei ihm ein. — Ich habe die Details der Liturgie und der heiligen Bräuche, die man übrigens bei älteren Reisenden genau beschrieben findet, nicht ausgezeichnet; aber Eins kann ich sagen: gegen die Lustigkeit, mit der sie vollzogen wurden, könnte die Lustbarkeit eines unserer Maskenbälle für ein Leichenbegängniß angesehen werden. Die religiösen Handlungen füllen nur einzelne Stunden aus. Wie bei der katholischen Liturgie, fällt das Volk stellenweise in den Gesang der fun- girenden Priester ein. Die Zwischenzeiten gehören der fröhlichsten Unterhaltung, und es werden gute Mahlzeiten abgehalten, wobei ich allein nach europäischer Art bedient wurde und gebackenen Taro anstatt des üblichen Breies bekam. — Zur Mahlzeit wie zur Unterhaltung liegt man in zwei Reihen auf dem mit Matten belegten Estrich, mit dem Kopfe nach dem trennenden Mittelgang, auf den die Thür stößt. Die Gerichte werden auf Bananenblättern aufgetragen, man führt die Speisen mit den Händen zu dem Munde, und der zähe Tarobrei, der das Brod vertritt, wird von den Fingern abgeleckt. Waschwasser wird vor und mach der Mahlzeit gereicht. Zu Nacht geben Fackeln von Kukuinüssen (LlonrUos trllubu), die auf Stäbchen eingefädelt sind, ein sehr Helles Licht. Dieses alles im Morai nicht anders als zu Hause. Wer aus dem heiligen Bezirke sich entfernen will, wird von einem Knaben begleitet, der jeglichem zur Warnung ein kleines weißes Fähnlein führt. — Ein Weib, das man berühren würde, müßte sogleich getödtet werden; ein Mann müßte sich nur im Morai der gleichen Absonderung unterwerfen. 160 Choris hat in seinem VovaAs pittore8gue 1. V. — VIII. die Idole eines Morai zu O-Wahu abgebildet. Der Typus, der sich in den Figuren VI. 4, VII. 3 und 4, VIII. 1 und 3 wiederholt, ein gleichsam hieroglyphischer, scheint mir der alterthnmlichc, volks- thümliche kzn sein. Die mit rothen Federn bekleidete Figur von Korbgeflechte, die, im Allerheiligsten des Morai verwahrt, bei den Bräuchen des Tabu-Pori zum Vorschein kommt, trägt diesen selben Typus. Der weite Mund ist mit wirklichen, ich glaube Hunde- Zähnen umzäuut. Ein paar Jünglinge brachten mir in einer Zwischenzeit die Figur, damit ich sie näher betrachten könne. Begierig, die Grenze des mir Erlaubten zu erkunden, suhlte ich der Göttergestalt auf den Zahn, worauf mit einer plötzlichen Wendung derjenige, der die Figur trug, sie meine Hand verschlingen ließ. Natürlicher Weise zog ich überrascht die Hand schnell zurück, und sie erhoben ein unmäßiges Gelächter. Die Bräuche, die ich noch gesehen, werden auf diesen Inseln nicht mehr vollführt, und die Sprache der Liturgie soll verhallen. Keiner wohl hat daran gedarbt, zu erforschen und der Vergessenheit zu entziehen, was dazu beitragen könnte, das Verständniß der Aeußcr- lichkeiten des Gesetzes dieses Volkes zu eröffnen; Licht in seine Geschichte, vielleicht in die Geschichte der Menschen zu bringen; und die großen Räthscl, die uns Polynesien darbietet, aufzulösen. Wahrlich, es hätte -durch die Romanzoff'sche Expedition Prciswnrdiges für die Wissenschaft gewonnen werden können, wenn sie einem gradsinnigen, eifrigen Forscher einen Aufenthalt von einem Jahre ans diesen Inseln gegönnt hätte. Aber man fährt wie eine abgeschossene Kanonenkugel über die Erde dahin, und wenn man heinikommt, soll man rings ihre Höhen und Tiefen erkundet haben. — Als ich gegen den Kapital» mich erbot, hier bis zu der Rückkunft des Rurik's zu bleiben, erhielt ich zur Antwort: er wolle mich nicht halten; es stehe bei mir, von der Expedition abzutreten, wann es mir gefiele. Am 4. Dezember veranstaltete Kareimoku für uns ein Hurrahurra oder Tanzspiel, und ein zweites am 6. Dezember. Wahrlich, seit ich wiederholt die widrigen Verrenkungen anzuschauen mir Gewalt angcthan habe, die wir unter dem Namen Ballettauz au unfern 161 Tänzerinnen bewundern, erscheint mir, was ich in meinen Bemerkungen und Ansichten von der Herrlichkeit jenes Schauspieles gesagt habe, blaß und dem Gegenstände nicht entsprechend. Wir Barbaren! wir nennen jene mit Schönheitssinn begabten Menschen „Wilde", und wir lassen das Ballet den beschämten Dichter und den trauernden Mimen aus den Hallen verdrängen, die wir der Kunst geweiht zn haben uns rühmen. — Ich habe es immer bedauert und muß hier mein Bedauern wiederholt ausdrücken, daß nicht ein guter Genius einmal einen Maler, einen zum Künstler Berufenen, nicht nur so einen Zeichner von Profession, auf diese Inseln, geführt. — Es wird nun schon zu spät. Auf O-Taheiti, auf O-Waihi verhüllen Missionshemden die schönen Leiber, alles Kunstspiel verstummt, und der Tabu des Sabbaths senkt sich still und traurig über die Kinder der Freude. Ein Zeichen muß ich geben, daß ich unbestochen rede. Am 4. tanzten drei Männer; am 6. eine Schaar von Mädchen, darunter viele von ausnehmender Schönheit. Nicht diese haben auf mich den bleibenden Eindruck gemacht, nein, die Männer, die kunstreicher waren und von denen doch der erste nicht einmal schön unter den Seinen zu nennen war. Man sehe übrigens die zwei schlechten Blätter nicht an, die Choris AtlaS verunzieren. Das Tanzen läßt sich nicht malen, und was er hier gemalt hat, möge ihm der Genius der Kunst verzeihen. So hingerissen und freudetrunken, wie die O-Waihier von diesem Schauspiel waren, habe ich wohl nie bei einem andern Feste ein anderes Publikum gesehen. Sie warfen den Tänzern Geschenke, Zeuge, Juwelen zu. Ich werde hier Geringfügiges berichten, doch tritt in dem Kinde der Charakter des Volkes hervor. Bei dem Tanz der Männer unter den Eocospalmen war mir ein Knabe sehr hinderlich, der vor mir stand und mir auf die Füße trat. Ich schob ihn unsanft von mir; er sah sich grimmig nach mir um, und ich las auf seinem verfinsterten Gesichte, daß ich einer Menschenseele weh gethan habe. Ich cntgegncte ihm mit einem erbosten Gesichte und der Pantomime des Wurfspießschwiugens, als habe ich ihn zum Gegner und ziele in. 11 162 nach ihm. Da war der Junge versöhnt und lachte mich an; hielt ich ihn für waffenfähig und mir gewachsen, so war es gnt; aber sich stoßen und treten lassen, das wollte er nicht. Ein anderes Schauspiel war uns verheißen — das Schauspiel volksthümlicher Waffenübungen von Fürsten und Edeln, einer Scheinschlacht, die, nicht ohne Gefahr, bei der raschen Leidenschaftlichkeit dieses Volkes leicht zu einer wirklichen werden kann. Die Waffe ist, wie man weiß, der Wurfspieß, der nicht mit erhobenem Arm, wie von den Griechen, sondern mit gesenktem, längs der Erde, den Mcken der Hand einwärts, den Daumen nach hinten, geschwungen und von unten auf geschleudert wird. Die Fürsten tragen bei diesem Waffenspiel den Fedcrmantel. Dieses Schauspiel versäumt zu haben, ist in meinem Leben ein unersetzlicher Verlust. Es sollte am 7. statt finden und ward ausgesetzt. Am 8. unternahm der Kapitain nach der Gegend von Pearlriver eine Jagdpartie, auf welcher er zwei Tage zubringen sollte. Ich benutzte diese Zeit zu einer Exkursion quer durch die Insel nach der Nordküste derselben. Kareimoku hatte mir zwei seiner Leute mitgegeben und mir in den Orten, wo ich einkehrcn sollte, einen gastlichen Enipfang bereitet. Ich erstieg durch das Thal, welches hinter Hana-ruru liegt, den Kamin des Gebirges, da wo er sich zu dem niedrigsten Col senkt. Den steil der Nordküste zugekehrten Absturz kletterte ich, wie man schon in der Schweiz thun lernt, mit nackten Füßen hinab. Ich übernachtete unten mnd kam, über einen westlichem, viel höheren Bergpaß und durch ein anderes Thal, am Abend des 9. nach Hana-ruru zurück. Da war das Waffenspiel, das an diesem Tage statt gefunden, bereits zu Ende. Manuja hatte eifrig, pünktlich und liebevoll die Aufträge seines Herrn befolgt; das Holzfällen und Heranbringen besorgt, u. s. w. Er wurde hinwiederum beauftragt, dem Könige, was noch für ihn bestimmt war, zurück zu bringen. Er selber wurde reichlich beschenkt. Am 13. Dezember waren wir reisefertig. Ich bemerke beiläufig, daß die Europäer auf den Sandwich-Inseln die Zeitrechnung von West in Ost über Canton erhalten haben, so daß wir, die wir die Zeit von Ost in West mitbrachten, einen Tag gegen sie im 163 Rückstand waren, wie in Kamtschatka und den russischen Ansiedelungen der Fall gewesen war. Derselbe Unterschied fand zwischen Nachbarn, San Francisco und Port Bodega, statt. Wenn man sich mit dem alten und dem neuen Kalender, der Zeitrechnung von Osten her und von Westen her; der Zeit von Greenwich und der von dem Schiffe, der mittleren und der wirklichen Zeit, der Sonnenzeit und der Sternenzelt, dem astronomischen Tag u. s. w. abzufinden hat: so ist es nicht leicht zu sagen, was es an der Zeit ist. Ich rechne dis zur Vollendung des Kreises die Längengrade West von Greenwich und die Tage nach dem neuen Kalender und nach fortlaufender Schiffsrechnung. Um 14. Dezember 1816, Morgens um 6 Uhr, forderten wir durch einen Kanonenschuß den Lootsen, der mit etlichen Doppclkanots herbeikam. Wir wurden aus dem Hafen heraus bugsirt. Kareimoku kam an Bord. Wir salutirten die Königlich O-Waihische Flagge, die über dem Fort wehte, mit sieben Schliffen, die das Fort Schuß für Schuß erwiderte. Sodann salutirte uns das königliche Wacht- schiff, die Kahumanu, mit sieben Schüssen, die wir wiederum mit gleicher Anzahl erwiderten. Uni 8 Uhr waren wir aus dem Hafen; Kareimoku und seine Begleiter nahmen von uns zärtlichen Abschied. Als sie sich in ihre Kanots wieder eingeschifft und von uns abstießen, salutirten sie uns mit einem dreimaligen Hurrah, das wir gleicherweise erwiderten. 11 * Abfahrt aus Hana-ruru. Nadack. Am 14. Dezember 1816 aus dem Hafen von Hana-ruru ausgesegelt, hatten wir drei Tage lang schwache, spielende Winde und Windstille. Wallfische (kbxsetsr) wurden in der Ferne gesehen; am 16. ward eine Seeschwalbe (Sterns, stolicka) auf dem Schiffe gefangen. Der Wind stellte sich am 17. ein und brachte uns schnell vorwärts. Am 19. hatten wir Regen. Am 21. und 22. suchten wir vergeblich unter dem 17. Grad nördlicher Breite Inseln, die vom Kapitain Johnstone im Jahre 1807 gesehen worden; Pelikane und Fregatten umschwärmten uns in großer Menge. Wir setzten unser» Cours nach S. W. fort. Wir fuhren vor dem Winde bei sehr lästigem Schwanken des Schiffes und schnellem Lauf. Die Seevögel begleiteten uns. Der Horizont hatte nicht seine gewöhnliche Klarheit. Wir suchten vom 26. bis zum 28. unter dem 11. Grad nördlicher Breite die Insel San Pedro, ohne dieselbe zu entdecken. Zeichen von Land vermochten uns, die Nacht zu laviren. Am 29. sahen wir Delphine, fliegende Fische, Treibholz. Die Zahl der Vögel verringerte sich. Vom 28. an steuerten wir westwärts zwischen 9° und 10" N. B., um die Mulgraves-Jnseln aufzusuchen; wir lavirten meist während der Nacht. In der Nacht vom 30. zum 31. stellte sich ein Landregen ein, welcher den ganzen Tag anhielt. Ein Stück Holz, worauf sich eine Schnepfe niedergesetzt hatte, trieb am Morgen am Schiffe vorbei. Man hatte schon zu Nacht Schnepfen gehört. Der Wind war viel gemäßigter geworden. Am 1. Januar 1817 165 hatten wir bereits einen nördlicheren Cours genommen, um die im vorigen Jahre gesehenen Inselgruppen aufzusuchen, als in den Nachmittagsstunden Land gesehen ward. In dieser Zeit der Reise hatten sich die Lichtschaben Malta germrinioa) auf eine furchtbare Weise auf dem Rurik vermehrt und vergegenwärtigten uns eine der ägyptischen Plagen. Es hat etwas Unheimliches, etwas Wundergleiches, wenn die Natur einer solchen untergeordneten Art, deren Individuum als ein unmächtiges Nichts erscheint, durch die überwuchernde Anzahl derselben, durch das Gedeihen aller Keime und durch die Verwandlung alles organischen Stoffes in sie, zu einer unerwarteten Uebermacht verhilft. Dem Menschen verborgen, entziehen sich seiner Einwirkung die Umstände, welche die Vermehrung und Abnahme jener Geschlechter bedingen; sie erscheinen und verschwinden. Dem Spiele der Natur sieht er unmächtig staunend zu. Als wir im Spätjahr 1817 zum andern Mal von Unalaschka südwärts steuerten, hatte sich die Blatts, fast gänzlich verloren, und sie nahm nie wieder überhand. Eine andere Ungemächkeit des Seelebens, die wir seit Califormen kennen gelernt, war der Gestank des faulenden Kielwassers. Auf Schiffen, die, wie der Rurik, kein Wasser entlassen und auf welchen die Pumpen müssig sind, leidet man mehr davon als auf solchen, wo das Eindringen und Herauspumpen des Wassers kein Stocken und Faulen desselben zuläßt. Wir mußten selber Wasser eingießen, um das stockende heraus zu bekommen. Ich habe bis jetzt noch einer wohlthätigen Erquickung nicht gedacht, deren wir in der heißen Zone genossen. Ich meine das Sturzbad, das Uebergießen mit Seewasser, womit wir uns Abends am Vorder- theile des Schiffes erfrischten. Wir waren noch nicht müde und hatten noch Laune zu manchem Scherze. Einmal, während Login Andrewitsch badete, entwendete ihm Iwan Jwanowitsch sein Hemd und machte ihn glauben, der Wind habe es in die See geweht. Login Andrewitsch schlief noch zu Nacht auf dem Verdeck, nachdem ich und der Doktor auf diesen Genuß verzichten zu müssen geglaubt. Er schob seine Matratze durch das Fenster auf das Verdeck und stieg dann selbst die Treppe hinauf, sich oben zu betten. Ich 166 paßte einmal den Moment ab, wo er auf der Treppe war, zog schnell die Matratze in die Kajüte zurück und legte sie wieder an ihren Ort in seine Kope. Er suchte nun die verschwundene allenthalben, nur nicht, wo sie war, haderte mit Allen, die er ans dem Verdecke fand, und geriet!) in eine gar komische Verzweiflung. Man verzeihe mir dieses lustige Zwischenspiel. Ich komme jetzt aus Radack und die Radacker. Nach dem, was ich in meinen Bemerkungen und Ansichten gesagt, bleibt mir hier nur die Geschichte unserer Erscheinung zwischen jenen Riffen zu erzählen, und zu berichten, wie wir Bekanntschaft mit einem Volke machten, welches ich unter allen Söhnen der Erde liebgewonnen habe. Die Schwäche der Radacker benahm uns das Mißtrauen gegen sie; ihre eigene Milde und Güte ließ sie Zutrauen zu den übermächtigen Fremden fassen; wir wurden Freunde rückhaltlos. Ich fand bei ihnen reine, unverderbte Sitten, Anmuth, Zierlichkeit und die holde Blüthe der Schamhaftigkeit. — An Kräftigkeit und männlichem Selbstvertrauen sind ihnen die O-Wai- hier weit überlegen. Mein Freund Kadu, der, fremd auf dieser Inselkette, sich uns anschloß, einer der schönsten Charaktere, den ich im Leben angetroffen habe, einer der Menschen, den ich am meisten geliebt, ward später mein Lehrer über Radack und die Karolinen- Jnseln. In meinem Aufsatze „über unsere Kenntniß der ersten Provinz des großen Oceans" habe ich seiner, als einer wissenschaftlichen Autorität, zu erwähnen gehabt, und habe dort aus den zerstreuten Zügen unsers Zusammenlebens sein Bild und seine Geschichte zusammengestellt. Habt Nachsicht, Freunde, wenn ich mich vielleicht manchmal wiederhole; hier spreche ich ja von meiner Liebe. Die Inselkette Radack liegt zwischen 6" und 12", die von uns gesehenen Gruppen zwischen 8" und 11° 30' N. B-, und 188° und 181" W. L. — Ich bemerke nur, daß ich von einer Klippe oder Untiefe Limmosalülü im Norden von Arno Nachricht gegeben habe, die auf der Karte des Herrn von Kotzebue fehlt, und verweise im Uebrigen, was das Geographische anbetrifft, auf die Herren von Kotzebue und von Krusenstern. Ich lenke in die Tagesgeschichte wieder ein. 167 Am 1. Januar 1817 hatte sich das Wetter aufgeklärt und der Wind gelegt. Der noch hohe Wellengang bewies, daß kein Land über dem Wind des Schiffes lag. Boniten umschwärmten uns. Nachmittags ward Land entdeckt; es ward erst, als die Sonne nnterging, vom Verdeck sichtbar. Eine kleine niedrige Insel: Mesid. Der klare Mondschein sicherte uns zu Nacht vor Gefahr. — Am Morgen des 2. näherten wir uns mit sehr schwachem Winde der Südseite der Insel. Sieben kleine Boote ohne Mast und Segelwerk, jedes mit fünf bis sechs Mann bemannt, ruderten an uns heran. Wir erkannten die Schiffsbauart und das Volk der im Mai des vorigen Jahres gesehenen Inselgruppen. Die reinlichen, zierlichen Menschen betrugen sich sittig; eingeladen kamen sie zutraulich näher an das Schiff heran, auf dessen Verdeck sich jedoch keiner zu steigen vermaß. Wir eröffneten einen Tauschhandel, der ihrerseits mit großer Ehrlichkeit geführt ward. Wir gaben ihnen Eisen; sie hatten meist nur ihren Schmuck, ihre zierlichen Muschelkränze, uns anzubieten. Eine Landung zu versuchen, ließ der Kapitain die Jalik und die Baidare aussetzen. Der Lieutenant Schischmareff komman- dirte in der Jalik, ich folgte mit Eschscholtz und Choris in der Baidare; die Mannschaft war bewaffnet. Die das Schiff umringenden Boote folgten uns, als sie uns dem Lande zurudern sahen. Andere kamen von der Insel hinzu, in deren Nähe beiläufig achtzehn gleiche Fahrzeuge um uns einen Kreis zogen, und ich zählte deren noch sechs auf dem Strande. Eine Menge Menschen stand am Ufer, nur Männer; Weiber und Kinder zeigten sich nicht. Ich schätzte die Kopfzahl der von uns Gesehenen auf hundert, der Lieutenant Schischmareff aber auf das doppelte; auf jeden Fall eine verhältniß- mäßig viel stärkere Bevölkerung als auf den übrigen von uns besuchten Gruppen derselben Inselkette. Bei unserer Minderzahl, welche die Insulaner zudringlicher machte, und bei der Uebermacht unserer mörderischen Waffen, mochte Gleb Simonowitfch das Land nicht betreten. Hatte doch schon einer unserer Leute auf einen Ein- gebornen angelegt, der schwimmend ein Ruder unserer Baidare angefaßt hatte. Der Handel ward in der Nähe des Strandes fort- gefnhrt. Die Menschen gaben für Eisen, was sie besaßen: Cocos- 168 nüsse, Pandanusfrüchte, Matten, zierliche Muschelkränze, ein Tritonshorn ein kurzes, zweischneidig, mit Haifischzähnen besetztes, hölzernes Schwert. Sie brachten uns frisches Wasser in Cocosschalen; sie wollten uns an das Land ziehen; einer versuchte in unser Boot zu steigen. Der Austritt war dem bei den Penrhyninseln zu vergleichen. — Wir ließen ihnen ziemlich viel Eisen und fuhren an das Schiff zurück. Die Länge der Insel Mesid von Norden gegen Süden mag ungefähr zwei Meilen betragen. Wir nahten ihr auf der schmälern südlichen Seite, wo Wohnungen der Menschen sind. Die Cocos- palmen, unregelmäßig vertheilt, erheben sich nicht sehr hoch über den niedern Wald, dessen Hauptbestandtheil der Pandanus ausmacht. Man erblickt weithin unter dem grünen Laubdach den von Dammerde entblößten weißen Korallengrund. Die Ansicht ist der von der Insel Romanzoff zu vergleichen, doch ist wohl letztere minder dürftig. Wir steuerten nach Westen und hatten am Abend mit schwachem Winde die Insel aus dem Gesichte verloren. Wir sahen am 3. mehrere Schnepfen und Strandläuser, einen Wallfisch (kb^sotor) und etliche Pelikane, von denen einer geschossen ward. Wir legten um und steuerten nach S. O. Am 4. gegen Mittag, als wir im Begriff waren, das fernere Suchen aufzugeben, kamen wir auf eine Kette von Inseln, die sich unabsehbar von O. in W. erstreckte. Auf den begrünten Punkten, die Riff und Brandung vereinigten, erhob sich nicht der Cocosbaum, und nichts verrieth die Gegenwart des Menschen. Wir erreichten am Abend die Westspitze der Gruppe und fanden uns unter dem Winde derselben in einem ruhigen Meere. Das Riff, von Land entblößt, nahm eine südöstliche Richtung. Wir segelten längs desselben und entdeckten Lücken in ihm, die uns die Hoffnung gaben, in das innere Becken, das eine ruhige Spiegelfläche darbot, einzudringen. Während der Nacht trieb uns der Strom nach dt. W. Am Morgen des 5. war das Land verschwunden. Wir erreichten erst gegen 9 Uhr den Punkt, wo uns die Nacht befallen hatte. Der Lieutenant Schischmareff ward ausgesandt, die Eingänge zu untersuchen; und bei dem zweiten verkündigten uns seine Signale, 169 daß ein Thor für den Rurik gefunden fei. Da stieg von einer der entfernteren Inseln eine Rauchsäule auf; wir begrüßten frohlockend das Zeichen der Menschen. Kein Fahrzeug der Insulaner ließ sich erblicken. Der Tag neigte sich schon. DaS sBoot ward zurück gerufen, und um uns die Nacht auf unferm jetzigen Standpunkt zu behaupten, ward ein Wcrpanker auf das Riff hinaus getragen und befestigt, dessen Tau in Empfang zu nehmen der Rurik unter Segel an die schäumende Brandung hinan fuhr. „So klammert sich der Schiffer endlich noch am Felsen fest, an dem er scheitern sollte." Der wehende N. O. Passat hielt uns um die Länge eines Taues von unserm Untergange entfernt. Hier um das Riff und seine Oeffnungen umringten unS Boni- ten, fliegende Fische, und eine Unzahl Haifische, die unsere Boote bedrohlich verfolgten. Zwei wurden gefangen und verspeist. Am 6. veränderte sich vor Tagesanbruch der Wind, und, zum Osten übergehend, trieb er uns der schäumenden Brandung zu. Vom Kabeltau uns lösend gingen wir unter Segel. Sobald die Sonne aufgegangen, kehrten wir zurück. Um 10 Uhr Morgens drangen wir, zu beiden Seiten von der Brandung umbraust, alle Segel auf- gespannt, mit Wind und Strom durch die Rurik-Straße in das innere Meer der Gruppe Otdia der Inselkette Radack hinein. Indem das Becken mit der Ebbe und Fluth sich leert und füllt, setzt der Strom zu- den Lücken seines Randes bei der Ebbe hinaus und mit wiederkehreuder Fluth hinein. Mit dem Boote ausgesandt, ermittelte der Lieutenant Schisch- mareff bei der westlichsten der Inseln einen gesicherten Platz, wo der Rurik die Anker fallen ließ. Die kühnen und geschickten Manöver, die Herr von Kotzebue beim Eingänge in dieses und in andere ähnliche Riffgehege ausgeführt hat, müssen selbst bei dem, der von der Schifffahrt keine Kenntniß hat, Interesse erwecken. Der Europäer, der fern von der Heimath mit Völkern verkehrt, über die er sich im Bortheil fühlt, wird von manchen Anwandlungen des Dünkels versucht, denen sich hinzugeben er sich nicht übereilen müßte. Diese Söhne des Meeres, 170 meinte ich, werden sich doch verwundern, wenn sie unser Riesenschiff mit ausgespannten Flügeln, wie den Vogel der Luft, gegen die Richtung des Windes, der es trägt, sich bewegen, in die Befriedigung ihrer Riffe eindringen und gegen ihre Wohnsitze dort nach Osten fortschreiten sehen. Und siehe! ich habe selber verwundert sehen müssen, daß, während wir schwerfällig lavirten und wenig über den > Wind gewannen, sie auf ihren kunstreichen Fahrzeugen den graden Strich hielten, den wir auf krummen Wegen verfolgten, uns voran eilten und das Segel fallen ließen, um uns zu erwarten. ' Von diesen Fahrzeugen hatte Herr von Kotzebue auf Otdia mit Zuziehung der erfahrensten Eingeborenen ein großes, genügendes Modell mit allem Flciße verfertigen lassen und hatte dem Gegenstände die Aufmerksamkeit, die er von dem Seemann erzwingt, ge- ^ widmet. Sein Werk hat mich in der Erwartung getäuscht, Ge- ! nügendes darin über die Oa der Radacker zu finden, Choris in > seinem Vo)-a»s pittorssgue, liackalc. 1. XI. u. XII., giebt drei verschiedene Ansichten derselben. Die Seitenansicht 1. XI. ist treu, das Profil aber unrichtig. Der Fuß des Mastes ruht immer auf dem § Hängeboden außerhalb des Schiffskörpers auf der Seite des Schwimm- balkens, so wie auf dem Grundriß 1. XII. zu sehen ist. Auf diesem Grundrisse neigt aber der Mast weiter nach außen und dem Schwimmbalken hin, als der Wirklichkeit entspricht. Im Ganzen sind diese Zeichnungen unzureichend. Besser ist auf der 1. XVII. ! das Boot der Karolinen-Jnseln abgebildet, welches im Wesentlichen ! mit dem von Radack übereinstimmt. Keine Beschreibung vermag ein Bild von dem beschriebenen Gegenstände zu erwecken, und dennoch muß ich mit schnellen Worten versuchen, das Boot, von dem die Rede ist, dem Leser anzudeuten. Es hat zwei gleiche Enden, die gleich geschickt sind, beim Fahren zum Vorder- und Hintertheile zu werden; und zwei ungleiche Seiten, von denen eine unter dem Winde, s die andere über dem Winde bleibt. Unter dem Winde von einer f geraden Flache begrenzt, über dem Wind nur wenig bauchig, schmal, tief, scharfkielig, an den Enden etwas aufwärts gekrümmt, ist der Schiffsrumpf, welcher nur als Schwimmkörper dient. Quer über die Mitte desselben ist ein elastischer Hängeboden befestigt, der nach 171 beiden Seiten hinaus über das Wasser ragt; kürzer unter dem Winde, länger auf der Windseite, wo das leichte Gebälk gegen das Ende nach unten zu gebogen ist und sich einem dem Schwimmkörper parallelen Schwimmbalken anfügt. Ans diesem Hängeboden, außerhalb des Körpers auf der Windseite, ist der Mast, der, an mehreren Seilen befestigt, nach dem Ende geneigt wird, welches zum vorderen werden soll, und an dem ein einfaches, dreieckiges Segel aufgezogen wird, von dein eine Ecke an dem Vorderschiff befestigt wird. Gesteuert wird vom Hintertheile des Schiffes mit einem Handrudcr; die Schiffenden stehen oder liegen auf dem Hängeboden n»d nehmen ihren Stand bei stärkerm Winde näher dem Schwimmbalken, und bei schwächerem näher dem Schiffskörper. Auf demselben Hängeboden sind zu beiden Seiten des Schiffes Kasten angebracht, worin Proviant und sonstige Habe verwahrt wird. Die größten dieser Fahrzeuge können an dreißig Personen tragen. Ich füge die Maaße von einem dieser Fahrzeuge bei, welches kaum von mittlerer Größe war. Länge des Schiffskörpers.17 Fuß 6 Zoll Breite desselben. 1 - 10 - Tiefe desselben.3 - 7 Abstand des Schwimmbalkens von dein Körper des Schiffes.11 - 10 - Länge des Vorsprunges von dem Hängeboden über den Schiffskörper auf der Seite unter dem Winde.3 - 0 - Höhe des Mastbaumcs.19 - 6 - Länge der Raae.23 - 4 - Herr von Kotzebue hat auf Aur zwei Boote von 88 Fuß Länge gemessen. Ich werde nicht den Leser einzuschläfern mich bemühen mit ausführlichem Berichte unserer täglichen Versuche und Wahrnehmungen während unseres Aufenthaltes in diesem Hafen. Die Absicht war, nachdem wir, was am 7. geschah, den auf dem Riffe zurückgelassenen Werpanker wieder ausgenommen, nöthig erachtete astronomische Beobachtungen gemacht und in Booten voraus rekognoscirt hätten, tiefer ostwärts in die Gruppe einzudringen, wo wir die festen Wohnsitze der Menschen zu vermuthen berechtigt waren. Einen traurigen Anblick gewährte dieser westliche Theil der Kette. Die nächsten Inseln um uns waren wüst und ohne Wasser, aber der Mensch hatte auf ihnen seine Spur zurück gelassen, und der jüngst angepflanzte Cocosbaum zeugte von seiner sorgsamen Betriebsamkeit. Es ist wahrlich schwer, Alles voraus zu sehen, was in einer kleinen Welt, wie die nnsrige, verfallen kann. Ein Mal fiel unser alberner Koch über diese Pflanzung her, um die Hoffnung künftiger Geschlechter zn einem Gericht Gemüse für unfern Tisch zu verbrauchen. Daß es nicht wieder geschah, brauche ich nicht zu sagen. Auf der vierten Insel (von Westen an gerechnet) waren neben einer Wassergrube Strohdächer, die, auf niederen Pfosten ruhend, uns nur zu einem Schirm bei gelegentlichem Besuch dieser Gegend bestimmt zu sein schienen. Außer dem Cocosbaum war da auch der Brodfruchtbaum angepflanzt. Auf dieser Insel landete am 6. ein Boot der Eingeborenen und ging sodann wieder in die See, uns aus scheuer Entfernung zu betrachten. Es gelang uns nicht, die Menschen an uns zu locken, und auch vor dem Boote, worin wir ihnen entgegen ruderten, ergriffen sie ängstlich die Flucht. Sie warfen uns etliche Früchte zu und luden uns an das Land; es war derselbe Auftritt, wie im vorigen Jahre auf der hohen See bei Udirick. Das Boot zeigte sich wiederum am andern Tage, und da folgten wir den Menschen auf ihre Insel. Bei unserm Nahen traten die Weiber in das Dickicht zurück. Die Männer, erst nur wenige, kamen uns zögernd mit grünen Zweigen entgegen; wir brachen auch grüne Zweige; der schon oft gehörte Friedensgruß Eidara! ward uns zugerufen, und wir erwiderten ihn auf gleiche Weise. Keine Waffe war gegen uns, die gefürchteten Fremden, in Bereitschaft gehalten. Nachdem wir mit den ersten Freundschaft gestiftet, kamen die andern herbei und die Weiber wurden herbei gerufen. Die Menschen schienen uns freudig, freundlich, bescheiden, freigebig und nicht erpicht auf Gewinn. Allen Schmuck, den sie trugen, ihre zierlichen 173 Muschel- und Blumenkränze, ihre Halsbänder u. s. w. gaben uns Mann und Weib, und es schien mehr ein anmuthiges Liebeszeichen zu sein, denn eine Gabe. Der Kapitain fuhr am nächsten Tage selber nach dieser Insel, fand aber unsere Freunde nicht mehr dort, die, vermuthlich um frohe Botschaft von unserer friedlichen Gesinnung zu verkünden, sich fortbegeben hatten. Von den Thieren, die wir zu O-Wahu an Bord genommen, waren noch etliche Ziegen vorhanden. Diese setzte Herr von Kotzebue auf der Insel aus, wo sie vorläufig zum Entsetzen der rückkchrenden Insulaner gereichten. Bei der frommen Absicht, diese nutzbare Thierart auf Radack einzuführen, war unbeachtet geblieben, daß bei der kleinen Heerde ein Bock sich befand (hoffentlich nicht der einzige), ein Bock sage ich, der, Norribili äiotn! der ein kastrirter war. Derselbe, ob vor Scham, seinem Amte nicht gewachsen zu sein, ob an Gift oder Krankheit, starb sogleich, und dessen geschwollener Körper ward am andern Tage am Strande gefunden. Außer den Ziegen wurden auf der Insel ein Hahn und ein Huhn zurückgelassen, die alsbald Besitz von einem Hause nahmen. Wir brachten später in Erfahrung, daß Hühner einheimisch auf diesen Riffen sind. Endlich wurden auch etliche Wurzeln und Gewächse gepflanzt und ausgesäet. Etliche kleine Geschenke wurden in den Häusern zurückgelassen. Chramtschenko fand am andern Tag Menschen auf der Insel, etliche Männer, andere als die, mit denen wir zuerst Freundschaft gestiftet. Die Insulaner wandern zur Ebbezeit längs dem Riffe zu entfernteren Inseln. Er ward aufs freundlichste empfangen und bewirthet. Die von uns aüsgesetzten Geschenke lagen unangerührt, wo und wie wir sie hingelegt hatten. Sie erzeugten, als er sie vertheilte, eine lebhafte Freude. Aber die Ziegen verbreiteten den größten Schrecken. Der Lieutenant Schischmareff ward am 10. Januar mit der Barkasse auf eine Rekognoscirung ausgeschickt. Der Wind setzte ihm Schwierigkeiten entgegen. Er sah nur unbewohnte Inseln und kehrte am Abende zurück. Am 12. gingen wir unter Segel, das 174 Wetter war ungünstig, wir mußten bald zu unserm alten Ankerplätze zurück kehren. Am 14. unternahin der'Kapitain selber mit Offizier und Passagieren eine zweite Fahrt auf Booten längs der Inselkette. Ein Fahrzeug der Eingeborenen war auf der Ziegeninsel gelandet, und die Menschen, als wir an ihnen vorüber fuhren/ riefen uns herbei und suchten mit dargehaltenen Früchten und Geschenken uns heran zu locken. Auf der nächsten Insel nach Osten, wo wir übernachteten, erhielten wir am 15. früh den ersten Besuch von Rarick, dem Häuptling dieser Gruppe. Er kam mit zwei Booten. Auf dem größern, auf dem er selbst fuhr, zählte Herr von Kotzebue fünfundzwanzig Mann. Rarick, seine übrigen Mannen auf den Schiffen lassend, kam mit dreien an das Land und brachte dem Machthaber des fremden Volkes seine Geschenke, vielleicht seine Huldigung dar. — So ginge» einst die Fürsten Europa's dem entgegen, der Macht hatte über sie. Rarick stand aber vor keinem Eroberer, und fand Freundschaft und nicht Demüthigung. — Der junge Mann hatte bei dieser ersten, für ihn so ernsten Zusammenkunft einen musterhaften Anstand, und seine zaghaften Begleiter schienen mehr für ihn zu fürchten als er selbst. — Wir haben bei den Fürsten immer mehr Selbstvertrauen, mehr Muth und Edelmuth gefunden als bei dem Volke. Es liegt, der Wesenheit der Dinge nach, in den Verhältnissen: so unterscheidet sich auch in der Levante der Türke von dem Raja. Rarick, der später mein sehr vertrauter Freund wurde, zeichnete sich besonders durch Sanftmuth und Gutmüthigkcit aus, nicht aber durch besondere Geistesgaben. — Kotzebue und er setzten sich einander gegenüber, und um die zwei bildeten wir und die andern Radacker einen Kreis. Der junge Fürst gab mit lautem Zuruf den auf den Schiffen Zurückgebliebenen Kunde von Allem, was seine Aufmerksamkeit fesselte und für ihn eine neue Erfahrung war. ckrlo! ckrto! der Ausruf der Verwunderung, ward oft erhoben und widerhallte lang gedehnt aus aller Munde. Wir suchten wechselseitig zuerst unsere Namen zu erforschen. Kotzebue, Rarick, wir alle waren genannt; wir fragten nach dem Namen des Radackers, der dem Häuptling zur Linken saß. cksriäili? sprach dieser fragend, indem er sich 175 nach jenem umsah. Wir faßten das Wort auf, und der Jüngling ließ es für feinen Namen gelten, so wie wir es nahmen; noch heißt er für uns Jeridili. Das Gelächter, das sich da erhob, verstanden wir erst in der Folgezeit, als uns Kadu belehrte, Jeridili bedeute „links" und sei keines Menschen Name. Ich glaube, daß es schon bei dieser ersten Zusammenkunft war, wo Rarick unserm Kapitain den freundlichen Namenstausch anbot. Bei einer späteren Gelegenheit bot Jeridili diesen seinen Namen dem Doktor Eschscholtz an, gegen den seinen, den er noch nicht wußte und nach dem er fragte. Eschscholtz verstand ihn nicht und ich trat verdolmetschend zwischen beide: „dein Name!" rief ich dem Freunde zu; „Deinnam", wiederholte der Radacker; „ja Deinnam", betheucrte der Doktor; und so tauschten die zwei unverschämt ihre falschen Münzen gegen einander. Unsere Freunde hatten sich für uns ihres ganzen Schmuckes beraubt. Nun ließ der Kapitain Eisen, Messer, Scheeren und andere Kleinigkeiten aus den Booten holen. Eisen! Eisen! Mäl! Mäl! Da mochte man den wirklichen Werth dieses köstlichen Metalls cin- sehen lernen. Mäl! Mäl! Selbst die auf den Schiffen zurückgelassen worden, widerstanden dem Zuge nicht; die Ordnung war gebrochen, Alle strömten herbei, nur um das Eisen, die Schätze anzuschauen, unfern überschwänglichen Reichthum! — Aber kein roher Ausbruch der Begehrlichkeit, keine Verletzung der Sitte. Während unseres langen Aufenthaltes auf Radack sind nur ein paar Diebstahlsversuche an uns begangen worden. Wahrlich, wenn Fremde unbesorgt so viel Gold der Habsucht unseres Pöbels aussetzten, wurden sie den Europäern kein so gutes Zeugniß der Ehrlichkeit zu sprechen haben, als wir diesem Volke. Alle wurden reichlich beschenkt. Herr von Kotzebue machte dem Rarick bcgreiflitb, daß er seinen Wohnort aufsuche, und lud ihn ein, in unser Boot zu steigen und uns dahin zu lootsen. Rarick verstand ihn wohl und stieg auch muthig in unser Boot; aber die Meinung seiner Begleiter, bei denen noch nicht alle Besorgniß beseitigt war, schien solchem Wagniß entgegen zu sein, und auch ihn schien ein mächtiger Reiz anderwärts zu ziehen: jene Thiere, von denen er gehört, die wunderbaren langbärtigen, die zu sehen auch ein Zweck 176 seiner Reise war. — Mir fällt ein, daß eben die Ziegen auf ande- - ren Inseln der Südsee, wohin sie die Europäer gebracht haben, ' nicht unrichtig zu den Vögeln gezählt worden; denn Schweine, Hunde oder Ratten sind es einmal nicht; diese haben ihre Namen, und außer ihnen giebt eS nur Vögel oder Fische. — Endlich gab Rarick der Versuchung nach; er sprang ins Wasser und schwamm zu seinen Schiffen, mit denen er den Cours nach der Ziegeninsel nahm. Wir übernachteten am 15. auf der neunten Insel, wo wir nur verlassene Häuser fanden. Sie war reicher an Humus als die Ziegeninsel, und die Vegetation war auf ihr üppiger. Am 16. hielten wir zu Mittag auf der dreizehnten Insel, und hatten vom Schiffe her erst neun Meilen zurückgelcgt. Hier erhielten wir den zweiten Besuch von Rarick, der mit zweien Begleitern längs dem Riffe wandernd zu uns kam und sich mit uns freute. Seine Schiffe kamen ihm gegen den Wind segelnd bald nach und legten bei unfern Booten an. Nun lud er den Kapitain ein, in sein Schiff zu steigen und mit ihm nach seiner Insel zu fahren. Wir versprachen ihm zu folgen, und er schiffte sich ein. Wir fuhren Nachmittags noch anderthalb Meilen zu der vierzehnten Insel, der hochbewaldeten, die ich in meinen Bemerkungen und Ansichten besonders erwähnt habe. Von da erstreckte sich das Riff nach N. O., mehrere t*»» Meilen weit landentblößt; die nächste Jnsetwar kaum am Horizonte zu ^ sehen. Ein Schiff konnte bei der Insel, wo wir waren, ankern. Der Kapitain ließ Segel aufspannen, und bei frischem Wind erreichten wir noch am selben Abend den Rurik. Am 18. Januar ging früh am Morgen der Rurik unter Segel. Der Wind war günstig und zwang uns erst am Nachmittag zu laviren; das Wetter war klar, und die Helle Sonne, welche die Untiefen beschien, machte das Senkblei entbehrlich. Um 4 Uhr warfen wir Anker vor Oromed, der siebzehnten Insel vom Westen an gerechnet, die, von der westlichsten beiläufig zwanzig Meilen entfernt, den nördlichen Winkel der Gruppe einnimmt. Wir übersahen von diesem wohlgeschützten Ankerplätze den nordöstlichen Theil der Gruppe, ,. den mit kleineren Inseln dicht besetzten Wall, der in N. O. Rich- 177 tung dem herrschenden Winde entgegen steht. Wir waren in dem bewohnteren Theile der Gruppe. Ein Boot, worauf wir einen der Begleiter Rarick's erkannten, brachte uns ein Geschenk von Früchten. Aber die Furcht war noch nicht bezwungen, und auf das Schiff zu steigen vermaß sich keiner. Auf Oromed, der fruchtbarsten der Inseln dieses Riffes, auf welcher jedoch der Cocosbaum den Wald noch nicht überragt, empfing uns ein hochbejahrter, würdiger Greis, der Häuptling Laergaß*). Großherzig und uneigennützig war er vor allen Menschen, die ich gekannt. Er mochte nur geben, schenken, und that es zu der Zeit, wo kein Gegengeschenk mehr zu erwarten war. Durch diesen Charakterzug unterschied er sich sehr von Rarick, dem diese Tugenden abgingen. Die Bevölkerung der Insel schien aus ungefähr dreißig Menschen zu bestehen. Ihre festen Wohnsitze unterschieden sich nicht von den Dächern, die wir auf den westlicheren Inseln gesehen. Als wir uns eben der Gastfreundschaft des alten Häuptlings erfreuten und mit dem Schmucke schmückten, den die Töchter der Insel uns dargereicht, störte ein Schrecknis) die behagliche Stimmung. Unser kleiner Valet kam, seiner Furchtbarkeit unbewußt, munter herbei gesprungen; und wie vor dein nie gesehenen Ungeheuer Alles floh und er gar zu blaffen anfing, hatten wir keine geringe Mühe, das verlorene Zutrauen wieder herzustellen. Die Radacker, die kein anderes Säugethier als die Ratte gekannt, trugen vor unfern Thieren, Hund, Schwein und Ziege, eine gar schwer zu überwindende Scheu. Aber vor allen furchtbar war ihnen der kleine Valet, der lustig und behend allen nachlief und zuweilen bellte. Der große Valet, den der Kapitain aus der Berings- straße mitgebracht, war kein solches Ungethüm; er machte sich mit keinem zu schaffen. Er krepirte während unsers Aufenthalts auf Radack, und zwar auf der Gruppe Aur. Vermuthlich wurde ihm das heiße Klima verderblich. ') Der greift Häuptling von Oromed wird in der ersten Reift von Herrn von Kotzebue gar nicht, und in seiner zweiten Langediu genannt. m." ' 12 178 Wir verließen am 20. Januar diesen Ankerplatz, und längs des Riffes segelnd kamen wir nach einer kurzen Fahrt vor Otdia, der Hauptinsel der Gruppe gleichen Namens, welche, die größte im Umfang, den äußersten Osten des Umkreises einnimmt. Wir fanden unter dem Schutze der Insel guten Ankergrund, und lagen sicher, wie im besten Hafen. Das Riff biegt sich über Otdia hinaus nach S. S. W., und dann von Land entblößt nach West und der Ru- rikstraße hin. — Die Länge der Gruppe von W. nach O. beträgt an dreißig Meilen, ihre größte Breite von N. nach S. zwölf Meilen. Herr von Kotzebue zählte fünfundsechzig Inseln in ihrem Umkreis. Otdia war, wie man uns zu Oromed angedeutet, der Wohnsitz von Rarick. Ich ward zuerst ans Land geschickt; bald aber bestieg er, auf das zierlichste geschmückt, sein Boot, kam an das Schiff und stieg, der erste der Radacker, furchtlos auf dasselbe. Diese sinnreichen Schiffer, deren Kunst unsere Bewunderung erzwingt, schenkten natürlich dem Riesenbau unseres Schiffes die gespannteste Aufmerksamkeit. Alles ward betrachtet, untersucht, gemessen. Ein Leichtes war es, die Masten hinan bis zu der Flaggenstange zu klettern, die Raae, die Segel, Alles da oben zu besichtigen und sich jubelnd im luftigen Netze des Tauwerkes zu schaukeln. Aber ein Anderes war es, sich dort durch das enge Loch hinunter zu lassen und dem räthselhaften Fremden aus dem heiteren Luftreich in die dunkle Tiefe, in die grauenerregende Heimlichkeit seiner gezimmerten Welt zu folgen. Das vermochten nur zuerst die Tapfersten, in der Regel die Fürsten; ich glaube, der gute Rarick schickte einen seiner Mannen voran. Wie könnte man doch einen dieser Insulaner, oder einen O-Waihier, gewohnt, in der freien schönen Natur unter dem Baldachin seiner Cocospalmen der Herrlichkeit seiner Festspiele sich zu freuen, in die dunkeln, bei Tagesscheine halb und duster von Lampen erhellten Jrrgänge eines unserer Schauspielhäuser hineinlocken, und ihn bereden, in diesem unheimlichen, mördergrubenähnlichen Aufenthalt werde ein Fest bereitet. — Wahrlich, Trauer befällt mich, wann ich lese, daß in Athen ein Schauspielhaus nach unserem Zuschnitt gebauet werde, um darin Ballette aufznführen. 179 Da unten in der Kajüte war der große Spiegel. — Goethe sagt in den Wanderjahrcn: „Sehrohre haben durchaus etwas Magisches; wären wir nicht von Jugend auf gewohnt hindurch zu schauen, wir würden jedes Mal, wenn wir sie vorS Auge nehmen, schaudern und erschrecken." Ein tapferer und gelehrter Officier hat mir gesagt, er empfinde vor dem Fernrohre, was man Furcht zu nennen Pflege, und müsse, um hindurch zu sehen, seine ganze Kraft zusammen nehmen. Der Spiegel ist ein anderes, ähnliches Zauberinstrument, das wir gewohnt geworden sind, und welches doch noch in der Märchen- und Zaubcrwelt seine Unheimlichkeit behält. Der Spiegel versetzte unsere Freunde in der Regel nach dein ersten Erstaunen in die ausgelassenste Lustigkeit. Doch fand sich auch Einer, der sich davor entsetzte, schweigend hinaus ging und nicht wieder daran zu bringen war. Zu Hamburg kam ich einmal unvorbereitet in ein Haus, auf dessen langem Flur zu beiden Seiten blanke Silberbarren mannshoch aufgespeichert waren. Mich ergriff seltsam die darin schlummernde Macht, und es war mir, als schritte ich durch ein überfülltes Pulvermagazin. Natürlich mußte Aehnliches in unfern Freunden Vorgehen, wenn sie unsere eisernen Kanonen und Anker betrachteten. Die Schätze unserer Freunde bestanden in etlichen Eisenstücken und wenigen harten, zum Schleifen des Eisens brauchbaren Steinen, die das Meer auf ihre Riffe ausgeworfen; jene auf Schiffstrümmern, diese im Wurzelgeflechte auSgerissener Bäume. Ihre Schiffe, ihr Schmuck und ihre Trommel, das war ihr Besitzthui». Nirgends ist der Himmel schöner, die Temperatur gleichmäßiger, als auf den Niedern Inseln.*) Das Meer und der wehende Wind halten die Wage, und schnell vorübergehende Regenschauer ermangeln nicht, den Wald in üppigem, grünem Glanze zu erhalten. Man taucht in die dunkle blaue Fluth mit Lust sich abzukühlen, wann man von der scheitelrechten Sonne sdurchglühet ward; und taucht in dieselbe mit Lust sich zu erwärmen, wann nach einer im Freien durchbrachten Nacht ») Luft und Wasser beiläufig 22" R. »nt Schwankungen von kaum einem Grade. 12 * 18 » man dis Kühlung des Morgens fühlt. Warum muß, denen die Sonne so mild ist, die Erde so stiefmütterlich sein? Der Pandanus, dessen süßen, würzigen Saft sie saugen, dient auf anderen Inseln nur zu einem wohlriechenden Schmucke. Die Nahrung scheint Bienen mehr als Menschen angemessen. Zum Anbau nahrhafter Wurzeln und Pflanzen, worauf sie sehr bedacht sind, eignet sich fast nirgends der Grund; aber überall um ihre Wohnungen angepflanzt, zeugt ein schön und wohlriechend blühendes Lilieugewächs von ihrer Arbeitsamkeit und von ihrem Schönheitssinn. Sie könnten vielleicht aus dem Fischfänge ergiebigere Nahrung ziehen, und dem Haifische nachstcllen, der die Zugänge ihrer Riffe belagert. Wir haben sie nur sehr kleine Fische essen sehen und nur sehr kleine Fischangeln von ihnen erhalten. Wir haben uns mit Fleiß und Liebe bemüht, ihnen neue Nahrungszweige zu eröffnen. Nach Herrn von Kotzebue's zweiter Reise scheint von den Thieren und Pflanzen, die wir ihnen gebracht, wenigstens die Jgnamwurzel sich erhalten zu haben und unsere fromme Absicht nicht ganz getäuscht worden zu sein. Aber ich muß, ohne mich ängstlich an die Zeitfolge zu binden, Einiges von unser» Freunden erzählen, niit denen wir, nachdem sie die erste Scheu überwunden, auf dem vertrautesten Fuße lebten. Ans der Insel Otdia, die iiber zwei Meilen lang ist, hatten ungefähr sechzig Menschen ihre gewöhnlichen Wohnsitze, aber häufige Wanderungen fanden statt, und unsere Gegenwart zog Gäste aus den entfernteren Theilcn der Gruppe herbei. Wir durchschweiften täglich einzeln die Insel, schlossen uns jeder Familie an und schliefen unbesorgt unter ihren Dächern. Sic kamen gleich gern gesehen an das Schiff, und die Häuptlinge und Angesehensten wurden an unsere Tafel gezogen, wo sic mit leichtem und gutem Anstand sich in unsere Bräuche zu fügen wußten. Unter den Bewohnern von Otdia machte sich bald ein Mann bemerkbar, der, nicht von adeligem Stamme, sich durch Geist und Verstand, durch schnelle Auffassung und leichte Darstellungsgabe vor allen Andern auszeichnete. Lagediack, der Mann unseres Vertrauens, von dem wir am mehrsten lernten und durch den wir uniern Lehren 181 — Eingang im Volke zu verschaffen Hoffnung faßten, tauschte später mit mir seinen Namein Herr von Kotzebue erhielt zuerst von La- gediack wichtige Aufschlüsse über die Geographie von Radack. Durch ihn erhielt er Kunde von den schiffbaren Furten, die ini südlichen Riffe von Otdia befindlich sind, von der Nachbargruppe Erigup, von den übrigen Gruppen, aus welchen die Inselkette besteht. La- gediack zeichnete seine Karte mit Steinen ans den Strand, mit dem Griffel auf die Schiefertafel, und zeigte die Richtungen an, die nach dem Kompaß verzeichnet werden konnten. Mit ihm legte Herr von Kotzebue den Grundstein zu der interessanten Arbeit, die er über Radack und die westlichere Inselkette Ralick geliefert hat. Der erste Schritt war gethan; es galt nur weiter zu gehen. Lagediack begriff gar wohl die Absicht, die wir hatten, die Arten hier noch unbekannter, nutzbarer Gewächse zum Besten des Volkes einzuführen, einen Garten anzubauen und Sämereien auszuthei- lcn. Am 22. ward mit der Anlage des Gartens der Anfang gemacht, der Grund gesäubert, die Erde durchwühlt, Jgnamwurzeln gelegt, Melonen und Wassermelonen ausgesäet. Unsere Freunde waren um uns versammelt und schauten theilnehmend und aufmerksam unserm Werks zu; Lagediack erläuterte unser Beginnen und war unablässig bemüht, die von uns erhaltenen Lehren zu verbreiten und einzuprägen. Wir theilten Sämereien aus, nach welchen erfreuliche Nachfrage war, und wir hatten die Freude, in den nächsten Tagen mehrere Privatgärten nach dem Vorbild des unfern entstehen zu sehen. Bei der erwähnten Gartenarbeit am 22. ereignete sich, was ich hier, uni einen Eharakterzug unserer liebenswerthen Freunde zu zeichnen, erzählen will. Als ich eben die Zuschauer ansah, ward ich auf mehreru Gesichtern zugleich ein schmerzliches Zucken gewahr. Ich wandte mich zu dem Matrosen, der, um Raum zu gewinnen, das Gesträuch ausreutete und den Wald lichtete; er hatte eben die Apt an einen schönen Schößling des hier so seltenen und so werthvollen Brodfruchtbaums gelegt. Das Unglück war geschehen, der junge Baum war gefällt. Wenn gleich der Mann unwissend gesündigt hatte, mußte doch der Befehlshaber die Verantwortlichkeit für die 182 That offenkundig von sich abwälzen; und so fuhr der Kapital» zürnend den Matrosen an, der die Axt abgeben und sich zurückziehen mußte. Da traten die guten Radacker begütigend und fürsprcchend dazwischen, und einige gingen dem Matrosen nach, den sie liebkosend zu trösten suchten und dem sie Geschenke aufdrangen. Die Ratten, die aus diesen Inseln in gar unerhörter Menge sind, hatten am andern Tage bereits Vieles zerstört und die mehr- sten Sämereien aus der Erde geholt. Doch war, als wir Otdia verließen, unser Garten in blühendem Zustande. Bei unserm zweiten Besuch auf Radack im nächsten Spätjahr ließen wir Katzen auf dieser Insel zurück. Herr von Kotzebue auf seiner zweiten Reise im Jahre 1824 fand sie verwildert und vermehrt, ohne daß die Anzahl der Ratten abgenommen. Die Schmiede ward am 24. Januar auf dem Lande aufgestellt. Sie blieb mit dem überschwänglichen Rcichthum an Eisen unter der Obhut eines einzigen Matrosen, der dabei schlief. An einem der folgenden Tage wollte sich einmal ein alter Mann eines Stückes Eisen gewaltsam bemächtigen, in welchem Unterfangen er von seinen entrüsteten Landsleuten auch mit Gewalt verhindert ward — das ist kein Diebstahl zu nennen. Aber auch da, wo wirklicher Diebstahl begangen wurde, ward stets von Seiten der Radacker der größte Unwille an den Tag gelegt und die lauteste Mißbilligung ausgesprochen. Einleuchtend ist, welch ein anziehendes Schauspiel für unsere Freunde die von ihnen nicht geahndete Behandlung des kostbaren Eisens im Feuer und unter dem Hammer sein mußte. Die Schmiede versammelte um sich die ganze Bevölkerung. Freund Lagediack war einer der aufmerksamsten und muthigsten dabei; denn Muth erfordert es wohl, das unbekannte Spiel des Blasebalges und das Sprühen der Funken in der Nähe zu betrachten. Für ihn ward auch zuerst eine Harpune geschmiedet, dann eine zweite für Rarick, und etliche Kleinigkeiten für Andere, bevor die Arbeiten für den Rurik vorgenommen wurden. Wir hatten noch ein Paar O-Waihische Schweine, Männchen und Weibchen, worüber verfügt werden konnte, und die wir unseren 183 Freunden bestimmt hatten. Wir hatten Sorge getragen, Alle, die uns auf dem Rurik besuchten, an den Anblick dieser Thiere zu gewöhnen, und ihnen einzuprägen, daß ihr Fleisch es sei, welches uns zur Nahrung diene und welches Viele an unserm Tische gekostet und wohlschmeckend gefunden hatten. Die Schweine wurden am 26. ans Land gebracht und in einer Umzäunung verwahrt, die für sie in der Nähe von Rarick'ö Hause vorbereitet worden. Ein Matrose wurde der Pflege der noch gefürchteten Thiere vorgesetzt. Auf den verständigen Lagediack, der von der Wichtigkeit unseres Geschenkes durchdrungen war, wurde am mehrsten bei dem gutgemeinten Versuche gerechnet, welcher doch am Ende, wie zu erwarten war, mißglückte. Die verwahrlosten Thiere wurden später in Freiheit gesetzt, und kamen doch bald nach unserer Abreise um. Ein Paar Hühner, unsere letzten, hatten wir noch dem Lagediack geschenkt. In süßer Gewöhnung mit den Radackern lebend, studirte ich mit allem Fleiß die Beschaffenheit ihrer neptunischen Wohnsitze und hoffte zu der besseren Kenntniß der Korallen-Riffe und Inseln nicht verwerfliche Zeugnisse zu sammeln. Die Korallen selbst und Ma- drcporen hätten zu ihrem Studium ein eigenes ganzes Menschenleben erfordert. Die gebleichten Skelette, die man von ihnen in den Sammlungen aufbewahrt, sind nur geringen Werthes, doch wollte ich sie sammeln und mitbringcn. Eschscholtz hatte beim Baden alle vorkommenden Formen und Arten vollständig zusammen zu bringen sich bemüht, auserwählte kleine Exemplare von denselben auf das Schiff gebracht und sie zum Bleichen und Austrocknen in den leeren Hühnerkasten untergebracht. Es ist wahr, daß Polppenstöcke in diesem Zustande keinen angenehmen Geruch verbreiten. Als er sich eines Morgens nach seinen Korallen umsehen wollte, waren sie sammt und sonders über Bord geworfen worden. Am südlichen Ende von Otdia, wo Lücken in den oberen Steinlagern des Riffes Becken bilden, in welchen man in ruhigem Wasser des Bades genießen und dabei unter blühenden Korallengärten den Räthseln dieser Bildungen behaglich nachforschen und nachsinnen mag, hatte ich nur im Kalksande des Strandes einen Raum abgegrenzt, in welchem ich Koral- 184 len, Seeigel und Alles der Art, was ich aufbewahren wollte, der dörrenden Sonne aussetzte. Ich hatte in meinem Hag einen Stad eingepflanzt und daran einen Büschel Pandanusblätter, das Zeichen des Eigenthums, gebunden. Unter diesem Schirme war meine Anstalt den guten Radackern, auf deren Wege sie lag, heilig geblieben, und kein spielender Knabe hatte je das Geringste in dem bczeichne- ten Bezirke ungerührt. Aber, wer kann Alles vorhersehen? Unsere Matrosen erhielten an einem Sonntage Urlaub, sich am Lande zu ergehen, und unternahmen eine Wanderung um den Umkreis der Insel. Sie entdeckten meinen Trockenplatz, zerstörten vom Grund aus meine mühsam zusammengebrachte Sammlung und suchten mich dann gutmnthig auf, mir Kunde von ihrer Entdeckung und Bruchstücke von meinen zerschlagenen Korallen zu geben. Ich habe doch noch eine hübsche Sammlung von den Madreporen von Radack zusammen gebracht und sie, die eine große Kiste füllte, dem Berliner Museum geschenkt. Aber ein böses Schicksal scheint über diesem Theile meiner Bemühungen obgewaltct zu haben. Meine radackischen Lithophyten sind, mit Ausnahme der Lllllspora caerulea und der Inbixora Ldamissonis Lbrenb., in der königlichen Sammlung entweder ohne Zettel oder gar nicht aufgestellt und mit andern Dou- bletten zu Gelde gemacht worden, so daß Ehrenberg in seiner Denkschrift über die Korallenthierc nur von den zwei benannten Arten den interessanten Standpunkt anführen gekonnt. Rarick begleitete mich einmal auf einer Wanderung nach meinem Badeplatze und Korallengarten. Daselbst angelangt bedeutete ich ihm, daß ich baden wolle, und fing an mich auszuziehen. Bei der Bewunderung, welche die Weiße unserer Haut unseren braunen Freunden cinflößte, dachte ich mir, weniger zartfühlend als er, die Gelegenheit werde ihm erwünscht sein, eine sehr natürliche Neugierde zu befriedigen. Als ich aber ins Bad zu steigen bereit mich nach ihm umsah, war er verschwunden, und ich glaubte mich von ihm verlassen. — Ich badete mich, beobachtete, untersuchte, stieg aus dem Wasser, zog mich wieder an, durchmusterte meine Trockenanstalt und wollte eben den Heimweg einschlagen: da theilte sich das Gebüsch, und aus dem grünen Laube lächelte mir das gutmüthige Gesicht meines Begleiters 185 entgegen. Er hatte sich derweil das Haar mit den Blumen,der Scaevola auf das zierlichste geschmückt und hatte auch für mich einen Blumenkranz bereitet, den er mir darreichte. Wir kehrten Arm in Arm nach seiner Wohnung zurück. Eine gleiche schonende Schamhaftigkeit war unter den Radackern allgemein. Nie hat uns einer im Bade belauscht. Es war verabredet, daß ich diese Nacht auf dem Tande zubringen würde, die Menschen in ihrer Häuslichkeit zu beobachten. Als wir anlangten, war schon der Kapitain in seinem Boote an das Schiff zurück- gekehrt, und es erschien Allen ganz natürlich, daß ich mich der Familie als Gast anschloß. Man war mit der Bereitung des Mogan, des Pandanusteiges, beschäftigt. Wir brachten den Abend unter den Cocosbäumen am Strande des inneren Meeres zu. Der Mond war im ersten Viertel, es brannte kein Feuer, und ich konnte keines bekommen, meine Pfeife anzuzünden. — Es wurde gegessen und gesprochen; das Gespräch, dessen Gegenstand unsere Herrlichkeiten waren, wurde munter und in langen Sätzen geführt. Meine lieblichen Freunde beeiferten sich, den fremden Gast zu unterhalten, indem sie Lieder vertrugen, die sie selbst zur höchsten Freude begeisterten. Soll man den Rhythmus dieses Vortrags Gesang, die schönen naturgemäßen Bewegungen (im Sitzen) einen Tanz nennen? — Als die Radackische Trommel verstummt war, forderte mich Rarick auf, hinwiederum ein russisches Lied vorzutragen. Ich durfte meinem Freunde diese einfache Bitte nicht verweigern, und sollte nun, mit unter uns verrufener Stimme, als ein Muster europäischer Singekunst auftreten. Ich fand mich in diese Neckerei des Schicksals, stand auf und deklamirte getrost, indein ich Silbenmaaß und Reim stark klingen ließ, ein deutsches Gedicht, und zwar das Goethische Lied: „Lasset heut' im edlen Kreis" rc. Verzeihe mir unser verewigter deutscher Altmeister, — das gab der Franzos auf Radack für russischen Gesang und Tanz aus! Sie hörten mir mit der größten Aufmerksamkeit zu, ahmten mir, als ich geendet hatte, auf das ergötzlichste nach, und ich freute mich, sie — obwohl mit entstellter Aussprache — die Worte wiederholen zu hören: 186 „lind im Ganzen, Vollen, Schönen Resolut zu leben." Ich schlief zu Nacht an der Seite Rarick's im Hängeboden seines großen Hauses; Männer und Weiber lagen oben und unten, und öfters wechselte Gespräch mit dem Schlafe ab. Ich fuhr am Morgen an das Schiff zurück, um sogleich wieder an das Sand zurück zu kehren. Ich habe einen meiner Tage auf Radack beschrieben; sie flössen sanft mit geringer Abwechselung dahin, es möge an dem gegebenen Bilde genügen. Der Zartsinn, die Zierlichkeit der Sitten, die ausnehmende Reinlichkeit dieses Volkes drückte sich in jedem geringfügigsten Zuge aus, von denen die wenigsten geeignet sind, ausgezeichnet zu werden. Läßt sich das Benehmen einer Familie erzählen, in welcher in unserm Beisein einmal ein Kind sich unanständig aufführte? die Art, wie der Delinquent entfernt wurde, und wie bei der Entrüstung, die der Vorfall hervorbrachte, zugleich die Ehrerbietung für die vornehmen Fremden gerettet und das Kind zu besserer Lebensart angeleitet wurde? — Auch ist in dieser Hinsicht Verneinendes eben so bezeichnend, und wie soll ich von dem reden, waS immer unseren Augen entzogen blieb? Es wirkt sehr natürlich unsere Volkserziehung dahin, und Bolks- sagen, Märchen und Lehren vereinigen sich, um uns eine große Ehrfurcht für die liebe Gottesgabe, das Brod, einzuprägen, welche hintenan zu setzen eine große Versündigung sei. Das geringste Stück Brod an die Erde zu werfen, war in meiner Kindheit eine Sünde, worauf unbarmherzig, unerläßlich die Ruthe stand. Beim dürftigen Volke von Radack läßt sich ein ähnliches Gefühl in Hinsicht der Früchte, worauf seine Volksnahrung beruht, erwarten. Einer unserer Freunde hatte einen Cocos dem Kapitain zum Trünke gereicht; dieser warf die Schale mit dem ihr noch anklebenden eßbaren Kerne weg. — Der Radacker machte ihn ängstlich auf die verschmähte Nahrung aufmerksam. Sein Gefühl schien verletzt zu sein, und in mir selber regten sich die alten, von der Kinderfrau eingepeitsch- tcn Lehren. Ich bemerke beiläufig, daß unsere Freunde erst in den letzten 187 Tagen unseres Aufenthaltes auf Otdia die Wirkung unserer Waffen kennen lernten, indem der Kapitain einen Bogel im Beisein von Rarick und Lagediack schoß. Daß der Schuß sie gewaltig erschreckt, versteht sich von selbst; daß Rarick seither den Kapitain flehentlich bat, wenn er ihn mit der Flinte sah, nicht zu schießen, lag in seinen: Charakter. Das Riff trägt im Süden von Otdia außer mehreren kleineren und öden nur zwei fruchtbare und bewohnte Inseln. Die erste, Eg- medio, unterscheidet sich dadurch von allen andern, daß der Cocos- baum sich nur auf ihr hoch über den Wald erhebt, und nur auf ihr Wurzelstöcke ausgestorbener Bäume vorhanden sind. Sie war der Aufenthalt von dem Häuptling Langien, dessen Besuch wir auf dem Nurik schon empfangen, da er uns ein Geschenk von Cocos- nüssen gebracht, und uns eingeladen, ihn auf seiner Insel zu besuchen. Die andere Insel nimmt den südöstlichen Winkel des Riffes ein, das von da westwärts noch nur geringe unbewohnbare Inseln trägt. Am 28. Januar ward in zwei Booten eine Fahrt unternommen, um die von Lagediack uns angegebenen Furten zu untersuchen. Wir legten auf Egmcdio an, wohin uns Langien, der sich zur Zeit auf Otdia aufhielt, voraus geeilt war, uns als Wirth in seiner Heinmth freundlich zu empfangen; und er war ein gastfreier, herzlicher Mann, dem unser Besuch eine große Freude machte. — Die Insel schien nur von ihm, seiner Frau und ein Paar Menschen bewohnt zu werden. — Ich erfreute ihn mit der Anlage eines kleinen Gartens. Wir hatten am selben Tage eines der Thore, die Lagediackstraßs, untersucht; der Rurik hätte diese Furt nicht ohne Gefahr befahren können. Des ungünstigen Wetters wegen verzichteten wir darauf, die nächste Straße zu erreichen, und suchten ein Unterkommen für die Nacht. Dazu eigneten sich die nächsten, wüsten Inseln nicht; wir mußten bis zu der zurück gehen, die den Winkel der Gruppe einnimmt. Hier trat uns erfreulich, unerwartet ein alter Freund entgegen: der fröhliche Labigar bewillkommnete uns auf seinem Grund und Boden und brachte uns Cocosnüsse und Pandanusfrüchte dar. Hier wohnte er allein mit seiner Familie. — Wir hatten auf der Insel Otdia die ganze Bevölkerung der Gruppe kennen gelernt. Ich legte auch dem gastfreien, freundlichen Mann einen kleinen Garten an (ich hatte wohl zu dieser Zeit keinen andern Samen mehr als Wassermelonen). Wir hatten unfern Bivouak am Strande aufge- schlagcn, — als wir uns am Morgen dem Schlaf entrangen, saßen Labigar und die Seinen um uns, still und geduldig unser Erwachen erwartend, um uns den Cocos zum Frühtrunk darzureichen. Wir erreichten an diesem Morgen (29. Januar) das Schiff. Die andere Furt ward später am 3. Februar von Gleb Simonowitsch in der Barkasse rekognoscirt und nach ihm die Schischmareffstraße benannt. Zu derselben kann jedes Schiff bequem, sicher und ohne umzulegen mit dem wehenden Passat ein- und ausfahren. Am 30. Januar ward ein Eimer mit einem eisernen Reif von unfern Leuten vermißt, die theilö nach Wasser, theils nach Holz ausgeschickt waren, einem Artikel, womit wir uns hier auf die ganze Dauer unserer Fahrt nach Norden versehen mußten. Rarick ward ernstlich angehalten, das gestohlene Gut wieder herbei zu schaffen; aber bei dem Ercigniß, worüber alle Andern ihre Mißbilligung laut ausdrückten, ward er von einer Lässigkeit befunden, die einen Schatten über seinen Charakter warf. Erst am andern Morgen, nachdem wiederholt auf Erstattung gedrungen worden, brachte, nach einem langen Gespräch mit dem Häuptling, einer seiner Leute den Eimer aus dem Dickicht des Waldes hervor. Darauf wurde bekannt gemacht, jeder spätere Dicbstahlsversuch würde unserer Seits streng bestraft werden. Ich werde den einzigen Fall nicht verheimlichen, wo wir die Drohung zu verwirklichen Gelegenheit hatten. Lagediack speiste mit uns auf dem Schiffe. Der Dieb des Eimers hatte ihn begleitet, aber ihm war der Eingang in die Kajüte verwehrt worden, und auf dem Verdecke liegend sah er uns vom Fenster zu. Lagediack ließ ihm Einiges zum Kosten zukommen, und auch ein blankes Messer ward ihm zum Besehen gereicht. Das Messer kam nicht auf unfern Tisch wieder herab, sondern fand seinen Weg in den Mudirdir des Mannes (das Männerklcid, ein mit Baststreifen schürzenartig behangener Mattengürtel). Er wurde beobach- 189 tet, und als er das Schiff zu verlassen sich anschickte, ergriffen, durchsucht, überwiesen, hingcstreckt und ausgepeitscht. Zu der Zeit waren bereits unsere Namen kurzen Liedersätzen anvertraut und der Vergessenheit entrissen. Dcinnani, Chamifso und andere: rrr g^^ik, Qi zuo§it, l'ohan Odamis50. Den geschälten (§ocos trinkt, Cocos ißt, - ? - Chamisso. Denkmünzen, die auf uns geprägt, Denksteine, die uns gesetzt sind, und welche, mögen sie ohne Inschrift sein oder Gestalt, die Träger, sein werden der sich an dieselben kniipfenden mündlichen lleber- lieferungen und Sagen. — In der Eigil-Saga haben oft die metrischen Dcnksprüche, die bei denkwürdigen Ereignissen auf die Weise gestempelt und durch AWtcration, Assonanz und Reim befestet ausgegeben werden, keine anschauliche Beziehung zu der That, deren Gedächtnis; an dieselben gekettet wird. Unsere Absicht, Otdia zu verlassen, um Erigup, Kaben und andere Gruppen zu besuchen, war verkündigt, und wir wünschten und erwarteten, daß uns der Eine oder der Andere von nnsern hiesigen Freunden ans diesem Zuge begleiten würde. Rarick baute an einem neuen Schiffe, worauf er die Reise mit uns zugleich zu machen versprach; aber die Arbeit nahm kein Ende. Lagediack wollte auf dem Rurik mit uns fahren, ließ sich aber durch Rarick's Schiffsbau davon abhalten. Rarick, Langien und Labigar wollten uns auf einem anderen Schiffe begleiten, aber auch der Plan ward ausgegeben. Wir mußten aus die vorgefaßte Hoffnung verzichten. Wir lichteten am 7. Februar 1817 mit Tages Anbruch die Anker; unsere Freunde standen am Strande, doch keiner kam an das Schiff. Nur ein Boot kam unter Segel von Oromed uns nach. Vermuthlich der Greis Laergaß. Er hatte uns noch etliche Tage zuvor besucht; er war erkenntlich für unsere Geschenke und liebevoll wie keiner; er wollte wohl den letzten Abschied von uns nehmen. Wir verloren das Boot aus dem Gesichte, als wir außerhalb der Straße die Segel vor dem günstigen Winde verdoppelten. ISO Schon beim Ausfahren aus Otdia ward von dem Masthaupt das Land Erigup gesehen. Wir vollendeten am 7. und 8. Februar die Ausnahme dieser ärmlichen, spärlich begrünten Gruppe, die nur von drei Menschen bewohnt sein soll. Wir sahen nicht mehrere anr Strande der einzigen Insel, auf welcher sich Cocosbäume zeigten, aber nicht über den Wald erhoben. Unter dein Winde der Gruppe ward eine Furt untersucht, die wohl nicht ohne Gefahr befahren werden konnte. Wir verließen Erigup, um Kabcn aufzusuchen. Wir hatten gegen den Wind, der ausnehmend frisch wehte, anzukämpfen. Am 10. Nachmittags sahen wir Kaben. Die Gruppe ist beiläufig 45 Meilen von Otdia entfernt, und Lagediack hatte ihre Lage ziemlich richtig angegeben. Am 11. Morgens waren wir vor der Furt, die unter dem Winde der Gruppe ihrem N. W.-Winkel am nächsten gelegen ist. Der Wind war heftig. Zwei Boote kamen aus dem Thore uns entgegen und beobachteten uns von fern. Von einem Windstoß erfaßt, schlug das eine Fahrzeug um. Das andere kümmerte sich nicht um den Unfall; da sind die Schiffer sich selber genug. Wir sahen sie bald theils auf dem Kiele sitzen, theils an Leinen gespannt schwimmend das Schiff dem Lande zu bugsire», von dein sie doch über eine halbe Meile entfernt waren. — Drei andere Boote kamen von der großen Insel im N. W. zu uns her und luden uns an das Land. Das Thor ist breit, aber seicht der Kanal, in welchem wir bei der Einfahrt zwischen Korallenbänken wenden mußten. Wir führten schnell und glücklich das kühne Manöver aus. Die Durchsichtigkeit des Wassers ließ unsere Blicke in die geheimnißrcichen Korallengär- teu des Grundes hinabreichen. —> Wir warfen die Anker vor einer der geringsten und ärmsten Inseln der Gruppe. Kaben hat ungefähr die Größe und die längliche Gestalt von Otdia, aber von N. W. nach S. O. kehrt sie eine ihrer längeren Seiten dem Passatwinde zu, und das Hauptland, die Insel Kaben, nimmt die N. W. Spitze der Gruppe ein. Das Riff ist auf der Windseite mit fruchtbaren Inseln reichlich gekrönt. (Herr von Kotzebue zählte deren im ganzen Umkreis 64.) Hochstämmig erhebt sich über 191 den mehrsten die Cocos-Palme; der Brodfruchtbaum ist gemein; drei Arten Arum werden eingebaut, die jedoch nur einen spärlichen Ertrag gewähren können; und wir haben die erst eingeführte Ba- nanen-Pflanze auf einer der Inseln angetroffen. Die Bevölkerung ist der größeren Fruchtbarkeit des Bodens angemessen. Die Menschen erschienen uns wohlhabender, selbstvertrauender, zutraulicher als auf Otdia, und durch unsere Gegenwart belebt, durchkreuzten ihre Boote, deren sie viele besaßen, zu allen Zeiten und in allen Richtungen das innere Meer, das einein verkehrreichen Hafen glich. Wir haben auf Kaben flüchtigere Berührungen mit mehreren Menschen gehabt, und die Bilder der freundlichen Gestalten verwirren sich schon in meinem Gedächtnisse; doch leuchten aus dem Allgemeinen etliche noch besonders hervor, und das freundliche, fröhliche, lebensfrische, muthvolle Fürstenkind auf Airick ist mir unvergeßlich. Wir fanden auf der Insel, vor der wir lagen, nur junge Co- cospflanzungen und verlassene Häuser. Am 12. kamen von Osten her zwei große Boote und näherten sich uns. Wir riefen ihnen den Friedensgruß zu; sie erwiderten unfern Gruß und kamen furchtlos heran; wir warfen ihnen ein Tau zu, woran sie ihre Fahrzeuge befestigten, und ein Häuptling bestieg, von einem einzigen Mann begleitet, das Verdeck. Er suchte sogleich unfern Chef auf, reichte ihm eine Cocosnuß dar und setzte ihm seinen Blumenkranz auf das Haupt. Wir konnten uns gut mit den staunenden Menschen verständigen, und kein Mißtrauen waltete zwischen uns ob. Herr von Kotzebue, der bereits seinen Namen an Rarick verloren hatte, bot ihn hier dein entzückten Labadini, Herrn auf Torua (einer östlicheren Insel dieser Gruppe) zum Tausche wieder an. Der Freundschaftsbund war geschlossen. Der Häuptling übernachtete auf der nächsten Insel. Die Nacht war Sturm; wir konnten am 13. weder unter Segel gehen, noch ans Land fahren. Am 14. verließen wir unfern Ankerplatz und drangen lavirend tiefer ostwärts in das Innere der Gruppe hinein. Unser Freund folgte uns auf seinem Boote, hielt schärfer bei dem Winde als wir 182 und segelte nicht viel langsamer. Nachmittags warfen wir vor einer kleinen, von luftigen Palmen reichbeschattetcn Insel die Anker; La- badini kam an Bord. Auch diese Insel, Tian geheißen, gehörte ihm; sie war aber nicht sein gewöhnlicher Aufenthalt, und er drang in uns, ihm nach Torna zu folgen, was wir am morgenden Tage zu thun versprachen. Wir fuhren gemeinschaftlich ans Land, und beim Landen trug er de» Kapitain durch das Wasser. Auf dieser Insel, vor welcher das widrige Wetter uns noch am 15. zurück hielt, freuten wir uns der behaglicheren Wohlhabenheit des anmnthigen Volkes; wir wurden unter jedes Dach gastlich eingeladen, von jeder Familie freundlich empfangen. Etlichen Pflanzungen und Gruppen von Fruchtbäumen diente, an Statt der Mauern, eine um dieselben gezogene Schnur von Cocosbast zur Befriedigung. Wir sahen den weißen Reiher mit gelähmtem Flügel gezähmt und etliche zahme Hühner. Labadini bcwirthete den Kapitain mit einem reinlich bereiteten Mahle von Fischen und gebackenen Brodfrüchtcn. Wir fuhren auf seinem Boote unbesorgt, wie am den unfern, und es ward uns an beiden Tagen, als wir an das Schiff zurückfuhren, eine solche Menge Cocosnüsse gebracht, daß sie für die ganze Mannschaft auf mehrere Tage ausreichtcn; wir ließen dagegen Eisen vertheilen. — Wir haben Cocosnüsse von Kabcu bis nach Unalaschka gebracht. Wir gingen am 16. Februar wieder unter Segel, und der Kette der Insel folgend, die eine südlichere Richtung nahm, überschauten wir ihre ganze Bevölkerung, die das wunderbare Schauspiel des fremden Riesenschiffes unter Segel an den Strand herbei zog. Aus einer größeren Insel, wie wir später erfuhren, Olot geheißen, stieß ein großes Boot ab, auf dem zwanzig bis dreißig Menschen sein mochten. Sie zeigten uns Cocosnüsse und schrieen und winkten uns herbei. Wir segelten weiter und das Fahrzeug folgte uns nach. Auch Labadini's Boot, das uns nachkam, erschien in der Ferne. Eine große Insel, von welcher aus die Kette ihre Richtung nach Süden nimmt, bot uns einen geschützten Hafen, wo wir die Anker fallen ließen. Es war Torna, Wohnsitz von Labadini. Das Boot aus Olot legte sich an unsere Seite, und der 193 Herr dieser Insel, der junge Häuptling Langediu, stieg sogleich auf den Rurik. Er war reicher tatuirt und zierlicher geschmückt als Labadini. Er trug Herrn von KoHebue einen Namenstausch an, den dieser, der immer das behielt, was er hingab, unbedenklich annahm. Das Verfahren war geeignet, Zunft unter den Fürsten zu erregen. Labadini, der bald eintraf, wandte sich beleidigt von uns ab, und hier, auf seiner Insel, verkehrten wir allein mit Lan- gediu. Mit dem lebhaften, geistreichen und sittigen Jünglinge wiederholte der Kapitain seine Geographie von Radack und vervollständigte sie. Torua, in grader Linie 24 Meilen von Kaben entfernt, ist doppelt so groß und verhältnißmäßig weniger bevölkert als Tian. Wir wurden hier mit dem unschmackhasten Gerichte bewirthet, das die Radacker aus geraspeltem Cocosholz bereiten. — Hier oder auf Tian ward uns auch der aus der Brodfrucht bereitete Sauerteig gereicht, der aus Beschreibungen von Reisen nach O-Taheiti genugsam bekannt ist und den Europäern nicht munden will. Wir blieben drei Tage auf unserm Ankerplatz, verschafften uns viele Cocos- nüsse und theilten viel Eisen aus. Der Matrose, der das Eisen verausgabte, stand bei den Eingeborenen in besonderem Ansehen, und ihm wurde von allen geschmeichelt. Wir lichteten am 19. die Anker und steuerten südwärts längs des Riffes, das hier einen grünen Kranz von sehr kleinen Inseln trägt. Nach einer Strecke von zehn Meilen ändert sich seine Richtung, und das innere Meer verlängert sich nach Südost sackartig in einen Vorsprung, worin die Gruppe endigt. Eine größere Insel im Hintergründe dieser Bucht des inneru Meeres zog unsere Aufmerksamkeit ans sich und wir richteten dahin unfern Cours. Bevor wir sie erreicht, ward vom Masthaupt jenseits des Riffes Land im Süden entdeckt. Es war die Gruppe Aur. Wir gingen vor Airick, jener großen Insel, vor Anker. Wir fuhren ans Land, während der Kapitain noch auf dem Schiffe beschäftigt zurück blieb. Ein Boot aus Airick hatte uns bereits vor Torua besucht. Wir wurden mit zuvorkommender Herzlichkeit empfangen; man reichte uns Cocosnüsse dar, und wir schienen III. 13 194 alte, langerwartete Freunde zu sein. Diese Insel ist die volkreichste und fruchtbarste von allen, die wir gesehen haben. Sie besitzt allein sechs bis sieben große Boote. Ein Jüngling oder Knabe, der noch nicht mit dem Männerschmucke der Tatuirung angethan war, und dem das Volk mehr Ehrfurcht zu zollen schien, als wir anderen Häuptlingen hatten erweisen sehen, galt uns erst für den Herrn der Insel. Aber gleicher Ehren war ein junges, ebenfalls noch unta- tuirtes Mädchen (seine Schwester?) theilhaftig, und über beide schien ein Weib (ihre Mutter?) erhaben zu sein, welche sich in einem Nimbus der Vornehmigkeit hüllte, von dem ich auf Radack kein zweites Beispiel gesehen habe. Es ist auch der einzige Fall, wo ich ein Weib der Autorität genießen sah. Daß die verschiedene Würde und Macht der Häuptlinge nicht allein von ihrem Reichthum und Besitzstand abhing, war anschaulich ; doch habe ich mir über diese Ungleichheit keine Auskunft verschaffen können. Der Jüngling, der sich herzig an mich anschmiegte, kain sogleich mit mir auf das Schiff-, ein älterer Mann, dessen Obhut er anbefohlen zu sein schien, begleitete ihn. Freudig, freundlich, lebhaft, wißbegierig, geistreich, tapfer und voller Anstand; ich habe nicht leicht eine anmuthigere Erscheinung gesehen. So gefiel er auch dem Kapitain, dem er sich gleich verstellte. Er maß mit seinem Begleiter das Schiff aus und die Höhen der Masten; die Schnur, die dazu gedient, ward sorgfältig aufbewahrt. Ihm ein Schauspiel zu geben, holte ich meine Rapiere hervor und focht einen Gang mit Eschscholtz. Da erglühetc er vor Lust; das Spiel mußte er auch spielen. Er begehrte mit sittiger Art ein Rapier, und freudig, voller Anstand, sich und mir vertrauend, stellte er sich mir entgegen und bot dem blanken, kalten Eisen des weißen Fremden seine bloße Brust. — Bedenket es — cs war schön. Wir fuhren Nachmittags wieder ans Sand, und der Jüngling führte den Kapitain zu der Aftitter. Sie empfing schweigend den vornehmen Gast und seine Geschenke und ließ ihm dagegen zwei Rollen Mogan und Cocosnüsse reichen. Mogan, das Werthvollste, was ein Radacker gebe» kann, ist selbst gegen Eisen nicht zu erhandeln. Sie gingen sodann zu der Schwester, die um sich eine 195 Schaar von Mädchen hatte, von denen sie jedoch abgesondert saß. Hier herrschte Fröhlichkeit und wurde gesungen. Wahrend dieser Besuche und überall auf der Insel bildete sich um die Fürsten und ihre hohen Gäste in weitem Umkreis ein dichter Kranz von Zuschauern. Der Rurik war zu allen Stunden von Booten der Eingeborenen umringt und von Besuchern überfüllt. Die Insulaner waren hier in Ueberzahl und ihre Zutraulichkeit ward lästig und beunruhigend. Am 20. kam von Westen her ein großes Boot, worauf zwei und zwanzig Menschen gezählt wurden. Es war Labeloa, der Häuptling von Kaben, der uns hieher gefolgt war und dem Kapitain eine Rolle Mogan überreichte. Er erzählte uns, er sei es gewesen, der ' mit seinem Boote vor dem Eingang der Gruppe umgeschlagen sei. Ein Kommando war nach Wasser geschickt worden: Abends, als es dunkelte, schrie der Unteroffizier vom Lande her, daß ein Matrose vermißt werde. Der Kapitain ließ eine Kanone abfeuern und eine Rakete steigen. Der Mann, den die Insulaner nicht auS feindlicher Absicht zurück gehalten, fand sich wieder ein, und unser Boot ruderte heran. Am 21. war der gestrige Schreckschuß allgemeiner Gegenstand der Nachfrage, und wir fanden unter den Leuten mehr Ehrfurcht und Zurückhaltung. ° Wir unserer Seits blieben uns in unserm Betragen gleich. Eschscholtz bedeutete ganz gleichgültig den Forschenden, unser Kapitain sei nach oben gefahren, aber er fei schon wieder da. Wir besuchten unsere hiesigen Freunde zum letzten Mal. — Der Zutritt zu der alten Fürstin ward dem Kapitain verwehrt. Wir bekamen auf dieser Insel eine Unzahl von Cocosnüssen. Wir verließen Airick am 21. Februar und steuerten nach Olot, der Insel von Langediu, den zu besuchen der Kapitain versprochen hatte. Labeloa, der uns nach Aur begleiten wollte, folgte uns in seinem Boote; er nahm, als er uns vor Olot anlegen sah, den Cours nach Kaben, kam uns aber nach Aur nach. Olot steht an Bevölkerung und Fruchtbarkeit den andern von uns gesehenen Inseln nach. Doch ward der Taro auf Olot gebaut, 13* 198 und wir sahen nur hier die Banane. Wie ich auf allen Inseln von Kaben, auf denen wir gelandet, bei der regsten Theilnahme der Insulaner, die Wassermelone selber gesät und deren Samen den Häuptlingen ausgetheilt, also that ich auch hier. Bei den: Geschäfte wurde mir mein Messer entwendet. Ich sprach deshalb und nicht vergeblich Langediu's Autorität an; mein Eigenthum ward mir sogleich wieder gegeben. Labadini war hier bei Langcdiu, und es schien das gute Vernehmen wieder hergestcllt zu sein. Beide Häuptlinge wurden reichlich beschenkt. Wir verließen am 23. Februar 1817 Olot und die Inselgruppe Kaben, aus welcher wir zu derselben Straße hinausfuhren, zu welcher wir hereingekommen waren. Wir steuerten nach Nur, in dessen Gehege wir zu einer engen Furt, geschickt zwischen Korallenbänken steuernd, mit vollen Segeln einfuhren. Die Gruppe, geringeren Umfangs, war vom innern Meere zu übersehen. Sie ist 13 Meilen lang, 6 breit, und besteht aus 32 Inseln. Um 5 Uhr Nachmittags ließen wir vor der Hauptinsel, welche die S. O. Spitze der Gruppe bildet, deren Namen sie führt, die Anker fallen. Es umringten uns sogleich mehrere Boote der Eingeborenen. Wir riefen ihnen Eidara! zu, und sogleich stiegen die Fürsten zutraulich an Bord, und mit ihnen die Fremden aus Ulea: Kadu und sein Schicksalsgefährte Edock. — Mein Freund Kadu! — Ich überlese, was ich in der Denkschrift „über unsere Kenntniß der ersten Provinz des großen Ocean's", auf die ich euch verweisen muß, von diesem Manne gesagt habe, und die Erinnerung erwärmt mein Herz und befeuchtet meine Augen. Die Radacker entsetzten sich ob des schnell gefaßten Entschlusses Kadu's, bei den weißen Männern auf dem Riesenschiffe zu bleiben. Sie ließen nichts unversucht, ihn zurück zu halten; sein Freund Edock, tief bewegt, versuchte selbst mit Gewalt ihn in das Boot herab zu ziehen; Kadu aber zu Thränen gerührt, erwehrte sich seiner und stieß ihn, Abschied von ihm nehmend, zurück. Der hiesige Ankerplatz hatte Nachtheile, die den Kapitain bewogen, einen besseren im Schutze der Insel Tabual zu suchen, die, acht Meilen von Nur entfernt, die N. O. Spitze der Gruppe einnimmt. 197 Diesen Entschluß hatte er den Häuptlingen angezeigt, und sie folgten uns dahin mit fünf großen Booten am 24. Februar früh. Die Bevölkerung war stärker als selbst auf Kaben, und die Anzahl der großen Boote beträchtlicher. Nach Herrn von Kotzebue waren die hohen Häupter des Volkes, mit denen wir hier verkehrten, die, Zutrauen fassend, ihn in ihren Rath zogen und ihn bestürmten, mit der Uebermacht unserer Waffen cinzugreifen in den waltenden Krieg, von dem sie uns die erste Kunde gaben: Tigedicn, ein Mann mit schneeweißem Bart und Haupthaar und vom Alter gebeugt, der Herr der Gruppe Aur, der Schutzherr von Kadu, und in Abwesenheit des Königs Lamari der erste der Fürsten: Der zweite nach ihm Lebeuliet, ein Greis, der Herr der Gruppe Kaben, wo die Insel Airick sein gewöhnlicher Wohnsitz war, der Gatte jener Fürstin, der Vater jener Kinder, die wir dort kennen gelernt: Der dritte, jüngste und rüstigste, Tiuraur, der Herr der Gruppe Otdia, der Vater von Rarick. Lamari war von Aur an König über den ganzen Norden von Radack. König über die drei südlichen Gruppen Meduro, Arno und Mille war Lathethe, und zwischen beiden war Krieg. Lamari bereiste jetzt die ihm unterthänigen Inseln, seine Mannen und sein Kriegsgefchwader nach Aur zu berufen, um von hier aus einen Kriegszug gegen seinen Feind zu unternehmen. Man vergleiche meinen Aufsatz über Radack. — Ich will hier nur wiederholen, weil Herr von Kotzebue, schlecht berichtet, es anders ausgezeichnet hat, daß bei diesen Kriegen die überfallenen Inseln aller Früchte beraubt, aber die Bäume selbst nicht beschädigt werden. Herr von Kotzebue gab dem Tigedien Waffen! — Lanzen und Enterhaken. Tigedien hatte ihm ein Geschenk von etlichen Rollen Mogan gebracht. Die Umstände und der bevorstehende Krieg mögen zu dem hohen Werthe, der auf den Mogan gelegt wurde, und zu der Schwierigkeit, die wir fanden, uns welchen zu verschaffen, beigetragen haben. Dieser wohlschmeckende süße Konfekt ist der einzige Mundvorrath, der auf längeren Reisen eingeschifft werden kann, ist der Zwieback dieser Seefahrer. 198 Als unsere Boote vom Sande nach dem Schiffe zurückkehrten, wurden sie mit so vielen Cocosnüffen beschwert, als sie tragen konnten. Vor Tabual erbat sich Kadu vom Kapitain Urlaub, an das Land zu fahren, von wo er an das Schiff zurück kommen werde. Wir selber durchschweiften an diesem Tage die Insel, die reicher ist an Humus als die fruchtbarsten der Gruppe Kaben, und auf der wir Taro- und Bananenpflanzungen in gedeihlichem Zustande antra- fen. Wie wir von unserer Wanderung zurückkehrten, fanden wir unfern Kadu, von einem weiten Kreise von Radackern umringt, lebhaft, beseelt, tiefbewegt redend, indem alle um ihn gespannt, ergriffen, gerührt dem Vortrage zuhörtcn und mehrere in Thränen ausbrachen. — Kadu ward auf Radack geliebt, wie er unter uns geliebt worden ist. Verschiedene Fahrzeuge von der Gruppe Kaben trafen ein, das eine von Airick, andere zwei oder drei mit Labeloa von der Insel Kaben, und diese zwar bei sehr heftigem Winde. Von unserm Ankerplatz war vom Masthaupt das Land von Kaben zu sehen. Ich machte auf Tabual einen letzten Versuch, die Tatuirung zu erlangen. Ich hätte damals gern das schöne Kleid mit allen den Schmerzen, die es bekanntlich kostet, erkauft. Ich brachte die Nacht in dem Hause des Häuptlings zu, der versprochen zu haben schien, die Operation am andern Morgen vorzunehmen. Am andern Morgen wurde jedoch die Operation nicht vorgenommen, und Rechenschaft über die stillschweigende Verweigerung konnte ich erst später aus Kadu's Aussagen entnehmen. Unerachtet des zwischen dem Süden und dem Norden von Radack waltenden Krieges und des leidenschaftlichen Haffes, der oft, bei Erwähnung dieser unglücklichen Verhältnisse, zum Ausbruche kam, lebte unbefährdet, liebgehegt und geehrt ein Häuptling von Arno auf Tabual. Am 26. gingen wir zum letzten Male ans Land auf Tabual und nahmen Abschied von unfern Freunden. Die Nacht über erschollen die radack'sche Trommel und das Lied unter den Palmen am Strande des innern Meeres. 199 Am 27. Februar 1817 liefen wir am frühen Morgen aus dem Meerbecken von Aur zu eben dem Thore hinaus, zu dem wir eingefahren waren. Wir steuerten nach Norden, den Tag über unter dem Winde von Kaben, am 28. über dem Winde von Otdia, und hatten noch vor Nacht Kenntniß von der Gruppe Eilu, die uns über dem Winde lag. Kadu erkannte die Gruppe. Er war bereits auf derselben und ebenfalls auch auf Udirick gewesen, und, wohl bewandert in der Geographie von Radack, gab er uns die Richtungen an, in welchen Temo und Ligiep lagen. Wir waren am Morgen des 1. März 1817 bei der Südspitze von Eilu, welche von der Insel gleiches Namens gebildet wird. Wir folgten der Süd- und Ostseite des Umkreises, wo das Riff von Land entblößt ist, und suchten einen Durchbruch desselben zur Einfahrt. Drei Boote kamen uns in das offene Meer entgegen, und unser Genosse Kadu pflog ein lebhaftes Gespräch mit seinen staunenden alten Bekannten. Diese wiesen uns mehr in Norden die breiteren Thore ihres Riffwalles. Von dreien schien das eine nur fahrbar für den Rurik zu sein. Der Abend dunkelte schon. Am 2. März suchten wir das Thor wieder auf, von welchem uns der Strom westwärts entführt hatte. Der Wind blies uns aus dem engen Kanal entgegen, und da hinein zu dringen schien kaum möglich zu sein. Der Lieutenant Schifchmareff untersuchte das Fahrwasser. Zwischen zwei senkrechten Mauern hatte die Straße fünfzig Faden Breite und eine hinreichende Tiefe. Das Schiff mußte in der Straße gewendet und gleichzeitig 'von dem stark einsetzenden Strom hineingeführt werden; gehorchte es nur träge dem Steuerruder, so galt es, an der Korallenwand zerschellt zu werden. Schnell ward und glücklich das kühne Manöver ausgeführt; es war ein schöner Moment. Alle Segel waren dem Winde ausgespannt; tiefes Schweigen herrschte auf dem Rurik, wo dem Kommandoworte gelauscht wurde; zu beiden Seiten brauste die Brandung. Das Wort erschallt, und wir sind im innern Meer. In der Furt selbst hatte sich eine Bonite au der Angel gefangen; so hatten wir Thorzoll genommen. Die Gruppe Eilu ist von N. in S. 15 Meilen lang und nur 200 5 Meilen breit. Alles Land ist auf der Windseite; es ist spärlich .begrünt, die Cocospalme erhebt sich nur auf Eilu im Süden, und auf Kapeniur im Norden über den Wald. Das innere Meer ist seicht und mit Korallenbänken und Untiefen angefüllt, welche uns Gefahr drohten. Wir gingen gegen Mittag in der Nähe von Eilu vor Anker. Drei Boote umringten uns alsobald, und Kadu hatte für sich und für uns genug zu reden. Lamari, den wir hier zu treffen hofften, war bereits auf Udirick, und der Häuptling von Eilu Langcmui wohnte auf Kapeniur. Kadu fuhr mit den Radackern ans Land, wohin wir ihm später folgten. Wir haben hier den Pandanus noch ganz grün essen scheu, und die Brodfrucht fehlte ganz. Ein Paar Pflanzen von der einen der auf Kaben angebauten drei Taro-Arten bezeugten den Fleiß der Menschen und die Unwilligkeit der Natur. Die guten, dürftigen Leute beschenkten uns mit einer Menge Cocos- uüfsen, woran wir vielleicht reicher waren als sie. Sie erwarteten dafür keinen Lohn. Wir theilten Eisen aus, und ich säete Kerne der Wassermelone, wie ich es überall auf den andern Gruppen ge- than hatte. Wir gingen am 4. mit Tagesanbruch unter Segel und kamen nach einer beschwerlichen Fahrt erst spät vor Kapeniur, wo wir die Anker fallen ließen. Wir lagen sicher und bequem in der Nähe des Landes, das uns vor dem Winde schirmte; und es wurde beschlossen, etliche Tage hier zu verweilen, um Segel und Tauwerk für die uns bevorstehende Nordfahrt in Stand zu setzen. Uns besuchte zuerst am Bord Langemui und brachte dem Ka- pitain etliche Cocosnüsse dar. Er war ein hochbejahrter, hagerer Greis von heiterem, lebendigem Geiste, wie überhaupt auf diesen Inseln das Alter ein jugendliches Gcmüth behält. Er mochte nach unserer muthmaßlichen, unzuverlässigen Schätzung achtzig Jahr alt sein. An seinem Körper trug er etliche Narben. Diese, als er nach denselben befragt wurde, veranlaßten ihn, uns die erste Kunde von Ralick zu geben, der westlicher gelegenen Inselkette, deren Geographie jedem Weibe, jedem Kinde auf Radack geläufig ist. Es ist mit den Menschen wie mit der Natur; was man schon weiß, kann man sich 201 leicht zu allen Stunden wiederholen lassen; aber an den Tag zu fördern, was man nicht weiß, dazu gehört Geschick, dazu gehört Glück. Nach Langemni, der auf Ralick seine Wunden erhalten hatte, entwarf Herr von Kotzebue die Karte dieser Inseln, die man in seiner Reise Nachsehen muß. Bei lldirick hatte er einen zweiten Punkt, von dem ans er sich die Richtung der nördlichen Gruppen angeben ließ, und er hatte im Spätherbst auf Otdia Gelegenheit, seine Arbeit zu prüfen und zu berichtigen. Ich habe in meinen Bemerkungen Kadu's Aussagen über Ralick aufgenommen. Nach ihm war Sauraur, den wir auf Nur gekannt, später als Langemni auf Ralick gewesen und hatte daselbst den Namen, den er jetzt führt, erlauscht und Freundschaft mit den Eingeborenen gestiftet. — Ralick gehört zu derselben Welt der Gesittung als Radack und schien zur Zeit, wie Radack, in zwei einander feindliche Reiche getheilt zu sein. Auf Eil» war ein junger Häuptling von Mesid, der, aus einem kleinen Fischerboote durch Sturm von seiner Insel verschlagen, hier angelangt war. Er gedachte sich zu der Rückreise an Lamari anzn- schließen, der auch nach Mesid fahren wollte, um Verstärkung von dort zu holen. Unsere Seefahrer halten es für kühn, ohne Kompaß, gegen Wind und Strom anringend einen Landpunkt, der nicht über sechs Meilen sichtbar ist, in einer Entfernung von 56 Meilen auszusuchen; eine Reise, auf welcher die Radackcr wohl zwei Tage und eine Nacht zubringen müssen. Sie würden sich nicht getrauen, daS Wagestück zu unternehmen. Wir erfuhren im Spätjahr, daß Lamari dieses Mal Mesid verfehlt und, auf die Hülfe, die er von dieser Insel erwartete, verzichtend, sich zu den übrigen Gruppen Ra- dack's gewendet habe. Auf Kapeniur war ein anderer Häuptling, welcher anscheinlich um vieles älter als Langemni, gleich regen und heitern Geistes war. Der Wind drehte sich am 7. Februar über N. nach W., und ein anhaltender Regen unterbrach die Arbeiten auf dem Rurik. Der 9. und 10. waren gleich regnichte Tage. Am 11. ward das begonnene Werk schnell vollendet. Wir waren segelfertig. Von den Wassermelonen, die ich auf Kapeniur gesäet hatte, waren trotz der Verwüstung, welche die Ratten angerichtet, meh- 202 rere Pflanzen im erfreulichsten Wuchs und deren Fortgang schien gesichert. — Ich habe, um nur von dieser einen Pflanzenart zu reden, eine unerhörte Menge von Wassermelonen-Kernen auf den Riffen von Radack an geeigneten Stellen sorgfältig der Erde anvertraut. Der ganze Samenertrag aller Wassermelonen, die in Kalifornien und auf den Sandwich-Inseln auf dem Rurik verzehrt worden, ist, entweder von mir ausgesäet, oder den Händen betriebsamer Eingeborenen anvertraut, auf Radack geblieben. Ich habe bei unfern: zweiten Besuch auf Radack eine zweite Aussaat auf Otdia besorgt und einen anderen beträchtlichen Samenvorrath der liebenden Sorgsamkeit von Kadu überlasten. Nach Herrn von Kotzebue's letzter Reise und letzten: Besuch auf Otdia im Jahre 1824, scheint doch diese willigste der Pflanzen, die, wo nur eine milde Sonne nicht fehlt, den Europäern gefolgt ist, sich auf Radack nicht erhalten zu haben. Wahrlich, es ist leichter, Böses zu thun, als Gutes! In: Innern der Gruppe Eilu wurden vom Schiffe an verschiedenen Tagen zwei Haifische geangelt. Man berichtete mir von den: einen, er habe drei lebendige Junge im Leibe gehabt, jedes drei Spannen lang; zwei in einem Ei, das dritte allein. — Man wird sonst in den Becken, welche Korallenriffe umhegen, von Haifischen nicht befährdet. Das Wasser dieser Binnenmeere war wenig leuchtend. Als der gute Langemui unsere Absicht erfuhr, Eilu an: andern Tage zu verlassen, ward er betrübt. Wir sahen in der Nacht Lichter längs den: Riffe sich bewegen; an: frühsten Morgen kan: unser Freund an das Schiff und brachte uns ein letztes Geschenk: fliegende Fische, die er bei»: Feuerscheine hatte fangen lassen, und Cocosnüfse. Wir verließen Eilu den 12. März 1817. Der Wind, der uns zum Auslaufen günstig war, erlaubte uns zu einen: nördlicher gelegenen, engeren Thore hinaus zu fahren; ein Haifisch ward in der Furt selbst gefangen. Wir hatten um 3 Uhr Nachmittags Ansicht von Udirick und Tegi, welche, wie wir cs bereits mit Zuversicht erkannt hatten, die in: vorigen Jahre von uns gesehenen Gruppen waren. 203 Die anbrechende Nackt zwang uns, die Nähe des Landes zu vermeiden. — Wir fanden uns am Morgen des 13. acht Meilen westwärts getrieben. Wir erreichten bald den Kanal, welcher beide Gruppen trennt, fuhren hindurch und befanden uns vor Mittag in ruhigem Wasser unter dem Winde von Udirick. Kein Thor im Riffgehcge war dem Rurik zum Eingang in das Innere der Gruppe gerecht. Lamari mußte hier sein, und es lag uns daran, den gewaltigen Machthaber dieses neptunischen Reiches kennen zu lernen, der von seiner Wiege, der Gruppe Arno, ausgehend den Norden von Radack kraft des Faustrechtes unter seine Alleinherrschaft vereiniget hatte. Mehrere Segel ließen sich blicken und kamen, das Riff durchkreuzend, in das freie Meer heraus. Zwei Boote nahten sich zuerst dem Rurik; die darauf fuhren, erkannten alsbald unfern Freund und riefen ihn laut beim Namen, mit Vorgesetzter Vorschlagsylbe La Kadu!*) Alle Scheu war bezwungen; sie kamen heran, sie stiegen auf das Verdeck. Unter diesen Männern befand sich der Schicksalsgefährte Kadu's, dessen ich in meinen Bemerkungen und Ansichten erwähnt habe, der greise Häuptling aus Eap, der sogleich den Vorsatz faßte, bei uns zu bleiben, und fast nur mit Gewalt davon abzubringen war. Kadu trug zu diesem Manne, der ihn doch vom Rurik verdrängen wollte, ein sanft Erbarmen, und beschäftigte sich noch später mit dem Gedanken, Nachricht von ihm und seinem jetzigen Aufenthalte nach Eap gelangen zu lassen. Ich stieg mit Kadu auf eines der Boote der Eingeborenen, in der Absicht, auf der Insel zu landen. Bald nachdem wir vom Schiffe abgestoßen, langte bei demselben Lamari auf einem andern Boote an und stieg sogleich auf das Verdeck. Ein stattlicher dicker Herr mit einem schwarzen langen Barte und mit einem größeren *) Bei dem gleichlautenden Anfänge aller ManneSnamcn auf Radack, der hier angeführten radackischcn Sbrachweise des Vianiens Kadu, und der schwankenden Aussprache der Mitlanter L und R. möchte vielleicht der Name nnserS Freundes auf Otdia richtiger Larick als Rarick geschrieben werden. Doch entbehrt auch der Name „Wongusagelig" der bräuchlichcn Vorschlagsylbe. 204 » und einem kleineren Auge. Von seinen Genossen sollen keine äußerlichen Unterwürfigkeitsbezeigungcn gegen ihn statt gefunden haben. Wir indeß lavirten vor dein Riffe, über welches bei hohem Wasser zu fahren sich auch diese Boote nicht zu getrauen scheinen. Wir nahten uns endlich der Insel, zu welcher zwei Mann durch die Brandung hinüber schwammen. Hier kam uns Lamari nach und unterhielt sich mit uns. Ich sah von allen Booten nur ein einziges zu dieser Stunde von dem freien Meer in das innere Becken hineindringen, da doch alle leicht hinaus gesegelt waren. Dasjenige, worauf ich stand, war neu reparirt; es trug vierzehn Menschen, ohne zu den größten gerechnet werden zu können. Wir kehrten mit etlichen Cocosnüssen an das Schiff zurück. Es war Nachmittag. Kadu, dem noch einmal ernst vorgestellt wurde, daß wir jetzt Ra- dack verließen, um nicht wieder dahin zurück zu kehren, beharrtc unerschütterlich bei seinem Entschlüsse. Er vertheilte seine letzte Habe unter seine Gastfreunde. Wir warteten nicht auf das, was uns diese Insulaner noch an Früchten versprachen. Wir nahmen unfern Cours nach Bigar. Das unbewohnte Riff Bigar, das, nach der Aussage der Radacker, im N. O. von Udirick liegt und von ihren Seefahrern von dieser Gruppe aus des Vogel- und Schildkröten-Fanges wegen besucht wird, war für uns unerreichbar. Wir kämpften zwei Tage laug gegen den Wind an; die im Norden von Radack ausnehmend starke westliche Strömung des Meeres brachte uns am 14. März 26 Meilen, am 15. 20 Meilen von unserer Rechnung nach Westen zurück; wir verloren gegen den Wind, anstatt zu gewinnen, und gaben, von diesen Seefahrern, die wir „Wilde" nennen, in unserer eigenen Kunst überwunden, das fernere Aufsuchen von Bigar auf. Man könnte auf die Vermuthung kommen, die Radacker hätten uns die Richtung, in welcher sie steuern, um nach Bigar zu gelangen, als diejenige angegeben, in welcher dieses Riff wirklich liegt, und dasselbe habe uns im Westen gelegen, als wir es noch im Osten gesucht. Da müßten hinwiederum dieselben Geographen, von Bigar aus, der Gruppe Udirick eine um so viel östlichere Lage anweisen. Auf jeden Fall setzt die Reise hinüber und herüber eine hinreichende 205 Kenntniß der Strömung und eine zuverlässige Schätzung ihrer Wirkung voraus. Wir nahmen unfern Cours nach den von Kapitain Johnstone auf der Fregatte Cornwallis im Jahre 1807 gesehenen Inseln. Häufige Seevögel, deren Flug Kadu am Abend beobachtete, schienen uns dahin zu leiten. Wir sahen diese Inseln am 19. März 1817. Die sichelförmige öde Gruppe hat von Nord in Süd eine Länge von 13s^ Meilen. Herr von Kotzebue setzt auf seiner Karte die Mitte derselben in 14° 40' N. B., 190° 57' W. S. Der Lieutenant Schischmareff, auf einem Boote auögesandt, fand kein Thor in dem wallartigen, nackten Riffe, das sie unter dem Winde begrenzt. Ein Haifisch von außerordentlicher Größe biß indessen an der Angel. Angeregt durch die Hoffnung, uns die ansehnliche Beute zu sichern, zog sich Kadu aus, bereit, hülfebringend in die See zu springen. Das Unthier riß sich mit der Angel los und entkam uns. Wir setzten unsere Fahrt nach Norden fort. Von Radack nach Unalaschka. Nordfahrt; die Inseln St. Paul, St. George, St. Laurenz; der Zweck der Reise wird aufgegeben. Aufenthalt zu Unalaschka. Wir hatten am 13. März 1817 Udirick von Radack, und am 19. daS letzte zu demselben Bezirke Polynesiens gehörige Riff gesehen ; wir wandten uns von einer heitern Welt dem düstern Norden zu. Die Tage wurden länger, die Kälte wurde empfindlich, ein nebelgrauer Himmel senkte sich über unsere Häupter, und das Meer vertauschte seine tief azurne Farbe gegen ein schmutziges Grün. Am 18. April 1817 hatten wir Ansicht von den alcutischen Inseln. Der eigentliche Zweck der Reise lag vor uns; über Unalaschka hinaus eilten die Gedanken dem Eismeere zu. Frischen Sinnes und voller Thatcnlust versprachen wir uns alle, Offiziere und Mannen, die wir Freude an der Natur gehabt, jetzt Freude au uns selber zu haben während dieses ernsteren Abschnittes unserer Reise und unseres Lebens. Nicht ohne Reiz war für mich die Gegenwart. Das Ergebniß von Kadu's Aussagen über die ihm bekannte Welt, von den Pelew- Jnseln bis Radack, liegt in ineinen Bemerkungen und Ansichten dem Leser vor. Aber das dort Ausgezeichnete zur Sprache zu bringen und zu ermitteln, das war die Aufgabe, das war die lustvolle Plage dieser Zeit. Erst mußte das Mittel der Verständigung erweitert, ausgebildet und eingeübt werden. Die Sprache setzte sich aus den Dialekten Polynesiens, die Kadu redete, und wenige» europäischen Wörtern und Redensarten zusammen. Kadu mußte zu verstehen und, was schwieriger war, Rede zu stehen gewöhnt werden. Sächliches und Geschichtliches konnte bald abgehandelt werden, und die 207 Erzählung war ohne Schwierigkeit. Was aber verbarg nicht noch der Vorhang? Kadu mußte ausgefragt werden — feine Antwort überschritt die Frage nicht. Naturhistorische Bilderbücher beseitigten manche Zweifel über fragliche Gegenstände. — Auf den Grund des Briefes des Paters Cantova über die Carolineninseln in den l-et- tres eäiüaiitss ward weiter illguirirt. Da war Kadu's freudiges Erstaunen groß, wie er aus unserm Munde so Vieles über seine heimischen Inseln vernahm. Er bestätigte, berichtete; es bot sich mancher neue Anknüpfungspunkt dar, und jede neue Spur .wurde emsig verfolgt. Aber in gleiches Erstaunen versetzte uns oft auch' unser Freund. Einst sprach ich mit Eschscholtz, während Kadu auf einem Stuhle zu schlummern schien; und, wie manche fremdartige Redensarten sich in unsere Schiffsprachc gemischt hatten, so zählten wir auf spanisch. Da fing Kadu von selber an spanisch zu zählen, sehr richtig und mit guter Aussprache, von eins bis zehn. Das brachte uns auf Mogemug und auf die letzten noch vorhandenen Spuren der Mission von Cantova. Das Land Waghal, von dem die Lieder Kadu's Meldung thaten, das Land des Eisens, mit Flüssen und hohen Bergen, ein von Europäern bewohntes, von den Ca- rolinianern besuchtes größeres Land, blieb uns lange ein Räthsel, und wir erhielten dessen zuversichtliche Lösung erst auf Waghal selbst, das ist auf Guajan, wo wir Don Luis de Torres sogleich mit dem Liede begrüßten, welches auf Ulea seinen Namen verherrlicht, und welches wir von Kadu erlernt hatten, der es noch oft auf den Höhen von Unalaschka gesungen. Ich bitte die, denen ich widersprechen muß, sehr um Verzeihung. Mein Freund Kadu war kein Anthropophage, so schön das Wort auch klingt, und hat uns auch nie für Menschenfresser angesehen, die ihn als Schiffsproviant mitgenommen hätten. Er war ein sehr verständiger Mann, der, falls er diesen verzeihlichen Argwohn gefaßt, nicht so hartnäckig darauf bestanden hätte, mit uns zu reisen. Er hat auch nie Menschen zu Pferde für Centauren angesehen. Er kann in beiden Fällen nur in einen Scherz eiugegangen sein oder selbst gescherzt haben. Es ist wahr, daß er, der uns eben das näher liegende Bigar 208 verfehlen gesehen, gegen das Ende einer so langwierigen Fahrt zu zweifeln begann, ob wir nicht auch das verheißene Land Unalaschka verfehlt hätten. — I'lino Li^ar! „Kein Bigar!" ist sprichwörtlich auf dem Rurik geblieben. — Kadu sah der Veränderung des gestirnten Himmels aufmerksam zu, wie andere Sterne im Norden aufgingen, andere im Süden sich zu dem Meere senkten; er sah uns an jedem Mittag die Sonne beobachten und sah uns nach dem Kompaße steuern; zu wiederholten Malen stieg das Land, wann, wo und wie wir es vorausgesagt, vor uns auf; da lernte er zuversichtlich auf unsere überlegene Wissenschaft und Kunst vertrauen. Diese waren natürlicher Weise für ihn unermeßlich; wie hätte er vermocht, ihre Leistungen zu würdigen und zu vergleichen, und wie zu beurtheilen, was an der Grenze ihres Bereiches lag. — Die Kunde von dem Luftballe und der Luftschifffahrt, die ich ihm gab, schien ihm nicht unglaublicher und fabelhafter als die von einer pferdegezogenen Kutsche. Haben wir aber auch selber einen andern Maßstab für diese Würdigung, als das Gewohnte und Ungewohnte? Dünkt uns nicht, was alltägig für uns geworden ist, eben darum der Beachtung nicht Werth, und aus demselben Grunde das Unerreichte unerreichbar? — Scheint es uns nicht ganz natürlich, daß ein Knabe die Gänse auf die Weide treibt, und märchenhaft, daß man davon rede, den Wallfisch zu zähmen? Kadu sah uns auf Unalaschka und überall, wo wir landeten, alle Erzeugnisse der Natur beachten, untersuchen, sammeln, und verstand viel besser, als Unwissende unseres Volkes, den Zusammenhang dieser unbegrenzten Wißbegierde mit dem Wissen, worauf unsere Uebermacht beruhte. Ich zog einst im Verlauf der Reise zufälliger Weise einen Menschenschädel aus meiner Kope hervor. Er sah mich fragend an, und sich an seiner Verwunderung zu ergötzen, thaten Eschscholtz und Choris ein Gleiches und rückten mit Todtenköpfen gegen ihn an. Was heißt das? frug er mich, wie er es zu thun gewohnt war. Ich hatte gar keine Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß es uns daran läge, Schädel von den verschieden gebildeten Menschenstämmen und Völkern unter einander zu vergleichen, und er versprach mir gleich von selber, mir einen Schädel von seinem Menschen- 209 stamm auf Radack zu verschaffen. Die kurze Zeit unseres letzten Aufenthaltes auf Otdia war mit anderen Sorgen ausgefüllt, und es konnte von jenem Versprechen die Rede nicht sein. Ich werde mit wenigen Worten über unsere Fahrt nach Una- laschka berichten. Wir steuerten nach Norden und etwas westlicher, um den Punkt zu erreichen, wo wir im vorigen Jahr Anzeige von Land gehabt hatten. Am 21. März mochte uns die Insel Wakers in N. O. liegen, die zu erreichen der Wind uns ungünstig war. Viele Seevögel wurden gesehen, deren Flug am Abende, dem Winde entgegen, unfern Cours etwas ostwärts durchkreuzte. Sie gehen ans Land schlafen, sagte Kadu. Ich bemerkte jedoch, daß nicht alle Vogel derselben Züchtung folgten, und der abweichende Flug anderer Unzuverlässigkeit in die Beobachtung brachte. Die Sccvögel begleiteten uns noch am folgenden Tage. Den 23. März verloren wir den Passat in 20" 15" N. B., 195" 5" W. L. Wir mußten in den nächsten Tagen erfahren, daß wir außerhalb der Wendekreise uns befanden; der unbeständige Wind wuchs bald zum Sturm an und legte sich bald zur gänzlichen Windstille. Die Kälte ward bei 15" R. empfindlich. Wir waren am 29. März in 31" 39" St. B., 198" 52" W. L.- in dem Mccrstriche, wo wir, nach den vorjährigen Erfahrungen, Land vermutheten; jetzt deutete nichts darauf. Wir steuerten jetzt gerade »ach Unalaschka. Wir hatten von hier an bis znm 5. April, 35" 35" N. B., 191" 49" W. L., einen ausnehmend starken Strom gegen uns, der uns zwischen 20 und 35 Meilen den Tag nach S. W. zurück trieb. Am 30. ließ sich ein Pelikan auf dem Schiffe fangen. Wir lavirtcn vom 31. März bis zum 2. April, zwischen 34° und 35" N. B. und 194" und 195" W. L., gegen den Nordwind und den Strom in einem dunkelgrünen Meere. Wenige Seevögel, viele Walisische wurden gesehen. Diese, obgleich dem Kadu nicht unbekannt (wir haben selbst einen IS^seter bei den Riffen von Radack gesehen), hatten für ihn einen ausnehmenden Reiz. IU. 14 — 210 — Wir hatten am 3. April Windstille. Ein schwimmender Kopf (ein Fisch, 1'strorton Llola L., der aber kein ist), der unbeweglich auf der Oberfläche des Wassers zu ruhen schien, wurde von einem auögesetzten Boote harpunirt und versorgte uns und die ganze Mannschaft auf mehrere Tage mit einer sehr köstlichen frischen Speise. Das Fleisch desselben ist fest und an Geschmack sehr ähnlich dem Krebse. Wir hatten zur Vorsicht, wegen der zweideutigen Verwandtschaft dieses Fisches mit giftig geglaubten Tetroden-Arten, die Leber und das Eingeweide einem Schweine vorgeworfen. Zahlreiche Wallfische spielten um das Schiff. Wo sie Wasser spritzen, bleibt von dem ausgeworfenen Thran eine glatte Spiegelfläche auf dem Wasser. Am 4. steuerten wir bei Nordwind nach Osten. Ein Reiher umkreiste im Fluge das Schiff und verfolgte uns einige Zeit. Zahlreiche Flüge von Seevögeln zeigten sich. Flößholz und ein Kreuz von Bambus, das mit Schnüren zusammengefügt war, trieben an uns vorbei. Drei schwimmende Köpfe wurden gesehen. Am 5. Morgens ward ein zweiter schwimmender Kopf harpunirt. Das ganze Fleisch, Knorpel und Haut war ausnehmend stark phosphorescirend; ich konnte noch nach einigen Tagen bei dunkler Nacht im Scheine des Maxillar-Knvchens, den ich aufbcwahrt hatte, die Zeit an der Uhr erkennen. Wir hatten den Tag über fast Windstille. Es zeigten sich rothe Flecken im Meere, die, wie westlicher im selben Meere am 6. Juni 1816, von kleinen Krebsen herrührten. Am Abend frischte der Wind aus Süden, wir führten alle Segel. Am ll., nachdem wir mit wechselnden Winden vier Tage ohne Mittags-Observation gefahren, fanden wir uns durch den Strom, der bis dahin nach Süden gesetzt hatte, beiläufig um einen Grad nördlich von unserer Schiffsrechnung versetzt. Der große Sturm bei Unalaschka, berüchtigten Andenkens, ist auf dem Rurik zu einem Sprichwort geworden, welches sich, wenigstens in meiner Familie, über die Jahre der Fahrt hinaus erhalten hat. Merkwürdiger Weise scheint dieser Sturm einige 211 Verwirrung in unsere sonst übereinstimmende Zeitrechnung gebracht zu haben. Herr von Kotzebne sagt: „Der 13. April war der schreckliche Tag, welcher meine schönsten Hoffnungen zerstörte. Wir befanden uns an demselben unter dem 44" 30" N. B. und 181" 8" W. L. Schon am 11. und 12. stürmte es heftig mit Schnee und Hagel; in der Nacht des 12. zum 13. brach ein Orkan aus; die ohnehin hochlaufendcn Wellen thürmten sich in ungeheuren Massen, wie ich sie noch nicht gesehen; der Rurik litt unglaublich. Gleich nach Mitternacht nahm die Wuth des Orkans in einem solchen Grade zu, daß er die Spitzen der Wellen vom Meere trennte und sie in Gestalt eines dicken Regens über die Fläche des Meeres herjagte. — Eben hatte ich den Lieutenant Schischmareff abgelöst; außer mir waren noch vier Matrosen auf dem Verdeck, von denen zwei das Steuer hielten, das übrige Kommando hatte ich, der Sicherheit wegen, in den Raum geschickt. Um 4 Uhr Morgens staunte ich eben die Höhe einer brausenden Welle an, als sie plötzlich die Richtung auf den Rurik nahm und mich in demselben Augenblicke besinnungslos niederwarf. Der heftige Schmerz, den ich beim Erwachen fühlte, ward übertäubt durch den traurigen Anblick meines Schiffes, das dem Untergang nahe war, der unvermeidlich schien, wenn der Orkan noch eine Stunde anhielt; den» kein Winkel desselben war der Wuth jener gräßlichen Welle entgangen. Zuerst fiel nur der zerbrochene Vordermast (Bugspriet) in die Augen, und man denke sich die Gewalt deü Wassers, welche mit einem Stoß einen Balken von zwei Fuß im Durchmesser zersplitterte; dieser Verlust war um so wichtiger, da die beiden übrigen Maste dem heftigen Hin- und Herschlendern des Schiffes nicht lange widerstehen konnten, und dann keine Rettung denkbar war. Dem einen meiner Matrosen hatte die Riesenwelle ein Bein zerschmettert; ein Unteroffizier ward in die Se geschleudert, rettete sich aber, indem er mit vieler Geistesgegenwart ein Tau umklammerte, das neben dem Schiffe herschleppte; das Steuerrad war zerbrochen, die beiden Matrosen, welche es hielten, waren sehr beschädigt, und ich selbst war mit der Brust gegen eine Ecke geschleudert, litt sehr heftige Schmerzen und mußte einige 14* 212 Tage das Bett hüten. Bei diesem furchtbaren Sturme hatte ich Gelegenheit, den unerschrockenen Muth unserer Matrosen zu bewundern; aber keine menschliche Kraft konnte Rettung herbeiführen, wenn nicht, zum Glück der Seefahrer, die Orkane nie lange anhielten." Choris ist in diesem Theile der Reise bis zur Ankunft in Una- laschka um einen Tag zurück. Ich selbst habe in mein Tagebuch unter dem 15. April notirt: „Freitag den 11. April fing der stärkste Sturm an, den wir je erfahren. — Außerordentliche Größe der Wellen. — Eine zerschlug in der Nacht zum Sonnabend (vom II. zum 12.) den Bugspriet. Der Sturm dauerte den Sonntag durch; am Montag, den 14. ward erst die Kajüte wieder Helle. Am Abende ward der Wind wiederum bis zum Sturme stark. — Am 15. noch sehr schars; wir genießen jedoch das Tageslicht. Heute der erste Schnee. — In diesen Tagen ward Vieles von Kadu hcr- ausgebracht u. s. w." Nachdem die Welle eingeschlagen, ließ der Kapital» das Kielwasser messen, um zu erfahren, ob vielleicht das Schiff von der Erschütterung leck geworden. Das geschieht, indem man ein Loth in eine der Pumpenrohren hinab läßt. Der junge Unteroffizier, der den Befehl erhalten, ein Mann, der sich vor unseren tapfern Matrosen nicht durch größere Unerschrockenheit auSzeichnete, berichtete leichcnbleich, das Schiff sei ganz voll Wasser. — Die Sache war zu interessant, um nicht genauer untersucht zu werden, — die Leine nur oder die Rohre war naß gewesen; cs ergab sich, daß gar kein Wasser in daS Schiff eingedrungen. Ich vermisse unter meinen Papieren etliche Stanzen, die mir der Müßiggang eingegeben hatte. Ich kann mich nur auf die erste besinnen, die hier der Kuriosität halber eine Stelle finden mag. Man macht wenig deutsche Verse auf und bei Unalaschka. So wüthc, Sturm, vollbringe nur dem Thun, Zerstreue diese Planken, wie den Mast, Den wohlgefügten, mächl'gen, eben nun Du leichten Spieles schon zersplittert hast! Da unten, mein' ich, wird ein Mensch doch ruhn; Da findet er von allen Stürmen Nast. 213 Was kracht »och? Gut! die Welle schlug schon ein? Fahr' hin! es ist geschehn, wir sinken. — Nein, Wir sinken nicht! Geschaukelt wird annoch, Getragen himmelan der enge Sarg; Kadu, der, ein anderer Odysseus, ein vielbcwegtes, thaten- und abenteuerreiches Leben zwischen den Wendekreisen auf einem Meerstrich geführt, dessen Ausdehnung beiläufig der Breite des atlantischen Ocean's glcichkommt, und nie das flüssige Lazur des Wassers erstarren, nie das üppige Grün deS Waldes verwelken gesehen, — Kadu sah in diesen Tagen zum ersten Mal das Wasser zum festen Körper werden nnd Schnee satten. Ich glaube, daß ich ihm das gräßliche Märchen unseres Winters nicht vorher erzählt hatte, um nicht von ihm, wenigstens bis zu der traurigen Erfüllung meiner Worte, für einen Lügner gehalten zu werden. Am 17. April versprachen wir unserm Freunde auf den andern Tag Ansicht vom Lande, das wir ihm mit seinen hohen, zackigen, weiß schimmernden Gipfeln beschrieben. Der Wind ließ nach, und die Kette der alcutischen Inseln ward erst am Abend des 18. sichtbar. Wir befanden uns im Westen von Unalaschka. Der Schnee war auf den südlichen Niederungen geschmolzen. Die Wallfische, die sich hier den Sommer über aufhalten, waren noch nicht eingc- troffen; dieselben vermuthlich, denen wir zwischen 45" und 47" N. B. begegnet waren. Wir hatten in dieser frühen Jahreszeit im Norden deS großen Ocean's weniger anhaltende Nebel gehabt als im vorigen Jahre, wo wir denselben Mecrstrich im Mai und Juni befuhren. Einen merkwürdig herrlichen Anblick gewährten am 21. April beim Sonnenaufgang die weißen Schneeberge von Ilmnack in blutrotstem Scheine auf dunkelm Wolkengrunde. Wir versuchten an diesem Tage den Durchgang zwischen Ilmnack und Unalaschka. Der Wind änderte sich, und Schneegestöber umdunkelte uns. Unsere Lage sott nicht ohne Gefahr gewesen sein. „Schon konnten wir die Stunde unsers Untergangs berechnen, als der Wind sich Plötzlich rettend 214 wandte", sagt Herr von Kotzebue. Wir gewannen während der Nacht das hohe Meer südlich von Nnalaschka. Wir suchten am 22. nnd 23. bei Hellem Wetter und schwachem Winde, der uns oft gänzlich verließ, den Durchgang östlich von Una- laschka zu erreichen. Wir fuhren am 24. grade vor dem Winde, der zu frischen begann, durch die Straße von Nnalaschka und Unalga. Wir hatten den Strom gegen uns, der reißend und einer Brandung zu vergleichen war. Wir riefen eine vierzehnruderige Baidare, die sich blicken ließ, mit einem Kanonenschüsse herbei; sie erreichte uns, als wir um die Felsenspitze in Windstille lagen. Der Wind schwoll zum Sturm an, mit unendlichem Schneegestöber. Wir warfen Anker in der Bucht und wurden am 25. in den innern Hafen hinein bugsirt, wo wir vor der Ansiedelung Jlliuliuk nahe am Ufer vier Anker auswarfen. Der vergangene Winter hatte sich vor andern ausgezeichnet durch die außerordentliche Menge deS Schnees, der gefallen war. Noch lag er tief auf den Abhängen; noch war die Natur nicht erwacht, noch blühte keine Pflanze, als die Rauschbeere (Lmpetmm niZrum) mit winterlichen, dunklen, fast purpurnen Blättern. Gegen die Mitte Mai zog sich der Schnee allmälig auf die Hügel zurück. Gegen den 24. lockte die Sonne die ersten Blumen hervor, die Anemonen, die Orchideen. Gegen das Ende Mai fiel frischer Schnee, der sich einige Zeit auf den Bergen erhielt, und es fror zu Nacht. Mit dem Juni begann die Blüthezeit. Das Schiff, dessen Bugspriet nah am Fuße gebrochen war, dessen andere Masten schadhaft, dessen Tauwerk morsch, dessen Kupferbeschlag abgerissen nur noch den Lauf hemmte, mußte abgeladen, abgetakelt und gekielt werden. Der alte Bugspriet mußte, verkürzt und zusammengefügt, in Stand gesetzt werden den Dienst zu verrichten. Es gab viel zu thun, und es wurde ungesäumt an das Werk geschritten. Was der Kapitain zu seiner Ausrüstung auf unsere zweite Nordfahrt verlangt hatte, war theils bereit, theils im Werke und gedieh bald zur Vollendung. Den 27. Mai langten aus Kadiack zwei Dolmetscher an, welche die Dialekte der nördlichem Küstenvölker Ame- 215 rika's, bei denen sie gelebt hatten, redeten und sonst verständige, brauchbare Leute zu sein schienen. Der Kapitain war ans Land zu Herrn Kriukoff, dem Agenten der Compagnie, gezogen, und wir hatten da unscrn Tisch. Wir selbst wohnten auf dem Schiffe. Alle Sonnabende ward das erfreuliche Dampfbad geheizt. Wir lebten meist von Fischen (Lachs und eine Riesen-Butte). — Wahrlich, wahrlich! die schlechteste Nahrung, die es geben kann. Ein großer Krebs (Nasa vulgaris) war das Beste, was auf unfern Tisch kam, und wirklich gut. Wir waren auf vegetabilische Nahrung lüstern. Das einzige Gemüse, das wir zur Genüge hatten, war eine große Rübe; wir ließen sie uns, in Wasser abgekocht, trefflich schmecken. Man sucht sonst wildwachsende Kräuter auf; etliche Schirmpflanzen, etliche Kreuzblumen, etliche Ampferarten und die jungen Sprößlinge der llvull.nrin awxlsxikolia, die den Geschmack von Gurken haben. Später im Jahre hatten wir verschiedene Beeren, besondes eine ausnehmend schöne, aber wenig schmackhafte Himbeere (Kudus sxaMa- bilis). Russen und Aleuten essen überall auf ihren Wegen die Stengel von dem Iloi'ncleuiu, welches häufig in den Bergthälern wächst. Herr Kriukoff ließ von seiner kleinen Heerde ein Rind für uns schlachten. Wir kosteten etliche Male Wallfischspcck. Es war für uns eine schlechte, jedoch genießbare Speise. Was aber nicht zu essen war und wirklich ungegessen von unserm Tische abgehoben wurde, dünkt mich des Erwähnenü Werth. Wir hatten von unscrn O-Waihischen Thieren noch ein trächtiges Mutterschwein zum Geschenke für Unalaschka aufgespart, wo übrigens schon Schweine waren und zwar auf einem andere» Theile der Insel, bei Makuschkin. — Das Thier, welches in den ersten Tagen unseres Hierseins seine Jungen warf, wurde mit Fischen gefüttert. Eins der Ferkel kam auf unfern Tisch; die Nahrung der Mutter hatte dem Fleische einen unleidlicheren Thrangestank mitgetheilt, als Wir je an Vögeln oder Säugethieren des Meeres gefunden hatten. Es war zur Sprache gekommen, daß in Hinsicht unseres Tisches und unserer Mundvorräthe nicht zum besten gewirthschaftet worden; Speisekammer und Keller waren in dem Zustande nicht, in welchem 216 sie hätten sein sollen. Um Ordnung darein zu bringen, wurde das Amt einer Schaffnerin unserm Choris zugetheilt, der für dasselbe Neigung und Talent hatte; und wir befanden uns in der Folge sehr wohl bei dieser Einrichtung. Choris sorgte, wie wir im August Unalaschka verließen, für einen Vorrats) von Seevögel-Eiern und von eingesalzenem Ampfer, woran wir uns noch zwischen den Wendekreisen erfreuten. Er verschaffte sich zu Hana-ruru und zu Manila von andern, uns wohlwollenden Schiffskapitainen manche Zierde und Würze des Mahles, deren wir bis jetzt entbehrt hatten. Er ließ von Zeit zu Zeit auf dem Rurik frisches Brod backen u. s. w. Lauter Dinge, die zur See angenehmer sind, als man es zu Lande glauben kann. Dabei wirthschaftete er mit Sparsamkeit. Aber Freund Login Andrewitsch ging bei den einzuführenden Reformen mit einem durchgreifenden Diensteifer zu Werke, wodurch er die Wichtigkeit seiner neuen Stellung auf eine mir nicht ganz zusagende Weise beurkundete. Ich fand nämlich, als ich Abends von den Bergen herabkam, wo ich in Amtsgeschäften, botanisirend, die Tischzeit versäumt hatte, die Schränke verschlossen und Verordnungen zu dem Zwecke erlassen, mir ein Stück Zwieback und einen Schluck Branntwein, das Einzige, waS ich bescheiden ansprach, unzugänglich zu machen; und so sollte es werden und bleiben. — Gasthäuser und Restaurationen findet man ans Unalaschka nicht. Ich konnte mieb bei der neuen Ordnung nicht beruhigen. — Ich glaube, daß unser wackerer Sickoff, der auch eine Autorität auf dem Schiffe war, sich ins Mittel legte und zu Gunsten meiner den Starrsinn des Reformators beugte: die Sache kam von selbst in ein besseres Geleise, und ich hatte den Hunger nicht mehr zu befürchten. — Herr Kriukoff erwies sich gegen den Kapitain in außeramtlichen sowohl als in amtlichen Verhältnissen von einer untcrthanigen Dienstfertigkeit, die sehr weit ging. Er hatte ihm, dem Mächtigeren, mit Beeinträchtigung der Ansprüche von Choris gedient, welcher es ihm nicht vergaß und sich darbietende Gelegenheiten gern ergriff, ihm auf die Hühneraugen zu treten. Die Erinnerungen an Unalaschka sind mir eben so betrübend, wie die an Radack erheiternd sind. — Ich möchte über den Schmutz den Vorhang ziehen. 217 DaS bräuchliche Geschenk, was man hier einem Schiffskapitain macht, andere Notabilitäten verirren sich wohl nicht auf diese Insel, besteht in einer feiner gearbeiteten Kainlaika, deren Verzierungen wirklich bewunderungswürdig sind. Dieses Geschenk kostet den Vorstehern bloS die Arbeit der armen aleutischen Mädchen, die nichts dafür bekommen als einige Nähnadeln und — hoch im Werth gehalten, wie Gold und Edelsteine — ein Stück rochen Fries, von der Größe der Hand. Die Hälfte davon wird aber an der Kam- laika selbst verbraucht und verarbeitet. Die Näthe werden mit ganz feinen Friesfranzcn zierlich besetzt. Kriukoff hatte nicht ermangelt, dem Kapitain und auch seinem Lieutenant, und endlich auch seinen Passagieren, jedem eine Kam- laika zu verheißen. Es kam ihm später vor, als sei eben kein Grund vorhanden, sich meinetwegen in Unkosten zu setzen. Die andern erhielten ihr Geschenk, und ich wurde übergangen. Login Undrcwitsch vahm die Gelegenheit wahr und sagte ihm mit einer gewissen Autorität, er möge Adelbcrt Loginowitsch ja nicht vergessen. — Ich erhielt nachträglich meine Kamlaika, und Login Andrewitsch holte sich den Dank bei mir ein. Kriukoff erzählte dem Herrn von Kotzebue von einem hundertjährigen Meuten, der auf der Insel lebte. Der Alte ward auf den Wunsch des russischen Kapitains vorgeladen und kam aus feinem entfernten Wohnort vor ihn. Eine fast mythische Figur, auS den Zeiten der Freiheit her, die Schicksale seines Volkes überragend, jetzt vor Alter blind und gebrochen. Der Kapitain, ein gewaltiger Machthaber auf dieser russischen Insel, ließ ihn seiner Gnade versichern; was in seiner Macht stehe, wolle er für ihn thun. Er möge sich ein Herz fassen und seinen kühnsten, während seines langen Lebens unerreicht gebliebenen Wunsch aussprechen. Der Alte erbat sich ein Hemd: er habe noch keines besessen. Während unseres Aufenthaltes auf Unalaschka schossen die Menten Vögel und balgten sie für uns aus. DaS Berliner Museum verdankt Herrn von Kotzebue und seinem Eifer für die Wissenschaften die beträchtliche Sammlung nordischer See- und Raubvögel, die cs von mir erhalten hat. Ohne die Hülfe des Kapitains und die 218 Befehle, die er geben ließ, hätte ich hier für die Ornithologie wenig gethan und gesammelt, zumal, da ich meine englische Doppelflinte dem Gouverneur von Kamtschatka überlassen, von welchem den bedungenen Preis abzuholen der später veränderte Plan der Reise mich verhinderte. Ein paar große Kisten Vogelbälge wurden zu Una- laschka gepackt. — Wann überhaupt während des Verlaufes der Reise meine Koye sich mit Gesammeltem überfüllte, ließ der Kapi- tain Kisten machen, die er wohlgcpackt, vernagelt und »erpicht in Verwahrung nahm. Von den erfahrensten Meuten ließ ich mir die Wallfischmodelle verfertigen und erläutern, die ich in dem Berliner Museum niedergelegt und in den Verhandlungen der Akademie der Naturforscher, 1824, D XII. U. I. abgebildet, beschrieben und abgehandelt habe. Für diesen Theil der Zoologie ist jede Nachricht schätzbar. Nach unserer Rückkunst auf Unalaschka ward in unserer Nähe ein Wallfisch von der Art Xliomook von den Meuten zerlegt. Das unappetitliche Werk wird so emsig von vielem Volke betriebendaß der Naturforscher sich cinzumischen keinen Beruf fühlt. Wir haben den Schädel des Thieres nach St. Petersburg gebracht. Es fehlt auf Unalaschka an Feuerung; da wächst kein Baum, und das Treibholz wird nicht in Ueberfluß angespült. Der Torf müßte den Mangel ersetzen, aber die Menschen wissen ihn nicht aufzufinden und zu benutzen. Es fehlt mehr an der Technik als an der Natur. Ich hatte zu der Zeit noch kein Torfmoor untersucht und noch nicht über den Torf geschrieben*). Ich würde jetzt den Torf sicherer unter der Bunkerde zu finden wissen und mit nachdrücklicherem Rath das Vorurtheil bekämpfen, welches den Menschen so schwer macht zu thun, was sie noch nicht gethan haben. Obiger naturhistorischer Zeitung hänge ich ein Feuilleton an. Ein Sohn von Kriukoff, ein munterer Knabe, war von Unalaschka aus nach Ummack gekommen; so weit war für ihn schon die Welt. Er hatte daselbst Bäume gesehen, ja er war auf einen Baum hinauf geklettert und hatte sich auf dessen Zweigen gewiegt. Das er- °) Zn Karsten's Archiv für Bergbau, Band V., VIH. und Xl. zählte er uns mit großem Stolze, aber auch mit nicht geringer Furcht, ob der seltsamen Kunde für einen Lügner zu gelten, und gab sich alle Mühe, uns glaubhaft zu erläutern, was ein Baum sei. Auf den aleutischen Inseln kommen keine Amphibien vor, und die Naturgeschichte von Unalaschka weiß von keinem Frosche. Nichts desto weniger kam einmal in dem chinesischen Zuckersprup, welcher daselbst verbraucht wird, ein wohlerhaltener, großer Frosch zum Vorschein. Es war schon viele Jahre her, aber man sprach noch davon, und ob es ein kleiner Mensch gewesen, so ein Wilder, ein junger Waldteufel, oder sonst eine Kreatur, darüber war man noch uneinig. Ich verbrachte meine Tage auf den Bergen. Kadu, nachdem er den Seekohl dieses MeereS (Uiicus esenlentns) für Bananenblätter anzusehen aufgehört hatte und sich ungern bereden lasten, cs würde vergeblich sein, Coeosse an diesem unwirthbaren Strande zu pflanzen, las am Hafen für feine Freunde auf Radack Nägel und vernachlässigtes Eisen auf, wählte für sie unter den meerbespülten Geschieben sorgfältig diejenigen aus, die sich am besten zu Schleifsteinen eigneten, ging von weitem den Rindern auf der Weide nach, setzte sich auf die nächsten Hügel und sang sich Lieder von Ulea und von Radack vor. Er begehrte mit unseren Feuergewehren umgehen zu lernen, und Eschscholtz übernahm den Unterricht. Zu dem Ende ward vom Schiffe eine alte schlechte Flinte verabreicht. Beim ersten Schüsse, den unser Freund that, brannte das Pulver zu dem Zündloch langsam heraus, während er wacker im Anschlag liegen blieb und nicht wußte, was er versehen habe, um nicht wie der Kapitain einen guten Knall heraus zu bekommen. Ich weiß nicht, ob der Unterricht mit besserer Flinte wieder vorgenommen ward, wenigstens ist unser friedlicher Kadu kein Schütze geworden. Wir hatten einen Sohn von Herrn Kriukoff und fünfzehn Meuten; Baidaren, große und kleine; gesalzene und gedörrte Fische (Stockfisch) an Bord genommen. Der Rurik war segelfertig. Wir hatten vergebens auf die Ankunft eines Schiffes aus Sitcha gehofft, uns mit Manchem, woran wir Mangel litten, zu versorgen. Wi- 220 drige Winde hielten uns ein paar Tage im Hafen zurück, an dessen Eingänge wir in Windstille auf der Scheidelinie zweier einander entgegengesetzten Winde vor Anker lagen. Vor uns blies der Wind von der See her, hinter uns hingegen, im innern Hafen zwischen der kleinen Insel und dem Hauptlande, seewärts. Wir gingen am Sonntag, den 29. Juni 1817 nach unserer Schiffsrechnung (einen Tag später nach der Rechnung der Insel) unter Segel. Wir sollten auf unserer Nordfahrt auf den Inseln St. George und St. Paul durch die Agenten der Compagnie, welche den dortigen Ansiedelungen unter Herrn Kriukoff vorstehen, auf Anweisung von diesem mit Manchem, woran wir Mangel litten, versehen werden. Auf beiden Inseln, welche im Meerbecken im Norden der aleutischcn Inselkette vereinzelt liegen und sonst unbewohnt waren, werden von wenigen Russen und mehreren anzcsiedelten Aleuten die Heerden von Seelöwen und Seebären, welche ihren Strand besetzen, bewirthschaftet und die Compagnie zieht aus denselben einen sichern und beträchtlichen Ertrag. Beide Inseln sind ohne Hafen und Ankerplatz. Bei Hellem Wetter und günstigem Winde kamen wir am 30. Juni Nachmittags in Ansicht der Insel St. George, näherten uns derselben, meldeten uns durch einen Kanonenschuß an und la- virten die Nacht über. Am Morgen des 1. Juli holte uns die große Baidare der Ansiedelung an das Land. Einen gar wundersamen Anblick gewährt die zahllose Heerde von Seelöwen (U-m m«- rinus Stollsri), die, unabsehbar im Umkreis der Insel und bis unter der Ansiedelung, einen breiten, felsigen, nackten, von Fett geschwärzten Gurt des Strandes überdeckt. Unförmliche, riesige Fett- und Fleisch-Massen, ungeschickt und schwerfällig auf dem Lande. Die Männchen bewachen ihre Weiber und kämpfen gegen einander wü- thend um deren Besitz; jene folgen dem Sieger. Ihr Gebrüll wird sechs Meilen weit zur Sec vernommen. Man kann ihnen bis auf wenige Schritte nahen; sie kehren sich blos gegen die Menschen und brüllen sie an. Nichts hat während der Zeit, die Kadu unter unS zubrachte, seine Aufmerksamkeit so sehr gefesselt und einen stärkeren Eindruck auf ihn gemacht als der Anblick dieser Thicre. Er schloß 221 sich nur an, als ich sie zu besichtigen ging, blieb aber immer etliche Schritte hinter mir zurück. Man tobtet alte Männchen vorzüglich der Haut wegen, die zum Ueberziehcn der Baidaren und Aehnlichem dient; auch werden deren Eingeweide zu Kamlaiken verarbeitet. Junge schlachtet man um des Fleisches willen, das wir selber nicht Übeln Geschmackes gefunden haben. Etliche Menschen mit Stöcken bewaffnet verscheuchen die Alten, und die Jungen, von der See abgeschnitten, werden landeinwärts nach dem Orte hin getrieben, wo sie abgcthan werden sollen. Ein Kind treibt eine Heerde von zwölf bis zwanzig vor sich her. Alte werden mit der Flinte geschossen; sie haben nur eine Stelle am Kopfe, wo der Schuß tödtlich ist. St. George und St. Paul werden von den Russen „die Inseln der Seebären" genannt, weil dieses Thier ihnen den größeren Ertrag liefert. St. George ist aber die Insel der Seelöwen. Nur wenige Familien der Seebären nehmen abgesonderte Stellen des Strandes ein. Es wurden für uns und unsere Mannschaft etliche junge See- löwcn geschlachtet; auch vermehrten nur unsere Norräthe um etliche Fässer Eier, die sich im Thran eine lange Zeit frisch erhalten. Die Nester der Secvögel, die hier ihre Brüteplätze haben, werden regelmäßig geplündert, und die Menschen wirthschaften mit Robben und Bügeln, als seien sie ihnen hörig geworden. Wir hatten am selben Abend Ansicht erst von der Boberinsel, einer Klippe in der Nähe von St. Paul, und dann von dieser Insel selbst. St. George und St. Paul liegen in solcher Nähe, daß die eine Insel von der andern gesehen werden kann. Wir lagen am 2. Juli in Windstille bei Nebel und -Regen in der Nähe der Boberinsel. Das Meer war trüb und schmutzig; häufige Fettflecken darauf spielten in den Farben der Iris. Die Baidaren von St. Paul kamen und gingen zwischen dem Lande und dem Schiffe; vom Ru- rik ward kein Boot, keine Baidare in die See gelassen. Nachmittags erhob sich ein schwacher Windhauch; wir fuhren an der Klippe vorüber und näherten uns der Hauptinscl. Den 3. am frühen Morgen verkündigte ein Kanonenschuß der Ansiedelung, daß wir uns in ihrer Nähe befänden. Eine Baidare ruderte sogleich heran und wir fuhren auf derselben ans Land. Chons und Kadu vcr- 222 säumten dieses Mal die Gelegenheit und blieben auf dem Rurik zurück. Die Insel St. Paul erhält von dem Seebären (Ilrsus mnrimm Ltellori), der zur Zeit, wo die Mütter werfen, ihren Strand in unendlichen Heerdcn besetzt hält, ihre größere Wichtigkeit. Das Feil der Jungen wird als Pelzwerk geschätzt und findet in Cauton einen sichern Markt und feste Preise. Das Männchen ist um das Doppelte größer als das Weibchen, welches sich außerdem durch Gestalt und Farbe sehr unterscheidet. Männchen und Junge sind dunkler, das Weibchen fahler. Ich habe Schädel von beiden Geschlechtern mit- gebracht; sie weichen in der Gestalt sehr von einander ab, doch scheint die Verschiedenheit ihrer Größe geringer als die der Thiere selbst. Der Schädel des Männchens ist gewölbter, der des Weibchens flacher, bei stärkerem Hervortreten der Fortsätze und Ränder, welche die Augenhöhlen bilden. Der Seebär ist gelenkiger als der Seelöwe und bewegt sich ans dem Lande schneller und leichter als er. Das Männchen überschaut von einem erhöhten Sitze den Kreis seiner Familie und bewacht eifersüchtig seine Weiber. Mancher besitzt deren nur eine einzige oder wenige, indem andere gegen ei» halb Hundert beherrschen. Das Weibchen wirft zwei Junge, die mit Zähnen in beiden Kinnladen zur Welt kommen. Die Mutter beißt die Nabelschnur nicht ab, und man sieht die jungen Thiere noch lange die Nachgeburt nach sich ziehen. Ich beschaute und streichelte einen solchen Neugeborenen; er that die Augen auf und setzte sich, wie er mich sah, gegen mich zur Wehre, indem er sich auf die Hinterpfoten erhob und mir sehr schöne Zähne wies. Gleichzeitig nahm der Hausvater Kenntniß von nur und setzte sich in Bewegung, um mir entgegen zu kommen: ,blt gui vous n cku soin <1o mn lni»ills?° Ich versicherte ihn, daß ich es nicht übel gemeint habe, empfahl mich aber und zog mich weiter zurück. Die Sccvögel (klri-,) nehmen zwischen den Familien der Robben die freien Stellen des Strandes ein; sie fliegen ohne Scheu mitten durch die Heerde und vor dem Rachen der Wache haltenden Männchen, ohne sich an deren Gebrüll zu kehren. Sie nisten in unzähliger Menge in den Höhlen der meerbespülten Felsenwände und unter den gerollten Steinen, die längs dem Strande einen Damm bilden. Der Rücken dieses Dammes ist von ihrem Unflath weiß überzogen. Vor St. Paul soll ein Mal ein amerikanisches Schiff erschienen sein, dessen Kapitain mit einem starken Kommando ans Land fuhr, Branntwein hinbringend, womit er gar nicht karg that. Russen und Meuten tranken zur Genüge, aber die Zeit, die sie darauf schliefen, benutzte der freigebige Fremde, Seebären zu schlachten und abzuziehen; so verschaffte er sich seine Ladung. — In solchen Fällen, wo man die Häute zu trocknen keine Zeit hat, werden solche eingesalzen, wodurch sie nichts von ihrem Werth verlieren sollen. Unser Kapitain hatte einen Kompaß ans Land gebracht, um sich die Richtung genau angcben zu lassen, in welcher man sowohl von St. George als von hier aus auf hoher See vulkanische Erscheinungen und Land gesehen zu haben meint. Die Magnetnadel ward auf diesem Boden vulkanischer Eisenschlacke sehr unruhig befunden. — Doch fand sich ein Standpunkt, wo sic ruhig blieb und von dem aus die Richtung jener Erscheinungen S. W. W. bestimmt wurde. In eben dieser Richtung waren wir an- 4. Juli Mittags bei Hellem Wetter und klarem Horizont 60 Meilen von St. Paul entfernt, und kein Land war zu sehen. Wir behielten bis 5 Uhr Abends denselben Cours, und kein Land erschien. Da steuerten wir »ach Norden, um die Ostspitze der St. Lanrenzinsel zu erreichen. Wir hatten bei meist trübem Wetter wechselnde Winde und Windstillen. Am 9. Juli waren wir über die Breite der Insel St. Matwey gekommen, ohne dieselbe sehen zu wollen, und sollten am andern Tage, da der Wind günstiger wurde, Ansicht von der St. Laurenz-Insel bekommen. Wir benachrichtigten davon unfern Freund Kadu. Wir hatten Wallfische und öfters Robben gesehen, etliche Seelöwen schienen an diesem Abend dein Laufe unsers Schiffes zu folgen. In diesem Meere ohne Tiefe, wo wir oft das Senkblei warfen, fingen sich mehrere Kabliau (Linäns) an der Angel und versorgten uns mit frischer Nahrung. 224 Wir sahen am 10. Juli Morgens das Land und steuerten auf das südliche Norgebirge der St. Laurenz-Insel zu. Die Ansicht ist die von einer Gruppe mäßig hoher Inseln, deren Rücken ruhige Linien begrenzen und deren Küsten abstürzig sind. Ader Niederungen vereinigen alle diese Felseninseln und sie erstrecken sich stellenweise von ihnen aus weit in die See. Auf diesen Niederungen sind die Ansiedelungen der Menschen, welche das in stehenden Pfützen und Seen angesammclte Schneewasser trinken. Wir gingen vor Anker und fuhren Nachmittags bei einer Ansiedelung an das Land. Wir hatten uns bewaffnet; Kadu, darüber entrüstet, hatte sich sehr erkundigt, was unsere Meinung sei. Wie er aber vernommen, unsere Gesinnung sei friedlich und wir sorgten blos für unsere Sicherheit unter Unbekannten, so ließ er sich auch einen Säbel geben und schloß sich dem Kapitain au. Nur wehrhafte Männer kamen uns sclbstvertraucnd entgegen, während Weiber und Kinder entfernt wurden. Unsere Dolmetscher machten sich verständlich. Sie gaben Friedenswortc, und Tabak und Glasperlen begründeten ein freundschaftliches Verhältnis). — Die Männer hatten tatuirte Linien um das Gesicht, nebst etlichen Zeichen auf Stirne nnd Wangen. Die Mundknöpfe waren selten und wurden oft durch einen runden tatuirten Fleck ersetzt. Sie waren auf der Scheitel geschoren und trugen einen Kranz längerer Haare um das Haupt (die Aleuten schneiden ihr Haar nicht ab). Sie besitzen das Rcnnthier nicht. Ihre Hunde werden auf Küstenfahrten an die Baidaren gespannt. Ihre Maaren erhalten sie von den Tschucktschen, mit denen sie in Handelsverbindungen sind. Wir betraten ihre Wohnungen nicht. Wir sahen ihre irdenen Gurten längs dein Strande, von den üblichen Gerüsten umragt, unter denen die Hundelöcher sind. Ein Zelt von Häuten war ein Sommeraufenthalt. Wir erfuhren, daß das Eis erst seit drei Tagen (nach meinen eigenen Notaten seit fünf Tagen) aufgegangen war und nordwärts mit dem Strome treibe. Wir fuhren an das Schiff zurück und gingen unter Segel, uin die Insel von der Ostseite zu umfahren. 225 Am Morgen des 11. Juli lavirten wir bei Hellem Wetter und Südwinde. Ich erfuhr, daß man in der Nacht bei der Ostspitze der Insel Eis angetroffen habe, und daß der Kapitain an der Brust litte und bettlägerig sei. Am 12. machte der Kapitain uns und der Mannschaft des Rurik schriftlich bekannt, daß er den Zweck der Reise wegen seiner zerstörten Gesundheit aufgebe und deren Reste dazu verwenden müsse, uns in die Heimath zurück zu führen. — Wir hatten demnach nur noch das bisher Gethane rückwärts abzuwinden. Hier die Worte des Herrn von Kotzebue in seiner Reise, zweiter Theil, S. 105: „Um 12 Uhr Nachts, als wir eben am nördlichen Vorgebirge vor Anker gehen wollten, erblickten wir zu unserem Schreck stehendes Eis, das sich, so weit das Auge reichte, nach N. O. erstreckte und nach N. zu die ganze Oberfläche des Meeres bedeckte. Mein trauriger Zustand, der seit Unalaschka täglich schlimmer wurde, erlitt hier den letzten Stoß. Die kalte Luft griff meine kranke Brust so an, daß der Athem mir verging und endlich Brustkrämpfe, Ohnmächten und Blutspeien erfolgten. Ich begriff nun erst, daß mein Zustand gefährlicher war als ich bis jetzt glauben wollte, und der Arzt erklärte mir ernstlich, ich könnte in der Nähe des Eises nicht bleiben. Es kostete mich einen langen schmerzlichen Kampf; mehr als einmal war ich entschlossen, dem Tode trotzend mein Unternehmen auszuführen; wenn ich aber wieder bedachte, daß uns noch eine schwierige Rückreise ins Vaterland bevorstand und vielleicht die Erhaltung des Rurik und das Leben meiner Gefährten an dem »reinigen hing: so fühlte ich wohl, daß ich meine Ehrbegier unterdrücken mußte; das Einzige, was mich bei diesem Kampfe aufrecht erhielt, war die beruhigende Ueberzeugung, meine Pflicht redlich erfüllt zu haben. Ich meldete dein Kommando schriftlich, daß meine Krankheit mich nöthige, nach Unalaschka zurückznkehren. Der Augenblick, in dem ich das Papier Unterzeichnete, war einer der schmerzlichsten meines Lebens; denn mit diesem Federzuge gab ich einen lang genährten, heißen Wunsch meines Herzens auf." Und ich selbst kann nicht ohne das schmerzlichste Gefühl dieses Hl. 15 226 -unglückliche Ereigniß berühren. Ereigniß, ja! mehr denn eine Thal. Herr von Kotzebue befand sich in einem krankhaften Zustande, das ist die Wahrheit; und dieser Zustand erklärte vollkommen den Befehl, den er Unterzeichnete. Erklärt, sage ich, ob aber auch rechtfertiget, muß erörtert werden. Ein befugter Richter sagt darüber in der Huni-terl/ Rvvieev, (cknmiar/ 1822) Vol. XXIV. p. 363:*) „Wir haben wenig mehr zu sagen von dieser erfolglosen Reise; aber es scheint kaum zu rechtfertigen, sic unter den erwähnten Umständen plötzlich aufgegeben zu haben. Es würde in England nicht geduldet werden, daß die schlechte Gesundheit des kommandirenden Offiziers vorgeschützt werde als ein Grund ein wichtiges Unternehmen aufzugeben, so lange sich noch ein anderer Offizier an Bord befände, der im Stande wäre, das Commando zu übernehmen." Dieses ist auch meine Meinung. Derselbe Richter verdächtiget aber unbillig Offizier und Mannen, durch Entmuthigung dem Befehle entgegen gekommen zu fein. — Ach habe für meinen Theil mit schmerzlicher Entrüstung den Befehl von Herrn von Kotzebue vernommen und mich in meine Instruktionen gehüllt: „Ein Passagier an Bord eines Kriegsschiffes, wo man nicht gewohnt ist, welche zu haben, hatte keinerlei Ansprüche zu machen." Ich habe in den schweigenden, niedergeschlagenen Gesichtern um mich her dasselbe, was in mir vorging, unter der Hülle gewohnter Subordination ebenfalls durchschauen zu sehen geglaubt. Was das ärztliche Gutachten des Doktors Eschscholtz anbetrifft, so hat selbiger die Verantwortlichkeit dafür übernommen; mehr läßt sich nicht sagen. *) kave little morv to otkor ou tdis unLueovsskul vo^axe; dut it appears to us timt Lts adeupt adauäoument ^vas karäh ^ustikeä ander tkv eireumstanevs statecl. It xvoulä not be toleratvd in Rußland, tkat tke i!1 kealtk ok tk.« eommanäinx oküeer skould be ur^vrl as a plea kor xivinx ux an rrnterpri^e ok momvnt, ^vkile tkvro remaineä an otker okkesr on doarä 6t to sueeved Kim.-Lut nv ratker sus^vet, timt ^'ken tke pk^sioian xvarnec! Kim a^aiust axproaeiiin§ tks ies, tke caution vas not nlrolh äisinteresteci ou kis part, auä tkat tke ok6eer5 auä men, litce tke suceessors ok tim immortai Looic, kaä eome to tue eoneiusiou tkat tke iovxest xva^ adout ^vas tiie nearest ^vay kome. 227 Ich habe damals den kranken Herrn von Kotzebue tief bedauert, daß ein Verfahren, welches mir unter ähnlichen Umständen auf Schiffen anderer Nationen beobachtet worden zu sein scheint, ver- inuthlich nicht in den Bräuchen des russischen Seedienstes lag, und der von ihm gefaßte Entschluß nicht berathen, nicht von einem Kriegsrath, zu welchem jeder Stimmfähige auf dem Schiffe zugczogen worden, für nothwendig erkannt und gerechtfertigt worden sei. Ich habe noch eine Zcitlang gehofft, Herr von Kotzebue werde, den Anfall der Krankheit bemeisternd, sich besinnen und den gegebenen Befehl zurückrufen. Darin hätte er Charakterstärke bewiesen, und ich hätte mich in Demuth vor ihm geneigt. Lasset uns übrigens nicht vergessen, daß, obgleich der Rurik die kaiserliche Kriegsflagge trug, Schiff, Kapitain und Mannschaft nur den Grafen Romanzoff als Herrn anerkannten; daß der Graf Romanzoff die Expedition ausgerüstet und nur ihm über den Erfolg derselben Rechenschaft abzulegen war. Herr von Kotzebue hat dem Grafen Romanzoff, von dem seine Instruktionen auögingen, Rechenschaft abgelegt und ihm vollkommen Genüge gethan; mithin ist, was der Graf Romanzoff gut geheißen, gut, und die Frage über das, was sonst hätte geschehen können, eine blos wissenschaftliche. Nun aber fordert ihr, ihr habt nach dem Gesagten das Recht, daß ich euch die Frage nach meiner eigenen Weisheit beantworte und euch sage, was ich denn glaube, daß sonst noch hätte geschehen können. — Aufrichtig gestanden, nicht viel. Wir waren mit einem einzigen dienstfähigen Offizier und zwei Unter-Steuerleuten (auf den dritten war zur Zeit, aus Gründen, die hierher nicht gehören, nicht zu rechnen) sehr schwach, und wenn in der Nacht vom 10. zum I I. Juli das Eis noch zwischen der St. Laurenz-Insel und der amerikanischen Küste anstehend gefunden ward, so »lochte dieser Sommer ungünstiger sein als der vorjährige. Wir hätten uns die nächstfolgenden Tage bei der St. Matwep- Jnsel verweilen können. Das mit dem Strom nordwärts treibende Eis bedrohte uns mit keiner Gefahr; wir hätten demselben auf der asiatischen Seite der St. Laurenz-Insel folgen können und hier schon Vorerfahrungen sammeln von dem, was im Norden aufzu- 15* 228 suchen unsere Bestimmung war. Die St. Laurenzbucht bot uns einen sichern Hafen und köstliche Erfrischungen dar. Wir hätten daselbst von Rennfleisch gelebt, uns mit Rennfleisch verproviantirt und die Zeit abgewartet, wo der Kotzebuesund, vom Eise befreit, dem Rurik zugänglich geworden wäre. Hier bei dem Schiffe hätte sich der kranke Kapitain so gut als auf Unalaschka ausruhcn können, während er dem Lieutenant Schischmareff den Befehl über die Baidaren-Nordfahrt übertragen hätte. Ich bin der festen Meinung, daß im schlimmsten denkbaren Falle ein Untersteucrmann das Schiff in den Hafen von St. Peter und Paul zu fahren vollkommen genügt hätte. Man wird mich gern einer weitern Ausführung, welche auch meines Amtes nicht ist, überheben. Wir machten bei wechselnden Winden, meist in nordische Nebel gehüllt, unfern Weg nach Unalaschka. Wir kamen an den Inseln St. Matwey, St. Paul und St. George vorüber, ohne dieselben zu sehen. Wir segelten am 20. Juli in der Nähe von Unalaschka über zwei Wallfische von der Art Luliomoel,. Sie waren von sehr verschiedener Größe; ihre Haut war glatt; nur die Protuberanz am Vordertheil des Kopfes und der äußere Rand der Klappe der sehr großen und wenig von einander getrennten Spritzlöcher schwammartig. Sie erhielten drei Wurfspieße von unfern Aleuten, ohne sehr darauf zu achten. Sie warfen wenig Wasser, und ich konnte, obgleich darauf aufmerksam, keinen Geruch wahrnehmen. Die Erschütterung des Stoßes, die im Schiffsraum empfunden wurde, war auf dem Verdeck unmerklich. Am Morgen des 21. zeigten sich etliche Seelöwen um das Schiff. Am Nachmittag entdeckten wir unter der Nebeldecke Unalaschka in geringer Entfernung. Wir lagen in Windstille. Wir ließen uns durch unsere Boote bugsiren. Wir kamen in der Nacht an und lagen am Morgen des 22. Juli 1817 im Hafen von Unalaschka vor Anker. Das Schiff blieb dieses Mal weit vom Ufer. Der Kapitain zog wieder zu dem Agenten Kriukoff. Wir speisten auf dem Rurik und tranken Thee auf dem Lande. Der Kapitain theilte uns den Plan der Reise mit: die Sand- 229 wich-Jnseln, Radack, 3talick und die Carolinen, Manila, die Sunda- straße, daS Vorgebirge der guten Hoffnung und Europa. „Der Mangel an frischen Lebensmitteln und der üble Zustand des Rurik's, der durchaus einer Reparatur bedurfte, gestattete mir nicht, meinen Rückweg, der Instruktion zufolge, durch die Torresstraße zu nehmen." Also Herr von Kotzebuc, Reise, II. S. 106. — Die Sandwich-Inseln versorgten uns mit frischen Lebensmitteln in Ueberfluß. Wir sollten zu St. Peter und Paul Briefe von der Heimath vorfinden und wiederum-Gelegenheit haben, in die Heimath zu schreiben. — Wir vergruben uns, verschollen für die Welt, zu Una- laschka, schifften aus, was wir zu unserer Ausrüstung auf unsere Nordfahrt eingeschifft, verbucken zu Zwieback, woran wir Mangel zu leiden bedroht waren, das Mehl, das wir in San Francisco an Bord genominen, und verbrachten die Zeit wie in einem Aufenthalt der Verführung. Ich werde eine kleine Reise erzählen, die ich durch das Innere der Insel zu machen Gelegenheit fand. Ein Schwein, das zu Ma- kuschkin für den Rurik geschlachtet worden war, spielte bei dieser Expedition die Hauptrolle und war die Hauptperson, an deren Gefolge ich mich anschließen durfte. Die ganze Gebirgsmasse, über welche der Vulkan von Unalaschka, die Makuschkeia Sobka, sich erhebt, liegt zwischen Jlliuliuk und Makuschkin. Zwei Meerbusen oder Fiorden kommen einander in verschiedenen Richtungen entgegen und machen aus jenem Gebirgsstock eine Halbinsel. Aber die Landzunge von einem Fiorde zu dem andern, über Bergthaler und Pässe, welche in die Schneeregion reichen, zu durchkreuzen, erfordert wenigstens acht Stunden Zeit. Ich machte mich am I. August Morgens um 6 Uhr mit zwei Aleuten und einem Russenknaben auf den Weg. Wir erreichten in kleinen Baidaren um acht Uhr den Hintergrund der Kapitains-Bucht, des Nordes, an welchem Jlliuliuk liegt, und traten von da an thalhinauf unsere Wanderung an. Kein Weg ist gebahnt; der Bergstrom, zu dessen Quelle man hinansteigt, ist der Führer durch die Wildniß. Mau muß ihn oft durchkreuzen und sich zum kalten Bade in das reißende Schneewasser, daS einem bis über die Hüften steigt, entblößen. Die landesübliche Fuß- und Beinbe- 230 deckung, die Tarbassi, die, obgleich immer feucht, kein Waffen durch- laffen, erlauben niinder tiefe Gewässer zu durchwaten, ohne sich auszuziehen. Im unteren Thals ist der Graswuchs üppig und hinderlich dem Wandernden. An der Schneegrenze fesselte manche Pflanze meine Aufmerksamkeit, und die Weite des Weges nicht kennend, den wir noch zurückzulegcn hatten, beschleunigte ich nicht den Marsch, so wie ich gesollt hätte. Das jenseitige Thal führt durch tiefe Moräste zu dem Meere. Die Nacht brach ein, als wir den Strand erreichten. Ich glaubte schon bei Makuschkin zu sein; aber der Weg folgt dem Strande in einem Thcile des Umkreises der Halbinsel, und hinter jeder vorgcstreckten Landspitze, die man mit der Hoffnung erreicht, zu Makuschkin anzukommcn, sicht man eine andere Landzunge sich vorstrecken, die eine gleich lügenhafte Hoffnung erregt. Es war 11 Uhr in der Nacht, als wir ankamen. Ich bin als ein rüstiger Fußgänger bekannt gewesen, und was ich als solcher geleistet, hat mir schwerlich Einer nachmachen können; ich habe in meinem Leben keinen ermüdenderen Tagemarsch gemacht als den eben beschriebenen. Alles schlief. Der hier befehlende Russe, bei dem ich heimkehrte, empfing mich auf das gastlichste; aber es war zu spät um das Bad zu Heizen, und er hatte weiter nichts mir vorzusetzen als Thee ohne Branntwein, ohne Zucker und ohne Milch, zu welchem Getränke er mich gutmüthig nöthigte, als sei es Malvasier. Der gute Sanin, so hieß mein Wirth, gab mir sein Bett, und das war das Beste, was er mir geben konnte. Am 2. genoß ich des Dampfbades, ruhete mich aus und untersuchte gemächlich die Hügel um die Ansiedelung und die heiße Quelle, die dort am Strande unter dem Niveau des hohen Wassers aus dem Felsen sprudelt. Ein Thal liegt zwischen der Ansiedelung und dem Fuße des Schneegcbirges, der die Grundfesten des Pics von Makuschkin bildet. Diese winterliche Wildniß gewährt einen abschreckenden Anblick. Ein Nebcngipfel raucht unablässig; doch wird man den Rauch nur gewahr, wenn ihn der Wind auf die Seite hintreibt, auf welcher man steht. Sanin selber rüstete sich mit einer Karavane von Trägern,' das zerlegte Schwein nach dem Hafen zu bringen. Das schlechte Wetter 231 verzögerte die Abreise um einen Tag, den ich die Gegend zu durchstreifen anwendete. Wir brachen den 4. am frühen Morgen auf. Die große Baidare der Ansiedelung brachte uns in den Hintergrund des Fjordes, von wo der Landweg über die Landenge kurzer ist, als der, den ich auf der Hinreise gemacht. Ich habe, glaube ich, gesagt, daß diese großen Baidaren „Frauenboote" heißen; aleutische Mädchen waren unsere Ruderer. Arme Geschöpfe! Elend, Krankheit, Schmutz, Ungeziefer und Häßlichkeit schließen eine gewisse zarte Zierlichkeit der Sitten nicht aus; diese Mädchen haben mir einen Beweis davon gegeben, und ein Geschenk, das ich von ihnen besitze und in Ehren halte, hat mich mehr gerührt als Gunstbezeigungen von Königen thun könnten. Auf dem Platze, wo wir Nachmittag noch bei guter Zeit landeten, richteten wir sogleich unser Bivouak ein. Unter der Baidare liegend, betrachtete ich meine Mütze, die zerrissen war, und die Gelegenheit wahrnehmend dem Schaden ab- zuhclfen, steckte ich drei Nähnadeln hinein und reichte sie so dem mir zunächst liegenden Mädchen und machte sie auf das, was ich von ihr wünschte, aufmerksam. Drei Nähnadeln! — Ein solcher Schatz umsonst! da leuchtete gar wundersam ein unaussprechliches Glück aus ihren Augen. Alle Mädchen kamen herbei, die Nadeln zu bewundern, der Begünstigten Glück zu wünschen, und manche schien mit Wchmuth des eignen Elends zu gedenken. — Da beglückte ich sie denn alle und schenkte jeder drei Nadeln. — Wir brachen am andern Morgen früh auf und waren um drei Uhr zu Jlliuliuk. — Hier überreichte mir Saum das Gegengeschenk der dankbaren Mädchen, welches er mir erst nach der Ankunft einzuhändigen beauftragt war. Ein Knäul Thierflechsenzwirn von ihrer Arbeit. Ich habe Aleutenmädchen einen Hemdeknopf von Posamentier- Arbeit untersuchen sehen, sich unter sich darüber berathen und am Ende das zierliche Ding dergestalt nachmachen, daß ihr Machwerk würdig befunden wurde, an daS Hemd des Kapitains geheftet zu werden. Ich habe die Radackerinnen über ein Gewebe unserer Fabrik, über einen Strohhut, rathschlagen sehen, Material und Arbeit betrachten und besprechen und die Frage in Erwägung ziehen: ob solches darzustellen ihnen möglich sein werde. 232 Ich habe meine Frau mit ihren Gespielinnen sich bemühen sehen, das Geknöte eines englischen Hosenträgers zu enträthseln. Ich habe überall die Frauen sich der Zierlichkeit befleißigen sehen, mit nicht gespartem Aufwand von Zeit, Mühe und Nachdenken ihre Handarbeiten auf das künstlichste ausschmückcn und für den Putz der Männer wie für den eigenen sorgen. Wenn ich cs aber in der Fremde gesehen habe, so habe ich immer eine herzige Freude daran gehabt. Herr von Koßebue behielt zur Verstärkung der Mannschaft des Rurik's etliche, ich glaube vier, der Aleuten, die wir auf unsere Nordfahrt mitgenommen hatten. Unter diesen war ein junger, frischer Bursche, aufgeräumten Sinnes und guter Geistesfähigkeit, mit dem Eschscholtz sich leicht zu verständigen gewußt und mit dessen Hülfe er unternommen hatte, die Sprache der Aleuten, die er bereits für einen Dialekt des Eskimo-Sprachstammes erkannt, näher zu beleuchten. — Ich hatte meine Freude an seiner Forschung, mit deren Ergebnissen er mich bekannt machte. Aber das begonnene Werk zu vollenden, das einem eingestandenen Bedürfniß der Linguistik abgeholfen hätte, und aus dem bereits Ermittelten Gewinn zu ziehen, war Eines nöthig: den Doktor Eschscholtz in Europa, wo es Grammatiken und Lexika zu vergleichen galt, des Beistandes seines Sprachlehrers nicht zu entblößen. Ich habe oft Gelegenheit gehabt zu bedauern, daß, nachdem verschwenderisch für den Erwerb gesorgt worden, mit Nichten daran gedacht werde, das Erworbene nutzbar zu machen, und daß selbst für die Erhaltung desselben geizig die geringste Beisteuer verweigert werde. Der Prunk kauft das Theuerste an; er stattet Sammler, sendet Reisende aus; aber das theuer Erstandene, das sorgenvoll Eingespeicherte wird sorglos dem Untergange Aberlassen. Der Prunk, der den Reisenden ausgerüstet, sorget manchmal noch für die Herausgabe eines Buches; jeder kann nach dem Maßstabe dessen, was er schon gekostet hat, seine Ansprüche stellen; aber mißachtet wird, wer und was freiwillig sich darbietet. — Ich habe einmal eine junge Berlinerin sagen hören, gemachte Rosen seien viel schöner als na- 233 tnrliche, denn sie kosteten viel mehr. Das ist ein großes Kapitel in der Geschichte der Menschen. Aber ich wollte ja von der aleutischen Sprache reden. Sobald wir in St. Petersburg angekommen, ward der junge Bursch mit den andern Aleuten der russisch - amerikanischen Handelscompagnie wieder überantwortet, und von der verdienstlichen Arbeit, der sich Eschscholtz unterziehen wollte und welche die Wissenschaft dankbar der Romanzoff'schen Expedition zum Ruhme angerechnet haben wurde, ist nie wieder die Rede gewesen. Bezeichnend wird es vielleicht in mehr als einer Hinsicht sein zu bekennen, daß ich selber von der aleutischen Sprache nur ein einziges Wort erlernt und behalten habe: Litunx (i. e. xsäieu1u8). Und, uä vocem UitunA, scheidend den letzten Rückblick auf den dnsteru Norden werfend, werde ich der Vollständigkeit halber bemerken, daß während unserer Nordfahrten im Jahre 1816 und 1817 das Benannte nichts Seltenes auf dem Rurik war, wogegen Iwan Jwanowitsch heimlich aus einem Krüglein spendete, was gute Dienste that. Am 18. August 1817 verließen wir zum dritten und letzten Male Unalaschka. Von Urialaschka nach den Sand wich- Z nseln. Zweiter Aufenthalt auf denselben. Am 18. August 1817 aus dem Hafen von Unalaschka ausgelaufen, suchten wir wiederum den Kanal zwischen Unimack und Akun zu erreichen, als die bequemste Furt, um aus dem Kamtschatkischen Meere südwärts durch die Kette der aleutischen Inseln in den großen Ocean zu gelangen. Windstille und widrige Winde hielten uns auf; wir bewirkten erst am 20. unsere Durchfahrt. Zwei Wallfische der Art ^liomoob kamen sehr nah an das Schiff. Am 21. Morgens lagen wir in Windstille und schauten zum letzten Male zurück nach Norden auf die vulkanische Gebirgskette, welche die aleutischen Inseln bildet. Die zwei Pics der Halbinsel Alaska tauchten aus den Wolken hoch in den reinen Himmel und erschienen uns ungleich höher als der Pic von Unimack, welcher uns viel näher lag. Am Abend frischte der Wind und führte uns dem Süden zu; der trübe regnichts Himmel dieses MeerstricheS schloß sich über uns. Wir aber waren müde. Die Hoffnungen unserer Reise lagen als Erinnerungen hinter uns. Wir gingen keinen neuen Hoffnungen entgegen; wir hatten nur noch etliche der bekannten Kapitel scheidend zu überlesen, und die Heimath war das Ziel der langwierigen Fahrt. Die Kränklichkeit des Kapitains und die reizbare Stimmung, in die sie ihn versetzte, beraubte gar oft die kleine Welt um ihn her der Heiterkeit des Lebens. Dom 23. August bis zum 10. September rangen wir gegen 235 vorherrschende, oft stürmische Südwinde an, ohne die Sonne zu sehen. Die Temperatur ward allmalig milder, und wir hatten zu Heizen aufgehört, was zu Unalaschka unausgesetzt geschehen mußte. Ein Delphin von einer ausgezeichneten Art, die wir noch nicht gesehen hatten und die unsern Meuten als einheimisch in ihren Meeren wohl bekannt war, wurde gegen den 44. Grad nördlicher Breite harpunirt. Den Schädel hat, wie die aller Delphine, die wir gefangen haben, das zootomische Museum zu Berlin; die Zeichnung hat Choris behalten; meine Notate sind unbenutzt geblieben. Etwas südlicher wurden, bei starkem Winde und unruhigem Meere, viele spiegelglatte Wasserstellen bemerkt, die unter Windstille zu liegen schienen. Unser vielerfahrener Aleut Afzenikoff deutete diese Erscheinung auf den Thran eines im Meeresgründe verwesenden Wallfisches, womit meine eigene Vermuthung übcreinstimmte. Am 10. September ging der Wind nach Norden über und das Wetter klärte sich auf. Wir waren am Mittag im 40° 10' N. B., 147° 18' W. 8-, und der Strom hatte uns in 18 Tagen 5 Grad östlich von unserer Rechnung abgeführt. Wir hatten wech- selnde und oft wiederkehrende Windstillen bis zum 23., wo sich der Passat einstellte (26° 41' N. B., 152° 32' W. L.). Zwei Tage früher, beiläufig einen Grad nördlicher, hatten Schnepfen das Schiff umflattert. Am 25. September erwarteten wir O-Waihi zu sehen; ein dunstiger Schleier lag davor. Am Morgen des 26. zeigte sich Mauna-kea, erst durch die Wolken, und sodann über denselben. Wir kamen erst bei Nacht in die Nähe des Landes. Ein dickes Stratum von Wolken ruhte über den Höhen der Insel und selbst über Mauna- Puorap. Eine Reihe von Signalfeuern ward angezündet und erstreckte sich von dem Puoray gegen Mauna-kea. Wir umschifften in der Nacht die N. W. Spitze der Insel. Die Wolken lösten sich auf; am Morgen des 27. war das heiterste Wetter. Wir hatten nun Windstille und schwache spielende Winde. Es ruderten nur zwei Kanots an uns heran. Auf dem ersten saß ein Weib allein, das abgewiesen wurde; auf dem zweiten etliche Männer vom Volke. 236 Wir erfuhren nur, daß Tameiameia auf O-Waihi sei. Der Kapi- tain beschäftigte sich wiederholt mit der Höhenmefsung der Berge. Wir segelten am Morgen des 28. an dem Fuße des Wororay vorüber, als uns um 10 Uhr Herr Elliot de Castro in seinem Kaust nachfuhr und einholte. Wir hatten bereits 'Powarua, den Ort, wo sich eben der König aufhielt und mit dem Bonitenfang ergötzte, hinter uns gelassen. Herr Elliot nahm den Kapitain und uns Passagiere des Rurik's, wozu Kadu auch gehörte, in sein Kanot auf, und wir ruderten dem Lande zu. Kadu, dessen Neugierde durch Alles, was er sah und hörte, auf das Höchste gespannt wurde, hat uns hier zuerst, und überhaupt auch nur das eine Mal einem Mächtigeren als wir Ehrfurcht bezeigen sehen, und dieser Gewaltige war ein Mann von seinem Stamme und seiner Farbe. Er wurde dem Könige vorgestellt, der ihm Aufmerksamkeit schenkte und sich von den Inseln, von wo aus er uns gefolgt, erzählen ließ. Unser Freund war bei dieser Gelegenheit schüchtern, jedoch mit Anstand und guter Haltung. Die O-Waihier waren gegen ihn liebreich und zuvorkommend, und er mischte sich fröhlich unter das Volk. Powarua liegt am Fuße des Wororay mitten auf dem Lavastrom, den der Berg zuletzt ausgeworfen hat. Nackt und unbenarbt ist rings der glasige, schimmernde Grund. Seitab am Strande haben nur ein paar Sträucher der rothblüthigen Ooräia Sebestena Fuß gefaßt. Alles, was zu dem Lebensunterhalt gehört, muß fernher herbei gebracht werden. Seltsam scheint der König den Ort gewählt zu haben, wo er zum Bonitenfang sein Lustlager aufgeschlagen hat. Er selbst, seine Frauen, seine mächtigsten Lehnmänner, die er gern um sich versammelt hält, leben hier, unziemlich aller Gemächlichkeit beraubt, unter nieder» Strohdächern. Als wir landeten, war der König vom Bonitenfang noch nicht heimgekehrt. Dieser Fischfang ist hier, wie bei uns die hohe Jagd, ein königliches Vergnügen. Er ist oft beschrieben worden. Ein Kanot wird mit größter Gewalt der Ruder in dem schnellsten Lauf erhalten. Am Hintertheile desselben sitzt der Fischer und halt die 237 Perlemutterangel schwebend über dem Meer und bespritzt sie zugleich mit Wasser. Der Fisch muß getäuscht werden und selbst aus dem Wasser auftauchen, um den Haken, der ihm lebendig scheint, zu verschlingen. Wir besuchten die Königinnen, die unter einem leinenen Schirm lagerten, und etliche Wassermelonen mit uns theilten. Die auf das Essen bezüglichen Tabu's erstrecken sich nicht auf das Essen von Früchten, welches dem Trinken gleich geachtet wird. Der König kam, nackt bis auf das Maro. Er bewillkommnet,: uns wie alte Bekannte mit Herzlichkeit. Die neuesten Ereignisse auf Atuai und O-Wahu, von denen uns auf letzterer Insel mehr erzählt ward, hatten den Stand der Dinge zu unseren Gunsten verändert. Zwei Boniten wurden dem Könige nachgetragen; er gab mit feiner Sitte dem Kapitain den Fisch, den er selbst geangelt hatte, ganz wie bei uns ein Jäger das Wild verschenkt, das er geschossen hat. Er kleidete sich in die rothe Weste, wie wir ihn im vorigen Jahre gesehen hatten, frühstückte und unterhielt sich indeß mit dem Kapitain. Herr Elliot war der Dolmetscher; Herr Cook stand zu der Zeit nicht mehr in der Gunst des Königs. Tameiameia gab uns, wie im vorigen Jahre einen Edeln mit. Sein Name war Kareimoku. Man denke dabei nicht an den mächtigen Kareimoku, Stellvertreter des Königs auf O-Wahu. Hier gilt zwar die Geburt, und man könnte wohl von Familien sprechen; aber Familiennamen giebt es noch nicht. Auch bei uns findet sich der Name spät zu dem Schilde, und dieses, das Familienzeichen, ist späteren Ursprungs als die Familie selbst. Kareimoku war Ueberbringer des königlichen Befehles: man solle uns so wie im vorigen Jahre empfangen und uns eben so viel an Lebensmitteln liefern als im vorigen Jahre. — Der König erbat sich von uns nur Eisen, das er zum Schiffbau brauchte. Wir kamen am Abende des 28. Septembers wieder an das Schiff und nahmen, wie das vorige Mal, unfern Weg nach O-Wahu südlich längs der schönen Inselkette. Wir hatten Windstille unter Ranai. Wir sahen am 1. Oktober mit Tagesanbruch O-Wahu. Eine amerikanische Brigg kam vom Norden zwischen Worotai und O-Wahu und segelte mit uns dem Hafen zu. Viele Kanots ruderten uns entgegen. Wir warfen um 5 Uhr Nachmittags die Anker außerhalb des Hafens, und der Kapitain fuhr ans Land, wohin ihm unser Geleitsmann vorangegangen war. Sieben Schiffe lagen im Hafen, das achte kam mit uns zugleich an, alle Amerikaner; nur ein altes Schiff der russisch-amerikanischen Compagnie, der Kadiack, lag auf dem Strande. Erwartet wurde noch ein Schiff von Kareimoku, ein hübscher Schooner, welcher unter dem Befehle von Herrn Beklev, Kommandant der hiesigen Festung, Sandelholz aus Atuai herbeiholte. Die mehrsten Schiffe begehrten Sandelholz. Uni dieses Handels willen belasten die Fürsten das Volk mit Frohndiensten, welche die Agrikultur und die Industrie beeinträchtigen. Reges Leben war zu Hana-ruru. Der Doktor Scheffer hatte Ätna: verlassen und Tamari seinem Lehnsherrn aufs Neue gehuldigt. Ich hörte von dem Ereignisse nicht übereinstimmende Erzählungen; die ich hieraufnehme, entlehne ich von Herrn von Kotzebne. Er berichtet uns, Kareimoku habe ihm erzählt, der König und das Volk von Atuai hätten den Doktor Scheffer vertrieben, welcher jüngst mit feiner Mannschaft, die aus hundert Aleuten und einigen Russen bestanden, auf dem Kadiack zu Hana-ruru angelangt sei. Das Schiff sei leck gewesen und die Flüchtlinge hätten es auf den Grund fahren müssen, sobald sie mit Noth den Hafen erreicht. Er Habs nicht Böses mit Bösem vergolten, sondern die armen Aleuten und Russen freundlich ausgenommen, und selbst Scheffern habe er ungehindert auf einem amerikanischen Schiffe abziehen lassen, welches vor wenigen Tagen nach Canton unter Segel gegangen sei. .Herr Tarakanoff, Agent der russischamerikanischen Compagnie", setzt Herr von Kotzebue hinzu, .kam mit mehreren Beamten derselben an Bord. Tarakanoff, der auf Baranoff's Ordre ganz unter Scheffer's Befehlen stand, äußerte sein Mißfallen über das Verfahren auf Atuai, wodurch sie alle in die größte Lebensgefahr gekommen waren, und er hielt es für ein wahres Wunder, daß bei ihrer Flucht von Atuai nur drei Aleuten erschossen wurden, da Tamari, welcher sie alle für seine ärgsten Feinde hielt, 239 leicht vielen das Leben nehmen konnte. Er erwähnte auch der gefährlichen Reise hieher und war jetzt mit seinen Leuten in der traurigsten Lage, da man ihnen natürlich die Lebensmittel nicht unentgeltlich überlassen wollte. Glücklicher Weise hatte ich in Una- laschka eine solche Quantität Stockfisch eingenommen, daß ich den armen Menschen jetzt auf einen Monat Provision schicken konnte. Tarakanoff, der mir ein recht verständiger Mann zu sein schien, hatte mit Herrn Hebet, dem Eigenthnmer zweier hier liegender Schiffe, einen Kontrakt abgeschlossen, nach welchem dieser sich anheischig machte, die Aleuten ein ganzes Jahr zu ernähren und zu kleiden, unter der Bedingung, daß er sie nach Californien bringen dürfe, wo sie aus den dort liegenden Inseln den Seeotterfang treiben sollten. Nach Verlauf dieses Jahres bringt Hebet sie nach Sitcha zurück und giebt der Compagnie die Hälfte der erbeuteten Felle. Dieser Kontrakt war vortheilhaft für die Kompagnie, welche die Aleuten oft auf diese Weise vermiethet; denn diese Unglücklichen werden die Schlachtopfer ihrer Unterdrücker bleiben, so lange die Compagnie der Willkür eines Unmenschen preisgegeben bleibt, der jeden Gewinn mit dem Blute seiner Nebenmenschen erkauft." (Kotze- bue's Reise II. S. 113 ff.) Ein Versuch der russisch-amerikanischen Compagnie, sich der Sandwich-Inseln zu bemächtigen, kommt nur fabelhaft vor. Es ist mir nicht unbegreiflich, daß man in Sitcha das Volk mißachten könne, welches zum Rückhalt diesen nackten Soldaten dient, die mit der Flinte in der Hand und der Patrontasche um den bloßen Leib gebunden auf Wache ziehen; aber wie sollte man da nicht wissen, daß dieses Reich unter dem unmittelbaren Schutze von England steht, dem Tamciameia gehuldigt hat? — Wir haben im Jahre 1816 einen Brief des Prinzen Regenten von England an Tameiameia gesehen, worin er das Verhalten Seiner Majestät während des Krieges zwischen England und Amerika belobt, dafür dankt und meldet, daß zu den übersendeten Geschenken noch ein Schiff kommen werde, welches er in Port Jackson erbauen lasse. Sobald wir am 1. Oktober 1817 die Anker ausgeworfen, fuhr, wie ich sagte, der Kapitain an das Land. Wir hatten in Hana- 240 ruru ein gutes Angedenken zurückgelassen; Kareimoku empfing ihn auf das freundlichste und ließ ihn mit drei Schüssen aus der Festung salutiren. Die amerikanischen Kauffahrer ehrten ebenfalls den Kommandanten der kaiserlich russischen Entdeckungs-Expedition und begrüßten ihn mit ihrem Geschütze. Als die Rede war, den Rurik in den Hafen zu bugsiren, so boten sie dazu ihre Boote an, und sie leisteten uns wirklich am andern Morgen mit Tagesanbruch diesen Dienst. Im Hafen angelangt, wechselten wir mit dem Forte Salutschüsse, empfingen mit drei Schüssen Kareimoku, der an Bord kam und uns Früchte, Wurzeln und ein Schwein brachte. — Die gestern empfangenen Artigkeiten wurden erwidert. Die Amerikaner erwiesen sich uns überhaupt dienstfertig mit zuvorkommender Höflichkeit. Wir erhielten von ihnen Manches, was sie uns von ihrem eigenen Vorrath ohne Gewinn abließen: englisches Bier, Zwieback von einem am 6. aus Sitcha einlaufenden Schiffe und Anderes. Dennoch wurde eine unangenehme Reibung nicht vermieden. Wo mehrere Kauffahrteischiffe verschiedener Nationen in einem fremden Hafen vereinigt sind, Pflegt der älteste Kapitain den Vorrang zu nehmen und, wo es geschehen darf, den Retraitenschuß bei Sonnenuntergang abzufeuern; wo aber unter Kauffahrern ein Kriegsschiff sich befindet, wird dem Kapitain desselben die Ehre gelassen. Nun soll der amerikanische Kapitain aus Unachtsamkeit den Retraitenschuß abgefeuert haben, und die Beschwerde, die Herr von Kotzebue darüber geführt, von der Art gewesen sein, daß sie ihn zum Trotz gereizt habe. Die Sache lag übrigens außerhalb meines Kreises, und ich habe nur obenhin davon gehört. Die fremden Kauffahrtei-Kapitains kamen bei Herrn Marini zusammen und hatten daselbst ihren Tisch. Ich speiste einmal zu Abend an ihrer Tafel. Zu den warmen Fleischspeisen wurde Thee anstatt Weines getrunken. Die Herren waren gegen mich ausnehmend höflich. Ein älterer Kapitain frug mich, zum wie vielten Male ich jetzt diese Reise mache. Ich antwortete bescheidentlich, es sei das erste Mal, und fand mich natürlich veranlaßt, dieselbe Frage an ihn zu richten. Zum zehnten Male war er auf solcher Handelsreise in der Südsee und um die Welt begriffen; aber jetzt, sagte 241 er, sei er müde worden und es solle seine setzte Reise gewesen sein. Er fahre jetzt nach Hause und werde sich zur Ruhe begeben. — Choris, der mit ihm näher bekannt war, fand und sprach ihn wieder in Manila und endlich noch in Portsmouth, wohin er uns vor- auszeeilt war. Er hatte Briefe von Hause vorgefunden: segelfertig erwarte ihn daheim ein Schiff, mit dein er zum eilften Male die Reise machen solle, aber das eilfte Mal werde auch daS letzte sein. Wir pflegten jeden der kleinen Dienste, die uns die stets willigen O-Waihicr leisteten, die lleberfahrt zwischen Schiff und Ufer und derlei mehr, mit einer Glasperlenschnur zu belohnen. Solche schimmernde leichte Waare wurde immer gern empfangen, ihr jedoch kein eigentlicher Geldwerth beigelegt. Choris hatte unter seinem Vorrath etliche Schnüre von besonderer Art und Farbe, dis er ohne Unterschied mit den andern ausgab. Gerade auf diese eigenthüm- lich dunkelrothe Farbe, gerade auf diese Perlenart legte, wie es sich später ergab, die Mode einen ganz außerordentlichen Werth. Solche, die Vancouver zuerst auf die Inseln gebracht, und seit seiner Zeit kein anderer Seefahrer, gehörten zu dem Schmucks der Königinnen. Nun waren sie wieder erschienen und etliche Schnüre davon in Umlauf gekommen. Man forschte der Quelle nach und kam bald auf Choris, dem reiche Häuptlinge mehrere Schweine für eine Schnur anboten; die amerikanischen Kaufleute machten ihm ihrerseits ansehnliche Anerbietungen, — Alles zu spät. Freund Togin Andrewitsch, ein sonst bedächtiger und den Gewinn nicht verschmähender Handelsmann, hatte dieses Mal seine Dublonen für Maravedis ausgcgeben. Bei der Anwesenheit so vieler Schiffe nahm der Geschäftsverkehr Herrn Marini's Betriebsamkeit und Zeit in Anspruch, und ich konnte mich nur wenig seines belehrenden Umganges erfreuen. Erhalte mir vor einem Jahre versprochen, Manches für mich aufzuschreiben, und hatte die Muße dazu nicht erübrigt. Jetzt war, das Versäumte nachzuholen, nicht mehr Zeit. Ich verbrachte meist meine Tage auf botanischen Wanderungen im Gebirge, während Eschscholtz, wenigstens während der ersten Tage, durch einen wunden Fuß zurück gehalten auf dem Schiffe blieb und für die eingelegten Pflanzen III. 16 242 Sorge trug. Schildwacht zu stehen bei den an der Sonne ausgelegten Pflanzenbündcln war ein zeitraubendes und verdrießliches Geschäft, was dennoch nicht zu umgehen war. Eschscholtz vermißte einmal eines seiner eigenen Pallete, die er auf dem Verdecke gehabt hatte, und unterhielt sich mit mir über den Verlust. Der Kapitain kam auf mich zu und fragte mich, was geschehen sei? Ich sagte cs ihm geruhig, ohne Ahnung des Gewitters, das über mich losbrach. Er ertheilte mir zornig einen überflüssigen Verweis und wiederholte mir, was ich gar gut wußte, das sei meine Sache und nicht die seiner Matrosen, die er wegen meiner Kräuter nicht werde schlagen lassen. — Ich hatte nichts gethan, als Eschscholtz Klage angehört. Choris lebte viel mit den amerikanischen Kaufherren. Kadu verlor fleh unter die Eingeborenen, die ihn gern hatten und mit denen er sich leicht verständigen gelernt. Er erhandelte mit dem, was er besaß und was wir ihm gaben, verschiedene ihrer Arbeiten und beschenkte damit jeden von uns nach seinem Sinne. Man hatte zu Hana-rnru Zeitungen von nicht eben altem Datum, russische und englische. Ruhe, scheinbare wenigstens, war in der Geschichte. AuS Zeitungen Alles hcranszulesen, was interessiren kann, ist ein Geschäft, wozu man auf dem Lande keine Muße hat. Freunde und Bekannte betreffend, erfuhr ich nur die Reise der Frau von Stael nach Italien. Auf meinen Wanderungen durch die Insel sind mir einige Male von O-Waihiern Zeitungen angcboten worden; vermuthlich alte Blätter. Der Handel bringt auf den Sandwich-Inseln die bunteste Musterkarte aller Völker der Erde zusammen. Ich sah unter den Dienern vornehmer Frauen einen jungen Neger und einen Flachkopf der Nord-Westküste Amerika's. Ich sah hier zuerst Chinesen, sah unter diesem herrlichen Himmel diese lebendigen Karikaturen in ihrer Landestracht mitten unter den schönen O-Waihiern wandeln und finde für das unbeschreiblich Lächerliche des Anblicks keinen Ausdruck. (Häufig werden in diesem Meerbecken Chinesen, die unterwürfig und leicht-zu ernähren sind, als Matrosen gebraucht.) Einmal auf einer fernen Wanderung, nachdem ich auf dem 243 Schiffe deutsch und russisch, die Sprache der Carolinen-Inseln mit Kadu, und mit nnserm Koche zum flüchtigen Gruße dänisch geredet; nachdem ich zu Hana-ruru mit Engländern und Amerikanern, Spaniern, Franzosen, Italienern und O-Waihiern gesprochen, mit jedem in seiner Muttersprache; nachdem ich auf der Insel noch Chinesen gesehen, mit denen ich aber nicht geredet, wurde mir in einem entlegenen Thale ein Herr Landsmann vorgestellt, mit dem ich gar nicht sprechen konnte. Es war ein Kadiaker, — ein russischer llnterthan. — Ich anerkannte die Landsmannschaft, gab ihm die Hand darauf und zog meiner Straße. Das schien mir in der Ordnung und ganz natürlich. — Es fiel mir erst viel später in der Erinnerung ein, diese Landsmannschaft und meine Ernsthaftigkeit dabei komisch zu finden. Ich hatte mir vorgesetzt, den westlichen Gebirgsstock der Insel zu besuchen, Herr Marini ertheilte mir seinen Rath, Kareimoku seinen Beistand; ich vollbrachte die beabsichtigte Reise in den Tagen vom 7. bis zu dem 10. Oktober 1817. Ein Kanot von Kareimoku brachte mich, meinen Führer und einen Knaben, der ihn begleitete, längs dem Korallenriffe, das den Strand nmsäumt, bald innerhalb, bald außerhalb der Brandung, nach Pearlrivcr, und auf diesem Wasser landeinwärts nach dem Fuße des Gebirges, das ich bereisen wollte. Ein Schiff, als ich von Hana-ruru abstieß, lief eben in den Hafen ein. Ich hatte bei dieser Fahrt die erwünschte Gelegenheit, die Beschaffenheit des Riffes zu untersuchen. Wir fuhren einmal ziemlich seewärts über eine Korallenuntiefe, worüber das Fahrzeug getragen werden mußte. Mehrere Kanots waren außerhalb der Brandung in einer Tiefe von beiläufig 10 bis 15 Fuß mit dem Fischfang beschäftigt. Mit langen schleppenden Netzen wurden sehr mannigfaltige Fische gefangen, besonders Chaetodon - Arten, die in den wunderherrlichsten Farben spielten. Hier versorgten sich meine Leute im Namen Karei- moku'S mit ihrem Bedarf. Sie verzehrten diese Fische roh und, unsauber genug, noch nach drei Tagen, als sie schon angegangen und voller Insektenlarven waren. Als wir landeinwärts wiederum über die Brandung fuhren, ward ungeschickt gesteuert und eine Welle erfüllte das Boot. Die eben erhaltenen Fische schwammen mir um die 16* 244 Füße, meine Leute schwammen unr das Kanot im Meere; Alles kam bald wieder in Ordnung. Wir fuhren nun zwischen Brandung und Ufer bei geringerer Tiefe des Wassers; dieses färbte sich mit einem Male dunkler: wir waren im Pearlriver. Ich versuchte in den Mittagsstunden die Wirkung der scheitelrcchten Sonne auf meinen Arm, den ich ihr entblößt und von Seewasser benetzt eine Zeit lang ausgesetzt hielt. Der Erfolg war eine leichte Entzündung und die Erneuerung der Oberhaut. Ich hatte einmal Grund, mit meinem Führer unzufrieden zu sein, der, wie es ins Gebirge ging und ich seiner am bedürftigsten war, mich mit dem Knaben vorangehen ließ und gar nicht nachkam, so daß ich umkehren und ihn selber holen mußte. Ein Liebesabenteuer hatte ihn aufgehalten. Ich verschoß den ganzen Köcher meines O-Waihischen Sprachschatzes zu einer zornigen Anrede, worin ich ihn an seine Pflicht mahnte und mit Kareimokn bedrohte, der mir ihn untergeordnet. Der Mann, wie es das Recht eines O-Waihiers ist, lachte mich unmenschlich aus ob meiner ungefügen Rebe, die er aber sehr wohl verstand; und er gab mir im Verlauf der Reise keine zweite Gelegenheit, meine Beredsamkeit auszuschütten. Ein reichlicher Regen, eine Art Wolkenbruch, empfing uns auf den Höhen des Gebirges. Die Bastzeuge der O-Waihier verhalten sich wie ungeleimtes Papier gegen die Nässe. Ihre Kleider zu verwahren gebrauchten meine Leute den Wipfel der vraoaena terml- nalio. Maro und Kapa, Schamgurt und Mantel wurden um den Stamm dicht umgewickelt und darüber die breiten Blätter nach allen Seiten zurück geschlagen und mit einem Ende Bindfaden befestigt. So trugen sie am Stamme des Bäumchens ihre Gewänder in der Form ungefähr eines Turbans. Ich selber zog meine ganz durchnäßten leichten Kleider aus, und wir stiegen vom Gebirge hinab „in der Nationaltracht der Wilden". Daß die O-Waihier gegen Kälte und Regen viel empfindlicher find als wir, ist so oft bemerkt worden und so wenig bemerkenswerth, daß ich es kaum wiederholen mag; ich will blos erinnern, daß mir als Sammler die Umstände nicht günstig waren. Beim abermaligen Durchkreuzen des Gebirgs über einen höhern Bergpaß hatte ich wiederholt Regen und durchaus 245 keine Ansicht der Gegend. In die bewohnte Ebene herabgestiegen und im Begriff in das Dorf einzuziehcn, wo wir übernach ten sollten machte ich mir aus zwei Schnupftüchern ein anständiges Kleid. Ein winzigercs genügte meinem Führer; sein ganzer Anzug bestand in einem Endchen Bindfaden von drei Zoll Länge, guo xens sä sero- tnm ropreoso cutem ^roteaetam IiAuvit. Ich habe auf der Reise nie blecherne botanische Kapseln, sondern an deren Statt Schnupftücher gebraucht. Man breitet ein Tuch aus, legt die gesammelten Pflanzen quer auf dasselbe, preßt sie mit einer Hand zusammen und bindet mit der andern Hand und dem Munde die zwei entgegenstehenden Zipfel des Tuches zu einem Knoten; der untere Zipfel wird eben auch mit den andern verknüpft, und der obere vierte dient zum Tragen. — Auf größeren Exkursionen, wo man einen Führer und Träger hat, nimmt man ein gebundenes Buch Löschpapier mit, worin man zartere Blumen sogleich verwahrt. — Hier war mein Pflanzenvorrath vom Regen durchnäßt und Fäulniß zu besorgen. Im Quartier angelangt, wurde eine Seite des Hauses mit Tabu belegt und da die Pflanzen über Nacht ausgebreitet. Ei» solches Tabu wird heilig gehalten. — Aber auf dem Schiffe schützt kein Tabu, und die ganze Ernte von vier Tagen muß, gleich viel ob trocken oder durchnäßts in der kürzesten Zeit „zum Verschwinden gebracht werden". Das war unter uns der gestempelte Ausdruck. In unserer abgeschlossenen, wandernden Welt hatte sich aus allen Sprachen, die am Bord oder am Lande gesprochen, aus allen Anekdoten, dis erzählt worden, und aus allen geselligen Vor- fallenheiten eine Cant-Sprache gebildet, welche der Nichteingeweihte schwerlich verstanden hätte. Durch die Erzählung auf den Rurik wieder versetzt, drängen sich mir die dort gültigen Redensarten auf, von denen diese Blätter rein zu halten ich kaum hoffen darf. Am 10. Oktober von meiner Wanderung heimgekommen, machte ich am 12. noch eine letzte Exkursion ins Gebirge, bei der mich Eschscholtz zum ersten Mal begleitete. Alles war zur Abfahrt bereit, die am 13. statt finden sollte; aber Kareimoku, den mit den Häuptern des Adels die Feier eines Tabu auf dem Lande fesselte, bat einen Tag länger zu bleiben, damit er Abschied von uns 246 nehmen könne; und seiner freundlichen Bitte wurde nicht widerstanden. Man hat sich verwundert, mich von Adel unter den Polynesiern sprechen zu hören. Allerdings finde ich da noch den Adel, wie ich mir denke, daß er ehedem bei uns bestand, wo er bereits verschüttet nur noch in verblassenden Erinnerungen lebt. Anerkannt wird in unfern Staaten unter dem Namen Adel nur noch das Privilegium, und es ist auch nur gegen das Privilegium, daß das Wehen des Zeitgeistes fast zum Sturm anschwillt. Ein Adel, der gegeben und genommen werden kann, der verkauft wird, ist keiner. Der Adel liegt tiefer, er liegt in der Meinung, er liegt in dem Glauben. Ich finde in der französischen Sprache, wie sie in meiner Kindheit war, Wörter, deren die deutsche ermangelt, und ich bediene mich ihrer. I-L vsutilbomme, das ist der ächte Adel, wie er auf Polynesien ist, wie ihn kein König verleihen, kein Napoleon aus der Erde stampfen kann. I-o biobls, das ist der letzte Bolzen, den die Könige gegen den Adel, aus dessen Schooß sie selber hervorgegangen und den zu unterdrücken ihre Aufgabe war, siegreich abgeschossen haben. Wahrlich es giebt Umkehrungen, worüber man sich verwundern möchte! Jetzt heißt es: „der König und sein Adel!" nachdem übermächtig geworden ist der dritte Stand, den zum Verbündeten gegen den Adel die Könige sich anerzogen haben. Jetzt heißt es auch „Thron und Altar!" nachdem lange Zeit „Thron oder Altar!" die Losung gewesen. Ich werde nicht eitel die Vergangenheit unserer Geschichte zurückrufen, in welcher ein Adel bestand, zu dem meine Väter gehörten. Ich glaube an einen Gott, mithin an seine Gegenwart in der Geschichte, mithin an einen Fortschritt in derselben. Ich bin ein Mann der Zukunft, wie Beranger mir den Dichter bezeichnet hat. Lernt doch auch in die Zukunft, der die Weisheit des Waltenden uns zuführt, furchtlos und vertrauend schauen; und laßt die Vergangenheit fahren, sintemal sie vergangen ist. Und was war denn jene bessere Zeit, an der euer Herz hängt? Die Zeit der Religionskriege mit ihren Scheiterhaufen, der Bartholomäusnächte, der Autos-da-fe? Die Zeit der Hinrichtung Damiens? Wahrlich, wahrlich! diese eine 247 Gräuelgeschichte —! leset die Akten! — In der Blutzeit der darauf folgenden Staatsumwälzung verklärte sich dagegen die Milde. Wo immer Bürgerkrieg war, ist und sein wird, werden Menschen ge- tödtet, zerrissen, werden Leichname verstümmelt. Aber die Hinrichtung Damiens, — Dank sei dir, o mein Gott! wird nimmer, nimmer zurückkehren; die Zeit ist völlig abgelaufen. Aber ich verirre mich von meinem Ziele. Ich habe hier nur nachträglich auf das, was ich in meinen Bemerkungen und Ansichten von der geselligen Ordnung, von der Kasteneintheilung, von dem Adel gesagt habe, wie solche auf den Inseln sind, von denen zu reden ich berufen war, mehr Nachdruck legen wollen. Ich habe geglaubt und angenommen, es verstände sich von selbst, daß von einer Kaste in die andere kein Uebergang möglich ist; daß selbige, wie die Arten der Thiere, unbezweifelt naturnothwendig geschieden sind, und daß, so wie es nur eine Fabel ist, daß der Esel sich zu einem Hunde und der Frosch zu einem Rinde habe ausbilden wollen, es auch außerhalb aller Wahrheit ist, daß ein gemeiner Mann zu einem Edeln zu werden nur träumen könne. Daher finden auch in diesen Verhältnissen Neid und Hochmuth keinen Raum. Aber, dürfte mau fragen, was versteht sich denn von selbst? Habe ich doch mit Entrüstung in Herrn von Koßebue's Reise, II. S. 132, von Piloten der Carolinen-Jnseln gelesen, „die, nur von geringem Stande, oft für ihre Verdienste in den Adelsstand erhoben werden", — „und der Pilot ward zum Lohn für seine Dienste zum Tamon erhoben". Wenn ein zum Zeugen aufgerufener unbescholtener Mann solches Zeugniß spricht, was werden wir nicht erst von denen zu erwarten haben, deren Geschäft es ist, ohne selbst etwas gesehen zu haben, die Aussagen der Augenzeugen aus- und ab- und zusammen zu schreiben? Maltebrun, in einer kurzen Anzeige von Choris VoMgs xittoreognö, nennt meinen lieben Freund Kadu UN LMbro- poplmgo clo lo, msr 6u 8ucl, und läßt auf Eap, wo nur Wasser getrunken wird, ganze Nächte dem Trünke widmen. Ist einmal eine recht handgreifliche Abgeschmacktheit zu Papiere gebracht, so rollt selbige unablässig von Buch zu Buch, und es ist das erste, 248 wonach die Büchcrmacher greifen. So lange noch Bücher geschrieben werden, wird in jedem, wo sie nur Platz finden kan», die Albernheit zu lesen sein, daß die Eingeborenen der Marianeu- oder Ladroncn-Jnscln den Gebrauch des Feuers erst durch die Europäer kennen gelernt. Aber soll ich zum andern und zum letzten Male von den Sandwich-Inseln scheiden, ohne daß meiner Feder das Wort entgleitet, welches du, Leser, mit flüchtigem Finger diese Blätter umwendend, schnellen, neugierigen Blickes darinnen gesucht hast? Zu einer Parteifrage sind die Missionen geworden, die erst nach meiner Zeit auf diesen Inseln Fuß gefaßt haben, und ich gehöre keiner Partei an. Lasse dir die Akten vorlegen und höre auf die nicht, die, ohne selbst geschaut zu haben, verwirrend ihre Stimmen in dem Streit erhoben. Ich selbex habe sie nicht vollständig gelesen. Die Volks- thümlichkeit, die vor dem ausgehenden Christenthum untergeheu muß, habe ich geschaut und sie ist mir wcrth geworden; daß ich um sie traure, spreche ich unumwunden aus. Daß ich aber der Mann des Fortschrittes Lin und höher mir der Geist des Christenthums mit seinen Segnungen gilt, glaub' ich in meinem Gedichte „Ein Gerichtstag auf Huahine" an den Tag gelegt zu haben. Selbst an dem frommen Ellis (kol/neslan reseaeebes) habe ich zwei Dinge vermißt: er hätte, meine ich, selber O-Tahcitier werden sollen, bevor er O-Taheitier umzuschaffen unternahm, und hätte sein heiliges Geschäft geistiger auffassen und betreiben können. Seefahrer, die da Weiber und Lust auf den Sandwich-Inseln gesucht, mögen dem Missionswescn abhold sein; aber, gewichtigere Beschuldigungen fallen lassend, scheint mir doch aus allen Zeugnissen hervorzugehen, daß das Missionsgcschäft geistlos auf O-Waihi betrieben wird, wo noch kein Fortschritt in der geselligen Ordnung das Aufgehen des Geistes beurkundet hat. Die stille Feier des Sabbaths und der erzwungene Besuch der Kirche und der Schule sind noch das Christenthum nicht. Dem sei, wie ihm wolle, — früher oder später werden, dem Fortschritt der Geschichte angemessen, die Hauptinseln des großen Ocean's sich der Welt unserer Gesittung anschließen; und schon erscheint in Landessprache und meist von Eingeborenen geschrieben eine 249 Zeitung auf O-Taheiti! — Hört! hört! — eine Zeitung auf O-Taheiti! Die ihr dort die Presse, die periodische Presse befördert, hört auf, euch daheim davor zu entsetzen und sie zu bekämpfen. Schlagt euch nicht gegen die Luft, eure Streiche verwunden sie nicht. Preßfreiheit ist in Europa. — Der Tory Walter Scott sagt im Leben Napoleon's: „Deutschland verdankt von jeher der politischen Zerstückelung seines Gebietes die Wohlthat der Preßfreiheit." WaS er von Deutschland sagt, gilt von der Welt. Die Presse ist nur ein Nachhall, selbst machtlos, wo sie das nicht ist. Die öffentliche Meinung, das ist die Macht, die groß geworden. Dankt der Presse und lernt von ihr. Aber diese Trivialitäten sind hier nicht am Ort. Im Begriffe unter Segel zu gehen, bemerkte ich, daß, nach einem zweimaligen Aufenthalt ans der Insel und häufigem Verkehr nnt den Eingeborenen, ich noch kein Hundcfleisch zn kosten bekommen hatte; denn der Europäer wird aus O-Waihi seinen Sitten und Vorurtheilen gemäß empfangen und bewirthet, und für den fremden Gast wird ein Schwein, das er zu schätzen weiß, nicht aber ein Hund, den er verschmäht, in der Backgrube bereitet. Da erfuhr ich, als es schon zu spät war, daß ich die weit gesuchte Gelegenheit täglich am Bord versäumt hatte, wo unser königlicher Geleitsmann einen gebackenen Hund zu verspeisen gepflegt. So geht es mit manchen Freuden im Leben. Am 14. Oktober 1817 lichteten wir mit Tagesanbruch die Anker, und die Boote der amerikanischen Schiffe bugsirten uns aus dem Hafen. Kareimoku kam aus dem Morai zu uns und brachte uns Fische und Früchte mit. Wir wechselten übliche Salutschüsse mit der Festung, wir nahmen herzlichen Abschied von unfern Freunden und entfalteten die Segel dem Winde. Bon den Sandwich-Inseln nach Radack. Abschied von den-Radackern. Am 14. Oktober 1817 lagen die Inseln des O-Waihischen Reiches hinter uns, und vorwärts mit den Wimpeln waren Gedanken und Gemüth den Radackischen Inseln zugewandt. Wir hatten uns ganz besonders ausgerüstet, Geschenke bleibenden Werthes unfern liebewerthen Freunden darzubringen. Mit dem letzten Abschied von ihnen sollten wir auch Abschied von der Fremde nehmen, die, als sie fern vor uns lag, uns mit so mächtigem Reiz angezogen und jetzt noch reizend zurück hielt. Ueber Radack hinaus lagen nur noch bekannte europäische Kolonien verzögernd auf unserm Heimweg, und unsere übrige Fahrt glich dem Abendgang des müden Wallers durch die lang sich hinziehenden Vorstädte seiner heimischen Stadt. Ich möchte, um die mit den letzten Zeilen gegenwärtigen Abschnittes mir bevorstehende Trennung von den Polynesiern zu verzögern, mir noch etwas mit ihnen zu schaffen, noch etwas über sie zu reden machen. Ich hätte noch manche Kapitel abzuhandeln, wenn ihr mir so lange zuhörcn wolltet, als ich sprechen könnte. Ich hätte zum Beispiel Lust, dem Verfasser des Lartor resartus einen Artikel zu der kbilosopd/ ot Olotlms zu liefern. Wir unterlassen nicht, künstlerisch eitel uns zu brüsten, den Reifrock mit den kanisrs, die hohen Absätze, die n-isurs a In xrecgus, den Puder, die Schminke, den Zopf, die Hiss cls piz;eou u. a. m., worin wir zu der Zeit meiner Kindheit das Schöne noch suchten, aufgegeben zu haben, und sehen nicht mit Scham auf den Zuschnitt unsers Fracks herab und auf alle widerlichen Verzeichnungen der menschlichen Gestalt, die an uns hervorzubringen wir uns mit der Mode befleißen. Ich habe die gefeierte Schönheit, nach welcher man die Tage unserer Geschichte, die den Polignac'fchen Verordnungen vorangegangen sind, benennen könnte, — ich habe Mademoiselle Sonntag in Naturrollen, wo nichts sie dazu zwang, sich dergestalt verunstalten sehen, daß sich der Künstler enipört von dein Idol der Zeit abwenden mußte. Aber ihr fragt mich lächelnd, ob ich da von Polynesiern rede? — Ich finde die Schönheit in der einfachen, nicht verunstalteten Natur, und ich weiß diese nicht anders zu preisen, wie es meine Absicht ist, als wenn ich ihr die Unnatur grell entgegenstelle. Ich finde, daß die Schönheit sich überall mit der Zweckmäßigkeit paart. Für den Menschen ist die menschliche Gestalt das Schönste; es kann nicht anders sein. Die gesunde, ebenmäßige Ausbildung derselben in allen ihren Theilen bedingt allein ihre Schönheit. Der größere Gesichtswinkel bedingt die Schönheit des Antlitzes, weil der Mensch sich als denkendes Wesen über die Thiere erhebt und in dem Zunehmeu jenes Winkels den Ausdruck seiner Vermenschlichung wiederfindet. Die Kleidung dient einerseits der Schamhaftigkeit, die den Körper zum Theil verdecken will, andrerseits der Bedürftigkeit, die Schutz gegen äußere Einwirkungen sucht. Nur der Barbar ruft sie zu Verunstaltungen, in denen er sich wohlgefällt, zu Hülfe. Die Kleidung der Polynesier im Allgemeinen genügt der Schamhaftigkeit, ohne den edlen Glicderbau der kräftigen, gesunden, schönen Menschen zu verhüllen. Der Mantel der O-Waihier, der nach Bedürfnis; und Laune umgenommen und abgelegt wird, und von dem sich vor einem Mächtigeren zu entblößen die Ehrfurcht gebietet, — besonders der weitere, faltigere, den die Reichen tragen, ist eben so schön als zweckmäßig. Aber die Tatuirung? — Die Tatuirung ist eine sehr allgemeine Sitte unter den Menschen; Californier und Eskimos huldigen ihr mehr oder weniger, und das mosaische Verbot beurkundet, daß ihr die Völker anhingen, von denen die Kinder Jsrael's abgesondert werden sollten. Die Tatuirung, auf verschiedenen Inseln des großen 252 Ocean's sehr verschiedentlich angewandt, bildet auf Radack ein kunstmäßiges Ganze. Sie verhüllt und verunstaltet die Formen nicht, sie schließt sich ihnen an mit anmuthiger Verzierung und scheint deren" Schönheit zu erhöhen. Man muß den Haarschnitt der O-Waihierinnen tadeln, der sie ihres natürlichen Schmuckes beraubt. Bei den Radackern hingegen verwenden beide Geschlechter die größte Sorgsalt auf ihr Haar, und die zierlichen Muschelschnüre, womit sie sich bekränze», erhöhen sehr zweckmäßig den Glanz der schwarzen Locken und die Bräune der zarten Haut. Befremdlich möchte ihr Ohrenschmuck erscheinen, der von dem erweiterten Ohrlappen gehalten wird; ich muß jedoch bekennen, daß ich ihn von angenehmer Wirkung gefunden habe. Indem wir uns in unsere häßlichen Kleider einzwängen, verzichten wir auf den Ausdruck des Körpers und der Arme; die Mimik tritt bei unS Nordeuropäcrn ganz zurück, und wir schauen kaum dem Redenden ins Antlitz. Der bewegliche, gesprächige Polynesier redet niit Mund, Antlitz und Armen, und zwar mit der größten Sparsamkeit der Worte und der Gebilden, so daß zweckmäßig der kürzeste Ausdruck und der schnellste gewählt wird und ein Wink an die Stelle einer Rede tritt. So wird mit einem Zucken der Augenbrauen bejaht, und das Wort inAn erzwingt von dem O-Waihier nur der Fremde, der schwerfälligen Verständnisses seine Fragen mehrere Male wiederholt. Unser Schuh- und Stiefelwerk hat für uns den Gebrauch der Füße auf das Gehen beschränkt. Dem vierhändigen Polynesier leisten sie noch ganz andere Dienste. Er hält und sichert mit den Füßen den Gegenstand, woran er mit den Händen arbeitet, die Matte, die er flechtet, die Schnur, die er dreht, das Stück Holz, worauf er durch Reibung Feuer Hervorbringen will. — Wie unbeholfen, langsam und ungeschickt müssen wir uns bücken, um etwas, das zu unfern Füßen liegt, aufzuheben. Der Polynesier faßt es mit dem Fuße, der es der Hand von derselben Seite reicht, und er hat sich nicht gerührt und hat zu reden nicht aufgehört. Soll etwas, das auf dem Verdecke eines Schiffes liegt, entwendet werden, faßt es einer mit dem Fuße und reicht es dem andern; es wandert von 253 Fuß zu Fuße und über Bord, während die ausgesetzte Schildwacht Allen nach den Händen stehet und nichts merkt. Der Ausspruch des Meisters drängt sich mir aus und führt mich noch ferner ab von meinem Ziele: . „Nur aus vollendeter Kraft bllcket die Anmuth hervor." Die vollendete Kraft sucht nicht, sondern trifft mit Sicherheit daZ Rechte, und das Rechte ist das Schöne. Jede versuchte willkürliche Ausschmückung ist Verunzierung und Verunstaltung. Ich weiß mir kein anmuthigercs Schauspiel, als den indischen Jongleur, der mit der Kanonenkugel spielt, die ihm zum Erstaunen gehorcht. An der Entfaltung der menschlichen Gestalt in ihrer vollen Schöne weidet sich schwelgend der Künstlcrblick, indem ich mich kindergleich belustige mit dem kindcrgleichen Menschen, der eben nur spielt und sich belustigt. Ich habe den europäischen Jongleur unstreitig noch schwierigere Kunststücke ausführen sehen, aber der alberne, widrige Mensch verdarb mir den dargebotenen Kunstgenuß, indem er ganz ernstlich für sein citeles Spiel die Art Bewunderung in Anspruch nahm, die ich nur Heldenthatcn zollen mag. Eben so unterscheiden sich von den lustigen, belustigenden Taschenspielern, wie ich sie in meiner Kindheit noch gesehen habe, die jetzigen langweiligen Urokesseurs cks Ub^slgne amüsante. — Die Vornehmigkeit hat ihnen den Hals gebrochen. Ich kehre zu meinen Polynesiern zurück: ich vergleiche sie mit dein indischen Jongleur, der mit ihnen gleichen Menschenstammes ist. Wir hatten den Passat und segelten vor dem Winde. Am 20. Oktober sahen wir am Morgen viele Schnepfen und viele Sec- vögel. Um zwei Uhr Nachmittags zeigten sich die dem Seefahrer Gefahr drohenden nackten Klippen, die von Kapitain Johnstone in der Fregatte Coruwallis im Jahre 1807 zuerst gesehen worden und die wir im vorigen Jahrs vergeblich aufgesucht hatten. Der höchste, sichtbarste Punkt derselben liegt, nach Herrn von Kotzebue, 16" 45' 36" N. B., 169° 39' 21" W. S. Ueberflossenc Riffe erstrecken sich weit umher. Schnepfen und Seevögel wurden oft während dieser Ueberfahrt gesehen. Am 21. zog ein Flug Enten gegen S. O. Am 24. setzte sich eine Schnepfe auf das Schiff. Wir fanden im Nor- 254 den von Radack den uns bekannten starken W. Strom. Wir hatten am 30. Ansicht von Otdia, und wie wir die Schischmareffstraße aufsuchen wollten, befiel uns ein Sturm aus S. O., der in der Nähe dieser Riffe nicht ohne Gefahr war. Der Regen floß in Strömen, und um unser Schiff erging sich ein kleiner Phyfeter. Der Wind, der wieder zum Osten uberging, wehte in der Nacht noch heftig, und wir lavirten in Ansicht des Landes. Wir fuhren am 31. Oktober 1817 Morgens um 10 Uhr in Otdia ein. Ein Segel kam von Westen, wir holten es ein. — Wir erkannten unfern Freund Lagcdiack, der uns frohlockend begrüßte. Um 5 Uhr Nachmittags erreichten wir unfern alten Ankerplatz vor Otdia. Lagediack kam sogleich auf das Schiff und brachte uns Cocos- nüsse mit. Seine Freude war unbeschreiblich; er vermochte kaum sie zu zügeln, um uns Nachricht von unfern Freunden und dem Zustande der Inseln überhaupt zu geben. Kadu, dem als einem Naturkinde das Ferne auf dem üppigen O-Wahu fern lag, der erst in der Enge unseres kleinen Bretterhauses seine Gedanken zusammen gefaßt und auf seine lieben Gastfreunde gerichtet, denen wir ihn zuführten; Kadu, von dem Momente an, wo er die Riffe von Otdia erschaut und erkannt, der Gegenwart an- gehörcnd und mächtig sie erfassend, war ganz ein Radacker unter den Radackern. Geschenke, Geschichten, Märchen, Freude brachte er ihnen und jubelte mit ihnen vor Entzücken und Lust. Aber besonnen, wo cs zu handeln galt, war er unablässig thätig, und hatte schon Hand angelegt, wo andere noch zögerten. Er that's aus eigenem Herzen in unserm Geiste. Er war unsere Hand unter den Radackern und bis an den letzten Tag ohne Nebengedanken einer der Unfern. Ich selbst, nachdem ich mit redlichem Bemühen Kadu über Radack zu reden veranlaßt, seine Aussagen zusammen getragen, verglichen und studirt hatte und mir nur die abstrakteren Kapitel der Glaubenslehre, der Sprachlehre u. s. w. abzuhandeln übrig blieben; nachdem ich mit den Sitten und Bräuchen und mit den Zuständen dieses Volkes vertrauter geworden war, hatte jetzt einen klareren 255 Blick über dasselbe gewonnen und konnte übersichtlich lesen, wo ich sonst nur mit Mühe buchstnbirt hatte. Auch die Radacker standen uns dieses Mal um Vieles näher. Kadu's Genossenschaft mit ihnen und mit uns war das Band, das uns vereinigte. Unser Freund war in Hinsicht unser leichter und schneller für sie, was er in Hinsicht ihrer für uns gewesen war. Wir waren jetzt nur eine Familie. Aber wir sollten nur drei Tage auf Radack zubringen, und es galt zu schaffen und zu wirken, nicht aber müßig zu studiren. Der größte Theil von der Bevölkerung der Gruppe war mit dem Kriegsgcschwader von Lamari weggezogen. Von unfern Freunden waren nur Lagediack und der Greis von Oromed, Laergaß, zurück geblieben; letzterer der einzige Häuptling und zur Zeit Machthaber auf Otdia. Es waren überhaupt nur zwölf Mann und mehrere Weiber und Kinder anwesend. Kurz nach unserer Abreise war aus Aur der Häuptling Labeuliet hieher gekommen und hatte sich einen Theil des von uns geschenkten Eisens abliefern lassen. Drei Ziegen lebten zu der Zeit noch; die hatte er ebenfalls mitgenommen. Später war Lamari eingetroffen und hatte den Rest nnsers Eisens und unserer Geschenke sich herausgeben lassen. Er war einige Zeit geblieben, die Bereitung von Mogan zu betreiben, und hatte bei seiner Abfahrt nur wenige Früchte zur kümmerlichen Erhaltung der Zurückbleibenden übrig gelassen. Etliche Jamswurzeln, die in unseren Garten noch gegrünt, hatte er ausgegraben und mitgenomipcn, um sie nach Aur zu verpflanzen. Am 1. November 1817 gingen wir zuerst ans Land. Einen niederschlagenden Anblick gewährte der wüste Fleck, den wir einst bebaut. Nicht ein armes Unkraut, nicht die Vogelmiere war zurückgeblieben, Zeugniß von uns und unserer frommen Absicht abzulegen. Wirschritten rüstig an das Werk, nicht deshalb entmuthigt, weil, nicht unvorhergesehener Weise, unsere ersten Bemühungen fruchtlos geblieben. Der Garten ward erneuert und reichlicher besetzt; aber von allen Setzlingen und von allen Sämereien ward ein Theil zurückgelegt, um auch auf Oro- med einen gleichen Versuch anzustellen; manche, die in gröherm Vorrath 256 vorhanden waren, wurden auch unter die Freunde vcrtheilt. Kadu, den Spaten in der Hand, redete gar eindringlich die Umstehenden an und unterrichtete sie und schärfte ihnen nützliche Lehren ein. Wir speisten und schliefen zu Nacht auf dem Lande. Wir hatten noch ein paar Wassermelonen auf diesen Tag gespart; sic wurden nebst etlichen Wurzeln, die der Kapitain zubereiten lassen, unter die Radacker ausgetheilt und dienten den Reden Kadu's zum Belege. — Am Abend sangen uns die Freunde mehrere der Lieder vor, die unsere Namen und das Andenken unseres Zuges anfzubewahren gedichtet worden. Am zweiten wurden die Hunde und die Katzen ans Land gebracht; diese zogen zu Walde, während sich jene an die Menschen anschlossen; aber auch sie warfen sich sogleich auf die Ratten und verzehrten ihrer etliche; und ich sah beruhigt ihre Unterhaltung auf Unkosten eines zu bekämpfenden lästigen Parasiten gesichert. Ziegen und Schweine sollten, von unfern Pflanzungen entfernt, auf eine andere Insel gebracht werden. Da zagten noch die Ra- dackcr, sich mit den ihnen unheimlichen Thieren zu befassen. Kadu übernahm sogleich und vollbrachte das Geschäft. Er sollte von jener Insel weiter nach Oromed überfahren, die dortige Gartenanlage zu besorgen. Er begegnete, sowie er den Cours dahin genommen, dem kommenden Laergaß und kam mit ihm an das Schiff zurück. Der alte Freund, liebevoll und freigebig, brachte uns Brodfrüchte und Coeosnüsse, und beklagte sich, daß wir nicht vor seiner Insel die Anker geworfen. Nach kurzem Aufenthalte gingen beide Boote nach Oromed unter Segel. Ich entschloß mich schnell mitzufahren und stieg auf das Boot des Alten. Kadu, der erst auf Otdia anlegtc, kam uns nach. Ich pflanzte an diesem selben Abend das Zuckerrohr, das schon von der Dürre gelitten hatte, und fing die Gartenarbeiten an. Kadu langte an. Der eine Tag, den ich auf Oromed unter diesen anmuthigen Kindern, ganz ihren Sitten gemäß, ohne Rückhalt, ohne fremde Einmischung zugebracht habe, hat mir die heiterste, frischeste Erinnerung hinterlassen, die ich von meiner ganzen Reise zurück gebracht. Die Bevölkerung der Insel, drei Männer, zahlreiche Frauen und Kinder waren mit uns am Strande um ein gesellig 257 loderndes Feuer versammelt. Kadu erzählte seine Begebenheiten, denen er schalkhaft unterhaltende Märchen einwob; die Mädchen sangen uns freudig die Lieder vor, die zahllos auf uns entstanden waren. Die Aelteren zogen sich zurück und begaben sich zur Ruhe. Wir zogen weiter abwärts, und es ward abwechselnd verständiges Gespräch gepflogen und lustig gesungen bis spät in die Nacht hinein. Ich habe von Unschuld der Sitten und Zwanglosigkeit der Verhältnisse, von zarter Schamhaftigkeit und stttigem Anstande gesprochen. Haben die Saint Simonianer einen Traum von diesen meeruinbrandeten Gärten gehabt, als sie an der Aufgabe gescheitert sind, zu machen, was sich nicht machen läßt, und sie die Zeit vorzuschrauben gemeint, bis sie im Kreise dahin wiederkäme, wo sie möglicher Weise schon ein Mal war? — Hier ein geringfügiger Zug von den Sitten von Radack. Ich saß im Kreise neben einem jungen Mädchen, auf deren Arm ich die zierlich tatuirte Zeichnung betrachtete, die, wie dem Auge durch die dunkelblaue Farbe, so dem Tasten durch leises Aufschwellen der feinen Haut wahrnehmbar zu sein schien; und ich ließ mich zu dem Versuche Hinreißen, indem ich sanft die Hand darüber gleiten ließ. Das hätte nun nicht sein sollen; wie aber konnte das junge Mädchen den nicht arg gemeinten Fehl an dem doch werthen und lieben Gaste rügen, der nur fremd der Sitte war und überdies die Sprache nicht gut verstand? Wie konnte sie dem Einhalt thun und sich davor schützen? Ich merkte Anfangs nicht, daß inein Betragen unsittig gewesen sei; als aber das Lied, das eben gesungen wurde, zu Ende war, stand das Mädchen auf, machte sich anderswo etwas zu schaffen und setzte sich, als sie wieder kam, gleich freundlich und fröhlich, nicht wieder an ihren alten Platz neben mir, sondern an einen andern unter ihren Gespielinnen. Am andern Morgen wurden Pflanzung und Aussaat beschickt, wobei Kadu die größte Thätigkeit entwickelte. Ich entdeckte bei dieser Gelegenheit auf Oromed den Taro und die ülliLoxbora uorlüLa, von denen ich einzeln angebaute Pflanzen sogar auf dem dürftigen Riffe Eilu angetroffen und die mir bis jetzt auf der ill. 17 258 Gruppe Otdia noch nicht vorgekommen waren. Sobald das Werk vollbracht war, rief Kadu: zu Schiffe! Wir trennten uns von unfern Freunden und entfalteten das Segel dem Winde. Ich habe, was in der Geschichte folgt, an andcrm Orte berichtet. (Siehe Bemerkungen undr Ansichten: „lieber unsere Kenntniß der ersten Provinz des großen Ocean's" zu Anfang, und „Radack" am Schluffe.) Ich habe dem, was dort zu lesen ist, nichts hinzu- zufiigen. Du hast, mein Freund Kadu, das Bessere erwählt; du schiedest in Liebe von uns, und wir haben auch ein Recht auf deine Liebe, die wir die Absicht gehegt und uns bemüht haben, Wohlthaten deinem zweiten Vaterlande zu erweisen. Du hast von uns das Gute gelernt und es hat dich ergriffen; du hast in unserm frommen Sinn fortzuwirken dich unterfangen; möge, der die Schicksale der Menschen lenkt, dein Werk segnen und dich selbst bei deiner fahrvollen Sendung beschirmen! Möge er eine Zeit noch die Europäer von euren dürftigen Riffen, die ihnen keine Lockungen darbieten, entfernen. Sie würden euch zunächst nur de» Schmutz von O-Waihi zuführen. — Aber was hättest du in unserm alten Europa gesollt? Wir hätte» eitles Spiel mit dir getrieben, wir hatten dich Fürsten und Herren gezeigt; sie hätten dich mit Medaillen und Flittertand behängen und dann vergessen. Der liebende Führer, dessen du Guter bedurft hättest, würde dir nicht an der Seite gestanden haben; wir würden nicht zusammen geblieben sein, du hättest dich in einer kalten Welt verloren gefunden. Patzlich für dich würde unter uns keine Stellung sein; und hätten wir dir endlich den Weg nach deinem Vaterland wieder eröffnet, was hätten wir zuvor aus dir gemacht? Mit der zweiten Reise von Herrn von Kotzebue und seinem Besuche auf Otdia im April und Mai 1824 endigt für uns die Geschichte von Radack. Seine Ankunft in Otdia verbreitete panischen Schrecken unter den Eingeborenen. Nachdem er erkannt worden, fanden sich die alten Freunde wieder ein; Lagediack, Rarick, Laergaß, Langten, Labigar fanden sich ein: Kadu fehlte. Eine große Schüchternheit und Zaghaftigkeit war den Freunden anzumerken. Diese wird dadurch er- 259 klärt, daß die Kupferplatte, die im Jahre 1817 an einen Cocosbaurn bei Rarick's Hause angeschlagen worden, weggekommen war. Von Allem, was wir auf Radack gebracht, sah Herr von Kotzebue nur die Katze verwildert und die Jamswurzel. Der Weinstock, der sich bis auf die höchsten Bäume hinauf gerankt hatte, war vertrocknet. Kadu befand sich angeblich auf Aur bei Lamari, mit dem er sich abgefunden, und unter seiner Pflege sollten sich Thiere und Pflanzen, die der Machthaber dorthin iiberbracht und verpflanzt hatte, außerordentlich vermehrt haben. — Angeblich war nur der Weinstock ausgegangen. Herr von Kotzebue setzt hinzu, daß ihn die Größe seines Schiffes leider verhindert habe, Kadu in Aur aufzusuchen. Wir nehmen zweifelnden Herzens die uns nicht befriedigenden Aussagen hin. Den Kriegszug, zu welchem sich Lamari im Jahre 1817 rüstete, hatte Kadu mitgemacht. Er hatte in europäischem Hemde und ro- ther Mütze mit dem Säbel in der Hand gefochten, und das Eisen, das viele Eisen hatte dem Lamari die liebermacht gegeben. Er war als Sieger heimgekehrt. Die von Odia, Inselkette Ralick, hatten jüngst unter ihrem Häuptling Lavadock Kaben überfallen, und Rache für diesen Raubzug zu nehmen, rüstete sich jetzt Lamari den Krieg nach Odia zu tragen. So erzählten die Befreundeten. Lagediack drang heimlich in Herrn von Kotzebue, sich die Herrschaft auf Radack anzumaßen, und bot ihm bei dem Unternehmen seine Unterstützung an. Als dieser, in seinen Plan nicht eingehend, sich zur Abreise anschickte, bat er ihn, seinen Sohn nach Rußland mitzunehmen, und mochte doch sich von dem Kinde nicht trennen, als er erfuhr, Herr von Kotzebue habe jetzt Radack zum letzten Male besucht. — Als aber das Schiff im Begriffe stand unter Segel zu gehen, brachte Lagediack dem Freunde ein letztes Geschenk: junge Cocosbäume, die er nach Rußland verpflanzen möge, da, wie er vernommen, es dort keine Cocosbäume gäbe. Am 4. November 1817 liefen wir aus dem Riffe von Otdia 17* 260 zu der Schischmareff-Straße aus. Das Wetter war heiter, der Wind schwach. Wir fuhren an Erigup vorüber und steuerten nach der Anweisung von Lagediack und den andern Freunden, um Ligiep aufzusuchen. Wir waren am 5. Vormittags in Ansicht dieser Gruppe, in deren Nähe der Wind uns gänzlich gebrach. Endlich zog uns ein schwacher Hauch aus Norden aus einer peinlich werdenden Lage. Ein Boot kam uns entgegen und beobachtete uns vorsichtig von Weitem. Wir nannten uns: da war alle Scheu von den Menschen gewichen; sie kamen heran, befestigten das Boot au das Schiff und stiegen zutraulich auf das Verdeck. Lamari auf seinem Zuge hatte uns ein gutes Zeugniß gesprochen. Sie brachten uns die üblichen Geschenke dar, Cocosnüsse und ihre zierlichen Muschclkränze, und verkehrten ohne Arg und Rückhalt mit den alten, wohlbekannten Freunden ihres Volkes. Sie luden uns dringend ein auf ihre Inseln und rühmten uns die Schönheit der Töchter von Ligiep. Dieses ist auf Radack das einzige Mal, daß ein solches Wort unser Ohr getroffen hat. Ihre Geschenke blieben nicht unerwidert; sie erstaunten ob unserer Freigebigkeit und unseres Reich- thumes an Eisen. Wir gaben ihnen, so gut es gehen wollte, Nachrichten von Otdia und ihren Freunden. Ohne Kadu ward es uns auf Radack noch schwer, uns zu verständigen, und so haben wir wenig von den Insulanern von Ligiep erfahren. Die Radacker sind, wie die Engländer, im Verstehen, ich möchte sagen, ungefällig. Sie erkennen die Wörter ihrer Sprache nicht, die wir ihnen vorzusagen uns bemühen. Ihre Art ist dann, zu wiederholen, was sie von uns hören, und so täuschen sie uns, die wir uns nicht erwehren können, solche Wiederholung für eine Bejahung aufzunehmcn. Wir sahen nur den dürftigeren Theil der Gruppe; die reicheren Inseln, über welchen die Cocospalme hochstämmig ihre Krone wiegt, sah Herr von Kotzebue erst im Jahre 1824. Die Durchbrüche des Riffes scheinen selbst größeren Schiffen bequeme Thore zu verheißen, zu denen sie beim herrschenden Passat aus- und einfahren können. Die Menschen schienen uits wohlgenährter und wohlhabender als 261 auf anderen Gruppen von Radack, und wir waren darauf vorbereitet, sie so zu finden. Herr von Kotzebue hatte auf Otdia mit Lagediack, der, wie es sich ergab, öfter selbst auf Ralick gewesen, die Geographie dieser andern Inselkette wiederholt durchgenommen. Hier, am Ausgangspunkt der Seefahrer von Radack, die dahin fahren, ließ er sich wiederum die Richtung der zu jener Kette gehörigen Gruppe Kwadelen andeuten, und sie ward ihm, gleichlautend mit den früheren Angaben, nach Westen gezeigt. Am Abend frischte der Wind, wir trennten uns von unfern Freunden und steuerten nach Westen. Es war uns aber nicht Vorbehalten, diese oder eine andere Gruppe von Ralick zu entdecken. Im Jahre 1825 hat Herr von Kotzebue im Westen und in der Breite von Udirick, da wo den Angaben nach die nördlichsten Riffe von Ralick liegen sollen, drei verschiedene Inselgruppen entdeckt, die wohl mit hohen Cocospalmen bewachsen, aber unbewohnt waren. Von Radack nach Guajan. Wir hatten am 5. November 1817 Ligiep, die letzte Inselgruppe von Radack, aus dem Gesichte verloren. Der Kapitain hatte auf Guajan, Marianen-Jnseln, anzulegen beschlossen. Wir hatten Ansicht erst von Sarpane oder Rota und sodann von Guajan am 23. November. (Ich behalte die spanische Rechtschreibung, Guajan, bei; man findet sonst den Namen Guaham, Guam und anders geschrieben.) Das blos verneinende Resultat dieser Fahrt, auf welcher wir die Kette Ralick und den Meerstrich durchfahren haben, den die Carolinen-Jnseln auf einigen Karten einnehmen, ist in hydrographischer Hinsicht nicht ohne Wichtigkeit. Der Seefahrer, der dieses Meer auf Entdeckung befahren soll, ist auf die Tabelle: Aerometer- Beobachtungen, Reise, III. S. 226, zu verweisen, auf daß er den Cours, den wir gehalten, vermeide. Herr von Kotzebue bemerkt, daß das Meer im Westen von Radack und in dem Striche, wo die Carolinen-Jnseln gesucht wurden (zwischen dem 9. und 10. und in den letzten drei Tagen bis zu dem 11. Grad N. B.), blasser bläulich gefärbt war, einen größeren Salzgehalt und in der Tiefe eine auffallend niedrigere Temperatur hatte als sonst unter gleicher Breite im großen Ocean; und schließt daraus, daß es da weniger tief sein möchte. Als wir, Guajan zu erreichen, nördlicher steuerten (am 20. November, 11° 42' N. B., 209° 51' W. L.), nahm das Meer seine gewöhnliche dunkelblaue Farbe, seinen gewöhnlichen Salzgehalt und in der Tiefe seine gewöhnliche Temperatur wieder an. 263 Wir hatten bis dahin häufige Windstillen gehabt und einmal ein Nachtgewitter mit heftigen Windstößen. Ein Delphin wurde harpunirt. Ein fabelhafter Vorfall ergötzte ungemein unsere Mannschaft. Einer unserer Matrosen trug eine alte Mütze von Seehundsfell, die, vor Theer, Thran und Alter schier unkenntlich, ein Gegenstand der Verhöhnung geworden war. Ueberdrüssig warf er sie eines Morgens in die See. Ein Haifisch ward am selbigen Tage gefangen, in dessen Magen sich die Schicksalsmütze noch wohlbehalten vorfand. Wir hatten uns am Nachmittag des 23. November der Nordspitze von Guajan genähert. Wir konnten »ns nach keiner Karte richten, und die Stadt Agana war uns nur aus unzulänglichen Beschreibungen bekannt. Wir entfernten uns vom Lande. Am 24. suchten wir das Land wieder auf und verfolgten dessen Westküste nach Süden, um Stadt und Ankerplatz aufzusuchen. Der Passat blies mit ausnehmender Stärke. Nachdem wir die Nordspitze der Insel umfahren hatten, fanden wir unter dem Winde derselben ein ruhiges Meer, und ein leichter Windzug, der noch unsere Segel schwellte, wehte uns von: schönbewaldeten Ufer Wohlgerüche zu, wie ich sie in der Nähe keines andern Landes empfunden habe. Ein Garten der Wollust schien diese grüne, duftende Insel zu sein, aber sie war die Wüste. Kein freudiges Volk belebte den Strand, kein Fahrzeug kam von der Isla äs las velas latiuas uns entgegen. Die römischen Missionare haben hier ihr Kreuz aufge- pflanzt-, dem sind 44,000 Menschen geopfert worden, und deren Reste, vermischt mit den Tagalen, die man von Lu?on herüber gesiedelt hat, sind ein stilles, trauriges, unterwürfiges Völklein geworden, das die Mutter Erde sonder Mühe ernährt und sich zu vermehren einladet. Darüber habe ich in meinen Bemerkungen und Ansichten die Spanier selbst berichten lassen. Wir waren bemerkt worden. Als wir uns eben in den reizend umgrünten Buchten nach einem Ankerplatz «msahen, kam uns der Pilot des Gouverneurs, Herr Robert Wilson, in einem europäischen Boote entgegen, um uns in den Hafen zu führen. Im Angesichte 264 der Stadt kam der Artillcrielieutenant Don Jgnacio Martine; uns zu rekognosciren. Er fuhr in einer Proa heran, einem den Fahrzeugen der Radacker gleichen Boote, wie sie ehedem auf diesen Inseln üblich, ihnen den ersten Namen erwarben, bei welchem sie die Europäer benannt haben. Für die Spanier auf Guajan bauen jetzt die südlicheren Caroliner diese Fahrzeuge und bringen sie ihnen her zu Kauf. Der Hafen l-a oaläsrn äs ^xra, von einem Korallenriffe gebildet, ist ausnehmend sicher, aber von schwerem Zugänge. Wir hatten die Anker noch nicht geworfen, als wir eine Botschaft des Gouverneurs erhielten, der uns nach Agana einlud und nns für den beiläufig vier Meilen langen Landweg Pferde und Maulthiere cnt- gegengeschickt hatte. Das Schiff ward unter den Befehl des Lieutenant Schischmareff gestellt, und wir fuhren mit Herrn Wilson ans Land. Im Hafen lag nur die kleine Brigg des Gouverneurs, die Herr Wilson zu fahren den Auftrag hat. Wir hatten bis zu dem Dorfe Massu, wo uns die Pferde erwarteten und auf das wir, der Untiefen wegen, nicht in grader Richtung steuern konnten, beiläufig zwei Meilen zu rudern. Die Nacht brach ein, als wir landeten. Die Tagalen haben die Bauart der Philippinen hier herübergebracht. Die Häuser des Volkes sind auf Pfosten getragene, niedliche Käfige von Bambusrohr mit einer Bedachung von Palmenblättern. Der Weg, auf welchem uns der Mond leuchtete, führte uns durch die anmuthigste Gegend: Palmengebüsche und Wälder, die Hügel zu unserer Rechten, das Meer zu unserer Linken. Wir stiegen in Agana bei Herrn Wilson ab und stellten uns sodann dem Kapitain-General der Marianen-Jnseln vor. Don Jose de Medinilla y Pineda empfing uns in voller Montirung mit aller Förmlichkeit, aber auch auf das gastlichste. Der Kapital» und ich wohnten bei ihm, die anderen Herren wurden bei anderen Spaniern nntergebracht. Seine Tafel war zu mehreren Mahlzeiten des Tages mit einer Unzahl von Fleischgerichten verschwenderisch besetzt; aber von den Früchten, den grünen Erzeugnissen der Erde, nach denen der Seemann, der ans Sand tritt, besonders begierig ist, ward nichts aufgetragen, und nur ein Apfel- sinenirank, der eine Zwischenmahlzeit bildete, erinnerte an das duftig 265 grüne Land. Brod ward nur dem Wirthe und den fremden Gästen gereicht; die Spanier erhielten an dessen Statt Maistorten. An Fruchten, woran ich in Agana Mangel litt, herrschte indeß auf dem Rurik der größte Ueberfluß. Der Gouverneur ließ das Schiff mit frischem Fleische und mit Allem, was die Erde an Wurzeln und Früchten hervorbringt, verschwenderisch versorgen. Außerdem durften die Matrosen, die einmal anS Land geschickt worden, so viele Apfelsinen und Limonen aus dem Walde heimbringen, als sie zu pflücken und mit sich zu schleppen vermochten. — Dieser Boden, diese Fruchtbäume haben ja sonst ein starkes, blühendes Volk ernährt; die geringe Anzahl der jetzigen Bewohner steht in keinem Verhältniß zu den reichen Gaben der willigen Erde. Man möchte fragen, wie diese Kost unfern nordischen Ichthyophagen mundete. Die Apfelsinen schmeckten ihnen besser als Wallfischspeck. Wahrlich, es ist eine solche Lust, Aleuten Apfelsinen essen zu sehen, daß wir auf der Ueberfahrt nach Manila die letzten, die uns vom Vorrath übrig blieben, lieber von ihnen verschlucken sahen, als daß wir sie selber gegessen hatten. Wenigstens überließ Eschscholtz die ihm zugetheilten seinem aleutischen Sprachlehrer. Ich habe in meinen Bemerkungen und Ansichten von Don Suis de Torres gesprochen, mit dem eine gleiche Gesinnung mich schnell und innig verband. Ich gedenke seiner mit herzlicher Liebe und aufrichtiger Dankbarkeit. Don Luis de Torres, der auf Ulea selbst Sitten und Bräuche, Geschichte und Sagen dieser lieblichen Menschen kennen gelernt, sich von ihren erfahrensten Seefahrern, mit denen er in vertrautem Umgänge gelebt, die Karte ihrer neptunischen Welt vorzeichnen lassen, und der durch die Handelsflotte von Lamureck, die jährlich nach Guajan kommt, in ununterbrochener Verbindung mit seinen dortigen Freunden geblieben war, — Don Luis de Torres eröffnete mir die Schätze seiner Kenntnisse, legte mir jene Karte vor und sprach gern und mit Liebe zu mir von seinen Gastfreunden und jenem Volke, zu dem ich durch meinen Freund Kadu eine große Vorliebe gefaßt hatte. Alle meine Momente ans Agana waren dem lehrreichen und herzlichen Umgänge des liebenswcrthen Don Luis de Torres gewidmet, aus dessen Munde ich die Nachrichten niederschrieb, 266 die ich in den Bemerkungen und Ansichten aufbewahrt habe. Herr von Kotzebue, dem ich die Ergebnisse meiner Studien mittheilte, kam meinem Wunsch zuvor und gab zu den zwei Tagen, die er auf Guajan zu bleiben sich vorgesetzt hatte, einen dritten Tag hinzu, ein Opfer, wofür ich ihm dankbarlichst verpflichtet bin. Während er selbst zwischen dem Hafen und der Stadt seine Zeit theilte, blieb ich in Agana und verfolgte mein Ziel. Ich habe von einem Paare rüstiger Eheleute auf Guajan gesprochen, Stammältern der sechsten gleichzeitig lebenden Generation. Von ihnen war Don Luis de Torres ein Enkel, selber Großvater; zu dem sechsten Glieds stieg eine andere Linie herab. Don Jose de Medinilla y Pineda hatte in Peru, von wo er auf diese Inseln gekommen, Alexander von Humboldt gekannt und war stolz darauf, ihm ein Mal seinen eigenen Hut geliehen zu haben, als jener einen gesucht, um an dem Hof des Vicekönigs zu erscheinen. Wir haben später zu Manila, welche Hauptstadt der Philippinen von jeher mit der neuen Welt in lebendigen: Verkehr gestanden hat, oft den weltberühmten Namen unseres Landsmannes mit Verehrung nennen hören und mehrere, besonders geistliche Herren angetroffen, die ihn gesehen oder gekannt zu haben sich rühmten. Ich habe beiläufig erzählt, daß Don Jose de Medinilla y Pineda unser»: Kapitain, der Verlangen trug, die volksthümlichen Tanze und Festspiele der Eingeborenen zu sehen, ein Opernballet bei Fackelschein aufführen ließ. — Ich hörte ihn in diesen: schwierigen Falle, wo von ihn: verlangt wurde, daß er zeigen sollte, was nicht da war, sich mit anderen berathen und ihrem Gutachten wiederholt die Worte entgegnen: Aber er will einen Tanz sehen! — So ward uns denn ein Tanz gezeigt. Choris, der ein besonderes Talent hatte, schnell und leicht ein wohlgetroffenes Portrait mit Wasserfarben hinzuwerfen, erbot sich eines Morgens, das Portrait des Gouverneurs zu machen. Dieser ging sogleich sich in vollen Anzug zu werfen und kam in Gala zurück mit seidenen Strümpfen, Schuhen und Schnallen. Choris machte ein bloßes Brustbild, worauf nur die Epauletten aufgenoin- 267 men werden konnten. Eben diese Epauletten waren die Zielscheibe böser Zungen, die zu verstehen gaben, Don Jose werde das damit verzierte Bild feinen Angehörigen, für die es bestimmt war, nicht schicken dürfen, da er dieselben zu tragen nur von sich selber die Berechtigung habe. Der 28. November, wo wir uns wieder einschiffen sollten, war herangekonnnen. Dem Spanier, der mich im Hause des Gouverneurs bedient hatte, wollte ich beim Abschied etliche Piaster dar- rcichen, fand aber einen Mann, der, in unfern Sitten fremd, gar nicht zu verstehen schien, was mir in den Sinn gekommen sein möchte. — In der Furcht, ihn beleidigt zu haben, sagte ich ihm, es sei xara los mnobaobos, für die niedere Dienerschaft, und so nahm er das Geld an. Weder der Kapitain noch ein anderer von den Herren hatte ein Trinkgeld anbringen können. Irgend eine Waare, ein buntes Tuch, wie sie welche um den Kopf tragen, oder Aehnliches würde mit großem Danke angenommen worden sein. Für Piaster kann man hier nur das bekommen, was der alleinige Handelsmann, der Gouverneur, dafür geben mag. Ich war Zeuge eines peinlich komischen Auftritts zwischen dem Gouverneur und unserm Kapitain. Der erstere hatte großartig gastfrei für die Verproviantirung des Rurik's Zahlung anzunehmen sich geweigert. Der Kapitain hatte zu Geschenken etliche Exemplare einer russischen Medaille mitgenommen, die er auszugebeu Pflegte, als sei dieselbe auf die gegenwärtige Expedition des Rurik's geprägt. Man liest zu Agana und an manchen andern Orten das Russische nicht geläufig. Diese Medaille wollte er unserm edeln Wirthe mit der Lräuchlichen Redensart: ,deS alleinigen Werthes der Erinnerung" u. s. w. verehren. Don Jose de Medi- nilla y Pineda mißverstand die Sache auf das vollständigste; was er sich aber einbilden mochte, weiß ich nicht; kurz, er schob die dar- gehaltcne Medaille zurück und setzte eine hartnäckige Weigerung, dieselbe anzunehmen, dem entrüsteten Kapitain entgegen. Ich bewog ihn endlich mit vieler Mühe, das Ding, das er für ein gefährliches anzusehen schien, anzunehmen, und die Schlacht wurde noch unsererseits gewonnen. — 268 — Ich hatte hier zuerst den Trepang kennen gelernt. Der Gouverneur, der für den Markt von Canton diese kostbare Waare sammeln und bereiten läßt, hatte mir über die verschiedenen Arten Holothurien, die in den Handel kommen, ihr Vorkommen, ihre Bereitung und über den wichtigen Handel selbst, dessen Gegenstand sie sind, die Notizen mitgetheilt, die ich theils in meinen Bemerkungen, theils in den Verhandlungen der Akademie der Naturforscher (D. X. ?. II. 1821. p. 853) niedergelegt habe. Er hatte mir einige dieser Thiere verschafft; die abzureichen waren, lebendig; andere geräuchert und in dem Zustande, worin sie zu Markt gebracht werden. (Sie sind nun sämmtlich in dem Berliner zoologischen Museum zu sehen.) Er hatte die ausnehmende Artigkeit, auch meinem Wunsche zu willfahren und diese von den chinesischen Lüstlingen so sehr begehrte Speise für uns bereiten zu lassen. Es ging mir aber damit, wie jenem deutschen Gelehrten, der in einer Mldergallerie gelehrte Notizen aus dem Munde des Cicerone sammelte und emsig niederschrieb, zu Hause aber sein Notatenbuch überlas und sich von seinem Reisegefährten nachträglich sagen ließ, wie die Bilder eigentlich ausgesehen hätten. Der Trepang muß zwei Mal vierundzwanzig Stunden bei gelindem Feuer langsam kochen; demnach ward der Genuß desselben auf die letzte Mahlzeit aufgespart, die Don Jose de Medinilla y Pineda uns vor dem Scheiden aus Agava gab. Aber ich hatte bei Tagesschein den grünen duftigen Wald von Guajan noch nur von weitem gesehen und wollte doch wenigstens einen flüchtigen Blick auf diese Flora werfen. Ich verzichtete auf das Mittagsmahl und benutzte die Zeit, den Weg nach dem Hafen zu Fuß botanisirend zurück zu legen, wobei mich noch Don Luis begleitete. — Was daS Sammeln von Pflanzen anbetrifft, konnte sich wohl Eschscholtz auf mich verlassen, ich aber nicht auf ihn. Mit unserer Schiffsgesellschaft trafen am Abend des 28. November die mehrsten spanischen Offiziere am Bord des Rurik's ein. Wir verlebten noch flöhe Stunden zusammen und sie blieben zu Nacht bei uns. Was ich von kurzer Waare, Glasperlen und Aehn- lichem noch übrig hatte, übergab ich Don Luis de Torres und ließ 269 ihn, den Freund der Indianer, meinen Erben sein. Ich kaufte noch von Choris große Messer, die er abzusetzen keine Gelegenheit gehabt, und bestimmte sie, als Geschenke von Kadu seinen Freunden und Ungehörigen auf Ulea vertheilt zu werden. Am Morgen des 29. November 1817 kam Don Jose de Mc- dinilla y Pincda und übergab unserm Kapitain Depeschen für den Gouverneur von Manila. Wir nahmen Abschied von unfern Freunden, falutirten den Kapitain - General, als er unfern Bord verließ, mit fünf Kanonenschüssen und dreimaligem „Hurra!" und entfalteten die Segel dem Winde. Non Guajan nach Manila. Aufenthalt daselbst. Am 29. November 1817 aus dem Hafen von Guajan ausgefahren, richteten wir unfern Cours nach dem Norden von Lus 0 », um zwischen den dort liegenden vulkanischen Inseln und Felsen in das chinesische Meer einzudringen. Am 1. Dezember s16" 317 N. B., 219" 6" W. L.) gaben uns Seevogel Kunde von Klippen, die nach Arrowsmith's Karte westlich unter dem Winde von uns sich befinden mußten. Am 6. ward ei» Raubvogel auf dem Rurik gefangen. „Schon vor einigen Tagen", sagt Herr von Kotzebue, „ist ein ansehnlicher Leck im Schiffe entdeckt; wahrscheinlich hat sich eine Kupferplatte abgelöst, und die Würmer, welche zwischen den Korallenriffen so häufig sind, haben das Holz durchbohrt." Er sagt ferner unter dem 12. Dezember: „Das Wasser im Schiffe nahm stark zu." Ich entlehne seiner Reisebeschreibung, II. S. 136, diesen Umstand, den ich damals entweder nicht erfahren oder aufzuzeichnen vernachlässiget habe. Wir umsegelten am 10. die Nordspitze von Lu^on zwischen den Bashees-Jnseln im Norden und den Richmoird-Felsen und Babuyanes- Jnseln im Süden. Wir hatten am 11. Ansicht des Hauptlandes, längs dessen Westküste wir südwärts segelten. Der Strom war stark und gegen uns, aber der Wind war mächtig, und wir eilten dem Ziele zu. An diesem Tage wurde eine Bonite gefangen. Fliegende Fische waren häufig. 271 Der Wind legte sich. Wir erreichten erst am 15. Mittags den Eingang der Bai von Manila. Der Telegraph von der Insel Corregidor setzte sich in Thätigkeit, unsere Ankunft zu melden. Diese Insel, die das Thor des schönen Wasserbeckens vertheidigt, schien mir von dem Rande eines zum Theil überflossenen Kraters gebildet zu werden. Wir hatten bereits längs der Küste von Lu-M ein Paar Boote unter Segel gesehen: hier zeigten sich ihrer mehrere. Wir lavirten bei einbrechender Nacht gegen den Ostwind, um in die Bucht cinzufahren: als ein Offizier von dem Wachtposten auf einem zwanzigruderigen Boote zu uns heranfuhr, um uns zu rekognoseiren. Er ließ uns einen Lootsen zurück, der uns nach Manila führen sollte. Wir kamen sehr langsam vorwärts; die im Hintergrund der Bucht belebte Schifffahrt verkündigte die Nähe einer bedeutenden Handelsstadt; der Wind gebrach uns; wir ließen am 17. Mittags die Anker fallen. Zwei Offiziere kamen vom Generalgouverneur der Philippinen, Don Fernando Mariana de Fulgeras, den Kapi- tain zu bewillkommnen. Er benutzte die Gelegenheit, selber in ihrem Boote ans Land zu fahren, und nahm mich mit. Acht Kauffahrteischiffe, Amerikaner und Engländer, lagen auf der Rhede. Der Gouverneur empfing uns auf das liebreichste und versprach, alle mögliche Hülfe uns angcdcihen zu lasten. Dasselbe Boot brachte uns an das Schiff zurück. Wir hoben noch am selben Abend die Anker, um nach Cavite, dem Hafen und dem Arsenal von Manila, zu fahren, wohin uns die Befehle des Gouverneurs zuvorkommen sollten. Windstille hielt uns auf und zwang uns abermals, die Anker fallen zu lassen; Fischerboote brachten uns ihren Fang zu Kauf; wir erreichten erst am 18. Mittags Cavite. Der Kommandant des Arsenals, Don Tobias, erhielt erst am 19. die uns betreffenden Befehle; da wurde der Rurik sogleich in das Innere des Arsenals gebracht, eine leerstehende Galion erhielt die Bestimmung, Schiffsladung und Mannschaft aufzunehmen, und ein ansehnliches Haus ward dem Kapitain zu seiner Wohnung eingeräumt. Wir bezogen am 20. dieses Haus. Der Kapitain Hütte gar gern eine 272 Schildwacht vor seiner Thür gesehen, und da er selber keinen Ehrenposten begehren konnte, so begehrte er einen Sicherhcitsposten. Wir waren nicht inehr in Chile, und hier wußte inan, was in Europa Brauches ist und was nicht. Anstatt des ersehnten Schildergastcs erschien eine Ordonnanz, die, zur Verfügung des russischen Kapitains gestellt, sich bei ihm meldete. Herr von Kotzebue entließ den Mann mit kaum unterdrücktem Unwillen. Jndeß besichtigte Don Tobias mit einem Schiffsbaumeister den Rurik und setzte alsbald hundert Arbeiter an das Werk, weiches, kräftigst angefaßt und emsig betrieben, vor Ablauf der zweimonatlichen Frist vollendet ward, welche die Dauer des N. O. Mon- soon uns im hiesigen Hafen gestattete. An allem Schadhaften re- parirt und erneut; neu betakelt; mit neuem Kupferbeschlag versehen, mit welchem, da er ursprünglich nicht vorzüglich gewesen, wir nie in Ordnung gekommen waren; mit verbessertem Steuerruder, das die Schnelligkeit seines Laufes merklich vermehrte, ging der Rurik verjüngt aus dem Arsenal von Eavite hervor. So hätte er eine Reise uni die Welt unternehmen, so den Stürmen des Nordens Trotz bieten können. Wir hatten aber nur noch die Heimfahrt vor uns. Nach der Reparatur des Schiffes war die nächste Sorge, unfern Aleuten die Schutzblattern impfen zu lassen, was der Doktor Eschscholtz ungesäumt bewerkstelligte. Wir hatten auf der Rhede von Cavite die Eglantine aus Bordeaux, Kapitain Guerin, Supercargo Du Sumier, angetroffen, und Herr Guerin, Offizier der königlichen Marine, hatte uns an unserm Bord besucht, noch bevor wir in das Arsenal ausgenommen worden. Wir haben mit diesen Herren, wie mit den spanischen Autoritäten, auf das freundschaftlichste verkehrt und nur mit Bedauern auch hier die Bemerkung erneuen müssen, daß zwei Autoritäten auf einem Schiffe nicht statthast find. Ich galt in allen Landen für einen Russen: die Flagge deckt die Waare. Außerdem aber erkannten mich Deutsche und Franzosen für ihren Landsmann. So traf ich hier außer den Herren von der Eglantine einen liebenswerthen Landsmann, dessen ich mit herzlicher 273 Dankbarkeit erwähnen muß. Don San Jago de Echaparre war bei der französischen Auswanderung nach Spanien verschlagen worden, wo er im Seedienst seine in der Heimath begonnene Karriere fortgesetzt hatte. Er war feit vielen Jahren auf Luyon und jetzt ein bejahrter Mann; aber er war noch ganz Voutilboirurw und war hier nicht unter dem Volke, nicht in den Verhältnissen seiner Wahl. Sein Herz war noch im alten Vaterlande. Don San Jago besaß und bewohnte ein Landhaus zu Tierra alta. Ca- vite, auf der äußersten Spitze einer drei Meilen langen, sandigen Landzunge gelegen, ist durchaus kein passender Aufenthalt für einen reisenden Naturforscher. Ich zog nach Tierra alta, einem Dorfe, das auf dem Hochufer der Bai von Manila liegt, da wo die Landzunge von Cavite sich demselben anschließt, und verbrachte dort fast die ganze Zeit, die der Rurik im Hafen blieb. Ich war der Gast meines Landsmanns, ob ich gleich nicht in seinem Hause wohnte, und verbrachte mit dein liebenswürdigen, gutmüthigen Polterer die Stunden, wo ich nicht in der Umgegend die Schluchten und das Feld durchschweifte. Es waren, wie in unfern Häuser», täglich dieselben Gelegenheiten, die ihm bereitet wurden, sich zu ereifern. Sein Diener Pope hatte vergessen, Rettige, die er gern aß, vom Markte mit zu bringen; darüber lärmte er dann eine Zeit, setzte aber bald begütigend hinzu, er wolle sich um einen Rettig nicht erzürnen. Dann setzten wir uns zu Tisch; — da fand es sich, daß Pepe ihm wiederum den zerbrochenen Stuhl hingestellt hatte, auf dem er nicht sitzen mochte; er sprang auf und schleuderte jähzornig den Stuhl von sich, nahm schon wieder lächelnd einen andern; dann speisten wir selbander und sprachen von den Philippinen-Jnseln und von Frankreich. Eine große Schildkröte erging sich auf dem Hofe und in dem Garten von Don San Jago de Echaparre; Honigsauger (dlseta- riuis.) nisteten in einem Baumzweig, welcher fast in das Fenster seines Zimmers hineinreichte; und ein kleiner Gecko (eine Haus- lacerte) kam jedes Mal, daß wir Kaffee tranken, auf den Tisch, den Zucker zu belecken. Er bot mir diese verschiedenen Thiere an. Wie hätte ich an diese Hausgenoffen und Gastfreunde des schon so ver- III. 18 274 waisten Mannes Hand anlegen können? Dazu hätte ich ein Anderer sein müssen, als ich bin. Die Gehege, worin die Häuser stehen, werden allgemein durch Hunde bewacht, die nicht an der Kette liegen und ihrem Geschäfte wohl gewachsen sind. Ich erfuhr es, als ich am ersten Abend unge- warnt nach Hause kam. Es bellten Hunde umher, an die ich mich wenig kehrte; aber ein übermächtiger Packan trat mir, ohne zu bellen, kampffertig in den Weg; wir standen vor einander und maßen uns mit den Augen. Ich begriff sehr wohl, daß an keinen Rückzug zu denken war, und hielt eS für das Klügste, muthig auf das Thier zuzuschreiten, das sich vielleicht fürchten und zurück gehen würde. Ich that also; aber das Thier ging nicht zurück, und nun waren wir an einander. — Sehr bei Zeiten ließen sich Stimmen im Hause vernehmen, wo ich alles im Schlafe glaubte, und der Hund ward abgerufen, bevor es zu einem Kampfe kam, wobei ich gewiß den Kürzeren gezogen hätte. Dieser Hund erinnert mich an einen andern, mit dem ich einmal in der Heimath zusammen kam. Es war ein Kettenhund, der, als ich an ihm vorüberging, so ausnehmend wüthend sich gebehr- dete, daß ich denken mußte: Wie würde das werden, wenn die Kette risse? Und siehe da! die Kette riß; der Erfolg war aber der: Der Hund rollte zu meinen Füßen, stand wieder auf, sah mich an, wedelte mit dem Schwänze und ging sauft wie ein Lamm nach seinem Häuschen. Ich habe gar oft beim Lesen der Zeitungen an diesen Hund gedacht. Zum Beispiel als bei Gelegenheit der Rcformbill die Tories das Ministerium Grey stürzten und dann sanftmüthiglich baten, die zerbrochene Kette doch wieder Herstellen zu wollen. Ich habe zu Tierra alta die einzige Unpäßlichkeit überstanden, die mich airf der ganzen Reise betroffen. Ich war ausnehmend erhitzt und fürchtete eine Entzündung der Eingeweide. Mein Lager, welches nach Landessitte aus einer hölzernen Bank und einer feinen «Strohmatte bestand, dünkte mich in meiner Unruhe fast hart; Don San Jagv sorgte für „ein gutes weiches Lager" und schickte mir eine von Rohr geflochtene Bank. Eschscholtz besuchte mich; das Uebel legte sich, ohne ganz gehoben zu werden; und unter solchen 275 Umständen mußte ich, nicht ganz frei von Besorgniß, die Reise nach dem Innern der Insel und dem Vulkan de Taal antreten, zu welcher ich die Anstalten getroffen hatte, weit die Tage unseres Aufenthaltes auf Lu?on bereits zu Ende gingen. Ich hatte die Ausfertigung der mir angebotenen, aber noth- wendigen Paffe erwirken müssen und war eigentlich in dieser Hinsicht noch nicht vorschriftmäßig ausgerüstet, da ich eine Mark berühren sollte, auf der ich anderer Papiere und Unterschriften bedurft hätte, die ohne neuen Zeitverlust nicht zu erhalten waren. Ich hatte mit der spanischen Prunksucht unterhandeln muffen, die, wo ich nur eines Führers bedurfte, mir eine militärische Bedeckung von dreißig Pferden aufbürden wollte. — Ich trug allein die Kosten aller meiner wissenschaftlichen Ausflüge und Unternehmungen und wollte Dienste, die ich angenommen, nicht unbelohnt lassen. Am 12. Januar 1818 brach ich von Tierra alta auf, mit einer Leibwache von 6 Tagalen der reitenden Miliz, deren Kommandant, der Sergeant Don Pepe, zugleich mein Führer und mein Dolmetscher war. Don San Jago de Echaparre hatte ein Kind von Don Pepe aus der Taufe gehoben. Das geistige Band der Gevatterschaft, welches im protestantischen Deutschland alle Bedeutung und Kraft verloren hat, wird in katholischen Landen überhaupt und hier ganz besonders in hohem Grade geehrt. Don San Jago, der seinen Gevatter zu meinem Geleitsmann ausersehen, ließ ihn den Abend vorher kommen und ertheilte ihm seine Derhaltungsbefehle, ungefähr mit folgenden Worten: „Eure Gnaden werden diesem Edelmann auf einer Reise nach Taal zur Leibwache und zum Führer dienen. Ich werde mit Euren Gnaden verabreden, in welchen Ortschaften Sie anhalten und bei welchen unserer Gevattern Sie einkehren muffen. Vor Allein aber werden Eure Gnaden darauf bedacht sein, nur bei Tage zu reiten, weil dieser Edelmann Alles sehen will. Eure Gnaden werden oft im Schritte reiten -und oft halten lassen müsse», nach dem Begehren dieses Edelmannes', der jedes Kraut betrachten wird, und jeden Stein am Wege, und jedes Würmchen, kurz jede Schweinerei, von der ich nichts weiß und von der Eure Gnaden eben auch nichts zu wissen nöthig haben u. s. w." 18* Don Pepe war ein brauchbarer, anstelliger, verständiger Mann, mit dessen Dienst ich allen Grund hatte zufrieden zu sein. Nur suchte er mich, für dessen Sicherheit er verantwortlich war, so wie man ein Kind führt, mit angedrohten Krokodilen und Schlangen auf dem graben Pfade und unter seinen Augen zu erhalten; ich hatte ihn aber bald durchschaut. Ich habe nicht leicht in meinein Leben ein ängstlicheres Geschrei vernommen als dasjenige, womit er mir einst zurief, vor meine Füße zu sehen; über den Steg schlich eine kleine Schlange, die ich tödtete und die, wie es sich erwies, ein ganz unschuldiges Thier war. Auf gleiche Weise warnte er mich einmal vor einem Baume, deu ich mit erregter Neugierde sogleich untersuchte; es war eine Brennnessel, die ich versuchte und nicht gefährlicher fand als unsere gewöhnliche. In allen Ortschaften kamen, wie ich es schon gewohnt war, die Menschen zu dem russischen Doktor, ihm ihre Leiden zu klagen und Hülfe bei ihm nachzusuchen. Ich mußte den Unterschied zwischen Ooctor Naturalist» und taoultutivo aufstellen, und sie mußten sich dabei beruhigen. Das lasse sich, wer Reiselust verspürt, gesagt sein: Der Name und Ruf eines Arztes wird ihm, so weit die Erde bewohnt ist, der sicherste Paß und Geleitsbrief sein und wird ihm, sollte er dessen bedürfen, den zuverlässigsten und reichlichsten Erwerb sichern. Ueberall glaubt der gebrechliche Mensch, der sich selber hülflos fühlt, an fremde Hülfe und setzt seine Hoffnung in den, der ihm Hülfe verspricht. Am begierigsten langt der Hülfsbedürftigc nach dem Fernsten, dem Unbekanntesten, und der Fremde erweckt in ihm das Vertrauen, welches er zu dem Nächsten verloren hat. In der Familie des gelehrten Arztes gilt mehr, als seine Kunst, der Rath, den die alte Waschfrau heimlich ertheilt. Es ist die Medizin für den, der ihrer bedarf, eine heimliche, fast zauberische Kunst. Auf dem Glauben beruht immer ein guter Theil ihrer Kraft. Zauberei und Magie, die tausendgestaltig, tau- sendnamig, ausgebreitet und alt sind, wie das Menschengeschlecht, waren die erste Heilkunst und werden wohl auch die letzte sein. Sie verjüngen sich unablässig unter neuen Namen und zeitgemäßen Formen, — für uns unter wissenschaftlichen, und heißen: Mesmerianis- mus und . . . Ich will Niemand beleidigen. Wer aber wird bestreiten, daß heut zu Tage noch in einer aufgeklärten Stadt, wie Berlin, mehr Krankheiten besprochen oder durch sympathetische und Wundermittel behandelt, als der Sorge des wissenschaftlichen Arztes anvertraut werdend — Ich habe ja nur dem, der die Welt zu sehen begehrt, anratheu wollen, sich nnt dem Doktorhut als mit einer bequemen Reisemütze zu versehen; und jüngere Freunde haben bereits den Rath für einen guten erprobt. — Nächst dem Arzt würde der Portraitmaler zu einer Reise in fernen Landen gut ausgerüstet sein. — Jeder Mensch hat ein Gesicht, worauf er hält, und Mitmenschen, denen er ein Konterfei davon gönnen möchte. Die Kunst ist aber selten und noch an viele Enden der Welt nicht gedrungen. Während ich Andere, die meine Hülfe ansprachen, abwies, hatte ich genüg mit meiner eigenen Gesundheit mich zu beschäftigen. Ich behandelte mich mit Cocosmilch und Apfelsinen, wovon ich mich ernährte; konnte aber nicht meinen Don Pepe entwöhnen, das Huhn, das gewöhnlich zu einer Suppe gekocht ward, mit Ingwer und starken Spezereien nach Landessitts zu überwürzen; darin schien seine Heilkunst zu bestehen und er beharrte dabei aus guter Meinung. Ich fand nur im Bade Erleichterung. Abends wurden die Pferde frei auf die Weide getrieben und Morgens früh zur weiteren Reise wieder eingefangen. Das ist Landes Brauch. Dabei ging aber nicht nur Zeit verloren, sondern auch noch ein Pferd, welches sich nicht wieder fand. Bekanntlich ist in allen spanischen Kolonien das Monopol des Tabaks die Haupteinnahme der Krone, welche aus diese Weise eine Kopfsteuer anstatt einer Grund- oder Vermögenssteuer erhebt; denn der Tabak ist dem Armen und dem Reichen ein gleiches Bedürfniß. Auf Guajan drückt noch diese verhaßte Steuer nicht die Bevölkerung. Aber hier kann der arme Tagal dem Könige nicht bezahlen, was ihm die Erde umsonst zu geben begehrt. — Gewöhnlich bittet er, wo man ihm auf Straßen und Wegen begegnet, um das Endchen Cigarre, das man im Munde hat und das man nicht so ganz anfzurauchen Pflegt, wie die Noth es ihn zu thun gelehrt hat. — 278 Don Pepe ließ sich meine Cigarrenenden geben und vcrtheilte sie mit großer Gerechtigkeit unter sein Kommando. Wir erreichten am dritten Tage den Bergkamm, den Rand des Erhebungs-Kraters, von wo der Blick in die Laguna de Bongbong und auf den Vulkan de Taal, der in ihrer Mitte einen traurigen, nackten CircuS bildet, hinabtaucht. Von da kamen wir abwärts durch den Wald nach Westen zu dem jetzigen Burgflecken Taal am chinesischen Meere. Hier war es, wo sich ein Pferd verlor. Ich brachte einen Theil des Morgens des 15. im Bade zu und fuhr am Nachmittag in einem leichten Kahne mit Don Pepe und einem meiner Tagalen den Abfluß der Laguna bis zu derselben hinauf. Wir rasteten in einer ärmlichen Fischerhütte und schifften uns bei Nacht zur Ueberfahrt nach dem Vulkan wieder ein. Hier war es, wo Don Pepe mich beschwor, ja auf meiner Hut zu sein, wohl mich umzuschauen, aber zu schweigen. Der Vulkan, welcher den Indianern nicht feind sei, werde von jedem ihn besuchenden Spanier zu neuen Ausbrüchen gereizt. Ich entgegnete dem guten Tagalen: ich sei kein Spanier, sondern ein Indianer aus fremdem Lande, — ein Russe. — Eine Spitzfindigkeit, die seine Besorgniß nicht zu beschwichtigen schien. Ich nahm mir vor, seiner Meinung nicht zu trotzen, sondern mich ganz nach seiner Vorschrift zu richten. Er hatte sie aber selber früher vergessen als ich. Wir landeten über dem Winde der Insel. Die ersten Strahlen der Sonne trafen uns auf dem Rande des höllischen Kessels. Wie ich diesen Rand verfolgte, um einen Punkt des Umkreises zu erreichen, auf welchem in das Innere hinabzusteigen möglich schien, hatte Don Pepe alle Vorsicht vergessen. Er war entzückt, ein Wagestück zu vollbringen, das, meinte er, kein Mensch vor uns unternommen, kein Mensch nach uns unternehmen werde. — Diesen Pfad würden wir wohl allein unter den Menschen betreten haben. — Ich zeigte ihm bescheiden, daß Rinder ihn vor uns betreten hatten. — An den Ufern der Insel wächst stellenweise einiges Gras, welches abzuweiden einige Rinder auf dieselbe überbracht worden sind. Ich begreife nicht, waS diese Thiere antreiben kann, den steilen nackten Aschenkegel zu ersteigen und sich einen Pfad um den scharfen Rand des Abgrundes zu bahnen. 279 Ich habe den Vulkan de Taal in meinen Bemerkungen beschrieben und wiederholt in dem Vo/ags xittoresgus von Choris, welcher ihn nach einer Skizze von mir abgebildet hat. Wir kehrten am Abende nach Taal zurück und trafen am 19. Januar 1818 in Tierra alta wieder ein. Noch habe ich von Manila selbst nicht gesprochen, wohin ich doch zu Wasser und zu Lande längs des wohlbebauten Ufers der Bucht mehrere kleine Reisen gemacht und wo ich stets die zuvorkommendste, freundlichste Aufnah»,e gefunden habe. In Manila, wo es keine Gasthäuser giebt, war der Doktor Don Jose Amador, an den wir von dem Gouverneur der Marianen-Jnseln empfohlen waren, unser Gastfreund. Seine liebenswürdige Frau war eine Mündel von Don San Jago de Echaparre, der an ihrem hier verstorbenen Vater einen Freund, Landsmann, Dienst- und Schicksalsgefährten verloren hatte. Die reizende Senora sprach nur die spanische Sprache. — In der Abwesenheit von Don Jose Amador empfing uns bei unserer ersten Reise nach Manila der Adjutant des Gouverneurs Don Juan de la Cuesta. Der Gouverneur selbst war für den Kapitain und für uns alle von der zuvorkommendsten Artigkeit. Eine ungezwungene anmuthige Geselligkeit herrschte in seinem Hause. Man legte bei ihm das Kleid ab, worin man sich dem General- Gouverneur der Philippinen vorgestellt hatte, und erhielt vom Wirthe eine leichte Jacke, wie sie dem Klima angemessen war. Er schickte mir, als wir die Anker lichteten, die letzterhaltcnen französischen und englischen Zeitungen von mehreren Monaten. Das war im chinesischen Meere eine gar reizende Beschäftigung für mich. Da erhielt ich von meinen Angehörigen die erste Kunde, die seit unserer Abfahrt aus Plymouth zu mir erklungen war, und verdankte sie Don Antonio Mariana de Fulgeras- Präfect des Departements des Lot war ein Bruder von mir u. s. w. Man kann nur im chinesischen Meere oder unter ähnlichen Umständen sich einen Begriff machen von der Menge der Dinge, die aus so einem europäischen Zeitungsblatte herausgelesen werden können. Mein Hauptgeschäft in Manila war, Bibliotheken und Klöster nach Büchern und Menschen durchzusuchen, von denen ich über die 280 Völker und Sprachen der Philippinen und Marianen Aufklärung erhalten konnte. Ich habe seines Ortes Rechenschaft abgelegt über das, was in dieser Hinsicht mir geglückt und nicht geglückt ist. Ich brachte in sehr kurzer Zeit eine schöne Bibliothek von Tagallsten und Geschichtschreibern von Manila zusammen. Weniges war käuflich zu bekommen, mehreres wurde mir geschenkt, wogegen ich manchmal andere Bücher schenken konnte. Ich fand überall die humanste Gesinnung, die größte Bereitwilligkeit mir förderlich zu sein und die höflichste Sitte. Nur in dem Kloster, wo das Vocubulurio äs ln lengnu MAnla zu haben war, machte der Bruder, der mir mein bezahltes Exemplar reichte, eine Ausnahme von der Regel, indem er mich gehen hieß und die Thür hinter mir abschloß. Sein Benehmen ärgerte mehr die Spanier, die es erfuhren, als es mich selber geärgert hatte, der ich wußte, daß ein Mönch und ein Weib no bauen sgravio, keine die Ehre kränkende Beleidigung zufügen können. Als in der Nacht' vom 3. zum 4. Juli 1822 das Haus, das ich in Neuschöneberg bei Berlin bewohnte, in Asche gelegt ward, war, nach dem Leben der Meinigen, diese tagalisrhe Bibliothek daS Erste, was ich zu retten bemüht war, und ich sorgte sogleich, sie mit der königlichen Berliner Bibliothek zu vereinigen, wo der gelehrte Forscher der Sprachen malapischen Stammes manches finden wird, daS nicht so leicht eine andere Bibliothek besitzt. Wir waren auf Luyon nicht in der Jahreszeit der Manga, einer Frucht, die hoch gerühmt wird und in dem größten Ueber- flusse vorhanden, einen Theil der Volksnahrung auszumachen scheint. Eine einzige zur Unzeit reif gewordene Manga ward beschafft und bei einer Mahlzeit unter die Schiffsgesellschaft des Rurik's vertheilt. Ich kann, nach der unzureichenden Probe, nichts darüber sagen. Wir haben überhaupt von den Früchten der heißen Zone nur solche genossen, die zu allen Zeiten zu haben sind und denen zu entgehen nicht möglich war. — Keine Manga! Kein Ananas! Keine Eugenia! u. s. w. Die chinesische Vorstadt ist für den anziehend, der das Reich der Mitte nicht betreten hat. „dlvn euivis bomini eontiAit aäb'S Ovrintlium." Es ist doch und mögen wir uns noch so sehr über 281 die Chinesen erheben, das Normalreich der conservativen Politik, und wer von den Unseren dieser Fahne folgt, hatte gewiß an jenem Muster vieles zu lernen. Ich meine nicht eben, um Rückschraubungsversuche, die immer mißlich sind, in Dingen vorzunehmen, wo wir einmal thatsächlich weiter vorgeschritten sind als die Chinesen; aber doch um zu ermessen, was zu eonferviren fromnit und wie man überhaupt conservirt. Ich bin aber hier außer meinem Fache. Man suche Belehrung in den dlemoirss pour servir a I'iüstvira ätz la 6bine. Ich habe mich nur als Dilettant an den chinesischen Gesichtern ergötzt. Ich war am 19. Januar 1818 in Tierra alta wieder eingetroffen. Eschscholtz besuchte mich am 21. Am selben Tage kam auch der Kapitain, der weiter nach Manila fuhr. Ich kehrte am 22. nach Cavite zurück. Der Kapitain traf am 25. aus Manila ein. Der Rurik war segelfertig, die Chronometer wurden eingeschifft. Ich fuhr am 26. früh Morgens in einem leichten Boote »ach Manila, frühstückte auf der Eglantine, die vor der Barre unser wartete, hielt einen letzten Umzug nach tagalischen Büchern und vertraute nicht vergeblich auf die Gastfreundschaft von Don Jose Amador. Der Rurik langte am 27. vor der Barre au. Ich schiffte mich am 28. ein, und dieser Tag war der letzte, den wir bei Manila zubrachten. Der Gouverneur kam an unfern Bord und ward mit 15 Kanonenschüssen geehrt. Die Freunde fanden sich ein; und die letzten Stunden, verschönt durch die reizende Gegenwart der Senora Amador, wurden zu einem fröhlichen und herzlichen Abschiedsfest. Ich habe einen unserer Freunde nicht genannt, der auf eine Weise, die mir ausgefallen war, oft im Gespräche mit mir der Freimaurerei erwähnt und dennoch die Zeichen einer Weihe nicht erwidert hatte, die aus dem Schatze halbvergessencr Jugcnderinnerun- gen wieder hcrvorzusuchen sein Benehmen mich veranlaßte. An diesem Abend suchte er mich auf und drückte mir die Hand. — Ich erstaunte. Wie haben Sie doch verleugnet ...? — „Sie reisen ab, aber ich bleibe." Das war seine Antwort, die ich nicht vergessen habe. 282 Das Sängerchor unserer Matrosen sang zur Janitscharenmusik russische Nationallieder, und die Senora Amador, die in der fröhlichsten Stimmung sich wie eine anmuthige Fee unter uns bewegte, warf ihnen, nach spanischer Sitte, eine Handvoll Piaster zu. — Der Herr von Kotzebue fand darin eine Beleidigung. Er ließ, nachdem unsere Gäste sich entfernt, dieses Geld aufsuchen und sandte es der wohlmeinenden Geberin mit einem Billet zurück, welches, an eine schöne Frau gerichtet, von der Zartheit russischer Sitte keinen günstigeren Begriff gegeben haben kann, als ihm die Freigebigkeit, die er zurückwies, von der spanischen Weise gegeben hatte. Am 29. Januar 1818 gingen wir mit der Eglantine zugleich unter Segel und verließen die Bucht von Manila. Von Manila nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung. Nachdem wir aus der Bucht von Manila am 29. Januar 1818 ausgelaufen, durchkreuzten wir äs oonssi-vs mit der Eglantine mit günstigem N. O. Wind in W. S. Westlicher Richtung auf vielbefahrener Fahrstraße das chinesische Meer und hatten am 3. Februar Ansicht von Pulo Sopata. Von hier mit südwestlichem und mehr südlichem Cours kamen wir am 6. in Ansicht von Pulo Teo- man, Pulo Pambeelau und Pulo Arve (uach Arrowsmith, dem ich folge, um bei der schwankenden Rechtschreibung der malayischen Namen einen Halt an ihm zu haben; nach Anderen Pulo Timon, Pisang und Aora). Die Eglantine, die minder schnell als wir se- gelte, hielt uns auf. Von diesem westlichsten Punkt unserer Fahrt im chinesischen Meere steuerten wir nach Süden und etwas östlicher, um die Gasparstraße, zwischen der Insel gleiches Namens und Banca, zu erreichen. Wir durchkreuzten am 8. Februar 1818 am frühen Morgen zum dritten Mal den Aequator. Es war für die Russen und Meuten, die wir zu St. Peter und Paul, zu San Francisco und zu Unalaschka an Bord genommen, das erste Mal. Unsere alten Matrosen hatten besonders die Akuten mit märchenhaften Erzählungen von der furchtbaren Linie und von den Gefahren und Schrecken beim Ueberschreiten derselben in Angst gesetzt. — Es blieb bei dieser Ver- 284 höhnung; es ward keine Taufe vorgenommen und keine Feierlichkeit fand Statt. An diesem Tage schickte mich der Kapitain Mittags zu der Eglantine, um dein Kapitain Gucrin Nachtsignale, die noch nicht verabredet worden, mitzutheilen. Ich speiste am Bord der Eglantine. Ein solcher Besuch auf hoher See hat einen besonderen Reiz. Wenn man aus der veränderten Umgebung sein eigenes Schiff, womit man reist, unter Segel sieht, so ist eS, als stände man am Fenster, um sich auf der Straße vorüber gehen zu sehen. Ich kehrte Nachmittags zu dem Nurik zurück. Von beiden Schiffen hatte man den Tag über im Westen ein malayischeö Segel bemerkt, welches, nur mit der Spitze über den Horizont ragend, denselben Cours als wir zu halten schien. Abends um 9 Uhr zeigte sich in der Nähe des Rurik's Licht, — ein Boot, vielleicht jenes Segel. — Der Kapitain ließ sogleich einen Schuß darauf thun, das Licht verschwand, und etliche Kartätschcnschüsse wurden noch in die Nacht hinein abgefenert; — hoffentlich ohne Schaden anzurichten. Es mochte übrigens sehr weise sein, in diesem Meere, das nicht für sauber von malayischem Raubgesindel gehalten wird, ans den ersten Argwohn hin zu zeigen, daß wir Kanonen hatten und nicht schliefen. Die Eglantine, die eine halbe Meile hinter uns war, hielt unsere Schüsse für Nothschüsse. Der Kapitain Guerin glaubte uns aus eine Untiefe gerathen und wandte wohlweislich sein Schiff, um selber nicht zu scheitern. Wir legten bei, riefen ihn durch ein Signal herbei, erzählten ihm durch das Sprachrohr den Vorfall und setzten in seiner Begleitung unfern Weg fort. Eine weitläufigere Beschreibung von dem ganzen Vorfall ist in der Reise von Herrn von Kotzebue, Theil II. Seite 142, »achzusehen, woselbst es heißt: „Fest entschlossen zu siegen oder zu sterben, ließ ich u. s. w." — Ich verweise darauf. Am S. Vormittags ward die Insel Gaspar von dem Masthaupt entdeckt. Wir segelten ain Abend südwärts längs ihrer Westküste und ließen um Mitternacht die Anker fallen, als sie uns im Norden lag. Wir gingen mit Tagesanbruch wieder unter Segel und kamen schon am Vormittag durch die Gasparstrahe. 285 Die Küste von Banca und die von Sumatra, längs welcher wir die nächstfolgenden Tage segelten, sind niedriges Land. Der Wald, der die Ebene üppig bekleidet, erstreckt sich bis zum Strande; die Form der Palmen ist darin nicht vorherrschend. Ai» 11. warfen wir die Anker um Mitternacht und nahmen sic um halb fünf llhr wieder auf. Am Morgen deS 12. segelten wir durch grüne Wiesen, die frei im Meere schwimmende aufkei- mende Pflanzen bildeten, vcrmuthlich eine Baumart; die Pflänzchen hatten die Samenhülle bereits abgeworfcn. — Wind und Strom zogen diese schwimmenden Saaten zu langhin sich schlängelnden Flüssen. Bald zeigten sich die zwei Brüder. Diese nahe der Niedern Küste von Sumatra liegenden Jnselchen gleichen den niedern Inseln der Südsee, nur sieht man das Meer an denselben nicht branden. Wir glaubten zuerst, daß Büsche von Rhizophoren sich unmittelbar aus der Fluth erhöben. Wir segelten zwischen diesen Inseln und dem Hauptlande durch und warfen um 7 Uhr Abends die Anker. Am 13. wehte nur ein schwacher Landwind, der uns zu öfteren Malen gebrach; wir gingen unter Segel und warfen wiederholt die Anker, zuletzt sehr nah an der Küste von Sumatra. Wir waren in der Nähe der Zupflen-Jnseln; die Nordinfel lag hinter uns; drei kleine wäldbewachsene Jnselchen nördlich von uns fehlten auf der Karte. Java war gut zu sehen und nah an dessen Küste ein großes Schiff. In unserer Nähe angelten zwei Fischer auf einem leichten Kahn. Wir machten ihnen, als sie sich uns näherten, kleine Geschenke; sie ruderten sogleich, uns freundlich winkend, an das Land, von wo sie uns bald eine sehr große Schildkröte brachten. Ein anderes Boot brachte uns deren mehrere und außerdem Hühner, Affen und Papageien. Die Menschen wollten dafür Pistolen und Pulver oder Piaster. Schildkröten wurden für unfern und der Matrosen Tisch auf mehrere Tage angeschafft, und außerdem kauften Einzelne von der Schiffsgesellschaft Affen von verschiedenen Gattungen und Arten. Unter diesen Affen, die alle kränkelten und von denen keiner das Vorgebirge der guten Hoffnung erreichte, befand sich ein junger, 286 der häßlich, räudig und sehr klein war. Des letztem Umstandes wegen hatten ihn die Matrosen Elliot genannt. Dieses armen verwaisten Affenkindes wollten sich die erwachsenen alle, sowohl Männchen als Weibchen, annehmen-, alle wollten ihn an sich reißen, ihn haben, ihn liebkosen, und keiner war doch von seiner Art. Der Unterstcuerinann Petroff, dem besagter Elliot gehörte, wurde von den Herren der anderen Affen flehentlich um denselben gebeten. Er theilte seine Gunst und beglückte jeden Tag einen Andern. Esch- scholtz hat in der Reisebeschreibung einen dieser Affen als eine neue Gattung beschrieben. Wir hatten ein Pärchen von der auf Lu^on gemeinen Art aus Manila mitgenommen. Diese befanden sich in dem gedeihlichsten Zustande; sie belebten unser Tauwerk, wie ihre heimischen Wälder, und blieben unsere lustigen Gesellen bis nach St. Petersburg, wo sie glücklich und wohlbehalten ankamen. Ich finde den Umgang mit Affen belehrend; „denn", — wie Ealderon von den Eseln sagt, — „denn es sind ja Menschen fast? Sie sind das ganz natürliche Thier, das dem Menschen zum Grunde liegt. Mazurier wußte es wohl; er spielte den Jocko, wie Kenn den Othello. Die Charakterverschiedenheit bei Individuen derselben Art ist bei den Affen wie bei den Menschen auffallend. Wie in den mehrsten unserer Häuslichkeiten, führte das verschmitztere Weib das Rcginrent, und der Mann fügte sich. In Hinsicht der Schildkröten werde ich bemerken, daß ich an der letzten, die geschlachtet ward, und nachdem sie bereits zerlegt worden, phosphorischeS Licht wahrnahm; es zeigte sich besonders an dem Bug des einen Vordergliedes. Aber auch am abgeschnittenen Halse leuchteten etliche Theile — ob die Nerven? Das Leuchtende ließ sich mit dem Finger aufnehmen und auf demselben ausbreiten, wo es seinen Schein behielt. Im chinesischen Meere, das wir zu verlassen uns anschicken, hatten sich eine Seeschwalbe und ein Pelikan auf dem Rurik fangen lassen; letzterer, nachdem er ein Gefangener auf der Eglantine gewesen war. — Insekten und Schmetterlinge kamen in der Nähe des Landes an unfern Bord. Die Windstille in der Sundastraße 287 versorgte uns mit einer reichen Ausbeute an Seegewürmen, und das von Eschschottz entdeckte Insekt des hohen Meeres fehlte auch hier nicht. Ich kehrte zu unserm Ankerplatz vom 13. Februar 1818 zurück. — Am Abend besuchten uns die Herren von der Eglantine. Wir nahmen von einander Abschied. Der Rurik sollte wohl früher als die Eglantine in Europa anlangcn; dennoch gab ich dem Kapitain Guerin etliche Zeilen an meine Angehörigen mit. Der Strom setzte mit einer Schnelligkeit von zwei Knoten, abwechselnd bei der Fluth in das chinesische Meer, bei der Ebbe aus demselben in das indische. Wir lichteten am 14. mit dem Frühsten die Anker und fuhren bei großer Gewalt der Strömung und schöner Nähe des Landes durch den Kanal zwischen den Zupflen-Jnseln, deren wir achte zählten, und dem Stromfelsen in den indischen Ocean. Wir hatten um 12 Uhr Mittags die Eglantine aus dem Gesichte verloren. Wir sahen sie, da uns der Wind zu laviren zwang, noch ein Mal um 4 Uhr vor der Insel Crocotoa vor Anker liegen. Wir hatten am 15. Abends die Straße und die Inseln hinter uns. Wir bekamen am 16. den beständigen Ostwind. Wir hatten bisher täglich drei bis vier Schiffe um uns bald einzeln, bald zugleich gezählt. Am 18. war kein Segel mehr zu sehen. Wir hatten am 21. die Sonne im Zenith. Am Abend des 2. März ward eine Feuerkugel von ausnehmendem Scheine am nördlichen Himmel gesehen. — Ich habe im atlantischen Ocean und in anderen Meeren manche Meteore der Art mit ziemlicher Genauigkeit beobachtet. Aber die Wissenschaft verlangt zusammentreffende, gleichzeitige Beobachtungen derselben Erscheinung, und meinen Beobachtungen sind keine anderen entgegen gekommen. Der Fang einer Bonite erfreute uns am 3. März. Wir überschritten am 4. den südlichen Wendekreis. Ein großes Schiff durchkreuzte am Morgen dieses Tages in N. N. O. Richtung unfern Cours. Am Abend flog uns eine Seeschwalbs in die Hände. Am 12. März, 28° 19' S. B., 313° 26' W. L., im Süden von Madagaskar, hatten wir den beständigen Wind verloren. Ge- 288 Witter mit Blitz und Donner, Windstille und Sturm wechselten ab. In der Nacht zum 13., die ausnehmend finster war, befanden wir uns unversehens in der Nähe eines übergroßen Schiffes und in Gefahr übergesegelt zu werden. Wir sahen in dieser Breite noch Tropik-Vögel. Die Nachtglciche (20. März) brachte uns Stürme. Wir hatten vom 14., erstes Mondviertel, bis zum 21., Vollmond, beständig ein stürmisches Meer und abwechselnd die heftigsten Windstöße, die wir je erlitten. (Gegen 31° S. B., zwischen 318" und 325" W. L.) Am 22., dem Ostertagc, war das schönste Wetter. Morgens wurde ein Delphin harpunirt von einer ausgezeichneten Art, welche uns noch nicht vorgekommen war. Am 23., wo der Wind sehr schwach war, wurde vom Masthaupt ein Segel im Norden entdeckt. Wir erreichten am Abend die Mittagslinie von St. Petersburg. Am 27. befanden wir uns schon auf der Bank, welche die Südspitze Afrika's umsäumt, und der Strom trieb uns schnell westwärts unserm Ziele zu. Am 29. hatten wir Ansicht vom Lande, westlich vom Eap Agulhas. Wir liefen in der Nacht vom 30. zum 31. in die Tafelbai ein. Da hatte uns der alte Adamastor*) einen Trug gespielt und uns in die größte Gefahr verlockt, die wir vielleicht auf der Reise bestanden. Herr von Kotzebue kannte die Tafelbai nicht und mußte wohl keinen Plan von derselben haben. Er sagt selbst: „Durch verschiedene Feuer am Ufer irre geleitet, hatte ich nicht den Ort getroffen, wo die Schiffe gewöhnlich zu liegen Pflegen. — — Bei Tagesanbruch merkten wir erst, daß wir nicht vor der Capstadt geankert, sondern am östlichen Theile der Bai, drei Meilen von der Stadt entfernt." Auf dem Strande vor uns, dem wir in der Nacht zugesteuert waren und von dem uns der Wind abgehalten hatte, lagen zur Warnung die Wracke verschiedener Schiffe. Es wehte stürmisch aus Süden. Ein Lootse holte uns aus der gefährlichen Stelle, die wir einnahmen, und brachte uns auf den sichern Ankerplatz vor der Stadt, wo Windstille war oder auch ein *) Oamosns Duslaäa, V. 91. 289 leichter Windhauch aus Norden. Der Kapitain fuhr nach der Stadt und ich mußte auf dem Rurik seine Rückkunft abwarten. Es brannte mir wie Feuer auf den Nägeln. Die Capstadt ist eine Borstadt der Heimath. Hier sollte ich in einer deutschen Welt die Spuren mir theurer Menschen wicderfinden; hier erwarteten mich vielleicht Briefe von meinen Angehörigen; hier rechnete ich auf einen Freund, Karl Heinrich Bergius aus Berlin, Ritter des eisernen Kreuzes, Naturforscher, der vor meiner Abreise als Pharmaceut nach dem Cap gegangen war. Und wie ich nach der Stadt hinüber sah, die an diesem schönen Morgen sich nach und nach aus dem Nebel, der über ihr lag, entwickelt hatte und, von der bekannten herrlichen Berggruppe überthürmt, rein vor mir lag: da ruderte aus dem Walde von Masten hervor ein kleines Boot auf den Rurik zu, und Leopold Mundt, ein anderer befreundeter Botaniker aus Berlin, stieg an Bord und fiel mir um den Hals. Die erste Nachricht, die er mir gab, war eine Todesnachricht. Der wackere Bergius, allgemein geliebt, geachtet und geehrt, hatte am 4. Januar 1818 sein Leben geendet. Mundt selbst war von der preußischen Regierung als Naturforscher und Sammler nach dem Cap geschickt worden. Sobald der Kapitain wieder eintraf, fuhr ich mit Mundt ab und zwar zuerst an den Bord der Uranie, Kapitain Freycinet. So wie der Rurik von seiner Entdeckungsreise müde und enttäuscht heimkehrte, lief eben die Uranie zu einer gleichen Reise in der Bliithe der Hoffnung aus und war im Begriff den hiesigen Hafen zu verlassen. Wir fanden den Kapitain Freycinet nicht an seinem Bord. Seine Offiziere, die zugleich seine Gelehrten waren, behielten uns zu Tische. Ich freute mich des günstigen Zufalls, der mir, obgleich nur flüchtig, ihre Bekanntschaft verschaffte. Es war ihnen verheißen, auf Guajan anzulegen; und für diesen Landungsort hatte ich ihnen manches zu sagen, was da noch übrig blieb zu thun, und hatte ihnen Grüße an meinen Freund Don Luis de Torres aufzutragen. — Einer von den Herren hatte mit einem Chamifso gedient und sollte, falls er mir in der Welt begegnete, mir von ihm und der Familie ein Glückauf zurufen. Hier trat mir zuerst III. 19 290 mein wackerer Nebenbuhler und Freund, der Botaniker Gaudichaud entgegen. Wir kehrten nach Tische zu dem Rurik zurück, und da schnürte ich mein Bündel und zog auf die Zeit unseres Aufenthalts am Cap zu Mundt an das Land. Man erstaunt selber ob der gesteigerten Thätigkeit, zu welcher man plötzlich, so wie man den Fuß auf das Land setzt, aus dem trägen Schlafe erwacht, von dem man unter Segel sich gebunden fühlte. Ein Blättchen zu schreiben, zehn Seiten zu lesen, das war ein Geschäft, zu dem man mühsam die Zeit suchte, und bevor man sie gefunden, waren die bleiernen Stunden des Tages leer abgelaufen. Jetzt dehnen sich gefällig die vollen Stunden, und zu Allen, hat man Zeit, und zu Allem hat man Kraft; inan weiß nichts von Schlaf oder Müdigkeit. „Der Körper hat sich bis auf das Vergesse» seiner Bedürfnisse dem Geiste untergeordnet"*). Wir blieben nur acht Tage am Cap. Während drei dieser Tage wüthete ein N. O. Sturm mit solcher Gewalt, daß er die Verbindung zwischen dein Lande und dem Schiffe unterbrach. Mich hemmte der Sturm nicht, ich war die Stunden des Tages in der freien Natur, die Stunden der Nacht mit dein Gesammelten und mit Büchern geschäftig. — Mundt, Krebs, dortiger Pharmaceut und Naturforscher, und andere, meist Freunde meines seligen Freundes Bergius, waren meine Wegweiser und Gefährten. Wir machten eine große Exkursion auf den Tafelberg; wir bestiegen ihn vor Tages Anbruch von der Seite des Löwenberges und kamen bei dunkler Nacht auf dem mehr betretenen Weg zu der Schlucht hinter der Stadt wieder herab. Die Gefährten legten sich sogleich müde und schlaftrunken hin, erst spät am andern Tage zu erwachen. Ich aber, nachdem ich meine Pflanzen besorgt, studirte dis Nacht über eine Holländisch-Malavische Grammatik, die erste Malapische Sprachlehre, die mir in die Hand gekommen war, und verschaffte mir den ersten Blick in diese Sprache, deren Kenntniß mir zur Vergleichung mit den Mundarten der Philippinen und Südsee-Jnseln erforderlich «t. ') Dya na Sore. 291 war. Am frühe» Morgen war ich schon am Strande und sammelte Tange. Unter den Secpflanzen, die ich vom Cap mitgebracht habe, hat eine, oder nach meiner Ansicht haben zwei eine große Rolle in der Wissenschaft gespielt, indem sie für die Verwandlung der Gattungen und Arten in andere Gattungen und Arten Zeugniß ablegcn gesollt. Ich habe wohl in meinem Leben Märchen geschrieben, aber ich hüte mich, in der Wissenschaft die Phantasie über das Wahrgenommene hinaus schweifen zu lassen. Ich kann in einer Natur, wie die der Metamvrphosler sein soll, geistig keine Ruhe gewinnen. Beständigkeit müssen die Gattungen und Arten haben, oder es giebt keine. Was trennt mich Iiowo sapiens denn von dem Thiere, dem vollkommneren und dem unvollkommneren, und von der Pflanze, der unvollkomm- neren und der vollkommneren, wenn jedes Individuum vor- und rückschreitend ans dem einen in den andern Zustand übergehen kann? — Ich sehe in meinen Algen nur einen Spbaeroeoeeus, der auf einer Oemterva gewachsen ist, nicht etwa wie die Mistel auf einem Baume wächst, nein, wie ein Moos oder eine Flechte*). Man hat, um sich mit dem Vorgebirge der guten Hoffnung, der Capstadt und deren Umgebung bekannt zu machen, zwischen vielen Reisebeschreibungcn die Wahl. Ich lasse gern überflüssige Werke ungeschrieben sein, versuche kein neues Gemälde von dieser großartig eigenthümlichen Landschaft zu geben, sondern zeichne mich blos als Staffage auf das bekannte Bild. Nirgends kann für den Botaniker das Pflanzenkleid der Erde anziehender und behaglicher sein als am Cap. Die Natur breitet ihre Gaben in unerschöpflicher Fülle und Mannigfaltigkeit unter seinen Augen zugleich und unter seiner Hand aus; Alles ist ihm erreichbar. Die Haiden und Gebüsche vom Cap scheinen zu seiner Lust, wie die Wälder von Brasilien mit ihren wipfelgetragenen Gärten zu seiner Verzweiflung geschaffen zu sein. In der Stadt und eine Strecke weit auf dem Fahrwege, der sich um den Fuß des Gebirges zieht, findet man mit Verdruß nur *) „Ein Zweifel und zwei Algen" in: Verhandlungen der Gesellschaft Naturforschender Freunde in Berlin. I. Band, 3. Stück, 1821. 19 * europäische Pinien, Silberpappeln und Eichen. Ueberallhin bringt der Mensch ein Stück von der Heimath mit sich, so groß wie er kann. — Verläßt man aber den Fahrweg und steigt zu Berge, so entspricht kein Ausdruck der gedrängten Vielfältigkeit und dem bunten Gemische der Pflanzen. Ich habe mit Mundt auf dem Tafelberge manche Pflanzen gefunden, die ihm bis dahin entgangen waren, und habe, flüchtiger Reisender, aus diesem betretensten der botanischen Gärten manche Pflanzenart mitgcbracht, die noch unbeschrieben war. — Und jede Jahreszeit entfaltet eine ihr eigenthüm- liche Flora. Der Gebirgsstock des Tafelberges, der durch weite Ebenen von den Gebirgen des Innern abgesondert ist und den man als ein nördlichstes stehengebliebenes Vorgebirge des mit seinen Bergen im Meere untergegangenen südlicheren Landes betrachten könnte; — der Gebirgsstock des Tafelberges unterscheidet sich sehr von den nächsten Bergzügen durch seine Flora, in welcher sich Gattungen und Arten in einem andern Verhältniß auf eine eigene charakteristische Weise mischen, und die anscheinlich mehrere ihr ausschließlich eigenthüm- liche Pflanzen besitzt. So ist zum Beispiel die in unfern botanischen Gärten gemeine Urotoa ai-Asnten nur auf dem Tafelberge gefunden worden, und es wäre leicht denkbar, daß eine Laune des Zufalls oder des Menschen sie auf ihrem so beschränkten heimathlichen Boden vertilgte und ihre Art sich nur noch in unsern Treibhäusern erhielte. Etliche Pflanzer des Innern kamen während meines Hierseins nach der Stadt. Wie sie hörten, daß ein neuer „Blumensucher" da sei, erboten sie sich, mich auf ihre Besitzungen mitzunehmen. Jeder reisende Naturforscher kann darauf rechnen, auf das Gastfreundlichste im Innern der Kolonie ausgenommen zu werden. Der JslamiSmus und das Christenthum sind auf den ostin- dischcn Inseln gleichzeitig gepredigt worden, und die Missionare beider Lehren haben auf demselben Felde gewetteifert. Es war mir auffallend, von mohammedanischen Missionen am Cap sprechen zu hören. — Unter dem Vorwand des Handels, sagte man mir, kommen, die diesem Geschäfte sich widmen, und suchen in das Innere der Kolonie zu dringen. Sie richten sich vorzüglich an die Sklaven, 298 von denen sic nicht wenige bekehren. — Es soll aber auch nicht beispiellos sein, daß Freie und Weiße sich zu ihnen bekannt haben. — Ich wiederhole blos, was ich gehört habe, und kann keine Bürgschaft dafür stellen. Ich hatte Befehl erhalten, mich am Abend des 6. Aprils einzuschiffen. Wie ich an Bord kam, wurde ein Tag zugegeben und ich fuhr wieder ans Land. Ich machte am 7. noch eine weite Exkursion mit Mundt und Krebs. Am Abend begleiteten mich Beide an Bord. Mundt schlief die Nacht auf dem Rurik. Als wir am Morgen des 8. Aprils 1818 aufwachten, war bereits der Rurik unter Segel und hatte die Schiffe auf der Rhede hinter sich zurück- gelassen. — Der Kapitain wollte den gepreßten Passagier auf das nächste Schiff zurückschicken. Da zeigte sich ein Boot und ward herbei geschrieen. Der Eigner begehrte gleich baare Bezahlung. Es zeigte sich, daß Mundt, wie ohne Hut, so auch ohne Geld war. — Ich löste schnell den Freund aus, wir umarmten uns, er sprang in das Boot. Der Rurik glitt mit vollen Segeln in die offene See. Vom Vorgebirge der guten Hoffnung nach der Heimath. London. St. Petersburg. Nachdem wir am 8. April 1818 (nach unserer Schiffsrechnung) die Taselbai verlassen, erhielten wir auf der gewöhnlichen Fahrstraße der heimkchrenden Schiffe den Passat am 16., durchkreuzten am 18. den südlichen Wendekreis und erreichten am 21. die Mittagslinic von Greenwich. Hier erst korrigirtcu wir unsere Zeitrechnung und schrieben, die von Greenwich annehmend, anstatt Dienstag den 21., Mittwoch den 22. Am 24. April 1818 hatten wir Ansicht von St. Helena. Unser Kapital» hegte den Wunsch, an dem Felsen des gefesselten Prometheus anzulcgen; daS ist begreiflich. Die hohen Mächte hatten Kommissare auf der Insel. Es konnte nicht unnatürlich scheinen, daß ein russisches Kriegsschiff sich dem russischen Kommissar (Grafen Ballcman) erböte, seine Depeschen zu befördern. Die englische Kriegsbrigz, die über dem Winde der Insel kreuzte, visitirte uns. Der Offizier, der an Bord kam, trat mit gespannter Pistole in die Kajüte des Kapitains. Nach eingesehcnen Papieren gab er uns die Weisung, uns während der Nacht, die zu dämmern begann, in der Nähe der Insel aufzuhalten und am andern Morgen nach Jamestown zu steuern. — Die Brigg machte Signale; der Telegraph auf dem Lande setzte sich in Bewegung; die Nacht brach ein. Wir segelten am Morgen der Stadt und dem Ankerplätze entgegen. Eine Batterie gab uns durch eine Kanonenkugel, die vor dem Schiffe die Lust durchpfiff, zu verstehen, daß wir nicht weiter gehen möchten. — Der Telegraph war in Thätigkeit; eine Barke 295 stieß vom Admiralschiff al> und ruderte auf uns zu. Wir glaubten jener Barke entgegenfahren zu dürfen, nahmen den alten Cours wieder und erhielten, auf demselben Punkt angelangt, eine zweite Kanonenkugel. Der Offizier, der an unfern Bord gekommen war, erbot sich, uns auf die Rhede zu führen: Die Batterie, meinte er, habe keine Befugniß auf uns zu feuern und werde es jetzt nicht wieder thun. Wir steuerten mit unserm Geleitsmann wiederum auf den Hafen und erhielten sofort die dritte Kanonenkugel. — Darauf stieg der Offizier wieder in sein Boot und ruderte an sein Schiff zurück, um Mißverständnissen ein Ziel zu setzen, welche nur von der Abwesenheit des Gouverneurs hcrrühren konnten, der nicht in der Stadt, sondern auf seinem Landhause war. — Mittlerweile lichteten alle Kriegsschiffe, die auf der Rhede lagen, die Anker und gingen unter Segel. — Wir warteten bis nach zwölf Uhr; da wir um diese Zeit noch ohne Nachricht waren, strichen wir mit einer Kanonenkugel die Flagge und nahmen, nach einer Versäumnis; von beiläufig 18 Stunde», unfern Cours wieder nach Norden. Ich bemerke beiläufig, daß nach Seemannsbrauch bei der Art Unterhaltung, welche die Batterie mit uns führte, die erste Kugel über das Schiff, die zweite durch das Tauwerk und die dritte in die Kajüte des Kapitains geschickt zu werden Pflegt. Die Batterie hatte eigentlich drei Mal den ersten Schuß, aber keinen zweiten auf uns abgefcuert. Es ist übrigens einlenchtend, daß in dem Verfahren der Wachtbrigg, des Admiralschiffes und der Landvatterie keine Ueber- cinstimmung statt fand; und die Schuld an der Verwirrung, die in Hinsicht unser herrschte, können wir nur dem Gouverneur beimesse». Ich ward in diesen Tagen eines Mißverständnisses wegen von dem Kapitain vorgcfordert. Es kam zu Erörterungen, wobei die liebcnswerthe Rechtlichkeit deS kränklich-reizbaren Mannes in 'dem schönsten Lichte erschien. Er erkannte, daß er sich in mir geirrt, Lot mir die Hand, wollte selber die Hälfte der Schuld auf sich nehmen, ich solle zu der andern mich bekennen. Und wahrlich, ich mochte zur Unzeit seiner Empfindlichkeit Stolz und Trotz entgegengesetzt haben. Alles, was ich zu dulden gehabt, war vergessen und aller Groll ins Meer versenkt. 296 Wir sahen am 30. April die Insel Ascension, die wir im Weste» liegen ließen. Die Schildkröten, die man auf ihrem Strande zu finden hoffen kann, bewogen uns nicht, eine Landung zu versuchen. — Auf den Bergen ruhten Wolken. Viele Vögel waren zu sehen. Am 6. Mai überschritten wir vor Tages Anbruch zum vierten und letzten Male den Aequator. Der Tag wurde festlich begangen. — Ich habe von der Komödie, welche die Matrosen aufführten, keine Erinnerung. Da mußte ich wohl nicht mit ganzem Herzen dabei sein. Wir hatten den Passat verloren und hatten leichte spielende Winde und Windstille. Wir hatten am 5. ein Schiff gesehen, am 8. zeigte sich ein anderes. Am Abend dieses Tages war ein Regen gleich einem Wolkenbruche und cs donnerte stark. Wir bekamen am 12. Mai den nördlichen Passat, behielten ihn bis zu dem 26., wo der Wind zun: Südosten überging, und durchschnitten ungefähr vom 22. bis zum 30. Mai, zwischen dem 20° und 36° N. B. und dem 35° und 37° W. L. das Meer des Sar- gasso. So wird geheißen eine weite Wiese schwimmenden, von dem unbekannten Felsenstrande, wo er erzeugt worden sein muß, abgerissenen und von dem weiten Strudel der Seeströmung in die Mitte ihres Kreislaufes zusammengespülten Seetanges meist von einer und derselben Art. Ich will mit diesen flüchtigen Worten nur dem Laien das gebrauchte Wort erklären. Die Sache selbst läßt dem Gelehrten noch viel zu denken und zu erforschen übrig. Seit wir die Linie durchkreuzt hatten, nahm die Zahl der Schiffe zu, die wir fast täglich sahen. Wir zeigten oft wechselseitig unsere Flaggen. Am 29. Mai sahen wir eine Flasche im Meere schwimmen, die wir aber nicht aufnahmen. — Was mochte die Schrift besagen, die sie vcrmuthlich enthielt? Am 1. Juni sprach uns ein amerikanischer Scunner und erhielt von uns Zwieback, woran er Mangel litt. * Wir sahen am 3. Juni 1818 die Insel Flores, die westlichste der Azorischen Inseln, und steuerten von da dem Kanäle zu. Am 5. kam uns ein Schiffswrack in Sicht. Es wurde weiter L97 nicht untersucht. Die Zahl der Schiffe nahm zu; mehrere hielten mit unö denselben Cours; wir unterhielten uns mit einigen. Am 15. waren wir am Eingänge des Kanals, ohne noch Ansicht des Landes zu haben. Eine englische Flotte war zu sehen. Ein Lootfe stieg an unfern Bord. Die erste Nachricht, die ich erhielt, war eine Todesnachricht: in einem Zeitungsblatte, das jener mit- brachte, wurde eine Ausgabe der Werke der verstorbenen Frau von Stael angekündigt. Am Abend des 16. Juni 1818 lagen wir auf der Rhede von Portsmouth vor Cowes vor Anker neben einem Amerikaner, dem wir bereits zu Hana-ruru und zu Manila begegnet waren. Am Abend des 17. waren wir im Hafen. Meine erste Sorge war die, Briefe, die ich vorsorglich zur See geschrieben, nach allen vier Winden zu verstreuen. Ich war auf heimathlich europäischem Boden und konnte noch so bald nicht Nachricht von denen erwirken, durch die mir ein bestimmter Punkt der überall nährenden Erde zur Heimath geworden. — Ich will euch, Freunde, noch zum Zwischenspiel einladen, mich auf einen schnellen Ausflug nach London zu begleiten. Aber meine Seele durstete nur nach dem Einen, nach Briefen von den Freunden, und ich konnte erst im heimathlichcn Berlin zur Ruhe gelangen. Ich finde in einen: vom Kanal datirten Briefe von mir die Worte: Ich kehre dir zurück, der sonst ich war — ganz — etwas ermüdet, nicht gesättiget von dieser Reise — bereit noch, unter diesen oder jenen Umständen, wieder in die Welt zu gehen, und „den Mantel umgeschlagcn". Ich trat am 18. Morgens in Portsmouth in das erste beste Haus hinein, mich nach Schneider, Schuster u. s. w. zu erkundigen. Ich wurde fest gehalten: Was brauchen Sie? — Alles — und will mit dem Wagen, der morgen um vier Uhr Nachmittags abgeht, nach London fahren. — Stoffe, Zeuge, Kattun, Leinwand, wurden mir zur Auswahl vorgelcgt. Arbeiter nahinen Maaß; Hüte, Stiefeln wurden anprobirt; Strümpfe ausgesucht; die Bestellung genau gemerkt. Ich wurde in der Zeit von zehn Minuten fertig. — Am 19. um halb vier bekam ich auf dem Rurik meinen gepackten Koffer, 298 alles nach Muster und Vorschrift, die Wäsche neu genäht, gezeichnet, gewaschen und geplättet. Verdrießlich war mir nur die AengstliK- keit, mit welcher nach dem Gelds gelaugt wurde, bevor man die Waare aus der Hand ließ. In England beginnt der Arbeitstag in der Regel um 10 Uhr des Morgens und endigt Nachmittags um 4. Ein Wage» zwischen Portsmouth und London fährt Nachmittags um 4 Uhr ab und langt am andern Morgen um 10 Uhr an; der Geschäftsmann hat auf der Reise keine Stunde Zeit versäumt. — Ein anderer Wage» fährt bei Tage für andere Leute. Ich saß um 4 Uhr im Wagen und sah aus dem Schlage die Marksteine mit unglaublicher Schnelligkeit vorüber gleiten. Ich erkannte im Fluge manche Pflanzen der heimischen Flora, und der purpurne Fingerhnt mit seinen hohen Blüthenrispcn schien mir ein freundliches Willkommen zuzuwinken. Auf der Decke des Wagens, ich hätte fast gesagt auf dem Verdecke, hatten mehrere auf Urlaub entlassene Zöglinge einer Seeschule ihre Plätze. Die jungen Leute übten ihre Kletterkünste an der pfeilschnell rollenden Maschine auf eine ergötzliche Weise und waren überall eher als da, wo sie sollten. Ich hatte mich als den Titulargclehrtcn der russischen Entdeckungs-Expedition zu erkennen gegeben; die Gefährten der Fahrt hatten für mich, den Fremden, Aufmerksamkeiten, die ich weit entfernt war zu erwarten. Ich wurde mitten in der Nacht aus dem festesten, gesundesten, Schlafe geweckt; es sollte gespeist werden. Man erwies sich dienstfertig meiner schlaftrunkenen Unbeholfenheit. Die Augen halb eröffnend, versuchte ich nacheinander in Babel-rurikischer Sprachverwirrung alle Zungen der redenden Menschen, die ich kannte und nicht kannte, bevor ich auf die rechte kam und mich auf viel I1n§I-mä wiederfand. Unter jenen Schülern, die zu unserer Reisegesellschaft gehörten, befand sich ein geborener Russe. Der wurde mir vorgestellt und ich sollte mich mit ihm unterhalten. Das war ich mit dein besten Willen nicht im Stande zn thun. 299 Welch ein Glücksfuiid, welch eine Perle für eine gut eingerichtete Polizei! Ein Mensch, der ohne Paß nnd ohne Papiere irgend einer Art sich nach der Residenz bezieht; der, mn sich recht zu verstecken, sich für einen Russen ansgiebt, und non dem ein besonderes Glück sogleich an den Tag legt, daß er die Sprache nicht versteht. Die armen Engländer genießen aber der wohlthätigen Einrichtung nicht. Die Verlegenheit, die mich verriet!), wurde nicht einmal bemerkt; man glaubte mir aufs Wort, und ich war so sicher wie bei uns ein Spitzbube, der sich selber seine Pässe geschmiedet hat. Ich stieg ans Unkenntnis; der Stadt in der City ab, Fleet- Street, Belle Sauvage-Znn. Die Welt, in welcher ich mich bewegen wollte, war in Westminstcr, Piccadilly. Sieben Tage in London fassen mehr Erlebtes-, mehr Gesehenes, als drei Jahre an Bord eines Schiffes auf hoher See und in Ansicht fremder Küsten; — in London, das nächst und abwechselnd mit Paris die Geschichte für die übrige Welt macht und verkündigt. — Ich werde nicht von jedem Vogel, den ich hier habe fliegen sehen, Rechenschaft ablegen. Ich habe in London ausschließlich mit Gelehrten gelebt nnd in Museen, Herbarien, Bibliotheken, Gärten und Menagerien meine Zeit verbracht. Schon die Namen der Männer hcrzuzählen, denen ich mich dankbar verpflichtet fühle, würde mich zu weit führen. Die Bibliothek von Sir Joseph Banks war gleichsam mein Hauptquartier. Sir Robert Brown, welcher derselben Vorstand, war für mich von ausnehmender Dienstfertigkeit. — Ich hatte die Ehre, Sir » Joseph Banks vorgcstellt zu werden. Ich sah unter Anderen bei ihm den Kapitain James Bnrney, den Gefährten Cook's auf seiner dritten Reise nnd Verfasser von der Obronvloxnoul bistor/ ok tim äiscaveries in tbo 8anib 8im, einem Meisterwerke gründlicher Ge- » lehrsamkeit und seltener gesunder Kritik. — Mich erkühnt zu haben, I in der Frage „ob Asten und Amerika zusaimnenhangen oder durch 3 die See getrennt sind", gegen einen Mann wie James Bnrney aufzutreten und Recht gegen ihn behalten zu haben, ist eines der Dinge, die mich in meinen eigenen Augen ehren. Ich ging einst in einem Museum auf und ab, die Schreibtafel in der Hand, und schrieb mir über Gegenstände, die meine Auf- 300 merksamkeit besonders fesselten, Notata auf. Ein gleiches that mit großem Eifer ein rascher, lebendiger Mann; der Zufall führte uns zusammen, und er redete mich an. Er mochte bald an meinen Antworten merken, daß ich kein gcborncr Engländer sei; er fragte mich auf französisch, ob er sich dieser Sprache bedienen solle? Ich aber rief in der Freude meines Herzens auf Deutsch aus: das ist ja meine Muttersprache! So wollen wir Deutsch reden, fuhr auf Deutsch Sir Hamilton Smith fort, und er ward seit der Stunde mein gefälliger und gelehrter Wegweiser in den verschiedenen Museen, die wir zusammen zu besuchen uns verabredeten. Ich lernte zuerst in London Cuvier kennen und begegnete auch dort dem Professor Otto aus Breslau, der mir manche Nachrichten aus der Heimath mittheilte. Der bekannte Herr Hunnemann war mir in allen Dingen dienst- und hülfreich; er war mein Rath, mein Führer, mein Dolmetscher. Er widmete meinem Dienste einen großen Theil seiner ihm kostbaren Zeit. Er half mir alles, was mir auf der Reise an Instrumenten, Büchern, Karten gefehlt hatte, nachträglich zusammcnbringen, um mich zu der Heimfahrt auszurüsten, wie ich es zur Ausfahrt hätte fein sollen. — Hätte wohl, wer darüber lächelt, cs viel klüger gemacht? Ich meinerseits bin bei jedem neuen Kapitel meines Lebens, das ich schlecht und recht, so gut es gehen will, ablebe, bcscheidentlich darauf gefaßt, daß es mir erst am Ende die Weisheit bringen werde, deren ich gleich zu Anfang bedurft hätte, und daß ich auf meinem Steckkissen die versäumte Weisheit meines Lebens finden werde. — Und ich bin ohne Reue, weil ich nicht wissentlich und mit Willen gefehlt; und weil ich die Meinung habe, daß es Anderen nicht viel anders geht als mir. — Aber ich sprach von meinen Ankäufen, denen ich beiläufig 100 Pfund bestimmt hatte. — Ich fand in Arrowsmith einen liebenswerthen, liberalen Gelehrten. Er sagte: wir hätten für ihn gearbeitet, und schenkte mir die Karte, die ich von ihm zu kaufen begehrte. Der ich die letzten Jahre in der Natur gelebt, fühlte jetzt zu der Kunst, welche die Natur nach dein Bedürfnisse des geistigen Menschen vergeistigt, einen unaussprechlichen, unwiderstehlichen Zug; 301 und von den kurzgezählten Stunden, die ich in London zu verleben hatte, mußte ich mehrere widmen, Beruhigung im Anschauen der Cartons von Raphael oder der Antike zu suchen. Die französische Restauration, welche sich die nächstvergangene Geschichte zu verlängnen bemühte, beeiferte sich hergebrachterweise, Standbilder nmzustnrzen und Inschriften und Namenznge auszukratzen. Aber die öffentliche Meinung Europas verbot ihr, Kunstwerke, die sie in Schutz nahm, zu vernichten. Sie hatte den Mittelweg erwählt, diese Träger verhaßter Erinnerungen wenigstens von ihrer Wurzel abzulöscn und dieselben als Geschenke den Fremden zuzuwerfen. Ich wußte, daß der Napoleon von Canova dem Lord Wellington zugetheilt worden und in London sich befinden mußte. Längst war ich auf diese Statue aufmerksam geworden und ich begehrte gar sehr zu sehen, wie Canova den Kaiser idealisirt; um darüber zur Klarheit zu kommen, ob der vieux Sergeant äs In Oaräe, an welchen ich dieses Kunstwerk gerichtet wissen wollte, in dem griechisch nackten Halbgott seinen vergötterten Mit Oaxoral erkennen könne. Hier, sagte mir Robert Brown auf dem Wege nach Kcw, wohin er die Güte hatte, mich zu begleiten, — hier, in diesem Hause, hinter dieser Thür steht die Bildsäule, von der wir sprechen. Und ich darauf: so lasset uns hingehen, klopfen oder klingeln; die Thür wird aufgehen und wir sehen hinein. — Wenn Sie wünschen das Bild zu sehen, erwiderte, der Sitte kundig, Robert Brown, so will ich an Sir Joseph Banks schreiben; auf dessen Bitte wird Ihnen sonder Zweifel die Erlaubniß ertheilt werden. — Oder auch der russische, oder der preußische Gesandte.— Ich kann einmal keine großen Mittel an kleine Zwecke setzen und Polyspasten anwenden, um eine Feder zu bewegen. Ich schüttelte mit dem Kopfe und wir gingen weiter. Herr von Kotzebue war mit mir zugleich in London. Ich sah ihn flüchtig. Er hatte sich dem russischen Gesandten angeschlossen, war deni Prinz Regenten und dem Großfürsten Nikolai Pawlowitsch vorgestellt worden und klagte, daß seine Zeit anders ausgefüllt werde als er gewünscht hätte, und daß er von dem, was ihn interessire, nur wenig zu sehen bekomme. 302 Aber ich bin in London, und spreche bis jetzt von London nicht — Man trifft auch anderswo naturhistorische Sammlungen an und dem Fremden hnlfreiche gefällige Gelehrte. Manche Stadt ist reicher als diese an Schätzen der Knust. Wahrlich ich wandelte nicht ein Blinder durch diese bewunderungswürdige Welt, welche sich mir, von den Parlamentswahlen aufgeregt, in ihrem Wesen enthüllte. Auf dein öffentlichen Markte bewegt sich in England das öffentliche Leben mit Parlamentswahlen, Volksversammlungen, Aufzügen, Reden aller Arten. — Was hinter Mauern gesprochen wird, hallt ans den Straßen nach, die zu allen Zeiten von Ausrufern, von Ausstreueru von Flug- und Zeitschriften, Nachts von transparenten Bildern und Inschriften durchströmet werden. Die Mauern von London mit ihren politischen Plakaten sind für den Freunden, der seinen Augen nicht traut, das märchenhaft wundersamste, das unglaublichste Buch, das er je zu sehen bekommen kann. Und diese heiligen Freiheiten sind es, die das Gebäude sicher stellen, indem sie jeglicher Kraft, und auch der zerstörenden, ihr freies Spiel in die freien Lüfte hin zugestehen. Diese heilige» Freiheiten sind es, welche die nothwendig gewordene, zu lange verzögerte, zeitnberreife Revolution, die zu bewirken jetzt England geschäftig ist, hoffentlich als ruhige Evolution gestalten werden, — eine Revolution, die längst schon jeden andern Boden mit schauerlichem, aus Staub und Blut gemischtem Schlamme überspült hätte. Der Herzog von Wellington hat durch das unzeitig widerstrebende Wort „d>o rekorm" diese Revolution begonnen. Er hat das Schiff dem Winde und Strom übergeben, die es unwiderstehlich dahin reißen, derselbe Herzog hat sich jetzt des Steuerruders angemaßt und verspricht sich, es unter gerefften Sturmsegeln an den Klippen vorüber zu steuern, aber abwärts, immer abwärts dem Ziele zu. Zu Vergleichungen geneigt, werfe ich abseits von London den Blick zuerst aus Paris. Da sollen Ins uarirws