Die Begründung der Deutschen Rundschau Lin Rückblick. Berlin. Verlag von Gebrüder j)aetel. ^2. November ^899- er Zeitpunkt, in dem die „Deutsche Rundschau" das erste Vierteljahrhundert ihres Bestehens vollendet, fällt fast zusammen mit dem Ende des Jahrhunderts, mit der Grenzscheide zwischen dem, was Gegenwart für uns war und bald Vergangenheit sein wird. Ein solcher Moment des Rechnungsabschlusses fordert zum Rückblick auf, und dieser inneren Nöthigung hat auch die Leitung der „Rundschau" sich nicht entziehen mögen. Es wäre nun Wohl ein interessanter Versuch gewesen, auf Grund des Materials, das in ihren bis jetzt vorliegenden hundert Bänden gesammelt ist, den Gang ihrer Entwicklung rein sachlich darzustellen. Der Ausführung einer solchen Aufgabe jedoch stellten sich innere Schwierigkeiten entgegen, die kaum zu bewältigen waren; und etwas ganz Anderes daher ist es, was hier geboten werden soll. Es sind die persönlichen Erinnerungen Desjenigen, der einst, vor fünfundzwanzig Jahren, unterstützt von gleichgesinnten Freunden und ermuntert durch das Entgegenkommen der Verlagshandlung, den schweren Schritt unternahm. Zu sehr während dieser langen Zeit sind sein Sinnen und Sorgen, seine Leiden und seine Freuden, ja seine ganzen Geschicke mit denen der „Rundschau" verknüpft gewesen, als daß er in einem andern Sinne von ihr sprechen könnte. Nur von ihren Anfängen wird im Folgenden die Rede sein. Was er gewollt hat, darf ihr Herausgeber sagen; ob es oder wie viel davon erreicht worden ist: das zu beurtheilen, würde nicht ihm ziemen. I. Wenn ich an die Begründung und den Anfang der „Deutschen Rundschau" denke, so muß ich, in dankbarer Erinnerung, vor Allem zwei Männer nennen: Gustav zu Putlitz und Berthold Auerbach. Meine Bekanntschaft mit Ersterem datirt vom Ende der sechziger Jahre, wo Putlitz, bis dahin Intendant des Schweriner Hoftheaters, nach Berlin zurückgekehrt war — er, um Hofmarschall des ihm nahe befreundeten Krön- Die Begründung der „Deutschen Rundschau". 1 2 Prinzen von Preußen zu werden, während seine Gemahlin Elisabeth, geborene Gräfin Königsmarck, die Charge als Oberhofmeisterin bei der Frau Kronprinzessin übernahm. Aber diese beiden Naturen waren zum Dienen, selbst in so hohen Stellungen, nicht gemacht; schon nach kurzer Zeit legten sie sie nieder und stolz darauf, die Abhängigkeit des Hofbeamten mit der Unabhängigkeit des Schriftstellers vertauschen zu können, griff Putlitz wieder zur Feder und wandte sich aufs Neue seinem eigentlichen, seinem wahren Berufe zu. Dieser Moment hat uns zusammengeführt. Ich redigirte damals den „Salon", der noch in seiner frühen, verheißungsvollen Blüthe stand; und da war es, daß Putlitz, eine hohe, leicht gebeugte Gestalt, eines Tages in mein Zimmer trat. Aus einem der ältesten Adelsgeschlechter der Mark, dem der Gänse von und zu Putlitz, ein Edelmann in des Wortes edelster Bedeutung, war er völlig frei von den Vorurtheilen seines Standes, frei von Egoismus, hülfreich für Andere, mißtrauisch nur gegen sich selber. Durch das unvergeßliche Haus der Olfers, das in dem alten Berlin immer einen Mittelpunkt des literarischen und künstlerischen Interesses gebildet hat, war meine Beziehung zu ihm angebahnt worden; Marie von Olfers theilte mir mit, daß Putlitz eben, nach langer Pause, wieder eine Novelle beendet und den Wunsch habe, sie dem „Salon" anzubieten. Nichts konnte mir lieber sein; war doch der Name des Dichters einer von denen, die hell in meine Jugendzeit hinein geklungen. Auf einem Kneipbild der Heidelberger „Westphalen", deren Senior er t843 gewesen, hatte ich ihn zuerst gesehen, als ich selbst im Sommer 1851 akademischer Bürger der schönen Neckarstadt ward, und die Verse: „Mein Heidelberg! o ephcugrüne Trümmer, Auf denen ich so selig stand" erwecken noch heut' in mir ein sehnsüchtig-frohes Gedenken. Sie finden sich im Epilog zu seinem anmuthigen Märchen „Was sich der Wald erzählt", das als das Lieblingsbuch „verliebter Jünglinge, geliebter Mädchen" unzählige Auflagen erlebt hat, indeß Putlitzens feine Lustspiele zu gleicher Zeit über alle Bühnen gingen. So kam ich ihm nicht als einem Fremden entgegen; seine poesievolle Novelle „Walpurgis", der manch' andere noch gefolgt ist, erschien im „Salon", und von dem Tage an bis an sein Lebensende war und blieb Putlitz mir ein gütiger, treuer und zuverlässiger Freund. Er wohnte zu der Zeit im zweiten Stockwerk des Hauses Mauerstraße Nr. 36, in dessen erstem Stock einst Varnhagen von Ense gewohnt hatte, so daß dasselbe Haus, in dem ich viele Jahre vorher als ein Werdender meine ersten bedeutenden Anregungen empfing, nun zum zweiten Male, und in noch ganz anderer Weise entscheidend, in das Leben des gercisteren Mannes eingreifen sollte. Denn hier liegt der Keim zu dem, was nachmals die „Deutsche Rundschau" ward. Im Verlaufe der Jahre hatten wir uns immer mehr davon überzeugen müssen, daß aus dem „Salon" niemals das werden würde, was wir davon erwartet. Die Verdrießlichkeiten häuften sich, und oft, wenn mir schwer zu Muth war, ging ich zu Putlitz, den ich stets bereit fand, meine Klagen anzuhören, mich zu beruhigen und der endlich mir rieth, zu brechen, was sich nicht biegen lasse- Doch gibt man Etwas, das mit Liebe begonnen, nicht so leicht auf. Mein Herz hing nun einmal an dem Unternehmen, dem ich sechs Jahre lang meine beste Kraft gewidmet hatte; da, noch vor Beginn des siebenten, mit dem meine Verpflichtung ablies, Anfang März 1873, erhielt ich ein Billet von Putlitz, in dem er schrieb: „Am 2. war einer der Gebrüder Paetel bei mir und unser Vorschlag, den ich natürlich unter Versprechen strengster Discretion machte, schien ihm sehr plausibel." Sein erster Verleger war der wohlbekannte Hofbuchhändler Alexander Duncker gewesen, dessen zierliche Miniatur-Ausgaben, „elegant gebunden mit Goldschnitt", auf keinem Geburtstags- oder Weihnachtstische damaliger Zeit fehlten. Im Jahre 1870 nun hatte Duncker seinen Verlag an eine neubegründete Buchhandlung verkauft, und an diese, mit allen übrigen ehemals Duncker'schen Autoren, war auch Putlitz gelangt. Manchmal schon hatte er mir davon gesprochen, wie zufrieden er mit diesen „jungen Leuten", wie zuvorkommend, liebenswürdig und im solidesten Sinne unternehmend sie seien. Mehrfach auch hätten sie gegen ihn die Absicht geäußert, eine „vornehme" Zeitschrift zu begründen, wenn die rechte Gelegenheit sich fände, und darauf eben bezog sich jenes Billet von Putlitz. „Es sind zwei Brüder", sagte er, „Söhne eines Mannes, der, hochangesehen in der Bürgerschaft, das, was er besitzt, sich selber erworben hat und seit Jahren schon Stadtverordneter von Berlin ist. Sie sollen sehen", fügte Putlitz hinzu, „diese Gebrüder Paetel werden es noch einmal weit bringen; denn sie streben dem Vater nach, wollen, wie er, von der Pike auf dienen und erfreuen sich jetzt schon, obwohl doch noch Anfänger, der besonderen Achtung ihrer Collegen. Auf einer solchen Grundlage läßt sich bauen, und wenn ich Ihnen rathen soll," so schloß der Freund, „ergreifen Sie die dargebotene Hand." Doch ich wollte keinen Schritt thun, bevor mein Verhältniß zum „Salon" wirklich gelöst sei, wozu die Zeit noch nicht gekommen war; im April 1873 verließ Putlitz Berlin, um als General-Intendant des Großherzogl. Hoftheaters nach Karlsruhe überzusiedeln, und ich, einer Einladung der „Neuen Freien Presse" folgend, begab mich nach Wien, um dort, während des Ausstellungssommers, für das genannte Blatt schriftstellerisch thätig zu sein. Mit diesen Arbeiten beschäftigt und nach mehrmonatlichem Landaufenthalt in Eisenach kehrte ich im November wieder heim, und jetzt zögerte ich nicht länger, mir Gewißheit zu verschaffen. Das Geschäftslocal der Gebrüder Paetel befand sich damals in einem Hause der Linkstraße, Nr. 30, nicht weit von der Brücke. Es war ein ziemlich bescheidener Raum, zu dem man über ein paar Stufen direct von der Straße her Hineinstieg, und hier stand ich zum ersten Male den Beiden gegenüber, Herrn llr. Hermann Paetel, dem älteren, und Herrn Elwin Paetel, dem jüngeren der Brüder. Das Geschäft, das am 1. Januar 1870 durch Kauf in ihre Hände übergegangeu, zuerst A. Duncker's Buchverlag hieß, führte seit dem 2. Juni 1871 die Firma Gebrüder Paetel, und hat sie beibehalten, auch nachdem am 1. April l881 der ältere der Brüder ans ihr geschieden und jetzt eben der Sohn des seitdem alleinigen Eigentümers, I)r. Georg Paetel, in sie eingetreten ist. 4 ! Die beiden Herren, der Eine Ende der Dreißig, der Andere Ende der Zwanzig, machten sogleich den angenehmsten Eindruck auf mich, da sie von vornherein mir ein wohlthuendes Vertrauen entgegenbrachten. Soweit ich konnte, gab ich Ihnen eine offene Darlegung meines damaligen Zwischenzustandes ; noch war ich verpflichtet, aber ich konnte mich frei machen, und ich verschwieg ihnen auch nicht, daß ich eventuell dazu bereit sein würde. „Wir wollen uns gegenseitig nicht binden," sagte ich; doch ehe wir auch nur prä- liminarisch weiter verhandelten, mußte ich doch erfahren, ob sie dazu geneigt seien- Diese Zusicherung gaben sie mir ohne Weiteres und wünschten nur zu wissen, wie ich mir eventuell das neue Vorhaben denke. Ganz ehrlich gestanden, ich dachte nur an ein belletristisches Unternehmen, in der Art des „Salon", doch mit erweitertem Umfang, und ich glaube, daß auch die Herren Paetel an nichts Anderes dachten. Hier nun, an dieser Stelle, war es, daß der zweite jener Männer, deren Namen ich an die Spitze dieses Berichtes gestellt habe, helfend und fördernd in den Werdeproceß der „Deutschen Rundschau" eingriff: Berthold Auerbach, ein Mann, grundverschieden von Gustav zu Putlitz in jedem Betracht und in manchem sein gerades Gegenstück. Berthold Auerbach, ein Zweiundsechziger damals, erinnerte immer noch ein wenig an den, von dem — wie er gern erzählte — sein Landsmann Ludwig Uhland einst gesagt: „Der Berthold ist ein klein's schwarz Männle, grad wie 'ne Boxbeutelflasche, aber es ist auch eppes d'rin!" —In der Thiergartengegend und deren Nachbarschaft war er eine ganz populäre Figur, und namentlich liebten ihn die Kinder. Wenn er so einer aus der Schule heimkehrenden Schar begegnete, ging er Wohl ein Stückchen mit ihnen und verabschiedete sich von dem einen oder anderen mit einem Kuß auf die Stirn und den Worten: „Nun geh' hübsch nach Haus und sag' Deinen Eltern: der Auerbach hat mich geküßt." Oder auch: „Merk's Dir, wenn Du einmal erwachsen bist, dann wirst Du auf die Stirn zeigen und sagen: Da hat mich der Auerbach geküßt." Er war eitel, aber seine Eitelkeit hatte nichts Verletzendes. „Lobt mich nur," pflegte er zu sagen, „ich kann a Löble vertragen, ich bin ein Vielfraß an Lob." Er kehrte gern, wo's ihm paßte, den Schwaben heraus und war ein seltsames Gemisch von Naivetät und Berechnung; aber die Schwächen, die daraus entsprangen, waren von der Art, daß man darüber lächeln und um seiner sonstigen Eigenschaften willen ihm immer wieder von Neuem gut sein mußte. Warmen, wenngleich von Egoismus nicht ganz freien Herzens, ideenreich und von seinen Ideen gern Anderen mittheilend, anregend im höchsten Grade, war er ein ausgezeichneter Gesellschafter und trefflicher, zu Allem aufgelegter Kamerad. Wir wohnten damals, er in der Königin Augusta-, ich in der Schellingstraße, dicht neben einander und sahen uns fast täglich. Er hatte die Freundschaft für uns aus dem Elternhause meiner Frau, ich die Verehrung für ihn aus dem meinen und der Zeit seiner ersten „Dorfgeschichten" mitgebracht; in meinem Arbeitszimmer entsprang der erste Gedanke seines L Romans „Auf der Höhe", und in seinem Arbeitszimmer, elf Jahre später, gewann das, was bisher nur ein loser Umriß gewesen, festere Gestalt. Bis in meine Gymnasialzeit kann ich den Zug meines Herzens verfolgen, der mich endlich zur „Deutschen Rundschau" führte, weit zurück bis zu den „Blätter und Blüthen", die von mir und meinen Mitschülern zu Rinteln verfaßt und, von einem uns befreundeten Gerichtsschreiber kalligraphisch zu Papier gebracht, allsonnabendlich in e i n e m Exemplare erschienen; bis zu den Journalmappen mit den rothen, grünen und gelben Heften, die mir in meinem Heimathstädtchen zum ersten Mal den Einblick in wirkliche gedruckte Zeitschriften gestatteten. Ach, wer es mir damals gesagt hätte, als der Ehrgeiz, in eines dieser Blätter zu kommen, zaghaft in mir erwachte, daß es noch einmal meine Bestimmung sein sollte, den Anderen den Eingang zu gestatten oder zu verwehren! . . . . Dann folgten die Studenten- und die Wanderjahre, dann der Aufenthalt in London, und dann, heimgekehrt, noch unter den frischen Eindrücken, die mir von dort geblieben, mein erster Versuch: das „Deutsche Magazin", ein Zeitschriften von achtzig Seiten monatlich, mit hübschen Bildern und gar nicht üblen Beiträgen meiner älteren und jüngeren Freunde-. Doch ich sollte bald inne werden, daß man, wenn weiter nichts vorhanden ist als jugendlicher Enthusiasmus und guter Wille, dergleichen nicht machen kann, daß noch etwas mehr dazu gehört. Nach dreijährigem Bestehen schlummerte 1863 das „Deutsche Magazin" friedlich ein, das mir nichtsdestoweniger eine freundliche Erinnerung an so manchen schönen Jugendtraum hinterlassen hat und immer aufs Neue wach ruft, so oft ich in diese jetzt fast vergilbten Blätter hineinschaue. Vier Jahre darauf, 1867, mit einem größeren Apparat, ward „Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft" in Scene gesetzt, eine Monatsschrift, an der die besten Schriftsteller jener Zeit mitarbeiteten und die Wohl das hätte werden können, was man sich von ihr versprochen hatte. Doch der Erfolg blieb hinter den Erwartungen zurück, und jetzt, nach bald sieben Jahren, stand ich abermals vor einer gescheiterten Hoffnung. In Folge meiner ersten Unterredung mit den Gebrüdern Paetel war ich gegen Ende 1873 in eine auf meinen Abgang bezügliche Correspondenz mit dem Verleger des „Salon" getreten, und hatte, da wir uns nicht einigen konnten, den Entschluß ausgesprochen, nach Ablauf meiner Verpflichtung von der Leitung der genannten Zeitschrift zurückzutreten. Aeußerlich war ich also frei, innerlich aber durchaus noch nicht. In diesen Tagen, Wochen und Monaten des Zweifels, des Hin und Her, des Für und Wider ist Auerbach es gewesen, der, meine Gedanken auf bedeutendere Ziele lenkend, mir allmählich Muth und Festigkeit wiedergab. Nicht eine Fortsetzung des „Salon", etwas ganz Verschiedenes davon, etwas Höheres sollte die neue Zeitschrift werden. Ein Unterhaltungsblatt mehr, und wenn es noch so gut, sei nicht das Be- dürfniß; was uns aber wirklich Noth thue, weil wir sie nicht besäßen, eigentlich nie besessen hätten, das sei eine jener Zeitschriften im großen Stil der Engländer und Franzosen, in welchen mit den Schriftstellern ersten Ranges sich die repräsentativen Männer der Wissenschaft zu gemeinsamer Arbeit vereinigten. Damals, in den siebziger Jahren, war noch die große Zeit der Novelle, der in allen Literaturen die hervorragendsten Schöpfungen des Jahrhunderts angehören. Gleich den Früchten in einem reichen Herbst drängten sie einander in unerschöpster Fülle, man brauchte nur zuzugreifen. Es entstanden in rascher Zeitsolge nacheinander Meisterwerke, die heute bereits als unvergänglich gelten dürfen: und es war das gute Glück der „Rundschau", daß sie gerade noch frühe genug kam, um an diesem Segen theilzunchmen. Würden aber die Repräsentanten der Wissenschaft sich zur Mitarbeit verstehen? Würden sie für ein Unternehmen zu gewinnen sein, das, wenn es sich nicht auf die Wissenschaft beschränkte, sie doch keineswegs entbehren konnte? Zwar, das sagte ich mir, die Zeiten waren vorüber, wo die Wissenschaft sich in stolzer Abgeschlossenheit auf unnahbaren Höhen hielt und jeden ihrer Jünger mit einer lsvis notas maenla behaftete, der ein lesbares Deutsch zu schreiben sich befleißigte. Sie zählte jetzt in ihren Reihen Stilisten ersten Ranges, die freilich das Ansinnen, wissenschaftliche Feuilletons zu liefern, abgelehnt haben würden. Populär sein hieß für sie vielmehr, sich einem Publicum verständlich machen, welches hinreichende Bildung und den ernsten Willen besaß, ihnen nachzudenken, nicht aber durch Oberflächlichkeit sich und dem Ansehen ihrer Wissenschaft etwas vergeben. Vorbereitend im Sinne einer solchen Annäherung, hatten die von Professor Gneist veranstalteten Vorlesungen des „Wissenschaftlichen Vereins" gewirkt, die seit Mitte der fünfziger bis Mitte der siebziger Jahre während des Winters an jedem Sonnabend in der Singakademie gehalten wurden. Hier zum ersten Mal, vor einer distinguirten Zuhörerschaft, in der die Königin Augusta selten fehlte, hatten Männer der strengen Wissenschaft gesprochen, neben denen aber auch zuweilen Schriftsteller von anerkanntem Ruf zu Wort gekommen waren, wie denn an eben dieser Stelle Berthold Auerbach 1861 seinen schönen Vortrag über „Goethe und die Erzählungskunst" gelesen hatte. Von fachmäßig philosophischer Bildung, hatte der Verfasser des Romans „Spinoza" doch auch der Wissenschaft einen Dienst geleistet, als er die Werke des von ihm über Alles geliebten und verehrten Denkers, von dem er gelernt, die Dinge „sub szikdö nsternitatis" zu betrachten, aus dem Lateinischen ins Deutsche übertrug. Er stand mit den akademischen Kreisen in näherem Verkehr, als es sonst Wohl im Allgemeinen zwischen Schriftstellern und Gelehrten in Berlin und überhaupt der Fall zu sein pflegte; wenn irgend Einer, war er daher der Mann, von Seiten der Literatur hier vermittelnd einzugreifen. Von diesem Moment an war es mein innigster Wunsch, daß sich Auerbach an der Sache bethciligen möge, nicht nur als Mitarbeiter, sondern in leitender Stellung, der ich mich gern unterordnen wolle. Hier sei die Gelegenheit gegeben, etwas Bedeutendes zu schaffen; aber es müsse sich von vornherein als solches ankündigen. Der Autorität eines Namens, wie des seinen, bedürfe es, um Vertrauen sowohl beim Publicum wie bei Denen zu finden, ohne die sich ein solches Unternehmen gar nicht denken lasse. Die Gebrüder Paetel waren, unter den so sehr veränderten Umständen, alsbald derselben Ansicht, ja der Hinzutritt Auerbach's als Mitherausgeber erschien ihnen zuletzt so wichtig, daß sie seine Geneigtheit wo nicht zur Bedingung machten. 7 doch als Voraussetzung des Gelingens betrachteten. Auerbach reizte der Gedanke sehr; aber er war unschlüssig. An einem Tage war er Feuer und Flamme dafür, am andern Tage kamen die Zweifel. Sein vornehmstes Bedenken war sein langjähriges Verhältniß zu Cotta. Dann wieder fürchtete er, die zersplitternde Beschäftigung mit etwas so ganz Ungewohntem werde ihn in seiner eigenen Thätigkeit stören, worauf ich ihm erwiderte, daß ich als der Jüngere keine Mühe scheuen und alle Arbeit auf mich nehmen wolle, wenn er mir nur mit feinem Namen zur Seite stehe. Seinen Einwand, er könne dann die Verantwortlichkeit nicht tragen, dachte ich dadurch zu heben, daß ich mich verpflichtete, nichts gegen oder ohne seinen Willen in dieser Angelegenheit zu thun. Was sonst noch auf dem Grunde seiner Seele vorging, sagte er nicht so deutlich; aber, da ich ihn kannte, bemerkte ich cs Wohl und verstand es auch: Vortheil und Nachtheil gegen einander abwägend, gerieth er zuletzt in einen solchen Zwiespalt mit sich selber, daß es nun an mir war, ihm zuzureden, wie er zuvor mir gethan. Denn ohne seinen Beistand die Gedanken auszuführen, die er in mir angeregt, erschien mir jetzt unmöglich. Mittlerweile war es März geworden, und ich hatte Gelegenheit, abermals nach Wien zu reisen. Dort sprach ich über unseren Plan mit Dingelstedt und Laube, diesen beiden feindlichen Brüdern in Apoll, die sich sobald hernach in den orangefarbenen Heften freundnachbarlich zusammenfanden; Hanslick machte mich mit einigen seiner gelehrten Freunde bekannt, und überall fand ich ermunternde Zustimmung. Mit frischem Muth, im erwachenden Frühling, kam ich nach Berlin zurück, und etwas von beidem hatte sich auch auf Auerbach übertragen. Zwar immer noch war er seines Entschlusses nicht Herr geworden, und einmal fand ich ihn in einem Zustand inneren Kampfes, der mich so sehr bewegte, daß ich ihn ernstlich bat, sich zurückzuziehen, und mich meinem Schicksal zu überlassen. Doch auch dazu konnte er sich nicht verstehen. Während meiner Abwesenheit war er gesellschaftlich mit einigen Koryphäen der Wissenschaft zusammengetroffen, und auch diese hatten sich, als er mit ihnen von unserem Plane sprach, günstig darüber geäußert, was dann auf ihn wieder seine Wirkung nicht verfehlte. Da war es an einem Nachmittage im April. Wir machten, wie so häufig, unseren gemeinsamen Spaziergang im Thiergarten. Plötzlich blieb er stehen. „Jetzt," sagte er, „wenn solche Männer mitthun, dann ist die Sache gesichert." Ich sehe ihn noch, den behaglich runden Mann, wie er an der Ecke der Siegesallee, da, wo diese nach der Lennöstraße hin abzweigt, Halt macht und, mit seinen graublauen Augen mich anblickend, diese Worte spricht. Wir gingen weiter. Männer aus allen Zweigen der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens müßten hinzutreten, Staatsmänner, Politiker, berühmte Reisende, hohe Militärs; mit seiner lebhaften Phantasie, die gleich Alles verwirklicht sah, führte er dieses glänzende Bild ans, das ihn selber hinriß, und alle seine Scrupel schienen beseitigt bis ans dies Letzte: daß die neue Zeitschrift unter bewährter alter Flagge fahren, daß sie den klassischen Greifen auf ihrem Deckel tragen, daß sie mit einem Wort im Verlage der Cotta'schen Buchhandlung in Stuttgart herauskommen müsse. Er glaubte sicher, daß diese darauf ein- gehen werde, und er wolle, wenn ich einverstanden sei, noch heute an sie schreiben. 8 Dringend bat ich ihn, von diesem Gedanken abzustehen: nicht nur, daß ich mich auf jeden Fall bereits für gebunden halte, ich sei auch überzeugt, daß gerade eine junge Firma, wie die Paetel'sche, mehr als jede andere ihren ganzen Eifer, ihren ganzen Ehrgeiz an ein Unternehmen setzen werde, das sie, soweit hätte ich die Herren doch schon kennen gelernt, durchaus nicht von einem kleinlichen Gesichtspunkt aus ansähen. Auerbach hatte von einem hohen Etat gesprochen und Summen genannt, die zur Verfügung stehen müßten, denn schließlich war er auch ein guter Rechner. Auch darüber glaubte ich ihn beruhigen zu dürfen, und als ich mich von ihm vor seinem Hause trennte, da dachte ich an den verschämten Liebhaber in Dickens' „Copperfield" und die drei Worte, die er dem kleinen David in die Feder dictirt: „Larüis is viUing". Aber darum war mir doch keineswegs fröhlich zu Muth. Mir schwindelte vor all' den neuen Anregungen; das Ungewisse, das Unbekannte, das auf diesem Wege lagerte, machte mir Augst. Und doch hätte der Moment nicht glücklicher gewählt sein können. Seit den großen Ereignissen von 1866—1871 hatten das nationale Gefühl und der nationale Wohlstand sich gehoben; wir hatten jetzt ein Deutsches Reich und eine Reichshauptstadt, in der mit dem gesammten politischen auch das literarische Leben sich zu con- centriren begann. Die frühere Abneigung des übrigen Deutschlands gegen Berlin war im Schwinden begriffen, Oesterreich war uns befreundet, und wo bisher alle für ein allgemeines, nicht nur berlinisches oder preußisches Publicum bestimmten Zeitschriften in Leipzig, in Stuttgart, in Braunschweig erschienen waren, durfte jetzt Wohl auch ein Unternehmen, das von hier ausging, sich eines sympathischeren Empfanges versehen. Denn das war inmitten allen Schwankens mein fester Vorsatz gewesen: wenn überhaupt, so sollte die Zeitschrift nur in Berlin und nur bei den Gebrüdern Paetel erscheinen. Zu diesen begab ich mich am andern Vormittag, um ihnen die neue Wendung der Dinge mitzutheilen; und ich hatte mich nicht getäuscht. Ohne Weiteres gingen sie auf die von Auerbach gemachten Andeutungen ein, erklärten sich sofort bereit, den Etat in jeder erforderlichen Weise zu erhöhen und ersuchten mich, unter Angabe der Bedingungen Allerbach definitiv zum Beitritt einzuladen. Wie beflügelt eilte ich über die Brücke, die von der Flottwellstraße und dem Schöneberger Ufer zur Königin Augustastraße und Auerbach's Wohnung führte. Denn seit Ostern dieses Jahres hatten die Gebrüder Paetel mit ihreni Geschäft das kleine Gartenhaus in der Lützowstraße Nr. 2 bezogen, das — auf einem ihrem Vater gehörigen Grundstück gelegen — die zweite, noch sehr bescheidene Etappe zu ihrer künftigen Position bildete. Aber welche Stunden jenes unaussprechlichen Glücks, das den nahenden Erfolg verkündet, sollteil wir noch in diesem niedrigen Zimmer erleben — demselben, in dem, als einmal unsere drei baumlangen Mitarbeiter Dingelstedt, Turgeniew und Putlitz sich hier trafen (und wirklich mit den Köpfen an die Decke stießen), der witzige Ex-Nachtwächter ausrief, daß hier die drei größten Männer des Jahrhunderts beisammen seien! — 9 Niemals habe ich Auerbach erregter gesehen, als an dem Morgen, da ich ihm die Botschaft der Gebrüder Paetel überbrachte und die Summe nannte, die sie zur Verfügung stellten. Das Blut stieg ihm zu Kopf, er lief im Zimmer auf und ab, er sagte Ja, er sagte Nein; wir verabredeten für den Nachmittag einen Spaziergang, am anderen Tage besuchte er die Gebrüder Paetel, und das Resultat war nachstehende Mittheilung: ,Jn Folge unserer soeben stattgehabten Besprechung mit A. erhalten wir von diesem eine Karte: „Einverstanden. Weiteres morgen Vormittag." — .Dürfen wir Sie also um Ihren Besuch für morgen im Laufe des Vormittags bitten? ,Mit freundlichen Grüßen Berlin IV-, den 30./4. 1874. Lützowstraße 2. Ihre ergebenen Gebrüder Paetel? Der Abend, an dem ich diese Zeilen empfing, war einer von denen, die man nicht vergißt. Die Gemeinschaft mit einem solchen Manne gab mir festen Boden unter den Füßen, sie gab mir Sicherheit, Vertrauen, und mehr noch: sie erfüllte mich mit einem Gefühle tiefer Dankbarkeit, wenn ich mich in die Tage des „Lorle", des „Barfüßle" zurückversetzte, wenn ich bedachte, was der Name Berthold Auerbach's einst für mich gewesen und jetzt für mich werden sollte! Denn schon sah ich im Geiste diesen Namen über oder vor dem meinen auf dem Titelblatt der neuen Zeitschrift. . . . Auerbach war berühmt als Titelfinder, für sich und für Andere; z. B. hat er dem Roman Otto Ludwig's „Zwischen Himmel und Erde" den höchst prägnanten Namen gegeben. Auch hatten wir in den früheren Unterhaltungen über diesen Gegenstand oft gesprochen und waren immer wieder darauf zurückgekommen. Denn er wußte, was ein Titel Werth ist, ohne jedoch in diesem Falle besonders glücklich zu sein. Einmal, in den ersten Stadien, hatten wir an die Bezeichnung: „Berlin und Wien" gedacht, um dadurch auszudrücken, daß wir nicht nur das ganze Deutschland, sondern auch das ganze Deutschthum umfassen wollten; und ich war darin bestärkt worden durch den Meinungsaustausch mit den Wiener Freunden. Der Gedanke, das Theater und die Musik von Berlin und Wien gleichmäßig zu vertreten, ist noch in unser Programm ausgenommen und in den ersten Jahren thatsächlich durchgeführt worden. Jedoch für eine Zeitschrift, wie sie sich allmählich zu gestalten begann, hätte die Bezeichnung „Berlin und Wien" schon jetzt nicht mehr gepaßt, sie würde zu sehr an das erinnert haben, was der Engländer Mugarüim" im Gegensatz zur „llaviöv" nennt, während wir die Vereinigung beider Gattungen anstrebten, wie sie sich in der französischen „lltzvus" und zwar als klassisches Vorbild in der „llsvuo ckss äsux monckss" lange dargestellt hat. Einstweilen also, bis uns etwas Besseres einfiele, begnügten wir uns damit, wenn wir von der neuen Zeitschrift sprachen, sie die „Deutsche Revue" zu nennen, wodurch ihr Charakter und unsere Absicht am Bestimmtesten angedeutet ward. 10 Am anderen Morgen — es war ein strahlender Frühlingsmorgen, und ich schickte mich eben an, in die Lützowstraße zu gehen — erhielt ich diesen Brief: 11 Als ich dies gelesen hatte, war ich sehr niedergeschlagen, denn ich wußte Wohl, was nun kommen werde; und es kam auch, nicht nach acht, sondern schon nach vier Tagen: Holzkirch bei Lauban, 4. Mai 1874. Lieber Rodenberg! Ich bin zur Ruhe gekommen, und ich möchte, daß auch Sie im gleichen. Es ist mein innigster Wunsch, daß keinerlei Misstimmnng oder gar Verkennung in Ihnen sich festsetze. Ich habe nach schwerem Kampfe mit mir zu dem Entschlüsse kommen müssen, mich von Mitherausgabe der „Revue" loszusagen. Sie wissen, wie gern ich mich Ihnen als Kamerad zugeselle, aber schon damals, als Sie von Ihrer Reise heimkehrten, sagte ich Ihnen, daß mir die Sache die Seele belaste und Sie selber sagten mir: in solchem Falle würde ich ablehnen. Ich bin mir bewußt, nunmehr ganz correct zu handeln, indem ich das thue; nur darin scheine ich vom Correcten abzuweichen, daß ich nicht sofort und entschieden ablehnte. Aber bedenken Sie erstens, welches unbedingte Vertrauen ich zu Ihrer Führung der Zeitschrift habe und wie ich, hierauf gestützt, den inneren Widerspruch zu beseitigen glaubte, daß ich schließlich doch meinen Namen hinsetze, ohne in der That dem mir persönlich zugewendeten öffentlichen Vertrauen das Entsprechende wirklich zu leisten und auch im Vorgang Anderer suchte ich eine Beschwichtigung und die Erleichterung meiner Alterstage wirkte ebenfalls lockend mit. Ich sehe aber endlich ein, ich kann es doch nicht und wenn es Pedanterie ist, so habe ich eben einmal solche. Jedes Heft würde meine innerste Natur aufregen, da ich doch eigentlich mit meinem Namen dafür einstehe, und die Wahrhaftigkeit von mir wäre geschädigt. Indem ich mir das klar machte, war ich entschieden. Ich darf mir solche Last nicht auflegen. Ich bin überzeugt, Sie erkennen das gerecht und wenn Sie auch momentan dadurch mißstimmt sind, werden Sie doch bald und für immer mir gerecht werden. Ich nehme die Dinge des Lebens nun ein- 12 mal schwer und genau. ich darf das nicht ändern und ich könnte es auch nicht. Ich muß für die mir noch bcschiedcnen Tage frei nach außen und innen bleiben. Wir bleiben uns — deß bin ich sicher — freundschaftlich. Herzlichen Gruß Ihrer Frau. Ihr Berthold Auerbach. Ich lebe hier bei Gustav von Moser wonnige Tage. Ende der Woche komme ich wieder heim und sehe Sie alsbald. Der Eindruck dieses Briefes auf mich war doch ein anderer, als ich erwartet. Als ich ihn erst von Weitem sah, da fürchtete ich, er werde mich ganz und gar entmuthigen. Das Gegentheil war der Fall. Er spornte mich an, er forderte mich heraus; er gab mir ein Gefühl, als ob mit der größeren Verantwortlichkeit auch meine Kraft gewachsen sei. Mein Entschluß war gefaßt: ich mußte den Weg, der vor mir lag, nun allein gehen; und über diesem Scenenwechsel Hütte der Vorhang billig fallen sollen: ehrlich war das Anerbieten von der einen Seite gemacht, ehrlich von der anderen abgelehnt worden — so durften wir annehmen, denn auch die Gebrüder Paetel theilten diese Auffassung. Aber wir konnten darum nicht vergessen, was wir der Anregung Auerbach's schuldig waren, und wenn er aus inneren Gründen, die wir verstanden, nicht vermochte, sich als Mitherausgeber zu betheiligen, so sollte er doch an erster Stelle als Mitarbeiter erscheinen: er sollte den Ehrenplatz haben und die „Revue" mit einer Erzählung eröffnen. So waren wir verblieben, so hatten wir uns getrennt. Aber schon waren wir, Herausgeber und Verlag, Monate lang mitten in der Arbeit, einer angestrengten, doch auch einer freudigen, schon waren die Circulare versandt, die Mitarbeiter gewonnen, die Beiträge zum Theil eingegangen, da begann das leidige Nachspiel. Auerbach war anderen Sinnes geworden; er sei, schrieb mir Franz Dingelstedt als Vermittler, nunmehr bereit, die fallen gelassenen Unterhandlungen wieder aufzunehmen, und zwar mit der Modifikation, daß er, Auerbach, als Herausgeber, ich als Redacteur zeichne. Wohl nahm in einem folgenden Schreiben Auerbach diese Bedingung, von der zuvor niemals die Rede gewesen, und die jetzt, wo das Werk so gut wie fertig dastand, geradezu kränkend war, wieder zurück; aber auch abgesehen davon schloß der rein geschäftliche Stand der Angelegenheit jeden solchen Versuch ein für allemal aus. So war die Situation geklärt, und ich hätte nun Wohl des Goethe'schen Wortes mich getrösten dürfen, daß das Schicksal uns unsere Wünsche gewährt, aber auf seine Weise, um uns etwas über unsere Wünsche geben zu können. Aber die nichts weniger als erquicklichen, völlig zwecklosen Auseinandersetzungen zogen sich noch, Zeit und Laune raubend, durch den ganzen Monat hin. — In diesen Tagen ist die herzliche Theilnahme, die Putlitz mir erwies, eine wahre Wohlthat für mich gewesen. „Wir sind eingekehrt und ausgeruht in unserer ländlichen Zurückgezogenheit," meldete mir der Freund aus Retzin, dem alten Familiensitze der Putlitz in der Prignitz, wohin er während der Karlsruher Theaterferien sich begeben hatte. Die glücklichsten Erinnerungen für ihn verknüpften sich mit diesem Erdensleck, der Stätte seiner Kindheit und Jugend, der er nicht lange vor seinem Tode noch in seinem letzten Büchlein „Mein Heim" eine reizvolle Schilderung gewidmet hat, und an der von jeher edelste Gastfreundschaft geübt worden ist. Dorthin, zu kurzer Rast, lud Putlitz 13 nun auch mich ein. Aber ich hatte das Gefühl damals, mit meiner Stimmung in einen Kreis froher Menschen nicht zu paffen, und Putlitz schrieb: -> /^. - ^ ^ ^ . - . . > '/>^/ ^/// < ^^r/ 14 Indessen wartete ich von Tag zu Tag auf Auerbach's Novelle. Sie war unerläßlich nach den einmal getroffenen Dispositionen, aber sie kam nicht. Der Satz des Heftes hatte schon begonnen; Ende Juli war der äußerste Termin und noch am 23. schrieb mir Auerbach: „Waren Sie je in der Stimmung, wo man es ganz unbegreiflich findet, daß man je ein Buch geschrieben und je noch eins schreiben würde? Ich meinerseits empfinde dieselbe jetzt zum ersten Mal. Vielleicht ist theilweise die Verfassung daran schuld, in der ich mich am Borabend vor einer Brunnenkur befinde. 8i vales bens S8t 6Zo nou valso." Endlich am 31. desselben Monats konnte er mir aus Tarasp melden: „Sie haben nun die Novelle in Händen. Ich habe, wie Sie sehen, eine Durcharbeitung vorgenommen, die gerade hier im Gewirr des Badelebens eine besondere Anstrengung erheischte. Aber ich bin froh, daß ich mein Wort einlösen konnte." So steht seine Novelle nun auf der ersten Seite des ersten Heftes; aber ich bin froh, zu sagen, daß es nicht sein letztes Wort in der „Rundschau" war, und daß auch für mich der Berthold Auerbach der guten, alten Zeit noch einmal aufgelebt ist. Es sind von ihm in dieser Zeitschrift eine zweite Novelle „Nannchen von Mainz" und einige sehr hübsche Aussätze über Gottfried Keller, Eduard Mörike, Fr. Bischer erschienen, bis zu dem im Maihest 1880, den ich auch heute noch nicht ohne Rührung zu lesen vermag. Auerbach beschreibt darin einen „Tag in der Heimath" — den letzten vor jenem anderen, zwei Jahre später, einem Februartag 1882, an dem sein Freund Fr. Bischer dem für immer heimgekehrten Dichter der „Schwarzwälder Dorfgeschichten" in Nordstetten die Grabrede hielt. 15 II. Ich wende mich nunmehr, nach dieser Episode, wieder dem chronologischen Verlauf der Dinge zu. Den Gebrüdern Paetel war Auerbach's Absage nicht minder unlieb gewesen als mir; aber ebenso wurden auch sie dadurch nur bestimmt, mit um so größerem Eifer ans Werk zu schreiten. Den ersten freudigen Impuls, ein Vorgefühl des Gelingens, gab mir die folgende (vom 16. Mai datirte) Postkarte, die ich deswegen mir auch aufbewahrt habe: Der Besuch des berühmten Forschers gehört zu meinen schönsten Erinnerungen und ruft mir das Wort zurück, das Helmholtz selbst bei feierlicher Gelegenheit gesprochen hat: „Wer einmal mit einem oder einigen Männern ersten Ranges in Berührung gekommen ist, dessen geistiger Maßstab ist für das Leben verändert" *). Einfach, ohne Prunk, ohne mich seine Größe fühlen zu lassen, setzte er sich zu mir, unterhielt sich mit mir über das projectirte Unternehmen, überlegte, wer etwa von seinen Fachgenossen zur Mitarbeit aufznfordern sei, machte mir ein Verzeichniß derselben und erlaubte mir, bei jedem von ihnen mich auf ihn berufen zu dürfen. Helmholtz selbst hat der „Rundschau" Wohl nur drei Beiträge gegeben, aber auch fernerhin stand sein Rath mir zu Gebote, so oft ich im Anfang dessen bedurfte, und manchmal in späterer Zeit noch bin ich von ihm empfangen worden in den schönen Wohnräumen des neuerbauten physikalischen Instituts, Neue Wilhelmstraße Nr. 16, welchem benachbart, Wand an Wand, Nr. 15, im Physiologischen Institut, du Bois-Reymond wohnte. ') Rectoratsrcde über die akademische Freiheit. 1878. 16 Demnächst empfing ich folgendes Schreiben: '^i., — Es war im Sprechzimmer des Abgeordnetenhauses, daß ich Sybel, damals noch Professor in Bonn und nur zeitweilig hier, zum ersten Mal sah: freundlich, mit dem liebenswürdig gewinnenden Wesen des Rheinländers kam er mir entgegen; unser Gespräch bewegte sich in den angenehmsten Formen und endete mit der Zusage eines Beitrages für das erste Heft. Professor Zeller war mein alter verehrter Lehrer von Marburg her; auch bei ihm fand ich eine gute Aufnahme; ich lasse hier ein Billet aus etwas späterer Zeit folgen, das aber ebenso gut in diesen ersten Tagen hätte geschrieben sein können: /§_ 9^ 17 Aus einem längeren Briefe du Bois-Reymond's, dem ersten an mich gerichteten, dem später noch so viele folgen sollten, sei Nachstehendes mitgetheilt: E^>. ^ ^7-, ^ ^ r-^- Die Begründung der „Deutschen Rundschau". 2 18 ^7,E /» »- ^ <^»» ^ kV« ^ ->s^^«I^^^»k L^> ^»»- ^ -« Mit der thatkräftigen Unterstützung dieser Viere, des großen Physikers, des großen Physiologen, des großen Historikers und des großen Philosophen durfte ich Wohl wagen, mich an die weiteren Kreise der Wissenschaft und schönen Literatur zu wenden. Mitte Juni 1874 erging an die hervorragendsten Schriftsteller und Gelehrten folgendes Schreiben: Sehr geehrter Herr! Berlin, >,» Juni i8?4. ^ie Unterzeichneten erlauben sich, Sie von dem Zustandekommen einer neuen Zeitschrift zu unterrichten, welche vom 1. October d. I. ab in monatlichen Heften zu Berlin erscheinen Deutsche Revue. Die Deutsche Revue, mit den materiellen Mitteln ihrer Existenz reichlich ausgestattet und für eine Reihe von Jahren gesichert, unternimmt den Versuch, nicht etwa nur eine Spccialität unseres geistigen Lebens, sei es dichterische, Production oder wissenschaftliche Erörterung oder Kritik auf den Gebieten der Literatur, des Theaters, der Musik und bildenden Kunst zu pflegen oder zu bevorzugen: sie will vielmehr jenem Bedürfniß der hochgebildeten Kreise unsrer Nation, welches bisher noch nicht vollständig befriedigt worden ist, cntgegenkommen, indem sie diesen zugleich Unterhaltung in der edelsten Form, Belehrung aus competcntcstcn Händen und einen alle Fragen und Interessen derselben berücksichtigenden Ueberblick über die geistige Bewegung der Gegenwart bietet. Wir sehen es als eine Förderung in unsrem Vorhaben an, daß eine Anzahl ausgezeichneter Männer sowol im Deutschen Reich als in Deutsch-Oesterreich diesem Programm ihre Zustimmung gegeben und darauf hin der Deutschen Revue ihre Mitwirkung zugesagt haben, welche den literarischen und künstlerischen Manifestationen in beiden Metropolen deutschen Lebens, Wien und Berlin, eine gleichmäßige, fortlaufende Berücksichtigung von Monat zu Monat widmen wird. Wir sind es den Männern, an welche wir diese Zuschrift richten, sowie dem Publikum, für welches die Deutsche Revue bestimmt ist, schuldig zu erklären, daß wir in allen Dingen den höch- 19 stcn Maßstab anlegen, daß wir in der Auswahl dessen, was wir zu bringen gedenken, streng, in unsren Uebersichten frei von äußeren Einflüssen und in unsrer Kritik durchaus unabhängig sein werden Die Deutsche Revue erscheint in einem Umfange von monatlich 10—12 Bogen gr. 8*", von denen wir 4—5 Bogen der Novelle, 4 Bogen dem Essay bestimmen und 2—3 Bogen auf die Rubriken der regelmäßig wiederkehrenden Monatsübersichten vertheilen. Wir beabsichtigen, in jedem Hefte mindestens eine abgeschlossene Novelle zu geben und neben dieser, je nach den Umständen, eine zweite gleichfalls abgeschlossene Novelle oder einen kleinen Roman, der in höchstens 3—4 Heften abschließt. Es wird gewünscht, daß jedes für uns bestimmte Essay sich innerhalb eines Raumes von 1—IVs Bogen halte; doch sind wir gern bereit, wegen einer Reihenfolge dasselbe Thema fort- führender Essays mit den Herren Autoren in Verhandlung zu treten. Mit ganz besonderer Aussicht auf Gelingen bietet sich endlich eine Gelegenheit, die lang vermißte, vielfach entbehrte Deutsche Revue wirklich ins Leben zu rufen. Schon jetzt, auf die bloße Nachricht des Versuches, wird ihr, wie wol gesagt werden darf, eine ungewöhnliche, höchst ehrenvolle Sympathie von Seiten des deutschen Buchhandels und des Publikums entgegengebracht. Es hängt von der Betheiligung der berufenen Führer und Träger der deutschen Literatur und Wissenschaft ab, an die wir uns hiermit wenden, der Deutschen Revue nicht nur den augenblicklichen Erfolg, sondern auch die Möglichkeit innerer Fortentwickelung und räumlicher Erweiterung zu sichern. Wir lassen daher auch an Sie, hochgeehrter Herr, die Bitte ergehen, sich den Mitarbeitern der Deutschen Revue anschlicßen zu wollen; und indem wir uns der Hoffnung hingeben, durch eine Zeile der Zustimmung und Zusage von Ihnen erfreut zu werden, verharren wir mit ausgezeichneter Hochachtung ergebenst Die Derlagshandlung: Gebrüder Paetel. Der Herausgeber: vr. Jul. Rodenberg. Lützowstraße, 2. Schellingstraße, 16. Dieses Schreiben konnte kaum in den Händen seiner Adressaten sein, als Etwas davon auch schon in die Oeffentlichkeit gedrungen war, die Zeitungen anfingen, sich damit zu beschäftigen und nach manchen ungenauen Angaben nachstehende Berichtigung brachten: sEinc deutsche Revue.s Aus dem „Berl. Börs.-Cour." ist in viele deutsche Blätter eine Nachricht übergegangcn, laut welcher in Berlin ein neues, großes literarisches Unternehmen, eine Revue im Style der „Revue ckes äeux Nonckss" geplant würde. So weit, wie man uns von unterrichteter Seite mittheilt, beruht die Sache auf Wahrheit; und es ist ferner wahr, wenn das genannte Berliner Blatt hinzufügt: „Die berufensten und berühmtesten literarischen Kräfte Deutschlands, die hervorragendsten Männer der Wissenschaft haben sich bereit erklärt, dieser Zeitschrift ihre Feder zu leihen, um sie zu einem Brennpunkt des deutschen Geisteslebens zu gestalten." Allein einer Berichtigung bedarf es, wenn die citirte Notiz damit schließt, daß zur pecuniären Dotirung des Unternehmens ein Consortium reicher Mäcene einen Gründungsfonds von beiläufig 100,000 Thlrn. subscribirt und mit dem buchhändlerischen Vertrieb die Verlagsfirma der Gebrüder Paetel in Berlin betraut habe. Das Unternehmen, weit davon entfernt, eine „Gründung" zu sein, ist vielmehr aus der ernsten Absicht hcrvorgegangen, der Deutschen Literatur und Wissenschaft ein gemeinsames, würdiges Organ zu schaffen. Zu diesem Zwecke hat sich die Verlagshandlung der Gebrüder Paetel mit einem Kreise literarischer und wissenschaftlicher Kapacitäten in Verbindung gesetzt, und es darf daS bereits in den Stadien der Vorbereitung begriffene Unternehmen nicht nur als gesichert betrachtet, sondern auch einer Veröffentlichung über Plan, Umfang und Organisation desselben in nächster Zeit mit Bestimmtheit entgegen gesehen werden. Noch aber war diese nicht erfolgt, als — ich darf Wohl sagen — jede Post freudig zustimmende Schreiben aus allen Theilen Deutschlands und Oesterreichs brachte. Kein Tag verging, ohne daß ich den Gebrüdern Paetel neu ein- 2 * getroffene Zuschriften mittheilen konnte, aus denen wir sahen, wie die besten Männer der Nation über unser Vorhaben urtheilten und wie gern sie uns ihren Beistand versprachen. Es ist nicht möglich, aus dieser Menge von Blättern, auch nur die bescheidenste Auswahl zu treffen: es sind ihrer zu viele. Doch versagen kann ich mir nicht, wenigstens Einiges davon hier zu veröffentlichen, und zwar als Erstes, was der edle Graf Anton Auersperg (Anastasius Grünschrieb er, dessen Sang vom letzten Ritter einstmals wie Harfen- und Schwerterklang durch die Seele der deutschen Jugend gebraust, Wehmuth um das alte, Sehnsucht nach dem neuen Reiche weckend. 21 ^ ^^ ^ L^ « »— » FL^>?*«. ^ ^»<Ä^ LL.^ ^ -^ ^/ ^ /^! ^L —^-»*^^47 «-»---^^^cüs-^L^»«, ^>-»!^n^—«- > ^-^x—^»»«— 22 Der Altmeister der pathologischen Anatomie, der Begründer der Wien- Prager Mediciner-Schnle, Prof. Karl Freiherr von Rokitansky, schrieb: . V 23 >^r ^. , ^/)>^ ^r--r- ^xr, c>. ^>^5 /7s' ' ^ -z^-^r7 r^r« -^»-r.^ X-' 27 Die Novelle, von der hier die Rede, heißt „Waldwinkel" (im N8. und auch im Prospect noch: „Im Waldwinkel") und ist erschienen im ersten Hefte der „Deutschen Rundschau". Die „Erzählung des alten Steuermanns: Eine Seeräubergeschichte", welche das dritte Heft eröffnet, sandte Emanuel Geibel mit diesen Zeilen: 28 Und nun noch das Wort eines alten Praktikers, der selbst einmal unter den Führern der deutschen Journalistik stand, als er in den vierziger Jahren die „Zeitung für die elegante Welt" herausgab — die Wochenschrift, in der die literarische Generation vor uns sich ihre Sporen verdient und Heinrich Heine seinen „Atta Troll" zuerst veröffentlicht hat: / 29 Unter solchen Auspicien durften wir denn getrost an die Herstellung des ersten Heftes gehen und während dieses in erwünschter Weise sich gestaltete, ließen wir nunmehr den Prospekt drucken, der früher schon im Entwurf den in Aussicht genommenen Mitarbeitern vorgelegt worden war. Er hatte folgenden Wortlaut: Deutsche Revue. Herausgegeben von Julius Rodenberg. Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin. Die Deutsche Revue, deren bevorstehendes Erscheinen wir hiermit anzeigen, ist aus der allgemein getheilten Erkenntnis;, daß cs der Gesammthcit der deutschen Cnlturbestrebungen an an einem repräsentativen Organ sehle, und aus dem Wunsche hervorgegangen, ein solches Organ zu schaffen. Wir haben den Titel „Revue" gewählt, weil dieses Wort, obgleich aus einer fremden Sprache, doch als Bezeichnung für einen literarischen Gattungsbegriff angenommen worden ist, welche sich weder übersetzen noch ersetzen läßt und am genauesten das ausdrückt, was wir beabsichtigen. Demgemäß unternimmt es die Deutsche Revue — soviel wir wissen zum ersten Mal innerhalb der deutschen periodischen Literatur — nicht etwa nur eine Specialität unsers geistigen Lebens zu berücksichtigen, sondern in systematischer uud planmäßig gegliederter Vereinigung eine Darstellung dessen zu versuchen, was der deutsche Geist überhaupt ist und vermag. Der deutsche Leser hat zur Ausfüllung seiner Mußestunden illustrirte und andere Blätter der hat zahlreiche Fachjournale, wenn er sich belehren will, und zu seiner Orientirnng auf den verschiedenen Gebieten der Literatur, des Theaters, der Musik und bildenden Künste ebenfoviele kritische Führer. Allein ihm fehlt eine Zeitschrift, welche dadurch, daß sie jene mannigfachen Elemente der heutigen Bildung zusammen in sich begreift, einen Ueberblick über den ganzen Umfang derselben ermöglicht und einem Bedürfnisse der hochgebildeten Kreise unserer Nation entgegenkommt, welches bisher noch nicht vollständig befriedigt worden ist. In diese Lücke cinzutretcn ist die Deutsche Revue bestimmt. Sie wird Unterhaltung in der edelsten Form bieten und zugleich den wissenschaftlichen Fragen, den politischen, literarischen und künstlerischen Vorgängen mit der größten Aufmerksamkeit folgen. In keiner Weise wird sie dem Dilettantismus Vorschub leisten; ihre wissenschaftlichen Aufsätze werden von Männern der Wissenschaft, ihre Beitrüge zur schönen Literatur von den ersten unserer zeitgenössischen Dichter und Novellisten, ihre Kritiken von Schriftstellern verfaßt sein, deren Stimmen zu den anerkanntesten und geachtetsten gehören. Sie wird eine ganz besondere Ehre darein setzen, auf jedem ihrer Blätter den Beweis zu führen, daß deutsche Gründlichkeit wohl verträglich ist mit gutem Geschmack und deutsche Fachbildung nicht zu verzichten braucht auf guten Styl. Die Deutsche Revue geht von dem politischen Mittelpunkte des Deutschen Reiches aus, und sie wird sich aller Vortheile der Information und geistigen Hülfsmittel, welche dieser gewährt, bedienen. Aber indem wir es für nothwerchig erachten, an dieser Stelle zu betonen, daß die Deutsche Revue keine andere Tendenz verfolgen wird, als diejenige: deutsch zu sein, glauben wir doch auch hervorheben zu sollen, daß ihr Nichts ferner liegen kann, als Einseitigkeit. Sie wird das deutsche Element hegen und Pflegen, wo immer es sich, über alle Welt verstreut, findet; sie wird daheim, indem sie die außerordentliche Mannigfaltigkeit des deutschen Wesens, seine Unterschiede, selbst Gegensätze würdigt und mit aller Achtung vor den localen und historischen Eigentümlichkeiten, aus denen jenes sich zusammcnsetzt, bestrebt sein, so viel an ihr liegt, bestehende Vorurteile zu beseitigen, freundliche Annäherung, gegenseitiges Verstündniß zu vermitteln und in freudiger, frischer Gemeinsamkeit den Zusammenhang des deutschen Geistes- und Gemüthslebens in seinem vollen Umfang aufrecht zu erhalten und zu stärken. Aber es würde jenes Wesen in seinem tiefsten Grunde verkennen und verleugnen heißen, wenn wir uns darauf allein beschränken wollten. Der Deutsche welcher, ohne seine Gesinnung, seine Sprache und seine Literatur aufzugeben, ein geachteter und einflußreicher Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika geworden; der Deutsche, welcher als Lehrer, Kaufmann oder schlichter Arbeiter Fuß gefaßt in allen civilisirten Gegenden des Erdkreises, ja selbst über diese hinaus, in Missionen und Entdeckungsreisen die Civilisation weiter tragen hilft: wie könnte dieser jemals daran denken, gegen das Fremde sich gleichgültig, geschweige denn ablehnend zu Verhalten? Wir wünschen daher und zunächst, die intellectuellen Beziehungen zu den uns stammverwandten germanischen Böllern neu zu beleben und werden — nachdem glücklicherweise jeder Grund politischen Mißtrauens in unsere Absichten geschwunden und dieses selbst sich in offene und ehrliche Anerkennung verwandelt — den uns so sehr sympathischen Literaturen des skandinavischen Nordens und der Niederlande besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen und Beiträge von ihren Schriftstellern in der Deutschen Revue bringen. Wir beabsichtigen ferner, eine ernste und eingehende Betrachtung jenen beiden großen uns benachbarten Nationen zu widmen, dem neuerdings erst entfalteten geistigen Leben der einen im Osten, deren Machtgebiet und innere Mannigfaltigkeit fast eine Welt für sich bedeutet, der alten und hohen Kultur der anderen im Westen, die wir bisher nicht haben entbehren können und auch in Zukunft nicht entbehren möchten. Wie wir einst in den Tagen, die der Wiedergeburt des Deutschen Reiches vorangingen, Stärkung und Erquickung geschöpft aus dem Studium der ehrwürdigen Institutionen Englands, seiner Achtung vor dem Gesetz und der persönlichen Freiheit, so werden wir auch fernerhin, wenngleich unter veränderten Umständen, seiner politischen, socialen und literarischen Arbeit mit gewohntem Antheil folgen und jedes Lebenszeichen aufrichtig begrüßen, welches wir von dem wicdererwachten Genius Italiens empfangen werden. Es ist eine großartig bewegte Zeit, wie kaum eine zuvor, eine Zeit des Ringens für Licht und Freiheit, des Erwachens und Aufcrstehens in den Landen, in welche die Deutsche Revue hineintritt. Aber innerhalb dieser mächtigen, hinüber und herüberwogenden, an keiner Landes- «grenze Halt machenden, sondern die ganze Menschheit umfluthenden Strömung von Ideen auf dem in heißen Kämpfen errungenen festen, nationalen Boden zu stehen; aus der Fülle der ringsum austauchcnden, in beständigem Wechsel begriffenen Erscheinungen diejenigen herauszuhebcn, welche von Einfluß sind auf die fortschreitende Entwicklung, Erleuchtung und Aufklärung des Einzelnen, und in ihrer Gesammtheit dem Jahrhundert seine Signatur verleihen: das ist die Aufgabe der Deutschen Revue. Wir würden dieselbe als erfüllt ansehcn, wenn es uns, auf Grundlage dieser Voraussetzungen, gelingen sollte, eine Zeitschrift herzustellen, welche von jedem gebildeten Mann und jeder gebildeten Frau mit Nutzen und Vergnügen gelesen werden kann. Die Deutsche Revue wird in monatlichen Heften von 10 Bogen in gr. 8" erscheinen, und ihr Programm umfaßt folgende Rubriken: I. Novellen und kleinere Romane. II. Wissenschaftliche Essays aus den Gebieten der allgemeinen, der Kultur- und Rechts- geschichtc, der Literatur- und Kunstgeschichte, der Musik- und Sprachwissenschaft, der Archäologie, der Naturwissenschaft, der Technologie, der Kriegswissenschaft, der Politik, Statistik und der Nationalökonomie, Geographie, Reisen und Völkerkunde. III. Literarische Monatsübersicht über die bedeutenderen Novitäten des deutschen Buchhandels. Bcrlincr Monatschronik , öffentliches Leben. Theater und Musik. V. Wiener Monatschronik / o - VI. Politischer Monatsbericht. Die letzteren in jedem Hefte regelmäßig wiederkehrenden Rubriken sind jedoch nicht in dem Sinne gemeint, daß sie das gcsammte dahin einschlägige Material erschöpfen sollten. Vielmehr behalten wir uns vor, sowohl die fremden Literaturen als die eigentlich fachwissenschaftlichen Werke von hervorragender Wichtigkeit in eigenen Essays zu behandeln. Ferner werden wir uns den außerhalb der beiden Hauptcentren deutschen Geistes- und Kunstlebens stattfindcnden Manifestationen von nationaler Tragweite keineswegs verschließen; sondern in allen gegebenen Fällen für rasche Berichterstattung sorgen, wie wir eine solche der Deutschen Revue bereits auch in allen fremdländischen Hauptstädten gesichert haben. Endlich bemerken wir, daß unsere politische Monatsübersicht, knapp und möglichst objektiv gehalten, ans keine Weise der Charakteristik politischer Persönlichkeiten oder Prüfung politischer Thatsachen vorgreifen wird, welche wir, sofern es geboten scheint, in ausgeführter Darstellung zu geben beabsichtigen. Hiermit empfehlen wir unser Unternehmen der Gunst des Publikums und seinem Vertrauen! Berlin, im September 1874. Gedruckt war der Prospect und lag in ungeheuren Massen zur Veröffentlichung für den l. September bereit. Aber er ist niemals veröffentlicht worden. Die letzten Tage des August sollten anders über ihn entscheiden. Denn, ich darf es nicht verschweigen, wir waren nicht ganz zufrieden weder mit ihm noch mit uns selbst: wir hatten das Gefühl, daß hier irgend etwas noch nicht recht stimme. Man hat Wohl gemeint, daß es ein Theatercoup gewesen, die Zeitschrift als „Deutsche Revue" anzukündigen, um hernach durch ihre Namensänderung um so mehr zu überraschen. Dies war jedoch nicht der Fall. Wir waren wirklich im Ernst, wiewohl auch uns das Fremdwort im Titel ein beständiger Vorwurf und ein Dorn im Auge. Wie, sagten wir uns, wir wollen eine Zeitschrift für das gesammte geistige Leben unseres Volkes schaffen und die deutsche Sprache sollte keinen Ausdruck dafür habend Wir dachten an Max von Schenkendorf's „Muttersprache, Mutterlaut!" und was er weiter von seiner Empfindung sagt: „Wann ich fremde Zungen üben, Fremde Worte brauchen muß!" 32 Wir gaben Storm recht, wenn er uns deswegen getadelt, und Laube, wo er sich selbst darüber ertappt hatte. Wir entschuldigten uns vor uns und vordem Publicum, so gut es ging, waren uns aber Wohl der Wahrheit dessen bewußt, wofür freilich auch nur der französische Sprachgenius die Formel geprägt hat: „gui s'axeuss 8'a.eeu8s". Doch ein glückliches Zusammentreffen von Außen that schließlich für uns, was wir selbst vergeblich angestrebt hatten. Unter den Briefen, die sich in ermunterndstem Tone äußerten, war auch einer von meinem berühmten hessischen Landsmann, dem damaligen Physiologen der Würzburger Universität, Prof. Adolf Fick. In diesem Briefe heißt es: „Nun kann ich noch ein Bedenken in Betreff des Titels nicht unterdrücken. Ihnen selbst ist — wie aus Ihrem Programm hervorgcht — das französische Wort an der Stirn der deutschen Zeitschrift anstößig geworden. Sie bringen zwar Gründe dafür vor, die ich als gewichtige anerkenne, die ich aber doch nicht für durchschlagend halte. Ich muß gestehn, daß ich lieber den Titel „Deutsche Rundschau" sehen würde, oder allenfalls „Deutsches Museum". Das ist zwar auch ein fremdes Wort, aber wenigstens eines aus einer alten Sprache." Hier denn ist das Wort: „Deutsche Rundschau" — soweit unsere Zeitschrift in Frage kommt — zum ersten Mal ausgesprochen worden, und es ist ein befriedigendes Gefühl für mich, der Dankespflicht an dieser Stelle genügen zu können. Dennoch zögerten wir, der Anregung zu folgen. Die Bezeichnung „Rundschau" war in diesem Sinne nicht gebräuchlich und unseres Wissens bisher nur einmal angewandt worden von dem „Rundschauer" der Kreuzzeitung, Ernst Ludwig von Gerlach, dem Bruder des Generals. Später freilich haben wir aus Kahser's „Bücherlexikon" ersehen, daß der Titel schon damals Nachfolge gefunden, auf Gebieten der Journalistik allerdings, wo man ihn nicht gesucht hätte. Von 1851—1852 gab es eine „Rundschau der Versicherungen oder Sammlung von Rechnungsabschlüssen, Statuten .... und allen das Versicherungswesen betreffenden Gegenständen" (Leipzig). Von Juni bis De- cember 1854 erschien eine „Wöchentliche Rundschau über Wolle, Baumwolle, Flachs, Hanf, Seide und verwandte Rohstoffe" (Gera), 1859 eine „Medicinisch- chirurgische Rundschau" (Wien); erst die Wochenschrift „Aesthetische Rundschau", 1866/67 (Wien) überträgt das Wort auf die eigentliche literarische Gattung, und im selben Jahr (1867, Dresden) kommt die „Deutsche Rundschau, Centralblatt für Wissenschaft, Politik und sociales Leben" hinzu, die jedoch auch nur ein Jahr bestand. Es begegnet dann nur noch 1868 eine „Monatliche Rundschau. Sammlung von Entscheidungen der Gerichte und Verwaltungs-Behörden zu Frankfurt a. M.", und 1869 „Rundschau auf dem Gebiete der Geographie und Naturwissenschaft. Zeitschrift für Deutschlands Lehrer" (Camenz). Die nächste hiernach (1874) ist unsere „Rundschau". Konnte man, bis zu deren Erscheinen, die Blätter leicht zählen, die diesen Namen führten, so wird es fast unmöglich von dem Zeitpunkt an, wo wir ihn — ich darf Wohl sagen — populär gemacht haben. Die Zahl der „Rundschauen" mit den verschiedensten Nebentiteln stieg in den Jahren 1877—1882 auf 13, in den Jahren 1883-1886 auf 29, in den Jahren 1887—1890 auf 38, in den Jahren 1891 — 1894 auf 65. Wir aber konnten uns noch immer zu diesem Titel nicht entschließen. Der Juli verging, der August nahte seinem Ende, der erste September, an 3S welchem unser Prospect versandt werden sollte, stand vor der Thür. Da kam, und zwar über den großen Ocean, aus Amerika das erlösende Wort in Gestalt eines Kabeltelegramms: eine der großen Buchhandlungen in New Jork bestellte, ich weiß nicht genau, wie viele Hunderte von Exemplaren und fügte hinzu, sie wolle die Bestellung verdoppeln, falls wir der Zeitschrift statt des französischen einen deutschen Namen gäben. Ich erinnere mich dieses Momentes noch ganz deutlich, als wir drei in dem Gartenhäuschen der Lützowstraße die Depesche lasen, uns ansahen und dann wie zum Rütlischwur die Hände ineinander legten mit dem Ausruf: „Ja, so soll sie heißen — Deutsche Rundschau!" — was dann sofort nach New Jork zurückgekabelt wurde. Die wenigen Tage reichten eben noch hin, den neuen Prospect zu drucken, der pünktlich am bestimmten Tage in dieser seiner endgültigen Fassung in alle Welt ging: Deutsche Rundschau. Julius Rodenberg. Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin. Preis pro Quartal (3 Hefte ä 10 Bogen gr. 8">) 6 Mark. Inhalt des > l. Berthold Auerbach, Auf Wache. Novelle. II. Anastasius Grün, Zum Concil. Gedicht. III. Heinrich von Sichel , Die erste Thetluug Polens. I V. vr. Ferdinand Cohn, Botanische Probleme. V. I. von Verdy (Oberst und Genemlstabschei des I. Armsecorps,, Der Zug nach Sedan. Persönliche Erinnerungen nach seinem Tagebuchs. Das zweite Heft wird n. A. Beitrüge vo litz, Eduard Laster und Max Maria von Weber Birchow, Karl Hillebrand, Friedrich Spielhagev rsten Heftes: VI. ZurKenntniszKaulbachs. Mittheilungen und Briefe an den Geh. Ober-Postrath Eduard Schüller. VII. Theodor Storm, Im Waldwinkel. Novelle. VIII. Friedrich Krcytzig, Literar. Rundschau. IX. Karl Frenzcl, Berliner Chronik. X. Eduard Hanslick, Wiener Chronik. XI. Louis Ehlert, Richard Wagner's Tristan und Isolde. XII. Politische Rundschau, i Emannel Geibel, Paul Heyse, Gustav zu Putenthalten, denen sich zunächst solche von Rudolf und Adolf Wilbrandt anschließen werden. Der übrige Text ist unverändert der der ersten Redaction, nur daß der Satz, in dem wir uns wegen der Wahl des fremdsprachlichen Titels entschuldigen zu müssen glaubten, fortgelassen worden und weiterhin statt „Deutsche Revue" immer „Deutsche Rundschau" gesetzt ist. Auch die bereits im Satz stehenden Bogen des ersten Heftes mußten mit neuen Kolumnentiteln versehen werden; und hier, wo ich dieser Veranstaltungen des letzten Augenblickes und aller Factoren gedacht habe, die zum Gelingen beigetragen, darf ich auch der Pierer'schen Hofbuchdruckerei (Stephan Geibel L Co.) Dis Begründung der „Deutschen Rundschau". 3 in Altenburg nicht vergessen. Indem ich aus diese sünfundzwanzig Jahre gemeinsamer Arbeit zurückblicke, muß ich sagen, daß während dieser langen Zeit uns ihre Leistungsfähigkeit und ihr guter Wille nicht ein einziges Mal im Stich gelassen haben. Viel wurde nicht selten von ihr verlangt, und stets hat sie mit unfehlbarer Präcision, unverdrossen bei noch so zahlreichen Vorlagen und schwierigen Correcturen ihr Werk gethan, uns dadurch ermöglichend, auch in typographischer Hinsicht unsere Zeitschrift mehr und mehr zu vervollkommnen, zu deren bis jetzt ausgegebenen hundert Bänden oder dreihundert Heften gleichfalls immer dieselbe Firma, Ferdinand Flinsch in Berlin, das Papier geliefert. Von den zwölfen, die zum ersten Hefte beigetragen haben, sind sieben bereits dahingegangen „gno patsr Kansas, guo ckivus llnllus st ^.uens": Berthold Auerbach, Anastasius Grün, Heinrich von Shbel, Ferdinand Cohn, Theodor Storm, Friedrich Kreyßig, Louis Ehlert; und unter den lleberlebenden ist nur Einer, Karl Frenzel, der den Artikel: „Die Berliner Theater", den er im ersten Hefte des ersten Jahrgangs begonnen, ununterbrochen durch alle sünfundzwanzig Jahrgänge fortgesetzt hat. Wie könnt' ich Derer, die nicht mehr sind, ohne Wehmuth gedenken, und Denen von der alten Garde, die auch beim erneuten Appell nicht fehlen wollten, genugsam danken? Wenn ich mir heute, nach so vielen Jahren, ein Urtheil darüber erlauben darf, welche Stücke des ersten Heftes, außer der wundervollen Novelle Theodor Storm's „Waldwinkel", am Meisten zu dem unmittelbaren Erfolge beigetragen haben, so stehe ich nicht an, die beiden Aufsätze zu nennen, deren einer „Zur Kenntniß Kaulbach's" anonym erschienen ist. Da es sich in dieser Publication wesentlich um Briefe Kaulbach's handelt, kann von einem eigentlichen Verfasser nicht Wohl die Rede sein; aber Derjenige, dem sie die „Rundschau" verdankt, der sie herausgegeben, höchst geschmackvoll eingeleitet und sich selbst in einer Anmerkung unter der bescheidenen Initiale „M. I." verborgen hat, ist — jetzt darf ich es Wohl verrathen — der Oberstleutnant, damals Hauptmann Max Jähns. Von dem anderen Aufsatz „Der Zug nach Sedan" habe ich noch das Manuscript, das der Verfasser, damals Oberst, jetzt General von Verdy du Vernois, mir geschenkt hat. Was diese Handschrift mir besonders denkwürdig macht, sind einige Bleifedernotizen, die der Generalfeldmarschall Graf Moltke vor der Veröffentlichung an den Rand geschrieben hat, und die ich nach erhaltener Genehmigung Sr. Excellenz des Herrn Generals von Verdy hier mittheilen will. „Das Endresultat des Tages (31. August 1870) war", so hatte Herr Oberst von Verdy geschrieben, „daß die gesammte französische Armee sich auch mit ihren letzten Abtheilungcn auf das nördliche Maasuser zurückzog und nun um Sedan concentrirt stand. Einzelne Bewegungen derselben machten den Eindruck, als ob sie noch in der letzten Stunde— vielleicht durch einen Nachtmarsch — sich der drohenden Umzingelung oder einem Uebertritt nach dem dicht hinter ihr gelegenen Belgien entziehen wollte. Das ans dem linken Flügel der III. Armee befindliche 5. 35 und 11. Corps erhielt daher (um dem vorzubeugen, von Sr. Königl- Hoheit dem Kronprinzen) Befehl, noch in der Nacht wieder aufzubrechcn, um die Maas in der Gegend von Donchery zu überschreiten." Hierzu, zwischen dem zweiten und dem dritten Satz, macht Graf Moltke folgende Bemerkung: Dieser Satz ist dem Sinne nach in den gedruckten Text ausgenommen und die mit Klammern versehene Stelle demgemäß gestrichen worden (Deutsche Rundschau, 1874, Heft I, S. 47). Herr von Verdy hatte geschrieben, „daß Napoleon seinen Degen an geboten habe"; Graf Moltke setzt daneben mit Fragezeichen: „übersandt" (a. a. O. S. 53). Dann der schicksalsschwere Abend der Capitulationsunterhandlungen in Donchery: General von Moltke und der Generalquartiermeister von Podbielski nebst den Adjutanten und Generalstabsofficieren waren bereits anwesend, als um 11 Uhr Nachts General von Wimpsfen gemeldet wurde. „Wir begaben uns nach dem am Flur liegenden Zimmer; auch Graf Bismarck war hier eingetroffen (den Se. Majestät zu den Verhandlungen hergesandt hatte)." Diese letzten Worte sind gestrichen, denn hier befindet sich die Bemerkung von Graf Moltke's Hand: 3 * 36 Von dieser Aeußerung, welche den großen Strategen am Tage seines höchsten Triumphes in einem menschlich so schönen Lichte erscheinen läßt, konnte natürlich in der historischen Darstellung und nach des Generals ausdrücklichen Willen im Texte kein Gebrauch gemacht werden; dagegen war weiterhin folgender Passus gestrichen: „Gras Bismarck bekämpfte sie (die Deductionen Wimpffen's) mit den Worten: .Hätten wir nur mit der französischen Armee zu verhandeln, wir würden mit Freuden ihr jede Bedingung bewilligen, welche sie wünschte!'" Dafür hatte Graf Moltke an den Rand gesetzt: „Graf B. beleuchtete die politische Situation seit 200 Jahren," und so steht es denn auch im gedruckten Text (a. a. O. S. 54). Hier schließt Bismarck's Auseinandersetzung mit den Worten: „Wir brauchen für die Zukunft materielle Garantien." In dem Manuskript jedoch fährt Bismarck noch fort: „und in dem Stadium, in dem wir sind, ist diese Garantie: die volle Kriegsgefangenschaft der um Sedan befindlichen französischen Armee." Die Randglosse Moltke's hierzu lautet: „nein! das überließ er mir zu sagen. Das Protocoll, welches Gr. Nostitz geführt, muß das ergeben." Der Text hat denn auch: „Und General von Moltke beharrte mit eiserner Energie auf den einmal gestellten Bedingungen," re. (a. a. O. .S. 54). 37 Diese kleinen Züge fügen dem überwältigend großen Bilde, wenn man es im Zusammenhänge betrachtet, freilich nicht viel hinzu; doch man begreift, mit welchen Empfindungen diese Blätter mich erfüllten, so frisch nach den weltumgestaltenden Ereignissen, die sie schildern, und in der Handschrift der Männer, die bei ihnen in erster Reihe Mithandelnde waren; welches Gefühl der Sicherheit, weit über das bloß literarische Interesse hinaus, sie mir gaben, wenn ich bedachte, daß wir mit ihnen zuerst vor das deutsche Publicum treten und unsere Laufbahn beginnen sollten! Gegen Mitte September, nachdem alle Arbeit gethan war, verließ ich Berlin, um einige Wochen „Ferien in England" zu haben. In einer eigen- thümlich traumhaften Stimmung, leicht ermüdet, ein wenig traurig, betrat ich nach langer Zeit diesen Boden wieder, auf dem ich einst so viel gute Jahre verlebt hatte — Jahre der Freundschaft, der ungeduldigen Erwartung, Jahre der frohen Hoffnungen und schönen Zukunftspläne — von allem Neuen mächtig erregt, von der Fülle neuer Eindrücke bestürmt, von der Großartigkeit neuer Anblicke gehoben, und Alles mit der noch unverbrauchten Jllnsionsfähigkeit der Jugend in mich ausnehmend. Von allen Seiten drang das Massenhafte der Erscheinungen auf mich ein — öffentliches Leben, Geschichte, Literatur, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Wochenschriften, Monatsschriften, Viertel- jahrsschristen; und hier, stärker als je zuvor, erwachte der alte Trieb aufs Neue, dem in frühen Jahren schon die „Blätter und Blütchen" entsproßt waren. Wie manchmal unter der Kuppel des Lesedoms im British Museum hatte ich mit dem liebsten Freunde, mit Emanuel Deutsch, vor diesen langen Reihen compacter Halblederbände gestanden, die von Addison's und Steele's „Lxoetator" bis zu Thackerah's ,,6ornüiU Nagamno" reichten; wie manchmal auch davon gesprochen mit Ferdinand Freiligrath, der mir später nach Deutschland schrieb: „Lassen Sie mich vor allen Dingen hoffen, daß die beabsichtigte Zeitschrift zu Stande kommt und daß die Vorarbeiten zu dem Unternehmen Sie recht bald wieder herführen*)." Siebzehn Jahre waren seitdem vergangen, der eine Freund war todt, der andere weit weg und ich wieder in London — aber nicht in dem mehr, das es mir damals gewesen. Wir waren die Gäste einer uns nahe verwandten Familie, die nicht weit von London, bei Cranford, in der Grafschaft Middlesex, eine schöne Besitzung hatte. Dort, in Elthorne House, in der Halle, dicht am Portal, stand ein langer Eichentisch, auf dem, immer nach ihrer Ankunft, die Postsachen ausgebreitet wurden und Jeder, der hereintrat» sogleich das für ihn Bestimmte fand; und da war's an einem sonnigen Herbstnachmittage, daß aus einer ') Erinnerungen aus der Jugendzeit. Deutsche Rundschau 1898. Bd. X6IV, S. 421. 38 Weißlichen Hülle mir etwas Orangefarbenes entgegenleuchtete. Klopfenden Herzens nahm ich es an mich und begab mich damit — denn ich hätte es in der Gegenwart von Zeugen nicht öffnen können — zu meinem Lieblingssitz, unter eine hundertjährige, von Epheu ganz umschlungene Ulme, von der man den Blick über den weiten Wiesenplan hat, setzte mich, löste den Umschlag und hielt in der Hand — das erste Heft der „Deutschen Rundschau". Zu derselben Zeit, an einem ganz anderen Punkte der Welt, hat ein Anderer, ein Größerer, auch die „Rundschau" zum ersten Mal gesehen und was er in Erinnerung daran manches Jahr hernach schrieb, das will ich zum Schluß hier mit seinem Namen folgen lassen: _^ -'/D ^»»—» — —»,— ^ /I»-^> ^7 ^ ..^ ^r—^ ^ ^ ^ ^ _ ^ >7^, S" x^- Altenburg, S.-A. pierer'sche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel L Lo.