Erste Einleitung zum Studium der Statistik als selbstständiger Wissenschaft unter dem leitenden Princip des Staatszweckes von Joseph Freiherrn von Liechtensiern. Zweite umgearbeitete und vermehrte Ausgabe. Dresden im Verlag der Waltherischen Hofbuchhandlung. 1 8 2 0 , Ha keiner Wissenschaft ist der Mangel eines allgemein geltenden Grundsatzes so auffallend, als bey der Statistik, und in wenigen ist die Feststellung ihres Begriffes und eines leitenden Pnncips so wichtig, als eben in dieser Seien;, welche einen so großen Einfluß auf das Wohl der bürgerlichen Gesellschaft äussert, und richtig begriffen seyn will, wenn ihre Wirkung im Staatsleben entscheidend nützlich werden, und sich nicht bloß darauf beschränken soll, die menschliche Wißbegierde allein zu befriedigen und nur als Dienerin anderer Wissenschaften fruchtbar zu seyn. l Gerade die neueren Schriftsteller, welche sich um ihre wissenschaftliche Ausbildung die großten Berdienste erworben zu haben glauben, haben ihr zugleich wieder dadurch Abbruch gcthan, daß sie die Statistik zu einer bloß historischen Lehre gemacht, deren Zweck und Verdienst mit jenem der sogenannten politischen Geographie auf einer Stusse stehen bleibt. Dadurch verliert ihr Begriff das Positive, oder Unterscheidende, von der ihr so nahe verwandt bleibenden Erdkunde, und es entgeht ihr alle Realität als eigener Wissenschaft, indem man ihr die Möglichkeit zur Erweiterung ihres eigenthümlichen Kreises entzieht. In diesen gehört nämlich neben der Anschauung de> in der Zeit bestehenden und zeitlich vorgefallenen, auch die Idee, und als Mittel zwischen beiden, der Begriff als Ausleger der Verhältnisse. Nur für einen festgestellten Zweck vereinigt, bilden sie die Wurzel, woraus der Stamm dieser Wissenschaft selbst hervorwächst, und reife Früchte trägt. Die Statistik kann eben so wenig durch das blosse Ob- jectivwerden in der Zeit, oder unter einer historischen Con- struction, richtig urkd vollständig begriffen werden, als ihr Inhalt bloß für ein Aggregat fragmentarischer Sätze gelten kann, vielmehr bedingt sie zu ihrer Vollständigkeit und Anwendbarkeit ein gewisses organisches Verhältniß ihrer einzelnen Lheile, oder eine systematische Ordnung derselben, welche den Theilvorstellungen Klarheit und Deutlichkeit, so wie der Totalvorstellung Gründlichkeit und Brauchbarkeit verschafft. — Aber eben diese Tendenz zur Praxis, wodurch sich die Statistik vor vielen andern Wissenschaften auszeichnet, ist in Umfang, Gewißheit und Zweckmässigkeit unmittelbar von der Wissenschaftlichkeit derselben, und der Totalität ihres Inhalts abhängig. Daher haben so viele Versuche, Statistik zu lehren, mißglückt, und so manche Unternehmungen zu ihrem Vortheil sind völlig unfruchtbar geblieben, weil man das Wesen der Statistik dabey verkannt hatte. Die bestimmte Bezeichnung des Organismus dieser Wissenschaft, so wie die Bemerkung ihrer Verschiedenheit 7 von der politischen Geographie, und die Darstellung ihres Verhältnisses zur Staatsregierungswissenschaft, zur Rechtsverfassung — Polizey — zur Nationalökonomie, Finanz- Wissenschaft und zur Kriegskunst, zeigt zugleich, indem sie die Wissenschaftlichkeit der Statistik bewährt, auf eine befriedigende Weise, das eigenthümliche rein intellektuelle Interesse der Statistik, so wie ihr vorzügliches praktisches Interesse für Staatsgcschästsmänner, und erhebt den aus ihren Inhalten und ihrer Anwendung abgeleiteten Beweist: wie sehr sie des Schutzes und der Beförderung der Regierungen werth seye, zur unumstößlichen Evidenz. Das leitende Prinzip der Statistik kann wohl kein anderes als der Staatszweck unv seine Realisation seyn, sobald man selbe unter die selbstständigen Wissenschaften aufnimmt, von welchen man sich bedingt: daß sie ein abgeschlossenes und bis zu ihren einzelnen Tyei- len genau zusammenhängendes Ganzes, unter einem, ihren Sinn und Zweck andeutenden, allgemein geltenden Grundsätze bilden, und sowohl in ihrer Gelöstheit hinlängliche Würde liege, diesen Rang zu behaupten, als auch bey ihrer Anwendung sich ihre Nützlichkeit befriedigend offenbare. — Alles dieses findet man in der Statistik, sobald man ihr einen Umfang giebt, in welchem solche der Quantität nach, die Erkenntm'ß aller Objecte und aller Bestimmungen eines jeden Objects im Staate umfaßt, und die Mannigfaltigkeit aller besonderen Erkenntnisse, in ihrem 8 Inhalte vergleichend vereiniget; der Qualität nach -aber, wenn sie auf möglichster Wahrheit beruhet; nämlich durch eigene, gegen vermeidlichen Jrrthum gesicherte Anschauung oder durch fremde richtige Erfahrung beglaubigt, und wenn die Denkform, wodurch der wissenschaftliche Grund begriffen wird, durchaus mit. dem Stoffe oder Objecte in Angemessenheit ist. Diese systematische Einheit, unter welcher gründliche Erkenntniß ihres Stoffes allein möglich ist, — ein leitendes Prinzip, welches auf die eigenthümliche Behandlung und Verarbeitung ihrer Materialien Einfluß nimmt/— so wie der besondere Zweck, der sie vor anderen Kenntnissen deutlich unterscheidet, — und endlich ihr pragmatisch-technischer Werth, zur richtigen Wahrnehmung des wahren Staatsinteresse, und zur sicheren Behandlung aller Staatsgeschäfte; — setzt die Wissenschaftlichkeit der Statistik aus- - fer allen Zweifelt Aus dem Grunde ihrer positiven Konsequenz kann es auch nur eine Wissenschaft der Statistik, oder eine Wissenschaft geben, welche eine klare, lebendige Erkenntniß, wirklicher und jetztzeitig existirendcr Staaten — ihrer Zwecke — und der Realisirung derselben in einer gegebenen physischen Sphäre zu ihrem Objecte hat. —- Eine General-Fi- nanz-Statistik, eine Polizeystatistik, eine Bevölkerungsstatistik und dergleichen, sind entweder nur einzelne Anwendungen des einen lebendigen organischen Ganzen oder y aber völlig unfruchtbare Traumereyen, die mit dem Wesen und Geist der Statistik im Widerspruche stehen. Jedoch ^wird es aus ihrem Inhalte deutlich, welcher vielseitigen Anwendung die Statistik sahig ist:' denn sie begreift alles in ihrriwÜrnsange, wäs eist Erfahrungsfactum über das kosmische Verhältnis der Erde und ihrer Eheste, über das menschliche Individuum und das Wesen seines Organismus, über den Menschen in seinen verschiedenen Verhältnissen zur Aussenwelt und besonders zu seines Gleichen, und in allen Beziehungen eines thatigcn Lebens bis zu seiner höchsten Entwicklung in einen politischen Verein ist; und sich mit dem Begriffe einer Gesetzgebung für die zeitliche Wirksamkeit dieser Umstände und ihre örtliche Anwendung vereinigen laßt. Da nun der Staatszweck und seine Erreichung, zunächst von der richtigsten Kenntniß aller Verhältnisse der Dinge und der verschiedenen Formen des Mechanismus abhängt, unter welchen die Wechselwirkungen zwischen Vernunftwesen und der Aussenwelt in Beziehung auf ein gewisses Raumvcrhältniß statt haben; — und diese Erkennt- niß mit der Wissenschaft der Statistik ein und dasselbe ist, so spricht sich ihr Wcxth von selbst aus. Eben so stellt sich ihre Wichtigkeit assgtnfallig durch ihre Brauchbarkeit dar: zur verständlichen Erklärung aller Erscheinungen des öffentlichen Lebens sowohl, als zuist sichersten Leitfaden einer richtigen Würdigung der Gegen- wart, und einer vernünftigen Beurtheilung ihrer folgenden Resultate, aus vorschwebcnden Verhältnissen, Thatbe- ständen und Begebenheiten. Sie beleuchtet mit der Fak- kel unzähliger Erfahrungen die dunkelsten Verhältnisse der Gegenwart, und mit ihrem Blicke durchdrungen wir selbst die Nebel der Zukunft und sehen, wie Thukydides das endliche Schicksal Athens, wie Polybios die Autokratie aus dem Grabe der Republik Noms sich erheben; wie Sal- lust das verderbliche Uebergewicht des Kriegsheeres unter den Kaisern, und wie Lacitus die Unfälle, voraus, welche der Untergang des römischen Reiches über die Völker Italiens bringen würde. — Zn diesem Sinne ist die Statistik die General-Idee von der Natur und dem Wesen wirklicher Staaten auf gegebenen Erdräumen, ihrer Bedingnisse und der Mittel ihrer Realisation, um die sich ein weiter Kenntnißkreis schließt, welcher der Hauptidee durchaus verwandt ist, so verschieden auch seine Gegenstände und besonderen Zwecke seiner einzelnen Theile sind. >— In ihr ist die Summe der Staatswissenschaften begriffen, die sich hier mit ihren gestimmten Hilfswissenschaften zu ihrer Verständlichkeit begegnen, welche das Resultat ihres umsichtig und zweckgemäß geordneten Zusammenhanges ist. .— Nirgends besser als in ihr, übersieht man die ganze innere Ockonomie des staatswissenschaftlichen Studiums auf einen bestimmt gegebenen Theil angewandt, und da sie gleichsam die Obduction die- scs Körpers bereitet und vollzieht, so lassen sich die Zeichen seiner Gesundheit, so wie die Merkmale eines kränkelnden Zustandes daraus am deutlichsten wahrnehmen, und aus dieser Erkenntniß die Mittel folgern, welche die angemessensten zu seiner Wiederherstellung seyn dürsten. Darum ist die Statistik aber auch besonders dem Menschen, nach dem Maaße seiner höheren Bildung, Veredlung und Bestimmung desto unentbehrlicher, je mannigfaltiger seine Verhältnisse zu seines Gleichen, und seine Berührungen mit der Außenwelt hierdurch geworden sind, dagegen sie dem im rohen Naturstandc noch befindlichen Menschen nichts nützen kann, da solcher nur in einer beschränkten Sphäre innerer und äusserer Thätigkeit und ihrer Anwendung sich befindet. Die Statistik kann aber auch darum nur unter einem gebildeten und veredelten Volke gedeihen und in fruchtbare- Anwendung gebracht werden, weil sie zugleich von dem Grade der Ausbildung abhangt, den andere Kenntnisse bereits erreicht haben, die ihr theils als Instrumental- theils als Hilfswissenschaften dienen. Man wird Sprachkcnntniß, Mathematik, Naturwissenschaft und Philosophie, nie zum Studium der Statistik entbehren können; denn die Möglichkeit einer rationellen Wissenschaft derselben, ist ohne die Möglichkeit nicht denkbar, gewisse Vorstellungen von Raum, Zeit und Wirkungsverhältnisscn sich eigen zu machen, zu besinn- IL men uni zu bearbeiten. — Sie setzt durch Gesetze geordnetes Reflexionsverinögen, wie die Empfänglichkeit für die Eindrücke der natürlichen Erscheinungen, mit der Fähigkeit, sie nach ihrem Entstehen, Vorhandenseyn und Zusam- rnenrcihung zu bcgreiffcn, und vor allem Sprachenkunde voraus, wodurch das meiste Wissen erworben wird, und welche das nöthige Quellenstudium ganz unerläßlich macht. Mit diesen Jnstrumentalkenntnissen der Statistik versehen, werden dann auch ihre Hilft- und Hauptwissen- schastcn, deren einzelne Eheile, oder die überhaupt, durch das gemeinschaftliche Princip der Statistik, den Forderungen des Systems gemäß, für ihre Zwecke verbunden sind, leicht begrifflich, und die Anwendung ihrer Grundsätze richtig zu bemessen seyn. — Man versteht unter diesen aber zunächst: eine rationelle Ockonomie, Technologie und Handlungswissenschaft, nämlich eine solche, bey der das empirisch wahrgenommene Substrat, durch Reflexion über Cau- salität und die Entwicklung ihrer Resultate, eine wissenschaftliche Construction, erhalten hat, um zur Vergleichung der hervorbringenden und veredelnden Industrie, so wie des Handelsbetriebes ddr in Betrachtung gezogenen Nationen dienen Ar können; — ferner die Staatslehre, mit allen ihren besonderen Zweigen, thcils als Darstellung des Absoluten,^ unter der Form des Staats, thcils als Pragmatismus ihrer reellen Seite, und auf positive Verhältnisse angewandt; — endlich allö historischen Wissenschaften, so- _ 8 wohl zu den vielseitig nothwendigen Begriffsbestimmungen selbst, als auch zur Erläuterung des gegenwärtigen Zustandes und der Verfassung eines Landes, aus den verschiedenzeitigen Veränderungen, die sie hervorgebracht haben. Mit Recht trifft die Statistik zwar der Vorwurf einer sehr großen Tendenz zur Universalität. Aber sie verdient ihn doch auch nicht mehr, als viele andere Wissenschaften, denen ein gleiches Streben sich gegenseitig zu durchdringen und zu universalisiren eigen ist; und die Statistik nützt gerade hierdurch am meisten, daß sie das ganze Feld der sinnlichen Gewißheit, für einen bestimmten gemeinsamen Zweck in sich zu vereinigen scheint, und dadurch sowohl selbst eine größere Klarheit erreicht, als auch über alle unter ihrem Einfluß stehende Lebensgeschäfte verbreitet. Sie nützt ferner hierdurch allen Wissenschaften, die ihr ihre Lehrsätze leihen, und durch diese ihre Verwendung unter einen um so helleren Gesichtspunkt, den ihres praktischen Interesse, gebracht werden. — Was eine encyclopä- -ifche Uebersicht der Wissenschaften für die Theorie ihres Studiums leistet, das gewährt die Statistik für ihre Praxis. — Sie reicht für das was sie empfängt, jeder anderen Kenntniß: Vermehrung des Stoffs, vielseitigere Anwendung und zweckmässige organische Wechselbestimmung. Ihre Stelle hat die Statistik im wissenschaftlichen Gebiete unter den Staatswissenschaften. — Sie ist der Anfangs» und Ausgangspunkt derselben, und verhält sich zur eigentlichen Staatslehre, wie Praxis zur Theorie, — wir Kunst zur Wissenschaft. Insbesondere vereinigen sich Politik und Statistik bey- nahe bis zur Identität, indem jene die Lösung des gro- - ßcn Problems zur Aufgabe hat: Wie Staaten seyn sollen? — Diese aber dasselbe, nur mit bestimmter Beziehung auf gewisse Theile der Erde, lösen soll.— Wie nahe die Rechtswissenschaft, die National-Oekonomie, Staatswirth- schaft und Finanzwiffenschaft mit der Statistik -in Verbindung stehen, ergiebt sich aus ihren Objecten, welche die Statistik erörtert, beleuchtet, und unter der vielseitigsten Vergleichung berührt. — Am wenigsten darf man sich aber ohne gründliche statistische Kenntnisse, in das Feld diplomatischer Verhandlungen wagen, denn nur mit ihrer Hilfe kann man auf diesem Boden öffentlicher Wirksamkeit, mit Ehren bestehen, und Ruhm für sich, und für sein Vaterland Vortheile arndten. Denn um die große Aufgabe der Diplomatie *) zu lösen: Wie man mit Weisheit, nach *) Man hat dem besonderen Zweige der Staatslehre, welcher zunächst die Grundlagen des rechtlichen Nebeneinanderseyns mehrerer Staaten zum Gegenstände hat, im Geschästslcben und gemeinen Sprachgebrauch den eigenen (obschon durchaus fehlerhaften) Namen, Diplomatie, gegeben, aber noch ist kein richtiger Wegriff ausgestellt, weder der ihren Namen selbst erklärte und rechtfertigte, noch ihren Inhalt bestimmte. Denn leitet man Diplomatie von Diplomatik (Urkundenlehre) ab, wie cs am' gewöhnlichsten geschieht, so wäre eine Wissenschaft darunter zu '5 sittlichen Gesetzen, und mit Klugheit, die persönliche Freiheit und ursprüngliche Gleichheit coexistcnter Staaten und ' deren Glieder, als einer großen Familie der Menschheit aufrecht erhält, und ihre gemeinsame Wohlfahrt zugleich befördert, bedarf es wohl nicht weniger ausgebreiteter statistischer Kenntnisse, als der des allgemeinen und positiven Staatenrechts, die ihre der Staatsklugheit gemässe Anwendung nur durch Hilfe der Statistik erhalten, und ihrer durchaus bedürfen, um den allgemeinen und besonderen Forderungen Genüge zu leisten, welche der Staat an den verstehen, deren Grundsätze und Lehren auS Inhalten von Urkunden entnommen wären, welches nun Gesetze, Staatsverlrä- ge u. dergl. seyn können; allein diese Erklärung gicbt einen viel zu engen Begriff von der Wissenschaft, der vollends noch unpassender ist, wenn ihr Name, nicht unterschieden von der bekannten historischen Hilfswissenschaft: der Diplomatik, ganz differenten Inhalten zur Bezeichnung dienen soll. Inzwischen hat das Wort Diplomatie sein Bürgerrecht nun einmal erworben , und cs hält schwer, cs aus dem Sprachgebrauch zu verdrängen, in den cs allgemein ausgenommen ist, und nach welchem es die Wissenschaft des im allgemeinen Staatszwccke ent- halrcnen Mttelzwcckes der Währung und Sicherung eines höheren LebenssereinS durch die Maximen einer den Forderungen des Rechts huldigenden Klugheit aukdrückr, und so? wohl den Inbegriff der Rechte und Pflichten, welche zwischen den Staaten gegenseitig statt haben, oder das Staatenrecht; als auch den Inbegriff von praktischen Regeln, zur Erreichung des Staatszweckes, in so weit er durch das gegenseitige Verhalten anderer Staaten zu dem Eigenen bedingt ist, oder die äussere Staattklugheilslehre (Staatspolitik) umfaßt. r6 Diplomatiker zunächst macht, bei) welchen er an die richtigsten und umfassendsten Kenntnisse aller Lerritorialverhält- nisse der eigenen und der fremden Staaten mit vorurtheils- freyen Ansichten die Fertigkeit anzureihen wissen muß, sich zu widersprechen scheinende Interessen auszugleichen; — und weiß er nicht bloß- Flächeninhalt, Volkszahl, und extensive Größen überhaupt, sondern auch intensive Größen des Geistes und. des Gewe's der Nationen , so wie ihrer Herrscher, - und beyde vereint, in der geographischen Lage, selbst in der, Gestaltung cher Gränzen und anderen Terrainverhaltnissen, so wie in der Concen- tration und Dispersion physisch und üilellectueller Kräfte, mit einander richtig zu vergleichen und gegenseitig abzuwä- gcn; so werden ihm durch diese Hilfe der Statistik auch die schwierigsten Aufgaben der Diplomatie nicht unauflösbar bleiben. — Er wird die Erscheinungen zu verknüpfen, die Aehnlichkeiten aufzusuchcn, Schlüsse daraus zu bilden, und sich der Erfolge seiner eifrigen Verwendung für die selbstständige Würde und das Interesse seines Vaterlandes, so wie für die Harmonie eines weit größeren Menschenk eises, als wesentliche Bedingung wahrer Selbstvollendung äusserer Glückseligkeit, durch alles dieses, nach dem Maaße seines vermehrten Einflusses und Wirkungskreises zu versichern wissen. Man hat der Statistik daher, in einem unendlich frü- Heren Zeiträume als man sie unter ihrem Namen kennen zu lernen angefangen hat, ihren hohen Rang unter den Staatswissenschaften angewiesen, der ihr, ihrer Würde und ihrem Zwecke gemäß, gebühret.Der Glanz griechischenTalents strahlt durch sie nur um so Heller in den Werken ihrer gerechtesten Geister. — Was Herodot, Lhukydides, Lenophon und Polybios für dasHffentliche Leben geschrieben, weiset deutlich daraufhin, und gab eigentlich ihren historischen Darstel- lungen die praktische Haltung, die sic so vortheilhaft auszeichnet. — Aber auch zu ihrer Zeit hatte die Erd- und Staatenkunde (die.wir in geschichtlicher Hinsicht nicht weiter trennen können) bereits Fortschritte gemacht, und war von ihrem Anfänge schon weit entfernt, den wir bereits in dem Kindesalter der Menschheit nicht bloß ahnen dürfen, sondern bestimmt erblicken. — Sey es, daß man zuerst auch lange nur bey dem Anfänge der Wissenschaft stehen blieb, so war sie doch schon vom Entstehen der Staaten und des Handelsverkehrs an, unter den Nationen der alten Welk ein deutlich gefühltes Bedürfniß, dessen Befriedigung man wenigstens versuchte, wenn sie auch schon darum nicht zu erreichen war, weil weder der Zustand der Menschheit, noch jener der Wissenschaften überhaupt, so weite Fortschritte gemacht hatte, um einer Masse einzelner Erfahrungen und Kenntnisse logische Verbindungen und wissenschaftlichen Umfang zu geben. Es ist, wie in anderen Zweigen des menschlichen-Wissens, so auch in dem Felde der Erdkunde ein unzweifelhafter Verlust, daß der Kenntnißkreis dev Phönicier ein Raub der Zeit geworden ist, da uns doch die Tradition sie als die Väter dieser Wissenschaft kennen lehrt. >— Die Reste, die uns Eusebius von den Schriften des Phöniciers Sanchuniaton aufbewahrt haben will, dessen Existenz doch selbst mit gleichen Gründen vertheidiget und bestritten wurde, beziehen sich gerade auf das entbehrlichste, nämlich auf seine Kosmogenie. — Von Moschus und Dios historischen Arbeiten sind uns nur die Namen übrig geblieben, und eben so ist Theodots phönicische Geschichte, die noch die Griechen kannten, lange vor unseren Zeiten untergegangen. — Aber wir haben doch in den Werken jüdischer und griechischer Schriftsteller sichere Quellen, aus welchen wir mit großer Wahrscheinlichkeit ihre geographisch - statistischen Kenntnisse würdigen können. — Deutlich sprechen diese von den weiten Seereisen der Phönicier bis zu den Zinn« (brittischen) Inseln, dann dem Findorte des Bernsteins (an der preußischen Ostseeküste) und in jene südlichen Theile der Erde, wo ihnen die Sonne im Mittag gegen Norden stand; und bey den aus gleichen Quellen sich ergebenden ausgedehnten Unternehmungen dieses Volkes, aus ihren mit großer Umsicht gewählten Ansiedlungcn, und ihrem klug geordneten Colonialsystem, laßt sich nicht zweifeln, daß ihnen auch eine Kraft des politischen Combinationsvermö- ly gens eigen war, das wir gegenwärtig der Statistik als Be« dingniß ihres Seyns unterlegen. — Durch sie verbreitete sich höchst wahrscheinlich die gleiche oder sich ähnliche Schöpfungsmythe über den größten Theil des Erdkreises, die sich bey den Meisten nördlichen, westlichen und östlichen Völkern in Volkssagen erhalten hat, und welche zum Eheil Moses Schöpfungsgesang, wie Homers Odysse, Hesakiel und Zoroaster, die Dichtungen im Zcndavcst wie in der Sokondala, verewigten. — Und die Wahrnehmung, daß, wie durch eine zufällige Vertheilung, einzelne Völker die, ses, andere wieder jenes Frügment einer früheren Naturtheorie bewahrt haben, davon immer eines das andere zu ergänzen vermag, führte schon längst auf die Vermüthung, daß sie durch ein bestimmt bekanntes Volk, das eine Seeküste bewohnte, welche für den ausgebreitetsten Handel die günstigste Lage hatte, wie Lichtstrahlen aus einem Mittelpunkte ausgegangcn ist; und dieses Volk konnte kein anderes, als das der Phöm'cier seyn, da wir zugleich nur von diesem wissen, daß es wirklich einen so hohen Culturgrad, wie kein anderes der ältesten Zeiten besaß, und die ausgedehnteste Schifffahrt trieb. —- -— So wenig wir zwar von den phönicischen Seereisen in den afrikanischen Ocean wissen, so machen es schon die dunkeln Sagen von Inseln, die sie dort besuchten, weit wahrscheinlicher, daß Amerika entweder durch sie besetzt, oder die schon daselbst vorhandenen Völker ihre Sagen übernommen, als die Herleitung der Kos- 2 ^ mogenie der alteren MexikanLr von einem uns völlig unbekannten nördlichen Urvolke, das nach dem Wau des Erdballs, und den Grundbedingungen jeder großen Veränderung seiner Oberfläche, nie mit diesen gleichzeitig konnte vorhanden gewesen ftpn. — — Es mag wohl gewiß seyn, daß auch die Phönicicr nicht die Urheber von Sagen und Lehren waren, die sie selbst schon von Indiern oder einem anderen Volksstamme übernahmen, aber doch sicher waren sie die Apostel oder Verbreiter derselben, da alle Spuren davon in den nordischen Urmythen der Voluspa und in der Edda der Isländer, wie die Sagen der Mexikaner zur Zeit der letzten Entdeckung von Amerika augenfällig dem phönicischrn Zeitalter nicht vorangingcn. Den Fußstapfen der Phönicier folgte unmittelbar ihre große Lochter Karthago, deren älterer Columbus, Hanno, schon 448 Jahre vor Christus, mir üo Schiffen, jedes von 50 Rudern bewegt, durch die Säulen des Herkules fuhr, um an Lybiens Westküste, Niederlassungen zu gründen. Sehr vieles hat die der Statistik so nahe verwandte Geographie und ihre vornehmste Hilfswissenschaft, die Astronomie, den Griechen zu verdanken, doch wurden die Fortschritte in letzterer erst nach der Stiftung der Alcxandrini- schen Schule besonders merkwürdig. — Ueberhaupt hatten die Griechen erst lange nach den Egyptern, die wahrscheinlich bereits Schüler der Indier waren, die Astronomie zu treiben angefangen, und damit der Geographie ihre erste 21 Hauptstütze verschafft. — Dennoch schreibt man den Griechen die Einthcilung des Himmels in gewisse Sternbilder zu, deren Alter zwischen dreyzehn bis vierzehn Jahrhundert über unsere Zeitrechnung hinaufreicht, denn auf diese Epoche muß man die Sphäre des Eudoxus beziehen. — Uebcr 600 Jahre vor unserer Zeitrechnung lehrte Thales von Milet bereits die sphärische Gestalt der Erde, die Schiefe der Ekliptik und die wahre Ursache der Sonnen- und Mondsinsternisi. — Seinem Nachfolger Anaximander (460 vor Chr.) schreibt man die Erfindung des Gnomons und der geographischen Karten zu. Aber es waren nicht die Früchte ihrer eigenen Entdeckungen und Erfindung, sondern Wiederholung und Verbreitung von Lehren, die sie aus Egypten auf griechischen Boden übergetragen, und wegen welchen der Haß der Athener auf Anaxagoras siel, der sich zur nämlichen Schule bekannte, die Lhales unter dem Namen der Ionischen gestiftet hatte. Vorsichtiger war ein anderer Schüler des Thales, Pythagoras von Samos, der Stifter einer eigenen berühmten Schule. Er hüthete sich aber, seine Kenntnisse dem großen Haufen mitzutheilen, und seine Lehre von der doppelten Bewegung der Erde wurde erst durch seinen Schüler Philolaus lichtvoll dargestellt. — Auch die Lehre von der Bewohnbarkeit der übrigen Himmelskörper, und daß die Fixsterne durch den Weltraum zerstreute Sonnen, und die Mittelpunkte eben so vieler Planetensysteme seyen, wurde ^2 von dieser Schule zum ersten Male ausgesprochen, und die philosophischen Ansichten derselben von dem Weltbau, hätten durch ihre Größe und Richtigkeit den Beyfall' des Alterthums erhalten müssen, wenn sie nicht von allen Beweisen entblößt gewesen wären, die ihnen erst spatere wirklich astronomische Beobachtungen verschafften. Aber zu sehr vereinzelt standen theoretische Astronomen und politische Geschichtschreiber in Griechenland ohne gegenseitige Berührung da. — Wie jene bereits die sichersten Wahrheiten selbst ohne Anleitung genauer Himmelsbeobachtungen abzufassen, und die höchsten Begriffe von einem der erhabensten Gegenstände der menschlichen Erkenntniß zu geben wußten; eben so reich zeigten sich Herodot und Teno- phon in ihren Geschichtsbüchern an historischer Geographie, dagegen fehlte es ihnen an allen mathematischen Kenntnissen zur richtigen Feststellung der Gegenstände auf der Erde. >— Wenn demnach die Statistik nur als ein zusammenhängendes Ganzes bestehen kann, und zu ihren Inhalten eben sowohl mathematisch? Bestimmungen und naturwissenschaftliche Angaben, als historische Darstellungen ihr angehöriger Lhatsachen wesentlich sind, so müssen wir freylich gestehen, daß die Griechen keine Begriffe von Statistik hatten; — aber wenn in einer Wissenschaft auch Theile und Elemente einzeln studirt werden können, und sogar, um sie als passende Glieder an ein Ganzes anzuschliessen, auch einzeln beschaut werden müssen, damit man ihre Vereinigung oder 23 das Ganze zu fassen vermöge, so dürfen wir an demVor- handcnseyn unserer Wissenschaft zu diesem Zeitpunkte gar nicht zweifeln. <-Die griechische Zeit charakterifirt vielmehr am Vollständigsten die erste Periode der Statistik, und das bewunderungswürdige Volk der Hellenen hatte gewiß ihre ausgebildete Idee, denn, wie hatte es uns sonst so vieles aus dem Inhalte der Statistik überliefern können, was bis dahin nur theilweise bey anderen Nationen in ihr geschehen war. Die Griechen hatten offene Augen und gesunden Sinn, um allenthalben das Wahre und Wesentliche in der Wissenschaft wahrzunehmen, und sie befassen zugleich daS vollkommenste Redeorgan, um das Wahrgenommene in Klarheit,zu verkünden. --Das Eigenthümliche ihrer Geschichte war der politische Charakter und die sogenannte pragmatische Richtung, die besonders im Thukydides, Le- nophon und dem spateren Polybios herrlich hervorglänzen, von deren Werken einzelne Eheile selbst als gelungene Muster eines statistischen Vortrages gelten können. — Nur in der Form weichen die älteren Griechen von den Neueren ab. Sie stellten ihre statistischen Daten in eine Zeitreihe, weil ihnen überhaupt alle erkennbare Causalität nur in der Zeit wirksam erschien: aber sobald sich durch Alexander die Welt geöffnet hatte und die Masse anderer auf unsere Wissenschaft Einfluß nehmender Kenntnisse bereits beträchtlich vermehrt worden war, so suchte man auch noch ein anderes als das historische Wissen auf, und reihte die Lhatsachen und ihre Beobachtungen nicht mehr nach dem Faden, an welchem die Begebenheiten fortlauffen, sondern man ordnete sie nach der Gleichsetzung ihrer Merkmale, oder nach dem dabey wirksamen Grund, welcher wohl als Sinnenerfahrung in die Zeitreihe eintritt, nicht aber aus ihrer bloßen Succession seinen Ursprung nimmt. So wurde die Länder- und Staatcnkunde unmittelbar nach Alexanders Zeitalter, bereits in den Schulen der Philosophen mit Zuziehung der Astronomie und nach dem Vorgänge und Beyspiel des Aristoteles (^84 v. Ehr.) gelehrt. — Durch die Seefahrt des Phytheas von Masfilien Z40 I. v. Chr. durch Alexanders und Nicanors Kriegszüge, und durch eine Menge Schriften wurde die Erdkunde erweitert, aus welcher freylich die eigentliche Statistik nur einzelne Beyträge zü entlehnen vermochte, die indessen täglich vermehrt wurden. ^— Die Jndica, Persi'ca, Arabica, Scythica und viele besondere Länder- und Küstenbeschreibungen, die man diesem Zeitpunkte verdankt und wovon einige, z. B. Nearch's Periplus von Arian erhalten wurden, bleiben immer schätzbare Denkmäler der Geschichte der Wissenschaft, uin welche sich die Griechen in diesem Zeitpunkte verdient gemacht haben. Durch diese Hilfsmittel unterstützt konnte bereits 220 Jahre vor unserer Zeitrechnung Erathostenes seine Fragmente verfassen, in welchen er mit Kritik und oft nach ormlichen Forschungen historische und mathematische Geo- graphie verband. Die berühmte Alcxandrinische Schule, zu welcher Erathostencs bereits gehörte, verschaffte der Erdkunde durch die Langen- und Breitenbestimmungen der Orte von Hiparchus von Nicaa (150 vor Ehr.) u. a., so wie durch Polybios (150 I. v. Ehr.) Landreisen und durch die Seereisen des Artemidorus von Ephesus (noJ. vor Chr.) die fruchtbarste Erweiterung, und nothwendig mußte erst diese Vorkenntniß vervollkommnet werden, bevor die Statistik zu dem Range einer eigenen Wissenschaft sich erheben konnte. — Darum verdienen auch Strabo, der sich um die Zeit der Geburt Christi (25 Z. n. Chr.) durch seine Reisen durch Egypten, einen Theil von Asien, dann durch Griechenland und Italien zum Geographen bildete, so wie Claudius Ptolomäus, welcher die Geographie des Tyrier Marinus im zweyten Jahrhundert unserer Zeitrechnung mit Einsicht erweiterte und vervollkommnete, wegen ihrer theil- weisen Bcytragc zur Wissenschaft, im rühmlichen Andenken erhalten zu werden. Die Römer würden die Erdkunde durch ihre Kriege und weit ausgedehnten Eroberungen zu einer ihrem Zeitalter gemäßen Vollkommenheit gebracht haben, wenn sie mehr rvissenschastlichen Sinn gehabt hatten. — Aber weit entfernt durch die höhere Cultur des Volkes der Etrusker zu gewinnen, an dessen Granze sich die rohe und barbarische Nomadenkolonie eingedrungen — oder von den Großgriechen, die in ihrer südlichen Nachbarschaft die Künste und 2Ü Wissenschaften ihres Mutterlandes verbreitet hatten: suchten sie, wie noch heute die Türken, überall zu zerstören, was sie an wissenschaftlicher Kultur vorfanden, und bedurften fast den Zeitraum eines halben Jahrtausend's zu ihrer Entwilderung. — Erst einige fünfzig Jahre vor unserer Zeitrechnung erhielten die Römer Geschichtschreiber, die als Nachahmungen ihrer doch unübertroffenen — griechischen Muster gelten können; die einfache Eleganz der Jahrbücher des Julius Casar, — der schöne historische Bortrag deö Cornelius Nepos — die blühende und zugleich pragmatische Darstellung des Sallust's — die vollkommnere und zusammenhängend. klassische Erzählung des Livius — die umfassenden, gründlich bearbeiteten Gemälde des Tacitus enthalten auch einige wenige Beyträge, die in das Gebiet unserer Wissenschaft gehören; aber eigentlich hat sie den Römern, mit Ausnahme der merkwürdigen Germania vom Tacitus, nur sehr mittelmässige Compilationen zu verdanken, und selbst diese sind nur aus besseren Schriften zusammenge- tragcn. Denn das geographische Compendium des Mela (40 I. n. Chr.) ist größtenteils aus griechischen Schriftstellern gezogen, und der altere Plinius hatte nur um die Geographie des nördlichen Europa und Indiens eigene Verdienste. — Doch fühlte vielleicht keine Nation des Alterthums mehr als die Römer, das Bedürfniß geographischstatistischer Kenntnisse, sowohl bey ihrer inneren Verwaltung als auch besonders bey ihren Finanzeinrichtungen.—Denn zu fthr verwickelt war ihr Abaabensysiem, um nicht einer vielseitigen Kenntniß des Staats dabey zu bedürfen. Aber auch bey ihrer Kriegführung und in ihren Bündnissen berücksichtigten sie so viele Verhältnisse aus einem natürlichen Instincte, die der neuere Statistiker zur genauesten Wahrnehmung dringend empfiehlt. — Das Princip ihrer Kriegskunst und die Einrichtung ihres ganzen Kriegswesens beruhte nicht bloß auf dem stählernen Arm, den ihnen Erziehung und angeerbt? Sitten gaben, sondern auch auf der Umsicht auf alle Verhältnisse des Landes, wo sie Krieg führten, und auf die Waffen und Kriegsvortheile ihrer Gegner. Kein anderes Volk vereinigte mit persönlicher Tapferkeit mehr Klugheit und Wahrnehmung aller politischen und Terrainverhältniffe, als die Römer. Die Exegese, welche Cicero seinem nosss i-empublicsur Nachfolgen läßt, und was er zur Staatskunde fordert, spricht er in den Worten aus: «zuick Ksbesr militurn, guickvs- !eat sersrio quos respublrcs ksbvst socios, <;uo8 smicos, guos slipenckii arins etc. und drückt dieses auch nicht unseren heutigen statistischen Begriff vollständig aus,, so beweißt es doch, daß er den Werth unserer Wissenschaft zur Staatsregierung deutlich erkannt hat. Doch nur durch die alerandrinische Schule geschahen unmittelbar die meisten Erweiterungen der Erdkunde, obschon auch sie ihren größten Fleiß und Eifer bloß auf den historisch-mathematischen Theil verwandte. 28 Indessen ist das Verdienst ihrer Genauigkeit, besonders in mathematischen Bestimmungen nicht gering, und es bleibt immer überaus merkwürdig, daß schon Ptolomäus den Umkreis der Erde, mit Berücksichtigung der weit älteren Bestimmungen des Aristoteles, Kleomedes und Posidonius, nur um 78000 Schuh, also nur um etwas weniger über Z Meilen verschieden von dem angab, was die neuesten Erfahrungen und durch sorgfältige Messungen ausgemittclte Resultate lehren. Mit den schätzbaren Arbeiten des Ptolo- mäus endigte sich bereits 150 Jahre nach der christlichen Zeitrechnung der Ruhm der Alcrandrinischen Schule. — Zwar erhielt sich die Schule selbst noch durch 500 Jahre, aber die Nachfolger des Ptolomaus, wie Agathodemer und Marcianus aus.Heraclea (200 n. Ehr.) schränkten sich daraufein, die Werke desselben zu erklären, und setzten in ihren eigenen Entdeckungen nichts Merkwürdiges hinzu. -- Und selbst als die Fackel der Wissenschaften nach ihrem Erlöschen unter den Barbaren, bcy den Arabern wieder angesteckt wurde, blieb der Almagest noch lange das Hauptwerk, das sie allein zu studieren bemüht waren, ohne an eine Möglichkeit seiner Erweiterung und Berichtigung zu gedenken. Denn nur nach der Methode des Ptolomaus wurden in der Regel die Längen und Breiten der Orte bestimmt, die Himmeisbeobachtungen angestellt und die mathematische Geographie, gelehrt und erlernt» 29 Merkwürdig ist aus diesem Zeiträume die Ausführung der, nach ihrem viel spateren Besitzer, sogenannten Peu- tingerischcn Tafeln, die Lheodofius der Große um das Jahr Zyo bearbeiten ließ, und welche die Hauptstrassen durch einen großen Lheil des römischen Westreiches enthalten; aber nun schienen im Westen von Europa die Wissenschaften ganz unterzugehen, und mit ihnen überhaupt auch das geographische Studium, von dem nur schwache Neste in einigen Klöstern erhalten wurden, wie der egyptische Mönch Cosmus noch im Jahre 550 einen Beweist lieferte. Dagegen hatten A!-Raschid und Al-Mansur in den eroberten Staaten Schätze griechischer Weisheit kennen gelernt, und den Glanz des Chalifats erhöhten bald die Wissenschaften, deren eifrigste Beförderer die Arabischen Fürsten wurden, obgleich ihre nächsten Vorfahren sie erst vor Kurzem aus Neligionseifer ganz zu zerstören gesucht hatten. Von den Ufern des Euphrats bis an die des Tajo hatten die Wissenschaften unter den Abasfiden, Fatimiden, wie unter den maurischen Chalifen in Spanien, nicht bloß eine Zufluchtstatte', sondern die günstigste Aufnahme gefunden, welche ihnen den Brand der alexandrinischen Bibliothek möglichst ersetzte. — Besonders aber geschah vieles durch sie für die Erdkunde. Schon unter Al-Mamum dem Abasfiden und dem Sohne des in Asien so hochberühmten Harum Al-Ra- schid's, welcher 814 das weite Reich der Araber beherrschte, wurde in einer großen Ebene von Mesopotamien, zwischen den Städten Palmyra und Nacka ein Grad der Erde gemessen, und gleichzeitig ließ der Chalif ausführliche Beschreibungen der ihm unterworfenen Provinzen verfertigen. Ferner besitzen wir aus dieser Zeit auch von dem Araber Wahab eine interessante Reisebcschreibung in die östlicheren Lander Asiens, die sich tief nach Sina erstreckte, und welche ein halbes Jahrhundert nachher ein anderer gelehrter Araber Abu-Zaid al Hasan commentirte und erweiterte. — Fast in der nämlichen Zeit mit dem letztem, nämlich im Anfänge des loten Jahrhunderts führte Ebn-Haukal über die Länder des Chalifats ein großes geographisches Werk aus, zu dem er die, in den Bibliotheken gesammelten Landesbeschreibungen benutzte, welche entweder auf Befehl der Cha- lifen verfaßt, oder die von neugierigen Reisenden entworfen, oder von anderen in ihre Tagebücher ausgenommen worden, die ihre Handelsreisen zugleich zur Belehrung der Araber über die Erdkunde benutzten. — Einen gleichen Ursprung hatte Massudis allgemeine Geschichte der bekannten Reiche, die ausführliche geographische und selbst manche schätzbare statistische Notizen enthält. — Aber bekannter ist des, aus Ceuta gebürtigen und an dem Hofe Rogers I. von Sicilien, sich um die Mitte des i2ten Jahrhunderts lange aufgehaltenen Scherifen al Edrisi ausführliches Werk unter dein Titel: Geographische Gemüthsergötzungen, geworden, die er theils aus seinen eigenen vielen Wahrnehmungen auf den eingestellten weiten Steifen, theils aus Zl mündlichen Erzählungen, theils aus den Landerbeschrei- bungen, die er bereits vorfand, zusammengesetzt und vollendet hat. — Ein Ungenannter lieferte daraus einen Auszug, welchen er den nubischen Geographen nannte, und der sehr verbreitet wurde. Allein sowohl diese Arbeiten, als auch jene des Abulfeda Fürsten von Hannah in Sori- stan und des Ebn al Ward! ausführliche Nachrichten über die Merkwürdigkeiten der Erde, die über Afrika, Arabien und Egypten zur Aufklärung der Geographie des Mittelalters höchst schätzbar sind, dann die Reise des Persers Nas- fir Eddin (1260) und das große geographische Werk des Bakui, der im Anfänge des igten Jahrhunderts lebte, und endlich die sogenannte Wunderperle des Jbn al Uardi'S, der schon vom 12. Jahrhundert einer gegen den Westen von Portugal hin gerichteten arabischen Entdeckungsreise gedenkt, enthalten nur zum kleinsten Theil auch Beyträge zur Statistik. — Dem neuern Begriffe dieser letztem Wissenschaft nähert sich nur ein Werk aus dem Mittelalter, das ein Araber schrieb, nämlich die z Bücher des Abul Fayal, der bey Akbar dem Großen, Beherrscher von Persien in der zwey- ten Hälfte des i6ten Jahrhunderts Vezir war, und vorzüglich im Zten Theil die politischen Einrichtungen Akbars umfassend beschrieb. Doch bey allem dem, was die Araber für die Erdkunde geleistet, blieb sie sehr unvollkommen. — Es fehlte noch zu sehr an den Beförderungsmitteln unserer Wissen^ schast, und nicht weniger an der Ausbildung ihrer Hilfs- kenntnissc. Zugleich mußte sie auch einer Menge neuer Entdeckungen entbehren, die erst in späteren Zeiten aufkeimten. Und ohne diese Hilfsmittel — ohne daß erst die Naturkunde zur rationellen Wissenschaft erhoben war, und der menschliche Geist sich in allen Lheilen seines Er- kcnntnißkrcises mehr der Wahrheit näherte, konnte auch keine systematischeMisscnschaft der Erde ausgebildet werden, welche gleichsam das Weltall umfassen, und mit dem gesammtcn Umfange von Gegenständen der nützlichsten Lhätigkeit, die gründlichere Lehre von dem wichtigsten menschlichen Institute nicht bloß in ihrem Inhalte historisch aufnehmen,. sondern seine ganze Werkthätigkeit aufhcllen sollte. Indessen hat es auch wenig Interesse für uns, die Unwissenheit- in der Erdkunde und das allmählige Wiedcrauf- blühen dieser Grundlage unserer Wissenschaft in den finstern Zeiten des Mittelalters zu betrachten. — Der Aberglaube hatte sich auch in solche eingcmengt, und die Unbekannt- schast mit fremden Ländern brachte die widersinnigsten geographischen Mährchen hervor. — Sie verschwanden nach und nach, wie sich die Handlung und Schifffahrt immer mehr erweiterte, und auch die Ausbreitung der christlichen Religion trug nicht wenig zur richtigeren Länderkunde Key. — Denn wie die erstem das Band der Gemeinschaft zwischen den Völkern wieder enger knüpften; so waren die 33 Glaubensbothett der letzteren es zunächst, welche das nördliche und innere Europa näher kennen lernten und ihre Kenntnisse andern mittheilten. —> Schon Cassiodorus fand es im 6ten Jahrhundert bereits für Mönche nothwendig, daß sie Geographie studierten; und seitdem sich dieselben auf die Geschichtschreibung vorzüglich verlegten und die Annalisten ihres Zeitalters wurden, suchten sie auch in dieser Beziehung durch Reisen ihre Landerkenntniß zu erweitern. Die drey silbernen geographischen Tafeln, welche Carl der Große besaß, und die Lothar zerstückle, um sein Kriegsherr zu bezahlen, waren von einem englischen Mönch Namens Eginhard verfertigt, und begriffen eine Abbildung der damals bekannten Welt und eine Darstellung der Städte Rom und Constantinopel. Eine andere Weltkarte soll schon früher das Kloster St. Gallen in der Schweitz seit dem 7 ten Jahrhundert von seinem Stifter Gallus besessen haben; aber eine dritte, noch in der Türmer Bibliothek befindliche Weltkarte aus demselben Zeitalter, laßt aus den Werth der Verlornen schliessen, und beweiset hinlänglich die geographische Unwissenheit in dieser Epoche....... Doch auch mitten in diesem, den Wissenschaften im westlichen und nord-westlichen Europa so wenig fruchtbaren Zeitalter, sind bey mannigfaltigen Bestrebungen einzelneLichtschimmer bemerkenswerth, welche in den Bewegungen der Normannen, und zugleich in dem Einflüsse des stärker gewordenen Handelsverkehrs der Völker des Morgen- und Abendlandes 3 34 ihren Grund hatten. — Für beyde Zwecke, der Handlung ! und der Ausbreitung ihrer Herrschaft, befuhren die Nor- ^ männer schon seit dem 8ten Jahrhundert nicht bloß die Ost- ! und Nordsee', sondern sie wagten sich astch in das nördliche ^ Eismeer, umschifften das Nordcap und beendigten einerseits erst im weißen Meere ihre Seefahrten; andererseits besuchten sie regelmassig die Shetlandinseln und Island, , wo sie Colonien anlegten, und entdeckten von da aus bereits im Jahre 982 Grönland und wahrscheinlich auch in einem durch gute Witterung begünstigten Jahre, unter Björn's Anführung (1001) Winnland, das nach seiner viel späteren zweyten Entdeckung den Namen Amerika erhielt. Von ihren, durch einige Zeit nachher wieder unterbrochenen Seefahrten, würden wir vielleicht nicht nähere Kunde erhalten haben, wenn nicht Alfred, der große Wohl- thäter und Gesetzgeber seiner Nation (der Sassen England's) ihr Zeitgenosse gewesen wäre. Alfred regierte die letzten zc» Jahre des yten Jahrhunderts die Sachsen in England. Er hatte eine Bildung, die ihn weit über sein rohes Zeitalter erhob, und liebte und cultivirte nützliche Kenntnisse auf eine Weise, die ihn auch in die Reihe der Könige der Gei. ster in dem Gebiete der Wissenschaften erhebt. — Durch ihn erhielt des Drosius, im Anfänge des gten Jahrhunderts geschriebene Vertheidigung des Christenthums einen Ruhm, auf den sie nie hätte Ansprüche machen können, und die wahrscheinlich ohne Alfreds Bearbeitung in der Sprache 35 seines Landes langst vergessen Ware. Denn durch die Zusätze, die sie von ihm bekam, und welche das Dunkel auf. hellte, das den Zustand der slavischen und skandinavischen Länder umhüllte , und selbst die Kunde des entfernten In«i diens aus guten Quellen bereicherte, ist sie auch in unseren Zeiten noch für die älteste slavische Geographie klassisch. — Ausser diesem Werke bearbeitete auch Alfred das für die Kenntniß des Nordens so wichtige Reisejournal der Nor- manner Other und Wolfstan, wovon uns Reinhold Förster erst vor einigen 20 Jahren eine deutsche Uebersctzung geliefert hat. — Es ist nicht bekannt, ob er sich durch diese Arbeiten zu einer Beschreibung seines eigenen Staatsgebietes vorbereitete, oder ob diese jenen vorangegangen; in jedem Falle aber, übertraf er damit seine französischen und deutschen Vorgänger, und gab ein Vorbild, das sowohl irr England von Wilhelm dem Eroberer roZo und dem zweien Eduard, als auch in Dännemark von Waldemar II. i2Zl und in der Mark Brandenburg von Kaiser Karl IV. aus dem Luxemburgischen Hause, mit Nutzen nachgeahmt worden. Doch verflossen noch einige Jahrhunderte bis unter den Europäern die geographische Unbekanntschaft mit ihrem eigenen Erdtheile auch nur größerentheils aufhörte, und Asien war selbst in seinem Inneren weit mehr bekannt, wozu die Kreuzzüge und, als solche stockten, die furchtbaren Siege und Zerstörungen der Mongolen, die Gelegenheit 3 ^ verschafften. — Durch jene wurde Venedigs, Genua's und Moren; Seemacht und Handlung an Mens Küstenländer gebracht; Genueser und Venetianer'eröffneten sich e ncn andern Handelsweg zu den indischen Schätzen, und organi- sirten einen Karavanenhandel nach Sina und Hindostan, der durch 2 Jahrhunderte blühte, bis sie durchs die Ajubi- ten und Mameluken verhindert wurden, über das arabische Meer nach Indien zu kommen. — Den mongolischen Sturm, der seine Richtung nach Europa nahm, suchte der Pabst durch Glaubensprediger, verschiedene europäische Regenten aber, durch Gesandte abzuwenden, mittelst welchen sie politische Verbindungen anzuknüpfen versuchten. Durch beyde wurden die Europäer mit Asien fast bekannter, als mit ihrem eigenen Erdtheil, und die Reisen des Wrabanter Mönch's Ruisboek vom I. 125z und des Marco Paolo von 271 bis 95 geben Beweise, wie weit man schon im rften Jahrhundert in der Kunde von Asien vorgeschritten war; aber noch unendlich vieles blieb übrig, um der Geographie wissenschaftliche Vollendung zu geben, weit mehr aber, um noch eine andere Wissenschaft von ihr zu trennen, oder sie in zwey besondere zu thcilen. — Alles, was wir aus dieser Zeit besitzen, trägt noch die Kennzeichen der auffallendsten Beschränktheit in Erfahrung und Ansichten an sich. Die geographischen Karten, welche zudieser Zeitentworfen wurden, sind voll von groben Jrrthümern und oft mit 37 dm lächerlichsten Borstellungen von besonderen Ortsverhält- nissen angefüllt. Ein Beyspiel hat man in der 'bekannten Karte des Andreas Bianchi von 1436 durch die geographischen Ephemeriden zum zweyten Male mitgetheilt erhalten^ einer Karte, die derselben nach den Angaben der beydenZeni^ die weit gereist seyn wollen, entworfen hatte. — Aber es- giebt auch -tenvolle Ausnahmen bereits in diesem Zeitalter, sowohl in Beziehung auf Landerbeschreibungen, als in Hinsicht ihrer bildlichen Darstellungen. — Die Oria iinpsrsliL des Lsrvssii lilberionsis, eines Engländers, der sich am HofeKaisersLttolV., zu Anfang des z. Jahrhunderts aufhielt, begreiffen viele interessante historische und naturwissenschaftliche Notizen, die ihrem geographischen Inhalte beygefügt sind. — Roger Bakon, der zu seiner Zeit mit so vielem Rechte genannte vocror sclniirsbllis, hat seinem großen Werke auch eine Beschreibung der bekannten Erde eingeschaltet, welche sehr richtig begründete Bermuthungem über ein, zur Zeit noch unbekannt gewesenes großes festes Land enthält, welches er aus der Stellung der Erde gegen die Sonne, und der Beybehaltung ihres Gleichgewichts m ihrem Umlaufe höchst sinnreich folgerte. >— Marin Sanuto entwarf bereits im Jahre 1321 mit mehr als gemeinen Länderkenntnissen einen Plan zu einem neuen Kreuzzuge, um den egyptischen Sultanen den indischen Handelsweg zu entreißen, — und vermißt man auch an der zur Erläuterung dieses Werkes bestimmten Karte allen geogra- 38 pH,'scheu Werth, so entspricht sie doch in so weit ihrem Zwecke, inn die dem Plane zum Grunde liegenden Ideen zu versinnlichen. — Paul Toskanelli hatte lange vor Diaz den Weg um Afrika nach Ostindien vorgeschlagen und auf die Handelsvortheile hieraus aufmerksam gemacht, und der Portugiese Diego Cam war bereits 1484 bis Congo an die Südwestafrikanische Küste gekommen, wohin ihn der.Nürnberger Martin Behaim begleitet hatte, von welchem man in seiner Vaterstadt noch eine, durch ihn verfertigte kugelförmige Erdabbildung vorzeigt. Aber die wichtigsten auf unsere Wissenschaft Bezug habenden Werke, sind aus diesem Zeitpunkte nur, die schon erwähnten Specialbeschreibungen einzelner Lander und Reiche, die nach der älteren Form der Lager- und Grundbücher von einigen cinsichtsvol- lenRegenten zu verfassen angeordnet und ausgeführt worden. Die übrigen Hilfsmittel, die durch mannigfache Bemühungen aufmerksamer Reisenden insbesondere der Geographie zu ihrer Vervollkommnung zugeflossen, übergehe ich und beschränke mich auf den Fortgang und die endliche Ausbildung unserer Wissenschaft im engeren Kreise, wie sie eigentlich von dem erst erwähnten Zeitpunkte an wieder erstanden ist, also lange vor jenem, welchen man gewöhnlich zu ihren: eigentlichen Anfänge bestimmt. Man mag den Begriff der Statistik nun im griechischen Sinne als historische Wissenschaft auffassen, oder als empirisch-rationelle Doctrin erklären, so nehmen wir ihre ersten Spuren seit dem Wiederausblühen der Wissenschaften bereits zwischen dem i 2 ten und igten Jahrhundert wahr, wovon nebst den zunächst gegebenen Beyspielen, die schon seit dem 6ten Jahrhundert angefangencn Berichte der christlichen Missionarien an ihre Oberen auffallende Belege sind. — Der große Weltzusammenhang, der aus den erzählten Begebenheiten seinen Ursprung nahm, und vorzüglich durch Schifffahrt und Handel erhalten und genährt wurde, machte bald eine Wissenschaft zum Bedürfnisse, welche nicht nur die natürliche Folge jener ausgebreiteten Erfahrung und vernünftiger Ueberlegungen über nähere und fernere Interessen war, sondern auch zugleich sich als das nothwendige Mittel zu ihrer Zielerreichung bewies. Die Staatsverwaltungen bedurften anderer Einrichtungen, die mit einem größeren Aufwande von Geldmitteln und physisch- und intellectueller Kraft verbunden waren, und wie konnten diese ohnc Kcnntniß des vorhandenen Vorraths von beydcn zur Nutzanwendung gebracht werden! —- Der Handel, der die meisten dieser Mittel herbeyzuschaffen oder zu vermehren allein im Stande war, setzte zu seinem glücklichen Erfolg die genaueste Kcnntniß alles Eigenthüm- lichen voraus, was Natur, Kunst und Fleiß der Menschen in den entlegensten Ländern und Küsten hervorgebracht hatte, und zugleich aller der Mittel, wodurch sie zum Gemeingut der gesammten Menschheit werden können. — Am meisten durch letztere wurde die Welt mit einem gemein- schaftlichen Bande zur Grünbung einer Erd- Menschen- und Staatcnkunde umschlungen, wie sie bis dahin noch keinem Zeitalter möglich gewesen war. — Vieles hat auch ausser den Heereszügen, Missionen und Gesandtschaften, der in der Mitte des Mittelalters sich erhobene Geist des Rirterwesens, wenigstens in Europa, beygctrageu. Denn die Formen des Ritterwesens, seine Ausbreitung, dasUm- herzachen seiner Glieder im größten Theile von Europa, theils festlicher Anstalten, theils des ernstlichen Kampfes wegen, bewirkten in der Politik, in den Regierungsformcn, wie in der Länderkunde, gleich große Veränderungen. — Männer von Genie, und Männer, die sich einbildctc>t es zu seyn, begaben sich an die Höfe der Fürsten und in die Pallaste des Adels, von einer Gegend und von einem Lande zum andern; dies machte die Kenntnisse allgemeiner, die vormals nur wenige besaßen. Aber noch weiter mußte sich der Crkenntnißkreis erstrecken, sobald der Handclsumfang erweitert wurde. Zn dieser Beziehung müssen wir die Handclsbemühungcn der italienischen Städte, wie andererseits das Institut derHansa als das wichtigste Vehikel für die Menschheit im Mittelalter, zur Bildung der Menge und zur Vergrößerung der Masse von Begriffen ansehen, durch welche unsere Wissenschaft eine sehr große Bereicherung erhielt. — Ihre Organisation erhielt die Hansa zwischen den Jahren 1364 bis 1Z70, aber ihre erste Entstehung kann man von dem Bündnisse an nehmen, welches die Städte Hamburg und Lübeck im-Iahrc 1241 geschlossen, wo sich freylich weder der Umfang noch die unermeßlichen Folgen voraus sehen ließen, die dieses immer wachsende Bündniß in der Folge haben würde. Mit Recht hat man die Bildung des sogenannten dritten Standes, als das wesentlichste Ereignis; in der Geschichte des Mittelalters herausgehoben, denn es stellt sich einer aufmerksamen Beobachtung der Begebenheiten auffallend dar, daß sowohl die höhere Kultur als die entschiedene Ueberlegenhcit unseres Erdtheils eine Frucht desselben ist. Durch ihn wurden in Europa die Productionen der Kunst, die Ausbildung der technischen Fähigkeiten begünstiget und unser Erdtheil mit seinen vielen Binnenwässern und Communikationswegen einer ungeheuren Stadt ähnlich gemacht, deren Lhcile aus der gleichen Ursache ihres Zusammenund Nebeneinanderseyns für einen gemeinschaftlichen Zweck dauerhaftere Regierungsformen erhielten und erhalten mußten.-Selbst die großen Erschütterungen, welche Europa durch die oft entgegengesetzten Wechselwirkungen einander widerstrebender Kräfte erlitt, konnten nicht mehr die Folgen Hervorbringen, die ähnliche Ereignisse in den übrigen Erdtheilen bewirken, wo kein überall eingrciffender Mittelstand vorhanden ist, dem an der Erhaltung des großen Mechanismus der geselligen Ordnung alles liegt. — In Italien war es zuerst, wo er sich ausgcbildet, >— das dafür längst empfängliche Deutschland ahmte hierin Italien leicht nach, und am mächtigsten erhob er sich unter den Hohenstauffen in dem nordwestlichen Theile desselben. — Der Handel war hier, wie in Italien, seine Hauptbeschäftigung, die Quelle seines Reichthums und seiner bald erfolgten Macht, als sich die Städte in entfernten Gegenden zum gemeinen Schutz und Interesse unter dem Namen der Hansa verbanden. Durch kluge Unterhandlungen und Geschenke erwarb sich dieser Städtebund in England, Dänemark, Schweden und Rußland größere Rechte und Handclsbefugnisse, als die eigenen Unter- thanen dieser Staaten genossen, und die ungeheuere Aus-- dehnung seines Verkehrs trug sicher das Meiste bey, die ^ Bekanntschaft des weiten Raums seines Wirkungskreises > näher zu begründen. — Seine vier großen Handelslogcn > zu Nowogoröd in Rußland, zu Bergen in Norwegen, zu Brügge in Flandern und zu London, waren nicht bloß die Hauptniederlagen des großen Zwischenhandels der Hansa, sondern auch die Depositorien,' wohin alle nothwendigen Länderkenntnisse für den Gemeinzweck des Bundes eingesammelt wurden. — Nichts entgieng den Wahrnehmungen und dem Scharfblick dieses Bundes, was immer in den Umfangskreis der Geographie und Statistik gehörte, wodurch er aber -auch allein die großen Veränderungen bewirken konnte, die er überall hervorgebracht hat, wohin sich seine Lhätigkeit erstreckte. — Wohlthätig wirkte durch sie dieser Bund, um jede nützliche, den Lokalvcrhältnisscn 43 entsprechende Erzeugung aufzumuntern, jede Fertigkeit zu entwickeln und jedes Talent in Anwendung zu br'ngen. -- Er legte überall, wo es möglich war, schöne Wasserstraßen und Kanäle an, theils um dem Mangel an Landstraßen ab- zuhelfcn, theils um Zöllen und Raubereycn auszuweichen, und den Waarentransport zu sichern und zu erleichtern. — Diktatorisch lenkte er zwar den ganzen Handel der Nord- und Ostsee, aber er befreyte auch den Völkervcrkehr von den Hindernissen, die ihn gehemmt hatten, — er reinigte die Ostsee von den berüchtigten Victualicn-Brüdern, hemmte den schädlichen Einfluß des Strand- und Grundruhrrechtes — verschaffte vielen Ländern eine gesetzmässige Verfassung und durch seinen fast dritthalbhundertjährigen, bald geheimen, bald öffentlichen, — bald directcn, bald indirekten, —- bald merkantilischen, bald politischen und scientifischen Einfluß, blühte das neuere Staatensystem in Europa, unter der Gestalt des Gleichgewichts glücklich geschiedener und glücklich vereinigter Verfassungen empor. Seit diesem Zeitpunkte liegt die praktische Anwendung unserer Wissenschaft deutlich vor Augen. <— Sie wurde noch nicht unter ein Ganzes gefaßt, — und kein Prinzip begründete noch eine wissenschaftliche Form derselben, aber ihr Bedürfnis wurde klar gefühlt, ihre Idee war bereits im Ganzen vorhanden, und von nun an wurde thätig an dem Bau derselben gearbeitet, und so erreichte sie bald am schwesterlichen Arme ihrer gleichzeitig emporgewachfenen Hilfswissenschaften, die Selbstständigkeit, in der wir sie jetzt erblicken — und deren letzte Bildungsstuffen in das nächst verflossene Jahrhundert und in unser eigenes Zeitalter reichen. Das wichtigste Beförderungsmittel für alle menschlichen Kenntnisse und insbesondere auch für die Erd - und Staatenkunde wurde die Entdeckung der Buchdruckerkunst am Ende des Mittelalters, welches die leichte Mittheilung und die noch bequemere Ucbernahme aller neueren und alteren Erfahrungen und Erfindungen in allen Zweigen der menschlichen Erkenntnisse, und die Möglichkeit bewirkte, solche den vielseitigsten Ansichten zu unterziehen. Mit dieser überaus wichtigen Erfindung trafen zum Vorthcile unserer Wissenschaft fast in einem Zeitpunkte die mannigfaltigsten Umänderungen der öffentlichen Angelegenheiten in Italien und Spanien, in Frankreich und England und so der Reihe nach in den übrigen Staaten zusammen, und die Begebenheiten der Zeit zogen unwillkührlich zu Betrachtungen über die Beschaffenheit der Länder, über Verfassungen, öffentliche Anstalten und Gesetze, über das Wohl und die Macht der Staaten, über die Mittel der Erhaltung ihrer Unabhängigkeit, über die Form ihrer Regierungen und ähnliche Gegenstände hin, welche die Welt- und Staatcn- kunde beschäftigen. Durch diese Reihe von Begebenheiten und günstiger Ereignisse, war nicht nur diese Wissenschaft, die schon den Geist früherer Zeiten beschäftiget hatte, nach 45 und nach zum neuen Leben erstanden, sondern auch die Ausbildung ihrer Hilfswissenschaften trug zur Vervollkommnung unserer Wissenschaft bey. Dem Beyspiele Roms, das sich schon lange von seinen, in alle Erdtheile und Lander ausgesandten Religions- lchrern, über Staaten- und Wölkerverhältnisse, wie über den Zustand der Religion von Zeit zu Zeit Berichte erstatten ließ, waren seit dem i6ten Jahrhunderte auch die Venetia- ner gefolgt, aber sie gaben den jährlichen Berichten ihrer Gesandten eine Nutzanwendung, die wesentlich beygetragen hat, Venedig zu einem, damals vorherrschenden Staate zu erheben, statt daß von den Berichten der römischen Mis- sionaricn nur selten ein dem Staate oder der Wissenschaft vortheilhafter Gebrauch gemacht wurde, wie etwa Ausnahmsweise von den Berichten des Bonifacius über Deutschlands Rheinländer, von den Berichten des anonymen Mönch's von Montfaucon über Ungarn und einige an- gränzende slavische Länder; von Diethmars von Merseburg Berichten über Ungarn, Pohlen und Böhmen, und des Wremer Domherrns Adam Berichten über Dänemark u. s. w. geschah. — Den ersten öffentlichen Gebrauch von den venetiani- schen Gesandtschaftsberichten, wodurch die Wissenschaft selbst bereichert wurde, machte Sansovino. Sein Werk über die Verfassungen und Administrationszweige in den verschiedenen älteren und neueren europäischen Staaten, welches in 22 Bücher getheilt zu Venedig 1567 erschien, und noch vier Mal wiederholt gedruckt daselbst heraus gegeben wurde, eröffnet? die Bahn, auf welcher nun die Wissenschaft fortschrciten konnte. — Dieses Werk konnte auch, um so erfolgreicher für solche seyn, da bereits ihre Grundlage, die Geographie, von den meisten ihrer Fabeln gereinigt in besserem Zustande als früher, da stand. Denn bald nach dem ersten Versuche, welchen Niclas Hahn (N. 6ornisnus) mit der verbesserten Bekanntmachung des Werkes von Ptolomäus und der Karten des Agathodemons 1482 machte, lieferte Peter Appian oder Bienewitz 1512 eine Nomenclatur von Landschaften und Oertern, und der verdiente Orientalist Sebastian Münster machte die Geographie reicher in Materie und richtiger in Form. — Als Stöflers Schüler verband er mit ihr mathematische Kenntnisse, durch deren Hilfe er die Ptolomäischen Karten häufig und glücklich verbesserte. Als umfassender Gelehrter nahm er Strabo zu seinem Muster, dem er die Begleitung der Nomenclatur mit historischen und politischen Notizen nachahmte. Durch ihn entstand das erste geographische System in deutscher Sprache und wenigstens von Deutschland, worauf es, ungeachtet des Titels einer Geographie, beschrankt ^ blieb. Der noch spatere Gerhard Mercator stellte förmliche ^ historische Forschungen für seine geographischen Arbeiten an. ! Man verdankte ihm die selbst gestochenen Globen und Landkarten, aus welchen sein geographischer Atlas erwachsen ist, H,er noch jetzt als ein früher Kunstversuch geschätzt wird, und er verschaffte der alteren und mittleren Geographie, durch genauere Bestimmungen der Lage und Beschaffenheit der Länder, eine bessere Gestalt, und dem Werke des Pto- lomäus so viele Verbesserungen, daß Mercator weit eher den Namen des deutschen Ptolomäus verdient hatte, als Lrtellius, den der zweyte Philipp für sein geographisches Theater zu seinem Geographen ernannte. — Doch auch dieser berichtigte manches in der Geographie durch Reisen, und war durch sein geographisches Wörterbuch, in das er alles, was er in alten und neuen Schriftstellern über eine- geographische Benennung finden konnte, zusammentrug, für seine Zeiten nicht ohne Verdienst. ' Mit diesen waren nun die Arbeiten des Sansovino zusammen getroffen, welche in Auszügen bestanden, die er aus den bemerkten Gesandtschaftsberichten gemacht, welche in dem venetianischen Staatsarchive hinterlegt waren. — Ihnen folgten schnell, nämlich bereits im Jahre 1595, Boteros allgemeine Staatsberichte, und eine Menge geographischer, topographischer und chorographischer Beschreibungen einzelner Staaten, Landschaften, Districte, Städte und selbst geringerer Drte, die unmöglich in einem blossen Umrisse der Geschichte der Wissenschaft auch nur nahm- haft gemacht werden könnten. Mächtig wirkte dabey zur Vermehrung geographischer Materialien, der ausgedehnte Handelsverkehr von Genua 48 und Venedig, welche Republiken bereits nach dem Morgenlande zweyHandclSwege im Besitz hatten; so wie die Fluche der griechischen Gelehrten und anderer gebildeter Männer, die nach der Einnahme Constantinopels im Süd-Westen von Europa einen sicheren Aufenthalt suchten, und ihre Kenntnisse auf diesen neuen Boden verpflanzten, ferner aber der eifrige Betrieb des Gcschichtstudiums, dem sich die Italiener ergaben und das fortdauernde Bestreben, wenigstens eine Überlegenheit in Geistessachcn zu behaupten, nachdem auch ihre politische Rolle schon ausgespielt war. Zur Erweiterung der Erd- und Staatenkunde wurde diese Wissenschaft noch populärer und fruchtbarer durch ihre gleich anfängliche Behandlung in der Muttersprache des- Volkes, das sich ihre Cultur angelegen seyn ließ. Denn eine todte Sprache entzieht allezeit der Wissenschaft die möglichst größte Antheilnahme, beengt den menschlichen Geist in ihrer Behandlung und verhindert jede Erweiterung der Erkenntnisse, wofür die Sprache keine Begriffsbezeichnung hat. — Italien blieb auch dadurch ein Vorzug, daß die besten Schriften seiner Staatsmänner und Gelehrten im Auslande nur in lateinischen Uebersetzungen gelesen wurden. So ist selbst der lAsssiirnz pollriLus', welchen Kaspar Ens von i6vy bis 1611 zu Cöln heraus gab, eine bloße Ucbersez- zung von 72 italienischen Abhandlungen, wovon die meisten mittelbar oder umnittelbar aus den vcnetianischen Archiven 49 v kamen, und wodurch, ob schon Anfangs nur bey Wenigen, auch in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland das Genie für eine Wissenschaft erweckt wurde, welche mehr als jede andere zur Erleichterung und Verschönerung des Lebens, zur Befriedigung seiner Bedürfnisse und zur Vermehrung seiner Bequemlichkeiten, durch ihren Einfluß auf die Zweckmassigkeit der Staatsorganisationen hinzuwirken geeignet war. Selbst die Dichtkunst mußte zur Vervollkommnung unserer Wissenschaft beytragen, die schon 1470 von Birlinghieri (wie einst von Dionysios) in sechs Büchern besungen wurde. Diese Dichtung erschien nur wenige Jahre früher, als der Genueser Colombo die wichtige Entdeckung eines vierten Erdtheils zum Vortheile Spaniens machte; um dieser großen Bereicherung der Erdkunde in seinen! (^dichte noch erwähnen zu können. Colombos Entdeckung geschah 1492, nachdem die Portugiesen unter Diaz bereits 148Ü daS südafrikanische Vorgebirge umschifft und damit einen neuen Weg nach Ostindien aufgefunden hatten. Colombo glaubte anfangs ebenfalls die Ostseite Asiens entdeckt zu haben, bis erst 151Z Balboa nach seinem Vordringen über die Landenge von Panama bis an das große Weltmeer, die Ueberzeugung verschaffte, daß die neue Entdeckung einen bisher völlig unbekannten vierten Erdtheil zum Gegenstände gehabt, und Men bey weitem nicht von so großer Ausdehnung sey, als Colombo vermeint halte, der in dieser Voraussetzung seiner Ent- 4 1 5 » deckung den Namen Westindien gab. Die ungemein große Breitenausdehnung Amerikas gab dann auch zu einer zweyten, nicht minder irrigen Aermuthung Anlaß, daß dieser Erdtheil bis an beide Pole reiche, und selbst nach Ma« gellans Entdeckung (1520) der nach ihm benannten Durchfahrt zwischen der Südspitze von Amerika und dem Feuerlande, hielt man noch, bis nach des Franzosen le Maire Rückkunft (1615) das letztere für einen Lheil des von Pto- lomäus angedeuteten großen Südlandes. — Auf Canos erste Erdumschiffung 1520, folgten spater die von Drücke (von 1577— 158») von Dlivier van Noort (von 1598 — 1601), und andere mehr, welche die Erdkunde bereicherten; aber auch die Entdeckungen der Russen im nördlichen Asien, die schon seit 1499 ihren Anfang genommen, und bis zur vollständigen Eroberung Siberiens (1578) und lange nachher noch thatig fortgesetzt worden, dann Gama's Untersuchungen - von Afrika's Ostküsie, die holländische erste Entdeckung Neuhölland's, hatten einen für die Wissenschaft nicht minder fruchtbaren Erfolg. — Die wichtigsten Hilfsmittel zu diesen ausgebreiteten Erforschungen des Erdballs, verschaff-, te die bereits sehr erweiterte Ausbildung der Astronomie und der schon seit 1502 verbesserte Kompaß. Der berühmte Königsberger Astronom Copernicus (ff 154z) erleichterte auch die Mittel, genauere Langen- und Breitenbestimmun- gcn zu machen, nachdem er die ältesten Ansichten vom Welt- und Sonnensystem wieder hergestellt, gründlich be- 5i wiesen und die deS Ptolomäus ganz verdrängt hatte. Und durch alle diese Mittel, die Erdkunde zu erheben, gewann auch die Staatenkunde an Umfang und Gründlichkeit. Zuerst waren cs Franzosen, welche die Bemühungen der Italiener fortsetztcn, nach deren Vorarbeiten der menschliche Geist bereits mit größerem Glücke nach einer systematischen Kenntniß der Staaten und der darauf gegründeten richtigen Bemerkungen über die Gegenstände der verschiedenen Verwaltungszweige, streben konnte. Durch sie war auch 1550, die erste französische Gradmessung (zwischen Amiens und Paris von Ferrel) geschehen. Erst 1617 folgte ihr die von Sncll in den Niederlanden; 1635 die von Norwod in England; 1645 die von Riccioli in Italien unternommene und r66y und 1670 die Gradmessung Piccard's und Cassini's abermals in Frankreich. — Gleichzeitig begleiteten die-.Untersuchungen, 'welche man durch diese und ähnliche spätere Messungen zur Erforschung der Größe der Erde anstellte, auch viele andere, wodurch man ihre Gestalt und Bewegung zu erheben suchte, nämlich die, mittelst der Pendelschwingungen in einer gegebenen Zeic, und im Vergleich mir ihrer Lage auf verschiedenen Punkten der Erde, wozu schon 1618 Keppler die Aufmerk, samkcit rege gemacht, und Newton mit seiner Theorie vom Umschwünge der Erde und ihren nothwendigen Resultaten, der endlichen Entscheidung durch mühsame Messungen vorgearbeitet hatte, deren Bestätigung dann durch 4 * Csndamine'S und Maupertuis Erfahrungen am Pol un'o unter dem Aequator 17ZZ erfolgte. — Ein großes'Hilfsmittel erhielt die Seeschifffahrt und damit die Erdkunde durch die Erleichterung und Erweiterung astronomischer Beobachtungen. Cassini's Entdeckung der Jupiterstrabanten erleichterte und vermehrte die so wichtigen Langenbestimmun- gcn, aber schon der zweyte Philipp von Spanien hatte für die Erfindung einer allezeit sicheren Bestimmung der Meereslange igy8, sowie das englische Parlament ansehnliche Preise ausgese-tzt, wodurch die Bemühungen diese Aufgabe zu lösen, auf verschiedenen Wegen angefacht, aber weder durch die Mechanik, oder durch die Herstellung eines unveränderlichen Uhrenganges, (Zeitmessers von Har- rison und anderen in England, und Berthoud und le Roi in Frankreich) noch durch Hilfe der Astronomie (genaue Mondtafeln von Mayer und später von Bürg) ganz befriedigend gelöst worden sind; dennoch haben die theilweisen ansehnlichen Belohnungen, welche diese Bestrebungen erhielten, die nützlichen Versuche begünstiget und die Sache selbst ihrem Ziele näher geführt. Das von dem vierten französischen Heinrich und seinem weisen Minister Sully 1609 errichtete Staatskabinct war eine öffentliche Anerkennung des Werths der Statistik zur besten Staatsregierung, allein Heinrich's, bald nachher erfolgter gewaltsamer Tod, unterbrach die gänzliche Ausführung dieser nützlichen Anstalt, die jedoch späterhin der Keim einer ähnlichen nützlichen Einrichtung (des vöxüt cls I» gusrrs) wurde, und dessen Stifter, dem ungestümen Louvois 1633 zum Vorbilde gedient hatte. — Früher jedoch sind die Sammlungen jenes Staatscabinets sehr wahrscheinlich schon von dem ersten Franzosen benutzt worden, welcher einen bemerkenswertsten Beytrag für die Staatskunde lieferte. Es war Peter d'Avyty, ein französischer Edelmann und Kämmerling des Körrigs, der zu St. Omer in zwey Quartbanden eine ziemlich weitläuftige Beschreibung der damals bekannten Staaten von 1622 — 1625 drucken liest, die spater von Matthäus Merian in deutscher, und von Ranchin und Rocoles (tügg und 1660) in französischer Sprache in erweitertem Umfange fortgesetzt wurden. — Gleichzeitig hatte de Lait die sogenannten Z2 elzevirischen Republiken ausgearbeitet, die bis 1631 von verschiedenen Verfassern fortgesetzt wurden, und schon zu ihrer Zeit einen sehr ungleichen Werth hatten. Doch beförderte erst deutscher Fleiß und reifere Kennt- niß die Statistik zur eigenen Wissenschaft, und ihre Aere beginnt mit dem Helmstädter Professor Hermann Coming, insofern wir sie nämlich als einen nun völlig von anderen, ihr verwandten Kenntnissen getrennten Zweig betrachten.— Schon bey Sekendorf, den Oldenburger, Comings Nachfolger, einen otzrLAlum ststistsrn nennt, nimmt man die ersten Regungen für die Gestaltung dieser Wissenschaft wahr, aber erst das, über sein Zeitalter weit empor ra- gende Genie Comings wußte ihren Werth gehörig zu würdigen, ihr Plan und Ordnung zu geben und sie unter has leitende Princip des Staatszwcckes zu stellen, und er irrt» vielleicht nur darin, daß er diesen mit Aristoteles in Selbst- ständigkeit suchte. — Coming war-es, der zuerst Vorle- . j fungcn über die Kcnntniß gegebener Staaten 1660 auf das akademische Katheder zu Helmstadt brachte und die ^ Statistik als Lehre ausbildcte. — Diesem Bcyspiel folgte ! schon im nächsten Jahre Bose zu Jena, und zwölf i Jabre später Johann Christoph Beckmann zu Frankfurt, ! an der Oder, der die Absicht hatte, eine Weltstatistik ^ nach einem systematischen Plane zu liefern. — Aus den i Conringischen Vorlesungen entstand Oldenburgers Illre-ssn- ! rus rerum lu , welches Werk in vier Octavbän- den 1675 zu Genf erschien, und Bernhard von Zech, unter ! dem Namen Frankenberg, gab ein, größtcntheils statistisches Werk über die europäischen.Staaten mit dem Titel !? des europäischen Herolds heraus, das in wenigen'Jahren, j und ungeachtet der geringen Leselust der damaligen Zeit, j von 1688 — >705 zweymal aufgelegt wurde. ! Diese Bemühungen deutscher Gelehrten, die bald im ! ganzen kultivirtcn Europa bekannt Purden, fielen in einen ! Zeitpunkt, in welchem die politischen Ereignisse diesen neuen ^ .wissenschaftlichen Anbau noch schätzbarer machten, und sein Interesse zum wirklichen Bedürfniß erhoben. — Um nach - dem Utrcchter Frieden im Jahre 1714 die Kräfte wieder zu ! 55 sammeln, welche der Krieg ein Jahrhundert hindurch verzehrt hatte, sorgten alle europäischen Staaten unter dem Schutze des Friedens dafür, durch Ackerbau, Gewerbe und Künste, die Schifffahrt und den Handel und durch diese wieder die Bevölkerung und den Wohlstand der Staaten zu heben. — Durch diese Thatigkeit kam auch in unsere Wissenschaft vermehrtes Leben, — di^ Länder-Völker- und Staatenkunde ward bis ins Unermeßliche erweitert. — Jeder Winkel der Erde ward durchsucht, historisch und physikalisch nach ökonomisch-merkantilisch- und politischen Ansichten beschrieben, und wo der eine Beobachter stille gestanden, folgte der andere erweiternd und berichtigend nach. Könige und Republiken, gelehrte Gesellschaften, Kaufleute und wißbegierige Reisende, wechselten wetteifernd mit einander ab, Natur- und Welt-, Erd- und Menschenkunde mit neuen Beobachtungen zu bereichern. — Ein De- cenm'um war seit diesem an neuen Entdeckungen ergiebiger, als vordem es Jahrhunderte gewesen seyn konnten, und selbst ihre Grundlage, die Geographie, ehemals nur Lehrgegenstand für die Jugend, wurde nun ein unentbehrliches Studium für den Staatsmann. — Sie erhielt auch zu derselben Zeit in allen ihren Abtheilungen viele Aufklärung und Verbesserung, aber die Beschaffenheit der Personen, von welchen die ursprünglichen Nachrichten oder die Reiseberichte herrührtrn, der große Mangel an naturwissenschaftlichen, philosophischen und mathematischen Kenntnissen bey den meyresten derselben, so wie Leichtgläubigkeit uno Aberglaube, setzten den Werth ihrer Arbeiten zum Th eil sehr herab, doch ist auch derjenige Lheil nicht ganz unbedeutend, welcher der Wissenschaft wirklich gewinnbringend war. Unter den Reisebeschreibungen bleibt Lord Anson's Erdumseglung vor vielen anderen merkwürdig. Ganze Sammlungen von Reiseberichten haben bekannt gemacht: Rannisio, Mcrian, Hackluit und ein Ungenannter, und spater Harris, Campbell und Stevens; geographische Lexica schrieben Ferarii 1657, Corneille 1708, Martiniere 1726 bis !7gy und verdeutsche Hübner 7705. — Geographische Systeme und Lehrbücher haben seit Münster, dem Strabo des Mittelalters, (-5 .Z) Qrtellius, Cluver, Riccioli, Varennius, Cella- rius, GregSri (Melissantes 1721) Schatz, Hübner (beide in mehreren Auflagen) Hager und Baumeister nebst anderen geliefert; und um die Verbesserung des Landkartenwesens, als eines wichtigen geographischen Hilfsmittels haben sich zuerst de l'Jsle und Moll Verdienste erworben, und an sie schlossen sich fast unmittelbar die wichtigeren Verbesserungen von Hase, Tobias Mayer u. a. deutschen Gelehrten durch Vorschub der Homaunischen Landkartenunternehmung (seit 1705) in Nürnberg an. Ueber die Geschichte der Landkarten schrieben in der nämlichen Zeit Gottschling (17m), Gregori (1713), Hübner (1746) und der viel später nachgefolgte Hauber (1774). 5 ? Höchst willkommen waren aber die Arbeiten zweyer, durch sie unsterblich gewordener deutscher Männer, die gegen die Mitte des verwichcnen Jahrhunderts Systeme der C'rd- und Staatenkunde entwarfen, welche die bisher vorhandenen weit übertrafen, dennoch aber, weder auf Allgemeinheit und volle Gültigkeit der Lehren, noch auf völlige Zuverlässigkeit der einzelnen Angaben Anspruch machen konnten. — Anton Friedrich Büsching war 1754 der Schöpfer einer besseren Erdbeschreibung — und Johann Gottfried Achenwall begründete für die Statistik eine neue Epoche dadurch, daß er bey der neugebornen Wissenschaft Pathenstelle vertrat, und ihr den Namen gab, den sie nach ihm bis auf den heutigen Lag in unserer Sprache immer behielt, und den seit ein Paar Jahrzehenten nun auch andere Nationen nach dem Beyspiele der Franzosen und Engländer angenommen. Gleichwie durch Büschings Werk in allen Theilen der Geographie zuerst geprüfte und richtige Nachrichten in allgemeinen Umlauf gekommen, und der Zustand der Wissen- sch^t ausserordentlich gewonnen hat; so hat Achenwall für die Verbreitung der Statistik als selbstständiger Wissenschaft unendlich vieles gethan. Da keine andere Nation ein Werk aufweisen konnte, das mit dem Büschingischen in Umfang und Gründlichkeit eine Vergleichung aushielt, so haben sich mehrere, wie Holländer, Engländer und Franzosen, dasselbe durch Uebcrsez- 58 zungcn zugeeignct; und da der Meister, nachdem er Europa und einen Theil von Asien nach seiner Weise vollendet hatte, die,Hand von seinem mühsamen Werke abgezogen, so rechneten sich's mehrere ausgezeichnete Männer, wie ein Ebeling, Sprengel, Wall ic. zum höchsten Verdienste, dieses merkwürdige Denkmal deutschen Fleißes und deutscher Gründlichkeit bis zu seinem Ende fortzusetzen, oder, wie Normann, nach seinen Grundzügcn fortzubauen. Achenwall hat weniger Uebersetzer als Nachahmer und Mitarbeiter auf dem Felde der Wissenschaft der Statistik gefunden. Die Art seines Vortrags gefiel, und bald neigte sich die Lehre dieser Wissenschaft zur historischen Form hin. — Schon Achenwalls nächster Vorgänger, Otto zu Utrecht, huldigte der Herrschaft der Regel für historische Wahrheit; gleichen Weg.betraten Achenwalls Nachfolger, und selbst sein in Wissenschaften vielseitig bewanderter und berühmtester Schüler, der gründlich gelehrte Schlötzer verließ nicht die Bahn seines, durch ihn übertroffencn Meisters, wie denn auch die interessanten Namen eines Gatte- rers, Sprengels, Meusels, Mannerts, Jakobs, Lüdcrs, des Franzosen Peuchet, NiemannS und'Buttes an der Spitze von statistischen Werken stehen, die eine mehr historische als practische Tendenz haben. — Nur der talentvolle Geschäftsmann Lotze hielt sich in seinem, bald nach dem Achenwallischen gefolgten umfassenderen und von Engländern, Holländern und Dänen in ihre Sprachen über- » tragcnen statistisches Werke, an Conrings Idee der Wissenschaft. Der historische Gesichtspunkt, welcher in der deutschen und auch in der neuesten Statistik der Franzosen vorwalteird ist, gicbt der Natur den Vorrang vor der Kunst. — Die Menschen in ihren mannigfaltigsten Verhältnissen zu den sie umgebenden natürlichen Dingen und in ihren verschiedenen Situationen gegen einander nehmen und darstcllen, wie sie sind, 'ist die höchste Fertigkeit der so organisirten Wissenschaft. — Hingegen vielfach abweichend von dieser Form ist die der politisch practischen Behandlung der Wissenschaft, die nicht die historische Darstellung ausschließt, vielmehr sie bedingt, aber nur einem höheren Zwecke in der Ueberzeugung unterordnet, daß sich nur durch ihre politisch- practische Tendenz die Statistik aus der einen Wissenschaft als selbstständiger Theil ablösen läßt, um sich zur besonderen bestimmten Wissenschaft zu erheben. — Niemann und Butte haben die Statistik auch von dieser Seite mit glücklichem Erfolge betrachtet, noch mehr aber hat sie der Engländer Sinclair eigentlich nur unter diesem Gesichtspunkte bearbeitet, worin ihm seine Landsleute in den neuesten statistischen Darstellungen ihres Vaterlandes oder besonderer Thcile desselben, wie der einzelnen brittischen Königreiche, Londons rc. gefolgt sind. >— Sie haben den richtigen Weg eingeschlagen, die unter sich verglichenen Daten 6o oder das Wirkliche unter der Idee dessen, was da sepn könnte und sollte, aufzustellen, und sie auf diese Weise noch mehr zürn philosophischen als historischen Geschäfte zu machen. So viel indessen zum Vortheil der Wissenschaft durch mühsames Forschen und treues und umsichtiges Aufgreiffen des Wirklichen, oder der statistischen Daten, bisher durch gelehrten Privatfleiß geschehen konnte, haben die Deutschen geleistet. — Dadurch haben sie sich nicht allein das Verdienst um den Ursprung, sondern auch um den Fortgang und die Ausbildung der Wissenschaft auf die auszeich- nendste Weise erworben. — Keine Nation kann sich der Menge der Materialien rühmen, wie sie die deutsche in ihren statistischen Journalen zusammen gebracht hat. Keine Nation hat sich um geographisch-statistische Kritik, Geschichte und Literatur so verdient gemacht, als eben die deutsche, wie uns Meusel, durch seine ausgebreitctc Kenntniß aller Vorarbeiten in unserer Wissenschaft, das befriedigendste Beweismittel durch sein Literatur-Verzeichniß und Lehrbuch der Statistik gegeben hat.— Aber die Statistik für den Staatszweck ämtlich zu bearbeiten und zu behandeln, darin sind die Franzosen uns und allen andern Nationen mit rühnüi« chem Beyspiel in neuerer Zeit vorangegangen. —> Schon i'8o2 wurde in Paris eine statistische Gesellschaft unter Chap- tal'sLeitung und bald darauf ein besonderes statistisches Bureau errichtet und zuerst mit der Ministerial-Behörde für 6 , dir inner» Angelegenheiten verbunden auch eine besondere Abtheilung derselben dem Ministerium der ausseren Staatsangelegenheiten zugetheilt. —> Dadurch wurde sie zum ersten Mal in der neuen Zeit in den Geschäftskreis eigentlich eingeführt und als Aufgabe des öffentlichen Lebens von dem Staate selbst anerkannt, wodurch die größte Masse theore- tisch-practischrr Wissenschaft für Bedürfnisse und Zwecke des Staats in Anwendung gesetzt werden sollte. — Preus- sens Negierung ergriff schnell diese Idee, und brachte sie unter geschickter Leitung auch bey sich in Anwendung, wie denn auch Bayern darin nachfolgte, daß es für die Statistik ein eigenes Büreau errichtete. Selbst in Spanien blieb unter des letzten Karls Negierung dieses Beyspiel nicht unbeachtet und unnachgeahmt. Man wünschte die Stärke des Reiches zu vermehren, und war bemüht alles zweckmässig einzuleiten, was solches zu bewirken im Stande wäre: suchte daher den Anfang damit zu machen, das Reich selbst in seinem ganzen Umfange kennen zu lernen; zugleich aber richtete die Regierung ihre Absichten dahin, die Gelegenheit der Gesuche zu benutzen, um ohne Geräusch und allmählig die Gebrechen zu erforschen und die gewünschten Verbesserungen einzuführen; darum bekam die Behörde, welche die Geschäfte eines statistischen Büreaus besorgen sollte, anfänglich den Namen eines,Departements zur Beförderung der Vortheile im Reiche. 62 Der Werth dieser Institute sich das öffentliche Leben, ist indessen noch in keinem Staate und von keiner Regierung deutlicher als in Oesterreich von dem jetzigen Souverain dieses Reiches ausgesprochen wyrden. In der ersten Errichtungsurkunde des statistischen Bureaus, welches Sc. Majestät durch Allerhöchstes Handschreiben vom roten April v. Jahres, über meinen Antrag hierzu, endlich definitiv mit Ihrem Staatsrathe zu vereinigen, beschlossen, und wofür das Allerhöchste Handschreiben an den Grafen (jetzt Fürsten) von Kohary vom Uen July igio anzusehen ist, heißt es ausdrücklich: daß es — nicht nur— den obersten Staatsbehörden zur Hand arbeite, ihnen die verlangten Auskünfte und Notizen mittheile, sondern auch Sr. Majestät selbst: von Zeit zu Zeit ein wahres und getreues Bild von dem Zustande des Staats und der einzelnen Volksklassen vorlege, die wichtigsten Regierungs-- Maasregeln, durch statistische Daten beleuchte, durch eine Vergleichung der Fortschritte der Industrie und Cultur, ihre Vortheile oder Nachtheile zeige, und endlich durch statistische Combinationen Vorschläge zu einzelnen Maaßregeln entwerfe und ausarbeite, welche nach den Resultaten der Statistik, dem Na- tionalwohlstande beförderlich sepen. — Hieraus und aus der ganzen politischen Tendenz dieser Anstalt ergiebt sich der Begriff selbst, der von dem Wesen der Wissenschaft hierbey vorschwebte und wirklich ihrem wahren Zwecke allein angemessen ist, durch den sie aber aus der Reihe der historischen Wissenschaften heraustritt, und unter der politisch-practischen Ansicht, sich zur Würde einer eigenen Wissenschaft erhebt, welche sich auch durch die strenge Bewahrung des öffentlichen Characters von der ihr verwandten Geographie auszeichnet, die wiederum der Richtung der Historie folget, und eben so schätzenswürdige Ei- genthümlichkeiten besitzt, indem sie, freylich weniger durch Ideen als durch's Anschauen des Lebens gebildet, doch zur sicheren Wegweiserin von jener wird. Dieses Ineinander- greiffen beider Wissenschaften bewährte sich wohl besonders deutlich in der nächsten Vergangenheit — denn hinsichtlich des Werths, welchen die Statistik an extensiver und intensiver Erweiterung in den letztem Zeiten gewann, haben die gleichzeitigen, ungemein wichtigen Fortschritte ihrer älteren Schwester, der Geographie, nicht den kleinsten AnHeil. Und diese wurde bis zum gegenwärtigen Augenblick immer mehr durch Schätze bereichert, die ihr von allen Seiten zugeführt wurden. Es ist nicht nur die physikalische und politische Kenntniß von Europa durch sie auf die höchste Stusse gekommen, sondern auch die Kunde der übrigen Erdtheile hat seit einem Menschenalter Riesenschritte gemacht und zugleich der Statistik kostbare Vorzüge mitgetßeilt. Durch die Reisen mehrerer Gelehrten, welche von den 'Akademien in St. Petersburg/ London und Paris zu wissenschaftlichen Forschungen vorgeschlagen und durch die Begünstigungen aufgeklärter Regenten ausgeführt wurden, hat man bereits unter der Negierung der zweyten Katharina in Rußland, durch Gmelin, Pallas, Gcorgii, Steller, Güldenstadt und andere, das nördliche Asien und Rußland ziemlich umfassend kennen gelernt; zur Aufklärung dcS südlichen Asiens haben die Engländer auf mannigfaltige Weise, und selbst durch die Stiftung einer eigenen asiatischen Gesellschaft in Bengalen nützlich hingcwirkt. Dasselbe thatcn sie in Bezug auf Afrika, wo Bruce, Mungo- Park, Horneman, dann Barrow, Lichtenstein u. a., in Diensten der afrikanischen Londner-Gesellschaft, weit eingc- drungen sind. Noch mehr leisteten die Engländer als Erd- umsegler unter Biron, Wallis, Carkeret und Cook, der auf der dritten Reise zu Lwaihi (den lallen Februar 1779)' seinen Tod fand, aber eine Menge größere und kleinere Inseln in der Südsee entdeckte, und die Ostküste Neuhollands zur Anlegung einer englischen Colonie untersuchte. Die Entdcckungsversuche der Engländer werden auch noch bis auf den heutigen Tag fortgesetzt; Minders Fahrt nach Neuholland (lZoo), Basses Auffindung einer Straße zwischen diesen Erdtheil und Diemensland, Makenzie's (1789) und Vancouvers (1790) Reisen nach den nördlichsten Küsten von Nordamerika, Philipps, Whites, Bligs,- Hunters dz und Kl'ng's Reisen nach der Südsee und Neuholland, Grant Entdeckungsreisen daselbst und die neuesten Fahrten nach dem Nordpole igiZ und 1819 sind hierunter die merkwürdigsten Unternehmungen., obschon der Erfolg von Letzteren noch zu erwarten ist. Aber auch andere Nationen wetteifern darin mit ihnen, denn so verdankt die Erdkunde nicht viel weniger schätzbare Bereicherungen den Franzosen unter Bougainville, Kerguellen, la Perouse, Billardiere, Sür- ville und Baudin; und auch Bonapartes Kriegszug nach Egypten (1798) war für sie von fruchtbarem Erfolge. Die beiden Danen Höst undNiebuhr erhellten (1760 und >767) die Geographie von Marocco und von Arabien und Egypten ; der berühmte deutsche Humbold mit seinem Freunde Bonpland, die eines ansehnlichen Theils des spanischen Amerika; die beiden Nordamerikancr Clark und Levis aber verschaften'durch ihreReiscn (1804-^ >8«6) die ersteKrw.de von dem inneren Lande von Nordamerika bis zur Küste des großen Meeres an der Nordwestseite dieses Erdtheils, und ihre Landsleute Crooker (1804) und Porter (18 >Z) haben im stillen Meere die Erdkunde mit neuen Entdeckungen bereichert; und selbst die Russischen Erdumsegler unter Kru- senstern (>8oi — 180Z), Lasarew H814) und Kotzebue (1817 und 1818) suchten Jener Verdienste mit edlem Nach- eifcr zu erreichen. So wichtig diese Beytrage indessen für die eigentliche Erdkunde waren, H haben sie doch der Statistik weniger S Dienste, als die näheren Bemühungen der meisten europäischen Regierungen geleistet, die ebenfalls wetteifernd sich bestrebten, in der Bekanntmachung ihrer Länderverhältnisse zu dem wohlthätigen Zwecke des leichteren Verkehrs der Völker hinzuwirken. Die richtigere Erkenntnis der wahren Vortheile der Nationen, durch den Handel, die auch einer- neuen liberaleren Politik ihr Daseyn gab, hat also zu den großen Fortschritten die Veranlassung gegeben, welche die Staatenkunde in den neuesten Zeiten gemacht hat; indem sie zugleich durch die sorgfältigsten geodätischen Operationen unterstützt wurden, die in den cultivirteren Ländern unseres Erdtheils durch aufgeklärte Regierungen selbst veranstaltet worden. Zuerst haben diese nützlichen Unternehmungen in Frankreich ihren Anfang genommen. Nicht lange blieb England damit zurück, und seitdem sind Schweden, Preussen, Dänemark, einige italienische und deutsche Staaten, darunter besonders Neapel, Sachsen, Bayern, Darmstadt und Oldenburg, ferner die Niederlande und Rußland nachgefolgt. Aber alles was bisher in einzelnen Staatsgebieten geschah, hat die österreichische Regierung, sowohl im verhältnißmässigen Umfang der ähnlichen Unternehmungen, als auch zum Theil in der Güte einzelner Ausführungen übertroffen. So leicht dieses zu beweisen wäre, so kann es doch nicht in einem Umrisse, wie gegenwärtige Abhandlung ist, geschehen, und ich muß auf die kurze Uebersicht der, in Oesterreich bisher statt gehabten merkwürdigen Mess 6 ? jungen Hinweisen, die mein neuester Abriß einet Statistik des österreichischen Kaiserstaats (Brünn bey Traßler igso) von Seite 77. und ff. begreifst. — Durch alle diese großen Hilfsmittel ist auch die Ausführung vorzüglicherer Landkarten ungemein befördert worden, und ihre Zahl hat in neuester Zeit ausserordentlich zugenommen, wobey sich die größten Verdienste erworben haben, unter den Deutschen: der preussische General von le Coq, mit seiner vortrefflichen Karte von Westphalen, dann Gylli, Lextor, Sotzmann in Hinsicht ähnlicher Arbeiten von anderen preussischen Provinzen; verschiedene Offiziere des österreichisch-kaiserlichen Gcnecalstabes, und vorzüglich unter solchen der Feldmar- schallieutenant Freyherr Anton von Zach, so wie früher Graf Feraris; dann Amon und Bohnenberger in Schwaben, Hase in Darmstadt, Weiß in der Schweitz, Osterwald in Neufchatel und die Mitarbeiter an der großen Karte von Bayern; — unter den Franzosen: die Verfasser der berühmten Jagdkarte Ludwigs XIV, d'Anvilly, Cassini, Bonne und unter den neuesten vorzüglich Lapie; — dann unter den Engländern, Arowsmith und Rennel. Als eigentlich wissenschaftliche Bearbeiter der Geographie, haben sich nur die Deutschen vorzüglich ausgezeichnet, wie schon früher bemerkt worden, und unter diesen, ausser dem bereits genannten Batet Büsching, Gatterer (1775) mit Recht der deutsche Strabo genannt, Normann (1785 — 1797), Fabri (1780:8oL), Gaspari (1792) und S * (>8 Stein (lZll —- i8i8) um die allgemeine Geographie sich verdient gemacht, mit welchen bisher bloß Mentelle (llgoz) und Malte-Brün (igio) in Frankreich, zu wetteifern vermochten. Auf diesen und anderen in größeres Detail eingehenden Grundlagen, hat nun die Statistik ihr großes Gebäude aufgeführt, und erweitert es noch täglich durch umsichtige Sammlung von Notizen und Nachrichten der mannigfaltigsten Art, und durch comparative Wahrnehmungen über mathematische, physische, ökonomische, technische, merkan- tilische, staatsrechtliche, staatswirthschaftliche, religiöse, politische und militärische Verhältnisse der Länder und Reiche ; dann durch vorsichtige Beziehung aller dieser angesammelten Kenntnisse auf Systeme und rationelle Behandlung der Wissenschaft selbst. Als selbstständiger Inbegriff einer überaus großen Masse bewährter Ehatsachen der mannigfaltigsten Art, die durch Abstraction, Reflexion und Demonstration wissenschaftlich begründet, und in einen, unter sich folgerechten Zusammenhang gebracht worden, hat die Statistik unter allen Wissenschaften darum auch das umfassendste Gebiet, und nimmt an den Fortschritten der meisten übrigen Kenntnisse den unmittelbarsten Antheil, indem diese theils ihren Inhalt ausfüllen, oder ergänzen, theils ihn begründen und sicher stellen,'Heils aber uhrc Anwendung und Brauchbarkeit im äusseren Leben herbeyführen, möglich machen, oder vervollkommnen. Die Statistik als wissenschaftliches Ganzes, eignet, sich daher nicht zum Elementarunterrichte, sondern ihr Studium kann erst anfangcn, wenn jenes ihrer Jnstrumcntal- und Hilfswissenschaften beendiget ist. — Und nach dem, von ihr gegebenen Begriffe, als einer nicht bloß empirischen — sondern empirisch- rationellen Wissenschaft mit einem durchaus teleologischen Charakter—> kann sie erst nach der Staatswissenschaft überhaupt studiret werden, da sie nicht ihr Fundament, sondern der Schlußstein ihres Gebäudes ist...... Sowohl in ihre propadevtische, als in die Periode des wissenschaftlichen Lernens, fallt die Erlernung der Geographie, — die sich selbst, ihres Umfanges, Zweckes und der Abhängigkeit von anderen Kenntnissen wegen, in drey Abschnitte Heilet. Der erste vorbereitende geographische Unterricht, beschrankt sich bloß auf die ersten Grundstoffe der Wissenschaft, noch als Bruchstücke betrachtet, die aber zu festen Anfangspunkten für einen zweyten Cursus dienen können, in dem bereits Auswahl und Zusammenhang der Gegenstände statt findet. — Dort ist noch die Nützlichkeit historischer Anführungen, auch für das kindliche Fassungsvermögen geeigneter Lhatsachen, zur Gewinnung der Aufmerksamkeit und angemessenen Bcryiehrung des Interesses für die Wissenschaft 70 augenfällig, dagegen — der eigentliche geographische Unterricht — bereits wissenschaftliche Systeme bedingt; er sollte daher nothwendig noch in zwey Abtheilungen gebracht werden, wovon die eine der mittel- oder gelehrten Vorschule angehörte — die zweyte aber sich bereits für das Univcrsi- tätsstudium eignete. Die nächste Bestimmung der ersten Abtheilung ist: die Lücken des Elementarunterrichtes auszufüllen und alles im zusammenhängenden Vorträge zu umfassen, was einerseits die Verbindung des Ganzen der Wissenschaft, und die allgemeine Uebersicht ihrer Theile erfordert, anderen Theils aber, die wesentlich nothwendigen und brauchbarsten Angaben und Bestimmungen gemeinfaßlich dargestellt begreift. -- In diese Periode fallt die erste genauere Verbindung der Welt- Erd- Lander- und Ortskunde im Unterrichte, der durch andere gleichzeitige mathematisch- naturhistorisch- und historische Lehren verständlich und fruchtbar wird. Dieser geographische Cursus wird für die meisten hinreichend seyn, die nicht zu einer wissenschaftlichen Ausbildung eigentlich bestimmt sind. — Besonders, wenn das Nothwendigste, das ist das Allgemeinste, in den Vortrag ausgenommen, die Einsicht in den Zusammenhang befördert, — und zugleich durch angemessene Berücksichtigung der Natur und des Menschenlebens in seinen verschiedenen Beziehungen auf die Aussenwelt und sich selbst, die Anwendung und die Folgerungen bey neu zugewachsenen Be- griffen und Erfahrungen im wirklichen Leben erleichtert werden. Das wichtigste menschliche Institut, der Staat/ und seine positiven, extensiven und intensiven Verhältnisse, können aber durchaus nicht von der Geographie ausgeschieden werden, ohne den größten Theil ihres Werthes aufzuheben; — und alle Versuche, dem geographischen Studium, durch Fixirung der Ländergränzen in den Verhältnissen der anor- gischen Natur, eine Permanenz zu verschaffen, werden nie den beabsichtigten Nutzen erreichen. Bis hieher verlangt der Zweck der Belehrung, nur eine richtige und empirisch-begründete Verknüpfung der Thatsa- chen, durch welche der Verstand über einen der gemeinnüz- zigsten Gegenstände aufgeklärt wird; aber bey dem Uni- versitätsstudium soll die Geographie auch.ihre Vollendung für die Vernunft, sowohl durch beträchtliche Erweiterung des Wiffenswürdigen, als auch dadurch erhalten, daß die empirischen Thatsachen zugleich als Werkzeuge und Mittel der Erscheinung einer höheren Nothwendigkeit dargestellt werden, wodurch der Uebergang in das höhere Studium der Statistik, theils vorbereitet wird, theils wirklich geschieht. In allen geographischen Untcrrichtsperioden erscheinen die bildlichen Darstellungen der Erdoberfläche als wesentliche Hilfsmittel des geographischen Studiums. Je getreuer das vorgestellte Bild der Erde ist, desto richtiger wird die durch Anschauung erworbene Vorstellung derselben. — Ballförmige Abbildungen, wobcy die Abplattung der Erde sowohl als ihre Unebenheiten gehörig berücksichtiget wären, würden 'nwer am zweckmäßigsten seyn, wenn nicht andere Unbequemlichkeiten bei) ihrem Gebrauche, zur Auflösung der meisten geographischen Aufgaben, so wie die vielseitigen Schwierigkeiten ihrer genauen Verfertigung und ihre daraus entstehende größere Kostbarkeit, die Vortheile, welche sie leisten, doch sehr überwögen. — Darum verdienen die kegelförmigen Abbildungen noch immer um so mehr bepbehalten zu werden, da selbst die Abweichung bey gewöhnlichen Größen nicht so beträchtlich ist, um dem Vvrstcllungsvcrmögen ein falsches Bild einzupragen, und die massigen Kosten ihrer Verfertigung, die Anschaffung auch nicht so sehr erschweren. Alle andere körperliche Ab-? bildungcn der Erde sind, mehr oder weniger, Spiele der Phantasie Und dem Unterrichte nachtheilige Abweichungen von der Wahrheit. — Bey den sogenannten Landkarten versteht sich dasselbe in dem Verhältnisse, als der darauf vorgestellte Erdraum von größerer Ausdehnung ist. Vollends geben die Planiglobicn eine durchaus unrichtige Idee von der Gestaltung der Erdtheile, die sich zu tief einprägt, um nicht auf die Begriffe von der Erdoberfläche u. s. w. nachtheiligen Einfluß zu haben; und wenn auch bey der philo- graphischen oder blattförmigen Projection, welche der jetzige prenß. Oberste Rühle von Lilicnstern, nach dem Vorschläge t des Majors Müller in einer gelungenen Darstellung der Erdoberfläche ausgeführt, dieser Fehler weniger an sich hat, so ist doch die Trennung der größeren südlichen Erdhälfte in vier Zungen, einer zusammenhängenden Uebersicht des Erdkorpcrs nicht günstig. — — Selbst einzelne ganze Erd- -thcile (höchstens Europa und Ulimaroa mit beschränkter Ausnahme) lassen sich nicht mehr ohne -Verzerrung der Gestalten verschiedener ihrer Eheile, auf Flächen abbilden, und eine der Natur ähnliche Darstellung solcher großer Erdstriche, ist sicher nur in der einzigen Voraussetzung denkbar, wenn man an der Stelle ebener Flächen, Kugelschnitte zu Landkarten gebrauchen wollte, deren Verfertigung weder so beschwerlich noch im Großen so kostbar seyn könnte, um ihre möglichste Gemeinnützigmachung bedeutend zu beschränken. >— Für kleinere Erdräume, ja selbst für solche, die sich bis zu z — 5 Breitengraden ausdehncn, empfiehlt sich die sphärische oder Kugelprojection als die einfachste, leichteste und einzig richtige; und wenn ihr der strenge Mathematiker den Vorwurf machen will, daß die Sectionslinien nur in einem einzigen Punkte genau zusammen passen können, so zeigt doch die Erfahrung, daß auch dem geübtesten Auge die physische Trennung von jenen, in dem oben angegebenen Breitenraume nicht bemerklich ist. — Fernere Bedingungen bey geographischen Karten (ausser der Richtigkeit und Naturgemäßheit der Darstellung der Erdoberfläche, die sie enthalten, und von der auch bey Vorstellung n älterer Länderverhältnisse keinAbweichungsgrund Vorhände» ist) sind, wenn sie zum Unterrichte dienen sollen: i) daß sie ein getreues sinnliches Bild der vorzüglichsten Terrainverhaltnisse des Landes gewahren; 2) die Landesgranzen, und die durch besonders merkwürdige Umstände ausgezeichneten Wohnplatze enthalten, wobey Hinweisungen auf die Vorzeit, altere Benennungen und dergl., ihr Interesse allerdings bedeutend zu vermehren im Stande sind; z) Sollen sie nicht mit Gegenständen oder kleineren minder merkwürdigen Orten überladen seyn. Die Schädlichkeit des Ueber- maaßes überwiegt bey weitem den Nutzen, den ein großes, dem Gedächtniß durch Gewöhnung an passives Lernen ein- gepragtes Namenverzeichniß verschafft, indem es das Interesse vermindert, das sonst der natürliche Neichthum oder andere ausgezeichnete Eigenthümlichkeiten des Landes, bey dem Lernenden mit fruchtbarem Erfolge erhalten dürften. 4) Sollen Landkarten für den Unterricht nicht zu zahlreich seyn, denn der Zweck derselben ist, das Ganze der Wissenschaft in so weit darzustellen, als es dazu dienen soll, die Neigung für solche zu beleben, und die Grundbegriffe mit dem Wesentlichsten und Gemeinnützigsten ohne unverhält- nißmassigen Zeitaufwand und zum Nachthell für die Erwerbung anderer nicht minder nothwendiger Kenntnisse sich an- zueignen. 5) Sollen sie bestimmte Erdstriche, Länder und dergl. im Ganzen und nie theilweise begreifen, denn beym gleichzeitigen Unterrichte mehrerer Schüler, lassen sich nicht 75 Stückwerke verbinden, und in ihrem Zusammenhänge, was doch wesentlich nothwendig ist, übersehen. 6) Endlich sollen die Landkarten zu dieser Bestimmung möglichst bequem zum Gebrauch, folglich von einer massigen Größe seyn, welche denselben beym gleichzeitigen Unterricht Mehrerer nicht hindert, und selbst die schnelle Uebersicht bey jedem Einzelnen nicht erschwert. Dieses bezieht sich indessen nur auf den Gebrauch geographischer Hilfsmittel bey dem Unterrichte; ganz anders verhält sich ihre Anwendung für Zwecke der höheren Wissenschaft der Statistik, und ihre Würdigung kann dann auch nicht in der Art Statt finden, wie es hier der Fall ist, wo blos die Lehre selbst beabsichtiget wird. Durch Beziehung des empirisch Gegebenen, aufPrin- cipien formeller und positiver Wissenschaften, ist der eigentliche Unterschied der Statistik von der Erdkunde begründet. — Was von jener allein, einer völlig historisch«: Ansicht fähig ist, sind die Thatbcständc, die sie aus der Geographie in ihre eigenen Inhalte überträgt; und selbst die Form des öffentlichen Lebens, in so ferne es sich, um die Erkenntniß des Vorhandenen, und nicht um die Hinweisung auf den Grund und Zusammenhang des Gewordenen handelt. — Darum muß auch das statistische Studium nothwendig durch Geschichte überhaupt, besonders aber jener der neueren europäischen Staatenbildung, durch Philosophie und Jurisprudenz, oder durch die aus diesen Wissenschaften al- 76 lei» gründlich erworbene Kenntniß und lebendige Anschau-- ung der nothwendigen Formen des öffentlichen Lebens vorbereitet seyn. Die iLhatigkcit des Studirendcn muß zwischen statistischem Stoff und Form gleich gecheilt seyn; aber der Unterricht ist am fruchtbarsten, wenn er sich über letztere vorzüglich ausdehnt. — Nicht bloß die Kenntniß ihrer Materialien; nicht, daß man nur das aus anderen Wissenschaften für sie entlehnte, gläubig übernommen und aufbewahret habe, — und daß man ihren Quellen sorgfältig nachsuche und aus ihnen den statistischen Stoff getreu sammle, genügt zur Vollendung des statistischen Studiums, — ^ sondern Bekanntschaft mit ihrem ganzen Organismus und Zwecken, den daraus abgeleiteten Lehrsätzen und ihren Folgerungen, — und Bekanntschaft mit den Gesetzen der freycn Forschung und einer vergleichenden Prüfung aller erhobenen Lhatsachen als statistischer Stoffe, macht erst ihre Brauchbarkeit im ausseren Leben und Wirken möglich. Man irrt sich insbesondere gar sehr, wenn man die Kennt- riiß der Statistik auf dem leichten Wege eines desultorischen Verfahrens zu erlangen glaubt, wobey man heraus nimmt, ! was gefallt, und liegen laßt, - was nicht gefällt,'' oder was ^ auch im eigenen Denken nicht ohne Anstrengung ergründet nnd begriffen werden kann. — Denn nicht minder, als jede andere Wissenschaft, bedingt auch die Statistik eine ausgedehnte Vorübung im Beobachten und Denken, weil ^ zunächst die Form nur»dnrch diese Uebung vollständig erlangt werden kann, und die Scheu vor den Formen und vermeintlichen Schranken, wahre Scheu vor der Kunst in der Wissenschaft ist, ohne welche doch letztere nie gründlich erworben werden kann. — Das Studium der Statistik bedingt ferner eine formelle proportionirte Erregung der Erkenntnißkraft zu allen Arten und Richtungen geistiger Thätigkeit — dann eine befriedigende Umsichr in jenen Theilen des wissenschaftlichen Gebiets, von welchen sie selbst ihre festen Punkte erhalt und woran sich ihre wei- reren Folgerungen anschl essen; endlich bedarf sie eine Gewöhnung an literarische, aber nicht bloß mechanische, sondern die Kraft der unmittelbaren Erkenntniß belebende Tätigkeit. Die Statistik als wissenschaftliches Ganzes, ist darum auch nicht zum Elementarunterricht geeignet. >— Zn ihre propädevtische Periode fallt die Erlernung der Erdkunde, die sich selbst ihres Umfanges und Zweckes, und der Abhängigkeit von anderen Kenntnissen wegen, in vorerwähnte drey Zeiträume theilet. — Auch in dem letzteren derselben schließt noch der pragmatische Zweck der Erdkunde die Universalität aus, zu der sich die Statistik hinneigt, und begnügt sich mit einem beschränkteren Gegenstände. Der Zweck der Belehrung verlangt nur eine richtige und empirisch begründete Verknüpfung der Thatsachen, durch welche der Verstand aufgeklärt wird; aber erst dann erhält die 78 Geographie ihre Vollendung für die Vernunft, wenn dis empirischen Thatsachen, indem sie den Verstand befriedigen, als Werkzeuge und Mittel der Erscheinung einer höheren Nothwendigkeit gebraucht werden, — also allein durch das höhere Studium der Statistik, in welcher die Anordnung der Theile ganz der pragmatischen Tendenz der Wissenschaft gemäß, in der Art geschieht, wie die mathematisch-physisch-ökonomisch-technisch-merkantilisch- und politischen Ideen von Zwecken und Tendenzen einander erläuternd und aufklarend ihrer Natur Nachfolgen müssen. — ^ Das Ganze bildet so eine systematische Einheit, unter i welcher gründliche Erkenntniß ihres Stoffes allein möglich I ist. — Der Inhalt der Statistik ist daher kein Aggregat fragmentarischer Sätze; vielmehr bedingt sie zu ihrer Vollständigkeit und fruchtbaren Anwendbarkeit eine positive Consequenz, oder eine Vereinigung aller ihrer Theile zu einem abgeschlossenen Ganzen. Aus diesem Grunde kann es daher auch nur eine Wissenschaft der Statistik geben. Einer der wichtigsten Theile des statistischen Studiums, ist seine Quellenkunde. Ohne Kenntniß der ^ Quellen und wie man sie aufzusuchen und ihren Werth ! sodann zu prüfen hat, wird man auch die Wissenschaft ! der Statistik sich niemals gründlich eigen machen. Zwar j fehlt es in einem Lande, wo jene Kenntniß einheimisch ist, .auch nicht mehr an fleissigen Sammlern: aber, ! ?y so sehr ihre Weiten das auszeichnendste Lob verdienen, und so bequem und nützlich diese zur schnellen Befriedigung augenblicklicher Wißbegierde sind, und selbst da Dienste leisten mögen, wo der Zugang zu den Quellen und ihr Gebrauch durch Ortsentfernung, oder dringendes Be- dürfniß unmöglich ist; so-würde doch jeder fähige Geschäftsmann billigen Anstand finden, sich in öffentlichen Angelegenheiten eines subsidiarischen Hilfsmittels dieser Art zu bedienen, wo ihm die Quelle unmittelbar zu Gebote steht. — Aber so wie der richtig urtheilende Geschäftsmann auch in keinem Falle von subsidiären statistischen Hilfsmitteln einen anderen als bloßen Nothgebrauch machen kann, so wird er zugleich unter den vorhandenen statistischen Quellen selbst eine sorgfältige Auswahl treffen, und nicht allen gleiches Wertrauen schenken, das bloß denjenigen zunächst gebührt, dje nur als natürliche oder archivarische Denkmähler auf die höchste Glaubwürdigkeit Anspruch machen, besonders wenn sie in allgemein anerkannten Staatsverträgcn begründet sind, oder in Reichsgrundgesetzen und anderen Urkunden, Expeditionen und Bekanntmachungen von öffent. liehen Aemtern bestehen, bey denen sowohl in Hinsicht des Wissens als der getreuen Darstellung kein Zweifel Statt haben kann. —> Daß auch noch hierbcy Originale vor Abschriften, und diese vor blossen Auszügen, wobey sich so mannigfaltige Irrthümer einschleichen können, den entschie- 8 » dcnsten Vorzug haben müssen, versteht sich von selbst. — An diese vorzüglichste Gattung statistischer Quellen reihen sich dann wohl zunächst diejenigen Landesschriften an, die von wissenschaftlich gebildeten Geschäftsmännern ans öffentlichen Acten gezogen wurden, und wvbey das Talent ihrer Verfasser gemeiniglich Berichtigungen hinzufügt, die ihren Arbeiten einen Werth geben, welcher sie selbst über ihre nur allzu oft mangelhafte oder unvollständige Quelle erhebt. Aber wenn wir hierbey dem Genie das vorzüglichere Vertrauen schenken, so muß zugleich auch die Gewißheit vorhanden seyn, daß es frey von Licblingsvorstellungen und unfähig sey, sich von dem Realen zu entfernen, umSchooß- kinder der Phantasie aufzunehmen. — Erst in Ermanglung dieser Quellen kann von bloßen Relationen, bey welchen gemeiniglich nur das Hauptfactum vollen Glauben verdient, dann von Minisierialberichten und Rapporten über militärische Operationen, und von Angaben, bey welchen mühsame, weitläufige und ungleichzeitige Ausschreibungen und Berechnungen zum Grunde liegen, als solchen, Gebrauch gemacht werden, und den Landesschriften, in so fern ihre Verfasser bekanntermaaßen Beruf, Willen und geistiges Vermögen zu einer getreuen Darstellung vereidiget haben, mag wohl unstreitig dasselbe Vertrauen zu- kommcn. — Wäre aber auch diese Art Quellen nicht vorhanden, so muß man natürlich oft in besonderen Fällen zu anderen Laudesschriften, Reisebeschreibungen und Aeitungs- 8r Nachrichten seine Zuflucht nehmen, und ein Mann von richtiger Umsicht und genauer Bekanntschaft mit den einschlagenden statistischen Hilfswissenschaften, wird auch durch Vergleichungen und strenge kritische Prüfung ihres Werthes, sich zu behelfen, und selbst der Wahrheit seht zu nähern wissen: dagegen der Fremdling in der Wissenschaft überall unrichtig sehen und falsch lesen, und sich auch mit der gründlichsten Anleitung immer mehr von der Wahrheit entfernen wird. — So strenge indessen die Untersuchung des Werths der ausgefundenen Quellen zum eigenen Gebrauche seyn muß; so wenig darf man jedoch sein bloßes Dafürhalten, wenn solches auch in einem nothwendigen Vernunftzwecke begründet wäre, wirklichen. Crfahrungskenntnissen vorziehen, weil diese doch immer ein bestimmtes assertorisches Wissen geben, das allezeit her Meynung vorgeht. — Noch behutsamer und billiger muß aber nothwendig derjenige seyn, der sich die Kritik oder Würdigung im Drucke erschienener statistischer Schriften zum eigenen Geschäfte macht. — Es ist zu bedauern, daß dieses meistens jungen Leuten in die Hände fällt, die selbst ihr eigenes Wissen nicht genug geordnet haben, und doch über fremdes ein Urtheil zu fällen sich anmaßen, das sie kaum begreiffen können. Besonders gebricht es solchen Kritikern im Felde der Statistik am meisten an eigener zureichenden Kenntniß und Erfahrung um ihren Beruf zu beurkunden. Denn ü ü-' rs reicht nicht hin, individuel zu wissen und nachzuwei. sen, daß unter Lausenden ein Factum oder eine Zahl sich anders verhält, als der Verfasser angibt, um ein Urtheil über ein ganzes Werk zu begründen; eben so wenig als der Umstand, daß solcher nicht den Sprach, ausdruck und die Correctheit im Style hat, die der Schöngeist, im Vortrage seines Gedichtes beobachten muß. um es nicht durch ein wesentliches Gebrechen zu entstellen. -- Der Kritiker bewährt nicht die erhaltene Weihe mit solchen einseitigen, .frivolen oder hämischen Urtheilen; sondern legt vielmehr seine Unwürdigkeit und Unbekanntschaft in der Wissenschaft an den Tag und beschmutzt lediglich das Blatt, auf dem er sich ausspricht. Zu Re. cemionsinstituten, deren Urheber ihr Blatt in Ehren er. halten wollen, sollten daher wohl nicht Leute ohne eigenen wohlbegründeten Ruf und bewährte Kenntnisse, und durchaus nicht solche zugelassen werden, die nur Genüsse des Augenblicks oder nichtswürdige Gefühle durch eine vermessene Arroganz in unedler Sprache vortra- gen, aber keine Wissenschaft verbreiten können; und da es bey der erkannten vielseitigen Schwierigkeit, dem Statistiker in Erfahrung und Gebrauch der Hilfsmittel ztt folgen, überhaupt schwer halten dürste, geeignete Beur- theiler zu finden, so wird es schon ein großes Verdienst seyn, solche Schriften in zweckmässigen Auszügen mitzu- theilen, und die nur theilweisen Verbesserungen und Er- 8Z gänzungen beyzufügen, wozu die besondere Erfahrung, Kenntniß oder der Berufskreis des Mittheilers Gelegenheit darbietet. Nur so könnte durch ein solches Institut der Wissenschaft ein Markt eröffnet werden, wo die mannigfaltigsten Erfahrungen und Thatsachen, und die verschiedensten Reflexionen über dieselbe ausgelegt und zur freundlichen gegenseitigen Berührung und Auswechslung zum endlichen reinen Gewinn für die Wissenschaft selbst gebracht werden können. Eine nicht geringere Aufmerksamkeit als die in Hinsicht der schriftlichen statistischen Nachrichten empfohlene, setzt auch der Gebrauch der Hilfsmittel an bildlichen Darstellungen' der Erde oder einzelner ihrer Theile voraus, und fast bedingen sie eine noch sorgfältigere Prüfung; denn diese verjüngten Bilder der Erde nähern sich nur höchst selten einer gegen jede Einwendung sicher gestellten Wahrheit, und sind nur allzugewöhnlich Bastarde, auf deren zweydeutigen Ursprung ihre verzerrten Phisiognomieen oft sehr deutlich Hinweisen. — Die stärksten Vorwürfe dieser Art treffen die geographischen Karten, selbst noch bis zu einem Maaßverhält- niß von 2 Zoll und darüber. Wer mit der Verfertigung derjenigen genau bekannt ist, wobey zum Lheil die Anwendung der achtungswürdigsten Talente mit dem größten Aufwands vereinigt wurde, und alles für ihre Voll- 6 * kommenhrit hoffen ließ, wird sich nur mit Bedauern gc- nöthiget sehen, von einem Hilfsmittel zu Flacheninhalts- berechnungen Gebrauch machen zu müssen, wobev im voraus die bedeutendsten Abweichungen von der Wahr- heit zu erwarten stehen, und wenn sie sich dieser nähern/ dies nur immer «in blosses Spiel des Zufalls ist. — Es liegt nur allzu oft in den Terrain- Aufnahmen selbst der Grund der geringen Brauchbarkeit der daraus gezogenen geographischen Karten, indem Mangel an Fähigkeit, Trägheit oder auch zu große Uebereilung die bedeutendsten Fehler in die richtigst angeordnete und sorgfaltigfl geleitete größere geodätische Operation unvermeidlich bringen. Die Unsicherheit der Bestimmung fester Punkte durch astronomische Beobachtungen, ist in geringen Entfernungen der sich darauf stützen sollenden geodätischen Operation, allezeit mehr nachtheilig als nützlich, und wenn auch durch trigonometrische Bestimmungen' mit den vorzüglichsten Instrumenten, die wir in den neuesten Zeiten besitzen, die siren Punkte sicherer angegeben sind, so bleiben einer listigen Bequemlichkeit noch immer viele Mittel übrig, auch die schärfste Controlle zu hintergehen. 'Nun sind aber diese Aufnahmen selbst wegen ihres Größenverhaltnisses. selten geeignet, unmittelbar zu Flächeninhaltsberechnungen ganzer Länder angewendet zu werden, und man bedient sich zu diesem Behuf der daraus gezogenen Karten, deren Werth und Richtigkeit eben so sehr von der Fähigkeit, dem Fleiß und rechtlichem Sinne des Zeichners, als von der Methode der Zeichnung und dem Entwürfe des Ganzen abhängig ist. — Sind sie ohne Rücksicht auf die Gestalt der Erde entworfen, so ergeben sich bey größeren Ländermassen auffallende Abweichungen der Ausdehnung, die sich aber auch ausser der sphärischen Projection unter allen übrigen geographischen Netzen in den unnatürlichsten Verschiebungen darstellen. Doch selbst die sphärische Projection gewährt auf Flächen nur bis zu einer Breite von 4 — 5 Graden befriedigende Rechnungsgenauigkeit. Höchst verschiedene Resultate entspringen ferner aus der Art der Uebertragung, ob sie nämlich nach den bekannten wissenschaftlichen Grundsätzen, oder mechanisch durch Quadrate, oder wohl gar im Vertrauen auf die Güte eines Instruments Mittelst desselben geschehen ist. — ES mag wohl oft der Mechanismus des gut gearbeiteten Pautographen, mehr als Auge und Hand eines minder geschickten Zeichners bey der Reduction ökonomischer Plane leisten, aber zum nämlichen Zwecke bey geographischen Karten angewandt, kann kein wissenschaftlicher Mann sich des Pantographen bedienen, und man kann nur mit Bedauern solche Products pantographischer Bureaus betrachten, wenn sie für eine höhere Bestim- mung mit einem großen Kostenaufwand? ausgeführt scyn sollen. Endlich hangt auch sehr von der Berechnungsart der Karten der Werth ihrer Resultate ab. — Ohne die Spielwerke einiger Gelehrten, durch Abwägen der Kar- tenabschnitze und dergl. die Größen der Flöchenräumc zu bestimmen, einer nähern Betrachtung jemals gewürdigct zu haben, bediente ich mich lange der bekannten Art, nachdem ich die Umrisse der zu berechnenden Fläche nicht bloß aus Karten entnommen, sondern durch Auftragung aller aufzusindenden sicheren Punkte, und durch Anschliessung aller zu erhaltenden besseren Fluß- und Gränz-Aufnahmen neu entworfen hatte. Aber ich hatte mehr als 97000 Dreyecke berechnen lassen, und mich hundertmal von den großen Abweichungen verschiedener Berechnungen desselben Flächenraums überzeugt, deren Grund nicht in dem Mangel sorgfältiger arithmetischer Operationen, sondern ungleich mehr in der verschiedenen Eintheilungsart und der verschiedenen Größe der angenommenen Dreyecke sich erwieß; dennoch konnte ich mich nur schwer von dieser Methode entfernen, bis oft wiederholte Vergleichungen die gleichförmige Ucberzeugung gewährten, daß die Eintheilung in Quadrate von ganzen und hunderttheiligen Meilen, die ich zweymal von verschiedenen Seiten wiederholen, und dann genau abzäh- len ließ, (bey einer Unternehmung, welche ganz sicher i 8 ? v:e größte und kostspieligste ihrer Art ist, die jemals von einem Privatmanns ausgcführt wurde,) mich weit näher zum Ziele führte, und mir Resultate gab, die sich oft bey großen Ländern nicht auf eine geographische Quadratmeile von einander entfernten, wobey das Größen- verhältniß der reducirten Flächen nie unter 6 Linien für die Meile war, aber gewöhnlich wie ^-'-5-^ oder 10 Linien für die Meile betragen hat. Bey der Darstellung dieser Schwierigkeiten, wird man das Mißtrauen in alle bisherigen Flächcninhaltsan- gabcn nothwendig finden, und- diese Nothwendigkeit bedingt zu jedem Geschaftsgebrauch, und sonderlich bey Staatsverhandlungen durchaus neue und sorgfältige Berechnungen., von deren. Hauptmomenten und Voraussetzungen bereits die Rede gewesen. — Und dennoch wird man sich auch dann nicht immer zurecht finden können, und wenigstens bey Bestimmungen der Gränzlinien, öfters Abweichungen von größter Bedeutung begegnen. Ich habe diese Erfahrung zum ersten- male vor 30 Jahren gemacht, als eine Berichtigung der Gränzen zwischen den Herzogthümern Stcyermark und Salzburg Statt fand,, und die Resultate einer von zwey geübten und sachkundigen Geometern vollzogenen Messung mit dem Inhalte und Angaben der Grundbücher in dem ausfallendsten Widerspruche standen. Ein Gleiches wurde bey der sehr gerühmten Mayländischcn Kataster-Messung gefunden, wo die Kö- nigl. und Gemeindefeldmesser ganz verschiedene Resultate hervorbrachten, und woraus die erheblichsten Abweichungen zwischen den Lagerbüchern der Kammer und der Städte entstanden. Ich habe den Grund des erstercn Fehlers an der Stelle angedeutet und die Mittel zur'Verbesserung angegeben, nach denen er auch leicht gehoben wurde. Aber ich kann schwer begreifen, wie in Mayland, wo so viele Latente bey der Auftiahme in Lhätigkeit waren, von Niemanden der Grund dieser Anomalien in den Uneben- Heiken der Erdoberstäche bemerkt wurde, und wie man zu einer so unverständigen Ausgleichung seine Zuflucht nehmen zu müssen glauben konnte, als die willkührliche Ahei« lung der Differenzen beyder Messungen war. — Es sind darum die Zwecke genau zu berücksichtigen, zu welchen man eine geometrische Aufnahme gebraucht, und die Hilfsmittel hierzu für den eigentlichen Zweck zu würdigen, oder wo möglich neu ausführen zu lassen. Denn eine, nach gewöhnlicher Methode geschehene geometrische Aufnahme mag immerhin eine noch so genaue trigonometrische Basis für sich haben, so weicht sie in Gebirgsländern doch sehr viel, und überaus verschieden von der Wahrheit, in der Lerraindarstellung ab, da sie ohne Berücksichtigung der mannigfaltigen Elevationen der Gebirge auf die Horizontalebene der Lurss^s reducirt ist, also den Erdraum kleiner angiebt, als er wirklich ist. Bey der gänzlich practischen Tendenz der Statistik scheint es auch ein Erfordernis zu ihrer Ausbildung zu seyn, daß sie stets bey ihrer Anwendung bereichert und vervollkommnet werde. — Ihr Studium mag nun bloß auf rein wissenschaftliches Leben — oder auf blosses Geschaftsleben — oder am besten auf beides, in harmonischer Verbindung Bezug haben; so bedingt es zu seiner Vollkommenheit, eine aus dem lebendigen Organ für die Wissenschaft, gewöhnlich von selbst entspringende fortgesetzte Thatigkeit in ihr, durch eine fortwährende Umsicht unterstützt, die sich über alle jene Theile des wissenschaftlichen Gebiets ausbrcitet, von welchen die Statistik ihre festen Punkte erhält. Das nächste und wichtigste Hilfsmittel, unmittelbar nach dem Universitätsstudium, mit der eigen gemachten Theorie der Wissenschaft,- praktische Ansichten zu verbinden, ist das Reisen; denn auf keine Weise kann die Anschauung statistischer Gegenstände, unter so mannigfaltigen Formen, als auf diesem Wege erreicht werden; und keiner bietet, wenn er mit gehöriger Vorbereitung angetreten, mit Sinn für die Wissenschaft und mit Begeisterung fük ihr Interesse zurückgelegt nn'rd, so viele Hilfsmittel dar, der Wissenschaft ihren höchsten Gewinn zu versichern. . - - yo Man hat der Belehrungen bereits in Ueberfluß, wie in jedem Berufsverhältnisse und für jeden Zweck die Reisen nützlich eingeleitet werden und geschehen sollen, und Poffelt, Graf Berchtold, die Herzogin von Giovanni und Reichard haben die Anleitungen zum Sehen, Hören und Fragen, erschöpfend gegeben, und durch ihre gelehrten Werke eine neue Apodemik völlig entbehrlich gemacht; allein so trefflich auch ihre Lehren sind, so werden sie doch für solche Reisende größtentheils unbefriedigend bleiben, die sich nicht vor dem Antritte ihrer Wanderung dadurch vorbereiten, daß sic das Land oder den Erdraum, welchen sie zu bereisen Vorhaben, vorher aus den vorhandenen Quellen sorgfältig kennen zu lernen suchen, und sich aus solchen eine Neisebeschrei- bung vor der angerretenen Reise selbst verfertigen, welche ihrem vorliegenden Zwecke am nächsten entspricht. Dadurch werden sie kein Land als völlige Fremdlinge betreten, sie werden nirgends als lästige Fragesteller erscheinen, die entweder keinen, oder doch nur solche Antwortgeber finden, die selbst mit dem Gegenstand der Frage unbekannt sind, oder darin eine Pflicht oder ein Vergnügen finden, den Fremden irre zu führen und ihn mit Mährchen zu berichten. — Im Gegentheil wird der auf jene Art vorbereitete Reisende seine bereits erworbenen Kenntnisse, sehr leicht und überaus fruchtbar er- weitern, da er das Unbekannte nur an das Bekannte anzureihen, — das Wahre nur an die Stelle des Irrigen zu setzen braucht, mH eine große Strecke seiner Bahn bereits gewonnen hat, bevor er sie betritt. — Nicht selten wird der Reisende, der seine erlangten Vorkenntnisse mit Geschicklichkeit geltend zu machen weiß,- geneigte Ohren finden, die für den blossen Frager taub, und er wird Zungen zu lösen im Stande seyn, die sonst völlig unbeugsam sind, wäre es auch nur um sein verkehrtes Wissen beschämen zu wollen, — aber seine Zwecke werden dadurch erreicht, und das dem Leben des besuchten Volkes und seinen Heiligthümern gewidmete Gebiet, ihm bis in seine innersten Theile geöffnet werden. Ich habe bereits vor mehreren Jahren einer Negierung vorgcschlagen, ihren auswärtigen Agenten solche Beschreibungen ihrer Bestimmungsorte mitzugeben, und ihren Gebrauch, so wie die Art ihrer Ergänzungen und Berichtigungen in ihren Instructionen bestimmt zu normi- ren, und man hat auch den praktischen Werth dieses Vorschlages gar nicht verkannt. — Da sie aber die Schwierigkeiten .nicht zu lösen vermochte, die eine so umfassende Arbeit, bey dem Mangel hierzu brauchbarer Individuen veranlaßt hätte, und dann auch nicht einmal ihrer Zwcck- erreichung durch ihre Agenten gesichert war, so unterblieb die Ausführung meines Vorschlags, und man ließ es dabey Y2 bewenden, die beylaufige Beantwortung der aus den vorerwähnten Schriften ausgezogenen Fragen, forthin jährlich von den diplomatischen Agenten unterschreiben zu lassen. Davon unabhängig, kann doch auch Theilweise und selbst von jedem einzelnen, für unsere Wissenschaft höchst nützlich gewirkt und sie dem Princip der Zdcalisation naher gebracht werden. Freylich wird sie so noch oft veralten und wieder zurücksinken, bis sie die allgemeine Ueber- zeugung von ihrer Nothwendigkeit zum guten Regieren, und ihrer Nützlichkeit zur wirksamen Beförderung des Staatswohls zur allgemeinen Nationalangekegenheit macht; —- aber dies muß nicht am theilweifen Befördern hindern; nicht das Studium der Statistik als bloße Kathedersachc erhalten, sondern jeder, der es vermag, wirke zur Verbreitung ihres wohlthätigen Lichtes nach Macht und Gelegenheit. Ihre erste practische Wirksamkeit tritt mit der Periode des Reifens ein; und mit der Reise soll nun auch zugleich das weitere statistische Selbststudium beginnen, welches sich durch freye Lhätigkeit in fernerem Erforschen, Sammeln, Gestalten und Aufbehalten äuffert, und durch die Anwendung der Wissenschaft in einer bestimmten Berufs sphäre in der bürgerlichen Gesellschaft, sein Ziel erreicht. 98 Die Forschung schreitet nun fort, nach Einem, im Anschauen der Idee der Wissenschaft und ihrer Lheile entworfenen Plane. — Das Gesammelte verlangt, in bestimmter richtiger Form verbunden, und stets in dem Ganzen an seine gehörige Stelle gebracht zu werden, damit sich das volle Ergebniß der Forschung unter einer Ansicht überschauen lasse, — und zugleich die Anwendung der Wissenschaft befördert und erleichtert werde, wodurch die Statistik erst fruchtbar und ehrwürdig als Licht des thatigen Lebens erscheinet. Dresden, gedruckt bei §. L. F. Äamming.